
        
                                  Bruno Wille
                                 Die Abendburg
                 Chronika eines Goldsuchers in zwölf Abenteuern
                               Das erste Abenteuer
                 Handelt von Fürzeichen und heimlichen Künsten
 Zu zweien Malen bin ich geboren, und beide Male hiess meine Heimat eine Burg:
Magdeburg die eine, Abendburg die andere. Ward ich zu Magdeburg geboren für das
Zeitliche, so geschah auf der Abendburg meine Wiedergeburt für das Ewige.
    In der Stadt am Elbstrom, am Tage der sommerlichen Sonnenwende des
sechzehnhundert und sechsten Jahres drang ich aus dunklem Schosse zum Licht, ein
Sprössling des Fleisches mit Odem und Geschrei. Johannes Martinus Tilesius, vulgo
Tielsch, ward ich in der Taufe benamset, weil ich ja am Johannistage geboren,
und weil überdies mein Vater zu Sankt Johannis Kirche ein Prädikante war. Sein
ehelich Weib, meine gute Mutter, hiess Barbara Tilesia, und war eine geborene
Angern.
    Wie mir von den Eltern oft erzählet worden, habe ich die ersten Monde meines
irdischen Aufentalts schier Tag und Nacht geweinet, also dass meine Mutter nicht
schlafen gekonnt und zu manchen Malen vor übergrosser Müdigkeit über dem
Tischgebete eingenickt ist. Es spricht aber ein alter Kirchenlehrer: So ein
neugeboren Kindlein anhaltend weinet, ist es ein Prophet trübseliger
Lebensjahre. Das ist gewisslich bei mir eingetroffen. Zähle ich nämlich all die
Ängste und Plagen, durch die ich in Junggesellen- und Mannesjahren Spiessruten
gelaufen bin, all die Tränen, darinnen ich als in einem Flusse geschwommen,
Tränen über Waffen- und Hungersnot, Tränen über verloren Gut, entschwundene Lieb
und Treue, Tränen ohnmächtigen Zornes und enttäuschter Hoffnung, auch Tränen der
Reue über begangene Missetat, Tränen endlich des heissen Verlangens, aus diesem
finstern Tale mich zu erretten zum heiligen Lichte droben ... dies alles
bedenkend, muss ich schon glauben, dass mein kindisch Heulen eine Ahnung des
Zukünftigen gewesen und ein dunkel Begehren, unsere bange Welt recht balde
wieder zu verlassen. Zeiten sind kommen, da hab ich mir die Haare gerauft und
gejammert: »Warum hat man damals das schreiende Kindlein nicht verstanden und
nicht lieber in der ersten Bademulde ersaufen lassen wie einen Katzenbalg!« Doch
freilich, jetzo weiss ich: Nicht um hier eitel Lust zu geniessen, trieb uns der
Urquell herfür, sondern dass wir uns von trüber Täuschung erlösen zur verklärten
Abendburg.
    In meiner irdischen Vaterstadt lebte ich eilf Jahre. Alsodann verzogen meine
Eltern nach Hirschberg im Schlesierlande, dieweil den Vater Sehnsucht zum
Schlesischen Gebirge trieb, das seine angestammete Heimat ist. Also gelangte ich
in die Gegend der Abendburg.
    Magdeburg und Abendburg - beide Namen haben guten Klang. Magdeburg bedeutet
die Burg einer Magd, so mit ihrer Unschuld den Angreifer zurücke schlägt. Und da
ich als Kind die ersten Male von der Abendburg reden hörte, dachte ich an gülden
Abendgewölk, anzuschauen als eine Burg; auch an eine Veste dachte ich, trutzig
in den Abendhimmel gerecket, gewappnet wider den Feind, der im Finstern
schleicht. Und es war eine Stimme in dem Namen wie Herbstwind, abendlich am
Gitterfenster säuselnd, oder wie der verlassenen Jünger fromme Bitte: »Bleibe
bei uns, Herr, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.«
    Magdeburg stehet in meiner Erinnerung als eine Hauptstadt, gelegen in der
Ebene am Elbstrome, hat einen Dom und andere stattliche Kirchen, grosse schmucke
Häuser, bewohnet von viel tausend Menschen, so mit Lärmen durch die Gassen
strömen. In den Werkstätten pochen und basteln die Handwerker, in den Kaufläden
und Schreibstuben wird gekramt, gebucht, bankerottiert und Geld in die Truhen
gescharrt. Schiffer verladen Ballen und Kisten in ihre Kähne, die das gelbe
Wasser umspület. Soldaten bauen auf den Schanzen, Bauern treiben Vieh und fahren
über die lange Brücke, und die Windmühlen auf den Feldern schwenken ihre Flügel.
Sonntags vernehmen die Magdeburger die wohlgesetzten Kanzelreden ihrer eifernden
Prädikanten, dann schleppen die Weiber neumodischen Putz durch den Strassenstaub,
auf den Tanzböden scharmieren Gesellen und Jungfern, Gevatter Handelsmann und
Lohgerber aber sitzen auf der Sudenburger Dingebank, knöcheln und schandieren
über Kaiser und Papst. Ihres hitzigen Hopfenbieres voll, pochen sie auf ihre
Freiheit, die vom ersten Kaiser Otto hergeleitet wird, und auf den Schutzgeist
ihrer Stadt, im Wappen abgebildet. Eine Magd ist es, so auf einer Burg steht und
in der Hand ihr Kränzel, der Reinheit Symbolum, stolz erhoben hält.
    Es hat aber eine schaurige Bewandtnis mit diesem Schutzgeiste, wenn anders
ein scheu Geflüster der Leute Wahrheit vermeldet. Mit der Magd soll nicht, wie
man in katolischer Zeit fürgab, die Jungfrau Maria gemeinet sein, auch nicht
Frau Venussin aus der Heidenzeit, sondern ein unerwachsen Mägdlein, so lebendig
in die Burg ward eingemauert, dieweil man gläubete, die konservierte Unschuld
habe Macht, den Angreifer zurückezuwerfen. Als den Platz, allwo vor Alters des
Mägdleins Burg gestanden, bezeichnet die Sage das jetzige Krökentor. Sooft im
Laufe der Zeiten der dicke Turm am Tor morsch geworden und von neuem auferbauet
werden gemusst, versäumete man niemalen, die Kraft des Schutzgeistes zu erneuern,
nämlich ein frisch Mägdlein einzumauern.
    Die steinalte Olsche des Bäckermeisters Kahle hat uns Kindern diese Mär
anvertrauet. Gern sass sie an milden Abenden in unserm Kreise auf der steinernen
Freitreppe des Nachbarhauses und erzählete von Zauberei und Räuberei, Spuk und
Gespenstern. Wollte auch wissen, dass der runde Turm am Krökentor erst zu ihres
Grossvaters Zeiten erbauet worden und auch damals nach altem Brauche sein
eingemauert Mägdlein erhalten habe. Des näheren beschrieb sie den Hergang also:
    Zuerst waren die Ratsherren unschlüssig, woher das Mägdlein zu nehmen sei.
In alten Zeiten war es wohl vorgekommen, dass eine Mutter freiwillig ihr Kind
geopfert, vermeinend, ein gut Werk zu tun. Jetzt aber dachten die Mütter allzu
christlich, wie denn überhaupt das Magdeburgische Volk dem Opfern also wenig
geneigt war, dass es wie ein heimlich Gericht musste betrieben werden bei Nacht
und Nebel. Da nun die Eingeweiheten nicht wussten, wie ein Opferkind zu erlangen,
gab ihr Anstifter, der schwarze Burgemeister, den Rat, von den städtischen
Waisenkindlein solle das Los gezogen werden. Gleicherweise ward beschlossen, und
wurden nun dreizehn Mägdlein, so ohne Vater und Mutter auf Stadtkosten Pflege
erhielten, ins Rataus beschieden, angeblich, um mit Namen in ein Buch
eingetragen zu werden. Auf den Tisch aber hatte man mit Fleiss einen Apfel
gelegt, der die Kinder in Versuchung führen sollte. Wie nun das kleinste
Mägdlein den Apfel sah, nahm es ihn und biss hinein. Dies nun war das
verabredete Los; das Mägdlein ward daher still beiseite in Gewahrsam geführet.
Des Nachts aber brachte man es in einem Wagen nach dem Krökentor, wo bei
Fackelschein Männer stunden, die Angesichter geschwärzt. Man setzte nun das
Mägdlein in die offen gelassene Stelle der Mauer, gab ihm seinen Apfel in die
Hand und mauerte die Lücke mit Steinen zu. Wie es ringsum finster geworden, hub
das Mägdlein an zu weinen. Draussen freilich vernahm man nur ein leis Gewimmer.
Es zu übertönen, begunnte der schwarze Burgemeister seine Weiherede: »Gleichwie
das Lamm Gottes am Kreuzesstamme sein Blut dahingegeben zur Erlösung der
Menschenkinder, also bist du, unschuldig Mägdelein, ein heilsam Opfer für unser
Magdeburg. Gebenedeiet bist du! Denn was ist süsser denn Honigseim?« Hier wollte
er selber antworten: »Zu sterben fürs Vaterland.« Doch aus der steinernen Gruft
drangen mit wimmernder Stimme die Worte herfür: »Der Mutter Brust!« Verwirrt
hörte es der Burgemeister, wollte aber die unheimlichen Laute übertönen und
sprach: »Wo ruhet es sich weicher denn auf Daunenpfühle?« Wollte nun fortfahren:
»Im Grabe für das gemeine Wohl.« Doch es wimmerte abermals und sprach
vernehmlich: »An der Mutter Herzen!« Da ergriff ein Grausen die Anwesenden, und
einer flehete: »Reisset das Gemäuer nieder! Gebet das Kindlein frei!« Doch ihm
wehrete der schwarze Burgemeister, das Wimmern im Gemäuer verstummte, und
vollendet war das Werk. Zum Wahrzeichen aber ward an die Stelle, wo des
eingemauerten Mägdeleins Füsse ruhen, ein Stein in die Mauer eingelassen, so zwei
Kinderfüsslein abbildet.
    Wiederholt habe ich die kleinen Zehen betrachtet, wenn ich durch das
Krökentor ging. Als ich einmal mit meinem Vater vorbeikam, meinte ich: »Das
Mägdlein hätte lieber den Apfel nicht sollen nehmen. Ob es ihn wohl noch
gegessen hat in seinem Mauerloche?«
    »O mein Kind,« antwortete mein Vater erschrocken, »glaub doch nicht, was die
Leute schwatzen! Diese Füsslein sind nur zum Gedächtnis der alten Mär abgebildet;
es brauchet deswegen kein Mägdlein dahinter zu stecken. Zauberische
Menschenopfer hat man wohl in heidnischen Zeiten dargebracht. Jetzt aber sind
die Magdeburger Christenmenschen und kennen die Gebote: Du sollst nicht töten
und sollst nicht zaubern.«
    »Die Gebote kennen sie wohl,« - schwatzete ich - »deswegen aber zaubern und
töten sie doch. Hat man nicht vorige Woche einen Schiffer auf dem Marktplatz an
den Galgen gehenket? Und unser Küster erzählt, als Junge habe er eine Hexe
brennen sehen, die auf einem Besenstiel zum Blocksberg gefahren sei. Eine
Nachbarin, die sie mitnehmen gewollt, habe alles vor Gericht ausgesagt.«
    Da seufzete mein Vater: »Ja, es ist eine arge Welt! Aber lass uns lieber
nicht daran gedenken. Sollte es aber wirklich wahr sein, dass ein Mägdlein
eingemauert ward, so ist das schlimm für die Magdeburger. Hätten lieber nach
eigener Unschuld trachten, als sich mit fremden Federn schmücken sollen. Durch
die geopferte Unschuld sind sie selber schuldig worden und müssen dafür büssen.
Werden dereinst noch erleben, wie ihr gefeiet Krökentor von stürmender Hand
genommen wird, und wie die stolze Stadt - ein ander Ilium und Jerusalem - in
Rauch und Asche aufgehet ...«
    »Nicht doch, Vater!« sprach ich. »Warum gläubest du also?«
    »Es geht der Krug zu Wasser, bis er bricht, und einer jeglichen Burg auf
Erden ward vom Himmel beschieden, früher oder später zu fallen, wie ein
Kriegesmann zu fallen pflegt. Der Himmel meint  es gut mit solchem Verhängnis.
Blühet doch alles Lux herfür aus Crux, alles Licht aus Kreuz und Leide. Die
Menschen zu erleuchten, muss ihr irdisch Vaterland zerstöret werden, dass kein
Stein auf dem andern bleibet. Also werden sie vermahnet, die bessere Heimat
aufzusuchen - eine Burg der wahren Unschuld - eine Burg aus eitel Licht ...«
    Hierauf so schwiegen wir lange. Ich aber dachte der Rede nach. Und wie wir
am Abend an einem Kornfelde lagerten bei dem Lustaine, den die Magdeburger
Vogelsang nennen, kam ich noch einmal auf das eingemauerte Mägdlein zu sprechen.
Über dem Kornfelde schwebte eine Wolke, anzuschauen wie ein gülden Gebirg, und
ich sprach: »Siehe, Vater, da ist eine Burg aus eitel Licht - eine wunderschöne
Abendburg!«
    Mit grossen Augen sah mich der Vater an: »Ei, Johannes, was weissest du von
der Abendburg?«
    »Ich weiss nichts davon, aber du hast wohl einmal von der Abendburg geredet,
und nun dünket mich, das da sei solch eine Abendburg.«
    Schmunzelnd nickte der Vater: »Wie rotgülden Wolkengebirg mag die Abendburg
allerdings ausschauen, id est in der Johannisnacht, wenn sie von ihrer
Verwünschung erlöset wird. Aber für gewöhnlich ist sie nur ein wüst
Felsengestein.«
    »Ist sie denn keine Burg?«
    »Mitnichten eine Burg, sondern gänzlich wild Gestein, an die zwo Stunden
entfernt von meinem heimatlichen Dorfe Schreiberhau. Raget jäh aus den
Wettertannen jenes langerstreckten Gebirges, allwo der Queissfluss und der Kleine
Zacken ihren Ursprung nehmen. Von der Abendburg schaust du gen Mittag über
dunkle Wipfel nach den Riesenbergen. Die wogen dunkelblau, und in ihren
Abgründen schimmert Schnee.«
    »Wahr, Vater, da kann man im Sommer Schneebälle machen?«
    »Freilich! In den hochgelegenen Felsenspalten gen Mitternacht ist es also
kalt, dass der Schnee bis Ende Juli dauert.«
    »Wie hoch sind wohl die Riesenberge, Vater? Etwa so hoch wie unser Dom?«
    »Weit höher, Johannes! Oft ragen sie über die Wolken hinaus.«
    »Ei wie denn, Vater? Wenn sie bis über die Wolken ragen, so kann man von
dorten wohl ins Himmelreich schauen, allwo die schönen Engel auf Wolken wandeln?
Ach, ich möchte über die hohen Berge gen Himmel klettern.«
    »Ei ja doch!« lachte der Vater. »Wie auf einer Leiter, nicht wahr? Nein,
Johannes, das Himmelreich ist nicht an einem entlegenen Orte und kommet nicht
mit äusseren Gebärden; inwendig im Herzen tut es sich auf.«
    Ich war enttäuschet. »So können uns die schönen hohen Berge nicht zum
Himmelreiche helfen? Warum verlangest du alsdann immer nach deinen lieben
Bergen?«
    Der Vater lächelte für sich und nickte: »Ob sie zum Himmelreiche helfen? Das
können sie allerdings! So du nämlich Liebe für sie hegest, tun sie dir das Herze
auf, und also wird dein innerlich Himmelreich offenbar. Solches ist mir
geschehen auf der Abendburg. Und glaube mir, so du dorten hoch vom Steine in die
blauen Weiten schauest, und dein Ohr dabei keinen Menschenlaut vernimmt, sondern
nur den Wind in den Nadelwipfeln harfen, einen Specht an Baumesrinde hämmern,
oder einen Hirschen röhren - und tage-und mondelang immer nur diese Gestalten
und Stimmen der Einöde zur Gesellschaft hast, widerfähret dir wohl ein Mirakel,
ähnlich dem, was über die Abendburg gemeldet wird.«
    »Erzähle, Vater!«
    »Die Abendburg, so sagen die Leute von Schreiberhau, ist einmal eines Königs
Schloss gewesen. Ward aber verwunschen und in wüst Gestein verwandelt. Zuweilen
nur, je nach langem Raume, in Sankt Johannis heiliger Nacht, erscheinet es
wieder in alter Pracht. Aufgetan ist dann ein Tor, und wer eintritt, findet wohl
Mulden voll Gold und bunten Edelsteinen. Aber man muss des Sonntags geboren und
anoch unschuldig sein, sonsten kann man den Schatz nicht heben, kriegt auch die
entzauberte Abendburg nimmer zu schauen ...«
    »Aber du, Vater, hast sie zu schauen gekriegt.«
    »Ach nein, ich bin kein Sonntagskind.«
    »Aber sagtest du nicht, dir sei das Mirakel widerfahren?«
    
    »Ein ander Mirakel meine ich und auch eine andere Abendburg. Doch solches zu
verstehen, bist du noch zu jung, lieber Johannes.«
    »Ach, Vater, so erkläre es mir - vielleichte, dass auch mir solch Mirakel
widerfahren mag.«
    »Nun wohl, mein Kind,« sagte der Vater, und seine Augen waren leuchtend
aufgetan. »Die Abendburg, die ich jetzo meine, ist das Menschenherz. Verwunschen
ist es von einem bösen Geiste - demselbigen, so die schwarzen Männer
angestiftet, das Mägdlein einzumauern. Dieser Geist kann die ewige Seele also
verstören, dass sie einer Wüstenei gleichet, dem düstern Felsen der Abendburg.
Doch einen Johannistag gibt es, der den Zauber lösen kann. Das ist die
Sonnenwende des Menschenherzens, da es spüret, wie nun die Tage kürzer werden,
und wie alles Leben vergehen muss gleich Heu. Nun seufzet es: Ach komm doch
endlich, du mein ewig Heil, denn ich bin müde, leibeigen zu dienen dieser
unwerten Welt! Da auf einmal ist ausgesprochen das heilige Wort. Die Abendburg,
so nichts anderes ist denn der innere Mensch, wird erlöset und strahlet nun als
eines Königs Schloss. Auf springet die heimliche Pforte, da gleisset in den tiefen
Kammern der Schatz des Menschensohnes, und nimmer fressen den die Motten und der
Rost. O mein Johannes, siehe zu, dass selbige Abendburg dereinst dir nimmer
verwunschen und verschlossen bleibet.«
    Ich hatte aufmerksam gelauschet, zwar nicht verstanden, was ich jetzo weiss,
doch eine Ahnung verspüret von dem Heiligtum tief im Menschen. Und wie mein
staunend Auge auf dem Vater ruhte, hatte ich gedacht: Also muss ein Prophete
aussehen!
    Nach einer Weile fragte ich: »Aber wie ist es denn mit der richtigen
Abendburg, so bei Schreiberhau gelegen? Hat die jemals einer zu schauen
gekriegt?«
    »Die Mär vermeldet, in einer Johannisnacht sei eine arme Frau mit ihrem
Kindlein zur Abendburg gekommen. Da hat sich der Fels verwandelt, und die
Mutter, ihr Kindlein an der Hand, ist eingegangen in das strahlende Schloss und
hat in den Gängen Gold gefunden, das von der Decke herabhing wie Tannenzapfen
von den Nadelzweigen. Wie sie nun genung abgebrochen und zusammengerafft, ist
sie enteilet und hat in der Hast ihres Kindleins vergessen. Draussen erst hat sie
mit Schrecken sich umgewandt, es zu holen. Da ist ihr vor der Nase die Türe
zugeschlagen, und auf einmal die Abendburg wieder wüster Fels gewesen, und
drinnen war das Kindlein. Geweinet und sich das Haar geraufet hat die Mutter,
auch vor Verzweiflung das Gold weggeworfen, weil das sie nicht glückselig machen
konnte, nun ihr Kindlein verloren. Aber wie sie nach Jahresfrist zur Abendburg
kommen ist, sich auszuweinen, hat sich der Felsen abermals zum Schloss
verwandelt, und siehe, drinnen an einem steinernen Tische sitzet das Kindlein
frisch und gesund, einen Apfel in der Hand, und winket lächelnd der Mutter,
hereinzukommen. Diesmal hat die Mutter nicht nach den kalten Schätzen gegriffen,
sondern nach dem lieben Kindlein. Ist mit ihm eilend zum Burgtor hinaus und hat
das Wiedergefundene geherzet und geküsset. Der Apfel aber ist eitel Gold worden,
also dass die Mutter von ihrer Armut fürder frei.«
    »Ei, Vater,« sagte ich verwundert, »wie gleichet doch das Kindlein im
Abendburgfelsen dem Mägdlein im Krökentor. Beide sind in Stein eingeschlossen,
und beide haben auch einen Apfel in der Hand.«
    »O schweig, mein Kind, lass ruhen den alten Frevel!«
    »Aber kann nicht auch das Krökentor entzaubert werden wie die Abendburg und
das Kindlein herauslassen?«
    Sinnend nickte der Vater: »Wenn einst die Gräber sich auftun, wird auch das
Mägdlein erlöset, aus dem kalten düstern Gemäuer kommt es lachend heraus, und
siehe, ein Mutterherz ist ihm beschert. Unschuld ist ewig bei der Liebe.«
    Nach solchem Trostworte erleichterte ein Seufzer meine beklommene Brust. Ich
bedachte, es werde vielleicht, wie dem Krökentore, also gemeiniglich für alles
Unheimliche, so mich ängstete, ein Stündlein der Erlösung und Verklärung
schlagen. Es gab des Unheimlichen nicht wenig in meiner Vaterstadt, und das
Mägdelein im Krökentor mag als ein zusammenfassend Symbolum gelten für die
Finsternisse meiner Kindheit.
    Von einer Scheu vor der Gegenwart und einer Sehnsucht in die Ferne war
meines Vaters Seele ständig bewegt. Dem verlieh er gern einen stummen Ausdruck
durch kleine Gemälde, wie er denn den Tuschpinsel schier als ein Künstler zu
führen wusste. So hatte er einen Felsblock gemalt, aus dem ein Quell schäumend
schoss. Darunter stund geschrieben: »Ich steh am Quell und dürste.« Als ich ihn
um die Bedeutung der Inschrift befragte, gab er zur Antwort: »Ach wie oft stehet
ein Mensch am Quell und muss doch dürsten, dieweilen er nicht trinken darf, nicht
trinken kann, nicht trinken mag.« Zu einem andern Gemälde, das einen grauen
Wolkenhimmel und darunter ein violenfarben Gebirg fürstellte, sprach der Vater:
»Dies Gewölk bedeutet meine Trübsal, und darunter wallet der blaue Strom meiner
Sehnsucht.« Gemeinet war wohl die Sehnsucht nach der ewigen Heimat; doch dies
allerinnigste Verlangen kleidete sich beim Vater gern in das irdische Gewand
seines Heimwehs nach dem Schlesischen Gebirge.
    Des Magdeburgischen Amtes waltete er ohne frischen heitern Sinn. Hatte es ja
nicht aus Herzensdrange übernommen, sondern mehr um meine Mutter ehelichen zu
können. Das mochte nun seine Kirchengemeinde spüren; drum war sie kühl gegen ihn
gesonnen. Redete ihm nach, er predige nicht für das Volk, sondern für sich
selber und für Schwarmgeister seinesgleichen. Wie der Rat von Magdeburg einmal
uneins mit dem Administrator des Erzstiftes gewesen, und schier alle Prediger
auf der Kanzel die Bürgerpartei verfochten, mein Vater aber gänzlich von solchen
Weltändeln schwieg, ward ein Gespött über ihn im Ratskeller laut. Davon ist er
völlig verschüchtert worden; fühlte sich halt nicht zum Eifern geschaffen, wie
er denn von je mehr den Studiis gewogen war als dem Predigen, und insonderheit
den milden Gelahrten Melanchton liebte, dem streitbaren Lutero indessen nur
Ehrfurcht entgegenbrachte. Was meines Vaters Kleinmut auf die Mutter übertrug,
war die Schmalheit seiner Besoldung, so noch aus der alten katolischen Zeit
stammte und wohl für einen ledigen Mann zulangte, nicht jedoch für einen
Familienvater. Solche Unzufriedenheit liess den Vater nach einem andern Amte
umschauen, und weil er bereits früher im Schuldienste sich herfürgetan, auch
eine angesehene Grammaticam herausgegeben hatte, so ward er von seinen
Hirschbergischen Landsleuten zum Konrektor ihres Gymnasii erkoren.
    Da nun beschlossen war, dass wir gen Schlesien ziehen sollten, kam eine
freudige Aufregung über meinen Vater und auch über mich. Nur die Mutter
seufzete, und ihre Augen waren oft verweint. Mich deuchte es eine grosse Sache,
bei dem Umzuge andere Länder und Städte zu schauen und gar nach dem ersehnten
Gebirge zu gelangen. Wie aber der Tag der Abreise nahe war, kam mir doch ein
Bangen, weil ich hinfürder von meiner guten Stadt Magdeburg geschieden sein
sollte. Beschloss derohalben, alle trauten Orte noch einmal zu besuchen und ihr
Bildnis getreulich meinem Gemüte einzuprägen.
    Ging auf den Marktplatz, wo ich gern Ball oder Kreisel gespielt, und über
den Breiten Weg, so die Stadt vom Krökentor bis zum Sudenburger Tor durchquert.
Prächtig sind allda die Bürgerhäuser, haben breite Freitreppen, künstlich
geschmiedete Gitter und am Dache speiende Ungetüme. Über den eisenbeschlagenen
Pforten pranget mancherlei Zierat, als da sind Pferdeköpfe, wilde Männer, fromme
Sprüche oder Sinnbilder, etwan ein steinern Rad, ein Pflug, eine fette Henne,
ein gülden Hufeisen. Wenn ich einem stadtbekannten und kuriösen Menschen
begegnete, dem dicken Hökerweibe, Appelolsche benamset, oder dem wilden Peter,
dessen Haare und Nägel seit Jahren unverschnitten geblieben, so dachte ich in
meinem Sinn: du ahnest nicht, dass ich dich jetzo zum letzten Male anschaue und
die weite Reise ins Schlesingerland fürhabe!
    Bei solchem Umherwandeln merkte ich, dass mein Abschied nicht bloss der
Vaterstadt galt, sondern auch bereits meinem Kindesalter. Zu manchen Malen ward
mir klar, wie ich bisher als rechter Einfaltspinsel in die Welt gegafft und mich
mit allerhand dummen Einbildungen getragen. Das Haus am Knochenhauer Ufer, drin
meiner Mutter Vater wohnte, trug auf dem Dach ein Türmlein, von wo mein Blick
oft über das Gewimmel der Dächer ins Weite geschweift war, auch über die Elbe
hinweg bis zur grünen Zollschanze, wo der Himmel sich emporzuwölben begunnte.
»Dahier muss die Stelle sein, wo die Welt mit Brettern zugenagelt ist,« hatte ich
stets bei diesem Anblicke gedacht - als ob hinter den grünen Wällen nichts
Irdisches mehr zu finden sei. Jetzo schlug ich mich vor die Stirn und schalt:
»Welch Asinus bist du gewesen! Hat nicht der Vater gesagt, hinter der
Zollschanze sei die Stadt Wittenberg gelegen, und in dieser Richtung führe die
Strasse gen Hirschberg? Du Narre sollst noch das Maul aufreissen, wie die Welt so
lang und breit.«
    Eine andere kindische Einfalt hatte mir eingebildet, der Kaiser Otto, vor
dem Ratause hoch zu Rosse abgebildet, sei derselbige, von dem die Bürgersleute
sprachen: »Unser Kaiser«, und die um den Kaiser Otto stehenden steinernen
Weibsbilder seien die Frau Kaiserin nebst ihren Mägden. Nunmehr zur
Nachdenklichkeit gestimmt, befragte ich meinen Vater nach dem Kaiser Otto und
erfuhr zu meiner Verwundernis, der habe schon vor vielen hundert Jahren gelebt,
und was ich für Mägde angesehen, seien Symbola, Fürtrefflichkeiten seiner
glorreichen Regierung, zum Exempel seine Justitia oder Gerechtigkeit, seine
Frömmigkeit und Tapferkeit; jetzo aber werde die Krone des Römischen Reiches
Teutscher Nation vom Kaiser Mattiae getragen, der wohne im Österreiche, in der
Stadt Wien, zwiefach so entfernt wie Hirschberg.
    Das Besteigen unseres Dachtürmleins erinnerte mich daran, dass ich ja noch
nicht auf dem Magdeburger Dome gewesen sei, von wo man, wie die Leute rühmten,
viele Meilen weit in die Runde sehen und bei klarer Luft sogar den Harz erkennen
kann. Bat derohalben meinen Vater, mich auf den hohen Turm zu geleiten, und
erhielt die Zusage. Sollte jedoch nicht zum Ziel gelangen. Denn wie wir eines
Spätnachmittages beim Küster des Domes vorsprachen, damit er uns den Turm
auftue, war weder der Küster noch sein Weib daheim, und also blieb uns der
Turmschlüssel verwehret. Wir begnügten uns damit, von unten zu betrachten, was
des Anschauens würdig. Da staunte ich über die mächtigen Türme mit ihrem aus
Stein gemeisselten Zierate. Der Sonnenuntergang entzündete in den Scheiben der
hohen Fenster Purpurflammen, und rosig angehaucht war der graue Sandstein,
während die Schnörkel und Pfeiler bläuliche Schatten warfen. So hatte ich den
Dom noch nie gesehen.
    Alsdann gingen wir zum Kreuzgang. In seine Wände sind Steinplatten
eingelassen, auf denen geistliche Herren aus alter Zeit, mit Kutten angetan,
abgebildet sind; und ich war bisher, weiss nicht aus was Ursach, der
erschrecklichen Meinung gewesen, hier habe man Mönche zur Strafe für Ungehorsam
lebendig eingemauert, also dass ihre Gestalt unter dem angeworfenen Kalke noch
erkennbar. Von diesem Aberglauben heilte mich mein Vater: »Solch Einmauern,«
sagte er, »ist in den papistischen Klöstern zwar vorgekommen, aber doch nicht
also oft, auch nicht in dieser Weise zur Schau gestellet.«
    Ich fragte nun, ob es wahr sei, was ein Klosterschüler mir anvertrauete, dass
nämlich ein heimlicher Gang unter der Erde den Dom mit unserer Johanniskirche
und sogar mit dem Kloster Berge verbinde.
    Hierauf antwortete mein Vater: »Also reden die Leute; wollen auch wissen,
dass Kurfürst Moritz, wie er Magdeburg belagerte, durch den unterirdischen Gang
in des Dompredigers Wohnung gedrungen sei, um daselbst mit dem Stadtrate ohne
Wissen der Bürgerschaft zu akkordieren. Das soll vor mehr denn sechzig Jahren
geschehen sein. Den früheren Domprediger habe ich gefragt, was Wahrheit daran
sei, und die Auskunft erhalten, in den Kirchenschriften werde nichts dergleichen
vermeldet. Was aber die Johanniskirche anlangt, so weiss ich allerdings von einem
unterirdischen Gang; er führet aus dem Keller unseres Predigerhauses in ein
Gewölbe unterhalb der Kirche, weiter jedoch nicht. Wenigstens hat unser Küster
keine Fortsetzung des Ganges gefunden.«
    »Wie denn? Aus dem Keller unseres Predigerhauses?« fragte ich. »Wir wohnen
ja im Predigerhause.«
    »Aus unserm Keller,« bestätigte der Vater. »Hinter Gerümpel befindet sich da
eine kleine Tür, unser Küster hat den Schlüssel. Ich bin niemals
hineingekrochen. Der Gang soll baufällig sein und gefährlich zu betreten.«
    Dass diese Worte mir später einmal zum Schicksal werden sollten, ahnte ich
damals nicht, prägte sie aber meinem Gedächtnisse ein, weil sie meine Phantasie
aufregten.
    Im weiteren Gespräche fragte ich, was für Bewandtnis es mit jener Belagerung
durch den Kurfürsten Moritz habe. Es fiel mir bei, dass Tages zuvor der Prediger
von Sankt Katrinen zu meinem Vater die Äusserung getan: »Ein neuer Kurfürst
Moritz tut dem Reiche not.« - »Wie denn?« fragte ich jetzo verwundert. »Kurfürst
Moritz war doch unser Feind. Hat er nicht Magdeburg belagert?«
    »Ja, weil es der Kaiser also gewollt hat, und weil Moritz damals
kaiserlicher Feldherr gewesen. Doch unser Feind war Moritz nicht. Denn nur ein
Gaukelspiel ist seine Belagerung gewesen. Mit dem Scheine des Gehorsams hat er
den Kaiser sicher gemacht, um dann auf einmal gegen ihn die Waffen zu kehren.«
    »Ei, so ist Kurfürst Moritz ja falsch und treulos gewesen.«
    »Das freilich,« versetzte mein Vater, »aber dem evangelischen Glauben hat er
durch solch Vorgehen grossen Nutzen gebracht, und denen Politicis kommt es mehr
auf den Nutzen an, als auf die Treue.«
    Also hat schon das Herannahen meines Abschiedes von der Vaterstadt mich aus
der Enge kindischer Meinung zu einem weiteren Gesichtskreis geführt. Wie
erstaunte ich aber erst, als wir die Reise angetreten, und jeder Tag meiner
Neugier frische Weide sattsam bescherte!
    Wir fuhren grosse Landstrassen dahin, zumeist auf Leiterwagen, die bei
schlechtem Wetter mit Leinewand bedeckt wurden. Rechts und links zogen Bäume
vorbei, Wiesen und Stoppelfelder, Flüsse und Sümpfe, Gutshöfe und Windmühlen;
und wenn die eine Kirchturmspitze hinter einer Erdwelle versank, war schon die
neue vorn aufgetaucht. Bald holperten unsere Räder über das Pflaster einer
Stadt, bald schlichen sie mühselig durch Sand und Heide oder beklebten sich mit
der schwarzen Erde feuchter Wälder. In den Einöden besorgten meine Eltern, es
möchte mausend Gesindel auf der Lauer liegen. Widerfuhr uns aber keine
Gewalttat, sintemalen wir gefährliche Gegenden niemals ohne bewaffnete
Reisegesellschaft passierten.
    Wir begegneten Leuten mancher Art: Handwerksburschen und Bettlern, Bauern
und Viehhirten, reisenden Kaufleuten und Soldaten, auch Bärenführern und
Komödianten. Sahen bei Lohburg eines Seiltänzers Künste, manchmal einen Galgen
mit Gehenketen dran, zu Wittenberg ein Blutgerüst und im Wendischen Lande eine
schreckliche Balgerei bezechter Burschen.
    Täglich an die zehn Stunden ging die Reise. Dann waren wir so derbe
durchgerüttelt, dass uns alle Glieder wehtaten. Als wir in die Lausitz kamen,
fühlte sich meine Mutter elend. Und zu Wittichau mussten wir ihretalben zween
Tage im Gastause verweilen, da sie aus kaltem Regenwetter ein Fieber
davongetragen.
    Bei der Stadt Görlitz schimmerte durch herbstlichen Dunst ein spitzer Berg,
die Landeskrone geheissen, und fröhlich sagte mein Vater: »Jetzo fanget das
Gebirge an, und so Gott uns behütet, sind wir übermorgen abend am Ziele.« Ich
spähete eifrig nach den Bergen aus, da es aber andauernd nebelig war, sah ich
nur die nächsten Hügel. Merkte aber an Felsen und schäumenden Bächen, dass wir im
Gebirge waren.
    Am Morgen ging es durch hohen Fichtenwald, ich nickte in Schlaf, fuhr aber
bei einem Ausruf meines Vaters empor. Der Nebel war gewichen, und die Frühsonne
strahlte von links; zur Rechten hub sich eine blaue Wolkenwand, nach der meine
Eltern heitern Antlitzes hinschauten. »Da haben wir das Isergebirge, Johannes,
und heute abend sind wir in Hirschberg.« Nun erst erkannte ich, dass die blaue
Wand wellenförmig gegliedert war und aus Bergen bestund, die höher und höher
ragten, immer hellblauer gefärbt, je ferner sie waren.
    »Der Kegel ganz hinten ist der höchste Berg, Schneekoppe geheissen. Dorten
wohnet der Herr der Berge, der verrufene Rübenzagel - doch das sind Fabulae,«
sagte mein Vater. Nach einer Pause fügte er hinzu: »Der wahre Herr der Berge ist
Gottes Geist; den spürest du in den Bergen. Willst du Gott schauen, so vergiss
die Berge nicht - auch nicht das Meer.« Nickend wiederholte er: »Berge und
Meer!«
    Zu Greifenberg angelangt, freuten wir uns der grossen prächtigen Burg, die
über dem Städtlein am Berge liegt als ein gewaffneter Schirmherr. Heisst der
Greifenstein und ist Residenz des Freiherrn von Schaffgotsch.
    Als unser Wagen in der Laubaner Gasse Halt machte, kam aus dem Wirtshause,
von den Schlesingern Kretscham geheissen, ein Mann, dem Aussehen nach ein
Viehhändler, und fragte den Vater in seiner Mundart, die ich schwer verstund, ob
er der neue Konrektor von Hirschberg sei. Drauf berichtete der Mann, dass meines
Vaters Bruder, Tobias Tilesius, uns bis Hirschberg entgegengereiset sei und da
bereits zween Tage im Schwarzen Rössel unserer Ankunft harre, in Sorgen, es
möchte uns unterwegs ein Missgeschick widerfahren sein.
    Mein Vater traktierte den Viehhändler mit einem guten Botentrunk und
forschte ihn nach seinem Bruder aus. Den nennete der Viehhändler immer nur den
Kräutertobias, dieweilen mein Oheim die wertvollen Gebirgskräuter sammelte und
zu Markte brachte. Früher ein kunstfertiger Glasmacher und Schleifer, hatte mein
Oheim sich in diesem Handwerk, das die Brust angreift und mit Glasstaube
anfüllt, einen schweren Odem zugezogen und sich nun dem Laborantenwesen
zugewandt. Wohnte hoch im Gebirge zu Schreiberhau.
    Es dämmerte bereits, als wir an einem zweiten Schloss des Herrn
Schaffgotsch, auf einem Berge über dem Städtlein Kemnitz gelegen, vorbeifuhren.
Noch ein paar Stunden, und aus der Dunkelheit schimmerten die Lichter von
Hirschberg. Unter einer Brücke schoss rauschend Wasser dahin, und nun fuhren wir
durch ein festes Tor in die Stadt, um bald vor dem Schwarzen Rössel zu halten.
    Aus dem Gastause trat ein hochgewachsener, doch im Rücken gebeugter Mann,
spähete nach dem Wagen und kam hastig herbei. »Tobias!« rief mein Vater froh,
sprang vom Wagen und umarmte seinen Bruder. Hierauf begrüsste der Oheim meine
Mutter und küsste mich auf die Wange. Wie mein Vater war er lang und hager von
Gestalt, auch melancholischen Antlitzes. Während aber mein Vater versonnen und
sehnsüchtig aussah, beseelte den Oheim eine wilde Unrast. Grau und verwittert
seine Haut, wie Fichtenrinde, struppig der grosse Bart, keuchend sein Odem. Die
Augen lagen in tiefen Höhlen unter buschigen Brauen und glommen düster.
    Wie wir so auf der Gasse stunden, nur trübe von der Wagenlaterne beleuchtet,
stumm und bewegten Herzens, da ja diese Stadt unser neues Vaterland sein sollte,
war mir seltsam zumute. Hörete die Mutter heimlich weinen, den Vater aber mit
gefalteten Händen die Worte sprechen:
»Arm zages Pilgramherze,
Irrst lange schon im Dunkeln.
Da siehst du eine Kerze
Durch Nacht und Nebel funkeln.
Gewiss, wer die entzündet
Dem Irrenden zur Hut,
Hat also ihm verkündet:
Komm her, ich bin dir gut;
In meiner treuen Klause
Sei endlich nun zu Hause.«
Du lieber Boberfluss, dein Murmeln tönet hold durch mein Gedenken, so ich des
Nachts im Kämmerlein die zurückgelegte Lebensreise betrachte. Dann seh ich
frischgemut wie in den Knabentagen deine Wellen an der Sonne blinken und über
moosige Felsen hüpfen, vorbei an Stauden und Gebüsch, an Häusern und
Gartenmauern. Aus einem finstern Walde bei Schatzlar kommst du her, wo vorzeiten
eine Glashütte gestanden. Zwingest und windest dich schäumend durch die Berge
bis zu meinem guten Hirschberg, dessen Stadtmauern du gen Mitternacht berührest,
um dicht dabei den Zackenfluss zu verschlucken.
    Als ich mit meinen Eltern nach Hirschberg gezogen kam, war die Stadt noch
schön gebaut und volkreich, hatte gedoppelte Mauern, Brustwehre, Schanzen und
Gräben, drei starke runde Tortürme und andere Fortifikationen. War bewohnt von
Ackerbürgern, Kaufleuten, Handwerkern, insonderheit Webern. Die lebten ein
lustig Leben, liebten wackern Schmaus und Trunk, Gesang und Tanz. Zogen
Feiertags vor die Tore zum dörfischen Kretscham, hatten viel Freude am
Armbrustschiessen und küreten jährlich einen Schützenkönig, so am besten den
Vogel auf der Stange getroffen. Waren dabei gar betriebsam und kunstfertig. Das
Weibesvolk wirkte Borten und Schleier, die weitin nach Polonien und Böheim,
sogar nach Reussenland zu den Moskowitern verführet wurden. Vor der Stadtmauer
auf den Uferwiesen des Zacken und Bober lagen die schlohweissen Gewebe
hingebreitet, ähnlich Schneeresten im Märzen. Schwatzende Mägde schritten
barfüssig über den Rasen, aus gesiebten Kannen Wasser auf die Bleiche zu giessen.
    Das Hirschbergische Leben behagte uns allen weidlich. Gern war der Vater im
neuen Amte, die Mutter erfreute sich eines reicheren Haushaltes, und ich empfing
mit aufgeschlossenen Sinnen all das Neue und Wunderschöne der Gebirgslandschaft.
Vernachlässigte dabei die Studia mit nichten. Nachdem ich allbereits zu
Magdeburg »amo, amas, amat« gelernt hatte, drang ich jetzo unter Vaters Leitung
in der Grammaticae tiefere Gründe ein und galt als ein tüchtiger Scholar.
    Die Stunden meiner Musse verbrachte ich gern einsam vor den Stadttoren. Ging
abends etwa auf den Hausberg, wo vorzeiten ein fest Gehäus gestanden, vom Herzog
Boleslao erbaut, von den Hussiten aber in Asche gelegt, dass nunmehr bloss etliche
Mauerfragmenta aus dem Busche ragen. Hier bin ich oft gesessen, in ein Buch
vertieft, zum Exempel in die Beschreibung Schlesiens durch Caspar Schwenkfeld.
Meditierete dann über die wunderlichen Abenteuer, so dieser Autor vom verrufenen
Rübenzagel berichtet.
    Wie einmal mein Vater mit mir auf den Hausberg gegangen ist, habe ich den
Blick auf die blaue Schneekoppe geheftet und nach einer Weile gesprochen: »Sage
mir, lieber Vater, was vermeinest du über den Rübenzagel? Mag wohl etliche
Wahrheit in diesem Glauben an den Geist der Berge sein?«
    Zur Antwort gab mein Vater: »Was gemeiniglich in Spinnstuben und Schenken
vom Rübenzagel laut wird, sind Fabulae. Gleichwohl gibt es einen Geist der
Berge. Denn versenkest du dein Schauen in die Art unseres Gebirges, so spürest
du darin eine eigne Lebendigkeit. Sie ist ein Teil des göttlichen Odems, der die
ganze Welt durchflutet, und ohne dessen Spiritum kein Erdending bestehen mag -
das Wasser nicht ohne Undinen, der Fels nicht ohne Kobolde, und kein Elementum
ohne seine Elementargeister. Drum gebe ich Unrecht gleichermassen denen, so den
Rübenzagel für eitel Aberglauben halten, als auch jenen anderen, so ihn für eine
teuflische Riesengestalt ausgeben. Es lebt der Herr der Berge und ist ein Geist,
aber nur im Gemüt spürest du ihn. Er ist gross und gütig, freilich auch rauh und
wetterwendisch, wie halt unseres Gebirges Art.«
    Mich freute solcher Bescheid. »So ist also der Rübenzagel kein Teufel, und
wir brauchen uns nicht vor ihm zu fürchten?«
    »Nein, Johannes, das brauchen wir mitnichten. Der Teufel, den wir Menschen
zu fürchten haben, hauset nicht in Wäldern und Gebirgen, sondern in uns selber,
im menschlichen Herzen.«
    Derweilen uns das Gespräch in solch Meditieren einspann, regten sich raunend
die Gebüsche im Winde, und es erlosch mählich das Abendrot ob den Tannenwipfeln.
Auf dem Heimwege blieben wir noch ein Weilchen stehen bei der Quelle an des
Hausbergs Fusse, das Mirakelbörnel benamset. Gedachten der alten Mär, dorten
liege ein Schatz vergraben, den die Jungfer Praxedis bewache. Und in tiefer
Dämmerung, wann Fledermäuse schattenhaft um uns huschten, und ein Nebel
aufstieg, schien aus dem Dickicht die Jungfer im weissen Gewande mir zuzuwinken,
dass ich den Schatz heben solle.
    Im zweiten Frühjahre unseres Hirschberger Aufentaltes hat sich ein Omen
begeben. Durch die Luft kamen grausam viel Heuschrecken geschwirrt, aus dem
südlichen Reussenlande. Haben im Fluge die Sonne verdunkelt, und wo sie
niederfielen, ward der Boden ein viertel Ellen hoch bedeckt, also dass man in dem
grünen Gewimmel waten gemusst bis an die Knöchel. In ihrer Fresssucht haben sie
Gras, Laub und Getreide abgebissen bis auf das letzte Hälmlein und Stümpflein,
und ist davon ein Geräusch gewesen, als ob eines Pappelhaines Blätter zittern.
Mit Dreschflegeln haben die entsetzten Landleute dreingeschlagen, auch in Karren
das Ungeziefer geschaufelt und verbrannt. Haben die Säue und Schafe auf diese
seltsamliche Weide getrieben und so die grünen Leiber zerstampfen lassen. Aber
die Säue haben so massenhaft vom Geziefer gefressen, dass viele hernach einer
Seuche erlegen sind, und der rote Jörge, unser Schinder, genung tote Säue mit
seinem blinden Gaule hat hinausführen und beim Gerichte verscharren müssen.
    Kaum waren die Heuschrecken so ziemlich fort, da ist eine neue Plage und
Beunruhigung losgegangen. Zigeuner, wohl an die hundert Häupter, sind gekommen,
auch zwanzig Zeltwagen mit kleinen zottigen Pferden. Haben vor dem
Schildauertore ein Lager gemacht. Um dieses Volkes wundersame Art und Sitte zu
betrachten, ist die Bürgerschaft in Menge hinausgezogen, nicht ohne Waffen. Auch
mein Vater ist hingegangen und hat mich mit sich genommen. Da sah ich denn viel
braune Gesichter mit blitzenden Augen und Rabenhaar. Kauderwelsch haben sie
geschwatzt, auch mit Bettelei die Besucher angeschrien und um Geld aus der Hand
geweissagt. Mein Vater hat mancherlei von diesem Volk berichtet: »Rechte
Zieh-Gauner sind es, ohne Vaterland, im Umschweifen geboren, allezeit Stehlens
und Raubens beflissen. Geben für, ihre Urväter in Kleinägypten seien vom
christlichen Glauben abgefallen, und hierauf habe ihnen Gott die Busse auferlegt,
dass sie so viele Jahre im Lande umziehen sollten, als sie dem Unglauben
gehuldigt. Aber das ist schelmenhafte Heuchelei, zu dem Ende ersonnen, sich bei
den Christen lieb Kind zu machen.«
    Unter solchem Gespräche waren wir an Zigeunerlagers Ende gekommen. Am Feuer
sass hier ein altes Weib und kochte Gerste mit gebackenen Pflaumen. Auch war sie
damit beschäftigt, die stachlichten Körper etlicher Igel mit Lehm zu umhüllen
und solchergestalt in der Glut zu rösten. Derweilen ich ihrem Treiben verwundert
zuschaute, sagte mein Vater: »Ei, da ist ja der Tobias!«
    Allerdings war mein Oheim in der Nähe; eifrig redend stund er bei einem
Zigeunermanne, dessen gepichter Schnauzbart schwarz und stechend wie sein Auge.
Der Vater schien ebenso befremdet, seinen Bruder im Gespräch mit einem
Zieh-Gauner anzutreffen, als dieser verlegen war, solchen Umganges überführt
worden zu sein. Indessen mein Vater und sein Bruder einander durch Zuwinken
grüssten, lief ich erfreut zum Oheim und gab ihm die Hand.
    »Schucker tschawo, scheen Bub mit Weisshand!« sprach auf einmal eine helle
Stimme, und neben mir stund eine Zigeunerjungfer. Aus dem zartbraunen, von
schwarzen Locken umloderten Angesichte blitzten die grossen dunkeln Augen in mein
Herz hinein, und ihrer geschmeidigen Glieder Form, kaum verhüllt durch ein
zerrissen Hemde und ein kurz Röcklein, stiftete in mir eine seltsame Verwirrung
an.
    »Schucker tschawo, mit Güldenhaar - wird sich rot wie Blut - ah bravo!«
lachte die Jungfer, wobei ihre Zähne wie Perlen blitzten. »Gib Hand, Bub!
Turkewawa, wahrsagen will Zigeunermadel. Tsi kosteles - kostet nix! Turkewawa
ohne Geld, wahrsagen ganze wahr!«
    Der Zudringlichen liess ich willig meine Hand, die sie lächelnd streichelte
und betrachtete. Aufmerkend war der Oheim herbeigetreten, und die Wahrsagerin
sprach: »Oh, oh, schucker tschawo werden wie Keenig Salomo - finden Stein der
Weisen - heben Schatz - oh, oh, grosse Schatz!« Und die Zigeunerjungfer liess
meine Hand und blickte mich an, als ob sie über mein Glück staune. Der Oheim
schien erregt, da er oft hustete und unter den düstern Brauen die Augen rollte.
Seine Hand reichte er hin und sagte: »Prophezeie sie auch mir!« Spöttisch
blinzelte ihn die braune Jungfer an: »Will er auch Stein der Weisen?« Und die
Hand betrachtend, schüttelte sie verächtlich den Kopf: »Eh, narbulo! ist sich
nix von Weisheit, nix Salomo! Ist sich narbulo - hier Linie von narbulo! Ist
sich narrisch - narbulo und wie ewige Jüd - ha, ha, ewige Jüd!«
    Höhnisch auflachend sprang die Jungfer fort wie eine wilde Katze. Doch bevor
sie hinter den Zelten verschwand, drehte sie sich noch einmal um, tat beide
Hände küssend an ihren Mund und streckte sie nach mir aus: »Schucker tschawo -
Bub mit güldene Haar - oh, oh, Keenig Salomo!«
    »Nun aber komm, Johannes!« rief mein Vater und fügte für den Oheim hinzu:
»Ade, Tobias! lass dich hernach bei uns sehen.«
    Wie bestürzt und verwirrt blieb der Oheim stehen, seine Augen suchten bald
die entwichene Wahrsagerin, bald die von ihr gedeutete Linie seiner Hand. Da ich
ihm Lebewohl sagte, blickte er mich stumm an.
    Auf dem Heimwege berichtete ich dem Vater, was mir widerfahren. Er aber
meinte: »Ei ja doch! Sei kein Narr! Willst du etwan betrogen sein, wie das dumme
Volk, das blind vor Aberglauben? Einer zusammengeklaubten Schelmenrotte darf man
nicht trauen. Noch ist die Welt nicht witzig - sei du es wenigstens!«
    Da die Zigeuner Getreide und Hühner stahlen, so sprachen die Bauern: »Da
sehen wir nun, was die vorjährigen Heuschrecken anzukündigen hatten. Ein
Fürzeichen waren sie dieser zigeunerischen Landplage, haben anzeigen wollen, dass
hinter ihnen menschliche Fresser und Mausköpfe kommen, und dass wohl gar noch
schlimmere Verwüster folgen werden, als da sein Tartern oder Türken - sintemalen
von den Zigeunern das Gerücht geht, sie seien der Türken Ausspäher, beflissen,
der Christen Land den Heiden zu verkundschaften.«
    Solche Sorge ward genähret durch die seltsamliche Gestalt der Heuschrecken,
von denen etliche geblieben waren. »Sehet doch« - sprach man - »wie gewappnete
Krieger ist dies Geziefer, mit festen Sturmhauben bedeckt und mit Fühlhörnern
als Spiessen bewehret. Ihr Schwirren und Zirpen hört sich an, als wetze man
Schwerter und rassele mit Rüstungen. Fürwahr auf Schlimmeres denn auf Zigeuner
deuten die Heuschrecken. Ein grausam Kriegesheer wird von Osten einbrechen,
räuberische Heiden, alles Land kahl und wüste zu machen.«
    Der Aberglaube fand an den Heuschrecken fürchterliche Hieroglyphen. Meines
Vaters Collega, der Linguiste Hinschius, wollte auf den Flügeln Schriftzeichen
aus dem arabischen Alkoran erkennen; andere Zeichen glichen wiederum hebräischen
Buchstaben, und ein Scholar las auf einer Heuschrecke das lateinische Wort:
cave! - zu Teutsch: hüte dich!
    So ward der Leute Sinn gemeiniglich voll Sorgen auf die Zukunft gelenkt.
Insonderheit erwartete man für den evangelischen Glauben ein gross Unheil.
Munkelte, der Erzherzog Ferdinandus habe den Jesuitern angelobet, das ganze
Reich von der luterischen Pest - dies Wort soll er gebraucht haben - mit dem
Schwerte zu kurieren. Bei den in Österreich und Böheim entbrannten
Streitigkeiten der Konfessionen war manchem nachdenklichen Menschen zumute wie
Pilato, da er die Frage tat: »Was ist Wahrheit?« Und wie der Parteien Hader im
ganzen Reiche enden werde, konnte kein Menschenverstand berechnen. Nur das eine
wusste man, dass grausame Kämpfe, jammervolle Zeiten bevorstünden. Ratlos starrte
man dem Himmel ins Angesicht, von ihm etwan zu erspähen, was im höchsten Rate
beschlossen sei. Damals kam der Spruch auf:
»Sechszehnhundert zehn und acht,
Wenn ich dies Jahr recht betracht,
Geht darin die Welt nicht unter,
So geschehn doch schlimme Wunder.«
    Zu Hirschberg lag ich mit Eifer den Studiis ob, ward dabei mitnichten ein
Stubenhocker. Zum langen starken Burschen emporgeschossen, trieb ich mich mit
andern Scholaren umher und machte gern ihren Rädelsführer. Zur Erinnerung an die
Hussitenzeit spielten wir Krieg auf dem Hausberge. Die kämpfenden Parteien aber
hiessen wir Union und Liga. Führer der Liga war ein katolischer Junker namens
Zetteritz, während ich die Union befehligte. Den Anlass dazu gab ein Mann
kindischen Gemüts. Ehedem Kapuzinermönch, war er durch die Ausbreitung des
evangelischen Glaubens seines Klosters verlustig gegangen und fristete als
Dachdecker sein Leben. In diesem Handwerk war er einmal vom Dache gefallen, aber
so seltsam, dass er auf beide Füsse zu stehen gekommen, als sei er gesprungen. Mit
Gelächter ist er in den »Schöpsen« zu einem Kruge Bier gegangen und bald auf
sein Dach zurückgekehrt. Doch es sollte wohl sein, dass er zu Schaden käme, denn
kaum hatte er die Arbeit begonnen, so stürzte er abermals, und diesmal so
schlimm, dass er unbewusst liegenblieb und eine Verkürzung des Verstandes
davontrug. Blieb indessen wohlgemut und nicht übel gelitten bei alt und jung.
Sassen die Bürger beim Trunke, so trat er pfiffig herbei, griff ungeladen nach
einem Kruge und sprach, erst nachdem er ihn geleeret: »Mit Verlaub, Herr
Bruder!« - »Hol dich der Kuckuck, Kapuzinerwenzel!« ward ihm entgegnet. Aber die
Herumsitzenden lachten und lobten den Kerl. Dieser Kapuzinerwenzel also war mit
uns, als wir Scholaren auf dem Hausberge Krieg spielten. Es ward aber die
Präpositio getan, unsere zween Haufen Union und Liga zu benamsen, nach den
beiden Religionsparteien, in die sich die teutsche Fürstenschaft gespalten
hatte. Sintemalen nun die meiste Bevölkerung von Hirschberg luterisch war,
begehrten die Knaben fast allesamt zur protestantischen Union, und das Los musste
entscheiden, wer der katolischen Liga angehören sollte. Zum Hauptmann der Liga
proponierte ich den Kapuzinerwenzel. Da trat der Zetteritz auf und rief: »Eine
Schande, wenn vor die Katolischen ein abtrünniger Mönch gesetzet würde, so sein
Ordensgelübde gebrochen hat.« - »Oho,« rief ich, »er hat wohl getan, sich vom
Papste zu wenden. Aber gut, der Kapuzinerwenzel soll nicht Hauptmann der
Ligisten sein, dafür ist er viel zu schade. Mag derohalben der Zetteritz selber
seine Partei anführen. Was mich betrifft, so bin ich Hauptmann der Union.«
Jubelnd traten mir viele Knaben bei. Der Zetteritz aber sprach grimmig zu seinen
Ligisten: »Auf denn, streiten wir für den Erzherzog Ferdinandum, so geschworen
hat, er werde alle Ketzer ausrotten.« Da erhub sich gross Protestieren, selbst
unter den Ligisten: »Mit dem papistischen Ketzerfresser haben wir nichts zu
schaffen.« Ich mass den Zetteritz herausfordernden Blickes und sprach: »Wärest du
nicht ganz ohne Beistand, ich möchte dir schon weisen, wie man denen
heimleuchtet, so uns Ketzer schimpfen und ausrotten wollen.« Da fletschte der
Zetteritz die Zähne und stiess mit der Faust nach meiner Brust. Ich aber packte
ihn flugs, warf ihn zu Boden und hielt ihm die Arme fest, bis der
Kapuzinerwenzel uns voneinander brachte.
    Der Vorfall legte den Grund zu einer Feindschaft, die späterhin
entsetzliches Unglück angestiftet hat. War auch ein Fürzeichen der grimmen
Kämpfe, so demnächst zwischen den Konfessionibus entbrennen sollten. Zu
Hirschberg und in der Umgegend waren meist nur solche Leute katolisch, die aus
einem katolischen Lande stammeten oder wegen ihres Amtes zu den Papisten
hielten. Die Religionsparteien suchten einander den Rang abzulaufen bei den
hohen Herren, und solche Nebenbuhlerschaft trat ergötzlich zutage, als der
Warmbrunner Grundherr, Hans Ulrich Schaffgotsch, auf seinem Schloss Kynast bei
Hermannsdorf seinen Geburtstag feiern wollte. Wiewohl Hirschberg nicht zur
Herrschaft Schaffgotsch gehöret, waren Vertreter des Rates, der Kirche und
Schule, darunter mein Vater, abgeordnet worden, den Freiherrn beim
Hermannsdorfer Teich zu begrüssen, wo er einem Fischzuge beiwohnen wollte.
    Von Böllern begrüsst, kam Hans Ulrich die Strasse von Kemnitz dahergesprengt,
nebst einem Gefolge von Reitern. Feuer in den blauen Augen, antwortete er auf
unsern Jubel mit dem Schwenken seines Federhutes. Er war ein schöner, langer,
blondlockiger Mann. Der Prediger von Giersdorf wollte seine Rede anheben; da
ward auf einmal zwischen den Scheunen eine Prozession sichtbar, Gepränge,
Fahnen, brennende Kerzen. Papisten waren es, gesonnen, um des Grundherrn Gunst
zu buhlen, der Meinung, auf seiner Reise durch Welschland und Hispanien habe er
sich dem Papismo zugeneiget. Auch der Zetteritz war bei der Prozession. Angetan
mit weissem Chorgewande, schwang er sein Weihrauchfässel und plärrete: »Sanctus
spiritus«, riss den Hals immer weiter auf: »Adveni-i-sti, desiderabilis.« Bei
Herrn Schaffgotsch angelanget, neigeten sich die Papisten devotest, und ihr
Führer kam dem Giersdorfer Prädikanten zuvor, indem er einen salbungsvollen
Glückwunsch sprach und dabei eine Schrift überreichte. Hans Ulrich las den Titul
»Die wahre Religion der Schlesier« und gab die kühle Antwort: »Wir danken euch,
sind aber nicht hergekommen, über Religion zu disputieren.« Und mit der Zunge
seinem Rosse schnalzend, galoppierte er zum nahen Teiche. Unsere Schar stund
verblüffet, alsdann erhub sich ein Gemurmel, und die beiden Religionsparteien
sahen einander wie knurrende Hunde an, bis sie schliesslich Herrn Schaffgotsch
zum Teiche folgten. Die Fischer waren bereits beim Einholen der Netze. Ihr
Fischzug war nicht sonderlich mit Beute gesegnet, und Hans Ulrich sprach: »Wir
hätten vermeint, es müsse dahier mehr Fische haben.« Da brummte ein
grauköpfiger Fischer: »Ei ja doch, lieber Junker! Sollen wohl gar noch die
Fische prozessionsweise ins Garn gehen?« Lange Gesichter machten die
Umstehenden. Hans Ulrich aber lachte und wandte sein Ross zu den Papisten:
»Dieser Alte redet frisch heraus. Solch freier Mut, bar aller Schleicherei,
gehöre alleweil zur wahren Religion der Schlesier.« Nun ernteten die Papisten
schadenfrohe Blicke, und ich verspottete den Zetteritz durch Gebärden.
    Der nahm am Abend dafür Rache. Herr Schaffgotsch hatte Ritter, Prädikanten
und etliche angesehene Bürger, auch meinen Vater, zum Festin geladen, auf dass
männiglich mit ihm fröhlich sei und Gott für alles Gute danke. Bei der
abendlichen Gasterei sollten etliche Scholaren eine artige Comödiam aufführen,
angezettelt von Herrn Schönborn, dem ehemaligen Lehrer des Freiherrn. Ich hatte
dabei kein geringer Amt, als Gott, den Vater, darzustellen, wie er vom Himmel
herniederschwebet, den verlorenen Sohn aus Höllenflammen zu erlösen. Die Rolle
des obersten Teufels aber war dem Zetteritz übertragen.
    Wie nun an mich die Reihe kam, war mein Antlitz rot bemalt, weiss umrahmt von
Locken und Bart und gekrönt mit güldenem Heiligenschein; es umwallete mich ein
blauer Mantel mit Silbersternen. Auf einer Leiter stund ich, und unter meinen
Armen hindurch ging ein Strick, daran ich schweben sollte. In der Tiefe lohete
das Fegefeuer, und der Zetteritz als Satan befahl seinen Teufelsknechten, die
Zangen glühend zu machen, um den verlorenen Sohn weidlich zu peinigen. Da sprang
ich von der Leiter, schwebte in der Luft und hub mit Donnerstimme an:
»Halt an, du Höllenfürst! Entfleuch, du Satansbrut!
Ich lösche diesen Brand mit meines Sohnes Blut.
Nicht alle Sünder sind zur Höllenpein erkoren,
Und kein verlorner Sohn soll ewig sein verloren.
Komm, arme Seele, komm ....!«
Auf einmal ward mein Strick losgelassen, und ich stürzte zu den Teufeln.
Zetteritz starrete mich an, dann fiel er als ein Besessener über mich her, der
ich auf dem Boden kauerte wie ein Vierfüssler. Das Sternengewand zog er mir prall
und gerbte mein Fell. Dröhnend Gelächter erhub sich. Ich aber raffte mich auf
und vergalt meinem Widersacher, bis man herbeigesprungen kam und uns mit Mühe
trennte, worüber der Vorhang fiel.
    Herr Schönborn, Autor und Rektor der Comödia, war indigniert, aber Hans
Ulrich tröstete ihn durch Lobsprüche, und der Hofnarr, Michel Puchhammer, so
unter der Schellenkappe Witz und Weisheit trug, klopfte dem Poeten beifällig auf
die Schulter, vermeinend: »Der letzte Effektus war das wahre Kleinod Seiner
Comödia. Hand aufs Herze, ihr Herren, wäre es nicht fast klüglich und
vergnüglich, wenn alle Händel dieser Welt in Summa könnten ausgefochten werden
einzig durch unsere höchsten Potentaten, den lieben Gott und den leidigen Satan?
Machet nicht lange Gesichter, ihr Herren! Glaubet mir, das wäre die erbaulichste
Comödia, so wir dürften dem Duelle zuschauen, wie Israeliten und Philister
zuschauten, als ihre Sache durch David und Goliat ausgefochten ward. Wir hätten
alsdann nicht nötig, unsere Schwerter widereinander zu wetzen und zu
disputieren, wie die wahre Religion beschaffen sei, wer die ledigen Klostergütel
bekommen, und wer König in Böheim werden solle. Ei ja, vermieden wäre aller
Bruderzwist von Kain und Abel bis zu Liga und Union. Wir wüssten, dass wir nichts
mit menschlicher Macht ausrichten und dass wir uns ergeben müssen in das
Verhängnus von oben - wie solches ja auch die Kunst der Künste gebeut, die
himmlische Astrologia.«
    Im Anschluss an solche Worte, die mir mein Vater berichtet hat, mag jenes
Mirakel vorgefallen sein, das später in allen teutschen Landen erzählet, aber
freilich auch angezweifelt worden ist. Ich vermag darüber nichts Gewisses
auszusagen, sintemalen ich nicht weiss, ob die Geschichte auf Angaben meines
Vaters beruht. Genung, ich will sie hier mitteilen; ob sie wahr, bleibe
dahingestellet.
    Der Narr Michel galt für einen kundigen Astrologen, so die Zukunft des
Menschen aus dem Stand der Sterne berechnen könne. Wie er nun von der »Kunst der
Künste« räsonierete, fuhr Hans Ulrich auf einmal mürrisch dazwischen: »Schweig,
Unglücksrab!« Da die Beisitzenden befremdet stutzten, erklärte sich Hans Ulrich
folgendermassen: »Dieser Narre, der mit seinem Sterngucken prahlet, hat auch mir
das Horoskop gestellet; und wisset Ihr, was er geweissaget hat? Ich werde
sterben einen gewaltsamen Tod, und zwar am kalten Eisen. Merket wohl, nicht am
heissen Eisen der Feldschlacht, von dem ich gern fallen will als ehrlicher
Soldat; nein, am kalten Eisen, wie es der Scharfrichter schwinget. Pfui, du
grober Michel, deine himmlische Astrologia ist eher ein lausige Zigeunerin.«
    Michel zuckte die Achseln: »Kunst der Menschen kann irren, und ich wäre
frohen Mutes, so ich Ihro Gnaden Nativität als ein Irrender hätte gestellet.
Aber bei Ihro Gnaden Geburt sind Saturnus und Mars ins vierte Haus der Sonnen
eingefahren, und was das nach den Regulis meiner Kunst andeutet, habe ich
aufrichtigen Sinnes bekennet. Doch wir wollen den Himmel fussfällig bitten, dass
er alles zum Besten unseres wertesten Herrn wenden möge.«
    Herr Schaffgotsch blickte unruhig in die Runde, schüttelte das Haupt und
sagte nach etlichem Besinnen: »Ich hätte nimmermehr gedacht, dass unter Deiner
Kappe, so doch viel Witz heget, dergleichen närrische und fanatische Dinge
stecken sollten. Gläubet Er etwan, ein Fernglas zu haben, so ins Kabinett der
göttlichen Geheimnisse eindringet? Wie will Er Beweis und Rechenschaft davor
geben, dass Er Zukünftiges in Wahrheit kann prognostizieren? Wohlan, stellen wir
Seine Sternguckerei auf die Probe ... Heda, Kuchelmeister Jochen, sage mir, ob
im Burgstalle dieser Tage etwas jung geworden, und ob man auch die Stunde seiner
Geburt erfahren kann.«
    »Ja, Euer Gnaden - vor fünf Tagen hat ein Mutterschaf ein Lamm geworfen,
gerade wie man zur Vesper läutete.«
    Da sprach Hans Ulrich lauernden Blickes zu Michel: »Wohlan, so erkunde aus
den Gestirnen, welchen Lebensgang das Lamm haben wird.«
    Der Sterndeuter trachtete mit einer Schelmerei von der Aufgabe loszukommen
und meinte: »Ei ja, stellen wir dem Vieh das Horoskop! Warum soll es nicht
gelingen? Wenn der Herrgott jedes Haar auf unserm Haupte gezählet hat, so wird
er seine Sterne gewisslich angewiesen haben, nicht bloss der hochmütigen
Menschlein Schicksal zu regieren, sondern auch jedem Schäflein, Grashupferlein
oder Flöhlein fürzuschreiben, wie es zu hupfen, zu grasen und zu sterben habe.
Ist denn überhaupt ein Unterscheid zwischen Mensch und Vieh? Nun ja, im Saufen
ist wohl einer. Säuft doch das liebe Vieh nur, bis es seinen Durst gestillet
hat. Der Mensch aber, Herrgotts Ebenbild ...«
    Herr Schaffgotsch schnitt die weitere Rede ab: »Schon gut! Diesmal gilt es
keine Possen. Tu, was ich dich geheissen! Geh alsogleich und erprobe deine
Kunst!«
    Unter spöttischem Gelächter der Tafelgäste ging der Sterngucker. Nach einer
Stunde kehrte er mit dem Bescheide zurück, in den Sternen stehe geschrieben, der
Wolf werde das Lamm fressen.
    Da lächelte Hans Ulrich triumphierend und rief: »He, Jochen, sage dem Koch,
er soll sogleich das Lamm metzgen und heute abend gebraten auftischen.« Nun
erscholl lauter Jubel, in den auch Michel einstimmte, indem er rief:
»Bravissimo! Ja, man muss dem Schicksal zu Leibe gehen und die Fortune
korrigieren.«
    Der Abend kam, und allerlei Gebratenes war bereits aufgetragen. Da rief Hans
Ulrich: »Wo bleibet das Lamm?«
    »Mit Verlaub,« sagten die Tafelträger verlegen - »es brä - brät anoch.«
    »Ei, ei,« scherzte der astrologische Narr - »so hat es wohl doch der Wolf
gefressen?«
    Hans Ulrich ward verwirret und errötete. »Possen!« rief er. »Wo bleibet der
Kuchelmeister? Holet ihn sogleich!«
    Bleichen Antlitzes trat Jochen ein und stammelte offenbare Ausflüchte. Wie
aber Hans Ulrich mit rauher Stimme rief: »Leuge Er nicht, sondern gestehe, was
ist geschehen?« Da fiel der Kuchelmeister auf seine Knie und berichtete unter
Zittern: »Ach Gnaden, ein Mirakel! Wohl ist mit dem Lamm nach Ihro Gnaden Geheiss
verfahren worden. Gemetzget haben wir's, abgehäutet und auf den Bratspiess
gestecket. Zum Drehen des Spiesses aber haben wir eine Maschine, das ist ein
Käfig, so vom hineingesperrten Hunde gedrehet wird. Früher war's ein Hund. Seit
wir aber im Schloss den Sultan haben, wie wir den zahmen Wolf heissen, ist es
unsere Lust, von ihm den Bratspiess drehen zu lassen. Wie nun das Lamm gebraten
auf der Schüssel liegt, ist der Bratenmeister mit seinem Kucheldiener auf ein
Weilchen zu andern Verrichtungen aus der Küche gegangen. Da hat sich der Sultan
aus seinem Käfig gemacht und hat das Lamm gefressen.«
    Erbleichend sprang der Freiherr auf und liess sein Tafelmesser fallen. Voller
Grauen starreten ihn die Gäste an.
    »Michel,« sprach Hans Ulrich sanft zum Hofnarren - »mit dem Lamm hat deine
Kunst recht gehabt. Wie es aber mit mir kommen wird, stehet in Gottes Hand. Eins
jedoch weiss ich: So ich dereinst durch kaltes Eisen gerichtet werde, ich sterbe
unschuldig.« Niedergeschlagenen Auges wie ein Betender, fügte er leise hinzu: »
Dulce decus, pro patria mori - süss und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland sein
Leben zu lassen. Dein Wille, o Herr, geschehe - denn dein ist das Reich und die
Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen!«
    Erschüttert, zum Teil weinend, falteten die Tafelgäste die Hände zum stillen
Gebete. Den Herrn Schaffgotsch aber kam trotz seiner Gelassenheit eine
Alteration mit Fieberschauern an, also dass er sich zu Bette legen musste, worauf
die Gäste nach Hause kehreten, mit traurigem Bedenken, wie es wohl am Ende
kommen werde.
 
                              Das andere Abenteuer
                      Das Johanniskind will den winkenden
                                  Schatz heben
 Den Kräutertobias zu besuchen, hatte sich mein Vater mit mir im Frühjahr nach
geschehener Übersiedelung aufgemacht. Fuhren auf einem Bauernwagen dem
Zackenfluss entgegen, jedoch nur bis Petersdorf, wo wir abstiegen, um zu Fuss das
steile Waldgebirge zu erklimmen. Zur Linken in der Felsenschlucht brausete der
Zacken. Rechts ging es einen schroffen Hang empor zu einem ragenden Stein.
    Von hier erscholl eines Mannes Zuruf. Der Oheim war es, so droben auf uns
geharret hatte und nun gelaufen kam. Nachdem er mit Freuden seinen Willkommen
geboten, berichtete er, wie ihm schon von weitem unser Wagen sichtbar gewesen.
Mein Vater antwortete: »Allerdings gewähret dieser Stein, Wachstein geheissen,
eine weite Aussicht über das Zackental, wie man ihn schon in der Hussitenzeit
als Warte verwendet hat, den Pass nach Schreiberhau zu überwachen.«
    Der Weg, den wir nun gingen, stieg fast steil durch einen Bachgrund. Anfangs
von schroffen Felsen und Fichten begleitet, führte er zu einer Aue, wo Bauden um
ein Kirchlein lagen, und Kühe nebst weissen Gänsen weideten. »Hie beginnet
Schreiberhau,« sagte mein Vater; »es erstreckt sich eine gute Stunde in die
Länge, und wir haben bis zu Oheims Häusel noch ein Stück Weges.«
    Nach fürderem Ansteigen ward der Weg eben, wir hatten seine höchste Erhebung
erreicht und schauten in ein sanft abfallend Tal, breit und lieblich. Hinter
vorderen Waldhöhen stieg jene Gebirgswand himmelan, die ich von fern oft
betrachtet hatte. Jetzo, da sie in der Nähe ragete, ward mein Gemüt bewegt wie
von tiefem Orgeldröhnen. Ein weitin ausgereckter Riesenrumpf, mit Tannen
gleichwie mit bläulicher Wolle bewachsen. Wo der Wald zu Ende, schimmerten
Matten, dann kam kahler Fels, mit dunkelgrünem Moose bedeckt. Droben in den
Abgründen lag noch Schnee, und der Oheim wies mir, wie die weissen Flächen
manchmal seltsame Formen bildeten, einen Stier oder eine Hose, von der die Leute
sagten, es sei Rübenzagels Hose. Der Gebirgskamm bildete eine Reihe von Kuppen,
die in der Ferne von zartem Blau waren. Gewölk kroch von der anderen Seite des
Gebirges über den Sattel herüber, wie graues Raubgezücht, wie Drachen.
    Derweilen mein Vater in den Anblick seiner lieben Berge versunken war, wies
der Oheim die einzelnen Gipfel: den Reifträger, die Sturmhaube, das Hohe Rad,
den Mittagstein, die Schneekoppe. Erklärte mir auch, das graudüstere Gewächs
zwischen den Felsen droben sei kein Moos, sondern Knieholz, ein struppicht
Nadelgebüsch, so nicht in die Höhe wachse, sondern über das Geröll hinkrieche,
die knorrigen Ruten wie zum Verhau verschränkt.
    Bald langten wir bei Oheims Häusel an. Es lag in der grünen Aue, wo
Murmelbächlein rannen. Neben der Wiese gab es Saatfelder, Gärtlein und etliche
Bauden. Gleichwie ein freundlich Auge lugte ein Mühlteich aus des Tales Mitte.
Unweit waren dunkle Felsen und lichte Birken mit zarten Frühlingsblättlein.
Einen freundlichen Anblick gewährte Oheims Häusel. Baute sich aus rohen Steinen
auf, doch war die grosse Stube aus Balken gezimmert, wobei Moos und Lehm die
Fugen verkitteten. Über das bemooste Schindeldach wölbeten zwo alte Linden ihre
Kronen. Am Hause war auch ein Viehstall, und ein paar Kühe nebst Ziegen weideten
auf der Wiese.
    Als wir durch das Blumengärtel gingen, wo gelbe Märzenbecher blüheten,
während die Kirschbäume gleich Silberwölklein prangten, sprang ein Hund aus dem
Hause auf uns zu und hüpfte mit jauchzendem Gebell am Oheim empor. War mein
zukünftiger Freund, der gelbe Schäferspitz Wächter. Vor der Türe des Häusels
stund ein weisshaarig Weibel und grüsste freundlich. Beate war es, des Oheims
Base, die ihm Haus hielt.
    Wir gingen in die Balkenstube, und hier war es sehr warm, da mächtige
Holzklötze im Ofen loheten. Weissgescheuert die Diele, alles Hausgeräte sauber
und traulich. Bunt bemalt der grosse Schrank, sowie die Truhe daneben. Wir
setzten uns um den Tisch, und nachdem der Vater das Gebet gesprochen, liessen wir
uns Brot und Schinken munden.
    Da wir nun erquickt waren, sagte mein Vater: »Lieber Bruder Tobias!
Schreiberhau und das elterliche Häusel zu schauen, hat mich in der Fremde oft
inniglich verlanget. Nun wird meine Sehnsucht durch Gottes Güte gestillet. Die
Berge, Bäume und Bäche, alle lieben Orte und Dinge habe ich wiedergefunden. Nur
weniges dünket mich verändert. Neu ist jedoch die grosse Backstube bei den Felsen
mit dem tüchtigen Schornstein ...«
    »Keine Backstube ist das,« antwortete der Oheim belustigt; »das ist ja mein
Laboratorium.«
    »Laboratorium? Ei wie denn? Bist etwan ein Chymiste worden?« meinte der
Vater befremdet.
    Und bedächtig versetzte der Oheim: »Hum! Du weisst ja ... hum! Glas kann ich
nicht mehr machen. Vom Blasen und staubigen Schleifen ist mir der Odem benommen.
Und wann die Berge verschneiet liegen, mag ich nicht immer bloss Pillulen drehen.
Habe mich also der chymischen Kunst ergeben und mir ein Laboratorium angelegt.«
    »Und bist wohl gar dem Goldmachen auf der Spur?«
    Es war dem Oheim ganz ernst, als er erwiderte: »Aus menschlichem Vermögen
kann ich sagen: ich hoffe. Wirst nun freilich denken: da haben wir abermalen
einen neuen Grillenfänger, russigen Kohlenbläser und gefährlichen
Schwarzkünstler. So lauten ja wohl die Ehrentituli, mit denen die stolze
Disputiergelahrteit gemeiniglich den Jünger einer Kunst beleget, die in der
ganzen untermondlichen Atmosphäre zwar die unsicherste, aber auch die
allerkostbarste ist.«
    »Nun, nun,« - begütigte mein Vater - »will dich nicht schelten; alle Kunst
ist ja von Gott, wohl auch die alchymistische, wofern ...«
    »Amen, Amen,« unterbrach ihn der Oheim freundlich und rüttelte des Vaters
Schulter: »Bruder Martin, hüpfen tut mein Herze, bisweilen du nicht bist wie
jene törichten Prädikanten, so behaupten, dass allen Goldmachern und
Schatzgräbern der Teufel im Nacken sitze. Solche Pfaffen mögen im Catechismo
Luteri beschlagen sein - von Magia verstehen sie so viel wie die Kuh vom
Kanzelreden.«
    »Nun ja doch, Tobias, wohl, wohl! Indessen du hast mich unterbrochen. Von
Gott ist alle Kunst, wofern man sie rechten Sinnes übet. Sonsten aber schwarze
Kunst und verwerflich.«
    Der Oheim winkte mit der Hand ab und kämpfte einen Hustenanfall nieder:
»Schwarz? Ah, nur die falsche Kunst ist schwarz, die Gaukelei der
Afterchymisten! Was der Mensch aus seines Geistes hohen Kräften suchet und
vermag, ist weiss wie himmlisch Licht. Könnte es etwan wider Gottes Willen sein,
so einer die Natur zu urkunden und zu meistern trachtet? Soll ich mein Pfund
vergraben und faul liegen lassen? Wie spricht denn der Heiland? Werdet
vollkommen, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.«
    »Die wahre Vollkommenheit« - gab mein Vater zurück - »bestehet im reinen
Herzen. Diene der Magiae reinen Herzens, nicht, wie die Schatzgräber, aus
Goldgier.«
    Der Oheim stutzte: »Als ob nicht auch ein Schatzgräber reinen Herzens sein
könnte!«
    »Schon gut,« sagte mein Vater; »wenn er mit dem Golde nicht seinen Lüsten
dienen will, sondern dem Reiche Gottes.«
    »Selbiges will ich« - versetzte der Oheim fest. »Meine Lüste? Die sind
abgestorben! Nur die Lust an der magischen Kunst ist übriggeblieben; und so der
Himmel sie segnet, will ich gern nach seinem Willen das Gold verwenden.«
    »Zum Exempel, wofür?«
    »Zum Exempel für deinen Sohn, unsern Johannem, damit er auf hohen Schulen
ein grosser Physikus und Adepte werde - ein rechter König Salomo.«
    Seit dieser Zeit hörte ich in mir eine Stimme mahnen: »Halte zum Oheim, er
soll dich leiten!« Je öfter ich nun nach Schreiberhau kam, desto besser behagte
es mir daselbst. Die Wiesen mit ihrem Vieh, das Gärtlein und Roggenfeld, die
grossen Steine, das Laboratorium und der Stall, die Balkenstube, das Häusel mit
allen Winkeln, auch die benachbarten Bauden, die Glashütte mit ihrer
Schleifmühle, rings die Höhen mit Tannen und Rauschebächen - das alles ward mir
bald so traut und lieb, dass es mich in jeder Schulvakanz zum Oheim, zur alten
Beate und zu meinem Freunde Wächter zog. Selbst in den Tagen meines Hirschberger
Aufentaltes ist manch heimlich Stündlein gekommen, wo meine Gedanken gen
Schreiberhau geflogen sind. Wenn ich zum Exempel vor dem Schlafengehen mit den
Eltern das Abendlied sang:
»Ich danke dir von Herzen,
Dass du an diesem Tag ...«
und dann an die Worte kam:
»Noch meinem Vieh was schade,
Es sei klein oder gross«,
so dachte ich an des Oheims Kühe und Ziegen, die ich mit Wächter, eine Peitsche
in der Hand, gern auf der Wiese hütete. Schloss sie voll einfältiger Liebe in
mein Gebet mit ein, auch Gänse, Hühner und Karnikulein, auf dass nicht etwa Fuchs
und Marder sie würge.
    Während der langen Ferien begunnte des Oheims Laborantenwesen und
chymistisch Treiben meinen Sinn magnetisch zu fesseln. Von Wächter begleitet und
auf dem Rücken die Hucke, tat ich manche Suche nach Kräutern. Lernte Pestwurz,
Eisenhut, Aronstab, Johanniskraut, Stolzen Heinrich, Taubenkropf, Goldraute und
Alraunknoblauch nebst ihren heilenden oder magischen Kräften kennen. dabei ward
mir auch das Gebirge immer bekannter.
    Im Laboratorio hatte ich mir bald die kleineren Fertigkeiten zu eigen
gemacht, als da sind Säfte pressen, Machandelmus kochen, Eibergeist
destillieren, Gestein im Mörsel zerreiben, Tiegel, Kolben und Retorten reinigen,
Phiolen verstöpseln, Holzkohle bereiten und die Glut mit dem Blasebalg anfachen.
    Auch nahm der Oheim Gelegenheit, meine ziemliche Kenntnis des Lateinischen
zu nutzen, indem er mir ein Buch ins Teutsche zu übertragen gab »De secretis
operibus artis et naturae« - will heissen: von den geheimen Werken der Kunst und
der Natur.
    Da ich nun die Arbeit vollendet hatte, legte der Oheim freundlich die Hand
auf meine Schulter und sprach feierlich: »Lieber Johannes! Aus dem übertragenen
Buche wirst du vollends ersehen haben, wie falsch es ist, Schlimmes in den
geheimen Künsten zu sehen. Über die ganze Erde hat Gott den Menschen gesetzet,
also auch über ihre geheimen Schätze. Wie die Abendburg ist die Erde - heget
Gold und Edelgestein, dem gemeinen Volke verschlossen, und nur dem Adepten
zugänglich. Werde drum ein Adepte, Johannes. Hebe den Schatz, so nach
himmlischer Bestimmung für dich bereit lieget. Willst du das, Johannes? Nun
wohl, so werde ich Mittel und Wege dazu ausfindig machen. Bist du aber auch
bewandert in der Kunst des Schweigens? Gänzlich unerlässlich ist sie dem Jünger
geheimer Wissenschaft. Zu schweigen gilt es gegen jedermann - merke, auch gegen
deine Eltern. Bist gross genung, jetzt ohne der Mutter Schürzenbändel deinen Weg
zu gehen.«
    Da ich nun beteuerte, ich habe zum Schweigen jeglichen guten Willen und auch
bereits etliche Kraft, loderten des Oheims Augen, und er sprach priesterlich:
»Wohlan, so nehme ich dich zu meinem trauten Gesellen und Famulo an und
verheisse, dich einzuweihen in alle Fertigkeiten, so ich errungen habe oder noch
erringen werde. Künftigen Sonntag soll die Lehre anheben.« Dann wandte er das
Angesicht zum Fenster, starrte nach den blauen Bergen und murmelte dunkle Worte.
    Als wir am Sonntag aus der Kirche heimgekehrt waren und zu Mittag gegessen
hatten, richtete ich meine Augen ernst und fragend auf den Oheim. Er nickte mir
zu, erschloss den Riegel der bunten Truhe und langte geheftete Skripturen heraus.
Im Triumphe hielt er sie hoch: »Siehe hier den Mittler, so dich zum Goldschatz
geleiten wird. Komm her und lies!«
    Voll Ehrfurcht empfing ich die Skripturen, setzte mich an den Tisch und
wollte still für mich lesen. Doch der Oheim nahm bei mir Platz und sprach: »Lies
nur laut! Nicht oft genung kann ich diese Wissenschaft vernehmen. Auch ist
nötig, dass wir Rates darob pflegen.«
    So erhub ich denn die Stimme und las die verblichene Schrift, zu manchen
Malen stockend und vor Beklommenheit seufzend.
    Der verschnörkelte Titul aber lautete: »Nachrichten von den Walen - wer sie
gewesen, wo sie Golderz aufgesuchet und gefunden, wie solches geschmelzet und zu
gut gemacht - auch wie sie aus Erzen und Kräutern Gold gebracht - nach alten
Schriften denen Liebhabern des Bergwerkes und der chymischen Kunst eröffnet.«
    »Walen« - so sagte die Schrift - »heisset ein fremdländisch Volk.« Von diesen
Leuten sind viele seit alter Zeit im Bergwerke wohl erfahren und haben ihre
Kenntnis der Erze oftmals in teutschen Landen probieret. Sind als Landfahrer und
Scholaren ins Erzgebirge und Schneegebirge gezogen, daselbst verborgene
Edelmetalle auszuspüren. Nachdem sie erkundschaftet, wo die besten Goldkörner
oder Edelgesteine liegen, haben sie an Felsen und Bäumen Erkennungszeichen
angebracht, auch in Bücher geschrieben, wie man zu den Orten gelanget.
    Wie kostbar aber der Walen Wissenschaft, geht aus folgender wohlverbürgten
Nachricht herfür. Vor mehr als einem Saeculo kam alle Jahr ein fremder Mann mit
einer Hucke vom Gebirgskamm niedergestiegen. Was aber der Hucke Inhalt gewesen,
ist hinterher an Tag gelanget. Ein Junker, so auf der Jagd hin und wieder dem
Manne begegnet ist, kommt nach Venedig und sieht denselbigen fremden Mann in
fürnehmer Kleidung mit Dienerschaft in einer Gondel fahren. Den Junker
erkennend, lässet dieser Venediger anhalten, grüsset unsern Teutschen und ladet
ihn ein, seinen Palazzo zu besichtigen. Nach der Gasterei bezwingt der Junker
nicht länger seine Begierde und forschet, wie es denn hergegangen, dass aus einem
armen Huckenträger solch ein Nobile worden. »Eben vom Huckentragen,« antwortet
lächelnd der Venediger; »denn in der Hucke ist eurer Berge Gold gewesen.« Und es
hat nun der teutsche Junker vom Venediger vernommen: Hoch auf dem
Reifträgergebirge, nahe bei dem zweispitzigen Steine habe er, der Huckenträger,
auf einer Wiese Markasit gewaschen bis zur Grösse einer Erbse. Damit er nun desto
besser auf diesem goldreichen Gebirge ausdauere, habe er für eine Woche Proviant
mitgenommen und bei klarem Wetter den Aupengrund hinter der Schneekoppe besucht.
In einer Einöde seien Gerippe von Menschen gelegen, die sich vorzeiten an den
goldreichen Ort begeben haben, doch, nicht genugsam verproviantieret, Hungers
gestorben sind. Dorten nun habe er kostbare Edelsteine aufgelesen, auch viel
gutes Gold, Körner wie Haselnüsse. Nachdem der Venediger solchen Bericht getan,
hat er seinem teutschen Gaste im Marmor der Speisehalle folgende Inschrift
gewiesen: »Montes corconos fecerunt nos dominos.« Zu teutsch: »Das
Reifträgergebirge hat uns zu grossen Herren gemacht ...«
    Hier stutzete ich und riss die Augen auf. Der Oheim nickte mir zu: »Ja, ja -
unser Reifträger, auf der böheimischen Seite Korkonosch geheissen. Doch nun
schlage einmal das Kapitul auf, so mit einem Buchzeichen angezeiget ist.« Und
ich las weiter:
    »Bei Hirschberg in Schlesien ist ein Dorf, Schreibers Hau. Gehe oben zum
Dorfe hinaus über den Schwarzberg, so kommst du zum Weissen Bach. In einen
Tränketrog fliessen zwei Wässerlein. Am Wässerlein zur Rechten geh immer fort gen
Abend. Findest auf Bergeshöh die Abendburg, einen haushohen Stein. Ist hohl, und
tief innen liegt eines Königes Goldschatz begraben. Wie aber der Schatz zu
heben, wird nur einem Adepten oder Johanniskinde offenbar ...«
    Ich hielt inne und sah den Oheim fragend an. dabei stellte sich meinem
innern Auge die Abendburg dar, wie sie mein Vater geschildert. Den düstern
Felsen sah ich durch Zauber zum Schloss werden, gleissend vom roten Golde wie
Abendgewölk. Und ich seufzete: »Ach Oheim Tobias! Warum hast du mich noch
niemals zur Abendburg geführet?«
    »Ich führe dich hin, Johannes, und zwar ohne Verzug. Wohlan, mache dich
fertig!«
    Froh und kühn schlug mir das Herze, stracks rüsteten wir zum Aufbruche. Das
kostbare Walenbüchel tat der Oheim in einen Ranzen. »Das nehmen wir mit,« sprach
er und hing mir den Ranzen um. Drauf gab er noch ein Stück Brot in den Ranzen,
bewehrte seine Rechte mit der alten Partisane, die er auf seinen Gängen ebenso
als Stütze wie als Waffe zu verwenden pflegte, und rief die alte Beate herein.
    »Gehab dich wohl, Beate! Vier gute Stunden bleiben wir aus.«
    »Mit Gott, ihr beede! Und seid mir au für Dunkelheet wieder derheeme,«
antwortete Beate und reichte uns die Hand.
    Mit freudigem Kläffen kam Wächter gesprungen, da er uns zum Aufbruche
gerüstet sah, und sein wedelnder Schweif fragte, ob wir ihn mitnehmen möchten.
Da des Oheims Antlitz gnädig war, fuhr Wächter als übermütiger Störer in unsern
Hühnerschwarm und hüpfte nach dieser Heldentat bellend über die Wiese.
    »Ins Weissbachtal!« sprach der Oheim. »Nehmen wir selbigen Weg, der im
Walenbüchel beschrieben stehet.«
    Und wir stiegen den nächsten Pfad hinan, so durch Gebüsch und Wiesen, vorbei
an Bauden und Steinrücken über den Hüttberg führt, allwo sich der Blick ins
Weissbachtal eröffnet. Zur Linken blieb die neue Glashütte von Preisler liegen,
wir stiegen über ein Flüsslein, der Rote Floss geheissen, und bogen rechts ab, es
aufwärts zu verfolgen. Murmelnd und schäumend kam das Wasser über die moosigen
Blöcke gehüpft, als ein Geheimnis, geheget von den Fichten, so mit grauen
Bartzotten behangen wie alte Riesen aussahen. An einer Stelle war ein
feuchtquappig Waldmoos, davon wir nass Schuhwerk bekamen.
    »Hier hab ich oft nach Golde gesucht,« sagte der Oheim; »auch etlichen
Goldseifen ausgewaschen; doch lohnet sich nicht die Mühe.«
    Bald nach dieser Stelle tat sich der Wald voneinander, und auf sonniger
Wiese reckte ein dicker Buchenbaum den mächtigen Wipfel. In den Stamm waren
Buchstaben, Kreuzlein, Herzen und andere Zeichen gegraben. Einen schier
verwachsenen Riss wies mir der Oheim in der Rinde: »Siehe hier ein köstlich
Symbolum von einem Walen eingeschnitten, das ist ein Bischofsstab, wiewohl kaum
mehr zu erkennen. An dieser Stätte lass uns niedersitzen, und du sollst fürder
aus dem Walenbüchel vorlesen.«
    Ich kauerte mich zwischen ein paar glatte Felsen, indessen der Oheim aus dem
Ranzen das Manuscriptum holte. Von süssem Bangen war mein Herz erfüllt, wie ich
so den heiligen Baum mit den Rätselzeichen anstaunte und auf sein Wipfelsäuseln
lauschte. Aus Waldestiefe lockte die gurrende Taube, und wie ein fern Glöcklein
klang des Kuckucks Ruf.
    Da reichte mir der Oheim das aufgeschlagene Walenbüchel, und ich fuhr fort,
zu lesen:
    »Ich, der Jacobus Puschmüller, ein Kaufmann zu Regenspurg, war durch des
Allmächtigen Verhängnus also verarmet, dass ich mit zehn Floren von Weib und Kind
fortgemusst, ein neu Brot ausfindig zu machen. Da bescherete mir Gott einen guten
alten Italiener, dass er sich mein erbarmet und mit nachfolgender Beschreibung
reicher Schatzlager getröstet hat - wie ich denn an einem der beschriebenen Orte
Goldes genung gefunden und mich wiederum zu Ehren gebracht habe.
    In Schlesien ist die Stadt Hirschperg, an zween Flüssen gelegen. Gehe von
dorten fünf Stunden weit ins Gebirg. Kommest in ein Dorf, geheissen des
Schreibers Hau. Gehe auf den Schwarzen Berg und immer gen Abend durch Gehölz,
auf eines Pfades Spur, so durch hohe Beerenstauden führet. Kommest zu grossen
Steinen, sind aber noch nicht die rechten. Gehe vorbei, immer den Pfad entlang,
bis haushohe Felsen ragen, anzuschauen als eine Purg. Schwarz ist das Gestein,
hat aber eine weisse Stelle, gleichwie eine Pforte aus Marmel. Davor gen Mittag
dreizehn Ellen weit findest du zwischen Felsen ein Loch. Stosse einen starken
Knittel hinein, wuchte und wiege, bis du den übergelegten Stein aufwiegest. Nun
lege ihm was unter und nimm die Kostbarkeit, so dir Gott bescheret, Goldkörner
arabischer Art, gleich Haselnüssen; lassen sich plätzen. Tu aber den Stein
wieder an seine Stelle, sonsten möchte ein Gespenst dich erschrecken; denn
dorten ist es ungeheuer.
    So du aber keine Furcht kennest, begib dich zum weissen Stein der Abendpurg
zu Walpurgis oder Johannis oder auch am ersten Advent eine Stunde vor
Mitternacht. Einen Zauberkreis mache, nach den Regulis Magiae, zünde darinnen
ein Feuer an und koche in einem neuen Kessel eine Zaubersuppen. Wie die zu
bereiten, weiss ich nicht genau zu sagen. Es gehöret dazu eines Maulwurfes Pfote,
und unter strengem Stillschweigen muss gekocht werden. Ist der Nacht Mitte da, so
spritze etliches aus dem Kessel an die weisse Marmelpforte, rufend: Woide, Woide,
Woide! Da wird der Felsen sich auftun mit Getos, und du darfst eingehen. In
einer Nischen des Stufenganges kauert eine vermummete Gestalt, reget sich nicht.
Gehe dreist vorbei, kommest alsdann in eine schneeweisse Halle. An der Wand
stehen Truhen mit Golde. Inmitten der Halle aber springet aus einem Marmelbecken
ein brausend Sauerwasser an die fünf Ellen hoch, stäubet nieder mit
Regenbogenglanz und bespület Edelgestein, so im Becken als Bachkiesel lieget:
violenblaue Ametyste, rotgelbe Hyazinten, schwarze Bergkristalle, gelbe
Topasier, grüne Saphire, schön durchsichtige Chalcedonier und dunkle Jasponichel
mit roten Tupfen gezieret. Nimm, was du willst. Doch eilen sollst du, dass du
wieder hinausgelangest, sintemalen die Schatzkammer nur über Mitternacht offen;
um ein Uhr tut sie sich zu, unter grossem Krachen.
    Sei auch dessen wohlbedacht, dass beim Kochen der Zaubersuppen kein einzig
Wörtlein werde geredet. Sonsten ist sie unmächtig, und der Herr der Berge möchte
ergrimmen. Einem Tölpel ist er bei der Abendpurg erschienen als langbärtiger
Riese, so auf einer Harfen gespielet hat, dass die Erde bebete, hat alsdann die
Harfe wie einen Donnerkeil nach dem Tölpel geworfen. Der ist umgesunken und wäre
nicht wieder erwacht, hätte ihn nicht seine Sippe heim geholet, wobei ein
grausamer Hagelsturm tobete. Dies habe ich obgemeldeter Handelsmann von
Regenspurg von dem Italiener vernommen, habe auch das Mülderlein gefunden, so
der Pilgramstab aufweiset, und daselbst Goldkörner die schwere Menge. Doch in
die Abendpurg einzudringen, habe ich nicht das Herz gehabt. Zu Schreibers Hau
aber wohnet ein Mann, mit Namen Krebs, seines Zeichens ein Laborant, dem ist
manch Geheimnis bewusst. Da frage nach, so der Alte oder sein Sohn Christoph noch
am Leben.«
    »Genung!« unterbrach mich der Oheim; »lass uns nun zur Abendburg gehen.« Nahm
aus meiner Hand das Walenbüchel und verwahrte es im Ranzen, worauf wir
aufbrachen und quer durch den Wald immer bergan stiegen, um dann gen Mitternacht
abzubiegen und den Kamm des Berges zu verfolgen. Hier ging der Pfad durch hohes
Preisselbeergestäud, und ich merkte, dass wir auf dem beschriebenen Wege zur
Abendburg waren.
    Oft mussten wir von Felsblock zu Felsblock hüpfen und Obacht geben, dass nicht
der Fuss in einen Spalt gleite. Die Tannen griffen mit ihren unteren Ästen, kahl
und hart wie Gerippe, zu mehreren Malen nach unserm Gewande, es zerfetzend.
Unheimlich pfiff der Wind durch die Wipfel, und lauschend glaubte ich eines
Waldgeistes Geheul zu vernehmen.
    Vor uns erhuben sich schroffe Felsen, und der Oheim sprach: »Siehe, das ist
die Abendburg!« Ich war etwas enttäuscht, da meine Phantasei mir die Abendburg
gewaltiger und mehr einer Burg ähnlich ausgemalt hatte, und nun eine Steinmasse
da lag, nicht grösser, denn eine Scheuer. Wie ich aber das Düstere, Wüste,
Einsame des Ortes empfand und dem wogenden Raunen des Windes lauschte, wandelte
mich ein Staunen und Schaudern an. Ich spürete nun wohl, dass hier die Stätte von
Abenteuern und Wundern sein könne. Wir kletterten um den Felsen herum und dann
auf seinen Scheitel.
    So schaurig es unten bei der Abendburg war, hier oben lachte die Welt im
Sonnenlichte. Trunken schweifte mein Aug über die Täler von Schreiberhau hinüber
zum Breiten Berge und weiter links zum Kynast. Am Fusse dieses festen
Bergschlosses dehnten sich lichtgrüne Felder, freundliche Haine, friedliche
Dörfer. Aus dem Dufte der Ferne grüssten die Kirchtürme meiner guten Stadt
Hirschberg. Ganz hinten waren ein paar blaue Maulwurfshügel; so sahen die
Falkenberge aus. Nach rechts mich wendend, sah ich das Reifträgergebirge und die
ganze Kette der Riesenberge bis zur Schneekoppe und dem Landeshuter Kamme. Auch
gen Sonnenuntergang schauten wir, und dort öffnete sich das waldige Tal des
Queissflusses mit den Flinsberger Bauden.
    Nachdem wir unser Auge gesättigt, stiegen wir wieder vom Felsen. Der Oheim
winkte mich zu sich und sprach: »Dies ist die Stätte, wo wir den Zauberkreis
machen werden. Nun schau! Siehest du den weissen Stein? Das ist die Pforte!« Er
deutete auf ein Stück Flins, das verwachsen mit der schwärzlichen Granitwand,
allerdings einer Pforte aus weissem Marmel ähnlich war. Ich starrte hin und sah
im Geiste allbereits diese Pforte aufspringen, sah den wüsten Felsen sich
verwandeln in das strahlende Schloss und innerlich funkeln von Gold und bunten
Steinen. Der Oheim säuberte die Stätte von Gestrüpp. Auf sein Geheiss sammelte
ich derweilen den Vorrat dürren Holzes für das künftige Feuer des Zauberkreises.
Nicht ohne Grauen betrachtete ich das weisse Gestein und überlegte, wie es nur
geschehen könne, dass dieser harte Felsen von einer blossen Zaubersuppen eröffnet
werde.
    »Aber Oheim«, sagte ich, »ist dir denn auch bekannt, woraus man die
Zaubersuppe bereitet?«
    Unsicher schaute mich der Oheim an und hüstelte dumpf. Dann loderte sein
Aug, als er entgegnete: »O, das werde ich schon herausbringen! Ohne Sorge
Johannes! Ich weiss einen Mann hochgelahrt in geheimen Wissenschaften. Ist ein
echter Italiener, Herr Doktor Giacomini mit Namen. Wohnet seit Wochen hier zu
Schreiberhau in Preislers Glashütte. Hat den Vorwand, er wolle die Kunst der
Glasmacherei studieren. Was er aber will, weiss ich besser. Nach Golde schnüffelt
er im Gebirg umher. Hat beim roten Flosse etliche Körnlein Markasit
ausgewaschen.«
    »Und du meinst, der Italiener verstehe sich auf die Zaubersuppe? Wird er
denn sein Geheimnis nicht für sich behalten wollen?«
    »Närrchen!« sagte der Oheim. »Ich werde ihm halt proponieren, er solle mir
sein Geheimnis entüllen und dafür das meinige nehmen. Gemeinsam mit ihm werden
wir dann den Schatz heben und teilen.«
    Schweigsam traten wir den Heimweg an. Oft war mir, als webe in den Tiefen
des Waldes ein Spuk. Zwischen den mächtigen Tannen stund der Rübenzagel, ein
riesenhafter Köhler, dann plötzlich verwandelt in einen knorrigen Baumstumpf mit
langem Moosbarte. Wenn ich so in den Wald starrte, ward Wächter unruhig und hub
an zu knurren, was dann wiederum mein Zagen steigerte. Zwischen den Steinen und
Baumwurzeln wisperte es manchmal, und die Unterirdischen kicherten: »Hihi! König
Salomo!«
Das schlimme Jahr sechzehnhundert achtzehn ging zu Ende, und es war im
Novembermond, als ich abermals nach Schreiberhau zum Oheim gereiset war. Bei dem
milden Wetter sass ich auf einem Kirschenbaum zwischen kahlen Zweigen, dran
rostrot noch etliche Blättlein hingen, und pflückte mir verschrumpfete Kirschen.
    Da kam auf Oheims Haus zugeschritten ein kleiner, hagerer Mann in schwarzem
Mantel, tief in das gelbe verkniffene Gesicht einen breiten Filz gestülpet,
unter dem die schwarzen Äuglein wie aus einem Hinterhalte herfürstachen. Unter
meinem Baume blieb er stehen und blinzelte nach mir, die Oberlippe mit den
dünnen schwarzen Härlein schief in die Höhe gezogen.
    »Eh! Der Famulusse?« - sprach er hastig mit harter Stimme »Ist Er nit
Famulusse von Signore Kräutertobiasse?«
    Ich verstund die Frage nicht, sprang vom Baume und sagte: »Kommet nur ins
Stübel, ich rufe den Oheim.« Führte also den Herrn in die Balkenstube und holte
den Oheim aus dem Laboratorio.
    »Das ist der Giacomini,« raunte der Oheim erwartungsvoll; »komm mit herein,
Johannes!« Ich ging also mit in die Balkenstube.
    Mit einer grinsenden Freundlichkeit grüsste Giacomini den Oheim, erkundigte
sich dann nach mir und hub unter verlegenem Räuspern an: »Was ik wollte fragen,
caro mio - wo iste weisse Stein bei Schreiberhau? weiss unde glatte wie Marmo?«
    »Ihr meint  wohl den Flins?« gab der Oheim zur Antwort. »Etliche Blöcke
davon liegen am Böheimischen Furt.«
    Der Italiener nahm aus seines Rockes Tasche ein Stück Flins und fragte:
»Diese Stein? Ah bene! Aber diese Stein soll sein auf Gebirge eingefuget in
swarze Granite als eine Porta von Marmo. Wo iste die Orte? Sag Er mir, caro
mio!«
    »Dergleichen Orte hat es viele im Gebirg«, antwortete der Oheim ausweichend.
    »Viele Orte?« sagte Giacomini lauernd; »no no, Signore, ik will nit viele
Orte, will diese eine Orte - gelegen auf Bergesrucken, wie swarze Burge mit
weisse Porta.«
    Da nickte der Oheim mit spöttischem Lächeln und blickte scharf den Italiener
an: »Freilich kenne ich diesen Ort - weise ihn aber Euch mitnichten - denn allda
ist verborgen ein Schatz - ja ein Schatz!«
    Wie vor einer Natter prallte der Italiener zurück und starrte den Oheim an.
Dann verzog er sein Gesicht zu einem Grinsen und suchte zu beschwichtigen: »Eine
Schatze? Ah Possen! Keine Rede von Schatze! Possen! Weisse Stein iste gut für
Glasse. Sage mir, Signore, wo iste weisse Stein? Sage mir Orte, ik bitte.«
    »Der Herr Doktor täuschet mich nicht. So Er den weissen Stein nur zur
Glasbereitung brauchet, ei warum lässet Er sich alsdann nicht genügen an den
Flinsblöcken, so in Menge bei Schreiberhau liegen? Aber der Herr hat selber
bekennet, dass Er nur nach der einen Stelle trachtet, wo der weisse Stein
gleichwie eine Pforte eingefüget ist in schwarzen Granitfelsen. Die Stelle ist
mir wohlbekannt, und dorten lieget ein Schatz - ja ein Schatz! Den soll aber
nicht der Herr heben, sondern ein anderer - ja ein anderer! So ist und bleibt
mein Wille, und darum verrate ich den Ort mitnichten.«
    Zornig funkelten des Italieners Augen, dann griff er mit zitternder Hand in
seine Tasche und warf einen Beutel mit klirrender Münze auf den Tisch: »Prenda
denaro! Hier nimm Gelde! Weiset mir die Orte!«
    »Ich brauche Euer Geld nicht!« entgegnete der Oheim kalt, »dieweil ich den
Goldschatz selber heben werde.«
    »Ihr? Ihr?« kreischte der Italiener und focht mit den Händen vor Oheims
Angesichte. »Schatze hebene? Nix hebene!«
    »Mein Famulus hier wird ihn heben,« antwortete der Oheim; »diesem Knaben ist
von einer Prophetin geweissaget, dass er solle einen grossen Schatz heben und wie
König Salomo werden. Zudem ist er ein Johanniskind.«
    Mich funkelte nun Giacomini mit seinen schwarzen Augen an und meinte
verächtlich: »Ah bah! Wie soll dumme Ragazzo bringen Schatze in seine Hand? Was
weiss er von Magia? Eine Propheta weissagete? Soll er werdene Salomo? Ah bah,
Possen, nix! Nimm Gelde unde weise den Orte! prenda denaro, prenda, caro mio!«
Und er suchte dem Oheim seinen Geldbeutel in die Hand zu drücken.
    Da aber der Oheim im Verschmähen standhaft blieb, lief der Italiener wie ein
gefangener Fuchs in der Stube umher, irren Auges und keuchenden Odems. Manchmal
blieb er stehen, die Hände ringend, und über sein Angesicht ging ein Zucken.
Endlich sank er wie gebrochen in den Lehnstuhl, stöhnete und sprach mit matter
Stimme: »So swöre Er, swöre auf sein Evangelio, dass Er wolle weisen mir den
Orte, wo Schatze liegen und helfene mir mit Famulusse. Avanti! Bilden wir eine
Societa, zu hebene Schatze, unde ik gebene Euch Beutel mit Golde.«
    »Einen Beutel mit Golde? Nein! Halbpart will ich!« sagte der Oheim fest.
    Gehässigen Blickes antwortete der Italiener kleinlaut: »Also gute!«
    Hierauf liess er sich Papier, Feder und Tinte reichen und schrieb den
Contractum auf. Alle drei unterzeichneten wir und beschwuren ihn über der
aufgeschlagenen Bibel.
    Den Abend wollte der Oheim mit Giacomini allein sein, und da sagte die alte
Beate munter zu mir: »Kumm ock; wir wollen zu Maiwalds spilla gihn.« Maiwalds
wohnten im Nachbarhause, hatten drei mannbare Töchter und sammelten gern Gäste
zum Spinnabend. Als wir in die Balkenstube traten, wo der qualmende Kienspan
leuchtete, entschuldigte uns Beate mit dem Scherzworte: »Wir mechten amol sahen,
ob's Weibsvulk keene Schürzaschüttler brauchet.« »Ju, ju!« rief der Chorus der
Jungfern und Burschen fröhlich. »Kumm har, Beate, kumm ock, Johannes!«
    Nun setzeten wir uns auf eine Bank, und ich bekam ein Messer, Kienspäne zu
schnitzeln. Munter schnurrten die Spulen, und noch eifriger gingen die Mäuler.
Männiglich plauderte oder sang, kauete Schnitzäpfel und getrocknete Rüben,
sprach auch dem Bierkruge zu. Die Junggesellen trieben mit den Madeln allerlei
Kurzweil. Maiwalds Katrine ward verurteilt, das Kreuz anzubeten. Dies Kreuz
aber war Hollmanns Gottlieb, so kerzengrad inmitten der Stube stund, die Arme
ausgebreitet. Vor ihm kniete Katrine nieder und sprach:
»Heilig Kreuz, ich bet dich an,
Du brauchest eine Frau, ich einen Mann.
Bist du gesonnen als wie ich,
So kumm herab und küsse mich.«
    Nun umfing der Gesell kosend das Madel, und die Leute lachten dazu.
    Plötzlich ward die Stubentür aufgerissen und ein Topf hereingeschleudert,
der zerschellend allerlei eingefüllt Gerümpel über den Boden verstreute. Dazu
rief eine Madelstimme:
»Do breng ich euch an Aschentopp,
Seid gebeta, on wascht mern Kopp.«
Das gab ein Lärmen, und hurtig sprangen die jungen Gesellen auf, das flüchtende
Madel mit Wasser zu begiessen. Wie nach solcher Kurzweil die Räder wieder
schnurreten, erzählte Maiwalds Pauline von einem seltsamen Knaben; der sei
vorzeiten in die Schreiberhauer Spinnstube gekommen, schön von Angesicht, aber
mit richtigen Pferdehufen statt der Füsse. »Ju ju,« hiess es; »der stammet aus dem
Breiten Berge, dorten hauset das Volk der Pferdehufer. Es hat aber auch ein
seltsam Weibesvulk, das watschelt auf Gansfüssen ...« »Hu!« schrie ein Weibsbild
auf, weil draussen vor dem Fenster ein Totenkopf mit glühenden Augenhöhlen
erschien. Bald erkannte man aber, dass es nur ein hohler Kürbis, von einem innern
Lichtlein erhellet. Nun kam das Gespräch auf den Berggeist. Ein Bursche
berichtete, wie er sich am Hohen Rad als ein Laborant gezeigt habe und plötzlich
als ein Trutahn hinweggeflogen sei. Die alte Beate, aus einer Baude beim
Mittagstein gebürtig, wollte den Rübenzagel am Grossen Teiche gesehen haben. Ein
Mönch habe auf einem Felsen gekauert und sich alsdann aufgelöset in quirlenden
Nebel. Ja, droben hausete der Herr des Gebirges! Hatte ja auch vorzeiten die
drei hausgrossen Steine, neben den Teichen gelegen, hineinwerfen wollen, mit dem
überlaufenden Wasser die Welt zu ersäufen. Während also gefabelt ward, erhub
sich draussen ein Brausen und Heulen, und man murmelte: »Der Nachtjäger kummet!
Ju ju, er jagt die Moosweibel, und die Bäume läuten aus!«
    Ganz angefüllt mit wunderbaren Mären machte ich mich zu später Stunde mit
der alten Beate auf den Heimweg. »Bleibet noch dahie!« hatten Maiwalds gesagt.
»Gleich ist Mitternacht, wir schmelzen Blei.« Doch Beate hatte nicht gemocht.
Mit flackernder Laterne suchten wir unsern Pfad, gegen den Wind ankämpfend. In
Oheims Laboratorio war noch Licht. Da es eben Mitternacht läutete, blieben wir
stehen, und Beate sagte: »Lege dich auf die Erde, Johannes, lausche, was die
Unterirdischen erzählen.« Ich legte mich und drückte das Ohr an den Grund, hörte
aber nur den Wind brausen und die Glocke läuten. Indessen deuchte mich, als
könne ich in dunkle Tiefen sehen. Dorten glomm es bläulich, und ich erkannte den
unterirdischen Goldbaum, wie er seine Metalläste durch die Lande reckt. Einer
der Äste schlich unter dem Laboratorio dahin, ein anderer wuchs machtvoll durch
das Isergebirge zur Abendburg und trug eine Frucht, gestaltet als eine Krone.
    Am Morgen tat der Oheim mit dem Italiener einen Gang auf das Gebirge.
Heimgekehrt rief er mich in die Balkenstube und sprach in freudiger Erregung:
»Jetzo haben wir das Mittel, den Schatz zu heben. Giacomini weiss, wie die
Zaubersuppe bereitet wird. Pferdeblut muss man mit alraunischem Lauche kochen. Wo
der wächst, ist mir wohlbekannt - auf der Iserwiese. In den Kessel gehören
alsdann eines Maulwurfes Pfoten. Endlich muss ein unschuldig Mägdelein oder ein
reiner Junggesell etliche Tropfen seines Blutes aus freien Stücken hineintun.
Der Junggesell bist du, Johannes - nicht wahr, du gibst ein wenig Blut her? Ist
ja nur eine Hautschramme vonnöten. Johannes, mein Johannes! Wie erhoben und
riesenstark ist mein Herz! Möchte schier glauben, so müsse unserm Herrgott zu
Mute gewesen sein, da er beschlossen hatte, die Welt zu erschaffen..« Und der
Oheim reckte die Arme und lief umher.
    Andern Tages begab er sich hinunter ins Hirschberger Tal, das für den Zauber
benötigte Pferdeblut zu holen. Da der Abend dunkelte, und die alte Beate in der
Balkenstube den Kienspan angezündet hatte, war der Oheim noch immer nicht da -
was den Doktor Giacomini, der bei mir sass, unruhig machte, also dass er auf
einmal emporsprang und ratlos die Hände erhub: »Wo bleibet Kräuter-Tobiasse? Weg
iste swarze - scheinet nit Luna, nit Stella.«
    Ich schwieg, mir war nicht heimelig zu Sinne. Unrastig aber wandelte
Giacomini durch die Stube, mit seinen geräuschlosen Bewegungen und dem schwarzen
Habit ähnlich einer huschenden Fledermaus. Plötzlich blieb er stehen und sah
mich stechenden Blickes an: »Johanniskind, sage mir, was tun Er mit Golde, wenn
wir hebene den Schatze? Möchte wissene, was Er tun - he?«
    Ich stutzte und entgegnete nach etlichem Zaudern: »Alsdann werden meine
Eltern nicht mehr arm sein. Und der Oheim sagt, alsdann solle ich Studente
werden in Prag und ein gelahrter Mann und ...« »Unde - unde - pah! Possen!«
spottete der Giacomini. »Was brauchen Er Golde für Studente werdene!«
    Ich entgegnete: »Aber es ist doch besser, wenn ich kein armer Studente bin
...«
    »Ah - si si! Studente à la mode! studieret nix, stolzieret in Sammete und
Seidene, hat Losament in Palazzo, unde bei Pokulieren Moneta rollen wie
Wasserfall, addio! No no, Famulusse! Er tun nit klug mit Golde, Er werden keine
Salomo - denn wie spricht Salomo? Vanitas vanitatum vanitas! Eine Schatz darf
nit sein, was fortlaufet - eine Schatz soll bleibene getreu bei Salomo - eine
Schatz soll nit werdene geringer! War ein Haufen unde wird eine Berg - ah!«
    Scheu starrete ich den Italiener an, der lodernden Auges mit Händen, die vor
Gier bebeten, seinen Goldberg zu betasten schien. Wenn doch nur endlich der
Oheim käme! Es war bereits Nacht, und ein Sturm hatte sich erhoben, der am Dach
rüttelte.
    Da ging die Haustür, ich vernahm des Oheims schleppenden Schritt, und nun
trat er ein. Nach Odem ringend, bot er guten Abend, stellete den mitgebrachten
Krug in die Ecke und warf sich ächzend in den Lehnstuhl: »Ah! In Petersdorf
bekam ich das Pferdeblut nicht - bis Warmbrunn hab ich müssen laufen, ah! -« Als
er sich verschnaufet hatte, machten wir uns zum Aufbruch fertig. Der Oheim nahm
auf den Rücken die Hucke, in der sich der Krug mit dem Pferdeblut und eine Axt
befand. Seine Linke hielt eine brennende Laterne, die Rechte den Spiess.
Giacomini war bewehret mit einem Reiterpistol und einem Degen. Ich trug
ebenfalls Hucke und Spiess, ausserdem eine brennende Laterne. Voran ging der
Oheim, dann kam ich, zuletzt Giacomini.
    Das am Himmel jagende Gewölk bildete zuweilen eine Lücke, und dann flog die
Mondsichel hindurch, in gewissem Abstande verfolgt von einem Funkelstern; es sah
aus, als eile durch Waldesgebüsch ein Jäger nebst seinem Hündlein. Wie rauher
Jagdruf und Hundegebell klang es im Sturme, und die Fichten wankten wie läutende
Glocken. Stumm schritten wir fürbass, hätten einander auch schwerlich verstehen
können in dem Gebrause.
    Als wir bei einer Felsengruppe des Schwarzen Berges aus dem Walde traten,
fiel uns der heulende Sturm mit so hartem Stosse an, dass ich mit meiner Hucke ins
Beerengestäude taumelte, wobei mir die Laterne erlosch. Giacomini rief den
Oheim, der half mir auf und zündete aufs neue meine Laterne an.
    Es ging nun wiederum durch Wald. Höchst mühselig gestaltete sich der Weg in
der Nähe der Abendburg. Tastend klommen wir über moosige Blöcke, zuweilen glitt
der Fuss in eine Felsenspalte. Die Fichtenäste, hart wie Knochen, fassten unsere
Kleider. Oft hörten wir Bäume im Sturme brechen, und ein starker Ast schlug
neben uns wuchtig zu Boden. Doch freier von Wolken ward der Himmel und
verbreitete mit Mondsichel und Gestirnen einen dämmerhaften Schimmer.
    Nun sahen wir dicht vor uns düster die Abendburg ragen. Der Oheim zündete
sogleich den hergerichteten Holzstoss an, und die prasselnde Flamme belichtete
rot die Felsenwand, während des Oheims Schatten wie ein schwarzer Riese
verzerrete Gebärden machte. Mir ward des Feuers Obhut anvertrauet, und mit Eifer
warf ich von Zeit zu Zeit neues Holz hinein.
    Inzwischen zogen Giacomini und der Oheim um uns her den Zauberkreis, wobei
sie einen Stab mit übergestreiftem Siegelringe anwendeten.
    Nachdem dies Werk vollführet war, setzten wir uns ums Feuer. Der Oheim holte
Brot aus der Tasche und gab uns zu essen, wir tranken auch etliche Schlucke Wein
aus einer Flasche.
    »Merke, Johannes,« - sprach der Oheim - »wenn wir die Zaubersuppe zu kochen
beginnen, darf fürder kein Wörtlein gesprochen werden, und du musst schweigend
deine Blutstropfen hergeben. Wenn alsdann die Abendburg sich auftut, dringen
alsobald wir beide hinein, der Doktor will draussenbleiben.«
    »Muss Zaubersuppene rührene, sonstene geht Porta zu,« entschuldigte sich der
Italiener.
    »Sind wir in der Abendburg,« - fuhr der Oheim fort - »so füllen wir
geschwind unsere Hucken mit Gold und Edelgestein, eilen dann ohne Säumen
hinaus.«
    Unter solchen Verabredungen verrann die Zeit, der Doktor verkündete, es sei
die eilfte Stunde und an der Zeit, die Zaubersuppe zu kochen. Wir winkten
einander zu und legten den Finger auf den Mund, zum Zeichen, dass jetzo beginnen
solle das strenge Schweigen.
    Nun ward das Pferdeblut im Kessel auf das Feuer gesetzet, und der Oheim tat
Alraunknoblauch nebst den Pfoten eines Maulwurfes hinein. Der Italiener gab den
Liquor einer Phiole hinzu, dessen Bereitung sein Geheimnis war. Ich entblössete
meinen Arm, nahm das Messer, so mir vom Oheim schweigend dargereichet ward, und
tat die Spitze an meine Haut. Einen Augenblick zauderte ich mit Bangen. Dann
zuckte Entschlossenheit in mir, und ich drückte die Messerspitze tiefer in den
Arm, als vonnöten. Das herfürquellende Blut liess ich in den Kessel rinnen. Die
Wunde verband mir der Oheim.
    Allgemach begunnte nun die Suppe zu kochen, und mit einem Holzlöffel rührte
der Oheim, während Giacomini manchmal scheu ringsum spähete und sich duckte,
sobald die Fichten wanketen und knacketen. Das Feuer glühte, dass mir Angesicht
und Hände heiss wurden, der Oheim rührete und rührete, eine Sturmwoge nach der
andern wandelte heulend über die Wipfel hin, und ich starrete auf die weisse
Pforte der Abendburg, die nun bald aufgehen sollte.
    Ein schaurig süss Gefühl wandelte mich an, ein heimlich Hoffen und Bangen,
ähnlich wie vor einer Weihnachtsbescherung. Heut war ja der erste Advent, und
von Haus zu Haus ging das Christkindel. Aus dem Sausen der Wipfel klang mir das
fromme Lied, so jetzo drunten in den Hütten erscholl:
»Vom Himmel hoch da komm ich her,
Ich bring euch gute neue Mär,
Der guten Mär bring ich so viel,
Davon ich singen und sagen will.«
Und zur Tür herein trat das Christkindel, licht und holdselig wie ein Engel, mit
einem Tüchel voller Gaben, und sagte seinen Spruch:
»Ein schön guten Abend geb euch Gott!
Ich komm herein ohn allen Spott,
Befrag die kleinen Kindelein,
Ob sie auch fromm gewesen sein.
Und wenn sie fromm gewesen sein,
Hat's draussen einen Wagen stahn,
Der ist geschmückt mit schönen Gaben
Für Mädelein und junge Knaben.
Ei Ruprecht, komm herein!«
Da gab es ein Gepolter, und herein tappete Knecht Ruprecht, angetan mit Pelz,
rauher Mütze und Faustandschuhen. Sein Huckepack rasselte, und in der Rechten
schwenkte er einen Besen. Er kicherte und gröhlte:
»Plietsch plaatsch Fladerwisch!
Draussa is mers gor zu frisch.
War mich ei die Stube packa,
War a Kindern vertreiba's Lacha.
Bin vom Himmel gefolla,
Hab mir an Huckepack zerknolla.
Ich wünsch euch a langes Leba,
Hundertfufzig Ella lang,
Hicher als die Wulka schweba,
Länger wie a Glockastrang.
Ich wünsch euch a Sack vull Dukota
Und a tichtiga Schweinebrota.
Un wenn noch was zu trinka wär,
Su wär schon alles nach Begehr.
Draussa is mers gor zu frisch ...
Plietsch plaatsch Fladerwisch ...«
    Hier reckte Knecht Ruprecht auf einmal seine Gestalt, dass sie wie ein
schwarzer Riese in den Nachtimmel ragete. Ich sah, wie er zum Hiebe mit der
mächtigen Rute ausholte, und ein Krachen und Prasseln geschah, als ob ein
Donnerwetter einschlüge, davon die ganze Welt zusammenstürzte.
    Ich wähnte zuerst, die Abendburg tue sich auf, und vor meinem Auge gleissete
bereits der lichte Eingang. Dann aber kam mir der Gedanke, dies Prasseln komme
von stürzenden Bäumen. Gleichzeitig sausete ein Fichtenwipfel auf uns hernieder,
in das aufstiebende Feuer und in die Zaubersuppe hinein. Eine Funkengarbe
sprühete, es zischte und qualmete.
    Krachend fuhr ein Feuerstrahl aus Giacominis Pistol. Donnernd rollete der
Widerhall drüben den Kamm entlang, und an diesem starken und langen Dröhnen war
zu erkennen, wie gewaltig der Baumsturz gewesen.
    Der Oheim griff nach mir und betastete meinen Kopf, den ich wimmernd in
Händen hielt, weil ihn der Baumwipfel gestreifet hatte. Nun schaute ich mich um
und sah, wie eine Fichte, vom Sturme mitsamt der Wurzel ausgerissen, über uns
hergestürzt war, und wie eine Menge Bäume in gleicher Weise vom Sturme gefället
waren, also dass die Stelle der dunkeln Waldeskrone auf einmal der Sternenhimmel
einnahm.
    »Es ist aus!« sagte der Oheim; »die Zaubersuppe ist verschüttet, und wir
haben das Schweigen gebrochen. Fort! Hier ist es ungeheuer. Auf, Herr Doktor
Giacomini!«
    Der kauerte hinter dem Oheim und klapperte mit den Zähnen.
    Wir raffeten uns auf, liessen die Werkzeuge liegen, mit Ausnahme der Waffen
und der Laterne, und krochen mit vieler Mühe zwischen den Zweigen der
quergelegenen Fichten hindurch, bis wir endlich freien Pfad hatten. Ich fühlete,
wie mir Hände und Knie zitterten. Mir war, als lache heiser der Riese hinter uns
her.
    Giacomini hielt sich dicht zum Oheim und schwieg. Als wir aber den
gefährlichen Wald hinter uns hatten und auf gutem Wege waren, platzte der
Italiener los: »Diavolo! Ihr habete Schulde! Eure Famulusse tauget nix zu Magia!
Wird keine Salomo!«
    »Schweiget!« herrschte ihn der Oheim an. »Eure Zaubersuppe hat nichts
getauget! Lasset den Knaben aus dem Spiel!«
    »Doch! Eure Famulusse tauget nix - ist keine Junggeselle - keine
Johanniskind.«
    »Halt er das Maul!« brüllte der Oheim.
    Auch mich packte Entrüstung über den Italiener. »Ihr leuget,« - rief ich -
»ich habe keine Schuld - bin anoch ein Junggesell - ja, das bin ich!« Dann kamen
mir die Tränen. Bestürzt überlegte ich, ob ich vielleicht doch eine Schuld habe.
Bedachte, wie mich des Schreiners Magd einmal küssen gewollt. Ich aber stiess sie
von mir, mochte die Weibsbilder nicht ... Ja, ich war anoch ein Junggesell, und
geboren am Johannistag!
    Während des Zwistes stund auf einmal Giacomini still und starrte ins Weite.
Seinem Blicke folgend, sah ich ein furchtbar Phänomenon. Am wolkenlosen Himmel
schwebete es, ungeheuer über dunkeln Bergen: eine blutige Rute, ein glühender
Krummsäbel, an den Nachtimmel angenagelt.
    »Ecco Cometa!« staunete Giacomini.
    Mit Grauen starreten wir schweigend nach dem unheimlichen Gast des
himmlischen Gezeltes.
    Dann meinte der Oheim: »Oh, nun verstehe ich, warum der Zauber misslang.
Unter solchem Schweifsterne ist kein Glück, er ist ein schrecklich Omen. Siehet
aus wie eine Geissel, mit der unser Herrgott die sündige Welt will züchtigen.
Barmherziger Heiland, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern
Schuldigern! Lassen wir das Zanken, Herr Doktor Giacomini! Busse tun ist nötiger.
Denn nunmehro soll anheben ein grausam Schlachten und Sengen, Hungersnot und
Pestilenz. Und wer weiss, ob nicht gar der Spruch vom Jahre zehn und acht sich
erfüllet und die ganze Welt untergehet .... Barmherziger Heiland!«
    Wenige Tage nach diesem Abenteuer trieb mich und den Oheim die Neugier, bei
Tage zur Abendburg zu gehen, um nachzuschauen, was denn eigentlich sich begeben
habe. Wir machten uns bei klarem Wetter des Morgens auf und gingen auf dem
nächsten Wege über den Hohen Stein zur Abendburg. Hu, welch grausig Bild! An der
Nordseite des Bergkammes war die ganze Waldwand vom Sturme niedergeworfen.
Hunderte von Fichten mit der Wurzel ausgerissen und quer über den Preisselbeerweg
geworfen. Ein paar mächtige Bäume lehnten sich an den Abendburgfelsen, und einer
davon hatte mit seinen Zweigen in unser Zaubertreiben hineingehauen.
    Schweigend schüttelte der Oheim den Kopf. Dann meinte er: »Ist das nun ein
Naturereignis, oder ist es eine Strafe dafür, dass wir unter dem Unglückssterne
gezaubert und dazu dem magischen Gebot zuwider unser Schweigen gebrochen haben?«
    »Aber Oheim,« entgegnete ich, »niemand hat das Schweigen gebrochen - nicht
eher, als bis die Fichte auf uns niedergestürzt ist. Drum wird es wohl nur ein
Sturm gewesen sein, was unser Fürhaben vereitelt hat.«
    In diesem Moment machte der Oheim ein erstaunt Gesicht und deutete auf eine
Höhlung im Abendburgfelsen: »Das war doch früher nicht?«
    Eine Tanne, so ihre Wurzeln hier in Felsenritzen eingelassen hatte, war vom
Windstoss ebenfalls umgeworfen, hatte aber dabei mit den Wurzeln einen Stein
ausgehoben, unter dem nun die Öffnung klaffte. Als wir hineinspähten, merkten
wir, dass sich eine Höhlung erschlossen hatte.
    Prüfend sah mich der Oheim an: »Hast du Mut, hineinzuklettern?«
    Ich bezwang meine Furcht und nickte, worauf ich, die Füsse voran, in den
Spalt rutschte. Gelangte in eine Felsengrotte, fand aber beim Umhertappen, dass
sie nicht grösser als eine Stube. Kroch nun wieder ins Freie und berichtete dem
Oheim.
    Der nickte gedankenvoll und meinte: »dabei ist dennoch Zauber im Spiel. Du
siehest ja, Johannes, die Abendburg hatte schon begonnen, sich aufzutun und wäre
sicherlich gänzlich offen worden, wenn der vermaledeite Italiener nicht das
Schweigen gebrochen hätte. Das Umwerfen der Bäume war halt eine Versuchung, wie
sie mancher Zauberer zu bestehen hat. Ich werde doch selber in die Höhlung gehen
und forschen, ob sie vielleicht zu den Schätzen leitet.«
    Darauf bearbeitete der Oheim mit seiner Axt die erdigen Stellen des
Felsenspaltes, so dass man bequemer hineinschlüpfen konnte und kroch in die
Grotte, worauf ich folgte. Doch die Prüfung des Innern führte zu keinem
günstigen Ergebnis. Die Höhlenwände waren von Granit und öffneten sich an keiner
Stelle zu einem weiteren Gange. So mussten wir denn, nicht ohne Enttäuschung, den
Heimweg antreten.
    Als ich mich bereit machte, wieder zu meinen Eltern nach Hirschberg
heimzukehren, sprach der Oheim gebieterisch: »Du weissest, dass du, mein Famulus,
zum Schweigen verpflichtet bist. Sprich zu niemand, auch zu deinen Eltern nicht
von dem, was sich begeben hat, und bleibe des festen Glaubens, dass es dir
dennoch gelingt, den Abendburgschatz zu heben.« Kleinlaut aber fügte er hinzu:
»Der Italiener wird uns doch nicht zuvorkommen? Wenn ich nur herausbrächte, was
in der Phiole gewesen! Alsdann getraute ich mir, ohne ihn die Zaubersuppe zu
bereiten.«
Warum sollte es nicht eine geheime Kunst geben, vermöge deren man in der Knospe
schon die Frucht, im Ei den werdenden Vogel erkennt? Dass aber unscheinbaren
Dingen etwas von der Knospe und vom Ei eigen sein kann, wird an meiner
Jugendgeschichte offenbar, wie denn aus den Mären vom eingemauerten Mägdlein und
vom Schatz der Abendburg, aus meines Vaters Bericht über den unterirdischen
Gang, aus der zigeunerischen Weissagung und aus den knabenhaften Streitigkeiten
mit Zetteritz die wichtigsten Ereignisse und Wendungen meines Lebens
herfürgewachsen sind.
    Auch mein Comödiaspielen im Schloss Kynast war gleichsam eines Vogels Ei,
weil es dazu führte, dass mir Hans Ulrich seine Gunst zuwandte. Wie ich ihm
einmal in der Rosenau begegnet bin, hat er mich ins Auge gefasst, sein Pferd
angehalten und lustig gesagt: »Ei das ist ja der liebe Gott, der sich mit dem
Teufel gebalgt hat.« Und oft hat mich seitdem Hans Ulrich, wenn unsere Wege sich
trafen, mit dem spassigen Spitznamen angeredet. Hat den »lieben Gott« sogar in
seinen Dienst genommen und als ein Schreiberlein seines Dominiums zu Warmbrunn
installieret. Die kriegerischen Zeiten haben das so gefügt. Da ich nämlich das
Gymnasium absolviert hatte, meine Eltern aber wegen des böheimischen Aufruhrs
und der allgemeinen Unruhen nicht wagten, mich zur Universität nach Breslau oder
Prag ziehen zu lassen, und da sie nicht wussten, was mit dem müssigen Burschen
anzufangen, habe ich von ihnen gern die Erlaubnis erhalten, brieflich den Herrn
Schaffgotsch um einen angemessenen Posten anzugehen. Meine Kammer ist im
Dominium dicht neben der Kanzlei gewesen, Essen habe ich aus des Herrn
Verwalters Küche empfangen und dazu jeden Sonnabend noch sechs, später zehn
Groschen Besoldung. Zustatten gekommen ist mir später, dass ich in meinem Amte
mit Gewandteit reiten, auch schiessen und fechten gelernt.
    Ausserdem ist der Aufentalt zu Warmbrunn meinem Herzen zugute gekommen,
insofern es sich der ersten keuschen Minne zugeneigt und erschlossen hat,
ähnlich wie einer Blütenknospe an der Frühlingssonne geschieht. Die Gelegenheit
dazu hat jener heilkräftige warme Brunnen gegeben, von dem Warmbrunn, ein
wohlgebaueter Ort, zwo Stunden von Hirschberg am Gebirge gelegen, seinen Namen
hat. Die heisse Quelle ist gut für Gliederweh und gilt als ein rechtes Kleinod
schlesischer Lande. Ward aufgefunden vom Herzog Boleslao Crispo, als dieser auf
der Jagd einen Hirschen verfolgte, der seine Wunde im heilkräftigen Wasser baden
gewollt. Über der Quelle, so fünf Ellen in der Tiefe aus dem Felsen sprudelt,
ist ein steinern Haus errichtet. Den heiligen Wassertäufer Johannem hat man
dafür als Patronum erkiesen und über der Pforte abkonterfeit. Das Volk aber ist
des Glaubens, am Sankt Johannis Abende, wie auch am nächsten Morgen, habe das
Wasser seine beste Heilkraft. Daher strömet zum Sonnwendtage eine bunte Menge
aus der Umgegend nach Warmbrunn, sich in das Badebecken zu tauchen.
Gichtbrüchige und Lahme hoffen, ihre Krankheit solle sich wenden. Gesunde aber
möchten ihren gesunden Leib bewahren; oder, wofern sie das Bad verschmähen,
nehmen sie an der lustigen Feier teil, so bei hereinbrechender Dunkelheit auf
Wiesen und Hügeln begangen wird, unter Schwenken brennender Besen und Springen
durch flammende Scheiterhaufen.
    Anno 1622 zu Johanni war's, ich zählte siebenzehn Lenze, als mir am
Mittagstische der Herr Verwalter sagte, aus Schreiberhau sei Frau Preislerin
nebst ihrer Tochter gekommen, um des Johannissegens im Bade teilhaftig zu
werden, und ich solle sie besuchen. Auf den Abend begab ich mich, in meinem
Sonntagsgewande, hin und traf die beiden Gäste aus Schreiberhau in ihrem
Losament. Es waren Frau und Tochter des böhmischen Emigranten Preisler, so vor
fünf Jahren die Glashütte im Weissbachtale angelegt hatte.
    Die Preislerin, gütigen Herzens und von einer heitern Beweglichkeit, grüsste
mich vom Oheim und berichtete, er komme in jüngster Zeit häufig zur Glashütte,
da er einer neuen Bereitung von Rubinglas auf der Spur sei. Jungfer Elfriede,
ein Jahr älter als ich, war von einer zarten, engelhaften Bildung des Hauptes
und der Glieder. Ihr bleich Angesicht, von braunem Haar umkränzet, glich einer
sanften Blume, und die dunkeln Rehaugen stauneten wehmütig in die Welt. Seit ein
paar Jahren fiel ihr das Gehen schwer, und schon redete sie davon, zum Tanzen
nie wieder fähig zu sein. Aus dem Erbarmen, das ich für die sieche Schönheit
empfand, ward eine schwärmerische Zärtlichkeit. Es erglomm in mir ein Verlangen,
ihr Gutes und Liebes anzutun, und bald schien es mir, ihr Blick ruhe mit einer
frohen Bewunderung auf meinem Antlitz.
    Da die Dämmerung hereinbrach, hätte Elfriede gern die Johannisfeuer
betrachtet und fragte die Mutter, ob sie an ihrem Arm auf die Wiese gehen dürfe.
Erst besorgete Frau Preislerin, es möchte die Abendkühle der Patientin Schaden
tun. Weil sich aber die Jungfer mit Tüchern wohl verwahrte, durfte sie an der
Mutter Arm hinaus. Nachdem ich eine Weile mit meiner Schüchternheit gekämpft,
brachte ich stammelnd für, vielleicht könne die Jungfer auch mich zur Stütze
annehmen. Sie dankte und hing sich sogleich an mich, wobei sie meinen Arm, wie
es mir schien, vertraulich drückte. Das brachte mein Gemüt in eine süsse
Verwirrung. Wiewohl ich nicht sonderlich auf das Gespräch achten gekonnt, da ich
wie ein Trunkener wandelte, habe ich doch bewegten Herzens aufgemerkt, als wir
auf die Abendburg zu sprechen kamen und den ragenden Fels herauszulesen suchten
aus dem dunkelblauen Gewoge der Berge, die sich scharf vom verblichenen
Abendhimmel abzeichneten. Träumend sprach da Elfriede: »An einem Johannisabend
ist einmal ein Sonntagskind auf dem Kynast gestanden, und da hat sich die ferne
Abendburg plötzlich zum Schloss verwandelt, und haben die Fensterscheiben das
Abendrot gespiegelt.« Mich entzückete diese Mär, als stehe das Wunder leibhaftig
vor meinen Augen.
    Frau Preislerin aber scherzete: »Geh mir mit dem dummen Gemahre von den
Sonntagskindern! Wenn jedem Sonntagskinde beschieden wäre, Wunder zu erleben,
fürwahr so wären die Wunder in unsrer Zeit so häufig wie die Spatzen.«
    Verwundert meinte Elfriede: »Aber nein, Sonntagskinder sind ganz rare
Vögel!«
    Da lachte die Mutter: »Jeder siebente Mensch ist ja ein Sonntagskind! Oder
gläubest du einfältig Madel, am siebenten Tage halte der Storch Sabbatruhe?«
    Ich und Elfriede waren überrascht und mussten mitlachen; doch es kam auch mir
von Herzen, als die Jungfer schmollend zur Antwort gab: »Warum soll uns immer
die Klugheit aus den Träumen und Mären wecken?«
    »Ach mein liebes Kind,« - seufzete die Mutter - »wer vom klugen Tage nichts
wissen mag, wird oft bitter genarret und enttäuscht.« Zu mir gewendet, fuhr sie
fort: »Denk Er nur, wie meine Elfriede erst vor einer Stunde, kurz bevor Er
gekommen ist, bis zu Tränen enttäuschet worden.«
    »Aus was Ursach?«
    »Sie hatte eine wundervolle Erwartung vom Johannisbade, das sie dem Teiche
Betesda verglich. Wie den Teich Betesda ein Engel vom Himmel besuchte und mit
Heilkraft erfüllte, die versammelten Kranken gesund zu machen, so sollte nach
Elfriedens Sinne der heilige Täufer Johannes aus dem Sonnenuntergange
dahergeschwebt kommen und den warmen Brunnen mit segnender Hand bewegen. Wie wir
aber vorhin, nachdem wir lange in einem Gedränge von Menschen harren gemusst,
endlich in das Weiberbad eingelassen worden, ist meinem Kinde, dem schon von der
lärmenden Menge die Andacht verscheucht worden, auch die letzte Neigung zum
Baden vergangen. Badende Gänse benehmen sich adlig neben diesem Haufen von
Leuten, so einander zu verdrängen suchen, um eine gute Stelle zum Auskleiden zu
ergattern und unter den Ersten ins Wasser zu kommen. Wie wir das Stossen und
Schelten, das trübe Wasser, das haufenweise Hineinplatschen der Leiber, das
Kreischen und Plätschern wahrgenommen, sind wir durch einen Blick einig worden,
ungebadet hinauszugehen. Wie töricht ist doch wohl der gemeine Glaube, dem wir
bis Dato selber gehuldigt, zur Sonnenwende Sankt Johannis bringe Warmbrunn in
einer Viertelstunde mehr Heilung als sonst in einem Badeleben von mehreren
Wochen. Nunmehr sind wir entschlossen, morgen heimzureisen und meinen Eheherrn
um die Erlaubnis zu bitten, uns später einmal zur längeren Kur nach Warmbrunn zu
beurlauben.«
    Dunkel war's indessen worden, schwarz lag das Gebirge. Funken taumelten
durch Laub und Halme - schwärmende Leuchtkäferlein.
    »Schau, Mutter!« rief Elfriede in froher Aufregung, blieb stehen, indem sie
meinen Arm losliess, und deutete nach dem Kynast; »das erste Johannisfeuer!« In
der Tat leuchtete es auf dem Turme der Veste. »Zur Linken noch eins!« fügte
Elfriede hinzu; »am Seidorfer Brünnel muss das sein; und dorten, ganz oben, wohl
bei einer Baude!«
    »Ich sehe eins über Petersdorf,« sagte ich; »das ist bei den Wachsteinen;
desgleichen oben am Schwarzen Berge fackeln sie; das sind Schreiberhauer.« Und
nun erglommen immer häufiger, immer lichter die Johannisfeuer in den düsteren
Bergen, ähnlich wie Sterne am Nachtimmel erblühn. So auch in mir jene
köstlichen Freudenfeuer, mit denen das Herz seine erwachte Liebe feiert.
    Es war mir leid, zu hören, dass Preislers bereits am nächsten Morgen nach
Schreiberhau heimkehren wollten. Da ich zu dieser Zeit von meinem Amte in
Anspruch genommen war, sagten wir einander gleich auf der Stelle Valet. Ich
drückte der Jungfer Hand: »Auf gute Genesung - und Wiederschaun!« - Sie lächelte
traurig: »Weiss Gott!« - Ich versuchte zu scherzen: »Auf Wiederschaun beim
Tanze!« Sinnend nickte sie und tat einen Seufzer: »Auf Krücken vielleicht.«
    Seit dieser Zeit ist mir ein süss Weh gleich dem duftigen Hauch einer
wunderbaren Blume gekommen, sooft ich in stiller Stunde Elfriedens gedachte.
Manch Gespräch voller Andeutungen unserer Herzensverfassung hat sich zwischen
uns in meinen Träumereien begeben, und als höchstes Glück deuchte es mich, im
Mondenschein der Juninacht Elfrieden an meiner Seite zu haben, ihr Köpfchen an
meine Schulter gelehnt.
    Mit Sorge und Gram aber hat es mich erfüllt, da ich aus einem Briefe meines
Oheims vernommen, mit Preislers Elfriede sei es schlechter worden, sintemalen
sie gar nicht mehr gehen könne. Hierauf hab ich in der Bücherei des Herrn
Schaffgotsch Schriften nachgeschlagen, so von Körpergebresten und ihrer Heilung
handeln. Da ist mir eine Historia von der Kraft des Antimonii begegnet. »Ich
bekam«, so erzählt ein Medikus, »überaus grossen Schmerz in meinem linken Arm,
dass ich den lieben Gott wohl tausendmal gebeten, er möge mich doch endlich
empfinden lassen, wie einem Menschen zumute, so ein einzig Viertelstündlein
schmerzlos wäre. Rat hab ich bei Gelehrten und Ungelehrten gesucht; hat alles
nichts helfen wollen. Recht henkermässig ward ich gemartert mit Fontanellen auf
beiden Armen und Quacksalbereien, bis endlich ein Offizier anriet, ich solle
täglich eine Prise Antimoniumpulver einnehmen und allmählich dies Quantum derart
vergrössern, dass ich in Schweiss komme, ohne Übelkeit zu empfinden. Dass ich des
Offiziers Ratschlag befolgte, hatte ich nicht zu bereuen, da ich durch
fortgesetztes Einnehmen dieses Medikamenti meine Glieder von Schmerz und
Lahmheit befreite.«
    Mich brachte dieser Bericht in Aufregung und Ungeduld. Hätte am liebsten
sogleich aus der Hirschberger Apoteke Antimon geholt und mich nach Schreiberhau
begeben, meine Elfriede zu heilen. Doch war mir bekannt, dass Antimonium ein
Gift, und so besorgte ich, die Patientin könne Schaden nehmen.
    Nachdem ich etliche Wochen in Schwanken zugebracht, traf es sich, dass ich
auf einem Botengange zu Herischdorf in eines Schreiners Stube ein artig Mägdlein
fand, so nicht von ihrem Stuhle aufstehen konnte und Krücken neben sich hatte.
Als ich mich nach der Patientin erkundigte, hub der Schreiner an zu seufzen, das
Kind sei seit dem fünften Jahre lahm, und es werde auch noch mit ihren Händen
schlimm. Traurig lächelnd sagte der Vater zum Mägdlein, es solle mir doch
weisen, was es in der Hand halte, und da sah ich, wie es vergebens sich mühte,
die Hand aufzutun, deren Finger zusammengekrümmt übereinander lagen.
    Ich dachte an mein Antimonium und fragte den Schreiner, ob er es mit einem
Mittel versuchen wolle, von dem ein berühmter Medikus grossen Erfolg verspreche.
Er brauche dann nur aus der Apoteke pulvrisiertes Antimonium zu holen, so viel
wie eine Nuss; ich werde mit aller Sorgfalt die Kur leiten und keinen andern Lohn
erwarten als die Freude, einem armen Menschenkinde geholfen zu haben.
    Der Mann betrachtete mich von oben bis unten und schüttelte den Kopf, liess
sich aber den Namen des Medikamenti auf einen Zettel schreiben und war am
nächsten Sonntag bei mir mit dem Pulver, das er richtig in der Apoteke erhalten
hatte. Das erste, was ich tat, war, das Pulver in winzige Prisen zu teilen, die
ich durch Wägen auf einer Feinwage gleichmachte. Alsdann nahm ich, um die
Wirkung des giftigen Stoffes zu erproben, nüchternen Magens eine Prise ein. Da
sie in keiner Weise Schaden brachte, nahm ich des andern Tages zwo Prisen und
verspürte nach etlichen Stunden einen leichten Schweiss. Verfertigte nun aus den
Prisen unter Beigabe von Brotkrumen Pillulen und ging nach Herischdorf zum
lahmen Mägdlein. Den Eltern schärfte ich ein, es solle die Patientin am nächsten
Morgen eine Pille, am übernächsten deren zwo erhalten. Als ich wiederkam,
vernahm ich, es habe sich keinerlei Wirkung gezeigt. Da ordnete ich für jeden
Morgen drei Pillen an - worauf Patientin stark schwitzete. Mein Spruch lautete,
es solle mit dem Eingeben fortgefahren werden.
    Wie gross war meine Freude, als sich von Woche zu Woche des Mägdleins
Befinden besserte. Nach zween Monden stund es vor der Haustüre und, mein
ansichtig, liess es seine Krücken fallen und hinkete freudestrahlend auf mich
los, um meine Hand zu küssen. Mir gingen darob die Augen über, besonders auch,
weil ich nun ein Mittel zu haben glaubte, meine liebe Elfriede gesund zu machen.
    Selbigen Tages noch schrieb ich an die Preislerin, teilte ihr die ganze
Geschichte mit und erbot mich, ihre Tochter zu behandeln. Es kam jedoch anders
als ich erhofft.
    Denn wie ich den Sonntag darauf meine Eltern in Hirschberg besuchte und bei
dieser Gelegenheit aus der Apoteke Antimoniumpulver gekauft hatte, fand ich auf
dem Marktplatze einen Auflauf. Um einen Reiter drängte sich die Menge, seinem
Bericht zu lauschen, und da ich fragte, was es gäbe, antwortete mir ein Bürger:
»Von Liegnitz her ziehet feindlich Volk gen Hirschberg, grausame Kosaken, Gnade
uns Gott!«
    Wie ich nach Hause kam, stunden vor der Türe meine Eltern und redeten mit
Nachbarn in ängstlicher, aufgeregter Weise. Bald eilten Bürger mit Büchsen und
Säbeln gewaffnet durch die Gassen, und es hiess, die Stadttore seien geschlossen,
nachdem man etliche Haufen flüchtender Landleute nebst ihrem Vieh aufgenommen
habe. Als ich mich in der Stadt umschaute, fand ich den Ring und andere Plätze
zu Lagern hergerichtet, wo die Flüchtlinge nebst ihrem Vieh und anderer
beweglichen Habe kampiereten. Die Stadttore waren verrammelt, die Zugbrücken
emporgezogen und die Wassergräben gefüllt. Auf den Wällen tummelte sich bewehrte
Bürgerschaft, lud Kanonen und Musketen und war so gut auf dem Posten, dass die
heranflutenden Reiterschwärme nach Empfang etlicher Salven flugs zerstoben und
in weitem Bogen die Stadt umkreiseten, endlich, da sie alles wohl verwahret
fanden und auf eine Belagerung nicht eingerichtet waren, das Weite suchten.
    Die Umgegend von Hirschberg allerdings litt von den Kosaken. Manche Baude
ward niedergebrannt, Korn und Heu aus den Scheuern geraubt und viele Familien
durch Grausamkeit in Jammer versetzt. Die Bewohner der Dörfer, nahe an den
Waldbergen gelegen, hatten sich in die Wildnis zurückgezogen, wurden aber eine
Zeitlang von den Kosaken verfolgt, so ihre zottigen Hunde auf die Spur der
Flüchtlinge hetzten. Immerhin kam die Gegend noch ziemlich heil davon.
    Indessen hat dies Ereignis meinen Besuch in Schreiberhau für eine Woche
verhindert, und hieraus ergaben sich traurige Folgen. Zunächst, wie ich nach
Warmbrunn zurückkehrte, eröffnete mir der Verwalter, ich habe andern Tages mit
ihm eine Reise nach Greifenberg anzutreten, wo Fohlen aus dem dortigen Gestüt
des Herrn Schaffgotsch zu übernehmen seien. Wie wir nun nach Greifenberg
gekommen waren, hiess es, neues Feindesvolk sei im Anzuge, und deswegen ward dem
Verwalter geboten, bis auf weiteres mit mir in Greifenberg zu verweilen. So ging
abermals Zeit dahin, ohne dass ich mich der ersehnten Kur in Schreiberhau widmen
konnte. Da schliesslich die Gegend vor Feinden sicher schien, mussten wir nach
Görlitz reisen, und zwar ebenfalls in Angelegenheiten der Wirtschaft. So verlor
ich im ganzen sieben Wochen, und diese böse Sieben brachte Trauer und Reue über
mich, wie über die Familie Preisler.
    Wie ich nämlich endlich wieder nach Warmbrunn kam, fand ich einen Brief
meines Oheims mit der Nachricht: »Betrübe Dich nicht zu sehr, mein lieber
Johannes! Deines guten Herzens Fürhaben, Preislers Elfriede gesund zu machen,
ist durch Gottes Ratschluss vereitelt worden. Die Jungfer haben wir am gestrigen
Tage auf den Friedhof getragen. Ein Fieber ist zu ihrem Leiden hinzugetreten,
und ihr Leben wie ein Flämmchen ohne Öl erloschen.« Kaum hatte ich diese Worte
gelesen, so war mir, als stocke mein Herz, und als tue sich zu meinen Füssen das
Grab auf, mir die Ruhe zu geben, so ich nach Elfriedens Tode nimmer über der
Erde glaubte finden zu können. Schluchzend lag ich am Boden, und es dauerte
Monde, bis ich mich von meiner Schwermut halbwegs befreit hatte. Hinterher fand
ich, dass mein Gram der Abendburg vergleichbar, insofern jedwedes Herzeleid ein
heimlich Gold entält. Meine Neigung für Elfrieden hatte eine Sehnsucht in mir
erweckt, zu lieben und zu heilen. Und also war mein besser Selbst gewachsen.
    Mein schlimmer Dämon aber war die Prophezeiung der Zigeunerin, des Oheims
Goldmachertreiben und die magische Beschwörung des Felsens. Vom Stein der Weisen
träumte ich, und auf den Schatz blieb all mein Trachten gerichtet - wiewohl er
mir unter wechselnden Gestalten, je nach den unterschiedlichen Stufen meines
Lebens erschienen ist, ähnlich dem Gotte Proteus, so in tausend Verwandlungen
den forschenden Blicken der Sterblichen entschlüpfet, indem er Feuer und Wasser,
Tier und Pflanze wird, und allein dem Starken, der ihn in allen Verwandlungen
festzuhalten weiss, sein wahres Wesen offenbart. Hatte ich zuerst von
unterirdischen Kostbarkeiten geträumt, so lenkte sich bald mein Begehren auf die
alchymistische Goldmacherei. Nachdem auch sie mich genarret, ist es mir wie
Schuppen von den Augen gefallen; mein Proteus hat auf einmal Fleisch und Bein
gehabt, ein holdselig Weib. Abermals jedoch gab es eine Umwandlung, der Schatz
ward Herrentum und Ehre, als ein König gar hab ich walten wollen. Endlich hat
mich jener Stein der Weisen begnadet, den man nur aus Zähren der Enttäuschung
und Entsagung kristallisieren kann. Indessen will ich nicht weiter vorgreifen,
sondern der Reihe nach von diesen Abenteuern Bericht geben.
 
                              Das dritte Abenteuer
                             Hexlein Schlangenglatt
 Anno 1625 war die grausame Pest in Hirschberg eingekehrt. Als ich davon
vernommen, trachtete ich besorgt zu meinen Eltern; doch ein Brief des Vaters
befahl mir, in Warmbrunn zu bleiben, und wenige Tage darauf kam folgende Post:
»Wie gern, lieber Sohn, würde ich Dich herbeirufen, dass wir mitsammen diese
Heimsuchung beweinen. Doch in Warmbrunn musst du bleiben, da unser Haus von der
Seuche infiziert ist. Willst Du Deine Mutter wiederfinden, so halte Dich zu
unserm treuen Gotte, bei dem sie nun weilet ganz und gar. Unvermutet schnell hat
er sie abberufen. Da sie nämlich eine enge Gasse passieren gemusst, ist hinter
ihr ein Wagen mit Pestleichen gekommen, dem sie nicht ausweichen gekonnt, also
dass das Rad sie am Gewande gestreift. Vermeinend, sich auf diese Weise die
Giftmaterie zugezogen zu haben, hat sie sich gleich mutlos zu Bette begeben und
des andern Tages bereits diese Welt verlassen. Ohne die Gute müssen wir nun
unsere Lebensreise fortsetzen, uns tröstend mit dem ewigen Friedensheim, allwo
wir zu allerletzt beisammen sind. Amen, mein geliebter Johannes!«
    Wie es tut, eine mutterlose Waise zu sein, hab ich bezeugt mit herben
Zähren. Sie sind aber die Vorboten gewesen einer fürdern Bitternis, da denn
selten ein Unglück allein kommt. Schon im nächsten Jahre nämlich hab ich auch
den Vater verloren, und das hat sich also zugetragen: Nach Erstickung der
böheimischen Empörung ist in Schlesien die katolische Partei zur Übermacht
gelangt und emsig darauf ausgegangen, die Evangelischen dem Papismo
zurückzugewinnen. Dominikaner hielten in Hirschberg geistliche Disputationes und
Busspredigten. Als weltlicher Beistand aber war den eifernden Apostolibus eine
halbe Kompagnie kaiserischer Dragoner zur Seite. Diese Seligmacher, wie man sie
bitter hiess, haben sich zu den Stützen des evangelischen Glaubens ins Quartier
begeben, sie durch Pressung mürbe zu machen. Auch zu meinem Vater sind welche
gekommen, haben die besten Gemächer beansprucht und Küche und Keller geplündert.
Wie nun eines Sonntags ein Dragoner in berauschtem Zustande, gestiefelt und
gespornt im Bette meines Vaters gelegen ist, hat diesen das eine Mal seine
sanfte Art verlassen, dass er flammenden Auges Protest erhoben. Da hat der wüste
Kerl sich beleidigt gefühlt und mit plumper Faust meinen widerstandslosen Vater
angefallen. Zur Tür hinausgestossen, ist der arme Vater so unglücklich die Treppe
hinabgestürzt, dass er auf der Stelle den Geist aufgegeben. Die Entrüstung über
die Seligmacher, die mich wie auch die Bürgerschaft hinriss, hat mitnichten etwas
gebessert. Wie ich nämlich zu Vaters Bahre eile, geleitet von teilnehmenden
Nachbarn, begegnet uns auf der Gasse ein Dragoner-Cornet, ein hochfahrender
Junker. Betroffen über unsere finsteren Blicke, zieht er voreilig den Degen. Da
brauset es in mir. »Blutund!« schreie ich, packe den Degen und zerbreche ihn im
Nu. Aus dem folgenden Handgemenge werde ich von einem Bürger hinweggerissen, der
mich den nahenden Häschern entziehen will.
    Da ich der sofortigen Verhaftung gewärtig sein und also ohnehin darauf
verzichten musste, dem Begräbnis meines Vaters beizuwohnen, so flüchtete ich
durch einen Garten über die Stadtmauer und begab mich, unter Vermeidung von
Warmbrunn, wo ich nicht sicher war, nach Schreiberhau, während der Oheim die
Reise zum Begräbnis seines Bruders tat. Es war nun mein Schicksal insofern
entschieden, als ich weder nach Hirschberg, noch auch nach Warmbrunn
zurückdurfte und einstweilen beim Oheim bleiben musste. Recht trüb ist mir die
Zeit hingegangen, meine Toten hab ich beweint, und nur das Studium
laborantischer und alchymistischer Schriften, sowie die Arbeit mit dem Oheim ist
mir eine Beruhigung gewesen.
    Des öftern haben wir Abends mitsammen beraten, was aus mir werden solle, und
weil meine Verfolger hätten erfahren können, dass ich in Schreiberhau weile, so
kamen wir zu dem Entschlusse, ich solle nach Ablauf des Winters gen Prag ziehen
und bei einem Jugendfreunde meines Vaters, den der Oheim als einen erfahrenen
Arzt und Chymisten rühmte, in die Lehre gehen; er hiess Herr Waldhäuserus,
medicinae doctor. An ihn gab mir der Oheim ein Empfehlungsbriefel. Im Beisein
der alten Beate zählte er dann drei Dukaten auf den Tisch. »Hier hast du eine
Erbschaft von deinen Eltern, denen es in ihrer Dürftigkeit doch gelungen ist,
dies Gold zu erübrigen. Aus meiner Ersparnis sind ein paar Gulden hinzugefügt.
Halte die Gabe so in Ehren, dass du nur im Falle echter Not davon Gebrauch
machst. Beate wird die Dukaten in dein Wams einnähen.« Sich die Augen wischend,
sprach die alte Beate: »Schau dir die Goldstücke an, Johannes; ich habe sie
blank geputzt und in jedes ein Kreuzlein gegraben. Das mag dich an deine Heimat
erinnern und an deine Lieben, heimlich sprechend: Gib nicht leichtfertig aus!«
Gerührt dankte ich dem Oheim und der guten Beate, worauf diese ihre Brille
aufsetzte und die mit Wolle umhüllten Dukaten in mein Reisewams einnähte.
    Der Oheim begleitete mich übers Isergebirge, wo noch viel Schnee lag, bis
ins Tal des Iserflusses, der geschwollen durch sein Felsenbett brausete. In der
Schenke des nächsten Dorfes nahmen wir Abschied von einander. Um seine
Traurigkeit zu vertreiben, liess der Oheim einen warmen Würzewein bereiten. Beim
Trinken äusserte er nicht üble Lust, mit mir in die weite Welt zu ziehen, doch
wegen unverrichteter alchymistischer Arbeit, auch wegen des Häusels und der
alten Beate wollte er lieber einstweilen in Schreiberhau bleiben. Vom Weine
gesprächig, erzählte er mir aus seiner Jugendzeit und gab allerlei Ratschläge.
Zuletzt kam er hoffnungsvoll auf die Prophezeiung der Zigeunerin, und sein
lodernd Auge drang zu meiner Seele Grunde. Dann umarmte und küsste er mich, und
ich ging. Vor der Schenke stand er, den Blick auf mich geheftet, bis ich an des
Weges Wendung den allerletzten Gruss gewinket hatte.
    Verlassenheit empfand ich, da ich im Waldtal neben dem brausenden Flusse
keine andere Gesellschaft hatte, als meine betrübten Gedanken. Doch wie nach
etlichen Stunden das Tal sanfter und grüner ward, lachte im zwanzigjährigen
Geblüt der leichte Sinn. Was vor mir lag, deuchten mich lauter gute Dinge, frohe
Überraschungen und Erfüllungen, dabei half es nichts, dass eine Stimme im Innern
mich warnte, nur ja nicht übermütig und unvorsichtig in die Welt zu tappen.
    Bei Espenbüschen, die ihre Blütenkätzchen sonnten, hielt ich Rast und
schaute zurück auf die entfernten schneebedeckten Berge. Indem machte sich ein
flatternd Waldvöglein bemerkbar, so allerlei Gerüstwerk zu seinem Neste
zusammentrug. Es setzte sich niemalen auf einen Zweig und hub kein Hälmlein auf,
ohne zuvor durch Umherspähen versichert zu sein, dass ihm kein Feind oder Garn
drohe. Und bevor es seine Fittiche reckte, der Luft sich anzuvertrauen, drehete
es noch das Köpfchen prüfend, ob auch kein Raubvogel laure. »Leichtfertiger
Tölpel« - sprach ich zu mir - »Waldvögelein mag dich beschämen, weil du in der
argen Welt nicht so viel Fürsicht anwendest, wie diese geringe Kreatur.« Kaum
aber hatte ich mir selber diese Predigt gehalten, so spitzte ich schon das Ohr,
weil zween Wandrer gegangen kamen, deren einer mit schöner tiefer Stimme ein
verführerisch Liedel sang:
»Ein Hexlein aus der Hölle Brut,
Ein schmuckes, blond wie Flammenglut,
Ein Hexlein weiss ich, schlangenglatt,
Das Myriaden Buhlen hat.
Es zu umarmen, dürsten
So Bettler und so Fürsten,
Soldaten, Juden, Christen,
Schatzgräber, Alchymisten.«
Sie flehen süss und lispeln hold:
»Sei mein, o mein, Herzliebchen Gold!«
Das Hexlein lacht: »Wen ich begnad',
Ist vieler Leute Potentat.
Ich hex' ihm her, was auf der Erd
Ergötzlichkeit sein Herz begehrt -
Lustgärten und Paläste,
Musik und noble Gäste;
Was willst du? Pokulieren?
Ein Bräutlein karessieren?
Befiehl! Ich klimpre klinglingling,
Und husch, da ist das liebe Ding.«
    Der Sänger war ein grosser dicker Mann, den breiten Hut mit wogender Feder
schief auf dem dunkeln Lockenhaupte, und den Mantel in ähnlicher Weise
umgeschlagen, wie es an heroischen Standbildern zu sehen. Auf dem Rücken das
Ränzel, in der Hand den Knotenstock, glich er gleichwohl mitnichten einem
wandernden Handwerksgesellen. Rollend blitzten grosse schwarze Augen mit
dunkelgemalten Rändern, das Antlitz war blass und rasiert, die vorgeschobene
Unterlippe schien zu verkündigen: »Respekt, ihr Leute!« Mir ganz nahe gekommen,
musterte mich der Sänger und blieb mit hochfahrender Miene stehen.
    »Ei, guten Tag!« sagte sein Begleiter. Ein Buckeliger war's, hatte listige
Augen mit geröteten Lidern, ein fahl und schlaff Gesicht. Etliche blonde Härlein
ob dem Munde waren zu einer Art Schnurrbart zusammengedreht. Das geschorene
Haupt mit dem spitzen Hut suchte er aus dem Engpass der Schultern herauszurecken,
und das blaue spanische Mäntelein sollte herabwallend den Rückenschaden
bemänteln.
    »Wo hinaus des Weges?« fragte der Lange, Dicke. Ich begegnete dem
hochfahrenden Blicke keck und bedachte mich ein Weilchen, ob ich überhaupt
Antwort geben solle. Sprach aber dann, den Hut lüftend: »Guten Tag, Ihr Herren!
Da Ihr mich fragt, wohin des Weges, so wisset, dass ich gen Prag ziehe.« »Ei, da
gehen wir wohl ein Stücklein mitsammen, so es Ihm beliebt?« sagte der Bucklige.
»Warum nicht?« antwortete ich, »wofern der Herr an Eurer Seite Kameradschaft zu
halten gesonnen.« »Oho, warum nicht? Freilich doch!« begütigte der Lange und bot
mir die Rechte, in die ich einschlug. Gemeinsam gingen wir des Weges und wussten
zunächst nicht, worauf unsere Rede kommen solle. Dann begann der Lange: »Also
nach Prag geht Seine Reise? Ist Er Studiosus, oder hat Er Geschäfte?« -
»Studiosus möcht ich wohl werden, einstweilen aber bin ich der Apotekerei
beflissen.« Meine Begleiter blieben wie angewurzelt stehen, schauten sich an und
brachen in Gelächter aus. »Da hätten wir ja den gesuchten Dritten,« sagte der
Bucklige triumphierend; »das heisst, wenn er mittun will.« »Er muss wollen«, gab
der Lange zur Antwort, pflanzte sich vor mich hin und sprach herablassend: »Ich
bin der Apoteker Pomponius, und mein Freund hier ist der Wundermedicus
Schrepfeisen. Wir begeben uns zum Frühjahrsmarkte nach Jung-Bunzlau, unsere
Salben, Pillulen und Latwerge unter die Leute zu bringen. Wir suchen einen
dritten Mann, der unsere Waren bereiten hilft. Denn, was mich betrifft, so hab
ich eine besondere Begabung zum Ausrufen, der Medicus aber muss hinter dem Tische
sitzen, bei schwierigen Patienten seinen Rat zu geben. Wir machen nun Ihm,
junger Gesell, die Propositio, unser Helfer zu werden und dafür einen guten Sold
zu empfahen.« Nicht ohne Misstrauen sah ich bald den einen, bald den andern an
und schwieg. Hierauf setzten wir die Wanderung fort. Mit mir im Reinen, gab ich
folgenden Bescheid: »Euer Antrag, Ihr Herren, ehrt mich; indessen wüsst' ich
nicht, aus was Grunde ich ihn annehmen sollte. Was ich als Laborant und
Apoteker gelernt habe, ist noch gar nicht viel, und so muss ich beflissen sein,
mir die rechte Kunst anzueignen. Bei einem erfahrenen Mediko zu Prag soll das
geschehen.« - »Hoho,« meinte Pomponius, »gläubet Ihr etwan, der hochberühmte
Doktor Schrepfeisen sei nicht erfahren genung? - von mir gänzlich zu schweigen
....« »Und kann Ihm denn Sein Prager Medicus etwas Besseres beibringen, als die
Kunst, aus den Gebresten der Leute Gold zu machen?« setzte der Bucklige eifrig
hinzu. Ich wusste nicht, was auf diese Einreden zu antworten, und ging stumm des
Weges. Der Bucklige redete weiter: »Ein Haufen Geld wird auf den Jahrmärkten
zusammengescharrt, und Er soll davon sein gerecht Teil abhaben. Mein Wort
darauf, dass für Ihn ein Goldstück täglich abfällt.« Da ich noch immer schwieg,
meinte Pomponius spöttisch und etwas lauernd: »Nun freilich, wenn Er selber Gold
genung im Wamse hat« .... - Ich stutzte und spürte, wie mir das Blut in die
Wangen schoss, da ich der Meinung war, meine Begleiter hätten etwas von meiner
eingenähten Erbschaft bemerkt. Aber ich fasste mich und gab die ausweichende
Antwort: »Gold im Wamse haben, das freilich wäre eine schöne Sache und lockt
mich wohl; indessen muss ich ohne Zeitverlust nach Prag gelangen, da ich sonsten
mein Amt als Heilgehilfe versäumen könnte.« - »Nach Belieben!« meinte Pomponius
kalt. Der Bucklige aber fügte hinzu: »Kommt Zeit, kommt Rat. Vielleicht überlegt
Er sich unsern Antrag noch im stillen.« Nach längerem Schweigen hub ich zu reden
an, indem ich den Pomponium ansah: »Was hat der Herr eine majestätische Stimme.
Man sollte meinen, Er gehöre einer Truppe jener Sänger aus Italia an, so
kunstreiche Singspiele aufführen.« Pomponius antwortete aufgeblasen: »Seine
Diagnosis, junger Gesell, hat etwas Zutreffendes. Allerdings war ich in früheren
Jahren Singens und Komödiespielens beflissen und übete meine Kunst vor manch
hoher Herrschaft.« Mit schlauem Lächeln fügte der Bucklige hinzu: »Und die
Komödiantenkunst soll uns auch in Jung-Bunzlau zustatten kommen, denn es gibt
keinen besseren Ausrufer als diesen ansehnlichen Jünger der Muse Talia.«
    Das unweit gelegene Schloss Gitschin, dem Herzog Wallenstein gehörig,
veranlasste den Buckligen zu der Frage: »Ist es wahr, dass der Wallenstein seine
Pferde aus silbernen Raufen fressen lässet?« - »Allerdings,« - bestätigte
Pomponius - »und in den Ställen fleusst das Trinkwasser durch marmorne Becken,
manche Pferde haben gar gülden Geschirr. Um sein Schloss herum dehnet sich der
schönste Garten mit seltenen Blumen. Aus Gebüschen lugen marmorne Standbilder
glorioser Kriegeshelden, und zum Lustwandeln hat es dort prächtige Säulengänge
und Loggien. Ja, der Wallenstein, neuerdings von der kaiserlichen Majestät zum
Herzog erhoben, ist in teutschen Landen der reichste Fürst, dem antiken Kröso
vergleichbar. Was aber sonderliche Bewunderung verdient, ist dieses Mannes
Kunst, aus allem, womit er sich befasset, Gold zu machen. Früher ein armer
Edelmann, hat er es verstanden, mächtiger als der Kaiser selbst zu werden, und
zwar durch die Waffen, die ihn vom gemeinen Soldaten zum Generalissimo erhoben
haben und noch auf einen Königstron bringen werden, gebet acht!« »Hol mich der
Teufel,« meinte der Bucklige, »hätt ich nicht meine vermaledeite Kriegskasse
hinten, mir wäre das Waffenhandwerk willkommen, da es für den Armen das beste
Mittel, emporzukommen.« - »Für den Armen?« fragte Pomponius. »Doch wohl nicht!
Sondern mehr für den Reichen. Der Reiche, wofern er nicht unternehmend, läuft in
diesen Kriegszeiten stets Gefahr, seines Gutes beraubt zu werden; drum tut er am
besten, selber unter die Beutemacher zu gehen, sich mit einer Soldateska zu
umgeben und allerwegen die Leute auszubeuteln. Gelegentlich mag ja auch der Arme
als Krieger zu Reichtum gelangen. Aber die Offiziere nehmen ihm alleweil das
Beste weg, und der Arme verliert im Felde sein Leben leichter als der Reiche.
Sonsten hätt auch ich schon das Glück der Waffen versucht. Doch ich rieche das
Pulver nicht gern und weiss mir bequemere Regulen, den Leuten das Geld
abzunehmen. Übrigens bin ich schon in meinen Knabenjahren mehr darauf aus
gewesen, Geld zu vertun als mühselig zu erringen. Zu den epikureischen
Philosophis gehöre ich und überlasse das martialische Heldentum solchen, die
sich dazu berufen fühlen.« Und Pomponius trällerte stolz:
»Ein Hexlein weiss ich, schlangenglatt,
Das Myriaden Buhlen hat ...«
    »Weisst du« - nahm der Bucklige das Wort - »an wen mich dein Hexlein
erinnert? An Jungfer Susannen! Du kennest doch das Wirtshaus in Prag, zur
Äpfelkammer geheissen?« »Ei, diese Schönheit ist mir nicht bewusst,« sagte
Pomponius; »indessen ich doch sonsten im dortigen Weibsvolk Bescheid weiss.
Susanne? Erzähl Er des weiteren von dieser Tempeljungfer Bacchi et Veneris!« -
Der Bucklige machte verliebte Augen: »Denket euch des Rehes Wuchs, im Angesicht
Lilien mit Rosen vermenget, Augen wie Vergissmeinnicht, korallenrote Lippen und
langes goldfarbenes Haar, so habet Ihr die schöne Susanne, wie sie leibt und
lebt. Was aber Gemüt und Sinn betrifft, so weiss sie bald die hochgeborene Dame
zu spielen, bald wieder durch Schöntun und Schelmerei dem Gast den Kopf zu
verdrehen und das Herz zu rauben.« - »Solch eine Rosenknospe hat es leicht, die
Leute zu betören,« schmunzelte Pomponius; »muss aber auch List dabei sein.
Wetter! wenn ich solch ein glatt Weibsbild wäre, haha, ich getraute mir einen
Reichtum zusammenzuraffen, dass ich gleich der ägyptischen Rhodope eine Pyramide
aufbauen, oder wie die Phryne die Stadt Teben mit Mauern umgeben könnte. Denn
ich wüsste manchen seidenen Schnauzhahnen dermassen zu lausen, dass ich der schönen
Lamiä nichts nachgäbe, die dem verliebten Demetrio all sein Gold abgenommen. Oh,
wie manchem Hengst tät ich das Seil über den Kopf werfen, dass er fein artig in
meinem Dienst spazieren müsste.« - Der Bucklige nickte: »An List fehlet es der
schönen Susanne mitnichten, und nur in einem Punkte soll ihr Verstand der
schwachen Ferse des Achilleus gleichen. Sie gläubet alten Weibern, so sich für
Prophetinnen ausgeben, und hat sich von ihnen ein schön Stück Geld abnehmen
lassen.«
    Der Abend war hereingebrochen, als wir ins Städtlein Turnau gelangten und im
Wirtshaus »Zur Krone« einkehrten. Da wir übernachten wollten, wies uns der Wirt
die Gemächer; in dem grösseren waren zwei Betten. Wiewohl es mir passend schien,
dass die beiden befreundeten Wanderer das Zimmer mit den zwei Betten nähmen,
erklärte der Bucklige: »Mit dir, Pomponi, schlaf ich nicht. Deine
Komödiantenkehle verstehet sich nicht bloss aufs Singen und Saufen, sondern auch
aufs Schnarchen. Erlaube dahero mein junger Kamerad, dass ich lieber mit Ihm das
Zimmer teile.« Mir war dies Ansuchen nicht sonderlich genehm; da aber der Wirt
kein drittes Gemach hatte, so blieb mir nichts übrig, als ja zu sagen. Nachdem
wir Ranzen, Mantel und Hut in den Kammern abgelegt, gingen wir hinunter in die
Gaststube und liessen Wein, Brot und Fleisch auftragen. Bald ward ich inne, dass
meine Begleiter im Zechen viel leisten konnten. Wiewohl mich nun die innere
Stimme vor dem Weine warnte, tat ich doch des Guten zuviel. Denn ich hatte mir
einen tüchtigen Durst an den Leib gelaufen und meiner Begleiter Zureden wie
Beispiel überwand stets von neuem meine Bedenken. Als wir in später Stunde zu
Bett gingen, mussten mir meine Reisegefährten unter die Arme greifen. Ich hatte
noch soviel Besinnung, dass ich mein Wams, drein die Goldstücke eingenäht waren,
zusammengerollt unter mein Kopfkissen tat. Kaum hatte ich mich hingestreckt, so
schwankte das ganze Haus mit mir, und ich sank in Schlaf.
    »Sakrament! Meine Hose!« Von diesem Geschrei erwacht, richtete ich mich
verstört im Bette auf. Mein Kopf tat weh. Im Hemd lief der Bucklige umher, als
ob er die Kammer durchsuche: »Wo ist meine Hose? Ha, Spitzbuben!«
    Besorgt griff ich unters Kopfkissen, mein Wams war verschwunden, das Wams
mit den eingenähten Dukaten. Sofort sprang ich auf, wühlte in den Kissen, riss
Strohsack und Decken heraus, fand aber das Wams nicht. Auch meine Hose war fort.
»Ha! hier sind die Spitzbuben eingestiegen!« schrie der Bucklige zum offenen
Fenster hinaus, und zu ihm tretend, sah ich aussen eine Leiter an die
Fensterwand gelehnt. Die Faust schüttelnd, lärmte der Bucklige: »Meine Hose!
Bestohlen bin ich! Sakrament!« - »Himmel Herrgott, was hat's denn?« rief der
eintretende Wirt. - »Spitzbuben haben meine Hose gestohlen.« »Und meine
Dukaten!« fügte ich weinerlich hinzu, »in mein Wams eingenäht - fort ist das
Wams!« Gross sah der Wirt bald mich, bald den Buckligen an, ging ans Fenster und
schüttelte den Kopf: »Die Kammertür war nicht verriegelt. Wo ist denn der
dritte?« Er ging, und wir folgten. Pomponius lag in seinem Bett und schnarchte.
»He, Pomponi!« rief der Bucklige. - »Halt's Maul!« grunzte jener und wälzte sich
auf die andere Seite. Aber den Wasserkrug ergriff der Bucklige und taufte den
widerspenstigen Kameraden, dass er prustend aus dem Bette sprang. »Bist närrisch,
Schrepfeisen?« - »Nein, aber bestohlen!« Und wir berichteten, was geschehen. Der
Wirt indessen schaute im Gemache umher, prüfte das Fenster und durchstöberte die
Betten, als könne hier der Spitzbube seine Beute verborgen haben. Dem Pomponio
schien des Wirtes Gebaren nicht befremdlich; bloss dass er trocken sagte: »Hier
ist alles in Ordnung.« Mit Achselzucken meinte nun der Wirt zu mir: »Ja, junger
Herr! Eine böse Welt! Sein Geld wird wohl hin sein. Drei Dukaten, ins Wams
genäht, nicht wahr? Und das Wams unterm Kopfkissen? Hum! Ich ahne!« - »Was ahnet
Er?« fragte Pomponius; der Wirt aber blickte ihn scharf an und versetzte: »Ich
ahne, dass Er für alle drei Zeche und Herberge zahlen wird.« - »Wer? Ich? Oho!
... Nun ja doch! Aufs Zahlen soll mir's nicht ankommen. Sogar Kleider will ich
den Kameraden kaufen. Schaff Er welche, Kronenwirt!« Schweigend, von oben bis
unten musterte der Wirt meine Kumpane, murmelte in sich hinein und ging.
    Nebst Schrepfeisen begab ich mich wieder in unsere Kammer und setzte mich
ratlos auf mein Bett, während jener behaglich nochmals in die Federn kroch.
Seinen Verlust hatte er bereits verschmerzt; denn er hub ein meckernd Lachen an:
»Hehe, Lehrgeld war das! Hehe, nicht mehr gegreint! Heute verloren, morgen
gewonnen! Wahrlich, Johannes, ich verspreche Ihm einen halben Dukaten Tageslohn,
so Er als Apoteker mir und dem Pomponio Dienste leistet. Morgen beginnet der
Markt in Jung-Bunzlau. Da werden wir als ruhmreiche Heilkünstler auftreten und
aus Rindsschmer Gold machen. Ist Er dabei? Nicht? Na, was will Er denn sonsten
beginnen? Ist ja kahl wie ein abgehäuteter Esel, hat nicht mal Lumpen, seine
Blösse zu decken, und seine Zeche muss der Pomponius zahlen. Nun freilich, das tut
der Pomponius aus Kameradschaft. Er aber, Johannes, sollte doch darauf sinnen,
wie Er's dem guten Pomponio vergelte. Den Teufel auch, umsonst ist der Tod.
Gläubet Er etwan, dass ihm die Kleider gehören, so ihm der Pomponius durch den
Wirt besorgen lässt? Nur geliehen sind sie, und so Er sie nicht wieder hergeben
will, bleibt Ihm schon nichts übrig, als mit uns zu halten. Siehet Er das ein,
hehe?« - Ich schwieg eine Weile, und fragte kläglich: »Und ich soll an jedem
Markttag einen halben Dukaten haben?« - »Freie Herberg und Zeche dazu!«
versicherte Schrepfeisen. - »Nun, wohlan! So will ich Euer Gehilfe sein.« -
»Brav!« erwiderte Schrepfeisen; »was Er zu tun hat, will ich Ihm gleich sagen.
Wir haben Salben zum Verkauf nötig, Mixturen, Latwerge, Pflaster, Pillulen.
Alles muss Er täglich bereiten. Die Leute reissen sich darum, wie Enten um
ausgeschütteten Unflat.« - »Doch wie soll ich als Anfänger in der Apotekerei
die Medikamente zustande bringen?« - Der Bucklige lachte: »Rindstalg mit Wachs
und etwas Würze, Brotküglein mit Zimmet, Bier oder Tinte vermischt. Und wenn ich
nichts als Hühnerdreck hätte, ich wollte dem dummen Volk eine Salbe bereiten.« -
»Machet solche Salbe allein,« sagte ich ungehalten; »dazu bedürfet Ihr keines
Dritten. Ich wenigstens möchte ein echter Heilkundiger werden, nicht ein
Quacksalber.« - »Hoho!« brausete Schrepfeisen auf. »Will Er die Nase hochhalten,
da Er doch Ursach hätte, fein demütig zu sein? Mit berühmten Heilkünstlern hat
Er zu tun, und wenn ich sage, dass man dem Volke Hühnerdreck aufschmieren könne,
so meine ich nur, dass es leichtgläubig ist, und dass wir uns seine
Leichtgläubigkeit zunutze machen könnten. Mitnichten aber will ich unsere
Medikamenta schlecht machen. Einfach zwar sind die Verrichtungen, so wir von
Ihm, Johannes, erwarten; indessen tun wir zu den Salben, Mixturen und Pillulen
stets etliche Tropfen von einem Lebenswasser, das in heimlicher Kunst bereitet
und tausendfach erprobt ist.«
    Obwohl mir auch nach dieser Beschönigung die Sache nicht richtig vorkam,
ward ich doch den Quacksalbern gefügig. Allzusehr schon hatte ich mich mit ihnen
eingelassen und durch den abends genossenen Wein mein Gewissen wie meinen
Verstand benebelt. Wie ich nun, gleichermassen auch der Bucklige, Gewand erhalten
und mich bekleidet hatte, gingen wir zur Wirtsstube hinab, wo drei Teller mit
Morgensuppe dampften. Pomponius bezahlte den Wirt, und wir setzten unsere
Wanderung fort. Noch vor Abend waren wir in Jung-Bunzlau, wo auf dem Ringe Buden
gezimmert wurden. Meine Begleiter ratschlagten, welcher Stand für unsern
Warentisch am besten geeignet sei, und der listige Schrepfeisen tat den
Vorschlag, mit dem Lammwirt ein Abkommen zu treffen, dass wir neben seiner Tür
unsere Waren auftischen durften. Da Pomponius reiche Zeche machte, war ihm der
Wirt gefällig, und nun gingen wir an unsere Geschäfte. Einen Teil seines Kellers
gab der Wirt zum Laboratorio her. Von Steinen ward innen eine Feuerstätte
errichtet, und meine Kumpane kauften Töpfe, Tiegel, gegerbte Felle, aus denen
Pflaster gemacht werden sollten, Phiolen, auch Mehl, Zucker, Zimmet, getrocknete
Kräuter, Wachs und Rindstalg. Schrepfeisen brachte noch eine Flasche mit
himmelblauer Flüssigkeit und sprach wichtig: »Hier vertraue ich Ihm unser
Lebenswasser an. Tut Er in jeglich Medikamentum etliche Tropfen davon, so ist es
sicher heilsam.«
    Nun hub ein Schmelzen und Sieden, Mörseln, Schmieren und Pillendrehen an,
und bald stank das Laboratorium nach verbranntem Fett. Schrepfeisen mahnte zur
Eile und gab auf meine Frage, wie dies oder jenes zu bereiten, halben Bescheid
unter meckerndem Lachen. Als ich das Laboratorium verlassen durfte, war ich
missmutig, Schrepfeisen aber rieb sich die Hände; denn viele Tiegel, Phiolen und
Latwerge waren zum Verkauf fertig, auch für das Auge einladend, die Gefässe mit
buntem Papier beklebt, die Pillulen versilbert und in Schächtelchen verpackt. An
diesem Abend hielten wir uns vom Trinken zurück, um andern Tages frische Kraft
zu haben.
    Schon in der Frühe ward ich wach vom Lärmen, so auf dem Marktplatz erscholl,
wo man die letzten Hammerschläge tat, mit Handwagen Waren herbeischleppte und
die ersten Käufer durch schreiendes Ausbieten herbeilockte. Wir hatten aus
Brettern eine Erhöhung gezimmert und darauf einen langen Tisch gestellt, wo
unsere Medikamenta prangten. An der Mauer des Gastauses war ein Tron für den
Doctorem Schrepfeisen. Beim Trödler hatten meine Kumpane sich auffällig
ausstaffieret, auch eine Kriegstrommel und eine Laute erworben. Wie nun der
ganze Kram in Ordnung war, begab sich jeder auf seinen Posten, ich also hinunter
in mein Laboratorium, wo das Schmelzen und Stänkern von neuem losging. Von oben
aber scholl des Pomponii Marktschreierei. Da ich mittags die Lücken der
Warenauslage ergänzen musste, fand ich Gelegenheit, meine Verbündeten bei ihrem
Gefecht zu beobachten. Kopf an Kopf drängten sich Gaffer um den Stand, und stolz
wie der Gott Hippokrates tronte Schrepfeisen, angetan mit Lockenperücke und
scharlachenem Mantel, auf der Nase eine Hornbrille. Dunkelrot im Gesicht, rührte
Pomponius die Trommel, als solle ganz Böheim zum Aufruhr erwachen. Und wie sah
der Kerl aus! Unter dem mächtigen Federhute wallten schwarze Locken über einen
gefälteten Kragen, der sich wie ein Wagenrad um den Hals legte. Das Wams war von
grasgrünem Sammet, mit Silber verscharmieret, über den Rücken hing ein
buttergelber Mantel. Aus den Saiten zupfte er ein Präludium und sang wie ein
Possenreisser:
»Die Weibgen mit den Flöhen
Hant ewiglichen Krieg.
Wie hetzen sie und spähen,
Dass man die Flöh' erschlüg'!
Und hätt ich allweil baren
Ein Gulden in der Hand,
So oft die Weibgen fahren
Noch Flöhen unters G'wand,
Zwölf Kisten tät ich nageln,
Zu bergen meinen Zoll,
Die sollten täglich hageln
Von Gulden krachend voll.«
    Weil des Gelächters ein reicher Tribut kam, warf sich Pomponius auf den
Hauptteil seiner Rolle. Wie eine Posaune dröhnte sein Ausrufen: »Jawohl, jawohl,
jawohl! Flöhe, Läuse, Wanzen - die nennt ein jeder sein - sie zwicken uns den
Ranzen - wie heisse Höllenpein. Doch da kommt der famose, gloriose, hochberühmte
Medikus, Herr Doktor Schrepfeisen, nach Jung-Bunzlau und vertreibt alles
Geziefer mit dieser Mixtur, aus Würzlein und Kräutlein des Landes Arabia
kunstreich bereitet. Etliche Tropfen ins Gewand gesprengt, ins Hemd oder Bett,
betäuben und vergiften das ganze Floh- und Wanzengeschmeiss. Aber wir haben hier
noch andere Raritäten: Pillulen wider harten Leib, Pflaster für Gliederweh und
Husten, wie wir denn alle Gebreste heilen oder doch zu lindern wissen. Da ist
insonderheit diese Wundersalbe. Schauet her, Leute! Hier hab ich ein irden
Büchslein voll. Zum Einreiben der kranken Glieder und ein wahrer Lebensbalsam.
Euch ist bewusst, ehrbar Publikum: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, am
letzten Tage aber hat er den Menschen gemacht. Drum bezeugen alle Gelahrten, dass
des Menschen Schmalz alle andern Schmälze übertrifft, so wie Gold weit mehr
wert, denn Zinn oder Blei. Wenn ich nun diese Wundersalbe mache, so nehm ich
erstlich dazu Menschenschmalz, danach Wachs, das haben die Bienen des heissen
Landes Afrika aus denen afrikanischen Blüten gesammelt. Drittens nehm ich dazu
Sankt Johannisöl, fleusset im Lande Tucia aus den harten Steinfelsen durch
wunderbare Schickung Gottes. Endlich brauch ich das oleum popoleum oder Schmalz
einer wilden Katze, die schläft auf dem Schweizergebirg von Sankt Gallen bis
Sankt Jörgentag und wird davon so feist, dass, wer es nicht mit eigenen Augen
gesehen, meinen sollte, das wäre alles erlogen. Summirum summarum, ich nehme das
Kräutlein Herba, gewachsen im Lande Regio auf dem Berge Mons, am lieblichen
Wasser Aqua, im Monat Mensis. Daraus hat meine Salb ihre wunderbarlichen Kräfte,
und ich will nicht ehrlich sein, so mir jemand im ganzen Römischen Reiche die
Salbe nachmachet. Herbei denn, alt und jung, Mann und Weib! Kauf in der Zeit, so
hastu in der Not! Und wenn die Gesunden tüchtig mit der Salbe schmieren, so kann
ihnen keine Krankheit an den Leib. Kaufet, kaufet, das Salbenbüchslein für 5
Gröschel! Ich hab auch kleinere, die kosten drei. Dahier, wer will?« Und es
streckten sich gleich fünf, sechs, sieben Arme aus, die Toren gaben gläubig ihre
Groschen. Hatte nun Pomponius eine Gattung von Medikamenten unter die Leute
gebracht, so fing das Getrommel wieder an, und stets aufs neue vernahm ich das
Geträller »Die Weibgen mit den Flöhen.«
    So ging es Tag für Tag; am vierten aber war ich von meinem Gewerbe derart
angewidert, dass ich mich von den saubern Kumpanen scheiden wollte. Doch wie ich
beim Nachtmahl mit meiner Absicht herausrückte, fielen Pomponius und
Schrepfeisen mit wilder Beredsamkeit über mich her. Rasselten mit dem
eingenommenen Gelde und meinten, das Geschäft gehe über Erwarten gut. Wie ich
den mir zukommenden Lohn forderte, wollten sie nicht damit herausrücken und
machten geltend, ich wolle sie im Stich lassen. Schliesslich kamen wir überein,
ich solle zunächst die verdienten zween Dukaten, den dritten am sechsten Tage
empfahen. Da mich die Quacksalber nicht entbehren konnten, hielten sie ihre
Zusage.
    Ich atmete erleichtert, als ich nach Schluss des Marktes im Kämmerlein meine
erschöpften Glieder zur Nachtruhe hingestreckt hatte. Und wie ein Vogel aus dem
Käfig schlüpfte ich in der Morgenfrühe zum Stadttore hinaus. Bei der ersten Rast
im Walde wollte ich meine Goldstücke ins Wams einnähen und holte sie herfür. Sie
ersetzten die in Turnau mir entwendeten Dukaten, sahen auch nicht minder blank
aus. Indessen schien ein ekler Geruch daran zu haften, und sie weckten peinliche
Erinnerung. Hingegen gemahnten jene anderen Dukaten, die mir Beate ins Wams
eingenäht hatte, an meine guten Eltern und den Oheim, an ehrliche Arbeit,
Sparsamkeit und treue Fürsorge ... Doch was war das? Wie ich meine Dukaten so
betrachte, sind es genau dieselben, die mir Beate mit Kreuzen bezeichnet hatte.
Ei du tückischer Schrepfeisen, du also hast mir das Geld gestohlen und hast die
Leiter ans Fenster gesetzt, um auf falsche Fährte zu leiten, und Pomponius war
dein Spiessgesell. Nachdem ihr mich bestohlen, habet ihr mich obendrein zu eurem
Sklaven gemacht, zum Werkzeug eurer Betrügerei. Und schämtet euch nicht, mich
mit denselben Goldstücken zu besolden, die ihr mir abgenommen. Pfui! Ich war
versucht, das Geld von mir zu werfen; doch weil es ja auch ein Andenken an meine
Lieben war, so nähte ich die Dukaten wieder ins Wams, während des Oheims Gulden
mir zur Zehrung dienen sollten.
    Nachmittags trat ich aus dem Walde, und da lag im Sonnenschein unter mir, an
die weinbepflanzten Hänge geschmiegt, von starken Mauern umgeben, die Residenz
von Böheim. Das Gewimmel der Bürgerhäuser nebst Kirchen und Palästen stieg am
jenseitigen Berg hinan, den eine ausgedehnte Burg krönte. Rechts tat sich das
Moldautal mit dem blinkenden Strome auf. Der Lärm von Handwerkern und
Hähnekrähen scholl aus dem Tale herauf, indessen ich mit Wohlgefallen diese
bildschöne Stadt betrachtete. Nachdem ich gerastet und mir den Staub abgeklopft
hatte, begab ich mich hinunter, Prag zu beschauen und eine Herberge zu suchen.
In einer engen Gasse sah ich über einer Hauspforte drei güldene Äpfel benebst
der Inschrift: »Gastaus zur Äpfelkammer«. Sogleich kam mir in den Sinn, was ich
von Schrepfeisen über die schöne Wirtstochter vernommen. Dass ich meiner Neugier
nachgab und hier einkehrte, war das natürliche Emporspriessen jenes Samens, den
schlechter Umgang in mein Herz gestreut hatte. Die Gaststube war dunkel und
verräuchert und erweiterte sich hinter dem grossen Ofen zu einem stattlichen
Gewölbe. Ich war der einzige Gast. Als ich Ranzen, Hut und Mantel abgelegt und
an einem runden Tische Platz genommen hatte, erschien eine zierliche Jungfer.
»Ein Quart?« fragte sie etwas von oben herab. Als ich bejaht hatte, brachte sie
mir den Wein und machte Miene, wieder zu gehen. Bei der Tür aber kehrte sie um
und ging, ein Liedel trällernd, an mir vorbei zum hintern Gewölbe. Blieb dorten
gar nicht lange, kehrte zurück, setzte sich an einen Nebentisch, tat einen Blick
durchs Fenster und seufzete, als habe sie Langeweile.
    Durstig hatte ich mein Quart ausgetrunken, und sogleich trat die Jungfer zu
mir: »Wünscht der Herr noch ein Quart?« - »Noch eins, auch Brot und Fleisch.« -
»Gut G'selchtes?« - »Wenn sich die Jungfer bemühen mag.«
    Als sie das gewünschte vor mich hingestellt hatte, blieb sie an meinen Tisch
gelehnt stehen und betrachtete mich freundlich. »Ist der Herr etwan ein
Studiosus?« - »Noch nicht, Jungfer, doch möcht ich ein Medikus werden.
Einstweilen will ich mich zu einem tüchtigen Heilkundigen und Apoteker in die
Lehre tun.«
    »Und weiss Er schon einen solchen Lehrmeister?« fragte sie. - »Habe da ein
Empfehlungsbriefel an Herrn Doktorem Waldhäuserum«. - »So, so, an den
Waldhäuser?« meinte sie geringschätzig. Und ich: »Kennt Sie den Waldhäuser?« -
»Freilich, freilich, wie soll ich den Lumpenkurierer nicht kennen? Pöh, den!«
-»Lumpenkurierer? Warum heisset Sie ihn also?« Kühl antwortete die Jungfer: »Das
ist so ein Volkstitul. Der Lumpenkurierer ist halt ein Medikus für arme Leut, so
kein Geld haben, einen angesehenen Arzt zu zahlen.« - »Also ist Herr
Waldhäuserus kein angesehener Arzt?« - »Ah bah,« entgegnete die Jungfer; »der
Waldhäuser ist, seit ich gedenken kann, ein Lapp und kommt nimmer auf den grünen
Zweig. Warum will Er sich auch ausgesucht zum Waldhäuser tun? Sollte meinen, es
gäbe für Ihn doch angesehenere Lehrmeister. Zum Exempel den Medikus und
Apoteker Schmirsel, so hier gleich um die Ecke auf dem Ring wohnt. An dem
stattlichen Haus kann Er gleich sehen, wie einträglich dieses Gelahrten Kunst.
Der Schmirsel ist oft bei uns zu Gaste, und so der Herr bis zum Abend ausharret,
kann Er die Bekanntschaft des Herrn Schmirsel machen.«
    Ich schwieg und liess mir diese Auskunft durch den Kopf gehen. Dann meinte
ich: »Bis zum Abend sind noch etliche Stunden, und ich kann doch nicht die ganze
Zeit hier sitzen bleiben.« - »Ei warum denn nicht?« antwortete die Jungfer und
sah mich durch halbgeschlossene Augenlider schalkhaft an. Gleich werden ja auch
ein paar Studiosen kommen, wie gewöhnlich nach Schluss ihrer Collegia. So mancher
Fuchs hat von der Susanne vernommen und möchte sie beäugeln. Da spricht Er denn
mit seinesgleichen auf Latein, was ich nicht verstehen soll. Manches Mal hör ich
sie sprechen: formosa puella und pulcherrima. Kann der Herr mir wohl sagen, was
diese Worte bedeuten?« Und Susanne machte ein Gesicht wie ein neugierig Kind.
    Ich schlug die Augen nieder, als ich zur Antwort gab: »Die Worte heissen: ein
wohlgestaltet, sehr sauber Mägdelein.« Hell wie Silberglocken lachte die Jungfer
und deutete mit dem Finger auf sich, indem sie strahlenden Auges fragte: »Und
das soll ich sein?« - »Wer denn sonsten?« - »Ei, könnt ich doch den Herren
Studiosis in ihrem Latein die rechte Antwort geben! Will mich der Herr eine
solche Antwort lehren? Ich bitte! Wie spricht denn der Lateiner, wenn er sagen
will: So ziemlich?« - »So ziemlich ist auf Lateinisch sic satis geheissen.« Da
wiederholte die Jungfer mehrere Male »sic satis« sprang vergnügt auf und
tänzelte in der Stube umher: »Sic satis, sic satis! Nun wartet, ihr grünen
Lateiner! Die Mäuler sollt ihr aufsperren, und der Herr mag des Zeuge sein.
Obacht! gleich werden Studiosen kommen.«
    Und zur Tür herein traten zween junge Burschen, bestellten Wein und
beäugelten die Jungfer. dabei raunte der eine dem andern zu: »Estne pulcherrima
puella?« Mit boshaftem Triumphieren neigte sich Susanne und sagte dem
lateinischen Lobredner ins Gesicht: »Sic satis!« Die beiden Studenten schauten
einander mit einfältigem Staunen an, und einer sagte: »Blitz und Kartaunen! Sie
verstehet Latein!« Da Susanne kichernd wegging und sich nicht weiter sehen liess,
die Studenten folglich ihre Niederlage empfanden, legten sie die Zeche auf den
Tisch und schoben ab. Gleich darauf kehrte Susanne zurück und lachte aus vollem
Halse: »Denen hab ich's gegeben! Die werden nun von der gelahrten Wirtstochter
erzählen. Dem Herrn dank ich auch schön für Seine lateinische Lectio. Zur
Vergeltung hab ich Ihm ja meinen Rat gegeben, zum Schmirsel zu gehen. Hat Er
sich die Sache überlegt?«
    »Ach Jungfer Susanne,« entgegnete ich, »Sie weiss zu überreden, und wiewohl
noch nicht entschlossen, zum Schmirsel zu gehen, schwanke ich wie jener berühmte
Esel zwischen zwei gleich grossen Heubündeln.« - »Sie sind nicht gleich gross«,
eiferte Susanne: »Der Schmirsel ist ein ganz grosses, Herr Waldhäuser nur eine
Handvoll. So Er aber aus Seinem Zaudern nicht herauskommt, will ich Ihm ein
Mittel an die Hand geben, das zur Entscheidung führt und auch unterhaltsam ist.
Losen wollen wir, ob Er zum Schmirsel oder zum Waldhäuser geht.« Kleinlaut
erwiderte ich: »Um den Zufall entscheiden zu lassen, ist mir die Sache doch zu
ernst.« - »Zufall?« rief Susanne. »Hätte nicht gedacht, dass Er solch ein
schlechter Christ! Wenn ohne Gottes Willen kein Härlein von unserem Haupte
fällt, so werden auch Würfel und Los von seiner Hand gelenkt. Drum hat manch
grosser Mann das Los als ein Gottesurtel betrachtet. Erst dieser Tage hab ich die
Geschichte eines berühmten Feldherrn von Venetia vernommen, Franziskus Sforza
geheissen. War eines Winzers Sohn, gewohnt, mit dem Karst zu hacken. Wie er
einmal in grosser Sommerhitze mit seinem Karst mürrisch im Weinberg arbeitet, und
etliche neugeworbene Soldaten singend ihres Weges ziehen, bekommt er Lust zum
Krieg, ist jedoch im Zweifel, ob er beim Karst bleiben oder den Degen wählen
solle. Wohlan, spricht er unter einem Nussbaume; ich will eine Probe nehmen und
meinen Karst in diesen Wipfel werfen. Bleibt er droben, so ziehe ich in den
Krieg, fällt er wieder herunter, so soll mir's ein Zeichen sein, dass ich
elendiger Tropf noch länger hacken soll. Hiermit wirft er den Karst in den
Wipfel, und als derselbige droben bleibt, lässet er ihn hängen und ziehet der
Soldateska nach. Anfänglich ein Gemeiner, ward er bald Rottmeister, Feldweibel
und Offizier und schliesslich ein ruhmreicher General. Ei junger Herr, tu Er' s
dem Italiener nach und entscheide durch Losen. Ich will Ihm helfen. Da schau,
die Handvoll Münzen, die ich blindlings aus meiner Handtasche gerafft habe. Nun
Obacht! Ich zähle die Münzen auf den Tisch, und die letzte Münze soll
entscheiden, ob Er zum Schmirsel oder zum Waldhäuser geht. Ist Ihm das recht?«
dabei blickten mich ihre Augen holdselig an, und sie rasselte mit den Münzen,
die sie hohl zwischen den Händen hielt.
    »Wohlan,« entgegnete ich, »aber ich weiss noch nicht, auf welche Weise die
letzte Münze bestimmen soll, zu wem ich gehe.« - »Ganz recht«, erwiderte die
Jungfer und legte das Münzenhäuflein auf den Tisch. »Zunächst hat Er zu
bestimmen, ob der Schmirsel Hund oder Has sein soll.« - »Hund soll er sein,«
erwiderte ich, neugierig, wo, hinaus das wolle. »Gut!« sagte Susanne, »der
Schmirsel ist Hund; dann ist der Waldhäuser Has, und nun zählen wir die Münzen
auf. dabei sage ich jedesmal: Hund gewinnt, oder: Has verliert; die letzte Münze
entscheidet.« Sodann zählte die Jungfer die Münzen langsam auf, indem sie
fortgesetzt sagte: »Hund gewinnt, Has verliert, Hund gewinnt, Has verliert.« Wie
nur noch drei Münzen übrig waren, starrte ich in Spannung auf diese Hantierung,
so mein Gottesurtel sein sollte, und Susanne sprach: »Hund gewinnt, Has
verliert, Hund gewinnt! Und dabei bleibt's! Also hat Schmirsel gewonnen.«
    Ich mag ein sorgenvoll Gesicht geschnitten haben, denn die Jungfer meinte:
»Das mundet Ihm wohl nicht? Oder gläubet Er etwan, ich habe falsch abgezählt?
Wohlan, wir können ja noch einmal losen. Mag Er selber das neue Häuflein
bestimmen und nochmals frei wählen, ob Schmirsel Hund oder Has sein soll.«
Erleichterten Herzens griff ich etliche Münzen, es waren sieben, reichte sie der
Jungfer und sagte: »Diesmal soll Schmirsel der Hase sein.« Die Jungfer kicherte
und zählte die Münzen auf: »Has gewinnt, Hund verliert, Has gewinnt, Hund
verliert, Has gewinnt, Hund verliert, Has gewinnt! Also hat wieder der Schmirsel
gewonnen, denn der ist ja diesmal der Has.« Ich kraute mir hinterm Ohr,
verdrossen; indessen sie mich auslachte. »Darf ich noch bringen?« fragte Susanne
und war mit Lust um mich beflissen. Vertraulich setzte sie sich zu mir, und
dreister gemacht, betrachtete ich ihre wohlgebildeten Hände mit den feinen
Spitzenmanschetten. Warf auch auf das Antlitz manch verstohlenen Blick, und dann
klopfte mein Herz in süsser Unrast. Frisch wie eine Rose blühete Susanne. Unter
dem übermütigen Näslein prangten Kirschenlippen. Verlegen war ich, wenn ihr
Blick auf mir ruhte und neugierig an mir herumzutasten schien, um meine Art zu
erforschen. Auch mit Fragen verfolgte die Jungfer dies Ziel, und vom Wein
gesprächig, hatte ich bald meine Lebensgeschichte berichtet. Als ich erwähnte,
dass ich Alchymie treibe, horchte sie auf: »Ei, da wär Er ja der rechte Famulus
für den Schmirsel und käme wie gerufen. Ist doch dieser Medikus erst dieser Tage
zu einem hohen Herrn berufen worden, so an Hüftweh leidet und viel Gold geben
will, so ihn einer heilt. Wenn hernach der Schmirsel kommt, will ich Ihn, Herr
Johannes, ihm präsentieren. Sei Er mir aber gescheit, falls Er beim Schmirsel
eintreten darf. Nur nicht Sein Medikament verraten! Das muss Geheimnis bleiben,
sonsten wird Ihm kein Vorteil davon. Der Schmirsel muss es jedesmal bezahlen, und
seh Er zu, dass Er diesem Chymisten manches von seinen Künsten ablauschet.
Schwätzet man doch, der Schmirsel verstehe sich aufs Goldmachen.« War ich bisher
noch nicht mit ganzer Seele entschlossen, den Schmirsel zu wählen, so entschied
diese Mitteilung, indem sie meine abergläubische Hoffnung anreizte, den
verheissenen Goldschatz zu gewinnen.
    Da es Abend worden, traten neue Gäste in die Stube. Susanne bekam zu tun,
und es tat mir leid, dass sie gleichgültig an mir vorüberging, als sei die
frühere Vertraulichkeit weggeblasen. Da trat ein hagerer Herr ein, steifen
Schrittes, hochnasig und gespreizt, stutzerhaft gekleidet und von einem
beklemmenden Wohlgeruch. »Grüss Gott, Herr Schmirsel«, sagte Susanne knixend. Ich
horchte auf und betrachtete den Schmirsel. Sein dürres, faltenreiches Angesicht
verriet, dass er die Fünfzig weit überschritten habe. Sein schwarzes Haar, das,
wie ich später erfuhr, künstlich gefärbt war, glänzte von Fett wie ein
gestriegelter Rappe. Um den Hals trug er einen breiten Spitzenkragen. Wams und
Hose waren aus schwarzem Sammet. Auf den Ärmeln war ein ganzer Kram von
gelbseidenen Bändchen aufgeheftet. Die roten Strümpfe gaben den Beinen etwas
Storchenhaftes, auf den Schuhen prangten künstliche Rosen. Der Degen ragte
hinten aus dem Rocke, so stolz, dass fünf Dutzend Sperlinge Platz darauf gehabt
hätten. Den blauen Mantel und Hut, dessen Krempe auf französische Art von einer
Agraffe hochgehalten wurde, hing er an einen Wandhaken, stellte seinen Stock,
der einen grossen silbernen Knopf hatte, in die Ecke und trat mit Schritten wie
ein Tanzmeister, die Fussspitzen fein auswärts, zur Jungfer, verbeugte sich mit
Politesse und führte ihre Hand, die sie ihm lächelnd darreichte, an schmatzende
Lippen. Diese Lippen waren fortwährend beflissen, noble Manieren zur Schau zu
tragen; der Odem zog sie bald nach innen, bald blies er sie wieder spitzig auf,
als gelte es, feinen Wein zu kosten. Die Augenbrauen hochmütig emporgezogen,
nahm er am grossen Tisch in der Ecke Platz.
    Wie Susanne Wein gebracht hatte, setzte sie sich zu Schmirsel, und die
beiden pflagen des Gespräches mit gedämpfter Stimme, ohne dass ich mehr als
einzelne Worte erhaschte. Jetzo kam mir die Jungfer für wie ein schnurrend
Schmeichelkätzchen, das sich den Pelz streicheln lässet und zuweilen schalkhaft
die Krallen unter den Sammetpfötchen reckt. Auf einmal hielt Schmirsel das
Brillenglas vor seine Augen und forschte zu mir herüber. Dann kam Susanne herbei
und lud mich zu Schmirsel. Sie nannte ihm meinen Namen, indessen ich mich
neigte.
    Schmirsel bot mir einen Stuhl und sprach mit gedämpfter Stimme: »Vernehme da
mancherlei Gutes von Ihm, junger Gesell, zum Exempel, dass Er sich auf
Medicamenta verstehet. Erzähl Er doch einmal, mit allen Umständen, wie Er in
Schlesingen das lahme Kindlein kuriert hat. Das Mittel ist mir zwar bekannt,
doch möcht ich wissen, ob Er die rechte Bereitung getroffen hat. In diesem Falle
wär ich nicht abgeneigt, Ihn als Lehrling in mein Haus aufzunehmen.«
    Ich war unschlüssig, was zu antworten, da ich an Susannens Rat dachte, mein
Mittel ja nicht preiszugeben. Zum Überflusse trat mir die Jungfer auf den Fuss,
und nun sprach ich: »Geehrter Herr Medikus! So glücklich ich mich preisen würde,
falls mich der berühmte Herr in die Lehre nähme, muss ich doch das Geheimnis
meiner Medicamenta hüten. Sie sind ja mein einziger Schatz, aus dem ich mein
Leben fristen und erquicken möchte. Wofern aber der Herr sich damit begnügt, dass
ich Ihm das Mittel wider lahme Glieder bereite und zum Verkauf an seine
Patienten anheimstelle, und wofern der Herr Medikus mich rechtens dafür
besoldet, will ich lieber bei Ihm eintreten als beim Herrn Waldhäuser, an den
ich einen Empfehlungsbrief habe.«
    Schmirsel warf mir einen harten Blick zu und erwiderte kühl: »So so, zum
Waldhäuser will Er? Mag Er sehen, ob ihm der Lumpenkurierer seinen Schatz
geheimer Medikamente bezahlt.« Ich schwieg, und auch Schmirsel wollte erst nicht
mehr die Lippen voneinander bringen, warf aber schliesslich mit scheinbarer
Gleichgültigkeit hin: »Welchen Preis will Er denn für sein Mittel haben?
Vorausgesetzt, dass es wirklich hilft und etwas Neues ist!« Listig gab ich zur
Antwort: »Erst muss ich wissen, ob der Patient mehr oder minder wohlhabend ist,
alsdann werde ich mein Medikament jedesmal zu einem angemessenen Preise
verkaufen.« Überrascht sah mir Schmirsel ins Auge, lachte dann säuerlich und
reichte mir die Hand. »Ich will's mit Ihm versuchen! Abgemacht! Geh Er nun
sogleich in mein Haus, um die Ecke links am Ringe gelegen, und installier Er
sich.« Drauf liess der Medikus Feder, Tinte und Papier bringen und schrieb ein
Briefel an seine Haushälterin. Ich zahlte meine Zeche und neigte mich sowohl vor
meinem neuen Herrn als vor der Jungfer, die mir Glück wünschte.
    So brachte mich verliebte Torheit auf jene Bahn, wo Susanne und Schmirsel,
Rausch und Habgier herrschten. Was ich bei meinem Lehrmeister trieb, gewährte
keinen anderen Lohn als Geld und Geld. Schmirsel, der mit meinem geheimen Mittel
einen hohen Herrn kuriert hatte, verlangte immer häufiger danach, und immer
kunstvoller machte ich aus Antimonium mein Medikament zurecht, vermengte es mit
wohlriechenden Kräutern, fürgebend, diese Kräuter seien das Heilkräftige, damit
nämlich Schmirsel nicht hinter das Geheimnis komme. Auch mengte ich das Antimon
mit eingemachten Zitronen, Zimt und Rosenzucker zusammen. Solche Apotekerwaren
wurden von Schmirsel nicht bloss für seine eignen Patienten verwendet, sondern
sogar in den Handel gebracht, wo sie unter dem Namen »Schmirsels Morsellen« und
»Gicht-Pillulen« berühmt wurden. Für mich wie für ihn fiel genung Geldes ab.
Doch weil ich mich von Susannens eitlem Herzen leiten liess, verwandte ich meine
Einnahme auf Tand, kaufte Kleider à la mode, rauchte Tobak aus einer
holländischen Pfeife und war jeden Abend in der Äpfelkammer zu finden, wo ich
trinkend, auch spielend mein Geld vertat und einen Umgang hatte, den ich besser
gemieden hätte. Um Susannen zu gefallen, stund ich vor dem Spiegel, kämmte mein
langes Flachshaar und drehte das sprossende Bärtlein. Mit den stutzerhaften
Kleidern und neuen Gewohnheiten hatte ich einen andern Menschen angezogen.
Vergessen und verschollen lag das Tüchtige hinter mir, so mir in früheren
Jahren, fürnehmlich durch meines Vaters Wort und Beispiel, zugekommen war.
    Meine Verliebteit liess nicht locker und ward ein rechter Plagegeist, der
alle Ruhe und Besonnenheit störte. Susanne bewegte mich, wie der Puppenspieler
am Drahte seine Puppe. In einem fort trieb sie mich, für meinen Wohlstand zu
sorgen. Leichtgläubig erwartete sie, jene Prophezeiung der Zigeunerin werde sich
erfüllen. Zwar dachte sie an keinen Schatz, der aus verwunschenen Schlössern
gehoben wird, hoffte indessen, meine alchymistischen Versuche würden eines Tages
gelingen. Ich hatte diesen Glauben genährt, zu nächtlicher Stunde von
Goldmachergeschichten schwätzend.
Der berüchtigte Chymikus Sebaldus Schwertzer war verstorben, und wie nun seine
Hauseinrichtung zu Geld gemacht werden sollte, bestätigte sich das Verslein:
»Goldmacher lassen ihren Erben
Zerbrochne Gläser nur und Scherben.«
Aus dem Plunder des Nachlasses gelangten alchymistische Scharteken für geringe
Zahlung an mich. In einer las ich das Rezept einer Tinktur, die geringes Metall
zu Golde wandle. An den Rand freilich hatte der Verstorbene eigenhändig
geschrieben: »Werde nicht gierig; denn obwohl mir die Goldbereitung gelungen,
hat sie Unheil über Unheil gebracht.« Ich liess mich nicht warnen und suchte den
beschriebenen Prozess zustande zu bringen. Etliche Kräutlein, die das Rezept
angibt, verschafte ich mir, verbrannte sie und tat die Asche mit Essig und
Eisenfeilspänen zusammen in ein Glas, das wohl versehentlich nicht ausgespült
war. Es begab sich aber gleich hinterher, dass ich auf Geheiss meines Herrn
Schmirsel eine Reise tat, die mich einen Monat fernhielt. Wie ich nun in meine
Stube zurückkehre, kommt mir ein köstlicher Geruch entgegen, als seien Ambra und
Moschus in jenem Glase, und an der Oberfläche der Mischung schwimmt ein
rosenfarben Öl gleich der beschriebenen Tinktur. Ich experimentiere damit, wie
es die Anweisung vorschreibt. Tue ein halb Lot Silberkalk in einen Tiegel, tunke
Baumwolle in mein Öl und lege sie zum Silberkalk. Nachdem im heissen Ofen der
Silberkalk mit dem Öl sich verbunden hat, scheide ich den Kalk heraus und traue
meinen Augen nicht, dieweilen ich ein Quäntlein allerschönsten Goldes behalte.
Schier närrisch vor Freude gehe ich daran, mit meinem Öl eine grössere Masse
Silbers zu tingieren. Da mir aber der Rausch in Kopf und Hand gedrungen ist, so
schütte ich aus Versehen mein Öl ins Feuer, dass es alsobald mit starkem Dufte
verfliegt. Vergebens hab ich mich seitdem abgemüht, die kostbare Tinktur von
neuem zu destillieren. Es bildete sich kein rosenfarben Öl. Hiezu musste wohl
jene Flüssigkeit notwendig sein, von der ein Rest in dem ungespülten Glas
geblieben war. Vergebens grübelte ich, was das für eine Flüssigkeit gewesen.
    Den Narrheiten, die ich beging, fügte ich eine besonders unheilvolle hinzu,
indem ich Susannen von meinem Erfolge berichtete und das Quäntlein Gold,
eingeschlossen in ein silbern Herzlein, ihr zum Angebinde gab. dabei hatte ich
nicht mit der weibischen Geschwätzigkeit und Prahlsucht gerechnet. Wider mein
Geheiss sprach Susanne etlichen bevorzugten Gästen davon, mir sei die
Goldbereitung gelungen, wobei der sichtbare Beweis herumgereicht ward. Von
Schmirsel zur Rede gestellt, gab ich ausweichenden Bescheid, jedoch so, dass ich
den Glauben an meine Kunst nur verstärkte. Wochenlang plagte mich Schmirsel mit
Fragen, auch mit Spionieren auf meinem Zimmer, wo ich meine heimlichen
Experimente machte. Bei Tag und selbst bei Nacht war mir die Ruhe verleidet, und
sooft ich die Äpfelkammer besuchte, fühlte ich mich von Susannen zu neuer
Goldmacherei angestachelt. Zum Überfluss erschien unter den Gästen des
Wirtshauses ein Mensch, so peinliche Erinnerungen, auch düstere Ahnungen
künftigen Unheils wachrief; nämlich der Doktor Giacomini. Greise zwar an Haar
und Bart, war er derselbe geblieben an Habgier und Tücke. Versteckt suchte er
mich nach meiner Goldmacherei auszuforschen, trug freilich eine kalte und harte
Abweisung davon, worauf er mich einen Prahlhansen schalt.
    Unerwartet, wie ich in die Äpfelkammer gelangt war, kam ich auch wieder
heraus, so dass ich mit Staunen jene labyrintischen Verschlingungen und
launischen Abweichungen betrachte auf denen das Schicksal den Menschen führt.
Der letzte Abend, den ich im gewohnten Wirtshause verlebte, war von verdrossenen
Grübeleien erfüllt. An einem Ecktische sass ich zu später Stunde einsam, die
Wange auf die Hand gestützt, und starrte auf das Spiel der Schatten, die ein
Schwarm lebhafter Gäste im Scheine der Tischlaterne an meine Wand warf. Zuweilen
unterschied ich im Schattengewirr eine Hand, ein verzerrt Haupt und erhobene
Becher, derweilen Geschwätz und Lachen, Johlen, Gläserklirren und Würfelklappern
sich vermischten. Die Luft war schwer und schwül, erfüllt vom Rauche jenes
Tobakkrautes, das Mode zu werden begann und aus niederländischen Tonpfeifen
qualmte. Trübsinn drückte mich nieder, heimliche Reue nagte am Herzen. Auf
einmal war es mir, als täte mich mein Vater vorwurfsvoll anschauen, traurig
sprechend: »Junge, Junge, du hier?« - Verstört richtete ich mich auf und sah
umher. Da war das Gesicht verschwunden, und zu mir trat ein Studiosus, so in der
Äpfelkammer verkehrte und mit mir Brüderschaft getrunken hatte, wir hiessen ihn
mit seinem Spitznamen das Ross. »Warum so einsam, Johannes?« lallte er. »Willst
du nicht an unserm Tische mit uns knöcheln? Magst nicht? Nun, so lass uns beide
mitsammen um die Zeche spielen. Soll ich für dich zahlen, oder willst du für
mich zahlen, he? Das lass uns jetzo durch Hund und Hase entscheiden.« In die
Tasche griff das Ross und klimperte mit einer Handvoll Münzen, legte sie auf den
Tisch und setzte sich neben mich. Ich stutzte, denn »Hund und Hase« war ja jene
Art zu losen, durch die Susanne entschieden hatte, ob ich zum Schmirsel oder zum
Waldhäuser gehen solle.
    Ein Weilchen ohne Neigung, des Rosses Vorschlag anzunehmen, ging ich
schliesslich darauf ein und erklärte, ich wolle der Hund sein. Hierauf zählte der
Studiosus die Geldstücke auf, indem er sagte: »Hund verliert, Hase gewinnt, Hund
verliert, Hase gewinnt.« Natürlich kam bei solchem Abzählen heraus, dass ich
jeden Falles die Zeche bezahlen musste. Doch brachte dieser Verlust mir den
Gewinn, dass meine finstere Torheit auf einmal von einem Lichtstrahl erhellt
ward. Ich erkannte, wie das Spiel »Hund und Hase« nichts war als possenhafter
Betrug, einen unbesonnenen Menschen zu übertölpeln. Und solch einen unsauberen
Kniff hatte Susanne für ein Gottesurtel ausgegeben, ohne sich ein Gewissen
daraus zu machen, dass ihre Leichtfertigkeit über mein Geschick entscheide, da
ich doch ähnlich wie Herkules am Scheidewege gestanden. Susanne kam mir auf
einmal gänzlich anders für, als sie bisher erschienen. Es war, als sei eine
schöne Blume welk und blass worden, oder als stelle sich heraus, dass eines
Angesichtes prangende Farben nichts sind als heuchelnde Malerei. Ausserstande,
der Jungfer freundlich ins Gesicht zu schauen, begab ich mich heim und fand
stundenlang keinen Schlaf vor Enttäuschung und Gram.
    Andern Tages wollte ich Susannen zur Rede stellen, wie sie es habe übers
Herz bringen können, ein Spiel mit meinem Leben zu treiben, ohne wenigstens
hinterher einzugestehen, dass sie sich vom Mutwillen habe fortreissen lassen. Um
unter vier Augen mit ihr zu reden, ging ich bereits am Nachmittag in die
Äpfelkammer. Ohne besondere Absicht nahm ich diesmal in dem hinten gelegenen
Gewölbe Platz.
    Gleich darauf hörte ich jemand in die Gaststube eintreten, es war Schmirsel,
der seinen gewohnten Platz einnahm. Hinter ihm kam die Jungfer, setzte sich zu
ihm und begann zu reden, ohne zu wissen, dass ich zuhöre. »Ei, welch ein schön
Balsambüchslein!« Hierauf er: »Es ist nicht schön, als bis die Jungfer es in
Ihren schönen Händen hält. Sie behalte es, und mein Herze dazu.« - »Ich werde
Ihn nicht in solchen Schaden bringen.« - »Schaden? Mitnichten! Ich bin Ihr
Leibeigener, und ist es gleich, ob meine Sachen bei mir oder bei Ihr in
Verwahrung liegen.« - »Das ist gar edel von Ihm gedacht; doch ich bitte, nehm Er
das Balsambüchslein lieber zurück, es ist ja von Golde. Was würden die Leute
sprechen!« »Mögen sie sprechen, was sie wollen, uns beiden kann davon nicht
Übles geschehen. Was aber die Köstlichkeit des Balsambüchsgens betrifft, so ist
die lange nicht gross genung; meine holde Jungfer wäre gar eines Büchsgens von
Demant wert.« »Er ist ein Schmeichler, aber ein lieber. Um Ihn nicht zu kränken,
will ich sein Angebinde nehmen und mit meinem allerschönsten Dank nicht
zurückhalten.« - »O süsses Kind, wenn das Gold dieses Büchsgens wird blass werden,
nicht eher werde ich aufhören, Ihr aufzuwarten.« Um die Ecke spähend, sah ich,
wie er sie beim Kinn ergriff und etwas tun durfte, wovon ich bisher kaum zu
träumen gewagt: Auf seinen Schoss zog er sie, ich hörte Busseln und Schmatzen.
Eine Weile war ich starr vor trauriger Überraschung, alsodann dämmerte es sacht
in meinem dummen Schädel, und ich gestund mir, die angebetete Jungfrau müsse
wohl von der Gattung sein, die nichts umsonst und mancherlei um Geld tut. Wie
ein Flämmchen am Windstoss erlosch zur selbigen Stunde die Liebe in meinem
Herzen. Ich stund auf, hustete laut und ging durch die vordere Gaststube an
Sicsatis und ihrem Galan vorbei, ohne auch nur einen Blick hinzuwerfen. In
meiner Stube angelangt, packte ich meine Habe zusammen und verliess Schmirsels
Haus.
 
                              Das vierte Abenteuer
                             Wie Gold gemacht wird
 Als ein reuiger Sünder lief ich schnurstraks zum Herrn Waldhäusero, den ich auch
zu Hause traf. Der weissbärtige Mann liess seine grossen schwarzen Augen so
durchdringend auf mir ruhen, dass ich den Blick zu Boden senkte. Demütig übergab
ich meinen Empfehlungsbrief vom Oheim. Als ihn Waldhäuser gelesen, bot er mir
freundlich die Hand und lud mich zum Sitzen ein. »Willkommen, Johannes! Ei, was
macht denn der gute Tobias?« Nachdem ich Rede gestanden, fuhr Waldhäuser fort:
»Und nun erzähle Er mir von Seinem Vater, meinem lieben Freunde Martino Tilesio.
Das ist ein selten gotterfüllet Herze, und der Sohn ist glücklich zu preisen, so
von diesem edlen Stamme Herkunft, Beispiel und Lehre empfangen.« Bei so
liebreicher Anerkennung meines Vaters brach ich in Tränen aus, zumal das
Gewissen mir vorhielt, wie wenig ich zu Prag meines Vaters Lehre und Beispiel
beherziget hatte. »Was weinet Er, Johannes?« sprach Waldhäuser väterlich. - »Ach
Herr, ich bin nicht wert eines solchen Vaters Sohn zu heissen. Seit der Zeit, da
ich allein in der Welt stehe, hab ich meinem Vater Unehre gemacht. Ach, dass er
anoch lebte, mich von schlimmen Wegen abzubringen .....« - »Wie denn?«
unterbrach mich Waldhäuser, »lebt er denn nicht mehr?« Unter anhaltenden Tränen
tat ich Bericht. Wie mich dann Waldhäuser über mein Treiben zur Rede stellte,
beichtete ich alles haarklein. »Und nun, Johannes,« sprach er, »was willst du
beginnen? Möchtest bei mir bleiben? Nun wohl, bist willkommen, und ich will dir
ein andrer Vater sein. Versprich mir aber, nie wieder zur Äpfelkammer
zurückzukehren und alle Brücken, so dich dem törichten Leben wieder überliefern
könnten, hinter dir abzubrechen.«
    In aufrichtiger Reue und Dankbarkeit gab ich meine ganze Seele Herrn
Waldhäuser hin, worauf er: »Es wohnen in dir zween Menschen, Johannes, die
streiten mitsammen. Der eine Mensch trachtet nach Schätzen, so die Motten und
der Rost fressen, und obwohl mir dein Oheim Tobias recht lieb ist, muss ich doch
tadeln, dass er in dir den goldgierigen Menschen grossgezogen hat. Hüte dich vor
dem Dämon, der über dich, wie über Tobiam, schon eine gefährliche Macht gewann.
Rettung findest du bei dem andern Menschen, so heimlich dir im Herzen lebt,
wiewohl, er lange geschlafen hat. Das ist dein besser Selbst, die kostbare
Erbschaft, von deinem Vater empfangen. Martinus Tilesius suchte alleweil mit
seinem unschuldsvollen Herzen ewig Gut. Es dir zu weisen, lieber Johannes, sei
meine Aufgabe, und nichts Geringeres kannst du von mir lernen, als wie jener
Stein der Weisen zu erlangen, so den Adepten zu allen wahren Schätzen leitet.
Ein Alchymist möchtest du sein und gläubest gar, die Goldbereitung sei dir
gelungen. Ich aber sage dir: jenes Gold, so den Bereiter ins Unheil lockt, ist
nicht wert, gesucht zu werden, und kein Schatz, vielmehr des bösen Feindes
Köder. Was würde es dir helfen, wenn du herausbrächtest, was für ein Stoff in
jenem Glase gewesen, wo dein rosenfarben Öl sich bildete? Überlege dir, was du
in deiner jetzigen Verfassung mit dem gewonnenen Golde beginnen würdest? Täte es
dich nicht in deinen alten Torheiten bestärken und vielleicht zu argem Tun
verführen? Gülden lodern die Höllenflammen, und das Gold bereitet denen eine
Hölle auf Erden, so nicht den echten Stein der Weisen haben. Der ist nichts
andres als der Heilige Geist im Menschen. Auf ihn allein kommt es an. Hast du
ihn nicht, so hilft dir kein Gold der Erde, sintemalen du es nicht anzuwenden
verstehst. Hast du aber den Stein der Weisen, so bedarfst du keines Goldhaufens.
Verschmähest es nämlich, deine Staubhülle in Üppigkeit zu betten und durch
dargereichtes Gold Menschenseelen zu knechten und zu verderben. Um froh und
friedlich zu leben, bedarfst du keines andern Gutes als rechter Arbeit.«
    Lange war's her, seit einer so treuherzig und weise zu mir geredet hatte.
Meines seligen Vaters gedacht ich, und voll Zähren stund mir das Auge.
    »Du hast mir erzählt, Johannes«, fuhr Waldhäuser nach einer Pause fort, »es
sei dir beim Schmirsel geglückt, Gold zu bereiten, und ich möchte dir meine
Ansicht darlegen. Ich glaube nicht, dass menschlicher Kunst die Goldmacherei
gelingt, ebensowenig, wie es unser Witz fertig bringt, eine Kornähre
nachzumachen. Kornähren erhalten wir erst dadurch, dass wir sie von der Natur aus
ihrem Samen herauswickeln lassen. Dieselbe Meisterin, so die Ähren
herauswickelt, gehört auch zur Umwandlung der Stoffe in Gold. Menschliche
Wissenschaft kann vielleicht gewisse Reguln solcher Transmutatio herausfinden,
schwerlich aber derart anwenden, dass unter unsern Fingern Gold entsteht. Was
aber ruhmredige Goldmacher von ihren gelungenen Experimenten schwätzen, dünket
mich Fabel. In deinem Falle, Johannes, hast du dich selber getäuscht, da deine
Beobachtung der Umstände ungenau war. Das herfürgekommene Gold war in den
verwendeten Stoffen zuvor entalten. Um sicher zu gehen, hättest du erst den
Silberkalk daraufhin prüfen sollen, ob er keine Spur von Gold entält, hättest
dich auch hüten müssen, ein unrein Gefäss zu benutzen. Wer weiss, ob im Gefässe
nicht der leicht übersehbare Rest einer wasserklaren Goldlösung gewesen ist?« -
Betreten schwieg ich, Waldhäuser sah mir ins Auge und nickte. Dann stund er auf:
»Wohlan! Das Nächste kommt zuerst: begib dich nunmehr auf deine Kammer, wasche
dich, tu auch von deinem Herzen das Unreine ab. Bis zum Nachtmahl magst du
einsam bleiben, auf deinem Kämmerlein oder auch im Garten. Gott befohlen, mein
Kind!« Und Waldhäuser rief nach seiner Haushälterin, einer freundlichen Witfrau,
die mich auf meine Kammer führte. Hier säuberte ich mich und sann der Rede
Waldhäusers nach. Auch in den Garten ging ich, der hinter dem Hause lag, von den
Nachbargärten durch hohes, mit Eppich übersponnenes Gemäuer getrennt. Erster
Frühling hatte die Knospen aus den Bäumen gelockt, im Gesträuche raschelte ein
Gelbschnabel, der seinen Flötenruf erschallen liess. Ich sog der Erde Odem,
Trostes voll, wie ein Flüchtling, so nach Gefahren auf einmal geborgen.
    Demütigen Schweigens nahm ich neben Waldhäuser und seiner Haushälterin das
Nachtmahl ein, indessen mein neuer Lehrmeister weitere gute Rede tat. »Hast du
dir auch klar gemacht, Johannes, zu welchem Zwecke du ein Heilkundiger werden
möchtest? Gelüstet es dich, Geheimnisse der Natur zu ergründen? Nun gut; aber
sage mir, ob du vom Schmirsel irgendein ander Geheimnis gelernt hast als Finten,
deinem Nächsten das Geld aus der Tasche zu locken? Jedenfalls bist du zwei Jahre
nur darauf ausgewesen, Geld zu gewinnen. Gesetzt nun den Fall, du hättest einen
Haufen Goldes, was würdest du damit beginnen? Ich weiss wohl, dass sich allerlei
kaufen lässet, danach einen eiteln Sinn gelüstet, als Haus, Prunkgewand, Pferde,
Wagen und Diener, kostbar Tafelzeug, Pasteten und Gebratenes, duftige Weine und
Konfekt. Suchest du alle solche Dinge, Johannes? und willst du ihretwegen
heilkundig werden? Dann lass dir sagen: bist kaum etwas Besseres, denn ein
gemeiner Beutemacher« Darin bestehet kein grosser Unterschied, dass der
Beutemacher seinem Opfer die Degenspitze auf die Brust setzet und ruft: Geld her
oder stirb! Während du an Stelle des Degens den grimmen Knochenmann anwendest,
so dass der Kranke denkt: Vor dem Sterben kann mich nur dieser Medikus erretten;
ich will ihm Geld geben, sonsten holt mich der Tod. Solch ein Beutemacher, so
den Spiessgesellen Tod zum Ausbeuteln voranschickt, ist der Schmirsel, und auch
du, Johannes, wolltest einer werden. Ei schäme dich, mein Kind, und suche
bessere Würde. Höre, was mir gestern fürgekommen, und was eigentlich, wiewohl in
wechselnder Form jeden Tag meinem Berufe begegnet. Zu einem Manne werd ich
geholt, und meine Untersuchung findet heraus, dass er tödlich am Kopf erkrankt
ist, allenfalls aber gerettet werden kann, so ich ihm den Schädel mit einem
Meissel öffne. Wie ich ihm selbes dargelegt habe, so faltet der Mann die Hände,
und, nachdem er sich mit seinem Gott beraten, spricht er voll Ergebung: Wohlan,
öffne Er mir den Schädel nach seiner Kunst. Nun gib stille Antwort, Johannes,
ist solch erstaunlich Vertrauen, das schier an ein Wunder grenzet, etwan wert,
dass man Missbrauch mit ihm treibe? Wer um schnödes Geld diesem Patienten den
gefährlichen Schnitt beibringt, ist ein Kumpan von Totschlägern. Kannst du es
übers Herze bringen, deinem Nächsten, der dir wie einem Gotte Zutrauen schenket,
dadurch zu vergelten, dass du hinter des Gottes Maske einen Geldschneider birgst?
Narr, lass fahren allen Trug und trachte nach der Wahrheit. Ein Tor lässet sich
vom Schein begaukeln. Willtu wissen, worin dein wahres Heil zu suchen, so
bedenke ein Wort, das du oft gedankenlos in der Schulstube und auf der
Kirchenbank ins Ohr genommen hast: Wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete
und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende
Schelle. Aus diesem Grunde, mein Kind, lerne zuvörderst lieben und finde dich
wieder zurück auf jenen rechten Weg, wo du schon einmal gewesen und Novize der
Heilkunst worden bist. Hast mir ja berichtet, wie du in Schlesien, vom Mitleide
bewegt, darauf gesonnen hast, ein lahm Kindlein genesen zu lassen, und wie du es
mit Antimon geheilt hast. Damals, lieber Johannes, mit sechzehn Jahren warst du
mehr heilkundig als unter Schmirsels Leitung. Komm morgen mit mir, meine Kranken
besuchen. Es sind zumeist Menschen ohne Geld und Gut, Beistandes und Trostes
bedürftig. Wenn du bei ihnen sitzest, findest du ein besser Gut und Glück als in
der Äpfelkammer bei der törichten Jungfrau und ihrem benebelnden Wein. Den
bessern Menschen werden die armen Patienten aus dir herauslocken, und das ist
höherer Sold für dich, als wenn das schlimme Gold den Lumpen in dir immer
dreister und feister macht.«
An einem Abend des Junimonds lustwandelte ich zur Moldaubrücke und starrte in
den finstern Strom, der hinter den Brückenpfeilern rauschend strudelte. Wie
diese unrastig tosende Flut kam mir das Treiben für, dem ich zwei Jahre
gehuldigt hatte. Verblendet musste ich gewesen sein, dass ich mich an Jungfer
Sicsatis hängen gekonnt. Aufseufzend fühlte ich mein Herz erleichtert, und
voller Vertrauen hub ich die Augen vom schwarzen Strom zu den Funkelsternen, so
auf der Himmelsaue bunt erblüheten. Eine tiefe Sehnsucht ergriff mich,
Waldhäusers Weisheit in mich aufzunehmen. Ich kehrte heim, und da in des
Meisters Museo noch Licht war, klopfte ich an. Er liess mich ein, und ich sah,
dass inmitten des Raumes auf der Bahre, neben der ein Totengerippe stund, eine
Kindsleiche lag, die der Meister eben seziert hatte. Er deckte sie mit einem
schwarzen Tuche und fragte nach meinem Begehr.
    »Guter Meister«, sagte ich, »gestattet, dass ich noch bei Euch bleibe,
solange Ihr wachet, um vielleicht die Wohltat Eurer Lehre zu geniessen. So Ihr
aber noch mit der Leiche zu tun habet, will ich stille zuschauen oder Euer
Famulus sein.« »Ich plaudere gern noch ein Stündlein mit dir«, antwortete
Waldhäuser. »Lass uns auf den Altan treten, der Sommernacht zu geniessen.«
    So gingen wir zur Altantür hinaus, und der duftige Odem des Gartens
umhauchte uns. Gesträuche blühten, Nachtigallen wetteiferten mit süssem Schlagen.
Da in den Nachbarhäusern alle Lichter erloschen, so kam das Leuchten der Sterne
zu voller Pracht. Schweigsam empfanden wir den holden Zauber dieser Nacht. Dann
meinte Waldhäuser sinnend: »Wie sicher und ruhevoll wandeln droben die Sterne!
Hingegen wie unbeständig ist des Menschen Los! Kein Tag wird ihm vergönnet, ohne
dass sich ein Zweifel begeben kann, so ihn aus seinem Gleise herauswirft, keine
Stunde, kein Augenblick ist in unserer Macht; es kann ein Wechsel mitten im
traulichen Wesen entstehen. Niemals ist die Gesundheit unbeweglich, und alle
sind wir dem Tode einen Dienst schuldig. Denke nur, wie es dem Menschenkindlein
ergangen, das entseelt auf der Bahre liegt. Es ist eine Waise, ein siebenjährig
Knäblein, hold von Angesicht und ein Liebling derer, so um ihn waren. Jauchzend
klettert der Knabe auf einen Lindenbaum, stürzt aber mit dem brechenden Aste
herunter und ist im Nu eine Leiche. Da haben wir den raschen Wechsel, der auf
einmal zur Betrübnis führet. Drum, Johannes, mach dich ledig vom Vertrauen auf
Fortunas Beständigkeit. Die Gemahlin des Königs in Hispanien hat nicht uneben
dies Sinnbild verwendet, dass sie einen Pfauen auf eine Kugel gesetzt und die
Auslegung beigefügt: vanitas, Eitelkeit. Gleicherweis spricht auch der Prediger:
Es ist alles ganz eitel, und die Toten, so schon den Odem verhauchten, sind eher
zu preisen als die Lebendigen. Nun ja, drum war es nicht ganz recht von mir
gesagt, als ich den Sturz dieses Kindes ein Unglück nannte. Soll man etwan
klagen, dass jemand zu früh in den Schoss der Ewigkeit kommt, gleich als hätte ein
Mensch den Himmel in diesem Angstause gefunden? Als Trost sollten wir es
betrachten, dass wir nicht ewig in dem irdischen Jammerwesen stecken bleiben.«
    Nachdem wiederum Schweigen eingetreten war, wagte ich die leise Frage: »Wo
mag nur das Himmelreich sein, das den abgestürzten Waisenknaben aufgenommen hat?
Ist es droben bei den Sternen?« - Und Waldhäuser: »Das Himmelreich wird offenbar
an den Sternen, doch betrachte es nicht als einen entlegenen Ort. Gib acht, mein
Kind, dass du zunächst begreifest, was ein Symbolum oder Bildnis. Das Auge schaut
etwan eine brennende Kerze, und die Seele denkt dabei an der Wahrheit Leuchten.
Gleichermassen bedeutet Sonnenwärme die Liebe, Kälte hingegen Gleichgültigkeit
und Hass, Finsternis, Wahn und Lüge. Bedenken wir nun, dass durch den Himmel die
Sonne ihre Bahn zieht, die uns des Tages Licht beschert und unser Auge die Form
und Farbe aller Wesen erblicken lässet, so dürfen wir das blaue Zelt als des
Lichtes Quellenland betrachten. Sehnet sich nun unser Herze nach der Wahrheit,
so lenkt es den Blick gen Himmel, als müsse von dort auch dem inneren Menschen
Erleuchtung kommen. In diesem Verstande hast du recht, Johannes: das
Waisenkindlein ist bei den Sternen. Denn es ist dem ewigen Lichte einverleibet.
dabei aber darfst du nicht vergessen, dass unser aller Meister spricht: Inwendig
in euch ist das Himmelreich. In der Menschenseele soll es werden, wie droben am
himmlischen Gezelt; weit sei die Seele, das Unendliche zu umfahen, zahllose
Lichter müssen in ihr aufblühen, und ruhevoll in steter Ordnung und heimlicher
Melodei vollziehe sich des Menschen Trachten und Treiben. Nur so, mein Kind,
eroberst du das Himmelreich. Die Kunst aber und Kraft, es aufzuschliessen, ist
dem verliehen, so den Stein der Weisen hat. Ihn sucht der wahre Alchymist, und
auch du, Johannes, sollst danach trachten.«
    Wie bei einem Wundertraume staunend fragte ich: »Den Stein der Weisen? Wie
soll ich hoffen, den zu erlangen?« - Und die Antwort lautete: »Darfst nicht
denken, es sei ein Stein gemeint, aus irdischen Stoffen bereitet. Man sagt
freilich, der Stein der Weisen habe sich am Ringe Salomonis befunden. Inmassen
aber dieser König ein Buch von der Weisheit verfasst hat, so bedeutet Salomonis
Ring sein Verlöbnis mit der himmlischen Sophia oder Weisheit, der Stein am Ringe
die Kraft, das göttliche Licht zu spiegeln und auszustrahlen. So ist der Stein
der Weisen nichts anderes denn die heilige Weisheit im Menschen. Wahrlich, ich
sage dir, nur wer den Stein der Weisen hat, ist echten Goldes Bereiter. Du
machest grosse Augen, Johannes, möchtest wohl wissen, was für ein Gold ich das
echte heisse. Wohlan, darunter versteht der alchymistische Adept kein irdisch
Metall, sondern etwas Geistliches, wie überhaupt sämtliche Metalle, ihre
Mischungen und Umwandlungen, Gleichnisse für Qualitäten und Vorgänge der Seele
sind. Sobald du dein Auge für das Reich der Sinnbilder aufschleussest, wirst du
seltsame Zusammenhänge und Entsprechungen darin entdecken. Sie haben den Grund
geliefert für alle geheime Wissenschaft, so für die Mysterien der Andacht, auch
für die Sterndeuterei, endlich für die Alchymie. Erinnere dich, dass manche
Sterne den Namen von Gotteiten führen: Jupiter, Mars, Venus und Saturn, der
Sonnengott Sol und die sanfte Luna wurden von den Alten als Götter verehrt. Kein
Wunder, dass man darauf verfiel, zwischen den Herzensqualitäten dieser Götter und
ihren Gestirnen eine heimliche Entsprechung anzunehmen. Von Menschen, zornigen,
herrischen Gemütes, sagte man, sie seien im Zeichen des roten Mars geboren. Den
Abendstern hielt man für eine astralische Macht, von der verliebte Neigung
ausgehet. Nun aber bedenke, dass die Planetennamen auch von Chymikern angewandt
werden, Metall zu bezeichnen: Sol oder sein Symbolum, der Kreis, bedeutet das
gelbstrahlende allerwertvollste Metall; Luna oder eine Mondsichel ist des
Silbers Bezeichnung. Das Eisen heisset Mars als des Kriegsgottes Werkzeug. Venus,
die cyprische Göttin, bedeutet das Kupfer; der trübselige Unglücksstern Saturn
das Blei. Dieser Hinweis nun sei für dich, mein Johannes, ein Schlüssel, das
edle Geheimnis der Alchymie zu eröffnen. Unter den Metallen nämlich nicht minder
wie unter den Sternen werden Eigenschaften des inneren Menschen verstanden. So
ist das Eisen, auch Mars benamset, des Herzens wilder Drang, zu herrschen und zu
kriegen. Das schwerfällige Blei bedeutet niederdrückendes Unheil und Schwermut.
Venus oder das Kupfer ist die Minne, Silber oder Luna Keuschheit und Unschuld.
Das Gold aber bezeichnet das höchste Gut des inneren Menschen, jenen Schatz im
Acker, dem das Himmelreich gleichet. Wenn nun der wahre Alchymist danach
trachtet, aus niederen Metallen höhere zu bereiten, so kommt es ihm nicht darauf
an, den einen Erdenstaub in den andern umzuwandeln, sondern die niederen
Herzensqualitäten zu adligen und in das allerhöchste Gut, in des Herzens Gold,
zu transmutieren. Ich spüre wohl, Johannes, dass meine Lehre dir neben dem
Staunen auch etliche Enttäuschung bereitet. Denn ich kann mir denken, dass ein
unerfahren Kind noch nicht auf den rechten Spürsinn gekommen, so das Köstlichste
zwischen Himmel und Erde in seinem ganzen Wohlschmack empfindet. Doch harre nur,
wirst schon seiner schmecken lernen; lass erst noch viel bitterer die
Enttäuschung deine Zunge plagen. Enttäuschung, dies bittere Kraut, ist ja ganz
unentbehrlich, willst du den Stein der Weisen bereiten.«
    Nachdem ich diesen Worten staunend nachgesonnen, entgegnete ich: »Eure
Lehre, weiser Meister, hat mir mit nichten Enttäuschung beigebracht, wenigstens
fühlt sich zu dieser Stunde mein Herz so wunderbarlich frei und reich, dass ihm
kein Zweifel an der von Euch gespendeten Wahrheit kommt. Drum, edler Meister,
treuen Dank!«
    Waldhäuser reichte mir freudig die Hand. »Wohlan, mein Kind, halte den Segen
der Stunde fest, und damit du ihn tiefer in dich aufnehmest, lass uns noch ein
Weilchen im Freien unter Sternen weilen, indessen ich, gleich den Nachtigallen
drunten, im Flötenton meine Andacht in die Nacht ströme.« Und er holte seine
Flöte, auf der er kunstvoll zu spielen wusste. Sanft und rein, klagend und doch
voll Seligkeit schwollen die Töne und bebeten in die Weite, zur Wunderwelt der
Lichtsymbola. Wie aber die rührende Weise verklungen, nahm mich der Meister
sacht am Arm, trat mit mir ins Museum, wo noch immer die Lampe leuchtete, und an
der Bahre das Totengerippe Wacht hielt. Von der Leiche tat er das schwarze Tuch
hinweg; das entseelte Knäblein lag wie ein schlafender Engel. Unter Zähren
lächelnd betrachtete ich die schöne Bildung des erblichenen Antlitzes, den
sanften Mund, die zugeschlossenen Augen, die güldenen Locken. Auch Waldhäuser
war in den Anblick versunken. »Dank!« flüsterte er nickend; »Dank für
Unterweisung und Demonstratio!« Dann tat er einen sehnsüchtigen Aufblick, als
öffne sich die Zimmerdecke und lasse die Sterne hereinstrahlen, und sprach in
einer melodischen Art, die nichts seinem Flötenspiel nachgab:
»Fahre wohl, verklärte Seele!
Bis uns lacht ein Wiedersehn,
Wann auch ich aus Staubes Höhle
Darf zu Funkelsternen gehn.
Liebreich winkt ein Hirt: Willkommen
Auf besonnter Blumenweid!
Lämmlein, bist mir angenommen
In der Unschuld weissem Kleid.
Gnade Gott, wir könnten alle
Gleich so erdenledig sein,
Dass wir zum Schalmeienschalle
Hüpften in den Himmel ein.
Träumen lasst mich, Funkelsterne!
Hebt mich über Gräber weit!
Ach, ich traue dir so gerne,
Heimweh nach der Ewigkeit.«
    Mit diesem Erlebnis schloss mein Aufentalt bei Waldhäuser. Nie sah ich ihn
wieder, - so dass sein Fahrwohl ungeahnt auch mir galt, - mit der Einschränkung,
dass ich nicht wie der tote Knabe mit Unschuld bekleidet war. Immerhin hatte ich
Sehnsucht nach dem himmlischen Kleide und war dessen sicher, dass es sich weben
lasse aus Waldhäusers Weisheit.
 
                              Das fünfte Abenteuer
                          Die Gräfin vom Böhmerschloss
 Zu den kostbaren Lehren, die ich von Waldhäuser vernommen, gehört auch eine, für
die mein ganzer Lebensgang Zeugnis ablegt, und die gleich am Tage, so auf die
nächtliche Meditation folgte, eine traurige Bestätigung fand. Im Anschluss an des
Evangelisten Predigt »Im Anfang war das Wort« hatte Waldhäuser gesprochen:
»Vergiss niemals, mein Kind, dass durch alles Erschaffene hindurch eine
Folgerichtigkeit waltet, vor der es kein Entrinnen gibt. Stellest du ein Ding an
die Sonne, so wirft es Schatten, und wenn es regnet, wird's nass. Toren wähnen,
ihnen werde Fortuna gestatten, den Folgen auszuweichen. Es muss halt jeder auf
sich nehmen, was er angerichtet hat. Wie die Saat, so die Ernte, und wer Wind
säet, erntet Sturm.« In Waldhäusers Friedensreiche hatte ich schier vergessen,
wie närrisch ich es getrieben, und mich in den Wahn gelullt, die Folgen seien
vermeidbar.
    Wie ich andern Tages das Haus verliess, um einen Gang für Waldhäuser zu tun,
der in aller Frühe seine Patienten aufgesucht hatte, trat ein Soldat zu mir und
sprach, ich solle allsogleich zum Herrn Grafen Slawata kommen, der eine wichtige
Sache mit mir zu besprechen habe. Da ich vermeinte, der Graf sei ein Patient, so
meine Pillen und Morsellen begehre, folgte ich dem Soldaten in des Grafen
Palast.
    In einem Gemache, das wie eine Kanzlei aussah, sass ein fürnehm gekleideter
Herr ergrauten Bartes, und bei ihm war ein Dominikanermönch. Der Herr winkte mir
und suchte seinem frostigen Gesicht einen freundlichen Ausdruck zu geben. »Ist
Er Johannes Tilesius, der Gold machen kann?« - Nicht ohne Bestürzung versetzte
ich: »Mein Name lautet also. Was aber die Goldmacherei betrifft, so geht es mir
wie andern Alchymisten: es kommt ein Stündlein, da gläubet man, mächtig wie der
Herrgott zu sein, und gleich hernach ist man, was man war, ein armer Narre.« Da
hielt der Herr in seiner Hand jene Silberkapsel empor, die ich Susannen
geschenkt. Verlegen gab ich zur Antwort: »Das eine Mal nur ist mir die
Goldmacherei gelungen; aber was eine zufällige Konstellation der Umstände
vermochte, hab ich mit Fleisse nie wieder zustande gebracht.« - Kühl entgegnete
der Graf: »So muss Er halt probieren, die Konstellation aufs neue
herauszubringen. Habe vernommen, dass Er beim Mediko Waldhäusero seine Zeit mit
Krankenbesuchen verliert, anstatt im Laboratorio dem König der Metalle zu
huldigen. Wohlan, ich will Ihm zu einem würdigeren Amte verhelfen. In meine
Dienste soll Er treten und ein prächtig Laboratorium haben. Wenn er dann aufs
neue zustande bringt, was Ihm schon einmal gelungen, wird Er im Golde schwimmen
können. Das ist eine Aufgabe würdiger, als die Waldhäuserei. Dieser
Lumpenkurierer bringt Ihn vom rechten Wege ab.« - »Nicht doch! Herr Graf!«
eiferte ich; »vielmehr hat mich der Waldhäuser auf den Weg der Wahrheit
gebracht, und den möcht ich nicht verlassen. Drum wolle mir der Herr erlauben,
dass ich seinen Antrag, so ehrenvoll er ist, mit schuldigem Respekt ablehne und
mich wieder zu meinem Meister begebe.« Der Graf warf mir einen stechenden Blick
zu und wandte sich zum Dominikaner: »So redet Ihr mit ihm, hochwürdiger Pater!«
    Nun richtete sich der Mönch herrisch auf, zog die Brauen zusammen und
heftete auf mich jenen Blick, mit dem die Viper ihr Opfer lähmet. Zischend
sprach er: »Was in Güte nicht geht, das muss Strenge ausrichten. So gebe ich Ihm
denn zu bedenken, dass Er nicht bloss ein Ketzer ist, sondern sogar ein Zauberer.
Keine Widerrede! Wir haben Zeugen. Denk Er an den Doktor Giacomini!«
    Wie vom Donner gerührt, trat ich einen Schritt zurück: »Der Giacomini will
gegen mich zeugen? Und hat doch selber die Zaubersuppe bereitet!« Abwehrend
unterbrach mich der Mönch: »Was der Giacomini getan, kommet nicht in Betracht.
Der Giacomini ist Zeuge, nicht Angeklagter. Johannes Tilesius ist der Zauberei
beschuldigt und hat der Jungfer Susanne vom Wirtshaus zur Äpfelkammer
eingestanden, dass Er vor Jahren Zauberei getrieben.«
    Krampfhaft zuckte mein Herz, da ich vernahm, dass Susanne mich verraten
hatte, und ich gab alle Renitenz auf. Triumphierend betrachtete mich der Pfaff
und verzog das Gesicht zu einer tückischen Freundlichkeit. »Nun Er weiss, was Ihm
widerfahren kann, wird Er kirre sein und des Herrn Grafen Antrag annehmen. Tut
Er das, so soll Ihm christliche Milde werden, und im Dienst der Kirche mag Er
seinen Frevel sühnen. In diesen Zeitläuften, wo die Höllenschlange sich gegen
den göttlichen Menschensohn aufbäumet, muss die heilige Kirche streitbar sein und
bedarf dazu der mächtigsten Waffe dieser Welt, des Goldes. Drum frisch ans Werk,
Herr Goldmacher, verstanden?« Da ich wie vernichtet in Schweigen verharrte,
lächelte er spöttisch und scherzte mit sich selber: »Ei ja, warum soll man
Zauberer nicht in den Dienst der Kirche nehmen? Hat nicht der Heilige Wolfgang
den Teufel gezwungen, ihm die Steine herbeizukarren, draus eine Kapelle werden
sollte?«
    Wieder im herrischen Ton wandte sich der Dominikaner zu mir: »Sofort hat Er
sein Amt anzutreten. Man wird Ihn ins Laboratorium bringen. Was Er an Stoffen
und Werkzeugen benötigt, mag Er bei mir bestellen, falls Er es nicht vorfindet.
Eine Bibliotek stehet Ihm zur Verfügung. An gutem Essen und Trinken soll es
nicht fehlen. Aber das sage ich Ihm: wenn heuer das Laub von den Bäumen fällt,
muss Ihm die Transmutatio Metallorum gelungen sein. Zum Abschied noch den Rat,
sich diesem Soldaten nicht zu widersetzen, der Ihn ins Laboratorium bringen
wird. Lass Er sich jetzo die Hände fesseln.«
    Entsetzt blickte ich nach dem Soldaten, der einen Strick in der Hand hielt
und Miene machte, ihn anzuwenden. Ich stürzte zum Fenster und schrie aus voller
Kehle: »Hilfe! Hilfe!« Aber da hatte mich der Soldat auch schon gepackt,
blitzschnell meine Hände gefesselt und einen Knebel in meinen Mund gezwängt, dass
mir das Schreien verging. Gebieterisch streckte der Mönch den Arm nach der Tür,
und der Soldat zerrte mich fort. Ich musste neben ihm die Treppe hinuntergehen
und in einem Wagen, so im Hofe mit Pferden bespannt unser harrte, an seiner
Seite Platz nehmen. Gleich darauf fesselte mir der Soldat auch die Füsse und
verband meine Augen. Die Wagentür ward zugeschlagen, und wir fuhren eilig ab.
    Ausserstande, mir zu helfen, ergab ich mich in mein Schicksal. Dass wir die
Moldaubrücke passierten, verriet das Rauschen des Flusses, dann ging es bergan.
Als kein Laut von Menschen mehr, nur Wipfelsäuseln zu vernehmen, tat der Soldat
das Tuch von meinen Augen und erlöste mich vom qualvollen Knebel, wofür ich ihm
meinen Dank sagte. Nachdem wir eine Stunde durch Wald gefahren waren, wurden mir
die Augen aufs neue verbunden, ich vernahm nahes Hundegebell und Hähnekrähen,
und merkte, dass wir durch ein Dorf kamen. Wieder im Walde, ward ich von der
Binde frei, und der Soldat gab mir aus mitgenommenem Vorrate zu essen und zu
trinken, genoss auch selber davon. Als die Sonne hinter die Tannenwipfel sank,
wurden noch einmal meine Augen verhüllt, und ich merkte bald darauf am dumpfen
Widerhall und Klappern der Hufschläge, dass wir durch ein Tor in einen
gepflasterten Hof fuhren. Dann hielt der Wagen, mir wurden die Augen frei
gemacht und die Fesseln abgenommen.
    Aus dem Wagen gestiegen, sah ich mich um und war im Hofe einer Burg, deren
Tor hinter uns zugetan und von Soldaten bewacht war. Mein Begleiter übergab mich
einem Manne, der in der Rechten einen entblössten Degen, in der Linken einen Bund
Schlüssel hatte und mit einem scharfen Blicke mir gebot, fürder seinen Weisungen
zu folgen. Während der Soldat zurückblieb, führte mich mein Vogt ein paar
Treppen hinan in einen langen düstern Gang und schloss an dessen Ende eine Tür
auf: »Hier wird Er hausen.«
    Mein Gemach war geräumig und von wohnlicher Einrichtung. Hatte ein stattlich
Himmelbett, einen runden Tisch von Eichenholz, geschnitzte Stühle und einen
Polstersessel. Tröstlich ward mein Herz berührt, als ich an der Wand ein Gestell
voller Bücher bemerkte. Das Fenster führte in den Burghof und war stark
vergittert. »Sogleich wird der Herr sein Nachtmahl erhalten, mag Er inzwischen
das Laboratorium betrachten, es liegt hier nebenan.« Hierauf verliess der Vogt
mein Gemach, nicht ohne es zu verschliessen.
    Ich begab mich in das Laboratorium und nahm in der Abenddämmerung seine
Hauptteile wahr. Ein Kreuzgewölbe mit zwo steinernen Säulen. Die vergitterten
Fenster führten zum Burghof. Am einen war ein grosser Tisch mit Retorten,
Tiegeln, Phiolen. Längs der Wände gingen Gestelle, und in Büchsen, Kästen,
gläsernen Gefässen waren Minerale und Lösungen. In der Ecke hatte es Mörser
verschiedener Grösse.
    Staunend trat ich an den seltsamen Schmelzofen. Aus gebranntem Ton war er
geformt, in Gestalt des biblischen Behemot oder Nilpferdes. Die Feuerung ward
eingeführt durch des Ungeheuers Maul. Auf dem Rücken war eine Stätte für den
grossen Kessel. Um sie zu erreichen, musste man mehrere Stufen empor zu einer
gemauerten Erhöhung steigen. Des Tieres Hinterteil ging ins Gemäuer zum
Schornstein. Auffallend war noch, dass zwischen den Nüstern des Behemot der
Buchstabe A, auf der Hüfte aber ein Z stund.
    Wieder in meinem Gemache, erhielt ich Speise und Wein. Dann eröffnete mir
der Burgvogt, er werde mir in all meinen Wünschen gefällig sein, so zur
Beförderung der chymistischen Arbeiten dienen! Meine Wohnung dürfe ich
einstweilen nicht verlassen, später aber zum Lustwandeln den Burghof verwenden,
falls es der Pater Aloisius gestatte.
    Einförmig gingen mir die Tage hin. Ich wusste zunächst nichts anzufangen, als
die Bücherei zu durchstöbern. Fand mehrere Schriften über göttliche Dinge und
menschliche Weisheit. Hinein versunken, fühlte ich mich für Stunden frei, und
die philosophische Materie passte besser für meinen Seelenzustand als das Studium
der Chymisten. Die Goldmacherei war mir dermassen zuwider, dass ich in den ersten
Wochen das Laboratorium mied. Meinen Vogt, der mich zur Rede stellte, betrog ich
mit der Ausflucht, es tue mir zuvörderst das Studium alchymistischer Bücher not,
deren Rezepte ich später durch die Tat erproben werde.
    Dass in schlaflosen Nächten Gram mich heimsuchte, ist aus der Natur eines
Menschen verständlich, der erst dreiundzwanzig Sommer zählte und die Beraubung
der Freiheit zum allerersten Male empfand. Manchmal hatte ich solch Mitleid mit
mir selbst, dass ich in Tränen ausbrach und, die Hände zusammengekrampft, gen
Himmel flehte, er möge mich doch durch ein Wunder erretten, möge mir einen
Ausweg ins Freie weisen. Allmählich sammelte ich meine inneren Kräfte, dass mir
der Kummer weniger anhaben konnte. Zur Erbauung gereichte mir das Andenken an
Waldhäuser. In tiefer Meditation prüfte ich seine Worte über die geistige
Bedeutung der Alchymie und setzete mir ernstlich für, im Laboratorio meiner
Seele meine Triebe und Leidenschaften zu läutern und zu edlerem Metalle
umzuwandeln.
    Was mir dabei zustatten kam und innigen Trost spendete, waren dichterische
Versuche. In früheren Jahren hatte ich zwar hin und wieder ein Poem verfasst,
aber nur nach Schulfuchsen-Weise. Erst in jener feierlichen Nacht, da Waldhäuser
auf seinem Altan die Flöte gespielt und an der Bahre des Knäbleins ein Gedicht
gesprochen, war mir die Ahnung aufgegangen, es könne des Poeten Kunst weit mehr
sein, denn Spiel und Schmuck für müssige Stunden. Des Liedes Muse hatte mich
damals an eine Pforte gehoben, durch die ich den Himmel offen sah; nun ward ich
inne, dass ich zu selbiger Pforte einen eigenen Schlüssel in mir trage. Wie
Gottesdienst war mir nun der hippogryphische Flug zum Olymp. Und seltsam,
während meine Träume zu Versen sich gestalteten, vernahm ich oft Musik in der
Nähe, so deutlich, als singe ein Engel zur Harfe.
    Wehmütig süss war es mir, an die Tage zurückzudenken, die ich in Schlesien
und dann zu Prag verlebt. Als eine sanfte Blume schwebte vor mir Elfriedens
blasses Gesicht, und meine Liebe zu ihr ward um so zarter und geistiger, je mehr
ich in Sicsatis das Hexlein Schlangenglatt erkannte, das die Sinne bezaubert,
Eitelkeit und Untreue im Busen. Für Elfrieden errichtete ich in meinem Herzen
einen Altar und schmückete ihn mit den Blüten meiner Phantasei. Den ganz
flüchtigen Verkehr mit der Patientin in Warmbrunn spann ich träumend zu einem
bunten Gewebe von Minneabenteuern aus, von Zusammenkünften und Gesprächen, die
sich gar nicht begeben hatten. War das nun Alchymie nach Waldhäusers Lehre?
    Monde waren vergangen, und ein gelbes Blatt, vom Wind in den Burghof
verweht, kündete den eingetretenen Herbst. Da rasselte der Schlüssel meines
Gemaches, zu einer Stunde, wo ich sonst keinen Besuch des Vogtes empfing.
Schrecken durchfuhr mich, als der Dominikaner eintrat, während der Vogt an der
Tür Posto fasste, den blanken Degen in der Faust, wie bei meiner Ankunft. Finster
sprach der Pfaff: »Wie ich vernehme, macht Er einen schlechten Gebrauch von
seiner Musse und missachtet der Befehle, so ich Ihm zu Prag eingeschärft habe.
Warum unterzieht Er sich nicht seinen alchymistischen Aufgaben? Warum hat Er
kein einzig Mal den Schmelzofen heizen lassen? Bilde Er sich nicht ein, mit mir
sein Spiel treiben zu dürfen. Dass Er es weiss: wir haben Mittel, Ihn zu kirren;
denn wie es mir freistehet, Ihm den Aufentalt in dieser Burg angenehm zu
machen, so kann ich auch Weisung geben, dass Ihm die gute Kost und die
Bibliotek, der Er allzuviel Eifer widmet, entzogen wird. Ja, mehr noch: zeigt
Er sich andauernd renitent, so mag Er im finstern Burgverliess logieren, und als
letztes Mittel, das dem Verbrechen der Zauberei rechtens gebührt, bleibet noch
die Tortur.«
    Meine Angst, bei dieser Rede immer mehr gesteigert, ging auf einmal in
rasende Empörung über, und mit krallenden Händen wollte ich den Feind erwürgen.
Doch den Degen gezückt, sprang der Vogt zwischen uns und stiess mir die Faust ins
Gesicht, dass ich taumelte. dabei kam mir die Besonnenheit wieder, ich beruhigte
die keuchende Brust.
    Mit verächtlicher Kälte sprach der Pfaffe weiter: »Nun Antwort! Warum hat Er
das Laboratorium vernachlässigt?« Ratlos rang ich nach Worten, bis mir eine List
beifiel. Zuckte also die Achseln und sprach wegwerfend: »Was soll mir das
Laboratorium, da ich doch keinen Gebrauch davon machen kann!«
    Der Mönch horchte auf: »Warum denn nicht? Hundert Alchymisten würden Ihn um
dies Laboratorium beneiden. Was fehlet daran?« - »Was daran fehlet? Ein
Gefängnis ist es; nur in Freiheit kann der Alchymist etwas ausrichten.«
    »Keine Flausen!« lautete die Antwort. Ich aber fuhr fort, mich zu
verstellen: »Foltert mich! Doch wenn ich auch in Stücke gerissen werde, bleibe
ich dabei: Wohl habe ich beim Schmirsel jenes Stücklein Gold hergestellt, so in
Eure Hände gelangt ist. Es mag auch sein, dass mir die Goldbereitung das eine Mal
wirklich gelungen ist, obschon Herr Waldhäuser meint, das gewonnene Gold sei
schon zuvor in den vermischten Stoffen gewesen, ich habe es nur nicht gewusst.
Angenommen, ich habe in Wahrheit Gold bereitet, so bin ich damals durch einen
Zufall begünstigt worden. Den aber hat die launische Fortuna nie wiederkehren
lassen, wiewohl ich mich abgemüht, die gleichen Stoffe und Verhältnisse von
neuem zustande zu bringen. Ich könnte Euch ja nun freilich mit leeren Hoffnungen
eine Weile am Narrenseil herumführen ...« - »Wehe ihm!« dräuete der Pfaff. -
»Eben darum!« fuhr ich fort: »ich will Euch nicht hinhalten, sondern beizeiten
über die Schwierigkeit informieren. Wohlan, lasset mich eine Stelle zitieren aus
der Schrift: Mysterium chymicum.« Ich holte das Buch, blätterte und las: »Von
Paracelso sagt sein Schüler Basilius, er habe mit Hilfe der Mondblume ein
rosenfarben Öl gewonnen und damit Silber tingiert, so dass es gutes Gold worden.«
    Da ich nun schweigend den Pfaffen ansah, zuckte er hochmütig mit dem Kopfe:
»Was soll mir das Zitat? Ähnliche Stellen, so auf Geschwätz und Aberglauben
zurückgehen, sind häufig in Goldmacherschriften.«
    Ich nahm mich zusammen, dass ich im Tone der Überzeugung erwiderte: »Mit
dieser Stelle hat es eine eigene Bewandtnis. Bedenket, dass ich kurz vor meiner
Prager Goldbereitung aus einem Gemisch von Kräutern, die mir meistens unbekannt,
einen Absud gekocht habe, und dass hiervon ein Rest in jenem Glase verblieben
ist, das nach Aufnahme der Massae das rosenfarbene Wunderöl herfürbrachte.
Wahrscheinlich ist die Mondblume unter den Kräutern gewesen.« - »Nun, so schaffe
er die Mondblume herbei!« sagte der Mönch. Ich aber erwiderte: »Leicht gesagt.
Wenn mir nur bewusst wäre, welch Kraut mit dem Namen Mondblume bezeichnet wird.
Jedenfalls werden die Kräuter, besonders seltene, in den unterschiedlichen
Gegenden nicht immer gleicherweise benamset. Es gilt, herauszubringen, wie die
Mondblume aussiehet. Erst dann bin ich in der Lage, sie zu beschaffen. Diesen
Zweck nun verfolget mein teoretisch Studium. Drum wollet mir nicht dazwischen
fahren. Dem Mitgliede eines hochgelahrten Ordens ist doch bewusst, dass alle
Kunstfertigkeit nur aus der Wissenschaft quillet. Sendet mir Bücher, in denen
sich Angaben über die Mondblume vermuten lassen. Ohne sie gleiche ich mit allem
Experimentieren nur einem Narren, so um Mitternacht im Wald umhertappet, einen
Sonnenstrahl aufzufinden, den er zwölf Stunden zuvor deutlich gesehen.«
    Forschend ruhte des Mönches Auge auf mir, nach etlicher Überlegung sprach
er: »Also gut, mag Er zunächst studieren, und was die Bücher betrifft, so will
ich Ihm schicken, wonach Er begehret. Indessen befehle ich hiermit, dass Er neben
der Teorie auch das Experiment emsig betreibe. Kein Tag darf vergehen, ohne dass
Er im Laboratorio arbeitet, und wofern mir hierüber kein zufriedenstellender
Bericht wird, so sollen Strafen erfolgen. Ernstlich hat Er zu bedenken, dass alle
Wünsche, die Er in seiner jetzigen Lage hegen mag, sich nur auf eine Weise
erfüllen lassen, wenn Er nämlich die Transmutatio zustande bringt. Sein Glück,
sein Befreier, sein Heiland nächst Gott und unserm Herrn Jesu ...« bei diesen
Worten bekreuzigte sich der Pfaffe ... »heisset Gold.« Und nun verliess mich mein
Quälgeist.
    Wie die Tür verschlossen war, sank ich zitternd in den Sessel. Hatte zwar
für den Augenblick die Attacke abgeschlagen, wusste aber, der mächtige Feind
würde unerbittlich zurückkehren.
Wie seltsam verstehet doch das Schicksal seine Mittel zu wählen! Meine
alchymistischen Versuche waren nicht umsonst. Sie führten zwar nicht zur
Transmutatio, doch zu einer Erfindung, und diese half mir zur Freiheit.
    Ich hatte einen Absud von Kräutern mit Alaun und Spirito vini vermenget und
versehentlich die Massa über ein aufgeschlagen Buch fliessen lassen. Die
wasserklare Flüssigkeit machte zuerst keine Flecken. Wie erstaunte ich aber, als
ich einen Monat später das Buch zur Hand nahm und die begossenen Stellen nunmehr
braun fand. Ich zog hieraus den Schluss, die ausgegossene Flüssigkeit sei so
beschaffen, dass ihre Flecken auf dem Papier, anfangs unsichtbar, erst nach
geraumer Zeit dunkel werden. Versuche ergaben, dass nach drei Wochen das benetzte
Papier sich dunkel zu färben begunnte. Wie diese Tinte zu meiner Befreiung
angewandt ward, soll der nächste Verlauf meiner Chronica melden.
    Auch insofern half mir mein Experimentieren, als es mich dazu brachte, den
Schmelzofen näher zu untersuchen. Weil mir bei einer gewissen Witterung der
Rauch ins Gewölbe schlug, war ich auf Remedur bedacht. Kroch also in den Rachen
des Behemot hinein und richtete mich im Innern auf, so dass mein Kopf in den
Schornstein kam. Mit einer Laterne leuchtete ich in den russigen Schlund, er war
geräumig; im Gemäuer waren Lücken, und den Fuss hineinsetzend, konnte man wie auf
einer Leiter empor gelangen.
    Nach dieser Entdeckung begab ich mich gleich zurück ins Laboratorium. Hätte
es bedauert, wenn mein Wärter mich innerhalb des Ofens gefunden und also diesen
Ausweg aus dem Gefängnis bemerkt hätte. Mein erster Gedanke war, einen Strick zu
beschaffen. Von den Ton- und Glasgefässen, so mit Pergament verschlossen waren,
tat ich die Fäden hinweg und knüpfte diese aneinander. Indem ich den so
gewonnenen Faden achtfach zusammendrehte, erhielt ich einen Strick von doppelter
Mannslänge. Ich verlängerte ihn noch dadurch, dass ich ans eine Ende meinen
Leibgurt, ans andere ein zusammengerollt Linnentuch band.
    Pochenden Herzens harrete ich der Nacht, den entdeckten Ausweg näher zu
untersuchen. Wie sonst um die neunte Stunde löschte ich mein Licht, damit die
Wache vom Hofe her nicht zu ungewöhnlicher Zeit Helligkeit bei mir bemerke. Um
zehn Uhr jedoch zündete ich die Laterne an, schob sie in den Schmelzofen und
kroch hinterdrein. Den Strick um den Leib, kletterte ich im Schornstein
aufwärts, indessen mir die unten verbliebene Laterne leuchtete.
    An der Mündung des Schornsteins reckte ich mich ins Freie. Der Mond netzte
silbern das Dach und beleuchtete waldige Hügel. Im Nachtauche säuselten die
Tannenwipfel, eine Eule schrie. Den Riemen um den Schornstein geschlungen,
rutschte ich an den Rand des äusseren Burgdaches und lugte hinab. Wie schwer, auf
diesem Wege zu entrinnen! Wofern ich selbst einen genügend langen Strick hätte,
würde ich in den tiefen Graben gelangen, der die Burg umzingelte; und wie sollte
ich hinausklettern? Während ich überlegte, vernahm ich drunten Schritte nebst
Waffengerassel und sah im Mondlicht einen Soldaten jenseits des Grabens den
Rundgang um die Burg tun. Derweilen ich mich anschickte, wieder rückwärts zu
kriechen, löste sich ein Dachziegel und stürzte polternd in den Burggraben. Aber
der Wachtposten kehrte nicht zurück, und so rekognoszierte ich weiter. Die Burg
war in Form eines Vierecks gebaut und hatte an den Ecken vorspringende Türme.
Vom Dache einer jeden Burgfront ragten mehrere Schornsteine. Ringsum nichts als
Waldgebirge, keine Spur eines Dorfes. Wie ein Nachtvogel flog mein Träumen über
die Wipfelwogen dem Isergebirge zu und suchte das traute Häusel des Oheims, der
jetzo in friedlichem Schlafe lag, ahnungslos, dass sein Johannes gefangen sei und
sehnsüchtig auf Befreiung sinne.
    Auf einmal klang ein melodisch Summen, das ich früher schon bemerkt, jedoch
für Einbildung gehalten. Vom nächsten Schornstein kam es her. Ich rutschte
rittlings die Dachfirste entlang, und in den Schornstein hineinhorchend, vernahm
ich Harfenschall und den Sang einer weiblichen Stimme.
    Nach längerem Lauschen beschloss ich, mich ein Stück in den Schornstein
hinunterzulassen, um zu erkunden, wer die Sängerin sei, und ob ihr Gemach meine
Flucht begünstigen könne. Den Strick befestigte ich oben am Schornstein, liess
das andere Ende in die Höhlung und glitt behutsam hinab. In die Schlinge des
unteren Endes steckte ich den Arm und schwebte nun im Schornstein nahe der
Mündung eines Kamins, durch den die Musik empordrang. Deutlich vernahm ich den
Harfenschall und die Worte, von sanfter Mädchenstimme gesungen:
Es kämmte die Gräfin ihr flutend Haar,
Zur Minne täte sie taugen.
Da wallte vorbei der junge Scholar
Und hub die schmachtenden Augen.
»Scholar, so halt deine Augen in Hut,
Dass sie zu hoch nicht fliegen!
Wer nicht geboren aus Adelsblut,
Darf keine Gräfin kriegen.« -
»Und ist mein Schatz auch hoch und fern,
Mein Minnen soll daran hangen,
Wie ich liebe des Himmels hehrsten Stern.
Wer mag ihn zur Erde langen?« -
»Scholar, von der Erde gehörst du fort,
Hast schon des Himmels Weihen,
Bist gar so rein wie die Engel dort,
Die lieben, ohne zu freien.
Du Keuscher bist höher geboren denn ich,
Dein Adel reicht über die Fürsten.
Du hebst mich hinan, ich fühle mich
Nach himmlischer Minne verdürsten.«
    Das war kein Lied, wie es eine Tochter des Vogtes oder ein dienend Weib
hätte singen können, im Ausdruck lag etwas Adeliges und Trauriges. Ich wusste
nicht, was tun, ob ich mich wieder entfernen oder noch länger lauschen solle.
Auf einmal riss das Linnentuch, mit dem ich meinen Strick verlängert hatte, und
ich stürzte, wobei sich mein Kopf derart an einem vorspringenden Stein stiess,
dass mir die Sinne schwanden.
    In mein Gesicht gesprjetztes Wasser brachte mich wieder zu mir. Ich lag auf
der Diele eines fremden Gemaches, ängstlich starrten mich zwei von Kerzenschein
beleuchtete weibliche Gesichter an. Das eine gehörte einer etwa zwanzigjährigen
schönen Jungfer. Die gross aufgetanen Augen hatten braune Sterne, bleich wie
Marmor die feine Haut, die Wangen rosa. Um die Schläfen wallten dunkle Locken.
Die zarte Hand hatte soeben meine Stirn mit Wasser benetzt, ich fühlte noch die
wohltuende Berührung. Der Jungfer Kleidung war schlicht, doch voller Anmut. Die
andere Frau, schon ältlich, hatte eine trauervolle Güte im runden Gesicht; sie
war wohl eine Dienerin. »Er kommt zu sich, Jungfer Gräfin!« sagte sie, »die
Wunde scheint nicht schlimm.«
    »Gott sei gelobt!« entgegnete die Jungfer mit beklommener Stimme. Mich
freundlich anblickend fuhr sie fort: »Unbesorgt, junger Gesell! Wir sind Ihm
nicht feind. Können uns denken, Er ist der gefangene Goldmacher und hat
versucht, übers Dach zu entkommen. Was mich betrifft, so bin ich des Grafen
Schlick jüngste Tochter, mit Namen Tekla, und dies ist meine treue Kammerfrau
Marianka. Wir beide sind auch nichts anderes denn Gefangene. Diese Burg
Wasenstein, die mein Vater seinen Kindern vermacht hat, ward unser Gefängnis.
Und dieselben Peiniger halten uns fest, so auch Ihn, junger Gesell, hier
eingesperrt haben. Vielleicht lässet sich zwischen uns gemeinsame Sache machen,
so dass einer dem andern zur Freiheit hilft. Aber nun sag Er, wie Er sich
befindet, und ob seine Kopfwunde sehr schmerzet.«
    Solche Worte waren mir noch holdere Musik, als das Lied zur Harfe. Ich
richtete mich auf und lächelte: »Dank für des Fräuleins Gnade und ebenfalls
Euch, gute Kammerfrau, Dank für den Beistand. Dem Himmel Dank, dass ich euch
gefunden habe!«
    Meinen Kopf betastend, erklärte ich die Verletzung für unbedeutend und erhub
mich vom Boden. Auch die Frauen stunden auf, und nachdem sie ein nasses Tuch zu
meiner Kühlung gereicht hatten, war unsere erste Überlegung, wie wir uns vor
Überraschung sichern könnten. Die Kammerfrau gab den Rat, ihre Herrin solle mit
Harfen fortfahren. Das sei der Wärterin, deren Schlafgemach hinter der einen
Wand gelegen, und auch der Burgwache im Hofe unverdächtig. Zur Musik möge ich
meine Geschichte erzählen.
    Gesagt, getan. Und nun lauschten voll inniger Teilnahme die beiden Frauen
meinem Berichte. Als ich auf den Dominikaner und den Prager Herrn zu sprechen
kam, in dessen Schloss ich verhaftet worden, sagte das Fräulein bitter: »Mein
sauberer Oheim, der Graf Slawata! Und sein tückischer Helfershelfer Pater
Aloisius - auch uns gegenüber ein rechter Teufel und Folterknecht. Mein Oheim
will seine Nichte um ihre Habe bringen, nachdem er dazu beigetragen, dass mein
teurer Vater unter Henkers Schwerte verbluten gemusst. Zum Klosterfräulein wollen
sie mich machen, und weil ich mich widersetze, ist diese Gefangenschaft über
mich verhängt.«
    Ich starrte die Jungfer an: »Unter Henkers Schwerte ist Euer Vater
verblutet?« - Nach einem tiefen Seufzer kam die Antwort: »Mein Vater gehörte zu
jenen böheimischen Empörern, so für die Glaubensfreiheit kämpften, jedoch am
Weissen Berge geschlagen und zum Teil dem Scharfrichter überliefert wurden.«
    Ergriffen neigte ich mich und hauchte einen Kuss auf der Jungfer Hand.
»Spielet weiter auf der Harfe!« mahnte Marianka. Doch die Gräfin versetzte trüb:
»Ich kann es nicht mehr, nachdem die schreckliche Erinnerung an meines Vaters
Tod heraufbeschworen ist. So wird es denn am besten sein, wir löschen das Licht
und fahren mit leiser Stimme in unserm Gespräche fort. Stelle dem Jüngling Wein
hin. Er mag neben meinem Bette im Sessel Platz nehmen, derweilen ich mich
hinstrecke.«
    Nun lauschte ich im Dunkeln dem Raunen der holden Jungfer. Es war eine Nacht
voll wundersamer Gefühle. Zu unserer Furcht vor Entdeckung gesellete sich das
Gaukelspiel der Hoffnung, zu den Seufzern, die unsere traurigen Berichte
erpressten, das heimliche Glück einer schnell geknüpften Freundschaft.
    »Mein teurer Vater« - sagte die Gräfin. »Ich sehe ihn noch, wie sein
gebräunt Antlitz strahlete und keck sein Auge blitzete zur Zeit, da uns das
Glück noch lächelte. Was dann der Gram aus ihm machte, mag ein Bildnis zeigen,
das der Verurteilte mir überbringen liess. Gleichwohl war sein letzter Gang
aufrecht, dass er der Sieger schien, während seine Gegner scheu zur Seite
blickten. Ich war damals noch ein Kind; aber deutlich steht in meiner Erinnerung
das grausige Schauspiel, das ich nebst meiner älteren Schwester Elisabet und
meiner treuen Marianka vom Fenster eines Hauses auf dem Altstädter Ring mit
ansah. Kopf an Kopf wogte drunten die Menge, während Soldaten mit geladenen
Musketen und vorgestreckten Picken das Blutgerüst umgaben. An den Fenstern des
Ratauses zeigten sich der Altstädter Rat, die Königsrichter und andere
Würdenträger in Prunkgewändern. Unten am Blutgerüst harrete eine Schar von
Männern mit bleichen, finsteren Gesichtern, Ketten an Händen und Füssen, darunter
mein Vater, schwarz gekleidet. Es waren die verurteilten Rebellen, denen das
Haupt, zum Teil auch noch die Schwurhand abgeschlagen werden sollte. Ein
Böllerschuss zeigte an, dass die Exekution beginne. Wie der Oberrichter den Stab
zerbrochen hatte, traten unter Fanfarengetön drei rotgekleidete Scharfrichter
auf das Blutgerüst, und einer entblössete sein breites Schwert. Mit Namen
aufgerufen, kam mein Vater zuerst an die Reihe, und ihm wurden die Ketten
abgenommen. Stark und hoch gewachsen wie er war, sprang er mit zween gewaltigen
Schritten die Treppenstufen hinan, wechselte etliche Worte mit dem Scharfrichter
und entblössete rasch den Nacken. Da trat neben ihn ein Jesuiter und hielt meinem
Vater unter Beschwörung den Kruzifixum vors Angesicht. Einen Triumphschrei fand
ich inmitten meiner Angst, wie auf einmal mein Vater den Jesuiter mit einem
Tritt vom Blutgerüst in die johlende Menge warf. Gleich darauf riss mich Marianka
vom Fenster zurück und umschlang mich weinend, während draussen ein dumpfer
Schlag erscholl, worauf die Menge hohl wie stöhnender Wald murmelte. Ich durfte
nicht mehr zum Fenster, und es weinten lange die Frauen, so um mich waren.
Marianka reichte mir zum Trost meines Vaters Bildnis, in eine silberne Kapsel
gemalt. Ich will es Ihm, Herr Johannes, weisen. Mach für ein Weilchen Licht,
Marianka!«
    Beim Kerzenschein nahm ich die dargereichte Kapsel und betrachtete das
Bildnis. Graf Schlick hatte ein bärtig Antlitz, wachsbleich von der
Gefangenschaft, umrahmt von braunen Locken, mit blauen Augen, deren trutzige
Kühnheit und Hoheit kein Kummer bewältigt hatte, obwohl Spuren davon den Mund
umzogen. Auffällig war die Art, wie die Hände auf der Brust lagen. Die Linke
streckte Daumen und Zeigefinger rechtwinklig voneinander. Darunter lag die
Rechte mit gleichfalls gespreiztem Daumen, der den Zeigefinger der andern Hand
berührte. So war angedeutet der lateinische Buchstabe:
    Die Jungfer erläuterte das Zeichen folgendermassen: »Mein Vater, dem es
während seiner Gefangenschaft bis zum letzten Stündlein verwehrt blieb, seinen
Kindern von Angesicht zu Angesicht oder auch nur brieflich zu begegnen, hat uns
eine Mahnung geben wollen, die er nur bildlich auszudrücken vermochte. Seinen
Maler, der zu ihm ins Gefängnis gekommen war, wies er an, diese symbolische
Geberde zu malen, vermutlich weil das Z als letzter Buchstabe ans Ende des
Lebens und an die letzten Dinge erinnert.«
    Ich stutzte, bedenkend, dass ja auch am Schmelzofen ein Z angebracht war, und
zwar am hintern Teil des Behemot, während auf dem Maule ein A stund. Als ich der
Jungfer davon Mitteilung machte, wechselte sie mit ihrer Kammerfrau einen Blick
der Überraschung: »Das ist allerdings seltsam und bringt auf die Vermutung, dass
der Buchstabe Z doch eine andere Bedeutung haben kann, als ich bisher annahm.«
    Als nach diesem Gespräch das Licht wieder ausgelöscht worden, grübelten wir
alle drei eine Weile über das Rätsel. Dann meinte ich: »Die gnädige Jungfer hat
etwas gesagt, was mir noch unverständlich: dass nämlich das Z auf dem Schmelzofen
von ihrem Vater herrühre. Wie denn? Hat er sich einmal hier aufgehalten?« -
»Gewiss doch!« entgegnete das Fräulein. »Habe ich das noch nicht erwähnt? Die
Burg, auf der wir uns befinden, ist meiner Familie Eigentum, gern hat mein Vater
hier gehauset und hat das Laboratorium nach eigenem Plane angelegt, selber der
Alchymie beflissen.«
    Nach all den kummervollen Gesprächen schlug unsere Stimmung in jugendlichen
Übermut um. Jungfer Tekla erhub sich vom Lager, nahm die Harfe und sang dazu
ein Lied von der Prinzessin zu Nirgendheim, die eine Krone aus Mondschein trage
und in ihrem Wiegenbettlein gleichwie in einer Karosse durch ihre bunten Lande
schaukle. Der Rundreim hiess:
»Hasche dein Glück, wann es kommt geschaukelt,
Weil es sonsten vorübergaukelt.«
    Diese holdselige Gräfin war mir die Prinzessin von Nirgendheim und war wohl
auch mein Glück. Der Mond schien durchs vergitterte Fenster und versilberte der
Jungfer Hände, die hurtig und zart über klingende Saiten glitten. Wie gern hätte
ich sie erhascht und an mein Herz gedrückt, das sich stürmisch nach Zärtlichkeit
sehnte und zum Zerspringen klopfte. Doch eine Hoheit war dem Fräulein eigen, die
mich in Schüchternheit hielt. Um so reiner aber war mein Glück, um so
zauberhafter mein Träumen. Zu sanftem Schall, zu Mondenschein und Schattenspiel,
zu süssbangem Zittern, Schaukeln und Schweben ward alles, was mich umgab. Ich
gedachte der letzten Nacht, die ich bei Waldhäuser verbracht, und wie an des
Knäbleins Leiche mir das Geheimnis aufging: »Der wahre Alchymist sucht
Herzensqualitäten zu adligen und in des Herzens Gold zu transmutieren.« Und in
mir jubelte es: »Bist auf einmal ein echter Goldmacher worden, Johannes!«
    Doch vorüber ging das selige Stündchen; ich musste in mein Gefängnis zurück,
und wir sorgten uns, weil der Strick im Schornstein sich nicht mehr erreichen
liess. Schliesslich gelang es mir, den Feuerhaken in des Strickes Knotung zu
bohren, und nun konnte ich mich emporziehen.
    Auf dem Dache angelangt, raunte ich durch den Schlot ein Valet und rutschte
auf dem Firste zum Schornstein meines Laboratorii. Beim Schein der Laterne, so
noch immer im Schmelzofen brannte, kletterte ich hinunter und kam wohlbehalten
in meinem Gemache an. Ich verbarg meine russige Gewandung und wusch mir die
Schwärze ab. Aufs Bett gestreckt, fand ich bis zum Morgengrauen keinen Schlaf,
denn mein Kopf schmerzete, und die Abenteuer dieser Nacht gingen durch meinen
Sinn.
    Andern Tages untersuchte ich die Buchstaben auf dem Schmelzofen. Das A auf
der Schnauze war mit schwarzer Farbe hingemalt. Ich kratzte daran, fand aber
nichts Sonderbares. Wie ich dann den Buchstaben Z beklopfte, klang die Stelle
hohl. Ich lockerte die Kacheln, bis eine herausging, und siehe, da war eine
Höhlung. Einen Lederbeutel zog ich herfür, der war mit Goldstücken, über
dreihundert an Zahl, angefüllt.
    Wie ein Blitz kam mir nun die Einsicht, Graf Schlick habe durch seine
Gebärde andeuten wollen, dass überall, wo sich auf seiner Burg das Z befinde,
eine Barschaft verborgen sei. Dem Scharfsinn seiner Kinder musste er es
anheimgeben, die Deutung herauszufinden, da ihm ja verwehrt war, in anderer
Weise als mit stummer Geberde zu seinen Erben zu sprechen.
    
    Kaum konnte ich die Nacht erwarten, die mich wieder zur Jungfer Gräfin
bringen sollte. Nachdem es mir gelungen war, meinen Strick zu verbessern, zog
ich meinen russigen Kittel über und verrichtete unschwer die Reise durch die
Schornsteine zu den Gefährtinnen, die mich froh empfingen und Leckereien von
ihrer Mahlzeit für mich aufbewahrt hatten.
    Gleich nach dem Willkomm brachte ich fliegenden Odems meine Entdeckung vor
und überreichte dem Fräulein den Beutel mit Golde. Marianka meinte jubelnd:
»Dieser Schatz kann uns befreien!« Die Jungfer freilich bezweifelte, dass es
gelingen werde, unsere Hüter zu bestechen. Nach etlichem Sinnen warf ich hin:
»Vielleicht ist ausserhalb der Burg jemand, der uns den Käfig auftut.« Marianka
meinte: »Ja, einer, der auch mächtig genung ist, dem Grafen Slawata die Spitze
zu bieten.«
    »Ich wüsste nur einen,« sprach die Jungfer; »das wäre Herzog Wallenstein, der
mächtigste Herr in Böheim. Aber mit unsern dreihundert Goldstücken können wir
diesen Fürsten nicht anlocken.« Da ward der guten Marianka eine Erleuchtung:
»Man könnte den Anschein erwecken, als wäre allhie ein viel grösserer Schatz zu
ergattern. Herr Johannes könnte ja so tun, als sei er wirklich ein Goldmacher.
Würde er von den vorhandenen Münzen etliche einschmelzen und für
selbstbereitetes Gold ausgeben, so liesse sich dem Wallenstein vielleicht der
Mund wässrig machen, dass er Hunger bekäme nach den Reichtümern, die solch ein
Goldmacher herfürzaubern kann.« Wir stutzten. Jungfer Tekla wandte ein: »Der
Wallenstein hält nichts von Goldmacherei; wie ich von meinem Vater vernommen,
hat er die Alchymisten für betrogene Betrüger erklärt. Sein Steckenpferd ist die
Sterndeuterei. Doch ich habe vor drei Jahren von der alten Gräfin Wresowitz
gehört, Wallensteins Faktotum, ein italienischer Sterndeuter, Seno mit Namen,
halte zu den Alchymisten und sei goldgierig. Vielleicht könnten wir diesen Seno
durch Vorspiegelungen wild machen und darauf bringen, dass er dem Grafen Slawata
den Goldmacher entwendet und hiezu die Macht seines Herrn Wallenstein in
Anspruch nimmt.«
    Marianka griff sich an den Kopf: »Aber wie liesse sich ein Brief an Seno aus
der Burg hinausbringen? Der einzige, der etwas nach aussen senden darf, ist Herr
Johannes, und an den Pater Aloisius geht jedes seiner Schreiben.«
    Jungfer Tekla erhub sich hastig: »Mein Vater hat versucht, sich auf andere
Weise mitzuteilen als durch die Schrift. Durch ein Symbolum wollte er zu seinen
Kindern reden. Vielleicht können wir ihn nachahmen und ein Schreiben
herausbringen, das dem Auge des Pfaffen unverfänglich erscheint, während Seno
den geheimen Sinn herausfindet.«
    Ich sprang auf und ging im Gemache umher: »Ich hab's, ich weiss ein Mittel.
Bei meinen alchymistischen Experimenten hab ich eine Tinte erfunden, ist farblos
wie Wasser, dass man zuerst nichts lieset. Doch wenn die Schrift drei Wochen alt,
wird sie gelb und lesbar. Es wäre also ein Brief mit gewöhnlicher Tinte zu
schreiben, der über Aloisius an Seno gelangen muss, eine Nachschrift aber mit
meiner erfundenen Tinte, nur für Seno lesbar, beizufügen. Pater Aloisius müsste
den Brief zur Beförderung recht schnell erhalten, solange die Geheimschrift noch
unsichtbar.«
    Mariankas Angesicht war sorgenvoll, und sie meinte zögernd: »Gesetzt aber,
es käme so weit, dass Seno den Herrn Johannes von hier wegnimmt, was haben wir
davon? Und was hat Herr Johannes davon? Wird nicht Seno den kostbaren Goldmacher
aufs neue hinter Schloss und Riegel bringen?« Dieser Einwand war nun zwar
berechtigt. Doch hofften wir, der Zufall, der ja in allen Geschicken eine Rolle
spielt, werde uns irgendwie begünstigen. Schliesslich überwand unser leichter
Jugendsinn die Bedenken, so dass wir uns allbereits in Freiheit sahen und
ausmalten, in welcher Weise unser Leben fürder verlaufen solle.
    Tekla sprach davon, ihre Schwester aufzusuchen, die an einen hessischen
Edelmann in schwedischen Diensten verheiratet sei. »Unser Johannes mag mich dann
begleiten und desgleichen bei Schwedens Krone Dienste nehmen, da ich ihn
ausserhalb dieser Mauern ebensowenig entbehren möchte, wie jetzo.« Das war nun
ein Trost zum Abschied, und in mein Gefängnis zurückgekehrt, zehrte ich von der
empfangenen Süssigkeit.
    Die Jungfer Gräfin hatte derart mein Herz eingenommen, dass ich ohne sie mich
verzehrte in seufzender Ungeduld. In meinem Gefängnis kam mir dann die Frage, ob
nicht eine Seele durch Sammlung und Aufmerken in solche Verbindung mit der
geliebten Seele treten könne, dass des einen Gedanken auf den andern übergingen.
Einmal als Marianka leicht erkrankt im Nebenzimmer lag und ich also mit Tekla
allein war, tat ich das Geständnis, wie hart mich die Trennung von meinem
angebeteten Sterne ankomme, und dass ich durch gesammeltes Denken ein geheimes
Band der Sympatie knüpfen möchte. Da nun die Holde merken liess, dass sie wegen
solcher Keckheit mir nicht grolle, so wagte ich die Bitte: »Wolle mir mein Stern
die Gnade erweisen, in jeder Nacht, wann die zehnte Stunde schlägt, des
entfernten Johannes zu gedenken. Meine Seele hingegen soll genau zur selbigen
Zeit entgegen wirken, und wenn wir so inniglich aneinander denken, mag es uns
gelingen, durch den Raum hindurch Grüsse zu tauschen und einer des andern Trost
zu sein.« Sie sah mich mit langem Blicke an, und daraus sprach so viel
Vertrauen und Zuneigung, dass ich entzückt fortfuhr: »Welch ein kostbar
Angedenken nehme ich für die Zeit der Trennung mit mir, so ich diesen Blick
gleichsam wie ein blühend Kräutlein recht in mein Herze hineinpflanzen darf.«
    Da ward mir die Wonne noch einmal, und zwar nach Herzenslust, den Zauber
ihres Auges zu trinken. Und dieser Blick, eine stumme Verlobung zweier Seelen,
ist mir also lebendig im Gedächtnis geblieben, dass es mir seitdem oft gelang,
die süssen Vergissmeinnichtblüten wie körperlich vor mir zu haben. Vorausfühlend,
welchen Schatz mir dieser Augenblick bescherte, neigte ich mich zu der edeln
Jungfer Hand und küsste mit heisser Dankbarkeit die seinen Finger. Sie aber
drückte die Finger an meine Lippen und raunete kaum vernehmlich: »Wag's, Knab!«
Nun war ich versucht, die Arme um sie zu schlingen, doch Ehrfurcht hielt mich
zurück, ich atmete tief. »Was soll ich wagen?« fragte ich schüchtern. Sie
lächelte: »Ich sag's Ihm später einmal.« Und zu Marianka ging sie.
    Der Winter nahte, und wenn ich übers Dach kletterte, war es mit Reise
bedeckt. Als ich der Jungfer davon Mitteilung machte, geriet sie in Sorge und
bat mich, beim Klettern übers Dach alle Fürsicht anzuwenden, dass ich ja nicht
ausgleite. Besonders riet sie mir an, ein für allemal die beiden Schornsteine
durch einen straffgespannten Strick zu verbinden. Schliesslich bat sie inständig,
ich solle - so leid es ihr tun werde - lieber auf Besuche verzichten, wann
Schnee auf dem Dache liege.
    Gleich andern Tages tobte ein Schneesturm, der alles mit dichten Flocken
überschüttete. Eingedenk des Versprechens, das mir die Jungfer Gräfin abgenommen
hatte, unterliess ich die Wanderung übers Dach. Zu meinem Bedauern hielt das
Flockenwetter an. Hochverschneit lag das Dach, und wenn einmal ein Tag ohne
Gestöber anbrach, brachte der Abend gleich wieder Schnee. Wochenlang musste ich
darauf verzichten, Tekla zu besuchen, und kämpfte mehr als einmal mit der
Versuchung, ihr Gebot zu übertreten.
    Während dieser einsamen Zeit hatte ich sämtliche Teile des Fluchtplans
ausgearbeitet. Neu war dabei folgendes Rezept, Seno zu gewinnen. Ich wollte ihn
einladen, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass ich gemeines Metall
transmutieren könne; wollte dabei eine Gaukelei anwenden. Zween Schmelztiegel
von ganz gleichem Aussehen hatte ich nötig. Den Boden des einen wollte ich mit
Golde begiessen, jedoch so, dass es versteckt war durch eine dünne Eisenschicht.
Der andere Tiegel sollte ohne Gold bleiben, und ihn sollte Seno vor begonnener
Schmelzung besichtigen. Hinterher aber wollte ich ihn mit dem andern heimlich
vertauschen. So gedachte ich, den Anschein zu erwecken, es habe sich ein Teil
des Bleies zu Golde umgewandelt. Weil nun aber zu besorgen war, dass ich, von
Seno weggeführt, gleichsam vom Regen in die Traufe kommen, nämlich bloss den
Tyrannen wechseln werde, so galt es auch, dem neuen Gefängnis zu entrinnen. Zu
diesem Zwecke wollte ich erklären, der Vorrat meiner Tinktur sei erschöpft, und
um ihn zu erneuern, bedürfe ich der Mondblume, so im Schlesischen Gebirg in der
Schneegrube wachse. Vielleicht, dass ich beim Kräutersuchen meinen Aufpassern
entwischen konnte. Einmal draussen, hoffte ich, Mittel zu finden, auch die
Jungfer Gräfin zu befreien.
    Da ich zu meinen Arbeiten im Laboratorio vom Burgvogte alle Gerätschaften
und Stoffe erhielt, die ich verlangte, so brachte ich es bald fertig, die beiden
gleich aussehenden Schmelztiegel zu beschaffen und herzurichten. Zur
Verbesserung meines Plans erfand ich ein Mittel, um Senos Aufmerksamkeit
abzulenken, derweilen die beiden Tiegel zu vertauschen waren. Ich wollte im
entscheidenden Augenblicke das glühende Schüreisen vor Senos Füsse fallen lassen.
Proben, die ich mit den Geräten und allen nötigen Hantierungen vornahm, gelangen
aufs beste, und es galt nur noch, den Wortlaut der Briefe festzustellen. Ich
machte mehrere Entwürfe und beschloss, gemeinsam mit den Frauen die Entscheidung
zu treffen.
    Endlich war das Dach schneefrei genung, eine Wanderung zu gestatten. Wie
innig ich mit Tekla verbunden war, verriet mein Herz durch seinen Jubel.
Marianka verhehlte nicht, wie sehnlich die Jungfer Gräfin nach mir verlangt
habe, wie schon manche Nacht das Feuer im Kamin ausgegossen, und wie gehorcht
worden sei, ob ich nicht endlich komme.
    Gross war die Freude, als ich meinen Plan in allen seinen Teilen darlegte.
Nach sorgfältiger Beratung gaben wir den Briefen folgenden Wortlaut:
    »Der hochwürdige Pater wolle mir eine Bitte erfüllen. Ich habe endlich
herausgebracht, wie die Mondblume aussiehet, deren ich zur Goldtinktur bedarf.
Mein Oheim, Tobias Tilesius, im Isergebirge zu Schreiberhau unweit der Stadt
Hirschberg wohnhaft, ist seines Zeichens ein Laborant. Wenn irgend einer die
Mondblume beschaffen kann, so ist er es, zumal diese in den Klüften des höchsten
Schneegebirges vorkommet. Wenn nun Hochwürden beiliegendes Briefel recht schnell
an meinen Oheim befördern und ihm Belohnung in Aussicht stellen möchten, so
würde Tobias Tilesius durch Euren Boten das mir erwünschte Kraut senden. Sollte
aber mein Oheim die Mondblume nicht getrocknet vorrätig haben, so könnte er sie
nach eingetretenem Frühling beschaffen. Mit aller Zuversicht stelle ich in
Aussicht, Gold zu machen, wofern die Mondblume in meine Hand gelangt. Wolle dann
der Herr so gewogen sein mir die Freiheit zu geben. Um sein zuverlässiger Diener
zu bleiben, tut mir keine Gefangenschaft not. Seid zu Gnaden Eurem Diener:
Johannes Tilesius.«
    Der beizulegende Brief, soweit er mit schwarzer Tinte zu schreiben war,
erhielt den Wortlaut: »Lieber Oheim, in Prag ergehet es mir immer noch gut, und
ich bin mit grossem Eifer der chymistischen Kunst beflissen. Darfst erwarten, dass
mir auch fürder die Goldbereitung gelinge, nachdem ich endlich herausbekommen,
welch Kraut zur Tinktur nötig; man heisset es die Mondblume, und so Du sie mir
beschaffest, werde ich so viel Gold machen, als das Quantum meiner Tinktur
gestattet. Die Mondblume, so benamset, weil ihre Blättlein rund wie Vollmond,
wächset bei Schreiberhau in der Grossen Schneegrube, wo sich eine Basalt-Ader
durch den Granit ziehet. Kreucht unter Knieholz am Boden dahin, vergleichbar dem
Bärlapp und trägt im Sommer rosenfarbene Glöcklein, würzig duftende. Lieber
Oheim! Sollte die beschriebene Blume sich unter Deinen getrockneten Kräutern
befinden, so sende mir den ganzen Vorrat. Der Überbringer dieses Briefes, ein
Diener des Herrn Grafen Slawata, wird Dir guten Preis dafür zahlen. Falls Du
aber die Mondblume noch nicht hast, so siehe zu, dass Du sie findest, sobald der
Sommer auf die Berge steigt. Derohalben sollst Du diese Beschreibung der
Mondblume aufbewahren und wiederholt lesen. Nun Gott befohlen, guter Oheim, und
grüsse die alte Beate. Dein Johannes.«
    Der nächste Teil des Schreibens, so mit meiner erfundenen Tinte geschrieben
werden sollte, erhielt diese Fassung: »Ach Oheim! Diese Nachschrift ist mit
einer Tinte geschrieben, so in den ersten beiden Wochen blass wie Wasser, erst
später dunkel wird. Geheime Schrift hab ich erwählt, weil das, was ich Dir jetzo
mitteile, nicht für die Augen derer ist, so den Brief an Dich gelangen lassen.
Diese Menschen sind meine bösesten Feinde. Der Graf Slawata zu Prag und sein
Helfershelfer, Pater Aloisius, ein Dominikaner, haben mich in die böheimische
Burg Wasenstein eingesperrt, soll da Gold für sie machen. Das kann ich nun
freilich, und Du sollst wissen, lieber Oheim, dieselbe Tinktur, so mir durch
Zufalls Hilfe einmal in Prag gelungen ist und Blei zu Golde tingieret hat,
verstehe ich jetzo beliebig zu bereiten. Die Mondblume ist bereits in meine
Hände gelangt, wiewohl in so geringer Quantität, dass ich nur ein winzig
Fläschlein Tinktur gewinnen konnte. Unter diesen Umständen erflehe ich von Dir
zween Dienste. Erstens sende mir durch den Grafen Slawata ein reichlich Quantum
der Mondblume, zum andern aber sollst Du mich befreien aus meiner
Gefangenschaft. Wirst nun fragen: wie vermag ein schlichter Kräutermann eine
gewappnete Burg zu öffnen? Wohlan, höre: Begib Dich unverzüglich nach Empfang
dieses Schreibens zum Herrn Wallenstein, Herzog zu Friedland. Brauchst aber
nicht den Herzog selber zu sprechen, da er sich vielleicht mit meiner Sache
nicht befassen mag, wiewohl sie für ihn so wichtig wie ein Königreich. Frage nur
nach Doktor Seno, einem italienischen Herrn, als Astrologus in herzoglichen
Diensten. Dem sage alles, was Dir von mir bewusst. Magst ihm auch meinen ganzen
Brief weisen. Beschwöre ihn, dass er mit seines Herzogs Beistand mich befreie.
Ich verspreche ihm, dafür Gold zu bereiten, soviel er haben will. Wofern aber
Herr Seno nicht gläubet, dass mir die Goldbereitung möglich, will ich sie vor
seinen Augen vollbringen. Habe von meiner Tinktur einen Rest übrig, der Gold für
zehn Dukaten im Beisein des Herrn tingieren wird. Im übrigen magst Du dem Herrn,
der etwas auf prophetische Vorhersagen gibt, zu wissen tun, was mir die
zigeunerische Wahrsagerin zu Hirschberg prophezeit hat: ich werde einen grossen
Schatz gewinnen und reich wie König Salomo werden. Item ist mir von einem
Sterndeuter im Hause des Herrn Medikus Schmirsel eine Vorhersage gemacht.
Nachdem dieser astrologische Adepte vernommen, ich sei am Johannistage des
Jahres 1606 zu Magdeburg ans Licht gekommen, brachte er heraus, ich werde grossen
Reichtum zusammenbringen und eines Fürsten getreuer Diener werden. Da ich nun
die Frage tat, wer wohl dieser Fürst sei, entgegnete der Sterndeuter: Kein
andrer als der künftige Böhmerkönig! Aber nicht bloss zu meinen Gunsten sollst Du
Herrn Seno bekehren; noch eines andern Menschenkindes Wohlfahrt liegt mir derart
am Herzen, dass ich den Herrn in aller Inständigkeit um Hilfe bitte. Burg
Wasenstein, mein Gefängnis, birgt auch eine schuldlose Jungfer, die Tochter
jenes Grafen Schlick, so zu Prag wegen Rebellion entauptet worden. Nicht
genung, dass Fräulein Tekla von ihrem Oheim, dem Grafen Slawata, ihres
väterlichen Erbes beraubt worden, ist sie gar seine Gefangene, ohne
Richterspruch. Ein Klosterfräulein möchte der Slawata aus seiner Nichte machen
und, massen sie sich weigert, den Schleier zu nehmen, sie hinter Schloss und
Riegel kirren. Die arme Jungfer verbindet ihr Flehen mit dem meinigen, Herr Seno
möge doch Seiner Hoheit, dem Herzog zu Friedland, das Herz zu Gnaden wenden, dass
Fräulein Tekla nebst ihrer Kammerfrau zur Freiheit gelange. Um Herrn Seno in
Stand zu setzen, seinem Herzog dies alles darzustellen, magst Du meinen Brief,
nachdem Du Copiam genommen, in seiner Hand lassen. Nun federe Dich, lieber
Oheim, und tue alles genau nach meinem Plane. Lege Herrn Seno meine Ehrfurcht zu
Füssen und sei ein zweiter Vater Deinem armen Johannes.«
    Diese Briefe wurden von mir geschrieben und in einer Hülle durch einen
Courier dem Pater Aloisio übersandt. Kaum war der Courier fort, so zeigte mir
Fortuna, wie wenig ihrem Lächeln zu trauen, und wie ihre Gunst an einem
Spinnenfaden hängt, leicht zerreissbar. Es begab sich nämlich, dass beim
Experimentieren mit Salpeter und anderen entzündlichen Stoffen das im
Schmelztiegel befindliche Gemenge sich entzündete und unter dumpfem Knall den
ganzen Schmelzofen zersprengete, so dass die Mündung in den Schornstein sichtbar
ward. Vom Getöse herbeigerufen, kam der Vogt und besah den Schaden. Wiewohl ich
bemüht war, sein Aufmerken vom Schornstein abzulenken, erkannte er doch, dass
hier ein Ausweg aus meinem Gefängnisse sei, und liess sogleich den Schmied holen,
der vor die Höhlung des Schornsteins schwere Eisenstangen ins Gemäuer einfügen
musste. Hierauf erst ward mein Schmelzofen durch Mauern und Kitten
wiederhergestellt.
    Das war nun für mich ein harter Schlag, denn es schien mir kaum möglich, die
Eisenstäbe zu beseitigen. dabei musste ich noch froh sein, dass ich alles Wichtige
mit dem Fräulein verabredet hatte. Von Tag zu Tag wuchs meine Beklommenheit und
Ungeduld.
    So waren bereits die Frühlingsstürme verrauscht und milde Tage gekommen.
Nach meiner Berechnung hätte Seno schon vor sechs Wochen eintreffen können.
Pater Aloisius schwieg, und ich wusste nicht einmal, ob mein Schreiben in seine
Hand gelangt sei. Seit die ersten Stare im Burghofe gezwitschert hatten, war nun
schon zweimal Vollmond gewesen, aber kein Zeichen der Aussenwelt versprach mir
Hilfe. Die Hoffnung auf Seno hatte ich bereits aufgegeben, und in tiefer
Betrübnis grüsste ich den Tag, an welchem meine Gefangenschaft sich jährte. Um
die Mittagszeit erscholl auf dem Hofe ein Lärmen und Hundekläffen, als ob eine
Jagdgesellschaft einziehe. In der Tat sah ich durchs Fenster Grünröcke, über der
Schulter das Waldhorn, eine Koppel Hunde und Reiter mit Feuerrohren. Froher
Schrecken fuhr mir durch die Glieder, als Schritte sich meinem Gemache näherten
und ein fremder Herr eintrat, gefolgt vom Vogte und von Soldaten.
    Der Herr, von kleiner Gestalt, hatte ein fahles, durchfurchtes Angesicht,
Hauptaar und Bart ergraut; er trug fürnehme Kleidung, wiewohl nicht nach Art
der Kavaliere. Sein stechend schwarzes Auge ruhte forschend auf mir, und dieser
Blick, der mein ganzes Wesen und Schicksal ausspähen wollte, verriet mir: Seno
muss das sein!
    Hierauf wandte sich der Herr zum Vogte: »Ich will mit diesem Goldmacher
allein sein.« Der Vogt stutzte und tat den Einwand: »Wolle der gnädige Herr
verzeihen. Habe von meinem Herrn, dem Grafen Slawata, strengsten Befehl, diesen
alchymistischen Zauberer mit niemand verkehren zu lassen, und wenn ich ...« Mit
gerunzelter Stirne schnitt Seno ihm die Rede ab: »Ich weiss wohl, dass der Graf
Slawata Oberstkanzler von Böheim ist; aber einstweilen hat er auf Wasenstein
noch nicht zu gebieten, während ich hier stehe im Namen seiner Altezza, des
Herzogs zu Friedland. Wolle er das beachten, Vogt, widrigenfalls ich ihm durch
meine Leute demonstrieren lasse, wer allhie gebeut.«
    Der Vogt rollte die Augen und tat gar einen Griff nach seinem Degen, doch
die zupackenden Soldaten machten ihn rasch gefügig. Und Seno befahl: »Haltet den
Vogt in eurer Mitte und harret draussen vor der Tür. Ich habe mit dem Goldmacher
ein Stündlein zu reden.«
    Nach einem Blick ins offene Laboratorium meinte Seno: »Ist das Eure
Werkstatt? Treten wir ein!« Wie ein Kundiger betrachtete er den Schmelzofen,
trat zu den Gestellen, auf denen die Gefässe mit allerlei Stoffen geordnet
stunden, und las etliche Aufschriften. Das Antlitz zu mir wendend, sprach er mit
einem forschenden Blick: »Will Er sich nun wirklich unterstehen, vor meinen
Augen Gold zu machen, dessen Er sich ja vermessen hat? Sein Oheim, der
Kräutermann, ist mit dem Briefe zu mir gekommen. Ich bin der Doktor Seno, ein
Berater seiner Altezza, des Herzogs zu Friedland. Will sehen, ob Er in seinem
Briefe Possen getrieben hat, oder ob Er wirklich tingieren kann.«
    Mein Herz pochte, ich atmete tief. Eine Verneigung tat ich und sprach mit
erheuchelter Ruhe: »So der Herr befiehlt, bin ich auf der Stelle bereit. Wolle
der Herr in diesem Sessel harren, bis ich Feuer gemacht habe.«
    »Will Ihm doch lieber auf die Finger sehen«, erwiderte Seno spöttisch und
blieb an meiner Seite, während ich mit der Schaufel die Feuerstätte säuberte,
das Brennholz kunstgerecht schichtete, in Brand setzte und mit dem Blasebalg die
Glut anfachte. Hierauf nahm ich den Feuerhaken, schürte und liess ihn in der Glut
stecken, während der hölzerne Griff aus dem Ofen ragte. Je näher der Augenblick
kam, der über mein Schicksal entscheiden sollte, desto ungestümer jagte mir das
Blut durch die Adern, aber auch desto gewaltiger nahm ich mich zusammen, um
nichts zu verfehlen. Hiebei kam mir zustatten, dass die benötigten Geräte und
Stoffe längst in Bereitschaft, und sämtliche Hantierungen mehrfach durchgeprobt
waren.
    Ich ergriff zunächst den Schmelztiegel, in dem nichts war, und machte Miene,
ihn auf die Glut zu setzen. Misstrauisch verfolgte Seno alle meine Bewegungen.
Und was ich im Stillen erhofft, trat ein: »Halt,« sprach er, »erst lass Er mich
den Schmelztiegel besichtigen!«
    Ruhig reichte ich ihm den Tiegel, worauf er aus Fenster trat und das Gerät
durch genaues Beäugeln, auch durch Beklopfen und Bekratzen untersuchte. Da
nichts verdächtig war, kam er wieder zum Ofen und gab den Tiegel zurück: »Gut,
fahr Er fort!«
    Ich stellte den Tiegel auf die Anrichte neben der Ofentür, wo ich unter
einem Tuche den andern, mit Gold ausgegossenen Schmelztiegel bereit hielt. Holte
vom Gestell ein Fläschlein, das meine Wundertinktur fürstellte, und reichte es
Seno: »Wolle der Herr mir ein wenig beistehen und eigenhändig die Tingierung
ausführen.«
    Seno hielt das Fläschlein aus Licht, zog den Pfropfen heraus und roch an der
Flüssigkeit, die nichts war als ein wertloser Absud. Am Ofen vorbeischreitend,
stiess ich mit dem Knie derart an den Feuerhaken, dass er heraussprang und zu
Senos Füssen fiel, der vor dem glühenden Eisen hastig zurückwich und dabei das
Fläschlein fallen liess, dass es zerbrach.
    Wohl hatte ich diesen Augenblick genutzt und rasch den in meiner Hand
befindlichen Tiegel mit jenem andern vertauscht, den das Tuch verborgen hatte.
Aber das Zerbrechen der Flasche brachte mich für eine Weile ausser Fassung.
    Mir ins Gesicht spähend, gläubete Seno, mein Schreck rühre davon her, dass
die kostbare Tinktur vergeudet sei, und sprach achselzuckend: »Da werden wir
wohl auf die Probe verzichten müssen; der Rest seiner Tinktur ist ja nun
verschüttet.«
    Diese Wendung der Dinge durfte ich keineswegs zulassen. Allerlei Gedanken
wirbelten durch meinen Sinn, bis mir auf einmal eine Ausrede beifiel. Nahm mich
zusammen und sprach: »Ei nicht doch, gnädiger Herr! In dem Fläschlein war ja
nicht die Tinktur, sondern ein Kräuterabsud, der zwar gleichfalls zur
Goldbereitung dienet, von dem ich aber noch einen Vorrat habe. Bloss deshalb fuhr
ich zusammen, weil der glühende Haken den Herrn hätte verletzen können. Verzeihe
der Herr meine Ungeschicklichkeit.«
    Nach dieser Ausrede trat ich ruhig zum Gestell, nahm eine grosse Phiole mit
Kräuterabsud und kehrte zu Seno zurück. Gab ihm hierauf jenen Schmelztiegel zu
halten, der in versteckter Weise das Gold entielt, legte Blei in diesen Tiegel
und goss etliches aus der Phiole hinzu. Ein rascher Blick in Senos Antlitz
überzeugte mich davon, dass ihm die Verwechslung der Tiegel entgangen war. Ich
triumphierte heimlich, holte nun ein ander Fläschlein und hielt es entstöpselt
vor Senos Nase: »Der Herr wird vermeinen, Baldrian zu riechen. Ist auch wirklich
Baldrian darin. Indessen hab ich Absud der Mondblume beigemengt. Pater Aloysius
hätte mein Laboratorium durchforschen können, und mir musste daran gelegen sein,
die Mondblumentinktur nicht in seine Hände geraten zu lassen. Da hab ich sie
kurzer Hand zum Baldrian getan, der die Wirkung der Mondblume nicht stört. Gebe
nun mein Herr Obacht, hier giess ich meine Tinktur in den Tiegel und werde gleich
das Blei zu Golde tingieren.«
    Nachdem ich den Inhalt des Fläschleins hineingetan, nahm ich den Tiegel aus
Senos Hand und setzte ihn auf die Glut, die ich mit dem Blasebalg anfachte.
    Seno starrte in den Ofen und beobachtete, wie die Flüssigkeit verdampfte,
und wie das im Tiegel befindliche Blei zu schmelzen begunnte. Sobald ich die
Gewissheit hatte, auch das Gold sei geschmolzen, sagte ich feierlich: »Die
Tingierung ist gelungen, und neben dem Blei, das übrig blieb, weil ich zu wenig
Tinktur anwandte, haben wir ein klein Quantum Gold gewonnen. Beliebe der Herr,
das flüssige Metall in diesen Eimer zu giessen.«
    Seno ergriff den Schmelztiegel beim hölzernen Stiele, während ich den Eimer
hinhielt, und zischend floss die glühende Massa ins Wasser. Eigenhändig fischte
Seno das erstarrte Metall heraus und betrachtete es. Staunend sprach er:
»Wahrhaftig, Gold ist dabei, das Experimentum ist gelungen. Werde derohalben
seine Bitte erfüllen und Ihn mit mir nehmen. Und zwar soll Er gleich ins
Schneegebirge gebracht werden, einen guten Vorrat von der Mondblume zu sammeln.
Seine Altezza der Herzog zu Friedland will morgen auf der Höhe des Korkonosch
einen Bären hetzen, und bei dieser Gelegenheit mag die Mondblume gesucht werden.
Wir reiten noch heute abend gen Rochlitz.«
    Ausser mir vor Freude, fiel ich auf meine Knie und küsste Senos Hand, indem
ich ihn meinen Befreier nannte. »Vollende nun der Herr sein gütig Werk und
erlöse auch die junge Gräfin Schlick aus dieser Burg.« Kalt jedoch gab Seno zur
Antwort: »Nichts davon! Sei Er zufrieden, dass Er selber hinausgelangt. Wegen der
Tochter eines gerichteten Rebellen mag ich nicht Händel mit dem Grafen Slawata
beginnen.« Wie flehentlich ich bat, Seno verharrete bei seiner Entscheidung und
liess mich barsch an. Es blieb mir nur der Trost: kommt Zeit, kommt Rat!
    Nachdem ich auf Senos Geheiss Papier herbeigeholt hatte, hüllte er die
Metallstücke sorgfältig hinein und steckte das Päcklein in seine Tasche. »Nehm
Er jetzo«, so sprach er, »sämtliche Geräte und Stoffe, so zur Goldbereitung
wertvoll, auch den Schmelztiegel, an sich und mach Er sich bereit, sofort die
Burg zu verlassen.«
    Während ich den Auftrag ausführte, rief Seno seine Leute herbei und sprach
zum Vogt, den sie umgaben: »Diesen Chymisten nehm ich mit mir. Ihn hier
festzuhalten, hat niemand ein Recht. So ihn aber Euer Herr zurückfordert, mag er
sich an Seine Altezza wenden.« Der Vogt versuchte Widerrede: »Der Gefangene ist
ein Zauberer und soll vor Gericht.« Kopfschüttelnd winkte Seno ab: »Macht
nichts. Herr Graf Slawata weiss ja nun, wo das Gericht den Zauberer finden kann.«
Zu mir gewendet, fügte er spöttisch hinzu: »Das Vöglein kommet halt aus Herrn
Slawatas Käfig in den meinen.« Seno ging hinaus, und inmitten der Soldaten
verliess ich mein Gefängnis. Wiewohl Senos Worte eine trübe Aussicht eröffneten,
liessen sie die Vorwürfe verstummen, die ich mir selber heimlich machte, weil ich
ja einen Betrug an Seno verübt. Jetzo durfte ich mir sagen: mit Feinden hast du
zu tun, und im Kriege ist Täuschung erlaubt, zumal wenn sie einem Schuldlosen
zur Freiheit verhilft. Da Seno den Befehl zum Abmarsch gab, bestieg alles die
Rosse, auch mir war eins gesattelt. Aufatmend ritt ich inmitten der Soldaten
durch das Burgtor über die Grabenbrücke, hinunter ins Waldtal.
    Einen letzten Blick warf ich zurück. Da lag nun auf dem Berge die Veste, wo
ich länger denn ein Jahr ein Gefangener gewesen. Stolz und wehrhaft ragete sie
mit ihren Türmen, Mauern und Zinnen. Ich fand die Stelle, wo ich übers Dach
geklettert war, und die beiden Schornsteine. Der heissgeliebten Gräfin galt mein
Herzenspochen. O dass ich sie jetzo grüssen könnte mit der heimlichen Seelenmagie!
Tekla! Frei bin ich - und alles will ich dransetzen, auch dich zu befreien -
meine Braut!
 
                             Das sechste Abenteuer
                          Wie die Jungfer zu mir sagte
                                 »Wag's Knab!«
 Im warmen Sonnenschein, den ich als Gefangener entbehrt hatte, begrüsst von den
rauschenden Tannen und Bergwässern, von Buchfink und Kuckuck, ritt ich mit
stillem Jubel dahin, versucht, meinem Ross in die Flanken zu treten und
dahinzufliegen wie ein Falk. Ich wollte ein Gespräch mit den Soldaten anknüpfen,
ward aber abgewiesen. Wir kamen an einen schäumenden Fluss und verfolgten ihn
aufwärts. Auf einer Bergmatte lagen Bauden, und ich vernahm wieder das traute
Brüllen der Kühe. Dann ging es durch Wildnis, bis wir um Sonnenuntergang in ein
Dorf kamen. Hinter den Hütten erhub sich das Gebirge, und der Wald vermochte die
höchsten Gipfel nicht zu erreichen. Wir kamen wieder an den rauschenden Fluss,
und nachdem wir eine Stunde seinem Lauf entgegengeritten waren, schoss von rechts
ein Bach daher, den sie Mummel nannten. Zwischen Scheuern und Bauden stund allda
ein herrschaftlich Haus, wir machten Halt und stiegen ab. Seno begab sich
hinein, willkommen geheissen von einem Herrn. Während die Rosse durch Knechte in
den Stall geführt wurden, ging auch ich mit den andern in das Haus, wo in einer
grossen Stube ein Tisch mit Speise und Trank bereitet war. Nach der Mahlzeit
gingen zween Soldaten mit mir in ein Gemach, wo eine Streu war. Die Tür schloss
der eine Soldat hinter sich ab, das Fenster war vergittert. Die Soldaten wiesen
mir meine Lagerstatt an und plauderten mitsammen über die befürstehende Jagd.
Ich vernahm, dass andern Morgens der Herzog von Friedland aus den Sieben Gründen
zum Hohen Rad hinanreiten werde, wo eines Bären Spur gefunden sei, und dass Herr
Seno mit uns auf dem Wege durchs Mummeltal zur Jagdgesellschaft stossen wolle.
Ein Soldat meinte mit mürrischem Blicke auf mich: »Es wäre fürwahr
unterhaltsamer, der Bärenhatz beizuwohnen, als diesen Goldmacher bei seinem
Kräutersuchen zu begleiten.« - »Begleite du nur, ich entspringe dir!« dachte ich
lächelnd und sank in tiefen Schlaf.
    Bei Morgengrauen ertönte das Jagdhorn und Rossegewieher, und sogleich waren
wir auf den Beinen. Nach einem hastigen Imbiss ging's an dem rauschenden
Mummelbach durch wilden Tann höher und höher. Wo das Wasser einen donnernden
Absturz tut, hielten wir an und stiegen von den Rossen; sie sollten hier
bleiben, da der fürdere Weg zu steil. Lange Wanderstäbe wurden Herrn Seno und
den anderen hohen Herren gereicht, und nun stiegen wir den Felsenpfad hinan.
Seno wandte sich zu mir: »Droben auf der Elbwiese werd ich mich zu Seiner
Altezza begeben. Derweilen mag Er seiner Mondblume nachgehen, aber Soldaten
werden Ihn überall hin begleiten, wo Er die Blume sucht. So Er sich unterstehet,
wegzulaufen, wird Er niedergeknallt.«
    Ein paar Stunden waren wir gestiegen, als die Tannen kurz und knorrig
wurden. Dann kam eine blumige Matte und ganz oben eine weite sumpfige Ebene. Da
gab es rostrotes Wasser und Binsen und verstreute Blöcke mit Moos bedeckt. Diese
Moorwiese bildet den Quellengrund der Elbe. Zur rechten wie ein Höcker der kahle
Korkonosch. Geradeaus ein steiler Absturz. Drunten die Sieben Gründe, hinein
springt die rauschende Elbe. Dahinter wieder hohes Gebirge, gekrönt von der
Schneekoppe. Links kahle, felsige Gipfel, der Reifträger, die Veilchensteine,
das Hohe Rad.
    Auf einmal schollen aus der Ferne Fanfaren, und Seno liess einen Hornisten
antworten. Vom Elbfall kam ein Trupp mit kläffenden Hunden dahergezogen. Unter
den grünen Jagdgewändern leuchtete ein Scharlachmantel, und Seno sagte: »Seine
Altezza!« Dann wandte er sich zu mir: »Er mag jetzo gehen, wie Er will.«
    Ich und zween der Soldaten blieben zurück, während Seno mit den andern unter
Horngetön seinem Herzog entgegenzog. Nachdem ich eine Weile gerastet und mich
besonnen hatte, deutete ich nach dem Hohen Rade und sprach zu den Soldaten:
»Dortin muss ich, in die Schneegrube, allwo mein Kraut wächst.« Hierauf prüften
die Soldaten ihre Schiessrohre und verwarnten mich. Beruhigend winkte ich ab, und
dann ging es über die Elbwiese. Von Block zu Block mussten wir hüpfen, um nicht
in den Sumpf zu patschen. Endlich auf trocknem Felsenboden, sahen wir den Nebel
wirbeln, so hier gern über den Gebirgskamm jagt. Noch einen Blick taten wir
zurück; die Jagdgesellschaft hatte sich in mehrere Haufen geteilt, deren jeder
unter Führung einer kläffenden Meute seine besondere Richtung verfolgte.
    Gleich darauf stund ich auf dem hohen Felsen, der gen Morgen ins
Schlesierland ausblickt. Mit wehmütigem Glücke sah ich drunten die Hütten von
Schreiberhau, Auen und Waldberge, weiter die Veste Kynast und Herrmannsdorf,
auch etliche Dächer von Warmbrunn und ganz hinten Hirschberg mit seinen Türmen.
Hold lächelte die Heimat, und mein Blick taumelte über das Waldgewoge, verwirrt
vom Sonnengold und blauen Dufte der Ferne. Und es hüpfte mein Herz. Bevor diese
Sonne sinket, bin ich frei, und schlafen tu ich in Oheims Häusel. Frei - oder
tot! Ich hatte mir ausgedacht, die Soldaten in die Schneegrube zu führen, wo
steile Wände, Schneefelder, unwegsame Blöcke und Knieholzgestrüpp das Gehen
schwer machen, wofern der Wanderer nicht mit solchem Gelände vertraut ist. Hier
wollt ich einen günstigen Augenblick nutzen und entspringen.
    Unter meiner Führung begaben wir uns auf jenen schroffen Felsen, der ähnlich
einer Burg zwischen der Kleinen und der Grossen Schneegrube emporragt, und sahen
in die Grosse Schneegrube zur Rechten, einen Felsenkessel, gross genung, ein
ganzes Dorf zu fassen. War aber nur Wildnis innen. Der Rand des Kessels ging an
manchen Stellen senkrecht, an andern war ein Abrutsch von Geröll. In
Felsenspalten und an schattigen Hängen lag Schnee, draus rannen Wasseradern in
den Grund. Im Kessel waren abgerissene Felsenblöcke nebeneinander gesäet, vom
Wasser rundlich gespült. Aus ihren Spalten wuchs das Knieholz, ein kriechend
Kieferngebüsch, hart wie Rippen grosser Tiere. Das Liebliche an diesem Bilde war
neben ein paar klaren Wasserbecken ein runder Teppich von Gras und bunten
Blumen. Einen Felsenhübel klommen wir hinab und gelangten auf den blumigen
Teppich, allwo wir rasteten. Heimlich sandte ich den Blick die steilen Hänge
hinan, einen Ort zu küren, so für meinen Plan passte.
    Hatten wir bisher in der Schneegrube nur Windes Sausen, der Wässerlein
Rinnen und das Zwitschern der Berglerche vernommen, so horchten wir jetzo auf
das Jagdgetöse, das verworren und schwach von den Rändern des Kessels
herniederscholl. Hörner bliesen, Hunde bellten, Treiber knallten mit Peitschen
und jauchzten. Da sprach ein Soldat: »Es scheint, sie hetzen den Bären schon.«
Zufrieden, abseits von den Jägern zu sein und so leichter entspringen zu können,
erhub ich mich: »Ich muss nun den Hang hinan, mein Kraut zu suchen.« Am Ranfte
eines Bächleins klomm ich zur Höhe, die immer schroffer ward. »Halt!« rief ein
Soldat, »wir sind keine Ziegenböcke.« Finster gab ich zur Antwort: »Ich soll ein
Kraut suchen, so nur droben gedeihet. Hindert ihr mich, so werde ich es Herrn
Seno melden.« Da die Soldaten schwiegen, setzte ich mein Aufwärtsklimmen fort.
Überschritt ein steil Schneegefild, das dem Fusse kaum Halt gab. Ein Soldat wäre
abgerutscht, wenn er sich nicht an einem Zacken festgehalten hätte. Des
Kletterns überdrüssig, fluchte er und setzte sich auf einen Felsen, der aus dem
Schneefeld ragte. Das Gewehr über seinen Schoss gelegt, rief er dem Kameraden zu:
»Mag der vermaledeite Goldmacher seinen Hals brechen! Er klettere, wie ihm
beliebt. Nach oben kann er ja doch nicht entrinnen, weil die Felsenwände zu
steil. Hier unten aber bewachen wir den Pass.« Das war dem andern Soldaten recht,
und er postierte sich einen Steinwurf seitwärts zwischen Knieholz. Ich tat, als
ob ich Kräuter suche.
    Ein Wässerlein aber floss aus dem höchsten Schneefeld, und wie es gleich
einem Schlänglein zwischen Felsen dahinschlüpfte, klang es silberhell, lachte
und lockte wie eine ferne Schalmei. Und des Lebens Lust, zwischen den grünen
Wäldern und den Schäflein der Himmelsaue hauchend, webend, schien mit diesem
Stimmchen zu raunen: »Nun sei frei! Der Augenblick ist da!« Auch klang mir im
Ohre meiner geliebten Jungfer Raunen: »Wag's Knab!« Schon tat ich spähende
Blicke ringsum, schon spannten sich meine Glieder zum Sprunge, als auf einmal
unter mir Hundekläffen erscholl. Und sieh, um den Hübel, den wir herabgestiegen
waren, kam eine Koppel Hunde gehastet, von einem Pagen gehalten. Hinterdrein ein
Jäger mit einem Spiess, ferner jener Rotmantel, und der war kein andrer, als
Wallenstein, Herzog zu Friedland. Wie ich eben sein ansichtig geworden,
strauchelt er und gleitet mit einem Beine derart in eine Felsenspalte, dass er es
nicht herauszuziehen vermag. dabei ist ihm das Jagdgewehr entfallen. Auf seinen
Zuruf wendet sich der andre Jäger und sucht den Herzog aus dem Felsenspalt
herauszuziehen.
    In diesem Augenblicke erschallt über mir ein gellend Posaunen, und wie ich
emporblicke, kommt ein schwarzbrauner Bär auf dem Hinterteil über das steile
Schneefeld herabgerutscht, gerade auf den einen Soldaten los. Dieser will hastig
ausweichen, strauchelt und stürzt mit dem Kopfe voran den Hang hinab. Der andere
Soldat legt sein Gewehr auf den Bären an und feuert. Unverwundet gleitet Petz
weiter, springt mit gewandten Sätzen über die Knieholzbüsche und ist nur noch
wenige Schritte vom Herzog entfernt. Indessen lässet der Page die Hunde frei,
und mit wütendem Geheul packen sie an. Zugleich stürmet der Jäger mit dem Spiess
auf den Bären los, der sich auf die Hinterfüsse setzt und mit den Tatzen um sich
haut. Vom Spiesse gestochen, brüllt er und streckt mit einer Ohrfeige den Jäger
nieder.
    Da beut sich mir nun die beste Gelegenheit zur Flucht: niemand kann ja
schiessen, und die Gefahr des Herzogs lenkt die Obacht von mir ab. So springe ich
denn mit langen Sätzen den steilen Hang hinunter. Wie ich nun ganz nahe dem
Untier bin, das aufsätzig mit den Tatzen nach den Hunden haut und, mein
ansichtig, mit der glühenden Wut seiner roten Augen mich versengen möchte, da
zuckt auf einmal in meiner Brust ein wilder Grimm, und mir ist, als müsse ich
meine Kraft nur daran wenden, die Bestie unschädlich zu machen. Auch höre ich
den Pagen um Hilfe schreien, dann ins Jagdhorn stossen, den Herzog aber mir
zurufen: »Her zu mir! Nimm mein Gewehr!« Und ich springe hin, hebe das Gewehr
vom Boden und lege auf den Bären an. Eben hat er sich von den blutenden Hunden
freigemacht, stürzt heran und richtet sich dicht vor mir auf den Hinterfüssen
empor, zu seiner ungeheuerlichen Grösse, reisst den geifernden Rachen auf und
starrt mich mit glasigen Augen an. Schon holt die Tatze aus, da hab ich ihn gut
aufs Korn genommen, genau in der Richtung des Herzens, und brenne los.
    Dem Krachen folgt ein dumpfes Stöhnen, das Untier stürzt vornüber, wälzt
sich mir zu Füssen, mit den Tatzen um sich schlagend, und verröchelt, indes ihm
Blut aus dem Maule schiesst, und die Hunde, heulend vor Wut, sich in sein Fell
verbeissen. Noch einmal bin ich in Versuchung, mich zur Flucht zu wenden. Aber
der Herzog Wallenstein ruft mir zu: »Braver Schütze! Her zu mir! Helf Er mir!«
Da trete ich zu ihm. Nun kommt auch der Page gelaufen, und wir wälzen den Stein
weg, der des Herzogs Bein festgeklemmt hat. Wallenstein erhebt sich und streckt
das Bein, um es gelenkig zu machen; dann schaut er nach dem andern Jäger, den
des Bären Tatze traf, und spricht zum Pagen: »Flugs dem Grafen Max
beigestanden!« Indem ist der Verwundete schon selber zu sich gekommen, richtet
sich auf, wischt sich das Blut von der Wange und nimmt seinen Filzhut ab, der
glücklich den Tatzenhieb gedämpft hat.
    Was nun meine beiden Wächter betrifft, so richtet sich der abgestürzte
ebenfalls auf. Der andere, so den vergeblichen Schuss auf den Bären getan, kommt
atemlos herbeigerannt; wie von Sinnen reisst er des Herzogs Gewehr aus meiner
Hand und packt mich am Kragen. Wallenstein herrscht ihn an: »Mordsblitz! Was
hat's denn? Was packest du den Mann?« »Der Goldmacher ist das« - stammelt der
Soldat - »ihn sollen wir bewachen.« Verächtlich lacht der Herzog: »Ha ha, der
Goldmacher! Senos Mann! Und den solltest du mit deinem Kameraden bewachen? Ihr
seid mir ein paar Wächter! Bequem hätte euch der Goldmacher durch die Lappen
gehen können.« Hierauf wendet Wallenstein den starren Blick seiner düsteren
Augen auf mich: »Und warum ist Er nicht durch die Lappen gegangen - he?« - Wie
ich dem gewaltigen Manne ins Auge sehe, kommt mir der Gedanke: »Der hält dein
Geschick in Händen, und jetzo gilt's, eine günstige Entscheidung
herbeizuführen!«
    Es war das einzige Mal, dass ich diesem Helden der Geschichte von Angesicht
zu Angesicht genüber gestanden bin. Der Mordstahl hat ihn hinweggerafft, doch
lebendig herrscht er noch in meinem Herzen. Majestätisch seine hagere Gestalt.
Wie einen König kleidete ihn der scharlachene Mantel, so über das silbern
betresste Jagdhabit niederwallte. Das Angesicht schmal, die Stirne hoch, das
Hauptaar schwarz und straff, der Knebelbart ergraut. Die gelbliche Haut verriet
mürrischen Sinn, das feine Geäst der Runzeln ein rastlos Grübeln, allezeit wache
Gedanken. Unter buschigen Brauen sprang die Nase wie ein Adlerschnabel herfür,
jedoch nicht spitz, sondern abgestumpft. Die Augen hatten schwarze Sterne, und
der bannende Blick verkündete den unbeugsamen Herrscher. Es wandelte mich jedoch
keine Furcht an, da ich auch seine gedankenvolle Ruhe und adlige Grossmut spürte.
    Fand dahero meinen Freimut, zog den Hut, neigte mich und begegnete aufrecht
dem Blicke des Herzogs. »Altezza fragen, warum ich nicht durch die Lappen
gegangen bin? Ei, es war doch besser, den Bären zu erlegen!« Der Herzog spähete
mich noch immer an. Dann huschte Heiterkeit über sein Antlitz: »Besser? Nun
freilich, für mich war's schon besser, sonsten hätte die Bestie mir den Garaus
machen können. Auch für den Grafen Max! Ob es aber für einen Gefangenen besser
ist, seine Flucht zu versäumen, ist noch die Frage.«
    Mit Bestimmteit erwiderte ich: »Auch für mich war es besser, denn durch
Euer Altezza Gnade werde ich eher frei als durch Ausreissen.« Der Herzog zog die
Augenbrauen hoch: »Er tut ja, als hab Er meine Gnade allbereits im Sack!«
    Schon wollte ich niederknien und meine Bitte aussprechen, als sich der
Herzog umwandte. Es kamen mehrere Jagdherren hinter dem Felsenhübel herfür. Auch
Seno war dabei. Lebhaft trat er auf seinen Herzog zu und neigte sich: »Heil dem
Schützen!« Kalt erwiderte der Herzog, auf mich weisend: »Der da ist der Schütz!«
Seno stutzte: »Das ist ja der Goldmacher -?«
    Wallensteins Auge blickte träumerisch: »Es ist derselbe Mann, dessen
Nativität ergeben hat, er werde dem künftigen König von Böheim einen Dienst
leisten.« Zu mir gewandt, fuhr er fort: »Er ist doch jener Magdeburger, anno
1606 geboren am Tage Sankt Johannis?« - »So ist es, Altezza.«
    »Und ein Pfaff wird aus Ihm werden,« fuhr der Herzog mit Bestimmteit fort,
»in den Sternen stehet geschrieben, dass Er's zum Hohenpriester bringt. Er
sollte machen, dass Er in ein Kloster kommt. Bedenk ich freilich, welch einen
Schuss Er getan, so mein ich, auch zum Kriegsmann hab Er das Zeug. Werd Er
beides: ein Kriegsmann und ein Pfaff - nach der Mode des französischen
Kardinals, haha!«
    Seno hub die Hand: »Verzeihen Altezza, nach meiner Berechnung kommt es mit
diesem Menschen anders. Nicht Hohepriesterschaft liegt ihm bei, sondern ein
Goldschatz. Dass ihn die Sterne dazu berufen, dem künftigen Böhmerkönige einen
Dienst zu leisten, ist allerdings wahr.«
    »Hat ihn wohl allbereits geleistet!« raunte Wallenstein seinem vertrauten
Sterndeuter zu; »nur weiss man nicht, ob ich der künftige König bin, oder obs
mein lieber Erbe Max hier ist. Jedenfalls hat der Mann uns beiden die Bestie vom
Leibe gehalten. Falls aber der Dienst, den er leisten soll, erst in Zukunft zu
erwarten, so ist es klug für unsereinen, sich gut mit ihm zu stellen.«
    Graf Max, der sich vom Hieb des Bären erholt hatte, war herangetreten, ein
Tuch an seine Wunde haltend. »Ich zahle« - sprach er kleinlaut - »hundert Taler
für seinen Schuss.«
    Spöttisch meinte Wallenstein: »Wer Gold machen kann, braucht deine hundert
Taler nicht. Hab ich nicht recht, Seno? Du willst ja dabei gewesen sein, wie er
mit Erfolg tingieret hat - he?« - Ernstaft nahm Seno aus seinem Gewande ein
Papier und wickelte das Gold heraus, das wir im Laboratorio gegossen hatten.
»Dies Gold hat er vor meinen Augen tingieret.«
    Wallenstein betrachtete nur flüchtig das Metall und gab verächtlich zur
Antwort: »Gaukelei! Alle Goldmacher sind Gaukler, und du, mein Seno, bist
geprellt, so du dich von diesem Menschen zum besten haben lässest. Sollst mir
endlich glauben, Seno: weise zwar bist du als Sterndeuter, doch deine Alchymie
ist närrischer Wahn. Ich wette, dieser Mensch nasführet dich, und dass ich ihn
frei lasse, ist das Beste für dich wie für uns alle.« - Warnend erhub Seno die
Hand: »Will Euer Altezza die Henne fliegen lassen, so jeden Tag ein gülden Ei
legen kann?«
    Da warf mir Wallenstein einen gebieterischen Blick zu: »Gesteh Er, dass Seine
Goldmacherei eitel Blendwerk. Die Wahrheit will ich hören, und damit Er nicht
aus Angst zur Lüge greift, hat Er mein Wort, dass ich Ihn zur Stunde freilasse,
Ihn auch behüten will, wofern mein Seno sich rächen möchte für seine
Nasführung.«
    Aufatmend spähte ich dem Herzog ins Auge, ob seiner Gnade zu trauen, dann
liess ich mich aufs Knie nieder: »Altezza sollen die Wahrheit vernehmen. Zuvor
aber vergönnet mir eine Bitte. Wie die hundert Taler, die mir vom Herrn Grafen
geboten wurden, so würde ich auch ein Geldgeschenk zurückweisen, falls Euer
Altezza mich damit belohnen wollten. Dafür aber flehe ich untertänigst um eine
andere Gabe ...«
    Ungeduldig unterbrach mich Wallenstein: »Will Er Bedingungen stellen? Hab
ich Ihm nicht befohlen, unverzüglich die Wahrheit zu gestehen? So Er zu bitten
hat, mag's hinterher geschehn. Zuvörderst kommt mein Wille!«
    »Zu Befehl, Altezza, und wollet verzeihen!« entgegnete ich, noch immer auf
den Knien, »es ist, wie Ihr sagtet. Kein Goldmacher bin ich, sondern nur ein
Gaukler. Doch bei Gott, nicht einer von jenen, so schnöden Gewinst suchen. Nach
dem edlen Gut der Freiheit tracht ich, ein schuldlos Gefangener; und ferner noch
einen zweiten Menschen, einen gänzlich unschuldigen, möcht ich befreien.«
    Der Herzog unterbrach mich: »Einen zweiten Menschen? Und wer ist das?« -
»Das ist die Tochter des Grafen Andreas Schlick, den man zu Prag entauptet hat;
die junge Gräfin Tekla ist es, eingekerkert in derselben Burg, die auch mein
Gefängnis war. Manch nächtliche Stunde hab ich gemeinsam mit dem Fräulein
durchgrübelt, uns beide frei zu machen, und rund herausgesagt: die Gabe, so ich
von Euer Altezza erbitten möchte, ist der Jungfer Gräfin Befreiung.«
    Belustigt blickte Wallenstein auf Seno, wandte sich dann wieder zu mir und
meinte: »Ei warum flog Er ins Freie, wenn sein Gefängnis ein so weich
Vogelnestlein? Als Goldmacher mit einer holden Gräfin hausen, ist doch kein übel
Los. Mich wundert nur, dass der Slawata die beiden Vögelein zusammensperrte. Oder
wie seid ihr beide zusammenkommen? Das alles soll Er jetzo beichten, dieweilen
wir auf diesem Blütenteppich rasten wollen.«
    Und der Herzog schritt nach dem Rasenplatze inmitten der Schneegrube und
setzte sich auf einen Block. Die Jagdherren folgten und lagerten sich rings,
während Pagen und Diener, darunter meine beiden Wächter, ehrerbietigen Abstand
hielten.
    Auf Wallensteins Wink trat ich vor und berichtete nun alles so ziemlich der
Wahrheit getreu. Wie ich aufs Dach gekrochen und durch den Schornstein der
Jungfer Gräfin vor die Füsse gefallen sei, als sie gerade zur Harfe sang. Der
Herzog nebst seiner Begleitung brach in Gelächter aus. Ich erzählte ferner von
meiner erfundenen Tinte und dem geheimen Brief an den Oheim. Glaubte aber
verschweigen zu sollen, dass ich einen Schatz des Grafen Schlick gefunden, und
dass der Buchstabe Z ihn angedeutet habe. Sagte bloss, Jungfer Tekla habe mir
Dukaten gegeben aus dem Erbe ihres Vaters, und ich habe dies Gold angewandt, um
Seno vorzugaukeln, dass ich ein Adepte sei.« Wütend blitzte mich Seno an.
Wallenstein aber lachte und ermunterte mich, frei zu reden. So schilderte ich
denn, wie ich an Stelle des unverfänglichen Tiegels den andern mit dem
verborgenen Golde gebracht hatte. Abermals erhub sich Gelächter. Seno machte ein
mürrisch Gesicht. An seinem Verdruss weidete sich der Herzog und sprach
übermütig: »Goldmachen ist gewiss eine wackere Kunst, doch mir ist nur ein einzig
Rezept dafür bekannt, auf das man sich verlassen kann. Nimm Salpeter, Schwefel,
Kohle und mache Schiesspulver. Das kann zu Golde werden, so du es recht
verwendest. Gelb Metall ist genung von unserm Herrgott geschaffen worden, wir
Menschen brauchen dem Schöpfer nicht ins Handwerk zu pfuschen. Es stehet uns
auch übel an, Kohlen zu blasen und im stinkigen Laboratorio unter Hüsteln und
Spintisieren die Lebenszeit zu vertrödeln, genasführet von abergläubischen
Idolen und wurmstichigen Scharteken. Ist es denn nicht würdiger, der Drommete
und Trommel folgend, das Gold aufzuraffen, wie es Gott geschaffen hat?
Zusammenzuscharren, wo er es über die Lande hin verstreute?« Noch einmal
richtete Wallenstein sein Aug auf mich: »Diese wahrhaftige Goldmacherei sollte
Er sich zu eigen machen, und ich will Ihm dabei helfen. Mag Er mir als Chymiste
dienen, aber nur in meinen Salpetermühlen und Pulverwerken. Ich rate Ihm gut -
zwingen mag ich Ihn nicht. Denn Er ist hinfüro frei und kann auf der Stelle
gehen, wohin Er will. Auch seine Jungfer Gräfin will ich in Freiheit setzen.«
    Ausser mir vor Freude stürzte ich vor dem Herzog nieder und wollte seine Hand
küssen, die er mir jedoch entzog.
    Seno machte ein Bedenken geltend: »Das wird Slawata Euer Altezza verübeln.«
Grimmen Hohnes gab Wallenstein zurück: »Um so besser! Diesen Oberstkanzler
ärgere ich gern. Die böhmischen Rebellen taten nicht klug, dass sie ihn aus dem
Fenster stürzten - hätten lieber capite rapite machen und ihn zu Stücken hauen
sollen. Die Canaglia ist schuld, dass wir morgen nach Bayern aufbrechen, wo die
Kurhüte sich zusammenrotten, mir das Generalat abzunehmen. Wohlan denn, wofern's
die Sterne wollen! Mag der Kaiser probieren, ohne mich auszukommen. Mir ist es
unerträglich, von jemand zu dependieren. Doch Ferdinandus dependiere von mir!
Bald soll er mich von neuem rufen. Es wehet allbereits ein rauher Wind aus
Mitternacht. Den nordischen Leuen hör ich brüllen. Cave leonem, Ferdinande!« Bei
diesen Worten war Wallenstein heftig und schiefrig worden, indessen seine
Begleiter in Spannung lauschten.
    Mir gab das dankbare Herz eine treffliche Losung ein. Ich schwenkete meinen
Hut und rief: »Vivat Altezza!« Da sprangen die Herren vom Rasen und umjubelten
unter Hüteschwenken den Herzog: »Vivat Altezza! Evviva!« Auch in böheimischer
Sprache erschollen Zurufe.
    Stolz blickte Wallenstein in die Runde. Dann verabschiedete er mich mit
einem Wink und sprach zu einem Offizier, der mit Seno in Wasenstein gewesen:
»Unverzüglich soll Er nach Wasenstein zurück, die junge Gräfin Schlick zu
befreien. Nehm Er aber mehr Leute mit und schau Er, dass Er mit gutem Vorwande in
die Burg komme. Will unser Bärenschütz mitgehn, so stehet ihm das frei.«
    Noch einmal beugte ich das Knie vor dem Herzog, neigte mich vor dem Grafen
Max und den andern Herren und trat zum Offizier, der allsogleich den anwesenden
Soldaten den Befehl zum Abrücken gab. Ich schloss mich an, und nun ging es den
Weg zurück, den wir gekommen waren.
    Im Dorfe drunten, am Mummelbach, wo die Pferde harreten, nahmen wir rasch
ein Mittagsmahl und, nachdem der Offizier Verstärkung seiner Mannschaft
requiriert hatte, schwangen wir uns in den Sattel und trabten gen Wasenstein.
Die Sonne sank glutig hinter die Wälder, als wir vor dem Burgtor anlangten. Die
Zugbrücke war hochgezogen, aus den Schiessscharten lugten Musketen, und des
Vogtes Stimme rief barsch: »Was ist euer Begehr?« - »Obacht!« gebot der
Offizier; »lass Er augenblicklich die Musketen einziehen und die Zugbrücke
fallen. Befehl des Herzogs von Friedland! Wer nicht gehorcht, soll büssen. Morgen
reiset Seine Altezza unter starker Bedeckung nach Bayern und kommt hier nahe
vorbei. Drum verständig, Herr Burgvogt! Öffne Er das Tor. Hier bringen wir auch
den Goldmacher.« - Nach etlichem Schweigen kam des Vogtes Antwort: »So Ihr den
Goldmacher wiederbringet, sollet Ihr willkommen sein.« Und nieder ging die
Zugbrücke, das Tor ward aufgetan, wir ritten hinein.
    Ich tat einen Jauchzer hinan zum Fenster der Jungfer Tekla. Ohne Verzug
ordnete der Offizier ihre Freilassung an. Dem Vogte half kein Protestieren. Als
aus ihres Gefängnisses Türe die Geliebte mir entgegen trat, frohes Hoffen im
Auge, da stürzte ich wortlos zu ihren Füssen und konnte nichts tun, als ihre Hand
immer nur küssen und glückselig aufschauen.
    Wir zögerten nicht, uns in die Freiheit zu begeben, und nur geringe Habe
liess die Jungfer durch Marianka zu einem Bündel schnüren. Verstohlen tat sie
Goldstücke in meine Hand und flüsterte: »Nun rasch ins Weite, belohn Er die
Soldaten!« Allsogleich nahm ich den Offizier beiseite und bat ihn, fünf Dukaten
anzunehmen. Wolle er uns mit seinen Leuten nach Tannwald geleiten, so werde sich
die Jungfer Gräfin durch eine weitere Gabe erkenntlich zeigen. Das war der
Offizier zufrieden, hatte auch nichts dawider, dass ich von den Soldaten für mich
einen Karbiner, für Tekla ein Pistol kaufte. Sogleich bestiegen wir die Rosse.
Tekla setzte sich hinter mich und schlang ihre Arme um meine Brust, während ein
Soldat Marianka zu sich nahm. So ging es zur Burg hinaus in den Wald, auf den
sich die Abenddämmerung senkte.
    Ohne Säumen verfolgten wir unser Ziel, und in leiser Zwiesprach überlegte
ich mit Jungfer Tekla, wie zu reisen für uns das Ratsamste. Tat den Vorschlag,
in Tannwald die Soldaten zu beurlauben und uns daselbst drei Pferde zu
beschaffen. Da nämlich zu erwarten, dass der Vogt uns nachsetzen werde, so galt
es, unsere weitere Spur zu verbergen. Es durfte niemand erfahren, wohin von
Tannwald unsere Reise ging. Die Jungfer Gräfin stimmte meinem Plane bei, änderte
ihn jedoch in einem Punkte ab: »Marianka muss in Tannwald bleiben. Sie kann das
Reiten nicht vertragen und ist bereits jetzt dem Hinfallen nahe. Übrigens hat
sie einen Bruder in Schwarzbrunn wohnen und wird froh sein, so wir ihr keine
weitere Reise zumuten. Später einmal, wann ich eine ruhige Stätte gefunden, mag
sie zu mir kommen.«
    Nach dieser Verabredung taten wir. In Tannwald belohnten wir den Offizier
und die Soldaten und liessen sie heim reiten, während wir von einem Gastwirte für
gutes Geld zwei Pferde kauften, mit der Angabe, wir wollten über Gablonz nach
Kursachsen reisen. Selbiges sagten wir auch Marianka und rieten ihr, im
Gastause zu übernachten, andern Tages aber ihren Bruder aufzusuchen. Da ihr die
Jungfer Gräfin reichlich Geld gab, so war die gute Dienerin zufrieden, wiewohl
sie unter Tränen und Schluchzen vom Fräulein Abschied nahm.
    Nach einem kurzen Ritte in der Richtung von Gablonz bogen wir rechts in den
Wald und fanden im Mondschein einen Pfad, der gen Weisbach führte, lenkten
indessen gleich darauf wiederum ab, und zwar gen Morgen. Zween Bäche
überschritten wir und kamen an den Kleinen Iser. Hier hatte mich vor drei Jahren
das Waldvöglein gewarnet. Zur Linken lag der Wälsche Kamm. Wald dunkelte auf
beiden Seiten. Wir waren zum Hinstürzen müde und schwiegen. Einmal hielt ich
mein Pferd und des Fräuleins Pferd an; Hufschläge glaubte ich hinter uns gehört
zu haben, es war aber nur der Widerhall unseres Trabes. Der Nachtauch raunete
durch die Tannen, fernes Gewässer rauschte, manchmal schrie eine Eule, auch
Wölfe hörten mir bellen.
Als der Tag graute, waren wir unweit der Abendburg, trabten ins Weissbachtal und
langten beim Lodern der Morgenröte vor Preisslers Glashütte an. Unterwegs hatten
wir verabredet, Frau Preislerin zu bitten, die Jungfer bei sich aufzunehmen. In
Oheims Haus konnte sie nicht gut wohnen, weil er kein eigen Gemach für sie
besass, auch aus dem Grunde, weil jegliches Aufsehen in der Nachbarschaft
vermieden werden musste. Es traf sich gut, dass bei unserer Ankunft die Preislerin
gerade allein vor ihrem Wohnhause war, das Gärtel begiessend. Trotz des Bartes,
der mir gewachsen war, erkannte sie mich wieder, wobei sie einer traurigen
Rührung unterlag, im Angedenken an ihre selige Elfriede. Als ich mein Anliegen
vorgetragen und für die Jungfer um Schutz gebeten hatte, war die gute Frau gern
bereit und traf sofort Anstalten, ihren Gast zu beherbergen. Es sei ihr eine
Herzensfreude, sagte sie, einer Landsmännin beizustehen, die gleich ihr des
evangelischen Glaubens halber aus Böheim habe flüchten müssen, und sie wolle das
Fräulein ansehen wie ihre eigene Tochter. Wir bedankten uns und machten
miteinander aus, die Jungfer solle für eine Prager Verwandte der Familie
Preisler ausgegeben werden, ich aber sogleich weiter reiten und vor den Nachbarn
verschweigen, was sich mit mir und der Jungfer begeben hatte. Wir bedachten, dass
der Graf Slawata vielleicht unsere Spur verfolgen lasse. Mein Pferd blieb, wie
das der Jungfer Gräfin, bei Preislers, die einen Pferdestall besassen.
    Ohne dass mich bisher, ausser der Preislerin und ihrem Sohne, jemand gesehen
hatte, ging ich zu Fuss über den Hüttberg ins Tal des Böhmischen Furt und
begrüsste mit stillem Jubel des Oheims Häusel. Der alten Beate, so ebenfalls die
Blumen begoss, jauchzete ich unter Schwenken des Hutes zu. Sie hub die Hände hoch
und eilte ins Laboratorium, aus dem sie gleich darauf nebst dem Oheim kam. Er
eilte mir entgegen und drückte mich schluchzend an seine Brust. In der
Balkenstube gab ich kurzen Bericht von meinem Schicksal und bat, den Nachbarn
nichts davon zu sagen. Zum Umfallen matt, legte ich mich schlafen und erwachte
erst bei sinkender Sonne. Als ich genauer die Begebenheiten erzählt hatte, war
es mir lieb, zu vernehmen, dass meine Ankunft von den Nachbarn nicht bemerkt war,
und dass keine Rede über den Gast bei Preislers ging. Absichtlich unterliess ich
in den nächsten Tagen einen Besuch bei Preislers.
    Wie ich schliesslich hinging, wäre ich beinahe dem Unheil in die Fänge
gelaufen. Bewaffnete Reiter kamen mir entgegen, und ich wusste sofort, es seien
meine Verfolger, da ich unter ihnen den Vogt erkannte. Sprang also vom Wege ins
Gebüsch und barg mich hinter Felsenblöcken. Ich war nicht bemerkt worden und
hörte die Rosse vorüber trappen. Hierauf schlich ich auf versteckten Pfaden zur
Glashütte. Beim Wohnhause traf ich die Preislerin, die ein erschreckt Gesicht
machte und mich in die Stube zog. Drinnen war Tekla mit dem Schnüren eines
Bündels beschäftigt. »Ihr beide müsst auf der Stelle fort,« sagte die
Preislerin; »eure Feinde sind gekommen, und wiewohl ich sie auf eine falsche
Fährte gelockt habe, können sie jede Stunde zurückkehren. Also begebet euch in
einen Schlupfwinkel des Waldes, bis die Gefahr vorüber.« Und die Frau erzählte,
wie soeben ein Trupp Dragoner vor ihrem Hause Halt gemacht und nach dem Häusel
des Laboranten Tilesius, auch nach zween Reisenden aus Böheim gefragt habe, so
vor fünf Tagen nach Schreiberhau gelangt seien. »Ich habe«, berichtete Frau
Preisler, »in ruhigem Ton erwidert, ein Mann und eine Jungfer seien allerdings
hier vorbeigekommen, einen Tag beim Laboranten Tilesius verweilet und gen
Hirschberg weiter gereiset. Gleich nachdem die Soldaten fort waren, hab ich
durch einen Knaben ein Briefel an den Kräutertobias gesandt, ihn von meiner
Ausrede in Kenntnis zu setzen, damit er sie bestätige. Hoffentlich werden sich
die Reiter täuschen und nach Hirschberg locken lassen. Aber wer weiss, vielleicht
misslingt meine List, und die Reiter kehren zurück. Drum machet, dass ihr
fortkommet. Flüchtet in die Abendburggrotte, allwo ihr tagelang hausen könnet.«
In dem Bündel, das Tekla geschnüret hatte, befand sich ein Vorrat von Brot und
Fleisch, auch eine Flasche Wein. Ich holte mir einen Spiess, und Tekla waffnete
sich mit dem Pistol, das sie den Soldaten abgekauft hatte. Unbemerkt ging ich
zum Walde, bald darauf kam Tekla nach. Als wir das Dickicht hinter uns hatten,
durften wir aufatmen, da fürs erste nichts zu befürchten war.
    Während wir nun bergan stiegen, sagte ich der Jungfer, was Sehnsucht ich in
diesen Tagen nach ihr empfunden habe, und dass ich sie schützen wolle bis zu
meinem letzten Blutstropfen. Tekla blieb stehen, drückte innig meine Hand und
schaute mir ins Auge mit einem dankbaren Blicke, der wie süsser Feuerwein durch
meine Adern rann.
    Ich wählte den Weg über den Weissen Flins, um nach einer Wasserlache zu
sehen, die früher dort gewesen, und deren wir zum Trinken bedürfen konnten. Auf
den Flinsblöcken, so gleich Schnee schimmerten, hielten wir Rast und schauten
hinunter ins waldige Tal des dumpfrauschenden Queissflusses. »Ach hochgebornes
Fräulein,« seufzte ich, »wollet mir eröffnen, ob Ihr anoch gesonnen seid, mich
bei Euch zu behalten. Da wir mitsammen gefangen sassen, habet Ihr geäussert, ich
solle Euch zu Eurer Schwester begleiten. Wie dünket Euch jetzo? Es ist wohl an
der Zeit, dass wir beraten, wie es künftig mit uns beiden werden soll. Was mich
bekümmert, will ich nicht hehlen: Das Fräulein ist eine Gräfin, Ihr Johannes
aber niedrig geboren und arm.« Tekla schwieg. Da kam ein Rabe geflogen, setzete
sich auf einen weissen Block und krächzete: Rah! rah! rah! Lächelnd sprach die
Jungfer: »Hört Er's nicht, Johannes? Dieser Vogel ruft vernehmlich: Wag's Knab,
wag's! Anderes weiss auch ich nicht zu raten.« Diese Worte erweckten in meiner
Brust einen schäumenden Mut. Ich sprang auf, nahm den Spiess in die Faust und
schleuderte ihn mit voller Kraft nach einer Tanne, dass er bebend im Stamme
stecken blieb. »Recht so!« rief die Jungfer frohen Blickes an meiner Seite.
    Wir gingen nun auf schmalem Bergesrücken über wirre Blöcke durch
Tannendickicht zur Abendburg, die wir bei Sonnenuntergang erreichten. Ich fand
den Ort so, wie er in meiner Erinnerung stund - nur dass zu meiner Knabenzeit der
Felsen grösser erschienen war. Ich wies der Jungfer Gräfin das Flinsgestein im
schwarzen Granit, das Giacomini eine weisse Pforte genannt hatte, und sprach:
»Hier ist die Stätte, wo ich vor zwölf Jahren jenen Schatz heben wollte, so mir
zigeunerische Weissagung verheissen. Ein Schatz von Golde ist mir nicht worden -
so mag es ein Schatz der Herzenskammer sein, und den kann mir keine andere Magie
verschaffen, als des hochgeborenen Fräuleins Gnade.« - Tekla schüttelte
freundlich das Haupt und erwiderte leuchtenden Auges: »Der Zauberspruch, diesen
Schatz zu heben, lautet: Wag's Knab, wag's!« Da war es nicht mehr die Abendburg,
was düster und hart vor mir ragte, sondern mein Schicksal, und ich ward inne,
dass ein rechtes Sonntags- und Johanniskind den Felsen des Schicksals in ein
gülden Schloss umzuwandeln weiss. Ernstaft nickte ich der Jungfer zu.
    Ich kletterte nun zur Grotte hinan und kroch in die Öffnung, die einem
Menschen das Durchschlüpfen verstattete. Kaum war Tekla ebenfalls eingedrungen,
so kam aus einem Felsenwinkel ein Knurren wie von einem Hunde. Den Spiess
gezückt, starrte ich hin. Wie mein Auge der Dunkelheit gewöhnt war, sah ich
funkelnde Augen und dunkle Körper. »Junge Wölfe sind es!« rief ich und wollte
eben zustossen. Aber Tekla hielt mir den Arm: »Wenn es bloss junge sind, so mögen
sie am Leben bleiben.« - »Es sind Raubtiere.« - »Aber sie haben eine Mutter.« -
»Die wird gleich kommen,« gab ich zu bedenken. - »Gerade deshalb,« erwiderte
Tekla; »wenn sie ihre Kinder nicht findet, wird sie die Grotte grimm umlauern.
Wir wollen lieber die Wölflein hinaussetzen.« Dieser Rat leuchtete mir ein,
behutsam näherte ich mich dem Wolfsnest, packte eins der Tiere am Genick und
setzete es zur Öffnung der Grotte hinaus. So verfuhr ich auch mit den übrigen.
Schliesslich kroch ich ebenfalls hinaus und trug die jungen Wölfe weiter weg.
    Dürre Äste brach ich hierauf von den Tannen und schleppte etliche Arme voll
in die Grotte, damit wir Feuer machen konnten. Nachdem ich die Öffnung durch
eingezwängte Steine verschlossen und das Holz entzündet hatte, setzeten wir uns
ums Feuer und öffneten das Bündel, uns durch Speise und Wein zu erquicken. Auf
ihren Wunsch berichtete ich der Jungfer alles, was ich von der Abendburg wusste.
Sowohl die Mären, die unter den Gebirglern umgingen, als auch die
Schatzbeschwörung, der ich als Knabe beigewohnt hatte. »Ich will Ihm seine
Erzählung durch eine andere vergelten,« sprach die Jungfer, »will berichten, was
für Bewandtnis es mit dem von mir gedeuteten Ruf des Raben hat. Nach ihm
benennet sich das ritterliche Geschlecht der Wachsknapp, dessen Begründer ein
Freund meines Oheims gewesen. Dieser Mann war unedler Abkunft und ein einfacher
Glasmacher namens Spiller. Wie er einmal eine Hucke mit Glaswaren durch den Wald
trug, wollten ihn Wegelagerer berauben. In diesem Augenblicke schrie ein Rabe,
und es deuchte unsern Spiller, er rufe ihm zu: Wag's Knab, wag's! Gefassten
Sinnes bat er die Räuber, sich zu gedulden, bis er seine Hucke hingesetzt hätte,
damit die Gläser nicht zerbrochen würden, alsdann würde er geben, was er zu
geben imstande. Kaum hatte er die Hucke abgetan, so wischte er mit seinem Stocke
dem einen Plünderer eins aus, dass der gleich hinstürzte. Der andere bekam einen
Tritt in den Bauch und liess sein Schwert fallen. Dies griff Spiller auf und
stach beide Feinde tot. Nebst seinen Gläsern brachte er auch noch gute Beute
heim, den Wegelagerern abgenommen. Dies Abenteuer, vor allem des Raben seltsamer
Zuruf, weckte ihm kühnes Sinnen und Unternehmen. Durch seine Beute in den Stand
gesetzt, soldatisch Rüstzeug zu kaufen, nahm er kaiserlichen Kriegsdienst,
brachte es in Ungarn zum Offizier, ward Oberst eines Reiterregiments und der
Gemahl eines gräflichen Fräuleins. Vom Kaiser in den Ritterstand erhoben, nannte
er sich Spiller von Wachsknapp. Aus dieser Begebenheit mag mein Johannes
ersehen, was aus Ihm noch werden kann, so Er, dem Spiller gleich, des Raben
Zuruf beherziget. In diesen Kriegsläuften ist ja morgen oben, was heut unten
war. Da Er mich nun befraget, was mit uns beiden werden soll, so proponiere ich:
Begleit Er mich zu meiner Schwester; mein Schwäher Falkenberg, in König Gustavi
Diensten, wird Ihn willkommen heissen. Vielleicht, dass mein Johannes ebenfalls in
schwedische Dienste tritt und beherziget, was hinfüro seine Losung sei: Wag's
Knab, wag's!«
    Auf hartem Lager suchten wir den Schlaf, nachdem ich für Teklas Haupt eine
Art Pfühl zurecht gemacht. Mich wollte keine Ruh begnaden, da ich fortwährend
den düstern Felsen meines künftigen Geschickes ungeduldig beschwur. Nach kurzem
Schlummer ward auch Tekla unrastig, weil draussen Wolfsgeheul anhub. Die Eltern
der Tiere waren gekommen und witterten Menschen. Es klang, als heule eine ganze
Meute von Hunden. Ich war versucht, Teklas Pistol auf die Tiere abzubrennen;
doch Tekla meinte, ich werde in der Finsternis nichts ausrichten und solle
lieber das Pulver sparen.
    Seltsam war die Nacht, die wir verbrachten. Bald wechselten wir Worte
miteinander, bald sank das Fräulein in Schlaf, bald nickte auch mein Haupt auf
die Brust. Doch fuhr ich empor, weil die Tiere kläfften und winselten, griff
nach des Fräuleins Hand und drückte sie zärtlich. Nun gaukelte die Phantasei das
Schloss der Abendburg vor meine Sinne, die Fenster sah ich gleissen und drang
durch die weisse Pforte ins Gewölbe, wo Gold wie Tannenzapfen hing. Dann war ich
auf der Burg Wasenstein und hörte das wundersame Harfen. Immer von neuem aber
fuhr ich empor, wann das Geheul wieder losging.
    Doch der Morgen verscheuchte die Bestien, und als ich die Steine von der
Öffnung tat, lachte im Sonnenscheine der Bergwald. Kaum hatten wir die Höhle
verlassen, so scholl fern ein Ruf. Anfangs beunruhigt, vernahm ich, dass es der
Oheim war, der meinen Namen rief. Ich antwortete, und der Oheim brachte den
Bericht, die Luft sei rein, da unsere Verfolger sich hätten nach Hirschberg
locken lassen.
    Wiewohl die geliebte Jungfer Tekla zugesagt hatte, mich bei sich zu
behalten, kam es nun doch zu einer zeitweiligen Trennung. Barbara Agnes, des
Herrn Schaffgotsch Gemahlin, an die sich Tekla brieflich um Beistand gewandt,
schrieb, sie möge zu ihr auf das Kemnitzer Schloss kommen, obzwar daselbst nicht
für die Dauer ein Asylum zu erwarten sei. Dortin wandte sich nun Tekla, von
bewaffneten Dienern der Schaffgotschin geleitet. Es war Tekla insonderheit
darum zu tun, ihre Schwester Elisabet ausfindig zu machen. Ich blieb beim Oheim
- unter stetem Sehnen nach der geliebten Jungfer.
    Schon verfärbte sich das Birkenlaub, als ich folgenden Brief erhielt:
    »Wiewohl noch weiter in die Ferne verzogen, hoffe ich doch, in wenigen
Wochen meinen treuen Johannem wiederzusehen, wofern er nämlich noch gesonnen,
mir zur Schwester Elisabet zu folgen. Diese Zeilen schreibe ich aus Dresden, wo
ich im Hause einer böhmischen Emigrantin Zuflucht gefunden habe. Bei der
Schaffgottschin mochte ich nicht länger bleiben, da ihr Mann Gefahr lief, dem
Grafen Dohna und anderen Herren, die ihn feindselig umlauern, Anlass zur
Beschwerde bei Hofe zu geben, indem er der Tochter des Rebellen Schlick
Unterschlupf verstatte. Übrigens ist die Schaffgotschin krank und wird wohl
sterben. In Mannskleidern bin ich mit dem Kemnitzer Schlosshauptmann nach Dresden
gereist, wo ich unter dem Namen Junker Jaroslaus bei der Wittfraue des edeln
Herrn Selnicki lebe und für ihres Bruders Sohn gelte. Gestern nun ist Nachricht
von meiner Schwester aus den Niederlanden eingetroffen. Ihr Mann, Dietrich
Falkenberg, des Schwedenkönigs Gustavi Hofmarschall, geht auf Befehl seines
Herrn nach Magdeburg, und Elisabet will ihn begleiten. Das Erzstift Magdeburg,
mit dem Kaiser völlig zerfallen, hat ein Schutz- und Trutzbündnis mit König
Gustavo geschlossen. Er kommet den Evangelischen in Teutschland zu Hülfe und
soll ein schlagfertig Volk zusammenhaben. Unsere gute Sache wird siegen. Zwar
tritt der ligistische Tilly den Schweden und Magdeburgern entgegen. Die
kaiserische Armada aber muss zerfallen, da ihre Seele, Wallenstein, ausgetrieben
ist. Diesen bisherigen Generalissimum hat der katolische Fürstentag zu
Regensburg dem Kaiser verleidet. Auf dass nun der Kaiser nicht in neue Angst
gerate und etwa gar am Wallenstein festalte, hat man ihm die Schwedengefahr als
eine Winzigkeit hingestellt. Wie die Botschaft anlangte, Gustavus werde
einfallen, war die jagdlustige Majestät im Begriff, wieder einmal Dianen zu
huldigen, und liess sich nicht davon abbringen, indem sie achselzuckend sprach:
Haben wir halt ein Feindel mehr! - Oh du leichtsinniger Ferdinand, wirst das
Feindel noch anders einschätzen lernen. Dem Helfer aus Mitternacht jubeln die
Magdeburger zu. Mein Schwäher aber wird als oberster Kommandant Magdeburgs
Verteidigung leiten. Da beut sich meinem Johanni Gelegenheit, seinem Vaterlande
und dem evangelischen Glauben, zugleich auch Seiner Freundin gute Dienste zu
leisten. Entscheide Er sich nun: Will Er mich nach Magdeburg bringen und ein
Soldat Falkenbergs werden? Voller Hoffnung harre ich des Bescheides. Sollte Er
ihn in eigener Person bringen, so wird Ihn froh willkommen heissen Seine Ihm
gewogene Tekla.«
    Mit Jubel erfüllte mich dies Schreiben, und ich eröffnete dem Oheim, dass ich
unverzüglich nach Dresden und dann nach Magdeburg reisen wolle, meine Vaterstadt
gen die Papisten zu verteidigen. Des Oheims trübselige Einrede und Beatens
Zähren änderten nichts an meinem Entschlusse. Nachdem ich von Preislers Abschied
genommen, holte ich aus ihrem Stalle das in Böhmen gekaufte Pferd. Vom Gelde,
das mir die Jungfer Gräfin eingehändigt, liess ich einen Teil beim Oheim, auch
die drei gekreuzten Dukaten, so ich als Andenken an meine seligen Eltern bisher
im Wamse getragen. Nebst meinem Tiere reisefertig, auch mit Waffen und Zehrung
versehen, gab ich in der Morgenfrühe meinen Lieben Umarmung und Valet und ritt
übers Isergebirge. Andern Tages gings durch die Lausitz, und schon am dritten
Abende langete ich zu Dresden an, stellte mein Pferde in einem Gastause ein und
suchte klopfenden Herzens die Wohnung der Frau von Selnicki. In seltsamer
Verwirrung begrüsste ich die Jungfer Gräfin, die in männlichem Gewande, mit
kurzgeschnittenen Locken einem schönen Knaben ähnlich war. Da ich zärtlich ihre
Hand küsste, lächelte sie: »Ich bin jetzo der Junker Jaroslaus.«
    Unverzüglich wollten wir nach Magdeburg reisen, weil es von Tag zu Tag
schwerer ward, in die von kaiserischen Völkern umschwärmte Stadt
hineinzugelangen. Da Tekla alles zugerüstet hatte, so brachen wir gleich den
nächsten Morgen auf, begleitet von den Segenswünschen der edeln Frau Selnicki.
Wir kamen noch vor Abend bis Meissen und andern Tages nach einem zehnstündigen
Ritte ins Brandenburgische.
    Zu Wittenberg fanden wir einen schwedischen Feldwaibel mit dem Anwerben von
Söldnern für Magdeburg beschäftigt. Obwohl der Kurfürst Fremden keine Musterung
in seinem Lande verstattete, konnten die schwedischen Werber ihres Amtes walten,
weil Bürger und Bauern die Magdeburgische Sache begünstigten. »Vom Kaiser und
der Liga« - so sagten sie - »ist nur Schlimmes zu gewärtigen. König Gustavus
hingegen rettet vielleicht den evangelischen Glauben und unsern Kurfürsten dazu,
zumal er ihm verschwähert ist.«
    Nachdem wir unsere Pferde in einer Herberge untergebracht hatten, begab ich
mich zum Werber, der unter Trommelwirbel und Pfeifenklang den herbeigeströmten
Gesellen das Laufgeld bot. Die bereits Angeworbenen hatten Tannenzweige auf die
Hüte gesteckt und sprachen unter Johlen dem gespendeten Biere zu. Ich eröffnete
dem Feldwaibel, auch ich wolle gern zur schwedischen Fahne, jedoch erst in
Magdeburg, wohin ich meinen Herrn, einen böhmischen Junker, zu begleiten habe.
»So kommet auf meinen Kahn,« sagte der Feldwaibel, »morgen früh fährt er abwärts
mit meinen Rekruten. Nur auf der Wasserstrasse gelanget man nach Magdeburg, ohne
Gefahr zu laufen, von streifenden Parteien gefangen zu werden.«
    Diese Mitteilung brachte mich in Verlegenheit. Ich mochte die Jungfer Gräfin
nicht unter trunkene Soldaten bringen, aber auch nicht der Feindesgefahr
aussetzen. Schliesslich machte ich mit dem Werber aus, dass ich mit meinem Junker
möglichst weit zu Pferde reisen und erst zu Beginn des Magdeburgischen Gebietes
den Kahn besteigen werde. Zum Treffpunkt bestimmten wir das Städtchen Aken, wo
der Kahn am übernächsten Tage eintreffen und einen zweiten Rekrutentrupp
aufnehmen sollte.
    Andern Tages ritt ich mit Tekla nach Aken, und nachdem wir daselbst
übernachtet hatten, langte der Kahn mit den Soldaten an. Ich stellte dem
schwedischen Feldwaibel meinen Junker Jaroslaus vor, und wir begaben uns nebst
den neuen Rekruten auf den geräumigen Kahn. Da der Wind in die Segel griff und
starke Strömung war, so hatten die Ruderer leichte Arbeit, hurtig flogen die
Weidengebüsche, Wälder, Auen und Dörflein vorüber. Sonsten war unsere Reise
nicht anmutig, dieweilen die Soldateska unaufhörlich Bier trank und johlte.
Wiederholt musste ich Kerle zurückdrängen, wenn sie meinem Junker zu nahe kamen
oder Kameradschaft mit ihm trinken wollten. Hätte mich nicht der Feldwaibel in
Schutz genommen, ich wäre in Streit mit den Söldnern geraten. Denk ich an diese
Reise zurück, so klinget mir ein Lied vor den Ohren, das man auf dem Kahne
wieder und wieder sang:
»Ein Schifflein sah ich fahren,
Kapitän und Leutenant.
Darinnen waren verladen
Zwei Fähnlein brave Soldaten.
Kapitän, Leutenant,
Fähnderich, Sergeant,
Nimm das Mädel, nimm das Mädel,
Nimm das Mädel bei der Hand -
Soldaten, Kameraden!«
    Über dem linken Ufer sank rot die Sonne nieder, als in der Ferne der Dom von
Magdeburg auftauchte, und dann kamen wir an Buckau und Sudenburg vorbei. Eine
Zähre im Auge, begrüsste ich die vaterländischen Gefilde und nennete meinem
lieben Junker die Dörfer und die Insel Rotehagen. Böllerschüsse donnerten uns
zum Grusse vom südlichen Rondell entgegen, und nun lag die Stadt in ihrer Breite
vor uns mit Wällen, Mauern und Verteidigungstürmen, mit wimmelnden Bürgerhäusern
und ihren zwanzig Kirchen, die düster in den gelben Abendhimmel ragten. Unter
der Brücke fuhren wir durch, die von den beiden Hunden flankiert wird, wie der
Volksmund zwei Geschütze wegen ihres Bellens und Beissens nennet. Von der Brücke
und noch mehr vom Fischerufer jubelten uns die Magdeburger zu, während auf
unserm Kahne gesungen ward:
»O Magdeburg, halt feste,
Du wohlgebauet Haus!«
    Da mit dem Schwedenkönig ausgemacht war, die Soldaten hätten ausserhalb der
Stadtmauer zu quartieren, so mussten wir an der Altstadt vorbei und legten erst
in der Neustadt an.
    Die Sehnsucht nach ihrer Schwester trieb Tekla, sich unverzüglich in die
Altstadt zu begeben. Ich geleitete sie bis zur Hohen Pforte, wo ich nebst ihrem
Ade einen innigen Dank empfing und dann zurückkehren musste, dieweilen ich ja als
schwedischer Rekrut keinen Einlass erhielt.
    In einem Bretterhause mit dem angeworbenen Volk kampierend, fand ich wenig
Schlaf, da mich der Kameraden Lallen und Schnarchen störte, und ich mit
Betrübnis von neuem inne ward, wie doch das Fräulein Gräfin gar so weit von mir
getrennet war.
Allsogleich des andern Tages sind wir geworbenen Söldner im Angesicht der
Neustädtischen Kirche versammelt worden und haben gemeiniglich zu ihrer
schwedischen Majestät Fahne geschworen. Da hat uns der Oberste Falkenberg, ein
fester teutscher Mann, vermahnt, hinfort wie zusammengeschmiedet Eisen stark und
treu beieinander zu stahn und die evangelische Freiheit, insonderheit itzo die
Magdeburgische Festung, unserm Schirm anvertrauet, allezeit aufrecht und
mannlich zu verteidigen, wie es ehrliebenden Kriegsleuten gebühre. So es aber
nicht anders sein könne, sei es preiswert, als redliche Mannschaft im Felde zu
sterben für Gottes Ehre und unserer Nachfahren Libertät.
    Hierauf so sind wir abgeteilet, und ich bin nebst anderen Rekruten dem
Hauptmann Urstedt und seinem Feldwaibel Otten zum Drillen übergeben worden.
Zuvörderst haben wir unsere Wehr und Waffen empfangen, als Sturmhaube und
Harnisch, Picke, Schwert und Zubehör.
    Wie unser Exercitium losgegangen, hat der Oberste Falkenberg vor meiner
Kompagnie ausgerufen: »Rekrut Tielsch!« Ich antwortete laut und rannte hin. Wie
ich salutierend vor dem Herrn stund, blickte sein blaues Auge durchdringend,
aber freundlich: »Ich danke Ihm, Tielsch, dass Er kühn und klug meine Schwäherin
aus ihrer Gefangenschaft befreit und wohlbehalten hergebracht hat. Jungfer
Tekla ist Ihm eine Fürsprecherin; so Er nur zur Hälfte ihrer Lobsprüche würdig
ist, wird aus Ihm ein tüchtiger Soldat und - wofern der Herrgott unser Leben
erhält, ein Offizier.« - Solche Rede freute mich unbändig. Auf des Obersten Wink
trat ich wieder in Reih und Glied. Hei, wie voller Valeur hab ich nun in meiner
Kompagnie auf der Neustädtischen Schafweide Stechen, Hauen und Parieren, auch
allerlei Finten geübt, ferner das feste Stillestehen, hurtige Laufen und
Formieren nach den unterschiedlichen Befehlen und Hornsignalen. Schon die Woche
darauf sind uns Musketen und Hakenbüchsen ausgehändigt worden, und nun hat das
Zielen, Laden und Scheibenschiessen angehoben. Nicht der kalte Wind Decembris,
nicht herabgiessender Regen und Schneegestöber hat uns verdrossen. Und so wir
abends im Barackenquartier unser Kommisbrot mit Speck verzehreten, wohl gar
einen Trunk Zerbster Bieres dazu, liess unser Mut sich fröhlich im Gesange aus:
»Frisch auf ins weite Feld!
Zu Wasser und zu Lande
Bin ich Soldat ums Geld.
Weil alle Leute schlafen,
Soldaten müssen wachen,
Dazu sein sie bestellt!«
    Ums Geld war ich nun freilich nicht Soldat. Doch wenn ich auch heimlich
schmunzelte »Eia, mir steht nach edlerem Solde der Sinn«, so hielt ich doch in
allen soldatischen Strapazen wacker mit den Kameraden. Die Wachen bekam ich fast
sattsam zu kosten. Doch oft fühlte sich mein Mut zu ähnlicher Flamme angefacht,
wie in der Nacht des dritten Advents, da ich auf der Zollschanze Posten stund.
Mit den Füssen stampfend vertrieb ich mir den Frost. Die Lunte meiner Muskete
glomm, und scharf lugete ich hinaus in die vom Sterngeflimmer bleich erhellte
Ebene, ob nicht etwan ein Feind daher geschlichen komme. In der nahen Wachtbude
intonierten die rauhen Kehlen meiner Kameraden:
»Zu Magdeburg, der werten,
Tummeln sich Völker viel,
Zu Fuss und auch zu Pferden
Treiben sie Waffenspiel.
Im Schilde überm Tore
Da steht ein Mägdelein,
Sein Händlein hat erkoren
Ein Rautenkränzelein.
Das Mägdlein spricht: Hie schauet
Die Burg der freien Magd!
Der Unschuld anvertrauet,
Vor Feinden unverzagt.
So einer auf der Freiten
Mein Kränzelein begehrt,
Der muss zuvörderst streiten
Gen manches Helden Schwert.
Mich halten wohlbeschirmet
Geschütz und Mauerstein.
Komm nur herangestürmet,
Du freches Freierlein!«
Hinter mir scholl es dumpf von den Türmen. Ich kannte sie alle von meiner
Kindheit her, die erzenen Munde von Sankt Johannis, Sankt Katarinen, Sankt
Jakobi, Sankt Ulrich, Sankt Sebastian, vom Liebfrauenkloster und endlich die
dumpfe Glocke vom Dome. Jetzo dröhneten sie die Morgenstunde, kündend, dass mir
die Ablösung nahe. Ich schaute zurück und sah die dunkle Masse der Stadt,
Dächer und Türme scharf abgehoben vom dämmernden Osten. Und da deuchte mich,
droben zwischen den zween Domtürmen stehe die Magdeburgische Wappenjungfer mit
dem erhobenen Kränzel; und niemand anders war's als meiner Tekla seine Gestalt.
Sie lächelte mir zu in spöttischer Herausforderung, als wolle sie rufen wie
einst auf der Abendburg: »Wag's Knab, wag's!« Und abermals wallete heiss mein
Geblüt, ich drückte die Faust auf mein pochend Herze, leise zu mir selber
sprechend: »Harre, Johannes, harre! Wirst sie endlich doch erobern, die stolze
Feine! Wohlan, das sei hinfüro all dein Ziel - dein Abendburgschatz, den du
gewisslich heben wirst!«
    Wie ich des andern Tages den Schlaf, so auf der Wacht versäumet war,
etlichermassen nachholete, ward ich aufgewecket von meinem Korporal, dieweil ein
Bote für mich gekommen. Es war ein Page des Obersten Falkenberg. Er führete mich
beiseite und tat in meine Hand ein Päcklein, auf dessen Siegel das gräflich
Schlicksche Wappen gedrücket war, mir wohlbekannt von Teklas Ringe. Ich gab dem
Pagen einen Botenlohn und hiess ihn beim Marketender harren, ob etwan eilige
Antwort auf diese Post vonnöten.
    Klopfenden Herzens öffnete ich das Päcklein. Es entielt einen Beutel mit
Dukaten nebst einem Briefel, also lautend:
    »Mein getreuer Johannes wolle doch nit denken, dass ich sein vergessen, seit
wir einander aus den Augen gekommen. Nehme Er meines Herzens Gruss und meines
Dankes ein Zeichen. Soldaten bedürfen Geldes, sintemalen Kommisbrot trucken
schmecket, und bekanntermassen die Herren Offiziere nicht gern einen armen
Schlucker avancieren lassen. Ei ja, die Welt fordert zu einem guten Gemälde auch
einen güldenen Rahmen. Präsentier Er sich also den Herren Fürgesetzten, wie sie
es gerne haben, mit etlichem Edelmetalle, auf dass Er, wie zum Exempel der
heldenhafte Oberste Aldringen, eines Bürgers Sohn, mit Gottes Beistand an eine
Stelle avanciere, wo Ihm freudig vor aller Welt die Hand reichen darf eine, so
Ihm wohlaffectionieret.«
    Dies Schreiben erregte mir viel Freude, aber auch einen Beigeschmack von
Verdruss und Trutz. Schrieb ohne Verzug die Antwort, tat sie nebst den Dukaten
zusammen und händigte das Packet versiegelt dem Pagen für die Jungfer Gräfin
ein. Es lautete aber mein Briefel:
    »In gebührender Reverenz hab ich empfangen, was mein hochgeehrt Fräulein mir
geschrieben. Hab's für eine Gnade gehalten, dass Sie bemühet gewesen, mich mit
einem Grusse und Beistande zu würdigen. Von Herzen danke ich Ihr die gute
Affektion, so Sie gen mich heget, und bitte den Himmel, dass er Sie zu dem
Schlusse führe, den mein adlig Fräulein in Aussicht stellet. Indessen verzeihe
Sie ihrem Knechte, dass er die beigelegte Gabe, so ehrenvoll sie ist, wieder in
Ihre Hand zurückgibt. Meine Dienste für das holdselige Fräulein haben mir einen
Lohn eingebracht, vor dem alles Gold nur eitel Armutei bedeutet. Was aber mein
Avancement anlangt, so möcht ich vor den Augen meiner Herrin einzig durch eigen
Verdienst und Kraft zu Rang und Ehren kommen. Avancement durch Fräuleins Gunst
gibt es für mich nur im Reiche des Herzens. Also ist einer gesonnen, so nimmer
die Losung vergisset: Wag's Knab.« -
    Um sich der Stadt besser zu versichern und sein Kriegsvolk allmählig
daselbst einzunisten, setzete Falkenberg durch, dass etliche hundert Soldaten aus
den Vorstädten nach Magdeburg hinein quartieren durften. Auch meine Kompagnie
erhielt Befehl, sich marschfertig zu machen. Jedoch mussten wir, bevor die Hohe
Pforte uns geöffnet ward, dem Burgemeister, Herrn Kühlwein, geloben, zu der
Stadt Versicherung in aller Treue das Bündnis zu wahren und gute Disziplin zu
halten.
    Hierauf so zog ich ins alte gute Vaterland, das ich kindlichen Alters
verlassen, aufs neue ein, diesmal ein mannhafter Verteidiger patriotischer
Freiheit. Mit Freuden nahm ich die Gassen und Häuser, die Magdeburger Mundart
und Sitte wahr; alles war noch ebenso wie vor zwanzig Jahren. Da stund immer
noch das alte Rataus und davor zwischen Krambuden und Marktkörben Kaiser Ottos
steinern Bildnis. Hier, auf dem grossen Platze, machte meine Kompagnie Halt und
ward in die Bürgerquartiere verteilt.
    Ich erhielt Befehl, mich nebst meinem Korporal zum Kaufherrn Schmidt zu
begeben, der ein gut steinernes Haus neben der Ringapoteke besass. Als wir zur
Stelle kamen, stund vor der Apoteke eine gedoppelte Schildwache, woran zu
erkennen, dass allhie der Oberste Falkenberg sein Losament habe. Wie eine Lerche
jubelte mein Herz, als in einem oberen Fenster Jungfer Tekla sichtbar ward, und
unsere Blicke einander trafen, wobei eine holde Glut ihr Antlitz übergoss. Da
wusste ich, dass nicht der Zufall mich an diesen Ort geführet. Stumm, doch
inniglich dankete ich dem Fräulein, die linke Hand auf mein Herze gedrückt.
    Dass der Oberste Falkenberg mir wohlgesinnet, bewies er gleich in den ersten
Tagen meines neuen Quartiers. Es war kurz vor Weihnachten, und der Abend
dämmerte. Ich wollte eines dienstfreien Stündleins geniessen und wandelte über
den beschneiten Ring durch die Reihen der Buden, in denen allerlei Kram feil
geboten ward. Die aus Fichtenreisern geflochtenen, bunt gezierten
Weihnachtspyramiden betrachtete ich stillfrohen Sinnes, als wäre ich noch ein
Knabe, und als gäbe es keine Waffen, keine Feinde.
    Da vernahm ich hinter mir Sporenklirren, und als ich mich umwandte, stund da
der Oberste Falkenberg. Allsogleich grüssete ich ihn soldatisch und harrte des
Befehls. Er sah mir scharf ins Auge und sprach: »Ist es wahr, dass Er ein
flotter Reiter?«
    Ich entgegnete: »Vor Jahren hab ich manch Ross des Herrn Schaffgotsch
probieret. Seines Gestütes Verwalter war mir gewogen und sah es gern, wenn ich
beim Zureiten half.«
    »Und als Magdeburger Kind findet Er sich in der Umgegend der Stadt zurecht?
Wie? Kennet Er den Weg nach Langenweddingen? Und trauet Er sich zu, allsogleich
als Courier dortin zu reiten, aber noch diese Nacht zurück zu sein?«
    »Ja, Herr Oberster!«
    »So bring Er diese Post eilends dem Kapitän Rote zu Langenweddingen und
kehre sofort mit der Antwort heim. Doch seh Er sich für; die Pappenheimer
streifen bereits bis Buckau. Wird Er von den Unsrigen angerufen, so nenne Er die
Losung: Vivat Gustavus und füge hinzu: Courier vom Obersten. Wohlan, melde Er
sich sofort der Hauptwache, wo man ihm ein Pferd geben wird, und Gott befohlen.«
Falkenberg reichte mir den Brief, den ich in meinem Koller barg, worauf ich
frohen Mutes den Herrn grüsste und zur Hauptwache eilte. Der wachtabende
Offizier wies mir ein tüchtig Pferd an, auch Säbel und Pistol. Ich lud die
Waffe, tat dem Pferde Zaum, Gurt und Sattel an, schwang mich hinauf und trabte
los.
    Als ich Sudenburg passiert hatte, ging's im Galopp voran. Die Nacht war
eingebrochen; der von Sternen angeflimmerte Schnee verbreitete ein Dämmerlicht,
darin die kahlen Hecken und Bäume zu beiden Seiten der Landstrasse dunkle
Wegweiser bildeten. Die Gegend war völlig einsam, nur hin und wieder verriet
Hundegebell ein Gehöft in der Nähe.
    Dicht vor Langenweddingen kam ein Reiter mir entgegengetrabt, den ich für
einen Posten des Kapitäns Rote hielt. Zur Sicherheit aber spannte ich den Hahn
meines Pistols, hielt mein Pferd an und zielte auf den Reiter. »Wer da? Losung!«
rief er, und ich erwiderte: »Vivat Gustavus! Courier vom Obersten!«
    Da schoss mir krachend ein Feuerstrahl entgegen, und mein Pferd brach unter
mir zusammen. Ich kam jedoch auf die Beine zu stehen und brannte auf den Reiter
ab, da er allbereits zum Hiebe ausholte. Er stürzte und lag am Boden. Ich
haschte seines Pferdes Zügel und band es an einen Baum. Hierauf untersuchte ich
den Gefallenen. Er war tot, durch die Brust geschossen! Ich fand bei ihm eine
Brieftasche und einen gefüllten Beutel, nahm seine prächtigen Reiterstiefel, die
mir passten, auch seinen Federhut, schwang mich auf das erbeutete Ross und
galoppierte weiter.
    Aus Langenweddingen kam mir ein Trupp Reiter entgegen, und ihr Führer war
Kapitän Rote. Ich folgte ihm in das Wirtshaus, wo er quartierte, übergab ihm die
Post von Falkenberg und berichtete, was vorgefallen. Er liess sich die
Brieftasche zeigen und fand darin ein chiffriertes Schreiben. »Versäum Er nicht,
gleich nach der Heimkehr dem Herrn Obersten dies Papier zu übergeben,« schärfte
er mir ein. Dann schrieb er seine Antwort an Falkenberg, während ich mich an
Warmbier labete.
    Als ich gleich darauf wieder im Sattel sass, spürte ich, welch edeln Renner
ich erbeutet. Fortuna war mir hold, so dass ich in kürzester Frist wieder nach
Magdeburg gelangte. Fand den Obersten auf der Hauptwache, allwo er mit etlichen
Hauptleuten Rates pflag. Als ich Meldung getan und die Papiere übergeben hatte,
mass mich Herr Falkenberg heiter vom Haupt bis zu den Füssen und sprach:
»Dieweilen Er seine Sache also gut ausgerichtet, mag Er bleiben, wozu Er
unterwegs avanciert ist. Ein Dragoner soll er sein und gleich morgen in der
Schwadron des Rittmeisters Pfeifer exerzieren.«
    So war ich ein Reitersmann worden und auf der Staffel des Emporkommens eine
Stufe höher gerücket. Denn ein Reitersmann übertraf nicht bloss an Solde den
Fussknecht, sondern auch an Ansehen und hatte mehr Aussicht, Offizier zu werden.
Als ich mich zu meinem Quartier begab, sah ich ein Fenster der Falkenbergschen
Wohnung erleuchtet, und mir kam der Gedanke, dort möchte vielleicht Tekla
wachen. Dann wieder gestund ich mir, es werde wohl des Obersten Kammerdiener
sein, so seines Herrn harre.
    Ich pochte an die Tür meines Quartierhauses, durch dessen Schlüsselloch ich
Licht bemerkte. Gleich darauf ward aufgetan, und die alte Schmidtin, eine
Laterne in der Hand, begrüsste mich mit Freuden: »Gott sei gelobt, der Ihn von
dem schlimmen Ritte wohlbehalten heimgeführt hat.«
    »Dank Euch, Witwe Schmidtin! Aber woher wusstet Ihr denn von meinem Ritte?«
    Flüsternd gab die Alte zur Antwort: »Ei, von der Jungfer Gräfin! Am späten
Abend ist sie zu mir herübergehuscht und hat mir vertrauet, wie Ihn der Oberste
zu gefährlichem Werke ausgesandt habe. Gebanget hat sich das Fräulein - hat
gesagt, sie könne nicht schlafen und wolle über der Bibel wachen. Habe ihr
versprechen gemusst, gleich nach seiner Heimkehr durch Händeklatschen anzuzeigen,
dass alles gut gegangen.« Und sie ging hinaus und klatschte in die Hände. Gleich
darauf klirrete oben das Fenster. Ich drückte der guten Alten die Hand und begab
mich zur Ruhe.
    Nach kurzem Schlafe ward ich von meinem Korporal geweckt und aufgefordert,
seine Waffen zu putzen. Als ich dies Werk verrichtet und auch meine Kleidung
gesäubert hatte, wobei ich dem Korporal mein nächtlich Abenteuer erzählete,
wollte ich mich zum Exerzierplatze begeben.
    Vor die Haustür tretend, gewahrte ich einen Trupp Kurrendejungen, der vor
des Obersten Quartier Aufstellung nahm. Der Sitte gemäss sang die Kurrende zur
Adventszeit vor den Häusern fromme Lieder und heischete Gaben. Um die Laterne
des Kantors geschart, intoniereten die Knaben: »Allein Gott in der Höh sei Ehr!«
Andächtiglich schaute ich gen Himmel, und die Sterne sprachen mit ihrem
friedlichen Schimmer: »Wir waren dabei, haben geleuchtet, als seine Gnade dich
beschirmte diese Nacht. Und Dank für seine Gnade!«
    Da tat sich die Haustür des Falkenbergschen Quartiers auf, und zwo Mägde
brachten eine dampfende Schüssel nebst Tassen und anderen Trinkgefässen auf die
Strasse. Eine Mehlsuppe ward den jubelnden Knaben verabreicht. Derweilen sie sich
erquickten, erschien droben am Fenster Jungfer Tekla. Triumphierend schwenkte
ich den erbeuteten Federhut. Und es sang die Kurrende: »Vom Himmel hoch, da komm
ich her.« Glückseligen Herzens begab ich mich nach dem Stadtmarsch zu den
Dragonern.
    Das Reiterwesen fiel mir gar nicht schwer. Im Sattel sass ich wie ein
altgedienter Reiter. Brauchte nur noch Säbelschlagen und Schwadron-Exercitium zu
üben. Alles ging mir so gut vonstatten, dass ich nach sechs Wochen ein Gefreiter
war und allbereits Korporaldienste tun durfte. Gern verwendete mich der Oberste
als Courier und Ordinanz.
    Im Februario des Jahres 1631 bekam die Stadt, von den Pappenheimern
inzwischen immer schärfer blockiert, auf einmal Luft. General Tilly war auf die
Nachricht vom übeln Zustande seiner Kriegsvölker an der Warte und Oder mit drei
Regimentern dortin geeilt und alsdann ins Mechelnburgische gezogen, wo er den
klüglich ausweichenden Schwedenkönig endlich zu fassen gedachte. Um aber zur
Entscheidungsschlacht möglichst gerüstet zu sein, hatte Tilly von den
Magdeburgischen Belagerungstruppen weggezogen, was irgend abkömmlich erschien.
Also ward die Stadt derart von Feinden entblösset, dass es aussah, als solle das
Donnerwetter ziemlich unschädlich vorüberziehen.
    Südlich war der Feind bis Barby zurückgewichen. Seine Stellung zu erkunden,
ritten wir am rechten Elbufer stromauf bis zu einer bewaldeten Insel, die
Kreuzhorst geheissen, wo sich Pappenheimer eingenistet hatten. Indessen die
Vorbereitungen zum Überfall des Feindes getroffen wurden, zog ich nebst vier
anderen Dragonern auf Kundschaft über die Stadt Barby hinaus, in der Richtung
auf Calbe.
    Die Feuerrohre schussfertig, scharf die vereinzelten Ufergebüsche
durchspähend, trabten wir längs des Saaleflusses. Unter milden Sonnenstrahlen
war das Eis geschmolzen, die letzten Schollen trieben den gelben Fluss hinab;
schon zierten sich die Weidenruten mit Silberkätzchen, und aus dem winterlichen
Rasen lugten güldene Huflattichsternlein. Auf einmal in der Ferne
Pferdegewieher. Allsogleich hiess ich meine Kriegsgenossen absitzen und die
Pferde im Gebüsch verborgen halten, während ich geduckt vorwärts in der Richtung
des Schalles schlich. Bald nahm ich eines bewaffneten Reiters wahr, der mir
entgegenkam. Ich barg mich hinter einer alten Eiche, die der Feind passieren
musste. Den Karbiner über die Schulter gehängt, kam er gerade auf meine Eiche
losgetrottet. Schon wollte ich zum Schusse anlegen, als mir beifiel, der Knall
möchte uns andere Feinde auf den Hals locken. Lauerte also mit gezogenem Säbel.
Da nun der ahnungslose Pappenheimer dicht an mir vorbeiritt, tat ich einen
Sprung und hieb seinem Pferde ins Hinterbein, dass es zusammenbrach und den
Reiter in den Sand warf.
    Ich wie ein Wolf über ihn her und packe seine Gurgel, während er mich bange
anglotzt und mit gequetschter Stimme um Pardon bittet. Ich frage, ob er fortan
der Stadt Magdeburg diene wolle, worauf er ja sagt. Hierauf binde ich seine
Hände mit Weidenruten auf den Rücken und zücke den Säbel: »Nun sag Er die
Wahrheit: kommen noch mehr Pappenheimer, und was haben sie vor? Gib genaue
Auskunft, und wehe dir, so du leugest!«
    »Ja doch, Herr Schweb,« antwortete der Gefangene - »alles will ich gestehen.
Vorreiter bin ich für einen Kahn mit Proviant, so bald die Saale
herabgeschwommen kommet.«
    »Wie stark ist seine Mannschaft?«
    »Ein Korporal und fünf Musketiere.«
    »Und wohin soll der Kahn gebracht werden?«
    »Gen Barby, allwo der Ratskeller zum Proviantspeicher dient.«
    Inzwischen war von meinen Gefährten einer herbeigaloppiert, und ich rief ihm
zu:
    »Schnell die drei besten Schützen her! Zu Fusse! Der vierte bleibt mit den
Pferden im Versteck.« Derweilen mein Befehl ausgeführet ward, gab mir der
Kriegsteufel eine seiner Tücken ein, und ich herrschte den Gefangenen an: »Wir
werden dich an deinem besten Halse aufhängen, so du nicht tust, was ich jetzo
befehle. Lege dich hier in den Sand, und wenn der Kahn kommt, rufe ihn herbei,
dein Pferd sei gestürzt, und du habest das Bein gebrochen.«
    Vor Bestürzung bleich, versetzte der Gefangene: »Das wolle der Herr mir
erlassen. Würde Er selber etwan fertig bringen, seine Kameraden in die Falle zu
locken?«
    Diese Frage machte mich verwirrt; da ich aber an mein Avancement dachte, und
wie ich als Offizier auf Teklas Hand hoffen durfe, tat ich hochmütig und
sprach: »Du Hund, wir sind im Kriege, da gilt des Stärkeren Gebot. Auch darfst
du nicht vergessen, dass du jetzo schwedisch worden. Nun rede, wirst du das tun,
was ich gebiete? Sonsten wahrlich soll der Wind unter deinen Füssen
zusammenschlagen. Du musst - musst!«
    Da sagte der Mann, er wolle es tun, und ich hiess ihn, allsogleich sich
niederlegen. Währenddem waren meine Leute herbeigekommen, und wir verkrochen
uns. Es währte nicht lange, so erscholl Ruderschlag, und der Kahn kam gefahren.
    »Her zu mir!« rief nun der Gefangene. »Bin der Wenzel, mein Klepper ist
gestürzet. O weh, o weh!« In ungeheuchelte Tränen brach er aus, und ich
besorgte, er möchte alles verderben.
    Doch im Kahne gebot eine Stimme: »Aus Land! Musketen hier lassen!« Richtig
kam der Kahn, drei waffenlose Soldaten stiegen aus und wateten aus Ufer. Da
krachte mein Schuss, und der Befehlshaber des Kahnes stürzte. Gleich darauf
feuerte ein zweiter von denen, so mit mir im Uferrohre lauerten, und auch der
Steuermann war getroffen. Nun sprangen wir auf und riefen den Soldaten, die
hastig zum Kahne zurückstrebten, zu: »Ergebet euch! Wer ausreisst, wird
niedergeknallt.« Da baten zwei um Pardon. Der dritte jedoch stürzte mit
gezogenem Messer auf den Wenzel los und schrie: »Verräter!« - ward aber vor
geschehener Rachetat von den Meinen niedergesäbelt. Wie er röchelnd dalag,
drehte er das Angesicht zum Wenzel und stöhnte grimmen Blickes: »Judas!« -
»Nicht doch!« antwortete Wenzel kläglich, richtete sich vom Boden auf und hub
die Schwurfinger: »Man tät mich dazu zwingen.« Mit dem Haupt seitwärts gen mich
deutend, fügte er hinzu: »Der da hat's getan!«
    Und des Sterbenden Auge rollete vorwurfsvoll zu mir herüber. Da zuckte mein
Herz, als ob ein Geier es in den Fängen hielte. Ratlos griff ich mir ans Haupt
wie einer, der sich nicht zu verantworten weiss, und eine Stimme gleich der
meines seligen Vaters sprach dumpf in mir: »Was hast du getan, Johannes?
Gläubest du, also ins Paradeis einzugehen?« Vor Scham sank mir das Kinn auf die
Brust, ich wandte mich zum Wenzel und wollte um Vergebung bitten.
    Aber da schwatzete allsogleich der böse Geist in mir dazwischen: »Sei kein
Narre - bist halt ein Krieger. Erobere die Braut! Heilig magst du später werden!
Wag's Knab!«
    Immerhin drängte es mich, am Wenzel etwas gut zu machen; schnitt also die
Weidenruten durch, so seine Hände gefesselt hielten, und sprach: »Was krächzest
du, ruppige Krähe? Mich willst du verklagen? Sei froh, dass du diesen Dienst
leisten gedurft. Er hat dir zum Leben die Freiheit gerettet. Ich lasse dich
frei; geh, wohin du magst.«
    »Was tust du?« sprach ein Kamerad zu mir. »Nehmen wir ihn doch lieber mit!
Er mag rudern helfen.« Da seufzete der Wenzel und zuckte die Achseln: »Meine
Freiheit - die ist hin. Mir bleibet keine Wahl. Wie könnte ich jetzo zu den
Meinen heimkehren? Muss schon bei euch bleiben.«
    Inzwischen hatten meine anderen Kameraden sich des Kahnes bemächtigt und
erhuben ein Jubelgeschrei, sintemalen unter dem Segeltuche Korn und geräuchert
Fleisch die schwere Menge. Nun hatte ich meine Fassung wiedergewonnen, spürte
sogar ein Frohlocken in der Brust. Meine Sorge war nur noch, wie sich dieser
Sieg am besten ausnutzen lasse.
    Und zum Lohn für meine Folgsamkeit gab mir die Kriegsfuria eine neue List
ein. Durch Befragen erfuhr ich vom Wenzel, die Besatzung von Barby sei fünfzig
Reiter stark, auf die drei Mauertore verteilt, den Befehl habe ein Kornet, und
die heutige Losung laute » Maximilian«. Ich gebot nun meinen Kameraden, nebst
dem Wenzel und den anderen Gefangenen, den Kahn gen Barby zu rudern, das
inzwischen von den Unsern erobert sein werde.
    Begab mich hierauf zu dem Posten bei den Pferden und befahl ihm, sie ausser
dem meinigen in einen bezeichneten Busch zwischen Schönebeck und Barby zu
führen. Dann bekam mein Renner die Sporen, und ich jagte zu meiner Schwadron
zurück. Kaum hatte ich dem Rittmeister den Vorfall berichtet, so ging er auch
schon auf meinen Plan ein und liess aufsitzen.
    Zunächst umritten wir Barby, da wir für ein Pappenheimsches Detachement
gelten wollten und also von Süden her kommen mussten. Die Dämmerung war
allbereits hereingebrochen, als wir vor Barbys südlichem Tore anlangten.
    Ich und der Rittmeister trabten der Schwadron voran. Wir hatten grüne
Feldbinden umgetan, wie sie die Pappenheimer trugen. Als wir eines Flüssleins
Brücke passieren wollten, wurden wir von einem Posten angerufen: »Gebt Losung!«
    »Maximilian!« entgegnete der Rittmeister.
    »Passieret«, sagte der Posten.
    Da brachte der Rittmeister sein Pferd an ihn heran und fragte: »He, Kamerad!
Habet Ihr zu Barby auch einen guten Trunk?« Gleich darauf sank der Posten
lautlos vom Pferde, da ein hurtiger Hieb des Rittmeisters seinen Kopf getroffen
hatte.
    Ich erhielt nun den Befehl, am Mauertor Einlass zu begehren. Ritt also hin
und sagte dem Trupp Soldaten, die dort Wache hielten und ihre Karbiner auf mich
anlegten, die Losung »Marximilian.« Man beleuchtete mich mit einer Fackel und
sah meine grüne Feldbinde. »Gut!« sagte der Wachtabende. »Was ist Sein Begehr?«
    »Dass Ihr das Tor auftuet für ein Detachement vom Regiment Kufstein.«
    Da der Wachtabende zögerte, fuhr ich fort: »So gebet mir einen Mann zum
Herrn Kornet mit, der Euch befehligt.«
    Hierauf schwand das Misstrauen der Pappenheimer, und sie taten das Tor auf.
Zugleich trabten die Meinen heran und hieben auf die verdutzte Torwache ein, die
sich dann ergab.
    Nun jagten wir durch Barbys Gassen und bemächtigten uns der übrigen Tore.
Unser Verlust war gering; die Feinde gaben sich gefangen, sofern sie nicht
niedergemacht waren. Im Ratskeller fanden wir mindestens dreissig Mispel Korn,
Speck, Brot und Bier, ferner fünf Zentner Pulver, wonach wir sehr Verlangen
trugen. Da auch eine Herde Rinder im Städtlein war, und meine Kameraden mit dem
Kahne anlangten, so hatte dieser Handstreich uns reiche Beute eingebracht.
    Mein Rittmeister beorderte mich, die angenehme Meldung Herrn Falkenberg zu
überbringen. Ich brach sogleich auf und traf am späten Abend den Obersten zu
Schönebeck. Genau musste ich alle Einzelheiten berichten; hierauf sandte
Falkenberg Verstärkung nach Barby und traf Anstalten, den erbeuteten Proviant
nach Magdeburg einzuheimsen. Zu mir aber sprach er: »Tielsch, Er ist Korporal!«
    Bevor ich diese Nacht einschlief, flogen meine Gedanken zu Tekla, und ich
sah mich allbereits als Offizier vor ihr stehen, während sie liebevollen Auges
ihre Hand in die meine legte. Doch in mein Triumphieren mengete sich eine
Beklommenheit. Des Märleins von der Abendburg gedachte ich, und Worte meines
Vaters kamen mir in den Sinn, die er in meiner Kindheit gesprochen: »Das
Menschenherz ist die wahre Abendburg; verwunschen ist es von einem bösen Geiste,
in seinen tiefen Kammern aber ruhet ein Reichtum, den nimmer Motten noch Rost
fressen. Den sollst du heben, mein Johannes!« Und traurig ward mein Gemüte.
Zwischen Schlaf und Wachen kam ich mir vor wie jenes Weib, dem sich in der
Johannisnacht die Abendburg aufgetan. Wohl hatte sie Goldes eine Last
herausgeholt; doch wie sich der Felsen hinter ihr schloss, ward sie gewahr, dass
ihr lieb Kindlein innen geblieben. So hatte auch ich mich bereichert an kalten
Schätzen und dabei das Kindlein Unschuld verloren. Nun wimmerte es gleich dem
eingemauerten Mägdlein im Krökentore.
    Morgens, als mein Ross mich im Galoppe wiegte, schalt ich mich einen
Grillenfänger, jubelnd: »Vivat Soldateska!«
    Wie ohnmächtig der Feind sich fühlte, ward in einer Sitzung der Magdeburger
Ratmannen von Herrn Falkenberg dargetan. Der Oberste wies einen Brief, darin ihm
Pappenheim viermal hunderttausend Taler und ein Landgut anbot, sofern er die
Stadt preisgeben wolle. »Da sehet ihr - sprach Falkenberg - wie der Feind seiner
Tapferkeit also wenig zutraut, dass er zum schleichenden Verrate seine Zuflucht
nimmt. Was bleibet ihm auch anders übrig? Lebensmittel haben wir genung, um die
Blockade noch etliche Monde auszuhalten. Inzwischen wird die schwedische
Majestät ihr königlich Wort einlösen und uns entsetzen. Schon jetzo spüren wir,
wie König Gustavus uns Luft macht, indem er viel Feindesvolk von der Stadt
ablockt und im Lande umherschleppt. So harret aus, Glaubensbrüder, und lachet,
weil der alte Ligistenkorporal an euern Mauern sich die morschen Zähne
ausbeisset.« Und es sangen die Bürger:
»Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort
Und steur' des Papst und Türken Mord!«
    Wie aber auf den Tag die Nacht folget, also brach nach dieser schönen
Abendröte unseres Waffenglückes bange Finsternis herein. Es erschien nämlich
wider Erwarten Tilly mit seiner Hauptmacht. Dieweilen er den ausweichenden
Schwedenkönig nicht zu fassen gekriegt, war er nun resolvieret, mit unserer
Stadt aufzuräumen, um nicht länger vor den Blicken ganz Europiens am Narrenseile
herumgeführet zu werden.
 
                             Das siebente Abenteuer
                        Die Magdeburgische Blutochzeit
 Wenige Tage vor Tillys Anrücken erhub sich ein Sturmwind, wie seit
Menschengedenken nicht erhöret worden. Riss von den Dächern Ziegel, dass mehrere
Leute erschlagen wurden, und auf den Strassen Haufen von Schutt lagen. Fünf
Windmühlen und drei Schiffmühlen sind zerbrochen. Vier Kirchentürme haben ihre
Spitzen verloren. Die empörte Windsbraut stürzte heulend in die Vorhalle des
Domes, allwo Ereignisse des Alten und Neuen Testamentes abgebildet sind, riss den
Klugen Jungfrauen die Lampen aus der Hand und zerschmetterte sie. Das sahen die
Leute nicht mit Unrecht als eine Warnung drohenden Unglückes an.
    Auch andere schlimme Fürzeichen sind geschehen. Ende März haben die Bauern
des Dorfes Krakau, so Magdeburg genüber an der Elbe gelegen, etwas Seltsames
beobachtet. Auf dem Kirchendache befand sich von altersher ein Storchennest,
drin stund mit fröhlichem Klappern der heimische Storch nebst seiner Störchin.
Auf einmal schoss ein fremder Storch heran, den Schnabel als einen Spiess
gerecket. Da gab es ein grimmig Scharmützel zwischen dem heimischen und dem
fremden Storche. Die Störchin aber sah untätig zu, schwenkete nur etlichemal
die Fittige und klapperte mit dem Schnabel. Schliesslich fiel der heimische
Storch blutend vom Dach zur Erde nieder. Obwohl nun der fremde das Feld
behalten, flog er doch hinweg, begleitet von der Störchin. Hinfüro haben sich
keine Störche blicken lassen, und öde ist das Nest geblieben - woraus manche
Leute den Schluss zogen, dass es selbigen Ortes bald schlimm hergehen werde.
    Es war Tillys Plan, unsere Aussenwerke jenseits der Elbe einzunehmen, um das
dorten erwartete Entsatzheer des Schwedenkönigs von der Elbbrücke abzuschneiden.
So ist Anfang Aprilis kaiserisch Volk von Pechau herangezogen und zwischen
unsere feste Stellung in der Kreuzhorst und die Schanze bei Prester ins Holz
vorgedrungen. Hat Verhaue angelegt, Kartaunen und Stücke hineingepflanzet und
unsern Schanzen, zumeist aus losem Sande erbaut, die Contenance verdorben, dass
sie sich nicht halten konnten. Ergrimmt, weil man ihnen so heisse Arbeit gemacht,
haben die Kaiserischen auf ihre Gefangenen eingehauen. Doch Einhalt hat General
Tilly geboten, hat die noch Lebenden begnadigt und seiner Fahne untergestellt,
einen heldenmütigen Leutnant aber gelobt und frei nach Magdeburg entlassen.
    Zugleich mit diesem andern Leonidas langte in Magdeburg noch ein zweiter
Truppenrest an. Ein Kahn trieb die Elbe herunter, ohne Ruder, er entielt viele
Tote, Verwundete und nur drei Heile. Das war alles, was aus einem unserer
Hauptwerke, der Kreuzhorstschanze mit dem übermütigen Namen »Trutz-Tilly«,
zurücke kehrte. Während die übrige Besatzung sich dem Angreifer auf Gnade oder
Ungnade ergeben hatte, waren diese Flüchtlinge in den Kahn gesprungen und durch
Abstossen mit den Musketen in die Strömung gelangt, dabei aber von vielen
Schüssen übel zugerichtet worden.
    Gleich nach der Einnahme von »Trutz-Tilly« durch Tilly machte sich
Pappenheim an die bei Prester gelegene Schanze »Trutz-Pappenheim«, warf eine
Batterie auf und liess schwer Geschütz sattsam spielen. Hierauf ist er mit
stürmender Hand vorgegangen, hat aber wegen vieler Pfähle mit Dornen, so wir
ringsum eingeschlagen hatten, wieder weichen müssen. Da die Unseren vermerketen,
dass man sie von der Stadt abschneiden wolle, so haben sie sich Hals über Kopf
aus dem Staube gemacht. Leider sind auf dieser Flucht viele von den Verfolgern
niedergemacht und in die Elbe geworfen worden, damit sie als Leichen gen
Magdeburg schwimmen sollten, den Bürgern ein bitter höhnischer Gruss vom Feinde.
Auch den befestigten Kirchturm des Dorfes Krakau - denselbigen, wo die ominöse
Storchenbegebenheit sich zugetragen - hat Tilly also heftig beschossen, dass
unsere Besatzung flüchten gemusst.
    Unser Herr Falkenberg hat jetzo seine ganze Aussenmacht auf das Zollwerk, den
Brückenkopf jenseits der Elbe, beschränkt und es mit gedoppeltem Wall und Graben
umzogen. Dieweil nun Tilly diese Beste mit Sturm nicht anfallen gemocht, so hat
er sich zur Geduld bequemt und von Krakau her Trancheen gezogen, willens, der
Zollbesatzung den Rückzug über die Elbbrücke zu verlegen.
    Da bis zum 19. Aprilis die Nebenwerke der Zollveste und sogar die Schanzen
zum Roten Hagen gefallen waren, so liess Tilly an diesem Tage einen Angriff
unternehmen. Ein garstig Wetter jedoch hinderte ihn. Es wehete heftig, kalt
strömte der Regen, die Laufgräben fülleten sich mit Wasser, das Pulver ward nass,
die Soldateska mochte nicht ausdauern. So verschob Tilly den Sturm auf die Frühe
des andern Tages. Doch wie im Morgengrauen seine Truppen sich zum heissen Strausse
anschickten, gewahrten sie mit Verwundernis, dass in der Schanze alles stille.
Kein Schuss ward getan, kein Kommando laut, keine Waffe blitzte. Die Unserigen
hatten nämlich über Nacht die Zollschanze geräumt.
    Schweren Herzens hatte sich Falkenberg dazu bequemt. Des Nachts, da ich ihm
eine Meldung überbrachte, sass er in der Faussebraye mit dampfenden Kleidern am
Feuer, düstern Gesichts. »Korporal Tielsch,« - sprach er dumpf - »ist Er nicht
auch ein Stück Chymiste? Verstehet Er sich auf die Bereitung von Pulver? Arg
gebricht es uns daran. Mit der Schanze Trutz-Kaiser habe ich zehn Tonnen Pulver
verloren, und das gänzlich umsonst. Habe damit den Eroberer in die Luft sprengen
wollen; doch ist die angelegte Miene nicht losgegangen; die Zündfäden sind in
dem Sauwetter feucht worden. Das allerschlimmste aber ist, dass die Magdeburger
sich und mich getäuscht haben über den Umfang ihrer Munition. Wie ich um
Weihnachten die Magazine inspiziert habe, sind da Pulvertonnen genung gelegen.
Jetzo aber stellet sich heraus, dass dreihundertundfünfzig Tonnen nicht Pulver,
sondern ungemahlenen Salpeter entalten. Dieweil nun der Herr Administrator ganz
unsinnig mit den städtischen Kartaunen gebummert hat, gebricht uns auf einmal
das Pulver, in einem Momente, da wir's am nötigsten brauchen. Denn behaupten
liesse sich die Zollschanze nur, wofern wir mit allem Geschütz feuern, rasend
feuern könnten. So muss ich dies kostbare Aussenwerk preisgeben - kann nicht
einmal Minen legen, den Feind, wenn er eingedrungen, in die Luft zu schmettern -
oh, oh!« Stöhnend sprang Falkenberg auf und schüttelte die erhobenen Fäuste.
    Bestürzt trat ich zurück. »Preisgeben? Die Zollschanze? Ohne
Schwertstreich?«
    »Bleibet uns etwas anderes übrig?« erwiderte Falkenberg. »Sollen wir etwan
unser letztes Pulver morgen hier verschiessen? Die Geschütze der Stadtwälle
müssten dann schweigen, wofern Tilly übermorgen die Sturmleitern anlegte.«
    »Wie könnte er das wagen?« warf ich ein.
    Falkenberg zuckte die Achseln. »Er braucht von den Verrätern, so er in
Magdeburg stecken hat, nur zu erfahren, dass es uns an Pulver gebricht.«
    Mir war, als ob ich einen Schlag aufs Herz erhielte, und ich stammelte:
»Verräter?«
    »Freilich Verräter! Täglich erfährt der Feind, was bei uns vorgeht. Drum
darf ich auf dem Ratause nicht einmal merken lassen, aus was Ursach ich die
Zollschanze quittiere. Und hör Er wohl: niemand darf erfahren, was ich Ihm
inbetreff des Pulvers anvertraut habe. Ihm sag ich's nur, auf dass Er als
Chymiste mir soll raten.«
    »Ich kann dem Herrn nur raten, dass sofort aller Schwefel in der Stadt
zusammengescharrt werde, und dass die Wassermühlen Tag und Nacht Salpeter mahlen.
Wolle der Herr mich dem Pulvermeister beigeben!«
    »Gut,« - sagte der Oberste - »Er hat freie Hand. Beginn Er sofort mit der
Pulverbereitung. Drei Tage mindestens gedenke ich den Kampf hinhalten zu können.
Die Elbbrücke lasse ich noch diese Nacht abbrechen, und so wären wir gen Osten
durch den Fluss gesichert. Westlich aber sind unsere Wälle und Mauern fürs erste
uneinnehmbar. Nur die Vorstädte sind unsere schwachen Seiten. Werde sie daher
niederbrennen.«
    Ich erstarrte. »Niederbrennen?«
    »Freilich!« entgegnete der Oberste mit kalter Ruhe. »Übermorgen geht
zunächst die Sudenburg in Flammen auf, dann die Neustadt. Sonst installieret
sich dorten der Feind und findet Deckung vor unseren Kugeln. Ja, Tielsch, heiss
wird's. Geh Er nun stracks zum Pulvermeister und zeig Er, was ein Chymiste kann.
Den Stein der Weisen verlang ich nicht von Ihm - nur Pulver und aber Pulver -
das ist jetzo unser Stein der Weisen.«
    Wiewohl ich vor Müdigkeit hätte hinsinken mögen, verlieh meines Amtes
Bedeutung mir frische Kraft. Liess die Müllerinnung und sämtliche Apoteker aus
den Federn holen. Um die hastige Pulverbereitung zu rechtfertigen, schützte ich
vor, Herr Falkenberg gedenke den Feind durch Minengänge zu bekämpfen und
benötige einen Überfluss von Pulver. Allsogleich wurden die auf der Elbe
schwimmenden Wassermühlen zum Mahlen des Salpeters hergerichtet. Auch mit
Handmühlen und Mörsern, aus Apoteken und Bürgerhäusern herbeigeschaft, endlich
mit Mahlsteinen, von kreisenden Pferden bewegt, liess ich die Pulverisierung
betreiben. Es gelang uns, hundertundsiebzehn Tonnen Pulver zu bereiten. Dann
aber musste die Arbeit eingestellt werden, dieweil es an Schwefel fehlte, und ich
vergebens mit den Apotekern beriet, wie Sulphur sich formieren lasse.
    Am Nachmittag des 21. Aprilis hatte ich mich in mein Quartier begeben und
etliche Stunden fest geschlafen. Von Wehegeschrei und Getümmel, so durch die
Strassen scholl, ward ich aufgescheucht. Es war dunkel, Feuerschein aber strahlte
zur Dachluke herein. Hastig begab ich mich hinunter und sah Männer, Weiber,
Kinder auf dem Ringe lagern, bei sich zusammengebündelte Kleidungsstücke und
allerlei Hausgerät. Es waren Bewohner der eingeäscherten Sudenburg. Weinend und
jammernd starrten sie zum geröteten Himmel; über die Dächer wälzten sich glutige
Rauchmassen; dicht wie Schneeflocken stöberte glühend Gebröckel hernieder.
    Andern Tages ward auch die nördliche Vorstadt, die Neustadt, den Flammen
preisgegeben. Nun hatte man in Magdeburg Hunderte von hungrigen Mäulern mehr zu
füllen und sah das nackte Elend der Flüchtlinge.
    Als Flammen und Rauch entschwunden waren, erblickten wir von unseren
Stadtmauern und Kirchtürmen nur noch schwarze Ruinen, dahinter aber die eherne
Kette der teuflischen Belagerer, und die Luft erzitterte vom Brüllen ihrer
Geschütze. Kein Wunder, dass die Bürgerschaft erstarrte, als habe man sie vor den
Kopf geschlagen. Auf diesen Eindruck bauend, sandte Tilly seinen Trompeter in
die Stadt. Noch sei die Gnadentüre offen, so schrieb er. Um sie nicht gänzlich
zu verschliessen, solle man sich beizeiten unterwerfen, sintemalen die Stadt
unmöglich zu halten. Ein Teil der Bürgerschaft neigte zum Akkorde. Falkenberg
aber eiferte wider die Akkordbrüder, und die Prädikanten sprangen ihm bei, indem
sie von den Kanzeln herab predigten, wer zu Akkord rate, habe kein Gottvertrauen
und wolle das Vaterland dem abgöttischen Papismo in den Rachen werfen. Ein
ruinierter Brauer, Hans Herkel, der das Amt eines Rottmeisters bekleidete und
grossen Einfluss beim gemeinen Manne besass, sorgte dafür, dass die Wortführer der
Kapitulation niedergeschrien wurden. Hiezu halfen etliche Gerüchte und
Zeitungen. Der ersehnte Messias Gustavus Adolfus sei im Anmarsche, stehe
allbereits in der Mark und bitte bei seiner Seelen Seligkeit die Stadt, doch
getrost auszuharren, da er sie präzise auf Tag und Stunde entsetzen werde. Vom
Dome spähete bei Nacht eine mehrköpfige Wache gen Morgen, ob etwan des
Entsatzheeres verabredet Signalfeuer aufleuchte.
    Gleich an dem Tage, da die strenge Belagerung ihren Anfang nahm, hatte
Falkenberg nebst seinen Offizieren sämtliche waffenfähigen Bürger, Söhne,
Knechte und Handwerksgesellen zu den Waffen gerufen und mit den Soldaten
konjungiert, auch jedwedem seinen Posten angewiesen. Und ward die Bürgerschaft
also abgeteilt, dass sie den oberen Wall zu besetzen hatte, bei Nacht vollkommen,
bei Tage zur Hälfte. Die Soldaten aber sind auf die gefährlichen Stellen in Wall
und Zwingmauer gelegt und haben allhie kampieren müssen.
    Mit Zagen freilich sah man, wie die 5000 Wehrhaften, die man
zusammengebracht, über die weitläufige Fortifikation verteilt, nur eine dünne
Verteidigungskette bildeten, indessen draussen die sechs- bis siebenfache Armada
wohlgerüstet und emsig arbeitete. Leider stellete sich heraus, dass manche Teile
des Walles und Grabens nicht in gutem Stande; und etliche Bürger murreten wider
den Kommandanten, der, ein kecker Kibitz, ins Feld geflogen sei, anstatt
zuvörderst das Nest zu verwahren. Schlimm auch, dass die Bürgerschaft uneins war.
Der Arme missgönnete dem Reichen seine Wohlfahrt und mochte nicht dulden, dass
jener länger zu Hause bleiben oder sein Gesinde an seiner Statt zu Walle
schicken durfte. Die Reichen aber wollten ihre Licenz missbrauchen, und haben
etliche, insonderheit die heimlich Kaiserischen, sich nicht ein einzigmal auf
dem Walle sehen lassen. Ging man zu Walle, so geschah es weniger, um dem Feinde
Abbruch zu tun, als vielmehr umherzulungern und Neues zu hören. Ein grosser Teil
wusste sein Bier und die dargereichten Würste besser anzuwenden als die Muskete.
    Gleichwohl haben die Unseren in einem Ausfalle dem überraschten Pappenheim
Schanzkörbe und Schippen weggenommen, auch 18 Leute erschlagen. Einen grösseren
Sieg gewann der Oberstleutnant Trost auf der Elbinsel, genannt der Stadtmarsch.
Dorten hatte er die Ligisten also weit zurückgetrieben, dass er die
Rote-Hagen-Schanze hätte zurückerobern gekonnt, hätte er nur zweihundert Leute
mehr gehabt. Aber weil der geschlagene Feind Sukkurs erhielt, mussten die
Unsrigen mit der halben Viktoria zufrieden sein. In den Trancheen gab es mehr
denn hundert Feinde tot, also dass man die ligistischen Truppen den ganzen Tag
damit hat schleppen sehen.
    Nach einem dritten Ausfalle, so dem Feind 40 Mann gekostet, hat Tilly sich
abermals aufs Paktieren gelegt und Briefe durch seinen Trompeter geschickt. Ist
aber nichts aus den Traktaten worden.
    Des Feindes Arbeit ist inzwischen besser vorwärts gegangen. An manchen Orten
ist er mit seinen Trancheen bis an die Kante des Grabens gelangt, hat auch
Brandkugeln und Granaten, etliche einen Zentner schwer, in die Stadt geworfen.
Nur weil wenig Heu und Stroh bei uns vorhanden, dazu gute Aufsicht gewesen, so
ist kein anderer Schaden angerichtet, als dass eine Kuh zerschmettert worden und
an etlichen Stellen Feuer aufgegangen, das jedoch mit nassen Häuten und
Wasserkübeln allsogleich gelöscht worden.
    Es war für uns schädlich, dass bei der Zerstörung der Neustadt nicht Zeit
übrig, alle Mauern und Keller zu ebenen. Diese Deckungen wurden nun von
Pappenheim genutzt. Von der Elbe bis zum Krökentor wühlete er Laufgräben durch
die Neustadt und machte Approchen bis an unsere Fausse-braye, liess hier die
Pallisaden ausheben und mehrere hundert Leitern zum Sturme ansetzen. Die
Pappenheimschen Laufgräben waren so dicht mit Musketen besetzt, dass, sobald von
den Unseren einer hinter der Brustwehr herfürlugte, augenblicklich sechs bis
acht Schüsse auf ihn fielen.
    Am 7. Mai fing der Feind an, aus seinen vollendeten Batterien auf das
heftigste zu schiessen, und seine Truppen waren in Bewegung, dass wir gläubten,
gleich werde der Sturm losgehen. Es gab ein Hin- und Wiederschiessen, dass der
Erdboden erzitterte und wie Hagel die Kugeln prasselten. Gleichermassen ging es
auch den folgenden Tag. Ein Turm bei der Hohenpforte, so allbereits an die 300
Kartaunenkugeln empfangen, hielt sich nicht länger, sondern stürzte krachend und
stäubend zusammen.
Immer düsterer dräueten die Wolken. Eine dumpfe Feierlichkeit lag auf der Stadt,
gemahnend, wie nunmehro das schwanke Zünglein unserer Schicksalswage sich neigen
solle zum Leben oder zum Tode. Am Abgrund der Ewigkeit stund die Bürgerschaft,
starrte schaudernd hinab und besann sich in banger Selbstprüfung auf die letzten
Dinge. Aus war es auf einmal mit hoffärtigen Gebärden, mit bunten Röcken,
stolzen Hutfedern und güldenen Zieraten. In Trauerkleidung oder gar verwahrlost
als Büsser strömten Frauen und Jungfern, Greise und Kinder, sowie die wenigen
Männer, so gerade vom Kriegsdienste abkömmlich, in die Kirchen zum Tisch des
Herrn, das Abendmahl zu nehmen - vielleicht ihr letztes.
    Und seltsam, in diesen schwierigen Tagen fanden überaus viele Trauungen
statt. Manch armes Menschenherze wollte die anoch vergönnte, vielleicht ganz
kurze Lebensfrist nützen, einen inniglichen Wunsch zu erfüllen. Bei solchen
Trauungen nun kam die Sitte auf, dass vor dem Altare rings um das Hochzeitspaar
Junggesellen und Jungfern, so heimliche Liebe zueinander im Herzen trugen, Hand
in Hand niederknieten, um für den Fall des Todes als Verlobte für das Jenseits
zu gelten.
    Am Morgen des 8. Mai, da ich von der Nachtwache heimkehrte und bei Sankt
Johannis Kirche vorüberkam, ward ich im Kirchgängerzuge Teklas ansichtig und
folgte ihr allsogleich in die Kirche. Unter der Wölbung, im Anblicke des
Gekreuzigten und der frommen Gemälde, erschüttert von der Orgel, oft die Augen
auf Teklas holdes Haupt gerichtet, fühlte ich Flammen der Andacht und der
zärtlichen Liebe in meinem Herzen zusammenschlagen. Der Prädikant sprach über
die Schriftworte »Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des
Lebens geben« und schloss mit dem Gebete: »Erwecke denn in uns die rechte Treue
bis in den Tod, so nichts anderes bedeutet, als eine heilige Märtyrschaft, darin
unsere Seele erstarket, lieber Haus und Heimat, Gut und Blut dahinzugehen, als
ihren Glauben, ihre Liebe, ihre Hoffnung.« Inbrünstig sang die Gemeinde:
»Nehmen sie uns den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib,
Lass fahren dahin,
Sie haben's kein Gewinn,
Das Reich muss uns doch bleiben.«
    Nach dem Segen wollten die aufgebotenen Paare - neun an der Zahl -
summarisch durch das Sakrament der Ehe kopulieret werden. Wie sie niederknieten,
gab es schier ein Getümmel von solchen Junggesellen und Jungfern, so bei diesem
Anlass sich still einander verloben wollten.
    Tekla warf einen traurigen Blick hinter sich, ward mein ansichtig und
erschrak. Ich machte mich neben sie, und nun richtete sie ihre Augen tränenvoll,
doch zärtlich auf mich. Wie von Magie angezogen, reichten wir einander die Hand
und knieten zu den andern nieder.
    Taumeligen Fluges schwebte meine Seele im Himmel. Ich vernahm die Worte:
»Was Gott zusammenfüget, soll der Mensch nicht scheiden.« Tillys Geschütze
brülleten ein höhnisch Amen. Alsdann nahmen sowohl die verlobten wie die
verehelichten Paare das Abendmahl.
    Kaum war die heilige Handlung vorüber, so gingen Tekla und ich - wie es die
Sitte gebot - in Züchten voneinander, obwohl unsere schmachtenden Herzen uns
unlöslich verbunden deuchten. Eine Weihe trug ich im Busen, die mein Quartier
mit seligen Phantasien erfüllte, bis mich endlich der Schlaf unter sein Zepter
nahm.
    Um Mittage kam der Page von nebenan und holte mich zum Obersten. Ich fand
daselbst etliche Offiziere und ein Häuflein Bürger, zumeist Schiffer und
Handwerker.
    In unsere Mitte trat Falkenberg, dessen Angesicht in finsterem Trutze
erstarret schien. »Magdeburger!« - sprach er heiser; »habe euch versammelt,
dieweilen ihr keine schelmischen Proditores oder matterzigen Akkordbrüder seid,
sondern wahrhaft patriotischen und treu evangelischen Sinnes.« Schweigend
nickten die Bürger.
    »Nun denn,« fuhr Falkenberg fort, »wie ihr wisset, soll heute Tillys
Trompeter, der Überbringer des Ultimatums, von der Stadt mit ihrem Bescheide
zurückgeschickt werden. Sintemalen nun der Rat all seine Courage eingebüsst, so
will er hinter die Menge retirieren. Hat aus diesem Grunde die ganze stimmfähige
Bürgerschaft für heute Nachmittag in die Häuser ihrer Viertelsherren berufen,
auf dass jedes Stadtviertel für sich ein Votum abgebe. Bitt euch, ihr Bürger,
wollet doch mit aller Macht die geplanten Verhandlungen hintertreiben! Der
Akkord wäre unser Untergang. So wir aber dem Feinde durch kecke Ablehnung alle
Hoffnung nehmen, verbleibet ihm nur der Ausweg, entweder die Belagerung
aufzuheben, massen die schwedische Majestät mit dem Entsatzheere allbereits bei
Burg sein muss, oder aber an unserer Beste sich den Kopf einzurennen. Gläubet
mir, nicht der Belagerer draussen ist jetzo unser schlimmster Feind, vielmehr in
unsern Mauern der schwache Mut und schleichende Verrat.«
    »Schelme sind die Akkordbrüder!« rief es aus der Versammlung.
    »So vereitelt denn auf jede Weise den Akkord! Streuet aus, was ich jetzo
euch sage. Diese Nacht zwischen eilf und zwölf werden bei Biederitz drei Feuer
aufgehen. Lasset die Zweifler auf die Domtürme steigen, und dann saget ihnen:
Das ist König Gustavi Signal, anzeigen soll es, dass die schwedischen Vorposten
schon da sind, und dass Magdeburg nicht in letzter Stunde alles verderben soll.«
    Ein paar der Versammelten nickten schlau, andere blickten bedenklich.
    »Mit Verlaub,« meinte ein Bürger - »können wir uns denn auf die Signalfeuer
verlassen?«
    »Feste wie up en Swur,« platzte ein Schiffer heraus - - »wat mien Fritze
öwernehmen duht, is als fix und fardig.«
    Da nun etliche Gesichter säuerlich wurden, dieweil zutage getreten, dass die
Signalfeuer nur Vorspiegelung seien, entschuldigte sich Falkenberg: »Ja, es ist
weit gekommen, dass wir müssen zum Truge greisen, die Bürgerschaft vor
Desperation zu bewahren. Doch lasset gut sein! Hinterher wird man unsere
gewagten Mittel segnen. Im übrigen kann ja der König wirklich nicht mehr ferne
sein. Dass aber die Feuer brennen werden, ist so gut wie sicher. Dieses Mannes
Sohn, der Fritze, will mit zween anderen heute abend die Elbe hinunterschwimmen,
beim Biederitzer Busche an Land gehen und die Feuer anbrennen. Sorget nun.
Freunde, dass recht viele Leute bei Nacht die Türme besteigen. Und ferner könnet
ihr sagen: Tilly will die Stadt, auch wenn sie sich ergibt, drei Tage plündern
lassen - hat seinen Kroaten vorgeredet, hier sei der Reichtum dreier
Königreiche.« Scheu blickten die Bürger und grollten.
    »Höret weiter«, sprach Falkenberg, indem er ein Schriftstück aus seinem
Koller zog. »Hier halte ich einen Brief von der schwedischen Majestät;
vernehmet, was darinnen geschrieben stehet.« Hierauf tat der Oberste den Hut von
seinem Haupte und las: »Meinem getreuen Falkenberg zu wissen, was Zeitung mir
worden. Herzog Wallenstein, vordem Kaiserlicher Feldherr, ist auf seinen
Nachfolger Tilly neidisch und ist ränkevoll beflissen, diesen Ligisten in die
Schwerenot zu bringen, auf dass hernach der Kaiser keinen andern Rat wisse, als
den altbewährten Generalissimum zum Retter des Reiches zu berufen. Vor den Augen
der Welt ist der Wallenstein ein Freund Tillys, heimlich aber sucht er seine
Lage zu verschlimmern. So hat er seinen mechelnburgischen Stattalter
angewiesen, dem Tilly nur ja keinen Proviant zu verschaffen. Ferner möchte der
Wallenstein dem Tilly, falls dieser Magdeburg in seine Gewalt bekommen sollte,
die Suppe gänzlich versalzen. Hat dahero seinem Freunde Pappenheim, so blind auf
ihn vertrauet, den teuflischen Rat gegeben, die Stadt nach der Kapitulation zu
plündern und dann durch Feuer vom Erdboden zu tilgen.«
    Wie diese heillosen Worte ausgesprochen waren, erhub sich unter den
Versammelten ein Gemurmel des Entsetzens und der gärenden Wut. Doch Falkenberg
las weiter: »Die Vertilgung Magdeburgs soll der luterischen Rebellion eine
klaffende Wunde reissen. So heuchelt der Friedländische Ränkeschmied, bauend auf
des Pappenheimers papistischen Sinn. In Wahrheit freilich will er seinen Rivalen
Tilly ruinieren; nicht zugute soll ihm Magdeburgs Einnahme kommen, auf dass ja
nicht die Hauptstadt der Elbe ein Stützpunkt der ligistischen Operationen
werde.«
    Grimm lächelten und nickten die Zuhörer. »So hat nun Pappenheim heimlich
angeordnet, es solle die Stadt gleich nach geschehener Plünderung an allen Ecken
und Enden angezündet werden. Die evangelische Bürgerschaft soll gänzlich
verschwinden und an ihre Stelle eine neue aus papistischen Landen treten; auch
soll Magdeburg seinen ehrlichen Namen verlieren und hinfüro Marienburg heissen.«
    Bleichen Angesichts antworteten die Bürger mit Stöhnen und Knurren.
Falkenberg warf das Schreiben auf den Tisch, schlug mit der Faust darauf und
liess seine Augen flammend im Kreise herumgehen. »Und nun ihr? Was wollet ihr
tun? Werdet ihr den Akkord zulassen?«
    »Nimmermehr!« Und Fäuste erhuben sich. »Nieder mit den Akkordbrüdern!«
    Falkenberg liess sie eine Weile toben, dann gebot er mit ausgebreiteten Armen
Ruhe und sprach dumpf: »Was aber soll geschehen, so unsere Stadt gleichwohl in
Feindes Hände gerät?«
    Ohne Laut, ohne Regung starrte ein jeder vor sich hin. Es war eine Schwüle,
wie vor dem Losbrechen des Gewitters. Dann zuckte der zündende Blitz. Ein
hagerer Mann, grau von Angesicht, roten Bartes, trat aus der Versammlung. Es war
der Rottmeister Hans Herkel, eine Säule der schwedischen Partei. Wie Irrlichter
loheten seine düsteren Augen, in denen das Weisse funkelte. Zähnefletschend
schüttelte er die Fäuste und stöhnete wie von einem Dämon besessen: »Meine Seele
sterbe mit den Philistern!«
    Da wir verwundert den Mann anstarreten, winkte ein Schiffer raunend: »Der
Geist kommet über ihn.«
    »Simson, Simson!« - fuhr Hans Herkel fort - »in die Hand der Philister warst
du gegeben, die hatten dir die Augen ausgestochen. Was hast du da getan? Hast im
Philisterhause mit der Rechten die Mittelsäule ertastet und hast dich geneiget
kräftiglich: Meine Seele sterbe mit den Philistern! Und hei, da stürzete das
Haus auf die Fürsten und das versammelte Volk, und waren der Erschlagenen mehr,
die an Simsons Tode starben, denn die er bei Lebzeiten gefället hatte. Simson,
Simson, dein Geist komme über Magdeburg!« Nach diesen Worten blickte Hans Herkel
als ein Erwachender im Kreise ringsum. »Das war Gottes Ratschlag!« sprach
jemand; »dieser Prophete gibt uns ein Zeichen. Wohlan! Wenn wir schon müssen
untergehen, so sollen wir wenigstens Rache nehmen.«
    »Rache, Rache!« rief Falkenberg. »Ha, ihr Männer, jetzo kommet euch die
Erleuchtung. Ja, tuet wie Simson! Oder wie die Bürger von Saguntum, so ihre
Stadt nebst allen Schätzen verbrannten, um dem Eroberer Hannibal den Siegespreis
zu ruinieren.«
    »Zünden wir die Stadt an!« kreischte Herkel. Stutzig lauschte die
Versammlung, dann kam es über sie wie grimme Freude: »Recht so! Wir zünden an!
Noch bevor der Feind die Stadt geplündert hat, muss sie allbereits in Flammen
stehen!«
    Triumph blitzete aus Falkenbergs Augen, und er rief: »Patrioten! Helden seid
ihr! Ja, unsere Stadt sei wie die römische Jungfer Lukretia; die hat sich selber
entleibet, auf dass kein Feind ihre Unschuld raube. O du edle Jungfer Magdeburg!
Zünde lieber deine Burg an und stirb auf solchem Scheiterhaufen, als dass du dein
Kränzlein verlierest.«
    Ein hohl Gelächter erhub sich: »Haha, Pappenheim, du Erzschelm! Siehe, nun
hast du deine Meister gefunden. Vermeinest, erst wird geplündert, dann gesenget.
Wir aber sagen: Erst wird gesenget - dann magst du wühlen in rauchenden Trümmern
nach den Schätzen der drei Königreiche ... haha! Einen Aschenhaufen vermachen
wir den papistischen Mausköpfen.« - »Wer tut mit?« rief Herkel. »Gehen wir
allsogleich in die Johanniskirche und schwören am Altare, dass wir es tun
wollen.«
    »Wir tun mit!« rief männiglich und ging eifernd hinaus. Schweren Herzens
folgte ich bis zur Kirche, weiter nicht.
    Andern Tages, durch etlichen Schlaf gestärket, vernahm ich, dass man auf dem
Ratause noch immer verhandle, was denn eigentlich geschehen solle, und dass
derweilen Tillys Trompeter von kriechenden Liebedienern mit Braten und Wein
regalieret werde. Um zu beschliessen, welche Antwort er seinem General
heimbringen solle, sei die Bürgerschaft zu den Häusern ihrer Viertelsherren
berufen worden; da tobe nun das heisse Ringen der Parteien, und es habe den
Anschein, als solle den Akkordbrüdern die Oberhand werden.
    Ekel hatte mein Sinn für die Krämerseelen, und ich brannte vor Begier,
endlich die Entscheidung herbeizuführen, Mann an Mann. Wir schüttelten die
Fäuste, knirschten mit den Zähnen, bissen uns die Lippen blutig in ohnmächtiger
Wut, da wir über die Mauer lugend, gewahr wurden, wie der Feind unsere Pfähle am
Neustädtischen Bollwerk in aller Ruhe ausgrub, ohne dass wir schiessen durften;
wegen unseres Pulvermangels war ja befohlen worden, wir sollten Kraut und Lot
sparen. Der Feind aber überschüttete uns fortwährend mit Geschossen, also dass
Wall und Zingel unter den schweren Kugeln erbebeten.
    Bis zur Raserei steigerte sich unsere Kampfbegier, wir öffneten die
Hohepforte und überfielen mit blanker Waffe den verdutzten Belagerer. In meiner
Wildheit hatte ich keinen anderen Vorsatz, als den Säbel immerfort in
Feindesblut zu tauchen, und sooft ich einen Pappenheimer vor mir hatte, fällte
ich ihn allsogleich. Zur Besinnung kam ich erst, als mir Blut über die Augen
floss und unser Trompeter Rückzug blies. Unsere Schar war zusammengeschmolzen,
doch der feindliche Laufgraben angefüllt mit erschlagenen Pappenheimern.
    Meine Stirnwunde hatte wenig zu bedeuten. Immerhin ward ich auf Anordnung
des Feldschers hinter die Zwingmauer geschickt, allwo die Wunde gewaschen und
verbunden ward. Nach einem erquickenden Trunke verfiel ich auf dem Strohlager in
tiefen Schlaf.
Unter süssem Vogelzwitschern erwachte ich. In den grauen Morgen, wo ein rosenrot
Wölklein schwebete, erhub sich jubilierend eine Lerche. Und die Geschütze
schwiegen. Friede! Friede! O bliebe doch immer solch liebliche Ruhe! Ein Bangen
kam geschlichen, es möchte die Stille auf einmal unterbrochen werden. Ich atmete
nur verstohlen. Dann drehte ich das Angesicht seitwärts. Da lagen die
Verwundeten, und ein Bürger kniete, die Hände gefaltet.
    Ein Jubelgedanke zuckte mir durch durch den Sinn. Sollte König Gustav nahe,
und Tilly im Abzug begriffen sein? »Warum schiesst man nicht? Ist etwan der
Schwedenkönig gekommen?« fragte ich den Bürger.
    »Ja, er stehet bei Biederitz! Von dorten hat er Feuerzeichen gegeben.«
    Ein Stich ging mir durchs Herze - so war der Lügenhaber aufgegangen und
narrete mich mit leeren Hülsen. »Und Tilly?« fragte ich weiter, indem ich mich
aufrichtete - »warum schweigen seine Geschütze?«
    »Mag sein, dass er sich rüstet, den Schwedenkönig zu bestehen. Vielleicht
auch sieht er ein, dass zu einer Zeit, da die Magdeburger den Akkord beraten,
füglich Waffenstillstand sein müsse. Ei Bruderherz, mich dünkt, der Tilly ist
gar nicht so grausam. Da trink einmal, Bruderherz!«
    Und er reichte mir die Flasche dar, aus der ich einen guten Schluck nahm.
Auch er trank und redete listig blinzelnd weiter: »So oder so, - heut hab' ich
mein Feuerrohr zum letztenmal auf den Wall getragen. Jetzt geh' ich heim und
schlafe mich endlich mal tüchtig aus.«
    »Wie? Hat Falkenberg das erlaubt?«
    »Ei gewiss, hat er denn nicht selber den Wall verlassen? Aufs Rataus ist er
gegangen, allwo jetzunder der letzte Kampf tobt - Gott sei Dank ein Wortgefecht.
Mögen sie streiten! So oder so - wir kriegen Ruhe. Ach Gott ja, der süsse
Schlaf!«
    Er gähnte und dehnte sich, raunte dann geheimnisvoll: »Gott hat mir
offenbaret, dass ich von heut ab Ruhe finden soll vor dem grausigen
Waffenhandwerk. Das ist gewisslich wahr!« Und mir zunickend ging der Bürger. Vom
Wall herüber scholl feierlich der Kriegsgenossen Sang:
»Verzage nicht, du Häuflein klein!«
    Den Kopf auf mein Strohbündel zurückgelegt, träumte ich gen Himmel, allwo
noch immer die Lerche trillerte, derweilen der Friede so erquickend war.
    Da auf einmal spürete ich ein Zwängen an meinem Herzen; ein störender
Missklang, eines Weibes Wehklage, war an mein Ohr gedrungen. Ich versuchte, nicht
hinzuhören; aber deutlich vernahm ich die angstvolle Weiberstimme: »Ach Gott,
ach Gott! Das ist ein Fürzeichen - das bedeutet ein Unglück.«
    Verstört erhub ich mich - meine Stirnwunde schmerzete. Ich schnallte meinen
Säbel um, nahm mein Feuerrohr und trat zu der Gruppe von Leuten, wo solche Rede
ging. Eine Alte rang ihre knochigen Hände. »Das war der Gespensterwagen - der
hat allemal was zu bedeuten.«
    »Maul gehalten,« herrschte ich die Alte an. »Höret Sie denn nicht, dass man
auf dem Walle Gottesdienst abhält?«
    »Ach, Herr Soldate! Ein Spuk hat sich gezeiget. Meine Base liegt totkrank
von dem Anblick. Am Fischerufer wohnt sie, und heute nacht, da's eben zwölf
geschlagen, geht auf der Strasse ein dumpf Getrappel los. Wie sie ans Fenster
tritt, sieht sie einen Trupp geharnischter Männer mit Fackeln. Die geleiten
einen rasselnden Wagen. Ein ungefüger eiserner Kasten war's, von starken Rappen
gezogen - die Häuser haben vor ihm gebebet.«
    Ich lachte verächtlich: »Und das war der Gespensterwagen? Gans, die Sie
ist!«
    »Ach, hör Er nur weiter, Herr Soldate - jetzo kommt ja eben das Grässliche.
Dicht an die Elbe ist der Wagen gefahren, und da haben die Geharnischten die
Fackeln auf einen Haufen zusammengeworfen, und lauter blutige Leichen haben sie
aus dem grossen Eisenkasten geholt und alsodann ins Wasser geworfen. Und hat die
Elbe mit den schwimmenden blutigen Leichen vom Feuer beleuchtet wie ein
Schlachtfeld ausgesehen. Schlag eins ist der Spuk verschwunden, wie weggeblasen;
doch ist dabei ein schauxig Wimmern durch die Lüfte gegangen. Und so wahr ich
allhie stehe, eine Menge Fischersleute haben das alles gesehen und haben die
Leichen ins Wasser plumpsen hören.«
    »Schwätzerin, Närrin! Maul gehalten!« Und ich ging zum Walle - wollte das
Geträtsch mir aus dem Sinne schlagen. Und doch hatte sich Unheimliches bei mir
eingenistet, Grauen empfand ich und wusste nicht wovor.
    Begab mich zur Torwache, allwo die Leute auf ihrem Strohlager schnarcheten.
Aus dem Wasserkruge tat ich einen Trunk, kühlete meinen brennenden Hautriss und
verzehrete ein Stück Brot.
    Hierauf stieg ich durch den runden Turm zum Wall hinan. Auch hier fand ich
die Kameraden dem Schlaf ergeben - regungslos lagen sie in der strahlenden
Frühsonne, die Posten aber, die den Belagerer hätten im Auge behalten sollen,
kehrten ihm den Rücken, an die Brustwehr hingekauert. Dem Geistlichen lauschten
sie, so vom Propheten Daniel predigte, wie er, vom Tyrannen in die Löwengrube
geworfen, gleichwohl heil geblieben und alsodann sein Dankgebet gesprochen:
»Mein Gott hat seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten hat,
dass sie mir kein Leid getan haben.«
    Bei diesen Worten klang in der Ferne ein langgezogener dumpfer Ton, ähnlich
dem Brüllen eines Bullen. Es war das Horn des Türmers auf Sankt Katarinen.
Sollte eine Feuersbrunst ausgebrochen sein? Der Prädikant sprach unbekümmert
weiter, wiewohl etliche Zuhörer zum Turm emporblickten, von wo noch immer das
Horn erscholl.
    Auf einmal rief jemand dicht bei mir: »Waffen! Waffen!« Nach der Brustwehr
zugewandt, sah ich, wie zween feindliche Soldaten von aussen herübergestiegen
kamen, dann ein dritter, ein vierter. »Feindioh!« riefen die Unseren. »Waffen!«
Meinen Karbiner hatte ich, doch - Teufel - keine Munition.
    Schon knatterten Schüsse, und ein Gebrüll von Geschützen erhub sich. Einer
unserer Posten stürzte, seine Muskete fiel vor meine Füsse. Ich erhub sie wie
einen Dreschflegel und ging auf einen Feind los. Der legte sein Pistol auf mich
an und schoss. Ich schlug ihn mit dem Kolben nieder, stund aber allbereits vor
einem neuen Gegner, der mit dem Schwerte nach mir stach. Ich parierte mit meiner
Muskete und stiess sie ihm ins Gesicht, dass er hintaumelte.
    Inzwischen hatten sich etliche der Unseren den Pappenheimer Eindringlingen
entgegengeworfen, sie niedergemacht und die Brustwehr gewonnen. Ratlos aber lief
ein Teil unserer Wallmannschaft durcheinander und schrie: »Waffen! Waffen!«
Manche hatten keinerlei Waffen, nicht einmal eine Partisane oder einen
Morgenstern.
    Ich eilte zur Brustwehr und sah nun, wie schlimm es mit uns stund. Es
wimmelte von stürmenden Pappenheimern. Wie Meereswellen zum Strande rollen, kam
Reihe auf Reihe herangeflutet. In der Ferne aber regte es sich hinter allen
Hügeln und Gründen von Reitergeschwadern und Pickenierbataillonen, von Fahnen,
Spiessen und blinkenden Rüstungen. Und war ein Gelaufe im Feinde wie in einem
aufgescheuchten Ameisenschwarme.
    Wie Katzen sprangen die Pappenheimer heran und renneten die Sturmleitern
herauf, trugen auch immer neue Leitern herbei und lehnten sie an die Wallmauer,
wiewohl die Unsrigen jetzo schossen und in rasender Wut Mauerbrocken auf die
Emporklimmenden warfen.
    Nur schwach freilich konnten wir uns wehren, da wir auf Deckung bedacht sein
mussten. Hageldicht schwirrten die Kugeln aus den feindlichen Laufgräben, und
schon mancher Kamerad lag entseelt oder stöhnend vor unsern Füssen.
    Ich hatte die Lunte meiner Muskete entzündet und auch schon einen
Pappenheimer von der Leiter geschossen. Da rief mich Kapitän Schulz an:
»Korporal Tielsch, im Stall bei der Wachtstube steht mein Pferd, - reit Er, so
schnell Er kann, zum Kommandanten Falkenberg - er ist auf dem Rataus - Sukkurs
soll er schicken - Sukkurs so viel als möglich - sonst halten wir den Wall
nicht.«
    Ich sogleich fort, den Auftrag auszuführen.
    Im Turme, der des Walles Eingang war, hasteten mir die Unsrigen entgegen, so
zum Kampfe eilten; - mühsam brach ich mir durch ihr Gedränge Bahn, gelangte zum
Stalle der Wachtstube, fand das Pferd, schwang mich in den Sattel und
galoppierte durch die Gassen.
    Aus den Haustüren stürzten die Bewohner herfür, Weiber und Kinder rangen
heulend die Hände, vom Katarinenturm brüllte der Alarm, und immer wilder
knatterte das Gewehrfeuer.
    »Zur Hohenpforte!« rief ich den Bürgern zu, die mit Waffen gelaufen kamen;
aus ihren Augen sprühete ein Grimm, der, angesammelt in der langen Zeit
qualvollen Ringens, jetzo sich entlud, angezündet von dem Gedanken, dass Leib und
Leben, Weib und Kind, Gut und Ehre, Glauben und Vaterland auf dem Spiele stehe.
    Vor dem Ratause stund bei einer Gruppe von Bürgersleuten der Page des
Obersten Falkenberg und hielt das Ross seines Herrn am Zügel. Ich hin zu ihm,
schwang mich aus dem Sattel, gab ihm auch noch mein Pferd zu halten und stürmte
die Treppe hinan zum Sitzungssaal. In der Tür blieb ich eine knappe Weile
atemlos stehen.
    Falkenberg redete zur Ratsversammlung. Wiewohl auf seinem Angesichte Schweiss
und Erschöpfung lag, hielt er doch seine kalte, eiserne Trutzigkeit aufrecht.
Ich aber trauete meinen Ohren nicht. Was diese Männer beschäftigte, war ja noch
immer die Frage, ob mit Tilly zu ackordieren sei. Wusste man denn allhie noch
nicht, wie die Dinge stunden?
    »Nichts von Traktaten!« rief Falkenberg; »jede Stunde, die ihr heute länger
ausharret, ist mit keiner Tonne Goldes zu bezahlen. Zum Abzuge ist Tilly
entschlossen, und die Schüsse, so jetzunder gen unsere Mauern donnern, sind der
Abschiedssalut ...«
    »Mit Verlaub, Herr Oberst,« rief ich und drängte mich durch die Versammlung.
    In diesem Augenblicke begann der Türmer der nahen Johanniskirche zu tuten.
Die Augen aufgerissen horchte die Versammlung, und Falkenberg stutzte. Gleich
darauf aber sprach er mit fester Stimme weiter: »Sollte der Feind aber wirklich
wagen, unsere Mauern noch in letzter Stunde zu berennen, so mag er mit blutigem
Kopfe heimziehen. O, dass er sich unterstünde! Er wird sich den Kopf
zerschellen!«
    Indem ward hinter mir die Tür aufgerissen, und der Burgemeister Otto von
Gericke kam hereingestürmt: »Der Feind ist allbereits in der Stadt - am
Fischerufer plündern die Kroaten!« Mit Rufen des Entsetzens sprang alles von den
Stühlen und drängte zum Ausgang.
    Ich trat vor Falkenberg und meldete: »Die Pappenheimer stürmen bei der
Hohenpforte, Kapitän Schulz lässt um schnellen Sukkurs bitten - der Feind ist
allbereits auf dem Oberwalle.«
    Bleich und finster starrete mich der Oberst an. Dann verzerrte er das
Angesicht zu einem höhnischen Grimme, und aus der breiten Heldenbrust presste
sich ein seltsamlicher Laut, zugleich ein Stöhnen und ein Triumphieren.
    »Auf!« rief er in plötzlicher Entschlossenheit und stürmte mit Sporengeklirr
zum Saal hinaus, die Treppe hinab. Ich hinter ihm drein. Bei seinem Pferde
angelangt, das der Page - wie auch das meine - am Zügel hielt, wandte sich der
Oberst zu mir: »Reit Er zur Marschschanze, Oberstleutnant Trost soll mit seinen
Reitern der Hohenpforte Sukkurs bringen - schnell, fort!« Und schon sassen wir
beide im Sattel, gaben den Pferden einen Sporenhieb und galoppierten nach
verschiedenen Richtungen.
    Ich den Johannisberg hinunter, über die Strombrücke auf die Insel, so man
den Stadtmarsch heisset. Da kam mir der Oberistleutnant Trost mit seinen Reitern
entgegen. Ich tat ihm Meldung und trabte gemeinsam mit dem Geschwader zum Orte
des Kampfes, von wo das Schiessen wie ein unaufhörlich Geknatter erscholl.
Munition hatte ich nun.
    Als wir in die Grosse Lakenmacherstrasse kamen, sahen wir das Mannsgetümmel
mit Pulverdampf und blitzenden Waffen. Hinten aus den Häusern am Tore flogen
Steine, Hausgeräte und Balken auf Feindes Haupt hernieder. Ein hölzern Haus
stund in Flammen, in der sonnigen Maienfrühe seltsamlich anzuschauen, gleich
einer Kerze, so milden Lichtes bei Tage brennt.
    »Platz gemacht, Platz!« rief der Oberistleutnant Trost, da wir den
kämpfenden Unseren im Rücken waren. Als diese nun zur Seite auswichen und eine
Gasse eröffneten, rasselten wir wie ein Donnerwetter hindurch und pralleten
wider den Feind, der dicht zusammengedrängt die Picken vorstreckte, während
seine Musketiere wider uns eine Salve abgaben. Rings um mich brachen Rosse
zusammen und Reiter stürzten, andere Rosse bäumten mit Angstgewieher,
Blutquellen schossen aus Tieren und Menschen herfür, ein Stöhnen und Röcheln,
ein Klappern aufschlagender Harnische und Waffen, ein Wehgeschrei und Wutgeheul
erfüllte die Luft.
    Gleich darauf ward aus einem Fenster von nackten Weiberarmen ein Kessel
geschwungen, und unter höhnischem Gekreische siedend Öl auf Feindeshaupt
gegossen. Hinterher hagelte es Steine, Hausgeräte, brennende Fackeln und
wuchtige Balken.
    Da gerieten die Pappenheimischen Picken in Unordnung. Den Moment nutzend und
angetrieben von der Löwenstimme Falkenbergs, der auf einmal unsere Führung
hatte, gab alles, was von den Unseren heil geblieben, darunter ich, dem Rosse
die Sporen und brach hauend oder mit Pistol und Karbiner schiessend in die
feindliche Menschenmauer ein.
    Vor mir, neben mir hieben, stachen die Picken, Arme wurden geschwungen,
Säbel sauseten, Helme prasselten, man schrie und heulete. Ich hieb wie rasend
auf den Feind. Und abermals sah ich Blutquellen herfürbrechen und manchen
Getroffenen stürzen.
    Diesmal gewannen wir die Oberhand. Des Feindes Ordnung löste sich, und was
nicht liegen blieb, retirierte zur Hohenpforte. »Gewonnen! Gewonnen!« Mit diesem
Rufe spornten wir die Rosse zur Verfolgung, unsere Fusstruppen, so inzwischen
ihre Musketen geladen hatten, kamen hinterdrein gerannt, wir Reiter machten
ihnen eine Gasse, und sie brannten dem flüchtigen Feinde ihre Kugeln auf den
Pelz, dass die Lappen flogen.
    Schon waren die Pappenheimischen Eindringlinge über den Oberwall zurück in
die Faussebraye geworfen, und wir vermeinten, nun werde uns der völlige Sieg
gelingen, als auf einmal eine furchtbare Salve groben Geschützes aus der
Richtung des Krökentors in unsern Haufen schmetterte. Ich hörte, wie die Unseren
auf dem Walle schrien und wimmerten, und dann rief eine Stimme: »Mit unserer
eigenen Batterie erschiessen uns die Hunde! Auf! Schmeisset sie hinunter!«
    Drauf so gingen die Unseren mit Wutgebrüll vor. Wir Reiter wollten absitzen
und gleichfalls auf den Wall eilen. Aber da kam Herr Uslar herangesprengt: »Her
zu mir! Vom Fischerufer kommen Kroaten! Mir nach!«
    Nun wendeten wir die Pferde und folgten dem Offizier. An der Ecke, wo eine
Gasse zum Fischerufer hinunterführet, wimmelte es von Menschen. Bürger wollten
hastig Ketten über die Gasse spannen. Doch der Oberste Falkenberg schrie: »Noch
nicht! Lasset unsere Reiter durch!«
    Hierauf so schwenketen wir in die Gasse ein und sahen uns einem kroatischen
Reitergeschwader gegenüber. Mit Karbinern schoss es nach den Fenstern, aus denen
Steine und Balken geflogen kamen. »Auf und drein!« rief Herr Falkenberg mit
geschwungenem Schwerte, wir rasselten an den Feind und warfen ihn, dass er
ausriss. Wir folgten ihm zum Fischerufer. Hier kamen Kroaten aus den Häusern, wo
sie geplündert hatten. Wir hieben sie nieder.
    Doch da sahen wir, wie vom Rondel an der Elbe neue Kroaten geritten kamen;
der Wasserstand war also niedrig, dass die Pferde bei der Mauer waten konnten. Es
half uns wenig, dass wir auf den Feind schossen. Immer neue Schwadronen rückten
heran, und weil alle ihre Feuerrohre geladen waren, verloren wir viel Leute und
mussten weichen.
    Der nachrückende Feind kam in der engen Gasse nicht weit. Denn gleich hinter
uns hatten die Bürger Ketten gespannt und ihre Häuser zu Festungen umgewandelt.
Aber nun flammte eine neue Feuersbrunst auf. Der Feind warf Pechkränze in die
Häuser, um durch Brand die Verteidiger auszutreiben.
    Wir hielten an der Ecke der Lakenmacherstrasse, als auf einmal von der
Hohenpforte her eine wilde Flucht der Unseren kam. Gleich hinterher wurden
feindliche Harnischreiter sichtbar, und Rufe des Entsetzens gingen durch unsere
Reihen: »Jesus! Sie haben die Hohepforte! Nun kommt die ganze Armada!«
    Aber Falkenberg schwang sein blutig Heldenschwert mit dem Rufe: »Wer rettet
die Stadt?« Und allsogleich rannten wir wütend den Feind an. Gleich beim Anprall
erlegte ich mit dem Pistol einen Gegner. Doch brach mein Pferd zusammen, und ich
stürzte mit dem Kopfe wider einen Prellstein der Strasse, dass mir die Sinne
schwanden.
    Als ich wieder zu mir kam und mich verwundert aufrichtete, war die Strasse
ringsum besäet mit Toten und stöhnenden, zuckenden Verwundeten. Ich betastete
meinen Kopf, er schmerzte und blutete, doch fand ich keinen Bruch am Schädel.
    Nun riss mich die Kriegsfuria aufs neue in den Kampf. Ich sprang auf und lud
meinen Karbiner. Da flüchteten etliche unserer Reiterei an mir vorüber, und
siehe, einer war der Herr Administrator des Erzstiftes Magdeburg. Doch gleich
hinter ihm drein sprengten fünf feindliche Panzerreiter, von denen einer
kostbare Federn auf dem Helme trug. Dieser Ritter verlegte dem Administrator den
Weg und rief gebieterisch: »Ergebet Euch! Ihr sollet Quartier haben!« Da hielt
der Administrator sein Pferd an, steckte sein Schwert in die Scheide und gab
sich gefangen.
    Ich legte auf den Ritter an und wollte eben losbrennen, als plötzlich eine
weibliche Stimme »Johannes« schrie. Es war die Jungfer Gräfin, meine Tekla, als
ein Mann gekleidet, mit Blute bespritzt, ein Schwert in der Rechten, ein Pistol
in der Linken. »Zu Hilfe, Johannes!« rief sie und lief zu einer kämpfenden
Gruppe.
    Ich folgte und sah den Obersten Falkenberg, der vor sich auf dem Rosse
einen ohnmächtigen Verwundeten hielt und an drei Harnischreiter, so ihn
umzingelten, Schwertiebe austeilte. Den wildesten Gegner des Obersten traf mein
Karbinerschuss. Des andern Ross brach unter dem Schwertstich der Jungfer Tekla
zusammen. Da brannte der dritte sein Feuerrohr auf den Obersten ab, stürzte aber
gleich darauf, getroffen von einem Beilhiebe des Rottmeisters Hans Herkel, jenes
Propheten, so gerufen hatte: »Meine Seele sterbe mit den Philistern!«
    Der Oberste Falkenberg liess sein Schwert fallen, griff sich nach der Brust
und sank nach vorne über den Menschenkörper, der noch immer vor ihm lag. Ich
nahm des Obersten Linke, während Hans Herkel auf der andern Seite des Rosses die
Rechte ergriff, Tekla hielt des Rosses Zügel - und so führten wir den
verwundeten Obersten aus dem Kampfgetümmel.
    Unweit war der Jakobikirchhof. Dortinein zu den grünen Grabhügeln ging
unser Zug. Bei der Wohnung des Totengräbers war ein Brunnen und eine Bütte mit
Wasser. Ein unmündig Mägdlein, des Totengräbers Kind, stund dabei und staunete
uns an.
    Hier machten wir Halt, ich und Hans Herkel liessen den Obersten vom Ross in
unsere Arme gleiten und legten ihn an einen grünen Grabhügel, das Haupt zwischen
Stiefmütterchen und Narzissen gebettet. Jungfer Tekla hielt indessen den andern
Körper, den das Ross getragen und der noch immer querüber lag, bei den Schultern
und schaute schluchzend in das bleiche Angesicht. Und siehe, dies Angesicht
gehörte der Frau Falkenbergin. Gleich Tekla hatte sich die edle Frau in
Mannesgewand getan und als ein Krieger in den Kampf gestürzt, an ihres Gatten
Seite zu fallen. Als wir sie neben den Obersten betteten, spürten wir, dass sie
tot war.
    Falkenberg drehte seinen Kopf zur Gattin, und ihre Hand legte ich in die
seine. Er dankte mir mit einem Blicke und schaute mit wehmütiger Liebe nach
seiner entseelten Frau.
    Hans Herkel und ich stunden schweigsam dabei. Das Knattern und Donnern der
Schlacht scholl herüber. Auf einmal aber ertönte aus dem nahen Blütenbusche das
Flöten einer Nachtigall, so süss, als sei in Todes Arm die holdeste Hochzeit.
Zugleich hörte ich des Totengräbers Kindlein jauchzen. Mit seinen Händlein
plätscherte es in der Wasserbütte und freute sich der glänzenden Wellen und
sprühenden Tropfen.
    Da ging ich hin, schöpfte meinen Hut voll Wasser und gab dem Obersten zu
trinken. Tekla wusch das Angesicht ihrer verblichenen Schwester und weinte
heisse Zähren. Hans Herkel hatte des Obersten Koller aufgetan und suchte das Blut
der Brustwunde zu stillen.
    Stöhnend richtete sich der Oberste auf. Da fielen Ascheflocken aus der Luft
bei uns nieder, und gen Himmel richtete der Sterbende sein Auge gross und gierig.
Droben flogen Rauchwolken und Funken.
    »Herkel!« - stiess er mühsam herfür - »es ist Zeit - ans Werk! Er hat das
Zeughaus übernommen.«
    Ein heiser Schluchzen brach aus Hans Herkels Brust; dann rief er wild: »Ich
tu's!« und rannte spornstreichs fort.
    Mit einem Lächeln des Triumphes sank der Oberste zurück in die Blumen. Dann
sah er milden Auges abwechselnd mich und Tekla an. »Tielsch,« - hauchte er -
»rette Er die Jungfer - in die Kirche - schnell fort!« Keuchend rang des Helden
Brust, ein Blutstrom brach aus seinem Munde, er röchelte - und verschied.
    Tekla schrie auf, warf sich zu den Toten auf den Boden und umschlang ihre
Schwester schluchzend. Dann küsste sie des Obersten Hand.
    »Mein gnädig Fräulein«, mahnte ich. Da sie aber nicht hörte und von neuem
aufschrie, so ergriff ich ihre Hand, hub die Jungfer empor und sprach: »Bitt
Euch, gnädig Fräulein! Wollet doch den letzten Willen des Toten erfüllen und
eilends mit mir gehen. Oder möchtet Ihr in Feindes Hand fallen?«
    Sie starrte mich tränenvollen Auges an, besann sich und sprach: »Ja doch,
Johannes! Ich komme allbereits.«
    Nun eilten wir über die Gräber zur Pforte der Jakobikirche. Ich pochte
heftig und rief: »Machet doch auf! Wir sind Magdeburger!« Doch verschlossen
blieb die Pforte.
    Hierauf verliessen wir eilends den Kirchhof und liefen die Blaue Beilstrasse
entlang, die von Menschen ganz leer war, da sich alles in die Häuser verkrochen
hatte.
    Als wir auf den Breiten Weg kamen, rannten Bürger, jammernde Weiber und
Kinder an uns vorüber, nach links, während rechts vom Krökentore her ein
feindlich Reitergeschwader anrückte mit Heerpauken und Drommeten. Wie eine
blökende Schafherde vor dem Wolfe flüchtete das arme Stadtvolk. Ich hielt der
Jungfer Hand und riss sie mit mir fort. Hinter uns krachte eine Salve, und
etliche Leute wälzten sich im Blute. Wir waren heil geblieben und bogen um die
nächste Strassenecke.
    »Zur Johanniskirche!« rief ich, hoffend, dorten vielleicht Einlass zu finden.
Und wir rannten durch die Gassen.
    An der Ecke der Marktstrasse aber hatte Tekla derart den Odem verloren, dass
sie nicht weiter konnte und stehen blieb. Es war gerade bei einer Gruppe
jammernder Menschen. Es stund allda ein Prädikant, angetan mit seines Amtes
Tracht, die Heilige Schrift mit der Linken an seine Brust gedrückt. Um ihn herum
zitterten etliche bange Herzen von Jungfrauen und älteren Weibsbildern. Das war
ein Weinen und Händeringen: »Was sollen wir denn tun? Was tun?« Der bleiche
Prädikant aber erhub nur immer die Rechte und sprach: »Gott allein weiss das!
Gott allein!«
    Da packte mich die Jungfer Gräfin am Arm und schrie, die Augen wild
aufgerissen: »Bring Er mich um, Johannes! Tu Er mir die einzige Liebe! Die
Kroaten kriegen mich sonst! Schiess Er mich tot! auf der Stelle!« Und sie reichte
mir ihr Pistol.
    Ich riss es aus ihrer Hand, steckte es in meinen Koller und sprach: »Ja doch,
mein gnädig Fräulein! Lebendig soll Euch der Feind nicht kriegen - das gelobe
ich! Aber noch ist es nicht Zeit zum verzweifeln. Erst such ich, Euch zu retten!
So gebeut unseres teuren Obersten letzter Wille. Wollet ihn, mein Fräulein, doch
respektieren!«
    »Nun gut!« entgegnete sie. »Johannes! Geb Er mir das Pistol zurück. Ich
folge Ihm! Doch unser Plan ist schlecht. Bedenk Er nur: So es uns wirklich
sollte gelingen, in die Johanniskirche hineinzukommen, was hilft uns das? Der
Feind wird die Pforten sprengen oder zu den Fenstern eindringen. Er verschonet
die Kirche nicht, für ihn ist sie ein Ketzertempel.«
    Dass dieser Einwand richtig sei, leuchtete mir ein. Ich sah im Geiste das
Innere der Johanniskirche, sah die hineingeflüchtete Menschenmenge, wie sie
teils betete, teils zwischen den Säulen herumirrte und nach einem Verstecke
suchte. Versteck! Ja, wenn ich einen Versteck fände! Einen unterirdischen!
    »Gott sei gedankt!« rief ich. »Ich weiss Rat! Aus dem Keller des
Predigerhauses führet ein unterirdischer Gang in die Johanniskirche und von
dorten nach Kloster Berge. In den wollen wir eindringen!« Und wieder ergriff ich
des Fräuleins Hand und riss sie mit mir.
    Da wir zur Johanniskirche kamen, hörten wir, wie die Pforte von innen
vernagelt und verrammelt ward. Wir liefen um die Sakristei herum, und da stund
nun das traute Haus, allwo ich als Knabe mit den Eltern gewohnet. Doch die
Haustür war verschlossen, und die Eisengitter vor den Fenstern hinderten das
Hineinsteigen.
    Ich pochte heftig und rief: »Machet doch auf! Wir gehören ja zu euch! Sind
evangelisch! Ich bin allhie geboren - bin des ehemaligen Prädikanten Tielsch
sein Sohn - jetzo schwedischer Korporal! Machet auf! Wir wollen euch ja helfen!
Wir wissen Rettung. Ei, so machet doch endlich auf!«
    Vergebens! Indessen blickte aus einem Fenster des Nachbarhauses ein
Weibsbild und sagte: »Ach, ihr Soldaten! Seid ihr wirklich Freunde?«
    »Ja doch!« entgegnete ich. »Und damit Sie erkennet, dass ich die Wahrheit
rede, so sag ich: Mein Quartier ist auf dem Ringe beim Kaufmann Schmidt; Sie
kennt wohl seine Mutter, die alte Schmidtin. Und nebenan logieret - ach Gott,
nein - hat logieret der Herr Oberste Falkenberg - Gott mache den Helden selig!
Und ich - bin ein Magdeburger Kind, vor 27 Jahren hier nebenan im Predigerhause
geboren.«
    »Ich mache schon auf!« rief das Weibsbild und verschwand. Gleich darauf
wurde die Haustür aufgetan. Das Weibsbild, eine Hausmagd, Trude mit Namen, war
ganz allein, sintemalen der Hausherr benebst Weib und Kindern in die
Johanniskirche sich geflüchtet. Schon wollte die Magd die Haustüre hinter uns
verschliessen, als mir eine Kriegslist beifiel, den Feind zu täuschen, so jede
Minute erscheinen konnte.
    »Höret mich an!« sagte ich. »Ich weiss einen Rat! Wir wollen dies Haus also
zurichten, als ob die kroatischen Mausköpfe schon hieselbst gewesen wären.
Vielleicht dass die Plünderer alsodann vorübergehen, weil sie denken: da ist
nichts mehr zu holen. Trude, bringe Sie mir eine Axt.«
    Zur Jungfer Gräfin aber sprach ich: »Mein lieber Jaroslaus - so muss ich Euch
nun wieder heissen - nimm den Säbel und schlitze die Betten auf - Stroh und
Federn sollen verstreut werden.«
    Da Trude die Axt gebracht, gab ich ihr fürder auf, in den Hausflur einen
Tisch zu setzen und Speisen und Bier aufzutragen. Während sie es tat, zerschlug
ich mit der Axt Ofen, Truhen und Schränke, Türen und Fenster. Dann tat ich die
Haustüre sperrangelweit auf. Jungfer Tekla schleppte indessen zerschlagene
Töpfe, Stroh und Bettfedern bis vorn in den Hausflur und auf die Strasse. Wir
assen und tranken etliches von den Speisen und dem Bier. Und nun sah das Haus
also wüste aus, als sei hier für Plünderer rein gar nichts mehr zu holen.
    Es war die höchste Zeit, denn schon hörten wir Schüsse bei der
Johanniskirche. Von der Magd geführt, gingen wir die Treppe hinauf unters Dach
in eine Bodenkammer. Ich und Jungfer Tekla prüften unsere Waffen, ob sie auch
in Ordnung. Die Magd aber hielt das Beil gefasst und zitterte vor Begier, den
eindringenden Feind anzufallen.
    »Trude,« sprach ich - »ist es möglich, dass wir nebenan ins Predigerhaus
gelangen? Dorten ist im Keller sichere Zuflucht, nämlich ein heimlicher Gang, so
unterirdisch zur Johanniskirche führt.« Die Magd starrte mich an, als begreife
sie nicht. »Ins Predigerhaus müssen wir!« fuhr ich fort. »Aber die Haustür ist
verrammelt. Können wir nicht auf andere Weise hingelangen? Vielleicht übers
Dach.«
    Sofort tat ich die Dachluke auf und spähete hinaus. Dicke Rauchwolken,
vermischt mit Funken, flogen über die Dächer. Ein feuerschnaubender Drache
wälzte sich auf die Stadt. Drüben in der Johanniskirche hub ein Choral zur Orgel
an. Von der Strasse her scholl ein roh Gebrüll und Jauchzen: »All gewonnen! All
gewonnen!«
    Ich prüfte, ob der Weg übers Dach möglich. Es war nach unten steil, hatte
jedoch oberhalb der Luke eine platte Stelle, über die man wohl sichern Fusses zu
einer ähnlichen Stelle der Predigerhauses gelangen konnte.
    »Fort von hier!« sagte ich. »In wenigen Stunden steht das ganze Viertel in
Flammen. Wollen wir nicht verbrennen oder dem Feind in die Arme laufen, so
müssen wir den unterirdischen Gang im Predigerhause aufsuchen. Vorwärts,
klettern wir übers Dach!« Die Magd rang die Hände. Jungfer Tekla nahm
entschlossen einen Strick, so durch die Bodenkammer gespannt war, und knüpfte
das eine Ende um ihren Leib.
    Ich kletterte nun zur Lucke hinaus und liess mir des Strickes anderes Ende
reichen, kroch zur platten Stelle des Daches empor und schlang den Strick um den
Schornstein. Hierauf kehrte ich zur Luke zurück und half der Jungfer Tekla auf
das Dach und hinan zur platten Stelle steigen. Ebenfalls mit Hilfe des Strickes,
den Tekla nun frei gab, holte ich die Magd herauf, versäumte auch nicht, unsere
Waffen mitzunehmen. Dann kroch ich hinüber zum Predigerhause, wo ich eine
Dachluke offen fand, und befestigte daselbst den Strick, der nun gespannt als
ein Geländer vom Schornstein zur begehrten Stelle hinleitete. Uns gelang der
schwindelige Stieg übers Dach, und durch die Luke kamen wir in eine Bodenkammer,
wie sie vom Gesinde bewohnt wird.
    Also waren wir endlich angelangt, allwo ein Weg zur Rettung winkte. Doch
unsere Hoffnung ward gar bald verdüstert. Da wir nämlich die Tür der Bodenkammer
auftaten, scholl von unten ein bestialisch Toben. Die Beutemacher waren also
doch gekommen.
    Und nun polterte ein schwerer Schritt die Treppe zu uns herauf. »Nicht
schiessen,« raunte ich, ergriff den Strick und lauerte hinter der Tür. Tekla
trat neben mich mit gezücktem Degen, während die Magd auf der anderen Seite das
Beil erhub. »Lebendig müssen wir ihn haben! Er soll uns die Losung sagen!«
flüsterte ich.
    Gleich darauf trat ein Soldat mit vorgestrecktem Degen ein. Im Nu hatte ich
den Strick um seinen Hals geworfen und würgte ihn, dass er vor Schwäche
zusammenbrach. Tekla schloss die Tür der Bodenkammer, und während die Magd
dräuend das Beil über dem Kopfe des Gefangenen hielt, herrschte ich ihn an:
»Schweig! So du schreiest, bringen wir dich um!« Hierauf liess ich den Strick
etwas lockerer, dass der Gefangene wieder Odem bekam und sagte: »Wie lautet eure
Losung? Antwort, oder du bist des Todes!«
    »Jesus Maria!« krächzete der Soldat.
    »Heisst die Losung Jesus Maria?«
    »Ja.«
    Nun zog ich den Strick wieder fester und sprach zu Tekla: »Was machen wir
mit ihm?«
    »Totschlagen«, knirschte die Magd.
    »Knebeln wir ihn!« meinte Tekla, trennte mit dem Degen ein Stück vom
Bettlaken und rollte es zum Knebel zusammen.
    Der Gefangene setzte sich zur Wehr. Wie ich aber meines Schwertes Schneide
an seinen Hals hielt, ward er kirre und liess sich den Knebel ins Maul stecken.
Hierauf banden wir ihm Füsse und Hände hinterrücks zusammen und fesselten ihn an
einen Dachbalken.
    »Trude!« sprach ich zur Magd, »so jetzo andere Beutemacher heraufkommen,
verbleibt uns nur ein Rettungsmittel:
    Ich und mein junger Kamerad hier müssen uns stellen, als ob wir zur
kaiserischen Soldateska gehören. Die Losung wissen wir ja. Du aber, Trude, bist
unsere Gefangene und musst immer sagen: Das Geld liegt im Keller, da ist ein
heimlich Gewölbe. Hörst du, Trude, hier im Keller des Predigerhauses ist ein
Gewölbe mit Geld ... Mut, Trude! Und wenn ich mich stelle, als sei ich selber
ein Beutemacher - und wenn ich dich sogar würge ...« Hiermit packte ich die Magd
an der Gurgel und schüttelte sie, doch ohne ihr wehe zu tun. Entsetzt starrte
sie mich an. »Macht nichts,« fuhr ich fort. »Es geschieht ja nur, den Feind zu
täuschen. Es kommt darauf an, dass wir ins Gewölbe gelangen - es ist wirklich da
und führt vom Keller zur Johanniskirche ...«
    Nun redete auch die Jungfer Gräfin der Magd zu: »Tu, was der Korporal
gebeut. Es ist eine Kriegslist. Der heimliche Weg kann uns retten.«
    Auf einmal erhellte sich das Antlitz der Magd und sie sprach: »Ja, nun
verstehe ich. Ja, ich will es tun. Aber mir ist bange. Herr Jesus, wenn die
Sache schief geht! ...«
    Indem vernahmen wir Tritte auf der Treppe. Da galt es, nicht länger zu
zaudern, sondern dem Feinde entgegenzugehen.
    »Noch eins,« sagte ich - »wir gehören dem Grafen Mansfeld und sind von der
Sudenburg her in die Stadt gedrungen. Nun denn in Gottes Namen los!«
    Packte also die Magd bei der Gurgel und rief: »Wo ist der Geldschatz? Im
Keller? Führe uns hin, Bestie!« Dann tat ich die Tür auf, wiederholte recht
grimmig diese Worte und zerrte die Magd die Treppe hinab, während mein Junker
Jaroslaus folgte.
    Unten auf dem Flur stund ein Soldat, die Beine gespreizt und die Muskete mit
brennender Lunte auf uns angeschlagen. »Losung!« brüllte er.
    Gleichmütig entgegnete ich: »Jesus Maria!« und schleppte die Magd vollends
hinunter. Da der Kroat noch immer stutzig und misstrauisch stund, sagte ich ihm
keck ins Angesicht: »Holla, Kamerad! Komm Er mit mir in den Keller, dorten liegt
Gold - ja Gold - ein grosser Schatz!«
    Da blitzte freudige Gier aus seinen Augen, er setzte die Muskete ab und
schloss sich uns an, indessen wir die Magd auch die nächste Treppe
hinunterschleppten.
    Unten drangen auf einmal drei Beutemacher auf uns ein und riefen, mit ihren
Waffen dräuend: »Losung!« »Jesus Maria!« antwortete ich, während der Kroat in
fremder Sprache auf seine Kameraden einredete, worauf sie sich zufrieden gaben.
Nur einer - ein junger Offizier - hielt seinen Degen gezückt und sprach: »Wos
seids denn Ös? Doch nit Pappenheimer!« »Mansfelder!« entgegnete Tekla. Ich aber
fügte hinzu: »Ja, wir Mansfelder waren allbereits früher da, als ihr. Was gaffet
ihr, Kameraden? Kommet lieber mit in den Keller - dorten liegt Gold - ja Gold -
ein grosser Schatz - diese Magd wird ihn uns weisen.«
    Die Soldaten redeten eifrig durcheinander. Der Offizier aber fragte
verdutzt: »Sakrament noch emol! Sein die Monsfelder ollbereits in der Stodt?
Verflucht! Aber gut, Gold nehmen wir! Gehen wir in Keller!«
    Nun liess ich die Magd los, hielt ihr die Faust unter die Nase und herrschte
sie an: »Wehe dir, Bestie, so du läugest! Führe uns sogleich in den Keller und
weise den unterirdischen Gang!«
    »Mit Verlaub, ihr Herren!« antwortete die Magd weinerlich. »Lasset mich nur
erst die Laterne anzünden. Unten ist es stichdunkel.« Hiermit ging sie in die
Küche, und ich folgte ihr. Mit dem Feuerzeuge machte sie Licht und tat es in die
Laterne, worauf ich das Feuerzeug in meiner Tasche barg.
    Nun drangen wir alle in den Keller, und ich leuchtete mit der Laterne umher.
Vom geheimen Gange nichts zu sehen; wohl aber lag in einer Ecke Gerümpel
aufgeschichtet, alte Tonnen und Kisten. »Gesteh, dass der Schatz dahinter liegt!«
fuhr ich die Magd an. »Ja doch, ihr Herren,« entgegnete sie und begunnte, das
Gerümpel wegzuräumen. Wir halfen, und siehe, in der Mauer war ein niedrig
Türlein, mit Eisen beschlagen. Da es unverschlossen war, taten wir es auf und
fanden einen Gang, den man nur gebückt passieren konnte.
    »Mein lieber Jaroslaus!« sprach ich laut zu Tekla. »Nimm die Laterne und
suche den Schatz! Findest du, was wir begehren - du verstehst mich, Jaroslaus -
so rufe, dass ich nachkommen soll.«
    Sogleich ergriff Tekla die Laterne und kroch in den Gang.
    Da rief der Offizier etliche Worte in kroatischer Sprache und sagte dann zur
Magd: »Geh mit Milivoi in Kuchel - holen mehr Licht - andere Laterne, auch
Fackel - ganz gleich - ist zu dunkel - fort Milivoi!« Und es ergriff einer der
Soldaten die Magd am Arm und ging mit ihr hinauf.
    Ich war allein mit dem Offizier und dem andern Soldaten. Da konnte ich einen
Angriff wagen, zumal es so weit dunkel war, dass nur aus dem Gange ein Schimmer
herfürdrang. Gebückt stund der Offizier am Eingange und schaute hinein.
    »Hast du etwas gefunden, Jaroslaus?« rief ich.
    Da antwortete Tekla in böhmischer Sprache: »Ja, Johannes; der Gang biegt
links ab, wird ganz geräumig und geht weiter - ich glaube, er kann uns retten -
komm geschwind nach und lass uns kämpfen.«
    »Wos sogt er?« fragte der Offizier misstrauisch. - »Er hat den Schatz!«
antwortete ich und griff nach meiner Muskete. »Hot er?« sprach der Offizier und
kroch in den Gang.
    In diesem Augenblick erhub sich oben im Hause ein Poltern und Geschrei; die
Magd Trude eilte zum Keller herein und rief: »Ach Gott, ach Gott - aus der
Bodenkammer kommt der Soldat - andere haben ihn frei gemacht.«
    Da holte ich mit meiner Muskete zum Schlagen aus und traf den Soldaten, so
bei mir stund, dass er lautlos zusammenbrach. Nun kam der Offizier wieder aus dem
Gange heraus, ich aber schlug ihn nieder, bevor er sich aufgerichtet hatte. Und
sofort flüchtete ich in den Gang.
    Gleich darauf erscholl Rufen und Waffenklirren im Keller, Fackelschein
strahlte in den Gang, so dass ich meinen Schatten sah. Ein Schuss krachte.
    »Johannes!« rief Tekla ängstlich.
    »Ich komme,« antwortete ich.
    »Schnell, schnell!« rief sie - »dass du hierher um die Ecke biegst - da
trifft dich keine Kugel.«
    Und es bog sich der Gang wie ein Knie, nach oben geräumig, so dass man sich
aufrichten konnte. Hier stund Tekla hinter der Laterne, den Degen gezückt, ein
Pistol in der Linken. »Verteidigen wir diese Stelle!« sagte sie.
    Ich aber bedachte, ob man den engen Teil des Ganges nicht mit Steinen
verrammeln könne. An der Decke fand ich das Gemäuer rissig und morsch, beschloss
daher, es mit Pulver zu sprengen.
    Riss aus meiner Feldbinde einen Fetzen, schüttete reichlich Pulver darauf,
legte ein Stück Lunte hinzu und wickelte alles dermassen zusammen, dass es ein
Päcklein bildete. Das zwängte ich tief in eine Mauerritze und stopfte Steine
hinterdrein, jedoch so, dass die Lunte herausragte. »Fort!« sprach ich zu Tekla
und zündete das Ende der Lunte an. Wir liefen den Gang entlang.
    Auf einmal erscholl hinter uns ein furchtbar Krachen, und der Lufstoss hätte
mich beinahe zu Boden geworfen. Die Laterne war erloschen. Rauch und Staub
benahm mir den Odem. »Tekla,« stöhnte ich. Sie antwortete erst nach einer
Pause: »Hier bin ich.«
    Nun holte ich das Feuerzeug aus meiner Tasche und zündete die Laterne wieder
an. Wir gingen rückwärts und sahen, dass die Sprengung den Zugang mit
Mauerstücken versperrt hatte. Lauschend vernahmen wir des Feindes Stimmen nur
als ein verworren Gemurmel.
    Stumm blickten wir einander ins Angesicht. Tekla seufzete, und als ich ihre
Hand ergriff, verspürete ich, wie sie zitterte. »Mein gnädig Fräulein!«
stammelte ich.
    Gemeinsam sanken wir auf die Knie, und mir war, als halte ich die Vaterhand
umklammert, die so gütig und so stark aus Feindesnot erretten kann. Nach ihrem
Gebete schaute Tekla auf, als erwache sie vom Traume, sie starrte auf die
Trümmer, so den Gang verschüttet hatten, sah mich hierauf an mit stummer Frage.
    »Ein Zurück gibt es nicht mehr,« antwortete ich - »und ob das Vorwärts zur
Rettung führt, steht bei demselben Gotte, der uns zu dieser Stunde so
wunderbarlich geleitet.«
    Aufschluchzend umschlang Tekla meinen Hals und barg an meiner Brust ihr
tränenvolles Antlitz. Ich legte den Arm um die bebende Gestalt. Wir fanden keine
Worte. Mich deuchte, ich sei ein Nachtfalter und schwirre, vom Lichte trunken,
um eines Engels lichtes Angesicht.
    Wie ich meinen Sinn gesammelt hatte, sprach ich: »O meine Tekla, liebe
Tekla, warum nur ist die Ewigkeit so kurz?« Da sie mich liebreich, doch fragend
anschaute, meinte ich: »Wir waren in der Ewigkeit - und sind auf einmal wieder
in der bangen Zeit.«
    Mit einem schweren Seufzer presste sie meine Hand an ihren Busen, flüsternd:
»Ach, hätte der treue Gott jetzo uns beide zu sich genommen!«
    »Es ist wohl noch nicht so weit - Pilger sind wir, und wer weiss, wo unser
Ziel. Komm, liebe Braut! Ich bin bei dir, du bist bei mir.«
    Und meinen Arm um ihre Schultern gelegt, stützte und leitete ich sie.
    Bald hörte der Gang auf, eine sehr schmale Treppe von Stein führte aufwärts,
bis sie von einem hölzernen Dache abgeschlossen ward, geformt als ein
Sargdeckel. Ich drückte dawider, und es hub sich der Deckel. Ich liess mir von
Tekla die Laterne reichen und leuchtete in den aufgetanen Raum.
    Es war eine Gruft, darin etliche Särge stunden. Wir erkannten, dass wir unter
der Johanniskirche waren. Die Tür, durch die ich eindrang, war ein Sarg inmitten
der anderen - ein Sarg ohne Boden; sein Deckel war der Verschluss unserer Treppe.
    Wir stiegen in die Gruft empor und taten den Sargdeckel hinter uns zu. Ausser
den Särgen befand sich in der Gruft ein Schrein, dessen Tür verschlossen war.
Eine Leiter führte zur Decke, und hier musste eine Falltür sein. Ich kletterte
hinan und stemmte mich wider die eiserne Platte. Sie hub sich und klappte mit
dumpfem Falle seitwärts.
    Wir stiegen in ein Gewölbe, das wohl ebenfalls unterirdisch war, da es
keinerlei Fenster hatte. Nur eine Tür, mit Eisen beschlagen. Ich rüttelte daran,
sie schien von aussen mit einem Vorhängeschloss versperrt. Das Gewölbe entielt
Truhen und Schreine, sowie etliche Fässer. Ich ward nun inne, dass wir in einer
Gerätekammer der Kirche waren, wohin ich als Knabe meinen Vater einmal begleitet
hatte.
    Tat eine Truhe auf und fand eine Altardecke von schwarzem Sammet.
»Kirchengerät!« sprach ich. »Vor den Plünderern hat man's geborgen. Hier muss ein
guter Versteck sein.«
    Auch die Truhen waren mit seinen Geweben angefüllt. Ein Schrein entielt
kostbare Leuchter und Wachskerzen, ein anderer silberne Kelche und Kannen, ein
dritter ein Kästlein von Ebenholz, angefüllt mit Oblaten des heiligen
Abendmahls. Da ich Tekla fragend ansah, erschauderte sie und faltete die
Hände. Ich verspürete auf einmal nagenden Hunger, brennenden Durst.
    »In den Fässern ist Altarwein,« flüsterte ich; »sollen wir nicht ein Weniges
davon trinken?« Tekla schwieg. »Der Wein hat noch keine Weihe,« - fuhr ich fort
- »man darf ihn trinken.«
    Wankend setzete sich Tekla auf eine Truhe, liess den Kopf hängen und
ächzete: »Ach - ich - verschmachte.«
    Da holte ich hastig eine der silbernen Kannen, drehte am Zapfen eines
Fasses, liess dunklen Wein in die Kanne laufen und hielt sie an Teklas Mund.
Tekla tat einen langen Zug, und nun trank auch ich, flammend Leben rann durch
unsere Adern, neue Kraft und Hoffnung war auf einmal da.
    »Auch essen dürfen wir,« sagte ich. »Stehet nicht geschrieben, dass Gottes
Knecht David sich Hungers halber vom Priester die heiligen Schaubrote geben
liess? Überdies werden die Oblaten ja erst im Abendmahl der Leib des Herrn.«
    Tekla blickte zuversichtlich: »Und wären sie selbst schon geweiht, unser
Heiland würde denken: Euch zwei armen Menschenkindern ist meine Speise Rettung
des Leibes und der Seele. Nehmet hin und esset!«
    »Amen!« sprach ich und brachte meiner Braut das Kästlein mit dem heiligen
Gebäck; wir assen und genossen dazu vom Weine.
    Taumelnd lehnte Tekla ihren Kopf an meine Brust, und für ein Weilchen
kehrte wieder jenes Entzücken, so mich im unterirdischen Gange begnadet hatte.
Singen und klingen hörte ich die himmlischen Heerscharen. Bald freilich ward ich
inne, dass man droben in der Kirche zur Orgel sang. Da ergriff mich Zagen. Hatte
allbereits vermeint, seit unserer Flucht über die Dächer, allwo ich das
Choralsingen der bangen Kirchengemeinde zuerst vernommen, sei eine lange Zeit
verflossen; und nun ward mir klar, dass es wohl nur ein Viertelstündlein gewesen,
und dass die Feindesnot erst eigentlich beginne.
    »Was ist dir?« fragte Tekla erschrocken.
    Ich sprang auf. »Wir dürfen der Gefahr nicht vergessen.« Und ich leuchtete
mit der Laterne in der Gerätekammer umher, beunruhigt von dem Gedanken, wir
möchten keinen Ausweg finden.
    Da vernahm ich Orgelton und Gesang, er kam von einer Ecke des Gemaches her,
und dort führte eine Schneckentreppe aufwärts. Ich stieg mit der Laterne hinauf
und gelangte in einen schmalen Raum, allwo ich nicht weiter konnte. Der Choral
aber scholl deutlich durch die eine Wand.
    Sie betastend ward ich inne, dass sie aus schwanker Leinewand bestund, und
durch ein taghell schimmernd Löchlein sah ich in die Kirche, gerade auf den
Prädikanten, so am Altare betete, während die Gemeinde rings um ihn auf den
Knien lag. Nun erkannte ich, dass ich in einer ausgehöhlten Seitenwand der Kirche
war, nur durch eines Gemäldes Leinewand vom Altarraume getrennt. Ein Ausweg aus
den unterirdischen Räumen war ja nun gefunden. Zugleich aber bildete dieser
Ausweg eine Gefahr.
    Da sprach ich zu Tekla, die neben mir stund und durch das Loch des Bildes
schaute: »Wir müssen wieder hinunter zu den Särgen! In der Gerätekammer ist
keine Sicherheit. Dringen die Feinde in die Kirche ein, so werden sie alles nach
Schätzen durchstöbern. Und wimmern Küster und Prediger erst in der Folter, so
verraten sie wohl, wo die silbernen Geräte liegen. Übrigens braucht ein
Plünderer nur seine Picke in dies Gemälde zu stossen, so ist die Höhlung entdeckt
und wird für einen Versteck von Schätzen oder Menschen gehalten. Und wird nicht
die nahende Feuersbrunst auch die Kirche ergreifen? Kann nicht der Dachstuhl
brennend zusammenbrechen? Wer weiss, ob das obere Gewölbe den Einsturz aushält?
Hinunter also!«
    Wir kehrten zur Gerätekammer zurück, Tekla nahm das Kästchen mit dem
Abendmahlgebäck, ich zween Leuchter nebst Wachskerzen, und wir begaben uns durch
die Falltür wieder in die Gruft. Holten noch eine Kanne Weines, einen Becher,
die Truhe mit Altardecken und Tüchern. Anfangs hatten wir vor, den ganzen
Kirchenschatz zu bergen; indessen schien es ratsam, den Plünderern etliche
Kostbarkeiten zu lassen, auf dass sie nicht weiter suchen möchten.
    Um zu beobachten, was sich ereigne, waren wir aufs neue zur Gerätekammer
emporgestiegen; da vernahmen wir, wie der Choral in der Kirche abbrach, wie dann
ein Poltern und Krachen losging, als ob man die Kirchenpforte erbreche, und auf
einmal ein vielstimmig Angstgeschrei und Weheklagen anhub.
    Ich fühlte mein Herz pochen und Kampfeswut mir zu Häupten steigen. Machte
meine Muskete bereit, hastete die Schneckentreppe hinan und lugete durch das
Loch.
Um den Prediger, der mit entsetzt aufgerissenen Augen und ausgebreiteten Armen
am Altare stund, drängten sich weinend und händeringend Weiber und Kinder, wie
Küchlein, so unter der Mutter Fittig Schutz suchen. Etliche Männer aber waren
handgemein mit der eingedrungenen Soldateska. Schüsse krachten, Partisane und
Säbel blitzten, man brüllte gleich wütenden Stieren, stöhnend sanken die Opfer
hin, und aus ihren Körpern quollen rote Bäche.
    Nun lösete sich der Menschenknäuel um den Altar in einzelne Gruppen auf, wo
allerlei Drangsale vorgenommen wurden. Wie Teufel sahen die Beutemacher aus,
dunkelrot die Gesichter, blitzend die Augen. Da würgete einer einen alten Mann,
einem Frauenzimmer riss man die Kleider vom Leibe. Zween Soldaten packten einen
Bürger und quälten ihn durch Drehen seiner Arme, dass er aufschrie. Dann liessen
sie nach und herrschten ihn an: »Gesteh!« Viele Plünderer schleppten ihre Opfer
fort, auf dass sie in den Wohnungen verborgene Schätze angeben sollten.
    O wie schnitt mir die Folter der armen Menschen, das Stöhnen und Kreischen,
das Wimmern und Röcheln ins Herze! Zu mehreren Malen bäumte sich in mir die
Rachsucht auf, und ich hätte mit der Muskete in die Plünderer hineinschiessen
mögen. Doch zügeln musste ich mich, um meine geliebte Braut nicht zu gefährden.
Und so schaute ich tatenlos zu, wie grausam der Feind meinen Landsleuten und
Glaubensgenossen mitspielete. Manchesmal wandte ich mich ab vor Entsetzen,
schüttelte die Faust und biss hinein in ohnmächtiger Wut.
    Da legte sich eine Hand auf meine Schulter, Teklas Antlitz stund voll
Schmerz und Tränen. Das grausige Schauspiel hatte sie mit angesehen, da auch sie
eine Öffnung im Gemälde gefunden. Nun stund sie erschüttert und ratlos, die
Hände ringend. Dann warf sie sich an meine Brust und schluchzte.
    Ich hielt die zitternde Braut umschlungen und streichelte wortlos ihre
Wange.
    »Ach, Johannes, lass uns nicht wieder hinschauen! Das ist ja die Hölle! Ihr
Anblick weckt böse Geister.«
    Ich nickte, und wir kauerten uns in eine Mauernische.
    Aber nun vernahmen wir mit dem Ohre, was in der Kirche geschah; es war, als
ob ein Bann uns zwinge, darauf zu achten. Und es dehnte sich die Zeit - wir
seufzeten - aber des Schreckens war kein Ende.
    Horch, nun scholl aus rauhen Kehlen ein Sauflied und ein Jauchzen, als ob
man sich beim Weine verlustiere. Dann Weiberkreischen und wiehernd Gelächter.
Die Augen aufgerissen, als ob sie innerlich schaue, brütete Tekla schweigend.
    Ungeduld quälte mich. Dies Hinhorchen war ja schlimmer als das Zuschauen.
Sprang also auf und lugete wieder durch die Öffnung des Gemäldes.
    Ist das nicht der Prädikant? Ganz nahe lehnt er an einer Säule, matt zum
Hinsinken. Bleich sein Gesicht, der Priesterkragen mit Blut besudelt. Ein Kroat
hält die Muskete auf ihn angeschlagen, während ein zweites Feuerrohr am Boden
liegt. Als eine reissende Bestia ist der Kerl anzuschauen, wie er die Augen
funkeln lässt im gelben Gesicht und, den gepichten Schnauzbart wie Eisen spitzig,
in jeder Backe eine Mordkugel vorrätig hält.
    »Pfaff, gib Geld!« stösst er heiser hervor. »Gib Geld - oder -«
    Da wirst sich eine junge Frau, ihr Kindlein im Arm, vor den Kroaten hin und
ruft: »Erbarmen! Gnade! Pardon! Wir haben ja kein Geld mehr! Gnade! Pardon! Mein
Mann ist geistlich!«
    »Ah, Ketzer!« schnaubt der Kerl. »Pfaff, gib Geld - oder -«
    Nun legt die Frau ihr wimmernd Kind auf den Boden, nestelt an ihrem
Brustleibchen, reisst etwas Glitzerndes ab und beut es dem Eisenbeisser dar.
    Kalt blickt der Wüterich, bläset darauf die Lunte seiner Muskete an und will
schiessen.
    Da ermannet sich die verzweifelte Frau, schlägt ihm die Muskete in die Höhe,
wobei der Schuss losgeht, rafft das andere Feuerrohr vom Boden auf und legt es
wider den Feind an. Der glotzt wie versteinert.
    Indem aber tritt ein anderer Feind von hinten zur Frau und trifft sie mit
einer Keulhaue auf den Kopf, dass sie taumelt. Zugleich springen von allen Seiten
Feinde herbei, geschwungene Säbel blitzen und zerhacken den hingesunkenen Körper
wie Fleisch auf dem Metzgerblocke. Hierauf so packen die Mörderfäuste das am
Boden liegende Kindlein an den Beinen und reissen es voneinander wie einen
Tuchfetzen.
    Da halte ich mich nicht länger, und wie Tekla mir zuruft: »Ja, schiess!«
stecke ich die Muskete durch die Öffnung, nehme mir einen Blutund aufs Korn und
brenne los. Zugleich knallt Teklas Pistol. Der Pulverdampf verhüllt die Gruppe.
    Wie er sich verteilt, wälzen sich zween Soldaten im Blute, während die
anderen sich fortgemacht haben, und nur einer, den Karbiner angeschlagen, zum
Gemälde emporstarrt, verdutzt, weil zwar Rauch, aber kein Schütze zu erblicken.
Dann wendet der Soldat sein Gesicht ganz aufwärts, als ob er oben im Gewölbe
etwas Seltsamliches gewahr werde. Gleich darauf reisst er die Augen auf und
schreit: »Feurioh!«
    Wie ich mich bemühe, durch das Loch emporzuspähen, siehe, da bricht an einer
Stelle der gewölbten Decke schwarzer Qualm herfür und eine Funkengarbe. Und auf
einmal geht ein Gebrüll los: »Feurioh! Die Kirche brennt!«
    Ein Teil der Plünderer rennt zur Kirchenpforte, der andre Teil scheint es
nicht eilig zu haben. Aber da kommt ein Soldat zurückgelaufen: »Macht fort! Das
ganze Stadtviertel brennt!«
    Nun geht die Flucht erst recht los, alles, was sich regen kann, drängt zum
Ausgange. Bis auf wenige Kerle, die entweder kaltblütig oder sinnlos fortfahren,
ihren räuberischen und bestialischen Gelüsten zu fröhnen. Einer zerrt am Fuss
eines erschlagenen Bürgers, ihm den Stiefel abzuziehen. Ein paar Saufbrüder
wanken gröhlend Arm in Arm, den gefüllten Kirchenpokal erhoben.
    Bald aber sind die Menschenlaute verstummt, und nun haucht und wispert und
knattert die Feuersbrunst.
    Fragend sehe ich Tekla an: »Sollen wir hinaus? Oder bleiben?«
    »Bleiben!« meint sie. »Denn so wir selbst der Feuersbrunst entgehen, wird
uns diese Soldateska empfahen.«
    »Lass uns zuvörderst kundschaften! Komm Tekla, wir wollen uns umschauen!«
    Mit dem Schwerte zerschneide ich die bemalte Leinewand, hole aus der Gruft
die Leiter und lasse sie durch die gewonnene Öffnung hinunter. Drauf steige ich
ins Kirchenschiff, gefolgt von Tekla. Den Säbel in der Rechten, in der Linken
das Pistol schussfertig, nehmen wir den Weg nach der Pforte.
    Welch grässlicher Anblick! Durch die ganze Kirche verstreut, besonders am
Altare, liegen die blutigen Opfer der Mordknechte. Hin und wieder zuckt noch ein
Glied; Stöhnen und Röcheln. Auf der Kanzeltreppe sitzt ein bejahrter Mann,
reglos, verzerrten Angesichts. Sein Daumen ist in ein Pistol an Stelle des
Feuersteins festgeschraubt. Daneben ein Kind mit zerschmettertem Schädel. Mitten
in der Kirche haben die Bestien zur Blutochzeit gesoffen und geschmauset. Roter
Wein ist aus einem Fasse gelaufen und mengt sich mit vergossenem Blute.
    Und dorten am Taufbecken - was ist das? Nackte Körper, zwei junge
Weibsbilder, gänzlich entblösset, haben Kopf und Oberkörper im Taufwasser,
solchergestalt ersäufet, indes die Beine heraushängen. Ein ander Weibsbild
lieget am Boden, die Arme gefesselt, hat schändliche Gewalt leiden müssen; reget
sich nicht mehr. Und neben dieser Leiche hockt ein lebendiger Plünderer. Seine
Augen glotzen aus gerötetem Gesichte. Toll und voll gröhlet er:
»Zur Hochzeit immer feste
Blutwurst und Branntewein.
Dann komm du mir ins Neste,
Mein glattes Vögelein.«
    Wie wir zur offenen Kirchenpforte kommen, schlägt uns sengendheisser Odem
entgegen, ein einzig Meer von Flammen ist der Himmel; rings brennen alle Häuser,
es rauscht und heult wie ein Orkan, prasselt und kracht von stürzenden Balken
und Ziegeln. Unmöglich, diese Glut zu bestehen. Zurück also, wieder zurück in
die Kirche.
    Aber seltsam! Von hehrem Orgelklang erbrauset auf einmal das Gewölbe. Spielt
uns der Todesengel den Sterbechoral? Oder ist das ein Mensch? Der Organist?
    Die Treppe zum Chore eilen wir hinan. Da sitzt vor der Orgel ein Mann mit
weissen Locken, Wie ich ihm die Hand auf die Schulter lege, starrt er uns als ein
Träumender an und spielt weiter.
    »Kommet mit uns!« rufe ich ihm zu. »Auf! Rettung bringen wir, so Gott will.
Wir sind Magdeburgische! Die Kirche hat einen unterirdischen Gang! Da hinein
wollen wir uns flüchten! Auf!«
    Der Organist schüttelt lächelnd das greise Haupt. Dann hebt er mit klarer
Stimme zur Orgel zu singen an:
»Ob Sodom und Gomorrha brennt,
Mein Herz bleibt ohne Zagen!
Denn zu Jehovahs Firmament
Holt mich sein Feuerwagen.«
    Mit grossen Augen, die Lippen schmerzlich zusammengepresst, starrt Tekla
diesen Frommen an, dessen Seele, erhaben ob aller Leibesgefahr, im ewigen
Frieden schwebet.
    Derweilen nun die Orgel zum Gesange aufspielet, sind auf einmal etliche
Orgeltöne zu einem heisern Stöhnen worden, und am Knistern und Qualmen wird
vollends offenbar, dass die langen Orgelpfeifen von der Feuersbrunst angesteckt
sind. Da packe ich den Organisten und will ihn fortreissen.
    Doch er sträubt sich mit vorwurfsvollem Blicke und abwehrenden Händen und
ruft: »Hie will ich ausharren, bis mein treuer Gott mich heimholet.«
    Tekla, Tränen im Auge, löset meine Hand vom Arm des greisen Mannes: »So lass
ihn doch! Wozu sollen wir ihn aus seinen Himmeln reissen? Und was vermagst du ihm
zu bieten? Ist uns denn selber Rettung des Leibes gewiss?«
    Seufzend nicke ich der Jungfer zu, und nun flüchten wir, sintemalen die
auflodernde Flamme sengende Glut verbreitet. Am Fusse der Chortreppe verweilen
wir noch ein kleines und horchen mit Staunen auf den Gesang, der wiederum
anhebet:
»Denn zu Jehovas Firmament
Holt mich sein Feuerwagen.
Zween Cherubim sind fürgespannt,
Gelenket von Elias' Hand.
Mein Christ mit seinen Frommen
Winkt droben mir Willkommen.«
    Inzwischen sind die Orgeltöne immer mehr entartet, und während ich, von
herabfallenden Feuerbrocken vertrieben, meine Braut an der Hand, weiterhaste,
den unterirdischen Schlupfwinkel zu erreichen, hören wir die seltsamliche Weise,
so das wilde Feuer auf den Orgelpfeifen aufspielet - ein Rauschen und Kreischen,
Kichern und Quieken. Also schaurig griff diese Verwandlung uns aus Herze, als
sei das Instrumentum der frommen Harmonie von höllischen Dämonen besessen und
zerstöre sich selbst in heulender Tollheit.
    Der Organist musste allbereits emporgefahren sein zu seinem Gotte. In
prasselnden Flammen stund der Dachstuhl, glühende Sparren fielen, Rauch und
Schmauch erfüllete die Kirche.
Kaum waren wir mittels der Leiter wieder in die Gruft gelangt und hatten die
Falltür hinter uns zugeklappt, so trieb uns brennender Durst, vom Weine aus der
Kanne zu trinken und vom kirchlichen Gebäck zu essen. Tekla nahm eine Oblate
zwischen ihre feinen Finger und betrachtete sie mit zärtlicher Träumerei: »Wie
seltsam, lieber Johannes! Von dieser heiligen Speise haben wir vor zween Tagen
in der Kirche droben am Altare genossen, einander gelobend, im Himmelreich Braut
und Bräutigam zu sein. Und jetzo? Gläubest du nicht auch, dass die Stunde nahe,
da wir Hand in Hand zum Himmelreich eingehen?«
    Mein Herz war vom Liebesrausche und, wie jedwedes arme Fleischgeschöpf, vom
genossenen Weine stark und feurig worden. Ich ergriff des angebeteten Fräuleins
Hand, drückte sie an meine Brust und sprach: »Wohl sind wir Braut und Bräutigam;
doch derselbige Herre Gott, so uns einander verlobet hat, offenbaret uns zu
dieser Frist in meinem Herzen: Ihr zwei Menschenkinder sollet nicht eher zum
Himmelreich eingehen, als bis ihr auf Erden einander Ehegemahl geworden.«
    Da sah mir Tekla ins Auge, gross, tief, unaufhörlich, wie durch Magie
gebannt. Hingerissen sank ich auf die Knie, bedeckte ihre Hand mit Küssen und
flüsterte: »Und du? Wie entscheidest du?«
    »Dein bin ich,« - hauchte sie - »dein, Johannes!« Ach und dann schloss ich
sie in meine Arme, und jener Strom, der entsprungen, wo Adam und Eva einander
umfingen, seit Jahrtausenden durch die Menschheit rauschet und immer jubilieret:
»Seid eins, wie ihr im Paradiese eins gewesen« - der Strom riss uns hin mit
schmeichelnden Wellen.
    Wie ich nun die Braut an mich presste, drängte sie mich sanft zurück, und in
ihrem Liebesblicke war frommer Ernst, als sie flüsterte: »Ein Sakrament ist die
Ehe!«
    Ich küsste ihre Hand und gab zur Antwort: »Unsere Liebe ist unser Sakrament.
Einen Priester haben wir nicht - einen Priester brauchen wir nicht - alles geht
ja zugrunde - unser letztes Stündlein nahet.«
    Da strahlte Teklas Auge: »Sei du unser Priester! Traue dich mir an in
frommer Feier, Johannes! Gib uns das Sakrament der Ehe - Gott wird es gelten
lassen - wie ihm eine Nottaufe gilt.«
    Mit heiligem Glück erfüllte mich die Aufgabe, und ich erhub mich stracks.
»Ja, unser Priester will ich sein - zurüsten will ich einen Altar. Mag meine
Traute indessen hinunter sich begeben in den unterirdischen Gang, gleichsam in
ihre Kemenate, um abzutun das kriegerische Mannsgewand und hochzeitlich sich
einzukleiden, so gut es in dieser Verlassenheit gelingen will. Mag auch das
Bette nicht vergessen, allwo wir des Pförtners harren wollen, so uns aus dieser
Gruft zur lichten Höhe erlöset.«
    Nun hielt ich Umschau im Gewölbe und plante die Feier, halb in Andacht, halb
wie ein spielend Kindlein. Breitete über die Truhe das Altartuch von schwarzem
Sammet, stellte die zween dreiarmigen Silberleuchter darauf und besteckte sie
mit Kerzen, die ich anzündete.
    Tekla war indessen mit brennender Laterne, Tüchern und Gewändern durch den
offenen Sarg hinunter in den Gang gestiegen.
    Da ich keinen Kruzifix fand, zog ich mein Schwert aus der Scheide und stiess
es in den Altar, dass es zwischen den Leuchtern aufrecht stund, mit seinem
kreuzförmigen Griff anzuschauen wie des Gekreuzigten Symbolum. Obwohl ein
geistlich Gewand vorhanden, beschloss ich, als ein Kriegsmann die Trauung zu
vollziehen. Einen gefüllten Silberbecher und das Kästchen mit den Oblaten
stellte ich auf den Altar.
    Da hub sich aus dem Sarge eine schimmernde Gestalt - meine Tekla, nicht
mehr als Jungfer Jaroslaus anzuschauen, sondern als sanfte Jungfrau, angetan wie
ein Engel mit wallendem Linnen, das die weichen Arme bloss liess, über der Hüfte
durch einen Gürtel zusammengehalten. Die dunkeln Locken kränzte Silberflitter
wie eine Hochzeitskrone.
    Ich ging der Braut entgegen, reichte ihr die Hand und führte sie zum Altar,
allwo wir in die Knie sanken zu stillem Gebet.
    Dann stund ich auf, hub die Braut mir zur Seite und legte ihr Haupt an meine
Schulter. »Siehe, meine Traute, wie hold die Kerzen schimmern - vom ewigen Licht
der Gnade entzündet, dass wir in dieser finstern Öde einander ins Auge schauen,
allwo noch holdere Lichtlein erblühn, ihren Docht aus unseren Herzen nährend.«
    Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und bebete vor Weinen.
    Ich streichelte ihr Haar. »Stille, mein Kind! Nun lass uns Gott geloben,
einander als Gatten anzugehören - und lass uns das Abendmahl darauf nehmen. Nicht
vom Geistlichen ist es geweiht, der Gekreuzigte und Auferstandene aber, so im
Geist und in der Liebe lebet, er weiss auch ohne Priester die Herzen zusammen zu
tun. Lass uns denn bedenken, wie er tat. Und er nahm das Brot, dankete, brach's -
Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird - Desgleichen auch den Kelch - und
sprach: Das ist das Neue Testament in meinem Blute, das für euch vergossen
wird.«
    Nach diesen Worten löste ich mich aus der Jungfrau Armen, brachte ihr eine
Oblate an die feinen Lippen und tat eine zweite in meinen Mund. Auch den Kelch
reichte ich ihr, sie nippte - worauf ich selber trank.
    »Und nun, mein Gott, habe Dank, Dank - und tue, wie du willst - wie du
willst!« sprach ich, in die Knie sinkend. Aufschluchzend kniete Tekla neben
mir; und sie war, was ich längst ersehnt, mein angetraut Gemahl.
    Doch in welcher Verfassung der irdischen Dinge! Meine Hoffnung, die früher
keck zu stolzen Höhen hinangeblickt, hielt nun die Augen verzweifelt
niedergeschlagen. Ehemann und Eheweib waren wir worden, doch nur, um in einer
Gruft, lebendig begraben, Arm in Arm den Tod zu erwarten, während über uns die
Welt in Gluten zusammenstürzte.
    Auf einmal tut mein Herz einen heftigen Schlag und steht still; ein Krachen
droben, als sei das Dach ins Kirchenschiff herniedergefahren. Die Erde bebet,
wie lang hinrollender Donner poltert es über unsern Häupten. Meiner lieben Frau
Arme schlingen sich um mich, ich fühle, wie sie schaudert. Dann wird es droben
wieder ruhig, nur die tolle Orgel hören wir heulen.
    
    »Der Organist!« - flüstert mein Weib, und ich erwidere: »Der ist uns längst
vorangegangen - den trug sein Feuerwagen in die Ewigkeit - vielleicht, dass er
uns jetzo anmeldet.«
    Und aber dumpf Gepolter ob uns, die Balken der Decke ächzen und beugen sich,
Staub und Schutt sprüht hernieder und blendet die Augen.
    Doch mein Weib wischt sie mir aus mit ihrem sanften Gewande, nun schaue ich
ganz nah die holdesten Sterne, und ihre Blicke sinken süss berauschend in meine
Seele. »Lass ihn poltern droben, den groben Gesellen mit seiner knöchernen
Faust!« scherze ich.
    Sie drückt mich an sich: »Ja, lass ihn! So er jetzo eindringet, findet er
mich in meines Mannes Armen. Im Himmel sind wir - und im Himmel bleiben wir - so
oder so!«
    Was drauf weiter geschehn im schaurigsüssen Hochzeitsgemache, lebt in meinem
Gedenken verschwommen als ein Traum. Wundersam hat die Phantasei Glitzerfäden
gewoben in unseres Schicksals düster Gespinst. Ich erinnere mich, wie wir den
Deckenvorrat der Truhe auf den Boden breiteten, und wie ich scherzte: »Weiss nun
mein Lieb, wie den Waldtauben zumute, so sie ihr Nestlein bauen?« Bald deuchte
uns, wirklich wären wir Tauben und schwebeten durch blauen Himmel, einander mit
dem Fittich streifend.
    Dann wieder fühlte ich, dass wir Menschenleiber hatten, echte Kinder Adams
und Evas, und mein waren Teklas entzückende Glieder. Ich spürete den
angeschmiegten Busen mit dem pochenden Herzen, spürete den heissen Odem, so meine
Sinne trunken machte. Unersättlich stürmte unsere Zärtlichkeit, wie wenn
Gewitter mit Wolkenbruch und lohenden Blitzen auf die schwüle, dürstende Erde
niedergeht. Dann auch war's, als schaukelten wir in einem Nachen und trieben den
Strom hinunter, an dessen Ufer zwischen Zypressen morgenländische Paläste
schimmerten. Da stund ein Graubart in Purpur, die Krone auf dem Haupte.
Lachenden Auges winkte er uns zu, gleich der Sonne blitzte an seiner Hand ein
Ring, und wie Gesang war seine Stimme: »O siegreicher Mann! Hold ist deine Braut
wie ein Reh! Halte fest den Schatz, erfreue dich der Perlen!« Und entzückt sah
ich auf Tekla und flüsterte: »Wie hold bist du! Dein Auge wunderbar wie die
Nacht, dein Haar wie die Ziegenherden auf dem Berge Gilead. Deine Zähne gebadete
Lämmer, deine Lippen duftende Purpurrosen.« Sie lächelte, und wie leiser
Freudensang scherzte ihre Antwort: »Mein Freund ist mein, und ich bin sein - der
unter den Rosen weidet.« Mein Blick ruhte gleich einem Schmetterling ihr auf
Stirn und Wangen, Nase und Kinn, wie alles so sanft gebildet war und sich bleich
von den dunkeln Locken abhub, und wie unter den seinen Brauen die langen Wimpern
den Traum der Minne verschleierten.
    Manchmal war's, als ruhe ihr Antlitz allbereits im Banne des Todes. Wenn
aber dann das dunkle Auge gross zu mir aufschaute, war auf einmal das Leben neu
erblüht. Und ich presste an mich dies warme Leben und küsste seine Blüten, dazu
lächelte Tekla wehmütig.
    Es fehlte uns nicht das Gedenken an den Ruin der Dinge ringsumher. Zu drehen
schien sich die Kirche, schien sich mit uns herumzuwälzen, als könne sie so dem
Tode entrinnen. Eine Riesin war sie in Grimmen und Zucken, und wir pulseten
innen als letztes Leben, als banges Herz. Das Heulen und Stöhnen der Riesin
drang dumpf zu uns herein und wandelte sich in das Fittichrauschen des
Todesengels.
    In solchen Schauern banger Seligkeit sah ich den Stein der Weisen gleissen,
und ward meinem Innern ein tief Geheimnis entüllet: Ich schaute, wie Tod und
Leben zusammengehören seit dem Sündenfalle Adams und Evas, wie der Herr, während
er den Tod über die Menschen verhängte, zugleich die Mutter alles Lebendigen mit
Kindern segnete ohne Zahl, wie jeglichen Ortes die Geburt zum Sterben führet,
vor dem Winter aber all Gewächs Samen ausstreuen möchte. Von der Sündflut
träumte ich, von Paaren, die von der Flut umwogt, auf einer schmalen Insel den
Taumelkelch der Liebe schlürfen, indessen rings Ertrinkende krallende Hände aus
den Todesgewässern strecken. Auch Sodom und Gomorrha sah ich - und wir zwei
lagen auf üppigen Fellen beim Klange goldener Saiten und waren übermütige
Fürstenkinder, so all ihre Schätze in einer Stunde vergeuden und ihr brennend
Königreich für die allerschönste Hochzeitsfackel nehmen.
    Von neuem donnerte das Knochengerippe an unser Brautgemach. Und diesmal
vermeinten wir, aus sei alle Erdenlust und Erdennot. Der Kirchturm musste auf
unsere Häupter herniedergekommen sein und als ein ungeheurer Grabstein unsern
Tod besiegelt haben. Wie ein Schiff auf wilder See schwankte die ganze Kirche,
über uns geschah ein Stöhnen und Brechen, und von der Decke kam eine Masse
hernieder. Es war ein Brocken Gemäuer, und der krachte auf den Schrein, so an
der Wand stund.
    Aus war es jetzo mit unserer himmlischen Abgeschiedenheit; als zitternde
Erdenkinder fühlten wir uns wieder verstossen aus dem Paradeis in eine Wildnis,
allwo der Sturm die brechenden Baumwipfel zauset, wo Dornen und Disteln starren,
und Giftschlangen den Wanderer in die Ferse stechen.
    »Rette mich, Johannes!«
    Ich sprang empor, spähete nach der Stelle des Einsturzes und leuchtete
umher.
    Da bemerkte ich, wie die Tür des Schreins, den wir bisher nicht weiter
beachtet hatten, vom Stosse des herabfallenden Gemäuers aufgegangen - und siehe,
drinnen war eine Öffnung ins Dunkle, steinerne Stufen führten zur Tiefe.
    Mein Ruf froher Überraschung hatte Tekla an meine Seite gebracht, und wir
schickten uns an, den neu entdeckten Gang zu erforschen.
    »Tekla, süsses Weib, werde nun wieder ein Kriegsmann. Vielleicht, dass wir
uns doch noch herauswinden aus den Gefahren.« Ich setzte unsere Waffen in
Bereitschaft und tat einen Vorrat von Oblaten in meine Tasche, während Tekla
sich aufs neue zum Junker Jaroslaus umwandelte.
    Mit erhobenen Leuchtern drangen wir alsodann in den Gang. Nach etlichen
Stufen führte er eben und in gerader Linie dahin. Kaum den fünften Teil einer
Stunde können wir gegangen sein, doch endlos schien diese Zeit.
    Auf einmal ging es bergab, und gleich darauf trat mein Fuss ins Nasse.
Hinleuchtend sah ich eine Tür, halb unter Wasser. Schritt durch das Wasser zur
Tür und fand, dass ein von innen vorgelegter Eisenstab sich wegnehmen liess. Indem
ward die Tür durch den Druck des äusseren Wassers aufgetan, draussen rauschte die
Elbe.
    Es war Nacht, doch von Glutschein war der Strom und das jenseitige Ufer
beleuchtet. Hoffnung im Herzen wandte ich mich um: »Liebste Frau, nun stehet uns
doch noch ein Ausweg offen. Flach ist die Elbe, ich kann schwimmen, Gott wolle,
dass ich dich rette.«
    Und wir traten Hand in Hand durch die Pforte ins Strombett hinaus, wobei uns
das Wasser bis zu den Hüften ging.
    Eine einzige Glut der Himmel, draus regneten Funken wie Schneegestöber
hernieder. Zur Rechten kam ein brennend Fahrzeug dahergeschwommen, eine jener
Schiffmühlen, so schon zu meiner Kindheit zwischen Magdeburg und Buckau auf der
Elbe lagen. Von herabgefallenen Feuerbrocken entzündet, hatte sich die Mühle von
ihrem Anker gelöst und trieb nun den Strom hinunter. Da sie uns ganz nahe kam
und der Wind ihre Brunst von uns wegblies, wateten wir hin und banden uns an
einer vom Feuer verschonten Stelle mit unseren Gürteln derart fest, dass uns das
Fahrzeug hinter sich her durch das Wasser schleifte, aus dem wir nur mit den
Köpfen ragten.
    So schwammen wir an der brennenden Stadt vorüber. Wie eine Sünderin im
höllischen Feuer, von den Qualen seltsam verwandelt, starrete meine Vaterstadt
angstvoll mich an. Die Fenster ausgebrannter Gemäuer deuchten mich Augenhöhlen,
deren Augäpfel durch Blendung vernichtet waren. Die Balken und Dachsparren
glichen verkohlenden Gerippen, die züngelnden Flammen aber Dämonen, so
hohnlachend die höllische Qual bereiten. Und noch immer wuchs das Elend. Neue
Opfer gingen in Flammen auf, Rauchwolken quollen dick und dicker; wie
Springbrunnen, wie Strahlengarben schossen Funken gen Himmel; und ähnlich dem
Flintenknattern einer Schlacht prasselten die brennenden Hölzer. Von den
ungezählten Fackeln rot bestrahlt, doch unbeschädigt stund der Dom zu Sankt
Mauritz, als fühle er sich erhaben über diese Vergänglichkeit. Andere Kirchtürme
freilich brannten wie Fackeln. Von den zween Türmen der Johanniskirche, aus der
wir entronnen, war nur ein rauchender Stumpf übrig.
    Ich drehte meinen Kopf zu meiner Frau. Ihr Auge stund voller Tränen, ihr
Kinn bebete. Ich drückte ihr ermutigend die Hand. Und weiter schwamm mit uns die
feurige Mühle.
    Am Fischerufer liefen rotbeleuchtete Menschen, Plünderer und ihre Opfer.
Schüsse krachten, Johlen mischte sich mit Jammergeschrei, Leichen sahen wir in
unserer Nähe schwimmen, ein Weib, im Arm ein schreiend Kindlein, stürzte sich
von einer Mauer ins Wasser. Auch Kähne mit Soldaten kamen geschwommen, eine
Kugel pfiff dicht an uns vorbei; doch beschirmend hielt der Herr anoch seine
Hand über uns. Freilich nur, um uns für die schwerste Prüfung aufzusparen, wie
sich allzubald herausstellte.
    Fahl brach der Morgen herein, als die Mühle, bis zum Wasserspiegel
niedergebrannt, zwischen Weidenbüschen an einem Ufervorsprunge landete; es war
hinter dem Dorfe Rotensee, dessen Kirchturm sich zeigte. Wir machten uns von der
Mühle los und gingen an Land. Unsere Glieder waren lahm vor Kälte und bebeten.
    Als wir dortin zurückschauten, wo einst eine Stadt gestanden, sahen wir nur
eine ungeheure rote Qualmwolke. Im Strome aber hinter dem Ufervorsprung war ein
Strudel, darin wurden etliche Leichen umhergetrieben, so dass bald ein bleiches
Haupt, bald ein starrer Arm oder ein Fuss aus dem Wasser ragte. Mit Grauen dachte
ich an die Spukhistoria, so ich gestern vernommen, wie man die vielen Leichen
aus dem Gespensterwagen ins Wasser geworfen, und wie dies Gesicht nun wahr
geworden.
    Indem vernahmen wir eine hohle Stimme, langgezogene Predigerworte, und von
der aschgrauen Morgendämmerung abgehoben, sahen wir einen Mann, in schwarzem
Talar, die Arme gen Magdeburg gereckt. Und wie närrisch geworden, predigte er im
Klageton für sich hin:
    »Eli, Eli, lamah asabtani! O wehe, Zion, du grosse schöne Stadt! Wie arg bist
du verwüstet! War nicht dein Antlitz licht wie Schnee und rötlich wie Korallen?
Warst du nicht bekleidet mit Seiden und Purpur und übergoldet mit den Schätzen
deiner Kaufleute und Schiffsherren? Wehe, nun ist dir abgefallen die Krone vom
Haupte, schwarz starrt dein Angesicht von Russ und Rauch, dürr wie Baumrinde
hängt die Haut um dein Gebein. Denn der Herr hat dich voll Jammers gemacht am
Tage seines Grimms, hat Feuer herniederfallen lassen wie auf Sodom und dich
zertrümmert als ein tönern Gefäss. Nun mordet das Schwert in deinen öden Gassen,
und durch die Trümmer schleichen Hunger und Pestilenz. Wer aber entronnen ist,
muss irren und bange girren wie die vom Schwarm verlorene Taube ....«
    Und der Prediger verhüllete sein Angesicht mit den langen Ärmeln seines
Gewandes und schluchzte. Dann erhub er die Stimme von neuem: »Venit summa dies
et ineluctabile tempus ... o mein Magdeburg, vorbei, alles vorbei ... Fuimus
Troes, fuit Ilium et ingens gloria Partenopae ... vorbei, vorbei, du arme Magd!
Da liegest du nun ohnmächtig in Asche. Übermannet hat dich der geile Jesuiter,
bevor dein Tröster und Bräutigam hat kommen können. Und sie haben dich vom
Trone deiner Burg gestossen, die langen Haare dir abgeschnitten, das Kränzlein
zerzauset, den frommen Leib aber bei Trommeln und Pfeifen auf soldatisch
geschändet ... oh, oh!«
    Verzweifelt rang der Prediger die Hände. Auch uns ging das Unglück der edeln
Stadt so zu Herzen, dass wir weinend niederknieten, hinstarrend nach den glutig
rauchenden Trümmern.
    Jetzo fiel des wunderlichen Predigers Blick auf uns. Er betrachtete uns eine
Weile, und da er unsere Trauer erkannte, sprach er mit Gebärden des Mitleides:
»Weinet nicht! Glaubet nur! Der Glaube versetzet Berge. Gebet acht, ihr
klagenden Leute von Israel! Und auch du, blutige Erde, du rauchiger Himmel,
gebet acht und seid Zeugen des Wunders.« Und die Arme gen Magdeburg ausgereckt,
predigte der irre Mann im Prophetentone: »Eli, Eli, in deinem Namen tue ich
kund: Dies Mägdlein ist nicht tot - es schläft nur! Drum stille! Schlafe dich
aus, bleich Töchterlein! Balde kommt ja dein Tröster, so deine Hand ergreifet:
Stehe auf und wandle! Und auferstehen wird die Magd. Drum getrost, Kinder
Israels! Hoffet, hoffet! Der Herr segne euch und behüte euch!« Zum Segen
breitete er die Arme, wandte sich dann und ging mit gefalteten Händen, als ob er
von kirchlicher Amtierung abträte.
    Wir starrten ihm nach, und für ein Weilchen sah ich im Geiste die Stadt aufs
neue herrlich erstanden. Dann besann ich mich auf die eigenen Nöte und erwog die
misslichen Umstände, in die wir beide trotz unsrer vorläufigen Rettung geraten
waren. Und wie der Geier seine Fänge um die Beute schlägt, ergriff mich die
Sorge um Leibesnotdurft und Leben.
    Düster betrachtete ich mein Feuerrohr. Es war vorerst zum Schiessen
untauglich; desgleichen Teklas Pistol. Uns fehlte ja das Pulver. Umherspähend
gewahrte ich in der Ferne eine Staubwolke, aus der es blitzte wie Gewaffen.
Sogleich flüchtete ich mit Tekla in das Weidengebüsch, so sich am Elbufer
erstreckte. Hier blieben wir liegen, lauschend auf jedes Geräusch und in unseren
nassen Kleidern bebend. Verworren Kommandorufen drang an mein Ohr; dann ward es
still, und lange Zeit hörte ich nur das Weidenlaub im Winde säuseln, dazu die
Lerchen ins glimmende Morgenrot trillern.
    Still wurden unsere Seelen. Wir schauten einander ins Auge und ergaben uns
einem sanften Gekose.
    Nicht lange, so nahm ich wahr, wie meiner Liebsten die Augen zufielen.
Bettete also ihr Haupt in meinen Arm, und sofort entschlummerte sie. Wiewohl
mein Herz an ihrem lieblichen Anblick sich weidete, und wiewohl ich gegen die
Angriffe der Müdigkeit ankämpfte, sank mir doch immer wieder das Kinn auf die
Brust, bis mich die Mattigkeit ganz überwältigte.
 
                              Das achte Abenteuer
                   Wie die kaum Getrauten sich mussten trennen
 Da ich das Auge wieder auftat, lag Tekla noch immer in festem Schlaf, und hoch
vom Himmel schien die warme Sonne. Hunger und Durst plagte mich. Sanft, um meine
Frau nicht zu wecken, zog ich den Arm unter ihrem Nacken herfür und bettete
ihren holden Kopf in den Rasen.
    Was nun? Ich gedachte der Oblaten, die ich beim Verlassen der Kirchengruft
zu mir gesteckt. In meiner Tasche waren sie vom Elbwasser zu Brei verwandelt,
doch immer noch brauchbare Nahrung.
    Behutsam erhub ich mich und schlich durch die Weidenbüsche zum Strome. Eine
Leiche trieb auf ihm. Obschon ich mit Ekel zu kämpfen hatte, legte ich mich aus
Ufer und trank von dem Wasser. Hierauf pflückte ich Sauerampfer, der in Menge
auf der Uferwiese grünte. Da er nicht übel mundete, pflückte ich Hände voll und
legte den Vorrat bei der noch schlafenden Gattin nieder.
    Endlich erwachte sie, fuhr schreckhaft empor und blickte wild umher.
Begütigend streichelte ich ihre Hand: »Danken wir dem Himmel, dass er uns so weit
bewahret hat!« Tekla antwortete mit einem stummen Nicken und faltete die Hände.
    Hierauf bot ich meiner Liebsten von dem Sauerampfer und vom Oblatenbrei, und
sie ass. Da sie auch zu trinken begehrte, hätte ich ihr gern den abscheulichen
Anblick der mit Leichen treibenden Elbe erspart, wusste aber nach Verlust meines
Hutes keinerlei Mittel, Wasser zu transportieren. So blieb mir nichts übrig, als
mein arm Weib zum Strome zu führen.
    Gierig hingekauert, schöpfte sie mit den Händen und trank mehrmals.
Plötzlich aber krächzte dicht bei uns am Ufer eine Krähe, Tekla wandte ihren
Kopf hin, ward plötzlich bleich und spie das eben Genossene wieder aus. Dort lag
nämlich auf dem Sande, noch halb im Wasser, eine entkleidete Leiche, deren
Fleisch die Krähen speiseten.
    Meinen Arm um Tekla gelegt, führte ich sie hinweg, und stöhnend vor Gram
sassen wir wieder im Dickicht. Wie ein hilflos Kind weinte Tekla, und auch auf
meinem Herzen lastete die ganze Schwere unseres Missgeschicks. Ach wären wir doch
beim Oheim in Schreiberhau geblieben! Wie still und glücklich lebten wir dann!
    Meine Gedanken erratend, ergriff Tekla meine Hand, die Augen voll Tränen:
»Verzeih, Johannes, dass ich dich verleitet, dein friedlich Gebirgsdörfel zu
lassen, um eine heimlose Jungfer durchs Elend zu geleiten.«
    Die teure Hand streichelnd, entgegnete ich: »Das war mein freier Entschluss.«
    Und nun starrten wir vor uns hin. An einer Weidenrute hingen Maikäfer, vom
Laube sich mästend. Ein garstiger Anblick. Würde uns in unserer Verlassenheit
etwas anderes übrig bleiben, als diesen Käfern ähnlich Kraut zu speisen?
    Endlich sammelten wir unsere Gedanken und überlegten, was zu tun. Das
Ratsamste deuchte uns, hier in der Nähe des Feindes den Tag über im Gebüsch
verborgen zu bleiben, bei Einbruch der Nacht aber weiter zu ziehen. Nach welcher
Richtung indessen? Drüben auf dem andern Elbufer hätten wir schwedisch Volk
erreichen können. Weil aber Tekla des Schwimmens unkundig, so blieb uns nichts
übrig als einstweilen auf dieser Seite des Stromes gen Mitternacht zu ziehen, in
der Richtung auf Tangermünde.
    Nachdem wir diesen Entschluss gefasst, stellte sich bei Tekla aufs neue des
Durstes Plage ein. Da fiel mir bei, an manchen Uferstellen werde unschwer durch
Graben Wasser zu erreichen sein. Sie stimmte mir zu, und nun umgingen wir die
Stelle, wo der Leichnam lag, fanden auch wirklich stromaufwärts zwischen den
Weiden nackten Sand, in dem sich mit den Händen graben liess. Mühsam war unser
Werk, doch schliesslich kam Grundwasser, und nachdem es sich geklärt, stillten
wir unsern Durst.
    Aufs neue befiel uns Mattigkeit, und zum Schlafe streckten wir uns nieder.
Was hätten wir auch Besseres beginnen können als unsern Kummer zu verschlafen
und zugleich Kraft zu sammeln für die nächtliche Wanderung?
    Abendkühle weckte uns, grauer Dunst lag auf den Wiesen, die Maikäfer
schwirrten. »Diese Käfer«, so scherzte ich wehmütig, »tun uns alles vor; wohlan,
fliegen auch wir davon!«
    Nun füllten wir meine Tasche mit Sauerampfer, tranken noch einmal aus der
Wassergrube, erfrischten durch Baden unsere Füsse und brachten das Schuhwerk in
Ordnung. Ich schulterte mein Gewehr, zog den Säbel und ging als Späher an den
Rand des Gebüsches. Wachtfeuer glühten in der Ferne, die nächste Gegend schien
gefahrlos. Das Weidengebüsch zog weiter und weiter am Strom dahin.
    Und vorwärts schritten wir gen Mitternacht, uns möglichst im Gebüsch
haltend. Erst wie es ganz dunkel geworden, und nur der Sternenhimmel matten
Schimmer gab, wagten wir, auf freier Wiese dahinzuschreiten.
    Hurtig ging unsere Wanderung vonstatten, und alle Gefahren schienen unsern
Weg zu meiden. Einmal freilich packte Tekla erschrocken meinen Arm und
flüsterte: »Da steht einer!« Es war aber ein Weidenstumpf.
    Wir schwiegen lange und vernahmen nur unsern dumpfen Schritt, das Knirschen
der Halme und das Gemurmel des Stroms, zuweilen auch eines Fischotters Rascheln,
den klagenden Ruf der Unken oder das Krächzen einer Wiesenschnarre. Wachtfeuer
sahen wir nicht mehr, wohl aber einen Flammenschein in der Gegend von
Wolmirstedt und Neuhaldensleben, auch, sooft wir uns rückwärts wandten, die
Glutwolke über meiner eingeäscherten Vaterstadt.
    Um die Mitte der Nacht stellte sich ein ernstafter Grund zur Furcht ein.
Drüben am andern Ufer begann ein Wolf zu bellen, gleich darauf ein zweiter, und
nun ging ein Heulen los, als balgten sich Höllenhunde um eine arme Seele. Es war
aber gut, dass sich auf unserm Ufer keine Bestie vernehmen liess. So ergriff ich
denn Teklas Hand und sprach den grimmen Trost: »Nicht bange, liebe Frau! Nur
drüben sind die Untiere. Hüben haben nämlich die streifenden Pappenheimer ihre
vierbeinigen Raubbrüder verscheucht.«
    Beschwerlich ward unser Gang, als wir zur Ohre kamen. Dieser Nebenfluss der
Elbe mündet in einem sumpfigen, struppichten Gelände. Nachdem uns dickes Gebüsch
geplagt, zogen wir es vor, schnurstraks gen Morgen abzubiegen, um wieder den
Ufersand der Elbe zu gewinnen. Hier tat ich den Riemen von meinem Gewehr und
befestigte das eine Ende an meinem Gürtel, während ich das andre Tekla zu
halten gab, die hinter mir ging. So wateten wir durch den Strom längs des Ufers,
und wenn ich auch stets die flachste Stelle suchte, so konnten wir doch in
Triebsand und plötzliche Tiefen geraten. Nur langsam kamen wir vorwärts. Wie wir
die Mündung des Nebenflusses durchwateten, stiess Tekla einen Angstruf aus, da
sie auf einmal bis an den Hals ins Wasser sank. Doch gleich darauf gelangten wir
wieder ins Flache und Seichte, wie überhaupt der Wasserstand niedrig war.
    Nach Passieren der Ohre ging es zunächst wieder im Wasser der Elbe weiter,
dicht am Ufer, bis das Zurückweichen der Gebüsche uns einen freien Weg im
feuchten Sande darbot.
    Schon ein paar Meilen lag die Ohre hinter uns, als der Morgen graute, und
die Gegend deutlicher ward. Da sah ich auf einer Sandbank im Strome etwas wie
Gebälk liegen. Blieb stehen und deutete hin: »Hier beut mir Gott ein Mittel,
dich über den Strom zu bringen.« Und sogleich watete ich durch das seichte
Wasser auf den Fund los. Es war ein Gefüge von Balken eines abgebrannten Hauses.
Ich zerrte es von der Sandbank, wo es gestrandet war, ins Wasser, und es schwamm
gut.
    Nun kam Tekla herbei, und wir rüsteten uns zu dem neuen Unternehmen. Banden
die Waffen auf das Gebälk, wo es am höchsten über den Wasserspiegel ragte. Meine
liebe Frau befestigte ich am neuen Fahrzeug in derselben Weise, wie an jener
Schiffmühle, so uns aus Magdeburg glücklich entführt.
    Noch ein Bedenken hatte Tekla: »Die Wölfe drüben.«
    »Die halten sich an die vielen Leichen, so vom Strom angetrieben werden;
haben nicht nötig, mit uns zu raufen. Übrigens kommt uns der Tag zu Hilfe, und
ich hoffe, bevor es Abend wird, haben wir schwedisch Volk erreicht, da ist
Falkenbergs Schwäherin sicher.«
    Und ich schob das Gebälk nach der Mitte des Stromes hin. Bald hatten wir
nichts mehr unter den Füssen, Tekla hielt einen Balken umklammert, ich aber
schwamm und stiess das Fahrzeug vor mir her.
    So waren wir etliche Minuten vorwärts gekommen, und der Tag war
hereingebrochen, als auf einmal stromaufwärts dumpfer Ruderschlag erscholl. Ich
schwamm so kräftig ich vermochte, indem ich mir sagte: Schweden sind das nicht,
Feinde sind es!
    »Johannes!« raunte Tekla beklommen, weil nun ein grosser Kahn erkennbar
ward.
    Bestürzt entgegnete ich: »Tauche unter einem Balken hindurch, dass dein Kopf
zwischen das Gefüge kommt, und du versteckt bist; ich helfe dir.«
    Zu spät! Der Kahn schoss gerade auf uns los, und schon sprangen mehrere
Männer aus dem Kahn in ein kleines Boot, das an ihm befestigt war. Wie sie
herangerudert kamen, legten sie Karbiner auf uns an: »Ergebet euch!«
    »Wir sind hilflose Flüchtlinge!« entgegnete ich. Leise aber, nur für Tekla
verständlich, fügte ich hinzu: »Sprich du möglichst gar nicht, und dann mit
männlicher Stimme.«
    Vorn im Boot sah ich einen Offizier stehen, der meinte spöttisch: »Ei, ihr
habet ja Feuerrohr und Säbel; hilflose Flüchtlinge führen kein Gewaffen.
Magdeburger Rebellen seid ihr! Nur heran, ihr Fischlein, und sein willig!
Zappeln hilft nichts.«
    Und der Feinde Arme griffen nach Tekla und zogen sie aus dem Wasser. dabei
nun geschah ein Zerren an ihrem Gewand, dass es über dem Busen aufriss, und einer
der Kerle rief: »Ei, sehet doch, ein Weibsbild!«
    »Schonet ihrer!« flehete ich, indessen man auch mich in das Boot zog. »Seid
menschlich, um Jesu willen! Sie ist mein ehelich Weib.«
    »Hoho! Ist das nicht der Tielsch? Johannes Tielsch? Maria und Josef, ein
wunderlich Wiedersehen!« - Dem vor mir stehenden Offizier starrte ich ins
Gesicht. Es war jener Zetteritz, der mit mir das Hirschbergische Gymnasium
besucht und beim Komödiespiel als Teufel mein Widersacher gewesen. Ein Adliger
katolischer Konfession.
    Nicht ohne Hoffnung entgegnete ich: »Herr Ritter Zetteritz! Ja, ich bin der
Johannes Tielsch, Gott hat uns in Eure Hand gegeben, auf dass Ihr uns Gnade
erweiset.«
    Nun hielt Zetteritz den spähenden Blick auf Tekla geheftet und lachte:
»Eia! Immer besser!«
    »Seid edelmütig!« bat Tekla.
    Höfisch neigte sich Zetteritz vor ihr, eine gefährliche Glut im Blicke: »Um
Ihretwillen, schöne Jungfer!«
    »Sie ist meine Frau!« brausete ich auf.
    »Halt Er das Maul!« herrschte er mich an.
    Ein Blitz des Unwillens traf ihn aus Teklas Augen, sie stampfte mit dem
Fusse auf: »Und ich bin seine Frau!«
    Zetteritz runzelte die Stirn und zuckte die Achseln.
    Das Boot hatte bei dem grossen Kahne angelegt. Zetteritz schwang sich hinein,
und wir alle folgten nach.
    Gleich darauf befahl Zetteritz den Soldaten: »Untersucht den Mann, ob er
keine schriftliche Botschaft bei sich hat. Alsdann bindet ihm die Hände, sonsten
mag er sich frei bewegen. Der andere da ist ein Frauenzimmer, wie der holde
Busen verrät.« Die Soldaten lachten, Zetteritz aber fuhr sie an: »Dass ihr
Schweinepelze euch gebührlich benehmet, verstanden? Korporal, bring Er das
Weibsbild unter Deck und schaff Er ein trocken Wams herbei! Drunten möget Ihr
Euch umkleiden, Jungfer. Nehmet nur fürder mit Soldatenhosen fürlieb; Weibsröcke
führen wir halt nicht. Da müsst Ihr schon warten, bis wir in Güstrow sind.«
    Nun durchsuchte der Korporal meine nassen Kleider, fand mein Geld sowie
meine Briefschaften und nahm alles weg.
    Tekla blickte mich ermunternd an, bevor sie dem Korporal unter das Deck
folgte. Zetteritz begab sich zum Vorderteil des Kahns, wo stampfend und wiehernd
Rosse stunden. Ich setzte mich auf eine Tonne, da ich Erschöpfung spürte und vor
Kälte mit den Zähnen klapperte.
    Die Ruderer, teils Soldaten, teils auch Schiffer vom Handwerk, hatten sich
aufs neue in die Riemen gelegt, und ihre taktmässigen Rucke trieben den Kahn
hurtig stromabwärts.
    Wie zum Hohn huben auch jetzt die Soldaten jenes Lied an:
»Ein Schifflein sah ich fahren -
Kapitän und Leutenant -
Darinnen waren verladen
Zwei Fähnlein brave Soldaten.
Kapitän, Leutenant, Fähnderich, Sergeant,
Nimm das Mädel bei der Hand -
Soldaten, Kameraden!«
    Ich verbiss meinen Gram und suchte Rat. Unser Leben mochte nicht ohne
weiteres bedroht sein. Teklas weibliche Reize indessen bildeten in dieser
Gefangenschaft für uns beide eine Gefahr. Hier war List und Nachgiebigkeit
angebracht. Um meines lieben Weibes willen nahm ich mir vor, alle Demütigung zu
ertragen und Zetteritz nicht von neuem zu reizen.
    Nach einer Weile trat er sporenklirrend, mit strenger Miene zu mir.
Soldatisch stund ich vor ihm auf, und er sprach: »Tielsch, wir sitzen nicht mehr
auf einer Schulbank, als Feind ist Er in meine Hand gegeben - wird ja nicht
leugnen, dass Er von Magdeburg kommt.«
    Da ich schwieg, herrschte er mich an: »Antwort! Sein Verhör hat hiermit
begonnen. Und das sage ich Ihm, so Er verlogen ist, will ich schon die Wahrheit
herausbringen, oder ich ersäufe Ihn wie einen jungen Hund. Still, halt's Maul.
Kein Mahnen an unsre Pennälerzeit kann da helfen, also kurz und gut, gesteh Er,
wie kommt Er hierher? und wer ist das Weibsbild?«
    Mein Odem ging aufgeregt, doch festen Mutes gab ich die Antwort: »Die
Schulbank, auf der wir Virgilium und Horatium lasen, hat uns gemeinsam in die
lateinischen Tugenden der Grossmut und Gerechtigkeit eingeführt, ganz zu
schweigen von dem Christensinne ....«
    »Lass Er den Christensinn aus dem Spiel; ein Rebell ist Er wider Christi
Kirche.«
    »Dem Evangelio diene ich, und meiner Vaterstadt Magdeburg hab ich geholfen,
ihre Libertät zu verteidigen, wie es einem Patrioten geziemet. Ach freilich,
mein gutes Magdeburg ist hin, der Himmel aber hat mich und mein Weib bis zu
dieser Stunde behütet und wird uns vollends erretten. Ja, erretten, Herr Ritter,
indem er nämlich Euer Herz aufschliesset - sei's auch nur um meines Weibes
willen, das Euch vorhin gebeten, edelmütig zu sein.«
    Spöttisch lächelnd nickte Zetteritz, schwieg eine Weile und meinte dann:
»Nun gut. Er hat wenigstens sein Geständnis abgelegt; ich werde nun das
Weibsbild verhören.«
    Und er verliess mich und begab sich in den Raum unter Deck, worauf ich mich
wieder setzte und in finster Brüten versank.
    Nach einer Stunde kam der Korporal und gebot mir, ihm zum Herrn Rittmeister
zu folgen. Eine schmale Treppe führte unter Deck.
    In dem engen Raum, so durch ein klein Fensterlein wenig Licht erhielt, sassen
bei Tekla um einen Tisch Zetteritz und ein milchbärtiger stutzerhafter Kornet.
Bier in Kannen, Brot und Schinken war aufgetragen. Auf einer Laute klimpernd
trällerte der Kornet, ein polierter Affe, und blickte vergnügt auf Tekla, die
traurig dasass, mit einem groben Soldatenwams angetan. Zetteritz betrachtete
ebenfalls frech genung meine Frau und weidete sich an ihrer Schönheit, wie auch
an ihrer Hilflosigkeit und Verlegenheit.
    Nun wandte sich Zetteritz zu mir: »Setz Er sich in die Ecke, Tielsch, und
bedank Er sich bei der Jungfer Gräfin; sie hat gebeten, dass wir Ihm zu essen
geben. Glaub's schon, dass Ihm der Magen knurrt. Wohlan, hier steht zu essen,
zugegriffen! Zapf ihm eine Kanne voll Bier, Korporal, und nimm dir selber eine!
Geh aber wieder auf Deck und sorge, dass wir sein inmitten der Strömung bleiben.
Sollst auch immer scharf nach dem rechten Ufer spähen; die Schweden könnten
dorten streifen.«
    Der Korporal stellte mir eine Kanne auf die Bank und trat ab, worauf
Zetteritz mit Stirnrunzeln mich ansprach: »Warum isset Er nicht? Soll ich Ihm
etwan aufwarten?«
    »Erlaubet,« sagte Tekla hastig, schnitt Brot und reichte mir eine Schnitte
nebst Schinken, wobei sie mir einen zärtlichen Blick schenkte, mich zu
ermuntern.
    Während ich meinen grimmen Hunger stillte, klimperte der Milchbart und sang
spöttisch:
»Nun friss, mein Schimmel, friss!
Und rühre dein Gebiss!
Kannst du nicht mehr die Glieder rühren,
So lass ich dich zum Schinder führen.
Drum friss, mein Schimmel, friss!«
    Zetteritz wandte sich an Tekla: »Also eine Gräfin Schlick ist das Fräulein!
Ei, ei, wie seltsam doch das Schicksal sein Spiel treibt! Euer Vater war ein
hoher Herr, ein reicher, angesehener Herr. Meine Frau Mutter hat ihn wohl
gekannt. Wenn wir nach Güstrow kommen, kann sie Euch erzählen, wie sie in ihrer
Jugend mit Eurem Vater verkehrt hat. Ja, ja, der stolze Graf Schlick - und solch
jämmerlich, unwürdig Ende hat er genommen! Doch freilich, Rebellion gegen Kaiser
und Kirche nimmt mit nichten ein gut Ende. Übrigens waren die böheimischen
Anführer unklug, da sie sich mit dem Winterkönige eingelassen. Diese Memme hat
ihnen alles verdorben. Euren Vater, Jungfer Gräfin, hätten sie lieber zu ihrem
Könige wählen sollen. Der hatte eine Faust! Das war ein Soldat!«
    »Wie schade!« witzelte der Kornet; »dann wäre die Jungfer Gräfin jetzo eines
Königs Tochter, und an Eures Trones Schwelle, Prinzessin, würde das Knie Euer
Sänger beugen; denn auf Ehre, alsdann wäre ich lieber böheimisch als
kaiserisch.« dabei neigte er sich mit spöttischer Untertänigkeit; dann warf er
den Kopf zurück, griff in die Saiten und sang, indem er bald Tekla, bald
Zetteritz listig anblinzelte:
Es ritt ein Knecht wohl durch das Ried,
Da hub er an ein wildes Lied,
Gar stürmisch tät er singen,
Dass Berg und Tal erklingen.
Das hört des Grafen sein Töchterlein
In ihres Vaters Prachtkämmerlein.
Sie flocht ihr Härlein in Seiden,
Mit dem Knechte wollte sie reiten.
Wie beide nun zum Walde kamen,
Das Rösslein möchte Futter haben.
»Feinslieb, hie wöllen wir rasten;
Mein Rösslein will fein grasen.«
Er spreitet den Mantel ins weiche Gras,
Gebot ihr, dass sie zu ihm sass:
»Feinslieb, nun musst du mich lausen,
Mein gelbkraus Härlein durchzausen.«
Des härmt sich des Grafen sein Töchterlein,
Ihre Zähren glänzten wie Edelgestein.
Er schaut ihr finster ins Auge:
»Was weinest du, schöne Jungfraue?«
»Wie sollt ich nicht weinen und reuevoll sein?
Ich bin ja des Grafen sein Töchterlein!
Hätt ich meinem Vater gefolget,
Frau Königin war ich worden.«
Da zog der Grobian Knecht sein Schwert
Und mähte der Jungfer Häuptlein zur Erd.
»Prinzessin, bin ich dir zu schlechte,
So reite mit keinem Knechte!«
    »Bravo, bravissimo!« rief Zetteritz und warf Tekla einen Blick zu, dessen
Übermut meinen Grimm anstachelte.
    Dann rollte er misstrauisch das Auge zu mir: »He Tielsch! Erklär Er mir eins:
Wie geht es zu, dass Herr Falkenberg, ein Ritter und Würdenträger, seiner
Schwäherin, einer Gräfin Schlick, erlauben gekonnt, einen Soldaten zu heiraten,
so weder adlig ist noch Offizier?«
    Tekla blickte verwirrt, und auch ich stutzte, sammelte mich aber zu der
Antwort: »Den Obersten Falkenberg haben wir nicht erst um Erlaubnis gefragt.«
    Aber Zetteritz hatte unsere Bestürzung über seinen Einwand wahrgenommen und
forschte weiter: »Wie denn? Fand eure Trauung etwan heimlich statt? Wie konnte
das geschehn, da doch in Magdeburg des Kommandanten Schwäherin bekannt war?
Welcher Prädikant hat sich zu solchem Wagnis verstanden?«
    Tekla errötete und schwieg.
    Scharf beobachtend fuhr Zetteritz fort: »Und was hat Falkenberg hinterher
gesagt, wie er es nun vernommen? He?«
    »Nichts davon hat er vernommen,« erwiderte Tekla; »erst als der Held
gefallen, sind wir Eheleute worden.«
    Zetteritz machte grosse Augen, stiess einen leisen Pfiff herfür und nickte mit
listigem Lächeln. Dann inquirierte er weiter: »Also erst vorgestern seid ihr
getraut? Während des Kriegsgetümmels und in der Plünderung? Und in der
Johanniskirche? Ei, wie denn? Habe ich nicht soeben zu hören bekommen, wie ihr
nicht bei dem Geistlichen der Johanniskirche und seiner Gemeinde, sondern in
einem Versteck, lediglich zu zweien euch befunden? Da stimmt etwas nicht!
Tielsch, mach Er sich wieder fort! Ich werde die Gräfin allein befragen. Hernach
komme ich zu Ihm, und weh Ihm, so Er Flausen macht.«
    Ich sprang auf und rang nach Worten: »Ich selber - ich habe die Trauung
vollzogen - war mein eigener Priester - vor Gott sind wir Eheleute.«
    »Hoho«, lachte Zetteritz. »Vor Gott? Ohne Sakrament? Sag Er lieber, vor Frau
Venus, der Teufelin!«
    Das Blut stieg mir zu Kopfe, zumal der freche Milchbart jetzt ein
höhnisch-hohl Gelächter anhub. Mit geballten Fäusten hätte ich mich auf die
Beleidiger stürzen mögen und stund schwer atmend vor ihnen.
    Auch Zetteritz war aufgesprungen und mass mich dräuenden Auges, während ihm
dunkle Röte ins Gesicht schoss. »Untersteh Er sich!« rief er hochmütig.
    Abwehrend trat Tekla zwischen uns. Mich sah sie flehend an, zu Zetteritz
aber sprach sie entrüstet: »Herr Ritter! Wie dürfet Ihr an wehrlosen Gefangenen
so Euer Mütchen kühlen? Meine Frauenehre verletzet ihr! Tut denn so ein
Edelmann?«
    Zetteritz mässigte sich und kehrte ihr genüber den Kavalier heraus: »Halten
zu Gnaden, Jungfer Gräfin. Nicht Euch will ich kränken. Mein ritterlicher Schutz
ist Euch sicher. Zu bedauern seid Ihr ja ob Eures Missgeschicks, und dass Ihr
obendrein an diesen Tropf geraten, der nach einer Gräfin seine Kommispratzen
ausstreckt.«
    Da erhub sich in mir der Zornteufel so heiss, dass ich aufbrüllend meine
Bierkanne dem Verhassten ins Angesicht schleuderte und, ohne mich von Tekla
zurückhalten zu lassen, ihn anpackte und mit ihm rang. Aber der Kornet und die
Soldaten, vom Geschrei alarmiert, packten mich von hinten, und schnell war ich
gefesselt, dass kein Sträuben etwas half.
    Während man mich hinauf zum Deck schleppte, hörte ich Tekla rufen: »Gnade,
Herr Ritter! Ihr habt ihn aufgebracht. Er hat Ehre nicht minder wie Ihr!«
    »Bindet ihm auch die Füsse!« rief Zetteritz.
    Das letzte, was ich von Tekla vernahm, war ein Aufschluchzen und das Wort,
an das ich lange mit heisser Dankbarkeit zurückdachte: »Er ist mein ehelicher
Gatte!«
    Wie ein Bündel, ohne dass ich Arme und Füsse regen konnte, hatte man mich auf
das Deck gelegt, wo scharrend die Rosse stunden, indes die Sonne mir wie zum
Hohn gerade ins Gesicht schien, und die Soldaten schimpften: »Ins Wasser mit dem
Landstörzer! Solch Gesindel bringt uns noch die Pest an Bord. Soll man sich mit
unnützen Fressern herumplagen? Und beissen will der Hund auch noch? Unsern
Rittmeister anzugreifen! Na warte, du Knollfink!«
    Der Korporal aber näherte sich mir, und wiewohl er zum Schein ein finster
Gesicht machte, raunte er mir die tröstlichen Worte zu: »Ego tibi condoleo, nam
et ego addictus sum Augustanae confessioni - will sehen, dass ich Euch
freimache.«
    »Gratias tibi ago!« raunte ich zurück, worauf sich der Korporal entfernte
und hinunter zu Zetteritz ging.
    Nach einem Weilchen kam Zetteritz mit dem Korporal an Deck und liess drei
Dragoner antreten. Mit gedämpfter Stimme sprach er zu ihnen. Drauf machten sich
die drei Kerle an mich heran, und ehe ich ihr Vorhaben erraten konnte, hatten
sie mich am Kopf gepackt und meinen Mund geknebelt, so dass ich nicht zu schreien
vermochte. Drauf erscholl ein Hornsignal, die Ruderer stellten ihre Arbeit ein,
und das Boot, mittels dessen unsere Gefangenschaft zustande gekommen, ward flott
gemacht. Mich hub man ins Boot hinunter und legte die Ruder ein.
    Eine Zögerung entstand noch dadurch, dass der Korporal, an Bord geblieben,
den einen Soldaten zu sich heranrief und ihm etwas zuraunte.
    Hierauf ruderten die Soldaten dem rechten Elbufer zu. Man wollte mich also
von Tekla trennen, vielleicht gar umbringen. Das Boot fuhr auf den Sand, man
packte mich, warf mich ans Ufer und wollte sogleich wieder wegrudern.
    Doch der eine Soldat kehrte zu mir zurück und machte sich mit einem Messer
über meine Fessel, als wolle er sie lösen.
    »Zum Henker, was tust du?« rief ein andrer Soldat und kam heran. »Bist du
des Teufels? Du willst den Rebellen befreien?«
    »Wir können ihn doch nicht so hilflos liegen lassen« - antwortete der
mitleidige Soldat kleinlaut.
    Aber der andere stiess ihn rauh von mir weg und rief: »Auf der Stelle packe
dich ins Boot!«
    Nun gingen die beiden, und bald hörte ich, wie das Boot wieder zum Kahn
zurückkehrte, und wie dann nach einem neuen Hornsignal der Kahn weiter fuhr.
Immer ferner, dumpfer erschollen die Ruderschläge, bis ich hülflos allein lag.
Auf einmal fiel ein Schuss, und ihm folgten mehrere Schüsse. Es musste zwischen
dem Kahn und einer feindlichen Partei ein Gefecht entstanden sein. Indessen war
es bald gänzlich still. Ich suchte meine Fesseln zu zerreissen und wälzte mich im
Sande. Der Knebel im Munde erschwerte das Atmen, so dass ich Gefahr lief zu
ersticken, insonderheit wenn die Empörung über mich kam. Bald lag ich erschöpft
zum Sterben. Einmal kam es mir vor, als trabe in der Nähe ein Pferd. Die
Dunkelheit brach herein, und nun traten Gesichte vor meine Seele, als solle ich
mein ganzes Leben in dieser letzten Nacht noch einmal durchleben. Böses, das ich
getan, ängstete mich wie umherflatternder Spuk. Nicht los werden konnte ich den
Wahn, ich müsse jetzo für das büssen, was ich dem kaiserischen Soldaten Wenzel
angetan. Wie er am Strande des Saaleflusses hatte liegen und stöhnen müssen,
verzweifelt, weil er seine Kameraden an mich verraten sollte, so lag ich nun
hier am rauschenden Strom hilflos und gefesselt, dem unerbittlichen Gebot des
Schicksals untertan. Wenzels anklagende Augen waren auf mich gerichtet, ich
hörte ihn mit einem Fingerzeig auf mich sprechen: »Der da hat's getan.« Nun
erfüllte sich der Fluch, den damals Wenzel im Herzen gen mich geschleudert
hatte. Bittere Zähren erpresste mir die Reue, und ich dachte an meines Vaters
Lehre, die Hölle sei kein äusserer Ort, sondern der unselige Zustand unseres
Herzens, den wir uns selbst durch Torheit und Sünde bereiten. Oh, dass es mir
gelänge, meine guten Geister zu sammeln, dass sie mich beschützten vor den
höllischen Dämonen! Dass mich nur einmal noch das innere Himmelreich begnadete,
sei es auch nur wie den Dürstenden Tautropfen laben! Da kam mir ein tröstlich
Bild: Hoch ob den Talen des Riesengebirges war ich auf einmal bei säuselnden
Tannenwipfeln, auf die der blaue Himmel warmes Sonnengold herniedergoss. Hoch vom
Felsen der Abendburg sah ich die blauen Wogen der Waldberge und die lichten
Gefilde des fernen Tieflandes. Das alles war wie strahlende Augen und wie ein
Jauchzen. Und ich flehte zum geheimnisvollen Born, aus dem alle Geschicke
quellen: Oh, dass mich der verlorene Garten Eden noch einmal umfinge, und ich
droben im Bergfrieden weilen dürfte!
    Siehe, da stund mein Vater bei mir und sprach: »Gewährt ist dir dein Wunsch!
Wirst zur Abendburg gelangen.« Dann zerflatterte das tröstliche Gesicht, die
Sehnsucht nach dem Bergfrieden ward verscheucht, mich schauderte. Ein wiehernd
Geschrei vernahm ich, wie von einem geängsteten Pferde. Bald darauf stampfte es
im Galopp hinweg, dann heulten Wölfe. So sollte mir denn wohl das elende Los
beschieden sein, von Raubtieren zerrissen zu werden. Doch diese Sorge spornte
meine Lebenskraft, von neuem wälzte ich mich auf dem Sande, an meinen Fesseln
reissend. Auf einmal fühlte ich an der Hand, die mit der andern auf meinem Rücken
zusammengebunden war, einen Schmerz, wie von einem Schnitte, und meines Vaters
Stimme sprach: »Greif zu!« Da hielt ich in den Fingern die Schale einer Muschel,
wie sie häufig im Elbsande zu finden sind. Am Rande zerbrochen bildete sie eine
Schneide, und mir kam der Gedanke, sie als Messer zu brauchen. Mühte mich nun,
mit der einen Hand die scharfe Muschel an die Fessel zu bringen und daran zu
sägen. Die halbe Nacht hatte ich so zu tun. Endlich nach einem verzweifelten
Ruck sprengte ich den Rest der Fessel und konnte die Arme regen. Das erste war,
dass ich mir den Knebel aus dem Munde nahm. Dann knüpfte ich die Fesseln auf, mit
denen meine Füsse gebunden waren, und war nun völlig frei. Halb abgestorben waren
die Beine, und ich ward inne, wie bald ich des Todes gewesen wäre. Aber noch
waren die Gefahren nicht vorüber. Von Zeit zu Zeit bellten und heulten die Wölfe
ganz in der Nähe. Vielleicht, so sagte ich mir, liegt dort vom Gefechte her ein
toter Schwede, und weil dann gewiss auch Waffen dabei sind, wird es das Ratsamste
sein, die Leiche aufzusuchen. Mit diesem Vorsatz erwartete ich den Tag.
    Nachdem ich meinen Durst im Strome gelöscht und auch Sauerampfer gegessen
hatte, suchte ich im Morgengrauen Waffen wider die Wölfe. In den linken Arm nahm
ich ein paar faustgrosse Steine und hielt eine harte Baumwurzel in Bereitschaft,
die ich als Keule verwenden wollte. Nun beschlich ich die Wölfe, es waren zween,
sie frassen an einem menschlichen Leichnam. Ich warf einen Stein so gut, dass der
eine aufheulend zur Seite sprang und mit eingezogenem Schwanz sich trollte. Der
andere fletschte die Zähne und sträubte die Rückenborsten. Ohne Zaudern schritt
ich auf ihn los, und wie er sich zum Sprunge duckte, traf ihn mein zweiter
Stein, gleich darauf auch ein Keulenhieb. Davon brach die Vorderpfote, ihm blieb
nichts übrig, als zu kämpfen. Fletschend und schnappend hinkte er auf mich los.
Ich aber hatte wieder einen Stein aufgehoben und traf so wuchtig die Schnauze,
dass er umfiel und nicht mehr jappte.
    Nun wandte ich mich dem toten Menschen zu. Der bildete eine unförmige Masse
von zernagten Gliedern. Ich zog Gewänder und Stiefel ab und reinigte sie im
Wasser. Die Kleidung war von fürnehmer Art. Zum Trocknen breitete ich sie in die
Morgensonne. Besonders willkommen waren mir die Waffen des Toten, ein Karbiner,
auch Munition, ein Pistol und ein Stossdegen, dazu ein Beutel mit einer
ansehnlichen Summe Geldes. Schliesslich kam mir noch der Federhut zustatten. Bald
hatte ich meine geringe Kleidung mit der neuen Montur vertauscht. Nachdem ich
die Schärpe mit dem Degen umgehängt, Karbiner und Pistol geladen hatte, war ich
bemüht, das entlaufene Ross des Toten auszuspähen und verfolgte eine Stunde lang
die Stapfen, so kreuz und quer in der Gegend gingen. Auf einmal waren sie tief
in den Boden gestampft und führten schnurgerade aus. Weil nun dabei auch
Wolfsspuren waren, so zog ich den Schluss, die Raubtiere würden das Pferd
gänzlich verjagt haben. Das war nun freilich ein grosser Verlust, nachdem ich
schon gehofft hatte, durch Aneignung des Pferdes den Kahn einzuholen, der mein
Weib entführte. Mit Zähneknirschen gestund ich mir, dass ich zu Fusse dem
Zetteritz nicht zu folgen vermöchte; mutlos warf ich mich ins Gras.
Nur das eine Ziel gab es jetzo für mich: die verlorene Eheliebste wieder zu
gewinnen. Es fiel mir bei, dass Zetteritz zu Tekla die Äusserung getan:
»Weibsröcke führen wir halt nicht; da muss Sie schon warten, bis wir in Güstrow
sind«. Hieraus entnahm ich, dass Zetteritz nach der Stadt Güstrow wolle; beschloss
also unverzüglich dortin aufzubrechen und mir baldigst ein Reisepferd
anzuschaffen. Aus meinem Magdeburger Schulunterricht wusste ich, dass Güstrow gen
Mitternacht in Mechelnburg gelegen. Wanderte also längs der Elbe, so dass die
Morgensonne meine rechte Wange beschien. Mittag war's, als mir ein breiter Fluss
in die Quere kam, der in die Elbe mündete. Von einem Fährmann, der hier hausete,
vernahm ich, es sei die Havel. Um Geld erhielt ich Wegzehrung und liess mich
übersetzen. Im Dorfe drüben gingen mir die Leute scheu aus dem Wege. Doch mein
freundlicher Zuruf lockte einen Bauernknecht herbei, und auf meine Frage nach
einem Pferd erhielt ich von ihm den Bescheid, seines Vaters Bruder habe ein
herrenlos Soldatenross in seinem Stall geborgen; das werde käuflich zu haben
sein. Der Bauer, zu dem wir gingen, wollte anfangs nichts von einem
eingefangenen Rosse wissen, ward aber gefügig, sobald ich aus meinem Geldbeutel
eine gute Summe herfürholte. Nachdem das Tier gut gefüttert, auch mit Zaum und
Sattelzeug versehen war, schwang ich mich hoffnungsvoll hinauf und trabte auf
die Stadt Pritzwalk los, die ich noch vor Abend erreichte. Wiewohl zum Umfallen
erschöpft, begnügte ich mich mit kurzer Rast und legte noch etliche Meilen
zurück, bis ich bei Nacht zu einem Städtlein gelangte, an einem grossen See
gelegen. Hier pochte ich einen Wirt heraus, liess mein Pferd einstellen, ass und
trank, legte mich und schlief wie ein Stein. In sonniger Maienfrühe ging es
weiter, und bereits mittags langte ich am Ziel, in der Mechelnburgischen
Residenz Güstrow an. Im nächsten Gastaus stieg ich ab, und auf meine scheinbar
gleichgültige, doch mit Herzklopfen getane Frage, ob kaiserisch Volk hier sei,
erfuhr ich, vor fünf Tagen seien hier allerdings Dragoner im Quartier gewesen,
aber nur eine Nacht, auf dem Rückzuge vor dem anmarschierenden Schweden. Ich
forschte nun behutsam weiter, ob etwan ein Rittmeister namens Zetteritz in
Güstrow erwartet werde. »Zetteritz?« versetzte der Wirt. »So hiess ja die adlige
Frau, die von den Dragonern geleitet wurde und bei mir Losament hatte. Die ist
aus Sorge vor dem Feinde nach Wittenberge gereiset - vor vier Tagen - ihrem
Sohne entgegen - und der soll sie nach Magdeburg holen.« Ich hatte Mühe, meinen
Schrecken über diese Enttäuschung zu verhehlen. Doch während ich der Hoffnung
schon Valet sagte, kam der Wirt, der Rücksprache mit seinem Knecht genommen
hatte, wieder zu mir. »Mein Krischan hier will vernommen haben, Frau Zetteritz
sei zu ihrem Schwäher nach Rostock gereist, an dessen Verteidigung ihr Sohn, ein
Offizier, mitzuwirken habe.« Ich atmete auf, wandte mich sogleich an den Knecht
und erhielt aus seinem Munde in glaubhafter Weise diese Auskunft. Nach Rostock
also! Unverzüglich und mit verhängtem Zügel trabte ich gen Schwaan und erreichte
dies Städtchen, an der Warnow gelegen, nach wenigen Stunden. Liess mich über den
Fluss setzen und begrüsste nach einem mehrstündigen scharfen Ritte von einer
Anhöhe die Rostocker Türme.
    Zugleich aber sah ich drei bewaffnete Reiter mir entgegentraben, lenkte
daher mein Pferd flugs vom Wege ab, hinter Gebüschen mich zu bergen. Doch
bemerkt hatten mich die Reiter, und ich gebrauchte die Sporen. Ein Schuss krachte
hinter mir, die Kugel hörte ich sausen, und nun hub ein Wettrennen an. Mein
gutes Pferd blieb im Vorteil, und ein Buchenwald kam mir zustatten, zwischen
dessen hohen Stämmen sich reiten liess. Als ich darin einen Weg fand, verfolgte
ich ihn, die sinkende Sonne zur Linken. Damit die Verfolger meine Fährte
verlieren sollten, bog ich vom Wege ab, wo der Waldboden mit welkem Laube
bedeckt war, ritt einen Bogen und kam dann wieder auf den Weg. Als der Wald
aufhörte und vor mir ein kahler Hügel lag, wollte ich mein Tier verschnaufen
lassen, stieg ab und band es an einen Baum. Seltsam war's, dass ich ein Brausen
vernahm, wie Waldesbrausen, indessen doch kein Wind ging. Auf den Hügel stieg
ich nun und nahm mit Staunen wahr, dass vor mir ein endlos Gewässer lag, die See.
Wolkenballen schwebten darüber, angeglüht von der Sonne, die zur Linken
unterging. Wellen rollten zum Strande und warfen sich rauschend auf den Sand,
eine nach der andern. Im Anschauen vergass ich der Gefahr, die mich soeben
bedräuet hatte. Klein war ich vor diesem riesenhaften Wogewesen, und mir fiel
bei, was mein seliger Vater gesagt hatte, als ich zum ersten Male das
Schlesische Gebirge von ferne sah: »Willst du Gott schauen, so vergiss nicht die
Berge, und nicht das Meer.«
    Doch ich durfte nicht verweilen, weil es galt, meine Eheliebste zu suchen
und womöglich noch vor Nacht Rostock zu erreichen. Kehrte also zum Pferde
zurück, das sich inzwischen an Gras und Läublein gütlich getan, lobte und
streichelte es und schwang mich aufs neue in den Sattel. Ich wollte längs des
Strandes zur Warnowmündung reiten und mich von einem Schiffer nach Rostock
fahren lassen. Wie ich nun vom Hügel hinunter will, ist da ein Abhang, und ich
muss daran entlang reiten, bis sich quer eine Schlucht auftut. Mein Pferd strebt
die Schlucht hinunter, stolpert aber und stürzt so unglücklich, dass ich mit dem
linken Bein unter seinen Körper komme, vermeinend, das Bein sei mir gebrochen.
Das Tier sprang wieder auf, ich aber blieb liegen, da ich das Bein nicht
brauchen konnte. Dass mir die Weile nicht lang ward, dafür sorgte mein
Gliederweh. Das Pferd stund geduldig in meiner Nähe und wieherte manchmal. Ich
wünschte, dass es zu mir käme, weil ich hoffte, mich an ihm aufzurichten und
vielleicht gar in den Sattel zu gelangen. Doch wie ich auch lockte und
schnalzte, es kam nicht. Schon war der Abendglanz an den Wolken verglommen und
die Dämmerung brach herein, als ich eines Mannes gewahr wurde, der am Strande
ging. Wie ich um Hilfe schrie, stutzte er, kam dann zögernd näher und rief mir
zu: »Wer da? Schwed oder Kaiserischer?« Zur Antwort gab ich, dass ich ein
Reisender und mit meinem Pferde gestürzt sei. Der Mann, dem Aussehen nach ein
Knecht, war anfangs misstrauisch. Als ich ihm aber guten Lohn für Beistand
versprach, holte er mein Pferd, richtete mich auf, dass ich auf mein heiles Bein
zu stehen kam, und hub mich in den Sattel. Am Zügel führte er das Pferd über die
sandige Düne zu einem Bauernhof, so zwischen Büschen versteckt lag.
    Bellende Hunde kamen gesprungen, und auf der Schwelle des Wohnhauses
erschien ein bärtiger, martialischer Mann, halb wie ein Soldat, halb wie ein
Bauer gekleidet. Der Knecht berichtete ihm, wie er mich gefunden habe, und ich
bat den Herrn Rittmeister, wie ihn der Knecht nannte, mich aufzunehmen. Da
ordnete dieser an, es solle mir in der Scheune ein Lager aus Stroh und
Wolldecken bereitet werden. Als man mich darauf gebettet hatte, betastete der
Rittmeister mein Bein und sagte, ich habe mir einen Bruch des Knochens zugezogen
und werde wohl wochenlang liegen müssen. Mir war nicht anders, als höre ich mein
Todesurtel. Denn nun war die Möglichkeit, Tekla wiederzufinden, völlig dahin,
und ohne meine Liebste deuchte mich die Welt ein leeres Nichts. Die Trauer
machte mich so schweigsam, dass mein Wirt auf seine Fragen nur einen kargen und
wirren Bescheid erhielt. Das hinderte ihn nicht, meine geschwollenen Gelenke mit
nassen Linnen zu kühlen und den Bruch mit einer festen Hülle zu umgeben, wobei
er äusserte, als alter Soldat habe er dem Feldscher etliches von seiner Kunst
abgesehen. Wenig Schlummer fand ich, unaufhörlich raunete mir die Sorge zu, wie
Tekla weiter und weiter entführt, und ihre Spur immer mehr verwischt werde. In
meiner Hilflosigkeit schluchzete ich, dass mein Wirt es im Hause hörte. Er kam,
schalt gutmütig und sagte, ich solle ihm offenbaren, was mich bekümmere. Da er
alsdann meine Geschichte vernommen, war er gerührt und erbot sich, sofort nach
dem Schwäher der Frau Zetteritz in Rostock zu forschen. Ferner tat er mir wohl,
indem er mich aus der Scheune ins Wohnhaus bringen liess und mir ein Gemach
einräumte. Hier lernte ich die Frau Rittmeister kennen, ein grosses, starkes
Weib. Sie labte mich mit Trank und Speise, hörte teilnehmend meine Geschichte
und gab mir den Trost, ich werde schliesslich doch noch meine Eheliebste
ausfindig machen; das Leben werde man ihr ja nicht gleich nehmen, ich müsse nur
Geduld haben. Andern Tages tat mein Wirt die Reise nach Rostock und blieb eine
ganze Woche aus. Doch keine frohe Kunde brachte er heim, nichts wusste man in
Rostock, nichts auf den umliegenden Höfen von einem Schwäher der Frau Zetteritz
und einem kaiserlichen Offizier dieses Namens. So war ich denn darauf
angewiesen, der Frau Rittmeister Mahnung zur Geduld zu beherzigen.
    Eine seltsame Kurzweil ward mir in den Monden meiner Krankheit. Nach all der
erlittenen Trübsal schien der Himmel mich aufheitern zu wollen, indem er etwas
zum Lachen auftischte. Der Rittmeister, Schulte mit Namen, und sein Weib zeigten
oft ein wunderlich Gebaren. Im polnischen Kriege hatte er Dienste getan und sein
Weib geehelicht, das Marketenderin gewesen und ein gut Stück Geld
zusammengebracht hatte. Diese Mitgift hatte ihn befähigt, den Hof zu kaufen. Er
fand jedoch kein Gefallen am Bauernleben, zumal der Krieg in Mechelnburg ihn um
sein reiches Gestüte gebracht hatte. Am Soldatenleben hing immer noch sein Herz,
und wenn er an seine Kriegsfahrten zurückdachte, geriet er derart in Eifer, dass
er zum närrischsten Prahlhansen aufschwoll. Zum Exempel reichte er mir seinen
Säbel und warf sich in die Brust: »Das ist die Waffe, die mir im polnischen
Kriege grosse Ehre eingebracht hat. Ich wäre wohl ein reicher Mann, hätt' ich
soviel Dukaten, als von meinem Säbel Tarternköpfe abgeflogen sind. Ich ward bei
der köstlichen Klinge des Blutvergiessens so gewohnt, dass ich oft mit meinen
besten Freunden Händel anfing. Sie wusstens auch alle, drum schickten sie mich
gern auf Rekognoszierung und Parteigängerei, nur dass sie im Quartier
unbeschädigt blieben. Ja, Czernitzky hatte Glück, dass er mir aus den Händen
entwischte; ich hatte ihm - soll mich der und jener - schon die Charpe vom Leibe
weggehauen; doch man weiss wohl, was die polnischen Klepper vor Kröten sein, wie
sie durchgehen. Sonsten hätt' es geheissen: Bruder, gib eine Tonne Goldes, oder
ich haue dich, dass dir die Kaldaunen am Sattelknopf hängen bleiben. Ach, das war
ein Leben! Drei Teutsche, sieben Polacken, zehn Kosaken, vierzehn Tartern und
ein halb Schock Moskowiter dienten mir als Morgenbrot. Hätt' ich meinen
Schecken, der mir leider unter dem Leibe weggeschossen ist, behalten können, ich
gäbe zehntausend Taler darum. Er ging in einem Futter dreissig Meilen hin und
her, und einmal, von einer ganzen Kompagnie Tartern umringt, sprengte ich über
die Feinde hinweg, wobei mein Schecke seine Hinterbeine dem Rittmeister um die
Ohren schlug. Was das Beste war, das Tier hatte Menschenverstand, es legte sich
flugs auf die Streu zu mir und schlief die ganze Nacht mit. Hatte ich Met und
Branntewein, das Pferd soff einen so tüchtigen Rausch wie ein Kerl. Ewig schade,
dass es so liederlich hat draufgehen müssen und ich es nicht wenigstens
ausstopfen gekonnt. Jawohl, es ist eine brave Sache um den Krieg, wenn einer
Courage hat und weiss sie zu brauchen.« Wiewohl nun Schulte mit dem Munde solch
ein Held war, hatte doch tatsächlich seine Frau, wie man sagt, die Hosen an.
Manchmal hörte ich in meinem Bette, wie sie ihrem Manne die Leviten las, dass das
ganze Haus davon hallte. »Was? Du ehrvergessener Vogel willst wieder ausfliegen?
Hättest mögen ein Landstörzer werden, so hättest dir lieber eine Zigeunerin
aussuchen sollen, nicht mich. Jetzo aber bist du mein Mann, und ich habe dich
mit meinem sauer verdienten Gelde in diesen Hof eingesetzt, dass du mir parierest
- Potzregiment! Treib es nicht zu bunt! Sonsten machen meine Nägel mit deinem
Gesichtsspiegel Kameradschaft.« Hier fiel der sonst so kriegerische Mann mit der
allersanftesten Stimme in ihre Rede: »Ach herzliebste Frau, erzürne dich nicht
um so geringe Sache! Soll ich daheim bleiben, so brauchst du es bloss zu sagen.
Im guten sag es doch, tu deiner Gesundheit keinen solchen Schaden.« - »Lass dein
Winseln, du Bettelhund!« fing sie wieder an; »bildest dir wohl gar ein, dass ich
mir deinetwegen das Herze abfresse? Rede mir kein Wort dazwischen, sonsten
wollen wir sehen, wer Herr im Hause. Wer anders hat dich denn zum Manne gemacht,
als eben ich? Ein dürrer Tropf warst du, ein Schuldenmacher, vom Sauf- und
Spielteufel besessen, ein prahlender Hanswurst. Ein fetter Gutsherr bist du
worden durch meine Mitgift. Nun sei's auch recht, du eingemachter Eselskopf, und
bleib mir fein zu Hause sitzen! Und damit du nicht hinwegschleichest zu deinen
Kumpanen, so magst du heut und morgen deine Schuh und Strümpfe suchen.« Gleich
darauf hörte ich die Türe zukrachen, Herrn Schulte aber kläglich murmeln.
    Etliche Stunden nach diesem ehelichen Dialogo besuchte er mich, bloss
Strümpfe an den Füssen, und diesmal war auf seinem Angesicht nichts von dem
gemeiniglichen Heldenstolz verzeichnet. »Lieber Tielsch,« seufzete er, »wie
heftig meine Eheliebste sein kann, wenn ihr körperlich Übel sie befällt, hat Er
wohl vernommen. Er muss nämlich wissen, sie leidet an der Galle; im übrigen ist
sie eine gute Seele, und man darf ihr die zeitweilige Hitzigkeit nicht
nachtragen. Ich mag sie in ihren Anfällen nicht obendrein reizen, denn ich habe
Mitleid mit ihr, und unser Herrgott hat mir zwar die Kühnheit verliehen, Feinde
niederzusäbeln, doch vor Göttinnen, wie Venus oder Juno, ist selbst der wilde
Mars ein Lamm.« Begütigend stimmte ich meinem Wirte bei, und er war mir dankbar
dafür. Bald darauf hörte ich aus dem Gespräch im Nebenzimmer, dass die Frau
Rittmeister sich nicht allzu lange damit aufhielt, ihren Zorn zu kochen. Sie
traktierte ihren Mann mit Koseworten und erlaubte ihm, den Ausgang zu tun, den
sie zuvor versagt hatte.
    Als er fort war, machte sie mir einen Besuch. Die beleibte Frau nahm im
Sessel Platz, und aus dem Vollmondgesicht blickten die Äugelchen freundlich.
»Der Herr hat mit angehört, dass es in diesem Hause, gleichermassen wie im
Himmelsgewölbe, zuweilen ein Wetter gibt. Das muss Er schon exküsieren; solch
Wetter kommt aus dem Geblüt und hat wenig zu sagen. Diesmal hat mein Mann seinen
saubern Kumpan, einen emeritierten Leutnant, besuchen wollen, und den mag ich
nicht sonderlich leiden. Nahm daher meinem Mann das Schuhwerk weg, dass er daheim
bliebe. Doch mein Zorn ist wie ein Hagelwetter; rasch vorüber geht's, und dann
scheint die Sonne. Mein Männchen hat mir versprochen, zur Nacht daheim zu sein,
und da hab ich ihm seine Schuh gegeben.« Ich fand das ganz in Ordnung, erlaubte
mir aber die Frage: »Nichts für ungut, ehrsame Frau Rittmeister! Wie kommt es
nur, dass Ihr Eheherr, eine so heroische Natur, sanfter als ein Lamm ist, wenn
Ihr ihm entgegentretet?« - »Ha, das will ich Ihm erzählen,« schmunzelte die
Frau. »Wir haben gleich am ersten Tage unserer Ehe durch einen Zweikampf
entschieden, wer das Kommando hat.« - »Zweikampf?« staunete ich. »Allerdings!«
versetzte sie. »Höret zu! Wir waren also ein neugebacken Paar, hatten die erste
Nacht zusammen im Rittmeisterzelte verbracht, und das Frührot lugte herein. Da
ruft mein Mann seinen Kommissjungen, der soll einen Prügel beschaffen. Der Junge
geht, und da ich mir einbilde, der arme Schelm solle die Schläge bekommen, so
bitte ich für ihn. Mein Hochzeiter aber spricht: Nicht für ihn sind die Prügel.
Meine Liebste weiss ja, dass jedermann im Regiment prophezeiet, Sie werde die
Hosen tragen. So aber soll es bei uns nicht sein. Drum will ich Ihr beizeiten
mit dem Prügel weisen, wer dem andern über ist. Indem kommt der Junge und legt
mit verschmjetztem Lächeln den Prügel auf den Tisch. Wie er wieder hinausgeht,
merke ich, dass vor dem Zelte ein paar Offiziere lauschen, von meinem Hochzeiter
hinbestellt, auf dass sie Zeugen seien, wie er seine Frau zum Gehorsam ziehe. Da
geht mir meine Galle über, und wahrlich alsdann ist mit mir nicht gut Kirschen
essen. Ehe sichs mein Mann versieht, habe ich den Prügel erfasst und wische ihm
eins über den Kopf, dass er dürmelt wie ein geschlagener Ochs. Beim Kragen
schmeiss ich ihn zum Zelt hinaus, dass er lang hinschlägt und als ein Betäubter
von seinen Kameraden mit Wasser wieder zu sich selbst gebracht werden muss. Ja,
ja, so bin ich, und so hab ich meinen Mann gekirrt, dass er seitdem meinen
Widerspruch, wo ich ihn für gut befinde, mit gebührender Sanftmütigkeit
entgegennimmt.«
    Diese Geschichte hatte für mich das Gute, dass ich nach einer langen Zeit des
Grams wieder einmal empfand, was lachen heisst, und vom Hinstarren auf mein trüb
Geschick abgelenket ward. Mit meinem Beinschaden ging es aber so schlecht, dass
sich die Entzündung steigerte. Rittmeister Schulte holte einen Wundarzt aus
Rostock, der schnitt an mir herum und stellte die Prognose, dass ich vor Herbst
das Bein nicht werde brauchen können. In der Tat, erst als der rauhe Wind das
verblichene Laub von den Bäumen riss, konnte ich humpeln. Wie dann mein Fussgelenk
hinreichend erstarkt war, besuchte ich die Stelle, wo mein Pferd zu Fall
gekommen.
    Um die See zu betrachten und dabei meinen Gedanken nachzuhängen, setzte ich
mich auf einen der grossen Steine, die hier lagen. Über den Sand zu meinen Füssen
spülte die Welle, floss dann zurück und schlug mit der nächsten Welle schäumend
zusammen. Und es war das Heer von schwarzen, schäumenden Wellen anzuschauen wie
ein Volk von Eisenrittern, gekrönt mit weissen Federn, zum Kampfe heransprengend.
Seltsamer Kampf, ohne Ziel, ohne Sinn! Mein Auge starrte dortin, wo Meer und
Himmel sich berühren. Und sieh, auf der düstern Schneide unter finstern
Wolkenballen schwebete ein Segel. Du armer Kahn, auf den Wogen wankend, bist du
ein Bildnis meiner Liebe. Ins Ungewisse treibst du dahin, und wie rasch haben
Sturm, Woge, Klippe dich zertrümmert. Alsdann aber, ach wofür ist dann mein
Kämpfen gewesen? Ist es nicht umsonst, wie dies Branden der Flut wider den
Strand? Und lohnt es sich, nach dem Scheitern meiner Hoffnung noch länger dies
wüste Spiel des Lebens zu treiben, all das grausige Streiten, Blut, Angst und
Schuld weiter auf mich zu nehmen? - Ein Auge fühlte ich auf mir ruhen, und mit
einem süssen Schauder vermeinte ich zuerst, Tekla betrachte mich mit dem
Blicke, den sie mir in der Gefangenschaft gespendet. Dann aber sah ich, dass aus
dem Gewölk der Abendstern winkete, den sie auch den Stern der Meere heissen.
Ach Liebe, dass du wankest auf den Wogen,
Ein morscher Kahn,
Zerfetzt das Segel, steuerlos gezogen
Auf Nebelbahn.
Des Tages Herz ist blutig hingesunken
In düstre See.
Wo bist du, armer Kahn? Zerschellt, ertrunken?
Ach Lieb, ade!
Nun will auch ich hintaumeln und versinken
In feuchte Gruft.
Doch warnt ein Stern, der Meere Stern, mit Winken
Aus blauem Duft:
»Nur Unrast wirf hinab, die eiteln Sorgen
Der wüsten Welt!
Dein Lieben gib empor! Es sei geborgen
Im Sternenzelt!
Was in der Zeiten Brandung ging verloren,
Muss nichtig sein.
Ein Herz allein, dir liebend eingeboren,
Bleibt ewig dein.
Und schlug es auch an deinem nur für Stunden,
Doch Reim bei Reim
Seid ihr dem Chor der Seligkeit verbunden
Und seid daheim.«
 
                              Das neunte Abenteuer
                    Wie das Lichtreich aus der Goldhöhle kam
 Was im Traumgesicht der qualvollen Nacht mein Vater mir verheissen, hat sich
erfüllt. Zur Abendburg bin ich wieder gelangt.
    Den Sommer über war mein Fuss heil geworden, und nach treuherzigem Abschied
von meinen Pflegern hatte ich mich auf die Suche nach Teklas Spur begeben. Da
bei vergeblichem Kreuz- und Querreisen mein Pferd verunglückt, mein Geld aber
zur Neige gegangen war, litt ich Hunger und konnte das abgerissene Gewand und
Schuhwerk nicht durch besseres ersetzen. Statt der Stiefel Lappen an den Füssen,
war ich vom Wandern bis zur Verzweiflung erschöpft. Durfte auch noch keine
Stunde davor sicher sein, streifenden Parteien in die Hände zu fallen.
    Als Ende Septembris endlich das Schlesische Gebirge ferne blaute, begegnete
mir ein invalider Soldat, dem in der Breitenfelder Schlacht ein Hieb den rechten
Arm gelähmt hatte. Von diesem Menschen ward mir wichtige Kunde. Als Rittmeister
im Regiment Kronenberg habe Zetteritz die Breitenfelder Schlacht mitgemacht, und
in einem Bleihagel, mit dem die schwedischen Musketiere die kaiserlichen Reiter
überschüttet hätten, sei er vom Pferde gesunken. Der Invalide schwur mit
heiligem Eide, er habe das mit eigenen Augen gesehen. Von Tekla wusste er
nichts.
    Obwohl nun ihr Geschick ganz ungewiss, schöpfte ich neue Hoffnung. Je näher
ich dem Gebirge kam, desto lebhafter bildete ich mir ein, Tekla werde mich im
Häusel des Oheims umhalsen. Hatte sie durch den Tod des Zetteritz ihre Freiheit
wiedererlangt, so würde sie mich in Schreiberhau suchen. Wie ich aber beim Oheim
anlangte, hatte mich die Hoffnung betrogen.
    Trostlose Zeiten kamen. Wenn der Novembersturm die Nacht durchheulte und am
Dache rüttelte, dass die Balken krachten, so lag ich schlaflos und sah Tekla im
Elend irren oder fühlte mich vom Geiste der Verstorbenen umwittert. Wochenlang
staken die Schreiberhauer Hütten so tief im Schnee, dass Nachbarn kaum einander
besuchen konnten. Öde und traurig war auch dem Oheim und der alten Beate zumute,
da sie mich dem Trübsinn nachhängen sahen. Einen Hauch von Frieden fand ich in
Büchern geistlichen Inhalts. Von alchymistischen Arbeiten, zu denen mich der
Oheim gern gebracht hätte, mochte ich nichts wissen.
    Wie endlich der Schnee schmolz, konnte ich mich neuer Hoffnung nicht
erwehren, wiewohl ich ihr nicht traute. Ich hielt es nämlich für möglich, dass
Tekla, durch den Winter am Reisen verhindert, im Frühjahr nach Schreiberhau
kommen werde. Doch April und Mai vergingen, und es erschien keine Tekla, auch
keine Nachricht von ihr.
    Längst hatte mich die Sehnsucht angewandelt, auf der Abendburg zu hausen.
Menschenscheu war ich, hätte am liebsten selbst den Oheim und Beaten gemieden.
Vollends im Frühjahr beunruhigte mich das Schreiberhauer Leben; denn es brachte
schier täglich Gerüchte von jener schlimmen Welt, die mir abscheulich geworden.
Nichts sehen und hören mochte ich von Kriegszügen und Gefechten, Sengen und
Plündern und von den teuflischen Quälgeistern, so in Hirschberg und anderen
Orten längs des Gebirges quartierten.
    Machte mich also bei Sommeranfang nach der Abendburg auf, mir dorten ein
Gehäus herzurichten. Der Oheim half mir, hatte mir auch jene Summe Geldes
eingehändigt, die ich vor der Reise nach Magdeburg bei ihm gelassen. Wir
brachten die Grotte in wohnlichen Zustand, vergrösserten den Eingang und
schlossen ihn durch eine starke Tür. Einen Steinwurf unterhalb des Felsens fand
sich eine Quelle, zu ihr machten wir einen Stufengang hinunter. Um den
Abendburgfelsen herum fällten wir in beträchtlichem Umkreise die Bäume, weil wir
eine Balkenhütte bauen und zugleich Weideland für ein paar Ziegen gewinnen
wollten. Die Balkenhütte wurde derart an den Felsen angelehnt, dass sie einen
Vorraum der Grotte bildete. Aus Steinen errichteten wir daneben einen
Ziegenstall. Die Grotte sollte als Küche und Werkstatt dienen. Um den Rauch aus
ihr abzuleiten, brachen wir einen Spalt in die Decke, schmal genung, dass kein
Raubtier hindurchschlüpfen konnte, zumal ein paar Eisenstangen quer angebracht
waren. Den Herbst verwendeten wir zum Sammeln von Blaubeeren und Pilzen, die für
den Winter getrocknet wurden. Auch einen Vorrat von Mehl, Speck und Schinken,
hartem Käse und Beerensaft legte ich mir an. Meine Balkenhütte war in traulichem
Zustande, als Tobias von mir gegangen, und ich nun allein hausete. Die Fugen
zwischen den Balken verschloss Moos, das Fensterlein hatte kleine Glasscheiben
und war von aussen durch Eisenstäbe vergittert; aus Stein war der Ofen gemauert,
der gut heizte. Auf einem Simse stunden Näpfe, Teller, Kannen und Becher. Unter
dem Fenster war ein Tisch mit einem Stuhle, am Ofen die Bank. Ich hatte auch
etliche gute Bücher auf einem Gestell. Neben der Tür hingen mein Jagdrohr, mein
Säbel und ein Pistol. In der Ecke lehnte der Spiess. Zween starke Schäferhunde
hauseten bei mir. Wenn mich der eine auf meinen Waldwegen begleitete, so blieb
der andere daheim und war so abgerichtet, dass er zuverlässig meine Hütte und den
Ziegenstall bewachte. Der Trost, den ich in früheren Jahren inbrünstig ersehnt
und damals nirgends gefunden hatte, begann mich nun zu segnen, zumal bis in den
November hinein die Sonnenstrahlen, selten nur durch Wolken zurückgehalten,
gülden und warm rings auf die Berghäupter niederfluteten.
    Das kostbarste Gerät meines Heims war eine Harfe. An Tekla gemahnte sie
mich, und es war mir Erquickung, mein Leiden und Sehnen in holden Klängen vom
Herzen zu strömen. Täglich übte ich das Schlagen der Saiten und sang dazu
Lieder, die ich selbst ersonnen, und es kamen Zeiten, da Verse aus mir sprossen
wie Blüten am Frühlingsbaum. Bei solch einsamem Hausen trank meine Seele den
Bergfrieden und ward immer stiller. Zuweilen freilich fiel mich Unrast an, und
es nagte der Gram am Herzen. Vom Buche, drin ich Trost suchte, sprang ich dann
auf, hing das Jagdrohr über die Schulter und bewehrte mit dem Spiesse die Faust.
Durch Tannen und Knieholz streifend, schoss ich nach dem Auerhahn und der
fliehenden Hirschkuh. Wollte mir nachts der Schlaf nicht gelingen, so konnte ich
lange draussen beim Felsen sitzen und war unter finsterm Himmel auf der Suche
nach inneren Sternen.
Gewölk hat umgebracht
Den letzten Sternenfunken;
In rabenschwarze Nacht
Ist Fels und Tann versunken.
Ich bin ein Erlenstumpf,
Dran bleicher Moder glimmert,
Ein gärend fauler Sumpf,
Wo scheu das Irrlicht flimmert.
Unheimlich düstre Welt,
Du Tummelplatz für Toren!
Bin gänzlich unbestellt
In dich hineingeboren.
Sag an, was hast du für
Mit deinem bangen Kinde?
Und hast du keine Tür,
Wo ich den Ausgang finde?
Gewölk hat umgebracht
Den letzten Sternenfunken;
In rabenschwarze Nacht
Ist Fels und Tann versunken.
Mein Leben schäumend rann,
Ein Sturzbach zwischen Steinen.
Was ich dabei gewann?
Oh bitter möcht ich weinen!
Einst ward ich schmuck und neu
Als Menschlein eingekleidet.
Doch alles Fleisch ist Heu,
Und horch, die Sense schneidet.
Ach wohl, die Jugend reicht
Den süssen Taumelbecher.
Doch Rausch und Minne weicht,
Und Reue weckt den Zecher.
Um jeden Bissen Brot
Muss hart der Frohner schanzen;
Sonst hockt die hagre Not
Ihm auf dem leeren Ranzen.
Mach dich nicht gar zu breit,
Du Herr im güldnen Hause!
Ohn' End ist Ewigkeit,
Und schmal die letzte Klause.
Poch nicht auf Ehr und Zier!
Fortuna hat's geliehen.
Der Hobler wird auch dir
Ein Linnenkleid anziehen,
Zum Pfühle untern Kopf
Zwo Handvoll Späne schieben ...
Nun denke nach, du Tropf,
Wie närrisch du's getrieben!
Gewölk hat umgebracht
Den letzten Sternenfunken;
In rabenschwarze Nacht
Ist Fels und Tann versunken.
Und wie ich ratlos bang
Ins dunkle Rätsel staune,
Horch, sanfter Wiegensang,
Ein wogend Waldgeraune:
»Nur stille, Menschenkind!
Was helfen deine Sorgen?
Die Augen schliesse lind!
Derweilen wächst das Morgen.
Die Nacht hat ihren Tau,
Auf dass der Maien blühe,
Und aus dem Wolkengrau
Entspriesst die Purpurfrühe.
Soll nicht der Sagenstein,
Wo wüste Tannen dunkeln,
Ein Königspalast sein
Und einst entzaubert funkeln?
Zuvor im Puppenkleid,
Soll unsere trübe Erden
Am Glanz der Ewigkeit
Ein Himmelsfalter werden.
Und ob die Wolke hüllt
Den letzten Sternenfunken,
Dein Traum wird noch erfüllt:
Du schaust, von Sternen trunken.«
    Eines Abends im November stieg ich auf den Felsengipfel, die Nacht zu
belauschen. Stumm starrten rings die Tannenwipfel, vom bleichen Dämmern
beleuchtet, das der Mond durch Wolkendunst über die Berge goss. Feiner
Wasserstaub schwebte hernieder und kühlte die heisse Stirn. Es tat wohl, zum
bleichen Firmament hinanzustarren. Ich sehnte mich, ein Baum zu sein, allhie
Wurzel zu schlagen und grüne Arme gen Himmel zu breiten. In der grossen Stille
ward jetzo Vogelschrei vernehmbar, Wildgänse schnarrten und kamen geflogen. Ob
meinem Haupte sauseten die Fittiche, vorüber zog das dunkle Keilgeschwader. Fern
und ferner das Krächzen, und wie der Vögel Raunen von der Öde verschlungen war,
schrie mir im Herzen die Sehnsucht auf. Ihr geflügelten Geschwister eilet aus
dem Nebellande gen Mittag, wo warm die Sonne blühet. Ich aber bleibe in der Öde
hausen, wo mich Sturm und Regen an den Herd bannen und des Schnees Woge begraben
wird. Ja, komm geschlichen, kalte Winternacht. Was soll die warme Sonne dem
Verdüsterten? Trost ist es ihm, wenn auch die Welt ein trübes Antlitz macht.
Wohl blühet in der Seele heimlich eine Blume, doch nie darf ich sie kosen. Des
Traumes Glück allein ist mir vergönnt - ich sinne, seufze in der Nebelnacht. -
Hinunter in meine Klause ging ich, stimmte die Harfe und ersann schwermütige
Weisen.
    Bald hatte ich auf ein ander Lied zu lauschen: der Sturm heulte um Felsen
und Tannen, rüttelte an Balken und Dachsparren. Tag und Nacht ging es so fort,
Nacht und Tag. Als dann die Luft wieder lautlos war, sanken Flocken hernieder,
dicht und dichter, und es ging ein Schneetreiben los, dass die weisse Decke an
mein Fenster reichte, schliesslich gar die ganze Hütte einhüllte und
verfinsterte. Wie ich durch den Spalt der Grottendecke wahrnahm, dass kein Schnee
mehr fiel, und klarer Frost eingetreten, tat ich behutsam die Tür des
Blockhauses auf und grub durch die Hülle einen Schacht. Den ausgeschaufelten
Schnee schmolz ich im Kessel, und mit dem heissen Wasser erweiterte ich den
Schacht. Machte dann einen Aufstieg, der mich über die glitzernde Fläche lugen
liess. Ein Gefangener war ich nun wohl, hätte beim Ausgehen ja versinken müssen
in der weissen Woge. Doch ein Trutz erhub sich in mir, ein keck Gelüsten, dem
Vogel gleich zu triumphieren über Erdenleibes Schwere, zu schweben, zu gleiten
übers glatte Flockenfeld. Ich bedachte, was mir ein schwedischer Soldat zu
Magdeburg erzählt hatte. Dass nämlich die Bewohner der nordischen Berge leichte
Brettlein von Mannslänge an die Sohlen riemen und dann wie auf Schlittenkufen
über den Schnee gleiten, ohne einzusinken, inmassen des Körpers Schwere durch die
Fläche des Brettes auf eine ebenso grosse Schneefläche verteilt wird. Ich
verfertigte mehrere Schneeschuhe nach verschiedenem Plane und fand, nach
tagelangem Erproben im Schnee, ein Paar für meinen Zweck geeignet. Mit der Zeit
bekam ich solche Übung, dass ich auf schrägem Schneegefild wie der hurtigste
Schlitten abwärts flog. Wollt ich bergan, so ging ich Schritt für Schritt,
gestützt auf einen Stab, der über seinem Stachel ein dünnes Querbrett hatte, um
Halt auf der Schneedecke zu finden. Dann war ich ein Vogel, flog die Abhänge
hinunter und überraschte manches Wild beim Lagern - so schnell war mein Kommen.
In einem Zauberreiche deuchte ich mich, wenn ich die eingeschneiten Tannen
betrachtete. Die niedergedrückten Zweige trugen zackig geformte Schneeklumpen,
an der Wetterseite hingen weisse Mäntel, Mönchskutten mit Kapuzen. Auf dem
Knieholz bildete der Schnee wunderliche Tiere, weisse Bären, die auf den
Hinterbeinen liefen. Wie Rauhreif kam, war alles Grün und Braun der Bäume
versilbert. Jede Fichtennadel ergraut, von seinem Kristall eingepudert. Erneuter
Rauhreif machte die Kruste immer dicker, und ich staunte, was doch der harte
Winter ein Feinbäcker sein kann, so mit kunstvollstem Zuckergusse die düsteren
Bäume zum glitzernden Zauberwalde zu wandeln weiss. Aber auch als Schmiedemeister
liess sich der Winter bestaunen, da er den Bäumen klirrende Rüstungen schmiedete.
An der Mittagssonne schmolz der Schnee von den Zweigen, und das Tröpfeln gefror
zu Zapfen. Purpurn gleisste der Morgenstrahl darauf, und erhub sich ein Hauch, so
klirrten und klimperten die Eiszapfen an den wankenden Wipfeln wie Glas und
Glocken. Fegte der Wind über die Berghänge und Talflächen, so wirbelten
Schneesäulen empor, wallenden Geistern in weisser Gewandung gleich. Einmal
glitzerte ein ganzes Heer solcher Schneewirbel im Sonnenschein. Ein Jauchzen
brach aus meiner Seele, und ich spürte, wie voll Göttlichkeit diese Welt für
den, der zu schauen weiss.
    Bei solcher Betrachtung dachte ich oft an meines Vaters Reden vom
Himmelreich, wie Gott nicht fern über den Sternen sei, sondern allentalben bei
uns, in uns zugegen. Das Ganze ist Gottes Leib; Sonne, Mond und Sterne hat er
als Augen; mit dem Lichte, das in alle Gründe flutet, schaut er; im Finstern
spüret er, lauscht, tastet und sinnt. Sein Odem ist die Luft und das Leben aller
Kreatur; göttlich Blut träufelt aus der Wolke; Bach und Strom sind Allvaters
Adern, und in unserm Pulse regt sich der unermüdliche Schöpfer. Freilich tut es
uns not, unsere göttliche Erborenheit und Naturam zu spüren. Das erst ist die
Erlösung, dass wir uns fühlen als Gottes Kind. Wer aber nicht ahnt, dass sein
Wesen im unendlichen Geiste weset, der dünket sich wohl klein, arm und verloren.
Eine Hölle leidet er, denn die ist nichts andres, als dass wir uns getrennt und
abgestückelt fühlen vom Ewig-Einen. Finde dich heim, seufzende Seele, spüre
durch alle Kreatur hindurch den Urgrund, unsern All-Vater. Solche Andacht
deuchte mich der wahre Schatz meiner Wohnstätte. Zu deuten wusst ich die Mär von
der Abendburg, wie der wüste Stein sich dem Johanniskinde zum strahlenden
Schloss wandelt, und wie es blühet im Felsenherzen von Gold und buntem
Edelkristall.
    Seliger noch ward meine Andacht, als der Frühling mit warmem Hauche den
Schnee schmolz, dass die Decke von Tag zu Tag dünner ward, bis im Tal die Matten
grüneten, und auf meiner Höhe die Tannen und Felsen vom Schnee frei wurden, der
nur noch an Hängen gen Mitternacht lag und schliesslich in die kalten Schluchten
sich zurückzog. Wenn ich den Oheim besuchte, schimmerten auf grünender Wiese die
gelben Schlüsselblumen und wie blaue Flämmchen die Krokusblüten. Erlöst war mein
Herz, und wie neugeboren kam ich mir in der Frühe vor, wenn ob den dunkeln Talen
der Himmel matt erglänzete, wie aus Opal gebildet - wenn sich dann aus den
Waldschluchten weisse Dünste huben und zu einem breiten Gewebe zusammentaten,
indessen das dunkelblaue Gewölk ob der fernen Ebene von Feuerbächen durchronnen
ward und immer mehr erglühte, bis es sich auftat wie ein Augenlid, und rot das
Weltenauge übers Bergreich blitzte. Manchmal hüllte der Nebel die ganze Tiefe
unter mir, dass nur die Berggipfel herfürrageten. Die weite, wellige Dunstfläche
sah dann aus wie wogende See, drin Felseninseln schwimmen. Beim Auftauchen der
Sonne erglühten die starren Wogen, und die Stirnen der steinernen Riesen badeten
im flutenden Tagesstrahl. Freudig regten sich die grünen Wipfel unter mir.
Geheimnisvoll kam aus dem Nebel, so alle Täler deckte, das Rauschen der
Giessbäche und Brünnlein. Dann flog wohl bei mir eine Berglerche trillernd empor,
und wenn sie ins Blaue entschwebete, deuchte sie mich meines Herzens Jauchzen.
Was konnte bei solchem Schauen mein alter Gram noch sein? Zerflattern musste er
wie düstere Traumgesichte, die der Morgen scheucht.
Willkommen, Ritter Morgen!
Vor deinem güldnen Haupt
Entfliehn die Wölfe Sorgen,
So mir den Schlaf geraubt.
Der Fels vor meiner Klause
Starrt feierlich mich an,
Die Wipfel mit Gebrause
Wiegt unter mir der Tann.
Steingraue Wolkenwogen
Verhüllen noch das Tal,
Darob der Himmelsbogen
Matt leuchtender Opal.
Und aus dem Dunstmeer ragen
Die Berge drüben steil.
Ihr Stirnenglanz will sagen:
Ganz oben tront das Heil.
Nun blüht von Purpursonne
Das Nebelmeer wie Klee,
Und auch mein Gram ward Wonne,
Dieweil ich drüber steh.
Als Lerche schwebt mein Schauen
Hoch ob dem Erdennest
Durch selig freie Auen ....
O Himmel, halt mich fest!
Doch ob ich auch in den Himmel zu tauchen verstund, fest hielt er mich nicht,
und wie die Lerche vom jauchzenden Höhenfluge wieder zur Erde sinkt, so geschah
auch mir. Ich sehnete mich nach meiner Gattin und kam mir verwaiset für wie
Adam, da ihm der Herr das Paradeis genommen. Auch peinigte mich das Mitleiden
mit meinen Landsleuten, die immerfort von der Kriegsfuria Folter litten. Sooft
mir Kunde aus den Tälern ward, stöhnte ich vor Grimm, und konnte schon gar nicht
zum Oheim hinuntergehen, ohne vor dem zu beben, was ich zu hören bekommen
sollte. Die Wachsteinposten berichteten von einer Hungersnot, die seit Pfingsten
die Ebene heimsuche. Hagere Bettler in Lumpen hätten nach Schreiberhau herauf
gewollt, und da man ihnen den Weg versagen gemusst, kläglich um Speise gebeten.
Hätten erzählt, wie das Korn so rar, dass nur noch der Reiche Brot habe. Von
Kleien und gemahlenem Moose bereite sich der Arme sein Gebäck und esse gekochte
Nesseln nebst anderm wilden Kraute. dabei höre das Plündern und Plagen durch die
Soldateska nimmer auf. Erst sei kursächsische Reiterei in Hirschberg gewesen,
und mancher Hausbesitzer habe ein Dutzend Soldaten speisen müssen. Endlich, wie
pestartige Seuchen herumschlichen, seien die Sachsen aus Scheu vor Ansteckung
abgezogen, nicht ohne Abschiedsgeschenke zu erpressen. Im Juli sei abermals
Einquartierung gekommen, diesmal kaiserische, und ihr Oberster habe dem
Burgemeister unter Flüchen in Aussicht gestellt, die Stadt für die Aufnahme der
Sachsen zu züchtigen. Unbarmherzig plünderte sein Volk die Vorstädte und Dörfer.
Als eine mörderische Pest auch diese Einquartierung vertrieben hatte,
überrumpelte eine Partei Plünderer das Schildauer Tor. Mit Äxten schlugen sie
den Bürgern Türen und Schränke auf und raubten den Kirchen, was noch Wertvolles
drin vorhanden. dabei mussten die Einwohner Misshandlungen über sich ergehen
lassen. Als eine Deputation des Rates beim kaiserlichen Kommissar ob der
soldatischen Greueltaten Klage führte, kam der trutzige Bescheid: »Ihr seid ja
selber schuld; was habt ihr die Tore nicht besser verwahrt? Wart', ich werde
euch eine Sicherheitswache senden.« Nun hatten die Hirschberger ihre liebe Not,
die Sicherheitswache abzuwenden, denn solche Salvegarden waren allentalben im
Kriege Plagegeister, nicht minder schlimm denn der Feind. Nach und nach hatte
sich in der Stadt auch lüderlich Gesindel eingefunden, das eine Rotte bildete,
mehrerlei Unfug trieb und sogar eine Hochzeit auf Kosten der Stadt feierte, von
den Bürgern Zehrung und Bier erpressend. Etzlers unterirdisch Weingewölbe
räumten die Mausköpfe aus, soffen sich voll und erschlugen ein paar
Bürgersleute. Schliesslich wurden sie vertrieben, nicht ohne blutigen Kampf. Als
zu Friedland kaiserisch Hauptquartier war, kam ein Kommando, Hirschberg solle
all seine Geschütze und Glocken ausliefern. Die Stadt verlor drei Mörser und
eine Kirchenglocke. So ward das Reich von Höllengeistern gepeitscht; bis in
unsere abgeschiedenen Täler drang das Seufzen der Verzweiflung.
    Für die Schreiberhauer kam eine Gewissensnot hinzu. Unser Prädikant hatte
das Zeitliche gesegnet, und obwohl seitdem aus Giersdorf der evangelische
Geistliche kam, die Neugeborenen zu taufen, die Toten zu begraben und die Paare
zu trauen, war doch keine rechte Seelsorge vorhanden. Endlich ward dem
Giersdorfer verboten, sein Amtieren über seine Gemeinde hinaus zu erstrecken.
Wie denn überhaupt der evangelische Glaube im Lande vom Kaiser und seinen
jesuitischen Helfern drangsaliert ward. Wegen meines Gesanges zur Harfe hatten
mich die Schreiberhauer wiederholt zu Feierlichkeiten geladen, die ich durch
Lieder verschönern sollte. So war ich zu einem Begräbnisse gegangen, und als der
Giersdorfer Prädikant, nachdem wir lange gewartet, nicht erschien, baten mich
die Trauernden, ein Gebet zu sprechen, da ich eines Seelsorgers Sohn und ein
halbstudierter Mann. Auf diese Weise kam ich zu meiner ersten Predigt, und die
Leute waren erbaut. Da nun die Gemeinde sah, dass kein rechter Prädikant zu
erlangen, drang sie in mich, jeden Sonntag zu predigen. Ich sagte zu und sprach,
wie es mir ums Herze war. Der Kirche indessen fremd geworden, sah ich für das
schönste Gotteshaus den freien Himmel an. Proponierete also der Gemeinde, bei,
gutem Wetter nicht zwischen Mauern, sondern im Waldesdom der Andacht zu pflegen.
Kanzel und Altar war ein Felsen, statt der Kirchenbänke dienten Moos und
Beerengestäude, als Glocken summten die vom Wind geschwungenen Fichten. Nur die
Orgel war von Menschenhand - meine Harfe - sie gab im Walde guten Klang.
    In meinen Predigten tat ich kund, woher das Elend teutschen Landes komme,
und wie es zu heilen sei durch die Wahrheit. »Die Konfessionen hadern
miteinander, jede wähnt, ihre Pfaffen besässen in den Glaubensartikeln einen
Pakt, durch den der Herrgott verbunden sei, den Schäflein die Himmelsweide
aufzutun. dabei geht es den Parteien keineswegs bloss um geistlich Gut,
irdischer Reichtum ist hauptsächlich der Zankapfel. Die evangelischen Fürsten
haben der Papistenkirche die Güter genommen, und nun möchte kaiserliche Majestät
die Hand darauf legen. Hin und her gezerrt wird das arme Volk von den
Confessionibus. In Strömen fleusst Menschenblut, die Saaten werden zerstampft,
die Scheuern niedergebrannt, jeder blühende Gau wandelt sich zur Wüste, und zur
Hölle das liebe Vaterland, wo Menschenbestien als Teufel hausen. Woher aber das
Streiten um den Glauben, aus dem allerdings dieser unselige Krieg
herfürgewachsen? Gibt es denn keine Instanz, wo die Hadernden zum Frieden
gelangen können? Ist denn nichts Höheres ausfindig zu machen als die Konfession?
Ja, das Höhere lebt! In allen Menschenkindern lebt es! Der eine gemeinsame
Urquell ist es, dem jede Kreatur entquillt! Er allein, der Ewige, Eine,
Unteilbare sei unsere Konfession! Lasset uns nicht geringer sein denn diese
frommen Waldbäume! Nadeln und Zweige der Tanne spüren, dass sie demselben Stamme,
derselben Wurzel angehörig sind. Doch wehe, die argen Pfaffen predigen einen
andern Gott als den Allwesenden, darinnen wir leben, weben und sind. Schwatzen
dem törichten Volke vor, Gott sei ferne der Welt, hoch über den Sternen, durch
eine Kluft geschieden von seinen Geschöpfen. Ja, wer das gläubet, ist von Gotte
hinweggewandt, denn Gott lässet sich spüren nur im Zuge nach dem Einen, das
seine Geschöpfe mit ihm verbindet. Wer solch Heimweh nach der Ewigkeit
vermisset, ist fürwahr eine rechte Waise und irret höllenwärts. Die Hölle ist
nämlich die Abkehr von Gotte. Diese Abkehr wird von den papistischen Pharisäern
befördert, und auch die Evangelischen muss ich anklagen, dieweilen sie den fernen
Gott lehren und für seinen Stellvertreter ihren Papst von Papier ausgeben. Nicht
also, liebe Seele, traue nicht denen, so dir vorspiegeln wollen, ihnen habe der
ferne Gott seinen heiligen Geist eingehauchet, oder das Bibelbuch habe ein für
allemal die Offenbarung in sich geschluckt. Hoffe nicht, vom Pfaffen Gnade zu
erlangen und die ewige Seligkeit. Babel schreit: Hier ist die Kirche, hie
Christus, laufet all herzu! Wenn aber dann die Wahrheit in Gestalt eines
Redlichen nahen will, geschieht ein Geschrei: Meidet, ihr Schäflein, diesen
schwarzen Teufelsbock! Er sei verflucht, Feuer her! - Ach diese Gleisner!
Dieselben sind es, so den Heiland ans Kreuz geschlagen haben. Hochmütig blähen
sie sich auf und setzen eine Würde auf die Nase: Wir sind Herrgotts Amtsleute,
und alles Volk soll uns gehorsamen! Die auf Sankt Petri Stuhle sitzen, nicht
minder die andern Schriftgelehrten, tun als besässen sie des Himmelreiches
Schlüssel, vergeben Sünden um Geld, schändlichen Handel treiben sie damit. Jesus
war arm auf Erden und hatte nicht, wo er sein Haupt hinlegte; sie aber wollen an
seiner Statt reich und fett sein. Zur Botmässigkeit beugen sie die Nacken ihrer
Gläubigen, heischen den Mammon und häufen ihn derart, dass es dann nicht
verwunderlich, wenn beutegierige Herren sich darüber hermachen.
    Da hab ich hingewiesen, woher das ganze Elend kommt. Wir Schreiberhauer
wollen nun die Glaubensfehler meiden, die übers teutsche Vaterland den Ruin
gebracht. Keinen Götzen wollen wir verehren, vielmehr den Vater unser, so in uns
waltet. Wir haben ja alle einen Odem und sind aus einer Seele erboren. Die reine
Gotteit ist überall gegenwärtig, an allen Orten und Enden, wohin du sinnen
magst, auch mitten in der Erde, in Stein und Felsen. Drum laufet nicht zur
Mauerkirche, wo der Pfaffe herrscht; sondern unter freiem Himmel, wo euch das
Herz aufgeht, ist Gottes Tempel. Kein Pfaffe soll sich zwischen ihn und unsere
Seele drängen. Beten wir ihn an in der Wahrheit, die uns die Bäume predigen und
die Berge, die Murmelbächlein und die wehenden Lüfte. Gott lächelt aus jedem
Stern und jeder Blume, sein Himmel erschleusst sich dem Menschenherzen, wenn es
ihn spürt, wie er schöpft und wirkt, wie er heilt, erleuchtet und durchfriedet.
Das Paradeis, so dem verschlossen, der sich von Gotte verirrt, stehet offen
allen, die sich zu ihm wenden, nur einzugehen brauchen wir. Gedenket der Mär,
die in euren Spinnstuben von der Abendburg geraunet wird. Der öde Felsen droben,
so sagt man, sei ein heimlich Schloss, verwunschen vom bösen Geiste. Wer aber die
Kraft Magiae besitzt, kann den Felsen zur strahlenden Königsburg wandeln. Ich
deute euch diese Mär, die mitnichten ein dummes Gemare. Eine Abendburg ist die
ganze Welt, der Himmel mit den Sternen, die Erde mit ihren Gewächsen und Tieren,
mit uns Menschenkindern, mit Bergen und Gewässern, mit Meer und Luft.
Verwunschen und verstört ist die Welt durch den schlimmen Wahn, sie sei von
Gotte verlassen und dem Teufel zum Tummelplatz überliefert. Wer so gläubet, dem
freilich macht sie ein trüb Gesicht, dem grauen Steine gleich. Wachet auf, ihr
Augen, und schauet mit dem magischen Blick, so wandelt sich die Welt zum
Gottesleib, drinnen seine Kraft und Herrlichkeit sich auswirkt allerorten, von
Ewigkeit zu Ewigkeit. Wer also die unendliche Abendburg entzaubert, dem blühet
innen der verheissene Schatz. Es ist die gewisse Zuversicht, dass jedes
Menschenkind in sich den Gott heget, mag er auch nur wie ein Körnlein keimen.
Der Erlöser in uns lebt und wächst heran zu Schöpfers Ebenbilde. Die Geheiligten
lobsingen miteinander und sind auf einmal in der Stadt des ewigen Lichtes. Da
lächelt sie nun, unsere Heimat, und alles Heimweh ist selig gestillt. Friede mit
uns allen!«
    Also ging von der Abendburg ein gülden Schimmern aus. Der Traum vom
Lichtreiche, der mir beim Sagenstein gekommen war, teilte sich durch mein Wort
den Schreiberhauern mit und ward eine Schwarmgeisterei. »Bauen wir die neue Burg
Zion!« hiess es - »auf dass erfüllet werde, was der Psalmist gesprochen: Ihr seid
Götter und allzumal Kinder des Höchsten.« - Wohl gut! Doch was sich leicht
ersinnen lässt in der Bergeinsamkeit und ungestört seine phantastischen Ranken
und Wunderblüten treibt, - ach welch ander Wesen entfaltet es, übertragen auf
den harten Acker der Wirklichkeit, wo es gedeihen soll auf unfruchtbaren
Steinen, zwischen widerwärtigen Dornen ... Das sollt ich nun erfahren.
Anno 34 war's, an einem Sonntage des Märzen, und ich hatte abermals vom
Lichtreiche gepredigt. Warm schien die Sonne in den Waldwinkel, obwohl zwischen
den Felsen am Bache noch dicker Schnee lag. Als nach dem Amen die Gemeinde
schwieg, ging Windesharfen durch den Tann, die Erlenzweige wiegten ihre
rostroten Blütenkätzlein, und der angeschwollene Bach orgelte einen dumpfen
Choral. Da erscholl eines Mannes Zuruf von fern, und zwischen den Baumstämmen
tauchte einer von denen auf, so beim Wachstein unser Bergdörfel vor feindlichem
Volk behüteten. Auf einem Pferde aber sass ein Mägdlein in herrschaftlicher
Tracht, und es folgte ein Trupp Leute. »Schauet doch!« raunete man; »ist das
nicht unser adlig Fräulein? Ei freilich, die junge Schaffgotschin! Mit Maiwalds
Karle kommt sie zu uns. Und da sind ja auch die Knäblein des gnädigen Herrn! Und
der Kemnitzer Rentmeister.« Den Ankömmlingen öffnete man eine Gasse und neigte
sich vor der jungen Herrschaft. Als ein rechtes Prinzesslein anzuschauen war Anna
Elisabet, Hans Ulrichs zwölfjährig Töchterlein, schön, zart wie die Mutter
selig. Unter den vier blondlockigen Knaben hatte einer schon etwas vom hohen
Wuchse seines Vaters. Der kleinste mochte sieben Lenze zählen. Zuerst vermeinte
ich, es werde nun auch der Freiherr kommen. Doch nein. Und es schloss nun die
Menge den Kreis um unsere Gäste.
    Das Pferd ward vor mir angehalten, und die junge Schaffgotschin sprach mit
traurigem Lächeln: »Grüss euch, ihr Leute! Ihr wisset, wir sind eures Grundherrn
Kinder. Stehet uns nun bei, bitt euch! Unser Vater - ach, unser Vater ...« Nicht
weiter konnte sie und brach in Tränen aus, das Tüchel vor dem Angesicht. Weiber
küssten ihres Gewandes Saum, und männiglich murmelte bestürzt: »Was hat's denn
mit dem gnädigen Herrn?«
    »Gute Leute!« nahm der Rentmeister das Wort und zog den Hut vom ergrauenden
Haupte - »eine Heimsuchung hat die edeln Schaffgotsche betroffen; unser gnädiger
Herr ward auf Befehl des Kaisers verhaftet ...« - »Mein Gott!« rief alles
entsetzt. »Verhaftet? Auf Befehl des Kaisers? Was tat denn unser Herr?«
    »Die Verhaftung ist geschehen durch den General Colloredo ...« - »Da haben
wir's!« rief ich aus, »Italiener und Spaniolen erwürgen unser Volk.« - »Die
Pfaffen sein schuld!« meinte der Bauer Dressler. »Die Jesuiter!« schrien andere.
    Der Rentmeister fuhr fort: »Im Ohlauer Schloss war's - da quartierte unser
Herr. Wollte grade ausreiten, die Feldwachen zu besichtigen. Da ziehet
klingenden Spiels Colloredosches Fussvolk auf und besetzt sogleich die
Schlosspforten. Unseres Herrn Kammerdiener kommt hereingestürzt: Flugs machet
fort, Herr! Doch ihm auf den Fersen sind Colloredos Offiziere, die Degen
entblösst. Einer weiset den Haftbefehl vor: Im Namen des Kaisers! Herr
Feldmarschall Colloredo gebeut, dass wir Ihro Gnaden nach Glatz transportieren,
ohne Verzug, lebendig oder tot. - Unser Herr, zuerst starr und sprachlos,
schäumte nun wie ein wilder Eber: Lebendig oder tot? Ich will euch zeigen, wer
den andern töten wird. - Und stürmte zur Ecke, wo die Standarten lehneten, und
wo sein Degen hängen sollte. Doch der Degen fehlte, ein Schelm hatte ihn
entwendet, und den Wehrlosen packten die Offiziere ...« - »Mein Gott!« jammerten
die Schreiberhauer, und es weineten die jungen Schaffgotsche. Dressler rief:
»Unser Herr ist halt ein Evangelischer, das ist sein Verbrechen!« Der Bericht
aber lautete des weitern: »Noch gleichen Tages waren alle Schriftstücke unseres
Herrn von den Obersten genommen und versiegelt, und bei anbrechender Dunkelheit
fuhr die Karrete mit dem Gefangenen zur Glatzer Feste. Hinterher ging das
Gerücht, Herr Schaffgotsch habe benebst dem Herzog Wallenstein und dessen
Schwager Tercky Hochverrat am Hause Habsburg begangen, nämlich den untergebenen
Obersten befohlen, dem Wiener Hofe nicht Order zu parieren, dieweilen der
Generalissimus mit Wien uneins sei und als Führer der Armada über der
kaiserischen Regierung stehen müsse.« Da alles betreten schwieg, nahm Dressler
das Wort: »Wie dem auch sei - an unserm gnädigen Herrn ist kein Falsch.« - Dann
sprach wieder der Rentmeister: »Ein gut Gewissen muss unser Herr haben,
sintemalen er sein Eigentum, ja seine Kinder, ohne Schutz mitten unter
Colloredoschem Volke gelassen hat. Das ist nach Lage der Dinge nun freilich
schlimm. Es dräuet den Schaffgotschischen Besitzungen, und in puncto religionis
auch den Kindern Gefahr von seiten der Jesuiter, so ja den Kaiser beherrschen.
Stellet doch der Kardinal Dietrichstein allbereits das Ansinnen, es sollen
evangelische Diener hinfürder den jungen Schaffgotschen fern bleiben ...« -
»Hoho!« murreten die Schreiberhauer. - »Man will unsere Herrschaft ausrauben«,
nahm ich das Wort. »Raunet man doch, es bestehe bei Hofe das tägliche Brot aus
konfiszierten Güteln. Da wird ihnen das Maul wässern nach dem Reichtum der
Schaffgotsche. Ich möchte die hochgeborenen Kinder nicht bekümmern; jedoch, Herr
Rentmeister, sowie ihr lieben Schreiberhauer, man muss der Gefahr ins Auge
schauen. Der Papismus recket seine Hand übers Gebirge, will uns Gut und Glauben
nehmen. Da gilt es, fest und treu zueinander zu halten. Drum wollen wir unserm
Grundherrn beistehen, so gut es unserm schwachen Vermögen gelingt. Nicht also,
ihr Leute?« - »Wir stehen bei!« riefen sie. »Ich selber bin ein armer Eremit der
Iserwildnis ...« - »Unser Prädikant ist er!« rief man dazwischen. »Einen
Buschprediger heissen sie mich. Ohne kirchliche Bestallung predige ich unsern
Schreiberhauern, weil sie, geistlich verwaiset, mein Wort nicht ungern vernehmen
und mein Saitenspiel. Ich suche ewiges Heil, suche den Frieden für unser armes
Vaterland und bin unserm gnädigen Herrn Hans Ulrich ergeben. Seine Kinder haben
eine Zuflucht bei uns, und ihre Feinde werden wir zurückscheuchen ...« Dressler,
der reckenhafte Bauer, schüttelte die Faust: »Wir halten Wacht beim Wachstein,
und wehe denen, so ihn berennen! Felsen schmettern wir in ihre Reihen ...« -
»Gut und Blut für die Herrenkinderla!« rief der älteste Mann des Dorfes, mit
einfältigem Lächeln sich neigend. »Sie sein unsre Gäste - wenn sie möchten
fürliebnehmen - wir sein geringe Leute!« rief man, und ein Weiblein platzte
heraus: »Die Preislerin, die hat's fürnehmste Häusel.« - »Da hat's Speckeier und
Bratühnla«, lallte der älteste Mann. »Nu freilich - ein Unterscheid muss halt
doch sein zwischen Adelsblut und gemeinen Menschern.« Hellauf lachte das
Fräulein unter Tränen. Dressler entschuldigte: »Halten zu Gnaden!« Die Preislerin
trat aus der Menge und neigte sich: »Hätte mir's nicht nehmen lassen, die junge
Herrschaft zu bewirten. Ebenfalls den Herrn Rentmeister und unsern Prediger.
Wollet mir folgen, meine geehrten Gäste!« Zum Danke reichte das Fräulein der
Witfraue die Hand, und nach einem Grüssen und Vivatruf der Menge wurden die
Schaffgotsche zur Glashütte geleitet.
    Ich ging neben dem Rentmeister und vernahm noch mancherlei von dem
Vorgefallenen. »Eine Parteiung« - erzählte er - »zerreisst die kaiserische
Armada. Wallensteinisch sind die einen, höfisch die anderen. Unser Herr hat
stets zu Wallenstein gehalten; der hinwiederum hat nicht vergessen, dass der
Steinauer Lorbeer insonderheit den Schaffgotschischen Dragonern zu verdanken. Im
Januar ist unser Herr im Pilsener Hauptquartier gewesen und hat aus Wallensteins
eigenem Munde seine Ernennung zum Obergeneral aller schlesischen Völker
vernommen. Wie er dann aber in Glogau seine neue Charge dem Generalleutnant
Gallas meldet, schüttelt dieser spöttisch das Haupt und weiset einen
schriftlichen Armeebefehl vor, wonach Colloredo der schlesische Obergeneral ist.
Da stund unser Herr, der mir selber solche Kränkung geklagt hat, wie ein
Schulbub errötend und zähneknirschend. Unter Vorbehalt weiterer Schritte hat er
Urlaub genommen und nach längerer Ratlosigkeit einen Diener, den hurtigen
Trompeterhans, nach Pilsen zum Generalissimo gesandt und um Aufklärung ersucht.
Doch bevor der Trompeterhans zurücke war, hat die Verhaftung unseres Herrn
stattgefunden.« - »Und welchen Bescheid hat schliesslich der Trompeterhans aus
Pilsen gebracht?« - »Er ist noch immer nicht zurück. Seit ein paar Wochen haben
wir schier jeden Tag gesprochen: Heut muss er endlich kommen. Gebe Gott, dass ihm
nichts Schlimmes widerfahren ist. Seltsamerweis konnten wir auch über die
Vorgänge im Hauptquartier nichts Gewisses in Erfahrung bringen - als seien alle
Botschaften dorter abgeschnitten. Ein Gerücht will wissen, der Kaiser habe den
Wallenstein abermals abgesetzt. Wallenstein aber wolle sich das nicht gefallen
lassen und wende sich gegen den Hof; wolle mit den Sachsen rasch Frieden
schliessen, ihre Truppen an die seinen angliedern und den Kaiser zu Wien
besuchen. Anders, so scheint's, gibt der Kaiser nicht nach; abpochen muss man
ihm, was not tuet. Es wäre wohl besser gewesen, unser Herr Schaffgotsch hätte
das früher eingesehen und nicht so lange mit der Tat gezögert. Hätte sollen dem
Colloredo zuvorkommen und diesen selber beim Kopfe nehmen, den Gallas dazu und
die ganze welsche Canaglia, so uns am Marke zehrt, den Piccolomini und Collalto,
Diodati und Caretto, Maradas und Mora ...«
    Während dieser Rede hatten sich die Schaffgotschischen Knaben an uns
herangemacht und lauschend ihre zagen Herzlein mit Hoffnung geletzet. In
Preislers warmer Balkenstube, wo Bratühnla und Speckeier tatsächlich dufteten,
tauete die kindliche Munterkeit auf, indessen ich mit dem Rentmeister beim Biere
des weitern über die Zeitläufte redete. Der Herr legte dar, weshalb neuerdings
der alte Gegensatz zwischen Wallenstein und dem Hofe zur ärgsten Schärfe geraten
sei. Zwar zuerst nach dem Siege bei Steinau schien der Jubel zu Wien kein Ende
zu nehmen, und Wallenstein war der glorreichste Held. Im Späterbst jedoch gab
es lange und bleiche Gesichter, da auf einmal der Weimaraner Bernhard die Hand
auf Regensburg gelegt hatte, den Schlüssel zu Österreich und Bayern. Der Kaiser
machte für solch gefährliche Schlappe den Wallenstein verantwortlich, weil
dieser den Süden vernachlässigt habe. Vom Kaiser herbeigerufen, versuchte
Wallenstein zuerst, in Eilmärschen Entsatz zu bringen, blieb aber auf halbem
Wege in böhmischen Winterquartieren liegen. Zur Rechtfertigung machte er
geltend, ein Winterfeldzug werde das Heer ruinieren, die Soldateska werde
entweder meutern oder desperieren und krepieren. Nun flüsterten die Höflinge,
der Generalissimus sei ein gar zu grosser Herre worden und habe Absichten auf die
böhmische Krone. Wallenstein, der wohl sah, wie man in Wien seine Stellung
untergrub, suchte sich der Treue seines Heeres zu versichern. So kam im Jänner
jener Oberstenkonvent im Pilsener Hauptquartier zustande, dem auch Herr
Schaffgotsch beiwohnte; einer seiner Diener hat mir davon Bericht gegeben. Den
aus allen Lagern herbeigerufenen Kommandanten liess der bettlägerige
Generalissimus durch Feldmarschall Ilow eröffnen, wie er der ewigen
Verdächtigungen und Zumutungen von Wien müde und höchlich disgustiert, überdies
alt und gichtbrüchig sei und deshalb lieber auf sein Generalat verzichten und
ins private Leben zurücktreten wolle. Darob gerieten die Herren in nicht geringe
Bestürzung. Weil viele ihre Regimenter aus eigenem Beutel geworben und all ihre
Wohlfahrt in die Armada gesteckt hatten, so liefen sie Gefahr, alles zu
verlieren, sintemalen sie allein in Wallenstein ihre Bürgschaft sahen. Ihn
umzustimmen und zum Ausharren zu veranlassen, sollte ein Bankett verhelfen, das
Ilow in seinem Losamente gab. Nach dem Mittagsmahle blies Ilow die vom Weine
schon heissen Köpfe durch eine Ansprache zur Glut an. Der Hof wolle die Armada um
Quartier, Sold und Beute bringen. Die Pfaffen hätten einen Anschlag auf Herzog
Wallenstein gemacht und ihn mit Gifte vergeben wollen. Der Herzog bedeute nicht
bloss des Reiches, sondern zugleich des Kaisers Rettung und müsse zu diesem Ende
seine Macht ohne jede Schmälerung gebrauchen. Er sei auch solchem
vaterländischen Werke trotz aller Gegenminen immer noch geneigt, wofern die
Obersten ihm Treue schwüren, seine Person und die Armada zu konservieren. »Der
das nit tuet, soll vertilgt werden«, ruft Herzog Julius Heinrich. Und wie der
hitzige Losy alle Obersten, so nicht mitmachen mögen, vor Hundsnasen
ausschreiet, antwortet ihm einer aufbrausend, er verdiene, für dies Wort zum
Fenster hinausgeworfen zu werden. Der Kroat Isolano sucht den Tumult mit
gezogenem Degen zu stillen und vermehrt ihn nur. Piccolomini gerät mit Tercky in
Wortwechsel, heisset ihn einen traditore, heuchelt indessen Trunkenheit und hüpft
lachend mit Isolano umher, worauf sich Tercky beschwichtigen lässt. Inzwischen
wird ein zu Papier gebrachter Schluss zur Unterzeichnung aufgelegt, der die
Offiziere an Stelle eines körperlichen Eides verpflichtet, zum Friedländischen
Herzog ohne Absonderung zu halten, wohingegen dieser beim Heer bleiben solle.
Die Unterschriften wurden der Reihe nach geleistet; auf den Herzog Julius
Heinrich und den Feldmarschall Ilow folgte Herr Schaffgotsch. Manche
unterzeichneten rasch, andere unter Bedenken und dissimilando. Etliche, die
nicht ganz eingeweiht waren oder so taten, schrien in das Stimmengewirr: »
Déchirez la lettre! Wascherei! Pochen wir's dem Kaiser ab!« Es war eine volle
Mette, und viele mögen sich nach so starkem Trunke kaum entsonnen haben, was
alles getan und geredet worden. Doch mitnichten übergangen hat's der Wiener Hof,
der seine Lauscher und Späher halt mitten unter Wallensteins Vertrauten hat. Für
Meuterei schreien die Spaniolen den Pilsener Schluss aus, und der Parteien
Feldgeschrei lautet: Hie Ferdinandus - hie Wallenstein!« - »Ja,« rief ich aus,
»Wallenstein ist der Mann, unser armes Vaterland zu retten. Wenn's doch wahr
wäre, dass er die böhmische Krone erstrebt! Ich wünschte ihm gar des Reiches
Krone. Er würde die Fürsten und Pfaffen bändigen, den Welschen heimleuchten und
den teutschen Stämmen nach dem schändlichen Bruderzwiste Ruhe und Erholung
gönnen. Auf der Grundlage eines Toleranzfriedens! Doch freilich, Gott sei's
geklagt, der Pfaff will keine Toleranz, die Soldateska keinen Frieden, und der
Kaiser ist diesen Fressern unserer Landeskraft zu Willen. Donner und Hagel! So
zwinge doch Wallenstein seinen patriotischen Willen dem Ferdinando auf!«
    »Der Trompeterhans!« rief auf einmal einer der Junker, so am Fenster
gesessen war, und stürmte zur Stube hinaus. Pferdetrappen nahte, und durchs
Fenster spähend, sagte der Rentmeister: »Wahrlich, der Trompeterhans - er bringt
Botschaft von Wallenstein.« Wir eilten vor die Tür, und da stieg ein Reiter ab,
ein junger Gesell mit sprossendem Bart, in rotem Wams, bewaffnet. Kurz und
leicht war er, doch sehnig, behend, feurigen Auges. »Was bringst du?« rief der
Rentmeister. Ein düsterer Blick war die Antwort, und wir errieten, dass es eine
Hiobspost sei. Der Trompeterhans grüsste die jungen Schaffgotsche und den
Rentschreiber, atmete tief und brachte heraus: »Wallenstein ist hin - gemeuchelt
haben ihn die Kaiserischen!« Nach dieser grauenvollen Mär war mir zuerst, als
narre mich ein böser Traum. Wallenstein ermordet? Unsere grosse Hoffnung mit
einem Schlage vernichtet? Wie denn? Der reichste Fürst, der gewaltigste
Söldnerführer, von dem alles zitterte, der Kriegsgott, der des Vaterlandes
Schicksal in Händen hielt, er sollte auf einmal hin sein? Und gar gemeuchelt?
Wir waren bleich und rangen nach Odem. Es quälte mich, dass die Sonne schien und
eine Lerche trillerte. Wir gingen langsam in die Balkenstube. Der Trompeterhans
nahm den dargereichten Trunk, setzte sich zum Herd und kam mit dem Bericht
heraus:
    »Nahe bei Pilsen, in einer Dorfschenke, vernehm ich, der Wallenstein sei
zween Tage zuvor nach Eger aufgebrochen, wo er sicherer sei und näher den
Schweden, denen er sich nun gänzlich in die Arme werfen wolle ...« - »Den
Schweden?« unterbrach der Rentmeister bestürzt. »Ja, dem Feinde!« antwortete der
Trompeterhans. »Vom Kaiser geächtet, wollte er halt sein Leben retten.« - »Er
hatte doch den Wall seiner Regimenter um sich!« - »Keinen Wall! Verlassen hatten
ihn sein falscher Freund Piccolomini, Diodati und mehrere Regimenter. Nur noch
fünf Kompagnien hielten zu Wallenstein. Nicht mehr stolz zu Rosse kommandierte
er seine Völker. In einer alten Sänfte, von Pferden getragen, barg er den
siechen, von Schmerz zerwühlten Leib, und einer Flucht glich dieser Zug. Nur
wenige Getreue umgaben den Herzog, seine Schwäher Ilow und Tercky nebst deren
Gemahlinnen, etliche Karreten und Sänften. Den Beschluss machte ein tückischer
Ausländer namens Buttler mit seinen Dragonern. Das war der Judas, der seinen
Meister verkaufte. In Mies, wo Wallenstein übernachtet hatte, erfuhr ich, wie
schlecht es mit ihm stehe, und in Plana kam mir gar ein Patent vom Hofe unter
die Augen; der Kaiser - so hiess es darin - erkläre den Herzog von Friedland für
einen Majestätsverbrecher und lasse ihn durch Gallas, Piccolomini und Maradas
lebendig oder tot einholen. Am nächsten Tage sah ich hinter dem Flusse Eger die
Burg mit ihrem Turme und die Stadtkirche in die graue Winterluft ragen und
meldete mich bei der Torwache als Kurier für den Herzog von Friedland ...« -
»Und hast ihn gesprochen?« fragte der Rentmeister ungeduldig. Der Trompeterhans
schüttelte das Haupt: »Man hat mich nicht zu ihm gelassen. Oberst Gordon, der
Kommandant von Eger, war bereits abtrünnig und mit Buttler einig, den Herzog und
seine Partei umzubringen. Ich witterte Unrat, da man mich unter einem Vorwande
entwaffnet und auf die Burgwache gebracht hatte. Dorten ward mir gewiss, ich sei
ein Gefangener. Durch das Gitterfenster der Wachtstube konnt ich hören,
teilweise auch sehen, was auf dem Burghofe und im Bankettsaale vor sich ging.
Während, wie es hiess, der kranke Herzog von Friedland in der Bürgermeisterei am
Ringe seine einsame Erholung suchte, hatten seine Vertrauten, die Grafen Kinsky
und Tercky, der Feldmarschall Ilow und der Rittmeister Neumann, die Einladung
des hinterhaltigen Gordon zur fröhlichen Tafel angenommen. Da nach dem Schmause
die Fenster geöffnet wurden, konnte man hören, wie der Wein die Zungen gelöst
hatte. Ein Wallensteinischer prahlte, in wenigen Tagen werde der Herzog eine
Armee zusammengebracht haben, der ganz Europien nicht widerstehen könne. Ein
anderer rief im Übermut der Trunkenheit: Ihr Brüder, wahrlich ich will mein
Haupt nicht eher sanfte legen, als bis diese Hand in Habsburgs Blute gewaschen
ist, - ja in Habsburgs Blute, dixi! Lautlos still ward alles, dann ging neues
Toben los. Soeben war Friedlands Wohl getrunken, als im Hofe dumpf Waffen
klirrten und Soldaten sachte schritten. Auf einmal rief eine Stimme im
Bankettsaale: Nieder mit Friedland! Viva la casa d'Austria! Holla, wer ist gut
habsburgisch? Dies war das Feldgeschrei für die kaiserische Partei und das
verabredete Zeichen zum Beginne der Mörderei. Unter solchen Rufen hatten Gordon,
Leslie und Buttler die drei Kerzenleuchter vom Tische genommen und sich auf die
Seite begeben, indessen andrerseits Dragoner mit blanker Waffe auf die
überraschten Freunde Wallensteins eindrangen. Und nun ging ein Waffenrasseln
los, ein Hilferufen, Wutgebrüll und Stöhnen. Wie man später sagte, war Kinsky
der erste, der in sein Blut sank. Ilow, der seinen Degen von der Wand nehmen
will, empfängt den mörderischen Stoss durch den Rücken. Tercky, dem es gelingt,
seines Degens habhaft zu werden, wehrt sich wie ein Leu. An die Wand gelehnt,
fordert er Gordon und Buttler als schändliche Verräter heraus, ritterlich mit
ihm zu fechten. Die Dragoner, von denen er schon zwei niedergestreckt hat,
stutzen vor seinen Hieben und Stössen und halten ihn schon für gefeit und
gefroren, indem sein Lederkoller wie ein Panzer schützt. Da findet Deveroux mit
schlitzendem Dolche den Weg zum Herzen, und dies hat ausgeschlagen. Neumann ist
zwar aus dem Saale entronnen, doch nur, um in die Spiesse der Aussenposten zu
stürzen. Gleich mir und der ganzen Wachtstube hatten die in einem Gemache neben
dem Saale speisenden Diener das Hilfegeschrei ihrer Herren vernommen, konnten
aber nicht beistehen, da sie eingesperrt waren. Wohl sprangen etliche aus dem
Fenster, wurden jedoch von den unten postierten Soldaten niedergemacht. Ein
einziger entkam aus der Burg und rannte, während eine Kugel hinter ihm drein in
die Nacht sauste, zur Bürgermeisterei, um den Frauen der getöteten Grafen die
Schreckenspost zu überbringen. Schaurig war's für mich, manches von diesen
Vorfällen aus der Nähe wahrzunehmen, ohne helfen, ja ohne meine friedländische
Gesinnung verraten zu dürfen. In der Wachtstube verblieb ich die ganze Nacht,
von den Soldaten als ein Gefangener gehalten, wiewohl sie kameradschaftlich mit
mir redeten und nichts dagegen hatten, dass ich über ihre Schultern durchs
Fenster lugte, sobald sich auf dem Hofe etwas zutrug. Bald nach der Mordtat trat
der Oberstwachtmeister Leslie zu uns in die Wachtstube und sagte, es sei soeben
ein Befehl des Kaisers vollstreckt; hinfürder gelte nur noch des Kaisers Wille,
und man solle Seiner Majestät schwören; mit der Friedländischen Tyrannei sei es
nun endlich aus. Unverzüglich leistete die Wache den verlangten Eid. Drauf
beobachteten wir, wie bei Fackelschein die Ermordeten aus dem Burghause in den
Hof geschleift und nebeneinander in die Ecke gelegt wurden. Während man in der
Wachtstube zechend und knöchelnd disputierte, lag ich auf meinem Strohsack und
überlegte, ob Herzog Wallenstein ermordet, gefangen oder entkommen sei, und was
aus diesen Ereignissen für unsern Herrn Schaffgotsch zu erwarten. Als der erste
Hahn krähte, ward ein Trupp trunkener Offiziere in die Burg eingelassen, und aus
ihren Reden entnahmen wir, was in der Stadt vorgefallen war. Bis gegen
Mitternacht hatte sich Wallenstein mit seinem Astrologo über das Geheimnis der
Sterne beraten und das Verhängnis der kommenden Stunden entüllen wollen. Seno
hatte ihn vor einer grossen Gefahr gewarnt, doch nun vermeinte Wallenstein, die
Gefahr sei vorüber, und hatte sich zu Bette begeben. An den Fensterscheiben
rüttelte der Sturm, und es klirrte ein scharfer Regen. Auf einmal erschallt
weibliches Jammergeschrei; es sind die Gräfinnen Tercky und Kinsky, denen der
entsprungene Diener den blutigen Tod ihrer Gatten gemeldet hat. Zugleich stampft
die Meuchelbande die Wendeltreppe heran und sprengt die Tür. Im Hemde steht
Wallenstein beim Fenster, als Deveroux mit gefällter Partisane auf ihn
losstürmt: Bist du der Schelm, der des Kaisers Volk dem Feinde zuführen und der
Majestät die Krone vom Haupte reissen will? Da Wallenstein verächtlich schweigt
und die Brust entblösst, seine Arme ausbreitet, so stösst der Mörder zu. Ohne
Schmerzenslaut, stumm sinkt der Herzog zu Boden. Ein paar Augenblicke stund die
Meuchelbande starr vor ihm, dem sie bisher zitternden Gehorsam entgegenbrachten.
Dann vergass ihre Furia jede Ehrfurcht und vergriff sich an dem Leichnam. Ein
paar Dragoner wollten ihn zum Fenster hinauswerfen. Deveroux liess ihn die Treppe
hinunterschleppen und aufs Pflaster legen. Gegen Morgen brachte ihn ein Wagen
auf die Burg, wo er neben die anderen Leichen zu liegen kam. Da hab ich ihn
gesehen, den Kriegsfürsten, bleich, blutig und starr, in einen roten Teppich wie
in einen scharlachenen Königsmantel gehüllt ...«
    Der Trompeterhans verstummte, während das gräfliche Fräulein aufschluchzete,
und die Junker klagten: »Vater! Was wird nun aus unserm Vater?« - Nach einem
düstern Schweigen fragte der Rentschreiber: »Und wann ist die Untat geschehen?«
- »Am 25. Feber.« - »Den Tag zuvor geschah die Verhaftung unseres Herrn
Schaffgotsch.« - »Nicht zeitig« - so fuhr der Trompeterhans fort - »hab ich die
Meldung der Vorfälle heimbringen können, da ich erst vor fünf Tagen aus der
Egerschen Gefangenschaft entlassen worden bin.« - »Was wird aus unserm Vater?«
klagten die Kinder aufs neue. »Nun ist er auf die gerühmte Klemenz des Hauses
Habsburg angewiesen«, sagte der Rentmeister kleinlaut und bitter. Wir trösteten
die jungen Schaffgotsche, so gut es gehen wollte. Ich dachte indessen: Da hat
nun der kaiserliche Hof neue Beute; die reichsten Herren des Schlesischen und
Böhmischen Gebirges liegen auf der Strecke; die Güter der Friedländischen
Herrschaft sowie Terckys und Kinskys werden konfisziert, und wer weiss, ob nicht
auch die Schaffgotschischen an die Reihe kommen. Mir scheint, das
Hauptverbrechen unseres Herrn ist sein Reichtum. Den Teufel auch!
    Als wir die besten Männer von Schreiberhau zur Beratung versammelt hatten,
schlug uns eine neue Hiobspost aus Kemnitz nieder. Der kaiserliche Fiskal von
Knobelsdorf schrieb dem Rentmeister, es seien die Schaffgotschischen Güter dem
Fisco Ihrer Majestät verfallen; was aber die Kinder des Freiherrn anlange, so
werde ihnen eine Alimentation gewährt, vorausgesetzt, dass sie sich der
kaiserlichen Gnade unterwerfen. Nach manchem Hin und Wider der Meinung kamen wir
schliesslich überein, es sei für die Herrenkinder das Ratsamste, doch lieber
nicht im Gebirge versteckt zu bleiben, sondern ins Kemnitzer Schloss
zurückzukehren. Schwer und grimm war mein Herz, als ich diesen Abend den
einsamen Gang zur Abendburg tat.
    Friede! seufzete ich droben bei meinem Felsen, und in den lichtbesäten
Nachtimmel sank mein Schauen ... Friede, warum meidest du wie ein Geächteter
das Volk der Erdbewohner? Ist unsere Kreatürlichkeit daran schuld, dass wir so
unaufhörlich in Habgier und Streite lodern, nicht anders denn Holz, wann es
angesteckt in Flammen aufgeht? Von der Erbsünde reden die Gottesgelahrten, und
es muss wohl so sein, dass der Mensch durch einen Sündenfall sein ganz Geschlecht
aus dem Garten Eden verbannt. Selbstsüchtig hat die Kreatur sich abgesondert von
der Einigkeit ihres Ursprungs und ist dem Schweifen in der Fremde verfallen, wie
der verlorene Sohn, oder wie der Engel Luzifer, so in den Abgrund stürzte. Und
nun - was kann die verlorene, vereinsamte Seele erlösen und heimführen?
Zerreissen muss sie den Schleier des Wahns, es seien die Geschöpfe genötigt,
einander zu befehden. Das brauchen sie mitnichten; vielmehr soll sich eines im
andern wiederfinden und mit ihm heimkehren zum allgemeinsamen Vatergrunde.
    Oh ich ahne die Seligkeit dieser Heimkehr. Du gabst sie mir zu kosten, meine
Tekla! Drum glaub ich gern, was die Sprachkundigen sagen: der Name Tekla sei
griechisch und bedeute »Gottesschlüssel«. Allerdings hast du, Geliebte, mir
aufgeschlossen das Sternenland, wo Ich und Du im Ewigeinen zusammenfliessen.
O Schwester fern im Sternenland,
Ich grüsse dich mit heissem Weinen.
All meine Tiefen sind entbrannt,
Mich deinem Lichte fromm zu einen.
Du mahnest an den Vatergrund,
Der uns einander eingeboren.
Ein Sündenwahn zerriss den Bund;
Mein Garten Eden ging verloren.
Geschieden aus der Ewigkeit,
Trieb ich der Fremde nach vermessen.
Fort spülte mich die Woge Zeit -
Und meine Schwester war vergessen.
Doch eines Nachts am Felsenstrand,
Als dumpf das Lied der Öde toste,
Da ward ich heimlich süss gebannt,
Weil mich ein Sternenauge koste.
Du warst es, und ich sog den Seim
Der alten Lieb aus diesem Auge.
Nun fühl ich treu, wo ich daheim,
Und dass ich noch zur Heimkehr tauge.
Nun trag ich treu der Fremde Not
Und sehne mich zur Strahlenferne -
Bis alle Fremdheit in mir tot..
O selig Grab im Schwestersterne!
Es war an einem Abend des Julimonds, und ich molk meine Ziegen, als der Oheim
nebst einem Fremden auf meine Klause zuschritt. Der war jung, von hohem,
schlankem Wuchse, hatte grosse stahlblaue Augen und schwarzes Haar. Im gebräunten
Antlitz spross der erste Bart. Waffen trug er und sah wie ein Soldat aus. Als
wir einander begrüsst hatten, sprach der Oheim: »Hier ist ein Bote vom
Schmiedeberger Stadtauptmann Pretorius, bringt trübe Kunde. Schmiedeberg ist
von einer streifenden Partei niedergebrannt.« Seufzend nickte der Bote: »Bis auf
wenige zerschlagene Häuser stehet nunmehr alles ganz öde und wüst.« Schweigend
sahen wir einander an, verdüstert die Stirnen. Dann fragte ich: »Und hat Er
sonst noch etwas von seinem Hauptmann zu vermelden?« - »Allerdings,« entgegnete
der Bote, »Pretorius hat einen Teil der Bürgerschaft in den Meltzer Grund
gerettet, wohin kein Feind zu dringen wagt. Wir haben ein wenig Vieh und
Getreide. Das genügt indessen nicht, und so hat Herr Pretorius Boten in die
unterschiedlichen Ortschaften des Gebirges abgesandt, anzufragen, ob für Geld
und gute Worte Lebensmittel zu haben seien. Ich bin nach Schreiberhau gekommen,
und der Gemeinderat ist meiner Bitte, wie es scheint, geneigt, hat es aber für
ratsam befunden, den Herrn Johannes um seine Meinung zu befragen. Da bin ich
nun, dein Oheim hat mich hergeleitet. Du wohnest hier dem Himmelslichte nahe und
predigest, wie ich vernehme, so wahr, dass ich hoffen darf, auch du wirst uns
Lebensmittel bewilligen.« - »Ich stimme bei,« entgegnete ich, »in diesen
schlimmen Zeiten sollen wir Bergbewohner zusammenhalten.« Der Bote blickte
dankbar und drückte meine Hand. Dann betrachtete er meine Balkenklause, Felsen,
Stall und Ziegenweide und schaute über die Bergwälder zur blauen Ferne. Im
Seufzer schien ihm eine Bürde vom Herzen zu sinken. »Hier ist es still; wir
Schmiedeberger wissen kaum noch, was Frieden ist.« Nachdem er wieder in Sinnen
verfallen, meinte er mit traurigem Lächeln: »Denket nur, selbst das Vieh ist der
Kriegsunruhe so gewohnt, dass es ohne Antreiben der Hirten auf die Stadt zulief,
sobald man anfing, mit dem besondern Hammer die Sturmglocke zu schlagen. Die
Tiere wussten dann sogleich, dass Feinde kommen.« Bitter fügte er hinzu:
»Freilich, durch das viele Anschlagen ist die Sturmglocke zersprungen.«
    Ich lud meine beiden Gäste ein, mit mir das Mahl zu teilen und in meinem
Gehäus die Nacht zuzubringen. Da der Bote gern einwilligte, so gingen wir in die
Balkenklause. Ich zündete Kienspäne an und trug Brot, Schinken, Milch und
Beerenwein auf. Da wir uns zum Essen hingesetzt hatten, faltete ich nebst Tobias
die Hände, der Bote aber tat dies nicht, sondern stützte sein Haupt in die Hand.
Als wir nun assen, konnte ich die Frage nicht zurückhalten: »Wie kommt es, lieber
Mann aus Schmiedeberg, dass Er vorhin gesagt hat, ich predige Wahrheit, und dass
Er gleichwohl an unserm Gebete nicht teilgenommen hat?« - »Ich habe
teilgenommen,« erwiderte der Bote, »jedoch auf meine Weise. Wir Putzkeller
falten beim Beten nicht die Hände, weil wir nicht droben, nicht jenseits den
Gott suchen. Wir schmiegen die Stirn in die Hand, weil in solcher Stellung der
Mensch nachzusinnen pflegt. Im Sinnen finden wir den Lichtvater, so nicht im
Himmel wie ein Regente waltet, sondern innen im Menschenherzen.« - »Recht so,
Schmiedeberger,« erwiderte ich, »des Menschen Herz ist die rechte Kirche, wo er
beten soll.« Mit unverhohlner Freude sprach der Bote: »So bist du einer der
Unseren, gehörst zu den Putzkellern, ohne es zu wissen.« - »Wer sind denn die
Putzkeller?« fragte Tobias, und der Bote antwortete: »Ich habe Euch noch nicht
gesagt, dass ich Segebodo heisse, mit dem Beinamen Putzkeller, den auch mein Vater
und Grossvater führten. So werden seit alter Zeit Anhänger meines Glaubens
benamset. Putzkeller waren schon unsere teutschen Urväter, ehe denn die Kirche
sie irregeleitet und geknechtet hat.« - »Ei, was glauben denn die Putzkeller
sonst noch?« fragte ich, »will Er zum Exempel offenbaren, wie Sein still Gebet
gelautet hat?« - »Das will ich«, entgegnete Segebodo, stützte dann seinen Kopf
auf die Hand und raunte feierlich:
»Licht-Vader use!
Tovorn wärstu ower uns,
Nu awers bistu under uns,
Un dyn Ryk shall warden binnen uns.«
    »Hast du verstanden, Tobias?« sprach ich zum Oheim; »er hat eine ähnliche
Mundart, wie man sie im Magdeburgischen redet. Er betet: Licht-Vater unser,
zuvor warst du über uns, nun aber bist du unter uns, und dein Reich soll werden
innen uns. Fürwahr, ein schön Gebet. Segebodo, sag Er mir, aus welchem Gaue
teutschen Landes Er stammt.« - »Im Harzgebirg bin ich geboren, zu Elbingerode,
nahe dem Berge Brocken.« - »Und wie kam es, dass Er nach Schmiedeberg verschlagen
ward?« - »Mein Vater, das Haupt unserer heimlichen Gemeinde, hat, da ich
zwanzig, meine Schwester Bertulde achtzehn Jahre zählte, zu uns gesprochen: Nun
geht, wie es sich für Erleuchtete geziemet, hinaus in die Welt und kündet den
blinden Geschwistern das Heil! So bin ich mit Bertulden zunächst nach Goslar
kommen. Daselbst haben sie an Bertulden ein Ärgernis genommen und sie der
Hexerei angeschuldigt. Beide aber sind wir entwichen und nach den Schlesischen
Bergen gezogen.« - Tobias erstaunte: »Wie denn? Eine Hexe soll deine Schwester
sein?« Und ich fügte hinzu: »Was hat sie denn getan?« - »Eine Lichtjungfer ist
sie«, entgegnete Segebodo; »das will heissen, sie ist geweiht, fromme Dienste zu
tun, wenn wir in heiliger Nacht den Vater des Lichts mit Flammen feiern, wie es
von alters her auf dem Brocken geschieht.« - »Wie feiert ihr denn?« fragte ich.
Segebodo schlug die Augen nieder: »Nichts für ungut, wenn ich auf diese Frage
schweige. Unsern Lichtdienst offenbaren wir nur den Eingeweihten. Wir haben
unsere Geheimnisse.« - »Und ist euer Geheimnis verraten worden? Hat man euch
etwan beim Brockenfeuer belauscht und die Lichtjungfer angegeben?« - »Nein! Wir
sichern die heilige Handlung vor Beobachtern durch ausgestellte Wachen; aber zu
Goslar hat Bertulde, wiewohl vom Lichte begnadet, einer torenhaften Minne
gehuldigt.« - »Wie das?« sagte ich, »oder möchte Er auch darüber schweigen?«
    »Ich denke wohl, Euch darf ich es sagen. Erst wenige Tage wohnten wir zu
Goslar, als Bertulde ihr Herz an einen Schmiedegesellen verlor, der ein schöner
Jüngling war. Ganz unsinnig aber hat sie ihre Minne gemacht, dass sie kaum andere
Gedanken gehabt, als ihrem Schatz nachzuschleichen und ihn zur Gegenminne
magisch zu bestimmen. Der Geselle jedoch hat nicht ein einzig Mal sein Aug auf
sie geworfen. Da hat Bertulde wahrgenommen, wie er des Sonntags gern einen Wald
besuchte, wo ein Bach über Steine rauscht. Eines Sonntags nun ist sie
rechtzeitig dortin gegangen, der Zuversicht, ihr Liebster werde sich auch
diesmal einstellen. Ihn zu betören, betrieb sie einen seltsamen Plan. Bis auf
die weisse Haut hat sie sich entkleidet und die Kleider im Walde versteckt, ihr
langes Flachshaar mit Glasperlen durchwirkt und ein Kränzlein von Schilf aufs
Haupt getan. So ist sie am Bache gesessen, die Füsse netzend, als der Jüngling
daherkam. Verwundert blieb er stehen und vermeinte anfangs, es bade sich eine
Dirne vom nächsten Gehöft. Bertulde aber hat ein Putzkellerlied mit ihrer
schönen Stimme gesungen und mit dem Haarschmuck, den zarten, geschmeidigen
Gliedern und ungewöhnlichen schwarzen Augen dem Beschauer mehr und mehr ein
übermenschlich Wesen gedünket. Schliesslich hat er seinen Hut gezogen und nach
demütigem Neigen gesprochen: Gnädige Jungfer, oder wie immer Sie zu benamsen! Es
mag sich nicht geziemen, dass ein unadliger Mensch sich einem solchen
ansehnlichen Frauenzimmer nähert. - Das muss Er nicht sagen, antwortete mein
listig Schwesterlein; es ist ein Gottesgeschöpf des andern wert. Überdies hab
ich schon hundert Jahr auf Ihn gewartet. Sintemalen es der Himmel nun füget, dass
wir diese längst erwünschte Stunde mitsammen erleben, so bitt ich um Gottes
willen, Er setze sich zu mir und vernehme, was ich zu reden habe. Der
Schmiedeknecht setzte sich, und sie wartete ihm mit folgendem Märlein auf: Mein
allerliebster Herzfreund, meine Hoffnung und Zuversicht, Sein Name, nicht wahr,
ist Jakob? Nun gut! Ich bin Miranda, der Melusine Tochter, die sie mit dem
Ritter Stauffenberg erzeugt, leider aber verflucht hat. Drum so soll ich bis zum
Jüngsten Tag in diesem Wald verbleiben, es sei denn, dass mich der Schmiedeknecht
Jakob aus Goslar zum Ehegemahl erwähle. Nur durch ihn werde ich erlöst -
freilich mit dem ausdrücklichen Geding, dass er aller andern Weibsbilder müssig
gehe und unsere geheime Heurat ein Jahr lang verschwiegen halte. Darum, so seh
Er nun, wie Er's recht mache. Will Er mich ehelichen und diese Dinge halten, so
werd ich selig und mach Ihn zum reichsten, glückseligsten Mann auf Erden. So Er
mich indessen verschmähet, muss ich zu Wasser zerrinnen. Der einfältige
Schmiedeknecht, so die Fabulam der Melusine gelesen, gelobte auf den Knien, der
Miranda Ehegesponst zu werden. Gleich hinterher aber nahm er in seiner frommen
Scheu unter Verneigungen den Rückzug. Geriet dabei zur Stelle, wo Bertulde ihre
Kleider abgelegt hatte, und es dämmerte ihm nun wohl, dass er mit einem
gewöhnlichen Menschenkinde zu tun gehabt. Daheim bei seiner Schmiedemeisterin
vermochte er nicht reinen Mund zu halten. Er sagte, das nixenhafte Weibsbild
habe zusammengewachsene dunkle Augenbrauen gehabt. Die Bertulde kannten, rieten
sogleich auf sie, und wegen der Empörung, so im Goslarer Weibsvolk laut ward,
konnte der städtische Rat nicht umhin, den Fall zu erwägen. Doch hat's die
Schicksalsfrau so gefügt, dass im Rate ein Mann war, so auf meine Schwester ein
Auge geworfen. Wie der nun sah, dass man sie zur Hexe machen wolle, hat er sich
still aus der Sitzung entfernt und uns gewarnet. Rechtzeitig konnten wir aus
Goslar entweichen, und das war gut, denn sie haben meine Schwester zum
Scheiterhaufen verdammt.« - »Aber warum denn?« fragte ich. »Nur eine Komödiantin
aus Liebestollheit, keine Hexe ist sie gewesen.« - »Schon recht«, erwiderte
Segebodo; »doch kam im Rate noch eine andere Sache zur Sprache. Bertulde hatte
ein Zauberding, und nun hiess es, sie stehe mit dem Bösen im Bunde.« - »Was für
ein Zauberding?« fragte mein Oheim. Segebodo wollte nicht mit der Sprache
heraus. Wie aber Tobias, die Hand auf seinen Arm gelegt, lodernden Blickes in
ihn drang, und wie ich hinzufügte, hier seien keine Hexenbrenner, erwiderte
Segebodo: »Es war ein Spiritus flammarum.« - »Was ist das?« fragten wir. Aber
nun erhielten wir keine Auskunft, und Segebodo stellete uns anheim, das Nähere
von seiner Schwester selbst zu erkunden. Da es Schlafenszeit war, machte ich in
der Balkenstube für meine Gäste ein Lager zurecht und bat den Oheim, er möge
sehen, ob der Ziegenstall verwahret sei.
    Kaum war der Oheim hinausgegangen, so rief er jammernd: »Mein Gott!
Hirschberg stehet in Flammen!« Wie wir nun kamen, sahen wir den Nachtimmel
gerötet, als ob die Sonne aufgehe. Das ganze Hirschberger Tal war besät mit
Feuersbrünsten und hinten die Stadt eine einzige Glut. Der Oheim schlug die
Hände zusammen und sagte nur immer: »Mein Gott! Mein Gott!« Segebodo knirschte:
»Bestien!« Ich presste die Faust auf mein Herz, das sich schmerzlich zusammenzog.
Lange blieben wir unter dem Nachtimmel und berieten, wie sich dem Vaterland
oder mindestens den Bewohnern unseres Gebirges helfen lasse. »Das ganze Gebirge
sollten wir zur uneinnehmbaren Feste machen,« meinte Segebodo, »und sollten uns
abschliessen gen alles, was von aussen unsern Bergfrieden stören will. Ist nicht
zum Exempel die Stätte hier wie zu einer Burg geschaffen? Vor Zeiten hat hier
wohl auch eine Burg gestanden, wie der Name Abendburg verrät.« Tobias stimmte
bei und berichtete dem Boten die Mär von der Abendburg. Daran knüpfte er die
Frage: »Kann deine Schwester, geheimer Künste kundig, wohl eine Zaubersuppe
bereiten, die in Sankt Johannis Nacht den Felsen öffnet? Haben wir erst das Gold
der Abendburg, so können wir die schönste Burg erbauen und das ganze Gebirge zu
einer Feste machen. Wir haben alsodann, woran es uns mangelt: Geld, viele
Menschen zu unterhalten und zu besolden.« In stummen Gedanken nickte Segebodo.
    Des andern Morgens geleitete ich meine Gäste hinunter zu Oheims Häusel, und
wir vernahmen, was sich mit Hirschberg zugetragen. Obwohl die Stadt vom General
Colloredo mit einer Schutzwache versehen war, hatten 2000 kaiserische Soldaten
die Vorstädte überfallen und geplündert. Hierauf begehrten sie Einlass in die
Stadt. Da man nun die Tore verschlossen hielt, trugen sie Leitern ans
Langgassentor, um überzusteigen. Vergebens liess die Sicherheitswache durch einen
Trompeter die Soldateska von Gewalttätigkeit abmahnen. Als Antwort erfolgte
heftig Musketenschiessen, und ein Vorwerk vor dem Langgassentor ging in Flammen
auf. Jetzo gebot der Stadtrat, auf jeden Mordbrenner Feuer zu geben, den man nur
erreichen könne. Diese aber zogen sich hinter das Hospital zurück, und am Abend
hatten sie Kartaunen aufgefahren, die mit geschmierten Kugeln die Stadt
beschossen. Dadurch gerieten ein paar hölzerne Häuser in Brand, und das Feuer
flog weiter. So kam es, dass die ganze Stadt in Flammen aufging. Über hundert
Menschen, so hiess es, und tausend Stück Vieh hätten dabei das Leben verloren.
Viele Hirschberger seien dadurch den Flammen ausgewichen, dass sie über die
Stadtmauer in den tiefen Graben gesprungen und hierauf von den Feinden gefangen
seien. Sehr geringe Beute sei jedoch den Mordbrennern zugute gekommen, da sie
den Rückzug hätten nehmen müssen vor einem Regiment, das Colloredo zum Entsatze
der Stadt gesandt habe.
    Betrübt stieg ich wieder zur Abendburg empor, und mich quälte ein Zweifel,
der mir schon früher zuweilen gekommen war: Wenn Gott in der ganzen Welt lebt
und webt, so muss er auch im Mordbrenner sein. Wie lässet sich das nun
zusammenreimen? Als Antwort kam mir ein Wort in den Sinn, das ich einmal in
einem Buche Philosophiae gelesen: Niemand kann wider Gott sein als Gott selbst.
Ist denn also Gott ein Wesen, das mit sich selbst im Widerspruch? Es muss wohl
also sein. Was Gott aus sich heraus schöpft, das setzt er sich genüber; indem
das Geschöpf anders ist denn Gott, stellt es einen Abfall dar vom Schöpfer. Das
eben ist der Sündenfall, dass die Kreatur ihrem Gotte sich entfremdet und
Eigenwillen angenommen hat. Doch neben dem Drange, der von Gott absondert, lebt
in aller Welt auch noch ein andrer Drang, so fest an Gotte hält und die
Geschöpfe wieder hineinreissen möchte in die ewige Einheit, aus der sie
gequollen. Solch Heimweh nach dem einen Urgrunde, das sich in mehreren Ständen
des Herzens auswirkt, ist des Menschen himmlische Natura, und weil ein Keim
davon in jeglichem Geschöpf, verbleibt doch die Lehre sicher: Gott ist in allem,
was lebt und webt, auch im Mordbrenner. Ich bedachte noch, wie leichtlich ich
selber solch ein Mordbrenner hätte werden können. Magdeburgs Ruinen stunden vor
meiner Seele. Dass diese Stadt in Flammen aufging, war ja das Werk patriotischer
Bürger, sowie des Obersten Falkenberg, und auch mich hätte man dafür gewinnen
können. Wer in der Notwehr, darf Gewalt wider Gewalt setzen. Und so wird es in
der gegenwärtigen Lage recht sein, wenn wir angefochtenen Gebirgsbewohner uns
verteidigen und nach Segebodos Rate das Gebirge zu einer Feste machen. Auch das
Lichtreich hat Mauern und Zinnen nötig, wofern nicht Engel seine Bürger sind.
Der Heiland zwar spricht zu Petro: »Stecke dein Schwert in die Scheide!« Wofür
indessen hat der Schöpfer den Kreaturen Gebiss, Gehörn und Kralle gegeben, wenn
sie sich nicht wehren sollen? Nicht aller Eigenwille der Sonderwesen kann Sünde
sein.
    In diesem Jahr hat sich nichts Sonderliches mehr begeben. Fern von der
schlimmen Welt verblieb ich im Frieden der Abendburg. Das Laub der Birken und
Eschen ward gelb und rot. Novemberstürme tobten, dann kehrte wieder die weisse
Woge, Tal und Höhe zu überfluten. Als der Frühling des Jahres 35 den Verkehr in
den Bergen wieder möglich gemacht hatte, kamen neue Schreckensposten. Die
Hirschberger hatten zwar ihre Ruinen notdürftig zum Wohnen eingerichtet. Die
Schweden aber waren erschienen und hatten die Auslieferung der kaiserlichen
Sicherheitswache gefordert. Nach fruchtlosen Unterhandlungen kam es zur Gewalt,
und nun mussten die umliegenden Dörfer, Höfe und Mühlen büssen. Endlich verglich
sich der Stadtrat mit dem Feinde, dass dieser 200 Taler Abzugsgelder nahm.
    Was Herrn Schaffgotsch anlangt, so stund er vor dem Kriegsgericht zu
Regensburg, angeklagt der Meuterei und des crimen laesae majestatis, und war der
Stand seines Prozesses für ihn sehr ungünstig. Es hiess, man wolle die Folter
über ihn verhängen, damit er seine Schuld gestehe und die Mitschuldigen angebe.
Von den Schmiedebergern kam Botschaft durch meinen Oheim, der ihnen etliches
Vieh über den Gebirgskamm zugetrieben hatte, da sie weiteren Proviantes
bedurften. Der Oheim berichtete, die Schaffgotschischen Kinder seien bei
Pretorius, nachdem sie Armut und alle schwere Not zum Erbarmen hätten leiden
müssen. Die herrschaftlichen Güter seien ganz enervieret und ausgeschöpfet, so
dass es an Speise und Kleidung mangele.
Wie ich an einem Sonntage Aprilis zur Stätte kam, wo ich meine Buschpredigten
hielt, war beim Oheim eine Jungfer von seltsamer Schönheit. Hatte feine Glieder,
grosse schwarze Augen unter dunkeln Brauen und ein zart Gesicht. Üppig umwallte
sie langes Flachshaar, darauf sie ein blau Kopftüchel trug. Bekleidet war sie
mit einem buntbestickten Hemd und einem roten Rock. Die zierlichen Füsse waren
bloss. Als der Oheim sagte: »Das ist Segebodos Schwester«, neigte sie sich
errötend. Auch den andern Sonntag war sie da, und während meiner Predigt ruhte
ihr Auge glühend auf mir.
    Das nächste Mal wollte ich über Mittag bei Tobias bleiben, dieweilen
nachmittags eine Trauung stattfand. Bertulde war nicht bei der Predigt. »Zu
Hause wirst du sie finden«, sagte der Oheim; »sie hilft Beaten das Mahl
bereiten.« Meinen Besuch zu feiern, hatten die Weibsbilder einen leckern Braten
gemacht, auch Kuchen gebacken für das Hochzeitspaar. Das Tischgebet verrichtete
Bertulde in derselben Weise, wie Segebodo getan. In sich gekehrt und schweigsam
blieb sie während der Mahlzeit. Zuweilen rollte ihr Auge nach mir und
betrachtete mich verstohlen. Als Beate das Tischgeschirr abräumte, half
Bertulde, und derweilen sie beide in der Küche waren, raunte der Oheim: »Denke
nur, diese Jungfer versteht sich auf Magie und versichert, sie könne
Zaubersuppen bereiten wie der Giacomini. Hat mir auch ihr flammarisch Zauberding
gewiesen. Auch du sollst es betrachten.« Wie die Küchenarbeit besorgt war, sagte
Bertulde, sie wolle sich ihr Kränzel für die Hochzeit machen. Sintemalen nun
der Oheim in seiner kühlen Stube der Mittagsruhe pflegte, so begleitete ich
Bertulden hinaus auf die Wiese. »Nimm blaue Krokusblüten«, sagte ich; »die
passen für dein Goldhaar.« Mit einem freundlichen Blicke dankte sie mir. Und wir
gingen durch Maiwalds Wiese, sie pflückte einen Krokusstrauss. Hierauf wandelten
wir das Bächlein abwärts, der Böhmische Furt geheissen. Murmelnd hüpfte es über
die Steine durchs Wiesental. Am Ranfte waren Erlen, Birken, Haselstauden, auch
grosse Felsen. Weiter unten kam hoher Wald, zwischen bemoosten Blöcken bildete
das Wasser rauschende Fälle. Wo dazwischen ein kleiner Spiegel war, sahen wir
die Forenfischlein gleich dunklen Stäben, bei unserm Nahen schlüpften sie
zwischen Steine. Durch die Luft taumelte ein gelber Falter, setzte sich zum
Schneeglöckchen in die Sonne und klappte behaglich mit den Flügeln. Ein
Schlänglein lag auf besonntem Stein und flüchtete zwischen Gestäude. Der Sturz
des Wassers hauchte feuchten Odem. Weil allhie gut sein, setzten wir uns auf
einen moosigen Block, der übers Wasser hing. Bertulde legte ihre Krokusblüten
hin und hub an, das Kränzel zu winden. Wie ich den Händen zusah und die
zierlichen Glieder betrachtete, kam mir in den Sinn, was Segebodo von ihr
erzählt hatte, als holdselige Nixe habe sie ihre Füsse im Bach gebadet. »Willst
du nicht auch mir den Spiritum flammarum weisen?« fragte ich; »hast ihn ja doch
den Oheim sehen lassen.« Sie spähte mir ins Auge und schwieg. »Traust mir nicht,
Bertulde?« - Sie errötete und schlug die Augen nieder. Um sie zu foppen, neigte
ich mich: »Wollet getrost Euer Schicksal mir darlegen, holdes Wasserfräulein
Miranda.« Ein Zornblitz fuhr aus ihrem Auge: »Pfui, der Segebodo hat
geschwatzet!« - Begütigend ergriff ich ihre Hand: »Macht nichts! Ich bin
verschwiegen.« Finster blickte sie seitwärts, vom hastigen Odem wallete ihr
Busen. Nach einer Weile blickte sie mich fest an und sprach: »Der Segebodo hat
nicht alles erzählt, die Hauptsache fehlt, und die sollet Ihr nun erfahren. Es
hat eine sonderbare Bewandtnis mit meinem Zauberdinge. Vor drei Jahren war's,
als mein Herz zum erstenmal in Flammen stund ...« Abermals atmete sie rasch und
zögerte fortzufahren. »Ich weiss,« sagte ich - »Jakob, der Schmiedeknecht ...« -
Sie errötete: »Nein, das war mein Zweiter. Der Erste war ein Junker, und es kam
mich bitter an, dass er kein Auge auf mich warf. Sein Reiz nahm alle meine
Gedanken, es mied mich der Schlaf, blass und schmal ward mir das Antlitz. Da
begab es sich, dass ein jung Soldatenweib, dem ich mich anvertraute - auch eine
Putzkellerin -, mir das Zauberding zum Kaufe anbot. Dieser Spiritus flammarum,
so sprach sie, hat die Kraft, seinem Eigentümer dreimal im Leben einen Schatz zu
verschaffen - gleichviel ob der Schatz Gold ist oder Minne. Mehr als dreimal
aber darf man den flammarischen Spiritum nicht anwenden, sonsten hilft er nichts
und versetzet einem auch noch einen Stich. Hat man also dreimaligen Nutzen von
ihm gehabt, so soll man trachten, ihn weiterzuverkaufen. Ich bin nun in dieser
Lage, so sprach das Soldatenweib, denn mir hat das Zauberding erstens meinen
Ehemann, zweitens einen holden Buhlen nebenbei, drittens den Perlenschmuck einer
Gräfin eingebracht. Nun muss ich das magische Stacheltier los werden, es möchte
mich am Ende durch seine Kapsel hindurch stechen. Willst du mir's abkaufen, so
gib drei Groschen. Also sagte das Soldatenweib. Wie ich nun verwundert war, aus
was für einem Grunde ein so kostbar Ding für den höchst geringen Preis feil sei,
entgegnete sie: Es ist mit dem flammarischen Ding nicht wie mit anderer Ware,
bei der man nach einem möglichst hohen Preise trachtet. Dieser Talisman muss von
jedem, der ihn weiter verhandelt, um weniger verkauft werden, als dafür gezahlt
worden. Ich habe ihn um 31/2 Groschen erworben, so muss ich denn weniger fodern.
- Wie denn aber, so fragte ich, wenn der Kaufpreis immer kleiner werden muss, so
gibt es doch eine Grenze, dann kann niemand mehr den Talisman kaufen. Ach
freilich, entgegnete das Soldatenweib, und das ist schlimm für den letzten
Eigentümer. Denn wisse, wer das Ding nicht los wird, nachdem er es dreimal
angewendet hat, der muss in Flammen sterben und fährt zum Teufel, wie die Pfaffen
sagen. Aber nicht bloss der letzte Eigentümer hat dies Los, sondern auch jeder
dreizehnte. Dass er der Dreizehnte ist, zeigt ihm der Spiritus flammarum an,
indem alle drei Anwendungen des Zaubers misslingen und also keinen Schatz
verschaffen. Ist die dritte Anwendung misslungen, so stirbt der Dreizehnte im
selben Jahre den Flammentod ...« Das Auge gross und düster, starrte Jungfer
Bertulde vor sich hin; ich aber griff ihr an den Arm und rüttelte: »Närrchen!
Und daran gläubest du?« Sie nickte: »Bei uns Putzkellern gilt die Magie. Aber
höret nur weiter, die Hauptsache kommt erst noch. Wie ich das flammarische Ding
- das um drei Groschen mein ward - angewandt habe, den Junker in meine Arme zu
bringen, hat es nicht geholfen. Da bin ich denn erschrocken und habe gedacht: Du
bist der Dreizehnte! Wie alsdann in Goslar abermals die Minne mich besessen und
als ein rechter Quälgeist mich getrieben hat, das Herz des Schmiedeknechts zu
erobern, da ist noch die Angst hinzugekommen, und ich habe bei mir gesprochen:
Nun aber siehe zu, dass dir nicht auch die zweite Anwendung des Zauberdinges
fehlschlägt! Und so bin ich auf das verzweifelte Mittel geraten, meinen Liebsten
als Nixe zu betören.« - »Auch das hat aber nichts geholfen, wie mir dein Bruder
erzählt hat. Wirst du dich denn nun hüten, zum drittenmal den Spiritum
anzuwenden, Bertulde?« - »Weiss nicht« - entgegnete sie. »Das eine aber weiss
ich: Sollte mich so heftige Minne befallen, dass ich den dritten Versuch wagete,
und sollte auch der fehlschlagen - so möcht ich gar nicht länger dies Leben
behalten und wüsste nichts Besseres, als in den Flammen zu sterben, denen ich
diene als eine Lichtjungfer. Bei uns Putzkellern - das möget Ihr wissen - geben
sich manche Lichtjungfern dazu her, Lichtbräute zu werden. Sie springen dann ins
heilige Opferfeuer und werden von den Flammen in Lichtvaters Reich getragen. Die
Pfaffen nennen es Hölle.«
    Betreten entgegnete ich: »Aber Kind! Fürchtest du denn das Reich des Teufels
nicht?« Im Winkel des blühenden Mundes zuckte ein spöttisch Lächeln gleich einem
Schlänglein, als sie erwiderte: »Was soll ich ihn denn fürchten? Wir Putzkeller
wissen ja besser als die Kirchenschäflein, was der Teufel ist.« - »Nun, was ist
er denn?« - Sie hatte ihr Kränzel zustande gebracht und setzte es auf ihr
Häuptlein. Wie ein seltsam schön Musikspiel von Flöte und Harfe stimmte zusammen
das Goldhaar mit den dunkelblauen Blumen und dazu das nachtende Auge im
zart-weissen Gesicht. »Sogar dies will ich dir anvertrauen«, sagte sie, neigte
sich zu meinem Ohr, und es kam ein Flüstern, davon ich zuerst nichts verstund,
weil mich ihr Hauch verwirrte und ihre Lippe mir das Ohr streifte. »Warum sagst
du es nicht laut?« - »Ich sage es so, wie man es mir gesagt hat. Denn es gehört
zu den Heilslehren der Putzkeller, wie ich sie vom Vater gelernt habe, und die
darf man nur leise weitersagen.« - »So sag es leise!« - Wieder bog sie sich zu
mir, und diesmal hörte ich sie raunen: »Der Teufel ist hold. Schön blühen lässet
er alle Wesen und ist der Eigenwille der Kreatur.« Staunend überdachte ich das
Wort und entgegnete: »Darfst du weiter darüber reden?« Sie nickte. »Musst du auch
das Weitere leise sagen?« Sie schüttelte den Kopf: »Nur die Formeln muss ich
leise sagen, sonsten darf ich frei reden.« - »So sage mir, warum er die Kreatur
schön blühen lässt.« - Nach kurzem Sinnen meinte Bertulde: »Sieh meinen Kranz,
stehet er gut zum Flachshaar? Nun also! So stehet auch die Nacht zum Tage, und
so jedes Geschöpf zum andern. Immer muss sich eins vom andern abheben. Siehst du
das nicht ein?« - »Allerdings«, entgegnete ich; »ohne Unterscheidung blühen
keine Farben und singen keine Töne. Wenn alles nur eins wäre, es gäbe wahrlich
keine Kreatur.« - »Nicht wahr?« sagte sie eifrig und fuhr fort: »Was wäre dies
alles, Gras und Laub, Stein und Stamm, Wasser und Luft? Was wäre das bunte
Prangen der holden Welt, so es nicht Eigensinn gäbe, eins vom andern zu
scheiden?« Und aber neigte sie sich zu meinem Ohr und flüsterte: »Urvater ist
die ewige Ruh. Schaffen hat er erst gekonnt durch seinen eingeborenen Sohn.«
»Durch Christum?« fragte ich verwundert. »Nicht doch«, versetzte sie. »Der
eingeborene Sohn, den ich meine, ist der Teufel. Aber ich meine den holden
Teufel. Er ist nicht also, wie ihn die Pfaffen schildern. Sie lügen, wenn sie
sein Reich eine Folterstätte heissen. Es ist vielmehr die Lust dieser Welt,
nichts anderes.« - »Verstehe ich dich recht, so heissest du Teufel, was die
Kreatur herfürgebracht und in ihr die Lust am eignen Sonderleben ist.« - Sie
nickte eifrig: »Ja, es will ein jedes seine Lust han. Und warum soll es nicht
dürfen, wozu Urvater ihm den Drang eingegeben?« - »Aber oft dünket die eine
Kreatur lustig, was der andern ein Leid ist.« Bertulde zuckte die Achseln:
»Willst du Lust erbeuten, so siehe, wo du bleibest, und wenn auch der andre
davon Leides hat, so bleibet doch die eigene Lust alleweil lustig.« - »Aber wir
dürfen nicht immer nur dem Streite leben«, entgegnete ich; »siehest du nicht an
diesem unaufhörlichen Kriege, wie der Eigensinn der Kreatur aus der schönen Erde
allerdings eine Folterstätte machen kann? Erlösung von solcher Hölle gibt es nur
in dem andern Drang, so neben dem Eigensinn die Kreatur erfüllt. Dieser andere
Drang will nicht absondern, er will einen. Es ist die Minne - aber nicht jene,
so Lust für sich begehret - vielmehr will diese Minne der geminnten Seele lauter
Liebes antun.« Glühend senkte ihr Blick sich in den meinen, und sie schwieg. »Du
bist annoch sehr jung, meine Tochter«, sagte ich. Der Schalk sass ihr im Nacken,
als sie lachenden Auges erwiderte: »Bist du denn schon so alt, mein Vater? Hast
doch noch kein Fältlein im schönen braunen Angesicht, und dein Aug ist frisch
wie aufblühende Kornblume.« - »Wieviel Lenze zählst du?« fragte ich. »Zwanzig,
und du?« - Ich musste lächeln, als ich antwortete: »Freilich nur zehn mehr als
du; doch ich habe mehr gelebt als mancher alte Mann und habe viel darüber
nachgesonnen.« - »Ich weiss,« sagte Bertulde ehrerbietig, »du bist ein
Erleuchteter, und du sollst auch mich erleuchten, sintemalen ich eine
Lichtjungfer bin, dem Lichte geweiht. Nun aber lass uns gehen, auf dass wir nicht
spät zur Hochzeit gelangen.« Hastig erhub sie sich, und ich scherzte: »Wie soll
die Trauung versäumen, wer mit dem Prediger geht?«
    Während wir den Bach entlang heimwandelten, den Oheim und Beaten abzuholen,
sang die Jungfer leise vor sich hin mit süsser Stimme. Auf einmal wandte sie
sich: »Werden die dreissig Lenze mit den zwanzig Lenzen tanzen?« - »Das gäbe ja
schon ihrer fünfzig«, gab ich scherzend zurück. Sie lachte: »Die fünfzig sind
noch lange nicht zu alt zum Tanzen.« - »Nun gut! Aber du musst mir den Spiritum
flammarum zeigen; sonsten tue ich keinen Tanz mit dir.« Da sah sie mich an mit
langem Blick, und sorgend Verlangen war darin. Scheu spähete sie in die Runde
und raunete: »Sollst ihn sehen! Dass du mir aber nicht böse wirst!« Und sie
nestelte an ihrem Busen, zog eine hürnene Kapsel, so an einer Schnur um ihren
Hals hing, unter dem Brusttüchel herfür, entnahm ihr eine abgeplattete Glaskugel
und reichte sie mir. Im Glase war ein wunderlich Tier eingeschlossen, nicht
unähnlich einer Spinne, aber mehr wie ein Skorpion. War feuerfarben, und wenn
man das geschliffene Glas bewegte, schien das Tier mit den Gliedern zu zappeln.
Ich war versucht, den Talisman in den Bach zu werfen. »Wie garstig!« sagte ich;
»wirf doch das Ding weg, es verdrehet dir den Kopf.« - Sie erwiderte: »Wirf es
in Wasser oder Feuer, verliere es oder stecke es einem Menschen heimlich zu,
umsonst! Bald ist das Zauberding wieder bei dir, und du hast nichts anderes
erreicht, als dass es dir bei seiner Rückkehr durch das Glas hindurch mit seinem
Sporn einen Stich versetzt.« Hierauf tat Bertulde das Glas wieder in die Kapsel
und barg sie am Busen. Sie sann und seufzete: »Nun schilt mich wohl auch der
Herr Johannes eine Hexe?« - »Ein Närrchen bist, nichts weiter!« - Zärtlich sah
sie mich an: »Magst mich ein wenig leiden? Auch wenn ich böse Augenbrauen habe?«
- »Lass doch einmal schauen«, sagte ich, zog sie zu mir her und nahm sie beim
Kinn. Sie schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück. Ihre dunkeln Brauen waren
ob der Nasenwurzel zusammengewachsen, seltsam, doch nicht unhold. Fein und
lieblich war diese Jungfer, und wie die Lippen gleich einer Rosenknospe lockten
und zu dürsten schienen, neigte ich mich und tat einen sachten Kuss darauf. Sie
sah mich gross an, lächelte und sang jubelnd wie der Buchfink.
    Wir gingen Hand in Hand zu Oheims Häusel und gleich darauf nebst der alten
Beate zur Hochzeit. Eine Reue wandelte mich an, dass ich die liebestolle Jungfer
gereizt habe, und ich wollte mich von ihr zurückhalten. Gleichwohl konnte ich
nicht umhin, mein Wort einzulösen und nach dem Hochzeitsmahl mit ihr zu tanzen.
Wie ich sie in den Arm nahm, schmiegte sie den Busen an mich, leicht und süss
tanzte es sich mit ihr. Auf einmal aber drückte das Zauberding, und in meiner
Brust fühlte ich einen Stich, als habe das magische Tier den Stachel durch Glas
und Kapsel gereckt. Mit einem Blick voll Grauen liess ich Bertulden los. Sie
ward bleich und schlug die Augen nieder. »Die Brust tat mir weh«, sagte ich;
»bin des Tanzens ungewohnt.« Und ich führte sie zur Bank. Den Bierkrug reichte
ich ihr und machte mich bald von ihr los. Gleich darauf hing sie einem jungen
Burschen im Arm, und keinen Tanz sah ich sie verpassen.
    Als ich abends von den Hochzeitern Urlaub nahm, heimzukehren, war sie
verschwunden. Draussen im Mondschein stund sie, beim Gartenbusch, wo ich vorbei
musste. Mit einem Scherz suchte ich davonzukommen: »Gute Nacht, Hexlein!« Sie
trat zu mir und meinte frostig: »Weiss schon, der Herr Prädikant ist zu denen
übergegangen, so mich eine Hexe schelten.« - »Das sei ferne von mir, Bertulde!
Hab ich dir nicht gesagt, du seist ein Närrchen und keine Hexe?« Da stund sie
dicht vor mir und spähete misstrauisch in mein Angesicht: »Warum hast du beim
Tanze dich von mir gewandt? Wegen meiner Hexenaugen, wie?« - »Schmucke Augen
hast du!« entgegnete ich. Freude huschte ihr übers mondbeglänzte Angesicht, zart
und lieblich war ihr Lächeln, ich nahm ihre Hand und drückte sie. »Bist auch der
Nixe nicht bös, die um den Gesellen zu Goslar freite?« hauchte sie, ihr Antlitz
war dem meinen nahe. Ich schüttelte den Kopf. - »Aber der Spiritus flammarum
missfällt dir? Aufrichtig, Johannes!« - »Ja,« sagte ich, »tu ihn fort!« Sie
atmete tief, als kämpfe sie einen Kampf. Dann entschied sie hart: »Wenn ich
Gewalt habe über das Zauberding, werd ich es los nach deinem Wunsche. Wenn ich
aber sein dreizehnter Besitzer bin, so holt mich der Spiritus in die Flammen.
Einen nur gibt es, der dies verhindern, der mich erlösen kann.« - »Und wer ist
das?« - »Der, den ich liebe! So er mich wieder liebt, mag ich der magischen
Kapsel ledig werden. Hab ich jedoch kein Glück bei ihm, kein Glück in der Minne,
dies dritte-, letztemal, alsodann ist es ausgemacht, dass ich der Dreizehnte bin
und auf roten Schwingen fliegen muss, wohin manch putzkellerische Lichtbraut
vorangegangen.« Mir war, als wolle mich ein Zwang in der Jungfer Arme bringen,
doch wiewohl sie meine Sinne lockte, war in mir eine Scheu. Das Kosewort, so mir
schon von den Lippen wollte, hielt ich zurück, schloss meinen Mund und blickte
streng. Da war's, als zische aus Bertulde eine Schlange: »Liebst du sie noch,
die andre, deine Gräfin? Ich weiss alles, Johannes. Doch gib sie auf! Fort ist
sie, tot! Hörst du? Nimm mich, dein bin ich!« Das war ein Stich in mein Herz,
Rebellengeist erhub sich in mir, weil sie Tekla verdrängen wollte, ich liess
ihre Hand los und sagte dumpf: »Tot, nun ja, tot mag sie sein - glaub schon.
Doch meine tote Eheliebste lebt mir im Herzen ewiglich.« Stehen liess ich
Bertulden und ging, ohne umzuschauen.
Etliche Tage später war's, und auf meinen Bergen schmolz der letzte Schnee. Es
regnete und stürmte, ich blieb in meiner Klause, draussen war's unwirtlich. Die
Tannen troffen, hinter Wolken hielt sich die Sonne, die Luft schnob feucht. Liess
der Regen nach, so stiegen aus den Waldgründen weisse Nebel und ballten sich zu
grauen Massen, die über den Gebirgskamm hinkrochen, ähnlich einem Rudel riesiger
Wildschweine. Das Getier der Wildnis blieb versteckt in Schlüften und Steinen.
Ich belauschte eine Hirschkuh, die sich an eine trockene Wand des
Abendburgfelsens geschmiegt hatte und ihr nasses Fell leckte. Bei des Windes
Schweigen toseten in Tälern und Schluchten die Bergwasser. Trübe schossen sie
dahin, hüpften an Felsen schäumend hinan, zerwühlten das Erdreich und rissen
grosse Äste, ja Bäume und Steinblöcke fort. Kam ich vom Waldgange heim, so musste
ich mein Schuhwerk und Gewand am Feuer trocknen. Ging daher ungern hinaus und
brachte meine Zeit mit Lesen und Sinnen zu, auch mit Zurüstungen, die mir die
Grotte ähnlich der Balkenstube wohnlich machen sollten.
    Nachts fuhr ich jäh aus dem Schlafe empor, weil es im Grunde der Abendburg
dröhnte, als ob eine eiserne Türe zuschlage. Ich dachte an die Mär von den
unterirdischen Schatzkammern. Geschah drunten ein magischer Vorgang? Hatte des
Goldes Hüter, für gewöhnlich in seiner Nische kauernd, im Schlafe sich geregt?
Nicht doch, ihr Träume der Phantasei! Das Dröhnen kam wohl von einer Fichte, die
draussen im Walde hinsank. - Beim Lauschen war's, als ob es tief im Grunde tose,
und wie ich das Ohr an den Felsen drückte, kam ein leis Rauschen wie von
unterirdischen Wasseradern. Mit einem Steinwurf gen Mitternacht war ja auch der
Quell des Kleinen Zacken zu erreichen, und nahe dabei entsprangen noch andre
Bächlein. Mir kam nun der Plan, den Boden der Grotte zu untersuchen, ob sich
nicht darin ein Brunnen anlegen lasse. Ich brauchte alsdann mein Trinkwasser
nicht vom Bergabhange heraufzuholen.
    Am Morgen zündete ich die Laterne an, nahm Hacke und Spaten und prüfte den
Boden der Grotte. Fast gänzlich war er zusammenhängender Fels, aber an einer
Stelle Schottergestein, und es fiel mir auf, dass der Schotter scharfe
Bruchstellen hatte, also von Menschenhand hergerichtet sein musste. Da lag mir
nun die Frage nahe: Aus welchem Grunde haben Menschen an dieser Stelle Stein
zerschlagen und mit dem Schotter den Boden bedeckt? Wollten sie bloss ein Loch
ausfüllen, oder ist vielleicht unter dem Schotter etwas vergraben? Man wird hier
schon früher einen Brunnen gehabt haben, dachte ich. Als ich mich an den Boden
legte und das Ohr aufdrückte, vernahm ich abermals das unterirdische Rauschen.
Arbeitete nun emsig mit Hacke und Spaten, räumte den Schotter weg und stiess auf
eine Steinplatte, in die ein Eisenring eingelassen war. Mit Hilfe einer Stange,
die ich in den Ring schob, gelang es mir, den Stein aufzuwuchten und beiseite zu
schaffen.
    Mit Staunen sah ich ein offnes Loch, steinerne Stufen führten in die dunkle
Tiefe. Feuchte Luft strömte empor, es tosete drunten wie Wasserfall. Mit
Schauder hatte ich zu kämpfen, da es mich deuchte, die Abendburg sei magisch
aufgetan, und ich solle nun das gefährliche Abenteuer bestehen. Doch dann schalt
ich mich einen Toren und bedachte, dass ja alles mit natürlichen Dingen
zugegangen. Lud nun mein Pistol und steckte es in den Gürtel, nahm in die Rechte
den Spiess, in die Linke eine Fackel und stieg durchs Loch hinunter. War es
anfangs von Menschen hergerichtet und mit Stufen versehen, so ging es bald in
einen natürlichen Höhlengang über, der in Windungen tiefer führte. Das Gestein,
bisher Granit mit Flinsadern, ward morsch, kalkig und wässerig wie getränkter
Schwamm. Neben dem Pfade rann ein Murmelbächlein die Steinstufen hinab. Abermals
düstere Granitwände, die verengten sich zu einem schmalen Spalt. Und immer
lauter ward das Wassertosen. Gleich darauf kam eine Weitung wie Kirchengewölbe.
Quer hindurch klaffte eine Schlucht, an die fünf Mannslängen tief, und drunten
schoss das tosende Wasser. Zusammen rann es von beiden Seiten aus Felsenspalten
und kleinen Höhlengängen. Über die Schlucht führte ein schmaler Steg von Stein.
Hinüber ging ich und folgte dem Schluchtwasser abwärts. An einer quergelagerten
Granitwand bildete es einen Kessel, einen Strudel, und strudelte durch ein Loch
ins dunkle Eingeweide der Erde. Zur Steinbrücke zurückgekehrt, liess ich mich
durch einen Pfad, den Menschenhand bearbeitet hatte, in einen Seitengang führen;
ein Nebenflüsslein rann mir entgegen. Aufwärts ging es durch Granit, dann kam
eine Kalkader, endlich Flins, und auf einmal weitete sich dies weisse Gestein.
Gebannt blieb ich stehn und leuchtete mit der Fackel umher. Ein Dom war das, wie
aus Schnee und Eis. Schimmernde Säulen, etliche stark wie Fichten, ragten zum
Gewölbe, und droben hing Zierat bei Zierat, alles aus weissem Gestein, Eiszapfen
ähnlich. Wasser tröpfelte herab, und wo es auf den Boden fiel, wuchs ein Zapfen
empor. Es war, als habe ein Künstler wunderliche Träume von Wölbungen und
Grotten, Flechten und Schleiern, von Astwerk, Durchbrechungen und Schnitzerei in
Marmor ausgeführt und mit einer glitzernden Glätte überzogen. Wie ich mit dem
Schafte des Spiesses an einen grossen Zapfen schlug, klang er voll wie eine
Kirchenglocke. An einer Stelle glich das Tropfgestein einem faltig hängenden
Linnentuche. In einer niedrigen Grotte schien ein Volk von weissen Zwergen und
Elfen zu wimmeln. Auch fand ich ein Wasserbecken, dessen Spiegel zur Hälfte mit
einer Kruste von milchigem Gestein bedeckt war. Die grösste Überraschung aber kam
noch, als ich um eine dicke Säule herum ging.
    Schrecken fuhr in meine Glieder, da in der erhabensten Wölbung zwo
Riesengestalten auf einem Trone sassen: Ein Mann mit wallendem Bart- und
Lockenhaar, einen mattgüldenen Reif um die Stirn, in der Rechten ein Schwert,
neben ihm eine Frauengestalt in wallender Gewandung. Erst wähnte ich, lebendige
Wesen vor mir zu haben. Wie ich dann ihrer Reglosigkeit inne ward, dachte ich an
balsamierte Leichen. Bald aber war zu erkennen, dass hier die Stümpfe mächtiger
Säulen, schon durch natürliche Bildung menschlichen Gestalten ähnlich, mit dem
Meissel hergerichtet, dann durch herabtröpfelndes Kalkwasser überkrustet waren.
Ein seltsam Gemisch von Lebendigkeit und Verschwommenheit war zustande gekommen,
ein phantastisch Gebild. Wie ein König hielt der Mann das Haupt, es rollten die
Augen unter der mächtigen Stirn. Der weisse Bart, den das tröpfelnde Wasser bis
zu den Füssen verlängert hatte, bezeugte ein ungeheures Alter. Die Königin zu
seiner Rechten hielt das Haupt träumend geneigt. Ein weisser Schleier umfloss ihre
Gestalt bis hinunter, sanft war das Angesicht. Zu den Füssen des tronenden
Paares stund eine grosse sargartige Truhe aus Stein. Knochen und Waffen waren
darin. Wie ich Mut gefunden hatte, nachzusehen, war ich ausser mir vor freudigem
Staunen; zwischen Menschengebeinen, die in der Truhe lagen, gab es eine Menge
von Gold und kostbaren Geräten. Da waren güldene Kronen mit Edelsteinen,
Armgeschmeide, Fingerringe, güldene Ketten und ein paar silberne Kessel, ganz
mit Goldmünzen angefüllt. Da sich nur zween Menschenschädel fanden, so vermutete
ich, in dieser Steintruhe sei nebst dem Schatze das Gebein des Paares
niedergelegt, das hier in Tropfstein abgebildet war. In uralten Zeiten mochte
dies Fürstenpaar das Isergebirge beherrscht haben, und in der Höhle hatte das
dankbare Volk eine heilige Grabstätte bereitet, die niemand betreten durfte, und
die in späteren Zeiten, nach Besiegung und Ausrottung des alten
Herrschergeschlechtes, vergessen ward. Wer kann das steinerne Rätsel lösen?
Vielleicht war dies der Teutschen Stammvater Tuisko. Vielleicht auch ein
Götterbild, das Urbild des Berggeistes, den man später den Rübenzagel hiess. Vor
mir lagen die Knochen, die ich aus der Truhe geholt hatte, und daneben die
Kostbarkeiten, die meinen Sinn verwirrten. Ich griff aus dem Silberkessel eine
Handvoll Goldes und sah, dass die Münzen ein seltsam Gepräge hatten. Keine
Schrift war darauf, sondern meistens nur ein Rad oder eine Sonnenscheibe mit
einem Kreuz innen. Ich starrte auf das gelbe Gleissen, lauschte dem Klimpern der
Münzen, wühlte im Golde, nahm die Zierate und weidete daran mein Herze, dass es
trunken ward. Da hast du nun, wonach du seit der Knabenzeit getrachtet! Erfüllt
ist dein Hoffen, die Abendburg spendet, wovon die Mären raunen.
    Was nun? So sprach es in mir, und vor meinen Augen regte sich das Gold und
wuchs, wie Bäume wachsen, und Säulen wurden daraus, Mauern mit strahlenden
Fenstern, ragende Dächer, Zinnen, Türme und Tore, Zugbrücke, Graben und Wall.
Die verheissene Abendburg strebte vom Bergesgipfel himmelan, aus wildem Gestein
herfürgezaubert durch des Goldes Magie, und ich war der Zauberer und Herr. Die
Steinbilder der Höhle, des teutschen Volkes uralte Fürsten, die hier
Jahrtausende geschlafen hatten, regten sich, das arme Vaterland zu retten, und
machten mich zu ihrem Erben, boten mir den Schatz und eine Krone. Wohlan, es
sei! Erbauen will ich die Burg und herrschen über die Berge. Nicht, um zu
prunken und zu schwelgen, sondern um meinen Landsleuten zu helfen, aus dem
Gebirge eine unüberwindliche Feste zu machen und so den Grund zu legen zu des
Reiches Libertät.
    Doch wiewohl mir bei diesem kühnen Gedanken hoch das Herze schlug, war doch
mein Geist von Zweifeln bedrängt. Wie die Zügel der Herrschaft ergreifen? Wie
den ersten Schritt tun auf der neuen Bahn? Je mehr ich sann, desto heisser
verlangte mich nach einem Menschen, der mir raten könnte, da ich die Wucht
meines Erlebnisses kaum zu ertragen vermochte. Ich beschloss, sogleich den Oheim
einzuweihen und zu meinem Helfer zu machen. Verliess also den Felsendom - nicht
ohne scheue Blicke hinter mich zu werfen, ob auch der Schatz noch da sei, und
nicht etwan der steinerne Hüter wie ein Gespenst mich packen wolle. Doch es
blieb alles, wie ich es mit Aug und Hand wahrgenommen.
    Taumelig überschritt ich die Brücke der Felsenschlucht und stieg den engen
Gang empor, bis ich in meiner Grotte war. Hier merkte ich, dass mir die Knie
zitterten und das Herze wild pochte. Musste mich setzen, betastete meinen Kopf
und starrte auf das Loch im Boden, da ich noch immer nicht fassen konnte, dass
alles mehr sei als Traum. Dann aber trat meine Tatkraft auf den Plan. Die
Steinplatte deckte ich auf das Loch und schaufelte den Schotter darüber.
Beflügelten Fusses strebte ich zu Tal. Wiederholt freilich hemmte meinen Lauf die
Sorge, es möchte in meiner Abwesenheit der Schatz aufgespürt werden. Es war mir,
als müsse das Gold magnetisch die Menschen herbeiziehen.
    Den Oheim fand ich in seinem Laboratorio. Ich muss wohl seltsam dreingeschaut
haben, denn er sah mich gross an und fragte: »Was hat's denn?« Ich legte die
Hände auf seine Schultern und schüttelte ihn, da ich zunächst keine Worte fand.
Dann fuhr es mir heraus: »Ich habe den Schatz!« Noch mehr weiteten sich des
Oheims dunkle Augen, und er flüsterte scheu: »Machst du keine Possen?« - »Nein,
wahrhaftig, der Schatz ist unser, du sollst ihn sehen, sollst alsogleich mit mir
kommen. Doch streng verschwiegen müssen wir sein; selbst Beate darf nichts
erfahren. Sag ihr, du müssest mich begleiten, weil mir etwas Alchymistisches
gelungen sei.« Da sah ich zum ersten Male in meinem Leben den Oheim strahlen vor
Freude. Seinen Mund tat er auf, als wolle er jauchzen, brachte aber nur ein
Lallen herfür, dann fasste auch er mich bei den Schultern und schüttelte mich wie
einen Baum, der voller Früchte hängt. Wie wir einander gefasst hielten, kamen wir
ins Drehen und tanzten lachend umher. Nachdem nun der Oheim die alte Beate
verständigt hatte, dass er mit mir gehe, war er leichtfüssig wie ein junger
Bursch. Unterwegs im Bergwalde tat ich über alles Bericht. Abermals kam mir die
Sorge, es möchte die Höhle mit dem Schatz ein Traum gewesen sein oder ein
magisch Phantom, das inzwischen der gewöhnlichen Wirklichkeit Platz gemacht
habe. Doch sieh, unter dem Schotter kam die Steinplatte herfür, und als wir sie
weggeräumt hatten, klaffte der dunkle Eingang. Hinstarrend und auf das Tosen
horchend, schauderte der Oheim, blickte dann scheu um sich und meinte: »Bist du
auch sicher, dass kein Unberufener hier eintritt, derweilen wir drunten sind? Lass
uns die Pforten verriegeln!« - So taten wir, und da die Hunde in der Balkenstube
lagen, fühlten wir uns ziemlich sicher vor Überraschung.
    Brennende Fackeln in der Hand, stiegen wir in die Tiefe. Nachdem wir den
engen Gang hinter uns hatten, kam die Felsenschlucht, darin das Wasser toste;
über die Steinbrücke ging's und jenseits wieder aufwärts, dem Nebenflüsslein
entgegen. Im weissen Felsendom erstarrte der Oheim, wie er die Gebilde aus
Tropfgestein betrachtete. Weiter wandelnd, kam er zu den beiden Bildsäulen, fuhr
zusammen und tat einen Schritt rückwärts. Wie aber sein Blick auf die Truhe
fiel, wo der Schatz funkelte, schlug er die Hände zusammen und trat heran.
Schwer atmend griff er sich nach dem Herzen, als schlüge es zu heftig. In dem
Blicke, den er mir zuwarf, loderten Freude und Furcht zugleich. »Geschwind!«
raunte er heiser. »Angefasst! Bergen wir sogleich den Schatz! Wer weiss denn, ob
die Höhle nicht bald zugehet, wie ja die Leute sagen.« Und mit zitternden Händen
griff er nach dem Goldtopfe. »Nicht doch«, entgegnete ich; »sei unbekümmert,
hier waltet kein Zauber. Das bleibt alles, wie es ist. Was die Mären berichten,
ist ja Aberglaube. Freilich entält die fabelhafte Hülle einen Kern der
Wahrheit, der hat sich uns jetzo erschlossen. Die Sage vom Abendburgschatze ist
ein dunkel Angedenken an uralte Zeiten, wo dies Fürstenpaar hier eine Burg hatte
und in der Höhle seine Goldkammer.« Mich anstarrend, nickte der Oheim und
ergriff mich lachend bei den Armen: »Hast recht, Johannes, das ist kein Spuk.
Junge, mein Junge, habe ich dir's nicht immer gesagt, dass du den Schatz wirst
heben? Die Zigeunerin hat also doch recht gehabt, da sie verhiess, du sollest
werden wie König Salomo. Gold hast du nun und eine Königskrone dazu. So halte
fest, was das himmlische Schicksal dir beschert.«
    Eine Weile schwieg er in starrem Grübeln. Dann rührte ihn wieder Unrast:
»Dass du ja nicht den Leuten verrätst, was du hier gefunden hast. Sonsten möchten
Habgierige dich beiseite schaffen, um allein das Gold zu haben.« - »Aber Oheim,«
wandte ich ein, »wie soll ich das Gold anwenden, ohne zu verraten, dass ich
welches habe?«
    Und er: »Sage den Leuten, das Goldmachen sei dir gelungen, solle jedoch dein
Geheimnis bleiben. Dann bist du die Henne, so güldene Eier legt, man wird dein
Leben hüten, du gackerst und bist Herr der Berge.« Etwas Garstiges lugte aus
diesem Ratschlage, das mich peinigte. Ich starrte auf die rätselvollen
Bildsäulen, der langbärtige König schien mir der Götze Mammon, indessen die
Königin mit sanfter Trauer dreinschaute. Und von dieser Sanftmut ward der gute
Geist in mir angesprochen. »Soll ich den Leuten etwas vorgaukeln?« wandte ich
kleinlaut ein; »das Lichtreich möcht ich doch gründen, da darf ich nicht die
Lüge zum Grundstein machen.« Der Oheim zog die Achseln hoch und spreizte die
Hände: »Geht es etwan anders? Willst du das Reich gründen, so musst du den Leuten
kostbar, unentbehrlich erscheinen. Sprichst du nun, in der Höhle sei ein Schatz
aus alten Zeiten, so wird mancher sagen: Was brauchen wir den Johannes? Ich
selber will des Schatzes geniessen! Nein, Kind, für die lautere Wahrheit ist
unsere Welt nicht reif. Die lautere Wahrheit eignet sich wohl nur fürs
Himmelreich. Die Welt will betrogen sein, wie der Lateiner spricht. Buben
scheuchet man mit dem schwarzen Mann. Wer den Zweck will, dem muss auch das
Mittel gelten. Lass dir ja nicht den Reichtum entwinden. Nimm ein Exemplum an
diesem steinernen König. Vermeinest du, der wäre gross worden, hätte er nicht
verstanden, das Heft in Händen zu halten? Siehe doch, wie er so fest sein
Schwert trägt, so sicher, so stark!«
    Unschlüssig blickte ich auf den steinernen Götzen. Der starrte gebieterisch
und kam mir auf einmal vor wie der leibhaftige Höllenfürst. Rollenden Auges
deutete er auf den gleissenden Schatz, aus seinem Schweigen donnerte mir jenes
Wort entgegen, mit dem er den Heiland in der Wüste versucht: »Dies alles will
ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest.« Und eine Macht strömte mir
ins Herz, ich reckte mich, straffte Nacken und Arm, entschlossen, nach des
Oheims Rate zu tun.
    Wohl bedachte ich, dass der Schatz nicht mir, sondern dem Grundherrn gehöre.
Doch der Grundherr war nebst seinen Kindern in der Gewalt von Beutemachern.
Sollte ich denen auch noch den Schatz in die Klauen liefern? Nicht doch! Ich,
den des Himmels Walten zum Entdecker auserkoren, wollte das Gold lieber zur
Verteidigung des Vaterlandes, ja zur Befreiung des gefangenen Grundherrn
verwenden. Hinterher würde Hans Ulrich mich segnen für meine Eigenmächtigkeit. -
Als ich diesen Plan dem Oheim darlegte, stimmte er bei, obwohl zögernd.
    Nun hub eine Zeit wilder Unrast an. Hinweggescheucht war alle Herzensstille.
Wie Wetterodem stürmte es in mir. In einem fort hetzte die Arbeit, und war ich
aufs Lager hingesunken, so scheuchte mich bald Sorge wieder empor. Und nicht
anders erging es dem Oheim. Gleichwohl waltete eine Spannkraft in uns, als
begnade Gott wundersam seine neuen Reichsverweser. Unser erstes Werk war, den
Schatz besser zu verstecken, für den Fall, dass ein Unberufener in die Höhle
eindränge. Über der Schlucht, darin das Wasser toste, entdeckten wir einen
Felsenspalt, der sich nach innen erweiterte. Hier hinein schleppten wir den
Schatz. Zur fürderen Sicherung liessen wir durch den Schreiberhauer Schmied eine
eiserne Gittertür nebst Schloss verfertigen. Wir selber brachten sie an der
Stelle an, wo der erste enge Felsengang endet und die Weitung mit der Schlucht
kommt.
    Viel Mühe machte uns das Umprägen der alten Münzen. Es ging ja nicht, dass
wir sie in ihrer ursprünglichen Form den Leuten einhändigten. Man hätte alsdann
erraten, wir seien keine Goldbereiter, sondern Entdecker eines alten Schatzes.
Zu Hirschberg liess der Oheim einen Stempel verfertigen, der die Münze des neuen
Reiches prägen sollte. Auf der einen Seite war die Sonnenscheibe mit einem
Hakenkreuz innen, auf der andern Seite die Inschrift: Herr der Berge. Um die
alten Stücke umzuprägen und glaubhaft zu machen, dass durch Alchymie unser Gold
entstehe, war ein Laboratorium nötig. Dazu richteten wir die Grotte ein. Wie sie
für unsern Zweck fertig war, schwang ich einen mächtigen Hammer, indessen der
Oheim den Prägestock hielt. Unter dröhnenden Schlägen sprangen die Goldmünzen
herfür, mit denen das neue Reich zu gründen war. Nach einer Arbeit von etlichen
Wochen betrug unser Münzschatz bereits 10000 Dukaten.
    Inzwischen hatten wir beraten, wer unter den Männern des Gebirges
auszuwählen sei, um beim Gründen unseres Reiches mitzuhelfen. Zum Ersten erkies
ich Segebodo, der feurigen Sinnes, aufrecht, klug und tapfer. Ein Führer der
Schreiberhauer sollte Dressler sein, ein Fünfziger, Riese von Gestalt, fest und
treu, ehrbar und männiglich geachtet. Auch der Trompeterhans musste dabei sein.
Nachdem auf kaiserlichen Befehl die evangelische Dienerschaft des Hauses
Schaffgotsch entlassen war, hatte der Trompeterhans zu Schreiberhau Unterkunft
gefunden. Ich wollte den kecken Gesellen zu Hans Ulrichs Befreiung verwenden.
    Wir luden diese Männer zur Abendburg, und wie sie in meiner Balkenstube
sassen, tat ich eine Handvoll Goldmünzen auf den Tisch: »Das da hat mein
Schmelzofen nebenan zustande gebracht, und das Hundertfache kann ich schaffen.
Der Schatz soll aber nicht für mich sein, sondern für euch, für das ganze
Gebirge. Lasset uns diese Bergwildnis zur Feste umwandeln und reich mit Proviant
versehen. Dazu diene uns das Gold. Wollet ihr drei nebst mir und meinem Oheim
dies Werk unternehmen? Ich frage, gebet Antwort!« Segebodo war aufgesprungen,
über den Tisch gebeugt, starrte er mich glühenden Auges an; dann schlug er mit
der Faust auf die Platte, dass die Münzen tanzten, und streckte in heller Freude
seine Hand entgegen: »Johannes, wir bauen die Burg!« Der Trompeterhans hatte
hastig ein paar Münzen aufgegriffen und stand beim Fenster, sie betrachtend und
durch Geklimper prüfend. »Wahrhaftig,« meinte Dressler, »das ist wie Gold.« - »Es
ist Gold, echtes, reines Gold«, sagte ich. Dressler sah bald auf mich, bald auf
das Gold und griff sich an den Kopf. »Und mehr davon kannst du machen?« fragte
er. »Alle Tage so viel wie dies«, frohlockte der Oheim. Wieder schlug Segebodo
auf den Tisch: »So glaubt doch, ihr Männer, und reichet die Hände her,
schliessen wir ein Bündnis, zu tun, was unser Herr Johannes will.« Nun trat
freudig der Trompeterhans herzu, und wie wir im Kreise einander die Hände
reichten, sprach ich: »Wir fünfe halten fürder zusammen wie Finger einer Hand.«
- »Und du bist unser Zeigefinger«, meinte Segebodo. »Ja, du sollst uns führen«,
riefen alle. Indem warf die Sonne aus Wolken lugend ihren Strahl durchs
Fensterlein, und Dressler sprach: »Frau Sonne gibt die Weihe!« - »Sie weihet das
neue Reich,« sagte ich, »ein Lichtreich soll es werden.« Segebodo tat die Hand
an seine Stirn und murmelte wie ein Verzückter. Der Oheim brachte einen Krug
Heidelbeerwein nebst Bechern. Wir stiessen an und tranken des Reiches Heil. In
der Beratung stellten wir fest, was zunächst geschehen solle. Der Oheim und
Segebodo meinten, sogleich sei die Abendburg zu einer Feste herzurichten.
Dressler machte geltend: »Auch der Wachstein muss befestigt werden, damit der
Feind nicht vom Hirschberger Tal herauf kann.« Der Trompeterhans fügte hinzu:
»Auch gehört ein starker Posten ins Jammertal, an den Zackensteig.« - »Recht
so,« sagte der Oheim, »durch diese drei festen Plätze sind den Feinden die Pässe
nach Schreiberhau verlegt.« - »Vor allem Soldaten und Werkleute her, und
tüchtigen Proviant!« sagte ich, und wir machten aus, Segebodo solle, mit Gold
versehen, hinunter ins Hirschberger Tal, Leute und Lebensmittel zu schaffen,
indessen Dressler die nächsten Bauden und Ortschaften zu besuchen und die
Gebirgler unserm Reiche zu gewinnen habe. Der Trompeterhans, auf den wir alle
bauten, erhielt so viel Gold, als sich in seinem Wams und seines Pferdes Sattel
verbergen liess. Unverzüglich brach er auf und trabte ins Böhmische. Durch
Bestechung der Wächter sollte er unsern Herrn Hans Ulrich aus der Regensburger
Gefangenschaft befreien. Heisse Wünsche geleiteten ihn.
    Mit dem Oheim war ich nun beflissen, einen guten Plan zur Befestigung der
Abendburg herauszubringen. Ein Brief von Segebodo meldete, er habe schon mehr
als fünfzig Soldaten beisammen, lauter Haudegen, werde auch Korn und Vieh
bringen, wisse jedoch in einer Sache keinen Rat. Bei den Soldaten seien Weiber
und Dirnen. Was solle mit denen werden? Die Soldaten begehreten, sie
mitzubringen, und ich solle lieber dafür sein, sonsten möchte die Soldateska das
Weibesvolk von Schreiberhau verderben. Ich solle unverzüglich meine Entscheidung
kundtun. Betroffen war ich, hatte zuvor nicht bedacht, was Neuerung unser
Söldnerwesen mit sich bringen könne. »Weg mit den Dirnen,« sprach ich zum Oheim,
»das Lichtreich muss ohne Gesindel begründet werden.« Der Oheim aber meinte:
»Engel findest du halt nicht, musst schon mit dieser rauhen Welt fürliebnehmen.
Wer Soldaten braucht, muss ihre Art gelten lassen.« Nach vielem Für und Wider
entschied ich, es sollen nur solche Söldner heraufgebracht werden, die keine
Dirnen mit sich führen. Wer aber ein Eheweib habe, dürfe es bringen. Den
Verschmähten solle der Laufpass gegeben und durch den Sold einer Woche versüsset
werden.
    Etliche Tage später kam Segebodo mit sechzig Söldnern, vielen Weibsbildern,
auch Werkleuten. Sie geleiteten drei Ochsenwagen, drauf waren Säcke voll Korn
und Rauchfleisch, Gewandstoffe, Rüstungen und Waffen, Blei und Pulver, dazu ein
Fass Branntewein. Ich teilte die Angeworbenen und bestimmte die grössere Hälfte
für den Wachstein, dessen Befestigung in Angriff genommen ward. Die andern Leute
sollten der Abendburg angehören. Zu ihrem Lagerplatz wählte ich einen Ort, eine
halbe Stunde davon auf dem Bergeskamm gelegen. Hier ward aus Fichtenstämmen ein
rauhes Obdach hergerichtet, auch für das Vieh ein Stall, und die Vorratskammer.
Nun zogen wir um das künftige Burghaus in weitem Bogen einen Graben. Nach innen
aufgeworfen, bildete das Erdreich einen Wall, hinter dem gespjetzte Pfähle als
Brustwehr starrten. Eine Zugbrücke sollte über den Graben führen und durch ein
steinern Tor gesichert sein. Mit diesen Anlagen zu beginnen, schien das
ratsamste, weil das Gerücht von meinem Golde leicht Beutemacher uns auf den Hals
laden konnte.
    Wie Wall und Graben notdürftig fertig waren, bat mich Segebodo, der als
Hauptmann über die Soldaten gesetzt war, ihnen eine Festlichkeit zu gewähren.
Ich willigte ein und versprach, selber zum Fest zu kommen. Der zweite Sonntag
Junii war's, ich hatte im Walde meine Predigt gehalten, unter grossem Zulauf aus
dem Gebirge, und es umjubelte mich der Haufe. Bertulde war darunter; blitzenden
Auges, Glut auf den Wangen, sprach sie zu den Umstehenden, die beifällig
lauschten. Vom Lichtreiche schwärmte sie, das alle teutschen Lande einen solle
im Glauben an den Allvater in uns. Wie ich als Mittagsgast zu Oheims Häusel
ging, überholte ich die Preislerin, die nebst ihrem Sohne Christiano von der
Predigt heimkehrte. Seit Jahren eine Witwe, war sie gealtert, doch immer noch
stattlich. Da ich traulich ihre Hand schüttelte, kamen ihr die Tränen. »Ach,
Herr Johannes, weiss Er annoch? wie wir vor zwanzig Jahren zu Warmbrunn mit
meiner Elfriede ...« Sie konnte nicht weiter, und auch mich machte die Wehmut
wortlos, ich drückte der Mutter Hand und ging.
    Von Elfrieden hatte sich mein Sinnen zu Tekla gewandt. O dass sie unter den
Lebenden, und an meiner Seite weilte! Sie erst gäbe mir die rechte Freudigkeit
und Kraft, deren ich zu meinem Unternehmen bedarf. Wohlan, sprach ich zu mir -
sei unermüdlich, ihre Spur auszufinden! Bist ja nicht mehr der hilflose Eremit,
hast Gold wie ein Fürst. Suche, reise, sende hundert Kundschafter aus!
Vielleicht sollst du sie noch in die Arme schliessen. Wenn du sie dann heimführst
zu deinem Felsennest, magst du strahlen und lachen: »Weiss meine liebste Gräfin
noch, wie sie an dieser Stätte zu mir Wag's Knab gesprochen? Nun mach ich das
Wort wahr. Der Schatz ist mein, eine Burg ragt in die Lüfte, und ich walte drin
als Herr der Berge, die holdseligste Fürstin an meiner Seite!« - Aufjauchzen
wollt ich, doch dann schluchzete ich in mich hinein. Ach, ich war jener Mutter
gleich, die das kalte Gold der Abendburg gehoben, ihren Herzensschatz aber
verloren hatte.
 
                              Das zehnte Abenteuer
        Wie die Goldburg zusammenbrach und einer von neuem geboren ward
 Nach dem Mittagsmahl ging ich allein, derweilen der Oheim sein Schläfchen tat,
zum Lager der Soldateska; Branntweinstein hatten die Schreiberhauer neuerdings
den Platz benamset. Ich fand meine Leute bei Spiel und Tanz, und mancher hatte
dem Becher schon weidlich zugesprochen. Im Zelt der Marketender ward mit
Knöcheln der Sold vertan, dazu gellte die Pfeife, und aus rauhen Kehlen
erschollen Lieder. Unweit auf ebener Matte drehten sich zur Fiedel Soldaten,
auch Schreiberhauer Burschen und etliche Dörferinnen. Jauchzen grüsste mich, und
gute Miene musste ich machen zu diesem Treiben, das mir anfangs nicht behagte.
Wie ich aber selber einen guten Trunk getan und mit den Leuten mich gemein
machte, ward ich ihnen ähnlich und zutunlich.
    Als die Sonne sank, kam aus dem Walde ein bewaffneter Haufe, voran der
Führer in blauem, silberbetresstem Wams. Grüssend schwenkte er den Federhut und
rief: »Juhu, Viktoria!« - »Ist das nicht Maiwald? Und Dressler? Sie sind's!«
meinte die Preislerin, und man stimmte bei: »Wahrhaftig, der Maiwald! Ei, so
schauet doch, wie ein Herr gekleidet!« Ich ging dem Zuge entgegen und ergriff
die Hand, die Maiwald freudestrahlend mir bot: »Viktoria, Johannes, gute
Botschaft! Ich bringe, was wir brauchen! Da sein zuvörderst dreissig tapfre
Schmiedeberger, zwanzig andere hab ich in Dresslers Auftrage angeworben, als wir
über Hirschberg zogen. Was aber das beste, wir han als Kriegsknechte gleich gute
Arbeit getan. Drunten bei der Kirche sein drei Wagen und sechs Gäule davor, auch
neun Reitpferde. Die haben wir als Beute mitgebracht. Und denke nur, was
Kostbarkeit unter den Wagenplanen! Silbergeschirr, eia, schwere Becher und
Kannen, Tafeldecken und Tapezereien mit Bildern darauf, Prachtgewänder, wie ich
eins anhabe; feine Zeuge, Sammet und Seide, Federbüsche und Hüte. Überdies ein
paar Fässlein edlen Weines. Das alles bringen wir heim, mit unsern Waffen
erbeutet. Wie wir nämlich zwischen Warmbrunn und Hermannsdorf unsere Strasse
ziehen, kommt einer von meinen Kundschaftern dahergeloffen und meldet: Vom
Kynast nahen drei Planwagen mit zwanzig Reitern. - Mit denen werden wir fertig!
sag ich und lasse alsogleich meine Leute an einen Ort zurückgehen, wo der Weg
von Wald umgeben. Hier machen wir unsere Feuerrohre fertig und kauern im
Hinterhalt. Wie nun die Wagen kommen, strecken unsere Schüsse gleich fünf Reiter
zu Boden, die übrigen schlagen wir nieder. Nur einen Mann haben wir verloren.
Leicht ist es freilich nicht gewesen, die Beute herzuschaffen, ohne von der
Kynastbesatzung erspäht zu werden. Wir mussten einen Umweg durch Waldung nehmen.
Nun aber sind wir hier und möchten unsern Sieg feiern.«
    »Vivat Maiwald!« schrien die Leute. »Viktoria!« Da man mich fragend
anblickte, nahm ich das Wort: »Ich danke dir, Dressler, dass du nach meinem
Auftrag getan und im Gebirge verkündet hast, was wir wollen. Auch dir, Maiwald,
weil du Soldaten bringest, danke ich. Was aber das Beutemachen anlangt, so kann
ich es nicht billigen. Wenn wir ein neues Reich gründen, besser als die alte
Haderwelt, dürfen wir nicht mit Mausen beginnen. Merket ihr alle (und meine
Stimme ward scharf): dass mir keiner ein Gartbruder werde! Unrechten Gutes
bedürfen wir nicht. Erhaltet ihr nicht reichen Sold? Und können wir nicht genung
Lebensmittel kaufen mit dem Golde, das ich schaffe?« Maiwald riss vor
Überraschung Aug und Maul auf, Murren erhub sich unter den Leuten. Ich aber
befahl mit Strenge: »Maiwald, sorge sofort, dass keiner sich an dem Gut
vergreife. Das gehört den Kindern unseres armen Herrn Schaffgotsch, den seine
Widersacher ausplündern möchten. Morgen soll ein Bote nach Kemnitz zu Herrn
Gottwald, ihrem Vormund, und melden, dass wir den Kaiserischen Wagen genommen,
die zum Gute der jungen Schaffgotsche gehören. Weil ihr es aber gut vermeint
habt, ihr neuen Soldaten, so gebe ich jedem von euch ein Goldstück, eurem
Anführer Maiwald aber zehn. Wohlan, nun ist es gut, lasset uns mitsammen
fröhlich sein, ihr seid zum Feste geladen.« So war denn alles begütigt. Dressler
hielt Maiwalds Arm gefasst und redete auf ihn ein: »Unser Johannes hat ganz
recht, aber freilich du bist ein Hauptkerle, ein kecker Fuchs.« Drauf so hub die
Musika wieder an, und die Angekommenen nahmen teil am Schwatzen, Trinken und
Tanzen. Ich zog Maiwald, der noch immer betreten war, zum Marketender und liess
Wein geben. Bald stimmte er mir bei, und seine Verdrossenheit bezog sich nur
darauf, dass er sein prächtig Herrengewand wieder lassen solle. Aber Dressler
meinte: »Was willst du mit dem Pfauenkleid in unsern Bergen? Mach dir ein
Lederwams!«
    Mein Aufmerken ward jetzo auf eine Gruppe von Soldaten gelenkt, die einem
der mitgebrachten Soldatenweiber lauschten. Von Magdeburg ging das Gerede: »Wie
die Magdeburger sollten auch wir's machen. Dann kann unsere Burg nicht
eingenommen werden.« - »Was sollen wir wie die Magdeburger machen?« sprach ich
hinzutretend. Da eiferte das Weib: »Die Magdeburger haben ein Stadttor
uneinnehmbar gemacht.« - »Uneinnehmbar?« entgegnete ich; »weiss Sie denn nicht,
dass Magdeburg längst über und zerstört ist? Ich selber bin Magdeburger und hab
unter Falkenberg die Stadt verteidigen helfen.« - »Das weiss ich wohl. Mein Mann
war ja einer von den Pappenheimern und hat mir gute Beute ins Lager von
Neu-Haldensleben gebracht. Aber das Krökentor ist doch beim Sturme
festgeblieben, ist nur durch Umzingelung eingenommen; die Pappenheimer sind
durch die Hohe Pforte in die Stadt gedrungen, und da blieb dem Krökentor
freilich nichts übrig als zu kapitulieren.« Düster starrte ich drein: »Solch
toller Aberglaube darf hier nicht aufkommen. Dass Sie davon fürder schweige!« Das
Weib zuckte die Achsel und murrte frech. Abseits wandte ich mich, lieber bei
säuselnden Tannen war ich als bei diesen Menschen; meine Verdrossenheit galt es
zu beschwichtigen. War das ein neues Reich, was also anhub? Ein Lichtreich, wie
es Bertulde nannte? Durfte es sich gründen auf dieselbigen Mängel und Laster,
die es doch bekämpfen wollte? Waren mir rechte Helfer zur Seite, und war ich
selber meines Unternehmens würdig? Hatte ich nicht mit Gaukelei begonnen und mit
meinem Golde dies Gesindel an mich gelockt? Wo ein Aas ist, da sammeln sich die
Raben. Und nun was weiter? Wie bessere ich das Verfehlte?
    »Herr Johannes! Eine Freudenpost! Viktoria!« rief es hinter mir, und zween
Männer hasteten herbei; der eine war Christianus, der Preislerin Sohn, mit einem
Papier winkte er, als bringe er wichtige Botschaft. Ich stutzte, und etwas
sprach in mir: Wie deine Leute knöcheln, so wirft eine dunkle Hand die Würfel
deines Geschickes, und da ist nun wieder ein Wurf geschehen, einstweilen
verdeckt durch den Würfelbecher, sogleich aber offenbar; vielleicht sind die
Würfel dir zum schwärzesten Unheil gefallen ... doch nein, wohl eher zum Glück
... Freudig blickt Christianus. »Sie lebt!« ruft er - und es durchzuckt mich die
Hoffnung, Tekla sei gemeint. Vor Beklommenheit kann ich kaum sprechen: »Wer
lebt?« - Nun ist Christianus bei mir und beut mir das Papier: »Hie stehet es
geschrieben von ihrer eigenen Hand!« - Zitternd nehme ich den Brief: »Rede doch,
Christian! Wer denn, wer lebt?« Da kommt die Antwort, nach der meine Sehnsucht
oft flehend verlangt hat: »Sie - Eure Eheliebste - die Gräfin Tekla lebt!« -
Das war zu viel des Glückes so auf einmal; gelähmt stund ich, wie vom Blitze
getroffen, es wankten die Tannen rings und die Berge, es drehte sich alles, ich
taumelte. »Halt ihn!« rief Christianus. Dann sass ich im Beerenkraut, die beiden
Männer waren um mich bemüht, aus einer Flasche sollte ich trinken. Ich strich
mir über die Stirn. Sie lebt! ging es mir durch den Sinn. Sagt nicht Christianus
also? Von ihrer eigenen Hand stehe es im Briefe geschrieben? Da ist ja der
Brief! Hastig entfaltete ich ihn, während Christianus sprach: »Dieser Bote hat
ihn vor kurzem meiner Mutter gebracht.«
    Ich erkannte die Schriftzüge, Teklas Hand, und las:
                    »Liebwerte Preislerin! Ehrsame Witfraue!
    Nachdem ich meinen Johannes verloren und vor wenig Wochen auch noch meine
zweite Mutter, die edle Frau Zetteritz, weiss ich niemand sonsten in der kalten
Welt, bei dem ich Zuflucht suchen könnte, als meine gütige Preislerin, wofern,
sie überhaupt noch am Leben. Denn der Oheim Tobias ist ja wohl verstorben.
Wenigstens sind zween Briefel, so ich vor drei und vier Jahren durch Soldaten an
Tobias Tielsch gesandt, ohne Antwort geblieben, und mein zweiter Bote hat mir
die Kunde gebracht, der alte Tielsch sei tot. Damit Sie aber weiss, liebwerte
Preislerin, welche Lebensumstände mich treiben, in Schreiberhau Zuflucht zu
suchen, so vermelde ich, dass jetzo, nachdem meine Beschützerin, die edle Frau
Zetteritz, verstorben, ihr Sohn, ein kaiserlicher Obrist, mich heuren will,
wiewohl ich ihn nicht mag. Da will ich nun heimlich entweichen. Darf ich nach
Schreiberhau kommen? Sollten diese Zeilen an einen andern guten Menschen
gelangen, mag der sich mein erbarmen. Wiewohl als Gräfin geboren, bin ich kein
müssig Fräulein. Arbeit ist meine Lust; ich will mich nützlich machen, wie ich
kann. Ich weile in Altenhof, einem festen Hause des Ritters Zetteritz, gelegen
bei Melnik in Böheim. Mit Zähren trauernder Liebe gedenk ich der Stunden, da ich
von meinem Johannes aus der Gefangenschaft zu Euch gebracht ward und an seiner
Seite im Schreiberhauer Bergwald hausete. O dass ich wiederkehren dürfte! Meine
Grüsse sind so innig wie dieser Wunsch, und ich verbleibe treulich Eure
    Witfrau Tekla Tilesia, geborene Gräfin Schlick.«
    Auf sprang ich und lachte laut, den Brief an mein Herze gepresst. »Sie lebt,
sie kehrt wieder, sie ist mein!« rief ich und überflog von neuem die köstliche
Botschaft. Dann griff ich den Boten, der den Brief gebracht hatte, bei den
Armen: »Lebt sie wirklich? Sprich, wie fandest du meine Tekla! Ich meine sie,
die den Brief dir gab.« - »Nun ja doch,« nickte er, »freilich lebt die Witwe
Tilesia und ist wohlauf, wie mir scheint. Sonsten weiss ich nichts; ich sah sie
nur das eine Mal. Bin ein Rosshändler, so auf der Reise im Wirtshaus zu Melnik
herbergte. Da nun die Witwe Tilesia vernommen, dass ich nach Schlesingen reise,
hat sie mir ein gut Stück Geld geboten, wenn ich den Brief besorge.« Ich drückte
dem Manne die Hand. »Gehet zum Feste, lasset mich allein! Christian, gib dem
Mann zu essen, zu trinken! Feiert, freuet euch! Ich komme bald nach.« Sie
gingen, und tief atmend starrte ich ins grüne Dämmern der Tannen. Vor mir
schwebte ein Traumgesicht. Wie Flackern war's und gaukelte und lockte, dass ich
der Flamme folgte. Doch da ich nach ihr haschte, sank mein Fuss in Schlamm und
Moder. Zugleich verblasste die Flamme und zuckte matt, derweilen das Morgenlicht
geflutet kam. Kommst du, Sonnenbraut, reine, strahlende? Bist endlich da, meine
Tekla? Auf die Knie warf ich mich ins Moos und rang vor Jubel die Hände. Dann
sprang ich auf und kehrte zum festlichen Treiben froh zurück, begrüsst von einer
Gruppe, die soeben von Christian vernommen hatte, welch Heil mir widerfahren.
Die meisten Feiernden merkten auf eine Prozession weissgekleideter Jungfern, die
jetzo singend von Schreiberhau her aus dem Walde kam.
    Voran schritt Bertulde, um deren Gewand sich eine Purpurschärpe schlang,
während das Haupt mit dem aufgelösten Goldhaar Fichtenzweige krönten. Die
anderen Festjungfern waren ebenfalls bekränzt. Ein Schwarm von Kindern, älterem
Weibsvolk und Männern gab das Geleite, auch Beate und der Oheim waren dabei. Die
Junggesellen auf dem Festplatz krähten vor Lust, lachend bildeten die Jungfern
einen Halbkreis, und in dessen Mitte trat Bertulde. Durch einen Baumstumpf
erhöht, gebot sie mit winkender Hand Stille und sprach: »Will Mannsvolk Freude
ha'n, so darf das Weibsvolk nicht fehlen. Wir Jungfern sind kommen, mit euch zu
feiern. Zur Lust hat uns Allvater geschaffen, und das Lichtreich, das unser Herr
der Berge mit uns gründet, es sei ein Garten der Lust. Lasset dieses Gartens
Blümelein euch gefallen, ihr Kriegsmannen! Heiloh!« Jauchzend stimmte das
Mannsvolk zu, Bertulde aber sprach weiter: »Bringet Wein her!« Sogleich tat man
desgleichen. Sie nahm den Becher und erhub ihre Stimme: »Heil der Burg und
denen, die sie bauen! Heil dem Reiche, das wir gründen! Heil dem Herrn der
Berge, unserm König!« - »Vivat unser König!« erscholl es unter Hüteschwenken.
»Heiloh! Hoch, hoch!« Nun trat Bertulde mir entgegen, blickte in mein Auge und
tat den Becher an ihre Lippen. Wie sie ihn kredenzt hatte, und ich ihn leerte,
rief ein Soldat: »Vivat auch die Königin!« Und aber schrie man: »Vivat!«
Bertulde warf mir einen Blick voll zärtlichen Feuers zu und schlug die Augen
nieder, ihr Busen wogte.
    Mich indessen überkam Verwirrung, mir war, als solle ich in ihre Arme
geführt werden, und widerstrebte doch. Zwar nicht immer hatte ich so
widerstrebt; ich dachte an den Kuss, den ich ihr vor wenigen Tagen gegeben; hatte
der ihr den Kopf verdreht? Ich schämte mich und beschloss, ohne Verzug die rechte
Antwort zu geben auf Bertuldens stummes Bekenntnis, nämlich offen zu verkünden,
dass ich meine Eheliebste wiedergefunden. Auf dem Baumstumpf, von wo Bertulde
geredet hatte, stund ich, von frohlockenden Menschen umringt, und sprach, die
Arme erhoben in Heller Freude: »Vivat auch die Königin! So hat einer gerufen,
und das ist ein Prophet. Erfüllt hat sich sein Spruch; eure Königin ist da; die
ich verloren glaubte, lebt. Hier ist ein Brief, von ihrer Hand geschrieben, und
dorten schmauset der Mann, so vor wenig Tagen sie gesehen hat. Meine liebe Frau
ist es, meine Tekla ...« Ich sah, wie Bertulde erblich. Leid tat sie mir. Doch
wie unter den verfinsterten Hexenbrauen ein dräuender Blick herfürschoss, zuckte
ich die Achsel und sprach weiter, ohne nach ihr zu sehen: »Tekla ist eine
Tochter des Grafen Schlick, jenes böhmischen Helden, den die Jesuiter aufs
Blutgerüst gebracht haben. Nachdem ich mit ihr aus Böheim gen Magdeburg
geflohen, ward sie die Meine in jenen Schreckensstunden, die meine Vaterstadt in
Blut und Asche legten. Am zweiten Tage drauf ward mir mein Weib entrissen, und
wie ich auch seitdem geforscht, ganz ausgelöscht blieb jede Spur, bis nun auf
einmal der Brief .... der Brief ....« Und wie ich ihn ob meinem Haupte
schwenkte, schrien die Leute: »Hoch!« Um zu danken, erhub ich aufs neue die
Stimme: »Ihr sollet meine Freude teilen. Morgen reise ich, mir unsre Königin zu
holen, und in wenigen Tagen führ ich sie heim. Sintemalen nun nächste Woche
Johannis, der Sonne längster Tag, an dem sie triumphieret, so wollen wir alsdann
ein ganz gross Festin feiern; unserm Lichtreich soll es gelten und zugleich
unsrer Königin, meinem trauten Weibe. Zum Hochzeitsmahl, zu Spiel und Tanz seid
alle geladen. Des Lichtreiches Sonne sei meine Liebste!« - »Vivat! Heil dem
Goldmacher! Heil dem Herrn der Berge und seiner Königin!« Und in der Jauchzenden
Arme sank ich, man riss sich um mich mit Lachen, indessen Pfeife und Fiedel
gellten. Wie trunken traf ich nun meine Anordnungen. Eine Handvoll Gold gab ich
dem Boten und verhiess ihm eine zweite, so er mein Führer nach Altenhof sein
wolle. »Auf, Segebodo!« sprach ich, »lass die Pferde holen, die Maiwald bei der
Kirche hat. Wir beide reisen, wenn der Tag graut und nehmen funf gute
Reitersleute mit.« Noch eine Weile blieb ich beim Feste. Sass beim Oheim und der
alten Beate. Meine Hände hatte ich diesen Getreuen dargereicht, und stumm vor
Glück streichelten sie die Hände, wie man einem Kindlein schön tut. Dann trieb
es mich vom Getümmel hinweg; ich sehnte mich nach der Abendburg, nach meiner
stillen Klause und dem Gott im Herzen, von dem der Friede kommt.
Wie ich einsam mit meinen Hunden heimwärts schritt, war die Nacht
hereingebrochen. Doch der ziemlich volle Mond lugte über die Waldberge und
streute bläulich Licht auf den Felsenpfad und das Beerenkraut. Der Nadelzweige
sachtes Sausen war meinem Herzen frommer Jubelsang, des Mondes Strahlen klangen
dazu als heimliche Harfensaiten.
    Da schlugen die Hunde an, und hinter einem Felsen, wo es zur Linken steil
hinuntergeht, trat herfür eine schimmernde Gestalt. Bertulde war's im weissen
Gewand, und nahe gekommen, sah ich unter dem Fichtenkranz vom Monde beglänzt ein
höchst trauervoll Angesicht. Unter den niedergeschlagenen Augen hingen Zähren,
die sonst schwellenden Lippen waren zusammengepresst, matt neigte sich das Haupt,
schlaff hingen die Arme. »Was ist mit dir, Bertulde?« sprach ich bestürzt. Da
kam ein Wimmern: »Mir ist so weh!« Erbarmen trieb mich zu ihr, ich legte die
Hand an ihre Schläfe: »Still, mein Kind, gräme dich nicht!« Sie lehnte die Wange
mir an die Brust und weinte leis. Ich entielt mich nicht, ihr Haupt zu
streicheln: »So sprich dich aus. Warum denn ist dir wehe? Hab ich dich
gekränkt?« Da hing sie schluchzend an meinem Halse, ich fühlte die weichen
geschmeidigen Mädchenglieder in meinem Arm, sie zitterte, durchschauert von der
Minne Feuer. Oder zitterte sie vor Sorge, ich könne verschmähen, was schmachtend
sich mir bot? Ich spürte wohl, wie Zärtlichkeit mich lockte, doch warnend erhub
sich eine Stimme in meines Herzens Kammer: »Was willst du tun? Lass du das
Irrlicht gaukeln und folge nicht. Magst du denn deiner Sonnenbraut vergessen?«
Und ich wand mich aus Bertuldens Arm, sie schlug ihre Hände vors Angesicht, als
schäme sie sich. Ihr stummer Gram ging schneidend durch mein Herz, mein Blick
mied sie und starrte in den Mond. Da ward an meinem Wams gezerrt, und auf den
Knien lag sie wimmernd: »Johannes, bleibe doch, verlass mich nicht!« Ich zog sie
empor. »Was tust du? Wer will dich denn verlassen?« Wild griff sie mit den
Händen sich ins Haar, dass ihr der Kranz zu Boden glitt. »Doch, Johannes! Willst
ja die andere holen. Tu es nicht, tu es nicht! Mich sollst du minnen, mich
allein! Bin ja so heiss entbronnen, dein bin ich ganz. Dir dienen will ich, deine
Magd; will alles tun, gebeut nur! Schaffen lass mich an deiner Seite, dass dir das
Lichtreich gelinge, lass mich helfen mit dieser Herzensglut, helfen mit
Lichtvaters Kraft, der mich zu seiner Huldin geweiht, helfen mit meiner Magie.
Ich bin dein würdig, Herr der Berge, du mein König, mein Gott!«
    Bestürzt machte ich mich los: »Aber Bertulde! du bist von Sinnen; komm zu
dir! Wie kann ich der Deine sein? Sie lebt ja, mein Eheweib lebt!« Mit einem
grässlichen Schrei sprang Bertulde auf, verzerrt das Angesicht; wie Krallen
spreizten ihre Finger sich, sie griff nach ihrem Halse. Doch wie ich schon
glaubte, sie wolle sich würgen, hielt ihre Hand die Kapsel, so ihr Busen trug.
Sie starrte darauf hin und knirschte mit den Zähnen: »Verfluchtes Zauberding! Du
hast ihn mir entrissen! Du scheuchest ihn, dass er sich von mir wendet. Hinweg
mit dir!« Sie riss die Kapsel von der Schnur und warf sie hinter den Felsen, in
die Tiefe, man hörte das Ding drunten aufschlagen, und Bertulde zischelte: »Ha,
ächze nur, flammarischer Dämon! Was gilt mir noch dein Dräuen? Ich spotte dein,
du tückischer Betrüger, und wenn du wiederkommst, mir deinen Stachel
einzubohren, so triff dies Herze, dies zuckend arme Ding, triff es gleich recht!
Ich mag nicht weiterleben, da mein Liebster mich verschmäht.« Dann spähte die
Rasende mit ängstlich aufgerissenen Augen mir ins Angesicht und schrie, den Arm
erhoben: »Johannes, kannst du mich verstossen? Bringst du es über dich, nun ich
dir alles opfere und ledig bin des Zauberdinges, vor dem du Abscheu hast? Weg
ist es - da! Frei bin ich; und so es wiederkommen will, weiss ich mir einen
Retter, das bist du, ja einzig du! deine Minne kann mich lösen. Doch freilich,
wenn du mich nicht magst, so holt mich der flammarische Dämon in seine Flammen.
Denn ich bin der Dreizehnte, so ihn besitzt - habe kein Glück in der Minne - zum
drittenmal kein Glück!«
    Kläglich waren die letzten Worte gesprochen; aus meinen Worten und Mienen
entnahm sie, dass ich nicht in ihre Arme mochte. Plötzlich greift sie in ihre
rote Schärpe, und ein Messer blinkt in der erhobenen Hand, die Augen rollen, dass
ich das Weisse sehe, und zurücksinkend, will sie die Schneide in ihren Busen
senken, als ich zugreife und ihr den Stahl entwinde, um ihn gleich darauf hinter
dem Zauberdinge dreinzuschleudern. Sie blickt mich wie eine reissende Wölfin an,
presst die geballte Faust an ihren fletschenden Mund und knirscht: »Ha warte,
Königin - ha warte!« Nach dieser wütenden Drohung rennt sie weg wie ein
gehetztes Wild, fern ein gellender Aufschrei, und nur der Tannen Sausen ist noch
zu vernehmen. Jetzo klang dies Sausen bang, als raune die Sorge. »Ein Dämon!«
sprach ich in mich hinein. »Hat denn ein Dämon diese Jungfer besessen? Zuvor war
sie so liebreich, und nun -! Doch fort damit, fort mit allem Düstern! Tekla ist
ja mein! Nur etliche Tage noch, und ich halte die Süsse umschlungen.« Aufatmend
machte ich mich wieder auf den Weg, und weiter ist mir nichts in dieser Nacht
begegnet. Nur dass noch ein zweites Mal die Hunde anschlugen, und ich links unten
auf der Iserstrasse Hufschlag vernahm. Jemand von den Iserbauden, dachte ich,
wird vom Feste heimgeritten sein. Die gleiche Meinung sprachen die Soldaten aus,
so die Wache bei der Abendburg hatten.
    In der Morgenfrühe erhub ich mich von kargem, unrastigem Schlummer und
stieg, zur Reise gerüstet, den kurzen Pfad hinunter zur Iserstrasse, wo Segebodo
mit den andern fünf Reitern, die zum Mitreisen beordert waren, sowie dem Boten
harrte. Sie hatten mein gesattelt Reisepferd. Ich grüsste meine Leute, in der
Morgenfrische beglückt von meinem Vorhaben. Segebodo tat die Meldung, in der
Nacht sei eins der Pferde, die Maiwald erbeutet, weggekommen. Nach Einbruch der
Nacht sei ein junger Bursch, den man in Schreiberhau nicht erkannt habe,
plötzlich in den Sattel gesprungen und spornstreichs hinweggetrabt, in der
Richtung nach dem Festplatze. Vermeinend, er begehre noch spät daselbst etwas
Freude zu erhaschen, habe man ihn nicht verfolgt. Doch seien Ross und Reiter
bisher nicht zurückgekehrt. »Es wird derselbe gewesen sein,« entgegnete ich,
»den ich nach der Iserwiese traben hörte. Gewiss ein Junggeselle, dorten
heimisch, der hier mit seinem Lieb getanzt hat.«
    Wiewohl ich vom Boten aus Böheim mehr über Tekla herauszubringen suchte,
wusste er nichts als das schon Berichtete. Dies musste er oft wiederholen, und
jedes Wort, jede Gebärde Teklas, jeden Zug in ihrem Angesicht beschreiben. Dann
hielt ich mich an Segebodo und erzählte, was ich mit Tekla durchlebt. Nicht
ohne Unruhe dachte ich an Zetteritz. Wie ging es zu, dass Tekla so lange in
seinem Hause verweilen konnte? Was hielt sie? Seine Mutter? Tekla nennt sie
ihre Beschützerin. Nun freilich, das lässt sich hören. Geduld! Alles wird bald
klar!
    Am dritten Reisetage zählte ich die Stunden und jeden Schritt des Rosses.
Wie ein Schmachtender nach Labetrunk verlangt, so brannte mein Herz und konnte
kaum sein Heil erwarten. Nun wies der Bote auf eine Häusergruppe hinter Büschen:
»Da ist Altenhof.« Segebodo zügelte sein Pferd. »Halt! Erst gilt es zu beraten.
Den Boten, denk ich, kannst du entlassen, Johannes!« Ich stimmte bei und gab dem
Boten seine Handvoll Gold. Er strahlte ob der reichen Gabe und nahm Urlaub unter
Dank und Hutschwenken.
    »Lass mich allein hinreiten«, sprach Segebodo; »ich werde kundschaften, ob
die Luft rein. Denn es könnte ja der Zetteritz bereits gekommen sein. Wenn ich
pfeife, so komme du mit den Leuten nachgeritten.« Ich nickte und hielt mit den
Vieren auf der Strasse, indessen Segebodo nach dem Hause ritt. Bald darauf hörte
ich ihn mit erhobener Stimme sprechen, doch waren die Worte nicht zu verstehen.
Dann kam er im Galopp, sein Feuerrohr in der Faust, finstern Blickes. Ich wusste
nun schon, dass er nichts Gutes bringe, zog den Degen und liess die Feuerwaffen in
Bereitschaft setzen. »Der Zetteritz ist da«, meldete Segebodo; »wie ich hinkam,
starrten mir aus Schiessscharten Rohre entgegen, und eine Stimme rief: Halt, was
gibt's? Reisse nicht aus, sonsten schiessen wir, steh Rede! Was willst du? - Ich
sagte nun: Wohnet allhie die hochgeborene Gräfin Schlick, Frau Tilesia? Dann
habe ich Botschaft für sie. - Richte die Botschaft aus! Wer sendet dich? hiess
es. Ich gab zur Antwort: Mein Herr ist bei mir und wünscht Frau Tilesia zu
sprechen. - Dann muss er erst mich sprechen, ich bin der Ritter Zetteritz,
kaiserlicher Obrist. Bring deinen Herrn her! - Und ich erwiderte: Vor Eure
Feuerrohre mag ich ihn nicht bringen. So Ihr aber ohne Waffen mit ihm verhandeln
wollet, wird er sich einfinden. Kommet unbewaffnet heraus, in ziemlichem
Abstande von Euren Leuten mag die Unterredung stattfinden. Auch wir werden ohne
Waffen kommen. - Diese Proposition hat der Zetteritz angenommen. War's recht von
mir getan, Johannes, und bist du einverstanden?« Ich nickte düster und seufzete,
den Hoffnungen grollend, die mir ein nahes Glück vorgegaukelt hatten. Dann gab
ich meine Waffen in die Hände meiner Leute, Segebodo tat desgleichen und befahl,
man solle abwarten und nicht eher herbeieilen, als bis er pfeife.
    Zu Fusse nun begaben wir uns nach dem Hause. Es war von Steinmauer und einem
Graben umgeben, den ein Bach mit Wasser gefüllt hatte; hinüber führte eine
Zugbrücke zum festen Tor. In angemessener Entfernung blieben wir stehen,
Segebodo winkte mit dem Hut. Da kam durch die Torpforte ein Mann in fürnehm
soldatischer Tracht, und ich erkannte Zetteritz. Bleich und finster sah er aus,
seine höhnische Art verzerrte ihm die Miene, als er sprach: »Sehet doch, der
Tielsch! Ich ahnte ja, der steckt dahinter. Doch warum kommt Er nicht allein,
Tielsch? Hab ich nicht mit Seinem Boten ausgemacht, dass nur wir zwei mitsammen
reden?« Ich schwieg, Segebodo gab zur Antwort: »Nichts für ungut! Der Herr
Ritter mag es halten wie mein Herr, und von seinen Leuten einen zur Unterredung
herzuziehen. Nicht anders hab ichs gemeint.« Da winkte Zetteritz nach seinem
Hause und rief einen Namen, worauf ein Soldat aus der Pforte kam und
herbeieilte. Es fiel mir auf, dass der den Degen an der Seite trug, doch ich
sagte nichts dawider, weil meine peinliche Ungeduld Auskunft über Tekla
begehrte. Zetteritz kam mir im Reden zuvor mit einem grimm lauernden Blicke: »Wo
hast du sie? Gib Tekla heraus!« Auf den Grund seines Herzens suchte ich meinen
Blick zu bohren, als ich versetzte: »Ebendiese Worte wollte ich an dich richten,
Zetteritz.« Die Zornröte schoss ihm ins Gesicht, er starrte wie ein lauernd
Raubtier und polterte heraus: »Keine Flausen, Schelm! Gib sie heraus, sage ich!
Hast sie ja entführen lassen.« Ob dieser Rede, die keine Lüge sein konnte,
stutzte ich und tat einen fragenden Blick auf Segebodo. Der zuckte die Achsel:
»Entführt ist Tekla?« stammelte ich beklommen. Mich immerfort anstarrend
lächelte Zetteritz bös: »Heuchler! Mich täuschest du nicht. Vor drei Stunden war
ein Weib hier, das sie entführt hat.« - Ich schrak zusammen; mir kam der
Einfall, die eifersüchtige Bertulde könne mir zuvorgekommen sein und Tekla
beseitigt haben. »Ein Weib? Wie sah das Weib aus?« Zetteritz winkte mit
rollendem Auge dem Soldaten, der bei ihm war, und dieser antwortete: »Eine
saubere Jungfer mit gelbem Haar und dunklem Auge - so sagt die Magd, die sie
gesehen.« Ich zuckte und wandte mich an Segebodo. Er war gleich mir bestürzt und
raunete: »Bertulde war's!« - »Heuchler!« schrie Zetteritz, »du hast dich
verraten. Hast sie entführen lassen! Und möchtest den Unschuldigen spielen! Gib
sie heraus! Wo ist sie? Ich erwürge dich!« Schäumend vor Wut wollte er mich
packen, ward aber von Segebodo zurückgestossen. Nun zog der Soldat seinen Degen
und wollte einen Hieb auf Segebodo tun. Ich fiel ihm in den Arm und rang mit
ihm. Da packte mich eine Faust im Genick und riss mich, dass ich taumelte. Gleich
darauf blitzte die Klinge mir vor den Augen, und an der Schläfe getroffen,
stürzte ich.
Von dem, was weiter geschehen, ist mir kein deutlich Empfinden worden - nur dass
mir zuweilen wie durch dunkle Hülle Gesichte kamen und wirre Reden. Es war, als
schwebe ich zwischen Rossen und Reitern. Das Trappen der Pferde durchrüttelte
mich, brennend schmerzte mein Haupt. Dann wieder lag ich still, mit Wasser
kühlte jemand meine Schläfe.
    Eine Zeit voll Angst und Stöhnen durchlebte ich, weiss aber nicht, was mir
begegnete. Kein Fiebertraum war's, dass ich in meiner Balkenklause lag. Was ist
mit mir? Ach ja, verwundet bin ich, habe eins über den Schädel bekommen. Tekla
wollte ich heimholen. Wo ist Tekla? Entführt? Von Bertulden entführt! - Da
fühl ich einen Kuss auf meiner Hand. Wer ist das? Tekla? - Mühsam richt ich mich
empor. Nicht Tekla, Bertulde ist bei mir. Über mich gebeugt starrt sie
ängstlich. Im todblassen Angesicht lodern die schwarzen Augen, schmerzlich sind
die dichten Brauen emporgezogen. »Du, Bertulde?« Wehmütig lächelnd flüstert
sie: »Johannes, erkennest mich?« Und abermals drückt sie die Lippen auf meine
Hand. Ich aber zucke zurück: »Lass mich, Tückische!« In meinem Herzen kocht es,
jäh aufgerichtet pack ich ihren Arm: »Wo hast du Tekla? Gib sie heraus! Sie ist
mein ehelich Weib!« Versteinert schweigt Bertulde, nun pack ich auch den andern
Arm. Sie wehrt sich nicht, die Lippen zusammengepresst. »Antwort!« - »Von Tekla
weiss ich nichts.« - »Lügnerin! Hast sie entführt. Zetteritz hat es gesagt. Wo
ist Tekla? Was hast du ihr angetan? O wehe, Leides hast du ihr angetan!« Da
entwindet sich Bertulde mir, ich sinke zurück und liege ächzend. Und wieder
beugt sie sich über mich. »Still doch, Johannes! Sei lieb zu mir! Ich bin ja
dein! Bin deine Magd!« In meiner Hilflosigkeit kommen mir Tränen, und ich
wimmre: »So gib doch Tekla heraus! Gib mir mein Weib heraus!« - »Das kann ich
nicht!« zischelt sie; »es geht nicht mehr. Fort ist sie, ganz fort, kehrt nie
wieder, gib sie auf! Mich hast du ja, ich bin dein!« Zuckend windet sich mein
Herz, nicht fassen kann ich das Entsetzliche. »Nie kehrt sie wieder? O
Bertulde, warum denn nicht? Ist sie tot? Ach tot! ermordet!« Und auf einmal seh
ich Bertulden wie in jener Mondnacht, da ich vom Festin heimkehrte. Sehe das
mondbeglänzte Messer in der erhobenen Faust, die rollenden Augen, die
fletschenden Zähne. Entsetzen schüttelt mich, abermals fahr ich empor und
klammere mich an Bertulden: »Du hast sie umgebracht! Leugne nicht! Offenbar ist
deine Tücke!« Die Hexenbrauen hochgezogen, starrt sie mich an, den Mund weit
offen vom erstickten Angstruf. Sie schweigt, aus ihrem stechenden Auge lugt das
Böse, nicht verhehlen lässt sich ihre Untat. »Mörderin!« kreische ich und kralle
nach ihrer Kehle. Sie stösst mich zurück, schwarz wird es mir vor den Augen, ich
sinke hin und ächze: »Teufelin! Mir aus den Augen! Fluch dir, Fluch!« Da lacht
es grässlich: »Mein Messer traf sie gut, Viktoria! Sie ist in ihrem
Pfaffenhimmel, du bist mein, wir kommen mitsammen in Lichtvaters Halle. Der soll
uns trauen! Bist mein, du spröder Bräutigam! Dich küsset deine Königin!« Und auf
meinem Munde fühl ich ihre Lippen. Schwindel packt mich, ich sinke und sinke ...
    Dann toset es dumpf, als weile ich beim unterirdischen Bache. Ach ja, das
ist die Höhle, das sind Tropfsteinzacken, von Fackelschein beleuchtet, und da
hält der steinerne König sein Schwert erhoben. Grausiger Götze, was hast du mir
getan? Willst mich richten mit deinem Schwert? Soll ich büssen, dass ich dir die
Ruhe gestört und dein Gold entwendet?
    Schritte kommen gestampft, ein Schuss fällt, noch einer. Vergebens tracht
ich, mich aufzurichten. Und finster wird's, der Fackelschein erstirbt, es toset
das Höhlenwasser und toset. Dann kommt ein Stöhnen, und wieder ein Stöhnen. Wer
ist das? Ich selber bin's wohl! Meine Lippen brennen, am Gaumen klebt die Zunge.
    »Wasser!« So ächzete jemand. Wer war's? Kam dies Wort aus meinem Munde? Oder
liegt hier noch einer? Ich lausche gespannt. Und abermals ächzt es: »Wasser!«
Ich richte mich auf und fühle mehr Kraft als zuvor. Muss wohl geschlafen haben,
seit die Schüsse fielen. Hat hier ein Kampf stattgefunden? Und liegt hier wer
verwundet? - Von neuem das Stöhnen, und jetzt weiss ich, etliche Schritte
seitwärts muss ein hilfloser Mensch liegen. Ich greife mir an den Kopf, der ist
mit einem nassen Tuch verbunden. Um mich tastend, find ich einen Krug mit
Wasser. Zitternd heb ich ihn empor und trinke.
    Nun fühl ich mich gestärkt und krieche, den Krug mit mir nehmend, zum
Verwundeten. Ich betaste ihn, er stöhnt. Der Oheim ist es nicht, dieser Mensch
hat langes Haar und einen breiten Spitzenkragen. »Wer bist du?« raune ich, doch
er antwortet nur mit Stöhnen, dann höre ich wieder das Flehen um Wasser. Es
gelingt mir, ihn ein wenig aufzurichten und zu tränken. Doch von der Anstrengung
ermattet, werde ich selber hilflos, und ächzend liegen wir nun beide
nebeneinander. Hilfe! Bin ich hier ganz verlassen? Wo sind meine Leute?
»Tobias!« rufe ich. Doch es antwortet nur des Höhlenbaches Tosen.
    Da kommt mir in den Sinn, wie ich schon einmal so verzweifelt lag, am Ufer
der Elbe, durch Zetteritz in Fesseln geschlagen, zu den Wölfen ausgesetzt.
Damals flehte mein Herz zum Himmel, er möge mir vergönnen, nur einmal noch den
Frieden der Bergeinsamkeit zu atmen und die Abendburg zu schauen. Meinem
Geistesaug erschien damals mein Vater, verheissend, ich werde gewisslich zur
Abendburg gelangen. Und nun lieg ich hier, aufgetan hat sich die Abendburg und
gar ihr heimlich Gold mir dargereicht. Gleichwohl bin ich nicht besser dran als
in jener Nacht, da den Gefesselten die Wölfe umheulten. Todwund bin, meine
Stunden sind gezählt, und von neuem ist mir die kaum gefundene Tekla entrissen.
Ist das nun der Schatz, der mir verheissen ward und mich seit jungen Jahren
lockte, als könne mein Leben nichts Würdigeres finden? - Und siehe, wiederum
schwebt vor mir mein Vater, ich sehe den Reinen, wie er in der Schulstube das
Evangelium auslegt, sehe das gütige, traurigmilde Antlitz, die ernste klare
Stirn, die träumenden Augen, und sanft spricht seine Stimme, als hauche in ihr
Gottes Friede: »Merket, Kinder, was die Welt einen Schatz heisset, ist Staub und
tut dem Menschen nicht anders, als dass ihm Herz wie Hand mit Staube besudelt
wird. Einen andern Schatz weiset unser Heiland. Nennet ihn einen Schatz im
Himmelreich, den nicht die Motten und der Rost fressen. Es ist aber selbiges
Himmelreich nicht ferne von einem jeglichen, massen ja das ewige Licht
offenbaret: Inwendig in euch ist das Himmelreich! So haben wir denn in uns
selber den wahren Schatz. Nicht in der Erde Tiefen wühle - lieber steige
hinunter zu deines Herzens Grunde.« So mein edler Vater. O du weiser Deuter, wie
närrisch ist dein Kind von deinem Worte abgefallen! Und bin doch ein Weilchen
allbereits auf rechtem Wege gewesen. Die letzten Jahre, da ich als armer Eremit
allhie hausete, ward mir jene Gnade, die dem Johanniskinde bei der Abendburg
widerfahren soll: Die Allnatur ward mir kenntlich als meine Abendburg und hat
sich magisch umgewandelt zum wundervollen Königsschlosse. »Ja, weil du reinen
Herzens warst, mein Kind«, so höre ich meinen Vater in mein Sinnen hineinreden.
»Aufs Herz kommt alles an; die wahre Abendburg, davon das Märlein gilt, ist das
Menschenherz. Es ist verwunschen gemeiniglich, verstört vom bösen Geiste. Erlöse
drum dein armes Herz, Johannes, den rauhen Felsen wandle zum Palast, in dem du
König bist.« - »O Vater, wie gerne möcht ich, hilf mir nur, o Hilfe!« Und aber
wähn' ich mich in der Lateinschule zu Hirschberg, lese auf Vaters Geheiss die
heiligen Worte: »Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von
ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten als
dich selbst. Jesus aber sprach: Du hast recht geantwortet, tue das, so wirst du
leben. Er aber wollte sich rechtfertigen und sprach: Wer ist denn mein Nächster?
Da antwortete Jesus: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho
und fiel unter die Mörder; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon
und liessen ihn halbtot liegen ....«
    Das Wimmern neben mir mahnte mich, dass nicht bloss von Jerusalem und Jericho
die Rede galt, sondern dass ich hier zu dieser Stunde erweisen solle, ob ich ein
töricht plappernder Heide sei oder in mir jenen Christus habe, der da verheisset:
»Tue das, so wirst du leben!« Und ich wusste auf einmal: keinen andern vermeint
der Heiland als mich, wie er weiter erzählt: »Ein Samariter aber reisete und kam
dahin. Und da er ihn sah, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband seine Wunden
und goss drein Öl und Wein und hub ihn auf sein Tier und führte ihn in die
Herberge und pflegte sein.« Wiewohl das Fieber mich kalt durchschauerte, war mir
im Herzen, als erblühe tief innen die lieblichste Sonne. Mein Nächster und ich
sind eins! sprach es in mir, und mir war wie einem, der sich den Schlaf aus den
Augen reibt und durch zerreissende Schleier die heilige Wahrheit erschaut. O
Menschenkind, was ist das nur mit dir, dass du so wirr in Gottes Welt
hineingeblickt hast und dich narren liessest vom Wahn, der dir die Sinne
verklebte? Halte einen Stab schräg ins Wasser, so siehest du ihn gebrochen; und
doch ist er das nicht; betaste ihn, so ist er ganz. Nicht anders war ich
betrogen, da ich vermeinte, ich und mein Nächster seien zweierlei. Ich spüre
jetzo jenen tiefen Grund, allwo die Wesen eins sind, und jener Spuk der
Eigensucht, der den Menschen trennt, zerflattert im Morgenstrahl. Im Lichte
lächelt das neue Reich, ich hab es gründen wollen, doch meine Mühe war umsonst,
ein Irrlicht hat mich genarrt. Das Himmelreich kommt nicht mit äusseren Gebärden,
ein innerlich Einswerden ist es, ein Hirt und eine Herde, ein heiliger Leib, der
uns zu Gliedern hat, ein durchdringend Strahlen, so in die heimlichen Herzwinkel
leuchtet, eine Güte, die alles versteht und alles verzeiht, ein jauchzend Leben
im Reichtum des Menschensohnes und ein Aufsteigen von einem Himmel zum noch
höheren. Gleich in der Höhle hier ist eine Stufe solchen Aufstieges, hier ist
die dunkle Schwelle meines Himmelreiches. Hilflos neben mir liegt mein Nächster,
und sein Gott ist eben der, so in mir waltet, ich muss ihm sein der Vater im
Himmel, mein Nächster ist mein Kind, mein armes, liebes.
    Und mit den letzten Kräften, die ich zu sammeln vermochte, richtete ich mich
auf und tastete nach dem Verwundeten. Benetzt ward mir die Hand von einer warmen
Feuchte, die aus dem Lederkoller quoll; hier war die Wunde, die musste ich
stillen und kühlen. Und ich tat des Kollers Knöpfe auf und zerrte das
blutgetränkte Hemd von der Brust; das Tuch, das meinen Kopf verband, nahm ich
ab, goss Wasser darüber, wusch des Stöhnenden Brustwunde, presste mein nasses Tuch
darauf und knöpfte den Koller drüber. Dann kroch ich zurück zum Orte, wo ich
zuvor gelegen, vermutend, ausser dem Wasserkruge, den ich daselbst gefunden,
könne man mir sonst noch etwas Heilsames hingetan haben. In der Tat fand ich
eine Schale mit saurer Milch, auch Eier nebst Brot. Sogleich kroch ich zu meinem
Nächsten zurück und flösste ihm Milch ein, dann nahm ich selber Nahrung zu mir.
Doch meine Kräfte, übermässig anstrengt, wurden hinfällig, ich streckte mich auf
den harten Stein. Meine Stirn begann wieder zu schmerzen, und ich war zu matt,
ihr einen neuen Verband zu machen. Zugleich fühlte ich mein inneres Himmelreich
getrübt, als ob ein Wolkenschatten darüber gleite. O wehe mir, Tekla, du bist
ja fort, Bertulde hat dich umgebracht. Oder war's ein Traum, dass sie es
eingestanden, da ich sie zur Rede gestellt? Bertulde war doch bei mir droben in
der Grotte! Sie wollte mich betören mit ihrer Liebeswut, die Räuberin, die
Mörderin! Sie rühmte sich, ihr Messer habe Tekla gut getroffen!
    Wie ich mich in erneutem Seelenschmerze winde, seh ich auf einmal wieder
meines Vaters gütig Angesicht: »Was tust du, ungestümer Johannes? Vergeben
sollst du, nicht verdammen! Wenn sie gemordet hat, so wusste sie nicht, was sie
tat, verblendet von demselbigen Wahn der Eigensucht, der dich selber lange
verstörte. Bedenke doch auch, die Minne war's, die tolle Brunst des jungen
Blutes, was der Eifersüchtigen das Meuchelmesser in die Hand gab! Minne war's zu
dir, mein Sohn, und du selber hast sie ihr ins heisse Herz gepflanzt. Begreife
doch! Willst du das neue Reich gründen, so musst du verstehen und vergeben.«
    Auf meines Vaters Rede folgt erneutes Stöhnen des Verwundeten neben mir, und
horch, »Tekla!« ruft er. Ich schrecke zusammen. Wie kommt er zu dem Namen? Oder
hat mich mein Sinn getäuscht? Hab ich selber den Namen gesprochen? Von neuem und
ganz deutlich stöhnt der Mensch: »Tekla!« und wälzt sich wie gefoltert von
innerer Unrast. Ich richte mich auf und taste voll Bangen nach des Mannes
Haupte. Sollte es Zetteritz sein? Wahrhaftig! Er hat sein langes Haar, und hier
ist der gedrehte Schnurrbart, am Kinn der Spitzbart, auch der breite Kragen.
»Zetteritz, bist du es?« Ich rüttle ihn, da stöhnt und haucht er: »Ja, Johannes!
Hilf mir und sage mir, wo hast du Tekla?« Nun seh ich rote Flecke tanzen, es
wankt der Erde Grund ...
    Wirre Gesichter trieben lange ihr dämonisch Spiel mit mir, doch ich rang
mich empor aus dieser neuen Versuchung, und immer klarer ward es mir, wie nur in
ihres Wahnes Nöten die Menschenkinder sich sorgen und vor Angst einander
berauben, unwissend, wo der wahre Schatz zu finden. Und wie sie immer nur
meinen, der Irrwisch, dem sie nachjagen, sei das Köstliche. So tat der
Zetteritz, nicht anders tat auch ich.
    Wie denn aber? Tekla ein Irrwisch? Nicht doch! Nur was Zetteritz von ihr
erlangen wollte, war sein Irrwisch. Wie aber stund es denn mit mir? War's etwa
auch von mir Verblendung, dass ich mein Weib zurückbegehrte? Nicht doch, sie
liebte mich ja, wie ich sie liebte; uns beide einte jenes gütige Verstehen, aus
dem das göttliche Reich wie aus einem Keim erwächst. Aber ist nicht solch ein
Keim auch in Zetteritz? Liebt er denn nicht denselben Engel, der mir ein Bote
Gottes ist? Und kann nicht unsere Liebe zu Tekla uns beide so einig machen, dass
jeder einsieht: dein Nächster bist du selbst?
    Wiederum kam über mich stilles Glück. Auf Stufen klomm ich, die führten
hinan zur lichten Friedenshöhe. Mir nach aber schleppte sich der matte
Zetteritz. Da war Tekla auf einmal bei uns. Mit flehender Liebe sah sie mir
ins Auge, und meine Hand reichte sie dem sich anklammernden Zetteritz. Was dann
geschehn, liegt mir umschleiert, dass ich die wirren Bilder nicht mehr zu deuten
vermag.
    Besinnung kam mir erst, als mir ein Licht ins Antlitz fiel und ich über mich
gebeugt den Oheim erkannte. Auch er musste am Kopfe eine Wunde haben, denn der
war verbunden. Die Schläfen wusch er mir, feuriger Wein rann in meinen Mund.
»Tobias«, lallte ich und tastete nach seiner Hand; »hilf auch dem Zetteritz! Er
ist mein Nächster!«
    Seitdem ward es heller in und bei mir. Ein wärmend Holzfeuer hatte Tobias
angezündet, es flammte vor dem tronenden Riesenpaar, und der rote Flackerschein
huschte über die rätselvollen Steingesichter. Kühle Verbände machte mir der
Oheim und letzte mich mit Nahrung. Wie ich nach erquickendem Schlummer abermals
bat, Zetteritz solle doch ja nicht vergessen werden, erhielt ich zu meinem
Staunen die Antwort: »Der Zetteritz ist allbereits seit dreien Tagen droben in
der Grotte und so genesen, dass er morgen helfen wird, dich hinaufzutragen.«
    Richtig stund nach etlicher Weile neben dem Oheim Zetteritz vor mir. In
seinem Angesicht, das die Laterne beleuchtete, zuckte es seltsam, als ringe ein
weich Gefühl den Trutz des Mannes nieder. Herkniend ergriff er meine Hand und
stammelte: »Dank, Johannes, du hast mich gerettet, und ich war dein Feind.
Vergib mir!« Antworten wollt ich, konnte aber nur stumm seinen Händedruck
erwidern. Dann überwältigte mich erneutes Leid um jene, die uns beide
widereinander gebracht, weil wir beide sie begehrten; und die wir gemeinsam nun
verloren hatten. Oder war's vielleicht doch nur ein Traum gewesen, dass Bertulde
sie umgebracht? Gewissheit musst ich haben! »Ich bitte dich, Oheim, und auch dich,
Zetteritz, wollet alsogleich mir Aufschluss geben über Tekla. Ist sie wirklich
tot?« Beschwichtigen wollte der Oheim, Zetteritz schwieg düster, an seine Lippe
die Faust gepresst. »Ihr foltert mich«, rief ich flehend. Da seufzete schwer der
Oheim: »Fasse dich! Ja, sie ist tot.« Nun erlosch meines Hoffens letztes
Fünklein, nichts blieb mir übrig, als jenem heiligen Schatze nachzutrachten, den
mein Vater angedeutet. Dumpf fragte ich weiter: »Wie starb sie? Ist es wahr, dass
Bertulde sie umgebracht?« Traurig nickte der Oheim: »Bertulde hat es
eingestanden.« - »Bringt mir Bertulden, ich muss sie sprechen!« Der Oheim wehrte
mit der Hand: »Bertulde ist tot, selbst hat sie sich gerichtet, doch frage
jetzo nicht weiter. Das alles ist so voller Grauen, dass du es nicht hören
darfst, solange du krank. Versuche jetzo, aufzustehen, mein armer Johannes. Lege
den Arm um meinen Nacken; Herr Zetteritz, wollet auf der andern Seite als Stütze
dienen, recht so, vorwärts ans Tageslicht! Mach dich aber bereit, Trauriges zu
schauen. Was wir unternommen haben, arg hat es sich gewandelt in diesen sechs
Tagen.« - »In sechs Tagen?« staunte ich. Der Oheim versetzte: »Dass du die Wunde
davontrugest, ist noch länger her. Das war ja ein paar Tage vor Johanni.« - »Und
vor sechs Tagen?« forschte ich weiter - »was hat sich denn da zugetragen?« - »Da
hat der Feind die Abendburg erstürmt und alles wüst gemacht.« Zusammenzuckend
nahm ich meinen Arm von des Zetteritz Schulter. Er blickte trübe und sagte
dumpf: »Ich tat das nicht, brauchst mir darob nicht zu grollen. Stütze dich nur
wieder fest auf mich, ich möchte dir vergelten, was du mir Gutes getan - wiewohl
ich nicht hehle, dass ich zu deinen Feinden gehörte und damals gern getan hätte,
was die andern taten.« Ich hatte wieder den Arm um seinen Nacken gelegt,
schleppenden Schrittes ging es vorwärts. »Welcher Feind hat die Abendburg
überwältigt, und was ist aus unsern Leuten geworden?« - »Colloredos Volk, die
Besatzung des Kynast hat den Wachstein erstürmt und ist zur Abendburg
heraufgedrungen, hat uns einen Tag und eine Nacht belagert und dann mit blutiger
Waffe überwältigt. Alles haben sie geplündert und wüste gemacht. Haben auch
drunten des Dorfes nicht geschont, wie denn mein Häusel, mein lieb Häusel
niedergebrannt, mein Laboratorium zerstört ist. Beate, unsre gute Beate - vor
Schrecken starb sie - der Schlag hat sie gerührt, oh!« - Und es weinte der
Oheim, auch mir kamen Zähren. Nach einer Pause sprach er weiter: »Was unsere
Leute betrifft, so sind die einen tot, die andern gefangen, die letzten
geflüchtet. Doch lass gut sein, Johannes, uns bleibt ein Trost: Das
Niedergerissene werden wir neu errichten. Diese Höhle ist geblieben, wie sie
war. Niemand ist eingedrungen oder hat davon erfahren, niemand sonsten als hier
der Ritter, der aber hat gelobt, verschwiegen zu sein.« Zetteritz beteuerte das
aufs neue, und der Oheim meinte: »Es ist ja nur, Herr Ritter, weil wir bei den
vielen Feinden, die uns erstanden sind, einen Schlupfwinkel haben möchten.« -
»Ich verrate nichts«, versicherte Zetteritz. Seufzend stund ich da; doch dieser
Seufzer machte leichter mein Herz. »Ich danke dir, Zetteritz, und sinnen will
ich, ob ich nicht das Rechte finde für uns alle.« Wir waren an den Höhlenbach
gekommen, über den die schmale Steinbrücke führt. Da wir nicht nebeneinander
hinüberkonnten, ich aber allein bei meiner Schwäche in die Felsenschlucht hätte
taumeln können, so trugen mich die Männer; der Oheim hielt mich um die Brust
gefasst, Zetteritz bei den Beinen. Auch durch den schmalen Gang mit der Eisentür
trug man mich. Endlich ging es die obersten Stufen hinauf, und in der Grotte
waren wir, erschöpft sank ich auf das bereitete Mooslager.
    
    Umherblickend vermisste ich den Ofen und alle Geräte des Laboratorii. Der
Oheim deutete auf tönerne Trümmer: »Die Plünderer haben hier alles nach dem
Schatz durchwühlt, den sie beim Goldmacher erwarteten.« Wie ein seltsam trauter
Gruss mutete es mich an, dass an der Felsenwand meine Harfe lehnte. »Wie kommt es,
dass die verschont ist?« - »Sie war nicht hier,« antwortete der Oheim, »sondern
im Dorfe bei Hollmanns, wo du sie gelassen, nachdem sie bei deiner letzten
Predigt ertönte. Ich habe sie gestern heraufgeholt.« - »Erkläre mir, warum die
Plünderer nicht in die Höhle hinuntergedrungen sind, da sie doch hier in der
Grotte waren?«
    Der Oheim setzte sich zu mir: »So höre denn, Johannes! Wie ich und Dressler
gesehn, dass wir uns gegen die Belagerer nicht halten konnten, hat Dressler
gesprochen: Retten wir den Johannes! Er wenigstens muss übrigbleiben, er schafft
das Gold und kann das neue Reich gründen auch ohne uns. Ich gab Dressler recht
und ging mit ihm in die Grotte, wo du in deinem Wundfieber lagest. Da hab ich
dem Dressler den Höhleneingang entdeckt, und wir haben dich hinuntergetragen,
auch Nahrung mitgenommen. Bleibe du mit Johannes unten, sprach Dressler, ich will
den Stein wieder auflegen und mit Schotter verbergen. Da war ich nun mit dir,
Johannes, wie lebendig begraben. Bald darauf ist der feindliche Sturm
losgegangen. Hinter der verschlossenen Eisentüre hab ich das Poltern droben
vernommen, zum Schusse fertig die Muskete, falls einer eindränge, und
entschlossen, die Tür zu verteidigen bis zum letzten Odem. Aber sie haben unsere
Höhle nicht entdeckt und sind gegangen, wie aus den öden Felsen nichts mehr zu
holen war. Zwei Tage drauf hab ich gewagt, den Steindeckel hochzustemmen und ans
Tageslicht zu gehen. Habe die Verwüstung erschaut und viele Erschlagene
gefunden, zumeist Leute von uns; auch Dressler ist dabei gewesen. Als
Kundschafter bin ich zum Hohen Stein geschlichen. Da ist mir eingefallen, dass
ich ja den Höhleneingang offengelassen. Voller Angst bin ich zurückgehastet,
gleich zu dir hinunter. O Heiland! Da fand ich einen Mann, der gezückten
Schwertes mich anherrschte: Des Todes bist du, so du nicht sogleich gestehst, wo
der Tielsch meine geraubte Braut verbirgt!« Vom Oheim, der hier innehielt,
wandte ich fragend den Blick auf Zetteritz. »Ja, ich war's«, sagte er. »Nach dem
Treffen mit dir, das mich meine wenigen Leute gekostet hatte, war ich deiner
Spur gefolgt, um Tekla wiederzugewinnen. Bedenke, Johannes, die Liebe zu ihr
trieb mich.« Ich nickte, und der Oheim fuhr fort: »Wer mir so entgegentrat,
musste mein Feind sein. Und ich brannte mein Pistol los, erhielt freilich gleich
darauf einen Hieb, dass mir die Sinne schwanden. Ei ja doch, eine starke Klinge
führet der Herr Zetteritz; nur war sie nicht so hurtig wie meine Kugel, an der
er schier verblutet wäre, wenn du ihm nicht geholfen hättest. Ich lag derweilen
betäubt vom Hieb. Wie ich zu mir kam, fand ich euch beide und habe ihm geholfen,
weil du darum batest, Johannes.«
    Stumm nickte Zetteritz. Ehrfurcht sprach aus seinen Augen. Sein Antlitz,
matt beleuchtet vom Tageslicht, das durch den Spalt der Grottendecke kam, war
bleich, die finstern Falten zwischen den Brauen, die roten Narben auf Stirn und
Wange mahnten an seine Wildheit. Wüst starrten um den Knebelbart sprossende
schwarze Stoppeln. In seinem Lederkoller war noch das Loch, wo des Oheims Kugel
eingedrungen, und den seinen Kleidern war anzusehen, dass ihnen erst jüngst Blut
ausgewaschen war. Traurig schüttelte ich den Kopf, bedenkend, wie sonderbar und
gänzlich unvermutet das Schicksal unsere Lage umzuwandeln wusste. Das war nun
derselbige Mensch, mit dem gemeinsam ich in die Lateinschule zu Hirschberg
gegangen. Gerauft hatte ich mit ihm, da wir Union und Liga spielten, ferner auf
dem Kynast in der Comoedia vom verlorenen Sohn. Vor vier Jahren hielt er mich
auf dem Elbkahn gefangen und liess mich schliesslich gefesselt ans Ufer werfen, um
Tekla für sich allein zu behalten. Nun aber blickten wir beide einander an,
geschlagen und gedemütigt. In öder Felsenwüste hatten wir nebeneinander liegen
müssen, hilflos, der eine auf den andern angewiesen. Und der ewige Grund, aus
dem alles quillt, hatte es so gefügt, dass dem Verblutenden von seinem
Nebenbuhler geholfen ward, und dass die Feinde ineinander den gemeinsamen
Menschensohn erkannten.
    Auch Zetteritz mochte dies alles bedenken, in seinem Blick war starres
Staunen, kopfschüttelnd meinte er: »Seltsam bin ich verwandelt. Muss wohl
verblendet gewesen sein, als ich dir feind gewesen. Was aber war's, das mich
verblendet? Sie doch nicht, die ich liebte, die ich lieben werde bis zu meinem
Grabe.« Und es zuckte über sein Antlitz wie verhaltenes Weinen. Auch ich blickte
starr auf das Geheimnis unserer Herzen und fand nach schweigendem Sinnen die
Worte: »In uns beiden lebt die eine Liebe. Wenn sie nun bisher nicht vermocht
hat, uns zu einen, so muss wohl ein Störendes in ihr gewesen sein, so jeden von
uns eigensüchtig vom andern abweichen liess. Es wollte halt jeder ihm allein
solle Tekla gehören, wie ein köstlich Ding, das man eigentümlich besitzt. So
freilich musste jeder des anderen Nebenbuhler sein.« - »Und jetzo?« fragte
Zetteritz, die Hand auf seine Stirn gelegt, »wie kommt es, dass du mir nicht mehr
Nebenbuhler bist?« - »Sie ist ja tot!« erwiderte ich mit bebender Stimme;
»genommen ward sie uns beiden, entrückt von dem Schicksalsgrunde, darin wir
wurzeln und weben. Verblieben ist uns eine Tekla, um die zu hadern völlig
sinnlos wäre. Ihr Bildnis hat sie jedem unserer Herzen hinterlassen. Wohlan,
Zetteritz, verehren wir einträchtiglich diesen heiligen Schatz.« Aufschluchzend
warf sich der Kriegsmann zu meinem Lager auf die Knie und presste mir die Hand,
indem er stammelte: »Bruder!« - »Genung!« sagte da der Oheim fest, wiewohl ihm
Tränen im Auge stunden. »Höret auf, von Tekla zu reden. Bedenket, die Kopfwunde
ist noch nicht heil.« - »Schon recht, guter Tobias«, gab ich zur Antwort; »doch
Aussprache gibt mir eher Ruhe als Verschweigen. Unkenntnis foltert mich. Drum tu
Bericht über alles, was sich zugetragen, vom Tag an, als ich die Abendburg
verliess.« Da sahen der Oheim und Zetteritz einander an, als sei zwischen ihnen
stilles Einvernehmen, und Zetteritz sprach: »Sag ihm, Tobias, was er wissen muss,
mir aber wollet derweilen Urlaub geben; ich werde draussen graben.« - »Was will
er graben?« fragte ich, und seufzend kam die Antwort: »Wir haben Gräber nötig.«
Wie wir beide allein waren, vernahm ich vom Oheim folgenden Bericht: »Bertulde
hat durch einen Burschen, dem sie's angetan, vom Boten den Weg zu Tekla
erkunden und ein Pferd stehlen lassen und ist dann in der Nacht des Festes
davongaloppiert. So ist sie dir zuvorgekommen und hat dein Weib entführt,
vorgebend, zu dir solle die Reise gehn. Du hast dann zu Altenau die Wunde
davongetragen und bist von deinen drei übriggebliebenen Leuten heimgebracht.« -
»Nur drei sind übriggeblieben?« fragte ich; »und Segebodo?« Segebodo ist mit den
zwei andern in Altenau gefallen.« Nach trauervollem Schweigen bat ich den Oheim,
fortzufahren, und er sprach: »Mit dir langten die Reiter am Morgen der
Johannisfeier hier an. Tags zuvor schon war Bertulde gekommen ...« Angstvoll
unterbrach ich den Oheim: »Hatte sie Tekla bei sich?« Düster schüttelte er das
Haupt und ergriff beschwichtigend meine Hand: »Unterwegs hat die Eifersüchtige
die Untat verübt - wo, weiss keiner. Aber sie hat es eingestanden, hat sich der
Tat gerühmt.« Ich fuhr zusammen, als habe ich eine Viper berührt. »Ruhig,
Johannes, höre weiter. Eine Hexe ist sie gewesen, des Teufels Anbeterin. Ich
Blinder, der ich das nicht gleich gesehen, der ich gar die Zauberin dir
empfohlen habe! Nun hat sie all dies Unheil über uns gebracht. Schon das
flammarische Ding hätte mich warnen sollen. Denke nur, diese Putzkeller bringen
ihrem Moloch lebendige Menschen zum Opfer.« - »Woher willst du das wissen?«
fragte ich. - »Woher? Hat sie denn nicht ihre heidnische Ketzerei unseren Leuten
hier in den Kopf gesetzt und mit ihrem Aberglauben selbst etliche aus
Schreiberhau verseucht? Hat sie nicht eine heimliche Partei gebildet, am
Johannistage dem Feuergötzen Menschenopfer darzubringen? Und ist sie nicht vor
meinen eigenen Augen in die Opferflamme gesprungen?« Tobend hatte der Oheim
diese Worte herausgeschrien; verzerrt das Angesicht, schüttelte er die Fäuste.
Wie versteinert war ich, dann murmelte ich: »In die Opferflamme gesprungen? Der
flammarische Dämon hat ihr den Kopf verrückt!« Mit scheuem Raunen fuhr der Oheim
fort: »Wie die Verruchte am Tage vor Johanni hier wieder auftauchte, hielt sie
sich von mir zurück. Heimlich war sie beflissen, die Johannisfeier
vorzubereiten, damit das Lichtreich, wie sie sagte, würdig beginne. Ihrer
Kränzeljungferngilde hat sie eigne Lieder beigebracht und, in ihrer tollen
Brunst für ihren König, wunderliche Anordnungen getroffen, wie man dich empfahen
und wie man abends die Lichtmette begehen solle. Ihre Helferin ist ein
Soldatenweib gewesen, und schier alle fremden Soldaten haben der jungen Hexe
gehuldigt. Schrecken aber hat uns befallen, wie du auf einmal halbtot gebracht
wurdest. Aufgekreischt hat die erblichene Bertulde, nach ihrem Herzen getastet
und mit blauen Lippen gemurmelt: O wehe, da sticht mich mit seinem Stachel das
Zauberding - verfallen bin ich ihm, habe ja kein Glück in der Minne! Denn es
stirbt mir mein Liebster, o weh! Johannistag aber ist heut, und huldigen wollten
wir dem Herrn der Berge. Gebet nun acht, ihr Leute, schauen sollet ihr, wie ich
ihm huldige. Ich opfere mich für sein Lichtreich - fliege gleich dem roten Hahn
hinauf zu Lichtvaters Halle - meinem Liebsten voran, der bald folgen wird. Ich
hielt solche Rede für Narretei, ohne zu ahnen, welch ein Vorhaben sie andeute.
Bertuldens Anhänger blickten auf sie mit scheuem Staunen. Dann heischte sie, um
dich zu sein und dein zu warten. Ich habe nichts dawider gehabt. Verzweifelt hat
sie sich gebärdet, da du bewusstlos und röchelnd in der Balkenklause lagst.
Inzwischen war das Festgetümmel im Gange, denn ein Verwundeter bekümmert wenig
die Soldateska, und man wollte sich das vorbereitete Fest nicht stören lassen.
Sie tranken und sangen, knöchelten und tanzten, und bald waren die Köpfe heiss.
Da vernahm ich, es sei vom Soldatenweibe das Gerede aufgebracht, du liegest im
Sterben, und so werde der Goldquell bald versiegt sein. Gruppen tuschelten, und
ich besorgte, man sinne auf Meuterei. Wie ich nun mit Dressler derohalben Rates
pflag, meinte er, man solle das fremde Gesindel baldigst wieder abschieben,
solle zu diesem Zwecke sagen, mit dem Herrn der Berge werde die Goldmacherei
endigen, weil ja niemand sonsten das alchymistische Geheimnis kenne. Einstweilen
freilich sei des neuen Reiches Säckel annoch gefüllt. Kaum hatte Dressler solchen
Bescheid dem Soldatenweib eröffnet, als ein Wachstein-Soldat angehastet kam und
von Maiwald, der dorten das Kommando hatte, die Botschaft brachte, ein
Feindeshaufe mache Miene, den Wachstein anzufallen, und es solle meine
waffenfähige Mannschaft lieber das Lichtfest aufgeben und Sukkurs bringen. Oho!
schnarchten da etliche Saufkehlen, wir wölln uns verlustieren. Die vom Wachstein
mögen sich alleine plagen. Sie gönnen uns das Feiern nicht. Und dieser
Meutergeist nahm überhand. Nur wenige Söldner hatten die Zucht, mir zum
Wachstein zu folgen. Dorten sah es nicht so übel aus. Die Angreifer, der
Besatzung Kynast angehörig, waren ohne Überlegenheit und von ihrem Angriffe mit
blutigen Köpfen heimgeschickt, die Unseren hatten dabei kaum einen Schuss zu tun
brauchen. Hatten, um Kraut und Lot für den Nahkampf zu sparen, auf den Feind
Felsblöcke gewälzt, während er grade in enger Bachschlucht sich zusammendrängte.
Weiter unten im Tale sah ich - es schien mir so ...« Hier machte der Oheim eine
Pause und starrte, die Stirn gerunzelt, vor sich hin. »Nun?« fragte ich
beunruhigt. Der Oheim schüttelte das Haupt: »Ich habe mich wohl versehen. Aber
wisse, Johannes, mir war's, als sei unter Colloredos Volk der Giacomini
gewesen.« - »Wie? Unserer Schatzbeschwörung Kumpan? Das wäre schlimm! Ich habe
dir wohl schon gesagt, dass er zu meinen Angebern in Prag gehörte.« - »Ich sah
einen kleinen Buckligen bei den feindlichen Führern; er sass zu Pferde und blieb
behutsam in der Ferne.« - »Wie dem auch sei,« sprach ich - »erzähle weiter!« Und
der Oheim fuhr fort: »Zur Abendburg ging ich, für den andern Tag das Rechte zu
bestellen. Da fand ich alles in Bestürzung und Rumor. Die Pest sei ausgebrochen,
sagte Dressler, während umstehende Weiber die Hände rangen. Und er führte mich
abseits, indessen die Leute scheu zurückblieben. Im Tann auf dem Moose lag
reglos ein Soldat. Ihm war das Wams abgezogen, dass man den nackten Oberkörper
sah. Er ist unlängst verendet, sprach Dressler, und man hat an ihm das Zeichen
der Pest gefunden. Es überrieselte mich kalt, da ich auf das fahle Antlitz
blickte, dem die erloschenen Augen nicht zugedrückt waren und die bläulichen
Lippen voll Schaum stunden. Lassen wir ihm gleich hier sein Grab scharren, um
Gold wird sich ein Totengräber finden, meinte ich. Zum Festplatze zurückgekehrt,
sahen wir ältere Leute aus Schreiberhau heimziehen, wiewohl das Festin, da die
Sonne unterging, erst seine Höhe erreichen sollte. Die übrigen gaben sich um so
wilder dem Taumel hin. In einer Ansprache prahlte das Soldatenweib: Seid
unbekümmert! Mit Pest und Feindesgefahr werden wir schon fertig. Bertulde ist
Zaubers mächtig und will das Unheil durch ein Opfer beschwichtigen. Obacht! das
gibt ein Schauspiel! Wir gingen nun in die Balkenklause, um nach dir zu sehen.
Bei deinem Lager hockte Bertulde, du warfest dich im Fieber hin und her.
Jählings aufgerichtet schriest du Bertulden an: Mir aus den Augen, Mörderin!
Bertulde fuhr zurück und zitterte bei der Türe, bleich und stumm. So geh doch!
fuhr Dressler sie an; du machst ihn wild! Sie rollte die Augen und stampfte mit
dem Fusse: Der Meine ist er doch! Höhnisch auflachend schlüpfte sie dann zur Tür
hinaus. Sie darf nicht wieder zu ihm, sagte Dressler; wir müssen einen Mann zur
Pflege bestellen. So taten wir, da wir beide andern Ortes nötig waren. Um
nämlich vor dem Feinde unsern Proviant zu sichern, wollten wir unverzüglich Vieh
und Vorräte vom Branntweinstein nach einem Versteck am Roten Floss schaffen.
Nebst etlichen besonnenen Leuten, die wir noch auftrieben, gingen wir ans Werk.
Als die Sterne längst glommen, war es getan, so dass wir zur Abendburg heimkehren
durften. Schon von weitem sahen wir roten Rauch und Funken aufgehen. Man
schwenkte Fackeln und rollte flammende Räder den Bergeshang hinab. Beim Felsen,
nicht auf der Seite der Balkenklause, sondern auf der andern, wo er steil
abfällt, loderte prasselnd ein gross Feuer, von Männern genährt mit aufgeworfenen
Fichtenstämmen. Während etliche Leute, darunter das Soldatenweib, schrien,
lachten und einander umhalseten, als wären sie voll und toll, schluchzeten
andere und rangen die Hände, die dritten aber starrten düster oder bekundeten
Abscheu. Was hat's denn? fragte ich. Da umringten mich etliche Schreiberhauer
und, ganz ausser sich, redeten sie auf mich ein: Der Teufel ist los! Das fremde
Gesindel begeht eine Teufelsmette! Fort von hier! - Eine Teufelsmette? fragte
ich. Was tun sie denn? Was ist geschehn? - Da kam die grauenvolle Antwort: Das
Feuer frisst zween Menschenleiber - lebendige Menschen werden hier dem Teufel
geopfert. Bertulde, die Hexe, hat vom Felsen zum Volke geredet, man solle den
Lichtvater versöhnen, durch das kostbarste Opfer solle man ihn bestimmen, dass er
die Pest stille und die Burg uneinnehmbar mache. Dann ist diese putzkellerische
Lichtbraut in die Flammen gesprungen.«
    Schwer atmend, hielt der Oheim inne. Ich war zuerst wie versteinert, dann
riss mich Entsetzen empor, und ich raunte heiser: »Verbrannt?« - Starren Blickes
nickte der Oheim und fügte dumpf hinzu: »Das Kindlein mit ihr.« - »Wie denn? Ein
Kindlein? Was für ein Kindlein?« Der Oheim wollte nicht mit der Sprache heraus,
so dass ich schon besorgte, jetzo werde das Allerschrecklichste kommen. Dann aber
zuckte er die Achseln und gab seufzend den Bescheid: »Es war halt ein Opferkind,
so nannten es die Leute. Wem es gehörte, was weiss ich? Ein fremdes Kind, das sie
auf ihrer Reise aufgelesen haben mag, die Teufelsbraut! Lass uns nicht weiter
davon reden, frag auch den Zetteritz nicht danach. Ruhe tut uns allen not, Ruhe!
Nun du alles erfahren, schlafe und werde bald gesund. Ich will dem Zetteritz
beim Graben helfen.«
    Wie Tobias gegangen war, schlug ich die Hände vor mein Antlitz und flehte
zum Menschensohn in meiner Tiefe, dass er mir Kraft gebe in dieser Bitternis.
Rief meines Vaters Geist herbei und beriet mit ihm, wie ich es denn nun anfangen
solle, dem düstern Felsen meines Herzens seinen Abendburgschatz abzugewinnen.
Erschöpft von der Seelenfolter, die mir diese Stunde beigebracht, sank ich
endlich in Schlummer.
    Vom leisen Eintreten des Oheims erwacht, spürte ich an meiner Erquickung,
dass ich sattsam geschlafen hatte. »Gib mir zu trinken und zu essen, Oheim«,
sprach ich. »Auch verlangt mich, ans Sonnenlicht zu kommen. Ich glaube wohl, ich
kann alleine gehn.« Erhub mich also und trat zur Grottentür hinaus ins Freie.
Ach sieh, da war keine Balkenklause mehr, am Boden lag Asche und halbverbranntes
Holz. Der Anblick schnitt mir ins Herz. Dann aber hing mein Blick an der Sonne,
die ob dem bläulichen Tann im goldklaren Abendhimmel glühte. Getrost! Es gab
noch eine Sonne! - Zetteritz war herbeigekommen und sass nebst dem Oheim bei mir
im Beerenkraut. Nachdem ich mich an der Bergwelt erquickt hatte, liess ich das
Auge über die Stätte der grausigen Heimsuchung schweifen. Vom Festgetümmel und
dem darauffolgenden Kampfe waren Rasen und Kraut niedergestampft. Des Burgwalles
Umzäunung, die aus zugespitzten Pfählen bestund, klaffte hier und dort
auseinander. Ein Aschenhaufen bezeichnete die Stätte des Opferfeuers. In
Steinwurfes Weite war ein offenes Grab. »Wer soll da begraben werden?« fragte
ich, und der Oheim antwortete: »Dressler; sein Leichnam liegt im Walde. Ich
glaube, es wird dir lieb sein, wenn du sein Grab in der Nähe hast. Den andern
Gefallenen haben wir ein Massengrab im Walde bereitet. Neben Dresslers Grube
siehest du einen kleinen Hügel, drunter liegt, was ich vom Opferkindlein übrig
fand.« Erschaudernd schwieg ich. Dann sorgte ich mich um die Schreiberhauer und
fragte: »Wie ist die Lage im Dorfe? Ist es von der Pest heimgesucht?« - »Ausser
dem einen Pestfall,« versetzte der Oheim, »von dem ich berichtet, weiss ich nur
noch von einem zweiten. Am Tage nach der Johannisfeier war's, als Colloredos
Volk den Wachstein erstürmt und uns oben umzingelt hatte, da erlag ein zweiter
Soldat der Seuche. Um den Leichnam zu entfernen und zugleich die Belagerer zu
schrecken, haben wir ihn in eine Ochsenhaut gehüllt und den Abhang
hinuntergerollt, hier, wo die Bäume niedergeschlagen sind. Den Feinden vor die
Füsse ist der schlimme Gast gelangt. Haben sich aber nicht abschrecken, sondern
zu unverzüglichem Sturme reizen lassen und, wiewohl wir uns das erstemal
gehalten haben, ist im erneuten Sturm die Feste genommen. Was aber das Dorf
betrifft, so weiss ich nichts von Pesterkrankung daselbst.« - »Und wie behilft
man sich im Dorfe nach der Plünderung? Hat man Proviant bewahrt?« - »Ich
fürchte,« versetzte der Oheim, »mancher leidet Not, da unser Vorrat, den ich
nach dem Roten Floss geschafft, vom Feinde hinweggeführt ist und die Plünderer
den Hütten alles erreichbare Gut geraubt haben.« - »Aber Tobias!« sprach ich
vorwurfsvoll, »da müssen wir ohne Verzug helfen!« Zu Zetteritz gewandt, fuhr ich
fort: »Mit Tobias hab ich zu ratschlagen und bitte dich, für ein Weilchen uns
allein zu lassen.« Zetteritz ging, und ich redete hastig auf den Oheim ein: »Geh
sogleich ins Dorf und gib den Leuten Gold, lass sie ins Böhmische reisen, Vieh
und Korn zu kaufen. Wir wollen jetzo aus der Höhle das benötigte Gold holen.« -
»Das brauchen wir nicht«, entgegnete der Oheim; »ich habe viele Münzen bei mir.«
- »Gib sie hin, ans Werk!« Bevor der Oheim ging, rief er Zetteritz zurück und
empfahl ihm, mir Speise und Trank zu holen. Dann setzte er sein Pistol in
Schussbereitschaft und entfernte sich in der Richtung zum Hohen Stein.
    Zetteritz kam nun aus der Grotte mit einem Laibe Brot und einem Kruge. »Habe
zwar schon bessern Trunk getan,« sprach er lächelnd, »doch man gewöhnt sich an
euern herben Beerenwein.« Er reichte mir den Krug, und ich erquickte mich.
Darauf so tat er mir Bescheid: »Auf treue Brüderschaft!« Beisammen sassen wir und
liessen auch das Brot uns munden. Wie das Mahl beendet war, verglomm die Sonne
hinter den Iserbergen, und zugleich kam von der andern Seite ein Summen
geschwommen, sanft wie ein Vogel auf reglosen Schwingen. Es war das Abendgeläut
der fernen Dorfkirche. Zetteritz faltete die Hände und versank in Gebet. Wie er
nach einer Weile aufseufzete, sah ich sein Auge feucht. Durch eine Bewegung
seines Kopfes wies er auf den Abendstern, so zart am erblichenen Himmel
schimmerte, und sprach leise: »Weisst du, an wen der Stern mich erinnert? An
Tekla! Ich redete einmal mit ihr vom Abendstern.« Wie Zetteritz sinnend
verstummte, bat ich ihn, weiterzuerzählen. »Aus Teklas Briefe hast du, mein
Bruder Johannes, wohl bereits entnommen, dass ich oft in Tekla gedrungen bin,
sie solle mein Weib werden. Dich hielten wir ja für tot, und heiss war meine
Liebe zu ihr. Weil ich nun ein anhänglicher Sohn der heiligen Kirche bin, so
hätte ich gern Tekla in ihren Schoss zurückgebracht. Da haben wir zuweilen
mitsammen über den Glauben geredet, und von der Gottesmutter hab ich ihr
gesprochen. Sintemalen ich nun als Kind von meiner guten Amme vernommen, auf dem
Abendstern wohne die Gottesmutter, so ist mir solches in den Sinn kommen, wie
ich einmal mit Tekla diesen Stern betrachtet habe; und ich habe es ihr gesagt.
Da hat sie die Frage getan, wie ich zur Gottesmutter bete, worauf ich ihr mein
Ave vorgesprochen habe. Seitdem nun mahnet mich der Abendstern an Tekla, und
ich bete dann zur Gottesmutter. So war's im Feldlager, und so ist es jetzo
hier.« - »Willst du nicht auch mich dein Ave lehren?« fragte ich weich. Da
faltete Zetteritz abermals die Hände: »Gegrüsset seist du, Maria! Bist voller
Gnaden, der Herr ist mit dir, gebenedeiet ist die Frucht deines Leibes, Amen!«
Verlegen lächelnd wie ein Scholar, der unzulänglich gelernt hat, fügte er hinzu:
»Wie es der Priester spricht, lautet das Ave wohl etwas anders; ich hab's
vergessen, ich halte mich an das, was ich kann und gewohnt bin. Die
Gottesmutter, denk ich, wird es auch so gelten lassen. Sie ist voller Gnaden.
Das hab ich in mancher Feldschlacht erfahren, mein Schlachtgebet war stets dies
Ave.« - »Ein schön Gebet«, erwiderte ich und überdachte die Worte. Da ergriff
Zetteritz meine Hand und drückte sie: »Versuche du doch auch einmal, zur
Gottesmutter zu beten! Ich kann nicht reden wie ein Pfaff, doch glaube mir: nur
in der wahren Kirche findest du den Stab und Halt, ohne den deine Seele in die
Irre schweift. Haben dich diese Unglückstage nicht belehrt, dass du Gefahr
läufst, gänzlich vom Himmel abzukommen? Hast ja nicht bloss den katolischen
Glauben, sondern auch noch den evangelischen verloren. Dieweilen es unmöglich,
dass der Mensch auf nichts stehe, so bleibet dem Ungläubigen, in Ermangelung
kirchlichen Beistandes, nichts übrig, als selber sich ein Bildnis vom Göttlichen
zu machen. Aber ach, dabei ist er auf seinen Eigenwillen angewiesen, und
wunderlich webt seine Willkür, bis er sich schliesslich gänzlich in Ketzerei
verstrickt und in seinem Götzendienste gar auf den Teufel fällt. Lass dich
warnen, Johannes, durch den Frevel, der an dieser Stätte sich ereignet hat. Die
Saat des Heidentums hat ihre Giftfrucht getrieben. Wende dich ab von der Bahn,
die zur Teufelsmette führt. Bete zur Gottesmutter!« Er war bei diesen Worten ein
Eiferer worden, doch seine Treuherzigkeit rührte mich, und ich antwortete: »Habe
Dank, du meinst es gut, und still für mich will ich deine Rede prüfen, zumal mir
wundersam friedevoll zumute beim Schauen des Abendsternes und bei deiner Mahnung
an Tekla und die Gottesmutter. Ach, Bruder, hole mir meine Harfe! Es drängt
mich, mein schweres Herz im Gesange zu erleichtern.«
    Gern erfüllte er den Wunsch, ich stimmte die Saiten und griff träumerisch
leise Akkorde. Den Worten vom Himmelreiche sann ich nach, die meines Vaters
Geist zu mir gesprochen: Inwendig ist das Himmelreich. Ist dem so, muss alles,
was frommer Glaube heilig hält, im innern Himmelreiche wohnen. Nicht auf dem
Abendstern, im Menschenherzen hat die Gottesmutter ihr Heim, und hier auch suche
die gebenedeiete Frucht ihres makellosen Leibes. Ja, Menschenkind, so deine
Seele nicht selbst Maria wird, kannst du den Heiland nicht empfahen. In dir muss
der Gottessohn geboren werden ... Und zum Klange ward dies Sinnen, heimlich
fügten sich die Worte und vermählten sich mit einer alten Weise. Wie mir das
neue Lied vor der Seele schwebte, sprach ich zu Zetteritz: »Nun lass mich sagen
und singen, wie ich zur Gottesmutter bete, und welcher Glaube mich der wahre
deucht.« Im nächtlichen Dunkel lagen die starren Wogen der Waldberge. Wie eine
blumenbesäte Aue schimmerte das himmlische Gezelt von Sternen, als ich nun
harfend anhub:
»Marie, Gebenedeite,
Mit Kind und Myrtenkrone,
O bleib nicht in der Weite,
Auf hehrem Sternentrone!
Komm in dies Hüttelein
Und mir im Busen wohne!
Es hat das Reich der Himmel
Hier innen allen Raum.
Dass fern im Morgenland
Mein Eden blüht, ist Traum!
Die wache Seele fand
In sich den Lebensbaum.
Sei, Seele, selber du
Die keusche Himmelsmaid,
Vom Licht aus Sternenschoss
Umflutet und umfreit,
In Minne makellos
Zur Mutterschaft geweiht.
Zu Betlehem die Krippe
Ist jeder Herzensschrein;
Soll mich und meine Sippe
Der Gottessohn befrein,
Er muss aus Menschengrunde,
Aus mir erboren sein.«
    Auf diesen Sang schwieg Zetteritz und meinte dann: »Bin ein rauher Soldat,
des Geistes Geheimnisse bleiben mir verschlossen. Mir ist es am besten, wenn ich
dem traue, was Gottes Kirche seit 1600 Jahren verkündet. Doch lieblich und fromm
klingt deine Weise, ich danke dir. Lass mich nun eine Bitte tun. Ich vermisse
meinen Rosenkranz, den ich betend noch in Händen hielt, wie ich verwundet in der
Höhle lag. Er wird mir dorten entglitten sein. Ich will freilich nicht hehlen,
dass ich nur mit Scheu in die Höhle zurückkehre. Indessen möcht ich doch morgen
das Rosenkränzel suchen. Willst du es erlauben?« - »Mitsammen wollen wir gleich
in der Frühe hinuntergehen«, entgegnete ich, »aber nun ist Schlafenszeit. Auf
Tobias können wir nicht warten.« Wir begaben uns zur Grotte, und wohl tat uns
das Mooslager.
    Vom Schlafe fuhr ich auf, als Tobias die Laterne anzündete. Um den
schnarchenden Zetteritz nicht zu stören, fragte ich leise: »Nun, Tobias, wie
steht's?« - »Schlimm,« raunte er, »ich war bei Hollmann. Die Feindesgefahr ist
nicht vorüber. Colloredos Volk hält den Wachstein besetzt. Mein Rat ist, dass wir
uns gleich morgen von hier wegbegeben. Allerdings wähnt der Feind, das ganze
Goldmachernest sei ausgerottet, doch Hollmann meint, wenn mich etwan jemand
gesehen habe, so könne die Abendburg leichtlich neuen Besuch erhalten.« - »Hat
dich denn wer gesehen?« - »Ich glaube nicht. Doch wenn mich der gesehen hat, den
ich sah, so stehet es schlimm. Wie ich nach meinem Häusel schaue, wandelt bei
den Trümmern ein fremder Mann. Mit breitem Hut, grauhaarig, in schwarzem
Spaniolenmantel, dreht mir den Buckel - ja, ein Buckel war's - du errätst wohl,
wen ich meine.« - »Giacomini? Also wirklich?« fragte ich bestürzt. »Er wird's
gewesen sein, wiewohl ich es nicht behaupte.« - »Dann fort von hier, Tobias! Wir
wollen gleich morgen zu den Iserbauden. Diese Nacht wird uns wohl niemand hier
oben stören.« Der Oheim streckte sich nun gleichfalls hin, und unser Sorgen ward
durch Schlummers Gnade beschwichtigt.
    Als der Morgen ob den Bergen glühte, rüsteten wir uns zum Aufbruch. Tobias
und Zetteritz wollten erst Dressler bestatten. Während sie den Leichnam aus dem
Walde holten, vernahm ich hinter dem Felsen ein Geräusch wie von einem
abgerutschten Steine. Ich ging hin und sah etwas Dunkles in die Tannen
schlüpfen. Das kann doch kein Rotwild gewesen sein? denn es war schwarz. Wie
sollte aber ein Schwarzwild hierherkommen? Derweilen ich so überlegte, brachten
der Oheim und Zetteritz Dresslers Leichnam, ich ging mit zur Bestattung. Wie wir
das Grab zugeschüttet und still gebetet hatten, sagte Tobias: »Vom Ritter
Zetteritz vernehm ich soeben, dass er gern seinen verlorenen Rosenkranz wieder
hätte. Mich dünket zwar, solch ein Ding wäre zu missen. Doch geht nur in die
Höhle hinunter, ich halte hier oben Wache.«
    Nebst Zetteritz begab ich mich also in die Grotte, und wir taten die
Steinplatte beiseite. Mit brennender Laterne stiegen wir in die Tiefe und kamen
nicht ohne Grauen an die Stätte, wo wir etliche Tage zuvor nebeneinander mit dem
Tode gerungen hatten. Gleichwohl mussten wir daselbst verweilen, denn kein Spähen
machte den Rosenkranz ausfindig. Wie ich mich nun plötzlich wende, an einer
andern Stelle zu suchen, lauert wenige Schritte vor mir geduckt eine Gestalt,
und ich erkenne Giacominis stechende Augen, das scheue, verkniffene Gesicht, die
hohen Schultern, den gepichten Spitzbart. Im selben Augenblick wird auch
Zetteritz des Eindringlings gewahr und hat ihn gleich bei der Gurgel.
»Giacomini!« zische ich grimm; »wie kommt Er hierher?« Zetteritz schüttelt den
tückischen Zwerg. »Lass ihn los!« sage ich, »er soll uns Rede stehen.« Giacomini
sinkt ächzend auf die Knie: »Gnade, ihr Herren! Was hab ich denn verbrochen? Dass
ich hier eingedrungen bin, gibt euch kein Recht, mich anzupacken. Erdrosselt bin
ich ja schier.« - »Wie hat Er es angestellt, in die Höhle zu gelangen?« forschte
ich weiter, »war denn nicht Tobias oben vor dem Eingange?« - »O freilich«,
entgegnete Giacomini und erhub sich; »aber Kräuter-Tobias ist nicht dageblieben,
ist nach dem Grabe gegangen, in das ihr eben eine Leiche getan habt. Ich sah
alles vom Walde, und da ich zu Ihm wollte, Herr Johannes, so hab ich den
Augenblick genutzt, hinter Seines Oheims Rücken in die Grotte zu schlüpfen.« -
»Was untersteht sich der Schleicher?« rief Zetteritz und packte ihn von neuem
an. »Gnade, ihr Herren!« heulte der Italiener, »seid nicht so streng mit einem
armen Goldsucher. Oh! Johannes! sind wir nicht Kameraden? Bedenk Er doch, wie
wir vor 25 Jahren mitsammen den Schatz der Abendburg heben gewollt. Was folget
daraus? Ich hab ein Recht, hier zu sein; damals haben wir ja den Pakt getan, das
Gold zu teilen. So geb Er mir mein Teil, Johannes, ich bitte, ich flehe! Dies
Herz ist ausgedörrt vom Dürsten nach Golde. O wie hab ich gesucht und alles
getan, nichts gescheut, den Schatz ausfindig zu machen. Vergebens! Betrogen hat
mich mein Hoffen! Ich verschmachte, verzweifle. Rette mich, Johannes! Du kannst
es, du hast den Schatz! Ja, leugne nicht! Kein Goldmacher bist du, ein
Schatzgräber bist du! Und hier muss dein Gold stecken. Gib mir davon! Wo ist es,
wo?« Und entschlüpft war er der Faust des Ritters. Wie eine schwarze Ratte
rannte er im Felsendom umher. Plötzlich der steinernen Riesen vor sich gewahr,
kreischte er vor Angst, und ihm schlotterten die Knie. Dann schoss er auf die
steinerne Truhe los und griff hinein. Nur Gebeine aber hatten wir darin
gelassen. Mit einem Laut des Abscheus warf er weg den Fund und wollte
weitersuchen. Doch wieder packte ihn Zetteritz und schob ihn vor sich her dem
Ausgange zu. Anfangs sträubte sich der Italiener, dann bat er, man solle ihn
loslassen, ruhig werde er ja mit uns gehen. Wir wir an den Höhlenbach kamen,
wich Giacomini vor der Steinbrücke zurück. »Ich werde fallen«, sprach er
furchtsam. »Ratte!« herrschte ihn Zetteritz an, »bist doch soeben
herübergekommen, so musst du auch wieder zurück.« »Seid still!« antwortete
lauernden Blickes der Mensch; »schon gut, ich werde kommen, lasset mir nur Zeit,
meinen Schwindel zu meistern. Zeiget mir, wie man hinüberschreitet.« - -
»Vorwärts, Zetteritz! Er wird schon nachkommen.« Und ich schreite mit der
Laterne über die Brücke, Zetteritz folgt. Auf einmal hinter mir ein Schrei:
»Schelm, verfluchter!« Und wie ich mich wende, taumelt Zetteritz in die
Felsenschlucht. Im Stürzen krallt er nach Giacominis Mantel und reisst den
Aufkreischenden hinter sich drein. Mir ist, als solle mein Herz stillstehen. Es
beben mir die Knie, ich hebe die Arme empor und schreie ...
    Wie es dann aber in mir ruft: Rette! - so raff ich mich zusammen und leuchte
hinunter. Da wälzt es sich dunkel und zappelt, umspült von Wassergischt, und
ächzet, dann keucht Zetteritz halberstickt: »Ratte! Zappele, schluck Wasser,
krepiere!« - »Zetteritz!« ruf ich, »bist du heil?« Dumpfes Stöhnen antwortet,
und es röchelt, als halte der Tod hier Ernte. Vergebens suche ich nach einer
Stelle, um die Steinwand hinabzuklettern. Ein Strick fehlt mir. Her einen
Strick! »Tobias! Hilfe!« Ins Felsenbett ruf ich: »Halt aus, Zetteritz, ich hole
den Oheim!« Und ich eile zum Höhlenausgang.
    O du scharfe Geissel des Schicksals! Wie ich ans Tageslicht komme, liegt am
Fusse des Felsens Tobias in seinem Blute. Ich rüttele ihn; er ist unbewusst wie
ein Sterbender. Am Hinterkopf hat er die Wunde, und wie ich sie befühle, ist da
eine breitgedrückte Kugel, und ich hoffe nun, das Hirn werde nicht zerrissen
sein. Den Wasserkrug hol ich, wasche die Wunde, unterbinde die blutende Ader und
lege um den Kopf ein nasses Tuch. Dann haste ich wieder in die Höhle hinunter.
Abermals leucht ich ins Felsenbett und rufe nach Zetteritz. Keine Antwort, keine
Regung. Die dunkeln Menschenleiber sind vom reissenden Wasser stromabwärts
getrieben zum Felsenloche, wo es in die Tiefe strudelt. Von Angst gepeitscht,
will ich eine Stange oder einen Strick ausfindig machen. Da fällt mir jene
Felsenkammer ob dem Höhlenbache ein, wo wir den Goldschatz geborgen und die
angewandten Werkzeuge untergebracht hatten. Ich haste hinan zur Schatzkammer und
finde einen starken Strick, auch eine hölzerne Rolle zum Hochwinden. An einem
Steinzacken über dem Bachloche befestige ich Strick und Rolle und gleite ins
Felsenbett hinab. Die mitgenommene Laterne zeigt mir die beiden Menschenkörper
vom Tode erstarrt in der Umschlingung eines wütenden Kampfes. Der starke
Zetteritz hat den buckligen Zwerg erdrückt, erwürgt, ersäuft, und noch immer
hält seine Faust dessen Gurgel. Giacomini aber ist mit einem Dolche dem Ritter
zwischen die Rippen ins Herz gefahren. Weder am einen noch am andern zeigt sich
eine Spur von Leben.
    Ich trenne die aneinandergeklammerten Leichname und binde den Strick um
Zetteritz. Emporgeklommen, mühe ich mich eine Weile, den schweren Mann
heraufzuziehen. Von meiner Krankheit sind meine Kräfte noch schwach. Abermals
begeb ich mich ins Felsenbett und schlinge den Strick um Giacomini, der ja
leichter ist, den ich denn auch bald heraufbringe. Wie soll ich aber nunmehr
Zetteritz holen, da doch niemand zu meinem Beistand vorhanden? Da kommt mir
schauerlicher Rat, und bitter lach ich auf: »Hilf du mir, Meuchelmörder, der du
dies Arge angerichtet! Hilf dein Opfer heraufziehen!« Und mit grimmer Laune führ
ich den Plan aus: Während Giacomini an des Strickes einem Ende befestigt bleibt,
schling ich das andere Ende um Zetteritz. Wieder oben, geb ich dem Meuchelmörder
einen Tritt, dass er in die Schlucht gleitet und am gestrafften Strick, der über
die Rolle geht, als Gewicht schwebt. Ist seine Schwere auch nicht gross, so hilft
sie doch, hinabsinkend, Zetteritz emporziehen. Wie ich Giacomini zum zweitenmal
hoch gebracht habe, befällt mich Zittern, und ich muss niedersitzen, mich zu
erholen. Endlich schleife ich die beiden Körper aus der Höhle ans Tageslicht.
Auch jetzto find ich an ihnen weder Hauch noch Puls. Da brech ich Tannenzweige
und decke mit Grün das grausige Bild.
    Den Tag brachte ich nun mit des Oheims Pflege hin. Beerenwein, den ich ihm
einflösste, schluckte er, und es schien um etliches besser mit ihm zu werden.
Gegen Abend sank ich in Schlaf, wachte aber mitten in der Nacht auf und lag
schlummerlos. Gebieterisch verlangte etwas in mir, dass ich mein Leben überdenken
und Rechenschaft ablegen solle. Auch diesmal suchte mich heim ein guter Geist.
Waldhäuser war's; er redete in seiner Treue: »Das liegt nun hinter dir,
Johannes. Lass gut sein! Das Beste bleibt dir ja: der Schatz der Ewigkeit! Doch
wisse: Willst du ihn haben, so musst du ihn heben, musst dein Teil dazu beitragen.
Also ist einem jeglichen Menschenkinde verordnet. Denk an die wahre Alchymie und
wandle deines Herzens Trachten zu Golde um. Warst bisher in dieser Kunst ein
Stümper. Was dir noch fehlte, war Enttäuschung. Soll sich die Seele vom
Nichtigen wenden, muss sie bitter davon enttäuscht sein. Nun hast du ja solche
Bitterkeit. Eine Hölle hat dir das gleissende Metall bereitet. Drum sage dich los
vom Götzen Mammon.« Ich schluchzte, Waldhäuser begütigte, mein Herz ward still
und fest. »Ich folge dir, Meister«, gab ich zur Antwort, »ich sage mich los vom
Schatz, will nur noch davon eine Spende an die armen Gebirgler tun, dass sie ihre
zerstörten Hütten aufbauen können.« Waldhäuser hub abwehrend die Hand: »Nicht
doch, Johannes! Hüte dich, der Habgier Gift noch fürder in deines Nächsten Herz
zu säen. Hast du denn nicht am Italiener gesehn, wie der Durst nach Golde die
Seele zur Hölle bereitet?« Sorgenvoll wandte ich ein: »Soll denn das
Menschenkind gar keine Habe sammeln und dürftig bleiben sein Leben lang?« -
»Denk an des Heilands Warnung vor dem Reichtum. Den Armen fällt es leichter,
selig zu werden als jenen, so ihre Seele an den gleissenden Staub verloren.« -
Ich fand noch immer keine Klarheit und meinte mutlos: »Hast du denn nicht selber
Geld empfangen von deinen geheilten Patienten?« - »Freilich, mein Kind,«
erwiderte Waldhäuser mit stillem Lächeln; »aber dies Geld war nicht seelenlos.
Unterscheide zwischem totem Gelde und lebendigem. Eine Seele hat jedes Gut, das
du erworben hast in redlicher Arbeit für Menschenwohl. Wenn du aber einen
vergrabenen Schatz findest, so ist es nicht viel besser, als habest du ihn
geraubt. Kein Recht hast du darauf, es fehlt ihm ja die Seele, die dein Schaffen
verleiht. Schatzgräber und Goldmacher, Diebe und Räuber erstreben ungerecht Gut,
wollen Macht und Lust erlangen, ohne sie zu verdienen. An solchem Gute haftet
nicht Segen, sondern Fluch. Verbanne deshalb den Dämon der Abendburg, senke das
Gold in unerreichbare Tiefe. Auf, Johannes! Es gilt! Deines Lebens Wende ist
gekommen und die Stunde, da dir die wahre Goldmacherei gelingen soll.«
O schicksalreiches Jahr 1635! Seit deinem Johannistage hast du mir
absonderlichen Anlass gebracht, das Hinsterben der Staubgeschöpfe zu beseufzen.
Bei welkenden Blumen und vergilbenden Halmen, im Birkenhain, wo schon falbe
Läublein taumelten, sah ich manchen Schatten der Unterwelt, mir bekannte
Menschen, vom Schnitter Tod gemäht. Und im Septembersturm, im Rauschen des
geschwollenen Baches stöhnte die Losung »Vorüber!« Gedemütigt, vom Gold
enttäuscht, einsam mit dem schwerverwundeten Oheim hausete ich bei Gräbern und
Ruinen. Mit ihrem Leben hatten die meisten meiner Freunde dafür gebüsst, dass sie
mir gefolgt waren. Tot war Segebodo, tot Dressler, tot der ganze Kern meiner
Mannschaft. Verlaufen hatte sich der Rest, dem Verrate hingegeben ein Teil
meiner Söldner. Tobias hatte nach hitzigem Wundfieber unter meiner Pflege zwar
neue Rüstigkeit des Leibes gewonnen, doch aus dem Kopfschaden eine Schwäche des
Verstandes davongetragen. Tot war der ungestüme Ritter Zetteritz, tot auch sein
Mörder Giacomini. Zu Asche gebrannt die eifersüchtige Bertulde, wie auch das
unschuldige Opferkindlein. Und du, meine Tekla? Warum musstest du dem Messer der
Rasenden verfallen? Keine Königin hab ich an meiner Seite; zerbrochen ist der
Tron des neuen Reiches, zerstoben mein Traum von Minneglück, von Herrschermacht
und gloriosen Taten. Und hilflos weiter stöhnet das arme Vaterland, blutig,
zertreten ... Vorüber, vorüber!
    Ach, wo sind denn nun jene Helden, einst wie Götter von mir angestaunet? Wo
ist der königliche Leu aus Mitternacht, zu dessen Fahne ich geschworen? Wie ein
Triumphator durch Teutschland gezogen, hat er sich bei Lützen die Mordkugel
geholt. Und seine Gegner, wo sind sie? Auch Tilly, Pappenheim am Waffenhandwerk
gestorben. Der reichste aller Gekrönten gar, Friedlands Herzog, so die
Kurfürsten und selbst die kaiserliche Majestät von sich dependieren liess, dieser
Abgott der Soldateska, dem die Göttin Viktoria verlobt schien, dieser Cäsar,
reissend wie ein Bär und listig wie ein Fuchs, - schändlich ward er umgebracht
wie ein zahnloser Hund. Vorüber, vorüber! Schliesslich du, mein armer Hans Ulrich
- wie mag nun dein Schicksal verlaufen sein? Schreckensposten durchliefen das
Gebirge. Erst raunte man, gefoltert sei der Freiherr. Dann hiess es, zu
lebenslänglicher Einkerkerung sei er nach Wien transportiert. Zuverlässige Kunde
war nicht herauszubringen. »Wo bleibet der Trompeterhansel?« seufzete ich. »Wenn
doch der Schatz der Abendburg wenigstens seinem rechtmässigen Eigentümer, dem
Grundherrn, ein Gutes brächte, ihm zur Flucht aus dem Kerker verhelfend! Sollte
denn nicht ein einziger Segen vom Golde ausgehen können?« - Seltsam, es kam und
kam kein Trompeterhansel, selbst kein Gerücht über ihn.
    Einmal im Regensturm, als mir beim Stöhnen des Waldes die allgemeine
Vergänglichkeit das Herz abdrücken wollte, war es mir, als trabe durch den Nebel
ein Reiter daher. Doch war's nur Spuk; eine schwarze Krähe flog vorbei, und im
Bache polterte hohl ein losgerissener Stein.
Im Regengeprassel, im Windesrauschen -
Vorüber, vorüber -
Immer dem einen nur muss ich lauschen:
Vorüber!
Wie düstere Pilger die Wolken ziehn
Vorüber, vorüber.
Wirbelnd des Waldbachs Wellen fliehn
Vorüber.
Aus kahlen Wipfeln hör ich es stöhnen:
Vorüber, vorüber!
Schaurig ein Echo im Herzen höhnen:
Vorüber!
Da hab ich gehastet, hoffend geharrt -
Vorüber, vorüber!
Fiebertraum hat mich gehetzt und genarrt.
Vorüber!
Wie Wasserwirbel mein Leben zerstieben,
Vorüber, vorüber.
Treu ist mir nur das eine geblieben:
Vorüber.
Hei, meine Geschwister Regen und Wind,
Vorüber, Vorüber!
Bin ja wie ihr des Irrwahns Kind -
Vorüber!
Einen Reiter seh ich in Wolken traben;
Bist du's, Vorüber?
Den hagern Rappen umflattert von Raben -
Vorüber.
Nun, dunkler Ritter, willkommen, Tröster,
Du herbes Vorüber!
Mich dünkt, ich werde noch dein Erlöster,
Vorüber.
Wir stürmen ein Weilchen noch um die Wette,
Vorüber, vorüber -
Und trotten zuletzt an ein friedlich Bette -
Vorüber.
Da wirst du die Morgenfanfare blasen,
Mein Heiland Vorüber:
»Träumer, nun ist dein Reiten und Rasen
Vorüber.
Nur immer ins Weite langte dein Hasten:
Vorüber, vorüber!
So ward dein Leben ein einzig Fasten -
Vorüber.
Was du im Weiten nicht fandest, die Ruhe -
Vorüber, vorüber -
Hat Raum genung in der schwarzen Truhe.
Vorüber!«
    Als ich am Sonntagmorgen zur Stelle kam, wo ich zuvor meine Predigten
gehalten hatte, fand ich die Leute um einen Mann gedrängt. Ich erschrak; denn
das war der Trompeterhansel und war's auch wieder nicht. Dem feurigen Reiter von
früher glich er nicht anders als dürres, halbverbranntes Holz dem grünen
Eichbaum. Erloschen waren ihm die Augen, ausgehöhlt und fahl die Wangen, schwach
alle Glieder, zerlumpt die Kleider. Auf dem Steine blieb er sitzen, als ich in
den geöffneten Kreis der Leute trat, bot mir trüben Blickes die Hand und brachte
kaum die Worte hervor: »Ich kann halt nichts dafür ...«. In Weinen brach er aus,
und ich fragte die Leute: »Was ist geschehen?«-»Entauptet - entauptet - haben
sie unsern gnäidgen Herrn«, lautete eines Schreiberhauers Antwort. Der
Trompeterhans nickte, es bebeten seine Lippen, und nachdem er etliche Fassung
errungen, kam unter Ächzen und Husten folgender Bericht heraus: »Meine Brust ist
krank - es verschlägt mir den Odem - eine Kugel sitzt innen. Wegelagerer haben
sie mir zwischen die Rippen gejagt, die feigen Schelme! Vor Regensburg war's,
dicht an meinem Ziele musst ich einbüssen, womit ich unsern Herrn hätte retten
können. Ausgeraubt haben mich die Mausköpfe, dass ich halbtot und splitternackt
im Walde gelegen bin. Endlich las mich ein reisender Edelmann auf, führte mich
im Wagen nach der Stadt und liess mich von seinem Arzte kurieren - soweit die Kur
meiner zerfetzten Lunge noch angedeihen konnte. Da mein Wohltäter, begütert in
Polonien, nicht zu den Parteigängern des Wiener Hofes gehörte, durfte ich ihm
anvertrauen, dass ich des Herrn Schaffgotsch Befreiung habe betreiben wollen.
Braver Diener, sagte der Polnische, als ich vom Krankenbette aufgestanden war -
zwar nicht zur Befreiung des Gefangenen mag ich Ihm verhelfen, doch dazu, dass er
Seinen armen Herrn ein letztes Mal sehen und sprechen kann. Dahin geht auch der
Wunsch des Herrn Schaffgotsch, den ich heimlich habe informieren lassen. Eile
aber tut not, denn schon zimmern sie am Blutgerüst. - Ich erschrak und konnte
nicht fassen, wie es so weit habe kommen können. - Ach ja, guter Trompeter -
sprach der Polnische - die Wiener Politici brauchen einen gerichteten Anhänger
der Friedländischen Partei, um den Meuchelmord zu Eger als eine Vollstreckung
Rechtens erscheinen zu lassen. Den höfischen Tonangebern gefügig, hat nun das
Kriegsgericht Herrn Schaffgotsch für schuldig erklärt, durch Verschwörung mit
dem Friedländer Sedition begangen und die Kaiserliche Majestät hochverräterisch
verletzt zu haben. Das Haupt vor die Füsse wollen sie ihm legen und warten nur
noch die kaiserliche Bestätigung des Todesurtels ab, so stündlich aus Wien
eintreffen kann. - Als mir diese Schreckenskunde kam, schrieb man bereits Mitte
Julii, meine Kräfte aber waren so gering, dass ich mich kaum fortschleppen
konnte. Wenige Tage darauf besuchte mich Wegerer, des gnädigen Herrn
Kammerdiener, der treue Konstantin. Gramvoll drückte er meine Hand und konnte
zuerst kein ander Wörtlein herausbringen als immer nur: Trompeterhansel - es ist
aus! - Dann vernahm ich, wie abscheulich sie dem armen Herrn mitgespielt hatten.
Sein Gefängnis war ein Stübel im Ratause, bewacht von zwei Dutzend Mann. Unten
in der Erden aber war ein Gewölb, dessen Bekanntschaft dem Gefangenen nicht
erspart geblieben. Ihr starret mich an - ja, Leute, gefoltert - gefoltert haben
sie den edeln Schaffgotsch - haben ihm die Wippe beigebracht - zentnerschwere
Steine an seine Füsse gebunden und ihn mit einem Strick an den Armen
hochgewunden, dass die Gelenke krachten. dabei hat ihn ein Auditor der
Obstination geziehen, weiterer Ungelegenheiten gewarnt und der Wahrheit
erinnert. Ihr Schelme! hat unser Herr geschrien - habet mich bereits verurteilt
- und hinterher erst wollet ihr die Wahrheit herausbringen? Oder vielmehr den
Schein eurer Gerechtigkeit, da sie selber euch fehlet, soll ich euch geben, ihr
henkermässigen Erpresser! Wie darf man einem schon Verurteilten noch die Tortur
applizieren? Schande über solchen Bruch des Rechtes! - Hierauf so hat der
Auditor mit der Tortur innehalten lassen und diese feige, saumässig
rechtsverdreherische Ausflucht ergriffen: Mein Herr Schaffgotsch tuet ihm
selber unrecht, weil er nicht alle näheren Umstände seiner Missetat frei
heraussaget und folglich Ursach gibt, dass man also strenge mit ihm prozedieren
muss. Vermeinet vielleicht, durch Verschwiegenheit den guten Namen der Seinigen
zu erhalten. Aber der Herr muss wissen, dass nicht allein Mutmassungen, sondern
Beweise für seine Schuld vorliegen. Darum ist er auch zum Tode verurteilt. Was
aber diese Tortur betrifft, so soll sie Ihn zu mehrerer Heraussagung der
Umstände und der Mitschuldigen anhalten. Befugt zur peinlichen Befragung ist das
hohe Gericht, weil ein zum Tode Verurteilter bar des Rechtes ist, das nur
Lebendigen zukommt. Drum mag der Henker mit Euer Gnaden verfahren wie mit einer
toten Kreatur. Ihr seid so gut wie ein Leichnam ...«
    »Höllenhunde!« schrie bei diesen Worten des Trompeterhans ein alter
Schreiberhauer, und es jammerte, stöhnete, grollte die ganze Gemeinde.
    Nach einem keuchenden Husten fuhr der Erzähler fort: »Ja, Höllenhunde,
teuflische Pharisäer sind sie alle, so auf den Wink der Pfaffen und Hofschranzen
zu Regensburg das Recht verfälscht haben. So hat denn die Tortur ihren Fortgang
genommen, und eilf Fragepunkte hat man dem Gefolterten vorgehalten. Der aber hat
anfangs nur immer geschrien: Schelme! Ist dann in Stöhnen verfallen und hat
schliesslich Antworten gegeben - als zum Exempel: Nein! Ich weiss nichts! Nicht
doch! Ist nicht wahr! Ein einzig Mal ist er konfuse worden und hat gestammelt:
Ja doch, ich will alles sagen - haltet ein! Wie aber dann der Auditor
gesprochen: So bekennet, Herr Schaffgotsch, - hat die Antwort gelautet:
Tintenfresser! Ich bin kein Herr mehr und bin kein Schaffgotsch mehr - ein
Kadaver bin ich, den die Aasgeier zerfleischen - nehmet mir nun endlich meinen
letzten Odem - je eher, je lieber - ich mag euch nimmer sehen, ihr
Teufelslarven! ... Da nun die Tortur schon drei Stunden gedauert und trotz aller
Kunst des Scharfrichters nichts Neues effektuiert hatte, so wurden auf des
Auditors Wink dem Opfer die Bande gelöst und die übel zugerichteten Gliedmassen
wieder eingerenket. Den Halbentblössten, der sich nicht aufrecht halten konnte,
trugen sie in sein Gefängnis, wo er dem wehklagenden Konstantin die Worte
zurief: Sieh, wie die Schinderknechte mich armen Wurm für meine dem Vaterlande
geleisteten Dienste zugerichtet haben! Mit Begier, ohne die Arme heben zu
können, trank er dargereichtes Bier. Drei Wochen hat er die vom Scharfrichter
gelieferten Salben brauchen müssen, bis endlich die Glieder wieder geschmeidiger
waren und brauchbar zum allerletzten Gang. Drei Abgesandte des Kriegsgerichts
traten ins Stübel und machten Komplimente, Exzellenz hin, Exzellenz her, ohne
Worte für ihren traurigen Auftrag zu finden. Bis der edle Herr, ihres Kommens
Ziel erratend, ihnen entgegenkam. Lieben Herren - meine Exzellenz ist mir mit
Gewalt genommen, und ihr möget euren Auftrag nur geradeheraus sagen. Ich weiss
ohnedies, dass mein Blut längst eingeschenket und nur noch ausgetrunken werden
soll. Darauf haben sich die Offiziere ihrer Person halber entschuldiget und
endlich ihm auf kaiserlichen Befehl das Leben abgesagt. Nun, o Wunder, hat des
Herrn Antlitz gestrahlt. Welch angenehme Post! so lautete seine sanfte Antwort.
Wahrlich, so süss euch das Leben ist, mir ist es wie Galle, seit mich der Kaiser
für meine Dienste also traktieren lassen. O balde, balde möcht ich mich scheiden
vom Gelüsten und Hasten dieser eitlen, falschen Welt. Aus enttäuschtem Herzen
quillet ein himmlisch Verlangen, alles Unreine hinwegspülend, bis sich am
Menschenkinde das Wort erfüllt, so der Heiland bei Jakobs Brunnen gesprochen:
Wer das Wasser trinket, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten,
sondern das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm ein Brunnen ewigen Lebens. -
Hierauf hat ein Offizier die Hände gefaltet und die Worte der Samariterin
wiederholt: Herr, gib mir dasselbe Wasser! Der Auditor war auch dabei und meinte
herablassend: Kaiserliche Gnade wird erlauben, dass die Hinrichtung hier auf dem
Zimmer stattfinde. - Nicht doch! entgegnete aufrecht unser Herr. Mein Gewissen
ist nicht scheu, und ich will nach meiner Lebensart lieber unter Gottes Himmel
vor aller Welt sterben, als im Winkel abgetan werden. Für mich und die Meinen
ist mein Tod keine Schande. - Siehe, da stunden die Richter gleich armen
Sündern, spürend, dass sie es wirklich waren. Nun stellten sich auch Jesuiter
ein, um noch einmal ihren Bekehrungseifer anzuwenden. Lasset gut sein, Patres,
sprach Herr Schaffgotsch. Dass ich euch wiederholt das Ohr geliehen, ist nur zu
meiner Unterhaltung geschehen. Nun ich mich ernstaft um die Himmelsreise zu
bekümmern habe, soll mich allein jenes Wort geleiten, so im Anfang bei Gott war
und das Licht der Menschen geworden. Hiermit legte er die Hand auf die offene
Bibel Luteri und tat einen Blick auf die Seligmacher, dass sie die Augen
niederschlugen und mürrisch gingen. Einer aber sagte auf Latein: Halsstarrigkeit
ist nicht die letzte Ursach seines Todes. - Mit seinem Junker Melchior und dem
treuen Konstantin allein, besprach unser guter Herr, was noch zu ordnen war.
Liess einen schwarzen Sarg bestellen, für seine hohe Gestalt geräumig. Dem
Scharfrichter ward nebst einem Geldgeschenk der Auftrag, einen Schemel
bereitzuhalten und dem Sitzenden den Todesstreich unverzagt und getrost
beizubringen. Um seinem Heiland eine nüchterne Seele zuzuführen, nahm Hans
Ulrich bis zu seiner Hinrichtung nur ein paar Bissen in Bier getauchten Brotes
zu sich. Die Nacht brachte er in Andacht zu, sowie mit Schreiben der Valetbriefe
an seine Kinder, Verwandtschaft und Freundschaft. Der nächste Tag war ein
Sonntag, und da ist es mir gelungen, im Talar eines evangelischen Geistlichen zu
unserm lieben Herrn zu gelangen. Bleich und zergrämt sah er aus, doch aufrecht
und manchmal wie ein Verklärter. Willkommen, guter Trompeterhans, hat er
lieblichen Mundes gesprochen, - ach, wie schade, dass dir die Mausköpfe so übel
mitgespielt haben! Ihr Schreiberhauer habet es gut gemeint, dass ihr mich
befreien gewollt. Doch ich wäre nicht aus dem Gefängnis entwichen, selbst wenn
du mit dem vielen Gelde meine Wächter ihrer Pflicht abspenstig gemacht hättest.
Soll ich denn umsonst gelitten haben? Nein, es hat mir mein bitter Leiden die
Gewissheit eingebracht, dass es sich nicht verlohnet, ein verdorben Erdenleben auf
unrechte Weise festalten zu wollen und darob das ewige Gut zu verabsäumen. Denn
so spricht der Heiland: Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren; wer
aber sein Leben verliert um meint - und des Evangelii willen, der wird es
behalten. Sage dem Tielsch-Johannes, dessen ich mich gern erinnere: ich danke
ihm für seinen guten Willen, und er solle nur immer so tun, wie damals auf dem
Kynast, da er in der Scholarenkomödia als Herrgott, in die Hölle gefallen, dem
Teufel das Leder gerbte. Mag er fortfahren, den guten Schreiberhauern beizustehn
und dem Vaterlande. Doch soll sich der Goldmacher hüten, wie des Aesopi Hund,
nach einem Schatten schnappend, das Fleisch der Weisheit aus dem Maul zu
verlieren. Gold ist verderblich, Gunst der Menschen launisch, irdische Macht
wankend, nur Wahrheit und Liebe besteht in Ewigkeit ...«
    Diese Mahnung des gottseligen Märtyrers, mir überbracht durch einen zweiten
Zeugen irdischer Vergänglichkeit, erschütterte mich bis ins Mark, wie ein
Posaunenstoss vom Jüngsten Gericht. Ich schluchzete auf und hätte sogleich auf
mein Angesicht niederfallen und meine Sünde wider die heilige Wahrheit bekennen
mögen. Doch schien es mir angebracht, zu warten, bis der Trompeterhans seinen
Bericht zu Ende getan.
    Und er fuhr fort: »Kurz war meine Unterredung mit dem edeln Herrn, und ich
merkete wohl, dass ihm meine geistliche Verkleidung unlieb. Er betrauete mich mit
einem mündlichen Valet für seine Kinder und Freunde. Briefe und Andenken werde
sein Hofjunker überbringen. Dann musste ich aus dem Stübel, weil Herr Prediger
Lentzius zum Gottesdienst und Abendmahl erwartet wurde. Ich blieb jedoch im
Ratause. Was nun für hochwichtige Worte zwischen Herrn Schaffgotsch und seinem
Beichtvater gefallen, hat dieser beschlossen, mit in die Grube zu nehmen. Bei
der Kommunion war die Tür zum Korridor offen, so dass die Diener nebst dem
protestantischen Teile der Wache kniend bei Gesang und Gebet mittun konnten.
Geschahe nicht ohne Vergiessung reichlicher Tränen. Habe mein Lebenlang keinen
Menschen in dergleichen Andacht und ehrerbietigen Sitten am Tische des Herrn
gesehn. Andern Morgens, es war der Hinrichtungstag, wagte ich mich abermals ins
Rataus. Konstantin berichtete, der Herr habe festen Schlaf gehabt, gar
geschnarchet und beim Erwachen den Sonnenstrahl mit dem Wunsche begrüsst: Gebe
mir mein Heiland nach diesem Lichte das ewige Licht! Bald tat sich uns Besuchern
die Türe auf, und lächelnd stund da unser geliebter Herre in schwarzen
Unterkleidern, gespornten Reiterstiefeln, einem Koller von Elenshaut mit
schwarzen Atlasärmeln, weissem Spitzenkragen, Federhut und gelben Handschuhen. Er
küsste den erschienenen Predigern die Hand, segnete seine weinenden Getreuen und
nickte mir freundlich zu. Da inzwischen der Oberstfeldprofoss mit seinen Knechten
die im Stübel vorhandenen Teppiche und Utensilien aufräumte, sprach unser Herr
gütig: Nehmet alles hin; doch die Bücher gehören den evangelischen Geistlichen.
Hierauf folgte er dem Profossen in den Rataussaal, wo der gesamte Regensburger
Rat mit tiefen Komplimenten dem Freiherrn die Reverenz machte. Der nun gab allen
die Hand und bedankte sich dafür, dass sie ihm an ihrer Dreifaltigkeitskirche
eine letzte Ruhestatt vergönnen wollten. Sobald er aus dem Ratause ins Freie
trat, hub die zahlreich zusammengeströmte Menge zu schluchzen an, und viele
sagten: Ach, welch schöner, hoher, lieber Herre! Von solchem Mitgefühl, das aus
selbstlosen Herzen ungewöhnlich herfürbrach, war Hans Ulrich gerührt. Er stieg
nun in die schlechte, elende Karosse, mit sechs Schimmeln bespannt. Vorreiter
war der Feldprofoss, und als einziger Diener, dem dies vom Kriegsgerichte
verstattet worden, ging nebenher der treue Konstantin. Wo unterwegs aus den
Fenstern Frauen oder Jungfern heraussahn, zog der ritterliche Herr seinen Hut.
Ist so frei im Wagen gesessen, als ging es zum Tanze, nach den Fenstern winkend
und lächelnd. Vor dem Gastause zum goldnen Kreuz hat der Wagen gehalten, weil
innen im Saale das Kriegsgericht zur Verlesung des Todesurtels versammelt war.
Wie nun General Götz den Vorwurf des Verrats und Eidbruches aussprach, verliess
unsern Herrn seine Ruhe, dass er sich auf die Brust schlug und mit erhobenen
Schwurfingern aufbrausete: Das leugest du, Götz; am Tage der Auferstehung
zitiere ich dich und manchen andern vor das Jüngste Gericht. Nicht schuldig
dessen bin ich, was ihr mir zur Last leget! - Der erblichene Götz musste sich
erst sammeln, um fortfahren zu können, dass der Beklagte kaiserlichen Pardons
nicht fähig, sondern Ihrer Majestät mit Ehr, Leib und Gut heimgefallen sei,
dessenwegen er als ein abscheulich warnend Exempel dem Freimann überantwortet
werde, um vom Leben zum Tode zu gelangen, und zwar mittelst des Schwertes
derart, dass der Kopf der kleine, der Leib der grössere Teil bleibe. Was aber die
zuerkannte Abschlagung der Schwurhand betreffe, so sei diese ihm durch
kaiserliche Gnade erlassen. - Nicht ohne einen Anflug von Spott hat sich Hans
Ulrich geneiget. Dann hat er die Frage getan: Ist es wahr, dass der Platz meiner
Hinrichtung die Heide geheissen? Wie Götz dies bestätigte, lächelte unser Herr
wehmütig: Also soll ich doch auf grüner Heiden mein Leben lassen. Habe mir oft
gewünscht, mein Herzblut dorten zu vergiessen, wo ein Kriegsmann hingehört.
Furcht vor dem Tode hat mich nie angewandelt, obwohl er mir oft so nahe, dass ich
ihn mit dem Finger konnt erreichen. Allerdings sterb ich auf grüner Heiden am
kalten Eisen. Doch stirbt es sich auf jede Weise wohl, so man bereit, vor Gottes
Angesicht zu treten. - Hier tat ein Oberster einen tiefen Seufzer und meinte:
Herr Schaffgotsch machet, dass wir bald mitsterben möchten. - Da sei Gott vor!
antwortete unser Herr. Vielmehr möget ihr alle lange leben und, falls es
gestorben sein soll, im heissen Kampfe fallen fürs Vaterland. Bis dahin gehabt
euch wohl, Kameraden! Ist Zeit, dass ich mich auf jenen Weg begebe, den man
nimmer zurückgehen kann. - Wie nun unser Herr vom versammelten Kriegsgericht
Urlaub genommen und den Saal verlassen hatte, stunden bei der Treppe zween
Jesuiter und baten ihn um des Jüngsten Gerichtes willen, seine Seele nicht so
halsstarrig dem Teufel zuzuführen. Ich habe meine Seele schon versorgt,
antwortete Hans Ulrich; möchtet ihr dem Jüngsten Tag vertrauensvoll
entgegensehen wie ich! Da aber die Pfaffen weiter zudringlich waren, schlug er
mit den Händen hinter sich, wie man Mücken scheuchet. Vor dem Gastause begrüsste
die Wache den heraustretenden ehemaligen General unter Gewehr, mit
Trommelwirbel, die Offiziere den Degen gesenkt. Erfreut dankte der Geehrte und
versicherte, er sterbe als redlicher Soldat. Von hier gings im Wagen zur Heide,
wo das Blutgerüst war, von zwei Fähnlein umzingelt; und unter Schwenken der
Standarten wirbelten die Trommeln, dass man sein eigen Wort nicht hätte verstehen
können. Voll Todesmut stieg Hans Ulrich die Treppe zum Schafott empor, gefolgt
vom Profossen und dem treuen Konstantin. Dieser nahm seinem Herrn hurtig den
Halskragen ab und band ihm das Haar mit einem weissen Tuche in die Höhe, dass der
Nacken frei war. Nun faltete unser guter gnädiger Herr zum allerletzten Gebet
die Hände und setzte sich fest und gerade auf den Schemel. So will ich denn
diesen Leib verlassen und dies arme Leben; Dir zu eigen geb ich meine Seele,
gnädiger Herr Gott - sprach er mit fester Stimme, wie hinterher der treue
Konstantin berichtet hat. Dann auf einmal stund hinter ihm der schwarzgekleidete
Scharfrichter. Von rückwärts war er hinzugetreten, liess nun den roten übers
Schwert gebreiteten Mantel fallen, schwang es - ich sehe es noch in der Sonne
blitzen, - und im Nu war der Streich verrichtet.«
    Die Hand über die Augen gelegt, hielt der Trompeterhans inne - und ein
einziger dumpfer Seufzer entrang sich den Zuhörern - wie die Bäume
zusammenstöhnen, wann der Herbstwind sie ergreift. Männer schlugen die Hände
vors Angesicht und schauderten, das Weibsvolk schluchzete. Der Trompeterhans
aber raffte sich auf, um noch das Letzte zu berichten, und sprach leise unter
Kopfnicken: »Ein glücklicher Streich! Wie ein Springbrunnen schoss das Blut, und
zu Boden rollte der Kopf, auf dem der Hut noch sass. Der Körper aber blieb fest
auf dem Schemel sitzen, damit er noch auf diese Weise künde, von welchem Geiste
er bewohnt gewesen. Konstantin nahm das blutige Haupt, küsste die Stirn und
wickelte es in ein schwarzes Tuch. Die anderen Diener traten herzu und betteten
die Leiche in den bereitstehenden Sarg, unabgewaschen und ohne dass der Kopf
angenähet worden. Legten auch das blutbefleckte schwarze Tuch sowie den Degen
hinein. Dies hatte Herr Schaffgotsch ausdrücklich befohlen; so wie er
zugerichtet war, wollte er am Jüngsten Tage dem Kaiser unter Christi Augen
genübertreten. Und ohne Zweifel, dieser edle Herr, ein vaterländischer Märtyrer,
verdient mit Gottes Gnade das ewige Leben.«
    Nach dieser Rede sank der Trompeterhans erschöpft zurück und war ächzend an
einen Baumstamm gelehnt. »Amen!« murmelten die Zuhörer, und es weinten selbst
Männer.
    Nun sah ich das Stündlein zu meiner Beichte und Busse gekommen, fasste mich
und sprach: »Ich danke dir, guter Trompeterhansel, für die Treue, so du unserm
Grundherrn gezollt hast, und ich bedaure nur, dass dir aus unserm Unternehmen ein
schwerer Leibesschaden kam. Das Gold, davon ich dir mitgegeben, war dein
Unglück. O wie wahr hat unser verklärter Herr Schaffgotsch gesprochen, da er
mich warnete vor dem Golde. Es verdirbet die Seele, indem es vom wesentlichen
Gute abziehet und auf nichtswürdige Dinge lenkt. Wäre mir doch eher solch
Einsehen gekommen! Doch es muss wohl sein: nicht eher wird das Kind klug, als bis
es, vom Glanz des Feuers betrogen, hineingegriffen und sich die Finger verbrannt
hat. Nun hat mich der Schaden kuriert und mir ein Wahrheitslicht angezündet. Das
soll nicht unterm Scheffel stehen. So vernehmet, ihr Leute, mein Bekenntnis. Ich
hab euch zuvor gesagt, ich könne Gold machen. Das ist nicht wahr gewesen. Mein
vorgebrachtes Gold war in der Erde gefunden, ein alter Schatz der Iserberge,
eigentlich also unserm Grundherrn gehörig. Dass ich mich für einen Alchymisten
ausgab, geschah, um mich wichtig zu machen und euer Führer zu bleiben.
Allerdings war mein Trachten ohne Selbstsucht - euch nämlich wollt ich helfen,
eine Beste zur Abwehr des Feindes wollt ich bauen, und nur deshalb Herr der
Berge sein, weil ich mich zum Anführer berufen fühlte. Ein Tor freilich war ich,
weil ich die Mittel falsch wählte. Mit Golde hab ich Menschen habgierig gemacht
und zu Trug, Raub und Mord angereizt. Wer Wind säet, wird Sturm ernten. Was ich
erreichen gewollt, ist kläglich misslungen. Zusammengebrochen ist die Goldburg,
und es haben die stürzenden Trümmer manchen von uns begraben, auch friedliche
Hütten zerschmettert. Ich bin daran mitschuldig. Ich bekenne, bekenne! Und
bitten tu' ich reuevoll: Vergebet mir!«
    Zuerst war alles starr, Augen und Mund rissen sie auf. Dann sah ich finstere
Blicke auf mich gerichte. Noch schwieg die Gemeinde. Dann murmelten die Leute
mit einander, immer unwilliger. Schliesslich kam ein bitter Auflachen, und
Maiwald höhnte: »Das also war dein Lichtreich, Johannes! Mich hast du
gescholten, weil ich Beute gemacht, in offenem Kampfe dem Feinde was abgenommen
und es der Gemeinde geben gewollt. Du aber eignest dir heimlich einen Schatz an,
Gold aus unsern Bergen, und statt mit uns zu teilen, legst du deine Hand darauf
und wirst ein Lügner, ein Grosssprecher. Als Goldmacher blähest du dich auf, um
unser König zu sein. Ei ja doch! Und nun du den Karren in den Dreck geschoben,
flennest du: Vergebet mir! Was haben wir davon, dass du bereuest, und dass wir
vergeben? Wer bauet unsere Hütten wieder auf? Wer schafft uns Vieh und Getreide?
Her mit deinem Golde! Wo ist es? Her damit!« - »Ja, her damit! Entschädige uns!«
riefen rauh die anderen. Meine Demut war in Gefahr, in einem Aufbrausen
unterzugehen, mein Odem stürmte. Doch die Hand auf die Brust gepresst, sprach ich
heimlich zu mir selber: »Stille! Recht geschiehet dir, auch wo Unrecht dich
geisselt.« Ich zog meinen schmalen Geldbeutel und sprach: »Was ich zu eurer
Entschädigung bieten kann, ist dies wenige - drei Dukaten, ererbt von meinen
Eltern ...«. Höhnisch lachte Maiwald. Ich aber sah ihm frei ins Auge und fuhr
fort: »Lache nicht, habe Achtung vor diesen Münzen! Mit Kreuzlein sind sie
bezeichnet, weil sie, von meinen Eltern in ehrbarer Arbeit erworben und für den
Sohn aufbewahrt, nichts gemein haben mit dem gottlosen Mammon. Nimm das gute
Geld für die Gemeinde, Maiwald! Vor dem ausgegrabenen Schatz aber behüte euch
hinfürder der Himmel. Versteckt liegt er, dass ihn kein Mensch mehr findet.
Machet keine langen Gesichter! Lasset uns keine Toren mehr sein! Wie denn? Jenes
Gift, das so viele Opfer gefordert hat und meine Eingeweide abscheulich grimmen
macht, soll ich das wie Zuckerbrot an euch austeilen? Lasset mich zufrieden, da
ich nun endlich euer Heil im Auge habe. Und wehe euch, so ihr nach dem Schatz
Gelüsten traget! Ich verfluche das Gold. Zu den Dämonen der Tiefe ist es
versenkt, und wer ihm nahet, soll das Grauen der Hölle kosten.«
    Solche Einschüchterung - Gott sei's geklagt - wirkte mehr, als selbst der
weise Salomon durch Predigt hätte ausrichten können. Scheu glotzten mich alle an
und schwiegen. Hierauf legte ich den Beutel mit den drei Dukaten hin, tat einen
tiefen Seufzer und ging. Man schimpfte hinter mir her, ich nahm es ruhig hin und
hörte bald nur die guten Waldbäume summen. Und wie früh Morgens durch
schwindende Flore der Nacht immer holder und farbiger die Blüten der Erde
schimmern, so kam aus all dem Trüben, das mich umschleiert hielt, nunmehr ein
sacht Grüssen, als ob unschuldige Kindlein mich anlächelten. Und da ich beim
Abendburgfelsen einsam war, strahlte rings die Welt so rein, als gäb es keine
Schuld. Wie ein Freiersmann kam ich mir vor, der nach nächtlichem Irren endlich
sich heimgefunden hat zur Braut.
Ein Wandrer tappt in Nacht und Dünsten;
Wonach er suchte, wusst er nicht,
Da hat verlockt mit Gaukelkünsten
Zu Sümpfen ihn ein Flackerlicht.
Er taumelte hinein und hielt den Rausch der Sinne
Für benedeite Minne.
Und falsche Schätze sah er strahlen,
War allen Leibeslüsten hold,
Vernahm mit Gier der Grossen Prahlen
Und griff nach Purpur, Lorbeer, Gold.
Er rang und raufte drum, im wirren Fiebertraum,
Doch seine Hand griff Schaum.
Wach auf, Genarrter! Herold Morgen
Macht alle Nachtgespenster fliehn.
Von Bergeseinsamkeit geborgen,
Im heilgen Lichtstrom darfst du knien.
Gib hin die dumpfe Stirn! Der rote Sonnenmund
Küsst dich von Schuld gesund.
In Weiheschauern wird nach oben
Zur spät gefundnen Sonnenbraut
Der Freier auf den Tron gehoben
Und Herz dem Herzen angetraut.
O tiefes Auge, gib mir Ewigkeit zu trinken!
Lass mich in dir versinken!
    Wie ich so lag, war mir, als wolle mich mein Schöpfer umbilden, und der
ewige Friede weihete mich zu seinem Kinde.
    Hernach stund ich auf und tat den Gang in die Höhlentiefe. Der Schatzkammer
galt er. Eine Last Kostbarkeit nach der andern holte ich und trug sie dortin,
wo der Höhlenbach ins Loch strudelt. Gold und Silber, Geschmeide und Edelstein
warf ich hinein. Und wie die Felsengurgel ihren letzten Schluck getan und den
Mammon in der Erde Eingeweide hinuntergeschlungen hatte, fühlte ich mich frei
und verstund an mir des Heilands Wort zu Nicodemo: »Wahrlich, ich sage dir: Es
sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht
sehen. Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch, und was vom Geist geboren
wird, das ist Geist. Lass dich's nicht wundern, dass ich dir gesagt habe: Ihr
müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläset, wo er will, und du hörest sein
Sausen wohl, aber du weisst nicht, von wannen er kommt und wohin er führt. Also
ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist.« Ich ahnte, dass ich von neuem
geboren, aus dem Geiste geboren werden solle für das wahrhaftige neue Reich, so
da ist ein Reich des Lichtes, der Unschuld und Liebe in Ewigkeit.
 
                              Das eilfte Abenteuer
                    »Wessen wird sie im Himmelreiche sein?«
 Als ein rechter Liebhaber eremitischen Lebens hausete ich auf der verödeten
Abendburg, und es trieben die Tannen einen Sommerwuchs nach dem andern.
Herbststurm und Schneewoge, Lenzhauch und Sonnenglut bezogen stets aufs neue in
alter Reihe den Posten. Von meiner ragenden Warte sah ich die Morgendünste unter
mir brodeln und dann den Tag sein glutig Auge auftun, - beobachtete, wie Wolken
gleich Marmorburgen im Blauen schwebeten, und wie der Abend rote Rosen um sie
spann - träumte und lauschte empor, wann in der nachtenden Halle vieltausend
Himmelsbürger feierlich stunden und ganz lautlos, nur mit sanftem Lodern und
buntem Funkeln zueinander redeten. Schauend und sinnend gewann ich Andacht und
Erkenntnis und ward immer deutlicher inne, worin das wahre Gold der Abendburg
bestehe.
    Vom schnöden Golde gänzlich abgewandt, lebte ich ärmlich und mühselig. Neben
dem Oheim, so von seiner Kopfwunde einen schwachen und irren Geist
davongetragen, hatte ich nur den Hund zur Gesellschaft, Ziegen und Zicklein;
auch ein paar Bienenschwärme, in hohlen Stämmen angesiedelt. Des Oheims Acker im
Tale trug unser Brot, der Wald gab Beeren her und Pilze, Holz, Wildfleisch und
Felle. Wiederhergestellt war unser traulich Balkengehäus. Nach Tages Arbeit las
ich in Büchern, grub in den Tiefen des Geistes und war fleissig im
Niederschreiben meiner Lieder, Abenteuer und Gedanken. Vor dem Schlafen sang ich
zur Harfe, der Oheim lauschte, dazu erfreute sich das Herz an Beerenwein oder
Met. Nach Menschenumgang stund nicht unser Sinn. Seitdem ich die Schreiberhauer
enttäuscht hatte, blieben sie abseits. Ich sei ein Schwarzkünstler, rauneten
sie, der in seiner Grotte Dämonen dienstbar halte. Dem dörfischen Gottesdienste,
den ein vom Kynast verordneter Pfaffe abhielt, blieb ich fern, und nur wenn
Glockengeläut, Festschalmei oder Begräbnischoral vom Tal erscholl, ward ich
daran erinnert, dass man drunten schaffte und feierte, dass es Lachen und Weinen,
Hochzeiten, Kindtaufen und Bestattungen gab. Hinweg über Menschengetriebe
schaute ich gern in die Ferne und verlor mich in ihrem zarten Dufte. dabei
deuchte mich, dort müsse sich ein Ersehntes erfüllen. Was dies eigentlich war,
wusst ich nicht zu fassen.
    Versunken in den lockenden Himmel über mir, vernahm ich manchmal, wie er
gütig mahnete: »Bleibe bei dir, Kind! In dir selber suche, was ich verheisse!
Deinem Herzen bin ich ja nur ein Spiegel. So lerne dich selbst erkennen in mir.
Verschmilz das Ferne mit dem Allernächsten, vergiss die trügende Scheidung
zwischen dem Deinen und dem Andern! Besiegelst alsodann für dich den
Friedenspakt der Kreatur mit Gotte - mag auch die verblendete Welt ihres
Streitens kein Ende finden.«
Droben kreist ein Königsaar.
Auf zu ihm ins Blau der Lüfte
Über Tann und Höhlengrüfte!
Himmlische Ferne
Lockt und lächelt wolkenlos klar.
Bist du droben, Heimatland?
Sturm und Woge rauscht hienieden,
Und ein Pilgram seufzt um Frieden,
Weil er die Heimat
Immer nur ahnt - und nirgends fand!
Nur im Traume wird sie sein.
Bette, Fels, dies müde Haupt,
Das enttäuscht noch immer glaubt!
Kehre nun, Seele,
In die Gefilde tief innen ein!
Werde Hauch und Melodie,
Leiser Mondgesang auf Auen,
Sommernächtig Niedertauen!
Bräutliche Blumen
Wecken im Kuss dir fromme Magie.
Dring ins Herz der Kreatur,
Hör aus jeder Tiefe tönen
Heimweh nach dem Allversöhnen!
Heim denn, versöhnt euch!
Gläubig verfolget des Lichtstroms Spur!
Schaut das Gnadenreich entüllt -
Wo aus Zähren werden Wonnen
Und aus Sündern bunte Sonnen,
Wo sich der Liebe
Zärtlich Schmachten endlos erfüllt. -
Droben kreist ein Königsaar.
Auf zu ihm ins Blau der Lüfte
Über Tann und Höhlengrüfte!
Himmlische Ferne
Lockt und lächelt wolkenlos klar.
    An einem sonnigen Tage Septembris wandelte ich längs des Schwarzen Berges,
über der Schulter einen Sack voll gesammelter Pilze. Bedachte gerade, wie das
menschliche Leben gar so traumhaft sei; sintemalen die Dinge kommen und gehen,
nicht anders denn Traumbilder - unberechenbar, von einer rätselhaften Macht
eingegeben. Bei solchem Sinnen beschlich mich ein bang Gefühl; sagte mir: dein
neues Schicksal ist allbereits unterwegs und lauert im Dunkeln, um plötzlich auf
dich zu stossen. Wer weiss, was auf einmal hier aus diesen Waldgründen kommen mag.
Da hast du nun endlich deine Ruhe gefunden als ein Eremit; doch eine
auftauchende Veränderung möchte dich vielleicht stören und zu wilder
Leidenschaft hinreissen.
    Während mein Auge starr auf dem entfernten Waldpfade verweilte, sah ich
zween Menschen daher kommen, einen Mann, in der Faust eine Partisane, auf dem
Rücken eine Hucke, hinter ihm ein bäuerlich gekleidet Weib.
    Ich ging ihnen entgegen und bot guten Tag. Freundlich gaben sie den Gruss
zurück. Dann blieb der Mann stehen und sah mich durchdringend an: »Seid Ihr
Herr Johannes, der Buschprediger von der Abendburg?«
    »Der bin ich. Was ist euer Anliegen? So ihr in meine Hütte kommen möchtet,
haben wir ein Stündlein zu gehen.«
    Fragend blickte der Mann auf das Weibsbild und versetzte: »So der Herr
Prädikant erlaubet, lässet sich auch an diesem Orte besprechen, was wir auf dem
Herzen haben.«
    Ich wies auf einen Felsen, von Heidelbeergesträuch umwachsen: »Lasset uns
niedersitzen!«
    Nun sah ich mir die beiden näher an. Der Mann von kurzer, breiter Gestalt
musste starke Kräfte haben. Haar und Bart waren ergraut; eine breite Narbe im
braunen Gesicht und ein soldatischer Koller von Leder liessen vermuten, dass er in
diesen Kriegszeiten die Waffe geführt.
    Das Weibsbild mochte vierzig Jahre zählen, war gesund, etwas breit von
Angesicht, doch angenehm anzuschauen. Ihr blaues Auge frei aufgetan und voll
sanften Feuers. Sie sah dem Manne ähnlich, wiewohl er verschlossen und streng
blickte.
    Da die beiden schwiegen, wollte ich ihnen Mut zum Reden machen: »Seid ihr
Mann und Frau?«
    »Geschwister!« versetzte der Mann. »Ich bin Heinrich Kiesewald geheissen, der
Hirte vom Breiten Berge, und dies ist meine Schwester Sibylle.«
    Da er wieder in Schweigen verfiel, forschte ich weiter: »Hat Er keine Frau?«
    Er nickte. »Die hab ich, und um deren willen sind wir gekommen. Sie möchte
etliches von Euch, Herr Prädikant, vernehmen.«
    »Warum ist sie nicht selber gekommen? Ist sie krank?«
    »Das nicht. Aber so verschämt, dass sie einem fremden Manne nicht leicht ihr
Herz eröffnet.«
    »Sie hat gleichwohl gross Vertrauen zu Euch, Herr Johannes,« sagte Sibylle
eifrig. »Ihr Sinnen und Trachten, so dünket mich, ist wie das Eure darauf aus,
das himmliche Reich hienieden auszuwirken. Kein ander Begehren hat sie, als
immer nur treu und demütig ihre Pflicht zu erfüllen und allen wohlzutun. Dazu
ist sie klugen Geistes, eine feine Frau und gehört eigentlich nicht unter
geringe Hirten; heget aber gar keinen Hochmut, sondern möchte immer nur Dienerin
sein.«
    Der Mann nickte, und ich wandte mich zu ihm: »Da ist Er glücklich zu
preisen.«
    »Hörst du?« sagte Sibylle in scherzender Munterkeit; dann erklärte sie:
»Mein Bruder ist nämlich noch nicht zufrieden. Denkt sich halt, sein Glück solle
noch grösser sein.«
    »Und was fehlt daran, Heinrich Kiesewald?«
    »Ich habe einen Kummer, und meine Frau hat auch einen. Sie trägt an meinem
Kummer mit. Darum aber sind wir kommen, dass Ihr unsere Herzen erleichtert.
Wollet Ihr also tun, Herr Prediger? wollet Ihr mit Eurer Weisheit einen Zweifel
heilen, so ich Gottes Worte gegenüber hege?«
    »Wenn ich kann. Fraget nur frei! Welch Gotteswort ist es denn?«
    »Es stehet geschrieben ...«. Hier verstummte der Mann und besann sich.
    »Lucä 20 und Mattäi 22,« sagte Sibylle und fuhr für ihren Bruder fort:
»Dorten wird erzählt von sieben Brüdern. Der erste nahm ein Weib und starb
erblos. Da nahm der zweitgeborene Bruder selbiges Weib, nach dem Gebote Mose,
damit ein Erbe entstehe. Doch auch er starb erblos. Nun nahm der dritte das
Weib, es erging ihm jedoch nicht anders denn seinen älteren Brüdern. So
heirateten auch die anderen Brüder der Reihe nach und starben insgesamt ohne
Erben; zuletzt starb auch das Weib. Diese seltsamliche Begebenheit trugen die
argen Sadducäer unserm Heilande vor und fragten: Nun sage, Herr, wie wird es in
der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie zum Weibe gehabt; wessen wird sie
im Himmelreiche sein? - Sehet nun, Herr Johannes, die gleiche Frage richten wir
an Euch, weil mein Bruder Heinrich hier mit Zweifeln sich bekümmert und auch
noch seine Frau friedlos macht.«
    Ich erwiderte: »Warum genügt Ihm nicht der Bescheid, den Christus gegeben?
Die Kinder dieser Welt freien und lassen sich freien; wer aber würdig sein will,
ins Himmelreich einzugehen, der muss wissen, dass man dorten weder freiet noch
sich freien lässt; denn im Himmel ist man den Engeln gleich und Gottes Kind.«
    Nachdenklich nickte der Mann: »So saget auch Agnete, und so muss es wohl
sein. Ich aber bin ganz irre an der verheissenen Seligkeit; denn wofern nicht
wenigstens im Himmel meine Agnete gänzlich mein ist.« Hier presste er die Lippen
zusammen, düster blickte sein Auge.
    »Nicht gänzlich Sein?« fragte ich. »Wie soll ich das verstehen? Ist sie denn
nicht Seine liebe Ehefrau?«
    Da der Mann schwieg, suchte Sibylle nach Worten: »Ja sehet, Herr Johannes,
sein ist sie wohl, wen sollte die Gütige nicht lieben? Und ihm hat sie ja vor
Gotte die Hand zur Ehe gereicht; nur ist das eine andere Ehe, denn die
gewöhnliche.«
    »Ihr habet keine Kinder?«
    Hierauf Heinrich: »Was meine jetzige Frau ist, die hat von mir kein Kind.
Sehet, Herr Prädikant, wir leben mitsammen nicht anders denn Bruder und
Schwester.«
    »Ist das euer freier Wille? Oder gehorchet ihr einem Zwange?«
    »Ihr Wille ist es, und frei, ja frei muss er wohl sein. Denn mein weiser
Lehrer Herr Albertus sagte: ein heilig Gemüte ist frei. Meine Agnete dünket mich
eine Heilige; Geschwisterschaft hat sie mit mir ausgemacht, als sie mich zum
Manne nahm.«
    »Und warum nahm sie Ihn?«
    Sein Auge lohte, als er zur Antwort gab: »Weil ich nicht leben konnte ohne
sie - und weil sie mir Gutes anzutun gedachte. Dankbar wollte sie sein und
glaubete, eine Schuld sühnen zu sollen, die sie gen mich habe. Aber Schuld hat
sie keine, es war ja nur ein blind Geschick, das mir mein Kind entriss, ...
verzeih mir's Gott, wenn ich seine Schickung blind nenne. Will nur sagen: sie
hat keine Schuld.«
    »Nein, nein,« eiferte Sibylle, »sie hat keine. Denket nur, Herr, welche
Heimsuchung uns betroffen. Erst stirbt meinem Bruder die Frau, seine erste Frau.
Vor drei Jahren ist's gewesen, und sie hatte ein Kindlein hinterlassen. Was ein
herzig frisch Mädelein war Anneliesel! Wie nun die Mutter auf dem Sterbebette
gelegen ist, hat sie ihren Mann gebeten, dem Kindlein bald eine zweite Mutter zu
geben. Das geschah auf der Reise, in einem Gastause. Es war aber daselbst eine
andre Mutter, eine unglückliche. Der hatte man ihr einzig Kind geraubt, dazu
einen Dolchstoss versetzt. Ihr Kind zurückzuerlangen war ihr flehentlicher
Wunsch; da half ihr denn mein Bruder ...« Heinrich fasste erregt meinen Arm:
»Herr Johannes, das war ...« Doch seine Schwester erhub abwehrend die Hand: »Lass
gut sein, Heinrich, schweig davon! Hast du vergessen, was Agnete uns ans Herz
gelegt? Rege nicht die höllischen Geister auf! Sollen sie auch noch des Herrn
Johannes Herz quälen?« - »Lasset gut sein!« entgegnete ich. »Ist Böses geschehen
und nicht wieder gut zu machen, so mag man darüber schweigen. In der Hauptsache
erzählet jedoch weiter! Sprachet von einer Mutter, so ihr Kind verloren. Mich
dünket, die passte zu dem Kinde, das seine Mutter verloren.« - Sibylle nickte
lebhaft: »So ist es! Höchst liebreich war sie um Klein Anneliesel beflissen, als
deren Mutter diese Welt verlassen hatte! Mochte sich von uns gar nicht trennen
und zog mit mir und der Kleinen auf einem Trosswagen hinter dem Regimente her,
als Heinrich noch Feldweibel war. Da sie auch von Antlitz und Gestalt holdselig
war, hat mein Bruder keine andere als sie zur zweiten Ehefrau begehrt. Sie aber
hat nein gesagt und hat innig gebeten, dass man ihr nicht grolle. Sie habe vor
Jahren geheiratet und im Getümmel des Krieges ihren Mann verloren.
Wahrscheinlich werde er tot sein; doch sei das unsicher. Drum widerrate ihr
Gewissen den neuen Eheschluss ...«
    Bei diesen Worten stutzte ich, da ich an Tekla dachte, die mit der Frau in
diesem Schicksal übereinstimmte. Doch Tekla war ja tot, und gar vielen Frauen
war in den wirren Zeiten der Gatte abhanden gekommen, ohne dass sie von seinem
fürdern Geschicke wussten.
    »Welchen Namen hat das Weib?« fragte ich.
    »Agnete! Es ist meines Bruders jetzige Ehefrau, von der er berichtet hat.«
    Nicht ohne Enttäuschung vernahm ich solchen Bescheid, als wäre ich ganz
heimlich ein wenig der törichten Hoffnung gewesen, in diesem Weibe Tekla zu
finden. Und ich versank in trübes Sinnen, indessen Sibylle schwieg.
    Endlich kehrte ich zur Gegenwart zurück: »Und nun weiter! Agnete hat also
doch wieder geheiratet! Was hat sie denn andern Sinnes gemacht?«
    »Fürnehmlich jene Heimsuchung«, antwortete Heinrich, und seine Stimme
bebete. »O mein Anneliesel, warum hast du dich locken lassen von den
Bachblumen?« Ratlos griff er an sein Haupt und seufzete. »Auf dem Marsche ist es
gewesen, mein Regiment quartierte an der Unstrut. Massen wir nun einen sonnigen
Tag im Aprilmond hatten, ist Agnete mit dem Mädelein an den Fluss gangen und
unter einem Weidenbaum niedergesessen. Im Sonnenschein ist die müde Frau
eingenickt. Derweilen hat sich das Kindlein von ihrem Schoss gemacht, am steilen
Flussranft zu den gelben Blumen hinunter begeben und ...«
    Des Mannes Stimme versagte, indessen Sibylle die Hände vor ihr Antlitz
schlug.
    Dumpf fuhr Heinrich fort: »Nass und kalt ist klein Anneliesel gewesen, bleich
und stumm, da man den Körper in meine Arme tat, das Händlein hat noch die gelben
Blumen gehalten. Agnete ist schier von Sinnen worden, und wir haben besorgt, das
Herz werde ihr brechen.«
    »Schreibet sie sich denn Schuld an des Kindleins Tode zu?« fragte ich.
    »Ja,« antwortete Sibylle; »sie hat aber keine Schuld. Sie litt damals an
Blutspeien und war so schwach. Mattigkeit hat sie überwältigt.«
    »Schuld hat sie keine,« versicherte auch Heinrich. »Das hab ich ihr oft
gesagt. Aber sie hat sich angeklagt, hat ihr Haar geraufet und mich um Vergebung
angefleht, auf den Knien angefleht - und ich - ich habe sie emporgehoben - und
begütigt - habe mich dann vor ihr auf die Knie geworfen - und unsere Tränen sind
geflossen. Wie Agnete sich gesammelt, hat sie zu mir gesprochen: Ich will dir
dienen, wie eine Magd. Und so du mich noch zur Frau begehrst, bin ich
einverstanden. Nur grolle nicht, weil ich dir kein ander Kindlein schenken kann;
denn sieh, ich hab ein Geheimnis, dass ich dir jetzo eröffnen will. Agnete hat
mir hierauf alles gesagt, was Sibylle Euch, Herr, berichtet hat. Sie sei vor
Jahren eines andern Weib worden, und dieser andere befinde sich vielleicht noch
am Leben. Doch selbst wenn sein Tod gewiss wäre, vermöge sie mir nur Schwester zu
sein. Nicht als ob sie eine Heilige wäre - hat sie gesagt, - sondern weil sie
des andern Bildnis im Herzen trage und täglich in Treuen anschaue. Zuletzt hat
Agnete gesprochen: So du mich nach dieser Entüllung noch zum Weibe begehrest,
so lass uns zum Prädikanten gehen; hat der nichts einzuwenden wider den
Eheschluss, so will ich dir die Hand reichen. Dann hab ich freilich noch eine
Bitte: Gib das Waffenhandwerk auf! Lass uns friedlich wohnen und lieber hart
arbeiten, als von Blutvergiessen und Beutemachen leben. - So hat Agnete
gesprochen, und meine Schwester hier, längst von Abscheu wider das Soldatenleben
erfüllt, ist mit Flehen und Beschwören der Bitte beigetreten. Da sich nun gerade
Gelegenheit geboten, dass ich mit Fug meine Fahne verlassen gekonnt, sind wir
unseren eigenen Weg gezogen. Der nächste Prädikant hat unsere Trauung vollzogen,
nachdem er meiner Ansicht beigetreten, Agnete solle ihre Zweifel am Tode jenes
andern getrost fahren lassen. Ich habe seitdem in einer seltsamen Mischung von
Frohsinn und Leide gelebt. Agnete hat für mich wohl ein Lächeln, hat traute
Rede, Trost und gütig Tun, sie blickt mir liebevoll ins Aug und streichelt meine
Hand. Doch lebt sie nur als Schwester neben mir. Da muss ich denn oftmals
seufzen; und also merkt Agnete, wie mir zumute und bittet dann traurig: Vergib
mir! - Doch nein, Schuld hat sie keine.«
    Nach längerem Stillschweigen hub ich an: »Nicht Agnete hat eine Schuld, eher
ist Er, Heinrich, in ihrer Schuld.«
    »Das bin ich, Herr Prädikant - und dieweilen ich ihr so viel schulde, will
ich alles tun, die Schwermut von ihr zu nehmen, mit der ich sie belaste, solange
mein Herz nicht leicht. Drum, Herr Prädikant, erlaubet mir und den beiden
Frauen, in Eurer Gemeinde anwesend zu sein, so Ihr wieder einmal eine Predigt
haltet. Und ferner bitten wir Euch, alsdann zum Texte ein Wort der Schrift zu
wählen, so meinen Kummer beschwichtigen kann.«
    »In meiner Gemeinde?« fragte ich nicht ohne Bitterkeit. »Ich habe keine
Gemeinde. Bin auch kein Prädikant. Woher kommt euch die Meinung, dass ich
Predigten halte?«
    Gross sahen die beiden einander an, und Sibylle versetzte: »Zu Petersdorf und
Hermannsdorf nennen Euch die Leute einen Buschprediger, so unter den
Schreiberhauern Anhang habe.«
    »Vor Jahren hab ich Anhang gehabt und auch dem Wahne gelebt, eine Gemeinde,
ja weit mehr, ein Reich des Lichtes, begründen zu können. Weil ich nun damals
Predigten im Busch gehalten, ist der Name Buschprediger aufgekommen. Bald aber
sind mir in herber Enttäuschung die Augen aufgegangen, dass ich eingesehen, wie
närrisch mein Unternehmen, wie eitel meine Predigt. Seitdem hause ich als
Einsiedler und habe zur Gesellschaft ausser meinem Hunde und meinen Ziegen nur
den greisen Oheim, der an Verstörung des Geistes leidet. Den Namen Buschprediger
lasse ich mir auch jetzo noch gefallen, doch nur in dem Sinne, dass ich den
Büschen predige - was nicht so vermessen ist, als Menschenprediger zu sein.«
    Da Heinrich und Sibylle verlegen drein schauten, fuhr ich fort: »Weil ihr
jedoch eine Ausnahme unter den Menschen seid und nach meinem geistlichen
Zuspruch verlanget, so will ich eine Ausnahme machen und euch dreien eine
Predigt halten. Will auch gern zu diesem Zwecke zu euch auf den Breiten Berg
kommen. Wann ist euch das genehm?«
    »Wir danken,« sagte Sibylle erfreut, »und werden Euch einen Brief senden.«
    »Ja, Dank Euch,« sprach Heinrich und drückte mir die Hand. »Doch mit
Verlaub, ich habe noch einen Wunsch. So Eure Predigt vielleicht auf die sieben
Brüder zu sprechen kommt, die ein und dasselbe Weib geehelicht, habet alsdann
die Güte, uns auch die Frage zu beantworten: wo ist das Himmelreich? Denn Ihr
werdet zugeben, dass hierauf alles ankommt. Bestehet nämlich das Himmelreich im
Jenseits, so hat Christus von einer Kraft des Herzens gesprochen, die erst den
Auferstandenen eigentümlich. Wir gebrechlichen Kinder der Erdenwelt sind dann
wohl zu entschuldigen, so wir nicht die Gesinnung finden, die unser Heiland
meint.«
    Ich verwunderte mich über diese Tiefe des Nachdenkens, ungewöhnlich bei
einem Hirten und ehemaligen Soldaten, und über seine wohlgesetzte Sprache, die
einen unterrichteten Geist verriet. Drum fragte ich: »Ihr habet wohl viel über
solche Fragen gesonnen und auch gelesen? Wes Standes waren Eure Eltern?«
    »Mein Vater besass reich Gut bei Schatzlar, und ich ward mit Sibylle unter
Anwendung gelahrter Bücher erzogen. Drauf hat man meinem Vater den Prozess
gemacht wegen seiner Teilnahme an der böhmischen Glaubensverteidigung, hat
unsere Güter konfisziert und uns an Leib und Leben bedräuet. Nach Sachsen sind
wir entwichen, und da mein Vater bald darauf verstorben, hab ich die Muskete
ergriffen und zur sächsischen Fahne geschworen - teils um das Leben zu fristen,
teils um den Glauben zu verteidigen. Nach jahrelangem Soldatenleben hat sich
ereignet, was der Herr Prädikant bereits weiss. Meine Schwester Sibylle aber ist
es gewesen, die mit Agnetens Hilfe mich dem blutigen Handwerk abspenstig
gemacht. Lass uns in Frieden leben, hat sie gesagt, denn der Krieg ist die Hölle,
das Himmelreich aber ist bei uns, wir brauchen nur seine Pforten aufzutun, so
gehen wir allsogleich, noch im diesseitigen Leben, hinein, und kein hart Brot
darf uns solch Himmelreich verleiden. Ein gnädig Geschick hat es damals gefügt,
dass ich einem Offizier begegnet bin, dem ich bei Steinau das Leben gerettet. Der
war invalide worden. Wie er nun vernommen, ich wolle den Kriegsdienst verlassen,
hat er zu mir gesprochen: Ich bin ein Fiskal der konfiszierten Herrschaft
Schaffgotsch, und so Er ein friedlich Leben in bäuerischer Arbeit führen mag,
will ich Ihm Anstellung gewähren. So sind wir zuerst auf das Vorwerk Reibnitz,
diese Ostern aber in die Baude am Breiten Berge gekommen. Vor drei Wochen haben
wir erfahren, dass Ihr, Herr Johannes, auf der Abendburg hauset und einer
Weisheit mächtig seid, so meine Zweifel heilen kann.«
    Es dünkte mich, Sibylle habe noch etwas auf dem Herzen, und so sagte ich:
»Rede Sie frei heraus, liebwerte Jungfer, so Sie zu reden begehret!«
    Sie errötete. »Dass Ihr keine Predigten zu einer Gemeinde haltet, bedauern
wir zwar; doch ist das Euer freier Wille, so wollen wir darob nicht mit Euch
rechten. Sollten aber die Leute zu Schreiberhau, denen Ihr doch früher gepredigt
habt, von Euch abgefallen sein ...«
    Sie zögerte fortzufahren; ich half ihr: »Wären sie es nicht, auch dann hätte
ich aufgehört, ihnen zu predigen. Zum Überflusse aber sind sie abgefallen. Einen
Schwarmgeist schilt mich ihr neuer Kanzelprädikant, und manche Leute sagen mir
Schlimmeres nach. Nicht wahr, ihr habet auch davon vernommen? Da nimmt es mich
wunder, dass ihr überhaupt gekommen seid.«
    Verlegen schlug Sibylle die Augen nieder, um mich gleich darauf freundlich
anzublicken: »Wir trauen Euch.«
    Und Heinrich fügte hinzu: »Nun ja, ein Mann von Giersdorf hat Euch einen
Schwarzkünstler geheissen, so in seiner Abendburghöhle Dämonen halte, die ihm bei
der Goldbereitung zu Diensten. Weil aber die Leute gleichzeitig berichtet haben,
dass Ihr in Dürftigkeit lebet, so ward ihnen von mir die Antwort: Ein armer
Eremite kann doch kein Teufelsbündler sein; wer sich auf schwarze Kunst
versteht, Gold machen und Dämonen beschwören kann, der nähret sich nicht von
Beeren und Pilzen, sondern schwelget in Saus und Braus.«
    Düster blickte ich drein; Waldhäusers Wort, niemand könne den Folgen seiner
Werke entgehen, war an mir erfüllet. Ich selber war schuld an dem Gerede, dass
ich Gold in der Abendburg bereite. Tötendes Gift war allbereits meiner Aussaat
entsprossen, und noch wucherte sie weiter - das Vertrauen der Leute zu vergiften
...
    Aus meiner Nachdenklichkeit weckte mich das Sausen der Tannen. Mein Blick
schweifte hinüber zum Breiten Berge und suchte nun die Baude, bei der die
seltsamliche Frau Agnete jetzo ihre Herde hüten mochte. Da meinte Sibylle:
»Links an der Kuppe des Breiten Berges liegt unsere Baude, auf der grünen Matte,
nahe dem Walde. Ihr sehet den Rauch emporsteigen. Aber nun lebet wohl! Wir
müssen heim.«
    Ich erhub mich: »So lebet wohl und habet Dank für euren Besuch. Entbietet
eurer Agnete meinen Gruss und am nächsten Sonntage werde ich euch dreien die
gewünschte Predigt halten.«
    »Durch ein Briefel will ich Euch nähere Nachricht geben,« sagte Sibylle und
drückte meine Hand.
    Nun gingen die beiden, ich schaute nach, bis sie im Walde verschwunden.
    »Wessen wird sie im Himmelreiche sein?« Diese Worte gingen mir durch den
Sinn, und nicht auf Agneten, sondern auf Tekla bezog ich sie. »Bestehet das
Himmelreich im Jenseits?« hatte Heinrich gefragt. »In uns ist das Himmelreich;
wir brauchen nur seine Pforten aufzutun, so sind wir darin, noch im diesseitigen
Leben.« Also meinte Agnete, und ich stimmte ihr bei. »Dorten wird man nicht
freien, noch sich freien lassen; denn im Himmel ist man den Engeln gleich und
Gottes Kind.« Diese Antwort des Heilands hatte ich zur meinen gemacht. Nun aber
fragte ich mich: »Und du selber? Beherzigest du für dich, was du anderen
predigst? Bist du deiner Tekla genüber der himmlischen Minne fähig?«
    Ach, ich suchte täglich in mir die verlorene Eheliebste, und zärtlich kam
sie mir alleweil entgegen. Mein Herz war der Abendburgfelsen, sein heimlicher
Schatz aber meine Tekla. Ein süsses Feuer rann durch meine Adern, wenn ich das
dunkle Auge betrachtete und der Stimme lauschte, die weich wie einer Rose Schoss.
Und am sanften Busen lag ich tausendmal, wie damals in der Gruft der
magdeburgischen Kirche. War das nun jene Minne, die bei den Seraphim gilt?
Allerdings nicht.
    Immerhin verschmolz mit meiner Zärtlichkeit eine Anbetung, wie man sie
Engeln erweist. Wenn ich gar bedachte, dass ich sie nimmer irdisch umarmen könne,
erschien mir Tekla als eine rechte Geisterbraut, nicht unähnlich der weissen
Königin im Felsendom.
Aus Bergen schleicht der Abendhauch, ein Raunen
Im wüsten Hain.
Das Tannenvolk umringt mit scheuem Staunen
Den Sagenstein.
Hie stund ein Schloss; sein Glitzern machte trunken
Wie Abendstrahl.
Verwunschen ward's. Und wo die Pracht versunken,
Bezeugt dies Mal.
Verdüstert hockt der Stein, wie seinen Sorgen
Ein Bettler grollt.
Verkappter Fürst! Im Grunde dir geborgen
Ruht Perl und Gold.
Kein Gräber drang noch durch die Felsenrinde
Zum güldnen Schacht.
Ein Glimmen winkt nur dem Johanniskinde
In Zaubernacht.
Sein Träumeraug erschaut in Höhlenwildnis
Den Perlenschrein.
Auch marmorweiss ein Königinnenbildnis
Im Dom von Stein.
Ich kenne sie, die heilgen Heimlichkeiten
Der Innenschau.
Verwunschen sank auch mir ins Grab der Zeiten
Mein Königsbau.
Doch was dereinst an Seligkeit erblühte,
Ist nimmer tot,
Es bleibt mein Schatz, versunken im Gemüte,
Der magisch loht.
Ich selber bin das Schloss mit güldner Tiefe,
Der Sagenstein.
Und ob ich ganz der Oberwelt entschliefe,
Der Traum ist mein.
Die Königin ward diesen heissen Sinnen
Hinweggebannt.
Verklärt zum Engel weiht sie nun mein Minnen
Dem Geisterland.
Ein Dom von Tropfgestein, soll mich umflechten
Die Innenwelt.
Braut meiner Jugend, trone mir zur Rechten
Im Höhlenzelt!
    Am Tage nach dem Besuch der Kiesewaldischen kam ein Brief, den ein Knabe vom
Breiten Berge brachte.
    »Lieber Herr Johannes! Nichts für ungut, dass ich nicht aufhöre, um
Vergünstigungen zu bitten. Ihr habt uns eine Predigt zugesagt. Meine Schwäherin
Agnete ist darob hoch erfreut. Doch hanget der Sache noch ein Bedenken an. Wie
schon gesagt, hat Agnete ein sehr verschämt Gemüte. Nur mit Beben könnte sie
Euch unter die Augen treten, nachdem Heinrich ihre Art Euch entüllet hat.
Später wird sie ihre Schüchternheit Euch gegenüber abtun. Bei der allerersten
Begegnung jedoch ist sie befangen und würde keinen vollen Gewinn von Eurer
Predigt heimtragen, so Ihr nicht ihrer Schwäche schonet. Darum so hab ich zu
Agneten gesprochen: Komm du getrost zur Predigt des Herrn Johannes; ich will ihn
bitten, dass dabei jedes nahe Zusammensein mit uns vermieden werde, und dass weder
vor der Predigt noch hinterher Gespräche mit uns erfolgen. Habet also die
Gewogenheit, lieber Herr Johannes, einen derart geeigneten Ort zur Predigt zu
wählen und Euch diesmal von uns zurückzuhalten, gleichwie ja auch ein Prädikant
in der Kirche von erhabener Kanzel auf seine Gemeinde niederschaut. Mir ist
allerdings nicht klar, wie dies zu ermöglichen. Ihr aber findet wohl Rat.
Insonderheit wollet die Sache so einrichten, dass Agnete sich nicht vor Heinrich
zu schämen braucht. Ist es möglich, lieber Herr, so werde von Euch der Vorschlag
getan, es solle diesmal keinerlei Gespräch erfolgen. Bitt Euch! Ihr würdet zagen
Frauenherzen eine Wohltat erweisen, so ihr ein Briefel an unsern Heinrich
schriebet und darin ausmachtet, unter welchen Formen und Konditionen die Predigt
erfolgen soll. Vielleicht könnet Ihr geltend machen, dass jedwedes nähere
Beisammensein den Prediger wie die Gemeinde zerstreuen und die Andacht
beeinträchtigen würde. Das ist ja auch keine Unwahrheit.
    Dürfen wir nach der Predigt die Grabkreuze betrachten, so Ihr nahe Eurer
Klause habt, so mag Euer Oheim uns den Ort weisen. Ehrerbietig grüsst Euch Eure
Jüngerin Sibylle.«
    Durch meinen Oheim liess ich dem Knaben Speise und Trank reichen und
überlegte, wie auf den Brief zu antworten. Kam zu dem Ende, Agnetens übergrosse
Schüchternheit müsse geschont, Sibyllens Vorschlag beherziget werden. Verfasste
dahero folgendes Schreiben:
    »Lieber Heinrich Kiesewald! Euren Wunsch, ich solle in einer Predigt die
Zweifel Eures seufzenden Herzens behandeln, möchte ich am nächsten Sonntag
erfüllen und lade Euch nebst Eurer Ehefrau und Eurer Schwester ein, um die Zeit
des Kirchenläutens auf der Abendburg einzutreffen. Doch wollet mich
entschuldigen, so ich an diesem Tage jedwedem Gespräche mit euch dreien
ausweiche, also dass ihr von mir lediglich eine Predigt vernehmet. Ohne mein
Beisein wird Euch mein Oheim Tobias empfangen. Alsodann wollet zunächst in
meiner Stube rasten und einen Imbiss nehmen. Hernach wird euch Tobias in meinen
Felsendom führen. Gleich nach der Predigt wollet den Heimweg antreten. Die Hand
reichen wir uns eine Woche später, wann ich euch in eurer Baude besuche. Diesmal
indessen wollet mir erlauben, dass ich nicht anders zum Vorschein komme, denn auf
der Felsenkanzel. Halte nämlich dafür, dass es Herzen gibt, deren Sammlung
gestört wird, so sie durch weltliche Unterredung beansprucht werden. Was aber
den sogenannten Dom anlanget, das ist die grosse Höhle, so ich im Grunde der
Abendburg entdeckt habe. Ihr brauchet nicht zu besorgen, dass sie Dämonen
beherberge und mir als Laboratorium schwarzer Kunst diene. Ich wähle sie zur
Stätte unserer gemeinsamen Erbauung, weil aus ihrem Schlunde ein Psalm
erbrauset, unsern Schöpfer zu rühmen, und weil Felsen und Tropfgestein ein
Gewölbe bilden, darin die menschliche Stimme voller Wohllaut erklingt. Auch dem
Auge beut die Höhle Abenteuer. Es sind allda zwei Götterbilder, von einem Volke
grauer Vorzeit aus Tropfgestein gemeisselt. Betrachtet sie mit Fleiss, bevor ich
meine Predigt anhebe, und scheltet nicht die alten Heiden. Sie haben auf eigne
Art ihr Sehnen und Glauben gestaltet. Mehr zu tun vermögen auch wir nicht. Euch
eröffne ich den unterirdischen Dom. Sonsten mag ich ihn den Leuten nicht
preisgeben, bin deshalb sogar ein wenig mit jenem bösen Leumund zufrieden, so
die abergläubischen Gemüter vor der Abendburghöhle warnet. Seid aber gebeten, an
niemand zu verraten, dass euch ein Geheimnis offen, so ausser mir und meinem Oheim
keinem Lebenden bekannt. Wollet bedenken, dass ich vor Neugier und vor Goldgier
die Höhle zu hüten habe. Eure Herzen weiss ich rein davon, inmassen sie nach dem
Schatz des Himmelreiches trachten. Folget also, ich bitte, meiner Einladung in
den Felsendom und tut nach meinen Wünschen. Ich bin euer Freund
                                                                      Johannes.«
    Versiegelt übergab ich dies Schreiben dem Knaben, dass er es seinem Herrn
Kiesewald bringe.
    Seit diesen Begebenheiten schweifte mein Blick gern vom Hohen Stein zum
Breiten Berge, und wenn mich der Ferne Holdseligkeit bezauberte, stellte sich
der Wunsch ein: Bewahre mich mein Schicksal vor jener Enttäuschung, die nicht
erspart bleibt, sobald die Ferne zur Nähe wird! Ach, von den Menschen gilt das
wie von allen Dingen. Noch sind die Leute drüben in der Baude am Breiten Berge
mir fern, und ein holdes Rätsel ist Frau Agnete. Wer weiss, ob nicht, wann sie
nahe kommt, und wann ich eindringe in ihre Art, statt einer Heiligen ein
krankes, wirres Weibsbild vor mir steht? Doch ich will beflissen sein, auch in
der Nähe die Ferne zu schauen.
Da nun der Sonntag gekommen, unterwies ich in der Frühe meinen Oheim, wie er die
Gäste von der Kiesewaldbaude bewirten, alsdann in den Felsendom einführen, nach
der Predigt wieder hinausgeleiten und mit den Gräbern bekannt machen solle. Mit
Oheims Hilfe tat ich die Steinplatte vom Eingang des unterirdischen Bereiches
und legte Kienfackeln bereit.
    In meiner Balkenklause meditierte ich, wie die Geschichte von dem Eheweibe
der sieben Brüder auszulegen sei.
    Ein Summen der Kirchenglocke von Schreiberhau drang an mein Ohr, als der
Oheim die Stubentür auftat: »Sie kommen!« Durch das Fenster lugend gewahrte ich,
wie die erwarteten Gäste aus dem Walde getreten waren und über die Weidematte
auf mein Gehäus zuschritten. Voran Heinrich, wie vormals auf dem Rücken die
Hucke und in der Faust den Spiess. Etliche Schritte hinter ihm kam Sibylle mit
der andern, einer schlanken, zarten Frauengestalt, deren Antlitz nahezu
verhüllet war. Der Weg musste Agneten schwer fallen, sie stützte sich auf ihre
Schwäherin.
    Wie ausgemacht war, mied ich meine Gäste, nahm die Harfe über die Schulter,
begab mich zunächst in die Grotte, und, nachdem ich meinen Kienspan angezündet,
durch das aufgetane Loch hinunter zur grossen Höhle. Während ich die steinernen
Stufen abwärtsstieg und mit dem Brande umherleuchtete, bedachte ich, wie meinen
Gästen bei diesem Gange zumute sein werde.
    Mit ihren Sinnen erlebte ich die düstern, triefend feuchten, rot
angestrahlten Zacken, das Unheimliche der Schlucht, wo die Wasser mit dumpfem
Tosen in jene Felsengurgel hinuntergeschluckt werden, der ich den heillosen
Goldschatz überliefert hatte. Wie ich den Abgrund überschritt, glaubte ich noch
einmal den Schrei zu hören, mit dem mein Bruder Zetteritz hinunterstürzte,
seinen goldgierigen Mörder mit sich reissend. Und von der Raubtierwelt wandte
sich meine Seele zur Friedenspforte, so mein sehnsüchtig Suchen entdeckt und
auch schon aufgeschlossen hatte.
    Ich tat den Aufstieg zum Dome. Das weisse Flinsgestein war wie ein Gewölb aus
Schnee, von der Decke zum Boden strebten Säulen aus Tropfstein gleich
riesenhaften Eiszapfen. Und lebendig ward das Gewimmel der Gestalten, vom
tröpfelnden Kalkwasser gebildet; es regten sich die milchigen Behänge der Decke,
in Grotten lauerten weiss vermummte Gestalten, Hulemännlein mit grauen
Spitzkappen kamen durch enge Seitengänge aus der Tiefe geschlichen. Dazu
wisperten die feinen Brünnlein, pinkten die fallenden Tropfen, gurgelten und
tosten die Fluten der Schlucht. In feierlicher Starrheit aber schauten die
beiden Götzenbilder vom Trone über ihr Reich. Hoheit lag auf des Mannes
gekrönter Stirne, trutzig rollte sein Aug; ein Adlerschnabel seine Nase, ein
Wasserfall sein Bart. Wie zum Gerichte hielt er das Schwert erhoben. Lieblich
hingegen wäre das Antlitz der weissen Königin, stünde nicht zu ihren Füssen die
Steintruhe mit den Menschengebeinen, Pferdeschädeln und Waffen.
    Von der Felsenkanzel beschaute ich dies Abenteuer, wie es beleuchtet ward
durch den qualmenden Kienspan. Während düsterrote Lichter über die Zacken und
Zapfen huschten, stimmte ich meine Harfe.
    Da hörte ich des Oheims hohles Husten und sah ihn, eine Fackel in der Hand,
die Kiesewaldischen herbeiführen. Auch ich entzündete eine Fackel, die stärker
leuchtete als der Kienspan, und steckte sie in einen Felsenspalt bei der Kanzel.
Staunend betrachteten meine Gäste den Dom und die Götterbilder. Nach einer Weile
sassen sie nieder auf dem Stein, so unterhalb der Kanzel eine natürliche Bank
bildet, und schauten erwartungsvoll zu mir hinan. Frau Agnete schien
geflissentlich im Schatten zu bleiben und hielt noch immer das Angesicht
verhüllt.
    Auf der Harfe spielte ich ein Präludium; wie Glocken hallten die Akkorde.
Dann hub ich diese Rede an:
    »Liebe Freunde! Von der lichten Oberwelt sind wir herabgestiegen in ein
düster Reich. Aber noch ist unser Sinn erfüllt von der Sonne, von dem blauen
Himmel, dem grünen Walde und dem magischen Schimmern der Ferne. Blicket in euch
hinein, findet dorten noch einmal all die Berge und Abgründe, waldigen Hügel und
Weidematten: Bächlein blitzen, von den Bauden steigt der Rauch, jedwedes Ding
blickt und haucht uns an mit seinem eigentümlichen Wesen. Eine besondere Kunde
gehört dazu, sich zurecht zu finden in der Landschaft und auf dem ganzen
Erdenball, und solche Wissenschaft von den irdischen Orten dünket jedem Menschen
ein würdig Ziel. Wenige aber lassen sich träumen, wie not eine andere Ortskunde
tut. Wir haben ja nicht bloss ein leiblich Auge, sondern sind zu geistigem
Schauen berufen. Auch im inneren Reiche gibt es Täler, dunkle Abgründe, sonnige
Berggipfel und prangende Matten. Wohlan, liebwerte Gäste, suchet mit dem
Geistesauge zu schauen, wenn ich euch jetzo ein Traumgesicht zeige, darin ich
die Essentiam geistiger Ortskunde erfasste. Ich befand mich in einem
Felsenschlunde. Über Zacken klommen seltsame Wesen, und ich klomm mit ihnen,
emporzukommen aus der Unheimlichkeit und das Licht zu erreichen, so von der
Bergkuppe herniederfloss. Angst hatte ich vor denen, so mit mir um die Wette nach
oben strebten; denn es waren reissende Wölfe und Bären, zischende Schlangen und
feuerschnaubende Drachen. Argwöhnisch schnappte das wilde Geziefer, und ich
schlug um mich mit einer Keule. Ein höllischer Zustand! Und ich hatte nur einen
Trost: die Hoffnung, höher zu kommen und obzusiegen. Allmählich kam ich wirklich
höher, die Finsternis ward Dämmerung, und je mehr Licht mich umfloss, desto
minder feindselig erschienen mir die anderen Wesen. Mit Staunen erkannte ich,
dass es keine reissenden Tiere waren, sondern Menschen, wiewohl sie allerdings
Wölfen und Bären, Schlangen und Drachen ähnlich sahen. Wie ich nun inne hielt
mit Keulenschlagen, so griffen auch sie mich nicht mehr an; alle waren wir müde
der wechselseitigen Fehde. Und eine Stimme sprach: Mag jeder ungehindert seines
Weges ziehen! Eine zweite Stimme fügte hinzu: Helfen wir einander! So kommen wir
alle besser vorwärts! Da reichten etliche ihrem Nächsten hilfreiche Hand, und
auf einmal waren die Gesichter der Menschen adlig. Mit Macht kamen wir nun
empor; jauchzend begrüssten die Obersten das Sonnenlicht. Ich gelangte auf eine
leuchtende Bergmatte, wo Blumen gleich bunten Sternen flammten. Schön waren die
Menschen, und sie reichten sich die Hände und kreisten in feierlichem Reigen bei
Flötenspiel und Harfenklang. An einer noch höheren Stelle des Berges stund ein
Jüngling, blitzend seine Stirn; der rief mit starker Stimme:
    Noch höher! Hier ist schon das Schauen Musik. Neben mir folgten etliche
meiner Menschenbrüder der Einladung.
    Da wir nun die Höhe erreicht hatten, trat der Jüngling in unsere Mitte und
sprach: Reichet euch die Hände und schauet einander tief ins Antlitz. Da findet
ihr ein und dasselbe: den Menschensohn, dem ewigen Licht zum Tempel erkoren.
Bisher habt ihr vermeint, ein jeder sei dem Nächsten feind oder doch fremd.
Bisher hat jeder gesprochen: Nur ich bin ich, du aber bist du! Nunmehr kündet
das ewige Licht aus eures Tempels Fenstern: Aufgewacht vom wüsten Traum, mit dem
die Finsternis verstörte! Du bist ich, und ich bin du; und alles Menschliche,
aus dem einen Lichte geboren, ist nur ein einziger Mensch. Erkenne ein jeder
sich selbst im Mitmenschen wieder, schlinge die Arme um ihn und bitte: Vergib
mir, dass ich so lange dich verkannt!«
    Hier stockte meine Rede, ich ward gewahr, wie Agnetens Blick sich glühend in
mich bohrte. Und ich fuhr fort:
    »Wird euch nun klar, liebe Freunde, was ich mit der geistigen Ortskunde
meine? Wir müssen im Reiche des Geistes unterscheiden zwischen niedrig und hoch.
Zwischen den finstern Abgrund der Nichtigkeit und die himmlische Höhe
hineingestellt, fühlen wir uns berufen, zum bessern Zustand zu gelangen. Doch
von Gier besessen, besorgen wir, das Bessere müsse unser Nächster uns streitig
machen. Da ergrimmen wir und eifern widereinander als reissende Bestien. Und
fahren so lange fort mit unseligem Tun, bis wir beim Emporklimmen endlich zur
Eintracht uns bekehren. Was hold und schön, erfüllt mit süsser Minne; die heilige
Weisheit macht licht und sanft, das klare Schauen der Schöpfung, das liebreiche
Zusammenklingen mit allen Geschöpfen begnadet uns paradiesisch.
    Ja, Freunde, was wir Himmelreich heissen, ist mitnichten hinter den Sternen
und ist auch an keinem besonderen Punkte der Zeit, wie jene wähnen, so erst vom
jüngsten Tage erwarten, dass er ihnen das Paradeis auftun werde. Nicht an einem
fernen Orte tronet der himmlische Geist, hat auch keine Wallmauer um sich
gezogen, sich abzuschliessen von seinen Geschöpfen. Sonsten redete ja unwahr der
Psalmist: Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehest alle meine Wege.
Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich in die Unterwelt, siehe,
so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äussersten
Meere, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich
halten. Auch würde der Apostel irre reden zu den Männern von Aten am Altar des
unbekannten Gottes: Er ist nicht fern von einem jeglichen unter uns, denn in ihm
leben, weben und sind wir. Ja, allentalben gegenwärtig ist der ewige Urgrund;
alles ist aus ihm erboren und urkundet von ihm. Wer aber jemals das
Versunkensein ins heilige Herz der Schöpfung empfunden, wer sich bezaubern liess
durch das magische Zusammenstimmen und in seliger Anbetung sich einer Mitseele
geweiht, der hat in sich das Himmelreich, hat es jetzo und allhienieden. Nicht
anders vermeint der Heiland, indem er den Menschensohn, das ist den einen
ewigen Menschen verkündet: So jemand zu euch wird sagen, siehe an diesem Orte
ist der Menschensohn, an jenem - so sollt ihr es nicht glauben. Wenn sie zu euch
sagen werden, siehe er ist in der Wüste, so geht nicht hinaus, siehe er ist in
der Kammer, so glaubt es nicht. Denn in einem Nu allgegenwärtig wie die Helle
des Blitzes, der vom Aufgang bis zum Niedergang leuchtet, also wird auch sein
die Anwesenheit des Menschensohnes.«
    Nachdenklich hatten meine Gäste den Kopf geneigt, bis auf Agneten, die noch
immer zu mir emporstarrte. Heinrich griff sich an die Stirn und blickte mit
traurigem Ernste. Mit bezug auf ihn fuhr ich fort:
    »Ihr habet den Wunsch geäussert, ich soll von den sieben Brüdern und der
siebenfach vermählten Frau reden! Nun wohlan! Wollet selber das Urteil fällen
und entscheiden, wem von den Sieben die Frau im Himmelreiche gehören soll. Etwa
dem Ältesten, der ihr erster Mann gewesen? Und soll ihr dann verwehrt sein, ihre
späteren Gatten lieb zu haben? Wäre das ein Himmel für die Frau und für die
sechs Brüder? Ist der älteste Bruder etwa paradiesischer Wonne teilhaftig, so er
diese, wie einen irdischen Schatz, für sich allein begehret? Seid eins! so
rauscht der Baum des Lebens im Garten Eden, und solche Einheit ist die wahre
Minne. Alle Gattenminne soll sich dazu verklären; wer aber diese Verklärung
verschmäht, hat erst hineingelugt zur Himmelspforte. Wahre Minne bleibet
eingedenk, wie viel seliger geben denn nehmen. Will immer nur Liebes erweisen;
und an all ihrem Sonnenschein schmilzt das letzte Eis der Fremdheit, so dass zwo
Seelen zu Einem Menschen zusammengetraut sind. Drum heisse ich die wahre Minne
das Tor zum Himmelreiche.
    Wohlan, liebende Seele, bleib nicht unter dem Torbogen stehen, ganz geh
hinein! Fürchtest du aber, in all dem Lichte zu verlieren, was du insonderheit
liebst, so sei getrost: Innen findest du auf Schritt und Tritt alles wieder, was
du zuvor lieben gelernt hast, und die geliebte Seele schaut dir entgegen aus den
Augen aller Verklärten. Drum so gibt es im Himmelreiche kein eifersüchtig Minnen
mehr, nicht jenes Freien, vor dem Adam und Eva erröten mussten. O finde jene
Liebe, so nicht Genuss will, sondern Andacht! Ganz oben in lichter Höhe hauset
sie, auf dem Gipfel der Verklärung, und ist eine wunderschöne Jungfrau.
Erschauen lässt sie sich von manchem Menschenkinde, und am Strahle ihrer
Schönheit entzündet, spricht das Menschenkind: Du meine liebste Braut, gern
möcht ich kosten deine Süssigkeit. Doch die himmlische Jungfrau erwidert: So
deine Liebe mein ewig Gut erstrebt, sei sie willkommen. Bedenke aber, dass du dem
ewigen Gute nicht näher kommst, so du es in die Arme schleussest, wie Menschen
mit irdischer Habe tun, die sie für sich allein begehren und den andern
wegnehmen. Das ewige Gut ist jenes Wunderbrot, mit dem der Heiland die
Fünftausend speiste, ohne dass es weniger ward. Wann du aber noch nicht die Kraft
hast, aus aller Verblendung dich zu reissen, so wisse, dass deine Umarmung meine
Strahlenkrone raubt und trübe macht mein weisses Gewand. Ach, mancher
Erdenjüngling hat im Rausch der Sinne sein Ohr verschlossen solcher Mahnung und
hat sich selbst hinausgetrieben aus dem Garten Eden, dieweilen der verbotene
Apfel ihm die Enttäuschung beigebracht, so als ein Schatten sich heftet an
Habgier und Genusssucht. Da muss der Verstossene irren in Düsterkeit und Regen,
durch Dorn und Distel, Gefahr und Sorge, Schande und Reue. Doch wenn er
schliesslich verzweifelt am Bergeshang gen Mitternacht liegt, wenn als ein Drache
schnaubt der Sturm und alle Bäume heulen, so geht dem armen Jüngling wohl ein
Traum wie erlösende Morgensonne auf. Und siehe, diese Morgensonne ist seine
Jungfrau, sie bestrahlt ein fernes Tal, dass es engelgleich lächelt. - Ist das
nicht Eden? frägt mit frohem Staunen der Jüngling. Und die Antwort lautet: Das
ist die liebe Erde, nur anders angeschaut als sonsten von dir. Im Fegefeuer der
Enttäuschung lerntest du nach Unschuld dich sehnen, mit deiner Sehnsucht aber
ist auch die Erfüllung erwachsen. Im Auge blühet dir dein Himmelreich. Sei denn
mit uns allen der Unschuld Friede!«
    Nach dieser Rede griff ich wieder in die Harfe und sang dazu dies Lied:
Es sprach die Ewigkeit:
»Nur still, ihr Kindlein, ruht!
Bewahrt vor allem Streit,
Bleibt Gottes Fleisch und Blut!«
Doch ein Geschrei erwacht:
»Lass uns geboren werden!«
- So wurden Tag und Nacht,
Luft, Wasser, Himmel, Erden.
Das Menschenkindlein sog
Mit Auge, Mund und Ohr.
Die Sondergier betrog,
Dass es sein Herz verlor.
Von Habsucht ausgefüllt,
Denkt es der Herkunft kaum;
Die Heimat liegt verhüllt,
Vergessen wie ein Traum.
Und wenn es rückwärts lauscht,
Grüsst keine Mutter mehr;
Ach, nur ein Garten rauscht,
Ein wogend Wipfelheer.
Mit lichtem Schwerte droht
Ein Wächter vor der Pforte,
Wie Blitz sein Auge loht,
Wie Donner seine Worte:
»Im Heim der Ewigkeit
War einer bei dem andern.
Die unrastvolle Zeit
Lässt euch entfremdet wandern.
O Wüste Einsamkeit,
Wo jeder einzeln irrt!
Die Völker sind entzweit,
Die Sprachen sind verwirrt.
Und weil um Rache schreit
Vergossnes Bruderblut,
Nun denn, ihr Mörder, seid
Einander Höllenglut!« -
So grollt der Rachegeist.
Doch horch, der Garten Eden,
Er säuselt und verheisst:
»Herbei! Ich heile jeden!
Erlösung wird beschert,
Wenn ihr, der Wüste leid,
Euch reuevoll belehrt
Zur treuen Ewigkeit.
Herbei, ihr Zagen! Kommt
An meine Gartenmauer!
Zu eurem Troste frommt
Der ahnungsvolle Schauer.
Wenn meine Wipfel raunen,
Und Nachtigallen singen,
Will euch vor süssem Staunen
Das volle Herz zerspringen.
Und wo sich zwei vereinen
In Lieben und Erbarmen,
Da halten sie mit Weinen
Ihr Eden in den Armen.«
    Dem Nachhall lauschte die kleine Gemeinde. Wie ich die Harfe über die
Schulter nahm, erhuben sich die Frauen von der Steinbank, es gingen meine
Zuhörer. Ich ergriff die Fackel und verliess die Höhle.
    In meiner Klause fand ich auf dem Tisch ein Körblein mit Brot und Eiern.
Dazu ein Schreiben von Sibyllens Hand:
    »Für die Speise, so Ihr bedürftigen Seelen gespendet, danken wir mit Liebe
und möchten Euch gern etwelche Wohltat erweisen. Nehme dahero der Herr Johannes
diese geringe Gabe für sein leiblich Wohl und bleibe uns fürder gewogen.«
    Durch das Fenster blickte ich meinen Gästen nach und sah sie bei den
Gräbern. Entblössten Hauptes stund Heinrich neben dem Oheim am Kreuze meines
Bruders Zetteritz. Vor des Kindes Kreuzlein knieten die Frauen; Agnete hielt die
Hände vors Gesicht, als weine sie. Musste wohl vernommen haben von des Kindes
Opferung.
    Wiederum sah ich den Scheidenden nach, bis sie im Walde verschwanden, und
meine Seele, sonst ruhig, war erfüllt von heimlicher Unrast. Machte mir den
Vorwurf, in meiner Rede weit mehr empfohlen zu haben, als ich selber zu leisten
imstande.
Nächsten Sonntag in der Frühe begab ich mich auf den Weg zur Kieselwaldbaude.
Ich wählte den Weg durchs Jammertal, schritt über den Steg des Zacken und fand
mich in den Pfaden zurecht, so den Forst durchqueren. Den Kochelbach, vom
trockenen Sonnenwetter Septembris seicht gemacht, konnte ich auf Steinblöcken
überschreiten und klomm nun die Waldhöhe hinan, deren höchste Kuppe der Breite
Berg.
    Dann hörte ich Rinder brüllen, und auf der Weide war ein alter Mann nebst
dem Knaben, der mir Sibyllens Brief überbracht hatte. Die Hunde kläfften, bis
sie der Knabe durch Steinwürfe von mir zurücktrieb.
    Oben auf der Matte, nahe dem Walde, lag die Balkenbaude, mit einem Unterbau
aus Felsen. Über das Schindeldach stieg Rauch, ein Kätzlein sonnte sich unter
der Haustür. Hinter der Baude dehnte sich zum Walde die aus Baumstämmen gefügte
Hürde. Ein Bächlein floss hindurch und füllte etliche Holztröge. Von Tannen war
die Weidematte umzingelt. Gleich einem Helm wölbte sich der Breite Berg.
Seitlich an ihm vorbei blickte ich in die Schneegruben, gen Abend lag der
Schwarze Berg mit dem Hohen Stein. Wieder zu Kiesewalds Baude gewendet, sah ich
Heinrich auf mich zukommen, von Sibyllen gefolgt.
    »Guten Morgen, Herr Johannes!« sprach er freundlich und bot mir die Hand.
    »Seid willkommen!« fügte Sybille hinzu, »und sitzet an unserm Herd.« In
beider Antlitz war zu lesen, mit welcher Freude sie mich aufnahmen. Wir traten
in die Stube, wo es warm war. Setzten uns um den Tisch, darauf hatte es
Buttermilch, Brot und Käse, auch Hammelschinken und eine Flasche
Eibereschengeist.
    »Nehmt fürlieb,« sprach Heinrich, »stärket Euch nach dem Wege.« Wie er
hörte, dass ich übers Jammertal gekommen, meinte er: »Über den Schwarzen Wog
hättet Ihr es näher gehabt. Gern will ich Euch auf dem Heimweg bis dortin
geleiten.«
    Während ich ass und trank, verwunderte ich mich, dass Agnete nicht sichtbar.
Sybille merkte, wen mein Blick suchte, und gab Aufklärung: »Agnete lässet Euch
grüssen und um Entschuldigung bitten, dass sie abwesend. Sie begibt sich alle
Sonntage hinunter gen Petersdorf oder Giersdorf zu Kranken sowie zu einsamen
Leuten und Kindern, so in diesen schweren Zeiten verwaiset oder sonst
hilfsbedürftig sind. Den Kindern ist sie Mutter, so gut sie vermag, unterweiset
sie im Lesen und Schreiben, legt auch die Schrift aus, dass es zu Herzen geht.
Bei einbrechender Dunkelheit wird Agnete von Dorfleuten heimgeleitet. So lange
aber, Herr Johannes, dürfet Ihr nicht bei uns bleiben, zumal Agnete Euch bitten
lässt, nicht auf sie zu warten.«
    Es war mir leid, die Frau zu verpassen, deren edle und geheimnisvolle Art
eine sonderliche Teilnahme in mir wachgerufen. Meine Enttäuschung mag ich nicht
ganz verhehlt haben, da ich zur Antwort gab: »Hätte ich früher erfahren, dass
Agnete heute nicht daheim, würde ich Euch an einem andern Tage besucht haben.«
    Errötend versetzte Sibylle: »Ich will gestehen, Agnete wäre auch dann Eurem
Besuche ausgewichen. Doch denket nichts Arges. Sie verehrt Euch. Aber sie
wünscht, bei Eurem ersten Herkommen möchtet Ihr bloss Heinrich und mich sprechen.
Den Grund mag Euch Heinrich nennen.«
    »So ist es,« - sagte der Mann zögernd. »Meine Frau hat den Wunsch, ich soll
mich mit Euch aussprechen, ohne dass ihr Beisein unsere Offenherzigkeit beengt.«
    »Ja, redet frei mitsammen,« meinte Sibylle und verliess die Stube. Heinrich
suchte nach Worten: »Ich danke Euch für Eure Auslegung des Evangeliums, und ich
muss Euch wohl beistimmen, dass man im Himmelreich nicht also freiet, wie irdische
Menschen tun. So Ihr aber vom schwachen Sterblichen verlanget, er solle gleich
hier auf Erden ebenso heilig und verklärt sein, wie die Engel, und solle ein
geliebtes Weib nicht für sich allein begehren, so mutet Ihr dem Sohne des
Staubes zu, dass er mit einem Sprung über eine Kluft hinweggelange. Wann wir
hinuntersteigen zum Schwarzen Wog, kommen wir an solch eine Kluft. So breit ist
sie, dass, ich keinen Stein hinüberschleudern kann, und tief im Abgrunde strudelt
über Felsblöcke der Zackenfluss. Wer nicht Flügel an den Schultern hat, wie die
Engel, vermag nicht stracks hinüber zu gelangen. Fein behutsam muss er den
Abstieg nehmen über Geröll und durch Gestrüpp, muss den Fuss auf die Baumstämme
setzen, so eine Brücke bilden, und muss am andern Ufer mühselig die Felsen
emporklimmen. Die Sinnenwelt, so habet Ihr gesagt, ist ein Gleichnis für das
Reich des Geistes. Nun freilich, an einen andern Abgrund, nicht unähnlich dem
Schwarzen Wog, hat Eure Predigt mich geführt und heisset mich nun einen
übermenschlichen Sprung durch die Luft hinübertun. Hinter der Kluft lächelt
verklärt jenes Himmelreich, allwo man nicht freiet und nicht freien lässet.
Hinüber aber weiss ich nicht zu gelangen, habe nicht einmal solch einen mühsamen
Pfad durch den Abgrund, wie er vom Schwarzen Wog zum Zackenberge führt. Bedenk
ich nämlich, es könne ein andrer Mann kommen und meines ehelichen Weibes Minne
auf sich lenken, - o Herr, ich hätte nicht die Kraft, zu beherzigen, dass schon
hienieden das Himmelreich anhebet. Wie denn? Soll ich etwan zu Agneten sprechen:
gehe hin und lebe mit dem andern? Soll ich wie ein Heiliger zuschauen, wenn sie
jenen herzet, wie sie mich nie geherzt hat? Ratet Ihr mir, ich solle verzichtend
beiseite schleichen, so wär ich vielleicht, wofern Gott mich stärkt, hiezu
imstande. Doch gebrochenen Herzens würd ich es tun, und nicht im Himmelreiche
wär ich, vielmehr an einer Stätte höllischer Pein. Wahrscheinlich aber wird
meine Kraft zum Verzichte gar nicht ausreichen; mag sein, dass mein Nebenbuhler
quälenden Neid, gärenden Hass in mir weckt, und wer weiss, was ich dann tue. O
Heiland, steh mir bei, dass nicht die Sünde Kains mich hinreisse.« Heinrichs
Angesicht glühte, unter finsteren Brauen rollten die Augen. Beschwichtigend
ergriff ich seine Faust und löste die zusammengekrampften Finger. »Ihr sagtet,
Heinrich, dass ich Euch zumute, ohne Pfad und ohne Stütze über den Abgrund zu
gelangen. Aber der Abgrund im inneren Menschen hat wohl Pfad und Brücke; hat
auch einen Freund, der dem Unkundigen weiset, wie er gehen soll. Weiset Ihr
mich, lieber Heinrich, über den Abgrund am Schwarzen Wog, so lasset mich
hinwiederum Euch helfen, über den Abgrund des Herzens zu gelangen.«
    »Seid Ihr das imstande?« fragte Heinrich, und vor seinem durchdringenden
Auge irrte mein Blick zur Seite. »Wirklich? Seid Ihr das imstande?« wiederholte
er mit erhobener Stimme; »oder gehöret Ihr zu jenen Prädikanten, so da meinen:
Richtet euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten?«
    Er hatte mir weh getan; doch ich gab im stillen zu, dass er wahr gesprochen.
    »Ja Heinrich, zu denen gehöre ich. Auch ich sage: Richtet Euch nach meinen
Worten und nicht nach meinen Taten.«
    Da er mich stutzig ansah, gab ich die Erklärung: »Könnet Ihr denn nicht
begreifen, dass eines Menschen Auge weiter reicht, als die Kraft seiner Füsse?
Wenn ich den Gipfel der Verklärung schaue, so bin ich doch nicht alsogleich
imstande, hinaufzugelangen, obwohl ich mich anstrenge, nicht bloss im Schauen,
sondern auch im Wandeln. Bittet mich nun ein Zweifler, ihm die Wahrheit zu
zeigen, wie ich sie schaue, so schildere ich zwar den Gipfel der Verklärung,
möchte aber nicht derart verstanden sein, als ob ich mich selber zu den
Verklärten rechne; vielmehr knie ich demütig in der Tiefe neben demselbigen,
dessen Auge sich führen lässet von meinem Auge.«
    Heinrich war milde worden: »Verzeihet, Herr Johannes; ich schäme mich des
rauhen Wortes, so mir aus dem Munde gefahren, und ich weiss nun, dass Ihr
mitnichten den heuchlerischen Prädikanten angehört. Wer die Kraft hat, ohne
Zürnen sich mahnen zu lassen an seine Unzulänglichkeit, der ist ein Wegweiser
zum Heil, nicht bloss mit Aug und Mund, sondern zugleich mit Herz und Wandel. Ihr
habet mich still gemacht mit Eurer guten Antwort. So fahret fort, das Strudeln
meines Abgrundflusses zu sänftigen und zeigt mir, wie Schritt für Schritt die
Kluft mag überwunden werden.«
    Getröstet fuhr ich zu reden fort: »Wohlan, betrachtet noch einmal den Fall,
dass jener andere kommt und spricht: ich bin Agnetens erster Mann. Würde er
ebenso wie Ihr voll Eifersucht toben, so wäre jeder von euch beiden in Gefahr,
den Platz zu verlieren, zu dem euch Agnetens Minne geführet. Erinnert Euch, wie
nach meiner Auslegung die Gattenminne unter die Himmelspforte zu führen vermag.
Ihr beide also würdet im eifersüchtigen Hader den Eingang zum Paradiese
verlieren und wohl gar miteinander in einen höllischen Abgrund taumeln - es sei
denn, dass der andere stärker ist denn Ihr, lieber Heinrich, und eben das
vollbringt, was die Wahrheit Euch zumutet.«
    Betroffen fragte Heinrich: »Stärker denn ich? Er sollte vollbringen, was die
Wahrheit mir zumutet? Was mutet sie mir zu?«
    Ich entgegnete: »Nehmet einmal an, der andre spräche zu Euch mit Tränen im
Auge: Dich liebt Agnete, wie sie einst mich geliebt hat. Aber vielleicht liebt
sie mich noch immer. Sei es, wie es sei; ihr Herz ist mir so heilig, dass ich
sein Lieben nicht hemmen mag. Darum, lieber Bruder, der du ebenso, wie ich von
ihr unter des Himmelreiches Pforte geführt bist, lass uns einträchtiglich vor ihr
Antlitz treten; mag sie dann entscheiden, in welcher Verfassung wir drei die
wenigen Tage durchleben sollen, so uns - wer weiss - anoch beschieden sind. Wenn
sie aber ratlos ist, oder wenn du, ihr jetziger Mann, nicht dulden magst, dass
wir als drei Geschwister beisammen bleiben, so will ich still beiseite
schleichen und darin Trost suchen, dass ich uns erspart habe, Übles zu tun, und
dass ich auch in der Trennung tief im Herzen eins bin mit unserer
Schwesterseele.«
    Gross sah mich Heinrich an und schüttelte den Kopf: »Das ist kein Mensch,
von dem Ihr redet. Menschen gehorchen dem Trieb der Kreatur. Diesen Trieb
beobachtet doch an Kampfhähnen, die eifersüchtig hadern mit Schnabel und Sporn
...« - »Aber, Heinrich!« unterbrach ich ihn lächelnd. »Soll dem Menschen
unvernünftig Getier ein Muster sein? Erkläret Ihr seines Herzens Sehnsucht nach
Hoheit für eitel Narretei? Und verdient Eure Agnete, die zur Stunde in
Petersdorf auf lichten Pfaden wandelt, wie eine Beute dem Stärksten zugeeignet
zu werden?« Heinrich errötete. Ich aber fuhr fort: »Eure Frau ist nicht Euer
Eigentum. Ein Herz hat Frau Agnete, und darin lebt der heilige Urgrund. Dieses
Herzens Neigung soll niemand antasten mit rauher Hand. Angenommen, Ihr tätet es,
was käme Euch davon Gewinn? Mag sein, im Kämpfen wäret Ihr dem andern über, -
würde dann aber nicht Agnete, wofern sie Liebe für jenen hegt, seine Wunden in
sich fühlen? Und würde sie ihn, der um sie gelitten, nicht noch inniger lieben,
Euch aber für einen Wüterich halten?«
    Verwirrt antwortete Heinrich: »So soll ich mich von ihm verdrängen lassen?«
- »Wie wunderlich Ihr redet! Wohnt jener in ihrem Herzen, so vermag kein
Ankämpfen ihn daraus zu entfernen; schaftet Ihr ihn auch aus ihren Augen, so
erlangtet Ihr nichts weniger als Beförderung in ihrem Herzen. Und so wenig Ihr
ihn von dort verdrängen könnet, so wenig ist er imstande, Euch diejenige Liebe
zu rauben, die Euch Agnete gewährt ...« Des Mannes Angesicht ward heller: »Ihr
meint  also?« - »Ganz gewiss! Wie könnte Agnete, sintemalen Treue sie beherrscht,
jemals vergessen, was ihr Heinrich war und ist.« - »Doch ihre Liebe teilt sich
zwischen zweien.« - »Lasset gut sein! Liebe ist nicht wie ein irdisch Ding. Ein
Laib Brot freilich, das zweien ausgeteilt wird, gewährt einem jeden nur die
Hälfte. Die Liebe jedoch gleichet der Sonne; wen sie bescheinet, der hat die
ganze Sonne, und mögen es Myriaden Sonnenkindlein sein.«
    Leuchtenden Auges legte nun Heinrich Kiesewald die Hand auf meine Schulter,
sah mir ins Aug und raunte, als wär's ein Geheimnis: »Ja, wenn ich wüsste, dass
mir Agnetens Liebe also sicher wäre, und wenn ich wüsste, dass der andre ... Doch
wer weiss denn, was er bringen kann! Sehet, dieser Zweifel nagt an meinem Herzen,
und meine Sorge ist wie eine Krankheit auf Agneten übergangen. Das ist der
Grund, warum wir Euch, Herr Johannes, bemühen mit unserer Herzensangelegenheit.
Agnete ist beglückt von Eurer Antwort und möchte auch mir das Heil zuwenden. Hat
drum zu mir gesprochen: Sei du allein mit Herrn Johannes, damit du frei dein
Herz ihm offenbaren kannst. Vielleicht, dass er dich heilt von deiner Sorge, er
hat Macht über die Herzen, inmassen ihm die Wahrheit nicht bloss in der Rede lebt,
sondern zugleich in der Tatkraft. Sehet nun, Herr Johannes, wie sie so zu mir
gesprochen, ist mir das ungefüge Spottwort beigefallen: richtet euch nach meinen
Worten und nicht nach meinen Taten. Nicht wahr? Saget selbst, es ist ein harter
Weg zum Gipfel der Verklärung, und solang ich nicht weiss, ob jener andre
wirklich sprechen würde, wie Ihr ihn sprechen lasset, so lange fehlt mir der
Glaube. Was dieser rechte Glaube ist, weiss ich nun allerdings, seit Ihr mir das
Glauben vorgemacht. Denn fürwahr, der rechte Glaube ist das Vertrauen auf eine
Kraft, so als Keim im Menschenherzen wohnet.«
    »Recht so, Heinrich, das Vertrauen auf das bessere Selbst, so im Menschen
sich entfalten soll zum Baume himmlischen Lebens.«
    Heinrich nickte sinnend: »Wie gleichet Ihr doch in Eurer Lehre meiner
Agnete. Auch sie hat uns oft gesagt: Gott und das Himmelreich sind im
Menschenherzen und sollen allbereits auf Erden zur Macht gelangen. Was mich
betrifft, so bin ich ein Kleingläubiger. Doch ist meine Schwester Sibylle wie
Agnete gesonnen. Wären diese edeln Weibsbilder nicht an meiner Seiten gestanden
gleich Abgesandten des Lichtes, ich wäre wohl gänzlich verkommen im blutigen
Schlamm der Heerstrasse. Denn meines väterlichen Erbes beraubt und aus der Heimat
vertrieben, bin ich der Widerspenstigkeit voll geworden und der Rachsucht. Habe
mir fürgesetzt, der Menschen Härte mit gleicher Härte zu vergelten. Getreulich,
wenn auch traurigen Herzens ist meine Schwester Sibylle mit mir gezogen auf den
Kriegsfahrten; hat gemildert und gesänftigt, wo ich zu rauh, hat alle Tage mich
gemahnt an den Schatz im innern Acker, dass ich den nicht vergessen solle. Wie
wir nun in diese Baude hier gekommen und von den Petersdorfern erfuhren, auf der
Abendburg hause ein Buschprediger, so das Himmelreich allbereits hienieden
gründen wolle, hat Sibylle gleich gesagt: zu dem müssen wir hin! Und vollends,
seit wir Eure Predigt vernommen, ist Sibylle Eure Jüngerin geworden. Ja, lieber
Herr Johannes, meinen Weibsbildern habet Ihr es angetan. Doch wo ist Sibylle?
Sie hat sich hinausbegeben, auf dass wir ungestört uns bereden könnten.« Und
Heinrich rief: »Sibylle!«
    Gleich darauf trat Sibylle in die Stube, eine Rolle Papier in der Hand.
»Seid ihr zwei beide denn nun einig worden?« fragte sie.
    Ich stund auf und versetzte: »Euer Bruder hat mir sein Herz aufgetan, und
ich habe an seinem Schicksal Anteil genommen. Das ist vorerst genung der
Einigkeit.«
    Nachdem wir eine Weile in Nachdenken geschwiegen, begunnte Sibylle: »An das
Evangelium von der Frau, die mit sieben Brüdern in die Ehe getreten, klinget
eine Mär an, die ich euch beiden erzählen möchte, so es euch beliebt.«
    Da ich nebst Heinrich zustimmte, setzte sie sich zum Spinnrade, spann aber
nicht, sondern hub in getragenem Tone an:
Eine Königstochter war ins Elend gekommen. Ihr Vater hatte seine Krone vom
Haupte fallen lassen in einen schwarzen See, und seitdem hat ihn sein Volk nicht
mehr als Herrscher anerkannt. Da er nun vor Gram verstorben, ist die
Königstochter weinend durch die Welt geirrt. Doch nicht immerfort kann der
Mensch traurig sein, zumal wenn er jung und schön ist. Wie also die
Königstochter besserer Laune geworden, ist ihr einmal ein junger Bergmann
begegnet, der hat mit frischer Stimme das Liedlein gesungen:
Das Gold zur blanken Krone
Liegt in der Tiefe Schrein,
Und wer den Schatz gehoben,
Soll bald ein König sein.
    Aufhorchend hemmte die Königstochter ihren Schritt, betrachtete den
Jüngling, und da sie ihn schön befunden, sprach sie schelmisch zu ihm: Magst
lange in der Erde tappen und schürfen, bis du Gold genung gefunden zu einer
Königskrone. Eher wird dein gülden Haar wie Silber bleich, als dass dein Handwerk
den Goldschatz hebt. Wüsste dir wohl ein ander Mittel, die Königskrone zu
gewinnen. Hör einmal, was ich für ein Liedlein singe:
Im dunkeln See vom Grunde
Winkt einer Krone Gold,
Und hast du sie gefunden,
Wird Minne dir zum Sold.
    Der Jüngling spähte in der Königstochter Auge, das ihm nicht anders fürkam,
denn wie solch ein See, der am Grunde einen Schatz birgt; und fragte pochenden
Herzens: Wie soll ich dein Liedlein deuten?
    Da antwortete sie: Ich weiss einen See, drin liegt wirklich und wahrhaftig
die Königskrone, nach der dein Streben geht. Mein Vater hat sie verloren und mit
ihr sein Königreich. So du aber die Krone vom Grunde holst, mir auf das Haupt
setzest und mich zurückleitest in mein verloren Königreich, wird mich das Volk
als seine Fürstin anerkennen. Um dich zu besolden, will ich dir alsdann meine
Hand reichen, auf dass du neben mir auf dem Trone sitzest, mein ehelich Gemahl.
    Da erglühte der Jüngling im Angesicht und antwortete blitzenden Auges: Ich
nehme dich beim Wort. Will dir die Krone vom Grunde holen; doch tue ich das
nicht, um reich zu werden und zu herrschen, sondern um deine Hand zu gewinnen;
denn du bist mir ein grösserer Schatz als alles Gold und alle Kronen. Wohlan,
führe mich hin, wo die Krone liegt.
    Hierauf so gingen die beiden zum schwarzen See. In dessen Schlamm aber
hausete eine Sumpfhexe. Wie nun der Jüngling hinuntertauchte in die Flut, tat
ihm die Hexe einen Zauber an, dass er nicht mehr aus dem Wasser zurückkehren
konnte und bei ihr auf dem Grunde bleiben musste. Vergebens harrte oben am Ufer
die Königstochter in banger Sorge, vergebens rang sie ihre weissen Hände, weinte
und betete; ihr Liebster kam und kam nicht.
    Nachdem ihre Verzweiflung bis zum Abend getobt, ward sie schwach und
wimmerte nur noch leise; dann sank sie zur Erde und verfiel in einen tiefen
Schlaf. Und es ward ihr dies Traumgesicht:
    Zwischen Felsenblöcken stieg sie angstvoll bergan, dornige Ranken zerfetzten
ihr Gewand und Füsse. Der Sturmwind raufte das flatternde Haar, und Hagel
peitschte schneidend ihr Gesicht. Wie sie endlich die Höhe erreicht hatte, ward
der Himmel blau, und von warmer Sonne beschienen lag auf blumiger Wiese eine
trauliche Hütte, bei der eine Schafherde weidete. Die Königstochter ging voll
Hoffnung auf die Hütte zu und öffnete die Pforte. Da sass eine weisshaarige Alte,
mit Spinnen beschäftigt, und nickte freundlich mit einem Gesicht, das viel Gram
durchgemacht, aber köstlichen Frieden gewonnen.
    Weinend kniete die Königstochter zu der Alten Füssen und hub an, ihr
Schicksal zu beichten. Doch die Alte unterbrach sie begütigend: Weiss schon,
liebe Tochter, alles ist mir wohlbekannt. Nur nach dem einen lass dich fragen
.... nicht als ob es mir unbewusst wäre, sondern bloss aus dem Grunde, damit du
selber dir klar darüber werdest -: Wenn dein junger Bergmann wieder aus dem
schwarzen See zurückkehrte, jedoch ohne deines Vaters Krone, sag an, wie würdest
du ihn dann empfangen?
    Da ward die Königstochter sehnsüchtigen Verlangens voll, und hastig gab sie
zur Antwort: Wie ich ihn empfangen würde? O herzen würd ich ihn und küssen;
jauchzend spräch ich zu ihm: Was kümmert mich die Königskrone, so ich nur meinen
Liebsten habe! O hilf mir, hilf mir, gute Mutter, dass ich des Liebsten Leben
rette. An seiner Seite will ich gern niedrigen Standes bleiben. Seine Liebe ist
mein wahres Königreich.
    Lächelnd nickte die Alte: Schön, mein Kind! Dieweilen du so liebevollen
Sinnes, will ich dir helfen und dir sagen, wie du den Liebsten wiederfindest,
und dazu einen Schatz, besser noch als deines Vaters Krone. Freilich wird dir
dabei fürder Leid mitnichten erspart. Allein fürchte dich nimmer vor dem Leide;
faltig macht es das Angesicht, doch spiegelklar die Seele. Und wenn du wieder
einmal leidvoll zu meiner Hütte kommst, so sollst du meiner Lehren gedenken und
dein Gemüt zur Klarheit bringen, indem du spinnst und meine Schafe weidest. Was
aber deinen Liebsten anlangt, so kehre zurück zum schwarzen See, und wenn nach
Untergang der Sonne der Vollmond vom Walde aufsteigt, dann sprich mit starker
Stimme zum Wasser:
Was gibst du, Hexe, mir zum Lohne,
So deinem Sumpf verbleibt die Krone?
Gib meinen Liebsten aus dem Teich,
Denn der gehört ins Himmelreich!
    In dem Augenblicke erwachte die Königstochter und hörte noch im Ohre die
Worte der Alten klingen. Es war heller Tag, warm schien die Sonne auf die
Erwachte nieder. Sie erhub sich, und nachdem sie zunächst abermals ihrer Trauer
nachgegeben und vorwurfsvoll in den schwarzen See gestarrt hatte, fasste sie den
Entschluss, ihren Traum zu beherzigen.
    Getröstet ging sie in den Wald und sammelte Beeren zu ihrer Speise. Lang
ward die Zeit für ihre Ungeduld. Wie es endlich dämmerte, ging sie zum See und
setzte sich auf einen überhängenden Felsen. Nun stieg vom schwarzen Wald am
veilchenblauen Himmel der rote Vollmond auf, eine Eule schrie, und im Nachtauch
begunnten die Bäume zu raunen. Gespannter Erwartung erhub sich die Königstochter
und sprach mit starker Stimme:
Was gibst du, Hexe, mir zum Lohne,
So deinem Sumpf verbleibt die Krone?
Gib meinen Liebsten aus dem Teich,
Denn der gehört ins Himmelreich!
    Da regte sich die Mitte des Wassers, als ob es kochte. Brausend schwollen
kreisförmige Wellen, und daraus tauchte der verlorene Jüngling empor. Mit
starkem Arme teilte er die Flut und schwamm unter Winken und Jauchzen auf die
Königstochter zu, die sich vor Freude kaum zu lassen wusste. Hinter dem Jüngling
aber schwoll auf einmal das Wasser zu einem ungeheuren Berge, rollte auf den
Schwimmer los und riss ihn mit sich, ging dann übers Ufer und erfasste auch die
Königstochter. Die Wasserwoge, der ganze schwarze Teich, strömte donnernd weit
übers Land. Die Königstochter schluckte Wasser, dass ihr die Sinne vergingen.
    Wie sie die Augen wieder auftat, lag sie am Hange desselben Berges, den sie
im Traume erschaut. In banger Unrast suchte sie nach ihrem Liebsten, fand aber
keine Spur von ihm und nicht einmal vom schwarzen See. Gänzlich verändert war
die Gegend; die Wasserwoge musste eine weite Strecke ins Land hinein gespült und
ihre Opfer hoffnungslos voneinander getrennt haben.
    Nachdem die Königstochter das Suchen aufgegeben, dachte sie an die Worte der
Alten und beschloss, deren Hütte auszufinden. Stieg also auf rauhem Pfade durch
Dornenranken aufwärts, bis sie auf einer Wiese in der Tat die Hütte fand, bei
der Schafe weideten. In der Stube freilich war keine Alte zu finden, obwohl der
Spinnrocken, wie im Traume, bereit stund. Etliche Tage wartete die Königstochter
auf die Ankunft der Alten, spann Flachs, den sie oft mit ihren Tränen netzte,
hütete auch die Schafe, deren Milch ihr Nahrung gab. Es kam und kam keine Alte.
So vergingen Jahre und abermals Jahre; die Königstochter war eine Spinnerin und
Hirtin worden, und das Leid hatte allerdings, wie die Alte vorhergesagt, ihr
Angesicht faltenreich, ihre Seele aber spiegelklar gemacht. Ihres Liebsten hatte
sie in den ersten Jahren oft mit heisser Sehnsucht gedacht. Doch war mit der Zeit
ihr Herz stille worden, bis die Stunden der ersten Liebe sie nur ein holder
Traum deuchten, von dem keine Brücke zur wirklichen Welt führt.
    Wie nun der Frühling wieder einmal Gras und Blumen aus der Matte
herfürgetrieben, ging die Schafherde, der die bejahrte Hirtin folgte, über ihren
gewöhnlichen Weideplatz hinaus und nahte einer andern Herde, bei der ein alter
Hirte war. Nun konnte es nicht ausbleiben, dass die beiden Menschen miteinander
redeten. Es fand ein jeder im andern ein Herz voll Güte und Weisheit; und das so
geschlungene Band der Freundschaft ward hinfüro nicht locker. Von nun an trieben
sie täglich ihre Herden zueinander, und wiewohl sie nicht viel redeten, fühlten
sie sich doch so recht einmütig und gewannen mitsammen immer mehr
Glückseligkeit.
    Zuweilen nahm der Hirt aus seiner Tasche die Flöte und blies ein
friedevolles Lied. Da sagte einmal die Hirtin: Kannst du auch singen?
    Und es gab ihr silberhaariger Freund den Bescheid: In meiner Jugend sang ich
manch Lied. Jedoch ist mir das Singen vergangen. Ein Lied nämlich hat mich für
viele Jahre traurig gemacht.
    Was war denn das für ein Lied? fragte die alte Hirtin.
    Und mit leiser Stimme summte der Greis:
Das Gold zur blanken Krone
Liegt in der Tiefe Schrein,
Und wer den Schatz gehoben,
Soll bald ein König sein.
    Da sah ihn seine Freundin eine Weile mit grossen Augen an und nickte. Erst
war ihr Nicken voll Wehmut, dann aber leuchtete ihr Blick verklärt, und sie
sagte: So will auch ich dir ein Lied singen, du mein Guter; worauf sie mit
zitternder Stimme sang:
Im dunklen Seelengrunde
Winkt einer Krone Gold,
Und hast du sie gefunden,
Wird Minne dir zum Sold.
    Nun glitt auch dem greisen Hirten die Decke von den Augen, und in der
Freundin, mit der er etliche Jahre bereits beisammen gewesen, und die er
liebgewonnen wie eine Schwester, erkannte er seine allerliebste Königstochter
wieder.
    Anfangs verfiel er in langes Weinen und meinte trübe: Wo sind die Jahre
unserer Jugend geblieben? Ach, verfehlt dünkt mich meine Lebenszeit. Welch ein
Schatz ist mir entgangen, da wir so frühe voneinander gerissen und erst jetzt,
nun wir verblüht, wieder vereinigt wurden.
    Sei still, mein Liebster, gab die Hirtin zur Antwort. Nun sind wir ja so
weit, wie wir ersehnt; nur dass freilich unser Schicksal anders gestaltet ist,
als unser Jugendsinn erwartet hatte. Wir haben erreicht, was wir erreichen
konnten, nur dass wir nicht den Weg der Lust gegangen sind, sondern Trennung und
Tränen erlitten haben. Doch dieser andere Weg hat einen Vorzug, den mir im
Traume die weise Alte angedeutet hat. Blieben denn nicht unsere Herzen bewahrt
von Gier und Schuld? Sind sie nicht rein worden, so wie auf diesen Bergwiesen
die Lüfte rein sind, die Blumen und Quellen? Und im klaren Spiegel unserer
Herzen dürfen wir nun einander schauen, darin lesend, wie lieb ein jeder den
andern hat, und wie himmlisch diese Liebe. Komm, Liebster, lass uns jauchzen und
lass uns jung sein, gedenkend an jeden Augenblick, den wir in unserer Jugend
mitsammen verlebt.
    Da ward der Hirt getröstet und stimmte in seiner Liebsten Jubel ein. Wie sie
nun in der Sonne bei einem Quell sich niedergesetzt hatten, einander zu
erzählen, sprach der Hirt: Sag mir doch, liebste Königstochter, ob mein
Gedächtnis irrt. Mir scheint, das Lied, so du gesungen, lautet eigentlich etwas
anders. Sangest du nicht damals:
Im dunklen See vom Grunde
Winkt einer Krone Gold?
    Mag sein, entgegnete die Liebste. Doch das ist falsch. Es muss heissen: Im
dunklen Seelengrunde winkt einer Krone Gold. dabei lass uns bleiben; denn die
Krone, so uns beide krönen soll, hat nicht im Sumpf gelegen und ist kein harter
kalter Erdenstoff. Gleicherweise ist auch das Reich, zu dessen Herrschaft wir
berufen sind, ganz anders denn meines Vaters Königreich.
Hier machte die Erzählerin Sibylle eine Pause und meinte dann: »Nun saget, ihr
zwei, die ihr meiner Mär gelauschet habt: Ist nicht das Reich, in dem die beiden
alten Hirtenleute mit ihrer unsichtbaren Krone herrschen, ebendasselbige, von
dem der Heiland sagt, dass man darinnen nicht freiet, noch sich freien lässet,
sondern mitsammen Gottes Kind ist?«
    Mein Herz war weich worden, und auch Heinrich schien ergriffen. »Ich danke
Euch, Sibylle«, sprach ich »für dies Märlein, so ich voll Freude dem Schatze
meiner Andacht einverleibe. Wo habt Ihr diesen Fund getan?«
    »Ja, sprich,« meinte auch Heinrich, »woher dir die Mär kommt; ich habe sie
bisher noch nie vernommen.«
    Sibylle zauderte und blickte schelmisch, wobei ihr mütterlich volles
Angesicht auf einmal jugendlich schien. »Eine Poetin bin ich«, scherzte sie.
»Doch nein, ich will gestehen: es hat mir jemand, eine Frau, das alles erzählt.
Und dass der Herren Neugier endlich Frieden habe, mögen sie wissen, die
Königstochter selber hat mir das erzählet. Nun aber frage keiner mehr! Ich
bleibe stumm; denn meine Mär ist aus.«
    Nach diesen Worten kam mir der Gedanke, für diesmal sei wohl auch mein
Besuch aus; denn was ich in Kiesewalds Baude ausrichten und vernehmen wollte,
schien vorläufig zu einem Ende gediehen. Inmassen stund ich auf und dankte für
Gastfreundschaft. Auch Heinrich erhub sich: »Euer Besuch hat mich erquickt, ich
danke Euch. Und nicht wahr, wir werden uns des öfteren sehen, so es Euch
beliebt.«
    Als ich zustimmte, sagte Sibylle ernst vor sich hin: »So der Himmel alles
gnädig fügt.«
    Heinrich, der mich ja ein Stück Weges geleiten wollte, ging hinaus, seine
Partisane zu holen. Da reichte mir Sibylle die Rolle Papier mit den hastigen
Worten: »Nehmet und berget es in Eurer Tasche. Agnete gibt es Euch und bittet,
dass Ihr morgen leset, was auf dem Papiere geschrieben steht. Nicht heute aber
dürfet Ihr es lesen, weder abends noch bei Nacht, sondern erst, wenn Ihr
ausgeschlafen habt. Fraget nicht weiter; alles, was Ihr wissen möchtet, findet
Ihr in dem Schreiben.«
    Da nahm ich das Päcklein und steckte es zu mir, indem ich erwiderte:
»Bestellet Eurer Schwägerin meinen Gruss! Ich will tun nach ihrem Geheiss.«
    Als nun Heinrich wieder eintrat, reichte ich Sibyllen die Hand, und wir
gingen. »Sturm werden wir bekommen,« sagte ich mit einem Blick auf den
Gebirgsrücken, da über den Sattel schwarz Gewölk herübergezogen kam.
    Schweigend schritten wir zur Kochelschlucht hinunter. Sibyllens Märlein ging
mir durch den Sinn. Dachte mir wohl, Agnete werde die Geschichte ihrer
Schwäherin erzählt haben mit dem Auftrage, sie uns Männern mitzuteilen.
Rätselhaft aber deuchte mich Sibyllens Wort, von der Königstochter selber habe
sie alles vernommen. Wie konnte denn Agnete sich mit der Königstochter
vergleichen, da doch Agnetens Lebensgang kein Recht hiezu begründete? Hier wob
ein Geheimnis. Und welche Bewandtnis hatte es mit der mir anvertrauten Schrift?
Warum ward sie verstohlen mir übergeben? Durfte Heinrich von dem Inhalt nichts
erfahren? Und was sollte mir die Bitte, nicht heute noch die Schrift zu lesen?
Dass mich Agnete heute gemieden, musste wohl noch einen andern Grund haben, als
ihre mütterliche Fürsorge für die Petersdorfer Kinder.
    »Erzählet von Eurer Frau, Heinrich. Was hat sie denn veranlasst, ihr
mütterlich Amt bei den Petersdorfern zu übernehmen?«
    »Sie kann es nur schwer verwinden, dass ihr das eigene Kind geraubt und
Klein-Anneliesel, der Sprössling meiner ersten Ehe, durch den Tod entrissen
worden ist. Da sucht nun ihr liebreich Herz sich in fremden Kindern und in
allerlei hilfsbedürftigen Menschen Ersatz zu schaffen. Mir ist es recht, dass ihr
Sinn heiter wird bei der Jugend drunten im Tale. Nur werd ich die Sorge nicht
los, dass der schwierige Weg ihrem Körper zum Schaden gereichen könne. Denn ihre
Brust ist schwach von jenem Unfall her, der sie mir zugesellte.«
    »Was war das für ein Unfall?«
    »Haben wir das noch nicht erzählt? Ein Messerstich hatte ihr von der
Schulter her die Lunge verletzt, und wiewohl die Wunde geheilt ist, blieb doch
eine Schwäche zurück, und einmal hat sich Blutspeien eingestellt. Deshalb bin
ich nicht ohne Sorge, wenn sie an jedem Sonntag sich den Weg zu Tal und wieder
herauf zumutet.«
    »Warum ist sie denn aber neulich sogar bis zur Abendburg gegangen, und warum
habt Ihr sie nicht davon zurückgehalten? Es hätte ja genügt, wenn Ihr bei Eurem
ersten Besuche mich zu Eurer Baude eingeladen hättet.«
    »Ich weiss nicht, warum Agnete also begierig war, mit eigenen Augen Eure
Klause zu schauen. Genung, sie hat gebeten, den Gang mitmachen zu dürfen, und
wenn sie ernstlich bittet, kann ich nicht widerstreben. Bin auch gewohnt, nicht
mit ihr zu feilschen und zu rechten.«
    Nun verfielen wir in sinnendes Schweigen. Zum Kochelgrund gelangt,
überschritten wir das Flüsslein mittels einer quer darübergestürzten Fichte und
klommen jenseits auf rauhem Pfade die Felsenhöhe hinan, bis wir aus dichtem Tann
auf eine kleine Wiese traten und nun freien Blick ins Tal des Zacken hatten. Der
brausete drunten über Felsenblöcke, und drüben ging es wieder steil empor.
    »Hier ist der Schwarze Wog,« sagte Heinrich, »und dieser geschlängelte Pfad
führt Euch hinüber. Gebt mir nun Urlaub, denn ich möchte zurück, um meiner Frau
nach Petersdorf entgegenzugehen.«
    Dankend schüttelte ich Heinrich die Hand und verfolgte meinen Weg, indem ich
den Spiess als Stütze gebrauchte. Bald ward mir klar, dass allerdings hier der
nächste Weg zwischen meinem Heim und der Kiesewaldbaude gehe, wiewohl der
Abstieg zum Zacken und noch mehr der Aufstieg zur jenseitigen Felsenhöhe also
beschwerlich war, dass ich mit lächelnder Zustimmung Heinrichs Wunsch bedachte,
auf Engelsfittichen über diese Kluft zu schweben.
    Wie ich am Zackenberge oberhalb des Baches, Böhmischer Furt geheissen, durch
den Tann schritt, neigten sich die Wipfel mit Brausen und kündeten, dass der
Sturm beginne. Wiederum gedachte ich des Märleins von der Königstochter und
versetzte mich in ihren Liebsten hinein, wie er als alter Mann die Braut seiner
Jugend endlich wiedergefunden, jedoch zu spät, als dass die heisse Sehnsucht
junger Jahre sich jetzo erfüllen konnte. Mein Träumen verlieh der Königstochter
Teklas Züge, und ich legte mir die Frage vor, wie wohl mir zu Sinn sein möchte,
so auf einmal jetzt, nach zwölfjähriger Trennung von einer lieben Frau, ein Weib
vor mich hinträte, sprechend: »Ich bin deine Tekla!«
    Von jähem Schrecken fühlt' ich mich betroffen, da mir der Einfall kam,
Agnete, von der das Märlein ausging, könne Tekla sein. Aber nein, Tekla war ja
tot, erdolcht von der eifersüchtigen Bertulde! Oder war das ein falscher
Bericht? Lebte Tekla vielleicht? War denn nicht auch Agnete, trotz des Stiches,
so ihre Lunge getroffen, wieder genesen? Und was ist das? Agnete ist gestochen,
Tekla desgleichen! Und Agneten ward ein Kind geraubt? Brausend wie die Luft
flatterten mir die Gefühle, und mein Schritt stürmte dahin. Dann blieb ich
stehen und nahm aus meiner Tasche das Päcklein, so Agnete mir vermacht. Mein
brennender Blick hätte die Hülle durchdringen mögen; doch ihr Wunsch, dass ich
vor morgen nicht lesen solle, zügelte meine Ungeduld.
    Daheim angelangt, sah ich meines Oheims Auge erschrocken auf mich gerichtet,
da er aus seiner Geistesverwirrung heraus die Worte stammelte: »Was ist? Geht's
wieder los mit den Dämonen? Ja, ja ich habe mir's gedacht; es hat sich wieder
was angemeldet. O Jesus und Vater!«
    Wie ich am prasselnden Ofen sass, und ein Krug Beerenwein mein bänglich Herz
ermunterte, ward ich geneigt, mich einen Träumer zu schelten, der an wilder
Phantasei schier dem verstörten Oheim gleichkomme. Wie denn? Agnete sollte
Tekla sein? Unsinnige Einbildung! Und doch! und doch! Die Art, wie Agnete sich
gab, passte auf Tekla. Zwar hatte ich in Tekla nichts von einem Trachten nach
Heiligkeit gespürt. Doch konnten zehn Jahre wohl den Sinn also umwandeln; und
solche Wandlung war meiner edlen Frau zuzutrauen, zumal sie die Schule des
Leidens durchgemacht. Überdies gemahnte Agnetens Wuchs an Tekla. Freilich lebte
diese in meiner Erinnerung als eine ebenso straffe wie schlanke Gestalt, während
Agnete mich kleiner deuchte und in ihrer zusammengesunkenen Haltung körperliche
Schwäche verriet. Doch auch diese Veränderung konnte sich ergeben haben aus
alledem, was ihr inzwischen begegnet.
    In solchen Gedanken verbrachte ich den Abend, und nur durch strenges
Meditieren und heisses Ringen um Seelenfrieden gelang es mir, etliche Ruhe zu
finden.
Die Sonne neigt sich abe
Zum blauen Hügelgrabe.
So leb denn wohl, du rotes Liebesfeuer!
Ich stehe ganz allein
Auf ödem Berggestein.
Wohl heime möcht ich gahn
Und weiss doch nicht, wo Herberg han ...
Schon dräun die Wolken schwarz wie Ungeheuer.
Da mahnt die Sonn im Sinken:
Sieh dort die Zinnen winken!
Den irren Wandrer laden sie, zu hausen.
Des Burgherrn Trostlicht wacht
Getreu die ganze Nacht.
Entzünde dran dein Herze
Als eine fromme Klausenkerze!
Ums Fenstergitter lass Unholde sausen!
    Am Morgen allerdings kam ich mir verstört für, als hätten der Sorge Unholde
die ganze Nacht mein Gehäus umraunt. Zur Vorbereitung auf Agnetens Eröffnung
sammelte ich meinen Sinn und dachte an das Ewige, vor dem wie Spreu verwehen
muss, womit die Zeit uns ängstigt.
Wohlan, tritt nun über meine Schwelle, dunkles Schicksal, und entülle dich! Du
findest mich gefasst! Und ich nahm das Packet aus meiner Tasche und tat seine
Hülle ab. Papiere waren mit hastigen Schriftzügen bedeckt. Und ich las: »Mein
Johannes!« Mich durchzuckte ein freudiger Schrecken. Tekla! Waren das nicht
ihre Schriftzüge?
    Fliegenden Blickes las ich weiter: »Durch meine Schwäherin hab ich Dich
bitten lassen, Du mögest erst nach durchschlafener Nacht diesen Brief lesen. So
tat ich, weil mir wohl bewusst, dass alle Deine Kraft beisammen sein muss, um Dein
Herz in seiner Hoheit aufrecht zu erhalten vor dem, was ich Dir zu eröffnen
habe. Das Märlein von der Königstochter hast Du vernommen und hast vielleicht
vermeint, es sei insonderheit an Heinrichs Ohr gerichtet. Dem ist nicht also;
es gilt vor allem Dir. Ich hab's ersonnen, um durch ein Gleichnis zu Dir zu
sprechen. O dass sich doch mein Wunsch erfüllete, und Deiner Wahrheit Kraft auf
den Wachtposten gerufen würde durch mein Märlein, wie durch unser Gespräch über
die sieben Brüder, so dasselbe Weib geehelicht. Jener Friede, den die alte
Hirtin ihrem Liebsten mitgeteilt hat, sei mit Dir, Herzliebster! Hast Du wohl
darüber nachgesonnen, wer die beiden sind, der Goldgräber und die Königstochter,
so nach langer Trennung im Hirtenleben einander wiederfanden? Das sind wir zwei,
Du und ich! Ja, Deine Tekla lebt! Ich bin es, seit etlichen Jahren Agnete
geheissen ...«
    Geblendet war mein Auge - konnte nicht weiter lesen. Um mich schwankte die
Welt. Auf sprang ich und taumelte. Dann kam ein Schrei: »Tekla!« Ich warf mich
auf die Knie und krampfte die Hände zusammen: »Mein Gottesquell - du lebst -
hast mich nicht verlassen!«
    Aber wie denn? Agnete? Nicht mehr Tekla? Eines anderen Weib? - Hastig
setzte ich mich wieder zur Schrift:
    »Für Dich bin ich noch immer Deine Tekla und will es bleiben in Ewigkeit.
Für die anderen freilich bin ich Agnete; so hab ich mich vor Heinrich benamset,
da wir einander begegnet sind. Ich wollte meine Vergangenheit verhüllen - als
Agnete Kiesewaldin bin ich ihm vom Priester angetraut ...«
    Das war nun die härteste Prüfung! Auseinandergerissen fühlte sich mein Herz,
zerspalten mein Wesen. Es trieb mich stürmisch zu Tekla, die Gattin zärtlich zu
umarmen; eine strenge Macht aber gebot mir Halt ... Heiss fielen Zähren auf meine
Hand, o wie zitterte die Hand! Endlich fasste ich mich und las weiter:
    »Kraft freilich ist vonnöten, so wir den Gipfel der Verklärung erreichen
wollen. Du wirst sie zusammenbringen, da ja in Dir ein reicher Quell himmlischen
Lebens strömt. Was mich betrifft, so bin ich Deine geistliche Tochter, und Du
wirst mich emporführen. Nun aber lass uns unverzüglich beginnen mit dem Sammeln
unserer Kraft. Sei denn stark, mein armer Liebling, bei dem Allertraurigsten,
das ich jetzunder zu eröffnen habe ...«
    Neuer Schrecken fuhr mir in die Glieder. Wie denn? Noch etwas Schlimmes
kommt? - Mein ganzer Körper bebte, als ich weiter las:
    »Es betrifft jenes Knäblein, so auf der Abendburg den Opfertod starb, und
dessen Asche Du unter dem Kreuzlein beigesetzt hast. Wessen ist dies Kind? Wer
ist sein Vater? Bleib aufrecht, wenn ich Dir jetzo sage: Da wir Hochzeit hielten
im unterirdischen Gewölbe zu Magdeburg, ward uns beiden dies Kind geschenkt - -
der kleine Johannes ...«
    Keuchend sank ich vornüber, gewaltsam aber richtete ich mich wieder auf.
Laut hinausschreien wollte ich meinen Schmerz. Wie ich dann schluchzte, trat
Tobias in die Balkenstube und legte die Hand auf meine Schulter, bang loderten
die Augen in den düsteren Höhlen. »Tobias!« rief ich verzweifelt. »Mein Kind
war's! Meins!« Blöde starrte er und schüttelte das greise Haupt: »Nicht weinen!«
Zugleich begunnte mein Hund zu winseln. Ich griff mir an den Kopf und sammelte
mich. Dem Oheim drückte ich die Hand, schickte ihn hinaus, tat einen Aufblick
zur Höhe und wandte das Auge wieder zur Schrift.
    »Friede sei mit Dir, Johannes! Ergib Dich drein! Unser Kind ist ja geborgen
- ruhet in des Ewigen Schosse.« - Damals freilich, als das Grausige geschah - als
der kleine Johannes der Teufelsmette zum Opfer fiel ... doch das alles sollst du
später hören. Einstweilen will ich nur sagen: Eine Mutter, die mit eigenen Augen
zuschauen musste, wie ihres Leibes Frucht dem Flammentode preisgegeben ward von
wahnwitzigen Menschen - sie hat mit solchem Leid einen Dämpfer empfangen, der
den Trieb ihrer Sinne, falls er hinfüro einmal unbändig werden will, zu
beschwichtigen weiss.
    Nun aber lass mich der Reihe nach erzählen, wie das alles mit mir gekommen
ist, seit ich Dich verlor.
    In Scham und Zittern hatte mich Dein jähzorniger Handel mit dem Ritter
Zetteritz versetzt. Als man Dich fesselte und auf Deck schleppte, war ich
versucht, hinterdrein zu stürzen und wie ein Raubtier um Dich zu kämpfen. Dann
aber drückte ich hilfloses Weib die Hand auf mein wild Herze: »Stille, still!
und nicht den Kopf verloren! Raserei kann hier nur schaden, Hilfe wird nicht
ohne Besonnenheit erlangt.«
    Ich beobachtete den Zetteritz. Aufgebracht mass er den Schiffsraum mit grossen
Schritten und zischte mit höhnischem Lachen zwischen den Zähnen: »Hei warte nur,
Tielsch, das sollst du mir büssen!« Gar nicht schildern mag ich, welch wilde
Drohungen er ausstiess. Besorgt, man könne Dich töten, sank ich dem Tobenden vor
die Füsse: »Erbarmen, Herr Ritter; Ihr werdet edelmütig handeln. Habet mir ja
angeboten, meiner Hilflosigkeit beizustehen. Nun erfüllet Euer Versprechen, so
Euch wirklich an meinem Wohle gelegen.«
    Solch Flehen aus Frauenmunde machte den Ritter verwirrt, dass er mich aufhub:
»Verzeihe die Jungfer Gräfin meine Wildheit; aber dieser kecke Rebell ...«
    Da ich ihn bat, innezuhalten, mässigte er sich: »Gebiete das Fräulein über
mich. Soweit Sie für sich selbst etwas begehrt, bin ich Ihr Kavalier. Den
Tielsch aber lasse Sie endlich aus dem Spiele. Danke Sie mir lieber, dass ich Sie
befreit von diesem lästigen Kommisshund. Sakrament, er soll Elbwasser schlucken
wie eine versaufende Katze.« Und von neuem lief er wütend umher.
    Da überfiel mich Verzweiflung. Im Geiste sah ich Dich gefesselt in die
Todesflut sinken, hilflos Entsetzen auf Deinem erbleichenden Angesicht. Ich
schrie auf, und ein Toben kam über mich, das ich bisher nicht gekannt. Das
Messer, so auf dem Tisch gelegen, zückte ich wider meinen Busen.
    Die Augen aufgerissen, stund Zetteritz vor mir, ohne mir in den Arm zu
fallen, da er wohl besorgte, in meiner Raserei möcht ich ihm zuvorkommen und
zustossen. »Halt! Besinnt Euch!« rief er heiser. »Mein Blut über Euch!«
entgegnete ich und fühlte des Messers Spitze auf meinem Busen. Zetteritz machte
ein ganz entsetztes Gesicht, streckte zitternde Hände aus und rief: »Ich
begnadige den Tielsch! Messer weg!«
    »Hebet erst die Hand zum Schwur, bei Eurer Ehre schwöret, dass Ihr ihn nicht
tötet!«
    Er tat nach meinem Geheiss: »Bei meiner Ehre!«
    Nun liess ich das Messer fallen, atmete tief und sank auf die Bank.
    Da rief Zetteritz nach seinen Leuten, und ein paar Dragoner kamen von oben.
»Tut das Messer weg und verweilet bei der Jungfer Gräfin. Ihr habet sie zu
bewachen, dass sie sich kein Leides antut. Mit keinem Schritte darf sie auf Deck,
und wenn sie nach dem gefangenen Rebellen fragt, dass mir keiner mit einem
Wörtlein antworte! Sonsten aber sind des Fräuleins Wünsche zu respektieren und
mir zu melden, wie denn die Jungfer Gräfin als eine Person von Stand zu
behandeln.«
    Zu mir wandte sich Zetteritz mit den Worten: »Wolle die Jungfer Gräfin
bedenken, dass unser Kahn durch unsicheres Gebiet fährt, wo feindliche Parteien
herumschweifen, die mit ihren Kugeln auf Deck leicht Schaden anrichten. Hier
unten aber ist ein sicherer Ort. Drum hab ich befohlen, Sie solle diesen Raum
nicht verlassen.« Höfisch neigte sich Zetteritz und ging.
    Da sass ich nun, zwar etwas beruhigt, doch sattsam in banger Unsicherheit.
Durch Lauschen wollt ich erraten, was auf dem Deck vorging. Vernahm nur die
dumpfen Ruderschläge, zuweilen das Wiehern der Pferde.
    Auf einmal scholl Hornsignal, und die Ruderschläge hörten auf. Über mir
stampften die schweren Reiterstiefel, und bald darauf schienen Ruderschläge
jenes kleine Boot, mittels dessen unsere Gefangennahme erfolgt war, vom Kahn
wegzutreiben.
    Ich sprang auf und rief: »Was geschiehet meinem Gatten? ich will es wissen!«
Doch die Dragoner griffen mich bei den Handgelenken, dass ich mich nicht rühren
konnte. Hilflos hub ich zu weinen an.
    Eine Zeitlang blieb alles still. Dann hörte ich die Ruderschläge sich wieder
nähern; das Boot ward am Kahne befestigt, und am Stampfen über mir erkannte ich,
dass seine Bemannung an Bord zurückkehre.
    Auf einmal knallte ein Schuss vom Ufer her. Sogleich hörte ich Zetteritz
kommandieren, und dann gab man über mir mehrere Schüsse ab. Das Rudern ward
wieder aufgenommen und beschleunigt.
    Die Dragoner bei mir hatten Worte gewechselt, aus denen ich entnahm, dass
eine Partei Schweden auf unsern Kahn geschossen habe. Mir gereichte das Gefecht
zum Troste, denn ich sagte mir: Zum Kundschaften ist das Boot benutzt worden,
und so wird meine Sorge, man könne den Johannes weggeschafft haben, wohl
unzutreffend sein.
    Beruhigten Herzens blieb ich bis zur Abenddämmerung an meinem Platze. Dann
kam Zetteritz und hiess seine Leute, einen Verschlag neben der Kajüte für mich
mit einem Strohlager versehen. Mich streifte sein scheuer Blick, und da ich
wegen Johannes ihn befragte, wehrte er mit düsterm Schweigen ab. Man brachte mir
eine Lampe, Speise und Trank. Ohne die Nahrung anzurühren, warf ich mich auf
mein Lager, und da ich sehr erschöpft war, erbarmte sich mein der Schlummer.
    Erwacht, sah ich den Tag durch einen Türspalt in mein Kämmerlein lugen. Da
ich keine Ruderschläge mehr vernahm, dachte ich mir, unser Kahn müsse gelandet
und also wohl am Ziel sein. Flehend hub ich meine Hände zum Himmel: »Was wirst
du heute über uns verhängen? Darf ich mit meinem lieben Manne heute deine Güte
erfahren, oder möchtest du uns noch länger prüfen? Nun, wie du willst, dein
Wille geschehe!« So sprachen meine Lippen, das Herz wusste nichts von solcher
Ergebung. Vielmehr suchten die Gedanken in banger Unrast nach Mitteln, mich und
meinen Mann aus den Nöten herauszuwinden. Dass meine Jugendblüte Eindruck auf den
Ritter gemacht hatte, konnte ich mir nicht hehlen. Sorgsam richtete ich mein
Antlitz, Haar und Gewand für diese eitle Welt her. Wie ich nun aus dem
Schlafraum trat, sass Zetteritz schmausend am Tische. Errötend stund er auf,
neigte sich und lud mich ein, am Frühstück teilzunehmen. Auf den ersten Blick
erkannte ich, dass er eine Schuld auf dem Herzen habe, und dieser Argwohn brachte
mich in solche Erregung, dass ich meinen Blick in sein Auge bohrte und wie eine
gereizte Tigerin losfuhr: »Wo ist mein Mann? Was habt Ihr mit ihm getan?«
    Da Zetteritz keine Worte fand, brach ich in lautes Weinen aus und schalt ihn
ins Gesicht einen wortbrüchigen Kavalier.
    »Schweige Sie, Jungfer«, herrschte er mich an und stampfte mit dem Fusse:
»was ich versprochen, das habe ich gehalten. Habe den Tielsch nicht ersäuft, wie
er es verdient hatte, sondern an Land setzen lassen.«
    »Tückischer Jesuiter!« schrie ich. »Das nennet Ihr begnadigen?« Ich wollte
noch weiter toben, doch er eilte an Deck, und die Dragoner vertraten mir den
Weg, als ich nachstürzen wollte. Wiederum verfiel ich in Schluchzen und Klagen.
Da liess sich auf einmal eine gebieterische Frauenstimme vernehmen, und in die
Kajüte hinunter stieg eine Frau in dunklem Sammetkleid, auf dem weissen Haar
einen Federhut. Sie blickte gross und mild auf mich, und sprach streng zu
Zetteritz: »Tu die Kerle weg!« Worauf die Soldaten an Deck mussten.
    Und Zetteritz zog seinen Hut: »Wolle die Jungfer Gräfin hier meine Mutter
begrüssen, die Edelfrau Katarina Zetteritz. Meine Mutter hat sich in Mechelnburg
aufgehalten, und mit dem Kahn, drauf wir uns befinden, bin ich ihr
entgegengeeilt, um sie vor den andrängenden Schweden zu sichern.«
    »Mein armes Fräulein,« sprach die edle Frau und griff nach meiner Hand;
»mein Sohn hat mir gebeichtet, wie übel er Euch mitgespielt, da bin ich nun
resolvieret, kraft meiner Mutterwürde darauf zu halten, dass er seine rauhe
Soldatenart zügele und als Edelmann den Willen eines hochedel geborenen
Fräuleins erfülle. Euern Vater habe ich verehrt, und wenn er sprechen könnte, so
würde er bestätigen, wie gern er sich der Freiin von Smiritzky entsinnt.«
    Nun herrschte die Edelfrau den Sohn an: »Lass unverzüglich das ganze Ufer
absuchen, an dem der Gatte meiner Schutzbefohlenen ausgesetzt worden. Wir müssen
alles tun, die voneinander getrennten Gatten wieder zu vereinigen. Seid getrost,
Gräfin, harret in Geduld! Zuvörderst will ich Euch Kleider aus meiner Truhe
schicken.«
    Dankbar warf ich mich vor meiner Retterin auf die Knie und bedeckte ihre
Hand mit Küssen. Sie zog mich empor, streichelte mein Haupt, drückte mich sanft
auf die Bank und ging, von ihrem Sohne gefolgt. Gleich darauf hörte ich über mir
ein Stampfen von Rossen, und durfte nun hoffen, dass Zetteritz dich suchen lassen
wolle, teurer Gatte.
    Es dauerte nicht lange, so kamen Soldaten in die Kajüte und brachten eine
Truhe. Dann erschien Frau Zetteritz, grüsste mich abermals, schloss die Truhe auf
und suchte eine feine weibliche Tracht aus, worauf sie mich bat, mich
einzukleiden und mit ihr einen Gang durch das Städtlein zu tun, damit ich mir
die Sorgen aus dem Sinn schlage. Der Kahn sei am Ziel, in Wittenberge; und nun
werde die Rückfahrt nach Magdeburg unverzüglich beginnen, da der Nordwind
tüchtig in die Segel blase. Nach meinem Gatten sei man schon auf der Suche.
    Der Gang durchs Städlein tat mir wohl. Bei unserer Rückkehr zum Kahn war man
mit den letzten Zurüstungen zur Abfahrt beschäftigt. Ein Mast war aufgerichtet,
bald blähte sich das Segel, und nun stiessen Schiffer und Soldaten mit Stangen
vom Ufer ab, während Ritter Zetteritz nebst seinem Leutnant Befehle gab.
    So schnell, wie wir vorher gefahren waren, ging es jetzo nicht, da wir ja
gegen den Strom angingen. Immerhin kamen wir bei dem guten Segelwinde zu des
Ritters Zufriedenheit vorwärts. Mehrfach wandte ich mich an Zetteritz mit der
Frage, ob die Soldaten auch wirklich meinen Gatten ausfindig machen würden, und
jedesmal ängstete es mich, dass er seine zuversichtlichen Worte durch die Miene
scheuen Bedenkens Lügen strafte.
    Der Abend rötete den Himmel, als ein Hornsignal erscholl, und das Rudern
eingestellt ward. »Unsere Leute!« rief der Korporal, worauf der Steuermann den
Kahn auf das havelländische Elbufer zusteuerte.
    In zitternder Spannung spähte ich zum Ufer, wo etliche Reiter nebst einem
Hunde zwischen den Weidenbüschen erschienen. Meine Knie wankten, als ich von
Dir, mein Johannes, nichts wahrnahm. An dem Angesicht des Ritters erkannte ich,
dass auch er von Schrecken erfüllt war. Ich fühlte, wie ein Weinen mich
anwandelte, da ich nun den Kopf zur Frau Zetteritz wandte und mit brechender
Stimme sagte: »Sie haben ihn nicht, haben ihn nicht ... O weh, mein lieber
Mann!«
    Dann sank ich unmächtigen Geistes hin und kam erst wieder zu mir, als man
mich in der Kajüte auf die Bank gelegt hatte und meine Schläfe mit Wein rieb.
Mein erstes Wort war: »Mein Mann - warum hat man ihn nicht? Was ist mit ihm?«
    Frau Zetteritz suchte zu beschwichtigen: »Er wird ja wohl am Leben sein. Nur
gefunden hat man ihn nicht.«
    »Aber warum suchen die Reiter nicht länger?« rief ich vorwurfsvoll.
    Verlegen blickte Frau Zetteritz ihren Sohn an. Der starrete düster zu Boden
und zuckte die Achsel. Dann sprach er kleinlaut: »Es ging nicht, bisweilen
schwedische Völker durch das Brandenburgische streifen und unsere Leute
zurückgejagt haben.«
    Frau Zetteritz fügte hinzu: »Drum so dürfet Ihr annehmen, Gräfin, dass Euer
Gemahl bei den Schweden ist.«
    Diese Hoffnung blieb in der nächsten Zeit mein einziger Trost. Allerdings
machte es mir Unruhe, dass die Dragoner auf alle meine Fragen nach dem, was ihnen
beim Suchen begegnet sei, immer nur ausweichend, mit schweigendem Achselzucken
antworteten und zu guter Letzt erklärten, sie hätten dem Ritter alles gemeldet
und nichts mehr hinzuzufügen.
    Nach vielem Weinen in einsamen Stunden ergab ich mich in des Himmels
Schickung und stellte ihm die Zukunft anheim. Wie nun Frau Zetteritz sah, dass
ich mich in mein Unglück gefunden, eröffnete sie mir eines Tages, sie habe
bisher nicht die volle Wahrheit gesagt, weil sie mir nicht auf einmal einen so
grossen Schmerz habe antun wollen. Es sei kein Zweifel, dass der Verlorene nicht
mehr unter den Lebenden weile; eine Beute der Wölfe sei er worden. Von den
ausgesandten Dragonern seien nämlich an der Stelle, wo man meinen Gatten ans
Ufer gesetzt habe, die Reste eines Menschen gefunden, der von Wölfen zerrissen
gewesen; dabei seien die Kleidungsstücke gelegen, die mein Gatte angehabt. Zum
Wahrzeichen habe ein Dragoner ein ledern Wams mit schwarzer Stickerei gebracht.
    Nachdem ich mich über diese Schreckenskunde ausgeweint, hat Frau Zetteritz
mir das Wams gezeigt, und es war das Deinige, mein Johannes, wie Du es in den
gemeinsam verlebten Schreckenstagen an Deinem Körper getragen hast. So deuchte
mich nun gewiss, Du werdest mir nimmermehr auf Erden begegnen.
    Ich brauche nicht zu berichten, wie wir aus dem Magdeburgischen nach
Altenhof in Böheim gereiset sind. Genung, ich folgte der Witfrau Zetteritz in
ihr Haus und verblieb daselbst jahrelang als ihre Gefährtin und Helferin.
    Nach etlichen Monden kam mir ein wehmütig Glück, indem nun sichtbar war, dass
ich in den kargen Stunden unserer Ehe gesegneten Leibes worden. Am 6. Hornung
des Jahres 1632 hat mir Gott unser Knäblein, den kleinen Johannes, geschenkt,
und der ist mir sowohl, wie auch meiner mütterlichen Freundin ein rechter
Sonnenschein worden und die wenigen Jahre hindurch geblieben, so er in meinen
Armen verlebte. O dass es mir dereinst noch vergönnt sein möchte, teurer Mann,
Dir all die lieblichen Stunden zu schildern, da ich unseres Knaben Stammeln
belauschte, da ich ihn gängelte und dann die ersten Male frei laufen sah, da
sein lieblich Stimmlein singend mit meiner Stimme zusammenging, da wir jauchzend
einander im Garten haschten und den Ball in die Lüfte warfen. Für jetzo darf ich
nicht verweilen bei solchen Wonnen; schon trüben Zähren mein Aug, indessen ich
doch weiter schreiben muss. Zu bemerken wäre noch, dass Zetteritz sich vergebens
bemüht hat, von Kaiserlicher Majestät ein Gnadengeschenk für mich zu erwirken;
denn es hat der Kaiser die Bitte nur unter der Bedingung erfüllen gewollt, dass
ich zur papistischen Kirche mich bekehre. Solch Ansinnen hab ich abgelehnt,
nicht bloss aus Treue für den Glauben, den mein teurer Vater mit seinem
Märtyrertode besiegelt, sondern auch, weil mir die Lehren der Brüdergemeinde
nahegekommen und dann gar lebendig ins Herze gepflanzt worden sind. Ein Gesuch,
das ich an den Schwedenkönig richtete, kam zu spät, da dieser Held etliche Tage
vorher auf dem Schlachtfelde von Lützen den Geist aufgegeben.
    Meine Armut ist mir insofern zum Segen gediehen, als Frau Zetteritz meiner
Verheiratung mit ihrem Sohne widerstrebte, indem sie ganz offenherzig geltend
machte, bei seinem geringen Vermögen müsse ihr Sohn eine begüterte Frau haben.
Ich hatte nun guten Vorwand, die dargebotene Hand des Ritters abzulehnen. War
gewillt, nicht mehr zu ehelichen, insonderheit nicht den Mann, durch dessen
Verschulden mein Gatte ums Leben gekommen. Aber die Dinge änderten sich, als
meine mütterliche Freundin unerwartet das Zeitliche segnete, und Ritter
Zetteritz etliche Wochen später sein ererbtes Gut bezog. Da er mich jetzo des
öfteren sah, entflammte aufs neue sein Herz, also dass er vor seinem Abschied
unter Beteuerungen der Liebe in mich drang, einstweilen sein Haus zu verwalten,
dann aber als Gattin ihm die Hand zu reichen. Ich wies ihn abermals zurück,
wiewohl ich mich geneigt stellte, ihm als Schaffnerin zu dienen. dabei beruhigte
er sich, hoffend, die Zeit werde mich willig machen, und zog wieder in den
Krieg. Hierauf hatte ich nur gewartet, entschlossen, sein Haus zu verlassen.
Doch wohin mich wenden? Dich hielt ich ja für tot, Verwandte hatte ich nicht
mehr, und von Marianka war keine Spur zu finden. Wusste sonst niemanden, wo ich
Zuflucht suchen konnte, als die Preislerin in Schreiberhau. Ging sie also
brieflich an, mich bei sich aufzunehmen, damit ich vom Ritter Zetteritz nicht zu
einer mir widerstrebenden Ehe gedrängt werde. Wenige Tage nachdem ich den Brief
abgeschickt hatte, erhielt ich Botschaft, Zetteritz sei auf dem Heimwege und
könne jede Stunde eintreffen. Unverzüglich raffte ich meine geringe Habe zum
Bündel zusammen und wollte mit meinem Knaben eben aus der Wohnung gehen, als
meine Magd meldete, es sei da ein Weib zu Pferd gekommen und habe Wichtiges mit
mir zu reden.
    »Lass eintreten,« sagte ich, und es kam eine Jungfer, gut gekleidet, fein und
schön von Antlitz und Gestalt; hatte flächsern Haar und eine weisse Haut, jedoch,
was selten dabei zu finden, kohlschwarze Augen; die dunklen Brauen waren ob der
Nase zusammengewachsen. Sie neigte sich und küsste mein Gewand; sie komme von der
Preislerin, sagte sie, mich nach Schreiberhau zu holen. Gab sich für eine
Emigrantin aus, so glaubenshalber verfolgt, zu Schreiberhau ein ander Heim
gefunden habe. Nannte sich Bertulde. Ungeachtet sie liebreich tat, entging mir
nicht etwas Lauerndes, Wildes in ihrem Blicke. Doch ich beschwichtigte mein leis
Misstrauen, zumal sie alsogleich eine lebhafte Neigung für den Knaben zeigte. Als
sie vernommen, es sei mein Kind, fragte sie, ob Zetteritz der Vater. »Nicht
doch!« entgegnete ich und konnte meinen Unwillen nicht ganz verhehlen. »Nichts
für ungut, gnädige Gräfin,« bat die Jungfer; »Ihr habt ja der Preislerin
geschrieben, dass Ihr längst im Hause eines Ritters weilet, der Euch zum Weibe
begehrt. Aber wollet mir sagen, wie Euer Knabe geheissen.« - »Johannes,«
entgegnete ich. Da verschlang sie ihn mit lodernden Augen und nickte: »Wie sein
Vater.« Ich stutzte: »Was weiss Sie denn von seinem Vater?« Sie lächelte: »Ich
habe nur sagen wollen, dass er seinem Vater ähneln muss, inmassen die Frau Gräfin
ja braune Augen und dunkles Haar, der kleine Johannes aber blaue Augen und
güldene Locken hat.« dabei kniete sie zum Kinde, schaute ihm zärtlich ins
Gesicht und küsste es. Lieb war mir, von der Jungfer zu hören, dass sie Pferde für
uns bereitalte. An einem Bachbrücklein unweit des Dorfes wollten wir uns
treffen. Vor den Augen der Magd nahm Bertulde Urlaub und ritt davon, indessen
ich mit dem kleinen Johannes in den Garten ging und durch ein Hinterpförtlein
ins nahe Gebüsch schlüpfte. Auf einem Umwege gelangte ich zum Bachbrücklein und
fand die Jungfer mit zwei Reisepferden. Unverzüglich stieg ich in den Sattel und
liess mir den Knaben reichen. Bertulde schwang sich gleichfalls aufs Pferd, und
wir trabten los. Meine Führerin wählte lauter einsame Waldwege.
    Abends kamen wir in ein Dorf namens Altenhain und wollten daselbst
herbergen. Die Jungfer besorgte im Gastause für uns Quartier. Die Pferde wurden
in den Stall gebracht, und wir assen zu Nacht. Bertulde war gern um den kleinen
Johannes beflissen und hätschelte ihn. Derweilen kamen andere Gäste. Ein
Planwagen, mit zwei Pferden bespannt, ward von einem Mann soldatischen Aussehens
in den Hof geführt. Herunter stiegen zwo Frauen mit einem Kinde. Als die Pferde
eingestellt waren, kamen die Leute in die Wirtsstube und setzten sich. Des
Kindes Mutter war bleich und krank. Der Mann bestellte beim Wirt zu essen. Die
neuen Gäste sprachen nur leise mitsammen. Ich hörte, wie der Mann Heinrich
genannt wurde und das gesunde Weib Schwester Sibylle anredete. Nach beendeter
Mahlzeit suchten wir unsere Kammer, wo eine Streu mit Decken belegt war. Der
kleine Johannes schlief sofort ein, wir aber beredeten noch dies und jenes.
Bertulde brachte das Gespräch auf den Ritter Zetteritz, und mich überraschte
ihr Wort: »Warum will die gnädige Gräfin nicht den Ritter heuren?«
    Von neuem stieg mir Misstrauen auf, und ich fragte, wie sie dazu komme, mir
den Ritter Zetteritz zu empfehlen. »Es wäre doch für den kleinen Johannes gut,
einen Vater zu haben, zumal wenn es ein Ritter ist,« antwortete sie. Ich
schwieg, und wir legten uns schlafen. Ich fand aber wenig Ruhe, da ich mir
Gedanken über der Jungfer verdächtige Art machte.
    Mitten in der Nacht ward ich inne, wie Bertulde sich aufrichtete und nach
mir lauschte, wie sie dann behutsam sich erhub und aus dem Gemach schlich.
Argwöhnisch folgte ich ihr und sah, wie sie über den Hof in den Pferdestall
ging. Nach einer Weile kehrte sie zurück, ich huschte vor ihr in die Kammer und
stellte mich schlafend, während sie auf leisen Sohlen kam und sich niederlegte.
Was hatte sie bei den Pferden zu schaffen? Es liess mir keine Ruhe, und wie ich
bald darauf die Jungfer schnarchen hörte, schlich ich zur Kammer hinaus, die
Treppe hinunter, zündete eine vorgefundene Laterne an und trat in den
Pferdestall. Durchleuchtete ihn, um herauszufinden, was Bertulde Heimlichkeit
getrieben, fand aber nichts Absonderliches. Auffällig war nur, dass mein Pferd
mit dem einen Vorderfuss scharren wollte und dabei zusammenzuckte. Da entdeckte
ich unterm Huf eine Nadel, die an einer empfindlichen Stelle hineingesteckt war.
Ich zog die Nadel heraus, und nun konnte das Pferd schmerzlos auftreten. Nun
wusste ich, dass Bertulde mir eine Tücke antun wollte; resolvierete mich,
unverzüglich meinen Knaben zu holen und mit dem besseren Pferde davonzureiten.
    In diesem Augenblicke erschien Bertulde in der Stalltür. »Warum hat Sie
meinem Pferde eine Nadel beigebracht?« herrschte ich sie an. Sie tat unschuldig,
konnte aber das Feindselige ihres Blickes nicht hehlen. »Sie will meine Reise
aufhalten,« sagte ich ihr ins Gesicht; »warum das? Und weshalb hat Sie mir
gestern geraten, ich solle den Zetteritz heuren? Stehet Sie etwan gar im Bunde
mit ihm?« - Bertulde biss sich auf die Lippe, scheu rollte ihr Auge unter den
finstern Brauen: »Weil ich dem kleinen Johannes wohl will. Was soll denn der
Knabe in Schreiberhau, wo doch nur ein Glasmacher aus ihm wird. Indessen er als
Sohn des Ritters zu Ansehnlichem gelangt. Auch hehle ich nicht, dass die
Preislerin ebenso gesonnen wie ich.« »Was?« entgegnete ich befremdet; »die
Preislerin ebenso gesonnen? Wie kann sie mich alsdann zu sich laden und holen
lassen?« Hart versetzte die Jungfer: »Die Frau Gräfin irrt, oder vielmehr, ich
habe ihr nicht die Wahrheit gesagt. Die Preislerin mag nichts davon wissen, dass
Ihr in ihr Haus kommet, will hingegen, dass ich Euch in die Hand des Ritters
Zetteritz liefre. Den habe ich auch bereits verständigt, wohin Ihr entweichen
wollet, dass ich Euch geleite und in Gewahrsam halte. Jede Stunde kann der Ritter
hier eintreffen, und möget Ihr Euch wenden, wohin Ihr wollt, er wird Euch
einholen.« Wie eine Betäubte wankte ich bei dieser Entüllung. Dann witterte ich
das Falsche darin und gab entrüstet zurück: »Du willst mich täuschen! Was du
vorgibst, ist ohne Sinn. Die Preislerin ist eine gute Frau; sie kann nicht also
gesonnen sein. Du leugest, und das wird an den Tag kommen, sobald ich in
Schreiberhau anlange.« Wie ein Tier, das sich in der Schlinge gefangen hat, liess
Bertulde ihre Augen umherirren, dann ballte sie die Faust und knirrschte mit
den Zähnen: »Wehe Euch, so Ihr waget nach Schreiberhau zu kommen! Des Todes seid
Ihr!« Verächtlich entgegnete ich: »Des Todes? Ha, blinder Lärm! Wer sollte denn
in Schreiberhau wider mich sein?« - »Wer? Der Zetteritz! ich hetze ihn hinter
Euch drein.« - »Man wird mich vor ihm schützen.« - Scheu tat die Jungfer einen
Blick hinter sich nach der Stalltür. Dann verzog sich ihr Mund zu einem grimmen
Lächeln: »Wer wird Euch schützen? Wer denn? Etwan Euer Buhle? Der ist ja tot.«
Da überwältigte mich das Leidvolle meiner Verlassenheit. Ich schlug die Hände
vors Gesicht und schluchzte: »Tot! tot!« - »Ihr habt es ja selber gesagt, er sei
längst tot,« setzte Bertulde hinzu und lachte auf. Entrüstet fand ich wieder
meinen Mut und fuhr meine Feindin an: »Teufelin! Es sind noch andere Männer zu
Schreiberhau, die mich schützen.« Unschlüssig stund sie da und schien nach Rat
zu suchen. Ihr Angesicht war verzerrt, und sie zitterte wie von Fieberfrost
geschüttelt. Fletschte dann die Zähne wie ein Hund, und auf einmal blinkte in
ihrer erhobenen Rechten ein Dolch, während ihre Linke meinen Arm packte und mich
auf die Knie riss. »Die Schwurhand hoch!« zischte sie; »Schwöret, Euch nicht in
Schreiberhau blicken zu lassen. Auf der Stelle seid Ihr sonst des Todes.« Ich
rang mit der Entsetzlichen, und in meiner Hilflosigkeit entfuhr mir der Schrei:
»Johannes!« - - »Johannes?« kreischte sie. »Den bekommst du nicht! Nimm lieber
das da!« Und sie stach nach mir, dass ich den Stich bei der Schulter fühlte. Der
Odem ging mir aus, ich taumelte und verlor die Besinnung.
    Wieder zu mir gekommen, lag ich entkleidet in der Kammer, wo ich die Nacht
zugebracht hatte. Der Gast, den man Heinrich nannte, und seine Schwester waren
bei mir. Meine Wunde brannte, war mit nassen Linnen verbunden. Hastig sah ich
mich um, wo der kleine Johannes wäre. Aber das Weib, Sibylle mit Namen, fasste
mich beim Arm: »Stille, bleibet liegen; Ihr seid ja verwundet.« - »Aber wo ist
mein Kind?« wiederholte ich in Angst und wollte aufspringen. Der Mann lief
sogleich hinaus und rief: »Wo ist ihr Kind?« Schrecken malte sich auf Sibyllens
Angesicht; »Euer Kind? Ich weiss, gestern abend, da sass es bei Euch. Ja, wo ist
es nur? In dieser Kammer war es nicht.« Da schrie ich auf: »Sie hat's
mitgenommen, mein Kind geraubt, geraubt! Hinterdrein!« Und ich sprang auf. Doch
es drehte sich alles um mich, und ich sank in Sibyllens Arme. Dann kamen
Heinrich, der Wirt und andere Leute, und man rief: »Sie ist mit dem Kinde davon.
Hat es bei sich auf dem Pferde.« - »Ich habe sie reiten sehen,« bestätigte der
Knecht. »Hinterdrein, hinterdrein! rettet mein Kind!« - »Fort, Heinrich,« riefen
seine Frau und Sibylle. Er flugs hinaus, rief drunten nach einem Pferde und
trabte davon. Hilflos faltete ich die Hände und konnte nur wimmern. Tränen im
Auge, suchten mich die Frauen zu beschwichtigen; die Kranke streichelte meine
Hand, Sibylle tröstete: »Heinrich wird sie einholen, er ist Soldat.« Ich fand
keine Ruhe. Mich verlangte, selber mein Kind zu suchen. Wie nun eine heilkundige
Frau kam, die Wunde zu behandeln, bat ich um einen festen Verband, der mir
unverzügliche Reise gestatte. Die Heilkundige warnte, doch ich erklärte, die
Sorge um mein Kind werde mich eher umbringen als die Wunde. Bald darauf kehrte
Heinrich zurück und sagte: »Die Spur der Räuberin ist wie weggeblasen, habet
denn Ihr keine Vermutung, wohin sie sich gewandt?« - »Ich reise mit Euch,«
entgegnete ich, »und wir wollen übers Isergebirge ins Schlesierland nach
Schreiberhau. Dortin wird sie trachten. Denn sie forderte von mir, ich solle
mich nicht in Schreiberhau blicken lassen.« - »Ich werde allein hinreiten,«
sagte Heinrich. Aber ich stund von meinem Lager auf und überwand alle Schwäche.
Da sagte Heinrichs kranke Frau zu Sibyllen: »Geh auch mit, derweilen ich hier
bleibe; eine längere Rast kommt mir und dem Kinde zustatten. Helfet erst dieser
armen Mutter.« Indessen nun meine Wunde einen neuen Verband erhielt, sorgte
Heinrich für drei Pferde, dann brachte man mich behutsam in den Sattel. Erst
ritten wir langsam. Wie es aber gut mit mir ging, setzten wir uns in Trab.
Heinrich spähte immerfort nach der Spur der Räuberin. In der Hand trug er ein
Feuerrohr, an der Hüfte das Schwert. Wir Frauen waren mit Pistolen und Dolchen
bewaffnet. Nach mehrstündigem Ritt hielt Heinrich sein Pferd an und deutete auf
den Weg: »Hier ist vor kurzem jemand aus dem Walde geritten. Das wird die
Räuberin sein. Die Hufspur hat sie zuerst dadurch verborgen, dass sie vom Weg an
einer felsigen Stelle in den Wald abgebogen ist; hier jedoch hat sie wieder den
Weg aufgesucht. Er führt zum Isergebirge.« Als wir eine Strecke weitergeritten
waren und die Spur noch immer sahen, meinte Heinrich: »Jetzo müssen wir rasten;
Eure Wunde bedarf der Ruhe. Unterwegs holen wir die Räuberin doch nicht ein. Es
genügt, dass wir wissen, wohin sie sich gewandt. Wir finden sie in wenigen Tagen.
Keine Sorge, sie wird dem Kinde nichts tun.« Mein Herz ward leichter, da ich
bedachte, wie die Entführerin zum kleinen Johannes zärtlich gewesen. Was sollte
sie ihm denn auch antun? Nur für sich haben möchte sie das Kind. Aber wir werden
es zurückgewinnen. Nach einer ausgiebigen Rast, bei der wir Speise und Trank zu
uns nahmen, ging es weiter, bis wir abends zu Hütten gelangten und Quartier
fanden. Es war mir tröstlich, zu vernehmen, am Mittag sei hier eine Reiterin mit
einem Kinde vorübergetrabt in der Richtung auf Starkenbach. Da sich beim
Untersuchen meiner Wunde herausstellte, dass keine Blutung erfolgt sei, so
durften wir hoffen, bald am Ziele zu sein.
    Andern Tages ging die Reise bis Tannwald, am übernächsten ward uns mittags
bei einer Baude im Tal des Iserflusses die Auskunft, gestern sei hier ein Weib
mit einem Kinde gen Schreiberhau geritten. Wir waren auf demselben Wege, den ich
vor Jahren mit Dir, Johannes, bei Nacht zurückgelegt hatte. Im Schritt ging es
weiter, und als die Sonne in die Wälder sank, waren wir nahe der Grünen Koppe.
    Bei einbrechender Dunkelheit sahen wir Leuchtkäferlein über Wiesen taumeln,
dann glomm an einem Berge, so bei einer Waldlichtung sichtbar geworden, ein
Feuer auf, und Heinrich sagte: »Morgen ist Sankt Johannistag, dorten grüssen sie
ihn mit Fackeln.« Wir kamen nun zur Abendburg; es war Nacht; beim Felsen droben
wirbelte roter Rauch mit Funken. Viele Menschen jauchzten und johlten zu Harfen
und Geigen. Was gab es dorten? Sonst war die Abendburg doch gänzlich einsam. Ich
sprach mich darüber zu Heinrich aus, und er beschloss, als Kundschafter
vorzugehen, derweilen wir Frauen harren sollten. Wir banden die Pferde an Bäume,
und ich setzte mich nebst Sibyllen, indessen Heinrich, in der Hand sein
Feuerrohr, durch Dickicht schlich. Immerwährend scholl Geschrei und Singen von
der Abendburg. Endlich knackte ein Ast im Walde, und Heinrich war wieder bei
uns. »Das Kind ist da!« raunte er froh, und mir sank die schwere Last vom
Herzen. An seine Hand geklammert, stammelte ich heissen Dank. »Wo ist es?« -
»Droben!« sagte Heinrich. »Sie feiern die Johannisnacht; im Feuerschein hab ich
Euer Kind bei seiner Entführerin gesehen. Toll muss sie sein, und die Menge
trunken. Bertulde, schlohweiss gekleidet, auf dem Haupte einen Kranz, hat vom
hohen Felsen, an dessen Fuss ein gross Feuer lodert, zum Volke geredet. Mann und
Weib sind hierauf wie närrisch um die Glut getanzt; schwingen brennende Besen,
gleich Flammenrädern. Burschen hüpfen mit ihren Dirnen jauchzend über kleinere
Feuer. Kerle taumeln mit erhobenen Bechern, aus Tonnen wird Bier gezapft.« -
»Gehen wir sogleich hin,« sagte ich mit erneuter Angst. Aber Heinrich tat den
Einwand: »Hinter dem Graben stehen gewappnete Wächter, die möchten uns
leichtlich gefangen nehmen, weil wir fremd. Drum wollen wir uns gleichfalls mit
Fichtengrün kränzen und so tun, als gehörten wir zum Sonnwendfeste. Ich nähere
mich sachte dem Kinde und führe es unbemerkt beiseite. Ihr lauert indessen
nahebei und deckt mit euren Pistolen meinen Rückzug, wann ich den Knaben
bringe.« Sogleich schnitt Heinrich Zweige von den Fichten, und wir Frauen
machten Kränze. Dann prüften wir die Pistolen und schlichen hinter Heinrich her
zum Felsengipfel. Wie wir zur Lichtung kamen, war ich erstaunt, die Stätte
gänzlich verändert zu finden. Wo früher Wald gestanden, war eine Matte. An den
Felsen lehnte ein Balkenhaus, im weiten Kreise umgeben von Graben und Wall. Das
grosse Feuer war nicht bei dem Gehäus, sondern auf des Felsens andrer Seite. Wie
besessen tanzten bekränzte Männer und Frauen in bunten Kleidern um die lodernde
Flamme, in die soeben ein Tannenwipfel gestürzt war, dass es prasselte. Vom Walde
geborgen, schlichen wir an eine Stelle, wo wir aus nächster Nähe den Vorgang
betrachten konnten. Was uns hinderte, vollends heranzukommen, war der Graben und
dahinter der Wall, so mit zugespitzten Pfählen versehen war. Auf der Matte, die
sich innerhalb dieser Wehr zum Abendburgfelsen hinan erstreckte, waren
vereinzelte Männer mit Feuerrohren und Partisanen. Sie bewachten den Platz.
    Auf einmal kam neue Bewegung in die Menge, weil jemand etwas ausgerufen
hatte. Man lief und drängte zum grossen Feuer. Ein paar Geigen intonierten eine
wildfeierliche Weise, und dann sangen Kranzjungfern:
»Komm ins Leuchten, komm ins Leuchten,
O du wunderweisse Braut!
Deine trüben Erdentage
Sind nun alle, alle aus.
O weh und juchhe! O weh und juchhe!
Weinet und lachet: Lichtbraut ade!
Bald mit Flügeln angetan,
Fleugst du wie der rote Hahn.«
    Da war auf einmal die bekränzte Bertulde auf dem Felsen, in ihrem weissen
Gewand rot angestrahlt. Nicht weit von ihr stund mein kleiner Johannes,
ebenfalls weiss gekleidet und bekränzt. Staunend hielt er das Fingerlein an
seinen Mund. Mir jauchzte das Herz, dass mein Kind heil und munter. Ich wollte
hineilen, ward aber von Sibyllen zurückgehalten.
    Den Arm erhoben, gebot Bertulde Stille, und dann brachte man ihr eine
Harfe. Wie eine Verzückte starrte sie in die Glut und redete getragen zum
Harfenschall: »Lichtsonne, Born der Lust!« Wie eine betende Prozession murmelte
die Menge: »Lichtvater in uns, nicht über uns.« Und Bertulde fuhr fort: »Zu
deines Gottesleibes Gliedern heilige uns! Absterben lass dein Kind der
Schattentiefe, begrabe das Opfer in läuternden Flammen.« Gleich einem Widerhall
scholl es: »Lichtvater in uns, nicht über uns.« Nach diesem Gebet gab Bertulde
die Harfe zurück und sprach, erhoben die Hand: »Höret mich an! Heilig ist die
Stunde, da wir feiern des Lichtes Triumphieren, und weil allhie eine Braut
stehet, sich hinzugeben der Flamme. Wohlan, lasset mich bekennen, wer diese
Lichtbraut ist. Von Mitternacht aus dem Harzgebirge bin ich kommen, eine
Flüchtige, nebst meinem Bruder. Dieweilen ich schon in der Heimat dem Lichtvater
gehuldiget, haben mich die dummen Pfaffenknechte zu Asche brennen wollen. Eine
Hexe haben sie mich gescholten, unwissend, dass die Hexen mit Magie das Beste zu
erlangen suchen, was die Erde ihren Kindern darbeut: Lust und Minne! Gern wär
ich eine Hexe worden, habe mir auch ein magisch Ding zugelegt, denn auf
minnigliche Lust ging all mein Seufzen aus. Ein ander Los indessen ward mir vom
Lichtvater bestimmet. Zu seiner Lichtbraut hat er mich erkoren; blieb mir doch
das Glück der Minne alleweil versagt, als habe Frau Venussin den Auftrag, mir
den Rücken zu kehren. Den ich zuletzt und am heissesten liebgewann, dessen Burg
heut eingeweiht wird, auch er hat mich verschmäht - oh, verschmäht ...«
Schmerzlich presste die Tolle die Faust auf ihre Brust und starrte in die Glut.
»Und warum verschmäht? Ein sanft Weibsbild hat es ihm angetan und mir sein Herz
entwendet. Ich aber habe meinen Dolch in ihr Herzblut getaucht, dass sie
hingegangen ist, wohin sie gehört. Mag sie Halleluja singen in ihrem
Pfaffenhimmel! Ihr Herz hab ich bluten lassen, denn sie hat das meine zuvor
bluten lassen. Und weil sie an mir zur Räuberin worden, hab ich ihr Kind geraubt
... Hie stehet es ja, das Schätzchen.«
    Heinrich wandte in stummer Frage sein Angesicht zu mir, Sibylle presste meine
Hand, ich war wie versteinert vor Angst. Die unsinnige Lichtbraut aber sank nach
dem Auflodern ihrer Wildheit wieder in dumpfen Trübsinn. Griff sich an die
Schläfe und sah ratlos umher: »Was soll ich anoch allhie? Will lieber tun, was
mir bestimmt ist. Sterben will ich ...« Wie Verzückung kam es über sie: »Doch in
Minne sterb ich, für meinen Liebsten sterb ich, für sein Lichtreich sterb ich,
für euch alle sterb ich!« Die Menschen drunten, mit aufgerissenen Augen regten
sich murmelnd, und Zurufe kamen: »Heil Bertulde! Lichtbraut! Lichtvater in uns,
nicht über uns!« - »Ja, Lichtvater in uns -« triumphierte die Besessene. »Er
bleibt in mir, ich bleib in ihm. Stirb dem finstern Abgrunde, so gewinnst du
Geburt im seligen Lichtreiche. Gehet nun auch mein Liebster in das Reich - und
bald wird er mir folgen -, hei, welch selig Willkommen beut ihm seine Verlobte!
Denn ich verlobe mich ihm, werde unauflöslich ihm angetraut durch freien
Opfertod in den Flammen« ... »Um Gottes willen!« raunte Heinrich. »Ich muss hin.
Bleibet hier, rühret Euch nicht! Ich will auf der andern Seite über Graben und
Wall gelangen.« Und geduckt schlich er hinweg, während ich zitterte und vor
Angst kaum vernahm, was die Tolle weiter redete. Doch klingt mir noch ein
Kreischen im Ohre: »Und vor Lichtvaters Tron will ich weisen das Pfand meiner
Minne, das ich mit mir nehme von dieser Erde ... Und sollt ich nicht rein genung
sein, euch zu entführen, mag denn das andere Opfer die Erlösung vollbringen. Die
geopferte Unschuld macht uneinnehmbar diese Burg. Nun ade, ihr alle! Ein Ade
auch meinem Liebsten! Hineilen soll er, wo ich sein harre. Für mich hebet jetzo
an der Hochzeitstanz.« - Und drunten sangen sie; später - wie oft habe ich
darüber grübeln müssen! - sind mir die grausigen Worte, alles Einzelne, wieder
deutlich geworden:
»Springe denn, springe denn
Deinen allerletzten Tanz.
Morgen darfst du schweben
In des ew'gen Vaters Glanz.
O weh und juchhe! O weh und juchhe!
Weinet und lachet: Lichtbraut ade!
Lass die schwarze Erde stahn,
Heim ins Lichtmeer sollst du gahn.«
    Indessen hatte sich die Hexe umgewandt und mit Lächeln meinem Knaben
gewinkt. Ich war vor Grauen gelähmt, der Schrei erstickte in meiner Kehle. Und
zur lockenden Teufelsbraut kam der kleine Johannes, wie ein Vögelchen vom Blick
der Schlange in ihren offenen Rachen gelockt. Jauchzend nahm sie das Kind auf
den Arm, küsste es und sprang in die Glut - mit meinem Kind in die Glut! Ich sah
Funkengarben, hörte den Aufschrei der Menge, dann fühlte ich in meiner wunden
Brust einen Stich, heiss quoll es mir vom Munde, hintaumelnd verlor ich die
Sinne.
    Wieder erwacht, lag ich im finstern Walde am rauschenden Bache. Sibylle
netzte mir den Mund. »Mein Kind!« wimmerte ich und hörte Heinrich schluchzen.
»Still, still,« sagte Sibylle weinend. »Ergebt Euch in des Ewigen Schickung;
einst werdet Ihr Trost finden ob der harten Prüfung. Nur stille, stille!« Und
sie streichelte mir die Hand. Ach, wie höhnische Höllengeister kamen mir jetzo
die Leuchtkäfer vor, so trunken durchs Dunkel taumelten.
    Was soll ich weiter sagen? Höllenpein leide ich, sooft ich bedenke, was
damals geschehen. Von Heinrich vernahm ich, er habe die tolle Bertulde
niederschiessen wollen, doch sei sie ihm mit ihrem Sprunge zuvorgekommen.
Zurückgekehrt, habe er mich ohnmächtig gefunden, und auch Sibylle sei halb von
Sinnen gewesen. Das Blut sei mir aus dem Munde gequollen, aus meiner Wunde müsse
es sich in die Lunge ergossen haben.
    Ein wilder Taumel habe nach dem Opfer die Versammlung hingerissen. Ein
Weinen und Jauchzen sei losgegangen, Weibsbilder seien in Entrückung
hingesunken, schluchzend habe man einander umarmt, sei dann lachend ums Feuer
gesprungen und habe emsig Holz hineingeworfen. Hätten damals die Grabenwächter
besonnen gespähet, wir wären entdeckt worden und dann wohl des Todes gewesen.
Aber die Wächter hatten sich nach dem Schauspiel umgewandt, und die ganze
Teufelsgemeinde war von dem Opfervorgang derart hingerissen, dass sie für nichts
andres Augen hatte.
    Auf mein Flehen trugen mich Heinrich und Sibylle fort. Ich wimmerte nur
immer: »Fort von hier! Die Hölle ist hier!« Erst wie kein Laut und kein
Feuerschein von der Teufelsmette mehr zu spüren, ward Rast gemacht, und ich lag
zum Sterben erschöpft, von Fiebergesichten geängstet. Mein Gatte kann mitfühlen,
was in der Mutter vorging, da sie ihr Kindlein, ihren einzigen Trost, so
schaurig ins Flammengrab sinken sah. Verzweifelt bin ich zuerst an Gottes
Barmherzigkeit, und die Folter hätte mir bald das Hirn zerrissen. Dann aber, im
tiefsten Abgrund des Leides, spürte ich ein Fünklein, und innen klang mir ein
sanftes Lied. Aus der Finsternis dämmerte und leuchtete ein Lichtkreuz. Und ich
betete immerfort: »Selig, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.«
So bin ich langsam, ein neuer Mensch worden. Gottes Stille ist über mich kommen,
ich habe gelernt, demütig alles hinnehmen, was seine Hand mir schickt. Im
übrigen hat es sich mit mir folgendermassen begeben. Heinrich und Sibylle hatten
ihre liebe Not, als ich wegen meines Kindes Opferung halb von Sinnen und vom
Blutverlust erschöpft war. Auf der Iserwiese war eine Baude gelegen; dortin
brachten sie mich und pflegten mein länger als eine Woche. Wie ich dann halbwegs
zu Kräften gelangt war, reiseten wir zurück nach Altenhain, wo Heinrichs krankes
Eheweib nebst dem Kinde geblieben war. Ach wie blind waren wir - blind vor
Entsetzen. Wir unterliessen es, Näheres über die Teufelsmette zu erforschen -
wiewohl die Rede der Lichtbraut ein Rätsel entielt, von dem eine geheime Stimme
in meiner Tiefe sagte: »Sollst es aufklären!« Wir unterliessen es, weil ich
nichts hören mochte von dem grausigen Erlebnis, auch weil wir bald darauf von
einem neuen Schmerz in Anspruch genommen wurden. Wir fanden nämlich Heinrichs
Frau dem Tode nahe und kamen kaum rechtzeitig, ihren letzten Willen zu
vernehmen. Mich bat sie, ihr Kind fürder als das meine anzusehen und bei ihren
Lieben zu verbleiben. So hab ich es denn auch gehalten und habe mit Heinrich,
der Feldweibel eines kursächsischen Regimentes war, länger denn ein Jahr
Heereszüge mitgemacht. Immer herzlicher mir zugetan, hat er mich zum Eheweibe
begehrt, von mir aber die Antwort erhalten, mein Gatte sei vielleicht noch am
Leben. Mit Betrübnis hat Heinrich diesen Bescheid vernommen, sich aber nicht
zufrieden gegeben und oft angedeutet, wie er auf meine günstige Antwort noch
immer hoffe.
    Wie sein Regiment einmal am Flusse Unstrut quartierte, hat sich jenes
Unglück zugetragen, das Du kennst. Klein Anneliesel, das mir anvertraute
Mägdlein, ist, da ich im Behüten nachlässig gewesen und unter einem Weidenbaume
eingeschlafen bin, beim Blumenpflücken ins Wasser gefallen und ertrunken. Drauf
hab ich heftige Anklagen wider mich erhoben und nur den einen Trost vor mir
gesehn, dem unglücklichen Vater durch alle mögliche Güte die Herzenswunde zu
heilen, wenn anders dies möglich. Und aufs neue ist Heinrich in mich gedrungen,
dass ich die Seine werden solle. Da deuchte es mich Pflicht, die Lücke in seinem
Herzen auszufüllen, die seines Kindes und Weibes Verlust ihm gerissen. Und da er
endlich meine Bedingung, dass ich ihm nach unserer Trauung nur Schwester sein
wolle, bewilligte, gelobte ich ihm vor dem Geistlichen alle Treue, so er von mir
beanspruchen durfte.
    Ein Trost ist es mir bei diesem Schritte gewesen, dass ich Heinrich bestimmen
gekonnt, sein blutig Handwerk aufzugeben und nach einem friedlichen,
unschuldigen Brote zu trachten. Schliesslich ist uns das Glück zuteil worden, dass
Heinrich das Hirtenamt auf dem Breiten Berge erhielt. Aber die Ruhe, so in den
ersten Tagen unseres Hirtenberufes in den klaren Berglüften mein Herz
besänftigte, hat gar bald einem wilden Sturme weichen müssen.
    Wie ich nämlich einen Besuch bei Petersdorfer Leuten gemacht und das
Gespräch auf die Teufelsmette gelenkt habe, um Genaueres zu erkunden, da ist mir
das Herz schier stillegestanden, als ich vernommen, Johannes Tielsch, der die
Hexe Bertulde zu unsinniger Minne entzündet und so die Teufelsmette veranlasst
habe, sei anoch am Leben und in den Trümmern der ehemaligen Beste als Eremite
wohnhaft. Meine Aufregung, ein seltsam Gemisch von Schrecken und Jubel, von
Gram, Reue und Trost, hab ich vor den Leuten kaum hehlen können, als sie mir des
weiteren über Dein Geschick berichteten. Zuerst mit Verzweiflung, dann mit
trüber Ergebung hab ich bedacht, wie nah uns das Glück gewesen, da Du und ich
und unser Kind auf dem engen Raum der Abendburg beisammen gewesen, und wie eine
herbe Schickung gleich darauf den kleinen Johannes uns entrissen, seine Eltern
aber voneinander geschieden hat, dass sie erst nach Jahren ihr Wiedersehen
gefunden haben und dabei zögern müssen, einander in die Arme zu schliessen.
    Und was nun weiter? Was soll hinfürder mit uns zwei armen Herzen geschehen?
Mit stets erneuter Wildheit wird diese Frage meinen Johannes bestürmen, und alle
Leiden wird er durchmachen, mit denen ich selber ringen gemusst. O wie bitter hab
ich den Himmel verklagt: »Warum nur hast du der Frau, die ihren Gatten suchte,
dicht vor ihrem Ziel ein Hemmnis in den Weg geworfen, das ihr Hoffen vereitelte
und auch noch ein höchst jämmerlich Klagewort heraufbeschwört? Mein Johannes
kennt dies Wort; es heisst: beinahe! Beinahe wär's geglückt - so klagen unsere
armen Herzen. Es fehlte nur diese oder jene Winzigkeit. Eine misslungene
Botschaft, ein eitel Gerücht, falsche Deutungen, dazu Tücke und
Unzuverlässigkeit der Menschen - das alles hat neue Wirren zwischen den
getrennten Gatten angestiftet, also dass sie nicht zueinander gelangten - nicht
rechtzeitig ... Zu spät, ach zu spät! Erst als ich des festen Glaubens, du
seist tot, Heinrichs Ehehälfte worden, hat die Sonne den Nebel zwischen uns
beiden verscheucht, so dass wir einander mit unsern Augen gefunden haben.
    Da geht nun zugleich ein Jauchzen und ein Schluchzen durch unsere Seelen.
Beglückt sind wir, weil jeder den andern noch am Leben weiss und nahe bei sich
hat. Und doch können wir nicht unterlassen, bitterlich zu weinen, weil wir nicht
unverzüglich einander in die Arme eilen können. Vor mir ist ja eine Kluft und
hinter mir ein Band; halt an, du ungestüm Herze, so weh es auch tut, wenn der
Zügel zurückreisset und Sorge verstört. Solches Weh durchzumachen ist nunmehr
Dein Los, teurer Mann. Und ich, obwohl allbereits etlichen Friedens teilhaftig,
werde im Geiste bei Dir, Deine schaurigen Seelenstürme mitfühlen. Da ich
indessen tief innen ein Plätzlein des Friedens gefunden, so möcht ich gern
meinen armen Liebling aus seinen Kümmernissen an meine Seite retten und aus
meinem gesammelten Seelenschatze erquicken. Wohlan denn, erwäge folgenden Trost,
den ich für dich wie für mich ausfindig gemacht:
    Zum ersten: Wir dürfen nicht unbescheiden im Wünschen sein. Ein unsagbar
Glück allerdings scheint es auch mir, so wir zwei beide endlich dauernd und
friedreich einander als Gatten angehören. Ja, himmlisch wäre solch Los hier auf
den einsamen Weidematten im Schutze der Waldberge. Doch nur des Himmels Güte -
und ich meine den Himmel im Menschenherzen - nicht Ungestüm und Kampf, kann
dieses Glück bescheren. Harren wir in Demut, bis er alles zum Besten fügt,
trösten wir uns einstweilen mit der Gunst, die uns allbereits beschieden. Ist
denn nicht das, was wir jetzunder schon haben, weit besser, denn ein ander Los,
so uns doch auch nahe lag? Mein Johannes hätte ja wirklich des Todes sein
können, so dass uns in diesem Leben kein Stündlein des Wiederfindens mehr
vergönnt wäre. Und Bertuldens Dolch hätte ein wenig tiefer treffen können, wo
das Herz liegt. Nun aber leben wir beide und wohnen sogar nahe beisammen, dürfen
wohl bald, ich hoffe in etlichen Monden, mit Heinrichs Einwilligung einander
Liebes erweisen. Gestehe, Johannes: Ist das nicht ein Heil? Drum sollst du stets
ermessen, was du gewonnen hast, und sollst bedenken, dass die Entbehrung nur da
Schmerzen macht, wo das Verlangen über die Habe hinausgreift.
    Zum andern: In dem jetzo eingetretenen Zustande haben wir beide Gelegenheit,
jenes Eden zu erschliessen, das mein Johannes seiner Tekla in einer
unvergesslichen Predigt gewiesen hat. Ist denn nicht die Minne, so wir
füreinander hegen, wert, zu jener adligen Verklärung zu gelangen, so mein
Johannes in Gesichten gekostet hat? Ich nehme Dich beim Wort, verehrter
Prädikante; zeige jetzo, dass Du nicht bloss mit Traum und Rede gen Himmel zu
fliegen verstehst, sondern dass die Beherzigung auf Adlers Fittichen nachfolgt.
Auch das Wort ist ja wie der rauhe Abendburgfels. Die Tat erst wandelt ihn zum
Königsschloss, drin güldne Schätze funkeln. So lass uns heben den wahren
Abendburghort, geliebter Schatzbeschwörer!
    Endlich wisse: unheilbaren Schmerz würdest Du mir zufügen, so Du es wagen
solltest, vor mein Angesicht zu treten, ehe die Stürme Deines Herzens ausgetobt
haben. Dies ist mein fester Wille: erst muss uns beiden die Läuterung gelungen
sein, bevor wir einander der Gefahr aussetzen, durch das geliebte Bild zu neuer
Glut entzündet zu werden. Insonderheit müssen wir an Heinrichs Seelenheil
denken. Das ist gefährdet, sobald er in Dir den Nebenbuhler wittert; Dich würde
er verantwortlich machen für meine Sprödigkeit, und es grauset mir, so ich an
die Heftigkeit seines Willens denke. Seiner ersten Frau, zu deren Tode, wie zum
Tode ihres Kindes, mein Schicksal beigetragen hat, hab ich in die erkaltende
Hand gelobet, ihre Lieben getreulich zu stützen. Heget nun mein Johannes anoch
Minne für mich, so muss er mir beistehen in allem guten Trachten. Drum so darf
nichts geschehen, was Heinrich in Eifersucht und Grämen stürzen könnte. Er weiss
nicht, was Du mir bist - und einstweilen soll er nichts davon ahnen. Was den
kleinen Johannes betrifft, den hält er für das Kind meines ungestümen Freiers
Zetteritz. Lass ihn bei diesem Glauben! Führen wir ihn zu dem Ziel, das Deiner
heiligen Sehnsucht vorschwebt! Bringen wir ihn dahin, dass er ohne Groll an
meiner Linken, wie Du an meiner Rechten, die Schwelle des Himmelreiches
überschreitet. Fühlen wir, dass uns diese Aufgabe gelingen wird, so mag es sein,
dass wir beide einander von Angesicht zu Angesicht schauen.
    Vorerst suche keinen anderen Verkehr zwischen uns als den heimlichen
Austausch von Briefen! Ich flehe Dich an, lass dies unser Gesetz sein. Mag jeder
dem andern schreiben, wie es ihm ums Herz. Lass uns aber zuvor die Herzen rein
und schön machen. Den allerersten Brief sollst Du nicht eher senden, als bis
diese Woche vergangen ist. Am Sonntag um die Mittagszeit, doch keinen Tag früher
- es hülfe nichts - entzünde beim Hohenstein ein Feuer, nachdem Du Dein
Schreiben wohlverwahrt in den hohlen Buchenbaum beim Kesselstein getan, Du
kennst den Felsen mit der kesselartigen Grube gegenüber dem Schreiberhauer
Wachstein. Sehe ich Deine Rauchsäule, so sende ich meine Schwäherin Sibylle, in
allem meine treue Vertraute, zum Kesselstein, Dein Briefel zu holen. Im Baume
wirst Du ein Schreiben von mir jedesmal vorfinden, wenn vom Breiten Berge eine
Rauchsäule das Zeichen gegeben hat.
    Nun denn, mein Hirt und Heil, halte stets den Geist der Güte und Weisheit im
Herzen und übertritt nicht das Gesetz, so unverbrüchlich zwischen uns beiden
walten muss. Die Treue zu Heinrich darf nicht verletzt werden. Harre aus,
Geliebter - ringe nieder, so heisses Ungestüm Dich hinreissen will - lass den
Winter vergehen - dann im Lenze vielleicht ... Einstweilen gibt es keinen
anderen Weg für Dich als den von Deiner Tekla gewiesenen. Liebst Du sie
wahrhaft, so musst Du den Gott in ihrem Herzen walten lassen. Gewiss, das tust Du,
fromme Seele, und so wirst Du nach Versuchungen und Schmerzen als Sieger
vereinigt werden mit Deiner Dich segnenden Hirtin Tekla.«
 
                              Das letzte Abenteuer
                           Vom Frieden der Abendburg
 Nachdem ich diesen Brief gelesen und aber gelesen, verfiel ich in langes Weinen
- wie ein schwaches Kind, ohne Beistand, ohne Rat. Unverdientermassen peinvoll
nannte ich mein Los und wusste vorerst nichts besseres, als mich zu bedauern. Und
wie ich dem Geschicke grollte, so mengte sich Bitterkeit sogar in meine Liebe.
Wohl lohete sie auf wie ein Waldfeuer, doch beizender Qualm kam heraus. »O
Tekla - jammerte ich - bringst du es übers Herz, mich von dir wegzubannen?
Warum eilt die Gattin nicht in ihres Gatten Arme? Warum versteckst du dich
hinter dem andern Mann und erkennst ihm Rechte zu, die er doch gar nicht hat?
Ungültig ist ja deine Trauung mit ihm. Mir warst du früher angetraut, und nicht
zur Witfrau hab ich dich gemacht. Die Meine bist du, Tekla, zögere nicht! Was
soll mir, der ich lang auf dich geharret und nun vor Sehnen verschmachte, was
soll mir noch fürdere Wartezeit? Bin ich ein Büsser, der fasten soll? O grausam
wäre das!«
    So machte mein Ungestüm einen Rebellen wider den Wunsch der Liebsten. An
ihre flehentliche Bitte, vorerst nur brieflich mit ihr zu verkehren und nicht
vor dem siebenten Tage zu antworten, mochte ich mich nicht binden. »Nein doch,
Frau« - sprach ich heimlich - »lass lieber unseres Schöpfers Wort gelten, zur Eva
gesprochen: Deinem Manne sei dein Wille untertan, es seien Mann und Männin ein
Fleisch.« Und es brausete mein Blut wie vor vielen Jahren zu Magdeburg, da ich
mit der Geliebten unter der Erde Hochzeit gehalten. Alle Reize des süssen Weibes
erblühten von neuem und waren entzückender noch als damals in der Kirchengruft;
mich verzehrte das Schmachten, eine Wüstenei galt mir das Leben ohne Tekla.
    Unsinnige Pläne beschwur meines Blutes Gärung herauf. Umlauern wollt ich
Kiesewalds Baude und bei guter Gelegenheit Tekla zur Rede stellen, sie
überzeugen, dass sie mir zu folgen habe, und dann mit ihr auf Schleichwegen
entfliehen. Würde Heinrich uns verfolgen, dann wehe ihm! Schon im Kampfe mit dem
Nebenbuhler sah ich mich, sein Blut floss wie das meine. Und nieder zwang ich
ihn, frei war nun die Bahn für mein erobert Glück. Nach Dresden wollten wir uns
wenden und ein friedlich Gütlein erwerben beim schönen Elbestrome. An Gelde
sollt es nicht fehlen; des Abendburgschatzes wollt ich von neuem habhaft werden.
Es reuete mich, ins Felsenloch ihn gesenkt zu haben. Indessen liess sich der
Schaden noch gut machen. Ich plante, das Höhlenwasser zu stauen und das
Felsenloch trocken zu legen. Hineinkriechen wollt ich und das Gold wieder
herausholen. Falls das Loch zu enge wäre, liess es sich auseinandersprengen. Das
Sprengmittel besass ich; drei Fass Pulver waren in den kriegerischen Tagen der
Abendburg drunten verborgen und noch unverbraucht. Die nächsten Tage schaffte
ich in der Höhle, um den Schatz wieder in meine Hände zu bringen. Durch das
eisige Wasser patschte ich und griff ins Felsenloch. Verschwunden aber blieben
die Kostbarkeiten, hinabgespült in den Schacht harten Gesteins. Meine Mühe, das
Wasser zu stauen, wollte nicht gelingen; zerrissen war das Felsenbett, und wenn
ich mit Steinen, Moos und Schotter eine Sperre gemacht hatte, kam das Wasser aus
tiefen Spalten herfürgeschossen. Da musst ich mich schon auf langwierige Arbeit
einrichten. Abgemattet und verzagt griff ich mit zitternder Hand an meine Stirn:
»Was tust du, Narr? Erst verwirfst du das Gold, wie man eine Giftschlange
wegschleudert; und jetzo suchst du wieder danach, als ob es dein Heil sei. War
nun der Verwerfende ein Narr, oder ist es der reuige Sucher? Besinne dich,
Mensch!« Und es raunte mein besser Selbst: »Verworfen hast du den Mammon, weil
er Unfrieden und Schuld, Habgier und Neid, Trug und Totschlag heraufbeschwur und
solchergestalt als echter Höllenfürst sich zu erkennen gab. Um dich ein für
allemal loszusagen von dem Seelenverderber, hast du ihn hinabgestürzt in den
schwarzen Erdenschlund. Friede hat dich seitdem begnadet, schon tat der Himmel
sich dir auf. Nun aber wendest du dein Angesicht wieder zur Tiefe. Was suchst du
drunten? Meinst du, aus dem schaurigen Höllenkessel könne dein Glück
emporsteigen? Das Gold holst du vielleicht heraus, dafür aber wirst du dein
besser Selbst hinuntersenken.« So haderte ich, und es reuete mich allgemach, dass
in dem Briefe, den ich dem hohlen Baum beim Kesselstein anvertraut hatte, eine
Sinnesart zum Ausdruck gelangte, keineswegs dem Edelmetall des Herzens
angehörig, wie es Waldhäuser empfohlen. Da ich mich schämte, im ersten Brief an
Tekla mich also wüst zu geben, so eilte ich zum Kesselstein, den Brief wieder
zurück zu nehmen. Er war aber bereits abgeholt. Teklas Antwort liess nicht lang
auf sich warten. Eine Rauchsäule am Breiten Berge gab das Zeichen, dass ich zum
Kesselstein kommen solle. Ich eilte hin und zitternd entnahm ich der Baumhöhlung
das Papier. Und las Teklas Zeilen, die hastig hingeworfen und zuweilen durch
Zähren verwaschen waren:
    »Wie zerrissen muss Dein arm lieb Herze sein, teuerster Mann! Wilde Geister
möchten Dein Heiligtum erobern und haben mit blendenden Kriegslisten für ein
Weilchen Boden gewonnen. Gewisslich nur für ein Weilchen! Bald wird mein Johannes
aus seiner Verstörteit erwachen und dann erst recht ein Gotteskind sein. Die
unbeholfene Schreiberin hat im vorigen Brief verschwiegen, welch Entzücken ihr
Deine Predigt im Felsendom erweckte. Sinne Dich, Geliebter, in eines
anschmiegsamen Weibes Seele hinein, wenn sich der verlorene Gatte wiedergefunden
hat, voller Adel wie ein Demant, der dem Besitzer abhanden kam, um köstlich
geschliffen zurückzukehren. Nicht als ob ich in den Jahren unserer Jugend Mängel
an Dir empfunden. So wie Du warst, hast Du meine wonnige Anbetung gehabt. Und
nicht minder zärtlich umfinge Dich jetzo meine Liebe, wärest Du des Kriegsgottes
Anhänger geblieben, obwohl ich alsdann zum Himmel flehen würde, dass er Dich über
die rauhe Ritterschaft hinaushebe in jenen Stand, zu dem die Sterne Dich
bestimmt haben. Herzog Wallenstein war ein astrologischer Prophete, als er
sagte, Du werdest kein Kriegsmann sein, sondern Hoherpriester. Ja, einen Born in
Dir hat sich die Weisheit bereitet. Denke doch, wie darob eine Frauenseele
jubilieren muss, die in langjähriger Trennung vom Geliebten zum selbigen Gipfel
der Verklärung aufschauen lernte, den Deine Hohepriesterschaft feiert. So sind
wir beide ja im tiefsten Grunde eins, von einer Andacht zum gleichen Pilgerziel
bewegt. O reiche mir Deine Hand, ich halte sie fest. Vertrauend will ich ihr
gehorsamen, soweit ich vermag. Nachsicht aber, Erbarmen erflehe ich, falls ich
vor Schauder zittere und meinen ungestümen Führer zurückzerre von der finstern
Tiefe, in die ein Taumel uns stürzen möchte. - Ach es muss wohl sein, dass die
süssen Pfirsche bittere Steine bergen, dass zur Liebe Leid gehört und Straucheln
zum Emporklimmen. Hat denn nicht selbst der Heilige am Kreuz geseufzet: Mein
Gott, warum hast Du mich verlassen? Ist er nicht zur Hölle niedergesunken, bevor
er zum Himmel emporfuhr? Hatte nicht Satan Gewalt, ihn zu versuchen? Und war es
nicht von höchster Weisheit vorherbestimmt, dass nur durch Einkleidung ins
niedere Staubgewand Gott zum Erlöser werden konnte? Unumgänglich - so scheint es
- begibt sich alle Kreatur in den Eigensinn des Sündenfalls und wiederholt
Luzifers Absturz. Erst aus der Enttäuschung, aus der Friedlosigkeit quillt und
drängt das Heimweh nach der himmlischen Unschuld. So will ich denn geduldig mit
meinem armen Liebling gehen, will Sorgen und Leiden mit ihm teilen, dieweil ja
meinetwegen, aus Lust an dieser Evanatur, mein Adam sich verirrte. Ohn' Unterlass
aber will ich ihn anflehen: Lass mich nicht eine gar zu arge Versucherin sein!
Genung, dass ich zur Gedankensünde, zum bösen Plane Dich verführte, nun hüte Dich
vor der Ausführung! Halt! Keinen Schritt weiter! Unterlass die Untat! Es warne
Dich das Grauen, so allbereits den Vorschauenden anfällt! Schau doch her, ich
zeige Dir, was die Hölle mit uns vorhat. Der Rat, den ihr giftiger Odem raunet,
heisst Wortbruch, Flucht, Lüge, Verräterei, Beleidigung, Anreiz zu Eifersucht und
Rache, Fehde und Totschlag, Schuld und Selbstqual. Mein Johannes und mein
Heinrich, beide meiner Liebe anvertraut, sollen heimgesucht werden von diesen
höllischen Folterknechten. Johannes begehrt mich zu seinem Eigentum, wie der
Besitzer eine Sache einzig haben will. Heinrich aber wird alsdann zürnen: Halt,
Räuber, nimm erst mein Leben, oder lass das deine! So verkehrt sich die Minne,
die doch Wohltat sein sollte, zur Untat. Muss das sein? Meinest Du etwan,
Heinrich mache Dir mein Herz abspenstig? Angenommen, er fürchte, von Dir in
Schatten gestellt zu werden, alsdann wäre diese Sorge nicht so töricht, wie
Deine; und ein Recht auf unsere Nachsicht hätte der Arme, der sich betrübt, weil
ich ihm nur Schwester bin. Darf ich nicht einmal das? Zürnest Du, weil Heinrich
Deiner Tekla gut ist? Ja, gut ist er, Dir und mir hat er lauter Liebes getan.
Unser kleiner Johannes war von Bertulden geraubt; da hat Heinrich sich erbarmt
des gefährdeten Kindleins und des geängsteten Mutterherzens, hat sein eigen
Kind, sein krank Weib verlassen und die Verfolgung der Räuberin unternommen.
Derweilen er Deiner Gattin in ihren grässlichen Nöten treulich beigestanden, ist
seine eigene Gattin dem Tode verfallen. Dies Opfer hat Heinrich für uns
gebracht. Wie ich nun vielleicht dazu beigetragen habe, dass er Witmann ward, so
hab ich sicher seines Mägdeleins Tod verschuldet; denn wär ich wachsam gewesen,
wie ich gesollt, so hätte klein Anneliesel die Wassergefahr gemieden. Schlimm
genung hab ich dem guten Heinrich mitgespielt. Hab überdies sein Herze betört,
dass es nicht mehr liess von mir, hab es dann gequält, da ich nur mit
Schwesterliebe sein glühend Verlangen beantworten konnte. Langmütig und
bescheiden hat er alles Leid ertragen, so ich über ihn gebracht, und hat
treulich gehalten, was er aus freien Stücken angelobt: mein Beschützer zu sein
bis zum Grabe. - Und diesem Manne soll ich mit Verrat lohnen? Aus seiner Hütte
stehlen soll ich mich und den Stachel der Eifersucht in seinem Herzen lassen?
Über ihn und über Dich heraufbeschwören die Zorn- und Racheteufel? Zwingen und
foltern soll uns aufs neue jene Welt, der wir uns schon gänzlich entronnen
glaubten? Die Welt der blinden Gier, des wüsten Tobens und blutdürstigen Haders?
Die wahre Hölle ist das! O mein Liebling! Ich war einmal in solcher Hölle und
habe davon genung für immer. Als Kind musst ich zuschauen, wie Eiferer meinen
teuren Vater umbrachten. Alsdann sperrten sie mich hinter Schloss und Riegel, und
nach ihrem Sinn ist es wahrlich nicht gegangen, als Du dorten mein Sonnenschein,
mein Befreier worden bist. Kurz nur hat uns damals das Glück gelächelt; dann ist
wieder bange Finsternis hereingebrochen. Das grosse Morden zu Magdeburg raffte
Schwester und Schwager an meiner Seite hin. Du, Johannes, halfest mir abermals
entrinnen. Denk aber an die Greuel, so uns hierauf begegnet, denk an die
Beutemacher im Predigerhause, an den unterirdischen Gang, an den Versteck hinter
dem Kirchengemälde, wo wir Zeugen waren jenes Heulens und Zähneklappens, das die
Geister der Habgier heraufbeschwören, wo auch immer sie losgelassen sind.
Erinnere Dich auch der Ängste, mit denen Zetteritz uns beide quälte, da er
liebende Herzen voneinander riss. Lies endlich noch einmal meine Schilderung der
Folter, so Bertuldens Eifersucht über mich verhängte. Die wilde Gier mit dem
heissen Odem hat den mörderischen Stahl in meine Brust gestossen, hat unser Kind
geraubt und in die Glut der Teufelsmette gerissen, hat dem Abgrund der
Verzweiflung ein Mutterherz überantwortet. Der Retter, so mich erhub aus der
schaurigen Tiefe, ist der gütige Himmel, Heinrich aber und Sibylle waren seine
dienenden Werkzeuge. Keine Zaubermacht über den Wolken vermeine ich, sondern den
Gott im Menschengemüte - sein Name ist Erbarmen, Friedfertigkeit, Besonnenheit,
Seelenruhe. Diesem Himmel sei anheimgegeben unsere Führung. Er allein beschert
das Heil. Er findet den Ausweg aus jeglichem Irrsal; lösbar sind ihm die
verworrensten Fäden des Schicksals. Das ist mein Glaube, mein Trost - lass mich
selig in ihm werden, mein Johannes! Willst Du es tun, so gib Antwort, je eher,
je besser; ich vergehe vor Bangen. Sobald Du entschlossen bist, meine Sehnsucht
zu erfüllen und ganz einig mit mir zu sein, entzünde das Feuer am Hohen Stein.
Ich weiss dann Bescheid und bin getröstet. Freilich erst am Sonntag kann Sibylle
zum Kesselstein gehen. Da Du also Zeit hast, so lass Dein Schreiben reichlich
sein; tu mir die Liebe, Dein Leben zu schildern, soweit es mir noch unbekannt.
Vertraue Deiner Gattin an, was in den Jahren unserer Getrennteit Dein Herz
bewegt hat. Vergiss auch nicht, Gedichte beizufügen, die Du ersonnen. Deine
Weisen sollen mich in Schlummer wiegen, dabei will ich lächeln, Du wirst an
meinem Lager sitzen und die treue Hand über meine geschlossenen Augen halten.
Oh, trenne Dich nie von mir, Du Meiner! Ewig bin ich Dein.«
    Unter dem Buchenbaum am Kesselstein, wo ich diese Worte Teklas gelesen,
warf ich mich ins Beerenkraut, wie ein Kämpfer, der vor seinem Gegner reuig und
gehorsam die Waffen streckt. Die Hände gefaltet, ergab ich mich der heiligen
Seele, die ich anbetete. Ich küsste den Brief und flüsterte flehentlich: »Du
reine Quelle, verzeih, dass ich dich trüben wollte! Und Dank dir, dass du mit
Wohltat mein garstig Ungestüm vergelten, das Unlautere von mir tun willst!«
Zähren brachen aus meinem Auge, es schwand die Welt, nur das zuckende Herz war
zu spüren, zugleich aber Linderung wie von einer sanften Hand, süsses Schaudern,
stilles Aufjubeln, als sei ein Engel nah. Und ich begab mich zu einer Senkung
des Geländes, wo Rüstern einen dunklen Hain wölbten, und zwischen moosigen
Blöcken ein dünn Wässerlein wimmerte. Draussen aber auf die Wipfel schien die
Herbstsonne warm hernieder und kosete die grünen Kindlein, so auf den Zweigen
sassen in dichtem Gewimmel. Und diese Sonne, ihre Güte ergiessend über tausend mal
tausend schmachtende Kreaturen, deuchte mich Tekla. Waren denn nicht die
Waisen, Kranken und Einsamen zu Petersdorf, waren nicht Heinrich und ich selber
wie die grünen Sonnenkinder, denen die mütterliche Göttin mit einem Lächeln
myriadenfach wohltut? Und da sollte ich neidisch sein auf ein Geschwister?
sollte grollen, weil nicht bloss mir das lichte Heil zugute kommt? sollte meinem
Bruder Heinrich sein Teilchen Sonnenschein missgönnen, obwohl ich selber doch
nicht im Schatten stund? Nicht doch! gelobte ich inbrünstig; lass schwinden die
Habsucht, meine Seele, der Liebesflut gib dich hin, so aus dem Sonnenherzen
quillt! - Und im lauschigen Hain, wo durch dunkles Laubdach güldene Lichter
äugelten, wo winzige Flügeltierlein ihren Luftreigen summten und das
Wasserseelchen weinte, hub mein Herz zu singen an:
Wie traurig diese Wälder düstern!
Kein Sonnengold tiefinnen lacht.
Das tun die felsengrauen Rüstern,
Von Laubgeflechten überdacht.
Auch ich so trüb! Der Liebe Gnade
Darf strahlen nicht zu meinem Grund.
Die Sorg umdüstert meine Pfade;
Bin gar ein öder Dickichtschlund.
Doch duld ich lächelnd, fromme Sonne,
Dass sich dein Brautkuss mir verschliesst -
Wenn draussen nur die güldne Wonne
Um all die Sonnenkindlein fliesst.
Lass lieben dich mit jener Liebe,
So nicht Genuss, nur Andacht will.
Und ob ich ewig dunkel bliebe,
Von deinem Leuchten träum ich still.
    Wiewohl so unter Teklas Führung mein besser Selbst wiedergefunden und
gesichert war, vermochte ich meinen Trost nicht festzuhalten. Zweifel und Gram
überfielen mich aufs neue, und ich fragte: Muss denn Tugend so streng und herbe
sein? Du göttliche Macht der Liebe, warum lässest du zwei deiner Getreusten
solche Entbehrung leiden? Ist das dein Heil, wenn Gatte und Gattin, die endlich
einander wiederfanden, nachdem sie in Trennung ihre jungen Jahre vertrauerten,
jetzunder vor der Umarmung zurückweichen, als wären sie Mönch und Nonne? und nur
verstohlene Zwiesprache wagen, ähnlich dem griechischen Liebespaar Pyramus und
Tisbe, so nichts anderes für sein Schmachten hatte als zärtlich Gewisper durch
den Spalt der grausamen Wand? Mit Stöhnen sah ich meines wallenden Bartes
ergrauend Haar und bedachte, dass verlorene Jugend nicht zurückkehre. Versäumt,
armer Johannes, hast du dein Liebesglück. Es lächelt dir zwar wieder - doch
spät, und dann nur von ferne!
    Solche Gedanken trug ich bei Tage mit mir herum, nachts machten sie das Herz
schwer und den Kopf heiss, kein Schlummer brachte Trost. Da übermannte mich die
Erschöpfung eines Mittags, als die Herbstsonne noch einmal wärmte, und ein
duftiger Heuhaufen auf Preislers Wiese lockte. Und es kam mir ein süssbanger
Traum: Sonntag war's und Erntefest, ich aber hatte der köstlichen Zeit nicht
wahrgenommen, hatte im Heu die Stunden verschlafen. Traurig zumute war meinem
Schätzchen, der Hirtin Tekla, die gekommen war, mit ihrem Johannes zu tanzen,
und nirgends ihn fand, bis er endlich vom Abendläuten wach wurde. Da war's nun
zu spät, Versäumtes nachzuholen, Misslungenes wieder gut zu machen. Ein anderer
Mann hatte ihr den Arm geboten, die Einsame hatte ihn angenommen, der andere
führte sie heim. Noch einmal schaute sie nach dem säumigen Liebsten zurück,
unsagbare Trauer im Auge. O Träumer, Versäumer! Den verlorenen Tag kann die
Allmacht nicht zurückbringen. Die Welt geht ihren starren Gang. Nun fühle,
Närrchen, was es heisst: zu spät! Aufschluchzend erwachte ich, einen Augenblick
war's, als wandle unweit Tekla an Heinrichs Arm, dann verschwand das Gesicht.
Unter Zähren starrte ich unablässig in meines Traumes seltsame Welt und kam
nicht los vom unerbittlichen Zuspät. Schliesslich löste sich mein Gram in Versen.
Ratloses Irren durch ein Labyrint ahmten sie nach, durch düstere Gänge, die
verschlungen immer wiederkehren, obwohl der Verlaufene sie schon einmal
durchgemacht hat. Verzweifeln muss er, statt des Gebetes kommt ihm ein bitter
Lachen, hin legt er den wirren Kopf, um endlich zu vergessen ...
Und wie ich mich erhub vom Heu,
Und wie mein Blick ging staunend um,
Da schlug aufs Herze mir die Reu:
O weh, du hast verschlafen
Den ganzen Sonntag schier - wie dumm!
Und wie mein Blick ging staunend um,
Stund dort mein Schatz und sah zurück -
An eines Fremden Arm - wie dumm!
Mein Seelenschatz vom Himmel!
Sein dürstend Auge leer von Glück!
Verdürstend sah mein Schatz zurück:
»Was schliefest, Närrchen, auch so lang!
Verträumt ist unser Minneglück,
Im Sinken schon die Sonne ...
Ade! Mir ist wie dir so bang!«
Was schliefest, Närrchen, auch so lang!
Und was nun weiter? Bleib im Traum!
Beliebt vielleicht ein Schlendergang,
Recht einsam, ohne Hoffen?
Vielleicht zu Totenackers Saum?
Ja, was nun weiter? Bleib im Traum!
Die Welt geht ihren starren Gang,
Und Zährenfluten lindern kaum,
Wo mädchenschwach ein Schätzchen
Mit seinem harten Schicksal rang.
Die Welt geht ihren starren Gang.
Wohin? Mein armer Kopf ist irr.
Mag sein, mir wäre minder bang,
So ich noch könnte beten.
Ich hab's verlernt, vom Heuduft wirr.
Wohin? Mein armer Kopf ist irr.
Denk wohl, ich bette mich aufs neu
Und schlaf' im duftgen Halmgewirr
Und von verblichnen Blumen
Träum ich zu Tode mich im Heu.
    All dies wechselvolle Seelenwetter beichtete offenherzig mein neuer Brief.
Zugleich erstattete ich ausführlichen Bericht über mein Geschick, wie es seit
meiner Trennung von Tekla verlaufen war. Indem ich schilderte, wie die
Begebenheiten meine innere Welt gewandelt hatten, gewann ich Klarheit über mein
Wesen, und ein gut Teil Beruhigung. Hatte Tekla diesen Erfolg herbeiführen
wollen? Zuzutrauen war das ihrem klugen Zartsinn. Jedenfalls hatte sie es
verstanden, auf Beschaulichkeit, forschende Wahrhaftigkeit mich hinzulenken, was
mir eine Wohltat war, insofern ich abgezogen wurde von selbstsüchtigen
Ansprüchen und Anklagen. Hatte das Eremitenleben der letzten Jahre keinen
anderen Dämpfer für meine Launen gehabt, als die einförmig harte Öde, die mich
umgab, und meinen Hang zum Meditieren, so ward ich anitzo von der geliebtesten
Menschenseele vor Aufgaben gestellt, die meine besseren Kräfte planvoll zur
Entfaltung brachten. Gleich der nächste Brief Teklas trug zur Ordnung meines
wirren Gemütes bei.
    »Armer Johannes« - schrieb sie - »Dein Gram teilt sich mir mit, bittere
Tränen vergoss ich, so oft ich Dein Gedicht las vom Schlaf im Heu und dem
versäumten Glück. Menschlich ist es ja, einem unfruchtbaren Grame zu
unterliegen, und wer solche Menschlichkeit in wahren Worten ausdrückt, ist ein
Tröster ihm selber und auch seinen Mitmenschen. In dieser Hinsicht erkenne ich
an, dass die Wunde, die das Schicksal vor etwelcher Zeit meinem Herzen
geschlagen, von Deinem Gedicht zwar aufs neue zum Bluten gebracht, zugleich aber
mit linderndem Heilbalsam versehen worden. Eine Beigabe dieses Balsams jedoch
macht mir brennenden Schmerz. Es ist die Art, wie Du Heinrich beurteilst, wie Du
die Rolle deutest, die er in meinem Leben spielt. Lass Dir doch nicht vorgaukeln,
dass er mich Dir entführt, und dass mein Auge leer von Glücke sei, als ob dieser
Mann mich in öder Gefangenschaft halte. Wie gut er ist, und wieviel echtes Glück
ich ihm verdanke, wirst Du dereinst noch erkennen, wenn ihr beide so weit sein
werdet, harmlos miteinander umzugehen. Einstweilen bedenke, teurer Johannes, was
Du selber in Deiner Predigt gesagt hast, dass nämlich zu unterscheiden sei
zwischen der wahren und der falschen Minne. Die falsche Minne stelle ich mir als
jenen Drachen für, den alte Märlein beschreiben, wie er einen Goldschatz hütet
oder auch eine Maid, die er sich geraubt hat. Wehe dem Ritter, der den Hort
erlösen möchte; mit sengendem Odem und giftigem Geifer, mit geringeltem Schweif
und krallender Klaue, mit hauendem Flügel und schnappendem Rachen greift das
Ungeheuer den Vermessenen an, Blut besudelt den Goldschatz, Grauen entstellt die
Jungfrau, die Blumen welken, die Lüfte wimmern, es verhüllt die Sonne ihr
Angesicht. Will meines Evangelisten geweihtes Herz solch einem Drachen
Unterschlupf gewähren? Und soll ich die Maid sein, die der Drache hütet? Wenn
dem nicht so ist, so mag der Drache wenigstens willig sein, sich entzaubern zu
lassen. Es raunen ja doch die Mären, er sei ein verwunschener König, und seine
Maid könne ihn erlösen durch einen Zauberspruch. Den nenne ich Dir; der Heiland
ruft ihn allen Erlösungsbedürftigen zu: Wisset ihr nicht, dass ihr Götter seid?
Wohlan, du mein Born, der mich erquicken kann, bleibe doch stets Gottes voll und
König im Reiche der Himmel! Ja Du bist König, wiewohl Du es zuweilen vergissest.
Deine Enttäuschungen fühle ich schmerzlich nach. Doch zu segnen sind sie, da sie
dir Läuterung bescherten. Ich bejuble die heilige Macht, die der
Abendburgklausner in sich gefunden hat, absagend jenem Götzen, der zu Taumel,
Fehde, Mord verlockte. Ich Glückliche, die ich einen Führer habe, der nicht bloss
predigt von Gotteskindern, sondern auch selber eins wird. Was wahre Minne ist,
hat so herrlich deine Brüderschaft mit Zetteritz dargetan. Jedem war vom anderen
bewusst, dass er mich liebt, und früher waret ihr beide darob arge Nebenbuhler.
Gleichwohl habet ihr ineinander den Menschensohn gefunden und vom Hasse euch zur
Friedfertigkeit und Freundschaft bekehrt. Nicht mehr verübelt hast Du Deinem
Bruder Zetteritz, dass er seiner Minne dasselbe Ziel gab, wie Du. Im Gegenteil,
inniger hat dies Ziel eure Seelen geeint. Für tot freilich habet ihr mich
gehalten. Ei ja doch, muss ich denn wirklich erst sterben, um Nebenbuhler in
Freunde zu verwandeln? Kannst Du nicht schon zu meinen Lebzeiten Heinrichs
Bruder sein, damit auch ich etwas davon habe? Sei es, Johannes! Voran schreite
zum Ziele, das Deine Predigt gewiesen hat. Heinrich wird folgen, sicherlich,
wiewohl wir ihm Zeit lassen müssen, sein besser Selbst zu sammeln. Ich werde
still ihn locken und lenken.«
    Immer mehr nun verklärte sich Tekla vor meinem Auge. Zugleich ward ich
williger zu der Aufgabe, in keuscher Andacht ihr fern zu bleiben und allen Trost
in der Vermählung unserer Seelen zu finden. Wenn ich nachts einen besonders
reinen Funkelstern ob dem düstern Gebirgskamm schweben sah, deuchte er mich
Tekla zu sein, während ich mich dem Teiche bei der Schneekoppe verglich, der in
seiner öden Felsenhaft von der Sternenbraut träumt, ohne mehr zu besitzen als
ihr Spiegelbild.
Es träumt aus düsterm Felsenschacht
Ein totenstiller See
Zur grenzenlosen Sternenpracht:
»O Seligkeit und Weh!
Lasst taumeln mich, ihr Himmelshöhn,
Versinken ganz in Schau!
Mein Funkelstern, so bräutlich schön
Wie eine Perle Tau!
Und bleibst du, Engel, weltenfern,
Streu deinen Silberschein,
Dein Seelengleichnis, keuscher Stern,
In meine Tiefen ein!
In meine Tiefen lockt ein Grund -
O find ihn, Sternenbraut! -
Wo Erd und Himmel Mund an Mund
Zur ewgen Ruh sich traut.«
    Teklas Antwort waren die wenigen Worte: »Dankbar lodert mein Herz, doch es
beschämt mich die übergrosse Verehrung, die du mir entgegenbringst. O mache mich
zu dem, was dein Zutrauen in mir sieht! Versinken möcht ich wohl im geliebten
Bergsee!« Diesem Schreiben war, gehüllt in zart Papier, eine Locke beigegeben.
Welch Entzücken, süsse Gattin, dein braun weich duftend Haar bei mir zu haben, es
küssen, auf dem Herzen tragen zu dürfen! Aber ach, dies Stück vom Körper der
Geliebten, an dem ihr Hauch, ihr Wesen haftete, berauschte meine Sinne, und des
Geblütes Gärung trieb heisses Träumen von Zärtlichkeit herfür. Ich lag mit Tekla
unter einem Schleier, der unsere Körper gänzlich verhüllte. Im gleichen Gemache
mit uns befanden sich Heinrich und Sibylle. »Wo ist Agnete?« fragte Heinrich,
und Sibylle antwortete: »Mag sein, bei Herrn Johannes.« Unter unserm Schleier
blieben wir mäusleinstill und fühlten, wie uns die gnädige Heimlichkeit einander
antraute.
So heimlich süss war unsre Hochzeitsfeier:
Wir lagen dicht
Beisammen, überwallt von einem Schleier,
Man sah uns nicht.
Wir hörten, wie die Leute nach uns fragten
Im gleichen Raum.
Wir unterm Flore blieben reglos, wagten
Zu atmen kaum.
Nur unsre Hände durften sacht sich drücken,
Wie küssend fand
Sich Hauch zu Hauch, mein Knie war mit Entzücken
An deins gebannt.
Mein glühend Auge, das im Dunkeln schaute,
Versank in deins;
Ich war in dir, du warst in mir, uns traute
Die heilige Eins.
Wohlan, was Edens Glut zusammenglühte,
Trennt keine Welt.
Hinweg denn, Angst, da uns die Hand der Güte
Geborgen hält.
Wir ruhn verhüllt; zum Baldachin, zum Himmel
Ward unser Flor.
Uns singt von Flügelköpfchen ein Gewimmel
Den Wonnechor.
    Als ich Tekla den Traum aufschrieb, fügte ich hinzu: »Hat meine Gattin
schon bedacht, dass der kleine Johannes uns wiederkehren kann?« - Eine Woche
später kam die Antwort: »Du kennst die Mär von der schlafenden Maid, deren
Schloss desgleichen schläft, eingesponnen von Rosendorn. Da dringt durch die
abwehrende Hecke der Königssohn und erlöst mit seinem Kusse die Maid; sie
erwacht, das Hausgesinde, das ganze Schloss erwacht, Rosen erblühen aus dem Dorn,
und Hochzeit wird gefeiert. In Deiner Tekla ist etwas ähnlich dieser Maid. Die
arge Spindel der Spinnerin des Schicksals hat mich gestochen, und da ist der
lange Schlaf über meine Sinne gekommen. Ach wohl, Johannes, Dein Schätzlein ist
nicht mehr die frische kecke Jungfer von einst. Schwach und zahm ward mein Blut,
kaum ein leis Seufzen ist in mir des Weibes Trieb nach Mutterschaft. Die Männer,
so mich umwarben, seit ich Dich verlor, haben nicht vermocht meine Sinne aus dem
Dornrösleinschlaf zu wecken, und selbst im trüben Licht des Felsendomes wirst Du
wohl bemerkt haben, was für ein hinfällig Weibel die Agnete Kiesewaldin, die
halt nimmer den Dolchstich der Kindesräuberin verwunden hat. - Und nun auf
einmal bricht der Königssohn durch meine Dornenhecke. Was tust Du, Süsser! Ich
schaue Dein Auge, spüre Deinen Hauch, Deinen Kuss, Deine Umarmung - erweckt aufs
neue, aufgestört ist ein glühend Sehnen in mir. Und gar vom kleinen Johannes
raunest Du, der könne uns wiederkehren ... O Liebling, wie verführerisch kannst
Du locken! Ein Wirbelsturm tobt in meinem Herzen, ich wünsche heiss, doch zage
zugleich vor der Erfüllung. Wiederkehren soll der kleine Johannes aus des Ewigen
Schosse, wo er doch geborgen ruht? In diese Welt der Unrast, Not und Schuld soll
er zurück? Ist das ein weiser Wunsch? - Und dennoch! Vom Geschlecht jener Eva
bin ich, deren Name bedeutet: Mutter der Lebendigen. Und mit Entzücken lauscht
auch mein Herz, von Deinem Zaubersang erweckt, dem Wonnechor der Flügelköpfchen.
Nur dass ich nicht von gnädiger Heimlichkeit unser Glück erhoffe, sondern von
Heinrichs Güte.«
    Mitnichten linderte solcher Bescheid das Schmachten, so Teklas Haarlocke in
mir wachgerufen. Wagemut riss mich hin, Teklas Verordnung zu übertreten. Ich
konnte mich nicht gedulden, konnte dies Harren auf die mögliche Gunst einer
vielleicht fernen Zukunft nicht aushalten. Machte daher einen Boten ausfindig,
der nach Kiesewalds Baude gehn und folgendes Briefel verstohlen in Agnetens Hand
geben sollte: »Ich ertrag es nicht - muss die heiss Ersehnte mit leiblichem Auge
schauen. Gewähre sie mir baldigst diese Gunst, ich bitte flehentlich. Der Bote
mag die Antwort mitnehmen.« Und sieh, mein Wunsch ging in Erfüllung; das
Schreiben, das ich noch gleichen Tages erhielt, lautete: »Sei morgen nach Mittag
um die zweite Stunde, wo der Zackenberg jählings zum Zackenfluss abstürzt; der
Schwarze Wog ist der Felsenkessel geheissen. Dann komm ich in Deine Nähe, auf die
Waldwiese jenseits. Aber Kluft und Fluss müssen zwischen uns bleiben. Lass Dich
nicht hinreissen, zu mir hinüber zu streben. Sobald Du Miene machtest, dies
Gesetz zu brechen, würd ich in den Wald flüchten, Du fändest mich nicht, und
Trübsal täte mir Dein stürmisch Wesen an. Sollen unsere Seelen fest in Händen
das Zepter behalten, so dürfen die Sinne nicht in Versuchung geraten; sonsten
werden sie leichtlich Aufrührer. Einstweilen wenigstens besteht solche Gefahr.
Mit der Zeit mag dies strenge Gebot Milderung finden - bis vielleicht
dermaleinst ... Doch still, du ungestümes Herz!«
    Innerlich jauchzend und beflügelten Fusses begab ich mich andern Mittages zur
beschriebenen Stelle. Es war viel zu zeitig, als ich am Felsenabsturze stund, wo
tief unten der Zackenfluss brausend über die Blöcke gischtet. Drüben von der
steilen Halde zwischen blaugrünem Tann und Birken, so bereits von Herbstgolde
loderten, lächelte verheissend die lichte Wiese. Da nichts von Tekla zu sehen
war und ich wohl noch eine Stunde zu harren hatte, suchte ich die Qual der
Ungeduld durch Tätigkeit zu lindern. Ein Feuer wollte ich machen, das weitin
der Ersehnten meine Ankunft melden sollte. Hastig sammelte ich Holz, und wie
Erlösung war mir die Prasselflamme. Durch aufgeworfene Rasenstücke und feuchtes
Holz steigerte ich den Rauch, so dass bald eine mächtige Säule himmelan wirbelte.
Dann entsprang meinem erleichterten Herzen ein frohgemut Singen; ein Lied nach
dem andern mischte sich ins Tosen des Bergstromes. Derweilen flog das lächelnde
Auge über Kluft und Strom. Drüben links wölbte sich wie ein Eisenhut der
bewaldete Breite Berg. Unsichtbar blieb Kiesewalds Baude, weil vor ihr eine Höhe
lagerte. Nur Einsamkeit und Wildnis fern wie nah, Abgründe und wogende Berge,
finstre Tannen und graue Steine, hin und wieder lichtes Beerengesträuch.
Geradeaus das höchste Gebirge, ein ungeheurer Wall, in die Ferne erstreckt, wo
rundliche Kuppen blauten. Zur Rechten unweit die Schneegruben, steiles Geröll,
Wasseradern, graugrüne Steinvölker, dunkle Knieholzgebüsche. Und all dieser
mannigfache Erdenstoff unter der klaren Stahlglocke des Himmels war ein
sanftbunt Leuchten, ein wehmütig Lächeln und heimlich Locken. Ein Traum jener
Sehnsucht, die nicht weiss, wonach sie greifen soll, weil sie die Seligkeit für
ungreifbar und unendlich hält. Aus meines Schauens Versunkenheit erwachte ich
aufseufzend und ward wieder inne, worauf ich harrte. Mit Adlergier spähte mein
Blick in der Richtung des Breiten Berges, ob nicht ein Stück des Pfades sich
zeige, der die Waldung durchschnitt, ob nicht ein Weibes Gewand schimmere.
    Plötzlich pochte mein Herz - drüben auf der Waldwiese stund die Ersehnte.
Winzig wie ein Blümlein war die ferne Gestalt, doch ich erkannte Tekla an der
inbrünstigen Gebärde und an der schlanken Zierlichkeit, so in den Jahren der
Jugend mein Entzücken gewesen. Beide Hände presste sie aufs Herz, breitete dann
die Arme mir entgegen. So blieb sie eine Weile wie versteinert, während eine
Macht in mir mich trieb, ihre Gebärden nachzuahmen. Sie trug ein stahlblau
Gewand und ein gleichfarben Kopftuch, das sie aber abnahm, worauf ich das schöne
Braun der Locken wiedersah. Ihr Gesicht blieb bei der beträchtlichen Entfernung
undeutlich. Doch glaubte ich hinstarrend ihren Blick zu spüren, ihr glühend
Auge, und es sank all mein Selbst durch dies rätseldunkle Auge in die wonnigste
Heimat. Dasselbe Entzücken durchschauerte mich, das ich einst im böhmischen
Waldschlosse empfunden, wenn beim verabredeten Stundenschlag die Liebe mit
magischer Kraft durch die Kerkermauern drang, und ein Schmachten dem andern
begegnete. »Eins sind wir«, jubelten jetzunder wie damals unsere Seelen; »du und
ich selig verschmolzen!« Und offenbar ward mir das Geheimnis der wahren Minne:
Nur da erblüht sie, wo zwei Herzen ineinander ihre selbe göttliche
Eingeborenheit finden; und ist solche Minne Gewissheit der ewigen Habe, nicht
aber Gier. Wer in der Minne nur Lust begehrt, verschliesst sich eigenhändig die
Himmelspforte. In solcher Erleuchtung ward ich auf einmal mit Schrecken inne,
wie ich beinahe Todesgefahr über meine Liebe heraufbeschworen hätte. Wär ich
meiner Gier, Tekla hinwegzuführen, gefolgt und also in den Abgrund der Ichsucht
getaumelt, so hätt ich mich innerlich von ihrem Herzen geschieden und jene wahre
Ehe zerstört, so im Himmel geschlossen wird. Bewahrt vor dem Sündenfalle hatte
mich die sanfte Macht der Unschuld, hatte mich Tekla, die gewisslich mein
Schutzgeist war. »Engel!« jauchzete ich über den tosenden Abgrund und hub
gefaltete Hände. Mit gleicher Gebärde antwortete sie, als habe sie mich
verstanden.
    Und manch süsses Wort rief ich hinüber, während sie die Hand ans Ohr hielt
und manchmal sich neigte, als danke sie für Gehörtes. Auf einmal wandelte sie
zum Waldsaum, und schon besorgte ich, die Frist unseres Minnespiels sei
abgelaufen; da bückte sie sich, und ich ward inne, dass sie Holz zu einem Feuer
sammelte. Beifall winkte ich und beobachtete, wie sie auf einem Felsen inmitten
der Waldwiese das Holz schichtete, alsdann mit einem Feuerzeug das gelbrote
Flackern erweckte und den blauweissen Dunst. Eifrig holte sie weitere Nahrung für
die Flamme, und es hub sich die Rauchsäule, verfolgt von Teklas Blick wie vom
meinigen. Auf ihres Feueraltars Schwelle liess sich nun meine liebe Vestalin
nieder und träumte, das Haupt an den Stein gelehnt, zu mir herüber. Ich sang ihr
feierliche Lieder, die sie zu vernehmen schien, derweilen die Rauchsäulen hüben
und drüben hoch in die stille Luft stiegen und zusammenschmolzen, bedeutend, dass
kein Aussen, nicht Kluft noch Strom, zu trennen vermöge zwo Seelen, so im Himmel
tiefinnen ihre Vermählung fanden. Wie Teklas Feuer niedergebrannt war, erhub
sie sich, legte abermals aufs Herz ihre Hände und winkte mir Abschied. Ich
antwortete mit Zuwerfen von Küssen. Langsam, unter wiederholtem Zurückschauen,
stieg sie zum Waldrande empor, zuletzt warf auch sie einen Kuss über die Kluft
und verschwand zwischen den Tannen. -
    Aus Teklas folgenden Briefen hebe ich noch die Stelle heraus: »Vielleicht
wann die Zeit unser Haar gebleicht hat, das Angesicht faltig ist, und in unseren
Herzen die jugendliche Unrast durch friedliche Weisheit abgelöst worden, so
sonnen wir uns im güldenklaren Späterbst, und geschieht uns wohl wie den beiden
alten Hirtenleuten, von denen ich Dir sagen liess:
Im dunkeln Seelengrunde
Winkt einer Krone Gold,
Und hast du sie gefunden,
Wird Minne dir zum Sold.«
Unter dem Austausch unserer Briefe ging der Herbst zur Rüste, nach langwierigem
Sturme regnete es tagelang, und dann war der Winter da. Erst brachte er klares
Frostwetter, am zweiten Advent aber ein Schneetreiben, das Weg und Wildnis
überwogte, also dass Sibylle ausserstande war, ihres Botenamtes zu walten. Endlich
am Sonntage vor Weihnachten stieg Rauch vom Breiten Berge, auf Schneeschuhen
flog ich bergab zum Kesselstein und sah schon an der Fussspur, dass ein Mensch
durch den Schnee gewatet war. Die gute, treue Sibylle! Im hohlen Baume fand ich
ein Päcklein, das entielt ausser dem erwarteten Briefe ein handgross Bildnis
Teklas, auf Glas gemalt. Unverkennbar war ihr Angesicht, vom braunen Gelock
umrahmt - wiewohl die Frische und Keckheit der Jugend einer blassen Zarteit und
wehmütigen Güte gewichen war. Das dunkle Auge, grösser und tiefer als ehedem,
sprach so rührend von Sehnsucht und Liebe, dass ich hingerissen das Konterfei mit
Küssen bedeckte.
    Der Brief lautete: »Nur noch ein paarmal tagt es, dann kommt der Heilige
Abend. Da muss ich meinem Liebling doch ein Christkindel bescheren. Dies Bild hat
der alte Werner zu Petersdorf gemalt, so in besseren Zeiten ein begehrter
Glasmaler gewesen. Besser hat er mich gemacht, als ich wirklich bin; wenn es uns
vergönnt sein wird, einander in der Nähe zu betrachten, wirst Du Deine Tekla
gealtert und mager finden. Habe Nachsicht, guter Johannes! Und noch eine andere
Gabe nimm freundlich auf. Begib Dich vom Kesselstein nach Schreiberhau zu Jakob
Liebig, dem Schmied, und heische den Korb, den Kiesewalds Sibylle für Dich
abgegeben. Den Mohnstollen hat mir Sibylle backen helfen. Die Wolle der
Kleidungsstücke ist von unseren Schafen, und selber haben wir sie gesponnen. Vor
zween Tagen war's, dass wir den Korb zu Tale brachten, im Hörnerschlitten fuhr
uns Heinrich nach Petersdorf. War das ein glückselig Stündlein! Als ich neben
Sibyllen im Schlitten sass, von Heinrich mit Wolldecken und Stroh gut verwahrt,
blühte Zärtlichkeit aus seinem Herzen, dass er mich auf Mund und Hände küsste,
gerührt sprechend: »Ich danke jedem Tage, der die liebe Agnete gesund und froh
sein lässet.« Alsdann zog der Gute seine Pelzkappe über die Ohren, begab sich
vor den Schlitten zwischen die beiden Kufen, so gleich mächtigen Ziegenhörnern
sich emporkrümmten, packte sie mit behandschuhter Faust und zog den Schlitten.
Immer hurtiger stampften seine hohen Stiefel durch den Schnee, und dann kam das
Abwärtsgleiten. Mit eisenbeschlagenen Hacken lenkend, sperrte sich der starke
Mann, dass der aufgewühlte Schnee wie Wassergischt umhersprjetzte, und blieb
alleweil des Schlittens Meister. Indessen jauchzete Sibylle; mir aber war, als
schaukle ich in der Wiegen und schwebe zugleich als Schwalbe. Frisch und rein
die Winterluft, Wärme und Glück rann durch meine Adern. Rechts und links die
Tannen von Rauhreif dick versilbert, von der Schneelast gebeugt. Am violenblauen
Himmel erglommen die Sterne. Sibylle hielt mich umschlungen, und das fromme
Klingen unserer Seelen scholl zweistimmig in die magische Nacht:
Da draussen, da draussen
Vor der himmlischen Tür,
Da steht ein' arme Seele,
Schaut traurig herfür.
Arme Seel mein, arme Seel mein,
Komm mit mir herein,
Und da werden deine Kleider
So weiss und so rein.
Ja so weiss und so rein,
Viel weisser, denn Schnee.
Und so wolln wir mitsammen
Ins Himmelreich gehn.
Ins Himmelreich, ins Himmelreich,
Ins himmlische Paradeis,
Wo Gott Vater, Gott Sohne,
Gott heiliger Geist.
    »Beschere nun die holde Weihnachtszeit meinem Liebling Frieden und
Wohlgefallen! Sei glücklich, wie ich es bin. Und wenn Dein Liedergeist Dir
gnädig ist, so bitte ihn, dass er eine Weise beschere, wie Deine Tekla sie
ersehnt. Sprich darin von dem, was ich liebe, bedenke auch den kleinen Johannes
und klein Anneliesel. Zärtlich und fromm mag es klingen, zugleich ein Ständchen
und ein Nachtchoral. Im Bette möcht es heimlich meine Seele singen und den
Ruheengel gütig stimmen, auf dass er der sehnsuchtsvollen Kiesewaldin Sänftigung
und Vergessen, Schlaf und unschuldige Träume zubillige.«
    Mit neuem Heile segnete mich diese Botschaft, und inne ward ich, wie mein
Herz, aller Trennung spottend, so fühlbar an ihrem schlug, dass ihr Glück das
meine ward. Heisser Dank erfüllte mich, und tags vor Weihnachten sandte ich einen
zuverlässigen Petersdorfer zu des Breiten Berges Baude. In Sibyllens Hände
sollte er einen Korb tun, der meine kleinen Gaben für Heinrich, Sibyllen und
Tekla entielt. Unter vier Augen sollte er der Kiesewaldin ein Päcklein
übergeben. Darinnen war das Buch »Abaelardi und Heloisae Briefe«. Unter den
Masken dieses Paares, dem ein strenges Schicksal die Herzen zu heiliger Minne
lenkte, wollte ich für uns beide eine neue Form geheimer Zwiesprach einführen.
Randbemerkungen, von meiner Hand geschrieben, begleiteten den Druck. Der Mönch
Abaelardus hatte nicht immer meinen Beifall; eisig hauchte sein Gottesfriede.
Doch ich dankte ihm ein Wort, das er in warmer Jugend gesprochen: »Habe nur
Liebe, du magst alsdann tun, was du willst.« Heloisa, die liebreiche, war mein
Entzücken, und verstohlen hoffte ich, auch aus Tekla werde diese Glut
herfürbrechen, die doch der Jungfer Gräfin nicht fremd gewesen. Um sie zu
entzünden, hatte ich gewisse Stellen der heloisischen Briefe angestrichen; zum
Exempel: »Da ich nun einmal Deiner Gegenwart beraubt bin, so lass doch in Worten
der Liebe, die Dir so reichlich zu Gebote stehn, Dein süsses Bild bei mir
einkehren ... Da Du bei Gott Deine Zuflucht suchtest, bin ich Dir gefolgt; nein
vorausgeeilt ins Kloster bin ich Dir. Und doch, bei Gott, ich wäre auf Dein Wort
ohne Zögern Dir in die Hölle vorangeeilt oder gefolgt. Mein Herz war ja nicht
mehr mein, ich hatte es an Dich verloren. Und so es itzo auch bei Dir keine
Statt mehr findet, alsdann hat es überhaupt keine Heimat mehr; ohne Dich mag es
ja nirgendwo sein. Ach lass es denn bei Dir geborgen sein, ich bitte.« Auch ein
Schreiben meiner Hand war dem Buche beigefügt, und es hiess darin: »Hier ist das
Lied, das meine Sternenbraut sich ausgebeten hat. In Dein Herze bin ich
eingegangen und habe von denen gesprochen, die ich darin vorgefunden. Gelingt es
meiner Weise, Dich in Schlummer zu singen, lass uns alsdann beide denken, dass ich
auf meinen Armen Dich schaukle, Du mein Wiegenkindlein:
Wenn mit Dunkel und mit Schweigen
Mutter Nacht dein Bett umhüllt,
Lausche, wie mein Zaubergeigen
Heimlich deine Kammer füllt.
Lausche, wie dich Wunderglocken
Fromm zu deiner Tiefe locken.
In der Tiefe wohnt die Ruh -
Und die Tiefe, das bist du.
Frieden ihm, so dir zur Seiten
Atmend ruht; er ist dein Schild.
Frieden allen Erdenbreiten,
Jedem Gottes-Ebenbild!
Gib den Hütten dein Erbarmen
Und dem Glück ein froh Umarmen.
Ohne Güte keine Ruh;
Jedes Antlitz, das bist du.
Engel, heitre Lichtgestalten
Steigen aus dem dunkeln Land
Und in deine Hände falten
Kosend sie die Kinderhand.
Sieh doch, deine toten Lieben
Sind dir alle treu geblieben;
Mutterherz heisst ihre Ruh.
Deine Kinder, das bist du.
Spürst du auch, wie auf dein Grüssen
Harrt ein treuer Paladin?
Aus der Ferne dir zu Füssen
Kann ihn deine Sehnsucht ziehn.
Gib dein Auge seinem Auge!
Eins im andern sauge, sauge
Heimatwonne, Heimatruh ...
Du bist ich, und ich bin du.
Horch, mein Lieb, die Zaubergeigen
Singen Hochzeitsmelodein,
Und der bunte Sternenreigen
Stimmt und funkelt üppig drein.
Welten schwärmen dort bei Welten,
Wiegen sich in blauen Zelten,
Summen uns in sel'ge Ruh ...
Ich bin Stern, und Stern bist du.«
    »Mein siegreicher Johannes« - so lautete Teklas Antwort - »juble mit mir!
Was wir kaum zu hoffen gewagt, es gelingt! Das Wunder, verheissen dem erhöhten
Menschensohne, Du vollbringst es. Machst Blinde sehend, Lahme gehend. Heinrich
ist genesen von der Sorge, Agnetens erster Gatte werde wiederkehrend ihn
verdrängen. Und Du bist es, Dein Gedicht ist es gewesen, wovon Heinrichs Auge
aufgeschlossen ward, dass er nunmehr schaut, wie das Himmelreich keimt und wächst
in des Menschen Brust, und dass er an gütige Liebe glaubt. Lass Dir berichten, wie
alles gekommen ist. Du weisst schon, Sibylle ist meine Vertraute. Ermissest Du
nun, mit welchem Entzücken, welchem Stolze mich Deine Lieder erfüllen, so wird
es Dich nicht überraschen, dass sie von Sibyllens Hand in ein Buch eingetragen
worden sind, darein sie im Laufe der Jahre ihre liebsten Gedichte gesammelt hat.
Am Heiligen Abend nun, da wir drei Kiesewaldischen einander unsere Gaben
gereicht hatten und beim Kerzenschein unseres dreiarmigen Festleuchters
andächtiglich um den Tisch sassen, tat Sibylle ihr Buch auf und las zu meiner
bänglich frohen Überraschung dein Lied von der Menschenseele, die sich zur
Gottesmutter weihen soll:
Zu Betlehem die Krippe
Ist jeder Herzensschrein -
Wie solches von der schönen tiefen Stimme verkündet war, sann Heinrich bewegt
der Botschaft nach.« Hierauf tat er die Frage: »Wer hat dies fromme Lied
gemacht?« Ich erschrak, doch Sibylle sprach mit Fassung: »Es ist ein Mann, so in
der Enttäuschung harter Schule gelernt hat, den wahren Schatz im eignen Acker zu
suchen.« - »Und sein Name?« forschte Heinrich. - Mit Geistesgegenwart stellte
meine Schwäherin als Verfasser nun jenen Waldhäuser hin, von dem Du berichtet
hast; und fürwahr, wenn irgend ein Mitmensch Anteil haben könnte an dieses
Liedes Urheberschaft, so wär's der Mann, der Dich die Umwandlung der Gefühle zu
Edelmetall lehrte. Des weitern aber spann Sibylle ihr Märlein also aus: »Als
junger Gesell liebte dieser Waldhäuser eine Jungfer, hütete jedoch dies
Geheimnis, indem er daran verzagte, dass seine Angebetete einem geringen
Menschen, als den er sich betrachtete, ihr Herz widmen werde. Weil er also nicht
um sie warb, reichte sie schliesslich einem andern Manne ihre Hand. Unser Poet
aber blieb unbeweibt und hegte unaufhörlich seine heimliche Liebe. Wie er nun
bereits graue Haare bekam, bescherte ihm die Gelegenheit eine vertrauliche
Aussprache mit seiner Herzensherrin; da erfuhr er denn, stets habe sie ihn
geliebt. Zu spät, ach zu spät! seufzete Waldhäuser. Meine Jugend ist hin,
versäumt mein Glück ein andrer hat es heimgeführt.« Dann fragte er die Frau, ob
sie denn wenigstens zufrieden mit dem andern sei. »Ich liebe sein Herz,«
antwortete sie; »er ist sehr gut zu mir, und ich bin ihm wieder sehr gut; nie
mag ich ihn betrüben, nur der Tod scheidet mich von ihm. Doch gleichfalls bis
zum Tode klopft mein Herz voll Sehnsucht nach Dir, Du mein Sternenbräutigam!
...« Sibylle ward hier unterbrochen durch Heinrich, der nach gespanntem Zuhören
auffuhr: »Was? Zween Männer zugleich konnten in diesem Weibesherzen wohnen, und
keiner hat den anderen verdrängt?« - Ruhig und fest kam die Antwort: »Die beiden
Männer wurden halt Brüder, und des öftern hat einer dem andern bedeutet: Über
der lieben Frau Herz zu gebieten, hat keiner von uns Gewalt und Recht. Dich
guter Freund, mag sie nicht missen; drum schleiche dich ja nicht von hinnen, lass
uns beisammen bleiben.« »Und niemals,« fragte Heinrich kopfschüttelnd, »ist ein
Nebenbuhler dem andern an die Gurgel gefahren?« - »Nicht doch, du Wildfang! Als
Verbündete fühlten sie sich und waren wie zusammenstimmende Töne.« - »Aber nur
einer war Gatte, der andre Bruder der Frau; ist es nicht also?« warf Heinrich
ein. - »Mag sein,« entgegnete Sibylle errötend, war aber gleich wieder freimütig
und sprach im Buche blätternd: »Hier ist noch ein Lied von Waldhäuser; an die
geliebte Frau ist es gerichtet und darin segnet er ihren Gatten.« - »Segnet
ihn?« staunte Heinrich. - Und nun las Sibylle Dein Gedicht, dass Du zur
Weihnachtsgabe mir bestimmt.
Frieden ihm, so dir zur Seiten
Atmend ruht; er ist dein Schild.
    Bei diesen Worten weitete sich Heinrichs Auge, Rührung zuckte über sein
Antlitz. Schliesslich seufzte er, wie einer, dem eine Bürde abgenommen ist, sah
uns Weibsbilder heiter an und nickte: »Fürwahr, ein gütig Lied! Wer möchte
solchem Nebenbuhler gram sein?« - Ich konnte mich kaum entalten, laut
aufzujubeln. Zu ihm tretend, legte ich den Arm um seinen Nacken, indessen er
mich umfing. Da ich keine Worte fand, gab sich die kluge Sibylle zu meinem Munde
her: »Wohlgesprochen, lieber Bruder! Gebe nun der Himmel, dass du nicht mehr
eifersüchtig bist auf Agnetens ersten Mann. Nimm an, dass er wie Waldhäuser ist.«
- »Ja, wenn er so wäre,« antwortete Heinrich trunken mich anschauend. - »Zweifle
nicht,« eiferte Sibylle, »so ist er. Lass dir doch endlich einmal erzählen,
nachdem dein gereizter Sinn all die Jahre hindurch nichts hören gewollt von
ihm.« - »Ich wusste nicht,« entschuldigte sich Heinrich, »dass es Männer gibt wie
dieser Waldhäuser.« - »Nun du es aber weisst,« fuhr Sibylle fort, »wirst du
Vertrauen haben zu Agnetens erstem Gatten; und wenn er sich am Leben fände ...«.
Hier schloss ich die Augen vor Bangigkeit, fühlte aber Heinrichs spähenden Blick,
dann flüsterte seine Seele in meine hinein: »Ja, wenn er nun wiederkehrte, wie
würde Agnete entscheiden, was ihren Heinrich betrifft?« Und flüsternd gab ich
zurück: »Bei Gott, ich würde nicht minder Treue wahren, denn jene tat, die
Waldhäuser liebte; ich würde sagen: Nie mag ich meinen Heinrich betrüben, nur
der Tod scheidet mich von ihm.« - Dankbar presste er mich an sich, dann raunte er
hastig: »Weiter aber! Was würdest du weiter sagen? würdest ihn auch
Sternenbräutigam heissen?« - »Wenn deine Güte es erlaubte, ja!« - Heinrich
stutzte: »Meine Güte? Zweifelst du daran?« - Voll schlug ich den Blick nun auf:
»Nein, Guter!« - Hierauf schwieg er, doch ein neuer Glanz strahlte aus seinem
Auge, und sieh, in dieses Auges schwarzem Spiegel, vom blauen Kränzlein umrahmt,
flimmerten winzig die drei Flammen unseres feierlichen Leuchters. Sibylle
blickte aufmunternd, als wolle sie mir sagen: »Wohlan, nutze die Stunde!« Ich
aber war bereits so glückselig, dass ich nicht denken konnte, wie uns noch
Besseres solle werden als die wunderbare Bekehrung Heinrichs. Dass er nun den
rechten Glauben gefunden, und dass dein Glaube, mein Psalmist, den seinen geweckt
hatte, war meine Seligkeit. Nicht lockte mich, was Vorteil uns beiden
Liebesleuten erwachsen könne aus Heinrichs Nachgiebigkeit. Und hiermit sei es
gestanden: »Schmachtend nach dir, bin ich doch bange vor der Erfüllung dieses
Schmachtens. Denn sie wird uns Änderung bringen. Alles hat ja seine Zeit, und
sobald die Frucht ansetzen will, muss die Blüte welken. Versteht mein Johannes,
was ich meine? Sieht er das graue Gespenst, vor dem ich zage? Ach dass es unserer
Liebe erspart bliebe, seine Macht zu fühlen.«
Wem vertraut ist der Minne Art - wie sie nach langem Dürsten entzückt wird, da
auf einmal dem Schmachtenden ganz nah die liebliche Quelle von Stillung flüstert
- der mag ohne meine Worte erraten, welch Triumphieren in mir anhub, und wie
voller Lachen mein Herz den Lenz begrüsste, so mit sonniger Gunst mich begnaden
wollte. Ganz jugendschön, nicht Frau Agnete, sondern meine Magdeburger Braut
schwebte Tekla um mich auf allen Pfaden; in des Schneegefildes Lichtfunken, aus
den Eiszapfen der Tannen strahlte ihr Blick, ihr Lächeln war im Goldgewölk, ihr
zärtlich Geflüster vernahm ich lauschend, von ihrer Umarmung träumte ich, mein
Haupt lag ihr im Schosse, indessen sie übergeneigt ihr aufgelöstes Haar
niederwallen liess, so dass mich eine duftige Laube umgab. All meine zärtlichen
Gedanken schrieb ich für Tekla auf. Es schloss aber mein Brief folgendermassen:
    »Mich nennest Du siegreich? Dir einzig gebürt die Palme. Du hast unser
Schicksal gelenkt. Ohne Dich wär ich erlegen der Versuchung, die schon den
schwarzen Drachenfittich um mich schlug. Deine Güte hat mich erlöst, hat mein
Minnen geadelt. Und wenn mein Lied für Heinrich heilsam war, Du hast es mit
solchem Heil erst erfüllt. Drum vertraue ich Dir mein Dasein an. Der Himmel in
Dir hat alle Führung, und folgen will ich, sogar wenn ich des weitern den Weg
der Entsagung zu gehen hätte. Dass Deine Hoheit ihn mir anweiset, würde meine
Trauer mit Trost und sanfter Schönheit erfüllen. Aber sage mir, mein Engel, ob
Deines Briefes Schlussworte den Weg der Entsagung meinen. Und verständlicher
sprich mir von dem grauen Gespenst, so Deine Hoffnungen verdüstern will. Es ist
wohl nur ein Spuk schwermütiger Laune. Oder was sonst? Warum bangt der
Schmachtenden vor ihres Schmachtens Erfüllung?«
    Eine Woche, nachdem ich mein Schreiben zum Kesselstein gebracht, fand ich
daselbst die Antwort. Sie bestand nur in einem Gedicht, von Sibyllens, nicht von
Teklas Hand geschrieben, und ich selber war der Verfasser. Entstanden war es,
kurz bevor ich Kiesewalds ersten Besuch erhalten hatte. Nebst anderen Gedichten
hatte ich es Tekla mitgeteilt. Wie ein Echo kam es nun zurück, bedeutend: Den
Bescheid auf seine Frage mag Johannes sich selber geben, mag er ihn ableiten aus
seinen eigenen Worten.
»Zur Fernesucht geboren,
Wird nie der Pilgram froh.
Seine Heimat ging verloren -
Er weiss nicht wo.
Ihn rührt ein stummes Mahnen
Von blauer Höhen-Wand.
Darf er dahinter ahnen
Sein Wunderland?
Im Tale Bauden winken,
Zum Dorfe traut gereiht.
Er aber muss versinken
In Einsamkeit.
Er haust auf Bergesklippen
In dumpfer Schwermut Bann,
Umstarrt von Knieholz-Rippen
Und wüstem Tann.
Verworren träumt im Grunde
Des Mühlenrads Gesumm.
Er lauscht mit zuckendem Munde;
Sein Lied bleibt stumm.
Er schmachtet - wie im Staube
Ein welkes Blumenhaupt.
Doch ward sein frommer Glaube
Ihm nicht geraubt.
O Pilgram, du musst lernen
In Demut abseits stahn,
Du darfst den blauen Fernen
Nie täppisch nahn.
Wenn ungestüme Minne
Dich riss zum Götterweib,
Umarmten deine Sinne
Nur Menschenleib.
So bleib dem Wunderlande
In keuscher Andacht hold,
Dann spülst du aus dem Sande
Das ewige Gold.
Es sammelt alle Zähren
Die treue Ewigkeit.
Sie sollen sich verklären
Zum Krongeschmeid.
O sieh, ein Fenster glühet
Im letzten Abendglast!
Das Baudenhaus erblühet
Zum Goldpalast.
Die Felsenschatten dehnen
Sich weit ins Talgefild.
So wird gar manches Sehnen
Noch spät gestillt.
Erst wann im grossen Dunkel
Versank die wirre Welt,
Erblüht das Trostgefunkel
Am Sternenzelt.
Und birgt sich in der Erden
Ratlos dein Angesicht,
Tief innen soll es werden
Auf einmal Licht.«
    Was war das nun? Es beunruhigte mich, dass kein Wörtlein von Tekla
geschrieben war. Sollte sie erkrankt sein? Angstvoll bedachte ich, dass mehrfach
von ihrer Hinfälligkeit die Rede gewesen. Nicht gänzlich hatte sie sich erholen
können von Bertuldens Stich. Wenn sie mir entrissen würde - wie ein betäubender
Schlag traf mich dieser Gedanke. Sofort musste ich Gewissheit schaffen. Begab mich
also zu meinem erprobten Boten, der sollte unauffällig in Sibyllens Hand dies
knappe Briefel geben: »Ist Agnete krank? Euren Bescheid mag mein Bote sogleich
mitnehmen.« Da kam folgende Antwort, von Teklas Hand geschrieben, doch ohne die
Festigkeit ihrer früheren Schriftzüge: »Wohl war ich krank. Ich genese. Frohen
Dank für die Nachfrage, doch ich flehe: Wollet nimmermehr einen Boten schicken.
Es genüge, was ich mitteile. Geduld, bis der Rauch aufsteigt!«
    Halbwegs beschwichtigt war meine Sorge, ich beschloss, mich in Geduld zu
fassen. Sann nun darüber nach, was Tekla mit meinem Gedicht andeuten wolle. Ach
freilich, ihre Edelschönheit bewahrt die Ferne nur, wenn sie fern bleibt. Drum
in Demut lerne abseits stahn und taste nie an ihr keusch Geheimnis. Oft hab ich
das erfahren, wenn mein Aug übers Wiesental, über die Zackenschlucht und die
bewaldeten Hügel zum höchsten Gebirgswall schweifte und im Zauberhaften des
Anblicks schwelgte. Ganz heimlich singt und orgelt das Wallen feiner Linien, das
Leuchten der Farben und die innigste Bedeutung aller geschauten Dinge. In
schwebenden Duft hat sich aufgelöst der trübe schwere Erdenstoff. Fels und Erde,
Holz und Laub, sengendes Feuer und beizender Rauch ist zarter Hauch worden, ein
Gewebe aus Licht, reiner Geist. Wehmütig lächelt die Ferne, als wolle sie sagen:
»Liebe mich, doch umarme mich nie!« Unschuldig schaut das Dörflein im Tale aus.
Kommst du aber den Hütten nahe, so findest du Unrat und Siechtum, finstere
Geister, wüste Herzen. So scheint in deinem Leben manches verklärt, da du es
noch ersehnst; fad und welk aber wird es, wann du es hast. - Wunderliche Ferne!
Soll ich dich nun des Truges anschuldigen, weil du nicht hältst, was dein
Lächeln verheisst? Oder bist du preiswürdig, weil du Unedles ausscheidest aus der
gemeinen Welt und nur den Adel zeigst, so in Dingen und Menschen sich birgt
gleich dem Schatz im Abendburgfelsen?
    Nach etlichen Tagen kündete eine Rauchsäule, dass ein Schreiben für mich
befördert sei. Im Fluge trug mich der Schneeschuh zum Kesselstein, Fusstapfen
führten zum hohlen Baum, und ich fand den Brief. Küsste ihn beglückt, da ich
Teklas Handschrift erkannte. Zwar nicht mehr so unsicher wie letztes Mal war
sie, immerhin zart, schüchtern. »Getrost, mein Liebling!« las ich. »Stille
erfüllt mein Herz, Sonnenklarheit. Manchmal ist mir, als gleite ich noch immer
im Hörnerschlitten, vom Himmelreiche singend. Auch schaukelt mich jemand auf den
Armen. Bist Du das? Oder ist es meine Huldin Hoffnung, die neuerdings so gütig
um mich beflissen ist. Sie hat ein leis Lächeln, wie Hauch ist ihr Geflüster.
Ich lauschte ihr diese Nacht, derweilen Tauwind am Dache rüttelte. Willkommen,
Herold des Lenzes! Nun schmilz mir wacker den Schnee, dass wir balde wieder die
liebe Matte zu sehen kriegen. Dann spriesst es zart im Gesträuch, winzige
Silberkätzlein sitzen auf Weiden und Weisspappeln. Die Amsel pfeift, und Stare
jauchzen. Erst wie ein Anhauch ist das Grün, doch an Sonnenplätzen lugen
Schneeglöcklein aus winterlichem Gestrüpp. Eine träumende, jüngst verlobte Braut
ist die Erde, und fürwahr, ihr märzlich Träumen ist schöner, als was später
wirklich kommt. Mai und Junius schwelgen in Saftgrün und Blüten, in Sonnenwärme
und Vogeljubilieren. Doch die Üppigkeit, die satte Lust hat nicht den Adel der
Sehnsucht. O selig, wer in seinem Herzen den ersten Lenz verewigt! Erinnere
Dich, mein Bräutigam, wem das gelang! Der Königstochter und ihrem Liebsten! Den
Schatz der Bräutlichkeit hielt noch mit greisem Haar das Hirtenpaar bewahrt im
Seelengrunde. Über sie hatte keine Gewalt das graue Gespenst. - Begreifst Du
jetzunder, wen ich meine mit dem Gespenst? Alles Lebendige währt seine Zeit, das
reinste Weiss ergraut einmal, es trübt sich jeder Glanz. Kann nicht auch das
heiligste Entzücken altern? Diese Sorge ist das Gespenst! Nicht, als ob ich
davor scheue, Silberhaar zu bekommen und Falten im Angesicht. Wenn aber unsere
Seelen verblühen, wenn ihre Frische welkt, ihr Schwung erlahmt, wenn die
staubige Gewöhnlichkeit auf unsere Blumen und Schätze sinkt - schau, mein
Bräutigam, müsst es so kommen mit uns, ei so wollt ich doch lieber bald ins Grab
flüchten, gelt? In Balsam hüllen möcht ich mein Herz, dass es immer bleibt, wie
es ist. Hilf mir doch nachsinnen, wie solches könne geschehn.«
    Eine Wehmut ging von dem Briefe aus, dass mir wie einem Bräutigam war, wenn
am Altar seine Braut in Weinen ausbricht. Ach ja, die Erfüllung ist ein Abschied
von der Sehnsucht. Gleichwohl suchte ich der Braut ihr Zagen auszureden. Mit
frohen Farben malte mein Schreiben die Zukunft. Ich schilderte, wie jeder Tag
zum Feste werden könne, wenn unser Auge nicht mit flachem Behagen auf der Nähe
ruhen bleibe, sondern neue Fernen entdecke, die selbst im Busen der Nähe sich
auftun. »Auch fürder wird der Himmel ob uns sich wölben und immerdar an einer
Stelle die Erde berühren, wo unsre Fernesucht ihr Wunderland ahnet.«
    Es war, als wolle Tekla mein tröstlich Zureden überhören; eine Woche später
kam nur diese kurze Antwort: »Mein Bräutigam schwärmte davon, sein Haupt mir im
Schosse ruhen zu lassen, von meinem Haar wie von einer Laube umwallt. Ich denke
dabei an die Mondkugel im Wolkenschosse. Wundervoll freilich sind Silberschleier
und leuchtende Glieder der Wolkenfrau. Doch vom Monde kommt solche Pracht, mit
seinem Strahl verklärt er das Gewölk, das ohne ihn trüber Dunst wäre. Weiss mein
holder Schwarmgeist, wie die Wolkenfrau geheissen?«
    Glühend widersprach ich dieser Demut, die ich Kleinmütigkeit nannte. »Nicht
erborgten Glanz hat meine Tekla, sie leuchtet eigen, und nie verbleichen soll
mir dieser schönste Stern.« Sorgenvoll bat ich alsdann, sie möge doch endlich
deutlichen Bericht über ihr Befinden geben; was ihr gefehlt habe, und ob sie
genesen sei. »Und Heinrich? wie lässt er sich an? Das graue Gespenst macht mir
halt nur insofern bange, als Heinrichs Seelenschwung ermatten und seine
Bekehrung welken könnte.«
    Seltsam lautete Teklas Antwort: »In der Chronika derer von Schlick ist der
Lebenslauf manches Ahnen beschrieben. Von meines Urgrossvaters Schwester Veronika
heisst es, sie sei eine ebenso hochsinnige wie schöne Jungfer gewesen. Überreich
an Freiern, trat sie ins dreissigste Jahr, ohne ihr Herz verloren zu haben. Da
kam auf ihres Bruders Schloss ein Gast, war anoch ein Jüngling, obwohl bereits
mit güldenen Sporen angetan, dazu ein gekrönter Sangesmeister. Als er nun wieder
scheiden gemusst, lief Veronika heimlich hinterdrein. Mit ihrem süssesten Lenze
hielt Frau Minne die beiden bezaubert. Und wiewohl sie ein ehelich Paar hätten
werden dürfen, war eine andere, ungewöhnliche Hochzeit mehr nach ihrem Sinn.
Aufs Hochgebirg wallten sie Hand in Hand und mögen auf blumigen Matten bei
Felsen und Wolken, erhaben ob dem Getriebe drunten, wie Engel gewesen sein. Nach
dreien Tagen aber fand man sie entseelt in einem Abgrunde, wohinein sie in der
Umarmung sich gestürzt hatten. Ein hinterlassener Zettel war von des Ritters
Hand also beschrieben:
Wen du begnadet in der Zeit,
Hat Eines nur zu sorgen:
Nit welken darfstu, Seligkeit!
Wohlan, im Heim der Ewigkeit
Bleib alterlos geborgen!
    Dieser Liebesleute Beispiel zu empfehlen, sei ferne von mir. Herbeizwingen
darf man den Tod nicht. Doch ich fühle, wie durch meine Adern rollt der Veronika
Blut.
    Denn ich möchte nicht wieder ins trübe Tal sinken aus der klaren Höhe, zu
der mich des Himmels Güte emporgehoben. In reinster Liebe aufblühen, dann nicht
erst das Welken abwarten, sondern gleich eingehn zur stillen Ewigkeit!
Unschuldig sterben, wie jenes Knäblein, an dessen Bahre Waldhäuser Heimweh nach
der Ewigkeit empfand. Und unser kleiner Johannes - wiewohl Grauen seinen
Opfertod umgibt -, im weissen Kleide als ein Lämmlein ist er zum guten Hirten
gekommen. So preist ihn ein Lied, das im Herzen seiner Mutter erklungen, bald
auch von ihr gelten mag:
Am offenen Fenster
Ein Flämmchen wacht,
Es flirrt und flackert
In wehender Nacht.
Ein Windstoss würgt es;
Da beugt es sich müd,
Als ob ein Blümchen,
Ein blaues, verblüht.
Aus lischt sein Auge;
Ein letzter, Strahl
Hinan zum heiligen
Sternensaal. -
Arm Flackerseelchen,
Du Bettelkind,
Gern wärst du worden
Was Sterne sind.
Musst nun versprühen
In Nacht und Tod.
Jedoch getrost:
Der Lichtborn loht!
Dein Lichtborn droben,
Die glühenden Sonnen,
Dran heilige Sehnsucht
Dir ist entbronnen.
Und was du liebtest
In armer Zeit,
Dein Reichtum ist es
In Ewigkeit.
Der Sternenliebe
Ergib dich ganz;
So wirst du selber
Zu Sternenglanz.«
    Ich weinte. Ein Lied von ihr! ein Lied auf unser Kind! So war nun Klein
Johannes ein zitternder Klang im Elternherzen. Wie denn aber? Auch von der
Mutter sollte bald dies Lied der Wehmut gelten? So meint sie - oh!
    Bange Zweifel bestürmten mich. Immer rätselhafter ward Tekla. Weshalb diese
Todesgedanken? Warum ging sie mit keiner Silbe auf meine Fragen ein? War mein
Schreiben nicht in ihre Hand gelangt? Wollte sie die Antwort vermeiden? War
etwas vorgefallen? »Ich beschwöre Dich, Tekla« - so schrieb ich - »sprich
gerade heraus: Vermeinest Du, ein Hindernis vereitele unser ehelich Glück, und
willst Du mir Enttäuschung ersparen, indem Du vorschnelle Hoffnungen zügelst?
Oder hast Du eine wirkliche Scheu vor unserm Zusammenleben, selbst wenn Heinrich
es gestattet? Darf ich nie als Gatte bei Dir einkehren? Willst Du bleiben, was
Du bist, möchtest nur meine Braut sein? In Zeit und Ewigkeit nichts weiter als
das?«
Der Märzmond war kommen, in den Tälern und selbst an den sonnigen Hängen meiner
Iserberge hauchte, spross und zwitscherte der erste Lenz, nicht anders, als
Tekla ihn geschildert. Da erhielt ich, nach siebentägigem Harren, ein neues
Schreiben. »Du ewig Meiner! Wie soll ich danken für all Deine Güte, Treue und
Geduld, für die Wonnen, so mir Deine Liebe gab, und dafür, dass Du mich zu einem
neuen, besseren und glückseligen Menschen gemacht. Immerdar nun möcht ich das
bleiben in Deinem Herzen. Als mein Vater endete, hat es die gute Marianka den
Kindern erspart, des Vaters Blut und Leichnam zu sehen; so ist es gekommen, dass
mein Vater nur rüstig und strahlend mir im Gedächtnis lebt. Nicht wahr, auch dem
Bilde, so ich Dir hinterlasse, vergönnest Du, dass es nicht entstellet werde!
Wenn einmal der gute Tod mein Abendstündlein läutet, möcht ich mich
hinwegstehlen aus dieser Enge wie ein Hauch. Die am Sterbebette weinen, sollen
lieber über das, was röchelnd hier unterlag, recht bald ein Tüchel decken; ich
schäme mich der armseligen Körperlichkeit. Ich bin nicht Staub; in dieser Ruine,
die vordem eine saubere Hütte gewesen, hat mein Geist gehauset und geschafft.
Die zertrümmerte Klause meidet er, sein Heim ist ein hohes, weites Königszelt.
Diese Mahnung gilt meinem guten Heinrich. Hilf ihm verstehen! Wer wie Du und
Sibylle gelernt ins Ewige zu schauen, der findet mich darin, und darf nicht
traurig bleiben. Für Dich, mein Liebling, möcht ich noch besonders vorgesorgt
haben für den Fall meines Todes. Das beste wäre, wenn Du von meinem Krankenlager
gar nichts erführest. Schüttelt mich der peinvolle Husten, so dürft ich denken:
Gottlob, er ahnt nicht diesen Verfall. Aus meinen Briefen an Dich, die ich
gebieterisch der matten Hand abringen würde, liesse ich nur so viel durchblicken,
als meinem Ziele dient.
Nit welken darfstu, Seligkeit!
Wohlan im Heim der Ewigkeit
Bleib alterlos geborgen!
    Sei nicht bange, Johannes, versteh mich recht: Nur gesetzt den Fall, dass ich
dem Tode nahe, würd ich so tun. Sanft ablenken möcht ich Deine Sehnsucht von der
Gattenschaft, dass Dir vertraut der Gedanke werde, mich nie in Deine Arme zu
schliessen, sondern immer nur eine Sternenbraut zu haben. Selbst wenn ich schon
in der Erde ruhete, würden an Dich noch immer Briefe abgehen, auf Vorrat von mir
geschrieben. Sibyllen hätt ich eingeschärft: Jeden Sonntag bis auf weiteres
gönne ihm sein Briefel!
    Schliesslich allerdings, nachdem meine Betrachtungen Dich vorbereitet hätten,
müsstest Du wohl die Wahrheit erfahren; und also sollte dies geschehen: Wenn mein
letzter Brief in Deinen Händen wäre, käme Heinrich zur Abendburg und spräche:
Lieber Bruder, ich soll Dir melden, sie sei nun bei uns alle Tage! - Will dann
mein Liebling weinen, so sinke er an Heinrichs treue Brust. Bei jedem weitern
Anfall des Leides aber lausche in Dich hinein, bis Du die Worte vernimmst: Dies
ist derselbe Kummer, den auch sie empfunden hat, und nun sind Braut und
Bräutigam wieder eins, wenn auch nicht in Lust. Mein Wunsch, falls ich bald
sterben sollte, wäre noch, es möchten Heinrich und Sibylle Dir zureden, die öde
Abendburg doch zu verlassen und lieber in der Baude am Breiten Berge zu hausen.
Nicht weil mein Staub daselbst ruht - Dein Herz ist ja mein wahres Grab;
vielmehr weil Du wohnen sollst in meinem Stübel. Da mögen Dich täglich grüssen
die Zeichen meiner Zärtlichkeit und meines Wandels Spuren. Auch wirst Du Dir
viel zu erzählen haben mit Heinrich und Sibyllen. Behalte sie lieb; auch in
ihnen lebt Deine Tekla ...
    Verzeihe nun, mein Liebling, dies seltsamliche Gedankenspiel, nur ein
Vorsorgen ist es ja für den Fall meines Todes. Nicht bekümmern darf es Dich, es
soll Dich rüsten und beruhigen, wie es mir selber Trost gab. Ich bin im Frieden;
und seliger ist keine Erdenbraut, denn Deine Tekla, berufen zum Altar der
Ewigkeit.
Ein Bettlein ward mir zugedacht,
Wie's keine Mutter sanfter macht.
Ich bette mich in seine Ruh,
Wann ich den letzten Seufzer tu.
Und träume lächelnd: O was hab
Ich für ein wundersüsses Grab!
Von deiner Liebe eingewiegt
Und wie in Gottes Schoss geschmiegt!
Nun drücke noch, als weissen Stein,
Die Hand auf diesen Ruheschrein.
Die Hand aufs Herz dir selber, du!
Drin ich so treu geborgen ruh.«
    Diese Zeilen liessen wiederholt mein Herz vor Bangen stocken. Wenn Tekla so
gesonnen war, konnte ich ja gar nicht wissen, ob der Fall, den sie erörterte,
nicht schon eingetreten. Wär's möglich? Lag sie vielleicht wirklich bereits
unter der Erde, und waren ihre letzten Briefe nur gütige Täuschung?
    Erst schlug mich der Schrecken nieder, und ich zitterte. Dann faltete ich
die Hände, von Andacht durchschauert. Hehr und kühl ward es innen wie in einem
Dome, und ein Flüstern ging durch die Stille: »Hie bin ich, Liebling! Schau mir
ins Auge, wie du bereits im Böhmerschlosse schauen gelernt. Im Seelenblick sei
eins mit mir, mich findest du, sooft dein Sehnen lodert, sei's an der
Zackenschlucht, sei's wo du magst. In allem Schicksal web' ich dir, aus tausend
Verstecken lach' ich dich an. Ich tröste dich, bin dir Beraterin und
Schaffnerin, ich wirke mit bei allem Tun, das unsere Seelen einen kann. Nimm
mein Bestes in dich auf, setze fort mein Lieben und mein Trachten! So hast du
nichts verloren. Seit wir einander aufs neue hienieden begegnet sind, durft ich
ja nie ein andres sein denn deine heimliche und ferne Braut. Wohlan, nichts
Minderes bin ich worden; alles bleibt, wie es war, und wir haben noch den
Vorteil, dass unser Minnen gerettet ist vor dem grauen Gespenst. Briefe tauschen
wir, solange du atmest - nur dass du nicht erst zu schreiben, vielmehr bloss an
mich zu denken brauchst, und dass dein Herz an Stelle des Baumes dient. Sei nun
zufrieden, weil alles doch in Ordnung. Ich wusst es nicht besser einzurichten. Da
mir der Tod so nahe bevorstund, wollt ich dir sein Bild ersparen und lieber das
holde Geheimnis der Ferne dir verewigen.« So flüsterte es in mir, eine sanfte,
gütige Hand lag in der meinen, und am Altare kniet ich mit der Sternenbraut.
Komm, Sonnenmund, du Hochzeitsbecher,
Zum Abendmahle mir geweiht!
Im Kusse sterbend saugt der Zecher
Das Feuerblut der Ewigkeit.
Lass trinken, trinken deinen Gatten -
Bis ihm die Seele feierstill,
Ein Himmel ohne Wolkenschatten,
Ein Sonntag, so nicht enden will.
    Wie ich in der folgenden Frühe vor die Tür meiner Klause trat, siehe, da
kamen aus dem Walde Heinrich und Sibylle gegangen. Ich schrak zusammen. Das war
ja, wie Tekla es angekündigt. Wie versteinert stund ich. Und nun war Heinrich
bei mir, schwer atmend. Weh lag auf seinem Antlitz, feierlich blickte sein
blaues Auge, dann kamen die bebenden Worte: »Lieber Bruder - ich soll dir melden
- sie - ist nun bei uns alle Tage.« Aufschluchzend lagen wir einander in den
Armen, indessen Sibylle still für sich weinte. »Du weisst alles, Bruder?« fragte
Heinrich weich. Ich nickte. »Und wirst zu uns kommen?« Ich drückte seine Hand
und auch Sibyllens Hand: »Sie will es so; gerne komm ich mit; ich danke euch.
Lasset mich nur noch das Liebste aus meiner Habe zusammenraffen.«
    Wir sassen beisammen und weinten still. Dann hub der Umzug an. Sibylle führte
die Ziege; Heinrich trug meine Waffen, in seiner Hucke waren meine Bücher;
hinterdrein wankte irr der Oheim mit der Harfe. So schwanden sie im Walde. Auch
für mich lag ein Bündel bereit. Doch ging ich noch nicht, mir blieb noch etwas
zu tun. Ich durfte ja die Abendburg nicht lassen, wie sie war. Sonst hätte sie
in goldgierigen Menschen aufs neue den Dämon reizen können, der doch schon
genung des Unheils hier angerichtet. Trümmer sollten den Höhleneingang
verschütten. Da kamen mir nun zustatten die vorhandenen Pulverfässer. Ich
brachte sie in Spalten der Grotte und leitete Zündschnur zur Balkenklause.
    Ein letzter Abschiedsblick ins alte Heim, dann zerrte ich aus dem Ofen
Feuerbrände und zündete an. Von Ferne beobachtete ich, wie die Flammen aus
Fenster und Dach loderten. Plötzlich huben sich Stücke des Felsens, als ob ein
riesiger Maulwurf den Grund emporwühle, dicke Feuerstrahlen schossen herfür, es
krachte, als berste der ganze Berg. Und zusammen in sich sank die Abendburg wie
ein zertrümmerter Turm, dann war alles in schwarzen Qualm gehüllt, aus dem die
Funken stoben. Bald legte sich der Aufruhr, die Balken verkohlten und
verglühten, ich trat herzu und vergewisserte mich, dass der Felsen ob der Höhle
zusammengebrochen war und den Eingang zur Tiefe, den ohnehin ausser mir, dem
Oheim und Kiesewalds kein Lebender mehr wusste, völlig begraben hatte. Ein
Seufzen; dann lud ich mein Bündel auf und liess die Stätte hinter mir. Auf des
Zackenberges Rücken schaute ich zurück, überm Hohen Stein schwebte noch Rauch.
Der war wie ein letztes finstres Mahnen an die Welt der Gier und Fehde. Mein
Hund schnopperte unruhig und glotzte scheu. Dann zog er den Schwanz ein, hub den
Kopf und heulte aus tiefer Brust. Er heulte, und ich schluchzete. Endlich fasste
ich mich und ging.
    Wie ich nun an die Schlucht des tosenden Bergstroms kam, allwo ich vor einem
halben Jahr Tekla erwartet und das Feuer entzündet hatte, flog mein Blick
hinüber zur Waldwiese, als liesse sich aufs neue die Braut finden. Und sieh doch!
ich traute meinem Auge nicht: sie stund, wo sie damals gestanden. Wenigstens
schien es eine Menschengestalt zu sein. Einmal meinte ich, Sibylle sei es. Bei
schärferem Spähen kam es mir vor, es müsse ein Baumstumpf sein - oder ein Felsen
- vielleicht gar nur ein Schatten. Sei's, wie es wolle! Mir war dies Gebilde
meine Tekla, ich erkannte ihr stahlblau Gewand und Kopftuch, sogar das Braun
der Locken und ihr liebes Angesicht, still lächelte sie mich an.
    Dem Schauen hingegeben, war ich ins Beerenkraut gesunken, sanfter Jubel sang
mir im Herzen: »Süsse ferne Braut! Mein Schatz der Abendburg!« Dazu vernahm ich
in weiter Ferne Glockenläuten, als begebe sich zu Hirschberg, im ganzen Tale
drunten, ein gross Feiern. Und ich träumte, die Stadtruinen seien bekränzt, auf
den Knien lägen die wenigen Bewohner: »Friede! Das lange Sengen und Morden ist
aus! Endlich Friede!« Und leibhaftig erschien der Friede, ein weissgekleidet
Kindlein. So mag gelächelt haben jenes Kindlein, das der Abendburgfelsen seiner
Mutter zurückgab; und so mag strahlen das Mägdlein vom Krökentor, wann die
lichte Ewigkeit ihm seine finstre Mauerklause hat aufgetan.
    Und nun sieh! Küsse warf mir von drüben meine Braut zu; war dann um ein
Freudenfeuer beflissen - und nun sollte auch das meinige lodern.
Waldfeuer drüben an der Bergeshalde,
Dein Wölkchen Rauch
Schwebt einsam nicht; aus meinem Tannenwalde
Steigt gleicher Hauch.
Ob dort und hier zwei treue Herzen flammen,
Getrennt durch Kluft und Strom -
Den Rauch, die beiden Säulen, schmilzt zusammen
Ein Himmelsdom.
Die Ferne hat ein Minnen uns gegeben,
Das nicht geniesst,
Nur segnend grüsst - und sanft zu Gottes Frieden
Hinüberfliesst.
Waldfeuer drüben an der Bergeshalde,
Dein Wölkchen Rauch
Schwebt einsam nicht; aus meinem Tannenwalde
Steigt gleicher Hauch.
 
    