
        
                               Artur Schnitzler
                               Der Weg ins Freie
                                     Roman
                                  Erstes Kapitel
Georg von Wergentin sass heute ganz allein bei Tische. Felician, sein älterer
Bruder, hatte es vorgezogen, nach längerer Zeit wieder einmal mit Freunden zu
speisen. Aber Georg verspürte noch keine besondere Neigung, Ralph Skelton, den
Grafen Schönstein, oder andere von den jungen Leuten wiederzusehen, mit denen er
sonst gern plauderte; er fühlte sich vorläufig zu keiner Art von Geselligkeit
aufgelegt.
    Der Diener räumte ab und verschwand. Georg zündete sich eine Zigarette an,
dann ging er nach seiner Gewohnheit in dem grossen, dreifenstrigen, nicht sehr
hohen Zimmer hin und her und wunderte sich, wie dieser Raum, der ihm durch viele
Wochen wie verdüstert erschienen war, allmählich doch das frühere freundliche
Aussehen wiederzugewinnen begann. Unwillkürlich liess er seinen Blick auf dem
leeren Sessel am oberen Tischende ruhen, über den durch das offene Mittelfenster
die Septembersonne hinfloss, und es war ihm, als hätte er seinen Vater, der seit
zwei Monaten tot war, noch vor einer Stunde dort sitzen gesehen; so deutlich
stand ihm jede, selbst die kleinste Gebärde des Verstorbenen vor Augen, bis zu
seiner Art die Kaffeetasse fortzurücken, den Zwicker aufzusetzen, in einer
Broschüre zu blättern.
    Georg dachte an eines der letzten Gespräche mit dem Vater, das im
Spätfrühling stattgefunden hatte, kurz vor der Übersiedlung in die Villa am
Veldeser See. Georg war damals eben aus Sizilien heimgekommen, wo er den April
mit Grace verbracht hatte, auf einer melancholischen und ein wenig langweiligen
Abschiedsreise, vor der endgültigen Rückkehr der Geliebten nach Amerika. Er
hatte wieder ein halbes Jahr oder länger nichts Rechtes gearbeitet; nicht einmal
das schwermütige Adagio war niedergeschrieben, das er in Palermo, an einem
bewegten Morgen am Ufer spazierengehend, aus dem Rauschen der Wellen
herausgehört hatte. Nun spielte er das Tema seinem Vater vor, phantasierte
darüber mit einem übertriebenen Reichtum an Harmonien, der die einfache Melodie
beinahe verschlang; und als er eben in eine wild modulierende Variation geraten
war, hatte der Vater, vom anderen Ende des Flügels her, lächelnd gefragt: Wohin,
wohin? Georg, wie beschämt, liess den Schwall der Töne verklingen, und nun,
herzlich wie immer, doch nicht in so leichtem Ton wie sonst, hatte der Vater mit
dem Sohn ein Gespräch über dessen Zukunft zu führen begonnen, das diesem heute
durch den Sinn zog, als wäre es von mancher Ahnung schwer gewesen.
    Er stand am Fenster und blickte hinaus. Drüben der Park war ziemlich leer.
Auf einer Bank sass eine alte Frau, die eine altmodische Mantille mit schwarzen
Glasperlen um hatte. Ein Kindermädchen spazierte vorbei, einen Knaben an der
Hand, ein anderer, ganz kleiner, in Husarenuniform, mit angeschnalltem Säbel,
eine Pistole im Gürtel, lief voran, blickte stolz um sich und salutierte einem
Invaliden, der rauchend des Weges kam. Tiefer im Garten, um den Kiosk, sassen
wenige Leute, die Kaffee tranken und Zeitung lasen. Das Laub war noch ziemlich
dicht, und der Park sah bedrückt, verstaubt und im ganzen viel sommerlicher aus,
als sonst in späten Septembertagen. Georg stützte die Arme aufs Fensterbrett,
beugte sich vor und betrachtete den Himmel. Seit dem Tode seines Vaters hatte er
Wien nicht verlassen, trotz vieler Möglichkeiten, die ihm offen standen. Er
hätte mit Felician auf das Schönsteinsche Gut fahren können; Frau Ehrenberg
hatte ihn in einem liebenswürdigen Brief in den Auhof eingeladen; und zu einer
Radtour durch Kärnten und Tirol, wie er sie längst plante, und zu der er sich
allein nicht entschliessen konnte, hätte er leicht einen Gefährten gefunden. Aber
er blieb lieber in Wien und vertrieb sich die Zeit mit dem Durchblättern und dem
Ordnen von alten Familienpapieren. Er fand Erinnerungen bis zu seinem
Urgrossvater, Anastasius von Wergentin, der aus der Rheingegend stammte und
durch Heirat mit einem Fräulein Recco in den Besitz eines alten längst
unbewohnbaren Schlösschens bei Bozen gekommen war. Auch Dokumente zur Geschichte
von Georgs Grossvater waren vorhanden, der im Jahre 1866 als Artillerieoberst vor
Chlum gefallen war. Dessen Sohn, Felicians und Georgs Vater, hatte sich
wissenschaftlichen, hauptsächlich botanischen Studien gewidmet und in Innsbruck
das Doktorat der Philosophie abgelegt. Als Vierundzwanzigjähriger lernte er ein
junges Mädchen kennen aus alter österreichischer Beamtenfamilie, das sich,
vielleicht mehr um den engen und beinahe ärmlichen Zuständen ihres Hauses zu
entfliehen, als aus innerstem Beruf, zur Sängerin ausgebildet hatte. Der
Freiherr von Wergentin sah und hörte sie zum ersten Male im Winter in einer
Konzertaufführung der Missa solemnis, und schon im Mai darauf wurde sie seine
Frau. Im zweiten Jahre der Ehe kam Felician, im dritten Georg zur Welt. Drei
Jahre später begann die Baronin zu kränkeln und wurde von den Ärzten nach dem
Süden geschickt. Da die Heilung auf sich warten liess, wurde der Haushalt in Wien
aufgelöst, und so fügte es sich, dass der Freiherr mit den Seinen durch viele
Jahre eine Art von Hotel- und Wanderleben führen musste. Ihn selbst führten
Geschäfte und Studien manchmal nach Wien, die Söhne aber verliessen ihre Mutter
beinahe niemals. Man lebte in Sizilien, in Rom, in Tunis, in Korfu, in Aten, in
Malta, in Meran, an der Riviera, zuletzt in Florenz; keineswegs auf grossem Fuss,
aber doch standesgemäss; und nicht so sparsam, dass nicht ein guter Teil des
freiherrlichen Vermögens allmählich aufgezehrt worden wäre.
    Georg war achtzehn Jahre alt, als seine Mutter starb. Neun Jahre waren
seiter verflossen, aber unverblasst war ihm die Erinnerung an jenen
Frühlingsabend, da Vater und Bruder zufällig nicht daheim gewesen waren, und er
allein und ratlos am Bett der sterbenden Mutter gestanden hatte, während durch
die eilig aufgerissenen Fenster, mit der Luft des Frühlings, das Reden und
Lachen von Spaziergängern verletzend laut hereinklang.
    Die Hinterbliebenen kehrten mit dem Leichnam der Mutter nach Wien zurück.
Der Freiherr widmete sich seinen Studien mit einem neuen, wie verzweifelten
Eifer. Früher hatte man ihn nur als vornehmen Liebhaber gelten lassen, jetzt
begann man ihn auch in akademischen Kreisen durchaus ernst zu nehmen, und als er
zum Ehrenpräsidenten der botanischen Gesellschaft gewählt wurde, hatte er diese
Auszeichnung nicht allein dem Zufall eines adeligen Namens zu danken. Felician
und Georg liessen sich als Hörer an der juridischen Fakultät einschreiben. Aber
der Vater selbst war es, der es dem Jüngern nach einiger Zeit freistellte, die
Universitätsstudien aufzugeben und sich seinen musikalischen Neigungen
entsprechend weiter zu bilden, was dieser dankbar und erlöst annahm. Doch auch
auf diesem selbstgewählten Gebiete war seine Ausdauer nicht bedeutend, und oft
wochenlang hintereinander konnte er sich mit allerlei Dingen beschäftigen, die
von seinem Wege weit ablagen. Diese spielerische Anlage war es auch, die ihn
jene alten Familienpapiere mit einem Ernst durchblättern liess, als gälte es
wichtigen Geheimnissen der Vergangenheit nachzuforschen. Manche Stunde
verbrachte er bewegt über Briefen, die seine Eltern in früheren Jahren
miteinander gewechselt hatten, über sehnsüchtigen und flüchtigen, schwermütigen
und beruhigten, aus denen ihm nicht nur die Hingeschiedenen selbst, sondern auch
andere halbvergessene Menschen neu lebendig wurden. Da erschien ihm der deutsche
Lehrer wieder, mit der traurigen blassen Stirn, der ihm auf langen Spaziergängen
den Horaz vorzudeklamieren pflegte; das braune, wilde Kindergesicht des Prinzen
Alexander von Mazedonien tauchte auf, in dessen Gesellschaft Georg in Rom die
ersten Reitstunden genommen hatte; und in einer traumhaften Weise, wie mit
schwarzen Linien an einen blassblauen Horizont gezeichnet, ragte die Pyramide des
Cestius auf, so wie Georg sie, von seinem ersten Ritt aus der Campagna
heimkehrend, in der Abenddämmerung erblickt hatte. Und wenn er ins Weiterträumen
geriet, zeigten sich Meeresufer, Gärten, Strassen, von denen er gar nicht wusste,
aus welcher Landschaft, welcher Stadt sein Gedächtnis sie bewahrt hatte;
Gestalten schwebten vorbei, manche vollkommen deutlich, die ihm einmal nur in
gleichgültiger Stunde begegnet waren, andere wieder, mit denen er zu irgend
einer Zeit viele Tage zusammen gewesen sein mochte, schattenhaft und fern. Als
Georg nach Sichtung jener alten Briefe auch seine eigenen Papiere in Ordnung
brachte, fand er in einer alten, grünen Mappe musikalische Entwürfe aus der
Knabenzeit, die ihm bis auf die Tatsache ihres Vorhandenseins so vollkommen
entschwunden waren, dass man sie ihm ohne weiteres als die Aufzeichnungen eines
anderen hätte vorlegen können. Von manchen war er angenehm schmerzlich
überrascht, denn sie schienen ihm Versprechungen zu entalten, die er vielleicht
niemals erfüllen sollte. Und doch spürte er gerade in der letzten Zeit, dass sich
irgend etwas in ihm vorbereitete. Er sah es wie eine geheimnisvolle aber sichere
Linie, die von jenen ersten hoffnungsvollen Niederschriften in der grünen Mappe
zu neuen Einfällen wies; und das wusste er: die zwei Lieder aus dem
west-östlichen Divan, die er heuer im Sommer komponiert hatte, an einem schwülen
Nachmittag, während Felician in der Hängematte lag und der Vater auf der kühlen
Terrasse im Lehnstuhl arbeitete, hätte nicht der erstbeste ersinnen können.
    Wie von einem gänzlich unerwarteten Gedanken überrascht wich Georg einen
Schritt vom Fenster zurück. Mit solcher Deutlichkeit war er noch nie inne
geworden, dass seine Existenz seit dem Tode des Vaters bis zum heutigen Tage
gleichsam unterbrochen gewesen war. An Anna Rosner, der er jene Lieder im
Manuskript zugesandt, hatte er die ganze Zeit über nicht gedacht. Und wie ihm
nun einfiel, dass er ihre wohllautende, dunkle Stimme wieder hören und sie auf
dem etwas dumpfen Pianino zum Gesang begleiten durfte, sobald er nur wollte, war
er angenehm bewegt. Und er erinnerte sich des alten Hauses in der Paulanergasse,
des niederen Tors, der schlecht beleuchteten Stiege, die er bisher nicht öfter
als drei-oder viermal hinaufgegangen war, wie man an Liebgewordenes und längst
Bekanntes denkt.
    Im Park drüben ging ein leichtes Wehen durch die Blätter. Über der
Stephansturmspitze, die dem Fenster, durch den Park und einen beträchtlichen
Teil der Stadt getrennt, gerade gegenüberlag, erschienen dünne Wolken. Ein
langer Nachmittag, völlig ohne Verpflichtungen dehnte sich vor Georg aus. Im
Laufe der zwei Trauermonate, so wollte es ihm scheinen, hatten sich alle
Beziehungen früherer Zeit gelockert oder gelöst. Er dachte an den verflossenen
Winter und Frühling, mit ihrem vielfach verschlungenen und wirren Treiben, und
allerlei Erinnerungen tauchten bildhaft vor ihm auf: Die Fahrt mit Frau
Mariannen im geschlossenen Fiaker durch den verschneiten Wald. Der maskierte
Abend bei Ehrenbergs, mit Elses tiefsinnig-kindlichen Bemerkungen über die
»Hedda Gabler«, der sie sich verwandt zu fühlen behauptete, und mit Sissys
raschem Kuss unter den schwarzen Spitzen der Larve. Eine Bergtour im Schnee, von
Edlach aus auf die Rax, mit dem Grafen Schönstein und Oskar Ehrenberg, der ohne
angeborene alpine Neigungen gern die Gelegenheit ergriffen hatte, sich zwei
hochgeborenen Herren anzuschliessen. Der Abend bei Ronacher mit Grace und dem
jungen Labinski, der sich vier Tage darauf erschossen, man hatte nie recht
erfahren, ob wegen Grace, wegen Schulden, aus Lebensüberdruss, oder
ausschliesslich aus Affektation. Das seltsame glühend-kalte Gespräch mit Grace
auf dem Friedhof im schmelzenden Feberschnee, zwei Tage nach Labinskis
Begräbnis. Der Abend im heissen, hochgewölbten Fechtsaal, wo Felicians Degen die
gefährliche Waffe des italienischen Meisters kreuzte. Der nächtliche Spaziergang
nach dem Paderewski-Konzert, auf dem der Vater ihm so vertraut wie nie zuvor von
jenem fernen Abend sprach, da die verstorbene Mutter in dem gleichen Saal, aus
dem sie eben kamen, in der Missa solemnis gesungen hatte. Und endlich erschien
ihm Anna Rosners hohe, ruhige Gestalt, am Klaviere lehnend, das Notenblatt in
der Hand, die blauen, lächelnden Augen auf die Tasten gerichtet; und er hörte
sogar ihre Stimme in seiner Seele klingen.
    Während er so am Fenster stand und in den Park hinunterschaute, der sich
allmählich belebte, empfand er es wie beruhigend, dass er zu keinem menschlichen
Wesen in engerer Beziehung stand, und dass es doch manche gab, mit denen er
wieder anknüpfen, in deren Kreis er wieder eintreten durfte, sobald es ihm nur
beliebte. Zugleich fühlte er sich wunderbar ausgeruht, für Arbeit und Glück
bereit wie niemals zuvor. Er war voll guter und kühner Vorsätze, seiner Jugend
und Unabhängigkeit sich mit Freuden bewusst. Zwar fühlte er mit einiger
Beschämung, dass, in diesem Augenblick wenigstens, seine Trauer um den
hingeschiedenen Vater sehr gemildert war; doch fand er für diese
Gleichgültigkeit einen Trost in sich, da er des quallosen Endes gedachte, das
dem teuren Mann beschieden war. Im Garten, heiter mit den beiden Söhnen
plaudernd, war er auf und abgegangen, hatte mit einem Mal um sich geschaut, als
hörte er ferne Stimmen, hatte dann aufgeblickt, zum Himmel empor, und war
plötzlich tot auf die Wiese hingesunken, ohne Schmerzenslaut, ja ohne Zucken der
Lippen.
    Georg trat ins Zimmer zurück, machte sich zum Fortgehen fertig und verliess
das Haus. Seine Absicht war es, ein paar Stunden herumzuspazieren, wohin der
Zufall ihn führen mochte, und abends endlich wieder an seinem Quintett
weiterzuarbeiten, wofür ihm nun die rechte Stimmung gekommen schien. Er
überschritt die Strasse und betrat den Park. Die Schwüle hatte nachgelassen. Noch
immer sass die alte Frau mit der Mantille auf der Bank und starrte vor sich hin.
Auf dem sandigen Rund um die Bäume spielten Kinder. Um den Kiosk waren alle
Stühle besetzt. Im Wetterhäuschen sass ein glattrasierter Herr, den Georg vom
Sehen kannte, und der ihm durch seine Ähnlichkeit mit dem alten Grillparzer
aufgefallen war. Am Teich kam Georg eine Gouvernante entgegen, mit zwei schön
gekleideten Kindern und betrachtete ihn mit leuchtendem Blick. Als er aus dem
Park auf die Ringstrasse trat, begegnete ihm Willy Eissler in langem
dunkelgestreiften Herbstpaletot und sprach ihn an:
    »Guten Tag, Baron, sind Sie auch schon wieder in Wien eingerückt?«
    »Ich bin schon lange zurück«, erwiderte Georg. »Nach dem Begräbnis meines
Vaters hab' ich Wien nicht mehr verlassen.«
    »Ja, ja, natürlich ... Gestatten Sie, dass ich Ihnen nochmals ...« Und Willy
drückte Georg die Hand.
    »Und was haben Sie denn heuer im Sommer getrieben?« fragte Georg.
    »Allerlei. Tennis gespielt, gemalt, Zeit vertrödelt, einige amüsante und
noch mehr langweilige Stunden verlebt ...« Willy sprach äusserst rasch, wie mit
einer absichtlichen leisen Heiserkeit, scharf, salopp, mit ungarischen,
französischen, wienerischen, jüdischen Akzenten. »Übrigens, wie Sie mich da
sehen«, fuhr er fort, »bin ich heute früh aus Przemysl gekommen.«
    »Waffenübung?«
    »Jawohl, letzte. Ich sag's mit Wehmut. So sehr ich mich dem Greisenalter
nähere, es hat mir doch noch immer Spass gemacht, so mit den gelben Aufschlägen
umherzuwandeln, Sporen klirrend, Säbel scheppernd, eine Ahnung drohender Gefahr
verbreitend, und von mangelhaften Lavaters für einen bessern Grafen gehalten zu
werden.« Sie spazierten weiter, dem Gitter des Stadtparks entlang.
    »Gehen Sie vielleicht zu Ehrenbergs?« fragte Willy.
    »Nein, ich denke gar nicht daran.«
    »Weil's der Weg ist. Haben Sie übrigens gehört, Fräulein Else soll verlobt
sein.«
    »So?« fragte Georg gedehnt. »Mit wem denn?«
    »Raten S' Baron.«
    »Am Ende Hofrat Wilt?«
    »O fröhlich!« rief Willy. »Der denkt wohl nicht daran! Die Verschwägerung
mit S. Ehrenberg könnte ihm doch am Ende die Ministerkarriere erschweren
heutzutage«
    »Rittmeister Ladisc?« riet Georg weiter.
    »Ah dazu ist Fräulein Else doch zu gescheit, dass sie dem hineinfällt.«
    Jetzt erinnerte sich Georg, dass sich Willy vor ein paar Jahren mit Ladisc
geschlagen hatte. Willy fühlte Georgs Blick, zwirbelte den blonden, in
polnischer Art herabhängenden Schnurrbart mit etwas nervösen Fingern hin und her
und sprach rasch und beiläufig: »Der Umstand, dass ich mit dem Rittmeister Ladisc
einmal eine Differenz gehabt hab', kann mich nicht hindern, in loyaler Weise
anzuerkennen, dass er immer ein versoffenes Schwein gewesen ist. Ich hab' nämlich
eine unüberwindliche, auch durch Blut nicht abzuwaschende Abneigung gegen die
Leute, die sich bei den Juden anfressen und schon auf der Treppe über sie zu
schimpfen anfangen. Bis ins Kaffeehaus kann man doch warten. Aber strengen Sie
sich nicht weiter mit dem Raten an, Heinrich Bermann soll der Glückliche sein.«
    »Nicht möglich«, rief Georg.
    »Warum?« fragte Eissler. »Einer wird's ja doch schliesslich werden. Bermann
ist zwar kein Adonis, aber er ist auf dem Wege zum Ruhm; und das Gemisch von
Herrenreiter und Atleten in höchster Vollendung, das sich Else offenbar
erträumt hat, wird sie ja doch kaum finden. Vierundzwanzig Jahre ist sie
indessen alt geworden, vor Salomons Taktlosigkeiten und Witzen dürfte ihr auch
schon genügend grausen ... also ...«
    »Salomon? ... ach ja ... Ehrenberg«.
    »Sie kennen ihn auch nur unter dem Namen S? ... S. heisst natürlich Salomon,
und dass nur S. auf der Tafel an der Tür steht, ist eine Konzession, die er den
Seinen gemacht hat. Wenn es nach ihm ginge, möchte er am liebsten zu den
Gesellschaften, die Madame Ehrenberg gibt, im Kaftan und mit den gewissen
Löckchen erscheinen.«
    »Sie glauben ...? Er ist doch nicht so fromm?«
    »Fromm ... o fröhlich! Mit der Frömmigkeit hat das allerdings nichts zu tun.
Es ist nur Bosheit, hauptsächlich gegen seinen Sohn Oskar mit den feudalen
Bestrebungen.«
    »Ach so«, sagte Georg lächelnd. »Ist denn Oskar nicht schon längst getauft?
Er ist ja Reserveoffizier bei den Dragonern.«
    »Ach darum ... Nun, ich bin auch nicht getauft und trotzdem ... Ja, es gibt
immer ein paar Ausnahmen ... Mit einigem guten Willen ...« Er lachte und fuhr
fort: »Was übrigens Oskar anbelangt, so möchte er gewiss lieber katolisch sein.
Aber das Vergnügen beichten gehen zu dürfen, käme ihm vorläufig doch noch zu
teuer zu stehen. Es wird wohl auch im Testament vorgesehen sein, dass Oskar nicht
überhüpft.«
    Sie waren vor dem Café Imperial angelangt. Willy blieb stehen. »Ich habe da
ein Rendezvous mit Demeter Stanzides.«
    »Grüssen Sie ihn, bitte.«
    »Danke bestens. Kommen Sie nicht mit hinein, auf ein Eis?«
    »Danke, ich bummle noch ein bisschen.«
    »Sie lieben die Einsamkeit?«
    »Auf so allgemeine Fragen lässt sich schwer antworten«, erwiderte Georg.
    »Allerdings«, sagte Willy, wurde plötzlich ernst und lüftete den Hut. »Habe
die Ehre, Herr Baron.«
    Georg reichte ihm die Hand. Er fühlte, dass Willy ein Mensch war, der
ununterbrochen eine Stellung verteidigte, wenn auch ohne dringende
Notwendigkeit. »Auf Wiedersehen«, sagte er mit unvermittelter Herzlichkeit. Er
empfand es, wie schon öfters, als beinahe sonderbar, dass Willy Jude war. Schon
der alte Eissler, Willys Vater, der anmutige Wiener Walzer und Lieder
komponierte, sich kunst- und altertumsverständig mit dem Sammeln, zuweilen auch
mit dem Verkauf von Antiquitäten befasste und seinerzeit als der berühmteste
Boxer von Wien gegolten hatte, mit seiner Riesengestalt, dem langen, grauen
Vollbart und dem Monokel, sah eher einem ungarischen Magnaten ähnlich, als einem
jüdischen Patriarchen; aus Willy aber hatten Anlage, Liebhaberei und eiserner
Wille das täuschende Ebenbild eines geborenen Kavaliers gebildet. Was ihn jedoch
vor andern jungen Leuten seines Stammes und seines Strebens auszeichnete, war
der Umstand, dass er gewohnt war, seine Abstammung nie zu verleugnen, für jedes
zweideutige Lächeln Aufklärung oder Rechenschaft zu fordern und sich
gelegentlich über alle Vorurteile und Eitelkeiten, in denen er oft befangen
schien, selber lustig zu machen.
    Georg schlenderte weiter. Die letzte Frage Willys klang ihm nach. Ob er die
Einsamkeit liebte? ... Er erinnerte sich daran, wie er in Palermo ganze
Vormittage allein herumspaziert war, während Grace ihrer Gewohnheit gemäss bis
Mittag im Bette lag. Grace ... Wo mochte sie jetzt sein ...? Seit sie in Neapel
von ihm Abschied genommen, hatte sie nichts mehr von sich hören lassen, wie es
übrigens verabredet gewesen war. Er dachte an die tiefblaue Nacht, die über den
Wassern schwebte, als er nach jenem Abschied allein nach Genua gefahren war, und
an den seltsamen, leisen, wie märchenhaften Gesang zweier Kinder, die dicht
aneinandergeschmiegt, gemeinsam in einen Plaid gehüllt, an der Seite ihrer
schlafenden Mutter auf dem Verdeck gesessen waren.
    Mit wachsendem Behagen spazierte er unter den Leuten weiter, die in
sonntäglicher Lässigkeit an ihm vorübergingen. Mancher freundliche Frauenblick
begegnete dem seinen und schien ihn darüber trösten zu wollen, dass er an diesem
schönen Feiernachmittag einsam und mit allen äussern Abzeichen der Trauer
umherwandelte. Und wieder tauchte ein Bild in ihm auf. Er sah sich auf einer
hügeligen Wiese liegen, spät abends, nach einem heissen Junitag. Dunkelheit
ringsum. Tief unter ihm Gewirr von Menschen, Lachen und Lärm, glitzernde
Lampions. Ganz nah aus dem Dunkel Mädchenstimmen ... Er zündet die kleine Pfeife
an, die er nur auf dem Land zu rauchen pflegt; beim Schein des Zündhölzchens
sieht er zwei hübsche, ganz junge Bauerndirnen, beinah noch Kinder. Er plaudert
mit ihnen. Sie haben Angst, weil es so finster ist; sie schmiegen sich an ihn.
Plötzlich Geknatter, Raketen in der Luft. Von unten ein lautes »Ah«.
Bengalisches Licht, violett und rot, über dem unsichtbaren See in der Tiefe. Die
Mädchen den Hügel hinab, verschwinden. Dann wird es wieder dunkel, und er liegt
allein, schaut in die Finsternis hinauf, die schwül auf ihn herabsinken will.
Dies war die Nacht vor dem Tage gewesen, da sein Vater sterben musste. Und auch
ihrer dachte er heute zum erstenmal.
    Er hatte die Ringstrasse verlassen, nahm die Richtung der Wieden zu. Ob die
Rosners an diesem schönen Tage zu Hause waren? Immerhin lohnte es den kurzen
Weg, und jedenfalls zog es ihn mehr dortin, als zu Ehrenbergs. Nach Else sehnte
er sich gar nicht, und ob sie wirklich Heinrich Bermanns Braut sein mochte oder
nicht, war ihm beinahe gleichgültig. Er kannte sie schon lange. Sie war elf, er
vierzehn Jahre alt gewesen, als sie an der Riviera miteinander Tennis gespielt
hatten. Damals glich sie einem Zigeunermädel. Blauschwarze Locken umwirbelten
ihr Stirn und Wangen, und ausgelassen war sie wie ein Bub. Ihr Bruder spielte
schon damals den Lord, und Georg musste noch heute lächeln, wenn er sich
erinnerte, wie der Fünfzehnjährige eines Tages im lichtgrauen Schlussrock, mit
weissen, schwarztamburierten Handschuhen und einem Monokel im Aug, auf der
Promenade erschienen war. Frau Ehrenberg war damals vierunddreissig Jahre alt,
hoheitsvoll, von übergrosser Gestalt, dabei noch schön, hatte verschleierte Augen
und war meistens sehr müde. Es blieb unvergesslich für Georg, wie eines Tages ihr
Gemahl, der millionenreiche Patronenfabrikant, die Seinen überraschte und
einfach durch sein Erscheinen der ganzen Ehrenbergischen Vornehmheit ein rasches
Ende bereitet hatte. Georg sah ihn noch vor sich, so wie er während des
Frühstücks auf der Hotelterrasse aufgetaucht war; ein kleiner, magerer Herr mit
graumeliertem Vollbart und japanischen Augen, in weissem schlecht gebügelten
Flanellanzug, einen dunklen Strohhut mit rotweiss gestreiftem Band auf dem runden
Kopf, und mit schwarzen, bestaubten Schuhen. Er redete sehr gedehnt, immer wie
höhnisch, selbst über die gleichgültigsten Dinge; und so oft er den Mund auftat,
lag es unter dem Schein der Ruhe wie eine geheime Angst auf dem Antlitz der
Gattin. Sie versuchte sich zu rächen, indem sie ihn mit Spott behandelte; aber
gegen seine Rücksichtslosigkeit kam sie nicht auf. Oskar benahm sich, wenn es
irgend möglich war, als gehörte er nicht dazu. In seinen Zügen spielte eine
etwas unsichere Verachtung für den seiner nicht ganz würdigen Erzeuger, und
Verständnis suchend lächelte er zu den jungen Baronen hinüber. Nur Else war zu
jener Zeit sehr nett mit dem Vater. Auf der Promenade hing sie sich gern in
seinen Arm, und manchmal fiel sie ihm vor allen Leuten um den Hals.
    In Florenz, ein Jahr vor seiner Mutter Tod, hatte Georg Else wiedergesehen.
Sie nahm damals Zeichenstunden bei einem alten, grau- und wirrhaarigen
Deutschen, von dem die Sage ging, dass er einmal berühmt gewesen wäre. Er selbst
verbreitete das Gerücht über sich, dass er seinen frühern, sehr bekannten Namen,
als er sein Genie schwinden fühlte, abgelegt und die Stätte seines Wirkens, die
er niemals nannte, verlassen hätte. Schuld an seinem Niedergang trug, wenn man
seinen Berichten glauben durfte, ein dämonisches Frauenzimmer, das er
geheiratet, das in einem Eifersuchtsanfall sein bedeutendstes Bild zerstört und
durch einen Sprung vom Fenster ihr Leben geendet hatte. Dieser Mensch, den sogar
der siebzehnjährige Georg als eine Art von schwindelhaftem Narren erkannte, war
der Gegenstand von Elses erster Schwärmerei. Sie war damals vierzehn Jahre alt,
die Wildheit und Unbefangenheit der Kindheit war dahin. Vor der Tizianschen
Venus in den Uffizien glühten ihr die Wangen in Neugier, Sehnsucht und
Bewunderung, und in ihren Augen spielten dunkle Träume von künftigen
Erlebnissen. Öfters kam sie mit ihrer Mutter in das Haus, das die Wergentins am
Lungano gemietet hatten; und während Frau Ehrenberg die leidende Baronin in
ihrer müd-geistreichen Weise zu unterhalten suchte, stand Else mit Georg am
Fenster, führte altkluge Gespräche über die Kunst der Präraffaeliten und
lächelte der vergangenen kindischen Spiele. Auch Felician erschien zuweilen,
schlank und schön, blickte mit seinen kalten, grauen Augen an Dingen und
Menschen vorbei, sprach ein paar höfliche Worte, halblaut, beinahe wegwerfend,
und setzte sich ans Bett seiner Mutter, der er zärtlich die Hand streichelte und
küsste. Gewöhnlich ging er bald wieder fort, nicht ohne für Else einen herben
Duft von uralter Vornehmheit, kaltblütiger Verführung und eleganter
Todesverachtung zurückzulassen. Stets hatte sie den Eindruck, als begebe er sich
an einen Spieltisch, an dem es um Hunderttausende herging, zu einem Duell auf
Tod und Leben, oder zu einer Fürstin mit rotem Haar und einem Dolch auf dem
Nachttisch. Georg erinnerte sich, dass er sowohl auf den schwindelhaften
Zeichenlehrer, als auf seinen Bruder ein wenig eifersüchtig gewesen war. Der
Lehrer, aus Gründen, über die niemals etwas verlautete, wurde plötzlich
entlassen, und kurz darauf fuhr Felician mit dem Freiherrn von Wergentin nach
Wien. Nun spielte Georg noch öfter als früher den Damen auf dem Klaviere vor,
Fremdes und Eigenes, und Else sang mit ihrer kleinen, etwas schrillen Stimme
leichtere Schubertsche und Schumannsche Lieder vom Blatt. Sie besuchte mit ihrer
Mutter und Georg die Galerien und Kirchen; als das Frühjahr wiederkam, gab es
gemeinschaftliche Spazierfahrten auf dem Hügelweg oder nach Fiesole, und
lächelnde Blicke gingen zwischen Georg und Else hin und her, die von einem
tieferen Einverständnis erzählten, als tatsächlich vorhanden war. In dieser
etwas unaufrichtigen Art spielten die Beziehungen weiter, als der Verkehr in
Wien aufgenommen und fortgesetzt wurde. Immer von neuem schien Else von dem
gleichmässig freundlichen Wesen wohltätig berührt, mit dem Georg ihr auch dann
entgegentrat, wenn sie einander monatelang nicht gesehen hatten. Sie selbst aber
war von Jahr zu Jahr äusserlich sicherer und innerlich unruhiger geworden. Ihre
künstlerischen Bestrebungen hatte sie früh genug alle fallen lassen, und im
Laufe der Zeit erschien sie sich zu den verschiedensten Lebensläufen ausersehen.
Manchmal sah sie sich in der Zukunft als Weltdame, Veranstalterin von
Blumenfesten, Patronesse von grossen Bällen, Mitwirkende an aristokratischen
Wohltätigkeitsvorstellungen; öfters noch glaubte sie sich berufen in einem
künstlerischen Salon unter Malern, Musikern und Dichtern als grosse Versteherin
zu tronen. Dann träumte sie wieder von einem mehr ins Abenteuerliche
gerichteten Leben: sensationelle Heirat mit einem amerikanischen Millionär,
Flucht mit einem Violinvirtuosen oder spanischen Offizier, dämonisches
Zugrunderichten aller Männer, die sich ihr näherten. Zuweilen schien ihr aber
ein stilles Dasein auf dem Land, an der Seite eines tüchtigen Gutsbesitzers, das
erstrebenswerteste Ziel; und dann erblickte sie sich im Kreise von vielen
Kindern, womöglich mit früh ergrautem Haar, ein mild resigniertes Lächeln auf
den Lippen, an einfach gedecktem Tisch sitzen und ihrem ernsten Manne die Falten
von der Stirne streichen. Georg aber fühlte immer, dass ihre Neigung zur
Bequemlichkeit, die tiefer war, als sie selbst ahnte, sie vor jedem unbedachten
Schritt schützen würde. Sie vertraute Georg mancherlei an, ohne jemals ganz
ehrlich mit ihm zu sein; denn am öftesten und ernstesten hegte sie den Wunsch,
seine Frau zu werden. Georg wusste das wohl, aber nicht allein darum erschien ihm
das neueste Gerücht von ihrer Verlobung mit Heinrich Bermann ziemlich
unglaubwürdig. Dieser Bermann war ein hagerer, bartloser Mensch mit düstern
Augen und etwas zu langem schlichten Haar, der sich in der letzten Zeit als
Schriftsteller bekannt gemacht hatte, und dessen Gebaren und Aussehen Georg, er
wusste selbst nicht warum, an einen fanatischen jüdischen Lehrer aus der Provinz
erinnerten. Das war nichts, was Else besonders fesseln, oder nur angenehm
berühren konnte. Allerdings, wenn man länger mit ihm sprach, änderte sich jener
Eindruck. Eines Abends im vergangenen Frühjahr war Georg mit ihm zusammen von
Ehrenbergs fortgegangen, und sie waren in eine so anregende Unterhaltung über
musikalische Dinge geraten, dass sie bis drei Uhr früh auf einer Ringstrassenbank
weitergeplaudert hatten.
    Es ist sonderbar, dachte Georg, wie vieles mir heute durch den Kopf geht,
woran ich kaum mehr gedacht hatte. Und ihm war, als wenn er in dieser
Herbstabendstunde allmählich aus der schmerzlich-dumpfen Versonnenheit vieler
Wochen zum Tage emporgetaucht käme.
    Nun stand er vor dem Hause in der Paulanergasse, wo die Rosners wohnten. Er
sah zum zweiten Stockwerk auf. Ein Fenster war offen, weisse Tüllvorhänge in der
Mitte zusammengesteckt, bewegten sich im leichten Zuge des Windes.
    Rosners waren zu Hause. Das Stubenmädchen liess Georg eintreten. Anna sass der
Türe gegenüber, hielt die Kaffeetasse in der Hand und hatte die Augen auf den
Eintretenden gerichtet. Der Vater, zu ihrer Rechten, las Zeitung und rauchte aus
einer Pfeife. Er war glatt rasiert, nur an den Wangen liefen zwei schmale,
ergraute Bartstreifen. Sein dünnes Haar von seltsam grünlichgrauer Färbung war
an den Schläfen nach vorn gestrichen und sah aus wie eine schlecht gemachte
Perücke. Seine Augen waren wasserhell und rot gerändert.
    Die beleibte Mutter, mit der wie von einer Erinnerung schönerer Jahre
umwobenen Stirn, blickte vor sich hin; ihre Hände, beschaulich ineinander
verschlungen, ruhten auf dem Tisch. Anna stellte die Tasse langsam nieder,
nickte und lächelte still. Die beiden Alten machten Miene aufzustehen, als Georg
eintrat.
    »Aber bitte, sich doch nicht stören zu lassen, bitte sehr«, sagte Georg.
    Da krachte etwas an der Seitenwand. Josef, der Sohn des Hauses, erhob sich
vom Diwan, auf dem er gelegen hatte.
    »Habe die Ehre, Herr Baron«, sagte er mit einer sehr tiefen Stimme und
strich sein über den Hals hinaufgeschlagenes, gelbkariertes, etwas fleckiges
Sacco zurecht.
    »Wie befinden sich immer, Herr Baron?« fragte der Alte, stand hager und
etwas gebückt da und wollte nicht wieder Platz nehmen, eh sich Georg
niedergelassen hatte. Josef rückte einen Stuhl zwischen Vater und Schwester.
Anna reichte dem Besucher die Hand.
    »Wir haben uns lange nicht gesehen«, sagte sie und trank einen Schluck aus
ihrer Tasse.
    »Sie haben traurige Zeiten durchgemacht, Herr Baron«, bemerkte Frau Rosner
teilnahmsvoll.
    »Jawohl«, fügte Herr Rosner hinzu. »Wir haben mit grossem Bedauern von dem
schweren Verluste gelesen ... Und der Herr Vater haben sich doch immer der
besten Gesundheit erfreut, so viel uns bekannt war.« Er sprach sehr langsam,
immer, als wenn noch etwas kommen sollte, strich sich manchmal mit der linken
Hand über den Kopf und nickte, während er zuhörte.
    »Ja, es ist sehr unerwartet gekommen«, sagte Georg leise und blickte auf den
dunkelroten, verschossenen Teppich zu seinen Füssen.
    »Also ein plötzlicher Tod, sozusagen«, bemerkte Herr Rosner, und alles
ringsum schwieg.
    Georg nahm eine Zigarette aus seinem Etui und bot Josef eine an.
    »Küss die Hand«, sagte Josef, nahm die Zigarette und verbeugte sich, indem er
ohne ersichtlichen Grund die Hacken aneinander schlug. Während er dem Baron
Feuer gab, glaubte er dessen Blicke auf sein Sacco gerichtet und bemerkte
entschuldigend und mit noch tieferer Stimme als gewöhnlich: »Bureaujanker.«
    »Bureaujanker kommt von Bureau«, sagte Anna einfach, ohne ihren Bruder
anzusehen.
    »Fräulein belieben die ironische Walze eingehängt zu haben«, erwiderte Josef
heiter; doch war es dem gehaltenen Ton seiner Rede anzumerken, dass er sich unter
andern Verhältnissen minder angenehm ausgedrückt hätte.
    »Die Teilnahme war ja eine allgemeine«, begann der alte Rosner wieder. »Ich
habe den Nachruf in der Neuen Freien Presse gelesen über den Herrn Papa ... von
Herrn Hofrat Kerner, wenn ich mich recht erinnere; er war ja höchst ehrenvoll.
Auch die Wissenschaft hat einen herben Verlust erlitten.«
    Georg nickte verlegen und blickte auf seine Hände nieder.
    Anna sprach von ihrem verflossenen Sommeraufentalt. »In Weissenfeld war's
wunderschön«, sagte sie. »Gleich hinter unserm Haus war der Wald, mit sehr guten
ebenen Wegen ... nicht wahr, Papa? Da hat man stundenlang spazierengehen können,
ohne einem Menschen zu begegnen.«
    »Und haben Sie denn ein Klavier draussen gehabt?« fragte Georg.
    »Auch das.«
    »Ein greulicher Klimperkasten«, bemerkte Herr Rosner. »So ein Ding, das
Stein erweichen, Menschen rasend machen kann.«
    »Es war nicht so arg«, sagte Anna.
    »Für die kleine Graubinger gut genug«, fügte Frau Rosner hinzu.
    »Die kleine Graubinger ist nämlich die Tochter vom Kaufmann im Ort«,
erklärte Anna, »und ich hab ihr die Anfangsgründe des Klavierspiels beigebracht.
Ein hübsches, kleines Mäderl mit langen, blonden Zöpfen.«
    »Es war eine Gefälligkeit für den Kaufmann«, sagte Frau Rosner.
    »Ja, aber es muss bemerkt werden«, ergänzte Anna, »dass ich ausserdem eine
wirkliche, das heisst bezahlte Stunde gegeben habe.«
    »Wie, auch in Weissenfeld?« fragte Georg.
    »Kinder, von einer Sommerpartie. Es ist übrigens schade, Herr Baron, dass Sie
kein einziges Mal bei uns auf dem Lande waren. Es hätte Ihnen gewiss gut
gefallen.«
    Georg erinnerte sich nun erst, dass er sich zu Anna beiläufig geäussert hatte,
er würde sie im Sommer gelegentlich einer Radpartie vielleicht einmal besuchen.
    »Der Herr Baron hätte wohl in dieser Sommerfrische nicht alles zu seiner
Zufriedenheit vorgefunden«, begann Herr Rosner.
    »Warum denn?« fragte Georg.
    »Es ist dort nicht eben den Bedürfnissen verwöhnter Grossstädter Rechnung
getragen.«
    »O ich bin nicht verwöhnt«, sagte Georg.
    »... Waren Sie auch nicht auf dem Auhof?« wandte sich Anna an Georg.
    »O nein«, erwiderte dieser rasch. »Nein, ich war nicht dort«, setzte er
minder lebhaft hinzu. »Man hat mich allerdings aufgefordert ... Frau Ehrenberg
war so liebenswürdig. ... ich habe verschiedene Einladungen gehabt für den
Sommer. Aber ich habe es vorgezogen, für mich allein in Wien zu bleiben.«
    »Es tut mir eigentlich leid«, sagte Anna, »dass ich Else beinah gar nicht
mehr sehe. Sie wissen ja, dass wir im selben Institut waren. Es ist freilich
schon lang her. Ich hab sie wirklich gern gehabt. Schade, dass man sich im Lauf
der Zeit so voneinander entfernt.«
    »Wie kommt das nur?« sagte Georg.
    »Ja, es liegt wohl daran, dass mir der ganze Kreis nicht besonders
sympatisch ist.«
    »Mir auch nicht«, sagte Josef, der Ringe in die Luft blies. »Ich gehe seit
Jahren nicht hin. Offen gestanden ... ich weiss ja nicht, wie Herr Baron zu
dieser Frage Stellung nehmen ... ich bin den Israeliten nicht zugetan.«
    Herr Rosner blickte zu seinem Sohne auf. »Der Herr Baron verkehrt in diesem
Haus, und es wird ihm ziemlich sonderbar erscheinen, lieber Josef ...«
    »Mir?« sagte Georg verbindlich. »Ich stehe ja in keinerlei näheren
Verbindungen mit dem Hause Ehrenberg, so gern ich mit den beiden Damen zu
plaudern pflege.« Und fragend setzte er hinzu: »Aber haben Sie Else nicht im
vorigen Jahr Singstunden gegeben, Fräulein Anna?«
    »Ja. Vielmehr ... ich habe nur mit ihr korrepetiert.«
    »Das werden Sie heuer wohl wieder tun?«
    »Ich weiss nicht. Sie hat bisher noch nichts von sich hören lassen.
Vielleicht gibt sie's ganz auf.«
    »Sie glauben?«
    »Es wäre beinah zu wünschen«, versetzte Anna sanft, »denn eigentlich hat sie
immer mehr gepiepst, als gesungen. Übrigens«, und jetzt warf sie Georg einen
Blick zu, der ihn gleichsam von neuem begrüsste, »die Lieder, die Sie mir
geschickt haben, sind sehr hübsch. Soll ich sie Ihnen vorsingen?«
    »Sie haben sich die Sachen schon angeschaut? Das ist nett.«
    Anna hatte sich erhoben. Sie führte beide Hände an ihre Schläfen und strich
wie ordnend, leicht über ihr gewolltes Haar. Sie trug es ziemlich hoch frisiert,
wodurch ihre Gestalt noch grösser erschien, als sie war. Eine schmale, goldene
Uhrkette war zweimal um den freien Hals geschlungen, fiel über die Brust herab
und verlor sich in dem grauledernen Gürtel. Durch eine fast unmerkliche
Kopfbewegung forderte sie Georg auf, ihr zu folgen.
    Er stand auf und sagte: »Wenn's erlaubt ist ...«
    »Bitte sehr, bitte sehr, natürlich«, sagte Herr Rosner. »Herr Baron wollen
so freundlich sein, mit meiner Tochter ein wenig zu musizieren. Sehr schön, sehr
schön.« Anna war in das Nebenzimmer getreten. Georg folgte ihr und liess die Tür
offen stehen. Die weissen Tüllvorhänge vor dem geöffneten Fenster waren
zusammengesteckt und bewegten sich leise.
    Georg setzte sich an das Pianino und griff ein paar Akkorde. Indes kniete
Anna vor einer alten, schwarzen, teilweise vergoldeten Etagere und holte die
Noten hervor.
    Georg modulierte in die Anfangsakkorde seines Liedes.
    Anna fiel ein, und zu Georgs Melodie sang sie die Goeteschen Worte.
»Deinem Blick mich zu bequemen,
Deinem Munde, deiner Brust,
Deine Stimme zu vernehmen,
War mir erst' und letzte Lust.«
    Sie stand hinter ihm und schaute über seine Schulter in die Noten. Zuweilen
beugte sie sich ein wenig vor, und dann fühlte er an der Schläfe den Hauch ihrer
Lippen. Ihre Stimme war viel schöner, als seine Erinnerung sie bewahrt hatte.
    Im Nebenzimmer wurde etwas zu laut gesprochen. Ohne den Gesang zu
unterbrechen, lehnte Anna die Türe zu.
    Josef war es gewesen, der sein Organ nicht länger hatte bändigen können.
»Ich werde noch einen Sprung ins Kaffeehaus hinüber schauen«, sagte er.
    Man erwiderte nichts. Herr Rosner trommelte leise auf den Tisch, und seine
Gattin nickte scheinbar gleichgültig.
    »Also adieu.« Bei der Tür wandte sich Josef wieder um und bemerkte mit
mässiger Festigkeit. »Mama, wenn du vielleicht einen Moment Zeit hast ...«
    »Ich hör schon«, sagte Frau Rosner, »es wird ja kein Geheimnis sein.«
    »Nein. Es ist ja nur, weil ich mit dir ja ohnedies in Verrechnung bin.«
    »Muss man ins Kaffeehaus gehen?« fragte der alte Rosner einfach, ohne
aufzublicken.
    »Also es handelt sich nicht ums Kaffeehaus. Es ist überhaupt ... Ihr könnt
mir's glauben, dass es mir selber lieber wär, wenn ich euch nicht anpumpen müsst'.
Aber was soll der Mensch tun?«
    »Arbeiten soll der Mensch«, sagte der alte Rosner leise und schmerzlich, und
seine Augen röteten sich. Die Frau warf einen traurigen und strafenden Blick auf
den Sohn.
    »Also«, sagte Josef, knöpfte den Bureaujanker auf und wieder zu, »das ist
doch wirklich ... wegen jedem Guldenzettel ...«
    »Pst«, sagte Frau Rosner mit einem Blick gegen die angelehnte Tür, durch die
jetzt, nachdem der Gesang Annas geendet, nur das gedämpfte Klavierspiel Georgs
hereinklang.
    Josef beantwortete den Blick der Mutter mit einer wegwerfenden Handbewegung:
»Arbeiten soll ich, sagt der Papa. Als ob ich's nicht schon bewiesen hätte, dass
ich's kann.« Er sah zwei fragende Augenpaare auf sich gerichtet. »Jawohl hab
ich's bewiesen, und wenn es nur auf meinen guten Willen ankäm, hätt' ich überall
mein Auskommen gehabt. Aber ich hab halt nicht das Temperament, mir was gefallen
zu lassen, ich lass mich nicht ausschreien von meine Chefs, wenn ich mich einmal
eine Viertelstunde verspäten tu ... oder so was.«
    »Die Geschichte kennen wir«, unterbrach ihn Herr Rosner müde. »Aber
schliesslich, weil wir schon davon sprechen, du wirst dich ja doch wieder um
irgendwas umschauen müssen.«
    »Umschauen ... gut ...«,erwiderte Josef. »Aber zu einem Juden bringt mich
keiner mehr ins Geschäft. Das würde mich bei meinen Bekannten ... jawohl in
meinem ganzen Kreis würde mich das lächerrlich machen.«
    »Dein Kreis ...«, sagte Frau Rosner, »wer ist denn dein Kreis?
Kaffeehausfreunderln.«
    »Also bitte, weil wir schon davon reden«, sagte Josef, »es hängt auch wieder
mit dem Guldenzettel zusammen. Ich habe jetzt ein Rendezvous im Kaffeehaus mit
dem jungen Jalaudek. Ich hätt's euch lieber erst gesagt, wenn die Sache perfekt
wird ... aber ich seh schon, ich muss früher mit der Farb heraus. Also der
Jalaudek, das is der Sohn von dem Stadtrat Jalaudek, von dem berühmten
Papierhändler. Und der alte Jalaudek ist bekanntlich eine sehr einflussreiche
Persönlichkeit in der Partei ... sehr intim mit dem Herausgeber vom
»Christlichen Tagesboten«, Zelltinkel heisst er. Und beim»Tagesboten« da suchen
sie jetzt junge Leute von gefälligen Umgangsformen, Christen natürlich, für das
Inseratengeschäft. Und da hab ich heute mit dem Jalaudek Rendezvous im
Kaffeehaus, weil er mir versprochen hat, sein Alter wird mich beim Zelltinkel
empfehlen. Das wär etwas Ausgezeichnetes ... da bin ich aus'm Wasser. Da kann
ich in der kürzesten Zeit hundert oder auch hundertfünfzig Gulden im Monat
verdienen.«
    »Ach Gott«, seufzte der alte Rosner.
    Draussen ging die Glocke. Rosner blickte auf.
    »Das wird der junge Doktor Stauber sein«, sagte Frau Rosner und warf einen
besorgten Blick nach der Tür, durch die Georgs Klavierspiel noch leiser drang
als früher.
    »Also Mama was is eigentlich?« sagte Josef.
    Frau Rosner nahm ihre Geldbörse und reichte ihrem Sohn seufzend einen
Silbergulden.
    »Küss die Hand«, sagte Josef und wandte sich zum Gehen.
    »Josef«, rief Herr Rosner. »Es ist doch einigermassen unhöflich grade in dem
Augenblick, wenn ein Besuch kommt ...«
    »Ah, ich dank schön, ich muss nicht von allem haben.«
    Es klopfte, Doktor Bertold Stauber trat ein.
    »Entschuldigen vielmals, Herr Doktor«, sagte Josef, »ich bin grad im
Weggehen.«
    »Bitte«, erwiderte Doktor Stauber kühl, und Josef verschwand.
    Frau Rosner forderte den jungen Arzt auf, Platz zu nehmen. Er setzte sich
auf den Divan und horchte nach der Seite hin, von wo das Klavierspiel kam.
    »Der Baron Wergentin«, erklärte Frau Rosner etwas verlegen. »Der Komponist.
Anna hat eben gesungen.« Und sie schickte sich an, ihre Tochter herein zu rufen.
    Doktor Bertold hielt sie ganz leicht am Arme fest und sagte freundlich.
»Nein. Ich bitte Fräulein Anna nicht zu stören, absolut nicht. Ich habe nicht
die geringste Eile. Es ist übrigens ein Abschiedsbesuch.« Der letzte Satz kam
wie hervorgestossen aus seiner Kehle; doch lächelte Bertold zugleich
verbindlich, lehnte sich bequem in die Ecke und strich mit der rechten Hand den
kurzen Vollbart zurecht.
    Frau Rosner sah ihn förmlich erschreckt an.
    Herr Rosner fragte: »Ein Abschiedsbesuch? Haben Herr Doktor Urlaub genommen?
Das Parlament ist doch erst vor kurzer Zeit zusammen getreten, wie man den
Zeitungen entnehmen konnte.«
    »Ich habe mein Mandat niedergelegt«, sagte Bertold.
    »Wie?« rief Herr Rosner aus.
    »Jawohl niedergelegt«, wiederholte Bertold und lächelte zerstreut.
    Das Klavierspiel hatte plötzlich aufgehört, die angelehnte Tür tat sich auf.
Georg und Anna erschienen.
    »O Doktor Bertold«, sagte Anna und streckte ihm, der rasch aufgestanden
war, die Hand entgegen. »Sind Sie schon lange da? Haben Sie mich vielleicht
singen gehört?«
    »Nein, Fräulein Anna, das hab ich leider versäumt. Nur ein paar Töne auf dem
Klavier hab ich vernommen.«
    »Der Baron Wergentin«, sagte Anna, als wollte sie vorstellen. »Die Herren
kennen sich doch?«
    »Gewiss«, erwiderte Georg und reichte Bertold die Hand.
    »Der Doktor kommt uns einen Abschiedsbesuch machen«, sagte Frau Rosner.
    »Wie?« rief Anna erstaunt aus.
    »Ich verreise nämlich«, sagte Bertold und schaute Anna ernst und
undurchdringlich in die Augen. »Ich gebe meine politische Karriere auf«, setzte
er dann wie spöttisch hinzu ... »besser gesagt, ich unterbreche sie auf eine
Weile.«
    Georg lehnte im Fenster, die Arme über der Brust verkreuzt, und betrachtete
Anna von der Seite. Sie hatte sich gesetzt und sah ruhig zu Bertold auf, der
aufrecht dastand, die eine Hand auf die Lehne des Divans gestützt, als wenn er
eine Rede halten wollte.
    »Und wohin reisen Sie?« fragte Anna.
    »Nach Paris. Ich will im Pasteurschen Institut arbeiten. Ich kehre wieder zu
meiner alten Liebe zurück, zur Bakteriologie. Es ist eine reinlichere
Beschäftigung als die Politik.«
    Es war dunkler geworden. Die Gesichter verschwammen, nur die Stirne
Bertolds, der gerade dem Fenster gegenüberstand, war noch in Helle getaucht. Es
zuckte um seine Brauen. Eigentlich hat er seine besondere Art von Schönheit,
dachte Georg, der regungslos in der Fensterecke lehnte und sich von einer
angenehmen Ruhe durchflossen fühlte.
    Das Stubenmädchen brachte die brennende Lampe und hing sie über dem Tisch
auf.
    »Aber die Journale«, sagte Herr Rosner, »brachten noch keinerlei Meldung,
dass Herr Doktor Ihr Mandat zurückgelegt haben.«
    »Das wäre auch verfrüht«, erwiderte Bertold. »Meine Parteigenossen kennen
wohl meine Absicht, aber die Sache ist noch nicht offiziell.«
    »Diese Nachricht«, sagte Herr Rosner, »wird nicht verfehlen, in den
beteiligten Kreisen grosses Aufsehen zu erregen. Besonders nach der bewegten
Debatte von neulich, in die Herr Doktor mit solcher Entschiedenheit eingegriffen
haben. Herr Baron haben wohl gelesen«, wandte er sich an Georg.
    »Ich muss gestehen«, erwiderte Georg, »ich verfolge die Parlamentsberichte
nicht so regelmässig, als man eigentlich müsste.«
    »Müsste«, wiederholte Bertold nachsichtig. »Man muss wahrhaftig nicht, obzwar
die Sitzung neulich nicht uninteressant war. Wenigstens als Beweis dafür, wie
tief das Niveau einer öffentlichen Körperschaft sinken kann.«
    »Es ist sehr hitzig zugegangen«, sagte Herr Rosner.
    »Hitzig? ... Nun ja, was man bei uns in Österreich hitzig nennt. Man war
innerlich gleichgültig und äusserlich grob.«
    »Um was hat es sich denn gehandelt?« fragte Georg.
    »Es war die Debatte anlässlich der Interpellation über den Prozess Golowski
... Terese Golowski.«
    »Terese Golowski ...«, wiederholte Georg. »Den Namen sollt ich kennen.«
    »Natürlich kennen Sie ihn«, sagte Anna. »Sie kennen ja Terese selbst. Wie
Sie uns das letztemal besucht haben, ist sie eben von mir fortgegangen.«
    »Ach ja«, sagte Georg, »eine Freundin von Ihnen.«
    »Freundin möcht ich sie nicht nennen; das setzt doch eine gewisse innere
Übereinstimmung voraus, die nicht mehr so recht vorhanden ist.«
    »Sie werden Terese doch nicht verleugnen«, sagte Doktor Bertold lächelnd,
aber herb.
    »O nein«, erwiderte Anna lebhaft, »das fällt mir wahrhaftig nicht ein. Ich
bewundere sie sogar. Ich bewundere überhaupt alle Leute, die imstande sind, für
etwas, was sie im Grunde nichts angeht, so viel zu riskieren. Und wenn das nun
gar ein junges Mädchen tut, ein hübsches junges Mädchen wie Terese ...«, sie
richtete die Worte an Georg, der gespannt zuhörte »so imponiert mir das noch
mehr. Sie müssen nämlich wissen, dass Terese eine der Führerinnen der
sozialdemokratischen Partei ist.«
    »Und wissen Sie, wofür ich sie gehalten habe?« sagte Georg. »Für eine
angehende Schauspielerin!«
    »Herr Baron, Sie sind ein Menschenkenner«, sagte Bertold.
    »Sie wollte wirklich einmal zur Bühne gehen«, bestätigte Frau Rosner kühl.
    »Ich bitte Sie, gnädige Frau«, sagte Bertold, »welches junge Mädchen von
einiger Phantasie, das überdies in engen Verhältnissen lebt, hat nicht in irgend
einer Lebensepoche mit einer solchen Absicht wenigstens gespielt?«
    »Es ist hübsch, dass Sie ihr verzeihen«, sagte Anna lächelnd.
    Bertold fiel es zu spät ein, dass er mit seiner Bemerkung eine noch
empfindliche Stelle in Annas Gemüt berührt haben mochte. Aber um so bestimmter
fuhr er fort: »Ich versichere Sie, Fräulein Anna, es wäre schade um Terese
gewesen. Denn es ist gar nicht abzusehen, wieviel sie für die Partei noch
leisten kann, wenn sie nicht irgendwie aus ihrer Bahn gerissen wird.«
    »Halten Sie das für möglich?« fragte Anna.
    »Gewiss«, entgegnete Bertold. »Für Terese gibt es sogar zwei Gefahren:
entweder redet sie sich einmal um den Kopf ...«
    »Oder?« fragte Georg, der neugierig geworden war.
    »Oder sie heiratet einen Baron«, schloss Bertold kurz.
    »Das verstehe ich nicht ganz«, sagte Georg ablehnend.
    »Dass ich gerade Baron sagte, war natürlich ein Spass. Setzen wir statt Baron
Prinz, so wird die Sache klarer.«
    »Ach so ... Jetzt kann ich mir ungefähr denken, was Sie meinen, Herr Doktor
... Aber was für einen Anlass hatte das Parlament, sich mit ihr zu beschäftigen?«
    »Ach ja. Im vorigen Jahre zur Zeit des grossen Kohlenstreikes hielt Terese
Golowski in irgend einem böhmischen Nest eine Rede, die eine angeblich
verletzende Äusserung gegen ein Mitglied des kaiserlichen Hauses entielt. Sie
wurde angeklagt und freigesprochen. Man könnte daraus vielleicht schliessen, dass
die Anschuldigung nicht besonders haltbar gewesen sein dürfte. Trotzdem meldete
der Staatsanwalt die Berufung an, ein anderes Gericht wurde designiert und
Terese zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, die sie übrigens soeben absjetzt.
Und damit nicht genug, wurde der Richter, der sie in erster Instanz freisprach,
versetzt ... irgendwohin an die russische Grenze, von wo es keine Wiederkehr
gibt. Nun, über diesen Fall haben wir eine Interpellation eingebracht, sehr zahm
meiner Ansicht nach. Der Minister erwiderte, ziemlich heuchlerisch, unter dem
Jubel der sogenannten staatserhaltenden Parteien. Ich habe mir erlaubt, darauf
zu replizieren, vielleicht etwas energischer, als man es bei uns gewohnt ist;
und da man von den gegnerischen Bänken aus nichts Sachliches erwidern konnte,
hat man versucht, mich mit schreien und schimpfen tot zu machen. Und was das
kräftigste Argument einer gewissen Sorte von Staatserhaltern gegen meine
Ausführungen war, können Sie sich ja denken, Herr Baron.«
    »Nun?« fragte Georg.
    »Jud halts Maul«, erwiderte Bertold mit schmal gewordenen Lippen.
    »O«, sagte Georg verlegen und schüttelte den Kopf.
    »Ruhig Jud! Halts Maul! Jud! Jud! Kusch!« fuhr Bertold fort und schien in
der Erinnerung zu schwelgen.
    Anna sah vor sich hin. Georg fand innerlich, es wäre nun genug. Ein kurzes,
peinliches Schweigen entstand.
    »Also darum?« fragte Anna langsam.
    »Wie meinen Sie?« fragte Bertold.
    »Darum legen Sie das Mandat nieder?«
    Bertold schüttelte den Kopf und lächelte. »Nein, nicht darum.«
    »Herr Doktor sind über diese rohen Insulte gewiss erhaben«, sagte Herr
Rosner.
    »Das will ich nicht eben behaupten«, erwiderte Bertold. »Aber immerhin
musste man auf dergleichen gefasst sein. Der Grund meiner Mandatsniederlegung ist
ein anderer.«
    »Und darf man wissen ...?« fragte Georg.
    Bertold sah ihn durchdringend und doch zerstreut an. Dann erwiderte er
verbindlich: »Gewiss darf man. Nach meiner Rede begab ich mich ins Büfett. Dort
begegnete ich unter andern einem der allerdümmsten und frechsten unserer
freigewählten Volksvertreter, dem, der wie gewöhnlich, auch während meiner Rede,
der Allerlauteste gewesen war ... dem Papierhändler Jalaudek. Ich kümmerte mich
natürlich nicht um ihn. Er stellt eben sein geleertes Glas hin. Wie er mich
sieht, lächelt er, nickt mir zu und grüsst heiter, als wäre nichts geschehen:
»Habe die Ehre, Herr Doktor, auch eine kleine Erfrischung gefällig?«
    »Unglaublich!« rief Georg aus.
    »Unglaublich? ... Nein, österreichisch. Bei uns ist ja die Entrüstung so
wenig echt wie die Begeisterung. Nur die Schadenfreude und der Hass gegen das
Talent, die sind echt bei uns.«
    »Nun, und was haben Sie dem Mann geantwortet?« fragte Anna.
    »Was ich geantwortet habe? Nichts, selbstverständlich.«
    »Und haben Ihr Mandat niedergelegt«, ergänzte Anna mit leisem Spott.
    Bertold lächelte. Zugleich aber zuckte es um seine Brauen wie gewöhnlich,
wenn er unangenehm oder schmerzlich berührt war. Es war zu spät, ihr zu sagen,
dass er eigentlich gekommen war, sie um Rat zu fragen wie in früherer Zeit. Und
doch, das fühlte er, er hatte klug daran getan, sich gleich beim Eintritt jeden
Rückzug abzuschneiden, seinen Verzicht auf das Mandat als bereits vollzogen,
seine Reise nach Paris als unmittelbar bevorstehend anzukündigen. Denn nun wusste
er ja, dass Anna ihm wieder einmal entglitten war, vielleicht auf lange. Dass
irgend ein Mensch sie ihm wirklich und auf immer nehmen konnte, das glaubte er
freilich nicht, und auf diesen eleganten, jungen Künstler eifersüchtig zu sein,
der so ruhig mit verkreuzten Armen dort am Fenster stand, dazu wollte er sich
auf keinen Fall verstehen. Schon manchmal war es geschehen, dass Anna für einige
Zeit wie in einem für ihn fremden Element gleichsam verzaubert dahinschwebte.
Und vor zwei Jahren, da sie ernstlich daran dachte, sich der Bühne zu widmen und
ihre Rollen zu studieren begann, hatte er sie eine kurze Zeit hindurch völlig
verloren gegeben. Später, als sie durch die Unverlässlichkeit ihrer Stimme
genötigt wurde, ihre künstlerischen Pläne fahren zu lassen, schien sie wohl
wieder zu ihm zurückzukehren; aber diese Epoche hatte er mit Absicht ungenutzt
verstreichen lassen. Denn eh' er sie zu seiner Gattin machte, wollte er irgend
einen Erfolg errungen haben, entweder auf wissenschaftlichem oder politischem
Gebiet, und von ihr wahrhaft bewundert sein. Er war auf dem Weg dazu gewesen. An
der gleichen Stelle, wo sie jetzt sass und ihm mit klaren, aber wie fremden Augen
ins Gesicht schaute, hatte sie die Korrekturbogen seiner letzten
medizinisch-philosophischen Arbeit vor sich liegen gehabt, die den Titel trug:
Vorläufige Bemerkungen zu einer Physiognomik der Krankheiten. Und dann, als sich
sein Übergang zur Politik vollzog, zu der Zeit, da er in Wählerversammlungen
Reden hielt, sich durch ernste geschichtliche und nationalökonomische Studien
für den neuen Beruf vorbereitete, hatte sie sich seiner Vielseitigkeit und
seiner Energie herzlich gefreut. All das war nun vorüber. Allmählich schien sie
gerade seine Fehler, die ihm ja selbst durchaus nicht verborgen waren,
insbesondere seine Neigung, sich an den eigenen Worten zu berauschen, mit
schärferen Blick zu sehen als früher, und dadurch begann er wieder seine
Sicherheit ihr gegenüber mehr und mehr zu verlieren. Er war nicht ganz er
selbst, wenn er zu ihr oder in ihrer Gegenwart sprach. Auch heute war er nicht
mit sich zufrieden. Mit einem Ärger, der ihm selbst kleinlich vorkam, ward er
sich bewusst, dass er seine Begegnung im Büfett mit Jalaudek nicht wirksam genug
vorgetragen hatte und dass er seinen Ekel vor der Politik viel glaubhafter hätte
darstellen müssen. »Sie haben ja wahrscheinlich recht, Fräulein Anna,« sagte er,
»wenn Sie darüber lächeln, dass ich wegen dieses läppischen Abenteuers mein
Mandat niedergelegt habe. Ein parlamentarisches Leben ohne Komödienspiel ist ja
überhaupt nicht möglich. Ich hätte es bedenken und selber mitagieren, dem Kerl
womöglich zutrinken sollen, der mich öffentlich beschimpft hat. Das wäre bequem,
österreichisch und vielleicht sogar das Richtigste gewesen.« Er fühlte sich
wieder im Zuge und sprach lebhaft weiter: »Es gibt am Ende doch nur zwei
Metoden, mittels deren in der Politik praktisch etwas zu leisten ist; entweder
durch eine grossartige Frivolität, die das ganze öffentliche Leben als ein
amüsantes Spiel betrachtet, die in Wahrheit für nichts begeistert, gegen nichts
entrüstet ist, und der die Menschen, um deren Glück oder Elend es sich doch im
letzten Sinn handeln sollte, vollkommen gleichgültig bleiben. So weit bin ich
nicht, und ich weiss nicht, ob ich jemals dahin gelangen werde. Ehrlich gesagt,
ich hab es mir schon manchmal gewünscht. Die andre Metode aber ist: bereit
sein, in jedem Augenblick für das, was man das Rechte hält, seine ganze
Existenz, sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes «
    Bertold schwieg plötzlich. Sein Vater, der alte Doktor Stauber, war
eingetreten und wurde herzlich begrüsst. Er reichte Georg, der ihm von Frau
Rosner vorgestellt wurde, die Hand und sah ihn so freundlich an, dass sich Georg
sofort zu ihm hingezogen fühlte. Er sah offenbar jünger aus, als er war. Sein
langer, rötlichblonder Bart war nur von einzelnen grauen Fäden durchzogen, und
das schlicht gekämmte lange Haar zog in dichten Strähnen zu dem breiten Nacken
hin. Die Stirn, die von auffallender Höhe war, gab der ganzen, ein wenig
untersetzten, ja hochschultrigen Erscheinung eine gewisse Würde. Die Augen, wenn
sie nicht eben mit einiger Absicht gütig oder klug schauten, schienen sich
hinter den müd gewordenen Lidern gleichsam für den nächsten Blick auszuruhen.
    »Ich habe Ihre Mutter gekannt, Herr Baron«, sagte er ziemlich leise zu
Georg.
    »Meine Mutter, Herr Doktor ...?«
    »Sie werden sich kaum daran erinnern. Sie waren damals ein kleiner Bub von
drei, vier Jahren.«
    »Sie waren ihr Arzt?« fragte Georg.
    »Ich besuchte sie zuweilen als Vertreter des Professors Duchegg, bei dem ich
Assistent war. Sie haben damals in der Habsburgergasse gewohnt, in einem alten
Haus, das längst niedergerissen ist. Ich könnte Ihnen heute noch die Einrichtung
des Zimmers schildern, in dem Ihr Herr Vater mich empfing ... der leider auch
allzufrüh gestorben ist ... Auf dem Schreibtisch stand eine Bronzefigur und zwar
ein gepanzerter Ritter mit einer Fahne. Und an der Wand hing eine Kopie nach
einem Van Dyck aus der Liechtensteingalerie.«
    »Ja«, sagte Georg verwundert über das gute Gedächtnis des Arztes, »ganz
richtig.«
    »Aber ich habe da die Herrschaften in einem Gespräch unterbrochen«, fuhr
Doktor Stauber fort, in dem ein wenig melancholisch singenden und doch
überlegenen Ton, der ihm eigen war, und liess sich in die Ecke des Divans sinken.
    »Eben teilt uns Doktor Bertold zu unserm Erstaunen mit«, sagte Herr Rosner,
»dass er sich entschlossen hat, sein Mandat niederzulegen.«
    Der alte Stauber richtete einen ruhigen Blick auf seinen Sohn, den dieser
ebenso ruhig erwiderte. Georg, der dies Augenspiel bemerkte, hatte den Eindruck,
dass hier ein stilles Einverständnis waltete, das keiner Worte bedurfte.
    »Ja«, sagte Doktor Stauber, »mich hat es allerdings nicht überrascht. Ich
habe immer das Gefühl gehabt, dass Bertold im Parlament nur wie zu Gaste sitzt,
und bin eigentlich froh, dass er nun eine Art von Heimweh nach seinem wahren
Beruf bekommen hat. Ja, ja, dein wahrer, Bertold«, wiederholte er wie zur
Antwort auf ein Stirnrunzeln seines Sohnes. »Damit ist ja nichts für die Zukunft
präjudiziert. Nichts erschwert uns die Existenz so sehr, als dass wir so häufig
an Definitiva glauben ... und dass wir die Zeit damit verlieren, uns eines
Irrtums zu schämen, statt ihn einzugestehen und unser Leben einfach neu zu
gestalten.«
    Bertold erklärte, dass er in spätestens acht Tagen abreisen wolle. Jeder
weitere Aufschub hätte keinen Sinn. Es wäre auch möglich, dass er nicht in Paris
bliebe. Seine Studien konnten eine weitere Reise notwendig machen. Ferner war er
entschlossen, alle Abschiedsbesuche zu unterlassen; wie er hinzusetzte, hatte er
ohndies allen Verkehr früherer Jahre in gewissen bürgerlichen Kreisen, wo sein
Vater eine ausgebreitete Praxis übte, vollkommen aufgegeben.
    »Sind wir uns denn nicht diesen Winter einmal bei Ehrenbergs begegnet?«
fragte Georg mit einiger Genugtuung.
    »Das ist richtig«, erwiderte Bertold. »Mit Ehrenbergs sind wir übrigens
entfernt verwandt. Das Bindeglied zwischen uns ist merkwürdigerweise die Familie
Golowski. Jeder Versuch, Ihnen das näher zu erklären, Herr Baron, wäre
vergeblich. Ich müsste sie eine Wanderung durch die Standesämter und
Kultusgemeinden von Temesvar, Tarnopol und ähnlichen angenehmen Ortschaften
unternehmen lassen und das möcht ich Ihnen doch nicht zumuten.«
    »Und übrigens«, fügte der alte Doktor Stauber resigniert hinzu, »weiss der
Herr Baron gewiss, dass alle Juden miteinander verwandt sind.«
    Georg lächelte liebenswürdig. In Wirklichkeit aber war er eher enerviert.
Seiner Empfindung nach bestand durchaus keine Notwendigkeit, dass auch der alte
Doktor Stauber ihm offizielle Mitteilung von seiner Zugehörigkeit zum Judentum
machte. Er wusste es ja, und er nahm es ihm nicht übel. Er nahm es überhaupt
keinem übel; aber warum fingen sie denn immer selbst davon zu reden an? Wo er
auch hinkam, er begegnete nur Juden, die sich schämten, dass sie Juden waren,
oder solchen, die darauf stolz waren, und Angst hatten, man könnte glauben, sie
schämten sich.
    »Gestern hab ich übrigens die alte Golowski gesprochen«, fuhr Doktor Stauber
fort.
    »Die arme Frau«, sagte Herr Rosner.
    »Wie gehts ihr denn?« fragte Anna.
    »Wie wirds ihr gehen ... Sie können sich denken ... die Tochter eingesperrt,
der Sohn Freiwilliger auf Staatskosten, wohnt in der Kaserne ... Stellen Sie
sich das vor, Leo Golowski als Patriot ... Und der Alte sitzt im Kaffeehaus und
schaut zu, wie die andern Leut Schach spielen. Er selbst hat doch nicht mehr die
zehn Kreuzer, um das Spielgeld zu zahlen.«
    »Die Haft von Terese muss übrigens bald abgelaufen sein«, sagte Bertold.
    »Dauert doch noch zwölf, vierzehn Tage«, erwiderte sein Vater ... »Na,
Annerl«, wandte er sich dann an das junge Mädchen, »es wäre wirklich schön von
Ihnen, wenn Sie sich wieder einmal in der Rembrandtstrasse anschauen liessen; die
alte Frau hat eine fast rührende Schwärmerei für Sie. Ich versteh wirklich nicht
warum«, setzte er lächelnd hinzu, während er Anna beinah zärtlich betrachtete.
Sie aber sah vor sich hin und erwiderte nichts.
    Die Wanduhr schlug sieben.
    Georg erhob sich, als wenn er nur dieses Zeichen erwartet hätte.
    »Herr Baron verlassen uns schon«, sagte Herr Rosner aufstehend.
    Georg bat die Anwesenden, sich nicht stören zu lassen, und reichte allen die
Hand.
    »Es ist merkwürdig«, sagte der alte Stauber, »wie Ihre Stimme an die Ihres
verstorbenen Herrn Vaters erinnert.«
    »Ja, man hat es mir vielfach gesagt«, entgegnete Georg. »Ich selbst konnte
es allerdings nie finden.«
    »Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der seine eigene Stimme kennt«,
bemerkte der alte Stauber, und es klang wie der Beginn eines populären Vortrags.
    Aber Georg empfahl sich. Anna begleitete ihn, trotz seiner leisen Abwehr,
ins Vorzimmer und liess etwas absichtlich, wie es Georg vorkam die Türe halboffen
stehn. »Es ist schade, dass wir nicht länger musizieren konnten«, sagte sie.
    »Mir tuts auch leid, Fräulein Anna.«
    »Das Lied hat mir heut noch besser gefallen, als beim erstenmal, wie ich
mich selber begleiten musste. Nur zum Schluss verläuft es ein bisschen ... ich weiss
nicht, wie ich sagen soll.«
    »Ich weiss, was Sie meinen. Der Schluss ist konventionell, das hab ich gleich
gefühlt. Hoffentlich kann ich Ihnen bald was Besseres bringen, Fräulein Anna.«
    »Lassen Sie mich aber nicht zu lange darauf warten.«
    »Gewiss nicht. Also Adieu Fräulein Anna.«
    Sie reichten einander die Hände und lächelten beide.
    »Warum sind Sie nicht nach Weissenfeld gekommen?« fragte Anna leicht.
    »Es tut mir wirklich leid, aber sehen Sie, Fräulein Anna, ich hätte
wahrhaftig heuer keine angenehme Gesellschaft vorgestellt, das können Sie sich
wohl denken.«
    Anna sah ihn ernst an. »Glauben Sie nicht«, sagte sie, »dass man Ihnen
vielleicht hätte helfen können manches tragen?«
    »Es zieht, Anna«, rief Frau Rosner von drinnen.
    »Ich komm ja schon«, erwiderte Anna etwas ungeduldig. Aber Frau Rosner hatte
die Tür schon geschlossen.
    »Wann darf ich wiederkommen?« fragte Georg.
    »Wann es Ihnen angenehm ist. Allerdings ... ich müsste Ihnen eigentlich eine
schriftliche Stundeneinteilung geben, damit Sie wissen, wann ich zu Hause bin,
und damit wäre auch noch nichts getan. Oft geh ich spazieren, oder habe
Besorgungen in der Stadt, oder schau mir Bilder an, oder Ausstellungen ...«
    »Das könnte man doch einmal zusammen tun«, sagte Georg.
    »O ja«, erwiderte Anna, nahm ihr Portemonnaie aus der Tasche und entnahm
diesem ein winziges Notizbuch.
    »Was haben Sie denn da?« fragte Georg.
    Anna lächelte und blätterte in dem Büchlein. »Warten Sie nur ... Donnerstag
elf Uhr wollte ich mir die Miniaturausstellung in der Hofbibliotek ansehen.
Wenn Sie das auch interessiert, so können wir uns dort treffen.«
    »Aber sehr gern.«
    »Also schön. Dort können wir gleich besprechen, wann Sie mich das nächstemal
zum Singen begleiten.«
    »Abgemacht«, sagte Georg und reichte ihr die Hand. Es fiel ihm ein, dass
gewiss, während hier draussen Anna mit ihm plauderte, sich drin im Zimmer der
junge Doktor Stauber ärgern oder gar kränken mochte. Und er wunderte sich, dass
er diesen Umstand selbst offenbar unangenehmer empfand als Anna, die doch im
ganzen ein gutmütiges Wesen zu sein schien. Er löste seine Hand aus der ihren,
nahm Abschied und ging.
    Als Georg auf die Strasse kam, war es ganz dunkel geworden. Langsam
schlenderte er über die Elisabetbrücke an der Oper vorbei der inneren Stadt zu
und liess, unbeirrt durch Geräusch und Treiben rings umher, sein Lied in sich
nachtönen. Er fand es seltsam, dass Annas Stimme, die im kleinen Raume so reinen
und gesunden Klang gab, jede Zukunft auf der Bühne und im Konzertsaal versagt
sein sollte, und noch seltsamer, dass Anna unter diesem Verhängnis kaum zu leiden
schien. Freilich war er sich nicht klar darüber, ob Annas Ruhe auch den wahren
Ausdruck ihres Wesens widerspiegelte.
    Er kannte sie wohl flüchtig schon seit einigen Jahren; aber erst eines
Abends im vergangenen Frühling waren sie einander näher gekommen. Im
Waldsteingarten hatte sich damals eine grössere Gesellschaft Rendezvous gegeben.
Man speiste im Freien, unter hohen Kastanienbäumen, vergnügt, angeregt und
berückt von dem ersten warmen Maiabend des Jahres. Georg sah sie alle wieder,
die damals gekommen waren. Frau Ehrenberg, die Veranstalterin der Zusammenkunft,
absichtlich matronenhaft mit einem lose sitzenden, dunkeln Foulardkleid angetan;
Hofrat Wilt, wie in der Maske eines englischen Staatsmanns, mit vornehm
schlampigen Gebärden und mit dem gleichen, etwas wohlfeilen Ton der
Überlegenheit für sämtliche Dinge und Menschen; Frau Oberberger, die mit dem
grau gepuderten Haar, den blitzenden Augen und dem Schönheitspflästerchen auf
dem Kinn einer Rokokomarquise ähnelte; Demeter Stanzides mit den weiss glänzenden
Zähnen, und auf der blassen Stirn die Müdigkeit eines alten Heldengeschlechtes;
Oskar Ehrenberg, mit einer Eleganz, die viel vom ersten Kommis eines Modehauses,
manches von der eines jugendlichen Gesangskomikers und auch einiges von der
eines jungen Herrn aus der Gesellschaft hatte; Sissy Wyner, die ihre dunkeln,
lachenden Augen von einem zum andern sandte, als sei sie mit jedem einzelnen
durch ein andres lustiges Geheimnis verbunden; Willy Eissler, der heiser und
fidel allerlei heitre Geschichten aus seiner Militärzeit und jüdische Anekdoten
erzählte; Else Ehrenberg, von zarter Frühlingsmelancholie umflossen in weissem
englischem Tuchkleid, mit den Bewegungen einer grossen Dame, die sich zu dem
Kindergesicht und der zarten Figur anmutig und beinahe rührend ausnahmen;
Felician, kühl und liebenswürdig, mit hochmütigen Augen, die zwischen den Gästen
hindurch zu andern Tischen und auch an diesen vorbei in die Ferne sahen; Sissys
Mutter, jung, rotbackig und plappernd, die überall zugleich mitreden und überall
zugleich mitören wollte; Edmund Nürnberger, in den bohrenden Augen und um den
schmalen Mund jenes fast maskenhaft gewordene Lächeln der Verachtung für ein
Welttreiben, das er bis auf den Grund durchschaute, und in dem er sich doch
manchmal zu seinem eigenen Erstaunen selbst als Mitspieler entdeckte; endlich
Heinrich Bermann, in einem zu weiten Sommeranzug, mit einem zu billigen
Strohhut, mit einer zu lichten Kravatte, der bald lauter sprach und bald tiefer
schwieg als die andern. Zuletzt, ohne jede Begleitung und in sicherer Haltung
war Anna Rosner erschienen, hatte mit leichtem Kopfnicken die Gesellschaft
begrüsst und ungezwungen zwischen Frau Ehrenberg und Georg Platz genommen. »Die
hab ich für Sie eingeladen«, bemerkte Frau Ehrenberg leise zu Georg, der sich
bis zu diesem Abend mit Anna auch in Gedanken kaum beschäftigt hatte. Jene
Worte, vielleicht nur einem flüchtigen Einfall der Frau Ehrenberg entsprungen,
wurden im weiteren Verlauf des Abends wahr. Von dem Augenblick an, da die
Gesellschaft aufbrach und ihre fidele Reise durch den Volksprater antrat,
überall, in den Buden, im Ringelspiel, vor dem Wurstel und auch auf dem Heimweg
in die Stadt, der spasshafter Weise zu Fuss gemacht wurde, hatten sich Georg und
Anna zusammen gehalten und waren endlich, von lustigen und törichten Gesprächen
umschwirrt, in eine ganz vernünftige Unterhaltung geraten. Ein paar Tage später
war er bei ihr und brachte ihr, wie versprochen, den Klavierauszug von »Eugen
Onegin« und einige von seinen Liedern; bei seinem nächsten Besuch sang sie ihm
diese Lieder und manche von Schubert vor, und ihre Stimme gefiel ihm sehr. Bald
darauf nahmen sie für den Sommer voneinander Abschied, ohne jede Spur von Wehmut
und Zärtlichkeit; Annas Einladung nach Weissenfeld hatte Georg nur als
Höflichkeit aufgefasst, so wie er seine Zusage verstanden glaubte; und im
Vergleich zu der Harmlosigkeit des bisherigen Verkehrs durfte die Stimmung des
heutigen Besuchs Georg wohl eigentümlich erscheinen.
    Auf dem Stephansplatz sah sich Georg von jemandem gegrüsst, der auf der
Plattform eines Stellwagens stand. Georg, der etwas kurzsichtig war, erkannte
den Grüssenden nicht gleich.
    »Ich bins«, sagte der Herr auf der Plattform.
    »O, Herr Bermann! Guten Abend«, Georg reichte ihm die Hand hinauf. »Wohin
des Wegs?«
    »Ich fahre in den Prater. Ich will unten nachtmahlen. Haben Sie etwas
besondres vor, Herr Baron?«
    »Nicht das geringste.«
    »So kommen Sie doch mit.«
    Georg schwang sich auf den Omnibus, der eben weiterzurumpeln begann. Sie
erzählten einander beiläufig, wie sie den Sommer verbracht hatten. Heinrich war
im Salzkammergut gewesen, später in Deutschland, von wo er erst vor ein paar
Tagen zurückgekommen war.
    »Ach in Berlin«, meinte Georg.
    »Nein.«
    »Ich dachte, dass Sie vielleicht in Angelegenheit eines neuen Stückes ...«
    »Ich habe kein neues Stück geschrieben«, unterbrach ihn Heinrich etwas
unhöflich. »Ich war im Taunus und am Rhein, in verschiedenen Orten.«
    Was hat er denn am Rhein zu tun, dachte Georg, obwohl es ihn nicht weiter
interessierte. Es fiel ihm auf, dass Bermann zerstreut, ja beinahe verdüstert vor
sich hinschaute.
    »Und wie steht's denn mit Ihren Arbeiten, lieber Baron?« fragte Heinrich
plötzlich lebhaft, während er den dunkelgrauen Überzieher, der ihm um die
Schulter hing, enger um sich schlug. »Ist Ihr Quintett fertig?«
    »Mein Quintett?« wiederholte Georg verwundert. »Hab' ich Ihnen denn von
meinem Quintett gesprochen?«
    »Nein, nicht Sie; aber Fräulein Else sagte mir, dass Sie an einem Quintett
arbeiten.«
    »Ach so, Fräulein Else. Nein, ich bin nicht viel weiter gekommen. Ich war
nicht gerade in der Stimmung, wie Sie sich denken können.«
    »Ach ja«, sagte Heinrich und schwieg eine Weile. »Und Ihr Herr Vater war
noch so jung«, fügte er langsam hinzu.
    Georg nickte wortlos.
    »Wie geht's Ihrem Bruder?« fragte Heinrich plötzlich.
    »Danke recht gut«, erwiderte Georg etwas befremdet. Heinrich warf seine
Zigarre über die Brüstung und zündete sich gleich wieder eine neue an. Dann
sagte er: »Sie werden sich wundern, dass ich mich nach Ihrem Bruder erkundige,
den ich kaum jemals gesprochen habe. Er interessiert mich aber. Er stellt für
mich einen in seiner Art geradezu vollendeten Typus dar, und ich halte ihn für
einen der glücklichsten Menschen, die es gibt.«
    »Das mag wohl sein«, erwiderte Georg zögernd. »Aber wie kommen Sie
eigentlich zu der Ansicht, da Sie ihn kaum kennen?«
    »Erstens heisst er Felician Freiherr von Wergentin-Recco«, sagte Heinrich
sehr ernst und blies den Rauch in die Luft.
    Georg horchte mit einigem Erstaunen auf.
    »Sie heissen wohl auch Wergentin-Recco«, fuhr Heinrich fort, »aber nur Georg
und das ist lang nicht dasselbe, nicht wahr? Ferner ist Ihr Bruder sehr schön.
Sie schauen allerdings auch nicht übel aus. Aber Leute, deren hauptsächliche
Eigenschaft es ist, schön zu sein, sind doch eigentlich viel besser dran als
andre, deren hauptsächliche Eigenschaft es ist, begabt zu sein. Wenn man nämlich
schön ist, so ist man es immer, während die Begabten doch mindestens neun
Zehntel ihrer Existenz ohne jede Spur von Talent verbringen. Ja, gewiss ist es
so. Die Linie des Lebens ist sozusagen reiner, wenn man schön als wenn man ein
Genie ist. Übrigens liesse sich das alles besser ausdrücken.«
    Was hat er denn, dachte Georg unangenehm berührt. Sollte er vielleicht auf
Felician eifersüchtig sein ... wegen Else Ehrenberg?
    Auf dem Praterstern stiegen sie aus. Der grosse Strom der Sonntagsmenge
flutete ihnen entgegen. Sie nahmen den Weg in die Hauptallee, wo es nicht mehr
belebt war, und gingen langsam weiter. Es war kühl geworden. Georg machte
Bemerkungen über die herbstliche Abendstimmung, über die Leute, die in den
Wirtshäusern sassen, über die Militärkapellen, die in den Kiosken spielten.
Heinrich entgegnete anfangs obenhin, später gar nicht und schien endlich kaum
zuzuhören, was Georg ungezogen fand. Er bereute es beinahe, sich Heinrich
angeschlossen zu haben, umsomehr, als es sonst gar nicht seine Art war,
flüchtigen Aufforderungen ohne weiteres zu folgen; und er entschuldigte sich vor
sich selbst, dass er es diesmal nur aus Zerstreuteit getan hätte. Heinrich ging
neben ihm her, oder auch ein paar Schritte voraus, als hätte er Georgs
Anwesenheit vollkommen vergessen. Noch immer hielt er den umgehängten Überzieher
mit beiden Händen fest, trug den weichen, dunkelgrauen Hut in die Stirn gedrückt
und sah, was Georg plötzlich empfindlich zu stören begann, höchst unelegant aus.
Heinrich Bermanns frühere Bemerkungen über Felician kamen ihm nun abgeschmackt
und geradezu taktlos vor, und zu rechter Zeit fiel ihm ein, dass so ziemlich
alles, was er von den schriftstellerischen Leistungen Heinrichs kannte, ihm
wider den Strich gegangen war. Zwei Stücke von ihm hatte er gesehen: eines, das
in den untern Volksschichten spielte, unter Handwerkern oder Fabrikarbeitern und
mit Mord und Totschlag endete; das andere, eine Art von satirischer
Gesellschaftskomödie, bei deren Erstaufführung es einen Skandal gegeben hatte,
und die bald wieder vom Repertoire verschwunden war. Übrigens hatte Georg den
Autor damals noch nicht persönlich gekannt und an der ganzen Sache kein weiteres
Interesse genommen. Er erinnerte sich nur, dass Felician das Stück geradezu
lächerrlich gefunden und dass Graf Schönstein geäussert hatte, wenn es nach ihm
ginge, dürften Stücke von Juden überhaupt nur von der Budapester
Orpheumsgesellschaft aufgeführt werden. Insbesondere aber hatte Doktor von
Breitner, getauft und objektiv, seiner Empörung Ausdruck gegeben, dass so ein
hergelaufener junger Mensch eine Welt auf die Bühne zu bringen wagte, die ihm
selbstverständlich verschlossen war und von der er daher unmöglich etwas
verstehen konnte. Während Georg all dies wieder einfiel, steigerte sich sein
Ärger über das manierlose Weiterlaufen und beharrliche Schweigen seines
Begleiters zu einer wahren Feindseligkeit, und halb unbewusst begann er allen
Insulten recht zu geben, die damals gegen Bermann vorgebracht worden waren. Er
erinnerte sich jetzt auch, dass ihm Heinrich von allem Anfang an persönlich
unsympatisch gewesen war, und dass er sich zu Frau Ehrenberg ironisch über die
Geschicklichkeit geäussert, mit der sie auch diesen jungen Ruhm sofort für ihren
Salon einzufangen gewusst hatte. Else freilich hatte gleich Heinrichs Partei
genommen, ihn für einen interessanten und manchmal sogar liebenswürdigen
Menschen erklärt und Georg prophezeit, er würde über kurz oder lang mit ihm gut
Freund werden. Und tatsächlich war in Georg, zum mindesten von jenem Gespräch
heuer im Frühjahr nachts auf der Ringstrassenbank, eine gewisse Sympatie für
Bermann zurückgeblieben, die bis zum heutigen Abend vorgehalten hatte.
    Längst waren sie an den letzten Gastäusern vorbei. Neben ihnen lief die
weisse Fahrstrasse einsam und gerade zwischen den Bäumen in die Nacht hinaus, und
sehr entfernte Musik tönte nur mehr in abgerissenen Klängen zu ihnen her.
    »Wohin denn noch«, rief Heinrich plötzlich aus, als hätte man ihn wider
Willen hierher geschleppt, und blieb stehen.
    »Ich kann wirklich nichts dafür«, bemerkte Georg einfach.
    »Entschuldigen Sie«, sagte Heinrich.
    »Sie waren so sehr in Gedanken vertieft«, entgegnete Georg kühl.
    »Vertieft will ich eben nicht sagen. Aber es passiert einem manchmal, dass
man sich so in sich selbst verliert.«
    »Ich kenne das«, meinte Georg ein wenig versöhnt.
    »Man hat Sie übrigens im August auf dem Auhof erwartet«, sagte Heinrich
plötzlich.
    »Erwartet? Frau Ehrenberg war wohl so freundlich, mich einmal einzuladen,
aber ich hatte keineswegs zugesagt. Haben Sie sich längere Zeit dort
aufgehalten, Herr Bermann?«
    »Längere Zeit, nein. Ich war einige Male oben, aber immer nur auf ein paar
Stunden.«
    »Ich dachte, Sie hätten oben gewohnt.«
    »Keine Idee. Ich hab' unten im Gastof logiert. Ich bin nur gelegentlich
hinauf gekommen. Es ist mir dort zu laut und bewegt ... das Haus wimmelt ja von
Besuchen. Und die Mehrzahl der Leute, die dort verkehren, kann ich nicht
ausstehen.«
    Ein offener Fiaker, in dem ein Herr und eine Dame sassen, fuhr an ihnen
vorüber.
    »Das war ja Oskar Ehrenberg«, sagte Heinrich.
    »Und die Dame?« fragte Georg und sah etwas Hellem nach, das durch die
Dunkelheit leuchtete.
    »Kenn' ich nicht.«
    Sie nahmen den Weg durch eine finstere Seitenallee. Wieder stockte das
Gespräch. Endlich begann Heinrich: »Fräulein Else hat mir auf dem Auhof ein paar
von Ihren Liedern vorgesungen. Einige hatte ich übrigens schon gehört, von der
Bellini, glaub' ich.«
    »Ja, die Bellini hat sie vorigen Winter in einem Konzert gesungen.«
    »Nun, diese Lieder und einige andre von Ihnen sang Fräulein Else.«
    »Wer hat sie denn begleitet?«
    »Ich selbst, so gut ich eben konnte. Ich muss Ihnen übrigens sagen, lieber
Baron, die Lieder haben eigentlich noch einen stärkern Eindruck auf mich
gemacht, als das erstemal im Konzert, trotzdem Fräulein Else ja beträchtlich
weniger Stimme und Kunstfertigkeit besitzt, als Fräulein Bellini. Andererseits
muss man freilich bedenken, dass es ein prachtvoller Sommernachmittag war, an dem
Fräulein Else Ihre Lieder sang. Das Fenster stand offen, man sah drüben die
Berge und den tiefblauen Himmel ... aber es bleibt noch immer genug für Sie
übrig.«
    »Sehr schmeichelhaft«, sagte Georg, von Heinrichs spöttelndem Ton peinlich
berührt.
    »Wissen Sie«, fuhr Heinrich fort und sprach, wie er es manchmal tat, mit
zusammengepressten Zähnen und unnötig heftiger Betonung, »wissen Sie, es ist im
allgemeinen nicht meine Gewohnheit, Leute, die ich zufällig auf der Strasse sehe,
auf den Omnibus heraufzubitten, und ich will es ihnen lieber gleich gestehen,
dass ich es ... wie sagt man nur ... als einen Wink des Schicksals betrachtet
habe, wie ich Sie plötzlich auf dem Stephansplatz erblickte.«
    Georg hörte ihn verwundert an.
    »Sie erinnern sich vielleicht nicht mehr so gut als ich«, fuhr Heinrich
fort, »an unser letztes Gespräch auf jener Ringstrassenbank.«
    Nun erst fiel es Georg ein, dass Heinrich damals ganz flüchtig von einem
Opernstoff gesprochen, der ihn beschäftigte, worauf Georg ebenso beiläufig, und
eher scherzhaft, sich als Komponisten angeboten hatte. Und absichtlich kühl
entgegnete er: »Ach ja, ich erinnere mich.«
    »Nun, das verpflichtet Sie zu nichts«, erwiderte Heinrich noch kühler als
der andere, »um so weniger, als ich, die Wahrheit zu sagen, an meinen Opernstoff
überhaupt nicht mehr gedacht hatte, bis zu jenem schönen Sommernachmittag, an
dem Fräulein Else Ihre Lieder sang. Wie wär's übrigens, wenn wir uns hier
niederliessen?«
    Der Gastausgarten, in den sie eintraten, war ziemlich leer. Heinrich und
Georg nahmen in einer kleinen Laube, nächst dem grünen Staketgitter, Platz und
bestellten ihr Nachtmahl.
    Heinrich lehnte sich zurück, streckte seine Beine aus, betrachtete Georg,
der beharrlich schwieg, mit prüfenden, fast spöttischen Augen und sagte
plötzlich: »Ich glaube mich übrigens nicht zu irren, wenn ich annehme, dass Ihnen
die Sachen, die ich bisher gemacht habe, nicht gerade ans Herz gewachsen sind.«
    »O«, erwiderte Georg und errötete ein wenig, »wie kommen Sie zu dieser
Ansicht?«
    »Nun ich kenne meine Stücke ... und kenne Sie.«
    »Mich?« fragte Georg beinahe verletzt.
    »Gewiss«, erwiderte Heinrich überlegen. »Übrigens habe ich den meisten
Menschen gegenüber diese Empfindung und halte diese Fähigkeit sogar für meine
einzige absolute, unzweifelhafte. Alle übrigen sind ziemlich problematisch,
find' ich. Insbesondere ist meine sogenannte Künstlerschaft etwas durchaus
mässiges, und auch gegen meine Charaktereigenschaften wäre manches einzuwenden.
Das einzige, was mir eine gewisse Sicherheit gibt, ist eigentlich nur das
Bewusstsein, in menschliche Seelen hineinschauen zu können ... tief hinein, in
alle, in die von Schurken und ehrlichen Leuten, in die von Frauen und Männern
und Kindern, in die von Heiden, Juden, Protestanten, ja selbst in die von
Katoliken, Adeligen und Deutschen, obwohl ich gehört habe, dass gerade das für
unsereinen so unendlich schwer, oder sogar unmöglich sein soll.«
    Georg zuckte leicht zusammen. Er wusste, dass Heinrich insbesondere bei
Gelegenheit seines letzten Stückes von konservativen und klerikalen Blättern
persönlich aufs heftigste angegriffen worden war. Aber was geht das mich an,
dachte Georg. Schon wieder einer, den man beleidigt hat! Es war wirklich absolut
ausgeschlossen, mit diesen Leuten harmlos zu verkehren. Höflich, fremd, in einer
ihm selbst kaum bewussten Erinnerung an die Erwiderung des alten Herrn Rosner
gegenüber dem jungen Doktor Stauber, äusserte er: »Eigentlich dachte ich mir, dass
Menschen wie Sie über Angriffe von jener Art, auf die Sie offenbar anspielen,
erhaben wären.«
    »So ... dachten Sie das?« fragte Heinrich in dem kalten, beinahe abstossenden
Ton, der ihm manchmal eigen war. »Nun«, fuhr er milder fort, »zuweilen stimmt es
ja. Aber leider nicht immer. Es braucht nicht viel dazu, um die Selbstverachtung
aufzuwecken, die stets in uns schlummert; und wenn das einmal geschehen ist,
gibt es keinen Tropf und keinen Schurken, mit dem wir uns nicht innerlich gegen
uns selbst verbünden. Entschuldigen Sie, wenn ich wir sage ...«
    »O, ich habe schon ganz ähnliches empfunden. Freilich hatte ich noch nicht
Gelegenheit, der Öffentlichkeit so oft und so exportiert gegenüberzustehen, wie
Sie.«
    »Nun wenn auch ... ganz das Gleiche wie ich werden Sie doch niemals
durchzumachen haben.«
    »Warum denn?« fragte Georg ein wenig gekränkt.
    Heinrich sah ihm scharf ins Auge. »Sie sind der Freiherr von
Wergentin-Recco.«
    »O darum! Ich bitte Sie, es gibt heutzutage eine ganze Menge Leute, die
gerade deswegen gegen einen voreingenommen sind und es einem gelegentlich
vorzuhalten wissen, dass man Baron ist.«
    »Ja, ja, aber es liegt doch ein anderer Ton darin, das werden Sie mir
zugeben, und auch ein anderer Sinn, wenn man einem den Freiherrn, als wenn man
einem den Juden ins Gesicht schleudert, obzwar das letztere bisweilen ... Sie
verzeihen schon ... der bessere Adel sein mag. Nun, Sie brauchen mich nicht so
mitleidig anzuschauen«, setzte er plötzlich grob hinzu. »Ich bin nicht immer so
empfindlich. Es gibt auch andre Stimmungen, in denen mir überhaupt nichts und
niemand etwas anhaben kann. Da hab ich nur dieses eine Gefühl: was wisst Ihr denn
alle, was wisst Ihr denn von mir ...«
    Er schwieg, stolz, mit einem höhnischen Blick, der sich durch das
Blätterwerk der Laube ins Dunkle bohrte. Dann wandte er den Kopf, sah ringsumher
und sagte einfach, in einem neuen Ton, zu Georg: »Sehen Sie doch, wir sind bald
die einzigen.«
    »Es wird auch recht kühl«, sagte Georg.
    »Ich denke, wir bummeln noch ein wenig durch den Prater.«
    »Gern.«
    Sie erhoben sich und gingen. Auf einer Wiese, an der sie vorüberkamen, lag
feiner, grauer Nebel.
    »Bis in die Nacht hält die Sommerlüge doch nicht mehr an. Nun wird es bald
endgültig vorbei sein«, sagte Heinrich mit unverhältnismässiger Bedrückteit, und
wie zum eigenen Trost fügte er hinzu: »Nun, man wird arbeiten.«
    Sie kamen in den Wurstelprater. Aus den Gastäusern tönte Musik, und Georg
teilte sich sofort etwas von der fröhlich-lauten Stimmung mit, in die er nun mit
einem Male aus den Traurigkeiten eines herbstlichen Wirtshausgartens und einer
etwas gequälten Unterhaltung geraten war.
    Vor einem Ringelspiel, aus dem ein riesiger Leierkasten
phantastisch-orgelhaft ein Potpourri aus dem »Troubadour« ins Freie sandte und
an dessen Eingang ein Ausrufer zur Reise nach London, Atzgersdorf und Australien
aufforderte, erinnerte sich Georg wieder der Frühjahrspartie mit der
Ehrenbergschen Gesellschaft. Auf dieser schmalen Bank, im Innern des Raumes, war
Frau Oberberger gesessen, den Kavalier des Abends, Demeter Stanzides, zur Seite
und hatte ihm wahrscheinlich eine ihrer unglaublichen Geschichten erzählt: dass
ihre Mutter die Geliebte eines russischen Grossfürsten gewesen; dass sie selbst
mit einem Anbeter eine Nacht auf dem Hallstädter Friedhof verbracht, natürlich
ohne dass etwas geschehen war; oder dass ihr Gatte, der berühmte Reisende, in
einem Harem zu Smyrna in einer Woche siebzehn Frauen erobert hatte. In diesem
rotsamtgepolsterten Wägelchen, mit Hofrat Wilt als Gegenüber, hatte Else
gelehnt, damenhaft anmutig, ungefähr wie in einem Fiaker am Derbytag und hatte
doch verstanden, durch Haltung und Miene zum Ausdruck zu bringen, dass sie, wenn
es darauf ankäme, gerade so kindlich sein konnte wie andre einfältige,
glücklichere Menschen. Anna Rosner, lässig die Zügel in der Hand, würdig, aber
mit einem etwas verschmitzten Gesicht, ritt einen weissen Araber; Sissy wiegte
sich auf einem Rappen, der sich nicht nur im Kreise mit den andern Tieren und
Wagen drehte, sondern ausserdem hin und herschaukelte. Unter der kühnen Frisur
mit dem riesigen, schwarzen Federhut blitzten und lachten die frechsten Augen,
über den ausgeschnittenen Lackschuhen und durchbrochenen Strümpfen flatterte und
flog der weisse Rock. Auf zwei fremde Herren hatte Sissys Erscheinung so seltsam
gewirkt, dass sie ihr eine unzweideutige Einladung zuriefen, worauf eine kurze,
geheimnisvolle Unterhaltung zwischen Willy, der sofort zur Stelle war, und den
zwei ziemlich betretenen Herren erfolgte, die anfangs durch das nonchalante
Anzünden neuer Zigaretten ihre Position zu retten versuchten, aber dann
plötzlich in der Menge verschwunden waren.
    Auch die Bude mit den »Illusionen« und Lichtbildern hatte für Georg ihre
besondere Erinnerung. Hier, während Daphne sich in einen Baum verwandelte, hatte
ihm Sissy ein leises »remember« ins Ohr geflüstert und ihm damit den Maskenball
bei Ehrenbergs ins Gedächtnis gerufen, an dem sie, wohl nicht für ihn allein,
den Spitzenschleier zu einem flüchtigen Kuss gelüftet hatte. Dann kam die Hütte,
wo die ganze Gesellschaft sich hatte photographieren lassen: die drei jungen
Mädchen, Anna, Else und Sissy in genienhafter Pose, die Herren mit himmelnden
Augen ihnen zu Füssen, so dass das Ganze etwa ausgesehen hatte, wie die Apoteose
aus einer Zauberposse. Und während Georg sich jener kleinen Erlebnisse entsann,
schwebte ihm immer der heutige Abschied von Anna durch die Erinnerung und schien
ihm von den angenehmsten Verheissungen erfüllt.
    Vor einer offenen Schiessbude standen auffallend viel Leute. Bald war der
Trommler ins Herz getroffen und wirbelte mit flinken Schlägen auf dem Fell, bald
zersprang leise klirrend eine Glaskugel, die auf einem Wasserstrahl hin und her
getanzt war, bald führte eine Marketenderin eiligst die Trompete zum Mund und
blies drohend Appell, bald donnerte aus aufgesprungenem Tor eine kleine
Eisenbahn, sauste über eine fliegende Brücke und wurde von einem andern Tor
verschlungen. Da einige Zuschauer sich allmählich entfernten, rückten Georg und
Heinrich vor und erkannten in den sichern Schützen Oskar Ehrenberg und seine
Dame. Eben richtete Oskar das Gewehr auf einen Adler, der sich nahe der Decke
mit ausgebreiteten Flügeln auf und ab bewegte, und fehlte zum erstenmal.
Indigniert legte er die Waffe nieder, sah sich um, erblickte die beiden Herren
hinter sich und begrüsste sie.
    Die junge Dame, das Gewehr an der Wange, warf einen flüchtigen Blick auf die
Neuangekommenen, visierte gleich wieder angelegentlich und drückte ab. Der Adler
liess den getroffenen Flügel sinken und bewegte sich nicht mehr.
    »Bravo«, rief Oskar.
    Die Dame legte das Gewehr vor sich auf den Tisch hin.
    »Is genug«, sagte sie zu dem Jungen, der von neuem laden wollte, »g'wonnen
hab ich eh.«
    »Wie viel Schuss warens?« fragte Oskar.
    »Vierzig«, antwortete der Junge, »macht achtzig Kreuzer. Oskar griff in die
Westentasche, warf einen Silbergulden hin und nahm den Dank des Ladenjungen mit
Herablassung entgegen. »Erlaube«, sagte er dann, indem er beide Hände in die
Seiten stützte, den Oberkörper leicht nach vorn bewegte und den linken Fuss
vorwärts setzte, »erlaube Amy, dass ich dir die Herren vorstelle, welche Zeugen
deiner Triumphe waren. Baron Wergentin, Herr von Bermann ... Fräulein Amelie
Reiter.«
    Die Herren lüfteten ihre Hüte, Amelie nickte zum Gegengruss ein paarmal
hintereinander mit dem Kopf. Sie trug ein einfaches, weiss gemustertes
Foulardkleid, darüber eine leichte Mantille von hellem Gelb mit Spitzen umsäumt
und einen schwarzen, aber sehr vergnügten Hut. »Den Herrn von Bermann kenn ich
ja«, sagte sie. Sie wandte sich an ihn: »Bei der Premiere von Ihrem Stück im
vorigen Winter hab ich Sie gesehen, wie Sie herausgekommen sind sich verbeugen.
Ich habe mich sehr gut unterhalten. Nicht, dass ich Ihnen das vielleicht aus
Höflichkeit sag.«
    Heinrich dankte ernst.
    Sie spazierten weiter zwischen Buden, vor denen es stiller wurde, an
Wirtshausgärten vorbei, die sich allmählich leerten.
    Oskar schob seinen rechten Arm in den linken seiner Begleiterin, dann wandte
er sich an Georg: »Warum sind Sie denn heuer nicht auf dem Auhof gewesen? Wir
haben alle sehr bedauert.«
    »Ich war leider in wenig geselliger Stimmung.«
    »Natürlich, kann ich mir denken«, sagte Oskar mit dem gebotenen Ernst. »Ich
war übrigens auch nur ein paar Wochen dort. Im August hab ich meine müden
Glieder in den Wogen der Nordsee gestärkt, ich war nämlich auf der Isle of
Wight.«
    »Dort soll es ja sehr schön sein«, sagte Georg, »wer geht denn nur immer
hin?«
    »Die Wyners, meinen Sie«, erwiderte Oskar. »Wenigstens wie sie noch in
London gelebt haben, sind sie regelmässig dort gewesen. Jetzt nur mehr alle zwei,
drei Jahre.«
    »Aber das Ypsilon haben sie auch für Österreich beibehalten«, sagte Georg
lächelnd.
    Oskar blieb ernst. »Der alte Herr Wyner«, erwiderte er »hat sich sein Recht
auf das Ypsilon ehrlich erworben. Er ist schon in seinem dreizehnten Jahr nach
England gekommen, hat sich dort naturalisieren lassen und als ganz junger Mensch
ist er Kompagnon der grossen Stahlfabrik geworden, die jetzt noch immer Black und
Wyner heisst.«
    »Aber seine Frau hat er sich doch aus Wien geholt?«
    »Ja. Und wie er vor sieben oder acht Jahren gestorben ist, ist sie mit den
zwei Kindern hierher übersiedelt. Aber James wird sich hier nie eingewöhnen ...
der Lord Antinous, Sie wissen ja, dass Frau Oberberger ihn so nennt. Jetzt ist er
wieder in Cambridge, wo er seltsamerweise griechische Philologie studiert. Im
übrigen ist auch Demeter ein paar Tage in Ventnor gewesen.«
    »Stanzides?« ergänzte Georg.
    »Kennen Sie den Herrn von Stanzides, Herr Baron?« fragte Amy.
    »Jawohl.«
    »Also existiert er richtig«, rief sie aus.
    »Ja aber hörst du«, sagte Oskar. »Heuer im Frühjahr hat sie in der Freudenau
auf ihn gesetzt und hat eine Masse Geld gewonnen, und jetzt fragt sie, ob er
existiert.«
    »Warum zweifeln Sie denn an der Existenz von Stanzides, Fräulein?« fragte
Georg.
    »Ja wissen Sie, alleweil, wenn ich nicht weiss, wo er is, der Oskar, heissts:
ich hab ein Rendezvous mit'n Stanzides, oder: ich reit mit'n Stanzides in'
Prater. Stanzides hin, Stanzides her, es klingt mehr wie eine Ausred, als wie
ein Nam.«
    »Jetzt schweig aber endlich einmal still«, sagte Oskar mild.
    »Stanzides existiert nicht nur«, erklärte Georg, »sondern er hat den
schönsten, schwarzen Schnurrbart und die glühendsten schwarzen Augen, die es
überhaupt gibt.«
    »Das is schon möglich, aber wie ich ihn g'sehn hab, hat er ausg'schaut wie
ein Wurstel. Gelber Janker, grünes Kappel, violette Schleifen.«
    »Und sie hat vierzig Gulden auf ihn gewonnen«, ergänzte Oskar humoristisch.
    »Wo sind die vierzig Gulden«, seufzte Fräulein Amelie ... Plötzlich blieb
sie stehen und rief: »Da bin ich aber noch nie mitgefahren.«
    »Das kann ja nachgeholt werden«, sagte Oskar einfach.
    Es war das Riesenrad, das sich vor ihnen mit seinen beleuchteten Wagen
langsam, majestätisch drehte. Die jungen Leute passierten das Tourniquet,
stiegen in ein leeres Kupee und schwebten empor.
    »Wissen Sie, Georg, wen ich heuer im Sommer kennen gelernt habe?« sagte
Oskar, »den Prinzen von Guastalla.
    »Welchen?« fragte Georg.
    »Den jüngsten natürlich, Karl Friedrich. Er ist inkognito dort gewesen. Er
ist sehr gut mit dem Stanzides, ein merkwürdiger Mensch. Ich kann Sie
versichern«, setzte er leise hinzu, »wenn unsereins den hundertsten Teil von den
Sachen reden möcht wie der Prinz, wir kämen unser Lebtag aus dem schweren Kerker
nicht heraus.«
    »Schau Oskar«, rief Amy, »die Tische und die Leut da unten! Wie aus einem
Schachterl, nicht wahr? Und die Masse Lichter dort, ganz weit, da gehts sicher
nach Prag. Glauben S' nicht, Herr Bermann?«
    »Möglich«, erwiderte Heinrich und starrte mit gefalteter Stirn durch die
gläserne Wand in die Nacht hinaus.
    Als sie das Kupee verliessen und ins Freie traten, war der Sonntagslärm im
Verrauschen.
    »Die Kleine«, sagte Oskar Ehrenberg zu Georg, während Amy mit Heinrich
vorausging, »die ahnt auch nicht, dass wir heute das letztemal zusammen im Prater
spazieren gehen.«
    »Warum denn das letztemal?« fragte Georg ohne tieferes Interesse.
    »Es muss sein«, erwiderte Oskar. »Solche Sachen dürfen nicht länger dauern
als höchstens ein Jahr. Sie können sich übrigens vom Dezember an bei ihr Ihre
Handschuhe kaufen«, fügte er heiter, aber nicht ohne Wehmut hinzu. »Ich richte
ihr nämlich ein kleines Geschäft ein. Das bin ich ihr gewissermassen schuldig,
denn ich hab sie aus einer ziemlich sichern Situation herausgerissen.«
    »Aus einer sichern?«
    »Ja, sie war verlobt. Mit einem Etuimacher. Haben Sie gewusst, dass es das
gibt?«
    Indessen war Amy und Heinrich vor einer Wendeltreppe stehen geblieben, die
eng und kühn zu einem Plateau hinaufführte, und erwarteten die andern. Alle
waren darüber einig, dass man den Prater nicht verlassen durfte, ohne auf der
Rutschbahn gefahren zu sein.
    Sie sausten durchs Dunkel, hinab und wieder hinauf, im dröhnenden Wagen,
unter schwarzen Wipfeln; und dem dumpf rhytmischen Lärm entklang für Georg
allmählich ein groteskes Motiv im Dreivierteltakt. Während er mit den andern die
Wendeltreppe hinabstieg, wusste er auch schon, dass die Melodie von Oboe und
Klarinette gebracht und von Cello und Kontrabass begleitet werden müsse. Offenbar
war es ein Scherzo, vielleicht für eine Symphonie.
    »Wenn ich ein Unternehmer wäre«, erklärte Heinrich mit Entschiedenheit, »so
liess ich eine Rutschbahn bauen, viele Meilen lang, die ginge über Wiesen,
Abhänge, durch Wälder, Tanzsäle; auch für Überraschungen auf dem Weg wäre
gesorgt.« Jedenfalls, so fand er weiter, wäre nun die Zeit gekommen, das
phantastische Element im Wurstelprater zu höherer Entfaltung zu bringen. Er
selbst hätte vorläufig die Idee für ein Ringelspiel, das sich hoch und durch
einen merkwürdigen Mechanismus, spiralig immer höher über den Erdboden drehen
müsse, um endlich in einer Art von Turmspitze anzulangen. Leider mangelten ihm
die notwendigen technischen Vorkenntnisse zur näheren Erklärung. Im Weitergehen
erfand er burleske Figuren und Gruppen für die Schiessbuden und sprach endlich
die dringende Forderung nach einem grossartigen Kasperlteater aus, für das
originelle Dichter tiefsinnig-heitere Stücke entwerfen müssten.
    So war man an den Ausgang des Praters gelangt, wo Oskars Wagen wartete.
Gedrängt, aber gut gelaunt fuhren sie nach einem Weinrestaurant in der Stadt. In
einem separierten Zimmer liess Oskar Champagner auftragen. Georg setzte sich ans
Klavier und phantasierte über das Tema, das ihm auf der Rutschbahn eingefallen
war. Amy lehnte in der Divanecke, und Oskar flüsterte ihr allerhand ins Ohr,
worüber sie lachen musste. Heinrich war wieder stumm geworden und drehte sein
Glas langsam zwischen den Fingern hin und her. Plötzlich hielt Georg im Spielen
inne und liess die Hände auf den Tasten liegen. Ein Gefühl von der
Traumhaftigkeit und Zwecklosigkeit des Daseins kam über ihn, wie manchmal, wenn
er Wein getrunken hatte. Viele Tage war es her, dass er eine schlecht beleuchtete
Treppe in der Paulanergasse hinuntergegangen war, und der Spaziergang mit
Heinrich durch die herbstdunkle Allee lag in fernster Vergangenheit. Hingegen
erinnerte er sich plötzlich so lebhaft, als wär es gestern gewesen, eines sehr
jungen und sehr verdorbenen Wesens, mit dem er vor vielen Jahren ein paar Wochen
in heiter-unsinniger Art verbracht hatte, etwa so wie Oskar Ehrenberg jetzt mit
Amy. Eines Abends hatte sie ihn auf der Strasse zu lange warten lassen,
ungeduldig war er fort gegangen und hatte nie wieder etwas von ihr gehört oder
gesehen. Wie leicht sich das Leben zuweilen anliess ... Er hörte das leise Lachen
Amys, wandte sich und sein Blick begegnete den Augen Oskars, die über den
blonden Kopf Amys hinweg die seinen suchten. Er empfand diesen Blick als
ärgerlich, wich ihm absichtlich aus und schlug wieder einige Töne an, in
volksliedartiger, melancholischer Weise. Er spürte Lust, all das aufzuzeichnen,
was ihm heute eingefallen war, und sah auf die Uhr, die über der Tür hing. Es
war eins vorbei. Dann verständigte er sich mit Heinrich durch einen Blick, und
beide erhoben sich. Oskar deutete auf Amy, die an seiner Schulter
eingeschlummert war, und gab durch ein lächelndes Achselzucken zu verstehen, dass
er unter diesen Umständen noch nicht ans Fortgehen denken könne. Die beiden
andern reichten ihm die Hände, flüsterten ihm gute Nacht zu und entfernten sich.
    »Wissen Sie, was ich getan hab«, sagte Heinrich, »während Sie auf dem
grässlichen Pianino so wunderhübsch phantasierten? Ich hab versucht mir den Stoff
zurecht zu legen, von dem ich Ihnen im Frühjahr gesprochen hab.«
    »Ah den Opernstoff! Das ist ja interessant. Wollen Sie ihn mir nicht einmal
erzählen?«
    Heinrich schüttelte den Kopf. »Ich möchte schon, aber das Malheur ist nur,
wie sich eben herausgestellt hat, dass er eigentlich gar nicht vorhanden ist. Wie
die meisten andern von meinen sogenannten Stoffen.«
    Georg sah ihn fragend an. »Im Frühjahr, wie wir uns das letztemal gesehen
haben, da hatten Sie ja eine ganze Menge vor.«
    »Ja aufnotiert ist gar viel. Aber heut ist nichts mehr davon da als Sätze
... Nein, Worte! Nein, Buchstaben auf weissem Papier. Es ist geradeso, wie wenn
eine Totenhand alles berührt hätte. Ich fürchte, nächstens einmal, wenn ich das
Zeug nur angreife, fällt es auseinander wie Zunder. Ja, ich hab eine schlechte
Zeit; und wer weiss, ob je noch eine bessere kommen wird.«
    Georg schwieg. Dann, mit einer plötzlichen Erinnerung an eine Zeitungsnotiz,
die er irgendwo über Heinrichs Vater, den ehemaligen Abgeordneten Dr. Bermann
gelesen hatte, und einen Zusammenhang vermutend, fragte er: »Ihr Herr Vater ist
leidend, nicht wahr?«
    Ohne ihn anzusehen, erwiderte Heinrich: »Ja. Mein Vater ist in einer Anstalt
für Gemütskranke, schon seit dem Juni.«
    Georg schüttelte teilnahmsvoll den Kopf.
    Heinrich fuhr fort: »Ja, das ist eine furchtbare Sache. Wenn ich auch in der
letzten Zeit in keinem sehr nahen Verhältnis zu ihm gestanden bin, es ist und
bleibt furchtbarer, als man es sagen kann.«
    »Unter solchen Umständen«, meinte Georg, »ist es ja sehr begreiflich, dass es
mit der Arbeit nicht recht gehen will.«
    »Ja«, erwiderte Heinrich wie zögernd. »Aber es ist nicht das allein. Die
Wahrheit zu sagen, in meinem augenblicklichen Seelenzustand spielt diese Sache
eine verhältnismässig geringfügige Rolle. Ich will mich nicht besser machen, als
ich bin. Besser ...! Wär ich dann besser ...?« Er lachte kurz, dann sprach er
weiter. »Sehen Sie, gestern dacht ich auch noch, es wäre alles mögliche
zusammen, was mich so niederdrückt. Aber heute hab ich wieder einmal einen
untrüglichen Beweis dafür erhalten, dass mich ganz nichtige, ja läppische Dinge
tiefer berühren, als sehr wesentliche, wie zum Beispiel die Erkrankung meines
Vaters. Widerwärtig, was?«
    Georg sah vor sich hin. Warum begleit' ich ihn eigentlich, dachte er, und
warum findet er es ganz selbstverständlich?
    Heinrich sprach weiter mit zusammengepressten Zähnen und mit überflüssig
heftigem Ton: »Heute Nachmittag hab ich nämlich zwei Briefe bekommen. Zwei
Briefe, ja ... einen von meiner Mutter, die gestern meinen Vater in der Anstalt
besucht hat. Dieser Brief entielt die Nachricht, dass es ihm schlecht geht, sehr
schlecht; kurz und gut, es wird wohl nicht lange mehr dauern.« Er atmete tief
auf. »Und natürlich hängt da noch allerlei daran, wie Sie sich denken können.
Schwierigkeiten verschiedener Art, Sorgen für meine Mutter und meine Schwester,
für mich. Und nun denken Sie; zugleich mit diesem Brief kam ein anderer, der gar
nichts von Bedeutung entielt, so zu sagen. Ein Brief von einer Person, die mir
zwei Jahre hindurch nahe stand. Und in diesem Brief war eine Stelle, die mir ein
bisschen verdächtig erschien. Eine einzige Stelle ... Sonst war dieser Brief, wie
alle Briefe dieser Person sind, sehr liebevoll, sehr nett ... Und jetzt stellen
Sie sich vor, den ganzen Tag verfolgt mich, peinigt mich die Erinnerung an diese
eine verdächtige Stelle, die ein anderer überhaupt nicht bemerkt hätte. Ich
denke nicht an meinen Vater, der im Irrenhaus ist, nicht an meine Mutter, meine
Schwester, die verzweifeln, nur an diese unbedeutende Stelle in diesem dummen
Brief eines durchaus nicht hervorragenden Frauenzimmers. Die frisst alles in mir
auf, macht mich unfähig zu fühlen wie ein Sohn, wie ein Mensch ... Ist es nicht
scheusslich?«
    Befremdet hörte Georg zu. Es erschien ihm sonderbar, wie dieser schweigsame,
verdüsterte Mensch sich ihm, dem flüchtig Bekannten, mit einem Male aufschloss,
und er konnte sich dieser unerwarteten Offenheit gegenüber einer peinlichen
Verlegenheit nicht erwehren. Auch hatte er nicht den Eindruck, dass er diese
Geständnisse einer besonderen Sympatie Heinrichs verdankte, sondern spürte
darin eher einen Mangel an Takt, eine gewisse Unfähigkeit der
Selbstbeherrschung, irgend etwas wofür ihm das Wort »schlechte Erziehung«, das
er schon irgend einmal war es nicht von Hofrat Wilt? auf Heinrich anwenden
gehört hatte, sehr bezeichnend erschien. Sie gingen eben am Burgtor vorüber. Ein
sternenloser Himmel lag über der stummen Stadt. Durch die Bäume des Volksgartens
rauschte es leise, irgendwoher drang das Geräusch eines rollenden Wagens, der
sich entfernte.
    Da Heinrich wieder schwieg, blieb Georg stehen und sagte in möglichst
freundlichem Tone: »Nun muss ich mich doch von Ihnen verabschieden, lieber Herr
Bermann.«
    »O«, rief Heinrich, »jetzt merk ich erst, dass Sie mich ein ganzes Stück
begleitet haben und ich erzähl Ihnen oder vielmehr mir in Ihrer Gegenwart,
taktloserweise lauter Geschichten, die Sie nicht im geringsten interessieren
können ... verzeihen Sie.«
    »Was gibts da zu verzeihen«, erwiderte Georg leise, kam sich gegenüber
dieser Selbstanklage Heinrichs ein wenig wie ertappt vor und reichte ihm die
Hand. Heinrich nahm sie, sagte »auf Wiedersehen, lieber Baron«, und als hielte
er plötzlich jedes weitere Wort für eine Zudringlichkeit, entfernte er sich
eilig.
    Georg sah ihm nach, mit Teilnahme und Widerwillen zugleich, und eine
plötzliche freie, beinahe glückliche Stimmung kam über ihn, in der er sich jung,
sorgenlos und zu der schönsten Zukunft bestimmt erschien. Er freute sich auf den
Winter, der vor der Türe war. Alles mögliche stand in Aussicht. Arbeit,
Unterhaltung, Zärtlichkeit, und es war im Grunde gleichgültig, von wo alle diese
Freuden kommen mochten. Bei der Oper zögerte er einen Augenblick. Wenn er durch
die Paulanergasse nach Hause ging, so bedeutete es keinen beträchtlichen Umweg.
Er lächelte in der Erinnerung an Fensterpromenaden früherer Jahre. Nicht fern
von hier lag die Strasse, wo er manche Nacht zu einem Fenster aufgeblickt hatte,
hinter dessen Vorhängen sich Marianne zu zeigen pflegte, wenn ihr Gatte
eingeschlafen war. Diese Frau, die stets mit Gefahren spielte, an deren Ernst
sie selbst nicht glaubte, war Georg nie wirklich wert gewesen ... Eine andre
Erinnerung, ferner als diese, war um viel holdseliger. In Florenz, als
siebzehnjähriger Jüngling war er manche Nacht vor dem Fenster eines schönen
Mädchens auf und abgegangen, des ersten weiblichen Wesens, das sich ihm, dem
Unberührten, als Jungfrau gegeben hatte. Und er dachte der Stunde, an der er die
Geliebte am Arm des Bräutigams zum Altar hatte schreiten sehen, wo der Priester
die Ehe einsegnen sollte, des Blicks, den sie unter dem weissen Schleier zu
ewigem Abschied ihm herüber gesandt hatte ... Er war am Ziele. Nur an den beiden
Enden der kurzen Gasse brannten noch die Laternen, so dass er dem Hause gegenüber
völlig im Dunkel stand. Das Fenster von Annas Zimmer war offen, und wie am
Nachmittag bewegten die zusammengesteckten Tüllvorhänge sich leise im Wind.
Dahinter war es ganz dunkel. Eine sanfte Zärtlichkeit regte sich in Georg. Von
allen Wesen, die jemals ihre Neigung ihm nicht verhehlt hatten, schien Anna ihm
die beste und reinste. Auch war sie wohl die erste, die seinen künstlerischen
Bestrebungen Teilnahme entgegenbrachte, eine echtere jedenfalls als Marianne,
der die Tränen über die Wangen gerollt waren, was immer er ihr auf dem Klavier
vorspielen mochte; eine tiefre auch als Else Ehrenberg, die sich ja doch nur das
stolze Bewusstsein sichern wollte, als erste sein Talent erkannt zu haben. Und
wenn irgend eine, so war Anna dazu geschaffen, seinem Hang zur Verspielteit und
zur Nachlässigkeit entgegenzuwirken, ihn zu zielbewusster und erwerbbringender
Tätigkeit anzuhalten. Schon im letzten Winter hatte er daran gedacht, sich um
eine Stelle an einer deutschen Opernbühne als Kapellmeister oder Korrepetitor
umzusehen; bei Ehrenbergs hatte er flüchtig von seinen Absichten gesprochen, die
nicht sehr ernst genommen wurden, und Frau Ehrenberg, mütterlich und weltklug,
hatte ihm geraten doch lieber eine Tournee als Komponist und Dirigent durch die
Vereinigten Staaten zu unternehmen, worauf Else vorlaut hinzugefügt hatte: »Und
eine amerikanische Erbin wär auch nicht zu verachten.« Während er sich dieses
Gesprächs erinnerte, behagte er sich sehr in der Idee, ein bisschen in der Welt
herumzuabenteuern, wünschte sich, fremde Städte und Menschen kennen zu lernen,
irgendwo im Weiten allerlei Liebe und Ruhm zu gewinnen, und fand am Ende, dass
seine Existenz im ganzen viel zu ruhig und einförmig dahinflösse.
    
    Längst, ohne innerlich von Anna Abschied genommen zu haben, hatte er die
Paulanergasse verlassen und bald war er zu Hause. Als er ins Speisezimmer trat,
sah er, dass aus dem Zimmer Felicians Licht schimmerte.
    »Guten Abend, Felician«, rief er laut.
    Die Türe wurde geöffnet, und Felician, noch völlig angekleidet, trat heraus.
    Die Brüder reichten sich die Hände.
    »Du kommst auch erst jetzt nach Hause?« sagte Felician. »Ich habe gedacht,
du schläfst schon lang.« Während er sprach, sah er, wie das seine Art war, an
ihm vorbei und neigte den Kopf nach der rechten Seite. »Was hast du denn
getrieben?«
    »Ich war im Prater«. erwiderte Georg.
    »Allein?«
    »Nein, ich habe Leute getroffen. Den Oskar Ehrenberg mit seiner Dame und den
Schriftsteller Bermann. Wir haben geschossen und sind Rutschbahn gefahren. Es
war ganz lustig ... Was hast du denn da in der Hand?« unterbrach er sich. »Bist
du so spazieren gegangen?« fügte er scherzend hinzu.
    Felician liess den Degen, den er in der Rechten hielt, im Licht der Lampe
schimmern. »Ich habe ihn eben von der Wand herunter genommen. Morgen fang ich
wieder ernstlich an. Das Tournier ist schon Mitte November. Und heuer will ichs
auch gegen Forestier versuchen.«
    »Donnerwetter«, rief Georg.
    »Eine Unverschämteit, denkst du dir, was? Aber bis Mitte November ist noch
lang. Und das merkwürdige ist, ich habe das Gefühl, als wenn ich heuer im
Sommer, gerade in den sechs Wochen, während ich das Ding da gar nicht in der
Hand gehabt habe, was zugelernt hätte. Es ist, wie wenn mein Arm indessen auf
neue Ideen gekommen wäre. Ich kann dir das nicht recht erklären.«
    »Ich verstehe schon, was du meinst.«
    Felician hielt den Degen ausgestreckt vor sich hin und betrachtete ihn mit
Zärtlichkeit. Dann sagte er: »Ralph hat sich nach dir erkundigt, Guido auch ...
schad, dass du nicht mit warst.«
    »Hast du den ganzen Nachmittag mit ihnen verbracht?«
    »O nein! Nach dem Essen bin ich zu Haus geblieben. Du musst grad fortgegangen
sein. Ich hab studiert.«
    »Studiert?«
    »Ja. Ich muss mich jetzt ernstlich dranmachen. Im Mai spätestens will ich die
Diplomatenprüfung ablegen.«
    »Du bist also vollkommen entschlossen?«
    »Absolut. In der Stattalterei zu bleiben hat wirklich keinen Sinn für mich.
Je länger ich drin sitz', umso klarer wird mir das. Die Zeit wird übrigens nicht
verloren sein. Sie haben's gar nicht ungern, wenn einer ein paar Jahre internen
Dienst gemacht hat.«
    »Da wirst du also wahrscheinlich schon im Herbst von Wien fortgehen?«
    »Es ist anzunehmen.«
    »Und wo werden sie dich hinschicken?«
    »Ja, wenn man das schon wüsste.«
    Georg sah vor sich hin. So nahe also war der Abschied! Doch warum berührte
ihn das plötzlich so sehr? ... Er selbst war ja entschlossen fortzugehen, und
erst neulich hatte er mit dem Bruder von seinen Absichten fürs nächste Jahr
geredet. Glaubte der noch immer nicht an ihren Ernst? Wenn man sich doch wieder
einmal mit ihm aussprechen könnte, brüderlich, herzlich wie an jenem Abend nach
des Vaters Begräbnis. Wahrhaftig, nur wenn das Leben ihnen düster sich
entüllte, fanden sie ganz zueinander. Sonst blieb immer diese seltsame
Befangenheit zwischen ihnen beiden. Das konnte offenbar nicht anders werden. Man
musste sich eben bescheiden, miteinander plaudern, in der Art von guten
Bekannten. Und wie resigniert fragte Georg weiter: »Was hast du denn am Abend
gemacht?«
    »Ich habe mit Guido soupiert und einer interessanten jungen Dame.«
    »So?«
    »Er ist nämlich wieder in zarten Banden.«
    »Wer ist's denn?«
    »Konservatorium, Jüdin, Geige. Aber sie hat sie nicht mitgehabt. Nicht
besonders hübsch, aber g'scheit. Sie bildet ihn, und er achtet sie. Er will, sie
soll sich taufen lassen. Ein komisches Verhältnis, sag ich dir. Du hättest dich
ganz gut unterhalten.«
    Georg hatte seinen Blick auf den Degen gerichtet, den Felician noch immer in
der Hand hielt. »Hättest du Lust, noch ein bisschen zu manschettieren?« fragte
er.
    »Warum nicht?« erwiderte Felician und holte ein zweites Florett aus seinem
Zimmer. Indes hatte Georg den grossen Tisch aus der Mitte an die Wand gerückt.
    »Seit dem Mai hab ich keines in der Hand gehabt«, sagte er, indem er den
Degen ergriff. Sie legten die Röcke ab und kreuzten die Klingen. In der nächsten
Sekunde war Georg tuschiert.
    »Nur weiter!« rief Georg und empfand es wie ein Glück, dass er in verwegener
Stellung, die blitzende, schlanke Waffe in der Hand, dem Bruder gegenüber stehen
durfte.
    Felician traf ihn, so oft es ihm beliebte, ohne nur ein einziges Mal selbst
berührt zu werden. Dann liess er den Degen sinken und sagte: »Du bist heut zu
müd, es hat keinen Sinn. Aber du solltest wieder fleissiger in den Klub kommen.
Ich versichre dich, es ist schad, bei deinen Anlagen.«
    Georg freute sich des brüderlichen Lobs. Er legte den Degen auf den Tisch,
atmete tief und ging zu dem offenen, breiten Mittelfenster. »Wundervolle Luft!«
sagte er. Aus dem Park schimmerte eine einsame Laterne, es war vollkommene
Stille.
    Felician trat zu Georg hin, und während dieser sich mit beiden Händen auf
die Brüstung stützte, blieb der ältere Bruder aufgerichtet stehen und liess einen
seiner ruhig-hochmütigen Blicke über Strasse, Park und Stadt schweifen. Sie
schwiegen beide lang. Und sie wussten, dass jeder an dasselbe dachte: an eine
Mainacht heuer im Frühjahr, in der sie zusammen durch den Park nach Hause
gegangen waren, und der Vater sie von demselben Fenster aus, an dem sie jetzt
standen, mit stummem Kopfnicken begrüsst hatte. Und beide durchschauerte es ein
wenig bei dem Gedanken, dass sie heute den ganzen Tag so lebensfroh hingebracht
hatten, ohne sich mit Schmerzen des geliebten Mannes zu erinnern, der nun unter
der Erde lag.
    »Also gute Nacht«, sagte Felician, weicher als sonst und reichte Georg die
Hand. Er drückte sie wortlos, und jeder ging in sein Zimmer.
    Georg schaltete die Schreibtischlampe ein, nahm Notenblätter hervor und
begann zu schreiben. Es war nicht das Scherzo, das ihm eingefallen war, als er
vor drei Stunden mit den andern unter schwarzen Wipfeln durch die Nacht gesaust
war; und auch nicht die melancholische Volksweise aus dem Restaurant; sondern
ein ganz neues Motiv, das wie aus geheimen Tiefen langsam und unaufhaltsam
emporgetaucht kam. Es war Georg zu Mute, als müsste er nur ein Unbegreifliches
gewähren lassen. Er schrieb die Melodie nieder, die er sich von einer Altstimme
gesungen oder auch auf der Viola gespielt dachte; und eine seltsame Begleitung
tönte ihm mit, von der er wusste, dass sie ihm nie aus dem Gedächtnis schwinden
konnte.
    Es war vier Uhr morgens, als er zu Bette ging; beruhigt wie einer, dem
niemals im Leben etwas Übles begegnen kann, und für den weder Einsamkeit, noch
Armut, noch Tod irgendwelche Schrecken haben.
 
                                Zweites Kapitel
Im erhöhten Erker auf dem grünsamtenen Sofa sass Frau Ehrenberg mit ihrer
Stickerei; Else, ihr gegenüber, las in einem Buch. Aus dem tiefern und dunklern
Teil des Zimmers, hinter dem Klavier hervor, leuchtete das weisse Haupt der
marmornen Isis, und durch die offene Tür floss aus dem benachbarten Zimmer ein
heller Streif über den grauen Teppich. Else sah von ihrem Buche auf, durchs
Fenster zu den hohen Wipfeln des Schwarzenbergparkes, die sich im Herbstwind
regten, und sagte beiläufig: »Man könnt' vielleicht dem Georg Wergentin
telephonieren, ob er heut Abend kommt.«
    Frau Ehrenberg liess ihre Stickerei in den Schoss sinken. »Ich weiss nicht«,
sagte sie. »Du erinnerst dich, was für einen wirklich charmanten Kondolenzbrief
ich ihm geschrieben und wie dringend ich ihn in den Auhof eingeladen hab. Er ist
nicht gekommen, und seine Antwort war auffallend kühl. Ich würde ihm nicht
telephonieren.«
    »Man kann ihn nicht behandeln wie die andern«, erwiderte Else. »Er gehört zu
den Leuten, die man gelegentlich daran erinnern muss, dass man auf der Welt ist.
Wenn man ihn erinnert hat, dann freut er sich schon darüber.«
    Frau Ehrenberg stickte weiter. »Es wird ja doch nichts werden«, sagte sie
ruhig.
    »Es soll auch nichts werden«, entgegnete Else, »weisst du denn das noch immer
nicht, Mama? Er ist mein guter Freund, nichts weiter und auch das nur mit
Unterbrechungen. Oder glaubst du wirklich, dass ich in ihn verliebt bin, Mama? Ja
als kleines Mädel war ich's, in Nizza, wie mir miteinander Tennis gespielt
haben, aber das ist lang vorbei.«
    »Na, und in Florenz?«
    »In Florenz war ich's eher in Felician.«
    »Und jetzt?« fragte Frau Ehrenberg langsam.
    »Jetzt ...? Du denkst wahrscheinlich an Heinrich Bermann ... Also du irrst
dich, Mama.«
    »Es wäre mir lieb, wenn ich mich irrte. Aber heuer im Sommer hatte ich
wirklich ganz den Eindruck, als ob ...«
    »Ich sag dir ja schon«, unterbrach Else sie ein wenig ungeduldig. »Es ist
nichts, und es war nichts. Ein einziges Mal, an dem schwülen Nachmittag, wie wir
Kahn gefahren sind du hast uns ja vom Balkon aus gesehen, sogar mit dem
Operngucker da ist es ein bisschen gefährlich geworden. Aber wenn wir uns auch
einmal um den Hals gefallen wären, was übrigens nie vorgekommen ist, es hätte
doch nichts zu bedeuten gehabt. Es war halt so eine Sommersache.«
    »Und er soll ja auch in einem sehr ernsten Verhältnis stecken«, sagte Frau
Ehrenberg.
    »Du meinst ... mit dieser Schauspielerin, Mama?«
    Frau Ehrenberg sah auf. »Hat er dir was von ihr erzählt?«
    »Erzählt ...? So direkt nicht. Aber wenn wir miteinander spazieren gegangen
sind, im Park, oder abends am See, da hat er beinahe nur von ihr gesprochen.
Natürlich, ohne ihren Namen zu nennen ... Und je besser ich ihm gefallen hab,
die Männer sind ja ein so komisches Volk, um so eifersüchtiger war er immer auf
die andre ... Übrigens wenn es nur das wäre! Welcher junge Mann steckt nicht in
einem ernsten Verhältnis? Glaubst du vielleicht, Mama, der Georg Wergentin
nicht?«
    »In einem ernsten? ... Nein. Dem wird das nie passieren. Dazu ist er zu
kühl, zu überlegen ... zu temperamentlos.«
    »Gerade darum«, erklärte Else menschenkennerisch. »Er wird in irgend was
hineingleiten, und es wird über ihm zusammenschlagen, ohne dass er nur was davon
bemerkt hat. Und eines schönen Tages wird er verheiratet sein ... aus lauter
Indolenz ... mit irgendeiner Person, die ihm wahrscheinlich ganz gleichgültig
sein wird.«
    »Du musst einen bestimmten Verdacht haben«, sagte Frau Ehrenberg.
    »Den hab ich auch.«
    »Marianne?«
    »Marianne! Aber das ist ja längst aus, Mama. Und besonders ernst war das
doch nie.«
    »Also wer denn soll es sein?«
    »Na was glaubst du, Mama?«
    »Ich hab keine Ahnung.«
    »Anna ist es«, sagte Else kurz.
    »Welche Anna?«
    »Anna Rosner, selbstverständlich.«
    »Aber!«
    »Du kannst lang aber sagen es ist doch so.«
    »Else, du glaubst doch nicht im Ernst, dass Anna, die eine so zurückhaltende
Natur ist, sich so weit vergessen könnte ...!«
    »So weit vergessen ...! Nein Mama, du hast manchmal noch Ausdrücke! übrigens
find ich, dazu muss man gar nicht so vergesslich sein.«
    Frau Ehrenberg lächelte, nicht ohne einen gewissen Stolz.
    Die Klingel draussen ertönte. »Am Ende ist er's doch«, sagte Else.
    »Es könnte auch Demeter Stanzides sein«, bemerkte Frau Ehrenberg.
    »Stanzides sollt' uns einmal den Prinzen mitbringen«, meinte Else beiläufig.
    »Glaubst du, dass das ginge?« fragte Frau Ehrenberg und liess die Stickerei in
den Schoss sinken.
    »Warum sollt's denn nicht gehen?« sagte Else, »sie sind ja so intim.«
    Die Türe tat sich auf, doch keiner von den Erwarteten, sondern Edmund
Nürnberger trat ein. Er war wie stets mit der grössten Sorgfalt, wenn auch nicht
nach der letzten Mode gekleidet. Sein Gehrock war etwas zu kurz, und in der
bauschigen, dunkeln Atlaskrawatte steckte eine Smaragdnadel. An der Türe schon
verbeugte er sich, nicht ohne zugleich in seinen Mienen einen gewissen Spott
über die eigene Höflichkeit auszudrücken. »Bin ich der erste?« fragte er. »Noch
niemand da? Weder ein Hofrat noch ein Graf noch ein Dichter noch eine dämonische
Frau?«
    »Nur eine, die es leider nie gewesen ist«, erwiderte Frau Ehrenberg, während
sie ihm die Hand reichte, »und eine ... die es vielleicht einmal werden wird.«
    »O, ich bin überzeugt«, sagte Nürnberger, »dass Fräulein Else auch das
treffen wird, wenn sie sichs nur ernstlich vornimmt.« Und er strich sich mit der
linken Hand langsam über das schwarze, glatte, etwas glänzende Haar.
    Frau Ehrenberg sprach ihr Bedauern aus, dass man ihn vergeblich auf dem Auhof
erwartet hatte. Ob er wirklich den ganzen Sommer in Wien gewesen sei?
    »Warum wundern Sie sich darüber, gnädige Frau? Ob ich in einer
Gebirgslandschaft auf- und abspaziere, oder am Meeresstrand, oder in meinen vier
Wänden, das ist doch im Grunde ziemlich gleichgültig.«
    »Sie müssen sich aber recht einsam gefühlt haben«, sagte Frau Ehrenberg.
    »Das Alleinsein kommt einem allerdings etwas deutlicher zu Bewusstsein, wenn
sich niemand in der Nähe befindet, der das Bedürfnis markiert, mit einem reden
zu wollen ... Aber sprechen wir doch lieber von interessanteren und
hoffnungsvollern Menschen, als ich es bin. Wie befinden sich die zahlreichen
Freunde Ihres so beliebten Hauses?«
    »Freunde!« wiederholte Else, »da müsste man doch erst wissen, wen Sie
darunter verstehen.«
    »Nun, alle Leute, die Ihnen aus irgendeinem Anlass Angenehmes sagen und denen
Sie es glauben.«
    Die Schlafzimmertür tat sich auf, Herr Ehrenberg erschien und begrüsste
Nürnberger.
    »Hast du schon fertig gepackt?« fragte Else.
    »Fix und fertig«, antwortete Ehrenberg, der einen viel zu weiten grauen
Anzug anhatte und eine grosse Zigarre mit den Zähnen festielt. Erklärend wandte
er sich an Nürnberger. »Wie Sie mich da sehen, fahr ich heute nach Korfu ...
vorläufig. Die Saison fangt an, und vor die Jours im Haus Ehrenberg is mir
miess.«
    »Es verlangt ja niemand«, erwiderte Frau Ehrenberg mild, »dass du sie mit
deiner Gegenwart beehrst.«
    »Gut gibt sie das«, sagte Ehrenberg und dampfte. »Auf deine Jours möcht' ich
natürlich verzichten. Aber wenn ich grad an einem Donnerstag ruhig zu Haus
nachtmahlen möcht, und es sitzt in der einen Ecke ein Attaché, in der andern ein
Husar, und dorten spielt einer seine eigenen Kompositionen zuguten vor, und
auf'm Divan hat einer Esprit, und am Fenster verabredet die Frau Oberberger ein
Rendezvous, mit wem sich's trefft ... so macht mich das nervös. Einmal vertragt
mans, ein anderes Mal nicht.«
    »Gedenken Sie den ganzen Winter fortzubleiben?« fragte Nürnberger.
    »Es wär' möglich. Ich hab nämlich die Absicht weiter zu fahren, nach
Ägypten, nach Syrien, wahrscheinlich auch nach Palästina. Ja, vielleicht ist es
nur, weil man älter wird, vielleicht weil man soviel vom Zionismus liest und
dergleichen, aber ich kann mir nicht helfen, ich möcht Jerusalem gesehen haben,
eh ich sterbe.«
    Frau Ehrenberg zuckte die Achseln.
    »Das sind Sachen«, sagte Ehrenberg, »die meine Frau nicht versteht, und
meine Kinder noch weniger. Was hast du davon, Else, du auch nicht. Aber wenn man
so liest, was in der Welt vorgeht, man möcht selber manchmal glauben, es gibt
für uns keinen andern Ausweg.«
    »Für uns?« wiederholte Nürnberger. »Ich habe bisher nicht die Beobachtung
gemacht, dass Ihnen der Antisemitismus auffallend geschadet hätte.«
    »Sie meinen, weil ich ein reicher Mann geworden bin? Wenn ich Ihnen sagen
möcht, ich mach mir nichts aus dem Geld, würden Sie mir natürlich nicht glauben,
und Sie hätten Recht. Aber wie Sie mich da sehen, ich schwör Ihnen, die Hälfte
von meinem Vermögen gäb ich her, wenn ich die ärgsten von unsern Feinden am
Galgen säh.«
    »Ich fürchte nur«, bemerkte Nürnberger, »Sie würden die Unrichtigen hängen
lassen.«
    »Die Gefahr ist nicht gross«, erwiderte Ehrenberg, »greifen Sie daneben,
erwischen Sie auch einen.«
    »Ich bemerke nicht zum erstenmal, lieber Herr Ehrenberg, dass Sie dieser
Frage nicht mit der wünschenswerten Objektivität gegenüberstehen.«
    Ehrenberg zerbiss plötzlich seine Zigarre und legte sie mit wutzitternden
Fingern auf die Aschenschale. »Wenn mir einer damit kommt ... und gar ...
entschuldigen Sie ... oder sind Sie vielleicht getauft ...? Man kann ja
heutzutag nicht wissen.«
    »Ich bin nicht getauft«, erwiderte Nürnberger ruhig. »Aber allerdings bin
ich auch nicht Jude. Ich bin längst konfessionslos geworden; aus dem einfachen
Grunde, weil ich mich nie als Jude gefühlt habe.«
    »Wenn man Ihnen einmal den Zylinder einschlage auf der Ringstrasse, weil Sie,
mit Verlaub, eine etwas jüdische Nase haben, werden Sie sich schon als Jude
getroffen fühlen, verlassen Sie sich darauf.«
    »Aber Papa, was regst du dich denn so auf«, sagte Else und strich ihm über
den kahlen, rötlich glänzenden Schädel.
    Der alte Ehrenberg nahm ihre Hand, streichelte sie und fragte scheinbar ganz
unvermittelt: »Werd ich übrigens noch das Vergnügen haben, meinen Herrn Sohn zu
sehen, bevor ich abreise?«
    Frau Ehrenberg antwortete: »Oskar kommt jedenfalls bald nach Hause.«
    »Es wird Sie sicher freuen zu erfahren«, wandte sich Ehrenberg an
Nürnberger, »dass auch mein Sohn Oskar ein Antisemit ist.«
    Frau Ehrenberg seufzte leise. »Es ist eine fixe Idee von ihm«, sagte sie zu
Nürnberger. »Überall sieht er Antisemiten, selbst in der eigenen Familie.«
    »Das ist die neueste Nationalkrankheit der Juden«, sagte Nürnberger. »Mir
selbst ist es bisher erst gelungen, einen einzigen echten Antisemiten kennen zu
lernen. Ich kann Ihnen leider nicht verhehlen, lieber Herr Ehrenberg, dass der
ein bekannter Zionistenführer war.«
    Ehrenberg hatte nur eine vielsagende Handbewegung.
    Demeter Stanzides und Willy Eissler traten ein und verbreiteten sofort
lebhaften Glanz um sich. Leicht und prächtig, eher wie ein Kostüm, als wie ein
militärisches Kleid trug Demeter seine Uniform; Willy, in Smoking, stand lang,
blass und übernächtig da, hatte sofort die Führung des Gesprächs in der Hand und
seine Stimme, angenehm heiser, schwirrte befehlshaberisch und liebenswürdig
zugleich durch die Luft. Er erzählte von den Vorbereitungen zu einer
Aristokratenvorstellung, der er, wie schon im vorigen Jahr, als Berater,
Regisseur und Mitwirkender beigezogen war, schilderte eine Sitzung der jungen
Herren, in der es, wenn man ihm glauben durfte, zugegangen war wie in einer
Versammlung von Schwachsinnigen, und gab ein komisches Gespräch zwischen zwei
Komtessen zum besten, deren Redeweise er köstlich zu imitieren wusste. Ehrenberg
war durch Willy Eissler immer sehr amüsiert. Die dunkle Empfindung, dass dieser
ungarische Jude die ganze, ihm persönlich so verhasste, Feudalbande in irgend
einer Weise überlistete und zum Narren hielt, erfüllte ihn mit Hochachtung für
den jungen Mann.
    Else sass am kleinen Tisch in der Ecke mit Demeter und liess sich über die
Isle of Wight berichten.
    »Sie waren mit Ihrem Freund dort?« fragte sie, »nicht wahr, mit dem Prinzen
Karl Friedrich.«
    »Mein Freund der Prinz? ... das stimmt nicht ganz, Fräulein Else. Der Prinz
hat keinen Freund, und ich hab keinen. Wir sind beide nicht von der Art.«
    »Er muss ein interessanter Mensch sein, nach allem, was man hört.«
    »Interessant, weiss ich nicht einmal. Jedenfalls hat er über mancherlei
nachgedacht, worüber seinesgleichen sich sonst nicht viel Gedanken zu machen
pflegen. Vielleicht hätte er auch allerlei leisten können, wenn man ihn hätte
gewähren lassen. Na, wer weiss, es ist vielleicht besser für ihn, dass sie ihn
kurz gehalten haben, für ihn und am End auch fürs Land. Einer allein kann ja
doch nichts machen. Nirgends und nie. Da ist's schon am besten, man lassts gehen
und zieht sich zurück, wie er's getan hat.«
    Else sah ihn etwas befremdet an. »Sie sind ja heute so philosophisch, was
ist denn das? Mir scheint, der Willy Eissler hat Sie verdorben.«
    »Der Willy mich?«
    »Ja wissen Sie, Sie sollten nicht mit so gescheiten Leuten verkehren.«
    »Warum denn nicht?«
    »Sie sollten einfach jung sein, leuchten, leben, und dann, wenns halt nicht
weiter geht tun was Ihnen beliebt ... aber ohne über sich und die Welt
nachzudenken.«
    »Das hätten Sie mir früher sagen müssen, Fräulein Else. Wenn man einmal
angefangen hat, gescheit zu werden ...«
    Else schüttelte den Kopf. »Aber bei Ihnen wäre es vielleicht zu vermeiden
gewesen«, sagte sie ganz ernstaft. Und dann mussten beide lachen.
    Die Flammen des Lusters glühten auf. Georg von Wergentin und Heinrich
Bermann waren eingetreten. Durch ein Lächeln Elses eingeladen, nahm Georg an
ihrer Seite Platz.
    »Ich habs gewusst, dass Sie kommen werden«, sagte sie unaufrichtig, aber
herzlich und drückte seine Hand. Dass er ihr wieder gegenübersass nach so langer
Zeit, dass sie sein anmutig stolzes Gesicht wiedersehen, seine etwas leise, aber
warme Stimme hören durfte, freute sie mehr, als sie geahnt hatte.
    Frau Wyner erschien; klein, hochrot, lustig und verlegen. Ihre Tochter Sissy
mit ihr. Im Hin und Her der Begrüssung lösten sich die Gruppen.
    »Nun, haben Sie mir schon das Lied komponiert?« fragte Sissy Georg mit
lachenden Augen und lachenden Lippen, spielte mit einem ihrer Handschuhe und
bewegte sich in ihrem dunkelgrünen schillernden Kleid wie eine Schlange.
    »Ein Lied?« fragte Georg. Er erinnerte sich wirklich nicht.
    »Oder auch einen Walzer oder so was. Aber dass Sie mir etwas widmen werden,
haben Sie mir versprochen.« Während sie sprach, wanderten ihre Blicke umher. Sie
glühten in die Augen Willys, schmeichelten sich an Demeter vorbei, stellten an
Heinrich Bermann eine rätselhafte Frage. Es war, wie wenn Irrlichter durch den
Salon tanzten.
    Frau Wyner stand plötzlich neben ihrer Tochter, tief errötend: »Sissy ist ja
so dumm ... was glaubst du denn, Sissy, der Baron Georg hat heuer wichtigeres zu
tun gehabt, als für dich zu komponieren.«
    »O gewiss nicht«, sagte Georg höflich.
    »Sie haben Ihren Vater begraben, das ist keine Kleinigkeit.«
    Georg sah vor sich hin. Frau Wyner aber sprach unbeirrt weiter: »Ihr Vater
war noch nicht alt, nicht wahr? Und ein so schöner Mann ... ist es wahr, dass er
Chemiker gewesen ist?«
    »Nein«, erwiderte Georg gefasst, »er war Präsident der botanischen
Gesellschaft.«
    Heinrich, einen Arm auf dem geschlossenen Klavierdeckel, sprach mit Else.
    »Sie waren also doch in Deutschland?« fragte sie.
    »Ja«, erwiderte Heinrich, »es ist schon ziemlich lange her, vier, fünf
Wochen.«
    »Und wann fahren Sie wieder hin?«
    »Das weiss ich nicht. Vielleicht nie.«
    »Ach, das glauben Sie selbst nicht. Was arbeiten Sie?« setzte sie rasch
hinzu.
    »Allerlei«, entgegnete er. »Ich bin in einer ziemlich unruhigen Zeit. Ich
entwerfe viel, aber ich mache nichts fertig. Das Vollenden interessiert mich
überhaupt selten. Offenbar bin ich innerlich zu rasch fertig mit den Dingen.«
    »Und den Menschen«, fügte Else bei.
    »Mag sein. Es ist nur das Unglück, dass das Gefühl zuweilen an Menschen
weiter hängen bleibt, während der Verstand schon längst nichts mehr mit ihnen zu
tun hat. Ein Dichter wenn Sie mir das Wort gestatten müsste sich von jedem
zurückziehen, der für ihn kein Rätsel mehr hat ... also besonders von jedem, den
er liebt.«
    »Es heisst doch«, wandte Else ein, »dass wir gerade diejenigen am wenigsten
kennen, die wir lieben.«
    »Das behauptet Nürnberger, aber es stimmt nicht ganz. Wäre es wirklich so,
liebe Else, dann wäre das Leben wahrscheinlich schöner, als es ist. Nein,
diejenigen, die wir lieben, kennen wir sogar besser als wir andere kennen, nur
kennen wir sie mit Scham, mit Erbitterung und mit der Furcht, dass auch andre sie
ebensogut kennen als wir. Lieben heisst: Angst davor haben, dass andern die Fehler
offenbar werden, die wir an dem geliebten Wesen entdeckt haben. Lieben heisst: in
die Zukunft schauen können und diese Gabe verfluchen ... lieben heisst: jemanden
so kennen, dass man daran zugrunde geht.«
    Else lehnte am Klavier, in ihrer damenhaft-kindlichen Art, neugierig
gelassen, und hörte ihm zu. Wie gut gefiel er ihr in solchen Augenblicken. Sie
hätte ihm wieder tröstend übers Haar streichen wollen wie damals auf dem See,
als er von der Liebe zu jener andern wie zerrissen war. Aber wenn er sich dann
plötzlich zurückzog, kühl, trocken und wie ausgelöscht erschien, da fühlte sie,
dass sie mit ihm nie leben könnte, dass sie ihm nach ein paar Wochen davonlaufen
müsste ... mit einem spanischen Offizier oder einem Violinvirtuosen.
    »Es ist gut«, sagte sie, etwas gönnerhaft, »dass Sie mit Georg Wergentin
verkehren. Er wird günstig auf Sie wirken. Er ist ruhiger als Sie. Ich glaube ja
nicht, dass er so begabt und gewiss nicht, dass er so klug ist wie Sie ...«
    »Was wissen Sie von seiner Begabung«, unterbrach sie Heinrich beinahe grob.
    Georg trat hinzu und fragte Else, ob man heute nicht das Vergnügen haben
werde, ein Lied von ihr zu hören. Sie hatte keine Lust. Übrigens studiere sie
hauptsächlich Opernpartien in der letzten Zeit. Das interessiere sie mehr. Sie
sei doch eigentlich keine lyrische Natur. Georg fragte sie zum Scherz, ob sie
nicht vielleicht die geheime Absicht habe zur Bühne zu gehen.
    »Mit dem bissel Stimme!« sagte Else.
    Nürnberger stand neben ihnen. »Das wäre doch kein Hindernis«, bemerkte er.
»Ich bin sogar überzeugt, dass sich sehr bald ein moderner Kritiker fände, der
Sie gerade deswegen als bedeutende Sängerin ausriefe, Fräulein Else, weil Sie
keine Stimme besitzen, der aber dafür irgend eine andere Gabe, zum Beispiel die
der Charakteristik bei Ihnen entdeckte. So wie es heutzutage namhafte Maler
gibt, die keinen Farbensinn haben, aber Geist; und Dichter von Ruf, denen zwar
nicht das geringste einfällt, denen es aber gelingt zu jedem Hauptwort das
falscheste Epiteton zu finden.«
    Else merkte, dass die Redeweise Nürnbergers Georg nervös machte und wandte
sich an diesen. »Ich wollte Ihnen ja etwas zeigen«, sagte sie und machte ein
paar Schritte zu der Notenetagere. Georg folgte ihr.
    »Hier die Sammlung alt-italienischer Volkslieder. Ich möchte, dass Sie mir
die wertvollsten bezeichnen. Ich selber verstehe doch nicht genug davon.«
    »Ich begreife gar nicht«, sagte Georg leise, »dass Sie Menschen wie diesen
Nürnberger in Ihrer Nähe ertragen. Er verbreitet einen wahren Dunstkreis von
Misstrauen und Übelwollen um sich.«
    »Das hab ich Ihnen schon öfters gesagt, Georg, ein Menschenkenner sind Sie
nicht. Was wissen Sie denn überhaupt von ihm? Er ist anders, als Sie glauben.
Fragen Sie nur einmal Ihren Freund Heinrich Bermann.«
    »O ich weiss ja, dass der auch für ihn schwärmt«, erwiderte Georg.
    »Ihr sprecht von Nürnberger?« fragte Frau Ehrenberg, die eben dazutrat.
    »Der Georg kann ihn nicht leiden«, sagte Else in ihrer beiläufigen Art.
    »Da tun Sie aber sehr Unrecht daran; haben Sie überhaupt je was von ihm
gelesen?«
    Georg schüttelte den Kopf.
    »Nicht einmal seinen Roman, der vor fünfzehn oder sechzehn Jahren so grosses
Aufsehen gemacht hat? Das ist ja beinah eine Schand! Neulich haben wir ihn dem
Hofrat Wilt geliehen. Ich sag Ihnen, der war paff, wie in dem Buch eigentlich
schon das ganze heutige Österreich vorausgeahnt ist.«
    »So, so«, sagte Georg ohne Überzeugung.
    »Sie können sich gar nicht vorstellen«, fuhr Frau Ehrenberg fort, »mit
welchem Jubel Nürnberger damals begrüsst worden ist. Man könnte sagen, alle Tore
sind vor ihm aufgesprungen.«
    »Vielleicht war ihm das genug«, bemerkte Else nachdenklich altklug.
    Heinrich stand am Klavier im Gespräch mit Nürnberger und bemühte sich, wie
er es oftmals tat, ihn zu einer neuen Arbeit oder zu einer Herausgabe älterer
Schriften zu bestimmen.
    Nürnberger wehrte ab. Der Gedanke, seinen Namen wieder in die Öffentlichkeit
gezerrt zu sehen, im literarischen Wirbel der Zeit mitzutreiben, der ihm
widerlich und albern zugleich erschien, erfüllte ihn geradezu mit Schaudern. Er
hatte keine Lust, da mit zu konkurrieren. Wozu? Cliquenwirtschaft, die sich kein
Mäntelchen mehr umnahm, war überall am Werke. Gab es noch ein tüchtig, ehrlich
strebendes Talent, das nicht jeden Augenblick gefasst sein musste, in den Kot
gezogen zu werden; war noch ein Flachkopf zu finden, der sich nicht ausweisen
konnte, in irgend einem Blättchen als Genie erklärt worden zu sein? Hatte Ruhm
in diesen Tagen noch das geringste mit Ehre zu tun? Und übersehen, vergessen
werden, war das auch nur ein Achselzucken des Bedauerns wert? Und wer konnte am
Ende wissen, welche Urteile sich in der Zukunft als die richtigen erweisen
würden? Waren nicht die Tröpfe wirklich die Genies und die Genies die Tröpfe? Es
war lächerrlich, sich mit dem Einsatz seiner Ruhe ja seiner Selbstachtung in ein
Spiel einzulassen, in dem auch der höchstmögliche Gewinn keine Befriedigung
versprach.
    »Gar keine?« fragte Heinrich. »Ich will Ihnen ja allerlei preisgeben, Ruhm,
Reichtum, Wirkung in die Weite; aber dass man, weil alle diese Güter zweifelhaft
sind, auch auf etwas so Unzweifelhaftes verzichten soll, wie es die Augenblicke
des innern Kraftgefühls sind ...«
    »Inneres Kraftgefühl! Warum sagen Sie nicht gleich Seligkeit des Schaffens?
...«
    »Gibts, Nürnberger!«
    »Mag sein. Ich glaube mich sogar zu erinnern, vor sehr langer Zeit
gelegentlich selbst irgend was derart empfunden zu haben ... Nur ist mir, Sie
wissen es ja, die Fähigkeit, mich selbst zu betrügen, im Lauf der Jahre völlig
abhanden gekommen.«
    »Das glauben Sie vielleicht nur«, erwiderte Heinrich. »Wer weiss, ob es nicht
gerade diese Fähigkeit des Sichselbstbetrügens ist, die Sie im Laufe der Zeit am
stärksten in sich ausgebildet haben!«
    Nürnberger lachte. »Wissen Sie, wie mir zu Mute ist, wenn ich Sie so reden
höre? Ungefähr wie einem Fechtmeister, der von seinem eigenen Schüler einen
Stich ins Herz bekommt.«
    »Und nicht einmal von seinem besten«, sagte Heinrich.
    Plötzlich erschien in der Türe Herr Ehrenberg, zur Verwunderung seiner Frau,
die ihn schon auf dem Wege zur Bahn vermutet hatte. Er führte eine junge Dame an
der Hand, die einfach schwarz gekleidet war und das Haar nach einer verflossenen
Mode auffallend hoch frisiert trug. Ihre Lippen waren voll und rot, die Augen in
dem lebendig blassen Gesicht blickten klar und hart.
    »Kommen Sie nur«, sagte Ehrenberg mit einiger Bosheit in den kleinen Augen
und führte den Gast geradewegs zu Else, die eben mit Stanzides plauderte. »Hier
bring ich dir einen Besuch.«
    Else streckte ihr die Hand entgegen. »Das ist aber nett.« Sie stellte vor:
»Herr Demeter Stanzides. Fräulein Terese Golowski.«
    Terese nickte kurz und liess eine Weile ihren Blick auf ihm ruhen,
unbefangen, als betrachtete sie ein schönes Tier.
    Dann wandte sie sich an Else: »Wenn ich gewusst hätte, dass Ihr so grosse
Gesellschaft habt ...«
    »Wissen Sie, wie die ausschaut?« sagte Stanzides leise zu Georg, »wie eine
russische Studentin, nicht wahr?«
    Georg nickte. »Ungefähr. Ich kenn sie. Es ist eine Institutsfreundin von
Fräulein Else, und jetzt, denken Sie sich, spielt sie eine führende Rolle bei
den Sozialisten. Neulich ist sie sogar gesessen, wegen Majestätsbeleidigung,
glaub ich.«
    »Ja, mir scheint, ich hab so was gelesen«, erwiderte Demeter. »So eine Art
von Geschöpf sollte man wirklich einmal näher kennen lernen. Hübsch ist sie. Ein
Gesicht wie aus Elfenbein.«
    »Und viel Energie liegt in den Zügen«, fügte Georg hinzu. »Ihr Bruder ist
übrigens auch ein merkwürdiger Mensch. Klavierspieler und Matematiker. Ich hab
ihn neulich kennen gelernt. Und der Vater soll ein zugrund gegangener jüdischer
Fellhändler sein.«
    »Es ist schon eine sonderbare Rass'«, bemerkte Demeter.
    
    Indessen war Frau Ehrenberg auf Terese zugekommen und hielt es für richtig,
keinerlei Überraschung zu zeigen. »Nehmen Sie doch Platz, Terese«, sagte sie.
»Wie gehts Ihnen denn immer? Seit Sie sich ins politische Leben begeben haben,
kümmern Sie sich ja um Ihre früheren Bekannten gar nicht mehr.«
    »Ja leider lässt mir mein Beruf wenig Zeit, Familienverkehr zu pflegen«,
erwiderte Terese und schob ihr Kinn vor, was ihr Antlitz plötzlich männlich und
beinah hässlich machte.
    Frau Ehrenberg schwankte, ob sie etwas von der abgelaufenen Kerkerhaft
Teresens erwähnen sollte oder nicht. Immerhin war zu bedenken, dass es kaum ein
anderes Haus in Wien gab, wo Damen verkehrten, die kurz zuvor eingesperrt waren.
    »Wie gehts denn deinem Bruder?« fragte Else.
    »Er dient heuer«, antwortete Terese. »Du kannst dir ja ungefähr denken,
wie's ihm da geht ...« und sie warf einen ironischen Blick auf die
Husarenuniform Demeters.
    »Da kommt er wohl nicht viel zum Klavierspielen«, sagte Frau Ehrenberg.
    »Ach er denkt gar nicht mehr daran, Pianist zu werden«, erwiderte Terese.
»Er steckt ganz in der Politik.« Und sich lächelnd zu Demeter wendend fügte sie
hinzu: »Sie werden ihn doch nicht verraten, Herr Oberleutnant.«
    Stanzides lachte etwas verlegen.
    »Was heisst das: Politik?« fragte Herr Ehrenberg. »Will er Minister werden?«
    »In Österreich keineswegs«, erwiderte Terese. »Er ist nämlich Zionist.«
    »Was!?« rief Ehrenberg aus, und sein Gesicht strahlte.
    »Das ist allerdings ein Gebiet, auf dem wir uns nicht ganz verstehen«,
setzte Terese hinzu.
    »Liebe Terese ...«, begann Ehrenberg.
    »Du wirst den Zug versäumen«, unterbrach ihn seine Frau.
    »Ich werd den Zug nicht versäumen, und morgen geht auch noch einer. Liebe
Terese, ich sage nur: es soll jeder nach seiner Fasson selig werden. Aber in
dem Fall ist Ihr Bruder der Gescheitere und nicht Sie. Entschuldigen Sie, ich
bin vielleicht ein Laie in politischen Dingen, aber ich versichere Sie, Terese,
es wird euch jüdischen Sozialdemokraten geradeso ergehen, wie es den jüdischen
Liberalen und Deutschnationalen ergangen ist.«
    »Inwiefern?« fragte Terese hochmütig. »Inwiefern wird es uns geradeso
ergehen?«
    »Inwiefern ...? das werd ich Ihnen gleich sagen. Wer hat die liberale
Bewegung in Österreich geschaffen? ... Die Juden! ... Von wem sind die Juden
verraten und verlassen worden? Von den Liberalen. Wer hat die deutschnationale
Bewegung in Österreich geschaffen? Die Juden. Von wem sind die Juden im Stich
gelassen ... was sag ich im Stich gelassen ... bespuckt worden wie die Hund'?
... von den Deutschen! Und geradeso wirds ihnen jetzt ergehen mit dem
Sozialismus und dem Kommunismus. Wenn die Suppe erst aufgetragen ist, so jagen
sie euch vom Tisch. Das war immer so und wird immer so sein.«
    »Wir wollens abwarten«, erwiderte Terese ruhig.
    Georg und Demeter blickten einander an, wie zwei Freunde, die gemeinsam auf
eine Insel verschlagen worden sind. Oskar, der gerade während der Rede seines
Vaters eingetreten war, hatte schmale Lippen und war sehr verlegen. Allen aber
schien es eine Art Befreiung, als Ehrenberg plötzlich auf die Uhr sah und sich
empfahl.
    »Wir werden ja heut doch nicht mehr einig«, sagte er zu Terese.
    Terese lächelte: »Kaum. Glückliche Reise und noch einmal im Namen ...«
    »Pst«, sagte Ehrenberg und verschwand.
    »Wofür dankst du eigentlich dem Papa?« fragte Else sie leise.
    »Für eine Spende, um die ich ihn unverschämterweise bitten kam. Aber es gibt
sonst keinen reichen Mann in meinem Bekanntenkreis. Über den Zweck zu reden bin
ich nicht berechtigt.«
    Frau Ehrenberg trat zu Bermann und Nürnberger hin, die über den
Klavierdeckel hinweg mit einander sprachen, und sagte leise: »Sie wissen doch,
dass sie ...«, sie wies mit den Augen auf Terese, »eben aus dem Gefängnis
entlassen worden ist?«
    »Ich habe davon gelesen«, erwiderte Heinrich ...
    Nürnberger kniff die Augen zusammen und warf einen Blick auf die Gruppe in
der Ecke, wo die drei Mädchen mit Stanzides und Willy Eissler plauderten, und
schüttelte den Kopf. »Was für eine Bosheit unterdrücken Sie?« fragte Frau
Ehrenberg.
    »Ich denke eben, wie leicht es sich hätte fügen können, dass Fräulein Else
zwei Monate im Gefängnis hätte schmachten müssen, und dass Fräulein Terese in
einem eleganten Salon als Tochter des Hauses Cercle hielte.«
    »Leicht fügen ...?«
    »Herr Ehrenberg hat Glück gehabt, Herr Golowski Pech ... das ist vielleicht
der ganze Unterschied.«
    »Na hören Sie, Nürnberger«, sagte Heinrich, »Sie werden das Individuelle
doch nicht vollkommen aus der Welt leugnen wollen ... Else und Terese sind doch
ziemlich verschiedene Naturen.«
    »Das denke ich auch«, bemerkte Frau Ehrenberg.
    Nürnberger zuckte die Achseln. »Beide sind junge Mädchen, recht begabt,
recht hübsch ... alles übrige ist wie bei den meisten jungen Damen und wohl bei
den meisten Menschen, mehr oder weniger angeflogen.«
    Heinrich schüttelte lebhaft den Kopf. »Nein, nein«, sagte er, »so einfach
ist das Leben doch nicht.«
    »Es ist darum nicht einfacher, lieber Heinrich.«
    Frau Ehrenbergs Blick war auf die Tür gerichtet und leuchtete. Felician war
eben eingetreten. Mit nachtwandlerischer Sicherheit ging er auf die Hausfrau zu
und küsste ihr die Hand. »Ich habe eben das Vergnügen gehabt, Herrn Ehrenberg auf
der Stiege zu begegnen ... Er fährt nach Corfu, wie er mir sagt. Dort muss es
jetzt wunderschön sein.«
    »Sie kennen Corfu?«
    »Ja, gnädige Frau, eine Kindheitserinnerung.« Er begrüsste Nürnberger und
Bermann, und sie redeten alle über den Süden, nach dem Bermann sich sehnte und
an den Nürnberger nicht glaubte.
    Georg drückte seinem Bruder zur Begrüssung und zugleich zum Abschied die
Hand. Wie er, unauffällig durch die offene Tür des Speisezimmers verschwindend,
sich noch einmal umsah, bemerkte er Marianne, die in der entferntesten Ecke des
Salons sass und ihm mit dem Lorgnon spöttisch nachblickte. Es war immer die
rätselhafte Gabe dieser Frau gewesen, plötzlich da zu sein, ohne dass man wusste,
wo sie herkam. Noch auf der Stiege trat ihm eine verschleierte Dame in den Weg.
»Eilen Sie doch nicht so, sie kann schon noch einen Moment warten«, sagte sie.
»Man darf die Frauen überhaupt nicht so verwöhnen ... Ob Sie's auch so eilig
hätten, wenn Sie zu einem Rendezvous mit mir gingen ...? Aber davon wollen ja
Sie nichts wissen. Wahrscheinlich, weil Sie Angst haben, dass Sie mein Mann
niederschiesst, wenn er aus Stockholm zurückkommt, das heisst, heute ist er wohl
schon in Kopenhagen. Aber er setzt vollkommenes Vertrauen in mich. Mit Recht
übrigens. Denn ich kann Ihnen schwören, weiter als bis zu einem Kuss auf die Hand
... nein, um nicht zu lügen, auf diesen Hals, hat es noch niemand gebracht. Sie
glauben gewiss auch, dass ich mit dem Stanzides ein Verhältnis gehabt habe? Nein,
der wäre nichts für mich! Schöne Männer sind mir überhaupt ein Graus. Auch an
Ihrem Bruder Felician kann ich nichts finden ...«
    Es war nicht abzusehen, wann die verschleierte Dame zu reden aufhören würde,
denn es war Frau Oberberger. Bei andern Frauen hätte das gleiche Benehmen ein
gewisses Entgegenkommen bedeutet, nicht so bei ihr, der man, so zweifelhaft ihre
ganze Art erscheinen mochte, noch nie einen Liebhaber hatte nachsagen können.
Sie lebte in einer sonderbaren, aber anscheinend glücklichen, kinderlosen Ehe.
Ihr schöner und glänzender Gemahl, Geologe von Beruf, hatte in früherer Zeit
Entdeckungsreisen unternommen, wobei er, wie Hofrat Wilt behauptete, nicht so
sehr auf die Unerforschteit der betreffenden Landstriche als auf gute
Fahrgelegenheiten und einwandfreie Küche Wert gelegt haben sollte. Seit einigen
Jahren aber begab er sich nur mehr auf Reisen, um Vorträge zu halten und Frauen
zu erobern. Wenn er wieder daheim war, lebte er mit seiner Gattin in bester
Kameradschaft. Schon manchmal, aber immer flüchtig, hatte Georg die Möglichkeit
eines Verhältnisses mit Frau Oberberger erwogen. Er war sogar einer von jenen,
die ihren Hals geküsst hatten, woran sie sich wahrscheinlich selbst nicht mehr
erinnerte. Und als sie jetzt den Schleier zurückschlug, liess Georg wieder einmal
den Reiz dieses nicht mehr ganz jugendlichen, aber anmutig-bewegten Gesichts mit
Vergnügen auf sich wirken. Er wollte ihr ins Wort fallen, sie aber sprach
weiter: »Wissen Sie, dass Sie sehr blass sind? Sie müssen ein nettes Leben führen.
Was ist das übrigens für ein Weib, durch das Sie mir diesmal entrissen werden?«
    Hofrat Wilt, unhörbar wie meistens, stand plötzlich neben ihnen. Beiläufig,
überlegen und galant warf er hin: »Küss die Hand schöne Frau, grüss Sie Gott Baron
...« und wollte weiter.
    Frau Oberberger aber fand es angemessen, ihm vorerst noch mitzuteilen, dass
Baron Georg sich soeben zu einer Orgie begebe, wie das so seine Art sei, dann
folgte sie dem Hofrat in den zweiten Stock, auf die Gefahr hin, wie sie
bemerkte, dass man ihn, wenn er zugleich mit ihr bei Ehrenbergs erschiene, für
ihren fünfundneunzigsten Liebhaber halten würde.
    Es war sieben Uhr, als Georg sich endlich in einen Wagen setzen konnte, um
nach Mariahilf zu fahren. Er fühlte sich von den zwei Stunden bei Ehrenbergs
geradezu abgespannt, und mehr noch als sonst freute er sich auf das Zusammensein
mit Anna, das ihm bevorstand. Seit jenem Vormittag in der Miniaturenausstellung
hatten sie einander beinahe täglich gesehen; in Gärten, in Bildergalerien, bei
ihr zu Hause. Meist unterhielten sie sich über die kleinen Begebenheiten ihres
Daseins, oder plauderten von Büchern und Musik. Von vergangenen Zeiten sprachen
sie nicht oft; und wenn es geschah, ohne Misstrauen und Zweifel. Denn noch waren
die Abenteuer, aus denen Georg kam, für Anna nicht vom beängstigenden Dufte des
Geheimnisvollen umwoben; und dass sie selbst schon manche schwärmerische Neigung
empfunden hatte, vernahm Georg aus ihren scherzenden Andeutungen heiter,
unbesorgt, ja ohne weiter zu fragen. In einem menschenleeren Saal der
Liechtensteingalerie hatte er sie vor acht Tagen zum erstenmal geküsst, und von
diesem Augenblick an nannte Anna ihn du, als wäre eine fremdere Anrede ihr von
nun an wie etwas Lügenhaftes erschienen.
    Der Wagen hielt an einer Strassenecke. Georg stieg aus, zündete sich eine
Zigarette an und ging auf und ab, dem Hause gegenüber, aus dem Anna kommen
musste.
    Nach wenigen Minuten schon trat sie aus dem Tor. Er eilte über die Strasse
ihr entgegen, und beglückt küsste er ihr die Hand. Wie gewöhnlich, weil sie auf
ihren Fahrten meist zu lesen pflegte, hatte sie ein Buch mit sich, in einem
Einband von gepresstem Leder.
    »Es ist ja kühl, Anna«, sagte Georg, nahm ihr das Buch aus der Hand und half
ihr in die Jacke, die sie über dem Arm getragen hatte.
    »Ich habe mich nämlich ein bisschen verspätet«, sagte sie »und war sehr
ungeduldig, dich zu sehen. Ja«, setzte sie lächelnd hinzu, »man hat auch seine
Temperamentsausbrüche. Was sagst du denn zu meinem neuen Kostüm«, fragte sie,
indem sie weiterspazierten.
    »Steht dir sehr gut.«
    »In meiner Lektion hat man gefunden, ich sähe aus wie eine Hofdame.«
    »Wer hat das gefunden?«
    »Frau Bittner selbst, und ihre beiden Töchter, die ich unterrichte.«
    »Ich würde lieber sagen: wie eine Erzherzogin.«
    Anna nickte befriedigt.
    »Also jetzt erzähl mir Anna, was du seit gestern alles erlebt hast.«
    Ernstaft begann sie. »Um zwölf, nachdem ich mich am Haustor von dir
getrennt, Mittagessen im Familienkreis. Nachmittag ein wenig geruht und an dich
gedacht. Von vier bis halb sieben Schülerinnen bei mir, dann gelesen, »grüner
Heinrich« und Abendblatt. Zu faul, um noch auf die Strasse zu gehen, im Hause
herumgetrenderlt. Nachtmahl. Die übliche häusliche Szene.«
    »Bruder?« fragte Georg.
    Sie antwortete mit einem »ja«, das weitere Fragen abschnitt. »Nach dem
Nachtmahl ein bisschen musiziert ... sogar zu singen versucht.«
    »Warst du zufrieden?«
    »Für mich reicht es ja immer aus«, sagte sie, und Georg glaubte eine leichte
Traurigkeit im Klang ihrer Worte zu vernehmen.
    Rasch berichtete sie weiter: »Um halb elf im Bett gelegen, gut geschlafen,
um acht Uhr früh auf ... man kann ja bei uns nicht länger liegen ... Toilette
gemacht bis halb zehn, bis elf im Haus herum ...«
    »... getrenderlt«, ergänzte Georg.
    »Richtig. Dann zu Weils, den Buben unterrichtet.«
    »Wie alt ist der eigentlich?« fragte Georg.
    »Dreizehn«, erwiderte Anna mit einem komisch-bedenklichen Gesicht.
    »Na das ist wirklich nicht so jung.«
    »Gewiss nicht«, sagte Anna. »Aber erfahre zu deiner Beruhigung, dass er seine
Tante Adele liebt, eine zarte Blondine von dreiunddreissig Jahren und vorläufig
nicht daran denkt, ihr die Treue zu brechen ... Also Fortsetzung der Chronik. Um
halb zwei zu Hause angelangt, allein gegessen Gott sei Dank, Papa schon im
Bureau, Mama in schlafendem Zustand. Von drei bis vier wieder geruht, noch mehr
und noch bedeutender an dich gedacht, als gestern, dann Besorgungen in der
Stadt, Handschuhe, Sicherheitsnadeln und etwas für Mama, und endlich mit der
Tramway lesend nach Mariahilf herausgefahren zu den zwei Bittner Fratzen ... So
nun weisst du alles. Zufriedenstellend?«
    »Abgesehen von dem dreizehnjährigen Jüngling.«
    »Also ich gebe ja zu, dass das beunruhigend sein mag, aber jetzt wollen wir
einmal hören, ob du mir nicht düsterere Geständnisse zu machen hast.«
    Sie waren in einer schmalen, stillen Gasse, die Georg ganz fremd vorkam, und
Anna nahm seinen Arm.
    »Ich komme eben von Ehrenbergs«, begann er.
    »Nun«, fragte Anna, »hat man dich sehr zu umstricken gesucht?«
    »Das kann ich eben nicht sagen. Man schien sogar ein wenig froissiert, dass
ich diesen Sommer gar nicht im Auhof war«, setzte er hinzu.
    »Hat Klein-Elschen sich produziert?« fragte Anna weiter.
    »Nein. Was sich nach meinem Fortgehen ereignet haben mag, das weiss ich
natürlich nicht.«
    »Jetzt wirds ja wohl nicht mehr der Mühe wert sein«, sagte Anna mit
überquellendem Spott.
    »Du irrst dich, Anna. Es sind Leute oben, für die zu singen es sich sehr
verlohnte.«
    »Wer denn?«
    »Heinrich Bermann, Willy Eissler, Demeter Stanzides ...«
    »O, Stanzides!« rief Anna aus. »Jetzt tut es mir eigentlich leid, dass ich
nicht auch oben war.«
    »Mir scheint«, sagte Georg, »das ist nicht so spasshaft gemeint als gesagt.«
    »Gewiss nicht«, erwiderte Anna. »Ich finde diesen Demeter zum Totschiessen
schön.«
    Georg schwieg ein paar Sekunden und plötzlich, erregter als es sonst seine
Art war, fragte er: »Ist es am Ende er? ...«
    »Was für ein Er?«
    »Der, den du ... mehr geliebt hast als mich!«
    Sie lächelte, drängte sich fester an ihn und erwiderte einfach, aber doch
ein bisschen spöttisch: »Sollt ich wirklich jemanden lieber gehabt haben als
dich?«
    »Du hast es mir ja selber gestanden«, erwiderte Georg.
    »Ich hab dir aber auch gestanden, dass ich mit der Zeit dich mehr lieben
werde, als ich je einen andern geliebt habe, oder lieben könnte.«
    »Weisst du das ganz bestimmt, Anna?«
    »Ja, Georg, das weiss ich ganz bestimmt.«
    Sie waren wieder in einer belebteren Strasse, und unwillkürlich lösten sie
die Arme. Sie blieben vor verschiedenen Auslagen stehen, entdeckten unter einem
Haustor den Glaskasten eines Photographen und waren sehr belustigt von der
mühselig-ungezwungenen Haltung, in der hier Jubelpaare,
Kadettoffiziersstellvertreter, Köchinnen im Sonntagsstaat und für den Maskenball
kostümierte Damen aufgenommen waren.
    Georg, in leichterm Tone, fragte wieder: »Also war es Stanzides?«
    »Aber was fällt dir denn ein. Ich hab in meinem Leben keine hundert Worte
mit ihm gesprochen.«
    Sie spazierten weiter.
    »Also doch Leo Golowski?« fragte Georg.
    Sie schüttelte den Kopf und lächelte. »Das war die Jugendliebe«, erwiderte
sie, »das gilt überhaupt nicht. Übrigens möcht ich das 16jährige Mädel kennen,
das sich auf dem Land nicht in einen schönen Jüngling verliebt hätte, der sich
mit einem veritabeln Grafen schlägt und dann acht Tage mit dem Arm in der
Schlinge herumspaziert.«
    »Aber er hat es doch nicht deinetwegen getan, sondern sozusagen für die Ehre
seiner Schwester.«
    »Für Teresens Ehre? Wie kommst du auf die Idee?«
    »Du hast mir doch erzählt, dass der junge Mensch Terese im Walde
angesprochen hatte, während sie die Emilia Galotti studierte.«
    »Ja das ist schon wahr. Übrigens hat sie sich ganz gern ansprechen lassen.
Dem Leo war es aber nur deswegen zuwider, weil der junge Graf zu einer
Gesellschaft von jungen Leuten gehört hat, die sich wirklich ziemlich frech und
halt ein bissel antisemitisch benommen haben. Und wie Terese einmal mit ihrem
Bruder am See spazieren geht und der Graf kommt daher und redet Terese an wie
eine gute Bekannte und murmelt nur so beiläufig für Leo seinen Namen, da hat Leo
ein Buckerl gemacht und sich ihm mit den Worten vorgestellt: Leo Golowski, Jüd
aus Krakau. Was es weiter gegeben hat, weiss ich nicht genau. Es ist zu einem
Wortwechsel gekommen, und am nächsten Tag war dann das Duell in Klagenfurt in
der Kavalleriekaserne.«
    »Da hab ich doch recht«, beharrte Georg spöttisch, »für die Ehre seiner
Schwester hat er sich geschlagen.«
    »Nein, sag ich dir. Ich bin ja dabei gewesen, wie er später einmal mit
Terese über die Geschichte gesprochen und ihr gesagt hat: Von mir aus kannst du
tun, was dir Spass macht, kannst dir den Hof machen lassen, von wem du willst
...«
    »Nur ein Jud muss es halt sein ...«, ergänzte Georg.
    Anna schüttelte den Kopf. »So ist er wirklich nicht.«
    »Ich weiss«, erwiderte Georg mild. »Wir sind ja sehr gute Freunde geworden in
der letzten Zeit, dein Leo und ich. Gestern Abend erst sind wir wieder im
Kaffeehaus zusammen gewesen, und er war wirklich sehr herablassend zu mir. Ich
glaube, mir verzeiht er sogar meine Abstammung. Im übrigen hab ich dir noch gar
nicht erzählt, dass auch Terese heute bei Ehrenbergs oben war.« Und er
berichtete von dem Erscheinen des jungen Mädchens im Salon Ehrenberg und von dem
Eindruck, den sie auf Demeter gemacht hatte.
    Anna lächelte vergnügt dazu.
    Später, während sie wieder in einer stilleren Strasse Arm in Arm spazierten,
begann Georg von neuem: »Jetzt weiss ich aber noch immer nicht, wer die grosse
Liebe gewesen ist.«
    Anna schwieg und sah vor sich hin.
    »Nun, Anna! Du hast mir ja versprochen, nicht wahr?«
    Ohne ihn anzusehen, erwiderte sie: »Wenn du nur ahntest, wie sonderbar mir
heute die Geschichte vorkommt.«
    
    »Warum sonderbar?«
    »Weil der, nach dem du fragst, eigentlich ein alter Mann gewesen ist.«
    »Fünfunddreissig«, scherzte Georg, »nicht wahr?«
    Sie schüttelte ernstaft den Kopf. »Er war achtundfünfzig oder sechzig.«
    »Und du?« fragte Georg langsam.
    »Im Sommer waren es zwei Jahre. Einundzwanzig war ich damals.«
    Georg blieb plötzlich stehen. »Nun weiss ich es, dein Gesangslehrer war es.
Nicht wahr?«
    Anna antwortete nicht.
    »Also wirklich«, sagte Georg, ohne sich eigentlich zu wundern, denn es war
ihm nicht unbekannt, dass sich in den berühmten Meister, trotz seiner grauen
Haare, alle Schülerinnen verliebten.
    »Und den«, fragte Georg, »hast du am meisten geliebt von allen Menschen, die
dir begegnet sind?«
    »Seltsam, nicht wahr? Aber es ist doch so ...«
    »Hat er es gewusst?«
    »Ich glaub schon.«
    Sie waren auf einen ausgeweiteten Platz gekommen mit einer kleinen
Gartenanlage, die nur spärlich beleuchtet war. Hinten erhob sich rötlich
schimmernd eine Kirche. Dortin, als zög es sie an einen stillern Ort, wandelten
sie unter dunkeln, leise schwankenden Ästen.
    »Und was ist denn eigentlich zwischen euch vorgefallen, wenn man fragen
darf?«
    Anna schwieg, und Georg hielt in diesem Augenblick alles für möglich.
Selbst, dass Anna die Geliebte jenes Menschen gewesen wäre. Aber innerhalb des
Unbehagens, das er bei diesem Gedanken empfand, regte sich leise und kaum bewusst
der Wunsch in ihm, seine Befürchtung bestätigt zu hören. Denn wie leicht und
verantwortungslos liess dies Abenteuer sich an, wenn Anna schon einem andern
gehört hatte, eh sie die Seine wurde.
    »Ich will dir die ganze Geschichte erzählen«, sagte Anna endlich. »Sie ist
wirklich nicht so schrecklich.«
    »Also?« fragte Georg, seltsam gespannt.
    »Einmal nach der Stunde«, begann Anna zögernd, »hat er mir galant in die
Jacke hineingeholfen. Und plötzlich hat er mich an sich gezogen und mich umarmt
und geküsst.«
    »Und du ...?«
    »Ich ... ich war ganz berauscht.«
    »Berauscht ...«
    »Ja, es war etwas Unbeschreibliches. Er hat mich auf die Stirn geküsst und
auf den Mund und aufs Haar ... und dann hat er meine Hand genommen und hat
allerlei Worte gemurmelt, die ich gar nicht recht gehört hab ...«
    »Und ...«
    »Und dann ... dann waren Stimmen daneben ... er hat meine Hand losgelassen
... und es war aus.«
    »Aus?«
    »Ja, aus. Selbstverständlich war es aus.«
    »Gar so selbstverständlich find ich das eigentlich nicht. Du hast ihn doch
wiedergesehen.«
    »Freilich, ich hab ja weiter bei ihm gelernt.«
    »Und ...?«
    »Ich sag dir doch, es war aus ... vollkommen, als wär überhaupt nie was
gewesen.«
    Georg wunderte sich, dass er sich beruhigt fühlte. »Und er hat nie wieder den
Versuch gemacht?« fragte er.
    »Nie wieder. Es wäre auch lächerrlich gewesen. Und da er sehr klug war, hat
er das selbst ganz gut gewusst. Vorher, es ist ja wahr, hatt ich ihn sehr
geliebt. Aber nach diesem Vorfall war er nichts andres mehr für mich, als mein
alter Lehrer. Gewissermassen sogar älter, als er in Wirklichkeit war. Ich weiss
nicht, ob du das so ganz verstehen kannst. Es war, als ob er den ganzen Rest
seiner Jugend verschwendet hätte in jenem Augenblick.«
    »Ich verstehe es ganz gut«, sagte Georg. Er glaubte ihr und liebte sie mehr
als früher. Sie traten in die Kirche. Es war fast dunkel in dem weiten Raum. Nur
vor einem Seitenaltar brannten trübe Kerzen, und drüben, hinter einer kleinen
Heiligenstatue, schimmerte ein armes Licht. Ein breiter Strom von Weihrauchduft
floss zwischen Wölbung und Steinfliesen hin. Der Messner ging umher und klapperte
leise mit den Schlüsseln. In den Bänken rückwärts, regungslos, dämmerten
Gestalten. Langsam schritt Georg mit Anna vorwärts und fühlte sich wie ein
junger Gatte auf Reisen, der mit seiner jungen Frau eine Kirche besichtigt. Er
sagte es Anna. Sie nickte nur. »Es wär aber noch viel schöner«, flüsterte Georg,
während sie eng aneinander geschmiegt vor der Kanzel standen, »wenn man wirklich
miteinander irgendwo in der Fremde wäre ...«
    Sie sah ihn an, wie beglückt und doch wie fragend; und er erschrak über
seine eigenen Worte. Wenn Anna sie als ernstafte Aufforderung oder gar als eine
Art von Werbung aufgefasst hätte? War er nicht verpflichtet sie aufzuklären, dass
sie nicht so gemeint waren? ... Ein Gespräch fiel ihm ein, von neulich, als sie
an einem windig-regnerischen Tag unter dem Schirm eingehängt über die Linie
hinaus gegen Schönbrunn spaziert waren. Er hatte ihr den Vorschlag gemacht, mit
ihm in die Stadt zu fahren und in irgend einem abgeschiedenen Gastauszimmer mit
ihm zu nachtmahlen; sie mit jener Frostigkeit, in der ihr ganzes Wesen manchmal
erstarrte, hatte darauf erwidert: »für solche Sachen bin ich nicht.« Er hatte
nicht weiter in sie gedrungen. Doch eine Viertelstunde später, allerdings im
Lauf einer Unterhaltung über Georgs Lebensführung, aber vieldeutig lächelnd
hatte sie die Worte zu ihm gesprochen: »Du hast keine Initiative, Georg.« Und in
diesem Augenblick war ihm plötzlich gewesen, als täten sich Untiefen ihrer Seele
auf, niemals vermutete und gefährliche, vor denen es gut war, sich in acht zu
nehmen. Daran musste er jetzt wieder denken. Was mochte in ihr denn vorgehen? ...
Was wünschte sie und worauf war sie gefasst? ... Und was wünschte, was ahnte er
selbst? Das Leben war ja so unberechenbar. War es nicht sehr gut möglich, dass er
wirklich einmal mir ihr draussen in der Welt herumreisen, eine Zeit des Glücks
mit ihr durchleben ... und endlich von ihr scheiden würde, wie er von mancher
andern geschieden war? Doch wenn er an das Ende dachte, das jedenfalls kommen
musste, ob es nun der Tod bringen mochte oder das Leben selbst, so fühlte er es
wie ein gelindes Weh im Herzen ... Noch immer schwieg sie. Fand sie wieder, dass
es ihm an Initiative fehlte? ... Oder dachte sie vielleicht: Es wird mir ja doch
gelingen, ich werde seine Frau sein ...?
    Da fühlte er ihre Hand ganz leise über die seine streichen, mit einer ihm
wie neuen, sehr wohltuenden Zärtlichkeit. »Du, Georg«, sagte sie.
    »Was denn?« fragte er.
    »Wenn ich fromm wäre«, erwiderte sie, »möcht ich jetzt um was beten.«
    »Um was?« fragte Georg beinahe ängstlich.
    »Dass was aus dir wird, Georg. Was sehr Bedeutendes! Ein wirklicher, ein
grosser Künstler.«
    Unwillkürlich blickte er zu Boden, wie in Beschämung, dass ihre Gedanken um
soviel reinere Wege gegangen waren als die seinen.
    Ein Bettler hielt den dicken, grünen Vorhang offen, Georg gab dem Mann ein
Geldstück; sie waren im Freien. Strassenlichter glänzten auf, Geräusche von Wagen
und Rolläden waren nah, Georg fühlte, wie ein feiner Schleier zerriss, den der
Kirchendämmer um ihn und sie gewoben hatte, und in befreitem Ton schlug er eine
kleine Spazierfahrt vor. Anna war gern einverstanden. In einem offenen Fiaker,
dessen Dach sie über sich aufspannen liessen, fuhren sie die Strasse hinab, liessen
sich um den Ring führen, ohne viel von Gebäuden und Gärten zu sehen, sprachen
kein Wort und schmiegten sich enger aneinander. Sie fühlten jeder die eigne und
des andern Ungeduld und wussten, dass es kein Zurück mehr gab.
    In der Nähe von Annas Wohnung sagte Georg: »Wie schade, dass du schon nach
Hause musst.«
    Sie zuckte die Achseln und lächelte sonderbar. Die Untiefen, dachte Georg
wieder, aber ohne Angst, heiter beinahe. Eh der Wagen an der Ecke hielt,
verabredeten sie ein Rendezvous für den nächsten Vormittag, im
Schwarzenberggarten, dann stiegen sie aus. Anna eilte nach Hause, und Georg
bummelte langsam gegen die Stadt zu.
    Er überlegte, ob er ins Kaffeehaus gehen sollte. Er hatte keine rechte Lust
dazu. Bermann blieb heute wohl bei Ehrenbergs zum Souper, auf Leo Golowskis
Kommen war nur selten zu rechnen; und die andern jungen Leute, meist jüdische
Literaten, die Georg in der letzten Zeit flüchtig kennen gelernt hatte, lockten
ihn nicht eben an, wenn er auch manche von ihnen nicht uninteressant gefunden
hatte. Im ganzen fand er den Ton der jungen Leute untereinander bald zu intim,
bald zu fremd, bald zu witzelnd, bald zu patetisch; keiner schien sich dem
andern, kaum einer sich selbst mit Unbefangenheit zu geben. Heinrich hatte
übrigens neulich erklärt, er wollte mit dem ganzen Kreis nichts mehr zu tun
haben, der ihm seit seinen Erfolgen durchaus gehässig gesinnt sei. Georg hielt
es allerdings für möglich, dass Heinrich in seiner eiteln und hypochondrischen
Art Feindseligkeiten und Verfolgungen auch dort witterte, wo vielleicht nur
Gleichgültigkeit oder Antipatie vorhanden waren. Er für seinen Teil wusste, dass
es weniger Freundschaft war, die ihn zu dem jungen Schriftsteller hinzog, als
Neugier, einen seltsamen Menschen näher kennen zu lernen; vielleicht auch das
Interesse, in eine Welt hineinzuschauen, die ihm bisher ziemlich fremd geblieben
war. Denn während er selbst nach wie vor sich ziemlich zurückhaltend verhalten
und insbesondere über seine Beziehungen zu Frauen jede Andeutung vermieden,
hatte ihm Heinrich nicht nur von der fernen Geliebten erzählt, für die er Qualen
der Eifersucht zu leiden behauptete, sondern auch von einer hübschen, blonden
Person, mit der er in der letzten Zeit seine Abende zu verbringen pflegte, um
sich zu betäuben, wie er mit Selbstironie hinzufügte; nicht nur von seinen
Wiener Studenten- und Journalistenjahren, die noch nicht weit zurücklagen,
sondern auch von der Kinder- und Knabenzeit in der kleinen böhmischen
Provinzstadt, wo er vor dreissig Jahren zur Welt gekommen war. Sonderbar und
zuweilen fast peinlich erschien Georg der wie aus Zärtlichkeit und Widerwillen,
aus Gefühlen von Anhänglichkeit und von Losgerissensein gemischte Ton, in dem
Heinrich von den Seinen, insbesondere von dem kranken Vater sprach, der in jener
kleinen Stadt Advokat, und eine Zeitlang Reichsratsabgeordneter gewesen war. Ja,
er schien sogar ein wenig stolz darauf zu sein, dass er als Zwanzigjähriger schon
dem allzu Vertrauensseligen sein Schicksal vorausgesagt hatte, genau so wie es
sich später erfüllen sollte: nach einer kurzen Epoche der Beliebteit und des
Erfolgs hatte das Anwachsen der antisemitischen Bewegung ihn aus der
deutsch-liberalen Partei gedrängt, die meisten Freunde hatten ihn verlassen und
verraten, und ein verbummeltet Kouleurstudent, der in den Versammlungen die
Tschechen und Juden als die gefährlichsten Feinde deutscher Zucht und Sitte
hinstellte, daheim seine Frau prügelte und seinen Mägden Kinder machte, war sein
Nachfolger im Vertrauen der Wähler und im Parlament geworden. Heinrich, dem die
Phrasen des Vaters von Deutschtum, Freiheit, Fortschritt in all ihrer
Ehrlichkeit immer gegen den Strich gegangen waren, hatte dem Niedergang des
alternden Mannes anfangs wie mit Schadenfreude zugesehen; allmählich erst, als
der einst gesuchte Anwalt auch seine Klienten zu verlieren begann, und die
materiellen Verhältnisse der Familie sich von Tag zu Tag verschlechterten,
stellte bei dem Sohne sich ein verspätetes Mitleid ein. Er hatte seine
juristischen Studien früh genug aufgegeben und musste den Seinen durch
journalistische Tagesarbeit zu Hilfe kommen. Seine ersten künstlerischen Erfolge
fanden in dem verdüsterten Hause der Heimat kein Echo mehr. Dem Vater nahte
unter schweren Zeichen der Wahnsinn, und der Mutter, für die gleichsam Staat und
Vaterland zu existieren aufgehört hatten, als ihr Mann nicht wieder ins
Parlament gewählt wurde, versank nun, da dieser in geistige Nacht fiel, die
ganze Welt. Die einzige Schwester Heinrichs, einst ein blühendes und tüchtiges
Geschöpf, war nach einer unglücklichen Leidenschaft für eine Art von Provinz-Don
Juan in Schwermut verfallen, und krankhaft eigensinnig gab sie dem Bruder, mit
dem sie sich in der Jugend vortrefflich verstanden hatte, die Schuld an dem
Unglück des elterlichen Hauses. Auch von andern Verwandten erzählte Heinrich,
deren er aus früherer Zeit sich erinnerte, und ein teils lächerlicher, teils
rührender Zug fromm beschränkter alter Juden und Jüdinnen schwebte an Georg
vorüber, wie Gestalten einer andern Welt. Er musste es am Ende begreifen, dass
Heinrich durch keinerlei Heimweh nach jener kleinen, von kläglichem Parteihader
zerrissenen Stadt, in die dumpfe Enge des zugrunde gehenden Elternhauses sich
zurückgerufen fühlte, und sah ein, dass Heinrichs Egoismus ihm zugleich Rettung
und Befreiung bedeutete.
    Vom Turm der Michaelerkirche schlug es neun, als Georg vor dem Kaffeehaus
stand. An einem Fenster, das der Vorhang nicht verhüllte, sah er den Kritiker
Rapp sitzen, einen Stoss von Zeitungen vor sich auf dem Tisch. Eben hatte er den
Zwicker von der Nase genommen, putzte ihn, und so sah das blasse, sonst so
hämisch-kluge Gesicht, mir den stumpfen Augen wie tot aus. Ihm gegenüber, mit
ins Leere gehenden Gesten, sass der Dichter Gleissner, im Glanze seiner falschen
Eleganz, mir einer ungeheuern, schwarzen Krawatte, darin ein roter Stein
funkelte. Als Georg, ohne ihre Stimmen zu hören, nur die Lippen der beiden sich
bewegen und ihre Blicke hin- und hergehen sah, fasste er es kaum, wie sie es
ertragen konnten in dieser Wolke von Hass sich eine Viertelstunde lang gegenüber
zu sitzen. Er fühlte mit einemmal, dass dies die Atmosphäre war, in der das Leben
dieses ganzen Kreises sich abspielte, und durch die nur manchmal erlösende
Blitze von Geist und von Selbsterkenntnis zuckten. Was hatte er mit diesen
Leuten zu tun? Eine Art von Grauen erfasste ihn, er wandte sich ab und entschloss
sich, statt ins Kaffeehaus zu gehen, endlich wieder einmal den Klub aufzusuchen,
dessen Räume er seit Monaten nicht betreten hatte. Es waren nur wenige Schritte
bis dahin. Bald stieg Georg die breite Marmortreppe hinauf, begab sich in den
kleinen Speisesaal mit den lichtgrünen Vorhängen und wurde von Ralph Skelton,
dem Attaché der englischen Botschaft, und Doktor von Breitner, die in einer Ecke
beim Souper sassen, als ein lang Vermisster mit gedämpfter Herzlichkeit begrüsst.
Man sprach von dem Turnier, das bevorstand, von dem Bankett, das zu Ehren der
ausländischen Fechtmeister veranstaltet werden sollte; plauderte über die neue
Operette am Wiedner Teater, in der Fräulein Lovan als Bajadere beinahe nackt
aufgetreten war, und über das Duell des Fabrikanten Heidenfeld mit dem Leutnant
Novotny, in dem der beleidigte Ehemann gefallen war. Nach dem Essen spielte
Georg mit Skelton eine Partie Billard und gewann. Er fühlte sich immer
behaglicher und nahm sich vor, von nun an wieder öfters diese luftigen und
hübsch ausgestatteten Räume zu besuchen, in denen angenehme, gut angezogene
junge Leute verkehrten, mit denen man sich in guter und leichter Weise
unterhalten konnte. Felician erschien, erzählte seinem Bruder, dass es bei
Ehrenbergs noch ganz amüsant geworden war und brachte ihm Grüsse von Frau
Marianne. Breitner, eine seiner berühmten Riesenzigarren im Mund, gesellte sich
zu den Brüdern und sprach davon, dass im Speisesaal nächstens die Bilder einiger
verdienter Klubmitglieder aufgehängt werden sollten, vor allem das des jungen
Labinski, der im vorigen Jahr durch Selbstmord geendet hatte. Und Georg musste an
Grace denken, an das seltsam glühend-kalte Gespräch mit ihr auf dem Friedhof im
schmelzenden Februarschnee und an jene wundervolle Nacht, auf dem mondbeglänzten
Deck des Dampfers, der sie beide von Palermo nach Neapel gebracht hatte. Er
wusste kaum, nach welcher Frau er sich am meisten sehnte in diesem Augenblick:
nach Marianne, der Verlassenen, nach Grace, der Entschwundenen, oder nach dem
anmutigen jungen Geschöpf, mit dem er vor ein paar Stunden in einer dämmrigen
Kirche herumspaziert war, wie Hochzeitsreisende in einer fremden Stadt, und das
den Himmel hatte anflehen wollen, dass ein grosser Künstler aus ihm würde. In der
Erinnerung daran verspürte er eine gelinde Rührung. War es nicht beinahe, als
läge ihr mehr an seiner künstlerischen Zukunft als ihm selbst? ... Nein, ...
nicht mehr. Sie hatte ja doch nur ausgesprochen, was immer tief im Grunde seiner
Seele schlummerte. Er vergass nur sozusagen manchmal, dass er ein Künstler war.
Aber das musste anders werden. So viel war begonnen und vorbereitet. Nur etwas
Fleiss, und es konnte am Erfolg nicht fehlen. Und im nächsten Jahr ging es hinaus
in die Welt. Eine Kapellmeisterstelle war bald gefunden, und mit einem kräftigen
Sprung stand man mitten in einem Beruf, der Geld und Ehren brachte. Neue
Menschen lernte er kennen, ein anderer Himmel glänzte über ihm, und
geheimnisvoll wie aus fernem Nebel, streckten unbekannte weisse Arme sich nach
ihm aus. Und während die jungen Leute neben ihm sehr ernstaft die Chancen der
Kämpfer bei dem bevorstehenden Turnier erwogen, träumte Georg in seiner Ecke
weiter von einer Zukunft voll Arbeit, Ruhm und Liebe.
    Zur gleichen Stunde lag Anna in ihrem dunkeln Zimmer, ohne zu schlafen, die
weit offenen Augen zur Decke gerichtet; zum erstenmal in ihrem Leben mit dem
untrüglichen Gefühl, dass es einen Menschen auf der Welt gab, der aus ihr machen
konnte, was ihm beliebte; mit dem festen Entschluss, alle Seligkeit und alles
Leid hinzunehmen, das ihr bevorstehen mochte; und mit einer leisen Hoffnung,
schöner, als alle, die ihr je erschienen waren, auf ein beständiges und
ruhevolles Glück.
 
                                Drittes Kapitel
Georg und Heinrich sassen von ihren Rädern ab. Die letzten Villen lagen hinter
ihnen, und die breite Strasse, allmählich ansteigend, führte in den Wald. Das
Laub hing noch ziemlich dicht an den Bäumen, aber jeder leise Windhauch nahm
Blätter mit und liess sie langsam herabsinken. Herbstglanz lag über den
gelbrötlichen Hügeln. Die Strasse stieg höher an, an einem stattlichen
Wirtshausgarten vorbei, zu dem steinerne Stufen hinaufführten. Nur wenige Leute
sassen im Freien, die meisten in der Glasveranda, als trauten sie nicht ganz der
Wärme dieses schmeichlerischen Spätoktobertags, durch den doch immer wieder eine
gefährliche Kühle geweht kam. Georg dachte mit ödem Erinnern des Winterabends,
an dem er und Frau Marianne als einzige Gäste hier eingekehrt waren. Gelangweilt
war er an ihrer Seite gesessen, hatte ungeduldig ihr plätscherndes Gerede über
das Konzert von gestern angehört, in dem Fräulein Bellini seine Lieder gesungen;
und als er auf der Rückfahrt wegen Mariannens Ängstlichkeit schon in einer
Vorstadtstrasse aus dem Wagen steigen musste, hatte er wie erlöst aufgeatmet. Ein
ähnliches Gefühl der Befreiteit kam freilich beinahe jedesmal über ihn, wenn
er, auch nach schönerem Zusammensein, von einer Geliebten Abschied nahm. Selbst
als er Anna an ihrem Haustor verlassen hatte, vor drei Tagen, nach dem ersten
Abend vollkommenen Glücks, war er sich, früher als jeder anderen Regung, der
Freude bewusst geworden, wieder allein zu sein. Und gleich darauf, ehe noch das
Gefühl des Danks und die Ahnung einer wirklichen Zusammengehörigkeit mit diesem
sanften, sein ganzes Wesen mit so viel Innigkeit umschliessenden Geschöpf in
seiner Seele emporzudringen vermochte, flog durch sie ein sehnsuchtsvoller Traum
von Fahrten über ein schimmerndes Meer, von Küsten, die sich verführerisch
nähern, von Spaziergängen an Ufern, die am nächsten Tage wieder verschwinden,
von blauen Fernen, Ungebundenheit und Alleinsein. Am andern Morgen, da den
Erwachenden der Duft des vergangenen Abends erinnerungs- und verheissungsschwer
umfloss, wurde die Reise natürlich aufgeschoben, bis zu einer spätern, vielleicht
nicht gar so fernen, doch gelegeneren Zeit. Denn dass auch dieses Abenteuer, so
ernst und hold es begonnen, zu einem Ende bestimmt war, wusste Georg selbst in
dieser Stunde, nur ohne jeden Schauer. Anna hatte sich ihm gegeben, ohne mit
einem Wort, einem Blick, einer Gebärde anzudeuten, dass nun für sie gewissermassen
ein neues Kapitel ihres Lebens anfing. Und so musste von ihr, das fühlte Georg
tief, auch der Abschied ohne Düsterkeit und Schwere sein: ein Händedruck, ein
Lächeln und ein stilles »es war schön«. Und leichter noch war ihm zumute
geworden, als sie ihm bei der nächsten Begegnung mit einfach innigem Gruss
entgegenkam, ohne die befangenen Töne anschmiegender Wehmut, oder erfüllten
Schicksals, wie er sie in den Worten mancher andern beben gehört hatte, die zu
einem solchen Morgen nicht zum erstenmal erwacht war.
    Eine mattgezogene Berglinie erschien in der Ferne und verschwand wieder, als
die Strasse durch dichtern Waldstand in die Höhe führte. Laub- und Nadelholz
wuchsen friedlich nebeneinander, und durch die stillere Farbe der Tannen
schimmerte das herbstlich gefärbte Blätterwerk von Buchen und Birken. Wanderer
zeigten sich, einige mit Rucksack, Bergstock und Nagelschuhen wie zu bedeutenden
Gebirgstouren ausgerüstet; zuweilen, in beglückter Schnelle, sausten Radfahrer
die Strasse hinab.
    Heinrich erzählte seinem Gefährten von einer Radfahrt, die er anfangs
September unternommen hatte, den Rhein entlang.
    »Ist es nicht sonderbar«, sagte Georg, »so viel bin ich schon in der Welt
herumgekommen, und die Gegend, wo meine Ahnen zu Hause waren, kenn ich noch gar
nicht.«
    »Wirklich?« fragte Heinrich. »Und es regt sich gar nicht in Ihnen, wenn Sie
das Wort Rhein aussprechen hören?«
    Georg lächelte. »Es sind immerhin bald hundert Jahre, dass meine Urgrosseltern
aus Biebrich fortgezogen sind.«
    »Warum lächeln Sie, Georg? Dass meine Ahnen aus Palästina fortgewandert sind,
ist noch viel länger her, und doch fordern manche, sonst ganz logische Leute,
dass mein Herz in Heimweh nach diesem Lande bebe.«
    Georg schüttelte ärgerlich den Kopf. »Was kümmern Sie sich immerfort um
diese Leute. Es wird wirklich schon zur fixen Idee bei Ihnen.«
    »Ach Sie glauben, ich denke an die Antisemiten? Durchaus nicht. Denen nehm
ichs auch weiter nicht übel, manchmal wenigstens. Aber fragen Sie nur einmal
unsern Freund Leo, wie er über diese Angelegenheit denkt.«
    »Ach so, den meinen Sie. Na, der fasst doch das nicht so wörtlich auf,
sondern gewissermassen symbolisch oder politisch«, setzte er unsicher hinzu.
    Heinrich nickte. »Diese beiden Begriffe liegen vielleicht hart nebeneinander
in Köpfen solcher Art.« Er versank für eine Weile in Nachdenken, schob sein Rad
in leichten, ungeduldigen Stössen vorwärts und war gleich wieder um ein paar
Schritte voraus. Dann begann er wieder von seiner Septemberreise zu sprechen.
Beinahe mit Ergriffenheit dachte er an sie zurück. Alleinsein, Fremde, Bewegung,
war es nicht ein dreifaches Glück, das er genossen? »Was für ein Gefühl von
innerer Freiheit mich damals durchfloss«, sagte er, »kann ich Ihnen kaum
beschreiben. Kennen Sie diese Stimmungen, in denen alle Erinnerungen, ferne und
nahe, sozusagen ihre Lebensschwere verlieren; alle Menschen, mit denen man sonst
irgendwie verbunden ist, durch Schmerzen, Sorgen, Zärtlichkeit, einen nur mehr
wie Schatten umschweben, oder richtiger gesagt, wie Gestalten, die man selbst
erfunden hat? Und die erfundenen Gestalten, die stellen sich natürlich auch ein
und sind mindestens geradso lebendig wie die Menschen, an die man sich eben als
an wirkliche erinnert. Da entwickeln sich dann die allerseltsamsten Beziehungen
zwischen den wirklichen und den erfundenen Figuren. Ich könnte Ihnen von einer
Unterhaltung berichten, die zwischen meinem verstorbenen Grossonkel, der Rabbiner
war, und dem Herzog Heliodor stattgefunden hat, wissen Sie, mit dem, der sich in
meinem Opernstoff herumtreibt, eine Unterhaltung so amüsant, so tiefsinnig, wie
im allgemeinen weder das Leben noch Operntexte zu sein pflegen ... Ja,
wundervoll sind solche Reisen! Und so geht es durch Städte, die man niemals
gesehen hat und vielleicht nie wieder sehen wird, an lauter unbekannten
Gesichtern vorüber, die gleich wieder für alle Ewigkeit verschwinden ... und
dann saust man weiter auf heller Strasse zwischen Strom und Weingeländen.
Wahrhaft reinigend sind solche Stimmungen. Schade, dass sie einem so selten
geschenkt sind!«
    Georg empfand stets eine gewisse Verlegenheit, wenn Heinrich patetisch
wurde. »Jetzt könnte man vielleicht wieder fahren«, sagte er, und sie schwangen
sich auf die Räder. Ein schmaler, ziemlich holpriger Seitenweg zwischen Wiese
und Wald führte sie bald zu einem unerbaulich kahlen, zweistöckigen Haus, das
sich durch ein mürrisch braunes Schild als Wirtshaus zu erkennen gab. Auf der
Wiese, die durch die Strasse vom Haus geschieden war, stand eine grosse Menge von
Tischen, manche mit einstmals weiss gewesenen, andre mit geblümten Tüchern
bedeckt. Hart an der Strasse, an einigen zusammengerückten Tischen, sassen zehn
oder zwölf junge Leute, Mitglieder eines Radfahrklubs. Mehrere hatten ihre Röcke
abgelegt, andre trugen sie flott übergehängt; auf den himmelblauen, gelb
eingefassten Sweaters prangten Embleme in erhabener roter und grüner Stickerei.
Mächtig, aber nicht sehr rein tönte ein Chorlied zum Himmel auf: »Der Gott, der
Eisen wachsen liess, der wollte keine Knechte.«
    Heinrich überflog die Gesellschaft mit einem raschen Blick, kniff die Augen
zusammen und sagte zu Georg, mit zusammengepressten Zähnen und heftig betont:
»Ich weiss nicht, ob diese Jünglinge bieder, treu und mutig sind, wofür sie sich
jedenfalls halten; dass sie aber nach Wolle und Schweiss duften, ist gewiss, und
daher wäre ich dafür, dass wir in angemessener Entfernung von ihnen Platz
nehmen.«
    Was will er eigentlich, dachte Georg bei sich. Wäre es ihm sympatischer,
wenn hier eine Gesellschaft von polnischen Juden sässe und Psalmen sänge?
    Beide schoben ihre Räder zu einem entferntem Tische hin und liessen sich
nieder. Ein Kellner erschien, in schwarzem, von Fett- und Gemüseflecken
übersäten Frack, fegte mit einer schmutzigen Serviette heftig über den Tisch,
nahm die Bestellungen entgegen und verschwand.
    »Ist es nicht jämmerlich«, sagte Heinrich, »dass in der nächsten Umgebung von
Wien beinahe überall so verwahrloste Wirtshäuser stehen? Es macht einen geradezu
trübsinnig.«
    Georg fand diese übertriebene Wehmut nicht angebracht. »Ach Gott, auf dem
Land«, meinte er, »man nimmt es eben mit. Es gehört fast dazu.«
    Heinrich liess diese Auffassung nicht gelten, begann den Plan zur Gründung
von sieben Hotels an den Wienerwaldgrenzen zu entwickeln und berechnete eben,
dass man dazu höchstens drei bis vier Millionen benötige, als plötzlich Leo
Golowski dastand. Er war im Zivilanzug, der, wie oft bei ihm, eines etwas
bizarren Elements nicht entbehrte. Heute trug er zu einem hellgrauen Sacco eine
blaue Samtweste und eine gelbliche Seidenkrawatte in glattem Stahlring. Die
beiden andern begrüssten ihn erfreut und äusserten einige Überraschung.
    Leo setzte sich zu ihnen: »Ich habe ja gehört«, sagte er, »wie Sie gestern
Abend Ihre Partie verabredet haben, und als wir heute schon um neun aus der
Kaserne entlassen wurden, dacht ich mir gleich, es wäre doch hübsch mit zwei
klugen, sympatischen Menschen eine Stunde im Freien zu verplauschen. So bin ich
nach Haus, hab mich in Zivil geworfen und auf den Weg gemacht.« Er sagte das in
seinem gewöhnlichen, liebenswürdigen, fast naiv klingenden Ton, der Georg immer
wieder gefangen nahm, aber in der Erinnerung für ihn einen Beiklang von Ironie,
ja von Falschheit zu bekommen pflegte. Doch schien dieser gleichsam schillernde
Klang Leos Worten nur in gleichgültiger Unterhaltung eigen; ernste Gespräche
wusste er mit einer Bestimmteit zu führen, die Georg geradezu imponierte. In der
letzten Zeit hatte er einigemale Gelegenheit gehabt, im Kaffeehaus Diskussionen
zwischen Leo und Heinrich über kunstteoretische Fragen, insbesondere über die
Beziehungen zwischen den Gesetzen der Musik und der Matematik anzuhören. Leo
glaubte der Ursache auf der Spur zu sein, aus der Dur- und Molltonarten die
menschliche Seele in so verschiedener Weise berührten. Gerne folgte Georg seinen
klaren und scharfsinnigen Auseinandersetzungen, wenn sich auch etwas in ihm
gegen den verwegenen Versuch wehrte, allen Zauber und alles Geheimnis der Klänge
aus dem Walten von Gesetzen gedeutet zu hören, die, ebenso unerbittlich wie
diejenigen, nach denen sich Erde und Sterne drehten, mit jenen ewigen aus
gleicher Wurzel stammen sollten. Nur wenn Heinrich die Teorien Leos
weiterzuführen und gelegentlich auf Schöpfungen der Wortkunst anzuwenden suchte,
wurde Georg ungeduldig und fühlte sich sofort als stillen Verbündeten Leos, der
zu Heinrichs phantastischen und wirren Ausführungen mild zu lächeln pflegte.
    Das Essen wurde aufgetragen, und die jungen Leute liessen sichs schmecken;
Heinrich nicht weniger als die andern, trotzdem er sich über die
Minderwertigkeit der Küche höchst missbilligend äusserte und das Vorgehen des
Wirts nicht nur als Ausdruck persönlich niedriger Gesinnung, sondern als
charakteristisch für den Niedergang Österreichs auf vielen andern Gebieten
aufzufassen geneigt war. Das Gespräch kam auf die militärischen Zustände des
Landes, und Leo gab Schilderungen von Kameraden und Vorgesetzten zum besten,
über die die beiden andern sich sehr amüsierten. Insbesondere ein Oberleutnant
gab zur Heiterkeit Anlass, der sich der Freiwilligenabteilung mit den
gefahrverkündenden Worten vorgestellt hatte: »Mit mir wern S' nix zu lachen
haben, ich bin eine Bestie in Menschengestalt.«
    Während sie noch assen, trat ein Herr an den Tisch, schlug die Hacken
aneinander, legte die Hand salutierend an die Radfahrkappe, grüsste mit einem
scherzhaften »all Heil«, fügte für Leo noch ein kameradschaftliches »servus«
hinzu und stellte sich Heinrich vor: »Josef Rosner ist mein Name«. Hierauf
begann er jovial die Unterhaltung mit den Worten: »Die Herren machen auch eine
Radpartie ...« Da man nicht widersprach, fuhr er fort: »Die letzten schönen Tage
muss man benützen, lange wird ja die Herrlichkeit nicht mehr dauern.«
    »Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Rosner?« fragte Georg höflich.
    »Küss die Hand, aber ...«, er wies auf seine Gesellschaft ... »wir sind
soeben im Aufbruch begriffen, haben noch viel vor, fahren bis Tulln hinunter und
dann über Stockerau nach Wien. Die Herren erlauben ...« er nahm ein Zündhölzchen
vom Tisch und brannte seine Zigarette vornehm an.
    »Bei was für einem Klub bist du denn eigentlich?« fragte Leo, und Georg
wunderte sich über das »du«, bis ihm einfiel, dass die beiden Jugendbekannte
waren.
    »Das ist der Sechshauser Radfahrklub«, erwiderte Josef. Obzwar kein Staunen
geäussert wurde, setzte er hinzu: »Die Herren werden sich wundern, dass ich als
Margaretner Kind diesem vorortlichen Klub angehöre, aber es ist auch nur, weil
ein guter Freund von mir dort Obmann ist. Sehen Sie dieser Dicke dort, der jetzt
gerade in den Rock hineinschlieft. Es ist nämlich der junge Jalaudek, der Sohn
von dem Stadtrat und Abgeordneten.«
    »Jalaudek ...«, wiederholte Heinrich mit deutlichem Ekel in der Stimme und
sagte nichts weiter.
    »Ah«, meinte Leo, »das ist ja der, der neulich in einer Debatte über den
Volksbildungsverein diese prachtvolle Definition von Wissenschaft gegeben hat.
Haben Sie nicht gelesen?« wandte er sich zu den andern.
    Diese erinnerten sich nicht.
    »Wissenschaft«, zitierte Leo, »Wissenschaft ist das, was ein Jud vom andern
abschreibt.«
    Alle lachten. Auch Josef, der aber sofort erläuterte: »Eigentlich ist er gar
nicht so, ich kenn ihn ja. Nur im politischen Leben ist er so grob ... weil also
nämlich da die Gegensätze aufeinanderplatzen in unserm lieben Österreich. Aber
für gewöhnlich ist er ein sehr umgänglicher Herr. Da ist der Junge viel
radikaler.«
    »Ist euer Klub christlich-sozial oder deutsch-national?« fragte Leo
verbindlich.
    »O, da wird bei uns kein Unterschied gemacht, nur natürlich, wie das schon
so ist ...«, er unterbrach sich plötzlich verlegen.
    »Nun ja«, ermutigte ihn Leo, »dass euer Klub judenrein ist, das ist doch
selbstverständlich. Man merkt's auch schon von weitem.«
    Josef hielt es für das richtigste zu lachen. Dann sagte er: »O bitte sehr,
auf den Bergen schweigt die Politik; überhaupt die Herren machen sich da falsche
Begriffe, wenn wir schon über dieses Tema reden. Wir haben zum Beispiel einen
im Klub, der ist mit einer Israelitin verlobt. Aber sie winken mir schon. Habe
die Ehre, meine Herrschaften, servus Leo, all Heil.« Er salutierte wieder und
entfernte sich wiegenden Schrittes. Die andern, unwillkürlich lächelnd, blickten
ihm nach.
    Dann fragte Leo plötzlich zu Georg gewandt: »Wie geht's denn eigentlich
seiner Schwester mit dem Singen?«
    »Wie?« sagte Georg aufgeschreckt und leicht errötend.
    »Terese erzählt mir«, fuhr Leo ruhig fort, »dass Sie zuweilen mit Anna
musizieren. Ist denn die Stimme jetzt in Ordnung?«
    »Ja«, entgegnete Georg zögernd, »ich glaube schon, jedenfalls finde ich sie
sehr angenehm, sehr wohllautend, besonders in der tiefern Lage. Schade, dass sie
eben nicht ausreicht, für grössere Räume, mein ich.«
    »Nicht ausreicht«, wiederholte Leo nachdenklich, »das ist auch so ein Wort.«
    »Wie würden Sie es denn bezeichnen?«
    Leo zuckte die Achseln und blickte Georg ruhig an. »Sehen Sie«, sagte er,
»ich habe die Stimme auch immer sehr sympatisch gefunden, aber selbst zur Zeit,
als Anna die Idee hatte zur Bühne zu gehen ... ehrlich gestanden, ich habe nie
geglaubt, dass aus der Sache was wird.«
    »Sie haben eben wahrscheinlich gewusst«, entgegnete Georg absichtlich leicht,
»dass Fräulein Anna an dieser eigentümlichen Schwäche der Stimmbänder leidet.«
    »Ja freilich wusst ich das; aber wäre sie zu einer künstlerischen Laufbahn
bestimmt gewesen, innerlich bestimmt meine ich, so hätte sie diese Schwäche eben
überwunden.«
    »Sie glauben?«
    »Ja, das glaub ich, das glaub ich ganz entschieden. Darum find ich, dass
solche Worte wie eigentümliche Schwäche, oder die Stimme reicht nicht aus
gewissermassen Umschreibungen für etwas Tieferes, Seelisches bedeuten. Es liegt
offenbar nicht in der Linie ihres Schicksals, eine Künstlerin zu werden, das ist
es. Sie war sozusagen von Anbeginn dazu bestimmt, im Bürgerlichen zu enden.«
    Heinrich war mit der Teorie von der Schicksalslinie höchst einverstanden
und führte den Gedanken in seiner krausen Art weiter und immer weiter, vom
Geistreichen übers Verdrehte ins Unsinnige. Dann machte er den Vorschlag, man
sollte sich für eine halbe Stunde auf die Wiese hin in die Sonne legen, die in
diesem Jahr wohl nicht mehr oft so warm herunterscheinen werde. Die andern
stimmten zu.
    Hundert Schritt weit vom Wirtshaus streckten sich Georg und Leo auf ihre
Mäntel aus. Heinrich setzte sich ins Gras, verschränkte die Arme über den Knien
und sah vor sich hin. Zu seinen Füssen senkte sich die Wiese zum Walde hinab.
Tiefer unten, in lockeres Laub vergraben, ruhten die Landhäuser von Neuwaldegg.
Aus bläulich-grauen Nebeln hervor schimmerten die Turmkreuze und sonngeblendeten
Fenster der Stadt, und ganz fern, als trüge bewegter Dunst sie empor, schwebte
und verdämmerte die Ebene.
    Spaziergänger schritten über die Wiese dem Wirtshaus zu. Einige grüssten im
Vorübergehen und einer, ein noch junger Mann, der ein Kind an der Hand führte,
bemerkte zu Heinrich: »Das ist aber einmal ein schöner Tag, grad als wie im
Mai.«
    Heinrich fühlte anfangs gegen seinen Willen, wie manchmal solch wohlfeiler,
aber unvermuteter Freundlichkeit gegenüber, gleichsam sein Herz aufgehen. Sofort
aber besann er sich, denn er wusste ja, auch dieser junge Mann war nur von der
Milde des Tags, dem Frieden der Landschaft wie berauscht; in der Tiefe der Seele
war auch der ihm feindselig gesinnt, gleich all den andern, die so harmlos an
ihm vorbeispazierten. Und er verstand es wieder einmal selbst nicht recht, warum
der Anblick dieser sanft-bewegten Hügel, dieser verdämmernden Stadt ihn so
schmerzlich süss ergriff, da ihm doch die Menschen, die hier zu Hause waren, so
wenig und selten etwas Gutes bedeuteten.
    Der Radfahrklub sauste über die nahe Strasse, die umgehängten Röcke wehten,
die Embleme leuchteten, und ein rohes Lachen schallte über die Wiese.
    »Grässliches Volk«, meinte Leo beiläufig, ohne den Platz zu verändern.
    Heinrich wies mit einer unbestimmten Kopfbewegung nach unten. »Und solche
Kerle«, sagte er mit zugepressten Zähnen, »bilden sich dann noch ein, dass sie da
eher zu Hause sind als unsereiner.«
    »Nun ja«, entgegnete Leo ruhig, »da werden sie wohl nicht so unrecht haben,
diese Kerle.«
    Heinrich wandte sich höhnisch zu ihm: »Verzeihen Sie, Leo, ich vergass einen
Augenblick, dass Sie selbst den Wunsch hegen, nur als geduldet zu gelten.«
    »Das wünsche ich keineswegs«, erwiderte Leo lächelnd, »und Sie brauchen mich
nicht gleich so boshaft misszuverstehen. Aber dass diese Leute sich als die
Einheimischen ansehen und Sie und mich als die Fremden, das kann man ihnen doch
nicht übel nehmen. Das ist doch schliesslich nur der Ausdruck ihres gesunden
Instinktes für eine antropologisch und geschichtlich feststehende Tatsache.
Dagegen und daher auch gegen alles, was daraus folgt, ist weder mit jüdischen
noch mit christlichen Sentimentalitäten etwas auszurichten.« Und sich zu Georg
wendend, fragte er in allzu verbindlichem Ton: »Finden Sie nicht auch?«
    Georg errötete, räusperte, kam aber nicht dazu zu erwidern, da Heinrich, auf
dessen Stirn zwei tiefe Falten erschienen, sofort erbittert das Wort nahm: »Mein
Instinkt ist mir mindestens ebenso massgebend wie der der Herren Jalaudek junior
und senior, und dieser Instinkt sagt mir untrüglich, dass hier, gerade hier meine
Heimat ist und nicht in irgend einem Land, das ich nicht kenne, das mir nach den
Schilderungen nicht im geringsten zusagt und das mir gewisse Leute jetzt als
Vaterland einreden wollen, mit der Begründung, dass meine Urahnen vor einigen
tausend Jahren gerade von dort aus in die Welt verstreut worden sind. Wozu noch
zu bemerken wäre, dass die Urahnen des Herrn Jalaudek, und selbst die unseres
Freundes, des Freiherrn von Wergentin, gerade so wenig hier zu Hause gewesen
sind, als die meinen und die Ihrigen.«
    »Sie dürfen mir nicht böse sein«, erwiderte Leo, »aber Ihr Blick in diesen
Dingen ist doch ein wenig beschränkt. Sie denken immer an sich und an den
nebensächlichen Umstand ... pardon für diese Frage nebensächlichen Umstand, dass
Sie ein Dichter sind, der zufällig, weil er in einem deutschen Land geboren, in
deutscher Sprache und, weil er in Österreich lebt, über österreichische Menschen
und Verhältnisse schreibt. Es handelt sich aber in erster Linie gar nicht um Sie
und auch nicht um mich, auch nicht um die paar jüdischen Beamten, die nicht
avancieren, die paar jüdischen Freiwilligen, die nicht Offiziere werden, die
jüdischen Dozenten, die man nicht oder verspätet zu Professoren macht, das sind
lauter Unannehmlichkeiten zweiten Ranges sozusagen; es handelt sich hier um ganz
andre Menschen, die Sie nicht genau oder gar nicht kennen, und um Schicksale,
über die Sie, ich versichere Sie, lieber Heinrich, über die Sie gewiss, trotz der
Verpflichtung, die Sie eigentlich dazu hätten, noch nicht gründlich genug
nachgedacht haben. Gewiss nicht ... sonst könnten Sie über all diese Dinge nicht
in so oberflächlicher und in so ... egoistischer Weise reden, wie Sie es tun.«
Er erzählte dann von seinen Erlebnissen auf dem Basler Zionistenkongress, an dem
er im vorigen Jahre teilgenommen hatte und wo ihm ein tieferer Einblick in das
Wesen und den Gemütszustand des jüdischen Volkes gewährt worden wäre als je
zuvor. In diese Menschen, die er zum erstenmal in der Nähe gesehen, war die
Sehnsucht nach Palästina, das wusste er nun, nicht künstlich hineingetragen; in
ihnen wirkte sie als ein echtes, nie erloschenes und nun mit Notwendigkeit neu
aufflammendes Gefühl. Daran konnte keiner zweifeln, der, wie er, den heiligen
Zorn in ihren Blicken hatte aufleuchten sehen, als ein Redner erklärte, dass man
die Hoffnung auf Palästina vorläufig aufgeben und sich mit Ansiedlungen in
Afrika und Argentinien begnügen müsse. Ja, alte Männer, nicht etwa ungebildete,
nein, gelehrte, weise Männer hatte er weinen gesehen, weil sie fürchten mussten,
dass das Land ihrer Väter, das sie, auch bei Erfüllung der kühnsten zionistischen
Pläne, doch keineswegs mehr selbst hätten betreten können, sich vielleicht auch
ihren Kindern und Kindeskindern niemals erschliessen würde.
    Verwundert, ja ein wenig ergriffen hatte Georg zugehört. Heinrich aber, der
während Leos Erzählung mit kurzen Schritten auf der Wiese hin und hergegangen
war, erklärte, dass ihm der Zionismus als die schlimmste Heimsuchung erschiene,
die jemals über die Juden hereingebrochen war, und gerade Leos Worte hätten ihn
davon tiefer überzeugt, als irgend eine Überlegung oder Erfahrung zuvor.
Nationalgefühl und Religion, das waren seit jeher Worte, die in ihrer
leichtfertigen, ja tückischen Vieldeutigkeit ihn erbitterten. Vaterland ... das
war ja überhaupt eine Fiktion, ein Begriff der Politik, schwebend, veränderlich,
nicht zu fassen. Etwas Reales bedeutete nur die Heimat, nicht das Vaterland ...
und so war Heimatsgefühl auch Heimatsrecht. Und was die Religionen anbelangte,
so liess er sich christliche und jüdische Legenden so gut gefallen, als
hellenische und indische; aber jede war ihm gleich unerträglich und widerlich,
wenn sie ihm ihre Dogmen aufzudrängen suchte. Und zusammengehörig fühlte er sich
mit niemandem, nein mit niemandem auf der Welt. Mit den weinenden Juden in Basel
gerade so wenig, als mit den grölenden Alldeutschen im österreichischen
Parlament; mit jüdischen Wucherern so wenig, als mit hochadeligen Raubrittern;
mit einem zionistischen Branntweinschänker so wenig, als mit einem
christlich-sozialen Greisler. Und am wenigsten würde ihn je das Bewusstsein
gemeinsam erlittener Verfolgung, gemeinsam lastenden Hasses mit Menschen
verbinden, denen er sich innerlich fern fühle. Als moralisches Prinzip und als
Wohlfahrtsaktion wollte er den Zionismus gelten lassen, wenn er sich aufrichtig
so zu erkennen gäbe; die Idee einer Errichtung des Judenstaates auf religiöser
und nationaler Grundlage erscheine ihm wie eine unsinnige Auflehnung gegen den
Geist aller geschichtlichen Entwicklung. »Und in der Tiefe Ihrer Seele«, rief er
aus, vor Leo stehen bleibend, »glauben auch Sie nicht daran, dass dieses Ziel je
zu erreichen sein wird, ja wünschen es nicht einmal, wenn Sie sich auch auf dem
Wege hin aus dem oder jenem Grunde behagen. Was ist Ihnen Ihr Heimatland
Palästina? Ein geographischer Begriff. Was bedeutet Ihnen der Glaube Ihrer
Väter? Eine Sammlung von Gebräuchen, die Sie längst nicht mehr halten und von
denen Ihnen die meisten gerade so lächerrlich und abgeschmackt vorkommen, als
mir.«
    Sie redeten noch lang, bald heftig und beinahe feindselig, dann wieder ruhig
und in dem ehrlichen Bestreben einander zu überzeugen; fanden sich manchmal wie
erstaunt in einer gleichen Ansicht, um einander im nächsten Augenblick in einem
neuen Widerspruch zu verlieren. Georg, auf seinen Mantel gestreckt, hörte ihnen
zu. Bald neigte sein Sinn sich Leo zu, in dessen Worten ihm ein glühendes
Mitleid für seine unglücklichen Stammesgenossen zu beben schien, und der sich
stolz von Menschen abkehrte, die ihn als ihresgleichen nicht wollten gelten
lassen. Bald wieder war er innerlich Heinrich näher, der sich zornig von einem
Beginnen abwandte, das, phantastisch und kurzsichtig zugleich, die Angehörigen
einer Rasse, deren Beste überall in der Kultur ihres Wohnlandes aufgegangen
waren, oder mindestens an ihr mitarbeiteten, von allen Enden der Welt versammeln
und in eine gemeinsame Fremde senden wollte, nach der sie kein Heimweh rief. Und
eine Ahnung stieg in Georg auf, wie schwer gerade diesen Besten, von denen
Heinrich sprach, denen, in deren Seelen sich die Zukunft der Menschheit
vorbereitete, eine Entscheidung fallen musste; wie gerade ihnen, hin und
hergeworfen zwischen der Scheu, zudringlich zu erscheinen und der Erbitterung
über die Zumutung, einer frechen Überzahl weichen zu sollen, zwischen dem
eingeborenen Bewusstsein, daheim zu sein, wo sie lebten und wirkten, und der
Empörung, sich eben da verfolgt und beschimpft zu sehen; wie gerade ihnen
zwischen Trotz und Ermattung das Gefühl ihres Daseins, ihres Wertes und ihrer
Rechte sich verwirren musste. Zum erstenmal begann ihm die Bezeichnung Jude, die
er selbst so oft leichtfertig, spöttisch und verächtlich im Mund geführt hatte,
in einer ganz neuen gleichsam düstern Beleuchtung aufzugehen. Eine Ahnung von
dieses Volkes geheimnisvollem Los dämmerte in ihm auf, das sich irgendwie in
jedem aussprach, der ihm entsprossen war; nicht minder in jenen, die diesem
Ursprung zu entfliehen trachteten wie einer Schmach, einem Leid oder einem
Märchen, das sie nichts kümmerte, als in jenen, die mit Hartnäckigkeit auf ihn
zurückwiesen, wie auf ein Schicksal, eine Ehre oder eine Tatsache der
Geschichte, die unverrückbar feststand.
    Und als er sich in den Anblick der beiden Sprechenden verlor und ihre
Gestalten betrachtete, die sich mit scharf gezogenen, heftig bewegten Linien von
dem rötlich-violetten Himmel abzeichneten, fiel es ihm nicht zum ersten Male
auf, dass Heinrich, der darauf bestand, hier daheim zu sein, in Figur und Geste
einem fanatischen, jüdischen Prediger glich, während Leo, der mit seinem Volk
nach Palästina ziehen wollte, in Gesichtsschnitt und Haltung ihn an die
Bildsäule eines griechischen Jünglings erinnerte, die er einmal im Vatikan oder
im Museum von Neapel gesehen hatte. Und wieder einmal, während sein Auge Leos
lebhaften und edeln Bewegungen mit Vergnügen folgte, begriff er sehr wohl, dass
Anna für den Bruder ihrer Freundin vor Jahren, in jenem Sommer am See, eine
schwärmerische Neigung empfunden hatte.
    Immer noch standen Heinrich und Leo einander auf der Wiese gegenüber, und
ins Unentwirrbare verlor sich ihr Gespräch. Die Sätze stürmten ineinander
hinein, verkrampfen sich ineinander, schossen aneinander vorbei, gingen ins
Leere; und in irgend einem Augenblick merkte Georg, dass er nur mehr den Klang
der Reden hörte, ohne ihrem Inhalt folgen zu können.
    Ein kühler Wind kam von der Ebene her, und Georg erhob sich leicht
erschauernd vom Rasen. Die andern, die seine Anwesenheit beinahe vergessen
hatten, waren dadurch zur Gegenwart zurückgerufen, und man beschloss
aufzubrechen. Noch leuchtete der volle Tag über der Landschaft, aber die Sonne
ruhte dunkelrot und matt über einer länglich gestreckten Abendwolke.
    Während er seinen Mantel aufs Rad schnallte, sagte Heinrich: »Nach solchen
Gesprächen bleibt mir immer eine Unbefriedigung, die sich geradezu bis zu einem
wehen Gefühl in der Magengegend steigert. Ja wirklich. Sie führen so gar
nirgends hin. Und was bedeuten überhaupt politische Ansichten bei Menschen,
denen die Politik nicht zugleich Beruf oder Geschäft ist? Nehmen sie den
geringsten Einfluss auf die Lebensführung, auf die Gestaltung des Daseins? Sowohl
Sie, Leo, als ich, wir beide werden nie etwas anderes tun, nie etwas anderes tun
können, als eben das leisten, was uns innerhalb unseres Wesens und unserer
Fähigkeiten zu leisten gegeben ist. Sie werden in Ihrem Leben nicht nach
Palästina auswandern, selbst wenn der Judenstaat gegründet und Ihnen sofort eine
Ministerpräsidenten- oder wenigstens Hofpianistenstelle angetragen würde .«
    »O das können Sie nicht wissen«, unterbrach ihn Leo.
    »Ich weiss es ganz bestimmt«, sagte Heinrich. »Dafür gesteh ich Ihnen ja auch
zu, dass ich mich trotz meiner vollkommenen Gleichgültigkeit gegen jegliche
Religionsform nie und nimmer werde taufen lassen, selbst wenn es möglich wäre
was ja heute weniger der Fall ist als je durch solch einen Trug antisemitischer
Beschränkteit und Schurkerei für alle Zeit zu entrinnen.«
    »Hm«, sagte Leo, »aber wenn die Scheiterhaufen wieder angezündet werden
...?«
    »Für diesen Fall«, entgegnete Heinrich, »dazu verpflichte ich mich hiermit
feierlich, werde ich mich vollkommen nach Ihnen richten.«
    »O«, wandte Georg ein, »diese Zeiten kommen doch nicht mehr wieder.«
    Die andern mussten lachen, dass Georg sie durch diese Worte, wie Heinrich
bemerkte, im Namen der gesamten Christenheit über ihre Zukunft zu beruhigen so
liebenswürdig wäre.
    Sie hatten indessen die Wiese durchquert. Georg und Heinrich schoben ihre
Räder auf dem holprigen Karrenweg vorwärts, Leo ihnen zur Seite, in wehendem
Mantel, ging auf dem Rasen hin. Alle schwiegen eine ganze Weile, wie ermüdet. Wo
der schlechte Weg in die breite Strasse mündete, blieb Leo stehen und sagte:
»Hier werden wir uns leider trennen müssen.« Er streckte Georg die Hand entgegen
und lächelte. »Sie müssen sich heute nicht übel gelangweilt haben«, sagte er.
    Georg errötete. »Na hören Sie, Sie halten mich doch für etwas ...«
    Leo hielt Georgs Hand fest. »Ich halte Sie für einen sehr klugen und auch
für einen sehr guten Menschen. Glauben Sie mir das?«
    Georg schwieg.
    »Ich möchte wissen«, fuhr Leo fort, »ob Sie mir das glauben, Georg, es liegt
mir daran.« Sein Ton bekam etwas wahrhaft Herzliches.
    »Ja natürlich glaub ich es Ihnen«, erwiderte Georg, noch immer etwas
ungeduldig.
    »Das freut mich«, sagte Leo, »denn Sie sind mir wirklich sympatisch,
Georg.« Er sah ihm tief in die Augen, dann reichte er ihm und Heinrich zum
Abschied nochmals die Hand und wandte sich zum Gehen.
    Georg aber hatte plötzlich die Empfindung, dass dieser junge Mann, der da mit
wehendem Mantel, den Kopf leicht gesenkt, in der Mitte der breiten Strasse nach
abwärts schritt, gar nicht nach einem »zu Hause« wanderte, sondern irgendwohin
in eine Fremde, in die man ihm nicht folgen könnte. Diese Empfindung war ihm
selbst umso unbegreiflicher, als er mit Leo in der letzten Zeit nicht nur manche
Stunde am Kaffeehaustisch im Gespräch verbracht, sondern auch durch Anna über
ihn, seine Familie, seine Lebensumstände allerlei Aufklärendes erfahren hatte.
Er wusste, dass jener Sommer am See, der nun mit der jugendlichen Schwärmerei
Annas sechs Jahre weit zurücklag, für die Familie Golowski den letzten
sorgenlosen bedeutet hatte, und dass das Geschäft des Alten im Winter darauf
völlig zugrunde gegangen war. Es sollte nun, nach Annas Erzählung, ganz
merkwürdig gewesen sein, wie alle Mitglieder der Familie sich so leicht in die
geänderten Verhältnisse fügten, als wären sie seit langem auf diesen Umschwung
gefasst gewesen. Aus der behaglichen Wohnung im Ratausviertel übersiedelte man
in eine trübselige Gasse in der Nähe des Augartens. Herr Golowski übernahm
Vermittlungsgeschäfte aller Art, Frau Golowski verfertigte Handarbeiten zum
Verkauf. Terese gab Unterricht in französischer und englischer Sprache und
setzte anfangs den Besuch der Schauspielschule fort. Ein junger Violinspieler
aus verarmter, russischer Adelsfamilie war es, der ihr Interesse für politische
Fragen erweckte. Bald hatte sie der Kunst abgeschworen, für die sie übrigens
stets mehr Neigung als Talent gezeigt hatte, und binnen kurzem stand sie als
Rednerin und Agitatorin mitten in der sozialdemokratischen Bewegung. Leo, ohne
mit ihren Anschauungen übereinzustimmen, freute sich ihres frischen und
verwegenen Wesens. Manchmal besuchte er sogar Versammlungen mit ihr; da er sich
aber nicht gern von grossen Worten imponieren liess, weder von Versprechungen, die
niemals einzulösen waren, noch von Drohungen, die ins Leere gingen, so machte es
ihm Spass, ihr meist schon auf dem Heimweg mit unwiderleglicher Schärfe die
Widersprüche in ihren und der Parteigenossen Reden nachzuweisen. Insbesondere
aber versuchte er ihr immer wieder klar zu machen, dass sie nicht, auf Tage und
Wochen oft, ihrer grossen Aufgabe so vollkommen vergessen könnte, wenn ihr
Mitgefühl mit den Armen und Elenden wirklich ein so tiefes wäre, wie sie sich
einbildete. Indes, auch Leos Leben ging nach keinem sichern Ziel. Er hörte
Vorlesungen an der Technik, gab Klavierlektionen, plante zuweilen sogar eine
Virtuosenlaufbahn und übte dann wochenlang fünf bis sechs Stunden täglich. Aber
es war noch immer nicht abzusehen, wofür er sich am Ende entscheiden würde. Da
es in seiner Art lag, unbewusst auf Wunder zu warten, die ihm Unbequemlichkeiten
ersparen konnten, hatte er sein Freiwilligenjahr so lang verschoben, bis der
letzte Termin herangerückt war, und diente darum erst jetzt, in seinem
fünfundzwanzigsten Lebensjahre. Die Eltern liessen Leo und Terese gewähren, und
so viel Meinungsverschiedenheiten, so wenig ernstlichen Streit schien es im
Hause Golowski zu geben. Die Mutter sass meistens daheim, nähte, stickte und
häkelte, der Vater ging seinen Geschäften immer saumseliger nach und sah lieber
im Kaffeehaus den Schachspielern zu, ein Vergnügen, in dem er den Niedergang
seines Daseins zu vergessen vermochte. Seinen Kindern gegenüber schien er seit
dem Ruin des Geschäftes eine gewisse Befangenheit nicht los zu werden, so dass er
beinahe stolz war, wenn Terese ihm gelegentlich einen von ihr verfassten Artikel
zu lesen gab, oder wenn Leo sich herbeiliess, mit ihm am Sonntag Nachmittag eine
Partie auf dem geliebten Brett zu spielen.
    Georg kam es manchmal vor, als stünde seine eigene Sympatie für Leo mit
jener längst verflossenen Neigung Annas für ihn in einem tiefern Zusammenhang.
Denn nicht zum ersten Male fühlte er sich in ganz sonderbarer Weise zu einem
Manne hingezogen, dem früher eine Seele zugeflogen war, die jetzt ihm gehörte.
    Georg und Heinrich hatten ihre Räder bestiegen und fuhren eine schmale
Strasse, durch dichten, dunkelnden Wald. Später, da dieser sich wieder zu beiden
Seiten zurückschob, hatten sie die sinkende Sonne im Rücken, und die
langgestreckten Schatten ihrer eigenen Gestalten auf den Rädern liefen ihnen
voraus. Entschiedener senkte sich die Strasse und führte bald zwischen niedern
Häusern hin, die von rötlichem Laub überhangen waren. Ein uralter Mann sass vor
einer Haustür auf einer Bank, zu einem offenen Fenster sah ein bleiches Kind
heraus. Sonst war kein menschliches Wesen zu sehen.
    »Wie ein verzaubertes Dorf«, sagte Georg.
    Heinrich nickte. Er kannte den Ort. Auch hier war er mit der Geliebten
gewesen, an einem wundervollen Sommertag dieses Jahres. Er dachte daran, und
brennende Sehnsucht zuckte ihm durchs Herz. Und er erinnerte sich der letzten
Stunden, die er in Wien mit ihr gemeinsam verbracht hatte, in seinem kühlen
Zimmer, mit den herabgelassenen Jalousien, durch deren Spalten der heisse
Augustmorgen geflimmert war; des letzten Spazierganges durch steinernkühle
sonntagsstille Gassen und durch alte, menschenleere Höfe, und seiner
Ahnungslosigkeit, dass all dies zum letzten Male war. Denn am nächsten Tag erst
war der Brief gekommen, der furchtbare Brief, in dem es geschrieben stand, dass
sie ihm den Schmerz des Abschieds hatte ersparen wollen, und dass sie, wenn er
diese Worte läse, längst über die Grenze sei, auf der Fahrt nach der neuen,
fremden Stadt.
    Die Strasse belebte sich. Freundliche Villen erschienen, von kleinen Gärtchen
behaglich umgeben; gelinde hinter den Häusern stiegen bewaldete Hügel empor.
Noch einmal breitete das Tal sich aus, und der scheidende Tag ruhte über Wiesen
und Feldern. In einem grossen, leeren Wirtshausgarten waren die Laternen
angezündet. Eilige Dämmer schienen von allen Seiten zugleich heranzuschleichen.
Nun war die Wegkreuzung da. Georg und Heinrich sassen ab und zündeten sich
Zigaretten an.
    »Rechts oder links?« fragte Heinrich.
    Georg sah auf die Uhr: »Sechs ... und ich muss um acht in der Stadt sein.«
    »Da können wir also nicht miteinander nachtmahlen?« sagte Heinrich.
    »Leider nein.«
    »Schade. So fahren wir gleich den kürzeren Weg, über Sievering, hinein.«
    Sie zündeten ihre Laternen an und schoben die Räder auf langgestreckten
Serpentinen durch den Wald. Der Reihe nach sprang ein Baum nach dem andern aus
dem Dunkel in den Schein der Lichtkegel und trat wieder in die Nacht zurück.
Stärker rauschte der Wind durchs Laub, und Blätter raschelten nieder. Heinrich
fühlte ein ganz leises Grauen, wie es ihn manchmal bei Dunkelheit in der freien
Natur überfiel. Dass er den Abend allein verbringen sollte, empfand er wie eine
Enttäuschung. Er war verstimmt gegen Georg und ärgerte sich daher auch über
dessen Verschlossenheit ihm gegenüber. Er nahm sich nicht zum erstenmal vor, von
jetzt an auch über seine eigenen, persönlichen Angelegenheiten nicht mehr mit
Georg zu reden. Es war besser so. Er bedurfte niemandes Vertrauen, niemandes
Teilnahme. Am wohlsten war ihm doch immer zumute gewesen, wenn er allein seines
Weges ging. Das hatte er nun oft genug erfahren. Wozu also einem andern seine
Seele erschliessen? Ja, Bekannte zu gemeinsamen Spaziergängen und Fahrten, zu
kühlen, klugen Gesprächen über allerlei Dinge des Lebens und der Kunst, Frauen
um sie flüchtig zu umarmen; doch keines Freundes, keiner Geliebten bedurfte er.
So floss das Dasein würdiger und ungestörter hin. Er schwelgte in diesen
Vorsätzen, fühlte sich hart und überlegen werden. Die Waldesdunkelheit verlor
ihre Schauer, und er wandelte durch die leise rauschende Nacht wie durch ein
verwandtes Element.
    Die Höhe war bald erreicht. Sternenlos lag der dunkle Himmel über der grauen
Strasse und über den nebelhauchenden Wiesen, die sich beiderseits in täuschender
Weite zu den Waldhügeln dehnten. Vom nahen Mautäuschen schimmerte ein Licht.
Wieder bestiegen sie die Räder und fuhren nun so rasch nach abwärts, als die
Dunkelheit es gestattete. Georg wünschte sich bald am Ziel zu sein. Seltsam
unwahrscheinlich kam es ihm vor, dass er in andertalb Stunden schon das stille
Zimmer wiedersehen sollte, von dem niemand wusste als Anna und er; den dämmrigen
Raum mit den Öldrucken an der Wand, dem blausamtenen Sofa, dem Pianino, auf dem
die Photographien unbekannter Leute und eine gipsweisse Schillerbüste standen;
mit den hohen, schmalen Fenstern, gegenüber denen die alte, dunkelgraue Kirche
ragte.
    Laternen brannten längs des Weges. Noch einmal wurde die Strasse freier, und
ein letzter Blick nach den Höhen öffnete sich. Dann ging es eiligst, zuerst noch
zwischen wohlgehaltenen Landhäusern, endlich über eine menschenerfüllte,
lärmende Hauptstrasse, tiefer in die Stadt hinein. Bei der Votivkirche stiegen
sie ab.
    »Adieu«, sagte Georg, »und auf Wiedersehen morgen im Kaffeehaus.«
    »Ich weiss nicht ...«, erwiderte Heinrich; und als Georg ihn fragend ansah,
fügte er hinzu: »Es ist möglich, dass ich verreise.«
    »O, ein so plötzlicher Entschluss!«
    »Ja, es packt einen eben zuweilen ...«
    »Die Sehnsucht«, ergänzte Georg lächelnd.
    »Oder die Angst«, sagte Heinrich und lachte kurz.
    »Dazu haben Sie wohl keine Ursache«, meinte Georg.
    »Wissen Sie das ganz sicher?« fragte Heinrich hämisch.
    »Sie haben mir doch selbst erzählt ...«
    »Was?«
    »Dass Sie jeden Tag Nachricht haben.«
    »Ja, das ist schon wahr, jeden Tag. Zärtliche, glühende Briefe bekomme ich.
Jeden Tag zur selben Stunde. Aber was beweist das? Ich schreibe ja noch viel
glühendere und zärtlichere und doch ...«
    »Nun ja«, sagte Georg, der ihn verstand. Und er wagte die Frage: »Warum
bleiben Sie eigentlich nicht bei ihr?«
    Heinrich zuckte die Achseln. »Sagen Sie doch selbst, Georg, käme es Ihnen
nicht ein wenig komisch vor, wenn man so einer Liebschaft wegen seine Zelte
abbräche, mit einer kleinen Schauspielerin in der Welt herumzöge ...«
    »Ich persönlich würde es natürlich sehr bedauern ... aber komisch ... was
sollte daran komisch sein?«
    »Nein, ich habe keine Lust dazu«, schloss Heinrich hart.
    »Aber wenn Ihnen ... wenn Ihnen sehr viel daran gelegen wäre ... wenn Sie es
direkt verlangten ... gäbe die junge Dame nicht vielleicht die Karriere auf?«
    »Möglich. Aber ich verlange es nicht. Ich will es nicht verlangen. Nein.
Lieber Schmerzen als Verantwortungen.«
    »Wäre es denn eine so grosse Verantwortung?« fragte Georg. »Ich meine nämlich
... ist das Talent der jungen Dame so hervorragend, hängt sie überhaupt so sehr
an ihrer Kunst, dass es ihr ein Opfer wäre, wenn sie die Sache aufgäbe?«
    »Ob sie Talent hat?« sagte Heinrich, »ja das weiss ich selbst nicht. Ich
glaube sogar, sie ist das einzige Geschöpf auf der ganzen Welt, über dessen
Talent ich mir ein Urteil nicht zutraue. So oft ich sie auf der Bühne gesehen
habe, hat mir ihre Stimme geklungen wie die einer Unbekannten und gleichsam
ferner als alle andern Stimmen. Es ist wirklich ganz merkwürdig ... Aber Sie
haben sie ja auch spielen gesehen, Georg. Was hatten Sie für einen Eindruck?
Sagen Sie es mir ganz aufrichtig.«
    »Ja, offen gestanden ... ich erinnere mich nicht recht an sie. Sie
entschuldigen, ich wusste ja damals noch nicht ... Wenn Sie von ihr reden, da seh
ich immer so einen rotblonden Schopf vor mir, der ein bisschen in die Stirne
fällt, und in einem kleinen, blassen Gesicht sehr grosse, schwarze, herumirrende
Augen.«
    »Ja, irrende Augen«, wiederholte Heinrich, biss sich auf die Lippen und
schwieg eine Weile. »Leben Sie wohl«, sagte er dann plötzlich.
    »Sie schreiben mir doch?« fragte Georg.
    »Ja natürlich. Und übrigens komm ich wohl einmal wieder«, setzte er hinzu
und lächelte starr.
    »Glückliche Reise«, sagte Georg, reichte ihm die Hand und drückte sie mit
besonderer Herzlichkeit. Das tat Heinrich wohl. Dieser warme Händedruck gab ihm
plötzlich nicht nur die Sicherheit, dass Georg ihn nicht lächerrlich fand, sondern
merkwürdigerweise auch die, dass die ferne Geliebte ihm treu und dass er selbst
ein Mensch sei, dem mehr erlaubt war als manchem andern.
    Georg sah ihm nach, wie er auf seinem Rad eiligst davonfuhr. Wieder, wie vor
wenigen Stunden bei Leos Abschied, hatte er die Empfindung, als entschwände ihm
einer in ein unbekanntes Land; und in diesem Augenblick wusste er, dass er mit
keinem von den beiden bei aller Sympatie jemals zu einer unbefangenen
Vertrauteit gelangen werde, wie sie ihn noch im vorigen Jahre mit Guido
Schönstein und vorher mit dem armen Labinski verbunden hatte. Er dachte darüber
nach, ob das vielleicht in dem Rassenunterschied zwischen ihm und jenen
begründet sein mochte und fragte sich, ob er, ohne das Gespräch der beiden,
durch das eigene Gefühl dieser Fremdheit sich so deutlich bewusst geworden wäre.
Er zweifelte daran. Fühlte er sich nicht gerade diesen beiden und manchen andern
ihres Volkes näher, ja verwandter, als vielen Menschen, die mit ihm vom gleichen
Stamme waren? Ja spürte er nicht ganz deutlich, dass manchmal irgendwo in die
Tiefe zwischen ihm und diesen beiden stärkere Fäden liefen, als von ihm zu
Guido, ja vielleicht zu seinem eigenen Bruder? Aber wenn es so war, hätte er das
nicht diesen beiden Menschen heute Nachmittag in irgendeinem Augenblick sagen
müssen? Ihnen zurufen: vertraut mir doch, schliesst mich nicht aus. Versucht es
doch, mich für einen Freund zu halten! ... Und als er sich fragte, warum er das
nicht getan und an ihrem Gespräch kaum teilgenommen hatte, da ward er mit
Verwunderung inne, dass er während dessen ganzer Dauer eine Art von
Schuldbewusstsein nicht los geworden war, gerade so als wäre auch er sein
Lebenlang von einer gewissen leichtfertigen und durch persönliche Erfahrung gar
nicht gerechtfertigten Feindseligkeit gegen die »Fremden«, wie Leo selbst sie
nannte, nicht frei gewesen und so sein Teil zu dem Misstrauen und dem Trotz
beigetragen, mit dem so manche sich vor ihm verschlossen, denen entgegenzukommen
er selbst Anlass und Neigung fühlen mochte. Dieser Gedanke erregte ihm ein
wachsendes Unbehagen, das er sich nicht recht deuten konnte, und das nichts
andres war, als die dumpfe Einsicht, dass reine Beziehungen auch zwischen
einzelnen reinen Menschen in einer Atmosphäre von Torheit, Unrecht und
Unaufrichtigkeit nicht gedeihen können.
    Immer schneller, als gälte es diesem Unbehagen zu entfliehen, fuhr er
heimwärts. Zu Hause angekommen, kleidete er sich rasch um, damit Anna nicht
allzulange warten müsse. Er sehnte sich nach ihr wie noch nie. Es war ihm, als
käme er von einer weiten Reise heim, zu dem einzigen Wesen, das ihm ganz
gehörte.
 
                                Viertes Kapitel
Georg stand am Fenster. Gerade darunter wölbten sich die steinernen Rücken der
bärtigen Riesen, die auf gewaltigen Armen das verwitterte Adelswappen eines
längst versunkenen Geschlechtes trugen. Gegenüber, aus dem Dunkel uralter Häuser
hervor, kam die Stiege geschlichen, bis vor das Tor der grauen Kirche, die im
Flockenfall wie hinter einem wallenden Vorhang verdämmerte. Das Licht einer
Strassenlaterne auf dem Platz schimmerte blass durch den sinkenden Tag. Noch
stiller an diesem Feiernachmittag als sonst ruhte unten die beschneite Strasse,
die mitten in der Stadt und doch abseits von allem Treiben hinzog. Und wieder
einmal, wie stets, wenn er die breite Treppe des alten zum Mietshaus gewordenen
Palastes emporgestiegen und in das geräumige, niedrig gewölbte Zimmer getreten
war, fühlte Georg, seiner gewohnten Welt entronnen, sich wie zum andern Teile
eines wundersamen Doppeldaseins eingegangen.
    Er hörte einen Schlüssel in der Türe knirschen und wandte sich um. Anna trat
ein. Georg schloss sie beglückt in die Arme und küsste sie auf Stirn und Mund. Die
dunkelblaue Jacke, der breitrandige Hut, die Pelzboa, alles war ganz beschneit.
    »Du hast ja gearbeitet«, sagte Anna, während sie ablegte, und wies auf den
Tisch, wo neben der grünbeschirmten Lampe beschriebene Notenblätter lagen.
    »Das Quintett hab ich mir durchgesehen, den ersten Satz. Es ist doch noch
manches daran zu machen.«
    »Aber dann wird's wunderschön sein.«
    »Das wollen wir hoffen. Kommst du von Hause, Anna?«
    »Nein, von Bittners.«
    »Wie, heut am Feiertag?«
    »Ja. Die zwei Mädeln haben durch die Masern viel versäumt, das muss
nachgeholt werden. Ist mir übrigens sehr angenehm, schon aus finanziellen
Gründen.«
    »Die Riesensumme!«
    »Und dann entgeht man wenigstens auf ein paar Stunden dem trauten Heim.«
    »Na ja«, sagte Georg, legte Annas Boa über eine Sessellehne und strich
zerstreut mit den Fingern über das Pelzwerk hin. Annas Bemerkung, aus der es,
und nicht zum erstenmal, wie ein leiser Vorwurf gegen ihn herausklang, hatte ihn
nicht angenehm berührt. Sie setzte sich auf den Diwan, führte die Hände an die
Schläfen, strich leicht über das dunkelblonde, gewellte Haar nach rückwärts und
blickte Georg lächelnd an. Er, beide Hände in den Saccotaschen, stand an die
Kommode gelehnt und begann von dem gestrigen Abend zu erzählen, den er mit Guido
und der Violinspielerin verbracht hatte. Seit einigen Wochen nahm die junge
Dame, auf des Grafen Wunsch, bei dem Beichtvater einer Erzherzogin katolischen
Religionsunterricht; sie ihrerseits hielt Guido an, Nietzsche und Ibsen zu
lesen. Doch war als Resultat dieses Studiums, nach Georgs Bericht, bisher nichts
anderes zu verzeichnen, als dass der junge Graf seine Geliebte nach jener
wunderlichen Gestalt aus »Klein Eyolf« scherzhafterweise Rattenmamsell zu nennen
pflegte.
    Anna wusste über den gestrigen Abend wenig Heiteres mitzuteilen. Sie hatten
Besuch gehabt. »Zuerst«, erzählte Anna, »die zwei Cousinen von Mama, dann ein
Bureaukollege von Papa zum Tarokspielen. Auch Josef hat sich der Häuslichkeit
ergeben, ist auf dem Diwan gelegen von drei bis fünf, dann ist sein neuester
Spezi gekommen, Herr Jalaudek, der mir erheblich den Hof gemacht hat.«
    »So, so.«
    »Er war berückend. Ich sage nur: eine violette Krawatte mit gelben Tupfen,
da kannst du dich verstecken. Übrigens hat er mir den ehrenvollen Antrag
überbracht, in einer sogenannten Akademie beim wilden Mann, zugunsten des
Währinger Kirchenbauvereins mitzuwirken.«
    »Du hast natürlich zugesagt.«
    »Ich habe mich mit meinem Mangel an Stimme und an Frömmigkeit entschuldigt.«
    »Na was die Stimme anbelangt ...«
    Sie unterbrach ihn. »Nein, Georg«, sagte sie leicht, »die Hoffnung hab ich
endgültig aufgegeben.«
    Er sah sie an und suchte in ihrem Blick, der aber klar und frei blieb. Leise
und dumpf klang die Orgel aus der Kirche herüber.
    »Ja richtig«, sagte Georg, »das Billett für morgen zu Carmen hab ich dir
mitgebracht.«
    »Dank schön«, erwiderte sie und nahm die Karte entgegen. »Gehst du auch?«
    »Ja. Ich hab eine Loge im dritten Stock und lad mir den Bermann ein. Die
Partitur nehm ich mir mit, wie neulich zu Lohengrin und üb' mich wieder im
Dirigieren. Im Hintergrund natürlich. Du kannst dir nicht vorstellen, was man
dabei lernt. Ich möcht dir übrigens was vorschlagen«, setzte er zögernd hinzu.
»Willst du nicht nach dem Teater mit mir und Bermann nachtmahlen gehen?«
    Sie schwieg.
    Er fuhr fort. »Es wäre mir wirklich angenehm, wenn du ihn näher kennen
lerntest. Er ist bei allen seinen Fehlern ein interessanter Mensch und ...«
    »Ich bin keine Rattenmamsell«, unterbrach sie ihn scharf und hatte gleich
ihr bürgerlich strenges Gesicht. Georg verzog die Mundwinkel. »Das trifft mich
nicht, liebes Kind, ich unterscheide mich auch in mancher Beziehung von Guido.
Aber wie du willst.« Er ging im Zimmer hin und her, sie blieb auf dem Diwan
sitzen. »Du gehst also heute Abend zu Ehrenbergs?« fragte sie dann.
    »Du weisst ja. Ich habe schon zweimal abgesagt in der letzten Zeit. Ich
konnte diesmal nicht recht ...
    »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Georg. Ich bin auch geladen.«
    »Wo denn?«
    »Auch bei Ehrenbergs.«
    »Wirklich«, rief er unwillkürlich aus.
    »Was wundert dich denn dran so sehr?« fragte sie spitz. »Offenbar wissen sie
dort noch nicht, dass man mit mir nicht mehr verkehren kann.«
    »Aber Anna, was hast du denn heut? warum bist du denn gar so empfindlich?
Selbst wenn man wüsste ... glaubst du, das würde die Leute hindern, dich
einzuladen? Im Gegenteil. Ich bin überzeugt, Frau Ehrenberg bekäme geradezu
Respekt vor dir.«
    »Und klein Elschen würde mich vielleicht gar beneiden. Glaubst du nicht? Sie
hat mir übrigens ganz nett geschrieben. Da ist ihr Brief, willst du ihn lesen?«
Georg flog ihn durch, fand ihn von etwas absichtlicher Liebenswürdigkeit,
äusserte sich nicht weiter und gab ihn Anna wieder.
    »Da ist übrigens noch einer«, sagte Anna, »wenn er dich interessieren
sollte.«
    »Von Doktor Stauber? So? Wär es ihm recht, wenn er wüsste, dass ich ihn zu
lesen bekomme?«
    »Was bist du denn plötzlich so rücksichtsvoll?« Und wie strafend fügte sie
hinzu: »Es wär ihm wahrscheinlich manches nicht recht.«
    Georg las den Brief rasch für sich durch. In trockener, zuweilen etwas
humoristisch gefärbter Art berichtete Bertold vom Fortgang seiner Arbeiten im
Pasteurschen Institut, von Spaziergängen, Ausflügen und Teaterbesuchen und liess
es auch an Bemerkungen allgemeinem Charakters nicht fehlen; doch entielt der
Brief auf seinen acht Seiten keinerlei Anspielung auf Vergangenheit oder
Zukunft. Georg fragte beiläufig: »Wie lang bleibt er denn noch in Paris?«
    »Wie du siehst, schreibt er noch kein Wort vom Zurückkommen.«
    »Deine Freundin Terese erwähnte neulich, dass seine Parteigenossen ihn gerne
wieder hier haben möchten.«
    »Ah, ist sie wieder im Kaffeehaus gewesen?«
    »Ja. Vor zwei oder drei Tagen hab ich sie dort gesprochen. Ich amüsier mich
wirklich sehr über sie.«
    »So?«
    »Anfangs ist sie nämlich immer sehr hochmütig, auch mit mir. Offenbar, weil
ich auch mein Leben so mit Kunst und ähnlichen Dummheiten vertrödle, während es
doch so viele wichtigere Dinge auf der Welt zu tun gibt. Aber wenn sie ein
bissel wärmer wird, dann kommt's heraus, dass sie sich für alle möglichen
Dummheiten geradeso interessiert, wie wir gewöhnlichen Menschen.«
    »Sie wird leicht warm«, sagte Anna unbeweglich.
    Georg ging auf und ab und sprach weiter. »Köstlich war sie ja neulich beim
Fechtturnier im Musikvereinssaal. Wer war übrigens der Herr, mit dem sie oben
auf der Galerie gesessen ist?«
    Anna zuckte die Achseln. »Ich hatte nicht den Vorzug, dem Turnier
beizuwohnen. Und übrigens kenn ich die Begleiter Teresiens nicht alle.«
    »Ich nehme an«, sagte Georg, »es war ein Genosse, in jeder Beziehung. Sehr
düster und ziemlich schlecht angezogen war er jedenfalls. Wie Terese nach
Felicians Sieg applaudiert hat, hat er sich vor Eifersucht geradezu
zusammengerollt.«
    »Was hat dir Terese eigentlich von Doktor Bertold erzählt?« fragte Anna.
    »O«, scherzte Georg, »man interessiert sich ja noch sehr lebhaft, wie es
scheint.«
    Anna antwortete nicht.
    »Also«, berichtete Georg, »ich kann dir die Mitteilung machen, dass man ihn
im Herbst für den Landtag kandidieren will, was ich übrigens sehr begreiflich
finde, mit Rücksicht auf seine glänzenden Rednergaben.«
    »Was weisst denn du! Hast du ihn schon sprechen gehört?«
    »Natürlich, erinnerst du dich denn nicht! In Eurer Wohnung!«
    »Du hast's wirklich nicht notwendig, dich über ihn lustig zu machen.«
    »Aber das fällt mir ja gar nicht ein.«
    »Ich hab's ja gleich bemerkt, er ist dir damals ein bisschen komisch
vorgekommen. Er, und sein Vater auch. Du hast ja geradezu die Flucht ergriffen
vor ihnen.«
    »Ganz und gar nicht, Anna. Du tust sehr unrecht, mir solche Dinge zu
insinuieren.«
    »Sie mögen ja ihre Schwächen haben, beide, aber sie gehören wenigstens zu
den Menschen, auf die man sich verlassen kann. Das ist auch etwas.«
    »Hab ich das bestritten, Anna? Wahrhaftig, niemals hab ich dich so unlogisch
reden gehört. Was willst du denn eigentlich von mir? Hätt ich vielleicht
eifersüchtig werden sollen wegen dieses Briefes?«
    »Eifersüchtig? Das fehlte noch, du mit deiner Vergangenheit.«
    Georg zuckte die Achseln. In seinem Geist tauchten Erinnerungen auf, an
ähnliche Wortzwiste im Verlaufe früherer Beziehungen, an jene plötzlichen
rätselhaften Uneinigkeiten und Entfremdungen, die meist nichts anderes zu
bedeuten gehabt hatten, als den Anfang vom Ende. Sollte er mit seiner klugen,
guten Anna heute wirklich schon so weit sein? Verstimmt, beinahe traurig ging er
im Zimmer auf und ab. Zuweilen warf er einen flüchtigen Blick nach der
Geliebten, die schweigend in ihrer Diwanecke sass und leicht die Hände
aneinanderrieb, als wäre ihr kalt. In das Schweigen des mit einmal trübselig
gewordenen Raums klang die Orgel schwerer als zuvor, singende Menschenstimmen
wurden vernehmbar, und die Fensterscheiben klirrten leise. Georgs Blick fiel auf
den kleinen Weihnachtsbaum, der auf der Kommode stand und dessen Kerzen
vorgestern Abend für ihn und Anna gebrannt hatten. Halb gelangweilt, halb
zerstreut nahm er Zündhölzchen aus der Tasche und begann die kleinen Kerzen eine
nach der andern anzuzünden. Da klang plötzlich Annas Stimme zu ihm her: »In
einer ernsten Sache«, sagte sie langsam, »würde ich mich doch keinem andern
anvertrauen, als dem alten Doktor Stauber.«
    Befremdet wandte sich Georg nach ihr um, und blies ein brennendes
Zündhölzchen aus, das er noch in der Hand hielt. Er wusste sofort, was Anna
meinte, wunderte sich, dass er seit dem letzten Zusammensein selbst nicht mehr
daran gedacht hatte, trat zu ihr hin und fasste ihre Hand. Nun erst schaute sie
auf, undurchdringlich, mit bewegungslosen Zügen.
    »Du Anna sag doch ...«, er setzte sich an ihre Seite auf den Diwan, ihre
beiden Hände in den seinen.
    Sie schwieg.
    »Warum redest du nicht?«
    Sie zuckte die Achseln. »Es ist eben gar nichts Neues zu berichten«,
erklärte sie dann einfach.
    »So«, sagte er langsam. Es ging ihm durch den Sinn, ob nicht ihre heutige
sonderbare Gereizteit schon als ein Anzeichen des Zustandes zu deuten war, auf
den sie anspielte, und Unruhe stieg in seiner Seele auf. »Aber sicher ist die
Sache deswegen noch lange nicht«, sagte er in etwas kühlerm Tone, als er
eigentlich wollte. »Und ... und wenn auch «, setzte er mit gekünstelter
Lebhaftigkeit hinzu.
    »Also du würdest mir verzeihen?« fragte sie lächelnd.
    Er drückte sie an sich und war plötzlich ganz aufgeräumt. Eine lebhafte,
etwas gerührte Zärtlichkeit flammte in ihm auf für das sanfte, gute Geschöpf,
das er in den Armen hielt, und von dem ihm, er fühlte es tief, niemals ein
ernstliches Leid kommen konnte. »Es wäre wahrhaftig nicht so schlimm«, sagte er
heiter. »Du würdest eben Wien für einige Zeit verlassen, das ist alles.«
    »Na, gar so einfach wär das allerdings nicht, wie du dir's plötzlich
vorzustellen scheinst.«
    »Warum nicht? Eine Ausrede ist bald gefunden. Im übrigen, wen geht's denn
an? Uns zwei. Niemanden andern. Und was mich anbelangt, so weisst du, ich kann
jeden Tag fort. Kann auch ausbleiben, so lange ich will. Ich habe noch nicht
einmal einen Kontrakt fürs nächste Jahr unterschrieben«, setzte er lächelnd
hinzu. Dann erhob er sich, um die Wachskerzchen auszulöschen, deren kleine
Flammen beinahe ganz heruntergebrannt waren; und immer lebhafter sprach er
weiter. »Es wäre sogar wunderschön. Denk doch, Anna! Ende Februar, oder anfangs
März würden wir abreisen, in den Süden natürlich, nach Italien, ans Meer
vielleicht. Würden an irgendeinem stillen Ort wohnen, wo kein Mensch uns kennt,
in einem schönen Hotel mit einem Riesenpark. Und arbeiten könnt man da unten,
Donnerwetter!«
    »Also darum!« sagte sie, wie in plötzlichem Verstehen. Er lachte, nahm sie
fester in seine Arme, und sie drängte sich an seine Brust. Von draussen kam kein
Laut mehr. Orgel und Menschenstimmen waren verklungen. Vor den Fenstern schwebte
der Schneevorhang nieder ... Georg und Anna waren glücklich wie niemals zuvor.
    Während sie im Dunkel ruhten, sprach er von seinen musikalischen Plänen für
die nächste Zeit und erzählte ihr Heinrichs Opernstoff, soweit er es vermochte.
Mit schimmernden Schatten füllte sich der Raum. Einen märchenhaften Königssaal
durchrauschte ein Hochzeitsfest. Ein leidenschaftlicher Jüngling schlich sich
ein und zückte seinen Dolch auf den Fürsten. Ein dunkles Urteil, geheimnisvoller
als der Tod, wurde verkündet. Auf dämmernder Flut trieb ein träges Schiff
unbekannten Zielen entgegen. Zu Füssen des Jünglings ruhte eine Prinzessin, die
eines Herzogs Braut gewesen. Ein Unbekannter nahte auf leuchtendem Kahn mit
seltsamer Botschaft; Narren, Sterngucker, Tänzerinnen, Höflinge schwebten
vorbei. Schweigend hatte Anna gelauscht. Am Ende war Georg neugierig zu
erfahren, was für einen Eindruck sie von den flüchtigen Bildern empfangen hätte.
    »Ich kann's nicht recht sagen«, erwiderte sie. »Jedenfalls ist es mir heut
noch ganz rätselhaft, wie aus dem ziemlich wirren Zeug jemals irgendwas
Wirkliches werden soll.«
    »Natürlich kannst du dir das heute noch nicht vorstellen besonders nach
meiner Erzählung ... Aber den musikalischen Hauch, der aus der Geschichte
herausweht, den spürst du doch, nicht wahr? Ich hab mir sogar schon ein paar
Motive aufnotiert, und ich möchte sehr gern, dass Bermann sich bald ernstlich an
die Arbeit machte.«
    »An deiner Stelle, Georg ... ich darf doch was sagen?«
    »Natürlich, red nur.«
    »Also ich an deiner Stelle würde doch zuerst einmal das Quintett
abschliessen. Es kann ja jetzt nicht mehr viel dran fehlen.«
    »Viel nicht und doch ... Übrigens darfst du nicht vergessen, dass ich in der
letzten Zeit allerlei anderes angefangen habe. Die zwei Klavierstücke, dann das
Orchesterscherzo das ist sogar ziemlich weit gediehn. Aber es gehört unbedingt
in eine Symphonie.«
    Anna erwiderte nichts. Georg merkte, dass ihre Gedanken abschweiften, und er
fragte sie, wohin sie ihm denn schon wieder entrückt sei.
    »Nicht gar so weit«, entgegnete sie. »Mir ist nur so durch den Kopf
gegangen, was alles geschehen sein kann, bis die Oper einmal wirklich fertig
sein wird.«
    »Ja«, sagte Georg langsam, beinahe etwas befangen, »wenn man so in die
Zukunft blicken könnte.«
    Sie seufzte ganz leise, und er drängte sich näher an sie, fast mitleidig.
»Sei ruhig, mein Schatz, sei ruhig«, sagte er, »ich bin ja da ... und ich werde
immer da sein.« Er glaubte zu fühlen, wie sie dachte: Kann er nichts Besseres
sagen? ... nichts Stärkeres? nichts, das alle Angst, und das sie für immer von
mir nähme? Und unaufrichtig, wie mit dem Gedanken sich in eine Gefahr zu
begeben, fragte er sie: »Woran denkst du?« Und noch einmal, als sie beharrlich
schwieg: »Anna, woran denkst du denn?«
    »An etwas sehr Sonderbares«, erwiderte sie leise.
    »Woran?«
    »Dass das Haus schon steht, wo es zur Welt kommen wird, und wir haben keine
Ahnung wo ... daran hab ich denken müssen.«
    »Daran«, sagte er seltsam berührt. Und mit neu aufflammender Zärtlichkeit
sie an sein Herz pressend: »Ich werde euch nie verlassen, euch beide ...«
    Als es wieder licht im Zimmer wurde, waren sie sehr vergnügt, pflückten von
den Ästen des kleinen Weihnachtsbaumes die letzten vergessenen Zuckersachen,
freuten sich auf das Wiedersehen unter lauter gleichgültigen Menschen, das ihnen
bevorstand, wie auf ein heiteres Abenteuer, lachten und redeten lustigen Unsinn.
    Sobald Anna fortgegangen war, versperrte Georg die Notenblätter in der
Tischlade, löschte die Lampe aus und öffnete ein Fenster. Leicht und dünn fiel
der Schnee. Über die Stiege aus dem Dunkel kam ein alter Mann, und sein
mühseliges Atmen tönte durch die unbewegte Luft herauf. Grau ragte die stumme
Kirche gegenüber ... Georg blieb eine Weile am Fenster stehen. Er war in diesem
Augenblick beinahe überzeugt, dass Anna sich in ihrer Annahme täuschte. Wie eine
Beruhigung fiel ihm jene Äusserung Leo Golowskis ein, dass Anna bestimmt wäre im
Bürgerlichen zu enden. Wahrhaftig es konnte nicht in der »Linie ihres
Schicksals« liegen, von einem Liebhaber ein Kind zu bekommen. Und nicht in der
Linie des seinen lag es, Verpflichtungen ernster Art zu tragen, heute schon und
vielleicht für alle Zeit an ein weibliches Wesen festgebunden zu sein; Vater zu
werden in so jungen Jahren. Vater! ... Schwer, beinahe düster sank das Wort in
seine Seele.
    Um acht Uhr abends trat er in den Ehrenbergschen Salon. Walzerklänge tönten
ihm entgegen. Am Klavier sass der alte Eissler, dem der lange graue Vollbart fast
bis auf die Tasten herabsank. Georg, der, um nicht zu stören, am Eingang
stehenblieb, wurde von allen Seiten durch Blicke begrüsst. Der alte Eissler
spielte mit weichem Anschlag und kräftigem Rhytmus seine berühmten Wiener Tänze
und Lieder, und Georg hatte wie immer viel Freude an den süssen, wiegenden
Melodien.
    »Herrlich«, sagte Frau Ehrenberg, als der Alte sich erhob.
    »Bewahren Sie sich die grossen Worte für grössere Gelegenheiten, Leonie«,
erwiderte Eissler, dessen altes Vorrecht es war, alle Frauen und Mädchen bei
ihren Vornamen zu nennen. Und es schien jeder wohl zu tun, ihn von diesem
schönen alten Mann, mit der tiefen, klingenden Stimme aussprechen zu hören, in
der es manchmal bebte wie ein sentimentales Echo aus bewegten Jugendtagen. Georg
fragte ihn, ob alle seine Kompositionen im Druck erschienen wären.
    »Die wenigsten, lieber Baron; ich selbst kann leider keine Noten schreiben.«
    »Es wäre aber wirklich jammerschade, wenn diese charmanten Melodien ganz
verloren gehen sollten.«
    »Ja, das hab ich ihm auch oft gesagt«, nahm Frau Ehrenberg das Wort. »Aber
er gehört leider zu den Menschen, die sich selber nie ganz ernst genommen
haben.«
    »O, das ist ein Irrtum, Leonie. Wissen Sie denn, wie ich meine musikalische
Karriere begonnen habe? Eine grosse Oper hab ich komponieren wollen. Allerdings
war ich damals siebzehn Jahre alt und in eine Sängerin rasend verliebt.«
    Die Stimme der Frau Oberberger tönte vom Tische in der Ecke her: »Es wird
eine Choristin gewesen sein.«
    »Sie irren sich, Katarina«, erwiderte Eissler. »Choristinnen waren nie mein
Fall. Es war sogar eine platonische Liebe, wie die meisten grossen Leidenschaften
meines Lebens.«
    »Waren Sie so ungeschickt?« fragte Frau Oberberger.
    »Manchmal wohl auch das«, erwiderte Eissler sonor und mit Anstand; »denn
wahrscheinlich hätte ich gerade soviel Glück haben können wie ein
Husarenrittmeister. Aber ich bedaure es nicht, ungeschickt gewesen zu sein.
Ungetrübte Erinnerungen bewahren wir doch nur an versäumte Gelegenheiten.«
    Frau Ehrenberg nickte beifällig.
    »Man dürfte also nicht fehlgehen, Herr Eissler«, bemerkte Nürnberger, »wenn
man in Ihrer Lebensgeschichte den getrübten Erinnerungen die grössere Rolle
zuweist.« Wieder nickte Frau Ehrenberg. Sie war entzückt, wenn man in ihrem
Salon geistreich war.
    »Warum sagten Sie«, fragte Frau Oberberger, »Sie hätten so viel Glück haben
können wie ein Husarenrittmeister? Es ist gar nicht wahr, dass Offiziere
besonders viel Glück bei den Frauen haben. Wenn meine Schwägerin auch einmal ein
Verhältnis mit einem Oberleutnant gehabt hat ...«
    »Ich glaube nicht an platonische Liebe«, sagte Sissy und leuchtete durch den
Saal.
    Frau Wyner schrie leise auf.
    »Fräulein Sissy hat wahrscheinlich recht«, sagte Nürnberger. »Wenigstens bin
ich überzeugt, dass die meisten Frauen platonische Liebe entweder als Beleidigung
auffassen oder als Ausrede.«
    »Es sind junge Mädchen da«, erinnerte Frau Ehrenberg mild.
    »Das merkt man schon daraus«, sagte Nürnberger, »dass sie mitreden.«
    »Trotzdem möchte ich mir erlauben, zu dem Kapitel platonische Liebe eine
kleine Anekdote zu erzählen«, sagte Heinrich.
    »Nur keine jüdische«, warf Else ein.
    »Gewiss nicht. Hören Sie nur. Ein kleines blondes Mädel ...«
    »Das beweist nichts«, unterbrach Else.
    »Lass doch zu Ende erzählen,« mahnte Frau Ehrenberg.
    »Also: ein kleines, blondes Mädel«, begann Heinrich von neuem, »hat einmal,
im Gegensatz zu Fräulein Sissy, mir gegenüber die Überzeugung ausgesprochen, dass
platonische Liebe tatsächlich existiere. Und wissen Sie, was sie mir als Beweis
dafür angeführt hat ...? Ein eigenes Erlebnis. Sie hat nämlich einmal eine
Stunde, wie sie mir erzählte, ganz allein in einem Zimmer mit einem Leutnant
verbracht und ...«
    »Es ist genug«, rief Frau Ehrenberg angstvoll.
    »Und«, schloss Heinrich unbeirrt und beruhigend, »es ist in dieser Stunde
nicht das geringste vorgefallen.«
    »Sagt das blonde Mädel«, ergänzte Else.
    Die Tür öffnete sich, Georg sah eine fremde Dame eintreten, in einem
hellblauen, viereckig ausgeschnittenen Kleid, blass, einfach und vornehm. Erst
als sie lächelte, ward ihm bewusst, dass die Dame Anna Rosner war, und er empfand
irgend etwas wie Stolz auf sie. Als er der Geliebten die Hand reichte, fühlte er
den Blick Elses auf sich gerichtet.
    Man begab sich ins Nebenzimmer, wo der Tisch mit bescheidener Festlichkeit
gedeckt war. Der Sohn des Hauses fehlte. Er befand sich in Neuhaus, in der
väterlichen Fabrik. Herr Ehrenberg selbst aber sass plötzlich bei Tisch, als das
Souper aufgetragen war. Erst kürzlich war er von seiner Reise heimgekehrt, die
ihn tatsächlich bis Palästina geführt hatte. Als er von Hofrat Wilt nach seinen
Erlebnissen gefragt wurde, wollte er zuerst nicht recht mit der Sprache heraus.
Endlich ergab sich, dass ihn die Landschaft enttäuscht, die Strapazen der Reisen
verstimmt, und dass er von den jüdischen Ansiedlungen, die sicherm Vernehmen nach
im Entstehen waren, so gut wie nichts gesehen hatte. »Also wir haben begründete
Hoffnung«, bemerkte Nürnberger, »Sie hier zu behalten, selbst für den Fall, dass
der Judenstaat im Laufe der nächsten Zeit gegründet werden sollte?«
    Unwirsch erwiderte Ehrenberg: »Hab ich Ihnen je gesagt, dass ich die Absicht
habe auszuwandern? Ich bin zu alt dazu.«
    »Ach so«, sagte Nürnberger, »ich wusste nicht, dass Sie sich die Gegend drüben
nur Fräulein Else und Herrn Oskar zuliebe angesehen haben.«
    »Lieber Nürnberger, ich werd mich da nicht mit Ihnen streiten. Der Zionismus
ist auch wahrhaftig zu gut für ein Tischgespräch.«
    »Ob zu gut«, sagte Hofrat Wilt, »wollen wir dahingestellt sein lassen,
jedenfalls zu kompliziert, schon darum weil jeder was anderes darunter
versteht.«
    »Oder verstehen will«, fügte Nürnberger hinzu, »wie es übrigens mit den
meisten Schlagworten und nicht nur in der Politik der Fall ist. Darum wird ja
auf Erden so viel geschwätzt.«
    Heinrich erklärte, dass ihm unter allen menschlichen Geschöpfen der Politiker
gewissermassen die rätselhafteste Erscheinung bedeute. »Ich begreife
Taschendiebe«, sagte er, »Akrobaten, Bankdirektoren, Hoteliers, Könige ... das
heisst, ohne besondere Mühe gelingt es mir, mich in die Seelen aller dieser Leute
hineinzuversetzen. Daraus folgt offenbar, dass es nur gewisser quantitativer,
wenn auch ungeheurer Veränderungen meines Wesens bedürfte, um mich zu befähigen,
in der Welt eine Akrobaten-, eine Königs-, eine Bankdirektorsrolle zu spielen.
Dagegen fühl ich untrüglich: ich könnte mein Wesen ins Ungemessene steigern, und
es würde doch nie das aus mir, was man einen Politiker nennt: ein Parteiführer,
ein Genosse, ein Minister.«
    Nürnberger lächelte über die Auffassung Heinrichs, nach der der Politiker
eine besondere Menschenart bedeuten sollte, während es doch nur zu den äussern,
nicht einmal unumgänglichen Erfordernissen seines Berufes gehörte, sich als
besondere Menschenart aufzuspielen, seine Grösse oder seine Nichtigkeit, seine
Taten oder seine Trägheit hinter Titeln, Abstrakten, Symbolen zu verstecken. Was
die Unbeträchtlichen oder Schwindelhaften unter ihnen vorstellten, das lag ja
auf der Hand: es waren einfach Geschäftsleute, oder Hochstapler, oder
Schönredner. Die Bedeutenden aber, die Tätigen, die Genialen ganz gewiss, die
waren in der Tiefe ihrer Seele nichts anderes als Künstler. Auch sie versuchten
ein Werk zu schaffen und eines, das in der Idee geradeso Anspruch auf
Unvergänglichkeit und Endgültigkeit erhob, wie irgendein anderes Kunstwerk. Nur,
dass eben das Material, aus dem sie bildeten, kein starres, kein relativ
bleibendes war, wie Töne oder Worte sind, sondern dass es nach lebendiger
Menschen Art, sich ununterbrochen in Fluss und Bewegung befand.
    Willy Eissler erschien, entschuldigte sich bei der Hausfrau, dass er sich
verspätet hatte, nahm zwischen Sissy und Frau Oberberger Platz und grüsste seinen
Vater wie einen lieben, alten Freund nach langer Trennung. Es stellte sich
heraus, dass die beiden, trotzdem sie zusammen wohnten, sich seit mehreren Tagen
nicht gesehen hatten. Willy erhielt Komplimente zu seinem Erfolg in der
Aristokratenvorstellung, wo er mit der Gräfin Liebenberg-Ratony in einem
französischen Proverbe einen Marquis gespielt hatte. Frau Oberberger fragte ihn,
immerhin laut genug, dass es die Nächstsitzenden verstehen konnten, wo seine
Rendezvous mit der Gräfin stattfänden und ob er sie im gleichen Absteigquartier
empfinge wie seine bürgerlichen Flammen. Die Unterhaltung wurde lebhafter,
Gespräche gingen hin und her und verschlangen sich da und dort. Georg aber fing
abgerissene Worte auf, auch aus einer Unterhaltung zwischen Anna und Heinrich,
in der von Terese Golowski die Rede war. dabei sah er, wie Anna zuweilen einen
neugierig dunkeln Blick zu Demeter Stanzides herüberwarf, der heute im Frack mit
einer Gardenia im Knopfloch erschienen war; und ohne eigentliche Eifersucht zu
verspüren, fühlte er sich sonderbar bewegt. Ob sie in diesem Augenblick wohl
daran dachte, dass sie vielleicht ein Kind von ihm unter dem Herzen trug? »Die
Untiefen ...« fiel ihm wieder ein. Plötzlich sah sie zu ihm herüber, mit einem
Lächeln, als käme sie von einer Reise heim. Er war innerlich wie befreit und
spürte mit einem leisen Schrecken, wie sehr er sie liebte. Dann führte er sein
Glas an die Lippen und trank ihr zu. Else, die bisher mit ihrem andern Nachbar,
Demeter, geplaudert hatte, wandte sich nun an Georg; in ihrer absichtlich
beiläufigen Art mit einem Blick auf Anna bemerkte sie: »Hübsch sieht sie aus. So
frauenhaft. Das hat sie übrigens immer an sich gehabt. Musizieren Sie noch mit
ihr?«
    »Manchmal«, entgegnete Georg kühl.
    »Vielleicht bitt ich sie, vom neuen Jahr an wieder mit mir zu korrepetieren.
Ich weiss nicht, wieso es bis jetzt nicht dazu gekommen ist.«
    Georg schwieg.
    »Und wie steht es denn eigentlich« sie wies mit einem Blick auf Heinrich
»mit Eurer Oper?«
    »Mit unsrer Oper? Noch gar nichts steht's damit. Wer weiss, ob was draus
wird.«
    »Natürlich wird nichts draus werden.«
    Georg lächelte. »Warum sind Sie denn heut gar so streng mit mir?«
    »Ich ärgere mich halt über Sie.«
    »Über mich? Warum denn ...?«
    »Dass Sie den Leuten immer wieder Anlass geben, Sie als Dilettanten zu
betrachten.«
    Georg war ins Herz getroffen, verspürte sogar einen leisen Groll gegen Else,
fasste sich aber rasch und erwiderte: »Ich bin ja vielleicht nichts anderes. Und
wenn man kein Genie ist, so ist es schon besser, man ist ein ehrlicher
Dilettant, als ... als ein aufgeblasener Künstler.«
    »Wer verlangt denn, dass Sie gleich das Grösste leisten? Aber deswegen muss man
sich doch nicht so gehen lassen, wie Sie's tun, innerlich und äusserlich.«
    »Ich versteh Sie wirklich nicht, Else. Wie können Sie behaupten ... Wissen
Sie denn auch, dass ich im Herbst nach Deutschland gehe, als Kapellmeister?«
    »Die Karriere wird daran scheitern, dass Sie nicht um zehn Uhr früh bei den
Proben sein werden.«
    In Georg wühlte es noch immer. »Wer hat mich denn übrigens einen Dilettanten
genannt, wenn ich fragen darf?«
    »Wer? Gott, es ist doch schon in der Zeitung gestanden.«
    »Ach so«, sagte Georg beruhigt, denn er erinnerte sich jetzt, dass ein
Kritiker ihn nach dem Konzert, in dem Fräulein Bellini seine Lieder gesungen,
als »dilettierenden Aristokraten« bezeichnet hatte. Georgs Freunde hatten damals
erklärt, diese animose Besprechung habe ihren Grund darin, dass er dem
betreffenden Herrn, der als sehr eitel bekannt war, keinen Besuch gemacht hätte.
    So war es nun einmal! Immer waren äussere Gründe dran schuld, wenn die Leute
einen ungünstig beurteilten. Auch die Gereizteit Elsens heute, was war sie im
Grunde anderes, als Eifersucht ...
    Die Tafel wurde aufgehoben. Man begab sich in den Salon. Georg trat zu Anna,
die am Klavier lehnte und sagte leise zu ihr: »Schön siehst du aus.«
    Sie nickte befriedigt.
    Dann fragte er weiter: »Hast du dich mit Heinrich gut unterhalten? Worüber
habt ihr denn gesprochen? Über Terese? Nicht wahr?«
    Sie antwortete nicht, und Georg merkte mit Befremden, wie ihr plötzlich die
Augenlider zufielen, und sie zu wanken begann.
    »Was ... was haben Sie denn?« fragte er erschrocken.
    
    Sie hörte ihn nicht und wäre niedergesunken, wenn er sie nicht rasch bei den
Handgelenken gefasst hätte. Frau Ehrenberg und Else waren im selben Augenblick
bei ihr.
    Haben sie uns beobachtet? dachte Georg.
    Schon hatte Anna die Augen wieder offen, zwang sich zu einem Lächeln und
flüsterte: »O es ist nichts, ich vertrage die Hitze manchmal so schlecht.«
    »Kommen Sie«, sagte Frau Ehrenberg mütterlich, »vielleicht legen Sie sich
einen Augenblick hin.«
    Anna schien verwirrt, erwiderte nichts, und die Damen des Hauses geleiteten
sie ins Nebenzimmer.
    Georg sah um sich. Den Gästen schien nichts aufgefallen zu sein. Der Kaffee
wurde herumgereicht. Georg nahm eine Tasse und rührte zerstreut mit dem Löffel
herum. Am Ende, dachte er, wird sie doch nicht im Bürgerlichen enden. Aber
zugleich fühlte er sich innerlich so entfernt von ihr, als ginge ihn persönlich
die Sache nichts an. Frau Oberberger stand neben ihm. »Also wie denken Sie
eigentlich über platonische Liebe, Sie sind ja Fachmann?« Er erwiderte
zerstreut, sie redete weiter, in ihrer Art; ohne sich zu kümmern, ob er zuhörte,
ob er antwortete. Plötzlich war Else wieder da. Georg erkundigte sich nach Annas
Befinden, teilnehmend und höflich.
    »Eine schwere Erkrankung dürfte es wohl nicht sein«, sagte Else und sah ihm
fremd ins Gesicht.
    Demeter Stanzides trat heran und bat sie zu singen. »Wollen Sie mich
begleiten?« wandte sie sich an Georg. Er verneigte sich und setzte sich ans
Klavier.
    »Also was denn?« fragte Else.
    »Was Sie wollen«, erwiderte Wilt, »nur nichts Modernes.« Nach dem Souper
liebte er es, wenigstens in künstlerischen Dingen, den Reaktionär zu spielen.
    »Justament«, sagte Else und reichte Georg ein Heft. Sie sang »Das alte Bild«
von Hugo Wolf, mit ihrer kleinen, wohlgebildeten und etwas rührenden Stimme.
Georg begleitete mit Geschmack, doch ziemlich zerstreut. Er war ein wenig
ärgerlich über Anna, so sehr er sich dagegen wehrte. Im übrigen schien wirklich
niemand den Vorfall bemerkt zu haben, als Frau Ehrenberg und Else. Ach, was lag
am Ende daran ... Wenn sie's auch alle wussten ... Wen ging es an ... Ja, wer
kümmerte sich nur darum ... Nun hören sie alle Else zu, dachte er weiter, und
empfinden die Schönheit dieses Liedes. Sogar Frau Oberberger, die gar nicht
musikalisch ist, vergisst auf einige Minuten, dass sie ein Weib ist, und hat ein
stilles, geschlechtsloses Gesicht. Auch Heinrich hört gebannt zu, denkt in
diesem Moment vielleicht nicht an seine Werke, nicht an das Los der Juden, nicht
an die ferne Geliebte, und nicht einmal an die nahe, die kleine Blondine, der
zuliebe er in der letzten Zeit geradezu elegant geworden ist. Wahrhaftig, der
Frack sitzt ihm nicht übel, und die Krawatte ist keine von den fertig gekauften,
wie er sie sonst trägt, sondern sorgsam geknüpft ... Wer steht denn so nah
hinter mir, dachte Georg weiter, dass ich den Atem über dem Haar spüre? ... Sissy
vielleicht ...? Wenn morgen früh die Welt unterginge, Sissy wäre es, die ich mir
für heute Nacht erwählte. Ja das ist sicher. Ah, da kommt Anna mit Frau
Ehrenberg ... Es scheint, ich bin der einzige, der es merkt, obwohl ich doch
zugleich auf mein Spiel und auf Elses Gesang aufpassen muss. Ich grüsse sie mit
den Augen ... Ja, ich grüsse dich, Mutter meines Kindes ... Wie sonderbar ist das
Leben ...
    Das Lied war zu Ende. Man applaudierte, verlangte nach mehr. Georg
begleitete Else zu einigen anderen Liedern, von Schumann, von Brahms, zum Schluss
auf allgemeinen Wunsch zu zwei eigenen, die ihm persönlich zuwider geworden
waren, seit irgendwer behauptet hatte, sie erinnerten an Mendelssohn. Während er
begleitete, glaubte er jeden Zusammenhang mit Else zu verlieren und gab sich
durch sein Spiel Mühe, sie wiederzugewinnen. Er spielte mit übertriebener
Empfindung, er warb geradezu um sie und fühlte, dass es vergebens war. Zum
erstenmal in seinem Leben war er unglücklich verliebt in sie. Der Beifall nach
Georgs Liedern war stark.
    »Das war Ihre beste Zeit«, sagte Else leise zu ihm, während sie die Noten
weglegte. »So vor zwei, drei Jahren.«
    Die andern sagten ihm Freundliches, ohne Epochen in seiner künstlerischen
Entwicklung zu unterscheiden.
    Nürnberger erklärte, durch die Lieder Georgs aufs angenehmste enttäuscht
worden zu sein. »Ich will Ihnen nämlich nicht verhehlen«, bemerkte er, »dass ich
sie mir nach den Ansichten, die ich manchmal von Ihnen vertreten höre, lieber
Baron, beträchtlich unverständlicher vorgestellt hätte.«
    »Wirklich charmant«, sagte Wilt. »Alles so melodiös, und einfach, ohne
Affektion und Schwulst.«
    Er ist es, dachte Georg grimmig, der mich einen Dilettanten geheissen hat.
    Willy war herzugetreten. »Jetzt sagen S' nur noch Herr Hofrat, dass Sie sie
nachpfeifen können, und wenn ich mich auf Physiognomien verstehe, so schickt
Ihnen der Baron morgen früh zwei Herren.«
    »O nein«, sagte Georg, sich auf sich besinnend und lächelte. »Die Lieder
stammen glücklicherweise aus einer längst überwundenen Zeit. Ich fühle mich also
durch keinerlei Tadel und keinerlei Lob verletzt.«
    Ein Diener brachte Eis, die Gruppen lösten sich, und Anna stand mit Georg
allein am Klavier. Er fragte sie rasch: »Was hat denn das zu bedeuten gehabt?«
    »Ja ich weiss nicht«, erwiderte sie und sah ihn mit grossen Augen an.
    »Ist dir denn auch schon ganz wohl?«
    »Aber vollkommen«, antwortete sie.
    »Und ist dir das heute zum erstenmal passiert?« fragte Georg etwas zögernd.
    Sie erwiderte: »Gestern Abend zu Haus hab ich was ähnliches gehabt. So eine
Art von Ohnmacht. Es hat sogar noch etwas länger gedauert. Während wir noch beim
Nachtmahl gesessen sind. Es hat's aber niemand bemerkt.«
    »Warum hast du mir denn gar nichts davon gesagt?«
    Sie zuckte leicht die Achseln.
    »Du Anna«, sagte er lebhaft und etwas schuldbewusst, »ich möcht dich
jedenfalls noch sprechen. Gib mir ein Zeichen, wenn du fortgehen willst. Ich
verschwind' ein paar Minuten vor dir und wart' am Schwarzenbergplatz, bis du im
Wagen kommst. Dann steig ich zu dir ein, und wir fahren noch ein bisschen
spazieren. Ist es dir recht?«
    Sie nickte.
    Er sagte: »Auf Wiedersehen, Schatz« und begab sich ins Rauchzimmer. An einem
grünen Tischchen hatten sich der alte Ehrenberg, Nürnberger und Wilt zum
Tarockspiel niedergelassen. Auf zwei riesigen, grünen Lederfauteuils,
nebeneinander, sassen der alte Eissler und sein Sohn und benützten die
Gelegenheit, sich endlich einmal ordentlich miteinander auszuplaudern. Georg
nahm eine Zigarre aus einem Kistchen, steckte sie sich an und betrachtete ohne
besondere Anteilnahme die Bilder an der Wand. Auf einem grotesk gehaltenen
Aquarell, das ein von rot befrackten Herren gerittenes Hürdenrennen vorstellte,
sah er unten in der Ecke mit blassroten Buchstaben auf die grüne Wiese gezeichnet
Willys Namen. Unwillkürlich wandte er sich nach dem jungen Mann um und sagte:
»Das hab ich noch gar nicht gekannt.«
    »Es ist ziemlich neu«, bemerkte Willy beiläufig.
    »Ein fesches Bild, was?« sagte der alte Eissler.
    »Ah, schon etwas mehr als das«, erwiderte Georg.
    »Na, hoffentlich werde ich bald mit etwas Besserem aufwarten können«, sagte
Willy.
    »Er geht nach Afrika auf die Löwenjagd«, erläuterte der alte Eissler, »mit
dem Fürsten Wangenheim.«
    »So?« sagte Georg, »Felician soll auch von der Partie sein. Aber er hat sich
noch nicht entschlossen.«
    »Warum denn?« fragte Willy.
    »Er will im Frühjahr seine Diplomatenprüfung machen.«
    »Aber das kann er doch verschieben«, sagte Willy. »Die Löwen sind ja im
Aussterben, was man von den Professoren leider nicht behaupten kann.«
    »Ich pränumerier mich auf ein Bild, Willy«, rief Ehrenberg vom Kartentisch
herüber.
    »Seien Sie später Mäcen, Vater Ehrenberg«, sagte Wilt, »ich hab einen Dreier
angesagt.«
    »Einen Untern«, replizierte Ehrenberg und fuhr fort: »Wenn ich mir was
anschaffen darf, Willy, so malen Sie mir eine Wüstenlandschaft, in der der Fürst
Wangenheim von den Löwen aufgefressen wird ... aber womöglich nach der Natur.«
    »Sie irren sich in der Person, Herr Ehrenberg«, sagte Willy. »Der berühmte
Antisemit, den Sie meinen, ist der Cousin von meinem Wangenheim.«
    »Von mir aus«, erwiderte Ehrenberg, »können sich die Löwen auch irren, es
muss ja nicht jeder Antisemit berühmt sein.«
    »Sie werden die Partie verlieren, wenn Sie nicht aufpassen«, mahnte
Nürnberger.
    »Sie hätten sich doch in Palästina ankaufen sollen«, sagte Hofrat Witt.
    »Gott soll mich davor behüten«, erwiderte Ehrenberg.
    »Nun, da er das bis jetzt in allen Dingen getan hat ...«, sagte Nürnberger
und spielte sein Blatt aus.
    »Mir scheint, Nürnberger, Sie werfen mir schon wieder vor, dass ich nicht mit
alten Kleidern handeln geh.«
    »Dann hätten Sie wenigstens das Recht, sich über den Antisemitismus zu
beklagen«, sagte Nürnberger. »Denn wer spürt in Österreich etwas davon, als die
Hausierer ... leider Gottes nur die, könnte man sagen.«
    »Und einige Leute mit Ehrgefühl«, entgegnete Ehrenberg. »Siebenundzwanzig
... einunddreissig ... achtunddreissig ... nu, wer hat die Partie gewonnen?«
    Willy hatte sich wieder in den Salon begeben, Georg sass rauchend auf der
Lehne eines Fauteuils, sah plötzlich den Blick des alten Eissler auf sich
gerichtet, in einer sonderbar wohlwollenden Weise, und fühlte sich an irgend
etwas erinnert, ohne zu wissen woran.
    »Neulich«, sagte der alte Herr, »hab ich Ihren Bruder Felician flüchtig
gesprochen, bei Schönsteins. Es ist frappant, wie er Ihrem seligen Papa ähnlich
sieht. Besonders, wenn man Ihren Papa als ganz jungen Menschen gekannt hat, wie
ich.«
    Jetzt wusste Georg mit einemmal, woran der Blick des alten Eissler ihn
erinnerte: mit dem gleichen, väterlichen Ausdruck hatten des alten Doktor
Stauber Augen bei Rosners auf ihm geruht. Diese alten Juden! dachte er
spöttisch, aber in einem entlegenen Winkel seiner Seele war er ein wenig
gerührt. Es fiel ihm ein, dass sein Vater mit Eissler, vor dessen Kunstverständnis
er grossen Respekt gehabt hatte, manchmal des Morgens im Prater spazierengegangen
war.
    Der alte Eissler sprach weiter: »Sie Georg, geraten wohl mehr Ihrer Mutter
nach, denk ich mir.«
    »Es behaupten's manche. Selbst kann man das ja schwer beurteilen.«
    »Ihre Mutter soll eine so schöne Stimme gehabt haben.«
    »Ja, in ihrer frühen Jugend. Ich selbst habe sie ja nie wirklich singen
gehört. Zuweilen hat sie's wohl versucht. Drei oder vier Jahre vor ihrem Tod, da
hat ihr ein Arzt in Meran sogar den Rat gegeben, ihre Singstimme zu üben. Eine
Lungengymnastik sollte es sein. Aber es hat leider nicht viel Erfolg gehabt.«
    Der alte Eissler nickte und sah vor sich hin. »Daran werden Sie sich
wahrscheinlich nicht mehr erinnern können, dass damals meine arme Frau mit Ihrer
verstorbenen Mutter zugleich in Meran gewesen ist.«
    Georg suchte in seinem Gedächtnis. Es war ihm entfallen.
    »Einmal«, sagte der alte Eissler, »bin ich mit Ihrem Vater im selben Kupee
hinuntergefahren. In der Nacht, wir haben beide nicht schlafen können, hat er
mir sehr viel von euch zweien erzählt. Von Ihnen und Felician mein ich.«
    »So ...«
    »Zum Beispiel, dass Sie in Rom als Bub irgendeinem italienischen Virtuosen
eine eigne Komposition vorgespielt haben, und dass er Ihnen eine grosse Zukunft
prophezeit hat.«
    »Grosse Zukunft ... ach Gott! Es war aber kein Virtuose, Herr Eissler, es war
ein Geistlicher, bei dem ich dann übrigens Orgelspielen gelernt hab.«
    Eissler fuhr fort: »Und abends, wenn Ihre Mutter schon zu Bett gegangen war,
haben Sie ihr manchmal stundenlang im Zimmer nebenan vorphantasiert.«
    Georg nickte und seufzte im stillen. Es war ihm, als hätte er zu jener Zeit
viel mehr Talent gehabt als jetzt. Arbeiten, dachte er mit Inbrunst, arbeiten
... Er blickte wieder auf. »Ja«, sagte er wie humoristisch, »das ist halt das
Malheur, dass aus Wunderkindern so selten was wird.«
    »Ich höre ja, Sie wollen Kapellmeister werden, Baron?«
    »Ja«, erwiderte Georg mit Entschiedenheit. »Nächsten Herbst geh ich nach
Deutschland, vielleicht zuerst als Korrepetitor an irgendein kleines
Stadtteater, wie es sich eben trifft.«
    »Aber gegen ein Hofteater hätten Sie auch nichts einzuwenden?«
    »Gewiss nicht. Aber wie kommen Sie darauf, Herr Eissler, wenn ich fragen darf
?«
    »Ich weiss ganz gut«, sagte Eissler lächelnd und liess das Monokel fallen, »dass
Sie auf meine Protektion nicht angewiesen sind, aber andererseits kann ich mir
denken, dass es ihnen vielleicht nicht unsympatisch wäre, auf die Vermittlung
von Agenten und andere Annehmlichkeiten dieser Art verzichten zu dürfen ... ich
meine nicht wegen der Perzente.«
    Georg blieb kühl. »Wenn man einmal entschlossen ist eine Teaterkarriere
einzuschlagen, so weiss man ja auch, was man alles mit in den Kauf zu nehmen
hat.«
    »Kennen Sie vielleicht den Grafen Malnitz?« fragte Eissler, unbekümmert um
Georgs Lebensweisheit.
    »Malnitz? Meinen Sie den Grafen Eberhard Malnitz, von dem vor ein paar
Jahren eine Suite aufgeführt worden ist?«
    »Ja, den mein ich.«
    »Persönlich kenn ich ihn nicht und was die Suite anbelangt ...«
    Durch eine Handbewegung gab Eissler den Komponisten Malnitz preis. »Seit
Beginn dieser Saison«, sagte er dann »ist er Intendant in Detmold. Darum hab ich
Sie gefragt, ob Sie ihn kennen. Ein guter, alter Freund von mir. Er hat früher
in Wien gelebt. Seit zehn oder zwölf Jahren treffen wir uns jedes Jahr, in
Karlsbad oder in Ischl. Heuer wollen wir um Ostern eine kleine Mittelmeerreise
machen. Erlauben Sie mir, lieber Baron, bei dieser Gelegenheit Ihren Namen zu
nennen und von Ihren kapellmeisterlichen Absichten ein Wort zu sagen?«
    Georg zögerte zu antworten und lächelte höflich.
    »O, fassen Sie meinen Vorschlag nicht als Zudringlichkeit auf, lieber Baron.
Wenn Sie nicht wollen, halt ich natürlich das Maul.«
    »Sie missverstehen mein Schweigen«, entgegnete Georg liebenswürdig, doch
nicht ohne Hochmut. »Aber ich weiss wirklich nicht «
    »So ein kleines Hofteater«, fuhr Eissler fort, »stell ich mir gerade für den
Anfang als den richtigen Boden für Sie vor. Dass Sie von Adel sind, wird Ihnen
gerade auch nicht schaden, sogar bei meinem Freunde Malnitz nicht, obwohl der
gerne den Demokraten spielt, zuweilen sogar den Anarchisten ... mit Nachsicht
der Bomben selbstverständlich. Aber er ist ein charmanter Mensch und wirklich
enorm musikalisch ... wenn er nicht grad komponiert.«
    »Nun«, erwiderte Georg etwas befangen, »wenn Sie die Güte haben wollen, mit
ihm zu reden ... man biete dem Glücke die Hand. Jedenfalls dank ich Ihnen sehr.«
    »Keine Ursache. Ich garantiere ja nicht für den Erfolg. Es ist eben eine
Chance unter andern.«
    Frau Oberberger und Sissy traten ein, von Demeter Stanzides begleitet.
    »Was haben wir da für ein interessantes Gespräch unterbrochen?« fragte Frau
Oberberger. »Der erfahrene Platoniker und der unerfahrene Wüstling! Da hätt man
dabei sein sollen.«
    »Beruhigen Sie sich, Katarina«, sagte Eissler, und seine Stimme hatte wieder
ihren tremolierend tiefen Klang. »Man spricht zuweilen auch von anderen Dingen,
als von der Zukunft des Menschengeschlechts.«
    Sissy nahm eine Zigarette zwischen die Lippen, liess sich von Georg Feuer
geben und setzte sich in die Ecke des grünen Lederdiwans. »Sie kümmern sich ja
heute gar nicht für mich«, begann sie mit dem englischen Akzent, den Georg so
sehr an ihr liebte. »Als wenn man überhaupt gar nicht auf der Welt wäre. O, es
ist so. Ich bin doch eine treuere Natur als Sie. Bin ich nicht?«
    »Sie treu, Sissy ...?« Er schob einen Fauteuil ganz nahe zu ihr hin. Sie
sprachen von dem vergangenen Sommer und von dem kommenden.
    »Voriges Jahr«, sagte Sissy, »haben Sie mir Ihr Wort versprochen, dass Sie
hinkommen werden, wo ich bin. Sie haben es nicht getan. Heuer aber müssen Sie
Ihr Wort halten.«
    »Gehn Sie wieder nach der Isle of Wight?«
    »Nein, wir werden diesmal ins Gebirge gehen, nach Tirol oder ins
Salzkammergut. Ich will Ihnen schon sagen. Werden Sie kommen?«
    »Sie dürften jedenfalls wieder ein grosses Gefolge haben?«
    »Ich werde mich für keinen kümmern als für Sie, Georg.«
    »Auch wenn Willy Eissler sich zufällig in Ihrer Nähe aufhalten sollte?«
    »O«, sagte sie mit einem verworfenen Lächeln und drückte das Feuer ihrer
Zigarette gewaltsam in der gläsernen Aschenschale aus.
    Sie redeten weiter. Es war eines jener Gespräche, wie sie es in den letzten
Jahren so oft geführt hatten. Scherzend und leicht fing es an und glühte am Ende
von zärtlichen Lügen, die einen Augenblick lang Wahrheit waren. Georg war wieder
einmal berückt von Sissy.
    »Am liebsten möcht ich mit Ihnen eine Reise machen«, flüsterte er ganz nah
bei ihr.
    Sie nickte nur, ihr linker Arm lag auf der breiten Lehne des Diwans. »Wenn
man könnte, wie man wollte«, sagte sie und hatte einen Blick, der von hundert
Männern träumte.
    Er beugte sich über ihren zitternden Arm, redete weiter und berauschte sich
an seinen eigenen Worten. »Irgendwo, wo niemand uns kennt, wo man sich um keinen
Menschen kümmern müsste, möchte ich mit Ihnen zusammen sein, Sissy. Viele Tage
und Nächte.«
    Sissy bebte. Das Wort Nächte jagte ihr Schauer durchs Blut.
    Anna erschien in der Tür, gab Georg mit dem Blick ein Zeichen und verschwand
gleich wieder. Er lehnte sich innerlich auf, und doch war es ihm ganz recht, dass
er sich gerade jetzt von Sissy verabschieden durfte. In der Tür zum Salon
begegnete er Heinrich, der ihn ansprach. »Wenn Sie gehen, sagen Sie mir's bitte,
ich möchte gern noch mit Ihnen reden.«
    »Mit Vergnügen. Aber ich muss ... ich habe nämlich Fräulein Rosner
versprochen, sie nach Hause zu begleiten. Dann komm ich gleich ins Kaffeehaus.
Auf Wiedersehen also.«
    Ein paar Minuten später stand er auf der Schwarzenbergbrücke. Der Himmel war
voller Sterne, die Strassen lagen weiss und still. Georg schlug den Kragen auf,
obwohl es gar nicht mehr kalt war und ging hin und her. Ob aus der Detmolder
Geschichte was werden wird? dachte er. Nun, ist es nicht Detmold, so ist es
irgendeine andre Stadt. Jedenfalls wird es nun ernst. Und vieles, vieles wird
bis dahin hinter mir liegen. Er versuchte in Ruhe zu überlegen. Wie wird das
alles nur werden? Nun haben wir Ende Dezember. Im März müssten wir fort
spätestens ... Man wird uns für ein Ehepaar halten. Ich werde Arm in Arm mit ihr
spazieren gehen, in Rom, am Posilipp, in Venedig ... Es gibt Frauen, die sehr
hässlich werden in diesem Zustand ... Sie nicht, nein, sie nicht ... Immer hatte
sie so was Mütterliches in ihrem Aussehen ... Im Sommer wird sie in irgendeiner
stillen Gegend wohnen, wo niemand sie kennt ... Im Türinger Wald vielleicht,
oder am Rhein ... Wie sonderbar sie das heute sagte: das Haus, in dem das Kind
zur Welt kommen wird, das existiert schon. Ja! ... Irgendwo in der Ferne, oder
vielleicht auch ganz nah steht dieses Haus und Leute wohnen drin, die wir nie
gesehen haben. Wie seltsam ... Wann wird es zur Welt kommen? Im Spätsommer ...
Anfangs September ungefähr. In dieser Zeit werde ich am Ende schon fort sein
müssen. Wie werd ich das nur machen? ... Und heut ein Jahr ist das kleine Wesen
schon vier Monate alt. Es wird aufwachsen ... gross werden. Eines schönen Tags
ist ein junger Mann da, mein Sohn. Oder ein junges Mädchen. Ein schönes Mädchen
von siebzehn Jahren, meine Tochter ... Dann bin ich vierundvierzig ... Mit
sechsundvierzig kann ich Grossvater sein ... Vielleicht auch Direktor einer
Opernbühne und ein berühmter Komponist, trotz Elses Prophezeiungen. Aber dazu
muss man arbeiten, das ist schon wahr. Mehr als ich es bisher getan habe. Else
hat recht, ich lass mich zu sehr gehen. Das muss anders werden ... Es wird auch.
Ich fühle ja, wie es in mir sich regt. Ja auch in mir regt es sich.
    Von der Heugasse her kam ein Wagen, jemand beugte sich aus dem Fenster.
Unter dem weissen Shawl erkannte Georg Annas Antlitz. Er war sehr froh, stieg zu
ihr ein und küsste ihr die Hand. Sie plauderten vergnügt, spotteten ein wenig
über die Gesellschaft, aus der sie eben kamen, und fanden es im Grunde
lächerrlich, einen Abend in so leerer Weise hinzubringen. Er hielt ihre Hände in
den seinen und war ergriffen von ihrer Gegenwart. Vor ihrem Hause stieg er aus
und klingelte, dann trat er zu dem offenen Wagenschlag, und sie verabredeten ein
Wiedersehen für den nächsten Tag. »Ich glaube, wir haben manches zu besprechen«,
sagte Anna. Er nickte nur. Das Haustor wurde geöffnet, sie stieg aus dem Wagen,
liess einen innigen Blick auf Georg ruhen und verschwand im Flur.
    Geliebte, dachte Georg mit einem Gefühl von Glück und Stolz. Das Leben lag
vor ihm, als etwas ernst-geheimnisvolles, voll Aufgaben und Wundern.
    Als er ins Kaffeehaus trat, sass Heinrich in einer Fensternische, neben ihm
ein sehr junger, bartloser, grünlich blasser Mensch, den Georg schon einige Male
flüchtig gesprochen hatte, in Smoking mit Samtkragen, aber mit einer Hemdbrust
von zweifelhafter Reinheit. Als Georg herzutrat, sah der junge Mensch eben mit
glühenden Augen von einem Heftchen auf, das er in unruhigen, nicht sehr
gepflegten Händen hielt.
    »O ich störe«, sagte Georg.
    »Durchaus nicht«, erwiderte der junge Mann mit irrsinnigem Lachen. »Je mehr
Publikum, je lieber.«
    »Herr Winternitz«, erklärte Heinrich, während er Georg die Hand reichte,
»liest mir eben einen Gedichtenzyklus vor. Wir werden's vielleicht für diesmal
unterbrechen.«
    Georg, von dem enttäuschten Blick des jungen Mannes ein wenig gerührt,
behauptete, dass er mit Vergnügen zuhören möchte, wenn es gestattet sei.
    »Es dauert auch nicht mehr lange«, erklärte Winternitz dankbar. »Nur schade,
dass Sie den Anfang versäumt haben. Ich könnte ...«
    »Ja, ist es denn zusammenhängend?« fragte Heinrich erstaunt.
    »Wie, das haben Sie nicht bemerkt?« rief Winternitz und lachte wieder
irrsinnig.
    »Ach so«, sagte Heinrich, »das ist immer dieselbe Frauensperson, von der
Ihre Gedichte handeln? Ich glaubte, es sei immer eine andere.«
    »Natürlich ist es immer dieselbe. Das ist ja das Charakteristische, dass sie
immer wie eine neue Person wirkt.«
    Herr Winternitz las leise, aber eindringlich, wie innerlich verzehrt. Aus
seinem Zyklus ergab sich, dass er geliebt worden war, wie nie ein Mensch vor ihm,
aber auch betrogen wie noch keiner, was gewissermassen metaphysischen Ursachen
und keineswegs Mängeln seiner Persönlichkeit zuzuschreiben war. Im letzten
Gedicht aber erwies er sich als völlig befreit von seiner Leidenschaft und
erklärte sich bereit von nun an alle Freuden zu geniessen, die die Welt ihm
bieten mochte. Dieses Gedicht hatte vier Strophen, der letzte Vers jeder Strophe
begann mit einem »Hei«, und es schloss mit dem Ausruf: »Hei, so jag ich durch die
Welt.«
    Georg musste sich gestehen, dass ihm die Vorlesung einen gewissen Eindruck
gemacht hatte, und als Winternitz das Heft vor sich hinlegend, mit übergrossen
Augen um sich schaute, nickte Georg beifällig und sagte: »Sehr schön.«
    Winternitz sah erwartungsvoll auf Heinrich, der ein paar Sekunden schwieg
und endlich bemerkte: »Es ist im ganzen sehr interessant ... aber warum sagen
Sie hei, wenn ich fragen darf? Es glaubt's Ihnen ja doch niemand.«
    »Wieso?« rief Winternitz.
    »Fragen Sie sich doch nur selber aufs Gewissen, ob dieses hei ehrlich
empfunden ist. Alles übrige, was Sie mir da vorgelesen haben, glaub ich Ihnen.
Das heisst, ich glaub es Ihnen in höherm Sinn, obzwar kein Wort davon wahr ist.
Ich glaube Ihnen, dass Sie ein fünfzehnjähriges Mädchen verführen, dass Sie sich
benehmen wie ein ausgepichter Don Juan, dass Sie das arme Geschöpf in der
furchtbarsten Weise verderben, dass es Sie mit einem, ... was war er nur ...«
    »Ein Clown natürlich«, rief Winternitz mit wahnwitzigem Lachen.
    »Dass es Sie mit einem Clown betrügt, dass Sie durch dieses Geschöpf in immer
dunklere Abenteuer geraten, dass Sie die Geliebte, ja sich selber umbringen
wollen, dass Ihnen die Geschichte schliesslich egal wird, dass Sie durch die Welt
reisen, oder sogar jagen, meinetwegen bis Australien, ja, das alles glaub ich
Ihnen, aber dass Sie der Mensch sind hei zu rufen, das, lieber Winternitz, das
ist einfach ein Schwindel.«
    Winternitz verteidigte sich. Er beschwor, dass dieses »hei« aus seinem
innersten Wesen hervorgegangen wäre, zum mindesten aus einem gewissen Element
seines innersten Wesens. Auf weitere Einwände Heinrichs zog er sich allmählich
zurück und erklärte endlich, dass er sich irgendeinmal bis zu jener innern
Freiheit durchzuringen hoffe, die ihm gestatten würde »hei« zu rufen.
    »Niemals wird diese Zeit kommen«, entgegnete Heinrich bestimmt. »Sie werden
vielleicht einmal bis zum epischen oder dramatischen hei kommen, das lyrisch
subjektive hei bleibt Ihnen, bleibt unsereinem, mein lieber Winternitz, doch bis
in alle Ewigkeit versagt.«
    Winternitz versprach das letzte Gedicht zu ändern, sich überhaupt weiter zu
entwickeln und an seiner innern Reinigung zu arbeiten. Er stand auf, wobei seine
gestärkte Hemdbrust knackte und ein Knopf aufsprang, reichte Heinrich und Georg
eine etwas feuchte Hand und begab sich in den Hintergrund an den Tisch der
Literaten. Georg äusserte sich vorsichtig anerkennend zu Heinrich über die
Gedichte, die er gehört hatte.
    »Er ist mir noch der liebste von der ganzen Gesellschaft, persönlich
wenigstens«, sagte Heinrich. »Er weiss doch wenigstens innerlich eine gewisse
Distanz zu wahren. Ja. Sie brauchen mich nicht gleich wieder anzusehen, als wenn
Sie mich auf einem Anfall von Grössenwahn ertappten. Aber ich kann Sie
versichern, Georg, von der Sorte Leute«, er streifte den Tisch drüben mit einem
flüchtigen Blick, »denen immer ein ä soi auf den Lippen schwebt, hab ich
nachgerade genug.«
    »Was schwebt ihnen auf den Lippen?«
    Heinrich lachte. »Sie kennen doch die Geschichte von dem polnischen Juden,
der mit einem Unbekannten im Eisenbahnkupee sitzt, sehr manierlich bis er durch
irgendeine Bemerkung des andern darauf kommt, dass der auch ein Jude ist, worauf
er sofort mit einem erlösten ä soi die Beine auf den Sitz gegenüber ausstreckt.«
    »Sehr gut«, sagte Georg.
    »Mehr als das«, ergänzte Heinrich streng. »Tief. Tief wie so viele jüdische
Anekdoten. Sie schliesst einen Blick auf in die Tragikomödie des heutigen
Judentums. Sie drückt die ewige Wahrheit aus, dass ein Jude vor dem andern nie
wirklichen Respekt hat. Nie. So wenig als Gefangene in Feindesland voreinander
wirklichen Respekt haben, besonders hoffnungslose. Neid, Hass, ja manchmal
Bewunderung, am Ende sogar Liebe kann zwischen ihnen existieren, Respekt
niemals. Denn alle Gefühlsbeziehungen spielen sich in einer Atmosphäre von
Intimität ab, sozusagen, in der der Respekt ersticken muss.«
    »Wissen Sie, was ich finde?« bemerkte Georg, »dass Sie ein ärgerer Antisemit
sind, als die meisten Christen, die ich kenne.«
    »Glauben Sie?« Er lachte: »Ein richtiger wohl nicht. Ein richtiger ist ja
nur der, der sich im Grunde über die guten Eigenschaften der Juden ärgert und
alles dazu tut, um ihre schlechten weiter zu entwickeln. Aber in gewissem Sinne
haben Sie schon recht. Ich gestatte mir ja schliesslich auch Antiarier zu sein.
Jede Rasse als solche ist natürlich widerwärtig. Nur der einzelne vermag es
zuweilen, durch persönliche Vorzüge mit den Widerlichkeiten seiner Rasse zu
versöhnen. Aber dass ich den Fehlern der Juden gegenüber besonders empfindlich
bin, das will ich gar nicht leugnen. Wahrscheinlich liegt es nur daran, dass ich,
wir alle, auch wir Juden mein ich, zu dieser Empfindlichkeit systematisch
herangezogen worden sind. Von Jugend auf werden wir darauf hingehetzt gerade
jüdische Eigenschaften als besonders lächerrlich oder widerwärtig zu empfinden,
was hinsichtlich der ebenso lächerlichen und widerwärtigen Eigenheiten der
andern eben nicht der Fall ist. Ich will es gar nicht verhehlen, wenn sich ein
Jude in meiner Gegenwart ungezogen oder lächerrlich benimmt, befällt mich
manchmal ein so peinliches Gefühl, dass ich vergehen möchte, in die Erde sinken.
Es ist wie eine Art von Schamgefühl, das vielleicht irgendwie mit dem
Schamgefühl eines Bruders verwandt ist, vor dem sich seine Schwester entkleidet.
Vielleicht ist das Ganze auch nur Egoismus. Es erbittert einen eben, dass man
immer wieder für die Fehler von andern mit verantwortlich gemacht wird, dass man
für jedes Verbrechen, für jede Geschmacklosigkeit, für jede Unvorsichtigkeit,
die sich irgendein Jude auf der Welt zuschulden kommen lässt, mitzubüssen hat. Da
wird man dann natürlich leicht ungerecht. Aber das sind Nervositäten,
Empfindlichkeiten, weiter nichts. Da besinnt man sich auch wieder. Das kann man
doch nicht Antisemitismus nennen. Aber es gibt schon Juden, die ich wirklich
hasse, als Juden hasse. Das sind die, die vor andern und manchmal auch vor sich
selber tun, als wenn sie nicht dazu gehörten. Die sich in wohlfeiler und
kriecherischer Weise bei ihren Feinden und Verächtern anzubieten suchen und sich
auf diese Art von dem ewigen Fluch loszukaufen glauben, der auf ihnen lastet,
oder von dem, was sie eben als Fluch empfinden. Das sind übrigens beinahe immer
solche Juden, die im Gefühl ihrer eigenen höchst persönlichen Schäbigkeit
herumgehen und dafür unbewusst oder bewusst ihre Rasse verantwortlich machen
möchten. Natürlich hilfts ihnen nicht das geringste. Was hat den Juden überhaupt
jemals geholfen. Den guten und den schlimmen. Ich meine natürlich«, setzte er
hastig hinzu, »denen, die so irgend etwas wie eine äusserliche oder innerliche
Hilfe brauchen.« Und in einem absichtlich leichten Tone brach er ab. »Ja mein
lieber Georg, die Angelegenheit ist etwas kompliziert, und es ist ganz
natürlich, dass allen denen, die nicht direkt mit der Frage zu schaffen haben,
das richtige Verständnis für sie abgeht.«
    »Na das darf man doch nicht so ...«
    Heinrich unterbrach ihn gleich. »Man darf schon, lieber Georg. Es ist nun
einmal so. Ihr versteht uns nämlich nicht. Manche haben vielleicht eine Ahnung.
Aber verstehen!? Nein. Wir verstehen euch jedenfalls viel besser, als ihr uns.
Wenn Sie auch den Kopf schütteln! Es ist ja nicht unser Verdienst. Wir haben es
nämlich notwendiger gehabt, euch verstehen zu lernen, als ihr uns. Diese Gabe
des Verstehens hat sich ja im Lauf der Zeit bei uns entwickeln müssen ... nach
den Gesetzen des Daseinskampfes, wenn Sie wollen. Denn sehen Sie, um sich unter
Fremden, oder wie ich schon früher sagte, in Feindesland zurechtzufinden, um
gegen alle Gefahren, Tücken gerüstet zu sein, die da lauern, dazu gehört
natürlich vor allem, dass man seine Feinde so gut kennen lernt als möglich ihre
Tugenden und ihre Schwächen.«
    »Also unter Feinden leben Sie? Unter Fremden? Dem Leo Golowski gegenüber
wollten Sie das nicht zugestehen. Ich bin übrigens auch nicht seiner Ansicht,
durchaus nicht. Aber was ist das für ein sonderbarer Widerspruch, dass Sie heute
...«
    Ganz gequält unterbrach ihn Heinrich. »Ich sagte Ihnen ja schon, die Sache
ist viel zu kompliziert, um überhaupt erledigt zu werden. Sogar innerlich ist es
nahezu unmöglich. Und nun gar in Worten! Ja manchmal möchte man glauben, dass es
gar nicht so arg steht. Manchmal ist man ja wirklich daheim, trotz allem, fühlt
sich hier so zu Hause, ja geradezu heimatlicher, als irgendeiner von den
sogenannten Eingeborenen sich fühlen kann. Es ist offenbar so, dass durch das
Bewusstsein des Verstehens das Gefühl der Fremdheit in gewissem Sinn wieder
aufgehoben wird. Ja, es wird gleichsam durchtränkt von Stolz, Herablassung,
Zärtlichkeit, löst sich auf, allerdings auch zuweilen in Sentimentalität, was ja
wieder eine schlimme Sache ist.« Er sass da, mit tiefen Falten in der Stirn und
sah vor sich hin.
    Versteht er mich wirklich besser, dachte Georg, als ich ihn? Oder ist es
wieder nur Grössenwahn ?
    Heinrich fuhr plötzlich auf, wie aus einem Traum. Er sah auf die Uhr. »Halb
drei! Und morgen früh um acht geht mein Zug.«
    »Wie, Sie reisen fort?«
    »Ja. Darum wollt ich Sie auch noch so gern sprechen. Ich werd' Ihnen leider
auf längere Zeit adieu sagen müssen. Ich fahre nach Prag. Ich bringe meinen
Vater aus der Anstalt nach Hause, in seine Heimat.«
    »Es geht ihm also besser?«
    »Nein. Er ist nur in dem Stadium, wo er für die Umgebung ungefährlich
geworden ist ... Ja, das ist auch recht rasch gekommen.«
    »Und wann ungefähr denken Sie wieder zurück zu sein?«
    Heinrich zuckte die Achseln. »Das lässt sich heute noch nicht sagen. Aber wie
immer sich die Sache weiterentwickelt, keineswegs kann ich Mutter und Schwester
jetzt allein lassen.«
    Georg verspürte ein wirkliches Bedauern, Heinrichs Gesellschaft in der
nächsten Zeit entbehren zu sollen. »Es wäre möglich, dass Sie mich in Wien nicht
mehr antreffen, wenn Sie zurückkommen. Ich werde in diesem Frühjahr nämlich
wahrscheinlich auch fortfahren.« Und er fühlte beinahe Lust, sich Heinrich
anzuvertrauen.
    »Sie reisen wohl in den Süden?« fragte Heinrich.
    »Ja ich denke. Einmal noch meine Freiheit geniessen. Ein paar Monate lang. Im
nächsten Herbst fängt nämlich der Ernst des Lebens an. Ich sehe mich um eine
Stellung in Deutschland um, an irgendeinem Teater.«
    »Also wirklich?«
    Der Kellner war an den Tisch gekommen, sie zahlten und gingen. An der Tür
trafen sie mit Rapp und Gleissner zusammen. Ein paar Worte der Begrüssung wurden
gewechselt.
    »Was treiben Sie immer, Herr Rapp?« fragte Georg verbindlich.
    Rapp wischte seinen Zwicker ab. »Immer mein altes, trauriges Handwerk. Ich
bin beschäftigt, die Nichtigkeit von Nichtigkeiten nachzuweisen.«
    »Du könntest dir ja Abwechslung verschaffen, Rapp«, sagte Heinrich. »Versuch
einmal dein Glück und preise die Herrlichkeit der Herrlichkeiten.«
    »Wozu?« sagte Rapp und setzte den Zwicker auf. »Die beweist sich selbst im
Laufe der Zeit. Aber die Stümperei erlebt meist nur ihr Glück und ihren Ruhm,
und wenn ihr die Welt endlich auf den Schwindel kommt, hat sie sich längst in
ihr Grab oder ... in ihre vermeintliche Unsterblichkeit geflüchtet.«
    Sie standen auf der Strasse und schlugen alle die Rockkragen auf, da es
wieder heftig zu schneien begonnen hatte. Gleissner, der vor ein paar Wochen
seinen ersten, grossen Teatererfolg erlebt hatte, erzählte geschwind, dass auch
die heutige siebente Vorstellung seines Werkes ausverkauft gewesen war. Rapp
knüpfte daran hämische Bemerkungen über die Dummheit des Publikums. Gleissner
erwiderte mit Spässen über die Machtlosigkeit der Kritik gegenüber dem wahren
Genie; und so spazierten sie davon, mit aufgestellten Kragen, durch den Schnee,
ganz eingehüllt in den dampfenden Hass ihrer alten Freundschaft.
    »Dieser Rapp hat kein Glück«, sagte Heinrich zu Georg. »Bei allen seinen
Freunden, denen er vor zehn Jahren Erfolg prophezeit hat, trifft es nun wirklich
ein. Er wird es auch Gleissner nicht verzeihen, dass der ihn nicht enttäuscht
hat.«
    »Halten Sie ihn für so neidisch?«
    »Das kann man nicht einmal sagen. So einfach liegen ja die Dinge selten, dass
sie mit einem Wort abzutun wären. Aber bedenken Sie doch nur, was das für ein
Los ist, in dem Glauben herumzugehen, dass man das tiefste Wissen von der Welt so
gut in sich trägt wie Shakespeare und dabei zu fühlen, dass man nicht einmal so
viel davon auszusprechen imstande ist, als beispielsweise Herr Gleissner, obwohl
man vielleicht gerade so viel wert ist oder mehr.«
    Sie gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander her. Die Bäume auf dem
Ring standen starr mit weissen Ästen. Vom Ratausturm schlug es drei. Sie
überschritten die menschenleere Strasse und nahmen den Weg durch den stillen
Park. Rings schimmerte es fast hell vom unablässig sinkenden Schnee.
    »Das neueste hab ich Ihnen übrigens noch nicht erzählt«, begann Heinrich
endlich, vor sich hinschauend und in trockenem Ton.
    »Was denn?«
    »Dass ich nämlich anonyme Briefe bekomme, seit einiger Zeit.«
    »Anonyme Briefe? Welchen Inhalts?«
    »Nun, Sie können sich's wohl denken.«
    »Ach so.« Es war Georg klar, dass es sich nur um die Schauspielerin handeln
konnte. Aus der fremden Stadt, wo Heinrich die Geliebte in einem neuen Stück die
Rolle eines verdorbenen Geschöpfes mit einer ihm unerträglichen Naturwahrheit
hatte spielen gesehen, war er in bittereren Qualen zurückgekehrt, als je. Georg
wusste, dass seiter Briefe voll Zärtlichkeit und Hohn, voll Groll und Verzeihung,
peinvoll zerrüttete und mühsam beruhigte, zwischen ihnen hin und her gingen.
    »Seit acht Tagen etwa«, erzählte Heinrich, »kommen diese angenehmen
Sendungen regelmässig jeden Morgen. Nicht sehr angenehm, ich versichere Sie!«
    »Ach Gott, was liegt Ihnen denn dran. Sie wissen ja selbst, in anonymen
Briefen steht nie die Wahrheit.«
    »Im Gegenteil, lieber Georg, immer.«
    »Aber!«
    »Die höhere Wahrheit gewissermassen entalten solche Briefe. Die grosse
Wahrheit der Möglichkeiten. Die Menschen haben im allgemeinen nicht genug
Phantasie, um aus dem Nichts zu schaffen.«
    »Das wäre eine schöne Auffassung! Wo käme man denn da hin? Da machen Sie den
Verleumdern aller Art die Sache doch etwas zu bequem.«
    »Warum sagen Sie Verleumder? Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass in
den anonymen Briefen, die ich erhalte, Verleumdungen entalten sind. Vielleicht
Übertreibungen, Ausschmückungen, Ungenauigkeiten ...«
    »Lügen ...«
    »Nein, es werden wohl nicht Lügen sein. Einige wohl. Aber wie soll man
Wahrheit und Lüge auseinanderhalten in solch einem Fall?«
    »Dafür gibt es doch ein höchst einfaches Mittel. Fahren Sie hin.«
    »Ich soll hinfahren?«
    »Natürlich sollten Sie das. An Ort und Stelle müssten Sie doch der Wahrheit
sofort auf den Grund kommen.«
    »Es wäre immerhin möglich.«
    Sie wanderten unter Bogengängen, auf feuchtem Stein. Ihre Stimmen und
Schritte hallten. Georg begann von neuem. »Statt solche jedenfalls enervante
Unannehmlichkeiten weiter durchzumachen, würd ich mich doch persönlich zu
überzeugen suchen, wie die Dinge stehen.«
    »Ja, das richtigste wäre es wohl.«
    »Nun, warum tun Sie es also nicht?«
    Heinrich blieb stehen, und mit zusammengepressten Zähnen stiess er hervor:
»Sagen Sie, lieber Georg, sollten Sie wirklich noch nicht bemerkt haben, dass ich
feig bin?«
    »Ach das nennt man doch nicht feig.«
    »Nennen Sie's, wie Sie wollen. Worte stimmen ja nie ganz je präziser sie
sich gebärden, umso weniger. Ich weiss, wie ich bin. Nicht um die Welt fahr ich
hin. Lächerlich auch noch? Nein, nein, nein ...«
    »Also was werden Sie tun?«
    Heinrich zuckte die Achseln, als ginge ihn die Sache doch eigentlich nichts
an.
    Etwas geärgert, fragte Georg wieder: »Wenn Sie mir eine Bemerkung erlauben,
was sagt denn die ... Hauptbeteiligte?«
    »Die Hauptbeteiligte, wie Sie sie mit infernalischem, aber unbewusstem Witz
nennen, weiss vorläufig nichts davon, dass ich anonyme Briefe bekomme.«
    »Haben Sie die Korrespondenz mit ihr abgebrochen?«
    »Was fällt Ihnen ein? Wir schreiben uns täglich, nach wie vor; sie mir die
zärtlichsten und verlogensten Briefe, ich ihr die gemeinsten, die Sie sich
vorstellen können, unaufrichtig, hinterhältig, marternd bis aufs Blut.«
    »Hören Sie, Heinrich, Sie sind wahrhaftig kein sehr edler Charakter.«
    Heinrich lachte laut auf. »Nein, edel bin ich nicht, dazu bin ich offenbar
nicht auf die Welt gekommen.«
    »Und wenn man bedenkt, dass es am Ende lauter Verleumdungen sind!« Georg, für
seinen Teil, zweifelte natürlich nicht, dass die anonymen Briefe die Wahrheit
entielten. Trotzdem wünschte er ehrlich, dass Heinrich an Ort und Stelle reiste,
sich selbst überzeugte, irgend etwas unternähme, jemanden ohrfeigte oder
niederschösse. Er stellte sich Felician in einem ähnlichen Falle vor, oder
Stanzides, oder Willy Eissler. Alle hätten sich besser benommen, oder wenigstens
anders, und gewiss in einer ihm sympatischern Art. Plötzlich fuhr ihm die Frage
durch den Kopf, was er wohl täte, wenn Anna ihn hinterginge. Anna, ihn?! ... War
das überhaupt möglich? Er dachte an den Blick von heut Abend, den neugierig
dunkeln, den sie hinüber zu Demeter Stanzides gesandt hatte. Nein, der bedeutete
nichts, das war gewiss. Und die alten Geschichten mit Leo und dem Gesangsmeister?
Die waren harmlos, kindisch beinah. Aber etwas anderes, vielleicht
bedeutungsvolleres, fiel ihm ein. Einer seltsamen Frage erinnerte er sich, die
sie an ihn gestellt, als sie sich neulich in seiner Gesellschaft verspätet und
mit einer Ausrede hatte nach Hause eilen müssen. Ob er nicht fürchte, hatte sie
gefragt, es einmal bereuen zu müssen, dass er sie zur Lügnerin machte? Halb wie
ein Vorwurf, halb wie eine Warnung hatte es geklungen. Und wenn sie selbst ihrer
so wenig sicher schien, durfte er ihr ohne weiteres vertrauen? Liebte er sie
nicht auch und betrog er sie nicht trotzdem, oder war in jedem Augenblick bereit
dazu, was am Ende dasselbe bedeutete? Vor einer Stunde im Wagen, als er sie in
den Armen hielt und küsste, hatte sie gewiss nicht geahnt, dass er einen andern
Gedanken hatte als sie. Und doch, in irgendeinem Augenblick, seine Lippen auf
den ihren, hatte er sich nach Sissy gesehnt. Warum sollte es nicht geschehen
können, dass Anna ihn betrog?. ... Am Ende schon geschehen sein ... ohne dass er
es ahnte? ... Aber all diese Einfälle waren gleichsam ohne Schwere. Wie
phantastische, beinahe amüsante Möglichkeiten schwebten sie durch den Sinn. Er
stand mit Heinrich vor dem geschlossenen Haustor in der Florianigasse und
reichte ihm die Hand. »Also leben Sie wohl«, sagte er, »wenn wir uns
wiedersehen, sind Sie hoffentlich von Ihren Zweifeln geheilt.«
    »Wäre das ein besonderer Gewinn?« fragte Heinrich. »Kann man sich denn in
Liebessachen mit Gewissheiten beruhigen? Höchstens mit schlimmen, denn die sind
für die Dauer. Aber eine gute Gewissheit ist bestenfalls ein Rausch ... Nun grüss
Sie Gott. Im Mai sehen wir uns hoffentlich wieder. Da komm ich, was immer
geschehen sein mag, auf einige Zeit her, und da können wir auch über unsere
famose Oper weiterreden.«
    »Ja, wenn ich im Mai schon wieder in Wien bin. Es könnte sein, dass ich erst
im Herbst zurückkomme.«
    »Und dann gleich wieder fort in Ihren neuen Beruf?«
    »Es wäre nicht unmöglich, dass es sich so fügt.« Und er sah Heinrich ins Auge
mit einer Art von kindlich-trotzigem Lächeln: Ich sag dir's ja doch nicht!
    Heinrich schien befremdet. »Hören Sie, Georg, da stehen wir ja vielleicht
zum letztenmal zusammen vor diesem Tor. O, ich bin fern davon, mich in Ihr
Vertrauen einzudrängen. Es wird wohl bei diesem etwas einseitigen Verhältnis
zwischen uns bleiben müssen. Na tut nichts.«
    Georg sah vor sich hin.
    »Der Himmel beschütze Sie«, sagte Heinrich, als das Tor sich auftat. »Und
lassen Sie gelegentlich von sich hören.«
    »Gewiss«, erwiderte Georg und sah plötzlich Heinrichs Augen mit einem
unerwarteten Ausdruck von Innigkeit auf sich ruhen. »Gewiss ... und Sie müssen
mir auch schreiben. Jedenfalls geben Sie mir Nachricht, wie es bei Ihnen zu
Hause steht und was Sie arbeiten. Überhaupt«, setzte er herzlich hinzu, »wir
müssen in ununterbrochener Verbindung bleiben.«
    Der Hausmeister stand da, mit gesträubtem Haar, verschlafenem und bösem
Blick, in einem grünlich-braunen Schlafrock, mit Schlapfen an den nackten Füssen.
    Heinrich reichte Georg ein letztes Mal die Hand. »Auf Wiedersehen, lieber
Freund«, sagte er. Und dann, leiser, auf den Torwächter deutend: »Ich kann ihn
nicht länger warten lassen. Wie er mich in dieser Sekunde bei sich nennt, können
Sie von seiner edeln, unverfälscht einheimischen Physiognomie ohne besondere
Schwierigkeiten ablesen. Adieu.«
    Georg musste lachen. Heinrich verschwand, das Tor schmetterte zu.
    Georg empfand keine Spur von Schläfrigkeit und entschloss sich, zu Fuss
heimwärts zu wandern. Er war in erregter, gehobener Stimmung. Den Tagen, die nun
kommen sollten, sah er mit eigentümlicher Spannung entgegen. Er dachte an das
morgige Wiedersehen mit Anna, an Besprechungen, die in Aussicht waren, an die
Abreise, an das Haus, das schon irgendwo in der Welt stand, und das ihm in
seiner Vorstellung jetzt ungefähr erschien, wie ein Haus aus einer
Spielereischachtel, licht, grün, mit einem knallroten Dach und einem schwarzen
Rauchfang. Und wie ein Bild, von einer Laterna magica an einen weissen Vorhang
geworfen, erschien ihm seine eigene Gestalt: er sah sich auf einem Balkon
sitzen, in beglückter Einsamkeit, vor einem mit Notenblättern überdeckten Tisch;
Äste wiegten sich vor den Gitterstäben; ein heller Himmel ruhte über ihm, und
tief unten zu seinen Füssen, in traumhaft übertriebenem Blau, lag das Meer.
 
                                Fünftes Kapitel
Georg öffnete ganz leise die Türe zu Annas Zimmer. Sie lag noch schlafend im
Bette und atmete tief und ruhig. Er begab sich aus dem leicht verdunkelten Raum
wieder in sein Zimmer zurück und schloss die Türe. Dann trat er ans geöffnete
Fenster und schaute hinaus. Über dem Wasser schwebte sonnenschimmernder Nebel.
Die Berge drüben, mit reingezogenen Linien, schwammen in Himmelsglanz, und über
den Gärten und Häusern von Lugano flimmerte das hellste Blau. Georg war wieder
ganz beseligt, diese Junimorgenluft einzuatmen, die vom See die feuchte Frische
und von den Platanen, Magnolien und Rosen im Hotelpark den Duft zu ihm
emportrug; diese Landschaft anzuschauen, deren Frühlingsfriede ihn nun seit drei
Wochen jeden Morgen wie ein neues Glück begrüsste. Rasch trank er seinen Tee aus,
lief die Treppe so schnell und erwartungsvoll hinab, wie er einst als Knabe zum
Spiel geeilt war, und im grauen Dufte der Frühschatten schlug er den gewohnten
Weg längs des Ufers ein. Hier gedachte er seiner einsamen Morgenspaziergänge in
Palermo und Taormina im vergangenen Frühjahr, die er oft auf viele Stunden
ausgedehnt hatte, da Grace gern bis Mittag mit offenen Augen im Bett lag. Fast
umdüstert erschien ihm in der Erinnerung jene Zeit seines Lebens, über der ein
naher Abschied, wenn auch manchmal herbeigewünscht, doch wie eine trübe Wolke
gelastet hatte. Diesmal schien ihm alles Schmerzliche in weiter Ferne zu liegen,
und jedenfalls war es in seiner Macht, ein Ende, wenn es nicht vom Schicksal
selber kam, so weit hinauszuschieben, als er wollte.
    Anfang März war er mit Anna aus Wien abgereist, da ihr Zustand kaum länger
zu verbergen war. Doch schon im Januar hatte sich Georg entschlossen, mit ihrer
Mutter zu sprechen. Er hatte sich einigermassen vorbereitet, und so vermochte er
seine Mitteilungen in ruhigen und wohlgesetzten Worten vorzubringen. Die Mutter
hörte still zu, und ihre Augen wurden gross und feucht. Anna sass auf dem Diwan
mit befangenem Lächeln und betrachtete Georg, während er sprach, mit einer Art
von Neugier. Der Plan für die folgenden Monate war entworfen. Bis zum Frühsommer
wollte Georg sich mit Anna im Auslande aufhalten, dann sollte in der Umgebung
von Wien ein Landhaus gemietet werden, so dass in der schwersten Zeit die Mutter
nicht fern wäre und das Kind ohne Schwierigkeiten in der Nähe der Stadt in
Pflege gegeben werden konnte. Auch eine Erklärung von Annas Abreise und
Fernbleiben für unberufene Neugierige war ausgedacht. Da ihre Stimme sich in der
letzten Zeit bedeutend gebessert hätte was beinahe der Wahrheit entsprach wäre
sie zu einer berühmten Gesangslehrerin nach Dresden gereist, um ihre Ausbildung
zu vollenden. Frau Rosner nickte manchmal, als stimmte sie allem zu. Aber die
Züge ihres Antlitzes wurden immer trauriger. Nicht so sehr das, was sie erfahren
hatte, drückte auf sie, als vielmehr die Vorstellung, dass sie es so wehrlos über
sich ergehen lassen musste, eine arme Mutter, in kleinbürgerlichen Verhältnissen,
die dem vornehmen Verführer machtlos gegenübersass. Georg, der dies mit Bedauern
merkte, suchte einen immer leichteren und liebenswürdigeren Ton. Er rückte näher
zu der guten Frau hin, er nahm ihre Hand und behielt sie sekundenlang in der
seinen. Anna hatte sich an dem ganzen Gespräch kaum mit einem Worte beteiligt.
Als aber Georg sich zum Fortgehen anschickte, erhob sie sich, und zum erstenmal
vor der Mutter, als hätte sie nun ihre Verlobung mit ihm gefeiert, bot sie ihm
die Lippen zum Kusse. In gehobener Stimmung ging Georg die Treppen hinunter, wie
wenn nun eigentlich das schlimmste überstanden wäre. Öfter als früher verbrachte
er nun ganze Stunden bei Rosners, mit Anna musizierend, deren Stimme in dieser
Zeit merklich an Fülle und Kraft gewann. Das Benehmen der Mutter Georg gegenüber
wurde freundlicher, ja, manchmal schien es ihm, als müsste sie sich gegen eine
wachsende Sympatie für ihn geradezu wehren. Und es gab einen Abend im Kreise
der Familie, an dem Georg zum Nachtmahl blieb, nachher, die Zigarre im Munde,
den Anwesenden aus den Meistersingern und Lohengrin vorphantasierte, sich, ganz
besonders von seiten Josefs, lebhaften Beifalls erfreuen durfte, und beim
Nachhausegehen fast erschrocken merkte, dass er sich so behaglich gefühlt hatte
wie in einem neu gewonnenen Heim.
    Ein paar Tage später, als er mit Felician beim schwarzen Kaffee sass, brachte
ihm der Diener eine Karte, bei deren Empfang er eine leichte Röte aufsteigen
fühlte. Felician tat, als hätte er des Bruders Verlegenheit nicht bemerkt, sagte
ihm adieu und verliess das Zimmer. In der Tür begegnete er dem alten Rosner,
neigte leicht den Kopf zum Gegengruss und sah vorüber. Georg forderte Herrn
Rosner, der im Winterrock mit Hut und Regenschirm eingetreten war, zum Sitzen
auf und bot ihm eine Zigarre an. Der alte Rosner sagte: »Ich habe eben
geraucht«, was Georg irgendwie beruhigte, und nahm Platz, während Georg an den
Tisch gelehnt stehen blieb. Dann begann der Alte mit gewohnter Langsamkeit:
»Herr Baron werden sich wahrscheinlich denken können, weshalb ich so frei bin zu
stören. Ich wollte eigentlich schon am Vormittag vorsprechen, aber ich konnte
leider aus dem Bureau nicht abkommen.«
    »Vormittag hätten Sie mich nicht zu Hause gefunden, Herr Rosner«, erwiderte
Georg verbindlich.
    »Nun, umso besser, dass ich den Weg nicht vergeblich gemacht habe. Also meine
Frau hat mir nämlich heute morgen ... berichtet ... was sich ereignet hat.« Er
sah zu Boden.
    »So«, sagte Georg und nagte an der Oberlippe. »Ich hatte eigentlich selbst
die Absicht ... Aber wollen Sie nicht den Winterrock ablegen, es ist sehr warm
im Zimmer.«
    »O, danke, danke, es ist mir durchaus nicht zu warm. Nun, ich war ganz
entsetzt, als meine Frau mir diese Mitteilung machte. Jawohl, Herr Baron ... Nie
hätt ich von Anna gedacht ... niemals für möglich gehalten ... es ist ja
furchtbar ...« Er sagte alles in seiner gewohnten eintönigen Weise, nur
schüttelte er öfter den Kopf dabei als sonst. Georg musste immer auf die Glatze
mit dem dünnen, gelblichgrauen Haar herunterschauen und empfand nichts als eine
öde Gelangweilteit. »Furchtbar, Herr Rosner, ist die Sache wahrhaftig nicht«,
sagte er endlich. »Wenn Sie wüssten, wie sehr ich ... wie innig meine Neigung zu
Anna ist, so würden Sie gewiss auch fern davon sein, die Sache furchtbar zu
finden. Ihre Frau Gemahlin hat Sie ja jedenfalls hinsichtlich unserer Absichten
für die nächste Zeit unterrichtet. Oder irre ich mich?«
    »Durchaus nicht, Herr Baron, seit heute morgen bin ich über alles
orientiert. Doch kann ich nicht verschweigen, schon seit einigen Wochen merkte
ich, dass etwas im Hause nicht in Ordnung wäre. Es fiel mir insbesondere auf, dass
meine Frau sehr erregt und häufig geradezu dem Weinen nahe war.«
    »Dem Weinen nahe? Dazu liegt wahrhaftig kein Grund vor, Herr Rosner; Anna
selbst, auf die es doch schliesslich vor allem ankommt, befindet sich sehr wohl,
hat ihre gewohnte Heiterkeit ...«
    »Ja, Anna ist allerdings in guter Stimmung und dies, um die Wahrheit zu
sagen, bildet gewissermassen meinen Trost. Aber im übrigen kann ich Ihnen nicht
schildern, Herr Baron, wie schwer getroffen ... wie, ich möchte sagen ... wie
aus allen Himmeln gerissen ... nie, nie hätte ich geglaubt ...«, er konnte nicht
weiter, seine Stimme zitterte.
    »Ich bin wirklich sehr bekümmert«, sagte Georg, »wenn Sie der Angelegenheit
in dieser Weise gegenüberstehen, trotzdem Ihnen doch Ihre Frau Gemahlin
jedenfalls alles auseinandergesetzt hat, und die Massnahmen, die wir für die
nächste Zeit getroffen haben, wohl auch Ihre Zustimmung finden dürften. Von
einer ferneren Zeit, einer hoffentlich nicht allzufernen, will ich heute lieber
noch nicht reden, weil mir Phrasen jeder Art ziemlich zuwider sind. Aber Sie
können versichert sein, Herr Rosner, dass ich gewiss nicht vergessen werde, was
ich einem Wesen wie Anna ... Ja, was ich mir selber schuldig bin.« Er schluckte.
    Soweit er zurückdachte, gab es keinen Moment in seinem Leben, in dem er sich
selbst so unsympatisch gewesen war. Und nun, wie in Gesprächen von vollkommener
Aussichtslosigkeit nicht anders möglich, wiederholte jeder einigemale dasselbe,
bis Herr Rosner sich endlich entschuldigte gestört zu haben und sich von Georg
verabschiedete, der ihn bis zur Stiege hinausbegleitete. Georg behielt es einige
Tage lang nach diesem Besuche wie einen unangenehmen Nachgeschmack in der Seele.
Jetzt fehlt nur noch der Bruder, dachte er geärgert und stellte sich
unwillkürlich eine Auseinandersetzung vor, in deren Verlauf sich der junge Mann
als Rächer der Hausehre aufzuspielen suchte und Georg ihn mit ausserordentlich
treffenden Worten in seine Schranken verwies. Immerhin fühlte sich Georg,
nachdem die Unterredung mit den Eltern Annas überstanden war, wie befreit. Und
über den Stunden, die er mit der Geliebten allein in dem friedlichen Zimmer, der
Kirche gegenüber verbrachte, lag ein eigenes Gefühl von Behaglichkeit und
Sicherheit. Zuweilen schien es ihnen beiden, als stünde die Zeit stille. Wohl
brachte Georg zu den Zusammenkünften Reisehandbücher, den Burckhardtschen
Cicerone, sogar Fahrpläne mit, und stellte gemeinschaftlich mit Anna allerlei
Routen zusammen, aber eigentlich dachte er nicht ernstlich daran, dass all das
einmal wahr werden sollte. Was jedoch das Haus anbelangte, in dem das Kind
geboren werden sollte, so waren sie beide von der Notwendigkeit durchdrungen,
dass es gefunden und gemietet sein musste, ehe sie Wien verliessen. Einmal sah Anna
in der Zeitung, die sie sorgfältig daraufhin durchzulesen pflegte, ein Forstaus
angekündigt, hart am Walde, unweit einer Bahnstation, die von Wien in eineinhalb
Stunden zu erreichen war. Eines Morgens fuhren sie beide an den bezeichneten Ort
und nahmen die Erinnerung an einen verschneiten, einsamen Holzbau mit
Hirschgeweihen über der Tür, an einen alten, betrunkenen Förster, an eine junge,
blonde Magd, an eine windesrasche Schlittenfahrt über eine besonnte
Winterstrasse, an ein unbegreiflich lustiges Mittagessen in einem riesigen
Gastofzimmer und an ein schlecht beleuchtetes, überheiztes Kupee mit nach
Hause. Dies war das einzige Mal, dass Georg mit Anna zusammen das Haus suchen
ging, das doch schon irgendwo in der Welt stehen und seiner Bestimmung warten
musste ... Sonst fuhr er meist allein mit der Bahn oder mit der Tramway in die
nahegelegenen Sommerfrischen Umschau halten.
    Einmal, an einem mitten in den Winter verirrten Frühlingstag, spazierte
Georg durch einen der kleinen, ganz nahe der Stadt gelegenen Orte, die er
besonders liebte, wo dorfmässige Baulichkeiten, bescheidene Landhäuser und
elegante Villen sich aneinanderreihten; hatte so ziemlich vergessen, wie ihm das
manchmal geschah, warum er hergefahren war, und dachte eben mit Ergriffenheit
daran, dass auf den gleichen Wegen wie er vor manchen Jahren Beetoven und
Schubert gewandelt waren, als ihm unvermutet Nürnberger entgegentrat. Sie
begrüssten einander, lobten den schönen Tag, der so weitinaus ins Freie lockte,
und bedauerten höflich, dass man einander so selten begegne, seit Bermann Wien
verlassen hatte.
    »Haben Sie schon lange nichts von ihm gehört?« fragte Georg.
    »Seit er fort ist«, erwiderte Nürnberger, »habe ich nur eine Karte von ihm
erhalten. Es ist wohl anzunehmen, dass er mit Ihnen in regerer Korrespondenz
steht, als mit mir.«
    »Warum ist es anzunehmen?« fragte Georg, durch Nürnbergers Ton wie manchmal
etwas geärgert.
    »Nun, zum mindesten haben Sie das eine vor mir voraus, den neuern Bekannten
für ihn zu bedeuten, ihm also für seine psychologischen Interessen ein
anregenderes Problem zu bieten, als ich.«
    Aus diesen mit dem üblichen Spott gebrachten Worten hörte Georg ein gewisses
Verletztsein heraus, das er übrigens begriff. Denn tatsächlich hatte sich
Heinrich in der letzten Zeit um Nürnberger, mit dem er früher sehr viel verkehrt
hatte, wenig mehr gekümmert, wie es überhaupt seine Art war, Menschen an sich zu
ziehen und mit der grössten Rücksichtslosigkeit wieder fallen zu lassen, je
nachdem ihr Wesen seiner Stimmung gerade gemäss war oder nicht.
    »Ich bin trotzdem nicht viel besser dran als Sie«, sagte Georg. »Auch ich
habe schon ein paar Wochen lang keine Nachrichten von ihm bekommen. Nach den
letzten scheint es übrigens seinem Vater sehr schlecht zu gehen.«
    »So wird's jetzt wohl mit dem bedauernswerten, alten Mann bald zu Ende
sein.«
    »Wer weiss. Nach dem, was mir Bermann schreibt, kann es auch noch Monate
dauern.«
    Nürnberger schüttelte ernst den Kopf.
    »Ja«, sagte Georg leichtin, »in solchen Fällen sollte es wirklich den
Ärzten gestattet sein ... die Sache abzukürzen.«
    »Da haben Sie vielleicht recht«, antwortete Nürnberger. »Aber wer weiss, ob
nicht unser Freund Heinrich, so sehr es ihn im Arbeiten und vielleicht sogar in
manchem andern stören mag, seinen Vater unrettbar hinsiechen zu sehen, wer weiss,
ob er nicht trotzdem dem Vorschlag, diese hoffnungslose Sache durch eine
Morphiuminjektion endgültig zu erledigen, ablehnend gegenüber stünde.«
    Wieder fühlte sich Georg durch den höhnisch-bitteren Ton Nürnbergers
abgestossen. Und dennoch, in der Erinnerung an die Stunde, da er Heinrich von ein
paar unklaren Worten im Brief einer Geliebten heftiger bewegt gesehen hatte, als
von dem Wahnsinn seines Vaters, konnte er sich dem Eindruck nicht verschliessen,
dass Nürnberger den gemeinsamen Freund richtig beurteilte ... »Haben Sie den
alten Bermann gekannt?« fragte er.
    »Persönlich nicht. Aber ich erinnere mich noch der Zeit, da sein Name oft in
den Blättern genannt wurde, und auch mancher sehr gesinnungstüchtigen Reden, die
er im Abgeordnetenhaus gehalten hat. Doch ich halte Sie auf, lieber Baron, grüss
Sie Gott. Wir sehen uns wohl dieser Tage einmal im Kaffeehaus oder bei
Ehrenbergs.«
    »Sie halten mich durchaus nicht auf«, erwiderte Georg mit absichtlicher
Liebenswürdigkeit. »Ich bummle und benütze die Gelegenheit mir Sommerwohnungen
anzuschauen.«
    »So, wollen Sie heuer in der Nähe Wiens auf dem Lande wohnen?«
    »Ja, eine Zeitlang wahrscheinlich. Und ausserdem hat mich eine bekannte
Familie gebeten, wenn der Zufall mich bei diesem Anlass etwas finden liesse ...«
Er wurde ein wenig rot, wie immer, wenn er nicht ganz bei der Wahrheit blieb.
    Nürnberger bemerkte es und sagte harmlos: »Ich bin eben an einigen Villen
vorbeigegangen, die zu vermieten sind. Sehen Sie zum Beispiel dort diese weisse,
mit der breiten Terrasse?«
    »Die sieht ganz nett aus. Die könnte man sich eigentlich anschauen. Wenn es
Ihnen nicht zu fad ist, mich zu begleiten, so fahren wir dann miteinander nach
der Stadt zurück.«
    Der Garten, den sie betraten, stieg schmal und lang nach aufwärts und
erinnerte Nürnberger an einen andern, in dem er als Kind gespielt hatte.
»Vielleicht ist es sogar derselbe«, sagte er. »Wir haben nämlich durch Jahre
hindurch in Grinzing oder Heiligenstadt auf dem Lande gewohnt.«
    Dieses »wir« berührte Georg ganz eigen. Er konnte sich kaum vorstellen, dass
Nürnberger auch einmal ganz jung gewesen war, als ein Sohn mit Vater und Mutter,
als ein Bruder mit Schwestern gelebt hatte, und er empfand mit einemmal die
ganze Existenz dieses Mannes als etwas Seltsames und Schweres.
    Auf der Höhe des Gartens, von einer offenen Laube, gab es einen
wunderhübschen Blick auf die Stadt, an dem sie sich eine Weile erfreuten. Dann
gingen sie langsam wieder hinab, von der Hausmeistersfrau begleitet, die ein
kleines Kind, in einen grauen Plaid gewickelt, auf dem Arme trug. Nun sahen sie
sich die Wohnung an; niedrige, muffige Zimmer, mit verschlissenen billigen
Teppichen auf den Fussböden, schmalen Holzbetten, zerbrochenen oder blinden
Spiegeln. »Im Frühjahr wird alles neu hergerichtet«, erklärte die Hausmeisterin,
»da schaut's dann sehr freundlich aus.« Das kleine Kind streckte plötzlich die
Händchen nach Georg aus, als wenn es von ihm auf den Arm genommen werden wollte.
Georg war ein wenig gerührt und lächelte verlegen.
    Während er mit Nürnberger auf der Plattform der Tramway in die Stadt fuhr
und mit ihm plauderte, hatte er die Empfindung, dass er ihm bei den vielen
früheren Gelegenheiten ihres Zusammenseins nicht so nahe gekommen war, als
während dieser hellen Wintersonnenstunde auf dem Lande. Beim Abschied ergab es
sich ganz ungezwungen, dass sie sich für einen der nächsten Tage zu einem neuen
Spaziergang verabredeten, und so kam es, dass Georg bei seiner weitern
Wohnungssuche in der Umgegend Wiens etliche Male von Nürnberger begleitet wurde.
dabei wurde immer die Fiktion gewahrt, als suchte Georg für die befreundete
Familie, als glaubte Nürnberger daran, und als glaubte Georg, dass Nürnberger
daran glaubte.
    Auf diesen Wanderungen kam Nürnberger manchmal dazu, von seiner Jugend zu
sprechen, von den Eltern, die er sehr früh verloren hatte, von einer Schwester,
die jung gestorben und von seinem ältern Bruder, dem einzigen seiner Verwandten,
der noch am Leben war. Der aber, ein alternder Junggeselle wie Edmund selbst,
lebte nicht in Wien, sondern als Gymnasiallehrer in einer kleinen
niederösterreichischen Stadt, wohin er schon vor fünfzehn Jahren als Supplent
versetzt worden war. Später hätte er es wohl ohne besondere Mühe erwirken
können, wieder in der Grossstadt angestellt zu werden; doch nach ein paar Jahren
der Verbitterung, ja des Grimms, hatte er sich in die kleinen, ruhigen
Verhältnisse seines Aufentaltsortes so völlig eingewöhnt, dass eine Rückkehr
nach Wien ihm eher als Opfer erschienen wäre. Und er lebte nun, seinem Beruf und
insbesondre seinen Sprachstudien mit Inbrunst hingegeben, weltfern, einsam,
zufrieden, als eine Art von Philosoph in der kleinen Stadt. Wenn Nürnberger über
diesen fernen Bruder sprach, so war es Georg manchmal, als hörte er ihn über
einen Verstorbenen reden, so völlig schien jede Möglichkeit einer künftigen
dauernden Vereinigung aufgehoben zu sein. Ganz anders, beinahe wie von einem
Wesen, das einmal wiederkehren konnte, mit einer immer wachen Sehnsucht, sprach
er von der Schwester, die seit vielen Jahren tot war.
    An einem nebligen Februartag auf einer Bahnstation, während sie, den Zug
nach Wien erwartend, auf dem Perron miteinander hin und her spazierten, da war
es, dass Nürnberger Georg die Geschichte dieser Schwester erzählte, die schon als
Kind von einer ungeheuern Leidenschaft fürs Teater wie besessen, mit sechzehn
Jahren in einem kindisch-romantischen Drang, ohne Abschied das Haus verlassen
hatte. Durch zehn Jahre war sie nun von Stadt zu Stadt, von Bühne zu Bühne
gewandert, immer nur in geringem Stellungen beschäftigt, da weder ihr Talent
noch ihre Schönheit für den gewählten Beruf auszureichen schienen; aber immer
mit gleicher Begeisterung, immer mit gleicher Zukunftsgewissheit, trotz der
Enttäuschungen, die sie erlebte, und des Jammers, den sie sah. In den Ferien
erschien sie zuweilen bei den Brüdern, die damals noch zusammen wohnten, auf
Wochen, manchmal nur auf Tage, erzählte von den Schmieren, auf denen sie gemimt,
als wären es grosse Teater; von ihren spärlichen Erfolgen wie von Triumphen, die
sie errungen; von den armseligen Komödianten, an deren Seite sie gewirkt, wie
von grossen Künstlern, von den kleinen Intrigen, die sich in ihrer Nähe
abgespielt, wie von gewaltigen Tragödien der Leidenschaft. Und statt allmählich
inne zu werden, in welch einer kläglichen Welt als eine der Bedauernswertesten
sie dahinlebte, spann sie von Jahr zu Jahr sich in goldenere Träume ein. Das
ging so lang, bis sie einmal fiebernd und krank in die Heimat zurückkehrte. Nun
lag sie monatelang zu Bett, mit geröteten Wangen, schwärmte in ihren Delirien
von Ruhm und Glück, die sie nie erlebt, erhob sich noch einmal zu scheinbarer
Gesundheit und zog wieder hinaus, um diesmal schon nach wenigen Wochen, völlig
zerstört, den Tod auf der Stirne, heimzukehren. Nun reiste der Bruder mit ihr
nach dem Süden; nach Arco, nach Meran, an die italienischen Seen. Und jetzt
erst, in südlichen Gärten unter blühenden Bäumen hingestreckt, dem Treiben
entrückt, das sie durch Jahre berauscht und verwirrt hatte, kam sie zur
Erkenntnis, dass ihr Leben ein Hin- und Hertaumeln unter gemaltem Himmel und
zwischen papierenen Wänden, dass der ganze Inhalt ihres Daseins ein Wahn gewesen
war. Aber auch die kleinen Abenteuer des Tags, in gemieteten Zimmern und
Wirtshäusern, auf Strassen fremder Städte, erschienen ihr in der Erinnerung wie
Szenen, in denen sie als Schauspielerin im Rampenlichte mitgespielt, nicht wie
solche, die sie wirklich erlebt hatte. Und während sie dem Grabe entgegenging,
erwachte in ihr eine ungeheuere Sehnsucht nach dem wirklichen Leben, das sie
versäumt hatte; je sicherer sie wusste, dass sie ihr für immer verloren war, mit
um so klarerem Blicke erkannte sie die Fülle der Welt. Und das allersonderbarste
war, wie in den letzten Wochen ihres Lebens das Talent, dem sie ihre ganze
Existenz hingeopfert, ohne es wirklich zu besitzen, geheimnisvoll dämonisch zum
Vorschein kam. »Heute noch scheint mir«, sagte Nürnberger, »als hätt ich
niemals, auch von der grössten Schauspielerin, Verse so sprechen gehört, ganze
Szenen so agieren gesehen, wie von meiner Schwester in dem Hotelzimmer in
Cadenabbia mit der Aussicht auf den Comosee, ein paar Tage, bevor sie starb.
Freilich«, setzte er hinzu, »ist es möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass mich
die Erinnerung täuscht.«
    »Warum denn?« fragte Georg, dem dieser Abschluss so gut gefiel, dass er sich
ihn nicht verderben lassen wollte. Und er bemühte sich, Nürnberger, der es
lächelnd anhörte, zu überzeugen, dass der sich nicht geirrt haben könnte und dass
mit dem seltsamen Mädchen, das in Cadenabbia begraben lag, eine grosse
Schauspielerin dahingegangen war ...
    Das Landhaus, das Georg suchte, fand er auch auf seinen Wanderungen mit
Nürnberger nicht; ja, von einem Mal zum andern, schien die Entdeckung
schwieriger zu werden. Nürnberger spottete wohl zuweilen über die schwer
erfüllbaren Ansprüche Georgs, der nach einer Villa zu suchen schien, an der vorn
die wohlgepflegte Strasse vorbeiführen und die rückwärts eine Gartentüre in den
Urwald haben sollte. Schliesslich glaubte Georg selbst nicht mehr ernstaft
daran, dass es ihm jetzt gelingen würde, das erwünschte Haus zu finden und
verliess sich auf den Zwang des Findenmüssens nach der Rückkehr von der Reise.
Notwendiger erschien es, sich möglichst bald mit einem Arzt ins Einvernehmen zu
setzen; aber auch das verschob Georg von einem Tag zum andern. Doch eines Abends
teilte Anna ihm mit, dass sie, durch einen neuen Ohnmachtsanfall in plötzliche
Angst versetzt, Doktor Stauber besucht und ihm ihren Zustand eröffnet hatte. Er
war sehr herzlich gewesen, hatte keinerlei Erstaunen ausgedrückt, sie in jeder
Hinsicht vollkommen beruhigt und nur den Wunsch geäussert, Georg vor der Abreise
zu sprechen.
    Ein paar Tage darauf folgte Georg der Einladung des Arztes. Die Ordination
war eben zu Ende. Doktor Stauber empfing ihn mit der vorausgesehenen
Freundlichkeit, schien die ganze Angelegenheit so einwandfrei und natürlich als
möglich zu finden und sprach von Anna nie anders als von der jungen Frau, was
Georg eigentümlich, aber nicht unangenehm berührte. Als die sachlichen
Erörterungen abgeschlossen waren, erkundigte sich der Arzt nach dem Ziel der
Reise. Georg hatte noch kein Programm entworfen, nur so viel stand fest, dass das
Frühjahr im Süden, wahrscheinlich in Italien verbracht werden sollte. Doktor
Stauber nahm Anlass von seinem letzten Aufentalt in Rom zu erzählen, der zehn
Jahre zurücklag. Er war damals, wie schon früher einmal, mit dem Leiter der
Ausgrabungen in persönlichem Verkehr gestanden und sprach zu Georg in fast
begeistertem Ton von den neuesten Entdeckungen auf dem Palatin, über den er als
junger Mann selbst Studien gepflogen und in den Heften für Altertumsforschung
veröffentlicht hatte. Dann zeigte er Georg nicht ohne Stolz seine Bibliotek,
die in eine medizinische und in eine kunstistorische geschieden war, und trug
ihm leihweise einige seltenere Bücher, eines aus dem Jahre 1834 über die
vatikanischen Sammlungen und eine Geschichte Siziliens an. Georg fühlte sich
höchst angeregt, während ihm so deutlich zum Bewusstsein kam, wie reiche Tage ihm
bevorstanden. Eine Art von Heimweh nach wohlbekannten und lang entbehrten
Gegenden überkam ihn, halbvergessene Bilder tauchten wieder in ihm auf: die
Pyramide des Cestius stand am Horizont, in den scharfen Umrissen, wie sie ihm
erschienen, da er als Knabe mit dem Prinzen von Makedonien in die abendliche
Stadt zurückgeritten war; die dämmrige Kirche tat sich auf, wo er seine erste
Geliebte als Braut zum Altar hatte schreiten sehen; unter einem dunkeln Himmel
zog ein Nachen mit seltsam schwefelgelben Segeln an der Küste hin ... Er begann
zu reden, sprach von den vielen Städten und Landschaften des Südens, die er als
Knabe, als Jüngling gesehen, erzählte von der Sehnsucht nach diesen Orten, die
ihn oft wie ein wahres Heimweh ergriff, von seiner Freude all das Ersehnte,
Bewahrtes und Vergessenes, und vieles Neue, mit gereiftem Blick umfassen zu
dürfen, und diesmal in Gesellschaft eines Wesens, das fähig, alles mit ihm zu
verstehen und zu geniessen, und das ihm teuer war. Doktor Stauber, der eben daran
war, ein Buch in die Reihe zurückzustellen, wandte sich plötzlich nach Georg um,
sah ihn mild an und sagte: »Das lass ich mir gefallen.« Da Georg seinen Blick ein
wenig befremdet erwiderte, setzte er hinzu: »Es war nämlich das erste warme Wort
über Ihre Beziehung zu Annerl, das ich im Laufe dieser Stunde von Ihnen
vernommen habe. Ich weiss, ich weiss, es liegt nicht in Ihrer Art, sich einem
beinahe fremden Menschen gegenüber aufzuschliessen, aber gerade weil ichs
eigentlich nicht erwarten durfte, hats mir wohlgetan. Es ist Ihnen wirklich aus
dem Herzen gekommen, man hats gemerkt. Und es hätte mir leid getan um das Annerl
entschuldigen Sie, ich heiss sie halt noch immer so wenn ich mir hätte denken
müssen, Sie haben sie nicht so gern, wie sie es verdient.«
    »Ich weiss eigentlich nicht«, erwiderte Georg kühl, »was Sie veranlasst, daran
zu zweifeln, Herr Doktor.«
    »Hab' ich etwas von Zweifeln gesagt?« erwiderte Stauber gutmütig. »Aber
schliesslich, es soll schon dagewesen sein, dass ein junger Mann, der allerlei
erlebt hat, so ein Opfer nicht genügend würdigt. Es bleibt ja doch ein Opfer,
lieber Baron. Wir können noch so erhaben sein über alle Vorurteile eine
Kleinigkeit ist es heutzutage noch immer nicht, wenn sich ein junges Mädel aus
guter Familie zu so was entschliesst. Und ich wills Ihnen nicht verhehlen Annerl
hab ichs natürlich nicht merken lassen es hat mir doch einen leisen Ruck
gegeben, wie sie neulich bei mir gewesen ist und mir die Sache erzählt hat.«
    »Entschuldigen Sie, Herr Doktor«, erwiderte Georg geärgert aber höflich,
»wenn es Ihnen einen Ruck gegeben hat, so beweist das doch einiges gegen Ihr
Erhabensein über Vorurteile ...«
    »Da haben Sie recht«, sagte Stauber lächelnd. »Aber vielleicht sehen Sie mir
diese Rückständigkeit nach, wenn Sie bedenken, dass ich etwas älter bin als Sie
und aus einer andern Zeit herkomme. Und dem Einfluss seiner Epoche kann sich
selbst ein ziemlich selbständig denkender Mensch ... was zu sein ich mir
schmeichle ... nicht ganz entziehen. Das ist ja das Merkwürdige. Aber glauben
Sie mir, es gibt auch heutzutage, selbst unter den jungen Leuten, die bei
Nietzsche und Ibsen aufgewachsen sind, geradesoviel Philister als es vor dreissig
Jahren gegeben hat; sie geben sich nur nicht zu erkennen, ausser es geht ihnen
selbst an den Kragen, zum Beispiel, wenn man ihnen die Schwester verführt oder
wenn ihre Frau Gemahlin ihnen plötzlich mit der Idee kommt, sie will sich
ausleben ... Manche sind natürlich konsequent und spielen ihre Rolle weiter ...
das ist aber mehr eine Frage der Selbstbeherrschung als der Weltanschauung. Und
früher wieder, wissen Sie, in der Epoche, aus der ich eben komme, wo die
Begriffe so unwiderruflich festgestanden sind, wo jeder zum Beispiel genau
gewusst hat: man hat seine Eltern zu verehren, sonst ist man ein Schuft ... oder:
eine wahre Liebe gibt es nur einmal im Leben ... oder: es ist ein Vergnügen für
das Vaterland zu sterben ... wissen Sie, in der Epoche, wo jeder anständige
Mensch irgendeine Fahne hochgehalten, oder wenigstens irgendwas auf sein Banner
geschrieben hat ... glauben Sie mir, schon damals haben die sogenannten modernen
Ideen mehr Anhänger gehabt, als man ahnt. Nur, dass es diese Anhänger selbst
manchmal nicht recht gewusst, dass sie selber ihren Ideen nicht getraut, dass sie
sich gewissermassen wie Auswürflinge oder gar wie Verbrecher vorgekommen sind.
Soll ich Ihnen was sagen, Herr Baron? Es gibt überhaupt keine neuen Ideen. Neue
Gedankenintensitäten das ja. Aber meinen Sie im Ernst, dass Nietzsche den
Übermenschen, Ibsen die Lebenslüge erfunden hat, und Anzengruber die Wahrheit,
dass die Eltern selber »danach sein sollen«, die von ihren Kindern Verehrung und
Liebe wünschen? Keine Spur. Alle etischen Ideen sind immer dagewesen, und
staunen würde man, wenn man wüsste, was für Flachköpfe die sogenannten neuen,
grossen Wahrheiten gedacht, vielleicht sogar manchmal ausgesprochen haben, lang
vor den Genies, denen wir diese Wahrheiten verdanken, oder vielmehr den Mut,
diese Wahrheiten für wahr zu halten. Aber ich bin da etwas weit abgekommen,
verzeihen Sie. Eigentlich hab ich nur sagen wollen ... und Sie werden mirs
glauben ... ich weiss so gut wie Sie, Herr Baron, dass es manches jungfräuliche
Mädchen gibt, das tausendmal verdorbener ist als eine sogenannte Gefallene, und
manchen, als anständig geltenden jungen Mann, der schlimmere Dinge auf dem
Gewissen hat, als dass er mit einem unschuldigen Mädchen ein Verhältnis anfängt.
Und doch ... das ist eben der Fluch meiner Epoche ...«, schaltete er lächelnd
ein, »ich hab mir nicht helfen können: im ersten Moment, wie Annerl mir die
Geschichte erzählt hat, da haben gewisse unangenehme Worte, die seinerzeit ihre
feststehende Bedeutung gehabt haben, in meinem alten Kopf ganz mit ihrem alten
Ton zu klingen angefangen, dumme, überlebte Worte wie ... Wüstling ...
Verführung ... sitzen lassen ... und so weiter. Und daher, ich muss noch einmal
um Entschuldigung bitten, jetzt, da ich Sie etwas näher kennen gelernt habe
daher ist dann der Ruck gekommen, den gespürt zu haben ein moderner Mensch
eigentlich nicht eingestehen dürfte. Aber, um wieder ganz ernst zu reden,
überlegen Sie nur einmal, wie sich Ihr seliger Herr Vater zu der Sache gestellt
hätte, der wieder das Annerl nicht gekannt hat. Er war doch sicher einer der
klügsten und vorurteilslosesten Menschen, den man sich denken kann ... Und
trotzdem zweifeln Sie gewiss nicht daran, dass es auch bei ihm nicht ganz ohne
Ruck abgegangen wäre.«
    Georg streckte dem Arzt unwillkürlich die Hand entgegen. Das Unerwartete
dieser plötzlichen Mahnung an den geliebten Toten liess eine so heftige Sehnsucht
in ihm aufsteigen, dass er sie nur zu lindern vermochte, indem er von dem
Entschwundenen zu reden begann. Auch der Arzt wusste noch von mancher Begegnung
mit dem verblichnen Baron zu erzählen, meist zufälligen, flüchtigen auf der
Strasse, bei Sitzungen der Akademie der Wissenschaften, in Konzerten. Wieder war
einer jener Augenblicke, in dem Georg sich dem Dahingeschiedenen gegenüber
seltsam schuldvoll erschien und sich im Innern zuschwor, seines Andenkens würdig
zu werden.
    »Grüssen Sie das Annerl von mir«, sagte der Arzt beim Abschied zu ihm, »aber
von dem Ruck erzählen Sie ihr lieber nichts. Sie ist ein sehr feinfühliges
Geschöpf, das wissen Sie ja, und jetzt kommt es vor allem darauf an, ihr jede
unangenehme Aufregung zu ersparen. Bedenken Sie nur, lieber Baron, es handelt
sich jetzt nur um das eine, dass ein gesundes Kind auf die Welt kommt, alles
übrige ... na, grüssen Sie sie schön von mir, hoffentlich sehen wir uns alle
gesund im Sommer wieder.«
    Georg entfernte sich mit dem erhöhten Bewusstsein seiner Verpflichtungen
gegenüber dem Wesen, das sich ihm gegeben, und jenem andern, das in wenigen
Monaten zum Dasein erwachen sollte. Er dachte zuerst daran, ein Testament zu
machen und es bei einem Notar zu hinterlegen. Bei näherer Überlegung aber fand
er es richtiger, sich seinem Bruder zu eröffnen, der ihm unter allen Menschen
doch auch innerlich am nächsten stand. In der eigentümlichen Befangenheit aber,
die dem doch so innigen Verhältnis zwischen den Brüdern eigen war, liess er Tag
um Tag verstreichen, bis endlich Felicians Abreise nach Afrika zu den Jagden
ganz nahe bevorstand. In der Nacht vorher, auf dem Weg aus dem Klub nach Hause,
teilte Georg seinem Bruder mit, dass er schon in der nächsten Zeit eine lange
Reise anzutreten gedenke.
    »So? Auf wie lange willst du denn fort?« fragte Felician.
    Georg hörte im Ton dieser Worte eine gewisse Besorgnis mitklingen und fühlte
sich veranlasst hinzuzusetzen: »Es wird wohl auf Jahre hinaus die letzte grössere
Reise sein, die ich unternehme. Im Herbst befinde ich mich ja hoffentlich in
einer festen Stellung.«
    »Du bist also ganz entschlossen?«
    »Ja, selbstverständlich.«
    »Es freut mich sehr, Georg, aus verschiedenen Gründen, wie du dir denken
kannst, dass du nun endlich ernst machen willst. Und im übrigen trifft's sich
auch gut, dass nicht nur einer von uns in die Welt hinaus muss, und der andere
allein zurückbleibt. Das wär doch ein biss'l traurig gewesen.«
    Georg wusste wohl, dass Felician im nächsten Herbst einer auswärtigen
Vertretung zugeteilt werden sollte, aber mit solcher Klarheit war ihm noch nie
bewusst geworden, dass es nun in wenigen Monaten mit der langjährigen brüderlichen
Gemeinschaft, mit dem Zusammenwohnen in dem alten Haus gegenüber dem Park, ja
gewissermassen mit der Jugend unwiederbringlich vorbei sein musste. Er sah das
Leben ernst, beinahe drohend vor sich liegen.
    »Hast du denn schon eine Ahnung«, fragte er, »wohin sie dich schicken
werden?«
    »Eine gewisse Chance besteht für Aten.«
    »Wär' dir das angenehm?«
    »Warum nicht. Die Gesellschaft dort soll nicht uninteressant sein. Bernburg
war drei Jahre lang dort, und er ist ungern fort. Und dabei haben sie ihn nach
London versetzt, was doch auch nicht ohne ist.«
    Sie gingen eine Weile schweigend weiter, nahmen den Weg durch den Park wie
gewöhnlich. Eine Luft wie vom nahen Frühling war um sie, obwohl auf den
Rasenplätzen noch schmale, weisse Schneeflecken schimmerten.
    »Also nach Italien reist du?« fragte Felician.
    »Ja.«
    »Wieder so weit nach dem Süden wie voriges Frühjahr?«
    »Das weiss ich noch nicht.«
    Wieder ein kurzes Schweigen.
    Plötzlich aus dem Dunkel heraus die Stimme Felicians: »Hast du von Grace
eigentlich seitdem etwas gehört?«
    »Von Grace«, wiederholte Georg etwas verwundert, denn es war lange her, dass
Felician diesen Namen nicht mehr ausgesprochen hatte. »Von Grace hab' ich nichts
mehr gehört. Das war übrigens so abgemacht zwischen uns. In Genua haben wir für
ewig Abschied genommen. Auch schon über ein Jahr her ...«
    Auf einer Bank, ganz im Dunkeln, sass ein Herr im Pelz, mit Zylinder und
weissen Handschuhen. Ah, Labinski, dachte Georg einen Moment lang; im nächsten
fiel ihm natürlich ein, dass der sich erschossen hatte ... Es war nicht das
erstemal, dass er ihn zu sehen glaubte. Auch im botanischen Garten zu Palermo
unter einer japanischen Esche war einmal einer gesessen, bei hellichtem Tag, den
Georg eine Sekunde lang für Labinski gehalten hatte. Und neulich, hinter den
geschlossenen Fenstern eines Fiakers hatte Georg das Antlitz seines verstorbenen
Vaters zu erkennen geglaubt.
    Hinter den laublosen Ästen schimmerten Häuser her. Eines davon war das, in
dem die Brüder wohnten.
    Es wäre Zeit, dachte Georg, dass ich endlich auf die Angelegenheit zu reden
komme. Und um rasch anzuknüpfen, bemerkte er leicht: »Ich fahr' übrigens auch
heuer nicht allein nach Italien.«
    »So, so«, sagte Felician und sah vor sich hin.
    Im selben Moment fühlte Georg, dass er den Ton nicht richtig genommen hatte.
Er besorgte, dass Felician sich etwa denken könnte: ah, nun hat er wieder ein
Abenteuer mit so einer dubiosen Person. Und ernst fügte er hinzu: »Du, Felician,
ich hätte was ziemlich Wichtiges mit dir zu besprechen.«
    »Was Wichtiges?«
    »Ja.«
    »Na Georg«, sagte Felician mild und sah ihn von der Seite an. »Was gibt's
denn, du heiratest doch nicht am Ende?«
    »O nein«, erwiderte Georg und ärgerte sich gleich wieder, dass er diese
Möglichkeit so entschieden abgelehnt hatte. »Nein, nicht um eine Heirat handelt
es sich, sondern um etwas viel Wesentlicheres.«
    Felician blieb einen Moment stehen. »Du hast ein Kind?« fragte er ernst.
    »Nein. Noch nicht. Das ist es eben. Darum reisen wir fort.«
    »So«, sagte Felician.
    Sie waren aus dem Park herausgetreten. Unwillkürlich sahen sie beide zu dem
Fenster ihrer Wohnung auf, von dem aus noch vor einem Jahr ihr Vater ihnen
manchmal grüssend zugenickt hatte. Beide fühlten mit Wehmut, wie sie seit dem
Tode des Vaters einander allmählich entglitten waren und mit leiser Angst, um
wie viel weiter sie das Leben noch voneinander entfernen konnte.
    »Komm zu mir ins Zimmer«, sagte Georg, als sie oben waren. »Da ist's am
gemütlichsten.«
    Er setzte sich auf seinen bequemen Sessel am Schreibtisch. In die Ecke des
kleinen, grünen Lederdiwans, der an den Schreibtisch angerückt war, lehnte sich
Felician und hörte ruhig zu. Georg nannte ihm den Namen seiner Geliebten, sprach
von ihr in guten und innigen Worten und erbat sich von Felician, dass er sich der
Mutter und des Kindes annähme für den Fall, dass ihm, Georg, in der nächsten Zeit
etwas Menschliches zustiesse. Was von seinem Vermögen noch vorhanden wäre,
hinterliesse er selbstverständlich dem Kind, der Mutter fiele die Nutzniessung bis
zu des Kindes Volljährigkeit zu. Als Georg zu Ende war, sagte Felician nach
kurzem Schweigen lächelnd: »Na, du hast ja gegründete Hoffnung, von deiner Reise
ebenso gesund und wohl zurückzukommen, als ich aus Afrika, und so hat unsere
Besprechung wohl nur akademische Bedeutung.«
    »Das hoff ich natürlich auch. Aber es ist mir jedenfalls eine Beruhigung,
Felician, dass du nun eingeweiht bist und ich nach jeder Richtung hin unbesorgt
sein kann.«
    »Ja natürlich, das kannst du.« Er reichte dem Bruder die Hand. Dann stand er
auf, ging im Zimmer auf und ab. Endlich fragte er: »Zu legitimieren denkst du
deine Beziehungen nicht?«
    »Vorläufig nein. Was die Zukunft bringt, kann man ja nicht wissen.«
    Felician blieb stehen. »Na ja ...«
    »Du wärst dafür, dass ich heirate?« rief Georg mit einigem Erstaunen aus.
    »Durchaus nicht.«
    »Felician, ich bitte dich, sei aufrichtig!«
    »Weisst du, in solche Geschichten soll man niemandem drein reden, auch seinem
Bruder nicht.«
    »Aber wenn ich dich bitte, Felician. Mir komme vor, als gefiele dir irgend
etwas an der Geschichte nicht.«
    »Ja, siehst du Georg ... du wirst mich ja nicht missverstehen ... ich weiss
natürlich, dass du nicht daran denkst, sie im Stich zu lassen, im Gegenteil, ich
bin sogar überzeugt, dass du dich in jeder Beziehung viel nobler benehmen wirst,
als irgendein Mensch an deiner Stelle. Aber, die Frage ist doch eigentlich die:
hättest du dich in die Sache eingelassen, wenn du dir die Folgen nach allen
Seiten hin überlegt hättest?«
    »Ja das ist freilich schwer zu beantworten«, sagte Georg.
    »Ich meine ganz einfach: Hast du die Absicht gehabt ... nicht sie zu deiner
Lebensgefährtin zu machen, aber ein Kind mit ihr zu haben?«
    »Gott, wer denkt daran? Wenn man es so absolut hätte vermeiden wollen .«
    Felician unterbrach ihn. »Weiss sie, dass du nicht daran denkst, sie zu
heiraten?«
    »Na du glaubst doch nicht, ich hab ihr 's heiraten versprochen.«
    »Nein. Aber das Sitzenlassen doch auch nicht.«
    »Das wäre gerade so eine Unaufrichtigkeit gewesen, Felician. Es ist
gekommen, wie derartige Dinge eben zu kommen pflegen, hat sich alles ganz ohne
Programm entwickelt, bis auf den heutigen Tag.«
    »Ja das ist recht schön. Es ist nur die Frage, ob man nicht in wichtigen
Lebensdingen zu Programmen gewissermassen verpflichtet ist.«
    »Möglich ... Aber das war ja meine Sache nie, leider ...«
    Felician blieb vor Georg stehen, machte ein liebes Gesicht und nickte ein
paarmal. »Das ist schon wahr, Georg. Du bist doch nicht bös ... aber weil wir
schon einmal davon sprechen ... ich masse mir natürlich nicht das Recht an, dir
in deine Lebensführung dreinzureden ...
    »Red nur, Felician ... wirklich ... es tut mir geradezu wohl ...« Er strich
ihm leise über die Hand, die auf der Diwanlehne lag.
    »Na ja, es ist weiter nicht viel zu sagen. Ich meine nur, dass es in allen
Dingen bei dir so ist ... so ein Mangel an Programm. Siehst du, um von einem
andern wichtigen Punkt zu reden, ich für meinen Teil bin ja überzeugt von deinem
Talent und viele andre auch. Aber du arbeitest doch eigentlich verflucht wenig,
nicht? Und von selbst kommt der Ruhm ja doch nicht, selbst wenn man ...«
    »Gewiss nicht. Aber so wenig wie du glaubst, arbeit ich durchaus nicht,
Felician. Nur ist ja das Arbeiten bei unsereinem so eine eigentümliche
Geschichte. Manchmal beim Spazierengehen, ja sogar im Schlaf fällt einem
allerlei ein ... Und dann im Herbst ...«
    »Na ja, hoffen wir, obzwar ich fürchte, von deiner Gage wirst du anfangs
nicht leben können. Und wie lange dein bissel Geld reichen wird, bei deiner Art
zu leben, das ist sehr die Frage. Ich sag dir aufrichtig, wie du mir früher die
Summe genannt hast, die du deinem Kind hinterlassen könntest, hab ich einen
förmlichen Schrecken gekriegt.«
    »Hab nur Geduld, Felician. In drei Jahren oder fünf, wenn ich meine Oper
fertig hab ...«, er sagte es in selbstironisierendem Tone.
    »Schreibst du wirklich an einer Oper, Georg?«
    »Nächstens fang ich an.«
    »Wer macht dir denn den Text?«
    »Der Heinrich Bermann. Da machst du natürlich wieder ein Gesicht.«
    »Lieber Georg, was deinen Verkehr anbelangt, bin ich immer weit davon
entfernt gewesen, dir dreinzureden. Es ist ganz natürlich, dass du bei deiner
geistigen Richtung in andre Kreise kommst als ich und mit Leuten umgehst, an
denen ich vielleicht weniger Geschmack fände. Aber, wenn der Text von Herrn
Bermann nur schön ist, so hast du meinen Segen ... und der Herr Bermann
natürlich auch.«
    »Der Text ist noch nicht fertig, nur das Szenarium.«
    Felician musste wider Willen lachen. »So siehts mit deiner Oper aus? Wenn nur
das Teater schon gebaut ist, für das sie dich als Kapellmeister engagieren.«
    »Na«, sagte Georg etwas beleidigt.
    »Verzeih«, entgegnete Felician. »Ich zweifle wirklich nicht an deiner
Zukunft. Ich möcht halt nur, dass du selber ein bisschen mehr dazu tätest. Ich wär
ja so ... wirklich Georg, stolz wär ich, wenn was Grosses aus dir würde. Und es
liegt ja gewiss nur an dir. Der Willy Eissler, der doch ein sehr musikalischer
Mensch ist, hat mir erst neulich wieder gesagt, dass er von dir mehr hält, als
von den meisten jüngern Komponisten.«
    »Wegen der paar Lieder, die er von mir kennt?
    »Ja er findet sie eben hervorragend. Auf die Masse kommts doch nicht an.«
    »Du bist ein guter Kerl, Felician. Aber du brauchst mich wirklich nicht zu
ermutigen. Ich weiss schon, was in mir steckt, nur fleissiger muss ich halt sein.
Und die Reise wird sehr wohltätig auf mich wirken. So auf eine Zeit aus der
gewohnten Umgebung herauskommen, das tut sehr gut. Das ist diesmal was ganz
anderes, als im vorigen Jahr. Es ist ja das erstemal, Felician, dass ich mit
einem Wesen zusammen bin, das vollkommen auf meinem Niveau steht, das mir mehr
... das mir wahrhaftig auch eine Freundin ist. Und das Bewusstsein, dass ich ein
Kind haben werde, und grad mit ihr, das ist mir, trotz aller Begleitumstände,
eher angenehm.«
    »Das kann ich mir schon denken«, sagte Felician und betrachtete Georg ernst
und liebevoll.
    Die Uhr auf dem Schreibtisch schlug zwei.
    »O, schon so spät«, rief Felician. »Und morgen früh muss ich packen. Na,
morgen bei Tisch können wir noch über allerlei reden. Also, grüss dich Gott
Georg.«
    »Gute Nacht, Felician. Ich danke dir«, setzte er bewegt hinzu.
    »Wofür dankst du mir, du bist komisch Georg.« Sie reichten sich die Hände,
und dann küssten sie einander, was schon seit langer Zeit nicht geschehen war.
Und Georg beschloss, sein Kind, wenn es ein Knabe sein sollte, Felician zu
nennen, und er freute sich der guten Vorbedeutung im Glücksklang dieses Namens.
    Nach des Bruders Abreise fühlte sich Georg so verlassen, als hätte er nie
einen andern Freund gehabt. Der Aufentalt in der grossen, einsamen Wohnung, wo
ihm eine ähnliche Stimmung zu lasten schien, wie in der ersten Zeit nach dem
Tode des Vaters, machte ihn beinahe traurig.
    Die Tage, die noch bis zur Abreise verstreichen mussten, empfand er als
Übergangszeit, mit der nichts rechtes mehr anzufangen war. Die Stunden mit der
Geliebten im Zimmer der Kirche gegenüber wurden farblos und öde. Mit Anna selbst
schien nun auch seelisch eine Veränderung vorzugehen. Sie war manchmal reizbar,
dann wieder schweigsam, fast melancholisch, und oft überkam Georg im
Zusammensein mit ihr eine solche Langeweile, dass ihm vor den nächsten Monaten,
in denen sie ganz aufeinander angewiesen sein sollten, geradezu bange wurde.
Wohl versprach die Reise an sich Abwechslung genug. Aber wie sollte es in den
spätern Monaten werden, die man ruhig irgendwo in der Nähe Wiens zu verbringen
genötigt war? Er musste auf eine Gesellschaft für Anna bedacht sein. Noch zögerte
er mit ihr davon zu sprechen, als Anna selbst ihm mit einer Neuigkeit
entgegenkam, die jene Schwierigkeit und zugleich eine andre auf die einfachste
Weise zu beheben geeignet war. In der letzten Zeit, insbesondere seit Anna ihre
Lektionen allmählich aufgegeben, hatte sie sich Teresen wieder näher
angeschlossen, ihr alles anvertraut; und so war bald auch Teresens Mutter mit
im Geheimnis. Diese nun kam Anna gütiger entgegen als die eigene Mutter, die
nach einem kurzen Aufflackern des Verständnisses sich von der schuldigen Tochter
gekränkt und schwermütig abgeschlossen hatte. Frau Golowski erklärte sich nicht
nur bereit bei Anna auf dem Lande zu wohnen, sondern versprach auch, das kleine
Haus, das Georg nicht hatte entdecken können, während das junge Paar fern war,
ausfindig zu machen. So sehr diese Bereitwilligkeit Georgs Bequemlichkeit
entgegenkam, es war ihm doch ein wenig peinlich, dieser fremden, alten Frau
verpflichtet zu sein; und dass gerade sie, die Mutter Leos, und der Vater
Bertolds dazu bestimmt waren, an einem so wichtigen Erlebnis Annas so
bedeutenden Anteil zu nehmen, wollte ihm in verstimmten Augenblicken beinahe
lächerrlich erscheinen.
    Drei Tage vor der Abreise, an einem schönen März-Nachmittag, machte Georg
seinen Abschiedsbesuch bei Ehrenbergs. Seit jenem Weihnachtsfeiertage hatte er
sich nur selten oben blicken lassen, und seine Gespräche mit Else waren seiter
durchaus harmlos geblieben. Wie einem Freunde, der solche Bemerkungen nicht mehr
missverstehen konnte, gestand sie ihm, wie sie sich daheim immer weniger wohl
fühle. Insbesondre, was Georg schon selbst manchmal beobachtet hatte, schien die
Stimmung des Hauses durch das üble Verhältnis zwischen Vater und Sohn dauernd
getrübt zu sein. Wenn Oskar in seiner nonchalant-vornehmen Haltung zur Tür
hereinkam und in seinem wienerisch-aristokratischen Ton zu reden begann, wandte
sich der Vater mit Hohn ab, oder konnte Anspielungen nicht unterdrücken, dass er
von heut auf morgen der ganzen Vornehmheit durch Entziehen oder Herabsetzen des
sogenannten Gehaltes, der ja doch nur ein Taschengeld wäre, ein Ende machen
könnte. Fing hingegen der Vater, wie er es vor Leuten und mit offenbarer Absicht
am liebsten tat, im Jargon zu reden an, so biss Oskar die Lippen aufeinander und
verliess wohl auch das Zimmer. Doch kam es in der letzten Zeit nur mehr selten
vor, dass Vater und Sohn zugleich sich in Wien oder in Neuhaus aufhielten. Sie
ertrugen kaum mehr einer des andern Nähe.
    Als Georg bei Ehrenbergs eintrat, lag das Zimmer fast im Dunkel. Hinter dem
Klavier hervor leuchtete die marmorne Isis, und in den Erker, wo Mutter und
Tochter einander gegenübersassen, fiel das Dämmerlicht des späten Nachmittags.
Zum erstenmal hatte für Georg die Erscheinung dieser zwei Frauen etwas seltsam
Rührendes. Eine Ahnung tauchte in ihm auf, dass ihm dieses Bild heute vielleicht
zum letztenmal vor Augen träte, und Elses Lächeln leuchtete ihm so schmerzlich
süss entgegen, dass er einen Augenblick lang dachte: wäre nicht am Ende hier das
Glück gewesen? ... ...
    Nun sass er neben Frau Ehrenberg, die ruhig weiter stickte, Else gegenüber,
rauchte eine Zigarette und war wie zu Hause. Er erzählte, dass er, verführt von
dem lockenden Frühlingswetter, die geplante Reise früher antrete, als
beabsichtigt war, und dass er sie wahrscheinlich bis in den Sommer hinein
ausdehnen werde.
    »Und wir wollen diesmal schon Mitte Mai nach dem Auhof«, sagte Frau
Ehrenberg. »Aber heuer rechnen wir sicher darauf Sie bei uns zu sehen.«
    »Wenn Sie nicht anderweitig beschäftigt sind«, setzte Else hinzu, ohne eine
Miene zu verziehen.
    Georg versprach im August zu kommen, auf einige Tage wenigstens.
    Dann sprach man über Felician und Willy, die sich vor wenig Tagen von Biskra
aus mit ihrer Gesellschaft in die Wüste begeben hatten, um zu jagen; über
Demeter Stanzides, der nächstens seinen Abschied vom Militär nehmen und sich auf
ein Gut in Ungarn zurückziehen wollte, und endlich über Heinrich Bermann, von
dem seit Wochen niemand eine Nachricht hatte.
    »Wer weiss, ob er überhaupt nach Wien zurückkommt«, sagte Else.
    »Warum sollte er nicht? wie kommen Sie darauf, Fräulein Else?«
    »Gott, vielleicht wird er diese Schauspielerin heiraten und mit ihr in der
Welt herumziehen.«
    Georg zuckte die Achseln ... Er wüsste von keiner Schauspielerin, mit der
Heinrich in Verbindung stand, und erlaubte sich seinen Zweifel auszudrücken, dass
Heinrich jemals heiraten werde, ob nun eine Prinzessin oder eine Zirkusreiterin.
    »Es wäre schade um Bermann«, sagte Frau Ehrenberg, ohne sich um Georgs
Diskretion zu kümmern. »Überhaupt finde ich, die jungen Leute nehmen diese Dinge
entweder zu leicht oder zu schwer.«
    Else ergänzte: »Ja es ist sonderbar. Ihr seid alle in diesen Dingen entweder
viel klüger oder viel dümmer, als in allen andern, obwohl man doch gerade in
solchen Lebenssachen möglichst der bleiben sollte, der man für gewöhnlich ist.«
    »Liebe Else«, sagte Georg obenhin, »wenn einmal Leidenschaften im Spiele
sind ...«
    »Ja, wenn sie im Spiele sind«, betonte Frau Ehrenberg.
    »Leidenschaften!« rief Else. »Ich glaube die sind so was Seltenes, wie alles
Grossartige auf der Welt.«
    »Was weisst du mein Kind«, sagte Frau Ehrenberg.
    »In meiner Nähe habe ich wenigstens noch nichts dergleichen gesehen«,
erklärte Else.
    »Wer weiss, ob Sies entdecken würden«, meinte Georg, »auch wenn es einmal in
Ihrer Nähe vorkäme. Von aussen gesehen mag zuweilen ein Flirt und eine
Liebestragödie ganz den gleichen Anblick bieten.«
    »Das ist gewiss nicht wahr«, sagte Else. »Leidenschaft ist etwas, das sich
unbedingt verraten muss.«
    »Woher willst du denn das wissen, Else?« wandte Frau Ehrenberg ein. » Gerade
Leidenschaften können sich manchmal tiefer verbergen, als irgendein kleines
Gefühlchen, schon weil mehr auf dem Spiel zu stehen pflegt.«
    »Ich glaube, gnädige Frau«, entgegnete Georg, »das ist sehr individuell. Es
gibt eben Leute, denen alles auf der Stirn geschrieben steht, und andre, die
undurchdringlich sind. Undurchdringlichkeit ist sogar gewissermassen ein Talent
wie ein anderes.«
    »Man kann es auch ausbilden wie ein anderes«, sagte Else.
    Das Gespräch stockte einen Augenblick, wie es leicht geschieht, wenn mit
einemmal hinter einer allgemeinen Bemerkung die persönliche Nutzanwendung
allzudeutlich hervorblinkt.
    Frau Ehrenberg setzte neu ein: »Haben Sie was Schönes komponiert in der
letzten Zeit, Georg?« fragte sie.
    »Ein paar Kleinigkeiten fürs Klavier. Übrigens ist auch mein Quintett bald
fertig.«
    »Das Quintett fängt bald an mytisch zu werden«, sagte Else unzufrieden.
    »Else«, mahnte die Mutter.
    »Na ja, es wäre doch wirklich gut, wenn er fleissiger wäre.«
    »Da haben Sie freilich Recht«, erwiderte Georg.
    »Ich glaube, die Künstler haben früher viel mehr gearbeitet als jetzt.«
    »Die grossen«, ergänzte Georg.
    »Nein, alle«, beharrte Else.
    »Es ist vielleicht gut, dass Sie eine Reise machen«, sagte Frau Ehrenberg
weitblickend. »Sie werden hier zu viel abgelenkt.«
    »Er wird sich überall ablenken lassen«, behauptete Else streng. »Auch in
Iglau, oder wo er sonst im nächsten Jahr sein wird.«
    »Daran hab ich jetzt gar nicht gedacht, dass Sie fortgehen«, sagte Frau
Ehrenberg und schüttelte den Kopf. »Und Ihr Bruder ist nächstes Jahr in Sofia
oder Aten, und Stanzides in Ungarn ... traurig eigentlich, wie die nettesten
Menschen in alle Windrichtungen auseinander stieben.«
    »Wenn ich ein Mann wär«, sagte Else, »stöb ich auch.«
    Georg lachte. »Sie träumen von einer Reise um die Welt in einer weissen
Yacht. Madeira, Ceilon, St. Franzisko.«
    »O nein, ich möchte nicht ohne Beruf sein, aber wahrscheinlich wäre ich
Marineoffizier geworden.«
    »Möchten Sie nicht so lieb sein«, wandte sich Frau Ehrenberg an Georg, »und
uns Ihre neuen Sachen ein bissel vorspielen?«
    »Ganz gern.« Er stieg vom Erker am Fenster hinab, in die Dunkelheit des
Zimmers. Else erhob sich und schaltete das Oberlicht ein. Georg öffnete das
Klavier, setzte sich hin und spielte seine Ballade. Else hatte auf einem
Fauteuil Platz genommen, und wie sie den Arm auf die Lehne und den Kopf auf den
Arm gestützt dasass, in der Haltung einer grossen Dame und mit dem schwermütigen
Gesicht eines altklugen Kindes, fühlte Georg von ihrem Anblick sich wieder
sonderbar gerührt. Er war heute nicht sehr befriedigt von seiner Ballade und
sich wohl bewusst, dass er durch ein allzu ausdrucksvolles Spiel der Wirkung
nachzuhelfen suchte.
    Hofrat Wilt trat leise ein und machte ein Zeichen, man möchte sich nur nicht
stören lassen. Dann blieb er mit dem grauen, kurz gesträubten Kopfhaar,
überlegen, gütig und lang neben der Tür an der Wand gelehnt stehen, bis Georg
mit übertrieben klangvollen Akkorden den Vortrag endete. Man begrüsste einander.
Wilt beglückwünschte Georg, dass er ein freier Mann war und jetzt in den Süden
reisen durfte. »Ich kann das leider nicht«, fügte er hinzu, »und dabei hat man
doch überdies zuweilen eine dunkle Ahnung, dass in Österreich nicht das geringste
sich ändern würde, selbst wenn man ein Jahr lang sein Bureau nicht beträte.« Wie
immer redete er von seinem Beruf und seinem Vaterland mit Ironie. Frau Ehrenberg
entgegnete ihm, es gäbe ja doch keinen, der sein Vaterland mehr liebte und
seinen Beruf ernster nähme, als gerade er. Er gab es zu. Für ihn aber bedeutete
Österreich ein unendlich kompliziertes Instrument, das nur ein Meister richtig
behandeln könnte und das nur deshalb so oft übel klänge, weil jeder Stümper
seine Kunst daran versuche. »Sie werden solange darauf herumschlagen«, sagte er
traurig, »bis alle Saiten zerspringen und der Kasten dazu.«
    Als Georg ging, begleitete ihn Else ins Vorzimmer. Sie hatte ihm noch ein
paar Worte über seine Ballade zu sagen. Besonders der Mittelsatz hatte ihr
gefallen. So innerlich glühend wäre er gewesen. Im übrigen wünschte sie ihm
glückliche Reise. Er dankte ihr. »Also«, sagte sie plötzlich, während er schon
den Hut in der Hand hielt, »nun heisst es wohl gewissen Träumen endgültigen
Abschied geben.«
    »Welchen Träumen?« fragte er befremdet.
    »Den meinen selbstverständlich, die Ihnen nicht unbekannt geblieben sein
dürften.«
    Georg war sehr überrascht. So deutlich war sie nie gewesen. Er lächelte
befangen und suchte nach einer Antwort. »Was weiss man von der Zukunft«, sagte er
endlich leicht.
    Sie runzelte die Stirn. »Warum sind Sie nicht wenigstens ehrlich zu mir, so
wie ich zu Ihnen? Ich weiss ja, dass Sie nicht allein da hinunter reisen ... Ich
weiss auch, wer Sie begleitet ... Ich weiss überhaupt alles. Gott, was hab ich
denn nicht gewusst, seit wir uns kennen.«
    Und Georg hörte Schmerz und Zorn im Untergrund ihrer Worte beben. Und er
wusste: wenn er sie doch einmal zur Frau nähme, sie würde ihn fühlen lassen, dass
sie zu lange hatte auf ihn warten müssen. Er sah vor sich hin, schwieg wie
schuldbewusst und trotzig zugleich. Da lächelte Else heiter, reichte ihm die Hand
und sagte nochmals: »Glückliche Reise«.
    Er drückte ihr die Hand, als müsste er ihr etwas abbitten. Sie entzog sie
ihm, wandte sich ab, ging ins Zimmer zurück. Er blieb noch ein paar Sekunden an
der Türe stehen, dann eilte er auf die Strasse.
    Am Abend desselben Tages sah Georg nach vielen Wochen zum erstenmal Leo
Golowski im Kaffeehaus wieder. Er wusste von Anna, dass Leo als Freiwilliger in
der letzten Zeit unangenehme Dinge durchzumachen hatte, dass besonders jene
»Bestie in Menschengestalt« ihn mit Bosheit, ja mit wahrem Hass verfolgte. Es
fiel Georg heute auf, wie Leo in der kurzen Zeit, während er ihn nicht gesehen,
sich verändert hatte. Er sah geradezu gealtert aus.
    »Es freut mich, dass ich Sie vor meiner Abreise noch einmal zu Gesicht
bekomme«, sagte Georg und setzte sich ihm gegenüber an den Kaffeehaustisch. »Sie
freut es«, erwiderte Leo, »dass Sie mich zufällig wieder einmal zu Gesicht
kriegen, und mir war es ein Bedürfnis, Sie noch einmal zu sehen, das ist der
Unterschied.« Seine Stimme klang noch zärtlicher als gewöhnlich. Er sah Georg
ins Auge, gütig, beinahe väterlich. In diesem Moment zweifelte Georg nicht mehr,
dass Leo alles wusste, war ein paar Sekunden so verlegen, als wenn er sich vor ihm
zu verantworten hätte, ärgerte sich über seine Verlegenheit und war Leo dankbar,
dass er sie nicht zu bemerken schien. Sie sprachen beinahe nur über Musik an
diesem Abend. Leo erkundigte sich nach dem Fortgang von Georgs Arbeiten, und im
Verlaufe der Unterhaltung ergab es sich, dass Georg sich bereit erklärte, Leo am
morgigen Sonntag Nachmittag einiges aus seinen neuesten Kompositionen
vorzuspielen. Aber als sie sich voneinander verabschiedeten, hatte Georg
plötzlich das unangenehme Gefühl, als wenn er eben eine teoretische Prüfung mit
mässigem Erfolg bestanden hätte und ihm für morgen das praktische Examen
bevorstünde. Was wollte dieser junge, weit über sein Alter sich reif gebärdende
Mensch eigentlich von ihm? Sollte Georg ihm gegenüber erweisen, dass sein Talent
ihn berechtigte, Annas Geliebter zu sein, oder der Vater ihres Kindes zu werden?
Er erwartete Leos Besuch mit innerm Widerstand. Einen Moment dachte er sogar
daran, sich verleugnen zu lassen. Aber als Leo erschienen war, so harmlos und
herzlich, wie er sich manchmal zu geben liebte, wurde Georg bald milder
gestimmt. Sie tranken Tee, rauchten Zigaretten, Georg zeigte seine Bibliotek,
die Bilder, die in der Wohnung hingen, Antiquitäten und Waffen, und die
Prüfungsstimmung verschwand. Georg setzte sich ans Klavier, spielte ein paar
seiner Stücke aus früherer Zeit und die letzten, auch die Ballade, viel besser
als gestern bei Ehrenbergs, dann einige Lieder, zu denen Leo ohne Stimme, aber
mit sicherem, musikalischen Gefühl die Melodie markierte. Endlich begann er das
Quintett aus der Partitur vorzutragen, es gelang ihm nicht recht, und Leo
stellte sich mit den Noten zum Fenster hin und las sie aufmerksam. »Eigentlich
weiss man noch gar nichts«, sagte er. »Manches ist wie von einem Dilettanten mit
sehr viel Geschmack und anderes wie von einem Künstler ohne rechte Zucht. In den
Liedern spürt man noch am ehesten ... aber was ... Talent? ... ich weiss nicht
... dass Sie eine vornehme Natur sind, spürt man jedenfalls, eine musikalisch
vornehme Natur.«
    »Na, das wäre nicht viel.«
    »Es ist sogar ziemlich wenig. Aber da Sie noch so wenig gearbeitet haben,
beweist das auch nichts gegen Sie. Wenig gearbeitet und wenig durchfühlt.«
    »Sie glauben ...« Georg zwang sich zu einem spöttischen Lächeln.
    »O, erlebt wahrscheinlich sehr viel, aber gefühlt ... wissen Sie, was ich
meine, Georg?«
    »Ja, ich kann mirs schon denken. Aber Sie irren sich entschieden. Ich finde
sogar eher, dass ich eine gewisse Neigung zur Sentimentalität habe, die ich
bekämpfen muss.«
    »Ja, das ist es eben. Sentimentalität ist nämlich etwas, was in einem
direkten Gegensatz zum Gefühl steht, etwas, womit man sich über seine
Gefühlslosigkeit, seine innere Kälte beruhigt. Sentimentalität ist Gefühl, das
man sozusagen unter dem Einkaufspreis erstanden hat. Ich hasse Sentimentalität.«
    »Hm, und doch glaube ich, dass Sie selbst nicht ganz frei davon sind.«
    »Ich bin Jude, bei uns ist es eine Nationalkrankheit. Die Anständigen
arbeiten dran, dass Grimm oder Zorn daraus werde. Bei den Deutschen ist es
schlechte Gewohnheit, innere Nachlässigkeit sozusagen.«
    »Also bei Ihnen zu entschuldigen, bei uns nicht?«
    »Auch Krankheiten sind nicht zu entschuldigen, wenn man im vollen Bewusstsein
seiner Anlage versäumt hat, sich dagegen zu wehren. Aber wir fangen an,
aphoristisch zu werden, befinden uns also auf dem Wege zu Halb- oder
Viertelswahrheiten. Kehren wir zu Ihrem Quintett zurück. Das Tema des Adagio
ist mir das liebste daran.«
    Georg nickte. »Das hab ich einmal in Palermo gehört.«
    »Wie«, fragte Leo, »sollte es eine sizilianische Melodie sein?«
    »Nein, aus den Wellen des Meeres ist es mir entgegengerauscht, wie ich eines
Morgens allein am Strand spazieren gegangen bin. Das Alleinsein tut meiner
Produktion überhaupt gut. Auch fremde Gegenden. Ich verspreche mir darum von
meiner Reise allerlei.« Er erzählte ihm von Heinrich Bermanns Opernstoff, der
für ihn von Anregungen erfüllt sei. Wenn Heinrich wieder zurückkäme, sollte Leo
ihn doch veranlassen, den Text ernstlich in Angriff zu nehmen.
    »Wissen Sie noch nicht«, sagte Leo, »sein Vater ist gestorben.«
    »Wirklich? Wann denn? Woher wissen Sies?«
    »Heute früh ist es in der Zeitung gestanden.«
    Sie redeten über Heinrichs Verhältnis zu dem Hingeschiedenen, und Leo sprach
aus, dass es um die Welt vielleicht besser stünde, wenn die Eltern öfter von den
Erfahrungen ihrer Kinder lernten, statt zu verlangen, dass diese sich ihrer
Altersweisheit anbequemten. Sie kamen in ein Gespräch über die Beziehungen
zwischen Vätern und Söhnen, über echte und falsche Arten von Dankbarkeit, über
das Sterben von geliebten Menschen, über die Verschiedenheit von Trauer und
Schmerz, über die Gefahren des Erinnerns und die Pflichten des Vergessens. Georg
fühlte, dass Leo den ernstesten Dingen nachsann, sehr allein war, und es
verstand, allein zu sein. Er liebte ihn beinahe, als die Tür in später
Abendstunde sich hinter ihm geschlossen hatte, und der Gedanke, dass Annas erste
Schwärmerei ihm gegolten, tat ihm wohl.
    Noch ein paar Tage vergingen rascher als man gedacht, mit Einkäufen,
Besorgungen, Vorbereitungen aller Art. Und eines Abends fuhren Georg und Anna
nacheinander, in zwei Wagen, am Bahnhof vor und begrüssten sich gegenseitig in
der Vorhalle zum Spass mit grosser Höflichkeit, wie entfernte Bekannte, die sich
zufällig begegneten. »O mein Fräulein, was für ein glücklicher Zufall, reisen
Sie vielleicht auch nach München?« »Jawohl, Herr Baron.« »Ei, wie trifft sich
das gut. Und haben Sie etwa Schlafwagen, mein Fräulein?« »Jawohl, Herr Baron,
Bett Nummer fünf.« »Nein, wie sonderbar, ich habe Nummer sechs.« Dann gingen sie
auf dem Perron hin und her. Georg war sehr gut aufgelegt, und es freute ihn, dass
Anna in ihrem englischen Kleid mit dem schmalkrempigen Reisehut und dem blauen
Schleier aussah wie eine interessante Fremde. Sie schritten den ganzen Zug ab,
bis zur Lokomotive, die ausserhalb der Halle stand und in aufgeregten Stössen
hellgrauen Dampf zum dunkeln Himmel sandte. Draussen auf der Strecke, im matten
Schein, erglühten grüne und rote Laternen. Angstvolle Pfiffe kamen von
irgendwoher aus der Weite, und langsam aus dem Dunkel hervor ringelte ein Zug
sich in den Bahnhof. Ein rotes Licht schwankte zauberhaft auf der Erde hin und
her, schien meilenweit zu sein, und wie es stille hielt, war es mit einem Mal
ganz nah. Und draussen, schimmernd und im Unsichtbaren sich verlierend, zogen die
Gleise ihren Weg, nach Nähen und Fernen, in die Nacht, in den Morgen, in den
nächsten Tag, ins Unerforschliche.
    Anna stieg ins Kupee. Georg blieb noch eine Weile draussen stehen und
amüsierte sich über die Reisenden, die eilig Aufgeregten, die vornehm Ruhigen
und die, die die Ruhigen spielten, und über die verschiedenen Abarten der
Begleiter: die Wehmütigen, die Heitern, die Gleichgültigen.
    Anna beugte sich aus dem Fenster. Georg plauderte mit ihr, tat so, als
dächte er gar nicht daran abzureisen, stieg im letzten Moment ein. Der Zug fuhr
ab. Auf dem Bahnsteig standen Leute unbegreifliche Leute, die in Wien
zurückblieben, und denen wieder all die andern unbegreiflich schienen, die nun
ernstlich davonfuhren. Ein paar Taschentücher wehten, der Stationschef stand
wichtig da und sandte dem Zug einen strengen Blick nach, ein Träger, in blau
weiss gestreifter Leinenbluse hielt eine gelbe Tasche hoch und blickte gierig in
jedes Fenster. Merkwürdig, dachte Georg beiläufig, es gibt Leute, die
davonfahren und ihre gelben Taschen in Wien zurücklassen. Alles verschwand,
Tücher, Tasche, Stationschef, Bahnhofsgebäude, das hell erleuchtete Signalhaus,
die Gloriette, die flimmernden Lichter der Stadt, die kleinen, kahlen Gärten am
Damm; und der Zug sauste weiter durch die Nacht. Georg wandte sich vom Fenster
ab. Anna sass in der Ecke, hatte Hut und Schleier neben sich liegen; kleine,
sanfte Tränen rannen ihr über die Wangen. »Aber«, sagte Georg, umschlang sie,
küsste sie auf die Augen, auf den Mund. »Aber Anna«, wiederholte er noch
zärtlicher und küsste sie wieder. »Was weinst du denn? Es wird ja so schön sein.«
    »Du hasts leicht«, sagte sie, und über ihr lächelndes Antlitz flossen die
Tränen weiter.
    Es wurde schön. Zuerst hielten sie sich in München auf. In den hohen Sälen
der Pinakotek spazierten sie umher, standen entzückt vor alten dunkelnden
Bildern, wanderten in der Glyptotek zwischen marmornen Göttern, Königen und
Helden; und wenn Anna plötzlich ermüdet auf einem Diwan sich niederliess, fühlte
sie Georgs zärtlichen Blick über ihrem Scheitel. Sie fuhren durch den englischen
Garten, in breiten Alleen, unter noch entlaubten Bäumen, eng aneinander
geschmiegt, jung und glücklich, und glaubten gern, dass die Menschen sie für
Hochzeitsreisende hielten. Und sie hatten ihre Plätze nebeneinander in der Oper,
bei Figaro, bei den Meistersingern, bei Tristan; und es war ihnen, als webte
sich aus den geliebten Klängen ein tönend durchsichtiger Schleier um sie allein,
der sie von allen andern Zuhörern abschied. Und sie sassen, von niemandem
gekannt, an hübsch gedeckten Gastaustischen, assen, tranken und plauderten
wohlgelaunt. Und durch Gassen, die den wunderbaren Hauch der Fremde hatten,
wandelten sie heim, wo im gemeinsamen Zimmer die milde Nacht ihrer wartete,
schlummerten beruhigt Wange an Wange ein, und wenn sie erwachten, lächelte vor
dem Fenster ein freundlicher Tag, mit dem sie schalten durften wie es ihnen
beliebte. Sie waren ineinander beruhigt, wie sies nie gewesen und gehörten
einander endlich ganz. Dann reisten sie weiter, dem rufenden Frühling entgegen;
durch gedehnte Täler, auf denen der Schnee glänzte und zerrann, dann, wie durch
einen letzten, weissen Wintertraum, über den Brenner nach Bozen, wo sie mittags
auf dem grellen Marktplatz in Sonnenstrahlen badeten. Auf den verwitterten
Stufen des weiten Amphiteaters von Verona, unter einem kühlen Osterabendhimmel,
fand sich Georg endlich der ersehnten Welt gegenüber, in die eine wahrhaft
Geliebte zu geleiten ihm diesmal gegönnt war. Aus rötlich blassen Fernen,
zugleich mit all den ewigen Erinnerungen, die auch andern Menschen gehörten,
grüsste ihn die eigene, entrückte Knabenzeit; ja ein Hauch der verwehten Tage, da
seine Mutter noch gelebt hatte, zitterte hier schon durch die fremdheimatliche
Luft. Venedig empfing ihn gefällig, doch zauberlos, und wohlbekannt, als hätte
er es gestern verlassen. Auf dem Markusplatz wurde er von flüchtigen Wiener
Bekannten gegrüsst, und der verschleierten Dame an seiner Seite im weiten Mantel
galt mancher neugierige Blick. Einmal nur, spät abends auf einer Gondelfahrt
durch enge Kanäle, erstanden ihm die starrenden Paläste, die im Alltagslicht
allmählich zu Kulissen entwürdigt waren, im schweren Prunk dunkelgoldener
Vergangenheiten.
    Dann kamen ein paar Tage in Städten, die er kaum oder gar nicht kannte, wo
er als Knabe nur kurze Stunden, oder noch niemals geweilt hatte. Aus einem
schwülen Paduaner Mittag traten sie in eine dämmrige Kirche und betrachteten
langsam von Altar zu Altar wandelnd, die einfältig herrlichen Bilder, auf denen
Heilige ihre Wunder vollbrachten und ihre Martyrien vollendeten. An einem
trüben, regenschweren Tag fuhr sie ein rumpelnder, trauriger Wagen an einem
ziegelroten Kastell vorbei, um das in einem breiten Graben graugrünliches Wasser
stand, über einen Marktplatz, wo vor dem Kaffeehaus nachlässig gekleidete Bürger
sassen; in stillere und traurige Gassen, wo zwischen den buckligen Steinen Gras
wuchs; und sie mussten glauben, dass diese kläglich dahinsterbende Kleinstadt den
schmetternden Namen Ferrara trug. In Bologna schon, wo die lebhaft aufblühende
Stadt sich nicht am Stolz vergangener Herrlichkeiten genügen liess, atmeten sie
auf. Aber erst als Georg die Hügel von Fiesole erblickte, fühlte er sich wie von
einer andern Heimat begrüsst. Dies war die Stadt, in der er aufgehört hatte Knabe
zu sein, in der der Strom des Lebens durch seine Adern zu kreisen begonnen
hatte. An manchen Plätzen tauchten Erinnerungen in ihm auf, die er für sich
behielt; und in dem Dom, wo jenes Florentiner Mädchen unter dem Brautschleier
den letzten Blick zu ihm gesandt, sprach er zu Anna nur von der
Herbstabendstunde in der Altlerchenfelder Kirche, wo sie beide ahnungsvoll von
dieser Reise zu reden begonnen hatten, die nun so unbegreiflich rasch
Wirklichkeit geworden war. Er zeigte Anna das Haus, in dem er vor neun Jahren
gewohnt hatte. Noch befanden sich unten die gleichen Kaufläden, in denen
Korallenhändler, Uhrmacher, Spitzenhändler ihre Waren feilhielten. Da der zweite
Stock zu vermieten war, hätte Georg ohne weiteres das Zimmer wiedersehen können,
in dem seine Mutter gestorben war. Aber er zögerte lange, die Wohnung wieder zu
betreten. Erst am Tage vor der Abreise, als dürfte er es doch nicht versäumen,
und allein, ja ohne es Anna vorher zu sagen, betrat er das Haus, die Stiege, das
Gemach. Der alt gewordene Portier führte ihn herum und erkannte ihn nicht. Es
waren noch dieselben Möbel überall; das Schlafzimmer der Mutter sah noch genau
so aus wie vor zehn Jahren, und in der gleichen Ecke, aus braunem Holz, mit der
dunkelgrünen, silbergestickten Samtdecke, stand das gleiche Bett. Aber nichts
von allem, was Georg erwartet hatte, regte sich in ihm. Ein müdes Erinnern,
seichter und glanzloser als jemals sonst, rann ihm durch die Seele. Er verweilte
lange vor dem Bett mit dem klar bewussten Willen, die Empfindungen, zu denen er
sich verpflichtet fühlte, heraufzubeschwören. Er murmelte das Wort »Mutter«, er
versuchte sichs vorzustellen wie sie hier gelegen war, in diesem Bett, viele
Tage und Nächte lang. Er erinnerte sich der Stunden, in denen es ihr wohler
gegangen war und er ihr hatte vorlesen oder im Nebenzimmer auf dem Klavier
vorspielen dürfen, sah den kleinen runden Tisch in der Ecke stehen, an dem der
Vater und Felician ganz leise gesprochen hatten, weil die Mutter eben
eingeschlummert war; und endlich, wie eine Szene auf dem Teater, so nah und
scharf, stieg jenes furchtbaren Abends Bild in ihm auf, an dem Vater und Bruder
fortgegangen waren, er selbst ganz allein an der Mutter Lager sass, ihre Hand in
der seinen ... alles sah und hörte er wieder: wie sie mit einem Mal nach dem
ruhigsten Tag sich übel befunden, wie er die Fensterflügel aufgerissen hatte und
mit der lauen Märzluft das Lachen und Reden fremder Menschen ins Zimmer
hereingedrungen war, wie sie endlich dalag, mit offenen und schon erloschenen
Augen, das Haar, das noch vor wenigen Sekunden um Stirn und Schläfen wellig
geflossen war wirr und trocken auf dem Polster starrte, und der linke Arm nackt
über den Bettrand herunterhing mit weit auseinander gekrampften Fingern. Mit so
ungeheuerer Lebendigkeit war dies Bild ihm aufgestiegen, dass er sein eigenes
Knabenantlitz im Geiste wiedersah und sein eigenes längst verhalltes Weinen
wieder hörte ... aber er fühlte keinen Schmerz. Es war doch zu lang vorbei. Zehn
Jahr beinah.
    »E bellissima la vista di questa finestra«, sagte plötzlich der Portier
hinter ihm, öffnete das Fenster; und mit einem Mal, wie an jenem längst
entschwundenen Abend, tönten Menschenstimmen von unten herauf. Und im gleichen
Augenblick hatte er die Stimme der Mutter im Ohr, so wie er sie damals
vernommen, flehend, verengend ... »Georg ... Georg« ... und aus der dunkeln
Ecke, an der Stelle, wo damals die Kissen gelegen waren, sah er etwas Bleiches
sich entgegenschimmern. Er trat zum Fenster und bestätigte: »Bellissima vista«.
Aber vor der schönen Aussicht lag es wie dunkle Schleier. »Mutter«, murmelte er,
und noch einmal: »Mutter« ... meinte aber zu seiner eigenen Verwunderung nicht
mehr die längst Begrabene, die ihn geboren; jener andern galt das Wort, die noch
nicht Mutter war und die es in wenigen Monaten werden sollte ... eines Kindes
Mutter, von dem er der Vater war. Und nun klang das Wort plötzlich, als tönte
etwas nie Gehörtes, nie Verstandenes, als schwängen geheimnisvoll singende
Glocken in Zukunftsferne mit. Und Georg schämte sich, dass er allein hier herauf
gekommen war, sich gleichsam hergestohlen hatte. Nun durfte er Anna nicht einmal
erzählen, dass er hier gewesen.
    Am nächsten Morgen fuhren sie nach Rom. Und während Georg von Tag zu Tag
sich heimischer, genussfähiger, frischer fühlte, begann Anna immer häufiger an
schwerer Müdigkeit zu leiden. Oft blieb sie allein im Hotel zurück, während er
in den Strassen herumschweifte, den Vatikan durchwanderte, auf Forum und Palatin
sich erging. Sie hielt ihn nie zurück, aber doch fühlte er sich bemüssigt, sie zu
trösten, ehe er fort ging, und pflegte zu sagen: »Nun, das sparst du dir für ein
anderes Mal auf, hoffentlich kommen wir bald wieder her.« Da lächelte sie in
ihrer verschmitzten Art, als zweifelte sie gar nicht mehr daran, dass sie einmal
seine Frau sein würde; und er selbst musste sich gestehen, dass er diesen Ausgang
nicht mehr für unmöglich hielt. Denn dass sie in diesem Herbst auseinandergehen
sollten, mit einem Abschied für immer, das war ihm allmählich fast unfassbar
geworden. Doch sprachen sie in dieser Zeit nie mit klaren Worten von einer
ferneren Zukunft. Er hatte Scheu davor und sie fühlte, dass sie gut daran täte,
diese Scheu nicht aufzustören. Und gerade während dieser römischen Tage, in
denen er oft stundenlang allein in der fremden Stadt umherspazierte, fühlte er,
wie er Anna zuweilen in einer ihm nicht unangenehmen Weise entglitt. Eines
Abends war er bis zur anbrechenden Dunkelheit zwischen den Trümmern der
Kaiserpaläste umhergewandert, und von der Höhe des palatinischen Hügels, mit dem
stolzen Entzücken des Einsamen, hatte er die Sonne in der Campagna versinken
sehen. Dann hatte er sich eine Weile spazieren fahren lassen, längs der antiken
Stadtmauer auf den Monte Pincio, und als er in seiner Wagenecke lehnend, über
die Dächer hinweg den Blick zur Peterskuppel schweifen liess, glaubte er, tief
ergriffen, nun die erhabenste Stunde dieser ganzen Reise zu erleben. Erst spät
kam er ins Hotel zurück, fand Anna am Fenster stehen, verweint, blass, mit roten
Flecken auf den gedunsenen Wangen. Seit zwei Stunden verging sie vor Angst,
hatte sich eingebildet, dass er verunglückt, überfallen, umgebracht worden sei.
Er beruhigte sie, fand aber nicht die herzlichen Worte, nach denen sie
verlangte, da er sich in unwürdiger Weise gebunden und unfrei vorkam. Sie fühlte
seine Kälte, gab ihm zu verstehen, dass er sie nicht genug liebte; er antwortete
gereizt, beinahe verzweifelt; sie nannte ihn gefühllos und egoistisch. Er biss
die Lippen zusammen, erwiderte nichts mehr und ging im Zimmer hin und her.
Unversöhnt begaben sie sich in den Speisesaal, wo sie schweigend ihr Mahl
einnahmen, und gingen zu Bette, ohne einander »Gute Nacht« zu sagen. Die
nächsten Tage standen unter dem Schatten dieses Auftritts. Erst auf der Reise
nach Neapel, allein im Kupee, in der Freude an der neuen Landschaft, durch die
sie flogen, fanden sie einander wieder. Von nun an verliess er sie beinahe keinen
Augenblick mehr, sie schien ihm hilflos und ein wenig rührend. Auf den Besuch
der Museen verzichtete er, da sie ihn nicht begleiten konnte. Sie fuhren
zusammen auf dem Posilipp und in der Villa Nationale spazieren. Auf der
Wanderung durch Pompeji ging er, ein zärtlich geduldiger Ehemann, neben ihrem
Tragsessel einher, und während der Führer in schlechtem Französisch seine
Erklärungen vortrug, nahm Georg Annas Hand, küsste sie und versuchte mit
begeisterten Worten sie an dem Entzücken teilnehmen zu lassen, das er selbst
auch diesmal in der geheimnisvollen, dächerlosen Stadt empfand, die nach
zweitausendjähriger Versunkenheit allmählich Strasse für Strasse, Haus für Haus
dem unveränderlichen Lichte dieses blauen Himmels entgegenrückte. Und als sie an
einer Stelle Halt machten, wo eben einige Arbeiter beschäftigt waren, mit
vorsichtigen Schaufelschlägen eine gebrochene Säule aus der Asche
hervorzutreiben, wies er Anna mit so leuchtenden Augen darauf hin, als wäre
dieser Anblick ein Geschenk, das er ihr seit langem zugedacht, und als hätte er
mit allem, was bisher geschehen, nur den Zweck verfolgt, sie in dieser Minute an
diese Stelle hinzuführen und dieses Wunder schauen zu lassen.
    In einer dunkelblauen Maiennacht lagen sie in zwei Segeltuchstühlen auf dem
Verdeck des Schiffes, das sie nach Genua führte. Ein alter Franzose mit hellen
Augen, der bei der Abendmahlzeit ihr Gegenüber gewesen war, blieb eine Weile
neben ihnen stehen und machte sie auf die Sterne aufmerksam, die wie schwere
silberne Tropfen im Unendlichen hingen. Einzelne nannte er mit Namen, höflich
und verbindlich, als fühle er sich gedrungen, die funkelnden Himmelswanderer und
das junge Ehepaar miteinander bekannt zu machen. Dann empfahl er sich und stieg
in seine Kajüte hinunter. Georg aber dachte an seine einsame Fahrt auf gleichem
Wege unter gleichem Himmel im vorigen Frühjahr, nach seinem Abschied von Grace.
Von ihr hatte er Anna erzählt, nicht so sehr aus einem innern Bedürfnis, als um
durch das Lebendigmachen einer bestimmten Gestalt und Nennung eines bestimmten
Namens seine Vergangenheit von dem rätselhaft Unheimlichen zu befreien, in dem
sie sich für Anna manchmal zu verlieren schien. Anna wusste von Labinskis Tod,
von Georgs Gespräch mit Grace an Labinskis Grab, von Georgs Aufentalt mit ihr
in Sizilien, sogar ein Bild von Grace hatte er ihr gezeigt. Und doch, mit
leichtem Schauer gestand er sich ein, wie wenig Anna selbst von dieser Epoche
seines Daseins wusste, über die er sich beinahe rückhaltslos mit ihr
ausgesprochen hatte; und er empfand, wie unmöglich es war, einem andern Wesen
von einer Zeit, die es nicht miterlebt hatte, von dem Inhalt so vieler Tage und
Nächte einen Begriff zu geben, deren jede Minute von Gegenwart erfüllt gewesen
war. Er erkannte, wie wenig die kleinen Unaufrichtigkeiten, die er sich in
seinen Erzählungen manchmal zuschulden kommen liess, bedeuten mochten gegenüber
dem unvertilgbaren Hauch der Lüge, den jede Erinnerung aus sich selbst gebiert,
auf dem kurzen Weg von den Lippen des einen zu dem Ohr des andern. Und wenn Anna
später einmal einem Freund, einem neuen Geliebten, so ehrlich, als sie nur
vermochte, von der Zeit berichten wollte, die sie mit Georg verbracht, was
konnte der am Ende erfahren? Nicht viel mehr als eine Geschichte, wie er sie
hundertmal in Büchern gelesen: von einem jungen Geschöpf, das einen jungen Mann
geliebt hatte, mit ihm herumgereist war, Wonnen empfunden und zuweilen
Langeweile, sich mit ihm vereint gefühlt hatte und manchmal doch einsam; und
selbst wenn sie versucht hätte, von jeder Minute Rechenschaft abzulegen ... es
blieb doch ein unwiderbringlich Vergangenes, und für den, der es nicht selbst
erlebt hatte, konnte Vergangenes nie Wahrheit werden.
    Die Sterne glitzerten über ihnen. Annas Kopf war langsam an seine Brust
gesunken, und er stützte ihn sanft mit den Händen. Nur das leise Rauschen in der
Tiefe verriet, dass das Schiff sich weiterbewegte. Nun ging es immer dem Morgen
entgegen, der Heimat, der Zukunft. Zu klingen und zu kreisen begann die Zeit,
die so lang stumm über ihnen geruht. Georg fühlte plötzlich, dass er sein
Schicksal nicht mehr in der Hand hatte. Alles ging seinen Lauf. Und nun spürte
ers durch den ganzen Körper gleichsam bis in die Haare, dass das Schiff unter
seinen Füssen unaufhaltsam vorwärts eilte.
    In Genua blieben sie nur einen Tag. Beide sehnten sich nach Ruhe, Georg
überdies auch nach seiner Arbeit. Nur noch ein paar Wochen wollten sie an einem
italienischen See verweilen, und Mitte Juni nach Hause fahren. Bis dahin war
wohl auch das Haus bereit, in dem Anna wohnen sollte. Frau Golowski hatte ein
halbes Dutzend passende entdeckt, genaue Berichte an Anna gesandt, wartete auf
die Entscheidung, suchte aber für alle Fälle noch weiter. Von Genua reisten sie
nach Mailand, doch ertrugen sie das laute Leben der Stadt nicht mehr, und schon
am nächsten Tag fuhren sie nach Lugano.
    Hier waren sie nun vier Wochen lang. Und Morgen für Morgen ging Georg den
Weg, der ihn auch heute das heitere Ufer entlang, über Paradiso hinaus, an die
Strassenbiegung zu einer immer neu ersehnten Aussicht führte. Nur noch wenige
Tage des Aufentalts standen bevor. So vortrefflich sich das Befinden Annas von
Anfang an verhalten hatte, es war an der Zeit, die Nähe Wiens aufzusuchen, um
allen Zufällen ruhig entgegensehen zu können. Die Tage in Lugano erschienen
Georg als die besten, die er seit seiner Abfahrt aus Wien erlebt hatte. Und er
fragte sich in manchem schönen Augenblick, ob es nicht vielleicht die beste Zeit
seines ganzen Lebens wäre, die er hier verbrachte. Nie hatte er sich so
wunschlos, in Voraussicht und Erinnerung so beruhigt gefühlt als hier, und mit
Freude sah er, dass auch Anna vollkommen glücklich war. Erwartungsvolle Milde
glänzte auf ihrer Stirn, ihre Augen blickten heiter und klug, wie in der Zeit,
da Georg um ihren Besitz geworben. Ohne Unruhe, ohne Ungeduld, und, im Gefühl
ihrer aufblühenden Mütterlichkeit weit hinausgetragen über die Erinnerung an
heimatliche Vorurteile und über die Besorgnis vor künftigen Wirrnissen, sah sie
der hohen Stunde beglückt entgegen, da sie dem wartenden Dasein als ein
beseeltes Wesen wiedergeben sollte, was ihr Leib in einem halb unbewussten
Augenblick der Wonne eingetrunken hatte. Freudig sah Georg in ihr die Gefährtin
heranreifen, die er von Beginn an in ihr zu finden gehofft hatte, die ihm aber
im Laufe der Tage manchmal entschwunden war. In Gesprächen über seine Arbeiten,
die sie alle sorgfältig durchgesehen, über das Wesen des Gesangs, über
allgemeinere musikalische Fragen, erschloss sie ihm mehr Wissen und Gefühl, als
er je in ihr geahnt hatte. Ihm selbst, ohne dass er vieles niederschrieb, war
zumute, als schritte er innerlich vorwärts. Melodien klangen in ihm, Harmonien
kündigten sich an, und mit tiefem Verstehen erinnerte er sich einer Bemerkung
Felicians, der einmal, nachdem er monatelang die Klinge nicht geübt, gesagt
hatte: sein Arm wäre während dieser Zeit auf gute Gedanken gekommen. So erregte
ihm auch die Zukunft keinerlei Sorgen. Er wusste, sobald er nach Wien kam, würde
die ernste Arbeit beginnen, und dann lag in freier Aussicht sein Weg vor ihm.
    Längst stand Georg an der Strassenbiegung, der seine Schritte zugestrebt
hatten. Eine kurze, breite Landzunge, von niederm Gesträuch dicht bewachsen,
streckte sich von hier aus in den See, und leicht sich senkend führte ein
schmaler Weg in wenig Schritten zu einer von der Strasse aus unsichtbaren
Holzbank, auf der Georg sich immer für eine kurze Weile niederzulassen pflegte,
eh er ins Hotel zurückkehrte.
    Wie oft noch! dachte er heute unwillkürlich. Fünf oder sechs Male vielleicht
und dann zurück nach Wien. Und er fragte sich, was denn wohl geschähe, wenn sie
nicht zurückkehrten, wenn sie sich irgendwo in Italien, oder in der Schweiz
häuslich niederliessen und mit dem Kind, im doppelten Frieden der Natur und der
Ferne sich ein neues Leben aufbauten. Was geschähe? ... Nichts. Kaum dass irgend
jemand sich sonderlich wundern würde. Und vermissen, mit Schmerz vermissen, als
unersetzlich, würde niemand weder ihn noch sie. In dieser Überlegung ward ihm
eher leicht als traurig zumute; nur verdross es ihn, dass ihn manchmal doch eine
Art Heimweh, ja sogar von Sehnsucht nach einzelnen Menschen überkam. Und auch
jetzt, während er die Seeluft eintrank, sich von einem fremd-vertrauten Himmel
überblauen liess, das Vergnügen des Entrückt- und Alleinseins genoss, klopfte ihm
das Herz, wenn er an die Wälder und Hügel um Wien, an die Ringstrasse, den Klub,
an sein grosses Zimmer mit der Aussicht auf den Stadtpark dachte. Und es wäre ihm
ein banges Gefühl gewesen, wenn sein Kind nicht in Wien zur Welt hätte kommen
sollen. Plötzlich fiel ihm ein, dass ja heute wieder eine Nachricht von Frau
Golowski da sein müsse, so wie manche andre Nachricht aus Wien, und so beschloss
er noch vor der Rückkehr ins Hotel den Umweg über die Post zu nehmen. Denn, wie
während der ganzen Reise, liess er sich auch hier die Briefe nicht ins Hotel
senden, weil er sich auf diese Weise freier gegenüber allen Zufälligkeiten
fühlte, die von aussen kommen mochten. Man schrieb ihm nicht eben viel aus Wien.
Am meisten, bei aller Kürze, stand noch in den Briefen Heinrichs, was, wie Georg
wohl fühlte, weniger einem besonderen Mitteilungsbedürfnis des Dichters zu
danken war, als dem Umstand, dass es zu dessen Beruf gehörte, den Sätzen, die er
schrieb, Lebenshauch einzuflössen. Die Briefe Felicians waren so kühl, als hätte
er ganz jenes letzten innigeren Gespräch in Georgs Zimmer und des Bruderkusses
vergessen, mit dem sie geschieden waren ... Er mochte wohl vermuten, dachte
Georg, dass seine Briefe auch von Anna gelesen wurden, und sich nicht veranlasst
fühlen, diese fremde Dame in seine Privatverhältnisse und Privatgefühle Einblick
nehmen zu lassen. Nürnberger hatte Georgs Kartengrüsse ein paarmal kurz erwidert,
und auf einen Brief aus Rom, in dem Georg herzlich der gemeinsamen Spaziergänge
im Vorfrühling gedacht, hatte Nürnberger mit ironisch entschuldigenden Worten
sein Bedauern ausgesprochen, dass er auf jenen Wanderungen Georg so viel von
seinen eigenen Familienverhältnissen erzählt hatte, die den andern doch absolut
nicht interessieren konnten. Vom alten Eissler war ein Brief nach Neapel gelangt,
der berichtete, dass eine Vakanz an der Detmolder Hofbühne im nächsten Jahre wohl
nicht vorauszusehen, dass Georg aber durch den Grafen Malnitz eingeladen wäre,
als erwünschter Gast den Proben und Vorstellungen anzuwohnen, bei welcher
Gelegenheit sich vielleicht ein näheres Verhältnis für die Zukunft anbahnen
liesse. Georg hatte höflich gedankt, war aber vorläufig wenig geneigt, auf eine
so vage Aussicht hin in der fremden Stadt längern Aufentalt zu nehmen, und
entschlossen gleich nach seinem Eintreffen in Wien sich nach einer sichern
Stellung umzusehen.
    Sonst klang persönlich zu ihm aus der Heimat nichts herüber. Die ihm
zugedachten Grüsse, die Frau Rosner sich verpflichtet fühlte, den Briefen an die
Tochter beizufügen, drangen nicht an sein Herz, trotzdem sie in der letzten Zeit
nicht mehr an den »Herrn Baron«, sondern an »Georg« gerichtet waren. Er fühlte
ja doch, dass die Eltern Annas einfach hinnahmen, was sie nicht ändern konnten,
dass sie aber im Innersten gedrückt und ohne die wünschenswerte Einsicht
geblieben waren.
    Wie gewöhnlich nahm Georg den Rückweg nicht das Ufer entlang. Durch enge
Gassen, zwischen Gartenmauern, dann unter Bogengängen, endlich über einen grossen
Platz, von wo der Blick auf den See wieder frei war, gelangte er vor das
Postgebäude, dessen hellgelber Anstrich die Sonne blendend widerstrahlte. Eine
junge Dame, die Georg schon von weitem auf dem Trottoir auf- und abgehen gesehen
hatte, blieb stehen, als er näher kam. Sie war weiss gekleidet und trug einen
weissen Sonnenschirm aufgespannt über einem breiten Strohhut mit rotem Band. Wie
Georg schon ganz nahe war, lächelte sie, und nun sah er mit einem Mal ein
wohlbekanntes Gesicht unter dem weissen, getupften Tüllschleier. »Ist es möglich,
Fräulein Terese«, rief er aus und nahm die Hand, die sie ihm entgegenstreckte.
    »Grüss Sie Gott Baron«, erwiderte sie harmlos, als wäre diese Begegnung das
selbstverständlichste von der Welt. »Wie geht's der Anna?«
    »Danke, sehr gut. Sie werden sie doch jedenfalls besuchen?«
    »Wenn's erlaubt ist.«
    »Jetzt aber sagen Sie mir nur, wie kommen Sie hierher! Sind Sie am Ende ...«
und er liess seinen Blick erstaunt über ihre ganze Erscheinung gleiten, »auf
einer Agitationsreise?«
    »Das kann man eigentlich nicht sagen«, erwiderte sie und schob ihr Kinn vor,
ohne dass diese Bewegung diesmal, wie sonst, ihr Antlitz verhässlicht hätte. »Es
ist eher ein Ferienausflug.« Und ihr Gesicht glänzte vor innerm Lachen, als sie
Georgs Blick auf das Tor gerichtet sah, aus dem eben, in weissschwarz gestreiftem
Flanellanzug, Demeter Stanzides hervortrat. Er lüftete den weichen, grauen Hut
zum Gruss und reichte Georg die Hand. »Guten Morgen Baron, es freut mich Sie
wiederzusehen.«
    »Auch ich freu mich sehr, Herr Stanzides.«
    »Kein Brief für mich?« wandte sich Terese an Demeter.
    »Nein Terese, nur für mich ein paar Karten«, und er steckte sie in die
Tasche.
    »Seit wann sind Sie denn hier?« fragte Georg und versuchte sich möglichst
wenig überrascht zu zeigen.
    »Gestern Abend sind wir angekommen«, entgegnete Demeter.
    »Direkt aus Wien?« fragte Georg.
    »Nein, aus Mailand. Wir sind schon acht Tage auf Reisen.«
    »Zuerst waren wir in Venedig, wie es üblich ist«, ergänzte Terese, zupfte
lächelnd an ihrem Schleier und hing sich an Demeters Arm.
    »Sie sind ja viel länger fort«, sagte Demeter, »eine Karte von Ihnen sah ich
vor ein paar Wochen bei Ehrenbergs. Haus der Vettier, Pompeji.«
    »Ja, ich hab eine wunderbare Reise hinter mir.«
    »Nun wollen wir uns ein wenig im Ort umsehen«, sagte Terese, »und im
übrigen den Baron nicht weiter aufhalten, der sich jedenfalls Briefe abholen
will.«
    »O das eilt nicht. Und wir sehen uns doch jedenfalls wieder?«
    »Wollen Sie uns nicht das Vergnügen machen, Baron«, sagte Demeter, »heute im
Europe, wo wir abgestiegen sind, mit uns zu lunchen?«
    »Danke sehr, es geht leider nicht. Aber ... aber vielleicht passt es Ihnen
mit ... mit ... uns im Parkhotel zu dinieren, ja? Um halb sieben, wenn's Ihnen
recht ist. Ich lasse im Garten decken unter einem wunderschönen Platanenbaum, wo
wir gewöhnlich speisen.«
    »Ja«, sagte Terese, »wir nehmen dankend an. Ich komme vielleicht schon eine
Stunde früher, um mit Anna in Ruhe zu plaudern.«
    »Schön«, erwiderte Georg, »sie wird sich sehr freuen.«
    »Also auf Wiedersehen, Baron«, sagte Demeter, und indem er seine Hand
herzlich drückte, fügte er hinzu: »Bitte meinen Handkuss zu Hause.«
    Terese winkte Georg vergnügt mit den Augen zu, dann schlug sie mit Demeter
den Weg zum Ufer ein.
    Georg schaute ihnen nach. Hätt ich sie nicht gekannt, dachte er, Demeter
hätte sie mir ohne weiteres als seine Gattin, geborene Prinzessin X. vorstellen
können. Wie merkwürdig! diese zwei! ... Dann trat er in die Halle, liess sich am
Schalter seine Sendung geben und sah sie flüchtig durch. Das erste, was ihm in
die Augen fiel, war eine Karte von Leo Golowski. Es stand nichts drauf als:
»Lassen Sie sich's wohl ergehen, lieber Georg.« Dann war eine Karte da aus dem
Waldsteingarten im Prater. »Haben soeben auf den verehrten Ausreisser unsre
Gläser geleert. Guido Schönstein, Ralph Skelton, die Rattenmamsell.«
    Die Briefe von Felician, Frau Rosner, Heinrich wollte Georg erst zu Hause
mit Anna zusammen in Ruhe lesen. Auch drängte es ihn, die Neuigkeit von der
Ankunft des sonderbaren Paares Anna mitzuteilen. Er war nicht ganz ohne Unruhe.
Denn Annas bürgerliche Instinkte wachten zuweilen in ganz unerwarteter Weise
wieder auf. Jedenfalls beschloss Georg, ihr seine Einladung an Demeter und
Terese als etwas vollkommen Selbstverständliches mitzuteilen und war bereit für
den Fall, dass sie der Sache gekränkt, geärgert oder auch nur unsicher
gegenüberstände, eine solche Auffassung mit Entschiedenheit abzulehnen. Er
selbst freute sich auf den Abend, der ihm bevorstand, nach den vielen Wochen,
die er ausschliesslich in Annas Gesellschaft verbracht hatte. Beinahe spürte er
ein wenig Neid auf Demeter, der sich nun auf einer so sorgenlosen
Vergnügungsreise befand, in der Art wie er selbst sie im vorigen Jahr mit Grace
gemacht hatte. Dazu kam, dass ihm Terese besser gefallen hatte als je. So vielen
schönen Frauen er im Laufe der letzten Monate begegnet war, noch niemals,
trotzdem Anna an weiblicher Anmut immer mehr verlor, war er in ernste Versuchung
geraten. Heute zum erstenmal wieder fühlte er Sehnsucht nach neuen Umarmungen.
    Bald sah er durch die Gitterstäbe des Balkons das hellblaue Morgenkleid
Annas schimmern. Georg pfiff, nach gewohnter Art sich anzukündigen, die ersten
Takte der Beetovenschen fünften Symphonie, und gleich erschien über dem
Geländer das blasse, sanfte Gesicht der Geliebten, und ihre grossen Augen
begrüssten ihn lächelnd. Er hielt das Päckchen Briefe in die Höhe, sie nickte
befriedigt, dann eilte er rasch hinauf in ihr Zimmer auf den Balkon. Sie lehnte
in einem Strohsessel vor dem Tischchen mit der grünlichen Schutzdecke, auf dem
sie eine Handarbeit liegen hatte, so wie es beinahe immer der Fall war, wenn
Georg von seinem Morgenspaziergang nach Hause kam. Er küsste sie auf die Stirn
und auf den Mund. »Also was glaubst du, wem ich begegnet bin?« fragte er hastig.
    »Else Ehrenberg«, antwortete Anna, ohne Besinnen.
    »Wie kommst du drauf? Wie sollte die hierher geraten?«
    »Nun«, sagte Anna pfiffig, »man könnte dir ja nachgereist sein.«
    »Man könnte, aber man ist es nicht. Also rat weiter. Dreimal darfst du.«
    »Heinrich Bermann.«
    »Aber keine Idee. Von dem ist übrigens ein Brief da. Also weiter.«
    Sie dachte nach. »Demeter Stanzides«, sagte sie dann.
    »Wie, weisst du am Ende etwas?«
    »Was soll ich denn wissen? Ist er wirklich da?«
    »Donnerwetter du wirst ja ganz rot, o!« Er kannte ihre Schwärmerei für
Demeters melancholische Kavaliersschönheit, fühlte aber keine Spur von
Eifersucht.
    »Also ist es Stanzides?« fragte sie.
    »Ja, allerdings ist es Stanzides.«
    »Daran kann ich aber mit dem besten Willen nichts Merkwürdiges finden.«
    »Das ist auch nicht merkwürdig. Aber wenn du draufkommst, mit wem er da ist
...«
    »Mit Sissy Wyner.«
    »Aber ...«
    »Nun, ich dachte verheiratet ... das kommt ja auch vor.«
    »Nein, nicht mit Sissy und nicht verheiratet, sondern mit deiner Freundin
Terese und so unvermählt als möglich.«
    »Na geh ...«
    »Wie ich dir sage, mit Terese. Seit acht Tagen sind sie auf Reisen. Was
sagst du dazu? In Venedig und Mailand waren sie. Hattest du eine Ahnung davon?«
    »Nein.«
    »Wirklich nicht?«
    »Wirklich nicht. Du weisst doch, dass mir Terese nur einmal flüchtig
geschrieben hat, und du hast ja mit bekanntem Interesse ihren Brief gelesen.«
    »Du bist mir nicht genug erstaunt.«
    »Gott ich hab immer gewusst, dass sie einen guten Geschmack hat.«
    »Demeter auch«, rief Georg mit Überzeugung aus.
    »Wahlverwandtschaften«, bemerkte Anna mit hochgezogenen Brauen und häkelte
weiter.
    »Und das ist nun die Mutter meines Kindes«, sagte Georg mit heiterm
Kopfschütteln.
    Sie sah ihn lächelnd an. »Wann kommt sie denn zu mir?«
    »Nachmittag so gegen sechs, denk ich. Und ... und Stanzides kommt auch ...
etwas später. Sie werden mit uns speisen. Du hast doch nichts dagegen?«
    »Dagegen? Ich freu mich sehr«, erwiderte Anna einfach. Georg war angenehm
berührt. Wenn Anna in ihrem Zustand Stanzides in Wien begegnet wäre! ... dachte
er. Wie doch das Entrücktsein aus der gewohnten Umgebung befreit und reinigt!
    »Was haben sie denn Neues erzählt?« fragte Anna.
    »Wir sind kaum drei Minuten zusammen gestanden, bei der Post. Er lässt dir
übrigens die Hand küssen.«
    Anna antwortete nichts, und Georg schien es, als wandelten ihre Gedanken
wieder auf sehr bürgerlichen Wegen.
    »Bist du schon lang aufgestanden? fragte er rasch.
    »Ja, ich sitze schon eine ganze Weile da auf dem Balkon. Ich hab sogar ein
bissel geschlummert, die Luft hat so was Ermattendes heute, und geträumt hab ich
auch.«
    »Wovon hast du denn geträumt?«
    »Vom Kind«, sagte sie.
    »Wieder?«
    Sie nickte. »Ganz dasselbe wie neulich. Hier auf dem Balkon bin ich
gesessen, auch im Traum, und hab's in meinem Arm gehabt, an der Brust ...«
    »Was war's denn? Ein Bub oder ein Mädel?«
    »Ich weiss nicht. Ein Kind halt. So klein und so süss. Und eine Wonne war das
... Nein, ich geb's nicht her«, sagte sie dann leise mit geschlossenen Augen.
    Er stand ans Geländer gelehnt und fühlte den leichten Mittagswind in seinen
Haaren streichen. »Wenn du's nicht fortgeben willst«, sagte er, »so sollst du's
auch nicht tun.« Und es fuhr ihm durch den Sinn: wär es nicht sogar das
bequemste, wenn ich sie heiratete? ... Aber irgend etwas hielt ihn zurück, es
auszusprechen. Sie schwiegen beide. Er hatte die Briefe vor sich hin auf den
Tisch gelegt. Nun nahm er sie und öffnete einen. »Sehen wir zuerst, was deine
Mutter schreibt«, sagte er.
    Der Brief der Frau Rosner entielt die Mitteilung, dass daheim alles wohl
sei, dass man sich sehr freue, Anna bald wieder zu sehen, und dass Josef in der
Administration des »Volksboten« mit fünfzig Gulden Monatsgehalt angestellt sei.
Ferner wäre eine Anfrage von Frau Bittner eingelangt, wann Anna aus Dresden
zurückkäme, und ob es überhaupt sicher wäre, dass sie im nächsten Herbst wieder
da sei, weil man sich andernfalls doch nach einer neuen Lehrerin umsehen müsste
... Anna blieb regungslos und äusserte sich nicht.
    Dann las Georg Heinrichs Brief vor. Er lautete: »Lieber Georg, ich freue
mich sehr, dass Sie so bald zurück sein werden, und schreib Ihnen das lieber
heute, weil ich Ihnen ja doch, wenn Sie einmal da sind, nie sagen werde, wie
sehr ich mich darüber freue. Vor ein paar Tagen an der Donau, auf einer
abendlich einsamen Radpartie hab ich eine wahre Sehnsucht nach Ihnen bekommen.
Was übrigens diese Ufer für einen unverwischbaren Duft von Einsamkeit haben! Ich
erinnere mich das schon vor fünf oder sechs Jahren einmal empfunden zu haben, an
einem Sonntag, wie ich in, was man so nennt, lustiger Gesellschaft im
Klosterneuburger Stiftskeller gesessen bin, in dem grossen Garten, mit dem Blick
auf die Berge und zu den Auen. Wie aus den Tiefen des Wassers kommt sie
emporgestiegen, die Einsamkeit, die ja offenbar überhaupt etwas ganz anderes
vorstellt, als man gewöhnlich meint. Keineswegs einen Gegensatz zur
Geselligkeit. Ja vielleicht hat man nur unter Menschen das Recht, sich einsam zu
fühlen. Nehmen Sie das als aphoristisch, lächerrlich-unwahres Extrablättchen,
oder legen Sie es auch als solches beiseite. Um wieder auf meine Donauuferfahrt
zu kommen, gerade in jener etwas schwülen Abendstunde sind mir allerlei gute
Einfälle gekommen, und ich hoffe Ihnen bald manches Sonderbare über Ägidius
erzählen zu können, wie der mordlustige und traurige Jüngling nun endgültig
benannt ist, über den tiefsinnig-undurchdringlichen Fürsten, über den
lächerlichen Herzog Heliodor, unter welchem Namen ich Ihnen den Bräutigam der
Prinzessin vorzustellen die Ehre habe, und ganz besonders über die Prinzessin
selbst, die ein viel merkwürdigeres Geschöpf zu sein scheint, als ich anfangs
vermutet habe.«
    »Das bezieht sich auf den Operntext?« fragte Anna und liess ihre Arbeit
sinken.
    »Natürlich«, antwortete Georg und las weiter.
    »Sie sollen auch gleich erfahren, mein Lieber, dass ich in den letzten Wochen
einige vorläufig nicht besonders unsterbliche Verse zum ersten Akt verfertigt
habe, die nun bis auf weiteres, ohne Ihre Musik nämlich, in der Welt
herumhüpfen, wie ungeflügelte Engel. Der Stoff reizt mich in seltsamer Weise.
Und ich bin schon selber neugierig, worauf ich eigentlich mit ihm hinaus will.
Auch allerlei anderes hab ich begonnen ... entworfen ... bedacht. Und, kurz und
frech gesagt, es ist mir, als kündigte sich eine neue Epoche in mir an. Doch das
klingt frecher, als es ist. Denn auch Rauchfangkehrer, Salamutschimänner und
Feldwebel haben ihre Epochen. Unsereiner weiss es nur immer gleich. Was ich für
sehr wahrscheinlich halte, ist, dass ich aus dem phantastischen Element, in dem
ich mich jetzt behage, sehr bald in ein höchst reales hinab oder hinauf steigen
dürfte. Was würden Sie zum Beispiel dazu sagen, wenn ich mich in eine politische
Komödie einliesse? Und schon fühl ich, dass das Wort von der Realität nicht völlig
stimmt. Denn mir scheint, Politik ist das phantastischeste Element, in dem
Menschen sich überhaupt bewegen können, nur, dass sie es nicht merken ... Hier
wäre die Sache vielleicht anzupacken. Dies fiel mir ein, als ich neulich einer
politischen Versammlung anwohnte, (unwahr, diese Gedanken kommen mir soeben),
jawohl einer Versammlung von Arbeitern und Arbeiterinnen in der Brigittenau, in
die ich mich an der Seite von Mademoiselle Terese Golowski verfügt hatte und in
der ich sieben Reden über das allgemeine Wahlrecht anzuhören bemüssigt war. Jeder
von den Rednern auch Terese war darunter sprach ungefähr so, als gäbe es für
ihn persönlich nichts Wichtigeres, als die Lösung dieser Frage, und ich glaube,
keiner von ihnen ahnte, dass ihm in der Tiefe der Seele die ganze Frage ungeheuer
gleichgültig war. Terese war natürlich sehr empört, als ich ihr das eröffnete,
und erklärte mir, dass ich von dem vergiftenden Skeptizismus Nürnbergers
angesteckt sei, mit dem ich überhaupt zu viel verkehre. Sie ist sehr schlecht
auf ihn zu sprechen, seit er sie vor einigen Wochen im Kaffeehaus gefragt hat,
ob sie zu ihrem nächsten Hochverratsprozess hohe Frisur oder aufgesteckte Zöpfe
tragen werde? Übrigens stimmt es, dass ich mit Nürnberger viel zusammen bin. In
schweren Stunden gibt es wohl keinen, der einem mit mehr Güte entgegenkäme. Nur
dass es manche Stunden gibt, von deren Schwere er nichts ahnt oder nichts wissen
will. Es gibt allerlei Schmerzen, von denen ich fühle, dass er sie unterschätzt
und von denen ihm gegenüber zu sprechen ich daher aufgehört habe.«
    »Was meint er denn?« unterbrach ihn Anna.
    »Offenbar die Geschichte mit der Schauspielerin«, erwiderte Georg und las
weiter: »Dafür ist er wieder geneigt, andere Schmerzen zu überschätzen, aber das
ist wahrscheinlich meine Schuld, nicht seine. Ich muss es gestehen, dem Verlust,
den ich durch den Tod meines Vaters erlitt, hat er eine Teilnahme
entgegengebracht, die mich beschämt hat. Denn so furchtbar es mich getroffen
hat, wir waren einander so fremd geworden, schon lange bevor der Wahnsinn über
ihn hereinbrach, dass sein Tod mir gleichsam nur ein weiteres, grauenhafteres
Entrücken bedeutete, nicht eine neue Erfahrung.«
    »Nun?« fragte Anna, da Georg innehielt.
    »Mir fällt eben was ein.«
    »Was denn?«
    »Die Schwester von Nürnberger liegt auf dem Friedhof von Cadenabbia
begraben. Ich hab dir ja von ihr erzählt. Ich will dieser Tage einmal
hinüberfahren.«
    Anna nickte. »Ich fahr vielleicht mit, wenn mir ganz wohl ist. Mir ist
Nürnberger nach allem, was ich von ihm höre, viel sympatischer als dein Freund
Heinrich, dieser schauerliche Egoist.«
    »Du findest?«
    »Na höre, wie er über seinen Vater schreibt, das ist doch beinahe
unerträglich.«
    »Gott, wenn man einander so fremd geworden ist wie die zwei.«
    »Trotzdem. Auch meinen Eltern bin ich innerlich nicht gerade sehr nah. Und
doch ... wenn ich ... nein, nein ich will lieber gar nicht an solche Dinge
denken. Willst du nicht weiter lesen?«
    Georg las: »Es gibt ernstere Dinge als den Tod, traurigere gewiss, weil eben
diesen andern Dingen das Endgültige fehlt, das im höhern Sinn das Traurige des
Todes wieder aufhebt. Es gibt zum Beispiel lebendige Gespenster, die auf der
Strasse wandeln bei hellichtem Tag, mit längst gestorbenen und doch sehenden
Augen, Gespenster, die sich zu einem hinsetzen und mit einer Menschenstimme
reden, die viel ferner klingt als aus einem Grab heraus. Und man könnte sagen,
dass in Augenblicken, da man dergleichen erlebt, das Wesen des Todes sich viel
unheimlicher erschliesst, als in solchen, da man dabeisteht, wie jemand in die
Erde gesenkt wird ... und wär er einem noch so nah gestanden.«
    Georg liess den Brief unwillkürlich sinken, und Anna sagte mit Bestimmteit:
»Du kannst ihn dir schon behalten deinen Freund Heinrich.«
    »Ja«, erwiderte Georg langsam, »er ist manchmal ein bisschen affektiert. Und
doch ... o, das ist ja schon das erste Läuten zum Lunch, lesen wir rasch zu
Ende.« »Aber nun muss ich Ihnen doch erzählen, was sich gestern hier zugetragen
hat, die peinlichste und lächerrlichste Geschichte, die mir seit langem
vorgekommen ist, und leider sind die Beteiligten unsere guten Bekannten
Ehrenberg Vater und Sohn.«
    »O«, rief Anna unwillkürlich.
    Georg hatte die folgenden Zeilen rasch für sich durchgeflogen und schüttelte
den Kopf.
    »Was ist denn?« fragte Anna.
    »Das ist doch ... höre nur«, und er las weiter. »Wie sehr sich das
Verhältnis zwischen dem Alten und Oskar im Lauf des letzten Jahres zugespitzt
hat, wird Ihnen ja nicht entgangen sein. Sie kennen ja auch die innern Gründe,
so dass ich den Vorfall einfach berichten kann, ohne mich über die Motive des
breitern auszulassen. Denken Sie also. Gestern zur Mittagszeit geht Oskar an der
Michaelerkirche vorüber und lüftet den Hut. Sie wissen, dass es zurzeit kaum eine
Eigenschaft gibt, die für eleganter gilt als die Frömmigkeit. Und so bedarf es
vielleicht nicht einmal einer weiteren Erklärung wie z.B. die, dass eben ein paar
junge Aristokraten aus der Kirche gekommen sein mögen, vor denen sich Oskar
katolisch gebärden wollte. Weiss der Himmel wie oft er schon vorher sich dieser
Falschmeldung ungefährdet schuldig gemacht hat. Das Unglück wollte nun gestern,
dass im selben Moment der alte Ehrenberg des Wegs daherkommt. Er sieht wie Oskar
vor dem Kirchentor den Hut abnimmt ... und von einer fassungslosen Wut
ergriffen, holt er aus und haut seinem Sprössling eine Ohrfeige herunter. Eine
Ohrfeige! Oskar dem Reserveleutnant! Mittag, im Zentrum der Stadt! Dass die
Geschichte noch am selben Abend in der ganzen Stadt bekannt wurde, ist also
weiter nicht merkwürdig. Heute steht sie auch schon in einigen Zeitungen zu
lesen. Die jüdischen schweigen sie zwar tot, von ein paar Klatschblättern
abgesehen, die antisemitischen legen sich natürlich mächtig hinein. Das beste
leistet der Christliche Volksbote, der verlangt, dass beide Ehrenbergs wegen
Religionsstörung oder gar Gotteslästerung vor die Geschworenen kommen. Oskar
soll vorläufig abgereist sein, unbekannt wohin.«
    »Nette Familie«, sagte Anna mit Überzeugung.
    Wider Willen musste Georg lachen. »Du an der Geschichte ist Else wirklich
vollkommen unschuldig.«
    Die Glocke tönte zum zweitenmal. Sie begaben sich in den Speisesaal und
nahmen an ihrem kleinen Tisch am Fenster Platz, wo immer für sie allein gedeckt
war. An der langen Tafel, in der Mitte des Saals, sassen kaum ein Dutzend Gäste,
meist Engländer und Franzosen, auch ein nicht mehr ganz junger Mann, der erst
seit zwei Tagen da war und den Georg für einen österreichischen Offizier in
Zivil hielt. Im übrigen kümmerte er sich um ihn so wenig als um die andern.
Georg hatte den Brief Heinrichs zu sich gesteckt. Es fiel ihm ein, dass er ihn
noch nicht zu Ende gelesen. Beim schwarzen Kaffee nahm er ihn wieder vor und
überflog den Schluss.
    »Was schreibt er denn noch?« fragte Anna.
    »Nichts Besonderes«, antwortete Georg. »Von Leuten, die dich nicht besonders
interessieren dürften. In seine Kaffeehausgesellschaft scheint er wieder hinein
geraten zu sein, mehr als ihm lieb ist, und mehr als er zugesteht, offenbar.«
    »Er wird schon hineinpassen«, sagte Anna beiläufig. Georg lächelte
nachsichtig. »Es ist immerhin ein komisches Volk.«
    »Was ist denn mit ihnen?« fragte Anna.
    Georg hatte den Brief neben der Tasse liegen, blickte hinein. »Der kleine
Winternitz ... weisst du ... der im Winter einmal mir und Heinrich seine Gedichte
vorgelesen hat ... geht nach Berlin als Dramaturg eines neu gegründeten
Teaters. Und Gleissner, der uns einmal im Museum so angeglotzt hat ...«
    »Ja der ekelhafte Kerl mit dem Monokel ...«
    »Also der erklärt, dass er das Schreiben überhaupt aufgibt, um sich
ausschliesslich dem Sport zu widmen ...«
    »Dem Sport?«
    »Einem ganz eigenartigen. Er spielt mit Menschenseelen.«
    »Wie?«
    »Hör nur.« Er las: »Jetzt behauptet dieser Hanswurst mit der Lösung
folgender zweier psychologischen Aufgaben zugleich beschäftigt zu sein, die sich
in geistreicher Weise ergänzen. Erstens: ein junges, unverdorbenes Geschöpf aufs
furchtbarste zu depravieren und zweitens eine Dirne zur Heiligen zu machen, wie
er sich ausdrückt. Er verspricht nicht zu ruhen, ehe die erste in einem
Freudenhaus, die zweite in einem Kloster endet.«
    »Eine nette Gesellschaft«, bemerkte Anna und stand vom Tisch auf.
    »Wie klingt das alles hierher!« sagte Georg, und folgte ihr in den Park.
Über den Wipfeln der Bäume ruhte sonnenschwer ein dunkelblauer Tag. Eine Weile
standen sie an der niederen Balustrade, die den Garten von der Strasse schied,
und sahen über den See zu den Bergen hin, die hinter silbergrauen im Sonnenlicht
bebenden Schleiern dämmerten. Dann spazierten sie tiefer in den Park, wo die
Schatten kühler und dunkler waren, und während sie Arm in Arm über den leise
knisternden Kies wandelten, längs der hohen braunen efeubewachsenen Mauer, über
die alte Häuser mit schmalen Fenstern hereinstarrten, plauderten sie von den
Nachrichten, die heute gekommen waren. Und zum ersten Male stieg eine leichte
Sorge in ihnen auf, bei dem Gedanken, dass sie nun aus der freundlichen
Geborgenheit der Fremde so bald wieder nach Hause sollten, wo selbst der Alltag
von geheimen Fährlichkeiten erfüllt schien. Sie setzten sich unter die Platane
an den weiss lackierten Tisch. Wie mit Absicht war dieser Platz immer für sie
freigehalten. Nur gestern Nachmittag war der neu angekommene österreichische
Herr dagesessen, hatte sich aber, durch einen missbilligenden Blick Annas
fortgewiesen, mit höflichem Gruss entfernt.
    Georg eilte aufs Zimmer und holte für Anna ein paar Bücher, für sich einen
Band von Goete-Gedichten und das Manuskript seines Quintetts. Nun sassen sie
beide da, lasen, arbeiteten, sahen zuweilen auf, lächelten einander an, sprachen
ein paar Worte, guckten wieder ins Buch, blickten über die Balustrade ins Freie
und fühlten den Frieden in ihren Seelen und den Sommer in der Luft. Sie hörten,
wie der Springbrunnen hinter dem Busch ganz nahe rauschte und dünne Tropfen auf
den Wasserspiegel fielen. Manchmal knarrten die Räder eines Wagens jenseits der
hohen Mauer, zuweilen tönten vom See her dünne, ferne Pfiffe, seltener noch
klangen Menschenstimmen von der Uferstrasse in den Garten herein. Von Sonne
vollgetrunken drückte der Tag auf die Wipfel. Später, mit dem leisen Wind, der
jeden Nachmittag vom See her wehte, verstärkten und mehrten sich Laute und
Stimmen. Die Wellen schlugen hörbar an den Strand, Rufe der Schiffer tönten
herauf, jenseits der Mauer klang Gesang junger Leute. Vom Springbrunnen sprühten
winzige Tröpfchen her. Der Hauch des nahen Abends weckte Menschen, Land und
Wasser wieder auf.
    Schritte tönten auf dem Kies. Terese, schlank und weiss, kam rasch die Allee
gegangen. Georg stand auf, ging ihr ein paar Schritte entgegen, reichte ihr die
Hand. Auch Anna wollte sich erheben, Terese liess es nicht zu, umarmte sie, gab
ihr einen Kuss auf die Wange und setzte sich zu ihr. »Wie schön ist es da!« rief
sie aus. »Aber bin ich euch nicht zu früh gekommen?«
    »Was fällt dir ein, ich freu mich ja so«, erwiderte Anna.
    Terese betrachtete sie mit prüfendem Lächeln und ergriff ihre beiden Hände.
    »Na, dein Aussehen ist beruhigend«, sagte sie.
    »Es geht mir auch sehr gut«, erwiderte Anna. »Und dir wie es scheint nicht
minder«, setzte sie mit freundlichem Spott hinzu.
    Georgs Augen ruhten auf Terese, die wieder ganz weiss wie morgens, diesmal
noch eleganter, in englisches gesticktes Leinen gekleidet war und um den freien
Hals eine Schnur aus lichtrosa Korallen trug. Während die beiden Frauen über den
sonderbaren Zufall ihres Wiedersehens sprachen, erhob sich Georg, um Aufträge
für das Diner zu erteilen. Als er in den Garten wiederkehrte, waren die beiden
andern nicht mehr da. Er sah Terese auf dem Balkon, den Rücken an das Geländer
gelehnt, mit Anna reden, die unsichtbar, in der Tiefe des Zimmers weilen mochte.
In guter Stimmung spazierte er in den Alleen hin und her, liess Melodien in sich
singen, fühlte seine Jugend und sein Glück, warf zuweilen einen Blick auf den
Balkon oder über die Balustrade auf die Strasse und sah endlich Demeter Stanzides
herankommen. Er ging ihm entgegen. »Seien Sie willkommen«, begrüsste er ihn am
Gartentor. »Die Damen sind oben auf dem Zimmer, werden aber bald erscheinen.
Wollen Sie sich indessen ein bisschen den Park ansehen?«
    »Gern.«
    Sie spazierten miteinander weiter.
    »Haben Sie die Absicht, länger in Lugano zu bleiben?« fragte Georg.
    »Nein, wir fahren morgen nach Bellaggio, von dort an den Lago Maggiore,
Isola bella. Die ganze Herrlichkeit dauert ja nimmer lang. In vierzehn Tagen
müssen wir wieder zu Hause sein.«
    »So kurzen Urlaub?«
    »Ach, es ist nicht meinetwegen. Aber Terese muss zurück. Ich bin ein ganz
freier Mann. Ich hab schon meinen Abschied im Sack.«
    »Sie wollen sich also ernstlich auf Ihr Gut zurückziehen?«
    »Mein Gut?«
    »Ja, ich hab so was gehört, bei Ehrenbergs.«
    »Aber ich hab doch das Gut noch gar nicht. Steh allerdings in
Unterhandlungen.«
    »Und wo werden Sie sich ankaufen, wenn ich fragen darf?«
    »Wo sich die Füchs' gute Nacht sagen. Es wird Ihnen wenigstens so vorkommen.
An der ungarisch-kroatischen Grenze. Ziemlich einsam und entlegen, aber sehr
merkwürdig. Ich hab eine gewisse Sympatie für die Gegend. Jugenderinnerungen.
Drei Leutnantsjahre. Offenbar bild ich mir ein, ich werde dort wieder jung
werden. Na, wer weiss.«
    »Eine schöne Besitzung?«
    »Nicht übel. Vor zwei Monaten hab ich sie mir wieder angesehen. Hab sie
nämlich schon aus früherer Zeit gekannt. Dem Grafen Jaczewicz hat sie gehört
dazumal. Zuletzt einem Fabrikanten. Dem ist seine Frau gestorben. Jetzt fühlt er
sich einsam da unten und will's los werden.«
    »Ich weiss nicht«, sagte Georg, »aber ich stell mir die Gegend ein bissel
melancholisch vor.«
    »Melancholisch? Na, mir scheint, in einer gewissen Lebensepoche kriegt jede
Gegend ein melancholisches Ansehen.« Und er blickte rings um sich, wie um sich
einen neuen Beweis von der Wahrheit seiner Worte zu verschaffen.
    »In welcher Epoche?«
    »Na, wenn man anfängt alt zu werden.«
    Georg lächelte. Demeter erschien ihm so schön, und trotz der grauen Haare an
den Schläfen noch jung. »Wie alt sind Sie denn Herr Stanzides, wenn ich fragen
darf?«
    »Siebenunddreissig. Ich sag ja nicht alt sein, sondern alt werden. Die
Menschen reden meist erst vom Altwerden, wenn sie's schon lang sind.«
    Am Ende des Gartens, dort wo er an die Mauer stiess, setzten sie sich auf
eine Bank. Von hier aus hatten sie das Hotel und die grosse Gartenterrasse im
Auge. Die obern Stockwerke mit den Balkons waren ihnen durch die Baumkronen
verborgen. Georg bot Demeter eine Zigarette an und nahm sich selbst eine. Und
beide schwiegen eine Weile.
    »Sie gehen übrigens auch von Wien fort, hab ich gehört«, sagte Demeter.
    »Ja, das ist sehr wahrscheinlich ... wenn ich nämlich eine Stellung an
irgendeiner Opernbühne bekomme. Na und ist's heuer nicht, so ist's nächstes
Jahr.«
    Demeter sass mit übereinandergeschlagenen Beinen, hielt das eine mit der Hand
beim Knöchel fest und nickte. »Ja, ja«, sagte er und blies den Rauch langsam und
schmal durch die Lippen. »Ein Talent zu haben ist schon was Schönes. Da muss sich
auch das mit den Lebensepochen irgendwie anders verhalten. Das ist eigentlich
auch das einzige, um was ich einen Menschen beneiden könnte.«
    »Dazu haben Sie doch keinen Grund. Überhaupt Leute mit Talent sind gar nicht
zu beneiden. Höchstens Leute mit Genie. Und die beneid ich wahrscheinlich noch
mehr, als Sie es tun: Aber ich finde, Talente, wie das Ihrige, sind etwas viel
Absoluteres, etwas viel Sichereres sozusagen. Man ist halt gelegentlich nicht in
Form, gut ... aber da leistet man, wenn man überhaupt was kann, noch immer sehr
Beträchtliches, während unsereiner, wenn er nicht in Form, gleich ein
vollkommener Pfründner ist.«
    Demeter lachte. »Ja, aber es halt' länger, so ein künstlerisches Talent, und
es bildet sich mit den Jahren sogar weiter aus. Zum Beispiel der Beetoven. Die
neunte Symphonie ist doch die allerschönste, nicht wahr? Na, und der zweite Teil
Faust! ... Während wir mit den Jahren unbedingt zurückgehen, da hilft nichts.
Selbst die Beetovens unter uns! Und wie früh das schon anfangt. Von ganz
seltenen Ausnahmen abgesehen. Ich zum Beispiel war mit fünfundzwanzig auf der
Höhe. Nie wieder hab ich das erreicht, was ich mit fünfundzwanzig in mir gehabt
hab. Ja, lieber Baron, das waren Zeiten!«
    »Na, ich erinnere mich, Sie vor zwei Jahren ein Rennen gewinnen gesehen zu
haben gegen Buzgo, der damals Favorit war, ... ich hab sogar auf ihn gewettet
gehabt ...«
    »Lieber Baron«, unterbrach ihn Stanzides. »Glauben Sie mir, ich weiss, warum
ich aufgehört hab. So was kann man nur selber spüren. Und darum weiss eben keiner
so gut, wann das Altwerden anfängt wie ein Sportsmann. Da nützt auch alles
Weitertrainieren nicht. Es wird nur eine künstliche Sache. Und wenn Ihnen einer
erzählt, dass es anders ist, dann ist er einfach ... aber da kommen ja unsere
Damen.«
    Sie standen beide auf. Arm in Arm näherten sich Terese und Anna, die eine
ganz weiss, die andre in einem schwarzen Kleid, das, in weiten Falten zur Erde
sinkend, ihre Formen völlig verbarg. Beim Springbrunnen begegneten sich die
Paare. Demeter küsste Anna die Hand.
    »Das ist wirklich ein schöner Fleck Erde, auf dem ich das Glück habe, Sie
wieder zu begrüssen, gnädige Frau.«
    »Es ist auch mir eine angenehme Überraschung«, erwiderte Anna, »ganz
abgesehen von der Gegend.«
    »Weisst du«, sagte Georg zu Anna, »dass die Herrschaften morgen schon wieder
abreisen?«
    »Ja, Terese hat's mir erzählt.«
    »Wir wollen uns doch möglichst viel ansehen«, erklärte Demeter. »Und meiner
Erinnerung nach sind die andern oberitalienischen Seen noch grossartiger, als der
hier.«
    »Von den andern weiss ich nichts«, sagte Anna. »Wir sind von da noch gar
nicht weggekommen.«
    »Nun, vielleicht benützen Sie die Gelegenheit«, sagte Demeter, »und
schliessen sich uns für einen kleinen Ausflug an. Bellaggio, Pallanza, Isola
bella.«
    Anna schüttelte den Kopf »Es wäre wohl schön, aber ich bin leider nicht
mobil genug. Ja, unglaublich faul bin ich. Es gibt ganze Tage, wo ich nicht aus
dem Park herauskomme. Aber wenn Georg Lust hat, mir auf ein bis zwei Tage zu
echappieren, so habe ich gar nichts dagegen.«
    »Ich denke gar nicht dran dir zu echappieren«, sagte Georg. Er warf einen
raschen Blick auf Terese, deren Augen leuchteten und lachten. Sie bummelten
alle langsam durch den Garten, während es allmählich dämmerte, und plauderten
über die Orte, die sie in der letzten Zeit gesehen hatten. Als sie wieder an den
Tisch unter der Platane kamen, war gedeckt, und in den Glasglocken brannten die
Gartenlichter. Eben brachte der Kellner den Kübel mit Asti. Anna setzte sich auf
die Bank, die an den Stamm der Platane gelehnt war, ihr gegenüber sass Terese,
zu ihren beiden Seiten Georg und Demeter.
    Das Essen wurde aufgetragen und der Wein eingeschenkt. Georg erkundigte sich
nach den Wiener Bekannten. Demeter erzählte, dass Willy Eissler von der Reise ein
paar glänzende Karikaturen mitgebracht hatte, sowohl von den Jägern, als von den
Tieren. Der alte Ehrenberg hätte die Bilder gekauft.
    »Wissen Sie übrigens schon«, sagte Georg, »die Geschichte mit Oskar?«
    »Welche Geschichte?«
    »Nun, die Sache mit seinem Vater vor der Michaelerkirche.« Er erinnerte
sich, dass er schon vorher, als die Damen noch nicht erschienen waren, Demeter
die Geschichte hatte erzählen wollen, dass er es aber für richtiger gefunden
hatte, sie zu unterdrücken. Nun war es wohl der Wein, der ihm wider Willen die
Zunge löste. Er berichtete in kurzen Worten, was ihm Heinrich geschrieben hatte.
    »Das ist aber eine höchst traurige Geschichte«, sagte Demeter sehr betreten,
so dass auch alle andern sich plötzlich ernster werden fühlten.
    »Warum eine traurige Geschichte?« fragte Terese, »ich finde sie zum
totlachen.«
    »Liebe Terese, du bedenkst nicht die Folgen, die sie für den jungen
Menschen haben kann.«
    »Gott, ich weiss ganz gut, er wird halt in einem gewissen Kreis unmöglich
sein. Das wird ihn höchstens zur Einsicht bringen, was für ein dummer Kerl er
bisher gewesen ist.«
    »Na«, sagte Georg, »ob Oskar gerade zu den Leuten gehört, die zur Einsicht
kommen ... ich glaub eigentlich nicht.«
    »Abgesehen davon, liebe Terese«, fügte Demeter hinzu, »dass das, was du
Einsicht nennst, durchaus noch nicht die richtige zu sein braucht. Alle
Menschengruppen haben ihre Vorurteile, auch ihr seid nicht frei davon.«
    »Was haben wir für Vorurteile, das möcht ich wissen«, rief Terese. Und sie
trank zornig ihren Wein aus. »Wir wollen nur mit gewissen Vorurteilen aufräumen,
besonders mit dem, dass es privilegierte Kasten gibt, die ihre besondere Ehre
...«
    »Bitte, liebe Terese, du bist hier in keiner Versammlung. Und es ist zu
fürchten, dass der Applaus am Schluss deiner Rede dünner ausfallen wird, als du's
gewohnt bist.«
    »Also schau«, wandte sich Terese zu Anna, »das ist die Art, wie ein
Kavallerieoffizier Diskussionen führt.«
    »Pardon«, sagte Georg, »diese ganze Geschichte hat doch mit Vorurteilen kaum
etwas zu tun. Eine Ohrfeige auf offener Strasse auch von der Hand des eigenen
Vaters ... ich glaube, man muss da gar nicht Reserveoffizier oder Student sein
...«
    »Diese Ohrfeige«, rief Terese, »hat für mich geradezu etwas Befreiendes.
Sie bildet den würdigen Abschluss einer lächerlichen und überflüssigen Existenz.«
    »Abschluss, das wollen wir nicht hoffen«, sagte Demeter.
    »Man schreibt mir«, bemerkte Georg, »dass Oskar abgereist ist, unbekannt
wohin.«
    »Wenn mir einer in der Sache leid tut«, sagte Terese, »ist es jedenfalls
nur der Alte, der bei seinem guten Herzen wahrscheinlich heute die
Unannehmlichkeiten schon bedauert, die er seinem versnobten Sohn verursacht
hat.«
    »Gutes Herz!« rief Demeter aus, »ein Millionär! ein Fabrikbesitzer! ... Aber
Terese ...«
    »Ja, es kommt vor. Das ist zufällig einer von jenen, die in der Tiefe ihrer
Seele mit uns eines Sinnes sind. Und an dem Abend, Demeter, an dem du das
Vergnügen gehabt hast, mich zum erstenmal zu sehen, weisst du, warum ich damals
bei Ehrenbergs gewesen bin ...? Und weisst du, für welchen Zweck er mir damals
ohne weiteres tausend Gulden gegeben hat ...? Für ...«, sie biss sich auf die
Lippen, »ich darf's ja nicht sagen, das war die Bedingung.«
    Plötzlich erhob sich Demeter und verbeugte sich vor jemandem, der eben
vorbeiging. Es war der österreichische Herr, der gestern angekommen war. Er
lüftete den Hut und verschwand im Dunkel des Gartens.
    »Sie kennen den Mann?« fragte Georg nach ein paar Sekunden. »Mir ist auch,
als kennte ich ihn, wer ist's denn nur?«
    »Der Prinz von Guastalla«, sagte Demeter.
    »So?« rief Terese unwillkürlich, und ihre Augen bohrten sich ins Dunkel.
    »Was schaust du denn?« sagte Demeter. »Ein Mensch wie ein anderer.«
    »Er soll ja von Hof verbannt sein«, sagte Georg, »nicht wahr?«
    »Davon ist mir nichts bekannt«, entgegnete Demeter, »aber jedenfalls ist er
nicht gern gesehen. Er hat neulich eine Broschüre herausgegeben über gewisse
Zustände in unserm Heer, insbesondere über das Leben der Offiziere in den
Provinzen, was ihm sehr übel genommen wurde, obwohl in Wirklichkeit gar nichts
Böses darin steht.«
    »Da hätt' er sich an mich wenden sollen«, sagte Terese, »ich hätt' ihm auch
einiges mitteilen können.«
    »Liebes Kind«, wehrte Demeter ab, »das, was du wahrscheinlich wieder meinst,
ist doch ein Ausnahmefall, da darf man nicht gleich verallgemeinern.«
    »Ich verallgemeinere nicht, aber ein solcher Fall genügt, um das ganze
System ...«
    »Keine Rede, Terese ...«
    »Ich spreche von Leo«, wandte sich Terese an Georg. »Was der heuer
durchmacht, das ist wirklich ungeheuerlich.«
    Georg erinnerte sich plötzlich wie einer vollkommen vergessenen und höchst
merkwürdigen Sache, dass Terese Leos Schwester war. Ob der wusste, dass sie hier,
und mit wem sie hier war?
    Demeter nagte etwas nervös an seinen Lippen.
    »Da ist nämlich ein antisemitischer Oberleutnant«, sagte Terese, »der ihn
auf eine besonders niederträchtige Art seckiert, weil er spürt, wie Leo ihn
verachtet.«
    Georg nickte. Er wusste ja davon.
    »Liebes Kind«, sagte Demeter, »wie ich schon mehrere Male erwähnte, mir
stimmt in der Sache etwas nicht. Ich kenne zufällig den Oberleutnant Sefranek
und versichre dich, es ist mit ihm auszukommen. Er ist nicht besonders gescheit,
und dass er für die Israeliten keine Vorliebe hat, mag auch richtig sein, aber
schliesslich muss man doch sagen, es gibt sogenannte antisemitische Schimpfwörter,
die gar keine Bedeutung haben, die von Juden meiner Erfahrung nach ebensoviel
angewendet werden wie von Christen. Und dein Herr Bruder leidet da entschieden
an einer krankhaften Empfindlichkeit.«
    »Empfindlichkeit ist nie krankhaft«, entgegnete Terese. »Nur
Unempfindlichkeit ist eine Krankheit und zwar die widerwärtigste, die ich kenne.
Ich stimme bekanntlich mit meinem Bruder, das wissen Sie am besten, Georg, in
meinen politischen Anschauungen so wenig überein als möglich, mir sind jüdische
Bankiers geradeso zuwider wie feudale Grossgrundbesitzer, und ortodoxe Rabbiner
geradeso zuwider wie katolische Pfaffen. Aber wenn sich jemand über mich
erhaben fühlte, weil er einer andern Konfession oder Rasse angehört als ich, und
gar im Bewusstsein seiner Übermacht mich diese Erhabenheit fühlen liesse, ich
würde so einen Menschen ... also ich weiss nicht, was ich ihm täte. Aber
jedenfalls würd ich den Leo begreifen, wenn er bei der nächsten Gelegenheit
diesem Herrn Sefranek ins Gesicht springt.«
    »Mein liebes Kind«, sagte Demeter, »wenn du nur den geringsten Einfluss auf
deinen Bruder hast, so solltest du diesen Gesichtssprung um jeden Preis zu
verhindern suchen. Meiner Ansicht nach bleibt es doch bei einem solchen Fall das
beste, den anständigen, das heisst den vorschriftsmässigen Weg einzuschlagen. Es
ist nämlich gar nicht wahr, dass damit nichts erreicht wird, die obern Chargen
sind meistens ruhige, jedenfalls korrekte Persönlichkeiten und ...«
    »Aber das hat ja der Leo längst getan ... schon im Februar. Er ist beim
Obersten gewesen, der Oberst war sogar sehr nett zu ihm und hat, wie aus
verschiedenen Anzeichen hervorgeht, dem Oberleutnant sehr ins Gewissen geredet;
nur dass es leider nicht das geringste genützt hat, im Gegenteil. Bei nächster
Gelegenheit hat der Oberleutnant seine Bosheiten erst recht wieder aufgenommen
und setzt sie mit einer raffinierten Konsequenz fort. Ich versichere Sie, Baron,
von Tag zu Tag fürcht ich, dass da irgendein Malheur geschieht.«
    Demeter schüttelte den Kopf. »Wir leben in einer verrückten Zeit. Ich
versichere Sie«, wandte er sich an Georg, »der Oberleutnant Sefranek ist so
wenig Antisemit als Sie und ich. Er verkehrt in jüdischen Häusern, ich weiss
sogar, dass er mit einem jüdischen Regimentsarzt direkt intim war durch Jahre. Es
ist wirklich, wie wenn die Leute wahnsinnig wären.«
    »Da könntest du recht haben«, meinte Terese.
    »Nun, Leo ist so vernünftig«, sagte Georg, »so klug bei all seinem
Temperament, dass ich überzeugt bin, er wird sich zu keiner Dummheit hinreissen
lassen. Schliesslich weiss er doch, in ein paar Monaten ist alles vorbei, solang
macht man's halt durch.«
    »Wissen Sie übrigens, Baron«, sagte Terese, während sie, dem Beispiel der
Herren folgend, aus einer Schachtel, die der Kellner gebracht hatte, eine
Zigarette nahm. »Wissen Sie, dass Leo von Ihren Kompositionen sehr entzückt war?«
    »Na, entzückt«, sagte Georg, indem er Terese Feuer gab, »davon hab ich
eigentlich nichts bemerkt.«
    »Also gefallen hat ihm einiges«, schränkte Terese ein, »das ist beinahe
schon soviel, wie wenn ein anderer entzückt wäre.«
    »Haben Sie auch auf der Reise komponiert?« fragte Demeter verbindlich.
    »Nichts als ein paar Lieder.«
    »Die werden wir wohl im Herbst zu hören bekommen«, meinte Demeter.
    »Ach Gott, reden wir nicht vom Herbst«, sagte Terese. »Bis dahin können wir
tot sein, oder eingesperrt.«
    »Na, das letztere wäre doch bei einigem guten Willen zu vermeiden«, rief
Demeter.
    Terese zuckte die Achseln. Georg sass nahe bei ihr und glaubte die Wärme
ihres Körpers zu fühlen. Aus den Fenstern des Hotels glänzten Lichter, und ein
langer, rötlicher Streif fiel bis zu dem Tisch, an dem die beiden Paare sassen.
    »Ich schlage vor«, sagte Georg, »dass wir den schönen Abend benützen, um noch
am Ufer spazieren zu gehen.«
    »Oder Kahn zu fahren«, rief Terese aus.
    Alle waren einverstanden. Georg eilte rasch aufs Zimmer, um Umhüllen zu
holen. Als er wieder herunterkam, fand er die andern bereit zum Fortgehen an der
Tür des Parks stehen. Er half Anna in ihren hellgrauen Mantel, hing Terese
seinen eigenen, langen Überzieher um die Schultern und behielt einen
dunkelgrünen Plaid über dem Arm. Sie gingen langsam durch die Allee, bis zu der
Stelle, wo Kähne verankert lagen. Zwei Schiffer führten die Gesellschaft mit
raschen Ruderschlägen aus der Dunkelheit des Ufers in das schwärzlich glänzende
Wasser hinaus. Unnatürlich riesenhaft ragten die Berge zum Himmel auf. Die
Sterne waren nicht sehr zahlreich. Kleine, graublaue Wölkchen hingen in der
Luft. Die Ruderer sassen auf zwei quergelegten Brettern; in der Mitte des Kahns
auf schmalen Bänken, einander gegenüber, die beiden Paare: Georg und Anna,
Demeter und Terese. Alle waren zuerst ganz schweigsam. Erst nach einigen
Minuten unterbrach Georg die Stille. Er nannte den Namen des Berges, der den See
nach Süden abschloss, machte auf ein Dorf aufmerksam, das wie in unendlicher
Entfernung an einer Felsenlehne ruhte und doch in einer Viertelstunde zu
erreichen wäre; erkannte das weisse, leuchtende Haus auf der Höhe über Lugano als
das Hotel, in dem Demeter und Terese wohnten, und erzählte von einem
Spaziergang, den er neulich unternommen, zwischen besonnten Weinbergen weit ins
Land hinein.
    Anna hielt unter dem Plaid, während er sprach, seine Hand gefasst. Demeter
und Terese sassen ernst und korrekt nebeneinander, gar nicht wie Liebesleute,
die einander erst vor kurzem gefunden haben. Nun erst gewann Georg für Terese
allmählich seine Neigung zurück, die während ihres lauten, heftigen Redens
beinahe geschwunden war.
    Wie lang wird diese Geschichte mit Demeter währen? dachte er. Wird sie zu
Ende sein, wenn der Herbst da ist, oder wird sie am Ende so lange oder länger
dauern, als meine mit Anna? Wird diese Fahrt auf dem dunkeln See auch einmal
eine Erinnerung an vollkommen Entschwundenes sein, so wie die Fahrt auf dem
Veldeser See mit dem Bauernmädel, die mir jetzt seit Jahren zum erstenmal wieder
einfällt ... wie die Reise mit Grace übers Meer? Wie seltsam. Anna hält meine
Hand, ich drücke sie, und wer weiss, ob sie nicht in diesem Augenblick ganz
ähnliches in Hinsicht auf Demeter empfindet, wie ich in Hinsicht auf Terese?
Nein, doch nicht ... sie trägt ein Kind unter ihrem Herzen, das sich sogar schon
regt ... Deswegen ... ach Gott ... Auch mein Kind ist es ja ... Nun fährt unser
Kind auf dem See von Lugano spazieren ... ... Werd ich es ihm einmal erzählen,
dass es vor seiner Geburt auf dem See von Lugano herumgefahren ist ...? Wie wird
das alles nun werden? In wenigen Tagen ist man wieder in Wien. Existiert denn
dieses Wien überhaupt? Es ersteht erst langsam wieder, während wir zurückfahren
... Ja, so ist es ... Sobald ich zu Hause bin, wird ernstlich gearbeitet. Ich
werde ruhig in meiner Wiener Wohnung bleiben und Anna immer nur besuchen; nicht
mit ihr auf dem Lande wohnen höchstens in den allerletzten Tagen ... Und im
Herbst ich in Detmold? Und wo wird Anna sein? Und das Kind? Bei fremden Menschen
irgendwo auf dem Land? ... Wie unwahrscheinlich ist das alles ... Aber es war
auch heute vor einem Jahr sehr unwahrscheinlich, dass ich mit Fräulein Anna
Rosner, und Stanzides mit Fräulein Terese Golowski auf dem See von Lugano
spazieren fahren würde ... und jetzt ist es die selbstverständlichste Sache von
der Welt. Mit einem Male hörte er neben sich, überdeutlich, als wenn er eben
erwachte, Demeters Stimme. »Wann geht unser Schiff morgen ab?«
    »Um neun Uhr früh«, erwiderte Terese.
    »Sie ist nämlich der Reisemarschall«, sagte Demeter, »ich brauche mich um
gar nichts zu kümmern.«
    Nun stand mit einemmal der Mond über dem See.
    Es war, wie wenn er hinter den Bergen gewartet hätte und nun zum Abschied
aufgestiegen käme. Ganz weiss und nahe lag plötzlich jenes unendlich ferne Dorf
an der Berglehne. Der Kahn legte an. Terese erhob sich und sah, von der Nacht
umgeben, auffallend gross aus. Georg sprang aus dem Kahn und half ihr beim
Aussteigen. Er spürte ihre kühlen Finger, die nicht zitterten, sondern sich wie
mit Absicht leise bewegten, in seiner Hand und fühlte den Hauch ihrer Lippen
nah. Nach ihr stieg Demeter aus, dann kam Anna, schwerfällig und müd. Die
Schiffer dankten für das reichliche Trinkgeld, und die beiden Paare spazierten
heimwärts. Auf einer Bank in der Uferallee, in einem langen, dunkeln Mantel sass
der Prinz, rauchte eine Zigarre, schien auf den nächtlichen See hinauszusehen
und wandte den Kopf, offenbar um nicht gegrüsst zu werden.
    »So einer könnte einem manches erzählen«, sagte Terese zu Georg, mit dem
sie immer weiter zurückblieb, während Demeter und Anna vor ihnen gingen.
    »So bald also fahren Sie schon nach Wien?« fragte Georg.
    »In vierzehn Tagen, finden Sie das so bald? Jedenfalls werden Sie vor uns
daheim sein, nicht?«
    »Ja, in ein paar Tagen reisen wir. Es lässt sich nicht länger verschieben.
Auch werden wir einigemale unterbrechen müssen. Anna verträgt das Fahren nicht
gut.«
    »Wissen Sie denn schon, dass ich noch gerade vor meiner Abreise die Villa für
Anna gefunden habe?« sagte Terese.
    »Wirklich? Sie? Haben Sie denn auch gesucht?«
    »Ja, ich hab meine Mutter ein paarmal aufs Land begleitet. Es ist ein
kleines, ziemlich altes Haus in Salmansdorf, mit einem schönen Garten, der
direkt auf Wiese und Wald hinausführt, und der Vorgarten ist ganz verwachsen ...
Anna wird Ihnen schon mehr erzählen. Ich glaub, es ist das letzte Haus im Ort,
dann kommt noch ein Gastof, aber ziemlich weit davon.«
    »Sollt ich dieses Haus auf meinen Entdeckungsreisen im Frühjahr übersehen
haben?«
    »Offenbar, sonst hätten Sie es gemietet. Auf einem Rasenplatz, nah am
Gartenzaun, steht eine kleine Figur aus Ton.«
    »Kann mich nicht erinnern. Aber wissen Sie, Terese, es ist wirklich nett,
dass Sie sich auch für uns bemüht haben. Mehr als nett.« Bei Ihrer aufreibenden
Tätigkeit, wollte er hinzusetzen, unterdrückte es aber.
    »Warum wundern Sie sich«, fragte Terese. »Ich habe Anna sehr gern.«
    »Wissen Sie, was ich einmal über Sie habe sagen hören?« bemerkte Georg nach
einer kleinen Pause.
    »Nun, was?«
    »Dass Sie entweder auf dem Schafott enden werden, oder als Prinzessin.«
    »Das ist ein Ausspruch vom Doktor Bertold Stauber, er hat es mir selbst
auch einmal gesagt. Er ist sehr stolz darauf, aber es ist doch ein Unsinn.«
    »Jetzt stehen die Chancen allerdings mehr auf der Prinzessinnenseite.«
    »Wer sagt Ihnen das? Der Prinzessinnentraum ist bald zu Ende.«
    »Traum?«
    »Ja, ich fange sogar schon an zu erwachen. Es ist ungefähr, wie wenn
Morgenluft ins Schlafzimmer hereinwehte.«
    »Und dann fängt wohl der andere Traum an?«
    »Wieso der andre Traum?«
    »Ich stell mir das so bei Ihnen vor. Wenn Sie wieder in der Öffentlichkeit
stehen, Reden halten, sich für irgendeine Sache opfern, dann kommt Ihnen in
irgendeinem Moment wieder das wie ein Traum vor, nicht? Und Sie denken, das
wahre Leben, das ist wo anders.«
    »Das ist nicht einmal so dumm, was Sie da sagen.«
    In diesem Augenblick wandten sich Demeter und Anna, die schon am Gartentor
standen, nach den beiden um, und nahmen gleich die breite Allee zum Eingang des
Hotels. Auch Georg und Terese gingen weiter, ungesehen, ausserhalb des Gitters,
im finstersten Schlagschatten. Plötzlich ergriff Georg die Hand seiner
Begleiterin. Diese wandte, wie erstaunt, sich zu ihm, und beide standen sich nun
gegenüber, von Dunkel umhüllt und näher als sie verstehen konnten. Sie wussten
nicht wie ... sie wollten es kaum, und ihre Lippen ruhten aufeinander, einen
kurzen Augenblick, der mehr erfüllt war von der wehen Lust der Lüge als von
irgend einer andern. Dann gingen sie weiter, schweigend, unbeglückt, verlangend,
und durchschritten das Gartentor.
    Die beiden andern vor dem Hotel wandten sich jetzt um und gingen ihnen
entgegen. Rasch sagte Terese zu Georg: »Selbstverständlich fahren Sie nicht mit
uns.« Georg nickte leicht. Nun standen alle in der breiten, ruhigen Helle der
Bogenlampen.
    »Es war ein wunderschöner Abend«, sagte Demeter und küsste Anna die Hand.
    »Also auf Wiedersehen in Wien«, sagte Terese und umarmte Anna.
    Demeter wandte sich zu Georg. »Ich hoffe, wir sehen uns morgen früh auf dem
Schiff.«
    »Es wäre möglich, aber ich will nichts versprechen.«
    »Adieu«, sagte Terese und reichte Georg die Hand.
    Dann wandte sie sich mit Demeter zum Gehen.
    »Wirst du mit ihnen fahren?« fragte Anna, während sie durchs Tor in die
Halle gingen, wo Herren und Damen sassen, rauchten, tranken, plauderten.
    »Was fällt dir ein«, erwiderte Georg, »ich denke nicht dran.«
    »Herr Baron«, rief plötzlich jemand hinter ihm. Es war der Portier, der ein
Telegramm in der Hand hielt.
    »Was ist denn das?« fragte Georg etwas erschrocken und öffnete rasch. »O«,
rief er aus, »wie entsetzlich.«
    »Was ist denn?« fragte Anna.
    Er las ihr vor, während sie in das Blatt schaute. »Oskar Ehrenberg hat heute
früh im Wald bei Neuhaus einen Selbstmordversuch verübt. Schuss in die Schläfe,
wenig Hoffnung, sein Leben zu erhalten. Heinrich.« Anna schüttelte den Kopf.
Schweigend gingen sie die Treppen hinauf und ins Zimmer, das Anna bewohnte. Die
Balkontür war weit geöffnet. Georg trat ins Freie. Aus der Dunkelheit heraus
drang ein schwerer Duft von Magnolien und Rosen. Vom See war nichts zu sehen.
Wie aus einem Abgrund gewachsen ragten die Berge. Anna trat zu Georg. Er legte
seinen Arm um ihre Schulter und liebte sie sehr. Es war, wie wenn das ernste
Geschehnis, von dem er eben Kunde erhalten, seinen eigenen Erlebnissen das
Gefühl ihrer wahren Bedeutung aufgezwungen hätte. Er wusste wieder, dass es nichts
Wichtigeres für ihn auf der Welt gab, als das Wohl dieser geliebten Frau, die
mit ihm auf dem Balkon stand und ihm ein Kind gebären sollte.
 
                                Sechstes Kapitel
Als Georg aus dem kühlen Stadtrestaurant, in dem er seit einigen Wochen mittags
zu speisen pflegte, auf das sommerheisse Pflaster trat und den Weg nach Heinrichs
Wohnung einschlug, war sein Entschluss gefasst, die Reise ins Gebirge schon in den
nächsten Tagen anzutreten. Anna war ja darauf vorbereitet, hatte ihm sogar
selbst zugeredet, auf ein paar Tage wegzufahren, seit sie fühlte, dass die
eintönige Lebensweise der letzten Zeit ihm Langeweile und innere Unruhe zu
verursachen begann.
    Vor sechs Wochen, an einem lauen Regenabend, waren sie nach Wien
zurückgekehrt, und Georg hatte Anna geradenwegs von der Bahn in die Villa
gebracht, wo in einem grossen, aber ziemlich leeren Zimmer mit schadhaften,
gelblichen Tapeten, beim trüben Schein einer Hängelampe, Annas Mutter und Frau
Golowski die Verspäteten seit zwei Stunden erwarteten. Die Tür auf der
Gartenveranda stand offen, draussen fiel der Regen klatschend auf den Holzboden,
und der laue Duft befeuchteter Blätter und Gräser zog herein. Beim Schein einer
Kerze, die Frau Golowski vorantrug, besichtigte Georg die Räumlichkeiten des
Hauses, während Anna abgespannt in der Ecke des grossen mit geblümtem Kattun
überzogenen Sofas lehnte und auf die Fragen der Mutter nur müde zu antworten
vermochte. Bald hatte Georg von Anna gerührt und erleichtert Abschied genommen,
war mit ihrer Mutter in den Wagen gestiegen, der draussen wartete, und während
sie über aufgeweichte Strassen in die Stadt fuhren, hatte er der befangenen Frau
mit gekünstelter Beflissenheit die gleichgültigen Erlebnisse der letzten
Reisetage berichtet. Eine Stunde nach Mitternacht war er zu Hause, verzichtete
darauf, Felician zu wecken, der schon schlief, und streckte sich im
langentbehrten eignen Bett mit ungeahnter Wonne nach so vielen Nächten zum
ersten Heimatschlummer aus.
    Seiter war er beinahe jeden Tag zu Anna aufs Land hinaus gefahren. Wenn es
ihn nicht zu kleinen Umwegen über die Sommerfrischen der Umgebung lockte, konnte
er zu Rad leicht in einer Stunde bei ihr sein. Öfters aber nahm er die
Pferdebahn und spazierte dann durch die kleinen Ortschaften bis zu dem niedern,
grün gestrichenen Staketzaun, hinter dem, im schmalen, leicht ansteigenden
Garten das bescheidene Landhaus mit dem dreieckigen Holzgiebel stand. Nicht
selten wählte er einen Weg, der sich oberhalb des Dorfes zwischen Gärten und
Wiesen hinzog, und stieg dann gerne den grünen Hang aufwärts, bis zu einer Bank
am Waldesrand, von wo der Blick auf die kleine, im schmalen Talgrund länglich
hingebreitete Ortschaft freilag. Er sah von hier gerade auf das Dach, unter dem
Anna wohnte, liess seine milde Sehnsucht nach der Geliebten, der er so nahe war,
mit Willen allmählich lebhafter werden, bis er hinabeilte, die kleine Türe
aufschloss und über den Kies mitten durch den Garten zum Haus hinunterschritt.
Oft, in schwüleren Nachmittagsstunden, wenn Anna noch schlief, setzte er sich in
der gedeckten Holzveranda, die längs der Rückseite des Hauses hinlief, auf einen
bequemen, mit geblümtem Kattun überzogenen Lehnstuhl, nahm ein mitgenommenes
Buch aus der Tasche und las. Dann, in einfach-sauberm, dunkeln Kleid, trat aus
dem dämmrigen Innenraum Frau Golowski und stattete mit leiser, etwas wehmütiger
Stimme, einen Zug mütterlicher Güte um den Mund, von Annas Befinden Bericht ab,
insbesondere, ob sie mit Appetit gegessen hatte und ob sie fleissig im Garten auf
und ab gegangen war. Wenn sie geendet, hatte sie immer in Küche oder Haus etwas
Notwendiges zu besorgen und verschwand. Dann, während Georg weiterlas, kam wohl
auch eine trächtige Bernhardinerhündin herbei, die Leuten in der Nachbarschaft
gehörte, begrüsste Georg mit tränenvoll-ernsten Augen, liess sich von ihm das
kurzhaarige Fell streicheln und streckte sich dankbar zu seinen Füssen hin.
Später, wenn ein gewisser, strenger, dem Tiere wohlbekannter Pfiff ertönte,
erhob es sich, mit der Schwerfälligkeit seines Zustands, schien sich durch einen
schwermütigen Blick zu entschuldigen, dass es nicht länger bleiben durfte, und
schlich davon. Im Garten daneben lachten und lärmten Kinder, ein und das
andermal hüpfte ein Gummiball herüber, an der niedern Hecke erschien ein blasses
Kindermädchen und bat schüchtern, man möge ihn wieder zurückschleudern. Endlich,
wenn es kühler wurde, zeigte sich am Fenster, das auf die Veranda ging, Annas
Antlitz, ihre stillen, blauen Augen grüssten Georg, und bald, in leichtem, hellen
Hauskleid, trat sie selbst heraus. Nun spazierten sie im Garten auf und ab längs
der abgeblühten Fliederbüsche und treibender Johannisbeerstauden, meist auf der
linken Seite, an die die freie Wiese grenzte, und ruhten sich auf der weissen
Bank nah dem obern Gartenende unter dem Birnbaum aus. Erst wenn das Abendessen
aufgetragen wurde, erschien Frau Golowski wieder, nahm bescheiden ihren Platz am
Tische ein und erzählte auf Befragen allerlei von den Ihrigen; von Terese, die
nun in die Redaktion eines sozialistischen Blattes eingetreten war, von Leo, der
dienstlich jetzt weniger beschäftigt als früher, matematischen Studien emsig
oblag und von ihrem Gatten, dem sich, während er in einer rauchigen
Kaffeehausecke den Schachkämpfen unermüdlicher Spieler mit Hingebung zuschaute,
immer neue Hoffnungen regelmässigen Erwerbs eröffneten und gleich wieder
verschlossen. Nur selten kam Frau Rosner zu Besuch und entfernte sich meist bald
nach Georgs Erscheinen. Einmal an einem Sonntagnachmittag war auch der Vater
hier gewesen und hatte mit Georg eine Unterhaltung über Wetter und Landschaft
geführt, als wäre man einander zufällig bei einer leidenden Bekannten begegnet.
Nur den Eltern zulieb hielt sich Anna in der Villa völlig zurückgezogen. Denn
sie selbst, zu völliger Unbefangenheit gereift, fühlte sich nicht anders, als
wäre sie Georgs angetraute Gattin, und als jener kürzlich, der eintönigen Abende
müde, um Erlaubnis gebeten, gelegentlich Heinrich mit herauszubringen, hatte sie
sich zu Georgs angenehmer Überraschung ohne weiteres damit einverstanden
erklärt.
    Heinrich war der einzige von Georgs nähern Bekannten, der sich in diesen
drückenden Julitagen noch in der Stadt aufhielt. Felician, der sich nach des
Bruders Heimkehr, wie in neuerwachter Jugendfreundschaft, ihm angeschlossen
hatte, weilte nach bestandener Diplomatenprüfung mit Ralph Skelton an der
Nordsee. Else Ehrenberg, die Georg bald nach seiner Rückkunft im Sanatorium am
Krankenbett ihres Bruders einmal gesprochen hatte, war mit ihrer Mutter längst
wieder im Auhof am See. Auch Oskar, den sein unglücklicher Selbstmordversuch das
rechte Auge gekostet, aber, wie es hiess, die Leutnantscharge gerettet hatte, war
von Wien abgereist, die schwarze Binde über dem erblindeten Auge. Demeter
Stanzides, Willy Eissler, Guido Schönstein, Breitner, alle waren sie fort, und
sogar Nürnberger, der so feierlich erklärt hatte, auch dieses Jahr die Stadt
nicht verlassen zu wollen, war mit einemmal verschwunden.
    Ihn hatte Georg nach seiner Rückkehr vor allen andern besucht, um ihm Blumen
vom Grab der Schwester aus Cadenabbia zu überbringen. Auf der Reise hatte er
endlich den Roman Nürnbergers gelesen, der in einer nun halbvergangenen Zeit
spielte, derselben, wie es Georg schien, von der der alte Doktor Stauber einmal
zu ihm gesprochen hatte. Über jener lügendumpfen Welt, in der erwachsene
Menschen für reif, altgewordene für erfahren und Leute, die sich gegen kein
geschriebenes Gesetz vergingen, als rechtlich; in der Freiheitsliebe, Humanität
und Patriotismus schlechtweg als Tugenden galten, auch wenn sie dem faulen Boden
der Gedankenlosigkeit oder der Feigheit entsprosst waren, hatte Nürnberger
grimmige Leuchten angezündet; und zum Helden seines Buches hatte er einen
tätigen und braven Mann gewählt, der, von den wohlfeilen Phrasen der Epoche
emporgetragen, auf der Höhe Überblick und Einsicht gewann und in der Erkenntnis
seines schwindelnden Aufstiegs von Grauen erfasst, in das Leere hinabstürzte, aus
dem er gekommen war. Dass einer, der dies starke und rings widerhallende Werk
geschaffen, später nur mehr wie in lässig höhnischen Randbemerkungen zum Gang
der Zeit sich hatte vernehmen lassen, wunderte Georg sehr, und erst ein Wort
Heinrichs: dass wohl dem Zorne, nicht aber dem Ekel Fruchtbarkeit beschieden sei,
liess ihn verstehen, warum Nürnbergers Werk für immer abgeschlossen war. Die
einsame dunkelblaue Spätnachmittagsstunde auf dem Friedhof von Cadenabbia hatte
sich Georg so seltsam tief eingeprägt, als wäre ihm das Wesen, an dessen Grab er
gestanden, bekannt, ja wert gewesen. Es hatte ihn ergriffen, dass die goldenen
Buchstaben auf dem grauen Stein matt geworden und die Beete im Rasen von Unkraut
durchwuchert waren, und nachdem er ein paar gelbblaue Stiefmütterchen für den
Freund gepflückt hatte, war er mit bewegtem Herzen geschieden. Jenseits des
Friedhoftors warf er einen Blick durch das offene Fenster der Totenkammer und
sah im Dämmer, zwischen hohen, brennenden Kerzen, von schwarzem Tuch bis über
die Lippen bedeckt, eine Frauensperson aufgebahrt, über deren schmalem
Wachsgesicht die Lichter der Kerzen und des Tags ineinanderrannen.
    Nürnberger war von der teilnehmenden Aufmerksamkeit Georgs nicht ungerührt
geblieben, und sie sprachen an diesem Tage vertrauter miteinander als je zuvor.
    Das Haus, in dem Nürnberger lebte, stand in einer engen, düstern Gasse, die
aus der innern Stadt treppenweise gegen die Donau zu führte; war uralt, schmal
und hoch. Die Wohnung Nürnbergers befand sich im obersten, fünften Stockwerk,
wohin man über eine vielfach gewundene Treppe gelangte. In dem niedrigen, aber
geräumigen Zimmer, in das Georg aus einem dunkeln Vorraum trat, standen alte,
aber wohlgehaltene Möbel, und aus dem Alkoven in der Tiefe, vor dem ein
mattgrüner Vorhang herabgelassen war, drang ein Duft von Kampfer und Lavendel.
Jugendbildnisse von Nürnbergers Eltern hingen an der Wand und bräunliche Stiche
von Landschaften nach holländischen Meistern. Auf der Kommode in
holzgeschnjetzten Rahmen standen allerlei alte Photographien, und aus einer
Schreibtischlade, unter vergilbten Briefen suchte Nürnberger ein Bildnis der
verstorbenen Schwester hervor, das sie als achtzehnjähriges Mädchen zeigte, in
einer wie historisch anmutenden Kindertracht, einen Ball in der Hand, vor einem
Zaune stehend, hinter dem eine Felsenlandschaft sich türmte. All diese
Unbekannten, Entfernte und Verstorbene, stellte Nürnberger dem Freunde heute im
Bilde vor und sprach von ihnen in einem Tone, der den Zeitraum zwischen einst
und jetzt zu verbreitern und vertiefen schien.
    Georgs Blick schweifte manchmal hinaus über die enge Gasse zu dem grauen
Mauerwerk uralter Häuser. Er sah schmale, verstaubte Scheiben mit allerlei
Hausrat dahinter; auf einem Fensterbrett standen Blumentöpfe mit ärmlichen
Pflanzen, zwischen zwei Häusern in einer Rinne lagen Flaschenscherben,
zerbrochene Tongefässe, Papierfetzen, vermodertes Pflanzenwerk. Ein verwittertes
Rohr lief zwischen all dem Zeug hin und verlor sich hinter einem Rauchfang.
Andere Rauchfänge zeigten sich links und rechts, die Rückseite eines gelblichen
Steingiebels war sichtbar, zum blassblauen Himmel ragten Türme auf, und
unerwartet nah, in lichtem Grau, mit durchbrochener Steinkuppel erschien einer,
der Georg wohlbekannt war. Unwillkürlich suchte sein Blick die Richtung, wo er
das Haus vermuten durfte, an dessen Eingang die zwei steinernen Riesen auf
gewaltigen Armen das Adelswappen eines versunkenen Geschlechts trugen, und in
dem sein Kind gezeugt worden war, das in wenig Wochen zur Welt kommen sollte.
    Georg erzählte von seiner Reise, und in der Stimmung dieser Stunde wäre er
sich kleinlich erschienen, wenn er es bei halben Wahrheiten hätte bewenden
lassen. Nürnberger aber hatte auch die ganze längst gewusst, und als Georg sich
darüber ein wenig erstaunt zeigte, lächelte er spöttisch. »Erinnern Sie sich
nicht mehr«, fragte er, »jenes Vormittags, an dem wir uns in Grinzing eine
Sommerwohnung angesehen haben?«
    »Gewiss.«
    »Und erinnern Sie sich auch, dass uns in Garten und Haus eine Frau mit einem
kleinen Kind auf dem Arm herumgeführt hat?«
    »Ja.«
    »Bevor wir weggingen, hat das Kind die Arme nach Ihnen ausgestreckt, und Sie
haben es mit einem ziemlich gerührten Blick betrachtet.«
    »Und daraus haben Sie geschlossen, dass ich ...«
    »Ach, Sie sind nicht der Mensch, über den Anblick kleiner und überdies etwas
ungewaschener Kinder in Rührung zu geraten, wenn sich nicht Ideenverbindungen
persönlicher Art daran knüpfen.«
    »Vor Ihnen muss man sich in acht nehmen«, sagte Georg scherzend, aber nicht
ohne einiges Unbehagen.
    Die leichte Gereizteit, die er Nürnbergers Überlegenheit gegenüber immer
wieder empfand, hielt ihn durchaus nicht ab, den Verkehr mit ihm weiter zu
pflegen. Manchmal holte er ihn vom Hause ab, um mit ihm in Strassen und Gärten
umher zu spazieren, und wie eine Genugtuung, ja wie einen persönlichen Sieg
empfand er es, wenn es ihm gelang, ihn aus den luftdünnen Regionen bittrer
Weisheit in die sanftern Gefilde herzlicher Unterhaltung hinabzuziehen. Die
Spaziergänge mit ihm waren Georg zu einer so angenehmen Gewohnheit geworden, dass
er es wie eine Verarmung seiner Tage empfand, als er eines Morgens die Wohnung
Nürnbergers verschlossen fand. Tags darauf kam eine entschuldigende
Abschiedskarte aus Salzburg, von einem Ehepaar mit unterzeichnet, einem
Fabrikanten und dessen Frau, liebenswürdigen, heiteren Leuten, die Georg einmal
durch Nürnberger flüchtig auf dem Graben kennen gelernt hatte. Nach Heinrichs
boshafter Darstellung war der gemeinsame Freund von diesem Ehepaar, nach
verzweifelter Gegenwehr natürlich, die Stiege hinuntergeschleppt, in einen Wagen
gesetzt und gewissermassen als Gefangener auf die Bahn transportiert worden. Wie
Heinrich behauptete, hatte Nürnberger einige Bekannte dieser harmlosen Art, die
das Bedürfnis empfanden, sich von dem berühmten Spötter in den wohlschmeckenden
Trank des Daseins einige Tropfen Bosheit träufeln zu lassen, so wie Nürnberger
seinerseits sich in ihrer bequemen Gesellschaft von den anstrengenden Bekannten
aus Literaten- und Psychologenkreisen zu erholen liebte.
    Das Wiedersehen mit Heinrich hatte für Georg eine Enttäuschung bedeutet. Der
Dichter, nach den ersten Begrüssungsworten, hatte wie gewöhnlich nur von sich
geredet, und zwar in den Tönen tiefster Selbstverachtung. Er war endlich darauf
gekommen, dass er eigentlich kein Talent besässe, sondern nur Verstand, den
allerdings in enormem Masse. Was er aber an sich am heftigsten verdammte, das
waren die Disharmonien seines Wesens, unter denen, wie er wohl wusste, nicht nur
er zu leiden hatte, sondern alle, die in seine Nähe gerieten. Er war herzlos und
sentimental, leichtfertig und schwerblütig, empfindlich und rücksichtslos,
unverträglich und doch auf Menschen angewiesen ... zuzeiten wenigstens. Ein
Subjekt mit solchen Eigenschaften konnte nun seine Daseinsberechtigung nur durch
eine ungeheure Leistung erweisen, und wenn das Meisterwerk, zu dem er
verpflichtet war, nicht bald, sehr bald in die Erscheinung träte, so war er als
anständiger Mensch verpflichtet sich totzuschiessen. Aber er war kein anständiger
Mensch ... daran lag es eben. Georg dachte: Natürlich wirst du dich nicht
totschiessen, hauptsächlich, weil du zu feig dazu bist. Er sprach das natürlich
nicht aus, war vielmehr sehr liebenswürdig, redete von Stimmungen, denen
schliesslich jeder Künstler unterworfen sei, und erkundigte sich freundlich nach
den äussern Umständen in Heinrichs Leben. Da zeigte sich bald, dass es mit ihm gar
nicht so schlimm bestellt war. Er führte sogar, wie es Georg scheinen wollte,
ein sorgenloseres Leben als je zuvor. Durch eine kleine Erbschaft war die
Existenz von Mutter und Schwester für die nächsten Jahre gesichert; trotz aller
Feindseligkeiten, die gegen ihn am Werke waren, wuchs der Ruf seines Namens von
Tag zu Tag; die klägliche Geschichte mit der Schauspielerin schien endgültig
vorbei, und eine ganz neue, erwünscht leichte Beziehung zu einer jungen Dame
brachte sogar einige Heiterkeit in sein Dasein. Auch die Arbeit ging gut
vonstatten. Der erste Akt des Operntextes war so gut wie fertig und für die
politische Komödie vieles aufgezeichnet. Er hatte die Absicht, im nächsten Jahre
Parlamentssitzungen zu besuchen, Versammlungen mitzumachen, spielte mit dem
eingestandenermassen kindisch-phantastischen Plan, sich als sozialdemokratischer
Genosse aufzuspielen, bei den Führer, Anschluss zu suchen und sich, wenn es
anging, sogar als tätiges Mitglied in irgendeiner Organisation aufnehmen zu
lassen, nur um im Getriebe einer Partei vollkommen Bescheid zu wissen. Ah, wenn
er mit einem Menschen nur einmal fünf Minuten lang sprach, so hatte er ihn ja
ganz. Irgendein Wort, dessen Bedeutung ein anderer gar nicht merkte, riss für ihn
wie ein Sturmwind die Schleier von den Seelen. Sein Traum war es, in der
Operndichtung sich als Meister des Phantastischen, in der Komödie des
realistischen Moments zu zeigen und so der Welt zu beweisen, dass er im Himmel
und auf Erden gleichermassen zu Hause wäre. Bei einer spätern Zusammenkunft liess
Georg sich vorlesen, was vom ersten Akt der Oper vollendet war; er fand die
Verse sehr sangbar und bat Heinrich um die Erlaubnis, das Manuskript Anna
mitzubringen. Diese konnte dem, was Georg ihr vortrug, nicht viel Geschmack
abgewinnen; er aber, ohne rechte Überzeugung, behauptete, dass sie eben gleichsam
die Sehnsucht dieser Verse nach Vertonung spüre, was sie notwendig als Mangel
empfinden müsse.
    Als Georg heute zu Heinrich ins Zimmer trat, sass dieser an dem grossen Tisch
in der Mitte des Zimmers, der mit Blättern und Briefen überdeckt war. Auch auf
dem Pianino und auf dem Diwan lagen beschriebene Papiere aller Art. Ein
vergilbtes Blatt hielt Heinrich noch in der Hand, als er aufstand und Georg mit
den Worten begrüsste: »Nun, wie gehts auf dem Land?« Dies war die Art, in der er
sich nach Annas Befinden zu erkundigen pflegte, und die Georg jedesmal von neuem
als zu intim empfand. »Danke, sehr gut«, erwiderte er. »Ich komme Sie übrigens
fragen, ob Sie heute vielleicht mit mir hinauskommen wollen.«
    »O ja, sehr gern. Die Sache ist nur die, dass ich da eben im Ordnen
verschiedener Papiere begriffen bin. Ich könnte erst abends kommen, so gegen
sieben. Ist es Ihnen recht?«
    »Gewiss«, sagte Georg. »Aber ich störe Sie, wie ich sehe«, setzte er hinzu,
indem er auf den übersäten Tisch wies.
    »Durchaus nicht«, erwiderte Heinrich, »ich ordne ja nur, wie ich Ihnen eben
sagte. Es ist der schriftliche Nachlass meines Vaters. Das da sind Briefe an ihn.
Und hier tagebuchartige Aufzeichnungen, hauptsächlich aus seiner
parlamentarischen Zeit. Ergreifend, sag ich Ihnen. Wie hat dieser Mann sein
Vaterland geliebt! Und wie hat man's ihm gedankt! Sie haben keine Ahnung, in
welcher raffinierten Weise man ihn aus seiner Partei hinausgedrängt hat. Ein
verwirrendes Ineinanderspiel von Tücke, Beschränkteit, Brutalität ... echt
deutsch, mit einem Wort.«
    Georg lehnte sich auf. Und er wagt es, dachte er, sich über den
Antisemitismus aufzuhalten? Ist er besser? Gerechter? Vergisst er, dass auch ich
ein Deutscher bin ...?
    Heinrich sprach weiter. »Aber ich werde diesem Mann ein Denkmal setzen ...
Er, kein anderer, wird der Held meines politischen Dramas sein. Er ist die
wahrhaft tragikomische Mittelpunktsfigur, die mir noch gefehlt hat.«
    Der innere Widerstand Georgs wuchs. Er bekam grosse Lust, den alten Bermann
gegen seinen Sohn in Schutz zu nehmen. »Tragikomische Figur?« wiederholte er
fast feindselig.
    »Ja«, entgegnete Heinrich bestimmt. »Ein Jude, der sein Vaterland liebt ...
ich meine, so wie mein Vater es getan, mit Solidaritätsgefühlen, mit
dynastischer Begeisterung, ist unbedingt eine tragikomische Figur. Das heisst ...
er war es zu jener liberalisierenden Epoche der siebziger und achtziger Jahre,
da auch kluge Menschen dem Phrasentaumel der Zeit unterlegen sind. Heute wäre ja
ein solcher Mensch allerdings ausschliesslich komisch. Ja, selbst wenn er sich
endlich am erstbesten Nagel aufhinge, ich könnte sein Schicksal nicht anders
empfinden.«
    »Es ist eine Manie von Ihnen«, erwiderte Georg. »Man hat wirklich manchmal
den Eindruck, dass Sie überhaupt nicht mehr imstande sind, etwas anderes in der
Welt zu sehen als immer und überall die Judenfrage. Wenn ich so unhöflich wäre,
als es Ihnen zuweilen zu sein passiert, so würde ich Sie ... Sie verzeihen
schon, verfolgungswahnsinnig nennen.«
    »Verfolgungswahnsinnig« ..., wiederholte Heinrich tonlos und sah an die
Wand. »So, also Verfolgungswahnsinn nennen Sie das ... Na!« Und plötzlich mit
zusammengepressten Zähnen, heftig, fuhr er fort: »Ich will Sie einmal was fragen,
Georg, aufs Gewissen fragen.«
    »Ich höre.«
    Er stellte sich gerade vor Georg hin und bohrte ihm seine Augen in die
Stirn: »Glauben Sie, dass es einen Christen auf Erden gibt, und wäre es der
edelste, gerechteste und treueste, einen einzigen, der nicht in irgendeinem
Augenblick des Grolls, des Unmuts, des Zorns selbst gegen seinen besten Freund,
gegen seine Geliebte, gegen seine Frau, wenn sie Juden oder jüdischer Abkunft
waren, deren Judentum, innerlich wenigstens, ausgespielt hätte?« Und ohne Georgs
Antwort abzuwarten: »Keinen gibt es, ich versichere Sie. Sie können übrigens
auch einen andern Versuch machen. Lesen Sie z.B. die Briefe von irgendwelchen
berühmten, sonst ganz klugen und vortrefflichen Menschen, und beachten Sie die
Stellen mit feindlichen und ironischen Äusserungen über Zeitgenossen.
Neunundneunzigmal handelt es sich um ein Individuum ohne Berücksichtigung der
Abstammung oder Konfession, im hundertsten Fall, wo das übelbehandelte
Menschenkind das Unglück hat, Jude zu sein, vergisst der Verfasser gewiss nicht,
diese Tatsache zu erwähnen. So ist es nun einmal, ich kann Ihnen nicht helfen.
Was Sie Verfolgungswahnsinn zu nennen belieben, lieber Georg, das ist eben in
Wahrheit nichts anderes als ein ununterbrochen waches, sehr intensives Wissen
von einem Zustand, in dem wir Juden uns befinden, und viel eher als von
Verfolgungswahnsinn könnte man von einem Wahn des Geborgenseins, des
Inruhegelassenwerdens reden, von einem Sicherheitswahn, der vielleicht eine
minder auffallende, aber für den Befallenen viel gefährlichere Krankheitsform
vorstellt. Mein Vater hat an ihr gelitten, wie viele andre seiner Generation. Er
ist allerdings so gründlich kuriert worden, dass er darüber verrückt geworden
ist.«
    Tiefe Falten erschienen auf Heinrichs Stirn, und er sah wieder zur Wand hin,
über Georg weg, der auf dem harten, schwarzledernen Divan Platz genommen hatte.
    »Wenn das Ihre Auffassung ist«, erwiderte Georg »ja, dann müssten Sie sich
doch logischerweise Leo Golowski anschliessen ...«
    »Und mit ihm nach Palästina wandern finden Sie? Politisch-symbolischerweise
oder gar in Wirklichkeit wie?« Er lachte. »Hab ich denn behauptet, dass ich von
hier fort will? Dass ich irgendwo anders lieber leben möchte als hier?
Insbesondere, dass ich unter lauter Juden existieren möchte? Das wäre, für mich
wenigstens, eine recht äusserliche Lösung einer höchst innerlichen
Angelegenheit.«
    »Das denk ich mir eigentlich auch. Und darum verstehe ich, die Wahrheit zu
sagen, immer weniger, was Sie wollen, Heinrich. Im vorigen Herbst auf der
Sophienalpe, wie Sie sich mit Golowski herumgezankt haben, da hatte ich doch den
Eindruck, dass Sie die Sache viel hoffnungsvoller ansähen?«
    »Hoffnungsvoller?« wiederholte Heinrich beleidigt.
    »Ja. Da musste man doch denken, dass Sie an die Möglichkeit einer allmählichen
Assimilation glauben.«
    Heinrich zuckte verächtlich die Mundwinkel. »Assimilation ... Ein Wort ...
Ja, sie wird wohl kommen, irgendeinmal ... In sehr, sehr langer Zeit. Sie wird
ja nicht so kommen, wie manche sie wünschen nicht so, wie manche sie fürchten
... es wird auch nicht gerade Assimilation sein ... aber vielleicht etwas, das
sozusagen im Herzen dieses Wortes schlägt. Wissen Sie, was sich wahrscheinlich
am Ende herausstellen wird? Dass wir, wir Juden, mein ich, gewissermassen ein
Menschheitsferment gewesen sind ja, das wird vielleicht herauskommen in tausend
bis zweitausend Jahren. Auch ein Trost, denken Sie sich!« Er lachte wieder.
    »Wer weiss«, sagte Georg nachsichtig, »ob Sie nicht recht behalten werden in
tausend Jahren. Aber bis dahin?«
    »Ja, früher, lieber Georg, wird es wohl mit der Lösung der Frage nichts
werden. Für unsere Zeit gibt es keine Lösung, das steht einmal fest. Keine
allgemeine wenigstens. Eher gibt es hunderttausend verschiedene Lösungen. Weil
es eben eine Angelegenheit ist, die bis auf weiteres jeder mit sich selbst
abmachen muss, wie er kann. Jeder muss selber dazusehen, wie er herausfindet aus
seinem Ärger, oder aus seiner Verzweiflung, oder aus seinem Ekel, irgendwohin,
wo er wieder frei aufatmen kann. Vielleicht gibt es wirklich Leute, die dazu bis
nach Jerusalem spazieren müssen ... Ich fürchte nur, dass manche, an diesem
vermeintlichen Ziel angelangt, sich erst recht verirrt vorkommen würden. Ich
glaube überhaupt nicht, dass solche Wanderungen ins Freie sich gemeinsam
unternehmen lassen ... denn die Strassen dortin laufen ja nicht im Lande
draussen, sondern in uns selbst. Es kommt nur für jeden darauf an, seinen inneren
Weg zu finden. Dazu ist es natürlich notwendig, möglichst klar in sich zu sehen,
in seine verborgensten Winkel hineinzuleuchten! Den Mut seiner eigenen Natur zu
haben. Sich nicht beirren lassen. Ja, das müsste das tägliche Gebet jedes
anständigen Menschen sein: Unbeirrteit!«
    Georg dachte: Wo ist er nun schon wieder? Er ist in seiner Art genau so
krank, wie sein Vater es war. dabei kann man doch nicht sagen, dass er persönlich
schlimme Erfahrungen gemacht hat. Und er hat einmal behauptet, dass er sich mit
niemandem zusammengehörig fühle! Es ist ja nicht wahr. Mit allen Juden fühlt er
sich zusammengehörig, und mit dem letzten von ihnen noch immer enger als mit
mir. Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, fiel sein Blick auf ein
grosses Kuvert, das auf dem Tisch lag, und er las darauf die mit grossen,
römischen Buchstaben geschriebenen Worte: »Nicht vergessen, nie dran vergessen.«
    Heinrich gewahrte Georgs Blick, nahm das Kuvert in die Hand, auf dessen
Rückseite drei gewaltige, graue Siegel zum Vorschein kamen, warf es dann wieder
auf den Tisch, liess wie verächtlich die Unterlippe sinken und sagte: »Diese
Sache hab ich nämlich auch heute in Ordnung gebracht. Es gibt solche Tage des
grossen Reinemachens. Andre Leute hätten das Zeug verbrannt. Wozu? Ich werd es
vielleicht einmal mit Vergnügen wieder lesen. In diesem Kuvert sind nämlich die
anonymen Briefe, von denen ich Ihnen einmal erzählt habe.«
    Georg schwieg. Bisher hatte Heinrich über die Umstände, unter denen seine
Beziehungen mit der Schauspielerin geendet hatten, nichts verlauten lassen; nur
eine Stelle in dem Brief nach Lugano hatte darauf hingedeutet, dass er die einst
Geliebte nicht ohne innern Schauer wiedergesehen hatte. Fast gegen den eigenen
Willen kam es über Georgs Lippen.»Sie kennen doch die Geschichte von Nürnbergers
Schwester, die in Cadenabbia begraben liegt?«
    Heinrich bejahte. »Wie kommen Sie darauf?«
    »Ich habe ihr Grab besucht, ein paar Tage vor meiner Abreise.« Er zögerte.
Heinrich sah ihn starr an, mit einem heftig fragenden Blick, der Georg zum
Weitersprechen zwang. »Und nun denken Sie, wie sonderbar, seiter vermengen sich
in meiner Erinnerung immer diese zwei Wesen, von denen ich das eine nie gesehen
habe, das andre nur flüchtig, auf dem Teater, wie Sie wissen nämlich die tote
Schwester Nürnbergers und ... diese Schauspielerin.«
    Heinrich wurde blass bis in die Lippen. »Sind Sie abergläubisch?« fragte er
höhnisch, aber es klang, als fragte er sich selbst.
    »Durchaus nicht«, antwortete Georg. »Was hat übrigens diese Sache mit
Aberglauben zu tun?«
    »Ich will Ihnen nur sagen, dass mir alle Dinge, die irgendwie mit Mystik
zusammenhängen, im Grund der Seele zuwider sind. Über Dinge zu reden, von denen
man nichts wissen kann, ja, deren Wesen es ist, dass man nie und nimmer was von
ihnen wissen kann, das scheint mir von aller Art Geschwätz, die auf Erden für
Wissenschaft ausgegeben wird, die unerträglichste.«
    Sollte sie gestorben sein, diese Schauspielerin? dachte Georg.
    Plötzlich hielt Heinrich das Kuvert wieder in der Hand, und in dem trockenen
Tone, den er gerade dann anzuschlagen beliebte, wenn er bis ins Tiefste
durchwühlt war, sagte er: »Dass ich diese Worte hergeschrieben habe, ist
kindische Spielerei oder Affektation, wenn Sie wollen. Ich hätte auch wie Daudet
vor seine Sappho die Worte hersetzen können: Meinen Söhnen, wenn sie zwanzig
Jahre alt sein werden ... Zu dumm übrigens. Als wenn ein Mensch mit den
Erfahrungen eines andern das geringste anfangen könnte! Die Erfahrungen des
einen können für den andern manchmal amüsant, öfters verwirrend, aber nie
lehrreich sein ... Und wissen Sie, woher es kommt, dass jene beiden Gestalten
sich in Ihrem Kopf vermengen? Ich will's Ihnen sagen. Einfach daher, dass ich in
einem meiner Briefe für meine einstige Geliebte den Ausdruck Gespenst angewandt
habe. So erklärt sich dieses geheimnisvolle Ineinanderfliessen.«
    »Das wäre nicht unmöglich«, entgegnete Georg.
    Von irgendwoher, undeutlich, kam schlechtes Klavierspiel. Georg blickte
hinaus. Auf der gelben Mauer drüben lag die Sonne. Viele Fenster waren offen. An
einem sass ein Junge, die Arme aufs Fensterbrett gestützt, und las. Von einem
andern schauten zwei junge Mädchen hinunter in den Gartenhof. Das Klappern von
Geschirr war hörbar. Georg sehnte sich nach freier Luft, nach seiner Bank am
Waldesrand. Bevor er sich aber zum Gehen wandte, fiel ihm ein: »Was ich Ihnen
noch sagen wollte, Heinrich, Ihre Verse haben auch Anna sehr gefallen. Haben Sie
weitergeschrieben?«
    »Nicht viel.«
    »Es wäre hübsch, wenn Sie alles, was vom Text fertig ist, heute mit
hinausbrächten und uns vorläsen.« Er stand am Pianino und schlug ein paar
Akkorde an.
    »Was ist das?« fragte Heinrich.
    »Ein Tema«, erwiderte Georg, »das mir für den zweiten Akt eingefallen ist.
Es soll den Moment begleiten, in dem der merkwürdige Fremde auf dem Schiff
erscheint.«
    Heinrich schloss das Fenster, Georg setzte sich nieder und begann
weiterzuspielen. Da klopfte es an die Tür, und unwillkürlich rief Heinrich
»herein«.
    Eine junge Dame trat ein, in lichtem Tuchrock mit roter Seidenbluse, ein
weisses Samtband mit einem kleinen Goldkreuz um den Hals. Ein Florentinerhut,
rosengeschmückt, beschattete breitkrämpig das kleine, blasse Gesicht, aus dem
zwei grosse, schwarze Augen blickten.
    »Guten Tag«, sagte die fremde Dame mit einer dunkeln Stimme, die zugleich
trotzig und verlegen klang. »Verzeihen Sie, Herr Bermann, ich wusste nicht, dass
Sie Besuch haben.« Und sie sah Georg, der sie gleich erkannt hatte, neugierig
an.
    Heinrich war blass und hatte Falten auf der Stirn. »Ich habe allerdings nicht
vermutet ...«, begann er, dann stellte er vor und sagte zu der Dame: »Wollen Sie
nicht Platz nehmen?«
    »Danke«, erwiderte sie unwirsch und blieb stehen. »Ich komme vielleicht
später wieder.«
    »O bitte«, fiel Georg ein. »Ich war eben daran, mich zu verabschieden.« Er
sah, wie der Blick der Schauspielerin im Zimmer umherirrte, und fühlte ein
seltsames Mitleid mit ihr, wie man es manchmal im Traum mit Toten fühlt, die
nicht wissen, dass sie gestorben sind. Dann sah er noch den Blick Heinrichs auf
diesem blassen, kleinen Gesicht mit unbegreiflicher Härte ruhen und ging. Er
erinnerte sich jetzt sehr deutlich, wie er sie auf der Bühne gesehen hatte, mit
dem rotblonden Haar, das in die Stirn fiel, und den irrenden Augen. So sehen
Wesen nicht aus, dachte er, die dazu bestimmt sind, nur einem zu gehören. Und
das sollte Heinrich nie gefühlt haben, der sich auf seine Menschenkenntnis so
viel zugute tat? Was wollte er nun eigentlich von ihr? Eitelkeit war es, die in
seiner Seele brannte, nichts anderes als Eitelkeit.
    Auf der Strasse schritt Georg wie durch trockene Gluten. Die Häusermauern
warfen den eingetrunkenen Sommer in die Luft. Georg fuhr mit der Pferdebahn den
Hügeln und Wäldern entgegen und atmete freier, als er auf dem Lande war. Langsam
spazierte er zwischen Gärten und Villen weiter, dann, am Friedhof vorbei, nahm
er eine allmählich ansteigende, weisse Strasse, die mit einem ihn freundlich
anmutenden Namen Sommerhaidenweg hiess und zu dieser sonnigen
Spätnachmittagsstunde von Menschen kaum begangen war. Von dem bewaldeten
Höhenzug zur Linken kam noch kein Schatten, nur ein mildes Wehen von Lüften, die
in den Blättern geschlafen hatten. Zur Rechten senkte der grüne Hang sich
abwärts, gegen das länglich dahinziehende Tal, wo zwischen Ästen und Wipfeln
Dächer blinkten. Drüben, hinter Gartenzäunen strebten Weinberge und Äcker auf,
zu Wiesen und Steinbrüchen, über denen durchglitzertes Gestrüpp und Buschwerk
hing. Im Gelände oft verloren, zog als schmale Linie der Weg, den Georg an
andern Tagen manchmal zu wandern pflegte, und sein Auge suchte die Stelle am
Waldesrand, wo seine Lieblingsbank stehen mochte. Wiesen und Waldeshöhen hielten
am Talesende den Blick auf, und im Spiegel der Luft liessen abendliche Fernen mit
neuen Tälern und Hügeln sich ahnen.
    Dieser Landschaft fühlte Georg sich wunderbar vertraut, und der Gedanke, dass
Beruf und Wille ihn in die Fremde rief, webte um seine einsamen Spaziergänge
schon in diesen Tagen oft Stimmungen des Abschieds, die freilich von Sehnsucht
schwerer waren als von Trauer. Zugleich aber regte sich in ihm ein Vorgefühl
reichern Lebens. Es war ihm, als bereite sich in seiner Seele manches vor, das
er nicht mit sorgenvollen Sinnen aufstören dürfte; und in den Untergründen
seiner Seele, wo heute schon hineinzuhören ihm nicht gegeben war, rauschte es
von Melodien kommender Tage. Auch war er nicht müssig geblieben, um die äussern
Umrisse seiner Zukunft klar zu ziehen. Nach Detmold hatte er einen
höflichdankenden Brief geschrieben, in dem er sich mit Vorbehalt dem Intendanten
für den kommenden Herbst zur Verfügung stellte; auch den alten Professor
Viebiger hatte er aufgesucht, ihm seine Pläne eröffnet und ihn gebeten, sich bei
vorkommenden Gelegenheiten des einstigen Schülers zu erinnern. Aber auch wenn
wider Erwarten im Herbst nirgends eine Stellung für ihn sich fände, war er
entschlossen, Wien zu verlassen, sich vorläufig in eine kleine Stadt oder aufs
Land zurückzuziehen und in der Stille für sich weiter zu arbeiten. Wie sich
unter diesen Umständen seine Beziehungen zu Anna weiter gestalten sollten,
darüber gab er sich keine klare Rechenschaft; er wusste nur, dass sie niemals
enden durften. Es schwebte ihm vor, dass er und Anna einander besuchen und zu
gelegener Zeit gemeinschaftliche Reisen unternehmen würden; später übersiedelte
sie wohl an den Ort, wo er lebte und wirkte. Doch schien es ihm nutzlos, all dem
in die Tiefe nachzugrübeln, ehe die Stunde da war, da sich sein eigenes
Schicksal, wenigstens für die Dauer der nächsten Jahre entschieden hatte.
    Der Sommerhaidenweg lief in den Wald, und Georg nahm den breiten Villenweg,
der an dieser Stelle das Tal durchquerend nach abwärts bog. In wenigen Minuten
befand er sich auf der Strasse, an deren Ende waldesnah, neben bescheidenen,
gelben Parterrehäuschen, nur durch die Balkonmansarde mit dem dreieckigen
Holzgiebel über jene erhöht, die kleine Villa stand, in der Anna wohnte. Er
durchschritt das Vorgärtchen, wo inmitten des Rasens zwischen Blumenbeeten, auf
viereckigem Postament, der kleine blaue Tonengel ihn grüsste; den schmalen Gang,
neben dem die Küche lag, das kahle Mittelzimmer, auf dessen Boden durch die
schadhaften grünen Jalousien Sonnenlinien hinspielten, und trat auf die Veranda.
Er wandte sich nach links und warf einen Blick durchs offne Fenster in Annas
Zimmer, das er leer fand. Nun ging er im Garten längs der Fliederbüsche und
Johannisbeerstauden nach aufwärts, und schon von weitem sah er Anna unter dem
Birnbaum auf der weissen Bank sitzen, in ihrem weiten blauen Kleide. Sie sah ihn
nicht kommen, schien ganz in Gedanken versunken. Er näherte sich langsam. Noch
immer blickte sie nicht auf. Er liebte sie sehr in solchen Augenblicken, da sie
sich unbeobachtet wähnte und auf ihrer klaren Stirn unbeirrt die Gütigkeit und
der Friede ihres Wesens ruhten. Sonnenkringel zitterten auf dem Kies zu ihren
Füssen. Ihr gegenüber, auf dem Rasen, lag schlafend die fremde
Bernhardinerhündin. Das Tier war es, das, erwachend, Georgs Kommen zuerst
bemerkte. Es erhob sich, und schwerfällig trappelte es Georg entgegen. Jetzt sah
Anna auf, und ein beglücktes Lächeln schwebte über ihre Züge. Warum bin ich so
selten da, fuhr es Georg durch den Sinn. Warum wohn ich nicht heraussen und
arbeite oben auf dem Balkon unter dem Giebel, wo man die hübsche Aussicht auf
den Sommerhaidenweg hat? Die Stirne war ihm feucht geworden, so heiss brannte
noch immer die Spätnachmittagssonne.
    Er stand vor Anna, küsste sie auf Aug' und Mund und setzte sich an ihre
Seite. Das Tier war ihm nachgeschlichen und streckte sich zu seinen Füssen hin.
    »Wie gehts, mein Schatz?« fragte er, indem er seinen Arm um ihren Nacken
legte.
    Es ging ihr sehr gut, wie gewöhnlich, und heute war ein besonders schöner
Tag gewesen. Seit dem Morgen schon war sie sich ganz selbst überlassen, denn
Frau Golowski hatte wieder einmal in die Stadt fahren müssen, um nach den Ihren
zu sehen. Es war wirklich nicht übel, manchmal so völlig allein mit sich zu
bleiben. Da konnte man sich ungestört in seine Träume versenken. Es waren
freilich immer dieselben, aber sie waren so hold, dass man ihrer nicht müde
wurde. Von ihrem Kinde hatte sie sich träumen lassen. Wie sehr liebte sie es
schon heute, noch ehe es geboren war. Nie hätte sie das für möglich gehalten. Ob
Georg es denn auch verstünde? ... und da er versonnen nickte, schüttelte sie den
Kopf. Nein, nein ... ein Mann konnte das nicht verstehen, auch der beste, der
gütigste nicht. Sie fühlte ja das kleine Wesen schon sich regen, spürte das
Klopfen seines zarten Herzens, fühlte diese neue unbegreifliche Seele in ihrer
atmen, geradeso wie sie den neuen jungen Leib in ihrem blühen und erwachen
fühlte. Und Georg sah vor sich hin, wie beschämt, dass sie dem, was nahe war, mit
so viel reinern Sinnen entgegenlebte als er. Denn dass hier, von ihm gezeugt, ein
Wesen wurde wie er und selbst wieder bestimmt, neuen Wesen Leben zu verleihen;
dass in dem gesegneten Leib dieser Frau, nach dem ihm schon lange nicht mehr
verlangte, nach ewigen Gesetzen ein Leben schwoll, das vor einem Jahre noch ein
ungeahntes, ungewolltes, im Unendlichen verlorenes war und nun wie ein seit
Urzeit vorherbestimmtes zum Licht empordrängte; dass er selbst sich nun in der
geschlossenen Kette von Urahnen zu Urenkeln gleichsam an beiden Händen gefasst,
unentweichbar einbezogen wusste, ... von diesem Wunder fühlte er sich nicht so
mächtig aufgerufen, als es fordern durfte.
    Und ernstafter, als sie es sonst zu tun pflegten, besprachen sie heute, was
nach des Kindes Geburt zu geschehen hätte. In den ersten Wochen behielt Anna es
natürlich bei sich, dann musste man es wohl zu fremden Leuten geben; jedenfalls
aber sollte es ganz nahe wohnen, so dass Anna es zu jeder Zeit ohne Schwierigkeit
sehen konnte.
    »Und du«, sagte sie mit einem Mal ganz leicht, »wirst du manchmal herkommen
uns besuchen?«
    Er sah ihr in das verschmitzt lächelnde Gesicht, nahm ihre beiden Hände und
küsste sie. »Liebste, was soll ich tun, sag selbst? Du kannst dir denken, wie
schwer es mir sein wird. Aber was bleibt mir anders übrig? Es muss ein Anfang
gemacht werden. Hab ich dir schon gesagt«, setzte er hastig hinzu, als wäre
damit jeder Rückzug abgeschnitten, »die Wohnung ist gekündigt. Felician geht
wahrscheinlich nach Aten. Ja, wenn ich dich gleich mitnehmen könnte, das wär
freilich schön! Aber das ist ja leider nicht möglich, eine gewisse Sicherheit
muss vor allem da sein. Ich meine, wenigstens die Sicherheit, dass ich längere
Zeit an einem Ort bleibe ...«
    Sie hatte ernstaft-ruhig zugehört. Dann kam sie bedächtig-wichtig auf ihre
neueste Idee zu sprechen. Er sollte nicht glauben, dass sie daran dächte, ihm
alle Sorgen aufzubürden. Sie war entschlossen, sobald es sich machen liesse, eine
Musikschule zu gründen. Wenn er sie noch lange allein liesse, hier in Wien; wenn
er bald käme sie holen, dort, wo sie mit ihm zu Hause sein würde. Und wenn sie
einmal auf eigenen Füssen stände, dann wollte sie auch ihr Kind zu sich nehmen,
ob sie nun seine Frau wäre oder nicht. Sie wäre weit davon entfernt sich zu
schämen, das wüsste er wohl. Sie wäre eher stolz ... ja stolz, dass sie Mutter
wurde!
    Er nahm ihre Hände zwischen die seinen und streichelte sie. »Es wird schon
alles werden«, sagte er ein wenig bedrückt. Er sah sich plötzlich in einem sehr
bürgerlichen Heim, unter dem bescheidenen Licht einer Hängelampe, beim
Abendessen sitzen, zwischen Frau und Kind. Und aus dieser geträumten
Familienszene wehte es ihm entgegen wie ein Hauch von sorgenvoller Langeweile.
Ah, es war noch zu früh dazu, er war noch zu jung. Wie sollte es denn werden?
War es denn möglich, dass sie die letzte Frau blieb, die er umarmt hätte?
Vielleicht konnte sie es werden, in Jahren, in Monaten schon ... aber heute noch
nicht. Trug und Lüge in ein wohlgeordnetes Heim zu tragen, davor scheute er wohl
zurück. Doch der Gedanke, von ihr fortzueilen zu andern, die er begehrte, mit
dem Bewusstsein, Anna so wieder zu finden, wie er sie verlassen, war lockend und
beruhigend zugleich.
    Der bekannte Pfiff von drüben tönte. Die Hündin erhob sich, liess sich von
Georg noch einmal über den gelb gefleckten Rücken streichen und schlich traurig
ihren Weg hinab.
    »Herr Gott«, sagte Georg, »das hätte ich ja beinahe vergessen. Heinrich kann
jeden Augenblick da sein.« Er erzählte Anna von seinem Besuch und verschwieg
auch nicht, dass er zwischen Tür und Angel die ungetreue Schauspielerin kennen
gelernt hatte.
    »Ist es ihr also gelungen?« rief Anna aus, die für Damen mit irrenden Augen
keine Neigung fühlte.
    »Ich glaube nicht«, erwiderte Georg, »dass ihr irgend etwas gelungen ist.
Heinrich war von ihrem Erscheinen sogar ziemlich unangenehm berührt, kam mir
vor.«
    »Nun, vielleicht bringt er sie mit«, sagte Anna mit Spott, »und du hast
wieder wen zum kokettieren wie in Lugano die Königsmörderin.«
    »Ach Gott«, machte Georg unschuldig, und beiläufig fügte er hinzu: »Was
ist's denn übrigens mit Terese, warum kommt sie denn gar nicht mehr zu dir?
Demeter ist ja nicht mehr in Wien. Sie hätte wohl Zeit genug.«
    »Sie war erst vor ein paar Tagen da. Ich hab dir's ja gesagt, stell dich
doch nicht so.«
    »Ich hatte es wirklich vergessen«, erwiderte er mit Aufrichtigkeit. »Was hat
sie dir denn erzählt?«
    »Alles mögliche. Die Geschichte mit Demeter ist aus. Ihr Herz schlägt wieder
ausschliesslich für die Armen und Elenden bis auf Widerruf.« Und unter dem Siegel
strengster Verschwiegenheit vertraute ihm Anna Teresens Winterpläne an. Als
armes Weib verkleidet, wollte sie Wanderungen durch Wärmestuben, Suppen- und
Teeanstalten, Asyle für Obdachlose und Arbeitshäuser unternehmen, um einmal dem
sogenannten goldnen Herzen von Wien in die verborgensten Winkel
hineinzuleuchten. Sie schien gefasst und hoffte vielleicht ein wenig darauf,
Ungeheuerlichkeiten zu entdecken.
    Georg sah vor sich hin. Er erinnerte sich der eleganten Dame, im weissen
Kleid, die im Sonnenglanz von Lugano vor dem Postgebäude gestanden war, fern von
allem Jammer der Welt. Sonderbares Geschöpf, dachte er. »Sie will natürlich ein
Buch daraus machen«, sagte Anna. »Also dass du keinem Menschen was davon
erzählst, auch deinem Freund Bermann nicht.«
    »Fällt mir nicht ein. Aber sag, Anna, musst du nicht was vorbereiten für
abend?«
    Sie nickte. »Komm, begleit mich hinunter, ich will nachsehen, was da ist,
und mich im übrigen mit der Marie beraten ... soweit das möglich ist.«
    Sie standen auf. Die Schatten waren lang. Im Garten nebenan lärmten die
Kinder. Anna nahm den Arm des Geliebten und ging langsam mit ihm hinab. Sie
erzählte die neuesten Beispiele von der fabelhaften Dummheit der Magd. Ich
Ehemann, dachte Georg und hörte mit Nachsicht zu. Beim Haus angelangt sprach er
die Absicht aus, Heinrich entgegenzusehen, verliess Anna und begab sich auf die
Strasse. Da rüttelte eben ein Einspänner heran; Heinrich sprang heraus und
entliess den Kutscher. »Grüss Sie Gott«, sagte er zu Georg, »haben Sie mich am
Ende schon erwartet? Es ist ja noch gar nicht so spät.«
    »Gewiss nicht, Sie sind sehr pünktlich. Ist es Ihnen recht, so machen wir
noch einen kleinen Spaziergang.«
    »Gern.«
    Sie spazierten weiter, vorbei an dem gelben Gastof mit den roten Terrassen,
in den Wald.
    »Hier ist's ja wundervoll«, sagte Heinrich. »Und auch Ihre Villa sieht ganz
nett aus. Warum wohnen Sie eigentlich nicht heraussen?«
    »Ja, es ist ein Unsinn«, gab Georg zu, ohne weitere Erklärungen. Dann
schwiegen sie eine Weile.
    Heinrich war in hellgrauem Sommeranzug und trug auf dem Arm seinen Mantel,
den er ein wenig nachschleppen liess. »Haben Sie sie wiedererkannt?« fragte er
plötzlich, ohne aufzusehen.
    »Ja«, erwiderte Georg.
    »Sie ist nur auf einen Tag hergefahren, aus ihrem Sommerengagement. Heute
Nacht reist sie wieder zurück. Ein Handstreich sozusagen. Aber misslungen.« Er
lachte.
    »Warum sind Sie so hart?« fragte Georg und dachte an das Riesenkuvert mit
den grauen Siegeln und der albernen Aufschrift. »Sie habens eigentlich nicht
nötig. Es ist ja doch nur ein Zufall, dass sie nicht auch anonyme Briefe bekommen
hat, geradeso wie Sie, Heinrich. Und wer weiss, wenn Sie sie nicht allein
gelassen hätten, aus weiss Gott was für Gründen ...«
    Heinrich schüttelte den Kopf und sah Georg beinahe mitleidig an. »Meinen Sie
vielleicht, ich habe die Absicht zu strafen oder zu rächen? Oder glauben Sie,
ich gehöre zu den Tröpfen, die an der Welt irrewerden, weil ihnen etwas passiert
ist, wovon sie doch wissen, dass es schon Tausenden passiert ist vor ihnen und
Tausenden nach ihnen passieren wird? Meinen Sie, ich verachte die »Ungetreue«,
oder ich hasse sie? Fällt mir gar nicht ein. Womit ich nicht sagen will, dass ich
nicht zuweilen die Gebärde des Hasses und der Verachtung habe, natürlich nur, um
bessere Wirkungen zu erzielen ihr gegenüber. Aber in Wahrheit versteh ich ja
alles, was geschehen ist, viel zu gut, als dass ich ...« Er zuckte die Achseln.
    »Nun, wenn Sie es verstehen
    »Aber lieber Freund, das Verstehen hilft ja gar nichts. Das Verstehen ist
ein Sport wie ein anderer. Ein sehr vornehmer Sport und ein sehr kostspieliger.
Man kann seine ganze Seele darauf verschwenden und als ein armer Teufel
dastehen. Aber mit unsern Gefühlen hat das Verstehen nicht das allergeringste zu
tun beinahe so wenig wie mit unsern Handlungen. Es schützt uns nicht vor Leid,
nicht vor Ekel, nicht vor Vernichtung. Es führt gar nirgends hin. Es ist eine
Sackgasse gewissermassen. Das Verstehen bedeutet immer ein Ende.«
    Auf einem Seitenpfad in mässiger Steigung, schweigend und langsam, jeder mit
seinen eigenen Gedanken, so kamen sie aus der Waldung auf offenes Wiesenland,
das den Blick talwärts freigab. Sie blickten über die Stadt hin, und weiter
gegen die dunstatmende Ebene, durch die schimmernd der Fluss rann; zu fernen
Berglinien, vor denen dünner Rauch sich hinbreitete. Dann, im Frieden der
Abendsonne spazierten sie weiter zu Georgs Lieblingsbank am Waldesrande. Die
Sonne war fort. Georg sah jenseits des Tales, längs des waldigen Hügels den
Sommerhaidenweg ziehen, blass und wie ausgekühlt. Dann schaute er hinab, wusste,
dass in dem Garten zu seinen Füssen ein Birnbaum stand, unter dem er vor wenig
Stunden mit einer sehr Geliebten gesessen war, die sein Kind unter dem Herzen
trug, und war bewegt. Für die Frauen, die vielleicht anderswo seiner warteten,
spürte er eine leise Verachtung, doch war seine Sehnsucht nach ihnen darum nicht
ausgelöscht. Unten auf dem Pfad zwischen Gärten und Wiesen wandelten
Sommergäste. Ein junges Mädchen blickte herauf, flüsterte einer andern etwas zu.
»Sie sind wohl eine populäre Persönlichkeit hier in dem Ort«, bemerkte Heinrich
mit spöttisch verzogenen Mundwinkeln.
    »Nicht dass ich wüsste.«
    »Die hübschen Mädchen haben Sie sehr interessiert angeguckt. Das
Nichtverheiratetsein der andern bleibt für die Leute doch eine unerschöpfliche
Quelle von Anregungen. Diesem Sommervolk da unten bedeuten Sie jedenfalls so
eine Art von Don Juan und ... und Ihre Freundin ein ent- und verführtes Mädchen.
Glauben Sie nicht?«
    »Ich weiss nicht«, sagte Georg, das Gespräch ablehnend.
    »Und was mag ich«, fuhr Heinrich unbekümmert fort, »für das Teatervolk in
der kleinen Stadt vorgestellt haben? Offenbar den betrogenen Liebhaber, also
eine ausschliesslich lächerliche Figur. Und sie? Na, man kann sichs ja denken.
Riesig einfach liegen die Dinge für die Unbeteiligten. In der Nähe schaut dann
jede Geschichte doch ganz anders aus. Aber ob sie aus der Ferne nicht das
richtigere Gesicht hat? Ob man sich nicht allerlei einredet, wenn man selber
eine Rolle in der Komödie zu spielen hat?«
    Er hätte auch daheim bleiben können, dachte Georg. Da er ihn aber nicht nach
Hause schicken konnte, und um wenigstens zu einem andern Gespräch mit ihm zu
gelangen, fragte er rasch: »Hören Sie nichts von Ehrenbergs?«
    »Vor ein paar Tagen«, erwiderte Heinrich, »hatte ich von Fräulein Else einen
etwas melancholischen Brief.«
    »Sie stehen in Korrespondenz mit ihr?«
    »Nein, ich stehe nicht in Korrespondenz mit ihr, wenigstens habe ich ihr
noch nicht geantwortet.«
    »Sie hat sich die Sache mit Oskar doch mehr zu Herzen genommen«, sagte
Georg, »als sie eingestehen will. Ich habe sie einmal gesprochen, im Sanatorium.
Wir sind eine ganze Weile draussen auf dem Gang gestanden vor der weiss lackierten
Türe, hinter der der arme Oskar lag. Damals fürchtete man auch noch für das
andere Auge. Es ist wahrhaftig eine tragische Geschichte.«
    »Eine tragikomische«, verbesserte Heinrich hart.
    »Sie sehen überall was Tragikomisches. Ich will Ihnen auch sagen warum. Weil
Sie ziemlich herzlos sind. Das Komische tritt in diesem Falle doch ganz zurück.«
    »Sie irren«, erwiderte Heinrich. »Die Ohrfeige des alten Ehrenberg war eine
Brutalität, der Selbstmord Oskars eine Albernheit; dass er sich so schlecht
getroffen hat, eine Ungeschicklichkeit. Aus diesen Motiven kann doch nichts
Tragisches resultieren. Eine etwas widerliche Affäre ist es, das ist alles.«
    Georg schüttelte ärgerlich den Kopf. Er hatte für Oskar, seit das Unglück
geschehen, wirkliche Sympatie gefasst. Und auch der alte Ehrenberg, der seiter
immer draussen in Neuhaus lebte, nur mehr für seine Arbeit, und keinen Menschen
sehen wollte, tat ihm leid. Sie hatten beide gebüsst, schwerer als sie es
verdient hatten. Vermochte Heinrich das nicht geradesogut einzusehen und zu
fühlen wie er? Sie machten einen wirklich manchmal nervös, diese
jüdisch-überklugen schonungslos-menschenkennerischen Leute, diese Bermann und
Nürnberger. Dass man sich nur ja von nichts überraschen liess, das blieb ihnen die
Hauptsache. Güte, die war es, die ihnen fehlte. Erst wenn sie älter wurden, kam
eine gewisse Milde über sie. Georg dachte an den alten Doktor Stauber, Frau
Golowski, an den alten Eissler. Aber so lang sie jung waren ... immer hielten sie
sich auf dem qui vive. Nur ja nicht die Dümmern sein! Eine unbequeme
Gesellschaft. Sehnsucht nach Felician, nach Skelton regte sich in ihm, die doch
wahrhaftig auch gerade gescheit genug waren; sogar nach Guido Schönstein.
    »Bei aller Melancholie aber«, sagte Heinrich nach einiger Zeit, »scheint
sich Fräulein Else ganz leidlich zu amüsieren. Es gibt auch schon wieder Besuch
auf dem Auhof. Neulich waren die Wyners dort, Sissy und James. James ist in
Cambridge Doktor geworden. Nobel, was?«
    Der Name Sissy zuckte an Georgs Herzen vorbei, wie ein glitzernder Dolch. Er
wusste es plötzlich, in wenig Tagen würde er bei ihr sein. Seine Sehnsucht
schwoll so mächtig auf, dass er es selbst kaum begriff.
    Die Dämmerung sank. Georg und Heinrich erhoben sich, gingen die Wiese hinab
und traten in den Garten. Da sahen sie Anna in Begleitung eines Herren den
mittleren Weg heraufkommen.
    »Der alte Doktor Stauber«, sagte Georg, »Sie kennen ihn wohl?« Man begrüsste
einander. »Ich freue mich sehr«, sagte Anna zu Heinrich, »dass ich Sie endlich
einmal bei uns sehe.«
    Bei uns, wiederholte Georg innerlich mit einem Befremden, das er gleich
wieder zurücknahm. Er ging mit Doktor Stauber voraus. Heinrich und Anna folgten
langsam.
    »Wie sind Sie mit Anna zufrieden?« fragte Georg den Doktor.
    »Es kann nicht besser gehen«, erwiderte Stauber. »Sie soll nur weiter
regelmässig und fleissig Bewegung machen.«
    Georg fiel es ein, dass er dem Doktor, den er seit seiner Rückkehr zum
erstenmal sah, die entliehenen Bücher noch nicht zurückgegeben hatte, und er
brachte seine Entschuldigung vor.
    »Aber das hat ja Zeit«, erwiderte Stauber. »Wenn sie Ihnen nur zustatten
gekommen sind.« Und er fragte ihn nach den Eindrücken, die er aus Rom mit nach
Hause genommen hätte.
    Georg erzählte von Wanderungen durch die alten Kaiserpaläste, von Fahrten
durch die Campagna im Abendglanz, von einer gewitterschwülen Stunde im Garten
des Hadrian. Doktor Stauber bat ihn aufzuhören, sonst könnte es geschehen, dass
er alle seine Patienten hier im Stich liesse, um geradewegs nach der
vielgeliebten Stadt zu entfliehen. Dann erkundigte sich Georg höflich nach
Doktor Bertold. Ob es auf Wahrheit beruhe, dass ihn schon der nächste Winter
wieder politisch tätig finden werde.
    Doktor Stauber zuckte die Achseln. »Er kommt im September zurück. Das ist
vorläufig das einzig Sichere. Bei Pasteur ist er sehr fleissig gewesen, und hier
im patologischen Institut will er eine grosse Serumarbeit weiterführen, die er
in Paris begonnen hat. Wenn er mir folgt, bleibt er dabei. Das was er jetzt
macht, ist doch wichtiger für die Menschheit als die schönste Revolution, meiner
unmassgeblichen Meinung nach. Freilich, die Talente sind verschieden, und gegen
gelegentliche Umstürze habe ich gewiss nichts einzuwenden. Aber unter uns, das
Talent meines Sohnes liegt doch mehr auf der wissenschaftlichen Seite. Nach der
andern Richtung treibt ihn mehr das Temperament ... vielleicht ausschliesslich
die Galle. Na, wir werden ja sehen. Aber wie stehts denn mit Ihren Plänen für
den Herbst?« fügte er plötzlich hinzu und sah Georg mit seinem
gutmütig-väterlichen Blick an. »Wo werden Sie den Taktstock schwingen?«
    »Ja wenn ich das schon selber wüsste«, erwiderte Georg. Und während er dem
Arzt, der mit halbgeschlossenen Lidern, die Zigarre im Mund, ihm zur Seite ging,
in betonter Wichtigkeit von seinen Bemühungen und Aussichten erzählte, glaubte
er zu fühlen, dass alles, was er sagte, von Doktor Stauber nur als
Rechtfertigungsversuch für das Aufschieben seiner Verheiratung mit Anna
aufgefasst würde. Eine leichte Gereizteit gegen sie stieg in ihm auf, die hinter
ihnen herging und vielleicht ihre stille Freude daran hatte, dass er von Doktor
Stauber gleichsam ins Gebet genommen wurde. Absichtlich schlug er einen immer
leichtern Ton an, als hätten seine persönlichen Zukunftspläne mit Anna überhaupt
nichts zu tun und sagte endlich lustig: »Ja, wer weiss wo ich im nächsten Jahr um
diese Zeit bin, am Ende in Amerika.«
    »Das wäre nicht das Schlimmste«, erwiderte Doktor Stauber ruhig. »Ich habe
einen Vetter, der ist Violinspieler in Boston, ein gewisser Schwarz, der
verdient dort mindestens sechsmal soviel, als er hier an der Oper gehabt hat.«
    Georg liebte es nicht, mit Violinspielern namens Schwarz verglichen zu
werden und behauptete daher mit einer Bestimmteit, die er selbst als
übertrieben empfand, dass es ihm für den Anfang überhaupt nicht aufs
Geldverdienen ankäme. Plötzlich, er wusste nicht, woher der Gedanke ihm kam, fuhr
es ihm durch den Sinn: Wenn Anna stirbt! ... Wenn das Kind ihr Tod wäre! Er
erschrak aufs tiefste, als hätte er mit diesem Gedanken eine Schuld auf sich
geladen. Und im Geist sah er Anna daliegen, das Bahrtuch bis übers Kinn gezogen,
und sah das Licht des Tags und der Kerzen über ihr wachsbleiches Antlitz rinnen.
Angstvoll beinahe wandte er sich um, wie um sich zu vergewissern, dass sie da war
und lebte. Im Dunkel verschwammen ihm die Züge ihres Gesichts, was ihn
erschauern machte. Er blieb mit dem Doktor stehen, bis Anna mit Heinrich
herangekommen war. Er war glücklich, sie so nah zu haben. »Jetzt wirst du aber
doch schon müd sein«, sagte er zu ihr in zärtlichstem Tone.
    »Mein Pensum hab ich allerdings für heute redlich absolviert«, erwiderte
sie. »Im übrigen«, und sie wies zur Veranda hin, wo auf dem gedeckten Tisch die
Lampe mit dem grünen Papierschirm stand, »wird auch das Nachtmahl gleich da
sein. Es wär hübsch, Herr Doktor, wenn Sie bei uns blieben, ja?«
    »Leider, liebes Kind, ist es mir nicht möglich. Ich sollte schon längst
wieder in der Stadt sein. Grüssen Sie die Frau Golowski von mir. Auf Wiedersehen.
Adieu Herr Bermann. Na«, fügte er hinzu, »wird man bald wieder etwas Schönes von
Ihnen zu hören oder zu lesen bekommen?«
    Heinrich zuckte die Achseln, lächelte gesellschaftlich und schwieg. Warum,
dachte er, werden sogar die besterzogenen Menschen meistens taktlos, wenn sie
mit unsereinem zusammenkommen? Frag ich ihn nach seinen Angelegenheiten?
    Der Arzt sprach noch mit einigen Worten Heinrich seine Teilnahme an des
alten Bermann Tod aus. Er erinnerte sich an dessen berühmt gewordene Rede gegen
die Einführung der tschechischen Gerichtssprache in gewissen böhmischen
Bezirken. Damals war es an einem Haar gehangen, dass der jüdische Provinzadvokat
Justizminister geworden wäre. Ja, die Zeiten hatten sich geändert.
    Heinrich horchte auf. Das liess sich am Ende für die politische Komödie
verwenden.
    Doktor Stauber verabschiedete sich, Georg begleitete ihn zum Wagen, der
draussen wartete, und benutzte die Gelegenheit, einige Fragen medizinischer Natur
an den Arzt zu richten. Dieser konnte ihn in jeder Hinsicht beruhigen. »Nur
schade«, schloss er, »dass die Umstände es Anna nicht gestatten, das Kind selbst
zu stillen.«
    Georg stand gedankenvoll. Ihr konnte es doch nicht schaden? ... Höchstens
dem Kind. Oder auch ihr? ... Er fragte den Arzt.
    »Was sollen wir davon reden, wenn es ja doch nicht geht, lieber Baron. Na,
machen Sie sich keine Sorgen«, setzte er hinzu und hatte den einen Fuss schon auf
dem Wagentritt. »Um das Kind von Ihnen beiden braucht einem nicht bang zu sein.«
    Georg blickte ihm fest ins Auge und sagte: »Ich werde jedenfalls dafür Sorge
tragen, dass es seine ersten Lebensjahre in gesunder Luft zubringt.«
    »Das ist ja sehr schön«, sagte Doktor Stauber mild. »Aber gesündere Luft als
im Elternhaus gibts im allgemeinen für Kinder nirgends auf der Welt.« Er reichte
Georg die Hand, und der Wagen rollte davon.
    Georg blieb einen Augenblick stehen, fühlte eine lebhafte Verstimmung gegen
den Arzt und gab sich selbst das Versprechen, es nie wieder zu Gesprächen mit
ihm kommen zu lassen, die diesem gewissermassen das Recht gaben, ungebetene
Ratschläge oder gar versteckte Vorwürfe vorzubringen. Was wusste der alte Mann?
Was verstand er im Grunde von der Sache? Immer heftiger wehrte es sich in Georg.
Wann es mir beliebt, sagte er bei sich, werde ich sie heiraten. Könnte sie
übrigens nicht das Kind bei sich behalten? Hat sie nicht selbst gesagt, dass sie
stolz darauf sein wird, ein Kind zu haben? Ich will es ja auch nicht verleugnen.
Und ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht. Und später, später einmal
... Aber ich beginge ein Unrecht an mir, an ihr, an dem Kind, wenn ich mich heut
schon zu etwas entschlösse, wofür es zum mindesten noch zu früh ist.
    Langsam war er an der Schmalseite des Hauses vorbei in den Garten spaziert.
Auf der Veranda sah er Anna und Heinrich sitzen. Eben kam die Marie aus dem
Haus, sehr rot im Gesicht, und setzte auf den Tisch eine warme Schüssel, von der
der Dampf aufstieg. Wie ruhig Anna dasitzt, dachte Georg, und blieb im Dunkel
stehen. Wie wohlgelaunt, wie sorgenlos, als könnte sie mir völlig vertrauen. Als
gäbe es nicht Tod, Armut, treuloses Verlassen. Als liebte ich sie so, wie sie es
verdient! Und wieder erschrak er. Lieb ich sie denn weniger? Darf sie mir denn
nicht vertrauen? Wenn ich dort oben auf der Bank am Waldesrand sitze, quillt
manchmal soviel Zärtlichkeit in mir auf, dass ich vergehen möchte. Warum spür ich
jetzt so wenig davon? Er stand nur wenige Schritte entfernt, sah, wie sie
verteilte; dann, wie sie ins Dunkel hineinstarrte, aus dem er kommen musste, und
wie ihre Augen zu leuchten begannen, als er plötzlich ins Licht trat. Einzig
Geliebte! dachte er. Wie er dann bei den andern sass, sagte Anna: »Du hast ja mit
dem Doktor eine so lange Konferenz gehabt.«
    »Keine Konferenz, wir haben geplaudert. Auch von seinem Sohn hat er mir
erzählt, der bald wieder zurückkommt.«
    Heinrich fragte nach Bertold. Der junge Mann interessierte ihn, und er
hoffte sehr, ihn im nächsten Winter kennen zu lernen. Die Rede voriges Jahr über
den Fall Terese Golowski und dann der offene Brief an seine Wähler, in dem er
die Gründe seines Rücktrittes dargelegt hatte, das waren Leistungen hohen Ranges
gewesen ... Ja und mehr als das Dokumente der Zeit.
    Über Annas Antlitz flog ein leichtes, beinahe stolzes Lächeln. Sie sah auf
ihren Teller nieder und dann rasch zu Georg auf. Auch Georg lächelte. Keine Spur
von Eifersucht regte sich in ihm. Ob Bertold ahnte ...? Gewiss. Ob er litt? ...
Wahrscheinlich. Ob er Anna verzeihen könnte? Dass man da erst verzeihen musste!
Wie dumm.
    Ein Gericht Schwämme wurde aufgetragen, bei dessen Erscheinen Heinrich die
Frage nicht unterlassen konnte, ob sie etwa giftig wären. Georg lachte.
    »Sie brauchen mich nicht zu verhöhnen«, sagte Heinrich. »Wenn ich mich
umbringen wollte, würde ich weder vergiftete Schwämme, noch verdorbene Wurst,
sondern ein edleres und rascheres Gift wählen. Man ist zuweilen
lebensüberdrüssig, aber man ist nie gesundheitsüberdrüssig, selbst für die
letzte Viertelstunde seiner Existenz. Und im übrigen ist die Ängstlichkeit eine
ganz rechtmässige, nur meistens schändlich verleugnete Tochter des Verstandes.
Denn was heisst Ängstlichkeit? Alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, die aus
einer Handlung erfolgen können, die schlimmen geradeso wie die guten. Und was
ist Mut? Ich meine natürlich den wirklichen, der viel seltener vorkommt, als man
glaubt. Denn der affektierte, oder kommandierte, oder suggerierte Mut zählt doch
nicht. Der echte Mut ist oft gewiss nichts anderes als der Ausdruck für eine
sozusagen metaphysische Überzeugung von der eigenen Überflüssigkeit.«
    Du Jude, dachte Georg ohne Feindseligkeit, und dann: er hat vielleicht nicht
so unrecht.
    Das Bier, von dem Anna nicht trank, schmeckte so gut, dass die Marie um einen
zweiten Krug ins Wirtshaus geschickt wurde. Man kam in behagliche Stimmung.
Georg erzählte wieder von der Reise: von den sonnenschweren Tagen in Lugano, von
der Fahrt über den beschneiten Brenner, von der Wanderung durch die dächerlose
Stadt, die nach zweitausendjähriger Nacht dem Licht entgegendrängte; er beschwor
den Augenblick wieder herauf, in dem sie dabei gewesen waren, er und Anna, als
Arbeiter vorsichtig und mühevoll eine Säule aus der Asche herausschaufelten.
Heinrich hatte Italien noch nicht gesehen. Im nächsten Frühjahr wollte er hin.
Er erklärte, dass er sich manchmal in Sehnsucht verzehre, wenn auch nicht gerade
nach Italien, doch nach Fremde, Ferne, Welt. Manchmal, wenn er vom Reisen
sprechen hörte, bekäme er Herzklopfen wie ein Kind am Vorabend des Geburtstages.
Er zweifelte, dass es ihm bestimmt war, sein Leben in der Heimat zu vollenden.
Vielleicht auch, dass er nach jahrelangen Wanderungen zurückkehrte, in einem
kleinen Haus auf dem Land den Frieden seiner spätern Mannesjahre fände. Wer
weiss, es gäbe ja so seltsame Zufälle, ob ihm nicht bestimmt war, gerade in
diesem Haus sein Dasein zu beschliessen, in dem er nun eben zu Gaste sei und sich
so wohl fühle, wie schon lange nicht. Anna bedankte sich, als wäre sie nicht nur
hier in der Villa Hausfrau, sondern innerhalb dieser ganzen, abendlich-stillen
Welt. Aus dem Dunkel des Gartens begann es milde zu leuchten. Von den Gräsern
und Blumen kam feuchtwarmer Duft. Die längliche Wiese, die zum Gitter hinlief,
schwebte im Mondenschein empor, und die weisse Bank unter dem Birnbaum schimmerte
her, wie von sehr ferne. Anna sagte zu Heinrich Freundliches über die Verse aus
dem Operntext, die Georg ihr neulich vorgelesen hatte.
    »Ja richtig«, bemerkte Georg, die Beine behaglich gekreuzt und eine Zigarre
rauchend, »haben Sie uns etwas Neues mitgebracht?«
    Heinrich schüttelte den Kopf. »Nein, nichts.«
    »Wie schade«, sagte Anna und machte den Vorschlag, Heinrich sollte doch den
Gang der Handlung geordnet und ausführlich erzählen. Schon lange wünschte sie
sich das. Aus Georgs Berichten liesse sich kein klares Bild gewinnen.
    Sie sahen einander an. Die dunkle, süsse Stunde stieg vor ihnen auf, da sie
Brust an Brust geruht in einem dunkeln Zimmer, vor dessen Fenstern hinter
wallendem Schneevorhang eine graue Kirche verdämmert und in das Orgeltöne dumpf
geklungen waren. Ja, nun wussten sie, wo das Haus stand, in dem das Kind zur Welt
kommen sollte. Auch ein anderes, dachte Georg, steht vielleicht schon irgendwo,
in dem das Kind, das heute noch nicht geboren ist, sein Leben enden wird als
Mann oder als Greis oder ... ach, was für Gedanken ... fort, fort.
    Heinrich erklärte sich bereit, den Wunsch Annas zu erfüllen, und stand auf.
»Es wird mir vielleicht selber nützlich sein«, sagte er wie zur Entschuldigung.
»Ich könnte über allerhand ins Reine kommen.«
    »Aber geben Sie acht, dass Sie nicht plötzlich in Ihre politische
Tragikomödie geraten«, bemerkte Georg. Und zu Anna gewandt: »Er schreibt nämlich
ein Stück mit einem deutschnationalen Couleurstudenten als Helden, der sich aus
Verzweiflung über die Emanzipation der Juden mit Schwämmen vergiftet.«
    Heinrich winkte ab. »Ein Glas Bier weniger und Sie hätten nicht einmal
diesen Witz gemacht.«
    »Neid«, erwiderte Georg. Er fühlte sich ausserordentlich gut aufgelegt,
insbesondere, weil er nun fest entschlossen war, übermorgen abzureisen. Er sass
ganz nahe bei Anna, hielt ihre Hand in der seinen und hörte es wie von Melodien
späterer Tage im tiefsten Grunde seiner Seele rauschen.
    Heinrich stand plötzlich im Garten draussen vor der Veranda, griff über die
Brüstung, nahm seinen Mantel vom Sessel und schlug ihn romantisch um sich. »Ich
beginne«, sagte er. »Erster Akt.«
    »Vorher Ouverture in D-moll«, unterbrach ihn Georg. Er pfiff eine getragene
Melodie, nur ein paar Töne, und schloss mit einem »und so weiter«.
    »Der Vorhang hebt sich«, sagte Heinrich. »Fest im königlichen Garten. Nacht.
Am nächsten Tag soll die Prinzessin mit dem Herzog Heliodor vermählt werden.
Vorläufig nenn ich ihn Heliodor, er wird wahrscheinlich anders heissen. Der König
betet seine Tochter an und kann Heliodor, der eine Art von zäsarenwahnsinnigem
Gecken vorstellt, nicht ausstehen. Zu diesem Fest, das der König hauptsächlich
gibt, um Heliodor zu ärgern, sind nicht nur die Edeln des Landes geladen,
sondern die Jugend aller Stände, soweit sie sich durch Schönheit ein Recht dazu
erworben hat. Und die Prinzessin soll an diesem Abend mit jedem tanzen dürfen,
der ihr gefällt. Da ist besonders einer, Ägidius mit Namen, von dem sie ganz
hingerissen scheint. Und niemand freut sich mehr darüber als der König.
Eifersucht Heliodors. Steigendes Vergnügen auf Seite des Königs.
Auseinandersetzung zwischen Heliodor und dem König. Hohn, Verfeindung. Nun
geschieht etwas höchst Unerwartetes. Ägidius zückt den Dolch gegen den König, er
will ihn ermorden. Dieser Mordversuch müsste natürlich sehr sorgfältig motiviert
werden, wenn Sie nicht die Güte hätten, lieber Georg, die Sache in Musik zu
setzen. So wird es genügen, anzudeuten, dass der Jüngling ein Tyrannenhasser,
Mitglied einer geheimen Verbindung, vielleicht ein Narr oder Held auf eigne
Faust ist. Das weiss ich nämlich noch nicht. Der Mordversuch misslingt. Ägidius
wird festgenommen. Der König wünscht mit ihm allein zu bleiben. Duett. Der
Jüngling ist stolz, gefasst, gross, der König überlegen, grausam, unergründlich.
So ungefähr stell ich mir ihn vor: Er hat schon viele in den Tod geschickt,
schon viele sterben sehen, aber ihm, in seiner ungeheuern innern Wachheit,
scheinen alle übrigen Menschen in einem Zustand halber Bewussteit dahinzuleben,
so dass ihr Dahingehen gewissermassen nichts anderes zu bedeuten hat als einen
Schritt aus Dämmerung in Finsternis. Ein solcher Untergang scheint ihm hier zu
mild oder zu banal. Diesen Jüngling will er aus einem Tag, wie ihn noch kein
Sterblicher genossen, ins furchtbarste Dunkel stürzen. Ja, das geht in ihm vor.
Wieviel er davon ausspricht oder singt, das weiss ich natürlich noch nicht.
Ägidius, als ein nach aller Meinung zu sofortigem Tod Bestimmter, wird
abgeführt, und zwar auf dasselbe Schiff, auf dem am Abend darauf Heliodor mit
der Prinzessin ihre Reise hätten antreten sollen. Der Vorhang fällt. Der zweite
Akt spielt auf dem Verdeck. Das Schiff in voller Fahrt. Chor. Einzelne Gestalten
heben sich heraus. Ihre Bedeutung tritt erst später zutage. Morgendämmerung.
Ägidius wird aus dem untern Schiffsraum heraufgeleitet. Wie er natürlich glauben
muss, zum Tode. Aber es kommt anders. Seine Fesseln werden gelöst, alle neigen
sich vor ihm. Er wird begrüsst wie ein Fürst. Die Sonne geht auf. Ägidius hat
Gelegenheit zu bemerken, dass er sich in der besten Gesellschaft befindet. Schöne
Frauen, Edelleute. Ein Weiser, ein Sänger, ein Narr sind zu grössern Rollen
bestimmt. Aus dem Chor der Frauen löst sich aber keine andre als die Prinzessin
selbst, die Ägidius zu eigen gehört, wie alles auf dem Schiff.«
    »Ein splendider Vater und König«, sagte Georg.
    »Für einen geistreichen Einfall ist ihm nichts zu teuer«, erläuterte
Heinrich, »das ist seine Natur. Es folgt ein herrliches Duett zwischen Ägidius
und der Prinzessin, dann setzt man sich zum Mahl. Nach dem Mahle Tanz. Hohe
Stimmung. Ägidius muss sich natürlich für gerettet halten. Er wundert sich nicht
übermässig, denn sein Hass gegen den König war immer sehr von Bewunderung
unterzündet. Der Abend bricht an. Plötzlich ist ein Fremder an der Seite des
Ägidius. Vielleicht ist er auch längst dagewesen. Einer unter den vielen,
unbemerkt, stumm. Er hat ein Wort mit Ägidius zu sprechen. Fest und Tanz gehen
unterdessen weiter. Ägidius und der Fremde. All dies ist Euer, sagt der Fremde.
Ihr könnt damit nach Belieben walten, könnt Besitz ergreifen und töten, ganz wie
Ihr wollt. Aber morgen ... oder in zwei, oder in sieben Tagen, oder in einem
Jahr, oder in zehn oder noch später, wird dieses Schiff sich einer Insel nähern,
an deren Ufer auf einem Felsen eine marmorne Halle ragt. Und dort wartet Euer
der Tod. Der Tod. Euer Mörder ist mit Euch auf dem Schiff. Aber nur der eine,
der dazu bestimmt ist, Euer Mörder zu sein, weiss es selbst. Kein anderer kennt
ihn. Ja überhaupt kein anderer auf diesem Schiff ahnt, dass Ihr ein Todgeweihter
seid. Das bewahrt wohl in Euch! Denn wenn Ihr Euch irgendwie merken lasst, dass
Euer Los Euch selbst bekannt ist, so seid Ihr noch in derselben Stunde dem Tode
verfallen.«
    Heinrich sprach diese Worte mit affektiertem Patos, wie um seine
Befangenheit zu verbergen. Einfacher fuhr er fort. »Der Fremde verschwindet.
Vielleicht lass ich ihn auch ans Land setzen von zwei Schweigenden, die ihn
begleitet haben. Ägidius bleibt zurück, unter Hunderten, Männern und Frauen, von
denen einer oder eine sein Mörder ist. Wer? Der Weise? Der Narr? Der Sterngucker
dort? Irgendeiner von denen, die im Dunkeln kauern? Die dort am Geländer
schleichen? Eine von den Tänzerinnen? Die Prinzessin selbst? Sie tritt wieder zu
ihm, ist sehr zärtlich, ja leidenschaftlich. Heuchlerin? Mörderin? Liebende?
Wissende? Jedenfalls die Seine. All dies heute noch so sein. Nacht über dem
Meer. Schauer. Wonnen. Das Schiff langsam weiter, jenem Ufer entgegen, das
Stunden oder Jahre weit entfernt im Nebel liegt. Die Prinzessin ruht zu seinen
Fussen, Ägidius starrt in die Nacht und wartet.« Heinrich hielt inne, wie selbst
bewegt. In Georg klang es. Er hörte die Musik zu der Szene, da der Fremde
verschwindet, von den Schweigenden begleitet, und dann allmählich wieder das
Fest nach dem Vordergrund der Bühne zurauscht. Nicht nur als Melodie war sie in
ihm, sondern schon mit aller Fülle der Instrumente. Tönten nicht Flöte, Oboe und
Klarinette? Sang Cello und Violine nicht? Dröhnte nicht leiser Trommelschlag aus
dem Winkel des Orchesters? Unwillkürlich hob er den rechten Arm, als hielte er
den Taktstock in der Hand.
    »Und der dritte Akt?« fragte Anna, da Heinrich noch immer schwieg.
    »Der dritte Akt«, wiederholte Heinrich, und seine Stimme klang bedrückt,
»der dritte wird wohl in jener Halle auf dem Felsen spielen glauben Sie nicht?
Er müsste, denk ich, mit einem Gespräch anfangen zwischen dem König und dem
Fremden. Oder mit einem Chor? Nein, auf unbewohnten Inseln gibt es ja keine
Chöre. Also der König ist jedenfalls da, und das Schiff ist in Sicht. Übrigens,
warum muss die Insel unbewohnt sein?« Er hielt inne.
    »Nun?« fragte Georg ungeduldig.
    Heinrich legte beide Arme auf die Brüstung der Veranda. »Soll ich Ihnen was
verraten? es ist gar keine Oper ...«
    »Wie meinen Sie?«
    »Es hat schon seine guten Gründe, dass ich an dieser Stelle nie recht weiter
gekommen bin. Es ist eine Tragödie, offenbar. Und ich habe nur die Courage
nicht, sie zu schreiben. Wissen Sie, was darzustellen wäre? Die innere Wandlung
des Ägidius wäre darzustellen. Das ist offenbar das Schwierige und Schöne an dem
Stoff, mit andern Worten das, woran ich mich nicht wage. Eine Flucht ist die
Idee mit der Oper, und ich weiss nicht, ob ich mir dergleichen darf angehen
lassen.« Er schwieg.
    »Aber jedenfalls«, sagte Anna, »müssen Sie uns den Schluss erzählen, so wie
Sie ihn für die Oper im Sinn hatten. Ich kann Ihnen nämlich nicht verhehlen, dass
ich sehr gespannt bin.«
    Heinrich zuckte die Achseln und erwiderte müde: »Also das Schiff legt an.
Ägidius kommt ans Land, er soll ins Meer gestürzt werden.«
    »Durch wen?« fragte Anna.
    »Aber ich weiss ja nicht«, erwiderte Heinrich leidend. »Von jetzt ab weiss ich
überhaupt nichts mehr.«
    »Ich hab mir gedacht, dass die Prinzessin es sein würde, die ...«, sagte Anna
und vollführte eine todverkündende Handbewegung durch die Luft.
    Heinrich lächelte mild. »Ich hab natürlich auch daran gedacht, aber ...« Er
unterbrach sich und sah plötzlich gespannt zum Nachtimmel auf.
    »Im ersten Plan«, bemerkte Georg missgelaunt, »sollte es mit einer Art
Begnadigung enden. Aber sowas ist wohl nur für eine Oper gut genug. Jetzt, als
Tragödienheld wird er natürlich wirklich ins Meer hinuntergestürzt werden, Ihr
Ägidius.«
    Heinrich hob den Zeigefinger geheimnisvoll empor, und seine Züge belebten
sich wieder. »Ich glaube, mir dämmert was. Aber sprechen wir vorläufig nicht
davon, wenn ich bitten darf. Es ist doch vielleicht gut gewesen, dass ich den
Anfang erzählt habe.«
    »Wenn Sie aber glauben, dass ich Ihnen eine Zwischenaktmusik machen werde«,
sagte Georg ohne besondre Kraft, »so täuschen Sie sich.«
    Heinrich lächelte schuldbewusst gleichgültig, und die gute Stimmung war
dahin. Anna fühlte mit Missbehagen, dass die ganze Geschichte verpufft war. Georg
war unsicher, ob er sich ärgern sollte, dass seine Hoffnung ins Wanken gekommen,
oder sich freuen, dass er einer Art Verpflichtung ledig geworden war. Heinrich
aber war zumute, als verliessen ihn seine eigenen Gestalten in schattenhafter
Verwirrung, höhnisch, ohne Abschied und ohne das Versprechen wiederzukommen. Er
fand sich allein, verlassen, in einem traurigen Garten, in Gesellschaft eines
liebenswürdigen guten Bekannten und einer jungen Dame, die ihn gar nichts
anging. Er musste mit einemmal an ein Geschöpf denken, das zu dieser Stunde mit
rotgeweinten Augen hoffnungslos in einem schlecht beleuchteten Kupee dunkeln
Bergen entgegenfuhr, in Sorge, ob sie morgen früh rechtzeitig zur Probe
erscheinen würde. Nun fühlte er es wieder: seit das zu Ende war, ging es abwärts
mit ihm. Nichts hatte er mehr und niemanden. Das Leid jener kläglichen und in
Qual gehassten Person war sein einziger Besitz. Und wer weiss, morgen schon, mit
den rotgeweinten Augen lächelte sie einen andern an, noch immer Schmerz und
Sehnsucht in der Seele und doch schon neue Lebenslust im Blut.
    Frau Golowski war auf der Veranda erschienen, etwas verspätet und eilig,
noch mit Hut und Schirm. Sie brachte Grüsse aus der Stadt von Terese, die Anna
nächster Tage wieder einen Besuch abstatten wollte. Georg, der an einem
Holzpfeiler der Veranda lehnte, wandte sich an Frau Golowski mit der
absichtlichen Höflichkeit, die er ihr gegenüber stets zur Schau trug. »Wollen
Sie nicht Fräulein Terese in unserm Namen fragen, ob sie nicht einmal ein paar
Tage heraussen wohnen möchte? Die Mansarde oben ist vollkommen zu ihrer
Verfügung. Ich gehe nämlich demnächst auf kurze Zeit ins Gebirge«, setzte er
hinzu, als wenn er sonst das kleine Zimmer oben regelmässig bewohnte.
    Frau Golowski dankte. Sie wollte es Terese bestellen. Georg sah nach der
Uhr und fand, dass es Zeit war, sich auf den Heimweg zu machen. Dann
verabschiedete er sich mit Heinrich. Anna begleitete beide bis zur Gartentür,
blieb dort noch eine Weile stehen und sah ihnen nach, bis sie auf der Höhe
waren, wo der Sommerhaidenweg anfing.
    Die kleine Ortschaft im Talgrund floss im Mondenschein dahin. Die Hügel
standen fahl, wie dünne Wände. Der Wald atmete Dunkelheit. In der Ferne
glitzerten tausend Lichter aus dem Nachtsommerdunst der Stadt. Schweigend gingen
Heinrich und Georg nebeneinander her, und Fremdheit stieg zwischen ihnen auf.
Georg erinnerte sich jenes Spaziergangs durch den Prater im vorigen Herbst, da
ein erstes, beinahe vertrautes Gespräch sie einander genähert hatte. Wie viele
waren seiter gefolgt! Aber waren sie nicht alle wie in die Luft geweht? Auch
heute noch nicht konnte Georg mit Heinrich wortlos durch die Nacht wandeln wie
früher so manchmal mit Guido, mit Labinski auch, ohne sich innerlich von ihm
fort zu verlieren. Das Schweigen wurde ihm drückend. Er begann, weil das ihm
eben zuerst einfiel, von dem alten Stauber und pries dessen Verlässlichkeit und
Vielseitigkeit. Heinrich war nicht für ihn eingenommen, fand ihn ein wenig
berauscht von der eigenen Güte, Weisheit und Tüchtigkeit. Das war auch eine
Sorte Juden, die er nicht leiden mochte: die mit sich einverstandenen. Sie kamen
auf den jungen Stauber zu reden, dessen Schwanken zwischen Politik und
Wissenschaft für Heinrich etwas sehr Anziehendes zu haben schien. Von da aus
gerieten sie in eine Unterhaltung über die Zusammensetzung des Parlaments, über
die Zänkereien zwischen Deutschen und Tschechen, über die Angriffe der
Klerikalen gegen den Unterrichtsminister. Sie redeten mit so angestrengter
Beflissenheit, wie man nur über Dinge zu sprechen pflegt, die einem im Grunde
der Seele völlig gleichgültig sind. Endlich debattierten sie darüber, ob der
Minister nach der zweifelhaften Rolle, die er in der Frage der Zivilehe
gespielt, im Amte bleiben durfte oder nicht; und wussten am Ende nicht mehr
recht, wer von ihnen beiden sich für, und wer sich gegen die Demission
ausgesprochen hatte. Sie gingen längs des Friedhofs hin. Über die Mauer ragten
Kreuze und Grabsteine und schwammen im Mondenschein. Der Weg senkte sich nach
abwärts zur Strasse. Sie eilten beide, um die letzte Pferdebahn zu erreichen,
und, auf der Plattform stehend, in schwüler, dunstiger Nachtluft rollten sie der
Stadt zu. Georg erklärte, dass er den ersten Teil seiner Reise zu Rad zu
unternehmen gedächte. Und einem plötzlichen Einfall folgend, fragte er Heinrich,
ob er nicht mit von der Partie sein wollte. Heinrich war einverstanden und nach
wenigen Minuten begeistert. Beim Schottentor stiegen sie aus, suchten ein nahes
Café auf und bestimmten in einer ausführlichen Unterredung mit Zuhilfenahme von
Spezialkarten, die sie in Lexikonbänden fanden, alle möglichen Reiselinien. Als
sie sich voneinander verabschiedeten, stand der Plan zwar noch nicht ganz fest,
aber sie wussten schon, dass sie übermorgen früh miteinander Wien verlassen und in
Lambach ihre Räder besteigen würden.
    Am offenen Fenster seines Schlafzimmers stand Georg noch eine ganze Weile
überwach. Er dachte an Anna, von der er morgen für wenige Tage nur Abschied
nehmen sollte, und sah sie vor sich, so wie sie in dieser Stunde im blassen
Dämmerlicht zwischen Mond und Morgen auf dem Land draussen in ihrem Bette
schlummern mochte. Aber es war ihm in dumpfer Weise, als stände diese
Erscheinung nicht mit seinem Schicksal in Zusammenhang, sondern irgendwie mit
dem eines Unbekannten, der selbst noch nichts davon wusste. Und dass in jenem
schlummernden Wesen ein anderes noch tiefer und geheimnisvoller schlief, und dass
dies andre sein Kind sein sollte, das vermochte er gar nicht zu fassen. Jetzt,
da die Nüchternheit der Frühe beinahe schmerzlich durch seine Sinne schlich,
ward ihm das ganze Erlebnis fern und unwahrscheinlich wie noch nie. Immer
hellerer Schein zeigte sich über Dächern und Türmen, aber die Stadt war noch
lange nicht erwacht. Ganz regungslos lag die Luft. Von den Bäumen drüben aus dem
Park kam kein Wehen, kein Duft von den verblühten Beeten. Und Georg stand am
Fenster; glücklos und ohne Begreifen.
 
                               Siebentes Kapitel
Langsam stieg Georg aus dem untern Schiffsraum empor, auf schmaler,
teppichbelegter Treppe, zwischen langgedehnten, schiefen Spiegeln; und in einen
langen, dunkelgrünen Plaid gehüllt, der nachschleppte, wandelte er unter dem
Sternenhimmel auf dem menschenleeren Verdeck auf und ab. Am Steuer, bewegungslos
wie immer, stand Labinski, drehte das Rad und hatte den Blick zum offenen Meer
gerichtet. Welche Karriere! dachte Georg. Zuerst Toter, dann Minister, dann ein
kleiner Bub mit einem Muff und heute schon ein Steuermann. Wenn er wüsste, dass
ich auf diesem Schiff bin, so würde er sicher appellieren. »Geben Sie acht«,
sagten hinter Georg die zwei blauen Mädeln, die er vom Seeufer her kannte; aber
schon stürzte er hin, verwickelte sich in den Plaid und hörte den Flügelschlag
weisser Möven über seinem Haupt. Gleich darauf sass er unten im Salon an der
Tafel, die so lang war, dass die Leute am Ende ganz klein aussahen. Ein Herr
neben ihm, der dem alten Grillparzer ähnlich sah, bemerkte ärgerlich: »Immer hat
dieses Schiff Verspätung, schon längst sollten wir in Boston sein.« Nun bekam
Georg grosse Angst; denn wenn er beim Aussteigen die drei Partituren im grünen
Einband nicht vorweisen konnte, so wurde er unbedingt wegen Hochverrats
verhaftet. Darum sah ihn auch der Prinz, der den ganzen Tag auf dem Verdeck mit
dem Rad hin und herraste, manchesmal so sonderbar von der Seite an. Und um den
Verdacht noch zu steigern, musste er an der Tafel in Hemdärmeln dasitzen, während
sämtliche Herren, wie immer auf Schiffen, Generalsuniformen und alle Damen rote
Samttoiletten trugen. »Gleich sind wir in Amerika«, sagte ein heiserer Steward,
der Spargel verteilte, »nur noch eine Station.« Die andern können ruhig sitzen
bleiben, dachte Georg, die haben nichts zu tun, ich aber muss gleich ins Teater
schwimmen. Und in dem grossen Spiegel ihm gegenüber erschien die Küste: lauter
Häuser ohne Dächer, die terrassenartig immer höher hinaufstiegen; und ganz oben
in einem weissen Kiosk mit durchbrochener Steinkuppel, ungeduldig, wartete die
Musikkapelle. Die Glocke auf dem Verdeck ertönte, und Georg stolperte mit seinem
grünen Plaid und zwei Handtaschen die Treppe hinauf zum Garten. Aber man hatte
den unrichtigen hertransportiert; es war nämlich der Stadtpark; auf einer Bank
sass Felician, neben ihm eine alte Dame in einer Mantille, legte die Finger an
die Lippen, pfiff sehr laut, und mit aussergewöhnlich tiefer Stimme sagte
Felician: »Kemmelbach Ybs.« Nein, dachte Georg, solch ein Wort nimmt Felician
nicht in den Mund ... rieb sich die Augen und erwachte.
    Der Zug setzte sich eben wieder in Bewegung. Vor dem geschlossenen
Kupeefenster leuchteten zwei rote Laternen auf. Dann rann still und schwarz die
Nacht vorbei. Georg zog seinen Reiseplaid fester um sich und starrte auf die
grün verhängte Lampe an der Decke. Ach wie gut, dachte er, dass ich allein im
Kupee bin, so hab ich doch mindestens vier oder fünf Stunden fest geschlafen.
Was war das für ein seltsam wirrer Traum? Die weissen Möven fielen ihm zuerst
wieder ein. Ob die irgend etwas zu bedeuten hatten? Dann dachte er an die alte
Frau mit der Mantille, die eigentlich niemand anders war, als Frau Oberberger.
Sie würde sich nicht sonderlich geschmeichelt fühlen. Aber hatte sie nicht
wirklich ausgesehen wie eine ganz alte Dame, als er sie vor ein paar Tagen an
der Seite ihres leuchtenden Gemahls in der Loge des kleinen, weiss-roten
Kurteaters erblickt hatte? Und auch Labinski war ihm im Traum erschienen, als
Steuermann, sonderbarerweise. Und auch die Mädchen in blauen Kleidern, die vom
Hotelgarten aus durchs Fenster ins Klavierzimmer hineingeblickt hatten, sobald
sie ihn spielen hörten. Aber was war denn nur das Gespenstische in diesem Traum
gewesen?
    Nicht die blauen Mädchen, auch Labinski nicht und nicht der Prinz von
Guastalla, der zu Rad übers Verdeck gerast war. Nein, seine eigene Gestalt war
ihm so gespenstisch erschienen, wie sie zu beiden Seiten neben ihm in den
langgedehnten, schiefen Spiegeln, hundertmal vervielfacht einhergeschlichen war.
    Es begann ihn zu frösteln. Durch den Luftspalt oben drang kühle Nachtluft
ins Kupee herein. Die tiefschwarze Finsternis draussen wandelte sich allmählich
in schweres Grau, und plötzlich klangen Georg Worte im Ohr, die er vor wenigen
Stunden erst von einer dunkeln Frauenstimme gehört hatte, klangen flüsternd und
weh: Wie bald wirst du mich vergessen haben ... Er wollte die Worte nicht hören.
Er wollte, sie wären schon wahr geworden, und wie verzweifelt stürzte er sich
zurück in die Erinnerung seines Traums. Es war ihm ganz klar, dass der Dampfer,
auf dem er die Konzertreise nach Amerika unternommen, eigentlich das Schiff
bedeutet hatte, auf dem Ägidius seinem düstern Schicksal entgegenfuhr. Und der
Kiosk mit der Musikkapelle war die Halle gewesen, wo den Ägidius der Tod
erwartete. Wundervoll hatte der Sternenhimmel sich über das Meer gebreitet. Die
Luft war so blau und die Sterne so silbern gewesen, wie er sie im Wachen niemals
gesehen, nicht einmal in der Nacht, da er mit Grace von Palermo nach Neapel
gereist war. Plötzlich wieder, flüsternd und weh, klang durch das Dunkel die
Stimme der geliebten Frau: Wie bald wirst du mich vergessen haben ... Und nun
sah er sie selbst vor sich, wie er sie vor wenig Stunden erst gesehen, das
dunkle Haar über die Polster fliessend, bleich und nackt. Er wollte nicht dran
denken, beschwor andre Bilder aus den Tiefen seiner Erinnerung hervor, jagte sie
mit Willen an sich vorbei ... Er sah sich auf einem Friedhof umhergehen in
schmelzendem Februarschnee, mit Grace; er sah sich mit Marianne über eine weisse
Landstrasse dem winterlichen Wald entgegenfahren; er sah sich mit seinem Vater in
später Abendstunde über die Ringstrasse wandeln; und endlich drehte sich sausend
ein Ringelspiel an ihm vorüber, Sissy mit lachenden Lippen und Augen schaukelte
auf einem hölzernen, braunen Pferde, Else anmutig-damenhaft sass in einem roten
Wägelchen, und Anna ritt einen Araber, lässig die Zügel in der Hand. Anna! Wie
jung und holdselig sie aussah! War das wirklich dieselbe, die er in wenigen
Stunden wiedersehen sollte; und war er wirklich nur zehn Tage von ihr fern
gewesen? Und sollte er nun alles wiedersehen, was er vor zehn Tagen verlassen
hatte: zwischen Blumenbeeten den kleinen Engel aus blauem Ton, den Balkon mit
dem hölzernen Giebel, den stillen Garten mit den Johannisbeerstauden und
Fliederbüschen? Ganz unfassbar erschien ihm das. Auf der weissen Bank unter dem
Birnbaum wird sie mich erwarten, dachte er. Und ich werde ihre Hände küssen, als
wäre nichts geschehen. »Wie gehts dir, Georg«, wird sie mich fragen, »bist du
mir treu gewesen?« Nein ... das ist nicht ihre Art zu fragen. Aber ohne dass sie
fragt und ohne dass ich antworte, wird sie fühlen, dass ich nicht mehr als
derselbe wiederkomme, der ich gegangen bin. Wenn sies doch fühlte! Wenn es mir
erspart bliebe zu lügen! Aber hab ichs nicht schon getan? Und er dachte an die
Briefe, die er ihr geschrieben hatte vom Seeufer her, Briefe voll Zärtlichkeit
und Sehnsucht, die ja auch schon Lüge gewesen waren. Und er dachte daran, wie er
nachts gewartet hatte mit klopfendem Herzen, das Ohr an die Tür gepresst, bis
alles im Gastof still geworden, wie er dann über den Gang geschlichen war, zu
jener andern, die bleich und nackt dagelegen war, mit offenen, dunkeln Augen,
umströmt vom Duft und bläulichen Glanz ihrer Haare. Und er dachte dran, wie er
und sie in einer Nacht halbtrunken vor Lust und Verwegenheit auf den Balkon
hinausgetreten waren, unter dem verführerisch das Wasser rauschte. Wär einer in
der tiefen Finsternis dieser Stunde draussen auf dem See gewesen, so hätte er die
weissen Leiber durch die Nacht leuchten sehen. Georg bebte in der Erinnerung. Wir
waren nicht bei Sinnen, dachte er. Wie leicht hätte es sein können, dass ich
heute sechs Schuh unter der Erde läge, mit einer Kugel mitten durchs Herz. Es
kann noch immer so kommen. Sie wissens ja alle. Else hat es zuerst gewusst,
obwohl sie kaum je aus dem Auhof in den Ort heruntergekommen ist. James Wyner
hats ihr wohl erzählt, der mich am Abend mit der Fremden auf der Landungsbrücke
hat stehen sehen. Ob Else ihn heiraten wird? Dass er ihr so gut gefällt, kann ich
verstehen. Er ist schön. Dieses gemeisselte Antlitz, diese kalten, grauen Augen,
die klug und gerade in die Welt schauen. Ein junger Engländer. Wer weiss, ob in
Wien nicht auch eine Art von Oskar Ehrenberg aus ihm geworden wäre? Und es fiel
Georg ein, was Else ihm von ihrem Bruder erzählt hatte. Auf dem Krankenbett im
Sanatorium war er Georg so gefasst, beinahe gereift erschienen. Und jetzt in
Ostende sollte er ein wüstes Leben führen, spielen und sich in der übelsten
Gesellschaft herumtreiben, als wenn er sich durchaus zugrunde richten wollte. Ob
Heinrich die Sache noch immer so tragikomisch fände? Frau Ehrenberg war ganz
weiss geworden vor Kränkung, und Else hatte sich an einem Morgen im Park oben vor
Georg so recht ausgeweint. Ob sie nur um Oskar geweint hatte?
    Das Grau vor dem Kupeefenster erhellte sich langsam. Georg sah, wie draussen
die Telegraphendrähte in eiligen Wellen mitschwebten und wanderten, und er
dachte daran, dass gestern Nachmittag auf einem dieser Drähte auch seine
lügnerischen Worte zu Anna gewandert waren: Morgen früh bin ich bei dir, in
Sehnsucht Dein Georg ... Gleich vom Amt aus war er wieder zurückgeeilt, zu einer
glühenden und verzweifelten Abschiedsstunde mit jener andern. Und er konnte es
nicht fassen, dass sie auch in dieser Stunde noch, während er schon eine ganze
Ewigkeit lang von ihr fort war, noch in dem gleichen Zimmer mit den fest
geschlossenen Fensterläden liegen und schlafen und träumen sollte. Und heute
Abend wird sie daheim sein bei Mann und Kindern, daheim wie er. Er wusste, dass es
so war, und er konnte es nicht verstehen. Das erstemal in seinem Leben war er
nahe daran gewesen, irgend etwas zu begehen, was die Leute vielleicht Tollheit
hätten nennen dürfen. Nur ein Wort von ihr und er wäre mit ihr in die Welt
gegangen, hätte alles zurückgelassen, Freunde, Geliebte und sein ungeborenes
Kind. Und war er nicht noch immer bereit dazu? Wenn sie ihn riefe, würde er
nicht kommen? Und wenn er's täte, hätte er nicht Recht? War er nicht für
Abenteuer solcher Art viel mehr geschaffen, als für das stille, pflichtenvolle
Dasein, das er sich erwählt hatte? War es nicht eher seine Bestimmung,
unbedenklich und kühn durch die Welt zu treiben, als irgendwo festzusitzen mit
Weib und Kind, mit der Sorge ums tägliche Brot, um die Karriere und höchstens um
ein bisschen Ruhm? In diesen Tagen, aus denen er jetzt kam, hatte er sich leben
gefühlt, vielleicht das erste Mal. Jeder Augenblick war so reich und erfüllt
gewesen, nicht die in ihren Armen allein. Er war wieder jung geworden mit
einemmal. Blühender hatte die Landschaft geprangt, der Himmel hatte sich weiter
gespannt, die Luft, die er trank, hatte bessere Würze und Kraft geatmet. Und
Melodien hatten in ihm gerauscht, wie nie zuvor. Hatte er je ein schöneres Lied
komponiert, als jenes heiter-wiegende, ohne Worte, »auf dem Wasser zu singen?«
Und seltsam, aus ungeahnter eigner Tiefe war das Phantasiestück emporgestiegen,
am Seeufer, eine Stunde, nachdem er die wunderbare Frau zum erstenmal erblickt
hatte. Nun sollte ihn Herr Hofrat Wilt nicht lange mehr für einen Dilettanten
halten. Doch warum dachte er gerade an den? Wussten die andern besser, wer er
war? Schien es ihm nicht manchmal, als ob sogar Heinrich, der ihm doch einmal
einen Operntext hatte schreiben wollen, ihn um nichts gerechter beurteilte? Und
er hörte die Worte wieder, die der Dichter zu ihm gesprochen hatte, an jenem
Morgen, da sie von Lambach durch den taufeuchten Wald nach Gmunden gefahren
waren. »Sie müssen nicht schaffen, um zu sein, was Sie sind ! Sie brauchen nicht
die Arbeit; nur die Atmosphäre Ihrer Kunst ...« Gleich darauf erinnerte er sich
des Abends in dem Forstaus am Almsee, wo ein Jäger von siebenunddreissig Jahren
lustige Liedeln gesungen und Heinrich sich gewundert hatte, dass einer in diesem
Alter noch so lustig war, da man sich dem Tod doch schon so nahe fühlen müsste.
Dann hatten sie sich in einem Riesensaal zu Bett gelegt, wo die Worte
widerhallten, lange noch über Leben und Tod philosophiert und waren plötzlich in
Schlaf gesunken. Am Morgen darauf, unter kühler Bergessonne hatten sie
voneinander Abschied genommen.
    Noch immer lag Georg regungslos ausgestreckt in den Plaid gehüllt und
überlegte, ob er von seiner Begegnung mit der Schauspielerin Heinrich etwas
erzählen sollte. Wie blass sie geworden war, als sie ihn plötzlich erblickt
hatte! Mit herumirrenden Augen hatte sie seinem Bericht von der gemeinsamen
Radpartie zugehört, dann ohne weitern Übergang von ihrer Mutter zu erzählen
begonnen und von dem kleinen Bruder, der so wunderschön zeichnen könnte. Und die
Kollegen hatten von der Bühnentür immer hergestarrt, besonders einer mit einem
Lodenhut, auf dem ein Gemsbart steckte. Und am selben Abend hatte Georg sie in
einer französischen Posse spielen gesehen und sich gefragt, ob die hübsche
Person, die da unten auf der Bühne des kleinen Sommerteaters so unbändig
umheragierte, in Wirklichkeit so verzweifelt sein könnte, wie Heinrich sich's
einbildete. Nicht nur ihm, auch James und Sissy hatte sie gut gefallen. Was war
das für ein lustiger Abend gewesen! Und das Souper nach dem Teater mit James,
Sissy, der Mama Wyner und Willy Eissler! Und am nächsten Morgen die Fahrt im
Viererzug des alten Baron Löwenstein, der selbst kutschierte! In weniger als
einer Stunde waren sie am See gewesen. Ein Kahn trieb am Ufer hin im
Frühsonnenschein, und auf der Ruderbank sass die geliebte Frau, den grünseidenen
Schal um die Schultern. Wie kam es nur, dass auch Sissy gleich die Beziehung
zwischen ihm und ihr geahnt hatte? Und das heitere Diner dann, oben im Auhof bei
Ehrenbergs! Georg hatte seinen Platz zwischen Else und Sissy, und Willy erzählte
eine komische Geschichte nach der andern. Und dann, am Nachmittag ohne
Verabredung, während die andern alle ruhten, unter der dunkelgrünen Schwüle des
Parks, im warmen Duft von Moos und Tannen, hatten Georg und Sissy sich gefunden,
zu einer wunderbaren Stunde, die ohne Schwüre der Treue und ohne Schauer der
Erfüllung, leicht wie ein Traum durch diesen Tag geschwebt war. Wie möcht ich
ihn Augenblick für Augenblick durchdenken und durchkosten, diesen goldnen Tag.
Ich seh uns beide, Sissy und mich, wie wir über die Wiese hinunter spaziert sind
zum Tennisplatz, Hand in Hand. Ich glaube, ich hab auch besser gespielt als je.
Und ich sehe Sissy wieder, im Strohsessel liegend, die Zigarette zwischen den
Lippen und den alten Baron Löwenstein an ihrer Seite, und ihre Blicke glühen zu
Willy hin. Wo war ich schon in diesem Moment wieder für sie! Und der Abend! Wie
wir in der Dämmerung noch hinausgeschwommen sind in den See, James, Willy und
ich, und das laue Wasser mich so köstlich umstreichelt hat! Was für eine Wonne
auch das! Und dann die Nacht ... die Nacht ...
    Wieder hielt der Zug stille. Draussen war es schon ganz licht geworden, Georg
aber blieb regungslos liegen, nach wie vor. Er hörte den Namen der Station
ausrufen, Stimmen von Kellnern, Kondukteuren, Reisenden, hörte Schritte auf dem
Perron, Bahnsignale aller Art, und er wusste, dass er in einer Stunde in Wien sein
würde. Wenn Anna Nachrichten über ihn bekommen hätte, wie Heinrich im
vergangenen Winter über seine Geliebte! Er konnte sich nicht vorstellen, dass
Anna über dergleichen ausser Fassung geriete, selbst wenn sie daran glaubte.
Vielleicht würde sie weinen, aber gewiss nur für sich allein, ganz in der Stille.
Er nahm sich fest vor, sich nichts merken zu lassen. War das nicht geradezu
seine Pflicht? Worauf kam es nun an? Nur auf das eine, dass Anna die letzten
Wochen ruhig und ohne Aufregung verlebte und dass ein gesundes Kind zur Welt
käme. Darauf allein. Wie lange war es schon her, dass er von Doktor Stauber diese
Worte gehört hatte? Das Kind ...! Wie nahe war die Stunde! Das Kind ... dachte
er wieder; doch vermochte er nichts zu denken als eben nur das Wort. Endlich
versuchte er sich ein lebendiges, kleines Wesen vorzustellen. Aber wie zum
Possen erschienen ihm immer wieder Figuren von kleinen Kindern, die aussahen wie
aus einem Bilderbuch; burlesk gezeichnet und in überlauten Farben. Wo wird es
seine ersten Jahre verbringen? dachte er. Bei Bauern auf dem Land, in einem Haus
mit einem kleinen Garten. Eines Tages aber werden wir's holen und zu uns ins
Haus nehmen. Es könnte auch anders kommen ... Man erhält einen Brief: Euer
Hochwohlgeboren, beehre mich mitzuteilen, dass das Kind schwer erkrankt ist ...
Oder gar ... Wozu an solche Dinge denken? Auch wenn wir's bei uns behielten,
könnte es krank werden und sterben.
    Jedenfalls muss man es zu sehr verlässlichen Menschen geben. Ich will mich
selbst darum kümmern. Es war ihm, als stände er neuen Aufgaben gegenüber, die er
niemals recht überlegt hatte und denen er innerlich nicht gewachsen war. Die
ganze Geschichte fing gleichsam von neuem für ihn an. Er kam aus einer Welt
zurück, in der ihn alle diese Dinge nichts gekümmert, wo andre Gesetze gegolten
hatten, als die, denen er sich jetzt wieder fügen musste. Und war es nicht
gewesen, als hätten auch die andern Menschen gefühlt, dass er nicht zu ihnen
gehörte, als wären sie alle von einem gewissen Respekt durchdrungen gewesen, als
hätte Ehrfurcht sie erfasst, vor der Macht und Heiligkeit einer grossen
Leidenschaft, die sie in ihrer Nähe walten sahen? Er erinnerte sich eines
Abends, an dem die Hotelgäste einer nach dem andern aus dem Klavierzimmer
verschwunden waren, als wären sie sich ihrer Verpflichtung bewusst, ihn mit ihr
allein zu lassen. Er hatte sich an den Flügel gesetzt und zu phantasieren
begonnen. Sie war in ihrer dämmrigen Ecke geblieben, in einem grossen Armstuhl.
Zuerst hatte er ihr Lächeln noch gesehen, dann nur das dunkle Leuchten ihrer
Augen, dann nur mehr die Umrisse ihrer Gestalt, dann überhaupt nichts mehr; doch
immer gewusst: sie ist da. Drüben am andern Ufer waren Lichter aufgebljetzt. Die
zwei Mädeln in den blauen Kleidern hatten durchs Fenster hereingeguckt und waren
gleich wieder verschwunden. Endlich hörte er zu spielen auf und blieb stumm am
Klavier sitzen. Da war sie langsam aus der Ecke hervorgekommen, einem Schatten
gleich und hatte ihre Hände auf sein Haupt gelegt. Wie unsäglich schön war das
gewesen! Und alles fiel ihm wieder ein. Wie sie im Kahn geruht hatten mitten im
See, mit eingezogenen Rudern, er den Kopf in ihrem Schoss; und wie sie am Ufer
drüben den Waldweg hinaufgewandert waren bis zu der Bank unter der Eiche. Dort
war es gewesen, wo er ihr alles erzählt hatte. Alles, wie einer Freundin. Und
sie hatte ihn verstanden, wie nie eine andre ihn verstanden hatte. War sie es
nicht, die er seit jeher gesucht hatte, sie, die Geliebte war und Gefährtin
zugleich, mit dem ernsten Blick für alle Dinge der Welt und doch geschaffen zu
jedem Wahnsinn und jeder Seligkeit. Und gestern der Abschied ... Der dunkle
Glanz ihrer Augen, der blauschwarze Strom ihrer gelösten Haare, der Duft ihres
bleichen, nackten Leibes ... War es denn möglich, dass es auf immer zu Ende war,
dass all dies niemals, niemals wiederkommen sollte ...?
    Georg zerknüllte den Plaid zwischen den Fingern in ohnmächtiger Sehnsucht
und schloss die Augen. Er sah die sanftbewegten Waldhügellinien nicht mehr, die
draussen im Morgenlicht vorbeizogen, und wie zu einem letzten Glück träumte er
sich in die dunkeln Wonnen jener Abschiedsstunde zurück. Doch wider Willen
überkam ihn Mattigkeit nach der durchrüttelten Eisenbahnnacht, und aus
selbstgerufenen Bildern jagte es ihn wieder durch regellose Träume, über die ihm
keine Macht gegeben war. Er ging über den Sommerhaidenweg, in sonderbarem
Dämmerlicht, das ihn mit tiefer Traurigkeit erfüllte. War es Morgen? War es
Abend? Oder trüber Tag? Oder war es der rätselhafte Glanz irgendeines Gestirns
über der Welt, das noch niemandem geleuchtet hatte, als ihm? Plötzlich stand er
auf einer grossen, freien Wiese, wo Heinrich Bermann hin und her lief und ihn
fragte: Suchen Sie auch das Schloss der Dame? Ich erwarte Sie schon lang. Sie
stiegen eine Wendeltreppe hinauf. Heinrich voran, so dass Georg immer nur einen
Zipfel des Überziehers erblicken konnte, der nachschleppte. Oben auf einer
riesigen Terrasse, von der man die Stadt und den See sah, war die ganze
Gesellschaft versammelt. Leo hatte seinen Vortrag über Mollakkorde begonnen,
hielt inne, als Georg erschien, stieg vom Kateder herab und führte ihn selbst
zu einem freien Stuhl, der in der ersten Reihe neben Anna stand. Anna lächelte
glückselig, als Georg erschien. Sie war jung und strahlend, in einer herrlichen,
dekolletierten Abendtoilette. Gleich hinter ihr sass ein kleiner Bub mit blonden
Locken, in Matrosenanzug mit breitem, weissem Kragen, und Anna sagte: »Das ist
er.« Georg machte ihr ein Zeichen zu schweigen, denn es sollte ja ein Geheimnis
sein. Indessen spielte Leo oben als Beweis seiner Teorie die cis moll Nocturne
von Chopin, und hinter ihm an der Wand, lang, hager und gütig, lehnte der alte
Bösendorfer, im gelben Überzieher. Alle verliessen in grossem Gedränge den
Konzertsaal. Georg gab Anna den Teatermantel um die Schultern und sah die Leute
ringsum strenge an. Dann sass er mit ihr im Wagen, küsste sie, empfand grosse Wonne
dabei und dachte: könnt es doch immer so sein! Plötzlich hielten sie vor dem
Hause in Mariahilf. Oben am Fenster warteten schon viele Schüler und winkten.
Anna stieg aus, verabschiedete sich von Georg mit einem pfiffigen Gesicht und
verschwand im Haustor, das lärmend hinter ihr zufiel.
    »Bitte sehr, noch zehn Minuten«, sagte jemand. Georg richtete sich auf. Der
Kondukteur stand in der Türe und wiederholte: »In zehn Minuten sind wir in
Wien.«
    »Danke«, sagte Georg und stand auf, mit ziemlich wirrem Kopf. Er öffnete das
Fenster und freute sich, dass draussen in der Welt schönes Wetter war. Die frische
Morgenluft ermunterte ihn völlig. Gelbe Mauern, Bahnwärterhäuschen, Gärtchen,
Telegraphenstangen, Strassen flogen vorüber, und endlich stand der Zug in der
Halle. Ein paar Minuten darauf fuhr Georg in einem offenen Fiaker nach seiner
Wohnung, sah Arbeiter, Ladenmädchen, Bureauleute zu ihrem täglichen Berufe
wandern, hörte Rolladen in die Höhe schnurren; und inmitten aller Unruhe, die
seiner wartete, inmitten aller Sehnsucht, die ihn anderswo hinzog, empfand er
das tiefe Wohlgefühl des Wiederdaheimseins. Als er in sein Zimmer eintrat,
fühlte er sich wie geborgen. Der alte Schreibtisch mit dem grünen Tuch
überzogen, der Briefbeschwerer aus Malachit, die gläserne Aschenschale mit dem
eingebrannten Reiter, die schlanke Lampe mit dem breiten, grünen
Milchglasschirm, die Bilder des Vaters und der Mutter in den schmalen
Mahagonirahmen, in der Ecke das runde Marmortischchen mit der Silberkassette für
Zigarren, dort an der Wand der Prinz von der Pfalz nach Van Dyck, der hohe
Bücherschrank mit den olivenfarbigen Vorhängen; alles grüsste ihn mit
Herzlichkeit. Und gar der Blick, der gute, heimatliche über die Baumkronen des
Parks zu den Türmen und Dächern, wie tat der wohl! Aus allem, was er hier
wiederfand, strömte es ihm wie kaum geahntes Glück entgegen, und es fiel ihm
schwer aufs Herz, dass er all das in wenigen Wochen verlassen musste. Und bis man
wieder ein Heim, ein wirkliches Heim haben würde, wie lang mochte das dauern!
Gern hätte er sich ein paar Stunden lang in seinem lieben Zimmer aufgehalten:
aber er hatte keine Zeit. Vor der Mittagstunde noch musste er ja auf dem Lande
sein.
    Er hatte seine Kleider abgeworfen, liess sich in seiner weissen Wanne
wonniglich von warmem Wasser umspülen. Um im Bade nicht einzuschlafen, wählte er
ein Mittel, das sich schon öfters bewährt hatte. Er dachte eine Fuge von Bach
Note für Note durch. Das Klavierspiel fiel ihm ein, das musste auch wieder
tüchtig geübt werden. Und Partituren gelesen. Ob es nicht doch das klügste war,
noch ein Jahr dem Studium zu widmen? Nicht erst unterhandeln, oder gar eine
Stellung annehmen, die man am Ende nicht ausfüllen konnte? Lieber hier bleiben
und arbeiten. Hier bleiben? Wo denn? Die Wohnung war ja gekündigt. Einen
Augenblick fuhr ihm durch den Sinn, sich in dem alten Hause einzumieten, der
grauen Kirche gegenüber, wo er so schöne Stunden mit Anna verbracht hatte; und
es war ihm, als erinnerte er sich einer längst vergangenen Geschichte, eines
Jugendabenteuers, heiter und ein wenig geheimnisvoll, das lange vorbei war.
    Erfrischt und in einem ganz neuen Gewand, dem ersten hellen, das er seit dem
Tode des Vaters anlegte, trat er in sein Zimmer zurück. Ein Brief lag auf dem
Schreibtisch, den eben die Frühpost gebracht hatte. Von Anna. Er las. Nur ein
paar Worte waren es: »Du bist wieder da, mein Geliebter! Ich grüsse Dich. Ich
sehne mich nach Dir. Lass mich nicht zu lange warten. Deine Anna« ...
    Georg sah auf. Er wusste selbst nicht, was ihn an diesem kurzen Brief so
sonderbar berührte. Annas Briefe hatten sonst immer, bei aller Zärtlichkeit,
etwas Gemessenes, fast Konventionelles bewahrt, und manchmal hatte er sie im
Scherz »Erlässe« genannt. Dieser hier war in einem Ton gehalten, der ihn an das
leidenschaftliche Mädchen aus früherer Zeit erinnerte; an seine Geliebte, die er
beinahe vergessen hatte; und seltsam unerwartet griff Unruhe nach seinem Herzen.
Er eilte die Treppe hinab, setzte sich in den nächsten Fiaker und fuhr aufs
Land. Bald fühlte er sich angenehm zerstreut durch den Anblick der Menschen auf
den Strassen, die ihn nichts angingen; und später, als er den Wäldern schon nah
war, beruhigte ihn die Anmut des blauen Sommertages. Mit einemmal, früher als
Georg gedacht, hielt der Wagen vor dem Landhaus. Unwillkürlich sah Georg zuerst
zum Balkon unter dem Giebel auf. Ein kleines Tischchen stand oben, mit weisser
Decke, und ein Körbchen darauf. Ach ja, Terese hatte ein paar Tage hier
gewohnt. Jetzt erst fiel es ihm wieder ein. Terese ...! Wo war das! Er stieg
aus, entliess den Wagen und trat ins Vorgärtchen, wo auf bescheidenem Postament
unter verblühten Beeten der blaue Engel stand. Er trat ins Haus. Im grossen
Mittelzimmer deckte die Marie eben den Tisch.
    »Im Garten oben is die gnä Frau«, sagte sie.
    Die Tür zur Veranda stand offen. Die Bretter des Bodens knarrten unter
Georgs Füssen. Der Garten mit seinem Duft und seiner Schwüle nahm ihn auf. Der
alte Garten war es. Alle die Tage, die Georg fern gewesen, war er stille
dagelegen, so wie in diesem Augenblick; im Morgenlicht, im Sonnenglanz, im
Abendschatten, im Dunkel der Nacht; immer derselbe ... Gerade schnitt der
Kiesweg durch die Wiese nach oben. Kinderstimmen waren jenseits der Stauden, an
denen rote Beeren hingen. Und dort auf der weissen Bank, den Arm auf der Lehne,
sehr bleich, in wallendem blauen Morgenkleid, das war Anna. Ja wirklich sie. Nun
hatte sie ihn erblickt. Sie wollte aufstehen. Er sah es und sah zugleich, dass es
ihr schwer wurde. Warum nur? Bannte die Erregung sie nieder? Oder war die
schwere Stunde schon so nah? Er winkte ihr mit der Hand, sie sollte sitzen
bleiben. Sie setzte sich auch wirklich wieder hin und hatte nur die Arme leicht
ausgebreitet, ihm entgegen. Ihre Augen leuchteten glückselig. Georg ging sehr
rasch, den weichen, grauen Hut in der Hand, und nun war er bei ihr.
    »Endlich«, sagte sie, und es war eine Stimme, die so weiter klang wie jene
Worte in ihrem Brief von heut Morgen. Er nahm ihre Hände, schüttelte sie in
einer sonderbar ungeschickten Weise, fühlte irgend etwas in seiner Kehle
aufsteigen, konnte aber noch immer kein Wort sprechen, nickte nur und lächelte.
Und plötzlich kniete er vor ihr auf dem Kies, ihre Hände in den seinen, sein
Haupt in ihrem Schoss, fühlte wie sie ihm die Hände leicht entzog, sie auf sein
Haupt legte; und dann hörte er sich ganz leise weinen. Und es war ihm, wie in
süss dumpfem Traum, als läge er, ein Knabe, zu seiner Mutter Füssen, und dieser
Augenblick wäre schon Erinnerung, fern und schmerzlich, während er ihn
durchlebte.
 
                                 Achtes Kapitel
Frau Golowski kam aus dem Hause. Georg sah sie vom obern Ende des Gartens aus
auf die Veranda treten. Erregt eilte er ihr entgegen, aber schon wie sie ihn von
ferne gewahrte, schüttelte sie den Kopf.
    »Noch nicht?« fragte Georg.
    »Der Professor meint«, erwiderte Frau Golowski, »eh es dunkel wird.«
    »Eh es dunkel wird«, sagte Georg und sah auf die Uhr. »Und jetzt ist es erst
drei.«
    Sie reichte ihm teilnahmsvoll die Hand, und Georg blickte ihr in die guten
etwas übernächtigen Augen. Die durchsichtigen weissen Vorhänge vor Annas Fenster
wurden eben leicht zurückgeschlagen. Der alte Doktor Stauber erschien in der
Fensteröffnung, warf Georg einen freundlich-beruhigenden Blick zu, verschwand
wieder und die Vorhänge fielen zu. Im grossen Mittelzimmer am runden Tische sass
Frau Rosner. Georg nahm von der Veranda aus nur die Umrisse ihrer Gestalt wahr;
ihr Gesicht war ganz umschattet. Wieder drang ein Wimmern, dann ein lautes
Stöhnen aus dem Zimmer, in dem Anna lag. Georg starrte zum Fenster hin, wartete
eine Weile, dann wandte er sich ab und ging, zum hundertstenmal heute, den Weg
hinauf zum obern Gartenende. Offenbar ist sie schon zu schwach, um zu schreien,
dachte er; und das Herz tat ihm weh. Zwei volle Tage und zwei volle Nächte lag
sie in Wehen; der dritte neigte sich zum Ende, und nun sollte es noch dauern,
bis der Abend kam! Schon am Abend des ersten Tages hatte Doktor Stauber einen
Professor beigezogen, der gestern zweimal dagewesen und heute seit Mittag im
Hause war. Während Anna auf ein paar Minuten eingeschlummert war und die
Wärterin an ihrem Bette wachte, war er mit Georg im Garten auf und ab gegangen
und hatte versucht, ihm den Fall in seiner ganzen Eigentümlichkeit zu erläutern.
Zur Besorgnis sei vorläufig kein Grund vorhanden, immer noch höre man die
Herztöne des Kindes vollkommen deutlich. Der Professor war ein noch ziemlich
junger Mann, mit langem, blonden Bart, und seine Worte träufelten lind und
gütig, wie Tropfen eines schmerzstillenden Medikaments. Der Kranken sprach er zu
wie einem Kind, strich ihr über Stirn und Haare, streichelte ihre Hände und gab
ihr Schmeichelnamen. Von der Wärterin hatte Georg erfahren, dass dieser junge
Arzt an jedem Krankenbett von gleicher Hingebung und Geduld erfüllt wäre. Welch
ein Beruf, dachte Georg, der sogar während dieser drei schlimmen Tage sich
einmal für ein paar Stunden nach Wien geflüchtet, der es vermocht hatte, auch
heute Nacht, während Anna sich in Schmerzen wand, oben in der Mansarde volle
sechs Stunden tief und traumlos zu schlafen.
    Er ging längs der abgeblühten Fliedersträucher, riss Blätter ab, zerrieb sie
in der Hand, warf sie zur Erde. Jenseits der niedern Büsche im andern Garten
ging eine Dame im schwarz-weiss gestreiften Morgenkleid. Sie schaute Georg ernst
und wie mitleidig an. Ach ja, dachte Georg, die hat natürlich auch das Schreien
Annas gehört, vorgestern, gestern und heute. Der ganze Ort wusste ja von den
Dingen, die hier vorgingen; auch die jungen Mädchen aus der geschmacklosen,
gotischen Villa, für die er einmal den interessanten Verführer bedeutet hatte;
und geradezu komisch war es, dass ein fremder Herr mit rötlichem Spitzbart, der
zwei Häuser weit wohnte, ihn gestern im Ort plötzlich verständnis- und
hochachtungsvoll gegrüsst hatte.
    Merkwürdig, dachte Georg, wodurch man sich bei den Leuten beliebt machen
kann. Nur Frau Rosner liess durchblicken, dass sie Georg, wenn sie ihm schon nicht
die Hauptschuld an der Schwierigkeit des Falles beimass, jedenfalls für ziemlich
gefühllos hielte. Er nahm es der guten und gedrückten Frau nicht übel. Sie
konnte natürlich nicht ahnen, wie sehr er Anna liebte. Es war noch nicht lange
her, dass er selber es wusste.
    An jenem Ankunftsmorgen, da Georg nach langem, stummem Weinen sein Haupt aus
ihrem Schoss erhoben, da hatte sie keine Frage an ihn gerichtet, aber in ihren
schmerzlich erstaunten Augen las er, dass sie die Wahrheit ahnte. Und warum sie
nicht fragte, das glaubte er zu verstehen. Sie musste ja fühlen, wie ganz sie ihn
wieder hatte, wie er gerade von jetzt an ihr besser gehörte, als jemals vorher.
Und wenn er ihr in den nächsten Stunden und Tagen von der Zeit erzählte, die er
fern von ihr verbracht, und unter all den Frauennamen, die er nannte, flüchtig
aber unverschweigbar jener ihr neue, verhängnisvolle erklang, da lächelte sie
wohl in ihrer leicht spöttischen Art; aber kaum anders, als wenn er von Else
sprach oder von Sissy, oder von den kleinen blaugekleideten Mädchen, die ins
Klavierzimmer hereingeguckt hatten, wenn er spielte.
    Seit zwei Wochen wohnte er in der Villa, fühlte sich wohl und war in guter
und ernster Arbeitsstimmung. Auf dem Tischchen, wo vor kurzem noch Teresens
Nähzeug gelegen war, breitete er jeden Morgen Partituren, musikteoretische
Werke, Notenpapiere aus und beschäftigte sich damit, Aufgaben der Harmonielehre
und des Kontrapunkts zu lösen. Oft lag er am Waldessaum auf einer Wiese, las in
irgend einem Lieblingsbuch, liess Melodien in sich klingen, träumte vor sich hin,
war vom Rauschen der Bäume und vom Glanz der Sonne beglückt. Nachmittags, wenn
Anna ruhte, las er ihr vor oder plauderte mit ihr. Oft sprachen sie auch über
das kleine Wesen, das nun bald zur Welt kommen sollte, mit Zärtlichkeit und
Voraussicht; doch niemals über ihre eigene, nächste und fernere Zukunft. Aber
wenn er an ihrem Bette sass, oder Arm in Arm mit ihr im Garten auf und abging,
oder an ihrer Seite auf der weissen Bank unter dem Birnbaum sass, wo die
leuchtende Stille der Spätsommertage über ihnen ruhte, da wusste er, dass sie nun
für alle Zeit fest aneinandergeschlossen waren, und dass selbst die zeitweilige
Trennung, die bevorstand, gegenüber dem sichern Gefühl dieser
Zusammengehörigkeit keine Macht mehr über sie haben könnte.
    Erst seit die Schmerzen über sie gekommen waren, schien sie ihm entrückt,
wohin er ihr nicht folgen konnte. Gestern noch war er stundenlang an ihrem Bett
gesessen und hatte ihre Hände in den seinen gehalten. Sie war geduldig gewesen
wie immer, hatte sich sorglich erkundigt, ob er nur seine Ordnung im Hause habe,
hatte ihn gebeten zu arbeiten, spazieren zu gehen wie bisher, da er ihr ja doch
nicht helfen könnte, und ihn versichert, dass sie ihn noch mehr liebe, seit sie
leide. Und doch, Georg fühlte es, sie war in diesen Tagen nicht dieselbe, die
sie gewesen. Besonders wenn sie aufschrie so wie heute Vormittag in den
schlimmsten Schmerzen , da war ihre Seele so weit weg von ihm, dass ihn
schauerte.
    Er war dem Hause wieder nah. Aus Annas Zimmer, vor dessen Fenster die
Vorhänge sich leise bewegten, kam kein Laut. Der alte Doktor Stauber stand auf
der Veranda. Georg eilte hin, mit trockener Kehle. »Was ist?« fragte er hastig.
    Doktor Stauber legte ihm die Hand auf die Schulter: »Es geht ganz gut.« Ein
Stöhnen kam von drin, wurde lauter, wurde ein wilder, wütender Schrei. Georg
strich sich über die feuchte Stirn, und mit bitterm Lächeln sagte er zum Doktor:
»Das heissen Sie, es geht ganz gut?«
    Stauber zuckte die Achseln: »Es steht geschrieben, mit Schmerzen sollst du
...«
    In Georg lehnte sich etwas auf. Er hatte nie an den Gott der
Kindlich-Frommen geglaubt, der als Erfüller armseliger Menschenwünsche, als
Rächer und Verzeiher kläglicher Menschensünden sich offenbaren sollte. Dem
Unnennbaren, das er jenseits seiner Sinne und über allem Verstehen im
Unendlichen ahnte, konnte Beten und Lästern nichts anderes sein, als arme Worte
aus Menschenmund. Nicht als die Mutter nach unsinnig-martervollem Leid, nicht,
als in einem für sein Begreifen schmerzenlosen Hingang der Vater starb, hatte er
sich des Glaubens vermessen, dass sein Unglück im Weltenlauf mehr bedeutete, als
das Fallen eines Blattes. Keinem unerforschlichen Ratschluss hatte er in feiger
Demut sich gebeugt, nicht töricht gemurrt gegen ein ungnädiges, gerade über ihn
verhängtes Walten. Heute zum erstenmal war ihm, als ginge irgendwo in den Wolken
ein unbegreifliches Spiel um seine Sache. Der Schrei drinnen war verklungen, und
nur Stöhnen war vernehmbar.
    »Und die Herztöne?« fragte Georg.
    Doktor Stauber sah an Georg vorbei. »Vor zehn Minuten waren sie noch
deutlich zu hören.«
    Georg wehrte sich gegen einen furchtbaren Gedanken, der aus den Tiefen
seiner Seele hervorgejagt kam. Er war gesund, sie war gesund, zwei junge
kräftige Menschen ... konnte so etwas denn möglich sein? Doktor Stauber legte
ihm nochmals die Hand auf die Schulter. »Gehen Sie doch spazieren«, sagte er,
»wir rufen Sie schon, wenn's Zeit ist.« Und er wandte sich ab.
    Georg blieb noch einen Augenblick auf der Veranda stehen. In dem grossen
Zimmer, das in Spätnachmittagsdämmer zu versinken begann, an der Wand auf dem
Sofa, ganz in sich zusammengesunken, sah er Frau Rosner sitzen. Er entfernte
sich, spazierte rund um das Haus herum und begab sich dann über die Holzstiege
in seine Mansarde. Er warf sich aufs Bett, schloss die Augen; nach ein paar
Minuten stand er auf, ging im Zimmer hin und her, gab es aber wieder auf, da der
Boden krachte. Er trat auf den Balkon. Auf dem Tisch lag die Partitur des
»Tristan« aufgeschlagen. Georg blickte in die Noten. Es war das Vorspiel zum
dritten Akt. Die Klänge tönten ihm im Ohr. Meereswellen schlugen dumpf an ein
Felsenufer, und aus trauriger Ferne klang die wehe Melodie des englischen Horns.
Er sah über die Blätter weg in den silberweissen Glanz des Tages. Sonne lag
überall, über Dächern, Wegen, Gärten, Hügeln und Wäldern. Dunkelblau breitete
der Himmel sich hin, und Ernteduft stieg aus den Tiefen. Wie stand es heute vor
einem Jahr mit mir? dachte Georg. Ich war in Wien, ganz allein. Ich ahnte noch
nichts. Ich hatte ihr ein Lied geschickt ... »Deinem Blick mich zu bequemen ...«
Aber ich dachte kaum an sie ... Und jetzt liegt sie da unten und stirbt ... Er
erschrak heftig. Er hatte denken wollen ... sie liegt in Wehen, und auf die
Lippen gleichsam hatte es sich ihm gestohlen: sie stirbt. Aber warum war er denn
erschrocken? Wie kindisch. Als gäb es Ahnungen solcher Art! Und wenn wirklich
Gefahr da wäre und die Ärzte sich entscheiden müssten, so hatten sie natürlich
vor allem die Mutter zu retten. Darüber hatte ihn ja Doktor Stauber vor wenigen
Tagen erst aufgeklärt. Was ist denn ein Kind, das noch nicht gelebt hat? Nichts.
In irgend einem Augenblicke hatte er es gezeugt, ohne es gewünscht, ohne nur an
die Möglichkeit gedacht zu haben, dass er Vater geworden sein könnte. Wusste er
denn, ob er es nicht vielleicht auch vor wenigen Wochen geworden war, in jener
dunkeln Wonnestunde, hinter geschlossenen Läden ... auch damals Vater, ohne es
gewollt, ohne nur an die Möglichkeit gedacht zu haben; und vielleicht, wenn es
geschehen war, ohne es jemals zu erfahren?
    Er hörte Stimmen, sah hinunter; der Kutscher des Professors hatte ein
Dienstmädchen am Arm gefasst, das sich nur wenig sträubte. Auch hier wird
vielleicht zu einem neuen Menschenleben der Grund gelegt, dachte Georg und
wandte sich angewidert fort. Dann trat er ins Zimmer zurück, füllte sich seine
Zigarettentasche sorgfältig aus der Schachtel, die auf dem Tisch stand, und
plötzlich kam ihm seine Aufregung unbegründet, ja kindisch vor. Und es fiel ihm
ein: Wie Anna jetzt, so lag auch meine Mutter einmal da, eh ich zur Welt kam. Ob
mein Vater auch in solcher Angst herumgegangen ist? Ob er heute hier wäre, wenn
er noch lebte? Ob ich's ihm überhaupt gesagt hätte? Ob all das geschehen wäre,
wenn er lebte? Er dachte an schöne, sorgenlose Sommertage am Veldeser See. Sein
behagliches Zimmer in des Vaters Villa schwebte in seiner Erinnerung auf, und in
dumpfer, beinahe traumhafter Weise wurde ihm die kahle Mansarde mit dem
krachenden Fussboden, in der er sich eben befand, zum Bilde seiner ganzen
jetzigen Existenz, gegenüber dem sorgen- und verantwortungslosen Dasein von
einst. Er erinnerte sich eines ernsten Zukunftsgesprächs, das er vor ein paar
Tagen mit Felician geführt hatte. Gleich darauf kam ihm die Unterredung mit
einer Frau vom Land in den Sinn, die sich mit dem Anerbieten gemeldet hatte, das
Kind in Pflege zu nehmen. Mit ihrem Mann besass sie ein kleines Gütchen nahe der
Bahn, nur eine Stunde weit von Wien, und im vorigen Jahr war ihr das eigene
Töchterl gestorben. Das Kleine sollte es gut bei ihr haben, hatte sie
versprochen, so gut, als wenn es gar nicht bei fremden Leuten wäre. Und wie
Georg daran dachte, war ihm plötzlich, als stände ihm das Herz still. Eh es
dunkel ist, wird es da sein ... das Kind. Sein Kind, auf das schon irgend eine
Fremde wartete, um es mit sich zu nehmen. Er war so müde von den Aufregungen der
letzten Tage, dass ihn die Knie schmerzten. Er erinnerte sich ähnlicher
körperlicher Empfindungen aus früherer Zeit, vom Abend nach der
Maturitätsprüfung und von der Stunde in der er Labinskis Selbstmord erfahren
hatte. Vor drei Tagen, als die Wehen anfingen, wie anders, wie freudig und
erwartungsvoll war ihm da zumut gewesen! Jetzt spürte er nichts, als ein
Abgeschlagensein ohnegleichen, und immer unangenehmer empfand er den muffigen
Geruch der Mansarde. Er zündete sich eine Zigarette an und trat wieder auf den
Balkon hinaus. Die warme, stille Luft tat ihm wohl. Auf dem Sommerhaidenweg lag
noch die Sonne, und vom Friedhof her, über die Mauer, schimmerte ein vergoldetes
Kreuz.
    Er hörte unter sich ein Geräusch. Schritte? Ja, Schritte und auch Stimmen.
Er verliess den Balkon, das Zimmer, lief über die knarrende Holztreppe hinab.
Eine Tür ging, eilige Schritte waren im Flur. Im nächsten Moment stand er auf
der untersten Stufe, Frau Golowski gegenüber. Sein Herz stand ihm stille. Er
öffnete den Mund ohne zu fragen. »Ja«, nickte sie, »ein Bub«.
    Er fasste ihre beiden Hände, spürte, wie er über das ganze Gesicht lachte,
ein Strom von Glück, wie er so mächtig und heiss ihn niemals erwartet, rann durch
seine Seele. Plötzlich merkte er, dass die Augen der Frau Golowski nicht so hell
leuchteten, wie sie wohl hätten tun müssen. Der Strom des Glücks in ihm staute
zurück. Irgendetwas schnürte ihm die Kehle zusammen. »Nun?« fragte er. Und
drohend beinah: »Lebt's?« »Es hat einen Atemzug getan ... der Professor hofft
...« Georg schob die Frau beiseite, war mit drei Schritten im grossen
Mittelzimmer, und wie gebannt blieb er stehen. Der Professor, im langen, weissen
Leinenkittel, hielt ein kleines Wesen in den Armen und wiegte es hastig hin und
her. Georg blieb starr. Der Professor nickte ihm zu und liess sich nicht stören.
Mit durchdringenden Augen betrachtete er das kleine Wesen auf seinen Armen. Er
legte es auf den Tisch hin, über den ein weisses Linnen gebreitet war, nahm mit
den Gliedmassen des Kindes heftige Bewegungen vor, rieb ihm die Brust und
Antlitz, dann hob er es in die Höhe, einigemale hintereinander, und immer wieder
sah Georg, wie der Kopf des Kindes schwer auf die Brust niedersank. Dann legte
der Arzt das Kind auf das Linnen hin, horchte an der Brust, erhob sich, liess die
eine Hand auf dem kleinen Körper liegen und winkte mit der andern Georg sanft zu
sich heran.
    Georg, unwillkürlich den Atem anhaltend, trat ganz nahe hin. Er sah zuerst
den Doktor an und dann das kleine Wesen, das auf dem weissen Linnen lag. Das
hatte die Augen ganz offen, sonderbar grosse, blaue Augen, wie die von Anna
waren. Das Gesicht sah anders aus, als Georg erwartet hatte, nicht verrunzelt
und hässlich wie das eines alten Zwerges, nein; es war wirklich ein
Menschenantlitz, ein schönes, stilles Kindergesicht; und Georg wusste, dass diese
Züge das Ebenbild seiner eigenen waren.
    Der Professor sagte leise: »Schon seit einer Stunde hab ich die Herztöne
nicht mehr gehört.«
    Georg nickte. Dann fragte er heiser: »Wie geht's ihr?«
    »Ganz gut. Aber Sie dürfen jetzt nicht hinein, Herr Baron.«
    »Nein«, erwiderte Georg und schüttelte den Kopf. Er starrte den bläulich
schimmernden, regungslosen, kleinen Körper an und wusste, dass er vor der Leiche
seines Kindes stand. Trotzdem sah er wieder den Arzt an und fragte: »Nichts mehr
zu machen?«
    Der zuckte die Achseln.
    Georg atmete tief auf und wies nach der geschlossenen Schlafzimmertür. »Weiss
sie schon ?« fragte er den Arzt.
    »Noch nicht. Seien wir vorläufig zufrieden, dass es vorbei ist. Sie hat viel
zu leiden gehabt, die Arme. Ich bedaure nur, dass es schliesslich für nichts
gewesen ist.«
    »Sie haben es erwartet, Herr Professor?«
    »Ich hab es gefürchtet seit heute Morgen.«
    »Und wieso ... wieso?«
    Leise und mild erwiderte der Arzt: »Ein sehr seltener Fall, wie ich Ihnen
vorher schon sagte.«
    »Sie sagten mir ...?«
    »Ja. Ich versuchte Ihnen zu erklären, dass diese Möglichkeit Es ist nämlich
vom Nabelstrang erwürgt worden. Kaum ein bis zwei Prozent aller Geburten haben
diesen Ausgang.« Er schwieg. Georg starrte das Kind an. Ganz recht, der
Professor hatte ihn schon vorbereitet; er hatte es nur nicht ernst genommen.
Frau Rosner stand neben ihm mit hilflosen Augen. Georg reichte ihr die Hand, und
sie sahen einander an, wie Schwergeprüfte, die das Unglück zu Gefährten macht.
Dann liess sich Frau Rosner auf einen Sessel an der Wand nieder.
    Der Professor sagte zu Georg: »Ich will jetzt noch einmal nach der Mutter
sehen.«
    »Mutter«, wiederholte Georg und sah ihn an.
    Der Arzt schaute weg.
    »Sie wollen's ihr sagen?« fragte Georg.
    »Nein, nicht gleich. Sie wird übrigens darauf gefasst sein. Sie hat im Lauf
des Tages einigemal gefragt, ob es noch lebt. Es wird auch nicht so furchtbar
auf sie wirken, wie Sie fürchten, Herr Baron ... gerade in den ersten Stunden
und Tagen nicht. Sie dürfen nicht vergessen, was sie durchgemacht hat.«
    Er drückte Georgs schlaff herabhängende Hand und ging. Georg stand
regungslos da, starrte immerfort das kleine Wesen an, und es erschien ihm wie
ein Gebilde von ungeahnter Schönheit. Er berührte Wangen, Schultern, Arme,
Hände, Finger. Wie rätselhaft vollendet dies alles war. Und da lag es nun,
gestorben, ohne gelebt zu haben, bestimmt, von einer Dunkelheit durch ein
sinnloses Nichts hindurch in eine andre einzugehen. Da lag dieser süsse, kleine
Leib, der fürs Dasein fertig war und sich doch nicht regen konnte. Da
schimmerten grosse, blaue Augen, wie in Sehnsucht das Licht des Himmels in sich
einzutrinken und todesblind, eh sie einen Strahl gesehen. Da öffnete sich wie
durstig ein kleiner, runder Mund, der doch nie an den Brüsten einer Mutter
trinken durfte. Da starrte dieses bleiche Kindergesicht, mit den fertigen
Menschenzügen, das nie den Kuss einer Mutter, eines Vaters empfangen und spüren
sollte. Wie liebte er dieses Kind! Wie liebte er es jetzt, da es zu spät war.
Eine schnürende Verzweiflung stieg in seine Kehle. Er konnte nicht weinen. Er
sah um sich. Niemand war im Zimmer, und daneben war es ganz still. Er hatte
keine Sehnsucht in jenes andre Zimmer zu gehen und keine Angst davor; er fühlte
nur, dass es etwas Unsinniges gewesen wäre. Sein Auge kehrte auf das tote Kind
zurück, und plötzlich durchzuckte ihn die bebende Frage, ob es denn auch wahr
sein müsste? Ob nicht alle sich irren konnten? Der Arzt so gut, wie der
Unerfahrene. Er hielt seine flache Hand vor die geöffneten Lippen des Kindes und
ihm war, als hauchte etwas Kühles ihm entgegen. Dann hielt er beide Hände über
die Brust des Kindes, hin und wieder war ihm, als spielte leicht bewegte Luft um
den kleinen Leib. Aber er fühlte da wie dort: Nicht Hauch des Lebens hatte ihn
angeweht. Nun beugte er sich nieder, und seine Lippen berührten die kühle Stirn
des Kindes. Etwas Seltsames, nie Gefühltes rieselte ihm durch den Körper bis in
die Zehenspitzen. Er wusste es nun: Das Spiel dort oben war für ihn verloren,
sein Kind war tot. Da erhob er langsam das Haupt und wandte sich fort. Die
Gartenhelle lockte ihn ins Freie. Er trat auf die Veranda, sah auf der Bank an
die Wand gelehnt Doktor Stauber und Frau Rosner sitzen. Beide stumm. Sie sahen
ihn an. Er wandte sich weg, als kennte er sie nicht, und trat in den Garten. Der
Schatten des Hauses fiel schräg über den Rasen hin; weiter oben lag noch Sonne,
doch stumpf und wie ohne Kraft die Luft zu durchleuchten. Woran wollte ihn dies
Licht nur erinnern, das Sonne war und doch nicht glänzte, dieses Blau in der
Höhe, das Himmel war und ihn doch nicht segnete? Woran die Stummheit dieses
Gartens, die ihm vertraut und tröstlich sein sollte und die ihn heute wie etwas
Fremdes und Ungastliches empfing? Allmählich fiel ihm ein, dass ihn vor kurzem in
einem Traum solch ein schwerer, früher nie geahnter Dämmerschein umgeben und
seine Seele mit unverständlicher Traurigkeit erfüllt hatte. Was nun? sagte er
vor sich hin, suchte nach keiner Antwort und wusste nur, dass irgend etwas
Unvorhergesehenes und Unabänderliches geschehen war, das ihm für alle Zeiten das
Bild der Welt verändern musste. Er dachte des Tages, an dem sein Vater gestorben
war. Ein wilder Schmerz hatte ihn damals überfallen; doch er hatte weinen
können, und die Erde war nicht mit einemmal dunkel und leer geworden. Sein Vater
hatte doch gelebt, war einmal jung gewesen, hatte gearbeitet, geliebt, Kinder
gehabt, Freuden und Schmerzen erfahren. Und die Mutter, die ihn geboren, hatte
nicht umsonst gelitten. Und wenn er selbst heute hätte sterben müssen, so früh
es gewesen wäre, er hatte doch ein Dasein hinter sich, erfüllt von Licht und
Tönen, Glück und Leiden, Hoffnung und Angst, durchflutet von allem Inhalt der
Welt. Und wenn Anna heute dahingegangen wäre, in der Stunde, da sie einem neuen
Wesen das Leben gab, sie hätte gleichsam ihr Los erfüllt und ihr Ende hätte
seinen grauenvollen, aber tiefen Sinn gehabt. Doch das, was seinem Kind
geschehen war, war sinnlos, widerwärtig, ein Hohn von irgendwoher, wohin man
keine Frage und keine Antwort senden konnte. Wozu, wozu das alles? Was hatten
nun diese vorhergegangenen Monate zu bedeuten gehabt, mit all ihren Träumen,
Sorgen und Hoffnungen? Denn er wusste mit einem Male, dass die Erwartung der
wunderbaren Stunde, in der sein Kind geboren werden sollte, immer, Tag für Tag,
auch am nüchternsten, leersten und leichtfertigsten, in der Tiefe seiner Seele
gewesen war; und er fühlte sich beschämt, verarmt, elend.
    Er stand oben am Gartengitter und sah zum Waldesrande auf, zu seiner Bank,
auf der er oft geruht hatte, und ihm war, als wäre auch Wald und Wiese und Bank
früher sein Besitz gewesen und er müsse nun auch das hergeben, wie so vieles
andere. Im Winkel des Gartens stand ein dunkelgraues, vernachlässigtes
Lustäuschen mit drei kleinen Fensterhöhlen und einer schmalen Türöffnung. Er
hatte es nie leiden mögen und nur einmal auf ein paar Augenblicke betreten.
Heute zog es ihn hinein. Er setzte sich auf die rissige Bank hin und kam sich
plötzlich geborgen und beruhigt vor, als wäre nun alles, was geschehen, weniger
wahr oder in irgendeiner unbegreiflichen Weise rückgängig zu machen. Doch
schwand dieser Wahn bald wieder dahin, er verliess den unwirtlichen Raum und trat
ins Freie. Ich muss jetzt wohl ins Haus zurück, dachte er müde und fasste es doch
nicht ganz, dass in dem dunkeln Zimmer, das er von hier aus hinter der Veranda,
wie eine unergründliche Finsternis liegen sah, der Leichnam seines Kindes ruhen
sollte. Langsam ging er hinab. Auf der Veranda stand Annas Mutter mit einem
Herrn. Georg erkannte den alten Rosner. Im Überzieher stand er da, den Hut hatte
er auf den Tisch vor sich hingelegt, fuhr sich mit einem Taschentuch über die
Stirn, und es zuckte um seine rotgeränderten Augen. Er ging Georg entgegen und
drückte ihm die Hand.»Das ist ja leider anders gekommen«, sagte er, »als wir
alle erwartet und gehofft hatten.«
    Georg nickte. Dann erinnerte er sich, dass der alte Herr in den letzten
Wochen mit dem Herzen nicht ganz in Ordnung gewesen war, und erkundigte sich
nach seinem Befinden.
    »Ich danke der Nachfrage, Herr Baron, es geht mir etwas besser, nur das
Stiegensteigen macht einige Beschwerden.«
    Georg merkte, dass die Glastüre zum Mittelzimmer geschlossen war.
»Entschuldigen Sie«, sagte er zu dem alten Rosner, schritt geradenwegs auf die
Türe los, öffnete sie und schloss sie rasch wieder hinter sich zu. Frau Golowski
und Doktor Stauber standen in der Nähe des Tisches und sprachen miteinander. Er
trat zu ihnen, sie schwiegen plötzlich.
    »Nun?« fragte er dann.
    Doktor Stauber sagte: »Wir haben über ... die Formalitäten gesprochen. Frau
Golowski wird so gut sein und all das zu besorgen.«
    »Ich danke«, erwiderte Georg und reichte Frau Golowski die Hand. »All das«,
dachte er. Ein Sarg, ein Begräbnis, Meldung beim Gemeindeamt: geboren ein Sohn
der ledigen Anna Rosner, gestorben am gleichen Tage. Nichts vom Vater natürlich.
Ja, seine Rolle war erledigt. Heut erst? War sie's nicht von der Sekunde an
gewesen, da er zufällig Vater geworden war?
    Er sah auf den Tisch hin. Das Linnen lag über die kleine Leiche
hingebreitet. O wie rasch, dachte er bitter. Soll ich's niemals wiedersehen
dürfen? Einmal wird's wohl noch erlaubt sein. Er zog das Tuch von der Leiche ein
wenig fort und hielt es in die Höhe gefasst. Er sah ein blasses Kindergesicht,
das ihm längst bekannt war, nur dass die Augen seiter von irgendwem zugedrückt
worden waren. Die alte Standuhr in der Ecke tickte. Sechs Uhr. Es war noch keine
Stunde vergangen, seit sein Kind geboren und gestorben war; und schon stand
diese Tatsache so unwidersprechlich fest, als hätte es gar nicht anders sein
können.
    Er fühlte sich leicht an der Schulter berührt.
    »Sie hat es mit Ruhe aufgenommen«, sagte Doktor Stauber, der hinter ihm
stand.
    Georg liess das Linnen über das Antlitz des Kindes sinken und wandte den Kopf
nach der Seite. »Sie weiss also schon ...?«
    Doktor Stauber nickte. Frau Golowski hatte sich abgewandt.
    »Wer hat's ihr gesagt?« fragte Georg.
    »Man hat es ihr gar nicht zu sagen brauchen«, erwiderte Doktor Stauber.
»Nicht wahr?« wandte er sich an Frau Golowski.
    Diese berichtete: »Wie ich zu ihr hineingegangen bin, hat sie mich nur
angeschaut, und da hab ich gleich gesehen, dass sie es schon weiss.«
    »Und was hat sie gesagt?«
    »Nichts. Gar nichts. Sie hat ihre Augen zum Fenster hin gewandt und ist ganz
still gewesen. Wo Sie hingegangen sind, Herr Baron, hat sie mich gefragt, und
was Sie machen.«
    Georg atmete tief auf. Die Türe von Annas Zimmer öffnete sich. Der
Professor, im schwarzen Rock, trat heraus. »Sie ist ganz ruhig«, sagte er zu
Georg. »Sie können zu ihr hinein.«
    »Hat sie mit Ihnen darüber gesprochen?« fragte Georg.
    Der Professor schüttelte den Kopf. Dann sagte er: »Ich muss jetzt leider in
die Stadt. Sie entschuldigen, nicht wahr? Ich hoffe, es wird weiter gut gehen.
Morgen früh bin ich jedenfalls wieder da. Leben Sie wohl, lieber Herr Baron.« Er
drückte ihm teilnahmsvoll die Hand. »Sie fahren mit mir hinein, Doktor Stauber,
nicht wahr?«
    »Ja«, sagte Doktor Stauber. »Ich will nur Anna noch Adieu sagen.« Er ging.
    Georg wandte sich an den Professor. »Darf ich Sie etwas fragen?«
    »Bitte.«
    »Ich möchte nämlich gern wissen, Herr Professor, ob das vielleicht nur eine
Einbildung ist. Mir kommt nämlich vor« und er hob das Tuch wieder von der
kleinen Leiche auf »als wenn dieses Kind gar nicht so aussähe wie ein
Neugeborenes. Schöner gewissermassen. Mir ist, als wenn die Gesichter von
Neugeborenen eigentlich faltiger, greisenhafter sein müssten. Ich weiss nicht
mehr, hab ich einmal selbst eins gesehen oder hab ich nur davon gelesen.«
    »Sie haben nicht unrecht«, erwiderte der Professor, »gerade in Fällen dieser
Art, auch bei glücklicherem Ausgang, sind die Züge der Kinder nicht entstellt,
ja manchmal geradezu schön.« Er betrachtete das kleine Antlitz mit fachlicher
Teilnahme, nickte ein paarmal »schade, schade ...« liess das Tuch wieder fallen,
und Georg wusste, dass er das Antlitz seines Kindes zum letztenmal gesehen hatte.
Wie hätte es nur heissen sollen? Felician ... Leb wohl, kleiner Felician.
    Doktor Stauber trat aus dem Nebenzimmer und schloss leise die Türe. »Anna
erwartet Sie«, sagte er zu Georg. Dieser gab ihm die Hand, reichte sie auch dem
Professor noch einmal, nickte Frau Golowski zu und trat ins Nebenzimmer.
    Die Wärterin erhob sich von Annas Seite und verschwand aus dem Zimmer. Der
Tür gegenüber hing ein Spiegel in dem Georg einen jungen, eleganten Herrn
erblickte, der blass war und lächelte. Anna lag in ihrem Bett, das frei in der
Mitte stand, mit grossen, klaren Augen, die Georg entgegensahn. Wie steh ich vor
ihr da, dachte er. Er rückte mit einiger Umständlichkeit den Sessel nah an ihr
Bett, setzte sich, ergriff ihre Hand, führte sie an seine Stirn und küsste dann
lang, beinahe inbrünstig ihre Finger.
    Anna sprach zuerst. »Du warst im Garten?« fragte sie.
    »Ja, ich war im Garten.«
    »Ich habe dich von oben herunterkommen gesehen vor einiger Zeit.«
    »Du sollst lieber gar nichts reden, Anna. Strengt es dich nicht an?«
    »Die paar Worte, o nein. Aber du kannst mir ja was erzählen ...«
    Er hielt ihre Hand immer in der seinen und betrachtete ihre Finger. Dann
sagte er: »Weisst du eigentlich, dass da oben am Ende des Gartens ein kleines
Lustäuschen steht? Ja, natürlich weisst du ... ich meine nur, wir haben es nie
so recht bemerkt.«
    »In den ersten Tagen war ich einigemale drin«, sagte Anna. »Schön ist es
nicht.«
    »Nein, wahrhaftig.«
    »Hast du heut vormittag was gearbeitet?« fragte sie dann.
    »Was fällt dir ein, Anna.«
    Sie schüttelte ganz leicht den Kopf. »Und gerade in der letzten Zeit ist es
dir so gut damit gegangen.«
    »Ja, wirklich wahr, Anna, du hast dich sehr rücksichtslos benommen.« Er
lächelte, sie blieb ernst.
    »Du warst gestern in der Stadt?« fragte sie.
    »Du weisst ja.«
    »Hast du Briefe vorgefunden? Ich meine, wichtige?«
    »Du sollst gewiss nicht so viel reden, Anna, ich erzähl dir schon alles.
Also: Ich hab keine Briefe von Bedeutung vorgefunden. Auch aus Detmold ist
keiner gekommen. Dieser Tage geh ich übrigens wieder zu Professor Viebiger. Aber
wir können wirklich ein andermal über diese Dinge reden, glaubst du nicht? Und
was das Arbeiten anbelangt ... in den Tristan hab ich heute morgens noch ein
wenig hineingesehen. Den kenn ich aber wirklich bis ins kleinste. Ich würde mich
getrauen, ihn heut zu dirigieren, wenn's drauf ankäme.«
    Sie schwieg und sah ihn an.
    Er erinnerte sich des Abends, an dem er mit ihr in der Münchener Oper
gesessen hatte, wie eingehüllt in einen durchsichtigen Schleier von geliebten
Klängen. Aber er sprach nichts davon.
    Es dämmerte. Die Züge Annas begannen ihm zu verschwimmen.
    »Fährst du heute noch in die Stadt?« fragte sie.
    Er hatte gar nicht daran gedacht. Jetzt aber war ihm, als winkte damit eine
Art von Erlösung. Ja, er wollte hinein. Was konnte er auch hier heraussen noch
tun? Aber er antwortete nicht gleich.
    Anna begann wieder: »Ich denke, du wirst vielleicht deinen Bruder sprechen
wollen.«
    »Ja, das möcht ich recht gern. Und du wirst wohl bald schlafen?«
    »Ich hoffe.«
    »Wie müd musst du sein«, sagte er, indem er ihre Hand streichelte.
    »Nein, es ist etwas anderes. Ich bin so wach ... ich kann dir gar nicht
sagen, wie wach ich bin. Mir ist, als wär ich in meinem ganzen Leben nicht so
wach gewesen. Und weiss zugleich, dass ich so tief schlafen werde, wie noch nie
... wenn ich nur erst die Augen geschlossen habe.«
    »Ja gewiss wirst du das. Aber nun darf ich doch wohl noch eine Weile bei dir
bleiben? Am liebsten möcht ich so lange hier sitzen, bis du eingeschlafen bist.«
    »Nein, Georg, wenn du da bist, kann ich ja doch nicht einschlafen. Aber
bleib nur noch ein bisschen. Das ist schon gut.«
    Er hielt immer ihre Hand und blickte zum Garten hinaus, der nun ganz im
Abendschatten lag.
    »Du warst nicht sehr viel im Auhof oben dieses Jahr?« fragte Anna
gleichgültig, als gälte es nur irgend etwas zu reden.
    »O ja, täglich beinahe. Hab ich dir's denn nicht gesagt? Ich denke, Else
wird James Wyner heiraten und mit ihm nach England gehen.«
    Er wusste, dass sie nicht an Else dachte, sondern an eine ganz andere. Und er
fragte sich: meint sie etwa, das sei schuld?
    Ein lauer Hauch kam von draussen geweht. Kinderstimmen klangen herein. Georg
blickte hinaus. Er sah die weisse Bank unter dem Birnbaum schimmern und dachte
daran, wie Anna ihn dort oben erwartet hatte, im wallenden Kleid, die
fruchtschweren Äste über sich, umflossen vom sanften Wunder ihrer
Mütterlichkeit. Und er fragte sich: war es schon damals bestimmt, dass es so
enden müsste? Oder war es am Ende schon in dem Augenblick bestimmt, da wir
einander zum erstenmal umarmt haben? Die Bemerkung des Professors fuhr ihm durch
den Sinn, dass ein bis zwei Prozent aller Geburten so enden. Also seit Menschen
geboren wurden, war es so, dass unter hundert einer oder zwei in so sinnloser
Weise dahin müssen im selben Augenblick, da sie zum Licht emporgebracht werden!
Und so und so viele müssen im ersten Jahre sterben, und so viel in der Blüte
ihrer Jugend, und so viel als Männer, und wieder eine bestimmte Anzahl macht
ihrem Leben selbst ein Ende, wie Labinski, und bei so und so vielen muss es
misslingen, wie bei Oskar Ehrenberg. Wozu nach Gründen suchen? Irgendein Gesetz
ist wirksam, unbegreiflich und unerbittlich, an dem wir Menschen nicht rütteln
können. Wer darf klagen, warum gerade mir das? Widerfährt es nicht ihm, so
widerfährt es eben einem andern ... unschuldig oder schuldig wie er. Ein bis
zwei Prozent trifft es eben, das ist die himmlische Gerechtigkeit. Die Kinder,
die da drüben im Garten lachten, die durften leben. Durften? Nein, sie mussten
leben, so wie das seine hatte sterben müssen nach dem ersten Atemzug, bestimmt
von einer Dunkelheit durch ein sinnloses Nichts hindurch einzugehen in eine
andere.
    Draussen war die Dämmerung, und im Zimmer war es beinahe schon Nacht. Anna
lag still und regungslos. Ihre Hand in der Georgs rührte sich nicht. Aber als
Georg sich erhob, sah er, dass ihre Augen offen waren. Er beugte sich nieder,
zögerte einen Augenblick, dann legte er den Arm um ihren Hals und küsste sie auf
die Lippen, die heiss und trocken waren und seine Berührung nicht erwiderten.
Dann ging er. Im Nebenzimmer brannte die Hängelampe über dem Tisch, auf dem
früher das tote Kind gelegen hatte. Nun war die grüne Tischdecke ausgebreitet,
als wäre nichts geschehen. Die Türe zu dem Zimmer, in dem Frau Golowski wohnte,
war geöffnet. Das Licht einer Kerze schimmerte herein, und Georg wusste, dass da
sein Kind den ersten und letzten Schlummer schlief.
    Frau Golowski und Frau Rosner sassen nebeneinander auf dem Sofa an der Wand,
stumm, wie zusammengekauert. Georg trat zu ihnen. »Der Herr Gemahl ist schon
fort?« wandte er sich an Frau Rosner.
    »Ja, er ist mit den Herren Doktoren in die Stadt hineingefahren«, erwiderte
sie und sah ihn wie fragend an.
    »Sie ist ruhig«, beantwortete Georg ihren Blick. »Ich denke, sie wird fest
schlafen.«
    »Wollen Sie nicht etwas zu sich nehmen?« fragte Frau Golowski. »Seit ein Uhr
haben Sie ...«
    »Danke nein. Ich fahre jetzt in die Stadt. Ich möchte meinen Bruder
sprechen. Auch erwarte ich Briefe von Wichtigkeit. Morgen früh bin ich wieder
da.« Er verabschiedete sich, ging in seine Mansarde, holte die Tristanpartitur
vom Balkon ins Zimmer herein, nahm Überzieher und Stock, zündete sich eine
Zigarette an und verliess das Haus. Er fühlte sich freier, sobald er auf der
Strasse war. Eine ungeheure Aufregung lag hinter ihm. Es war in unglücklicher
Weise vorüber, aber vorüber war es doch. Und mit Anna musste es ja gut ablaufen.
Freilich da gab es wohl auch den verhängnisvollen Prozentsatz. Aber es war klar,
dass nun die Möglichkeit eines schlimmen Ausgangs, gerade nach dem Gesetz der
Wahrscheinlichkeitsrechnung viel geringer sein musste, als wenn das Kind am Leben
geblieben wäre.
    Mit raschen Schritten durchmass er die langgestreckte Ortschaft, wollte
nichts denken und betrachtete mit absichtlicher Aufmerksamkeit jedes einzelne
Haus, an dem er vorbeikam. Sie waren alle niedrig, die meisten recht trübselig
und arm. Hinter ihnen, im Abenddunst, stiegen kleine Gärtchen an zu Weinbergen,
Ackern und Wiesen. In einem beinahe menschenleeren Wirtshausgarten, an einem
länglichen Tisch, sassen ein paar Musikanten und spielten auf Violine, Gitarre
und Harmonika einen klagenden Walzer. Später kam er an ansehnlichen Landhäusern
vorbei, und durch offene Fenster sah er in anständig erleuchtete Räume, in denen
gedeckte Tische standen. In einem freundlichen Gastausgarten, möglichst weit
von den andern nicht sehr zahlreichen Gästen, liess er sich endlich nieder, nahm
seine Mahlzeit und spürte bald eine wohltuende Müdigkeit über sich kommen. Auf
der Pferdebahn duselte er in seiner Ecke beinahe ein. Erst als der Wagen durch
belebtere Strassen fuhr, fand er sich wieder und entsann sich des Geschehenen mit
quälender, aber trockener Deutlichkeit. Er stieg aus, und durch die feuchte
Schwüle des Stadtparks begab er sich nach Hause. Felician war nicht daheim. Auf
dem Schreibtisch fand er ein Telegramm liegen. Es war aus Detmold und lautete:
»Wir ersuchen höflichst um Nachricht, ob es Ihnen möglich wäre, innerhalb der
nächsten drei Tage bei uns einzutreffen. Doch wolle diese Einladung vorläufig
als für beide Teile unverbindlich hinsichtlich weiterer Entschliessungen
angesehen werden. Reisekosten werden in jedem Falle ersetzt. Hochachtungsvoll
Hofteaterintendanz.« Daneben lag das rötliche Blankett für die Antwort.
    Georg war enerviert. Was sollte er nun erwidern? Das Telegramm deutete
offenbar darauf hin, dass eine Kapellmeisterstelle erledigt war. Sollte er um
Aufschub ersuchen? Nach acht Tagen könnte er wohl zu einer Besprechung hin und
gleich wieder zurückfahren. Es strengte ihn an, darüber nachzudenken. Zum
mindesten hatte die Angelegenheit bis morgen früh Zeit. Und wenn das schon zu
spät war, so hatte sich am Ende noch immer nichts Wesentliches geändert. Als
Gast war er jedenfalls willkommen, das wusste er ja schon. Es war vielleicht
besser, sich nicht zu binden ... sich irgendwo noch ohne Verpflichtung und
Verantwortung einzuarbeiten und dann für das nächste Jahr gerüstet, fertig
dazustehen. Aber was waren das für nichtige Erwägungen gegenüber der ungeheuern
Sache, die sich heute in seinem Leben ereignet hatte. Er nahm den Malachit und
stellte ihn auf das Telegramm. Was jetzt ...? fragte er sich. In den Klub gehen
und Felician aufsuchen? Das war ja doch nicht der Ort, ihm die Sache
mitzuteilen. Es war schon das beste, daheim zu bleiben und ihn zu erwarten. Es
war sogar ein wenig verlockend, sich gleich auszukleiden und zur Ruhe zu legen.
Aber er hätte ja doch nicht schlafen können. So kam er auf die Idee, endlich
wieder einmal unter seinen Papieren ein bisschen Ordnung zu machen. Er öffnete
eine Schreibtischlade, sichtete Rechnungen und Briefe und trug Anmerkungen in
sein Notizbuch ein. Die Geräusche der Strasse kamen durchs offene Fenster wie von
fern. Er dachte daran, wie er im vorigen Sommer, nach des Vaters Tod, an
derselben Stelle Briefe seiner verstorbenen Eltern gelesen hatte und das gleiche
Geräusch der Stadt, der gleiche Duft des Parks zu ihm hereingeströmt war wie
heute. Das Jahr, das seiter verflossen war, dehnte sich in seinem müden Sinn zu
Ewigkeiten, wurde dann wieder zu einer kurzen Spanne Zeit, und in seiner Seele
raunte irgend etwas: wozu ... wozu. Sein Kind war tot. Draussen am
Sommerhaidenweg auf dem Friedhof wird es begraben sein, dort wird es ausruhen in
geweihter Erde von dem mühevollen Weg, der ihm zu gehen bestimmt war, von einer
Dunkelheit durch ein sinnloses Nichts in die andere. Unter einem kleinen Kreuze
wird es liegen, als hätte es ein Menschenlos durchlebt und durchlitten ... Als
hätte es gelebt? Es hatte ja wirklich gelebt, von dem Augenblick an, da sein
Herz im Leib der Mutter zu klopfen angefangen. Nein, früher schon ... von dem
Augenblick an, da seiner Mutter Leib es empfangen, hatte es dem Reich des
Lebendigen zugehört. Und Georg dachte daran, wievielen Menschenkindern es
bestimmt war, noch viel früher wieder dahinzugehen als dem seinen, wie viele,
gewünschte und ungewünschte, in den ersten Tagen ihres Lebens sterben, ohne dass
die eigenen Mütter es nur ahnen. Und während er so vor seinem Schreibtisch mit
geschlossenen Augen hindämmerte, zwischen Schlafen und Wachen, sah er lauter
schimmernde Kreuze ragen auf winzigen Hügeln, als wär es ein Friedhof aus einer
Spielereischachtel, und eine rötlich-gelbe Puppensonne glänzte darüber hin. Mit
einmal aber bedeutete dies Bild den Friedhof von Cadenabbia. Georg sass wie ein
kleiner Knabe auf der steinernen Umfassungsmauer und wandte plötzlich den Blick
zur See hinab. Da trieb in einem sehr langen, schmalen Kahn unter schwefelgelben
Segeln, mit einem grünen Schal um die Schultern, bewegungslos auf der Ruderbank
sitzend, eine Frau, deren Antlitz zu erkennen er sich vergeblich und beinahe
schmerzlich bemühte.
    Die Klingel tönte. Georg fuhr auf. Was war das? Ach ja, es war niemand da,
um aufzuschliessen. Der Diener war seit erstem entlassen, und die Portiersfrau,
die jetzt die Brüder bediente, war um diese Zeit nicht in der Wohnung. Georg
ging ins Vorzimmer und öffnete. Heinrich Bermann stand auf dem Flur. »Ich sah
von unten Licht in Ihrem Zimmer«, sagte er. »Es war ein guter Einfall von mir,
zuerst an Ihrem Haus vorüber zu gehen. Eigentlich wollte ich zu Ihnen aufs Land
hinausfahren.«
    Spricht er wirklich so erregt, dachte Georg, oder klingt es mir nur so? Er
bat ihn einzutreten und Platz zu nehmen.
    »Danke, danke, ich gehe lieber auf und ab. Nein, schalten Sie die obere
Flamme nicht ein, die Schreibtischlampe genügt. Im übrigen wie geht es bei Ihnen
draussen?«
    »Heute Nachmittag ist das Kind zur Welt gekommen«, erwiderte Georg ruhig.
»Aber leider war es tot.«
    »Totgeboren?«
    »Ich weiss nicht, ob man es so nennen kann«, entgegnete Georg bitter
lächelnd, »denn einen Atemzug soll es getan haben, sagt der Arzt. Drei Tage lang
haben die Wehen gedauert. Es war schrecklich. Nun ist es vorbei.«
    »Tot. Das tut mir aber sehr leid, glauben Sie mir.« Er reichte Georg die
Hand.
    »Es war ein Knabe«, sagte Georg, »und merkwürdigerweise sehr schön, anders
als Neugeborene sonst auszusehen pflegen.« Er erzählte auch dann, wie er sich
eine ganze Weile in einem ungastlichen Gartenhaus aufgehalten hatte, das er
früher nie betreten, und wie seltsam sich die Beleuchtung der Landschaft mit
einemmal verändert hatte. »Es war ein Licht«, sagte er, »wie es Gegenden
zuweilen im Traum haben, ganz unbestimmt, ... dämmerhaft, ... aber eher
traurig.« Während er so sprach, wusste er, dass er Felician die ganze Sache anders
erzählen würde.
    Heinrich sass in der Ecke des Divans und liess den andern reden. Dann begann
er: »Es ist sonderbar, all das ergreift mich natürlich sehr, und doch ... es
beruhigt mich zugleich.«
    »Beruhigt Sie?«
    »Ja. Als wären nun gewisse Dinge, die ich leider befürchten muss, mit
einemmal weniger wahrscheinlich geworden.«
    »Was für Dinge?«
    Ohne auf ihn zu hören, sprach Heinrich weiter, mit zusammengepressten Zähnen.
»Oder ist es nur deshalb so, weil ich dem Schmerz eines andern gegenüberstehe?
Oder gar nur, weil ich wo anders bin, in einer fremden Wohnung? Das wäre schon
möglich. Haben Sie nicht bemerkt, dass sogar der eigene Tod einem gleich wie
etwas höchst Unwahrscheinliches vorkommt, wenn man zum Beispiel auf Reisen ist;
manchmal schon auf einem Spaziergang? Solchen unbegreiflichen Selbsttäuschungen
ist der Mensch unterworfen.« Er war aufgestanden, zum Fenster getreten, hatte
das Gesicht abgewandt. Georg, an den Schreibtisch gelehnt, wartete ahnungsvoll,
was er hören sollte. Nach ein paar Sekunden, als hätte er Fassung gewonnen,
wandte Heinrich sich um, blieb aber am Fenster stehen, beide Hände rückwärts auf
die Brüstung gestützt, und sagte kurz und hart: »Es besteht nämlich die
Möglichkeit, dass die junge Dame, die Sie neulich bei mir flüchtig kennen gelernt
haben, einen Selbstmord verübt hat. Bitte machen Sie kein so erschrockenes
Gesicht. Sie wissen, es war schon in manchen ihrer Briefe zu lesen, dass sie es
tun will.«
    »Nun also«, sagte Georg.
    Heinrich hob abwehrend die Hand. »Ich habe es ja auch niemals ernst
genommen. Heute Morgen aber kam ein Brief, der, wie soll ich nur sagen, einen
unheimlichen Klang von Wahrheit hatte. Es steht eigentlich auch nichts anderes
drin, als was sie mir schon zehn- oder zwanzigmal geschrieben hat, aber der Ton
... der Ton ... kurz und gut, ich bin so gut wie überzeugt, dass es diesmal
geschehen ist. Dass es vielleicht in diesem Augenblick schon ...«, er hielt inne
und starrte vor sich hin.
    »Nein Heinrich.« Georg trat zu ihm hin und legte ihm die Hand auf die
Schulter. »Nein«, fügte er kräftiger hinzu, »ich glaube es absolut nicht. Ich
habe sie ja gesprochen, vor ein paar Wochen erst. Sie wissen ja. Und da hatte
ich durchaus nicht den Eindruck ... Ich habe sie auch Komödie spielen gesehen
... wenn Sie sie spielen gesehen hätten, in dieser frechen Posse, so würden Sie
auch nicht daran glauben, Heinrich! Sie will sich nur an Ihnen rächen, für Ihre
Grausamkeit. Unbewusst vielleicht. Sie ist ja wahrscheinlich selbst manchmal
davon überzeugt, dass sie nicht weiter leben kann, aber da sie es bis heute
ausgehalten ... Ja wenn sie es gleich getan hätte ...«
    Heinrich schüttelte ungeduldig den Kopf. »Hören Sie, Georg, ich habe an das
Sommerteater telegraphiert. Ich habe angefragt, ob sie noch dort ist, etwa so,
als wenn es sich um eine Rolle für sie handelte, Probeaufführung eines neuen
Stücks von mir, oder dergleichen. Ich habe zu Hause gewartet bis jetzt ... aber
es ist noch keine Antwort da. Kommt keine, oder keine genügende, so werde ich
auf alle Fälle hinfahren.«
    
    »Ja warum haben Sie nicht einfach angefragt, ob sie ...«
    »Ob sie sich umgebracht hat? Man will sich doch nicht blamieren, Georg! Da
hätt ich mich ja ungefähr jeden dritten Tag erkundigen können ... Das hätte
allerdings eines gewissen grotesken Humors nicht entbehrt.«
    »Nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst nicht dran.«
    »Ich will jetzt nach Hause, schauen, ob ein Telegramm da ist. Adieu Georg.
Verzeihen Sie mir. Ich hab es nämlich daheim nicht mehr ausgehalten ... Es tut
mir wirklich sehr leid, dass ich Sie in einer solchen Stunde mit meinen
Angelegenheiten belästigt habe. Nochmals, verzeihen Sie ...«
    »Sie wussten ja nicht ... Und auch wenn Sie gewusst hätten ... Bei mir ist es
ja doch ... sozusagen eine abgeschlossene Geschichte. In meiner Angelegenheit
ist leider absolut nichts mehr zu tun.« Er blickte angestrengt zum Fenster
hinaus, über die Wipfel der Bäume, zu den dunkeln Türmen und Dächern, die aus
dem matt rötlichen Glanz der abendlichen Stadt emporstiegen. Dann sagte er: »Ich
begleite Sie, Heinrich. Ich kann ja zu Hause doch nichts anfangen. Das heisst
wenn Ihnen meine Gesellschaft nicht unangenehm ist.«
    »Unangenehm? ... Georg! ...« Er drückte ihm die Hand.
    Sie gingen. Anfangs spazierten sie längs des Parks und schwiegen. Georg
erinnerte sich seines Spazierganges mit Heinrich durch die Praterallee, im
vorigen Herbst, und gleich darauf kam ihm der Maienabend ins Gedächtnis, an dem
Anna Rosner im Waldsteingarten erschienen war, später als die andern, und Frau
Ehrenberg ihm zugeflüstert hatte: »Die hab ich für Sie eingeladen.« Ja für ihn!
Wäre jener Abend nicht gewesen, so wäre Anna nicht seine Geliebte geworden und
nichts von allem, woran er heute trug, wäre geschehen. Oder war auch hier
irgendein Gesetz am Werke? Gewiss! Es müssen wohl jedes Jahr so und so viel
Kinder zur Welt kommen, und eine Anzahl darunter ausser der Ehe. Und die gute
Frau Ehrenberg hatte sich eingebildet, dass es in ihrem Belieben gestanden,
Fräulein Anna Rosner einzuladen für den Freiherrn von Wergentin!
    »Anna befindet sich doch ausser Gefahr?« fragte Heinrich.
    »Ich hoffe«, erwiderte Georg. Dann sprach er von den Schmerzen, die sie
gelitten, von ihrer Geduld und ihrer Güte. Er hatte das Bedürfnis, sie als
vollkommenen Engel darzustellen; als könnte er damit etwas sühnen, was er gegen
sie verschuldet hätte.
    Heinrich nickte. »Sie scheint wirklich eine von den wenigen Frauen, die zur
Mutterschaft bestimmt sind. Es ist nämlich nicht wahr, dass es viele von der Art
gibt. Kinder zu kriegen dazu sind sie ja alle da, aber Mütter zu sein! Und
gerade sie musste das erleiden! Es ist mir eigentlich nie in den Sinn gekommen,
dass so etwas eintreten könnte.«
    Georg zuckte die Achseln. Dann sagte er: »Ich hatte erwartet, Sie noch
einmal draussen zu sehen. Ich glaube, Sie versprachen mir sogar etwas
dergleichen, als Sie vor acht Tagen mit Terese zusammen bei uns nachtmahlten.«
    »Ach ja, wie wir uns so furchtbar gezankt haben, Terese und ich. Auf dem
Heimweg ist es noch ärger geworden. Zum lachen. Wir gingen nämlich zu Fuss bis in
die Stadt. Die Leute, die uns begegneten, müssen uns unbedingt für ein
Liebespaar gehalten haben, so fürchterlich haben wir uns gestritten.«
    »Und wer hat am Ende recht behalten?«
    »Recht? Kommt das jemals vor, dass einer recht behält? Man diskutiert doch
nur, um sich selbst, und nie um den andern zu überzeugen. Denken Sie nur, wenn
Terese am Ende eingesehen hätte, dass ein vernünftiger Mensch sich nie und
nimmer einer Partei anschliessen kann! Oder wenn ich ihr hätte zugestehen müssen,
dass meine Parteilosigkeit einen Mangel an Weltanschauung bedeute, wie sie
behauptete! Wir hätten uns beide sofort totschiessen können. Was sagen Sie
übrigens zu diesem Gerede von Weltanschauung? Wie wenn Weltanschauung etwas
anderes wäre, als der Wille und die Fähigkeit die Welt wirklich zu sehn, das
heisst, anzuschauen, ohne durch eine vorgefasste Meinung verwirrt zu sein, ohne
den Drang, aus einer Erfahrung gleich ein neues Gesetz abzuleiten, oder sie in
ein bestehendes einzufügen. Aber den Leuten ist Weltanschauung nichts, als eine
höhere Art von Gesinnungstüchtigkeit Gesinnungstüchtigkeit innerhalb des
Unendlichen sozusagen. Oder sie sprechen von düsterer und heiterer
Weltanschauung, je nach der Färbung, in der ihnen die Welt kraft ihres
Temperaments und zufälliger persönlicher Erlebnisse erscheint. Menschen mit
offenen Sinnen haben Weltanschauung und beschränkte nicht. So steht die Sache.
Man muss wahrhaftig kein Philosoph sein, um Weltanschauung zu haben ...
vielleicht darf man's nicht einmal sein. Jedenfalls hat Philosophie mit
Weltanschauung nicht das geringste zu tun. Von den Philosophen hat gewiss jeder
bei sich gewusst, dass er nichts anderes vorstellt, als eine Art von Dichter. Kant
hat an das Ding an sich geglaubt und Schopenhauer an die Welt als Wille und
Vorstellung, wie Shakespeare an Hamlet und Beetoven an die Neunte. Sie haben
gewusst, dass nun ein Kunstwerk mehr auf der Welt ist, aber sie haben sich gewiss
nicht eingebildet, dass sie eine endgültige »Wahrheit« entdeckt hätten. Jedes
philosophische System, wenn es Rhytmus und Tiefe hat, bedeutet einen Besitz
mehr auf Erden. Aber was soll es denn an dem Verhältnis eines Menschen zur Welt
ändern, der selbst mit offenen Sinnen begnadet ist?« Er sprach weiter, immer
erregter, geriet, wie es Georg erschien, ins Fieberhaftverworrene. Georg
erinnerte sich daran, dass Heinrich einmal ein Ringelspiel erfunden hatte, das
sich über den Erdboden höher und immer höher in Spiralen drehen sollte, um
endlich in einer Turmspitze zu enden.
    Sie nahmen den Weg durch wenig belebte und mässig beleuchtete
Vorstadtstrassen. Georg war es, als spazierte er in einer fremden Stadt umher.
Plötzlich erschien ein Haus ihm sonderbar bekannt, und er merkte jetzt erst, dass
sie an dem Haus der Familie Rosner vorbeigingen. Das Speisezimmer war
erleuchtet. Wahrscheinlich sass dort oben der Alte allein, oder in Gesellschaft
seines Sohnes. Ist es denn möglich, dachte Georg, dass in wenigen Wochen auch
Anna wieder dort sitzen wird, am selben Tisch mit Vater, Mutter und Bruder, als
wäre nichts geschehen? Dass sie wieder hinter jenem Fenster mit den jetzt
geschlossenen Jalousien Nacht für Nacht schlafen, Tag für Tag aus diesem Hause
sich zu ihren armseligen Lektionen begeben dass sie dieses ganze, klägliche Leben
wieder aufnehmen wird, als hätte nichts, gar nichts sich verändert? Nein! Sie
durfte nicht mehr zu den Ihren zurückkehren, das wäre ja unsinnig gewesen. Zu
ihm musste sie kommen, mit ihm zusammen leben, zu dem sie gehörte. Das Telegramm
aus Detmold! Beinahe hätte er dran vergessen. Er musste mit ihr darüber reden.
Hier war Hoffnung und Aussicht! In solch einer kleinen Stadt war das Leben
wohlfeil. Auch war Georgs eigenes Vermögen noch lange nicht aufgezehrt. Man
konnte es schon wagen. Überdies bedeutete die Stellung dort nur den Anfang.
Vielleicht bald kam eine bessere, in einer andern, grössern Stadt; über Nacht,
unverhofft, wie solche Dinge immer kommen, war ein Erfolg da, man hatte einen
Namen, nicht nur als Dirigent, sondern auch als Komponist, und es brauchten kaum
zwei, drei Jahre zu vergehen, so konnten sie das Kind zu sich nehmen ... Das
Kind! ... Wie die Gedanken ihm durch den Kopf stürmten ... Auch das konnte man
auf einen Augenblick vergessen?
    Heinrich sprach noch immer; es war ganz offenbar, dass er sich übertäuben
wollte. Er fuhr fort, die Philosophen zu vernichten. Eben war er daran, sie von
Dichtern zu Spielenden zu degradieren. Jedes System jedes philosophische und
jedes moralische sei Wortspielerei. Eine Flucht aus der bewegten Fülle der
Erscheinungen in die Marionettenstarre der Kategorien. Aber das war es eben,
wonach es die Menschen verlangte. Daher alle Philosophie, alle Religion, alle
Sittengesetze! Auf dieser Flucht waren sie immerfort begriffen. Wenigen, gar
wenigen war die ungeheure, innere Bereitschaft gegeben, jede Erfahrung als neu
und einzig zu empfinden die Kraft es zu ertragen, dass sie in jedem Augenblick
gleichsam in einer neuen Welt stünden. Und doch: nur dem, der den feigen Drang
überwinde, alle Erlebnisse in Worte einzuengen, dem zeige das Leben das
vielfältig-eine, das wunderbare, sich in seiner wahren Gestalt.
    Georg hatte die Empfindung, als strebte Heinrich mit all seinen Reden nur
dies an: vor sich selbst jede Verantwortung gegenüber einem höhern Gesetz
abzuschütteln, indem er keines anerkannte. Und wie in einem wachsenden
Widerstand gegen Heinrichs faselhaft wunderliches Gebaren fühlte er, wie sich in
seiner eigenen Seele das Bild der Welt, das ihm vor Stunden erst wie in Stücke
zu zerfallen gedroht hatte, allmählich wieder zusammenzuschliessen begann. Eben
noch hatte er sich gegen die Sinnlosigkeit des Schicksals aufgelehnt, das ihn
heute betroffen, und schon begann er dumpf zu ahnen, dass auch das, was ihm ein
trauriger Zufall geschienen, nicht aus dem Leeren auf sein Haupt
heruntergestürzt war, sondern dass es ebenso auf einem vorbestimmten, nur
dunklern Weg zu ihm herangezogen war, wie das, was auf weitin sichtbarer Strasse
sich ihm nahte und das er gewohnt war, Notwendigkeit zu nennen.
    Sie waren vor dem Hause, in dem Heinrich wohnte. Der Hausmeister stand am
Tor und teilte mit, dass er vor kurzem eine Depesche in Heinrichs Zimmer gelegt
hätte.
    »So?« sagte Heinrich wie gleichgültig und ging langsam die Treppen hinauf.
Georg folgte. Im Vorzimmer zündete Heinrich eine Kerze an. Auf einem kleinen
Tischchen lag die Depesche. Heinrich öffnete sie, hielt sie nah zum flackernden
Licht hin, las für sich und wandte sich dann zu Georg. »Sie wurde heute morgens
auf der Probe erwartet und ist nicht erschienen.« Er nahm den Leuchter in die
Hand und trat, von Georg gefolgt, in den nächsten Raum, stellte das Licht auf
den Schreibtisch und ging im Zimmer auf und ab. Georg hörte durchs offene
Fenster über den dunkeln Hof Klaviergeklimper. »Sonst entält die Depesche
nichts?« fragte er.
    »Nein. Aber offenbar ist sie nicht nur nicht auf der Probe gewesen, sondern
war auch in ihrer Wohnung nicht zu finden. Sonst hätte man wohl telegraphiert,
dass sie krank sei, oder sonst ein Wort der Erklärung. Ja, lieber Georg« er
atmete tief auf »diesmal ist es geschehen.«
    »Warum? Dafür ist doch kein Beweis vorhanden, kaum ein Anhaltspunkt.«
    Heinrich schnitt mit einer seiner kurzen Handbewegungen die Rede des andern
ab. Dann sah er auf die Uhr und sagte: »Heut hab ich keinen Zug mehr ... Ja ...
was soll man nur was soll man nur beginnen?« Er hielt inne, blieb stehen und
sagte plötzlich: »Ich werde zu ihrer Mutter fahren. Ja. Das ist das beste ...
Vielleicht, vielleicht ...«
    Sie verliessen die Wohnung. An der nächsten Ecke nahmen sie einen Wagen.
    »Hat die Mutter etwas gewusst?« fragte Georg.
    »Ach Gott«, sagte Heinrich. »Was Mütter eben zu wissen pflegen. Es ist ja
unglaublich, wie wenig die Menschen über das nachdenken, was in ihrer nächsten
Nähe vorgeht, wenn sie nicht durch einen äussern Anlass dazu genötigt werden. Und
die meisten Menschen ahnen nicht einmal, was sie alles wissen, in der Tiefe
ihrer Seele wissen, ohne sich's einzugestehen. Die gute Frau wird wohl etwas
erstaunt sein, wenn ich so plötzlich vor ihr auftauche ... ich habe sie schon
lange nicht gesehen.«
    »Was werden Sie ihr sagen?«
    »Ja, was werde ich ihr sagen?« wiederholte Heinrich und biss an seiner
Zigarre herum. »Hören Sie, ich habe eine grossartige Idee. Sie werden mit mir
kommen, Georg, ich stelle Sie als Direktor vor, ja? Sie sind auf der Durchreise
hier, müssen noch heute mit einem Separatzug um elf Uhr fort, nach Petersburg,
haben irgendwie gehört, dass sich das Fräulein in Wien aufhält, und ich, als
alter Bekannter des Hauses bin so liebenswürdig Sie vorzustellen.«
    »Sind Sie zu dergleichen Komödien aufgelegt?« fragte Georg.
    »Ach verzeihen Sie, Georg! Es ist ja alles gar nicht notwendig. Ich frage
die Alte einfach, ob sie Nachricht hat ... Was sagen Sie ... wie schwül diese
Nacht ist?«
    Sie fuhren über den Ring, durch den hallenden Burghof, durch die Strassen der
Stadt. Georg war eigentümlich gespannt. Wenn die Schauspielerin nun wirklich
ruhig bei ihrer Mutter zu Hause sässe, dachte er. Er fühlte, dass es eine Art
Enttäuschung für ihn bedeuten würde. Dann schämte er sich dieser Regung. Ist
denn die ganze Geschichte eine Zerstreuung für mich, dachte er. Was den andern
Leuten passiert ... ist uns wohl selten mehr, würde Nürnberger finden ... Eine
seltsame Art sich zu zerstreuen, um den Tod seines Kindes zu vergessen ... Aber
was soll man tun? ... Ändern kann ich nichts mehr. In ein paar Tagen reis' ich
fort. Gott sei Dank.
    Der Wagen hielt vor einem Hause in der Nähe des Pratersterns. Über den
Viadukt gegenüber dröhnte eben ein Zug, darunter weg liefen die Alleen des
Praters ins Dunkle. Heinrich schickte den Wagen fort. »Ich danke Ihnen sehr«,
sagte er zu Georg. »Leben Sie wohl.«
    »Ich warte hier auf Sie.«
    »Wollen Sie wirklich? Nun, ich bin Ihnen sehr dankbar.«
    Er verschwand im Haustor. Georg ging auf und ab. Rings herum auf den Strassen
war es trotz der späten Stunde noch ziemlich belebt. Aus dem Prater drangen die
Klänge eines Militärorchesters zu ihm her. Ein Mann und eine Frau kamen an ihm
vorbei. Der Mann trug ein schlafendes Kind auf dem Arm, das die Hände um den
Hals des Vaters geschlungen hatte. Georg dachte an den Grinzinger Garten, an das
kleine, ungewaschene Ding, das ihm von den Armen der Mutter aus die Händchen
entgegengestreckt hatte. War er damals wirklich gerührt gewesen, wie Nürnberger
behauptet hatte? Nein, Rührung war es wohl nicht. Etwas anderes vielleicht. Das
dumpfe Bewusstsein, dazustehen in der geschlossenen Kette, die von Urahnen zu
Urenkeln ging, an beiden Händen gefasst, mit teilzuhaben am allgemeinen
Menschenlos. Nun stand er mit einemmal wieder losgelöst, allein ... wie
verschmäht von einem Wunder, dessen Ruf er ohne Andacht gehört hatte. Von einem
nahen Kirchturm schlug es zehn Uhr. Fünf Stunden erst, dachte Georg. Und wie
ferne war schon alles. Nun durfte er wieder frei durch die Welt treiben, wie
früher einmal ... Durfte er wirklich?
    Heinrich kam aus dem Haustor. Hinter ihm fiel das Tor zu. »Nichts«, sagte
er. »Ganz ahnungslos ist die Mutter. Ich habe nach der Adresse gefragt, als wenn
ich ihr was Wichtiges mitzuteilen hätte. Ich wäre gerade aus dem Prater
gekommen, und da fiel mir ein ... na und so weiter. Eine gute, alte Frau. Der
Bruder sitzt am Tisch und zeichnet auf einem Reissbrett eine Ritterburg mit
unzähligen Türmen aus einer illustrierten Zeitung ab.«
    »Jetzt seien Sie einmal aufrichtig«, sagte Georg. »Wenn Sie sie auf diese
Weise retten könnten, würden Sie ihr auch jetzt nicht verzeihen?«
    »Ja Georg, merken Sie denn noch immer nicht, dass es sich gar nicht darum
handelt, ob ich verzeihen will oder nicht? Denken Sie doch, ich hätte einfach
aufgehört sie zu lieben, was doch gelegentlich passieren kann, auch ohne dass man
verraten worden ist. Denken Sie, eine Frau, die Sie liebt, würde Sie verfolgen,
eine Frau, vor deren Berührung Ihnen aus irgendeinem Grunde graut, würde Ihnen
schwören, sie bringt sich um, wenn Sie sie verschmähen. Wären Sie verpflichtet
ihr nachzugehen? Könnten Sie sich den leisesten Vorwurf machen, wenn sie
wirklich aus sogenannter verschmähter Liebe in den Tod ginge? Würden Sie sich
als ihr Mörder fühlen? Das ist doch lauter Unsinn, nicht wahr? Also wenn Sie
glauben, dass es das sogenannte Gewissen ist, das mich jetzt peinigt, so irren
Sie sich. Es ist einfach die Sorge um das Schicksal eines Wesens, das mir einmal
nahestand und gewissermassen heute noch nahesteht. Die Ungewissheit ...« ...«
Plötzlich blickte er starr nach einer Richtung.
    »Was ist Ihnen?« fragte Georg.
    »Sehen Sie nicht? Ein Telegraphenbote. Er kommt auf das Haustor zu.« Ehe der
Mann noch klingeln konnte, war Heinrich bei ihm, und sagte ihm ein paar Worte,
die Georg nicht verstehen konnte. Der Bote schien Einwendungen zu machen,
Heinrich erwiderte, und Georg, der nähergetreten war, konnte es hören. »Ich habe
Sie ja hier vor dem Tor erwartet, weil mich der Arzt dringend darum gebeten hat.
Dieses Telegramm entält ... vielleicht ... eine traurige Nachricht ... und es
könnte für meine Mutter der Tod sein ... nun wenn Sie mir nicht glauben, so
klingeln Sie doch, ich geh mit Ihnen ins Haus.« Aber schon hatte er auch die
Depesche in Händen, öffnete sie hastig und las beim Licht einer Strassenlaterne.
Sein Antlitz blieb völlig unbeweglich. Dann faltete er die Depesche wieder
zusammen, reichte sie dem Boten hin, drückte ihm ein paar Silbermünzen in die
Hand und sagte: »Sie müssen sie doch selbst drin abgeben.«
    Der Bote war befremdet, aber durch das Trinkgeld milde gestimmt. Heinrich
klingelte und wandte sich ab. »Kommen Sie«, sagte er zu Georg. Sie gingen stumm
die Strasse weiter. Nach ein paar Minuten sagte Heinrich: »Es ist geschehen.«
    Georg erschrak heftiger, als er erwartet hätte. »Ist es möglich ...« rief er
aus.
    »Ja«, sagte Heinrich. »Im See hat sie sich ertränkt. In dem See, an dem Sie
heuer im Sommer ein paar Tage gewohnt haben«, setzte er hinzu, in einem Ton, als
trüge Georg nun auch irgendwie einen Teil der Verantwortung für das, was
geschehen war.
    »Was steht in dem Telegramm?« fragte Georg.
    »Es ist vom Direktor. Er hat eben die Nachricht erhalten, dass sie beim
Kahnfahren verunglückt ist. Erbittet nähere Weisungen von der Mutter.« Er sprach
kühl, hart, als läse er eine Notiz aus der Zeitung vor.
    »Die unglückliche Frau! Sollten Sie nicht doch, Heinrich ...«
    »Was ...? Zu ihr? Was soll ich denn bei ihr tun?«
    »Wer denn als Sie, kann ihr jetzt ... und muss ihr beistehen?«
    »Wer denn als ich?« Er blieb stehen. »Sie denken, weil es sozusagen
meinetwegen geschehen ist? Ich erkläre Ihnen hiermit feierlich, dass ich mich
total unschuldig fühle. Der Kahn, aus dem sie sich hat sinken lassen, und die
Wellen, die sie empfangen haben, können sich nicht schuldloser fühlen, als ich.
Das will ich nur feststellen. Aber dass ich zu der Mutter hinein muss ... Ja,
damit haben Sie vollkommen recht.« Und er schlug wieder die Richtung nach dem
Hause ein. »Wenn Sie wollen«, sagte Georg, »so bleibe ich bei Ihnen.« »Was fällt
Ihnen ein, Georg. Gehen Sie nur ruhig nach Hause. Was soll ich noch alles von
Ihnen verlangen? Und grüssen Sie Anna und sagen Sie ihr, wie sehr ich beklage ...
na Sie wissen ja ... Da wären wir. Sie gestatten, dass ich noch ein paar Sekunden
verziehe, ehe ich ...« Er blieb stumm stehen. Dann begann er wieder, und seine
Züge verzerrten sich: »Ich will Ihnen etwas sagen, Georg. Folgendes: Es ist ein
grosses Glück, dass man in gewissen Augenblicken gar nicht weiss, was einem
eigentlich begegnet ist. Wenn man die Unheimlichkeit solcher Augenblicke nämlich
sofort so stark empfände, wie man sie später in der Erinnerung empfinden wird,
oder wie man sie in der Erwartung empfunden hat man würde verrückt. Auch Sie
Georg, ja Sie auch. Und manche werden eben wirklich verrückt. Das sind
wahrscheinlich die Leute, denen die Gabe verliehen ist, sofort richtig zu
empfinden. Meine Geliebte hat sich ertränkt, hören Sie? Es ist nicht anders zu
sagen. Ist wirklich früher andern etwas Ähnliches passiert? O nein. Sie glauben
sicher, dass Sie schon ähnliches gelesen oder gehört haben. Es ist nicht wahr.
Heute das erstemal ... das erstemal, seit die Welt steht, ist so etwas
passiert.«
    Das Tor öffnete sich und fiel wieder zu. Georg stand allein auf der Strasse.
Der Kopf war ihm wirr, das Herz bedrückt. Er ging ein paar Schritte, dann nahm
er einen Wagen und fuhr nach Hause. Er sah die Tote vor sich, so wie sie an
jenem hellen Sommertage vor der Bühnentür gestanden war, in roter Bluse und
kurzem, weissen Rock, mit den irrenden Augen unter dem rötlichen Schopf. Er hätte
damals übrigens geschworen, dass sie mit dem Komödianten, der Guido ähnlich sah,
ein Verhältnis hatte. Vielleicht war es auch so. Das konnte eine Art von Liebe
gewesen sein und was sie für Heinrich fühlte, eine andere. Es gab wirklich viel
zu wenig Worte. Für den einen geht man in den Tod, mit dem andern liegt man im
Bett, vielleicht noch in der Nacht, eh man sich für den einen ertränkt. Und was
beweist ein Selbstmord am Ende? Vielleicht nur, dass man in irgendeinem
Augenblick den Tod nicht recht verstanden hat. Wie wenige versuchen es noch
einmal, wenn es ihnen einmal missglückt ist. Das Gespräch mit Grace fiel ihm ein,
an Labinskis Grab, das glühend-kalte, an dem sonnigen Februartag im schmelzenden
Schnee. In jener Stunde hatte sie ihm gestanden, dass sie von keinem Grauen
erfasst worden war, als sie Labinski erschossen vor ihrer Wohnungstür gefunden
hatte. Und als vor vielen Jahren ihre kleine Schwester gestorben war, hatte sie
eine Nacht lang am Totenbett gewacht, ohne auch nur eine Spur von dem zu
empfinden, was andere Menschen Grauen nannten. Aber etwas, das diesem Gefühle
ähnlich sein mochte, so erzählte sie Georg, hatte sie in der Umarmung von
Männern kennen gelernt. Zuerst war ihr das selbst rätselhaft gewesen, später
glaubte sie es zu verstehen. Sie war nach der Aussage von Ärzten zur
Unfruchtbarkeit bestimmt, und darum musste es wohl geschehen, dass der Augenblick
der höchsten Lust, durch dieses Verhängnis gleichsam sinnlos geworden, ihr wie
in ahnungsvollen Schauder versank. Dies war Georg damals wie ein affektiertes
Gerede erschienen, heute zum erstenmal spürte er einen Hauch von Wahrheit darin.
Sie war ein seltsames Geschöpf gewesen. Ob ihm noch einmal ein Wesen solcher Art
begegnen würde? Warum nicht? Am Ende bald. Nun fing ja eine neue Epoche seines
Lebens an, und irgendwo wartete vielleicht schon das nächste Abenteuer.
Abenteuer ...? Durfte er daran noch denken ...? Hatte er von heute an nicht
ernstere Verpflichtungen als je? Liebte er Anna nicht mehr, als je zuvor ...?
Das Kind war tot ... Aber das nächste würde leben ...! Heinrich hatte wahr
gesprochen: Anna war dazu bestimmt, Mutter zu werden. Mutter ... Aber, dachte er
fröstelnd, ist sie denn auch bestimmt, Mutter meiner Kinder zu werden? ... Der
Wagen hielt. Georg stieg aus, ging die zwei Treppen hinauf in seine Wohnung.
Felician war noch nicht zu Hause. Wer weiss, wann er kommt? dachte Georg. Ich
kann ihn nicht erwarten, ich bin zu müd. Er entkleidete sich rasch, sank ins
Bett, und tiefer Schlaf nahm ihn auf.
    Als er erwachte, suchten seine Augen durchs Fenster, wie er es nun seit
Tagen gewohnt war, eine weisse Linie, zwischen Wald und Wiesen: den
Sommerhaidenweg. Er sah aber nur einen bläulichen, leeren Himmel, in den eine
Turmspitze sich bohrte, mit einemmal wusste er, dass er zu Hause war, und alles,
was er gestern erlebt hatte, fiel ihm ein. Doch fühlte er Leib und Seele
morgenfrisch, und ihm war, als hätte er ausser dem Traurigen, das geschehen war,
sich auch irgendeiner günstigen Sache zu entsinnen. Ach ja. Das Telegramm aus
Detmold ... War das denn etwas so Günstiges? Gestern Abend hatte er es nicht so
empfunden.
    Es klopfte an seine Tür. Felician trat zu ihm ins Zimmer, Hut und Stock in
der Hand. »Ich hab gar nicht gewusst, dass du heute zu Hause geschlafen hast«,
sagte er. »Grüss dich Gott. Also was gibts denn draussen neues?«
    Georg hatte den Arm auf den Polster gestützt und blickte zu seinem Bruder
auf. »Es ist vorüber«, sagte er. »Ein Bub, aber tot.« Und er sah vor sich hin.
    »Geh«, sagte Felician bewegt, trat auf ihn zu und legte unwillkürlich die
Hand auf des Bruders Haupt. Dann tat er Hut und Stock beiseite, setzte sich zu
ihm aufs Bett, und Georg musste an Morgenstunden seiner Kinderjahre denken, da er
beim Erwachen manchmal seinen Vater so am Bettrand sitzen gesehen. Er erzählte
Felician, wie alles gekommen war, sprach insbesondere von Annas Geduld und
Sanftmut, aber mit einem gewissen Unbehagen fühlte er, dass er sich ein wenig
zwingen musste, um seinen Mitteilungen den Ton von Ernst und Gedrückteit zu
bewahren, der ihnen ziemte. Felician hörte mit Anteil zu, erhob sich dann und
ging im Zimmer auf und ab. Indes stand Georg auf, begann Toilette zu machen und
berichtete dem Bruder, wie merkwürdig sich der weitere Verlauf des Abends
gestaltet hatte; sprach von den Gängen und Fahrten mit Heinrich Bermann, und von
der eigentümlichen Art, wie sie endlich von dem Selbstmord der Schauspielerin
erfahren hatten.
    »Ah, das ist die«, sagte Felician. »Es steht nämlich schon in der Zeitung.«
    »Also wie ist es denn geschehen?« fragte Georg neugierig.
    »Sie ist in den See hinausgefahren und hat sich vom Kahn aus ins Wasser
gleiten lassen ... Na, du wirst ja lesen ... Jetzt fährst du wohl gleich wieder
aufs Land hinaus?« fügte er hinzu.
    »Natürlich«, erwiderte Georg. »Aber ich hab dir ja noch was zu sagen,
Felician, was dich interessieren dürfte.« Und er berichtete dem Bruder von dem
Detmolder Telegramm.
    Felician schien erstaunt. »Das wird ja ernst«, rief er aus.
    »Ja, es wird ernst«, wiederholte Georg.
    »Du hast noch nicht geantwortet?«
    »Nein, wie hätt ich können?«
    »Und was gedenkst du zu tun?«
    »Aufrichtig gestanden, ich weiss nicht recht. Du begreifst, dass ich nicht auf
der Stelle hinfahren kann, besonders unter diesen Umständen.«
    Felician schien nachdenklich. »Mit einem kleinen Aufschub wird ja wohl
nichts verloren sein«, sagte er dann.
    »Das denk ich mir auch. Vor allem muss ich wissen, wie's draussen geht. Ich
möchte mich natürlich auch gern mit Anna beraten.«
    »Wo hast du denn das Telegramm, darf man's lesen?«
    »Drin auf dem Schreibtisch liegt's«, sagte Georg, der eben damit beschäftigt
war, sich die Schuhe zuzuschnüren.
    Felician begab sich ins Nebenzimmer, nahm die Depesche zur Hand und las.
»Das ist ja viel dringender«, bemerkte er, »als ich gedacht habe.«
    »Mir scheint, Felician, es kommt dir noch immer merkwürdig vor, dass ich nun
bald einen wirklichen Beruf haben soll.«
    Felician stand wieder bei seinem Bruder, strich ihm übers Haar und sagte:
»Es ist vielleicht eine gute Fügung, dass die Depesche gerade gestern gekommen
ist.«
    »Gut? Inwiefern?«
    »Ich meine, nach so einem trüben Ereignis dürfte dir die Aussicht auf
praktische Betätigung doppelt wohltun ... Aber ich muss dich jetzt leider
verlassen. Ich hab noch eine ganze Menge zu tun; Abschiedsbesuche unter anderm.«
    »Wann fährst du denn, Felician?«
    »Heut in acht Tagen. Sag Georg, du kommst doch heut wahrscheinlich noch vom
Land zurück?«
    »Wenn draussen alles in Ordnung ist, ganz bestimmt.«
    »Wir könnten uns vielleicht am Abend noch treffen?«
    »Das wär mir sehr lieb, Felician.«
    »Also wenn's dir recht ist ich bin von sieben Uhr an zu Hause. Wir können
vielleicht zusammen soupieren, aber allein, nicht im Klub.«
    »Ja, gern.«
    »Und ich möcht dich was bitten«, begann Felician nach kurzem Schweigen
wieder. »Bestell draussen einen Gruss von mir, einen herzlichen ... und sag ihr,
dass ich den innigsten Anteil nehme.«
    »Ich danke dir, Felician, ich werde es ihr ausrichten.«
    »Wirklich, Georg, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr es mich berührt
hat«, fuhr Felician mit Wärme fort. »Ich hoffe nur, sie kommt bald darüber
hinweg ... ... Und du auch.«
    Georg nickte. »Weisst du«, sagte er leise, »wie er hätte heissen sollen?
Felician!«
    Felician sah seinem Bruder ins Auge, sehr ernst, dann drückte er ihm die
Hand. »Aufs nächstemal«, sagte er mit einem guten Lächeln. Noch einmal drückte
er dem Bruder die Hand und ging. Georg sah ihm nach, zwiespältig bewegt. Ganz
unangenehm ist es ihm ja doch nicht, dachte er, dass es so gekommen ist. Rasch
machte er sich fertig und beschloss, heute wieder einmal zu Rad aufs Land zu
fahren.
    Erst als er über die belebteren Strassen hinaus war, kam er zum Gefühl seiner
selbst. Der Himmel hatte sich ein wenig getrübt, und von den Hügeln her wehte
Georg ein kühler Wind wie Herbstgruss entgegen. Er wollte in der kleinen
Ortschaft, wo das gestrige Ereignis jedenfalls schon bekannt geworden war,
niemandem begegnen und nahm den obern Weg zwischen Wiesen und Gärten zum
rückwärtigen Eingang. Je näher der Augenblick kam, da er Anna wiedersehen
sollte, um so schwerer wurde ihm ums Herz. Am Gitter sass er vom Rad ab und
zögerte ein wenig. Der Garten war leer; unten lag das Haus, in Stille versunken.
Georg atmetet tief und schmerzlich auf. Wie anders hätte es sein können! dachte
er, schritt hinab und hörte den Kies unter seinen Füssen knirschen. Er trat auf
die Veranda, lehnte das Rad ans Geländer und schaute durch das offene Fenster
ins Zimmer hinein. Anna lag mit offenen Augen.
    »Guten Morgen«, rief er möglichst heiter.
    Frau Golowski, die an Annas Bett gesessen war, erhob sich und erzählte
gleich: »Gut haben wir geschlafen, fest und gut.«
    »Na, das ist schön«, sagte Georg und schwang sich über die Brüstung ins
Zimmer.
    »Du bist ja sehr unternehmend heute«, sagte Anna mit ihrem verschmitzten
Lächeln, das Georg an längst vergangene Zeiten erinnerte. Frau Golowski teilte
mit, der Professor wäre am frühen Morgen dagewesen, hätte sich vollkommen
zufrieden gezeigt, und Frau Rosner in seinem Wagen mit in die Stadt genommen.
Dann entfernte sie sich, mit guten Blicken.
    Georg beugte sich zu Anna nieder, küsste sie innig auf Augen und auf Mund,
rückte den Stuhl näher, setzte sich und sagte: »Mein Bruder grüsst dich
herzlich.«
    Es zuckte unmerklich um ihre Lippen. »Danke«, erwiderte sie leise und
bemerkte dann: »Du bist ja mit dem Rad herausgekommen?«
    »Ja«, erwiderte er. »Da muss man nämlich auf den Weg aufpassen, was zuweilen
sein Gutes hat.« Dann berichtete er vom Abschluss des gestrigen Abends, erzählte
das Ganze wie eine spannende Geschichte, und erst zum Schluss, wie es sich
gehörte, durfte Anna erfahren, wie Heinrichs Geliebte geendet hatte. Er
erwartete sie bewegt zu sehen, aber sie behielt einen sonderbar harten Zug um
den Mund.
    »Es ist doch furchtbar«, sagte Georg. »Findest du nicht?«
    »Ja«, erwiderte Anna kurz, und Georg fühlte, dass ihre Güte hier völlig
versagte. Er sah den Widerwillen aus ihrer Seele fliessen, nicht lau wie von
einem Wesen zum andern hin, sondern stark und tief, wie einen Strom des Hasses
von Welt zu Welt. Er liess das Tema fallen und begann von neuem: »Jetzt was
Wichtiges, mein Kind.« Er lächelte, hatte aber ein wenig Herzklopfen.
    »Nun?« fragte sie gespannt.
    Er nahm das Detmolder Telegramm aus seiner Brusttasche und las es ihr vor.
»Was sagst du dazu?« fragte er mit gespieltem Stolz.
    »Und was hast du geantwortet?«
    »Noch gar nichts«, erwiderte er beiläufig, als wäre er nicht gesonnen, die
Sache sonderlich ernst zu nehmen. »Ich wollt es natürlich vorher mit dir
besprechen.«
    »Also was denkst du?« fragte sie unbeweglich.
    »Ich ... lehne natürlich ab. Ich depeschiere, dass ich ... in der nächsten
Zeit keineswegs hinkommen könnte.« Und er erläuterte ihr ernstaft, dass mit
einem Aufschub weiter nichts verloren sei, da er ja als Gast jedenfalls
willkommen und diese dringende Aufforderung doch nur einem Zufall zu verdanken
war, auf den zu hoffen man nicht das Recht gehabt hätte.
    Sie liess ihn eine Weile reden, dann sagte sie. »Du bist schon wieder einmal
leichtsinnig. Vor allem find ich, hättest du gleich antworten sollen. Und ...«
    »Nun, und? ... Vielleicht auch gleich heute früh fortfahren, statt zu dir
herauszukommen wie?« scherzte er.
    Sie blieb ernst. »Warum nicht?« sagte sie. Und auf sein befremdetes
Zurückwerfen des Kopfes: »Mir geht es ja Gott sei Dank sehr gut, Georg; und auch
wenn es mir etwas schlechter ginge, helfen könntest du mir ja doch nicht, also
...«
    »Ja, Kind«, unterbrach er sie, »mir scheint, du verstehst gar nicht recht,
um was es sich handelt! Das Hinfahren ist natürlich eine ziemlich einfache Sache
aber das Dortbleiben! Das Dortbleiben mindestens bis Ostern! So lange dauert die
Saison.«
    »Na, dass du nicht fortgefahren bist, ohne mir vorher adieu zu sagen, Georg,
das finde ich natürlich ganz in der Ordnung. Aber siehst du, fort musst du ja
jedenfalls, nicht wahr? Wenn wir auch gerade in der letzten Zeit nicht darüber
gesprochen haben, wir haben's doch beide gewusst. Also ob du in vier Wochen
wegfährst, oder übermorgen oder heute ...«
    Nun begann Georg sich ernstlich zu wehren. Das sei durchaus nicht
gleichgültig, ob in vier Wochen oder heute. Im Laufe von vier Wochen könne man
sich doch mit gewissen Gedanken vertraut machen und überdies alles genau
besprechen hinsichtlich der Zukunft.
    »Was gibt es da viel zu besprechen«, erwiderte sie müd. »In vier Wochen
nimmst du ... kannst du mich ebensowenig mitnehmen als heute. Ich glaube sogar,
dass jede ernstafte Besprechung zwischen uns erst nach deiner Rückkunft einen
Sinn erhalten kann. Bis dahin wird sich mancherlei geklärt haben ... Wenigstens
in Bezug auf deine Aussichten.« Sie blickte zum Fenster hinaus, in den Garten.
Georg zeigte eine gelinde Entrüstung über ihre kühle Sachlichkeit, die sie auch
in einer solchen Stunde nicht verliesse. »Ja wahrhaftig!« sagte er, »wenn man so
bedenkt was das bedeutet, dass du hier bleibst und ich ...«
    Sie sah ihn an. »Ich weiss, was es bedeutet«, sagte sie.
    Unwillkürlich wich er ihrem Blick aus, nahm ihre Hände, küsste sie, war
innerlich aufgewühlt. Als er wieder aufblickte, sah er ihre Augen mütterlich auf
sich ruhen. Und wie eine Mutter sprach sie ihm zu. Sie erklärte ihm, dass er
gerade in Hinsicht auf die Zukunft und es schwebte um dieses Wort kaum wie ein
linder Hauch eigener Hoffnung eine solche Gelegenheit nicht versäumen dürfe. In
zwei oder drei Wochen konnte er ja von Detmold aus auf ein paar Tage wieder nach
Wien zurückkommen. Denn das würden die Leute dort gewiss einsehen, dass er seine
Angelegenheiten hier in Ordnung bringen müsste. Aber vor allem wäre es notwendig,
ihnen einen Beweis seines ernsten Willens zu geben. Und wenn er auf ihren Rat
etwas halte, so gäbe es nur eins: noch heute abends abzureisen. Um sie brauche
er keine Sorge zu hegen, sie fühlte, dass sie ausser jeder Gefahr sei, ganz
untrüglich fühle sie das. Natürlich werde er täglich Nachricht haben, zweimal,
wenn er wollte, früh und abends. Er gab nicht gleich nach, kam nochmals darauf
zurück, dass das Unerwartete dieser Trennung ihn geradezu niederdrücken würde.
Sie erwiderte, dass ihr ein solcher rascher Abschied viel lieber sei, als die
Aussicht auf weitere vier Wochen in Bangen, Rührung und Abschiedsangst. Und das
wesentliche bleibe doch immer: dass es sich um nicht viel mehr handle als ein
halbes Jahr. Dann hatte man wieder ein halbes für sich, und wenn alles gut
ginge, so standen vielleicht nicht mehr viele solcher Trennungszeiten bevor.
    Nun fing er wieder an: »Und was wirst du in diesem halben Jahr tun, während
ich fort bin? Es ist doch ...«
    Sie unterbrach ihn: »Vorläufig wird es schon so weitergehen, wie es eben
jahrelang gegangen ist. Aber ich hab heute früh über vielerlei nachgedacht.«
    »Die Gesangschule?«
    »Auch das. Obzwar das natürlich nicht so leicht ist und nicht so einfach und
überdies«, setzte sie mit ihrem verschmitzten Gesicht hinzu, »es wäre doch
schade, wenn man sie gar zu bald wieder zusperren müsste. Aber über all das
werden wir nachher reden. Jetzt geh einmal telegraphieren.«
    »Ja was?« rief er so verzweifelt aus, dass sie lachen musste. Dann sagte sie:
»Sehr einfach. Werde morgen mittag die Ehre haben, mich in Ihrer Kanzlei
einzufinden. Aller-, alleruntertänigst, oder ergebenst ... oder allerhochmütigst
...«
    Er sah sie an. Dann küsste er ihr die Hand und sagte: »Du bist entschieden
die Gescheitere von uns zweien.« Sein Ton deutete an: auch die Kühlere, aber ein
Blick von ihr, mild, zärtlich und etwas spöttisch, lehnte diesen Nebensinn ab.
    »Also in zehn Minuten bin ich wieder da.« Er verliess sie mit heiterer Stirn,
trat ins Nebenzimmer und schloss die Türe. Gegenüber, hinter jener andern, jetzt
fiel es ihm mit Macht wieder ein, lag sein totes Kind im Sarg ... denn das
»Nötige«, wie gestern Doktor Stauber sich ausgedrückt hatte, war ja wohl schon
besorgt worden. In einer wehen Sehnsucht krampfte sich sein Herz. Frau Golowski
kam aus dem Vorzimmer. Sie trat auf ihn zu, sprach bewundernd von der
Ergebenheit und der Gefassteit Annas. Georg hörte etwas zerstreut zu. Seine
Blicke glitten immerfort über jene Türe hin, und endlich sagte er leise: »Ich
möcht es doch noch einmal sehen.«
    Sie schaute ihn an, leicht erschrocken zuerst und dann mitleidig.
    »Schon zugenagelt?« fragte er angstvoll.
    »Schon fortgeschaft«, erwiderte Frau Golowski langsam.
    »Fortgeschaft?!« Sein Gesicht verzerrte sich mit einmal so peinvoll, dass
die alte Frau wie beruhigend die Hände auf seinen Arm legte. »Ich war in aller
Früh die Anmeldung machen«, sagte sie, »und das andre ist dann sehr schnell
gegangen. Vor einer Stunde hat man's abgeholt in die Totenkammer.«
    In die Totenkammer ... Georg erbebte. Und er schwieg lange, verstört, wie
wenn er eine völlig unerwartete grauenhafte Neuigkeit erfahren hatte. Als er
wieder zu sich kam, fühlte er noch immer die freundliche Hand Frau Golowskis auf
seinem Arm und sah ihren Blick aus übernächtigen, gütigen Augen auf seinem
Antlitz ruhen.
    »Also erledigt«, sagte er, mit einem empörten Blick nach oben, als wär ihm
jetzt erst die letzte Hoffnung tückisch geraubt. Dann reichte er Frau Golowski
die Hand. »Und Sie haben alles das auf sich genommen, liebe gnädige Frau ...
Wahrhaftig ich weiss nicht ... wie ich Ihnen das je ...«
    Eine Bewegung der alten Frau wehrte jeden weitern Dank ab. Georg verliess das
Haus, warf auf den kleinen, blauen Engel, der wie ängstlich zu den verblühten
Beeten niederschaute, einen verächtlichen Blick und trat auf die Strasse. Auf dem
Weg zum Amt überlegte er angestrengt die Fassung des Telegramms, das seine
Ankunft in dem Ort des neuen Berufs und der neuen Verheissung ankündigen sollte.
 
                                Neuntes Kapitel
Der alte Doktor Stauber und sein Sohn sassen beim schwarzen Kaffee. Der Alte
hielt ein Zeitungsblatt in der Hand und schien darin etwas zu suchen. »Der
Termin für den Prozess«, sagte er, »ist noch nicht festgesetzt.«
    »So«, erwiderte Bertold, »Leo Golowski glaubt, dass er Mitte November, also
in etwa drei Wochen stattfinden wird. Terese hat ihren Bruder nämlich vor ein
paar Tagen in der Haft besucht. Er soll vollkommen ruhig sein, geradezu gut
aufgelegt.«
    »Nun wer weiss, vielleicht wird er freigesprochen«, sagte der Alte.
    »Das ist recht unwahrscheinlich, Vater. Er muss eher froh sein, dass er nicht
wegen gemeinen Mords unter Anklage gestellt worden ist. Der Versuch dazu ist ja
für alle Fälle gemacht worden.«
    »Das kann man doch keinen ernstaften Versuch nennen, Bertold. Du siehst,
dass sich die Staatsanwaltschaft um die alberne Verleumdung, auf die du
anspielst, gar nicht gekümmert hat.«
    »Wenn sie es aber als Verleumdung erkannt hat«, entgegnete Bertold scharf,
»so wäre sie verpflichtet gewesen, die Verleumder vor Gericht zu stellen. Im
übrigen leben wir bekanntlich in einem Staat, wo ein Jude nicht davor sicher
ist, wegen Ritualmords zum Tode verurteilt zu werden; warum sollten also die
Behörden vor der offiziösen Annahme zurückscheuen, dass Juden sich bei
Pistolenduellen gegen Christen vielleicht aus religiösen Gründen einen
verbrecherischen Vorteil zu sichern wissen? Dass es der Behörde an dem guten
Willen nicht gefehlt hat, auch diesmal der herrschenden Partei einen Dienst zu
erweisen, das ist am besten daraus zu ersehen, dass die Untersuchungshaft nicht
aufgehoben wurde, trotz der angebotenen hohen Kaution.«
    »Die Geschichte mit der Kaution glaub ich nicht«, sagte der alte Doktor.
»Woher sollte Leo Golowski fünfzigtausend Gulden nehmen?«
    »Es waren nicht fünfzig- sondern hunderttausend, und Leo Golowski weiss bis
heute überhaupt nichts davon. Im Vertrauen kann ich dir sagen, Vater, dass
Salomon Ehrenberg das Geld zur Verfügung gestellt hat.«
    »So? Also da werd ich dir auch was im Vertrauen sagen, Bertold.«
    »Nun?«
    »Es ist möglich, dass es gar nicht zu dem Prozess kommt. Golowskis Advokat hat
ein Abolitionsgesuch eingebracht.«
    Bertold lachte auf. »Deswegen! Und du glaubst, dass das nur die geringste
Aussicht auf günstige Erledigung haben könnte, Vater? Ja, wenn Leo gefallen und
der Oberleutnant am Leben geblieben wär ... dann vielleicht.«
    Der Alte schüttelte ungeduldig den Kopf. »Du musst um jeden Preis
oppositionelle Reden halten, mein Sohn.«
    »Verzeih, Vater«, sagte Bertold mit zuckenden Brauen, »es hat nicht jeder
die beneidenswerte Gabe, von gewissen Erscheinungen im öffentlichen Leben, wenn
sie ihn persönlich nicht angehen, einfach den Blick abzuwenden.«
    »Ist das vielleicht meine Gewohnheit?« entgegnete der Alte heftig, und unter
der hohen Stirn taten die halbgeschlossenen Augen sich fast erbittert auf. »Du,
Bertold, viel eher als ich bist es, der den Blick verschliesst, wo er nicht
sehen will. Ich finde, du fängst an, dich in deine Ideen zu verbohren. Es wird
krankhaft bei dir. Ich habe gehofft, der Aufentalt in einer andern Stadt, in
einem andern Land wird dich von gewissen beschränkten und kleinlichen
Auffassungen kurieren. Aber es ist eher ärger geworden. Ich merk es ja. Dass
einer losschlägt, wie es Leo Golowski getan, das kann ich noch verstehen, so
wenig ich es billigen möchte. Aber immer dastehen, die geballte Faust in der
Tasche, sozusagen, was hat das für einen Zweck? Besinn dich doch auf dich!
Persönlichkeit und Leistung setzen sich am Ende immer durch. Was kann dir Arges
passieren? Dass du um ein paar Jahre später die Professur kriegst als ein
anderer. Das Unglück fänd ich nicht so gross. Deine Arbeiten wird man doch nicht
totschweigen können, wenn sie was wert sind ...«
    »Es kommt ja nicht allein auf mich an!« warf Bertold ein.
    »Aber es handelt sich meist um derartige Interessen zweiten Ranges. Und um
wieder auf unser früheres Tema zu kommen, ob sich auch für den Oberleutnant,
wenn er den Leo Golowski niedergeschossen, ein Ehrenberg oder Ehrenmann mit
hunderttausend Gulden gefunden hätte, das ist sehr die Frage. So, und jetzt
steht es dir frei, auch mich für einen Antisemiten zu halten, wenn's dir Spass
macht, obwohl ich jetzt direkt in die Rembrandtstrasse zur alten Golowski fahre.
Also grüss dich Gott, und werd endlich vernünftig.« Er reichte seinem Sohn die
Hand. Der nahm sie, ohne eine Miene zu verziehen. Der Alte wandte sich zum
Gehen. An der Tür sagte er: »Wir sehen uns wohl abends in der Gesellschaft der
Ärzte?«
    Bertold schüttelte den Kopf. »Nein Vater. Ich verbringe den heutigen Abend
in einem minder gebildeten Lokal, in der silbernen Weintraube, wo eine
Versammlung des sozialpolitischen Vereins stattfindet.«
    »Bei der du nicht fehlen kannst?«
    »Unmöglich.«
    »Na, sag's mir lieber gleich aufrichtig. Du kandidierst für den Landtag?«
    »Ich ... werde kandidiert.«
    »So! Glaubst du dich denn jetzt fähig, den ... Unannehmlichkeiten die Stirn
bieten zu können, vor denen du im vorigen Jahr die Flucht ergriffen hast?«
    Bertold blickte durchs Fenster, in den Herbstregen hinaus. »Du weisst,
Vater«, erwiderte er mit zuckenden Brauen, »dass ich damals nicht in der
richtigen Verfassung gewesen bin. Jetzt fühl ich mich stark und gewappnet ...
trotz deiner früheren Bemerkungen, die doch nicht durchwegs zutreffen. Und vor
allem: ich weiss ganz genau, was ich will.«
    Der Alte zuckte die Achseln. »Ich versteh's ja nicht recht, wie man eine
positive Arbeit aufgeben kann ... Ja du wirst sie aufgeben müssen, denn zwei
Herren kann man nicht dienen ... wie man so was hinwerfen kann, um ... um Reden
zu halten vor Leuten, deren Beruf es sozusagen ist, vorgefasste Meinungen zu
haben hinwerfen, um Überzeugungen zu bekämpfen, an die meistens auch der nicht
glaubt, der vorgibt, sie zu vertreten.«
    Bertold schüttelte den Kopf. »Diesmal, ich versichre dich, Vater, lockt
mich kein rednerischer oder dialektischer Ehrgeiz. Diesmal hab ich mir ein
Gebiet abgesteckt, auf dem es mir hoffentlich möglich sein wird ebenso positive
Arbeit zu leisten wie im Laboratorium. Ich habe nämlich die Absicht, mich, wenn
es irgend geht, um nichts anderes zu kümmern, als um Fragen der öffentlichen
Gesundheitspflege. Für diese Art der politischen Betätigung kann ich vielleicht
sogar auf deinen Segen rechnen, Vater.«
    »Auf meinen ... ja. Aber ob auf deinen eigenen ...?«
    »Wie meinst du das?«
    »Auf den Segen, den man etwa innere Berufung nennen könnte.«
    »Du zweifelst sogar an der?« erwiderte Bertold betroffen.
    Der Diener trat ein und brachte dem alten Doktor eine Visitenkarte. Der las
sie. »Ich stehe gleich zur Verfügung.« Der Diener entfernte sich.
    Bertold, ziemlich erregt, sprach weiter: »Ich darf wohl sagen, dass meine
Vorbildung, meine Kenntnisse ...«
    Der Vater, mit der Karte spielend, unterbrach ihn.
    »Ich zweifle nicht an deinen Kenntnissen, deiner Energie, deinem Fleiss. Aber
mir scheint, um auf dem Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege was besonders
zu leisten, dazu gehört, ausser diesen vortrefflichen Eigenschaften doch noch
eine, von der du meiner Ansicht nach sehr wenig besitzest: Güte, lieber
Bertold, Liebe zu den Menschen.«
    Bertold schüttelte heftig den Kopf »Die Menschenliebe, die du meinst,
Vater, halt ich für ganz überflüssig, eher für schädlich. Das Mitleid und was
kann Liebe zu Leuten, die man nicht persönlich kennt, am Ende anderes sein führt
notwendig zu Sentimentalität, zu Schwäche. Und gerade, wenn man ganzen
Menschengruppen helfen will, muss man gelegentlich hart sein können gegen den
einzelnen, ja muss imstande sein ihn zu opfern, wenn's das allgemeine Wohl
verlangt. Du brauchst nur dran zu denken, Vater, dass die ehrlichste und
konsequenteste Sozialhygiene direkt darauf ausgehen müsste, kranke Menschen zu
vernichten, oder sie wenigstens von jedem Lebensgenuss auszuschliessen. Und ich
leugne gar nicht, dass ich in dieser Richtung allerlei Ideen habe, die auf den
ersten Blick grausam erscheinen könnten. Aber Ideen, glaub ich, denen die
Zukunft gehört. Du brauchst dich nicht zu fürchten, Vater, dass ich gleich damit
beginnen werde, den Mord der Schädlichen und Überflüssigen zu predigen. Aber
philosophisch geht mein Programm ungefähr darauf hinaus. Weisst du übrigens, mit
wem ich neulich über dieses Tema ein sehr interessantes Gespräch gehabt habe?«
    »Was für ein Tema meinst du?«
    »Präzis ausgedrückt: ein Gespräch über das Recht, zu töten. Mit Heinrich
Bermann, dem Schriftsteller, dem Sohn des verstorbenen Abgeordneten.«
    »Wo hast du denn Gelegenheit gehabt, ihn zu sehen?«
    »Neulich in einer Versammlung. Terese Golowski hat ihn mitgebracht. Du
kennst ihn doch auch, nicht wahr, Vater?«
    »Ja«, erwiderte der Alte, »schon lang.« Und er fügte hinzu: »Heuer im Sommer
hab ich ihn wieder gesprochen, bei Anna Rosner.«
    Wieder zuckte es heftig um Bertolds Brauen. Dann sagte er wie höhnisch: »So
was ähnliches hab ich mir gedacht. Bermann erwähnte nämlich, dass er dich vor
einiger Zeit gesehen hätte, wollte sich aber nicht recht erinnern wo. Ich schloss
daraus, es müsste sich um eine diskrete Angelegenheit handeln. Ja. So hat es also
dem Herrn Baron beliebt, seine Freunde bei ihr einzuführen!«
    »Dein Ton, lieber Bertold, lässt vermuten, dass gewisse Dinge bei dir doch
nicht so gänzlich überwunden sind, als du früher angedeutet hast.«
    Bertold zuckte die Achseln. »Ich habe nie geleugnet, dass mir der Baron
Wergentin antipatisch ist. Darum war mir ja diese ganze Geschichte von Anfang
an so peinlich.«
    »Darum?«
    »Ja.«
    »Und doch glaub ich, Bertold, würdest du der Sache anders gegenüberstehen,
wenn du Anna Rosner irgend einmal als Witwe wiederfändest selbst im Fall, dass
dir der verstorbene Gatte noch antipatischer gewesen wäre, als der Freiherr von
Wergentin.«
    »Das ist möglich. Man könnte dann doch annehmen, dass sie geliebt oder
wenigstens respektiert worden ist, nicht genommen und weggeworfen, sobald der
Spass zu Ende war. Das hat für mich etwas ... nun, ich will mich nicht näher
ausdrücken.«
    Der Alte sah seinen Sohn kopfschüttelnd an. »Es scheint wirklich, dass all
die vorgeschrittenen Ansichten von euch jungen Leuten auf der Stelle hinfällig
werden, sobald eure Leidenschaften und Eitelkeiten mit ins Spiel kommen.«
    »In Hinsicht auf gewisse Fragen der Reinheit oder Reinlichkeit weiss ich mich
keiner sogenannten vorgeschrittenen Ansicht schuldig, Vater. Und ich glaube,
auch du wärst nicht sehr entzückt, wenn ich Lust verspürte, der Nachfolger eines
mehr oder weniger verstorbenen Baron Wergentin zu werden.«
    »Gewiss nicht, Bertold. Besonders ihretwegen, denn du würdest sie zu Tode
quälen.«
    »Sei unbesorgt«, erwiderte Bertold. »Anna schwebt in keinerlei Gefahr von
meiner Seite. Es ist vorbei.«
    »Das ist ein guter Grund. Aber zum Glück gibt es einen noch bessern. Der
Baron Wergentin ist weder tot noch durchgegangen ...«
    »Auf das Wort kommt es wohl nicht an.«
    »Er hat, wie dir bekannt ist, eine Stellung in Deutschland als Kapellmeister
...«
    »Das hat sich gut getroffen. Er hat überhaupt viel Glück gehabt in der
ganzen Sache. Nicht einmal für ein Kind sorgen zu müssen!«
    »Du hast zwei Fehler, Bertold. Erstens bist du wirklich ein ungütiger
Mensch, und zweitens lässt du einen nicht ausreden. Ich wollte nämlich sagen, dass
es zwischen Anna und dem Baron Wergentin durchaus nicht aus zu sein scheint.
Erst vorgestern hat sie mir einen Gruss von ihm ausgerichtet.«
    Bertold zuckte die Achseln, als wäre diese Angelegenheit für ihn erledigt.
»Wie geht's denn dem alten Rosner?« fragte er dann.
    »Diesmal kommt er wohl noch durch«, erwiderte der Alte. »Übrigens hoff ich,
Bertold, du hast dir die nötige Objektivität bewahrt, um zu wissen, dass an
seinen Anfällen nicht der Gram um die »ungeratene Tochter« schuld ist, sondern
eine leider ziemlich weit vorgeschrittene Arteriosklerose.«
    »Gibt Anna wieder ihre Lektionen?« fragte Bertold nach einigem Zögern.
    »Ja«, erwiderte der Alte, »aber vielleicht nicht mehr lang.« Und er zeigte
seinem Sohn die Visitenkarte, die er noch immer in der Hand hielt.
    Bertold verzog die Mundwinkel. »Du denkst«, fragte er spöttisch, »er kommt
her, um Hochzeit zu feiern, Vater?«
    »Das werd ich gleich erfahren«, erwiderte der Alte. »Jedenfalls freu ich
mich, ihn wiederzusehen denn ich versichre dich, dass er einer der
sympatischsten jungen Menschen ist, die ich je kennen gelernt habe.«
    »Merkwürdig«, sagte Bertold. »Ein Herzenbezwinger ohnegleichen. Auch
Terese schwärmt für ihn. Und Heinrich Bermann neulich, es war fast komisch ...
Nun ja, ein schöner, schlanker, blonder junger Mann; Freiherr, Germane, Christ
welcher Jude könnte diesem Zauber widerstehen ... Adieu, Vater!«
    »Bertold!«
    »Was denn?« Er biss sich auf die Lippen.
    »Besinn dich auf dich! Wisse, wer du bist.«
    »Ich ... weiss es.«
    »Nein. Du weisst es nicht. Sonst könntest du nicht so oft vergessen, wer die
andern sind.«
    Wie fragend hob Bertold den Kopf.
    »Du solltest einmal zu Rosners hingehen. Es ist deiner nicht würdig, dass du
Anna deine Missbilligung in so kindischer Weise zu erkennen gibst. Auf
Wiedersehen ... Und gute Unterhaltung in der silbernen Weintraube.« Er reichte
dem Sohn die Hand, dann begab er sich in sein Sprechzimmer. Er öffnete die Türe
des Wartesalons und lud Georg von Wergentin, der in einem Album blätterte,
durch eine freundliche Neigung des Kopfes ein, bei ihm einzutreten.
    »Vor allem Herr Doktor«, sagte Georg, nachdem er Platz genommen hatte, »muss
ich mich bei Ihnen entschuldigen. Meine Abreise kam so plötzlich ... Leider
hatte ich keine Gelegenheit mehr, mich bei Ihnen zu verabschieden, Ihnen
persönlich zu danken, für Ihre grosse ...«
    Doktor Stauber wehrte ab. »Es freut mich sehr, Sie wiederzusehen«, sagte er
dann. »Sie sind wohl auf Urlaub hier in Wien?«
    »Natürlich«, erwiderte Georg. »Es ist ein Urlaub von nur drei Tagen. So
dringend brauchen sie mich dort«, setzte er bescheiden lächelnd hinzu.
    Doktor Stauber sass ihm gegenüber im Schreibtischsessel und betrachtete ihn
freundlich. »Sie fühlen sich sehr zufrieden in Ihrer neuen Stellung, wie mir
Anna sagt.«
    »O ja. Schwierigkeiten gibt es natürlich überall, wenn man so plötzlich in
neue Verhältnisse kommt. Aber im ganzen hat sich wirklich alles viel leichter
gemacht, als ich erwartet hätte.«
    »So hör' ich. Auch bei Hof sollen Sie sich ja schon sehr glücklich
eingeführt haben.«
    Georg lächelte. »Diesen Vorgang stellt sich Anna offenbar grossartiger vor,
als er war. Ich habe beim Erbprinzen einmal gespielt; und ein weibliches
Mitglied des Teaters hat dort zwei Lieder von mir gesungen; das ist alles. Viel
wesentlicher ist, dass ich Aussicht habe, noch in dieser Saison zum Kapellmeister
ernannt zu werden.«
    »Ich dachte, Sie wären es schon.«
    »Nein, Herr Doktor, offiziell noch nicht. Ich hab zwar schon ein paarmal
dirigiert, in Vertretung, Freischütz und Undine; aber vorläufig bin ich nur
Korrepetitor.«
    Auf weitere Fragen des Arztes erzählte er noch einiges von seiner
Wirksamkeit an der Detmolder Oper, dann stand er auf und empfahl sich.
    »Vielleicht kann ich Sie eine Strecke in meinem Wagen mitnehmen«, sagte der
Arzt, »ich fahre in die Rembrandtstrasse, zu Golowskis.«
    »Danke sehr, Herr Doktor, das liegt nicht in meiner Richtung. Ich habe
übrigens vor, im Laufe des morgigen Tags Frau Golowski zu besuchen. Sie ist doch
nicht krank?«
    »Nein. Freilich, ganz spurlos sind die Aufregungen der letzten Wochen nicht
an ihr vorübergegangen.«
    Georg erwähnte, dass er gleich nach dem Duell ein paar Worte an sie und auch
an Leo geschrieben hätte. »Wenn man denkt, dass es auch anders hätte ausfallen
können ...«, setzte er hinzu.
    Doktor Stauber sah vor sich hin. »Kinder haben ist ein Glück«, sagte er,
»für das man in Raten bezahlt ... und man weiss bei keiner, ob der da droben
schon zufrieden gestellt ist.«
    An der Tür begann Georg etwas zögernd: »Ich wollte mich auch ... bei Ihnen
erkundigen, Herr Doktor, wie es denn eigentlich mit Herrn Rosner steht ... Ich
muss sagen, ich fand ihn besser aussehend, als ich nach Annas Briefen erwartet
hatte.«
    »Ich hoffe, dass er sich erholen wird«, erwiderte Stauber. »Aber immerhin muss
man bedenken ... er ist ein alter Mann. Sogar älter, als er seinen Jahren nach
sein müsste.«
    »Aber um etwas Ernstes handelt es sich nicht?«
    »Das Alter ist an sich eine ernste Angelegenheit«, entgegnete Doktor
Stauber, »besonders wenn alles, was vorherging, Jugend und Mannheit, auch nicht
sonderlich heiter waren.«
    Georg hatte seine Augen im Zimmer umherschweifen lassen und rief plötzlich
aus: »Da fällt mir ein, Herr Doktor, ich habe Ihnen noch immer nicht die Bücher
zurückgeschickt, die Sie so gut waren, mir im Frühjahr zu leihen. Und jetzt
stehen alle unsere Sachen leider beim Spediteur; die Bücher geradeso wie
Silberzeug, Möbel, Bilder. Also ich muss Sie bitten, Herr Doktor, sich bis zum
Frühjahr zu gedulden.«
    »Wenn Sie keine ärgern Sorgen haben, lieber Baron ...«
    Sie gingen zusammen die Treppe hinunter, und Doktor Stauber erkundigte sich
nach Felician.
    »Er ist in Aten«, erwiderte Georg, »ich hab erst zweimal Nachrichten von
ihm gehabt, noch nicht sehr ausführliche ... Wie sonderbar das ist, Herr Doktor,
so als Fremder in eine Stadt zurückzukommen, in der man vor kurzem noch zu Hause
war, und in einem Hotel zu wohnen, als ein Herr aus Detmold ...«
    Doktor Stauber stieg in den Wagen ein. Georg bat, Frau Golowski vielmals zu
grüssen.
    »Ich werd's ausrichten. Und Ihnen, lieber Baron, wünsch ich weiter viel
Glück. Auf Wiedersehen!«
    Auf der Uhr der Stephanskirche war es fünf. Eine leere Stunde lag vor Georg.
Er beschloss, in dem dünnen, lauen Herbstregen langsam in die Vorstadt
hinauszubummeln, was auch eine Art Erholung bedeutete. Die Nacht im Kupee hatte
er beinahe schlaflos verbracht, und schon zwei Stunden nach seiner Ankunft war
er bei Rosners gewesen. Anna selbst hatte ihm die Tür geöffnet und ihn mit einem
innigen Kuss empfangen, ihn aber gleich ins Zimmer geleitet, wo ihre Eltern ihn
eher höflich als herzlich begrüssten. Die Mutter, befangen und leicht verletzt,
wie immer, sprach nur wenig; der Vater, in der Divanecke sitzend, einen
drapfarbenen Plaid über den Knien, fühlte sich verpflichtet, Erkundigungen nach
den gesellschaftlichen und musikalischen Zuständen der kleinen Residenz
einzuziehen, aus der Georg kam. Dann war er mit Anna eine Weile allein gewesen;
in allzuhastiger Frag- und Antwortrede zuerst, später in matt verlegenen
Zärtlichkeiten, beide wie betroffen, das Glück des Wiedersehens nicht so zu
empfinden, wie die Sehnsucht es versprochen hatte. Sehr bald erschien eine
Schülerin Annas; Georg empfahl sich, und im Vorzimmer vereinbarte er mit der
Geliebten noch rasch ein Rendezvous für heute Abend; er wollte sie von Bittners
abholen und dann mit ihr in die Oper zur Tristanvorstellung gehen, über deren
Neuinszenierung zu berichten sein Intendant ihn gebeten hatte. Dann hatte er
sein Mittagmahl eingenommen, an einem grossen Fenster eines
Ringstrassenrestaurants, Einkäufe und Bestellungen bei seinen Lieferanten
gemacht, Heinrich aufgesucht, den er nicht zu Hause traf, und war endlich dem
plötzlichen Einfall gefolgt, seine Dankvisite bei Doktor Stauber abzustatten.
    Nun spazierte er langsam weiter, durch die Strassen, die ihm so wohlbekannt
waren, und doch schon den Hauch der Fremde für ihn hatten; und er dachte an die
Stadt, aus der er kam und in der er sich rascher heimisch werden fühlte, als er
erwartet hatte. Graf Malnitz war ihm vom ersten Augenblick an mit viel
Freundlichkeit entgegengekommen; er trug sich mit dem Plan, die Oper in modernem
Sinn zu reformieren und wollte sich für seine weitgehenden Absichten in Georg,
wie es diesem schien, einen Mitarbeiter und Freund heranziehen. Denn der erste
Kapellmeister war wohl ein tüchtiger Musiker, aber heute doch schon mehr
Hofbeamter als Künstler. Als Fünfundzwanzigjähriger war er herberufen worden und
sass nun seit dreissig Jahren in der kleinen Stadt, ein Familienvater mit sechs
Kindern, angesehen, zufrieden und ohne Ehrgeiz. Bald nach seiner Ankunft, in
einem Konzert, hatte Georg Lieder singen gehört, die vor langer Zeit den Ruf des
jungen Kapellmeisters beinahe durch die ganze Welt getragen hatten; Georg
vermochte diese heute längst verhallte Wirkung nicht zu begreifen, dennoch
äusserte er sich dem Komponisten gegenüber mit grosser Wärme, aus einer gewissen
Sympatie für den alternden Mann, in dessen Augen der ferne Glanz einer
reicheren und hoffnungsvolleren Vergangenheit zu leuchten schien. Georg fragte
sich manchmal, ob der alte Kapellmeister überhaupt noch daran dachte, dass er
einst als ein zu hohen Zielen Berufener gegolten hatte? Oder ob auch ihm, wie so
manchem andern der Eingesessenen, die kleine Stadt als ein Mittelpunkt erschien,
von dem die Strahlen der Wirksamkeit und des Ruhms weit in die Runde fielen?
Sehnsucht nach grössern und weitern Verhältnissen hatte Georg nur bei wenigen
gefunden; manchmal schien es ihm, als behandelten sie vielmehr ihn mit einer Art
von gutmütigem Mitleid, weil er aus einer Grossstadt, und ganz besonders, weil er
aus Wien kam. Denn wenn der Name dieser Stadt vor den Leuten erklang, merkte es
Georg ihren vergnügten und etwas spöttischen Mienen an, dass, gesetzmässig beinahe
wie die Obertöne auf den Grundton, sofort gewisse andre Worte mitzuschwingen
begannen, auch ohne dass sie ausgesprochen wurden: Walzer ... Kaffeehaus ...
süsses Mädel ... Backhendel ... Fiaker ... Parlamentsskandal. Georg ärgerte sich
manchmal darüber und war sich im übrigen bewusst, das möglichste zu tun, um den
Ruf seiner Landsleute in Detmold zu verbessern. Man hatte ihn berufen, weil der
dritte Kapellmeister, ein noch junger Mensch, plötzlich gestorben war, und so
musste Georg schon am ersten Tag in dem kleinen Probesaal am Klavier sitzen und
zum Gesang begleiten. Es ging vortrefflich; er freute sich seiner Begabung, die
sicherer und stärker war, als er selbst vermutet hatte, und in der Erinnerung
war ihm, als hätte auch Anna sein Talent ein wenig unterschätzt. Überdies war er
mit seinen Kompositionen ernster beschäftigt als je. Er arbeitete an einer
Ouvertüre, die aus Motiven zu der Bermannschen Oper entstanden war, hatte eine
Violinsonate begonnen; und das Quintett, das mytische, wie Else es einmal
genannt hatte, war nahezu vollendet. Noch diesen Winter sollte es aufgeführt
werden, in einer der Kammersoireen, die der Konzertmeister des Detmolder
Orchesters leitete, ein begabter junger Mensch, der einzige, dem Georg sich
bisher in dem neuen Aufentaltsort persönlich etwas näher angeschlossen hatte
und mit dem er im »Elefanten« zu speisen pflegte. Noch bewohnte Georg in diesem
Gastof ein schönes Zimmer, mit der Aussicht auf den grossen, mit Linden
bepflanzten Platz und verschob es von Tag zu Tag eine Wohnung zu mieten. Es war
ja doch ungewiss, ob er im nächsten Jahr noch in Detmold sein würde, und überdies
hatte er das Gefühl, als müsste es Anna verletzen, wenn er sich, wie zu längerem
Aufentalt, als Junggeselle häuslich einrichten wollte. Doch über
Zukunftsmöglichkeiten aller Art hatte er in seinen Briefen an sie kein Wort
geäussert, so wie sie wieder unterliess, ungeduldige oder zweifelnde Fragen an ihn
zu richten. Sie teilten einander beinahe nur Tatsächliches mit: sie schrieb von
ihrer allmählichen Wiederkehr ins alte Lebensgetriebe, er von all dem Neuen, in
das er sich erst hineinfinden musste. Aber obwohl es so gut wie nichts gab, das
er ihr zu verschweigen hatte, so ging er doch über manches, das leicht zu
Missverständnissen Anlass bieten konnte, mit absichtlicher Flüchtigkeit hinweg.
Wie sollte man auch die seltsame Stimmung in Worte fassen, die in dem
halbdunkeln Zuschauerraum webte, vormittags, bei den Proben, wenn der Geruch von
Schminke, Parfüm, Kleidern, Gas, altem Holz und neuen Farben von der Bühne ins
Parkett herunterkam; wenn Gestalten, die man nicht gleich erkannte, in
Alltagstracht oder Kostüm zwischen den Reihen hin und her huschten, wenn irgend
ein Atem einem in den Nacken wehte, der schwül war und duftete? Oder wie sollte
man einen Blick schildern, der aus den Augen einer jungen Sängerin
herniederglänzte, während man eben von den Tasten zu ihr aufschaute ...? Oder,
wenn man diese junge Sängerin am hellichten Mittag über den Teaterplatz und die
Königsstrasse bis vor ihr Haustor begleitete und bei dieser Gelegenheit nicht nur
über die Partie der Micaela sprach, die man soeben mit ihr studiert hatte,
sondern auch über allerlei andre, wenn auch ziemlich harmlose Dinge; konnte man
das einer Geliebten nach Wien berichten, ohne dass sie zwischen den Zeilen
Verdächtiges gesucht hätte? Und auch wenn man betont hätte, dass Micaela verlobt
sei, mit einem jungen Arzt aus Berlin, der sie anbetete, wie sie ihn, so wäre es
kaum besser geworden; denn das hätte ja ausgesehen, als fühlte man sich
verpflichtet, abzulenken und zu beruhigen.
    Wie sonderbar, dachte Georg, dass sie gerade heute Abend wirklich die Micaela
singt, die ich mit ihr studiert habe, und dass ich hier denselben Weg spaziere,
nach Mariahilf hinaus, den ich vor einem Jahr so oft und so gern gegangen bin.
Und er dachte eines ganz bestimmten Abends, da er Anna von da draussen abgeholt
hatte, mit ihr zusammen in stillen Strassen herumspaziert war, unter einem
Haustor komische Photographien betrachtet hatte, und endlich auf den kühlen
Steinfliesen einer alten Kirche gewandelt war, in leisem, wie ahnungsvollem
Gespräch über eine unbekannte Zukunft ... Nun war alles ganz anders gekommen,
als er es geträumt hatte. Anders ... Warum schien ihm das so? ... Was hatte er
damals denn erwartet ...? War dies Jahr, das seiter vergangen war, nicht
wunderbar reich und schön gewesen, mit seinem Glück und mit seinen Schmerzen?
Und liebte er Anna heute nicht besser und tiefer als je? Und in der neuen Stadt,
hatte er sich nicht manchmal nach ihr gesehnt, so heiss, wie nach einer Frau, die
ihm noch niemals gehört hatte? Das Wiedersehen von heute früh, in der übeln
Stimmung einer grauen Stunde, mit seiner matt verlegenen Zärtlichkeit, das
durfte ihn doch nicht irremachen ...
    Er war zur Stelle. Als er zu den erleuchteten Fenstern aufsah, hinter denen
Anna ihre Lektion erteilte, kam eine leichte Ergriffenheit über ihn. Und als sie
in der nächsten Minute aus dem Tor trat, im einfachen, englischen Kleid, den
grauen Filzhut auf dem reichen, dunkelblonden Haar, ein Buch in der Hand, ganz
so wie vor einem Jahr, da durchströmte ihn mit einmal ein unerwartetes Gefühl
von Glück. Sie sah ihn nicht gleich, da er im Schatten eines Hauses stand,
spannte ihren Schirm auf und ging bis zur Ecke, wo er im vorigen Jahr zu warten
gepflegt hatte. Er blickte ihr eine Weile nach und freute sich, wie vornehm und
wie brav sie aussah. Dann folgte er ihr rasch, und nach ein paar Schritten hatte
er sie eingeholt.
    Sie hatte ihm gleich die Mitteilung zu machen, dass sie nicht mit ihm in die
Oper gehen könnte; der Vater hätte sich nachmittags gar nicht wohl befunden.
    Georg war sehr enttäuscht. »Willst du nicht wenigstens auf den ersten Akt
mit mir hineingehen?«
    Sie schüttelte den Kopf. »Nein, so was tu ich nicht gern. Da ist's schon
besser, du schenkst den Sitz einem Bekannten. Hol dir doch Nürnberger oder
Bermann ab.«
    »Nein«, erwiderte er. »Wenn du nicht mitgehst, geh ich lieber allein. Ich
hatte mich so sehr darauf gefreut. Mir persönlich läge gar nicht so viel an der
Vorstellung. Ich bliebe lieber mit dir zusammen ... meinetwegen sogar bei euch
oben; aber ich muss hineingehen, ich habe ja Bericht zu erstatten.«
    »Natürlich musst du hineingehen«, bekräftigte Anna; und sie fügte hinzu: »Ich
möchte dir auch nicht zumuten einen Abend bei uns oben zuzubringen, es ist
wirklich nicht besonders heiter.«
    Er hatte ihr den Schirm aus der Hand genommen, hielt ihn über sie, und sie
hing sich in seinen Arm.
    »Du Anna«, sagte er, »ich möchte dir einen Vorschlag machen.« Er wunderte
sich, dass er nach einer Einleitung suchte, und begann zögernd: »Meine paar Tage
in Wien sind naturgemäss so was Unruhiges, Zerrissenes und jetzt kommt noch diese
gedrückte Stimmung bei euch oben dazu ... wir haben wirklich gar nichts
voneinander, findest du nicht?«
    Sie nickte, ohne ihn anzusehen.
    »Also möchtest du mich nicht eine Strecke begleiten, Anna, wenn ich wieder
abreise?«
    Sie sah ihn in ihrer verschmitzten Art von der Seite an und antwortete
nicht.
    Er sprach weiter: »Ich kann mir nämlich ganz gut noch einen Urlaubstag
herausschlagen, wenn ich ans Teater telegraphiere. Es wär doch wirklich
wunderschön, wenn wir ein paar Stunden für uns allein hätten.«
    Sie gab es zu, herzlich, aber ohne Begeisterung, und machte die Entscheidung
vom Befinden ihres Vaters abhängig. Dann fragte sie ihn, wie er den Tag
verbracht hätte. Er berichtete eingehend und fügte sein Programm für morgen
hinzu. »Wir zwei werden uns also erst am Abend sehen können«, schloss er. »Ich
komme zu euch hinauf, wenn's dir recht ist. Und da besprechen wir dann alles
weitere.«
    »Ja«, sagte Anna und blickte vor sich hin, auf die feuchte bräunlichgraue
Strasse.
    Nochmals versuchte er sie zu überreden, die Oper mit ihm zu besuchen; aber
es war vergeblich. Dann erkundigte er sich nach ihren Gesangsstunden und begann
gleich darauf von seiner eigenen Tätigkeit zu sprechen, als müsste er sie
überzeugen, dass es ihm am Ende nicht viel besser erginge als ihr. Und er wies
auf seine Briefe hin, in denen er ihr alles ausführlich geschrieben hätte.
    »Was das anbelangt«, sagte sie plötzlich ganz hart ... und als er von ihrem
Ton getroffen, unwillkürlich den Kopf zurückwarf: »Was steht denn schon in
Briefen, wenn sie noch so ausführlich sind!«
    Er wusste, woran sie dachte und was sie heute sowenig aussprach, als sie's
jemals getan hatte, und etwas Schweres legte sich ihm aufs Herz. Ruhte nicht
gerade in der Unerbittlichkeit dieses Schweigens alles, was sie verschwieg:
Frage, Vorwurf und Zorn? Heute morgen schon hatte er es gefühlt, und jetzt
fühlte er es wieder, dass in ihr irgend etwas ihm geradezu Feindseliges sich
regte, gegen das sie selbst vergeblich anzukämpfen schien. Heute Morgen erst?
... War es nicht schon viel länger her? Immer vielleicht? Vom ersten Augenblick
an, da sie einander gehört hatten und auch in den Zeiten ihres höchsten Glücks?
War dies Feindselige nicht dagewesen, als sie bei Orgelklängen, hinter dunkeln
Vorhängen ihre Brust an seine gedrängt, als sie in dem Hotelzimmer zu Rom ihn
erwartet, mit geröteten Augen, während er beglückt von dem Monte Pincio aus die
Sonne in der Campagna versinken gesehen und, einsam, die wundervollste Stunde
der Reise zu geniessen gewähnt hatte? War es nicht dagewesen, als er an einem
heissen Morgen den Kiesweg hinangelaufen, ihr zu Füssen gesunken war und in ihrem
Schoss geweint hatte, wie in einer Mutter Schoss; und als er an ihrem Bette
gesessen war und in den abendlichen Garten hinausgeblickt hatte, während drin
auf dem weissen Linnen ein totes Kind lag, das sie eine Stunde zuvor geboren, war
es nicht wieder dagewesen, düsterer als je und kaum zu tragen, wenn man sich
nicht längst damit abgefunden hätte, wie mit so mancher Unzulänglichkeit, so
manchem Weh, das aus den Tiefen menschlicher Beziehungen emporstieg? Und jetzt,
wie schmerzlich fühlte er's, während er Arm in Arm mit ihr, sorglich den Schirm
über sie haltend, die feuchte Strasse weiterspazierte, jetzt war es wieder da;
drohend und vertraut. Noch klangen die Worte in seinem Ohr, die sie gesprochen
hatte: Was steht denn in Briefen, wenn sie noch so ausführlich sind? ... Aber
ernstere klangen für ihn mit: Was bedeutet am Ende auch der glühendste Kuss, in
dem sich Leib und Seele zu vermischen scheinen? Was bedeutet es am Ende, dass wir
monatelang durch fremde Länder miteinander gereist sind? Was bedeutet es, dass
ich ein Kind von dir gehabt habe? Was bedeutet es, dass du dich über deinen
Betrug in meinem Schosse ausgeweint hast? Was bedeutet das alles, da du mich doch
immer allein gelassen hast ... allein auch in dem Augenblick, da mein Leib den
Keim des Wesens eintrank, das ich neun Monate in mir getragen, das dazu bestimmt
war, als unser Kind bei fremden Leuten zu leben und das nicht auf Erden hat
bleiben wollen.
    Aber während all dies schwer in seine Seele sank, gab er ihr mit leichten
Worten zu, dass sie wirklich nicht unrecht hätte, und dass Briefe und seien sie
selbst zwanzig Seiten lang nicht sonderlich viel entalten könnten; und während
ein peinigendes Mitleid mit ihr in ihm aufquoll, sprach er linde die Hoffnung
auf eine Zeit aus, in der sie auf Briefe beide nicht mehr angewiesen sein
würden. Und dann fand er zärtlichere Worte, erzählte von seinen einsamen
Spaziergängen in der Umgebung der fremden Stadt, wo er ihrer dächte; von den
Stunden in dem gleichgültigen Hotelzimmer, mit dem Blick auf den
lindenbepflanzten Platz und von seiner Sehnsucht nach ihr, die immer da war, ob
er allein über seiner Arbeit sass, oder Sänger am Klavier begleitete oder mit
neuen Bekannten plauderte. Aber als er mit ihr vor dem Haustor stand, ihre Hand
in der seinen, und ihr mit einem heitern »Auf Wiedersehen« in die Augen blickte,
sah er betroffen in ihnen eine müde, kaum mehr schmerzliche Enttäuschung
verglimmen. Und er wusste: Alle die Worte, die er zu ihr gesprochen, nichts,
weniger als nichts hatten sie ihr zu bedeuten gehabt, da das einzige, das kaum
mehr erwartete und immer wieder ersehnte doch nicht gekommen war.
    Eine Viertelstunde später sass Georg auf seinem Parkettsitz in der Oper,
zuerst noch ein wenig verdrossen und matt; bald aber strömte die Freude des
Geniessens durch sein Blut. Und als Brangäne ihrer Herrin den Königsmantel um die
Schultern warf, Kurwenal das Nahen des Königs meldete und das Schiffsvolk auf
dem Verdeck im Glanz des aufleuchtenden Himmels dem Land entgegenjauchzte, da
wusste Georg längst nichts mehr von einer übel verbrachten Nacht im Kupee, von
langweiligen Bestellungsgängen, von einem recht gezwungenen Gespräch mit einem
alten, jüdischen Doktor und von einem Spaziergang über feuchtes Pflaster, in dem
das Licht der Laternen sich spiegelte, an der Seite einer jungen Dame, die brav,
vornehm und etwas gedrückt aussah. Und als der Vorhang zum erstenmal gefallen
war und das Licht den rotgoldenen Riesenraum durchflutete, fühlte er sich
keineswegs in unangenehmer Weise ernüchtert, sondern es war ihm vielmehr, als
tauchte er sein Haupt von einem Traum in den andern; und eine Wirklichkeit, die
von allerhand Bedenklichem und Kläglichem erfüllt war, floss irgendwo draussen
machtlos vorbei. Niemals, so schien es ihm, hatte die Atmosphäre dieses Hauses
ihn so sehr beglückt wie heute; nie war seiner Empfindung so offenbar gewesen,
dass alle Menschen für die Dauer ihres Hierseins in geheimnisvoller Weise gegen
allen Schmerz und allen Schmutz des Lebens gefeit waren. Er stand auf seinem
Eckplatz vorn im Mittelgang, sah manchen wohlgefälligen Blick auf sich gerichtet
und war sich bewusst, hübsch, elegant und sogar etwas ungewöhnlich auszusehen.
Und war nebstbei auch das erfüllte ihn mit Befriedigung ein Mensch, der einen
Beruf, eine Stellung hatte, und selbst hier, im Teater, mit Auftrag und
Verantwortung gewissermassen als Abgesandter einer deutschen Hofbühne sass. Er
blickte mit dem Opernglas umher. Aus den hintern Parkettsitzen grüsste ihn
Gleissner mit einem etwas zu vertraulichen Kopfnicken, und schien gleich nachher
der neben ihm sitzenden jungen Dame die Personalien Georgs zu erläutern. Wer
mochte sie sein? War es die Dirne, die der mit Seelen experimentierende Dichter
zur Heiligen, oder war es die Heilige, die er zur Dirne machen wollte? Schwer zu
entscheiden, dachte Georg. In der Mitte des Wegs mochten sie ja ungefähr gleich
ausschauen. Georg fühlte die Linsen eines Opernglases auf seinem Scheitel
brennen. Er sah auf. Else war es, die von einer Ersten-Stock-Loge auf ihn
herabschaute. Frau Ehrenberg sass neben ihr, und zwischen ihnen beugte sich ein
hochgewachsener junger Mann über die Brüstung, der kein anderer war, als James
Wyner. Georg verbeugte sich und zwei Minuten später trat er in die Loge,
freundlich, aber keineswegs mit Erstaunen begrüsst. Else in schwarz samtnem,
ausgeschnittenem Kleid, eine schmale Perlenkette um den Hals, mit einer etwas
fremden, aber interessanten Frisur streckte ihm die Hand entgegen. »Wieso sind
Sie denn eigentlich da? Urlaub? Entlassung? Flucht?«
    Georg erklärte es kurz und wohlgelaunt.
    »Es war übrigens nett«, sagte Frau Ehrenberg, »dass Sie uns ein Wort aus
Detmold geschrieben haben.«
    »Das hätte er auch nicht tun sollen?« bemerkte Else, » da hätt man ja
glauben können, dass er mit irgendwem nach Amerika durchgegangen ist.«
    James stand mitten in der Loge, gross, hager, gemeisselten Antlitzes, das
dunkle, glatte Haar seitlich gescheitelt. »Nun sagen Sie Georg, wie fühlen Sie
in Detmold?«
    Else sah zu ihm auf, mit gesenkten Wimpern. Sie schien entzückt von seiner
Art, das Deutsche noch immer so zu sprechen, als müsste er sich's aus dem
Englischen übersetzen. Immerhin nützte sie es zu einem Witz aus und sagte: »Wie
Georg in Detmold fühlt? Ich fürchte, James, deine Frage ist indiskret.« Dann
wandte sie sich an Georg: »Wir sind nämlich verlobt.«
    »Es sind noch keine Karten ausgeschickt«, fügte Frau Ehrenberg hinzu.
    Georg brachte seine Glückwünsche dar.
    »Frühstücken Sie doch morgen bei uns«, sagte Frau Ehrenberg. »Sie treffen
nur ein paar Leute, die sich gewiss alle sehr freuen würden Sie wiederzusehen.
Sissy, Frau Oberberger, Willy Eissler.«
    Georg entschuldigte sich. Er könne sich für keine bestimmte Stunde binden,
aber im Lauf des Nachmittags wenn irgend möglich wollte er sich gern einfinden.
    »Nun ja«, sagte Else leise, ohne ihn anzusehen und hatte den einen Arm mit
dem langen weissen Handschuh lässig auf der Brüstung liegen, »Mittag verbringen
Sie wahrscheinlich im Familienkreise.«
    Georg tat, als wenn er nichts gehört hätte, und lobte die heutige
Vorstellung. James äusserte, dass er »Tristan« mehr liebe als alle andern Opern
von Wagner, die »Meistersinger« mit inbegriffen.
    Else bemerkte einfach: »Es ist ja wunderschön, aber eigentlich bin ich gegen
Liebestränke und solche Geschichten.«
    Georg erklärte, dass der Liebestrank hier als Symbol aufzufassen sei, worauf
Else sich auch gegen Symbole eingenommen aussprach. Das erste Zeichen zum
zweiten Akt war gegeben. Georg verabschiedete sich, eilte hinunter und hatte
eben Zeit, seinen Platz einzunehmen, eh der Vorhang aufging. Er erinnerte sich
wieder, in welch halboffizieller Eigenschaft er heute im Teater sässe, und
beschloss, sich den Eindrücken nicht länger ohne Widerstand hinzugeben. Bald
gelang es ihm zu entdecken, dass die Liebesszene doch noch ganz anders
herauszubringen wäre, als es hier geschah; und gar nicht einverstanden war er
damit, dass Melot, durch dessen Hand Tristan sterben musste, hier von einem Sänger
zweiten Ranges dargestellt wurde, wie übrigens beinahe überall. Nach dem zweiten
Fallen des Vorhangs erhob er sich mit einer gewissen Steigerung des
Selbstgefühls, blieb auf seinem Platze stehen und sah manchmal zu der
Ersten-Stock-Loge auf, aus der Frau Ehrenberg ihm wohlwollend zunickte, während
Else mit James sprach, der mit gekreuzten Armen unbeweglich hinter ihr stand. Es
fiel Georg ein, dass er morgen James' Schwester wiedersehen würde. Ob sie noch
manchmal jener wunderbaren Nachmittagsstunde im Park dachte, in der dunkelgrünen
Schwüle des Parks, im warmen Duft von Moos und Tannen? Wie fern dies war! Dann
erinnerte er sich eines flüchtigen Kusses im nächtlichen Schatten der
Gartenmauer von Lugano. Wie fern auch das! Er dachte des Abends unter den
Platanen, und das Gespräch über Leo fiel ihm wieder ein. Eigentlich hätte man
schon damals allerlei vorhersehen können. Ein merkwürdiger Mensch dieser Leo,
wahrhaftig! Wie er seinen Plan in sich verschlossen gehalten hatte! Denn der
musste natürlich längst festgestanden haben. Und offenbar hatte Leo nur den Tag
abgewartet, an dem er die Uniform ablegen durfte, um ihn auszuführen. Auf den
Brief, den Georg ihm geschrieben gleich, nachdem er die Nachricht von dem Duell
erhalten hatte, war keine Antwort gekommen. Er nahm sich vor, Leo in der Haft zu
besuchen, wenn es möglich wäre.
    Ein Herr in der ersten Reihe grüsste. Ralph Skelton war es. Georg
verständigte sich durch Zeichen mit ihm, dass sie einander nach Schluss der
Vorstellung treffen wollten.
    Die Lichter verlöschten, das Vorspiel zum dritten Akt begann. Georg hörte
müde Meereswellen an ein ödes Ufer branden und die wehen Seufzer eines totwunden
Helden in bläulich dünne Luft verwehen. Wo hatte er dies nur zum letztenmal
gehört? War es nicht in München gewesen? ... Nein, es konnte noch nicht so lange
her sein. Und plötzlich fiel ihm die Stunde ein, da auf einem Balkon, unter
hölzernem Giebel die Blätter der Tristanpartitur vor ihm offen gelegen waren.
Drüben zwischen Wald und Wiese war ein besonnter Weg zum Friedhof hingezogen,
ein Kreuz hatte golden geblinkt; unten im Hause hatte eine geliebte Frau in
Schmerzen aufgestöhnt, und ihm war weh ums Herz gewesen. Und doch, auch diese
Erinnerung hatte ihre schwermutvolle Süssigkeit, wie alles, was völlig vergangen
war. Der Balkon, der kleine, blaue Engel zwischen den Blumen, die weisse Bank
unter dem Birnbaum ... wo war das nun alles! Noch einmal musste er jenes Haus
wiedersehen, einmal noch, ehe er Wien verliess.
    Der Vorhang hob sich. Sehnsüchtig tönte die Schalmei, unter einem blass und
gleichgültig hingespannten Himmel, im Schatten von Lindenästen schlummerte der
verwundete Held, und ihm zu Häupten wachte Kurwenal, der treue. Die Schalmei
schwieg, über die Mauer beugte sich fragend der Hirt und Kurwenal gab Antwort.
Wahrhaftig, das war eine Stimme von besonderen Klang. Wenn wir solch einen
Bariton hätten, dachte Georg. Und mancherlei andres, was uns fehlt! Wenn man ihm
nur die nötige Macht in die Hand gäbe, er fühlte sich berufen im Laufe der Zeit
aus dem bescheidenen Teater, an dem er wirkte, eine Bühne ersten Ranges zu
machen. Er träumte von Musteraufführungen, zu denen die Menschen von allen
Seiten strömen müssten; nicht mehr als Abgesandter sass er nun da, sondern als
einer, dem es vielleicht beschieden war, selber in nicht allzu fernen Tagen
Leiter zu sein. Weiter und höher liefen seine Hoffnungen. Vielleicht nur ein
paar Jahre vergingen und selbstgefundene Harmonien klangen durch einen
festlich-weiten Raum; und die Hörer lauschten ergriffen, wie heute diese hier,
während irgendwo draussen eine schale Wirklichkeit machtlos vorbeifloss. Machtlos?
Das war die Frage! ... Wusste er denn, ob ihm gegeben war Menschen durch seine
Kunst zu zwingen, wie dem Meister, der sich heute hier vernehmen liess? Sieger zu
werden über das Bedenkliche, Klägliche, Jammervolle des Alltags? Ungeduld und
Zweifel wollten aus seinem Innern emporsteigen; doch rasch bannten Wille und
Einsicht sie von dannen, und nun fühlte er sich wieder so rein beglückt wie
immer, wenn er schöne Musik hörte, ohne daran zu denken, dass er selbst oft als
Schöpfer wirken und gelten wollte. Von allen seinen Beziehungen zu der geliebten
Kunst blieb in solchen Augenblicken nur die eine übrig, sie mit tieferem
Verstehen aufnehmen zu dürfen, als irgend ein anderer Mensch. Und er fühlte, dass
Heinrich die Wahrheit gesprochen hatte, als sie zusammen durch einen von
Morgentau feuchten Wald gefahren waren: nicht schöpferische Arbeit, die
Atmosphäre seiner Kunst allein war es, die ihm zum Dasein nötig war; kein
Verdammter war er wie Heinrich, den es immer trieb zu fassen, zu formen, zu
bewahren, und dem die Welt in Stücke zerfiel, wenn sie seiner gestaltenden Hand
entgleiten wollte.
    Isolde, in Brangänens Armen, war tot über Tristans Leiche hingesunken, die
letzten Töne verklangen, der Vorhang fiel. Georg warf einen Blick nach der Loge
im ersten Stock. Else stand an der Brüstung, den Blick zu ihm herabgerichtet,
während James ihr den dunkelroten Mantel um die Schultern legte, und jetzt erst,
nach einem Kopfnicken, so rasch, als hätte es niemand bemerken sollen, wandte
sie sich dem Ausgang zu. Merkwürdig, dachte Georg, von weitem hat ihre Haltung,
hat manche ihrer Bewegungen so etwas ... melancholisch-romanhaftes. Da erinnert
sie mich am ehesten an das Zigeunermädel aus Nizza, oder an das seltsame junge
Wesen, mit dem ich in Florenz vor der Tizianischen Venus gestanden bin ... Hat
sie mich jemals geliebt? Nein. Und auch ihren James liebt sie nicht. Wen denn?
... Vielleicht ... war es doch der verrückte Zeichenlehrer in Florenz? Oder
keiner. Oder gar Heinrich?
    Im Foyer traf er Skelton. »Also wieder zurückgekehrt?« fragte dieser.
    »Nur auf ein paar Tage«, erwiderte Georg. Es stellte sich heraus, dass
Skelton nicht recht gewusst hatte, was mit Georg vorging und ihn auf einer Art
musikalischer Studienreise durch deutsche Städte geglaubt hatte. Nun war er
ziemlich erstaunt zu hören, dass Georg sich auf Urlaub hier befände und sich die
Neuinszenierung des »Tristan« sozusagen im Auftrag des Intendanten angesehen
hätte.
    »Ist es Ihnen recht?« sagte Skelton, »ich bin verabredet mit Breitner; im
Imperial, weisser Saal.«
    »Famos«, erwiderte Georg, »ich wohne dort.«
    Doktor von Breitner rauchte schon eine seiner berühmten Riesenzigarren, als
die beiden Herren an seinem Tisch erschienen. »Was für eine Überraschung«, rief
er aus, als Georg ihn begrüsste. Ihm war es bekannt, dass Georg als Kapellmeister
in Düsseldorf wirkte.
    »Detmold«, sagte Georg, und er dachte: Sonderlich viel beschäftigen sich die
Leute hier ja nicht mit mir ... Aber was tut's.
    Skelton erzählte von der Tristanvorstellung, und Georg erwähnte, dass er
Ehrenbergs gesprochen hatte.
    »Wissen Sie, dass Oskar Ehrenberg sich auf dem Weg nach Indien oder Ceilon
befindet?« fragte Doktor von Breitner.
    »So?«
    »Und was glauben Sie mit wem?«
    »Wohl in weiblicher Gesellschaft.«
    »Ja, das natürlich, ich höre sogar, sie haben fünf oder sieben Weiber mit.«
    »Wer sie?«
    »Oskar Ehrenberg ... und raten Sie einmal ... Na, der Prinz von Guastalla.«
    »Nicht möglich!«
    »Komisch was? Sie haben sich heuer in Ostende oder in Spa sehr angefreundet.
Cherchez ... und so weiter. Wie es nämlich Frauenzimmer gibt, derentwegen man
sich schlägt, so scheint es wieder andre zu geben, über die man sich gleichsam
die Hände reicht. Sie haben nun gemeinschaftlich Europa verlassen. Vielleicht
gründen sie ein Königreich auf irgend einer Insel, und Oskar Ehrenberg wird
Minister.«
    Willy Eissler war erschienen, blassgelb im Gesicht, übernächtig und heiser.
»Grüss Sie Gott Baron, verzeihen Sie, dass ich nicht paff bin, aber ich habe schon
gehört, dass Sie da sind. Irgendwer hat Sie in der Kärtnerstrasse gesehen.«
    Georg bat Willy, seinem Vater vom Grafen Malnitz Grüsse zu bestellen er
selbst hätte diesmal leider keine Zeit, den alten Herrn aufzusuchen, dem er wie
er mit bescheidner Koketterie bemerkte seine Stellung in Detmold verdanke.
    »Was Ihre Zukunft anbelangt, lieber Baron«, sagte Willy, »hab ich mir nie
Sorgen gemacht, besonders seit ich im vorigen Jahr oder ist es schon länger her?
Ihre Lieder von der Bellini hab singen hören. Aber dass Sie sich entschlossen
haben Wien zu verlassen, das war eine gute Idee von Ihnen. Hier hätte man Sie
jedenfalls noch einige Jahrzehnte lang für einen Dilettanten gehalten. Das ist
schon einmal nicht anders in Wien. Ich kenne das. Wenn die Leute wissen, dass
einer aus guter Familie ist, nebstbei Sinn für schöne Krawatten, gute Zigaretten
und verschiedene andre Annehmlichkeiten des Daseins hat, so glauben sie ihm die
Künstlerschaft nicht. Ohne ein Zeugnis von draussen werden Sie hier nicht ernst
genommen ... also bringen Sie nur bald einige glänzende mit, Baron.«
    »Ich werde mich bemühen«, sagte Georg.
    »Haben die Herren übrigens schon das Neueste gehört«, begann Willy wieder.
»Leo Golowski, wissen Sie, der Einjährige, der den Oberleutnant Sefranek
erschossen hat, ist frei.«
    »Aus der Untersuchungshaft entlassen?« fragte Georg.
    »Nein, ganz frei ist er. Sein Advokat hat ein Abolitionsgesuch an den Kaiser
eingereicht, das ist heute günstig erledigt worden.«
    »Unglaublich«, rief Breitner.
    »Warum wundern Sie sich denn so, Breitner?« meinte Willy. »Es kann doch auch
einmal etwas Vernünftiges geschehen in Österreich.«
    »Duell ist nie vernünftig«, sagte Skelton, »und daher kann auch eine
Begnadigung wegen Duells nicht vernünftig sein.«
    »Duell, lieber Skelton, ist entweder etwas viel Schlimmeres oder viel
Besseres als vernünftig«, erwiderte Willy. »Entweder ein ungeheuerlicher
Blödsinn oder eine unerbittliche Notwendigkeit. Entweder ein Verbrechen oder
eine erlösende Tat. Vernünftig ist es nicht und braucht es nicht zu sein. In
Ausnahmefällen kann man mit der Vernunft überhaupt nichts anfangen. Und dass in
einem Fall, wie der, von dem wir grad sprechen, das Duell unvermeidlich war, das
werden auch Sie zugeben, Skelton.«
    »Absolut«, sagte Breitner.
    »Ich kann mir ein Staatswesen denken«, bemerkte Skelton, »in dem selbst
Differenzen solcher Art vor Gericht ausgeglichen würden.«
    »Solche Differenzen vor Gericht! O fröhlich! ... Glauben Sie wirklich,
Skelton, dass in einem Fall, wo es sich nicht um Besitz- und Rechtsfragen
handelt, sondern wo sich Menschen mit einem ungeheuern Hass gegenüberstehen,
glauben Sie wirklich, dass da mit Geld- oder Arreststrafen ein Ausgleich
geschaffen werden könnte? Es hat schon seinen tiefen Sinn, meine Herren, dass
Duellverweigerung in solchen Fällen bei allen Leuten, die Temperament, Ehre und
Aufrichtigkeit in sich haben, stets als Feigheit gelten wird. Bei den Juden
wenigstens«, setzte er hinzu. »Denn bei den Katoliken ist es bekanntlich immer
nur die Frömmigkeit, die sie abhält sich zu schlagen.«
    »Kommt sicher vor«, sagte Breitner schlicht.
    Georg wünschte zu wissen, wie sich die Sache zwischen Leo Golowski und dem
Oberleutnant abgespielt hätte.
    »Ja richtig«, sagte Willy, »Sie sind ja ein Zugereister. Also der
Oberleutnant hat das ganze Jahr hindurch diesen Leo Golowski erheblich kuranzt
und zwar ...«
    »Die Vorgeschichte kenn ich«, unterbrach Georg, »zum Teil aus direkter
Quelle.«
    »Ach so. Also am ersten Oktober war die Vorgeschichte, um bei diesem
Ausdruck zu bleiben, zu Ende; das heisst, Leo Golowski hat das Freiwilligenjahr
hinter sich gehabt. Und am zweiten in der Früh hat er sich vor die Kaserne
hingestellt und ruhig gewartet, bis der Oberleutnant aus dem Tor gekommen ist.
In diesem Moment ist er auf ihn zugetreten, der Oberleutnant greift nach seinem
Säbel, Leo Golowski packt ihn aber bei der Hand, lässt sie nicht aus, hält ihm
die andere Faust vor die Stirn und damit war das Weitere so ziemlich gegeben.
Übrigens wird auch erzählt, dass Leo dem Oberleutnant folgende Worte ins Gesicht
geschleudert haben soll ... ich weiss nicht recht, ob's wahr ist.«
    »Welche Worte?« fragte Georg neugierig.
    »Gestern, Herr Oberleutnant, sind Sie mehr gewesen als ich, jetzt sind wir
vorläufig einmal gleich aber morgen um die Zeit wird wieder einer von uns mehr
sein, als der andere.«
    »Etwas talmudisch«, bemerkte Breitner.
    »Das müssen Sie freilich am besten beurteilen können, Breitner«, erwiderte
Willy und erzählte weiter: »Also am nächsten Morgen in den Auen bei der Donau
war das Duell. Dreimaliger Kugelwechsel. Zwanzig Schritte ohne Avance. Wenn
resultatlos, Säbel bis zur Kampfunfähigkeit ... Die ersten Schüsse hüben und
drüben fehlen, und nach dem zweiten ... nach dem zweiten ist der Golowski
richtig bedeutend mehr gewesen als der Oberleutnant denn der war nichts, weniger
als nichts; ein toter Mann.«
    »Armer Teufel«, sagte Breitner.
    Willy zuckte die Achseln. »Es ist halt einmal einer an den Unrechten
gekommen. Mir tut er auch leid. Aber man muss doch sagen, es stände manches
anders in Österreich, wenn alle Juden entsprechenden Falls sich so zu benehmen
wüssten wie der Leo Golowski. Leider ...«
    Skelton lächelte. »Sie wissen Willy, vor mir darf man nichts gegen die Juden
sagen, ich liebe sie. Und es täte mir leid, wenn man sich entscheiden wollte die
Judenfrage durch eine Reihe von Zweikämpfen zu lösen, denn dann würde am Ende
von dieser vortrefflichen Rasse kein einziges männliches Exemplar übrigbleiben.«
    Am Ende des Gesprächs musste Skelton zugeben, dass das Duell in Österreich
vorläufig nicht abzuschaffen wäre. Aber er erlaubte sich die Frage, ob das
gerade für das Duell und nicht vielmehr gegen Österreich spräche, da doch manche
andere Länder, er wollte aus Bescheidenheit keines nennen, seit Jahrzehnten den
Zweikampf nicht mehr kennten. Und ob er zu weit gehe, wenn er sich gestatte,
Österreich, in dem er sich übrigens seit sechs Jahren wahrhaft zu Hause fühle,
als das Land der sozialen Unaufrichtigkeiten zu bezeichnen. Hier wie nirgends
anderswo gebe es wüsten Streit ohne Spur von Hass und eine Art von zärtlicher
Liebe, ohne das Bedürfnis der Treue. Zwischen politischen Gegnern existierten
oder entwickelten sich lächerliche persönliche Sympatien; Parteifreunde
hingegen beschimpften, verleumdeten, verrieten einander. Nur bei wenigen fände
man ausgesprochene Ansichten über Dinge oder Menschen, jedenfalls seien auch
diese wenigen allzuschnell bereit, Einschränkungen zu machen, Ausnahmen gelten
zu lassen. Man habe hier beim politischen Kampf geradezu den Eindruck, wie wenn
die scheinbar erbittertsten Gegner, während die bösesten Worte hinüber und
herüberflögen, einander mit den Augen zuzwinkerten: »Es ist nicht so schlimm
gemeint.«
    »Was glauben Sie, Skelton«, fragte Willy, »zwinkern sie auch, wenn die
Kugeln hin und herfliegen?«
    »Sie täten's wohl, Willy, wenn nicht der Tod hinter ihnen stünde. Aber
dieser Umstand beeinflusst nicht die Gesinnung, sondern nur die Haltung, denk ich
mir.«
    Sie sassen noch lange Zeit zusammen und plauderten fort. Georg hörte allerlei
Neuigkeiten. Er erfuhr unter anderm, dass Demeter Stanzides den Kauf des Gutes an
der ungarisch-kroatischen Grenze abgeschlossen habe, und dass die Rattenmamsell
einem freudigen Ereignis entgegensehe. Willy Eissler war gespannt auf das
Ergebnis dieser Rassenkreuzung und vergnügte sich indes damit, Namen für das zu
erwartende Kind zu erfinden, wie Israel Pius oder Rebekka Portiunkula.
    Später begab sich die ganze Gesellschaft ins benachbarte Kaffeehaus, Georg
spielte mit Breitner eine Partie Billard; dann ging er auf sein Zimmer. Im Bett
notierte er sich eine Stundeneinteilung für den nächsten Tag und sank endlich in
einen Schlaf, der tief und köstlich wurde.
    Am Morgen mit dem Tee brachte man ihm die abends vorher bestellte Zeitung
und ein Telegramm. Der Intendant bat ihn über einen Sänger zu berichten. Es war
zur Befriedigung Georgs derjenige, den er gestern als Kurwenal gehört hatte.
Ferner wurde ihm freigestellt »zur bequemen Ordnung seiner Angelegenheiten« drei
Tage über den bedungenen Urlaub auszubleiben, da zufällig eine Änderung des
Spielplans dies gestatte. Wirklich charmant, dachte Georg. Es fiel ihm ein, dass
er seine eigene Absicht, um Verlängerung des Urlaubs zu depeschieren, vollkommen
vergessen hatte. Nun hab ich ja noch mehr Zeit für Anna, als ich geglaubt hätte,
dachte er. Man könnte vielleicht ins Gebirge. Die Herbsttage sind schön und
mild. Auch wäre man jetzt überall ziemlich allein und ungestört. Aber, wenn
wieder ein Malheur passiert! Ein Malheur passiert! So und nicht anders waren ihm
die Worte durch den Sinn geflogen. Er biss sich auf die Lippen. So stellte sich
die Sache mit einem Male für ihn dar? Ein Malheur ... Wo war die Zeit, da er,
mit Stolz beinahe, sich als ein Glied in der endlosen Kette gefühlt hatte, die
von Urahnen zu Urenkeln ging? Und ein paar Augenblicke lang erschien er sich wie
ein Herabgekommener der Liebe, etwas bedenklich und bedauernswert.
    Er durchflog die Zeitung. Durch einen kaiserlichen Gnadenakt war die
Untersuchung gegen Leo Golowski eingestellt, gestern Abend war er aus der Haft
entlassen worden. Georg freute sich sehr und beschloss Leo noch heute zu
besuchen. Dann setzte er ein Telegramm an den Grafen auf und berichtete mit
vornehmer Ausführlichkeit über die gestrige Aufführung. Als er auf die Strasse
trat, war es beinahe elf Uhr geworden. Die Luft war herbstlich kühl und klar.
Georg fühlte sich ausgeschlafen, frisch und wohlgelaunt. Der Tag lag
hoffnungsreich vor ihm und versprach allerlei Anregung. Nur irgend etwas störte
ihn, ohne dass er gleich wusste, was es wäre. Ach ja, ... der Besuch in der
Paulanergasse, die trübseligen Räume, der kranke Vater, die verletzte Mutter.
Ich werde Anna einfach abholen, dachte er, mit ihr spazieren gehen und irgendwo
mit ihr soupieren. Er kam an einem Blumenladen vorbei, kaufte wundervolle
dunkelrote Rosen, und mit einer Karte, auf die er schrieb: »Tausend Morgengrüsse,
auf Wiedersehen«, liess er sie an Anna senden. Als er dies getan hatte, war ihm
leichter. Dann begab er sich durch die Strassen der innern Stadt zu dem alten
Hause, in dem Nürnberger wohnte. Er stieg die fünf Stockwerke hinauf. Eine
huschelige, alte Magd mit dunklem Kopftuch öffnete und liess ihn in das Zimmer
ihres Herrn treten. Nürnberger stand am Fenster mit leicht gesenktem Kopf, in
dem braunen, hochgeschlossenen Sacco, das er daheim zu tragen liebte. Er war
nicht allein. Von dem Schreibtisch aus einem alten Armstuhl erhob sich eben
Heinrich, ein Manuskript in den Händen. Georg wurde herzlich empfangen.
    »Sollte Ihr Eintreffen in Wien mit der Direktionskrise in der Oper im
Zusammenhang stehen?« fragte Nürnberger. Er liess diese Bemerkung nicht ohne
weiteres als Spass gelten. »Ich bitte Sie«, sagte er, »wenn kleine Jungen, die
ihre Beziehungen zur deutschen Literatur bis vor kurzem nur durch den
regelmässigen Besuch eines Literatenkaffees zu dokumentieren in der Lage waren,
als Dramaturgen an Berliner Bühnen berufen werden, so sähe ich keinen Anlass zum
Staunen, wenn der Baron Wergentin, nach der immerhin mühevollen,
sechswöchentlichen Kapellmeisterkarriere an einem deutschen Hofteater, im
Triumph an die Wiener Oper geholt würde.«
    Georg stellte zur Steuer der Wahrheit fest, dass er nur einen kurzen Urlaub
erhalten, um seine Wiener Angelegenheiten zu ordnen; und vergass nicht zu
erwähnen, dass er gestern die neue Tristaninszenierung gewissermassen im Auftrag
seiner Intendanz gesehen habe; doch lächelte er dazu mit Selbstironie. Dann gab
er einen kurzen und ziemlich humoristischen Auszug seiner bisherigen Erlebnisse
in der kleinen Residenz. Auch das Konzert bei Hof berührte er spöttisch, als sei
er fern davon, seiner Stellung, seinen bisherigen Erfolgen, den Teaterdingen,
ja dem Leben überhaupt besondere Wichtigkeit beizumessen. So wollte er vor allem
seine Position Nürnberger gegenüber gesichert haben. Dann kam das Gespräch auf
die Haftentlassung Leo Golowskis. Nürnberger freute sich dieses unverhofften
Ausgangs, lehnte es jedoch ab, sich darüber zu wundern, da in der Welt und ganz
besonders in Österreich bekanntlich stets das Unwahrscheinlichste zum Ereignis
werde. Dem Gerücht von Oskar Ehrenbergs Yachtfahrt mit dem Prinzen, das Georg
als neuen Beweis für die Richtigkeit von Nürnbergers Auffassung vorbrachte,
wollte er anfangs trotzdem wenig Glauben schenken. Doch gab er am Ende die
Möglichkeit zu, da ja seine Phantasie, wie er seit langem wusste, von der
Wirklichkeit immer wieder übertroffen würde.
    Heinrich sah auf die Uhr. Es war Zeit für ihn sich zu empfehlen.
    »Hab ich die Herren nicht gestört?« fragte Georg. »Ich glaube, Sie haben was
vorgelesen, Heinrich, als ich kam.«
    »Ich war schon zu Ende«, erwiderte Heinrich.
    »Den letzten Akt lesen Sie mir morgen vor, Heinrich«, sagte Nürnberger.
    »Ich denke nicht daran«, erwiderte Heinrich lachend. »Wenn die zwei ersten
Akte im Teater so durchgefallen wären, wie jetzt vor Ihnen, lieber Nürnberger,
so könnte man das Ding doch auch nicht zu Ende spielen. Nehmen wir an,
Nürnberger, Sie seien entsetzt aus dem Parkett ins Freie gestürzt. Den
Hausschlüssel und die faulen Eier erlass ich Ihnen.«
    »Donnerwetter!« rief Georg aus.
    »Sie übertreiben wieder einmal, Heinrich«, sagte Nürnberger. »Ich habe mir
nur erlaubt, einige Einwendungen vorzubringen«, wandte er sich an Georg, »das
ist alles. Aber er ist ein Autor!«
    »Es kommt alles auf die Auffassung an«, sagte Heinrich. »Es ist schliesslich
auch nichts andres als eine Einwendung gegen das Leben eines Mitmenschen, wenn
man ihm mit der Hacke den Schädel einschlägt, nur eine ziemlich wirksame.« Er
deutete auf sein Manuskript und wandte sich zu Georg. »Wissen Sie, was das ist?
Meine politische Tragikomödie. Kranzspenden dankend verbeten.«
    Nürnberger lachte. »Ich versichre Sie, Heinrich, aus dem Sujet wäre noch
immer was ganz Famoses zu machen. Sie könnten beinah die ganze Szenenführung
beibehalten und eine Anzahl von Figuren. Sie müssten sich nur dazu entschliessen,
bei Wiederaufnahme Ihres Planes weniger gerecht zu sein.«
    »Das ist aber doch eigentlich schön«, sagte Georg, »dass er gerecht ist.«
    Nürnberger schüttelte den Kopf. »Überall mag man es sein nur nicht im
Drama.« Und sich wieder an Heinrich wendend: »In solch einem Stück, das eine
Zeitfrage behandelt, oder gar mehrere, wie es Ihre Absicht war, werden Sie mit
der Objektivität nie was erreichen. Das Publikum im Teater verlangt, dass die
Temen, die der Dichter anschlägt, auch erledigt werden, oder dass wenigstens
eine Täuschung dieser Art erweckt werde. Denn natürlich gibt's nie und nimmer
eine wirkliche Erledigung. Und scheinbar erledigen kann eben nur einer, der den
Mut oder die Einfalt oder das Temperament hat, Partei zu ergreifen. Sie werden
schon darauf kommen, lieber Heinrich, dass es mit der Gerechtigkeit im Drama
nicht geht.«
    »Wissen Sie, Nürnberger«, sagte Heinrich, »es ging vielleicht auch mit der
Gerechtigkeit. Ich glaub, ich hab nur nicht die richtige. In Wirklichkeit hab
ich nämlich gar keine Lust gerecht zu sein. Ich stell mir's sogar wunderschön
vor ungerecht zu sein. Ich glaube, es wäre die allergesündeste Seelengymnastik,
die man nur treiben könnte. Es muss so wohl tun, die Menschen, deren Ansichten
man bekämpft, auch wirklich hassen zu können. Es erspart einem gewiss sehr viel
innere Kraft, die man viel besser auf den Kampf selbst verwenden dürfte. Ja,
wenn man noch die Gerechtigkeit des Herzens hätte ... Ich hab sie aber nur da«,
und er deutete auf seine Stirn. »Ich stehe auch nicht über den Parteien, sondern
ich bin gewissermassen bei allen oder gegen alle. Ich hab nicht die göttliche
Gerechtigkeit, sondern die dialektische. Und darum ...«, er hielt sein
Manuskript in die Höhe, »ist da auch so ein langweiliges und unfruchtbares
Geschwätz herausgekommen.«
    »Weh dem Manne«, sagte Nürnberger, »der sich erdreistete derartiges über Sie
zu schreiben.«
    »Na ja«, erwiderte Heinrich lächelnd. »Wenn's ein anderer sagt, kann man nie
den leisen Verdacht unterdrücken, dass er recht haben könnte. Aber nun muss ich
wirklich gehen. Grüss Sie Gott, Georg. Ich bedaure sehr, dass Sie mich gestern
verfehlt haben. Wann reisen Sie denn wieder ab?«
    »Morgen.«
    »Aber man sieht Sie doch noch vor Ihrer Abreise? Ich bin heute den ganzen
Nachmittag und Abend zu Hause, kommen Sie, wann es Ihnen passt. Sie werden einen
Menschen finden, der sich mit Entschlossenheit von den Zeitfragen ab und wieder
den ewigen Problemen zugewandt hat: Tod und Liebe ... Glauben Sie übrigens an
den Tod, Nürnberger? Hinsichtlich der Liebe frag ich schon gar nicht.«
    »Dieser für Ihre Verhältnisse doch etwas zu billige Witz«, sagte Nürnberger,
»lässt mich vermuten, dass Sie sich durch meine Kritik, trotz Ihrer sehr würdigen
Haltung ...«
    »Nein, Nürnberger, ich schwöre Ihnen, ich bin nicht verletzt. Ich habe sogar
eher ein angenehmes Gefühl, dass die Sache abgetan ist.«
    »Abgetan? Warum denn? Es ist doch immerhin möglich, dass ich mich geirrt habe
und dass gerade diesem Stück, das ich für minder gelungen halte, auf dem Teater
ein Erfolg beschieden wäre, der Sie zum Millionär machen kann. Ich wäre
trostlos, wenn durch meine vielleicht ganz unmassgebliche Kritik ...«
    »Gewiss, gewiss, Nürnberger, das müssen wir nun schon einmal alle und in jedem
einzelnen Fall auf uns nehmen, dass wir uns geirrt haben können. Und nächstens
schreib ich doch wieder ein Stück und zwar mit folgendem Titel: Mir macht
niemand was weiss und ich mir selber erst recht nicht ... und Sie, Nürnberger,
werden der Held sein.«
    Nürnberger lächelte. »Ich? Das heisst, Sie werden einen Menschen hernehmen,
den zu kennen Sie sich einbilden, werden diejenigen Seiten seines Wesens zu
schildern versuchen, die Ihnen gerade in den Kram passen andre unterschlagen,
mit denen Sie nichts anfangen können, und am Ende ...«
    »Am Ende«, unterbrach ihn Heinrich, »wird es ein Porträt sein, aufgenommen
von einem irrsinnigen Photographen durch einen verdorbenen Apparat, während
eines Erdbebens und bei Sonnenfinsternis. Einverstanden oder fehlt noch was?«
    »Die Charakteristik dürfte erschöpfend sein«, sagte Nürnberger.
    Heinrich nahm Abschied in überlauter Lustigkeit und entfernte sich mit
seinem zusammengerollten Manuskript.
    Als er fort war, bemerkte Georg: »Seine Laune kommt mir doch ein bisschen
gekünstelt vor.«
    »Finden Sie? Ich hab ihn in der letzten Zeit immer auffallend gut gestimmt
gefunden.«
    »Wirklich gut gestimmt? Glauben Sie das ernstlich? Nach dem, was er erlebt
hat?«
    »Warum nicht? Menschen, die sich so viel, fast ausschliesslich mit sich
selbst beschäftigen wie er, verwinden ja seelische Schmerzen überraschend
schnell. Auf solchen Naturen, und wohl nicht nur auf solchen, lastet das
geringfügigste physische Unbehagen viel drückender, als jede Art von
Herzenspein, selbst Untreue und Tod geliebter Personen. Es rührt wohl daher, dass
jeder Seelenschmerz irgendwie unserer Eitelkeit schmeichelt, was man von einem
Typhus oder einem Magenkatarrh nicht behaupten kann. Und beim Künstler kommt
vielleicht dazu, dass aus einem Magenkatarrh absolut nichts zu holen ist ...
wenigstens vor kurzem stand das noch ziemlich fest ... aus Seelenschmerzen
hingegen alles, was man nur will, vom lyrischen Gedichte bis zu philosophischen
Werken.«
    »Es gibt doch wohl Seelenschmerzen recht verschiedener Art«, erwiderte
Georg. »Und es ist doch noch etwas anderes, wenn uns eine Geliebte betrügt oder
verlässt ... und selbst wenn sie eines natürlichen Todes stirbt, als wenn sie
sich unseretwegen umbringt.«
    »Sie wissen ganz bestimmt?« fragte Nürnberger, »dass Heinrichs Geliebte sich
seinetwegen umgebracht hat?«
    »Hat Ihnen denn Heinrich nicht erzählt ...?«
    »Allerdings. Aber das beweist nicht viel. In Hinsicht auf Dinge, die uns
selber angehen, sind wir immer Tröpfe, auch die Klügsten unter uns.«
    Solche Bemerkungen aus Nürnbergers Munde hatten für Georg etwas seltsam
Beunruhigendes. Sie gehörten in die Reihe jener, die Nürnberger nicht ungern
vernehmen liess und die, wie Heinrich sich einmal ausgedrückt hatte, den Sinn
jedes menschlichen Verkehrs, ja aller menschlichen Beziehungen geradezu
aufhoben.
    Nürnberger sprach weiter: »Wir kennen nur zwei Tatsachen. Die eine, dass
unser Freund einmal mit einer jungen Dame ein Verhältnis gehabt und die andere,
dass diese junge Dame sich ins Wasser gestürzt hat. Von allem, was dazwischen
liegt, ist uns beiden so gut wie nichts und Heinrich wahrscheinlich nicht viel
mehr bekannt. Warum sie sich umgebracht hat, können wir alle nicht wissen, und
vielleicht hat die Arme selbst es auch nicht gewusst.«
    Georg sah durchs Fenster, erblickte Dächer, Schornsteine, verwitterte Röhren
und ziemlich nah den hellgrauen Turm mit der durchbrochenen Steinkuppel. Der
Himmel darüber war blass und leer. Es fiel Georg plötzlich auf, dass Nürnberger
noch mit keinem Wort nach Anna gefragt hatte. Was mochte er wohl vermuten? Am
Ende, dass Georg sie verlassen und sie sich schon mit einem andern Liebhaber
getröstet hätte? Warum bin ich nach Wien gefahren, dachte er flüchtig, wie wenn
seine Reise keinen andern Zweck gehabt hätte, als sich von Nürnberger
Aufschlüsse über das Dasein erteilen zu lassen, die nun schlimm genug
ausgefallen waren. Es schlug zwölf. Georg nahm Abschied. Nürnberger begleitete
ihn bis an die Tür und dankte ihm für den Besuch. Mit Herzlichkeit, als hätte
das frühere Gespräch über Georgs neuen Aufentaltsort überhaupt keine Geltung zu
beanspruchen, erkundigte er sich nach der Beschäftigung, den Arbeiten, den neuen
Bekannten Georgs und erfuhr jetzt erst, welchem Zufall Georg seine plötzliche
Berufung nach der kleinen Stadt zu verdanken hatte.
    »Das ist's ja, was ich immer sage«, bemerkte er dann, »nicht wir sind's, die
unser Schicksal machen, sondern meist besorgt das irgendein Umstand ausser uns,
auf den wir keinerlei Einfluss zu nehmen in der Lage waren, ja den wir nicht
einmal in den Kreis unserer Berechnungen einbeziehen konnten. Ist es schliesslich
... bei aller Schätzung Ihres Talents darf ich es wohl sagen ist es Ihr
Verdienst oder das des alten Eissler, von dessen Verwendung in Ihrer Sache Sie
mir einmal erzählt haben, dass Sie telegraphisch nach Detmold beschieden wurden
und dort so rasch Ihren Wirkungskreis gefunden haben? Nein. Ein Unschuldiger,
Ihnen Unbekannter musste eines plötzlichen Todes sterben, damit Sie dort den
Platz frei finden durften. Und welche andern Dinge, auf die Sie gleichfalls
keinen Einfluss nehmen und die Sie nicht vorhersehen konnten, mussten eintreten,
um Sie von Wien leichten Herzens, ja um Sie überhaupt von hier scheiden zu
lassen?!«
    »Wieso leichten Herzens?« fragte Georg befremdet.
    »Leichteren Herzens, als unter andern Umständen, mein ich. Wenn das kleine
Geschöpf am Leben geblieben wäre, wer weiss ob Sie ...«
    »Sie können überzeugt sein, auch dann wär ich fortgefahren. Und Anna hätte
es geradeso natürlich gefunden, wie sie es jetzt findet. Glauben Sie das nicht?
Vielleicht wär ich sogar leichtern Herzens abgereist, wenn jene Sache anders
ausgegangen wäre. Anna war es ja, die mir zugeredet hat anzunehmen. Ich war
durchaus nicht entschlossen. Sie ahnen gar nicht, was für ein gutes und kluges
Wesen Anna ist.«
    »O ich zweifle nicht daran. Nach allem, was Sie mir gelegentlich von ihr
erzählt haben, hat sie sich ja anscheinend auch in ihre Situation mit mehr Würde
gefunden, als junge Damen aus ihren Kreisen bei solchen Gelegenheiten sonst
aufzubringen pflegen.«
    »Lieber Herr Nürnberger, die Situation war ja nicht so furchtbar.«
    »Ach, sagen Sie das nicht. Wenn sie auch durch Ihre Noblesse und
Rücksichtnahme sehr gemildert war, seien Sie überzeugt, das Fräulein hat gewiss
öfter in dieser Zeit das Unregelmässige in ihrer Situation empfunden. Es gibt
wohl kein weibliches Wesen, und dächte es noch so kühn und überlegen, das in
einem solchen Fall nicht lieber den Ring am Finger trüge. Und es spricht eben
wieder für die kluge und vornehme Gesinnung Ihrer Freundin, dass sie Sie das
niemals hat merken lassen und dass sie auch die bittre Enttäuschung am Ende
dieser gewiss nicht ausschliesslich süssen neun Monate mit Fassung und Ruhe
hingenommen hat.«
    »Enttäuschung ist ein mildes Wort. Schmerzen wäre vielleicht das
richtigere.«
    »Es war wohl beides. Doch wie meistens wird wohl auch hier die brennende
Wunde des Schmerzes schneller verheilt sein, als die quälende, bohrende der
Enttäuschung.«
    »Ich verstehe Sie nicht recht.«
    »Nun daran, lieber Georg, werden Sie doch nicht zweifeln, dass Sie sehr bald,
am Ende schon heute, verheiratet wären, wenn das kleine Wesen am Leben geblieben
wäre.«
    »Und Sie glauben, dass jetzt, weil wir kein Kind haben ... ja Sie scheinen
der Ansicht zu sein, dass ... dass ... es überhaupt aus ist? Sie sind vollkommen
im Irrtum, aber vollkommen, lieber Freund.«
    »Lieber Georg«, erwiderte Nürnberger, »wir wollen lieber beide von der
Zukunft nicht reden. Weder Sie noch ich wissen es, wo in diesem Augenblick ein
Faden zu unserm Schicksal gesponnen wird. Sie haben auch in dem Augenblick, als
jener Kapellmeister vom Schlag gerührt wurde, nicht das geringste verspürt. Und
wenn ich Ihnen jetzt Glück wünsche zu Ihrer weiteren Laufbahn, so weiss ich
nicht, auf wen ich mit diesem Glückwunsch vielleicht den Tod herabgefleht habe.«
    Auf dem Flur nahmen sie Abschied. Auf die Stiege rief Nürnberger Georg nach:
»Lassen Sie gelegentlich was von sich hören.«
    Georg wandte sich noch einmal um: »Und Sie, tun Sie desgleichen! ...« Er sah
nur noch die abwehrend-resignierte Handbewegung Nürnbergers, lächelte
unwillkürlich und eilte hinab. An der nächsten Ecke nahm er einen Wagen. Auf dem
Weg zu Golowskis dachte er über Nürnberger und Bermann nach. Was für ein
seltsames Verhältnis das zwischen ihnen war! Vor Georg erschien ein Bild, das er
ähnlich irgend einmal in einem Traum gesehen zu haben glaubte. Die zwei sassen
sich gegenüber; jeder hielt dem andern einen Spiegel vor, darin sah der andere
sich selbst mit einem Spiegel in der Hand, und in dem Spiegel wieder den andern
mit dem Spiegel in der Hand und so fort in die Unendlichkeit. Kannte da einer
noch den andern, kannte einer noch sich selbst? Georg wurde schwindlig zumute.
Dann dachte er an Anna. Sollte Nürnberger wieder einmal recht behalten? War es
denn wirklich aus? Konnte es überhaupt jemals enden? Jemals? ... Das Leben ist
lang! Aber waren schon die nächsten Monate bedenklich? Micaela vielleicht ...
Nein. Das war nicht schwer zu nehmen, wie immer es kommen sollte. Und zu Ostern
war er ja wieder in Wien, dann kam der Sommer; man blieb zusammen. Und dann? Ja
was dann? Vermählung? Herrn Rosners und Frau Rosners Schwiegersohn, Josefs
Schwager! Ach, was ging ihn die Familie an. Anna war es doch, die seine Frau
sein würde, das gütige, sanfte, kluge Wesen.
    Der Wagen hielt vor einem ziemlich neuen, hässlichen, gelb angestrichenen
Haus, in einer breiten, einförmigen Gasse. Georg hiess den Kutscher warten und
trat ins Tor. Im Innern sah das Haus recht verwahrlost aus; Mörtel war an vielen
Stellen von den Mauern abgebröckelt, und die Stiegen waren schmutzig. Aus
einigen Küchenfenstern roch es nach schlechtem Fett. Auf dem Gang im ersten
Stock unterhielten sich zwei dicke Jüdinnen in einem für Georg unerträglichen
Jargon, und die eine sagte zu einem Buben, den sie an der Hand hielt: »Moritz,
lass den Herrn vorbei.« Warum sagt sie das, dachte Georg. Es ist ja Platz genug.
Offenbar will sie sich mit mir verhalten. Als wenn ich ihr schaden oder nützen
könnte. Und ein Wort Heinrichs aus einem verflossenen Gespräch fiel ihm ein:
»Feindesland«.
    Ein Dienstmädchen liess ihn in ein Zimmer treten, das er sofort als das Leos
erkannte. Bücher und Papiere auf dem Schreibtisch, das Klavier offen, auf dem
Divan eine geöffnete Reisetasche, die noch nicht ganz ausgepackt war. In der
nächsten Minute öffnete sich die Tür; Leo trat herein, umarmte den Gast und
küsste ihn so rasch auf beide Wangen, dass der so herzlich Begrüsste gar nicht dazu
kam, verlegen zu werden. »Das ist lieb von Ihnen«, sagte Leo und schüttelte ihm
beide Hände.
    »Sie können sich gar nicht denken, wie ich mich gefreut habe ...«, begann
Georg.
    »Ich glaub's Ihnen ... aber bitte kommen Sie mit mir weiter, wir sind
nämlich noch beim Essen aber gleich fertig.«
    Er führte ihn ins Nebenzimmer. Die Familie war um den Tisch versammelt. »Ich
glaube, meinen Vater kennen Sie noch nicht«, bemerkte Leo und stellte die beiden
einander vor. Der alte Golowski stand auf, legte die Serviette fort, die er um
den Hals gebunden hatte, und reichte Georg die Hand.
    Dieser wunderte sich, dass der alte Mann vollkommen anders aussah, als er
sich ihn vorgestellt hatte; nicht patriarchalisch, graubärtig und ehrwürdig,
sondern glattrasiert und mit breit verschlagenen Mienen glich er am ehesten
einem alternden Provinzkomiker. »Ich freu mich sehr, Herr Baron, Sie kennen zu
lernen«, sagte er, und in seinen listigen Augen stand zu lesen: »Ich weiss doch
alles.«
    Terese stellte hastig die üblichen Fragen an Georg, wann er gekommen wäre,
wie lange er bliebe, wie es ihm ginge; er antwortete geduldig und liebenswürdig,
und sie sah ihm neugierig-lebhaft ins Gesicht. Dann fragte er Leo nach dessen
Absichten für die nächste Zeit.
    »Vor allem werd ich fleissig Klavier spielen müssen, um mich vor meinen
Schülern nicht zu blamieren. Die Leute sind ja sehr nett gegen mich gewesen.
Bücher hab ich gehabt, soviel ich wollte. Aber ein Klavier haben sie mir doch
nicht zur Verfügung gestellt.« Er wandte sich an Terese: »Das solltest du in
einer deiner nächsten Reden unbedingt geisseln. Diese schlechte Behandlung der
Untersuchungshäftlinge muss abgestellt werden.«
    »Gestern um die Zeit«, sagte der alte Golowski, »war ihm wirklich noch nicht
zum Lachen.«
    »Wenn du vielleicht glaubst«, meinte Terese, »dass der Glücksfall, der dir
begegnet ist, meine Ansichten ändern wird, so irrst du dich gewaltig. Im
Gegenteil.« Und zu Georg gewandt fuhr sie fort: »Teoretisch bin ich nämlich
absolut dagegen, dass sie ihn herausgelassen haben.« Sie sprach wieder zu Leo
hin: »Wenn du den Kerl, wie es ja dein gutes Recht gewesen wäre, einfach
totgeschlagen hättest, ohne diese ekelhafte Duellkomödie, wärst du nie frei
geworden, sässest deine fünf bis zehn Jahre ab, heilig. Weil du dich aber auf
dieses grauenvolle, vom Staat konzessionierte Hazardspiel um Leben und Tod
eingelassen, weil du dich also vor der militärischen Weltanschauung geduckt
hast, bist du begnadigt worden. Hab ich nicht recht?« wandte sie sich wieder an
Georg.
    Der nickte nur und dachte an den armen jungen Menschen, den Leo erschossen
und der eigentlich gar nichts anderes gegen die Juden gehabt hatte, als dass sie
ihm so zuwider gewesen waren, wie schliesslich den meisten Menschen und dessen
Schuld im Grunde nur darin bestanden hatte, dass er an den Unrechten gekommen
war. Leo strich seiner Schwester übers Haar und sagte: »Siehst du, wenn du das,
was du hier in diesen vier Wänden gesagt hast, nächstens öffentlich
aussprächest, dann würdest du mir imponieren.«
    »Na und du mir«, erwiderte Terese, »wenn du dir morgen samt dem alten
Ehrenberg ein Billett nach Jerusalem löstest.«
    Sie standen vom Tisch auf. Leo lud Georg ein, mit ihm in sein Zimmer zu
kommen.
    »Stör' ich euch?« fragte Terese. »Ich möcht nämlich auch was von ihm
haben.«
    Sie sassen alle drei in Leos Zimmer und plauderten. Leo schien sich der
wiedergewonnenen Freiheit unbedenklich und reuelos zu freuen, was Georg
sonderbar berührte. Terese sass auf dem Divan, in einem dunkeln anliegenden
Kleid und sah heute zum erstenmal wieder der jungen Dame ähnlich, die in Lugano
als die Geliebte eines Kavallerieoffiziers unter einer Platane Asti getrunken
und nachher einen anderen geküsst hatte. Sie bat Georg Klavier zu spielen. Noch
nie hatte sie ihn gehört. Er setzte sich hin, spielte einiges aus Tristan und
phantasierte dann mit glücklicher Eingebung. Leo sprach seine Anerkennung aus.
    »Wie schade, dass er nicht dableibt«, sagte Terese und kreuzte, an der Wand
lehnend, die Hände über ihrer hohen Frisur.
    »Zu Ostern komm ich wieder«, erwiderte Georg und sah sie an.
    »Aber doch nur, um wieder zu verschwinden«, sagte Terese.
    »Das wohl«, entgegnete Georg, und es fiel ihm plötzlich auf die Seele, dass
hier nicht mehr seine Heimat war, dass er nun überhaupt keine mehr hatte, für
lange Zeit.
    »Wie wär's«, sagte Leo, »wenn wir im Sommer eine gemeinsame Wanderung
unternähmen? Sie, Bermann und ich. Ich verspreche Ihnen, dass wir Sie nicht durch
teoretische Gespräche langweilen werden, wie im vorigen Herbst einmal ...
erinnern Sie sich noch?«
    »Ach«, sagte Terese und reckte sich, »es kommt so wie so nichts dabei
heraus. Taten! meine Herren!«
    »Und was kommt bei Taten heraus?« fragte Leo. »Sie sind höchstens
Privaterlösungen für den Moment.«
    »Ja, Taten, die man für sich selbst begeht«, sagte Terese. »Nur was man
fähig ist, für die andern zu leisten, ohne Rachsucht, ohne Eitelkeit
persönlicher Natur, namenlos womöglich, nur das nenn ich eine Tat.«
    Georg musste endlich fort. Was hatte er noch alles zu besorgen!
    »Ich begleite Sie ein Stück«, sagte Terese zu ihm.
    Leo umarmte ihn noch einmal und sagte: »Es war wirklich schön von Ihnen.«
    Terese verschwand, um Hut und Jacke zu holen. Georg begab sich ins
Nebenzimmer; die alte Frau Golowski schien ihn erwartet zu haben. Mit einem
sonderbar ängstlichen Gesicht trat sie auf ihn zu und gab ihm ein Kuvert in die
Hand.
    »Was ist das?«
    »Der Schein, Herr Baron, ich habe ihn nicht der Anna geben wollen ... es
hätt sie vielleicht zu sehr aufgeregt.«
    »Ach ja ...« Er steckte das Kuvert ein und fand, dass es sich seltsamer
anfühlte, als andre ...
    Terese erschien mit einem spanischen Hütchen, zum Fortgehen bereit. »Da bin
ich. Auf Wiedersehen, Mama. Zum Nachtmahl komm ich nicht nach Haus.«
    Sie ging mit Georg die Treppe hinab, sah ihn vergnügt von der Seite an.
    »Wohin darf ich Sie führen?« fragte Georg.
    »Nehmen Sie mich nur mit, irgendwo steig ich halt aus.« Sie stiegen ein, der
Wagen fuhr davon. Sie fragte ihn um allerlei, worauf er schon in der Wohnung
Antwort gegeben hatte, als nähme sie an, dass er jetzt, mit ihr allein,
aufrichtiger sein müsste, als vor den andern. Sie erfuhr nichts anderes, als dass
er sich in der neuen Umgebung wohl fühlte und dass seine Arbeit ihm Befriedigung
gewährte. Ob sein Erscheinen eine grosse Überraschung für Anna bedeutet hätte?
Nein, das nicht, er hatte sie ja verständigt. Und ob es denn wahr sei, dass er zu
Ostern wiederkommen wollte? Es sei seine bestimmte Absicht ...
    Sie schien verwundert. »Wissen Sie, dass ich mir fest eingebildet hatte ...«
    »Was?«
    »Man würde Sie niemals wiedersehen.«
    Er erwiderte nichts, etwas betroffen. Dann fuhr es ihm durch den Sinn: Wär
es nicht vernünftiger gewesen ...? Er sass ganz nahe neben Terese, fühlte die
Wärme ihres Körpers wie damals in Lugano. In welchem ihrer Träume mochte sie
jetzt leben? In dem wirr-düstern der Menschheitsbeglückung, oder in dem
heiter-leichten eines neuen Liebesabenteuers? Sie sah angelegentlich zum Fenster
hinaus. Er nahm ihre Hand, die sie ihm nicht entzog, und führte sie an die
Lippen. Plötzlich wandte sie sich zu ihm und sagte harmlos: »So, nun lassen Sie
halten, hier steig ich am besten aus.«
    Er liess ihre Hand los und sah Terese an.
    »Ja, lieber Georg, wohin geriete man«, sagte sie, »wenn man sich nicht ...«,
sie verzog spöttisch den Mund, »für die Menschheit zu opfern hätte. Wissen Sie,
was ich mir manchmal denke ...? Vielleicht ist das alles nur eine Flucht vor mir
selbst.«
    »Warum ... warum fliehen Sie?«
    »Leben Sie wohl, Georg.« Der Wagen hielt. Terese stieg aus, ein junger Mann
blieb stehen, starrte sie an; sie verschwand in der Menge. Ich glaube nicht, dass
sie auf dem Schafott enden wird, dachte Georg. Er fuhr in sein Hotel, ass zu
Mittag, zündete sich eine Zigarette an, kleidete sich um und begab sich zu
Ehrenbergs.
    Im Speisezimmer, beim schwarzen Kaffee, mit den Damen des Hauses waren
James, Sissy, Willy Eissler und Frau Oberberger anwesend. Georg nahm zwischen
Else und Sissy Platz, trank ein Gläschen Benediktiner und beantwortete alle
Fragen, die seinem neuen Wirken galten, geduldig und mit Humor. Bald begab man
sich in den Salon, und nun sass er eine Weile im erhöhten Erker mit Frau
Oberberger, die heute wieder ganz jung aussah und vor allem über Georgs
persönliche Erlebnisse in Detmold näheres zu hören wünschte. Sie glaubte ihm
nicht, dass er nicht mit sämtlichen Sängerinnen Verhältnisse angeknüpft hatte,
wie ihr überhaupt das Teaterleben nur als Anlass und Vorwand für galante
Abenteuer zu gelten schien; jedenfalls bestand sie darauf, über Vorgänge hinter
den Kulissen, in den Garderoben und in der Direktionskanzlei Ungeheuerlichkeiten
zu vernehmen. Als Georg nicht umhin konnte, sie durch seine Berichte von der
bürgerlich anständigen, beinahe philiströsen Lebensweise der Bühnenmitglieder
und durch die Schilderung eines eigenen arbeitsvollen Daseins zu enttäuschen,
begann sie sichtlich zu verfallen, und bald sass ihm eine gealterte Frau
gegenüber, in der er dieselbe erkannte, die ihm im verflossenen Sommer zuerst in
der Loge eines weiss-roten Teaterchens und später in einem nun fast vergessenen
Traum erschienen war. Dann stand er mit Sissy neben der marmornen Isis, und
während des harmlosen Plauderns suchte jeder in den Augen des andern die
Erinnerung einer glühenden Stunde unter den tiefen Nachmittagsschatten eines
dunkelgrünen Parks. Aber beiden schien sie heute wie in unzugängliche Tiefen
versunken. Endlich sass er mit Else an dem kleinen Tischchen, auf dem
Photographien und Bücher lagen. Auch sie stellte zuerst gleichgültige Fragen,
wie alle andern.
    Plötzlich aber, ganz unvermutet und etwas leiser fragte sie: »Wie geht's
denn Ihrem Kind?«
    »Meinem Kind ...?« Er zögerte. »Sagen Sie mir, Else, warum fragen Sie mich
eigentlich ...? Es ist ja doch nur Neugier.«
    »Sie irren sich, Georg«, erwiderte sie ruhig und ernst, »wie Sie sich ja
meistens in mir geirrt haben. Sie halten mich für recht oberflächlich, oder weiss
Gott was. Nun, es hat ja keinen Sinn, weiter darüber zu reden. Aber jedenfalls
ist es nicht so ganz unbegreiflich, dass ich mich nach dem Kind erkundige. Ich
möchte es gern einmal sehen.«
    »Sie möchten es sehen?« Er war bewegt.
    »Ja. Ich hätte sogar noch eine andre Idee ... die Sie aber wahrscheinlich
ganz verrückt finden werden.«
    »Lassen Sie doch hören, Else.«
    »Ich denke mir nämlich, wir könnten es zu uns nehmen.«
    »Wer, wir?«
    »James und ich.«
    »Nach England?«
    »Wer sagt Ihnen denn, dass wir nach England gehen? Wir bleiben hier. Wir
haben schon eine Wohnung gemietet, im Cottage draussen. Es braucht's ja niemand
zu wissen, dass es Ihr Kind ist.«
    »Was für ein romanhafter Gedanke.«
    »Gott, warum romanhaft? Anna kann's doch nicht bei sich haben und Sie doch
erst recht nicht. Wo soll's denn während der Proben stecken? Im Souffleurkasten
vielleicht?«
    Georg lächelte. »Sie sind sehr gut, Else.«
    »Ich bin gar nicht gut. Ich denk nur, warum soll denn so ein unschuldiges
kleines Geschöpf dafür büssen, oder darunter leiden, dass ... na ja, ich meine, es
kann doch nichts dafür ... schliesslich ... Ist es ein Bub?«
    »Es war ein Bub.« Er machte eine Pause. Dann sagte er leise: »Es ist nämlich
tot.« Und er sah vor sich hin.
    »Was? Ach so, Sie wollen sich ... vor meiner Zudringlichkeit schützen.«
    »Else, wie können Sie denn ... Nein, Else. In solchen Dingen lügt man
nicht.«
    »Also wirklich? Ja, wie ist denn das ...«
    »Es ist tot zur Welt gekommen.«
    Sie sah zu Boden. »Nein, wie schrecklich!« Sie schüttelte den Kopf. »Wie
schrecklich! ... Nun hat sie mit einemmal gar nichts mehr.«
    Georg zuckte leicht zusammen, aber vermochte nichts zu antworten. Wie
entschieden es für alle schien, dass die Geschichte mit Anna zu Ende war. Und ihn
bedauerte Else gar nicht. Sie ahnte wohl nicht einmal, wie der Tod des Kindes
ihn erschüttert hatte. Wie konnte sie es auch ahnen! Was wusste sie von der
Stunde, da der Garten seine Farben, der Himmel sein Licht für ihn verloren
hatte, weil sein wunderschönes Kind tot drin im Hause lag.
    Frau Ehrenberg war herangekommen. Sie drückte Georg ihre besondere
Zufriedenheit aus. Sie habe übrigens nie daran gezweifelt, dass er seinen Mann
stellen würde, sobald er nur einmal in einem Beruf mitten drin stände. Auch sei
sie fest überzeugt: in drei bis fünf Jahren hätten sie ihn hier, in Wien, als
Kapellmeister. Georg wehrte ab. Er denke vorläufig gar nicht daran, nach Wien
zurückzukehren. Er fühle, dass man draussen im Reich mehr und ernster arbeite.
Hier sei man immer in Gefahr, sich zu verlieren.
    Frau Ehrenberg stimmte zu und nahm Anlass, sich über Heinrich Bermann zu
beschweren, der als Dichter verstummt sei und sich nebstbei nicht mehr blicken
lasse.
    Georg nahm ihn in Schutz und fühlte sich verpflichtet, festzustellen, dass
Heinrich fleissiger wäre als je. Aber Frau Ehrenberg hatte auch andre Beispiele
für den verderblichen Einfluss der Wiener Luft. Nürnberger vor allem, der sich
nun vollkommen von der Welt abzuschliessen scheine. Und was mit Oskar passiert
sei ... hätte das in einer andern Stadt als in Wien geschehen können? Ob Georg
übrigens wüsste, dass Oskar mit dem Prinzen von Guastalla auf Reisen wäre? Sie
tat, als fände sie daran nichts Besonderes, Georg merkte ihr aber an, dass sie
ein wenig stolz war und irgendwie die Meinung hegte, als hätte mit Oskar sich
schliesslich doch noch alles zum Guten gefügt.
    Während Georg mit Frau Ehrenberg sprach, sah er zuweilen die Blicke Elses
auf sich gerichtet, die sich mit James in den Erker zurückgezogen hatte,
wissende, schwermütige Blicke, die ihn beinahe durchschauerten. Er empfahl sich
bald, fühlte einen unbegreiflich fremden Händedruck von Else,
gleichgültig-liebenswürdige von den andern und ging.
    Wie das nur zugeht, dachte er im Wagen, der ihn zu Heinrich führte. Die
Leute wussten alles früher als er selbst. Sie hatten von seinem Verhältnis mit
Anna gewusst, ehe es angefangen und jetzt wussten sie wieder früher als er, dass es
zu Ende war. Er hatte nicht übel Lust, ihnen allen zu beweisen, dass sie sich
irrten. Freilich, in solch einer Lebenssache durfte man sich durch Trotz am
wenigsten bestimmen lassen. Es war gut, dass nun ein paar Monate kamen, in denen
er sich wieder sammeln, alles reiflich erwägen konnte. Auch für Anna würde es
gut sein; für sie vielleicht ganz besonders. Der gestrige Spaziergang mit ihr im
Regen über die feuchtbräunlichen Strassen fiel ihm wieder ein und erschien ihm
wie etwas unsagbar Trauriges. Ach, die Stunden in dem gewölbten Zimmer, in das
von drüben durch den wallenden Schneevorhang die Orgel hereinklang! Wo waren
sie! Diese und so viele andre wundervolle Stunden, wo waren sie hin! Er sah sich
und Anna im Geiste wieder, ein junges Paar auf der Hochzeitsreise, durch Gassen
wandeln, in denen der wunderbare Hauch der Fremde war; banale Hotelräume, in
denen er nur für kurze Tage mit ihr geweilt, tauchten vor ihm plötzlich wieder
auf und waren wie geweiht vom Duft der Erinnerung ... Dann erschien ihm die
Geliebte auf einer weissen Bank, unter schweren Ästen, die hohe Stirn von einer
trügerischen Ahnung sanfter Mütterlichkeit umflossen und endlich stand sie da,
ein Notenblatt in der Hand und weisse Vorhänge bewegten sich leise im Winde. Und
als er sich bewusst wurde, dass es dasselbe Zimmer war, in dem sie jetzt seiner
wartete und dass nicht viel mehr als ein Jahr verflossen, seit jener abendlichen
Spätsommerstunde, da sie, von ihm begleitet, sein Lied zum erstenmal ihm
vorgesungen atmete er in seiner Wagenecke schwer und beinahe angstvoll auf.
    Als er ein paar Minuten drauf bei Heinrich im Zimmer stand, bat er ihn, dies
nicht als Besuch anzusehen. Nur die Hand wollte er ihm drücken morgen vormittags
wenn's ihm recht sei, wollte er ihn abholen zu einem Spaziergang ... Ja dies
fiel ihm während des Redens ein zu einer Art von Abschiedsspaziergang im Wald
von Salmansdorf.
    Heinrich war einverstanden, bat ihn nur ein paar Augenblicke zu verweilen.
Georg fragte ihn scherzend, ob er sich schon von seinem Misserfolg von heute
Morgen erholt hätte.
    Heinrich wies auf den Schreibtisch, wo lose Blätter lagen, die mit grossen,
erregten Schriftzeichen bedeckt waren. »Wissen Sie, was das ist? Den Ägidius
habe ich mir wieder hergenommen. Und gerade, bevor Sie kamen, ist mir ein
ziemlich möglicher Schluss eingefallen. Wenn es Sie interessiert, so erzähl ich
Ihnen morgen mehr davon.«
    »Gewiss. Ich bin sehr gespannt. Das ist übrigens hübsch, dass Sie sich gleich
wieder an eine Arbeit gemacht haben.«
    »Ja, lieber Georg, ganz allein bin ich nicht gern. Ich muss mir möglichst
rasch Gesellschaft verschaffen, nach meiner Wahl ... sonst kommt eben wer will,
und man möchte doch nicht für jedes Gespenst zu sprechen sein.«
    Georg erzählte, dass er Leo besucht und ihn so heiter angetroffen, wie er es
kaum vermutet hätte.
    Heinrich lehnte am Schreibtisch, beide Hände in den Hosentaschen vergraben,
mit leicht gesenktem Kopf; die beschirmte Lampe zeichnete von unten unsichere
Schatten in sein Gesicht. »Warum haben Sie's nicht erwartet, ihn heiter zu
finden? Uns ... mir wenigstens ging es wahrscheinlich gerade so.«
    Georg sass auf der Lehne eines schwarzledernen Fauteuils, die Beine
übereinandergeschlagen, Hut und Stock in der Hand. »Vielleicht haben Sie recht«,
sagte er, »aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, mir war es trotzdem sonderbar zu
denken, während ich sein frohes Gesicht sah, dass er ein Menschenleben auf dem
Gewissen hat.«
    »Das heisst«, sagte Heinrich und begann im Zimmer hin und her zu gehen, »es
ist einer der Fälle, wo die Beziehung von Ursache und Wirkung so einleuchtend
ist, dass man ruhig sagen darf: Er hat getötet, ohne dass es beinahe nach einem
Wortspiel aussähe ... Im ganzen aber, finden Sie nicht, Georg, sehen wir diese
Dinge doch ein bisschen oberflächlich an. Wir müssen einen Dolch blitzen sehen,
eine Kugel pfeifen hören, um zu begreifen, dass ein Mord geschehen ist. Als wär
nicht einer, der jemanden sterben lässt, vom Mörder oft durch weiter nichts
unterschieden, als durch einen höhern Grad von Bequemlichkeit und Feigheit ...«
    »Machen Sie sich am Ende Vorwürfe, Heinrich? Wenn Sie dran geglaubt hätten,
dass es so kommen musste Sie hätten sie ja doch nicht sterben lassen.«
    »Vielleicht. Ich weiss nicht. Aber eins kann ich Ihnen sagen, Georg, wenn sie
noch lebte ... das heisst, wenn ich ihr verziehen hätte, wie Sie sich
gelegentlich auszudrücken beliebten, so käme ich mir schuldiger vor, als ich mir
heute erscheine. Ja, ja, so ist es nun einmal. Ich will's Ihnen gar nicht
verhehlen, Georg, es gab eine Nacht ... ein paar Nächte gab es, da war ich wie
vernichtet vor Schmerz, vor Verzweiflung, vor ... nun, andre hätten es eben für
Reue gehalten. Es war aber nichts derart. Denn mitten in meinem Schmerz, in
meiner Verzweiflung hab ich's ja gewusst, dass dieser Tod etwas Erledigendes,
etwas Versöhnendes, etwas Reines bedeutete. Wär ich schwach gewesen, oder
weniger eitel ... wie Sie's eben auffassen wollen ... wär sie wieder meine
Geliebte geworden, so wäre viel schlimmeres gekommen, als dieser Tod, auch für
sie ... Ekel und Qual, Wut und Hass wären um unser Bett gekrochen ... unsere
Erinnerungen wären verfault, Stück für Stück, ja, bei lebendigem Leibe wäre
unsere Liebe verwest. Es durfte nicht sein. Ein Verbrechen wär es gewesen,
dieses todkranke Verhältnis weiterzufristen, so wie es ein Verbrechen ist und in
der Zukunft auch so gelten wird das Leben eines Menschen hinzufristen, dem ein
qualvolles Sterben bestimmt ist. Das wird Ihnen jeder vernünftige Arzt sagen.
Und darum bin ich sehr fern davon, mir Vorwürfe zu machen. Ich will mich auch
nicht vor Ihnen oder sonst jemandem auf der Welt rechtfertigen, aber es ist nun
einmal so: ich kann mich nicht schuldig fühlen. Es geht mir ja manchmal sehr
schlimm, aber mit Schuldgefühlen hat das nicht das Geringste zu tun.«
    »Sie sind damals hingereist?« fragte Georg.
    »Ja. Ich bin hingereist. Ich bin sogar dabeigestanden, als man den Sarg in
die Erde senkte. Ja. Mit der Mutter zusammen bin ich hingefahren.« Er stand am
Fenster, ganz im Dunkel und schüttelte sich. »Nein, nie werd ich es vergessen.
Übrigens ist es auch nur eine Lüge, dass sich Menschen in einem gemeinsamen Leid
finden. Nie finden sich Menschen, wenn sie nicht zueinander gehören. Noch ferner
werden sie einander in schweren Stunden. Diese Fahrt! Wenn ich mich daran
erinnere! Ich hab übrigens beinahe die ganze Zeit gelesen. Es war mir
unerträglich, mit der dummen, alten Person zu reden. Man hasst doch niemanden
mehr als jemand gleichgültigen, der einem Mitleid abfordert. Wir sind auch an
ihrem Grab zusammen gestanden, die Mutter und ich. Ich, die Mutter, und ein paar
Komödianten von dem kleinen Teater ... Und nachher bin ich im Wirtshaus
gesessen mit ihr allein, nach dem Begräbnis. Ein Leichenschmaus zu zweien. Eine
hoffnungslose Geschichte, sag ich Ihnen. Wissen Sie übrigens, wo sie begraben
liegt? An Ihrem See, Georg. Ja. Ich habe öfter an Sie denken müssen. Sie wissen
ja, wo der Friedhof liegt. Keine hundert Schritte weit vom Auhof. Man hat eine
entzückende Aussicht auf unsern See, Georg; allerdings nur wenn man lebendig
ist.«
    Georg empfand ein leises Grauen. Er stand auf. »Ich muss Sie leider
verlassen, Heinrich. Ich werde erwartet. Sie verzeihen.«
    Heinrich trat aus dem Dunkel des Fensters hervor, zu ihm. »Ich danke Ihnen
sehr für Ihren Besuch. Also morgen, nicht wahr? Sie gehen jetzt wohl zu Anna?
Bitte grüssen Sie sie herzlich. Ich höre ja, dass es ihr gut geht. Terese
erzählte mir's.«
    »Ja, sie sieht vortrefflich aus. Sie hat sich vollkommen erholt.«
    »Das freut mich. Also auf morgen, nicht wahr? Ich freu mich sehr, dass ich
Sie noch einmal sehen kann, eh Sie abreisen. Sie müssen mir auch noch allerlei
erzählen. Ich habe ja wieder einmal nichts getan, als von mir geredet.«
    Georg lächelte. Als wenn er das von Heinrich nicht gewohnt gewesen wäre!
»Auf Wiedersehen«, sagte er und ging.
    Manches von dem, was Heinrich gesprochen, klang in Georg nach, als er wieder
im Wagen sass. »Wir müssen einen Dolch blitzen sehen, um zu begreifen, dass ein
Mord geschehen ist.« Georg fühlte, dass vom Sinn dieser Worte eine gleichsam
unterirdische, aber längst geahnte Beziehung zu einem dumpfen Unbehagen hinging,
das er manchmal in seiner Seele spürte. Er dachte einer Stunde, da ihm gewesen
war, als ginge in den Wolken ein Spiel um sein ungeborenes Kind, und seltsam
erschien es ihm plötzlich, dass Anna über den Tod des Kindes mit ihm noch kein
Wort gesprochen, dass sie sogar in ihren Briefen jede Andeutung nicht nur auf den
unglücklichen Ausgang, sondern auch auf den ganzen Zeitraum, da sie das Kind
unter dem Herzen getragen, vollkommen vermieden hatte. Der Wagen näherte sich
dem Ziel. Warum klopft mir das Herz, dachte Georg. Freude? ... Schlechtes
Gewissen? ... Heut mit einemmal! Sie kann mir doch die Schuld nicht geben ...?
Was für Unsinn. Ich bin abgespannt und erregt zugleich, das ist es. Ich hätte
nicht herkommen sollen. Warum hab ich all diese Menschen wiedergesehen? War mir
nicht, trotz aller Sehnsucht, tausendmal wohler in der kleinen Stadt, wo ein
neues Leben für mich angefangen hatte ...? Irgendwo anders hätte ich mit Anna
zusammentreffen sollen. Vielleicht fährt sie mit mir fort ... Dann kann am Ende
alles noch gut werden. Ist denn irgend etwas schlecht ...? Sind unsere
Beziehungen am Ende auch krank, und ist es ein Verbrechen, sie weiterzufristen
...? Das könnte zuweilen eine bequeme Ausrede sein.
    Als er bei Rosners eintrat, sass die Mutter allein am Tische, sah von einem
Buche auf und klappte es zu. Über den Tisch, gleichmässig nach allen Seiten,
glitt von oben der Schein einer leicht hin und her schwingenden Lampe. Josef
erhob sich aus einer Divanecke. Anna trat eben aus ihrem Zimmer, strich mit
beiden Händen über das hochgekämmte, gewellte Haar, begrüsste Georg mit leichtem
Kopfneigen und hatte für ihn in diesem Augenblick mehr von einer Erscheinung als
von einer wirklichen Gestalt. Georg reichte allen die Hand und erkundigte sich
nach dem Befinden des Herrn Rosner.
    »Es geht ihm nicht grad schlecht«, sagte Frau Rosner. »Aber aufstehen kann
er halt schwer.«
    Josef entschuldigte sich, dass er schlafend auf dem Divan betroffen worden
war. Er musste den Sonntag benutzen, um sich auszuruhen. Er bekleidete eine
Stellung bei seiner Zeitung, die ihn nachts manchmal bis drei festielt.
    »Er ist jetzt sehr fleissig«, bestätigte auch die Mutter.
    »Ja«, sagte Josef bescheiden, »wenn man gewissermassen einen Wirkungskreis
hat ...« Er bemerkte weiter, dass der »Christliche Volksbote« sich einer immer
grössern Verbreitung erfreue, sogar draussen im Reich. Dann richtete er an Georg
einige Fragen über dessen neuen Aufentaltsort, interessierte sich lebhaft für
Bevölkerungszahl, Zustand der Strassen, Verbreitung des Radfahrsports und
Umgebung.
    Frau Rosner ihrerseits erkundigte sich höflich nach der Zusammenstellung des
Repertoires, Georg gab Auskunft, bald war ein Gespräch im Gange, an dem sich
auch Anna sachlich beteiligte, und Georg fand sich plötzlich zu Besuch in einer
Bürgerfamilie von angenehmen Umgangsformen, in der die Tochter des Hauses
musikalisch war. Die Unterhaltung gelangte endlich dahin, dass Georg sich zur
Äusserung des Wunsches veranlasst fand, die junge Dame wieder einmal singen zu
hören und er musste sich gleichsam besinnen, dass es ja seine Anna war, deren
Stimme zu vernehmen ihn verlangt hatte.
    Josef entschuldigte sich; ein Rendezvous im Kaffee mit Klubgenossen rief ihn
ab ... »Wissen sich Herr Baron noch zu erinnern ... die flotte Gesellschaft auf
der Sophienalpe?«
    »Gewiss«, sagte Georg lächelnd. Und er zitierte: »Der Gott, der Eisen wachsen
liess ...«
    »Der wollte keine Knechte«, ergänzte Josef. »Aber das singen wir schon lange
nicht mehr. Es ist zu verwandt mit der Wacht am Rhein«; und man soll uns nicht
mehr nachsagen, dass wir über die Grenze schielen. Es hat grosse Kämpfe gegeben
bei uns im Ausschuss. Ein Herr hat sogar demissioniert. Er ist nämlich
Solizitator in der Kanzlei vom Doktor Fuchs, dem deutschnationalen Abgeordneten.
Ja, es ist halt alles Politik.« Er zwinkerte. Man sollte nicht glauben, dass er
den Schwindel noch ernst nahm, jetzt da er selbst in die Maschinerie des
öffentlichen Lebens Einblick hatte. Mit der kaum mehr überraschenden Bemerkung,
dass er überhaupt Geschichten erzählen könnte, empfahl er sich. Frau Rosner fand
es an der Zeit, nach ihrem Gatten zu sehen.
    Georg sass Anna gegenüber, allein mit ihr an dem runden Tisch, über den der
Schein der Hängelampe floss.
    »Ich danke dir für die schönen Rosen«, sagte Anna, »ich hab sie drin in
meinem Zimmer.« Sie erhob sich, und Georg folgte ihr. Er hatte ganz vergessen,
dass er ihr Blumen geschickt hatte. In einem hohen Glas, vor dem Spiegel standen
sie, dunkelrot, und spiegelten farblos dunkel sich ab. Das Pianino war offen,
Noten waren aufgeschlagen, zwei Kerzen brannten zu den Seiten. Sonst war nur so
viel Licht in dem Raum, als durch den breiten Türspalt aus dem Nebenzimmer
hereinfiel.
    »Du hast gespielt, Anna?« er trat näher hin. »Die Arie der Gräfin? Auch
gesungen?«
    »Ja. Versucht.«
    »Geht's?«
    »Es fängt an ... kommt mir vor. Na, wir werden ja sehen. Aber sag mir vor
allem, was du heut den ganzen Tag gemacht hast.«
    »Gleich. Wir haben uns ja noch gar nicht begrüsst.« Er umarmte und küsste sie.
    »Lang ist's her«, sagte sie, an ihm vorbeilächelnd.
    »Also«, fragte er lebhaft, »fährst du mit mir?«
    Anna zögerte. »Aber wie denkst du dir denn eigentlich die Sache, Georg?«
    »Sehr einfach. Morgen nachmittag können wir fortfahren. Wahl des Ortes
bleibt dir überlassen. Reichenau, Semmering, Brühl, wohin du willst ... Und
übermorgen früh würd ich dich zurückbegleiten.« Irgend was hielt ihn ab, von dem
Telegramm zu reden, das ihm volle drei Tage zur Verfügung stellte.
    Anna sah vor sich hin. »Es wär ja schön«, sagte sie tonlos, »aber es wird
halt nicht möglich sein, Georg.«
    »Wegen deines Vaters?«
    Sie nickte.
    »Es geht ihm doch besser?«
    »Nein, es geht ihm gar nicht gut. Er ist so schwach. Man würde mir natürlich
keinen direkten Vorwurf machen. Aber ich ... ich kann die Mutter jetzt nicht
allein lassen, wegen so eines Ausfluges.«
    Er zuckte die Achseln, ein wenig verletzt über die Bezeichnung, die sie
gewählt hatte.
    »Und sag einmal aufrichtig«, fügte sie wie scherzend hinzu, »liegt dir denn
gar so viel dran?«
    Er schüttelte den Kopf, schmerzlich beinahe. Aber er fühlte, dass auch diese
Geste der Aufrichtigkeit entbehrte. »Ich versteh dich nicht, Anna«, sagte er
schwächer, als er gewünscht hätte. »Dass so ein paar Wochen des
Fern-voneinander-seins, dass die ... Ja ich weiss gar nicht, wie ich's nennen soll
... Es ist ja, als hätte man sich verloren. Ich bin's doch, Anna, ich bin's doch
...«, wiederholte er heftig aber müd. Er sass auf dem Sessel vor dem Pianino. Er
nahm ihre Hände, führte sie an die Lippen, zerstreut und ein wenig erregt.
    »Wie war's denn in Tristan?« fragte sie.
    Beflissen berichtete er von der Vorstellung, verschwieg auch seinen Besuch
in der Ehrenbergschen Loge nicht, sprach von all den andern Menschen, die er
gesehen, und bestellte ihr die Grüsse von Heinrich Bermann. Dann zog er sie zu
sich auf die Knie und küsste sie. Als er sein Antlitz von dem ihren entfernte,
sah er Tränen über ihre Wangen rinnen. Er spielte den Befremdeten. »Was hast du
denn, Kind ...? Ja warum denn, warum ...«
    Sie erhob sich, trat zum Fenster, das Gesicht von ihm abgewandt. Nun stand
er auf, etwas ungeduldig, ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, trat endlich zu
ihr, drängte sich nah an sie und begann wieder, unvermittelt, hastig: »Anna!
Überleg dir's, ob du nicht doch mit mir fahren könntest! Es wäre alles so
anders, als hier. Man könnte sich aussprechen. Wir haben über so wichtige Dinge
zu reden. Ich brauch ja auch deinen Rat; wegen meiner Entschlüsse für das
nächste Jahr. Ich hab dir ja geschrieben, nicht wahr? Es ist also sehr
wahrscheinlich, dass man mir schon in den nächsten Tagen einen dreijährigen
Vertrag zur Unterschrift vorlegen wird.«
    »Was soll man da raten?« sagte sie. »Du wirst schliesslich am besten wissen,
ob du dich dort wohlfühlst, oder nicht.«
    Er begann zu erzählen, von dem liebenswürdigen und begabten Intendanten, der
ihn offenbar als Mitarbeiter heranzuziehen wünschte, von dem sympatischen,
alten Kapellmeister, der einmal so berühmt gewesen war, von irgendeinem sehr
klein geratenen Bühnenarbeiter, den man Alexander den Grossen nannte, von einer
jungen Dame, mit der er die Micaela studiert hatte und die mit einem Berliner
Arzt verlobt war, von einem Tenor, der schon siebenundzwanzig Jahre an dem
Teater wirkte und Wagner grimmig hasste. Dann begann er von seinen persönlichen
Aussichten in künstlerischer und materieller Beziehung zu sprechen. Ohne Zweifel
könnte er an dem kleinen Hofteater bald zu einer gesicherten und günstigen
Position gelangen. Andererseits wäre zu bedenken, dass es gefährlich sei, sich
auf allzulange zu binden; eine Karriere wie die des alten Kapellmeisters wäre
nicht nach seinem Geschmack. Freilich ... die Temperamente seien verschieden, er
für seinen Teil glaube sich vor einem ähnlichen Schicksal gefeit.
    Anna sah ihn immer nur an, und in einem nachsichtig-spöttischen Ton, wie
wenn sie zu einem Kinde spräche, sagte sie endlich: »Nein, wie er sich
anstrengt.«
    Er war betroffen. »Inwiefern streng ich mich an?«
    »Schau, Georg, du bist mir doch nicht Aufklärungen irgendwelcher Art
schuldig.«
    »Aufklärungen? Du bist aber wirklich ... Ich gebe dir doch keine
Aufklärungen, Anna. Ich schildere dir einfach, wie ich lebe, und mit was für
Leuten ich zu tun habe ... weil ich mir schmeichle, dass dich diese Dinge
interessieren; geradeso wie ich dir erzählt habe, wo ich heute und gestern
gewesen bin.«
    Sie schwieg. Und Georg fühlte wieder, dass sie ihm nicht glaubte, dass sie ein
Recht hatte ihm nicht zu glauben selbst wenn zufällig einmal Wahrheit über seine
Lippen kam. Allerlei Worte traten ihm auf die Zunge, Worte des Gekränktseins,
des Zorns, der milden Zusprache jedes schien ihm gleich wertlos und leer. Er
erwiderte gar nichts, setzte sich zum Pianino, griff leise Töne und Akkorde. Nun
war ihm wieder, als liebte er sie sehr und könnte es ihr nur nicht sagen, und
als wäre diese Stunde des Wiedersehens ganz anders geworden, wenn man sie
anderswo gefeiert hätte. Nicht in diesem Zimmer, nicht in dieser Stadt; am
liebsten an einem Ort, den sie beide nicht kannten, in einer fremden, neuen
Umgebung. Ja, dann wäre vielleicht alles wieder geworden, wie es einstmals war.
Dann hätten sie einander in die Arme stürzen können wie einst, in Sehnsucht, zu
Wonne und Frieden. Es fuhr ihm durch den Sinn: Wenn ich ihr nun sagte: Anna!
Drei Tage und drei Nächte gehören uns! Wenn ich sie bäte ... mit den rechten
Worten ... ihr zu Füssen, sie anflehte ... komm mit mir! komm ... Sie widerstände
nicht lang! Sie folgte mir gewiss ... Er wusste es. Warum sprach er die rechten
Worte nicht aus? Warum flehte er sie nicht an? Warum schwieg er, sass am Pianino,
abgewandt, griff leise Töne und Akkorde ...? Warum? ... Da fühlte er auf seinem
Haupt ihre weichen Hände. Seine Finger lagen schwer auf den Tasten, irgendein
Akkord tönte nach. Er wagte nicht sich umzuwenden. Er fühlte: sie weiss es auch.
Was weiss sie ...? Ist es denn wahr ...? Ja ... es ist wahr. Und er dachte der
Stunde, nach der Geburt seines toten Kindes da er an ihrem Bett gesessen und sie
schweigend dagelegen war, den Blick in den dämmrigen Garten gerichtet ... Schon
in jener Stunde hatte sie's gewusst früher als er dass alles zu Ende war. Und er
hob seine Hände vom Klavier auf, nahm die ihren, die noch immer auf seinem Haupt
lagen, führte sie an seine Wangen, zog sie selber nach, bis sie wieder ganz nah
bei ihm war und langsam auf seine Knie niedersank. Und schüchtern begann er
wieder: »Anna ... vielleicht ... könntest du dich doch entschliessen ...
Vielleicht wär es mir auch möglich, wenn ich telegraphiere, noch ein paar Tage
Urlaub mehr zu bekommen. Du, Anna ... hörst du ... es wäre doch wunderschön ...«
Ganz in der Tiefe kam ihm ein Plan. Wenn er wirklich mit ihr auf einige Tage
fortreiste. Und ihr bei dieser Gelegenheit ehrlich sagte: Es soll zu Ende sein,
Anna! Aber das Ende unserer Liebe soll schön sein, wie es der Anfang war. Nicht
matt und traurig, wie diese Stunden in deinem Elternhaus ....... Wenn ich ihr
das irgendwo auf dem Land, ehrlich sagte ... wär es nicht würdiger, ihrer und
meiner und unseres vergangenen Glücks ...? Und in diesem Vorsatz wurde er
dringender, kühner, leidenschaftlich beinahe ... und seine Worte klangen wieder
wie vor langer, langer Zeit.
    Sie auf seinen Knien, die Arme um seinen Hals, erwiderte leise: »Noch einmal
Georg, mach ich das nicht durch.«
    Schon hatte er ein Wort auf den Lippen, mit dem er ihre Befürchtungen
zerstreuen konnte. Aber er hielt es zurück. Denn ausgesprochen, hätte es doch
nichts anderes bedeutet, als dass er wohl daran dachte, wieder ein paar Stunden
der Lust mit ihr zu durchleben, aber dass er nicht geneigt war, irgendeine
Verpflichtung auf sich zu nehmen. Er fühlte es: um sie nicht zu verletzen, hätte
er nur dies eine sagen dürfen: du gehörst mir für immer! Du sollst ja ein Kind
von mir haben! Zu Weihnachten, zu Ostern spätestens hol ich dich und nie mehr
werden wir voneinander getrennt sein. Er fühlte, wie sie dieses Wort mit einer
letzten Hoffnung erwartete mit einer Hoffnung, an deren Erfüllung sie selbst
nicht mehr glaubte. Aber er schwieg. Wenn er ausgesprochen hätte, was sie
ersehnte, so hätte er sich aufs neue gebunden und nun wusste er es so tief, wie
er es noch nie gewusst, dass er frei sein wollte.
    Immer noch ruhte sie auf seinen Knien, ihre Wange an seine Wange gelehnt;
sie schwiegen lang und wussten, dass dies der Abschied war.
    Endlich, entschlossen sagte Georg: »Wenn du also nicht mit mir kommen
willst, Anna, dann reise ich ganz direkt zurück morgen. Und wir sehen uns erst
im Frühjahr wieder. Bis dahin gibt's wieder nur Briefe. Es sei denn, dass ich zu
Weihnachten, wenn's möglich ist ...«
    Sie hatte sich erhoben und lehnte am Klavier. »Schon wieder ist er
leichtsinnig«, sagte sie. »Ist es nicht am Ende sogar besser, wenn wir uns erst
nach Ostern wiedersehen?«
    »Warum besser?«
    »Bis dahin wird alles noch viel klarer sein.«
    Er wünschte sie nicht zu verstehen. »Du meinst, wegen des Vertrags? Ja ...
da muss ich mich schon in den nächsten Wochen entscheiden. Die Leute wollen ja
wissen, woran sie sind. Andererseits, auch wenn ich unterschriebe, auf drei
Jahre, und es kämen andere Chancen, gegen meinen Willen werden sie mich nicht
halten. Aber bis jetzt scheint es wirklich, dass der Aufentalt in der kleinen
Stadt mir sehr förderlich ist. Nie hab ich so intensiv arbeiten können, wie
dort. Hab ich dir nicht geschrieben, wie ich manchmal nach dem Teater bis drei
Uhr früh an meinem Schreibtisch gesessen bin? Und war um acht ausgeschlafen und
frisch!«
    Sie sah ihn immer nur an, mit einem Blick, schmerzlich und nachsichtig
zugleich, der ihn wie ein Blick des Zweifels berührte. Hatte sie nicht einmal an
ihn geglaubt! Hatte sie nicht in einer halbdunkeln Kirche vertrauensvoll und
zärtlich zu ihm gesprochen: »Ich will zum Himmel beten, dass ein grosser Künstler
aus dir werde.« Wieder war ihm, als hielte sie längst nicht mehr so viel von
ihm, als in früherer Zeit. Er fühlte sich beunruhigt und fragte sie unsicher:
»Du erlaubst doch, dass ich dir meine Violinsonate schicke, sobald sie fertig
ist? Du weisst, auf niemandes Urteil geb ich so viel, wie auf deins.« Und er
dachte: wenn ich sie mir doch als Freundin erhalten könnte ... oder einmal
wiedergewinnen ... als Freundin ... Wird es möglich sein?
    Sie sagte: »Du hast mir auch von ein paar neuen Phantasiestücken
geschrieben, für Klavier allein.«
    »Ganz richtig. Sie sind aber noch nicht ganz fertig. Aber ein anderes, das
ich ... das ich ... er fand es selbst töricht, dass er zögerte heuer im Sommer
komponiert habe, an dem See, wo diese arme Person ertrunken ist, die Geliebte
Heinrichs, das kennst du ja auch noch nicht. Könnt ich nicht ... ich spiel dir's
vor, ganz leise, willst du?«
    Sie nickte und schloss die Tür. Dort, hinter ihm blieb sie regungslos stehen,
als er begann.
    Und er spielte. Er spielte das kleine, leidenschaftlich-schwermütige Stück,
das er an seinem See komponiert hatte, als Anna und das Kind für ihn völlig
vergessen waren. Es erleichterte ihn sehr, dass er es ihr vorspielen durfte. Sie
musste ja verstehen, was diese Töne zu ihr sprachen. Es war gar nicht möglich,
dass sie es nicht verstand. Er hörte sich selbst gleichsam sprechen aus diesen
Tönen; ja ihm war, als verstände er jetzt erst völlig sich selbst. Leb wohl,
Geliebte, leb wohl. Es war schön. Und nun ist es vorbei ... Leb wohl Geliebte
... Was uns beiden gemeinsam bestimmt war, haben wir durchlebt. Und was nun
kommen mag, für mich und für dich, wir werden einander etwas Unvergessliches
bedeuten. Nun geht mein Leben einen andern Weg ... Und deines auch. Es muss
vorbei sein ... Ich hab dich geliebt. Ich küsse deine Augen ... Ich danke dir,
du Gütige, Sanfte, Schweigende. Leb wohl, Geliebte ... Leb wohl ... Die Töne
verklangen. Er hatte nicht von den Tasten aufgesehen, während er spielte; jetzt
wandte er sich langsam nach ihr um. Ernst, mit leise zitternden Lippen stand sie
hinter ihm. Er fasste ihre Hände und küsste sie. »Anna, Anna ...!« rief er aus.
Das Herz wollte ihm zerspringen.
    »Vergiss mich nicht ganz«, sagte sie leise.
    »Ich schreib dir, sobald ich wieder dort bin.«
    Sie nickte.
    »Und du mir auch, Anna ... Und alles ... alles ... verstehst du mich.«
    Sie nickte wieder.
    »Und ... und ... morgen früh seh ich dich noch einmal.«
    Sie schüttelte den Kopf. Er wollte etwas erwidern, wie erstaunt als
verstünde es sich eigentlich von selbst, dass er sie noch einmal vor der Abreise
sehen müsste. Sie erhob leicht die Hand, als bäte sie ihn zu schweigen. Er stand
auf, drückte sie an sich, küsste ihren Mund, der kühl war und seinen Kuss nicht
erwiderte, und verliess das Zimmer. Sie blieb zurück, mit schlaffen Armen,
stehend, die Augen geschlossen. Er eilte die Treppen hinab. Unten auf der Strasse
war ihm, als müsste er noch einmal hinauf ihr sagen: »Es ist ja alles nicht wahr!
Das war nicht der Abschied. Ich liebe dich ja. Ich gehöre dir. Es kann nicht zu
Ende sein ...«
    Aber er fühlte, dass er es nicht durfte. Jetzt nicht. Morgen vielleicht. Von
heute Abend bis morgen früh würde sie ihm nicht entglitten sein ... Und er eilte
umher, planlos, durch leere Strassen, wie in einem leichten Rausch von Schmerz
und Freiheit. Er war froh, dass er sich mit niemandem verabredet hatte und allein
bleiben durfte. Weit draussen in einem niedern, alten, rauchigen Wirtshaus, wo an
Nebentischen Menschen aus einer andern Welt sassen, in einer stillen Ecke nahm er
sein Nachtmahl und erschien sich wie in einer fremden Stadt: einsam, ein wenig
stolz auf seine Einsamkeit und ein wenig durchschauert von seinem Stolz.
    Am nächsten Tag um die Mittagsstunde spazierte Georg mit Heinrich durch die
Alleen des Dornbacher Parks. Eine Luft, die von dünnen Nebeln schwer war, umgab
sie, durchfeuchtetes Laub knisterte und glitt unter ihren Füssen, und durchs
Gesträuch schimmerte die Strasse, auf der sie gerade vor einem Jahr den
rötlich-gelben Hügeln entgegengezogen waren. Die Äste breiteten sich regungslos,
als drückte die ferne Schwüle der umgrauten Sonne sie nieder.
    Heinrich war eben daran, den Schluss seines Dramas zu erzählen, der ihm
gestern eingefallen war. Ägidius war auf der Insel gelandet, gefasst nach der
Todesfahrt von sieben Tagen sein vorverkündetes Schicksal zu erleiden. Der Fürst
schenkt ihm das Leben, Ägidius nimmt es nicht an und stürzt sich vom Felsen ins
Meer hinab.
    Georg war nicht befriedigt. »Warum muss Ägidius sterben?« Er glaubte nicht
daran.
    Heinrich begriff nicht, dass man das erst erklären sollte. »Wie kann er denn
weiterleben«, rief er aus. »Er war zum Tode verurteilt. Immer mit dem Ausblick
auf das Ende, als unumschränkter Herr auf dem Schiff, Geliebter der Prinzessin,
Freund von Weisen, Sängern, Sternguckern, aber immer mit dem Ausblick auf das
Ende, hat er die herrlichsten Tage erlebt, die je einem Menschen geschenkt
waren. Dieser ganze Reichtum hätte sozusagen seinen Sinn verloren, ja, die
hoheitsvoll-würdige Erwartung des letzten Augenblicks müsste sich in der
Erinnerung dem Ägidius zu lächerrlich genarrter Todesangst verändern, wenn diese
ganze Todesfahrt sich am Ende als ein schaler Spass entüllte. Darum muss er
sterben.«
    »Und Sie halten das für wahr?« fragte Georg mit noch stärkerem Zweifel als
vorher. »Ich kann mir nicht helfen, ich nicht.«
    »Das macht nichts«, erwiderte Heinrich. »Wenn es Ihnen jetzt schon wahr
erschiene, hätte ich es zu leicht. Aber wenn die letzte Silbe meines Stückes
einmal geschrieben ist, wird es wahr geworden sein. Oder ...« Er sprach nicht
weiter. Sie stiegen eine Wiese hinan, und bald breitete sich das wohlbekannte
Tal zu ihren Füssen aus. An der Hügellehne rechts schimmerte der Sommerhaidenweg,
auf der andern Seite, hart am Wald, zeigte sich der gelb angestrichene Gastof,
mit den roten Holzterrassen und nicht weit davon, das kleine Haus mit dem
dunkelgrauen Giebel. In ungewissem Nebel war die Stadt zu ahnen, noch weiter
schwamm die Ebene zur Höhe auf und ganz ferne verdämmerten blasse, niedrig
gezogene Berglinien. Nun war eine breite Fahrbahn zu überschreiten, und endlich
führte ein Feldweg über Wiesen und Äcker nach abwärts. Weit abgerückt zu beiden
Seiten ruhte der Wald.
    In Georg war ein Vorgefühl der Sehnsucht, mit der er in Jahren, vielleicht
schon morgen sich dieser Landschaft erinnern würde, die nun aufgehört hatte ihm
Heimat zu sein.
    Endlich standen sie vor dem kleinen Haus mit dem Giebel, das Georg ein
letztes Mal hatte sehen wollen. Tür und Fenster waren mit Brettern verschlagen;
verwittert, wie uralt geworden vor der Zeit, stand es da und wollte von der Welt
nichts wissen.
    »Ja, nun heisst es Abschied nehmen«, sagte Georg in leichtem Ton. Sein Blick
fiel auf die Tonfigur inmitten der verblühten Beete. »Komisch«, sagte er zu
Heinrich, »dass ich den blauen Knaben da immer für einen Engel gehalten hab. Das
heisst, ich hab ihn nur so genannt, denn ich hab ja immer gewusst, wie er
aussieht, und dass er eigentlich ein gelockter Bub ist, barfuss, mit Röckchen und
Gürtel.«
    »Heut über ein Jahr«, sagte Heinrich, »hätten Sie doch geschworen, dass der
blaue Knabe Flügel gehabt hat.«
    Georg warf einen Blick nach oben zur Mansarde. Es war ihm, als bestände die
Möglichkeit, dass irgend jemand plötzlich auf den Balkon heraustreten könnte.
Labinski vielleicht, der sich seit jenem Traum nicht mehr gemeldet hatte? Oder
er selber, ein Georg von Wergentin aus früherer Zeit? Der Georg dieses Sommers,
der dort oben gewohnt hatte? Dumme Einfälle. Der Balkon blieb leer, das Haus war
stumm, und der Garten schlummerte tief. Enttäuscht wandte Georg sich ab. »Kommen
Sie«, sagte er zu Heinrich. Sie gingen und nahmen die Strasse zum
Sommerhaidenweg.
    »Wie warm es geworden ist«, sagte Heinrich, zog den Überzieher aus und warf
ihn seiner Gewohnheit nach über die Schultern.
    In Georg war ein ödes, etwas trockenes Erinnern. Er wandte sich an Heinrich.
»Ich will es Ihnen lieber gleich sagen. Die Geschichte ist aus.«
    Heinrich sah ihn rasch von der Seite an, dann nickte er, nicht sonderlich
überrascht.
    »Aber«, setzte Georg mit einem schwachen Versuch zu scherzen hinzu, »Sie
werden dringend gebeten, nicht an den Engelsknaben zu denken.«
    Heinrich schüttelte ernstaft den Kopf. »Danke. Die Fabel vom blauen Engel
können Sie Nürnberger widmen.«
    »Er hat doch wieder einmal recht behalten«, sagte Georg.
    »Er behält immer recht, lieber Georg. Man kann nämlich nie und nimmer
betrogen werden, wenn man allem auf Erden misstraut, sogar seinem eigenen
Misstrauen. Auch wenn Sie Anna geheiratet hätten, hätte er recht behalten ...
oder es käme Ihnen wenigstens so vor. Aber jedenfalls denk ich ... Sie erlauben
mir wohl das auszusprechen ... ist es gut so, wie es gekommen ist.«
    »Gut? Für mich gewiss«, erwiderte Georg mit absichtlicher Schärfe, als hätte
er durchaus nicht die Absicht seine Handlungsweise zu beschönigen. »In Ihrem
Sinn Heinrich, war es vielleicht sogar eine Pflicht gegen mich, dass ich ein Ende
machte.«
    »Dann war es wohl auch Ihre Pflicht gegen Anna«, sagte Heinrich.
    »Das wird sich doch erst zeigen. Wer weiss, ob ich sie nicht aus ihrer Bahn
gerissen habe.«
    »Aus ihrer Bahn?«
    »Erinnern Sie sich noch, wie Leo Golowski einmal von ihr sagte, sie sei
bestimmt, im Bürgerlichen zu enden?«
    »Meinen Sie, Georg, eine Ehe mit Ihnen wäre etwas sehr Bürgerliches
geworden? Anna war vielleicht geschaffen Ihre Geliebte zu sein nicht Ihre Frau.
Wer weiss, ob nicht der, den sie einmal heiraten wird, allen Grund hätte Ihnen
dankbar zu sein, wenn die Männer nicht so rasend dumm wären. Reine Erinnerungen
haben ja die Menschen doch nur, wenn sie was erlebt haben. Die Frauen so gut wie
wir.«
    Sie spazierten auf dem Sommerhaidenweg weiter, in der Richtung gegen die
Stadt, die aus grauem Dunst hervorstieg, und näherten sich dem Friedhof.
    »Hat es eigentlich einen Sinn«, fragte Georg zögernd, »das Grab eines Wesens
zu besuchen, das niemals gelebt hat?«
    »Dort liegt Ihr Kind?«
    Georg nickte. Sein Kind! Wie seltsam es immer wieder klang! Sie gingen längs
der braunen Holzlatten hin, über die Grabsteine und Kreuze ragten, an einer
niedern Ziegelmauer weiter, zum Eingang. Ein Wächter, den sie fragten, wies
ihnen den Weg über die breite, mit Weiden bepflanzte Mittelstrasse. Auf einem
Wiesenplan, hart an den Planken, auf niedern wie zum Spiel aufgeworfenen Hügeln,
reihten sich ovale Plättchen aneinander, jedes mit zwei kurzen Armen in die Erde
gerammt. Der Hügel, den Georg suchte, lag in der Mitte der Wiese. Dunkelrote
Rosen lagen darauf. Georg erkannte sie. Das Herz stand ihm stille. Wie gut,
dachte er, dass wir einander nicht begegnet sind. Hat sie's am Ende gehofft?
    »Dort wo diese Rosen liegen?« fragte Heinrich.
    Georg nickte.
    Sie standen eine Weile stumm. »Nicht wahr«, fragte Heinrich dann, »an die
Möglichkeit dieses Ausgangs hatten Sie wohl innerhalb der ganzen Zeit niemals
gedacht?«
    »Niemals? Ich weiss nicht recht. Es gehen einem ja allerlei Möglichkeiten
durch den Sinn. Aber ernstlich hab ich natürlich nie daran gedacht. Wie sollte
man auch?« Er erzählte Heinrich nicht zum erstenmal, wie der Professor damals
den Tod des Kindes erklärt hatte. Ein unglücklicher Zufall war es gewesen, an
dem ein bis zwei Perzent der Neugeborenen zugrunde gehen mussten. Freilich, warum
gerade hier dieser Zufall eingetreten war, das hatte der Professor nicht zu
sagen gewusst. Aber war Zufall nicht nur ein Wort? Musste nicht auch dieser Zufall
seine Ursache gehabt haben? ...
    Heinrich zuckte die Achseln. »Natürlich ... Eine Ursache nach der andern und
seinen letzten Grund im Anfang aller Dinge. Wir könnten gewiss das Eintreten
mancher sogenannten Zufälle verhindern, wenn wir mehr Überblick hätten, mehr
Wissen und mehr Macht. Wer weiss, ob nicht auch der Tod Ihres Kindes in
irgendeinem Augenblick abzuwenden war?«
    »Und vielleicht wäre es sogar in meiner Macht gestanden«, sagte Georg
langsam.
    »Das versteh ich nicht. Waren denn irgendwelche Vorzeichen, oder ...«
    Georg stand da, den Blick starr auf den kleinen Hügel gerichtet: »Ich will
Sie was fragen, Heinrich, aber lachen Sie mich nicht aus. Halten Sie es für
möglich, dass ein ungeborenes Kind daran sterben kann, dass man es nicht so
herbeisehnt, wie man sollte: an zu wenig Liebe gewissermassen?«
    Heinrich legte ihm die Hand auf die Schulter. »Georg, wie kommen Sie, der
sonst ein so anständiger Mensch ist, auf derartige metaphysische Einfälle?«
    »Nennen Sie's, wie Sie wollen, metaphysisch oder dumm; ich kann seit einiger
Zeit den Gedanken nicht los werden, dass ich in einem gewissen Grad an diesem
Ausgang die Schuld trage.«
    »Sie?«
    »Wenn ich früher sagte, dass ich's nicht genug herbeigesehnt habe, so hab ich
mich nicht gut ausgedrückt. Die Wahrheit ist: dass ich an dieses kleine Wesen,
das auf die Welt kommen sollte, geradezu vergessen hatte. Und besonders in den
letzten Wochen vor seiner Geburt hatte ich es völlig vergessen gehabt. Ich
kann's nicht anders sagen. Natürlich wusste ich immer, was bevorstand, aber es
ging mich sozusagen nichts an. Ich habe hingelebt, ohne dran zu denken. Nicht
immerfort, aber oft und ganz besonders im Sommer am See, an meinem See, wie Sie
ihn nennen ... da war ich ... Ja da wusst ich einfach nichts davon, dass ich ein
Kind bekommen sollte.«
    »Man hat mir allerlei erzählt«, sagte Heinrich vorbeischauend.
    Georg sah ihn an. »So wissen Sie also, was ich meine. Nicht nur dem Kind,
dem ungeborenen, sondern auch der Mutter war ich fern in einer so unheimlichen
Weise, dass ich es Ihnen beim besten Willen nicht schildern, dass ich's heut
selber kaum mehr begreifen kann. Und es gibt Momente, da kann ich mich des
Gedankens nicht erwehren, dass zwischen jenem Vergessen und dem Tod meines Kindes
irgendein Zusammenhang bestehen müsste. Halten Sie denn so was für vollkommen
ausgeschlossen?«
    Heinrich hatte tiefe Falten in der Stirn. »Vollkommen ausgeschlossen, das
kann man nicht einmal sagen. Die Wurzeln verschlingen sich ja gewiss oft so tief,
dass wir unmöglich bis dort hinabschauen können. Ja vielleicht gibt es sogar
solche Zusammenhänge. Aber wenn es solche gibt ... nicht für Sie Georg! Für Sie
hätten diese Zusammenhänge keine Geltung, auch wenn sie existierten.«
    »Für mich keine Geltung?«
    »Der ganze Einfall, den Sie da ausgesprochen haben, der passt mir nicht zu
Ihnen. Der kommt nicht aus Ihrer Seele. Bestimmt nicht. Nie in Ihrem Leben wär
Ihnen etwas Derartiges eingefallen, wenn Sie nicht mit einem Subjekt meiner Art
verkehrten und es nicht zuweilen Ihre Art wäre, nicht Ihre Gedanken zu denken,
sondern die von Menschen, die stärker oder auch schwächer sind als Sie. Und ich
versichre Sie, was Sie auch an dem See dort, an Ihrem ... an unserm ... erlebt
haben mögen, Sie haben damit gewiss keine sogenannte Schuld auf sich geladen. Bei
einem andern wär es vielleicht Schuld gewesen. Aber bei Ihnen, der von Natur aus
Sie verzeihen schon ziemlich leichtfertig und ein bisschen gewissenlos angelegt
ist, war es gewiss nicht Schuld. Soll ich Ihnen was sagen? Sie fühlen sich
nämlich gar nicht schuldig in Hinsicht auf das Kind, sondern das Unbehagen, das
Sie spüren, kommt nur daher, dass Sie die Verpflichtung zu haben glauben sich
schuldig zu fühlen. Sehen Sie, ich, wenn ich irgend was in der Art Ihres
Abenteuers erlebt hätte, wäre vielleicht schuldig geworden, weil ich mich
möglicherweise schuldig gefühlt hätte.«
    »Sie Heinrich, hätten sich in meinem Falle schuldig gefühlt?«
    »Vielleicht auch nicht. Wie kann ich das wissen. Sie denken jetzt
wahrscheinlich daran, dass ich neulich ein Wesen direkt in den Tod getrieben und
mich trotzdem sozusagen ohne Schuld gefühlt habe?«
    »Ja daran denk ich. Und darum versteh ich nicht ...«
    Heinrich zuckte die Achseln. »Ja. Ich hab mich ohne Schuld gefühlt. Irgendwo
in meiner Seele. Und wo anders, tiefer vielleicht, hab ich mich schuldig gefühlt
... und noch tiefer, wieder schuldlos. Es kommt immer nur darauf an, wie tief
wir in uns hineinschauen. Und wenn die Lichter in allen Stockwerken angezündet
sind, sind wir doch alles auf einmal: schuldig und unschuldig, Feiglinge und
Helden, Narren und Weise. Wir das ist vielleicht etwas zu allgemein ausgedrückt.
Bei Ihnen, zum Beispiel, Georg, dürften sich alle diese Dinge viel einfacher
verhalten, wenigstens wenn Sie von der Atmosphäre unbeeinflusst sind, die ich
zuweilen um Sie verbreite. Darum geht's Ihnen auch besser als mir. Viel besser.
In mir sieht's nämlich greulich aus. Sollten Sie das noch nicht bemerkt haben?
Was hilft's mir am Ende, dass in allen meinen Stockwerken die Lichter brennen?
Was hilft mir mein Wissen von den Menschen und mein herrliches Verstehen? Nichts
... Weniger als nichts. Im Grunde möcht ich ja doch nichts anderes, Georg, als
dass all das Furchtbare der letzten Zeit nichts gewesen wäre, als ein böser
Traum. Ich schwöre Ihnen, Georg, meine ganze Zukunft und weiss Gott was alles gäb
ich her, wenn ich's ungeschehen machen könnte. Und wär es ungeschehen ... so wär
ich wahrscheinlich geradeso elend wie jetzt.«
    Sein Gesicht verzerrte sich, als wenn er aufschreien wollte. Gleich aber
stand er wieder da, starr, regungslos, fahl, wie ausgelöscht. Und er sagte:
»Glauben Sie mir, Georg, es gibt Momente, in denen ich die Menschen mit der
sogenannten Weltanschauung beneide. Ich, wenn ich eine wohlgeordnete Welt haben
will, ich muss mir immer selber erst eine schaffen. Das ist anstrengend für
jemanden, der nicht der liebe Gott ist.«
    Er seufzte schwer auf. Georg gab es auf, ihm zu erwidern. Unter den Weiden
schritt er mit ihm dem Ausgang zu. Er wusste, dass diesem Menschen nicht zu helfen
war. Irgend einmal war ihm wohl bestimmt, von einer Turmspitze, auf die er in
Spiralen hinaufgeringelt war, hinabzustürzen ins Leere; und das würde sein Ende
sein. Georg aber war es gut und frei zumut. Er fasste den Entschluss, die drei
Tage, die jetzt ihm gehörten, so vernünftig als möglich auszunutzen. Das beste
war wohl, irgendwo in einer schönen, stillen Landschaft allein zu sein,
auszuruhen und sich zur neuen Arbeit zu sammeln. Das Manuskript der Violinsonate
hatte er mit nach Wien genommen. Die vor allem dachte er zu vollenden.
    Sie durchschritten das Tor und standen auf der Strasse. Georg wandte sich um,
aber die Friedhofsmauer hielt seinen Blick auf. Erst nach ein paar Schritten
hatte er den Ausblick nach dem Talgrund wieder frei. Doch konnte er nur mehr
ahnen, wo das kleine Haus mit dem grauen Giebel lag; sichtbar war es von hier
aus nicht mehr. Über die rötlich-gelben Hügel, die die Landschaft abschlossen,
sank der Himmel in mattem Herbstschein. In Georgs Seele war ein mildes
Abschiednehmen von mancherlei Glück und Leid, die er in dem Tal, das er nun für
lange verliess, gleichsam verhallen hörte; und zugleich ein Grüssen unbekannter
Tage, die aus der Weite der Welt seiner Jugend entgegenklangen.
 
    