
        
                                Jakob Wassermann
                  Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens
 Es ist noch dieselbe Sonne
die derselben Erde lacht;
aus demselben Schleim und Blute
sind Gott, Mann und Kind gemacht.
Nichts geblieben, nichts geschwunden,
alles jung und alles alt,
Tod und Leben sind verbunden,
zum Symbol wird die Gestalt.
 
                                  Erster Teil
                               Der fremde Jüngling
In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare Gerüchte
über einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in Gewahrsam gehalten wurde
und der sowohl der Behörde wie den ihn beobachtenden Privatpersonen täglich mehr
zu staunen gab.
    Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren. Niemand wusste, woher er
kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen, denn er war der
Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind; nur wenige Worte konnte er
deutlich aussprechen, und diese wiederholte er immer wieder mit lallender Zunge,
bald klagend, bald freudig, als wenn kein Sinn dahintersteckte und sie nur
unverstandene Zeichen seiner Angst oder seiner Lust wären. Auch sein Gang glich
dem eines Kindes, das gerade die ersten Schritte erlernt hat: nicht mit der
Ferse berührte er zuerst den Boden, sondern trat schwerfällig und vorsichtig mit
dem ganzen Fusse auf.
    Die Nürnberger sind ein neugieriges Volk. Jeden Tag wanderten Hunderte den
Burgberg hinauf und erklommen die zweiundneunzig Stufen des finstern alten
Turmes, um den Fremdling zu sehen. In die halbverdunkelte Kammer zu treten, wo
der Gefangene weilte, war untersagt, und so erblickten ihre dicht gedrängten
Scharen von der Schwelle aus das wunderliche Menschenwesen, das in der
entferntesten Ecke des Raumes kauerte und meist mit einem kleinen weissen
Holzpferdchen spielte, das es zufällig bei den Kindern des Wärters gesehen und
das man ihm, gerührt von dem unbeholfenen Stammeln seines Verlangens, geschenkt
hatte. Seine Augen schienen das Licht nicht erfassen zu können; er hatte
offenbar Furcht vor der Bewegung seines eignen Körpers, und wenn er seine Hände
zum Tasten erhob, war es, als ob ihm die Luft dabei einen rätselhaften
Widerstand entgegensetzte.
    Welch ein armseliges Ding, sagten die Leute; viele waren der Ansicht, dass
man eine neue Spezies entdeckt habe, eine Art Höhlenmensch etwa, und unter den
berichteten Seltsamkeiten war nicht die geringste die, dass der Knabe jede andre
Nahrung als Wasser und Brot mit Abscheu zurückwies.
    Nach und nach wurden die einzelnen Umstände, unter denen der Fremdling
aufgetaucht war, allgemein bekannt. Am Pfingstmontag gegen die fünfte
Nachmittagsstunde war er plötzlich auf dem Unschlittplatz, unweit vom Neuen Tor,
gestanden, hatte eine Weile verstört um sich geschaut und war dann dem zufällig
des Weges kommenden Schuster Weikmann geradezu in die Arme getaumelt. Seine
bebenden Finger wiesen einen Brief mit der Adresse des Rittmeisters Wessenig
vor, und da nun einige andre Personen hinzukamen, schleppte man ihn mit
ziemlicher Mühe bis zum Haus des Rittmeisters. Dort fiel er erschöpft auf die
Stufen, und durch die zerrissenen Stiefel sickerte Blut.
    Der Rittmeister kam erst um die Dämmerungsstunde heim, und seine Frau
erzählte ihm, dass ein verhungerter und halbvertierter Bursche auf der Streu im
Stall schlafe; zugleich übergab sie ihm den Brief, den der Rittmeister, nachdem
er das Siegel erbrochen, mit grösster Verwunderung einige Male durchlas; es war
ein Schriftstück, ebenso humoristisch in einigen Punkten wie in andern von
grausamer Deutlichkeit. Der Rittmeister begab sich in den Stall und liess den
Fremdling aufwecken, was mit vieler Anstrengung zustande gebracht wurde. Die
militärisch gemessenen Fragen des Offiziers wurden von dem Knaben nicht oder nur
mit sinnlosen Lauten beantwortet, und Herr von Wessenig entschied sich
kurzerhand, den Zuläufer auf die Polizeiwachtstube bringen zu lassen.
    Auch dieses Unternehmen war mit Schwierigkeiten verknüpft, denn der
Fremdling konnte kaum mehr gehen; Blutspuren bezeichneten seinen Weg; wie ein
störrisches Kalb musste er durch die Strassen gezogen werden, und die von den
Feiertagsausflügen heimkehrenden Bürger hatten ihren Spass an der Sache. »Was
gibts denn?« fragten die, welche den ungewohnten Tumult nur aus der Ferne
beobachteten. »Ei, sie führen einen betrunkenen Bauern«, lautete der Bescheid.
    Auf der Wachtstube bemühte sich der Aktuar umsonst, mit dem Häftling ein
Verhör anzustellen; er lallte immer wieder dieselben halb blödsinnigen Worte vor
sich hin, und Schimpfen und Drohen nutzte nichts. Als einer der Soldaten Licht
anzündete geschah etwas Sonderbares. Der Knabe machte mit dem Oberkörper
tanzbärenhaft hüpfende Bewegungen und griff mit den Händen in die, Kerzenflamme;
aber als er dann die Brandwunde verspürte, fing er so zu weinen an, dass es allen
durch Mark und Bein ging.
    Endlich hatte der Aktuar den Einfall, ihm ein Stück Papier und einen
Bleistift vorzuhalten, danach griff der wunderliche Mensch, und malte mit
kindisch-grossen Buchstaben langsam den Namen Caspar Hauser. Hierauf wankte er in
eine Ecke, brach förmlich zusammen und fiel in tiefen Schlaf.
    Weil Caspar Hauser, so wurde der Fremdling von nun ab genannt, bei seiner
Ankunft in der Stadt bäurisch gekleidet war, nämlich mit einem Frack, von dem
die Schösse abgeschnitten waren, einem roten Schlips und grossen Schaftstiefeln,
glaubte man zuerst, es mit einem Bauernsohn aus der Gegend zu tun zu haben, der
auf irgendeine Weise vernachlässigt oder in der Entwicklung verkümmert war. Der
erste, der dieser Meinung entschieden widersprach, war der Gefängniswärter auf
dem Turm. »So sieht kein Bauer aus«, sagte er und deutete auf das wallende
hellbraune Haar seines Häftlings, das etwas nicht ausdrückbar Unberührtes hatte
und glänzend war wie das Fell von Tieren, die in Finsternis zu leben gewohnt
sind. »Und diese feinen weissen Händchen und diese sammetweiche Haut und die
dünnen Schläfen und die deutlichen blauen Adern zu beiden Seiten des Halses,
wahrhaftig, er gleicht eher einem adligen Fräulein als einem Bauern.«
    »Nicht übel bemerkt«, meinte der Stadtgerichtsarzt, der in seinem zu
Protokoll gegebenen Gutachten neben diesen Merkmalen die besondere Bildung der
Knie und die hornhautlosen Fusssohlen des Gefangenen hervorhob. »So viel ist
klar« hiess es am Schluss, »dass man es hier mit einem Menschen zu tun hat, der
nichts von seinesgleichen ahnt, nicht isst, nicht trinkt, nicht fühlt, nicht
spricht wie andre der nichts von gestern, nichts von morgen weiss, die Zeit nicht
begreift, sich selber nicht spürt.«
    Die hohe Polizeibehörde liess sich durch ein solches Urteil nicht aus dem
vorgesetzten Gang der Untersuchung lenken; es bestand der Verdacht, dass der
Stadtgerichtsarzt durch seinen Freund, den Gymnasialprofessor Daumer, beeinflusst
und zu diesen Überschwenglichkeiten verführt worden sei. Der Gefängniswärter
Hill wurde beauftragt, den Fremdling insgeheim zu belauern. Er spähte oft durch
das verborgene Loch in der Türe, wenn sich der Knabe allein wähnen musste; aber
es war immer derselbe traurige Ernst in den bald schlaffen und beklommenen, bald
wie durch den Anblick eines unsichtbaren Furchtgebildes verzerrten und
zerrissenen Zügen. Es war auch vergeblich, nachts, wenn er schlief, an sein
Lager zu schleichen, hinzuknien, auf den Atem zu horchen und zu warten, ob er
verräterische Worte aus dem Innern auf die Lippen trug; Leute, die Übles im
Schild führen, pflegen nämlich aus dem Schlaf zu reden, auch schlafen sie eher
bei Tag als bei Nacht, wo sie ihren Gedanken und Entwürfen nachhängen; aber
diesen umfing der Schlummer, sobald die Sonne sank, und er erwachte, wenn sich
der erste Morgenstrahl durch die verschlossenen Läden zwängte. Es konnte Argwohn
wecken, dass er jedesmal zusammenzuckte, wenn die Tür seines Gefängnisses
geöffnet wurde; wahrscheinlich jedoch gab sich darin nicht die Angst eines
schuldbewussten Gemüts zu erkennen, sondern vielmehr eine übermässige Erregbarkeit
der Sinne, denen jeder Laut von aussen zu qualvoller Nähe kam.
    »Unsre Herren auf dem Rataus werden noch viel Papier beschmieren müssen,
wenn sie auf dem Weg weiterkommen wollen«, sagte der gute Hill eines Morgens, es
war der dritte Tag der Haft Caspar Hausers, zu Professor Daumer, der den
Fremdling besuchen wollte; »ich kenne gewiss alle Schliche des Lumpenvolks, aber
wenn der Bursche ein Simulante ist, will ich mich hängen lassen.«
    Hill sperrte auf, und Professor Daumer trat in die Kammer. Wie gewöhnlich
erschrak der Gefangene, aber als der Ankömmling einmal im Raum war, schien ihn
Caspar Hauser nicht mehr zu gewahren und schaute, bezaubert im dumpfen
Nichtwissen, still vor sich nieder.
    Da geschah es, als Hill den Fensterladen geöffnet hatte, dass der Knabe,
vielleicht wie nie zuvor in seinem Leben, den gefesselten Blick erhob, ihn von
der schweigenden, gleichmässigen Furcht wegkehrte, die das Innere seiner Brust
beherbergen mochte, und ihn durchs Fenster hinausschweifen liess in das besonnte
Freie, wo Ziegeldach an Ziegeldach sich steil und glühend rot auf einem
Hintergrund von bläulich dämmernden Wiesen und Wäldern malte. Er streckte seine
Hand aus; Überraschung und freudloses Staunen verzog seine Lippen, zögernd griff
er mit dem Arm in das funkelnde Gemälde, als ob er das bunte Durcheinander
draussen mit den Fingern anfassen wolle, und als er sich überzeugt hatte, dass es
nichts war, etwas Fernes, Trügerisches, Ungreifbares, da verfinsterte sich sein
Gesicht, und er wandte sich unwillig und enttäuscht ab.
    Am selben Nachmittag kam der Bürgermeister Binder in Daumers Wohnung und
teilte im Verlauf eines Gesprächs über den Findling mit, dass die Herren vom
Stadtmagistrat eher feindlich und ungläubig als wohlwollend gegen diesen
gestimmt seien.
    »Ungläubig?« entgegnete Daumer verwundert, »in welcher Beziehung ungläubig?«
    »Nun ja, man nimmt an, dass der Bursche sein Gaukelspiel mit uns treibt«,
versetzte der Bürgermeister.
    Daumer schüttelte den Kopf. »Welcher Mensch von Verstand oder
Geschicklichkeit wird sich aus purer Heuchelei dazu herbeilassen, von Brot und
Wasser zu leben, und alles, was dem Gaumen behagt, mit Ekel von sich weisen?«
fragte er. »Um welches Vorteils willen?«
    »Gleichviel,« antwortete Binder unschlüssig; »es scheint eine verwickelte
Geschichte. Da niemand sagen noch vermuten kann, worauf das Spiel hinaus will,
ist Vorsicht um so mehr geboten, als man durch leichtsinnige Gutgläubigkeit den
gerechten Hohn der Urteilsfähigen herausfordert.«
    »Das klingt ja beinahe, als ob nur die Zweifler und Neinsager urteilsfähig
heissen könnten«, bemerkte Daumer stirnrunzelnd. »Von der Gilde haben wir leider
genug.«
    Der Bürgermeister zuckte die Achseln und blickte den jungen Lehrer mit jener
milden Ironie an, welche die Waffe der Erfahrenen gegenüber den Entusiastischen
ist. »Wir haben eine neuerliche Untersuchung durch den Gerichtsarzt
beschlossen«fuhr er fort. »Der Magistratsrat Behold, der Freiherr von Tucher und
Sie, lieber Daumer, sollen dieser Untersuchung kommissarisch beiwohnen. Der
aufzunehmende Akt wird dann, zusammen mit den bereits vorhandenen, polizeilichen
Protokollen, der Kreisregierung überschickt.«
    »Ich verstehe: Akten, Akten«, sagte Daumer spöttisch lächelnd.
    Der Bürgermeister legte ihm die Hand auf die Schulter und erwiderte
gutmütig: »Seien Sie nicht so überlegen, Verehrter; unsre Welt schmeckt nun
einmal nach Tinte, und daran habt ihr Bücherwürmer doch wahrlich nicht die
wenigste Schuld. Übrigens«, er griff in die Rockbrust und brachte ein
zusammengefaltetes Stück Papier zum Vorschein, »als Mitglied der Kommission
werden Sie gebeten, Einblick in ein wichtiges Dokument zu nehmen. Es ist der
Brief, den unser Gefangener beim Rittmeister Wessenig abgegeben hat. Lesen,
Sie.«
    Das mit keiner Namensunterschrift versehene Schreiben lautete: »Ich schicke
Ihnen hier einen Burschen, Herr Rittmeister, der möchte seinem König getreu
dienen und will unter die Soldaten. Der Knabe ist mir gelegt worden im Jahre
1815, in einer Winternacht, da lag er an meiner Tür. Hab selber Kinder, bin arm,
kann mich selber kaum durchbringen, er ist ein Findling, und seine Mutter hab
ich nicht erfragen können. Hab ihn nie einen Schritt aus dem Haus gelassen, kein
Mensch weiss von ihm, er weiss nicht, wie mein Haus heisst, und den Ort weiss er
auch nicht Sie dürfen ihn schon fragen, er kann es aber nicht sagen, denn mit
der Sprache ist es noch schlecht bei ihm bestellt. Wenn er Eltern hätte, wie er
keine hat, wär was Tüchtiges aus ihm geworden. Sie brauchen ihm nur etwas zu
zeigen, da kann er es gleich. Mitten in der Nacht hab ich ihn fortgeführt, und
er hat kein Geld bei sich, und wenn Sie ihn nicht behalten wollen müssen Sie ihn
erschlagen und in den Rauchfang hängen.«
    Als Daumer gelesen hatte, gab er dem Bürgermeister das Schriftstück zurück
und ging mit ernster Miene auf und ab.
    »Nun, was halten Sie davon?« forschte Binder; »einige unsrer Herren sind der
Ansicht, der Unbekannte selbst könne den Brief geschrieben haben.«
    Daumer hielt mit einem Ruck in seiner Wanderung inne schlug die Hände
zusammen und rief: »Ach, du himmlische Gnade!«
    »Dazu ist natürlich gar kein Grund vorhanden«, beeilte sich der
Bürgermeister hinzuzufügen. »Dass bei der Abfassung des Schreibens eine
zweckvolle Tücke gewaltet hat, dass es dazu bestimmt ist, Nachforschungen zu
erschweren und irrezuführen, ist offenbar. Es ist eine schnöde Kalterzigkeit im
Ton, die mir von Anfang an den Verdacht erregt hat, dass der Jüngling das
unschuldige Opfer eines Verbrechens ist.«
    Eine mutige Meinung, in welcher der Bürgermeister durch einen Vorgang sehr
bestärkt wurde, der sich ereignete, kurz nachdem die Herren von der Kommission
am folgenden Morgen das Gefängnis Caspar Hausers betreten hatten. Während der
Wärter damit beschäftigt war, den Knaben zu entkleiden, liess sich drunten in
einer Gasse am Burgberg eine Bauernmusik hören und zog mit klingendem Spiel an
der Mauer vorüber. Da lief ein grauenhaft anzuschauendes Zittern über den Körper
Hausers, sein Gesicht, ja sogar seine Hände bedeckten sich mit Schweiss, seine
Augen verdrehten sich, alle Fibern lauschten dem Schrecken entgegen, dann stiess
er einen tierischen Schrei aus, stürzte zu Boden und blieb zuckend und
schluchzend liegen.
    Die Männer erbleichten und sahen einander ratlos an. Nach einer Weile
näherte sich Daumer dem Unglücklichen, legte die Hand auf sein Haupt und sprach
ein paar tröstende Worte. Dies wirkte beruhigend auf den Jüngling, und er wurde
stille; nichtsdestoweniger schien der ungeheure Eindruck des gehörten Schalls
seinen Leib von innen und von aussen verwundet zu haben. Tagelang nachher zeigte
sein Wesen noch die Spuren der empfundenen Erschütterung; er lag fiebernd auf
dem Strohsack, und seine Haut war zitronengelb. Teilnahmsvollen Fragen gegenüber
war er allerdings herzlich bewegt, und er suchte nach Worten, um seine
Erkenntlichkeit zu beweisen, wobei sein sonst so klarer Blick sich in dunkler
Pein trübte, besonders für den Professor Daumer, der zwei- bis dreimal täglich
zu ihm kam, legte er eine zärtliche Dankbarkeit, schweigend oder stammelnd, dar.
    Bei einem dieser Besuche war Daumer mit dem Knaben ganz allein, und das zum
erstenmal; der Wärter hatte auf seine Bitte das untere Tor abgesperrt Er sass
dicht neben dem Gefangenen, er redete fragte, forschte, alles mit einem
vergeblichen Aufwand von Innigkeit, Geduld und List. Zum Schluss beschränkte er
sich darauf, das Tun und Lassen des Jünglings voll Spannung zu beobachten.
Plötzlich stiess Caspar Hauser seine verworrenen Laute aus: er schien etwas zu
fordern und spähte suchend herum. Daumer erriet bald und reichte ihm den
gefüllten Wasserkrug, den Hill auf die Ofenbank gestellt hatte - Caspar nahm den
Krug, setzte ihn an die Lippen und trank. Er trank in langen Schlücken, mit
beseligter Gelösteit und einem begeisterten Aufleuchten der Augen, wie wenn er
für den kurzen Zeitraum des Genusses vergessen hätte, dass das dämonisch
Unbekannte auf allen Seiten ihn bedrängte.
    Daumer geriet in eine seltsame Aufregung. Als er nach Hause kam, durchmass er
länger als eine halbe Stunde mit grossen Schritten sein Studierzimmer. Gegen acht
Uhr pochte es an der Tür, seine Schwester trat ein und rief ihn zum Abendessen.
»Was glaubst du, Anna«, rief er ihr lebhaft und mit beziehungsvollem Ton zu,
»zwei mal zwei ist vier, wie?«
    »Es scheint so«, erwiderte das junge Mädchen, verwundert lachend, »alle
Leute behaupten es. Hast du denn entdeckt, dass es anders ist? Das sähe dir
ähnlich, du Aufwiegler.«
    »Nicht gerade das hab ich entdeckt, aber doch etwas der Art«, sagte Daumer
heiter und legte den Arm um die Schulter der Schwester. »Ich will einmal unsre
braven Philister tanzen lassen! Ja, tanzen sollen sie mir und staunen.«
    »Betrifft es etwa gar den Findling? Hast du was mit ihm vor? Sei nur auf der
Hut, Friedrich, und lass dich nicht in Scherereien ein, man ist dir ohnedies
nicht grün.«
    »Gewiss«, gab er, rasch verstimmt, zur Antwort, »das Einmaleins könnte
Schaden leiden.«
    »Nun, weiss man noch gar nichts über den Sonderling?« fragte bei Tisch
Daumers Mutter, eine sanfte, alte Dame.
    Daumer schüttelte den Kopf. »Vorläufig kann man nur ahnen, bald wird man
wissen«, entgegnete er mit starr nach oben gerichtetem Blick.
    Am folgenden Tag brachte die »Morgenpost« einen Artikel, der die Überschrift
trug: Wer ist Caspar Hauser? Wenngleich auf diesen Appell keiner der Leser eine
Antwort zu erteilen vermochte, wurde der Zudrang der Neugierigen so gross, dass
das Bürgermeisteramt sich genötigt sah, die Besuchsstunden durch eine strenge
Vorschrift zu regeln. Bisweilen standen die Leute Kopf an Kopf vor der offenen
Tür des Gefängnisses, und in allen Gesichtern war die Frage zu lesen: Was ist es
mit ihm? Was ist es für ein Mensch, der die Worte nicht versteht und dennoch
sprechen kann, die Dinge nicht erkennt und dennoch sehen kann, der zu lachen
vermag, kaum dass sein Weinen zu Ende, der arglos scheint und geheimnisvoll ist
und hinter dessen unschuldig leuchtenden Augen vielleicht Übeltat und Schande
verborgen sind?
    Sicherlich spürte der Gefangene, spürte es schmerzlich, was die lüstern auf
ihn gerichteten Blicke begehrten, und der Wunsch, ihnen zu willfahren, erzeugte
möglicherweise die erste erhellende Dämmerung, welche ihm selbst die
Vergangenheit langsam begreiflich machte, so dass er in beunruhigter Brust nach
dem Gewesenen tastete, ein Gewesenes erst fühlte und die Gegenwart damit
verband, im tiefsten schaudernd an der Zeit messen lernte, was sie verändernd
mit ihm getan, und was er sah, mit dem verglich, was er ehedem gesehen. Er
begriff das Fordernde der Frage und ward des Mittels inne, die verlangenden
Mienen zu befriedigen.
    Mit durstigen Sinnen suchte er das Wort. Sein flehentlicher Blick grub es
heraus aus dem sprechenden Mund der Menschen.
    Hier war Daumer in seinem Element. Was keinem andern, dem Arzt nicht, dem
Wärter nicht, dem Bürgermeister nicht, den Protokollanten erst recht nicht
gelingen wollte, das vermochte nach und nach seine Behutsamkeit und zweckvolle
Geduld. Die Person des Findlings beschäftigte ihn aber auch dermassen, dass er
seiner Studien und privaten Obliegenheiten, ja beinahe seines öffentlichen Amtes
darüber vergass, und er erschien sich wie ein Mann, den das Schicksal vor das ihm
allein bestimmte Erlebnis gestellt hat, wodurch sein ganzes Sein und Denken eine
glückliche Bestätigung erfährt. Unter seinen Notizen über Caspar Hauser lautete
eine der ersten wie folgt: »Diese in einer fremden Welt hilflos schwankende
Gestalt, dieser schlafumfangene Blick, diese angstverhaltene Gebärde, diese über
einem etwas verkümmerten Untergesicht edel tronende Stirn, auf welcher Frieden
und Reinheit strahlen: es sind für mich Zeugen von unbesiegbarer Deutkraft. Wenn
sich die Vermutungen bewahrheiten, mit denen sie mich erfüllen, wenn ich die
Wurzeln dieses Daseins aufgraben und seine Zweige zum Blühen bringen kann, dann
will ich der stumpfgewordenen Welt den Spiegel unbefleckten Menschentums
entgegenhalten, und man wird sehen, dass es gültige Beweise gibt für die Existenz
der Seele, die von allen Götzendienern der Zeit mit elender Leidenschaft
geleugnet wird.«
    Es war ein schwieriger Weg, den der eifervolle Pädagoge ging. Da, wo er zu
beginnen hatte, war die menschliche Sprache ein wesenloses Ding, Wort um Wort
musste erst seinem Sinn angeheftet, Erinnerung erst erweckt, Ursache und Folge in
ihrer Verkettung erst entschleiert werden. Zwischen einer Frage und der nächsten
lagen Welten des Begreifens, ein Ja, ein Nein, oft hilflos hingeworfen, galt
noch nichts, wo jeder Begriff erst aus der Dunkelheit erstand und die
Verständigung von Vokabel zu Vokabel stockte. Und doch schien ein Licht wie aus
weit entfernter Vergangenheit den Geist des Jünglings viel rascher zu beflügeln,
als selbst der hoffnungsselige Daumer zu erwarten gewagt hatte. Es war
erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit und Kraft er einmal Gesagtes festielt und
wie er aus dem Chaos unlebendiger Laute das für ihn Lebendige und
Bedeutungsvolle bildvoll hervorzauberte, so dass es Daumer zumute war, als hebe
er bloss Schleier von den Augen seines Schützlings, als spiele er die Rolle des
Lauschers bei den langsam hervorquellenden Erinnerungen. Er hielt den Körper,
indes der Geist des Knaben zurückkehrte in den Bezirk, von wo er kam, und eine
Kunde brachte, dergleichen kein Ohr je vernommen.
 
                Bericht Caspar Hausers, von Daumer aufgezeichnet
Soweit Caspar sich entsinnen konnte, war er immer in einem dunkeln Raum gewesen,
niemals anderswo, immer in demselben Raum. Niemals den Menschen gesehen, niemals
seinen Schritt gehört, niemals seine Stimme, keinen Laut eines Vogels, kein
Geschrei eines Tieres, nicht den Strahl der Sonne erblickt, nicht den Schimmer
des Mondes. Nichts vernommen als sich selbst, und doch nichts von sich selber
wissend, der Einsamkeit nicht innewerdend.
    Das Gemach muss von geringer Breite gewesen sein, denn er glaubte, einmal mit
ausgestreckten Armen zwei gegenüberliegende Wände berührt zu haben. Vordem aber
schien es unermesslich gross; angekettet an ein Strohlager, ohne die Fessel zu
sehen, hatte Caspar niemals den Fleck Erde verlassen, auf dem er traumlos
schlief, traumlos wachte. Dämmerung und Finsternis waren unterschieden, so wusste
er also um Tag und Nacht; er kannte ihre Namen nicht, allein er sah die
Schwärze, wenn er einmal in der Nacht erwachte und die Mauern entschwunden
waren.
    Er hatte kein Mass für die Zeit. Er konnte nicht sagen, wann die
unergründliche Einsamkeit begonnen hatte, er dachte zu keiner Stunde daran, dass
sie einmal enden könne. Er spürte keinerlei Verwandlung an seinem Leibe, er
wünschte nicht, dass etwas anders sein solle, als es war, es schreckte ihn kein
Ungefähr, nichts Künftiges lockte ihn, nichts Vergangenes hatte Worte, stumm
lief die regelvolle Uhr des kaum empfundenen Lebens, stumm war sein Inneres wie
die Luft, die ihn umgab.
    Wenn er am Morgen erwachte, fand er frisches Brot neben dem Lager und den
Wasserkrug gefüllt. Bisweilen schmeckte das Wasser anders als sonst; wenn er
getrunken hatte, verlor er seine Munterkeit und schlief ein. Nach dem Aufwachen
musste er dann das Krüglein sehr oft in die Hand nehmen, er hielt es lange an den
Mund, doch floss kein Wasser mehr heraus; er stellte es immer wieder hin und
wartete, ob nicht bald Wasser komme, weil er nicht wusste, dass es gebracht wurde;
hatte er doch keinen Begriff, dass ausser ihm noch jemand sein könne. An solchen
Tagen fand er reines Stroh auf seinem Bette, ein frisches Hemd am Körper, die
Nägel beschnitten, die Haare kürzer, die Haut gereinigt. All das war im Schlaf
geschehen, ohne dass er es gemerkt, und kein Nachdenken darüber umflorte seinen
Geist.
    Ganz allein war Caspar Hauser nicht; er besass einen Kameraden. Er hatte ein
weisses Pferdchen aus Holz, ein namenloses, regungsloses Ding und gleichwohl
etwas, in dem sein eignes Dasein sich dunkel spiegelte. Da er die lebendige
Gestalt in ihm ahnte, hielt er es für seinesgleichen, und in den matten Glanz
seiner künstlichen Augenperlen war alles Licht der äusseren Welt gebannt. Er
spielte nicht mit ihm, nicht einmal lautlose Zwiesprach hielt er mit ihm, und
obwohl es auf einem Brettchen mit Rädern stand, dachte er nie daran, es hin und
her zu schieben. Aber wenn er sein Brot ass, reichte er ihm jeden Bissen hin,
bevor er ihn selbst zum Mund führte, und bevor er einschlief, streichelte er es
mit liebkosender Hand. Das war sein einziges Tun in vielen Tagen, langen Jahren.
Da geschah es einst während der Zeit des Wachens, dass sich die Mauer auftat, und
von draussen her, aus dem Niegesehenen, erschien eine ungeheure Gestalt, ein
Niegesehener, der erste Andre, der das Wörtchen Du sprach und den Caspar deshalb
den Du nannte. Die Decke des Raumes ruhte auf seinen Schultern, etwas
unverständlich Leichtes und Veränderliches war in der Bewegung seiner Glieder,
ein Lärm war um ihn, der das Ohr füllte. Laut um Laut floss rasch von seinen
Lippen, zu atemlosem Hören zwang das Leuchten seiner Augen, und an seinen
Kleidern hing das Draussen als ein betäubender Geruch.
    Von den vielen Worten, die aus dem Munde des Du kamen, verstand Caspar
zunächst keines, aber durch tieferregtes Aufmerken begriff er allmählich, dass
der Ungeheure ihn fortbringen wolle, dass das Ding, das seine Einsamkeit geteilt,
den Namen Ross trug, dass er andre Rosse erhalten werde und dass er lernen solle.
    »Lernen«, sagte der Du immer wieder, »lernen, lernen.« Und wie um
klarzumachen, was das heisse, stellte er einen Schemel mit vier runden Füssen vor
ihn hin, legte ein Blatt Papier darauf, schrieb zweimal den Namen Caspar Hauser
und führte beim Nachschreiben Caspars Hand. Dies gefiel Caspar, weil es schwarz
und weiss aussah.
    Darauf legte der Du ein Buch auf den Schemel und sprach, auf die winzigen
Zeichen deutend, die Worte vor. Caspar konnte sie alle wiederholen, ohne irgend
den Sinn erfasst zu haben. Auch andre Worte und gewisse Redensarten plapperte er
nach, die ihm der Mann vorsagte, zum Beispiel: »Ich möcht ein solcher Reiter
werden wie mein Vater.«
    Der Du schien zufrieden; jedenfalls um ihn zu belohnen, zeigte er ihm, dass
man das Holzpferd auf dem Boden hin und her rollen könne, und damit vergnügte
sich Caspar, als er am andern Morgen erwachte. Er schob das Rösslein vor seinem
Lager auf und ab, wobei ein Geräusch entstand, das den Ohren wehe tat; deshalb
liess er es wieder und begann dafür mit dem Pferd zu reden, indem er die
unverständlichen Laute aus dem Munde des Du nachahmte. Es war eine wunderliche
Lust für ihn, sich selbst zu hören, er hob die Arme und füllte den Raum mit
seinem freudigen Gelall.
    Seinen Kerkermeister mochte dies verdriessen und beunruhigen, er wollte ihn
zum Schweigen bringen: auf einmal sah Caspar einen Stab über seine Schulter
sausen und spürte zugleich einen so heftigen Schmerz auf dem Arm, dass er vor
Schrecken nach vorn fiel. Mitten in der Angst machte er die erstaunliche
Wahrnehmung, dass er nicht mehr ans Lager angebunden war. Eine Zeitlang verhielt
er sich ganz stille, dann versuchte er, vorwärts zu rutschen, aber ihm graute
als er mit seinen blossen Füssen die kalte Erde berührte. Mit Mühe erreichte er
sein Lager und versank sofort in Schlaf.
    Es wurde dreimal Nacht und Tag, ehe der Du wiederkam und versuchte, ob
Caspar noch seinen Namen schreiben und die Worte aus dem Buch lesen konnte. Er
verbarg nicht seine Verwunderung, als der Knabe dies mühelos vermochte. Er wies
auf Dinge rings im Raum und nannte ihre Namen; er redete langsam, Aug in Aug mit
Caspar, und hielt ihn dabei an der Schulter fest; durch seine Blicke, seine
Gebärden, das Verzerren seiner Züge hindurch ahnte Caspar, was er sagte, und ihn
schauderte, während seine stotternde Zunge dem Mann gehorsam war.
    In der folgenden Nacht wurde er aus dem Schlaf gerüttelt. Lange und mit Qual
spürte er es und konnte doch nicht ganz erwachen. Als er endlich die Augen
aufschlug, war die Mauer geöffnet, und ein purpurroter Schein floss in den Raum.
Der Du war über ihn gebeugt und sprach leise, vielleicht um Caspars Furcht zu
stillen. Er richtete ihn empor und bekleidete. ihn mit Hosen, mit einem Kittel
und mit Stiefeln, dann stellte er ihn auf die Füsse, lehnte ihn gegen die Wand
und kehrte sich mit dem Rücken gegen ihn. Er umfasste seine Beine, hob ihn auf,
Caspar umschlang mit den Armen seinen Hals, und nun ging es hinauf, einen hohen
Berg hinauf, so schien es Caspar; in Wirklichkeit war es wahrscheinlich die
Treppe des unterirdischen Verlieses. Furchtbar dröhnte der Atem des Mannes,
etwas Kühles und Feuchtes schlug Caspar ins Gesicht, setzte sich in seinen
Haaren fest, die sich von selbst zu bewegen anfingen, und klammerte sich an
seine Haut.
    Plötzlich wich die Schwärze, sie rauschte auf den Boden nieder; alles wurde
weit, weich und blieb doch dunkel; in der Tiefe, in der Ferne wuchteten fremde
grosse Dinge; von oben brach ein blauer Strahl und verlor sich wieder, das
Schlüpfrig-Feuchte blähte die Falten der Kleider, durchdringende Gerüche wogten
umher, Caspar begann zu weinen und schlief auf dem Rücken des Mannes ein.
    Beim Erwachen lag er auf dem Boden, das Gesicht zur Erde gekehrt, und von
unten strömte Kälte in den Leib, Der Du richtete ihn auf. Die Luft brannte
sonderbar, und ein unerträglich heller Schein flirrte vor den Augen. Der Du
machte ihm begreiflich, dass er gehen lernen müsse; er zeigte ihm, wie er gehen
solle, er hielt ihn von hinten unter den Armen und stiess seinen Kopf gegen die
Brust, ihm so befehlend, dass er auf den Boden sehen solle. Caspar gehorchte
wankend und zitternd, die Luft und der Schein brannten ihm die Augenlider, die
Gerüche machten ihn schwindeln, die Sinne vergingen.
    Er schlief wieder; wie lange, das wusste er nicht. Auch wusste er nicht, wie
oft er zu gehen probiert hatte, als es wieder dunkel wurde. Vielleicht glaubte
er, es sei Nacht geworden, während sie sich nur in einem Wald befanden. Den Weg
gewahrte er nicht, er konnte nicht sagen, ob es aufwärts oder abwärts ging. Ob
Bäume oder Wiesen oder Häuser da waren, wusste er nicht. Bisweilen schien ihm
alles ringsum in rote Glut getaucht, aber wenn das Weiche, Dunkle kam, dehnten
sich Luft und Erde bläulich und grün. Ob Menschen vorübergingen, konnte er nicht
sagen, er gewahrte nicht den Himmel, er sah nicht einmal das Gesicht des Mannes.
Einmal fiel Wasser von der Höhe; er dachte, der Du schütte ihn mit Wasser an,
und beklagte sich, doch jener entgegnete, er schütte ihn nicht an, er deutete in
die Luft und rief: »Regen! Regen!«
    Wie lange er so unterwegs gewesen, wusste er nicht. Ihm dünkte, jedesmal wenn
er sich, erschöpft vom Gehen, zur Ruhe niedergelegt, sei ein Tag vergangen.
Furcht zog ihn hin und bemeisterte seine Müdigkeit, sie spannte seine Gelenke
und riss sein Haupt nach oben, indes die Augen unaufhörlich zur Tiefe starrten.
Der Du gab ihm dasselbe Brot zu essen, das er im Kerker genossen, und liess ihn
Wasser aus einer Flasche trinken. Caspars Erschöpfung und seine Angst, wenn der
Wind durch die Büsche sauste, oder wenn ein Tier schrie, oder wenn das Gras um
seine Füsse klirrte, suchte er durch das Versprechen schöner Pferdchen zu
besiegen, und als Caspar endlich längere Zeit allein gehen konnte, sagte er, nun
seien sie bald da. Er wies mit dem Arm in die Ferne und sagte: »Grosse Stadt.«
    Caspar sah nichts, taumelnd tappte er vorwärts; nach einer Weile hielt ihn
der Du bei den Armen zum Zeichen, dass er stehenbleiben solle, gab ihm einen
Brief und sagte, den Mund nahe an Caspars Ohr: »Lass dich weisen, wo der Brief
hingehört.«
    Caspar machte noch ein paar Schritte, und als er sich dann umsah, war der Du
verschwunden. Er spürte plötzlich Steine unter den Füssen, er tastete nach allen
Seiten, um sich zu halten, er sah Steinmauern, die im Sonnenlicht feurig lohten,
aber Entsetzen packte ihn erst, als er Menschen gewahrte, erst einen, dann zwei,
dann viele. Grauenhaft nah kamen sie heran, umstanden ihn, schrien ihm zu, einer
ergriff ihn und schleppte ihn vorwärts, alles ringsumher war Lärm und Getöse; er
begehrte zu schlafen, sie verstanden ihn nicht; er sprach von seinem Vater, von
den Rossen, sie lachten und verstanden ihn nicht; er jammerte über seine wunden
Füsse, sie verstanden ihn nicht; er schlief im Stall des Rittmeisters, dann kamen
wieder andre Gestalten, um, kaum dass sie sich gezeigt, mit unbegreiflicher Hast
wieder zu fliehen, die Luft war schwer und kaum zu atmen, die gewaltigen Dinge,
als welche ihm die Häuser erschienen, drängten sich an ihn an, und auf der
Wachtstube erschreckten ihn die wilden Mienen und Gebärden der Leute so, dass er
zu Tränen seine Zuflucht nahm.
    Wiederum schlief er lange, und danach wurde er auf den Turm gebracht. Der
Mann, der ihn die grosse Stiege hinaufführte, sprach mit starker Stimme und
öffnete eine Tür, die einen besonderen Hall von sich gab. Kaum hatte er sich auf
dem Strohsack niedergelassen, so begann die Turmuhr zu schlagen, worüber Caspar
in unermessliches Erstaunen geriet. Er lauschte angestrengt, aber nach und nach
hörte er nichts mehr, seine Aufmerksamkeit verlor sich, und er fühlte nur das
Brennen seiner Füsse. In den Augen hatte er keine Schmerzen, da es dunkel war. Er
setzte sich auf und wollte nach dem Krüglein langen, um seinen Durst zu stillen.
Er sah kein Wasser und kein Brot, anstatt dessen sah er einen Boden, der ganz
anders beschaffen war als dort, wo er früher gewesen. Nun wollte er nach seinem
Pferdchen greifen und mit ihm spielen, es war aber keines da, und er sagte: »Ich
möcht ein solcher Reiter werden wie mein Vater.«
    Das sollte heissen: Wo ist das Wasser hin und das Brot und das Pferdchen?
    Er bemerkte den Strohsack, auf dem er lag, betrachtete ihn mit Verwunderung
und wusste nicht, was es sei; mit dem Finger darauf klopfend, vernahm er dasselbe
Geräusch wie von dem Stroh, das sonst sein Lager gewesen. Dies erfüllte ihn mit
Beruhigung, so dass er wieder einschlief und erst mitten in der Nacht vom oftmals
wiederholten Ton der Glocke erwachte. Er lauschte lang, und als der Schall
verklungen war, sah er den Ofen, der eine grüne Farbe hatte und einen Glanz von
sich gab (denn Caspar vermochte selbst in tiefer Dunkelheit die Farben zu
unterscheiden). Er blickte sehr angespannt hinüber und murmelte wieder: »Ich
möcht ein solcher Reiter. werden wie mein Vater.«
    Das sollte heissen: Was ist denn dieses, und wo bin ich denn? Auch drückte er
damit sein Verlangen nach dem glänzenden Ding aus.
    In der Frühe öffnete der Wärter die Fensterläden, das helle Tageslicht tat
Caspars Augen wehe; er fing zu weinen an und sagte: »Hinweisen, wo der Brief
hingehört«, und damit wollte er sagen: Warum tun mir die Augen weh? Tu es weg,
was mich brennt, gib mir das Pferdchen zurück und plag mich nicht so. Denn er
sprach im Geiste mit dem Du, von dem er glaubte, dass er Abhilfe schaffen könnte.
Er hörte die Uhr wieder schlagen, das nahm ihm die Hälfte der Schmerzen, und
indes er horchte, kam ein Mann und stellte allerhand Fragen, aber Caspar gab
keine Antwort, weil seine Aufmerksamkeit auf den verhallenden Klang gerichtet
war. Der Mann fasste ihn am Kinn, hob seinen Kopf in die Höhe und redete mit
starker Stimme. Jetzt hörte Caspar zu und sagte all seine gelernten Worte her,
aber der Mann verstand ihn nicht. Er liess seinen Kopf los, setzte sich neben
Caspar und fragte immerfort; als nun die Uhr wieder tönte, sagte Caspar: »Ich
möcht ein solcher Reiter werden wie mein Vater.«
    Das sollte bedeuten: Gib mir das Ding, das so schön klingt.
    Der Mann verstand ihn nicht und redete weiter, da fing Caspar an zu weinen
und sagte: »Ross geben«, womit er den Mann bat, er möge ihn nicht so quälen.
    Er sass dann lange Zeit allein. Aus weiter Ferne klang ein Trompetenschall
aus der Kaiserstallung, und als ein andrer Mann eintrat, sagte Caspar die
Redensart mit dem Brief; das sollte heissen: Weisst du nicht, was das ist? Der
Mann brachte den Wasserkrug und liess Caspar trinken, danach ward es ihm leicht
zumute, und er sagte: »Möcht ein solcher Reiter werden wie mein Vater«. Das
bedeutete Jetzt darfst du nicht mehr fortgehen, Wasser. Bald erklang wieder die
Trompete, und Caspar lauschte freudig; er dachte, wenn sein Pferdchen käme,
würde er ihm erzählen, was er gehört.
    An diesem Tag aber begann schon die Peinigung, die er von den vielen
Menschen auszustehen hatte.
 
           Eine hohe amtliche Person wird Zeuge eines Schattenspiels
Natürlich hatte es wochenlang gedauert, bis Professor Daumer einen so
vollständigen Einblick in die Vergangenheit des Jünglings gewonnen hatte. Dies
alles ans Licht zu bringen, kündbar, greifbar, hatte Ähnlichkeit gehabt mit der
Arbeit eines Brunnengräbers. Was anfangs ein Fiebertraum geschienen, besass nun
die Züge des Lebens.
    Daumer verfehlte nicht, der Behörde den Sachverhalt in einer gewissenhaften
Niederschrift vorzulegen. Die Folge davon war, dass sich der Magistrat entschloss,
die Bahn förmlicher Verhöre zu verlassen und in eine vertrautere Beziehung zu
dem Unglücklichen zu treten. Die auffälligen Besonderheiten seines Wesens
sollten noch einmal überprüft werden, hiess es in einer der gerichtlichen Noten,
deshalb wurden Ärzte, Gelehrte, Polizeibeamte, scharfsinnige Juristen, kurz
unzählige Personen, die an seinem Schicksal freien Anteil nahmen, zu ihm auf den
Turm geschickt. Es war ein endloses Schnüffeln und Debattieren, Zweifeln und
Staunen, doch die verschiedenen Erklärungen liefen alle auf eins hinaus, und die
blosse Kraft des Augenscheins musste den Daumerschen Bericht bestätigen.
    Wenige Tage später, gegen Anfang Juli, veröffentlichte der Bürgermeister
einen Aufruf, der im ganzen Land Verwunderung und Beunruhigung erregte. Zunächst
wurde darin das Erscheinen Caspar Hausers geschildert, und nachdem die eigne
Erzählung des Jünglings mit tunlichster Ausführlichkeit wiedergegeben war,
beschrieb der Verfasser diesen selbst. Er sprach von der alle Umgebung
bezaubernden Sanftmut und Güte des Knaben, in der er anfangs immer nur mit
Tränen und nun, im Gefühl der Erlösung, mit Innigkeit seines Unterdrückers
gedenke; von seiner rührenden Ergebenheit an diejenigen, die häufig mit ihm
umgingen, von seiner unbedingten Willfährigkeit zum Guten, die mit der Ahnung
dessen verbunden sei, was böse ist, ferner von seiner ausserordentlichen
Lernbegierde.
    »Alle diese Umstände«, fuhr der beredsame Erlass fort, »geben in demselben
Mass, indem sie die Erinnerungen des Jünglings bekräftigen, die Überzeugung, dass
er mit herrlichen Anlagen des Geistes und des Herzens ausgestattet ist, und
berechtigen zu dem Verdacht, dass sich an seine Kerkergefangenschaft ein schweres
Verbrechen knüpft, wodurch er seiner Eltern, seiner Freiheit, seines Vermögens,
vielleicht sogar der Vorzüge hoher Geburt, in jedem Fall aber der schönsten
Freuden der Kindheit und höchsten Güter des Lebens verlustig geworden ist.«
    Eine kühne und folgenschwere Vermutung, die eher dem mitleidigen Gemüt und
dem romantischen Geist als der behördlichen Vorsicht eines hohen
Bürgermeisteramtes zur Ehre gereichte.
    »Zudem beweisen mancherlei Anzeichen«, hiess es weiter, »dass das Verbrechen
zu einer Zeit verübt worden, wo der Jüngling der Sprache schon einmal mächtig
gewesen und der Grund zu einer edeln Erziehung gelegt war, die gleich einem
Stern in finsterer Nacht aus seinem Wesen hervorleuchtet. Es ergeht daher an die
Justiz-, Polizei-, Zivil- und Militärbehörden und an jedermann, der ein
menschliches Herz im Busen trägt, die dringende Aufforderung, alle, auch die
unbedeutendsten Spuren und Verdachtsgründe bekanntzugeben. Und nicht etwa
deswegen, um Caspar Hauser zu entfernen, denn die Gemeinde, die ihn in ihren
Schoss aufgenommen, liebt ihn, betrachtet ihn als ein von der Vorsehung ihr
zugeführtes Pfand der Liebe, das sie ohne gültigen Beweis der Ansprüche andrer
nicht abtreten wird, sondern nur, um die Übeltat zu entdecken und den Bösewicht
samt seinen Gehilfen der gerechten Sühne auszuliefern.«
    Wahrscheinlich wurden von den Urhebern grosse Hoffnungen an das Manifest
geknüpft, aber die Sache nahm einen ganz unerwarteten Verlauf und bereitete den
Nürnberger Herren mancherlei Verlegenheiten. Zunächst lief eine Menge unsinniger
und verleumderischer Bezichtigungen ein, durch welche eine Reihe von adligen
Familien und von intimen Vorgängen in aristokratischen Kreisen dem Gerede
ausgesetzt wurden: Kindesmord, Kindesraub, Kindesunterschiebung waren nach
Ansicht des gemeinen Volks Verbrechen, welche die vornehmen Leute täglich und
zum Vergnügen begehen.
    Schlimmer war es, dass die magistratische Bekanntmachung dem Appellhof des
Rezatkreises auf nichtamtlichem Weg zu Händen kam. Irgendein grimmiger Hofrat am
selben Gerichtshof erliess alsogleich ein gepfeffertes Schreiben an die
Kreisregierung in Ansbach, worin erstlich die Publikation des Nürnberger
Bürgermeisters als vorschriftswidrig, zweitens als abenteuerlich bezeichnet
wurde, und worin drittens der lebhafte Tadel darüber ausgedrückt war, dass durch
das verfrühte Preisgeben wichtiger Umstände eine Kriminaluntersuchung wenn auch
nicht vereitelt, so doch sehr erschwert worden sei. Der ergrimmte Hofrat
ersuchte daher die Regierung, den Magistrat zu strenger Rechenschaft zu ziehen
und zu befehlen, dass die den Fall behandelnden Polizeiakten unverzüglich anher
zu senden seien.
    Die Regierung liess sich das nicht zweimal sagen. Sie sendete ein Reskript an
den Stadtkommissär von Nürnberg und äusserte sich dahin, dass die erzählte
Lebensbeschreibung des Findlings so viele grobe Unwahrscheinlichkeiten entalte,
dass der Gedanke an eine ärgerliche Täuschung nicht abzuweisen sei. Gleichzeitig
wurden die noch vorhandenen Exemplare des »Intelligenzblattes« und des
»Friedens- und Kriegskuriers«, in welchen Zeitungen der Aufruf erschienen war,
beschlagnahmt. Dies wurde dem Appellhof ordnungsgemäss mitgeteilt und die
Erwägung daran geknüpft, ob die strafrechtliche Verfolgung des Häftlings
einzuleiten sei oder nicht.
    Den Magistratsherren fuhr ein heilloser Schrecken in die Glieder.
Schleunigst liessen sie die Aktenfaszikel zusammenpacken und schickten sie mit
Eilpost nach Ansbach hinüber. Vielleicht wähnten sie, dass nun alles gut sei aber
der grimme Hofrat dort selbst erhob alsbald wieder seine Stimme. »Die Verhöre
mit dem Häftling und die Zeugnisse über ihn sind aktenmässig nicht einwandfrei«,
zeterte er; »es sind keineswegs alle Personen, die zuerst mit ihm in Berührung
getreten sind, polizeilich vernommen worden; ferner hätte der Professor Daumer,
um der öffentlichen Bekanntmachung des Magistrats eine rechtliche Basis zu
geben, seine Gespräche mit dem Findling zu den Akten legen sollen.«
    Die Regierung, um ein übriges zu tun, warnte den Magistrat vor einseitigem
Verfahren. Darauf erwiderte der Magistrat in einem Anfall von Trotz und
Entrüstung: ja, aber in den Massregeln, wie ihr sie verlangt, liegt Gefahr, die
Entdeckung zu hemmen, welche Anklage die vorgesetzte Behörde mit zorniger
Energie zurückwies. Holt eure Versäumnisse nach, diktierte sie, protokolliert
Verhöre, schickt Akten, Akten, nichts als Akten.
    Mit innerer Wut hatte der Professor Daumer diese Vorgänge verfolgt. Er
bezeichnete das Treiben der Ansbacher Behörde als widerwärtige Federfuchserei
und hatte allen Ernstes die Absicht, seinem Unmut in einer geharnischten Epistel
an die Regierung Luft zu machen. Mit Mühe hielten besonnene Freunde ihn davon
zurück. »Aber es muss doch etwas geschehen!« warf er ihnen voll Empörung
entgegen, »man ist ja auf dem besten Weg, einen Justizmord zu begehen, und soll
ich dazu die Hände in den Schoss legen?«
    »Das ratsamste wäre«, antwortete der Freiherr von Tucher, der bei diesem
Auftritt anwesend war, »sich persönlich an den Staatsrat Feuerbach zu wenden.«
    »Das hiesse also, nach Ansbach reisen?«
    »Gewiss.«
    »Aber nehmen Sie denn an, dass er, als Präsident des Appellgerichts, von den
Massnahmen seiner untergebenen Beamten nicht schon unterrichtet ist und sie etwa
gar missbillige?«
    »Gleichviel, ich verspreche mir etwas von einer mündlichen
Auseinandersetzung; ich kenne Herrn von Feuerbach, er ist der letzte, der einer
gerechten Sache sein Ohr verschliesst.«
    Die Reise wurde beschlossen. Daumer und Herr von Tucher bei an den sich am
andern Tag schon in Ansbach. Unglücklicherweise war der Präsident Feuerbach
gerade auf einer Inspektionsreise durch den Bezirk, sollte erst am fünften Tag
zurückkommen, und die beiden Herren, sofern sie das vorgesetzte Ziel erreichen
wollten, mussten ihren Aufentalt in der Kreishauptstadt über Gebühr verlängern.
    Mittlerweile hatte der Findling eine gar böse Zeit. Sein Turmgefängnis wurde
das Ziel aller Müssiggänger und Neugierlinge der ganzen Stadt. Man lief hin wie
zu der Ausstellung einer unterhaltsamen Rarität, denn der magistratische Erlass
hatte ihn zu einem öffentlichen Gegenstand gemacht. Seine bisherigen Beschützer
waren ein wenig zurückhaltender geworden, denn man wusste ja nicht, wie die
Geschichte enden würde und ob nicht ein hochweises Appellgericht ihn zum
gewöhnlichen Schwindler stempeln würde. Der Turmwächter durfte der allgemeinen
Volksbelustigung nicht steuern, der Bürgermeister selbst hatte die früheren
Befehle aufgehoben, weil es zweckmässig schien, dass möglichst viele Leute den
Fremdling sahen. Oft erbarmte ihn der wehrlose Knabe, doch schmeichelte es
anderseits seiner Eitelkeit, Herr über ein solches Wunderding zu sein, auch
spazierte nebenbei mancher Groschen in den Beutel.
    Brach der Morgen an und Caspar Hauser erhob sich vom Schlaf, seltsam müde,
mit den Augen das Licht meidend; sass er traurig stumm in der Ecke, während Hill
den Strohsack aufschüttelte und Wasser und Brot brachte, dann erschienen schon
die ersten Besucher, die berufsmässigen Frühaufsteher: Strassenkehrer,
Dienstmägde, Bäckergesellen, Handwerker, die zur Arbeit gingen, auch Knaben, die
auf dem Weg zur Schule einen ergötzlichen Abstecher machten, sogar einige höchst
unbürgerliche Erscheinungen, die die Nacht im Stadtgraben oder in einer Scheune
verbracht hatten.
    Mit dem Verlauf des Tages wurde die Gesellschaft vornehmer; es kamen ganze
Familien, der Herr Rendant mit Weib und Kind, der Herr Major a.D., der
Schneidermeister Bügelfleiss, Graf Rotstrumpf mit seinen Damen, Herr von Übel und
Herr von Strübel, die ihre Morgenpromenade zum Zweck einer Besichtigung des
kuriosen Untiers unterbrachen.
    Es war ein heiteres Treiben; man konversierte, wisperte, lachte, spottete
und tauschte Meinungen aus. Man war freigebig und brachte dem Jüngling allerlei
Geschenke die er ansah wie ein Hund, der noch nicht apportieren gelernt hat, den
fortgeworfenen Spazierstock seines Herrn ansieht. Man legte Esswaren vor ihn hin,
um seinen Appetit zu reizen; so schleppte zum Beispiel die Kanzleirätin Zahnlos
einmal eine ganze Schinkenkeule herauf, die allerdings am andern Tag
verschwunden war - wohin, das wusste niemand; doch zog man bedeutsame Schlüsse
daraus.
    Vor allem hiess es: zeigt uns das Wunder, das angepriesene Wunder! Aber da
der schweigsame, sanfterzige Knabe nichts von alledem tat, was sie in ihrer
lüsternen Erwartung sich eingebildet, so begannen sie entweder zu schimpfen, als
ob sie Eintrittsgeld bezahlt hätten und darum betrogen worden wären, oder
stellten die erstaunlichsten Torheiten an. Indem sie ihn fortwährend mit Fragen
quälten, woher er komme, wie er heisse, wie alt er sei und ähnliches kamen sie
sich sowohl witzig wie überlegen vor. Sein flehentliches Kopfschütteln, sein
ungereimtes Nein oder Ja, das wie aus Kindermund frohbereitwillig und furchtsam
zugleich klang, sein Gestotter, sein gläubiges Lauschen, alles das erregte ihr
Behagen. Einige brachten ihr Gesicht ganz nah an seines und waren höchst
vergnügt, wenn er vor ihren Starrblicken sichtlich bis ins Innerste erschrak.
Sie befühlten seine Haare, seine Hände, seine Füsse, zwangen ihn, durchs Zimmer
zu spazieren, zeigten ihm Bilder, die er erklären sollte, und taten zärtlich mit
ihm, während sie einander listig zuzwinkerten.
    Aber die Harmlosigkeit solcher Versuche ward den unternehmenderen Geistern
bald überdrüssig. Man wollte sich doch überzeugen, ob es seine Richtigkeit damit
hatte, dass der Gefangene jede Nahrung ausser Brot und Wasser verschmähe. Man
hielt ihm Fleisch und Wurst, Honig oder Butter, Milch oder Wein vor die Nase und
amüsierte sich köstlich, wenn der Knabe vor Ekel förmlich ausser sich geriet.
»Ei, der Komödiant«, kreischten sie dann, »tut, als ob er unsre Leckerbissen
verachte! Hat sich wahrscheinlich mal in eines grossen Herrn Küche überfressen!«
    Einen Hauptspass gabs, als einmal zwei junge Meister der Goldschlägerinnung
Schnaps herbeibrachten und sich verabredeten, dem Hauser das Getränk mit Gewalt
aufzunötigen. Der eine hielt ihn, der andre wollte ihm das volle Glas zwischen
die Lippen schütten. Doch konnten sie ihren Plan nicht ausführen, weil ihr Opfer
durch den blossen Geruch, der aus dem Gefäss strömte, das Bewusstsein verloren
hatte. Sie waren einigermassen verdutzt und wussten mit dem Ohnmächtigen nichts
anzufangen; zum Glück sahen sie ihn atmen und hatten weiter keine Furcht.
»Glaubt ihm doch seine Kniffe nicht«, meinte ein stutzerhaft gekleidetes
Bürschlein, das bisher gelangweilt dabeigestanden, »ich will ihn schon wieder
munter kriegen.« Sprachs, zog lächelnd die goldene Schnupftabaksdose und steckte
eine volle Prise unter die Nase des vermeintlichen Simulanten, dessen Gesicht
sogleich von heftigen Zuckungen bewegt wurde, worüber alle drei in Gelächter
ausbrachen. Als dann der Wärter kam und sie derb zur Rede stellte, zogen sie
schimpfend ab und räumten den Plan einem gravitätischen älteren Herrn, der den
langsam zum Leben, zurückkehrenden Caspar von vorn und hinten beschnüffelte, den
Finger an die Stirn legte, sich räusperte, den Kopf schüttelte, erst
Französisch, dann Spanisch, dann Englisch auf den Jüngling einredete, mit dem
Wärter tuschelte, kurz von Wichtigkeit förmlich barst.
    Caspar jedoch sah ihn immer nur an und sagte in jämmerlichem Ton:
»Heimweisen.«
    »Warum spielst du nicht mit dem Rösslein?« fragte, als die wichtige Person
gegangen war, der Wärter. Man verständigte sich mit Caspar noch immer mehr durch
Gesten als durch Worte, und er selbst las, was Worte ihm nicht mitteilen
konnten, von den Augen und den Händen der Menschen ab.
    Er blickte auch Hill lange an und sagte: »Heimweisen.«
    »Heimweisen?« antwortete der Wärter, halb verdriesslich, halb mitleidig.
»Wohin denn heim? Wo bist du denn daheim, du Unglückswurm? In dem unterirdischen
Loch vielleicht? Nennst du, das daheim?«
    »Der Du soll kommen«, sagte Caspar klar, langsam und hell. »Der wird sich
hüten«, versetzte Hill, bärbeissig lachend.
    »Der Du kommt, bald kommt«, beharrte Caspar, und er schaute mit einem
Ausdruck feierlicher Inbrunst gegen den abendlichen Himmel, als sei er
überzeugt, dass der Du durch die Lüfte schreiten könne. Dann erhob er sich in
seiner mühevollen Weise, nahm sein Spielpferdchen und versuchte es zu tragen,
denn dies allein wollte er von den Gegenständen, die er geschenkt erhalten,
mitnehmen, wenn der Du käme, sonst nichts.
    Hill begriff sein Vorhaben. »Nein, Caspar«, sagte er, »jetzt musst du schon
in dieser Welt bleiben. Dass sie dir nicht gefallen mag, versteh ich wohl. Mir
gefällt sie auch nicht, aber dableiben musst du.«
    Caspar, wenngleich er den Worten nicht ganz folgen konnte, erfasste doch den
unabänderlichen Beschluss, den sie entielten. Er begann an allen Gliedern zu
beben, laut weinend warf er sich zu Boden, aber auch später, als es dem
bestürzten Hill gelungen war, ihn zu trösten, schien es, wie wenn er vor Kummer
sein Herz verhauche. Die Traurigkeit seines Gemüts überflutete das kindhafte
Gesicht wie ein dunkler Schleier, und am Morgen waren seine Lider durch die
während des Schlummers vergossenen Tränen verklebt.
    Er wollte zum erstenmal nicht mehr mit dem Pferdchen spielen, sondern
kauerte stundenlang ohne Regung auf einem Fleck. Bei jedem Krachen der Treppe
schüttelte es ihn, und er schauderte, wenn sich wieder und wieder ein neues
Gesicht über der Schwelle zeigte. Zitternd sah er die Menschen an, der Geruch
ihres Atems war ihm eine Pein und unerträglich, wenn sie ihn berührten. Am
meisten Furcht hatte er vor ihren Händen. Zuerst sah er immer die Hände an,
merkte sich ihre verschiedene Gestalt und Farbe, und ehe er sie an seiner Haut
spürte, erschrak er schon, denn sie erschienen ihm wie selbständige Geschöpfe,
kriechende, klebrige, gefährliche Tiere, deren Tun von einem Augenblick zum
andern gar nicht abzuschätzen war.
    Nur Daumers Hand, die einzige, deren Berührung angenehm war, war
verschwunden. Warum? dachte Caspar, warum war dies alles? Warum das seltsame
Getöse von früh bis spät? Woher kamen die fremden Gestalten, warum so viele, und
warum war ihr Mund und ihr Auge böse?
    Das frische Wasser schmeckte ihm nicht mehr, auch hungerte ihn nicht mehr
nachdem gewürzten Brot. In seiner Erschöpfung dünkte ihm mitten am Tage, es sei
Nacht geworden, und das Heissgleissende, funkelnde, von dem man ihm gesagt, dass es
der Schein der Sonne sei, wurde vor seinen müden Augen zu purpurnem Dunst. Es
beängstigte ihn das Geräusch des Windes, denn er verwechselte es mit den Stimmen
der Menschen. Er sehnte sich in die Einsamkeit seines Kerkers zurück; heimweisen
war sein einziger Gedanke.
    Es war ein Sonntag. Spätnachmittags waren Daumer und Herr von Tucher aus
Ansbach wieder angelangt, und in ihrer Begleitung befand sich der Staatsrat von
Feuerbach, der sich entschlossen hatte, den Findling selbst zu besuchen und
womöglich Klarheit in das unfruchtbare Hinundher von Akten und Erlässen zu
bringen. Nachdem er im Gastof zum Lamm Quartier gemietet hatte, liess sich der
Präsident von den beiden Herren sogleich zur Burg und auf den Turm führen. Es
hatte schon neun Uhr geschlagen, als sie dort ankamen. Gross war ihre
Überraschung, als sie das Zimmer Caspars leer fanden; die Frau des Wärters
erklärte verlegen, ihr Mann sei mit Caspar ins Wirtshaus zum Krokodil gegangen.
Der Rittmeister von Wessenig habe nämlich einigen seiner von auswärts
zugereisten Freunde den Findling zu zeigen gewünscht, habe heraufgeschickt und
befohlen, dass man Caspar bringe.
    Daumer war erbleicht und schaute, Schlimmes ahnend, finster zu Boden; Herr
von Tucher vermochte seinen Unwillen kaum zu bemeistern, und über die bartlosen
Lippen des Präsidenten huschte ein halb mokantes, halb verächtliches Lächeln;
seine gebietende Haltung erinnerte an einen durch Pflichtversäumnisse vielfach
beleidigten Fürsten, als er sich mit der schroffen Aufforderung zu seinen
Begleitern wandte: »Führen Sie mich zu diesem Wirtshaus!«
    Die Dunkelheit war eingebrochen, über dem Dach des Ratauses stand
fahlleuchtend der Mond. Schweigend schritten die drei Männer den Berg hinab, und
kaum waren sie, das winklige Gassengewirr verlassend, auf den Weinmarkt
getreten, als Daumer stehenblieb und mit erregter Stimme flüsterte: »Da ist er.«
    In der Tat sahen sie Caspar, der gleich einem zu Tod Erkrankten am Arme
Hills aus dem Tor des Krokodilwirtshauses wankte. Der Präsident und Herr von
Tucher blieben ebenfalls stehen, und sie bemerkten jetzt, dass der Jüngling
plötzlich innehielt, zurückschauderte und, ein massloses Staunen in den vor Angst
weit aufgerissenen Augen, zu Boden starrte. Die drei Männer näherten sich eilig,
um zu erfahren, was es sei. Sie sahen nichts weiter als die Mondschatten des
Jünglings und seines Begleiters auf dem Pflaster.
    Caspar wagte nicht mehr sich zu regen, weil er jede Bewegung seines Körpers
nachgeahmt sah von dem unbegreiflichen Ding. Seine Lippen waren wie zum Schrei
geöffnet, seine Wangen schneeweiss und die Knie schlotterten ihm. War es doch,
als ob alles Grauenhafte und Geheimnisvolle einer Welt, in die ein Ungefähr ihn
geschleudert, sich zu dem seltsam zuckenden Gebild am Boden verdichtet habe.
    Daumer, Herr von Tucher und der Wärter bemühten sich um ihn, der Präsident
stand wortlos daneben. Als er emporblickte, bemerkte Daumer, der ihn heimlich
und gespannt beobachtete, in seinem strengen Gesicht eine unverstellte
Erschütterung.
    Es fehlte nicht viel, so wäre Hill, den der Zorn des Präsidenten am ersten
traf, noch am selben Abend aus seinem Amt gejagt worden; nur die mutige
Fürsprache des Herrn von Tucher rettete ihn und lenkte das Gewitter auf
schuldigere Personen ab, denn die Vernachlässigung, die der Gefangene erlitten,
war allzu offenbar. Seiner ungestümen Art gemäss suchte der Präsident sogleich
den Bürgermeister Binder auf, dem er die heftigsten Vorwürfe machte. Herr Binder
konnte nicht umhin, dem Präsidenten kleinmütig beizupflichten; die
Entschiedenheit, mit der er den Gegenstand behandelt sah, übte tiefen Eindruck
auf ihn, und er musste einen kaum wiedergutzumachenden Fehler vor sich selber
eingestehen. Von seiner Seite war nur Lauheit im Spiel gewesen, die Scherereien
mit der Regierung hatten ihn verdrossen, jetzt auf einmal, da der mächtige Mann
seine Stimme für den Findling erhob, wurde er sich seiner Bereitwilligkeit
bewusst, alles Fördernswerte für Caspar Hauser zu tun, und er erklärte sich ohne
weiteres einverstanden, als Herr von Feuerbach verlangte, der Knabe müsse seiner
bisherigen Lage entrissen werden. »Er soll in eine geordnete Pflege kommen«,
sagte der Präsident, »Professor Daumer hat sich freiwillig erboten, ihn zu sich
ins Haus zu nehmen, und ich wünsche nicht, dass dieser Schritt im geringsten
verzögert werde.«
    Binder verbeugte sich. »Ich werde morgen mit dem frühesten die nötigen
Anstalten treffen«, antwortete er.
    »Nicht, bevor ich selbst mit dem Knaben gesprochen«, versetzte der Präsident
hastig; »ich werde um zehn Uhr auf dem Turm sein und bitte, dass man mich eine
Stunde lang mit dem Gefangenen allein lasse.«
    Auch Daumer war ziemlich erregt heimgekommen. Kaum dass er, nach tagelanger
Abwesenheit, Mutter und Schwester ordentlich begrüsste. »Die Herrschaften müssen
artig gewütet haben«, grollte er, indem er unaufhörlich durch das Zimmer
wanderte, »der Knabe ist ja ganz verstört. Das heiss ich menschlich sein, das
heiss ich Einsicht haben! Barbaren sind sie, Schlächter sind sie! Und unter
solchem Volk zu leben bin ich gezwungen!«
    »Warum sagst du es ihnen nicht selbst?« bemerkte Anna Daumer trocken.
»Hinter deinen vier Wänden zu schimpfen fruchtet wenig.«
    »Sag mal, Friedrich«, wandte sich nun die alte Dame an ihren Sohn, »bist du
denn wirklich fest davon überzeugt, dass du dein Herz nicht wieder einmal an
einen Götzen wegwirfst?«
    »Aus deiner Frage erkennt man, dass du ihn noch, immer nicht gesehen hast«,
antwortete Daumer fast mitleidig.
    »Das wohl; es war mir ein zu gross Gerenne.«
    »Also. Wenn man von ihm spricht, kann man nicht übertreiben, weil die
Sprache zu ärmlich ist, um sein Wesen auszudrücken. Es ist wie eine uralte
Legende, dies Emportauchen eines märchenhaften Geschöpfs aus dem dunkeln
Nirgendwo; die reine Stimme,der Natur tönt uns plötzlich entgegen, ein Mytos
wird zum Ereignis. Seine Seele gleicht einem kostbaren Edelstein, den noch keine
habgierige Hand betastet hat; ich aber will danach greifen, mich rechtfertigt
ein erhabener Zweck. Oder bin ich nicht würdig? Glaubt ihr, dass ich nicht würdig
bin dazu?«
    »Du schwärmst«, sagte Anna nach einem langen Stillschweigen fast unwillig.
    Daumer zuckte lächelnd die Achseln. Dann trat er an den Tisch und sagte in
einem Ton, dessen Sanfteit gleichwohl einen gefürchteten Widerstand im voraus
zu bekämpfen schien: »Caspar wird morgen in unser Haus ziehen; ich habe
Exzellenz Feuerbach darum angegangen, und er hat meiner Bitte willfahrt. Ich
hoffe, dass du nichts dawider einzuwenden hast, Mutter, und dass du mir glaubst,
wenn ich versichere, es ist eine Sache von grosser Bedeutung für mich. Ich bin
höchst wichtigen Entdeckungen auf der Spur.«
    Mutter und Tochter sahen erschrocken einander an und schwiegen.
    Am nächsten Morgen um zehn fanden sich Daumer, der Bürgermeister, der
Stadtkommissär, der Gerichtsarzt und einige andre Personen im Burghof vor dem
Gefängnisturm ein und warteten drittalb Stunden auf den Präsidenten, der bei
dem Findling oben war. Daumer, der Gespräche mit andern vermeiden wollte, stand
fast ununterbrochen an der Umfassungsmauer und blickte auf das malerische
Gassen- und Dächergewirr der Stadt hinunter.
    Als der Präsident endlich unter den Wartenden erschien, drängten sich alle
mit Eifer heran, um die Meinung des berühmten und gefürchteten Mannes zu hören.
Doch das Gesicht Feuerbachs zeigte einen so düsteren Ernst, dass niemand ihn mit
einer Anrede zu belästigen wagte; sein machtvolles Auge blickte brennend nach
innen, die Lippen waren gleichsam aufeinander geballt, auf der Stirn lag eine
von Nachdenken zitternde senkrechte Falte. Das Schweigen wurde vom Bürgermeister
mit der Frage unterbrochen, ob Exzellenz nicht geruhen wolle, das Mittagessen in
seinem Haus zu nehmen. Feuerbach dankte; dringende Geschäfte nötigten ihn zu
sofortiger Rückkehr nach Ansbach, entgegnete er. Darauf wandte er sich an
Daumer, reichte ihm die Hand und sagte: »Sorgen Sie sogleich für die
Übersiedlung des Hauser; der arme Mensch braucht dringend Ruhe und Pflege. Sie
werden bald von mir hören. Gott befohlen, meine Herren!«
    
    Damit entfernte er sich in raschen, kleinen, stampfenden Schritten, eilte
den Hügel hinab und verschwand alsbald gegen die Sebalderkirche. Die
Zurückbleibenden machten etwas enttäuschte Mienen. Da sie alle überzeugt waren,
dass der Scharfsinn dieses Mannes ohne Grenzen sei und dass kein andres als sein
Auge das Dunkel durchdringen könne, welches über Untat und Verbrechen brütete,
waren sie verstimmt über eine Schweigsamkeit, die ihnen beabsichtigt und
planvoll erschien.
    Am Abend befand sich Caspar in der Wohnung Daumers.
 
                              Der Spiegel spricht
Das Daumersche Haus lag neben dem sogenannten Annengärtlein auf der Insel
Schütt; es war ein altes Gebäude mit vielen Winkeln und halbfinstern Kammern,
doch erhielt Caspar ein ziemlich geräumiges und wohleingerichtetes Zimmer gegen
den Fluss hinaus.
    Er musste sogleich zu Bett gebracht werden. Es zeigten sich jetzt mit einem
Schlag die Folgen der jüngst durchlebten Zeit. Er war wieder ohne Sprache, ja
bisweilen ohne Gefühl des Lebens. Auf den ungewohnten Kissen warf er sich
fiebernd herum. Wie jammervoll, ihn bei jedem Knacken der Dielen erschaudern zu
sehen; auch das Geräusch des Regens an den Fenstern versetzte ihn in aufgewühlte
Bangnis. Er hörte die Schritte, die auf dem weiten Platz vor dem Haus
verhallten, er vernahm mit Unruhe die metallenen Schläge aus einer fernen
Schmiede, jeder Stimmenlärm brachte auf seiner eingeschrumpften Haut ein Zeichen
des Schmerzes hervor; und von Moment zu Momentvertauschten seine Züge den
Ausdruck der Erschöpfung mit dem gepeinigter Wachsamkeit.
    Drei Tage lang wich Daumer kaum von seinem Bett. Diese Opferkraft und
Hingebung erregte die Bewunderung der Seinen. »Er muss mir leben«, sagte er. Und
Caspar fing an zu leben. Vom dritten Tag ab besserte sich sein Zustand stetig
und schnell. Als er am Morgen erwachte, lag ein besinnendes Lächeln auf seinen
Lippen. Daumer triumphierte.
    »Du tust ja, als ob du selbst dem Kerker entronnen wärst«, meinte seine
Schwester, die nicht umhin konnte, an seiner Freude teilzunehmen.
    »Ja, und ich habe eine Welt zum Geschenk erhalten«, antwortete er lebhaft;
»sieh ihn nur an! Es ist ein Menschenfrühling.«
    Am andern Tag durfte Caspar das Bett verlassen. Daumer führte ihn in den
Garten. Damit das grelle Tageslicht seinen Augen nicht schade, band er ihm einen
grünen Papierschirm um die Stirn. Späterhin wurden die Dämmerungszeit oder die
Stunden bewölkten Himmels für diese Ausgänge vorgezogen.
    Es waren ja Reisen, und nichts geschah, was nicht zum Ereignis wurde. Welche
Mühe, ihn sehen, ihn das Gesehene nennen zu lehren. Er musste erst zu den Dingen
Vertrauen gewinnen, und ehe nicht ihre Wirklichkeit ihm selbstverständlich ward,
machte ihn ihre unvermutete Nähe bestürzt. Als er endlich die Höhe des Himmels
und auf der Erde die Entfernung von Weg zu Weg begriff, wurde sein Gang ein
wenig leichter und sein Schritt mutiger. Alles lag am Mut, alles lag daran, den
Mut zu kräftigen.
    Das ist die Luft, Caspar; du kannst sie nicht greifen, aber sie ist da; wenn
sie sich bewegt, wird sie zum Wind, du brauchst den Wind nicht zu fürchten. Was
hinter der Nacht liegt, ist gestern; was über der nächsten Nacht liegt, ist
morgen. Von gestern bis morgen vergeht Zeit, vergehen Stunden, Stunden sind
geteilte Zeit. Dies ist ein Baum, dies ist ein Strauch, hier Gras, hier Steine,
dort Sand, da sind Blätter, da Blüten, da Früchte ...
    Aus dem dumpfen Hören heraus erwuchs das Wort. Die Form wurde einleuchtend
durch das unvergessliche Wort. Caspar schmeckt das Wort auf der Zunge, er spürt
es bitter oder süss, es sättigt ihn oder lässt ihn unzufrieden. Auch hatten viele
Worte Gesichter; oder sie tönten wie Glockenschläge aus der Dunkelheit; oder sie
standen wie Flammen in einem Nebel.
    Es war ein langer Weg vom Ding bis zum Wort. Das Wort lief davon, man musste
nachlaufen, und hatte man es endlich erwischt, so war es eigentlich gar nichts
und machte einen traurig. Gleichwohl führte derselbe Weg auch zu den Menschen;
ja, es war, als ob die Menschen hinter einem Gitter von Worten stünden, das ihre
Züge fremd und schrecklich machte; wenn man aber das Gitter zerriss oder dahinter
kam, waren sie schön.
    Hatte es am Morgen neu geklungen, zu sagen: die Blume, am Mittag war es
schon vertraut, am Abend war es schon alt. »Dies Herz, dies Hirn, zur
Fruchtbarkeit aufbewahrt durch lange Zeiten, treibt wie vertrockneter und
endlich befeuchteter Humus Sprösslinge, Blüten und Früchte in einer Nacht«,
notierte der fleissige Daumer; »was dem matten Blick der Gewohnheit unwahrnehmbar
geworden, erscheint diesem Auge frisch wie aus Gottes Hand. Und wo die Welt
verschlossen ist und ihre Geheimnisse beginnen, da steht er noch seltsam
drängend und fragt sein zuversichtliches Warum. Nach jedem Schall und jedem
Schein tappt dies zweifelnde, erstaunte, hungrige, ehrfurchtslose Warum.«
    Es ist nicht zu leugnen, Daumer war oft erschreckt durch das Gefühl eignen
Ungenügens. Heisst das noch lehren? grübelte er, heisst das noch Gärtner sein,
wenn das wilde Wachstum sich dem Pfleger entwindet, das masslos wuchernde
Getriebe keine Grenze achtet? Wie soll das enden? Zweifellos bin ich hier einem
ungewöhnlichen Phänomen auf der Spur, und meine teuren Zeitgenossen werden sich
herbeilassen müssen, ein wenig an Wunder zu glauben.
    Noch immer war es die liebste Vorstellung Caspars, einst heimkehren zu
dürfen; »erst lernen, dann heim«, sagte er mit dem Ausdruck unbesiegbarer
Entschiedenheit. »Aber du bist ja zu Hause, hier bei uns bist du zu Hause«,
wandte Daumer ein. Aber Caspar schüttelte den Kopf.
    Bisweilen stand er am Zaun und sah in den Nachbargarten hinüber, wo Kinder
spielten, deren Wesen er mit komischem Befremden studierte. »So kleine
Menschen«, sagte er zu Daumer, der ihn einmal dabei überraschte, »so kleine
Menschen.« Seine Stimme klang traurig und höchst verwundert.
    Daumer unterdrückte ein Lächeln, und während sie zusammen ins Haus gingen,
suchte er ihm klarzumachen, dass jeder Mensch einmal so klein gewesen, auch
Caspar selbst. Caspar wollte das durchaus nicht zugeben. »O nein, o nein«, rief
er aus, »Caspar nicht, Caspar immer so gewesen wie jetzt, Caspar nie so kurze
Arme und Beine gehabt, o nein!«
    Dennoch sei dem so, versicherte Daumer; nicht allein, dass er klein gewesen,
sondern er wachse ja noch täglich, verändere sich täglich, sei heute ein ganz
andrer als der Hauser auf dem Turm, und nach vielen Jahren werde er alt werden,
seine Haare würden weiss sein, die Haut voller Runzeln.
    Da wurde Caspar blass vor Furcht; er fing an zu schluchzen und stotterte, das
sei nicht möglich, er wolle es nicht, Daumer möge machen, dass es nicht geschehe.
    Daumer flüsterte seiner Schwester etwas zu, diese ging in den Garten und
brachte nach kurzer Weile eine Rosenknospe, eine aufgeblühte und eine verwelkte
Rose mit herauf. Caspar streckte die Hand nach der vollblühenden aus, wandte
sich aber gleich mit Ekel ab, denn so sehr er die rote Farbe vor allen andern
liebte, der heftige Geruch der Blume war ihm unangenehm. Als ihm Daumer den
Unterschied der Lebensalter an Knospe und Blüte erklären wollte, sagte Caspar:
»Das hast du doch selbst gemacht, es ist ja tot, es hat keine Augen und keine
Beine.«
    »Ich habe es nicht gemacht«, entgegnete Daumer, »es ist lebendig, es ist
gewachsen: alles Lebendige ist gewachsen.«
    »Alles Lebendige gewachsen«, wiederholte Caspar fast atemlos, indem er nach
jedem Wort pausierte. Hier drohte Verwirrung. Auch die Bäume im Garten seien
lebendig, sagte man ihm, und er getraute sich nicht, den Bäumen zu nahen, das
Rauschen ihrer Kronen machte ihn bestürzt. Er fuhr fort zu zweifeln und fragte,
wer die vielen Blätter ausgeschnitten habe und warum? Warum so viele? Auch sie
seien gewachsen, wurde geantwortet.
    Aber mitten auf dem Rasen stand eine alte Sandsteinstatue, die sollte tot
sein, trotzdem sie aussah wie ein Mensch. Caspar konnte stundenlang die Blicke
nicht davon wenden, Verwunderung machte ihn stumm. »Warum hat es denn ein
Gesicht?« fragte er endlich, »warum ist es so weiss und so schmutzig? Warum steht
es immer und wird nicht müde?«
    Als seine Furcht besiegt war, ging er heran und wagte die Figur zu betasten,
denn ohne zu tasten, glaubte er nicht dem, was er sah. Er hatte den heftigen
Wunsch, das Ding auseinandernehmen zu dürfen, um zu wissen, was innen war. Wie
viel war überall innen, wie viel steckte überall dahinter!
    Es fiel ein Apfel vom Zweig und rollte ein Stück des abschüssigen Weges
entlang. Daumer hob ihn auf, und Caspar fragte, ob der Apfel müde sei, weil er
so schnell gelaufen. Mit Grauen wandte er sich ab, als Daumer ein Messer nahm
und die Frucht entzweischnitt. Da ward ein Wurm sichtbar und krümmte seinen
dünnen Leib gegen das Licht.
    »Er war bis jetzt im Finstern gefangen wie du im Kerker«, sagte Daumer.
    Das Wort machte Caspar nachdenklich; es machte ihn nachdenklich und
misstrauisch. Wie vieles war da im Kerker, wovon er nicht wusste! Alles Innen war
ein Kerker. Und in wunderlicher Verworrenheit knüpfte sich an diesen Gedanken
die Erinnerung an den Schlag, den er damals erhalten, nachdem ihn der Du
gelehrt, wie man das Pferdchen frei bewegen könne. In allen fremden Dingen
lauerte der Schlag, in allen unbekannten wohnte Gefahr. Eine gewisse strahlende
Heiterkeit, die allmählich Caspars Wesen entströmte und die das Entzücken seiner
Umgebung bildete, war daher stets an jene erwartungsvolle, ahnungsvolle
Bangigkeit gebunden.
    Nach regnerischen Stunden mit Daumer aus dem Tor tretend, gewahrte Caspar
einen Regenbogen am Himmel, Er war starr vor Freude. Wer das gemacht habe,
stammelte er endlich. Die Sonne. Wie, die Sonne? Die Sonne sei doch kein Mensch.
Die natürlichen Erklärungen liessen Daumer im Stich, er musste sich auf Gott
berufen. »Gott ist der Schöpfer der belebten und unbelebten Natur«, sagte er.
    Caspar schwieg. Der Name Gottes klang ihm seltsam düster. Das Bild, das er
dazu suchte, glich dem Du, sah aus wie der Du, als die Decke des Gefängnisses
auf seinen Schultern ruhte, war unheimlich verborgen wie der Du, als er den
Schlag geführt, weil Caspar zu laut gesprochen.
    Wie geheimnisvoll war alles, was zwischen Morgen und Abend geschah! Das
Regen und Raunen der Welt, das Fliessen des Wassers im Fluss, das Ziehen
luftig-dunkler Gegenstände hoch in der Luft, die man Wolken nannte, das
Vorübergehen und Nichtwiederkommen undeutbarer Ereignisse, und vor allem das
Flüchten der Menschen, ihre schmerzlichen Gebärden, ihr lautes Reden, ihr
sonderbares Gelächter. Wie viel war da zu erfahren und zu lernen!
    Es schnürte Daumer das Herz zusammen, wenn er den Jüngling in tiefem
Nachdenken sah. Caspar schien dann wie erfroren, er hockte zusammengekauert da,
seine Hände waren geballt, und er hörte und spürte nicht mehr, was um ihn
vorging.
    Ja, es war zu solchen Zeiten eine vollständige Dunkelheit um Caspar, und
nur, wenn er lange genug versunken war, hüpfte aus der Tiefe etwas wie ein
Feuerfunken, und in der Brust begann eine undeutlich murmelnde Stimme zu
sprechen. Wenn der Funken wieder verlosch, tat sich die äussere Welt wieder kund,
aber eine schwermütige Unzufriedenheit hatte sich Caspars bemächtigt.
    »Wir müssen einmal mit ihm hinaus aufs Land«, sagte Anna Daumer eines Tages,
als der Bruder mit ihr darüber gesprochen. »Er braucht Zerstreuung.«
    »Er braucht Zerstreuung«, gab Daumer lächelnd zu, »er ist zu gesammelt, das
ganze Weltall lastet noch auf seinem Gemüt.«
    »Da es sein erster Spaziergang sein wird, wäre es gut, die Sache möglichst
still zu unternehmen, sonst sind wieder alle Neugierigen bei der Hand«, meinte
die alte Frau Daumer. »Sie schwatzen ohnehin genug über ihn und über uns.«
    Daumer nickte. Er wünschte nur, dass Herr von Tucher mit von der Partie sei.
    Am ersten Feiertag im September fand der Ausflug statt. Es war schon fünf
Uhr nachmittags, als sie vom Haus aufbrachen, und da sie auf Caspars langsame
Gangart Rücksicht nehmen mussten, gelangten sie erst spät ins Freie. Die
begegnenden Leute blieben stehen, um der Gesellschaft nachzuschauen, und oft
hörte man die staunenden oder spöttischen Worte: »Das ist ja der Caspar Hauser!
Ei, der Findling! Wie fein ers treibt, wie nobel!« Denn Caspar trug ein neues
blaues Fräcklein, ein modisches Gilet, seine Beine staken in weissseidenen
Strümpfen, und die Schuhe hatten silberne Schnallen.
    Er ging zwischen den beiden Frauen und hatte sorgsam acht auf den Weg, der
nicht mehr wie ehedem vor seinen Blicken auf- und abwärts schwankte. Die Männer
schritten in gemessener Entfernung hinterdrein. Plötzlich erhob Daumer den
rechten Arm nach vorn, und gleich darauf blieb Caspar stehen und sah sich
fragend um.
    Erfreut in liebevollem Ton rief ihm Daumer zu, weiterzugehen. Nach ein paar
hundert Schritten hob er wieder den Arm, und abermals blieb Caspar stehen und
blickte sich um.
    »Was ist das? Was bedeutet das?« fragte Herr von Tucher erstaunt.
    »Darüber gibt es keine Erklärung«, antwortete Daumer voll stillen Triumphes.
»Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen noch viel Merkwürdigeres zeigen.«
    »Hexerei wird doch wohl kaum im Spiele sein«, meinte Herr von Tucher ein
bisschen ironisch.
    »Hexerei? Nein. Aber wie sagt Hamlet: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und
Erde-«
    »Also sind Sie schon an den Grenzen der Schulweisheit angelangt?« unterbrach
Herr von Tucher noch immer mit Ironie. »Ich für meinen Teil schlage mich zu den
Skeptikern. Wir werden ja sehen.«
    »Wir werden sehen«, wiederholte Daumer fröhlich.
    Nach oftmaligem kurzen Rasten ward am Rand einer Wiese haltgemacht, und alle
liessen sich im Gras nieder. Caspar schlief sogleich ein; Anna breitete ein Tuch
über sein Gesicht und packte sodann einige mitgebrachte Esswaren aus einem
Körbchen. Schweigend begannen alle vier zu essen. Ein natürliches Schweigen war
es nicht: der lieblich vergehende Tag, das sommerliche Blühen forderten eher zu
heiteren Gesprächen auf, aber um den Schläfer lag ein eigner Bann, jeder spürte
die Gegenwart des Jünglings jetzt stärker als vorher, und es hatte bei einigen
gleichgültigen Redensarten sein Bewenden, die leiser klangen als selbst die
Atemzüge des Schlummernden. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, da man
absichtlich einen selten begangenen Weg gewählt hatte.
    Die Sonne war am Sinken, als Caspar erwachte und, sich aufrichtend, die
Freunde der Reihe nach dankbar und etwas beschämt anblickte. »Sieh nur hinüber,
Caspar, sieh den roten Feuerball«, sagte Daumer; »hast du die Sonne schon einmal
so gross gesehen?«
    Caspar schaute hin. Es war ein schöner Anblick: die purpurne Scheibe rollte
herab, als zerschnitte sie die Erde am Rand des Himmels; ein Meer von
Scharlachglut strömte ihr nach, die Lüfte waren entzündet, blutiges Geäder
bezeichnete einen Wald, und rosige Schatten bauschten langsam über die Ebene.
Nur noch wenige Minuten, und schon zuckte die Dämmerung durch den sanften Karmin
des Nebels, in den die Ferne getaucht war, einen Augenblick lang bebte das
Gelände, und grünkristallene Strahlenbündel schossen über den Westen, der
versunkenen Sonne nach.
    Ein geisterhaftes Lächeln glitt über die Züge der beiden Männer und der zwei
Frauen, als sie Caspar mit einer Gebärde stummer Angst hinübergreifen sahen
gegen den Horizont. Daumer näherte sich ihm und ergriff seine Hand, die eiskalt
geworden war. Caspars Gesicht wandte sich erzitternd ihm zu, voller Fragen,
voller Furcht, und endlich bewegten sich die Lippen, und er murmelte schüchtern:
»Wo geht sie hin, die Sonne? Geht sie ganz fort?«
    Daumer vermochte nicht gleich zu antworten. So mag Adam vor seiner ersten
Nacht im Paradies gezittert haben, dachte er, und es geschah nicht ohne
Schauder, nicht ohne seltsame Ungewissheit, dass er den Jüngling tröstete, ihn der
Wiederkunft der Sonne versicherte.
    »Ist dort Gott?« fragte Caspar hauchend, »ist die Sonne Gott?«
    Daumer deutete mit dem Arm weit ringsum und erwiderte: »Alles ist Gott.«
    Indessen mochte ein solches Diktum panteistischer Philosophie für die
Auffassungsgabe des Jünglings ein wenig zu verwickelt sein. Er schüttelte
ungläubig den Kopf, dann sagte er mit dem Ausdruck dumpf-abgöttischer Verehrung:
»Caspar liebt die Sonne.«
    Auf dem Heimweg war er ganz stumm; auch, die übrigen, selbst die immer
wohlgelaunte Anna, waren in einer wunderlich gedrückten Stimmung, als wären sie
nie zuvor durch einen spätsommerlichen Abend gewandert, oder als fühlten sie den
Auftritt voraus, der ihnen das Beisammensein dieser Stunden unvergesslich machen
sollte.
    Kurz vor dem Stadttor nämlich blieb Anna stehen und deutete mit einem Zuruf
an alle in das herrlich gestirnte Firmament. Auch Caspar blickte hinauf, er
erstaunte masslos. Kleine, jähe, wirre Laute eines leidenschaftlichen Entzückens
kamen aus seinem Mund. »Sterne, Sterne«, stammelte er, das gehörte Wort von
Annas Lippen raubend. Er presste die Hände gegen die Brust, und ein
unbeschreiblich seliges Lächeln verschönte seine Züge. Er konnte sich nicht
sattsehen; immer wieder kehrte er zum Anschauen des Glanzes zurück, und aus
seinen seufzerartig abgebrochenen Worten war vernehmbar, dass er die Sterngruppen
und die ausgezeichnet hellen Sterne bemerkte. Er fragte mit einem Ton des
Aussersichseins, wer die vielen schönen Lichter da hinaufbringe, anzünde und
wieder verlösche.
    Daumer antwortete ihm, dass sie beständig leuchteten, jedoch nicht immer
gesehen würden; da fragte er, wer sie zuerst hinaufgesetzt, dass sie immerfort
brennten.
    Plötzlich fiel er in tiefe Grübelei. Er blieb eine Weile mit gesenktem Kopf
stehen und sah und hörte nichts. Als er wieder zu sich kam, hatte sich seine
Freude in Schwermut verwandelt, er liess sich auf den Rasen nieder und brach in
langes, nicht zu stillendes Weinen aus.
    Es war weit über neun Uhr, als sie endlich nach Haus gelangten. Während
Caspar mit den Frauen hinaufging, nahm Herr von Tucher am Gartentor von Daumer
Abschied. »Was mag in ihm vorgegangen sein?« meinte er. Und da Daumer schwieg,
fuhr er sinnend fort: »Vielleicht spürt er schon die Unwiederbringlichkeit der
Jahre; vielleicht zeigt ihm die Vergangenheit schon ihre wahre Gestalt.«
    »Ohne Zweifel war es ihm ein Schmerz, das beglänzte Gewölbe zu schauen«,
antwortete Donner; »nie zuvor hat er den Blick zum nächtlichen Himmel erheben
können. Ihm zeigt die Natur kein freundliches Antlitz, und von ihrer sogenannten
Güte hat er wenig erfahren.«
    Eine Zeitlang schwiegen sie, dann sagte Daumer: »Ich habe für morgen
nachmittag einige Freunde und Bekannte zu mir gebeten. Es handelt sich um eine
Reihe von höchst interessanten Erfahrungen und Beobachtungen, die ich an Caspar
gemacht habe. Ich würde mich freuen, wenn Sie dabei sein wollten.«
    Herr von Tucher versprach zu kommen. Zu seiner Verwunderung ward er, als er
am andern Tag etwas verspätet erschien, in eine vollständig verfinsterte Kammer
geführt. Die Produktion hatte schon begonnen. Von irgendeinem Winkel her vernahm
man Caspars eintönige Stimme lesend. »Es ist eine Seite aus der Bibel, die der
Herr Stadtbibliotekar aufgeschlagen hat«, flüsterte Daumer Herrn von Tucher zu.
Die Dunkelheit war so gross, dass die Zuhörer einander nicht gewahren konnten,
trotzdem las Caspar unbeirrt, als ob seine Augen selbst eine Quelle des Lichtes
seien.
    Man war erstaunt. Man wurde es noch mehr, als Caspar in der gleichen
Dunkelheit die Farben verschiedener Gegenstände unterscheiden konnte, die bald
der eine, bald der andere von den Anwesenden, um jeden Verdacht einer
Verabredung oder Vorbereitung auszuschliessen, ihm auf eine Entfernung von fünf
oder sechs Schritte vorhielt.
    »Ich will jetzt die Weinprobe machen«, sagte Daumer und öffnete die Läden.
Caspar presste die Hände vor die Augen und brauchte lange Zeit bis er das Licht
ertragen konnte. Jemand brachte Wein im undurchsichtigen Glas, und Caspar roch
es nicht nur sogleich, sondern es zeigten sich auch die Merkmale einer leichten
Trunkenheit: seine Blicke flimmerten, sein Mund verzog sich schief. Konnte das
mit rechten Dingen zugehen? War solche Empfindlichkeit denkbar oder möglich? Man
wiederholte den Versuch zweimal, dreimal, und siehe, die Wirkung verstärkte
sich. Beim viertenmal wurde draussen Wasser ins Glas gegossen, und nun sagte
Caspar, er spüre nichts.
    Doch viel wunderbarer war zu beobachten, wie er sich gegen Metalle verhielt.
Ein Herr versteckte, während Caspar das Zimmer verlassen hatte, ein Stück
Kupferblech. Caspar ward hereingerufen, und alle verfolgten mit Spannung, wie er
zu dem Versteck förmlich hingezogen wurde; es sah aus, wie wenn ein Hund ein
Stück Fleisch erschnuppert. Er fand es, man klatschte Beifall, man achtete nicht
darauf, dass er blass war und mit kühlem Schweiss bedeckt. Nur Herr von Tucher
bemerkte es und missbilligte das Treiben.
    Es hatte natürlich nicht bei diesem einen Mal sein Bewenden. Die Sache
redete sich schnell herum, und das Haus wurde zum Museum. Alles, was Namen und
Ansehen in der Stadt hatte, lief herzu, und Caspar musste immer bereit sein,
immer tun, was man von ihm haben wollte. Wenn er müde war, durfte er schlafen,
aber wenn er schlief, untersuchten sie die Festigkeit seines Schlafes, und
Daumer schwamm in Glück, wenn der Herr Medizinalrat Rehbein behauptete, eine
derartige Versteinerung des Schlummers habe er nie für möglich gehalten.
    Selbst gewisse krankhafte Zustände seines Körpers gaben Daumer Anlass zur
Vorführung oder wenigstens zum, Studium. Er suchte durch hypnotische Berührungen
und mesmeristische Streichungen Einfluss zu nehmen, denn er war ein glühender
Verfechter jener damals nagelneuen Teorien, die mit der Seele des Menschen
hantierten wie ein Alchimist mit dem Inhalt einer Retorte. Oder wenn auch dies
nichts half, wandte er Heilmittel von einer besonderen Kategorie an, erprobte
die Wirkungen von Arnika und Akonitum und Nux vomica; immer beflissen, immer
erfüllt von einer Mission, immer mit dem Notizenzettel in der Hand, immer in
rührender Obsorge.
    Was für seriöse Spiele! Welch ein Eifer, zu beweisen, zu deuten, das
Sonnenklare dunkel zu machen, das Einfache zu verwirren! Das Publikum gab sich
redliche Mühe im Glauben, nach allen Windrichtungen wurden die anscheinenden
Zaubereien ausposaunt, nicht zum Vorteil unseres Caspar, keineswegs zu seinem
Heil, wie sich bald herausstellen sollte, aber leider gibt es überall
verwerfliche Kreaturen, die noch zweifeln würden und wenn man ihnen die Skepsis
überm Essenfeuer ausräuchern würde. Vielleicht wollten sie jedesmal etwas Neues
vorgesetzt bekommen, schraubten ihre Erwartungen zu hoch und fanden, dass der
Wundermann nur in seinen eingelernten Paradestückchen exzellierte, in denen er
allerdings, so drückten sie sich aus, etwas von der Fertigkeit eines dressierten
Äffchens an den Tag legte.
    Mit einem Wort, das Programm wurde einförmig, höchstens Neulinge konnten ihm
noch Geschmack abgewinnen. Die andern erblickten in Daumer etwas wie einen
Zirkusdirektor oder einen Literaten, der seine Freunde mit der beständig
wiederholten Vorlesung eines mittelmässigen Poems langweilt, während über Caspar
sich zu amüsieren sie immerhin noch Gelegenheit fanden.
    Oder war es nicht amüsant, wenn er zum Beispiel einen hohen Offizier
tadelte, dass sein Rockkragen bestäubt war; wenn er mit dem Finger das Haupt
eines ehrwürdigen Kammerdirektors berührte und mitleidig-verwundert sagte:
»Weisse Haare, weisse Haare?« Wenn er während der Anwesenheit einer vornehmen
Standesperson nur darauf achtete, wie diese den Stock zwischen den Fingern
baumeln liess und es auch so machen wollte; wenn er seinen Ekel gegen den
schwarzen Bart des Magistratsrats Behold äusserte oder sich weigerte, einer Dame
die Hand zu küssen, indem er sagte, man müsse ja nicht hineinbeissen?
    Durch solche kleine Zwischenfälle hielten sie sich für belohnt. Wenn man
lachen konnte, war alles gut. Hingegen Daumer ärgerte sich darüber und suchte
ihm die Pflichten der Höflichkeit begreiflich zu machen. »Du vergisst stets, die
Ankömmlinge zu begrüssen«, sagte Daumer. In der Tat blickte Caspar, in ein Buch
oder Spiel versenkt, erst empor, wenn man ihn anrief, bisweilen, wenn er ein
bekanntes oder liebgewordenes Gesicht sah, mit einem berückend schelmischen
Lächeln, und fing dann ohne Einleitung an zu fragen und zu plaudern. Mochten
noch so wichtige Personen zugegen sein, er verliess nie seinen Platz, ohne alle
Dinge, mit denen er beschäftigt gewesen, sorgfältig in Ordnung zu bringen und
mit einem kleinen Besen den Tisch von Papierschnitzeln oder Brotkrumen zu
reinigen. Man musste warten, bis er fertig war.
    Er war ohne Schüchternheit. Alle Menschen schienen ihm gut, fast alle hielt
er für schön. Er fand es selbstverständlich, wenn sich irgendein Herr vor ihn
hinstellte und ihm aus einem bereitgehaltenen Zettel endlos viele Namen oder
endlos viele Zahlen vorlas. Sein Gedächtnis liess ihn nicht im Stich, er konnte
in der gleichen Reihenfolge Namen für Namen, Zahl für Zahl, und waren es
hundert, wiederholen. Am Erstaunen der Leute merkte er wohl, dass er
Staunenswertes geleistet, aber kein Schimmer von Eitelkeit zog über sein
Gesicht, nur ein wenig traurig wurde es, wenn immer dasselbe kam, wenn sie nie
zufrieden schienen.
    Er konnte es nicht verstehen, dass ihnen wunderbar war, was ihm so natürlich
war. Aber was ihm wunderbar war, darum kümmerte sich keiner. Er vermochte es
nicht zu sagen, es wurzelte im verborgensten Gefühl. Es war eine kaum gespürte
Frage, am Morgen, beim Erwachen etwa, ein hastiges, stummes, verzweifeltes
Suchen, wofür es keine Bezeichnung gab. Es lag weit zurück; es war mit ihm
verknüpft, und er besass es doch nicht. Es war etwas mit ihm vorgegangen,
irgendwo, irgendwann, und er wusste es nicht. Er tastete an sich herum, er fand
sich selber kaum. Er sagte »Caspar« zu sich selbst, aber das dort in der Ferne
hörte nicht auf diesen Namen. So band sich die Erwartung an ein Äusseres; wenn
die Uhr im andern Zimmer tönte, welch sonderbare Erwartung von Schlag zu Schlag!
Als ob eine Mauer sich auflösen, zu Luft vergehen müsste. Die eben vergangene
Nacht war voll ungreifbarer Vorgänge gewesen. Hatte es am Fenster gepocht? Nein.
War jemand dagewesen, hatte gesprochen, gerufen, gedroht? Nein. Es war etwas
geschehen, doch Caspar hatte nichts damit zu tun.
    Unergründliche Sorge. Man musste lernen, vielleicht wurde es dann klar.
Lernen, wie alles bestand, lernen, was in der Nacht verborgen war, wenn man
nicht lebte und dennoch spürte, das Unbekannte lernen, erhaschen, was so fern,
wissen, was so dunkel war, die Menschen fragen lernen. Sein Eifer bei den
Büchern wurde glühend. Er begann Ungeduld zu zeigen, wenn er von den fremden
Besuchern sich immer wieder empfindlich gestört fand, denn jetzt kamen die Leute
schon von auswärts, weil allentalben im Land über Caspar Hauser geredet und
geschrieben wurde. Auch Daumer konnte sich der Ansprüche, die an ihn gestellt
wurden, kaum erwehren. Er war oft missgelaunt und matt, und es gab Stunden, wo er
bereute, Caspar der Welt preisgegeben zu haben.
    Es gab Stunden, wo er, allein mit dem Jüngling, sich seiner besseren Würde
erinnerte und diesem seltsam Leibeigenen, Seeleneigenen sich tiefer anschloss,
als der anfängliche Zweck gewollt. Es gab eine Stunde, wo Daumer eines
paradiesischen Bildes gewahr wurde: Caspar im Garten, auf der Bank sitzend, ein
Buch in der Hand; Schwalben ziehen ihre Zickzackkreise um ihn, Tauben picken vor
seinen Füssen, ein Schmetterling ruht auf seiner Schulter, die Hauskatze schnurrt
an seinem Arm. In ihm ist die Menschheit frei von Sünde, sagte sich Daumer bei
diesem Anblick, und was wäre sonst zu leisten, als einen solchen Zustand zu
erhalten? Was wäre hier noch zu enträtseln, was zu verkünden?
    Eines andern Tages erhob sich im Nachbargarten grosser Lärm. Ein bissiger
Hund hatte seine Kette zerrissen und raste, Schaum vor dem Maul, in wilden
Sprüngen umher, überrannte ein Kind, schlug einem Knecht, der ihn verfolgte, die
Zähne ins Fleisch und stürzte gegen den Zaun des Daumerschen Gartens. Eine Latte
krachte unter dem Anprall, das Tier schlüpfte herüber und richtete die
blutunterlaufenen Augen wild auf die kleine Gesellschaft, die unter der Linde
sass: Daumer selbst, dessen Mutter, der Bürgermeister Binder und Caspar. Alle
standen ängstlich auf, Binder erhob den Stock, das Tier machte einige Sätze,
blieb aber auf einmal stehen, schnupperte, trabte auf Caspar zu, der bleich und
stille sass, wedelte mit dem Schweif und leckte die herabhängende Hand des
Jünglings. Mit einem lodernden ungewissen Blick sah es ihn an, voll Ergebenheit
fast, eine Zärtlichkeit erwartend, und es war, als erbitte es Verzeihung.
Denselben ungewissen und ergebenen Ausdruck hatte auch Caspar im Auge; ihn
jammerte der Hund, er wusste nicht warum.
    Man erzählte sich, dass Daumer nach diesem Auftritt geweint habe.
    Zwei Tage später, an einem regnerischen Oktoberabend war es, dass sich Daumer
mit seiner Mutter und Caspar im Wohnzimmer befand. Anna war zu einer
Unterhaltung in die Reunion gegangen, die alte Dame sass strickend im Lehnstuhl
am offenen Fenster, denn trotz der vorgerückten Jahreszeit war die Luft warm und
voll des feuchten Geruchs verwelkender Pflanzen. Da wurde an die Türe geklopft,
und der Glasermeister brachte einen grossen Wandspiegel, den die Magd in der
vergangenen Woche zerbrochen hatte. Frau Daumer hiess ihn den Spiegel gegen die
Mauer lehnen, das tat der Mann und entfernte sich wieder.
    Kaum war er draussen, so fragte Daumer verwundert, warum sie den Spiegel
nicht gleich an seinen Platz habe hängen lassen, man hätte dann doch die Arbeit
für morgen erspart. Die alte Dame erwiderte mit verlegenem Lächeln, am Abend
dürfe man keinen Spiegel aufhängen, das bedeute Unheil. Daumer besass nicht genug
Humor für derlei halbernste Grillen; er machte der Mutter Vorwürfe wegen ihres
Aberglaubens, sie widersprach, und da geriet er in Zorn, das heisst er sprach mit
seiner sanftesten Stimme zwischen die geschlossenen Zähne hindurch.
    Caspar, der es nicht sehen konnte, wenn Daumers Gesicht unfreundlich wurde,
legte den Arm um dessen Schulter und suchte ihn mit kindlicher Schmeichelei zu
begütigen. Daumer schlug die Augen nieder, schwieg eine Weile und sagte dann,
völlig beschämt: »Geh hin zur Mutter, Caspar, und sag ihr, dass ich im Unrecht
bin.«
    Caspar nickte; ohne recht zu überlegen, trat er vor die Frau hin und sagte:
»Ich bin im Unrecht.«
    Da lachte Daumer. »Nicht du, Caspar! Ich!« rief er und deutete auf seine
Brust. »Wenn Caspar im Unrecht ist, darf er sagen: ich. Ich sage zu dir: du,
aber du sagst doch zu dir: ich. Verstanden?«
    Caspars Augen wurden gross und nachdenklich. Das Wörtchen Ich durchrann ihn
plötzlich wie ein fremdartig schmeckender Trank. Es nahten sich ihm viele
Hunderte von Gestalten, es nahte sich eine ganze Stadt voll Menschen, Männer,
Frauen und Kinder, es nahten sich die Tiere auf dem Boden, die Vögel in der
Luft, die Blumen, die Wolken, die Steine, ja die Sonne selbst, und alle
miteinander sagten zu ihm: Du. Er aber antwortete mit zaghafter Stimme: Ich.
    Er fasste sich mit flachen Händen an die Brust und liess die Hände
heruntergleiten bis über die Hüften: sein Leib, eine Wand zwischen innen und
aussen, eine Mauer zwischen ich und du!
    In demselben Augenblick tauchte aus dem Spiegel, dem gegenüber er stand,
sein eignes Bild empor. Ei, dachte er ein wenig bestürzt, wer ist das?
    Natürlich war er schon oft an Spiegeln vorbeigegangen, aber sein von den
vielen Dingen der vielgesichtigen Welt geblendeter Blick war mit vorbeigegangen,
ohne zu weilen, ohne zu denken, und er hatte sich daran gewöhnt wie an den
Schatten auf der Erde. Ein Ungefähr, das ihn nicht hemmte, konnte nicht zum
Erlebnis werden.
    Jetzt war sein Auge reif für diese Vision. Er sah hin. »Caspar«, lispelte
er. Das Drinnen antwortete: Ich. Da waren Caspars Mund und Wangen und die
braunen Haare, die über Stirn und Ohren gekräuselt waren. Nähertretend, schaute
er in spielerisch-zweifelnder Neugier hinter den Spiegel gegen die Mauer; dort
war nichts. Dann stellte er sich wieder davor, und nun schien ihm, als ob hinter
seinem Bild im Spiegel sich das Licht zerteile und als ob ein langer, langer
Pfad nach rückwärts lief, und dort, in der weiten Ferne stand noch ein Caspar,
noch ein Ich, das hatte zugeschlossene Augen und sah aus, als wisse es etwas,
was der Caspar hier im Zimmer nicht wusste.
    Daumer, gewohnt, das Betragen des Jünglings zu beobachten, lauerte gespannt
herüber. Da, ein seltsames Geräusch; es surrte etwas in der Luft und fiel neben
dem Tisch zu Boden. Es war ein Stück Papier, das von draussen hereingeflogen war.
Frau Daumer hob es auf; es war wie ein Brief zusammengefaltet. Unschlüssig
drehte sie es zwischen den Fingern und reichte es dem Sohn.
    Der riss es auf und las folgende, mit grosser Schrift geschriebene Worte: »Es
wird gewarnt das Haus und wird gewarnt der Herr und wird gewarnt der Fremde.«
    Frau Daumer hatte sich erhoben und las mit; ein Frösteln lief über ihre
Schultern. Daumer jedoch, indes er schweigend auf den Zettel starrte, hatte das
Gefühl, als sei vor seinen Füssen ein Schwert, die Spitze nach oben, aus der Erde
gewachsen.
    Caspar hatte von dem Vorgang nicht das mindeste wahrgenommen. Er verliess den
Platz vor dem Spiegel und ging wie geistesabwesend an den beiden vorüber zum
Fenster. Dort stand er besinnend, beugte sich besinnend vor, immer weiter,
völlig selbstvergessen, ganz vom Willen des Suchens erfüllt, bis die Brust auf
dem Sims lag und seine Stirn in die Nacht hinaus tauchte.
 
                                 Caspar träumt
Am andern Morgen übergab Daumer das unheimliche Papier der Polizeibehörde. Es
wurden Nachforschungen angestellt, die aber natürlich fruchtlos blieben. Der
Vorfall wurde auch amtlich an das Appellationsgericht gemeldet, und nach einiger
Zeit schrieb der Regierungsrat Hermann, der mit dem Baron Tucher befreundet war,
an diesen einen Privatbrief, in welchem er unter anderm die Meinung vertrat, man
solle nicht ablassen, den Hauser scharf zu bewachen und auszuforschen, denn es
sei wohl möglich, dass er durch eine tief eingepflanzte Furcht gezwungen sei,
manches ihm bekannte Verhältnis zu verschweigen.
    Herr von Tucher suchte Daumer auf und las ihm diese Stelle vor. Daumer
konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken. »Ich bin mir wohl bewusst, dass
ein Mysterium, von Menschenhand gewoben, hinter allem dem liegt, was mit Caspar
zusammenhängt«, sagte er mit leisem Widerwillen, »ganz abgesehen davon, dass mir
auch der Präsident Feuerbach unlängst darüber geschrieben hat, und zwar in
höchst eigentümlichen Wendungen, die auf etwas Besonderes schliessen lassen. Aber
was heisst das: ihn ausforschen, ihn bewachen? Hat man darin nicht schon das
Äusserste versucht? Ärztliche Vorsicht und menschliches Gefühl befehlen mir jetzt
ohnehin die äusserste Behutsamkeit gegen ihn. Ich wage es ja kaum, ihn von der
einfachen Kost zu entwöhnen und ihn so zu ernähren, wie es durch die veränderte
Lebenslage bedingt ist.«
    »Warum wagen Sie das nicht?« fragte Herr von Tucher ziemlich erstaunt. »Wir
sind doch übereingekommen, ihn endlich zum Genuss von Fleisch oder wenigstens von
andern gekochten Speisen zu bringen?«
    Daumer zögerte mit der Antwort. »Milchreis und warme Suppe verträgt er schon
ganz gut«, sagte er dann, »aber zur Fleischkost will ich ihn nicht ermuntern.«
    »Warum nicht?«
    »Ich fürchte Kräfte zu zerstören, die vielleicht gerade an die Reinheit des
Blutes gebunden sind.«
    »Kräfte zerstören? Was für Kräfte vermöchten ihn und uns für die Gesundheit
des Leibes und die Frische seines Gemüts zu entschädigen? Wäre es nicht vielmehr
ratsam, ihn von der Richtung des Ausserordentlichen abzulenken, die ihm früher
oder später verhängnisvoll werden muss? Ist es gut, einen andern Massstab an ihn
zu legen, als es einer natürlichen Erziehung entspricht? Was wollen Sie
überhaupt, was haben Sie mit ihm vor? Caspar ist ein Kind, das dürfen wir nicht
vergessen.«
    »Er ist ein Mirakel«, entgegnete Daumer hastig und ergriffen; dann, in einem
halb belehrenden, halb bitteren Ton, der für einen Weltmann wie Tucher
verletzend klingen musste, fuhr er fort: »Leider leben wir in einer Zeit, in der
man mit jedem Hinweis auf Unerforschliches den plumpen Alltagsverstand
beleidigt. Sonst müsste jeder an diesem Menschen sehen und spüren, dass wir rings
von geheimnisvollen Mächten der Natur umgeben sind, in denen unser ganzes Wesen
ruht.«
    Herr von Tucher schwieg eine Zeitlang; sein Gesicht hatte den Ausdruck
abwehrenden Stolzes, als er sagte: »Es ist besser, eine Wirklichkeit völlig zu
ergreifen und ihr genugzutun als mit fruchtlosem Entusiasmus im Nebel des
Übersinnlichen zu irren.«
    »Rechtfertigt mich denn die Wirklichkeit noch nicht, auf die ich mich
berufen kann?« versetzte Daumer, dessen Stimme leiser und schmeichelnder wurde,
je mehr das Gespräch ihn erhitzte. »Muss ich Sie an Einzelheiten erinnern? Sind
nicht Luft, Erde und Wasser für diesen Menschen noch von Dämonen bevölkert, mit
denen er in lebendiger Beziehung steht?«
    Baron Tuchers Gesicht wurde düster. »Ich sehe in allem dem nur die Folgen
einer verderblichen Überreizteit«, sagte er kurz und scharf. »Das sind die
Quellen nicht, aus denen Leben geboren wird, in solchen Formen kann sich keine
Brauchbarkeit bewähren!«
    Daumer duckte den Kopf, und in seinen Augen lag Ungeduld und Verachtung,
doch antwortete er im Ton nachgiebiger Freundlichkeit: »Wer weiss, Baron. Die
Quellen des Lebens sind unergründlich. Meine Hoffnungen wagen sich weit hinauf,
und ich erwarte Dinge von unserm Caspar, die Ihr Urteil sicherlich verändern
werden. Aus diesem Stoff werden Genien gemacht.«
    »Man tut einem Menschen stets unrecht, wenn man Erwartungen an seine Zukunft
knüpft«, sagte Herr von Tucher mit trübem Lächeln.
    »Mag sein, mag sein, ich aber halte mich an die Zukunft. Mich kümmert nicht,
was hinter ihm liegt, und was ich von seiner Vergangenheit weiss, soll mir nur
dienen, ihn davon zu lösen. Das ist ja das hoffnungsvoll Wunderbare: dass man
hier einmal ein Wesen ohne Vergangenheit hat, die ungebundene, unverpflichtete
Kreatur vom ersten Schöpfungstag, ganz Seele, ganz Instinkt, ausgerüstet mit
herrlichen Möglichkeiten, noch nicht verführt von der Schlange der Erkenntnis,
ein Zeuge für das Walten der geheimnisvollen Kräfte, deren Erforschung die
Aufgabe kommender Jahrhunderte ist. Mag sein, dass ich mich täusche, dann aber
würde ich mich in der Menschheit getäuscht haben und meine Ideale für Lügen
erklären müssen.«
    »Der Himmel bewahre Sie davor«, antwortete Herr von Tucher und nahm eilig
Abschied.
    Noch am selben Tag wurde Daumer durch seine Mutter aufmerksam gemacht, dass
Caspars Schlaf nicht mehr so ruhig sei wie sonst. Als Caspar am andern Morgen
ziemlich unerfrischt zum Frühstück kam, fragte ihn Daumer, ob er schlecht
geschlafen habe.
    »Schlecht geschlafen nicht«, erwiderte Caspar, »aber ich bin einmal
aufgewacht und da war mir angst.«
    »Wovor hattest du denn Angst?« forschte Daumer.
    »Vor dem Finstern«, entgegnete Caspar, und bedächtig fügte er hinzu: »In der
Nacht sitzt das Finstere auf der Lampe und brüllt.«
    Den nächsten Morgen kam er halb angekleidet aus seinem Schlafgemach in das
Zimmer Daumers und erzählte bestürzt, es sei ein Mann bei ihm gewesen. Zuerst
erschrak Daumer, dann wurde ihm klar, dass Caspar geträumt habe. Er fragte, was
für ein Mann es denn gewesen sei, und Caspar antwortete, es sei ein grosser
schöner Mann gewesen mit einem weissen Mantel. Ob der Mann mit ihm gesprochen?
Caspar verneinte; gesprochen habe er nicht, er habe einen Kranz getragen, den
habe er auf den Tisch gelegt, und als Caspar danach gegriffen, habe der Kranz zu
leuchten angefangen.
    »Du hast geträumt«, sagte Daumer.
    Caspar wollte wissen, was das heisse. »Wenn auch dein Körper ruht«, erklärte
Daumer, »so wacht doch deine Seele, und was du am Tag erlebt oder empfunden,
daraus macht sie im Schlummer ein Bild. Dieses Bild nennt man Traum.«
    Nun verlangte Caspar zu wissen, was das sei, die Seele. Daumer sagte: »Die
Seele gibt deinem Körper das Leben. Leib und Seele sind einander vermischt.
Jedes von beiden ist, was es ist, aber sie sind so untrennbar gemischt wie
Wasser und Wein, wenn man sie zusammengiesst.«
    »Wie Wasser und Wein?« fragte Caspar missbilligend. »Damit verderbt man aber
das Wasser.«
    Daumer lachte und meinte, das sei nur ein Gleichnis gewesen. In der Folge
nahm er wahr, dass es mit Caspars Träumen eigen beschaffen war. Sonst sind Träume
an ein Zufälliges geknüpft, sagte er sich, spielen gesetzlos mit Ahnung, Wunsch
und Furcht, bei ihm ähneln sie dem Herumtasten eines Menschen, der sich im
finsteren Wald verirrt hat und den Weg sucht; da ist etwas nicht in Ordnung, ich
muss der Sache auf den Grund gehen.
    Das Auffallende war, dass gewisse Bilder sich allmählich zu einem einzigen
Traum sammelten, der von Nacht zu Nacht vollständiger und gestaltafter wurde
und mit immer grösserer Deutlichkeit regelmässig wiederkehrte. Im Anfang konnte
Caspar nur abgebrochen davon erzählen, so stückhaft wie die Bilder sich ihm
zeigten, dann eines Tages, wie der Maler den Vorhang von einem vollendeten
Gemälde zieht, vermochte er seinem Pflegeherrn eine ausführliche Beschreibung zu
geben.
    Er hatte über seine Gewohnheit lange geschlafen, deshalb ging Daumer in sein
Zimmer, und kaum war er ans Bett getreten, so schlug Caspar die Augen auf. Sein
Gesicht glühte, der Blick ruhte noch im Innern, war aber voll und kräftig und
der Mund war zu sprechen ungeduldig. Mit langsamer, ergriffener Stimme erzählte
er.
    Er ist in einem grossen Haus gewesen und hat geschlafen. Eine Frau ist
gekommen und hat ihn aufgeweckt. Er bemerkt, dass das Bett so klein ist, dass er
nicht begreift, wie er darin Platz gehabt. Die Frau kleidet ihn an und führt ihn
in einen Saal, wo ringsum Spiegel mit goldenem Rande hängen. Hinter gläsernen
Wänden blitzen Silberschüsseln und auf einem weissen Tisch stehen feine, kleine,
zierlich bemalte Porzellantässchen. Er will bleiben und schauen, die Frau zieht
ihn weiter. Da ist ein Saal, wo viele Bücher sind, und von der Mitte der
gebogenen Decke hängt ein ungeheurer Kronleuchter herab. Caspar will die Bücher
betrachten, da verlöschen langsam die Flammen des Leuchters eine nach der
andern, und die Frau zieht ihn weiter. Sie führt ihn durch einen langen Flur und
eine gewaltige Treppe hinab, sie schreiten im Innern des Hauses den Wandelgang
entlang. Er sieht Bilder an den Wänden, Männer im Helm und Frauen mit goldenem
Schmuck. Er schaut durch die Mauerbogen der Halle in den Hof, dort plätschert
ein Springbrunnen; die Säule des Wassers ist unten silberweiss und oben von der
Sonne rot. Sie kommen zu einer zweiten Treppe, deren Stufen wie goldene Wolken
aufwärts steigen. Es steht ein eiserner Mann daneben, er hat ein Schwert in der
Rechten, doch sein Gesicht ist schwarz, nein, er hat überhaupt kein Gesicht.
Caspar fürchtet sich vor ihm, will nicht vorbeigehen, da beugt sich die Frau und
flüstert ihm etwas ins Ohr. Er geht vorbei, er geht zu einer ungeheuern Tür, und
die Frau pocht an. Es wird nicht aufgemacht. Sie ruft, und niemand hört. Sie
will öffnen, die Tür ist zugeschlossen. Es scheint Caspar, dass sich etwas
Wichtiges hinter der Tür ereignet, er selbst beginnt zu rufen, doch in diesem
Augenblick erwacht er.
    Seltsam, dachte Daumer, da sind Dinge, die er nie zuvor gesehen haben kann,
wie den gerüsteten Mann ohne Gesicht. Seltsam! Und sein Wortesuchen, seine
hilflosen Umschreibungen bei solcher Klarheit des Geschauten. Seltsam.
    »Wer war die Frau?« fragte Caspar.
    »Es war eine Traumfrau«, entgegnete Daumer beschwichtigend.
    »Und die Bücher und der Springbrunnen und die Tür?« drängte Caspar. »Warens
Traumbücher, wars eine Traumtür? Warum ist sie nicht aufgemacht worden, die
Traumtür?«
    Daumer seufzte und vergass zu antworten. Was bekam da Gewalt über seinen
Caspar, sein Seelenpräparat? Sehr an Welt und Stoff gebunden war dieser Traum.
    Caspar kleidete sich langsam an. Plötzlich erhob er den Kopf und fragte, ob
alle Menschen eine Mutter hätten? Und als Daumer bejahte, ob alle Menschen einen
Vater hätten? Auch dies musste bejaht werden.
    »Wo ist dein Vater?« fragte Caspar.
    »Gestorben«, antwortete Daumer.
    »Gestorben?« flüsterte Caspar nach. Ein Hauch des Schreckens lief über seine
Züge. Er grübelte. Dann begann er wieder: »Aber wo ist mein Vater?«
    Daumer schwieg.
    »Ist es der, bei dem ich gewesen? Der Du?« drängte Caspar.
    »Ich weiss es nicht«, antwortete Daumer und fühlte sich ungeschickt und ohne
Überlegenheit.
    »Warum nicht? Du weisst doch alles? Und hab ich auch eine Mutter?«
    »Sicherlich.«
    »Wo ist sie denn? Warum kommt sie nicht?«
    »Vielleicht ist sie gleichfalls gestorben.«
    »So? Können denn die Mütter auch sterben?«
    »Ach, Caspar!« rief Daumer schmerzlich,
    »Gestorben ist meine Mutter nicht«, sagte Caspar mit wunderlicher
Entschiedenheit. Plötzlich flammte es über sein Gesicht, und er sagte bewegt:
»Vielleicht war meine Mutter hinter der Tür?«
    »Hinter welcher Tür, Caspar?«
    »Dort! im Traum ...«
    »Im Traum? Das ist doch nichts Wirkliches«, belehrte Daumer zaghaft.
    »Aber du hast doch gesagt, die Seele ist wirklich und macht den Traum? Ja,
sie war hinter der Tür, ich weiss es; das nächste Mal will ich sie aufmachen.«
    Daumer hoffte, das Traumwesen würde sich verlieren, doch dem war nicht so.
Dieser eine Traum, Caspar nannte ihn den Traum vom grossen Haus, wuchs immer
weiter, umschlang und krönte sich mit allerlei Blüten- und Rankenwerk gleich
einer zauberhaften Pflanze. Immer wieder schritt Caspar einen Weg entlang und
immer wieder endete der Weg vor der hohen Türe, die nicht geöffnet wurde. Einmal
zitterte die Erde von Tritten, die innen waren, die Türe schien sich zu bauschen
wie ein Gewand, durch einen Spalt über der Schwelle brach Flammengeloder, da
erwachte er, und die nicht zu vergessende Traumnot schlich durch die Stunden des
Tages mit.
    Die Gestalten wechselten. Manchmal kam statt der Frau ein Mann und führte
ihn durch die Bogenhalle. Und wie sie die Treppe hinaufgehen wollten, kam ein
andrer Mann und reichte ihm mit strengem Blick etwas Gleissendes, das lang und
schmal war und das, als Caspar es fassen wollte, in seiner Hand zerfloss wie
Sonnenstrahlen. Er trat nahe an die Gestalt heran, auch sie ward zu Luft, doch
sprach sie lautschallend ein Wort, welches Caspar nicht zu deuten verstand.
    Daran hingen sich wieder besondere kleine Träume, Träume von unbekannten
Worten, die er im Wachen nie gehört und deren er, wenn der Traum vorüber war,
vergebens habhaft zu werden suchte. Sie hatten meist einen sanften Klang,
bezogen sich aber, so fühlte er, nie auf ihn selbst, sondern auf das, was hinter
der verschlossenen Türe vor sich ging.
    Traumboten waren es, Vögeln des Meeres gleich, die in beständiger Wiederkehr
Gegenstände eines halbversunkenen Schiffes an die ferne Küste tragen.
    In einer Nacht lag Daumer schlaflos und hörte in Caspars Zimmer ein
dauerndes Geräusch. Er erhob sich, schlüpfte in den Schlafrock und ging hinüber.
Caspar sass im Hemde am Tisch, hatte ein Blatt Papier vor sich, einen Bleistift
in der Hand und schien geschrieben zu haben. Ein matter Mondschein schwamm im
Zimmer. Verwundert fragte Daumer, was er treibe. Caspar richtete den bis zur
Trunkenheit vertieften Blick auf ihn und antwortete leise: »Ich war im grossen
Haus; die Frau hat mich bis zum Springbrunnen im Hof geführt. Sie hat mich zu
einem Fenster hinaufschauen lassen; droben ist der Mann im Mantel gestanden,
sehr schön anzuschauen, und hat etwas gesagt. Danach bin ich aufgewacht und habs
geschrieben.«
    Daumer machte Licht, nahm das Blatt, las, warf es wieder hin, ergriff beide
Hände Caspars und rief halb bestürzt, halb erzürnt: »Aber Caspar, das ist ja
ganz unverständliches Zeug!«
    Caspar starrte auf das Papier, buchstabierte murmelnd und sagte: »Im Traum
hab ich's verstanden.«
    Unter den sinnlosen Zeichen, die wir aus einer selbsterdachten Sprache
waren, stand am Ende das Wort: Dukatus. Caspar deutete auf das Wort und
flüsterte: »Davon bin ich aufgewacht, weil es so schön geklungen hat.«
    Daumer fand sich verpflichtet, den Bürgermeister von den Beunruhigungen
Caspars, wie er es nannte, in Kenntnis zu setzen. Was er befürchtet hatte,
geschah. Herr Binder der Sache eine grosse Wichtigkeit bei. »Zunächst ist es
geboten, dem Präsidenten Feuerbach einen möglichst ausführlichen Bericht zu
geben, denn aus diesen Träumen können sicherlich ganz bestimmte Schlüsse gezogen
werden«, sagte er. »Dann mache ich Ihnen den Vorschlag, mit Caspar einmal in die
Burg hinaufzugehen.«
    »In die Burg? Warum das?«
    »Es ist so eine Idee von mir. Da er immer von einem Schloss träumt, wird
ihn der Anblick eines wirklichen Schlosses vielleicht aufrütteln und uns
bestimmtere Anhaltspunkte geben.«
    »Ja, glauben Sie denn an eine reale Bedeutung dieser Träume?«
    »Ganz unbedingt. Ich bin davon überzeugt, dass er bis zu seinem dritten oder
vierten Lebensjahr in einer derartigen Umgebung,gelebt hat und dass mit dem neuen
Erwachen zum Leben und zum Selbstbewusstsein die Erinnerungen an die frühere
Existenz auf dem Weg der Träume Form und Inhalt gewinnen.«
    »Eine sehr naheliegende, sehr nüchterne Erklärung«, bemerkte Daumer gallig.
»Also der Hintergrund dieses Schicksals wäre nichts weiter als eine gewöhnliche
Räubergeschichte.«
    »Eine Räubergeschichte? Mir recht, wenn Sie es so nennen. Ich verstehe
nicht, weshalb Sie sich dagegen wehren. Soll der Jüngling aus dem Mond
heruntergefallen sein? Wollen Sie irdische Verhältnisse für ihn nicht gelten
lassen?«
    »O gewiss, gewiss!« Daumer seufzte. Dann fuhr er fort: »Ich schmeichelte mir
mit andern Hoffnungen. Das Grübeln und Verlangen nach rückwärts ist eben das,
was ich Caspar ersparen wollte. Gerade das Freie, Freischwebende, Schicksallose
war es ja, was mich so stark an ihm ergriffen hat. Ausserordentliche Umstände
haben diesen Menschen mit Gaben bedacht, wie kein andrer Sterblicher sich ihrer
rühmen kann; und das soll nun alles verkümmern, abgelenkt werden in das Gleis
von Erlebnissen, die ja an sich tragisch genug sein mögen, aber doch nichts
Ungemeines an sich haben.«
    »Ich verstehe, Sie wollen den mystischen Nimbus nicht zerstören«, versetzte
der Bürgermeister mit etwas pedantischer Geringschätzung. »Aber wir haben
grössere Pflichten gegen den Mitmenschen Caspar Hauser als gegen das Unikum
Caspar Hauser. Lassen Sie sich das ernstlich gesagt sein, lieber Professor. Es
erscheinen heutzutage keine Engel mehr, und wo Unrecht geschehen ist, muss Sühne
sein.«
    Daumer zuckte die Achseln. »Glauben Sie denn, dass Sie damit etwas zum Heile
Caspars tun?« fragte er mit einem Ton von Fanatismus, der dem Bürgermeister
lächerrlich erschien. »Nur Erdenschwere und Erdenschmutz heften Sie ihm an. Schon
jetzt erhebt sich ja ein Gezänke um ihn, dass mir mein Anteil an seiner Sache
verbittert wird. Es werden böse Geschichten zutage kommen.«
    »Das sollen sie; wenn sie nur zutage kommen«, erwiderte Binder lebhaft. »Im
übrigen tue jeder, was seines Amtes.«
    Am nächsten Vormittag stellte sich der Bürgermeister in Daumers Wohnung ein,
und sie gingen mit Caspar zur Burg hinauf Herr Binder läutete an der
Pförtnerwohnung; der Pförtner kam mit einem grossen Schlüsselbund und geleitete
sie hinüber.
    Als sie vor dem mächtigen zweiflügeligen Tor standen, war es, als ob sich
Caspars Gesicht plötzlich entschleiere. Er reckte sich auf, sein Oberleib bog
sich nach vorn, und er stammelte: »So eine Tür, genau so eine Tür.«
    »Was meinst du, Caspar, was schwebt dir vor?« fragte der Bürgermeister
liebevoll.
    Caspar antwortete nicht. Mit gesenktem Auge und nachtwandlerischer
Langsamkeit schritt er durch die Halle. Die beiden Männer liessen ihn vorangehen.
Immer nach ein paar Schritten blieb er stehen und sann. Seine Erschütterung
wuchs zusehends, als er die breite Steintreppe hinaufstieg. Oben blickte er sich
seufzend um; sein Gesicht war bleich, die Schultern zuckten. Daumer hatte
Mitleid mit ihm und wollte ihn seiner Hingenommenheit entreissen, doch wie er zu
sprechen begann, sah ihn Caspar mit einem fernweilenden Blick an, lispelte:
»Dukatus, Dukatus« und lauschte dabei, als wolle er dem Wort einen heimlichen
Sinn abhorchen.
    Er gewahrte die lange Reihe der Burggrafenbildnisse an den Wänden, er
schaute durch die Flucht der offenen Säle, er stand in der Galerie und schloss
die Augen, und endlich, auf eine leise Frage des Bürgermeisters, wandte er sich
um und sagte mit erstickter Stimme, es sei ihm so, als habe er einmal ein
solches Haus gehabt, und er wisse nicht, was er davon denken solle.
    Der Bürgermeister sah Daumer schweigend an.
    Nachmittags suchten sie Herrn von Tucher auf und entwarfen in Gemeinschaft
mit ihm den Bericht an den Präsidenten Feuerbach. Das ausführliche Schreiben
wurde noch selbigen Tags zur Post gegeben.
    Sonderbarerweise erfolgte darauf weder ein Bescheid noch überhaupt ein
Zeichen, dass der Präsident das Schriftstück erhalten habe. Der Brief musste
verlorengegangen oder gestohlen worden sein. Baron Tucher liess unter der Hand
und auf privatem Weg bei Herrn von Feuerbach anfragen, und man erfuhr wirklich,
dass dieser von nichts wisse. Unruhe und Bestürzung bemächtigte sich der drei
Herren. »Sollte da ein unsichtbarer Arm im Spiel sein wie bei jenem Zettel, den
man mir ins Fenster geworfen hat?« meinte Daumer ängstlich. Nachforschungen bei
der Post hatten kein Ergebnis, und so ward der Bericht zum zweitenmal abgefasst
und durch einen sicheren Boten dem Präsidenten persönlich eingehändigt.
    Feuerbach erwiderte in seiner kategorischen Art, dass er die Sache im Auge
behalten wolle und sich aus naheliegenden Gründen einer schriftlichen
Meinungsäusserung entalte. »Ich entnehme aus dem Gesundheitsattest des
Amtsarztes, worin bei einem sonst befriedigenden Befund von Caspars bleicher
Gesichtsfarbe die Rede ist, dass es dem jungen Menschen an regelmässiger Bewegung
in freier Luft fehlt«, schrieb er; »hier ist Abhilfe dringend nötig. Man lasse
ihn reiten. Es ist mir der Stallmeister von Rumpler dort selbst empfohlen
worden. Hauser soll dreimal wöchentlich eine Reitstunde bei ihm nehmen, die
Kosten soll der Stadtkommissär auf Rechnung setzen.«
    Vielleicht waren es die Träume, die Caspar blass machten. Fast jede Nacht
befand er sich in dem grossen Haus. Die gewölbten Hallen waren von silbernem
Licht durchflutet. Er stand vor der geschlossenen Tür und wartete, wartete ...
    Endlich eines Nachts, die dämmernden Räume des grossen Hauses dehnten sich
schweigend und leer, tauchte vom untersten Gang her eine schwebende Gestalt auf.
Caspar dachte zuerst, es sei der Mann im weissen Mantel; aber als die Gestalt
näherkam, gewahrte er, dass es eine Frau war. Weisse Schleier umhüllten sie und
flogen bei den Schultern durch den Hauch eines unhörbaren Windes empor. Caspar
blieb wie festgewurzelt stehen; sein Herz tat ihm wehe, als hätte eine Faust
danach gegriffen und es gepackt, denn das Antlitz der Frau zeigte einen solchen
Ausdruck des Kummers, wie er ihn noch an keinem Menschen bemerkt. Je näher sie
kam, je furchtbarer schnürte sein Herz sich zusammen; ernst schritt sie vorbei;
ihre Lippen nannten seinen Namen, es war nicht der Name Caspar, und doch wusste
er, dass es sein Name war oder dass ihm allein der Name galt. Sie hörte nicht auf,
denselben Namen zu nennen, und als sie schon wieder in weiter Ferne war und die
Schleier wie weisse Flügel um ihre Schultern flatterten, hörte er immer noch den
Namen; da wusste er, dass die Frau seine Mutter war.
    Er wachte auf, in Tränen gebadet; und als Daumer kam, stürzte er ihm
entgegen und rief: »Ich hab sie gesehen, ich hab meine Mutter gesehen, sie war
es, sie hat mit mir gesprochen!«
    Daumer setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sieh mal,
Caspar«, sagte er nach einer Weile, »du darfst dich solchen Wahngebilden nicht
gläubig hingeben. Es bedrückt mich aufrichtig und schon lange. Es ist, wie wenn
jemand in einem Blumengarten lustwandeln darf und, statt freudigem Genuss sich zu
überlassen, die Wurzeln ausgräbt und die Erde durchhöhlt. Versteh mich wohl,
Caspar; ich will nicht, dass du auf das Recht verzichtest, alles zu erfahren, was
auf deine Vergangenheit Bezug hat und auf das Verbrechen, das an dir verübt
wurde. Aber bedenke doch, dass Männer von reicher Erfahrung, wie der Herr
Präsident und Herr Binder, dafür am Werke sind. Du, Caspar, solltest vorwärts
schauen, dem Lichte leben und nicht der Dunkelheit; im Lichte ruht dein Dasein,
dort ist das Glück. Jeder Mensch von Vernunft kann, was er will; tu mir die
Liebe und wende dich ab von den Träumen. Nicht umsonst heisst es ja: Träume sind
Schäume.«
    Caspar war bestürzt. Der Gedanke, dass in seinen Träumen keine Wahrheit sein
solle, wurde ihm zum erstenmal entgegengehalten, aber zum erstenmal war die
eigne Gewissheit von einer Sache fester als die Meinung seines Lehrers. Das zu
empfinden, bereitete ihm keine Genugtuung, sondern Bedauern.
 
                 Religion, Homöopatie, Besuch von allen Seiten
So war es Dezember geworden, und eines Morgens fiel der erste Schnee des
verspäteten Winters.
    Caspar wurde nicht müde, dem lautlosen Herabgleiten der Flocken zuzuschauen;
er hielt sie für kleine beflügelte Tierchen, bis er die Hand zum Fenster
hinausstreckte und sie auf der warmen Haut zerrannen. Garten und Strasse, Dächer
und Simse glitzerten, und durch das Flockengewühl kroch lichter Nebeldampf wie
Hauch aus einem atmenden Mund.
    »Was sagst du dazu, Caspar?« rief Frau Daumer. »Erinnerst du dich, dass du
mir nicht glauben wolltest, als ich dir einmal vom Winter erzählte? Siehst du,
wie alles weiss ist?«
    Caspar nickte, ohne einen Blick von draussen zu wenden. »Weiss ist alt,«
murmelte er, »weiss ist alt und kalt.«
    »Um elf Uhr hast du Reitstunde, Caspar, vergiss es nicht«, mahnte Daumer, der
in seine Schule ging.
    Eine überflüssige Sorge; das vergass Caspar nicht, allzu lieb war ihm schon
das Reiten geworden seit der kurzen Zeit, wo er damit begonnen.
    Er liebte Pferde, war ihm doch ihre Gestalt gar sehr vertraut. Es kam vor,
dass abendliche Schatten als schwarze Rosse vorüberstürmten, erst am feurigen
Rand des Himmels haltmachten und ihn mit zurückschauendem Blick aufforderten,
sie in die unbekannte Ferne zu geleiten. Auch im Wind sausten Rosse, auch die
Wolken waren Rosse, in den Rhytmen der Musik hörte er das taktbemessene Traben
ihrer Hufe, und wenn er in glücklicher Stimmung an etwas Edles und Vollkommenes
dachte, sah er zuerst das Bild eines stolzen Rosses.
    Beim Reitunterricht hatte er von Anfang an eine Gewandteit gezeigt, die das
grösste Erstaunen des Stallmeisters erregt hatte. »Wie der Bursche sitzt, wie er
den Zügel hält, wie er das Tier versteht, das muss man sich anschauen«, sagte
Herr von Rumpler; »ich will hundert Jahre in der Hölle braten, wenn das mit
rechten Dingen zugeht.« Und alle, die etwas von der Sache verstanden, redeten
ähnlich.
    Ei, wie selig war Caspar beim Trab und Galopp! Dies Ziehen und Fliehen, dies
leichte Getragensein, hinaus und vorwärts, dies sanfte Auf und Ab, das
Lebendigsein auf Lebendigem!
    Wenn nur nicht die Leute so lästig gewesen wären. Beim ersten Ausritt mit
dem Stallmeister wurden sie von einem ganzen Pöbelhaufen verfolgt und
selbstgesetzte Bürger blieben stehen und lachten erbittert vor sich hin. »Der
verstehts«, höhnten sie, »der hat sich ein Bett gemacht, so muss mans anfangen,
damit einem warm wird.«
    Auch heute war solch ein unbequemes Aufsehen. Der Himmel hatte sich geklärt,
und die Sonne schien, als sie durch die Engelhardtsgasse ritten. Eine Rotte von
Knaben zog hinter ihnen drein, und rechts und links wurden die Fenster
aufgerissen. Der Stallmeister gab seinem Tier die Sporen und trieb Caspars Pferd
mit der Peitsche an. »Man kommt sich ja, parbleu, wie ein Zirkusreiter vor«,
rief er zornig.
    Sie sprengten bis zum Jakobstor. »He! Holla!« rief da eine Stimme, und aus
einer Seitengasse kam, ebenfalls zu Pferde, Herr von Wessenig auf sie zu.
Rumpler begrüsste den Offizier, und der Rittmeister gesellte sich an Caspars
Seite.
    »Prächtig, lieber Hauser, prächtig!« rief er mit übertriebener Verwunderung,
»wir reiten ja wie ein Indianerhäuptling. Und das alles hat man erst bei den
braven Nürnbergern gelernt? Nicht zu glauben.«
    Caspar hörte nicht den verfänglichen Unterton der Rede; er blickte den
Rittmeister dankbar und geschmeichelt an.
    »Aber denk dir, Hauser, was ich heute bekommen habe«, fuhr der Rittmeister
fort, den es juckte, mit Caspar einen Spass zu haben. »Ich hab etwas bekommen,
was dich höchlichst angeht.«
    Caspar machte ein fragendes Gesicht. Vielleicht war es der edelruhige
Ausdruck seiner Züge, der den Rittmeister zögern liess. »Ja, ich habe etwas
bekommen«, wiederholte er dann eigensinnig, »ein Brieflein hab ich bekommen.« Er
hatte den einfältigen Ton, den die Erwachsenen annehmen, wenn sie mit Kindern
scherzen, und der lauernde Blick in seinen Augen besagte etwa: wollen mal sehen,
ob er Angst kriegt.
    »Ein Brieflein?« entgegnete Caspar, »was steht denn drinnen?«
    »Ja«, rief der Rittmeister und lachte knallend, »das möchtest du wohl
wissen? Wichtige Sachen stehen drin, wichtige Sachen!«
    »Von wem ist es denn?« fragte Caspar, dem das Herz erwartungsvoll zu pochen
anfing.
    Herr von Wessenig zeigte seine Zähne und stellte sich vor Vergnügen in die
Steigbügel. »Nun rate mal,« sagte er, »wir wollen mal sehen, ob du raten kannst.
Von wem kann das Brieflein sein?« Er zwinkerte Herrn von Rumpler
verständnisinnig zu, indes Caspar den Kopf senkte.
    Es quoll auf einmal Traumluft um Caspars Sinne, und eine Hoffnung liebkoste
ihn, die den kargen Tag verleugnete. Aus ihren Schleiern erhob sich die
kummervolle Traumfrau und schwebte still vor den drei Rossen dahin. Jäh blickte
er empor und sagte mit zögernden Lippen: »Ist vielleicht von meiner Mutter der
Brief?«
    Der Rittmeister runzelte ein wenig die Stirn, als ob es ihm bedenklich
schiene, den Schabernack zu weit zu treiben, doch entäusserte er sich schnell der
ernsten Regung, klopfte Caspar auf die Schulter und rief. »Erraten, Teufelskerl!
Erraten! Mehr sag ich aber nicht, Freundchen, sonst könnt es mir übel bekommen.«
Und mit dem letzten Wort setzte er sich fester in den Sattel und sprengte davon.
    Eine Viertelstunde später kam Caspar atemlos nach Hause. Daumers sassen schon
bei Tisch, sie schauten dem Ankömmling gespannt entgegen, und Anna erhob sich
unwillkürlich, als Caspar mit schweissbedeckter Stirne neben den Sessel ihres
Bruders trat und mit gebrochener Stimme hervorjubelte: »Der Herr Rittmeister hat
einen Brief bekommen von meiner Mutter!«
    Daumer schüttelte erstaunt den Kopf. Er versuchte Caspar begreiflich zu
machen, dass ein Missverständnis oder eine Täuschung obwalten müsse; Mutter und
Schwester unterstützten ihn darin nach Kräften. Es war umsonst. Caspar faltete
flehentlich die Hände und bat, Daumer möge mit ihm zu Herrn von Wessenig gehen.
Dessen weigerte sich Daumer entschieden, doch als Caspars Aufregung wuchs,
erklärte er sich bereit, allein zu Herrn von Wessenig zu gehen. Er ass schnell
seinen Teller leer, nahm Hut und Mantel und ging.
    Caspar lief zum Fenster und sah ihm nach. Er wollte sich nicht zu Tisch
begeben, ehe Daumer wieder da war. Er zerknüllte das Taschentuch in der Hand,
rasch atmend starrte er gegen den Himmel und dachte: Wenn ich dich liebhaben
soll, Sonne, mach, dass es wahr ist. So wurde es ein Uhr, und Daumer kam zurück.
Er hatte den Rittmeister zur Rede gestellt und eine heftige Auseinandersetzung
mit ihm gehabt. Herr von Wessenig hatte die Sache zuerst humoristisch genommen,
damit lief er aber bei Daumer übel ab, dem ohnehin das hämische Gerede, das ihm
täglich zugetragen wurde, Verdruss genug erregte. Erst gestern hatte man ihm
erzählt, auf einer Assemblee bei der Magistratsrätin Behold habe sich ein
angesehener Aristokrat über ihn lustig gemacht als über den Meister somnambuler
und magnetischer Geheimkunst, der Caspar Hauser feierlich den Zaubermantel unter
die Füsse breite; aber statt in den Äter zu entschweben, wie jedermann erwarte,
bleibe der gute Caspar gemächlich sitzen und lasse sich ausfüttern.
    Solches nagte an Daumer, und er hatte es dem Rittmeister ins Gesicht gesagt,
dass ihn das scheele Geschwätz der nichtstuenden eleganten Welt gleichgültig
lasse. »Bin ich auch eher auf Hilfe und Zustimmung als auf Verteidigung und
Abwehr gefasst gewesen, so weiss ich doch genau, dass das erstarrte Herz von Ihnen
und Ihresgleichen nicht um einen Pulsschlag gefühlvoller schlagen wird«, rief er
aus. »Das aber kann ich fordern, dass man den Jüngling, der unter meinem Schutz
und dem des Herrn Staatsrats steht, wenigstens mit böswilligen Scherzen
verschont.«
    Sprachs und ging. Einen Freund liess er nicht zurück.
    Zu Hause ankommend und Caspars stummes Drängen wahrnehmend, sagte er mit
mühsamer Milde: »Er hat dich zum Narren gehabt, Caspar. Es ist natürlich kein
Wort wahr. Solchen Leuten musst du auch nicht glauben.«
    »O!« machte Caspar voll Schmerz. Dann war er still.
    Erst als Daumer sich nach der Mittagsrast zum Aufbruch anschickte, entriss
sich Caspar seinem Schweigen und sagte in mattem und verändertem Ton: »Der Herr
Rittmeister hat also nicht die Wahrheit gesagt?«
    »Nein, er hat gelogen«, versetzte Daumer kurz.
    »Das ist schlecht von ihm, sehr schlecht«, sagte Caspar.
    Erstaunlich schien ihm zunächst die Tatsache des Lügens, erstaunlicher noch,
dass sich ein so grosser Herr ihm gegenüber der Lüge schuldig gemacht. Warum hat
er das mit dem Brief gesagt, grübelte er, und stundenlang war er damit
beschäftigt, sich des Rittmeisters Worte immer wieder von neuem vorzusagen und
sich das Gesicht zurückzurufen, in welchem, von ihm nicht gewusst, die Lüge
wohnte.
    Es war da etwas nicht in Ordnung. Er sann und sann und kam zu keinem Ende.
Um sich auf andre Gedanken zu bringen, schlug er die Rechenfibel auf und ging an
sein Tagespensum. Als auch dies nichts half, nahm er die Glasharmonika, die ihm
eine Dame aus Bamberg geschenkt, und übte sich eine halbe Stunde lang in den
simpeln Melodien, die er darauf zu spielen erlernt hatte.
    Plötzlich erhob er sich und trat vor den Spiegel. Starr blickte er sein
eignes Gesicht an: er wollte sehen, ob Lüge darin sei. Trotz der Beklommenheit,
die er dabei empfand, reizte es ihn, einmal selber zu lügen, nur um zu prüfen,
wie nachher sein Gesicht aussehen würde. Ängstlich schaute er sich um, blickte
dann wieder in den Spiegel und sagte leis: »Es schneit.«
    Er hielt das für eine Lüge, weil ja die Sonne schien.
    Nichts hatte sich in seinem Gesicht verändert: man konnte also lügen, ohne
dass es jemand bemerkte. Er hatte geglaubt, die Sonne würde sich verfinstern oder
verstecken, aber sie schien ruhig weiter.
    Am Abend kam Daumer mit einem neuen Ärger nach Hause. Von der Mutter
gefragt, was es denn schon wieder gebe, zog er ein kleines Zeitungsblättchen aus
der Tasche und warf es auf den Tisch. Es war der »Katolische Wochenschatz«, auf
der ersten Seite stand eine Epistel über Caspar Hauser, die mit den
fettgedruckten Lettern begann: Warum lässt man den Nürnberger Findling nicht der
Segnungen der Religion teilhaftig werden?
    »Ja, warum lässt man denn nicht?« spottete Anna.
    »Und das wagt man in einer protestantischen Stadt«, sagte Daumer mit
finsterem Gesicht. »Wenn diese Herren nur wüssten, was für eine unmässige Furcht
der Jüngling vor ihren Geistlichen hat. Während er noch auf dem Turm war, sind
eines Tages vier zu gleicher Zeit bei ihm erschienen. Glaubt ihr vielleicht, sie
hätten zu seinem Herzen geredet oder seine Andacht zu wecken gesucht? Weit
gefehlt. Sie schwatzten vom Zorn Gottes und von der Vergeltung der Sünden, und
als er immer furchtsamer dreinsah, fingen sie an zu wettern und zu drohen, als
ob der arme Mensch am nächsten Tag zum Galgen geführt werden sollte. Zufällig
kam ich dazu und forderte sie höflich auf, ihre Bemühungen einzustellen.«
    Da Caspar ins Zimmer trat, wurde das Gespräch abgebrochen.
    Aber der Appell des »Katolischen Wochenschatzes« verhallte nicht ungehört.
»Mit der Religion ist nicht zu spassen«, sagten die Herren auf dem Magistrat, und
einer drückte sogar den Zweifel aus, ob der Jüngling überhaupt getauft sei.
Darüber ward eine Weile hin und her debattiert, doch liess man die Frage
schliesslich fallen, und die Taufe ward als selbstverständlich angenommen, da man
ja unter Christen in einem christlichen Lande lebe und der Jüngling auf keinen
Fall aus der Tatarei kommen könne.
    Nicht so leicht war die Entscheidung über die katolische oder evangelische
Konfession. Obgleich die Pfaffen in der Stadt wenig Macht besassen, musste man
doch die obdachlose Seele dem hungrigen Rachen Roms entreissen, anderseits war
man zu zaghaft für ein rauhes Zugreifen, weil es möglich war, dass eine
einflussreiche Person über kurz oder lang ein Anrecht andrer Art geltend machen
konnte.
    Der Bürgermeister wandte sich an Daumer und verlangte, Caspar solle einen
Religionslehrer erhalten, man überlasse es Daumer, einen vertrauenswürdigen Mann
zu bestimmen. »Wie wäre es mit dem Kandidaten Regulein?« meinte Binder.
    »Ich habe nichts dagegen«, erwiderte Daumer gleichgültig. Der Kandidat
wohnte im Daumerschen Haus zu ebener Erde und genoss den Ruf eines soliden und
fleissigen Mannes.
    »Wenn ich selbst auch nicht kirchlich-fromm gesinnt bin«, sagte der
Bürgermeister, »so ist mir doch die modische Freigeisterei von Herzen zuwider,
und ich wünschte nicht, dass unser Caspar in ein ehrfurchtsloses Weltwesen gerät.
Auch in Ihrer Absicht kann das nicht liegen.«
    Aha, ein Stich, dachte Daumer stillergrimmt, man beleidigt, verdächtigt mich
schon wieder, ich bin niemand bequem, sehr ehrenwert, ihr Herren, sehr
ehrenwert. Laut antwortete er: »Gewiss nicht. Ich habe es auch nicht fehlen
lassen, in meiner Art auf ihn zu wirken. Und meine Art mag sein, wie sie will,
sie ist nicht schlechter als jede andre. Leider haben mir allerhand Unberufene
beständig hineingepfuscht. So war es mir in der ersten Zeit mit grosser Mühe
gelungen, den starren Eigensinn seines Schauens zu brechen und ihm einen Begriff
von dem allmächtigen Trieb des Wachstums in der Natur zu geben. Kommt da ein
Frauenzimmer an, während Caspar vor einem Blumentopf sitzt und mit seinem
unschuldigen Staunen die über Nacht aufgesprossten Schösslinge betrachtet. Nun,
Caspar, fragt sie einfältig, wer hat denn das wachsen lassen? Es ist von selbst
gewachsen, erwidert er stolz. Aber, Caspar, ruft jene, es muss doch jemand sein,
der es hat wachsen lassen? Er würdigte sie keiner Antwort mehr, aber die
wohlwollende Dame ging hin und erzählte überall, Caspar werde zum Ateisten
gemacht. Da hat man eben einen schweren Stand.«
    »Es handelt sich doch am Ende nur darum, ihm das Gefühl einer höheren
Verpflichtung einzuimpfen«, sagte Binder.
    »Die hat er, die hat er, aber sein Verstand anerkennt eben in seinen
Forderungen keine Grenzen und will durchaus befriedigt sein«, fuhr Daumer
leidenschaftlich fort. »Gestern abend besuchten ihn zwei protestantische
Geistliche, der eine aus Fürt, der andre aus Farnbach, der eine dick, der andre
mager, alle beide eifrig wie kleine Paulusse. Sie machten mir erst allerlei
Elogen, ich lasse sie zu Caspar hinein, und ehe man drei zählen kann, fangen sie
eine Disputation mit ihm an. Ach, es war komisch, es war höchst komisch. Es kam
die Rede auf die Erschaffung der Welt, und der Dicke aus Fürt sagte, Gott habe
die Welt aus dem Nichts geschaffen. Und als nun Caspar wissen wollte, wie das
zugegangen, stibjetzten sie ihm die Erklärung vor der Nase weg, indem sie alle
zwei händefuchtelnd auf ihn einredeten wie auf einen Heiden, der bei seinem
Götzen schwört. Endlich beruhigten sie sich, und da sagte mein guter Caspar
zutulich, wenn er etwas machen wolle, müsse er doch etwas haben, woraus er es
mache, sie möchten ihm doch sagen, wie das bei Gott möglich sei. Da schwiegen
sie eine Weile, flüsterten untereinander, und endlich antwortete der Magere, bei
Gott sei alles möglich, weil er nicht ein Mensch sei, sondern ein Geist. Da
lächelte mich Caspar an, denn er dachte, sie wollten sich über ihn lustig
machen, und er stellte sich, als glaube er ihnen, was die beste Manier war, um
sie loszuwerden.«
    Der Bürgermeister schüttelte missbilligend den Kopf. Daumers Sarkasmus gefiel
ihm ganz und gar nicht. »Es gibt auch eine gedachtere Ansicht von Gott als die,
die sich so mühelos verspotten lässt«, wandte er ruhig ein.
    »Eine gedachtere Ansicht? Ohne Zweifel. Vergessen Sie nur nicht, dass die der
gemeinen durch und durch widerspricht. Und wenn ich sie ihm beizubringen suche,
setze ich mich Vorwürfen und Misskennungen aus. Nächstes Jahr soll er in die
öffentliche Schule gehen, für einen Menschen von wenigstens achtzehn Jahren
ohnedies eine Schwierigkeit, da würden nun meine Lehren wieder zunichte gemacht,
und die Folge ist Konfusion. Schon jetzt fange ich an feig zu werden und speise
ihn mit bequemen Antworten ab. Neulich konnte er eingetretener Augenschwäche
halber nicht arbeiten, und er fragte mich, ob er von Gott, etwas erbitten dürfe
und ob er es dann erhalten werde. Ich sagte, zu bitten sei ihm gestattet, doch
müsse er es der Weisheit Gottes anheimstellen, ob er die Bitte gewähren wolle
oder nicht. Er entgegnete, er wolle die Genesung seiner Augen erbitten und
dawider könne ja Gott nichts einzuwenden haben, denn er gebrauche die Augen, um
seine Zeit nicht in unnützen Gesprächen und Spielereien vergeuden zu müssen. Ich
sagte darauf, Gott habe bisweilen unerforschliche Gründe, etwas zu versagen,
wovon wir glaubten, dass es heilsam wäre, er wolle uns oft durch Leiden prüfen,
in Geduld und Ergebung üben. Da liess er traurig den Kopf hängen. Gewiss dachte
er, ich sei auch nicht besser als die Frommen, deren Gründe er nur für Ausreden
nimmt.«
    »Was ist jedoch zu tun?« fragte der Bürgermeister mit sorgenvoller Stirn.
»Auf dem Weg des Zweifelns und Leugnens muss die Fähigkeit zum Guten verkümmern.«
    »Zweifeln und Leugnen ist es wohl kaum«, versetzte Daumer unwillig. »Gott
ist kein Bewohner des Himmels, er haust nur in unsrer Brust. Der reiche Geist
birgt ihn im umfassenden Gefühl, der arme wird durch die Not des Lebens seiner
gewahr und nennt es Glauben; er könnte es auch Angst nennen. In Schönheit und
Freude gestaltet sich der wahre Gott, im Schaffen. Was Sie Zweifel und Leugnen
heissen, ist das aufrichtige Zagen der ihrer selbst noch ungewissen Seele. Man
gebe der Pflanze so viel Sonne, wie sie braucht, und sie besitzt einen Gott.«
    »Das ist Philosophie«, erwiderte Binder, »und zudem Philosophie, die einem
Alltagsmenschen wie mir frivol klingen muss. Jeder Bauer hat für seine Ernte mit
Sturm und Unwetter zu rechnen, und nur ein überheblicher Mensch kann sich
einfallen lassen, von selber etwas zu gelten. Doch genug davon. Waren Sie
eigentlich mit Caspar schon einmal in der Kirche?«
    »Nein, ich habe das bis jetzt vermieden.«
    »Morgen ist Sonntag. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden, wenn ich ihn zum
Gottesdienst in die Frauenkirche mitnehme?«
    »Nicht im geringsten.«
    »Gut, ich werde ihn um neun Uhr abholen.«
    Wenn sich Herr Binder eine sonderliche Wirkung von diesem Versuch
versprochen hatte, so wurde er darin sehr enttäuscht. Als Caspar die Kirche
betreten hatte und die erhobene Stimme des Predigers vernahm, fragte er, warum
der Mann schimpfe. Die Kruzifixe erregten seinen tiefsten Schauder, weil er die
angenagelten Christusbilder für gemarterte lebendige Menschen hielt. Beständig
schaute er, beständig verwunderte er sich, das Spiel der Orgel und der Gesang
des Chors betäubten sein empfindliches Ohr dermassen, dass er die Harmonie der
Klänge gar nicht spürte, und zum Schluss brachte ihn die Ausdünstung der
Menschenmenge einer Ohnmacht nahe.
    Der Bürgermeister sah wohl seinen Fehlgriff ein, doch liess er nicht ab, auf
einen regelmässigen Besuch der Kirche zu dringen, obwohl sich Caspar jedesmal
hartnäckig dagegen sträubte. Wenn der Kandidat Regulein Herrn Binder seine Not
klagte, erwiderte dieser: »Nur Geduld, die Gewohnheit wird ihn schon zur Andacht
nötigen.« - »Ich glaube nicht«, versetzte der Kandidat darauf mutlos, »gebärdet
er sich doch, als ob er sein Leben lassen sollte, wenn ich ihn zum Kirchgang
auffordere.« - »Macht nichts, es ist Ihr Beruf, seinen Widerstand zu brechen«,
lautete der Bescheid.
    Der gute, hilflose Kandidat Regulein! Ein junges Männlein, das nie jung
gewesen war und dessen Gottesgelehrtentum von so dünner Beschaffenheit war wie
seine Beine. Er zitterte insgeheim vor den Unterrichtsstunden, die er Caspar
erteilen musste, und sooft ihn eine Frage in Verlegenheit setzte, was gar nicht
selten geschah, verschob er die Auskunft auf das nächste Mal, wobei er sich
vornahm, in gewissen Büchern nachzuschlagen, um nicht gegen die Teologie zu
verfehlen. Caspar wartete treuherzig, aber in der folgenden Stunde kam nichts
oder wenig. Der Kandidat, der im stillen hoffte, sein Schüler habe vergessen,
erschrak und wich aus. Das half nicht; der unbarmherzige Frager trieb ihn aus
einer Verschanzung in die andre, bis das verzweifelte Argument aufgestellt
werden musste, es sei unrecht, über dunkle Gegenstände des Glaubens zu forschen.
    Caspar lief zu Daumer und beklagte sich bitter, dass er keine Aufschlüsse
erhalte. Daumer fragte, was er zu wissen begehrt habe. Er hatte zu wissen
verlangt, warum Gott nicht mehr wie in früheren Zeiten zu den Menschen
herabkomme, um sie über so vieles, was verborgen sei, zu belehren. »Ja sieh mal,
Caspar« sagte Daumer, »es gibt Geheimnisse in der Welt, die sich eben beim
besten Willen nicht verstehen lassen. Da muss man Vertrauen haben, dass Gott eines
Tages unser Herz darüber erleuchtet. Wir alle wissen ja auch nicht, woher du
kommst und wer du bist, und trotzdem hoffen wir von der Gerechtigkeit und
Allwissenheit Gottes, dass er uns eines Tages darüber Aufschluss gewährt.«
    »Aber Gott hat doch nichts damit zu tun, dass ich im Kerker war«, erwiderte
Caspar sanft, »das haben doch die Menschen getan.« Und ratlos setzte er hinzu:
»So ists eben. Das eine Mal sagt der Kandidat, Gott lasse den Menschen ihren
freien Willen, das andre Mal sagt er, Gott strafe sie für ihre bösen Handlungen.
Da werd ich ganz zum Narren.«
    Diese Unterhaltung fand an einem stürmischen Nachmittag Ende März statt, und
Daumer geriet durch sie in eine so trübe Stimmung, dass er eine angefangene
schriftliche Arbeit nicht zu beendigen vermochte. Man raubt ihn mir, man bricht
ihn mir zu Stücken, dachte er. Voll Traurigkeit nahm er ein dickes Heft zur
Hand, das seine Aufzeichnungen über Caspar entielt, und blätterte drin herum.
Er schrak zusammen, als seine Schwester ziemlich hastig eintrat, noch mit
Pelzkappe und Umhang, wie sie von der Strasse kam. Ihr Gesicht verriet Aufregung,
und sie wandte sich mit der schnell hervorgestossenen Frage an Daumer: »Weisst du
schon, was man in der Stadt spricht?«
    »Nun?«
    »Man erzählt sich, Caspar Hauser sei von fürstlicher Abkunft, ein
beiseitegeschafter Prinz.«
    Daumer lachte gezwungen. »Das fehlte noch«, entgegnete er abschätzig. »Was
denn noch alles!«
    »Du glaubst nicht daran? Das hab ich mir gleich gedacht. Aber woher mögen
solche Gerüchte stammen? Irgend etwas muss doch dahinter sein.«
    »Gar nichts muss dahinter sein. Sie schwatzen eben. Lass sie schwatzen.«
    Eine halbe Stunde später erhielt Daumer den Besuch des Archivdirektors Wurm
aus Ansbach. Es war dies ein kleiner, etwas verwachsener Mann, der nie lächelte;
es hiess von ihm, dass er sehr befreundet mit Herrn von Feuerbach und die rechte
Hand des Regierungspräsidenten Mieg sei. Von ersterem bestellte er Grüsse an
Daumer und sagte, der Staatsrat werde in allernächster Zeit nach Nürnberg
kommen, er beschäftige sich angelegentlich mit der Sache Caspar Hausers.
    Nach einem kurzen, wenig belangvollen Hin- und Herreden griff der
Archivdirektor plötzlich in die Rocktasche, brachte ein kleines broschiertes
Buch zum Vorschein und reichte es wortlos Daumer. Dieser nahm es und las den
Titel: »Caspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrüger. Vom Polizeirat
Merker in Berlin.«
    Daumer besah das Büchlein mit feindseligen Augen und sagte matt: »Das ist
deutlich. Was will der Mann? Was ficht ihn an?«
    »Es ist ein gehässiges Pamphlet, tritt aber höchst plausibel auf«, erwiderte
der Archivdirektor. »Es sind da mit Fleiss und Geschick alle Verdachtsgründe, die
schon längst in misstrauischen Gemütern spuken, gegen den Findling
zusammengetragen. Der Verfasser prüft alle Angaben Caspars auf ihre
Verdächtigkeit hin, auch gibt er Beispiele aus der Vergangenheit, wo ähnliche
Lügenkünste, wie er sich ausdrückt, zu verspäteter Entüllung gelangt sind. Sie,
lieber Professor, und Ihre hiesigen Freunde kommen dabei nicht zum besten weg.«
    »Natürlich, kann ich mir denken«, murmelte Daumer, und mit der flachen Hand
auf das Buch schlagend, rief er aus: »Nicht unwahrscheinlich ein Betrüger! Da
sitzt so ein mit allen Hunden gehetzter Herr in Berlin und wagt es, wagt es -!
Himmelschreiend! Man sollte ihm diesen nicht unwahrscheinlichen Betrüger
vorführen, man sollte ihn zwingen, dem Engelsblick standzuhalten, ach,
schändlich! Der einzige Trost dabei ist, dass doch niemand das Zeug lesen wird.«
    »Sie irren sich«, versetzte der Archivdirektor ruhig, »das Heft findet
reissenden Absatz.«
    »Nun gut, ich werde es lesen«, sagte Daumer, »ich werde damit zum Redaktor
Pfisterle von der Morgenpost gehen, der ist der richtige Mann, um dem famosen
Polizeirat Widerpart zu halten.«
    Der Archivdirektor mass den aufgeregten Daumer mit einem
gleichgültig-schnellen Blick. »Ich möchte eine solche Massregel nicht ohne
weiters guteissen«, bemerkte er diplomatisch; »ich glaube auch im Sinn des Herrn
von Feuerbach zu sprechen, wenn ich Ihnen davon abrate. Wozu das
Zeitungsgeschreibe? Was soll es nützen? Man muss handeln, in aller Vorsicht und
Stille handeln, das ist es.«
    »In aller Vorsicht und Stille? Was wollen Sie damit sagen?« fragte Daumer
ängstlich und argwöhnisch.
    Der Archivdirektor zuckte die Achseln und schaute zu Boden. Dann erhob er
sich, sagte, er wolle am folgenden Nachmittag wiederkommen, um Caspar zu sehen,
und reichte Daumer die Hand. Als er schon auf der Treppe war, eilte ihm Daumer
nach und fragte, ob es ihn nicht störe, wenn er morgen fremde Leute hier im
Hause treffe, es hätten sich einige Herrschaften zu Besuch angesagt. Der
Archivdirektor verneinte.
    Es gehörte zu den Charaktereigentümlichkeiten Daumers, dass er sich in einmal
gefasste Ideen bis zur offensichtlichen Schädlichkeit verrannte. Trotz der
Abmahnung des besonnenen Herrn Wurm begab er sich, kaum dass er das Buch des
Berliner Polizeirats gelesen hatte, was weniger denn eine Stunde Zeit brauchte,
voll Erbitterung in die Redaktion der »Morgenpost«. Der Redaktor Pfisterle war
ein hitziges Blut; wie der Geier aufs Aas stürzte er sich auf diese Gelegenheit,
seine immer in Vorrat vorhandene Wut und Galle loszulassen. Er wollte Material
haben, und Daumer bestellte ihn für den Mittag des folgenden Tages zu sich in
die Wohnung.
    Am Abend herrschte eine sonderbar schwüle Luft im Daumerschen Haus. Während
des Nachtessens wurde wenig geredet, und Caspar, der von all dem, was rings um
ihn vorging, nicht im mindesten etwas ahnte, war verwundert über manchen
prüfenden Blick oder über das düstere Schweigen auf eine herzliche Frage. Er
hatte die Gewohnheit, vor dem Schlafengehen noch ein Buch zur Hand zu nehmen und
zu lesen; das tat er auch heute, und es geschah nun, dass sein Blick, als er das
Buch aufgemacht, auf eine bestimmte Stelle fiel, die ihn veranlasste, entzückt in
die Hände zu schlagen und in seiner herzlichen Art zu lachen. Daumer fragte, was
es gebe; Caspar deutete mit dem Finger auf das Blatt und rief: »Sehen Sie nur,
Herr Professor!« Seit einiger Zeit hatte er aufgehört, Daumer zu duzen, und zwar
ganz von selbst und eigentümlicherweise fast an demselben Tag, an welchem er zum
ersten Male Fleisch genossen und danach krank geworden war.
    Daumer blickte ins Buch. Die von Caspar aufgegriffenen Worte lauteten: »Die
Sonne bringt es an den Tag.«
    »Was gibts dabei zu staunen?« fragte Anna, die über die Schulter des Bruders
gleichfalls in das Buch schaute.
    »Wie schön, wie schön!« rief Caspar aus. »Die Sonne bringt es an den Tag.
Das ist wunderschön.«
    Die drei andern schauten einander voll seltsamer Gefühle in die Augen.
    »Überhaupt ist es schön, wenn man so liest: die Sonne!« fuhr Caspar fort.
»Die Sonne! Das hallt so.«
    Als er gute Nacht gewünscht hatte, sagte Frau Daumer: »Man muss ihn doch
liebhaben. Es wird einem ordentlich wohl, wenn man ihn in seiner artigen
Geschäftigkeit beobachtet. Wie ein Tierchen webt er für sich hin, niemals
langweilt er sich, nie fällt er durch Launen zur Last.«
    Wie verabredet, kam Pfisterle am nächsten Tag kurz nach Tisch, blieb jedoch
über Gebühr lange sitzen und verstand nicht die ungeduldigen Andeutungen
Daumers, der ihn gern vor dem Eintreffen der erwarteten Gäste losgeworden wäre.
Als diese um drei Uhr erschienen, sass er noch immer auf seinem Fleck und blieb
auch da. Wahrscheinlich hatte es seine Neugierde gereizt, dass ihm Daumer den
Namen einer der drei Personen mitgeteilt hatte; es war dies ein damals
vielgelesener Schriftsteller aus dem Norden des Reichs. Die andern beiden waren
eine holsteinische Baronin und ein Leipziger Professor, der auf einer Romreise
begriffen war; ein Unternehmen, welches zu jener Zeit wenigstens in Nürnberg,
einem Mann den Nimbus eines kühnen Forschers verlieh.
    Daumer empfing die Herrschaften sehr liebenswürdig, und nachdem er Caspar
herbeigeholt hatte, zündete er trotz der frühen Stunde die Lampe an, denn der
Nebel lag dicht wie graue Wolle vor den Fenstern. Der Leipziger Professor zog
Caspar in eine Unterhaltung, aber er sprach mit ihm wie von Turmeshöhe herunter.
Auch liess er keinen Blick von ihm, und die gelblichen Augen hinter den
kreisrunden Brillengläsern schimmerten bisweilen boshaft. Währenddem kamen noch
Herr von Tucher und der Archivdirektor, liessen sich den Fremden vorstellen und
nahmen auf dem Sofa Platz.
    »In deinem Kerker war es also immer dunkel?« fragte der Romfahrer und strich
langsam seinen Bart.
    Caspar antwortete geduldig: »Dunkel, sehr dunkel.«
    Der Schriftsteller lachte, worauf ihm der Professor vielsagend mit dem Kopf
zunickte.
    »Haben Sie den Unsinn gehört, der hier in der Stadt über seine fürstliche
Abkunft geredet wird?« liess sich jetzt, die holsteinische Baronin hören, deren
Stimme wie aus einem Kellerloch kam.
    Der Professor nickte wieder und sagte: »In der Tat, es werden hier starke
Zumutungen an die Leichtgläubigkeit des Publikums gestellt.«
    Eine Zeitlang schwiegen alle, wie von einem Schuss erschreckt. Endlich
entgegnete Daumer mit heiserer Stimme und mit der Höflichkeit eines schlechten
Komödianten: »Was veranlasst Sie, meine Ehre zu beschimpfen?«
    »Was mich veranlasst?« prasselte der cholerische Herr auf. »Diese Gaukelfuhr
veranlasst mich dazu. Der Umstand, dass man ein ganzes Land skrupellos mit einem
albernen Märchen füttert. Muss denn der gute Deutsche immer wieder das Opfer von
Abenteurern à la Cagliostro werden? Es ist eine Schmach.«
    Herr von Tucher hatte sich erhoben und blickte dem Aufgeregten mit so
unverhohlener Geringschätzung ins Gesicht, dass dieser plötzlich schwieg.
    »Wir sind natürlich überzeugt«, mischte sich der Schriftsteller, ein
klapperdürrer Herr mit kahlem Schädel, vermittelnd ein, »dass Sie, Herr Daumer,
im besten Glauben handeln. Sie sind Opfer, wie wir alle.«
    Jetzt konnte sich Pfisterle, den die Wut förmlich aufgeschwellt hatte, nicht
länger halten. Mit geballten Fäusten sprang er vom Stuhl empor und schrie: »Ja,
zum Teufel, warum sollen wir uns denn das gefallen lassen? Da kommen sie her,
niemand hat sie gerufen, kommen her, um dagewesen zu sein und mitreden zu
können, haben von Anfang an alles besser gewusst, und wenn sie blind wie die
Maulwürfe sind, werfen sie sich noch stolz in die Brust und rufen: Wir sehen
nichts, also ist nichts da. Warum soll denn das ein Unsinn sein, geehrte Dame,
was man von seiner Abstammung erzählt? Warum denn, bitte? Leugnen Sie etwa, dass
hinter den Mauern, wo unsre Grossen wohnen, sich Dinge ereignen, die das
Tageslicht zu scheuen haben? Dass dort die Verträge des Bluts für nichts geachtet
und Menschenrechte mit Füssen getreten werden, wenn der Vorteil eines einzelnen
es erheischt? Soll ich mit Tatsachen dienen? Sie können es nicht leugnen. Bei
uns wenigstens sind die paar Dutzend Männer noch nicht vergessen, die ihre
mutige Freiheitsfahne durch das Land getragen und mit brennenden Fackeln in die
Lügendämmerung der Paläste geleuchtet haben.«
    »Genug, genug!« unterbrach der Professor den rabiaten Zeitungsmann. »Mässigen
Sie sich, Herr!«
    »Ein Demagoge!« sagte die Baronin und stand mit erschrockenen Augen auf. Der
Archivdirektor heftete einen vorwurfsvollen und kühlen Blick auf Daumer, der den
Kopf gesenkt und die Lippen eigensinnig geschlossen hatte. Als er emporschaute,
blieb sein Auge mit gerührtem Ausdruck auf Caspar ruhen, der frei und arglos
dastand, den lächelnden klaren Blick von einem zum andern gleiten liess, nicht
als ob von ihm gesprochen würde und er daran teilhätte, sondern als ob das
bewegte Spiel der Mienen und Gebärden lediglich seine Schaulust erwecke. In der
Tat verstand er kaum, wovon die Rede war.
    Der Leipziger Professor hatte seinen Hut ergriffen und wandte sich noch
einmal, an Pfisterle vorübersprechend, gegen Daumer. »Was ist denn bewiesen von
den Mutmassungen törichter Köpfe?« fragte er gellend. »Nichts ist bewiesen. Fest
steht nur, dass aus irgendeinem gottverlassenen Dorf in den fränkischen Wäldern
sich ein Bauerntölpel in die Stadt verirrt, dass er nicht ordentlich sprechen
kann, dass ihm alle Werke der Kultur unbekannt sind, das Neue neu, das Fremde
fremd erscheint. Und darüber geraten einige kurzsichtige, sonst ganz wackere
Männer ausser sich und nehmen die plumpen Aufschneidereien des geriebenen
Landstreichers für bare Münze. Wunderliche Verschrobenheit!«
    »Ganz wie der Polizeirat Merker«, konnte sich der Archivdirektor nicht
entalten zu bemerken. Auch Pfisterle wollte dawiderreden wurde aber durch eine
energische Kopfbewegung des Herrn von Tucher zum Schweigen gebracht.
    Plötzlich wurde von der Strasse draussen das Rollen einer Kutsche hörbar.
Direktor Wurm ging zum Fenster, und nachdem der Wagen vor dem Haus gehalten
hatte, sagte er: »Der Staatsrat kommt.«
    »Wie?« entgegnete Daumer rasch. »Herr von Feuerbach?«
    »Ja, Herr von Feuerbach.«
    In seiner Benommenheit versäumte Daumer die Pflicht des Hausherrn, und als
er sich aufraffte, um den Präsidenten zu empfangen, stand dieser schon auf der
Schwelle. Mit seinem Imperatorenblick überflog er die Gesichter aller
Anwesenden, und als er den Archivdirektor gewahrte, sagte er lebhaft: »Gut, dass
ich Sie treffe, lieber Wurm, ich habe etwas mit Ihnen zu sprechen.«
    Er trug die einfache Kleidung eines Privatmannes, und ausser einem kleinen
Ordenskreuz neben dem Halsaufschlag des Rockes war keinerlei Schmuck an ihm zu
sehen. Die ausserordentlich stolze Haltung des gedrungenen, massigen Körpers und
das steif Aufrechte, soldatisch Gebietende seines stets etwas zurückgeworfenen
Hauptes erweckten ehrfurchtsvolle Scheu; sein Gesicht, auf den ersten Anblick
dem eines verdriesslichen alten Fuhrmanns ähnlich, wurde durch die
dunkelglühenden Augen, in denen die Unrast geistiger Leidenschaften lag, und
durch die festgeschlossenen, kühn gebogenen Lippen geadelt.
    Er machte nicht den Eindruck eines Mannes, der viel Zeit hat. Trotz der
Würde, die ihm sein Amt verlieh und die er nicht verringerte, hatte sein
Auftreten etwas Heftiges, und in der Art, wie er die im Zimmer Versammelten
begrüsste, war Förmlichkeit und Strenge entalten. Es wirkte darum erschreckend
auf alle, als ihm Caspar ungezwungen entgegentrat und ihm von selbst die Hand
hinstreckte, die Feuerbach auch ergriff, ja sogar eine Zeitlang in der seinen
behielt.
    Caspar war es wunderlich wohl geworden, seit der Präsident eingetreten war.
Er hatte oft an ihn gedacht, seit er mit ihm auf dem Gefängnisturm gesprochen
hatte, und seit dem ersten Händedruck liebte er besonders die Hand des
Präsidenten, eine warme, harte, trockene Hand, die sich wohlverschloss beim Gruss,
als ob sie glaubwürdige Versprechungen gäbe, und die eigne Hand ruhte dabei so
sicher in ihr wie der müde Körper abends im Bett.
    Daumer geleitete den Präsidenten und den Direktor Wurm in sein Studierzimmer
und kehrte dann zurück. Die fremden Gäste schickten sich an zu gehen, sie hatten
durch die Dazwischenkunft Feuerbachs etwas von ihrer überlegenen Haltung
verloren. Caspar wollte der Dame in den Mantel helfen, doch sie machte eine
abwehrende Geste und folgte eilig ihren Begleitern. Herr von Tucher und
Pfisterle entfernten sich ebenfalls.
    Caspar nahm ein Schreibheft aus der Lade und setzte sich zur Lampe, um seine
lateinische Arbeit anzufertigen, da kamen der Präsident und Direktor Wurm wieder
ins Zimmer. Feuerbach ging auf Caspar zu, legte die Hand auf sein Haar, bog den
Kopf des Jünglings leicht zurück, so dass der Lampenschein voll in Caspars
Gesicht fiel, betrachtete seltsam lange und mit bohrender Aufmerksamkeit das
seinem Blick stillhaltende Antlitz und murmelte endlich, gegen Wurm gewendet,
tief atmend: »Keine Täuschung. Es sind dieselben Züge.«
    Der Archivdirektor nickte stumm.
    »Das und die Träume ... zwei wichtige Indizien«, sagte der Präsident mit dem
gleichen Ton von Vertiefteit. Er schritt zum Fenster, die Hände auf dem Rücken,
und sah eine Weile hinaus. Darauf wandte er sich zu Daumer und fragte
unvermittelt, wie es mit Caspars Ernährung stehe.
    Daumer erwiderte, er habe in letzter Zeit versucht, ihn an Fleischkost zu
gewöhnen. »Zuerst hat er sich sehr gewehrt, auch hat es den Anschein nicht, als
ob die veränderte Diät ihm sehr zuträglich sei. Es ist sogar zu befürchten, dass
sie seine inneren Kräfte wesentlich vermindert. Er wird zusehends stumpfer.«
    Feuerbach zog die Stirn empor und deutete gegen Caspar. Daumer verstand den
Wink und forderte Caspar auf, zu den Frauen hinüberzugehen. Er wartete nicht ab,
bis der Jüngling das Zimmer verlassen hatte, sondern fuhr mit beklommenem Eifer
fort: »An demselben Tag, wo Caspar zum erstenmal Fleisch genoss, schnappte der
Hund unsers Nachbars, der ihm bis dahin höchst zugetan war, nach ihm und bellte
ihn wütend an. Das war mir eine wunderbare Lehre.«
    Der Präsident entgegnete finster: »Dem mag sein, wie ihm wolle. Aber ich
missbillige die zahllosen Experimente, die Sie mit dem jungen Menschen vornehmen.
Wozu das alles? Wozu magnetische und andre Kuren? Man berichtet mir, dass Sie
gegen gewisse krankhafte Zustände homöopatische Heilmittel anwenden. Wozu? Das
muss einen so zarten Organismus aufreiben. Die Jugend ist es, die die Krankheiten
heilt.«
    »Ich bin erstaunt, dass Eure Exzellenz dagegen etwas einzuwenden haben«,
versetzte Daumer kalt und demütig. »Der menschliche Körper wird oft von
vorübergehenden Leiden befallen, denen auf homöopatischem Weg am besten
beizukommen ist. Erst vorigen Montag hat, wie ich bestimmt versichern kann, eine
kleine Dosis Silizea Wunder gewirkt. Kennen Eure Exzellenz nicht den schönen,
alten Spruch:
    Ein kluger Arzt, der nimmt da seine Hilfe her, von wo der Schaden kömmt,
    Löst Salzsucht auf durch Salz, löscht Feuer aus durch Flammen.
    Ihr Kinder der Natur, ihr zieht die Kunst zusammen,
    Macht weniges aus viel und wirket viel durch wenig.«
    Feuerbach musste unwillkürlich lächeln. »Mag sein, mag sein«, polterte er,
»aber damit ist nichts bewiesen, und wenn auch, so trifft es die Sache nicht.«
    »Meine Sache steht auch nicht darauf.«
    »Um so besser. Vergessen Sie nicht, dass hier ein Recht durchzusetzen ist,
das Recht eines Lebens. Ist es nötig, deutlicher zu sein? Ich glaube kaum. Gar
bald, ich hoffe es, wird das Dunkel sich lüften, das über den rätselhaften
Menschen gebreitet ist, und der Dank, den ich und andre Ihnen schon jetzt
schulden, lieber Daumer, wird nicht durch ein Missvergnügen geschmälert sein, das
sich an Ihre vielleicht schädlichen Irrtümer heften muss.«
    Das klang feierlich.
    Man kanzelt mich ab wie einen Schulbuben, dachte Daumer erbittert, als der
Präsident und Direktor Wurm sich verabschiedet hatten; was ist mir doch in den
Kopf gefahren, dass ich die Sache des heimatlosen Findlings zu meiner eignen
machen musste? Wär ich nur bei meinem Leisten geblieben, in meiner Einsamkeit.
    Es geht mich wenig an, was sie da über sein Schicksal fabeln, fuhr er in
seinen verdrossenen Überlegungen fort; allerdings, der Ton, des Präsidenten lässt
auf etwas Ungewöhnliches schliessen; das seltsame Gerede über Caspars Herkunft,
sollte es wirklich einen Bezug haben? Gleichviel, was wäre das mir? Ob eines
Bauern, ob eines Fürsten Sohn, was würde es besagen? Freilich, wenn so ein hoher
Herr einem in den Weg läuft, gibt man sich als beflissenen Diener; verbriefter
Adel und erlauchte Abstammung fordern nun einmal den Respekt des Bürgers. Doch
ein andres ist das Leben und ein andres die Idee; ein andres, den Mächtigen zu
willfahren, weil es zwecklos ist, ihnen zu trotzen, und ein andres, ihrer zu
vergessen, eingeschlossen und gefeit in der goldenen Wohnung der Philosophie.
Zwischeninne führt die Grenze, die den Menschen aus Staub von dem Menschen aus
Geist trennt. Sollte ich in meinem Optimismus zu weit gegangen sein, wenn ich in
Caspar den Menschen aus Geist sah? Noch steht es zu bezweifeln.
    Ein Gedankengang, der nicht frei von ahnungsvoller Betrübnis war.
 
                   Daumer stellt die Metaphysik auf die Probe
Der Präsident blieb länger als eine Woche in der Stadt. Während dieser Zeit kam
er entweder ins Daumersche Haus, um Caspar zu, sprechen, oder er liess den
Jüngling zu sich in den Gastof rufen. Feuerbach liebte nicht Zeugen seines
Zusammenseins mit Caspar. Seit er an einem der ersten Tage mit ihm durch die
Strassen gegangen war (wo der früh gealterte, doch mächtig anzuschauende Mann
neben dem zarten, ein wenig gebückt gehenden jungen Menschen allentalben
Aufsehen erregt hatte) und an einer Ecke, an der die beiden vorüber mussten, ein
Kerl wie aus der Erde gewachsen plötzlich neben ihnen hergeschlichen war,
verzichtete der Präsident darauf, sich mit seinem Schützling öffentlich zu
zeigen.
    Seine Gespräche mit Caspar, so geschickt sie auch eine Beziehungslosigkeit
bisweilen vortäuschen mochten, verfolgten natürlich einen ganz bestimmten Zweck.
Caspar, der davon wenig merkte, teilte sich seinem hohen Gönner ohne
Befangenheit mit, und durch sein unschuldiges Geplauder wurde Feuerbachs Herz
oft sonderbar bewegt, so dass er, dem Wort und Sprache in Fülle gegeben waren,
sich nicht selten zum Schweigen verurteilt fand. Ja, er verlor an Sicherheit;
»Caspars Blick gleicht dem Glanz eines morgendlich reinen Himmels, bevor die
Sonne aufgeht«, schrieb er an eine altvertraute Freundin, »und manchmal ist mir
unter diesem Blick zumute, als hielte der rasend dahinstürmende Schicksalswagen
zum ersten Male still; die ganze Vergangenheit steht auf, erlittene Willkür und
der Trug des Rechts, die Kränkungen des Neides und manche Tat, deren Früchte
faul und ekel am Wege liegen. Dazu kommt, dass ich in betreff seiner unbekannten
Herkunft auf einer Spur bin, die mich, ich fürchte sehr, an den Rand eines
verderblichen Abgrunds führt, wo es gilt, sich den Göttern zu vertrauen, denn
Menschen werden dort keinem Gesetz mehr untertan sein.«
    Am letzten Tag der Anwesenheit Feuerbachs schickte sich Caspar eine Stunde
vor Abend zum Ausgehen an, da der Präsident ihn zu sich bestellt hatte. Er trat
ins Wohnzimmer, um zu sagen, dass er gehe, und fand Anna Daumer allein. Sie sass
am Fenster und las gerade das Büchlein des Polizeirats Merker. Kaum dass Caspar
die Tür geöffnet, versteckte sie das Heft rasch und erschreckt unter der
Schürze. »Was lesen Sie denn da, und warum verbergen Sie es denn?« fragte Caspar
lächelnd.
    Anna errötete und stotterte etwas. Darauf schaute sie mit feuchten Augen
empor und sagte: »Ach, Caspar, die Menschen sind doch gar zu schlecht.«
    Er entgegnete nichts, sondern lächelte noch immer. Das erschien Anna
auffallend, aber Caspar dachte sich weiter gar nichts dabei. Es war eine seiner
Seltsamkeiten, dass er sich nie entschliessen konnte, eine Frauensperson ganz
ernst zu nehmen; Frauenzimmer können nichts als dasitzen und ein wenig nähen
oder stricken, pflegte er zu sagen; sie essen und trinken unaufhörlich und alles
durcheinander, und deswegen sind sie immer krank; auf andre Weiber schmähen sie,
und wenn sie dann mit ihnen beisammen sind tun sie schön und lieb. Als er einmal
in solcher Weise redete, beklagte sich Frau Daumer, doch er antwortete ihr: »Sie
sind kein Frauenzimmer, Sie sind eine Mutter.« Auch ereignete es sich einst, dass
er bei einem Paradezug von Seiltänzern einem zu Pferd sitzenden Mädchen, dessen
bunter Putz und Reitkunst seine Aufmerksamkeit erweckt hatte, ein paar Strassen
weit folgte; darüber ärgerte er sich nachher gewaltig, und er meinte, nun sei
ihm doch auch einmal geschehen, was bei andern, wie er höre, zuweilen der Fall
sei, er sei einem Weibe nachgelaufen.
    Er sagte, dass er zum Nachtessen wieder zu Hause sein werde, aber Anna
erwiderte, das sei wohl zu spät, ihr Bruder habe davon gesprochen, dass er den
Abend mit Caspar bei der Magistratsrätin Behold verbringen wollte; die Rätin
habe schon einige Male darum gebeten, sie sei eine einflussreiche Person, und
wenn Daumer sich nicht eine Feindin an ihr machen wolle, müsse er der Einladung
folgen.
    »Der Herr Präsident geht vor«, sagte Caspar verdrossen und ging.
    Es war mildes Wetter, der Schnee war längst verschwunden, weisse Wolken zogen
über die spitzgiebligen Dächer hin. Als Caspar in das Zimmer trat, das der
Präsident bewohnte, sass dieser am Schreibtisch und blickte mit zurückgelehntem
Körper düster sinnend ins Leere. Erst nach einer Weile wandte er sich zu Caspar
und redete ihn, aus seinem dunkeln Nachdenken heraus, ohne Begrüssung an. »Ich
kehre morgen nach Ansbach zurück, Caspar, wie Sie ja wissen,« begann er und
verdeckte die Augen mit der Hand; »Sie werden mich einige Wochen, ja vielleicht
monatelang nicht sehen. Ich möchte hie und da von Ihnen Nachricht haben, von
Ihnen selbst, will Sie aber nicht auffordern, mir regelmässig zu schreiben, damit
Ihnen nicht eine ungern erfüllte Pflicht daraus erwachse. Nun dachte ich mir,
Ihnen eine Gelegenheit zur Mitteilung zu geben, beider Sie mehr auf sich selbst
als an andre gewiesen sind. Sie sollen nicht zur Rechenschaft befohlen sein,
aber was Sie einem Freund oder sagen wir Ihrer Mutter vertrauen würden, das
sollen Sie hier bewahren.«
    Damit reichte er Caspar ein in blauen Pappendeckel gebundenes Schreibheft.
Caspar ergriff es mechanisch und las auf einem weissen herzförmigen Schildchen:
Tagebuch - Stundenbuch für Caspar Hauser. Er schlug es auf und gewahrte, auf der
ersten Seite eingeklebt, das Bild Feuerbachs und darunter, von der Hand des
Präsidenten geschrieben, die Worte: Wer die Stunde liebt, der liebt Gott; der
Lasterhafte entflieht sich selbst.
    Caspar schaute den Präsidenten mit grossen Augen ängstlich an Er wiederholte
für sich im stillen, mit sichtbarer Bewegung der Lippen, die geschriebenen Worte
und dann, was der Präsident zu ihm gesagt; alles verfloss im Nebel und, des
feierlichen Tones halber, in eine Ahnung von Gefahr.
    Es pochte an der Tür, und auf das Herein des Präsidenten brachte ein Eilbote
einen Brief. Kaum hatte Feuerbach, ohne das Schreiben zu öffnen, einen Blick auf
das Siegel geworfen, als er die Handglocke läutete und dem eintretenden Diener
den Befehl gab, es solle sogleich angespannt werden. »Ich muss noch diesen Abend
reisen«, sagte er zu Caspar.
    In unbestimmtem Lauschen und Warten blieb Caspar stehen. Der Postillon im
Hof knallte mit der Peitsche. Ein Hauch der Ferne umwehte Caspar, er spürte
plötzlich etwas von der Grösse der Welt, und die Wolken am Himmel schienen Arme
herunterzustrecken, um ihn emporzuheben. Als ihm der Präsident die Hand zum
Abschied reichte, bat er schmeichelnd, mit verlangendem Lächeln: »Möcht auch
mitfahren.«
    »Wie, Caspar!« rief der Präsident in gespielter Überraschung, und plötzlich
wieder das frühere Du der Anrede wählend, »willst du denn fort von den
Nürnbergern? Hast du denn vergessen, was du deinem gütigen Pflegevater schuldig
bist? Was würde Herr Daumer sagen, wenn du ihn so undankbar verliessest? und
viele andere wackere Männer, die sich deiner angenommen haben? Es erstaunt mich,
Caspar. Bist du denn nicht gern hier?«
    Caspar schwieg und senkte die Augen. Hier ist immer dasselbe, dachte er. Er
sehnte sich fort; er dachte, einmal könne man fortgehen, man könnte in der Nacht
das Tor öffnen und könnte gehen, ohne den Weg zu wissen. Vielleicht käme dann
einer, um zu fragen: wohin, Caspar? Und er führte ihn zu einem Schloss, vor dem
viel Volks versammelt ist; drinnen ruft eine Stimme Caspars Namen, die Leute
machen Platz, und viele Arme deuten auf das Tor, dem er zuschreitet.
    »Sprich!« mahnte der Präsident barsch.
    »Sie sind alle gut mit mir«, flüsterte Caspar mit zuckenden Lippen.
    »Nun also!«
    »Es ist nur -«
    »Was? Was ist -? Heraus mit der Sprache!«
    Caspar schlug langsam die Augen auf, machte mit dem Arm eine weite Geste,
als wolle er den ganzen Erdkreis in das Wort einbeziehen und sagte: »Die
Mutter.«
    Feuerbach wandte sich weg, ging zum Fenster und blieb schweigend stehen.
    Eine Viertelstunde später schritt Caspar durch die engen Gassen beim Rataus
und kam alsbald auf den menschenverlassenen Egydienplatz. Es war schon dunkel
geworden, vor der Kirche brannte eine Öllaterne, und während er nach links abbog
wo das niedere Buschwerk einer Gartenanlage den Platz gegen die Laufergasse
schloss, gewahrte er einen ruhig stehenden Mann, der gebeugten Kopfes nach ihm
hersah. Caspar ging ein wenig langsamer, plötzlich sah er, dass der Mann den Arm
erhob und mit dem Finger winkte.
    Caspars Herz klopfte laut. Irgend etwas zwang ihn, der stummen Aufforderung
des Unbekannten zu folgen. Der Mann fuhr fort, mit dem Finger zu winken, und wie
hingezogen trat Caspar ein paar Schritte auf ihn zu. Da ging der Mann tiefer in
das Gehölz, hörte aber nicht auf zu winken. Caspar konnte sein Gesicht nicht
sehen, das unter dem weit in die Stirn gedrückten Hut versteckt war.
    Er folgte dem Menschen, obwohl alle Fibern seines Leibes widerstrebten, mit
Grauen fühlte er sich Schritt um Schritt gezogen, seine Augen waren aufgerissen,
Staunen und Schrecken lagen in seinem Gesicht, und die Hände hielt er. mit
gespreizten Fingern von sich gestreckt.
    Schon war er dem Unbekannten so nahe, dass er dessen gelbe Zähne zwischen den
Lippen schimmern sah, und wer weiss, was geschehen wäre, wenn sich nicht in
diesem Augenblick auf der andern Seite des Gebüsches ein Trupp betrunkener
junger Leute hätte hören lassen; der fremde Mann stiess einen gurrenden Laut aus,
bückte sich rasch und war unter dem Schutz des Laubwerks im Nu verschwunden.
    Auch Caspar kehrte um und rannte gegen die Kirche; er lief geradeswegs
mitten in die Schar der Lärmmacher hinein, die ihn aufzuhalten suchten, und so
vermischte sich ein Schrecken mit dem andern. Nur mit Mühe riss er sich los,
einige folgten ihm schreiend, er verdoppelte seine Eile, der Hut fiel ihm vom
Kopf, er liess ihn liegen, rannte, so schnell er konnte, durch die Judengasse und
weiter und ging erst wieder langsamer, als er sich auf der Brücke zur Insel
Schütt befand.
    Daumer war schon unruhig geworden und wartete vor dem Haustor. Betroffen
hörte er Caspars hastigen und unklaren Bericht an, und nach einiger Überlegung
meinte er, er glaube nicht recht an das Abenteuer; »da hat dir wohl deine
allweil erregte Phantasie einen törichten Streich gespielt«, sagte er
ungewöhnlich streng. »Nein, es ist wirklich wahr«, beteuerte Caspar. Dann klagte
er, dass er den Hut verloren habe, und schliesslich zeigte er, auf einmal ganz
heiter geworden, das Heft, das ihm der Präsident geschenkt und das er während
der ganzen Zeit krampfhaft in der Hand festgehalten hatte.
    Zerstreut besah es Daumer. »Hat dir Anna nicht gesagt, dass wir zur
Magistratsrätin gehen?« fragte er missgelaunt. »Es ist höchste Zeit; mach flink
und zieh dir den Sonntagsrock an.«
    Caspar schaute ihn mit schrägem Blick von unten an und ging zögernd ins
Haus. Daumer, der schon im Gesellschaftskleid war, wandelte zweimal bis zum
Pegnitzufer und wieder zurück; eine halbe Stunde verfloss, und Caspars langes
Ausbleiben machte ihn endlich ungeduldig. Er eilte die Stiege hinan und betrat
Caspars Zimmer, wo eine Kerze brannte. Zu seinem Ärger nahm er wahr, dass Caspar
angekleidet auf dem Bette lag und schlief Er rüttelte ihn an der Schulter, liess
aber plötzlich ab, durchmass ein paarmal das Zimmer, ohne seines Missmuts Herr zu
werden, dann stiess er zornig hervor: »Ach was, soll die Neugier der guten Leute
um ihren Schmaus betrogen werden!«
    Durch den finstern Flur schritt er ins Gemach der Schwester, die vor dem
Klavier sass und spielte. Er legte ihr den Fall vor und Anna gab ihm ohne
weiteres recht, dass er Caspar zu Hause lasse. »Dann muss jemand zur Rätin und
unser Ausbleiben entschuldigen«, sagte Daumer in einem Ton, als ob das
Versäumnis sonst schlecht ausgelegt werden könne und er Unannehmlichkeiten zu
befürchten habe. Anna erwiderte, die Magd sei nicht da, und nach einigem
Besinnen erklärte sie sich bereit, den Gang selbst zu tun.
    Als sie fort war, setzte sich Daumer zu den Büchern, rückte die Lampe
zurecht und las. Doch er hatte ein schlechtes Gewissen und fuhr bei jedem Laut
zusammen. Nach einer geraumen Weile hörte er Schritte; Anna trat hinter seinen
Stuhl und sagte hastig, die Magistratsrätin sei mitgekommen, um Caspar zu holen.
Daumer sprang auf; »das heisse ich den Spass zu weit getrieben«, murmelte er
entrüstet. Anna legte ihm die Hand auf den Mund, denn schon stand die Rätin in
der Türe; reich geschmückt, im Seidenmantel, ein kostbares Spitzentuch um den
Kopf.
    Sie war eine nicht mehr ganz junge, aber sehr stattliche Frau ungewöhnlich
gross gewachsen, mit ungewöhnlich kleinem Kopf. In ihrem Betragen vermischte sich
das Modisch-Französische und das Nürnbergerisch-Provinzliche auf eine nicht
immer ganz einwandfreie Weise, und wo jenes zur Geltung kommen sollte, guckte
dieses wie der Zipfel eines schlechtverborgenen Armeleutgewands unter einer
brokatenen Tunika hervor.
    Sie rauschte auf Daumer zu, majestätisch wie eine schaumige Woge, und der
gute Mann, niedergeschmettert von so viel Glanz, vergass seinen Groll und führte
die dargereichte Hand der Dame an seine Lippen. »Muss ich selbst Sie an Ihr
Versprechen erinnern?« rief sie mit einer sonoren, kräftigen Stimme. »Was solls
bedeuten, Professor? Was ist vorgefallen? Weshalb die Absage? Sie sehen, ich
verlasse meine Gäste, um ein Wort einzulösen, das Ihnen zu brechen so leicht
wird. Keine Ausflucht, lieber Daumer, Caspar muss mit, wo ist er?«
    »Er schläft«, erwiderte Daumer zaghaft.
    »Nom de Dieu! Er schläft! Dass dich das Mäusle beisst! So wird man ihn halt
wecken. Marsch, marsch, voran!«
    Daumer hatte nicht den Mut, zu widersprechen, dies zupackende Gebaren
beraubte ihn der gegenständlichen Gründe. Er nahm die Lampe und schritt voraus.
Anna, die zurückblieb, räusperte sich empört, dies beirrte aber Frau Behold
keineswegs, als Antwort zuckte sie nur verächtlich die Achseln.
    Daumer stand so versonnen an Caspars Lager, dass er die Lampe wegzustellen
vergass. In der Tat mochte es schwerlich etwas Schöneres zu sehen geben als den
Engelsfrieden und die rosenhafte Heiterkeit, die auf dem Gesicht des Schläfers
leuchteten. Frau Behold schlug unwillkürlich die Hände zusammen, und darin lag
Wahrheit und Gefühl.
    »Bestehen Sie noch darauf, ihn zu wecken?« fragte Daumer richterlich. »Der
Schlaf ist heilig. Die seligen Geister werden fliehen, sobald unsre Hand ihn
berührt.«
    Frau Behold klappte die Lider auf und zu, als wolle sie das bisschen Rührung
davonjagen, wie man Fliegen mit einem Wedel vertreibt. »Schön gesagt«, spottete
sie, und ihre Stimme surrte wie das Rädchen einer Spindel. »Aber ich bestehe auf
meinem Schein. Ich will dem Buben was dafür schenken, und was die seligen
Geister betrifft, die kommen wieder, zum Schlafen gibts Nächte genug.«
    Während Daumer den Schlafenden bei den Schultern emporhob und durch
zärtliches Zureden mehr sich selbst als Caspar zu beschwichtigen schien, zeigte
sich in dem kleinen Gesicht der Frau Behold eine wunderliche Erregung. Sie
blinzelte mit den Augen, ihre Unterlippe wurde schlaff und entblösste eine
schmale, feste Zahnreihe wie bei einem Nagetier. »Pauvre diable«, murmelte sie,
»armes Herzle«, und erfasste Caspars Hand.
    Davon erwachte Caspar völlig, befreite die Hand mit einem Ruck und
schüttelte sich. Sein trunken-müder Blick fragte, was man mit ihm vorhabe,
Daumer erklärte es, schenkte Wasser in ein Glas und gab es ihm zu trinken, nahm
den Sonntagsrock, der schon bereitlag, und hielt ihn zum Anziehen hin.
    Caspar heftete den verdunkelten Blick auf Frau Behold und sagte trotzig:
»Ich will nicht zu der Frau.«
    »Wie, Caspar?« rief Daumer erstaunt und verletzt. Zum erstenmal vernahm er
dies »ich will nicht«, zum erstenmal stand Caspars Wille gegen ihn auf Caspar
war selber erschrocken, sein Blick war schon wieder gefügig, als Daumer mit
ernstaftem Ton fortfuhr: »Ich aber will es. Ich will auch, dass du die Dame um
Verzeihung bittest. Es geht nicht an, dass du eine Laune über dich Herr werden
lässt. Wenn wir uns der Rücksichten gegen die Menschen entbinden würden, stünden
wir alle so hilflos da wie du am ersten Tag.«
    Mit niedergeschlagenen Augen tat Caspar, was ihm befohlen worden. Frau
Behold nahm den ganzen Auftritt nicht schwer. Sie tätschelte Caspars Wange und
fand den Professor Daumer ziemlich komisch.
    Eine halbe Stunde später waren sie in den festlich erleuchteten Zimmern der
Rätin. Caspar, von Menschen umdrängt, musste die gewöhnliche Flut der Fragen über
sich ergehen lassen. Frau Behold wich nicht von seiner Seite, sie lachte,
beinahe zu allem, was er sagte, und er wurde allmählich verwirrt und unruhig,
empfand Angst vor den Worten; es schien ihm gefährlich, zu sprechen, es war, als
ob alle Worte zwiefach vorhanden wären, einmal offenbar, das andre Mal verhüllt,
und so wie die Worte hatten auch die Menschen etwas Zwiefaches, und
unwillkürlich suchten seine Blicke in ein und derselben Person die zweite, die
lauernd hinterherging und verführerisch mit dem Finger winkte.
    Es war ihm unverständlich, was sie von ihm wollten, ihre Kleidung, ihre
Gebärden, ihr Nicken, ihr Lächeln, ihr Beisammensein, alles war ihm
unverständlich, und auch er selbst, er selbst fing an, sich unverständlich zu
werden.
    Indessen verlebte Daumer eine böse Stunde. Frau Behold, die stolz darauf
war, ihr Haus zum Sammelort vornehmer Fremden zu machen, hatte heute einen Herrn
zu Gast, der, wie man sich erzählte, unter falschem Namen reiste, da er in
wichtiger diplomatischer Mission nach einer Residenz im Osten des Landes
unterwegs sei. Man raunte sich auch zu, dass der hohe Fremde grosses Interesse an
dem Findling Hauser nehme und dass er vielen einflussreichen Personen gegenüber
sich abfällig und tadelnd über die unsinnigen Gerüchte geäussert habe, die
Caspars Herkunft zum Gegenstand hatten. Und man muss gestehen, dass die
einflussreichen Personen sich dem Gewicht einer solchen Meinung nicht
verschlossen, aber das Treiben des vornehmen Herrn gab auch Anlass zu mancherlei
Verdacht, und der Redakteur Pfisterle, Querulant wie immer, behauptete sogar,
der diplomatische Herr sei nach seiner Ansicht nichts andres als ein verkappter
Spion.
    Wie dem auch war, von all diesen Neuigkeiten hatte Daumer in seiner
Weltverlorenheit nichts erfahren. Der Fremde gesellte sich nach kurzer Weile zu
ihm, und sie kamen ins Gespräch, wobei es jener leicht anzustellen wusste, dass
sie sich von den übrigen Gästen absonderten. Daumer, eingeschüchtert durch die
Manieren, die delikate Zwanglosigkeit des hohen Herrn, dessen Rockbrust voller
Orden hing, wusste zuerst kaum etwas zu sagen, antwortete bloss wie ein Schüler
mit nein und ja. Allmählich gab er sich freier und erzählte seinem Zuhörer
vieles von Caspar, kam auf dessen furchtsames Wesen zu sprechen und schilderte
wie zur Erläuterung das Benehmen des Jünglings, als er heute abend, vor einem
eingebildeten, ohne Zweifel eingebildeten, Verfolger flüchtend nach Hause
gekommen war.
    Der Fremde hörte aufmerksam zu. »Vielleicht hat er sich aber gar nicht
getäuscht,« entgegnete er vorsichtigen Tons, »es mag sich da mancherlei in der
Verborgenheit abspielen. Meines Wissens haben ja auch Sie, lieber Professor, vor
längerer Zeit eine Art von Warnung erhalten. Sie dürfen sich daher nicht
wundern, wenn aus gewissen Drohungen Ernst wird.«
    Daumer stutzte, doch der Fremde fuhr mit liebenswürdiger Offenheit,
scheinbar harmlos plaudernd, fort: »Sie sollten sich an den Gedanken gewöhnen,
dass da Mächte im Spiel sind, die vor nichts zurückschrecken, um ihre Massregeln
mit Nachdruck durchzuführen. Das unruhige Gemunkel wird vielleicht als störend
empfunden, vielleicht hat man etwas auf dem Kerbholz und möchte die
Öffentlichkeit vermeiden. Vorläufig mag es der Gewalt, die da im Hintergrund
ist, darum zu tun sein, die Dinge möglichst in Verborgenheit abzumachen, aber
sie könnte wohl auch offenes Spiel treiben, sie könnte der Polizei und den
Gerichten mit Gemütsruhe die Hände binden. Einstweilen begnügt man sich aber,
die Fäden hinter den Kulissen zu ziehen.«
    Von neuem stutzte Daumer; die Worte seines Gegenüber schienen einen genauen
Bezug zu haben; doch der Fremde liess ihm keine Zeit zu überlegen, er fuhr mit
heller Stimme, fast vertraulichen Tones fort: »Ich glaube vor allem, dass man die
Verbreitung all des hirnlosen Geschwätzes durch das bequeme und naheliegende
Mittel der Druckschrift fürchtet und ahnden wird. Man demaskiert sich dort oben
ungern, noch weniger will man von andern demaskiert werden, man liebt es nicht
auf den Markt zu treten, noch seine privaten Angelegenheiten da ausgeboten zu
sehen; das ist begreiflich. Der Staatsbürger hat Freiheiten genug; in seinem
Bereich mag er sich tummeln, nach oben soll er sich gebunden finden.«
    Was war das? Daumer meinte zu verstehen, worauf es hinauswollte; er
beschloss, dem dunkeln Befehl zu gehorchen; war doch dem Zwang schon seine eigne
Freiwilligkeit zuvorgekommen.
    »Ich möchte mir eine Frage erlauben, verehrter Professor,« begann der Fremde
wieder; »sind Sie wirklich überzeugt, dass der hergelaufene Knabe, an dem ich auf
meine Art, ich will es nicht leugnen, ein gewisses äusseres Interesse nehme, die
ununterbrochene Aufmerksamkeit ernstafter Männer verdient und rechtfertigt?
Lohnt es sich denn, die ganze Welt mit seiner zweifelhaften Sache zu
beschäftigen? Was bleibt für die grossen Angelegenheiten der Nation, der
Wissenschaft, der Kunst, der Religion, des Lebens überhaupt, wenn ein Mann wie
Sie die besten Geisteskräfte an ein empfindsames Naturspiel verschwendet? Man
rühmt die aussergewöhnlichen Gaben des Findlings. Ich bemühe mich umsonst, solche
Gaben zu entdecken; ich bin kühn genug, zu behaupten, dass ich damit nur an Ihre
eigne Ungewissheit rühre. Lassen wir noch ein wenig Zeit vergehen, und wir werden
über diesen Punkt eine betrübende Sicherheit gewinnen. Innerhalb der
menschlichen Gesellschaft gibt es Hunderttausende von Wesen, die, mit ebenso
grossen oder noch grösseren Eigenschaften geboren, dennoch einem ungleich
elenderen Los verfallen sind. Die wahrhafte Tugend müsste sich auch für sie
entflammen, denn in der Idee darf dem Erbarmen mit der menschlichen Not keine
Grenze gesetzt sein. Aber wo endete der Mann der sein Herz nach allen Seiten hin
zerrisse und in Fetzen austeilte? Er stünde leer da an dem Tage, wo ein würdiger
Gegenstand ein würdiges Opfer von ihm forderte. Denken Sie sich von Caspars
Lebensalter ein Dutzend Jahre hinweg, und das vermeintliche Wunder ist entüllt
bis auf den Grund und hat Ihnen nichts mehr zu geben als die beschämende
Selbstverständlichkeit einer natürlichen Tatsache. Bestenfalls bleibt ein
Kuriosum, mit welchem man ein Tischgespräch würzen kann. Ein Kuriosum und das
bisschen Geheimnis, das allen unreifen Köpfen so aufregend dünkt.«
    Widerspruch und Abwehr malten sich in Daumers Zügen; sein umherschweifender
Blick suchte nach Caspar, aber alles, was er zu sagen wusste, war: »Nicht durch
Worte kann die Seele für sich zeugen.«
    Der Fremde lächelte bitter. »Die Seele! die Seele!« erwiderte er spöttisch.
»Sie kann nicht durch Worte zeugen, denn sie ist nur ein Wort wie jedes andre.
Das Auge schaut, der Finger spürt, jedes Härchen lebt auf eigne Weise, das Blut
durchsprjetzt die Adern, jeder Sinn macht den Raum lebendig, den Tod fühlbar, was
ziert ihr euch da und wollt ein Besonderes haben und sprecht von Seele, als sei
die Seele wie ein Schmuckstück, das eine eitle Frau im Kästchen verschliesst und
gelegentlich an ihren Busen steckt, um beim Ball damit zu glänzen! Jeder ist im
allgemeinen ausgeteilt, und sein Zuschuss von Kräften ist kein Privileg, sondern
nur eine Hoffnung. Oder dürfte der Adler die Seele für sich in Beschlag nehmen,
weil er besser zu fliegen vermag als die Gans? Die Seele! Ihr Herren beleidigt
den Schöpfer damit, ob ihr sie leugnet oder ob ihr Bücher schreibt, um sie zu
beweisen.«
    Es entstand ein Schweigen. Er spricht wie ein Satan, dachte Daumer, und als
er sich anschickte zu antworten, kam ihm der Fremde mit höflicher
Eindringlichkeit zuvor. »Ich weiss, Sie lieben Caspar,« sagte er mit veränderter
Stimme, ernst und herzlich, »Sie lieben ihn brüderlich, und nicht Mitleid nährt
diesen Trieb, sondern die schöne Begierde, die stets den Gott in der Brust des
andern sucht und nur im Ebenbild sich selbst erkennen will. Aber Sie möchten
eine Ausrede haben für Ihre Liebe, das ist es. Muss ich Ihnen sagen, dass es keine
tieferen Wunden gibt als die Enttäuschungen aus solchem Zwiespalt? Ich rate
Ihnen, fliehen Sie den Anblick und die Gesellschaft dessen, der Ihnen nichts
mehr zu bieten hat als Enttäuschung.«
    »Also sind wir denn zu schwach, dem Erlebnis gegenüber so zu bleiben, wie
wir zu sein glaubten, indem wir es ersehnten!« rief Daumer verzweifelt.
    Der Fremde verzog sein faltigaltes Gesicht zu einer Grimasse des Bedauerns.
Eine leichte Gebärde verriet, dass das Gespräch für ihn erschöpft sei, und sie
mischten sich wieder unter die übrigen Gäste. Daumer, völlig aus der Fassung
gebracht, wünschte nichts weiter, als den lärmenden Kreis zu verlassen. Er
suchte Caspar und bemerkte ihn, blass und schweigsam, mitten unter schillernden
Roben und grauen und braunen Fräcken; Frau Behold sass auf einem niedrigen
Schemel fast zu seinen Füssen, und ihr Gesicht sah hart und düster aus.
    Der Abschied war umständlich. Als sie auf den vereinsamten Gassen schweigend
ein Stück Wegs zurückgelegt hatten, schlang Daumer den Arm um Caspars Schulter
und sagte: »Ach, Caspar, Caspar!« Es klang wie eine Beschwörung.
    Caspar, den es nach Belehrung dürstete und dessen Herz zum Überfliessen voll
von Fragen war, seufzte auf und lächelte seinem Lehrer in wiedererwachtem
Vertrauen zu. Sei es nun, dass Blick und Lächeln Daumer an einer Stelle seines
Innern trafen, wo er sich unsicher und schuldig fühlte, sei es, dass die Nacht,
die Einsamkeit, die quälenden Zweifel, das wunderliche Gespräch, das er eben
geführt, seinen Geist zu übertriebener Inbrunst entzündeten, er blieb stehen,
umarmte Caspar noch fester und rief mit emporgewandten Augen: »Mensch, o
Mensch!«
    Das Wort ging Caspar durch Mark und Bein. Ihm war, als eröffne sich ihm auf
einmal, was dies zu bedeuten habe: Mensch! Er sah ein Geschöpf, tief unten
verstrickt und angekettet, von tief unten hinaufschauend, fremd sich selbst,
fremd dem andern, dem es das Wort Mensch zuschrie und der ihm nichts antworten
konnte als eben diesen inhaltsvollen Ruf: Mensch.
    Sein Ohr hielt den Klang fest, der durch die Ergriffenheit Daumers etwas
Weihevolles für ihn bekommen hatte. Am andern Morgen nahm er sein Tagebuch zur
Hand, und die erste Eintragung, die er darin machte, waren die drei Worte:
Mensch, o Mensch, für jeden andern natürlich eine sinnlose Hieroglyphe, für ihn
aber ein deutungsvoller Hinweis, ein entschleiertes Geheimnis beinahe, ein Wahl-
und Zauberspruch zur Abwendung von Gefahren. Es entsprach seinem kindischen
Wesen, dass er von derselben Stunde ab das Tagebuch als eine Art von Heiligtum
betrachtete, welches nur in Zeiten der Andacht und Sammlung zugänglich war, und
in einer jener sehnsüchtigen und angstvoll traurigen Stimmungen, die ihn häufig
befielen, fasste er den sonderbaren und folgenschweren Entschluss, dass kein andrer
Mensch ausser seiner Mutter jemals Einblick in dieses Heft erlangen, jemals lesen
sollte, was er darin aufschreiben würde. Solche Vorsätze starrsinnig zu halten,
dazu war er durchaus imstande.
    Als wenige Tage nachher die Prinzessinnen von Kurland in Daumers Haus kamen,
die mit Feuerbach befreundet waren und grosse Teilnahme für Caspar hegten, kam
zufälligerweise die Rede auf das Geschenk, das der Präsident seinem Schützling
gemacht, und da Daumer erzählte, es befände sich in dem Büchlein ein sehr gutes
Stahlstichporträt des Präsidenten, wünschten die Damen das Heft gern zu sehen.
Zu aller Erstaunen weigerte sich Caspar, es zu zeigen. Daumer warf ihm
erschrocken seine Unhöflichkeit vor, aber er blieb hartnäckig. Die Damen
bestanden nicht weiter darauf, ja sie lenkten sogar die Unterhaltung taktvoll in
eine andre Richtung, aber als sie fortgegangen waren, nahm Daumer den Jüngling
ins Gebet und fragte ihn nach dem Grund seiner Weigerung. Caspar schwieg. »Und
würdest du auch mir, wenn ich es verlangte, das Heftchen vorentalten?« fragte
Daumer. Caspar sah ihn gross an und antwortete treuherzig: »Sie werden es gewiss
nicht verlangen, bitte schön!«
    Daumer war sehr betroffen und entfernte sich still.
    Gegen Abend kam Herr von Tucher, bat Daumer um eine Unterredung unter vier
Augen, und als sie allein waren, sagte er ohne weitere Einleitung: »Ich muss Sie
leider davon in Kenntnis setzen, dass ich unsern Caspar zweimal beim Lügen
ertappt habe.«
    Daumer schlug stumm die Hände zusammen. Das fehlte nur noch, dachte er.
    Beim Lügen! Zweimal beim Lügen ertappt! Ei du gütiger Himmel, wie war das
zugegangen?
    Die Sache verhielt sich so: Am Sonntag sei er mit dem Bürgermeister in
Caspars Zimmer getreten, erzählte Herr von Tucher, und habe den Jüngling
ersucht, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Da habe Caspar, der bei den Büchern
gesessen, erwidert, er dürfe nicht, Daumer habe ihm verboten, das Haus zu
verlassen. Dem Bürgermeister sei das gleich bedenklich erschienen, besonders da
ihn Caspar kaum anzusehen gewagt; er habe sich unauffällig bei Daumer erkundigt,
wie dieser sich wohl erinnern werde, und seinen Verdacht bestätigt gefunden. Am
andern Tag seien beide, Herr Binder und Herr von Tucher, während Daumer vom
Hause fortgewesen, zu Caspar gekommen und hätten ihm seine Unwahrheit
vorgehalten. Unter Erglühen und Erblassen habe er sein Vergehen zugestanden,
habe aber, wie ein gescheuchter Hase in die Enge getrieben und den ersten besten
Ausweg ergreifend, albernerweise eine Geschichte erfunden von einer Dame, die
bei ihm gewesen und die ihm ein Geschenk versprochen, weshalb er auf sie
gewartet habe.
    »Auf unser mehr bestürztes als strenges Zureden bekannte er sich auch dieser
Unwahrheit schuldig«, fuhr Herr von Tucher mit unerschütterlichem Ernst fort.
»Er gab zu, dass er nur in Ruhe habe studieren wollen und dass ihm kein andres
Mittel eingefallen sei, um die lästigen Störungen abzuwenden. Inständig flehte
er uns an, Ihnen nichts von seinem Fehltritt zu erzählen, er wolle es nie wieder
tun. Ich hab mirs aber überlegt und bin zu dem Schluss gelangt, dass es besser
ist, wenn Sie alles wissen. Es ist vielleicht noch Zeit, um das böse Laster mit
Erfolg zu bekämpfen. Man kann ihm ja nicht ins Herz schauen, doch ich glaube
noch immer an die Unverdorbenheit seines Gemüts, wenngleich ich überzeugt bin,
dass uns nur die äusserste Wachsamkeit und unerbittliche Massnahmen vor gröberen
Enttäuschungen bewahren können.«
    Daumer sah vollkommen vernichtet aus. »Und das von einem Menschen, auf
dessen heiliges Wahrheitsgefühl ich Eide geschworen hätte«, murmelte er. »Wenn
Sie es nicht wären, der mir das erzählt, ich würde lachen. Noch vor einer Stunde
hätte ich jeden für einen Schurken erachtet, der mir gesagt hätte, Caspar sei
einer Lüge fähig.«
    »Auch mir ist es nah gegangen«, versetzte Herr von Tucher. »Aber wir müssen
Geduld haben. Sehen Sie zu, halten Sie die Augen offen, warten Sie auf den
nächsten gegründeten Anlass, dann greifen Sie ein, und zwar mit wuchtiger Hand.«
    Eine Lüge; nein, zwei Lügen auf einmal! Der arme Daumer er wusste sich keinen
Rat. Er ging hin und überlegte. Herr von Tucher nimmt den ganzen Vorgang zu
schwer, sagte er sich; Herr von Tucher ist eine sehr gerechte Natur, aber ohne
Zweifel ein Mann mit vielen Vorurteilen, die ihn dazu verführen, eine Lüge mit
allen verfemenden Zeichen der Übeltat auszustatten; Herr von Tucher kennt das
tägliche Leben nicht, das unsereinen unterscheiden lehrt zwischen dem, was
schlecht ist und was der Andrang gebieterischer Umstände auch dem Redlichsten
entpresst. Aber was geht mich Herr von Tucher an, hier handelt es sich um Caspar.
Ich glaubte einst, von ihm fordern zu dürfen, was keiner sonst von keinem
fordern darf. War es eine Verblendung, eine Anmassung von mir? Wir wollen sehen;
ich muss jetzt herausbekommen, ob er schon zu den Gewöhnlichen gehört oder ob
sein Wille noch einer unhörbar rufenden Stimme zu gehorchen fähig ist. Hat sich
sein Ohr jedem Geisterhauch und -schall schon verschlossen, dann ist seine Lüge
eine Lüge wie jede andre, kann ich aber noch übersinnliche Kräfte des Verstehens
in ihm wecken, dann will ich die Philister verachten, die immer gleich mit dem
Bakel erscheinen.
    Es bedurfte einer schlaflosen Nacht, um dem sonderbaren Plan Daumers, der
eine Art Gottesurteil in sich schliessen sollte, auf die Beine zu helfen. Die
Weigerung Caspars, sein Tagebuch zu zeigen, gab den Anstoss. Ich will ihn
bewegen, mir aus eignem Trieb das Heft zu bringen, kalkulierte Daumer ich will
etwas wie eine metaphysische Kommunikation zwischen mir und ihm herstellen; ich
werde ihn, ohne ein Wort zu sprechen, mit meinem geistigen Verlangen zu erfüllen
trachten und werde eine Stunde festsetzen, innerhalb deren das nur Gewünschte zu
geschehen hat. Kann er folgen, so ist alles gut; wenn nicht, dann ade,
Wunderglaube, dann hat dieser beredsame Materialist recht gehabt, mir die Seele
wegzudisputieren.
    Am Morgen, so gegen neun Uhr, kam Anna zu ihrem Bruder und sagte, Caspar
gefalle ihr heute ganz und gar nicht; er sei schon um fünf aufgestanden und es
sei eine Unruhe in ihm, die sie noch nie wahrgenommen; beim Frühstück habe er
fortwährend ängstlich um sich herumgeschaut und keinen Bissen gegessen.
    Daumer lächelte. Sollte er jetzt schon spüren, was ich mit ihm vorhabe?
dachte er, und seine Stimmung wurde mild und zuversichtlich.
    Ein schicklicher Vorwand, die Frauen aus dem Haus zu schaffen, fand sich
ungezwungen; Frau Daumer musste ohnehin auf den Markt, Anna wurde überredet,
einige Besuche zu machen. Um elf Uhr machte sich Caspar an seine Schularbeiten,
Daumer ging ins Nebenzimmer, liess aber die Tür offen. Er setzte sich, das
Gesicht gegen Caspars Platz gerichtet, ein wenig hinter der Schwelle auf ein
Stühlchen, und es gelang ihm alsbald, mit erstaunlicher Energie all seine
Gedanken auf das eine Ziel zu richten, auf dem einen Punkt zu sammeln. Im Haus
war es sehr still, kein Laut störte das wunderliche Beginnen.
    Bleich und gespannt sass er also und beobachtete, dass Caspar häufig aufstand
und zum Fenster trat. Einmal öffnete er das Fenster, das andre Mal schloss er es
wieder. Dann begab er sich zur Tür und schien zu überlegen, ob er hinausgehen
solle. Sein Auge war ohne Stetigkeit und sein Mund eigentümlich gramvoll
verzogen. Aha, es rumort in ihm, frohlockte Daumer, und immer, wenn Caspar sich
dem Schränkchen näherte, in dem das blaue Heft wahrscheinlich lag, bekam der
unglückliche Magier vor Erwartung Herzklopfen.
    Wie weit war Caspar davon entfernt, auch nur zu ahnen, was in Daumer
vorging! zu ahnen, dass in dieser Stunde sein Geschick und Wesen vor ein Tribunal
gestellt wurde!
    Es war ihm ungeheuer bang heute. Es war ihm so bang, dass er ein paarmal die
ganz bestimmte Vorstellung hatte, es würde ihm etwas Schlimmes zustossen. Ja, er
hatte das unabweisbare Gefühl, dass einer unterwegs sei, der ihm etwas zuleide
tun werde. Erstickend lag die Luft im Raum, die Wolken am Himmel blieben lauernd
stehen; wenn durch die Baumkronen vor dem Fenster eine Schwalbe strich, sah es
aus, als ob eine schwarze Hand pfeilschnell auf und nieder tauche; das
Deckengebälk bog sich niedriger, hinter dem Getäfel der Wand knackte es
unheimlich.
    Caspar ertrug es nicht mehr. Sein Blick stach, eine kühlschaurige Angst floss
ihm durch die Haare, die Brust wurde eng, es trieb ihn hinaus, hinaus ...
Plötzlich verliess er mit fliehenden Gebärden das Zimmer.
    Ruhig blieb Daumer sitzen und stierte vor sich hin wie einer, der aus dem
Rausch erwacht. Vorüber, die Frist war verstrichen. Er schämte sich sowohl
seiner Niederlage als auch seines vermessenen Unterfangens, denn er war ja ein
gescheiter Kopf und hatte Selbstbesinnung genug, um die spielerische Willkür
dessen, was er gewollt, ernüchtert zu empfinden.
    Trotzdem ergriff ihn eine finstere Gleichgültigkeit. Der Hoffnungen zu
gedenken, die sich noch vor kurzem an den Namen Caspar geknüpft, verursachte ihm
einen schalen Geschmack auf der Zunge. Er fasste den unerschütterlichen Vorsatz,
sein Leben wie ehedem dem Beruf, der Einsamkeit und den Studien zu widmen und
die Kräfte des Geistes nur dort zu opfern, wo im Frieden der Erkenntnis und des
Forschens jede Gabe sichtbar bezahlt wird.
 
                        Eine vermummte Person tritt auf
Caspar war in den Garten gegangen. Er lief über den feuchten Boden bis zum Zaun
und schaute gegen den Fluss hinüber. Ein bleifarbener Dunst umkleidete die
Türmchen und ineinandergeschobenen Dächer der Stadt, nur das bunte Dach der
Lorenzerkirche glänzte hell, doch glich alles zusammen mehr einem Spiegelbild im
Wasser als einer greifbaren Wirklichkeit.
    Caspar fröstelte, und es war doch warm. Er wandte sich wieder gegen das
Haus. Als er das Pförtchen geöffnet hatte, machte ihn der leer daliegende Flur
betroffen. Ein breiter Streifen Sonne, der über die Steinfliesen kam und
zitternd die weissen Stufen der Wendeltreppe hinauflief, verstärkte den Eindruck
der Verlassenheit. Hinter einer Tür des Flurs, aus der Wohnung des Kandidaten
Regulein, tönten Geigenklänge; der Kandidat übte. Den einen Fuss schon auf der
Treppe, blieb Caspar stehen und lauschte.
    Da! Da war es! Da kam er! Ein Schatten erst, dann eine Gestalt, dann eine
Stimme. Was sagte die Stimme, die tiefe Stimme?
    Eine tiefe Stimme sprach hinter ihm die Worte: »Caspar, du musst sterben.«
    Sterben? dachte Caspar erstaunt, und seine Arme wurden steif wie Hölzer.
    Er sah einen Mann vor sich stehen, der ein seidig-schwarzes, langhängendes,
vom Zugwind ein wenig geblähtes Tuch vor dem Gesicht hatte. Er hatte braune
Schuhe, braune Strümpfe und einen braunen Anzug. Über seinen Händen trug er
Handschuhe, und in seiner Rechten funkelte etwas Metallenes, funkelte schnell
und erlosch. Er schlug Caspar damit. Während Caspar den gelähmten Blick nach
oben zwang, spürte er einen donnernden Schmerz im Hirn,
    Auf einmal hörte der Kandidat Regulein auf, die Geige zu spielen. Es
erschallten Schritte, die wieder verklangen, doch mochte der Vermummte stutzig
geworden sein und die Furcht ihn verhindern, zum zweitenmal auszuholen. Als
Caspar die Augen auftat, über die von der Mitte der Stirn herunter eine
brennende Nässe floss, war der Mann verschwunden.
    Ei, hätte er nur nicht Handschuhe gehabt, unter tausend Händen wollte ich
seine Hand erkennen, dachte Caspar, indem er zur Seite torkelte. An der
Schmalseite, des Flurs fand er keinen Halt; er probierte die Stiege
hinaufzuklimmen, aber der Sonnenstreifen erschien wie ein hindernder Strom
Feuers. Er glitt nieder, umklammerte die Steinsäule und blieb eine halbe Minute
lautlos sitzen, bis ihn die Angst packte, der Vermummte könne wieder
zurückkommen. Mit aller Kraft hielt er das fliehende Bewusstsein noch fest,
richtete sich auf, taumelte vorwärts und tastete sich an der Wand entlang, als
suche er ein Loch, um sich zu verkriechen.
    Als er bei der Kellertreppe war, gab die nur angelehnte Tür dem Druck seiner
Hand nach, so dass er fast hinuntergestürzt wäre. Kaum sehend und ohne zu
überlegen tappte er so schnell wie möglich die finsteren Stufen hinunter, denn
schon glaubte er den Vermummten hinter sich. Als er im Keller war, spritzte
Wasser von seinen Schritten auf; es war Regenwasser, das bei schlechtem Wetter
hier unten Pfützen bildete. Endlich fand er einen trockenen Winkel; während er
sich niederliess und sich, voller Furcht und. Grauen, förmlich zusammenrollte,
hörte er noch von den Turmuhren zwölf schlagen, danach sah und fühlte er nichts
mehr.
    Um Viertel eins kamen die Daumerschen Frauen zurück. Anna, die im Flur
voranging, gewahrte die grosse Blutlache vor der Stiege und schrie auf.
Gleichzeitig kam der Kandidat Regulein aus seiner Wohnung und meinte: »Na, was
ist denn das für eine Bescherung!« Die alte Frau, die an nichts Schlimmes
dachte, äusserte sich, wahrscheinlich habe jemand Nasenbluten gehabt. Anna
jedoch, mehr und mehr voll Ahnung, wies auf die blutigen Fingerabdrücke hin, die
an der Mauer bis zur Kellertür sichtbar waren. Sie sprang hinauf, ihr erster
Gedanke war Caspar, sie suchte ihn in allen Zimmern und sagte zum Bruder: »Du,
da unten ist alles voll Blut.« Daumer erhob sich mit einem beklommenen Ausruf
vom Schreibtisch und eilte hinaus.
    Inzwischen war der Kandidat der Blutspur bis in den Keller gefolgt. Mit
heiserer Stimme schrie er von unten nach Licht und fügte gellend hinzu: »Da
unten ist er, da liegt der Hauser! Hilfe, Hilfe, schnell!«
    Alle drei Daumers stürzten in den Keller, Anna kam keuchend wieder zurück,
um die Kerze zu holen, die andern versuchten, den verkauerten Körper Caspars
aufzurichten, und dann trugen sie ihn selbdritt hinauf. »Zum Arzt, zum Arzt!«
kreischte Frau Daumer der entgegenrennenden Anna zu, die das Licht ausblies, zu
Boden warf und davonsprang.
    Als Caspar endlich oben auf dem Bett lag, wuschen sie das gestockte Blut von
seinem Gesicht, und es kam eine nicht unbedeutende Wunde inmitten der Stirn zum
Vorschein. Daumer lief mit gerungenen Händen im Zimmer auf und ab und stöhnte
fortwährend: »Das muss mir passieren! Das muss in meinem Haus passieren! Ich habs
ja gleich gesagt, ich habs immer gewusst!«
    Der Platz vor dem Haus war schon voller Menschen, als Anna mit dem Arzt
zurückkam. Im Flur standen einige Magistrats- und Polizeileute. Ein wenig später
erschien auch der Gerichtsarzt; beide Doktoren versicherten, dass die Wunde
ungefährlich sei, ob aber das Gemüt des Jünglings nicht eine bedenkliche
Erschütterung erlitten habe, liessen sie dahingestellt.
    Ein amtliches Protokoll konnte nicht aufgenommen werden, Caspar war immer
nur kurze Zeit bei Besinnung; er stammelte dann ein paar Worte, die allerdings
das, was mit ihm geschehen war, wie unter Blitzesleuchten erkennbar machten,
sprach von dem Vermummten, von seinen glänzenden Stiefeln und gelben
Handschuhen, fiel aber danach in heftige Wahn- und Fieberdelirien. Bei der
Besichtigung der Lokalität wurde der Weg entdeckt, auf dem der Unbekannte ins
Haus gedrungen war: unter der Stiege befand sich nämlich gegen den Baumannschen
Garten ein kleines Türchen, dessen Vorlegeschloss zersprengt war.
    Die Vernehmung Daumers war fruchtlos, er stand kaum Rede. Gegen Abend kam
Herr von Tucher und teilte mit, dass man einen Eilboten an den Präsidenten
Feuerbach abgefertigt habe.
    Das Bürgermeisteramt hatte sogleich umfassende Nachforschungen veranstaltet.
An allen Haupt- und Nebentoren der Stadt wurde die Wache zu erhöhter
Aufmerksamkeit verpflichtet; die Wirtshäuser und Herbergen, wo Leute gemeinen
Schlags sich aufzuhalten pflegten, wurden sorgfältig durchsucht, auch wurden die
Gendarmerie und die benachbarten Landgemeinden zu tätiger Vigilanz aufgefordert.
An die Amtstafel des Ratauses wurde eine öffentliche Bekanntmachung
angeschlagen, und zwei Aktuare und die halbe Polizeimannschaft wurden mit der
Verfolgung des Frevlers betraut.
    Die Untat geschah an einem Montag; eine zu leitende Gerichtsverhandlung
hinderte unglücklicherweise den Präsidenten, sofort nach Nürnberg zu kommen,
erst am Donnerstag traf er mit Extrapost in der Stadt ein und begab sich
unverzüglich aufs Rataus. Er liess sich vom Magistratsvorstand über die
polizeilichen Massregeln und deren Ergebnisse Bericht erstatten, zeigte sich aber
mit allem so unzufrieden und geriet über eine Reihe von Missgriffen in solchen
Zorn, dass die ganze Beamtenschaft den Kopf verlor. Über die vom Aktuar ihm
vorgelegten Protokolle und Zeugenaussagen machte er sarkastische Bemerkungen; da
war eine Hallwächtersfrau, welche am Schiessgraben beim Hauptspital einen
wohlgekleideten Herrn gesehen hatte, der sich in einer Feuerkufe die Hände
wusch; da war ein Öbstnerweib, die in Sankt Johannis einem Fremden begegnet war,
welcher sich bei ihr erkundigt hatte, wer am Tiergärtner-Tor Examinator sei und
ob man, ohne angehalten zu werden, in die Stadt gelangen könne; da waren
verdächtige Handwerksburschen und unterstandslose Strolche verhaftet worden; da
hatte man zwei Kerle beobachtet, den einen im hellen Schalk, den andern im
dunkeln Frack, die auf der Fleischbrücke zusammengekommen waren und einander
Zeichen gegeben hatten.
    »Zu spät, zu spät«, knirschte der Präsident. »Warum hat man nicht die
Namensliste der zu- und abgereisten Fremden in den Gastöfen kontrolliert?« fuhr
er den zitternden Aktuar an.
    »Die Spuren laufen nach vielen Richtungen«, bemerkte schüchtern der
Unglückliche.
    »Gewiss, die Unfähigkeit hat viele Wege«, antwortete der Präsident beissend,
und mit Bedeutung fügte er hinzu: »Hören Sie, Mann Gottes! Der Übeltäter, auf
den wir da fahnden, wäscht seine Hände nicht auf offener Strasse, er lässt sich
mit keinem Öbstnerweib in Gespräche ein und braucht keinen Examinator zu
fürchten. Zu niedrig habt ihr gegriffen, viel zu niedrig.«
    Er nahm einen Schreiber mit, um den Lokalaugenschein im Daumerschen Haus
nochmals selbst vorzunehmen. Der Magistratsrat Behold begleitete ihn und ward
ihm durch mannigfaches Reden lästig; unter anderm äusserte Behold, er habe
gehört, Professor Daumer wolle Caspar nicht länger behalten, und machte sich
erbötig, dem Jüngling in seinem Haus Obdach zu gewähren. Feuerbach hielt dies
für leeres Geschwätz und entledigte sich des Mannes, indem er ihn mit einem
Auftrag zu Herrn von Tucher schickte.
    Aber als er dann mit Daumer sprach, erregte dessen Zerfahrenheit sein
Befremden. Um ihn nicht noch mehr zu verwirren, legte Feuerbach das Verhör mit
ihm so an, dass es mehr einer freundschaftlichen Unterhaltung glich. Daumer
erinnerte sich der geheimnisvollen Begegnung, die Caspar vor der Egydienkirche
gehabt hatte, und rückte damit heraus.
    »Und davon erfährt man jetzt erst?« brauste der Präsident auf. »Und hatte
die Sache keine unmittelbaren Folgen? Haben Sie nachher nichts Verdächtiges
beobachtet?«
    »Nein«, stotterte Daumer, in Furcht gesetzt durch den stählern
durchdringenden Blick des Präsidenten. »Das heisst, eines fällt mir noch ein. ich
traf am selben Abend bei Frau Behold einen Herrn, der sich mir gegenüber in ganz
seltsamen Andeutungen oder Warnungen gefiel, wie man es auffassen soll, weiss ich
nicht.«
    »Was war der Mann? Wie hiess er?«
    »Man sagte, es sei ein zugereister Diplomat, des Namens entsinne ich mich
nicht. Oder doch, jawohl: Herr von Schloteim-Lavancourt; er soll sich aber
unter falschem Namen hier aufgehalten haben.«
    »Wie sah er aus?«
    »Dick, gross, ein wenig pockennarbig, ein hoher Fünfziger.«
    »Schildern Sie mir das Gespräch mit ihm.«
    Daumer gab, so gut er es vermochte, den Inhalt der Unterredung. Feuerbach
versank in langes Nachdenken, dann schrieb er einige Notizen in sein
Taschenbuch. »Lassen Sie uns zu Caspar gehen«, sagte er, sich erhebend.
    Caspars Stirn war noch verbunden; das Gesicht war beinahe so weiss wie das
Tuch; auch das Lächeln, womit er den Präsidenten empfing, war gleichsam weiss. Er
hatte bereits drei oder vier Verhöre überstanden; schon beim ersten hatte er
alles Erzählenswerte erzählt; das hielt den guten Amtsschimmel nicht ab, immer
wieder von neuem anzutraben, man fragte die Kreuz und Quer, um das Opfer auf
einem Widerspruch zu erwischen; mit Widersprüchen kann man arbeiten, wenn einer
jedesmal dasselbe sagt, wird die Geschichte aussichtslos. Der Präsident
unterliess das Fragen; er fand einen veränderten Menschen in Caspar; es war etwas
Beklommenes an ihm, sein Blick war weniger frei, nicht mehr so tiefstrahlend und
seltsam ahnungslos, näher an die Dinge gekettet.
    Während die Frauen sich über Caspars Befinden befriedigt äusserten, kam auch
der Arzt und bestätigte gern, dass von irgendwelcher Gefahr keine Rede mehr sein
könne. In einem Ton, der mehr Befehl als Wunsch entielt, sagte der Präsident,
er hoffe, dass in diesen Tagen fremde Besucher ohne Ausnahme abgewiesen würden.
Daumer erwiderte, das verstehe sich von selbst, erst diesen Morgen habe er einem
betressten Lakaien abschlägigen Bescheid geben lassen.
    »Es war der Diener eines vornehmen Engländers, der im Gastof zum Adler
wohnt,« fügte Frau Daumer hinzu; »er war übrigens nach einer Stunde noch einmal
da, um sich ausführlich zu erkundigen, wie es Caspar ginge.«
    Es klopfte an die Tür, Herr von Tucher trat ein, begrüsste den Präsidenten
und machte nach kurzer Weile eine überraschende Mitteilung: derselbe Engländer,
ein anscheinend sehr reicher Graf oder Lord, habe dem Bürgermeister einen Besuch
abgestattet und ihm hundert Dukaten überreicht als Belohnung für denjenigen, dem
es gelingen würde, den Urheber des an Caspar verübten Überfalls zu entdecken.
    Ein erstauntes Schweigen entstand, welches der Präsident mit der Frage
unterbrach, ob man wisse, weshalb sich der Fremde in der Stadt aufhalte. Herr
von Tucher verneinte. »Man weiss nur, dass er vorgestern abends angekommen ist,«
antwortete er; »ein Rad seines Wagens soll in der Nähe von Burgfarrnbach
gebrochen sein, und er wartet hier, bis der Schaden ausgebessert ist.« Der
Präsident zog die Brauen zusammen, Argwohn umdüsterte seinen Blick; so wird der
Jagdhund stutzig, wenn sich abseits von verwirrenden Fährten eine neue Spur
zeigt. »Wie nennt sich der Mann?« fragte er scheinbar gleichgültig.
    »Der Name ist mir entfallen,« entgegnete Baron Tucher, »doch soll es in der
Tat ein hoher Herr sein, Bürgermeister Binder preist seine Leutseligkeit in
allen Tönen.«
    »Hohe Herren gelten schon für leutselig, wenn sie einem auf den Fuss treten
und sich nachher freundlich entschuldigen«, liess sich Anna, die an Caspars Bett
sass, naseweis vernehmen. Daumer warf ihr einen strafenden Blick zu, doch der
Präsident brach in eine schmetternde Lache aus, die auf alle ansteckend wirkte;
noch minutenlang kicherte er vor sich hin und zwinkerte vergnügt mit den Augen.
    Bloss Caspar nahm an dem heiteren Zwischenspiel keinen Teil, sein Blick war
nachdenklich ins Freie gerichtet, er wünschte jenen Mann zu sehen, der aus
weiter Ferne kam und soviel Geld hergab, damit der gefunden werde, der ihn
geschlagen. Aus weiter Ferne! Das war es; nur aus weiter Ferne konnte kommen,
wonach Caspar Verlangen trug, vom Meere her, von unbekannten Ländern her. Auch
der Präsident kam aus der Ferne, aber doch nicht von so weit, dass seine Stirn
gefärbt war von fremdem Schein, dass ein süsser Wind an seinen Kleidern hing oder
dass seine Augen wie die Sterne waren, ohne Vorwurf, ohne das ewige Fragen. Der
aus der Ferne kam, im silbernen Kleid vielleicht und mit vielen Rossen, der
brauchte nicht zu fragen, er wusste alles von selbst, die andern aber, alle die
Nahen, die immer da waren, immer hereingingen und immer wieder fort, sie sahen
niemals aus, als ob sie von schäumenden Rossen gestiegen wären, ihr Atem war
dumpf wie Kellerluft, ihre Hand müde wie keines Reiters Hand; ihr Antlitz war
vermummt, nicht schwarz vermummt wie das Gesicht dessen, der ihn geschlagen und
der ihm so nah gewesen wie keiner sonst, sondern undeutlich vermummt; darum
redeten sie mit unreiner Stimme und in verstellten Tönen, und darum war es auch,
dass Caspar sich jetzt verstellen musste und nicht mehr imstande war, ihnen fest
ins Auge zu sehen und alles zu sagen, was er hätte sagen können. Er fand es
heimlicher und trauriger zu schweigen als zu reden, besonders wenn sie darauf
warteten, dass er reden solle; ja, er liebte es, ein wenig traurig zu sein, viele
Träume und Gedanken zu verbergen und sie zu dem Glauben zu bringen, dass sie ihm
doch nicht nahkommen könnten.
    Daumer war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und zu bedrückt von der
bevorstehenden Ausführung eines unabänderlichen Entschlusses, um darauf zu
achten, ob Caspar ihm noch in derselben kindlich offenen Weise entgegenkomme wie
sonst. Erst Herr von Tucher war es, der auf gewisse Sonderbarkeiten in Caspars
Betragen hinwies, und er liess auch gegen den Präsidenten einige Andeutungen
darüber fallen, als sie zusammen aus dem Daumerschen Haus gingen. Der Präsident
zuckte die Achseln und schwieg. Er bat den Baron, ihn nach dem Gastof zum Adler
zu begleiten; dort erkundigten sie sich, ob der englische Herr zu Hause sei,
erfuhren jedoch, dass Seine Herrlichkeit Lord Stanhope, so drückte sich der
Kellner aus, vor einer knappen Stunde abgereist war. Der Präsident war
unangenehm überrascht und fragte, ob man wisse, welche Richtung der Wagen
genommen habe; das wisse man nicht genau, ward geantwortet, doch da er das
Jakobstor passiert, sei zu vermuten, dass er die Richtung nach Süden, etwa nach
München eingeschlagen habe.
    »Zu spät, überall zu spät«, murmelte der Präsident. »Ich hätte gern gewusst«,
wandte er sich an Herrn von Tucher, »was Seine Herrlichkeit bewogen hat, soviel
Dukaten aufs Rataus zu tragen.« Das Gesicht Feuerbachs war dermassen zerarbeitet
von Gedanken und Sorgen, von der Anstrengung einer beständigen Wachsamkeit wie
von der Glut eines zehrenden Temperaments, dass es dem eines Kranken oder eines
Besessenen glich.
    Und so war es seit Monaten. Die ihm unterstellten Beamten fürchteten seine
Gegenwart; die geringste Pflichtverletzung, ja, der geringste Widerspruch
brachte ihn zur Raserei, und waren die Ausbrüche seines Zornes schonvon jeher
furchtbar gewesen, so zitterten sie jetzt um so mehr davor, als der
unbedeutendste Anlass einen solchen Sturm heraufbeschwören konnte. Dann gellte
seine Stimme durch die Hallen und Korridore des Appellgerichts, die Bauern auf
dem Markt unten blieben stehen und sagten bedauernd: »Die Exzellenz hat das
Grimmen«, und vom Regierungsrat bis zum letzten Schreibersmann sass alles blass
und artig auf den Stühlen.
    Vielleicht hätten sie williger dies Joch getragen, wenn sie gewusst hätten,
welche Pein dadurch dem Urheber selbst bereitet ward, wie sehr er, besiegt durch
sein eignes Wüten, Scham und Reue litt, so dass er bisweilen, wie um durch
irgendeine Handlung sich loszukaufen, dem erstbesten Bettler auf der Gasse eine
Silbermünze hinwarf. Sie ahnten freilich nicht, dass die trüben Nebel dieser
Laune ein bewegtes Widerspiel von Pflicht und Ehre bargen und dass hier ein
Genius am Werk war, um inmitten scheinbarer Unrast und Friedlosigkeit ein
Wunderwerk der Kombination zu schaffen und mit wahrem Seherblick eine Hölle von
Verworfenheit und Missetat zu durchdringen.
    Mit Zaubrerhand war es ihm gelungen, aus den dunkeln Fäden, die das
Schicksal Caspar Hausers an eine unbekannte Vergangenheit banden, ein Gewebe zu
knüpfen, auf welchem jählings wie in Brandlettern flammte, was durch die Fügung
der Umstände und die Zeit selbst mit Finsternis bedeckt war.
    Voll Schrecken stand er vor seiner Schöpfung, denn der Boden seiner Existenz
wankte unter ihm. Es gab für ihn keinen Zweifel mehr. Aber durfte er es wagen,
mit der fürchterlichen Wahrheit auf den Plan zu treten und die Rücksicht
hintanzusetzen, die ihm durch sein Amt und das Vertrauen seines Königs auferlegt
war? Schien es nicht besser, das Geschäft des Spions in Heimlichkeit weiter zu
betreiben, um den ränkevollen Gewalten, tückisch wie sie selbst, erst bei
gelegener Stunde in den Rücken zu fallen? Es war nichts zu gewinnen, nicht
einmal Dank, aber alles war zu verlieren.
    O Qual, dachte er oft in schlaflosen Nächten, sonderbare Qual, dem
rechtlosen Treiben als bestellter Wächter und mit untätiger Hand zusehen zu
müssen, gross und kleine Sünde am ungenügenden Gesetz zu messen, die Feder auf
den Buchstaben zu spiessen, indes das Leben seine Bahn läuft und Form auf Form
gebiert, zerstört, niemals Herr der Taten zu sein, immer Spürhund der Täter und
nie zu wissen, was zu verhüten sei, was zu befördern!
    Er wäre nicht der gewesen, der er war, wenn er nicht einen Weg zwischen
Öffentlichkeit und feigem Verschweigen gefunden hätte, der seiner Selbstachtung
Genüge tat. Er richtete ein ausführliches Memorial an den König, worin er mit
bedächtiger Gliederung aller Merkmale den Fall darlegte, frei und kühn vom
Anfang bis zum Ende; ein Hammerschlag jeder Satz.
    Das Schriftstück begann mit der Auseinandersetzung, dass Caspar Hauser kein
uneheliches, sondern ein eheliches Kind sein müsse.
    Wäre er ein uneheliches Kind, hiess es, so wären leichtere, weniger grausame
und weniger gefährliche Mittel angewendet worden, um seine Abstammung zu
verheimlichen, als die ungeheure Tat der viele Jahre lang fortgesetzten
Gefangenhaltung und endlichen Aussetzung. Je vornehmer eines der Eltern war,
desto müheloser konnte das Kind entfernt werden, und noch weniger Ursache zu so
bedeutenden und verräterischen Anstalten hätten Leute geringen Standes und
geringen Vermögens gehabt; das Brot und Wasser, welches Caspar im Verborgenen
verzehren musste, hätte man ihm auch vor aller Welt reichen dürfen. Denkt man
sich Caspar als uneheliches Kind hoher oder niedriger, reicher oder armer
Eltern, in keinem Fall steht das Mittel im Verhältnis zum Zweck. Und wer
übernimmt grundlos die Last eines so schweren Verbrechens, zumal wenn er dabei
die angstvolle Plage hat, es für unabsehbare Zeit Tag für Tag wieder und wieder
verüben zu müssen? Aus alledem geht hervor, so fuhr der unerbittliche Ankläger
fort, dass sehr mächtige und sehr reiche Personen an dem Verbrechen beteiligt
sind, welche über gemeine Hindernisse unschwer hinwegschreiten, welche durch
Furcht, ausserordentliche Vorteile und glänzende Hoffnungen willige Werkzeuge in
Bewegung setzen, Zungen fesseln und goldene Schlösser vor mehr als einen Mund
legen können. Liesse es sich sonst erklären, dass die Aussetzung Caspars in einer
Stadt wie Nürnberg am hellen Tage erfolgen und der Täter spurlos verschwinden
konnte; dass durch alle seit vielen Monaten mit unermüdlichem Eifer betriebenen
Nachforschungen kein rechtlich geltend zu machender Umstand entdeckt werden
konnte, der auf einen bestimmten Ort oder einen bestimmten Menschen führte, dass
selbst hohe Belohnungen keine einzige befriedigende Anzeige veranlassten?
    Deshalb muss Caspar eine Person sein, mit deren Leben oder Tod weittragende
Interessen verkettet sind, folgerte Feuerbach. Nicht Rache und nicht Hass konnten
Motive zur Einkerkerung gewesen sein, sondern er wurde beseitigt, um andern
Vorteile zuzuwenden und zu sichern, die ihm allein gebührten. Er musste
verschwinden, damit andre ihn beerben, damit andre sich in der Erbschaft
behaupten konnten. Er muss von hoher Geburt sein, dafür sprechen merkwürdige
Träume, die er gehabt und die sonst nichts sind als wiedererwachte Erinnerungen
aus früher Jugend, dafür sprechen der ganze Verlauf seiner Gefangenschaft und
die daraus sich ergebenden Schlüsse; er wurde freilich im Kerker gehalten und
spärlich ernährt, aber man hat Beispiele von Menschen, die nicht in böswilliger,
sondern in wohltätiger Absicht eingekerkert wurden, nicht um sie zu verderben,
sondern um sie gegen diejenigen zu schützen, die ihnen nach dem Leben
getrachtet. Vielleicht auch, dass durch sein blosses Dasein ein Druck ausgeübt
werden sollte auf jemand, der mit zauderndem Gewissen an der Unternehmung
teilgehabt und doch nicht wagen durfte, Einspruch zu erheben Es wurde Sorgfalt
und Milde an Caspar geübt; warum? Warum ha ihn der Geheimnisvolle nicht getötet?
Warum nicht einen Tropfen Opium mehr in das Wasser getan, das ihn bisweilen
betäuben sollte? Das Verlies für den Lebendigen wurde ein doppelt sicheres für
der Toten.
    Wenn nun in irgendeiner hohen, oder nur vornehmen, oder nur angesehenen
Familie in Caspars Person ein Kind verschwunden wäre, ohne dass man über dessen
Tod oder Leben und wie es hinweggekommen, etwas in Erfahrung brachte, so müsste
doch längst öffentlich bekannt sein, in welcher Familie dies Unglück
vorgefallen. Da aber seit Jahren und unerachtet Caspars Schicksal ein
weitbesprochenes Ereignis geworden, nicht das mindeste davon verlautet hat, so
ist Caspar unter den Gestorbenen zu suchen. Das will heissen: ein Kind wurde für
tot ausgegeben und wird noch jetzt dafür gehalten, welches in Wirklichkeit am
Leben ist, und zwar in der Person Caspars; das will heissen, ein Kind, in dessen
Person der nächste Erbe oder der ganze Mannesstamm seiner Familie erlöschen
sollte, wurde beiseite geschafft, um nie wieder zu erscheinen; es wurde diesem
Kind, das vielleicht gerade krank gelegen, ein andres, totes oder sterbendes
Kind unterschoben, dieses als tot ausgestellt und begraben und so Caspar in die
Totenliste gebracht. War der Arzt im Spiel, hatte er Befehl, das Kind zu morden,
fand er jedoch in seinem Herzen oder in seiner Klugheit Gründe, den Auftrag
scheinbar zu vollziehen und das Kind zu retten, so konnte der fromme Betrug
leichterdings vollzogen werden. Hier handelte jeder auf höhere Weisung, aber wo
war der gebietende Mund? Wo der mächtige Geist, der ein solches Gewicht von
Verantwortung für ewige Zeiten zu tragen unternahm? Wo das Haus, in welchem das
Unerhörte geschah?
    An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Präsidenten, tagelang,
wochenlang. Nicht aus Schwäche noch aus Wankelmut, sondern mit dem schmerzlichen
Zagen eines Feldherrn, der des Unheils und Verderbens sicher ist, wie immer die
Schlacht auch enden möge. Die Krone von einem Fürstenhaupt zu reissen und mit
Fingern auf das befleckte Diadem deuten, hiess das nicht, die Majestät auch des
eignen Königs beleidigen, geheiligte Überlieferungen mit Füssen treten, die
unmündigen Völker zum Widerpart stacheln? Doch wie nie zuvor empfand er die
zeugende Gewalt des Wortes und wie Wahrheit aus Wahrheit fliesst und drängt.
    Er nannte das Haus mit Namen. Er wies nach, dass das alte Geschlecht
jählings, in auffallender Weise und gegen jede menschliche Vermutung im
Mannesstamm erloschen sei, um einem aus morganatischer Ehe entsprossenen
Nebenzweig Platz zu machen. Nicht etwa in einer kinderlosen, sondern in einer
mit Kindern wohlgesegneten Ehe hatte sich dies Aussterben ereignet, und nur die
Söhne starben, die Töchter aber lebten weiter. So wurde die Mutter zur
wahrhaften Niobe, doch traf Apollos tötendes Geschoss ohne Unterschied Söhne und
Töchter, hier aber ging der Würgengel an den Töchtern vorüber und erschlug die
Söhne. Und nicht bloss auffallend, sondern einem Wunder ähnlich, dass der
Würgengel schon an der Wiege der Knaben stand und sie herausgriff mitten aus der
Reihe blühender Schwestern. Wie wäre es erklärbar, fragte Feuerbach, dass eine
Mutter demselben Vater drei gesunde Töchter gebiert und als Söhne lauter
Sterblinge? Darin ist kein Zufall behauptete er furchtlos, sondern System, oder
man muss glauben, die Vorsehung selbst habe einmal in den gewöhnlichen Lauf der
Natur eingegriffen und Ausserordentliches getan, um einen politischen Streich
auszuführen. Nicht lange nach dem Erscheinen Caspars hat sich in Nürnberg das
Gerücht verbreitet, Caspar sei ein für tot ausgegebener Prinz jenes Geschlechts,
und immer wieder redeten die dunkeln Stimmen, sogar von einer angeblichen
Geistererscheinung wurde, wie öffentliche Blätter erzählten, die Behauptung
gewagt, dass die gegenwärtigen Regenten den Tron durch Usurpation besässen und
dass noch ein echter Prinz am Leben sei. Gerüchte sind freilich nur Gerüchte;
aber sie fliessen oft aus guten Quellen; sie haben, wo es geheime Verbrechen
gibt, häufig ihre Entstehung darin, dass ein Mitschuldiger geplaudert, oder mit
seinem Vertrauen zu freigebig gewesen, oder eine Unvorsichtigkeit begangen oder
sein Gewissen erleichtern wollte, oder seine getäuschten Hoffnungen zu rächen
sich vorgesetzt, oder im stillen die Entdeckung der Wahrheit herbeizuführen
gesucht, ohne die Rolle des Verräters spielen zu müssen.
    Der Präsident nannte nicht bloss die Dynastie mit Namen und das Land, das ihr
erbeigen war, er nannte auch den Fürsten, dessen plötzlicher Tod vor mehr als
einem Jahrzehnt Argwohn erregt hatte, er nannte die Fürstin, die, von
hocherlauchter Abkunft, in selbsterwählter Einsamkeit ein unfassbares Geschick
betrauerte; er nannte diejenigen, die so über Leichen hinweg zum Tron
geschritten, und neben dem Bild eines schwachen, doch ehrgeizigen Mannes tauchte
die Gestalt eines Weibes auf, voll von dämonischem Wesen, der regierende Wille
über dem grausen Geschehen.
    Es war etwas von der Bitterkeit eignen Erlebens in den unumwundenen
Hinweisen des Präsidenten. Denn er kannte die höfische Welt, in der Tücke und
Hinterlist in eine Wolke von Wohlgerüchen gebettet sind und wo die Niedertracht
ihre Opfer mit heuchlerischen Gnaden betäubt; er hatte ihre Luft geatmet, er
hatte von ihren Tischen gespeist, von ihrem Gift genossen, den besten Teil
seines Lebens und seiner Kräfte in ihrem Dienst vergeudet und war für die
reinste Hingebung mit Schmach und Verfolgung belohnt worden; er kannte ihre
Kreaturen und Helfershelfer, er kannte sie, denen die Geschichte nichts bedeutet
als eine Stammbaumchronik, Religion eine Priesterlitanei, Philosophie einen
fluchwürdigen Jakobinismus, Politik einen Blindekuhreigen mit Noten und
Protokollen, der Staatshaushalt ein Rechenexempel ohne Probe, Menschenrechte ein
Pfänderspiel, der Monarch ein Schild ihrer eignen Grösse, das Vaterland ein
Pachtgut und Freiheit das sträfliche Vermessen aberwitziger Toren. Die
unersetzlichen Jahre schrien hinter seinen Worten hervor, erlittene
Zurücksetzung und ein verfinsterter Geist. Er wollte seiner selbst nicht
gedenken, doch die Worte entschleierten seinen Gram, wenn auch nicht für das
Auge des Königs, der nur zu lesen brauchte, was geschrieben stand.
    Die Schrift ward unter Anwendung peinlicher Vorsicht abgesandt, damit sie in
keine andern Hände als in die des Regenten gerate, und der Präsident wartete von
Woche zu Woche vergeblich auf Erwiderung, auf einen Bescheid, auf irgendein
Zeichen. Da kam die Kunde von dem Mordanfall auf Caspar. Feuerbach reiste nach
Nürnberg; seine eignen Massnahmen hatten so wenig Erfolg wie die der Polizei. Am
zehnten Tag seines Aufentalts erhielt er ein Schreiben aus der königlichen
Privatkanzlei, worin mit gebührendem Dank von seinen Mitteilungen Notiz genommen
und mit Anerkennung des nicht genug zu bestaunenden Scharfsinns in der
Entwirrung verwickelter Verhältnisse gedacht war, das aber in allen wesentlichen
Punkten eine spröde Zurückhaltung zeigte; man werde prüfen; man werde überlegen;
man müsse abwarten; gewichtige Rücksichten seien zu beachten; leicht erklärliche
Beziehungen legten unbequeme Pflichten auf; die Natur des Unglaublichen selbst
veranlasse eher zur Verwunderung, zur Bestürzung als zu unbesonnenem Eingreifen;
doch verspreche man, ja man verspreche; vor allem werde Schweigen empfohlen,
unbedingtes Schweigen; bei Verlust aller Gnade dürfe keine derartige Kunde als
autentisch durch den Mund eines hohen Staatsbeamten nach aussen dringen: man
erwarte über den Punkt Verständigung und Unterwerfung.
    Die Wirkung dieses geheimen Erlasses, mit welchem man ihm zugleich
schmeichelte und drohte, der einer freundlich dargereichten Hand glich, worin
der geschliffene Dolch blitzte, war um so heftiger, als der Inhalt längst geahnt
und gefürchtet war. Feuerbach schäumte. Er zertrat das Sendschreiben mit den
Füssen; er rannte mit keuchender Brust, die Fäuste gegen die Schläfen gedrückt,
eine ganze Weile im Zimmer auf und ab, dann stürzte er aufs Bett, das Sausen
seiner Pulse beängstigte ihn, und er erlöste sich schliesslich in einem lauten,
langen Gelächter voll Wut und Zorn.
    Dann blieb er stundenlang liegen und konnte nichts andres denken als das
einzige Wort: Schweigen, Schweigen, Schweigen.
    An demselben Nachmittag war der Bürgermeister Binder mehrmals im, Gastof
gewesen und hatte den Präsidenten zu sprechen gewünscht. Der Kellner war stets
mit dem Bescheid zurückgekommen, sein Pochen sei vergeblich, der Herr Staatsrat
scheine zu schlafen oder wünsche nicht gestört zu werden. Gegen Abend kam Binder
wieder und wurde endlich vorgelassen. Er fand den Präsidenten in ein Aktenheft
vertieft, und seine Entschuldigung wurde mit der verletzend kurzen Bitte
erwidert, er möge zur Sache kommen.
    Der Bürgermeister trat betroffen einen Schritt zurück und sagte stolz, er
wisse nicht, wodurch er sich das Missfallen Seiner Exzellenz zugezogen haben
könne, doch wie dem auch sei, er müsse eine derartige Behandlung zurückweisen.
Da erhob sich Feuerbach und entgegnete: »Ums Himmels willen, Mann, lassen Sie
das! Wer auf einem Scheiterhaufen schmort, hat einigen Grund, wenn er die Regeln
der Höflichkeit vergisst!«
    Binder senkte den Kopf und schwieg verwundert. Dann erklärte er den Zweck
seines Besuchs. Dass Daumer die Absicht habe, Caspar aus seinem Haus zu
entfernen, sei dem Präsidenten wahrscheinlich bekannt. Da nun der Jüngling
soweit hergestellt sei, habe sich Daumer entschlossen, damit nicht hinzuwarten,
sondern ihn baldmöglichst zu den Beholdischen zu bringen, die Caspar mit Freuden
aufnehmen wollten. Alles dies sei genügend besprochen und man wünsche nur, den
Präsidenten zu unterrichten, und bitte um seine Guteissung.
    »Ja, ich weiss, dass Daumer die Geschichte satt hat«, antwortete Feuerbach
verdriesslich. »Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus. Niemand hat Lust, sein Haus
zu einer umlauerten Mordstätte werden zu lassen, obwohl dagegen Massregeln
ergriffen werden können, werden müssen. Von heute ab soll Caspar unter genauer
polizeilicher Überwachung stehen; die Stadt haftet mir für ihn. Doch warum hat
Daumer solche Eile? Und warum gibt man Caspar in die Familie Behold, warum nicht
zu Herrn von Tucher oder zu Ihnen?«
    »Herr von Tucher ist während der nächsten Monate berufshalber gezwungen,
seinen Aufentalt in Augsburg zu nehmen, und ich -« der Bürgermeister zögerte,
und sein Gesicht wurde vorübergehend bleich, »was mich betrifft, mein Haus ist
kein Ort des Friedens.«
    Rasch schaute der Präsident empor; sodann ging er hin und reichte Binder
stumm die Rechte. »Und was ist es mit diesen Beholds? Was sind es für Leute?«
fragte er ablenkend.
    »Oh, es sind gute Leute«, versetzte der Bürgermeister etwas unsicher. »Der
Mann jedenfalls; ist ein geachteter Kaufherr. Die Frau ... darüber sind die
Meinungen geteilt. Sie gibt viel auf Putz und dergleichen, verschwendet viel
Geld. Böses kann man ihr nicht nachsagen. Da es für Caspar, wie wir ja
verabredet, von Vorteil ist, wenn er jetzt die öffentliche Schule besucht,
genügt schliesslich die blosse Beaufsichtigung in einem Kreis anständiger
Menschen.«
    »Haben die Leute Kinder?«
    »Ein dreizehnjähriges Mädchen.« Der Bürgermeister, dem es wie aller Welt
wohlbekannt war, dass Frau Behold diese Tochter schlecht behandelte, wollte noch
etwas hinzufügen, um sein Gewissen zu beruhigen, doch da wurden Daumer und der
Magistratsrat Behold gemeldet. Der Präsident liess bitten. Alsbald zeigte sich
das freundlich grinsende Gesicht des Rats; der feierliche schwarze Kinnbart
stand in einem komischen Gegensatz zu dem schon ergrauten Kopfhaar, das in
feuchten Strähnen pomadeduftend über die Stirn hing.
    Unter beständigen Verbeugungen trat er auf Feuerbach zu, der ihn nur eines
flüchtigen Grusses würdigte und sich sogleich an Daumer wandte. Dieser wagte kaum
dem forschenden Auge des Präsidenten zu begegnen, und die Frage, ob man Caspar
die innere und äussere Anstrengung eines so durchgreifenden Wechsels schon
zumuten dürfe, beantwortete er durch verlegenes Schweigen. Als sich Herr Behold
ins Gespräch mischte und versicherte, Caspar solle in seinem Haus wie ein
leiblicher Sohn betrachtet werden, unterbrach ihn der Bürgermeister mit den fast
widerwillig hervorgepressten Worten, darauf halte er nichts; wie man an Caspar
selbst sehe, gebe es ja Eltern, die ihre leiblichen Kinder verkümmern liessen.
Der Rat machte ein verlegenes Gesicht, rieb seine ausgemergelten Finger an der
Stuhlkante und stotterte, er könne nichts weiter sagen; was an ihm läge, wolle
er tun.
    Der Präsident, stutzig geworden durch die beziehungsvollen Reden, sah die
beiden Männer abwechselnd an. Darauf trat er dicht vor Daumer hin, legte die
Hand auf dessen Schulter und fragte ernst: »Muss es denn sein?«
    Daumer seufzte und entgegnete bewegt: »Exzellenz, wie hart mein Entschluss
mich ankommt, das weiss nur Gott.«
    »Gott mag es wissen«, versetzte der Präsident grollend, und seine
untersetzte feiste Gestalt schien plötzlich drohend zu wachsen, »aber wird er es
darum schon billigen? Wenn man Stein und Stahl zusammenschlägt, gibt es Funken;
wehe aber, wenn bloss Schmutz und Krümel vom Stein fliegen. Da ist keine Dauer
und keine Tüchtigkeit der Natur.«
    Er kanzelt mich schon wieder ab, dachte Daumer, und die Röte des Unwillens
stieg ihm ins Gesicht. »Ich habe getan, was in meinen Kräften stand«, sagte er
hastig und mit Trotz. »Ich verschliesse Caspar nicht mein Haus. Und mein Herz
schon ganz und gar nicht. Aber erstens kann ich keine Gewähr für seine
Sicherheit mehr leisten, und ich glaube, niemand kann es. Wie ist es möglich,
Säemann zu sein auf einem Acker, unter dem ein verderbliches Feuer gloset und
jeden Samen verbrennt? Und dann, was mehr ist, ich bin enttäuscht, ich gestehe
es, ich bin enttäuscht. Nie will ich vergessen, was mir Caspar gewesen ist, wer
könnte ihn auch vergessen! Aber das Wunder ist vorüber, die Zeit hat es
aufgefressen.«
    »Vorüber, ja vorüber,« murmelte Feuerbach düster, »das Wort musste fallen.
Die Augen werden stumpf vom Schauen ins Licht. Die Söhne werden verstossen, wenn
sie unsrer Liebe ein Übermass abnötigen. Aber der Bettler kriegt seine
Bettelsuppe. Meine geschätzten Herren,« fuhr er laut und förmlich fort, »tun
Sie, wie Ihnen beliebt; in jedem Fall, dessen seien Sie eingedenk, bleiben Sie
mir für das Wohl Caspars verantwortlich.«
    Als Daumer auf der Strasse war, ärgerte er sich noch immer über den Ton und
die Worte des Präsidenten. Doch zugleich konnte er sich seine
Selbstunzufriedenheit nicht verhehlen. In einer der verödeten Strassen nahe der
Burg begegnete er dem Rittmeister Wessenig. Daumer war froh, eine Ansprache zu
haben, und begleitete den Mann bis zur Reiterkaserne. Von Anfang an lenkte der
Rittmeister die Unterhaltung auf Caspar, und Daumer bemerkte nicht oder wollte
nicht bemerken, dass die Gesprächigkeit des Rittmeisters einen hohnvollen
Beigeschmack hatte.
    »Eine geheimnisvolle Sache, das mit dem Vermummten«, meinte Herr von
Wessenig, plötzlich deutlicher werdend. »Sollte es Leute geben, die daran
ernstlich glauben? Am hellichten Tag dringt ein Kerl, ein Kerl mit Handschuhen,
bitte, dringt in ein bewohntes Haus, hängt sich einen Schleier übers Gesicht und
zieht ein Beil aus der Tasche? Oder sollte er das Beil vorher offen über die
Strasse getragen haben? Mit Handschuhen, wie? Beim heiligen Tommasius, das ist
eine gewaltige Räuberhistorie!«
    Da Daumer nichts antwortete, fuhr der Rittmeister eifrig fort: »Nehmen wir
einmal an, der famose Vermummte hat die Absicht gehabt, den Burschen zu töten.
Warum dann die unbedeutende Wunde? Er brauchte ja nur ein bisschen kräftiger
zuzuschlagen, und alles war aus, der Mund, der ihn verraten musste, war stumm.
Man muss rein glauben, der behandschuhte Mörder hat sein Opfer einstweilen nur
ein bisschen kitzeln wollen. Wahrhaftig, eine kitzlige Geschichte. Alle meine
Bekannten, parole d'honneur, lieber Professor, sind empört über die
Leichtgläubigkeit, die sich von so albernem Spuk zum besten halten lässt.«
    Daumer hielt es für unter seiner Würde, Zorn oder Entrüstung zu zeigen. Er
stellte sich, als hätte er nicht übel Lust, dem Rittmeister beizustimmen, und
fragte gelehrig, wie man sich aber den ganzen Vorgang zu denken habe. Herr von
Wessenig zuckte vielsagend die Achseln; er mochte heftiges Aufbrausen und
scharfe Zurechtweisung erwartet haben, und weil dies nicht eintraf, legte er
sein verhaltenfeindseliges Wesen ab, war jedoch vorsichtig genug, sich nur in
allgemeinen Vermutungen zu äussern. »Vielleicht ist der gute Hauser betrunken
gewesen und auf der Treppe gefallen und hat dann die Mordsgeschichte ausgeheckt,
um sich interessant zu machen. Das wäre ja noch harmlos. Andre sehen bei weitem
schwärzer; man traut dem Halunken schon zu, dass er seine Wohltäter durch einen
feingefädelten Streich hinters Licht geführt hat.«
    Jetzt vermochte Daumer nicht mehr, an sich zu halten. Er blieb stehen,
wehrte mit beiden Händen ab, als drängen die Reden seines Begleiters wie giftige
Fliegen auf ihn ein, und stürzte ohne Wort noch Gruss davon.
    Das ist also die Welt, das sind ihre Stimmen, dachte er bestürzt; das zu
denken, ist möglich, es auszusprechen, steht jedem Mund frei! Und dieser Abgrund
von Unsinn und Bosheit soll dich verschlingen, armer Caspar! Wenn du auch nicht
der Himmelszeuge bist, den ich wähnte, über ihnen schwebst du doch wie der Adler
über Koboldsgezücht. Freilich, sie werden dir die Flügel brechen; vergebens wird
die Schuldlosigkeit aus deinem Innern strahlen, sie werden es nicht sehen;
vergebens wirst du vor ihnen weinen und vergebens lächeln, du wirst ihre Hand
fassen und vor Kälte schaudern, du wirst sie anblicken, und sie werden stumm
sein, angstvoll sucht dein Geist die Wege zu ihnen, und Verrat führt dich auf
den verderblichsten von allen ...
    Man ist Prophet und hat ein mitleidiges Gemüt; man kennt die Menschen, man
weiss, dass das Feuer brennt, dass die Nadel sticht, und dass der Hase, wenn er
angeschossen wird, ins Gras fällt und stirbt; man kennt die Folgen dessen, was
man tut, nicht wahr, Herr Daumer? Aber ist dies etwa ein Grund, den
Geschehnissen, wie einem Feind, der das Schwert erhoben hat, in die Arme zu
fallen und den Schlag abzuwenden? Nein, es ist kein Grund. Oder ist es nur
Grund, ein kleines Entschlüsschen rückgängig zu machen? Nein, es ist kein Grund.
Darin haben die Idealisten und Seelenforscher nichts voraus vor Dieben und
Wucherern.
    Man geht nach Hause, philosophierend geht man nach Hause, legt sich
schlafen, und am nächsten Morgen sieht die Welt weit annehmbarer aus als am
gestrigen, reichlich verstimmten Abend.
 
                                 Das Amselherz
Vierundzwanzig Stunden später hält eine Kutsche vor dem Daumerschen Haus, und
Frau Behold selber kommt, um Caspar zu holen. Wirklich, Frau Behold hat sichs
etwas kosten lassen, eine schwarzlackierte Kutsche mit zwei Pferden und einen
Mann mit goldenen Knöpfen auf dem Bock.
    Caspar wird von Daumer und den beiden Frauen zum Tor geleitet, auch der
Kandidat Regulein verlässt seine Junggesellenklause. Anna kann sich der Tränen
nicht erwehren, Daumer blickt finster vor sich hin, Frau Behold gibt dem
Kutscher ein Zeichen, die Rosse schnauben, die Räder rollen, und die
Zurückbleibenden schauen stumm in die Dunkelheit, die das Gefährt verschlingt.
    Das war der Abschied, und Caspar wars, als gehe es weit fort. Aber es ging
nur von einem Haus auf der Schütt zu einem Haus am Markt. Es war dies ein
schmales, hohes Haus, welches so eingepresst stand zwischen zwei andern, dass es
aussah, als fehle ihm die Luft zum Atmen. Es hatte einen gezinnten Giebel,
steilabhängend wie die Schultern eines verhungerten Kanzlisten, die Fenster
hatten nichts Freischauendes, sondern etwas Blinzelndes, das Tor war seltsam
versteckt, und innen wand sich eine dunkle Treppe in vielen Biegungen, gleichsam
in vielen Ausreden durch die Stockwerke; die alten Treppen knarrten und stöhnten
bei jedem Schritt, und wenn die Türen geöffnet wurden, floss nur ein dämmeriges
Licht aus den Stuben.
    Caspar wohnte in einem Gemach gegen den viereckigen Hof; vor den Fenstern
lief eine Holzgalerie mit verschnörkeltem Geländer, auf jeder Seite waren
grünverhangene Glastüren, und unten stand ein eiserner Brunnen, aus dem kein
Wasser floss.
    Das Wunderliche lag darin, dass draussen der Markt war, wo viele Menschen laut
redeten, wo die Händler ihre kleinen Läden und Verkaufszelte hatten, wo von
morgens bis abends Frauen feilschten, Kinder kreischten, Rosse wieherten, das
Geflügel gackerte, und dass man bloss das Tor hinter sich zu schliessen brauchte,
und es wurde so still, als ob man in die Erde hineingestiegen sei.
    Dies machte Caspar im Anfang Spass. Es glich einem Versteckenspiel; er fand
es lustig, sich zu verstecken, und gelegentlich sah er es darauf ab, ein andres
Gesicht zu zeigen, als ihm zu Sinn war, oder andre Dinge zu sagen, als man von
ihm erwartete. An einem der ersten Tage verlor Frau Behold ein silbernes
Kettchen; Caspar behauptete, es im Vorplatz gesehen zu haben, obwohl er es
keineswegs gesehen hatte.
    Es wurde ihm verboten, ohne Erlaubnis das Haus zu verlassen. Er fragte, wer
es verboten habe, da wurde ihm geantwortet, Frau Behold habe es verboten, und
als er sich an Frau Behold wandte, sagte sie, der Magistratsrat habe es
verboten, und als er sich an den Magistratsrat wandte, sagte der, der Präsident
habe es verboten. Dermassen war alles verzwickt und versteckt in diesem Haus.
    Einmal wollte Frau Behold in sein Zimmer gehen; sie fand es versperrt, er
hatte von innen zugeriegelt. »Was sperrst du dich denn ein am hellichten Tag?«
fragte sie und schnüffelte auf dem Tisch herum, wo seine Bücher und
Schularbeiten lagen. »Fürchtest du dich vielleicht?« fuhr sie zungengeläufig
fort. »Bei mir brauchst du dich nicht zu fürchten, bei mir gibt es keine
vermummten Spitzbuben.« Er gab zu, dass er sich fürchte, und das schmeichelte
Frau Behold, sie nahm eine grimmige Beschützermiene an und lächelte
herausfordernd.
    Jeden Vormittag, wenn er von der Schule kam, er besuchte jetzt zwei Stunden
täglich die dritte Klasse des Gymnasiums, erkundigte sich Frau Behold, wie es
ihm gegangen sei. »Schlecht ists gegangen«, entgegnete er dann trübselig, und in
der Tat, er hatte wenig Freude davon. Die Lehrer klagten, dass seine Gegenwart
die andern Schüler der Aufmerksamkeit beraube; der Umstand, dass auf der Gasse
stets ein Polizeidiener hinter ihm herging und dass die Polizei Tag und Nacht das
Haus bewachte, in dem er wohnte, dünkte die Knaben aufregend sonderbar, und sie
belästigten ihn mit den albernsten Fragen. Seine Schweigsamkeit wurde natürlich
ganz falsch gedeutet, und wenn er von selbst unbefangen das Wort an sie
richtete, wichen sie entweder scheu zurück oder höhnten ihn, denn er war in
ihren Augen nichts weiter als ein grosser dummer Teufel, der, fast doppelt so alt
als sie, noch in den Anfangsgründen der Wissenschaft steckte. Es kam häufig vor,
dass er während des Unterrichts aufstand und eine seiner kindischen Fragen
stellte; da brach dann die ganze Klasse in Gelächter aus, und der Lehrer lachte
mit. Einmal, während eines gewaltigen Sturmwinds, der draussen heulte, verliess er
seinen Platz und flüchtete in die Ofenecke; da kannte das Vergnügen der andern
keine Grenze, und als ihn der dicke Lehrer hervorzog und zu den Bänken schob,
begleiteten sie den Vorgang mit einer wahren Katzenmusik.
    Am eigentümlichsten war es aber anzusehen, wenn er auf dem Nachhauseweg
mitten unter der Knabenschar ging, still, verschlossen und sorgenvoll unter den
Lärmenden und Unbekümmerten, männlich unter den Halbwüchslingen, und ihm zur
Seite beständig der Wächter des Gesetzes.
    Sehr häufig sprach Daumer vor, um bei den Kollegen Auskunft über Caspar
einzuholen. »Ach,« hiess es da, »er hat freilich den besten Willen, aber leider
nur einen mittelmässigen Kopf. Er erweist sich anstellig, aber es bleibt nicht
viel haften. Wir können ihn nicht tadeln, aber zu loben ist auch nichts.«
    Daumer war gekränkt. Ihr könnt nicht tadeln, ihr Herren, ei, und tadelt
doch, dachte er; Tadel ist leicht, besonders wenn er den Tadler lobt, wie es
sein Merkmal ist. Er wandte sich an den Magistratsrat und suchte ihm eine
Lobpreisung auf Caspar förmlich abzulisten, aber Herr Behold war kein Freund von
offenen Meinungen, Er war ein einschichtig lebender Mensch, der seine Tage in
einem düstern Kontor am Zwinger verbrachte, und wer von ihm etwas haben wollte,
erhielt gewöhnlich die Antwort: »Da müssen Sie sich an meine Frau wenden.«
    Daumer glich fast einem unglücklichen Liebhaber darin, wie er jetzt achtsam
und bekümmert den Wegen seines früheren Pfleglings folgte, wobei er aber gern
vermied, Caspar zu sehen und zu sprechen. Mit grossem Misstrauen verfolgte er
insgeheim das Tun und Treiben der Frau Behold, und er zerbrach sich den Kopf
darüber, weshalb diese so gierig getrachtet hatte, den Jüngling in ihre Nähe zu
bekommen. »Was willst du,« meinte Anna, die ebensoviel gesunden Menschenverstand
besass wie ihr Bruder phantastischen Pessimismus, »es ist ja ganz klar, sie
braucht eine Spielpuppe, eine Unterhaltung für ihren Salon.«
    »Eine Spielpuppe? Sie hat doch ein Kind, und sie vernachlässigt sogar dieses
Kind, wie man hört.«
    »Freilich; aber daran ist nichts Merkwürdiges, ein Kind zu haben wie alle
andern Leute; es muss etwas sein, wovon man redet, was Interessantes muss es sein;
man kann dabei die grosse Dame spielen und liest hie und da den eignen Namen in.
der Zeitung. Auch gilt man nebenher für eine Wohltäterin, der Herr Gemahl kann
einen hohen Orden bekommen, und was die Hauptsache ist, man vertreibt sich die
Langeweile. Die Person kenn ich, als ob ichs selber wäre. Der Caspar tut mir
leid.«
    Frau Behold war immer unterwegs und eigentlich nur zu Hause, wenn sie Gäste
hatte. Sie musste immer Menschen sehen, sie liebte wohlgekleidete, gutgelaunte
Menschen, Männer mit Titeln und Frauen von Rang, liebte Feste, Schmuck und
prächtige Gewänder. Man hätte sie eine joviale Natur nennen dürfen, wenn der
Ehrgeiz sie nicht so unruhig gemacht hätte; sie wäre bisweilen behäbig, ja
gemütlich erschienen ohne eine gewisse ziellose Neugierde, von der sie bis ins
Innerste, bis in den Schlaf der Nächte behaftet war. Sie hatte eine Unmasse
französischer Romane verschlungen und war dadurch empfindsam und abenteuerlustig
geworden, und das gute Teil Phlegma, das ihrem Temperament beigemischt war,
machte diese Eigenschaften nur um so hintergründiger. Wer sie so nahm, wie sie
sich gab, war im voraus betrogen.
    Was Caspar betrifft, so sah sie ihn zunächst bloss humoristisch und am
meisten dann, wenn er ernst und nachdenklich war. »Nein, was er heute wieder
Komisches gesagt hat«, war ihre beständige Phrase. Es hatte oft den Anschein,
als habe sie einen kleinen Hofnarren in Dienst genommen. »Also, mein liebes
Mondkälbchen, sprich«, forderte sie ihn vor den Gästen auf. Wenn sie ihn gar
eifrig beflissen sah, lateinische Vokabeln auswendig zu lernen, lachte sie aus
vollem Hals. »Wie gelehrt wie gelehrt!!« rief sie und fuhr ihm mit der Hand wüst
durch das Lockenhaar. »Lass es sein, lass es sein,« tröstete sie ihn, wenn er über
die Schwierigkeit einer Rechnung klagte, »bringsts ja doch zu nichts, ist genau
so, wie wenn ich seiltanzen wollte.«
    Indes erregte er auf andre Weise bald eine wunderliche Neugierde in ihr.
Eines Morgens kam sie dazu, als er in der Küche stand und Zeuge war, wie der
Metzgerbursche das rohe und noch blutige Fleisch aus dem Korb nahm und auf die
Anrichte legte. Eine unendliche Wehmut malte sich in Caspars Zügen, er wich
zurück, zitterte und war keines Lautes fähig, dann floh er mit bedrängten
Schritten. Frau Behold war betroffen und wollte ihrer Rührung nicht nachgeben.
Was ist das? dachte sie; er verstellt sich wohl; was ist ihm das Blut der Tiere?
    Um ihm gefällig zu sein, tat sie mehr, als ihre Bequemlichkeit ihr sonst
verstattet hätte. Trotzdem schien er sich nicht wohl im Haus zu fühlen.
»Sapperment, was ist dir übers Leberlein gekrochen?« fuhr sie ihn an, wenn sie
ein trauriges Gesicht an ihm bemerkte. »Wenn du nicht lustig bist, führ ich dich
in die Schlachtbank, und du musst zuschauen, wie man den Kälbern den Hals
abschneidet«, drohte sie ihm einmal und wollte sich ausschütten vor Lachen über
die Miene des Entsetzens, die er darüber zeigte.
    Nein, Caspar fühlte sich keineswegs wohl. Frau Behold war ihm ganz und gar
unverständlich, ihr Blick, ihre Rede, ihr Gehaben, alles das stiess ihn aufs
äusserste ab. Es kostete ihn nicht wenig Kunst und Nachdenken, um seinen
Widerwillen nicht merken zu lassen, gleichwohl war er krank und elend, wenn er
nur eine Stunde mit Frau Behold verbracht hatte. Es fehlte ihm dann jegliche
Arbeitslust, und die Schule zu besuchen, die ihm ohnehin verhasst war, unterliess
er ganz. Die Lehrer beschwerten sich beim Magistrat; Herr von Tucher, der jetzt
wieder in der Stadt weilte und der vom Gericht zu Caspars Vormund ernannt worden
war, stellte ihn zur Rede. Caspar wollte nicht mit der Sprache heraus, ein
Betragen, das Herr von Tucher als Verstockteit auffasste und das ihm zu
schlimmen Befürchtungen Anlass bot.
    Und da war noch eines, was Caspar zu denken gab. Manchmal begegnete ihm auf
der Stiege oder im Flur oder in einem entlegenen Zimmer Frau Beholds Tochter,
ein Mädchen, halb erwachsen und bleich von Gesicht. Ihre Augen waren feindselig
auf ihn gerichtet. Wenn er sie anreden wollte, lief sie davon. Einmal schaute er
von der Galerie in den Hof und sah sie am Brunnen stehen, hinter dessen eisernem
Rohr ein Brett weggeschoben war, so dass der Blick in die Tiefe offen lag. Das
Mädchen stand unbeweglich und starrte mindestens eine Viertelstunde lang in das
schwarze Loch. Caspar verliess leise die Galerie und schlich hinunter; er betrat
jedoch kaum den Hof, so flüchtete das Mädchen mit bösem Gesicht an ihm vorüber.
Als Caspar ihr zaudernd folgte, begegnete ihm der Herr Rat, und Caspar erzählte
voll Eifer, was er mitangeschaut. Herr Behold zog die Stirn kraus und sagte
beschwichtigend: »Ja, ja, gewiss; das Kind ist nicht gesund. Kümmer Er sich nicht
darum, Caspar, kümmer Er sich nicht darum.«
    Caspar kümmerte sich aber doch darum. Er fragte die Mägde, was mit dem Kind
sei, und eine von ihnen erwiderte bissig: »Sie kriegt nichts zu essen, der
Findling frisst ihr alles weg!« Darauf eilte er spornstreichs zu Frau Behold,
wiederholte ihr die Worte der Magd und fragte, ob das wahr sei. Frau Behold
bekam einen Wutanfall und jagte die Magd auf der Stelle davon. Als jedoch Caspar
sie auch dann noch in seiner ungeschickten und altklugen Weise ermahnte, dass sie
mehr auf ihre Tochter achten möge als auf ihn und dass er sonst fortgehen werde,
schnitt sie ihm das Wort ab und verwies ihm den Vorwitz. »Wie willst du denn
fortgehen?« fuhr sie auf. »Wohin denn? Wo bist du denn daheim, wenn man fragen
darf?«
    Es entstand jetzt in Frau Behold die Meinung, dass Caspar in ihre Tochter
verliebt sei. Sie legte es darauf an, ihn über den Punkt auszuholen. Auf ihre
Fragen antwortete er jedoch so blöde, dass sie sich beinahe ihres Verdachts
geschämt hätte. »Grand Dieu«, sagte sie laut vor sich hin, »mir scheint, der
Einfaltspinsel weiss nicht einmal, was Liebe ist«. Ja, noch mehr, sie spürte, dass
er sich nicht einmal im entferntesten einen Gedanken darüber machte. Das war der
guten Dame doch überaus seltsam, ihr, deren Begierden und Gelüste immer im
trüben Gewässer halb romanhafter, halb schlüpfriger Leidenschaften plätscherten,
so tugendhaft sie auch vor ihren Mitbürgern sich halten musste.
    Er ist doch aus Fleisch und Blut, kalkulierte sie, und wenn schon der
närrische Daumer in allen Tönen von seiner Engelsunschuld schwärmt, als
erwachsener Mensch weiss man, was der Hahn mit den Hühnern treibt. Er heuchelt,
er hält mich zum besten; warte, Kerl, ich will dir den Gaumen trocken machen.
    Auf dem Markt, zur Rechten vor dem Beholdschen Haus, stand der sogenannte
schöne Brunnen, ein Meisterwerk mittelalterlich-nürnberger Kunst. Seit grauen
Zeiten erzählte man den Kindern, dass der Storch die Neugeborenen aus der Tiefe
des Brunnens hole. Frau Behold fragte Caspar, ob er davon vernommen habe, und
als er verneinte, sah sie ihn mit schlauem Augenzwinkern an und wollte, wissen,
ob er daran glaube. »Ich seh nur nicht, wo der Storch da hinunterfliegen kann,«
antwortete er harmlos, »es ist ja alles mit Gittern vermacht.«
    Frau Behold staunte. »Ei du Tropf!« rief sie aus, »schau mich einmal
aufrichtig an!«
    Er schaute sie an. Da musste sie die Augen senken. Und plötzlich erhob sie
sich, eilte zur Kredenz, riss eine Lade auf, schenkte sich ein Glas Wein voll und
trank es auf einen Zug leer. Sodann ging sie ans Fenster, faltete die Hände und
murmelte mit einem Ausdruck von Stumpfsinn: »Jesus Christus, bewahre mich vor
Sünde und führe mich nicht in Versuchung.«
    Es bedarf kaum der Erwähnung, dass sie sonst eine höchst aufgeklärte Dame
war, die sich das ganze Jahr nicht in der Kirche sehen liess.
    Es war schon Mitte August, und grosse Hitze herrschte. An einem Sonntag
veranstaltete der Bürgermeister ein Waldfest im Schmausenbuk; Caspar war am
Morgen mit dem Stallmeister Rumpler und einigen jungen Leuten bis Buch geritten
und war so müde, dass er nach Tisch in seinem Zimmer einschlief. Frau Behold
weckte ihn selbst und hiess ihn sich ankleiden, da der Wagen warte, der sie zum
Festplatz bringen sollte. Auf Caspars Frage, ob noch wer mitgehe, erwiderte sie,
zwei Knaben führen mit hinaus, die Söhne des Generals Hartung. Da sagte Caspar
enttäuscht, er wünschte, dass Frau Behold ihre Tochter mitgehen lasse, denn die
werde sich grämen, wenn sie zu Hause bleiben müsse. Frau Behold stutzte und
wollte zornig werden, nahm sich aber zusammen. Sie beugte sich vor, ergriff mit
der Hand einen Bündel Locken auf Caspars Kopf und sagte boshaft: »Ich schneide
dir die Haare ab, wenn du wieder davon anfängst.«
    Caspar entwand sich ihr. »Nicht so nahe,« flehte er mit aufgerissenen Augen,
»und nicht schneiden, bitte!«
    »Hab ich dich!« drohte Frau Behold, gezwungen scherzend. »Hab ich dich,
furchtsames Menschlein? Noch ein Widerpart, und ich komme mit der Schere!«
    Während der Fahrt blieb Caspar schweigsam. Die beiden Knaben, die vierzehn
und fünfzehn Jahre alt waren, neckten ihn und suchten etwas aus ihm
herauszulocken, da sie stets wie über eine Art Wundertier über ihn hatten
sprechen gehört. Nach Schuljungengewohnheit fingen sie an, prahlerische Reden zu
führen, als ob es keine gelehrteren und scharfsinnigeren Menschen gäbe. Weit auf
der Landstrasse draussen rief der eine, er höre schon die Musik aus dem Wald, da
entgegnete Caspar, ärgerlich über das Wesen, das die beiden von sich machten,
das wundre ihn, er höre nichts, dagegen sehe er auf einer hohen Stange fern über
den Bäumen eine kleine Fahne. »O die Fahne,« meinten jene geringschätzig, »die
sehen wir schon lang!« Auch hierüber wunderte sich Caspar, denn er hatte sie
erst im Augenblick wahrgenommen, ein schmales Streifchen, das nur im Wehen des
Windes sichtbar war.
    »Gut,« sagte er, »wenn sie wieder weht, will ich euch fragen, ob ihr es
bemerkt.« Er wartete eine Weile und stellte dann, während die Fahne ruhig war,
die irreführende Frage: »Also, weht sie jetzt oder nicht?«
    »Sie weht!« antworteten die Knaben wie aus einem Mund, doch Caspar versetzte
ruhig: »Ich sehe daraus, dass ihr nichts seht.«
    »Oho!« riefen jene, »dann lügst du!«
    »So sagt mir doch,« fuhr Caspar unbekümmert fort, »was für eine Farbe sie
hat.«
    Die Knaben schwiegen und guckten, dann riet der eine ziemlich kleinlaut:
»rot«, der andre, etwas kühner: »blau.« Caspar schüttelte den Kopf und
wiederholte: »Ich sehe, dass ihr nichts seht; weiss und grün ist sie.«
    Daran war schwer zu mäkeln, eine Viertelstunde später konnten sich alle von
der Wahrheit überzeugen. Aber die Knaben blickten Caspar voll Hass ins Gesicht;
sie hätten gern vor Frau Behold geglänzt, die die ganze Unterhaltung wortlos
mitangehört hatte.
    Caspars Gegenwart beim Fest zog, wie immer, eine Anzahl Gaffer herbei,
darunter waren einige Bekannte, junge Leute, die sich seiner annehmen zu sollen
glaubten und ihn Frau Behold unerachtet ihres Widerspruchs entrissen. Es war
anfangs nur eine kleine Gesellschaft, die sich aber allgemach vergrösserte und,
indem einer den andern anfeuerte, lauter Tollheiten beging. Sie warfen Tische
und Bänke um, schreckten die Mädchen, kauften die Krämerbuden leer, verübten ein
wüstes Geschrei und stellten sich dabei an, als ob Caspar ihr Gebieter sei und
sie kommandiere. Das Treiben wurde immer ausgelassener; als es Abend geworden
war, rissen sie die Lampions von den Bäumen und zwangen ein paar Musikanten,
ihnen vorauszuziehen, um den Tumult mit ihren Trompeten zu begleiten. Zwei junge
Kaufleute hoben Caspar auf ihre Schultern, und er, dem schon Hören und Sehen
verging, wünschte sich weit weg und kauerte mit dem unglücklichsten Gesicht von
der Welt auf seinem lebendigen Sitz.
    Unter Gesang und Gelächter kam die entfesselte Schar vor die Estrade, wo der
Tanz begonnen hatte; hier konnte sie nicht weiter, die angesammelte Menge
versperrte den Weg nach rückwärts und seitwärts. Plötzlich sah Caspar ganz nahe
die beiden Knaben, die in Frau Beholds Kutsche mitgefahren waren; sie standen
auf der Treppe zum Tanzpodium und trugen einen langen Baumzweig mit einem weissen
Pappendeckel an der Spitze, worauf in grossen Lettern die Worte gemalt waren:
»Hier ist zu sehen Seine Majestät Casperle, König von Schwindelheim.« Sie
hielten die Tafel so, dass die Aufschrift Caspar zugekehrt war, auch alle
Umstehenden gewahrten sie alsbald, und es erhob sich ein schallendes Gelächter.
Die Trompeter gaben einen Tusch, und der Zug setzte sich wieder, am Wirtshaus
vorbei, gegen den illuminierten Wald in Bewegung.
    Caspar rief, man solle ihn herunterlassen, aber niemand achtete darauf. Nun
zog er mit der einen Hand am Ohr des einen, mit der andern an den Haaren des
zweiten seiner Träger. »Au, was zwickst du mich!« schrie dieser und der andre:
»Au, mich zebelt er!« Wütend traten sie beiseite, wodurch Caspar herunterglitt.
Die beiden Schildträger standen vor ihm und grinsten höhnisch. »Wir haben auch
ein Fähnlein für dich,« sagte der ältere, »sieh mal zu, ob es weht.« Im selben
Augenblick schraken sie zusammen, denn eine gebieterische Stimme schrie dröhnend
ihren Namen. Es war der Vater der beiden, der General, der mit einigen andern
Herren und mit Frau Behold in geringer Entfernung an einem abseits stehenden
Tisch sass. Diese alle erhoben sich, denn am Himmel waren schwere Wolken
aufgezogen, und man hörte schon den Donner grollen.
    Frau Behold empfing Caspar mit den Worten: »Du machst ja schöne Streiche,
schämst dich nicht? Allons! Wir fahren heim.« Mit überlautem Wesen
verabschiedete sie sich von den Herren und eilte zum Ausgang des Festplatzes, wo
sie mit kreischender Stimme ihren Kutscher rief. »Setz dich!« herrschte sie
Caspar an, als sie den Wagen erreicht hatten. Sie selbst stieg zum Kutscher auf
den Bock, ergriff die Zügel, und nun begann ein tolles Fahren, erst durch den
Wald, dann die staubschäumende Chaussee entlang. Sie trieb die Tiere an, dass sie
nur so hüpften und von jedem Kieselstein, den ihr Huf traf, Funken spritzten.
Kein Stern war zu sehen, die Landschaft breitete sich düster hin, häufig zuckten
Blitze auf, und der Donner rollte näher.
    In wenig mehr denn einer halben Stunde waren sie in der Stadt, und als die
Pferde am Marktplatz hielten, dampfte der Schweiss von ihren Flanken. Frau Behold
sperrte das Haustor auf und liess Caspar vorangehen. Er tastete sich in der
Dunkelheit bis zu seiner Zimmertür, doch die Frau ergriff ihn am Arm, zog ihn
weiter und trat mit ihm in den sogenannten grünen Salon, einen grossen Raum, wo
die Fenster geschlossen waren und eine muffige Luft herrschte. Frau Behold
zündete eine Kerze an, warf Hut und Mantille auf das Sofa und setzte sich in
einen Ledersessel. Sie summte leise vor sich hin, plötzlich unterbrach sie sich
und sagte in derselben singenden Weise: »Komm einmal her zu mir, du unschuldiger
Sünder.«
    Caspar gehorchte.
    »Knie nieder!« gebot die Frau.
    Zögernd kniete er auf den Boden und sah Frau Behold ängstlich an.
    Wie am Nachmittag näherte sie wieder ihr Gesicht dem seinen. Ihr schmales,
langes Kinn zitterte ein wenig, und ihre Augen lachten sonderbar. »Was sträubst
du dich denn so?« gurrte sie, da er den Kopf zurückbäumte. »Ma foi, er sträubt
sich, der Jüngling! Hast wohl noch kein lebendiges Fleisch gerochen? He, du
Strick, wers glaubt! Was Teufel, fürchtest dich am Ende? Hab ich dir nicht die
besten Bissen auftragen lassen? Hab ich dir nicht gestern erst eine schöne Amsel
geschenkt? Ich hab ein gutes Herz, Caspar, da horch, wies schlägt, wies tickt
...«
    Mit grosser Kraft zog sie seinen Kopf gegen ihre Brust. Er dachte, sie wolle
ihm ein Leids tun, und schrie, da drückte sie die Lippen auf seinen Mund. Ihm
wurde eiskalt vor Grauen, sein Körper sank zusammen, wie wenn die Knochen aus
den Gelenken gelöst wären, und als Frau Behold dieser jähen Erschlaffung inne
ward, erschrak sie und sprang auf. Ihr Haar hatte sich gelockert, und ein dicker
Zopf lag wie eine Schlange auf der Schulter. Caspar hockte auf dem Boden,
krampfhaft umklammerte seine Linke die Rücklehne. Frau Behold beugte sich noch
einmal zu ihm und schnupperte seltsam, denn sie liebte den Geruch seines Leibes,
der sie an Honig erinnerte. Aber kaum spürte Caspar ihre abermalige Nähe, als er
emportaumelte und ans andre Ende des Zimmers floh. Die Seite gegen die Tür
geschmiegt, den Kopf vorgeduckt, die Arme halb ausgestreckt, so blieb er stehen.
    Die ferne Ahnung von etwas Ungeheuerm dämmerte in ihm auf. Kein jemals
gehörtes Wort gab einen Hinweis, doch er ahnte es, wie man auf eine
Feuersbrunst, die hinter den Bergen wütet, aus der Röte des Himmels schliesst.
Schändlich war ihm zumut, insgeheim fühlte er sich an, ob er denn auch seine
Kleider am Körper trüge, und dann schaute er auf seine Hände nieder, ob sie
nicht voll Schmutz seien. Er schämte sich, er schämte sich, vor den Wänden, vor
dem Sessel, vor der brennenden Kerze schämte er sich; er wünschte, die Tür
möchte von selber sich öffnen, damit er unhörbar verschwinden könne.
    Es war wie das entsetzliche Aufleuchten von Augen, als ein rosiger
Blitzstrahl ins Zimmer fuhr; der Donner folgte wie ein enormer Schrei. Caspar
drückte die Schultern zusammen und fing an zu zittern.
    Mittlerweile ging Frau Behold mit wahren Mannesschritten auf und ab, lachte
ein paarmal kurz vor sich hin, plötzlich ergriff sie die Kerze und trat auf
Caspar zu. »Du Aas, du verdorbenes, was hast du denn geglaubt,« sagte sie
erbittert, »glaubst du vielleicht, mir liegt etwas an dir? Ja, einen alten
Stiefel! Mach, dass du weiterkommst, und untersteh dich nicht, darüber zu
sprechen, sonst massakrier ich dich!«
    Sie lachte dabei, als solle es im Grunde doch nur Scherz sein, aber Caspar
erschien sie übergross, ihr schwarzer Schatten erfüllte den ganzen Raum, ausser
sich vor Furcht rannte er hinaus, die Frau hinter ihm her, er, die Treppe hinab
zum Tor, rüttelte an der Klinke; es war zugesperrt. Er hörte draussen den Regen
aufs Pflaster prasseln, zugleich vernahm er hastig trippelnde Schritte, ein
Schlüssel drehte sich im Schloss, und der Magistratsrat erschien auf der
Schwelle. Die unaufhörlichen Blitze beleuchteten Caspars schlotternde Gestalt,
und das Donnergeschmetter verschlang die Fragen des bestürzten Mannes.
    Oben an der Stiege stand Frau Behold, der nahe Kerzenschein durchfurchte ihr
Gesicht mit verwildernden Lichtern und ihre Stimme übertönte den Donner, als sie
ihrem Manne zuschrie: »Er hat sich betrunken, der Kerl! Auf dem Schmausenbuk
haben sie ihn betrunken gemacht! Lass Er sich heute nur nicht mehr blicken!
Marsch, ins Bett mit ihm.«
    Der Magistratsrat schloss das Tor und klappte den triefenden Parapluie zu.
»Nun, nun ... aber, aber,« machte er, »so schlimm wirds doch nicht gleich sein.«
    Frau Behold antwortete nicht. Sie schlug eine Tür zu, dann war es still und
finster.
    »Komm Er nur mit, Caspar,« sagte der Rat, »wir wollen mal Licht anzünden und
nachsehen, was es denn da gibt. Reich Er mir den Arm, so.« Er geleitete Caspar
in dessen Zimmer, machte Licht und murmelte fortwährend kleine, beschwichtigende
Sätzchen vor sich hin. Dann beroch er Caspars Atem, um zu sehen, ob er wirklich
getrunken habe, schüttelte den Kopf und meinte verwundert: »Nichts dergleichen.
Die Rätin ist da sicherlich im Irrtum. Aber mach Er sich nichts draus, Caspar,
empfehl Er Seine Sache dem Herrn, und es wird wohl enden. Gute Nacht!«
    Als Caspar allein war, irrte sein scheues Auge von Blitz zu Blitz. Bei jedem
Aufflammen hatte er unter den Lidern Schmerzen wie von Nadelstichen, bei jedem
Donnerschlag war ihm, als ob alles in seinem Leibe locker sei. Hände und Füsse
waren ihm eiskalt. Er wagte sich nicht ins Bett zu begeben, sondern blieb wie
angewurzelt stehen, wo er stand. Er erinnerte sich mit Grauen des ersten
Gewitters, das er im Turm auf der Burg erlebt hatte. Er war in einen Mauerwinkel
gekrochen, und die Frau des Wärters war gekommen, ihn zu trösten. Sie sagte:
»Man darf nicht hinausgehen, es ist ein grosser Mann draussen, der zankt.« Immer,
wenn es donnerte, bückte er sich ganz zur Erde, und die Frau sagte: »Hab keine
Angst, Caspar, ich bleib bei dir.«
    Auch jetzt war es ihm, als sei ein grosser Mann draussen, der zankte. Aber es
war niemand da, um ihn zu trösten. Die Amsel, die in einem Käfig beim Fenster
geduckt auf dem Holzstäbchen hockte, liess bisweilen piepsende kleine Laute
hören. Er hätte sie schon längst freigelassen, weil ihn das Tier erbarmte, doch
fürchtete er Frau Beholds Zorn.
    Als das Gewitter im Wegziehen war, entledigte er sich schnell der Kleider,
kroch ins Bett und deckte sich bis zur Stirn hinauf zu, um das Blitzen nicht
sehen zu müssen. In der Eile vergass er sogar, die Türe abzuriegeln, und dieser
Umstand hatte ein gar sonderbares Geschehnis zur Folge.
    Am Morgen beim Aufwachen spürte er einen durchdringenden Geruch. Ja, es roch
nach Blut im Zimmer. Schaudernd blickte er sich um, und das erste, was er sah,
war, dass der Vogelbauer am Fenster leer war. Caspar suchte nach dem Tierchen und
gewahrte, dass die Amsel auf dem Tisch lag, tot, mit ausgebreiteten Flügeln, in
einem Blutgerinnsel. Und daneben, auf einem weissen Teller, lag das blutige
kleine Herz.
    Was mochte dies bedeuten? Caspar verzog das Gesicht, und sein Mund zuckte
wie bei einem Kind, bevor es weint. Er kleidete sich an, um in die Küche zu
gehen und die Leute zu fragen, doch als er das Zimmer verliess, erschrak er, denn
Frau Behold stand im Flur neben der Tür. Sie hatte einen Kehrbesen in der Hand
und sah unordentlich aus. Caspar schaute in ihr fahles Gesicht, er sah sie lange
an, fast so matt und bewegt, wie er den toten Vogel angesehen.
 
                            Botschaft aus der Ferne
Es war aber von da an nicht mehr auszuhalten mit Frau Behold. Wahrscheinlich
bereitete sich in dieser Zeit schon der furchtbare Gemütszustand vor, der
späterhin ihr Schicksal verhängnisvoll beschloss. Jedermann scheute sich, mit ihr
zu tun zu haben. Kaum hatte sie sich irgendwo hingesetzt, so sprang sie auch
schon wieder auf, um fünf Uhr früh war sie schon munter, lärmte in den Zimmern
und auf den Stiegen und klopfte Caspar aus dem Schlaf, wobei sie ein solches
Gepolter an seiner Tür machte, dass er mit wehem Kopfe erwachte und den ganzen
Tag zu keiner Arbeit fähig war. Bei Tisch sollte er nicht reden, und wenn er
einmal Widerspruch hielt, drohte sie, ihn beim Gesinde in der Küche essen zu
lassen. Kam ein Fremder und Caspar wurde gerufen, so erging sie sich in bissigen
Wendungen. »Ich bin neugierig, ob Sie aus dem Stockfisch was herausbringen«,
sagte sie etwa; »man hat Ihnen sicherlich weisgemacht, dass Sie ein Unikum von
Klugheit an ihm finden werden. Überzeugen Sie sich doch; sehen Sie zu, ob die
arme Seele ein vernünftiges Wort hergibt.« Solches machte den Gast, wer er auch
war, verlegen, und Caspar stand da und wusste nicht, wohin er schauen sollte.
    Wie früher mussten Menschen her, um die Räume des Hauses zu füllen, Gelächter
sollte über die morschen Stiegen hallen und knisternde Schleppen den Staub der
Jahrzehnte abfegen. Aber die Tage waren von den Nächten so verschieden wie der
Ballsaal, wenn die Lichter brennen und dann, wenn die Leute gegangen sind, der
Pförtner die Kerzen auslöscht und Mäuse über die befleckten Teppiche huschen. In
einem solchen Dasein wächst Schuld wie das Unkraut auf nicht gepflügtem Acker.
Grosse Schuld kann reinigen in Busse oder Leiden; die kleinen Versäumnisse und
unnennbaren Missetaten, die an vielen Stunden vieler Tage hängen, zermürben die
Seele und fressen das Mark des Lebens auf.
    Jedenfalls war Frau Behold eine sehr moralische Natur, weil sie dem Menschen
nicht verzeihen konnte, der ihre Tugend ins Wanken gebracht hatte, wenngleich
nur für eine schwüle Gewitterstunde. Aber lag es bloss daran? War ihr nicht
vielmehr die ganze Welt auf den Kopf gestellt durch das unerwartete Bild der
Unschuld, das ihr der Jüngling dargeboten hatte? Eine solche umgedrehte Welt war
ihr nicht erträglich, um darin zu leben. Es war ein Raub an ihr geschehen, und
sie verlangte nach Rache.
    Den Freunden Caspars blieb der veränderte Zustand im Hause Behold nicht
verborgen. Bürgermeister Binder war der erste, der mit Nachdruck erklärte,
Caspar dürfe nicht länger dort verbleiben. Daumer unterstützte diese Meinung
lebhaft, und der Redakteur Pfisterle, hitzig und unbequem wie immer, beschimpfte
in seiner Zeitung den Magistratsrat und äusserte den Verdacht, man wünsche den
Findling unschädlich zu machen und die Stimmen mit Gewalt zum Schweigen zu
bringen, welche die Anrechte seiner geheimnisvollen Geburt durchsetzen wollten.
»Da lebt er, der rätselhafte Knabe, dem ein unsichtbares Diadem auf der Stirn
glänzt, wie ein einsames Tier, das sich nur mit ein paar schüchternen Sprüngen
ans Licht getraut und während es über den Acker hüpft possierlich mit Schwanz
und Ohren wackelt, um seine Feinde zu ergötzen, dabei aber ängstlich nach allen
Seiten spitzt, um bald wieder ins erste beste Loch zu kriechen.«
    So der aufgeregte Schreibersmann. Danach entschlossen sich die Stadtväter
nach mancherlei Beratungen, wie vordem einen Erziehungs- und Kostbeitrag aus der
Gemeindekasse auszusetzen, und weil niemand so wie Herr von Tucher geeignet
schien, dem Elternlosen ein Obdach zu bieten, legte man ihm die Sache
beweglicherweise ans Herz, appellierte an seine Grossmut und an die
ausgezeichnete Stellung seiner Familie, deren Name allein genügen würde, den
Jüngling vor gemeinen Verfolgungen zu schützen.
    Herr von Tucher hatte jedoch Bedenken. Das plötzliche Gezeter gegen die
Beholdschen verdross ihn. »Erst seid ihr froh gewesen, für den jungen Menschen
einen Unterschlupf zu finden, und auf einmal wird hohes Kammergericht gespielt,«
sagte er; »soll ich annehmen, dass es mir besser ergeht? Ich will nicht Gefahr
laufen, dass mein Privatleben von oben bis unten beschnüffelt wird, ich will
nicht jedem müssigen Hahn erlauben, sein Kikeriki in meinen Frieden zu krähen.«
    Auch die Familie, besonders seine Mutter, erhob Einspruch und warnte ihn,
sich. in Abenteuer zu begeben. Es hiess sogar, die alte Freifrau habe dem Sohn
einen unangenehmen Auftritt bereitet und ihm gesagt, wenn er den Hauser zu sich
nehmen wolle, möge er nur dessen Unterhalt aus Gemeindekosten bestreiten, sie
gebe keinen Groschen dafür her.
    Aber Herr von Tucher war ein Pflichtmensch. Er fand, dass es seine Pflicht
sei, Caspar aufzunehmen. Da er in ihm schon einen halb Verlorenen sah, stellte
er sich vor, dass er damit einen unglücklich Irrenden wieder auf die gebahnten
Wege des Lebens führen könne. Der gute Caspar ermangelt vielleicht nur einer
männlichkräftigen Hand, sagte er sich; die Faseleien von Übernatur und
Ausnahmswesen, das beständige Bestarrt- und Bewundertwerden, alles das war ihm
verderblich; Einfachheit, Ordnung, überlegte Strenge, kurz, die Prinzipien einer
gesunden Zucht werden ihm heilsam sein. Probieren wirs!
    Herr von Tucher hatte sich also hier eine Aufgabe gestellt, und das war das
wichtigste. Er erklärte: »Ich bin bereit, den Findling zu betreuen, knüpfe
jedoch die Bedingung daran, dass man mich in allen Dingen gewähren und dass
niemand, wer es auch sei, sich einfallen lässt, mich in meinen Plänen zu
beeinträchtigen oder in irgendwelcher Absicht zwischen mich und Caspar zu
treten.«
    Natürlich wurde das zugesagt und versprochen.
    Kaum hatte Frau Behold gehört, was sich hinter ihrem Rücken abspielte, so
beschloss sie, den Ereignissen zuvorzukommen. Sie wartete eine Nachmittagsstunde
ab, während welcher Caspar nicht zu Hause war, liess alles, was sein Eigentum
war, Kleider, Wäsche, Bücher und sonstige Gegenstände, in eine Kiste werfen und
diese ohne Deckel auf die Strasse stellen. Dann sperrte sie selber das Tor zu und
lehnte sich befriedigt lächelnd zum Erkerfenster des ersten Stockwerks heraus,
um auf Caspars Rückkehr zu harren und die Verblüffung des angesammelten Volkes
zu geniessen.
    Caspar kam bald; er wurde von seinem Leibpolizisten über das Vorgefallene
belehrt, und indes der Mann von Amts wegen aufs Rataus trollte, um Meldung zu
erstatten, lehnte sich Caspar gegen seine Kiste und schaute hin und wieder
verwundert zu Frau Behold hinauf Es dauerte gute zwei Stunden, bis man sich auf
dem Rataus entschieden hatte, was zu tun sei, und Herr von Tucher
benachrichtigt worden war. Währenddem fing es an zu regnen, und hätte nicht ein
gutmütiges Marktweib einen Hopfensack herbeigebracht, mit dem sie die Kiste
bedeckte, so wäre Caspars ganzes Hab und Gut durchnässt worden. Endlich zeigte
sich der Polizist wieder in Begleitung eines Tucherschen Bedienten; sie brachten
ein Handwägelchen mit und schleppten die Kiste hinauf. Nun gings fort, und ein
einfältig schwatzender Haufen Menschen folgte bis in die Hirschelgasse ans
Tucherhaus.
    Es begann nun wieder ein ganz neues Leben für Caspar. Vor allem hörte der
Besuch der Schule auf, und anstatt dessen kam zweimal täglich ein junger Lehrer
ins Haus, ein Studiosus namens Schmidt. Sodann wurde jedem unberufenen Fremden
die Tür verriegelt. Ferner wurde das Reiten nicht mehr gestattet. »Derlei
Übungen sind für Aristokraten und reiche Leute, nicht aber für einen Menschen,
der zu bürgerlichem Brotverdienst erzogen werden muss und sicherlich einst darauf
angewiesen sein wird, sich mit seiner Hände Arbeit durchzuschlagen«, sagte Herr
von Tucher.
    Daraus war ersichtlich, dass er den Redereien von vornehmer Abstammung, die
im Lauf der Zeit keineswegs verstummt waren, nicht die mindeste Bedeutung zumass.
»Die gegebenen Verhältnisse sind schwierig genug,« erwiderte Herr von Tucher,
wenn man ihn nur auf eine Möglichkeit dieser Art hinwies; »ich bin durchaus
nicht gesonnen, einem solchen Phantom, und mehr ist es nicht, meine Grundsätze
zu opfern.«
    Herr von Tucher war ein Mann, der unerschütterlich an seine Grundsätze
glaubte. Grundsätze zu haben war für ihn das erste Element des Lebens, nach
ihnen zu handeln ein selbstverständliches Gebot. Es gehörte zu diesen
Grundsätzen, dass er von Anfang an eine Entfernung zwischen sich und Caspar
schuf, die den Respekt sicherte. Vertrauliche Beziehungen waren ohnehin seine
Sache nicht; Gefühle zu zeigen, war ihm verhasst; die aufrechte Haltung, der
gemessene Gang, der kühle Blick, die Tadellosigkeit in Kleidung und Manieren
kennzeichneten auch ganz und gar sein Inneres.
    Strenge erschien ihm wichtig; er zeigte Caspar ein strenges Gesicht. Die
oberste Maxime war: sich nicht rühren lassen. Daneben war es billig für erfüllte
Pflicht Anerkennung zu gewähren. Die Stunden vom Morgen bis zum Abend waren aufs
genaueste eingeteilt. Am Vormittag der Unterricht, dann ein Spaziergang unter
Aufsicht des Dieners oder Polizisten, am Nachmittag beschäftigte sich Caspar
allein. Neben seiner Stube war eine kleine Kammer als Werkstätte eingerichtet,
und wenn er die Aufgaben beendigt hatte, verfertigte er allerlei Tischler- und
Papparbeiten, wozu er viel Geschick bewies. Auch an Uhren und deren Zerlegung
und Zusammensetzung fand er Freude. Sein Betragen befriedigte Herrn von Tucher
vollkommen. Er konnte nicht umhin, den eisernen Fleiss des Jünglings und seinen
hartnäckigen Lern-und Bildungseifer zu bewundern. Es gab nicht Widerspruch noch
Auflehnung, niemals tat Caspar weniger, als von ihm gefordert wurde. Ganz klar,
man hat mich falsch berichtet, dachte Herr von Tucher, die Leute, die bisher um
ihn waren, haben ihn nicht zu behandeln gewusst, zum erstenmal erfährt er den
Segen einer folgerechten Leitung.
    Die Grundsätze triumphierten.
    Das häufige und lange Alleinsein war Caspar zuerst angenehm, aber im Verlauf
der Zeit wurde ihm doch fühlbar, dass dem ein Zwang obwaltete, und er hörte auf,
die Gelegenheiten zu fliehen, die ihm Zerstreuung und Unterhaltung versprachen.
Wenn auf der sonst so öden Hirschelgasse Lärm entstand, riss er das Fenster auf
und lehnte erwartungsvoll über den Sims, bis es wieder stille war. Es brauchten
nur zwei alte Weiber schwatzend stehenzubleiben, gleich war unser Caspar auf dem
Posten und lauschte. Er wusste genau, um welche Zeit die Bäckerjungen am Morgen
vom Webersplatz herkamen, und ergötzte sich an ihrem Pfeifen. Sobald der
Postillon am Laufertor sein Horn blies, unterbrach er die Arbeit, und seine
Augen glänzten. So machte ihn auch jedes Geräusch aus dem Innern des
weitläufigen Hauses stutzig, und nicht selten lief er zur Tür, öffnete den Spalt
und horchte aufgeregt, wenn er eine Stimme vernommen hatte, die unbekannt klang.
Die Dienstleute wurden darauf aufmerksam; sie sagten, er sei ein Türenhorcher
und lege es darauf an, sie dem Baron zu verklatschen.
    Vor dem Hause selber empfand Caspar eine unbestimmte Hochachtung; er schritt
fast auf Zehen über die Korridore, etwa wie man in der Gegenwart eines vornehmen
Herrn leise spricht. In stolzer Zugeschlossenheit tronte der Bau abseits vom
Getriebe, und wer Einlass heischte, musste sich von einem langbärtigen Pförtner
besichtigen und befragen lassen. Die Mauern waren so gewaltig in die Erde
gebohrt, Fassade, Dach und Giebel so majestätisch gefügt und verwachsen, als
hätten altverbriefte Rechte mehr als die Kunst des Baumeisters ihnen zu solchem
Ansehen verholfen. Der Turm im Hof mit der Wendeltreppe fesselte Caspars Auge
gern am Abend, wenn die feinverschnörkelten Formen, durchglüht von bläulichem
Dunst, sich ineinanderwirkend zu beleben schienen.
    Bisweilen gewahrte er hinter einem versperrten Fenster einen eisgrauen
Scheitel über einem pergamentenen Gesicht. Es war die alte Freifrau, die sich
sonst ihm niemals zeigte. Man sagte ihm, dass sie von schwacher Gesundheit sei
und ängstlich das Zimmer hüte. Dies Fremdsein Wand an Wand erregte sein
Nachdenken. Allmählich wurde es ihm klar, dass er unter lauter fremden Menschen
herumging und von der Mitleidsschüssel speiste. Einer nahm ihn und nährte ihn;
da kam ein Wagen, und er wurde geholt. Ein andres Haus; eines Tages wirft man
sein Zeug auf die Gasse: wieder woandershin.
    Wie ging das zu? Andre lebten ständig an ihrer Stelle, kannten ihr Bett von
Kindheit an, keiner durfte sie losreissen, sie hatten Rechte. Das war es, sie
hatten angestammte und gewaltige Rechte. Es gab Arme, die um Geld dienten, die
zu den Füssen derer lagen, welche man als reich bezeichnete, selbst die standen
irgendwo fest auf der Erde, hielten irgend etwas fest in den Händen, sie
verrichteten eine Arbeit, man bezahlte sie für die Arbeit, und sie konnten
hingehen und sich ihr Brot kaufen. Der eine machte Röcke, der zweite Schuhe, der
dritte baute Häuser, der vierte war Soldat, und so war einer dem andern Schutz
und Hilfe und bekam einer vom andern Speise und Trank. Warum konnte man sie
nicht wegreissen von der Stelle, wo sie hausten?
    Darum war es, ja, darum wars: weil sie eines Vaters und einer Mutter Sohn
waren. Das hielt einen jeden. Vater und Mutter trugen jeden zur Gemeinschaft der
Menschen und zeigten somit allen andern an, woher er gekommen sei und was er
sein wollte.
    Das war es, Caspar wusste nicht, woher er gekommen sei; aus irgendeinem
unentdeckbaren Grund war er, er ganz allein vaterlos, mutterlos. Und er musste es
herausbringen, warum. Er musste zu erfahren suchen, wer und wo sein Vater und
seine Mutter waren, und vor allem musste er hingehen und sich seinen Platz
erobern, von dem man ihn nicht vertreiben konnte.
    An einem Winterabend betrat Herr von Tucher Caspars Zimmer und fand ihn tief
in sich gekehrt. Zwei- oder dreimal wöchentlich pflegte Herr von Tucher nach
beendetem Tagewerk seinen Zögling zu besuchen, um sich ein wenig mit ihm zu
unterhalten. Es lag dies im Schema des Erziehungsplanes. Das Prinzip verlangte
aber von Herrn von Tucher, dass er eine würdevolle Unnahbarkeit bewahre; das
Prinzip zwang ihn, auf die Freuden eines natürlichen Verkehrs zu verzichten. Und
wenn es ihm auch manchmal schwer wurde, solche Überwindung zu üben, sei es durch
ein eignes Bedürfnis, sich mitzuteilen, oder weil ein stumm forschender Blick
Caspars an sein Herz fasste, es gab kein Schwanken, das Prinzip, grimmig wie ein
Vitzliputzli, verstattete nicht, dass man die Grenze der Zurückhaltung mehr als
nützlich überschreite.
    Wie er aber Caspar so gewahrte, verborgenem Sinnen hingegeben, ergriff ihn
der Anblick doch, und seine Stimme nahm wider Willen einen milderen Klang an,
als er den Jüngling um die Ursache seines Nachdenkens befragte.
    Caspar überlegte, ob er sich aufschliessen dürfe. Wie bei jeder
Gemütsbewegung war die linke Seite seines Gesichtes konvulsivisch durchzuckt.
Dann strich er mit einer ihm eignen unnachahmlich lieblichen Geste die Haare von
der einen Wange gegen das Ohr zurück und fragte mit einem Ton aus innerster
Brust: »Was soll ich denn eigentlich werden?«
    Herrn von Tucher beruhigten diese Worte sogleich. Er machte eine Miene, als
wolle er sagen: die Rechnung stimmt. Darüber habe er auch schon nachgedacht,
erwiderte er; Caspar möge ihm doch sagen, wozu er am meisten Lust habe.
    Caspar schwieg und schaute unentschlossen vor sich hin.
    »Wie wäre es mit der Gärtnerei?« fuhr Herr von Tucher wohlwollend fort.
»Oder wie wäre es, wenn du Tischler würdest oder Buchbinder? Deine Papparbeiten
sind ganz vortrefflich, und du könntest das Buchbindergewerbe in kurzer Zeit
erlernen.«
    »Dürft ich dann alle Bücher lesen, die ich einbinden soll?« fragte Caspar
versonnen, der so geduckt sass, dass sein Kinn die Tischplatte berührte.
    Herr von Tucher runzelte die Stirn. »Das hiesse eben den Beruf
vernachlässigen«, antwortete er.
    »Ich könnte ja auch Uhrmacher werden«, sagte Caspar; er hatte in diesem
Augenblick eine ziemlich überspannte Vorstellung von einem Uhrmacher; er sah
einen Mann, der im Innern hoher Türme steht und den Glocken zu läuten befiehlt,
der goldene Rädchen ineinanderfügt und durch einen Zauberspruch die Zeit
unsichtbar macht und in ein winziges Gehäuse bannt. Überhaupt mit solchen Namen
war es schwer; nicht sein Wollen lag dahinter, sondern ein unbegreiflich
verwickeltes Bild des ganzen Lebens. Herr von Tucher, voll Argwohn, als wurzle
in dem Gehaben Caspars doch kein wahrer Ernst, erhob sich und sagte kalt, er
werde sich die Sache überlegen.
    Am nächsten Abend wurde Caspar in Herrn von Tuchers Zimmer gerufen. »Ich bin
nun mit Bezug auf unser gestriges Gespräch zu folgendem Entschluss gelangt,«
sagte der Baron; »du bleibst das Frühjahr und den Sommer über noch in meinem
Haus. Wenn du fleissig bist, kann deine Ausbildung in den Elementarfächern bis
zum September beendet sein, dessen versichert mich auch Herr Schmidt. Damit nun
der Tag ein ununterbrochenes Ganzes für dich wird, sollst du des Mittags nicht
mehr mit mir essen, sondern alle Mahlzeiten auf deinem Zimmer einnehmen. Ich
werde bald mit einem anständigen Buchbindermeister sprechen; wir wissen dann,
woran wir sind. Bist dus zufrieden, Caspar? Oder hast du andre Wünsche? Nur
frisch heraus mit der Sprache, du kannst noch immer wählen.«
    Ein flüchtiger Schauer lief Caspar über den Rücken. Er schüttelte sich ein
wenig, setzte sich nieder und schwieg. Herr von Tucher wollte ihn nicht weiter
bedrängen, er wollte ihm Zeit lassen. Eine Weile ging er hin und her, dann nahm
er vor dem Flügel Platz und spielte einen langsamen Sonatensatz. Es geschah dies
nicht aus zufälliger Laune; am Dienstag und Freitag von sechs bis sieben Uhr
abends spielte Herr von Tucher Klavier, und da der Kuckuck der Schwarzwälderuhr
soeben sechs gekrächzt hatte, wäre eine Versäumnis sehr gegen die Regel gewesen.
    Es war eine ziemlich schwermütige Melodie. Für Caspar war dergleichen eine
Qual; so gern er Märsche, Walzer und lustige Lieder hörte, - die Anna Daumer,
die kann spielen, sagte er immer -, so unbehaglich war ihm bei solchen Tönen.
Als Herr von Tucher den Schlussakkord des Stückes angeschlagen hatte, sich auf
dem Drehsessel umkehrte und Caspar fragend anschaute, dachte er, er solle sich
äussern, wie es ihm gefalle, und er sagte: »Das ist nichts. Traurig kann ich von
alleine sein, dazu brauch ich keine Musik.«
    Herr von Tucher zog erstaunt die Brauen in die Höhe. »Was massest du dir an?«
entgegnete er ruhig. »Ich habe kein musikalisches Urteil von dir verlangt, und
ich habe nicht den Ehrgeiz, deinen Geschmack in dieser Hinsicht zu veredeln. Im
übrigen geh auf dein Zimmer.«
    Caspar war es ganz lieb, dass er nicht mehr mit dem Baron zu essen brauchte.
Das steife Beieinandersitzen erschien ihm jedesmal unsinnig und lästig. Vieles
entzückte ihn an diesem Manne, besonders seine Ruhe und sein sachtes Sprechen,
das überaus Reinliche seines Körpers, die porzellanweissen Zähne und vor allem
die rosigen gewölbten Nägel der langen Hände. Er kannte viele Leute mit blassen
Nägeln und misstraute ihnen; blasse Nägel weckten ihm die Vorstellung des Neides
und der Grausamkeit.
    Doch immer hatte Caspar das Gefühl, als ob Herr von Tucher auf irgendwelche
Art schlechte Nachrichten über ihn erhielte und sich davon betören lasse; es war
ihm manchmal, als müsse er ihm zurufen: es ist ja alles nicht wahr! Aber was?
Was sollte nicht wahr sein? Das wusste Caspar nicht zu sagen.
    In seiner Einsamkeit war ihm zumute, als seien die Menschen seiner
überdrüssig und gingen damit um, sich seiner zu entledigen. Er war voller
Ahnungen, voller Unruhe. In Nächten, wo der Mond am Himmel stand, verlöschte er
die Lampe früher als sonst, setzte sich ans Fenster und verfolgte unverwandt die
Bahn des Gestirns. An Vollmondtagen ward er häufig unwohl, es fror ihn am ganzen
Leibe, erst der Anblick des Mondes selbst nahm den Druck von seiner Brust. Er
wusste, von welchem Dach oder zwischen welchen Giebeln die helle Scheibe
emporsteigen müsse, hob sie wie mit Händen aus der Tiefe des Himmels heraus, und
wenn Wolken da waren, zitterte er davor, dass sie den Mond berühren könnten, weil
er glaubte, das strahlende Licht müsse befleckt werden.
    Sein Ohr schien in dieser Zeit manchmal den Lauten einer Geisterwelt zu
lauschen. Eines Morgens erhob er sich während des Unterrichts plötzlich, ging
zum Fenster und beugte sich weit hinaus. Herr Schmidt, der Studiosus, liess ihn
gewähren, als es aber zu lange dauerte, rief er ihn zurück. Caspar richtete sich
auf und schloss das Fenster, sein Gesicht war so bleich, dass der Studiosus
besorgt fragte, was ihm sei.
    »Mir war, wie wenn jemand käme«, versetzte Caspar.
    »Wie wenn jemand käme? Wer denn?«
    »Ja, wie wenn mich jemand unten gerufen hätte.«
    Der Studiosus fand dies wunderlich. Er dachte eine Weile nach und hätte gern
eine Frage gestellt. Es war da neuerdings in der Stadt viel von einer seltsamen
Geschichte die Rede, die Caspar betraf oder auf ihn gedeutet wurde und die in
allen Journalen, auch draussen im Reich, des langen und breiten durchgehechelt
wurde. Aber weil Herr von Tucher dem Studiosus aufs strengste verboten hatte,
mit Caspar jemals über solche Dinge zu sprechen, nahm er sich zusammen und
schwieg.
    Nun hatte Caspar seit Monaten die Gewohnheit, alle Zeitungsblätter, die ihm
in die Hand kamen und die er sich zum Teil heimlich zu verschaffen wusste, denn
Herr von Tucher fürchtete von dieser Seite her Beeinflussung mit gutem Grund,
aufs genaueste durchzulesen. Hin und wieder geschah es, dass er irgendeine
Nachricht, eine Mitteilung über sich selbst entdeckte, und obgleich er noch nie
etwas Wesentliches gefunden hatte, bekam er jedesmal Herzklopfen, sobald er nur
seinen Namen gedruckt sah. Kurze Zeit nach jenem kleinen Zwiegespräch mit dem
Lehrer spielte ihm der Zufall eine schon mehrere Tage alte Nummer der
»Morgenpost« in die Hände, und beim Lesen fand er folgende eigentümliche
Erzählung:
    Vor mehr als zehn Jahren hatte ein Fischer bei Breisach eine schwimmende
Flasche aus dem Rheinstrom gezogen, und diese Flasche entielt einen Zettel, auf
welchem geschrieben stand: »In einem unterirdischen Kerker bin ich begraben.
Nicht weiss der von meinem Kerker, der auf meinem Tron sitzt. Grausam bin ich
bewacht. Keiner kennt mich, keiner vermisst mich, keiner rettet mich, keiner
nennt mich.« Dann kam ein halb unleserlicher und verstellter Name, von dem alle
deutlichen Buchstaben auch im Namen Caspar Hauser entalten waren.
    Alles das war damals schon von einigen Zeitungen gemeldet worden, war aber
bei dem Mangel jeglichen Anhaltspunktes natürlich wieder in Vergessenheit
geraten. Da hatte vor vier Wochen etwa ein ungenannter Schnüffler den Vorfall
aus einem alten Jahrgang der »Magdeburger Zeitung« neuerdings ans Licht
gebracht. Andre Journale bemächtigten sich der Angelegenheit, die nach und nach
viel Staub aufwirbelte. Auf einmal wurde nachgewiesen, dass seinerzeit ein
Piaristenmönch von einer gewissen Regierung bezichtigt wurde, die Flasche in den
Rhein geworfen zu haben. Es stellte sich ferner heraus, dass derselbe Mönch
plötzlich verschwunden und eines schönen Tages im Elsass, in einem Wald der
Vogesen, ermordet aufgefunden worden war. Den Täter hatte man nie entdeckt.
    »Wenn auf diese Spur hin das Mysterium, das über dem Findling schwebt, nicht
endlich gelüftet wird,« rief der Querulant in der »Morgenpost«, nachdem er die
Geschichte also ausführlich berichtet hatte, »dann gebe ich keinen Pfifferling
für unsre ganze Justizpflege!«
    Caspar las und las. Zwei Stunden verbrachte er damit, die wunderliche
Historia immer wieder von vorn anzufangen und beinahe jedes einzelne Wort zu
überlegen. dabei überraschte ihn der Studiosus; er vergewisserte sich, dass es
eben dieselbe Affäre sei, von der er neulich nicht sprechen gewollt, und sagte
hastig: »Ei, was treiben Sie da, Caspar? Was sagen Sie übrigens dazu? Die
meisten Leute halten es für Quark, trotzdem es ein unwiderlegliches Faktum ist,
dass die Sache damals in der Magdeburger Zeitung gestanden hat. Was sagen Sie
dazu, Hauser?«
    Caspar hörte kaum; als der Mann seine Frage wiederholte, erhob er das
Gesicht, schlug den feuchten Blick zum Himmel empor und sagte leise: »Ich hab es
nicht geschrieben, was da vom Kerker steht.«
    »Vom Kerker und vom Trone«, fügte der Studiosus mit sonderbarem und
begierigem Lächeln hinzu. »Dass Sie es nicht geschrieben haben, glaub ich schon,
Sie haben ja das Schreiben erst bei uns gelernt.«
    »Aber wer kann es geschrieben haben?«
    »Wer? Das ist eben die Frage. Vielleicht einer, der helfen wollte; ein
verborgener Freund vielleicht.«
    »Vom Kerker und vom Trone«, lallte Caspar mit willenlosem Mund. Er begab
sich in die Ofenecke, kauerte sich auf einem Schemel zusammen und versank in
tiefe Grübelei. Weder Ruf noch Mahnung noch Befehl vermochten ihn zu wecken, und
der Studiosus, der sich schuldig fühlte, blieb, um kein Aufsehen zu machen, die
Stunde über sitzen und entfernte sich dann still.
    Am selben Abend war eine Assemblee im Tucherschen Haus; alle Freunde der
Familie waren geladen, und eine halbe Stunde lang dauerte das Wagengerassel. Als
die ersten Tanzweisen vom Saal heraufschallten, begab sich Caspar in den
Korridor und horchte. Er hatte nicht mehr Zutritt zu solchen Festen.
    Während er noch stand, ans Geländer gepresst, den Kopf vorgebeugt, und er
sich so recht verstossen vorkam, berührte eine Hand seine Schulter. Es war der
Lakai, der ihm auf silberner Platte einige Süssigkeiten brachte. Caspar
schüttelte den Kopf und sagte: »Süsses mag ich nicht«, worauf der Diener ihn
mürrisch mit den Blicken mass und sich zu gehen anschickte.
    Da kamen Schritte von der zweiten Treppe her, die unbeleuchtet war, und
unversehens stand die alte Freifrau in grauseidenem Kleid und seidener
Haarschärpe vor den beiden; indem sie ihre blauen Augen streng in die des
Jünglings bohrte, sagte sie stolz und befremdet: »Süsses mag Er nicht? Warum mag
Er denn Süsses nicht?«
    Sie kam von unten; Caspar roch deutlich den Menschendunst an ihren
Gewändern. Es war ihre Art, sich früh zurückzuziehen. Bevor sie zur Ruhe ging,
pflegte sie täglich durch das ganze Haus zu wandern, um nachzusehen, ob kein
Feuer sei und kein Dieb sich eingeschlichen habe.
    Vor ihren rauh klingenden Worten duckte Caspar den Kopf Es ist anzunehmen,
dass seine Phantasie ungewöhnlich erregt war. Plötzlich spürte er eine lähmende
Furcht. Schwärze stieg um seine Augen, es war ihm, als habe er die Stimme des
Vermummten gehört, und den Arm ausstreckend, schrie er bittend: »Nicht schlagen,
nicht schlagen!«
    Die alte Dame, die es so schlimm eben nicht gemeint hatte, blickte
verwundert und erschrocken auf. Indes hatte Caspars lauter Schrei die
Aufmerksamkeit einiger Gäste erregt, die im unteren Flur auf und ab spazierten.
Sie wandten sich an Herrn von Tucher, und dieser ging die Treppe empor, gefolgt
von einigen Herren. Unter der Gesellschaft im Saal verbreitete sich das Gerücht,
es sei etwas passiert, und da Caspars Aufentalt im Hause natürlich bekannt war,
dachten alle an ein Ereignis wie das bei Daumer vorgefallene. Es entstand ein
Schweigen, die Tanzmusik verstummte, viele drängten hinaus, besonders die jungen
Damen waren erregt, und eine Anzahl von ihnen stieg die Treppe empor und blieb
schauend stehen.
    Herr von Tucher, der dies alles aufs peinlichste empfand, wie ihm denn jedes
unnütze Aufsehen ein Greuel war, schickte sich an, Caspar zur Rede zu stellen,
wurde aber durch das versteinerte Bild des Jünglings abgeschreckt, auch machte
ihn die bestürzte Haltung seiner Mutter stutzig.
    Es ging etwas Ungeheures in Caspar vor. Ihm war, als habe er, was jetzt
geschah, schon einmal erlebt. Wie mit einer Sturzwelle riss es ihn zurück, und
die Zeit schien ihren Atem anzuhalten. Da war die alte Frau, fürstlich
geschmückt und majestätisch anzusehen; wie, glich sie nicht einem Weib, das
einst in ein Gemach gekommen, wo auch er gewesen war, und hatte ihre Gegenwart
nicht alle andern erstarren lassen? Lag nicht jemand auf dem Bett und vergrub
den Kopf in die Kissen? Da war der Diener, der eine silberne Platte in Händen
hielt; war das nicht alt? Stand nicht auch damals einer da, der Geschenke
brachte oder Süsses oder Kostbares? Da waren feierlich gekleidete Männer, die auf
einen Befehl zu harren schienen, darauf warteten, dass einer käme, noch
festlicher angetan als sie selbst, vor dem sie sich verneigen mussten? Und diese
schlanken weissen Mädchen in weissen Schleiern, deren Blicke tief und bang waren?
Und hier oben die Dämmerung, die sich über zahllose Marmorstufen hinab ins Licht
verlor? Caspar hätte jauchzen mögen, denn er erschien sich fremd und zugleich
von allen angebetet; sie senkten das Haupt, sie erkannten den Herrn in ihm; ja,
er ahnte, was er war und von wo er kam, er spürte, was jenes Wort vom Kerker und
vom Trone zu bedeuten hatte; ein geisterhaftes Lächeln umspielte seine Lippen.
    Herr von Tucher bereitete dem unangenehmen Auftritt ein möglichst stilles
Ende. Er führte Caspar in sein Zimmer, gebot ihm, sich zu Bett zu begeben,
wartete, bis er lag, verlöschte dann selbst das Licht und sagte beim Hinausgehen
in scharfem Ton, er werde ihn am andern Morgen wegen seiner ungehörigen
Aufführung zur Rechenschaft ziehen.
    Darum scherte sich Caspar wenig. Es wurde auch nicht viel aus der gedrohten
Abrechnung. Herr von Tucher sah ein, dass den Grundsätzen eigentlich nichts
zuleide geschehen war. Sein Koch verriet ihm im hohlen Ton der Prophezeiung,
Caspar sei mondsüchtig und werde sicherlich einmal aufs Dach steigen und
herunterstürzen. Herr von Tucher konnte den Mond nicht abschaffen; da der
Jüngling krankhaften Zuständen unterworfen schien, durfte man ihn für gewisse
Fehltritte nicht verantwortlich machen. Ob Caspar Tischler oder Buchbinder
werden solle, war noch immer unentschieden. Es musste hierzu die Meinung des
Präsidenten Feuerbach eingeholt werden. Herr von Tucher nahm sich vor, im April
nach Ansbach zu fahren und mit dem Präsidenten zu sprechen.
    Caspar aber war voller Erwartung. Er wartete auf einen, der kommen musste,
auf einen, der irgendwo unter den Menschen ging und den Weg zu ihm suchte, und
so fest war der Glaube an diesen Kommenden, dass er jeden Morgen dachte: heute,
und jeden Abendmorgen. Er lebte in einem beständigen innerlichen Spähen, und
seine ahnungsvolle Freude glich einem Traum. Aber wie der Pfau seinen Schweif
niederschlägt, wenn er seine hässlichen Füsse gewahrt, so machte seine eigne
Stimme, sein eigner Schritt ihn schon wieder zaghaft, um wieviel mehr erst der
Anblick von Menschen, die täglichseine Erwartung enttäuschen mussten.
    Sein ganzes Treiben in dieser Zeit war aussergewöhnlich, und die aufmerksam
horchende Spannung gegen ein Leeres hin hatte etwas von Wahnwitz. Freilich,
zusammengehalten mit dem Verlauf der Ereignisse bot sie ein andres Gesicht und
hätte einem Mann wie Daumer absonderlichen Stoff für seine Ideen geliefert.
    Es lauerte viel Heimliches und Feindseliges auf Caspars Wegen, und es
überlief ihn kalt, wenn im Nebel ein Tropfen von einer Dachrinne fiel.
Angstvorstellungen begleiteten ihn bis in den Schlaf, und weil er oftmals
erwachte und die Finsternis ihn quälte, bat er, dass man neben seinem Bett ein
Öllämpchen brennen lasse. Dies geschah.
    Einstmals in einer Nacht spürte er, noch schlummernd, ein eigentümliches
Ziehen im Gesicht, als ob ihn von oben her ein kühler Atem streife. Jählings
richtete er sich auf, blickte über Bett und Wand und gewahrte eine grosse Spinne,
die an einem Faden in der Nähe seines Kopfes hing. Entsetzt sprang er aus dem
Bett, und unfähig, sich zu regen, beobachtete er, wie das Tier sich aufs Kissen
niederliess und über das weisse Linnen kroch, einen glitzernden Faden hinter sich
herschleppend.
    Caspars ganzer Leib war wie mit einer neuen, schaudernden kalten Haut
bedeckt. Er presste die Hände zusammen und flüsterte angstvoll und seltsam
schmeichelnd: »Spinne! Was spinnst du, Spinne?«
    Die Spinne duckte den gelblichen Leib.
    »Was spinnst du, Spinne?« wiederholte er flehend.
    Das Tier überklomm den Bettpfosten und gewann die Mauer. »Was schickst du
dich denn so, Spinne?« hauchte Caspar. »Warum so eilig? Suchst du was? Ich tu
dir nichts ...«
    Die Spinne war schon oben an der Decke. Caspar setzte sich auf den Stuhl, wo
die Kleider hingen. »Spinne, Spinne!« sagte er tonlos vor sich hin. Es schlug
vier Uhr draussen, und er hatte sich noch immer nicht ins Bett zurückgetraut.
Dann, ehe er sich hinlegte, wischte er Kissen und Wand eifrig mit dem
Taschentuch ab.
    Er trug von der unbekleidet verwachten Stunde eine Erkältung davon, die ihn
mehrere Tage ans Lager fesselte. Er wurde traurig, des Wartens war er schon
müde. Obwohl ihm schliesslich nichts mehr fehlte, hatte er keine Lust, das Zimmer
zu verlassen. Herr von Tucher nahm seinen Zustand für ein hypochondrisches
Zwischenspiel; als er sich jedoch überzeugte, dass sowohl seine vorsätzliche
Gleichgültigkeit wie sein gütiger Zuspruch fruchtlos blieben und dass da eine
unverstellte seelenvolle Betrübnis waltete, ward er besorgt.
    Nun geschah es an einem dieser Tage, dass ein auswärtiger Bote im Haus
vorstellig wurde, der zu Caspar geführt zu werden verlangte, um ihm einen Brief
auszuhändigen. Herr von Tucher verweigerte die Erlaubnis dazu. Nach einigem
Bedenken überliess ihm der Mann das Schreiben und entfernte sich wieder. Herr von
Tucher hielt sich für berechtigt, den Brief zu öffnen. Er war von rätselhafter
Fassung; noch rätselhafter dadurch, dass ihm ein kostbarer Diamantring beilag,
den Caspar damit als Geschenk bekam. Herr von Tucher war unschlüssig, was er tun
solle. Brief und Ring dem Gericht oder dem Präsidenten Feuerbach auszuliefern,
erschien ihm das ratsamste. Doch widersprach es immerhin seinem Rechtsgefühl.
Eine flüchtige Stimmung von Weichheit gegenüber Caspar liess ihn den Vorsatz
völlig vergessen; er hoffte, den Jüngling aus seiner Niedergeschlagenheit
aufzurütteln, und diesen Zweck erreichte er vollkommen. Er brachte Brief und
Ring herbei.
    Caspar las: »Du, der du das Anrecht hast, zu sein, was viele leugnen,
vertrau dem Freund, der in der Ferne für dich wirkt. Bald wird er vor dir
stehen, bald dich umarmen. Nimm einstweilen den Ring als Zeichen seiner Treue
und bete für sein Wohlergehen, wie er für das deine zu Gott fleht.«
    Als Caspar dies gelesen hatte, drückte er das Gesicht gegen den Arm und
weinte still für sich hin. Herr von Tucher sass am Tisch und liess den schönen
Stein des Rings nachdenklich im Sonnenlicht spielen.
 
                               Der englische Graf
In den Nachmittagsstunden eines der letzten Apriltage rollte ein vornehmer
Reisewagen vor die Einfahrt des Hotels zum wilden Mann, und alsbald verliess ein
hochgewachsener Herr den Schlag und begrüsste leutselig den herbeistürzenden
Wirt, der eines solchen Gastes nicht gewärtig war, da in seinem Hause fast nur
Kaufleute und Handlungsreisende verkehrten. Der Fremde forderte die besten
Zimmer, und ohne sich nach dem Preis zu erkundigen, schritt er durch das Spalier
von Gaffern in das weitbogige Tor. Diener und Kutscher trugen die Koffer, den
Nachtsack und sonstige Reisegegenstände in die Halle. Der Ankömmling verlangte
von selbst das Fremdenbuch, und bald konnte jeder ehrfürchtig-schaudernd die mit
Riesenschrift geschriebenen Worte lesen: »Henry Lord Stanhope, Earl of
Chesterfield, Pair von England.«
    Das Ereignis machte solches Aufsehen in der Gegend, dass noch spät abends
Leute auf der Gasse standen und zu den hellen Fenstern emporstarrten, hinter
denen der erlauchte Herr logierte. Am nächsten Morgen gab der Lord in der
Wohnung des Bürgermeisters sowie bei einigen Notabilitäten der Stadt seine Karte
ab, und schon wenige Stunden darauf erhielt er in seinem Quartier die
Gegenbesuche, vor allem denjenigen Binders, der sich der früheren Anwesenheit
des Lords natürlich wohl erinnerte.
    In der ziemlich langen Unterredung mit dem Bürgermeister gestand Graf
Stanhope ohne Umschweife, dass wie jenes erste Mal so auch heute die Person des
Caspar Hauser den Grund seines Aufentaltes in der Stadt bilde. Er hege für den
Findling die grösste Teilnahme, sagte er und liess durchblicken, dass er etwas
Entscheidendes für ihn zu unternehmen gesonnen sei.
    Der Bürgermeister erwiderte, er verstatte Seiner Herrlichkeit, soweit es die
Vorschriften erlaubten, freien Spielraum.
    »Was für Vorschriften?« fragte der Lord rasch.
    Binder versetzte, Herr von Tucher sei Kurator des Findlings, habe
weitgehende Rechte und werde der Einmischung eines Fremden nicht freundlich
gegenüberstehen; ausserdem könne man ohne Wissen des Staatsrats Feuerbach keine
Veränderung befürworten, die das Leben Caspar Hausers betreffe.
    Der Lord machte ein bekümmertes Gesicht. »Da werde ich einen schweren Stand
haben«, bemerkte er. Hierauf erkundigte er sich, ob man wegen des Überfalls im
Daumerschen Hause irgend Anhaltspunkte gewonnen habe und ob die seinerzeit von
ihm ausgesetzte Prämie keinen Empfänger habe finden können. Dies musste Binder
verneinen; er entgegnete, die so grossmütig zur Verfügung gestellte Summe liege
unangetastet auf dem Rataus und Seine Lordschaft könne sie zu beliebiger Stunde
zurückerhalten, da doch jede Entdeckungsaussicht nunmehr geschwunden sei.
    Die nächsten Tage verbrachte der Lord ausschliesslich mit der Erfüllung
gesellschaftlicher Pflichten. Zu Mittag, zum Tee und zu Abend war er eingeladen
oder gab kleine, aber exzellente Mahlzeiten in seinem Hotel, wozu er eigens
einen französischen Koch in Dienst nahm. Wenn es seine geheime Absicht war, sich
auf diese Weise Freunde und Bewunderer zu verschaffen, so blieb ihm darin nichts
zu wünschen übrig. Wenn er den Zweck verfolgte, all die guten Leute und ihre
Gesinnungen kennenzulernen, so fiel ihm das nicht sonderlich schwer; man gab
sich rückhaltlos, man fühlte sich geehrt durch seine Gegenwart, man bestaunte
seine geringsten Handlungen.
    Jeder Anlass war ihm recht, um das Gespräch auf Caspar Hauser zu lenken; er
wollte wissen, immer Neues wissen, schwelgte in den rührenden Einzelheiten, die
man zu berichten wusste, fand es aber dabei doch nicht notwendig, eine
Unterlassung, die allerdings auffallend gefunden wurde, den Professor Daumer zu
besuchen, sondern begnügte sich damit, den Gefängniswärter Hill zu sich kommen
zu lassen und ihn auszufragen.
    Hill, von dieser Auszeichnung etwas aus dem Gleichgewicht gebracht,
schilderte so beweglich, dass es von einem unter Verbrechern ergrauten Mann
wunderbar zu hören war, jenes hold verlorene Weben und ergreifende
Darniedersinken Caspars während seines Aufentalts im Turm; zum Schluss rief er,
glühend vor Eifer, er, was an ihm liege, er werde die Unschuld des Jünglings
bezeugen, und wenn Gott selber das Gegenteil behaupte. Graf Stanhope war
sichtbar erschüttert; er lächelte, sagte, hier sei ja nicht von Schuld die Rede,
und entliess den Mann fürstlich belohnt.
    Nun endlich entschloss er sich, Herrn von Tucher und damit auch Caspar selbst
gegenüberzutreten. Wenn man ihn verwundert gefragt hatte, weshalb er dies so
lang verzögerte, hatte er erwidert, er bedürfe dazu seiner ganzen Sammlung und
Seelenkraft, denn vor dem Augenblick, wo er Caspar zum erstenmal sehen werde,
sei ihm bange, freudig bang wie einem Kind vor dem Weihnachtsabend.
    Herr von Tucher befand sich in seinem Arbeitszimmer, als man ihm die Karte
des Engländers brachte. Es versteht sich von selbst, dass er von der Anwesenheit
Stanhopes in der Stadt Kenntnis hatte und von dessen Umtrieben unterrichtet war.
Da er in jedem Fall einen Friedensstörer in ihm sah, war er nicht zugunsten des
Mannes voreingenommen.
    Nach allen Beschreibungen hatte er in dem Fremden eine liebenswürdige und
gewinnende Erscheinung zu finden erwartet; gleichwohl war er überrascht, als er
den vornehmen Gast auf sich zuschreiten sah, und im Nu schwand seine durch das
Hörensagen und trübe Vorgefühle entstandene Abneigung.
    Es war allerdings etwas Gefährliches um den Mann, das spürte Herr von Tucher
auf den ersten Blick, doch ebensosehr lag ein bestrickender Reiz von
Weltlichkeit und geistreicher Anmut über seiner Person. Da seine Haltung stolz
war, erschien die Zarteit der schlanken Gestalt nicht weibisch; die Züge,
durchaus englisch markant, waren edel geschnitten und liessen die fahle Färbung
der Haut vergessen; das wechselnde Feuer der durchsichtigen Augen erinnerte bald
an die sanfte Gazelle, bald an die Ruhe des Tigers, kurz, Herr von Tucher wurde
in einen Zustand angenehmer Spannung und Erregung versetzt, der durch das
schnell in Fluss gebrachte Gespräch nicht im mindesten betrogen wurde.
    Die blossen Fragen des Lords nach Caspars leiblicher und geistiger Verfassung
bekundeten schon einen Menschen von hoher Einsicht und Kenntnis des Lebens, und
was er sagte, eroberte die Zustimmung des Hörers mühelos.
    Auf die Beweggründe seines Hierseins kam er von selbst zu sprechen. Was er
vorbrachte, klang unbestimmt genug; er war augenscheinlich ein Meister in der
Kunst, seine wahren Absichten zu verschleiern, aber kein Argwohn konnte Herrn
von Tucher beifallen. Der Name Stanhope gab ausreichende Bürgschaft. Was konnte
einen Lord Stanhope verhindern, deutlich zu sein? War es nicht Feingefühl und
angestammter Takt, so war es eine Verschwiegenheit, die zugleich das Gelöbnis
entielt, zur gebotenen Stunde alles schicklich offenbar zu machen. Herr von
Tucher fand sich dadurch eher verpflichtet als enttäuscht; ohne die
ausgesprochene Bitte des Lords abzuwarten, fragte er höflich, ob es ihm genehm
sei, Caspar zu sehen. Indem er die Versicherung der Dankbarkeit seines Gastes
lächelnd abwehrte, läutete er und gab Auftrag, dass man den Jüngling hole.
    Es entstand nun eine Stille; Herr von Tucher verblieb in unwillkürlichem
Lauschen an der Tür, und der Lord sass mit übergeschlagenen Beinen, den Kopf in
die behandschuhte Linke gestützt, das Gesicht dem offenen Fenster zugekehrt. Es
war ein sonniger Sonntagnachmittag; der Himmel lag blaustrahlend über dem
fächrigen Geschiebe der roten Dächer, zwitschernde Schwalben schossen längs der
grauen Häuserfronten hin. Als Caspar in das Zimmer trat, veränderte Stanhope
langsam die Richtung seines Blickes, und ohne jenen eigentlich anzusehen, schien
er doch das ganze Bild des Menschen in sich festzuketten. Noch während Caspar,
durch ein paar rasche Worte des Herrn von Tucher über die Person des illustren
Mannes belehrt, auf den Grafen zuging, erhob sich dieser und sagte mit
überraschender Erregung und sichtlich tief berührt: »Caspar! Also endlich!
Gesegnete Stunde!« Dann streckte er die Arme nach ihm aus, und wie zu einem Tor,
das ihm nach sehnsuchtsvollem Harren aufgetan worden, begab sich Caspar in diese
geöffneten Arme, ein heller, scharfer, kühler Strahl der Freude durchfuhr ihn
von oben bis unten, und er vermochte weder zu sprechen noch sich zu regen.
    Das war er, der aus weiter Ferne kam. Von ihm der Ring, von ihm die
Botschaft. Schon oben, als er die Kalesche vor dem Haus stillhalten gehört, war
eine Erstarrung von Caspars Gliedern gefallen, und als der Diener ihn rief, war
es, als ob ein Morgenschein das Haus durchglühe. Als er die Schwelle des Zimmers
erreicht hatte, sah Caspar nur ihn, den Fremden, Fremdvertrauten, und wie wenn
ihm bisher die Hälfte seines Herzens gefehlt hätte, fühlte er sich auf einmal
ganz geworden, rund und neu: mit gebadetem Auge sah er sich selbst, zweckvoll
erschaffen. Mild an ihre Glocke schlug die Uhr, und das Licht des Nachmittags
war wie Honig und süss zu schmecken.
    Auf den Lord übte die wunderbare Ergriffenheit Caspars anscheinend grosse
Wirkung. Für die Dauer mehrerer Sekunden war sein Gesicht heftig bewegt, und die
Augen trübten sich wie in peinvollem Erstaunen. Er war ohne Zweifel verwirrt,
die allzeit dienstbare Phrase versagte sich ihm, und bei der ersten zärtlichen
Anrede klang die sonst seidenweiche Stimme rauh. Mit der Hand streichelte er
Caspars Haare, presste die Wange des Jünglings gegen seinen Busen, und ein
verlorener Blick traf den stumm abseits stehenden Herrn von Tucher, der mit
Verwunderung die ungewöhnliche Szene beobachtete. Stanhope bat ihn dann, weil
das Verhüllte des Vorgangs zu irgendeiner Klärung drängte, ob er Caspar für
einige Stunden mit sich nehmen dürfe, ein Ansuchen, dem Herr von Tucher nicht
widerstehen konnte.
    Bald darauf sass Caspar an der Seite des Lords im Wagen; der Polizist musste
natürlich mit und sass hintenauf. Während das Gefährt zum Tor hinaus gegen die
Maxfeldgärten rollte, entspann sich langsam ein Gespräch.
    Caspar klagte; zum erstenmal durfte er klagen. Doch war er schon versöhnt
mit dem Augenblick, wo geschehenes Unrecht als solches erkannt und verstanden
wurde. Die Welt schien schlecht bis auf diesen Tag, jetzt tat sich ihr Himmel
auf, und es zeigte sich ein waltender Arm.
    Doch nicht so sehr um das Nahgeschehene handelte sichs: hier war einer, der
wissen musste! Caspar fragte. Kühn und leidenschaftlich fragte er: wer bin ich?
wer war ich? was soll ich? wo ist mein Vater? wo meine Mutter? Und die Antwort
des Grafen? Verlegenheit. Eine Umarmung. »Geduld, Caspar; bis morgen nur
Geduld:: das lässt sich nicht in einem Atemzug abtun, allzuviel ist zu sagen.
Erzähl mir lieber: wie hast du gelebt? Erzähl von deinen Träumen. Man sagt mir,
du habest wunderbare Träume. Erzähl!«
    Caspar liess sich nicht lange bitten. Die wesensvollen Gebilde machten den
Lauscher stutzig, er umschloss Caspar fester und verbarg so sein Gesicht vor ihm;
bei der geschilderten Erscheinung der Mutter fuhr er wie vor Schreck zusammen,
und abermals suchte er abzulenken, wollte Einzelheiten über das Leben Caspars im
Daumerschen, im Beholdschen Hause wissen; der Gegenstand war gefahrlos. Stanhope
fand sich ergötzt durch Caspars ursprüngliche und bezeichnende Ausdrucksweise,
die komische Anwendung von Sprichwörtern und Nürnberger Redensarten. Auf dem
Rückweg fragte er, wo Caspar den Ring habe, den er ihm geschickt. »Hab mich
nicht getraut, ihn an den Finger zu tun«, antwortete Caspar.
    »Warum denn nicht?«
    »Weiss nicht warum.«
    »War er dir nicht schön genug?«
    »O nein; umgekehrt wird ein Schuh draus. Viel zu schön war er mir. Hab immer
Herzklopfen gehabt, wenn ich ihn angesehen.«
    »Aber jetzt wirst du ihn tragen?«
    »Ja, jetzt will ich ihn tragen. Jetzt weiss ich, er gehört wirklich mir.«
    Der Wagen hielt vor dem Tor, Stanhope nahm zärtlichen Abschied von Caspar
und bestellte ihn für den nächsten Vormittag in den Gastof. »Auf Wiedersehen,
Liebling!« rief er ihm noch zu.
    Caspar stand beklommen. Jetzt kroch die Zeit wieder träge. Jeder Schritt ins
Haus war ein schmerzliches Sichentfernen aus dem Kreis des herrlichen Mannes;
was jetzt die Hand, der Blick berührte, war alt, war tot.
    Schon um zehn Uhr morgens war er im »Wilden Mann«. Der Unterrichtsstunde war
er einfach entlaufen; hätte ihn jemand abzuhalten versucht, er wäre an einem
Strick vom Fenster heruntergeklettert.
    Der Lord kam ihm in der oberen Halle entgegen, küsste ihn vor vielen
Zuschauern auf die Stirn und führte ihn ins Empfangszimmer, wo auf einem
Tischlein Geschenke für Caspar lagen eine goldene Uhr, goldene Hemdknöpfe,
silberne Schuhschnallen und feine weisse Wäsche. Caspar traute seinen Augen
nicht, der Überschwang des Dankes versperrte ihm die Kehle, er wusste nichts
andres, als immer nur die freigebige Hand des Spenders in der seinen
festzuhalten.
    Der Lord nahm den stillen Ansturm mit gerührtem Schweigen auf. Aber nachdem
sie ein paarmal Arm in Arm durch die Mitte des Raumes gewandelt waren und Caspar
noch immer mit sichtbarer Anstrengung nach Zeichen seiner Erkenntlichkeit rang,
ermahnte ihn Stanhope sanft, er möge doch jeden Dank unterlassen. »Diese Dinge
sind ja nur geringfügige Merkmale meiner Liebe zu dir« sagte er; »das Wirkliche,
das Grosse, was ich für dich tun will, bleibt der Zukunft vorbehalten. Inzwischen
bleibe du so, wie du bist, mein Caspar, denn so bist du mir eben recht; nicht
geräuschvoll in Worten, aber zuverlässig in deinem Herzen. Zuverlässig und treu
sollst du mir bleiben, ein Sohn, ein Kamerad, ein Freund.«
    Caspar seufzte. Das war zu viel des Glücks. Nie hätte er geglaubt, dass ein
Menschenmund so sprechen könne. Zur Beteuerung war er ohnmächtig, nur sein Auge
gab Kunde in einem schwärmerischen Blick.
    Stanhope öffnete eine Tür und geleitete den Jüngling zu einer kleinen
Frühstückstafel, die im Nebenzimmer bloss für sie beide gedeckt war. Sie nahmen
Platz, der Lord füllte Wein in die Gläser und lächelte sonderbar, als Caspar
erklärte, er trinke niemals Wein. »Wie wird es dann werden, Caspar, wenn wir
zusammen in die Länder des Südens reisen? Auf allen Hügeln glüht dort der Wein
und die Luft ist voll davon. Was schaust du mich so an? Glaubst du mir nicht?«
    »Wirklich? Werden wir wirklich zusammen reisen?« fragte Caspar jubelnd.
    »Gewiss werden wir das. Denkst du denn, dass ich mich von dir trennen will?
Oder denkst du, dass ich dich in dieser Stadt lasse, wo dir so viel Übles
widerfahren ist?«
    »Also fort? Wirklich fort? Fort in die weite Ferne!« rief Caspar, presste wie
ausser sich beide Hände vor den Mund und zog in freudigem Krampf die Schultern
bis an die Ohren. »Was wird aber Herr von Tucher dazu sagen? Und der Herr
Bürgermeister? Und der Herr Präsident?« fügte er hinzu, vor lauter Hast
plappernd, während sich in seinem Gesicht die ganze Betrübnis malte, die er bei
der Vorstellung empfand, jene Männer könnten die Pläne des Grafen missbilligen
oder zunichte machen.
    »Sie werden es geschehen lassen, sie werden keine Gewalt mehr über dich
haben, dein Weg führt dich über sie empor«, antwortete Stanhope ernst und sah
Caspar zugleich mit einem scharfen, ja durchbohrenden Blick an.
    Caspar erbleichte, von einem grenzenlosen Gefühl überwältigt. Während in
seiner Brust Wunsch und Zweifel, dunkel umschlungen, alle Kräfte der Seele an
sich zogen, erhob sich vor seinem Geiste leuchtender als je das Bild der Frau
aus dem Traumschloss. Mit einer ergreifenden Gebärde des Flehens wandte er sich
zu Stanhope und fragte: »Herr Graf, werden Sie mich zu meiner Mutter bringen?«
    Stanhope legte Messer und Gabel beiseite und stützte den Kopf in die Hand.
»Hier liegen furchtbare Geheimnisse, Caspar«, flüsterte er dumpf. »Ich werde
reden und ich muss reden, aber du musst schweigen, keinem andern Menschen darfst
du vertrauen als mir. Deine Hand, Caspar, dein Gelöbnis! Herzensmensch!
Unglücklich-Glücklicher, ja, ich will dich zu deiner Mutter bringen, die
Vorsehung hat mich erwählt, dir zu helfen!«
    Caspar sank hin, die Beine trugen ihn nicht mehr, sein Kopf fiel auf die
Knie des Grafen. Die Luftadern pochten um ihn, ein Schluchzen löste die
ungeheure Spannung seiner Brust. »Wie soll ich denn zu dir reden?« fragte er mit
der Kühnheit eines Trunkenen, denn die Formeln, in denen man sonst zu Menschen
spricht, erschienen ihm fremd, sie taten seiner dankbaren Liebe nicht genug.
    Der Lord hob ihn sachte empor und sagte zärtlich: »Recht so, das traute Du
soll zwischen uns herrschen; du sollst mich Heinrich nennen, als ob ich dein
Bruder wäre.«
    In so inniger Nähe erblickte sie der eintretende Bediente, der den
Bürgermeister und den Regierungskommissär anmeldete. Durch die geöffnete Tür
forderte der Lord die Wartenden ins Zimmer. Es sah aus, als wünsche er, dass die
beiden Zeugen seiner Liebkosungen gegen Caspar würden. Er tat, als könne er sich
nicht von ihm trennen; da die Besucher nach ehrfürchtigem Gruss Platz genommen,
schritt er, noch leise plaudernd und ihn bei der Schulter umschlungen haltend,
mit Caspar auf und ab, sodann begleitete er ihn zur Stiege, eilte zurück, ging
ans Fenster, beugte sich hinaus, sah Caspar nach und winkte ihm mit dem
Taschentuch. Die Verwunderung seiner Gäste wohl bemerkend, mässigte er sich
trotzdem nicht, im Gegenteil, er gebärdete sich wie ein Verliebter, der seine
Empfindungen ohne Scheu preisgibt.
    Die Geschenke des Lords wurden einige Stunden nachher ins Tuchersche Haus
gebracht. Herrn von Tuchers Erstaunen beim Anblick der wertvollen Gaben war
gross. »Ich werde diese Gegenstände an mich nehmen und aufbewahren«, äusserte er
zu Caspar nach einigem Nachdenken; »es steht einem zukünftigen
Buchbinderlehrling nicht an, derlei auffallenden Luxus zu treiben.«
    Da hätte man Caspar sehen sollen! »O nein«, rief er aus, »das gehört mir!
Das ist mein, und ich wills haben, das darf mir keiner nehmen!« Seine Haltung
war geradezu drohend, und sein Blick funkelte.
    Aus Herrn von Tuchers Zügen wich alle Farbe. Ohne eine Silbe zu erwidern,
verliess er das Zimmer. Also ein Undankbarer, dachte er bitter, ein Undankbarer!
Einer, der eigensüchtig die Gelegenheit nutzt und den einen Wohltäter
verleugnet, wenn der andre besser zahlt!
    Die Grundsätze hörten auf zu triumphieren. Sie machten ein zerknirschtes
Gesicht und hüllten sich in Sack und Asche.
    Nachgiebigkeit wäre in diesem Fall eine unwürdige Schwäche, deren ich mich
schämen müsste, sagte sich Herr von Tucher. Aber was tun? Soll ich Gewalt
anwenden? Gewalt ist unmoralisch. Er wandte sich an Lord Stanhope und trug ihm
die Sache vor. Der Graf hörte ihn freundlich an, er gab sich Mühe, die Vergehung
Caspars als eine kindische Masslosigkeit zu verteidigen, und versprach, ihn dahin
zu bringen, dass er dem Vormund die Geschenke freiwillig überreiche.
    Herr von Tucher war von der Liebenswürdigkeit des Lords bezaubert und
verliess ihn in bester Zuversicht. Auf den verheissenen Gehorsam Caspars wartete
er aber vergeblich. Kein Zweifel, die Mühe des Lords war ohne Erfolg geblieben;
kein Zweifel, Caspar verstand es, den gütigen Mann zu beschwatzen. Kein Zweifel,
dieser Bursche war mit allen Salben geschmiert, ein Charakter voll Heimlichkeit
und List. Viel zu stolz, um einen Dritten zum Mitwisser seiner
niederschmetternden Erfahrungen zu machen, begnügte sich Herr von Tucher
vorläufig, den Ereignissen ruhig zuzusehen, wenn auch mit dem Verdruss eines
Mannes, der sich hintergangen fühlt. Dass Caspar sich nicht ein einziges Mal
bewogen fand, über die Art seiner Beziehung zu dem Lord, über den Gegenstand
ihrer Gespräche sich zu äussern, verletzte ihn tief; einen solchen Mangel an
zutraulicher Mitteilsamkeit hätte er zum allerwenigsten erwartet.
    In der ersten Zeit hatte sich der Lord darauf beschränkt, Caspar im
Tucherschen Haus zu besuchen oder ihn höchstens nach förmlich erbetener
Erlaubnis des Barons zu einer Spazierfahrt abzuholen. Allmählich änderte sich
das, und er bestellte den Jüngling an fremde Orte, wo Caspars unvermeidliche
Leibwache sich fünfzig Schritte entfernt halten musste. Herr von Tucher führte
beim Bürgermeister Beschwerde; er behauptete, der Lord handle damit seiner
ausdrücklich gegebenen Zusage entgegen. Aber was konnte Herr Binder tun? Durfte
er den vornehmen Herrn zur Rede stellen? Er wagte einmal eine schüchterne
Andeutung. Der Lord beruhigte ihn mit einem Scherz; um nicht für wortbrüchig zu
gelten, war es leicht, den Verstoss auf Caspars Unbesonnenheit zu schieben.
    So sah man die beiden auffallenden Gestalten häufig am Abend durch die
Gassen wandeln. Arm in Arm; im eifrigen Gespräch achteten sie der Blicke nicht,
die sie verfolgten. Meist gingen sie über den Stadtgraben und dann auf die Burg;
hier durfte sich Caspar wehmütiger Erinnerung überlassen; der düstere Turm barg
die grössten Schrecknisse seines Lebens, und wenn er auf die Stadt niederschaute,
wo zwinkernde Lichter aus vielen Fenstern das dunkelverschlungene Gassengewirr
belebten, vernahm er mit ganz andern Gefühlen die Stundentöne der Glocke; jetzt
band und einte die Zeit ihre Schläge und zerriss sie nicht mehr zu Pausen des
Grauens.
    Der Lord wurde nicht müde zu erzählen. Er erzählte von seinen Reisen. Er
verstand es, Dinge und Begebenheiten mit einfachen Worten zu malen. Caspar
erfuhr von den Alpen und dass dort Berge mit ewigem Schnee seien und glückliche
Täler, wo freie Menschen lebten. Er sah Italien, das Wort war schon ein Rausch,
geschmückte Kirchen, enorme Paläste, Gärten mit wunderbaren Statuen, voller
Rosen, Lorbeer und Orangen, einen märchenhaft blauen Himmel und die schönsten
Frauen. Er sah das Meer und die Schiffe mit blanken Segeln auf der Flut. Seine
Sehnsucht wurde so gross, dass er manchmal plötzlich lachen musste. Einmal wirklich
dort sein dürfen in den Ländern der Sonne und der unbekannten Früchte, dort sein
dürfen, und das bald, solche Hoffnung machte das Herz stillstehen. Es war eine
Freude, die weh tat.
    An einem regnerischen Abend befanden sie sich im Hotel. Der Lord öffnete
eine Truhe und zeigte einiges von den Schätzen, die er auf seinen Reisen
gesammelt. Da waren seltene Münzen und Steine; Kupferstiche, Statuetten, Gemmen,
Kameen, Perlen und altertümliches Geschmeide; ein geweihter Rosenkranz aus dem
Heiligen Land; ein silberner Becher mit kunstvoll gravierten Figuren; eine Bibel
mit den herrlichsten Initialen und Malereien, ein Damaszener Dolch mit goldenem
Griff, der Siegelring eines Papstes, ein indischer Mantel aus Seide, bestickt
mit Sternen; ein pompejanisches Lämpchen und altfranzösische Porzellanväschen
und vieles andre, alles seltsam, alles fremdartig, alles mit einem Duft von
weiter Welt und grossem Schicksal.
    »Das habe ich vom Kurfürsten von Mainz bekommen,« sagte der Lord etwa, »und
dies ist ein Geschenk des Herzogs von Savoyen; diese schöne Miniature habe ich
bei einem Händler in Barcelona gekauft, und dies Tonfigürchen stammt aus
Syrakus. Da ist ein Talisman, den hat mir Scheik Abderrahman verehrt, und diese
orientalischen Stoffe hat mir meine Base aus Syrien geschickt; sie ist eine
wunderliche Person, zieht mit Arabern und Beduinen durch die Wüste, schläft in
Zelten und treibt Alchimie und Astrologie.«
    Welche Laute, welche Fernen! Mit offenbarer Lust schürte der Graf das Feuer
des Verlangens in Caspar. Vielleicht nahm er es mit seinen Verheissungen ernst.
Vielleicht bereitete es ihm bloss eine Wonne, Wunsch und Lüste aufzupeitschen.
Vielleicht war es nur ein Spiel der Rede. Vielleicht aber das furchtbare
Vergnügen, dem Vogel im Bauer, im nie zu öffnenden, so lange vom Flug durch den
goldnen Äter zu erzählen, bis endlich der jubelnde Freiheitsgesang durch seine
Kehle bricht.
    Wie er sprach, wie er die Worte besass! Zwischen den Lippen und den weissen
Zähnen spielte das Lächeln wie ein listiges Tierchen. Er war nicht gleichmässig
heiter. Was war das? Oft zog Finsternis über sein Gesicht. Bisweilen pflegte er
aufzustehen und wie ein Lauscher an die Tür zu treten. Seine Liebkosungen waren
nicht selten voll Schwermut, dann sass er wieder schweigend da, und sein
suchender Blick glitt düster an dem Jüngling vorüber. Da fasste Caspar einmal Mut
und fragte: »Bist du denn eigentlich glücklich, Heinrich?«
    »Glücklich, Caspar? O nein. Glücklich, was sprichst du da? Hast du schon von
Ahasver gehört, dem ewigen Juden, dem ewigen Wanderer? Er gilt als der
unglücklichste aller Menschen. Ach, ich möchte mein Leben vor dir aufblättern,
denn auf seinen dunkeln Seiten liegt der Gram. Aber ich darf nicht, ich kann
nicht. Später vielleicht, wenn dein eignes Geschick sich entschieden hat, wenn
du mit mir in meine Heimat gehst ...«
    »Ist denn das möglich, wird denn das sein?«
    Es schüttelte den Lord plötzlich; es war, als werfe er einen Mantel ab oder
wolle sich einem unsichtbaren Druck entziehen. Eine krampfhafte Lebendigkeit
ergriff ihn, er begann von Caspars künftiger Grösse zu sprechen, doch wie stets
nur in geheimnisvollen Wendungen und mit der feierlichen Ermahnung zur
Verschwiegenheit. Ja, er sprach von Caspars Reich, von seinen Untertanen, und
das zum erstenmal, wie einem Zwang gehorchend, selber schaudernd, selbst
zitternd, immer von neuem das Gelöbnis des Schweigens betonend, hingerissen von
einem Phantom gleichsam und alle Gefahr vergessend. »Ich will dich führen; ich
will deine Feinde zermalmen, du bist tausendmal mehr wert als jeder einzelne von
ihnen. Wir gehen zuerst nach dem Süden, um sie irrezuführen, dann fliehen wir zu
mir nach Hause, schaffen uns einen Hinterhalt, von wo die Verfolger zu treffen
sind, wo man Kräfte sammeln kann für den entscheidenden Schlag.«
    Wieder zur Tür; wieder lauschen; nachsehen, ob kein Horcher versteckt sei.
Dann, ängstlich ablenkend, schilderte der Graf seine Heimat, den Frieden eines
englischen Landsitzes, die herrenhafte Unabhängigkeit auf erbgesessenem Gebiet;
die tiefen Wälder und klaren Flüsse, die balsamische Luft, das behagliche Weilen
überall, Frühling, Herbst und Winter, eingeschlossen in einem Ring unschuldiger
Genüsse.
    In solchen Bildern lag etwas von der Wehmut reuigen Gewissens und dem
Schmerz eines auf immer Verstossenen. Zum andern Teil aber entielten sie viel
von der modischen Empfindsamkeit, die auch das verhärtetste Gemüt unter
Umständen davon schwärmen liess, seine selbstgeschaffene Unrast am Busen der
Natur zu besänftigen. Und dann sprach er doch von seinem Leben. Er wusste sich
als einen Mann darzustellen, der, vielbeneidet, mit Ehren und Ämtern und
greifbaren Glücksgütern beladen, gleichwohl das Opfer feindlicher Mächte ist.
Das Schicksal trat in romantischer Verkleidung auf und jagte den Sohn eines
verfluchten Geschlechts unstet von Land zu Land. Vater und Mutter tot, ehemalige
Freunde gegen den edeln Spross des Hauses verschworen und er, ein Mann von
fünfzig Jahren, ohne Heim und Weib und Kind, Ahasver!
    Derlei Entüllungen öffneten wie nichts sonst Caspars Herz der Freundschaft.
Denn da war endlich einer, der sich gab, sich öffnete, die Vermummung abwarf. Es
war bittersüsse Lust, die angebetete Gestalt den Sockel verlassen zu sehen, auf
dem sie für alle übrigen tronte.
    Was ihn betrifft, er bot in dieser Zeit das Schauspiel eines ruhenden
Menschen; aussen und innen ruhend, gelöst von hemmender Fessel, Blick und Gebärde
gelöst, die Gestalt aufgerichtet, die Stirn wie entschleiert, die Lippen
geschwellt von einem beständigen Lächeln.
    Er wurde seiner Jugend inne. Er dehnte sich aus, es war ihm, als sei er ein
Baum und seine Hände wie Zweige voller Blüten. Ihm schien, als ströme sein Blut
einen Wohlgeruch aus; die Luft schrie nach ihm, das Land schrie nach ihm, alles
war voll von ihm, alles nannte seinen Namen.
    Er pflegte manchmal laut mit sich selbst zu reden, und wenn er dabei
überrascht wurde, lachte er. Die Leute, die mit ihm in Berührung kamen, waren
bezaubert; sie fanden kein Ende, die über alles liebliche Erscheinung zu
preisen, in der Kind und Jüngling zu rührendem Verein gediehen waren. Es gab
junge Frauen, die ihm zärtliche Briefchen schrieben, und Herr von Tucher wurde
vielfach mit Bitten belästigt, ihn von einem Maler konterfeien zu lassen.
    Das üble Gerede gegen ihn war auf einmal wie verblasen. Keiner wollte je
etwas Schlechtes gesagt haben, die eingefleischten Widersacher duckten sich, die
ganze Stadt warf sich plötzlich zu seinem Beschützer auf. Es hiess mit immer
kühnerer Deutlichkeit, man müsse ihn gegen die Machenschaften des englischen
Grafen in Schutz nehmen.
    Eines Tages musste Stanhope zu seiner grössten Bestürzung wahrnehmen, dass er
von allen Seiten peinlich überwacht und behorcht war. Er musste sich entschliessen
zu handeln.
 
       Die geheimnisvolle Mission und was ihrer Ausführung im Wege steht
Schon lange hiess es an allen Wirtshaustischen, der Lord wolle Caspar Hauser an
Sohnes Statt annehmen. In der Tat stellte Stanhope Mitte Juni den förmlichen
Antrag an den Magistrat, ihm den Jüngling zu überlassen, er wünsche für seine
Zukunft zu sorgen. Der Magistrat liess durch den Bürgermeister erwidern: zum
ersten, dass ein solches Ersuchen in pleno vorgetragen werden müsse; zum zweiten,
dass der Lord vor allem den Nachweis eines hinlänglichen Vermögens erbringen
müsse, damit die Stadt eine sichere Gewähr für das Wohlergehen ihres Pfleglings
habe.
    Stanhope nahm den Bescheid sehr ungnädig auf. Er ging zum Bürgermeister,
zeigte ihm seine Orden, die Beglaubigungen fremder Höfe, sogar vertrauliche
Briefe hoher Fürstlichkeiten; Herr Binder, bei aller Ehrfurcht vor Seiner
Lordschaft, bedauerte, den einstimmigen Beschluss des Kollegiums nicht rückgängig
machen zu können.
    Der Graf war unvorsichtig genug, in einer Gesellschaft, wo er zu Gast
geladen war, seine Geringschätzung gegen das pedantischüberhebliche Bürgerpack
zu äussern. Dies wurde ruchbar, und obgleich er sich beeilte, in einem Brief an
den Magistratsvorstand sein Benehmen zu entschuldigen und es als einen durch
Weinlaune verursachten Ausbruch verzeihlichen Ärgers hinzustellen, machte die
Sache doch böses Blut. Der Argwohn war einmal geweckt. Man wollte wissen, dass er
in seinem Hotel häufig Persönlichkeiten von zweifelhaftem Aussehen empfange, mit
denen er hinter verschlossenen Türen lange Verhandlungen führte. Wie kommt es
überhaupt, fragte man sich, dass der angeblich so reiche und vornehme Mann sein
Quartier in einem Gastaus zweiten Ranges nimmt? Fürchtet er am Ende, von seinen
eignen Landsleuten gesehen zu werden, wenn er wie sie im »Adler« oder im
»Bayrischen Hof« wohnt? Dies schien plausibel, wenn man einer unverfolgbaren
Nachricht trauen durfte, die irgendwer eines Tages verbreitete und nach welcher
der Lord ehedem als Traktätchenverkäufer im Dienst der Jesuiten in Sachsen
herumgezogen sei.
    Stanhope beeilte sich zu reisen. Er stattete dem Bürgermeister in seiner
Kanzlei einen Abschiedsbesuch ab und sprach von dringlichen Geschäften, die ihn
wegberiefen; bei seiner Rückkunft werde er den geforderten Vermögensnachweis
vorlegen. Zugleich deponierte er fünfhundert Gulden in guten Scheinen, welche
Summe ausschliesslich für die kleinen Wünsche und Bedürfnisse seines Lieblings zu
verwenden sei. Der Bürgermeister wandte ein, dass eigentlich Herr von Tucher die
Verwaltung dieses Geldes übernehmen müsse, doch der Lord schüttelte den Kopf und
meinte, in Herrn von Tuchers Verfahren liege zu viel vorgefasste Strenge, er
handle nach einem erdachten Ideal von Tugend, eine so zarte Lebenspflanze könne
nur in liebevollster Nachsicht aufgezogen werden. »Seien wir doch eingedenk, dass
das Schicksal eine alte Schuld an Caspar abzutragen hat, und dass es engherzig
ist, immerfort hemmen und beschneiden zu wollen, wo die Natur selbst gegen den
Willen der Menschen ein so herrliches Gebilde erzeugt hat.«
    Der Ernst dieser Worte wie auch das hoheitsvolle Wesen des Lords machten
grossen Eindruck auf den Bürgermeister. Er sprach nochmals sein Bedauern darüber
aus, dass die Absichten des Grafen nicht sogleich verwirklicht werden konnten,
und versicherte, dass die Stadt es sich stets zur Ehre rechnen würde, einen
solchen Gast in ihren Mauern zu beherbergen.
    Von hier begab sich Stanhope unverweilt zu Herrn von Tucher. Man sagte ihm,
der Baron sei mit einigen Bekannten auf die Jagd geritten, auch Caspar sei
ausgegangen, müsse aber in Bälde zurückkehren, er möge zu warten geruhen.
Ungeduldig schritt er in dem grossen Salon auf und ab. Er nahm die Brieftasche
heraus, zählte Geld, notierte mit dem Bleistift Ziffern auf ein Blatt, wobei er
mit den Zähnen knirschte und der feine weisse Hals sich langsam dunkelrot färbte
wie bei einem Trinker. Er stampfte auf den Boden, das Gesicht war förmlich
aufgerissen, der Blick glitzerte. »Gottverdammte Bestien«, murmelte er, und auf
den schmalen Lippen lag eine wilde Verachtung.
    Da war nichts mehr von der Gemessenheit und Würde des Edelmanns. O, Herr
Graf, muss der Vorhang des öffentlichen Teaters nur für eine Viertelstunde
fallen, damit der Schauspieler, überdrüssig der gutgelernten Rolle, sein
geschminktes Antlitz zu furchtbarer Wahrheit verändere? Schade, dass kein Spiegel
in dem Raum angebracht war, vielleicht hätte er den Lord zur Besinnung gebracht
und zur Behutsamkeit ermahnt, denn es brauchte ja nur schnell eine Tür
aufzugehen, und das Stück begann von neuem. Aber zeugte dieser Umstand nicht
zugunsten des Grafen? Wäre mehr Beherrschung nicht ein Beweis von grösserer Kunst
gewesen? Der echte Komödiant tragiert sein Spiel auch leeren Räumen vor und
macht selbst die Wände zu Zuschauern. In dieser Brust aber waren noch Stimmen
des Verrats, in ihrer Tiefe war noch Sturm, ihr dumpfes Höhlengetier hatte noch
Augen, die vom Strahl der Wandelbarkeit getroffen wurden.
    Es scheint, dass der Lord ein schlechter Rechner war, denn die aufgestellten
Zahlen wollten nicht das notwendige Ergebnis liefern, so dass er immer wieder von
neuem begann und mit gerunzelter Stirn einzelne Posten auf ihre Richtigkeit
prüfte. »Für Popularitätszwecke entschieden zu wenig«, sagte er mürrisch, eine
Äusserung, deren Unbedachtsamkeit dadurch gemildert war, dass sie in englischer
Sprache getan wurde. Dann noch ein sonderbares Wort, unheimlich anzuhören, nicht
wie aus einem geistreichen Schauspiel, sondern wie aus einem Räuberdrama: »Wenn
der Graue sich wieder blicken lässt, will ich ihn in den Schwanz kneifen; seine
Beute ist wahrhaftig gross genug. Kronen sind keine Marktware, er mag ehrlicher
im Teilen sein.«
    Beklagenswerter Lord! Auch die Einsamkeit hat ihre Laute. Durch eine
schlechtverschlossene Fensterspalte zwängt sich der Wind, und es gleicht einer
Stimme, oder das Holz der jahrhundertalten Möbel zieht sich zusammen, und es
klingt wie ein Schuss oder wie ein Miniaturgewitter. Zudem war Graf Stanhope
abergläubisch; das Rieseln der Kalkkörner hinter den Tapeten erinnerte ihn an
den Tod; wenn er mit dem linken Fuss ein Zimmer betrat, wurde ihm übel und
ängstlich. Dies war hier geschehen; er nahm sich zusammen und schwieg, um so
mehr, als er vom Flur herauf Caspars helle Stimme hörte; er begab sich wieder in
seine Rolle, die Augen gewannen ihren gazellenhaften Glanz zurück, er holte
einen Band Rousseauscher Schriften aus dem Bücherregal in der Ecke, setzte sich
in den Lehnstuhl und begann mit sinniger Miene zu lesen.
    Und doch, als Caspar eintrat, als das freudeverklärte Antlitz aus dem Dämmer
tauchte, da zitterte empfundener Schmerz über die Züge des Lords, und eine
plötzliche Verzagteit raubte ihm die Sprache. Ja, er wurde verwirrt er lenkte
den Blick abseits, und erst als Caspar, durch das fremdere Wesen betroffen, ihn
leise anrief, brach er das Schweigen; es lag nahe, die bevorstehende Reise als
Grund der Verstimmung anzuführen, aber der Zustand inneren Zurückbebens und
jähen Wankelmutes in solchen Augenblicken war dem Lord nicht unbekannt,
wenngleich er sich heute stärker als sonst fühlbar machte. Ihm war dann, als ob
der Anblick des Jünglings den vorgesetzten Willen lähme, als ob mühsam
aufgebaute Pläne zusammenbrächen, wie von einem Orkan gefasst, so dass er das Werk
wieder von vorn beginnen konnte, wenn er allein war und sich erholt hatte; er
glich dann der Penelope, die, was sie tagsüber kunstvoll gesponnen, bei Nacht
wieder in seine Fäden trennte.
    Caspars wehmütige Klage bei der unerwarteten Kunde wurde nicht beschwichtigt
durch den Hinweis, dass sein eignes Wohl diese Trennung erforderlich mache, auch
nicht durch die Versicherung Stanhopes, dass er so bald als möglich, vielleicht
schon nach Verlauf eines Monats, zurückkehren werde. Caspar schüttelte den Kopf
und sagte mit erstickter Stimme, die Welt sei gar zu gross; er umklammerte den
Freund und bat flehentlich, mitgenommen zu werden, der Graf solle den Diener
entlassen, er, Caspar, wolle dienen, er brauche kein Bett, auch keinen Lohn, er
wolle wieder von Brot und Wasser leben. »Ach, tu es, Heinrich!« rief er unter
Tränen. »Was soll ich denn ohne dich hier anfangen?«
    Der Lord stand auf und befreite sich sanft aus den Armen des Jünglings. Der
Trost, den er spenden durfte, rettete ihn vor sich selbst und verlieh seinen
Worten grösseres Gewicht. »Dass du so kleinmütig bist, Caspar, beweist ein kleines
Vertrauen zu mir«, sagte er, »wie kannst du nur glauben, dass Gott, der uns
endlich vereinigt hat, uns nun wieder voneinander reissen wird? Das hiesse seine
Weisheit und Güte verdächtigen. Die Welt ist ein Bau von hoher Harmonie, und der
Mensch findet sich zum Menschen durch ein auserwähltes Gesetz; halte du deine
Bestimmung fest, so tragen dich Raum und Zeit ans Ziel, und ob ich eine Stunde
lang oder wochenlang von dir fort bin, gilt gleichviel vor der Gewissheit der
Erfüllung. Wartet doch mancher bis zum Tod auf den Erlöser und wird nicht
ungeduldig. Auch musst du dich beherrschen lernen, Caspar; Fürstensöhne weinen
nicht.«
    Es war mittlerweile dunkel geworden; der Lord führte Caspar zum offenen
Fenster und sprach bewegt: »Blick auf zum Himmel, Caspar, schau, wie die Sterne
durch das Firmament brechen! In diesem Zeichen wollen wir uns erkennen.«
    Mit Befriedigung bemerkte Stanhope, dass Caspar nachdenklich wurde und,
feierlich gestimmt, sich der zügellosen Verzweiflung schämte, die keinen Zwang
des Wechsels anerkennen, keine Zukunft gegen die beglückte Gegenwart in Kauf
nehmen wollte. Es war, als spüre Caspar die höhere Notwendigkeit, welche die
Schicksale steigert und heimlich ineinander stickt; vielleicht erwachte sein
verwundert umherschauendes Auge in dieser Stunde zum Begreifen, und der Damm,
der den Strom der Sehnsucht hemmte, wurde eine Kraft der Seele; die besiegte
Leidenschaft adelt den Jüngling zum Mann. Fürstensöhne weinen nicht; ein starkes
Wort; der leise Windhauch, der die Vorhänge bauschte, flüsterte es nach.
    Der Lord schaute auf die Uhr und erklärte, dass er Eile habe, er wolle der
Hitze wegen die Nacht durch fahren. Vor dem Wagen unten nahm er Abschied;
Stanhope reichte Caspar einen kleinen mit Goldstücken gefüllten Beutel; er gebot
ihm, damit nach seinem Belieben zu schalten und keiner Einrede Gehör zu leihen.
    Diese unbedachte oder vielleicht schlau berechnete Weisung verschuldete ein
ernstes Zerwürfnis zwischen Caspar und seinem Vormund. Herr von Tucher erfuhr
von dem abermaligen Geschenk des Grafen und verlangte, dass Caspar ihm das Geld
abliefere. Caspar weigerte sich wiederum, Herr von Tucher bestand jedoch mit
seiner ganzen Autorität darauf, und er würde Gewalt angewendet haben, wenn nicht
Caspar, eingeschüchtert durch Drohungen wie durch das Gefühl der Abwesenheit
seines mächtigen Freundes, klein beigegeben hätte. Doch verharrte er in dumpfer
Auflehnung, und dies brachte Herrn von Tucher ausser sich. »Ich werde dich aus
dem Haus stossen«, rief er, nicht mehr fähig, sich zu beherrschen, »ich werde
deine Schande der Welt offenbaren; man soll dich endlich kennenlernen, du
Schlack!«
    Caspar, betrübt und erregt, glaubte in seiner Weise ebenfalls drohen zu
sollen. »Ach, wenn das der Graf wüsste, der würde Augen machen!« sagte er
erbittert und mit naiver Bedeutsamkeit, als ob es in der Macht des Grafen läge,
jedes Unrecht zu sühnen.
    »Der Graf? Auch gegen ihn machst du dich ja des Undanks schuldig«, versetzte
Herr von Tucher. »Wie oft hat er mir versichert, er habe dich zur Folgsamkeit
und Treue ermahnt, habe dich himmelhoch gebeten, deinen Wohltätern keinen Anlass
zur Klage zu geben. Du aber missachtest sein Gebot und bist seiner grossmütigen
Liebe ganz und gar unwürdig.«
    Caspar erstaunte. Von solchen Ratschlägen des Grafen wusste er nichts, eher
vom Gegenteil; er bestritt daher, dass der Lord dergleichen gesagt habe. Da
schalt ihn Herr von Tucher mit verächtlicher Ruhe einen Lügner, woraus
ersichtlich ist, dass das so weise aufgerichtete Erziehungssystem sich nicht
einmal für seinen Schöpfer als tragfähig genug erwies, um Ausbrüche empörter
Leidenschaft und verwundeten Selbstgefühls hintanzuhalten.
    Die Grundsätze waren endgültig in die Flucht geschlagen. Herr von Tucher war
des unerquicklichen Kampfes müde; obwohl entschlossen, Caspar nicht länger zu
behalten, verschob er die Ausführung seines Vorsatzes bis zur Rückkehr des
Grafen. Um nicht durch Caspars Anblick der beständigen Pein der Enttäuschung
ausgesetzt zu sein, folgte er der Einladung eines Vetters und begab sich für den
Rest des Sommers auf ein Landgut in der Nähe von Hersbruck, wo seine Mutter
schon seit drei Monaten weilte. Da es Ferienzeit war und der Lehrer ohnedies
nicht ins Haus kam, brauchte er für den Unterricht Caspars keine Massnahmen zu
treffen; er empfahl ihm fleissiges Eigenstudium, trug Sorge für seine täglichen
Bedürfnisse, liess ihm vier Silbertaler an Taschengeld zurück und ging nach
kaltem Abschied, die Aufsicht über ihn der Polizei und einem alten Diener des
Hauses überlassend.
    Caspar zählte die Tage und durchstrich jeden vergangenen mit roter Kreide
auf dem Kalender. Das lautlose Haus, die verödete Gasse, in der die Sonne
brütete, liessen ihm das Alleinsein stetig fühlbar werden. Gesellschaft hatte er
keine, Fremde, die noch immer zahlreich kamen, zahlreicher noch, seit die
passionierte Teilnahme eines Lord Chesterfield den Findling wie mit einem Nimbus
umgab, wurden nicht zugelassen, die früheren Bekannten aufzusuchen hatte er
keine Lust.
    Am Abend nahm er manchmal sein Tagebuch zur Hand und schrieb; da war ihm
dann der Freund näher, es glich einer Unterhaltung mit ihm durch die trennende
Ferne. Ohne das Gelöbnis des Stillschweigens über das, was Stanhope ihm
anvertraut zu vergessen, wurde doch auf solche Weise das Papier zum Mitwisser
der mysteriösen Andeutungen. Aber aus seiner Art sie zu fassen, erhellte klar,
dass er sich im mindesten nicht dabei zurechtfinden konnte. Es war ein Märchen.
Er verstand nicht den Bau der Ordnungen, nicht das labyrintisch verschlungene
Gefüge der menschlichen Gesellschaft. Noch war das Schloss mit seinen weiten
Hallen ein Traum: da wehten die Schauer unbekannter Sterne. Nur heimzugehen war
sein Wunsch, dies Wort hatte Sinn und Kraft. Wehe, wenn er zum Begreifen
erwachte; erst wenn die Finsternis entwichen, kann der verirrte Wanderer
ermessen, wie weiter von seinem Ziel verschlagen worden.
    Anfangs September erhielt Caspar die erste kurze Nachricht vom Grafen, die
auch dessen bevorstehende Rückkehr meldete. Seine Freude war gross, doch war ihr
ein ahnender Schmerz zugemischt als könne es zwischen ihm und dem Freund nicht
mehr werden wie vordem, als hätte die Zeit sein Antlitz verwandelt. Bei jedem
Wagenrollen, jedem Läuten am Tor dehnte sich sein Herz bis zum Springen. Als der
Erwartete endlich erschien, war Caspar keines Lautes mächtig; er taumelte nur so
und griff um sich, wie wenn er an der Wahrheit der Erscheinung zweifle. Der Lord
veränderte Haltung und Miene; es sah aus, als verschiebe er ein vorgesetztes
Anderssein für später, das Lauern seiner Blicke versank in der weicheren Regung,
in die der Jüngling ihn stets versetzte, der einzige Mensch vielleicht, dem er
Macht über sein Inneres zugestehen müsste und dessen Geschick er zugleich hinter
sich herschleifte wie der Jäger das erbeutete Wild.
    Er fand Caspar schlecht aussehend und fragte ihn, ob er genug zu essen
gehabt habe. Der Bericht über die mit Herrn von Tucher vorgefallenen
Streitigkeiten entlockte ihm nur Sarkasmen, doch schien er nicht weiter
missgelaunt darüber. »Hast du denn bisweilen an mich gedacht, Caspar?« erkundigte
er sich, und Caspar antwortete mit dem Blick eines treuen Hundes: »Viel, immer.«
Dann fügte er hinzu: »Ich habe sogar an dich geschrieben, Heinrich.«
    »An mich geschrieben?« wiederholte der Lord verwundert. »Du wusstest doch
meinen Aufentalt nicht!«
    Caspar drückte die Hände zusammen und lächelte. »In mein Buch hab ichs
geschrieben«, sagte er.
    Der Graf wurde nervös, doch stellte er sich zutraulich. »In welches Buch?
Und was hast du denn geschrieben? Darf ichs nicht lesen?«
    Caspar schüttelte den Kopf.
    »Also Heimlichkeiten, Caspar?«
    »Nein, keine Heimlichkeiten, aber zeigen kann ich dirs nicht.«
    Stanhope brach das Gespräch ab, nahm sich aber vor, der Sache auf den Grund
zu gehen.
    Er war wieder im »Wilden Mann« abgestiegen, doch lebte er anders als vorher.
Zu jeder Mahlzeit bestellte er Champagner und teure Weine und trieb den grössten
Aufwand, als sei es ihm darum zu tun, Reichtum zu zeigen. Er brachte seine eigne
Equipage mit, deren Räder vergoldet waren, während am Schlag Wappen und
Adelskrone prangten. Als Dienerschaft hatte er einen Jäger und zwei Kämmerlinge,
und diese drei Betressten erregten das Staunen der Nürnberger.
    Er säumte nicht, sein Ansuchen um die Überlassung Caspar Hausers zu
erneuern. Zum Beleg seines günstigen Vermögensstandes wies er, scheinbar nur
nebenbei, auf die Kreditbriefe hin, die er seit seiner Rückkunft beim
Marktvorsteher Simon Merkel deponiert hatte. Es lag darin eine Gebärde von
Prahlerei, als seien so geringfügige Summen kaum der Rede wert; in der Tat aber
waren die Akkreditive, von deutschen Wechselhäusern aus Frankfurt und Karlsruhe
ausgestellt, von bedeutender Höhe.
    Der Magistrat sah sich jedes stichhaltigen Einwands gegen die Wünsche des
Lords beraubt. In der Versammlung der Stadtväter wurde die Frage aufgeworfen: ja
warum? Was will er eigentlich mit dem Hauser? Darauf las Bürgermeister Binder
mit besonderem Nachdruck eine Stelle aus der Zuschrift des Grafen vor, worin es
hiess: »Der Unterzeichnete fühlt um so mehr den Beruf, sich des unglücklichen
Findlings anzunehmen, als er bei langem Umgang mit ihm die selbst einem
Vaterherzen wohltuende Erfahrung gemacht hat, wie sehr ihm dies kindliche Gemüt
in liebender Anhänglichkeit und Dankbarkeit ergeben ist.«
    »Fragen wir also den Hauser selber,« hiess es, »man muss wissen, ob er Lust
hat, dem Grafen zu folgen.«
    Caspar wurde vor Gericht zitiert. In tiefer Bewegung erklärte er, er sei
überzeugt, dass der Herr Graf den innigsten Anteil an seinem Schicksal nehme,
erklärte, mit dem Grafen gehen zu wollen, wohin ihn dieser auch führen werde.
    Trotz alledem verzögerte sich die förmliche Bewilligung des Magistrats durch
eine Reihe erst scheinhafter und ungreifbarer Umstände, die aber nach und nach
zu entschiedenem Widerstand erwuchsen, bis sie sich schliesslich in einer
einzigen Stimme Gehör verschaften, welcher niemand zu widerstehen wagte.
    Der übermässige Eifer des Lords, sich der Person Caspars zu versichern,
rührte den unterirdisch murrenden Argwohn immer wieder empor. Sein pomphaftes
Auftreten missfiel. dem Bürger, der einer bescheidenen Lebensführung, auch bei
Grossen, mehr Vertrauen entgegenbrachte als einer Verschwendungssucht, die nur
die schlechten Instinkte des Pöbels nährte. Es erbitterte, wenn der Graf in
seiner Prunkkarosse daherfuhr, mit Absicht die belebtesten Plätze wählte und
nach rechts und links Kupfermünzen ins Volk streute, das sich dann, jeder Würde
bar, vor dem in nachlässiger Leutseligkeit tronenden Fremdling im Kot wälzte.
    Man sprach davon, dass Stanhope vom Marktvorsteher Merkel auf die
Kreditbriefe hin hohe Summen entlehnt habe. Merkel, wenngleich er gesichert
schien, wurde zur Vorsicht ermahnt; es lief das Gerücht, der Lord dürfe die
Papiere gar nicht angreifen oder doch nur bis zu einer vorgeschriebenen Grenze.
    Mittlerweile war Herr von Tucher vom Land zurückgekehrt. Die Entwicklung der
Dinge war ihm bekannt; er wollte für seinen Teil ein klares Ende herbeiführen.
Er richtete an den Lord einen ziemlich weitläufigen Brief in welchem er ihn
schliesslich vor die Wahl stellte: entweder den Jüngling ganz zu sich zu nehmen
und ihn, den Baron, damit seiner Verantwortlichkeitspflicht zu enteben, oder
einen jährlichen Beitrag auszusetzen, welcher es ermögliche, Caspar einem
verständigen und gebildeten Mann vollständig zu übergeben; in letzterem Falle
müsse Seine Herrlichkeit allerdings die Güte haben, jedem Verkehr mit Caspar
schriftlich wie mündlich für die Dauer mehrerer Jahre zu entsagen; er
seinerseits würde sich dafür gern verbinden, dem Lord regelmässigen Bericht über
Caspars Tun und Treiben abzustatten.
    In der sonstigen Fassung des Schreibens herrschte jedoch die gebotene
Devotion vor. »Mit dem wärmsten Dank habe ich, hochzuverehrender Herr, die
zahllosen Beweise des Wohlwollens anzuerkennen, mit denen Sie mich seit den
wenigen Wochen Ihres Hierseins überschüttet haben«, hiess es unter anderm; »aus
dem Grund meiner Seele habe ich die ungeheuchelte Verehrung an den Tag zu legen,
zu welcher mich Ihre Herzensgüte und Ihr seltener Edelmut zwingen. Aus dieser
Gesinnung entspringt mir auch die Pflicht des Vertrauens, zu der Sie mich so oft
aufgefordert haben, und so trete ich vor Ihnen, edler Mann, geraden und offenen
Sinnes auf mit der Zuversicht, dass Sie meinen Worten ein geneigtes Ohr schenken
werden. Caspar ist nicht der, für den Sie ihn zu halten scheinen. Wie konnten
Sie auch dieses wunderliche Zwitterding kennenlernen, da ihn ja im Umgang mit
Ihnen, dem er alles verdankt und von dem er alles erwartet, was sein Sinn
begehrt, auch alles dazu einlud, im besten Licht zu leuchten. Herr Graf! Sie
haben ihm eine Freundschaft bezeigt, wie man sie nur einem Gleichgestellten
schenkt. Bei der unbegrenzten Eitelkeit, mit welcher die Natur neben so reichen
Gaben seine Seele verunstaltet hat und die von einfältigen Menschen hier noch
grossgezogen wurde, haben Sie unschuldigerweise ein Gift in sein an sich schon
krankes Wesen gemischt, das kein Seelenarzt, auch nicht der geschickteste, wird
jemals wieder daraus entfernen können. Ich bin von nichts weiter entfernt, als
Ihnen damit einen Vorwurf zu machen, ich bitte Sie inständig, auch nicht einen
solchen finden zu wollen. Sie sind ausser Schuld. Aber feststellen muss ich, dass
während der ganzen Zeit, die Caspar in meinem Hause weilte, kein Anlass war, mit
ihm unzufrieden zu sein, während er seit Ihrem Aufentalt dahier, ich sage es
mit blutendem Herzen und mit der Zaghaftigkeit, die mir Liebe und Ehrfurcht
gegen Sie, vortrefflicher Mann, gebieten, wie umgewandelt und verkehrt ist.«
    Eine solche Sprache musste auch dem verwöhntesten Ohr schmeicheln.
Nichtsdestoweniger gab sich Lord Stanhope den Anschein durch den Brief des
Freiherrn herausgefordert und verletzt worden zu sein, sprach auch überall in
Gesellschaft davon. In einer Eingabe an das Kreisgericht in Ansbach, die sich
als notwendig erwiesen und worin er seine Bereitwilligkeit anzeigte, nicht nur
während seines Lebens für Caspar Hauser zu sorgen, sondern auch dessen Erhaltung
für den Fall seines Todes zu sichern, erwähnte er, dass zwischen ihm und Herrn
von Tucher Verhältnisse eingetreten seien, die ihm für jetzt und künftig jeden
Verkehr unmöglich machten; es sei deshalb von Wichtigkeit, dass Caspar tunlichst
bald in eine andre Umgebung versetzt werde.
    Hofrat Hofmann in Ansbach beeilte sich, Herrn von Tucher von der verhüllten
Anklage des Lords zu unterrichten. Herr von Tucher war ausser sich. Er teilte der
Behörde seinen an Stanhope gerichteten Brief wörtlich mit, schilderte noch
einmal und in düsteren Farben den unheilvollen Einfluss des Grafen auf Caspars
Charakter und ersuchte um schleunige Decharge von einer Vormundschaft, die ihm,
wie er sich ausdrückte, Sorgen, Plagen und Lasten und zuletzt noch Undank und
Verargung seines redlichen Willens zugezogen habe. Da das Ansbacher Amt ein
Gutachten über die Person des Lords gewünscht, schrieb er zurück, er habe den
Herrn Grafen als einen seltenen Mann von ausgezeichneten Eigenschaften
kennengelernt. Das Gerücht bezeichne ihn als sehr vermöglich, er selbst
behaupte, eine jährliche Rente von zwanzigtausend Pfund Sterling, also
dreimalhunderttausend Gulden, zu geniessen, welches Einkommen ihn übrigens als
Earl und erblichen Pair von Grossbritannien noch keineswegs unter die reichen
Edelleute seines Landes setze. »Vorausgesetzt, dass die hochlöbliche
Kuratelbehörde genügende Sicherheit erlangt,« schloss er sein mächtig langes
Schreiben, »auch solche, die über gewisse bedenkliche Konjunkturen in England
Aufschluss gibt, habe ich als Vormund gegen die Adoption Caspar Hausers durch
Lord Stanhope, sonderlich in finanzieller Hinsicht, nichts einzuwenden.«
    Ein umständliches Verfahren, ein endloser Instanzenweg. Stanhope zappelte
schon vor Ungeduld und Wut. Doch schienen ungeachtet des geschäftigen Klatsches
und der widerstreitenden Meinungen alle Hindernisse beseitigt, und er sah sich
dem von Anfang an mit langsamer Zähigkeit verfolgten Ziele nahe, als plötzlich
alles wieder vernichtet wurde. Der Präsident Feuerbach legte nämlich sein Veto
ein gegen die Entfernung Caspars aus Nürnberg, Er schickte einen Privatboten an
den Bürgermeister Binder und liess ihn wissen, dass er soeben von seiner Badekur
in Karlsbad zurückgekommen und was im Werke sei als vollkommene Neuigkeit
vernehme. Er untersagte jede Entscheidung, bevor er den ihm verworren und
verdächtig erscheinenden Fall geprüft und die auszuführenden Schritte
gutgeheissen habe.
    Der Bürgermeister fand sich verbunden, den Lord sogleich von der neuen
Wendung der Dinge in Kenntnis zu setzen. Stanhope empfing und las das Briefchen
Binders in seinem Hotel gerade während man ihn rasierte. Er stiess den Bader
beiseite, sprang auf und rannte, noch mit dem Seifenschaum auf seiner Wange,
heftig erregt durch das Zimmer. Es dauerte geraume Zeit, bis er sich seiner
Toilettenpflicht wieder erinnerte; er zerriss den Zettel, den ihm Binder
geschickt, in hundert kleine Stücke und sass dann unter dem Rasiermesser mit
einem Gesicht so voll Hass und Galle, dass die Hand des erschrockenen Barbiers zu
zittern begann und er sich nach vollendeter Arbeit eilig aus dem Staube machte.
    Zu spät bedachte der Graf, dass er sich vergessen habe; aber wie empfindlich
musste der Schlag sein, der ihn getroffen, wenn dadurch die eherne Ruhe und
Zurückhaltung eines so vom Zweck Umpanzerten erschüttert werden konnte!
    Mit fliegender Hand schrieb er einige Zeilen, schloss und siegelte den Brief,
liess den Jäger kommen, gebot ihm, ein Pferd zu satteln, und trug ihm auf, die
Botschaft vor Ablauf von achtundvierzig Stunden an Ort und Stelle zu bringen,
kost es, was es wolle.
    Der Mann entfernte sich schweigend. Er kannte seinen Herrn. Er wusste, dass
sein Herr sich nicht mit Spässen beschäftigte, Liebeshändeln und kleinen
Intrigen. Er kannte dieses Gesicht an Seiner Lordschaft, diese Spannung eines
grässlichen Entweder-Oder, diese Miene eines angestrengten Wettläufers, diese
krankhafte Fassung des Hasardspielers. Man hatte dergleichen Ritte schon oft
unternommen bei Tag wie bei Nacht; man musste eine verschwiegene Zunge haben, um
die unbehaglichen Zutaten solcher Obliegenheiten vor einer wissbegierigen Welt
bergen zu können, denn es hatte nicht selten den Anschein, als ob man der
Mittler lichtscheuer Geschäfte sei. Eile war stets geboten; man kam auch stets
zurecht, doch jenes »Kost es, was es wolle« war ein bisschen aufschneiderisch,
man erhielt nicht immer seinen Lohn, man musste oft wochenlang warten und
heimlich nach den Brocken haschen, die von der gräflichen Tafel abgetragen
wurden; Seine Herrlichkeit war eben nicht bei Kassa, man erwartete Gelder aus
England oder aus Frankreich oder man wurde sogar um Geld zu irgendeinem
vornehmen Herrn geschickt, und es war auffallend, dass dem gräflichen Verlangen
häufig nicht eben diensteifrig begegnet wurde, der vornehme Herr liess in seiner
Sprache eher etwas von Geringschätzung als von Ehrfurcht gegen die Person des
Lords merken.
    Woran hing das alles? Wohin liefen die Fäden, die dieses über den Pöbel
erhobene Schicksal an die gemeine Notdurft knüpften? Der edle Abkömmling eines
edeln Geschlechts, seine Tage in einer erbärmlichen Spelunke fristend, einer der
stolzesten Namen eines stolzen Reiches, abhängig von der schmierigen
Freundlichkeit eines Gastwirts, verdammt, seines Lebens Mark und Kern mit eignen
Füssen in den Schlamm zu treten, das strenge Gedächtnis unantastbarer Ahnen
preiszugeben, wofür? Woran hing das alles?
    Jede gegenwärtige Stunde war eine Ruine der Vergangenheit, jeder Tag die
Trümmerstätte eines goldenen Ehemals; ehemals, da der Name Stanhope in den
Hauptstädten Europas noch jene Rolle gespielt, die seinem Träger selbst nur noch
wie eine Sage erschien, als der jugendliche Lord das Entzücken der Salons von
Paris und Wien gewesen war, als er reich gewesen und den Reichtum benutzt hatte,
um seine masslose Jugend damit zu sättigen und der Welt seiner Standesgenossen
das Schauspiel einer Verschwendung ohnegleichen zu geben. Seine Feste und
Gastmähler waren berühmt gewesen. Er war von Land zu Land gereist mit einem
Hofstaat von Köchen, Sekretären, Kammerdienern, Handwerkern und Spassmachern. Er
hatte bei einer Pergola in Madrid für fünfundzwanzigtausend Livres Blumen an die
Frauen verteilen lassen. Er hatte während des Wiener Kongresses die Könige und
Fürsten bewirtet, Wettrennen veranstaltet, die allein ein Vermögen verschlangen,
und Oratorien und Opern für eigne Rechnung aufführen, lassen. Seine luxuriösen
Launen hielten die Gesellschaft in Atem; er beschenkte seine Freunde mit Villen
und Landgütern und seine Freundinnen mit Perlenketten. Er war jahrelang der
Timon des Kontinents gewesen, um den sich eine Armee von geilen Schmarotzern
drängte, die alle ihr Profitchen an ihm machten und ihre ausschweifenden Gelüste
bei ihm befriedigten. Seine Guterzigkeit und Freigebigkeit war sprichwörtlich
geworden, seine Art, mit immer gefüllten Händen Gold um sich her zu streuen,
achtlos, ob es in die Gosse oder auf die Teppiche fiel, glich dem Wahnsinn oder
einer tollen Probe auf die menschliche Habgier.
    Dann das Ende: Fallissement und Selbstmord eines Bankiers beschleunigten den
unaufhaltsamen Zusammenbruch. Es war an einem Abend im Palais Bourbon, man hatte
hoch gespielt, Stanhope verlor viele Tausende, um so bezaubernder wirkte sein
unbefangenes Geplauder, das Feuer und die Anmut seines Geistes. Der Gesandte,
Lord Castlereagh, trat zu ihm und machte ihm eine hastige Mitteilung. Man sah
ihn erblassen, ein Lächeln von eigner Schwermut gefror auf den feinen Zügen,
andern Tags reiste er. Er glaubte in der Heimat das zurückgezogene Leben eines
Landedelmannes führen zu können, dies misslang. Die Güter waren überschuldet, von
allen Seiten drängten Gläubiger, ausserdem graute ihm vor der Einsamkeit, hasste
er die menschenlose Natur. Er floh. Der Glanz vergangener Zeiten musste Fetzen
borgen für ein Dasein, das allmählich von innen ausgehöhlt wurde durch die Angst
um das nackte Brot. Es war still um ihn geworden; seine Wanderzüge waren eine
Jagd nach den früheren Freunden und Genossen, aber auf einmal gab es keinen
mehr, der nicht alles vorher gewusst hätte und aus sicherer Schanze heraus
Verdammnis predigte. In einem römischen Hotel nahm er, verzweifelt, erschöpft,
aller Hoffnung bar, Strychnin. Eine junge Sizilianerin pflegte und rettete ihn.
Das Gift, das seinen Körper verlassen hatte, schien von seiner Seele Besitz zu
ergreifen. Er rang mit dem Dämon, der ihn niedergestossen; er wurde wild und
kalt; seine ans Erhabene streifende Menschenverachtung erleichterte ihm, die
Schwächen seiner Umgebung zu benutzen. Er begab sich in den Dienst hoher Herren
und studierte die schmutzigen Mysterien ihrer Vorzimmer und ihrer Hintertreppen.
Er wurde Emissär des Papstes und bezahlter Agent Metternichs. Bald war sein Name
ausgestrichen aus der Liste der Untadeligen und jenen Abenteurern zugezählt, die
an den Grenzbezirken der Gesellschaft eine gefürchtete Korsarenrolle spielen.
Die ausserordentlichen Talente, die er besass, machten ihm keine Aufgabe schwer;
der unablässige Zwang zu handeln, die Vielfältigkeit der Beziehungen erstickten
die Stimmen des Gewissens und die Empfindung dunkler Schmach. Oben geächtet und
bei aller Nützlichkeit gemieden, war er in den Niederungen noch immer der
erlauchte Mann; er wurde ein geübter Menschenjäger und Seelenfänger; was dem
Druck des Unglücks entsprungen war, wurde Metier; das unwiderstehliche, sanfte
Lächeln: Metier; die edeln Manieren, das ritterliche Betragen, die gewinnende
Konversation, die treffliche Bildung: alles Metier; jedes Zucken der Wimpern,
jede Verbeugung war Geschäft; alles hatte Folgen, alles Ursache, ein
nachlässiges Wort konnte das Misslingen einer Aufgabe bedeuten, und doch, wie
entbehrungsvoll war ein solches Dasein, wie jämmerlich der Lohn! Und wie ging es
bei alledem langsam bergab, ins Kleine hinein, als ob die Kette, an der er zog,
von selber und ohne dass sie sich lockerte, Glied um Glied absetzte, um ihn in
den Abgrund zu zerren.
    Eines Tages hiess die Kriegslosung Caspar Hauser. Der Auftrag war deutlich,
seine Quelle klar, die Umstände finster wie nichts zuvor. Man sagte: Du bist der
rechte Mann, das Unternehmen ist schwer, aber einträglich, es scheint von
geringer Bedeutung, doch Ungeheures steht auf dem Spiel. Die Verhandlungen
wurden nicht von Gesicht zu Gesicht geführt, alles war hinter Vorhängen
versteckt, jeder Mittler trug das Wort eines namenlosen Gebieters. Das
Gespenstertreiben reizte die Phantasie, der Abgrund begann zu leuchten. Das
Ausspinnen des Plans hatte etwas von Wollust; der seltene Vogel musste
meisterlich beschlichen werden.
    Ja, der Auftrag war deutlich, er hatte Hand und Fuss Du hast den Findling aus
dem Bereich zu entfernen, in welchem er anfängt für uns gefährlich zu werden,
lautete die Weisung; nimm ihn zu dir, nimm ihn mit in ein Land, wo niemand von
ihm weiss; lass ihn verschwinden, stürze ihn ins Meer oder wirf ihn in eine
Schlucht oder miete das Messer eines Bravo oder lass ihn unheilbar krank werden,
wenn du dich auf Quacksalberei verstehst, aber verrichte das Werk gründlich,
sonst ist uns nicht gedient. Unsers Dankes bist du versichert; wir notieren
unsern Dank mit der und der Summe bei Israel Blaustein in X.
    Was war zu überlegen? Alle Not konnte zu Ende sein. Jedes Zögern machte
schon mitschuldig; den untätigen Wisser zu beseitigen war für jene ein Zwang. Es
gab keine Wahl. Der Beginn des Unternehmens lag weit zurück; schon damals, wo
man den Mordgesellen in Daumers Haus geschickt, hatte Stanhope Befehl,
einzugreifen, falls der Anschlag, an dem er selber unbeteiligt war, nicht
gelingen sollte. Die Roheit und Verworfenheit der angewandten Mittel schreckten
ihn, beleidigten seinen guten Geschmack, rüttelten sein besseres Wesen auf. Er
floh, er verbarg sich. Das Elend und drohender Hunger lockten ihn wieder ins
Garn, und so machte er sich auf »aus weiter Ferne«, um sein Opfer zu betören.
    Doch wie sonderbar war schon das erste Begegnen und Zusammensein! Welch eine
Stimme! Welch ein Auge! Was erschütterte den Verderber und riss ihn hin? Er wurde
betört, er! Dieser Vogel verstand auch zu singen, das hatte der Netzknüpfer
nicht bedacht. Auf einmal sah er sich geliebt. Nicht wie Frauen lieben, das
hatte er erfahren, das kann gewürdigt und auch vergessen werden, es liegt im
Fluss der Dinge begründet, Zufall und Trieb haben gleichen Anteil daran; auch
nicht wie Männer lieben oder Eltern oder Geschwister oder wie ein Kind liebt;
Gesetz und Aneignung, Not und Wille binden die Kreatur an ihresgleichen; doch im
tiefsten Grund ruht Wetteifer, Kampf und Feindschaft. Dies aber war anders,
ungeahnt und wundersam rührte die Schönheit einer Seele an das ummauerte Herz.
    Es gibt eine Sage, die von einem Land erzählt, wo nicht Tau noch Regen fiel,
daher entstand Trockenheit und Wassermangel, weil nur ein einziger Brunnen war,
der Wasser erst in grosser Tiefe entielt; wie nun die Leute zu verschmachten
anfingen, da kam ein Jüngling zu dem Brunnen, der die Ziter spielte und seinem
Instrument so süsse Melodien entlockte, dass das Wasser bis zur Mündung des
Brunnens heraufstieg und im Überfluss dahinströmte.
    So wie dem Brunnen erging es dem Lord, wenn der Jüngling Caspar bei ihm
weilte und die süssen Melodien seines Wesens spielte. Sein Geist stieg aus der
Tiefe, ein jammernder Blick flog rückwärts, Scham entzündete das bebende Gemüt,
leicht schien es das Übel ungeschehen zu machen, er fand sich selbst wieder, es
strahlte ihm aus diesem Antlitz das Bild der eignen noch unbefleckten Jugend
entgegen, und so, wie er hätte sein können, wenn das Schicksal nicht sein
Edelstes zermalmt hätte, so sah er sich genommen, geglaubt und verherrlicht. Und
so wahr, so reich, so grundlos schenkend, dass der verruchteste Geizhals und
Bösewicht seine Truhe nach Kostbarkeiten durchwühlt hätte, nur um sich der Qual
der Verschuldung zu entledigen.
    Aber er gab - nichts. Er konnte sich nicht selber geben, denn seine Person
war zum voraus verschrieben, sein Leben war von denen bezahlt, denen er diente,
bezahlt sein Tag und seine Nacht, bezahlt seine Reue, sein Unfrieden, sein
schlechtes Gewissen. Er führte eine Tat im Schilde, die jede Falte seines
Gesichts mit Lüge bemalte, aber bisweilen dachte er in Wirklichkeit daran, mit
Caspar zu fliehen. Doch wohin? Wo gab es eine Ruhestatt für den Geächteten eines
Erdteils? Ach, wenn er die stillen Stunden mit Caspar verbrachte und dieses
Antlitz ihm zugeneigt war, in dem der reine Glanz des Menschen wohnte, da fühlte
er, dass auch er noch ein Mensch war, und er konnte in unermesslicher Wehmut vor
sich hintrauern. Dann vergass er Zweck und Sendung und rächte sich an jenen,
deren schuldiges Opfer er war, indem er hinwarf, was er von ihren Geheimnissen
wusste, und doppelten Verrat beging. Er erfüllte Caspar mit Erwartungen auf Macht
und Grösse, das war seine Gegengabe, das Geschenk des Geizhalses. Ein Glück, dass
der Zauber an Kraft verlor, wenn er von dem Jüngling entfernt war und er nicht
mehr jenen fragenden Blick auf sich lasten fühlte, bei dem ihm zumute war, als
sei ein Gesandter Gottes neben ihn hingestellt. Inmitten der finstern Überlegung
und im Verfolg der furchtbaren Pläne schrieb er gleichwohl kurze
leidenschaftliche Briefchen an den Umgarnten, wie dies: »In der ersten Woche, da
ich dich kennenlernte, hiess ich mich deinen Vasall; solltest du je für eine Frau
dasselbe fühlen, was du für mich empfindest, so bin ich verloren.« Oder: »Wenn
du einmal Kälte an mir bemerkst, so schreibe es nicht einer Herzlosigkeit zu,
sondern nimm es für den Ausdruck jenes Schmerzes, den ich bis ans Grab in mir
verschliessen muss; meine Vergangenheit ist ein Kirchhof, als ich dich fand, hatte
ich Gott schon halb verloren, du warst der Glöckner, der mir die Ewigkeit
einläutete.« Es waren Wendungen im Geschmack der Zeit, beeinflusst durch
Modepoeten, aber sie bekundeten doch die Ratlosigkeit eines bis ins Innerste
verworrenen Gemüts.
    So hin- und hergerissen, hemmte er selbst den Gang seiner Unternehmung. Er
liess geschehen, was geschah, und unterlag dem Anprall der Ereignisse, denn sie
waren mächtiger als seine Entschlüsse. Er wusste, dass er sein schändliches Werk
enden würde und enden müsse, aber er zauderte, und dies Zaudern gab ihm Zeit,
sein Geschick zu beklagen. Er versuchte sich eine Ausrede vor dem Himmel zu
schaffen, indem er betete, und vor dem Richter in sich selbst, indem er aus
seinem Dasein ein Fatum machte. Den an Genuss und Wohlleben hängenden Geist
beschwichtigte er durch den Sophismus, dass die Notwendigkeit stärker sei als
Liebe und Erbarmen, und das klare Bild des Endes eskamotierte er hinweg mit
einem billigen: es wird ja so schlimm nicht werden!
    Indessen wurde auch nach der hastigen Absendung des Jägers die Unsicherheit
seiner Lage immer grösser, die Kosten des Aufentalts wuchsen beständig, die
Kreditbriefe nutzten wenig, sie waren einstweilen nur ein Aushängeschild, die
Bedrängnis zwang ihn zu Taten, und er fasste den Entschluss, nach Ansbach zu
reisen und mit dem Präsidenten Feuerbach persönlich zu unterhandeln.
    An einem Samstag zu Ende November gebot er, eilends den Reisewagen instand
zu setzen, und schickte eine Nachricht ins Tuchersche Haus, dass Caspar sogleich
zu ihm kommen möge. Er aber begab sich, nachdem er Auftrag erteilt, Caspar bis
zu seiner Wiederkehr zurückzuhalten, auf einem Weg, wo er dem Gerufenen nicht zu
begegnen fürchten musste, selbst dortin, liess sich in Caspars Zimmer führen, gab
vor, auf ihn warten zu wollen, und als er allein war, durchstöberte er in
gehetzter Eile alle Schubläden, Bücher und Hefte des Jünglings, um einen vor
Wochen von ihm selbst an Caspar geschriebenen Brief zu finden, in welchem ihm
höchst unbedachte, auf die Zukunft Caspars bezügliche Bemerkungen entschlüpft
waren und den er um jeden Preis aus der Welt schaffen wollte, denn schon hatte
man ihn gewarnt, schon hatten die Finsteren hinter dem Vorhang gedroht.
    Sein Suchen war vergeblich.
    Da öffnete sich auf einmal die Tür, und Herr von Tucher stand auf der
Schwelle. In seinem ängstlichen Eifer hatte der Lord die nahenden Schritte
überhört. Herr von Tucher sah mächtig gross aus, da sein Scheitel den oberen
Pfosten der Türe berührte; in seiner Haltung lag ein schmerzliches Erstaunen,
und nach einem langen Schweigen sagte er mit heiserer Stimme: »Herr Graf! Das
sind doch nicht etwa die Geschäfte eines Spions?«
    Stanhope zuckte zusammen. »Einen Anwurf solcher Art erlauben Sie mir wohl
mit Schweigen zu übergehen«, entgegnete er mit gelassenem Hochmut.
    »Aber was soll das,« fuhr Herr von Tucher fort, »wie soll ich den
Augenschein deuten? Mir ahnt, Herr Graf, eine innere Stimme verrät es mir, dass
hier nicht alles auf geraden Wegen vor sich geht.«
    Der Lord geriet in Verwirrung; er presste die eine Hand an die Stirn, und mit
flehendem Ton sagte er: »Ich bedarf mehr des Mitleids und der Nachsicht, als Sie
denken, Baron.« Er zog das Taschentuch aus der Brusttasche, drückte es vor die
Augen und begann plötzlich zu weinen, wirkliche, unverstellte Tränen. Herr von
Tucher war sprachlos. Seine erste Regung war düsterer Argwohn und der Verdacht,
dass alle trüben und versteckten Redereien über Caspars Schicksal eines
ernstlichen Grundes doch nicht entbehren mochten.
    Stanhope, als ahne er, was in dem klugen Manne vorging, fasste sich schnell
und sagte: »Nehmen Sie sich eines schwankenden Herzens an. Ich tappe im Dunkeln.
Ja, es will in Worte gebracht sein, ich zweifle an Caspar! Ich vermag ihn nicht
loszusprechen von gewissen Unaufrichtigkeiten und heuchlerischen Künsten ...«
    »Auch Sie also!« konnte sich Herr von Tucher nicht entalten auszurufen.
    »Und ich fahnde nach Beweisen.«
    »Diese Beweise suchen Sie in Schubladen und Schränken, Herr Graf?«
    »Es handelt sich um geheime Aufzeichnungen, die er mir vorentielt.«
    »Wie? Geheime Aufzeichnungen? Davon ist mir nicht das mindeste bekannt.«
    »Sie sind nichtsdestoweniger vorhanden.«
    »Vielleicht meinen Sie am Ende das Tagebuch, das er vom Präsidenten erhalten
hat?«
    Stanhope griff diesen Gedanken, der ihn aus der schiefen Situation halbwegs
rettete, mit Vergnügen auf. »Ja, gerade dieses, ohne Frage dasselbe«, beteuerte
er rasch, indem er sich zugleich gewisser verräterischer Andeutungen Caspars
darüber entsann.
    »Ich weiss nicht, wo er es aufbewahrt,« sagte Herr von Tucher; »ich würde
auch Anstand nehmen, es Ihnen in seiner Abwesenheit auszuliefern. Im übrigen
weiss ich zufällig, dass er vor einiger Zeit aus demselben Tagebuch das Bildnis
des Präsidenten, das sich auf der ersten Seite befand, herausgeschnitten und das
Ihre, Herr Graf, an dessen Stelle gesetzt hat.« Damit langte Herr von Tucher
nach einer Mappe, die auf dem Schreibpult lag, zog ein darin befindliches Blatt
hervor und reichte es Stanhope. Es war Feuerbachs Porträt.
    Der Lord sah eine Weile darauf nieder, und beim Anschauen dieser
jupiterhaften Züge beschlich ihn eine niegekannte Furcht. »Das ist also der
berühmte Mann,« murmelte er; »ich bin im Begriff, ihn aufzusuchen, ich erwarte
viel von seiner unbestechlichen Einsicht.« Doch alles, was er plante, der Weg
dortin, der Zwang, dem furchtbaren Blick dieser Augen standhalten zu sollen,
versetzte ihn in eine Befangenheit, deren er nicht Herr werden konnte.
    »Exzellenz Feuerbach wird zweifellos entzückt sein, Ihre Bekanntschaft zu
machen«, sagte Baron Tucher höflich, und da Stanhope sich anschickte zu gehen,
bat er ihn, dem Präsidenten seine verehrungsvollen Grüsse zu übermitteln.
    Zwei Stunden später sauste der Wagen des Lords auf der Reichsstrasse dahin.
Es war ein arger Sturm, in Wellen und Spiralen krümmte sich der Staub empor, der
Lord kauerte, in Tücher eingehüllt, in der Ecke des Gefährts und wandte keinen
Blick von der herbstlichtrübseligen Landschaft. Doch sein krankhaft leuchtendes
Auge sah weder Felder noch Wälder, sondern schien die Ebene nach verborgenen
Gefahren zu durchspähen. Das Auge eines Besessenen oder eines Flüchtlings. Als
kurz vor dem Städtchen Heilsbronn das Gedudel eines Leiermanns hörbar wurde,
drückte er die Hände gegen die Ohren, wandte sich ab und stöhnte seine zur
Einsamkeit verdammte Qual in das seidene Ruhekissen des Wagens. Danach sass er
wieder aufrecht, hart und kalt wie Stahl, ein Hexenlächeln um die dünnen Lippen.
 
                                  Zweiter Teil
    Gespräch zwischen einem, der maskiert bleibt, und einem, der sich entüllt
Es regnete in Strömen, als die Kalesche des Lords am späten Abend über den
Ansbacher Schlossplatz donnerte. Dazu scheuten die Pferde plötzlich vor einem
über den Weg trottenden Hund, und der elsässische Kutscher fluchte in seinem
greulichen Dialekt so laut, dass sich hinter den dunkeln Fensterquadraten ein
paar weisse Zipfelmützen zeigten. Die Zimmer im Gastof zum Stern waren
vorausgemietet, der Wirt tänzelte mit einem Parapluie vors Tor und begrüsste den
Fremdling mit unzähligen tiefen Komplimenten und Kratzfüssen.
    Stanhope schritt an ihm vorüber zur Treppe, da trat ihm ein Herr in der
Uniform eines Gendarmerieoffiziers entgegen, sehr eilfertig, mit regentriefendem
Mantel und stellte sich ihm als Polizeileutnant Hickel vor, der die Ehre gehabt
habe. Seiner Lordschaft vor einigen Wochen beim Rittmeister Wessenig in Nürnberg
flüchtig, »leider allzu flüchtig«, begegnet zu sein. Er nehme sich die Freiheit,
dem Herrn Grafen seine Dienste in der unbekannten Stadt anzubieten, und bitte um
Vergebung für die einem Überfall ähnliche Störung, aber es sei zu vermuten, dass
Seine Lordschaft wenig Zeit und vielerlei Geschäfte habe, darum wolle er nicht
versäumen, in erster Stunde nachzufragen.
    Stanhope schaute den Mann verwundert und ziemlich von oben herab an. Er sah
ein frisches, volles Gesicht mit eigentümlich kecken und dabei zärtlich
ergebenen Augen. Unwillkürlich zurücktretend hatte Stanhope das Gefühl, dass hier
einer seine ganze Person als Werkzeug antrug, gleichviel zu welchen Zwecken;
nichts Neues war ihm der begehrlich streberische Glanz solcher Blicke, schon
glaubte er seinen Mann in- und auswendig zu kennen. Aber woher wusste der
Dienstbeflissene davon? Wer hatte ihn auf die Fährte gebracht? Eine feine Nase
war ihm jedenfalls zuzutrauen. Der Lord dankte ihm kurz und erbat sich für eine
bestimmte Stunde seinen Besuch, worauf der Polizeileutnant militärisch grüsste
und ebenso eilig, wie er gekommen war, wieder in den Regen hinausrannte.
    Stanhope bewohnte den ganzen ersten Stock und liess sogleich in allen Zimmern
Kerzen aufstellen, da ihm unbeleuchtete Räume verhasst waren; während der
Kammerdiener den Tee bereitete, nahm er ein in Saffian gebundenes
Andachtsbüchlein aus der Reisetasche und begann darin zu lesen. Oder wenigstens
hatte es den Anschein, als lese er, in Wirklichkeit dachte er hundert zerstreute
Gedanken, die Ruhe des kleinen Landstädtchens war ihm unheimlicher als
Kirchhofsstille. Nach dem Imbiss liess er den Wirt rufen, befragte ihn über dies
und jenes, über die Verhältnisse im Ort, über den ansässigen Adel und die
Beamtenschaft. Der Wirt zeigte sich den neuen Läuften gründlich überlegen. Er
hatte noch die selige Markgrafenzeit erlebt, und mit dem Tag, wo Höfling und
Hofdame aus ihren ziervollen Rokokopalästchen die Flucht vor dem heransausenden
Kriegssturm ergriffen hatten, war es aus mit dem Glanz der Welt; ein stinkendes
Rattennest war sie geworden, ein Aktentrödelmarkt mit dem hochtrabenden Namen
Appellationssenat, eine Tintenhöhle, ein Paragraphenloch.
    Damals, ach, damals! Wie verstand man zu schäkern, wie heiter war das
Treiben, man spielte, man parlierte, man tanzte; und der dicke Mann fing vor den
Augen des Lords an, einige gravitätische Menuettposen und Pas de deux zu
illustrieren, wozu er eine verschollene Melodie trällerte und mit zwei Fingern
jeder Hand schelmisch die Rockschösse hob.
    Der Lord blieb vollkommen ernstaft. Er fragte auch beiläufig, ob Herr von
Feuerbach in der Stadt sei, doch bei diesen Worten zog der Dicke ein säuerliches
Gesicht. »Die Exzellenz?« grollte er. »Ja, die ist da. Wohler wäre uns, sie wär
nicht da. Wie ein brummiger Kater lauert sie uns auf und faucht uns an, wenn wir
ein bisschen pfeifen. Er kümmert sich um alles, ob die Strassen gekehrt sind, ob
die Milch verwässert ist; überall ist er hinterher, aber Galanterie hat er keine
im Leib. Nur eines versteht er gründlich, er ist ein scharfer Esser, und halten
zu Gnaden, Herr Graf wenn Sie mit ihm zu tun haben, müssen Sie alles loben, was
auf seinen Tisch kommt.«
    Stanhope entliess den Schwätzer huldvoll, dann bezeichnete er dem Diener die
Kleider, die für morgen instand zu setzen seien, und begab sich zur Ruhe. Am
andern Morgen erhob er sich spät, schickte den Lakaien in die Wohnung Feuerbachs
und liess um eine Unterredung bitten. Der Mann kam mit der Botschaft zurück, der
Herr Staatsrat könne heute und wohl auch in den nächsten Tagen nicht empfangen,
er ersuche Seine Lordschaft, ihm das Anliegen schriftlich mitzuteilen. Stanhope
war wütend. Er begriff, dass er sich überstürzt habe, und fuhr sogleich zum
Hofrat Hofmann, der ihm empfohlen war.
    Indessen hatte sich die Kunde von seiner Anwesenheit verbreitet und nach
weiteren vierundzwanzig Stunden war schon ein Sagenkranz um seine Person
geflochten. Ein halb Dutzend mit Goldguineen gefüllte Säcke seien auf dem
Reisewagen des Fremdlings aufgeschnallt gewesen, hiess es, und er wolle das
Markgrafenschloss samt dem Hofgarten kaufen; er führe ein Bett mit Schwanendaunen
mit sich und gestickte Wäsche; er sei ein Vetter des Königs von England und
Caspar Hauser sein leiblicher Sohn. Stanhope, kühl bis in die Nieren, sah sich
als Mittelpunkt kleinstädtischen Schwatzes und war es zufrieden.
    Der Hofrat hatte ihm keine Erklärung über das Verhalten des Präsidenten zu
geben vermocht. Um die dienstlichen Schritte zu beraten, suchten sie den
Archivdirektor Wurm auf, der bei Feuerbachgrosses Vertrauen genoss. Stanhope
spürte, dass man nur mit scheuer Vorsicht an die Sache ging; die amtssässigen
Herren konnten sich keines freien Verhältnisses zu einem Manne rühmen, dessen
Hand wie eine Eisenlast auf ihnen ruhte.
    Am Abend folgte Stanhope der Einladung in einen Familienkreis. Als er hier
die Rede auf den Präsidenten brachte, wurde eine Reihe von Anekdoten erzählt,
die teils lächerrlich, teils bizarr klangen, oder man berichtete, wie um den
Mangel an Liebe und echtem Sichbescheiden durch Umstände zu verdecken, welche
das Mitleid herausforderten, von dem Unglück, welches Feuerbach an zweien seiner
Söhne erlebe, von einer zerrütteten Ehe, von der menschenhassenden Einsamkeit,
in welcher der Alte hauste, und in der man doch wieder etwas wie eine dunkle
Verschuldung sehen wollte. »Er ist ein Fanatiker,« liess sich ein kahlköpfiger
Kanzleivorstand vernehmen, »er würde, wie Horatius, seine eignen Kinder dem
Henkersknecht ausliefern.«
    »Er vergibt niemals einem Feind,« sagte ein andrer klagend, »und dies
beweist keine christliche Gesinnung.«
    
    »Das alles wäre nicht so schlimm, wenn er nicht in jedem Menschen eine Art
von Übeltäter sehen würde,« meinte die Dame des Hauses, »und bei jeder
Harmlosigkeit gleich das ganze Strafgesetz aufmarschieren liesse. Neulich ging
ich um die Dämmerung mit meiner Tochter auf der Triesdorfer Strasse spazieren,
und wir waren unbedachtsam genug, ein paar Äpfel von den Bäumen zu pflücken; auf
einmal steht die Exzellenz vor uns, schwingt den Stock in der Luft und schreit
mit einer fürchterlich krähenden Stimme: Oho, meine Gnädige, das ist Diebstahl
am Gemeindegut! Nun bitt ich einen Menschen, Diebstahl! Was soll denn das
heissen?«
    »Du musst aber auch sagen, Mama,« fügte die Tochter hinzu, »dass er dabei ganz
pfiffig geschmunzelt hat und sich kaum das Lachen verbeissen konnte, als wir, vor
Schrecken zitternd, die Äpfel in den Graben warfen.«
    Der blosse Name des Mannes glich einem Steinblock im Strom, vor dem das
Wasser staut und aufprallt. Stanhope machte kein Hehl aus seiner Bewunderung für
den Präsidenten. Er, zitierte Stellen aus seinen Schriften, schien selbst die
trockensten juristischen Abhandlungen zu kennen und pries die von Feuerbach
durchgeführte Abschaffung der Folter als eine Tat, die über die Jahrhunderte
leuchten würde. Es war ein Mittel zu blenden, wie irgendein andres.
    Auf allen Gassen, in allen Salons gab es alsbald nur einen einzigen
Gesprächsstoff, und das war Lord Stanhope. Lord Stanhope, der Held und die
Zuflucht der unschuldig Verfolgten; Lord Stanhope, der Gipfel der Eleganz, Lord
Stanhope, der Freigeist, Lord Stanhope, der Liebling des Glücks und der Mode,
Lord Stanhope, der Melancholische, und Lord Stanhope, der Strengreligiöse.
Soviel Tage, soviel Gesichter; heute ist Lord Stanhope kalt, morgen ist er
leidenschaftlich; zeigt er sich hier heiter und ungebunden, dort wird er
tiefsinnig und würdevoll sein; Gelehrsamkeit und leichte Tändelei, die Stimme
des Gemüts und sittliche Forderung: es kommt nur auf das Register an, das der
geschickte Orgelspieler braucht. Wie interessant sein Aberglauben, wenn er in
einem Zirkel bei Frau von Imhoff seine Furcht vor Gespenstern bekennt und
schildert, dass er dabei gewesen, wie ein Landsmann in den Krater des Vesuv zur
Hölle gefahren sei; wie entzückend die Ironie, mit der er bei andrer Gelegenheit
gottlose Gedichte von Byron zu rezitieren versteht.
    Die Elemente mischen sich, man weiss nicht wie. Es ist eine Lust, die Welle
zu Schaum zu schlagen und den kleinen provinzlichen Sumpf im vergoldeten Kahn zu
durchfahren.
    Am fünften Tag kam der Jäger zurück. Er brachte erweiterte Vollmachten;
Befehle, denen Stanhope durch seine Reise nach Ansbach zum Teil zuvorgekommen
war, aus denen als bemerkenswert etwas wie Furcht vor den Massnahmen Feuerbachs
auffiel. Es wurde ihm geboten, sich dem Präsidenten in jedem Fall zu fügen, da
Widerstand Verdacht erweckt hätte; das Äusserste zu versuchen, aber sich zu fügen
und neue Minen zu graben, wenn die alten wirkungslos geworden. Von einem
gefährlichen Dokument war die Rede, das einstweilen beiseitegebracht oder
unschädlich gemacht werden müsse, von dessen Inhalt aber jedenfalls Abschrift zu
nehmen sei.
    Das überreichte Schreiben sollte im Beisein des Jägers zerrissen und
verbrannt werden. Dies geschah. Vor allem brachte der Bursche Geld, herrliches
bares Geld. Stanhope atmete auf.
    Am nächsten Abend lud er einige der vornehmsten Familien der Stadt zu einem
geselligen Beisammensein in die Räume des Kasinos. Man raunte sich zu, dass er
die Speisen nach besonderen Rezepten habe bereiten lassen und die Musikpiecen
mit dem Kapellmeister selbst durchprobiert habe. Vor Beginn des Tanzes erhielt
jede Dame ein ebenso sinniges wie kostbares Angebinde: ein kleines Schildchen
von Gold, auf welchem in emaillierter Schrift die Devise stand: »Dieu et le
coeur«. Danach nahm der Lord sein Glas und forderte die Anwesenden auf, mit ihm
das Wohl eines Menschen auszubringen, der ihm so teuer sei, dass er den Namen vor
so vielen Ohren gar nicht auszusprechen wage, wüssten doch alle, wen er meine:
jenes wunderbare Geschöpf, vom Schicksal wie auf eine Warte der Zeit
hingestellt: Dieu et le coeur dies gelte ihm, dem Mutterlosen, dessen die Mütter
gedenken möchten, welche Kinder geboren, und die Jungfrauen, die sich der Liebe
weihten.
    Man war gerührt; man war ausserordentlich gerührt. Ein paar weisse
Taschentücher flatterten in sanften Händen, und eine ergriffene Bassstimme
murrte: »Seltener Mann.« Der seltene Mann, als ob er seine eigne Bewegung nicht
anders meistern könne, begab sich auf den anstossenden Balkon und schaute sinnend
auf das Volk, das teils in ehrfürchtig flüsternden Gruppen stand, teils in der
Dunkelheit auf und ab promenierte. Viele auch hatten sich, der Musik lauschend,
an die gegenüberliegende Mauer gedrängt, und eine ganze Reihe von Gesichtern
glänzte fahl in dem aus den Fenstern flutenden Lichtschein.
    Da gewahrte Stanhope den Uniformierten, der sich ihm bei seiner Ankunft in
der Stadt präsentiert. Er hatte ihn seitdem völlig aus dem Gedächtnis verloren,
der Mann war zur festgesetzten Stunde im Hotel gewesen, doch hatte Stanhope die
Verabredung nicht gehalten, und jener hatte nur die Karte zurückgelassen. Jetzt
stand er wenige Schritte entfernt unter einem Laternenpfahl, und sein Gesicht
schien auffallend böse.
    Ein Unbehagen überlief den Lord. Er verbeugte sich höflich nach der
Richtung, wo der Regungslose stand. Darauf hatte der nur gewartet; er trat
näher, und dicht am Balkon stehend, war sein Gesicht etwa in Brustöhe des
Grafen.
    »Polizeileutnant Hickel, wenn ich nicht irre«, sagte Stanhope und reichte
ihm die Hand; »ich hatte das Unglück, Ihren Besuch zu versäumen, ich bitte mich
zu entschuldigen.«
    Der Polizeileutnant strahlte vor Ergebenheit und heftete den Blick andächtig
auf den redenden Mund des Grafen. »Schade,« versetzte er, »ich hätte sonst gewiss
den Vorzug, den heutigen Abend in Mylords Gesellschaft zu verbringen. Man
rechnet meine Wenigkeit hier gleichfalls zu den oberen Zehntausend, haha!«
    Stanhope rückte kaum merklich den Kopf. Was für ein unangenehmer Geselle,
dachte er.
    »Waren Eure Herrlichkeit schon beim Staatsrat Feuerbach?« fuhr der
Polizeileutnant fort. »Ich meine heute. Die Exzellenz war nämlich bis jetzt
starrköpfig, wollte mit Eurer Herrlichkeit nur schriftlich unterhandeln. Es ist
mir endlich gelungen, den eigensinnigen Mann andern Sinnes zu machen.«
    All das wurde in der biedersten Weise vorgebracht; doch Stanhope zeigte ein
befremdetes Gesicht. »Wie das?« fragte er stockend.
    »Nun ja, ich kann bei dem guten Präsidenten manches durchsetzen, woran andre
sich umsonst die Zähne ausbeissen«, erwiderte Hickel, ebenfalls mit dem
heitersten und gefälligsten Ausdruck. »Solche Hitzköpfe sind um den Finger zu
wickeln, wenn man sie zu nehmen versteht. Haha, das ist lustig: um den Finger
gewickelte Hitzköpfe, haha!«
    Stanhope blieb eisig. Er empfand einen an Ekel grenzenden Widerwillen. Der
Polizeileutnant liess sich nicht beirren. »Mylord sollten keinesfalls lange
überlegen« sagte er. »Wenn auch die Angelegenheit jetzt nicht gerade sonderlich
drängt, so treffen Sie doch den Staatsrat in einem Zustand von
Unentschlossenheit, dünkt mich, der auszunutzen ist. Und was das bedrohliche
Dokument anbelangt ...« Er hielt inne und machte eine Pause.
    Stanhope fühlte, dass er bis in den Hals erbleichte. »Das Dokument? Von
welchem Dokument sprechen Sie?« murmelte er hastig.
    »Sie werden mich vollständig verstehen, Herr Graf, wenn Sie mir eine halbe
Stunde Gehör schenken wollen«, antwortete Hickel mit einer Unterwürfigkeit, die
sich beinahe wie Spott ausnahm. »Was wir uns zu sagen haben, ist nicht
unwichtig, muss aber keineswegs noch heute gesagt werden. Ich stehe zu jeder
beliebigen Zeit zur Verfügung.«
    Seiner Unruhe trotzend, glaubte Stanhope Gleichgültigkeit zeigen zu sollen.
Obwohl ein Stichwort gefallen war, das er nicht überhören durfte, verschanzte er
sich hinter einer vornehmen Unnahbarkeit. »Ich werde mich sicherlich an Sie
wenden, wenn ich Ihrer bedarf, Herr Polizeileutnant«, sagte er kurz und wandte
sich stirnrunzelnd ab.
    Hickel biss sich auf die Lippen, schaute mit einiger Verblüffung dem Grafen
nach, der durch die offene Saaltür verschwunden war, und ging dann leise
pfeifend über die Strasse. Plötzlich drehte er sich um, verbeugte sich höhnisch
und sagte mit geschraubter Verbindlichkeit, wie wenn Stanhope noch vor ihm
stünde: »Der Herr Graf sind im Irrtum; auch bei dero Gnaden wird mit Wasser
gekocht.«
    Als Stanhope wieder unter seine Gäste getreten war, zog er den
Generalkommissär von Stichaner ins Gespräch. Im Verlauf der Unterhaltung äusserte
er, er habe sich entschlossen, dem Präsidenten morgen seinen Besuch zu machen;
wenn Feuerbach auch dann bei seinem wunderlichen Starrsinn verbleibe, werde er
es als vorsätzlichen Affront auffassen und abreisen.
    Er sagte das mit so lauter Stimme, dass einige danebenstehende Herren und
Damen es hören mussten; unter diesen befand sich auch Frau von Imhoff, die mit
Feuerbach sehr befreundet war. An sie hatte sich der Lord offenbar wenden
wollen. Frau von Imhoff war aufmerksam geworden, sie blickte herüber und sagte
etwas verwundert: »Wenn ich mich nicht täusche, Mylord, so hat Exzellenz ja
Ihnen einen Besuch abgestattet. Ich traf ihn spät nachmittags in seinem Garten,
als er eben im Begriff war, zum Stern zu gehen Sie waren wohl nicht zu Hause?«
    »Ich verliess mein Hotel um acht Uhr«, antwortete Stanhope.
    Eine Stunde später schickten sich viele zum Aufbruch an. Der Lord erbot
sich, Frau von Imhoff, deren Gatte verreist war, in seinem Wagen nach Hause zu
bringen. Da sie der Weg vorbeiführte, liess Stanhope beim »Stern« halten und
erkundigte sich, ob in seiner Abwesenheit jemand vorgesprochen habe. In der Tat
hatte Feuerbach seine Karte abgegeben.
    Am andern Vormittag um elf Uhr hielt die gräfliche Karosse in der
Heiligenkreuzgasse vor dem Tor des Feuerbachschen Gartens. Mit aristokratisch
gebundenen Schritten, die gertenhaft biegsame Gestalt unnachahmlich gestreckt,
näherte sich Stanhope dem landhausähnlichen Gebäude, indem er genau die Mitte
der kahlen Baumallee einhielt. Sein Anzug bekundete peinliche Sorgfalt; in dem
Knopfloch des braunen Gehrocks glühte ein rotes Ordensbändchen, die Krawatte war
durch eine Diamantschliesse gehalten und wie ein geistiger Schmuck umspielte ein
müdes Lächeln die glattrasierten Lippen. Als er ungefähr zwei Drittel des Wegs
zurückgelegt hatte, hörte er eine brüllende Stimme aus dem Haus, zugleich rannte
eine Katze vor ihm über den Kies. Ein böses Omen, dachte er, verfärbte sich,
blieb stehen und schaute unwillkürlich zurück. Es war so neblig, dass er seinen
Wagen nicht mehr sah.
    Er zog die Glocke am Tor und wartete geraume Weile, ohne dass geöffnet wurde.
Indes dauerte das Geschrei drinnen fort, es war eine Männerstimme in Tönen
wilder Wut. Stanhope drückte endlich auf die Klinke, fand den Eingang
unversperrt und betrat den Flur. Er sah niemand und trug Bedenken,
weiterzugehen. Plötzlich wurde eine Tür aufgerissen, ein Frauenzimmer stürzte
heraus, anscheinend eine Magd, und hinterher eine gedrungene Gestalt mit
mächtigem Schädel, in welcher Stanhope sofort den Präsidenten erkannte. Doch
erschrak er dermassen vor dem zornverzerrten Gesicht, den gesträubten Haaren und
der durchdringenden Stimme, dass er wie angewurzelt stehenblieb.
    Was hatte sich ereignet? War ein Unheil passiert? Ein Verbrechen zutag
gekommen? Nichts von alledem. Bloss ein stinkender Qualm zog durch den Korridor,
weil ein Topf mit Milch in der Küche übergelaufen war. Die Frauensperson hatte
sich beim Wasserholen verschwatzt, und da war es denn ein gar würdeloser
Anblick, den alten Berserker zu sehen, wie er mit den Armen fuchtelte und bei
jeder jammernden Widerrede der Gescholtenen von neuem raste, die Zähne
fletschte, mit den Füssen stampfte und sich vor Bosheit überschrie.
    Ein komisches Männlein, dachte Stanhope voll Verachtung; und vor diesem
kleinen Provinztyrannen und Polizeiphilister habe ich gebebt! Sich vornehm
räuspernd, schritt er die drei Stufen empor, die ihn noch von dem lächerlichen
Kriegsschauplatz trennten, da wandte sich Feuerbach blitzschnell um. Der Lord
verneigte sich tief, nannte seinen Namen und bat nachsichtig lächelnd um
Entschuldigung, wenn er störe.
    Schnelle Röte überflog das Gesicht Feuerbachs. Er warf einen seiner jähen,
fast stechenden Blicke auf den Grafen, dann zuckte es um Nase und Mund, und auf
einmal brach er in ein Gelächter aus, in welchem Beschämung, Selbstironie und
irgendeine gemütliche Versicherung lag, kurz, es hatte einen befreienden,
wohltuenden und überlegenen Klang.
    Mit einer Handbewegung forderte er den Gast zum Eintreten auf; sie kamen in
ein grosses wohlerhaltenes Zimmer, das bis in jeden Winkel von ausserordentlicher
Akkuratesse zeugte. Feuerbach begann sogleich über sein bisheriges Verhalten
gegen den Lord zu sprechen, und ohne Gründe anzuführen, sagte er, die
Notwendigkeit, die ihn bestimmt, sei stärker als die gesellschaftliche Pflicht.
Doch habe er eingesehen, dass er einen Mann von solchem Rang und Ansehen nicht
verletzen könne, zumal ihm schätzenswerte Freunde soviel Anziehendes berichtet
hätten, deshalb habe er Seine Lordschaft gestern aufgesucht.
    Stanhope verbeugte sich abermals, bedauerte, dass er Seiner Exzellenz nicht
habe aufwarten können, und fügte bescheiden hinzu, er müsse diese Stunde zu den
höchsten seines Lebens rechnen, vergönne sie ihm doch die Bekanntschaft eines
Mannes, dessen Ruf und Ruhm einzig und über die Grenzen der Sprache wie der
Nation hinausgedrungen sei.
    Von neuem der jähe, scharfe Blick des Präsidenten, ein schamhaft satirisches
Schmunzeln in dem verwitterten Gesicht und dahinter, fast rührend, ein Strahl
naiver Dankbarkeit und Freude. Der Lord seinerseits stellte vollendet einen Mann
der grossen Welt dar, der vielleicht zum erstenmal befangen ist.
    Sie nahmen Platz, der Präsident durch die Gewohnheit des Berufs mit dem
Rücken gegen das Fenster, um seinen Gast im Licht zu haben. Er sagte, eine der
Ursachen, weshalb er ihn zu sprechen verlange, sei ein gestern eingetroffener
Brief des Herrn von Tucher, worin ihm dieser nahelege, Caspar zu sich ins Haus
zu nehmen. Diese plötzliche Sinnesänderung sei ihm um so merkwürdiger
erschienen, als er ja wisse, dass Herr von Tucher den Absichten des Grafen
geneigt gewesen; er habe den Faden verloren, die ganze Geschichte sei ihm
verschwommen geworden, er habe nun sehen und hören wollen.
    Im Tone grössten Befremdens erwiderte Stanhope, er könne sich das Vorgehen
Herrn von Tuchers durchaus nicht erklären. »Man braucht den Menschen nur den
Rücken zu kehren und sie verwandeln ihr Gesicht«, sagte er geringschätzig.
    »Das ist nun so«, versetzte der Präsident trocken. »Ich will übrigens Ihre
Erwartung nicht hinhalten, Herr Graf. Wie ich schon dem Bürgermeister Binder
mitteilte, kann es auf keinen Fall geschehen, dass Ihnen Caspar überlassen werde.
Ein solches Ansinnen muss ich gänzlich und ohne Bedenken abweisen.«
    Stanhope schwieg. Ein schlaffer Unwillen malte sich in seinen Zügen. Er
blickte unablässig auf die Füsse des Präsidenten, und als ob ihn das Sprechen
Überwindung koste, sagte er endlich: »Lassen Sie mich Ihnen, Exzellenz, vor
Augen führen, dass Caspars Lage in Nürnberg unhaltbar ist. Aufs sonderbarste
angefeindet und von keinem unter allen, die sich seine Schützer nennen,
verstanden, mit dem Druck einer Dankesschuld beladen, die das Schicksal selbst
für ihn aufgenommen hat und die er niemals wird bezahlen können, da ihm ja sonst
jeder Tag und jedes Erlebnis zu einer wucherischen Zinsenabgabe würde und er,
ein Junger, ein Wachsender, der er ist, sein Dasein für sich verzehren muss, ist
er waffenlos ausgesetzt. Zudem will die Stadt, wie mir ausdrücklich versichert
wurde, nur noch bis zum nächsten Sommer für ihn sorgen und ihn dann einem
Handwerksmeister in die Lehre geben. Das, Exzellenz, dünkt mich schade.« (Hier
erhob der Lord seine Stimme ein wenig, und sein Gesicht mit den
niedergeschlagenen Augen erhielt den Ausdruck verbissenen Hochmuts.) »Es dünkt
mich schade, die seltene Blume in einen von aller Welt zerstampften Rasen setzen
zu lassen.«
    Der Präsident hatte aufmerksam zugehört. »Gewiss, das alles ist mir bekannt«,
antwortete er. »Eine seltene Blume, gewiss. War doch sein erstes Auftreten
derart, dass man einen durch ein Wunder auf die Erde verlorenen Bürger eines
andern Planeten zu sehen vermeinte, oder jenen Menschen des Plato, der, im
Unterirdischen aufgewachsen, erst im Alter der Reife auf die Oberwelt und zum
Licht des Himmels gestiegen ist.«
    Stanhope nickte. »Meine Hinneigung zu ihm, die dem allgemeinen Urteil
übertrieben erschienen ist, entstand mit dem ersten Hörensagen über seine
Person; sie findet auch in der Geschichte meines Geschlechts etwas wie eine
atavistische Rechtfertigung«, fuhr er in kühlem Plauderton fort. »Einer meiner
Ahnen wurde unter Cromwell geächtet und floh in ein Grabgewölbe. Die eigne
Tochter hielt ihn verborgen und nährte ihn, bis die Flucht gelang, kümmerlich
mit erstohlenen Brocken. Seitdem weht vielleicht ein wenig Grabesluft um die
Nachgeborenen. Ich bin der Letzte meines Stammes, ich bin kinderlos. Nur noch
ein Traum oder, wenn Sie wollen, eine fixe Idee bindet mich ans Leben.«
    Feuerbach warf den Kopf zurück. Die Linie seines Mundes zuckte in die Länge
wie ein Bogen, dessen Sehne zerrissen ist. Plötzlich lag Grösse in seiner
Gebärde. »Eine innere Verantwortung hindert mich, Ihnen zu willfahren, Herr
Graf«, sagte er. »Hier steht so Ungeheures auf dem Spiel, dass jeder Gnadenbeweis
und jedes Liebesopfer daneben gar nicht mehr in Frage kommt. Hier ist den in
Abgründen kauernden Dämonen des Verbrechens ein Recht zu entreissen und dem
bangen Auge der Mitwelt, wenn nicht als Trophäe, so doch als Beweis dafür
entgegenzuhalten, dass es auch dort eine Vergeltung gibt, wo Untaten mit dem
Purpurmantel bedeckt werden.«
    Der Lord nickte wieder, doch ganz mechanisch. Denn innerlich erstarrte er.
Es wurde ihm schwül vor der elementaren Gewalt, die aus der Brust dieses Mannes
zu ihm redete, und die selbst das Patos verzehrte, das ihm anfangs unbehaglich
war und ihn ironisch gestimmt hatte. Er fühlte, dass gegen diesen Willen zu
kämpfen, der sich wie ein ein Unwetter verkündigte, ein aussichtsloses Mühen
sein würde, und wenn es ein Beschluss über ihm war, durch den er in das Labyrint
lichtscheuer Verrichtungen mehr geglitten als geschritten war, so fand er sich
jetzt ratlos und ohnmächtig darin, und es wurde ihm auf einmal wichtig, einen
Anschein von Ehre und Tugend aus dem Chaos seines Innern zu retten. Er beugte
sich vor und fragte sanft: »Und ist das Recht, das Sie jenen entreissen wollen,
die Leiden dessen wert, dem es zukommt?«
    »Ja! Auch dann, wenn er daran verbluten müsste!«
    »Und wenn er verblutet, ohne dass Sie Ihr Ziel erreichen?«
    »Dann wird aus seinem Grab die Sühne wachsen.«
    »Ich ermahne Sie zur Vorsicht, Exzellenz, um Ihretwillen«, flüsterte
Stanhope, indem sein Blick langsam von den Fenstern zur Tür wanderte.
    Feuerbach sah überrascht aus. Es war etwas Verräterisches in dieser Wendung,
in irgendeinem Sinn verräterisch. Aber die blauen Augen des Lords strahlten
durchsichtig wie Saphire, und eine frauenhafte Trauer lag in der Neigung des
schmalen Hauptes. Der Präsident fühlte sich hingezogen zu dem Manne, und
unwillkürlich nahmen seine Worte einen milden, ja fast liebreichen Klang an, als
er sagte: »Auch Sie? Auch Sie sprechen von Vorsicht? Meine Sprache scheint Ihnen
kühn; sie ist es. Ich bin es satt, auf einem Schiff zu dienen, das durch die
Verblendung seiner Offiziere in den schmählichen Untergang rennt. Aber ich
könnte mir denken, dass es einem Bürger des freien England unbegreiflich ist,
wenn ein Mensch wie ich seine Ruhe und die Sicherheit der Existenz aufgeben muss,
um das Gewissen des Staats für die primitivsten Forderungen der Gesellschaft
wachzurütteln. Es ist überflüssig, mich zur Vorsicht zu mahnen, Mylord. Ich
würde alles das auch demjenigen ins Ohr schreien, der sich mir als Denunziant
bekennte. Ich fürchte nichts, weil ich nichts zu hoffen habe.«
    Stanhope liess einige Sekunden verstreichen, bevor er versonnen antwortete.
»Mein Unkenruf wird Sie weniger verwundern, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich
nicht uneingeweiht in die Verhältnisse bin, auf die Sie hindeuten. Ich bin nicht
das Werkzeug des Zufalls. Ich bin nicht ohne äusseren Antrieb zu dem Findling
gekommen. Es ist eine Frau, es ist die unglücklichste aller Frauen, als deren
Sendboten ich mich betrachte.«
    Der Präsident sprang empor, als ob ein Blitz im Zimmer gezündet hätte. »Herr
Graf!« rief er ausser sich. »Sie wissen also -«
    »Ich weiss«, versetzte Stanhope ruhig. Nachdem er mit düsterer Miene
beobachtet hatte, wie der Präsident krampfhaft die Stuhllehne gepackt hielt, so
dass die Arme sichtbar zitterten, und wie das grosse Gesicht sich verfaltete und
bewegte, fuhr er mit monotoner Stimme und einem matten, seltsam süsslichen
Lächeln fort: »Sie werden mich fragen: Wozu die Umwege? Was wollen Sie mit dem
Knaben? Ich antworte Ihnen: Ich will ihn in Sicherheit bringen, ich will ihn in
ein andres Land bringen, ich will ihn verbergen, ich will ihn der Waffe
entziehen, die fortwährend gegen ihn gezückt ist. Kann man klarer sein? Wollen
Sie noch mehr? Exzellenz, ich habe Kenntnis von Dingen, die mein Blut gefrieren
lassen, selbst wenn ich nachts erwache und in der Pause zwischen Schlaf und
Schlaf daran denke, wie man an ein Fieberbild denkt. Ersparen Sie mir die
Ausführlichkeit. Rücksichten, bindender als Schwüre, machen meine Zunge lahm.
Auch Sie scheinen ja, es ist mir rätselhaft, auf welche Weise, Einblick gewonnen
zu haben in diesen grauenhaften Schlund von Schande, Mord und Jammer; so darf
ich Ihnen wohl sagen, dass ich, der den Königen und Herren der Erde sehr genau
und sehr nah ins Gesicht geschaut hat, niemals ein Antlitz sah, dem Geburt und
Geist einen gleich hohen Adel und der Schmerz eine ergreifendere Macht verliehen
haben als dem jener Frau. Ich ward ihr Sklave mit dem Augenblick, wo das Bild
ihrer tragischen Erscheinung zum erstenmal mein Gemüt belud. Es wurde meine
Lebensidee, die ihr vom Schicksal zugefügten Wunden in ihrem Dienst zu mildern.
Ich will schweigen darüber, wie ich Gewissheit über den Zustand der gemarterten
und am Rand des Todes hinsiechenden Seele gewann und wie sich mir von denen, die
ein Jahrzehnte hindurch fortgesponnenes Gewebe von Leiden um das unbeschützte
Dasein der Unglücklichen flochten, langsam Stirn um Stirn entschleierte. Das
Haupt der Meduse kann nicht grässlicher sein. Genug damit, dass ich meine wahre
Natur unterdrücken und mich harmlos geben musste; ich musste lügen, schmeicheln,
schleichen und Ränke durch Ränke schlagen, ich habe mich verkleidet und
täuschungsvolle Aufgaben übernommen. dabei frass mir der Zorn am Mark, und ich
fragte mich, wie es möglich sei, weiterzuleben mit solcher Wissenschaft in der
Brust. Aber das ist es ja eben: man lebt weiter. Man isst, man trinkt, man
schläft, man geht zu seinem Schneider, man promeniert, man lässt sich die Haare
scheren, und Tag reiht sich an Tag, als ob nichts geschehen wäre. Und genau so
ist es mit jenen, von welchen man glaubt, dass das böse Gewissen ihre Sinne
verwüsten und ihre Adern verdorren müsse, sie essen, trinken, schlafen, lachen,
amüsieren sich, und ihre Taten rinnen von ihnen ab wie Wasser von einem Dach.«
    »Sehr wahr! Das ist es, so ist es!« rief Feuerbach leidenschaftlich bewegt.
Er eilte ein paarmal durch das Zimmer, dann blieb er vor Stanhope stehen und
fragte streng: »Und weiss die Frau von allem -? Weiss sie von ihm? Was ist ihr
bekannt? Was erwartet, was hofft sie?«
    »Aus persönlicher Erfahrung kann ich darüber nichts melden«, entgegnete der
Lord mit derselben traurigen und matten Stimme wie bisher. »Vor kurzem wurde bei
der Gräfin Bodmer erzählt, sie habe laut aufgeweint, als man den Namen Caspar
Hauser vor ihr genannt. Mag sein, ganz glaubwürdig ist es nicht. Hingegen ist
mir ein andrer Vorfall bekannt, der auf eine fast übersinnliche Beziehung
schliessen lässt. Eines Mittags vor zwei Jahren befand sich die Fürstin allein in
der Schlosskapelle und verrichtete ihr Gebet. Nachdem sie geendet und sich
erheben wollte, sah sie plötzlich über dem Altar das Bild eines schönen
Jünglings, dessen Gesicht einen unendlichen Kummer ausdrückte. Sie rief den
Namen ihres Sohnes, Stephan hiess er, der Erstgeborene, dann fiel sie in
Ohnmacht. Später erzählte sie die Vision einer vertrauten Dame, und diese, die
Caspar selbst in Nürnberg gesehen hatte, war von der Ähnlichkeit tief berührt.
Und das Wunderbare ist, dass die Erscheinung sich am selben Tag und zur selben
Stunde gezeigt hatte, wo der Mordanfall im Hause Daumers stattfand. So viel ist
klar, dass sich auf beiden Seiten ein geheimnisvolles Zusammenstreben offenbart.
Ferner ist es klar, Exzellenz, dass jedes Zaudern Gefahr bedeutet und ein
leichtfertiges Vergeuden günstiger Gelegenheit. Ich rufe Ihnen das in ernster
Not entgegen. Es könnte kommen, dass unsre Versäumnisse vor einen Richterstuhl
gefordert werden, wo keine Reue das Geschehene ausgleicht.«
    Der Lord erhob sich und trat zum Fenster. Seine Augenlider waren gerötet,
sein Blick verdunkelt. Wen verriet er eigentlich, wen belog er? Seine
Auftraggeber? Den Jüngling, den er an sich gekettet? Den Präsidenten? Sich
selbst? Er wusste es nicht. Er war erschüttert von seinen eignen Worten, denn sie
erschienen ihm wahr. Wie sonderbar, alles das erschien ihm wahr, als ob er der
Retter wirklich sei. Er liebte sich in diesen Minuten und hätschelte sein Herz.
Eine Finsternis des Vergessens kam über ihn, und sofern er Müdigkeit und Ekel zu
erkennen gab, galten sie nur dem wesenlosen Schemen, das an seiner Stelle
gesessen, an seiner Statt geredet und gehandelt hatte. Er löschte zwanzig Jahre
Vergangenheit von der Tafel seines Gedächtnisses hinweg und stand da,
reingewaschen durch eine Halluzination von Güte und Mitleid.
    Feuerbach hatte sich vor seinen Schreibtisch niedergelassen. Den Kopf in die
Hand gestützt, schaute er sinnend in die Luft. »Wir sind die Diener unsrer
Taten, Mylord«, begann er nach langem Schweigen, und die sonst polternde oder
schrille Stimme hatte einen sanften und feierlichen Klang. »Vor dem schlimmen
Ende zittern, hiesse jede Schlacht aufgeben, bevor sie geschlagen. Offenheit
gegen Offenheit, Herr Graf! Bedenken Sie, ich stehe hier auf einem verlorenen
Posten des Landes. Mein Leben war für eine andre Bahn bestimmt, einst glaubte
ich es wenigstens, als in der Verborgenheit einer Kreisstadt beschlossen zu
werden. Ich habe meinem König Dienste geleistet, die gewürdigt worden sind und
die vielleicht dazu beigetragen haben, seinem Namen das stolze Attribut des
Gerechten zu verleihen. Noch grössere wollte ich leisten, sein Volk erhöhen, die
Krone zu einem Symbol der Menschlichkeit machen. Dies scheiterte. Ich ward
zurückgestossen. Freilich, man hat mich belohnt, aber nicht anders als wie
Domestiken belohnt werden.«
    Er hielt inne, rieb das Kinn mit dem Handrücken und knirschte mit den
Zähnen. Dann fuhr er fort: »Von früher Jugend an habe ich mich dem Gesetz
geweiht. Ich habe den Buchstaben verachtet, um den Sinn zu veredeln. Der Mensch
war mir wichtiger als der Paragraph. Mein Streben war darauf gerichtet, die
Regel zu finden, die Trieb von Verantwortung scheidet. Ich habe das Laster
studiert wie ein Botaniker die Pflanze. Der Verbrecher war mir ein Gegenstand
der Obsorge; in seinem erkrankten Gemüt wog ich ab, was von seinen Sünden auf
die Verirrungen des Staates und der Gesellschaft entfiel. Ich bin bei den
Meistern des Rechts und bei den grossen Aposteln der Humanität in die Lehre
gegangen, ich wollte das Zeitalter der überlebten Barbarei entreissen und Pfade
zur Zukunft bauen. Überflüssig zu beteuern. Meine Schriften, meine Bücher, meine
Erlässe, meine ganze Vergangenheit, das heisst eine Kette ruheloser Tage und
arbeitsvoller Nächte, sind Zeugen. Ich lebte nie für mich, ich lebte kaum für
meine Familie; ich habe die Vergnügungen der Geselligkeit, der Freundschaft, der
Liebe entbehrt; ich zog keinen Gewinn aus eroberter Gunst; kein Erfolg schenkte
mir Rast oder nachweisbares Gut, ich war arm, ich blieb arm, geduldet von oben,
begeifert von unten, missbraucht von den Starken, überlistet von den Schwachen.
Meine Gegner waren mächtiger, ihre Ansichten waren bequemer, ihre Mittel
gewissenlos; sie waren viele, ich einer. Ich bin verfolgt worden wie ein
räudiger Hund; Pasquillanten und Verleumder besudelten meine gute Sache mit
Schmutz. Es war eine Zeit, da konnte ich nicht durch die Strassen der Residenz
gehen, ohne die gröblichsten Insulten des Pöbels fürchten zu müssen. Als ich,
durch widerwärtige Intrigen und Anfeindungen gezwungen, mein Professorenamt in
Landshut aufgeben musste, als man den studentischen Janhagel gegen mich in
Raserei versetzt hatte und ich nach meiner Heimat floh, Weib und Kind im Stich
lassend, da trachteten mir bezahlte Schergen nach dem Leben. Es war der grosse
Krieg, alle Ordnung war zerrüttet; von der österreichischen Partei wurde
ausgesprengt, dass ich mit der französischen Partei im Bündnis stehe, die dem
Kaiser Napoleon zur Errichtung eines okzidentalischen Kaiserreichs den Weg
bahnen und die souveränen Fürsten stürzen wolle, die Franzosen verdächtigten
umgekehrt meine Beziehungen zu Österreich. Es gab einen Mann, einen Amts- und
Berufsgenossen, einen Gelehrten, berühmt und angesehen, o, ein feiger Poltron,
die Zeit wird seinen Namen an einen der Schandpfähle des Jahrhunderts heften,
der sich nicht entblödete, mich öffentlich als Spion zu bezeichnen, und mein
Protestantentum zum Vorwand nahm, den König gegen mich misstrauisch zu machen.
Ich erlag nicht. Die Widrigkeiten hatten ein Ende, mein Fürst nahm mich wieder
in Gnaden auf, freilich nur in Gnaden. Ein neuer Herr bestieg den Tron, ich
blieb in Gnaden. Heute bin ich ein alter Mann, sitze hier in der Stille, immer
in Gnaden. Auch meine Feinde sind besänftigt oder sie stellen sich so, auch sie
sind in Gnaden. Aber was es bedeutet, eine aufs Grosse und Allgemeine gerichtete
Existenz vernichtet zu sehen, bevor noch die letzte Faser des Geistes, der sie
trug und nährte, ihre Kraft verzehrt hat, das empfinden nicht jene, das weiss nur
ich.«
    Feuerbach stand auf und atmete tief. Hierauf griff er zur Schnupftabaksdose,
nahm eine Prise, dann wandte er Stanhope voll das Gesicht zu, und unter den
barschen Brauen blitzte ein rührendängstlicher und dankbarer Blick hervor,
während er sagte: »Herr Graf, ich bin mir nicht ganz klar darüber, was mich
bewegt, so zu Ihnen zu sprechen. Es erstaunt mich selbst. Sie sind der erste,
der zu hören bekommt, was so verzweifelt den Klagen eines Zurückgesetzten ähnelt
und doch nur die Erklärung für eine unabänderliche Notwendigkeit bieten soll. Es
ist mir in der Angelegenheit Caspars nichts an dem Besonderen des Falles
gelegen, und nicht das Besondere der Person ist es, was meinen Beschluss stärkt.
An mich tritt der härteste Zwang heran, der einen Mann von grauen Haaren treffen
kann, und nötigt mich zu der Frage an das Schicksal: ob denn alles Geopferte und
Gewirkte umsonst gewesen, ob es mir und den Gleichstrebenden keine andre Frucht
gezeitigt hat als Ohnmacht hier und Gleichgültigkeit dort. Ich muss die Probe
machen, ich muss es durchführen, komme, was da wolle; ich muss wissen, ob ich in
Wind geredet und auf Sand geschrieben habe; ich muss wissen, ob die
Versprechungen, mit denen man die Bitterkeit meines Exils versüsst hat, nur
wohlfeile Lockspeise waren; ich muss und will wissen, ob man es ernst meint mit
mir und meiner Sache. Ich habe Beweise, Graf, es liegen furchtbare Indizien vor;
ich kann dreinschlagen, ich habe den Donnerkeil und kann das Wetter machen,
alles ist von mir fixiert und in einem besonderen Dokument dargestellt; man weiss
es, man wird es nicht zum Äussersten treiben, denn zum Äussersten bin ich
entschlossen, um das kostbare Gut zu wahren, zu dem ich vor Gott und den
Menschen als Hüter bestellt bin. Immerhin, ich werde warten, grosse Dinge
brauchen viel Geduld. Aber Caspar darf mir nicht entfernt werden. Er ist die
lebendige Waffe und der lebendige Zeuge, deren ich bedarf, und zwar in stets
erreichbarer Nähe. Verlöre ich ihn, so wäre das Fundament meines letzten Werks
dahin, ich spür es wohl, es ist das letzte, und jeder Anspruch auf Gehör würde
wesenlos. Und Sie, edler Mann, was verlören Sie? Wollen Sie eine Tat der
Barmherzigkeit oder der Liebe verrichten und der Gerechtigkeit nicht gedenken?
Das hiesse Gold wegwerfen, um Häckerling zu erhalten.«
    Stanhopes Gesicht war nach und nach so fahl geworden, als flösse kein Blut
mehr unter der Haut. Er hatte sich niedergesetzt, sich geduckt, wie wenn er sich
verkriechen wollte; ein paarmal waren Blicke aus seinen Augen gebrochen wie
wilde Tiere, die ihren Käfig zertrümmert haben, dann rief er sie wieder zurück,
saugte sie in sich hinein, hielt den Atem an, nestelte mit den Fingern am
Kettchen des Lorgnons, und als der Präsident am Ende war, richtete er sich mit
einer leidenschaftlichen Bewegung auf. Er hatte Mühe, sich zu finden, er hatte
Mühe, Worte zu finden, in heftigem Wechsel zuckte es um seinen Mund, wie wenn er
lachen oder einen körperlichen Schmerz verbeissen wollte, und als er die Hand des
Präsidenten ergriff, wurde ihm eiskalt; der Doppelgänger stand an seiner Seite,
dieser Schattenleib des Gelebten, Begangenen, Versäumten, und zischelte ihm das
Wort des Verrats ins Ohr, aber seine Augen waren feucht, als er sagte: »Ich
verstehe. Alles, was ich zu antworten vermag, ist: nehmen Sie mich als Freund,
Exzellenz, betrachten Sie mich als Ihren Helfer. Ihr Vertrauen ist mir wie ein
Wink von oben. Doch welche Bürgschaft haben Sie? Welche Gewähr, dass Sie Ihr Herz
nicht einem Unwürdigen eröffnet haben, der nur besser zu heucheln versteht als
alle andern? Ich hätte Caspar entführen können, ich könnte es noch -«
    »Wenn dies Antlitz lügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann will
ich es meinetwegen für ein Hirngespinst erklären, Wahrheit auf Erden zu suchen«,
unterbrach ihn Feuerbach lebhaft. »Entführen, Caspar entführen?« fuhr er
gutmütig lachend fort. »Sie scherzen; ich möchte das jedem Manne widerraten, der
noch Wert darauf legt, im Sonnenschein spazierenzugehen.«
    Stanhope versank eine Weile in regungsloses Grübeln, dann fragte er hastig:
»Was soll aber geschehen? Schnelles Handeln ist Pflicht. Wohin mit Caspar?«
    »Er soll hierher nach Ansbach«, versetzte Feuerbach kategorisch.
    »Hierher? Zu Ihnen?«
    »Zu mir, nein. Das ist leider unmöglich, aus vielen Gründen unmöglich. Ich
muss viel allein sein, ich habe viel zu arbeiten, ich bin viel auf Reisen, meine
Gesundheit ist erschüttert, mein Charakter eignet sich schlecht zu der Rolle,
die ich dabei übernehmen müsste, und ausserdem verbietet es die Sache, ein allzu
persönliches Band zu knüpfen.«
    Stanhope atmete auf. »Wohin also mit ihm?« beharrte er.
    »Ich werde nach einer Familie Umfrage halten, wo er gute Pflege und geistige
wie sittliche Unterstützung findet«, sagte der Präsident. »Noch heute will ich
mit Frau von Imhoff sprechen und ihren Rat einholen, sie kennt die hiesigen
Leute. Seien Sie dessen versichert, Mylord, dass ich über den Jüngling wachen
werde wie über mein eignes Kind. Die Nürnberger Schwabenstreiche sind zu Ende.
Dass ich Ihrem Verkehr mit Caspar keinerlei Schranken setze, bedarf nicht der
Erwähnung. Herr Graf, mein Haus ist das Ihre. Glauben Sie mir, auch unter der
Hülle des Beamten und Richters schlägt ein für Freundschaft empfängliches Herz.
Man wird in diesem Land der Kleingeisterei nicht verwöhnt durch den Umgang mit
Männern.«
    Nachdem sie noch flüchtig über die an Herrn von Tucher und den Nürnberger
Magistrat zu sendenden Nachrichten beraten hatten, verabschiedete sich Stanhope.
    
    Der Präsident schritt lange Zeit, in tiefe Gedanken versunken, auf und ab.
Von Minute zu Minute wurde sein Gesicht unruhiger und finsterer. Ein
sonderbares, nagendes, nicht abzuweisendes Misstrauen stieg in seiner Brust
empor. Je mehr Frist verstrich, seit der Graf das Zimmer verlassen hatte, je
mehr wuchs diese peinigende Empfindung. Er war ein zu gewiegter Menschenkenner,
um sich gewissen Merkmalen zu entziehen, die ihn bedenklich stimmten. Plötzlich
schlug er sich mit der Hand vor die Stirn, begab sich an den Schreibtisch und
schrieb in grosser Hast drei Briefe: einen nach Paris an einen hochgestellten
englischen Freund, einen an den bayrischen Geschäftsträger nach London und einen
dritten an den Staatsminister der Justiz, Doktor von Kleinschrodt, in München.
In jenen beiden zog er genaue Erkundigungen über die Person des Grafen Stanhope
ein, in letzterem meldete er seine baldige Ankunft in der Residenz und ersuchte
um Reiseurlaub.
    Alle drei Briefe liess er zur Stunde mit expresser Post aufgeben.
 
                                Nacht wird sein
Stanhope hatte dem Kutscher befohlen, vorauszufahren, und ging zu Fuss durch die
menschenleeren Gassen, in denen sein Schritt wie in einer Kirche widerhallte. Er
war verstört, zerschlagen und ausserstande, eine vernünftige Überlegung
anzustellen. Im Gastof angelangt, schloss er sich ein und machte eine halbe
Stunde lang Fechtübungen mit dem Florett.
    Er unterbrach sich erst, als er von draussen eine Stimme vernahm, die mit dem
Kammerdiener unterhandelte, der Auftrag hatte, niemand vorzulassen. Stanhope
lauschte; er erkannte die Stimme, nickte gleichgültig, und mit dem Degen noch in
der Hand öffnete er. Es war Hickel, der auch sofort eintrat und den ihn
schweigend betrachtenden Grafen etwas verlegen begrüsste.
    Nach seinem Begehr gefragt, räusperte er sich und stotterte ein paar
unzusammenhängende Floskeln, aus denen hervorging, dass er um den Besuch
Stanhopes bei Feuerbach wusste. Sein Benehmen verriet trotz einer unangenehm
wirkenden Kriecherei eine nicht zu fassende freche Vertraulichkeit.
    Stanhope verwandte keinen Blick von dem aufgeregten Mann in der kleidsamen
Uniform. »Was hatte es eigentlich zu bedeuten, dass Sie mir zu einer
Zusammenkunft mit dem Herrn Präsidenten Ihre Hilfe anboten?« fragte er frostig.
    »Der Herr Graf haben sich aber meine Hilfe doch gefallen lassen«, erwiderte
Hickel. »Wer weiss, ob der Staatsrat ohne mich zu haben gewesen wäre, er versteht
es, sich zu verschanzen. Der Herr Graf geruhen das nicht anzuerkennen. Je nun«,
fügte er achselzuckend hinzu, »grosse Herren haben ihre Launen.«
    »Wie kommen Sie denn überhaupt dazu, sich zum Zwischenträger anzubieten?«
    »Zwischenträger? Der Herr Graf legen meiner unschuldigen Zuvorkommenheit ein
zu grosses Gewicht bei.«
    »Das Gewicht gaben Sie selbst. Sie beliebten dunkel zu sein. Sie gefielen
sich in einigen Wendungen, um deren Aufklärung ich höflichst gebeten haben
möchte.« Stanhope verbarg nach wie vor unter steifer Würde die Unsicherheit, die
er diesem Menschen gegenüber empfand.
    »Ich stehe dem Herrn Grafen ganz zu Diensten«, versetzte Hickel. »Darf ich
meinerseits fragen, inwieweit sich der Herr Graf zu eröffnen gedenken werden?«
    »Zu eröffnen? Wem zu eröffnen? Ihnen? Ich habe nichts zu eröffnen.«
    »Der Herr Graf haben in mir einen Mann von unbedingter Verschwiegenheit vor
sich.«
    »Was soll das heissen?« fuhr Stanhope auf. »Wollen Sie mir Scharaden zu lösen
geben?«
    »Man hat sich vor der Ankunft Eurer Lordschaft nach einer vertrauenswürdigen
Persönlichkeit umgesehen«, sagte Hickel plötzlich mit eisiger Ruhe. »Meine
langjährigen Beziehungen zu Exzellenz Feuerbach empfahlen mich mehr als einige
bescheidene Fähigkeiten.«
    Stanhope entfärbte sich und sah zu Boden. »Sie haben also direkte Aufträge?«
murmelte er.
    Der Polizeileutnant verbeugte sich. »Aufträge? Nein«, entgegnete er zögernd.
»Man versicherte sich meines guten Willens und ich wurde angewiesen, mich Eurer
Lordschaft zur Verfügung zu stellen.«
    Es war Stanhope zumute, als ob er an diesem Tag schon einmal gestorben wäre,
und zwar einen bussfertigen Tod, und als ob er nun wieder zum Leben aufgestanden
und ein für allemal seiner Bestimmung übergeben sei.
    Er wollte um fünf Uhr bei Frau von Imhoff zum Tee erscheinen und fragte den
Polizeileutnant, ob er ein Stück Wegs mitfahre. Obwohl aus der Frage der Wunsch
einer Ablehnung klang, nahm Hickel, dem es darum zu tun war, mit dem Lord
öffentlich gesehen zu werden, das Anerbieten dankbar an.
    Die Strassen waren jetzt etwas belebter als am Mittag; die alten Beamten und
Pensionisten machten um diese Stunde ihren täglichen Spaziergang über die
Promenade. Viele blieben stehen und grüssten gegen das Innere der hocherlauchten
Kutsche.
    Nun passierte es, dass an einer Strassenecke der Mann auf dem Bock wieder
einmal sein welsches Geschrei ertönen liess; es stand nämlich mitten auf dem
Fahrdamm ein träumerisch wolkenwärts guckender Herr, der von dem Herannahen der
gräflichen Karosse keine Notiz zu nehmen schien. Höchst erschrocken sprang er
beiseite, als der Elsässer zu fluchen begann, doch nicht schnell genug, dass
nicht seine Kleider durch den Kot beschmutzt wurden, der von den Hufen der
Pferde und den Rädern aufsprjetzte.
    Hickel bog den Kopf zum Fenster hinaus und griente, denn der Besudelte stand
mit einem verdutzten und unglücklichen Gesicht, hielt die Arme vom Leib und sah
sich die Bescherung an.
    »Wer ist der ungeschickte Mann?« erkundigte sich Stanhope, den die
Schadenfreude des Polizeileutnants verdross.
    »Das? Das ist der Lehrer Quandt, Mylord.«
    Eigner Zufall; eine halbe Stunde später wurde bei Frau von Imhoff derselbe
Name genannt. Der Präsident und seine Freundin waren nach langen Beratungen
übereingekommen, Caspar in die Obhut des Lehrers Quandt zu geben.
    »Er ist ein aufgeklärter und gebildeter Kopf und geniesst als Bürger wie als
Mensch allgemeine Achtung«, sagte Frau von Imhoff.
    »Und ist er denn geneigt, eine so verantwortungsreiche Aufgabe zu
übernehmen?« fragte der Lord zerstreut. Doch darüber konnte Frau von Imhoff
keine Auskunft geben.
    Als Stanhope sich am andern Morgen beim Präsidenten melden liess, traf er
Herrn Quandt dortselbst. Beide waren offenbar schon einig, denn Feuerbach zeigte
sich sehr aufgeräumt, und als sich der Lord wegen des gestrigen Zwischenfalls
mit dem Wagen bei Quandt entschuldigte, hatte der Präsident seinen Spass an der
Verlegenheit des Lehrers, die er durch harmlose Witzchen über zerstreute Denker
und dergleichen noch steigerte. Sein Gelächter trieb einen wahren Angstschweiss
auf Quandts Stirn, er verneigte sich vor Stanhope wie ein Muselmann vor dem
Kalifen, und es hatte den Anschein, als müsse er sich geschmeichelt fühlen, dass
der Kot der gräflichen Karosse seine geringe Person der Beachtung wert gefunden.
    »Na, Quandt, machen Sie sich nicht so mausig,« mahnte der Präsident
belustigt, »ich wette, Ihre Ehefrau hat Ihnen tüchtig den Marsch geblasen und
sich gemüht, das Röcklein wieder sauber zu kriegen.«
    »Es war ja nur der Mantel, Euer Exzellenz«, erwiderte Quandt lächelnd und
von soviel Leutseligkeit beglückt.
    Stanhope blieb gemessen. Sie befanden sich diesmal im Staatszimmer des
Präsidenten, und drei hohe Fenster gewährten Aussicht gegen den Garten. Der Raum
war wohnlich geschmückt, auch hier alles von der grössten Nettigkeit. In einer
Art von vertiefter Nische hing ein gutes Ölbild Napoleon Bonapartes im
Krönungsornat; Stanhope betrachtete es mit vorgeblichem Interesse; in
Wirklichkeit prüfte er aufmerksam das Wesen und Gehaben des Lehrers.
    Quandt war mittelgross und hager; über der hohen Stirn waren tabaksgelbe
Haare mit Hilfe von Pornade ganz lächerrlich glatt zurückgekämmt. Die Augen
blickten schüchtern, fast betrübt, und blinzelten bisweilen, die Hakennase stach
ein wenig prahlerisch in die Luft, der Mund, versteckt unter demütigen und
zerbissenen Schnurrbartstoppeln, hatte einen säuerlichen Zug, der die
Berufsgewohnheit vielen Nörgelns verriet.
    Der Lord war nicht unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Beobachtung; er
fragte den Präsidenten, ob die Verhandlungen zum gewünschten Ziel geführt
hätten, und als dieser bejahte, wandte er sich an Quandt, reichte ihm stumm
dankend die Rechte und sagte, er werde ihm am Nachmittag seinen Besuch
abstatten. Sehr benommen von solcher Huld, verbeugte sich der Lehrer abermals
tief, machte sein Kompliment gegen den Präsidenten und ging.
    Auch Stanhope entfernte sich bald, da Feuerbach zu einer Gerichtssitzung
musste. Im Hotel angekommen, verbrachte er zwei Stunden mit dem Schreiben eines
Briefes, und als er fertig war, schickte er den Jäger damit ab. Um halb zwei
stellte sich, wie verabredet, der Polizeileutnant ein; sie assen zusammen und
gingen hernach zu Quandt.
    Das Häuschen des Lehrers, das am Kronacher Buck beim oberen Tor lag, war auf
den Glanz hergerichtet; Frau Quandt, eine frische, gefällige junge Frau, mit dem
rostfarbigen Seidenkleid wie zu einer Hochzeit angetan, stand knicksend am
Eingang, in der guten Stube war der Tisch mit Konditorkuchen beladen, und das
feine Porzellanservice blinkte einladend auf dem schneeweissen Tuch. Der Lord war
gegen die Lehrerin von väterlicher Freundlichkeit; da sie guter Hoffnung war,
wünschte er Glück, ein Händedruck bekräftigte seine zarte Teilnahme; er fragte,
ob es das erstemal sei; das junge Weib wurde purpurrot, schüttelte den Kopf und
sagte, sie habe schon einen dreijährigen Knaben. Als der Kaffee aufgetragen war,
gab ihr Quandt einen Wink, sie ging still hinaus, und die drei Männer blieben
allein.
    Stanhope sagte, noch könne er sich nicht in den Gedanken einer Trennung von
Caspar finden, aber er sei enchantiert von dieser friedlichen und geordneten
Häuslichkeit und es beruhige ihn ungemein, seinen Liebling hier untergebracht zu
wissen. So dürfe man denn endlich hoffen, dass der Unglückliche, an dem schon so
viele Pfuscherhände herumprobiert und der dabei an Leib und Seele Schaden
erlitten, einen rettenden Port erreicht habe.
    Quandt legte beteuernd die Hand auf die Brust.
    »Ja,« mischte sich Hickel ein, indem er den letzten Bissen Kuchen
hinunterschluckte und Schnurrbart und Lippen mit dem Handrücken abwischte, »das
wohl; und es muss nun einmal Licht werden um dieses Kind der Dunkelheit.«
    Der Lord runzelte die Brauen, ein Zeichen des Unwillens, das Hickel nicht
entging; er lächelte leer vor sich hin, nahm aber eine drohende Miene an.
    »Leider ist ja Anlass zum Argwohn vorhanden,« fuhr Stanhope fort, und seine
Stimme war tonlos und kalt; »wohin man sich auch wendet und wie man es auch
betrachtet, überall Argwohn und Zweifel. Da ist es kein Wunder, wenn die
ursprüngliche Neigung von Bitterkeit durchtränkt ist. Will ich mich gleich dem
liebenden Gefühl hingeben, so melden sich doch immer wieder Stimmen, deren
Urteil oder Gewicht zu verdächtigen sinnlos wäre, und der schlummernde Funke des
Misstrauens löscht nicht aus.«
    »Nun also,« liess sich Hickel wieder vernehmen, »so hab ich doch recht! Man
muss reinen Tisch machen. Man muss den hinterlistigen Burschen endlich Mores
lehren. Man muss ihm die Mucken aus dem Kopf jagen.«
    Stanhope erblasste; über Hickel hinwegblickend, sagte er schneidend: »Herr
Polizeileutnant, ich muss mich gegen einen solchen Ton verwahren. Was immer auch
gegen den Jüngling zeugen mag, so ist er doch nur als die missleitete Kreatur
eines unbekannten Frevlers zu betrachten.«
    Hickel senkte den Kopf, und von neuem irrte das leere Lächeln über sein
Gesicht. »Verzeihen Eure Lordschaft,« entgegnete er hastig und ziemlich
erschrocken, »aber das ist die Meinung der ganzen Welt, zumindest des
aufgeklärten und vernünftigen Publikums. Erst gestern war ich Zeuge, wie der
Ritter von Lang und der Pfarrer Fuhrmann sich über den Findling und die Dummheit
der Nürnberger geäussert haben. Das hätten der Herr Graf nur hören sollen. Wir
wissen ja dahier auch, es ist von Gerichts wegen bekannt geworden, was der Herr
von Tucher über den Undank und die moralische Verderbteit des Findlings an Eure
Lordschaft geschrieben hat. Zeigen Sie doch Herrn Quandt den Brief des Barons,
und er wird sich überzeugen, dass ich nur gesagt habe, was jeder anständige und
vorurteilslose Mann darüber denkt.« Und Hickel heftete auf den Grafen einen
befremdet-forschenden Blick.
    »Dem ist nicht ganz so,« versetzte Stanhope abweisend und nippte mechanisch
von der Kaffeetasse. »Herr von Tucher spricht in seinem Brief nur von einigen
übeln Gewohnheiten Caspars. Auch ich habe Augen; ein liebendes Herz ist niemals
blind; versteht es nicht abzuwägen, so ist ihm doch die Gabe der Ahnung eigen.
Im übrigen wollen wir unserm würdigen Gastgeber nicht vorgreifen. An ihm wird es
sein, zu richten. Was krumm gewachsen ist, kann er grade biegen, und wenn er mir
die hässlichen Flecken von meinem Kleinod nimmt will ichs ihm fürstlich danken.«
    Hickel verzog das Gesicht und schwieg. Quandt hatte mit gespannter
Aufmerksamkeit das Gespräch verfolgt. Wozu der Wortstreit? dachte er; als ob es
nicht die leichteste Sache von der Welt wäre, zu erkennen, ob einer ein
Spitzbube ist. Man muss die Augen offenhalten, das ist alles; der Gute ist gut,
der Böse ist bös, wo liegt da die Schwierigkeit? Ein Übel auszurotten, wenn es
sich nicht zu tief eingefressen hat, ist nur eine Frage der Tatkraft und
Umsicht. Aber mir scheint, meditierte der Lehrer in seinem stillen Sinne weiter,
da sind noch ganz andre Dinge verborgen; die Herren reden nicht von der Leber
weg.
    Und damit traf er wohl das Richtige, wie sich bald erweisen sollte. Er
entwickelte dem höflich zuhörenden Lord seine Anschauungen über Moral, über den
Verkehr mit Menschen, den Umgang mit Schülern, die Notwendigkeit der
Aufmunterung, den Wert der Zensur; alles ein wenig umständlich und
verklausuliert, aber einfach, staunenswert einfach; nur die sorgenvolle Miene
gab einen Anschein von Schwierigkeit und Philosophie. Der Lord nickte ein
paarmal mit dem Kopf, während Hickel entschiedene Zeichen von Ungeduld von sich
gab. Dann beim Fortgehen, während Stanhope sich von der Frau verabschiedete, zog
Hickel den Lehrer beiseite und flüsterte ihm zu: »Lassen Sie sich nicht ins
Bockshorn jagen durch die Reden des Grafen, lieber Quandt. Der gute Graf betrügt
sich selber und möchte das Sonnenklare nicht wahr haben. Die Teufelsgeschichte
nimmt ihn absonderlich her. Sie leisten ihm einen gewaltigen Dienst, wenn Sie
den Schwindler entlarven.«
    Das war das Merkwort und der Anschlag. Es barg den Kern des Komplotts. Nun,
Caspar, sollst du in ein kleines Städtchen gehen und in ein kleines Haus, sollst
in Verborgenheit leben, und die Wände der Welt sollen sich verengen, bis sie
wieder zum Kerker werden. Gewalt hat sich der List verbrüdert; der Richter wird
richten, was er sieht, und nicht wissen, was er fühlt. Niedrig sollst du werden,
damit die Freunde sich in Feinde verwandeln und deine Einsamkeit leichtere Beute
des Verfolgers sei. Das Blut soll gegen sich selber zeugen, Licht soll
verweslich werden, Frucht soll nicht mehr wachsen, die Stimme des Himmels soll
verstummen, und auf die Nacht, denn Nacht wird sein, soll keine Frühe folgen.
 
                             Ein Kapitel in Briefen
    Freiherr von Tucher an Lord Stanhope:
    Seit geraumer Zeit bin ich ohne Nachricht von Eurer Herrlichkeit. Die
unsichere Lage, in der ich mich Caspar gegenüber befinde, veranlasst mich,
zudringlicher zu sein, als es Ihnen, verehrter Herr, genehm sein mag, und Sie um
eine rasche Erledigung der schwebenden Angelegenheit zu bitten, um so mehr, als
meine Teilnahme an dem Findling nicht mehr die gleiche wie ehedem ist, und er
selbst wiederum durch den gezwungenen Aufentalt in meinem Hause sich mehr als
ein Gefangener, denn als Gast und zugehöriges Glied erscheinen muss. Ein
endgültiger Zustand wäre dem Jüngling ehestens zu wünschen; seine aufgeregten
Hoffnungen entalten seinem Geist jede Ruhe vor, und Tag für Tag glüht er in
einer so fieberhaften Erwartung, dass an ein vorgesetztes Studium nicht mehr zu
denken ist und auch dem blödesten Auge die Unruhe seines Gemüts nicht entgeht.
Die Abende bringt er mit unnützen Schreibereien hin, und sein Hauptvergnügen
ist, mit der Spitze eines Bleistifts auf einer grossen Landkarte die Strassen zu
verfolgen, die er bald mit Eurer Lordschaft zu fahren hofft, jedenfalls eine
praktische, wenn auch einseitige Art, Geographie zu treiben. Er spricht, denkt
und träumt von nichts anderm als von der bevorstehenden Reise, und wenn Ihnen,
Mylord, noch ein Geringes an dem Wohl des unglücklichen Jünglings gelegen ist,
so vermag ich keinen stärkeren Appell an Ihre Güte zu erheben als den, ein so
drängendes und fruchtloses Hinweben in möglichster Bälde zu beenden. Sie sind
der einzige Mensch auf Erden, dessen Wort und Name noch Gewicht in seinen Ohren
hat, und sein grenzenloses Vertrauen gegen Sie muss auch das Herz desjenigen
bewegen, der sonst durch die Launen, die Unverlässlichkeit und Zwitterhaftigkeit
des rätselvollen Wesens eines ehemals intensiven Attachements für ihn beraubt
wurde.
    Daumer an den Präsidenten Feuerbach:
    Eure Exzellenz haben mir die Ehre erwiesen, mich um Auskunft über Caspar
Hausers nunmehrige Verfassung zu ersuchen. Ich muss gestehen dass mich dies
einigermassen in Verlegenheit gesetzt hat. Ich habe mich in den letzten
andertalb Jahren wohl gehütet, dem so sorgfältig Abgeschlossenen nahezutreten,
weil ja hierzulande jeder ängstlich bedacht ist, sein kleinstes Privileg vor
fremdem Einspruch zu wahren, und so wird ein Interesse, das die Menschheit
angeht und jeden freien Geist in Mitleidenschaft ziehen muss, unversehens zur
Angelegenheit einer Partei. Eure Exzellenz möge diese Insinuation entschuldigen,
sie möge lediglich für meine unerloschene Teilnahme an dem Los des Findlings
zeugen, das seinen Freunden heute weniger als je Anlass zu übertriebenen
Hoffnungen gibt. Die vertrauensvolle Zuschrift Eurer Exzellenz hat meine
Bedenklichkeit besiegt, ich habe Caspar letzter Tage im Tucherschen Haus
aufgesucht, er ist auch, zum erstenmal seit langer Zeit, bei mir gewesen, und
ich gebe Ihnen hier einige Mitteilungen über ihn, die, wiewohl allgemeiner
Natur, doch das Besondere seiner gegenwärtigen Lage erhellen.
    Caspar ist ein hochaufgeschossener junger Mann geworden, der jetzt gut und
gern den Eindruck eines etwa Zweiundzwanzigjährigen macht. Träte er, der nun den
gesitteten Menschen von Lebensart zugerechnet werden muss, unerkannt in eine
Gesellschaft, so würde er doch als eine befremdliche Erscheinung auffallen; sein
Gang hat etwas von dem Furchtsam-Zaudernden und Vorsichtigen einer Katze; seine
Züge sind weder männlich noch kindlich, weder jung noch alt: sie sind alt und
jung zugleich, besonders auf der Stirn verraten einige leicht gezogene Furchen
seltsam ein vorzeitiges Altern. Auf seiner Lippe sprosst heller Bartflaum dies
scheint ihn oft befangen zu machen, will auch nicht zu der sanften
Mädchenhaftigkeit des Gesichts und den noch immer bis zur Schulter hängenden
braunen Haarlocken stimmen. Seine Freundlichkeit ist herzgewinnend, sein Ernst
bedächtig, über beiden schwebt stets ein Hauch von Melancholie. Sein Benehmen
ist altklug, hat aber eine vornehme, ganz ungezwungene Gravität. Tölpelhaft und
schwerfällig sind bloss noch manche seiner Gebärden, auch seine Sprache ist hart
und die Worte sind ihm nicht immer bereit. Er liebt es, mit wichtiger Miene und
in anmassendem Ton Dinge zu sagen, die bei jedem andern läppisch klängen, aus
seinem Mund jedoch sich ein schmerzlich-mitleidiges Lächeln erzwingen; so ist es
höchst possierlich, wenn er von seinen Zukunftsplänen spricht, von der Art, wie
er sich einrichten wolle, wenn er was Rechtes gelernt, und wie er es mit seiner
Frau halten wolle. Eine Frau betrachtet er als notwendigen Hausrat, als etwas
wie eine Obermagd, die man behält, solange sie taugt, und fortschickt, wenn sie
die Suppe versalzt oder die Hemden nicht ordentlich flickt.
    Sein immer sich gleichbleibendes stilles Gemüt ähnelt einem spiegelglatten
See in der Ruhe einer Mondscheinnacht. Er ist unfähig zu beleidigen, er kann
keinem Tier weh tun, er ist barmherzig gegen den Wurm, den er zu zertreten
fürchtet. Er liebt den Menschen; jedes Menschengesicht wird ihm zum
Götterantlitz, und er sucht den ganzen Himmel darin. Nichts Ausserordentliches
ist mehr an ihm als das Ausserordentliche seines Schicksals. Ein reifer Jüngling,
der keine Kindheit besessen, die erste Jugend verloren, er weiss nicht wie, ohne
Vaterland, ohne Heimat, ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne Altersgenossen, ohne
Freunde, gleichsam das einzige Geschöpf seiner Gattung, erinnert ihn jeder
Augenblick an seine Einsamkeit mitten im Gewühl der ihn umdrängenden Welt, an
seine Ohnmacht, an seine Abhängigkeit von der Gunst und Ungunst der Menschen.
Und so ist eigentlich all sein Tun nur Notwehr; Notwehr seine Gabe zu
beobachten, Notwehr der umsichtige Scharfblick, womit er jede Besonderheit und
Schwäche des andern erfasst, Notwehr die Klugheit, womit er seine Wünsche
anbringt und den guten Willen seiner Gönner sich dienstbar zu machen weiss.
    Ja, Eure Exzellenz, er ist ohne Freunde. Denn wir, die ihm wohlwollen, ihn
vor der gröbsten Bedrängnis des Lebens bewahren, wir sind doch nur Zuschauer vor
dem Ungeheuern seiner Existenz. Und jener vielberedete Mann, Graf Stanhope, darf
er in Wahrheit Caspars Freund genannt werden? Was dürfen wir glauben? Wo findet
der begründete Zweifel Stillung? Mir ahnt Schreckliches, wenn ich der
Erwartungen des Jünglings in bezug auf den Grafen denke, der ein Heiliger, ein
Ohnegleichen sein müsste, wenn sich alle Versprechungen erfüllen würden, die mit
seinem Auftreten für Caspar verbunden waren. Und erfüllen sie sich nicht,
erfüllt sich nur ein hundertstel von ihnen nicht, so prophezeie ich ein böses
Ende. Denn ein solches Herz, aus der Tiefe emporgehoben zum Leben der Welt, aus
äusserstem Frieden den ausschweifendsten Lockungen erschlossen, will alles,
fordert das ganze Mass des Glücks oder muss, nur um ein Weniges betrogen, einer
ungemessenen Devastation anheimfallen.
    Ich gestehe, dass mein schwarzsichtiges Temperament mehr als das immer
unverhohlener werdende Gerede der Hiesigen mir die Kühnheit zu solchen
Erwägungen gibt; wie dürfte sich auch mein Misstrauen an einem so hochgestellten
Mann vermessen. Aber man spricht seit heute davon, dass Caspar nach Ansbach in
Pflege kommen solle. Frau Behold, die alte Feindin Caspars, trägt das Gerücht in
der Stadt herum und verkündet überall mit Schadenfreude, dass aus der englischen
Reise und aus den Luftschlössern des Grafen nichts geworden sei. Wie mir meine
Schwester erzählt, habe die Magistratsrätin indirekte Nachricht von der Lehrerin
Quandt erhalten; beide Frauen sind Jugendfreundinnen und in demselben Haus
mitsammen aufgewachsen. Gott verhüte, dass Caspar von diesem Geschwätz etwas
erfährt. Ich wäre Eurer Exzellenz sehr zu Dank verpflichtet, wenn Sie mir
darüber genaue Auskunft berichten liessen, damit ich dem ungereimten Geklatsche
so entgegentreten kann, wie es für das Wohl unsers Schützlings wünschbar ist.
    Feuerbach an Herrn von Tucher:
    Dem Verlangen Euer Hochgeboren wie der eingetretenen Notwendigkeit Rechnung
tragend, teile ich Ihnen hierdurch mit, dass Sie Ihres Amtes als Vormund Caspar
Hausers von heute ab entoben sind. Eine gleichzeitige Urkunde des Kreis- und
Stadtgerichtes wird Ihnen dies in amtlicher Form bekanntgeben, wie auch
weiterhin die Verfügung, dass Caspar dem Grafen Stanhope zu überlassen sei;
freilich einstweilen nur der Form nach, denn bis die schwierigen und
verwickelten Verhältnisse eine Änderung erlauben werden, soll Caspar in der
Familie des Lehrers Quandt Aufnahme finden; Lord Stanhope hat während dieser
Zeit für seine zweckmässige Erziehung und Verpflegung zu sorgen, ich selbst werde
in Abwesenheit des Pflegevaters über das Wohl des Jünglings wachen. Am siebenten
des Monats wird der Gendarmerieoberleutnant Hickel bei Ihnen eintreffen, ein
energischer Beamter, der durch Regierungsdekret zum Spezialkurator für die
Übersiedlung Caspars nach Ansbach bestellt ist. Seine Lordschaft, Graf Stanhope,
hat sich in letzter Stunde entschlossen, einer Handlung, die in den Augen des
Publikums einen durchaus amtlichen Charakter tragen soll, fernzubleiben, und
dieser Vorsatz hat meine volle Billigung. Ich sehe keine Schwierigkeit darin,
Caspar von der veränderten Lage der Dinge zu unterrichten, und halte die
Besorgnisse wegen dieses Punktes für übertrieben. Ich selbst werde dieser Tage
eine längst vorbereitete Reise nach der Hauptstadt antreten, ich hoffe bei
dieser Gelegenheit eine günstige Wendung in den Lebensumständen Caspars
endgültig herbeizuführen.
    Baron Tucher an den Präsidenten Feuerbach:
    Eurer Exzellenz die untertänige Nachricht, dass der plötzliche Tod meines
Oheims mich zwingt, die Stadt zu verlassen und nach Augsburg zu reisen. Ich habe
die Obsorge für den noch in meinem Hause weilenden Caspar Herrn Bürgermeister
Binder und Herrn Professor Daumer übergeben und es ihnen anheimgestellt, Caspar
hier zu belassen oder für die restliche Frist seines Aufentaltes in der Stadt
zu sich zu nehmen. Eine Mitteilung über das Bevorstehende oder auch nur eine
Andeutung ist von meiner Seite aus gegen den Jüngling noch nicht erfolgt, und
ich muss ohne Hehl bekennen, dass mich eine gewisse unbesiegbare Furcht davon
abhält. Caspar glaubt noch steif und fest daran, dass er mit seinem erlauchten
Beschützer nach England oder Italien reisen soll; ihm erscheint eine, wenn auch
nur zeitweise Entfernung von dem Grafen als eine Sache der Unmöglichkeit, und
derjenige, der ihm eine solche Kunde überbringt, müsste eine göttliche
Überredungskunst besitzen, um ihn mit den neuen Umständen zu versöhnen. Meinem
unmassgeblichen Erachten nach ist es ein Fehler, den Knaben wiederum in enge
Verhältnisse zu bringen, die ihn niemals werden befriedigen, seinen Durst nach
Leben und Betätigung nicht werden stillen können. Der Hang seiner Ideen hat eine
verhängnisvolle Anmassung gewonnen, er ist dem Kreis friedlicher Bürgerlichkeit
entwachsen, sein Lerneifer in den vergangenen Monaten war gleich Null, alle
seine Gedanken, sein ganzes Streben ist auf den Lord gerichtet, und wenn nun
Graf Stanhope von ihm gehen wird, dann bin ich sicher, dass er einen
unglücklichen Gesellen, ein unnützes und bedauernswertes, aus jedem sozialen
Zusammenhang gelöstes Glied der menschlichen Gesellschaft zurücklassen wird.
Wenn es der eigentliche Wesenszug der Fürstenkinder wäre, dass sie dem privaten
Leben untauglich und hilflos gegenüberstehen, dann allerdings wäre Caspar ein
Auserwählter unter den Prinzen. Vielleicht aber schmiedet ihn das Schicksal
noch, und es wird ein Mann aus ihm, der eine Krone zu erwerben vermag, wenn es
auch eben keine Fürstenkrone ist. Für mich ist die Episode Caspar Hauser nunmehr
abgeschlossen, und was auch immer ich an Enttäuschung und Bitterkeit daraus
gewonnen habe, sie hat mir einen Einblick in Menschenwahn und Menschengeschäfte
gegeben, den ich für mein ferneres Leben nicht missen möchte. So muss eben jeder
auf seine Weise bezahlen.
    Daumer an den Präsidenten Feuerbach:
    Ich fühle mich verpflichtet, Eurer Exzellenz von den Ereignissen der letzten
Tage eine wahrheitsgetreue Darstellung zu machen, insoweit eben Wahrheit auf
zwei Augen ruht. Vielleicht klingt vieles von dem, was ich zu berichten habe, so
ungewöhnlich, dass ich mich fragen muss, ob ein Mann, der den übeln Ruf eines
nicht ganz nüchternen Kopfes geniesst, die geeignete Person ist, solche Vorfälle
zu beschreiben. Aber die strenge Einsicht Eurer Exzellenz habe ich noch am
wenigsten zu fürchten; wenn ich sachlich bin, wird die Sache für sich selber
sprechen, und meiner Hand bleibt nur die Aufgabe, die Reihenfolge der Begebnisse
festzuhalten, was freilich nicht immer ganz leicht sein mag.
    Vor vier Tagen besuchte mich Herr von Tucher und teilte mir mit, dass er
wegen eines Todesfalles verreisen müsse. Schon vorher hatte er mich wie auch
Herrn Binder gebeten, die Aufsicht über Caspar zu führen so lange, als der
Jüngling noch in Nürnberg bleiben müsse. Da mir dies befremdlich erschienen war,
liess Herr von Tucher durchblicken, die an höherer Stelle beliebte Umgehung
seiner Person mache ihm ein solches Handeln zum Gebot. Er meinte das Schreiben
Eurer Exzellenz, durch welches ich, halb wider Willen, bewogen wurde, Caspar
aufzusuchen und mich neuerdings mit ihm zu beschäftigen. Dies hat Herr von
Tucher sehr übel aufgenommen Ich gab mir keine Mühe, den stolzen Mann andern
Sinnes zu machen, auch vermute ich zu seiner Ehre, dass dies Betragen noch eine
ernstere, menschliche Regung habe, denn als ich ihn fragte, ob er Casparn schon
eine Andeutung über die zu erwartende Ankunft des Polizeileutnants Hickel
gemacht, wich er aus und entgegnete hastig, er wolle dies mir überlassen, der
ich doch eines gewinnenderen Zuredens fähig sei und bei Caspar mehr Vertrauen
geniesse.
    Am Nachmittag beschloss ich, zu Caspar zu gehen. Als ich in sein Zimmer trat,
las er die christliche Andacht des Tages. Er schaute heiter von dem Buch empor,
blickte in mein Gesicht und, Seltsameres ist nicht zu denken, im Nu überzogen
sich seine Wangen mit leichenfahler Blässe. Es war mir schwül um die Brust, ich
setzte mich auf einen Stuhl und schwieg ängstlich. Ganz und gar vergass ich die
übernommene Rolle, ich fühlte bloss mit ihm, ich sah, dass er alles, was ich ihm
zu sagen hatte und weswegen ich gekommen war, von meinen Augen abgelesen hatte,
die unbewusste Furcht musste wohl in seinem Innern geschlummert haben, anders kann
ich es auf natürlichem Weg nicht erklären, ich fühlte, wie plötzlich die Wurzeln
seines Herzens aufgerissen wurden. Er erhob sich, er schwankte, ich wollte ihn
halten, er gewahrte mich kaum, er schien völlig betäubt. Ich folgte ihm bis zum
Bett, er warf sich darauf hin, krümmte den Körper und fing in einer solchen
Weise zu weinen an, dass mir das Mark in den Knochen gefror.
    Noch war nichts geschehen, es konnte noch alles gut werden; so bildete ich
mir ein und liess es an tröstlichen Worten nicht fehlen, Das Weinen dauerte
ungefähr eine halbe Stunde. Dann erhob er sich, schlich in den Winkel, kauerte
hin und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Ich redete unablässig in ihn
hinein, ich weiss nicht mehr, was ich alles vorbrachte. Gegen sechs Uhr abends
verliess ich, ihn, und obgleich er bis dahin noch nicht einmal den Mund aufgetan,
dachte ich mir, er werde mit der Geschichte schon fertig werden. Ich empfahl dem
Diener, sich bisweilen nach Caspar umzusehen, und im stillen nahm ich mir vor,
nach ein paar Stunden wiederzukommen, aber es war unausführbar, meine
Berufsarbeit nahm mich bis in die Nacht in Anspruch. Als ich von Caspar
fortgegangen war, sass er auf einem Schemel zwischen Ofen und Wandschrank, am
andern Morgen um halb neun Uhr trat ich wieder in sein Zimmer, und wer
beschreibt das schmerzliche Erstaunen, das ich empfand, als ich ihn an genau
derselben Stelle, in unveränderter Haltung, noch immer die Hände vors Gesicht
geschlagen, so sah, wie ich ihn vierzehn Stunden früher verlassen. Das Bett war
noch in demselben Zustand, etwas zerdrückt von seinem ersten Draufhinsinken,
kein Gegenstand war berührt, auf dem Tisch stand der mit einer dicken Haut
überzogene Milchbrei, sein Nachtessen, daneben die Schale mit erkaltetem Kaffee
vom Morgen, und es herrschte eine stickige, ungelüftete Atmosphäre. Der Diener
kam, begegnete meiner stummen Frage mit einem Achselzucken, ich wandte mich an
Caspar selbst, ich rüttle ihn an der Schulter, ich packe seine eiskalte Hand:
nichts, keine Antwort, kein Laut, er schwelt vor sich hin, kaum dass sich seine
Augen rühren. So verging wieder eine Viertelstunde, da wurde mirs unheimlich,
ich beschloss nach dem Arzt zu schicken, vielleicht habe ich auch dergleichen vor
mich hingemurmelt, jedenfalls hatte Caspar verstanden, was ich wollte, denn
jetzt regte er sich, hob den Kopf wie aus einer Grube heraus und schaute mich
an. Ach, diesen Blick! Und wenn ich Abrahams Alter erreichte, nie könnte ich
diesen Blick vergessen. Das war ein andrer Mensch. Leider liegt es nicht in
meiner Natur, eine Situation momentan in ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen;
anstatt zu schweigen, begann ich wieder mit Scheintröstungen, aber ich spürte
gleich, dass es besser sei, das letzte Abendrot der Hoffnung nicht noch einmal
über die verdunkelte Seele heraufzubeschwören; was mich entschuldigt, ist, dass
ich selber ja kaum mit Klarheit wusste, was im Werk war, und dass mich die
zermalmende Wirkung von etwas vollständig Unausgesprochenem, deren Zeuge ich
war, mehr lähmte und erschütterte als das Wissen darum. Doch will ich Eure
Exzellenz nicht durch Betrachtungen verwirren und hübsch in der Ordnung bleiben.
    Ich hatte schon zuviel Zeit verloren, ich musste fort. Nach vieler Mühe war
es mir gelungen, Caspar zu überreden, dass er sich ein bisschen niederlege, auch
hatte er mir versprochen, mittags bei uns zu essen; das war mehr als ich
erwarten durfte, ich ging also beruhigter meinen Geschäften nach, war um halb
eins wie gewöhnlich zu Hause, wir warteten einige Zeit, aber wer nicht kommt,
ist Caspar. Ich vermutete, er sei eingeschlafen, denn dass er die Nacht über
nicht ein Auge geschlossen, hatte ich ihm angesehen, und ohne böse Gedanken ging
ich um zwei Uhr wieder ins Gymnasium mit dem Vorsatz, beim Nachhauseweg in der
Hirschelgasse nachzuschauen. Das tat ich auch, es war halb fünf und dämmerte
schon stark, als ich am Tucherhaus war, aber wie wurde mir, als mir der Pförtner
mitteilte, Caspar habe schon um zwölf Uhr das Haus verlassen und angegeben, er
gehe zu mir. Ich war wie vor den Kopf geschlagen; neben aller Verantwortlichkeit
durfte ich auch die begründetste Sorge für den armen Menschen hegen; ich lief in
meine Wohnung, da hatte sich kein Caspar blicken lassen, ich schickte die
Schwester zum Bürgermeister, die alte Mutter sogar machte sich auf die Beine um
bei einigen Bekannten nachzufragen; währenddessen beriet ich mit dem Kandidaten
Regulein, und als meine Schwester Anna binnen kurzem zurückkam und wir gleich an
ihrem Gesicht merkten, dass sie nichts erfahren hatte, schien es geboten, ohne
Verzug die Polizei zu unterrichten, die ja im Fall eines Unglücks mitschuldig
war, da man die Bewachung in letzter Zeit auffallend vernachlässigt hatte. Ich
gab hastig noch ein paar Anweisungen und war eben im Fortgehen begriffen, als
sich die Tür auftat und Caspar auf die Schwelle trat.
    Aber war er es wirklich? Wir glaubten sein Gespenst zu sehen. Ich mache mich
keiner Übertreibung schuldig, wenn ich versichere dass wir alle den Tränen nahe
waren. Ohne sich umzusehen und ohne zu grüssen, schritt er mit sonderbarer
Langsamkeit durch die Stube bis zum Tisch, nahm auf dem Holzsessel Platz,
stützte das Kinn in die Hand und schaute mit unverwandtem Blick regungslos ins
Licht der Lampe. Wir waren alle drei wie verzaubert, und meine Schwester sowie
der Kandidat gestanden mir später, dass ihnen ganz fröstlich zumute gewesen sei.
Mittlerweile war auch meine Mutter zurück gekehrt; sie war die erste, die an den
Tisch trat und Caspar fragte, wo er gesteckt habe. Er gab keine Antwort. Meine
Schwester Anna glaubte ihn besser zum Reden bringen zu können, sie nahm ihm den
Hut vom Kopf, strich mit der Hand über seine Haare und suchte ihn mit leiser
Stimme seinem Brüten zu entreissen. Ganz vergeblich; er schaute immer nur ins
Licht, immer ins Licht, die geöffnete Hand an der Wange, das Kinn über dem
Daumen. Ich sah mir ihn jetzt genauer an, indem ich mich unauffällig näherte,
jedoch sein Antlitz verriet nichts als einen unbeweglichen, gar nicht einmal
schmerzlichen sondern starren, fast stupiden Ernst. Meine Mutter fuhr fort, in
ihn zu dringen, er solle doch sagen, wo er herkomme und wo er gewesen sei. Da
sah er uns alle der Reihe nach an, schüttelte den Kopf und faltete bittend die
Hände.
    Wir beredeten uns nun, dass Caspar in unserm Hause bleiben und da übernachten
solle; wir hatten, um das Aufsehen wegen Caspars Verschwinden gleich wieder zu
ersticken, die Magd zum Bürger meister geschickt, auch zu den andern Leuten, die
wir schon inkommodiert hatten, und meine Mutter ging in die Küche, um fürs
Abendessen zu sorgen, da erschien der Tuchersche Diener, erkundigte sich, ob
Caspar bei uns sei, und als wir dies bejahten, sagte er, er solle gleich nach
Hause, der Polizeileutnant Hickel aus Ansbach wäre da und Caspar müsse noch am
Abend mit ihm abfahren. Eine solche Botschaft kam mir nicht weiter unerwartet,
nur dass die Sache gar so eilig sein sollte, versetzte mich einigermassen in
Wallung, und ich war unüberlegt genug, dem Menschen eine scharfe Antwort zu
geben; wenn ich mich recht erinnere, so sagte ich, der Herr Polizeileutnant möge
sich doch gedulden, es sei ja nicht ein Sack Kartoffeln zu expedieren, den man
holterdiepolter auflade. Meine Erregung muss jedem verständlich erscheinen, der
das Vorhergegangene in gerechte Erwägung zieht, es kamen mir aber doch Bedenken
an, ich ärgerte mich nachher über meine Unbesonnenheit und veranlasste den
Kandidaten Regulein, dass er ins Tuchersche Haus gehe, um mit dem Herrn aus
Ansbach zu sprechen und ihn tunlichst aufzuklären. Das wäre soweit ganz gut
gewesen, nur passierte dabei die Fatalität, dass der Kandidat, der etwas
redseliger Natur ist und der froh war, den Fremden mit irgend etwas unterhalten
zu können, dem Herrn Polizeileutnant die Geschichte von dem Verschwinden Caspars
brühwarm hinterbrachte, woraus sich denn später der peinlichste Auftritt ergab.
    Es war schon sieben, als das Essen auf den Tisch gesetzt wurde, der Kandidat
war noch nicht zurück, wir nahmen alle Platz und waren nun wieder einmal, wie in
früheren Zeiten, mit Caspar ganz unter uns. Aber wie anders waren die Zeiten,
wie anders Caspar! Ich musste mir den Menschen beständig ansehen, wie er mit
niedergeschlagenen Augen dasass und lustlos in der Grütze löffelte. Seine Blicke
waren jetzt unruhig, und bisweilen überlief ein Schauder seine Haut. Lange
konnte ich mich solchen Betrachtungen nicht überlassen, denn gegen viertel acht
wurde mit sonderbarer Heftigkeit an der Hausglocke gerissen, Anna lief hinunter,
um zu öffnen, und alsbald erschien ein Offizier in Gendarmenuniforrn, und bevor
er noch seinen Namen nannte, wusste ich natürlich, wer es war. Caspar war bei dem
grellen Glockenlärm stark zusammengefahren. Hinzufügen muss ich noch, dass die
vorher erwähnte Auseinandersetzung mit dem Diener sowie das Gespräch mit dem
Kandidaten im Flur vor der Treppe stattgefunden und Caspar nichts davon gehört
hatte; er erhob sich jetzt und schaute mit einem langen Blick gegen die Türe,
und als er des Herrn Polizeileutnants ansichtig geworden, wurden seine Wangen
wieder genau so tödlich fahl wie tags zuvor, da ich in sein Zimmer gekommen war.
Ich kann mir, wenn ich die Tatsachen im Zusammenhang gegeneinander halte, keine
andre Erklärung denken, als dass Caspar alles das, was sich nun seit
vierundzwanzig Stunden abspielte, von innen aus erriet, sozusagen durch ein
inneres Gesicht, und dass er der äusseren Bestätigung durch die Ereignisse gar
nicht mehr bedurfte, denn es gab sich eine Versunkenheit an ihm kund, die ich
nur mit der schrecklichen Ruhe eines Schlafwandlers vergleichen kann. Ich selbst
war nachgerade so benommen, dass ich, wie ich fürchte, Herrn Hickel mit einer
unfreundlich wirkenden Kälte empfing. Glücklicherweise schien dieser keine Notiz
davon zu nehmen, und nachdem er sich gegen meine Damen verbeugt, wandte er sich
an Caspar und sagte mit einem Ton der Überraschung, der freilich nicht ganz
aufrichtig klang: »Das ist also der Hauser! Ist ja ein ganz ausgewachsener
Mensch, mit dem wird sich ja reden lassen.« Caspar schaute den Mann gross an, und
zwar mit einem finster prüfenden Blick, in dem durchaus nichts Wehleidiges oder
Jämmerliches war. Es entstand nun ein allseitiges Schweigen; ich überlegte mir,
wie ich es anstellen könnte, damit Caspar die Nacht über noch in meinem Hause
bleiben könne, denn in seinem Zustand ihn einem Fremden zu überlassen erschien
mir unratsam. Ich erklärte mich Herrn Hickel mit offenen Worten, er hörte mich
ruhig an, sagte aber dann, er habe gemessenen Auftrag Caspar gleich mitzunehmen,
es sei keine Zeit zu verlieren, die Sachen müssten noch gepackt werden und der
Wagen stehe schon bereit. Meine Schwester Anna, unbändig wie sie ist, rief mir
zu, ich solle mich darum nicht kümmern, zugleich trat sie, wie um ihn zu
schützen, an Caspars Seite. Herr Hickel lächelte und sagte, wenn uns soviel an
einem Aufschub gelegen sei und wir noch etwas mit Caspar zu besprechen hätten,
sein Ton war dabei so beziehentlich, dass ich stutzig wurde, wolle er nicht den
Spielverderber machen, ich müsse mich aber verpflichten, Caspar Punkt neun Uhr
zum Tucherschen Haus zu bringen. Jetzt verlor auch ich die Fassung und fragte,
ob denn die Sache um Gottes willen so dringend sei, dass er in die Nacht
hineinreisen wolle. Herr Hickel zuckte die Achseln, schaute auf die Uhr und
antwortete kalt, ich möge mich entschliessen. Jetzt begann Caspar zu sprechen,
und mit einer Stimme, deren Klarheit und Festigkeit mir bei ihm etwas ganz Neues
war, sagte er, er wolle sogleich mitgehen. Wir sahen aber alle, dass er vor
Erschöpfung zitterte und dass er sich kaum auf den Beinen zu halten vermochte.
Meine Mutter und Schwester beschworen ihn zu bleiben, Herr Hickel, der bei
Caspars Worten abermals gelächelt hatte, o, ich kenne dieses Lächeln! wie oft
hat es mir die Schamröte ins Gesicht getrieben, kehrte sich gegen mich und
sagte: »Also um neun Uhr, Herr Professor,« und zu Caspar gewandt, erhob er den
Finger und sagte schalkhaft drohend: »Dass Sie mir ja pünktlich sind, Hauser!
Auch muss ich wissen, wo Sie sich den Nachmittag über herumgetrieben haben.
Lassen Sie sich beileibe nicht einfallen, mich anzulügen, sonst gibts was. Da
kenn ich keinen Scherz.«
    Grüssend ging Hickel und liess uns in einem Zustand von Empörung, Zweifel und
Unruhe zurück. Das alles nahm sich ja schlimmer aus, als es die ärgste
Befürchtung malen konnte. Besonders die letzten Worte des Leutnants hatten mich
wie auch meine Angehörigen mit Schrecken erfüllt. Was sollten wir von der
Zukunft Caspars denken, was von seinem Glück erhoffen, wenn Drohungen von so
brutaler Art unverhüllt auftreten durften? Das Herz war mir schwer geworden.
Doch war zu grübeln nicht die Zeit. Ich beschloss, zum Bürgermeister zu gehen und
mich mit ihm zu beraten. Anna hatte schnell auf dem Sofa ein Lager bereitet, sie
führte Caspar hin, er sank nieder, und kaum ruhte sein Kopf auf dem Kissen, so
schlief er auch schon. Indes ich mich zum Fortgehen anschickte, läutete es, und
Herr Binder kam selbst. Ich verständigte ihn in Eile von dem Vorgefallenen, er
war höchlichst befremdet von dem Auftreten des Ansbacher Herrn, und da er es für
tunlich hielt, mit diesem selbst zu sprechen, forderte er mich auf, ihn zu
begleiten. Wir überliessen Caspar der Obhut der Frauen und gingen in die
Hirschelgasse. Es hatten sich trotz der Abendstunde eine Menge Menschen
hauptsächlich aus der niederen Volksklasse vor dem Tucherschen Haus eingefunden,
die, ich weiss nicht durch welche Umstände, von der bevorstehenden Abreise
Caspars unterrichtet waren und teils laut, teils murrend ihre Missbilligung
ausdrückten.
    Als wir die Tür von Caspars Zimmer geöffnet hatten, bot sich uns ein
sonderbarer Anblick. Die Kommodeschubladen und Schränke waren vollständig
ausgeräumt; Wäsche, Kleider, Bücher, Papier, Spielwaren, alles lag wüst auf dem
Boden und auf Stühlen, und Herr Hickel kommandierte den Diener, der damit
begonnen hatte, die Sachen ordnungslos in einem Reisekoffer und einer kleinen
Kiste unterzubringen. Als er uns gewahrte und den Unwillen aus unsern Blicken
las, sagte er lächelnd, als ob es sich um eine Schmeichelei handle, jetzt fange
ein neues Regiment für den Findling an, jetzt werde alles an den Tag kommen. Mit
finsterem Gesicht entgegnete Herr Binder, was er damit meine, was denn
eigentlich an den Tag kommen solle; zugleich gab er sich unter Nennung seines
Namens zu erkennen. Herr Hickel geriet in Verlegenheit; mit einigen
nichtssagenden Wendungen entschlug er sich der Antwort; er behauptete, Caspar zu
lieben; es sei ihm nur darum zu tun, den jungen Menschen vor falschen Illusionen
zu bewahren. Da stieg mir das Blut zu Kopfe, und ich antwortete, wer denn anders
solche Illusionen erzeugt und genährt hätte als gewisse Herrschaften, die sich
nun aus dem Staub zu machen schienen; erst schmücke man den Arglosen mit einem
festlichen Kleid, und wenn er dann darin herumzuspazieren wage, sehe man einen
gefährlichen Überhebling in ihm. Das begreife wer wolle, ein solches Spiel sei
verdammungswürdig. Das war heftig, war unvorsichtig, es sei gestanden, doch muss
ich hinzufügen, dass mich die ironische Ruhe des Polizeileutnants aufreizte. Um
so verblüffter war ich, als er mir nun in jedem Punkt beipflichtete, sich aber
auf keine weitere Erörterung einliess und sich wieder zu dem Diener kehrte, indem
er Eile vorschützte, da er nicht in so später Nacht abreisen wolle. Herr Binder
bemerkte ihm darauf, dass die Abfahrt sehr gut bis morgen verschoben werden
könne, Caspar bedürfe der Ruhe, die Verantwortung sei er bereit auf sich zu
nehmen. Herr Hickel versetzte, das sei unmöglich, er habe strikten Befehl und
müsse auf seiner Anordnung bestehen. Wir waren ratlos.
    Der Polizeileutnant hatte sich auf den Tischrand gesetzt und blickte uns
Schweigende spöttisch-erwartungsvoll an. Da vernahmen wir Schritte, und als wir
uns umwandten, die Türe stand offen, sahen wir Caspar und hinter ihm meine
Schwester. Anna flüsterte mir zu, Caspar sei kurz nach unserm Fortgehen erwacht,
er habe erklärt, mit dem fremden Mann gehen zu wollen, und sich durch keinen
Einwand zurückhalten lassen; so habe sie ihn denn begleitet.
    Caspar schaute sich forschend um, dann sagte er, zu Herrn Hickel gewandt:
»Nehmen Sie mich nur mit, Herr Offizier. Ich weiss schon, wohin Sie mich bringen
wollen, ich fürcht mich nicht.« Es war in diesen Worten, so wenig Besonderes sie
entielten, ein wunderbarer Antrieb und das, was man Haltung nennt, und ich kann
nicht verhehlen, dass ich durch sie aufs tiefste bewegt wurde. Ich hätte viel
darum gegeben, wenn ich Caspar jetzt eine Stunde lang für mich allein hätte
haben können. Der Herr Polizeileutnant verbarg seine Freude über die unvermutete
Wandlung nicht und antwortete lachend: »Na, fürchten, Hauser! Warum nicht gar!
Es geht ja nicht nach Sibirien!« Er näherte sich nun dem Jüngling, legte beide
Hände auf dessen Schulter und fragte: »Jetzt seien Sie einmal ganz offen,
Hauser, und sagen Sie mir ohne Umschweife, wo Sie den Nachmittag über gesteckt
haben?« Caspar schwieg und besann sich, dann entgegnete er dumpf: »Das kann ich
Ihnen nicht sagen.« - »Ja wie denn, was denn, was soll das heissen, heraus mit
der Sprache!« rief der Leutnant, und Caspar darauf: »Ich hab was gesucht.« -
»Ja, was denn gesucht?« - »Einen Weg.« - »Zum Donnerwetter,« begehrte Herr
Hickel auf, »spielen Sie mir kein Teater vor und machen Sie keine Flausen,
sonst werde ich Ihnen zeigen, was die Glocke geschlagen hat. Wir in Ansbach
werden Ihnen nicht auf das aberwitzige Wesen hereinfallen, das lassen Sie sich
nur gesagt sein.«
    Herr Binder und ich waren durch solche herausfordernde Redeweise wie
begreiflich sehr empört. Aber Herr Hickel zeigte keine Lust, sich zu
rechtfertigen, er befahl Caspar in knappen Worten, sich fertigzumachen, in einer
halben Stunde werde er fahren. Währenddem kamen der Baron Scheuert, der Assessor
Enderlin und andre Bekannte Caspars, die von der Abreise gehört hatten und ihm
Lebewohl sagen wollten; ich hatte keine Zeit mehr, nur drei Worte mit ihm zu
wechseln, binnen kurzem waren wir alle im Hausflur versammelt. Die Menge auf der
Strasse hatte sich vermehrt, in der Dunkelheit sah es aus, als ob ganz Nürnberg
auf den Beinen sei. Die Zunächststehenden stiessen drohende Reden aus, Herr
Hickel forderte vom Bürgermeister, dass er die Wache aufziehen lassen solle, doch
eine solche Massregel erklärte dieser für überflüssig, und in der Tat genügte
sein blosses Erscheinen, um die Ruhe wiederherzustellen.
    Als Caspar zum Wagenschlag trat, rannte alles zuhauf, jeder wollte ihn noch
einmal sehen. Die Fenster der gegenüberliegenden Häuser waren erleuchtet und
Frauen winkten mit Tüchern herab. Die Kisten und Vachen waren aufgebunden, der
Kutscher schnalzte, die Pferde zogen an - und fort war er.
    Überzeugt, dass Eure Exzellenz zu den wenigen aufrichtigen Gönnern des
Jünglings gehören, fühlte ich mich im Innersten gedrängt, Ihnen über diese
Vorfälle genauen Bericht zu erstatten. Nur einige Stunden sind seit den
erzählten Begebenheiten verflossen, es ist weit über Mitternacht, die Feder will
meiner Hand entsinken, aber ich durfte keine Frist verstreichen lassen, um nicht
selber zum Fälscher meiner Erinnerung zu werden. Wo die Verleumdung so
unermüdlich am Werk ist, soll auch der Gutgesinnte eine Nachtwache nicht
scheuen, wenn er zu fürchten hat, dass ihn der blosse Schlaf nur um eine Linie von
der Deutlichkeit seines Erlebens betrügen könnte. Vielleicht finden Eure
Exzellenz, dass ich die Dinge falsch deute oder in ihrer Wichtigkeit überschätze.
Mag sein, ich habe jedoch meine Pflicht erfüllt und bin mir keiner Versäumnis
bewusst. Ich trage schwere Sorge um Caspar, ohne dass ich ganz zu sagen vermöchte
weshalb, aber ich bin nun einmal als Geister- und Gespensterseher auf die Welt
gekommen, und mein Auge sieht den Schatten früher als das Licht.
    Nicht vergessen will ich zum Schluss die Erwähnung, dass mir Herr von Tucher
bei seinem letzten Besuch die hundert Goldgulden übergab, die Caspar vom Herrn
Grafen Stanhope geschenkt erhalten. Ich werde die Summe mit nächster fahrender
Post an Eure Exzellenz überschicken.
    Frau Behold an Frau Quandt:
    Werte Frau, excusez, dass ich mich schriftlich an Sie wende, was Sie
extraordinaire finden werden, da ich Ihnen doch im ganzen fremd bin, obwohl Sie
in meiner Eltern Hause Ihre Jugend verlebten. Mit grossem Etonnement vernehme
ich, dass der Caspar Hauser nunmehr in Ihrem Heim weilen wird, und ich fühle mich
gedrungen, Ihnen zum Belehr etwelches über den Sonderling zu eröffnen. Sie
wissen doch, dass der Hauser das Wunderkind von Nürnberg war. Lob und
Verhätschelei hätten bei einem Haar den Knaben zum Narren gemacht, es ist eben
ein tolles Volk dahier. In solchem verderbten Zustand haben wir ihn aus reinem
christlichen Mitleid und, ich schwöre, ohne jede Nebenabsicht zu uns genommen.
Bei aller Tollheit haben die andern doch vor dem vermummten Kerl mit dem Beil
Angst gehabt, wir aber fürchteten nichts, und der Hauser wurde bei uns wie ein
Kind geliebt und estimieret. Übel ist uns das gelohnt worden; keine
Erkenntlichkeit vom Hauser, und noch dazu die böse Nachrede seines Anhangs.
Wieviel ärgerliche Stunden, wieviel Verdruss er uns durch seine entsetzliche
Lügenhaftigkeit bereitet hat, davon sind alle Mäuler stumm. Nachher freilich hat
er alleweil Besserung gelobet und ward mit frischer Liebe an unser Herz
geschlossen, aber fruchten tat es nichts, der Lügengeist war nicht zu bannen,
immer tiefer versank er in dieses abscheuliche Laster. Ist viel Gerede gewesen
von seinem keuschen Sinn und seiner Innocence in allem Dahergehörigen. Auch
hierüber kann ich ein Wörtlein melden, denn ich habs mit meinen eignen Augen
gesehen, wie er sich meiner damals dreizehnjährigen Tochter, heute ist sie in
der Schweiz in Pension, unziemlich und unmissverstehlich näherte. Nachher zur
Rede gestellt, wollt ers nicht wahr haben, und aus Rache hat er mir die arme
Amsel umgebrungen, die ich ihm donationieret. Gebe Gott, dass Sie nicht ähnliche
Erfahrungen an ihm machen; er steckt voller Eitelkeit, meine Liebe, voller
Eitelkeit, und wenn er den Gutmütigen agieret, ist der Schalk dahinter
verborgen, und so man ihm den Willen bricht, ist es mit seiner
Katzenfreundlichkeit am Ende. Wieviel wir auch durch sein detestables Betragen
zu dulden hatten, Undank und Calomnie, aus unsern Lippen ist keine Klage
gefahren, denn warum, man hätt ihm auch dann die Wahrheit nicht mehr glauben
können, und ein Betrüger ist er nicht, nur ein armer Teufel, sehr armer Teufel.
Ihnen und dem Herrn Gemahl glaube ich hingegen einen Gefallen zu erweisen, wenn
ich die Decke lüpfe, unter der er seinen Unfug treibet; der gegen ihn so gütig
gesinnte Graf Stanhope wird gewiss bald zu der schmerzlichen Entdeckung gelangen,
dass er eine Schlange an seinem Busen nähret. Wäre der Herr Graf nur zu mir
gekommen, dieses aber hat der Pfiffikus Hauser hintertrieben, und aus guten
Gründen. Seien Sie nur recht wachsam, gute Frau; er hatte alleweil
Heimlichkeiten, bald da, bald dort versteckt er was in einem Winkel, das lässt
auf nichts Gutes schliessen. Und nun bitte ich Sie oder den Herrn Gemahl, mir in
einiger Zeit Nachricht zu geben, wie sich Ihr Zögling produzieret und was Sie
von ihm halten, denn ohneracht alles Geschehenen nimmt er doch ein Plätzchen in
meinem Herzen ein, und ich wünsche nur, dass er tätig an seiner Selbstbesserung
arbeite, ehe er in die grosse Welt entrieret, wo er viel mehr Kraft und
Beständigkeit vonnöten haben wird als in unsrer kleinen.
    Von mir selbst ist nicht viel Gutes zu sagen, ich bin krank; der eine Doktor
meint, es ist ein Geschwür auf der Milz, der andre nennt's eine maladie du
coeur. Die grosse Teuerung der Lebensmittel ist auch nicht angetan, einem die
Laune zu verbessern, Gott sei Lob gehen die Mannsgeschäfte im allgemeinen gut.
    Bericht Hickels über den vollführten Auftrag der Übersiedlung Caspar
Hausers:
    Ich traf am 7. ds. vorschriftsgemäss in Nürnberg ein, verfügte mich sogleich
in die Wohnung des Freiherrn von Tucher, fand aber den Kuranden nicht zu Hause
und erfuhr zu meiner Verwunderung, dass er sich den ganzen Nachmittag über
aufsichtslos und unbekannt wo herumgetrieben habe, was doch gegen die Vorschrift
ist, und dass er sich zur Zeit beim Professor Daumer aufhalte, wahrscheinlich in
der Absicht, die Reise zu verzögern und dabei die Unterstützung seiner Freunde
zu finden. Denn als ich bei Herrn Daumer vorsprach, wurden zu besagtem Zweck
alle möglichen Ausreden versucht, auch gefiel sich Hauser selbst in einigen
leicht durchschaubaren Schnurrpfeifereien, was mich aber nicht hinderte, auf der
mir erteilten Weisung zu beharren. Eine strenge Inquisition nach seinem Verbleib
während des Nachmittags blieb fruchtlos, der Bursche gab die albernsten
Antworten von der Welt. Mein entschiedenes Auftreten hatte die Wirkung, dass von
einer Verzögerung nicht weiter gesprochen wurde, um neun Uhr war der Wagen zur
Stelle, es war grosser Zulauf in den Gassen, die Leute, vermutlich insgeheim
aufgehetzt, gebärdeten sich einigermassen revoltant, wurden aber durch meine
Drohung, dass ich die Wache aufziehen lassen würde, schnell eingeschüchtert. Dem
Kutscher gebot ich Eile, und nach einer Viertelstunde hatten wir das Weichbild
der Stadt verlassen. Während der ganzen drei Stunden bis zum Dorfe Grosshaslach
liess mein Kurand nicht eine Silbe verlauten, sondern starrte ununterbrochen in
die Dunkelheit hinaus; gewiss mag es ihm gar trübselig zumute gewesen sein, da er
nun doch erkennen musste, dass es mit seinen grossen Hirngespinsten Mattäi am
letzten war. Ich hatte den Sergeanten nach Grosshaslach bestellt, und derweil die
Pferde gefüttert und getränkt wurden, verfügten wir uns in die Poststube. Hauser
legte sich daselbst alsogleich auf die Ofenbank und entschlief. Ich konnte aber
des Verdachts nicht ledig werden, dass er sich nur schlafend stellte, um mich und
den Sergeanten sicher zu machen und unser Gespräch zu belauschen. In diesem
Argwohn bekräftigte mich auch das jedesmalige Blinzeln seiner Lider, wenn ich in
nicht gerade schmeichelhaften Ausdrücken seiner Person erwähnte. Um der Sache
auf den Grund zu gehen und zugleich herauszubringen, was es mit dem allerwärts
verbreiteten Märchen von seinem steinernen Schlummer für eine Bewandtnis habe,
nahm ich meine Zuflucht zu einer kleinen List. Nach einer Weile gab ich nämlich
dem Sergeanten einen Wink, und wir erhoben uns leise, als ob wir gehen wollten,
und siehe da, kaum hatte ich die Türklinke gefasst, so schnellte mein Hauser wie
von der Tarantel gestochen empor, tat ein wenig wirr und verstört und folgte
uns, die wir uns kaum das Lachen verbeissen konnten. Im Wagen fragte mich Hauser
plötzlich, ob der Herr Graf noch in Ansbach weile; ich bejahte, fügte aber
hinzu, dass Seine Lordschaft dieser Tage gen Frankreich fahren werde, worauf
Hauser einen tiefen Seufzer ausstiess; er lehnte sich in die Ecke zurück, schloss
die Augen und schlief nun wirklich ein, wie ich aus seinen tiefen Atemzügen
entnehmen konnte. Die Weiterfahrt verlief ohne bemerkenswerte Vorfälle, es war
ein Viertel nach drei, als wir bei Schneetreiben vor dem Sterngastof anlangten;
ich hatte diesmal harte Mühe, den Hauser aus dem Schlaf zu bringen, und erst als
ich ihn energisch anschrie, entschloss er sich, aus der Kutsche zu steigen. Da
nur der Torwart zugegen war und ich den Herrn Grafen nicht wecken lassen wollte,
brachten wir den jungen Menschen in eine Kammer unterm Dach; ich befahl ihm,
sich zu Bette zu begeben, sperrte der grösseren Sicherheit halber die Tür von
aussen zu und hiess meinen Sergeanten, bis zum Anbruch des Tages auf Wache zu
bleiben. Soll ich nun zum Schlusse über die Person und das Betragen des Kuranden
ein Urteil abgeben, so muss ich bekennen, dass mir der junge Mann wenig Sympatie
oder Mitgefühl abnötigte. Sein verschlossenes, trotziges und hinterhältiges
Wesen lässt auf einen, wenn auch nicht verdorbenen, so doch angefaulten und
widrigen Charakter schliessen. Von wunderbaren Eigenschaften hab ich an ihm
nichts beobachtet, als eine in der Tat wunderbare Begabung zur Schauspielerei,
was noch milde ausgedrückt ist. Ich fürchte, man wird hiesigenorts manche
Enttäuschung an ihm erleben.
    Binder an Feuerbach:
    Um des ferneren allem überflüssigen Gerede und Vermuten vorzubeugen, das in
derselben Sache schon an Eure Exzellenz gelangt sein mag, diene die Nachricht,
dass ich bereits genügenden Aufschluss habe über den rätselhaften, vier bis fünf
Stunden andauernden Verbleib Caspar Hausers am letzten Nachmittag seines
Aufentalts in hiesiger Stadt. Freilich, dieser Aufschluss ist im Grunde keiner,
denn so wenig der Jüngling sich selbst hatte erklären wollen, so wenig erklären
die mir bekannt gewordenen Einzelheiten seine ganze Handlungsweise.
    Ich will mich kurz fassen. Am Morgen nach Caspars Abreise kam der
Gefängniswärter Hill zu mir und berichtete, der Hauser sei gestern mittag nach
eins bei ihm auf dem Turm erschienen und habe gebeten, ihm die Kammer zu zeigen,
worin er einst gefangen gewesen. Zufällig war an jenem Tag kein Häftling auf dem
Luginsland, und er, Hill, habe nach einigem verwunderten Fragen und Forschen
Caspar eintreten lassen. Nachdem er eine Weile grübelnd dagestanden, begab er
sich in dieselbe Ecke, wo ehedem sein Strohlager gewesen, hockte auf den Boden
und brütete stumm vor sich hin. Dem Hill war das befremdlich, und da alle
Versuche, den Jüngling seiner Letargie zu entreissen, nichts fruchteten, kehrte
er in seine Wohnung zurück und machte seiner Ehefrau von dem Vorfall Mitteilung.
Sie überlegten gerade, was zu tun sei da kam Caspar von selbst die Stufen
herunter und trat in das Zimmerchen, das ihm ebenfalls von früher wohlbekannt
war, das er jedoch mit bohrend nachdenklichen Blicken durchmusterte, genau wie
er oben in der Zelle getan. Hill und sein Weib dachten nicht anders als der arme
Mensch habe den Verstand eingebüsst. Die Frau näherte sich ihm, stellte einige
Fragen, erhielt aber keine Antwort. Da fiel sein schweifendes Auge auf die
beiden Kinder des Wärters, die auf einem Tritt beim Fenster mitsammen spielten,
und plötzlich lächelte er gar wunderlich, schlich sich heran und setzte sich am
Rand des über den Boden erhöhten Tritts nieder.
    Hill tat das Vernünftigste, was er tun konnte, er liess ihn gewähren und
wartete ab, was daraus werden würde. Nachdem sich Caspar also niedergelassen,
begann er die zwei Kinder auf eine Weise anzustarren, als ob er nie im Leben
Kinder gesehen hätte; er beugte sich vorwärts, er studierte förmlich ihre
Finger, ihre Lippen, seine heisshungrigen Blicke verschlangen gleichsam jede
ihrer Gebärden; der Frau wurde dabei angst und bang, mit Mühe hielt Hill sie ab,
dazwischenzufahren, denn er fürchtete nichts. »Kenn ich doch Hausers sanfte
Seele«, so drückte er sich mir gegenüber aus. Auf einmal sprang Caspar auf,
streckte die Arme in die Luft, stöhnte, starrte vor sich hin, als sehe er einen
Geist, dann kehrte er sich um und rannte mit erstaunlicher Geschwindigkeit zur
Tür und die Treppe hinunter auf den Platz. Hill folgte ihm unverzüglich, denn er
schloss mit Recht, dass Caspar in einer bedenklichen Verfassung sei und dass man
ihn so nicht sich selber überlassen dürfe. Als er den Burgberg herunter gegen
die Füll lief, gewahrte er ihn noch rechtzeitig und konnte ihn im Auge behalten.
    Caspar eilte nun durch mehrere Gassen, und zwar ganz unsinnig die kreuz und
quer, danach über die Glacis und nach St. Johannis hinüber. Hill folgte in einer
Entfernung von fünfzig oder sechzig Ellen und hatte auf jede Bewegung Caspars
genau acht. Trotzdem es den Anschein ziellosen Gehens hatte, war doch der
Schritt des Jünglings so beschleunigt, ja ungeduldig, als wolle er ein vor ihm
fliehendes Etwas erhaschen. Es ging nun durch die Mühlgasse, am Ende dieser
Gasse breitet sich das flache Feld aus und die Strasse verwandelt sich in einen
Wiesenweg, der längs der Mauer des Johanniskirchhofs zur Pegnitz und zum Wald
hinunterführt. An der Kirchhofsmauer, die so niedrig ist, dass auch ein
mittelgrosser Mensch leicht über sie hinwegblicken kann, blieb Caspar jählings
stehen, riss den Hut vom Kopf und presste die Hand gegen die Stirn. Es wird Eurer
Exzellenz bekannt sein, eine wie ungeheure Wirkung schon früher einmal bei der
Annäherung an den Gräberort an ihm wahrgenommen worden ist. Er schien zu
zittern, er atmete mit offenem Mund, seine Züge drückten Grauen aus, die
Hautfarbe wurde bleifahl, er sah aus, als könne er sich nicht losreissen,
plötzlich aber stürzte er so schnell weiter, dass sein Beobachter Mühe hatte, ihm
nah zu bleiben, auch dachte Hill, Caspar müsse ins Wasser stürzen, da er am
Flussufer in ein wildes Torkeln geriet. Glücklicherweise wandte er sich gegen den
nahen Forst und verschwand alsbald zwischen den Stämmen. Hill hatte Angst, dass
er ihm entkommen könnte; er bemerkte einige Arbeiter, die an einer Erdgrube Sand
schaufelten, und forderte sie auf, ihm zu helfen; drei oder vier gesellten sich
zu ihm, und sie drangen verteilt ins Gehölz; doch Hill selbst war es, der Caspar
nach langem Suchen und als er schon höchlichst besorgt wurde, zuerst wieder
erblickte. Er sah ihn kniend am Fuss einer mächtigen Eiche, er sah, wie er die
Hände aufhob, und hörte ihn mit einer leidenschaftlich flehenden Stimme rufen:
»O Baum! O du Baum!« Nichts weiter als diese Worte, und mit solchem Gefühl, wie
man ein Gebet spricht, wenn der Geist in höchster Bedrängnis ist. Hill sagte
aus, er habe es nicht über sich gebracht, ihn anzurufen, überhaupt hat der
einfache Mann bei all diesen Vorgängen ein Zartgefühl und eine Menschlichkeit
bewiesen, um deretwillen ich ihm meine Anerkennung nicht versagen kann. Die
Arbeiter, die er mitgenommen, riefen ihm, er gab ein Zeichen, sie kamen herbei;
Caspar hatte sich indes erschrocken aufgerichtet, blickte die Leute der Reihe
nach an, und es schien, als erkenne er Hill nicht. Dieser dankte den Männern und
bedeutete ihnen, dass er sie nicht mehr brauche. Von ihm untergefasst, liess sich
Caspar ohne Widerstand aus dem Forst herausführen; im Gegensatz zu seinem
bisherigen Wesen zeigte er nun eine vollkommene Gelassenheit. Hill fragte ihn,
wohin er denn gehen wolle, und nach einigem Zögern antwortete Caspar, er müsse
zum Mittagessen zu Herrn Daumer. Da lachte Hill und erinnerte ihn, dass Mittag
längst vorbei sei; als sie vor der Stadtmauer ankamen, begann es schon zu
dämmern. Caspar ging jetzt ausserordentlich langsam, und trotzdem Hill um vier
Uhr auf der Polizeiwache hätte sein sollen, begleitete er ihn noch zu Professor
Daumers Haus und wich erst von der Stelle, als sich das Tor hinter seinem
Schützling geschlossen hatte.
    Dies, Exzellenz, die getreue Wiedergabe dessen, was der Mann berichtet hat.
Ich habe seine Erzählung, deren Glaubwürdigkeit zu bezweifeln kein Anlass
vorliegt, protokollieren lassen. Aus den Begebnissen selbst weiss ich, wie
gesagt, nichts zu machen, auch ist es nicht an mir, den Schlüssen Eurer
Exzellenz vorzugreifen. Gestern habe ich mich von Hill zu der Stelle führen
lassen, wo Caspar kniend gefunden wurde, denn ich dachte mir, dass da vielleicht
etwas Besonderes sei. Es ist, ungewöhnlich bei solcher Stadtnähe, ein
friedensvoller Ort; der Wald ist dicht bestanden, lautlose Einsamkeit fordert zu
beschaulicher Stimmung auf. Hill erkannte den Platz mit Sicherheit wieder und
zeigte zum Beweis auf Fussabdrücke und zerwühltes Moos. Sonst habe ich nichts
Bemerkenswertes wahrgenommen.
    Der Polizeisoldat, der durch seine Nachlässigkeit in Caspars Bewachung all
dieses verschuldet hat, wurde der verdienten Strafe zugeführt.
    Lord Stanhope an den Grauen:
    Ich weile noch immer in dem weltentlegenen Nest, obwohl ich zu Weihnachten
in Paris sein wollte. Ich sehne mich nach freier Konversation, nach
Maskenbällen, nach der italienischen Oper, nach einem Spaziergang auf den
Boulevards. Hier sind aller Augen auf mich gerichtet, jeder will teilhaben an
mir; von einer gewissen Hofratsfamilie, die nicht in den besten Verhältnissen
lebt, wird erzählt, sie habe eine goldene Stehuhr, ein vortreffliches Erbstück,
versetzt, um eine Soiree zu Ehren des Lords geben zu können. Man verdächtigt
eine Dame, Frau von Imhoff, uralter Patrizieradel, der näheren Beziehung zu mir,
vielleicht nur deswegen, weil die Arme in einer unglücklichen Ehe lebt, an der
sich der Klatsch seit Jahren mästet. Scherzhafter Unsinn. Die Dame ist, leider,
ein makelloser Mensch. Das übrige Volk ist kaum der Rede wert. Die guten
Deutschen sind servil bis zum Erbrechen. Der behäbige Kanzleidirektor, der mit
einer sklavisch tiefen Reverenz den Hut vor mir zieht, würde mir mit Vergnügen
die Stiefel putzen, wenn ichs ihm befähle. Nichts hindert mich, hier eine Art
Caligula zu spielen.
    Zur Sache. Ein äusserer Grund meines Verweilens hier ist nicht mehr
vorhanden. Der bislang vorgeschriebene Teil meiner Aufgabe ist erfüllt. Was
verlangt man noch von mir? Wessen hält man mich noch weiterhin für fähig? Hat
Euer Hochgeboren oder dero Gebietende noch intime Wünsche, so wäre es geraten,
sie in Bälde vernehmen zu lassen, denn der ergebenst Unterzeichnete ist satt.
Die Mahlzeit füllt ihn bis zum Hals, er muss jetzt ans Verdauen denken, Ich gehe
mit der Absicht um, in Rom Prälat zu werden oder mich hinter Klostermauern
einzusperren, vorher muss ich noch das nötige Schwergeld für den Ablass beisammen
haben; wenn der Papst kein Einsehen hat, kehr ich in den Schoss der puritanischen
Kirche zurück, so bin ich wenigstens der Sorge und des Ekels entoben, mir den
Bart wachsen lassen zu müssen. Auch in meinem Land gibt es Masken und jedenfalls
ein würdigeres Kostüm. Ist der Minister H. in S., der Pensionist, von allen
Vorgängen verständigt und hat man ihn gegen Überfälle gesichert? An welcher
Bankstelle kann ich meinen nächsten Zinsgroschen beheben? Dreissig Silberlinge;
mit welcher Zahl darf ich die Summe multiplizieren? Denn auf Multiplikation ist
nun einmal mein Leben gestellt. Herr von F. ist vor einigen Tagen nach München
abgereist; dies zur Notiz. Das bewusste Dokument ist, wie ein ranziges Stück
Fleisch, von einem gewissenhaften Raben in Aussicht genommen, vorläufig aber
noch unzugänglich. Wie hoch normiert man den Preis und, sollten im Kriegsfalle
kühnere Massregeln geboten sein, was billigt man dem jenigen zu, der die Hölle um
einen neuen Untertanen reicher machen will? Ich muss dies wissen, gegenwärtig
stellen auch die geringsten Diener des Satans ihre Ansprüche. Wenn Herr von F.
so weit kommt, mit der Königin zu verhandeln, wie er beabsichtigt, muss ein
geeigneter Repräsentant gefunden werden, um das angefachte Feuer zu löschen;
freilich wird dann das ranzige Stück Fleisch anfangen zu stinken. dabei fällt
mir ein penetranter Passus in dem letzten Schreiben von Eurer Hochgeboren ein;
wie lautet er doch gleich: »Sie beginnen, mein lieber Graf, zu viel Wert auf das
Verruchte und Verfluchte zu legen, sobald es nur einen Anschein von
Zweckmässigkeit und Behendigkeit hat.« Ich nehme diesen Worten die Schminke und
lese: es ist unglaublich, was Sie für ein Spitzbube sind. Kennen Sie die hübsche
Replik des alten Fürsten M., als ihn der amerikanische Gesandte ins Gesicht
hinein einen Betrüger nannte? »Mein Lieber, Teurer,« erwiderte der Fürst mit
seinem sanftesten Lächeln, »dass Sie doch in Ihren Ausdrücken niemals masshalten
können!« Ja, halten wir Mass, wenn auch nicht im Tun, so doch im Reden. Wozu
Sottisen? Ein Schurke wird geboren so gut wie ein Edelmann. Wer sich anmasst, in
den Lauf eines fremden Schicksals zu pfuschen, ist ein Philister oder ein
Dummkopf, wenn nicht beides. Wer kennt mich? Wer will mich richten oder formen?
Verrät mich nicht jeder Atemzug? Verwandte Sterne haben über Ihrer und meiner
Wiege geleuchtet. Sie sind ein getreuer Diener. Das ist eine wunderschöne
Ausrede. Werfen Sie ab, was Sie bindet, fliehen Sie in eine Einöde, auf das
Meer, in die Wüste, zum Pol, auf einen andern Planeten, zu sich selbst und
erproben Sie, ob Sie sich noch am Glanz des Himmels und am Schein der Sonne zu
freuen vermögen, und wenn das der Fall ist, wollen wir über das Tema weiter
verhandeln. Schlagen wir uns in die Nacht wie Wölfe und sammeln wir Mut, denn
das Opfer könnte wehrhaft werden.
    Unser Schutzbefohlener bereitet mir neuestens mancherlei Sorge, und ich muss
gestehen, dass er es ist, der mich in dieser gottverlassenen Gegend noch immer
festält. Allerdings ohne dass er davon weiss, aber er ist mir in jeder Hinsicht
verdächtig geworden, und ich komme mir bisweilen wie ein tauber Musikant vor,
der auf einer verstopften Flöte spielen muss. Aber nicht nur dies hält mich,
sondern auch noch ein andres, womit ich jedoch Ihr allen Empfindsamkeiten
abholdes Ohr nicht belästigen will. Auf jeden Fall, und dies nun im Ernst,
entlassen Sie mich aus der Arena. Ich bin betäubt, ich bin müde, meine Nerven
gehorchen nicht mehr, ich werde alt, ich fange an, den Geschmack an Treibjagden
zu verlieren; es erregt meinen Widerwillen, wenn der geängstigte Hase dem
bissigsten der Hunde von selbst in die Zähne rennt, ich bin zu sehr Schöngeist,
um dies noch ergötzlich zu finden, und ich könnte kaum dafür einstehen, dass ich
nicht im letzten Moment eine Bresche in die Treiberkette schlage, die der
verfolgten Kreatur zur Flucht verhilft. Dann aber könnte sich eine merkwürdige
Metamorphose begeben, der Hase könnte zum Löwen werden und zurückkehren und die
blutgierige Meute müsste zitternd in ihre Hinterhalte schleichen. Doch fürchten
Sie nichts: dies sind Zuckungen und Phantasien eines senilen Gewissens. Auch ich
bin ein treuer Diener - meiner selbst. Das Werk befiehlt. Unsre Lüste sind die
Schergen der Seele. Nur der Dieb, der keine Philosophie im Leibe hat, verdient
gehängt zu werden. In meiner Jugend hatte ich Tränen übrig, wenn ich mir den
gitarrespielenden Knaben auf Carpaccios Bild in Venedig betrachtete, jetzt
bliebe ich ungerührt, wenn man das Kind von der Mutterbrust risse und seinen
Schädel am Rinnstein zerschmetterte. Das macht die Philosophie. Wenn sie sich
besser bezahlte, wäre ich vielleicht fröhlicher. Bei dieser Gelegenheit muss ich
Ihnen einen amüsanten Traum erzählen, den ich neulich hatte, eine wahre Gorgo
von Traum. Wir beide, ich und Sie, feilschten um eine gewisse Ware; plötzlich
unterbrachen Sie mich mit den Worten: »Nehmen Sie, was ich Ihnen biete, denn
wenn Sie jetzt erwachen, bekommen Sie gar nichts.« Ich fand dies Argument
göttlich und so wenig zu widerlegen, dass ich in der Tat, mit Angstschweiss
bedeckt, erwachte.
    Genug, übergenug. Mein Jäger überbringt Ihnen diesen Brief, der durch seinen
Mangel an Inhalt Ihren Verdruss erregen wird. Das beiliegende Akzept, um dessen
Signierung ich bitte, dürfte Sie noch weniger versöhnen. Dem Lehrer habe ich ein
Halbjahr im voraus bezahlt. Er ist ein brauchbarer Mann, unbestechlich wie
Brutus und lenkbar wie ein frommes Pferd. Wie alle Deutschen hat er Prinzipien,
die sein Selbstvertrauen hervorbringen. Gott befohlen, die Nacht will ihren
Schlaf.
 
                               Anbetung der Sonne
Am Morgen nach Caspars Ankunft blieb der Lord länger als gewöhnlich in seinen
Zimmern. Auch dann vermied er es noch, Caspar rufen zu lassen, und machte erst
die tägliche Promenade. Als er zurückkam, ging Caspar vor dem Salon auf und ab;
die Bewegung Stanhopes, als wolle er ihn umarmen, schien Caspar zu übersehen; er
blickte steif zu Boden. Sie traten ins Zimmer, der Lord entledigte sich seines
schneebedeckten Pelzmantels und stellte möglichst unbefangen Fragen: wie es
Caspar ergangen, wie der Abschied, wie die Reise gewesen und mehr dergleichen.
Caspar antwortete bereitwillig, wenn auch ohne Ausführlichkeit, war freundlich
und keineswegs bedrückt oder vorwurfsvoll. Dies gab Stanhope zu denken, und es
bedurfte einer gewissen Anstrengung von seiner Seite, um die sonderbar kühle
Unterhaltung fortzusetzen. Er konnte sogar einen leisen Schrecken nicht
unterdrücken, wenn er Caspar ansah, der, ihn mit seinen weinfarbigen Augen
fortwährend fremd betrachtete.
    Es war eine Erlösung, als der Polizeileutnant gemeldet wurde. Stanhope
empfing ihn im Nebenzimmer; sie sprachen dort über eine halbe Stunde leise
miteinander. Nachdem der Graf hinausgegangen war, trat Caspar zum Schreibtisch,
streifte den Diamantring von seinem Finger und legte ihn mit bedächtiger Gebärde
auf einen angefangenen, in englischer Sprache geschriebenen Brief; dann schritt
er zum Fenster und blickte in das Schneetreiben.
    Stanhope kam allein zurück. Er fragte, ob Caspar wisse, wo er untergebracht
werden solle. Caspar bejahte.
    »Es ist am besten, wir gehen mal gleich zu den Lehrersleuten hin, um dein
künftiges Quartier in Augenschein zu nehmen«, sagte der Lord.
    Caspar nickte und wiederholte: »Ja, es ist am besten.«
    »Der Weg ist nicht weit,« meinte Stanhope, »wir können zu Fuss gehen; wenn du
es aber wünschest und die Zudringlichkeit der Menschen scheust, die zu erwarten
ist, kann ich den Wagen bestellen.«
    »Nein,« erwiderte Caspar freundlich, »ich gehe lieber; die Leute werden sich
schon trösten, wenn sie sehen, dass ich auch auf zwei Beinen spaziere.«
    Da fiel Stanhopes Blick auf den Ring. Erstaunt nahm er ihn in die Hand, sah
Caspar an, sah den Ring an, überlegte mit zusammengezogenen Brauen, lächelte
flüchtig und wild, dann legte er den Ring schweigend in eine Lade, die er
verschloss. Als ob nichts geschehen wäre, zog er den Mantel an und sagte: »Ich
bin bereit.«
    Das Aufsehen in den Gassen war erträglich; es spielte sich alles in Ruhe ab,
das Volk hier war gutmütig und scheu.
    Über dem Tor des Quandtschen Hauses war ein Kranz aus Immergrün aufgehängt,
in dessen Mitte auf einem Pappendeckel ein gemaltes »Willkommen« prangte. Quandt
trat den Ankömmlingen im braunen Bratenrock entgegen, sonntäglich aussehend,
seine Frau hatte einen schottischen Schal umgehängt, damit ihr körperlicher
Zustand weniger auffällig hervortrete.
    Zuerst wurde Caspars Zimmerchen besichtigt, das im obern Flur lag. Der Raum
hatte auf einer Seite eine schiefe Mansardenwand, bot aber sonst ein nettes
Ansehen. Über dem altväterisch-bunten Kanapee hing ein schwarzgerahmter Stich;
das Bild stellte ein unsagbar schönes Mädchen vor, das die Arme schmerzlich nach
einem Jemand ausstreckte, von dem man gerade noch zwischen Gebüschen die Beine
und einen fliegenden Mantel sah. An der andern Wand hingen zwei längliche
Deckchen, worauf Sinnsprüche eingestickt waren; auf dem einen: »Früh auf, spät
nieder bringt verlorene Güter wieder«; auf dem andern: »Hoffnung ist des Lebens
Stab von der Wiege bis zum Grab.« Auf dem Sims standen Töpfe mit Winterblumen,
und über niedriges Dächerwerk hinweg konnte sich der Blick an einer lieblich
geschlossenen Landschaft ergötzen; schneeweisse Hügel begrenzten in nicht zu
grosser Weite das ansteigende Tal.
    Caspar war es beim Hinschauen recht jämmerlich zumute; er dachte gewisser
Vorstellungen von ehedem, die jetzt keinen Bezug mehr hatten: eine Fahrt mit
weitgestecktem Ziel; die Strasse läuft fröhlich dem Wagen voran; Wolken teilen
sich beim Näherkommen; Berge treten gefällig zur Seite; die Luft schwirrt vom
Gesang der Fremde; Wälder und Wiesen, Dörfer und Städtchen hüpfen im besonnten
Nebel vorüber, und unter dem schliessenden Ring des Himmels strömt Welt auf Welt
hervor.
    Es war nicht mehr an dem.
    Unten im Wohnzimmer dunsteten die frischgefegten Dielen noch von
Feuchtigkeit. Quandt setzte dem Lord die wichtigsten Punkte seines Programms
auseinander. Bisweilen schaute er Caspar dabei an, und sein Blick war dann
durchdringend wie bei einem Schützen, der das Ziel fixiert, ehe er die Flinte
anlegt.
    Stanhope sagte, er schätze sich glücklich, dass Caspar endlich Aussicht auf
eine geregelte Bildung habe, alles bisherige sei ja nur Willkür und Ungefähr
gewesen. Wenn der Herr Staatsrat nicht so fest darauf bestanden hätte, dass
Caspar in Ansbach bleibe, dies sollte offenbar eine Erklärung gegen den still
zuhörenden Jüngling sein, wären sie ohne Zweifel heute schon in England oder
doch auf dem Weg dahin. »Da ich ihn aber in so guten Händen weiss,« fügte er
hinzu, »bin ich nichtsdestoweniger froh; man sieht daraus, dass auch ein
unerwünschter Zwang oft die erspriesslichsten Folgen hat.«
    Seine Worte waren trocken; es war, als rede sein Hut oder sein Stock. Das
Kompliment, das sie entielten war schal, oft gebraucht wie Spülwasser. Aber für
Quandt waren sie eine Herzenserquickung. Er belebte sich zusehends und meinte
eifrig, es sei am geratensten, wenn Caspar noch heute einziehe. Stanhope schaute
Caspar fragend an; dieser senkte den Kopf, worauf sich der Lord zu einem
nachsichtigen Lächeln zwang. »Wir wollen nichts überstürzen«, sagte er. »Ich
lasse morgen früh das Gepäck herschaffen, heute soll er noch bei mir bleiben.«
    Es war dunkel geworden, als beide das Haus verliessen. Quandt begleitete sie
bis auf die Strasse. Zurückkehrend schloss er ganz leise und langsam die Tür, wie
er immer zu tun pflegte, dann stellte er sich in die Mitte des Zimmers, legte
beide Hände flach gegen die Brust und schüttelte mindestens eine Viertelminute
lang in lautlosem Erstaunen den Kopf.
    »Warum schüttelst du denn so den Kopf?« fragte Frau Quandt.
    »Ich begreife nicht, ich begreife nicht«, antwortete der Lehrer bekümmert
und schlich herum, als suche er etwas auf dem Boden. »Was begreifst du denn
wieder nicht?« fragte die Frau verdriesslich.
    Quandt zog einen Stuhl herbei, setzte sich neben seine Gattin und schaute
sie aus seinen blassen Augen fest an, bevor er fortfuhr: »Hast du vielleicht
etwas Wunderbares an dem Menschen bemerkt? Sprich dich nur aus, liebe Jette,
hast du etwas, irgend etwas Aussergewöhnliches bemerkt, irgendetwas, das ihn von
einem andern Menschen unterscheidet?«
    Frau Quandt lachte. »Ich habe nur bemerkt, dass er nicht besonders höflich
war und dass er seidene Strümpfe trägt wie ein Marquis«, entgegnete sie
leichtin.
    »Ja, nicht wahr? nicht besonders höflich, wie? und seidene Strümpfe, ganz
recht«, sagte Quandt mit sonderbarer Hast, als sei er einer Entdeckung auf der
Spur. »Na, die seidenen Strümpfe werden wir ihm schon abgewöhnen und das
Modewestchen auch; dergleichen schickt sich nicht für unser einfaches Haus, Aber
ich frage dich: verstehst du die Menschen? verstehst du die Welt? Davon hört man
nun seit Jahren als von einem noch nie dagewesenen Wunder reden! Dafür erhitzen
sich geistreiche Männer, Männer von Geschmack, von Welt, von Kenntnissen; ist es
zu fassen? Gibt es denn keinen, der mit seinen eignen, ihm von Gott eingesetzten
Augen sehen kann? Ist es zu fassen?«
    Mittlerweile waren Caspar und der Lord zum Gastof zurückgekehrt, Stanhope
war nicht gerade rosig gestimmt. Die Schweigsamkeit seines Begleiters erboste
ihn; es war ihm, als werde hinter einem Vorhang eine Pistole gegen ihn
gerichtet.
    Er war unruhig, fühlte sich in die Enge getrieben. Es gibt einen Punkt, wo
die Schicksale sich wie auf einem schmalen Pfad zwischen Abgründen begegnen und
wo es zum Austrag kommen muss. Da stellen sich Worte ungerufen ein; die Dämonen
erheben sich aus dem Schlummer.
    Stanhope schellte dem Diener, liess die Lichter anzünden und Holz ins
Kaminfeuer legen. Gleich darauf wurde der Hofrat Hofmann gemeldet; der Lord
sagte, er sei nicht zu sprechen, gab auch Befehl, niemand mehr vorzulassen. Er
machte sich unter seinen Papieren zu schaffen und fragte dabei Caspar: »Wie
haben dir die Lehrersleute gefallen?«
    Caspar wusste nicht recht, wie, und gab eine unbestimmte Antwort. In Wahrheit
wusste er überhaupt gar nicht mehr, wie Herr Quandt oder dessen Frau oder das
Haus aussahen. Er erinnerte sich bloss, dass Frau Quandt ihren Kaffee aus der
Untertasse getrunken und den Zucker dazu abgebissen hatte, was ihm sehr albern
erschienen war.
    Plötzlich kehrte sich Stanhope um und fragte mit der Miene eines Menschen,
der die Geduld verliert: »Also, was ist es mit dem Ring? Was wolltest du damit
sagen?«
    Caspar antwortete nicht; in traurigem Trotz schaute er ins Leere. Stanhope
näherte sich ihm, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Schulter und sagte
scharf: »Sprich; sonst wehe dir!«
    »Mir ist schon weh genug«, entgegnete Caspar eintönig, und sein Blick glitt
von der Gestalt des Grafen wie von etwas Schlüpfrigem hinweg auf die dunkelrote
Tapete, auf welcher das Kaminfeuer Schatten malte.
    Was hätte er sagen sollen? War doch sein Gefühl fast ungemindert gegen den,
der ihm den Weg gewiesen, der zum erstenmal wie ein Mensch zu ihm geredet.
Sollte er von der furchtbaren Nacht im Tucherschen Haus erzählen, wo er
gesessen, die Fäuste in der Brust, das Herz zerrieben, einsam und der Welt
beraubt? Wie er angefangen hatte zu suchen, wie er die Zeit aufgegraben,
gleichwie man im Garten Erde aufgräbt, wie es Tag geworden und er enteilt war,
wie er Kinder gesehen, den Fluss gesehen, an einem Baume gekniet, alles wie nie
zuvor, alles anders, er selbst verwandelt, mit neuen Augen, von Unwissenheit
erlöst ... Unmöglich, solches mitzuteilen; dafür gab es keine Worte.
    Er fuhr fort, ins Leere zu starren, indes Stanhope, die Hände auf dem
Rücken, auf und ab wanderte und widerwillig, hastig, stossweise zu reden begann.
»Willst du mich etwa anklagen? Soll ich mich rechtfertigen? Goddam, ich habe für
dich gekämpft wie für mein eigen Fleisch und Blut, Vermögen und Ehre zum Pfand
gesetzt, keine Demütigung gescheut, mich unter Pöbelvolk und Pedanten
herumgeschlagen, was denn noch? Wer das Unmögliche von mir verlangt, ist mir
nicht wohlgesinnt. Noch ist nicht aller Tage Abend, das Garn ist noch nicht
abgewickelt, ich stelle noch immer meinen Mann, aber ich muss mir verbitten, dass
du mich wie den Aussteller eines Schuldscheins beim Buchstaben packst und meine
schöne Freiwilligkeit unter moralischen Druck setzest. Wenn du von mir forderst,
anstatt das Gewährte dankbar zu erkennen, dann sind wir geschiedene Leute.«
    Was er doch alles spricht, dachte Caspar, der kaum zu folgen vermochte.
    Der nächste Gedanke Stanhopes war, Caspar habe vielleicht eine geheime
Verbindung und von daher Lehre und Ermunterung empfangen, denn er sah wohl, und
mit Angst nahm er es wahr, dass er nicht mehr das willenlose Geschöpf von ehedem
vor sich hatte. Aber auf seine rauh zufahrende Frage machte Caspar ein so
verwundertes Gesicht, dass er den Argwohn sogleich fallen liess. Caspar legte die
Hände flach zusammen und sagte nun in seiner um Deutlichkeit bemühten Weise, er
habe Stanhope nicht kränken wollen, auch mit dem Ring nicht; es sei nur etwas
geschehen, was die Geschichten betreffe; man habe ihm immer Geschichten erzählt,
Geschichten von ihm selbst, er habe zugehört und doch nicht ordentlich
verstanden. Es sei wie mit dem Holzpferdchen gewesen, mit dem er in seinem
Kerker geredet und gespielt und das doch nichts Lebendiges gewesen sei. »Aber
jetzt,« fügte er stockend hinzu, »jetzt ist das Holzpferdchen lebendig
geworden.«
    Stanhope warf den Kopf zurück. »Wie? was denn?« rief er schnell und
furchtsam, »sprich deutlich.« Er nahm die Lorgnette und schaute Caspar
stirnrunzelnd durch die Gläser an, eine Gebärde, die Hochmut ausdrücken sollte,
aber im Grunde nur Verlegenheit war.
    »Ja, das Holzpferdchen ist lebendig geworden«, wiederholte Caspar
bedeutungsvoll.
    Ohne Zweifel glaubte er mit diesem kindlichen Sinnbild alles dargelegt zu
haben, was ihm das entschleierte Antlitz der Vergangenheit verraten hatte. Er
mochte die Gewalten ahnen, die sein Schicksal geformt hatten, und jedenfalls
begriff er das Wirkliche, das schwer von Gründen Wirkliche seiner langen
Gefangenschaft, die ihn, ausserhalb der Gesetze, bis über das Jünglingsalter
hinauszum Zustand eines Halbtiers verurteilt hatte. Es mochte ihm klar geworden
sein, dass es sich dabei um eine Sache handelte, der in den Augen der Menschen
ein hoher, ja der höchste Wert zukam; dass sein Anrecht auf diese Sache
ungeschmälert fortbestand und dass, wenn er nur hinginge, um zu zeigen, dass er
lebe, um zu sagen, dass er wisse, aller Widerstand und Willkür zu Ende sei und er
besitzen durfte, wessen er freventlich beraubt.
    Das war es etwa, aber es war noch mehr. Und es fügte sich, dass der Lord
selbst, in Angst für sich, für seine Auftraggeber, für die Zukunft, für das
ganze Gebäude, an dem er mitgezimmert und von dem er, wenn es zusammenbrach,
vielleicht mit zerschmetterten Gliedern in eine bodenlose Tiefe stürzen musste,
dass er selbst das Wort fand und aussprach, welches dies andre, Grössere,
Unsagbare für Caspar zauberhaft und schrecklich erleuchtete.
    Beinahe fühlte sich Stanhope besiegt, und er hatte nur noch wenig Lust,
gegen eine Macht zu kämpfen, die gleichsam aus dem Nichts entstanden war und wie
der Ifrid aus Salomons Wunderflasche den ganzen Himmel verfinsterte. Ich war zu
grossmütig, dachte er; ich war zu lau; Wankelmut trägt die eigne Haut zu Markt;
lässt man die Träumer aufwachen, so greifen sie nach den Zügeln und machen die
Rosse scheu; das süsse Zeug schmeckt nicht länger, nun gilt es Salz in den Brei
zu tun.
    Er setzte sich an den Tisch, Caspar gegenüber, und indem er beim Sprechen
kaum die Zähne voneinander entfernte und fortwährend düster und blicklos
lächelte, sagte er: »Ich glaube dich zu verstehen. Man kann es dir nicht
verübeln, dass du Schlüsse aus meinen, wie ich bekennen muss, ein wenig
unvorsichtigen Erzählungen gezogen hast. Ich werde in diesem Augenblick sogar
noch weiter gehen und dir an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglassen. Ich
will dein lebendig gewordenes Holzpferdchen aufzäumen, und wenn du dann Lust
hast, kannst du es meinetwegen reiten. Ich habe dich nicht getäuscht: du bist
durch deine Abkunft den mächtigsten unter den Fürsten ebenbürtig, du bist das
Opfer der scheusslichsten Kabale, die Satans Bosheit je ersonnen hat; hättest du
keine andre Instanz zu fürchten als die der Tugend und des moralischen Rechts,
dann sässest du nicht hier, und ich wäre nicht gezwungen, dich so zu warnen, wie
ich es jetzt tue. Denn merk auf. So gegründet deine Ansprüche, deine Hoffnungen
sind, so verderblich müssen sie dir werden, sobald sie dich nur den ersten
Schritt zum vorgefassten Ziele lenken. Die erste Handlung, das erste Wort
besiegelt unabänderlich deinen Tod. Du wirst vernichtet sein, eh du noch den
Finger ausgestreckt hast, um zu nehmen, was dir gebührt. Vielleicht kommt eine
Stunde, morgen oder in einem Monat oder in einem Jahr, wo du an der
Aufrichtigkeit dessen, was ich dir sage, zweifeln könntest; nun, so beschwöre
ich dich: glaube mir! Lass deine Lippen siebenfach vernietet sein. Fürchte die
Luft und den Schlaf, dass sie dich nicht verraten. Möglich, dass einst der Tag
kommt, an dem du sein darfst, was du bist, aber bis dahin halte still, wenn dir
dein Leben lieb ist, und lass dein Holzpferdchen hübsch im Stall.«
    Langsam hatte sich Caspar erhoben. Ein übergewaltiger Schrecken donnerte,
vielgestaltig wie die Blöcke eines Felssturzes, um ihn her. Um seine Gedanken
anderswo hinzulenken, betrachtete er mit einer an Wahnsinn grenzenden
Aufmerksamkeit die leblosen Gegenstände: Tisch, Schrank und Stühle, den
Leuchter, die Gipsfiguren am Kamin, den krummgebogenen Schürhaken. War ihm dies
alles neu oder nur unerwartet? Keineswegs. Es hatte, wie giftige Luft, schon
lange um ihn her gebrütet. Aber ein andres das blosse Ahnen und Spüren und ein
andres das zermalmende Wissen.
    Auch Stanhope war aufgestanden; er trat nahe vor Caspar hin und fuhr mit
eigentümlich näselnder Stimme fort: »Es hilft nichts; in diesem Zeichen bist du
eben geboren; in diesem Zeichen hat dich deine Mutter geboren. Das ist das Blut.
Es richtet dich und rechtfertigt dich; es ist dein Führer und dein Verführer.«
    Und nach einer Weile: »Lass uns nun schlafen gehen, es ist spät. Morgen früh
wollen wir in die Kirche und beten. Vielleicht schickt uns Gott eine
Erleuchtung.«
    Caspar schien nicht zu hören. Blut! das war das Wort. Das war die Kraft, die
alle Poren seines Wesens durchdrang. Schrie nicht sein Blut aus ihm, und von
fernher wurde der Schrei erwidert? Blut trug aller Erscheinungen Grund,
verborgen, wie es war, in Adern, im Gestein, in Blättern und im Licht. Liebte er
sich nicht in seinem Blut, spürte er nicht die eigne Seele wie einen Spiegel aus
Blut, in dem er sich ruhend beschauen konnte? Wieviel Menschen in der Welt, so
nahe beieinander, so reich bewegt, so fremd und stumm, und alle durch einen
Strom von Blut wandelnd, und sein Blut doch besonders rauschend, ein besonderes
Ding, in einsamem Bette fliessend, voll von Geheimnissen, unbekannter Schicksale
voll!
    Auch als er den Blick wieder gegen den Grafen kehrte, war es, als wandle der
durch Blut, eine Vorstellung, die freilich durch die scharlachfarbene Tapete
begünstigt, wenn nicht erzeugt wurde. Wenn man die Kerzen verlöscht, dachte
Caspar, wird alles tot sein, das Blut und die Worte, er und ich; ich will nicht
schlafen diese Nacht, nicht sterben. Ja, Caspar hätte, was sein Mund geredet,
gern wieder in sich hineingeschluckt, in jenen Kerker des Leibes gesperrt, der
Schweigen hiess. Gehorsam sein, unwissend sein, unglücklich sein, Schande und
Schimpf ertragen, die Stimme des Blutes ersticken, nur nicht sterben müssen, nur
leben, leben, leben. Ei, man wird sich fürchten, man wird feig sein wie eine
Maus, man wird Türen und Fenster verriegeln, man wird die Träume vergessen, den
Freund vergessen, man wird sich klein machen, man wird das Holzpferdchen
vergraben, aber man wird leben, leben, leben ...
    Der Lord wünschte, dass Caspar nicht in seiner Mansarde, sondern hier unten
nächtige. Er befahl dem Aufwärter, ein Bett auf dem Sofa zu richten. Indes
Caspar sich entkleidete, ging er hinaus, kam jedoch nach einiger Zeit wieder,
überzeugte sich, dass der Jüngling ruhig lag, und verlöschte die Lichter. Die
Verbindungstür zu seinem Zimmer liess er offenstehen.
    Ungeachtet seines Vorsatzes schlief Caspar bald ein und nahm sein
aufgewühltes Gemüt in den Schlummer hinüber. Er mochte vier bis fünf Stunden
geschlafen haben, als sich sein bleiernes Daliegen in ein ruheloses Herumwälzen
verwandelte. Plötzlich erwachte er mit einem tiefen Seufzer und starrte
brennenden Auges in die Finsternis. An den Fensterscheiben war ein Kribbeln und
Tasten, das von den anprallenden Schneeflocken herrührte und dem leisen Pochen
einer Hand ähnlich war. Aus dem Nebenraum hörte er die gleichmässigen Atemzüge
des schlafenden Stanhope; höchst befremdlich klang dies Atmen des andern
Menschen in der Nacht, wie ein drohendes Geflüster: hüte dich, hüte dich.
    Er ertrug es nicht mehr im Bett. Es war, als sei ihm der Körper mit tausend
Fäden umschnürt, und als er aufstand, geschah es nur, weil er sich vergewissern
wollte, ob er sich noch frei bewegen könne. Er schlug die Wolldecke um die
Schultern und trat barfüssig ans Fenster.
    Das ganze grosse All war angefüllt mit den gesprochenen Worten, die wie rote
Beeren in der Dunkelheit hingen. Überall Gefahr; bloss zu denken, war schon
Gefahr; jeder Anhauch aus fremdem Munde Gefahr.
    Er fing an zu zittern. Die Knie sassen loser in den Gelenken, es war ihm so
leicht und schwer zugleich; sein Nachdenken hatte eine andre, nähere Folge, auch
alle Gegenstände waren näher, und das Ganze der Erde und des Himmels, Wolken,
Wind und Nacht hatten etwas eingebüsst, etwas unbegreiflich Flüchtiges und
Wandelbares. Alles ist nun so wunderlich wahr. Caspar hält die Scherben eines
kostbaren Gefässes in der Hand, und seine Phantasie will nicht einmal die schöne
Form, wie sie gewesen, zurückgestalten.
    Unten auf der Gasse geht lautlos der Nachtwächter. Der zuckende Schein
seiner Laterne vergoldet den Schnee. Caspar folgt ihm mit den Blicken, denn es
ist, als ob der Mann in irgendeinem unerklärlichen Zusammenhang mit seinem
Schicksal stehe. Sie wandeln miteinander über ein verschneites Feld, jener fragt
Caspar, ob ihn friere, und wirft ihm einen Teil seines Mantels um die Schultern,
so dass sie beide unter derselben Hülle gehen. Auf einmal gewahrt Caspar, dass es
kein Männergesicht ist, das sich so mild erbarmend zu ihm kehrt, sondern das
schöne, traurige Gesicht einer Frau. Es entalten diese Trauer und diese
Schönheit etwas Redendes, und dass sie zusammen unter demselben Mantel wandern,
hat den allertiefsten Sinn, etwas, das mit Qual und Freuden eines ist und vom
Anfang der Dinge stammt.
    Da tönte das ungeheure Wort des Grafen neuschallend in die Nacht: »In diesem
Zeichen hat dich deine Mutter geboren.«
    Dich geboren! Welcher Laut! Was war darin beschlossen! Caspar legte beide
Hände vors Gesicht; ihm schwindelte.
    Da hörte er ein Geräusch von Schritten. Jäh drehte er sich um, es war ein
Emportauchen aus finsterer Flut; der Graf stand im Schlafrock vor ihm.
Wahrscheinlich hatte Caspars nächtliches Wachsein ihn aufgeweckt, er hatte einen
leisen Schlummer.
    »Was treibst du?« fragte Stanhope mürrisch.
    Caspar machte einen Schritt auf ihn zu und sagte dringlich, atemlos, drohend
und flehend: »Führ mich zu ihr, Heinrich! Einmal lass mich die Mutter sehen, nur
einmal, nur sehen; nicht jetzt, später vielleicht. Einmal, nur einmal! Nur
sehen! Nur einmal!«
    Stanhope wich zurück. Dieser Aufschrei hatte etwas Überirdisches. »Geduld,«
murmelte er, »Geduld.«
    »Geduld? Wie lange noch? Hab schon lange Geduld.«
    »Ich verspreche dir -«
    »Du versprichst es, aber wie soll ich glauben?«
    »Setzen wir die Frist eines Jahres fest.«
    »Ein Jahr ist lang.«
    »Lang und kurz. Ein kleines, kurzes Jahr und dann -«
    »Dann -?«
    »Dann will ich wiederkommen -«
    »Und mich holen?«
    »Dich holen.«
    »Gelobst du das?« Caspar heftete einen suchenden und wie ein mattes
Flämmchen erlöschenden Blick auf den Grafen. Da der Widerschein des Schnees die
Nacht erhellte, konnte jeder des andern Züge deutlich unterscheiden.
    »Ich gelob es.«
    »Du gelobst es, aber wie kann ichs wissen?«
    Stanhope geriet in eine sonderbare Bedrängnis; dies Gegenüberstehen zu
solcher Stunde, die immer herrischer, stürmischer werdenden Fragen des Jünglings
wirkten wie Gespensterschauer auf seine Einbildungskraft. »Reiss mich aus deinem
Herzen aus, wenn es nicht geschieht«, murmelte er dumpf; er musste in diesem
Augenblick lebhaft des Mannes gedenken, der vom Teufel lebendigen Leibes in den
feuerspeienden Vesuv geschleudert wurde.
    Und Caspar darauf: »Was kann mir das nützen? Sag mir den Namen, sag mir
ihren Namen, sag mir meinen Namen.«
    »Nein! niemals! niemals! Aber glaube mir nur. Es wacht ein Gott über dir,
Caspar. Es kann dir nichts versagt sein, denn du hast die Kaufsumme für das
Glück zum voraus entrichtet, die wir andern täglich in kleiner Münze bezahlen
müssen. Und bezahlt muss werden, alles muss bezahlt werden, das ist der Sinn des
Lebens.«
    »Du versprichst also, in einem Jahr wieder dazusein?«
    »In einem Jahr.«
    Caspar bohrte die Finger in Stanhopes Hand und richtete einen tiefen,
seltsam seelenhaften, seltsam stolzen Blick auf den Lord, der seinerseits die
Augen senkte, während sein Gesicht steinalt aussah. Als er in sein Zimmer
zurückging, begann er plötzlich leise plappernd das Vaterunser zu beten.
    Erst gegen Morgen entschlief er wieder. Als er sich mittags erhob, war
Caspar längst auf; er sass am Fenster und schien die Eisblumen zu studieren.
    Um ein Uhr verliess er mit ihm das Hotel. Arm in Arm, ein Schaugepränge für
die Einwohnerschaft, spazierten sie über den hochliegenden Schnee durch das
Herrieder Tor zum Markt. Dort war eine grosse Versammlung von Bauern und
Händlern. Vor dem Portal der Gumbertuskirche blieb Stanhope stehen und forderte
Caspar auf, mit hineinzugehen. Caspar zögerte, folgte jedoch dem Grafen in den
hohen, schmucklosen, von schwarzem Gebälk überdachten Raum.
    Mit raschen Schritten eilte Stanhope zum Altar, warf sich mit den Knien auf
die steinernen Stufen, beugte die Stirn herab und verblieb so in vollkommener
Unbeweglichkeit.
    Caspar, peinlich berührt, schaute sich unwillkürlich um, ob niemand Zeuge
dieser demütigen Handlung sei. Aber die Kirche war leer. Warum krüppelt er sich
so zusammen, dachte er verstimmt, Gott kann doch nicht im Boden drinnen sein.
Allmählich ward ihm bange; das Schweigen des riesigen Raumes strömte bis in
seine Brust. Und wie er nun in die Höhe blickte, sah er oben, durch ein
geöffnetes Bogenfenster, wie die Sonne mit Macht die winterlichen Nebel zu
gewältigen suchte. Da rötete sich sein blässliches Gesicht zu schüchterner
Freude, und das Schweigen in seiner Brust wandelte sich zu einer hinaufziehenden
Verehrung.
    »O Sonne,« sagte er halblaut und mit einfältiger Inbrunst, »mach doch, dass
alles nicht so ist, wie es ist. Mach es doch anders, Sonne. Du weisst ja, wie es
ist; du weisst ja, wer ich bin. Scheine nur, Sonne, dass meine Augen dich immer
sehen können, immer wollen dich meine Augen sehen.«
    Indem er so sprach, flutete eine goldene Lichtwelle bis auf die
kreidigweissen Fliesen, und Caspar, sehr zufrieden, meinte, die Sonne hätte ihm
damit auf ihre Weise eine Antwort erteilt.
 
Man erfährt einiges über Herrn Quandt sowie über eine vorläufig noch ungenannte
                                      Dame
Die Übersiedlung Caspars ins Lehrerhaus fand ohne Zwischenfälle statt.
    »Nun wohlan denn,« sagte Quandt während der ersten gemeinsamen Mahlzeit, als
die Suppenschüssel aufgetragen wurde, »jetzt beginnt für Sie ein neues Leben,
Hauser. Hoffentlich ist es ein Leben der Gottesfurcht und des Fleisses. Wenn wir
uns lobenswert betätigen und in unsern Gedanken nicht den Schöpfer aller Dinge
vergessen, wird unser irdisches Bemühen stets von Erfolg gekrönt sein.«
    Nach Tisch musste Quandt zur Schule, und als er um vier Uhr zurückkam,
erkundigte er sich beflissen, was Caspar die Zeit über getrieben habe. Seine
Frau konnte ihm nur ungenügenden Bescheid geben, und er tadelte sie deshalb.
»Wir müssen aufpassen, liebe Jette,« sagte er, »wir müssen die Augen offen
halten.«
    In der Tat, Quandt passte auf. Wie ein emsiger Buchhalter legte er in seinem
Innern ein Konto an, um alle Worte und Handlungen seines Pflegebefohlenen zu
verzeichnen. Bei dieser umsichtigen Geschäftsführung stellte es sich bald
heraus, dass Soll und Haben einander nicht die Wage hielten, dass die Schuldseite
nach und nach bedenklich überlastet wurde. Das betrübte den Lehrer aufrichtig;
jedoch gab es ein geheimes Winkelchen in seiner Brust, worin er sich dessen
freute.
    Es war nämlich mit diesem Manne derart beschaffen, dass er in einer
merkwürdigen Zweiheit existierte. Der eine Teil war die öffentliche Person, der
Bürger, der Steuerzahler, der Kollege, das Familienhaupt, der Patriot; der andre
Teil war sozusagen der Quandt an sich. Jener war ein Heros der Tugend, eine
wahre Mustersammlung von Tugenden; dieser lag versteckt in einer stillen Ecke
und belauerte die liebe Gotteswelt. Die öffentliche Person, der Bürger, der
Patriot nahm herzlichen Anteil an den allgemeinen Angelegenheiten, wohingegen
der Quandt an sich vergnügt die Hände rieb, wenn irgendwo irgendwas passierte:
sei es nun ein unerwarteter Todesfall oder nur ein Beinbruch oder die
Kaltstellung eines verdienten Beamten oder ein Diebstahl bei einer Vereinskassa
oder ein Radschaden an der Postkutsche oder eine kleine Feuersbrunst beim
reichen Bauern Soundso oder die skandalöse Heirat der Gräfin Ypsilon mit ihrem
Stallburschen. So unverbrüchlich der Steuerzahler, das Familienhaupt, der
Kollege seinen Pflichten nachkam, der Quandt an sich hatte etwas von einem
Revolutionär und war immer auf dem Posten, um der Weltregierung auf die Finger
zu schauen, und stets besorgt, dass keinem mehr Ehre geschah, als er nach genauer
Bilanz über seine Verdienste und Mängel, seine Vorzüge und Laster füglich
beanspruchen durfte. Der öffentliche Quandt schien zufrieden mit seinem Los, der
geheime fand sich allerorten und zu jeder Zeit zurückgesetzt, beleidigt, vor den
Kopf gestossen und in seinen vornehmsten Rechten gekränkt.
    Nun sollte man denken, mit zwei so verschieden gesinnten Kostgängern unter
einem Dach sei schwer zu wirtschaften. Nichtsdestoweniger kamen die beiden
Quandts trefflich nebeneinander aus. Freilich, der Neid ist ein boshaftes Tier;
er durchlöcherte manchmal die Scheidewand zwischen den zwei Seelen, und wie oft
der stärkste Damm nicht genügt, um eine verheerende Überschwemmung zu
verhindern, so brach eben dieser Neid bisweilen ein in die reinlichen,
fruchtbaren und wohlbestellten Gefilde des Gottes-und Menschenfreundes Quandt.
    Und was gab es doch nicht alles in der Welt, worüber das tückische Untier
sich gefrässig hermachen konnte! Da hatte einer einen Orden bekommen, der das
ganze Leben lang hinterm Ofen hockte und Maulaffen feilhielt; dort hatte ein
andrer zehntausend Taler geerbt, der schon ohnehin die Woche zweimal Pasteten ass
und Moselwein trank; da wurde ein Name lobend in der Zeitung erwähnt, ohne dass
man erforschen konnte, ob ihm eine solche Auszeichnung von Rechts wegen zukam;
dort hatte ein Ichweissnichtwer eine Entdeckung gemacht, auf die man, hätte man
sich zufällig mit dem Gegenstand beschäftigt, leichterdings auch hätte verfallen
können. Warum denn der? Warum nicht ich? murrte dann der heimlich aufrührerische
Quandt. Es war ein beständiger und unsichtbarer Zweikampf mit dem Schicksal
unter der Parole: Warum der andre, warum nicht ich?
    Vielleicht litt der gute Quandt unter seiner Abstammung; sein Vater war
Pastor gewesen, mütterlicherseits kam er von Bauern her. Er besass viel vom
Bauern und vom Pastor: sein sehr irdisches Streben war rundherum mit Teologie
behangen. dabei war der Bauer dem Pastor beständig im Wege, denn wo hätte man je
gehört, dass ein auf Religion und Friedfertigkeit gestimmtes Gemüt rachsüchtig,
missgünstig und ehrgeizig gewesen wäre? Die Wahrheit liebte Quandt über alles; er
sagte es, er beteuerte es und es war auch so. Nichts war ihm offenbar genug;
nirgends stimmte die Rechnung; überall hatten die Menschen eine falsche Addition
gemacht oder den Kasus verwechselt. Er sagte und beteuerte, dass er niemals in
seinem Leben gelogen hatte. Ein bewundernswerter Fall; und wirklich stand es
fest und war nachzuweisen, dass er mit dem einzigen Busenfreund, den er je
besessen, einem Schulamtskandidaten in Tauberbischofsheim, deshalb für immer
gebrochen hatte, weil er ihm auf eine Lüge gekommen war.
    Wie ratlos musste nun Caspar einer so ernsten Wachsamkeit, einer solchen
Vereinigung von seltenen und vorbildlichen Eigenschaften, wie sie der bessere
Teil des Lehrers bot, gegenüberstehen. Wir, der Leser und ich, haben darin
leichtes Spiel, uns kann man nicht betrügen, uns sind die Kleiderfalten offen
und die Haut über dem Herzen ist uns durchsichtig; wir weilen auf einer höheren
Warte, wir sind Seher und Humoristen; wir verfolgen Herrn Quandt, wenn er in
einen Krämerladen tritt, mit höflicher Gemessenheit ein halbes Pfund Käse
verlangt und dabei mit unruhig-eifrigen Augen die Einkäufe seiner Nebenmenschen,
gleichviel ob es Köchinnen oder Generale sind, in seinem Innern notiert; wir
hören ihn, wenn er mit dem Oberinspektor Kakelberg spricht und sich mit Schmerz
über die zunehmende Verlotterung der Schuljugend beklagt; wir sehen ihn jeden
Sonntagmorgen gebürstet, frisiert, gewaschen zum Gottesdienst eilen und mit
Bescheidenheit sein Gebetbüchlein aufschlagen; wir wissen, dass er respektvoll
gegen Höhere und unnachsichtig gegen Geringere ist, denn sein Pflichtbewusstsein
nach beiden Seiten unterliegt keinem Zweifel. Aber wir wissen auch, dass er jeden
Abend vor dem Schlafengehen im Nachtemd auf der Kante seines Bettes sitzt und
sich mit düsterer Miene erinnert, dass ihn der Regierungsrat Hermann heute
ziemlich nachlässig gegrüsst hat; mit Bedauern nehmen wir von der Tatsache
Kenntnis, dass er seine Schüler, selbstverständlich nur die faulen und
störrischen, mit einem sorgsam getrockneten spanischen Rohrstock empfindlich zu
züchtigen pflegt, und leider dürfen wir nicht verhehlen, dass er seine gutmütige
Frau nicht immer so zart und rücksichtsvoll behandelt, wie es vor Fremden
geschieht, die nach ihren Beobachtungen ohne weiteres der Ansicht sind, dass
diese Ehe als das leuchtende Beispiel eines guten Einvernehmens zwischen Gatten
zu betrachten sei.
    So war für Caspar, der den Vorteil unsrer Allwissenheit und Allgegenwart
natürlich nicht geniesst, Herr Quandt eine zwar dunkle und unfrohe, aber durchaus
imponierende Gestalt. Ein bisschen Alpdruck spürte er jedesmal, wenn Quandt in
wunderlich forschendem Ton und mit unabgewandtem Blick zu ihm sprach. Er fühlte
sich anfangs bedrückt in dieser gar engen Häuslichkeit, in der man fast nicht
einmal mit seinen Gedanken allein sein konnte, und der einzige Trost war, dass
der Graf, der schon anfangs Dezember hatte reisen wollen, noch immer in der
Stadt war. Stanhope behauptete zwar, auf wichtige Briefe warten zu müssen, in
Wirklichkeit harrte er jedoch der Rückkehr des Präsidenten Feuerbach, da ihn das
Beginnen des Mannes, der Grund seines Fernseins beunruhigte wie den Wanderer ein
drohendes Gewitter.
    Auch Caspar hielt ihn, und das in eigner Weise. Er pflegte den Jüngling
jeden Nachmittag für eine oder andertalb Stunden zum Spazierengehen abzuholen;
sie gingen dann gewöhnlich den Weg zum Schlossberg hinauf und gegen das
Bernadotter Tal, das in schöner Abgeschiedenheit wie eine Vorhalle zu den
finster umschliessenden und weitgedehnten Wäldern lag. Caspar empfand einen sehr
wohltuenden Einfluss von der Bewegung in der kalten, meist frostklaren Luft.
    Ihre Gespräche strebten stets von einem unverbindend persönlichen Punkt aus
ins Allgemeine, wo das zu Sagende gefahrlos wurde und doch das Lehrhafte wie das
Erzählende nicht den Reiz einer anmutenden Vertraulichkeit entbehrte. Es schien
dem ein Übereinkommen zugrundezuliegen, ein Friedensschluss vor einer dumpf
gefühlten Wandlung, welche die vergangene Schönheit ihres Verhältnisses vollends
zerstören musste. So gingen sie dahin, anzusehen wie Freunde, in einer ihrem
Schicksalskreis fremden Region aufrichtig einander ergeben, den Unterschied der
Jahre und der Erfahrung ausgleichend durch ein williges Schenken von der einen
und ein nicht minder williges Empfangen von der andern Seite.
    Der Lord fand sich durch diese Form eines Verkehrs lebhaft angezogen, ja im
wahrsten Sinn ergriffen. Durfte er sich doch auch einmal wieder unbefangen
fühlen, ohne Joch, von keiner Peitsche zu ausbedungenem Ziel gezwungen; in sich
selber ruhend, betrachtsam und nicht ohne Wehmut überschauend, wie das Leben in
seiner Brust gehaust und was es dem zwecklos spielenden Geist übriggelassen, der
ja das eigentliche Element ist, in welchem der Mensch den Menschen erkennt. Er
ging über die Tiefen seines Daseins hin wie über eine gebrechliche Brücke, die
der leichteste Windhauch in den Abgrund stürzen kann.
    Am liebsten redete er über Menschenlos und Menschendinge: erzählte, wie der
begonnen, wie jener geendet, was diesen ins Unheil gestürzt und jenem zu Ansehen
verholfen; wie er einen im Glück gewahrt, an der Tafel des Königs schwelgend,
und wie selbiger zwei Jahre später in einer Dachkammer elend krepiert war.
Ungleich ging es zu auf Erden; in schwer erklimmbarer Höhe blühten die Blumen;
nichts sicher, nichts von Bestand, nirgends Verlass. Gewisse Regeln durften nicht
unbeachtet bleiben, nach welchen das Wirken des einzelnen sich zu fügen hatte.
Stanhope erwähnte das Buch des Lord Chesterfield, eines Vorfahrs und
weitläufigen Verwandten, der in berühmten Briefen an seinen Sohn gar treffliche
Maximen gegeben hatte; ganze Seiten daraus wusste er aus dem Gedächtnis
herzusagen. Derselbe Chesterfield habe, um den Ahnenstolz des Adels zu
verspotten, in seinem Schloss zwei Bilder aufhängen lassen, einen nackten Mann
und ein nacktes Weib, und darunter geschrieben: Adam Stanhope, Eva Stanhope.
    Der Graf gab seiner Überraschung darüber oft drastischen Ausdruck, einen wie
klugen Kopf er in Caspar bei aller Einfalt und Schweigsamkeit entdeckte: immer
zutreffend im Widerpart, durchaus weltlich gestimmt, in Frage und Antwort aus
erster Hand, das Gegensätzliche mühelos erfassend und phantasievoll verknüpfend.
    Die Wandlung kam bald. Ein unbedeutender Anlass führte sie herbei.
    Eines Tages, während der Rückkehr nach der Stadt, sprach sich Stanhope
darüber aus, wie fruchtbar es für die innere Haltung eines Menschen sei, wenn er
seine Erlebnisse nicht leichtsinnig vorüberfliessen lasse, sondern sie moralisch
zu nützen suche, indem er durch schriftliche oder mündliche Mitteilung den Stoff
seines Nachdenkens bereichere. Caspar fragte, wie er das meine; statt der
Antwort stellte der Graf, den dieser Umstand längst beunruhigte, die lauernde
Gegenfrage, ob Caspar noch ein Tagebuch führe.
    Caspar bejahte.
    »Und willst du mir nicht gelegentlich daraus vorlesen?«
    Caspar erschrak, überlegte und antwortete zögernd, ja, er wolle es tun.
    »So nehmen wir die gute Stunde wahr und machen uns gleich daran«, sagte
Stanhope. »Ich wünsche nur einen ungefähren Einblick zu erhalten und bin
neugierig, wie du so etwas anpackst.«
    Zu Hause angelangt, begleitete der Lord Caspar auf dessen Zimmer und nahm,
der Erfüllung des Versprechens gewärtig, auf dem Kanapee Platz. Im Ofen
prasselte Feuer; draussen herrschte seit dem Mittag starker Tauwind; es dämmerte
schon, die Hügel waren violett umschleiert.
    Caspar machte sich unter seinen Büchern zu schaffen, doch Minute auf Minute
verging, ohne dass er sich im geringsten anschickte zu tun, was Stanhope
erwartete.
    »Nun, Caspar,« meldete sich endlich ungeduldig der Graf, »ich bin bereit.«
    Da gab sich Caspar einen Ruck und sagte, er könne nicht. Stanhope sah ihn
gross an; Caspar schlug die Augen nieder. Das Tagebuch sei unter vielen andern
Sachen versteckt, und es sei unbequem, es zu erreichen, murmelte er stockend.
    »So so«, versetzte der Lord und lachte fast lautlos durch die Nase. »Wie
flink du in Ausflüchten bist, Caspar; ich hätte nicht geglaubt, dass du so flink
in ... Ausflüchten bist. Ei, sieh doch!«
    In diesem Moment klopfte und scharrte es an der Tür, der Lord rief, und die
Gestalt Quandts schob sich langsam ins Zimmer. Er tat erstaunt, den Herrn Grafen
hier zu finden, und fragte, ob Seiner Lordschaft eine kleine Erfrischung
gefällig sei. Der Lord dankte stumm und heftete den Blick fortgesetzt auf
Caspar.
    Quandt merkte gleich, dass da was auf der Pfanne brodelte. Er erkundigte
sich, ob Seine Herrlichkeit Anlass habe, mit dem Hauser unzufrieden zu sein.
Stanhope entgegnete, er habe allerdings einigen Grund, sich zu ärgern, und in
kurzen Worten teilte er dem Lehrer mit, worum es sich handle. Hierauf zu Caspar
gewandt, sagte er laut und markiert: »Wenn es von vornherein nicht in deiner
Absicht lag, mir von deinen Intimitäten Kenntnis zu geben, so hättest du es
nicht versprechen dürfen. Und wenn du dein Versprechen bereut hast, so durftest
du es schicklich wieder zurücknehmen. Aber statt dessen zu einer solchen«, eine
beredte kleine Pause, »Ausflucht zu greifen, das scheint mir deiner und meiner
nicht würdig.«
    Er erhob sich und verliess das Zimmer. Quandt folgte ihm. Unten im Flur blieb
Stanhope stehen und fragte den Lehrer kurz angebunden, ob er sich in der
verflossenen Zeit schon ein Urteil über die Fähigkeiten und den guten Willen
Caspars gebildet habe.
    »Eben wollte ich Eure Lordschaft ergebenst ersuchen, mir zur Besprechung
dieses Punktes eine Viertelstunde Gehör zu schenken«, erwiderte Quandt. Er nahm
das Öllämpchen vom Nagel und bekomplimentierte den Lord in sein Studio. Indes
sich Stanhope in den Lederstuhl setzte, Bein auf Bein kreuzte und gelangweilt in
die Luft starrte, ramschte Quandt seine Notizblätter zusammen und sagte, er habe
den Hauser gleich vom ersten Tag an tüchtig vorgenommen, ihm diktiert, ihn lesen
und rechnen lassen, die deutsche und lateinische Grammatik abgefragt, alles aus
dem Gröbsten und nur des Überblicks halber.
    »Und das Ergebnis?« fragte Stanhope, wobei die Langweile seine Nasenflügel
auseinanderdehnte.
    »Das Ergebnis? Leider ziemlich trostlos, leider!«
    Es musste ein Schmerz für Herrn Quandt sein, denn in diesem »leider« lag ein
tiefgefühlter Ton. Es musste ein Schmerz für ihn sein, dass Caspars Handschrift so
viel zu wünschen übrig liess. »Er hat nichts Freies und Zügiges in seiner Hand,
und mit der Ortographie steht er auf gespanntem Fuss«, sagte er. Es musste ein
Schmerz für Quandt sein, wenn ein Mensch den Dativ nicht in allen Fällen vom
Akkusativ unterscheiden konnte. »Von der funktionellen Bedeutung des Konjunktivs
hat er nicht die geringste Vorstellung«, sagte Quandt und fuhr fort: »Im
sprachlichen Ausdruck scheint er nicht ungewandt, hier ragt er sogar über seine
sonstige Bildungsstufe hinaus, und er kennt die Sätze und ihre Verbindungen so
weit, dass er den Punkt, das Kolon, das Anführungs-, Frage- und Ausrufungszeichen
genau und das sogar von Sprachforschern so verschieden in Anwendung gebrachte
Semikolon manchmal richtig zu setzen weiss.«
    Immerhin ein Lichtstrahl. Hingegen die Aritmetik, o weh! Er beherrscht die
vier Grundrechnungen in gleichbenannten Zahlen noch nicht mit Sicherheit. »Eine
Null wird für ihn bald da, bald dort zum unüberwindlichen Hindernis«, sagte
Quandt. Die Lehre von den Brüchen, vom Kettensatz, von den einfachen und
zusammengesetzten Proportionen: ein hoffnungsloses Dunkel. »Erstaunlicherweise
arbeitet er jedoch in diesen Dingen am willigsten«, sagte Quandt.
    »Wie erklären Sie sich das?« erkundigte sich der Lord mit der Neugierde
eines Verschlafenen, den man an den Füssen kitzelt.
    »Ich erkläre mir das so: Jedes Exempel stellt sich als ein für sich
bestehendes Ganzes dar. Ein solches zu gestalten, dazu hat er immer Lust und
Verlangen, und es macht ihm Spass, wenn er es vollendet sieht. Was ihn aber lange
beschäftigt, erregt sein Missbehagen und kann ihn sogar zu allerlei unwahren
Entschuldigungen veranlassen. Daher zeigt er sich auch verdriesslich bis zum
Zorn, wenn er ein leichtes Exempel falsch gerechnet hat und den Fehler der
Oberflächlichkeit nicht finden kann.«
    Weiter, weiter: Geschichte, Geographie, Malen, Zeichnen? Was die Geschichte
betreffe, so habe Quandt noch niemals und bei keinem Menschen eine ähnliche
Gleichgültigkeit gefunden, sowohl gegen vaterländische Begebenheiten wie gegen
weltistorische Fakta, gegen Monarchen, Staatsmänner, Schlachten, Umwälzungen,
Helden und Entdecker. »Nur die Anekdote fesselt ihn, ein Geschichtlein, damit
kann man ihn ködern.« Traurig! Und die Geographie? »Auf der Erdkugel fühlt er
sich keineswegs zu Hause«, sagte Quandt. »Auch ist er oft zerstreut; er merkt
nicht auf. Die nürnbergische Schwärmerei über sein wunderbares Gedächtnis ist
mir ein Rätsel, ein unsagbares Rätsel, Mylord.«
    Mylord hatte genug. Vom Malen und Zeichnen wollte Mylord nichts mehr wissen;
er unterbrach den Lehrer, der Proben zeigen wollte, und warf ein, dass ihm die
Ausbildung in diesen Nebenfächern zwar wünschenswert erscheine, dass er aber kein
grosses Gewicht darauf lege.
    »Wünschenswert, jawohl,« versetzte Quandt, »und das Wünschenswerte sollte
doch gepflegt werden. Der Geist eines Menschen ist wie ein Zuchtgarten, in
welchem das Schöne und das Nützliche nebeneinander gedeihen dürfen. Ich glaube,
der mächtigste Ansporn für den Hauser ist seine Eitelkeit. Wenn man es versteht,
seine Eitelkeit zu befriedigen, kann man ihn zu allem haben. Noch eine Frage,
Mylord: haben Sie besondere Wünsche wegen des Religionsunterrichts? Ich habe
schon mit Herrn Pfarrer Fuhrmann gesprochen, der sich erboten hat, zweimal
wöchentlich Caspar eine Stunde zu geben. Die Bibel habe ich selbst mit ihm
durchzunehmen begonnen.«
    Stanhope hatte nichts dawider; er wollte aufbrechen, aber mit verlegenem
Stottern brachte Quandt jetzt das Quartiergeld aufs Tapet, seine Frau liege ihm
über die zunehmende Teuerung am Hals. Der Lord, ganz Seigneur, bewilligte
kurzerhand einen Zuschuss; es wurde vereinbart, dass Caspar einen Mittagstisch für
zwölf und einen Abendtisch für acht Kreuzer erhalten solle.
    Um den üblen Eindruck dieser Erörterung zu verwischen, die ihn beschämte und
demütigte, äusserte Quandt den Wunsch, Seiner Lordschaft nach deren Abreise
periodischen Bericht über die Fortschritte Caspars zu senden. Stanhope, schon
völlig ergeben, stellte dies seinem Belieben anheim. »Es wäre ratsam,« schlug
Quandt vor, »Hausers Briefe an Eure Herrlichkeit zugleich als Stilübungen zu
betrachten. Ich könnte, ohne natürlich am Gedanken etwas zu verändern, die
Hauptfehler korrigieren und mit roter Tinte eine Zensur darunter schreiben. So
hätten Sie immer ein Bild seiner derzeitigen Fähigkeiten.«
    Stanhope fand diesen Gedanken unvergleichlich. Sie traten nun in den Flur,
Quandt trug wieder das Öllämpchen voran. Auf einmal prallte er zurück und hielt
das Lämpchen hoch. Am Stiegengeländer stand eine dunkle Gestalt. Es war Caspar.
    Aha, der hat gehorcht, fuhr es Quandt durch den Kopf. Er drehte sich um und
sah den Lord beziehungsvoll an.
    Caspar trat auf Stanhope zu und bat ihn mit bewegter Stimme, noch einmal auf
sein Zimmer zu kommen. Der Graf antwortete kalt, er habe wenig Zeit, Caspar möge
sein Anliegen hier vorbringen. Caspar schüttelte den Kopf; der Lord dachte,
Caspar habe sich eines Bessern besonnen, er stellte sich, als ob es ihn
Überwindung koste, dem Wunsch zu willfahren, dann ging er mit kleinen, wie
gezählten Schritten die Stiege hinan. Quandt folgte unaufgefordert und blieb im
Zimmer oben als stumme Person neben der Tür stehen.
    Caspar sagte, er wolle dem Lord das Tagebuch gerne zeigen, aber dieser möge
ihm versprechen, nichts darin zu lesen.
    Der Lord verschränkte die Arme über der Brust. Dies wurde ihm denn doch zu
bunt. Aber er antwortete mit der Ruhe einer vollendeten Selbstbeherrschung: »Du
kannst mir wohl glauben, dass ich ohne deine Einwilligung nicht in deine
Privatangelegenheiten dringen werde.«
    Caspar öffnete die Schublade des Kommodekästchens und hob den Zipfel eines
Seidentüchleins, unter welchem das blaue Heft lag. Der Graf näherte sich und
blickte in wortloser Befremdung bald auf das Heft, bald auf Caspar. »Was für
eine kindische Zeremonie!« stiess er finster heraus. »Ich hatte nicht die
geringste Begierde geäussert, deinen papierenen Schatz zu sehen. Soviel ich weiss,
wolltest du mir daraus vorlesen; mit Flunkereien bitte ich mich zu verschonen.«
    Auch Quandt war nun herangekommen, und mit zweifelnden Blicken mass er das
mysteriöse Heft. Caspar schaute währenddem, auch indes der Lord das Zimmer
schweigend verliess, mit einem chinesischschiefen, schiefbesinnenden Blick vor
sich hin, einem Blick der Versunkenheit und Jenseitigkeit, wie ihn manche Köpfe
auf sehr alten Bildern haben.
    »Wenn ich meine unmassgebliche Meinung äussern darf,« sagte Quandt, der den
Grafen zum Tor begleitete, »so muss ich gestehen, ich glaube nicht an dieses
Tagebuch. Ich glaube nicht, dass ein Charakter wie der des Hauser von sich selbst
aus den Antrieb findet, ein Tagebuch zu führen. Ich kann mir nicht helfen,
Mylord, aber ich glaube nicht daran.«
    »Ja, denken Sie denn, dass er uns da bloss leeres Papier gezeigt hat?«
versetzte Stanhope schroff.
    »Das nicht, aber ...«
    »Was also?«
    »Je nun, man muss der Sache nachgehen, man muss sich damit beschäftigen, man
muss sehen, was dahinter steckt.«
    Stanhope zuckte die Achseln und ging. Er hatte gehofft, aus den
Aufzeichnungen des Jünglings mancherlei über sich selbst zu hören; dies lockte;
er wusste, dass er dort auf einem hohen Postament stand und dass er vergöttert
worden war; es ist schön, vergöttert zu werden, wie wenig Ähnlichkeit man auch
mit einem Gott haben mag, und wenngleich das Götterbild vom Sockel gestürzt war,
um seine Trümmer musste noch eine reizende Romantik blühen. Dies lockte. An das
Verräterische des Büchleins dachte er nicht, wollte er nicht denken, damit
mochten sich die Schergen abfinden.
    Trotzdem begab er sich am nächsten Mittag ins Lehrerhaus, trat in Caspars
Zimmer und forderte kurz und streng von dem Jüngling die Ablieferung der Briefe,
die er ihm während ihrer Trennung nach Nürnberg geschrieben. Caspar gehorchte
ohne zu fragen. Die Briefe, es waren nur drei, darunter der gefährliche,
geschwätzige, den der Graf zu fürchten hatte, lagen in einer besonderen Mappe in
einer Hülle von Goldpapier. Stanhope zählte sie nach, steckte sie in die
Brusttasche und sagte dann etwas milderen Tons: »Du holst mich heute abend um
acht Uhr vom Hotel ab. Wir sind aufs Schlösschen zu Frau von Imhoff geladen. Zieh
dich gut an.«
    Caspar nickte.
    Stanhope schritt zur Tür. Die Klinke in der Hand, drehte er sich noch einmal
um: »Morgen reise ich.« In der Krümmung seines Mundes lag Überdruss und Grauen.
Ihm graute plötzlich vor dieser Stadt und vor ihren Menschen, ihm graute vor
etwas, das er wie eine höllische Unholdfratze über sich in der Luft hängen sah
und dem er durch die Geschwindigkeit seiner Pferde zu entrinnen hoffte. Den
Präsidenten zu erwarten hatte er aufgegeben, denn Feuerbach hatte seinem
Stellvertreter geschrieben, er käme erst nach Neujahr.
    »Morgen schon?« flüsterte Caspar betrübt; und nach einer Pause fügte er
scheu hinzu: »Was abgemacht ist, das gilt aber?«
    »Was abgemacht ist, das bleibt bestehen.«
    Die Einladung der Imhoffs war zugleich eine Abschiedsfeier für den Grafen.
Es waren gebeten: der Regierungspräsident Mieg, der Hofrat Hofmann, der Direktor
Wurm, Generalkommissär von Stichaner mit Frau und Töchtern und einige andre
Herrschaften; alle kamen in grosser Gala. Man war sehr gespannt auf Caspars
erstes Erscheinen in der hiesigen Gesellschaft.
    Sein Auftreten enttäuschte nicht. Wie feierte man ihn, bemühte man sich um
ihn; man sagte ihm Komplimente, die lächerlichsten Komplimente, lobte seine
kleinen Ohren und schmalen Hände, fand, dass ihm die Narbe auf der Stirn, die vom
Schlage des Vermummten herrührte, interessant zu Gesicht stehe, bestaunte sein
Reden und sein Schweigen und wähnte damit den Lord zu entzücken, der sich jedoch
über eine gemessene Höflichkeit hinaus nicht verpflichtete und dem
überschwenglichen Wesen der Damen seinen verbindlichsten Sarkasmus
entgegensetzte.
    Nachdem die Tafel aufgehoben war, erschien der Kämmerling des Lords und
brachte ein Paket, welches in ungefähr einem Dutzend Exemplaren das in Kupfer
gestochene Porträt Stanhopes entielt, worauf er in Pairstracht mit der
Grafenkrone dargestellt war. Er verteilte die Bilder an »die lieben Ansbacher
Freunde«, wie er mit bezauberndem Lächeln sagte.
    Das Kunstwerk erfuhr die lauteste Bewunderung, sowohl in bezug auf die
Ähnlichkeit wie auf die Ausführung; als jeder seinen Dank gezollt, kam das
Gespräch auf Bilder überhaupt, und es entstand eine Meinungsverschiedenheit
darüber, ob man aus den Zügen eines Porträts auf die Charaktereigenschaften der
betreffenden Person schliessen könne. Der Hofrat Hofmann, als der negative Geist,
der er überhaupt war, bestritt es mit grosser Lebhaftigkeit und mit Aufwand von
vielen Gründen; er sagte, jedes Bildnis gebe schliesslich doch nur eine Essenz
der besten oder einschmeichelndsten oder am offensten sich darbietenden
Eigenschaften, es komme dem Maler oder Stecher nur darauf an, einen besonderen,
seinem Kunstwesen verwandten Zug bis zur vorgesetzten Wirkung zu übertreiben, so
dass von der wahren Art des betreffenden Menschen kaum noch etwas übrigbleibe.
Dem wurde heftig widersprochen; das hänge ja vor allem von dem Genie des
Künstlers ab, wurde erwidert, und Lord Stanhope, der die Äusserungen des Hofrats
bei diesem Anlass als einen Mangel an Delikatesse empfinden musste, ereiferte sich
sehr gegen seine sonstige Gepflogenheit und behauptete, er seinerseits getraue
sich aus jedem Bildnis, wen es auch darstelle und von wessen Hand auch immer es
gefertigt sei, die seelische Beschaffenheit der abgebildeten Person zu erraten.
    Bei diesen Worten lächelte die Hausfrau bedeutungsvoll. Sie verschwand in
einem Nebenraum und kehrte alsbald mit einem goldgerahmten ovalen Ölbild zurück,
das sie, noch immer lächelnd, in kurzer Entfernung von dem Grafen aufrecht auf
den Tischrand stellte. Die Gäste drängten sich herzu, und fast von allen Lippen
erscholl ein Ausruf der Bewunderung.
    Es war ein äusserst lebendig und natürlich gemaltes Bild, welches eine junge
Frau von verblüffender Schönheit darstellte: ein Gesicht weiss wie Alabaster und
überhaucht von zartem Rosenrot; klare und ebenmässige Züge, einen Blick, dem
offenbar die Kurzsichtigkeit etwas Poetisches und Schüchternes gab, und im
ganzen der Physiognomie ein himmlisches Leuchten von Gefühl.
    »Nun, Mylord?« fragte Frau von Imhoff schelmisch.
    Stanhope nahm eine neunmalweise Miene an und liess sich vernehmen: »Wahrlich,
in diesem Geschöpf verbindet sich orientalische Weichheit mit andalusischer
Grazie.«
    Frau von Imhoff nickte, als ob sie das Gesagte vortrefflich fände. »Schön,
Mylord,« meinte sie, »wir wollen etwas über den Charakter der Dame wissen.«
    »O, man will mich attrappieren!« versetzte Stanhope heiter. »Nun gut. Ich
denke, es ist das eine Frau, welche jede Art von Leiden oder Ungemach mit
ausserordentlicher Langmut zu ertragen versteht. Sie ist sanft, sie ist
gottesfürchtig, sie liebt den idyllischen Frieden des Landlebens, ihre Neigungen
gehören den schönen Künsten -«
    Frau von Imhoff konnte nicht mehr an sich halten und brach in belustigtes
Lachen aus. »Ich bin sicher, Graf, dass Sie nur, um mich zu necken, eine so
falsche Deutung unternommen haben«, sagte sie.
    Der Hofrat machte ein mokantes Gesicht, Stanhope errötete. »Wenn ich mich
blamiert habe, so belehren Sie mich eines Bessern, gnädige Frau«, antwortete er
galant.
    »Um das zu können, müsste ich Ihre Geduld länger als wünschbar in Anspruch
nehmen«, sagte Frau von Imhoff plötzlich ernst. »Ich müsste Ihnen von dem
ungewöhnlichen Schicksal dieser Frau erzählen, die meine beste Freundin ist, und
ich würde Gefahr laufen, die gute Stimmung zu zerstören, in der Sie sich alle
befinden.«
    Aber man wollte sich nicht damit zufriedengeben, und Frau von Imhoff musste
schliesslich dem allgemeinen Drängen willfahren.
    »Meine Freundin kam als Mädchen von achtzehn Jahren an den Hof einer
mitteldeutschen Residenz«, begann sie mit einer reizenden Befangenheit. »Sie war
vater- und mutterlos und in ihrer Existenz ganz auf ihren Bruder angewiesen«.
Dieser Bruder, ich will ihn der Kürze wegen den Freiherrn nennen, galt trotz
seiner Jugend, er war nur um zehn Jahre älter denn seine schöne Schwester, für
einen Mann von hervorragenden Talenten; der Fürst, obwohl schwächlich und
ausschweifend, wusste seine Fähigkeiten vollauf zu würdigen, gab eine der
höchsten Stellen des Landes unter seine Verwaltung und überhäufte ihn mit Ehren
und Auszeichnungen. Doch nahm der Freiherr an den Vergnügungen des Hofes nur
insofern teil, als er die Schwester in die Salons und Gesellschaften des Adels
einführte, und er hatte auch die Genugtuung, dass sie nicht nur durch ihre
Schönheit, sondern auch durch Geist, Anmut und ein selten befeuertes Naturell
der Mittelpunkt jedes Kreises wurde, in dem sie sich sehen liess.
    »Eines Tages nun wurde das ruhige Zusammenleben der beiden Menschen auf eine
furchtbare Weise zerstört«. Fast zufällig machte der Freiherr die Entdeckung,
dass in der Finanzverwaltung des Landes ganz ungeheuerliche Unterschleife
stattgefunden hatten, es handelte sich um viele Hunderttausende von Talern, und
dass der Fürst selbst, in Bedrängnis geraten durch eine arge Mätressen- und
Protektionswirtschaft, bei diesen zum Nachteil des Volkes ausgeführten
Manipulationen beteiligt war. Der Freiherr wusste sich keinen Rat. Er vertraute
sich der Schwester an. Diese sagte ihm: Hier gibt es kein Schwanken, geh zum
Fürsten und mach ihn ohne Rückhalt auf die Schwere eines solchen Verbrechens
aufmerksam. Es geschah. Der Fürst geriet in Zorn, wies dem jungen Mann die Tür
und deutete ihm an, dass er seinen Abschied zu nehmen habe. Als der Freiherr
seiner Schwester von dem unerwarteten Ausgang seines Unternehmens Mitteilung
machte, drängte sie ihn, die Geschichte vor die versammelten Landstände zu
bringen. Auch dazu erklärte sich der Freiherr bereit, eröffnete sich aber vorher
noch einem seiner Freunde, der den Entschluss zu billigen schien. Derselbe Freund
schrieb ihm am nächsten Abend ein Briefchen, worin er ihn dringlichst
aufforderte, einer wichtigen Besprechung halber sogleich in ein nahe der Stadt
gelegenes Lustaus zu kommen. Ohne Zögern folgte der Freiherr dem Ruf, liess,
trotzdem es schon spät und die Nacht finster war, sein Pferd satteln und ritt
davon.
    »Seit dieser Stunde wurde er nicht mehr gesehen«. Einige Leute wollten gegen
Mitternacht in der Nähe jenes Lustauses Schüsse gehört haben, aber wie dem auch
sein mochte, der Freiherr war verschwunden, und was mit ihm geschehen war, blieb
ein unerklärtes Rätsel. Den Schmerz der Schwester kann man sich denken. Doch vom
ersten Tag an verschmähte sie es, diesem Schmerz sich hinzugeben, und entfaltete
eine erstaunliche Tätigkeit. Da sie nach und nach den Tod des Bruders glauben
musste, setzte sie alles daran, um wenigstens seinen Leichnam ausfindig zu
machen. Sie nahm Arbeiter auf, die in der Umgebung des Lustauses wochenlang die
Erde aufgraben mussten, mit Güte, mit List, mit Drohungen beschwor sie den
angeblichen Freund des Bruders, zu reden, wenn er etwas wisse; es war umsonst,
er behauptete, nichts zu wissen. Niemand wollte etwas wissen. Sie warf sich dem
Fürsten zu Füssen, der sie huldvoll anhörte und, anscheinend selbst ergriffen,
alles zu tun versprach, um der Sache auf die Spur zu kommen. Es war umsonst.
Einige Tage darauf erkrankte sie, ohne Zweifel durch Gift; der Versuch
wiederholte sich. Plötzlich aber starb der Fürst an einem Schlagfluss. Ihres
Bleibens an jenem schrecklichen Ort war nun nicht mehr. Sie begann zu reisen und
suchte an allen kleinen und grossen Höfen Deutschlands, später sogar in London
und Paris Minister, Monarchen und Männer der Öffentlichkeit zu gewinnen, um
Sühne oder wenigstens Aufklärung zu erlangen. »Stellen Sie sich das Leben vor«,
fuhr Frau Imhoff fort, »das meine Freundin auf solche Weise länger als drei
Jahre führte, immer unterwegs, immer in Hast, mit beständigen Widerwärtigkeiten
kämpfend. Ein grosser Teil ihres Vermögens ging nach und nach durch ihre
fruchtlosen Anstrengungen verloren. Als sie nun endlich einsehen musste, dass sie
nichts erreichen würde, dass die Verbrüderung der Schlechten und Gleichgültigen
zu mächtig ist, entsagte sie mit derselben Entschlossenheit, die sie bisher an
den Tag gelegt, allen weiteren Versuchen, zog in eine kleine Universitätsstadt
und warf sich mit einem wunderbaren Eifer auf das Studium der Politik, der
Jurisprudenz und der Nationalökonomie. Nicht als ob sie sich damit gegen die
Welt verschloss, ganz im Gegenteil. Sie hatte ihre private Sache mit einer
öffentlichen vertauscht. Ihre glühende Seele, für den Gedanken der
Völkerfreiheit und der Menschenrechte entflammt, suchte Betätigung. Vor zwei
Jahren heiratete sie einen unbedeutenden und keineswegs geliebten Mann; es
geschah deshalb, weil sich der Mann, dem sie sich schon geweigert hatte, aus
Leidenschaft zu ihr im Bade die Adern geöffnet hatte; er wurde gerettet und sie
nahm ihn. Doch wurde die Ehe schon nach wenigen Monaten in friedlichem
Einverständnis gelöst, der Mann ist nach Amerika gegangen und Farmer geworden.
Meine Freundin fing abermals ihr merkwürdiges Wanderleben an; ich habe Briefe
von ihr bald aus Russland, bald aus Wien, bald aus Aten; seit einigen Monaten
weilt sie in Ungarn. Überall untersucht sie die Lage der Bauern und die Not des
arbeitenden Volkes, nicht etwa nur oberflächlich und empfindsam, sondern mit
sachlicher Gründlichkeit; ihr profundes Wissen und ihre Kenntnis der Gesetze,
Verfassungen und öffentlichen Einrichtungen hat schon manchem gelehrten Herrn
Bewunderung abgezwungen. Sie ist heute fünfundzwanzig Jahre alt und sieht fast
immer noch so aus wie auf diesem Bild, das vor sechs Jahren gemalt wurde. Nach
alledem werden Sie mir wohl glauben, Mylord, dass bei ihr von orientalischer
Weichheit und sanfter Leidensdemut nicht wohl die Rede sein kann. Sanft ist sie,
ja sie ist sanft, aber ganz anders, wie man sich das gewöhnlich vorstellt. Ihre
Sanftmut hat etwas Freudiges und Tätiges, denn es ist in ihr ein kühner Geist
und ein erhabenes Vertrauen zu allem, was menschlich ist. Immer ist ihr die
Gegenwart das Höchste.«
    Ein lautloses Schweigen bezeugte der Erzählerin die tiefe Wirkung, die sie
hervorgerufen. Und ist es denn nicht prächtig ist es nicht prächtig-spannend und
angenehm-gruselig, sich dergleichen im wohldurchheizten, hellerleuchteten Zimmer
vorerzählen zu lassen? Der Mann am Kamin reibt sich gemütlich die Hände, wenn es
draussen stürmt und wettert. Dem Mann am Kamin verursacht es ein süssprickelndes
Behagen, wenn er sich vorstellt, dass draussen einige Leute ohne Überzieher und
Handschuhe herumspazieren. Er, der Mann am Kamin, ist sogar imstande, mit
solchen Unglücklichen auf das lebhafteste zu sympatisieren.
    Caspar war, als Frau von Imhoff zu sprechen angefangen, etwas ausserhalb des
Zuhörerkreises gesessen, dann hatte er sich langsam erhoben, war näher gekommen,
bis er an ihrer Seite stand, und hatte wie verzaubert auf ihren redenden Mund
geblickt. Jetzt, da sie fertig war, lachte er plötzlich. Die Züge kamen in
Bewegung und erhielten etwas unendlich Anziehendes. Frau von Imhoff gestand
später, dass ihr ein solcher Ausdruck kindlicher Freude noch nirgends vorgekommen
sei; ja, es glich dem Lachen eines kleinen Kindes, nur dass sich eine höhere und
reinere Kraft des Bewusstseins darin zu erkennen gab und die Empfindung seines
Innern mit den stärksten Farben malte. Die Umsitzenden waren neugierig, was er
sagen würde, und beugten sich vor, doch er stellte nur die zaghafte Frage: »Wie
heisst denn die Frau?«
    Frau von Imhoff legte den Arm um seine Schulter und antwortete, gütig
lächelnd, das zu verraten stehe ihr jetzt nicht zu, später vielleicht werde er
es erfahren, auch an ihm nehme sie herzlichen Anteil.
    Er blieb nachdenklich. Auch als die Geselligkeit wieder geräuschvoller wurde
und das jüngste Fräulein von Stichaner am Klavier Lieder sang, behielt er seinen
schief-besinnenden Blick. Sonderbar wurde sein Gefühl durch das so beweglich
geschilderte Schicksal jener Unbekannten nach aussen getrieben, und wie durch den
Wink eines unsichtbaren Geistes öffnete sich zum erstenmal sein Herz den Leiden
eines andern Ichs, einer fremden Existenz. Es kann doch nicht so mit den Frauen
beschaffen sein, wie ichs mir immer eingebildet habe, dachte er.
    Das gab ihm zu denken. An irgendeinem Punkt erzitterte auf einmal der Bau
der Welt, und ein zwiefaches Antlitz zeigten die Kreaturen: das eine
wohlvertraut und nicht geliebt, das zweite unfassbar wie fern wie der Mond,
verschwistert beinahe dem der nie gesehenen Mutter.
    Auf der Brücke zwischen Abend und Abend schreitet das Leben; was es heute
schenkt, wird morgen Besitz. Ohne diese Stunde hätte ein Ereignis der folgenden
Nacht, bei dem er nur der flüchtige und kaum bemerkte Zeuge war, nicht so
gewaltig in sein Inneres gewuchtet, dass er tagelang danach sich in der
schmerzlichsten Verwirrung befand.
 
                            Joseph und seine Brüder
Als Abschiedsgabe erhielt Caspar vom Lord zwei Paar Schuhe, eine Schachtel mit
Brüsseler Spitzen und sechs Meter feinen Stoff zu einem Anzug. Nachdem er schon
den ganzen Vormittag mit ihm verbracht, kam Stanhope nach Tisch ins Quandtsche
Haus, um Caspar Lebewohl zu sagen. Um halb vier fuhr der Wagen vor. Caspar
geleitete den Grafen auf die Gasse. Er war bleich bis in die Augen; drei mal
umarmte er den Scheidenden und biss die Zähne zusammen, um nicht aufschreien zu
müssen, war es doch ein Stück seines innigsten Seins, das sich grausam von ihm
trennte - für immer, das fühlte er wohl, ob er den so teuer gewordenen Mann
wiedersah oder nicht. Mit ihm nahm er Abschied von der Unschuld seligsten
Vertrauens und von der Süssigkeit schöner Wünsche und Täuschungen.
    Auch der Lord war zu Tränen gerührt. Es entsprach seiner reizbaren Natur,
sich bei solchen Anlässen einer wohltätigen Gemütserschütterung zu überlassen.
Sein letztes Wort klang wie ein Schutz vor Selbstvorwürfen; als wolle er
geschwind noch ins Schicksalsrad greifen und die Speichen zurückdrehen; die
Kutsche war schon im Fahren, da rief er Quandt und dem Polizeileutnant Hickel,
die beide am Tor standen, mit feierlich hochgezogenen Brauen zu: »Bewahrt mir
meinen Sohn!«
    Quandt drückte die Hände beteuernd gegen seine Brust. Das Gefährt rollte
gegen die Krailsheimer Strasse.
    Fünf Minuten später erschienen Herr von Imhoff und der Hofrat Hofmann; sie
mussten zu ihrem Leidwesen erfahren, dass sie die Zeit verpasst hatten. Um Caspar
seiner Traurigkeit zu entreissen, forderten sie ihn zu einem Spaziergang in den
Hofgarten auf, ein Vorschlag, dem der Lehrer eifrig zustimmte. Hickel bat, sich
anschliessen zu dürfen.
    Kaum waren die vier Personen um die nächste Ecke gebogen, als Quandt rasch
ins Haus zurückeilte und seiner Frau einen Wink gab, die ihm, ohne zu fragen,
weil das Unternehmen verabredet war, in den oberen Flur folgte, wo sie sich bei
der Treppe als Schildwache aufstellte. Quandt seinerseits machte sich nun daran,
das Tagebuch zu suchen. Er hatte sich zu dem Ende ein zweites Paar Schlüssel
anfertigen lassen und konnte damit die Kommode und den Schrank öffnen. In der
Kommodeschublade fand er nichts, das blaue Heft war nicht mehr darin. Aber auch
den Schrank durchstöberte er vergeblich, die Kleider, die Tischlade, die Bücher,
das Kanapee; vergeblich kroch er in jeden Winkel, es war nichts zu finden.
    Erschöpft trocknete er sich den Schweiss von der Stirn und rief seiner Frau
durch die offene Tür zu: »Siehst du, Jette, was ich immer sage: der Kerl hats
faustdick hinter den Ohren.«
    »Ja, ja, er ist falsch wie Bohnenstroh,« erwiderte die Frau, »und lauter
Scherereien macht er einem.« Sie schimpfte bloss ihrem Mann zu Gefallen, denn im
Grund hatte sie den Jüngling gern, weil noch nie ein Mensch sich so höflich und
nett gegen sie betragen hatte.
    Quandt blieb für den Rest des Tages verstimmt wie einer, der um ein edles
Werk betrogen wurde. Und war dem nicht so? War es nicht seine Mission auf dieser
Erde, die Lüge von der Wahrheit zu scheiden und als rechter Herzensalchimist den
Mitmenschen die unvermischten Elemente aufzuzeigen? Er durfte nicht ruhig
zusehen und nicht Nachsicht üben, wo der Atem der Lüge wehte.
    Von solchen Empfindungen bewegt, hielt er am selben Abend seiner Gattin eine
längere Rede, worin er sich folgendermassen aussprach: »Sieh mal, Jette, ist dir
nicht sein gerades und aufrechtes Sitzen bei Tisch schon aufgefallen? Kann man
annehmen, dass so ein Mensch jahrzehntelang in einem unterirdischen Loch
vegetiert hat? Kann man dies glauben, wenn man seine fünf Sinne ordentlich
beieinander hat? Von seiner gerühmten Kindlichkeit und Unschuld kann ich, offen
gestanden, nichts entdecken. Er ist gutmütig, ja; gutmütig mag er sein, aber was
beweist das? Und wie er vor den reichen und vornehmen Leuten scharwenzelt und
liebedienert als der ausgemachte Duckmäuser, der er ist! Da hat deine Freundin,
die Frau Behold, den Nagel auf den Kopf getroffen. Sieh mal, oft, wenn ich
unversehens in sein Zimmer trete, es liegt mir natürlich daran, ihn zu
überraschen, aber da hockt er dir manchmal in der Ecke, es ist sonderlich
anzuschauen. Ich weiss nicht, ist er so geistesabwesend oder stellt er sich nur
so, aber wenn er mich dann bemerkt, verändert sich sein Gesicht blitzschnell zu
der heuchlerischen Grimasse von Freundlichkeit, die einen leider entwaffnet.
Einmal hab ich ihn sogar am hellichten Tag bei heruntergelassenen Rouleaus
gefunden. Was kann das bedeuten? Es steckt eben was dahinter.«
    »Was soll denn dahinter stecken?« fragte die Lehrerin.
    Quandt zuckte die Achseln und seufzte. »Das mag Gott wissen«, sagte er. »Bei
alledem mag ich ihn leiden«, schloss er mit versorgtem Stirnrunzeln; »ich mag ihn
gut leiden, er ist ein aufgeweckter und trätabler Bursche. Man muss aber sehen,
was dahinter steckt. Es ist etwas Unheimliches um den Menschen.«
    Die Lehrerin, die sich für die Nacht frisierte, war des Schwatzens müde. Ihr
hübsches Gesicht hatte den Ausdruck eines dummen, schläfrigen Vogels, und ihre
auffallend nah beieinander stehenden Augen blinzelten matt ins Kerzenlicht.
Plötzlich liess sie den Kamm ruhen und sagte: »Horch mal, Quandt.«
    Quandt blieb stehen und lauschte. Caspars Zimmer lag über dem ehelichen
Schlafgemach, und sie vernahmen nun in der eingetretenen Stille die unaufhörlich
auf und ab gehenden Schritte ihres rätselhaften Hausgenossen.
    »Was mag er treiben?«, meinte die Frau verwundert.
    »Ja, was mag er treiben,« wiederholte Quandt und starrte finster zur Decke.
»Ich weiss nicht, mir wurde immer gesagt, dass er mit den Hühnern schlafen geht;
ich merke nichts davon. Nun siehst dus, da soll man sich auskennen. Jedenfalls
wollen wir ihm das Spazierengehen bei Nacht abgewöhnen.« Quandt öffnete leise
die Tür und schlich auf Pantoffeln vorsichtig hinaus. Vorsichtig schlich er die
Treppe empor, und als er vor Caspars Tür angelangt war, versuchte er durchs
Schlüsselloch zu spähen, aber da er nichts sehen konnte, legte er in derselben
gebückten Stellung das Ohr ans Schloss. Ja, da wandelte er herum, der
Unerforschliche, wandelte herum und schmiedete seine dunkeln Pläne.
    Quandt drückte die Klinke, die Tür war versperrt. Da erhob er seine Stimme
und forderte energisch Ruhe. Sogleich ward es drinnen mäuschenstill.
    Als nun der Lehrer wieder zu seiner Frau kam, fand sich, dass mit
unerwarteter Plötzlichkeit deren schwere Stunde angebrochen war. Schon lag sie
stöhnend auf dem Bett und verlangte nach der Hebamme. Quandt wollte die Magd
schicken; die Frau sagte: »Nein, das geht nicht, geh du selber, die Person ist
blöde und wird den Weg verfehlen.« Wohl oder übel musste sich Quandt dazu
entschliessen, so unbequem auch die Sendung war, denn erstlich hatte er sich aufs
Bett gefreut, zweitens fürchtete er sich ein wenig vor dem Gang durch die
finstern Gassen, war doch erst zu Pfingsten hinter der Karlskirche ein
Rechnungsakzessist überfallen und halb erschlagen worden.
    Verdrossen hastete er in die Kleider; hierauf holte er die Magd aus den
Federn und befahl ihr, eine befreundete Nachbarin zu rufen, die sich im Notfall
zur Hilfeleistung erboten hatte, dann schlurfte er wieder herein, durchkramte
die Truhe nach seinen Pistolen, wobei er das Nähtischlein umwarf, was ihn wieder
derart in Verzweiflung setzte, dass er mit den Händen seinen Kopf packte und sein
unseliges Los verwünschte. Die Frau, der das Elend schon den Sinn verrückte,
entnahm ihrem Zustand den Mut, ihm allerlei sonst feig zurückgehaltene
Aufrichtigkeiten zuzuschleudern, welche ihn im besondern und das Mannsvolk im
allgemeinen trafen. Das hatte die beste Wirkung, und nachdem er sein kleines
Söhnchen, das nebenan schlief und von dem Tumult erwacht war, in die Magdkammer
getragen hatte, trollte er sich endlich.
    Caspar, im Begriff sich niederzulegen, vernahm auf einmal mit Schaudern die
schmerzensvolle Stimme der Frau unten. Immer furchtbarer wurden die Laute, immer
greller drangen sie herauf. Dann war es wieder eine Zeitlang stille, dann
knarrte die Haustüre, Schritte gingen, Schritte kamen, und nun begann das
Schreien viel ärger. Caspar dachte, ein grosses Unglück sei passiert; sein erster
Trieb war, sich zu retten. Er lief zur Tür, sperrte auf und eilte die Stiege
hinab. Die Wohnzimmertüre war offen, überheizte Luft quoll ihm entgegen. Die
Magd und die Nachbarin standen geschäftig am Bett der Frau Quandt; diese schrie
nach ihrem Mann, schrie zu Gott und bäumte sich auf.
    Ach, was sah Caspar da! Wie ward ihm doch zumute! Ein Köpflein sah er, einen
weissen kleinen Rumpf, ein ganzes winziges Menschlein, emporgehoben mit Händen,
die nicht kleiner waren als es selbst! Alle Glieder zitterten an Caspar, er
wandte sich um, und ohne dass ihn jemand erblickt, floh er die Stiege hinauf,
sank auf dem obersten Treppenabsatz atemlos hin und blieb sitzen.
    Wieder ging die Haustür, Quandt erschien mit der Wehfrau, doch schon stürzte
ihm die Nachbarin jubelnd entgegen: »Ein Töchterlein, Herr Lehrer!«
    »Ei, sieh da!« rief Quandt mit einer Stimme, so stolz, als hätte er dabei
etwas Nennenswertes geleistet.
    Piepsendes Geplärr bestätigte die Anwesenheit der neuen Weltbürgern. Nach
einer Weile kam trällernd die Magd, und Caspar sah, dass sie eine Schüssel voll
Blut trug.
    Es mochte in allem nicht mehr denn eine Stunde verflossen sein, als Caspar
sich endlich erhob und in seine Kammer taumelte. Wie betrunken entkleidete er
sich, wühlte sich in die Betten und vergrub das Gesicht.
    Er konnte nichts dawider tun: aus der Nacht erhob sich gleich einer
purpurnen Scheibe die Schüssel voll Blut.
    Er konnte nichts andres sehen als dies: aus einem blutigen Schlund krochen
junge Wesen und wurden Menschen genannt. Nackend und winzig, einsam und hilflos
und unter dem Jammer der Mutter krochen sie wehevoll aus einem Kerker
ohnegleichen, wurden geboren, ja, geboren, so wie die Mutter ihn geboren.
    Das ist es also, dachte Caspar. Er spürte das Band, begriff den
Zusammenhang, fühlte seine Wurzeln tief in der blutenden Erde, alles starre
Leben regte sich, das Geheimnis war entschleiert, die Bedeutung offenbar.
    Doch Mitleid und Grauen, Sehnsucht und Furcht waren nun eines, Leben und
Sterben zu einem Namen verschmiedet. Er wollte nicht einschlafen und schlief
ein, aber je näher der Schlummer kam, eine je qualvollere Todesangst umfing ihn,
so dass er sich nur widerstrebend ergab: ein banger kleiner Tod im Leben.
    Da er am Morgen über die gewohnte Stunde ausblieb, verwunderte sich Quandt,
ging hinauf und pochte an der Tür. Obgleich er das Zimmer vom Abend her
versperrt wusste, drückte er auf die Klinke, fand jedoch zu seinem Erstaunen die
Tür unverschlossen. An Caspars Bett tretend, rüttelte er ihn und sagte
ärgerlich: »Nun, Hauser, Sie fangen ja an, ein Siebenschläfer zu werden. Was
ists denn?«
    Caspar setzte sich auf, und der Lehrer sah, dass das Kopfkissen ganz nass war;
er deutete hin und fragte, was das sei. Caspar besann sich ein wenig und
antwortete, es sei vom Weinen, er habe im Schlaf geweint.
    Was, geweint? dachte Quandt argwöhnisch; warum geweint? wieso weiss er es
denn so schnell, wenn er im Schlaf geweint hat? Und warum hat er solange
gewartet, bis ich mich entschlossen, ihn zu holen?
    Dahinter steckt eine Finte, entschied Quandt, er will mich milde stimmen.
Forschend schaute er sich um, und sein Blick fiel auf das Wasserglas, das auf
dem Nachttischlein stand. Er nahm das Glas und hob es prüfend empor, es war halb
leer. »Haben Sie Wasser getrunken, Hauser?« fragte er düster.
    Caspar sah ihn verständnislos an. Der Blick des Lehrers, von dem Glas auf
das Kissen gleitend, bekam einen vorwurfsvollen Ausdruck. »Sollten Sie nicht aus
Versehen das Wasser verschüttet haben?« fragte er weiter; »ich sage: aus
Versehen und meine durchaus nichts andres, Sie können freimütig mit mir reden,
Hauser.«
    Caspar schüttelte langsam den Kopf; er verstand nicht, was der Mann wollte.
    Verstockt, verstockt, dachte Quandt und gab das Verhör auf. Als Caspar zum
Unterricht ins Wohnzimmer kam, teilte ihm Quandt in geziemender Würde mit, dass
ihm eine Tochter geschenkt worden sei.
    »Wieso geschenkt?« fragte Caspar naiv.
    Quandt runzelte die Stirn. Die Gleichgültigkeit, mit welcher der Jüngling
ein solches Ereignis aufnahm, verdross ihn sehr. Seine Haltung war kalt und
förmlich, als er sagte: »Wir beginnen wie gewöhnlich mit der Bibelstunde. Lesen
Sie Ihr Pensum vor.«
    Es war die Geschichte Josephs.
    Da ist ein alter Mann, der viele Söhne hat, aber den jüngsten unter ihnen am
meisten liebt und ihm einen bunten Rock gibt, um ihn auszuzeichnen. Deswegen
hassen ihn nun die Brüder und wollen nicht mehr freundlich mit ihm reden. Und
Joseph erzählt ihnen einen Traum von den Garben. »Siehe, wir banden Garben auf
dem Felde,« erzählt er, »da stand meine Garbe auf und blieb stehen, und siehe,
eure Garben waren ringsum und beugten sich vor meiner Garbe.« Da antworten die
Brüder: »Willst du denn König werden über uns? willst du herrschen über uns?«
Und sie hassen ihn noch mehr wegen seiner Träume. Aber Joseph ist sehr arglos,
er scheint den Grund ihrer Abneigung nicht zu ahnen, er erzählt ihnen alsbald
einen zweiten Traum, nämlich wie die Sonne, der Mond und elf Sterne sich vor ihm
beugten. Ein Traum von leichter Deutbarkeit, denn elf ist die Zahl der Brüder.
Sogar der Vater schilt ihn wegen dieses Traumes. »Was denkst du, Joseph,«
spricht er vorwurfsvoll, »soll ich und deine Mutter und deine Brüder, sollen wir
kommen, uns vor dir zu beugen?« Und bald darauf gehen die Brüder, die alle
Hirten sind, aufs Feld, um die Schafe zu weiden, und Joseph wird von seinem
Vater zu ihnen gesandt. Und wie die Brüder ihn von ferne sehen, sprechen sie
zueinander: »Seht, da kommt der Träumer.« Und sie beschliessen, ihn zu erwürgen,
sie wollen ihn in eine Grube werfen und vorgeben, ein wildes Tier habe ihn
verzehrt; »dann werden wir ja sehen, was aus seinen Träumen wird«, sagen sie
hohnvoll. Da ist aber einer unter den Brüdern, der Erbarmen hat, und er warnt
die andern. Er rät ihnen, den Jüngling in die Grube zu werfen, ihn jedoch nicht
zu töten. Und so geschieht es auch; sie ziehen ihm den Rock aus, den bunten
Rock, den er trägt, und werfen den Knaben in die Grube, und als dies vollbracht
ist, erscheint ein Zug von Kaufleuten aus fernem Land, und die Brüder einigen
sich jetzt, den Joseph zu verkaufen, und sie verkaufen ihn um Geld. Dann nehmen
sie Josephs Kleid, tauchen es in das Blut eines geschlachteten Tieres und
sprechen zum Vater: »Das blutige Kleid haben wir gefunden, sieh doch, ob es
nicht deines jüngsten Sohnes Kleid ist.« Der Alte zerreisst sein Gewand und ruft
aus: »Trauernd will ich hinunterfahren zu meinem Sohn in die Unterwelt.«
    Als Caspar soweit gekommen war, versagte ihm die Stimme. Er stand auf, legte
das Buch beiseite, und seine Brust ward von Seufzern nur so geschüttelt. Die
Hand vor den Mund gepresst, erstickte er mit grosser Anstrengung das
heraufquellende Schluchzen.
    Quandt stutzte. Er beobachtete den Jüngling scharf. Er hatte dabei den
schrägen Blick einer an den Pfahl gebundenen Ziege. »Hören Sie mal, Hauser«,
sagte er endlich. »Sie werden mir doch nicht weismachen wollen, dass Sie von
dieser simpeln Geschichte so ergriffen sind, die Ihnen noch dazu wohlbekannt
sein muss; meines Wissens haben Sie ja diesen Teil des Alten Testaments schon
beim Professor Daumer durchgenommen. Da muss Ihnen doch auch gegenwärtig sein,
dass es dem Joseph noch recht glücklich ergangen ist, denn er war ein reiner und
guter Mensch. Ich bitte, sparen Sie sich also die Mühe. Wenn Sie pflichtgetreu,
aufrichtig und folgsam sind, werden Sie bei mir zehnmal besser fahren als durch
die unzeitige Schaustellung von so weit hergeholten Affekten. Ich glaube Ihnen
Ihre Tränen einfach nicht; ich denke Ihnen das heute schon einmal deutlich genug
bewiesen zu haben. Damit erzielen Sie bei mir nur das Gegenteil von dem, was Sie
beabsichtigen mögen, ich bin nämlich kein Freund von Gefühlsausbrüchen, im
allgemeinen nicht, und bei so ungegründetem Anlass schon gar nicht. Es ist
nachgerade Zeit für Sie, sich an den Ernst des Lebens zu gewöhnen. Und weil wir
nun schon so offen miteinander reden, möchte ich Sie dringend warnen, alle
Leute, mit denen Sie zu tun haben, für dumm zu halten; das ist eine Verblendung
von Ihnen, welche die nachteiligsten Folgen haben wird. Ich bin Ihnen
wohlgesinnt, Hauser, ich meine es wahrhaft gut mit Ihnen, vielleicht haben Sie
keinen bessern Freund als mich, was Sie freilich erst einsehen werden, wenn es
zu spät sein wird. Aber hüten Sie sich, mich hinters Licht zu führen! Und nun
fahren wir fort. Ich will diesen Zwischenfall als nicht geschehen betrachten.«
    Im Verlauf dieser eindrucksvollen Predigt war die Stimme des Lehrers weich
und gütig geworden, und es hatte beinahe den Anschein, als wolle er nun Caspar
nehmen und an sein Herz drücken. Aber Caspar stand mit albernem Gesicht, in
welchem ein Lächeln hilflos zuckte, vor ihm da. Was ist denn das? dachte er, was
will der Mann?
    Es war ihm, auch bei späterem Nachdenken, ganz und gar nicht verständlich,
worauf die Worte des Lehrers hinzielten, und er kam zu der Ansicht, dass Quandt
der rätselhafteste Mensch sei, dem er je begegnet.
 
                               Schloss Falkenhaus
Der Präsident traf erst am Dreikönigstag, nach fast vierwöchiger Abwesenheit,
wieder in der Stadt ein. Die ihm nahestehenden Personen wollten eine bedeutende
Veränderung seines Wesens an ihm bemerken; er erschien wortkarg und finster, und
sein Anteil an den Amtsgeschäften hatte bisweilen etwas von Lauheit.
    Es fiel auf, dass er mehrere Tage verstreichen liess, ehe er sich nach Caspar
erkundigte. Als ihn der Hofrat Hofmann während des gemeinsamen Nachhausewegs
unbefangen fragte, ob er den Jüngling schon gesehen habe, gab Feuerbach keine
Antwort. Tags darauf erschien der Polizeileutnant bei ihm. Hickel stellte sich
um die Sicherheit des Hauser besorgt und meinte, man solle für eine Überwachung
sorgen; der Präsident ging auf die Sache nicht weiter ein und sagte bloss, er
werde sichs überlegen. Am selben Nachmittag liess er den Lehrer rufen und stellte
ihn über Befinden und Betragen seines Zöglings zur Rede. Quandt sagte dies und
sagte das; es war nicht schwarz noch weiss; zum Schluss zog er einen Brief aus der
Tasche, es war das Schreiben der Magistratsrätin Behold, welches dem Präsidenten
zu überreichen er sich entschlossen hatte.
    Feuerbach überlas das Schriftstück, und eine Wolke von Missmut lagerte sich
auf seine Stirn. »Sie müssen auf derlei Zeug kein Gewicht legen, lieber Quandt,«
sagte er barsch, »wo kämen wir denn hin, wenn wir auf das Gewäsch jeder solchen
Närrin hören wollten? Sie haben sich nicht mit der Vergangenheit des Hauser zu
beschäftigen, das ist nicht Ihres Amts; ich habe Sie dazu bestellt, einen
tüchtigen Menschen aus ihm zu machen, wenn Sie in der Hinsicht zu klagen haben,
bin ich ganz Ohr, mit andern Dingen verschonen Sie mich.«
    Es lässt sich denken, dass eine so grobe Abfertigung die Empfindlichkeit des
Lehrers tief verletzte. Er ging erbittert heim, und obwohl ihm der Präsident den
Auftrag gegeben hatte, Caspar am Sonntag früh zu ihm zu schicken, teilte er dies
dem Jüngling erst zwei Tage später, am Samstag abend, mit.
    Als Caspar zur bestimmten Stunde ins Feuerbachsche Haus kam, musste er im
Flur ziemlich lange warten, dann erschien erst Henriette, die Tochter des
Präsidenten, und führte ihn ins Wohnzimmer. »Ich weiss nicht, ob der Vater Sie
heute empfangen wird«, sagte sie und erzählte dann, in der vergangenen Nacht sei
ein Einbruch in das Arbeitszimmer des Präsidenten verübt worden; die unbekannten
Täter hätten alle Papiere auf dem Schreibtisch durchwühlt und mit Nachschlüsseln
die Laden geöffnet; es sei anzunehmen, dass die Verbrecher irgend bestimmte
Briefe oder Handschriften hätten an sich bringen wollen, denn es sei nichts
geraubt worden, auch die gewünschte Beute hätten sie nicht machen können, da der
Vater seine wichtigen Papiere gut verwahrt habe; nur die erbrochenen Fenster und
eine gewaltige Unordnung habe von ihrem Treiben Zeugnis gegeben.
    Das Fräulein schritt während dieses Berichts in männlicher Weise auf und ab,
die Arme über der Brust verschränkt, Groll und Zorn in Stimme und Miene. Sie
sagte, der Vater sei natürlich ausser sich über den Vorfall; währenddessen
öffnete sich die Tür, und der Präsident trat in Begleitung eines schlanken, etwa
dreissigjährigen jungen Mannes auf die Schwelle. »Aha, da ist Caspar Hauser,
Anselm«, sagte der Präsident. Der Angeredete stutzte und blickte Caspar
gedankenvoll und zerstreut ins Gesicht. Caspar war betroffen von der
aussergewöhnlichen Schönheit dieses Menschen; wie er später erfuhr, war es der
zweitälteste Sohn Feuerbachs, der, verfolgt von einem widrigen Geschick, für
einige Tage ins Elternhaus geflüchtet war, um Rat und Hilfe seines Vaters in
Anspruch zu nehmen. Caspar liebte schöne Gesichter, zumal wenn sie so voll Geist
und Schwermut waren, bei Männern ganz besonders; aber es war dies nur eine kurze
Erscheinung, er sah ihn nicht wieder.
    Der Präsident liess Caspar ins Staatsgemach treten und kam erst nach einer
Weile. Sofort fiel Caspars Blick auf das Napoleonbildnis an der Wand. Wie
wunderlich es war: solche Ähnlichkeit im Ausdruck der stolz abweisenden Majestät
und der finsteren Trauer um die anmutig geschwungenen Lippen mit jenem Mann, den
er soeben gesehen! Dazu noch der prunkvolle Ornat, Krone, Halsschmuck und
Purpurmantel. Caspar war bewegt; eine höhere Welt tat sich ihm auf; am liebsten
wäre er hingegangen, um, was an dem Bild gestaltaft schien, mit Händen zu
packen und, was ihn so hoheitsvoll daraus anredete, in laute Zwiesprach zu
verwandeln. Unwillkürlich reckte er sich auf, als zwinge ihn die königliche
Figur zur Nachahmung; er machte ein paar Schritte hin und her und war freudig
erschrocken bei der Wahrnehmung, dass die Augen des Bildes ihn mit dunkler Glut
verfolgten.
    Also beschäftigt fand ihn der Präsident und blieb überrascht neben der Tür
stehen. Mochte es Zufall genannt werden oder war es eine der unergründlichen
Verkettungen, in denen dies nicht gewöhnliche Schicksal sich offenbarte,
Feuerbach sah in dem zauberartigen Gegenüberstehen von Bild und Jüngling etwas
wie ein Ordal, eine Beglaubigung von oben. War doch Caspars Mutter (seine
Mutter, ja, sofern der ganze Bau der furchtbaren Annahmen und halben Gewissheiten
im Licht der Wirklichkeit nur irgend bestehen konnte) durch verwandtschaftliche
Bande an jenen Heros geknüpft.
    »Wissen Sie denn auch, wer das ist, Caspar?« fragte Feuerbach mit lauter
Stimme.
    Caspar schüttelte den Kopf.
    »So will ichs Ihnen sagen. Das ist ein Mann, der die Menschheit davon
überzeugt hat, dass ein grosser Wille alles vermag. Haben Sie denn noch nie was
vom Kaiser Napoleon gehört? Ich kannte ihn, Caspar, ich habe ihn gesehen, ich
habe mit ihm gesprochen, ich war Mittelsmann zwischen ihm und unserm König Max.
Es war eine grosse Zeit, und nicht mehr viel ist von ihr übrig.«
    Mit wehmütig-sinnendem Blick wandte sich Feuerbach ab. Er spürte die Last
der Jahre; lange genug hatte er sich gegen ihre Pranken gewehrt; fast mit Angst
streifte sein Auge den immer noch schweigend dastehenden Jüngling, als erwarte
er von ihm das Richterwort, das seine nicht mehr zu verbergende Ohnmacht der
Welt preisgeben musste. Das zuletzt Erfahrene, dort bei den Mächtigen Erlittene
überflutete sein Herz mit Scham; eine Flamme des Ingrimms und Hasses gegen
alles, was Mensch hiess, loderte plötzlich in ihm auf, zähneknirschend rannte er
ein halbdutzendmal zwischen den Fenstern und der Tür hin und her; erst der
Anblick des vor Furcht erbleichten Caspar gab ihm die Besinnung einigermassen
zurück, und er stellte die mürrische Frage, ob Caspar bei Quandt genug zu essen
bekomme.
    »Darüber ist nicht zu klagen«, antwortete Caspar.
    Den zweideutigen Ton, in welchem er dies vorbrachte, schien Feuerbach zu
überhören. »Und was ist es mit dem Lord?« fragte er weiter mit einem
starr-drohenden Blick, »haben Sie schon Nachricht von ihm? Haben Sie selbst ihm
schon geschrieben?«
    »Einmal jede Woche schreib ich ihm«, sagte Caspar.
    »Wo befindet er sich?«
    »Er will jetzt nach Spanien.«
    »Nach Spanien; soso; nach Spanien. Das ist sehr weit, mein Bester.«
    »Ja, das soll weit sein.«
    Diese einsilbige Unterhaltung wurde durch einen Polizeibeamten unterbrochen,
der eine schriftliche Meldung wegen des nächtlichen Einbruchs brachte. Caspar
verabschiedete sich.
    »Wo bleiben Sie denn so lang?« empfing ihn Quandt ärgerlich.
    »Ich war beim Präsidenten, das wissen Sie doch«, versetzte Caspar.
    »Schön; aber es verrät wenig Lebensart, dass Sie einen Besuch nicht zu kürzen
verstehen, wenn man zu Haus mit dem Abendessen auf Sie wartet.«
    Das Essen war nämlich eine wichtige Angelegenheit bei Quandts. Der Lehrer
setzte sich immer mit einer gewissen Rührung zu Tisch, und sein prüfender Blick
schien alle Teilnehmer der Mahlzeit auf den Grad ihrer Andacht zu examinieren.
Wenn Frau Quandt verkündigte, was man des Guten zu erwarten habe, begleitete der
Lehrer ihre Aufzählungen entweder mit einem Kopfnicken oder bedenklichem Runzeln
der Stirne. Schmeckte ihm ein Gericht, so wuchs seine gute Laune, fand es nicht
seinen Beifall so ass er jeden Bissen mit einem Ausdruck weltüberlegener Ironie
Für manches hatte er eine besondere Vorliebe, wie zum Beispiel für saure Gurken
oder angewärmten Kartoffelsalat, und er unterliess es dann selten, während er
sich delektierte, die Einfachheit seiner Bedürfnisse hervorzuheben. Die Lehrerin
verstand trefflich zu kochen, und wenn ihr eine Leibspeise des Mannes gelungen
war, blieb sie für sein Lob nicht unempfänglich, obschon es bisweilen in eine zu
gelehrte Form gekleidet war; so pflegte Quandt im Scherz zu sagen, wenn er sie
nicht genommen hätte, wäre sicherlich der selige Trimalchio wieder auferstanden,
um sie zu heiraten. Nach dem Abendessen kam die gemütliche Stunde mit
Pantoffeln, Schlafrock Lehnstuhl und Zeitungslesen. Ins Wirtshaus ging Quandt
fast nie, einmal wegen der Kosten und dann, weil er keine Ansprache fand. Er zog
die bequeme Ofenecke vor.
    Aber seit Caspar im Haus weilte, war diese idyllische Abendstimmung ohne
rechten Reiz. Quandt war gequält und wusste manchmal kaum die Ursache. Stellen
wir uns einen Hund, vor, einen klugen, nervigen wachsamen Hund. Stellen wir uns
vor, dass dieser Hund bei seinem Schnuppern in dem anvertrauten Revier irgendwo
einen Brocken Gift erwischt hat und dass er nun, das verderbliche Feuer in seinem
Leib, unbewusst das Dunkel sucht, alle feuchten Winkel lechzend durchrast, den
Schatten verfolgt, die Fliege beknurrt, alles um sich und über sich nur auf das
eine tolle Drängen bezieht und die ganze Welt für vergiftet hält, während es
bloss seine armen Gedärme sind, so hätten wir ein anschauliches Bild von dem
Zustand des bedauernswerten Mannes. Sein Dämon schmiedete ihn fest an den
Jüngling; es wurde ihm vor allen Dingen wichtig, »dahinterzukommen«; er hätte
ein paar Jahre seines Lebens hergegeben, wenn er dadurch geschwind zu der
Kenntnis gelangt wäre, was »dahintersteckte«.
    Um acht Uhr kam der Polizeileutnant zu Besuch; er war schlecht gelaunt, denn
er hatte letzte Nacht im Kasino fünfundsechzig Gulden beim Pharao verloren und
war das Geld noch schuldig. Gegen Caspar zeigte er sich auffallend freundlich;
er fragte ihn aus, was er mit dem Präsidenten gesprochen, nahm aber den getreuen
Bericht des Jünglings, als zu belanglos, mit Misstrauen auf.
    »Ja, unser guter Freund ist recht zurückhaltend,« beklagte sich Quandt; »ich
wusste gar nichts von dem Einbruch beim Präsidenten, und mit Müh und Not, dass er
überhaupt davon erzählt hat. Wissen Sie Näheres, Herr Polizeileutnant? Hat man
schon Spuren?«
    Hickel erwiderte gleichmütig, man habe bei Altenmuhr einen verdächtigen
Landstreicher aufgegriffen.
    »Was doch alles vorgeht!« rief Quandt; »welche Frechheit gehört dazu, das
Oberhaupt der Behörde zum Opfer eines solchen Anschlags zu machen!« Insgeheim
aber räsonierte er: recht so; das wird den Unantastbarkeitswahn der Exzellenz
ein bisschen erschüttern; recht so; auch von den Spitzbuben können die grossen
Herren mitunter eine nützliche Lehre empfangen.
    »Es sollte mich sehr wundern,« sagte Hickel mit vornehm geschlossenen
Lippen, eine Finesse, die er dem Lord Stanhope abgeguckt, »wenn diese Geschichte
nicht wieder irgendwie mit unserm Hauser zusammenhinge.«
    Quandt machte grosse Augen, dann schaute er schräg auf Caspar, dessen
erschrockener Blick dem seinen entglitt.
    »Ich habe Gründe zu einer solchen Vermutung,« fuhr Hickel fort und starrte
die blankgescheuerten Nägel seiner roten Bauernhände an; diese Hände flössten
Caspar stets einen namenlosen Widerwillen ein; »ich habe Gründe und werde
vielleicht seinerzeit damit herausrücken. Der Staatsrat selber ist gescheit
genug, um zu wissen, was die Glocke geschlagen hat. Aber er wills nicht Wort
haben, es ist ihm nicht geheuer dabei zumut.«
    »Nicht geheuer zumut? Was Sie sagen!« versetzte Quandt, und ein angenehmes
Gruseln lief ihm über den Rücken. Auch die Lehrerin hörte mit dem
Strümpfestopfen auf und sah neugierig von einem zum andern.
    »Ja, ja,« fuhr Hickel fort und lächelte den Lehrer mit seinen gelbblinkenden
Zähnen an, »sie haben ihm dort unten in München gehörig eingeheizt, und er trägt
den Kopf bei weitem nicht mehr so zuversichtlich. Meinen Sie nicht auch,
Hauser?« fragte er und sah bald Quandt, bald dessen Frau strahlend an.
    »Ich meine, es ist nicht in der Ordnung, dass Sie so vom Herrn Staatsrat
sprechen«, antwortete Caspar kühn.
    Hickel verfärbte sich und biss sich auf die Lippen. »Sieh mal an, sieh mal
an«, sagte er düster. »Haben Sie das gehört, Herr Lehrer? Schon unkt die Kröte,
es wird Frühjahr.«
    »Eine höchst unpassende Bemerkung, Hauser«, liess sich Quandt zürnend
vernehmen. »Sie sind dem Herrn Polizeileutnant Ehrfurcht und Bescheidenheit
schuldig so wie mir. Gegen den Baron Imhoff oder den Generalkommissär würden Sie
sich so etwas nicht unterstehen, des bin ich sicher. Und ein doppelt Gesicht,
ein falsch Gesicht, heisst es. Ich werde das dem Grafen schreiben.«
    »Echauffieren Sie sich nicht, Herr Lehrer,« unterbrach ihn Hickel, »es lohnt
sich nicht, man muss es seinem Unverstand zugut halten. Im übrigen hab ich
gestern einen Brief vom Grafen bekommen«; er griff in die Rockbrust und zog ein
zusammengefaltetes Papier heraus. »Sie möchten wohl gerne wissen, was er
schreibt, Hauser? Na, gar so schmeichelhaft ist es eben nicht für Sie. Der gute
Graf macht sich Sorgen wie immer und empfiehlt uns rücksichtslose Strenge, falls
Sie nicht parieren.«
    Caspar machte ein ungläubiges Gesicht. »Das hat er geschrieben?« fragte er
stockend.
    Hickel nickte.
    »Er hat sich auch damals zu sehr geärgert über die Heimlichtuerei mit dem
Tagebuch«, sagte Quandt.
    »Das werd ich ihm alles erklären, wenn er wiederkommt«, versetzte Caspar.
    Hickel rieb den Rücken an der Ofenecke und lachte. »Wenn er wiederkommt!
Wenn! Wer weiss aber, ob er wiederkommt? Mir deucht, er hat nicht allzu grosse
Lust dazu. Glauben Sie denn, Sie Kindskopf, so ein Mann hat nichts Besseres zu
tun, als seine Zeit dahier zu versitzen?«
    »Er kommt wieder, Herr Polizeileutnant«, sagte Caspar mit triumphierendem
Lächeln.
    »Oho, oho!« rief Hickel, »das klingt ja allerdings verlässlich. Woher weiss
man denn das so genau?«
    »Weil er es versprochen hat«, entgegnete Caspar mit treuherziger Offenheit.
»Er hat heilig versprochen, in einem Jahr wieder da zu sein. Am achten Dezember
hat ers versprochen, sind also noch zehn Monate und sechzehn Tage bis dahin.«
    Hickel sah Quandt an, Quandt sah seine Frau an, und alle drei brachen in
Gelächter aus. »Im Rechnen scheint er sich ja geübt zu haben«, meinte Hickel
trocken. Dann legte er Caspar die Hand auf den Kopf und fragte: »Wer hat Ihm
denn die herrlichen Locken abgeschnitten?«
    Quandt erwiderte, Caspar habe es selbst gewünscht, nachdem er ihm
vorgestellt, dass es für einen erwachsenen Menschen nicht schicklich sei, mit so
einem Haarwald herumzulaufen. »Sie können jetzt schlafen gehen, Hauser«, sagte
er hierauf.
    Caspar reichte jedem die Hand und ging. Als er draussen war, öffnete Quandt
leise die Tür und lauschte. »Sehen Sie, Herr Polizeileutnant,« flüsterte er
Hickel bekümmert zu, »wenn er weiss oder annimmt, dass man ihn hört, steigt er
ganz langsam und bedächtig die Stiege hinan, wenn er sich aber unbeachtet
glaubt, da kann er wie ein Hase springen, gleich über drei Stufen auf einmal.
Ists nicht so, Frau?«
    Die Lehrerin bestätigte es; und wieviel Umstände er einem mache, fügte sie
verdrossen hinzu; jetzt sei er sechs Wochen im Haus und habe vierzehn Hemden in
der Wäsche; immer müsse er herausgeputzt sein wie eine Docke, und schon in aller
Herrgottsfrüh fange er an, seine Kleider zu bürsten.
    Sie setzte dem Polizeileutnant ein Gläschen Schnaps vor und ging ins
Nebenzimmer, um den Säugling zu stillen, der sich schreiend meldete.
    »Ja, es ist des Teufels mit ihm,« setzte Quandt das Lamento seiner Gattin
fort; »da hab ich neulich einmal aus der Bayrischen Deputiertenkammer
vorgelesen. Der Hauser stellt sich hinter mich, und wie ich fertig bin, liest er
den Titel der Zeitung halblaut für sich hin, wie wenn ihn das Wort verwundere.
Nun wird aber doch die Bayrische Deputiertenkammer in jedem anständigen Hause
gelesen, nicht wahr? Ausserdem hat er Tag für Tag Gelegenheit gehabt, das Blatt
auf unserm Tisch zu sehen, und der Name konnte ihm unmöglich neu sein. Ich frage
also, ob er denn nicht wisse, was das sei, eine Deputiertenkammer. Darauf sagt
er mir mit seinem unschuldigsten Gesicht: das sei wohl ein Zimmer, wo man Leute
einsperre. Nun bitt ich Sie um alles in der Welt, das geht doch über den grünen
Klee. Es muss schon ein Engel vom Himmel herunterkommen, damit ich solche
Ungereimteiten auf Treu und Glauben hinnehmen soll, und selbst dann getrau ich
mich noch zu bezweifeln, ob es auch ein richtiger Engel ist und kein
nachgemachter.«
    »Was wollen Sie,« antwortete der Polizeileutnant, »es ist alles Schwindel,
alles ist Schwindel.« Und indem er sich auf den gespreizten Beinen hin und her
wiegte, loderte in seinen Augen ein unbestimmter, träger Hass.
    Alles Schwindel; ein Urteil, das sich nicht etwa bloss auf die vorgetragene
Anekdote bezog, sondern auf das ganze, ihm bis zum Ekel gleichgültige Treiben
der Menschen, sofern es nicht mit seinem Wohlbehagen verknüpft war. Mochten sie
sich einander die Köpfe abhacken, mochten sie über Himmel und Hölle, um König
und Land streiten, mochten sie ihre Häuser bauen, ihre Kinder zeugen, mochten
sie morden, stehlen, einbrechen, schänden und betrügen oder sich ehrlich rackern
und edle Taten vollbringen, ihm war letzten Endes alles Schwindel, ausgenommen
der Freibrief für ein sorgenloses Dasein, den ihm die Gesellschaft nach seiner
Ansicht schuldig war.
    Der Ritter von Lang, der an Hickel wegen seines einschmeichelnden Wesens
Gefallen hatte, pflegte gern zu erzählen, wie Hickel einst mit seinem, des
Ritters, Sohn, einem jungen Doktor der Philosophie, über die Landstrasse gegangen
und wie der junge Mann, gegen das ausgestirnte Firmament deutend, angefangen
habe, von den zahllosen Welten dort oben zu reden; da habe Hickel mit seinem
mokantesten Gesicht erwidert: »Ja, glauben Sie denn im Ernst, Doktor, dass diese
hübschen Lichterchen etwas andres sind als eben - Lichterchen?«
    Das war nicht etwa bloss Unbildung, sondern nur der Ausdruck jener
Überlegenheit, die in dem Worte gipfelte: alles Schwindel.
    Man wusste in der ganzen Stadt, dass Hickel über seine Verhältnisse lebte. Es
war sein Ideal, für einen Kavalier zu gelten, seine Leidenschaft, elegant zu
sein, auch besass er die feinste Nase für die Echteit und Legitimität aller
damit zusammenhängenden Dinge. Als vor einiger Zeit seine Aufnahme in den
vornehmen Beamtenklub strittig gewesen war, hatte man lange gezögert, denn er
war keineswegs beliebt und ausserdem war er von niedriger Abkunft, seine Eltern
waren arme Kätnersleute in Dombühl; schliesslich hatte er seinen Wunsch mit Hilfe
einiger erschlichener Familiengeheimnisse durchgesetzt, mit denen er den
betreffenden Persönlichkeiten bange zu machen verstand. Der Hofrat Hofmann, sein
früherer Vorgesetzter, gab dem vorherrschenden Gefühl gegen ihn bezeichnenden
Ausdruck, indem er versicherte: »Er decouvriert sich nicht; dieser Hickel
decouvriert sich nicht.« In der Tat hatte es stets den Anschein, als ob der
Polizeileutnant mit etwas Gefährlichem im Hinterhalt bleibe.
    Ausgezeichnet verstand er es, sich mit dem Präsidenten zu stellen. Er durfte
sich sogar erlauben, dem sonst so Unnahbaren gewisse Wahrheiten zu sagen, die
liebenswürdig oder sorgenvoll klangen, im Grunde aber nichts waren als
verzuckerte Bosheiten. Er besass eine nicht zu leugnende Geschicklichkeit im
Erzählen amüsanter Histörchen und mancherlei einlaufenden Stadtklatsches. Dies
ergötzte Feuerbach und stimmte ihn für vieles andre nachsichtig. »Rätselhaft,«
sagten die Leute, »was der Staatsrat an dem Hickel für einen Narren gefressen
hat.« Jedenfalls fand der Polizeileutnant stets williges Gehör bei Feuerbach,
und mit Schlauheit liess er sich dafür gern gefallen, dass der Präsident in seiner
bärbeissigen Manier an ihm herum erzog, seinen leichtsinnigen Wandel tadelte und
seine schlechten Instinkte mit erstaunlichem Scharfblick sozusagen in den
Wurzeln entblösste. Ist es nicht wahrscheinlich, dass gerade dies den Präsidenten
verführte und verstrickte? Indem er so klar die Leerheit und Düsterkeit dieser
Seele durchschaute, hatte er sich vielleicht schon zu vertraut gemacht mit ihr,
um sie von sich stossen zu können.
    Hickel wusste den Präsidenten nach und nach zu überreden, dass man Caspar
nicht so frei wie bisher herumgehen lassen dürfe, und es wurde als Wächter ein
alter Veteran bestellt, der einen Stelzfuss hatte und einarmig war. Dieser
Wackere fasste seine neue Obliegenheit sehr gewissenhaft auf und folgte Caspar
auf Schritt und Tritt zum Gelächter der Gassenjugend. Der Polizeileutnant hatte
richtig spekuliert, wenn die so fürsorglich aussehende Massregel dazu dienen
sollte, die Bewegungsfreiheit des Jünglings möglichst zu hemmen. Es gab
Beschwerden über Beschwerden, bald von Quandt, bald von Caspar, bald von dem
Invaliden, den Caspar nicht selten überlistete, indem er sich heimlich
davonstahl.
    Er klagte dem Pfarrer Fuhrmann, bei dem er Religionsunterricht empfing,
seine Not; dieser ihm wohlgesinnte Greis ermahnte ihn zur Geduld. »Was soll es
nutzen, geduldig zu sein!« rief Caspar trotzig, »wird ja doch immer schlechter!«
    »Was es nutzen soll?« versetzte der Pfarrer mild. »Was nutzt es Gott, dass er
unserm unsinnigen Treiben zuschaut? Durch Geduld führt er uns zum Guten. Geduld
bringt Rosen.«
    Dennoch wandte sich Pfarrer Fuhrmann an den Präsidenten, und dieser
versprach Abhilfe, ohne jedoch vorläufig etwas zu unternehmen. Die jährliche
Inspektionsreise durch den Bezirk entfernte ihn für drei Wochen aus der Stadt;
als er zurückgekehrt war, liess er eines Tages den Polizeileutnant auf sein
Arbeitszimmer rufen. »Hören Sie mal, Hickel,« redete er ihn an, »Sie sind doch
in der hiesigen Gegend ziemlich gut bekannt? Schön. Haben Sie mal etwas über das
Falkenhaus gehört?«
    »Gewiss, Exzellenz«, antwortete Hickel. »Das sogenannte Falkenhaus ist ein
uraltes markgräfliches Jagdschlösschen im Triesdorfer Wald.«
    »Stimmt. Das Objekt interessiert mich schon seit einiger Zeit. Ich habe
Nachforschungen eingezogen und habe folgendes erfahren. Das Falkenhaus hat bis
vor ungefähr vier Jahren als Försterwohnung gedient, und zwar hat der letzte
Förster jahrzehntelang mutterseelenallein dort gelebt. Der Mann hat nie mit
irgendeinem Menschen verkehrt, ist nie in einem Wirtshaus gesehen worden und hat
seine Einkäufe in den umliegenden Dörfern selbst besorgt. Eines Tages ist er
plötzlich verschwunden gewesen, und ein verabschiedeter Gendarm soll ihn im
Schwäbisschen als Besitzer oder Verwalter eines Gutshofs wiedergesehen haben. Ich
bin auch dieser Spur nachgegangen, und es hat sich herausgestellt, nicht nur,
dass es damit seine Richtigkeit hat, sondern auch, dass der Mann im Oktober 1830
des Nachts in seinem Bett ermordet worden ist.«
    »Davon ist mir nichts bekannt. Ich weiss nur, dass das Falkenhaus verödet und
unbewohnt ist und dass im Volk allerlei gespensterhaftes Zeug über die
unheimliche Einsiedelei erzählt wird.«
    »Richten Sie jedenfalls Ihr Augenmerk darauf,« sagte der Präsident; »am
besten, Sie senden einen ortskundigen Mann hin, der sorgfältige Erhebungen
einziehen soll.«
    »Zu Befehl, Exzellenz. Darf ich fragen, um welchen Fall es sich dabei
handelt?«
    »Es handelt sich um Caspar Hauser und seine Gefangenschaft.«
    »Ah!« Hickel räusperte sich und machte eine Verbeugung, Gott weiss, warum.
    »Ich glaube mit Bestimmteit annehmen zu dürfen, dass das Falkenhaus die
Stätte seiner grausamen Kerkerhaft ist. Es war mir schon seit den ersten
Erzählungen Caspars über die Art seiner Wanderung mit dem Unbekannten
zweifellos, dass der Ort in Franken selbst, nicht allzu weit von Nürnberg oder
Ansbach zu suchen sei. Nun haben mich die Spuren zum Falkenhaus geführt.«
    »Wahrscheinlich brauchen Eure Exzellenz dieses Indizium zu der Schrift über
den Hauser«, bemerkte Hickel schmeichelnd.
    »So ist es.«
    »Und soll die Veröffentlichung des Werks noch in diesem Jahr vor sich gehen?
Exzellenz verzeihen meine Neugier, aber ich bin ja herzlich interessiert bei der
Sache.«
    »Sie fragen mich zu viel, Hickel. Lassen Sie das. Da ist ein Briefchen für
den Hofrat Hofmann, geben Sie es draussen zur Beförderung. Ich will mit dem
Hofrat und Caspar morgen nach Falkenhaus fahren. Benachrichtigen Sie den Hauser,
dass er sich bereitält, erwähnen Sie aber beileibe nichts von dem Zweck der
Fahrt.«
    Zur festgesetzten Stunde fand sich Caspar ein und sah sich alsbald zu seiner
Verwunderung in der bequemen Kalesche gegenüber dem Präsidenten und dem Hofrat
sitzen. In selten unterbrochenem Schweigen ging es durch die sonnige
Frühlingslandschaft.
    Sie langten an. Ein Gang durch das verlassene Waldhaus und die eingehende
Prüfung seiner Lokalitäten brachte nicht den geringsten Aufschluss. War ein
unterirdischer Raum zu jenem fürchterlichen Gebrauch vorhanden gewesen, so hatte
der einstige Bewohner ihn sicherlich verschüttet, und die Zeit hatte alle
Merkmale unsichtbar werden lassen.
    Da entdeckte das scharf umhersuchende Auge des Präsidenten im Freien neben
dem rechten Trakt des Gebäudes eine sonderbar gestaltete Erdgrube. Die Anzeichen
liessen darauf schliessen, dass sich vordem ein Holzschuppen oder dergleichen
darüber erhoben hatte, denn ringsum lagen noch vermorschte Bretter und Balken
und rissige Schindeln. Es führten sieben in den Sand geschlagene und schon
verfallene Stufen hinab, und unten war die seltsam geglättete Erde von
gelblichem Moos bedeckt.
    Feuerbach verfärbte sich, als er dieses sah. Nach langem Versunkensein stieg
er hinunter, betastete einige Stellen der Wände, bückte sich in einer Ecke auf
den Boden, alles dies finster und wortlos. Als er wieder heraufkam, sah er
Caspar durchdringend an. Der aber stand ruhig da und liess den unwissenden Blick
in die Tiefen des Forstes schweifen. Ahnt er nichts? dachte Feuerbach; ahnt er
nicht, worauf sein Fuss tritt? Weckt ihn kein Hauch der Vergangenheit? Sprechen
die Bäume nicht zu ihm? Verrät ihm die Luft nichts? Und da es nicht so scheint,
darf ich mich unterfangen, mit einem Ja oder Nein die schauerliche Ungewissheit
zu entscheiden?
    Der Wagen hielt an der Heerstrasse draussen. Beim Rückweg durch den Wald blieb
Caspar, den plötzlich eine unbesiegbare Schwermut überfallen hatte, die ihn zu
langsamem Gehen zwang, ein grosses Stück hinter den beiden Männern.
    Der Hofrat Hofmann benutzte die Gelegenheit, um dem Präsidenten seine
vernunftgemässen Zweifel mitzuteilen. »Ich möchte nur eines wissen,« sagte er mit
verkniffenem Gesicht, »ich möchte wissen, warum man den Menschen, wenn er
wirklich so lange in Gefangenschaft geschmachtet hatte, auf einmal freiliess, und
nicht nur das, sondern mitten in eine grosse Stadt gebracht hat, wo er das
ungeheuerste Aufsehen erregen, also notwendigerweise seine Peiniger verraten
musste. Eine solche Logik will mir nicht einleuchten.«
    »Mein Gott, dafür lassen sich mancherlei Erklärungen denken,« erwiderte der
Präsident ruhig; »entweder man war seiner überdrüssig geworden; ihn länger zu
beherbergen war mit Schwierigkeit, ja mit Gefahr verknüpft; sein Kerkermeister
konnte den Auftrag erhalten haben, ihn zu töten, fasste jedoch in einer
begreiflichen Regung des Erbarmens oder der Anhänglichkeit oder der Furcht den
Entschluss, ihn auf andre Art verschwinden zu lassen, und wo konnte das mit mehr
Aussicht auf Erfolg geschehen als gerade in einer grossen Stadt? Man dachte sich
die Sache so: der Rittmeister Wessenig, dem mitgegebenen Schreiben folgend,
steckt ihn unter die Soldaten; dort gibt es der Analphabeten und Halbidioten die
Menge, dort wird er nicht weiter auffallen, vermeinte der Verbrecher in einem
Optimismus, der freilich nur von seiner eignen Unbildung zeugt. Als aber die
Dinge einen ganz andern Weg nahmen, bekam ers mit der Angst, teilte sich, musste
sich denen mitteilen, welche die Fäden von Anfang an in der Hand hielten, und
diese mussten zusehen, wie sie den furchtbarsten Zeugen ihrer Schuld wieder
unschädlich machen konnten, der nun, geschützt von einer Welt, ihnen als
Auferstandener gegenübertrat.«
    »Sehr fein, sehr fein«, murmelte der Hofrat beifällig, ohne merken zu
lassen, dass er keineswegs überzeugt war.
    Spät nachmittags kamen sie in die Stadt zurück. Caspar trennte sich von den
Herren und ging heimwärts. Auf dem Promenadeweg begegnete er Frau von Imhoff.
Sie begrüsste ihn und fragte, warum er sich so lange nicht bei ihr sehen lasse.
    »Hab keine Zeit, hab viel zu arbeiten«, antwortete Caspar, doch mit so
verlegenem Gesicht, dass die kluge Dame merkte, dies könne nicht der wahre Grund
sein. Sie unterliess es aber, ihn auszuforschen, und fragte ablenkend, ob er sich
auch des Frühlings recht erfreue.
    Caspar schaute in die Luft und in die Kronen der Ulmen, als habe er den
Frühling bis jetzt übersehen, und schüttelte den Kopf. Gern hätte er vieles
gesagt, das Herz war ihm voll, übervoll, doch auf der Zunge lag es wie ein
Stein, und er hatte nicht das Gefühl, dass diese Frau, so freundlich sie sich
auch gab, wirklich für ihn aufgelegt sei. Was kann es nutzen? dachte er.
    »Ich habe Ihnen einen Gruss zu bestellen,« sagte sie dann beim Abschied und
nachdem sie ihn für den Sonntag zu Tisch gebeten hatte; »erinnern Sie sich noch
der Geschichte meiner Freundin, die ich am Abend, als Lord Stanhope bei uns war,
erzählt habe? Die lässt Sie grüssen. Und ein Gruss bedeutet bei ihr viel.«
    »Wie heisst die Frau?« fragte Caspar, genau wie damals, nur nicht lächelnd
und froh, sondern zerstreut.
    Frau von Imhoff lachte; diese Wissbegier nach einem Namen erschien ihr
komisch. »Kannawurf heisst sie, Clara von Kannawurf«, antwortete sie gutmütig.
    Ganz hübsch, dass sie mich grüssen lässt, dachte Caspar, während er seinen Weg
fortsetzte, aber was kann es nutzen? Was solls mir nutzen?
 
                   Quandt begibt sich auf ein heikles Gebiet
Kaum war Caspar zu Haus in die Wohnstube getreten, so merkte er, dass etwas
Besonderes los sein musste. Quandt sass am Tisch und korrigierte mit finsterer
Miene die Schülerhefte, die Lehrerin wiegte den Säugling auf den Knien und
erwiderte, dem Beispiel ihres Mannes folgend, seinen Abendgruss nicht. Die Lampe
war noch nicht angezündet, ein scharlachner Abendhimmel flammte durch die.
Fenster, und als Caspar seinen Hut aufgehängt, ging er wieder hinaus in den Hof.
Dort spielte das vierjährige Söhnchen des Lehrers mit Schussern, Caspar setzte
sich daneben auf die Steinbank; nach einer Weile erschien Quandt, und kaum hatte
er die beiden beieinander gesehen, als er hineilte, das Kind bei der Hand
ergriff und es rasch wie von einem mit ansteckender Krankheit Behafteten
wegführte.
    Caspar folgte alsbald dem Lehrer ins Haus. Doch Quandt war nicht im Zimmer,
und er traf die Frau allein. »Was gibt es denn bei uns, Frau Lehrerin?« fragte
er.
    »Na, wissen Sie denn nicht?« versetzte die Frau befangen. »Haben Sie denn
nichts davon gehört, dass sich die Magistratsrätin Behold zum Fenster
heruntergestürzt hat? Es steht in der Nürnberger Zeitung heut.«
    »Heruntergestürzt?« flüsterte Caspar aufgeregt.
    »Ja; vom Dachboden ihres Hauses hat sie sich in den Hof gestürzt und den
Kopf zerschmettert. Die ganze letzte Zeit her soll sie sich wie eine Verrückte
aufgeführt haben.«
    Caspar wusste nichts zu sagen; seine Augen erweiterten sich, und er seufzte.
    »Es scheint Ihnen ja nicht besonders nahezugehen, Hauser«, liess sich
plötzlich die Stimme Quandts vernehmen, der leise hereingetreten war, als er die
beiden sprechen gehört hatte.
    Caspar wandte sich um und sagte traurig: »Sie war ein schlechtes Weib, Herr
Lehrer.«
    Quandt stellte sich dicht vor ihn hin und rief schneidend: »Unseliger, der
du dich nicht entblödest, das Andenken einer Toten zu besudeln! Das soll Ihnen
unvergessen bleiben! Nun haben Sie Ihre schwarze Seele entüllt! Pfui, pfui,
sage ich, und abermals pfui! Gehen Sie mir aus den Augen! Fällt es Ihnen denn
nicht aufs Herz, dass die Hingegangene am Ende vielleicht durch Sie, durch den
Kummer über den erlittenen Undank zu einer solchen Tat getrieben wurde? Ahnen
Sie das nicht? Freilich, ein Selbstsüchtling wie Sie schert sich wenig um die
Leiden andrer Menschen, ihm ist nur das eigne Wohlergehen wichtig.«
    »Mann, Mann, beruhige dich doch«, mischte sich die Lehrerin ein mit einem
scheuen Blick auf Caspar, der aschfahl geworden war und mit völlig geschlossenen
Augen dastand, während er die Fingerspitzen seiner Hände gegeneinander gelegt
hatte.
    »Du hast recht, Frau,« erwiderte Quandt, »ich vergeude meine Entrüstung an
taube Ohren. Was kann an einem Menschen noch zu bessern sein, der selbst dem Tod
gegenüber nicht ein bisschen Andacht und Demut aufbringt? Da ist Hopfen und Malz
verloren.«
    Als Caspar in sein Zimmer kam, glänzte noch die letzte Glut des
Sonnenuntergangs über den Hügeln. Er setzte sich ans Fenster, nahm einen der
Blumentöpfe zur Hand und schaute darauf nieder. Die Stengel in den
Hyazintenkelchen schüttelten sich, und ihm war, als vernehme er fernes Geläute.
Er wünschte sich das Angesicht einer Blume, um keinen Blick eines Menschenauges
erwidern zu müssen. Oder er wünschte wenigstens sich im Schoss einer Blume bergen
zu können, solange, bis das Jahr vorüber war, von dessen Wende er so vieles
hoffte. Dort könnte man stille sein und warten.
    In den nächsten Tagen wurde der Magistratsrätin keine Erwähnung getan,
Quandt vermied es sorgfältig, den Namen der Frau Behold zu nennen. Um so mehr
war er überrascht, als Caspar selbst davon anfing; am Samstag beim Mittagessen
sagte er plötzlich, es gereue ihn, was er über die Tote gesagt, er sehe ein, dass
es unrecht sei, eine Verstorbene anzuklagen.
    Quandt horchte hoch auf. Aha, dachte er, sein Gewissen regt sich! Aber er
entgegnete nichts, sondern verzog nur das Gesicht, als wolle er sagen: Lassen
wir das, ich weiss mein Teil. Doch stach ihn die Galle, und während sie alle drei
schweigend die Suppe löffelten, konnte er sich nicht entalten zu sagen: »Sie
müssten sich doch eigentlich bis in den Fussboden hinein schämen, Hauser, wenn Sie
an Ihr Benehmen gegen die unschuldige Tochter der Magistratsrätin denken.«
    »Wieso?« versetzte Caspar verwundert. »Was hab ich denn getan?«
    »Ei, wollen Sie auch jetzt noch das Lämmchen spielen?« antwortete der Lehrer
abschätzig. »Gottlob hab ich alles schriftlich und eigenhändig von der Seligen,
da hilft kein Leugnen.«
    Caspar staunte unruhig vor sich hin. Er fragte wieder, da ging Quandt zum
Sekretär, holte aus einer Schublade den Brief der Frau Behold hervor und las,
neben Caspar stehend, mit dumpfer Stimme vor: »Ist viel Gerede gewesen von
seinem keuschen Sinn und seiner Innocence in allem Dahergehörigen. Auch hierüber
kann ich ein Wörtlein melden, denn ich habs mit meinen eignen Augen gesehen, wie
er sich meiner damals dreizehnjährigen Tochter ... unziemlich und
unmissverstehlich näherte.«
    Caspar begriff allmählich. Langsam legte er Löffel und Brot beiseite, und
der Bissen blieb ihm im Munde stecken. Seine Augen wurden ganz dunkel, er erhob
sich, rief mit jammernder Stimme: »Ach, diese Menschen, diese Menschen!« und
stürzte hinaus.
    Das Ehepaar sah einander an. Die Lehrerin legte die Hand breit auf das
Tischtuch und sagte nachdrücklich: »Nein, Quandt, ich kanns nicht glauben. Da
muss sich die selige Rätin geirrt haben. Er weiss doch nicht mal, was eine Frau
ist.«
    Auch Quandt war gerührt. »Das eben steht dahin, das wäre zu beweisen«,
meinte er kopfschüttelnd. »Du bist leichtgläubig, meine Gute. Ich erinnere dich
nur daran, dass er bei der Geburt unsers Mädchens zu meiner Befremdung wie ein
gereifter Mann über die Sache sprach. Es war mir das gleich enorm verdächtig.
Immerhin gebe ich zu, dass Frau Behold in dem Brief zu weit gegangen sein mag und
dass ich mich infolgedessen zu einer Übereilung habe hinreissen lassen. Aber ich
muss dahinterkommen, wie weit seine Wissenschaft in dem Punkte geht, denn an sein
Kindergemüt, das weisst du, glaub ich nun einmal nicht.«
    »Du musst ihn wieder versöhnen, Quandt, es war zu arg, das da«, sagte die
Lehrerin.
    Quandt machte eine bedenkliche Miene. »Versöhnen? Ja, gut; ich wills gern
tun. Aber er ist dann immer so lieb und anschmiegsam, dass man ihm schwer
widerstehen kann, und dadurch wird das objektive Urteil getrübt. Ich werde
morgen einmal mit dem Pfarrer Fuhrmann über das Tema sprechen.«
    Gesagt, getan. Doch leider zeigte Quandt bei diesem Anlass die
Umständlichkeit einer alten Jungfer und umschrieb das, was er sagen wollte, mit
blühenden Redefiguren, als ob zwischen Mann und Weib nur Beziehungen äterischer
Art wären, die zuweilen unglücklicherweise in den Staub gezogen und befleckt
würden durch beleidigende, aber nicht auszurottende Zwischenfälle.
    Der geistliche Herr musste lächeln. Nach einigem verwunderten Nachdenken
antwortete er, er habe an Hausers Charakter nach dieser Richtung etwas
Anstössiges nicht im geringsten beobachtet, Caspar scheine ihm in allem, was das
Verhältnis der Geschlechter betreffe, noch ein vollständiges Kind. Zum Beweis
dessen erzählte er dem Lehrer, dass Caspar vor ungefähr einem Monat beim Lesen
einer Bibelstelle, die ihm aufgefallen war und die er ihm so gut es ging
erklärt, mit schönem Zaudern von einer gewissen wiederkehrenden Beunruhigung
gesprochen habe, einem Zustande, der ihn sicherlich schon oft bedrängt und für
dessen Deutung er nirgends eine vertrauende Ansprache gefunden. Der alte Mann
versicherte, dass ihm die Art und Weise, wie Caspar dies vorgebracht,
unvergesslich sein werde, es habe wie ein ahnungsloser Vorwurf gegen die Natur
geklungen, die etwas mit ihm anstellte, wogegen er sich nicht wehren könne.
    Quandt liess sich kein Wort entgehen. Er sah das mit ganz andern Augen an. Er
erblickte darin die Merkmale einer verderbten Phantasie. Doch äusserte er von
seiner Ansicht gegen den Pfarrherrn nichts, sondern begab sich in stillem
Vorbedacht nach Hause, legte sich emsig auf die Lauer und passte die Gelegenheit
ab.
    Am Tag darauf sollte Caspar bei Imhoffs essen, er kam aber wieder zurück,
denn die Baronin war krank und lag zu Bett. Beim Abendtisch kam das Gespräch
darauf, und da Quandt sein Bedauern ausdrückte, sagte Caspar: »Ach, die wird
vielleicht nie mehr ganz gesund.«
    »Was reden Sie da, Hauser,« fiel die Lehrerin ein, »so eine junge Frau, so
reich und so schön.«
    »Ach,« entgegnete Caspar wehmütig, »Reichtum und Schönheit tuns nicht. Die
hat sich schon zu sehr hinuntergegrämt.«
    »Ja, hat sie denn ihren Kummer am Ende Ihnen anvertraut?« forschte Quandt
ungläubig.
    Caspar beantwortete die Frage nicht und fuhr wie zu sich selbst redend fort:
»Nichts fehlt ihr auf der Welt, nur der Mann ist nicht, wie er sein sollte, hat
andre lieber. Warum? Er ist doch sonst so gescheit. Aber wenn sich die Frau auch
zu Tod betrübt, deshalb wird es nicht besser. Und die Leute hinterbringen ihr
alles; ich hab ihr gesagt, das sind keine Freunde, die Ihnen solches Zeug
erzählen, wahre Freunde sind das nicht.«
    »Hm«, machte Quandt und schaute eigentümlich lächelnd auf seinen Teller. Er
besiegte sein Schamgefühl und fragte mit gezwungener Leichtigkeit, ob denn Herr
von Imhoff in neuerer Zeit seiner Frau wieder Anlass zur Sorge gegeben habe,
seines Wissens habe doch erst im März eine Versöhnung stattgefunden.
    »Ja, freilich hat er Anlass gegeben,« versetzte Caspar unbefangen, »es ist ja
wieder ein Kind von ihm da.«
    Quandt erschrak. Da haben wirs, dachte er. Und so hart es ihn auch ankam, er
beschloss, Caspar gleich auf den Zahn zu fühlen. Er wechselte mit seiner Frau
einen Blick des Einverständnisses und bat sie, sie solle nach den Kindern
schauen. Als nun die Frau das Zimmer verlassen hatte, wandte sich der Lehrer,
blass und aufgeregt durch die Schwierigkeit seines Vorhabens, an Caspar und
fragte ihn unvermittelt, ob er schon einmal mit einem Frauenzimmer etwas gehabt
habe, es lägen verschiedene Mutmassungen vor, und Caspar möge offen wie mit einem
Vater zu ihm reden.
    Diese Worte stimmten Caspar dankbar; er sah in ihnen ein Zeichen von
Teilnahme, obgleich er ihren Sinn und Zweck nicht verstand, sondern bloss das
trübe Element, aus dem sie stiegen, furchtsam ahnte.
    Er überlegte. »Mit einem Frauenzimmer? Ja wie?« murmelte er.
    »Meine Frage ist doch deutlich, Hauser; stellen Sie sich nicht so kindisch.«
    »Ja, ich versteh schon,« sagte Caspar eilig, um die gute Laune des Lehrers
nicht zu verscherzen; »und da ist auch was gewesen.«
    »Na, nur heraus damit! Nur Mut!«
    Und harmlos begann Caspar zu erzählen: »So vor ungefähr sechs Wochen hab ich
meinen Sonntagsanzug zur Putzerin in die Uzensgasse getragen. Sie wissen doch,
Herr Lehrer, es ist das kleine Haus neben dem Bäcker. Wie ich hingekommen bin,
war der Laden versperrt, da bin ich hinauf in die Wohnung gegangen und hab an
die Tür geklopft. Da hat mir ein junges Mädle aufgemacht und war im Nachtkleid,
weiter hat sie nichts am Leib gehabt, die ganze Brust hat man sehen können, es
war scheusslich. Sie hat mir die Sachen abgenommen und hat gesagt, sie wollt es
der Putzerin ausrichten. Ich war immer noch vor der Tür. Komm nur herein, sagt
sie. Da bin ich hinein und frage, was sie will. Da hat sie angefangen vor mir
herumzutänzeln, hat gelacht und sonderliches Zeug geredet, hat mich gefragt, ob
ich ihr Bräutigam sein will, und zuletzt -« er zögerte lächelnd.
    »Zuletzt? Was zuletzt?« fragte Quandt, indem er den Kopf weit vorbeugte.
    »Zuletzt hat sie verlangt, ich soll ihr einen Kuss geben.«
    »Nun, und?«
    »Da hab ich ihr gesagt, dazu soll sie sich einen andern wünschen, ich
versteh' mich nicht aufs Schmatzen.«
    »Und weiter?«
    »Weiter? Weiter war nichts. Ich bin dann fortgegangen und sie hat mir vom
Fenster aus nachgeschaut.«
    »Wie konnten Sie denn das bemerken?«
    »Weil ich mich umgedreht hab.«
    »So so. Umgedreht. Wie heisst die Person?«
    »Das weiss ich nicht.«
    »Das wissen Sie nicht? Hm. Und ... ein zweites Mal waren Sie nicht dort?«
    Caspar verneinte.
    »Schöne Geschichten«, murmelte Quandt und erhob sich mit einem Blick zum
Himmel.
    Er spürte vorsichtig nach. Er erfuhr, dass bei jener Putzmacherin wirklich
ein Frauenzimmer zweifelhafter Gattung zur Miete wohne. Der Erzählung Caspars
noch näher auf den Grund zu gehen hinderte ihn die Rücksicht auf seinen Ruf,
hatte er doch ohnehin den Eindruck gewonnen, dass der Jüngling an der ganzen
Begebenheit so unschuldig nicht sein könnte, als er sich anstellte; denn, so
argumentierte er, zu einem derartig niedrigen Benehmen wie dem jenes weiblichen
Geschöpfs kann nur ein Mensch Anlass geben, dem eine gewisse moralische
Unzulänglichkeit auf der Stirn geschrieben steht.
    Ja, wenn er nicht lügen würde, dann wäre alles anders, dachte Quandt; aber
er lügt, er lügt, und das ist das Fürchterliche. Hat er mir nicht erzählt, die
Herzogin von Kurland habe ihm ein Dutzend gestickter Taschentücher geschenkt?
Kein Wort wahr. Hat er nicht behauptet, er kenne den Ministerialrat von Spiess
und habe im Schlossteater mit ihm gesprochen? Lüge. Hat er nicht dem Musikus
Schüler weisgemacht, er habe die Idyllen von Gessner gelesen, und als ich ihn
danach fragte, wusste er kein Wort darüber zu sagen, wusste nicht einmal, was eine
Idylle ist? Gibt er nicht immer vor, dringende Besorgungen zu haben, einmal für
den Präsidenten, das andre Mal für den Hofrat, und später zeigt es sich, dass er
bloss herumgebummelt ist, um einen neuen Schlips spazierenzutragen? Steht das
nicht alles fest, oder bin ich selbst so dumm und so ungerecht, dass ich diesen
Dingen eine Bedeutung zumesse, die niemand sonst darin finden kann?
    Quandt wandte sich an den Pfarrer Fuhrmann und legte ihm Punkt für Punkt die
verdammenswerten Vergehungen vor.
    »Sehen Sie denn nicht, lieber Quandt,« sagte darauf der Pfarrer, »dass das
lauter armselige, kleine Lüglein sind, kaum dass sie den Namen verdienen? Es ist
das mehr ein Sichliebmachenwollen oder eine durch ihre Ohnmacht
bemitleidenswerte Anstrengung, Fesseln abzustreifen, oder gar nur das harmlose
Vergnügen an einem Wort, an einer Redensart. Vielleicht spielt er nur mit seiner
Zunge, wie er andre Menschen damit spielen sieht, nur eben viel ungeschickter.«
    »So?« ereiferte sich Quandt, »dann will ich Ihnen, Hochwürden, eine
Geschichte erzählen, die den strikten Beweis des Gegenteils erbringt. Hören Sie
zu. Vorige Woche findet unsre Magd des Morgens seinen Leuchter mit abgebrochener
Handhabe; sie zeigt es meiner Frau, meine Frau macht mich darauf aufmerksam, und
ich konstatiere, dass der Henkel nicht abgebrochen, sondern abgeschmolzen ist;
das Rohr war bis ganz hinunter von der Hitze des Lichtes schwarzgebrannt und von
aussen rötlichblau überflammt, in der Schale konnte man deutlich sehen, wie hoch
das zerflossene Unschlitt gereicht und wie es an mehreren Stellen abgeschabt
war; von der ganzen Kerze, die Hauser den Abend zuvor erhalten, war keine Spur
mehr da. Nun müssen Sie wissen, dass ich ihm streng verboten hatte, bei
Kerzenlicht zu lesen oder zu arbeiten; trotzdem wollte ich ihn schonen und liess
ihn nur durch meine Frau verwarnen. Aber da leugnet er plötzlich alles ab,
versichert, dass er die Kerze weder wissentlich habe verbrennen lassen, noch
dabei eingeschlafen sei und erkühnt sich am Ende zu der Behauptung, es sei gar
nicht sein Leuchter, sondern der der Magd, denn beide sähen gleich aus. Was
sagen Sie dazu?«
    Der Pfarrer zuckte die Achseln. »Wir dürfen doch nicht vergessen, dass er
trotz allem ein Wesen von besonderer Beschaffenheit ist«, erwiderte er
nachdenklich. »Ich habe mich selbst davon überzeugt. Ich besitze eine kleine
Elektrisiermaschine, mit der ich manchmal ein bisschen experimentiere. Neulich
nahm ich das Ding vor, während Caspar dabei war, liess die Funken springen und
lud die Leidener Flasche. Da wird mir der arme Mensch bleich und zusehends
bleicher, fängt zu zittern an, spreizt die Finger starr von sich, und sein
Körper zuckt wie ein Hecht, den man auf den Sand wirft. Ich war sehr erschrocken
und räumte das Zeug beiseite, worauf er wieder in seinen gewöhnlichen Zustand
zurückkehrte. Doch schmerzte ihn der Kopf noch tagelang nachher, wie er mir
gestand; wenn er im Bette lag, hatte er kalten Schweiss, und die Dinge, die er
anfühlte, stachen ihn wie mit winzigen Nadeln. Bezeichnenderweise sagte er, beim
Gewitter sei ihm jedesmal ähnlich, da kitzle ihn und brenne ihn das Blut, dass er
immerfort schreien möchte.«
    
    »Und daran glauben Sie?« rief Quandt, die Hände zusammenschlagend.
    »Ja, warum denn nicht?«
    »Nun, wenn Sie daran glauben, befinde ich mich allerdings in einem grossen
Nachteil gegen den Menschen, das muss ich zugeben«, sagte Quandt. »Das muss ich
zugeben«, wiederholte er bekümmert.
    So ist es immer, dachte der Lehrer auf dem Nachhauseweg; erst wird
entschuldigt und beschönigt, und wenn man seine triftigen Gründe vorbringt,
werden die Achseln gezuckt, und man tischt einem Histörchen auf, die nicht
gestogen und geflogen sind, und von denen sich kein Jota beweisen lässt. Was für
ein Satan steckt doch in dem Burschen, dass er überall Neigung und Teilnahme zu
erwecken versteht, wo er sich auch zeigen mag! Dass kein Mensch seine Laster
sehen will und ganz fremde Leute, darauf versessen, ihn kennenzulernen, das
windigste Entzücken äussern und ihn verhätscheln, als ob sie verzaubert wären,
als ob er ihnen ein Liebestränkchen eingegeben hätte!
    Das erbitterte Quandt. Er sagte sich: nehmen wir an, ich träte unter
unbekannte Menschen und gäbe vor, der Heilige Geist oder sein Apostel zu sein
oder spielte mich als Wundertäter, auf, und es fiele dem oder jenem bei, ein
wirkliches Wunder zu verlangen, und ich müsste zugeben, es sei die blanke
Spiegelfechterei, was würde da passieren? Man würde mich ins Narrenhaus stecken
oder mit Prügeln traktieren; ja, das würde man, wenn ich auch noch so ein
Engelsgesicht aufsetzte, das würde man, und mit Recht; nicht aber würde man mich
mit Geschenken überhäufen und mich anhimmeln und meine schönen Augen und weissen
Hände bewundern und mir Haare zum Andenken abschneiden, wie ich das, Gott seis
geklagt, von einer verblendeten Menschheit hier erleben muss.
    Aus einem Selbstgespräch solcher Art geht klar hervor, wieviel
Kopfzerbrechen und welche ernste Seelenkämpfe dem Lehrer aus dem Umgang mit
seinem Zögling erwuchsen.
    Und was war früher mit ihm? grübelte Quandt. Wo kommt er eigentlich her?
Dahinter müsste doch zu kommen sein. Wie hat er sich das alles zurechtgelegt,
womit er die Dunkelmänner betört? Ja, das ist eben das Geheimnis, sagen die
Dunkelmänner. Geheimnis? Es gibt kein Geheimnis; ich verwerfe das Geheimnis. Die
Welt von oben bis unten ist ein klares Gebilde, und wo die Sonne scheint,
verstecken sich die Eulen. Gäbe mir nur der Herrgott einen Wink, wie ich dieser
diabolischen Verstellungskunst zu Leibe gehen könnte! Man müsste einmal ernstlich
zusehen, wie es mit dem Tagebuch beschaffen ist und was dahintersteckt. Das
Tagebuch scheint zu existieren, es scheint damit seine Richtigkeit zu haben,
abgesehen von allem Geflunker; vielleicht ist es eine Art Beichtgelegenheit für
ihn; man muss dahinterkommen.
    Die Begebenheiten halfen Quandt, rascher dahinterzukommen, als er gehofft.
 
                                Eine Stimme ruft
Eines Nachmittags im Hochsommer erschien Hickel und reichte Caspar einen an ihn,
den Polizeileutnant, gerichteten, aber im Grunde für Caspar bestimmten Brief des
Grafen Stanhope, in welchem dieser dem Jüngling klipp und klar befahl, das
Tagebuch an Hickel auszuliefern.
    Caspar überlas das Schreiben dreimal, ehe er endlich Worte fand; er weigerte
sich zu gehorchen.
    »Ja, mein Bester,« sagte Hickel, »wenn es nicht gutwillig geht, muss ich
leider Gewalt anwenden.«
    Caspar besann sich, dann sagte er mit trüber Stimme, der einzige, dem er das
Tagebuch geben könne, sei der Präsident, und dem wolle er es morgen bringen,
wenn man darauf bestehe.
    »Gut,« entgegnete der Polizeileutnant, »ich werde Sie morgen früh abholen,
und dann gehen wir mit dem Heft zum Präsidenten.«
    Hickel wollte Zeit gewinnen. Er hatte natürlich keine Lust, das Tagebuch in
die Hände Feuerbachs kommen zu lassen, gerade dies zu verhindern, hatte er
Auftrag, und er überlegte, was zu tun sei. Was Caspar betrifft, so stahl er sich
gegen Mittag aus dem Haus und lief in die Wohnung des Präsidenten, um sich zu
beschweren. Feuerbach war im Senat; Caspar vertraute seine Sorge der Tochter an,
und diese versprach dem Vater Bericht zu geben.
    Nachmittags läutete es bei Quandts, und der Präsident trat ins Zimmer.
Mittlerweile hatte Caspar, um auch diesem sonst verehrten Mann den gehüteten
Schatz nicht ausliefern zu müssen, sich eine Ausrede erdacht, und als der
Präsident im Beisein Quandts nach dem Tagebuch fragte und ob es wahr sei, dass er
es nicht zeigen wolle, sagte er schnell, er habe es verbrannt.
    Da gab es dem Lehrer einen Ruck, und er konnte sich eines zornigen Ausrufs
nicht entalten.
    »Wann haben Sie es verbrannt?« fragte Feuerbach ruhig.
    »Heute.«
    »Und warum?«
    »Damit ichs nicht hergeben muss.«
    »Warum wollen Sie es nicht hergeben?«
    Caspar schwieg und starrte zu Boden.
    »Das ist eine Lüge, er hat es nicht verbrannt, Exzellenz«, zeterte Quandt,
bebend vor Ärger. »Und wenn er überhaupt ein Tagebuch geführt hat, so muss es
schon länger beiseite gebracht sein. Von Weihnachten an hab ich es überall
gesucht, in jedem Winkel seines Zimmers hab ich Umschau gehalten, und nie,
niemals war eine Spur davon zu finden.«
    Der Präsident schaute Quandt aus grossen Augen stumm und verwundert an; es
war ein Blick, der etwas Mattes und Gramvolles hatte. »Wo war denn das Tagebuch
aufbewahrt, Caspar?« fuhr er dann zu fragen fort.
    Caspar antwortete zaudernd, er habe es bald da, bald dort versteckt; bald
unter den Büchern, bald im Schrank, zuletzt an einem Nagel hinter der
Schreibkommode. Quandt schüttelte dabei unaufhörlich den Kopf und lächelte böse.
»Haben Sie denn den Nagel selbst eingeschlagen?« inquirierte er.
    »Ja.«
    »Wer hat Ihnen die Erlaubnis dazu erteilt?«
    »Gehen Sie jetzt, Caspar«, schnitt der Präsident das Zwiegespräch
gebieterisch ab. »Ich begreife nicht,« wandte er sich, als Caspar draussen war,
an den Lehrer, »weshalb Lord Stanhope plötzlich so grosses Gewicht auf das
Tagebuch legt; wahrscheinlich überschätzt er die ohne Zweifel harmlosen
Schreibereien. Mit Güte und Überredung wäre man übrigens besser gefahren als
durch einen kategorischen Befehl.«
    »Güte, Überredung?« versetzte Quandt händeringend. »Da haben Euer Exzellenz
einen schlechten Begriff von diesem Menschen. Durch Güte entfesselt man nur
seine Selbstsucht, und jeder Versuch, ihn zu überreden, vergrössert seine
Bockbeinigkeit. Ja, er dünkt sich schon etwas, stellt sich auf die Hinterfüsse,
hält Widerpart und ist fähig, mir eine Antwort zu geben, dass ich dastehe wie vor
den Mund geschlagen. Euer Exzellenz mögen verzeihen, aber ich bin der Meinung,
dass sogar Sie durch Güte und Überredung nichts mehr bei ihm ausrichten können.«
    »Na, na«, machte Feuerbach, schritt zum Fenster und sah düster in die
regentriefenden Zweige des Birnbaums, der an der Hofmauer wuchs.
    »Ich getraue mich auch, Euer Exzellenz auf das allerbestimmteste zu
versichern, dass er das Tagebuch nicht verbrannt hat«, schloss Quandt mit
beschwörender Stimme.
    Der Präsident antwortete nichts. Wie widerwärtig war es ihm, all den kleinen
Hader austragen zu sollen, den sie ihm da herbeischleppten. Ihn dürstete nach
Frieden. Das eine Werk noch, vollendet musste es werden, dann - Frieden.
    Kaum war Feuerbach gegangen, so eilte Quandt in Caspars Zimmer, rückte die
Schreibkommode von der Wand und sah nach, ob dort ein Nagel stecke. In der Tat
war ein Nagel ins Holz geschlagen. Quandt rief die Magd herauf »Hat der Hauser
in letzter Zeit den Hammer gehabt, und haben Sie ihn klopfen gehört?« fragte er.
Die Magd bejahte; er habe vorige Woche Hammer und Nägel aus der Küche geholt,
und sie habe ihn klopfen gehört.
    Plötzlich hatte Quandt eine Erleuchtung. Wir sind ja im Sommer, dachte er,
und wenn er das Heft wirklich verbrannt hat, muss die Asche noch im Ofen zu
finden sein. Er ging zum Ofen, kniete nieder, öffnete das Türchen und scheuerte
mit gierigen Händen alles, was von verbrannten und verkohlten Resten in dem Loch
war, heraus auf den Boden.
    Es kam viel Papierasche zum Vorschein. Quandt gab acht, dass die grösseren
Stücke nicht zerbrachen, da man auf Asche eine Schrift noch lesen kann. Sorgsam
schob er die Trümmer auseinander. Er fürchtete das eine oder das andre mit dem
Finger anzugreifen und blies es mit dem Atem seines Mundes zur Seite; wenn es
beschrieben war, versuchte er die Worte zu lesen, fand aber keinen Zusammenhang.
    Da näherten sich Schritte, und Caspar trat ein, nicht wenig erstaunt über
die Lage, in der er den Lehrer sah, dessen Hände und Gesicht von Russ geschwärzt
waren, indes ihm der Schweiss von den Haaren troff.
    Quandt liess sich nicht stören. »Soviel Asche kann doch unmöglich von dem
einen Tagebuch herrühren«, sagte er.
    »Ich hab auch alte Briefe und Schriften damit verbrannt«, erwiderte Caspar.
    Die kühlsachliche Antwort trieb Quandt die Zornröte ins Gesicht; er stand
hastig auf, murmelte etwas durch die Zähne und verliess das Zimmer, die Tür
hinter sich zudonnernd. »Sie kommen mir heut abend nicht mit auf die Ressource«,
schrie er auf der Stiege.
    In der »Ressource« war ein Gartenfest, das der Schützenverein veranstaltete.
Quandt hatte eigentlich keine Lust, hinzugehen, dergleichen kostete immer Geld.
Aber die Frau wollte auch einmal ein Amüsement haben, war des verdriesslichen
Zuhausehockens satt. Sie hatte sich schon vor acht Tagen ein Kattunkleid für
diesen Zweck gemacht, und so musste denn der Lehrer sich fügen und, wie er sich
ausdrückte, der Unvernunft seinen Zoll entrichten, zumal das Wetter gegen Abend
schön geworden war.
    Caspar blieb, bis die Dunkelheit anbrach, am offenen Fenster sitzen und
genoss der Stille. Dann machte er Licht, und ein Lächeln umspielte seine Lippen,
als er zur Wand ging, den Stahlstich über dem Kanapee herunternahm, die hinter
dem Bild befestigte Holztafel loslöste und nun das so verborgene Tagebuch
hervorzog. Er setzte sich damit zum Tisch, blätterte nachdenklich in dem Heft
herum und überlas einige Stellen.
    Hier war ein Lebensalter, eine Menschwerdung zusammengepresst in den Verlauf
von nicht mehr als vier Jahren, mit unheimlicher Geschwindigkeit Epoche an
Epoche drängend. Was es an mangelhaft Ausgesprochenem, Geschildertem entielt,
die unschuldigen Ergüsse erster Freuden und Schmerzen, das erste bange
Welterkennen, knabenhafte Philosophie und trotziges Hadern mit ahnungsvoll als
feindlich empfundenen Mächten irdischer und überirdischer Natur, alles das hätte
die auf diese Beute versessenen Jäger bitter enttäuscht. Aber es war nicht für
jene, es war für die Mutter, ihr war es zugelobt ein für allemal, und mit der
ihm eignen Wunderlichkeit war Caspar der Gedanke ganz unfasslich, dass ein andres
Auge je auf diesen Blättern ruhen sollte. Es mag auch sein, dass ihm das Heft
nach und nach in der Einbildung zu seinem einzigen wirklichen Besitz geworden
war; das einzige Ding, das ihm völlig zugehörte und sein ganzes Vertrauen besass.
    Auf einer der ersten Seiten stand: »Neulich hab ich aus Gartenkresse meinen
Namen gesäet, ist recht schön gewachsen und hat mir grosse Freude gemacht. Ist
einer in den Garten hereingekommen, hat Birnen gestohlen, der hat mir meinen
Namen zertreten, da hab ich geweint. Herr Daumer hat gesagt, ich soll ihn wieder
machen, hab ihn wieder gemacht, am andern Morgen haben ihn Katzen zertreten.«
    Es folgten in demselben unbeholfenen Stil einige Versuche, seine Kerkerhaft
zu beschreiben, etwa so: »Die Geschichte von Caspar Hauser; ich will es selbst
erzählen, wie hart es mir ergangen. Zwar da, wo ich eingesperrt war in dem
Gefängnis, ist es mir recht gut vorgekommen, weil ich von der Welt nichts gewusst
und keinen Menschen niemals gesehen habe.«
    In diesem Ton ging es weiter; späterhin kamen einige zum Schönrednerischen
strebende Stellen, und eine begann mit dem Satz: »Welcher Erwachsene gedächte
nicht mit trauriger Rührung an meine unverdiente Einsperrung, in der ich meine
blühendste Lebenszeit zugebracht habe, und wo so manche Jugend in goldenen
Vergnügungen lebte, da war meine Natur noch gar nicht erwecket.«
    Träume, Hoffnungen, Sehnsuchtsbilder, Berichte über kleine Ausflüge, über
Unterhaltungen mit Fremden; hier und da ein beherzigenswertes Wort, in einem
Buch gefunden oder aus einem Wust sonst inhaltloser Gespräche geklaubt;
allmählich Sätze, an denen etwas wie persönlicher Schliff hervortrat und eine
merkwürdige verhüllte Düsterkeit des Stils. Unmittelbar war nie ein Kummer, ein
Urteil, eine Meinung ausgedrückt; er hatte es eben, wie Quandt diese Eigenschaft
formulierte, hinter den Ohren. Von einem bedeutungsvollen Tag stand oft nur das
Datum vermerkt und daneben ein Sternchen; manches Ereignisses war nur in scheuen
Umschreibungen gedacht; auch Lakonismen waren diesem Geist nicht fremd; so hiess
es von dem Mordanfall in Daumers Hause kurz: »Der Erntemonat wäre bald mein
Sterbemonat geworden.«
    Kleine Vorfälle des täglichen Lebens: »Gestern hat mich eine Biene
gestochen, das Fräulein von Stichaner hat mir die Wunde ausgesaugt, sie sagte,
wen die Biene sticht, der hat Glück.« Oder: »Gestern war eine Feuersbrunst, über
Dautenwinden hat der Wald gebrannt, ich bin die halbe Nacht am Fenster gesessen
und hab gedacht, die Welt geht unter.«
    Sinnliche Empfindlichkeiten kamen zu lapidarem Ausdruck: »Herr Quandt riecht
nach alter Luft, die Lehrerin nach Wolle, der Hofrat nach Papier, der Präsident
nach Tabak, der Polizeileutnant nach Öl, der Herr Pfarrer nach Kleiderschrank.
Fast alle Menschen riechen schlecht, nur der Graf hat wie ein Leib gerochen, an
dem nichts ist als guter Odem.«
    Dem Grafen war manche Seite gewidmet; hier wurde der Ton poetisch und nicht
selten drängend in der Art eines Gebets. Stanhope und die Sonne wurden zu
Bildern von verwandter Kraft. Seit dem Abschied aus Nürnberg hatte das
aufgehört, der Name des Lords wurde nicht mehr erwähnt, nur das Gelöbnis vom
achten Dezember war aufgeschrieben.
    Aus den letzten Tagen stammte eine Zeichnung, welche über die Hälfte einer
Seite füllte: die Umrisse eines männlichen Kopfes, mit auffallend geschickter
Hand festgehalten. Es war ein fremdartiges Gesicht, keinem irdischen ähnlich,
eher dem einer Statue, doch wie aus einer schauerlichen Vision gerissen, von
schmerzlicher Unbewegteit. Darunter war geschrieben:
O grosser Mensch, was tuest du mir an?
Du folgest mir, und meine Spur ist blind,
Und so du mich erschaust, bin ich verwandelt.
Dem Kerker ist entflohn das arme Kind,
Der Mantel fehlt und Krone auch und Schwert,
Und ohne Reiter läuft das weisse Pferd.
    Die Zeichnung war in der Nacht gefertigt worden; aus einem Traum auffahrend,
hatte Caspar das Gesicht vor sich gesehen; er war aus dem Bett gesprungen und
hatte es beim Mondlicht gezeichnet. Die Verse hatte er am Morgen beim Erwachen
fertig auf den Lippen gefunden. Ihrem Sinn hatte er nicht weiter nachgegrübelt,
erst jetzt wurde er stutzig und flüsterte die Worte mehrere Male vor sich hin.
    Mittlerweile war es spät geworden, Caspar wollte gerade vom Tisch aufstehen,
da hörte er das Haustor knarren, rasche Schritte näherten sich, es klopfte an
die Tür, und Quandts Stimme befahl zu öffnen. Erschrocken blies Caspar das Licht
aus. Im Finstern tastete er sich zum Sofa, brachte das Tagebuch wieder in sein
Versteck, und während Quandt immer stärker pochte, gelang es ihm, das Bild an
den Nagel zu hängen.
    Quandt hatte nämlich, vom Spitalweg kommend schon aus der Ferne in Caspars
Zimmer Licht bemerkt. Er packte seine Frau am Arm und rief: »Sieh mal, Frau,
sieh mal!«
    »Was gibts denn schon wieder?« murrte die Frau, die voll Ärger darüber war,
dass Quandt ihr mit seiner übeln Laune den ganzen Abend verdorben hatte.
    »Jetzt hast du doch den Beweis, dass er bei der Kerze sitzt«, sagte Quandt.
    Das Haus hatte durch ein Gartenpförtchen auch einen Zugang von der
Rückseite. Quandt wählte den, und als er mit der Frau im Hof stand, fiel ihm
ein, ob er nicht zuerst den Jüngling auf irgendwelche Art belauschen und sehen
könne, was er treibe. Der Birnbaum an der Mauer war wie geschaffen dazu. Quandt
war geschickt und kräftig, ohne Mühe erklomm er die Mauer und dann einen breiten
Ast, von wo er Caspars Zimmer überschauen konnte. Was er sah, genügte. Nach
kurzer Weile kam er aufgeregt herab, raunte seiner Frau zu: »Ich hab ihn
erwischt, Jette«, und stürzte ins Haus und die Stiege empor.
    Da sich auf sein Klopfen drinnen nichts rührte, geriet er in Wut. Er fing
an, mit den Fäusten, sodann mit den Absätzen an die Tür zu trommeln, und als
auch dies nichts half, beschloss der beklagenswerte Mann in seiner Raserei, ein
Beil zu holen und die Türe einzuschlagen. Vorher lief er noch geschwind in den
Hof zurück und sah, dass es in Caspars Zimmer indessen finster geworden war, ein
Umstand, der seinen Zorn nur noch steigerte.
    Von dem Lärm waren die Kinder und die Magd aufgewacht; die Lehrerin trat
Quandt jammernd entgegen, als er mit der Holzhacke aus der Küche rannte. Er
stiess sie weg, schäumte: »Ich wills ihm schon zeigen«, und stürzte wieder
hinauf.
    Nach dem ersten Schlag mit dem Beil öffnete sich die Tür, und Caspar trat im
Hemd auf die Schwelle. Der Anblick der ruhigen Gestalt hatte etwas so
Unerwartetes und Ernüchterndes für den Lehrer, dass er förmlich zusammenklappte,
nichts zu sagen und zu tun wusste und nur sonderbar mit den Zähnen knirschte.
»Machen Sie Licht«, murmelte er nach einem langen Stillschweigen. Doch schon kam
die Frau mit einem Licht, leise heulend, die Stiege herauf. Caspar erblickte das
Beil im gesenkten Arm des Lehrers und fing an, heftig zu zittern. Bei diesem
Zeichen von Furcht verlor Quandt vollends die Haltung. Er schämte sich, und tief
aufseufzend sagte er: »Hauser, Sie bereiten mir grossen Kummer.« Damit drehte er
sich um und ging langsam hinunter.
    Caspar schlief erst ein, als der Tag dämmerte. Beim Frühstück, vor der
gewohnten Unterrichtsstunde, erfuhr er, dass Quandt schon ausgegangen sei. Es
wurde Mittag, und während des Essens war der Lehrer vollkommen stumm; mit dem
letzten Bissen erhob er sich und sagte: »Um fünf Uhr seien Sie auf Ihrem Zimmer,
Hauser. Der Polizeileutnant will mit Ihnen sprechen.«
    Caspar legte sich oben aufs Kanapee. Es war ein heisser Augusttag,
Gewitterwolken lagerten am Himmel, am offenen Fenster flogen Schwalben ängstlich
zwitschernd vorüber, die schwül erhitzte Luft surrte und sang im engen Gemach.
Noch müde von der Nacht, entschlummerte Caspar alsbald, und erst ein heftiges
Rütteln an seiner Schulter weckte ihn. Hickel und der Lehrer standen neben ihm,
er setzte sich auf, rieb die Augen und sah die beiden Männer schweigend an.
Hickel knöpfte mit einer amtlichen Gebärde seinen Uniformrock zu und sagte: »Ich
fordere Sie hiermit auf, Hauser, mir Ihr Tagebuch abzuliefern.«
    Caspar erhob sich tiefatmend und antwortete mit einer mehr von innerem Zwang
als Mut eingegebenen Festigkeit: »Herr Polizeileutnant, ich werde Ihnen mein
Tagebuch nicht geben.«
    Quandt schlug die Hände zusammen und rief klagend: »Hauser! Hauser! Sie
treiben Ihre unkindliche Widersetzlichkeit zu weit.«
    Caspar schaute sich verzweifelt um und erwiderte zuckenden Mundes: »Ja, bin
ich denn ein Eigentum von einem andern? Bin ich denn wie ein Tier? Was wollen
Sie denn noch? Ich hab ja schon gesagt, dass ich das Buch verbrannt habe!«
    »Wollen Sie etwa leugnen, Hauser, dass Sie heute nacht bei der Kerze
geschrieben haben?« fragte Quandt dringlich. »Briefe haben Sie doch nicht zu
schreiben gehabt, und mit den Exerzitien waren Sie fertig.«
    Caspar schwieg. Er wusste nicht ein noch aus.
    »Ein guter Mensch hat überhaupt die Einsicht in sein Tagebuch nicht zu
scheuen,« fuhr Quandt fort, »im Gegenteil, sie muss ihm erwünscht sein, da doch
seine Unbescholtenheit damit bezeugt wird. Sie am allerwenigsten, lieber Hauser,
haben Grund, ein geheimes Tagebuch zu führen.«
    »Wie lange werden Sie uns noch warten lassen?« fragte Hickel mit höflicher
Kälte.
    »Da will ich doch lieber sterben, als dass ich das alles aushalten soll!«
rief Caspar und hob den Arm, um sein Gesicht darin zu verbergen.
    »Nun, nun,« sagte Quandt beunruhigt, »wir meinen es ja gut mit Ihnen, auch
der Herr Polizeileutnant will nur Ihr Bestes.«
    »Freilich«, bestätigte Hickel trocken; »übrigens kann ich Ihnen sagen, dass
das Sterben zurzeit nicht der beste Einfall von Ihnen wäre. Da könnte man unter
Umständen auf Ihrem Grabstein lesen: Hier liegt der Betrüger Caspar Hauser.«
    »Ganz abgesehen davon, dass sich in einem solchen Satz eine höchst
verwerfliche Gesinnung ausdrückt,« fügte Quandt tadelnd hinzu, »eine feige und
unsittliche Gesinnung.«
    »Es liegt mir am Leben nichts, wenn man mich immer mit solchen Geschichten
plagt und mir nicht glaubt«, entgegnete Caspar bedrückt; »ich hab ja früher auch
nicht gelebt und hab lange nicht gewusst, dass ich lebe.«
    Hickel ging indes an der Wand entlang und klopfte mit den Knöcheln wie
spielend an einige Stellen der Mauer; plötzlich schien sich seine Aufmerksamkeit
gegen das Bild über dem Sofa zu richten. Er nahm es lächelnd herab, betrachtete
es nach allen Seiten und klappte schliesslich die Scharniere auf, um die
Holztafel zu entfernen.
    Caspar wurde schlohweiss und bebte wie Espenlaub.
    Aber als nun Hickel das blaue Heft schmunzelnd in seiner Hand hielt, ging
eine seltsame Verwandlung mit Caspar vor. Es sah aus, als wachse er plötzlich
und werde um Kopfeslänge grösser. Mit zwei Schritten stand er dicht vor dem
Polizeileutnant. Sein Gesicht war förmlich aufgerissen. In seiner Miene war
etwas Erhabenes. Sein Blick glühte von einer leidenschaftlichen und
gebieterischen Kraft. Hickel, in dem dumpfen Gefühl, als werde er zermalmt oder
zertreten, wich langsam und fasziniert gegen die Tür zurück. Der kalte Schweiss
brach aus seiner Haut, als ihm Caspar folgte, Schritt für Schritt, den Arm
ausstreckte, das Heft mit einem Ruck aus seinen umklammernden Fingern zog, es
mitten durchriss, die beiden Hälften noch einmal und noch einmal zerriss, bis
alles in Fetzen auf dem Boden lag.
    Wer weiss, was noch geschehen wäre, wenn die Dazwischenkunft einer vierten
Person in diesem Augenblick nicht die Situation verändert hätte. Es war der
Pfarrer Fuhrmann, der im Vorübergehen Caspar hatte besuchen wollen, um ihn zu
fragen, weshalb er heute vom Unterricht fortgeblieben war. Als er eintrat, musste
sich ihm eine Ahnung des Geschehenen aufdrängen; er blickte stumm von einem zum
andern. Quandt, der dem ganzen Vorgang mit entsetzten Augen zugeschaut, gewann
nur mühsam seine Fassung und sagte in verlegenem Ton: »Was haben Sie denn da für
ein Geschnitzel gemacht, Hauser?«
    Hickel wanderte mit ein paar grossen Schritten durchs Zimmer, dann grüsste er
den Pfarrer militärisch und ging mit kaltem und finsterem Gesicht. Unter der Tür
drehte er sich um, deutete auf den Papierhaufen und machte eine befehlende
Kopfbewegung gegen Quandt. Dieser begriff. Er bückte sich, um die Schnitzel
zusammenzuscharren. Aber Caspar durchschaute seine Absicht; er stellte sich mit
den Füssen darauf und sagte: »Das kommt ins Feuer, Herr Lehrer.«
    Er kniete nieder, raffte das Papier mit zwei Händen auf, trug es zum Ofen,
öffnete mit dem Fuss das Türchen und warf alles hinein. Darauf schlug er Feuer,
und eine Minute später brannte es lichterloh.
    Der Pfarrer Fuhrmann war bloss schweigender Zeuge des Auftritts, Hickel war
gegangen, und der Lehrer, beständig hüstelnd schritt mit der, Gleichmässigkeit
eines Wachpostens vor dem Ofen auf und ab, indes Caspar kauernd zuschaute, bis
das letzte Fünkchen verglommen war; dann nahm er den Schürhaken und zerschlug
die Aschenreste zu Staub.
    Der Pfarrer hatte nachher eine Unterredung mit Caspar, welche trotz dem
herabgestimmten Gemütszustande des jungen Menschen und einer schier krankhaften
Unlust zu sprechen doch zu mancherlei Eröffnungen führte, die den geistlichen
Herrn bewogen, sich wegen des Vorgefallenen an den Präsidenten Feuerbach zu
wenden.
    »Es ist eigen mit dem Lehrer Quandt«, sagte er im Verlauf seiner
Mitteilungen zu Feuerbach; »ein sonst so vertrefflicher Mann, und in allem, was
den Hauser betrifft, wie verhext. Die Ruhe des Hauser macht ihn kribblig, seine
Sanfteit rauh, seine Schweigsamkeit redselig, seine Melancholie spöttisch,
seine Heiterkeit traurig, und seine Ungeschicklichkeit gibt ihm die
durchtriebensten Listen ein. Aus allem, was der Hauser tut und sagt, schliesst er
im stillen das Gegenteil, sogar das Einmaleins aus diesem Mund scheint ihm eine
Lüge. Ich glaube, er möchte ihm am liebsten die Brust aufschneiden, um zu sehen,
was drinnen ist. Das ist, weiss Gott, kein christlicher Gedanke von mir, aber ich
kann mir nicht helfen, wenn ich sehe, wie da alles verdächtig gemacht wird.
Verdächtig ist, wenn dem Hauser etwas neu erscheint, und verdächtig, wenn er es
schon kennt; verdächtig, wenn er lange schläft, und verdächtig, wenn er früh
aufsteht; dass er das Teater liebt und die Musik nicht liebt; verdächtig; dass er
es hinunterschluckt, wenn man ihn zankt, hingegen die Streitigkeiten zwischen
andern, zum Beispiel zwischen Quandt und seiner Frau, immer schlichten will:
verdächtig. Alles ist verdächtig. Wie soll das enden!«
    Aber, wie man so bezeichnend sagt, ein Wort gab das andre, und zum Schluss
kam nichts heraus.
    Der Präsident, merkwürdig zerstreut, versprach, den Polizeileutnant zur Rede
zu stellen. Er liess Hickel rufen und schrie ihn gleich beim Eintritt an, dass dem
Verdutzten Hören und Sehen verging. Leider diente die Schimpferei der Sache
schlecht; als der Zorn verdampft war, trug Hickels überlegene Ruhe und
berechnete Schmiegsamkeit den Sieg davon. Es kam nichts heraus. Es blieb alles
beim alten. Nur dass der Polizeileutnant, in seiner Eitelkeit tief gekränkt,
doppelt still und kalt seiner Wege ging.
    »Die Bemühung, dem Hauser eine annehmliche Existenz zu verschaffen, muss man
wohl als gescheitert betrachten«, sagte Feuerbach eines Tages zu seiner Tochter.
»Der Mensch leidet in seiner jetzigen Umgebung, und die Art, wie man ihn
behandelt, scheint gegen alle Vernunft und Billigkeit.«
    »Mag sein; aber kann man es ändern?« versetzte Henriette achselzuckend.
    »Mich beruhigt nur die Zuversicht, dass ja eine Entscheidung ohnehin fallen
muss, wenn die Schrift einmal erschienen ist«, sagte der Präsident vor sich hin.
    »Was schadet es auch dem jungen Menschen, wenn die Wogen des Lebens über
seinem Kopf zusammenschlagen?« fuhr Henriette fort. »Vielleicht lernt er
schwimmen dabei. Es ist nicht an Ihnen, Vater, seinen Präzeptor zu machen.«
    »Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Vortrefflich ausgedrückt, meine
Tochter. Dereinst mag er dann der überstandenen Prüfungen dankbar gedenken. Ein
Gekrönter, der eine solche Schicksalsschule erfahren hat, von der tiefsten Tiefe
zur höchsten Höhe gestiegen ist, ei, das gäbe Hoffnungen! Fehlte es den Grossen
der Erde nicht an Lebenskenntnis, so wäre ihnen das Volk mehr und etwas andres
als eine Melkkuh. Lassen wir also den Stahl glühen, damit er hart werde. Sind
heute Korrekturen gekommen?«
    Henriette verneinte und ging seufzend hinaus.
    Es gibt eine innere Stimme, die beredsamer ist als die Weisheit der
Sentenzen. Feuerbach erfuhr die Gewalt dieser Stimme stets aufs neue, wenn er
sich Caspar gegenüber befand. Es war ihm nicht gegeben, sich um den Appell einer
höheren Instanz, als es Vernunft und Erfahrung sind, herumzulügen. Den Freimut
der Verantwortlichkeit, den er vor dem eignen Herzen empfand, hatte das Alter
nicht abgestumpft, sondern geläutert; er musste sich bekennen, dass das, was ihn
quälte, ganz einfach das schlechte Gewissen war.
    Welch ein Dilemma für einen solchen Mann! Auf der einen Seite die bis zur
Selbstverleugnung getriebene Erfüllung der Idee, auf der andern das
vorwurfsvolle Auge dessen, dem die Idee galt und dem er sich nicht ergeben
konnte und durfte, aus Furcht vor dem allzu beteiligten Gefühl, aus Furcht vor
der Trübung des Urteils, aus Furcht, dass der Engel der Gerechtigkeit seiner
vorgesetzten Bahn entfliehen würde, wenn Neigung, Rücksicht und herzliche
Annäherung ins Spiel kämen.
    So wie an die nächsten Freunde schickte der Präsident in diesen Tagen die
Aushängebogen seiner Caspar-Hauser-Schrift auch an Stanhope, der sich zur Zeit
in Rom aufhielt. Der Graf dankte oder antwortete mit keinem Wort.
    Eines schlimmeren Zeichens bedurfte Feuerbach nicht. Wie hatte doch das
grosse Wort gelautet, das er einst in lebendiger Stunde zu jenem Mann gesprochen?
»Wenn dieses Antlitz trügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann ...«
    Ja, dann! Was dann? Kindliche Anmassung! Würde die Welt untergehen, weil ein
Feuerbach sich getäuscht? Wie vielfältig ist der Mensch, wie viele Gesichter
sind ihm eigen, wie viele Worte findet er um eines erbärmlichen Vorteils willen!
Für den Bissen Brot ist jeder Bettler schon ein Fürst der Worte, und was
Staatskarossen, was Pairschaft, was anmutige Manieren und überredendes Gefühl,
wenn dem allen nur das Wort die Schminke ist, das eine aussätzige Haut
verschönt? Dazu also Herzen zergliedert, im Dunkel der Seelen gewühlt, mit
Richterkunst und -patos Tat und Untat auf ihr menschlich Mass geprüft, damit ein
aufgeschmückter Schelm aus England kam, um damit ein sardonisches Spiel zu
treiben und alles lächelnd ins Absurde zu führen.
    Den alten Mann ekelte. Aber die Vorstellung von der Macht und den
Hilfsmitteln der Feinde, mit denen er sich in ungleichen Kampf eingelassen,
wurde allmählich ungeheuer, und wenn auch sein Vorhaben nicht die geringste
Beeinträchtigung erfuhr und er nicht für die Dauer eines Augenblicks ins
Schwanken geriet, nahm doch eine verdüsternde Unruhe von ihm Besitz. Seit jenem
nächtlichen Einbruch, dessen Anstifter aller aufgewandten Mühe zum Trotz
unentdeckt geblieben waren, entbehrte er des dauernden Schlafs. Er erhob sich
bisweilen aus dem Bett, wanderte mit dem Licht durch die Zimmer, über Treppen
und Flur, rüttelte an den Fenstern, probierte die Festigkeit der Schlösser und
erschrak nicht selten vor seinem eignen Schatten. Es war für seine Kinder ein
erschütterndes Schauspiel, diesen Mann der Leidenschaft und des eingefleischten
Mutes in dergleichen Gespensterwesen verstrickt zu sehen. Einstmals am frühen
Morgen fand man an der äusseren Seite des Haustors folgende mit Kreide
angeschriebenen Verse:
Anselm, Ritter von Feuerbach!
Lösch 's Feuer unter deinem Dach!
Lass den falschen Freund nimmer ein!
Zieh den Degen und hau drein,
Sonst wirds um dich geschehen sein.
    An einem Abend zu Ende Oktober kam Quandt und begehrte den Präsidenten zu
sprechen. Feuerbach liess ihn eintreten und beobachtete sofort in seinem Benehmen
etwas Verlegenes und Bestürztes, doch zeigte der Lehrer nicht die gewöhnliche
Umständlichkeit, sondern rückte schnell mit seinem Anliegen heraus. Er
berichtete, Caspar habe vorgestern einen Brief des Grafen erhalten und seitdem
habe er sich ganz verändert; ob Seine Exzellenz nicht eine Stunde erübrigen
könne, um mit dem Menschen zu reden, er selbst bringe kein Wort aus ihm heraus.
    Der Präsident fragte, worin die Veränderung bestehe.
    
    »Es ist, als wäre er taubstumm geworden«, versetzte Quandt. »Bei Tisch lässt
er die Speisen unberührt, beim Unterricht ist er äusserst unaufmerksam, ja
geistesabwesend, die Aufgaben macht er nicht mehr, auf Fragen antwortet er
nicht, schleicht herum wie ein Todkranker und starrt in die Luft. Gestern nachts
hab ich und meine Frau ihn belauscht und wir haben zugehört, wie er erst eine
ganze Weile vor sich hingewimmert, dann auf einmal hat er einen grässlichen
Schrei ausgestossen.«
    »Wissen Sie vielleicht, was in dem Brief des Grafen gestanden hat?« forschte
der Präsident.
    »O ja, das weiss ich wohl«, entgegnete der Lehrer harmlos; »es ist meine
Gepflogenheit, alle Briefe, die er erhält, vorher zu öffnen.«
    Feuerbach blickte jäh empor und sah den Lehrer mit finsterer Neugier an.
»Nun, und?« fragte er.
    »Ich könnte den Inhalt des Schreibens durchaus nicht mit einer solchen
Wirkung zusammenreimen«, erwiderte Quandt bedächtig.
    Der Präsident stampfte ungeduldig mit dem Fuss. »Gut, gut,« rief er barsch,
»aber was stand denn drin, da Sie es doch einmal wissen?«
    Quandt erschrak. »Es stand drin, der Graf könne in diesem Jahr nicht mehr
nach Ansbach kommen, unerwartete Zwischenfälle nötigten ihn, diesen Plan ins
Unbestimmte zu verschieben. Nun ist mir freilich bekannt, dass Hauser mit der
Herkunft des Lords stark gerechnet hat, er sprach sogar immer von einem festen
Termin und hielt es für einen Frevel, wenn man ihm das ausreden wollte; er
schien es geradezu für eine Pflicht des Grafen zu erachten, denn in seinem
kindischen Kopf glaubt er noch fix daran, dass ihn der Graf mit nach England auf
seine Schlösser nehmen werde, und er ahnt gar nicht, dass der Herr Graf schon
längst sein Herz von ihm abgewandt hat -«
    »Woher wissen Sie das, Mann?« brauste der Präsident auf und erhob sich mit
solchem Ungestüm, dass der Stuhl hinter ihm umstürzte.
    »Eure Exzellenz verzeihen,« stotterte Quandt furchtsam, »aber das ist doch
sonnenklar.« Er ging hin, stellte den Stuhl mit einer höflichen Grimasse wieder
auf, und während der Präsident mit seinen steifen, kurzen Schritten auf und ab
wanderte, sagte er schüchtern: »Trotz allem ist mir die Wirkung dieser in den
urbansten Formen gehaltenen Absage unerklärlich und besorgniserregend; es muss da
etwas dahinter stecken, und Eure Exzellenz sind vielleicht imstande, es
herauszubringen.«
    »Ich werde der Sache nachgehen«, schnitt Feuerbach das Gespräch kurz ab.
Quandt machte seinen Bückling und entfernte sich. Er ging nicht heimwärts,
sondern wandte sich gegen die Herrieder Vorstadt, da er seine Frau vom Haus
ihrer Mutter abholen wollte. Es war ein heftiger Sturm, Blätter und Zweige
wirbelten durch die Luft, Quandts Mantelumhang flatterte hoch auf, und mit
beiden Händen musste er die Ränder seines Schlapphuts festalten.
    Kurz nach dem Lehrer hatte Caspar heimlich das Haus verlassen, eigentlich
ohne Ziel. Als er auf der Strasse war, fiel ihm ein, ob er nicht zu Frau von
Imhoff gehen könne, und ungeachtet der Dunkelheit und des bösen Wetters, und
obgleich das Imhoffschlösschen eine Viertelstunde vor der Stadt gelegen war,
entschloss er sich dazu. Aber als er angelangt war, als er am Gittertor stand und
zu den erleuchteten Fenstern hinaufschaute, schwand ihm alle Lust und er
fürchtete sich vor den hellen Zimmern. Sah er sich doch schon droben; hörte er
doch schon die Worte, die ihm nichts waren und nichts galten; er kannte sie
alle, er hätte sie auswendig an der Schwelle hersagen können. Ja, er kannte nun
die Worte der Menschen, er erfuhr nichts Neues durch sie, sie fielen in das
unermessliche Meer seiner Traurigkeit wie kleine trübe Tropfen, deren Aufschall
die Tiefe verschlang.
    Ein Schatten glitt an den Fenstern vorbei, ein andrer folgte. So weilten sie
in ihren Wohnungen, still und emsig, zündeten ihre Lichter an und wussten nicht,
wer draussen stand am Tor.
    Mitten im Windgebrause vernahm Caspar Töne wie von einem Saiteninstrument,
das unter den Wolken aufgehängt war. Es befand sich nämlich auf dem Dach des
Schlösschens eine Aeolsharfe, Caspar wusste dies nicht und hielt es für eine
geisterhafte Musik. Als er den Rückweg antrat, schlugen immer von Zeit zu Zeit
die orgelnden Akkorde an sein Ohr.
    Er wünschte noch nicht heimzugehen; der gleiche dumpfe Drang, der ihn vor
das Schlösschen der Imhoffs getrieben hatte, führte ihn noch zum Hause des
Generalkommissärs, dann zum Haus des Regierungspräsidenten, dann zum
Feuerbachschen Haus und schliesslich vor ein Gebäude, das unbewohnt war und das
mit seinen verschlossenen Läden, seinen bemoosten Simsen und seinem hochbogigen
Tor, über welchem ein Auge in den Stein und darüber die Worte gemeisselt waren:
»Zum Auge Gottes«, schon lang vorher seine Wissbegier aufgeweckt hatte. Zur
Markgrafenzeit sollte ein Goldmacher darin gewohnt haben.
    Es war ihm zumute, wie wenn er in all diesen Häusern zu Gast gewesen sei,
wie wenn er unsichtbar unter ihren Bewohnern oder in ihren leeren Räumen
herumgegangen sei und als ob er dabei eine merkwürdige Kenntnis von dem
vergangenen und gegenwärtigen Leben ihrer Menschen gewonnen hätte.
    Ziemlich müde und dabei tief erregt langte er im Lehrerhaus an. Quandt und
seine Frau waren noch nicht daheim, die Kinder schliefen, die Magd war nicht zu
sehen, es herrschte eine grosse Stille, nur der Wind umheulte die Mauern, und das
Flurlämpchen flackerte wie vor Furcht. Da, während Caspar zur Treppe schritt,
vernahm er eine langgezogene feine Stimme, ähnlich dem Zirpen der Sommergrille,
und die Stimme rief:
    »Stephan!«
    Er blieb befremdet stehen und sah sich um. Da alles ruhig war, glaubte er
sich getäuscht zu haben, glaubte, es sei eine Stimme draussen auf der Strasse
gewesen. Aber kaum hatte er drei Schritte getan, so erschallte die Stimme
neuerdings, nur unvergleichlich lauter, anscheinend aus dichterer Nähe:
    »Stephan!«
    Es war etwas unendlich Ergreifendes in dem Ton; es klang, wie wenn einer,
der zu ertrinken fürchtet, aus dem Wasser ruft. Unverkennbar war es eine
männliche Stimme, die nun zum drittenmal wie von Schluchzen erstickt ausrief:
    »Stephan!«
    Kein Zweifel, der Ruf galt ihm, ihm, Caspar. Er streckte die Arme aus und
fragte: »Wo? Wo bist du? Wo bist du?«
    Da sah er oben über der Tür, körperlos schwebend, ein fahlleuchtendes
Gesicht. Es war das Gesicht Stanhopes, mit aufgerissenen Augen und aufgerissenem
Mund, wie in äusserstem Schrecken verzerrt, hässlich, schier unkenntlich hässlich.
    Caspar verharrte angewurzelt an seinem Platz, seine Glieder, ja seine Augen
waren wie versteinert. Als er zum zweitenmal hinblickte, war das Antlitz
verschwunden, auch die Stimme liess sich nicht mehr vernehmen. Flur und Stiege
erleuchtet, alle Türen zu, kein Mensch zu sehen, kein Laut zu hören.
 
                         Es wird eine Reise beschlossen
Eines Nachmittags im Dezember sahen erstaunte Nachbarn den Lehrer Quandt wie
besessen aus seinem Haus und gegen die Neustadt stürmen, wo die Wohnung des
Polizeileutnants lag. Er trat ins Zimmer des Leutnants, und ohne sich Zeit zu
gönnen, seinen Hut vom Kopf zu nehmen, griff er in die Rocktasche und hielt
Hickel wortlos ein dünnes Druckheft entgegen.
    Es war die vor kurzem erschienene Caspar-Hauser-Broschüre Feuerbachs. Quandt
hatte das Büchlein erst heute in die Hände bekommen und es in einem Zug
durchgelesen.
    Hickel nahm das Heft, besah es rundum und sagte gelassen: »Na, und? Was
solls? Meinen Sie, dass das eine Neuigkeit für mich ist? Sie echauffieren sich
doch nicht etwa? Der Alte schreibt, weil das sein Geschäft ist. Eher können Sie
einer Henne das Eierlegen abgewöhnen als einem geborenen Federfuchser das
Schreiben.«
    Quandt atmete tief auf. »Schreiben, schön; ich lasse ja vieles gelten,«
antwortete er, »aber das geht denn doch zu weit. Erlauben Sie -« er packte das
Heft, schlug das Titelblatt auf und las vor: »Caspar Hauser oder Beispiel eines
Verbrechens am Seelenleben des Menschen. Das klingt ja nach etwas,« sagte er
bitter; »es streut den Leuten von vornherein Sand in die Augen. Aber das Ganze
ist ein Roman, und nicht einmal einer von der besten Sorte.«
    Er blätterte und deutete mit dem Finger auf eine Stelle, die er gleichfalls
höhnisch betont vorlas: »Caspar Hauser, das rare Exemplar der Gattung Mensch -!
Lieber Herr Polizeileutnant, da bin ich mit meiner Weisheit zu Ende. Das kommt
mir so vor, als ob man den notorisch schlechtesten meiner Schüler vor
versammeltem Volk als einen grossen Gelehrten erklärte. Rares Exemplar! In dem
Punkt weiss ich besser Bescheid, halten zu Gnaden, Exzellenz; da könnte ich einem
verehrlichen Publiko ganz anders die Augen öffnen. Rares Exemplar, gewiss! Aber
man muss nur auch das Alphabet von vorne und nicht von hinten lesen. Das ist also
der grosse Kriminalist, der bestaunte Alleswisser! So sieht der Ruhm aus, wenn
man ihn aus der Nähe betrachtet! Und nun erst das ganze dynastische
Hintertreppenmärchen! Es wäre ja zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre.
Herrgott, ist das eine Zeit, ist das eine Welt!«
    Der Polizeileutnant hörte mit kaum merklichem Lächeln den Ausbruch des
Lehrers an. Als Quandt zu Ende war, sagte er gleichmütig: »Was wollen Sie? Als
getreue Diener sind wir nun einmal dazu verurteilt, die dummen Streiche unsrer
Herrschaft mit anzusehen. Übrigens kann ich Sie in einer Hinsicht beruhigen. Der
Präsident hat selber keine rechte Freude an dem Büchlein. Er klagt über
Gedächtnisfehler, die ihm dabei passiert sind, und dass es ihn mehr Mühe gekostet
hat, die Geschichte zu Papier zu bringen, denn ein ganzes Corpus juris. Und
jetzt muss ers erleben, dass man ihm draussen im Reich hart zusetzt. Es geht die
Rede, dass die Bundeskommission zu Frankfurt die Schrift konfiszieren wird.«
    »Recht so«, rief Quandt. »Auch die Fürsten sollten etwas dagegen
unternehmen.«
    »Das lassen Sie nur die Sache der Fürsten sein«, versetzte Hickel, dessen
Gesicht plötzlich böse und sorgenvoll wurde. »Potz Kreuz, lieber Quandt, Sie
ereifern sich ja da, als obs Ihnen an den Kragen ginge. Ich möchte nur gar zu
gern wissen, ob Sie auch so viel Mut zeigen würden, wenn die Exzellenz dahier im
Zimmer wäre.«
    Quandt schaute sich misstrauisch um. Dann zuckte er die Achseln und
erwiderte: »Sie belieben zu scherzen, Herr Polizeileutnant. Schlimm genug, dass
man mit seiner wahren Meinung hinterm Berg halten muss. Wir haben alle vergessen,
wie ein Mann den Kopf tragen soll. Kuschen, das haben wir gelernt, das verstehen
wir von Grund aus. Aber ich will nicht mehr kuschen.«
    »Pst!« unterbrach ihn Hickel unwirsch; »lassen wir das; es schmeckt nach
Demagogentum. Sagen Sie mir lieber: Hat der Hauser Kenntnis von der Broschüre?«
    »Nicht dass ich wüsste«, entgegnete Quandt. »Aber es wird nicht zu vermeiden
sein, dass er davon erfährt, gibt es doch Unverständige genug, die sich ein
Vergnügen daraus machen werden. Haben Sie, Herr Polizeileutnant, nicht auch von
der Schrift eines gewissen Garnier gehört?«
    Bei der Nennung dieses Namens zuckte Hickel zusammen und sah den Lehrer
finster an. Es dauerte eine ganze Weile, bevor er sich zu einer Antwort
entschloss. »Garnier? Ja, das ist ein landesflüchtiges Subjekt. In seinem
Pamphlet bringt er dieselben sinnlosen Dinge vor wie der Staatsrat, bloss noch
verbrämt mit dem windigsten Hofklatsch. Das Machwerk ist nicht der Rede wert.«
    »Wie soll ich mich aber verhalten, wenn der Hauser irgendwie in den Besitz
eines dieser Produkte kommt?« fragte Quandt.
    Hickel spazierte mit seinen langen Schritten herum und nagte mit den Zähnen
nervös an der Unterlippe. »Treffen Sie Vorsorge«, erwiderte er kalt. »Lassen Sie
ihn nicht aus den Augen. Mich kümmert das übrigens gar nicht; ist mir völlig
egal. Man wird den jungen Mann schon karwanzen.«
    Quandt seufzte. »Herr Polizeileutnant,« sagte er bedrückt, »ich kann Ihnen
nicht schildern, wie mir ist. Meine halbe Seligkeit gäb ich drum, wenn es mir
vergönnt wäre, den Menschen zu einem offenen Geständnis zu bringen.«
    »Man wirds Ihnen billiger machen«, versetzte Hickel düster.
    »Wissen Sie denn das Neueste?« fuhr Quandt fort. »Der Präsident will den
Hauser als Schreiber beim Appellgericht beschäftigen. Morgen soll er schon
anfangen.«
    »Und was wird der Graf dazu sagen?«
    »Man hat es ihm schreiben wollen, weiss aber nicht, wo er sich aufhält. Es
ist seit vier Wochen nur ein einziger Brief von ihm gekommen, und den hat der
Hauser nicht einmal angesehen. Meines Erachtens muss er sich über die Massregel
freuen. Für ein Metier im engeren Sinn ist der Hauser doch nicht zu brauchen, er
hat leider den Verkehr mit den gebildeten und höheren Ständen zu lange genossen,
als dass es ihn nicht rebellisch machen müsste, wenn er ihn plötzlich mit der
Umgebung in einer Werkstätte vertauschen müsste. Anderseits ist er auch zu einem
Beruf ungeeignet, der eine tiefere Ausbildung erfordert, denn zu einem
ernstaften Studium fehlt ihm Sinn und Ausdauer. Der Staatsrat hat demnach die
beste Lösung getroffen, die auch mich von einem Teil meiner Verantwortlichkeit
entlastet. Bei der Schreiberei kann sich der Hauser nicht nur zu einem Beamten
des niederen Dienstes, sondern bei einigem Fleiss sogar für eine Stelle beim
Registratur- oder Rechnungswesen ausbilden.«
    Hickel hörte der weitläufigen Auseinandersetzung kaum zu. Sie gingen nun
zusammen fort; vor der Hofapoteke verabschiedete sich Hickel, um sich, wie er
sagte, ein Pülverchen gegen Schlaflosigkeit verschreiben zu lassen.
    Auf dem Nachhauseweg wurde Quandt vom Hofrat Hofmann sehr freundlich
gegrüsst, eine Tatsache, die hinreichend war, seine mürrische Stimmung ungemein
aufzuheitern. Beim Mittagessen, es gab Kalbsbrust und Ochsenmaulsalat, wurde er
sogar lustig und trieb allerlei Scherze mit seiner Gattin. Aber wie es bei
seriösen Naturen der Fall zu sein pflegt, geriet seine Aufgeräumteit ziemlich
ins Plumpe. Unter anderm nahm er das Messer und fuchtelte der Lehrerin lachend
damit vor der Nase herum. Da erblasste Caspar, stand auf und sagte: »Um Gottes
willen, Herr Lehrer, legen Sie doch das Messer weg, ich kanns nicht sehen.«
    Quandt, gleich wieder verdriesslich, brummte: »Na, hören Sie mal, Hauser, ein
solches Betragen schmeckt stark nach Affektation.«
    »Sie sind ein schöner Tappel,« sagte die Lehrerin, »ein Mann muss mutig sein.
Was wollen Sie denn tun, wenns mal Krieg gibt? Da heisst es mit Anstand sterben.«
    
    »Sterben? Nein, da sag ich Dank, sterben mag ich nicht«, erwiderte Caspar
hastig.
    »Und doch haben Sie sich damals vor dem Polizeileutnant in einer höchst
widerwärtigen Weise über denselben Punkt geäussert«, liess sich Quandt vernehmen.
    »Nein, so feig,« fuhr die Lehrerin fort, »mit dem Kadetten Hugenpoet von den
Dragonern haben Sie sich letzten Sommer ja auch einmal so feig benommen.«
    »Was ist denn das für eine Geschichte?« erkundigte sich Quandt, »davon weiss
ich gar nichts.«
    »Er war doch mit dem Kadetten oft beisammen; der hat dem Hauser immerzu
vorgeschwärmt, er soll Soldat werden, in ein paar Jahren brächt er es leicht zum
Offizier. Wär ja nicht so übel, die Kadetten haben es gut und kommen schnell
vorwärts. Unser Hauser war auch begeistert von der Idee, aber auf einmal war die
Freundschaft aus.«
    »Ei, und aus welchem Grund?«
    »Das war so. An einem Abend im September ist er mit dem Kadetten am
Rezatufer spazieren gegangen, und sie sind zu einer Stelle gekommen, wo viele
Knaben und Burschen sich gebadet haben, denn es war furchtbar warm an dem Tag.
Der Kadett sagt, das wollen wir auch machen, zieht sich aus und will den Hauser
überreden, gleichfalls zu baden. Der war aber zu Tod erschrocken von dem
Vorschlag und sagt, ins Wasser geht er nicht. Das hören die andern, steigen
heraus, stellen sich um ihn herum, verspotten ihn und wollen ihn mit Gewalt ins
Wasser bringen. Da reisst er sich los, eh' man sichs versieht, ist er in seiner
Höllenangst über die Felder davongelaufen, und die nackichten Kerle höhnen
hinter ihm her. Dem Kadetten wars zu bunt, und er sieht ihn nicht mehr an
seitdem. Ists wahr, Hauser, oder nicht?«
    Caspar nickte. Der Lehrer schüttelte sich vor Lachen.
    Ein paar Tage später kamen Frau von Imhoff und das Fräulein von Stichaner,
um Caspar zu besuchen. Die Lehrerin, stolz auf die vornehmen Gäste, wich nicht
vom Fleck. Der Unterhaltung zuliebe und weil ihr nichts Gescheiteres einfiel,
erzählte sie im Beisein Caspars abermals die Geschichte mit dem Kadetten und dem
verweigerten Bad, doch hatte sie nicht denselben Erfolg wie vor ihrem Ehegemahl.
Die beiden Damen hörten schweigend zu.
    »Solche Feigheit ist eigentlich nicht schön«, bemerkte das Fräulein von
Stichaner dann auf der Strasse gegen Frau von Imhoff.
    »Man kann es nicht gut Feigheit nennen,« antwortete diese; »er liebt das
Leben zu sehr, das ist es. Er liebt das Leben wie ein Toller, wie ein Tier liebt
er es, wie ein Geizhals sein Gold. Er hat mir selbst gestanden, dass er jedesmal
vor dem Einschlafen Angst hat, sein Schlaf könne sich ihm unbewusst in Tod
verwandeln, und er betet, Gott möge ihn doch ganz gewiss am andern Morgen wieder
aufwachen lassen. Nein, es ist nicht Feigheit; es ist vielleicht die Ahnung
einer grossen Gefahr, auch der Trieb, viel Versäumtes nachzuholen. Man muss ihn
nur manchmal sehen, wie er sich freuen kann, und über das Allergeringste, woran
jeder andre stumpf vorübergeht. Seine Freude hat etwas Grossartiges, etwas
Erdentrücktes, so wie seine Furcht und seine Traurigkeit etwas Schauerliches
haben.«
    Zu Hause wurde Frau von Imhoff durch einen Brief ihrer Freundin, der Frau
von Kannawurf, überrascht, doppelt angenehm überrascht, da Frau von Kannawurf,
sie weilte gegenwärtig in Wien, schrieb, sie wolle im März nach Ansbach kommen.
In dem Brief war überdies viel von Caspar die Rede. »Ich habe in den letzten
Tagen die Feuerbachsche Schrift gelesen,« hiess es unter anderm, »und muss dir
gestehen, dass mich noch niemals ein Buch dermassen im Innersten aufgewühlt hat.
Ich kann seitdem nichts andres denken, und es flieht mich der Schlaf. Weiss
Caspar Hauser selbst von dieser Schrift? Und wie stellt er sich dazu? Was äussert
er darüber?«
    Frau von Imhoff versäumte es, über den Punkt Bescheid zu geben; es fiel ja
auch schwer, Caspar zu befragen. Hat er das Buch nicht gelesen so ist es
peinlich und sonderbar, ihn darüber in Unwissenheit zu sehen, dachte sie; noch
peinlicher und sonderbarer, wenn er es gelesen hat; peinlich und sonderbar sein
Aufentalt hier, sein Kopistenamt auf dem Gericht, sein ganzes Treiben; und wie
ist es möglich, eine Aussprache herbeizuführen? Jedes offene Wort kann
unheilvoll werden.
    Trotzdem unternahm es Frau von Imhoff, Caspar vorsichtig auszuholen, ob er
überhaupt von der Sache wisse oder davon reden gehört. Und er wusste davon. Nicht
im entferntesten aber hegte er den Wunsch, sich Klarheit zu verschaffen. Erstens
aus Furcht; die Furcht liess ihn vor jedem Schritt zurückbeben, der auf eine
Veränderung seiner Lage zielte, seine Gedanken von der krankhaft umklammerten
Gegenwart ablenken konnte; und dann, weil er wahrscheinlich annahm, es handle
sich bei der Schrift des Präsidenten auch nur um das bodenlose Gerede, das er
in- und auswendig wusste und von dem ihm, wie er zu sagen pflegte, bloss Kopf- und
Herzweh und ein dummes Nachschauen blieb. Er hatte dergleichen oft genug
erfahren, und aus lauter Überdruss daran war er am Ende so unneugierig geworden,
dass eine einzige Andeutung, während eines Gesprächs etwa, hinreichte, um seinem
Gesicht den Ausdruck schalster Langweile zu geben.
    Wie er schliesslich doch dazu gelangte, das für ihn und um seinetwillen
geschaffene Werk kennenzulernen, das hatte eine eigentümliche Bewandtnis.
    Es war an einem unfreundlichen Vormittag im März, da verbreitete sich
plötzlich im Appellgerichtsgebäude und bald darauf in der ganzen Stadt die
Nachricht, der Präsident sei im grossen Gerichtssaal während einer Verhandlung,
die er leitete, ohnmächtig vom Stuhl gestürzt. Alle Beamten liefen sofort aus
ihren Zimmern und standen alsbald auf den Treppen und Korridoren. Auch Caspar
hatte seinen Arbeitstisch verlassen und gesellte sich zu den übrigen. Er schlich
aber absichtlich wieder davon, um nicht Zeuge sein zu müssen, wie man den
Präsidenten von oben heruntertrug.
    Als er sich in das Zimmer zurückbegab, in welchem er an allen Vormittagen
von acht bis zwölf Uhr schrieb, und zwar nur in Gesellschaft eines alten
Kanzlisten, eines gewissen Dillmann, war dieser sein Amtsgefährte noch nicht
wieder da. Caspar, sehr traurig und erschrocken, stellte sich zum Fenster und
malte, schmerzlich versonnen, wie er war, mit dem Finger den Namen Feuerbach in
die beschweisste Scheibe.
    Indes trat Dillmann ein und ging händeringend auf seinen Platz zu.
    Bis auf diesen Tag hatte der alte Kanzlist, und Caspar befand sich nun über
neun Wochen auf dem Amt, noch nicht ein Dutzend überflüssiger Worte mit dem
neuen Kollegen gewechselt; er hatte sich im mindesten nicht um ihn gekümmert und
eine grämliche Gleichgültigkeit gegen ihn zur Schau getragen. Im Verlauf der
dreissig Jahre, während welcher er Akten, Erlässe, Verordnungen und Urteile
kopierte, hatte er es zu einer besonderen Geschicklichkeit im Schlafen gebracht,
und es war komisch zu sehen, wenn er, den Federkiel aufs Papier gespiesst, leise
schnarchend seine Siesta hielt und sogleich die Hand schreibend weiterbewegte,
wenn sich draussen der Schritt eines Vorgesetzten vernehmen liess, da er die
Gangart jedes einzelnen Herrn genau studiert und sozusagen im Kopf hatte.
    Um so verwunderter war Caspar, als Dillmann auf ihn zuschritt und mit
zitternder Stimme sagte: »Der unvergleichliche Mann! Wenn ihm nur nichts
zustösst! Wenn ihm nur nichts Menschliches passiert!«
    Caspar drehte sich um, entgegnete aber nichts.
    »Na, Hauser, und für Sie wäre es gar ein unersetzlicher Verlust,« fuhr der
Alte seltsam keifend und zänkisch fort; »wo gibts denn in dieser lummerigen Welt
einen Menschen, der sich so für einen andern Menschen einsetzt? Sollte mich
nicht erstaunen, wenn das ein schlimmes Ende nähme. Ja, es wird ein schlimmes
Ende nehmen, ein schlimmes Ende.«
    Caspar hörte schweigend zu; seine Augen blinzelten.
    
    »So ein Mann!« rief Dillmann aus. »Ich hab, seit ich hier sitze, schon
sieben Präsidenten und zweiundzwanzig Regierungsräte zum Grab geleitet, Hauser,
aber so einer war nicht dabei. Ein Titan, Hauser, ein Titan! Die Sterne könnt er
vom Himmel reissen um der Gerechtigkeit willen. Man muss ihn nur betrachten; haben
Sie ihn mal genau betrachtet? Der Buckel über der Nase! Das deutet, wie man
sagt, auf eine genialische Konzeption; diese Jupiterstirn! Und das Buch, Hauser,
das er für Sie geschrieben hat! Das ist ein Buch! Ein wahrer Scheiterhaufen
ists! Die Zähne muss man zusammenbeissen und die Fäuste ballen, wenn mans liest.«
    Caspar machte ein mürrisches Gesicht. »Ich habs nicht gelesen«, sagte er
kurz.
    Dem alten Kanzlisten gab es einen Ruck. Er riss den Mund auf und schnappte.
»Nicht gelesen?« stotterte er. »Sie - nicht gelesen? Ja wie ist denn das
möglich? Da soll mich doch gleich der Teufel holen!« Eilig trippelte er zu
seinem Tisch, schob eine Lade auf, suchte herum und brachte das Büchlein zum
Vorschein. Er reichte es Caspar hin, stiess es ihm förmlich in die Hand und
knurrte: »Lesen, lesen! Sapperlot, lesen!«
    Caspar machte es beinahe wie Hickel dem Lehrer Quandt gegenüber. Er drehte
das Buch um und um und zeigte eine unschlüssige Miene. Dann erst schlug er es
auf und las, sichtlich erbleichend, den Titel. Immerhin genügte auch dies noch
nicht, um ihn neugierig oder ungeduldig werden zu lassen. Er steckte das Buch in
die Tasche und sagte trocken: »Zu Hause will ichs lesen.«
    Schlag zwölf Uhr verliess er, wie gewöhnlich, das Amt, setzte sich zu Hause,
als ob nichts geschehen wäre, zu Tisch und hörte still den Gesprächen zu, die
sich ausschliesslich um das dem Präsidenten widerfahrene Unglück drehten. »Am
letzten Sonntag vor dem Kirchgang,« plauderte die Lehrerin, »da hab ich den
Staatsrat gesehen, gerade wie ihm vier Totenweiber begegnet sind. Der Staatsrat
ist ganz erschrocken gewesen, ist stehengeblieben und hat ihnen nachgeschaut.
Ich hab mir gleich gedacht, das kann nichts Gutes bedeuten.«
    »Wenn ihr Frauenzimmer nur nicht alleweil euch anmassen wolltet, dem Herrgott
in die Karten zu gaffen«, versetzte Quandt unwirsch. »Da predigt man und predigt
das liebe lange Jahr, glaubt wunders wie auf den Höhen der Aufklärung zu wandeln
und schliesslich spuckt einem die eigne Sippschaft am kräftigsten in die Suppe.«
    Caspar belachte diese Worte, was ihm von der Lehrerin einen giftigen Blick
eintrug.
    Er begab sich dann in sein Zimmer.
    Um zwei Uhr sollte er zum Unterricht kommen, erst von vier Uhr an brauchte
er im Amt zu sein. Als zehn Minuten über die Zeit vergangen waren, trat Quandt
in den Hausflur und rief. Es erfolgte keine Antwort. Er ging hinauf und
überzeugte sich, dass Caspar nicht da war. Sein Unwillen verwandelte sich in
Schrecken, als er bei seiner spionierenden Umschau die Feuerbachsche Schrift auf
Caspars Tisch liegen sah.
    »Also doch«, murmelte er bitter.
    Er nahm das Buch an sich, suchte unten seine Frau und sagte mit tonloser
Stimme: »Jette, ich habe da eine furchtbare Entdeckung gemacht. Der Hauser hat
die Schrift des Staatsrats auf seinem Zimmer gehabt. O die gewissenlosen
Menschen! Wer doch das wieder eingefädelt hat!«
    Die Lehrerin zeigte wenig Verständnis für den Vorfall. »Lass ihn gehen«, oder
»sags ihm doch«, oder »gib's ihm nur ordentlich«, war meist alles, was sie zu
entgegnen wusste, wenn Quandt ungehalten über Caspar war.
    »Wann ist denn der Hauser fort?« erkundigte sich Quandt bei der Magd. Diese
wusste von nichts. Da trat Caspar selber ins Zimmer und entschuldigte sich
höflich.
    »Wo waren Sie denn?« forschte der Lehrer.
    »Ich bin zu Feuerbachs gegangen und wollte fragen, wie es dem Staatsrat
geht.«
    Quandt schluckte seinen Verdruss hinunter und begnügte sich, Caspars
Fortgehen als Eigenmächtigkeit zu tadeln. Als er mit dem Jüngling allein war,
wandelte er eine Weile ratlos auf und ab. Endlich begann er: »Ich war vorhin auf
Ihrer Kammer, Hauser. Ich habe bei dieser Gelegenheit einen Fund gemacht, der
mich, gelinde ausgedrückt, sehr mit Bedenken erfüllt. Ich will mich nun über die
Schrift des Herrn Staatsrats nicht weiter auslassen, obwohl alle vernünftigen
Menschen darüber einer Meinung sind; ich halte mich nicht für befugt, Ihnen
gegenüber einen so verdienstvollen Mann herunterzusetzen. Auch will ich nicht
weiter untersuchen, wer Ihnen das Buch in die Hand gespielt hat, da ich mich
dabei doch nur der Gefahr aussetzen würde, von Ihnen angelogen zu werden. Aber
mein Bedenken hat es erregt, dass Sie sogar bei einem solchen Anlass heimlich
verfahren zu müssen glauben. Warum kommen Sie nicht, wie sichs gehört, zu mir
und sprechen sich aus? Denken Sie denn, dass ich Sie des Vergnügens beraubt
hätte, eine hübsche Fabel zu lesen, die ein ehemals grosser und berühmter, doch
nun kranker und geistesmüder Mann verfasst hat? Weiss ich denn nicht auch, wie
Ihnen in Ihrem Innern zumute sein muss, wenn man ein solches Märchen in Ihre
Vergangenheit hineinspinnt? Eine Vergangenheit, die Ihnen wahrlich besser
bekannt ist als dem armen Staatsrat? Aber warum denn um Gottes willen die ewige
Versteckenspielerei? Hab ich das um Sie verdient? Bin ich nicht wie ein Vater zu
Ihnen gewesen? Sie leben in meinem Haus, Sie essen an meinem Tisch, Sie geniessen
mein Vertrauen, Sie nehmen teil an unserm Wohl und Wehe, kann Sie denn nichts in
der Welt bewegen, Sie heimlicher Mensch, einmal offen und rückhaltlos zu sein?«
    O wundersam! Dem Lehrer standen die Augen voller Tränen. Er zog die Schrift
des Präsidenten aus der Tasche, ging zum Tisch und legte das Büchlein mit Affekt
vor Caspar hin.
    Caspar blickte den Lehrer an, als ob dieser in einer weiten Entfernung
stehe. Es war etwas Stieres in seinem Blick und eine vollkommene Abwesenheit der
Gedanken. Auf der Stirn lag es wie geisterhaftes Gewölk, die Lippen waren
geöffnet und zuckten.
    Wie böse er aussieht, dachte Quandt und fing an, sich zu ängstigen.
»Sprechen Sie doch!« schrie er heiser.
    Caspar schüttelte langsam den Kopf. »Man muss Geduld haben«, sagte er wie im
Traum. »Es wird sich was ereignen, Herr Lehrer, passen Sie nur auf. Es wird sich
bald was ereignen, glauben Sie mir.« Unwillkürlich streckte er die Hand nach dem
Lehrer aus.
    Quandt kehrte sich angewidert ab. »Verschonen Sie mich mit Ihren
Redensarten«, sagte er kalt. »Sie sind ein abscheulicher Komödiant.«
    Damit war das Gespräch beendet und Quandt verliess das Zimmer.
    Durch den Archivdirektor Wurm erfuhr Quandt, dass Caspar allerdings zu Mittag
im Feuerbachschen Haus gewesen war, dass er aber nicht bloss nach dem Befinden des
Präsidenten gefragt, sondern auch mit auffallender Dringlichkeit den Staatsrat
zu sprechen verlangt habe. Natürlich habe man ihm durchaus nicht willfahren
können. Er war noch eine halbe Stunde lang unbeweglich am Tor stehengeblieben,
und bevor er sich entfernt, war er um das ganze Haus herumgegangen und hatte zu
den Fenstern hinaufgeschaut, wobei sein Gesicht anders als je, wild und
verstört, ausgesehen.
    Nun kam er aber den nächsten Tag wieder, und ebenso am dritten und vierten
Tag, jedesmal mit demselben dringenden Begehren, und jedesmal wurde er
abgewiesen. Der Präsident bedürfe der Ruhe, wurde ihm gesagt; sein Zustand, der
anfangs zu Besorgnissen Grund gegeben, bessere sich jedoch stetig.
    Direktor Wurm erzählte endlich dem Präsidenten davon. Feuerbach befahl, dass
man Caspar zu ihm führen solle, wenn er das nächste Mal käme, und bestand trotz
dem Abreden Henriettes auf seinem Willen. Es verging aber die ganze Woche, ehe
sich Caspar wieder sehen liess.
    Eines Nachmittags, schon ziemlich spät, erschien er und wurde, von Henriette
nicht eben freundlich empfangen, in das Zimmer ihres Vaters geleitet. Der
Präsident sass im Lehnstuhl und hatte einen kleinen Berg von Akten vor sich
aufgeschichtet. Er sah sehr gealtert aus, weisse Bartstoppeln umstanden Kinn und
Wangen, sein Auge blickte ruhig, hatte aber einen ängstlichen Schimmer, wie bei
einem, dem der äusserst gefürchtete Tod näher gewesen ist als er denken will.
    »Nun, was wünschen Sie von mir, Hauser?« wandte er sich an Caspar, der neben
der Tür stehengeblieben war.
    Caspar trat heran, stolperte vor dem Schemel, fiel plötzlich auf die Knie
und beugte in pagenhafter Demut das Haupt. Auch seine Arme sanken schlaff
herunter, und er verharrte mit ergebener und düsterer Miene in derselben
Stellung.
    Feuerbach verfärbte sich. Er packte Caspar bei den Haaren und bog den Kopf
zurück, aber die Augen Caspars blieben geschlossen. »Was gibts, junger Mann?«
rief der Präsident hart.
    Jetzt erhob Caspar den sprechenden Blick. »Ich hab es gelesen«, sagte er.
    Der Präsident ballte die Lippen aufeinander, und seine Augen verschwanden
unter den Brauen. Ein langes Schweigen trat ein.
    »Stehen Sie auf«, herrschte endlich der Präsident Caspar an. Dieser
gehorchte.
    Feuerbach packte ihn beim Handgelenk und sagte halb drohend, halb
beschwörend: »Nicht mucksen, Hauser, nicht mucksen! Stille halten! Stille sein!
Abwarten! Ist vorläufig nichts weiter zu tun.«
    Caspars Gesicht, stumm erregt wie das eines Fiebernden, wurde starrer.
    »Es graut Ihnen, jawohl,« fuhr der Präsident fort, »auch mir graut, und
dabei muss es sein Bewenden haben. Unserm Arm sind nicht alle Fernen und Höhen
erreichbar. Wir haben nicht Josuas Schlachttrompeten und Oberons Horn. Die
hochgewaltigen Kolosse sind mit Flegeln bewehrt und dreschen so hageldicht, dass
zwischen Schlag und Schlag sich unzerknickt kein Lichtstrahl zwängen kann.
Geduld, Hauser, und nicht mucksen, nicht mucksen. Zu versprechen ist nichts;
eine Hoffnung bleibt noch, aber dazu brauch ich Gesundheit. Genug für jetzt!«
    Er machte eine verabschiedende Geste.
    Caspar sah den alten Mann zum erstenmal klar und ruhig an. Der feste Blick
wunderte den Präsidenten. Ei der Tausend, dachte er, der Bursche hat Blut in
sich und kein Zuckerwasser. Schon im Fortgehen begriffen, drehte sich Caspar
noch einmal um und sagte: »Exzellenz, ich hatte eine grosse Bitte.«
    »Eine Bitte? Heraus damit!«
    »Es ist mir so lästig, dass ich bei jedem Ausgehen immer auf den Invaliden
warten soll. Er kommt oft so spät, dass es sich gar nicht mehr ums Weggehen
lohnt. Ins Appellgericht kann ich doch alleine gehen und zu meinen Bekannten
auch.«
    »Hm,« machte Feuerbach, »wills überlegen, werd es richten.«
    Als Caspar das Zimmer verliess, huschte eine weibliche Gestalt längs des
Korridors davon, einer ertappten Lauscherin gleich. Es war Henriette, die, in
beständiger Angst um den Vater, nichts so sehr fürchtete wie die Gefahr, die aus
dessen leidenschaftlichen Anteil an dem Schicksal Caspars drohte. Es mag dafür
ein Brief Zeugnis geben, den sie an ihren in der Pfalz wohnenden Bruder Anselm
schrieb und der die unheilschwere Luft, die in der Umgebung des Präsidenten
lastete, mit jeder Zeile spüren liess.
    »Der Zustand unsers Vaters«, so begann das Schreiben, »hat sich, Gott sei
Dank, zum Bessern gewandt. Er vermag schon, auf einen Stock gestützt, durchs
Zimmer zu gehen und hat auch wieder Freude an einem guten Braten, wenngleich
sein Appetit nicht mehr der frühere ist und er hin und wieder über
Magenschmerzen klagt. Was aber seine Stimmung im allgemeinen anbelangt, so ist
sie schlechter denn je, und zwar hängt dies vornehmlich mit der unglückseligen
Caspar-Hauser-Schrift zusammen. Du weisst, welch riesiges Aufsehen die Broschüre
im ganzen Land hervorgerufen hat. Tausende von Stimmen haben sich dafür und
dawider erhoben, aber es scheint, dass das Dawider allmählich die Oberhand
behalten hat. Die gelesensten Zeitungen brachten Artikel, die einander
auffallend ähnlich waren und worin das Werk als Produkt eines überspannten
Kopfes höhnisch abgetan wurde, Nachdem zwei Auflagen in rascher Folge verkauft
waren, weigerte der Verleger plötzlich unter allerlei Ausflüchten den Druck, und
als man sich an zwei andre wandte, kamen ebenfalls Absagen. Dass dahinter die
tückischesten Umtriebe stecken, samt und sonders aus ein und derselben Quelle,
kann man sich nicht verhehlen, und ich möchte mir die Lippen wund beissen, wenn
ich daran denke, in was für Zuständen wir zu leben gezwungen sind, dass selbst
ein Mann wie unser Vater für eine Sache, die so, wie sie ist, zum Himmel
schreit, kein williges Ohr findet, von tätiger Hilfe ganz zu schweigen.
Wahrhaftig, die Menschen sind träge, stumpfe, dumme Tiere, sonst wäre mehr
Empörung in der Welt. Nun magst du dir aber erst unsern Vater vorstellen: seine
bittere Verstimmung, seinen Schmerz, seine Verachtung, und alles zurückgehalten,
in seiner Brust zugeschlossen. Was musste er fühlen, da sogar aus dem nächsten
Freundeskreis kein Zeichen des Beifalls, des Dankes, der Liebe mehr zu ihm flog!
Gewisse hochgestellte Personen hielten mit ihrem Ärger nicht zurück, und hier,
in dem abscheulichen Krähwinkel, hatte man ohnehin wenig Aufhebens von der
ganzen Geschichte gemacht, begreiflicherweise, denn Christus mag Rom erobern, zu
Jerusalem ist er nur ein schäbiger Rabbi. Ich bin in grosser Sorge für unsern
Vater. Ich kenne ihn genug, um zu wissen, dass seine jetzige äusserliche Ruhe nur
den inneren Sturm verbirgt. Manchmal sitzt er stundenlang und starrt auf eine
einzige Stelle an der Wand, und wenn man ihn dann stört, schaut er einen mit
grossen Augen an und lacht lautlos und weh. Neulich sagte er ganz plötzlich und
mit finsterer Miene zu mir: das Rechte sei, wenn aus solcher Ursache heraus wie
in früheren Zeiten der ganze Mann sich stelle, mit Haut und Haar müsse man sich
opfern und dürfe sich nicht hinter einem Wall bedruckten Papiers verschanzen. Er
wälzt Pläne in seinem Hirn; die Nachricht, dass im Badischen eine Revolution
ausgebrochen ist, hat ihn mächtig angegriffen, und in der Tat scheint diese
Katastrophe mit der Caspar-Hauser-Sache in innigem Zusammenhange zu stehen. Er
glaubt in einem verabschiedeten und irgendwo am Main lebenden Minister einen der
Hauptanstifter der an dem Findling begangenen Greuel vermuten zu dürfen, und,
kaum will mir der Satz in die Feder, er hat die Absicht, den Mann aufzusuchen,
ihn zu einem Geständnis zu zwingen. Der Polizeileutnant Hickel, der unheimliche
Geselle, dem ich nicht über den. Weg traue, kommt nun fast täglich ins Haus und
hat lange Konferenzen mit Vater, und soviel ich bis jetzt den Andeutungen des
Vaters entnommen habe, soll ihn Hickel in einigen Wochen auf die Reise
begleiten. Könnt ich doch das, nur das verhindern! Er wird um dieser unseligen
Geschichte willen den letzten Frieden seines Alters hingeben, und er wird nichts
ausrichten, nichts, nichts, und wäre er ein Jesajas an Beredsamkeit, ein Simson
an Kraft und ein Makkabäus an Mut. Ach, wir Feuerbachs sind ein gezeichnetes
Geschlecht! Das Kainsmal der Ruhelosigkeit bedeckt unsre Stirnen. Sinnlos
wirtschaften wir mit unsern Kräften und unsern Vermögen, und wenn die
Überbleibsel noch gerade bis zur Kirchhofsmauer reichen, ist es schon ein Glück.
Es ist uns nicht gegeben, einen harmlosen Spaziergang zu machen, wir müssen
immer gleich ein Ziel haben, wir können nicht atmen, ohne eines wichtigen
Zweckes zu gedenken, und in der Erwartung des nächsten Tages entgleitet uns jede
holde Gegenwart. So ist er, so bist du, so bin ich, so sind wir alle. Ich habe
noch nie an einer Rose gerochen, ohne darüber zu trauern, dass sie morgen
verwelkt sein wird, noch nie ein schönes Bettelkind erblickt, ohne über die
Ungleichheit der Lose zu spintisieren. Leb wohl, Bruder, der Himmel mache meine
schlimmen Ahnungen unwirklich.«
    So der Brief. Das darin zum Ausdruck gebrachte Misstrauen gegen den
Polizeileutnant wuchs schliesslich dermassen, dass Henriette alle möglichen
Anstrengungen machte, um den Vater mit Hickel zu entzweien. Es fruchtete nichts,
aber Hickel roch Lunte und zeigte in seinem Benehmen gegen die Tochter des
Präsidenten alsbald eine undurchdringliche, süssliche Liebenswürdigkeit. Als ihn
Quandt aufsuchte und sich lebhaft darüber beklagte, dass der Präsident sich von
Hauser habe beschwatzen lassen und dessen unbewachtes und unbehindertes
Herumlaufen in der Stadt bewilligt habe, sagte Hickel, das passe ihm nicht, er
werde dem Staatsrat schon den Kopf zurechtsetzen.
    Er liess sich bei Feuerbach melden und trug ihm seine Bedenken gegen die
unerwünschte Massregel vor. »Eure Exzellenz dürften nicht überlegt haben, welche
Verantwortung Sie mir damit aufbürden«, sagte er. »Wenn ich keine Kontrolle
habe, wo der Mensch seine Zeit hinbringt, wie soll ich dann für seine Sicherheit
Garantie bieten?«
    »Larifari,« knurrte Feuerbach; »ich kann einen erwachsenen Menschen nicht
einsperren, damit Sie Ihre Nachmittagsstunden mit Gemütsruhe im Kasino versitzen
können.«
    Hickel heftete einen bösen Blick auf seine Hände, antwortete aber mit einer
nicht übel gespielten Treuherzigkeit: »Ich bin mir ja eines Lasters bewusst, das
Eure Exzellenz so streng verurteilen. Immerhin, ein Plätzchen muss der Mensch
doch haben, wo er sich wärmen kann, sonderlich wenn er ein Hagestolz ist. Wenn
Sie in meiner Haut steckten, Exzellenz, und ich in der Ihren, würde ich milder
über einen geplagten Beamten denken.«
    Feuerbach lachte. »Was ist Ihnen denn über die Leber gekrochen?« fragte er
gutmütig. »Haben Sie Liebeskummer?« Er hielt den Polizeileutnant für einen
grossen Suitier.
    »In diesem Punkt, Exzellenz, bin ich leider zu hartgesotten,« entgegnete
Hickel, »obgleich ein Anlass dafür vorhanden wäre; seit einigen Tagen hat unsre
Stadt die Ehre, eine ganz ausgezeichnete Schönheit zu beherbergen.«
    »So?« fragte der Präsident neugierig. »Erzählen Sie mal.« Er hatte, nicht zu
leugnen, eine kleine naive Schwäche für die Frauen.
    »Die Dame ist bei Frau von Imhoff zu Besuch -«
    »Jawohl, richtig, die Baronin sprach davon«, unterbrach Feuerbach.
    »Sie wohnte zuerst im Stern,« fuhr Hickel fort, »ich ging ein paarmal
vorüber und sah sie gedankenvoll am Fenster weilen, den Blick zum Himmel
aufgeschlagen wie eine Heilige; ich blieb dann immer stehen und schaute hinauf,
aber kaum dass sie mich bemerkte, trat sie erschrocken zurück.«
    »Na, das lass ich mir gefallen, das heisst gut beobachten,« neckte der
Präsident, »es ist also schon eine Art Einverständnis geschaffen.«
    »Leider nein, Exzellenz; offen gestanden, für galante Abenteuer ist die Zeit
zu ernst.«
    »Das sollt ich meinen«, bestätigte Feuerbach, und das Lächeln erlosch auf
seinen Zügen. Er erhob sich und sagte energisch: »Aber sie ist auch reif, die
Zeit. Ich gedenke am achtundzwanzigsten April aufzubrechen. Sie nehmen vorher
Dispens vom Amt und stellen sich mir zur Verfügung.«
    Hickel verbeugte sich. Er schaute den Präsidenten erwartungsvoll an, und
dieser verstand den Blick. »Ach so«, sagte er. »Ich muss Ihnen allerdings
zugeben, dass es sein Untunliches hat, den Hauser sich selbst zu überlassen.
Anderseits ist es nicht billig, ihm die Welt vor der Nase zuzuriegeln. Davon mag
er genug haben. Durch Einbusse an freiwilliger Betätigung wird ein zum Leben
gewandter Wille ebenso empfindlich getroffen wie durch Ketten und Handfessel.«
Er konnte nicht einig mit sich werden; wie immer dem Polizeileutnant gegenüber
fand er sich in seinen Entschlüssen beengt; es war ein Anprall von Kraft,
Jugend, Kälte und Gewissenlosigkeit, dem er dabei unterlag.
    »Aber Eure Exzellenz kennen doch die Gefahren -« -« wandte Hickel ein.
    »Solange ich in dieser Stadt die Augen offen habe, wird niemand wagen, ihm
ein Haar zu krümmen, dessen seien Sie ganz gewiss.«
    Hickel hob die Brauen hoch und betrachtete wieder die gestreckten Finger
seiner Hand. »Und wenn er uns eines Tages über alle Berge rennt?« fragte er
finster. »Dem ist manches zuzutrauen. Ich schlage vor, dass man ihn wenigstens
des Abends und auf Spaziergängen überwachen lässt. Bei Besorgungen in der Stadt
mag er im Notfall allein bleiben. Dem alten Invaliden können wir den Laufpass
geben, und ich will statt dessen meinen Burschen abrichten. Er soll sich täglich
um fünf Uhr nachmittags im Lehrerhaus melden.«
    »Das wäre eine Lösung«, sagte Feuerbach. »Ist der Mann verlässlich?«
    »Treu wie Gold.«
    »Wie heisst er?«
    »Schildknecht; ist ein Bäckerssohn aus dem Badischen.«
    »Erledigt; sei es so.«
    Als Hickel schon unter der Tür war, rief ihn der Präsident noch einmal
zurück und schärfte ihm wegen der bevorstehenden gemeinsamen Reise unbedingtes
Stillschweigen ein. Hickel versetzte, einer solchen Mahnung bedürfe es nicht.
    »Ich könnte die Reise keinesfalls allein unternehmen,« sagte der Präsident,
»ich brauche die Hilfe eines umsichtigen Mannes. Die Gelegenheit muss sorgfältig
ausgekundschaftet werden. Vorsicht ist geboten. Vergessen Sie niemals, dass ich
Ihnen in dieser Sache einen grossen Beweis von Vertrauen gebe.«
    Er schaute den Polizeileutnant durchbohrend an. Hickel nickte mechanisch.
Über Feuerbachs Stirn senkte sich plötzlich eine Wolke ahnungsvoller Sorge.
»Gehen Sie«, befahl er kurz.
 
                           Die Reise wird angetreten
Am selben Abend suchte Hickel den Lehrer auf und teilte ihm mit, dass der Soldat
Schildknecht von nun an den Hauser überwachen werde. Caspar war nicht daheim,
und auf die Frage nach ihm antwortete Quandt, er sei ins Teater.
    »Schon wieder ins Teater!« rief Hickel. »Das dritte Mal seit vierzehn
Tagen, wenn ich recht zähle.«
    »Er hat eine grosse Vorliebe dafür gefasst«, erwiderte Quandt; »beinahe sein
ganzes Taschengeld verwendet er dazu, um Billette zu kaufen.«
    »Mit dem Taschengeld wird es, nebenbei bemerkt, nächstens hapern,« sagte der
Polizeileutnant, »der Graf hat mir diesmal nur die Hälfte des vereinbarten
Monatswechsels geschickt. Offenbar wird ihm die Sache zu kostspielig.«
    Stanhope hatte von Anfang an die für Caspar zu verwendenden Gelder an Hickel
gesandt.
    »Kostspielig? Dem Lord? Einem Pair der Krone Grossbritannien? Diese Lappalie
kostspielig!« Quandt riss vor Erstaunen die Augen auf.
    »Das erzählen Sie nur keinem andern, sonst denkt man, Sie machen sich lustig
über den Grafen«, sagte die Lehrerin. Neugierig prüfend schaute sie den
Polizeileutnant an. Dieser aalglatte und geschniegelte Mann war ihr stets
merkwürdig und reizvoll erschienen. Er brachte das bisschen Phantasie, das sie
hatte, in Bewegung.
    »Kann nicht helfen,« schloss Hickel unwirsch das Gespräch, »es ist so. Der
Postzettel liegt bei mir zur Einsicht vor. Der Graf wird schon wissen, was er
tut.«
    Als Caspar nach Hause kam, fragte ihn Quandt, wie er sich unterhalten habe.
»Gar nicht, es war soviel von Liebe in dem Stück«, antwortete er ärgerlich. »Ich
kann das Zeug nun einmal nicht ausstehen. Da schwätzen sie und jammern, dass
einem ganz dumm wird, und was ist das Ende? Es wird geheiratet. Da will ich
lieber mein Geld einem Bettler schenken.«
    »Vorhin war der Herr Polizeileutnant hier und hat uns eröffnet, dass der Graf
Ihre Bezüge erheblich gemindert hat«, sagte Quandt. »Sie werden also alle
Ausgaben überhaupt beschränken und den Teaterbesuch, fürchte ich, ganz aufgeben
müssen.«
    Caspar setzte sich zum Tisch, ass sein Abendbrot und sagte lange nichts.
»Schade,« liess er sich endlich vernehmen, »übernächste Woche ist der Don Carlos
von Schiller. Das soll ein herrliches Stück sein, das möcht ich noch sehen.«
    »Wer hat Ihnen denn mitgeteilt, dass es ein herrliches Stück ist?« fragte
Quandt mit der nachsichtig überlegenen Miene des Fachmannes.
    »Ich hab Frau von Imhoff und Frau von Kannawurf im Teater getroffen,«
erklärte Caspar, »beide haben es gesagt.«
    Die Lehrerin hob den Kopf: »Frau von Kannawurf? Wer ist denn das nun
wieder?«
    »Eine Freundin von der Imhoff«, erwiderte Caspar.
    Quandt besprach sich mit seiner Frau noch bis Mitternacht darüber, wie man
sich in die vom Grafen getroffene Veränderung zu schicken habe. Es wurde
vereinbart, dass Caspar von jetzt ab den Mittagstisch für zehn und den Abendtisch
für acht Kreuzer haben solle. »Wenn das so ist, wie der Polizeileutnant sagt,
muss ich in jedem Fall draufzahlen«, meinte die Lehrerin.
    »Wir dürfen nicht vergessen, dass der Hauser im Essen und Trinken wirklich
beispiellos mässig ist«, versetzte Quandt, dessen Redlichkeit sich gegen eine
unrechtmässige Beschränkung sträubte.
    »Macht nichts,« beharrte die Frau, »ich muss doch immer um soviel mehr in der
Küche haben, dass ein Hungriger satt wird. Das krieg ich nicht geschenkt.«
    Am andern Nachmittag brachte Hickel das Monatsgeld. Er und Quandt traten
gerade in den Flur, als Caspar, zum Ausgehen fertig, aus seinem Zimmer
herunterkam. Vom Lehrer gefragt, wohin er gehe, antwortete er verlegen, er wolle
zum Uhrmacher, seine Uhr sei nicht in Ordnung, und er müsse sie richten lassen.
Quandt verlangte die Uhr zu sehen, Caspar reichte sie ihm, der Lehrer hielt sie
ans Ohr, beklopfte das Gehäuse, probierte, ob sie aufzuziehen sei, und sagte
schliesslich: »Der Uhr fehlt ja nicht das mindeste.«
    Caspar errötete und sagte nun, er habe sich bloss seinen Namen auf den Deckel
gravieren lassen wollen; doch er hätte ein viel geschickterer Heuchler sein
müssen, um seinen Worten den Stempel der Ausflucht zu nehmen. Quandt und Hickel
sahen einander an. »Wenn Sie einen Funken Ehrgefühl im Leib haben, so gestehen
Sie jetzt offen, wohin Sie gehen wollten«, sagte Quandt ernst.
    Caspar besann sich und erwiderte zögernd, er habe die Absicht gehabt, in die
Orangerie zu gehen.
    »In die Orangerie? Warum? Zu welchem Zweck?«
    »Der Blumen wegen. Es sind dort im Frühjahr immer so schöne Blumen.«
    Hickel räusperte sich bedeutsam. Er blickte Caspar scharf an und sagte
ironisch: »Ein Poet. Unter Blumen - lass mich seufzen ...« Dann nahm er seine
militärische Miene an und erklärte bündig, er habe den Präsidenten bestimmt, die
unbedacht gewährte Erlaubnis zu freiem Ausgehen wieder zu kassieren. Täglich um
fünf Uhr werde sein Bursche antreten, und in dessen Gesellschaft möge Caspar
tun, was ihm beliebe.
    Caspar blickte still auf die Gasse hinaus, wo die Frühlingssonne lag. »Es
scheint -« murmelte er, stockte aber und sah ergeben vor sich hin.
    »Was scheint?« fragte der Lehrer. »Nur heraus damit. Halbgesagtes verbrennt
die Zunge.«
    Caspar richtete die Augen forschend auf ihn. »Es scheint,« beendete er den
Satz, »dass beim Präsidenten doch recht behält, wer zuletzt kommt.« Als er der
Wirkung dieser bitteren Worte inne ward, hätte er sie gern wieder ungesprochen
gemacht. Der Lehrer schüttelte entsetzt den Kopf, Hickel pfiff leise durch die
gespitzten Lippen. Dann nahm er sein Notizbuch, das zwischen zwei Knöpfen seines
Rockes stak, und schrieb etwas auf. Caspar beobachtete ihn mit scheuen Blicken,
es flackerte wie ein Blitz über seine Stirn.
    »Natürlich werde ich den Staatsrat von dieser unziemlichen Bemerkung
unterrichten«, sagte Hickel in amtlichem Ton.
    Als der Polizeileutnant gegangen war, bat Caspar den Lehrer, er möge ihn
doch ausnahmsweise heute fortlassen, weil so schönes Wetter sei. »Es tut mir
leid,« entgegnete Quandt, »ich muss nach meiner Instruktion handeln.«
    Der Bursche Hickels erschien erst gegen halb sechs. Caspar begab sich mit
ihm auf den Weg nach dem Hofgarten, aber als sie hinkamen, war die Orangerie
schon geschlossen. Schildknecht schlug vor, am Onolzbach entlang
spazierenzugehen; Caspar schüttelte den Kopf. Er stellte sich an eines der
offenen Fenster des Gewächshauses und blickte hinein.
    »Suchen Sie wen?« fragte Schildknecht.
    »Ja, eine Frau wollte mich hier treffen«, erwiderte Caspar. »Macht nichts,
gehen wir wieder heim«
    Sie kehrten um; als sie auf den Schlossplatz gelangten, sah Caspar Frau von
Kannawurf, die in der Mitte des Platzes stand und einer grossen Menge von Spatzen
Brosamen hinstreute. Caspar blieb ausserhalb der Sperlingsversammlung stehen; er
schaute zu und vergass ganz zu grüssen. Die Fütterung war bald beendet, Frau von
Kannawurf setzte den Hut wieder auf, den sie am Band über den Arm gehängt hatte,
und sagte, sie sei andertalb Stunden lang im Gewächshaus gewesen.
    »Ich bin kein freier Mensch, kann nicht halten, was ich verspreche«,
antwortete Caspar.
    Sie gingen die Promenade hinunter, dann links gegen die Vorstadtgärten.
Schildknecht marschierte hinterdrein; der rotbackige kleine Mensch in der grünen
Uniform sah drollig aus. Der grösste von den dreien war überhaupt Caspar, denn
auch Frau von Kannawurf hatte eine kindliche Gestalt.
    Nachdem sie lange Zeit schweigend nebeneinander her gewandert waren, sagte
die junge Frau: »Ich bin eigentlich Ihretwegen in diese Stadt gekommen, Hauser.«
Die ein wenig singende Stimme hatte einen fremden Akzent, und während sie
sprach, pflegte sie hie und da mit den Lidern zu blinzeln, wie Leute tun, die
ermüdete Augen haben.
    »Ja, und was wollen Sie von mir?« versetzte Caspar mehr unbeholfen als
schroff. »Das haben Sie mir schon gestern im Teater gesagt, dass Sie meinetwegen
gekommen sind.«
    »Das ist Ihnen nichts Neues, denken Sie. Aber ich will nichts von Ihnen
haben, im Gegenteil. Es ist sehr schwer, im Gehen darüber zu reden. Setzen wir
uns dort oben ins Gras.«
    Sie stiegen den Abhang des Nussbaumberges hinan und liessen sich vor einer
Hecke auf den Rasen nieder. Ihnen gegenüber sank die Sonne gegen die Waldkuppen
der schwäbischen Berge. Caspar schaute andächtig hin, Frau von Kannawurf stützte
den Ellbogen aufs Gras und sah in die violette Luft. Schildknecht, als verstehe
er, dass seine Gegenwart nicht erwünscht sei, hatte sich weit unterhalb auf einen
umgestürzten Baum gesetzt.
    »Ich besitze ein kleines Gut in der Schweiz,« begann Frau von Kannawurf,
»ich habe es vor zwei Jahren gekauft, um mir in einem freien Land einen
Zufluchts- und Ruheplatz zu schaffen. Ich mache Ihnen den Vorschlag, mit mir
dortin zu reisen. Sie können dort ganz nach Ihrem Wunsch leben, ohne
Belästigung und ohne Gefahr. Nicht einmal ich selbst werde Sie stören, denn ich
kann nirgends bleiben, es treibt mich immer wo anders hin. Das Haus liegt
vollständig einsam zwischen hohen Bergen im Tal und an einem See. Nichts
Grossartigeres lässt sich denken als der Anblick des ewigen Schnees, wenn man dort
im Garten unter den Apfelbäumen sitzt. Da es viel Schwierigkeiten und viel Zeit
kosten würde, wenn ich es durchsetzen wollte, Sie vor aller Welt hinzubringen,
bin ich dafür, dass Sie mit mir fliehen. Sie brauchen nur ja zu sagen, und alles
ist bereit.«
    Sie hatte Caspar jetzt das Gesicht voll zugewandt, und dieser kehrte den
etwas geblendeten Blick von dem roten Sonnenball weg und schaute sie an. Er
hätte von Holz sein müssen, um diesem wunderschönen Antlitz gegenüber
unempfindlich zu bleiben, und ganz von selbst, und als ob er ihr gar nicht
zugehört hätte, fielen die verwunderten Worte von seinen Lippen: »Sie sind aber
sehr schön.«
    Frau von Kannawurf errötete. Es gelang ihr nicht, hinter ihrem spöttischen
Lächeln ein schmerzliches Gefühl zu verbergen. Ihr Mund, der etwas
Kindlich-Süsses hatte, zuckte beständig, wenn sie schwieg. Caspar geriet in
Verwirrung unter ihrem erstaunten Blick und sah wieder in die Sonne.
    »Sie antworten mir nicht?« fragte Frau von Kannawurf leise und enttäuscht.
    Caspar schüttelte den Kopf. »Es ist unmöglich zu tun, was Sie von mir
wollen«, sagte er.
    »Unmöglich? warum?« Frau von Kannawurf richtete sich jäh auf.
    »Weil ich dort nicht hingehöre«, sagte Caspar fest.
    Das junge Weib sah ihn an. Ihr Gesicht hatte den Ausdruck eines aufmerksamen
Kindes und wurde nach und nach so blass wie der Himmel über ihnen. »Wollen Sie
sich denn opfern?« fragte sie starr.
    »Weil ich dortin muss, wo ich hingehöre«, fuhr Caspar unbeirrt fort und
blickte immer noch gegen die Stelle, wo die Sonne jetzt verschwunden war.
    Ihn zu meinem Plan zu bekehren, ist vergeblich, dachte Frau von Kannawurf
sogleich; grosser Gott, wie wahr, wie einfach alles vor ihm liegt: ja - nein,
schön - hässlich; er betrachtet die Dinge nur von oben. Und wie sein Gesicht
grenzenlose Güte mit einer naiven und zärtlichen Traurigkeit vereint; man ist
benommen und erstaunt, wenn man ihn anschaut.
    »Was aber wollen Sie tun?« fragte sie zaudernd.
    »Ich weiss es noch nicht«, entgegnete er wie im Traum und verfolgte mit den
Augen eine Wolke, welche die Gestalt eines laufenden Hundes hatte.
    Also was man mir berichtet hat, ist falsch; er fürchtet sich ja gar nicht,
dachte das junge Weib. Sie erhob sich und ging ungestüm voraus, den Hügel
hinunter an Schildknecht vorbei, der zu schlafen schien. Man muss ihn schützen,
dachte sie weiter, er ist imstande und rennt in sein Verderben; was er tun wird,
weiss er nicht, natürlich, er ist wahrscheinlich nicht fähig, einen Plan zu
machen, aber er wird handeln, er trägt eine Tat mit sich herum und wird vor
nichts mehr zurückschrecken; es ist nicht schwer, ihn zu erraten, obwohl er
aussieht wie das Schweigen selbst.
    Sie blieb stehen und wartete auf Caspar. »Ei, Sie können ordentlich laufen«,
sagte er bewundernd, als er wieder an ihrer Seite war.
    »Die frische Luft macht mich ein bisschen wild«, antwortete sie und holte
tief Atem.
    Als Frau von Kannawurf und Caspar durch den Torbogen des Herrieder Turmes
gingen, sahen sie plötzlich neben einem leeren Schilderhäuschen den
Polizeileutnant. Und beide blieben unwillkürlich stehen, denn der Anblick hatte
etwas Erschreckendes. Hickel lehnte nämlich mit der Schulter gegen das Häuschen
und sah aus wie zur Bildsäule erstarrt. Trotz der Dunkelheit konnte man
wahrnehmen, dass sein Gesicht aschfahl war, und es lag über seinen Zügen eine
bleierne Düsterkeit. Hinter ihm stand sein Hund, eine grosse graue Dogge; das
Tier war genau so regungslos wie sein Herr und blickte unverwandt an ihm empor.
    Caspar zog grüssend den Hut; Hickel bemerkte es nicht. Frau von Kannawurf sah
noch einmal zurück und flüsterte fröstelnd: »Wie furchtbar! Was für ein Mann!
Was mag ihn peinigen!«
    War es denkbar, dass der Polizeileutnant, etwa durch neue Spielverluste in
Verzweiflung gebracht, sich soweit vergessen konnte, dass er, wennschon durch die
Dunkelheit und einen Mauerwinkel geschützt, auf offener Gasse das Schauspiel
eines vom Krampf Befallenen darbot? Das ist den Spielern sonst nicht eigen; sie
überschlafen ihren Unglücksrausch und geben sich kaltblütig dem tückischen
Zufall von neuem in die Hände. Aber Spieler pflegen skrupellos zu sein; setzen
sie nicht Geld auf Karten, so setzen sie auf Seelen, und dabei kann es sich wohl
ereignen, dass ihnen der Teufel eine grässliche Schuldverschreibung vorhält, die
sie mit ihrem Blut unterzeichnen müssen.
    Als Hickel am Nachmittag nach Hause gekommen war, trat ihm vor der Tür
seiner Wohnung ein unbekannter Mann entgegen, übergab ihm ein versiegeltes
Schreiben und verschwand wieder, ohne gesprochen zu haben. Der erfahrene Blick
des Polizeileutnants konnte nicht im unklaren darüber bleiben, dass der Mensch
falsches Haar und falschen Bart getragen hatte. Der Brief, den Hickel sogleich
öffnete, war chiffriert; seine Entzifferung kostete, trotzdem der Schlüssel
bekannt war, den Rest des Nachmittags. Der Inhalt des Schreibens bezog sich auf
die mit dem Präsidenten gemeinschaftlich anzutretende Reise. Hickel las, las und
las wieder. Er hatte schon beim ersten Male verstanden, aber er las, um nicht
denken zu müssen.
    Punkt sieben Uhr erhob er sich vom Schreibtisch und ging zehn Minuten lang
pfeifend im Zimmer auf und ab. Sodann öffnete er ein Glasschränkchen, nahm eine
Flasche mit Whisky heraus, die er vom Grafen Stanhope geschenkt erhalten hatte,
füllte ein nettes silbernes Becherchen damit und trank es in einem Zuge leer.
Hierauf griff er zur Bürste, reinigte den Rock, danach hing er den Säbel um, und
um halb acht verliess er mit dem Hund seine Wohnung. Er schien gutgelaunt, denn
er pfiff und summte noch immer vor sich hin und knipste hie und da mit den
Fingern. Doch unter dem Bogen des Herrieder Turmes blieb er auf einmal stehen
und sah angelegentlich zur Erde nieder. Ein durchfahrender Handwagen stiess ihn
an der Hüfte an, deshalb ging er ein paar Schritte weiter bis zum Schilderhause
um die Ecke. Dort gewahrte ihn das heimkehrende Paar.
    Es würde einen ungenügenden Einblick in den Charakter des Polizeileutnants
beweisen, wenn man annehmen wollte, dass diese Sinnesverdunklung länger gedauert
habe, als gemeinhin eine vorübergehende Blutleere im Kopf dauert. Um acht Uhr
sass er schon mit einigen Kollegen beim Fischessen in der »Goldenen Gabel«, und
um neun Uhr war er im Kasino; sollte diese genaue Stundenangabe etwas
Verdriessliches haben, so sei hinzugefügt, dass er in der Zeit von neun bis vier
Uhr überhaupt keinen Glockenschlag mehr, sondern nur noch das eintönige Knistern
der Spielkarten vernahm. Er gewann. Auf dem Heimweg durch die grauende Frühe
passierte dann das Auffällige, dass er vor dem Sterngastof in der Mitte der
Strasse Halt machte, den Säbel an das Bein presste und einen langen, saugenden
Blick gegen dasselbe Fenster hinaufschickte, hinter dem er die schöne Fremde
gesehen hatte.
    Am Morgen schlief er lange, und als der Bursche mit dem Rapport kam, hörte
er kaum zu. Schildknecht war verpflichtet, jeden Morgen Bericht zu erstatten, wo
er den Nachmittag oder Abend vorher mit Caspar gewesen. Fast jedesmal hiess es
von nun ab: wir haben die Frau von Kannawurf abgeholt, oder: die Frau von
Kannawurf ist uns begegnet, und wir sind spazierengegangen; oder bei
Regenwetter: wir sind im Imhoffschen Garten in der Laube gesessen. Dieses »Wir«
hatte aber in Schildknechts Mund einen sehr bescheidenen Klang; er sprach von
Caspar stets mit achtungsvoller Zurückhaltung. Da er die Wahrnehmung machte, dass
sein Herr die Berichte über das regelmässige Beisammensein der beiden mit Unruhe
aufnahm, wusste er in seinen Ton etwas wie eine Versicherung von Harmlosigkeit zu
legen, fügte zum Beispiel hinzu: »sie haben viel über das Wetter gesprochen«,
oder: »sie haben sich über gebildete Sachen unterhalten.« Solche Einzelheiten
erfand er, denn in Wirklichkeit hielt er sich jedesmal in einer taktvollen
Entfernung hinter den beiden.
    Hickel begann dem jungen Menschen zu misstrauen.
    Eines Abends erwischte er ihn, wie er in einem Winkel der Küche hockte, eine
Kerze vor sich, und mit dem Zeigefinger buchstabierend über die Zeilen eines
Buches glitt. Als er sich gestört fand, war er wie entgeistert, seine roten
Backen hatten die Farbe verloren. Hickel nahm das Buch, und sein Gesicht wurde
finster wie die Nacht, als er sah, dass es die Feuerbachsche Schrift war. »Woher
hat Er das?« schrie er Schildknecht an. Der Bursche erwiderte, er habe es auf
dem Bücherschrank des Herrn Leutnant gefunden. »Das ist eine widerrechtliche
Aneignung, ich werde Ihn davonjagen und disziplinieren lassen, wenn so etwas
nochmal vorkommt, merk Er sich das!« donnerte Hickel.
    Wahrscheinlich hätte die erstbeste Seeräubergeschichte die Neugier des
Tölpels ebenso gereizt, sagte sich Hickel später und erklärte sein Aufbrausen
für eine Unbesonnenheit. Gleichwohl witterte er Gefahr, der Bursche war nicht
nach seinem Sinn, und er beschloss, sich seiner zu entledigen. Ein Anlass ergab
sich bald.
    Als Schildknecht tags darauf Caspar abholte, merkte er, dass dieser verstimmt
war. Er suchte ihn aufzuheitern, indem er ein paar lustige Schnurren aus dem
Kasernenleben vorbrachte. Caspar ging auf die Unterhaltung ein, er fragte den
zutraulichen Menschen nach seiner Heimat, nach seinen Eltern, und Schildknecht
bemühte sich, auch davon möglichst gutgelaunt zu erzählen, obschon es ein
trauriges Kapitel für ihn war. Er hatte eine Stiefmutter gehabt, der Vater hatte
ihn in früher Jugend unter fremde Leute gegeben, kaum war er von Hause fort, so
hatte ein Liebhaber der Frau den Vater im Raufhandel erschlagen. Jetzt sass der
Liebhaber samt der Frau im Zuchtaus, und die Brüder hatten das Vermögen
durchgebracht.
    Schildknecht wagte zu fragen, weshalb Caspar heute seine Freundin nicht
treffe.
    »Sie geht ins Teater«, antwortete Caspar.
    Warum denn er nicht gehe, fragte Schildknecht weiter.
    Er habe kein Geld.
    »Kein Geld? Wieviel braucht man denn dazu?«
    »Sechs Groschen.«
    »Soviel hab ich grad bei mir,« meinte Schildknecht, »ich leihs Ihnen.«
    Caspar nahm das Anerbieten mit Vergnügen an. Es wurde nämlich der »Don
Carlos« gegeben, auf den er sich schon lange gefreut hatte.
    Das Stück erregte mit Ausnahme des verrückten Frauenzimmers, das den Prinzen
verführen will, sein Entzücken. Und wie ward ihm, als der Marquis zum König
sprach:
Sie haben umsonst
Den harten Kampf mit der Natur gerungen,
Umsonst ein grosses königliches Leben
Zerstörenden Entwürfen hingeopfert.
Der Mensch ist mehr, als Sie von ihm gehalten.
Des langen Schlummers Bande wird er brechen
Und wieder fordern sein geheiligt Recht.
    Er erhob sich von seinem Platz, starrte gierig, mit funkelnden Augen auf die
Bühne und entielt sich nur mit Mühe eines lauten Ausrufs. Zum Glück wurde die
Störung in der herrschenden Dunkelheit nicht weiter beachtet; sein Nachbar, ein
böser alter Kanzleirat, zerrte ihn grob auf den Sitz zurück.
    Das Ausbleiben über den Abend hatte zunächst ein Verhör durch den Lehrer zur
Folge. Er gestand, im Schlossteater gewesen zu sein. »Woher haben Sie Geld?«
fragte Quandt. Caspar erwiderte, er habe das Billett geschenkt bekommen. »Von
wem?« Gedankenlos, noch ganz gefangen von der Dichtung, nannte Caspar
irgendeinen Namen. Quandt erkundigte sich am andern Tag, erfuhr
selbstverständlich, dass ihn Caspar belogen hatte, und stellte ihn zur Rede. In
die Enge getrieben, bekannte Caspar die Wahrheit, und Quandt machte dem
Polizeileutnant Mitteilung.
    Um fünf Uhr nachmittags ertönte im Hof vor Caspars Fenster der wohlbekannte
Pfiff, zwei melodische Triolen, mit denen sich Schildknecht zu melden pflegte.
Caspar ging hinunter.
    »Es ist aus mit uns beiden,« sagte Schildknecht zu ihm, »der Polizeileutnant
hat mich entlassen, weil ich Ihnen das Geld geliehen hab. Ich muss jetzt wieder
Kasernendienst tun.«
    Caspar nickte trübselig. »So geht mirs eben,« murmelte er, »sie wollens
nicht leiden, wenn einer zu mir hält.« Er reichte Schildknecht die Hand zum
Abschied.
    »Hören Sie mal zu, Hauser,« sagte Schildknecht eifrig, »ich will jede Woche
zwei- oder dreimal, überhaupt wenn ich frei bin, dahier in den Hof kommen und
meinen Pfiff pfeifen. Vielleicht brauchen Sie mich mal. Warum nicht, kann ja
möglich sein.«
    Es lag in den Worten eine über alle Massen tiefe Herzlichkeit. Caspar
richtete den aufmerksamen Blick in Schildknechts freundlich lächelndes Gesicht
und erwiderte langsam und bedächtig: »Es kann möglich sein, das ist wahr.«
    »Topp! Abgemacht!« rief Schildknecht.
    Sie gingen durch den Flur nach der Strasse. Vor dem Tor stand ein Amtsdiener,
und da er Caspars ansichtig wurde, sagte er, er habe ihn gesucht, der Herr
Staatsrat schicke ihn her, Caspar solle gleich hinkommen. Caspar fragte, was es
gäbe. »Der Herr Staatsrat reist um sechs Uhr mit dem Herrn Polizeileutnant ab
und will noch mit Ihnen sprechen«, antwortete der Mann.
    Caspar machte sich auf den Weg. Ein paar hundert Schritte vom Lehrerhaus
entfernt konnte er nicht weiter. Ein Ziegelwagen war vor dem Einfahren in ein
Tor mit gebrochener Radachse umgestürzt und versperrte die Gasse. Caspar wartete
eine Weile, kehrte dann um und musste nun durch die Würzburger Strasse und über
die Felder Infolgedessen kam er zu spät. Als er vor dem Feuerbachschen Garten
anlangte, war der Präsident schon weggefahren. Henriette und der Hofrat Hofmann
standen am Gartentor und nahmen Caspars triftige Entschuldigung schweigend auf.
Henriette hatte verweinte Augen. Sie blickte lange die Gasse hinunter, wo der
Wagen verschwunden war, dann drehte sie sich wortlos um und schritt gegen das
Haus.
 
                                  Schildknecht
Der Mai brachte viel Regen. Wenn das Wetter es irgend erlaubte, wanderten Caspar
und Frau von Kannawurf ganze Nachmittage lang durch die Umgegend. Caspar
vernachlässigte plötzlich sein Amt. Auf Vorhaltungen entgegnete er: »Ich bin der
dummen Schreiberei überdrüssig.« Was ihm von den massgebenden Personen höchlichst
verübelt wurde.
    Der von Hickel neuaufgenommene und für die Dauer seiner Abwesenheit streng
unterwiesene Bursche ward gleich zu Anfang so lästig, dass sich Frau von
Kannawurf beim Hofrat Hofmann darüber beschwerte. Weniger aus Einsicht als um
der schönen Frau gefällig zu sein, gestattete der Hofrat, dass Caspar seine
Spaziergänge mit ihr allein unternehme. »Hoffentlich entführen Sie mir den
Hauser nicht«, sagte er mit seinem fiskalisch-schlauen Lächeln zu der
Sprachlosen.
    Nun aber machte wieder Quandt Schwierigkeiten. »Ich bestehe auf meiner
Instruktion«, war sein eisernes Sprüchlein. Eines Morgens erschien daher Frau
von Kannawurf in der Studierstube des Lehrers und stellte ihn kühn zur Rede.
Quandt konnte ihr nicht ins Gesicht sehen; er war vollkommen verdattert und
wurde ab wechselnd rot und blass. »Ich bin ganz zu Ihren Diensten, Madame«, sagte
er mit dem Ausdruck eines Menschen, der sich auf der Folter zu allem
entschliesst, was man von ihm haben will.
    Frau von Kannawurf schaute sich mit gelassener Neugier im Zimmer um. »Wie
verhalten Sie sich eigentlich innerlich zu Caspar?« fragte sie auf einmal.
»Lieben Sie ihn?«
    Quandt seufzte. »Ich wollte, ich könnte ihn so lieben, wie seine
achtungswerten Freunde glauben, dass er es verdient«, antwortete er meisterhaft
verschnörkelt.
    Frau von Kannawurf erhob sich. »Wie soll ich das verstehen?« brach sie
leidenschaftlich aus, »wie kann man ihn nicht lieben, ihn nicht auf Händen
tragen?« Ihr Gesicht glühte, sie trat dicht vor den erschrockenen Lehrer hin und
sah ihn drohend und traurig an.
    Doch sie besänftigte sich schnell und sprach nun von andern Dingen, um den
ihr erstaunlichen Mann besser kennenzulernen. Ihr war jeder Mensch ein Wunder
und fast alles, was Menschen taten, etwas Wunderbares. Deshalb erreichte sie
selten ein vorgesetztes Ziel. Sie vergass sich und überschritt die Grenze, die
ein oberflächlicher Verkehr bedingt.
    Quandt ärgerte sich nachher gründlich über seine nachgiebige Haltung. Was
mag denn da wieder dahinter stecken? grübelte er. So oft die kleinen Briefchen
von Frau von Kannawurf an Caspar kamen, öffnete er und las sie, ehe er sie dem
Jüngling gab. Er brachte nichts heraus; der Inhalt war zu unverfänglich.
Wahrscheinlich verständigen sie sich in irgendeiner Geheimsprache, dachte Quandt
und stellte gewisse wiederkehrende Phrasen zusammen in der Hoffnung, damit den
Schlüssel zu finden. Caspar wehrte sich gegen diese Eingriffe, worauf Quandt ihm
mit ungewöhnlicher Beredsamkeit das Recht der Erzieher auf die Korrespondenz
ihrer Pfleglinge bewies.
    Schliesslich bat Caspar seine Freundin, ihm nicht mehr zu schreiben. So
unverfänglich wie die Briefe hätte der Lehrer auch, wenn er unsichtbar die
beiden hätte belauschen können, ihre Gespräche gefunden. Es kam vor, dass sie
stundenlang ohne zu reden nebeneinander hergingen. »Ist es nicht schön im Wald?«
fragte dann die junge Frau mit dem innigsten Klang ihrer süssen Stimme und einem
kleinen, vogelhaft zwitschernden Lachen. Oder sie pflückte eine Blume vom
Wiesenrain und fragte: »Ist das nicht schön?«
    »Es ist schön«, antwortete Caspar.
    »So trocken, so ernstaft?«
    »Dass es schön ist, weiss ich noch nicht gar lange,« bemerkte Caspar tief,
»das Schöne kommt zuletzt.«
    Ihn machte der Frühling diesmal glücklich. Mit jedem Atemzug fühlte er sich
eigentümlich bevorzugt. Wahrhaftig, dass es schön war, hatte er bis jetzt noch
nie bedacht. Die seiende Welt schlang sich wie ein Kranz um ihn. Solang die
Sonne am blauen Himmel stand, leuchteten seine Augen in verwundertem Glück. Er
ist wie ein Kind, das man nach langer Krankheit zum erstenmal in den Garten
führt, sagte sich Frau von Kannawurf. Ihr gütiges Herz klopfte höher bei dem
Gedanken, dass sie vielleicht nicht ohne Einfluss auf diese Stimmung war.
Bisweilen wand sie junges Waldlaub um seinen Hut, und dann sah er stolz aus.
Aber er war doch immer in sich gekehrt und immer so verhalten, als ringe er mit
einem grossen Entschluss.
    Eines Tages kamen sie überein, dass er sie einfach Clara und sie ihn Caspar
nennen solle. Sie amüsierte sich über die geschäftsmässige Gesetzteit, mit der
er seinerseits diesen Vertrag einhielt. Er belustigte sie überhaupt oft,
besonders wenn er ihr kleine Moralpredigten hielt oder etwas, was er
frauenzimmerlich nannte, geärgert tadelte. Er ermahnte sie auch, nicht gar so
viel herumzulaufen und ihre Gesundheit zu schonen. Nun sah es ja manchmal
wirklich aus, als habe sie die Absicht, sich zu ermüden und zu erschöpfen. Eine
ihrer Leidenschaften bestand darin, auf Türme zu steigen; auf dem Turm der
Johanniskirche wohnte ein alter Glöckner, ein weiser Mann in seiner Art, durch
lange Einsamkeit beschaulich und sanft geworden; sie scheute nicht die
Anstrengung der vielen hundert Stufen und lief oft zweimal täglich zu dem Alten
hinauf, plauderte mit ihm wie mit einem Freund oder lehnte über die eiserne
Brüstung der schmalen Galerie und schaute über das Land in die Fernen. Der
Glöckner hatte sie auch so ins Herz geschlossen, dass er zu gewissen Abendstunden
nach der Richtung des Imhoffschlösschens verabredete Zeichen mit seiner Laterne
gab.
    Jeden Tag machte sie neue Reisepläne, denn sie gefiel sich nicht in der
kleinen Stadt. Caspar fragte, warum sie denn so fortdränge, aber darüber wusste
sie im Grund keinen Aufschluss zu geben. »Ich darf nicht wurzeln,« sagte sie,
»ich werde unglücklich, wenn ich zufrieden bin, ich muss immer auf
Entdeckungsfahrten gehen, ich muss Menschen suchen.« Sie blickte Caspar zärtlich
an, indes ihr kleiner Mund unaufhörlich zuckte.
    Einmal, und das war das einzige Mal überhaupt, dass davon gesprochen wurde,
erwähnte sie der Feuerbachschen Schrift. Caspar griff nach ihrer Hand, die er
mit sonderbarer Kraft so stark presste, als wolle er damit das Wort zerquetschen,
das er vernommen. Frau von Kannawurf stiess einen leisen Schrei aus.
    Es war schon Abend; sie gingen noch bis zu der Strassenkreuzung, an der sie
sich gewöhnlich voneinander trennten. Da sagte Frau von Kannawurf rasch und
eindringlich, indem sie sich nah zu ihm stellte und auf seine Stirn starrte:
»Also wollen Sie es auf sich nehmen?«
    »Was?« entgegnete er mit sichtlichem Unbehagen.
    »Alles -?«
    »Ja, alles,« sagte er dumpf, »aber ich weiss nicht, ich bin ja ganz allein.«
    »Natürlich allein, aber etwas andres wünschen Sie doch gar nicht. Allein wie
im Kerker, das ist es eben, nur nicht mehr drunten, sondern droben -« Sie konnte
nicht weiterreden, er legte die eine Hand auf ihren Mund und die andre auf den
seinen. dabei glänzten seine Augen beinahe voll Hass. Plötzlich dachte er mit
einer Art freudiger Bestürzung: ob meine Mutter so ähnlich ist wie diese da? Er
hatte ein durstiges und brennendes Gefühl auf den Lippen, und es war zugleich
etwas in ihm, wovor ihn widerte. »Ich geh jetzt heim«, stiess er mit wunderlichem
Unwillen hervor und entfernte sich voll Eile.
    Frau von Kannawurf sah ihm nach, und als die Dunkelheit schon längst seine
Gestalt verschlungen hatte, heftete sie noch die grossen Kinderaugen in die
Richtung seines Weges. Es war ihr furchtbar bang ums Herz. Er ist sicher der
mutigste aller Menschen, dachte sie, er ahnt nicht einmal, wieviel Mut er
besitzt; was bewegt mich doch so sehr, wenn ich mit ihm rede oder schweige?
Warum ängstigts mich so, wenn ich ihn sich selbst überlassen weiss?
    Sie ging heimwärts und brauchte zu einem Weg von wenig mehr als tausend
Schritten über eine halbe Stunde. Im Westen leuchteten Blitze wie feurige Adern.
    Caspar hatte sich frühzeitig zu Bett begeben. Es mochte ungefähr vier Uhr
morgens sein, da wurde er durch einen lauten Ruf aufgeweckt. Es war auf der
Strasse ausserhalb des Hofs, und die Stimme rief: »Quandt! Quandt!«
    Caspar, noch im Halbschlaf, glaubte die Stimme Hickels zu erkennen. Es wurde
irgendwo ein Fenster geöffnet, der von der Strasse sagte etwas, was Caspar nicht
verstehen konnte, bald hernach ging eine Tür im Haus. Es blieb dann eine Weile
ruhig. Caspar legte sich auf die Seite, um weiterzuschlafen, da pochte es an
seine Zimmertür. »Was gibts?« fragte Caspar.
    »Machen Sie auf, Hauser!« antwortete Quandts Stimme.
    Caspar sprang aus dem Bett und schob den Riegel zurück. Quandt, vollständig
angekleidet, trat auf die Schwelle. Sein Gesicht sah im Morgengrauen grünlich
fahl aus.
    »Der Präsident ist tot«, sagte er.
    In einem schwindelnden Gefühl setzte sich Caspar auf den Bettrand.
    »Ich bin im Begriff hinzugehen, wenn Sie sich anschliessen wollen, machen Sie
rasch«, fuhr Quandt murmelnd fort.
    Caspar schlüpfte in die Kleider; er war wie betrunken.
    Zehn Minuten darauf schritt er neben Quandt auf dem Weg zur
Heiligenkreuzgasse. Im Garten vor dem Feuerbachschen Haus standen Leute, die
halb verschlafen, halb bestürzt aussahen. Ein Bäckerjunge sass auf der Treppe und
heulte in seine weisse Schürze hinein. »Glauben Sie, dass man nach oben darf?«
fragte Quandt den Schreiber Dillmann, der mit ingrimmigem Gesicht und tief in
die Stirn gedrücktem Hut auf und ab ging.
    »Die Leiche ist ja noch gar nicht in der Stadt«, sagte ein alter
Artilleriehauptmann, an dessen Schnurrbart kleine Regentropfen hingen.
    »Das weiss ich«, entgegnete Quandt, und er folgte etwas beklommen Caspar, der
ins Haus eingetreten war. Im unteren Stock standen alle Türen offen. In der
Küche sassen zwei Mägde vor einem Haufen Holz, das zu Scheiten geschlagen war.
Sie schienen angstvoll zu horchen. Caspar und Quandt vernahmen eine
durchdringende Stimme, die sich näherte. Sie sahen alsbald eine weibliche
Gestalt mit hochgehobenen Armen durch eines der Zimmer laufen. Sie schrie vor
sich hin wie rasend.
    »Die Unglückliche«, sagte Quandt verstört.
    Es war Henriette. Ihr Geschrei dauerte ununterbrochen fort, bis einige Damen
erschienen, darunter Frau von Stichaner. Quandt begab sich mit Caspar an die
Schwelle des Staatsgemachs. Die Frauen bemühten sich um Henriette, sie aber
stiess jede mit den Fäusten von sich. »Ich habs gewusst,« schrie sie, »ich habs
gewusst sie haben ihn mir vergiftet, haben ihn vergiftet!« Ihre Augen waren
blutunterlaufen, und ihr Blick war rot. Sie stürmte in ein andres Zimmer, das
lose Nachtgewand flatterte hinter ihr, und immer gellender schallte ihr
Geschrei: »Sie haben ihn vergiftet! vergiftet! vergiftet!«
    Caspar hatte keinen andern Ruhepunkt für sein Auge als das Napoleonbild, dem
er gegenüberstand. Es kam ihm vor, als müsse der gemalte Kaiser schon müde sein
von der unablässigen majestätischen Drehung, die sein Hals machte.
    »Lassen Sie uns gehen, Hauser,« sagte Quandt, »es ist zuviel des Jammers.«
    Im Flur stand der Regierungspräsident Mieg im Gespräch mit Hickel. Der
Polizeileutnant berichtete alle Einzelheiten der Katastrophe. In Ochsenfurt am
Main habe Seine Exzellenz über Unwohlsein geklagt und sei zu Bett gegangen; in
der Nacht habe er gefiebert, der gerufene Arzt habe ihm zur Ader gelassen und
habe behauptet, die Krankheit sei bedeutungslos. Am Morgen darauf sei plötzlich
das Ende eingetreten.
    »Und welcher Ursache schrieb der Arzt seinen Tod zu?« erkundigte sich Herr
von Mieg und verbeugte sich gleichzeitig, da Frau von Imhoff und Frau von
Kannawurf an seine Seite traten. Frau von Imhoff weinte.
    Hickel zuckte die Achseln. »Er glaubte an Herzschwäche«, erwiderte er.
    Ungeachtet des frühen Morgens war schon die ganze Stadt auf den Beinen. Über
dem Dach des Appellgerichts wehten zwei schwarze Fahnen.
    Caspar blieb den Tag über in seinem Zimmer. Niemand störte ihn. Er lag auf
dem Sofa, die Hände unterm Kopf, und starrte in die Luft. Spät nachmittags bekam
er Hunger und ging in die Wohnstube. Quandt war nicht da. Die Lehrerin sagte:
»Um vier Uhr ist die Leiche angekommen; Sie sollten eigentlich hingehen, Hauser,
und ihn nochmal sehen, bevor er begraben wird.«
    Caspar würgte an einem Stück Brot und nickte.
    »Sehen Sie, wie recht ich damals hatte mit den Totenweibern,« fuhr die
Lehrerin geschwätzig fort, »aber die Männer denken immer, alles geht so, wie
sies ausrechnen.«
    Der Flur des Feuerbachschen Hauses war angefüllt von Menschen. Caspar
drückte sich in einen Winkel und stand eine Weile unbeachtet. Er zitterte an
allen Gliedern. Der eigentümliche Geruch, der im Hause herrschte, benahm ihm die
Sinne. Da spürte er sich bei der Hand gepackt. Aufschauend, erkannte er Frau von
Imhoff. Sie gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Sie führte ihn in ein grosses
Zimmer, in dessen Mitte der Tote aufgebahrt war. Drei Söhne Feuerbachs sassen zu
Häupten des Vaters, Henriette lag regungslos über die Leiche hingeworfen. Am
Fenster standen der Hofrat Hofmann und der Archivdirektor Wurm. Sonst war
niemand im Zimmer.
    Das Gesicht des Toten war gelb wie eine Zitrone. Um die Winkel des scharfen,
verbissenen Mundes hatten sich grosse Muskelknoten gebildet. Das schiefergraue
Kopfhaar glich einem kurzgeschorenen Tierfell. Es war nichts mehr von Grösse in
diesen Zügen, nur zähneknirschender Schmerz und eine unmenschliche, eisige
Angst.
    Caspar hatte noch nie einen Toten gesehen. Sein Gesicht bekam einen
qualvoll-wissbegierigen Ausdruck, die Augäpfel drehten sich in die Winkel, und
mit allen zehn Fingern umkrampfte er Kinn und Mund. Sein ganzes Herz löste sich
in Tränen auf.
    Henriette Feuerbach erhob den Kopf von der Bahre, und als sie den Jüngling
sah, verzerrten sich ihre Züge grässlich. »Deinetwegen hat er sterben müssen!«
schrie sie mit einer Stimme, vor der alle erbebten.
    Caspar öffnete die Lippen. Weit nach vorn gebeugt, starrte er das
halbwahnsinnige Weib an. Zweimal klopfte er sich mit der Hand gegen die Brust,
er schien zu lachen, plötzlich gab er einen dumpfen Laut von sich und stürzte
ohnmächtig zu Boden.
    Alle waren erstarrt. Die Söhne des Präsidenten waren aufgestanden und
schauten bekümmert auf den am Boden liegenden Jüngling. Direktor Wurm eilte, als
er sich gefasst hatte, zur Tür, wahrscheinlich, um einen Arzt zu rufen. Der
besonnene Hofrat hielt ihn zurück und meinte, man solle kein unnötiges Aufsehen
machen. Frau von Imhoff kniete neben Caspar und befeuchtete seine Schläfe mit
ihrem Riechwasser. Er kam langsam zu sich, doch dauerte es eine Viertelstunde,
bis er sich erheben und gehen konnte. Frau von Imhoff begleitete ihn hinaus.
Damit sie sich nicht durch die Menge der Besucher im Korridor zu drängen
brauchten, führte sie ihn über eine Hintertreppe in den Garten und anerbot sich,
ihn nach Haus zu bringen. »Nein,« sagte er unnatürlich leise, »ich will allein
gehen.« Er steckte seine Nase in die Luft und schnüffelte unbewusst. Sein Puls
ging so schnell, dass die Adern am Hals förmlich flogen.
    Er entwand sich dem liebreichen Zuspruch der jungen Frau und ging mit trägen
Schritten gegen die Hauptallee des Gartens. Vor dem Portal stiess er auf den
Polizeileutnant. »Nun, Hauser!« redete ihn Hickel an.
    Caspar blieb stehen.
    »Zur Trauer haben Sie gegründeten Anlass,« sagte Hickel mit unheilvoller
Betonung, »denn wer wird eines Feuerbach gewichtiges Fürwort ersetzen?«
    Caspar antwortete nichts und schaute gleichsam durch den Polizeileutnant
hindurch, als ob er aus Glas wäre.
    »Guten Abend«, ertönte da eine glockenhelle Stimme, die Caspar wundersam
berührte. Frau von Kannawurf trat an seine Seite. Hickels Gesicht wurde um eine
Schattierung bleicher. »Gnädigste Frau,« sagte er mit einer Galanterie, die sich
krampfhaft ausnahm, »darf ich die Gelegenheit benutzen, Ihnen meine ungemessene
Verehrung zu Füssen zu legen?«
    Frau von Kannawurf trat unwillkürlich einen Schritt zurück und sah
erschrocken aus.
    Der Polizeileutnant hatte die Miene eines Menschen, der sich in ein tiefes
Wasser stürzt. Er beugte sich nieder, und ehe Frau von Kannawurf es hindern
konnte, packte er ihre Hand und drückte einen Kuss darauf, und zwar mit den
nackten Zähnen; als er sich aufrichtete, waren seine Lippen noch getrennt. Ohne
eine Silbe weiter zu sprechen, eilte er davon.
    Mit weiten Augen blickte ihm Frau von Kannawurf nach. »Grauenhaft ist mir
der Mensch«, flüsterte sie. Caspar blieb völlig teilnahmslos. Frau von Kannawurf
begleitete ihn schweigend nach Hause.
    Als er in seinem Zimmer war, bekamen seine Augen einen geisterhaften Glanz
und flammten in der Dämmerung wie zwei Glühwürmer. Er stellte sich in die Mitte
des Raumes, und vom Kopf bis zu den Füssen zitternd, sagte er in beschwörendem
Ton folgendes:
    »Kenn ich dich, so nenn ich dich. Bist du die Mutter, so höre mich. Ich geh
zu dir. Ich muss zu dir. Einen Boten schick ich dir. Bist du die Mutter, so frag
ich dich: warum das lange Warten? Keine Furcht hab ich mehr, und die Not ist
gross. Caspar Hauser heissen sie mich, aber du nennst mich anders. Zu dir muss ich
gehn ins Schloss. Der Bote ist treu, Gott wird ihn führen und die Sonne ihm
leuchten. Sprich zu ihm, gib mir Kunde durch ihn.«
    Plötzlich ergriff ihn eine sonderbare Ruhe. Er setzte sich an den Tisch,
nahm einen Bogen Papier und schrieb, ohne dass ihn die Dunkelheit hinderte,
dieselben Worte nieder. Darauf faltete er den Bogen zusammen, und da er kein
Wachs besass, zündete er die Kerze an, liess das Unschlitt aufs Papier träufeln
und drückte das Siegel darauf, das ein Pferd vorstellte mit der Legende: Stolz,
doch sanft.
    Es verging eine halbe Stunde; er sass regungslos da und lächelte mit
geschlossenen Augen. Bisweilen schien es, als bete er, denn seine Lippen
bewegten sich suchend. Er dachte an Schildknecht. Er wünschte ihn herbei mit
aller Kraft seiner Seele.
    Und als ob diesem Wünschen die Macht innegewohnt hätte, Wirklichkeit zu
erzeugen, schallte auf einmal vom Hof herauf der wohllautende Triolenpfiff.
Caspar ging zum Fenster und öffnete; es war Schildknecht. »Ich komm hinunter«,
rief ihm Caspar zu.
    Unten angelangt, packte er Schildknecht beim Rockärmel und zog ihn durch das
Pförtchen auf die einsame Gasse. Dort forderte er ihn stumm auf, ihm weiter zu
folgen. Bisweilen hielt er zögernd inne und spähte umher. Sie kamen beim
Häuschen des Zolleinnehmers vorüber und auf einen Wiesenplan. Auf dem Rain stand
ein Bauernwagen. Caspar setzte sich auf die Deichsel und zog Schildknecht neben
sich. Er näherte seinen Mund dem Ohr des Soldaten und sagte: »Jetzt brauch ich
Sie.«
    Schildknecht nickte.
    »Es geht um alles«, fuhr Caspar fort.
    Schildknecht nickte.
    »Da ist ein Brief,« sagte Caspar, »den soll meine Mutter bekommen.«
    Schildknecht nickte wieder, diesmal voll Andacht. »Weiss schon,« antwortete
er, »die Fürstin Stephanie -«
    »Woher wissen Sies?« hauchte Caspar betroffen.
    »Habs gelesen. Habs in dem Buch vom Staatsrat gelesen.« »Und weisst auch, wo
du hingehen musst, Schildknecht?«
    »Weiss es. Ist ja unser Land.«
    »Und willst ihr den Brief geben?«
    »Will es.«
    »Und schwörst bei deiner Seligkeit, dass du ihr selber den Brief gibst? aufs
Schloss gehst? in die Kirche, wenn sie dort ist? ihren Wagen aufhältst, wenn sie
auf der Strasse fährt?«
    »Ist kein Schwören nötig. Ich tus, und wenns Knollen regnet.«
    »Wenn ichs tun wollte, Schildknecht, ich käm nicht bis ins nächste Dorf. Sie
würden mich abfangen und einsperren.«
    »Weiss es.«
    »Wie willst dus anstellen?«
    »Bauernkleider anziehen, bei Tag im Wald schlafen, bei Nacht laufen.«
    »Und wo den Brief verstecken?«
    »Unter der Sohle, im Strumpf.«
    »Und wann kannst du fort?«
    »Wanns beliebt. Morgen, heute, gleich, wenns beliebt. Ist zwar Fahnenflucht,
macht aber nichts.«
    »Wenns gelingt, macht es nichts. Hast du Geld?«
    »Nicht einen Taler. Macht aber nichts.«
    »Nein. Geld ist nötig. Brauchst viel Geld. Geh mit mir, ich hole Geld.«
    Caspar sprang empor und schritt in der Richtung des Imhoffschlösschens voran.
Am Tor gebot Caspar dem Soldaten zu warten. Er ging hinein und sagte zum
Pförtner, er müsse Frau von Kannawurf sprechen. Es war etwas in seinem Aussehen,
was dem alten Hausmeister Beine machte. Frau von Kannawurf kam ihm alsbald
entgegen. Sie führte ihn über eine Stiege in einen kleinen Saal, der nicht
erleuchtet war. Ein wandhoher Spiegel glitzerte im Mondschein. Der Pförtner
machte Licht und entfernte sich zögernd.
    »Fragen Sie mich nichts,« sagte Caspar mit fliegendem Atem zu der Freundin,
die keines Wortes mächtig war, »ich brauche zehn Dukaten. Geben Sie mir zehn
Dukaten.«
    Sie blickte ihn ängstlich an. »Warten Sie«, antwortete sie leise und ging
hinaus.
    Es dünkte Caspar eine Ewigkeit, bis sie wiederkam. Er stand am Fenster und
strich beständig mit der einen Hand über seine Wange. Still, wie sie gegangen,
kehrte Frau von Kannawurf zurück und reichte ihm eine kleine Rolle. Er nahm ihre
Hand und stammelte etwas. Ihr Gesicht zuckte über und über, ihre Augen schwammen
wie im Nebel. Verstand sie ihn? Sie musste wohl ahnen; doch sie fragte nicht. Ein
trübes Lächeln irrte um ihre Lippen, als sie Caspar hinausbegleitete. Sie war
ergreifend schön in diesem Augenblick.
    Schildknecht lehnte am Mauerpfeiler des Tors und guckte ernstaft in den
Mond. Sie gingen zusammen stadtwärts; nach ein paar hundert Schritten blieb
Caspar stehen und gab Schildknecht den Brief und die Geldrolle. Schildknecht
sagte keine Silbe. Er blies ein wenig die Backen auf und sah harmlos aus.
    Vor dem Kronacher Buck meinte Schildknecht, es sei besser, wenn man sie
nicht mehr beieinander sähe. Ein Händedruck, und sie schieden. Dann drehte sich
Schildknecht noch einmal um und rief anscheinend fröhlich: »Auf Wiedersehen!«
    Caspar blieb noch lange wie verhext an demselben Fleck stehen. Er hatte
Lust, sich ins Gras zu werfen und die Arme in die Erde zu wühlen, für die er
plötzlich Dankbarkeit empfand.
    Spät kam er heim, blieb aber glücklicherweise ungefragt, denn Quandt war
einer wichtigen Besprechung halber zum Hofrat Hofmann befohlen. Er brachte eine
Neuigkeit mit. »Höre nur, Jette,« sagte er, »der Staatsrat hat sich während der
letzten Tage, die er mit dem Polizeileutnant beisammen war, von der Sache des
Hauser gänzlich losgesagt. Er soll sogar mit dem Plan umgegangen sein, die
Denkschrift für den Hauser öffentlich als einen Irrtum zu erklären.«
    »Wer hats gesagt?« fragte die Lehrerin.
    »Der Polizeileutnant; es heisst auch allgemein so. Der Hofrat ist derselben
Ansicht.«
    »Es heisst aber auch, dass der Staatsrat vergiftet worden ist.«
    »Ach was, dummes Geschwätz«, fuhr Quandt auf. »Hüte dich nur, dass du
dergleichen verlauten lässt. Der Polizeileutnant hat gedroht, dass er die
Verbreiter von so gefährlichen Redensarten verhaften lassen und unerbittlich zur
Rechenschaft ziehen werde. Was macht der Hauser?«
    »Ich glaube, er ist schon schlafen gegangen. Nachmittags war er bei mir in
der Küche und beklagte sich über die vielen Fliegen in seinem Zimmer.«
    »Weiter hat er jetzt keine Sorgen? Das sieht ihm ähnlich.«
    »Ja. Ich sagte ihm, er soll sie doch hinausjagen. Das tu ich ja, antwortete
er, aber dann kommen immer gleich zwanzig wieder herein.«
    »Zwanzig?« sagte Quandt missbilligend. »Wieso zwanzig? Das ist doch nur eine
willkürliche Zahl?«
    Man begab sich zur Ruhe.
    Am Tage von Feuerbachs Begräbnis trafen Daumer und Herr von Tucher aus
Nürnberg ein und stiegen im »Stern« ab. Daumer suchte alsbald Caspar auf. Caspar
war gegen seinen ersten Beschützer frei und offen, und doch hatte Daumer den
quälenden Eindruck, als sehe und höre ihn Caspar gar nicht. Er fand ihn blass,
grösser geworden, schweigsam wie stets und von einer wunderlichen Heiterkeit; ja,
ganz zugeschlossen, ganz eingesponnen in diese Heiterkeit, die, seltsam wirkend,
dunkle Schatten um ihn warf.
    In einem Brief an seine Schwester schrieb Daumer unter anderm: »Ich müsste
lügen, wenn ich behaupten wollte, es mache mir Freude, den Jüngling zu sehen.
Nein, es ist mir schmerzlich, ihn zu sehen, und fragst du mich nach dem Grund,
so muss ich wie ein dummer Schüler antworten: Ich weiss nicht. Übrigens lebt er
hier ganz in Frieden und wird wohl, trübselig zu melden, all seine Tage hindurch
als ein obskurer Gerichtsschreiber oder dergleichen figurieren.«
    Während Herr von Tucher am selben Nachmittag wieder abreiste, und zwar ohne
sich um Caspar zu kümmern, blieb Daumer noch drei Tage in der Stadt, da er
Geschäfte bei der Regierung hatte. Beim Begräbnis des Präsidenten sah er Caspar
nicht; er erfuhr später, dass Frau von Imhoff seine Anwesenheit zu verhindern
gewusst hatte. Er machte bald die kränkende Entdeckung, dass Caspar ihm
geflissentlich auswich. Eine Stunde vor seiner Abreise sprach er mit dem Lehrer
Quandt darüber.
    »Kann ein Mann von Ihrer Einsicht um eine Erklärung dieses Betragens
verlegen sein?« sagte Quandt erstaunt. »Es ist doch ganz klar, dass er jetzt, wo
er eine immer grösser werdende Gleichgültigkeit um sich entstehen sieht und die
Folgen davon täglich empfinden muss, dass er jetzt durch den Anblick seiner
Nürnberger Freunde in Verlegenheit gerät und sie nach Kräften zu meiden sucht.
Denn dort stand er ja in floribus und glaubte wunder was für Rosinen in seinem
Kuchen steckten. Wir aber, verehrter Herr Professor, sind hm dicht auf der Spur;
es wird nicht mehr lange dauern, und Sie werden merkwürdige Nachrichten hören.«
    Quandt sah bekümmert aus, und seine Worte klangen fanatisch. Ob danach
Daumer gerade mit hoffnungsvoller Brust die Fahrt zum heimatlichen Bezirk
angetreten habe, steht zu bezweifeln. Fast hätte er wie in jener stillen Nacht,
als er Caspar im Geist und leibhaftig an sich gedrückt, klagend über die
sommerlichen Felder gerufen: Mensch, o Mensch! Aber dabei hatte es sein Bewenden
nicht. Ein zwangvolles Grübeln bemächtigte sich des verwirrten Mannes; in seinem
Hirn gärte es wie schlechtes Gewissen, und langsam, den Entschluss zur Tat und
Sühne weckend, zur viel zu späten Tat und Sühne, entstand eine erste Ahnung der
Wahrheit.
 
                            Ein unterbrochenes Spiel
Im Verlauf der folgenden Wochen gab es in den Salons und Bürgerstuben der Stadt
allerlei sonderliche Dinge zu munkeln. Ohne dass das Gerede bestimmte Formen
annahm, wollte man doch in dem plötzlichen Tod des Präsidenten Feuerbach auch
weiterhin nichts sehen als die Frucht einer mysteriösen Verschwörung. Eine
greifbare Äusserung fiel natürlich nicht; die Flüsterer nahmen sich in acht. Sehr
insgeheim raunten sie sich zu, auch Lord Stanhope sei an dieser Verschwörung
beteiligt, und nach und nach tauchte das bestimmte Gerücht auf, der Lord gehe
damit um, einen Kriminalprozess gegen Caspar Hauser anzustrengen, und habe sich
zu dem Ende schon der Hilfe eines bedeutenden Rechtsgelehrten versichert. Auf
einmal bekannte sich kein Mensch mehr zu dem früheren Entusiasmus für den
Grafen, das grossartige Andenken, das er hinterlassen, war verwischt, und in
einigen massgebenden Familien, wo er der Abgott gewesen, sprach man bereits mit
ängstlicher Vorsicht seinen Namen aus.
    Caspars Freunde wurden besorgt. Frau von Imhoff suchte eines Tages den
Polizeileutnant auf und erkundigte sich, was von dem Gemunkel zu halten sei. Mit
kühlem Bedauern erwiderte Hickel, dass die öffentliche Meinung in diesem Punkt
nicht fehlgehe. »Das Blatt hat sich eben gewendet«, sagte er; »Seine Lordschaft
sieht in Caspar Hauser jetzt nur einen gewöhnlichen Schwindler.«
    Darauf verliess Frau von Imhoff den Polizeileutnant, ohne ein Wort zu
entgegnen und ohne Gruss.
    Ei, die sanften Seelen, höhnte Hickel für sich, das Grausen fasst sie an.
    Hickel hatte eine neue Wohnung auf der Promenade gemietet und lebte wie ein
grosser Herr. Woher mag er die Mittel haben? fragten die Leute. Er hat Glück am
Kartentisch, sagten einige; andre behaupteten im Gegenteil, dass er fortwährend
grosse Summen verliere.
    Auch damit war der Gesprächsstoff nicht erschöpft. Eine andre Seltsamkeit:
Im Sommer war aus der Infanteriekaserne ein Soldat auf unaufgeklärte Weise
verschwunden. Zu andrer Zeit wäre ein solches Ereignis vielleicht unbeachtet
geblieben. Jetzt hefteten sich auch daran allerlei Fabeleien. Es wurde gesagt,
jener Soldat, der den Hauser beaufsichtigt, habe von gewissen Geheimnissen
Kenntnis erhalten und sei beiseite geschafft worden. Man wurde furchtsam; man
verschloss bei Nacht sorgfältig die Haustüren. Es war nicht mehr geheuer in der
guten, stillen Stadt. Wer fremden Namens war, wurde beargwöhnt.
    Selbst Frau von Kannawurf erfuhr solchen Argwohn, wenngleich um sie etwas
Unantastbares war, das den verleumderischen Worten die Kraft raubte. Dennoch
fiel es auf, dass sie sich des Umgangs mit ihresgleichen entzog und sich anstatt
dessen häufig unter Menschen der niedersten Volksklasse herumtrieb. Sie
verbrachte viele Stunden in geistlosem Gespräch mit Bauernweibern und
Arbeiterfrauen, stieg zu ihrem Türmer hinauf oder gesellte sich zu den Kindern,
die von der Schule heimkehrten. Da geschah es denn oft, dass sie zum masslosen
Staunen der begegnenden Bürger einen lärmenden Schwarm von Knaben und Mädchen um
sich versammelt hatte und in ihrer Mitte lächelnd durch die Gassen zog.
    Wahrscheinlich ist sie eine Demagogin, hiess es. Gesinnungstüchtige Eltern
verboten ihren Sprösslingen, sich an den skandalösen Aufzügen zu beteiligen. Kein
Zweifel, auch die Behörde fand das Treiben anstössig, denn einmal am Abend hatte
man beobachtet, dass der Polizeileutnant vor dem Imhoffschlösschen Posten fasste;
zwei Stunden lang war er in der Dunkelheit unbeweglich unter einem Baum
gestanden.
    Es ist wahr, Frau von Kannawurf war eine auffallende Person und benahm sich
auffallend. Aber ihre kuriosen Handlungen hatten einen Anschein von
Leichtigkeit, ja Lässigkeit. Sie hatte eine Art von Lächeln, in welchem sich
selbstvergessene Hingebung an irgendein Gedachtes, Gefühltes mit der
Verzweiflung über die eigne Unzulänglichkeit aufs rührendste mischten. Sie lebte
an allem und in allem, starb mit jedem Seufzer gleichsam dahin, flog mit jeder
Freude in eine entrückte Region.
    Eines Abends im August trat sie ins Zimmer ihrer Freundin, warf sich wie
atemlos vom Laufen auf das Sofa und war lange nicht zu sprechen fähig.
    »Was hast du nur wieder getrieben, Clara?« sagte Frau von Imhoff
vorwurfsvoll; »das heisst nicht leben, das heisst sich verbrennen.«
    »Es hilft nichts,« murmelte das junge Weib erschlafft, »ich muss reisen.«
    Frau von Imhoff schüttelte liebenswürdig tadelnd den Kopf. Diese Worte hatte
sie seit drei Monaten des öfteren vernommen. »Bis zu unserm Familienfest wirst
du doch noch bleiben, Clara«, erwiderte sie herzlich.
    Wieviel Willenskraft gehört doch manchmal dazu, einen Entschluss nicht
auszuführen, sagte Clara von Kannawurf zu sich selbst; und nach einer Pause des
Schweigens wandte sie das Gesicht der Freundin entgegen und fragte: »Warum,
Bettine, kannst du Caspar nicht zu dir ins Haus nehmen? Er soll und darf nicht
länger beim Lehrer Quandt bleiben. Dieses Haus zu betreten ist mir unmöglich.
Seine Lage ist schauderhaft, Bettine. Wozu sage ich dir das! Du weisst es, ihr
wisst es ja alle; ihr bedauert es alle, aber keiner rührt nur den Finger. Keiner,
keiner hat den Mut zu tun, was er getan zu haben wünscht, wenn das geschehen
ist, was er im stillen fürchtet.«
    Frau von Imhoff blickte betreten auf ihre Handarbeit. »Ich bin nicht
glücklich und nicht unglücklich genug, um mit Aufopferung des eignen einem
fremden Schicksal mich hinzugeben«, versetzte sie endlich.
    Clara stützte den Kopf in die Hand. »Ihr lest ein schönes Buch, ihr seht ein
ergreifendes Teaterstück und seid erschüttert von diesen nur eingebildeten
Leiden«, fuhr sie bewegt und eindringlich fort. »Ein trauriges Lied kann dir
Tränen entlocken, Bettine; erinnere dich nur, wie du weintest, als Fräulein von
Stichaner neulich den Wanderer von Schubert sang. Bei den Worten: Dort, wo du
nicht bist, ist das Glück, hast du geweint. Du konntest eine Nacht lang nicht
schlafen, als man uns erzählte, drüben in Weinberge habe eine Mutter ihr eignes
Kind verhungern lassen. Warum ist es immer nur das Unwirkliche oder das Ferne,
woran ihr eure Teilnahme verschwendet? Warum immer nur dem Wort, dem Klang, dem
Bild glauben und nicht dem lebendigen Menschen, dessen Not handgreiflich ist?
Ich versteh es nicht, versteh es nicht, das quält mich daran, ja daran verbrenn
ich.«
    Das leise, melodische Stimmchen verging in einem Hauchen. Frau von Imhoff
stützte den Kopf in die Hand und schwieg lange. Dann erhob sie sich, setzte sich
neben Clara, streichelte die Stirn der Freundin und sagte: »Sprich mal mit ihm.
Er soll zu uns kommen. Ich will es durchsetzen.«
    Clara umschlang sie mit beiden Armen und küsste sie dankbar. Aber nicht mit
freiem Herzen hatte Frau von Imhoff diesen Entschluss gefasst, und sie atmete
seltsam erleichtert auf, als ihr am andern Tag Frau von Kannawurf die Eröffnung
machte, Caspar habe sich unbegreiflicherweise hartnäckig gegen den Vorschlag
gesträubt, das Haus des Lehrers zu verlassen. Zuerst habe er keinen Grund für
seine Weigerung nennen wollen, als er aber Claras Betrübnis wahrgenommen, habe
er gesagt: »Dort hat man mich hingebracht, und dort will ich bleiben. Ich will
nicht, dass es heisst, beim Lehrer Quandt hat ers nicht gut genug gehabt, da haben
ihn aus Mitleid die Imhoffs genommen. Ich hab ja mein Brot und mein Bett, mehr
brauch ich nicht, und das Bett ist das Allerbeste, was ich auf der Welt
kennengelernt habe, alles andre ist schlecht.«
    Da fruchtete keine Einrede mehr. »Schliesslich könnt ihr ja mit mir
anstellen, was ihr wollt,« fügte er hinzu, »aber dass ich freiwillig hingehen
soll, das wird nicht geschehen. Wozu auch? Lang kanns nimmer dauern.«
    So war ihm denn das Wort entschlüpft. War deshalb der tiefe Glanz in seinen
Augen? Blickte er deshalb mit stummer Spannung die Strassen entlang, wenn er
morgens zum Appellgericht ging? Wars deswegen, dass er stundenlang am Fenster
lehnte und hinüberspähte gegen die Chaussee? Dass er gierig aufhorchte, wenn er
irgendwo zwei Menschen leise miteinander reden sah? Dass er täglich dabei sein
musste, wenn der Postwagen ankam, und dass er den Briefboten ausfragte, ob er
nichts für ihn habe?
    Dem rätselhaften Wesen tat die Zeit keinen Abbruch. Es lag Frau von
Kannawurf daran, ihn einer Gebundenheit zu entreissen, die ihn einem innigen
Verhältnis zur umgebenden Welt entziehen und jede frohe Betätigung zwangsvoll
machen musste. Sie sann immer auf Ablenkung, und jenes Familienfest, von dem ihre
Freundin Bettine gesprochen, gab Gelegenheit, damit Caspar wieder einmal aus
sich heraus und einer anteilvollen Welt gegenübertrete.
    Die Feier wurde von Herrn von Imhoff zu Ehren der Goldenen Hochzeit seiner
Eltern veranstaltet und sollte am zwölften September stattfinden. Der junge
Doktor Lang, ein Freund des Hauses, hatte zu. der Gelegenheit ein sinnreiches
Bühnenspiel in Versen verfasst, welches von einigen Damen und Herren der
Gesellschaft ausgeführt werden sollte. Bei den Proben, die im oberen Saal des
Schlosses abgehalten wurden, zeigte es sich, dass einer der jungen Leute, der die
Rolle eines stummen Schäfers darstellte, seines plumpen Benehmens halber unfähig
war, den Part zu gewünschter Wirkung zu bringen. Da hatte Frau von Kannawurf,
die selbst mitspielte, den Einfall, diese Rolle Caspar zu übertragen. Die
Anregung fand Beifall.
    Caspar willigte ein. Da er eine Person vorzustellen hatte, die nichts zu
sprechen brauchte, glaubte er sich der Aufgabe leichterdings gewachsen, die
seiner alten Neigung für das Teater entgegenkam. Er ging fleissig zu den Proben,
und wenngleich das phrasenhafte Wesen des Stücks nicht eben sein Gefallen
erweckte, so erfreute er sich doch an der wechselvollen Bewegung innerhalb eines
abgemessenen Vorgangs.
    Das harmlose Spiel hatte einen berechneten und für das Publikum unschwer
durchschaubaren Bezug auf ein schon weit zurückliegendes Ereignis in der Familie
der Imhoffs. Einer der Brüder des Barons hatte sich zu Anfang der zwanziger
Jahre an burschenschaftlichen Umtrieben beteiligt und war, von dem feierlichen
Bannfluch des Vaters und nebenbei von den politischen Behörden verfolgt, nach
Amerika entflohen. Nach erlassener Amnestie war er zurückgekehrt, hatte vor dem
Familienhaupt alle freiheitlichen Ideen abgeschworen, und von da ab hatte ihm
die väterliche Gnade wieder geleuchtet.
    Diese etwas philiströse Begebenheit hatte den Hauspoeten zu seiner Dichtung
begeistert. Ein König gibt einem ihn besuchenden Freund und Waffengenossen ein
Gastmahl. Ein zweiter Polykrates, brüstet er sich bei diesem Anlass mit seiner
Macht, dem Frieden seiner Länder, den Tugenden seiner Untertanen. Die Höflinge
an der Tafel bestärken ihn voll schmeichlerischen Eifers in seinem Glückswahn,
nur der Gastfreund wagt das kühne Wort, dass er auf dem Purpur des Herrschers
doch einen Makel bemerke. Der König fühlt sich getroffen und lässt jenen hart an,
auch weiss er zu verhindern, dass der Freund weiterspreche, da seine Gemahlin
Zeichen eines grossen Seelenschmerzes von sich gibt. Unterdessen ziehen im
Burghof Schnitter und Schnitterinnen mit Lachen und munteren Zwiegesprächen auf,
und Musik begleitet die Erntefeier. Plötzlich entsteht ein Stillschweigen; die
Geigen, die Rufe, das Gelächter verstummen, und auf die Frage des Königs wird
mitgeteilt, der schwarze Schäfer, der sich schon seit Menschengedenken nicht im
Land habe sehen lassen, sei unter das Volk getreten. Der Gastfreund begehrt zu
wissen, was für eine Bewandtnis es mit diesem Schäfer habe, und man antwortet
ihm, der Wunderbare besitze die Gabe, durch seinen blossen Anblick bei jedem
Menschen die Erinnerung an dessen stärkste Schuld wachzurufen, Schuldlose aber
den Gegenstand langgehegter Sehnsucht schauen zu lassen. Zur Bestätigung dessen
hört man auch aus der Mitte des Volkes Weinen und allerlei klagende Töne. Der
König befiehlt, dass sich der Fremdling entferne, doch die Königin, unterstützt
von den Bitten des Gastfreunds und der Höflinge, fleht den Gemahl an, ihn
heraufkommen zu lassen. Der König fügt sich, und alsbald betritt der stumme
Schäfer die Szene. Er schaut den König an; der verhüllt sein Gesicht; er schaut
die Königin an, und diese, dunkel ergriffen, ergeht sich in einem längeren
Selbstgespräch, aus welchem deutlich wird, dass ihr erstgeborener Sohn wegen
einer unbesonnen angestifteten Verschwörung vom Vater verstossen wurde und
seitdem verschollen ist. Mit ausgebreiteten Armen, unwiderstehlich gezogen, geht
sie auf den Schäfer zu, und siehe, es ist der reuig zurückgekehrte Prinz. Man
erkennt, man umarmt ihn, das Eis des königlichen Herzens schmilzt, und alles
löst sich in Wonne auf.
    Caspar benahm sich nicht ungeschickt. Im Lauf der Vorbereitungen fand er von
sich selbst aus einen heftigen Antrieb zu der Rolle und fühlte sich so hinein,
als ob sein alltägliches Leben von ihm abgelöst wäre. Ähnlich verhielt es sich
mit Frau von Kannawurf, die die Königin machte; auch sie gab sich ihrer Aufgabe
mit einem Ernst hin, der das Spielhafte des Vorgangs undienlich vertiefte und
daher die Rollen ihrer Partner schattenhaft werden liess. So webten die beiden
gleichsam in einer eignen Welt für sich.
    Es war ein sehr warmer Septembertag, als gegen sechs Uhr abends die
geladenen Gäste erschienen, im ganzen etwa fünfzig Personen, die Frauen in
grosser Pracht, unmässig aufgedonnert, die Männer in Fräcken und gestickten
Uniformen. Das Podium für die Komödie nahm die Schmalwand des Saales völlig ein,
Kulissen und Requisiten, auch eine Anzahl Statisten waren vom Direktor des
Schlossteaters zur Verfügung gestellt worden. Die Tafel befand sich in einem
Nebensaal; dort hatte sich auch die Musikkapelle eingefunden, denn nach dem
Essen sollte getanzt werden.
    Um sieben Uhr ertönte ein Glockenzeichen, alles begab sich auf die Plätze.
Der Vorhang rollte auf, und der König begann seine überhebliche Tirade. Der
Gastfreund, vom Verfasser selbst gemimt, hielt respektvollen Widerpart, dann kam
das heitere Zwischenspiel auf dem Hof, und das Folgende nahm seinen ruhigen
Fortgang. Nun trat Caspar auf. Das schwarze Gewand kleidete ihn trefflich und
hob die Blässe seines Gesichts. Sein Erscheinen auf der Bühne hatte eine
unmittelbare Wirkung. Das Husten und Räuspern hörte auf; Totenstille entstand.
Wie er den König und die Königin anblickte, wie er auf sie zuschritt und
traumhaft lächelte, das war ergreifend. Einige sahen ihn sogar zittern und
beobachteten, dass sich seine Finger wie im Krampf in die Hand schlossen. Nun der
Monolog der Königin; auch dies klang anders, als Schauspieler sonst sich geben,
sie tritt an den Jüngling heran, sie legt die Arme um seinen Hals ...
    In diesem Augenblick eilte ein Mann aus dem Hintergrund des Saales bis vor
die Rampe und rief ein gellendes: »Halt!« Die Spieler auf der Szene fuhren
erschrocken zusammen, die Zuschauer erhoben sich, und eine allgemeine Unruhe
entstand. »Wer ist das? Wer wagt das? Was gibts?« wurde durcheinander gerufen;
man drängte nach vorn, die Frauen schrien ängstlich, Stühle wurden umgeworfen,
und nur mit Mühe gelang es dem Hausherrn, eine gefährliche Panik zu verhüten.
    Indes stand der Urheber der Verwirrung noch immer unbeweglich vor dem
Podium. Es war Hickel. Bleich und feindselig stierte er auf die Szene und schien
nichts zu gewahren ausser Caspar und Frau von Kannawurf, die, aneinander
gedrängt, furchtsam in den verdunkelten Saal schauten. Der erste, der sich an
Hickel wandte, war der junge Doktor Lang. In seinem Phantasiekostüm des
»Gastfreundes« trat er an den Rand der Estrade und fragte wütend nach dem Grund
einer so unverantwortlichen Handlungsweise.
    Der Polizeileutnant holte tief Atem und sagte laut mit einer gläsernen
Stimme: »Ich muss die hochgeehrte Versammlung tausendmal um Entschuldigung
bitten, und da ich selbst zu den hier Geladenen gehöre, wird meine Versicherung
vielleicht Glauben finden, dass mir ein solcher Schritt nicht leicht geworden
ist. Aber ich kann nicht dulden, dass der Hauser ein frivoles Amüsement zu einer
Stunde fortsetzt, wo ich die Nachricht von einem schrecklichen Unglück erfahren
habe, das ihn wie keinen andern trifft und für sein ferneres Leben von
folgenschwerer Bedeutung sein wird.«
    Finstere, neugierige und unwillige Augen blickten auf den Polizeileutnant.
Der Doktor Lang entgegnete zornig: »Unsinn! Eine Teufelei ist es, weiter nichts.
Was auch immer vorgefallen ist, so kann weder ich noch irgend jemand von den
Anwesenden Ihnen das Recht zu einer so groben Eigenmächtigkeit zugestehen. Ist
es schlimm, was Sie zu melden haben, so war um so mehr Grund zu warten, unser
Spiel war ja am Ende. Es ist ein Wahnsinn, ein Missbrauch der Gastfreundschaft.«
    »Jawohl, der Doktor hat recht«, riefen einige Stimmen.
    Hickel senkte den Kopf und legte die Hand vor die Stirn.
    »Darf ich wissen, worum es sich handelt?« trat nun Herr von Imhoff
dazwischen.
    Hickel raffte sich empor und erwiderte dumpf: »Graf Stanhope hat seinem
Leben freiwillig ein Ende gemacht.«
    Es entstand eine lange Stille. Fast alle blickten auf Caspar, der gegen eine
Soffitte lehnte und langsam die Augen schloss.
    »Er hat sich erschossen?« fragte Herr von Imhoff.
    »Nein,« antwortete Hickel, »er hat sich erhängt.«
    Raschelnde Laute des Schreckens liessen sich vernehmen. Herr von Imhoff biss
sich auf die Lippen. »Weiss man Näheres?« fuhr er fort zu fragen.
    »Nein. Das heisst, ich habe nur eine allgemein gehaltene Nachricht von seinem
Jäger. Er war bei einem Freund, dem Grafen von Belgarde, an der normannischen
Küste zu Besuch. Am Morgen des vierten September fand man ihn im Turmzimmer des
Schlosses an einer Seidenschnur hängend als Leiche.«
    Herr von Imhoff sah zu Boden. Als er wieder aufblickte, fixierte er den
Polizeileutnant fremd und sagte: »Es tut uns allen von Herzen leid. Ich glaube,
dass niemand in diesem Saal ist, der dem unglücklichen Mann nicht ein lebendiges
Andenken bewahren wird. Nichtsdestoweniger, Herr Leutnant, bleiben Sie mir Ihres
sonderbaren Vorgehens halber Rechenschaft schuldig.«
    Hickel verbeugte sich stumm.
    Die Hausfrau und mit ihr einige andre Damen waren bemüht, die Gäste zu
beruhigen, aber während die Diener die Kerzen des grossen Kronleuchters
anzündeten, meldete man Frau von Imhoff, dass ihre Schwiegermutter, die
Jubilarin, infolge der ausgestandenen Aufregung unwohl geworden sei und sich auf
ihr Zimmer begeben habe. Sie folgte sogleich nach. Dies war ein Signal zu
allgemeinem Aufbruch. Der Regierungspräsident und der Generalkommissär mit ihren
Frauen verliessen zuerst den Saal, und schliesslich blieben nur ein paar intime
Freunde des Barons um diesen versammelt und nahmen in gedrückter Stimmung an der
weitläufigen Tafel Platz.
    »Ich hab es immer geahnt, dass uns der gute Lord noch einmal eine grimmige
Überraschung bereiten würde«, sagte Herr von Imhoff.
    »Was wird aber nun mit dem armen Hauser geschehen?« meinte einer aus der
Gesellschaft.
    Man sprach allerlei Vermutungen darüber aus; die Unterhaltung kam in Fluss,
und wie oft ein unglückliches Ereignis dazu dient, die Phantasie der entfernt
Beteiligten wohltätig anzuregen, so auch hier. Man gab sich bis über Mitternacht
lebhaften Gesprächen hin.
    Caspar hatte sich während des raschen Aufbruchs der Gäste in dem kleinen
Ankleidezimmer für die Schauspieler versteckt. Die jungen Leute entledigten sich
eilfertig ihres Kostüms und verschwanden. Nach einer Weile kam ein Diener, um
die Lichter auszulöschen, und dieser entdeckte Caspar. Als Caspar gegen die
Treppe zu ging, hörte er Schritte hinter sich, und Frau von Kannawurf trat an
seine Seite. Sie fragte ihn, ob er nach Hause wolle, und er bejahte. »Es
regnet«, sagte sie unten beim Tor und streckte die Hand hinaus. Sie wartete ein
wenig, um den Regen vorübergehen zu lassen, aber es wurde ein heftiger Guss
daraus, und das Wasser knatterte lärmend auf die Bäume und den ausgedörrten
Boden. Ein kaltfeuchter Luftstrom schlug ihnen entgegen, und Frau von Kannawurf
forderte Caspar auf, mit ihr ins Zimmer zu gehen, es könne allzu lang dauern. Er
folgte still.
    Oben machte sie Licht, dann stand sie und sah versonnen in die Flamme. Ihre
Schultern bebten fröstlich. Caspar hatte sich auf das Sofa gesetzt. Allgemach
spürte er eine so grosse Müdigkeit, dass es ihn förmlich hintüberzog, und er musste
sich auf den Rücken legen. Da trat Clara zu ihm und ergriff seine Hand, die er
ihr jedoch hastig wieder entriss. Er machte die Augen zu, und einen Moment lang
war sein Gesicht vollkommen leblos. Frau von Kannawurf stiess einen matten
Angstruf aus und fiel neben ihm auf die Knie. Dann rief sie ihre Kammerzofe und
bat um Wasser; sie schenkte ein Glas voll und reichte es ihm zu trinken. Er
trank ein paar Schlücke. »Was ist dir, Caspar?« flüsterte sie, und zum erstenmal
duzte sie ihn. Er lächelte dankbar. »Du bist wie eine Schwester«, sagte er scheu
und berührte mit den Fingern das Haar ihres über ihn gebeugten Kopfes. Dieses
Wort Schwester hatte in seinem Mund einen eignen Klang; es tönte wie ein nie
zuvor gesprochenes Wort.
    Clara schmiegte sich an seine Seite; ihr war, als müsste sie ihn wärmen, er
aber rückte ängstlich fort, da wollte sie sich wieder erheben, doch betastete er
mit der Hand ihren Arm und sah sie an mit einem bittenden Ausdruck von Schmerz
und Liebe. »Clara«, sagte er, und sie glaubte vergehen zu sollen oder zu einem
andern Leben erwachen zu müssen, denn die schüchtern-flehentliche Art, wie er
diesen Namen aussprach, hatte etwas Überirdisches.
    Es kam nun so, dass Stunde auf Stunde verging und sie immer nebeneinander
lagen, stumm, stumm, regungslos und über und über zitternd beide. Sie streckte
die Hand nach ihm aus, und der Atem seines Mundes floss in die Luft gleich dem
ihren.
    Als es von der Schlossuhr zwölf schlug, schauerte Clara zusammen. Sie erhob
sich und sagte mit tiefer Beteuerung vor sich hin: »Nie, nie, nie, nie.« Dann
schritt sie zum Fenster und öffnete es. Der Regen hatte längst aufgehört, das
Firmament war klar, der ganze Sternenhimmel lag funkelnd vor ihr da. Ihre volle
Brust drängte den unbekannten Welten entgegen, denn von dieser, auf der sie
lebte, war sie satt.
    Sie sagte zu Caspar, er könne die Nacht im Schloss verbleiben, aber er
entgegnete, das wolle er nicht. Sie ging dann hinaus, um zu sehen, ob Frau von
Imhoff noch wach sei. Sie schritt am Speisesaal vorbei, wo die Herren noch beim
Wein sassen und laut redeten. Die Baronin hatte sich gleichfalls noch nicht zur
Ruhe begeben. Clara teilte ihr mit, dass Caspar bis jetzt bei ihr gewesen sei.
Frau von Imhoff nickte, sah aber die Freundin etwas verlegen und verwundert an.
»Ich werde morgen früh meinen Koffer packen und reisen«, sagte Clara leise und
mit einem Ausdruck unwiderruflicher Bestimmteit, der ihr bisweilen eigen war
und ihre kindlichen Züge seltsam hart und leidend machte. Frau von Imhoff erhob
sich überrascht und trat nahe an die Freundin heran. Plötzlich fielen sie
einander in die Arme, und Clara schluchzte.
    Sie verstanden sich; es war nicht nötig zu sprechen.
    Als sich Clara losriss, sagte sie, sie werde Caspar noch in die Stadt
begleiten. »Das kannst du unmöglich tun,« wandte Frau von Imhoff ein, »oder ich
werde dir wenigstens den Diener mitgeben.«
    »Bitte nicht,« antwortete Clara lächelnd, »du weisst doch, dass ich keine
Furcht habe. Es beirrt mich auch, wenn man meinetalben ängstlich ist. Die Nacht
tut mir gut, und ich freue mich auf den einsamen Rückweg.«
    Eine Viertelstunde später wanderte sie mit Caspar über die noch feuchte
Strasse gegen die Stadt. Sie redeten auch jetzt nichts, und vor dem Lehrerhaus
reichten sie einander die Hände. »Jetzt gehst du wahrscheinlich fort von mir,
Clara«, sagte da plötzlich Caspar und schaute sie mit einem verschleierten Blick
an.
    Sie war ebenso erstaunt wie bewegt über diese Worte, die ein tiefes
Vorgefühl verrieten. Wie schön sind seine Augen, dachte sie, sie sind hellbraun
wie die eines Rehs; gleicht er doch auch sonst einem Reh, das traurig-verwundert
im dunkeln Wald steht.
    »Ja ich gehe«, erwiderte sie endlich.
    »Und warum denn? Bei dir war mir wohl.«
    »Ich komme wieder«, versicherte sie mit einer gezwungenen Herzlichkeit,
hinter der ein Aufschrei erstarb. »Ich komme wieder. Wir werden uns schreiben.
Zu Weihnachten komm ich wieder.«
    »Ich komme wieder; das hab ich schon einmal gehört«, sagte Caspar bitter.
»Bis Weihnachten ist lang. Und schreiben tu ich nicht. Was hat man vom
Schreiben, ist ja doch nur Papier. Geh nur, leb wohl.«
    »Es kann nicht anders sein«, flüsterte Clara und ihr Blick suchte die
Sterne. »Sieh, Caspar, dort oben ist das Ewige. Wir wollen es nicht vergessen
wie alle andern. Wir wollen nichts vergessen. Ach, vergessen, vergessen, darin
liegt alle Bosheit der Welt. Uns gehören die Sterne, Caspar, und wenn du
hinaufschaust, bin ich bei dir.«
    Caspar schüttelte den Kopf. »Leb wohl«, sagte er matt.
    Im Erdgeschoss wurde ein Fenster geöffnet, und das mit der Bettmütze gekrönte
Haupt des Lehrers wurde sichtbar, um gleich darauf wieder zu verschwinden. Es
war eine schweigende Mahnung.
    Ich will Bettine bitten, dass sie ihn täglich besucht, überlegte Clara,
während sie allein durch die öden Gassen ging; ich bring ihm Unheil, wenn ich
bleibe, ein Abgrund gähnt mir entgegen, wie er fürchterlicher nicht zu denken
ist. Schwester! Wie war mir doch, als er mich Schwester nannte! Die himmlische
Seligkeit pochte mir an die Brust. So hätt ich einen verlorenen Bruder gefunden,
und mehr noch; aber, gerechter Gott, mehr darf es nicht sein. Ihn anzutasten!
Seinen Schlummer stören! O verbrecherische Lippen, denen ein Kuss nichts
bedeutet! Hätt ichs getan, ich müsste seine Mörderin heissen, was kann ich
Besseres tun als fliehen? Ein guter Genius wird ihn schützen; vermessen, wollt
ich durch meine armselige Gegenwart ihn behütet glauben; ein so edles Ding kann
nicht zugrunde gehen, weil sich zwei Augen von ihm wenden.
    Diese wirre und aufgeregte Gedankenfolge entschleiert ein rettungslos
verstricktes Gemüt das in seiner Schwärmerei den Entschluss eines Opfers fasst,
verzagt, geblendet durch den Anblick von soviel Schicksal und in seiner
Betrübnis irregehend an den Kreuzwegen der Liebe.
    Den Blick beständig zum Himmel gerichtet, und zwar auf das schöne Sternbild
des Wagens, das wie ein erstarrter Zackenblitz im Dunkelblauen schwamm, bemerkte
Clara nicht, dass am Portal des Schlosses eine Gestalt lehnte. Sie prallte erst
zurück, als ihr die nächtige Person den Weg verstellte. O Gott, der Grauenvolle,
dachte sie.
    Hickel, denn dieser war es, verneigte sich gegen die bestürzte Frau.
»Vergebung, Madame, Vergebung«, murmelte er. »Und nicht nur für diesen Überfall,
auch für das andre. Sie sind zu schön, Madame. Wenn Sie die Gnade hätten, zu
erwägen, dass Ihre sublime Schönheit mit meinem Kopf umspringt wie ein
mutwilliger Knabe mit seinem Kreisel, wenn Sie in Betracht ziehen wollten, dass
es selbst beim Komödiespiel einen Punkt gibt, wo die verrückt gewordene
Phantasie den Gegenstand ihrer Wünsche besudelt und das Bildliche eifersüchtig
für ein Wirkliches hält, so würden Sie vielleicht Ihren zerknirschten Diener
durch ein tröstliches Wort beglücken.«
    Alles dies klang einfältig, formlos, geziert, höhnisch und verzweifelt. Er
schien die Worte zwischen den Zähnen zu zerquetschen, und man konnte ihm
ansehen, dass er sich nur mit Anstrengung steif und ruhig hielt.
    Clara trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme, drückte sie fest
gegen die Brust und sagte befehlend: »Lassen Sie mich vorbei!«
    »Madame, von Ihrem Mund hängt zur Stunde manches ab«, fuhr Hickel fort und
hob den Arm mit der starren Bewegung einer Wachsfigur. »Ich bin nie ein Bettler
gewesen. Hier steh ich und bettle. Verleugnen Sie nicht Ihr Gesicht, das einen
Engel glauben lässt!«
    Er trat zur Seite, wortlos ging Clara an ihm vorüber. Sie läutete, und der
Pförtner, der auf sie gewartet, öffnete sogleich. Als sie drinnen war, spürte
sie eine entsetzliche Übelkeit. In ihrem Hirn war etwas wie zerrissen. Auf der
Treppe stockte sie; ihr war, als müsse sie umkehren und den furchtbaren Mann
noch einmal anreden.
    Als Caspar am nächsten Nachmittag zu Imhoffs kam, wurde ihm mitgeteilt, dass
Frau von Kannawurf schon abgereist sei. Er bat Frau von Imhoff, sie möchte ihm
Claras Bild zeigen, das er seit dem ersten Gesellschaftsabend, dem er im
Schloss beigewohnt, nicht mehr gesehen. Die Baronin führte ihn in ein
Erkergemach, wo das Porträt zwischen zwei Ahnenbildnissen an der Wand hing.
    Er setzte sich davor und betrachtete es lange mit stummer Aufmerksamkeit.
Als er ging, versprach Frau von Imhoff, ihm eine Zeichnung von dem Bild
anfertigen zu lassen. Er war so zerstreut, dass er nicht einmal dankte.
 
             Quandt unternimmt den letzten Sturm auf das Geheimnis
Obwohl eine Zeitlang von einer Strafversetzung Hickels die Rede war, verlautete
darüber nichts Näheres, und die Sache schien allmählich in Vergessenheit zu
geraten. Ohne Zweifel waren verborgene Einflüsse im Spiel, die den
Polizeileutnant sicherstellten.
    »Dem Mann ist nicht beizukommen«, sagten die Eingeweihten; »er ist zu
gefährlich und weiss zuviel.« Freilich war Hickel brauchbar im Dienst und von
seinen Untergebenen äusserst gefürchtet. dabei wurde sein Lebenswandel immer
undurchdringlicher; ausser im Kasino und im Amt sprach er mit keinem Menschen.
Auf der Polizeiwache sass er halbe Nächte, aber nur deswegen, um seine Leute zu
drangsalieren.
    Sogar Quandt hatte ihn fürchten gelernt. Eines Nachmittags im Oktober, der
Lehrer sass mit seiner Frau und Caspar beim Kaffee, trat plötzlich säbelrasselnd
Hickel ins Zimmer, schritt ohne Gruss auf Caspar zu und fragte herrisch: »Sagen
Sie mal, Hauser, wissen Sie vielleicht etwas über den Verbleib des Soldaten
Schildknecht?«
    Caspar wurde aschfahl. Der Polizeileutnant fixierte ihn mit glitzernden
Augen und donnerte, ungeduldig über das lange Schweigen: »Wissen Sie etwas oder
wissen Sie nichts? Reden Sie, Mensch, oder, so wahr mir Gott helfe, ich lasse
Sie auf der Stelle ins Gefängnis bringen!«
    Caspar erhob sich. Ein Knopf seiner Joppe verwickelte sich in die Fransen
des Tischtuchs, und während er zurückwich, fiel die Kaffeekanne um, und das
schwarze Gebräu ergoss sich über das Linnen.
    Die Lehrerin tat einen Schrei; Quandt aber machte ein ärgerliches Gesicht,
denn das grossspurige Auftreten des Polizeileutnants verdross ihn, auch war es ihm
um so verwunderlicher, als Hickel gerade Caspar gegenüber sich seit Monaten
einer steifen und finsteren Zurückhaltung beflissen hatte. »Was soll er denn mit
dem Deserteur zu schaffen haben?« sagte er unwillig.
    »Das lassen Sie nur meine Sorge sein!« brauste Hickel auf.
    »Oho, Herr Polizeileutnant, in meinem Hause bitte ich mir ein höflicheres
Benehmen aus«, versetzte Quandt.
    »Ach was! Sie sind ein Schwachmatikus, Herr Lehrer. Was nicht auf Ihrem Mist
wächst, das ästimieren Sie nicht. Überhaupt, was ists denn? Zwei Jahre sinds
her, seit der Mensch bei Ihnen wohnt, und wir sind genau so klug wie zuvor. Wenn
das Ihre ganze Kunst war, dann lassen Sie sich nur heimgeigen.«
    Der Hieb sass. Quandt verbiss seinen Groll und schwieg.
    »Aber es hat ein Ende jetzt«, fuhr Hickel fort; »ich werde mit dem Hofrat
reden, und der Hauser kommt zu mir in die Pflege.«
    »Damit werden Sie mir bloss einen Gefallen erweisen«, erwiderte Quandt und
verliess hochaufgerichtet das Zimmer.
    Die Lehrerin blieb mit gesenkten Augen sitzen. Hickel marschierte hastig auf
und ab und trocknete mit dem Ärmel seine Stirn. »Wie mir nur ist, wie mir nur
ist«, murmelte er fast verstört. Dann wandte er sich wieder schimpfend an
Caspar. »Unglückseliger, verdammt Unglückseliger! Was für ein Teufel hat Sie
geritten! Übrigens,« fügte er leise hinzu und stellte sich neben Caspar, »der
Bursche ist verhaftet und wird ausgeliefert. Kommt auf die Plassenburg, der
Kerl.«
    »Das ist nicht wahr«, sagte Caspar, ebenfalls leise, gedehnt und etwas
singend. Er lächelte, dann lachte er, ja, er lachte, wobei sein Gesicht stark
erbleichte.
    Hickel wurde stutzig. Er kaute an seiner Lippe und sah düster ins Leere.
Plötzlich griff er nach seiner Kappe, und mit einem bösen, eiligen Blick auf
Caspar entfernte er sich.
    Quandt war nicht gesonnen, den Schimpf, den ihm der Polizeileutnant angetan,
auf sich sitzen zu lassen. Er beschwerte sich beim Hofrat Hofmann, doch dieser
schien nicht sehr bereit, sich einzumischen. Der Lehrer nahm die Gelegenheit
wahr, noch eine andre Sache zum Austrag zu bringen.
    Seit Feuerbachs Tod hatte der Hofrat die Oberaufsicht über Caspars Pflege.
Auf eine Hilfe wie die vom Grafen Stanhope war nicht mehr zu rechnen, man hatte
den Bürgermeister Enders und die Gemeinde um Unterstützung angegangen, aber der
Beschluss war noch in der Schwebe. Einstweilen erhielt Caspar vom Gericht eine
kleine Lohnerhöhung für seine Schreiberei; das Geld lieferte er pünktlich dem
Lehrer ab. Die beschränkten Verhältnisse erlaubten ihm nicht die geringste
Freiheit in seinen Ausgaben. Anfangs Oktober war er konfirmiert worden, und mit
Sehnsucht erwartete er das sogenannte Taggeld, das ihm von der Stadt dafür
ausgesetzt war. Ungehalten über die Verschleppung, wandte er sich an den Pfarrer
Fuhrmann; dieser riet ihm, er solle den Lehrer ersuchen, aufs Gemeindeamt zu
gehen, um die Auszahlung zu betreiben.
    »So etwas tu ich nicht, Herr Hofrat, ich mache nicht den Bittsteller mein
Stolz erlaubt das nicht«, sagte Quandt.
    Der Hofrat zuckte die Achseln. »Geben Sie ihm doch die paar Taler
einstweilen aus Ihrer Tasche«, sagte er, »man wirds Ihnen gewiss bald ersetzen.«
    »In Hinsicht auf den Hauser gibt es keine Gewissheiten«, versetzte Quandt;
»ich habe ohnehin Auslagen genug und weiss nicht, ob ich noch lange so zusehen
kann.«
    Der Hofrat überlegte. »Er hat doch wohlhabende und reiche Freunde,« sagte er
dann, »die können doch helfen.«
    »Ach du lieber Gott,« seufzte der Lehrer, »denen ist er viel zu interessant,
als dass sie an seine kleine Notdurft denken.«
    »Ich will einmal morgen zu Ihnen kommen und den Hauser fragen, wozu er denn
eigentlich so dringend Geld braucht«, schloss der Hofrat das Gespräch.
    Des Abends kam Caspar noch spät in Quandts Zimmer und flehte ihn mit
aufgehobenen Händen an, ihn doch nicht aus dem Haus zu geben, er wolle ja alles
tun, was man von ihm verlange; »nur nicht zum Polizeileutnant, alles, nur das
nicht«, sagte er.
    Der Lehrer beruhigte ihn nach Kräften und sagte, davon könne vorläufig keine
Rede sein, der Polizeileutnant habe ihn bloss schrecken wollen. »Nein,«
antwortete Caspar, »auch der Offiziant Maier hat heute auf dem Gericht davon
gesprochen.«
    »Nun, Hauser, jetzt gebärden Sie sich aber wie ein kleiner Knabe und sind
doch schliesslich ein erwachsener Mann«, sagte Quandt tadelnd. »Ich kann das
nicht ganz ernst nehmen, Sie lieben es zu übertreiben und sich kindisch zu
stellen. Der Polizeileutnant würde Ihnen auch nicht den Kopf abbeissen, wennschon
ich zugebe, dass er bisweilen etwas derbe Manieren hat. Aber Sie sind ja jetzt
auch ein Christ in des Wortes voller Bedeutung, und ohne Zweifel haben Sie den
Spruch schon gehört: Tue deinen Feinden Gutes, damit du feurige Kohlen auf ihrem
Haupt sammelst.«
    Caspar nickte. »Es steht ein Gesätzlein darüber in Dittmars Weizenkörnern«,
erwiderte er.
    »Ganz recht; wir haben es ja zusammen durchgenommen«, fuhr Quandt lebhaft
fort. »Wissen Sie was! Damit Sie das schöne Merkwort genau im Gedächtnis
behalten, schlage ich Ihnen vor, mir Ihre eignen Gedanken darüber
niederzuschreiben. Ich will es meinetwegen als ein Pensum für sich betrachten
und Sie können den ganzen morgigen Nachmittag dazu verwenden.«
    Caspar schien einverstanden.
    Der Hofrat kam nicht, wie er versprochen, am nächsten, sondern erst am
zweitfolgenden Tag. Als er ins Zimmer trat, redete der Lehrer gerade mit
zornigen Gebärden auf Caspar ein. Auf die Frage des Hofrats was Caspar
verbrochen habe, sagte Quandt: »Ich muss mich doch gar zu viel mit ihm
herumärgern. Vorgestern stellte ich ihm ein Tema für den deutschen Aufsatz, er
versprach mir, es auszuarbeiten, und er hatte den ganzen gestrigen Nachmittag
dazu Zeit. Soeben verlang ich nun sein Heft, und hier, überzeugen Sie sich
selbst, Herr Hofrat, auch nicht eine Zeile hat er geschrieben. Eine solche
Trägheit ist himmelschreiend.«
    Quandt reichte dem Hofrat das aufgeschlagene Heft: oben auf einer Seite
stand der Titel des Aufsatzes: Tue deinen Feinden Gutes, damit du feurige Kohlen
auf ihrem Haupt sammelst; danach kam aber nichts, und die Seite war leer. »Warum
haben Sies denn nicht gemacht?« fragte der Hofrat kühl.
    Caspar antwortete: »Ich kann nicht.«
    »Das müssen Sie können!« rief Quandt. »Vorgestern haben Sie mir ja erzählt,
dass der Gegenstand in Ihrem Lesebuch behandelt ist, eine Gedankenfolge zu
finden, hätte Ihnen also nicht schwerfallen können, wenn sie dort angeknüpft
hätten.«
    »Probieren Sies doch einmal, Hauser«, fiel der Hofrat besänftigend ein.
»Schreiben Sie meinetwegen nur ein paar Sätze nieder. Ich werde mich mit dem
Herrn Lehrer ins Nebenzimmer begeben, und wenn wir zurückkommen, sollen Sie uns
irgend etwas vorzeigen und den Beweis liefern, dass Sie wenigstens den guten
Willen haben.«
    Quandt nickte und ging mit dem Hofrat hinaus. Als sie im Wohnzimmer waren,
übergab der Hofrat dem Lehrer zwei Golddukaten und sagte, die seien von Frau von
Imhoff, der er Caspars Verlegenheit geschildert habe; die gütige Dame habe sich
noch hoch entschuldigt, dass es nur so wenig sei, aber sie habe über das Geld
keine freie Verfügung. »Übrigens war der Hauser gestern bei mir,« fuhr der
Hofrat fort, »und zwar kam er, um mich zu bitten, ich möchte es doch verhindern,
dass er dem Polizeileutnant in Pflege gegeben werde.«
    »Es ist doch des Teufels; er belästigt alle Leute mit seinen kindischen
Miseren,« klagte Quandt, »auch mich hat er schon darum angegangen.«
    »Vor dem Hickel scheint er ja eine Heidenangst zu haben.«
    »Ja, der Polizeileutnant ist eben sehr streng mit ihm.«
    »Ich sagte ihm, dass von meiner Seite eine solche Absicht nicht vorliege, und
er möge nur seine Pflicht tun, dann werde ihm niemand zunahe treten.«
    »Sehr wahr.«
    »Wir redeten noch über seine Geldkalamität, und da wollte er nicht mit der
Farbe heraus. Ich versprach, ihm zu seinem Geburtstag fünf Taler zu schenken,
und fragte ihn, wann er Geburtstag habe. Darauf antwortete er traurig, das wisse
er nicht, und ich muss gestehen, es war da etwas in seinem Wesen, was mich
rührte. Aber sonst schien er mir doch gar zu schmeichlerisch, und sein
freundlich Geblinzel und Getue missfiel mir.«
    »Leider, leider, schmeichlerisch ist er, da haben Sie recht, Herr Hofrat;
besonders wo er seine Pläne durchsetzen will.«
    Nach diesem Meinungsaustausch kehrten sie wieder zu Caspar zurück. Er sass am
Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. »Na, was haben Sie fertiggebracht?« rief
der Hofrat jovial. Er nahm das Heft, stutzte, da er nur einen einzigen Satz
geschrieben fand, und las vor: »Wenn sie dir Übles an deinem Körper zugefügt
haben, tue ihnen Gutes dafür. Das ist alles, Hauser?«
    »Sonderbar«, murmelte Quandt.
    Der Hofrat stellte sich vor Caspar hin, drehte den Kopf gegen die Schulter
und begann unvermittelt: »Sagen Sie mal, Hauser, wen haben Sie denn eigentlich
von allen Menschen, die Sie bisher kennengelernt haben, am meisten
liebgewonnen?« Sein Gesicht sah pfiffig aus; er hatte von seinem Amt als
Gerichtsfunktionär die Manier behalten, auch das Harmlose mit einem Ausdruck von
säuerlichem Spott zu äussern.
    »Stehen Sie doch auf, wenn der Herr Hofrat mit Ihnen spricht«, flüsterte der
Lehrer Caspar zu.
    Caspar stand auf. Er blickte ratlos vor sich hin. Er witterte eine Falle
hinter der Frage. Er dachte plötzlich: Wahrscheinlich ist der Lehrer darum so
böse, dass ich den Aufsatz nicht gemacht habe, weil er glaubt, ich halte ihn für
meinen Feind. Er schaute zu Quandt hinüber und sagteversonnen: »Den Herrn Lehrer
hab ich am liebsten.«
    Der Hofrat wechselte mit Quandt einen Blick des Einverständnisses und
räusperte sich bedeutsam.
    Aha, ein Bestechungsversuch, dachte Quandt und war stolz darauf, nicht im
mindesten von der Antwort erbaut zu sein.
    Caspars Leben wurde nun immer einförmiger und zurückgezogener. Er hatte
niemand, mit dem er eine vertrauliche Unterhaltung führen konnte. Frau von
Kannawurf liess auch nichts von sich hören, und das wurmte ihn denn doch,
trotzdem er behauptet hatte, an Briefen sei ihm nichts gelegen. Wo war sie
überhaupt? Lebte sie noch? Er mochte oft nicht ausgehen, alle Wege waren ihm
verhasst, jede Verrichtung fand ihn lau. Zudem war das Wetter immer schlecht, der
November brachte gewaltige Stürme, und so sass er in der freien Zeit auf seinem
Zimmer, glitt mit den Blicken über die Hügelränder oder streifte bang den Himmel
und sinnierte unablässig. Er wartete, wartete. Einmal ging er insgeheim in die
Kaserne und erkundigte sich vorsichtig, ob man dort etwas über Schildknecht
wisse. Man konnte ihm keine Auskunft geben. Das nährte die verflackernde
Hoffnungsflamme, aber in den darauffolgenden Tagen fühlte er sich krank und
wollte sich des Morgens kaum zum Verlassen des Bettes entschliessen. Es kamen
noch manchmal Fremde zu Besuch; er verhielt sich störrisch und einsilbig. Wenn
er aufgefordert wurde, in Gesellschaft zu gehen, sagte er bitter: »Was soll mir
das Schwätzen?« Als er eines Abends über den Schlossplatz ging und an der
mächtigen Fassade mit den hohen, immer geschlossenen Fenstern emporsah, glaubte
er in den leergedachten Sälen übergrosse Gestalten wahrzunehmen, die ihn
feindselig beobachteten. Sie schienen alle in Purpur gekleidet, mit goldenen
Ketten um den Hals. Ein grenzenlos ermattender Schmerz drückte ihn nieder, und
er war nahe daran, sich auf das Pflaster zu werfen und zu heulen gleich einem
Hund.
    Er fühlte sich so kalt, so trüb. In einer Nacht träumte er, er sähe auf
einem grünen Steinblock eine goldene Schale, und darauf lagen fünf seltsam
qualmende Herzen, doch nicht in natürlicher Form, sondern so wie Lebküchner die
Herzen backen; er stand davor und sagte laut: »Das ist meines Vaters Herz, das
ist meiner Mutter Herz, das ist meines Bruders Herz, das ist meiner Schwester
Herz, das ist mein eignes Herz.« Sein eignes lag oben und hatte zwei lebendige,
traurige Augen.
    Nicht selten hatte er das bestimmte Gefühl von der fernen Wirkung einer
überaus teuren Person. Die Person handelte, sprach und litt für ihn, aber eine
Welt lag dazwischen, und was auch immer sie unternahm, konnte die Weite zwischen
ihm und ihr nicht verringern. Er spürte unheimliche Vorgänge so deutlich, dass er
oft dastand und lauschte wie auf ein Gespräch hinter einer dünnen Wand. Und er
faltete die Hände unterm Kinn und lächelte ängstlich.
    Blind hätte der Lehrer sein müssen, wenn er von alledem nichts bemerkt
hätte. Seine Beobachtungen sammelte er sozusagen unter einem Titel, und dieser
Titel lautete: Der Kampf mit dem schlechten Gewissen. »Ich habe kein Wohlwollen
mehr für den Menschen,« erklärte Quandt, »ich habe kein Wohlwollen mehr für ihn,
seit ich gesehen habe, wie gleichgültig ihn die Katastrophe mit dem Lord
gelassen hat. War mir selbst doch zumut, als hätte ich einen Bruder verloren,
und er wollte sich nicht einmal zu einer den Schein wahrenden Trauer verstellen.
Er hat ein Herz von Stein und eine ganz pöbelhafte Undankbarkeit.«
    Wir sehen den Lehrer gleichsam hinter einer Hecke, wir sehen ihn lauern, wir
sehen, wie er mannigfaltige Nachrichten über Caspar aus früheren Jahren
zusammenträgt, Fakten und Umstände, die er mit dem Spürsinn eines
Untersuchungsrichters aufstöbert, deutet, beleuchtet und still zum Zweck
bereitält. Wir sehen ihn in Hass entbrennen gegen den ewig Verstockten, immer
Verschlossenen, und wir können nicht umhin, ihn einem Menschen ähnlich zu
finden, den ein Irrlicht solange geneckt und gelockt hat, bis er endlich in eine
Art von rasender Trunkenheit gerät.
    Zu Anfang Dezember, es war an einem Donnerstag, abends nach Tisch, fragte
Quandt Caspar, ob er seine Übersetzung für morgen schon fertig habe. Caspar
erwiderte in ernster Stimmung, doch mit unaufrichtiger Freundlichkeit, wie es
Quandt vorkam, ja, er sei damit fertig. Quandt nahm das Buch, zeigte ihm, wie
gross die Aufgabe sei, und fragte noch einmal, ob er denn wirklich so weit
übersetzt habe.
    Caspar bejahte. »Ich bin sogar noch um einen Absatz weitergekommen«, sagte
er.
    Quandt glaubte es nicht; es war ihm unwahrscheinlich; die Aufgabe entielt
ein paar Fälle, mit denen Caspar nicht allein hätte fertig werden können und bei
denen er seine Hilfe unbedingt hätte in Anspruch nehmen müssen. Indes fand er es
für gut, im Beisein seiner Frau nichts weiter zu bemerken, sondern ihn ungestört
auf sein Zimmer gehen zu lassen.
    Ungefähr fünf Minuten später ergriff Quandt das lateinische Elementarbuch
und folgte Caspar. Caspar hatte die Tür schon zugeriegelt, und bevor er öffnete,
fragte er, ob der Lehrer noch etwas wünsche. »Machen Sie auf!« befahl Quandt
kurz. Als er drinnen war, las er ihm einige willkürlich herausgerissene Sätze
vor und ersuchte ihn zu sagen, wie er es übersetzt habe. Caspar schwieg eine
Weile, dann entgegnete er, er habe bloss präpariert, er wolle erst jetzt
übersetzen. Quandt blickte ihn ruhig an, sagte ausdrucksvoll: »So«,wünschte gute
Nacht und entfernte sich.
    Drunten erzählte er den Sachverhalt seiner Frau, und sie kamen überein, dass
dahinter ein bübischer Trotz stecke, weiter nichts. Am andern Morgen berichtete
er auch dem Hofrat darüber, dieser schrieb ein kurzes Briefchen an Caspar und
gab es dem Lehrer mit, Caspar las das Schreiben in Quandts Gegenwart, und als er
zu Ende war, reichte er es dem Lehrer, sichtlich verstimmt. In dem Brief warnte
ihn der Hofrat schonend vor Eigenschaften, denen nur gemeine Naturen sich
überliessen, die jedoch, so war der Wortlaut, »unserm Hauser leider nicht fremd
zu sein scheinen«.
    Am selben Abend, wiederum nach dem Nachtmahl, brachte Quandt eines der
Übungshefte Caspars zum Vorschein und sagte: »Aus diesem Heft ist ein Blatt
herausgeschnitten, Hauser. Sie wissen doch, dass ich Ihnen das schon zahllose
Male verboten habe.«
    »Ich hatte in das Blatt einen Flecken gemacht, und den wollte ich nicht in
der Schrift haben«, versetzte Caspar.
    Statt aller Antwort forderte Quandt den Jüngling auf, mit ihm in sein
Studierzimmer zu kommen. Seiner Frau sagte er, sie möge die Kerze anzünden, er
griff die Lampe und schritt voran. Im andern Zimmer angelangt, schloss er
sorgfältig beide Türen, hiess Caspar Platz nehmen und begann: »Sie werden mir
doch wohl nicht zumuten, dass ich Ihre Ausrede für bare Münze nehme?«
    »Was für eine Ausrede?« fragte Caspar matt.
    »Nun, das mit dem Flecken. Ich glaube nicht an diesen Flecken.«
    »Warum wollen Sie es denn nicht glauben?«
    »Sie kennen doch das Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und
wenn er auch die Wahrheit spricht. Sie, lieber Freund, lügen öfter als einmal.«
    »Ich lüge nicht«, erwiderte Caspar ebenso matt und tonlos.
    »Das getrauen Sie sich mir ins Gesicht zu behaupten?«
    »Ich weiss nicht, dass ich lüge.«
    »O, schelmischer Rabulist!« rief Quandt bitter. »Wenn ich Ihre häufigen
Unwahrheiten nicht jedesmal berede, so bestimmt mich dazu die nach und nach
gewonnene Einsicht, dass ich Sie von dem Übel doch nicht heilen kann. Wozu also
soll ich mich vergeblich grämen? Sie sind gewohnt, solange nein zu sagen, bis
man Sie dermassen überführt hat, dass Sie nicht mehr nein sagen können, und dann
sprechen Sie dennoch kein Ja.«
    »Soll ich ja sagen, wenn nein ist? Beweisen Sie mir, dass ich gelogen habe.«
Caspar sah den Lehrer mit einem jener Blicke an, die dieser als tückisch zu
bezeichnen pflegte.
    »Ach Hauser, wie schmerzt es mich, Sie mir gegenüber so zu sehen«, versetzte
Quandt. »Ich bin um Beweise nicht verlegen und habe so viele, dass ich gar nicht
weiss, wo ich anfangen soll. Erinnern Sie sich nicht an die Geschichte mit dem
Leuchter? Sie behaupteten, die Handhabe sei abgebrochen, und es ist doch
unwiderleglich nachgewiesen, dass sie abgeschmolzen war?«
    »Es war so, wie ich gesagt habe.«
    »Damit lasse ich mich nicht abspeisen. Sie können versichert sein, dass ich
mir den Vorfall mit allem Fleiss notiert habe, nämlich schriftlich, um
nötigenfalls vollständige Rechenschaft über Sie geben zu können.«
    Caspar machte ein sehr betroffenes Gesicht; er schwieg.
    »Und weiter, betrachten wir einen Fall jüngsten Datums«, fuhr Quandt fort;
»es war doch einerlei, ob Sie vorgestern mit der Übersetzung fertig waren oder
ob Sie sie erst im Zimmer machen wollten. Da Sie tagsüber beschäftigt waren, so
konnten und durften Sie die Arbeit abends machen. Warum sagten Sie, Sie seien
fertig, während Sie nicht das geringste daran getan hatten?«
    »Ich habe gemeint, Sie fragen, ob ich präpariert hätte.«
    »Lächerlich. Sie hatten neulich schon die Frechheit, meine Worte einfach zu
verdrehen. Ich habe deutlich gefragt: Haben Sie Ihre Übersetzung gemacht? Meine
Frau war zugegen und ist Zeuge.«
    »Wenn Sie es gesagt haben, habe ichs eben anders verstanden.«
    »Die gewohnten Ausflüchte. Sie hatten ja nicht einmal präpariert. Das können
Sie jemand aufbinden, der Sie nicht so genau kennt wie ich. Ich wünschte, ich
hätte Sie nie kennengelernt; am Ende kommt man durch Sie noch um den Ruf eines
redlichen Mannes. Aber Sie werden durchschaut, nicht nur von mir, sondern auch
von andern. Es gibt nur noch wenig Familien, bei denen Sie für liebenswürdig und
aufrichtig gelten; die meisten sehen ein, dass Sie eine alltägliche Einbildung
und einen niedrigen Hochmut besitzen, dass Sie gleichgültig und anmassend gegen
weniger Vornehme sind, sobald Sie bei Vornehmeren Zutritt finden. Und was Ihre
Verlogenheit betrifft, so bin ich erbötig, Ihnen in jedem einzelnen Fall auf den
Kopf zuzusagen, ob Sie bei der Wahrheit geblieben sind, was in und ausser Ihrem
Horizont liegt, was Ihre Aufmerksamkeit fesseln kann und was nicht. Ich gebe
Ihnen ein artiges Exempelchen aus der letzten Zeit. Es war beim Mittagstisch die
Rede vom Regierungsrat Fliessen. Meine Frau meinte, es sei dem guten alten Mann
unangenehm, dass er nicht bei den Seinen in Worms sein könne. Ich bemerkte
hierauf, dass der Regierungsrat eine grosse Verwandtschaft im Rheinkreis und
soundsoviele Enkel habe. Darauf sagten Sie: Elf Enkel hat er, es wurde beim
Generalkommissär davon gesprochen. Ich antwortete, dass ich von neunzehn Enkeln
gehört, Sie versicherten aber, es seien elf. Ich wusste dem nun allerdings nichts
entgegenzusetzen, aber das wusste ich bestimmt, dass Sie die Zahl nur in der
Geschwindigkeit aufgegriffen hatten, um uns zu imponieren, um den Namen des
Generalkommissärs in den Mund nehmen zu können und uns zu zeigen, dass Sie mit
den Verhältnissen der Personen vertraut seien, die jenes Haus besuch ten. Hand
aufs Herz: ists nicht so?«
    »Jemand hat an der Tafel von elf Enkeln gesprochen. Ganz gewiss.«
    »Das glaube ich nicht.«
    »Doch.«
    »Pfui, schämen Sie sich, Hauser, in einem so ernsten Augenblick auf der Lüge
zu beharren. Dazu gehört ein hoher Grad von Erbärmlichkeit, um nicht zu sagen
Nichtswürdigkeit. An der Sache selbst ist ja wenig gelegen, aber Ihre
fortgesetzte dreiste Behauptung lässt tief blicken. Sie zeigt, dass Sie nie einen
Fehler auf eigne Rechnung nehmen, dass Sie nie eine Schwäche zugestehen wollen
und es dabei aufs Äusserste ankommen lassen. In der ersten freien Stunde werde
ich den Regierungsrat selbst fragen, wieviele Enkel er hat. Sind es wirklich
elf, so werde ich Ihnen gehörige Genugtuung geben, im andern Fall will ich Sie
in einer Weise beschämen, dass Sie an mich denken sollen.«
    Caspar senkte ergeben den Kopf.
    »Aber das Eigentliche, was ich Ihnen vorzuhalten habe, kommt noch, lieber
Freund«, begann Quandt nach einer Pause, während welcher man den Sturmwind gegen
die Fenster donnern und im Kamin wimmern hörte. »Es ist jetzt endlich an der
Zeit, dass Sie einem Mann wie mir, der an Ihrem Schicksal ungeheuchelten Anteil
nimmt, reinen Wein einschenken. Sie scheinen immer noch der Meinung, die ganze
Welt stehe Ihrem Märchen von der geheimnisvollen Einkerkerung oder gar von der
hohen Abkunft gläubig gegenüber. Sie befinden sich in einem schmählichen Irrtum,
lieber Hauser. Anfangs, ich gebe es zu, hat man sich damit als einem
rätselhaften Vorgang beschäftigt, aber nach und nach sind doch alle vernünftigen
Menschen zu der Einsicht gelangt, dass sie das Opfer - lassen Sie mich die
Eigenschaft nicht nennen, deren Opfer sie geworden waren. Ich kann mir wohl
denken, Hauser, dass Sie den Anschlag ursprünglich nicht so weit treiben wollten.
Im vorigen Winter, als die Schrift des Präsidenten erschienen war, da zeigten
Sie sich selbst erschrocken von den Folgen Ihrer Tat, und Sie erinnerten mich an
ein Kind, das ein bisschen mit dem Feuer gespielt hat und unversehens das ganze
Haus in Flammen sieht. Sie fürchteten, den Futterplatz zu verlieren, den Sie
sich durch Ihre Pfiffigkeit verschafft hatten, Sie mussten gerade da eine
Entdeckung und die wohlverdiente Strafe fürchten, wo Ihre verblendeten Freunde
das Glück für Sie sahen. Prüfen Sie sich doch in Ihrem Innern, ob ich nicht
recht habe.«
    Caspar sah dem Lehrer mit einem leblosen Blick ins Auge.
    »Schön; ich will Sie nicht zur Antwort zwingen«, fuhr Quandt mit düsterer
Befriedigung fort. »Es ist nun wieder still um Sie geworden, Hauser.
Eigentümlich still ist es geworden. Man will sich nicht mehr recht um Sie
kümmern. So still war es auch damals um Sie geworden, bevor der angebliche
Mordanfall im Hause des Professors Daumer sich ereignet hat. Kein Mensch unter
all den vielen Tausenden, welche die Stadt Nürnberg bewohnen, hat zur kritischen
Zeit oder später eine Person beobachtet, die auch nur im entferntesten im
Zusammenhang mit einer solchen Greueltat gedacht werden konnte. Ihre Freunde
glaubten trotzdem an den vermummten Unhold, so wie sie an den phantastischen
Kerkermeister glaubten, der Sie das Lesen und Schreiben gelehrt haben soll.
Nichtsdestoweniger hat Sie der Professor Daumer alsbald vor die Tür gesetzt. Er
wird wohl gewusst haben, warum. Und heute steht Ihre Sache so, dass Sie sich
entschliessen müssen. Ihre mächtigsten Gönner, der Staatsrat, der Lord Stanhope,
die Frau Behold, haben das Zeitliche verlassen. Erkennen Sie darin nicht einen
Wink des Himmels? Es hat ja nun keinen Zweck mehr für Sie, die Fiktion
aufrechtzuerhalten. Sie sind doch jetzt ein Mann, Sie wollen doch ein nützliches
Glied der menschlichen Gesellschaft werden. Sprechen Sie zu mir, Hauser,
eröffnen Sie sich! Sprechen Sie mit Ihrem wahren Mund, aus wahrem Herzen!«
    »Ja, was soll ich denn sprechen?« fragte Caspar dumpf und langsam, indes
seine Gestalt verfiel wie die eines Greises und auch in seinem Gesicht lauter
greisenhafte Falten entstanden.
    Der Lehrer trat zu ihm und ergriff seine schwere steinkalte Hand. »Die
Wahrheit sollen Sie sprechen!« rief er beschwörend. »Ach, Hauser, es ist ja ein
Jammer, Sie anzuschauen, wie das schlechte Gewissen gespensterhaft aus jedem
Ihrer Blicke lugt. Ihr Gemüt ist bedrückt. Auf! die gequälte Brust, Hauser!
Lassen Sie endlich einmal die Sonne hineinscheinen! Mut, Mut, Vertrauen! Die
Wahrheit! Die Wahrheit!« Er packte Caspar am Kragen des Rocks, als wolle er ihm
mit seinen Händen das Geheimnis entreissen.
    Was denn? Was denn? dachte Caspar, und sein Blick flatterte wehevoll umher.
    »Ich will Ihnen entgegenkommen«, sagte Quandt. »Knüpfen wir an ein
Greifbares an. Als Sie nach Nürnberg kamen, zeigten Sie einen Brief. Sie trugen
in den Taschen Ihres verschnittenen Fracks mehrere Bücher, es waren alte
Mönchsschriften, darunter eine mit dem Titel: Kunst, die verlorenen Jahre
einzubringen. Wer hat den Brief geschrieben? Wer hat Ihnen die Bücher gegeben?«
    »Wer? Der, bei dem ich gewesen.«
    »Das ist ja klar,« versetzte Quandt mit erregtem Lächeln, »aber Sie sollen
mir sagen, wie der hiess, bei dem Sie gewesen. Sie werden mich doch nicht für so
närrisch halten, dass ich glaube, Sie wüssten das nicht. Ohne Zweifel war es doch
Ihr Vater oder Ihr Oheim oder ein Bruder oder ein Spielgenosse, gleichviel.
Hauser! Stellen Sie sich vor, Sie befänden sich vor Gottes Angesicht. Und Gott
würde fragen: Woher kommst du? Wo ist deine Heimat, der Ort, wo du geboren bist?
Wer hat dir einen fälschen Namen angedichtet, und wie heisst du mit dem Namen,
den du in der Wiege empfangen hast? Wer hat dich unterrichtet und angelernt, die
Menschen zu täuschen? Was würden Sie in Ihrer Seelennot antworten, was
antworten, wenn der erhabene Gott Sie zur Rechtfertigung aufforderte, zur
Sühnung des verübten Trugs?«
    Caspar starrte den Lehrer atemlos an. Das Blut stockte ihm. Die ganze Welt
verkehrte sich ihm.
    »Was würden Sie antworten?« wiederholte Quandt mit einem Ton zwischen Angst
und Hoffnung; ihm schien es, als sei er nahe daran, die verschlossene Pforte zu
sprengen.
    Caspar stand schwerfällig auf und sagte mit zuckendem Mund: »Ich würde
antworten: Du bist kein Gott, wenn du solches von mir verlangst.«
    Quandt prallte zurück und schlug die Hände zusammen. »Lästerer!« schrie er
mit durchdringender Stimme. Dann streckte er den rechten Arm aus und rief: »Hebe
dich weg, du Unzucht, du verfluchter Lügengeist! Hinaus mit dir, Infamer!
Besudle meine Luft nicht länger!«
    Caspar kehrte sich um, und während er nach der Türklinke tastete, krächzte
hinter ihm die Wanduhr zehn Schläge in das Sturmgebrodel.
    Seufzend, schlaflos wälzte sich Quandt die ganze Nacht auf den Kissen. Seine
Heftigkeit mochte ihn gereuen, denn im Lauf des folgenden Tages suchte er sich
Caspar wieder zu nähern. Aber Caspar blieb kalt und in sich gekehrt. Abends
brachte Quandt das Gespräch auf den Regierungsrat Fliessen; er sagte, dass er sich
erkundigt habe, und rief Caspar scherzend zu: »Achtzehn Enkel, Hauser, achtzehn
sind es! Na, sehen Sie, dass ich recht gehabt habe?«
    Caspar schwieg.
    »Aber Hauser, Sie essen ja gar nichts mehr«, sagte die Lehrerin besorgt.
    »Ich habe keinen Appetit«, erwiderte Caspar; »kaum dass ich angefangen habe
zu essen, bin ich auch schon satt.«
    Am Mittwoch, dem elften Dezember, kam Quandt verspätet und sehr erregt zu
Tisch. Er hatte auf dem Heimweg von der Schule einen heftigen Auftritt mit einem
Fuhrknecht gehabt, der in der bergigen Pfarrgasse sein Pferd zuschanden
geschlagen hatte, weil es den schwerbeladenen Wagen nicht zum Hafenmarkt
hinaufziehen konnte. Quandt hatte dem rohen Kumpan Vorstellungen gemacht und
einige hinzukommende Bürger zu Zeugen der unmenschlichen Quälerei angerufen.
Dafür war der Fuhrknecht mit erhobenem Peitschenstiel auf ihn losgegangen und
hatte ihn angebrüllt, er solle sich zum Teufel scheren und sich nicht um Sachen
kümmern, die ihn nichts angingen. »Gott sei Dank ist mir der Name des Kerls
bekannt, und ich werde dem Polizeileutnant darüber Meldung erstatten«, schloss
Quandt. Er wurde nicht müde zu beschreiben, wie der armselige Klepper vor dem
Gefährt immer wieder vergeblich an den Strängen gezerrt habe, und wie das
schwarze Blut unter seinen Rippen hervorgequollen sei. »Der Spitzbube,« grollte
er, »ich werde es ihm zeigen, ein Tier so zu rackern.«
    Nachher, als Caspar weggegangen war, fragte ihn seine Frau, ob es ihm denn
nicht aufgefallen sei, dass Caspar gar kein Wort über die Geschichte
fallengelassen habe.
    »Ja, er war ganz stumm, es ist mir aufgefallen«, bestätigte Quandt.
    Eine halbe Stunde darauf ging er in Caspars Zimmer und bat ihn, die
schriftliche Anzeige gegen den Fuhrknecht, die er verfasst hatte, in der Wohnung
Hickels abzugeben. Um drei Uhr kehrte Caspar mit der Nachricht zurück, der
Polizeileutnant habe einen mehrtägigen Urlaub genommen und sei verreist.
 
                              Aenigma sui temporis
Es geschah am übernächsten Tage, einem Freitag, als Caspar kurz nach zwölf das
Gerichtsgebäude verlassen wollte, dass er im Korridor vor der unteren Treppe von
einem fremden Herrn angesprochen wurde, einem anscheinend sehr vornehmen Mann,
der gross und schlank war, einen schwarzen Backen- und Kinnbart trug, und der ihn
aufforderte, ihm wenige Minuten Gehör zu schenken.
    Caspar stutzte, denn in der Stimme des Mannes war etwas sehr Dringliches und
etwas sehr Achtungsvolles.
    Sie gingen ein paar Schritte seitwärts von der Treppe, wo niemand
vorüberkommen konnte. Der Fremde lächelte ermutigend, als er Caspars scheues
Wesen bemerkte, und begann sogleich in derselben dringlichen und achtungsvollen
Weise: »Sie sind Caspar Hauser? Bis heute sind Sie es gewesen. Morgen werden Sie
diesen Namen abstreifen. Wie mich schon der erste Blick in Ihr Gesicht belehrt
und erschüttert hat! Prinz, mein Prinz! Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu
küssen.«
    Er bückte sich rasch und küsste ehrfurchtsvoll Caspars Hand.
    Caspar hatte keine Worte. Er sah aus wie einer, dem plötzlich das Herz
stillsteht.
    »Ich komme vom Hof, ich komme als Abgesandter Ihrer Mutter, ich komme, Sie
zu holen«, fuhr der Fremde fort, nicht weniger hastig, nicht weniger
respekterfüllt. »Ich vermute, dass Sie seit langem darauf vorbereitet sind. Doch
müssen wir auf der Hut sein. Wir haben grosse Hindernisse zu scheuen. Sie müssen
mit mir entfliehen. Alles ist bereit. Die Frage ist nur, ob Sie willens sind,
sich ohne Rückhalt mir anzuvertrauen, und ob ich auf Ihre unbedingte
Verschwiegenheit rechnen darf?«
    Wie sollte Caspar imstande sein, darauf zu antworten? Er schaute in das
Gesicht des Mannes, das ihm in jeder Beziehung aussergewöhnlich, ja märchenhaft
erschien, und mit stupider Aufmerksamkeit haftete sein Blick auf den zahllosen
kleinen Blatternarben, die auf der Nase und den Wangen des Fremden sichtbar
waren.
    »Ihr Schweigen ist für mich beredt«, sagte der Fremde mit einer schnellen
Verbeugung. »Der Plan ist der: Sie finden sich morgen nachmittag um vier Uhr im
Hofgarten ein, und zwar neben der Lindenallee, wenn man vom Freibergschen Haus
kommt. Man wird Sie von dort zu einem bereitstehenden Wagen führen. Die
einbrechende Dunkelheit wird unsre Flucht begünstigen. Kommen Sie ohne Mantel,
so wie Sie sind; Sie werden standesgemässe Kleider finden. Bei der ersten
Raststation an der Grenze, die wir in drei Stunden erreichen können, werden Sie
sich umkleiden. Ich bin Ihnen unbekannt. Sie sollen sich dem Unbekannten nicht
auf Treu und Glauben übergeben. Bevor Sie in den Wagen steigen, werde ich Ihnen
ein Zeichen behändigen, an dem Sie unzweifelhaft erkennen werden, dass ich zu
meinem Auftrag von Ihrer Mutter bevollmächtigt bin.«
    Caspar rührte sich nicht. Nur sein ganzer Körper schwankte ein wenig, als
wäre er erstarrt und der Wind drohe ihn umzublasen.
    »Darf ich dies alles als abgemacht ansehen?« fragte der Fremde.
    Er musste die Frage wiederholen. Da nickte Caspar: ernstaft, schwer, und auf
einmal war ihm die Kehle wie verbrannt.
    »Werden Sie sich zur bestimmten Stunde am bestimmten Platze einfinden, mein
Prinz?«
    Mein Prinz! Caspar wurde leichenblass. Er schaute wieder die Blatternarben
mit verzehrender Aufmerksamkeit an. Dann nickte er abermals, mit einer Bewegung,
die den Schein von Kälte oder von Verschlafenheit hatte.
    Der Fremde lüpfte mit demutsvoller Höflichkeit den Hut; hierauf ging er und
verschwand in der Richtung gegen die Schwanengasse.
    Während des ganzen Auftrittes, der etwa acht bis zehn Minuten gedauert
hatte, war also nicht ein einziges Wort aus Caspars Lippen gekommen.
    War es Freude, die Caspar empfand? War Freude so beschaffen, dass einen dabei
fror bis ins Mark? Dass beständig Schauder über den Rücken liefen wie kaltes
Wasser?
    Er machte immer nur ein halb Dutzend Schritte und hielt dann inne, weil er
glaubte, der Erdboden sinke unter seinen Füssen. Menschen, geht mir aus dem Weg,
dachte er; weh mich nicht an, Schnee; Wind, sei nicht so wild. Er betrachtete
seine Hand und berührte mit der Spitze seines Fingers starr nachdenklich die
Stelle, auf die der Fremde ihn geküsst.
    Warum arbeiten die Schustergesellen noch, es ist ja Mittagszeit, grübelte
er, als er im Vorbeigehen in einen Laden blickte. Unaufhörlich rannen die
Schauder über den Nacken herab.
    Es war schön, zu wissen, dass mit jedem Schritt, mit jedem Blick, mit jedem
Gedanken Zeit verging. Denn darum handelte es sich jetzt ganz allein: dass die
Zeit verging.
    Als er nach Hause kam, sagte er zur Magd, er wolle nichts essen, und sperrte
sich in seinem Zimmer ein. Er stellte sich ans Fenster, und während ihm die
Tränen über die Backen liefen, sagte er: »Dukatus ist gekommen.«
    Seine Gedanken hatten etwas von einem nächtlichen Flug wilder Vögel. Bis
heute war ich Caspar Hauser, dachte er, von morgen an bin ich der andre; und was
bin ich jetzt? Gestern war ich noch ein Schreiberlein, und morgen werd ich
vielleicht einen blauen Mantel tragen, mit goldenen Borten verziert; auch einen
Degen soll mir Dukatus bringen, lang und schmal und aufrecht wie ein Binsenhalm.
Aber ist denn alles wahr, kann es denn sein? Freilich kann es sein, weil es doch
sein muss.
    Erst als es völlig finster war, zündete Caspar das Licht an. Die Lehrerin
schickte herauf und liess fragen, ob er nichts zu sich nehmen wolle. Er bat um
ein Stück Brot und ein Glas Milch. Dies wurde gebracht. Sodann fing er an, seine
Laden auszuräumen; einen ganzen Stoss von Papieren und Briefen warf er ins Feuer,
die Schreibhefte und Bücher ordnete er mit peinlicher Sorgfalt. Er öffnete eine
Truhe und zog unter mancherlei Kram das Holzpferdchen hervor, das er noch von
der Gefangenschaft auf dem Vestnerturm her besass. Er betrachtete es lange; es
war weiss lackiert, mit schwarzen Flecken, und hatte einen Schweif, der bis auf
das Brettchen fiel. O Rösslein, dachte er, hast mich manches Jahr begleitet, was
wird nun aus dir? Ich will wiederkommen und dich holen, und einen silbernen
Stall werd ich dir bauen. Damit stellte er das Spielding behutsam auf ein
Ecktischchen neben dem Fenster.
    Es mag füglich wundernehmen, dass ein Gemüt wie das seine, so mit Ahnung
begabt, so mit Erfahrungen vielerlei Art gefüllt, vom ersten Augenblick der
vermeintlichen Wandlung seines Schicksals in eine dermassen blinde Gläubigkeit
verfiel, dass auch nicht ein Funke des Misstrauens, der Furcht oder nur des
zweifelnden Staunens in ihm erglomm. Ein Vorgang, so weit ausserhalb des
gebundenen Wirklichen, so abenteuerlich in seiner Plötzlichkeit, so zierdelos
und simpel, dass ein Schüler, ein Kind, ein Verrückter daran Anstoss genommen
hätte, und er, dem so viele Menschengesichter unvermummt oder durch Schuld
entmummt gegenübergetreten waren, er, dem die Welt nichts andres war, als was
der Schwalbe, die vom Süden kommt, das durch Bubenhände zerstörte Nest, er
ergriff mit unerschütterlicher Zuversicht die unbekannte Hand, die sich aus
unbekanntem Dunkel ihm entgegenstreckte, die starre, kalte, stumme Hand.
    Aber bei ihm war keine andre Hoffnung mehr. Oder es war überhaupt von
Hoffnung keine Rede. Hier war das selbstverständlich Endliche, das jenseitig
Sichere, das Ungefragte, dem kein Wort der menschlichen Sprache, ja nicht einmal
ein Gedanke, eine Vorstellung, eine Vision mehr nahekommen konnte und das sich
so vorbestimmt vollzieht wie der Aufgang der Sonne, wenn es Tag wird. O ihr
müdgetriebenen Glieder, ihr Ketten an den Gliedern, ihr trägen Minuten, ihr
schweigenden Stunden! Noch prasselt der Kalk in der Mauer, noch bellt von fern
ein Hund, noch bläst der Sturm den Schnee ans Fenster, noch knistert das Licht
auf der Kerze, und alles dies ist voll Bosheit, weil es so beständig scheint, so
langsam vergeht.
    Um neun Uhr begab er sich zur Ruhe. Er schlief fest, später in der Nacht
hörte er alle Viertelstundenschläge von den Kirchen. Bisweilen richtete er sich
auf und schaute beklommen in die Finsternis. Dann kam ein Traum, in dem Schlaf
und Wachen unmerklich ineinanderflossen. Ihm träumte nämlich, er stehe vor dem
Spiegel, und er dachte: wie sonderbar ich habe ein so bestimmtes Gefühl von der
Glätte des Spiegelglases, und doch träume ich nur. Er erwachte oder glaubte zu
erwachen, verliess das Bett oder glaubte es zu tun, machte sich im Zimmer zu
schaffen, legte sich wieder hin, schlief ein, erwachte abermals und grübelte:
Sollte ich das mit dem Spiegel nur geträumt haben? Jetzt trat er vor den Spiegel
hin, gewahrte sein umschattetes Bild, fand etwas Fremdes daran, wovor, ihm
graute, und bedeckte den Spiegel mit einem Tuch, das blau war und goldene Borten
hatte. Als er sich nun hingelegt hatte und nach einer Weile wirklich erwachte,
da erkannte er, dass alles nur ein Traum gewesen war denn der Spiegel war
keineswegs verhängt.
    Es war eine lange Nacht.
    Des Morgens ging er wie gewöhnlich aufs Gericht. Er verrichtete seine
Schreibarbeit wie mit verschleierten Augen. Um elf Uhr klappte er das Tintenfass
zu, räumte auch hier alles säuberlich zusammen und entfernte sich still.
    Quandt war wegen einer Lehrerkonferenz über Mittag vom Hause fort. Caspar
sass mit der Frau allein bei Tisch. Sie sprach beständig vom Wetter. »Der Sturm
hat den Schlot auf unserm Dach umgerissen,« erzählte sie, »und der Schneider
Wüst von nebenan ist durch die herunterfallenden Ziegel beinahe erschlagen
worden.«
    Caspar blickte schweigend hinaus: er konnte kaum das gegenüberliegende
Gebäude sehen; Regen und Schnee untermischt wirbelten durch die verdunkelte
Gasse.
    Caspar ass nur die Suppe; als das Fleisch kam, stand er auf und ging in sein
Zimmer.
    Punkt drei Uhr kam er wieder herunter, nur mit seinem alten braunen Rock
bekleidet und ohne Mantel.
    »Wo wollen Sie denn hin, Hauser?« rief ihn die Lehrerin von der Küche aus
an.
    »Ich muss beim Generalkommissär etwas holen«, entgegnete er ruhig.
    »Ohne Mantel? Bei der Kälte?« fragte die Frau erstaunt und trat auf die
Schwelle.
    Er sah zerstreut an sich herab, dann sagte er: »Adieu, Frau Lehrerin«, und
ging.
    Bevor er die Haustür schloss, warf er noch einen Abschiedsblick in den Flur,
auf das geschweifte Geländer der Treppe, auf den alten braunen Schrank mit den
Messingschnallen, der zwischen Küchen und Wohnzimmertür stand, auf das
Kehrichtfass in der Ecke, das mit Kartoffelschalen, Käserinden Knochen,
Holzspänen und Glassplittern angefüllt war, und auf die Katze, die stets
heimlich und genäschig hier herumschlich. Trotz des blitzhaft schnellen
Anschauens dieser Dinge schien es Caspar, als ob er sie nie deutlicher und nie
so absonderlich gesehen hätte.
    Als die Klinke eingeschnappt war, liess der schier unerträgliche Druck, der
seine Brust verschnürte, ein wenig nach, und seine Lippen verzogen sich zu einem
schalen Lächeln.
    Dem Lehrer werd ich schreiben, dachte er; oder nein, besser ist es, selber
zu kommen; wenn der Winter vorbei ist, werd ich kommen und mit dem Wagen vors
Haus fahren; ich werd es einrichten, dass es Nachmittag sein wird, da ist er
daheim. Wenn er vors Tor tritt, werd ich ihm nicht die Hand reichen, ich will
mich stellen, als ob ich ein andrer wäre, in meinen schönen Kleidern wird er
mich ja nicht erkennen. Er wird einen tiefen Bückling machen: »Wollen Euer
Gnaden gnädigst eintreten?« wird er sprechen. Wenn wir im Zimmer sind, stell ich
mich vor ihn hin und frage: »Erkennen Sie mich nun?« Er wird auf die Knie
fallen, aber ich reiche ihm die Hand und sage: »Sehen Sie jetzt ein, dass Sie mir
unrecht getan haben?« Er wird es einsehen. »Ei,« sag ich, »zeigen Sie mir doch
mal Ihre Kinder und schicken Sie nach dem Polizeileutnant.« Den Kindern werd ich
Geschenke bringen, und wenn dann der Polizeileutnant kommt, zu dem werd ich
nicht reden, den werd ich nur anschauen, nur anschauen ...
    Von der Gumbertuskirche schlug es halb vier. Es war noch viel zu früh. Auf
dem unteren Markt ging Caspar rings an den Häusern herum. Vor dem Pfarrhaus
blieb er eine Weile sinnend stehen. Infolge seiner inneren Hitze spürte er die
Kälte kaum. Er sah nur wenige Leute, die, wie vom Wind gepeitscht, schnell
vorüberhuschten.
    Als er sich von der Hofapoteke rechts gegen den Schlossdurchlass wandte,
schlug es dreiviertel. Da rief jemand; er blickte empor, der Fremde von gestern
stand neben ihm. Er trug einen Mantel mit mehreren Kragen und darüber noch einen
Pelzkragen. Er verbeugte sich und sagte ein paar höfliche Worte. Caspar verstand
ihn nicht, denn der Wind war gerade so heftig, dass man hätte schreien müssen, um
einander zu hören. Daher machte der Fremde bloss eine Gebärde, durch die er
Caspar bat, mit ihm gehen zu dürfen. Offenbar war selbst eben im Begriff
gewesen, den Ort des Stelldicheins aufzusuchen.
    Bis zum Hofgarten waren es nur noch wenige Schritte. Der Fremde öffnete das
Türchen und liess Caspar den Vortritt. Caspar ging voran, als ob es so sein
müsse. Eine Mischung von einfältiger Ergebenheit und ruhigem Stolz zeigte sich
in seinem Gesicht, um mit sonderbarer Raschheit einem Ausdruck des Grauens Platz
zu machen, denn der Augenblick war zu stark, er konnte seine Wucht nicht
ertragen. In dem Zeitraum, den er brauchte, um von dem Pförtchen über den
dichtbeschneiten Orangerieplatz zu den Bäumen der ersten Allee zu gehen,
durchlebte er in seinem Innern eine Reihe gänzlich unzusammenhängender Szenen
aus ferner Vergangenheit, eine Erscheinung, die von Seelenforschern auf dieselbe
Wurzel zurückgeführt werden kann wie etwa die, dass ein von einem Turm Fallender
während der Zeit des Sturzes sein ganzes Dasein an sich vorübergleiten sieht. Er
erblickte zum Beispiel die Amsel, die mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Tisch
lag; dann sah er mit ungemeiner Deutlichkeit den Wasserkrug, aus dem er in
seinem Kerker getrunken; dann sah er eine schöne goldene Kette, die ihm der Lord
aus seinen Schätzen gezeigt, womit die angenehme Empfindung verbunden war, die
ihm Stanhopes weisse, feine Hand erregte; ferner sah er sich im Saal der
Nürnberger Burg, wohin Daumer ihn geführt, und sein Auge weilte auf der sanften
Linie einer gotischen Fensterwölbung mit einem Entzücken, das er damals
sicherlich nicht verspürt hatte.
    Sie kamen zum Kreuzweg, da eilte der Fremde voraus und gab mit erhobenem Arm
irgendein Zeichen. Caspar gewahrte hinter dem Gebüsch noch zwei andre Personen,
deren Gesichter durch die aufgestellten Mantelkragen völlig verhüllt waren.
    »Wer sind diese?« fragte er und zauderte, weil er annahm, hier sei der
verabredete Platz.
    Mit den Blicken suchte er den Wagen. Das Schneegestöber erlaubte jedoch
nicht weiter als zehn Ellen zu sehen.
    »Wo ist der Wagen?« fragte er. Da der Fremde auf beide Fragen nicht
antwortete, schaute er ratlos gegen die zwei hinter dem Gebüsch. Diese näherten
sich oder es schien wenigstens so. Sie riefen dem Blatternarbigen etwas zu, erst
der eine, dann der andre. Darauf entfernten sie sich wieder und standen dann auf
der andern Seite des Wegs.
    Der Fremde drehte sich um, griff in die Tasche seines Mantels, brachte ein
lilafarbenes Beutelchen zum Vorschein und sagte mit heiserer Stimme: »Öffnen Sie
es; Sie werden darin das Zeichen finden, das uns Ihre Mutter übergab.«
    Caspar nahm das Beutelchen entgegen. Während er sich bemühte, die Schnur zu
entknüpfen, durch die es zugebunden war, hob der Fremde einen langen, blitzenden
Gegenstand in der Faust und schnellte mit dem Arm gegen Caspars Brust.
    Was ist das? dachte Caspar bestürzt. Er fühlte etwas Eiskaltes tief in sein
Fleisch glitschen. Ach Gott, das sticht ja, dachte er und wankte dabei. Den
Beutel liess er fallen.
    O ungeheurer, ungeheurer Schrecken! Er griff nach einem der Baumstämmchen
und versuchte zu schreien, aber es ging nicht. Auf einmal brach er in die Knie.
Vor seinen Augen wurde es schwarz. Er wollte den Fremden bitten, dass er ihm
helfe, doch die Füsse des Mannes, die er noch eine Sekunde zuvor gesehen, waren
verschwunden. Die Schwärze vor den Augen wich wieder; er sah sich um; niemand
war mehr da; auch die beiden hinter dem Gebüsch waren nicht mehr da.
    Er kroch nun auf allen vieren ein wenig am Gebüsch entlang und senkte den
Kopf herunter, um sein Gesicht vor dem nassen Schneestaub zu schützen, den ihm
der Wind entgegensprjetzte. Er machte ein paar Bewegungen mit dem Körper, als
suche er in der Erde eine Höhlung zum Hineinschlüpfen, konnte dann nicht weiter
und blieb sitzen. Ihm schien, als riesle etwas im Innern seines Leibes. Es fror
ihn jetzt erbärmlich.
    Möcht sehen, was in dem Beutel ist, dachte er, während seine Zähne
klapperten. O ungeheurer Schrecken, der ihn abhielt, nach jener Stelle zu
blicken, wo der Fremde gestanden.
    Wenn ich nur ein Wort wüsste, durch das mir leichter würde, dachte er, wie
einer, der sich durch Zauberformeln zu schützen wähnt. Und er sagte zweimal:
»Dukatus«.
    Welches Wunder, plötzlich ward ihm leicht. Er glaubte aufstehen und nach
Hause gehen zu können. Er erhob sich. Er sah, dass er gehen konnte. Nachdem er
einige taumelnde Schritte gemacht, fing er an zu laufen. Ihm war, als ob sein
Körper ohne Schwere sei, ihm war, als fliege er. Er lief, lief, lief. Bis zum
Tor des Gartens; über den Schlossplatz; über den Markt an der Kirche vorbei; bis
zum Kronacher Buck, bis in den Flur des Quandtschen Hauses; lief, lief, lief.
    In Schweiss gebadet, stürzte er in den Flur. Weiter gings nicht mehr;
keuchend lehnte er sich an die Wand. Die Magd gewahrte ihn zuerst. Über sein
Aussehen entsetzt, gab sie einen gellenden Schrei von sich. Da kam Quandt aus
der Stube; seine Frau folgte ihm.
    Caspar starrte ihnen entgegen, sprach aber nichts, sondern deutete bloss auf
seine Brust.
    »Was ist geschehen?« fragte Quandt rauh und kurz.
    »Hofgarten - gestochen«, stammelte Caspar.
    Und Quandt? Wir sehen ihn schmunzeln. Nichts andres: wir sehen ihn
schmunzeln. Und wenn Jahrhunderte, feierlich in Purpur angetan wie Gottes Engel,
auf uns zutreten und uns beschwören, die Tatsachen nicht zu verzerren, so ist
nichts andres zu erwidern, als dass Quandt schmunzelte, seltsam schmunzelte. »Wo
sind Sie denn gestochen, mein Lieber?« fragt er gedehnt.
    Wieder deutete Caspar auf seine Brust.
    Quandt knöpfte ihm Rock, Weste und Hemd auf, um die Wunde anzuschauen.
Richtig, da war ein Stich, nicht grösser als eine Haselnuss. Aber nicht die
geringste Spur von Blut war zu bemerken. Eine Wunde ohne Blut, das gibt es
nicht; das ist wie eine Behauptung ohne Beweis.
    »Also gestochen«, sagte Quandt. »So lassen Sie uns sofort umkehren und
zeigen Sie mir den Platz im Hofgarten, wo das passiert sein soll«, fügte er
energisch hinzu. »Was haben Sie denn zu dieser Stunde und bei solchem Wetter im
Hofgarten zu tun gehabt? Marsch, kommen Sie! Die Sache muss unverzüglich
aufgeklärt werden.«
    Caspar widersprach nicht. Er schleppte sich an des Lehrers Seite wieder auf
die Gasse. Quandt fasste ihn unter, wie ein Krüppel schlich Caspar dahin.
    Nach langem Schweigen sagte Quandt in verbissenem Ton: »Diesmal haben Sie
Ihren dümmsten Streich gemacht, Hauser. Diesmal wird es keinen so guten Ausgang
nehmen wie beim Professor Daumer, das kann ich Ihnen schriftlich geben.«
    Caspar blieb stehen, warf einen schnellen Blick gen Himmel und sagte: »Gott
- wissen.«
    »Machen Sie nur keine Faxen,« zeterte Quandt, »ich weiss, was ich weiss. Wenn
Sie sich auch noch so sehr auf Gott berufen, damit haben Sie bei mir kein Glück,
denn Sie sind ein gottloser Mensch von Grund auf. Ich kann Ihnen nur raten,
spielen Sie nicht länger die Stumme von Portici und gestehen Sie lieber gleich.
Ein wenig bange machen wollen Sie uns, die Leute wollen Sie durcheinanderhetzen.
Gestochen? Wer soll Sie denn gestochen haben? Vielleicht um Ihnen Ihre
jämmerlichen paar Moneten aus der Tasche zu ziehen? So ein Unsinn! Gehen Sie
nicht so langsam, Hauser, meine Zeit ist knapp.«
    »Den Beutel - will ich holen«, stammelte Caspar leise.
    »Was denn für einen Beutel?«
    »Der Mann - mir gegeben.«
    »Was für ein Mann?«
    »Der mich gestochen.«
    »Aber Hauser, Hauser, es ist ja himmelschreiend! Bilden Sie sich denn ein,
dass ich an diesen Mann nur im entferntesten glaube? So wenig wie an den
schwarzen Peter. Bilden Sie sich denn ein, dass ich über den wahren Täter einen
Augenblick im Zweifel bin? Gestehen Sies doch! Gestehen Sie, dass Sie sich selber
ein bisschen gestochen haben. Ich will über die Sache noch einmal schweigen, ich
will Gnade für Recht ergehen lassen.«
    Caspar weinte.
    Dicht vor dem Hofgarten brach er plötzlich zusammen. Quandt war verwirrt. Es
kamen einige Männer des Weges, diese bat er, dass sie den Jüngling nach Hause
führen möchten, er selbst wolle zur Polizei. Die Männer mussten erst geraume
Weile warten, bis sich Caspar ein wenig erholt hatte; auch dann hielt es schwer,
ihn zum Gehen zu bewegen.
    Es wurde später von den Ärzten als eine Unbegreiflichkeit bezeichnet, dass
Caspar mit der furchtbaren Verletzung in der Brust imstande gewesen war, den Weg
vom Hofgarten zum Lehrerhaus, hernach vom Lehrerhaus zum Schlossplatz, und
endlich vom Schlossplatz wieder nach Hause zurückzulegen, das erste Mal laufend,
das zweite Mal am Arme Quandts, das dritte Mal von den Männern halb gezogen, im
ganzen über sechzehnhundert Schritte.
    Als Quandt den Weg nach dem Rataus einschlug, war es finster geworden. Der
diensttuende Offiziant erklärte, dass ohne speziellen Auftrag des Bürgermeisters,
der im Bade sei, die Anzeige nicht protokolliert werden dürfe. Der Lehrer
schwatzte noch eine Weile mit ihm, dann begab er sich unwillig und verdrossen in
die eine Viertelstunde vor der Stadt gelegene Kleinschrottsche Badewirtschaft,
wo der Bürgermeister im Kreis seiner Vertrauten beim Bier sass. Quandt trug den
Fall vor. Man staunte, zweifelte, plädierte,bestieg den Amtsschimmel und
gestattete hierauf die förmliche Protokollaufnahme. Um sechs Uhr wurde das
interessante Aktenprodukt bei Laternen- und Kerzenschein dem Stadtgericht zur
weiteren Untersuchung übergeben.
    Quandt kehrte nach Hause zurück. Auf der Gasse vor seiner Wohnung fand er
viele Menschen, und zwar waren es Personen jeglichen Standes, die dem Unwetter
zum Trotz gekommen waren und in einem Schweigen verharrten, das den Lehrer
stutzig machte. Er ging sogleich in das Zimmer Caspars, der zu Bett gebracht
worden war. Der Doktor Horlacher war zugegen. Er hatte die Wunde schon
untersucht.
    »Wie stehts?« fragte Quandt.
    Der Doktor antwortete, es sei kein Grund zu ernster Besorgnis vorhanden.
    »Das dacht ich mir«, versetzte Quandt.
    Jetzt erschien der Hofrat Hofmann. Ein Polizeisoldat hatte ihm unten den
lilafarbenen Beutel übergeben, der an der Unglücksstätte gefunden worden war.
    »Kennen Sie diesen Beutel?« fragte der Hofrat.
    Mit fieberglänzenden Augen blickte Caspar auf den Beutel, den der Hofrat
öffnete. Es lag ein Zettel darin, der, so schien es zunächst, mit Hieroglyphen
bedeckt war.
    Die Lehrerin, die dabeistand, schüttelte den Kopf. Sie zog ihren Mann
beiseite und sagte zu ihm: »Es ist doch eigen; genau so legt der Hauser immer
seine Briefe zusammen, wie das Papier im Beutel zusammengefaltet war.«
    Quandt nickte und trat an die Seite des Hofrats, der den Zettel erst prüfend
betrachtete und dann einen Handspiegel verlangte.
    »Es ist wohl Spiegelschrift«, sagte Quandt lächelnd.
    »Ja«, erwiderte der Hofrat; »eine sonderbare Kinderei.«
    Er stellte Schrift und Spiegel einander gegenüber und las vor: »Caspar
Hauser wird Euch genau erzählen können, wie ich aussehe und wer ich bin. Dem
Hauser die Mühe zu sparen, denn er könnte schweigen müssen, will ich aber selber
sagen, woher ich komme. Ich komme von der bayrischen Grenze am Fluss. Ich will
Euch sogar meinen Namen verraten: M.L.O.«
    »Das klingt ja geradezu höhnisch«, sagte der Hofrat nach einem verwunderten
Schweigen.
    Quandt nickte erbittert vor sich hin.
    Als Caspar die vorgelesenen Worte vernommen hatte, fiel sein Kopf schwer in
das Kissen, und eine grenzenlose Verzweiflung malte sich in seinen Zügen. Es
schloss sich sein Mund mit einem Ausdruck, als wolle er von nun an nie mehr
reden. Und dass er hätte reden können, womit dieser M.L.O. offenbar nicht
gerechnet hatte, empfand er bis in das Fieber hinein als eine Art schmerzlichen
Triumphes.
    Quandt, den Zettel, den ihm der Hofrat gegeben, zwischen den Händen,
wanderte aufgeregt hin und her. »Das sind schöne Streiche,« rief er aus, »schöne
Streiche! Sie halten das Mitleid Ihres Jahrhunderts zum besten, Hauser. Sie
verdienen eine Tracht Prügel, das verdienen Sie.«
    Der Hofrat runzelte die Stirn. »Gemach, Herr Lehrer; lassen Sie das doch!«
sagte er mit ungewöhnlich ernstem Ton. Bevor er sich verabschiedete, versprach
er, am nächsten Morgen den Kreisphysikus zu schicken, woraus ersichtlich war,
dass auch er an keine unmittelbare Gefahr dachte.
    Indes kam der Kreisphysikus, von Frau von Imhoff dazu bewogen, noch am
selben Abend. Es war der Medizinalrat Doktor Albert. Er untersuchte Caspar mit
grosser Sorgfalt; als er fertig war, machte er ein bedenkliches Gesicht. Quandt,
seltsam gereizt dadurch, sagte fast herausfordernd: »Es fliesst ja gar kein Blut
aus der Wunde.«
    »Das Blut sickert nach innen«, entgegnete der Medizinalrat mit einem den
Lehrer nur streifenden Blick. Er legte einen Umschlag von Senfteig auf das Herz
und empfahl die möglichste Ruhe.
    Quandt griff sich an die Stirn. »Wie,« sagte er zu seiner Frau, »sollte sich
der Bursche in seinem Leichtsinn doch ernstlichen Schaden zugefügt haben?«
    Die Lehrerin schwieg.
    »Ich bezweifle es, ich muss es bezweifeln«, fuhr Quandt fort. »Sieh doch
selbst, der sonst so wehleidige Mensch klagt ja mit keiner Silbe über
Schmerzen.«
    »Er antwortet auch nichts, wenn man ihn fragt«, fügte die Frau hinzu.
    Um neun Uhr fing Caspar an zu delirieren. Quandt war entschlossen, an das
Delirium nicht zu glauben. Als Caspar aus dem Bett springen wollte, schrie er
ihn an: »Machen Sie nicht solche widerlichen Umstände, Hauser! Gehen Sie
schleunigst in Ihr Bett zurück.«
    Der Pfarrer Fuhrmann trat gerade in das Zimmer und hörte dies. »Aber Quandt!
Quandt!« sagte er entsetzt. »Ein wenig Milde, Quandt, im Namen unsrer Religion.«
    »Oh,« versetzte Quandt kopfschüttelnd, »Milde ist hier schlecht angebracht.
In Nürnberg, wo er doch auch so eine verworfene Komödie aufgeführt hat,
gebärdete er sich genauso, und ich habe mir sagen lassen müssen, dass er dabei
von zwei Männern ist gehalten worden. Was mich betrifft, ich lasse mir so ein
Schauspiel nicht bieten.«
    Frau von Imhoff hatte eine Pflegerin vom Krankenhaus geschickt, die über
Nacht an Caspars Lager wachte. Er schlummerte zwei bis drei Stunden.
    Schon früh am Morgen erschien eine Gerichtskommission. Caspar war bei klarem
Bewusstsein. Vom Untersuchungsrichter aufgefordert, erzählte er, ein fremder Herr
habe ihn zum artesischen Brunnen in den Hofgarten bestellt.
    »Zu welchem Zweck bestellt?«
    »Das weiss ich nicht.«
    »Er hat darüber gar nichts gesagt?«
    »Doch; er hat gesagt, man könnte die Tonarten des Brunnens besichtigen.«
    »Und daraufhin sind Sie ihm schon gefolgt? Wie sah er aus?«
    Caspar gab eine kurze, abgerissen gelallte Beschreibung und der Art, wie ihn
der Fremde gestochen. Sonst war nichts aus ihm herauszubringen.
Es wurde nach Zeugen gefahndet. Es stellten sich Zeugen. Zu spät für die
Verfolgung des Täters. Schon die erste Anzeige war, durch die Mitschuld Quandts,
unverantwortlich verzögert worden. Als man die am Ort des Verbrechens
befindlichen Blutspuren untersuchen wollte, ergab es sich, dass inzwischen schon
zu viele Menschen dagewesen waren und den Schnee zertreten hatten. Aus einem so
wichtigen Umstand Nutzen zu ziehen musste also von vornherein verzichtet werden.
    Zeugen fanden sich genug. Die Zirkelwirtin in der Rosengasse bekundete,
gegen zwei Uhr sei ein Mann in ihr Haus gekommen, den sie nie zuvor gesehen, und
habe gefragt, wann ein Retour nach Nördlingen gehe. Der Mann war ungefähr
fünfunddreissig Jahre alt gewesen, von mittlerer Grösse, bräunlicher Hautfarbe und
mit Blatternarben im Gesicht.
    Er habe einen blauen Mantel mit Pelzkragen, einen runden schwarzen Hut,
grüne Pantalons und Stiefel mit gelben Schraubsporen getragen. In der Hand hielt
er eine Reitgerte. Er habe nur fünf Minuten geweilt und ganz wenig gesprochen;
auffallend sei es gewesen, dass er nicht sagen gewollt, wo er logierte.
    So beschrieb auch der Assessor Donner einen Mann, den er um drei Uhr im
Hofgarten neben der Lindenallee gesehen, und zwar in Gesellschaft von zwei
andern Männern, die der Assessor jedoch nicht betrachtet hatte.
    Ein Spiegelarbeiter namens Leich ging ein paar Minuten vor vier Uhr von
seiner Wohnung auf dem neuen Weg durch die Poststrasse auf die Promenade und von
da über den Schlossplatz. Er sah vom Schloss her zwei Männer über die Gasse
schreiten und, die Reitbahn zur Linken lassend, zum Hofgarten gehen. Er erkannte
in dem einen von ihnen Caspar Hauser. Als die beiden zum Laternenpfahl am Eck
der Reitbahn kamen, wandte sich Caspar Hauser um und blickte den Schlossplatz
hinauf, so dass ihn der Beobachter noch einmal und genau hatte sehen können. Bei
den Schranken blieb der Fremde stehen, um Hauser mit höflicher Gebärde den
Vortritt zu lassen. Der Arbeiter dachte für sich: wie doch die Herren bei
solchem Sturm und Schnee spazierengehen mögen.
    »Drei Viertelstunden später,« erzählte der Mann, »als ich von einer
Besorgung beim Büttner Pfaffenberger zurückkam, standen auf dem Schlossplatz
viele Leute, die jammerten und sagten, der Hauser sei im Hofgarten erstochen
worden.«
    Und weiter. Ein Gärtnergehilfe, der in der Orangerie beschäftigt ist, hört
gegen vier Uhr Stimmen. Er blickt zum Fenster hinaus und sieht einen Mann im
Mantel vorüberlaufen. Der Mann läuft einen guten Trab. Die Stimmen sind etwa
einen Büchsenschuss weit vom Orangeriehaus entfernt gewesen, nicht so weit, wie
das Uzsche Denkmal ist. Es waren zweierlei Stimmen, eine Bass und eine helle
Stimme.
    Neben der Weidenmühle wohnt eine Näherin. Ihr Fenster geht auf den
Hofgarten; sie sieht bis in die zwei gegen den hölzernen Tempel zu führenden
Alleen. Bei beginnender Dämmerung gewahrt sie den Mann im Mantel; er tritt aus
dem neuen Gittertor und steigt am Abhang der Rezatwiese hinab. Er stutzt, als er
vor dem hochgeschwollenen Wasser steht. Er kehrt um und wendet sich gegen die
Stäffelchen an der Mühle, geht über den Steg auf der Eiberstrasse und
verschwindet. Die Frau hat von seinem Gesicht nur einen schräglaufenden
schwarzen Bart wahrnehmen können.
    Es meldet sich auch der Schreiber Dillmann zu einer Aussage. Die
unverbrüchliche Gewohnheit des alten Kanzlisten ist es, jeden Nachmittag, wie
das Wetter auch beschaffen ist, zwei Stunden lang im Hofgarten zu promenieren.
Er hat Caspar und den Fremdengesehen. Er versichert aber, nicht vorangegangen
sei Caspar dem Fremden, sondern hintennach sei er gegangen. »Er ist ihm gefolgt,
wie das Lamm dem Metzger zur Schlachtbank folgt«, sagt er.
    Zu spät. Zu spät der Eifer. Zu spät die erlassenen Steckbriefe und
Streifzüge der Gendarmerie. Es konnte nicht mehr fruchten, dass man sogar den
Rezatstrom aus seinem Bett leitete, um vielleicht das Mordinstrument zu
entdecken, das der Unbekannte bei seiner Flucht von sich geworfen haben mochte.
Was lag an diesem Dolch?
    Was lag an den Zeugen? Was lag an den Verhören? Was lag an den Indizien,
womit eine saumselige Justiz ihre Unfähigkeit prahlerisch verbrämte? Es wurde
gesagt, dass die Nachforschungen planlos und kopflos betrieben wurden. Es wurde
gesagt, eine geheimnisvolle Hand sei im Spiel, deren Machenschaften darin
gipfelten, die wahren Spuren allmählich und mit Absicht zu verwischen und die
Aufmerksamkeit der Behörde irrezuleiten. Wer es sagte, konnte natürlich nicht
erkundet werden, denn die öffentliche Meinung, ein Ding, ebenso feig wie
ungreifbar, orakelt nur aus sicheren Hinterhalten. Und sie schwieg gar bald
stille hier, wo Verleumdung, Bosheit, Lüge, Dummheit und Heuchelei ein schönes
Menschenbild wie zwischen Mühlrädern zermalmten, bis dass nichts mehr übrigblieb
als ein ärmliches Märchen, wovon sich das Volk dieser Gegenden an rauhen
Winterabenden vor dem Ofen unterhält.
Am Sonntag nachmittag traf Quandt den jungen Feuerbach, den Philosophen, auf der
Strasse.
    »Wie gehts dem Hauser?« fragte der den Lehrer.
    »Ei, er ist ganz ausser Gefahr; dank der Nachfrage, Herr Doktor«, antwortete
Quandt geschwätzig; »die Gelbsucht ist eingetreten, aber das soll ja die
gewöhnliche Folge einer heftigen Erregung sein. Ich bin überzeugt, dass er in ein
paar Tagen das Bett wird verlassen können.«
    Sie sprachen noch eine Weile von andern Dingen, hauptsächlich von der
neuerdings zwischen Nürnberg und Fürt geplanten Dampfschienenbahn, ein
Unternehmen, gegen das Quandt eine ganze Kanonade von Skepsis auffahren liess,
dann verabschiedete er sich von dem stillen jungen Mann mit der Dankbarkeit
eines beklatschten Redners und eilte, beständig vor sich hinlächelnd, nach
Hause. Er war in einer höchst zuversichtlichen Stimmung, einer Stimmung, in der
man bereit ist, seinen ärgsten Feinden Nachsicht angedeihen zu lassen. Warum,
das mochten die Götter wissen. War der schöne Tag daran schuld? Man darf nicht
vergessen, dass in Quandt auch eine Art von Poet steckte; oder war es die Nähe
des Weihnachtsfestes, das jedem guten Christenmenschen gleichsam eine Erneuerung
seiner Seele verspricht? Oder war es am Ende der Umstand, dass gegenwärtig so
viele vornehme und ausgezeichnete Personen sein bescheidenes Heim aufsuchten und
dass er inmitten dieses bescheidenen Heims eine Stellung von ungeahnter
Wichtigkeit innehatte? Genug, wie dem auch sein mochte, er war mit sich
zufrieden, folglich stammte sein Lächeln aus der lautersten Quelle.
    Vor seiner Wohnung traf er auf den Polizeileutnant. »Ah, vom Urlaub zurück?«
begrüsste er ihn mit gedankenloser Freundlichkeit. Gleich darauf sagte er sich:
mit dem habe ich ja noch ein Hühnchen zu rupfen.
    Hickel drückte die Augen zusammen und sah aus, als ob er lachen wollte.
    Sie gingen miteinander hinauf.
    Caspar sass mit nacktem Oberleib im Bette, gegen aufgetürmte Kissen gelehnt,
starr wie eine Figur aus Lehm, das Gesicht grau wie Bimsstein, die Haut des
Körpers strahlend weiss wie eine Magnesiumflamme. Der Medizinalrat hatte soeben
den Verband abgenommen und wusch die Wunde. Ausserdem war noch ein
Kommissionsaktuar zugegen. Dieser hatte am Tisch Platz genommen; ein
Protokollformular lag bei ihm, auf dem die lakonischen Worte standen: »Der
Damnifikat verbleibt bei seinen bisherigen Depositionen.« Über einen
eingefangenen Strassenräuber hätte man sich nicht besser und niedlicher
ausdrücken können.
    Kaum hatte Caspar den eintretenden Hickel gewahrt, als er den wie einen
gebrochenen Blumenkelch seitwärts gesenkten Kopf aufrichtete und mit
weitgeöffneten Augen, in denen ein ganz unsäglicher Schrecken lag, dem
Ankömmling ins Gesicht starrte.
    Ohne zu sprechen, erhob Hickel drohend den Zeigefinger. Diese Gebärde schien
den Schrecken Caspars aufs äusserste zu treiben; er faltete die Hände und
murmelte ächzend: »Nicht nahekommen! Ich habs ja doch nicht selber getan.«
    »Aber Hauser! Was fällt Ihnen denn ein!« rief Hickel mit einer Lustigkeit,
die man etwa im Wirtshaus zur Schau trägt, und seine gelben Zähne blinkten
zwischen den vollen Lippen; »ich hab Ihnen ja nur gedroht, weil Sie ohne
Erlaubnis in den Hofgarten gegangen sind. Wollen Sie das vielleicht auch
leugnen?«
    »Keine Auseinandersetzungen, wenn ich bitten darf«, mahnte der Medizinalrat
unwillig. Er hatte den Verband erneuert, zog nun den Lehrer beiseite und sagte
leise und ernst: »Ich kann Ihnen nicht verhehlen, dass Hauser wahrscheinlich die
Nacht nicht überleben wird.«
    Offenen Mundes stierte Quandt den Arzt an. Seine Knie wurden weich wie
Butter. »Wie? Was?« hauchte er, »ists möglich?« Er schaute alle Anwesenden der
Reihe nach langsam an, wobei sein Gesicht dem eines Menschen glich, der sich
soeben behaglich zum Essen setzen wollte und dem plötzlich Schüssel, Teller,
Messer und Gabel, ja der ganze Tisch weggezaubert wird.
    »Kommen Sie mit mir, Herr Lehrer«, sagte mit heiserer Stimme Hickel, der am
Ofen stand und mit sinnloser Geschäftigkeit seine Hände an den Kacheln rieb.
    Quandt nickte und schritt mechanisch voraus.
    »Ists möglich!« murmelte er wieder, als er auf der Stiege stand. »Ists
möglich!«Hilfesuchend blickte er den Polizeileutnant an. »Ach,« fuhr er elegisch
fort, »wir haben doch unser redlich Teil getan. An treuer Fürsorge haben wirs
wahrlich nicht fehlen lassen.«
    »Lassen Sie doch die Flausen, Quandt«, antwortete der Polizeileutnant grob.
»Sagen Sie mir lieber, was hat denn der Hauser alles geredet in seinem Wahn?«
    »Unsinn, lauter Unsinn«, versetzte Quandt bekümmert.
    »Achtung, Herr Lehrer, da sehen Sie mal hinunter«, rief Hickel, indem er
sich über das Geländer beugte.
    »Was denn?« gab Quandt erschrocken zurück, »ich sehe nichts.«
    »Sie sehen nichts? Potz Kübel, ich auch nicht. Es scheint, wir sehen beide
nichts.« Er lachte wunderlich, richtete sich wieder kerzengerade auf und
hüstelte trocken. Dann ging er, indes Quandt ihm nicht wenig betroffen
nachguckte.
    Wohin soll es auch kommen mit der Welt, wenn Leute wie Hickel unter die
Gespensterseher geraten? Auf ihren robusten Schultern ruhen die Fundamente der
Ordnung, des Gehorsams und aller staatlich anerkannten Tugenden. Mag es auch in
diesem besonderen Fall so beschaffen gewesen sein, dass die Ausgeburt
rühmenswerter Untertaneneigenschaften dennoch einer Regung bösen Gewissens
anheimfiel, nun, dann muss erklärt werden, dass dieses böse Gewissen mit einem
martialischen Aussehen gesegnet war, dass es zu allen Mahlzeiten einen
beneidenswerten Appetit entwickelte und dass es das sanfteste Ruhekissen für
einen unvergleichlich gesunden Schlaf war, der durch keine Feuerglocke und kein
Tedeum hätte gestört werden können.
    Im Zimmer Caspars hatte der Kommissionsaktuar neuerdings ein Verhör
begonnen. Caspar sollte sagen, ob noch ein Dritter zugegen gewesen sei, während
er im Appellgericht mit dem fremden Mann gesprochen.
    Caspar antwortete matt, er habe niemand bemerkt, nur vor dem Tor seien Leute
gewesen. »Arme Leute passen mir immer dort auf,« sagte er, »zum Beispiel eine
gewisse Feigelein, der hab ich manchmal einen Kreuzer gegeben, auch die
Tuchmacherswitwe Weigel.«
    Der Aktuar wollte weiterfragen, doch Caspar lispelte: »Müde - recht müde.«
    »Wie ist Ihnen, Hauser?« erkundigte sich die Wärterin.
    »Müde,« wiederholte er; »werd jetzt bald weggehen von dieser Lasterwelt.«
    Eine Weile schrie und redete er für sich hin, hernach wurde er wieder ganz
stille.
    Er sah ein Licht, das langsam erlosch. Er vernahm Töne, die aus dem Innern
seines Ohrs zu dringen schienen; es klang, wie wenn man mit einem Hammer auf
eine Metallglocke haut. Er erblickt eine weite, einsame, dämmernde Ebene. Eine
menschliche Gestalt rennt schnell darüber hin. O Gott, es ist Schildknecht. Was
läufst du so, Schildknecht? ruft er ihm zu. Hab Eile, grosse Eile, antwortet
jener. Auf einmal schrumpft Schildknecht zusammen, bis er eine Spinne ist, die
an einem glühenden Faden zum Ast eines riesengrossen Baumes emporklimmt. Tränen
des Grauens fallen wie, Regen aus Caspars Augen.
    Er sah ein seltsames Gebäude; es glich einer kolossalen Kuppel; es hatte
kein Tor, keine Tür, kein Fenster. Aber Caspar konnte fliegen, flog hinauf und
schaute durch eine kreisrunde Öffnung in das Innere, das von himmelblauer Luft
erfüllt war. Auf himmelblauen Marmorfliesen stand eine Frau. Vor diese trat ein
Mensch, kaum deutlicher zu sehen als ein Schatten, und er teilte ihr mit, dass
Caspar gestorben sei. Die Frau hob die Arme und schrie vor Schmerz, dass die
Wölbung erzitterte. Da klaffte der Boden auseinander, und es kam ein langer Zug
von Menschen, die alle weinten. Und Caspar sah, dass ihre Herzen zitterten und
zuckten wie lebendige Fische in der Hand des Fischers. Und einer trat heraus,
der gerüstet war und ein Schwert trug, der sprach ungeheure Worte, aus denen
sich das ganze Geheimnis entüllte. Und alle, die zuhörten, pressten die Hände
gegen die Ohren, schlossen die Augen und stürzten vor Kummer zu Boden.
    Dann war alles verwandelt. Caspar spürte sich voll von wunderbaren Kräften.
Er spürte die Metalle in der Erde, von tief unten zogen sie ihn an, und die
Steine spürte er, die Adern von Erz hatten. Dazwischen ruhte vielfältiger Samen,
und er brach auf, und die Würzlein schossen, und bebend hoben sich die Gräser.
Aus dem Boden sprangen Quellen hoch empor wie Fontänen, und auf ihren Spitzen
leuchtete die willkommene Sonne. Und inmitten des Weltalls stand ein Baum mit
weitem Gipfel und unzähligen Verästelungen; rote Beeren wuchsen aus den Zweigen,
und auf der Krone oben bildeten die Beeren die Form eines Herzens. Innen im
Stamm floss Blut, und wo die Rinde zerrissen war, sickerten schwärzlichrote
Tropfen hindurch.
    Mitten in diesem Wogen verzweiflungsvoller Bilder und krankhafter
Entzückungen war es Caspar, als ob ihn jemand in einen Raum trüge, wo keine Luft
zum Atmen mehr war. Da half kein Sträuben und Sichbäumen, es trug ihn hin, und
ein kühler Wind wehte über sein Haar, seine Finger krümmten sich, als suche er
sich irgendwo zu halten. Es war eine namenlose Erschöpfung, von welcher der
vergebliche Kampf begleitet war.
    Auf der Strasse fuhr der Nürnberger Postwagen vorbei, und der Postillon blies
ins Horn.
    Es kamen bis zum Abend viele Leute, um nach seinem Befinden zu fragen. Frau
von Imhoff blieb lange an seinem Bett sitzen.
    Um acht Uhr schickte die Pflegerin zum Pfarrer Fuhrmann, der mit grösster
Schnelligkeit eintraf. Er legte Caspar die Hand auf die Stirn. Mit angstvoll
grossen Augen schaute sich Caspar um; seine Schultern zitterten Er machte mit dem
Zeigefinger auf dem Deckbett Bewegungen, als wolle er schreiben. Das dauerte
jedoch nicht lange.
    »Sie haben mir einmal gesagt, lieber Hauser, dass Sie auf Gott vertrauen und
mit seiner Hilfe jeden Kampf kämpfen wollen«, sagte der Pfarrer.
    »Weiss es nicht«, flüsterte Caspar.
    »Haben Sie denn heute schon zu Gott gebetet und ihn um seinen Beistand
angerufen?«
    Caspar nickte.
    »Und wie ist Ihnen darauf gewesen? Haben Sie sich nicht gestärkt gefühlt?«
    Caspar schwieg.
    »Wollen Sie nicht wieder beten?«
    »Bin zu schwach; vergehen mir gleich die Gedanken.« Und nach einer Weile
sagte er wie für sich, seltsam leiernd: »Das ermüdete Haupt bittet um Ruhe.«
    »So will ich ein Gebet sprechen,« fuhr der Pfarrer fort, »beten Sie im
stillen mit. Vater, nicht mein -«
    »Sondern dein Wille geschehe«, vollendete Caspar hauchend.
    »Wer hat so gebetet?«
    »Der Heiland.«
    »Und wann?«
    »Vor - seinem - Sterben.« Bei diesem Wort sträubte sich sein Körper empor,
und über sein Gesicht ging ein höchst qualvolles Zucken. Er knirschte mit den
Zähnen und schrie dreimal gellend: »Wo bin ich denn?«
    »Aber, Hauser, in Ihrem Bett sind Sie,« beruhigte ihn Quandt.
    »Es kommt ja bei Kranken öfter vor, dass sie sich an einem andern Ort zu
befinden wähnen«, wandte er sich erklärend an den Pfarrer Fuhrmann.
    »Geben Sie ihm zu trinken«, sagte dieser.
    Die Lehrerin brachte ein Glas frisches Wasser.
    Als Caspar getrunken hatte, wischte ihm Quandt den kalten Schweiss von der
Stirn. Er selber bebte an allen Gliedern. Er beugte sich über den Jüngling und
fragte dringend, feierlich beschwörend: »Hauser! Hauser! Haben Sie mir nichts
mehr zu sagen? Sehen Sie mich einmal so recht aufrichtig an, Hauser! Haben Sie
mir nichts mehr zu beichten?«
    Da packte Caspar in höchster Herzensnot die Hand des Lehrers. »Ach Gott, ach
Gott, so abkratzen müssen mit Schimpf und Schande!« stiess er jammernd hervor.
    Das waren seine letzten Worte. Er kehrte sich ein wenig auf die rechte Seite
und drehte das Gesicht zur Wand. Jedes Glied seines Körpers starb einzeln ab.
    Zwei Tage später wurde er begraben. Es war nachmittags und der Himmel von
wolkenloser Bläue. Die ganze Stadt war in Bewegung. Ein berühmter Zeitgenosse,
der Caspar Hauser das Kind von Europa nennt, erzählt, es sei zu der Stunde Mond
und Sonne gleicher Zeit am Firmament gestanden, jener im Osten, diese im Westen,
und beide Gestirne hätten im selben fahlen Glanz geleuchtet.
Etwa andertalb Wochen später, drei Tage nach Weihnachten, es war Abend, und
Quandt und seine Frau wollten sich eben zu Bett begeben, erschallten starke
Schläge gegen das Haustor. Sehr erschrocken, zögerte Quandt eine Weile; erst als
sich die Schläge wiederholten, nahm er das Licht und ging, um zu öffnen.
    Draussen stand Frau von Kannawurf. »Führen Sie mich in Caspars Zimmer«, sagte
sie zum Lehrer.
    »Jetzt noch? In der Nacht?« wagte dieser einzuwenden. »Jetzt, in der Nacht«,
beharrte die Frau.
    Ihr Wesen schüchterte Quandt dergestalt ein, dass er stumm zur Seite trat,
sie vorangehen liess und mit dem Licht folgte.
    In Caspars Zimmer erinnerte wenig an den Verstorbenen. Es war alles
umgestellt und verräumt. Nur das Holzpferdchen stand noch auf dem Ecktisch neben
dem Fenster.
    »Lassen Sie mich allein«, gebot Frau von Kannawurf. Quandt stellte den
Leuchter hin, entfernte sich schweigend und wartete in Gemeinschaft mit seiner
Frau unten an der Stiege. »Es ist sehr gutmütig von mir, dass ich mir so etwas in
meinem Hause gefallen lasse«, murrte er.
    Mit verschränkten Armen schritt Clara von Kannawurf im Zimmer auf und ab.
Ihr Blick fiel auf den Tisch, wo eine Abschrift des Sektionsprotokolls lag; es
ging daraus hervor, dass man nach dem Tode Caspars die Seitenwand seines Herzens
ganz durchstochen gefunden hatte. Clara nahm das Papier mit beiden Händen und
zerknitterte es in ihren Fäusten.
    Was fruchtet aller Schmerz und Reue? Man kann nicht die Gewesenen aus Luft
zurückgestalten; man kann der Erde nicht ihre Beute abfordern. Tränen beruhigen;
aber diese Trauernde hatte keine Tränen mehr; für sie waren keine Sterne mehr,
kein Glanz des Himmels; für sie wuchs kein Gras mehr, duftete keine Blume mehr,
ihr schmeckte der Tag nicht mehr und die Nacht nicht mehr, für sie hatte sich
alles Menschentreiben, ja selbst das Schaffen der Elemente in eine einzige
düstere Wolke von nie wieder gutzumachender Schuld zusammengeballt.
    Es mochte eine halbe Stunde verflossen sein, als Clara wieder herabkam. Sie
blieb ganz dicht vor dem Lehrer stehen, und während sie ihn mit
weitaufgeschlagenen Augen ansah, sagte sie bebend und kalt: »Mörder.«
    Dies war für Quandt etwa so, wie wenn man ihm einen Schwefelbrand unter die
Nase gehalten hätte. Es lässt sich denken, der wackere Mann war vollkommen
ahnungslos; im Schlafrock, gesticktem Hauskäppchen und mit Schlappschuhen an den
Füssen wartet er, dass der ungebetene Gast sein Haus wieder verlasse, und da fällt
ein Wort, wie es nicht einmal ein böser Traum erzeugen kann.
    »Das Weib ist wahnsinnig! Ich werde sie zur Rechenschaft ziehen«, tobte er
noch im Bette.
    Clara wohnte bei Imhoffs. Sie fand die Freundin noch auf. Frau von Imhoff
sagte ihr, dass man morgen auf den Kirchhof gehen wolle, weil das Kreuz auf
Caspar Hausers Grab errichtet werde. Frau von Imhoff empfand Claras
Schweigsamkeit wie einen Alpdruck und erzählte, erzählte. Vieles von Caspar,
vieles von denen, die um ihn waren. Quandt wolle ein Buch schreiben, worin er
haarklein nachzuweisen gedenke, dass Caspar ein Betrüger gewesen; dass Hickel den
Dienst quittiert habe und aus Ansbach wegziehe, wohin, wisse niemand, dass alle
Bemühungen, dem furchtbaren Verbrechen auf den Grund zu kommen, vergeblich
gewesen seien.
    Clara blieb wie aus Stein. Als sie sich für die Nacht trennten, sagte sie
leise und mit unheimlicher Sanftmut: »Auch du bist seine Mörderin.«
    Frau von Imhoff prallte zurück. Doch Clara fuhr ebenso leise und sanft fort:
»Weisst du es denn nicht? willst dus nicht wissen? Versteckst du dich vor der
Wahrheit wie Kain vor Gottes Ruf? Weisst du denn nicht, wer er war? Glaubst du
denn, dass die Welt immer und ewig darüber schweigen wird, so wie sie jetzt
schweigt? Er wird auferstehen, Bettine, er wird uns zur Rechenschaft fordern und
unsre Namen mit Schmach bedecken; er wird das Gewissen der Nachgebornen
vergiften, er wird so mächtig im Tode sein, als er ohnmächtig im Leben war. Die
Sonne bringt es an den Tag.«
    Darauf verliess Clara das Zimmer ruhig wie ein Schatten.
    Am andern Morgen ging sie früh vom Hause fort. Sie besuchte ihren Türmer auf
der Johanniskirche, sass lange oben auf der Steinbank in der schmalen Galerie und
blickte weit über die winterliche Ebene. Sie sah aber nicht Schnee, sie sah nur
vergossenes Blut. Sie sah nicht das Land, sie sah nur ein durchstochenes Herz.
    Dann schlug sie den Weg nach dem Kirchhof ein. Der Totengräber führte sie
zum Grab. Eben kamen zwei Arbeiter und lehnten ein hölzernes Kreuz gegen den
Stamm einer Trauerweide.
    Nach wenigen Minuten erschien der Pfarrer Fuhrmann. Er erkannte Clara und
grüsste sie ernst und höflich. Sie, ohne zu danken, schaute an ihm vorüber, ihr
Blick streifte den mit schmutzigem Schnee bedeckten Grabhügel und die Arbeiter,
die jetzt das Kreuz zu Häupten des Grabes einrammten. Auf einem grossen,
herzförmigen Schild, das inmitten des Grabkreuzes befestigt war, standen in
weissen Lettern die Worte:
                                   HIC JACET
                                CASPARUS HAUSER
                                    AENIGMA
                                  SUI TEMPORIS
                                IGNOTA NATIVITAS
                                  OCCULTA MORS
    Sie las es, schlug die Hände vors Gesicht und brach in ein gellend wehes
Gelächter aus. Jählings wurde sie aber wieder ganz still. Sie drehte sich gegen
den Pfarrer um und rief ihm zu: »Mörder!«
    In diesem Augenblick kamen vom Hauptpfad her einige Leute, die der Zeremonie
der Kreuzaufstellung hatten beiwohnen wollen: Herr und Frau von Imhoff, Herr von
Stichaner, Medizinalrat Albert, der Hofrat Hofmann, Quandt und seine Frau. Sie
sahen den Pfarrer bleich und aufgeregt, und der Eindruck eines jeden war, dass
etwas Schlimmes vor sich gehe. Frau von Imhoff, voller Ahnung, eilte auf ihre
Freundin zu und umschlang sie mit den Armen. Aber mit verwilderten Gebärden
machte sich Clara los, stürzte der Gruppe der Nahenden entgegen und schrie mit
durchdringender Stimme: »Mörder seid ihr! Mörder! Mörder! Mörder!«
    Nun rannte sie an ihnen vorbei, auf die Strasse hinaus, wo sich alsbald viele
Menschen um sie versammelten, und schrie, schrie! Endlich wurde sie von einigen
Männern umringt und am Weiterlaufen verhindert.
    Quandt hatte wieder einmal recht behalten. Sie war wahnsinnig geworden. Noch
am selben Tag wurde sie in eine Anstalt gebracht. Mit der Zeit verging die
Raserei, aber ihr Geist blieb umnachtet.
    Sehr zu Herzen war der Auftritt am Grabe dem Pfarrer Fuhrmann gegangen. Er
wollte sich nicht zufriedengeben, wenn man ihm vorhielt, dass es doch eine Irre
gewesen, die so gehandelt. Noch vor seinem kurz darauf erfolgten Ableben sagte
er zu Frau von Imhoff, die ihn besuchte: »Mich freut die Welt nicht mehr. Warum
klagte sie mich an? Mich, gerade mich? Ich hab ihn ja liebgehabt, den Hauser.«
    »Die Unglückliche,« erwiderte Frau von Imhoff leise, »an Liebe allein hatte
sie nicht genug.«
    »Ich trage keine Schuld«, fuhr der alte Mann fort. »Oder doch nicht mehr,
als dem sterblichen Leib überhaupt zukommt. Schuldig sind alle, die wir da
wandeln. Aus Schuld keimt Leben, sonst hätte unser Stammvater im Paradies nicht
sündigen dürfen. Auch unsern hingeschiedenen Freund kann ich nicht freisprechen.
Was hat es ihm gefrommt, das Träumen über seine Herkunft? Wo Verrat von allen
Lippen quillt, flieht der Tüchtige in den Kreis fruchtbarer Neigungen. Aber
Schwärmer hören nur sich selbst. Unschuldig, meine Beste, unschuldig ist nur
Gott. Er gnade meiner Seele und der des edeln Caspar Hauser.«
                                      Ende
 
    