
        
                                 Carl Spitteler
                               Die Mädchenfeinde
                             Abschied von Sentisbrugg
Noch bis zum letzten Feriendonnerstagabend hatten sie gemeint, die armen
Kadettenbüblein, es könne einfach nicht sein, dass sie wieder fort müssten von
Sentisbrugg, in die mürrische Stadt und den hässigen Zank der Schule. Sie hatten
sich eingebildet, im schlimmsten Fall, wenn jede Hoffnung geschwunden wäre, so
dass sie längst nicht mehr daran dächten, werde sich zu allerletzt die Natur ins
Mittel legen und irgendeine rettende Katastrophe stiften, zum Beispiel ein
Erdbeben - warum denn nicht? das komme ja vor - oder eine Überschwemmung, oder
eine Lehrerseuche, oder eine plötzliche Kriegserklärung, was weiss ich. Und den
langen, schönen Donnerstagnachmittag waren sie auf der Gaisfluh gelegen,
geduldig auslugend, ob nicht vielleicht die französischen Kürassiere links den
Berg heraufgesprengt kämen oder von rechts die badischen Jäger mit finstern
Waffenröcken und schmetternden Trompeten.
    Erst jetzt, als sie nach ergebnisloser Erwartung niedergeschlagen
heimkehrten, mit Efeu, das ihnen die Hirtenmädchen umgehängt, überwuchert wie
zwei wandelnde Gartenlauben, und im Dämmerzwielicht gewahrten, wie die
Grossmutter erbarmungslos den Koffer packte, begriffen sie, dass sie von der
ganzen Welt verraten waren. Da kletterten sie in ihrem Elend zuoberst auf den
Ofen, leerten den Kater, der sich dort in einer Jacke eingenistet hatte und
nicht wusste, will er weichen oder nicht, auf den Stubenboden und duckten sich in
den Winkel. Und wie sie nun von da oben im Dämmerschein die Herrlichkeiten
überschauten, die sie morgen verlassen mussten, das Uhrgehäuse mit der Geissel
darin und dem Grossvater daneben, dem sesshaften, dem man so bequem auf die Knie
springen konnte, und die Fliege, die verschlafen auf dem Tisch herumspazierte
und morgen, ach Gott, wenn sie schon längst fort waren, noch hier herumspazieren
durfte, die Glückliche, verspürten sie solch ein unleidliches Weh, dass sie
anfingen zu wimmern. Weil aber die Klagetöne so unerwartet natürlich
hervorkamen, dass es sie selber erbarmte, gerieten sie auf den Einfall, man
könnte möglicherweise auch Grosselternherzen damit erweichen. Deshalb fuhren sie
nun mit ihrem Jammer absichtlich fort, erst schüchtern und pröbelnd, hernach,
als das nichts fruchtete, in zweistimmigem Crescendo, schliesslich mit resolutem
Heulen wie die Verdammten. Inzwischen rösteten die heissen Platten ihre Schenkel,
so dass ihr Klagegesang in grimmige Schmerzensbeteuerungen ausartete; unversehens
raschelten sie in ihrem Efeugeheg über den Ofen hinab, knurrend wie zwei Pardel
im Prärienbrand.
    Ohne rechten Glauben, nur um ja nichts zu unterlassen, versuchten sie noch
eine letzte Möglichkeit: über Nacht schnell krank werden. Wie wird ein Mensch
krank? indem er sich erkältet; wie erkältet sich ein Mensch? dadurch, dass er
nasse Füsse bekommt. Folglich tauchten sie, als alle Welt schlief, die Füsse ins
Waschbecken, setzten sich im Hemd aufs Fensterbrett, die tropfnassen Füsse nach
aussen, in die kühle Nachtluft gestreckt, und erwarteten dann in den Betten die
Wirkung.
    »Gerold, bist du krank?« schnellte der kleine Hansli aus den Kissen, als ihn
die Morgensonne in die Augen blendete. »Leider nicht. Und du?« »Nicht einmal
Kopfweh.« Jetzt war es aus, einfach aus; rundum nirgends mehr der Schatten einer
Rettung. Da bemächtigte sich ihrer die Verzweiflung, und die Verzweiflung lud
ihr Gemüt mit Weltwut. Weil sie sich aber gegenseitig Schimpf und Schande
zuwarfen, dafür, dass der andere nicht krank geworden war, mündete die Weltwut in
eine grimmige, strampelnde Bruderschlacht, die Fäuste in den Haaren, mich an die
Wand, dich an die Wand, bis Gerold einen tüchtigen Kratzstriemen weg hatte und
aus Hanslis Nase Blut tröpfelte; das erleichterte. Das Waschbecken lag auch auf
dem Boden; das beruhigte. Nun halfen sie einander friedlich beim Ankleiden;
Gerold nestelte dem kleinen Infanteristen das gefältelte Vorhemd, Hansli
schnallte dem Bruder Kanonier den Säbelgurt zu, ein mühseliges Geschäft, denn
Gerold hatte sich in den Ferien allseitig abgerundet. Gestiefelt und geschmückt,
stolz auf ihren funkelnden Kadettenstaat, den rosshaarbebuschten Tschako tief in
der Stirn, betraten sie den Flur, meldeten ihre bevorstehende Ankunft mit
Siegesgeschrei und ritten schnell wie der Biswind schlittlings die Stiegenlehne
hinab.
    Unten wurden sie von den Grosseltern empfangen. Zuerst erhielten sie vom
Grossvater den Tagesbefehl: Sie würden diesmal nicht mit der Post heimreisen,
eröffnete er ihnen, bloss der Koffer fahre mit der Post; für sie selber gebe es
eine Ausnahmsgelegenheit, die Reise kostenlos auszuführen. »Passt auf, was ich
sage: Zuerst geht ihr zu Fuss bis nach Schöntal. - Ruhig, ihr könnt nachher
jubeln, jetzt heisst es hören, was ich sage. - Den Weg nach Schöntal hinab,
andertalb Stündchen im höchsten Fall, werdet ihr allein finden, das ist kein
Hexenwerk auf der breiten Fahrstrasse; wenn man ein Fässchen in Sentisbrugg
losliesse, würde es von selber nach Schöntal rollen. Übrigens seid ihr ja alt
genug, um nötigenfalls zu fragen. Mit Patrontasche und Säbel werden hoffentlich
ein paar zwölfjährige Kadetten keine Kindsmagd mehr nötig haben.«
    »Elfjährig«, verbesserte Gerold, »zehnjährig«, krähte Hansli.
    »Zehnjährig oder zwölfjährig, das ist Nebensache.«
    »Der Dolf kann sie ja bis halbwegs Schöntal begleiten«, warf die Grossmutter
ein.
    »Meinetwegen, obschon es nicht nötig wäre; der Schöntaler Fabrikschlot
guckt ja rotgelb aus den Bäumen wie ein Wiedehopf. - In Schöntal erwartet euch
der Götti Stattalter zum Mittagessen. Nachher kommt ein Wagen vom Landammann
Weissenstein in Bischofshardt; der holt das Töchterlein des Landammanns ab, das
in Schöntal beim Fabrikdirektor Balsiger in den Ferien gewesen ist und
ebenfalls am Montag wieder in die Schule muss. In dem Wagen dürft ihr bis
Bischofshardt mit fahren -«
    »Pfui!«
    »Wieso pfui? Das sind doch Manieren!! Ihr fahrt doch sonst gerne in einem
Wagen.«
    »Ja, aber das Mädchen!«
    »Sie wird euch nicht beissen, ihr solltet es vielmehr für eine unverdiente
Ehre anrechnen, mit solch einem feinen, wohlerzogenen Mädchen reisen zu dürfen,
wie die Gesima Weissenstein. Aber lasst ihr mich eigentlich ausreden oder nicht?
Also mit der Gesima fahrt ihr im Wagen bis nach Bischofshardt, und morgen dürft
ihr den ganzen Samstag beim Landammann bleiben; wie er euch dann am Sonntag nach
Aarmünsterburg weiterspediert, ist seine Sache.«
    Diesem Reiseverzeichnis fügte die Grossmutter einige Weisungen, Warnungen und
Ermahnungen bei. Mit dem Götti Stattalter in Schöntal, bei welchem sie zu
Mittag essen werden, sei nicht zu spassen; der sei ein entsetzlich strenger Herr,
vor welchem alles zittere, so dass sie sich dort doppelt vorsichtig und
untadelhaft benehmen müssten. Sie dürften ihn also zum Beispiel nicht so patzig
anglotzen, als wollten sie sagen: pumps, jetzt sind wir da, sondern ihm
manierlich die Hand reichen. Im besonderen habe der Stattalter einen
furchtbaren Hass gegen seinen eigenen Sohn, den Max, oder den Narrenstudenten,
wie er im Kanton heisse; sie sollten daher nie nach seinem Sohne fragen und, wenn
von dem Max gesprochen werde, tun, als hörten sie nichts. Nämlich der Max sei
leider fehlgeraten.
    »Der Max hat doch wenigstens niemals Schulden gemacht wie der Dolf«,
bemerkte der Grossvater bitter mit einem schmerzlichen Seufzer.
    Die Grossmutter fuhr fort: Und mit der Gesima Weissenstein sollten sie fein
säuberlich umgehen, denn die sei erschreckend vornehmer Leute Kind, und ihr
Vater, der Landammann, würde vorkommenden Falls die mindeste Ungebührlichkeit
grausam rächen. Mit säuberlich umgehen sei indessen nicht bloss gemeint, sie
nicht zu hauen und auszuhöhnen, sondern höflich und zuvorkommend gegen sie zu
sein und danke zu sagen. - »Gerold, wenn dich der Kater beisst, beklage dich nur
nicht bei mir.« - Wenn in der Friedlismühle, wo sie vorbeikommen werden, jemand
nach dem Onkel Dolf frage, so sollten sie antworten, es sei jetzt in Ordnung,
und es komme in den nächsten Tagen ein ausführlicher Brief. Und im Altäusli,
auf der letzten Wirtshausstation vor Bischofshardt, sollten sie nicht etwa
einkehren; denn im Altäusli wohne Lumpenware, mit welcher man nichts zu tun
haben wolle. »Dieser Brief ist für die Frau Stattalter, der andere für eure
Mama, der hier gehört in die Friedlismühle. Grüsse an Papa und Mama und alle
verstehen sich von selber, aber es kommt daneben hauptsächlich darauf an, dass
man sie auch ausrichte. Und die Monika, die Magd bei Stattalters, solle so gut
sein und auf den Sonntag für Kalbfleisch sorgen. Und der Doktor möchte doch von
Schöntal heraufkommen, wegen der Urgrossmutter, womöglich heut noch, und
Blutegel mitbringen, denn es gehe ihr nicht gut. Wenn sie Zeit hätten, sollten
sie in Bischofshardt -«
    »Und so weiter und so weiter!« schlossen die Buben, flüchteten durch die Tür
und pflanzten sich entschlossen vor den Kaffeetisch.
    Ob sie nicht selber das Bedürfnis verspürten, von der Urgrossmutter Abschied
zu nehmen und sie ein letztes Mal noch zu sehen, - mahnte eine Stimme aus dem
Fenster, als sie reisefertig vor dem Hause ungeduldig auf und ab spazierten.
    Als sie in die Krankenstube der Urgrossmutter traten, erblickten sie etwas
Merkwürdiges: den jungen Onkel Dolf, der schluchzend auf den Knien lag, während
die Urgrossmutter mit keuchender Stimme auf ihn einredete: »Also heilig
versprochen, Dolf, du machst keine Schulden mehr und lässest vom Marianneli und
gehst nie mehr ins Altäusli? Gib mir die Hand darauf.« Das tat der Onkel Dolf
laut aufschluchzend. »Und heiratest die Terese von der Friedlismühle?« »Ja«,
flüsterte Dolf kaum hörbar. Da begann die Urgrossmutter zu beten, und der
Grossvater und die Grossmutter umarmten den Dolf, der alsobald weinend aus der
Stube stürzte. Jetzt kamen die Buben an die Reihe, von den Grosseltern zum
Krankenstuhl geschoben. »Liebe Kinder«, stöhnte die Urgrossmutter, dann, nach
einer langen Atempause, dass man fürchtete, sie erstickte, stiess sie hervor:
»grüsst mir eure Mutter.« Hierauf liess sie sich in den Kissen aufrichten und
reckte mit grosser Anstrengung ihre Hände nach den Stirnen der Buben,
unverständliche Worte lallend. Gerold begriff, erstaunte und erschrak andächtig.
Das war ein Segen wie im Alten Testament, aber dass es heutzutage noch Segen
gebe, hätte er nie gedacht; er hatte gemeint, der Segen wäre seit tausend Jahren
aus und vorbei wie die Wunder. Auch hatte er gemeint, ein Segen sei etwas
Freudiges, Schönes, Glänzendes, mit einem goldenen Schimmer um den Kopf des
Segnenden, und jetzt war die Urgrossmutter mit den aufgeschwollenen Gliedern, mit
den blöden Augen, mit dem blutigen Waschbecken neben sich, so traurig und
hässlich anzusehen, dass er fast hätte weinen müssen. Das jedoch war ihm deutlich:
die Urgrossmutter brachte ihnen mit ihrem Segen das grösste Geschenk, das ein
Mensch anderen bringen kann; denn durch diesen Segen waren sie fortan beide für
ihr ganzes Leben gegen alles Unheil gefeit. »Ich danke dir für den Segen,
Urgrossmutter«, sagte er treuherzig, »und der Hansli auch.« Er hatte es besser
sagen wollen, allein er wusste nicht wie.
    Nun stand der Abreise nichts mehr im Weg, ausser dass der Dolf, der sie
halbwegs Schöntal begleiten sollte, immer nicht kommen wollte. Endlich kam er
doch, und sofort stampften sie, Führer rechts, linken Fuss voran, von dannen; und
je schmerzlicher ihnen der Abschied wehe tat, desto stärker stampften sie.
    Der Onkel Dolf musste offenbar krank sein, denn er sah bleich aus, hielt sich
abseits von den Knaben und sprach auf dem ganzen Wege kein Wort zu ihnen. Sie
aber machten unterdessen ihrem Groll, mit einem Mädchen reisen zu müssen, mit
gedämpfter Stimme Luft, indem sie alle Unarten und Lächerrlichkeiten der
Mädchenrasse höhnisch zusammentrugen: ihre komische Erscheinung mit den
unvernünftig langen Haaren und Röcken, mit den kindischen Trippelschritten, mit
den geschwollenen Körperlinien, - ihre schmähliche Feigheit, so dass sie vor dem
blossen Anblick einer blanken Waffe sich die Augen, vor einem kleinen
Pistolenschuss die Ohren zuhielten, - ihre verächtliche Schwachheit: eine ganze
Schulklasse erwachsener Mädchen von einem einzigen schneeballbewehrten Buben in
die Flucht zu schlagen, - ihre Eitelkeit und unmännliche Ziersucht, immer ein
Spiegelein vor dem Gesicht und ein bunter Lappen am Hals und in den Haaren. -
»Und hast du gesehen, wie sie schwimmen?« flüsterte Gerold, »ekelhaft!« »Zu
allem obendrein sind sie noch falsch und hinterlistig und lügen«, berichtete
Hansli, »der Briefträger hats zum Postalter gesagt, ich habs gehört; und der
kanns wissen, er ist alt genug.«
    Da störte der Dolf unversehens ihre Unterhaltung; schade! noch nie hatten
ihre Ansichten so übereingestimmt. »Seht ihr dort unten im Tal zwischen den
Wäldern den gelben Fabrikschlot? Das ist Schöntal; ihr könnt jetzt unmöglich
noch fehlen, in einer starken halben Stunde seid ihr dort.« Und zeigte ihnen mit
dem Finger den Schlot. Dann stellte er die Kadetten zu beiden Seiten der Strasse
auf, Front gegen die Wiese und Rücken gegen Rücken. »Kannst du ein Geheimnis
bewahren, Gerold?« zischelte er ihm ins Ohr. Gerolds Blicke leuchteten stolz.
»Diesen Brief gibst du heimlich dem Marianneli im Altäusli, aber ja niemand
anders als ihr, und falls du das Marianneli nicht treffen solltest, so zerreiss
den Brief. Verstanden?« Hiemit nahm er ihm den Tschako ab und steckte den Brief
in das Hutfutter. Hernach kommandierte er mit lauter Stimme: »Kadettenbataillon
Aarmünsterburg, Augen zu!« und steckte dem Gerold allerlei in die Frackschösse,
dem Hansli in die Patrontasche. (»Streichhölzer«, dachte Gerold, »ich riechs«;
»Pulver«, erriet Hansli, »ich merks.«) »Alles gehört beiden gemeinsam«, erklärte
Dolf, »aber Gerold hat den Oberbefehl darüber. - Achtung! Bataillon
Aarmünsterburg, Augen auf! Front nach Schöntal! Richt' euch! Vorwärts,
Feldschritt, marsch!« Da marschierten die Kadetten zu Tal, und der Dolf kehrte
nach Hause zurück, bergauf, heim nach Sentisbrugg.
    Sobald er hinterm Rank verschwunden war, untersuchten die Buben ihre
Geschenke. Richtig, wie sie vermutet hatten: Streichhölzer und Schwefelhölzer,
Zunder und Pulver. Aber in welchem unglaublichen, fabelhaften Reichtum! So viel
hatten sie in ihren kühnsten Hoffnungsträumen kaum beisammen geschaut,
geschweige denn in der Wirklichkeit. Wohl an die vier Pfund des feinsten
Jagdpulvers! - Gerold rang stöhnend nach Atem vor Überglück, Hansli tanzte wie
besessen auf dem Fleck, dann blitzten sie einander aus den Augen einen Schwur
entgegen. »Jetzt, ehe es zur Schule geht, das Leben geniessen, gründlich, bis zum
letzten Pulverkorn, hernach komme, was da wolle!« Und stürmten in wahnsinnigem
Lauf in den Wald, um einen abgelegenen Schlupfwinkel zu erspüren, durch Busch
und Strupp, Dickicht und Dorn, über Wasser und Steine, blindlings, ohne
Aufentalt, aufwärts nach den Flühen. Eine einsame heisse Felsenkammer, deren
jähe Mauern von stillem Buchenwald überwachsen waren, empfing sie; hoch über
Fluh und Wald kreiste ein leises Raubvogelpaar. »Hier!« herrschte Gerold und
begann die kriegerische Alchimistenware auf dem glühendsten Felsentisch
auszubreiten. Aber ehe er die Hochzeit gestattete, hielt er zuerst dem kleinen
Infanteristen vor dem Tiegel eine ernste Festpredigt, von der Last der
Verantwortlichkeit redend, die er, als der Ältere, für seines Bruders Leben auf
dem Gewissen trage, hernach vor den Tücken des Schiesspulvers warnend, welches,
von Bertold Schwarz Anno 1330 in Freiburg erfunden, mit wahrhaft teuflischer
Hinterlist sich tot zu stellen pflege, um einem genau in dem Augenblick, da man
anfange zu blasen, ins Gesicht zu springen; endlich dem Bruder pyrotechnische
Erörterungen über Lauffeuer, Feuerteufel und Erdminen gönnend, nebst den
Rezepten und Handgriffen für die Zubereitung eines jeden dieser Gerichte.
    Nachdem Hansli mit begeistertem Blick nicht bloss die blindeste Disziplin
zugesichert, sondern überdies Überraschungen der Klugheit in Aussicht gestellt,
machten sie sich gierig ans Werk, worauf binnen kurzem unter ihren
Schwarzkünsten die stille Felsenklause sich in eine donnernde, flammende und
qualmende Hölle verwandelte, in welcher die beiden Kadetten wie zwei verklärte
Salamander wirtschafteten. Fauchend pufften die Lauffeuer um den Sims des
Gemäuers, blitzgeschwind, in abenteuerlichen Schlangenwindungen, gefolgt von
träge nachkriechenden Wolkenkarawanen. Blutrote Funkengarben entsprühten
zischend und knatternd den Feuerteufeln, höllisch anzusehen, doch gänzlich
ungefährlich - man durfte sogar das Gesicht darüber halten; ohnmächtige,
selbstmörderische Vesuve, weiter nichts. Das Herrlichste aber waren doch die
Minen. Freilich, Zeit brauchten sie! Zeit! Oder was meint ihr denn? Ohne
Schaufel und Pike die Erde auszuhöhlen, einzig mit den Fingern und einem kleinen
Taschenmesser, das macht sich nicht so schnell! Und dann hernach noch Gras und
Blätter, Reiser und Steine herbeischleppen, aus allen Weltgegenden, zum
Auffliegen - wenn ihr glaubt, das gehe nur so im Handkehrum, so täuscht ihr euch
gewaltig. Allerdings wurde man dafür auch belohnt. Der Knall, wenn die Mine
krachend aufflammte! Und die Vergnügungsflüge der wie verrückt herumwirbelnden
Hölzer und Kiesel in der Luft! Und wenn das Feuerwerk von Knall und Flug fertig
war, kam erst noch das Beste: ein schwarzlockiger Rauchball bolzgerade über die
Buchenwipfel steigend, gefolgt von kleinen verspäteten Erdbeben, und ganz
zuletzt wuschelten noch einige Pulverwölklein gleich Maulwürfen durch das Moos.
Jedesmal, wenn eine Mine aufgeflogen war, sprangen sie hinzu und tanzten im
Rauch; wenn vollends ihnen nachträglich noch vereinzelte Hölzer und Steinchen um
die Köpfe kartätschten, so wussten sie sich vor wahnsinniger Wonne und
Bruderliebe gar nicht mehr zu helfen. Überhaupt, wie zeigt man eigentlich seinem
Bruder, dass man ihn gern hat? In dieser Zweifelsnot frassen sie Pulver und
fletschten einander mit dem Schwefelatem an. Vielleicht war das nicht der
übliche Ausdruck der Sympatie, gleichviel, sie verstanden sich in dieser
Sprache.
    »Das knallt schön!« erscholl eine tiefe Männerstimme, als sie eben wieder
eine Mine losgelassen hatten. Und wie sie sich umsahn, hielt ein
Landjägerwachtmeister mit Ehrenzeichen auf der Brust und goldenen Schnüren am
Ärmel hinter ihnen. Gerold stand vor Schreck versteinert, und Hansli hockte, er
wusste selbst nicht wieso, plötzlich auf einem Felsblock oben. »Wir tun nichts
Böses«, kreischte er von dort, »der Onkel Dolf hat es uns erlaubt.« Der
Wachtmeister beruhigte sie lächelnd. Ein Landjäger, belehrte er, bedeute nicht
notwendig das Gefängnis, ein solcher habe auch noch andere Obliegenheiten in der
Welt. Zum Beispiel seien die Landjäger die Untergebenen des
Regierungsstattalters, welcher sie, wenn er wolle, unter anderm zum harmlosen
Botendienst benütze. »Mazzmann ist mein Name, und der Stattalter von Schöntal,
euer Götti, hat mich geschickt, nachzusehen, wo ihr bleibet und ob euch nicht
etwa ein Unglück zugestossen sei, oder ob ihr euch vielleicht verirrt habet. Ich
könnte nicht gerade behaupten, dass es schwierig gewesen wäre, euch zu finden,
man hat ja das Pulvern fast bis auf die Landstrasse gehört und den Rauch über den
Bäumen gesehen. Doch kommt jetzt; ihr werdet Hunger haben.« Das war eine Idee;
Hunger, ja Hunger hatten sie.
 
                             Beim Götti Stattalter
Wie er lachte, der Götti Stattalter, als er ihnen bei den ersten Häusern von
Schöntal entgegenkam! lachte, lachte, schon von weitem, mit einem aus tiefster
Brust schallenden Gelächter, dass man, ob man wollte oder nicht, mitlachen musste.
»Ihr seid ja Mohren!« rief er ihnen zu. Dann lärmte er alles Volk links und
rechts aus den Häusern und zeigte mit den Fingern nach den herankommenden
Kadetten. »Die schaut an, die, die!« donnerte seine Löwenstimme, »das, das, das
sind doch einmal echte, wahre, gesunde, unverdorbene Buben! so, so, so sollten
sie sein.« Dazu knirschte er, ballte die Fäuste und blickte zornig in die Ferne.
    Zum Gruss nahm er den Hansli auf seine linke, den Gerold auf seine rechte
Seite und drückte sie zärtlich gegen sich, so dass seine weisse Weste ganz schwarz
von dem Abdruck ihrer Pulverköpfe wurde. »Wieviel Uhr meint ihr eigentlich, dass
es sei?« schmunzelte er mit pfiffigem Augenzwinkern. »Elf Uhr!« riet der Kleine,
»ein Uhr!« steigerte Gerold. - Wiederum entliess der Götti fröhliches Gelächter.
»Habt ihrs gehört?« rief er unter die Leute, »elf Uhr! ein Uhr! - Zieht doch
einmal meine Uhr aus der Tasche und seht nach.« »Vier Uhr«, meldete Hansli
verblüfft. »Die Uhr geht nicht«, versetzte Gerold geschwind, mit gescheitem
Blick. »So halt sie ans Ohr.« Sie ging. Jetzt strich er ihnen zärtlich über die
Wangen. »Gute Buben«, schmeichelte er, mit kosendem Ton, etwa so, wie man zu
einem Pferde spricht, während man ihm den Hals streichelt. Und auf dem ganzen
Weg bis zur Stattalterei musste klein und gross heraus, um die gesunden,
unverfälschten Naturbuben zu bewundern.
    »Halt! still! kein einziges Wort des Vorwurfs!« wehrte er einer schwachen,
blassen Frau, die mit entsetztem Gesicht und erhobenen Armen aus der
Stattalterei hervoreilte, »nicht eine Silbe des Tadels! Ich würde dem Himmel
auf den Knien danken, wenn einer der Buben da mein Sohn wäre, statt -« Den Rest
des Satzes verschluckte er, doch seine Augen rollten vor Zorn und Hass. Die
schwache Frau aber kehrte um und verschwand. »Haltet euch nur an mich«, sagte er
hierauf vertraulich zu den Kadetten, »meine Frau meint es ja gewiss seelengut,
allein vom Kindergemüt versteht sie so wenig wie die übrigen Frauen, wenigstens
wenn es sich um Knaben handelt.«
    Als er jedoch die beiden nur so an den Esstisch setzen wollte, der draussen
fast auf der Strasse zwischen den Oleanderbüschen gerüstet war, erschien seine
Frau wieder, um Einspruch zu erheben, zwar mit tonloser, beinah versagender
Stimme, doch mit zähem, entschlossenen Willen. Sie dulde und erlaube es einfach
nicht, dass jemand in so verwahrlostem Zustande mit kohlschwarzen Gesichtern und
Händen und zerrissenen und staubigen Kleidern sich an den Tisch setze; erst
müssten die Kinder gewaschen und notdürftig hergerichtet werden und überhaupt
wieder halbwegs menschlich und anständig aussehen. Und behielt schliesslich die
Oberhand, trotz dem Achselzucken des Stattalters und seinem Maulen über die
Herzlosigkeit und Grausamkeit des weiblichen Geschlechtes.
    Also wurden die Kadetten in eine Schlafstube neben dem Höfchen befördert,
dort von der Stattalterin und der Monika ausgezogen, ihre Kleider zum
Schneider, ihre Schuhe zum Schuhmacher geschickt (»aber sofort! und so geschwind
als nur möglich, nur das Allernotwendigste, denn in einer Stunde müssten die
Kinder wieder verreisen«), sie selber, einer nach dem andern, Gerold voran, auf
den Tisch gestellt, eingeseift, gekämmt, gestriegelt und gebürstet. Während
dieses Geschäftes hörte man durch die Wand den Stattalter im Nebenzimmer
spektakeln: »Ihr, der Ihr einen Kutscher vorstellen wollt, und noch dazu einen
herrschaftlichen, Ihr solltet doch wissen, dass man einem Pferd, ehe man es
anspannt, zu fressen gibt; geschweige denn einem Menschen.« Ob er denn keinen
Funken Gefühl in der Brust habe, dass er zweien armen unschuldigen Kindern, die
von morgens acht Uhr bis nachmittags vier Uhr nichts im Magen gehabt haben,
zumute abzureisen, ehe sie gegessen hätten.
    Der Kutscher schien etwas zu erwidern, was man nicht verstehen konnte. »Das
ist nichts als elendes, faules, einfältiges Geschwätz«, lärmte der Stattalter
weiter, »Ihr kommt noch bequem nach Bischofshardt. Im Gegenteil, in der
Abendkühle gibt es weniger Staub, und die Bremsen sind den Pferden nicht mehr so
aufsässig. Nur ein Tierquäler ohne Herz und Gemüt kann auf den Einfall kommen,
bei dieser infernalischen Hitze ein paar arme unschuldige Rösslein auf der
Landstrasse in Schweiss zu jagen. Und dem Wagen wird es wohl auch kein Rad
abknappen, wenn er noch ein Viertelstündchen wartet.«
    Dann blieb es eine geraume Weile still nebenan. Hernach tönte es: »Guten
Abend, Herr Stattalter.« »Guten Abend, Herr Balsiger; was gibts Gutes? womit
kann ich aufwarten?« »Ich glaube, Herr Stattalter, es ist besser, wir lassen
Gesima allein abfahren, und die Buben kommen morgen vormittag mit der Post nach;
falls Sie etwa nicht Platz für beide haben sollten, so bin ich gerne bereit, den
einen von ihnen, oder auch beide, über Nacht zu mir zu nehmen.«
    »An und für sich hätte ich durchaus nichts dagegen, dass die Buben die Nacht
in Schöntal blieben«, antwortete der Stattalter nach einer kleinen Pause, mit
nachdrücklicher Betonung, »denn es sind brave, gesunde, unverdorbene Buben. Sie
sind mir auch nicht feil, niemand braucht sie mir abzunehmen. Aber bei mir heisst
es: ein Wort ist ein Wort; es ist zwischen uns abgemacht worden, sie sollten
heute mit Gesima in des Landammanns Wagen nach Bischofshardt fahren.«
    »Bei mir heisst es ebenfalls: ein Wort ist ein Wort. Aber es war abgemacht
worden, um zwei Uhr werde man fahren, und jetzt ist es bald fünf, und bis die
Buben gegessen haben, kann es sechs Uhr werden.«
    »Sechs Uhr ist nicht zu spät; in zwei Stündlein ist ein Wagen von hier in
Bischofshardt.«
    »Meinetwegen, so sei es sechs Uhr, wenns nicht anders sein kann; aber dann
muss ich dringend bitten, nicht eine Minute später.«
    »Auf eine Minute früher oder später wirds auch nicht ankommen.«
    »Ich bitte um Verzeihung, wenn es um vier Stunden Verspätung nicht
angekommen ist, so kommt es schliesslich auf eine Minute an.«
    Jetzt erhob plötzlich der Stattalter seine Stimme zum donnernden Gebrüll,
dass die Wände zitterten: »Herr Balsiger, ich bin ein einfacher Gemütsmensch.
Aber wenn ich auch von Kunst und Ästetik und Klassik und all dem überspannten
Zeug nichts verstehe, so weiss ich doch, was recht und unrecht ist, und
vielleicht besser als mancher, der sich wunder wieviel auf seine Bildung zugute
tut. In welchem Gesetz, Herr Balsiger, steht denn geschrieben, dass ich nicht
ebensogut ein Anrecht auf ein wenig Freude in der Welt haben sollte wie ein
anderer? Bis dato kenne ich keinen solchen Paragraphen. Aber das hätte ich nicht
von Ihnen erwartet, Herr Balsiger, dass Sie mir geizig und neidisch die Minuten
vorrechnen würden, um mir das Stündchen Gegenwart der braven Naturbuben zu
verkürzen. Ich bin ein Gemütsmensch, Herr Balsiger, ich habe auch einen
Lichtblick nötig. Woher aber soll ich den sonst beziehen? Jedenfalls nicht von
meinem Max. Weshalb übrigens gerade ich dazu verdammt bin, einen solchen
Duckmäuser zum Sohne zu haben, ist mir noch heutigen Tages ein Rätsel. Da machen
sie ein gewaltiges Wesen und Geschrei über den Sentisbrugger Dolf wegen ein paar
Liebeleien und einiger lumpigen tausend Franken Schulden. Ich tauschte mit
Vergnügen den Max gegen den Dolf. An dem Dolf ist doch wenigstens Natur und
Rasse, und wenn er auch ein bisschen über die Schnur haut, mein Gott, das sind
Jugendstreiche, die man strafen, aber auch verbessern und verzeihen kann, und
oft geben die wildesten Füllen später die besten Rösslein. Dagegen so ein
weibischer, saft- und kraftloser Kopfhänger, der einem nicht ehrlich und offen
in die Augen sieht, vom Morgen bis zum Abend in den Wäldern herumschleicht, sich
von aller Welt absondert, an keinem gesunden körperlichen Spiel, an keinem
fröhlichen Fest, an keiner Versammlung teilnimmt, sich besser dünkt als alle
andern und doch hinten und vorn nichts ist und nichts kann - die Galle überläuft
mir, wenn ich nur daran denke.«
    »Dass wir zwei über Ihren Max verschiedener Meinung sind«, erwiderte der Herr
Balsiger ruhig, »wissen wir schon lange. Doch jetzt ist nicht von Max die Rede,
sondern von Gesima und den Buben. Ich wünsche einfach einen bestimmten Bescheid.
Kann ich darauf rechnen, dass die Buben punkt sechs Uhr reisefertig sind? Wenn
ja, gut, so wartet der Wagen; wenn nein, so lass ich Gesima allein fahren. Also,
ich bitte um eine deutliche Antwort; ich denke, das wird wohl kein unbilliges
Ansinnen sein. Oder?«
    Da lenkte der Stattalter ein. »Gut, gut, einverstanden, ich habe ja nie im
mindesten etwas dagegen gesagt. Aber die Kinder können ja ebensogut direkt von
hier abfahren; schicken Sie doch einfach um sechs Uhr den Wagen zu mir. Und
Gesima soll ein halbes Stündchen früher kommen, damit die drei Kinder Zeit
finden, Freundschaft zu schliessen.«
    »Das hat etwas für sich. Also ich schicke ungefähr in einer halben Stunde
die Gesima und um sechs Uhr den Wagen.«
    »Abgemacht. Und nichts für ungut, nicht wahr, Herr Balsiger? Ich bin ein
einfacher Gemütsmensch und verstehe nicht, meine Worte auf die Goldwaage zu
legen. Auf Wiedersehen.«
    »Auf Wiedersehen.«
    All die Zeit, da der Stattalter redete, hasteten der Stattalterin Hände,
welche den Gerold pflegten, in aufgeregter Eile; wenn er mit der Antwort
einsetzte, zuckte sie zusammen, als ob man ihr an einen hohlen Zahn rührte;
erhob er die Stimme, so suchte sie den Atem; wie er aber gegen den Sohn
wetterte, irrte sie fieberhaft in der Stube umher und fasste allerlei Gegenstände
an, ohne zu wissen, was sie tat oder tun wollte.
    Nachdem Gerold als erster säuberlich hergestellt und angekleidet war,
entliess ihn die Stattalterin. »Sobald dein Bruder gleichfalls fertig ist, könnt
ihr essen.« Der Götti Stattalter jedoch, empört über diese, Grausamkeit,
befahl, dem Gerold sein Essen sofort aufzutragen, und als Monika dem Befehl
trotzte, schickte er den Wachtmeister Mazzmann in die Küche, die Suppenschüssel
zu holen, worauf Monika sich endlich herbeiliess. Nun bediente er eigenhändig den
hungrigen Kanonier mit der Sorgfalt eines Krankenwärters, redete ihm beweglich
Appetit zu, lobte ihn wegen seiner Natürlichkeit, liebkoste ihn mit weichen,
schmelzenden Seufzertönen, wie wenn man einen Kanarienvogel lockt, damit er
einem Zucker aus dem Munde nehme, so dass Gerold in Wonne und Freundschaft
schwamm. Bis zum Gemüse, da änderte sich die Szene. »Das sind Rapünzlein«,
schmeichelte der Stattalter, »oder Schwarzwurzeln, wenn du das besser
verstehst. Die habe ich eigens für euch kochen lassen; liebst du die
Rapünzlein?«
    »Nicht gar so sehr.«
    »Sags nur offen, du brauchst dich nicht zu fürchten, ich bin doch kein
Tyrann. Ja oder nein?«
    »Nein.«
    Da schickte ihm der Götti Stattalter einen hässlichen, stechenden Blick zu:
»Nun gut; es zwingt dich ja kein Mensch, sie zu essen, wenn du sie nicht magst.
Aber was ich nicht leiden kann, das ist, wenn man sich ziert und Faxen macht und
Komödie spielt. Da hast du die Rapünzlein, die du so gerne magst; also lass die
Stempeneien, greif zu, iss, und lass dirs schmecken; es sind genug da.« Hiemit
häufte er ihm den Teller voll Rapünzlein, und Gerold musste sie wider Willen
aufessen.
    »Es sind noch mehr da, falls du etwa wünschest. Willst du noch mehr? sags
offen!«
    »Nein, ich danke.«
    Der Götti Stattalter runzelte die Stirn und rollte die Augen. »Gerold,
Gerold«, drohte seine Stimme mit feindseliger Betonung, »ich habe dich bisher
für einen gesunden, unverdorbenen, wahrhaftigen Buben gehalten. Was ich auf den
Tod nicht ausstehen kann, das ist ein hinterhältiges, duckmäuserisches Benehmen.
Also gesteh es ehrlich und aufrichtig, wenn du noch mehr begehrst, und sag nicht
nein.« Und schob ihm abermals den gehäuften Teller voll hin. So oft Gerold, der
einfach nicht mehr konnte, mit Essen einhalten wollte, warf ihm der Götti einen
hässigen Blick zu, wenn er dagegen weiter würgte, nannte er ihn einen guten,
braven Buben. Schliesslich, als es dem angsterfüllten Opfer gelang, sich von dem
halsnotpeinlichen Stopftisch zu retten, »Gelt, wir zwei verstehen einander?«
triumphierte der Götti Stattalter, hängte ihm eine Flinte über die Schulter,
drückte ihm ein Signalhorn in die Hand: »So, jetzt spaziere das Dorf hinab und
zeig dich.«
    Gehorsam spazierte Gerold durchs Dorf, mitunter einen Ton durch das
Signalhorn tutend. dabei geriet er an einer höllisch tosenden Fabrik vorüber,
auf den Turnplatz; dort setzte er sich auf die Wippschaukel, und blieb halt von
selber sitzen, die Glieder ein wenig müde, der Körper schwer, die Seele
schläfrig, der Blick von einer Steinkugel gefesselt, die in der Lohe lag und
merkwürdige Wunder von Licht und Schatten offenbarte. Da rasselte der
Sentisbrugger Postwagen mit dem Marti auf dem Bock an ihm vorüber und hielt zwei
Häuser weiter unten still.
    »Ich hatte gemeint, ihr wäret schon längst schnurrentum kurrentum in
Bischofshardt«, rief ihm der Marti zu, während er vom Bock sprang.
    Den Postwagen mochte er sich näher ansehen. Dieser beneidete gelbe Wagen
also hatte noch vor einer Stunde das Glück, das Haus der Grosseltern zu schauen,
oder, wer weiss, vielleicht sogar den Grossvater und die Grossmutter selber oder
den Onkel Dolf! Und der Staub hier auf seinem Schulterleder ist Staub von
Sentisbrugg! Und wie sonderbar: nach ihm von Sentisbrugg abgefahren, jetzt mit
ihm gleichzeitig hier und in einigen Minuten vor ihm weg nach Bischofshardt! Ein
eigentümliches Denkgefühl, als stiesse die Vergangenheit mit der Deichsel neben
ihm vorbei der Zukunft ein Loch in den Rücken.
    Während seines Rundgangs um den Wagen schenkte er dem Inhalt einen Blick.
Hinten in der grossen Omnibusabteilung war nichts Lohnendes: farbloses,
graubraunes Volk. Dagegen vorn im Sonntagsbehälter, oder, wie der Marti ihn
taufte, im »Affenkasten«, wo die Nixverstandewu einzusteigen pflegten, sass ein
feines, junges Dessertmenschenpaar, die Frau mit einem Gesicht wie eine
Prinzessin aus dem Märchen, obwohl ganz einfach gekleidet, und der Herr hatte
Augen, welche mehr Augen waren als andere Augen. Diese Menschen nun gefielen
ihm; deshalb stieg er auf den Wagentritt und steckte den Kopf durch das Fenster,
um sie sich anzuschauen; da winkten sie ihm beide freundlich lächelnd zu. Als
sie aber anfingen, im verstohlenen sich zu umschlingen wie die Schlangen und
einander abzuküssen, schämte er sich und trat vom Postwagen zurück.
    Jemand schupfte ihn an die Schulter: der Hansli.
    »Sie ist jetzt da.«
    »Wer?«
    »Das Modegeschöpf, das Mädchen, die Gesima.«
    »Wie sieht sie aus?«
    »Lächerlich: eine rote Mähne bis ans Ende der Welt, eine Kappe ohne Schirm
auf dem Kopf wie ein Teller, ganz dünne Beinchen und ein schwarzweisser Rock wie
ein Damenbrett.«
    Und beide lachten laut auf ob solch einer Menge komischer Eigenschaften.
Dann zogen sie heim, um sich an der possierlichen Gestalt des kuriosen
Modegeschöpfes zu erlustigen.
    Ein prachtmässiger, himmelblauer Zweispännerwagen wartete vor der
Stattalterei mit einem ebenso blauen Kutscher auf dem Bock, der eine unendlich
lange Geissel steif aufrecht hielt wie ein Ulan die Lanze; aber er schien
schlechter Laune und hatte einen ganz roten Kopf. Ob sie nicht wüssten, wann man
endlich abfahren könne, fragte er die Buben, ohne sich nach ihnen umzudrehen
oder auch nur den Kopf zu bewegen, und worauf man denn eigentlich noch warte.
    Ehe sie ihm jedoch antworten konnten, kam der Götti Stattalter aus der
Haustür geschnoben:
    »Dieses verdammte Zappeln und Drängen und Zwängen habe ich nachgerade bis
zum Halse satt. Ich bitte um höfliche Antwort auf eine höfliche Frage: Wer hat
hier dem andern zu befehlen? der Kutscher dem Regierungsstattalter? oder der
Regierungsstattalter dem Kutscher?«
    »Ich bin dem Herrn Landammann Weissenstein sein Kutscher. Der Herr Landammann
hat mir befohlen, spätestens um sechs Uhr mit den Kindern in Bischofshardt
zurück zu sein; jetzt ist es halb sieben, und wir sind noch immer in Schöntal.«
    »Mit dem Landammann werde ichs schon ausmachen; das geht mich an. Ihr habt
Euch nicht darum zu kümmern.«
    »Ich habe mich freilich um den bestimmten Befehl meines Diensterrn zu
bekümmern.«
    »So fahrt denn! fahrt! fahrt in des Teufels Namen! wenn Ihrs vor Bauchweh
nicht länger aushalten könnt!«
    »Ja, ists ernst gemeint? Darf ich mich darauf berufen, Sie hätten mir
befohlen, ohne die Kinder heimzufahren?«
    Jetzt zweifelte der Stattalter und zauderte; dann antwortete er in
verträglicherem Ton: »Wer hat denn jemals behauptet, Ihr solltet ohne die Kinder
fahren? Ich meinte bloss: fahrt einstweilen ruhig und langsam gegen die
Friedlismühle voraus, die Kinder kommen in einer halben Minute nach.«
    Da lüpfte der Kutscher die Schultern, erhob die Geissel und setzte den Wagen
in Gang.
    Mit Wollust hatten die Buben dem Zank beigewohnt, nun aber, nach dem letzten
Aktschluss, stürmten sie ins Haus. »Im Höfchen ist sie«, belehrte Hansli; deshalb
bogen sie vom Hausgang in die Schlafstube, um von dort das Modegeschöpf fürs
erste einmal unbemerkt zu beobachten.
    Richtig, da war sie leibhaft im Höfchen, auf einem Paar riesiger Stelzen
zwischen den Kapuzinerblumenbeeten umherhopsend, dass ihre rote Mähne hoch über
das Läubchen hinweg die Luft fegte, wie der Turbanschweif eines galoppierenden
Pascha.
    Mit Siebenmeilenschritten gabelte sie den Wänden entlang, bald tiefer, bald
höher steigend und die hölzerne Schere regelmässig auf- und zuklappend; schwenkte
dann stolpernd nach der Mitte, beschrieb dort mit den Zirkeln zwei
Viertelskreisbogen, einen links herum, den andern rechts herum, und spreizte
endlich die steifen Storchenbeine spazierend auf dem Fleck, wie die Rekruten
beim Strafexerzieren, indem sie zugleich ein Liedlein von ihrer Staffelei
erklingen liess.
    Vor Zeiten, als sie noch ein lutschendes Sabbelfräulein gewesen, sang sie,
habe sie mit einem Kadetten vorlieb genommen. Seit sie jedoch die Schule
besuche, fordere sie, wie billig, einen fertigen, garantierten, patentierten
Offizier. Der müsse sich indessen sehr beeilen, denn wenn sie einmal in Pension
käme, sei dann ein Major das Allerniedrigste, womit sie sich begnüge; billiger
könne sie es unmöglich geben.
    Das Liedlein reimte sich, und zur besseren Behauptung markierte sie jeweilen
den Gleichklang mit den Stelzfüssen.
    Am Schlusse, nachdem sie gesungen hatte: »Aber wirklich zum Altar führt mich
bloss ein General«, stampfte sie mit den Krücken.
    »Nicht General«, rief sie, »sondern Generar.«
    Dann variierte sie: »Aber wirklich zum Altal - Ach was Manschetten!« lachte
sie, wischte mit den Stolperstöcken über das Pflaster, als ob sie die Spuren des
Unsinns aus dem Gedächtnis tilgen wollte, und nahm endlich, mutwillig trällernd,
ihren gigantischen Rundgang wieder auf.
    Ob diesem Lustspiel sahen die Brüder einander ins Gesicht und brachen
gleichzeitig wie auf Verabredung in ein schallendes Hohngelächter aus; dann
betraten sie das Höfchen.
    Sobald Gesima die Kadetten erblickte, hüpfte sie flugs mit geschlossenen
Fittichen vom Stapel, wie der Sperling vom Sims, und während hinter ihr die
Stelzen langsam die Waffen streckten, stand sie schon dicht vor den Knaben, in
bescheidener Haltung, vertrauensvoll mit ausholendem Arm die Hand darbietend,
die Fläche nach unten.
    Sie nahmen jedoch den Gruss nicht an, sondern stemmten die Fäuste auf die
Hüften und umgingen prüfend den seltsamen Käfer, worauf sie ihrem Ergötzen
abermals mit Hohngelächter Luft machten.
    »Böse Buben!« schalt Gesima, vor dem schimpflichen Empfang flüchtend.
    In diesem Augenblick tönte ein schriller Pfiff durch das Haus, ein das Ohr
verletzender, das Herz beleidigender Befehlspfiff, wie man ihn einem
ungehorsamen Hunde nachpfeift. »Schnell, schnell, ihr Buben!« mahnten
erschrockene Stimmen aus dem Hause, »der Götti Stattalter hat gepfiffen.«
    Der Götti Stattalter sass schreibend in seiner Amtsstube, in schöner,
aufrechter Haltung, die Zigarre im Mund, mit zufriedener Miene. »Setzt euch«,
lud er ein, auf zwei Stühle links und rechts an seiner Seite deutend. »Aber ihr
dürft euch nicht bewegen, solang ich schreibe, denn das stört mich.« Und fuhr
fort zu schreiben. Nach einer Weile bemerkte er milde: »Ein anderes Mal, wenn
ich wieder pfeife, bitte ich mir aus, dass ihr im Sturmschritt gesprungen kommt
und nicht erst alle möglichen anderen Beschäftigungen vornehmt. Sie laufen euch
ja nicht davon.«
    »Wir wussten halt nicht, dass das Pfeifen uns gelte«, entschuldigte sich
Gerold.
    »Ich mache euch auch keinen Vorwurf«, erwiderte der Götti sanft, »ich sage
bloss, ein anderes Mal müsst ihr schneller kommen. - Und hier ist für jeden von
euch ein Fünffrankentaler. - Schon gut, schon gut, es braucht keinen
umständlichen Dank. - Aber so bleibt doch sitzen! Ihr dürft zusehen, wie ich
schreibe, nur müsst ihr euch ruhiger verhalten als bisher.«
    Die Stattalterin näherte sich auf den Fussspitzen dem Schreibenden. »Hast
dus befohlen, der Wagen solle fortfahren?«
    »Der Wagen ist fortgefahren und ist nicht fortgefahren.«
    »Wenigstens ist er nicht mehr da.«
    »Liebste, beste Frau, wenn du nur nicht immer künstlich Schwierigkeiten
schaffen wolltest, wo keine sind; überlass das ruhig mir; ich habe alles
besorgt.«
    »Aber ich muss doch wissen, ob die Buben hier bleiben oder nicht, damit ich
die Betten rüsten kann.«
    »Lass mich nur erst schnell den Brief fertig schreiben, dann will ich dir
alles erklären.«
    Jetzt polterte Monika herein, rücksichtslos, mit Trampeltritten. »Der Karl,
der Reitknecht von Balsigers, ist da«, meldete sie rufend, »er solle die Gesima
heimholen.«
    »Er soll, was ich ihm sagen werde. Zunächst soll er einmal hereinkommen. -
Und was tut denn die Gesima allein im Hause? warum ist sie nicht bei den Buben?
Ruft sie doch. Und holt mir die Pantoffeln, Monika. - Mazzmann, bist du da?«
    »Hier, Herr Stattalter.«
    »Würdest du so gut sein und diesen Brief im Vorbeigehen auf die Post
tragen?«
    »Mit Vergnügen, Herr Stattalter.«
    »Wo ist der Landjäger Weber?«
    »Nebenan im Wachtzimmer.«
    »Schick ihn her. - Aha, da bist du ja, Gesima. Nun, wie stehts mit Leib und
Leben? Freust du dich, mit den Buben zu reisen, oder fürchtest du dich etwa vor
ihnen?«
    Gesima schnellte einen prüfenden Blick nach Gerold, einen zweiten nach
Hansli, dann lächelte sie: »O nein, ich fürchte mich nicht vor ihnen.«
    »Du bist ein vernünftiges Mädchen, gescheiter als manche Erwachsene; gelt,
du begreifst, nicht wahr, dass gesunde Naturbuben nie böse sind; böse sind nur
die Duckmäuser - Ihr, Karl, was begehrt Ihr?«
    »Herr Direktor Balsiger hat mir aufgetragen, das kleine Fräulein
heimzuholen, nachdem Ihr den Wagen fortgeschickt hättet.«
    »Das hat Euch der Herr Balsiger unmöglich aufgetragen; Ihr müsst ihn falsch
verstanden haben. Denn erstens war der Wagen überhaupt nicht fortgefahren, und
zweitens ist zwischen mir und dem Herrn Balsiger etwas anderes abgemacht worden.
Geht nur heim - die Gesima bleibt hier, - und sagt dem Herrn Balsiger, ich lasse
ihm sagen, es bleibe bei dem, was abgemacht worden ist.«
    Der Reitknecht zögerte. »Ich möchte mir erlauben, höflich zu bemerken ...«
    »Hier ist gar nichts weiter zu bemerken, es ist alles deutlich und klar.
Adieu. - Ihr, Weber, Ihr seid ein zuverlässiger Bursch. Ihr begleitet die drei
Kinder bis zur Friedlismühle, wo der Wagen des Landammanns auf sie wartet. Ihr
könnt ja den Weg durchs Höfchen über die Wiesen nehmen, er ist kühler und
weniger staubig und nur ein ganz geringer, unbedeutender Umweg. - Aber jetzt,
Kinder, auf die Reise! hüpp, huppla, hopp! es ist die höchste Zeit! worauf
wartet ihr eigentlich? Und bitte keine unnützen Zeremonien und
Abschiedssentimentalitäten, die kann ich nicht leiden. Huppla, vorwärts,
marsch!« Und schob die Kinder in den Hausgang.
    Die Stattalterin trat ihm zaghaft in den Weg. »Aber bist du denn auch
vollkommen sicher«, wagte sie, »dass der Wagen wirklich in der Friedlismühle
wartet? hast dus dem Kutscher auch deutlich genug gesagt?« Ehe er antworten
konnte, brach sie plötzlich in krampfhaftes Weinen aus, dass sie sich an ihn
halten musste. Mitleidig lehnte er sie an seine Brust und redete gütig auf sie
ein, mit sanfter, tröstender Stimme: »Es sind die Nerven; du spürst die Hitze
und das Gewitter in der Luft. - Weisst du was: leg du dich ein halbes Stündchen
ruhig aufs Bett, das wird dir gut tun.« - Dann rief er mit Donnerstimme:
»Monika, ist der Max, der Schleicher, noch immer nicht heim?«
 
                              In der Friedlismühle
Sie wanderten, eines hinter dem andern, auf dem schmalen Wiesenpfade durch ein
samtnes Bödeli wie eine lustige Blumenschnur auf einem schwarzgrünen Teppich;
zuvorderst Gesima, dann Hansli, hernach Gerold, zuhinterst der Landjäger Weber,
immer der Hintermann grösser als der Vordermann, wie die Orgelpfeifen. Gesima
versuchte mit Frägeln ein Gespräch anzubahnen: wie lange sie Ferien gehabt
hätten und ob es schön gewesen sei in Sentisbrugg und ähnliches, erzielte jedoch
keine Antwort. Darauf kehrte sie sich um und bot ihnen Schokolade an; das war
nun verführerisch, doch die Kadetten blieben stark und schüttelten die Köpfe.
    Dieses Betragen missfiel dem Landjäger Weber. Sie sollten doch nicht so stumm
und bockig einherstiefeln, mahnte er, sondern galant sein und ihrer anmutigen
Gefährtin etwas Artiges sagen.
    »Wir sind nicht galant«, riefen sie patzig.
    Drüben auf der Landstrasse, aus einem grossen, einzelstehenden Hause, worauf
mit gewaltmässigen Buchstaben geschrieben stand Amadeus Stämpfli, Leuenwirt,
quiekte eine blutleere Tanzmusik: eine Klarinette, eine Trompete und eine
Brummgeige. Gesichter zeigten sich an den Fenstern. »He, Weber, wohin?« »Mach
Feierabend!« »Komm tanzen, die Eva ist da.«
    Jetzt defilierte der Landjäger übers Gras nach vorn und hielt den Kindern
eine Ansprache. Sie hätten jetzt nur noch zehn Minuten bis zur Friedlismühle,
verkündete er ihnen, und könnten selbst mit dem besten Willen den Weg nicht
verfehlen. Wenn sie aus der Klus auf die Landstrasse kämen, brauchten sie bloss
rechts zu kehren und der Landstrasse zu folgen, so würden sie mit der Nase an die
Friedlismühle stossen. Nach diesem Spruche bog er in die Weiden, übersprang das
Bächlein, schlich über die Fahrstrasse und verschwand in dem gastlichen Rachen
des Leuen.
    Kaum war er ausser Sicht, so schritten die tapfern Kadetten stracks zum
Angriff.
    Gerold zerrte dem Mädchen das schwarzweisse Barett, das sie schwebend auf dem
Hinterhaupte trug, über die Stirn mit der barschen Bemerkung, ein Hut gehöre auf
den Kopf, nicht dahinter. Zugleich mit der Mütze wanderte jedoch ein Lockenbusch
über die Schläfe, welcher nun krausemause über die Augen wehte, weshalb er jetzt
zu einer mühseligen Abhilfe genötigt war, indem er jedes Härchen einzeln unter
den Rand des Barettes zurückdrängte. Wenn er aber eines glücklich untergebracht
hatte, kamen an einem andern Orte sechs neue boshaft zum Vorschein, so dass er
mit dem Coiffieren gar nicht fertig wurde.
    Während er sich noch damit abplagte, rückte Hansli auf den Plan. Sie solle
ihm die Alpen hersagen, heischte er protzig. Gesima fasste den Horizont ins Auge
und zählte ohne Zaudern: »Jungfrau, Eiger, Mönch, Schreckhorn, Wetterhörner,
Finsteraarhorn, Blümlisalp.« Und was sie benannte, bezeichnete sie zugleich mit
dem Finger.
    Hansli sah scharf nach, ob sie nicht etwa pfusche. Als jedoch jede Zacke
ihren zugehörigen Namen erhalten hatte, urteilte er gnädig: »Gut, mein Kind, du
kannst deine Geographie! Jetzt wollen wir indessen erfahren, wie es mit der
Multiplikation steht. - Aufgepasst! Wieviel macht zwölf mal sieben?« trat jedoch
verblüfft zur Seite, da sie das Exempel schneller im reinen hatte als er selber.
    Nun nahm Gerold, der inzwischen zerstreut nach den Schneebergen gegafft
hatte, das Verhör auf. Wie hoch das Finsteraarhorn sei, prüfte er.
    »Wenn du oben bist, kannst dus sehen.«
    Empört über diese ungebührliche Antwort, runzelte er drohend die Stirn und
ballte die Faust. »Der kommt zeitlebens nie aufs Finsteraarhorn«, höhnte Hansli,
»höchstens aufs Faulhorn.« Jetzt wendete Gerold seine drohende Stellung gegen
den Bruder. Da klang in der Ferne ein Vesperglöcklein, auf- und abflackernd wie
der zitternde Silberblitz eines Bächleins zwischen den Erlen. Sofort intonierte
der Kanonier mit dröhnender Stimme: »Goldne Abendsonne.« Flugs fiel Hansli ein,
Gesima stimmte ebenfalls zu, und so zogen sie alle drei singend aus der Klus auf
die Landstrasse, Gesima jetzt in der Mitte, die Buben zu beiden Seiten.
    Ein haushoher Lastwagen, mit sechs normännischen Nilpferden bespannt,
knarrte schwerfällig vor ihnen her, der Fuhrmann in gebückter Haltung neben den
Tieren einherkeuchend, als ob er ihnen müsste schleppen helfen. Er gab den
Kindern seine Befriedigung über ihren lieblichen Gesang kund, welcher dem Herzen
wahrhaft wohltue, erlaubte sich dagegen über ihre Erscheinung eine freche
Bemerkung. Sie sähen nebeneinander aus, meinte er, und machte ein geistreiches
Gesicht, wie die Schaufeldame zwischen dem Herzkönig und dem Ecksteinbuben.
    »Und dem Schwarzpeter davor«, ergänzte Gesima spitzig. Der Fuhrmann belobte
das Mädchen wegen ihrer Schlagfertigkeit und erkundigte sich nach ihrem Namen.
Mit dieser Frage entfachte er jedoch Zank. Nämlich die Knaben behaupteten,
Gesima wäre ein hässlicher Name, wogegen Gesima einwandte, was hässliche Namen
betreffe, so seien jedenfalls Gerold und Hansli hässliche Namen, denn wenn sie
schöne Namen hätten, würden sie Artur und Oskar heissen.
    Er möchte indessen durchaus nicht etwa der Anlass sein, verwahrte sich der
Fuhrmann, dass sie ihren Gesang seinetwegen unterbrächen; im Gegenteil, falls sie
nichts dawider hätten, wolle er gerne mitelfen, so gut oder so schlecht er es
verstände.
    Die Kinder erklärten den Zuschuss eines Basses für annehmbar, und nach kurzer
Verständigung sangen sie alle vier mit vereinten Kräften: »Es zieht mich in die
Ferne.« Der Fuhrmann grölte greulich, allein das verdross ihn nicht. »Falsch!«
strafte Hansli jedesmal, wenn er einen Fehler machte. Später suchten sie wieder
ein anderes Lied zusammen und so fort, indem jeder aus seinem Gedächtnis
hervorklaubte, was zum gemeinschaftlichen Konzert taugen mochte.
    So oft ein Quartett verklungen war, umkreiste der Fuhrmann einmal seinen
Wagen, um den Rossen ein melancholisches »Hü« zuzurufen und ihnen mit dem
Peitschenstock den Takt anzudeuten; hernach gesellte er sich wieder zu seinen
Kameraden, um sich das Losungswort zu einer neuen Nummer zu holen. Bisweilen
liess er auch die Pferde ein wenig ausschnaufen, während er sich an den Rädern zu
schaffen machte. Man könne nie wissen, entschuldigte er das Versäumnis, ob man
je wieder einmal zusammenkäme und wie viele von ihnen das nächste Jahr um diese
Zeit noch am Leben seien. Aber er fürchte, es gäbe morgen ander Wetter. Es
gefalle ihm nicht, wenn man die Alpen gar so schön sehe, dass man meine, man
könne sie mit den Händen greifen wie einen Zuckerstock, und der Himmel sei ihm
auch viel zu bunt, gerade wie wenn ein Flachmaler seinen Farbentopf darüber
geworfen hätte.
    Die Fledermäuse segelten schon um die Dächer, als die Kinder mit dem
Fuhrmann bei der Friedlismühle anlangten. Auf der stattlichen Freitreppe standen
die Wirtsleute übereinander postiert, wie die Altersstufen in einem Bilderbogen.
Mit erhobenen Armen riefen sie den Ankommenden entgegen, wohin sie wollten, bei
Nacht und Dunkel. Und auf die Antwort, der Stattalter hätte ihnen gesagt, der
Wagen des Herrn Landammann warte auf sie bei der Friedlismühle, kam der
Bescheid: »Davon hat der Kutscher nicht das mindeste gewusst, kein Mensch hat ihm
deutlich gesagt, was er machen soll; ein halbes Stündchen hat er noch hier
gewartet, für alle Fälle, dann ist er eben heimgefahren, in der Meinung, ihr
würdet heute nacht noch in Schöntal bleiben.«
    »Das gleicht wieder dem Stattalter!« tönte ein Ruf.
    »Nun, da lass ich einfach schnell anspannen und die Kinder nach Schöntal
zurückbringen. Oder, noch besser, ich fahre selber.«
    Unterdessen hatte sich jedoch eine stattliche, ungewöhnlich grosse Jungfer an
die Buben herangemacht. »Hat euch niemand in Sentisbrugg einen Auftrag nach der
Friedlismühle gegeben?« flüsterte sie.
    »Freilich«, sagte Gerold, »ich solle sagen, es sei alles in Ordnung.«
    »Hast du etwa Briefe?« rief sie gierig.
    »Ja«, antwortete er und kramte die Briefe hervor.
    Trotz der Dunkelheit erbrach die Jungfer einen Umschlag mit fiebernden
Fingern und fing an zu lesen. Plötzlich beging sie einen Freudensprung »Juchhu«
und lief wie ein Windhund zurück die Treppe hinan, um die Briefe vorzuzeigen.
    Jetzt änderten sich mit einem Male der Text und die Tonart. Sie könnten ja,
hiess es, schliesslich auch hier übernachten und morgen mit der Achtuhrpost nach
Bischofshardt weiterreisen, sie seien ja hier gut aufgehoben und müssten morgen
nicht so früh aufstehen, als wenn sie wieder rückwärts führen und von Schöntal
die Post nähmen. Abgesehen von der unnützen Aufregung, die sie daheim
verursachen würden, wenn sie in der Nacht plötzlich wieder in Schöntal ankämen.
Es dauere doch immerhin eine kleine halbe Stunde, bis der Wagen angespannt wäre.
Zur völligen Beruhigung könne man ja einen Knecht nach Schöntal schicken und
den Herrn Balsiger und den Stattalter davon verständigen. Oder ob sie
vielleicht etwas dagegen hätten, hier zu übernachten? An freundschaftlicher
Fürsorge würde man es ihnen jedenfalls nicht fehlen lassen.
    Mit einem bedenklichen Fragezeichen im Gesicht wandte sich Gesima nach den
Kadetten, ihnen stillschweigend die Antwort zuweisend. Hansli, dem die Aussicht
auf unverhoffte Abenteuer das Herz verjüngte, stupfte den Bruder heimlich mit
der Faust in den Rücken, einladende Grimassen schneidend. Auch Gerold mochte
lieber in der Friedlismühle als in Schöntal übernachten, schon deshalb, weil
ihm vor der gewalttätigen Freundschaft seines Götti Stattalter graute. Aber
wieviel es denn kosten würde, erkundigte er sich bange, sie hätten nämlich jeder
nur einen Fünffrankentaler bei sich.
    Der Friedlismühlewirt lachte: »Ein Fünffrankentaler? Was meint ihr denn?
Glaubt ihr, die Friedlismühle sei eine Räuberhöhle? Übrigens kostet es für euch
gar nichts; ihr gehört ja jetzt sozusagen zur Familie, und ich betrachte euch
alle drei zusammen als meinen lieben Besuch.«
    Und ehe sie eigentlich eingewilligt hatten, wurden sie als Zustimmende
behandelt und die Treppe hinauf geleitet. »Ihr dürft mich Terese nennen«,
raunte die grosse Jungfer vertraulich, »oder auch Tante, wenn ihr lieber wollt.«
    »Lieber Terese.«
    Der Friedliswirt in Person komplimentierte Gesima, die kostbare
Kantonsprinzessin, wie einen Lotteriegewinst ins feine Gastzimmer. Die Kadetten
dagegen baten sich die Gunst aus, sich in der Bauernstube niederzulassen; wegen
des Tabakqualms, wegen des lauten, rauhen Stimmenlärms, wegen der scharrenden
Stiefel; das wäre männlicher, kräftiger, behaupteten sie. Dort wurden sie dann
von Terese in eine besondere, ausgezeichnete Ecke gesetzt und persönlich von
ihr bedient. Und wie! Forellen! - Und immer wollte sie etwas Neues von Onkel
Dolf wissen, was für ein Gesicht er zuletzt gemacht habe, und so weiter, mehr
als sie selber wussten. Nachdem sie endlich alles ausgeforscht hatte, was
herauszuziehen war, begab sie sich zu Gesima ins Herrenzimmer hinüber, kehrte
aber von Zeit zu Zeit wieder zu ihnen in die Bauernstube zurück, gleichsam als
lebendiger Bindestrich zwischen dem Mädchen und den Buben.
    Allmählich begannen die hinter dem Schoppen lagernden Bauern an den Kadetten
mit Fragen zu stochern, woher sie kämen, wohin sie wollten, wie sie hiessen, und
so weiter. Ob ihre Urgrossmutter, die alte Gottebas Salome von Sentisbrugg, immer
noch am Leben sei, erkundigte sich ein dürrer, hagebuchener Armenpfleger,
während er sich mit den knöchernen Fingern hinter den Ohren kraute wie ein
Kakadu. Und als sie dies mit grosser Entrüstung als selbstverständlich bejahten,
munkelte er: »So selbstverständlich ist das nicht; es ist schon manches
Fröschlein kopfüber in den Schöntaler Wasserfall gehupft, seit das schöne
Salomeli von Sentisbrugg mit dem jungen Schulmeister von Buchsingen auf der
Burghöhe um die Wette gelaufen ist und dazu gesungen hat: Holderipantoffel,
holderi, der Himmel ghört dem Herrgott, und d'Welt ist mi. Wenn ihr eurer
Urgrossmutter das nächste Mal guten Tag sagen wollt, um nachzufragen, ob es ihr
jetzt mit ihren Beinen besser gehe, so müsst ihr sie hinter der Kirche aufsuchen,
unter einem Rosmarinsträuchlein.«
    Dagegen protestierten die Kadetten mit zornigem Knurren.
    »Wie alt mag sie denn jetzt sein?« tönte eine Frage.
    »Jedenfalls hoch in den Achtzigen, näher dem neunzigsten.«
    »Die alte Bas Salome von Sentisbrugg?« ergänzte ein anderer. »Die ist ja
Mattäi am letzten. Der Marti, der Postillon, hat es heut abend berichtet.«
    »Das ist nicht wahr«, krähte Hansli, »wir haben ja heute noch mit ihr
gesprochen.«
    Einer Entgegnung wehrte Terese mit einem abmahnenden Bst, indem sie nach
den Buben deutete; und rücksichtsvoll verstummte das Gespräch.
    Der Fuhrmann aber nahm seinen Schoppen in die Hand und liess sich mit den
Worten: »Setz dich, liebe Emmeline«, neben den Kadetten nieder. »Wo habt ihr
denn eure feine Gesponsin gelassen? Gesima, oder wie sie heisst?«
    »Auf der andern Seite, im Gastzimmer.«
    »Wartet nur, bis sie einmal tausend Wochen alt ist, da würdet ihr gerne
jeder einen Fünfliber zahlen, wenn ihr noch einmal mit ihr zusammen abends nach
Sonnenuntergang in die Friedlismühle spazieren dürftet. Mag leicht sein, einer
oder der andere von euch nagt sich dannzumal die Fingernägel bis zum Ellenbogen
ab, aus Reue darüber, dass ihr stundenlang in der Wirtsstube gesessen seid, statt
mit ihr im Herrenzimmer. Ja, die hats hinter den Ohren, die weiss, wo Bartel den
Most holt, die wird euch schon einmal zeigen, was Trumpf ist, darauf könnt ihr
euch heilig verlassen.« Hierauf begann er zu seufzen: »Es ist ein eigen Ding um
das Weibervolk. Zuerst, fünfzehn Jahre lang, sieht sie kein Mensch an; dann
plötzlich haben sie ein Herrgottslämpchen am Hals hangen, dass sie glitzern wie
Johanneswürmchen, und man meint, sie seien die leibhaftigen Engel. Und
schliesslich, wenn der Docht ausgebrannt ist, hat man eine Hexe im Haus, dass man
froh ist, wenn man draussen in der Welt herumhaudern darf, bei harter Arbeit und
saurem Wein in Regen und Schnee, lieber als daheim hinter der warmen Suppe.« Im
Anschluss daran begann er nach einer Pause über das menschliche Leben zu
philosophieren. »Es mahnt mich immer an den Sentisbrugger Hauenstein: man gibt
sich des Teufels Mühe, um hinaufzugelangen, und kaum ist man oben, so geht es
wieder hinunter und noch viel böser und ruinöser. Zuletzt kommen wir doch alle
miteinander bei der nämlichen Herberge an: beim Wirtshaus zu den stillen
Männlein.«
    Bei diesen Worten stand der Armenpfleger unwirsch auf, zahlte seine Zeche
und stapfte mit steifem Gangwerk aus der Stube.
    »Wohin mit den Kälbern, Xaverli?« grüsste der Fuhrmann durch das offene
Fenster auf die Strasse.
    »Nach Bischofshardt zum Metzger. Der Landammann spendiert dem Kantonsrat auf
den Sonntag ein Essen.«
    Der Xaverli liess seinen Viehwagen einen Augenblick halten, und sämtliche
Kälber begannen zu blöken. Die breiten Lichtmassen, welche aus dem Gastof auf
die Strasse quollen, beschienen die grossen runden Menschenaugen der lechzenden
Tiere, und man konnte sehen, wie sie ihre gespenstisch bleichen Köpfe
verdrehten, um dem Xaverli die Hand zu schlecken. Dann rasselten die Räder
weiter, und das Blöken verstummte.
    Eine lange Zeit wurde kein Wort mehr geredet. Plötzlich hiess es: »Habt ihr
ihn gesehen? gerade diesen Augenblick ist er an der Mauer vorübergeschlichen,
heim zu.«
    »Wer?«
    »Der Narrenstudent.«
    »Was tut er eigentlich den ganzen Tag im Walde?«
    Und jetzt ging es über den Narrenstudenten los, nicht gehässig, aber
spöttisch, überlegen und empört. Wie er sich lächerrlich kleide, anders als alle
andern Menschen, mit einem Regenschirm gegen die Sonne, mit Handschuhen und
waschleinenen Unterhosen, wie ein Mädchen, mit einer Brille auf der Nase, wie
ein alter Mann, zum Lesen sogar mit zwei Brillen aufeinander, - wie er sich im
Hardtwalde in der Nähe des Altäusli ein Hüttchen zum Faulenzen
zusammengevattert habe, mit Büchern und Heften und allerlei Schnickschnack. Auf
der Falkenfluh habe man ihn einmal dabei überrascht, wie er die Welt zwischen
den Beinen angeguckt habe, den Kopf zuunterst, angeblich, weil auf diese Weise
die Farben glänzender herauskämen.
    »Lasst den Narrenstudenten in Frieden«, mahnte Terese, »er tut ja keinem
Menschen etwas zuleid.«
    »Aber ein Volksfeind ist er, der den gemeinen Mann verachtet und niemand ein
freundliches Wort gönnt. Sein Vater, der Stattalter, wenn er vorübergeht,
wünscht jedem einen guten Tag und erkundigt sich, wie das Korn und die
Kartoffeln stehen; der Narrenstudent, o je -, der kann nicht einmal Hafer und
Roggen voneinander unterscheiden.«
    »Es ist keineswegs gesagt«, versetzte Terese, »dass das die besten
Volksfreunde sind, die jeden Menschen anlächeln und dem Volk mit Schmeicheleien
schöntun.«
    »Item, er ist ein Sonderling. Und er kann von Glück sagen, dass er einen so
braven, allgemein geachteten, hochmögenden Mann zum Vater hat.«
    »Der Niedereulenbacher Sizilienverein hat ihn einmal in den Fingern gehabt.«
    »Warum?«
    »Die Rose von Tannenheim in den Spott gezogen, wo sie mit vielen Kosten
gegeben haben, sogar mit einem Passivsaldo von mehr als hundert Franken.«
    »Der Sentisbrugger Turnverein auch.«
    »Was hatte er mit dem?«
    »Sie haben ein Stabturnen aufgeführt, im Sentisbrugger Gemeinderatssaal, und
er hat ihnen nachgesagt, sie wären eitler als das affigste Weibsbild. - Ohne den
schönen Dolf wäre es ihm damals schlimm gegangen; und ich wollte ihm noch heute
nicht raten, allein in der Dunkelheit ums Sentisbrugger Schulhaus zu streichen.
Sonst lässt man ihn allgemein in Frieden, man hat sich alsgemach an seine
Narrheiten gewöhnt; höchstens, dass ihm etwa in der Dämmerung ein Stein
nachfliegt.«
    Ob dieser Schilderung keimte in Gerold, der mit gläubiger Andacht dem
Femgericht zuhörte, der Wunsch, der Zufall möge ihm den Ruhm vorbehalten, den
kantonalen Lindwurm zu züchtigen. Das wäre, dachte er, gerade ein hübscher
Heldenanfang für einen elfjährigen Siegfried, nicht zu leicht und wieder nicht
zu schwer, denn was da Brillen trug, getraute er sich, über den Haufen zu
schlagen, gross oder klein, unbesehen.
    »Lassts nur gut sein«, bemerkte ein kleines, feistes, mit einer Botentasche
behangenes Männlein, »den Narrenstudenten fischt man eines Morgens aus der Aar.«
Das sagte er so zuversichtlich und bedeutsam, als ob er mehr wisse, als er sagen
wolle.
    »Das möchte ich denn doch nicht behaupten«, mässigte ein anderer; »aber
abgesehen davon, treibt ers ohnehin nicht lange. Er hat die Institution seiner
Mutter; alle ihre Geschwister sind an der Schwindsucht gestorben, und sie selber
spinnt auch keinen langen Faden mehr.«
    »Kein Wunder, bei dem täglichen Verdruss mit ihrem Mann wegen des Sohnes.«
    »Ich liebe nicht, wenn bei mir anderer Leute Familienverhältnisse
hergenommen werden«, tadelte jetzt die laute Stimme des Friedliswirtes, welcher
unbeachtet durch die Küchentür hereingetreten war. Darauf wandte er sich zu den
Kindern: ob sie nicht ihrer Reisegefährtin gute Nacht sagen wollten, sie gehe
jetzt zu Bett.
    »Nein«, trotzten sie.
    Nachträglich dauerte jedoch den Gerold die schnöde Weigerung; es tat ihm
geradezu weh, so dauerte es ihn, und schnell eilte er hinaus, um Gesima
womöglich noch einzuholen. Sie stieg eben die Treppe hinauf, hinter zwei
kerzentragenden Mägden. Eins zwei war er ihr nach, und zur Einleitung, er wusste
selbst nicht warum, packte er sie mit vollem Griff am Schopf und zog ihr den
Kopf hinten herüber. Sie streckte regungslos die Pfötchen von sich, wie eine
Katze, die man aufhebt, liess das Mäulchen tief hangen und schaute ihn mit grossen
Augen an, von denen man fast nur das Weisse sah. Ein Zuck, und sie wäre auf dem
Boden gewesen; allein er wollte ihr ja kein Leid antun, bewahre; deshalb gab er
sie sofort wieder frei, worauf sie mit geschwinden Sätzen die Treppe hinauf
flüchtete. Nun reute es ihn aber wieder, dass er sie am Schopf gepackt hatte,
statt ihr freundlich gute Nacht zu wünschen, wie seine Absicht gewesen war.
Darum sprang er ihr nach, und da sie sich in ihrer Angst in den Winkel eines
blinden Ganges verirrt hatte, versperrte er ihr mit seinem Körper die Ausflucht.
Hier gedachte er zum Zeichen seiner Reue ihr etwas zu schenken, fand jedoch
nichts Schenkenswertes in seiner Tasche als ein rosenfarbiges Papier; das
überreichte er ihr. »Ich danke«, flüsterte sie und machte einen hübschen Knicks.
Zeit seines Lebens hatte noch kein Mensch »ich danke« zu ihm gesagt, und das
verwirrte ihn so, dass er sie geistesabwesend angaffte. Seine Verblüffung
benützte sie hurtig, indem sie aalgleich an ihm vorbeiglitt und sich zu den
umkehrenden Mägden rettete. »Gute Nacht«, rief er ihr gutmütig nach, erhielt
jedoch keine Antwort. Darauf schlich er wieder in die Wirtsstube, nicht ganz
zufrieden mit sich selber.
    »Ihr geht jetzt, denk ich, auch besser zu Bett«, meinte Terese, »die Augen
fallen euch ja zu vor Schläfrigkeit.«
    »Durchaus nicht schläfrig«, bestritten sie eifrig, und um nicht zwangsweise
zu Bett gebracht zu werden, eilten sie flugs durch den Hausgang die Freitreppe
hinunter, um die Hausecke. Es war finstre Nacht, mit Sternen am Himmel, aber
warm, fast heiss; ein Käuzchen wimmerte von einer nahen, unsichtbaren Bergwand,
und die Grillen verführten einen unsinnigen Lärm. Bei ihrem Streifzug gerieten
sie von ungefähr in einen gewaltigen Wagenschauer, der mit Fuhrwerken jeder Art
vollgepfropft war. Hier erkletterten sie den Bock einer ungeheuren
Riesenkutsche, knöpften das Schutzleder, das ihnen bis an den Hals reichte, auf
beiden Seiten zu, so dass sie da sassen wie zum Rasieren, und schnupperten
wollüstig den Duft der Lederwichse.
    »Sie liegt jetzt im Sterben«, hörten sie draussen auf der Landstrasse einen
Vorüberziehenden melden, »sie röchelt schon.«
    »Was ist das, röcheln?« fragte Hansli leise den Bruder.
    »Ich weiss nicht genau, etwas Ähnliches wie schnarchen.«
    »Kannst du röcheln?«
    »Röcheln kann man erst, wenn man stirbt.«
    »Tut eigentlich das Sterben weh?«
    »Natürlich, warum würden sonst alle weinen, wenn jemand stirbt.«
    »Und das Heiraten?«
    »Jedenfalls viel weniger; sie machen ja alle bei einer Hochzeit lustige
Gesichter. Und gesetzt auch den Fall, so bleibt doch immer ein grosser
Unterschied: mit dem Sterben ist alles aus, während das Heiraten vorübergeht.«
    Hierauf gab es eine kleine Pause. Dann begann Hansli von neuem: »Gibt es
auch wohlriechende Tiere?«
    »Eine einfältige Frage!« verwies Gerold strenge, denn er wusste die Antwort
nicht.
    Jetzt abermals eine kurze Pause. »Warum«, fragte Hansli wieder, »warum sieht
man eigentlich niemals einen Grossvater über einen Schemel springen oder auf dem
Dach herumklettern, oder eine Grossmutter in einen Bottich schlüpfen?«
    Diesmal begnügte sich Gerold mit einem schläfrigen Knurren statt der
Antwort.
    Hernach kam eine lange Pause der Zufriedenheit. Und da die Zufriedenheit
währte, währte auch die Pause. Draussen auf der Strasse murmelte der plätschernde
Brunnen, stetig und ebenmässig; aus weiter Ferne, von der Klus her humpelte der
hustende Brummbass der Tanzmusik vom Leuen, plump und drollig, als ob eine
lebendig gewordene Runkelrübe schief um den Saal herumwalzte, die Wurzelspitze
nach unten und der grüne Pflanzenschopf oben. Allmählich steckten sie einander
an, der Brummbass und der Brunnen, so dass man nicht wusste, welcher Ton diesem,
welcher dem andern gehörte; die Brunnenröhre vervielfältigte sich, bekam hundert
Leuenrachen, die Rachen klappten sämtlich auf und zu, im Takt des Brummbasses,
schliesslich blieben sie sperroffen stehen, stumm und versteinert. Jetzt
erschienen dem schlummernden Gerold Traumgesichte.
    Ihm schien, er stände vor der Freitreppe der Friedlismühle, aber statt
Friedlismühle stand über der Haustür geschrieben: Gastof zu den stillen
Männlein. Ein schauerlicher, tausendfältiger Lärm, übertönt von dem
Donnergebrüll des Götti Stattalter und dem Blöken angstvoller Kälber umtoste
den stillen Gastof, ähnlich dem Tosen der Schöntaler Fabrik. Jetzt kam ein
unendlicher Zug von Schlachtopferkälbern die Stufen der Freitreppe
heraufgestiegen, mit ihren grossen traurigen Menschenaugen sich nach Gerold
umschauend; oben auf der Treppe standen sie still, wackelten mit den Köpfen und
Beinen im Takt des Brummbasses, dann stiegen sie auf der andern Seite die Treppe
hinab. Aber mit einem Male waren es nicht mehr Kälber, sondern Menschen, die
Grosseltern, die Urgrossmutter, der Onkel Dolf und alle andern, die er lieb hatte.
Und siehe da, er selber, Gerold, war mit in ihrer Reihe und schaute ihn von der
Treppe herunter an, und der Hansli hinter ihm, der ihm mit den Fingern
spöttische Zeichen über die Schultern gabelte. - Aber wer röchelt denn so?
Erschrocken, mit schnarchendem Aufschrei fuhr er in die Höhe, stöhnend, die
Augen geblendet von Lichtschein.
    »Da also sind sie, die Ausreisser!« lachte die Stimme des Friedliswirtes, und
eine laternenbewaffnete Scharwache umringte die Kutsche. Nun wurde das Nest
ausgeräumt, der fest schlafende Hansli von der Terese auf die Arme geladen,
Gerold taumelnd und schwankend vom Wirt abgeführt.
    Unterwegs nach ihrem Schlafzimmer kamen sie an einem märchenhaften
Himmelbett vorüber, mit Schleiern und Spitzen umhangen wie für ein
Schneewittchen. Es lag auch wirklich so etwas Weisses darin, das setzte sich
empor, rieb sich die Augen und schnellte dann mit einem kleinen Schrei unter die
Decke. »Gute Nacht, Gesima«, lallte schlaftrunken Gerold.
    Als er dann in das linde Gastbett verpflanzt war, wo Leib und Seele in
köstliche Untiefen versanken, schlugen alsbald die Träume wieder über seinem
Geist zusammen.
    Ihm träumte, er sässe am Weidenbächlein der Klus und schaute in das Wasser,
das eilends einem Wasserfall zustrudelte. In einem Papierschifflein kam die
Urgrossmutter das Bächlein herabgefahren, aber ganz klein wie ein Kind, und nicht
mehr krank, sondern frisch und fröhlich, jung und lieblich; im Vorüberfahren
pflückte sie links und rechts Blumen vom Uferrand. »Guten Tag, Urgrossmutter«,
grüsste er. Da spritzte sie ihm mit der Hand Wasser in die Augen. Und wie er die
Augen wieder auftun konnte, war es nicht die Urgrossmutter gewesen, sondern
Gesima, welche sich neckisch nach ihm umkehrte und ihn auslachte.
 
                            Der tückische Postwagen
Als Morgenlied pfiff ein Knecht eine Polka, gegenüber im Tenn des Heupalastes,
von dessen Dache die Täuberiche gurrten. Dann geschah vom Stalle her ein Poltern
und Wiehern, begleitet von melodischem Schellengeläute. Immer neue Glockenspiele
stampften heran, in allen musikalischen Farben, bald mit geschüttelten Akkorden,
bald mit leise bewegten Einzelgesängen. Und all das Klingeln erzählte
Reisemärchen von blauen Bergen und abenteuerlichen Dörfern, in mutiger
Schnellfahrt zurückgelegt unter wettsegelnden Wölklein.
    »Was ist für Wetter?« erkundigte sich Hansli gähnend.
    Gerold schlug argwöhnisch die Augen auf. Die Fensterläden waren geschlossen,
so dass es ziemlich dunkel um ihn herum war. Aber oben, hart unter der
Zimmerdecke, kreuzte eine Schar Fliegen in scharfen Wendungen aneinander vorbei,
und in den Winkeln des Zimmers war es nicht düsterer als in der Mitte, das waren
verheissende Zeichen. Als er vollends den schmalen Lichtstrahl zwischen den
Fensterläden nicht weiss, sondern gelb sah, verkündete er kühn und bestimmt:
»Schönes Wetter.«
    »Falsch!« verbesserte Hansli, »ich höre, wie es regnet.«
    
    »Das ist der Brunnen«, urteilte Gerold.
    Hansli sprang aus dem Bett und öffnete die Läden. Ein Schwall goldenen
Lichtes stürzte durchs Fenster, und gegenüber auf den Ziegeln der Scheune lag
ein steifer, rechteckiger Sonnenschein, das Dach halbierend.
    Aber etwas noch viel Schöneres lag auf ihren Nachttischlein: Schokolade.
Woher die kam, hätten sie leicht erraten, wenn sie gewollt hätten; allein sie
wollten nicht raten, aus Besorgnis, der Stolz möchte ihnen sonst verbieten, das
Geschenk anzunehmen. Deshalb begnügten sie sich lieber mit der Tatsache und
assens anonym. Derweilen blieben sie liegen, in den Sonnenschein auf dem
Scheunendache starrend; der Sonnenschein starrte ihnen ebenfalls entgegen,
darüber ermüdeten ihre Augen und schützten sich mit den Lidern.
    Bis die fröhliche Tonleiter der Kaffeelöffel auf den Untertassen tänzelte,
da sprangen sie hops aus den Betten.
    Man hatte den drei Kameraden ein besonderes schmuckes Tischlein im
Herrenzimmer gerüstet. Auf diesem prangte in einem geblümten Napfe blonder,
sandkörniger, in Zöpfen geflochtener Honig; daneben, in feuchte Weinrebenblätter
gehüllt, ein künstlich gestempelter Butterbarren, einen Bären schildernd, der
auf einem schrägen Blumenstengel lechzend berganschritt. Während sie sittig um
den Tisch herumsassen, als hätten sie miteinander einen Ferienaufsatz zu
ergrübeln, erlitt Hansli einen Rückfall ins Examinatorische. Ob man Brot mit
einem d oder einem t schreibe, prüfte er das Mädchen. Sie besann sich ein
Weilchen und antwortete dann, solange das Brot frisch und weich sei, schreibe
man es mit einem d, wenn es aber alt und hart werde, mit einem t.
    »Das ist eine ebenso unehrerbietige wie ungenügende Antwort«, rügte Hansli,
»Gesima, du erhältst ein schwach in der Ortographie.«
    Während dessen guckte ihr Gerold schelmisch in die Augen, da er sich
erinnerte, dass sie ihm im Traume eine Woge Wasser ins Gesicht gesprjetzt hatte.
    Als das so fortdauerte, klopfte sie ihm mit dem Löffel auf die Finger.
»Trink!« mahnte sie. Da trank er geschwind die Tasse aus.
    Aber jetzt fiel ihm wieder ein, wie er sie gestern abend beim Schopf gepackt
hatte, und aus Wehmut darüber schaute er ihr abermals in die Augen, um zu
erfahren, ob sie es ihm wohl nachtrage. »Iss!« rief sie, und stahl ihm sein
Butterbrot.
    Die Türen standen offen zum Empfang der Morgenluft, welche von weitem herkam
und würzige Grüsse aus fremden Gauen mitbrachte. Drüben in der Bauernstube zog
ein Trüpplein Knechte und Mägde ein; ihre heissen Körper und frohen Gesichter
zeugten von rüstiger Früharbeit, nüchternen Mutes auf freiem Felde vollbracht.
Wie sie so einer um den andern mit roten Backen, glänzenden Stirnen und
schweissglitzernden Armen bedächtig in die kühle, schattige Stube traten, war es
anzusehen, als ob jeder von ihnen sechs Quadratfuss Sonnenschein und ein paar
Eimer Luftessenz um sich hätte.
    Zuhinterst, um einen halben Kopf grösser als die übrigen, rückte Terese an,
aufrecht und zufrieden, in den langen, blassblonden Zöpfen blaue Bänder, in den
Augen Siegesleuchten, in den Scheitelhaaren ein paar Flocken Heu: man spürte es
ihr an, dass sie die Lerchen hatte jubeln hören. Sie kam zu den Kindern ins
Gastzimmer. Zunächst wünschte sie ihnen einen guten Tag und erkundigte sich, ob
sie wohl geruht und gefrühstückt hätten, und ob ihnen nichts mangle. Dann
entschuldigte sie die Abwesenheit ihres Vaters; er habe nach Sentisbrugg fahren
müssen, schon in der Frühe, vor sechs Uhr; er lasse sie aber herzlich grüssen und
ihnen eine glückliche Reise wünschen. Hierauf sah sie ins Leere und liess endlich
einen langen eigentümlichen Blick auf den Buben ruhen.
    »Es hat eine Änderung in Sentisbrugg gegeben«, sagte sie in gedämpftem, fast
ehrerbietigem Tone zu ihnen, als ob sie zu Erwachsenen redete, »habt ihrs
erfahren?«
    Und auch Gesima schaute die Knaben scheu an.
    »Was für eine Änderung?« fragten diese.
    Terese blickte auf den Boden. »Nun, ihr werdets noch immer früh genug
vernehmen; geniesst nur unbefangen eure letzten Ferientage und seid fröhlich, es
ist euer heiliges Recht. - Wohin mit dem Gerold, Hansli?«
    »Nur ein wenig auf Entdeckungen ums Haus herum«, antwortete Hansli, »Gesima,
du bleibst hier; dich können wir nicht brauchen.«
    »Ihr dürft euch aber nicht mehr zu weit entfernen«, mahnte Terese, »denn in
einer starken halben Stunde kommt die Post. Und da habt ihr es dann nicht wieder
mit einem langmütigen Privatwagen zu tun, der euretwegen einen halben Tag auf
dem Fleck wartet, sondern mit einem obrigkeitlichen Fahrplan, der auf niemand
Rücksicht nimmt; da geht es strikte nach der Uhr.«
    Das mit der Entdeckungsreise ums Haus war nur ein Vierteil der Wahrheit: ein
Komplott gegen Gesima heckte Hansli. Kaum hinter den Pappeln bei der Scheune
angelangt, hielt er still und zog Gerold ins Vertrauen, indem er sich eng an ihn
anschmiegte, um ihn besser zu überzeugen. »Wir wollen suchen«, flüsterte er,
»dass wir beide auf den Bock oder auf das Postdach zu sitzen kommen, und Gesima
ins Innere des Wagens, dann sind wir sie bis Bischofshardt los.«
    Gerold gab keine Antwort, sondern brummte nur.
    »Das Allerschönste wäre«, fuhr Hansli fort, »wenn sie den Postwagen
verfehlte; freilich müsste man hiefür ein Mittel finden, sie aus dem Haus
herauszulocken. Wenn wir ihr zum Beispiel angäben, im Garten wären Himbeeren?
Was meinst du?«
    Wiederum begnügte sich Gerold mit Brummen. - »Aber ist denn das wirklich
schon die Post, dort in der Klus? es ist doch noch viel zu früh.«
    Hansli spannte den Blick; er sah weiter und schärfer als sein Bruder.
»Bewahre, es ist ja bloss ein einziges Pferd, und gar kein Wagen dahinter.«
Plötzlich tat er einen Luftsprung: »Ein Dragoner!« schrie er.
    Ärgerlich verwies ihm Gerold die unbesonnene Meldung. Er war durch die
Erfahrung gewitzigt; ihm war durch tausend schmerzliche Enttäuschungen der
Glaube an leibhaftige Soldaten, geschweige denn an Dragoner, in der gemeinen
Alltagswirklichkeit längst abhanden gekommen. Eher noch an den Osterhas glauben
als an Dragoner. Ach Gott, wie viele hundert Male hatte er vor Zeiten beim
Gepolter jedes Rumpelkarrens gemeint, eine Trommel zu hören, beim Aufschein
eines bunten Frauenhutes einen Tambourmajor zu sehen. Und hernach die grausame
Enttäuschung! Lieber ein für allemal die Hoffnung aufgeben. - Und doch! Diesmal
sieht es wirklich von fern einem Dragoner gleich, es glitzert etwas auf dem Kopf
des Reiters, wie ein wahrhaftiger Helm, und etwas an seiner Seite wie eine
Säbelscheide. Wenn der Hansli recht hätte! O Bangigkeit, o Hoffnung! Jetzt fragt
sichs bloss, hat er Epauletten, hat er einen roten Streifen an den Hosen, einen
roten Halskragen? Ja, ja, ja, kein Zweifel mehr, ein leibhaftiger Dragoner. Aber
wohin der wundersame Schmetterling schwenken wird, wenn er vollends aus der Klus
hervorkommt? seitabwärts in den Gau? oder herwärts nach der Friedlismühle?
Atemlos verfolgten ihre Blicke jede Bewegung des Pferdes. Jetzt ist er an der
Kreuzung, nun wird sichs entscheiden. »Er kommt.« »Nein, er biegt ab.« »O weh,
verloren! er reitet nach dem Gau.«
    »Nach!« schrie Hansli.
    »Nach!« bestätigte Gerold stöhnend.
    Und wie hungrige Wölfe setzten sie sich in Galopp, unbekümmert um die
abmahnenden Rufe, die hinter ihnen dreinliefen, um sie zurückzuholen. Der
Dragoner trabte scheinbar ganz langsam; trotzdem vergrösserte sich stetig der
Zwischenraum, statt sich zu verringern, und schon begann ihnen der Atem
auszugehen. Allein es gibt hiezulande Wirtshäuser am Wege; nicht unmöglich, dass
er irgendwo absteigt und einkehrt. Dann ist aber auch der Galopp nicht nötig,
der Trab tuts auch; also gingen sie in Trab über; und der förderte sie beinahe
ebenso flink; abgesehen davon, dass er den Atem weniger in Anspruch nahm. Immer
kleiner wurde der fliehende Reiter; nur noch wie ein rotes Schäfchen leuchtete
er von Zeit zu Zeit zwischen den Bäumen auf. Aber täusch ich mich? mir scheint,
das Schäfchen bleibt gleich gross und behält beständig ein nämliches Häuschen
neben sich. »Er sitzt nicht mehr auf dem Pferde«, meldete der scharfsichtige
Hansli. Folglich war er abgestiegen, und das Häuschen musste eine Schenke sein.
Also fielen sie mit neugestärktem Mute wieder in Galopp.
    Er sass wirklich in der Schenke, der Ersehnte, man konnte seinen Raupenhelm
durchs Fenster erblicken; und sein Pferd stand an einem Pfosten angebunden vor
der Tür. Nun begannen sie die Liebeswerbung, nicht ohne Zuversicht und
Selbstbewusstsein. Sie waren ja doch nicht die ersten besten Buben, sondern
Kadetten, sie trugen Uniform mit goldenen Knöpfen, Gerold sogar mit Granaten auf
den Knöpfen, sie konnten einen Säbel und eine Patrontasche vorweisen, sie
durften sich mitin ein wenig als seine Kameraden betrachten; gewiss wird er
ihnen einen freundlichen Gruss, vielleicht gar, o Wonne, ein holdes Wort gönnen.
Es galt bloss, sich ihm bemerkbar zu machen. Darum stolzierten sie in
militärischer Haltung vor dem Fenster auf und ab, warfen sich in die Brust,
hüstelten, sängelten, streckten sich auf den Zehen. »Zeig deinen Säbel«, riet
Hansli, »vielleicht macht das Eindruck.« Also zog Gerold den Säbel und
salutierte damit vor dem Fenster. Als auch das nichts fruchtete, kletterte
Hansli am Sims in die Höhe, um den schwarzen Rosshaarschweif auf seinem Tschako
wirken zu lassen.
    Jetzt kroch eine mürrische Alte, verdrossen wie das Regenwetter, aus der
Haustür. Was sie wollten, fuhr sie die Buben unwirsch an, mit misstrauischer
Miene.
    »Nichts; nur den Dragoner ansehen«, antwortete Hansli kleinlaut.
    »So kommt ehrlich und rechtschaffen in die Stube«, bellte sie, »und trinkt
einen Schoppen Wein, wie sichs gehört, aber nicht wie die Bettler vor dem
Wirtshaus herumstreichen ohne einzukehren.«
    »Wir trinken keinen Wein.«
    »Dann schert euch vom Fenster weg!« und verschwand mit einem Blick des
Hasses und der Verachtung.
    Nun richteten sie ihre Werbungen an das Pferd, in der Hoffnung, auf diesem
Umwege die Gunst des Reiters zu erschmeicheln; liebkosten dem Gaul den Hals, das
Maul, das Kreuz, wagten sogar ab und zu den Sattel und die Steigbügel
anzurühren, bescheiden, mit heiliger Scheu. Ob dieser Beschäftigung erleuchtete
den Gerold ein gescheiter Einfall. Er erinnerte sich gelesen zu haben, ein
Freier pflege seine Geliebte mit heimlichen Geschenken zart zu überraschen,
Blumensträussen und dergleichen. Einen Blumenstrauss besass er leider nicht, wohl
aber den Fünffrankentaler vom Götti Stattalter. Den schob er nun mit
feinfühliger Gebärde behutsam in den Pistolenhalfter des Sattels.
    Da schoss der Dragoner mit dem Kopf aus dem Fenster wie der Teufel aus einer
Schachtel. Was sie an seinem Gaul zu schaffen hätten, wolle er wissen; der
gehöre ihm, nicht ihnen. Darauf nannte er den einen einen Lausbuben, den andern
einen Saububen und beide zusammen zwei Krötenbuben. Und wenn sie sich nicht
sofort packen, werde er herauskommen und sie bei den Ohren nehmen.
    Also mit Schimpf abgefertigt, trabten sie wieder von dannen,
niedergeschlagenen Mutes, mit hangenden Köpfen. Neben der Schande der
verschmähten Liebeswerbung quälte den Kanonier noch das nutzlos verschwendete
Silberstück; nicht sowohl der Verlustschaden selber, als die Gewissenssorge, ob
er mit der Dahingabe eines geschenkten Gutes nicht etwas Unrechtes begangen
habe, eine Versündigung gegen das achte Gebot: Du sollst nicht stehlen.
Eigentlich gestohlen war das ja nicht, allein man hatte ihnen ja in der Schule
so eindringlich bedeutet, dass die zehn Gebote eine viel grössere Tragweite
hätten, als ihr Wortlaut zu sagen schien; kaum dass man sich unvorsichtig
bewegte, so hatte man sich gegen eines der bösen Zehn versündigt. Zum mindesten
hatte er sich einer leichtsinnigen Verschleuderung schuldig gemacht; mitin war
er ein Vergeuder wie der verlorene Sohn. »Gelt, du erzählst es keinem Menschen«,
bat er seinen Bruder, nachdem er ihm, ohne den Geschwindlauf zu unterbrechen,
seine Missetat bekannt hatte. Das gemeinsame Missgeschick erweichte des Bruders
Herz, so dass er ihm unverbrüchliches Schweigen gelobte.
    »Wenn wir jetzt nur nicht zu allem noch die Post verfehlen!« seufzte Gerold
und drängte zu verdoppelter Eile.
    Waren sie weit gelaufen! Die Strecke wollte kein Ende nehmen. »Dort kommt
die Post!« ertönte Hanslis Schreckensruf. Richtig, ungefähr zehn Minuten von
ihnen entfernt erschien der Postwagen aus der Klus und schwenkte, ihrer
verzweifelten Zeichen ungeachtet, nach der Friedlismühle, zwischen den Bäumen
verschwindend.
    »Zu spät!« jammerten ihre Herzen.
    Gerold stellte den Lauf ein und hielt dem Bruder eine Ansprache: »Jetzt nur
eines nicht: nur ja nicht hitzig nachlaufen, nachdem es doch einmal zu spät ist;
das wäre das Unvernünftigste, was ein Mensch in solchem Fall tun kann. Denn
sonst geschieht unfehlbar folgendes: sowie der Postwagen merkt, dass man ihm
nachläuft, bleibt er absichtlich stehen, bis man ihm ganz nahe gekommen ist,
dann auf einmal fährt er im letzten Augenblick höhnisch davon, und je mehr man
sich darüber ärgert, desto mehr freut es ihn. Den Gefallen wollen wir ihm nicht
tun. Also nur ganz ruhig und gemächlich im Schritt gehen, es kommt auf das
nämliche hinaus.«
    Das leuchtete dem Infanteristen ein, und so zogen sie langsam im Schritt
weiter, froh, dem tückischen Postwagen seine boshafte Schadenfreude zu
vereiteln.
    Bald konnten sie ihn von weitem sehen, den abgefeimten Reisekasten, wie er
neben der Friedlismühle stille hielt, mit harmloser Miene, als ob er auf sie
wartete.
    »Trau ihm nur nicht, dem falschen Fritz!« warnte Gerold, »lass dich nicht
fangen! er spekuliert einzig darauf, dass wir ihm nachrennen, dann fährt er
augenblicklich fort, darauf kannst du dich verlassen.« Und zum Trotz
verlangsamten sie nochmals ihre Schritte.
    Und immer, immer hielt er noch auf dem Fleck, der Hinterlistige, wie
angenagelt, so dass sie ihm, wie zögernd sie auch schlendern mochten, trotzdem
stetig näher und näher rückten. Über diese Standhaftigkeit beschlich sie
Verwunderung, und in der Verwunderung sass die Hoffnung. »Weisst du, was ich
glaube«, rief Gerold, »wenn wir laufen wie der Blitz, so kommen wir trotz allem
noch rechtzeitig, aber so schnell als du nur kannst.« Und mit gewaltigen
Sprüngen begannen sie einen Hetzlauf zu rennen. Da tönte ein Postorn und
klatschte eine Peitsche, und wackelnd reiste der Postwagen in die Weite.
    »Siehst du ihn jetzt, siehst du ihn, den gelben Salamander, den
verschmitzten?« knirschte Gerold, »was habe ich dir gesagt? Sobald wir anfingen
zu rennen, so lachte er mit dem Schwanze und trottelte höhnisch davon. Wären wir
ruhig im Schritt weitergegangen, so hätten wir ihn überrascht.« Und in seiner
Wut schleuderte er dem heimtückischen gelben Betrüger seinen Säbel nach.
    Hansli spottete über diese ohnmächtige Strafexekution. »Du bist genau so
verrückt wie Xerxes, als er das Meer peitschen liess.« Gesagt, und warf seine
Patrontasche hinter dem Säbel drein.
    »Das eine Gute ist immerhin dabei«, tröstete Hansli, »jetzt sind wir
wenigstens der Gesima los und ledig.«
    »Wieso?«
    »Weil sie mit der Post davongefahren ist.«
    Die Tatsache musste Gerold als wahrscheinlich zugeben, allein einen
merklichen Trost verspürte er nicht darin; eher fast das Gegenteil. Ob sie
gleich nur ein Mädchen war, so hatte er sich halt schon ein wenig an Gesima
gewöhnt, und mit einem Male kam ihm die ganze Welt langweilig und dumm vor.
    »Und was jetzt weiter?« fragte Hansli.
    »Mir einerlei«, knurrte der Kanonier.
    »Nach meiner Meinung gehen wir einfach zu Fuss nach Bischofshardt.«
    »Mir einerlei.«
    »O weh, da kommt die Terese, pass auf, jetzt gibt es eine Strafpredigt.«
    »Mir einerlei.«
    Es gab keine Strafpredigt, bloss eine milde Frage um Aufschluss über ihr
rätselhaftes Verhalten. Warum sie so langsam im Schneckentempo angerückt wären,
wie wenn sie es absichtlich darauf angelegt hätten, die Post zu verfehlen. Zehn
lange Minuten sei es ihr gelungen, den Postillon hinzuhalten, aber länger habe
sie es nicht verantworten können. Was sie jetzt beginnen wollten? Das kleine
Fräulein wäre der Ansicht, sie könnten alle drei zusammen zu Fuss weiter; sie
habe selber schon zweimal den ganzen Weg von Bischofshardt nach Schöntal zu Fuss
gemacht. »Also, wenn ihr einverstanden seid -«
    »Ja, ist sie denn nicht mit der Post fortgefahren?« fragte Gerold.
    »Sie wollte durchaus nicht ohne euch einsteigen. Dort steht sie auf der
Treppe.«
    »Schöne Geschichte, schöne Geschichte! die Post verfehlt!« spottete Gesima,
indem sie die beiden Hände mit gespreizten Fingern erhob.
    Darauf machten sie sich alle drei auf den Weg.
    »Glückliche Reise«, rief ihnen Terese nach. »Wollt ihr nicht noch etwas zum
Essen mitnehmen, ein paar Birnen oder Pflaumen? oder sonst etwas?«
    »Nicht nötig. Und vielmal Dank für alles.«
 
                               Gerold und Gesima
Hansli bestand auf einer geregelten Marschordnung. Es komme einem Mädchen nicht
zu, urteilte er, in ebenbürtiger Frontlinie mit zwei uniformierten Kadetten zu
ziehen, Gesima müsse zehn Schritte zurückbleiben. Sie erhob keinen Einspruch,
fügte sich auch scheinbar seinem Ansinnen, allein so oft Hansli sich umwandte,
um sich zu vergewissern, ob sie die Distanz auch richtig einhalte, dünkte ihn
der Zwischenraum verringert. Das bestritt ihm Gesima lebhaft, worauf er die
Kolonne halten liess und den Abstand mit den Füssen nachmass. »Siehst du, es sind
nur acht Schritte.« Dann stellte er sie zurecht, kommandierte »Marsch«, und
sofort fing der Streit von neuem an. Jetzt befahl er ihr, in der nämlichen
Entfernung voranzuschreiten, um sie besser überwachen zu können. Wiederum
gehorchte sie ohne Widerrede. Aber nun trippelte sie im Adagio molto quasi lento
ritardando, was die Kadetten nötigte, ebenso langsam hinterdrein zu kriechen,
denn sonst hätten sie ja ihrerseits die Distanz gebrochen. Nicht genug damit,
stand sie alle Augenblicke stille, sei es, um an ihren Stiefelchen zu nesteln
oder an ihrem Kleide zu bändeln, so dass die Kolonne langsamer vom Fleck kam als
der Landsturm. »Gesima, ich gebe dir eine schlechte Note im Betragen«, schloss
Hansli ärgerlich und liess fortan den Marsch laufen, wie er mochte.
    Trotzdem es noch früh am Morgen war, neun Uhr oder so etwas, stach die Sonne
schon gewaltig heiss, und allmählich begann den Infanteristen seine Patrontasche
zu belästigen; nicht dass sie ihm zu schwer gewesen wäre, aber das Bandulier
drückte und erhitzte ihm die Schulter. Folglich zog er das lästige Zeug ab und
hängte es Gesima über die Achsel. Die machte sich einfach schmal, so dass sie
durch das Bandulier schlüpfte wie ein Fischlein durch eine Masche, und die
Patrontasche lag auf dem Boden. Dieser Vorgang wiederholte sich etliche Male.
»Gesima«, drohte Hansli, »wenn du das Kunststück noch einmal aufführst, lass ich
die Pulvertasche ganz gewiss liegen.« »Lass!« antwortete sie und beförderte das
Anhängsel abermals zu Boden. Nun machte Hansli ein sorgloses Gesicht und zog
weiter, als ob ihn das schwarze Gepäck nichts anginge, nur im Verstohlenen ab
und zu nach hinten schielend. Bis ein Bauernbub den merkwürdigen Fund mit
erstaunter Gebärde aufgriff, da rannte er mit heftigem Protestgeschrei zurück
und riss ihm sein Eigentum aus den Fingern. Wie er aber dann das Mädchen
neuerdings als Lasttier benützen wollte, verwehrte ihm das der Bruder
misslaunisch. Er könne seine Patrontasche selber tragen, bemerkte er barsch.
Diesen herrischen Kommandoton von seiten eines gewöhnlichen Kanoniers verbat
sich der Infanterist, ein gereizter Wortwechsel entstand, illustriert mit
Vergleichen aus dem Tierbuche, keinen schmeichelhaften; dem Wortwechsel folgte
nach dem Gesetz der Steigerung das Hohngelächter und schliesslich die
Beleidigung. »Mädchenfreund!« schrie Hansli und flüchtete in rasendem Galopp
querfeldein, als liefe der Teufel hinter ihm, wütend verfolgt von dem Bruder,
der ihm jedoch mit seiner Schwerfälligkeit bei weitem nicht nachkam. Von nun an
war es Hansli, der Distanz hielt, nicht zehn Schritte, sondern hundert und
zweihundert, zwar von Zeit zu Zeit um eine Ecke herum oder aus einem Busch
hervor den beschimpfenden Zuruf wiederholend, aber furchtsam den Fuss zur jähen
Weiterflucht gerüstet.
    »Kümmern wir uns nicht um ihn, und lassen wir ihn laufen«, sprach Gerold
grossartig, nachdem er eingesehen, dass er ihn nicht einzuholen vermochte. -
»Komm, dort geht ein Fussweg in den Wald, so sieht er uns nicht.«
    »Aber wenn wir uns verirren?«
    »Und wenn? oder hast du etwa Angst?«
    »Vor den schwarzen Waldameisen weniger als vor den kleinen roten.«
    Und da er sich anheischig machte, sie vor jeder Gattung Ameisen zu behüten,
sowohl vor den roten wie vor den schwarzen, folgte sie ihm in den Wald, durch
ein Gebüschtor, dessen Zweige so tief auf den Boden hingen, dass man gebückt
durch das Pförtchen schlüpfen musste wie durch eine Höhle. Jenseits des
Gebüschtores befanden sie sich, von der Welt wie durch einen Vorhang abgesperrt,
in einer dunklen, kühlen Tannenhalle. Auf dem trockenen, weichen,
tannennadelgepolsterten Boden federte der Schritt von selber empor, als ob von
unten den Füssen mitgeholfen würde; keine Spur von Unterholz oder Efeu, höchstens
ab und zu eine mächtige Wurzel hemmte den Wandel; und die Erde tönte dumpf und
hohl. Das war so vergnüglich, dass sie den Fussweg verschmähten und lieber den
einladenden rundlichen Mulden und Hügelchen des sanftgewellten Grundes folgten,
die Tälchen mit kleinen Sprüngen, die Höcker im Anlauf gewinnend. Mit einem Male
gewahrten sie, als sie eben wieder eine Anhöhe erobert hatten, unten zu ihren
Füssen, mitten im Walde, einen majestätischen Fluss, der lautlos vorbeizog, zwar
in schleunigem Strom, doch glatt, ohne kräuselnde Wellen; statt der Wellen wob
die Flut glanzseidene Muster in die Wasseroberfläche.
    »Die Aar«, erklärte Gesima wissbefriedigt. Das bestritt ihr Gerold. »Die Aar
sei nicht hier, sondern bei Aarmünsterburg.«
    »Das beweist nichts; sie kann ganz gut in Aarmünsterburg sein und doch
hier.«
    »Bitte, Gesima, schwatz keinen Unsinn. Nichts kann an zweien Orten zugleich
sein.«
    »Doch, ein Fluss kann das, weil er sich bewegt. Sonst müsste ja die Aar, wenn
sie in Aarmünsterburg bleiben wollte, beständig über den eigenen Kopf
hinaustanzen.« Gerold erstaunte und dachte gespannt nach. Schliesslich musste ers
zugeben. »Gesima, du hast recht, du bist gescheit«, urteilte er.
    Man sieht nicht alle Tage eine Aar in einem Walde, es lohnte sich, die
Merkwürdigkeit etwas länger zu betrachten. Darum setzten sie sich in die Nische
einer Zwillingstanne und blickten, frei von Wünschen und Gedanken, geduldig auf
den leisen, schnellen Fluss hinab, während über ihnen ein Specht mit
weitinschallendem Ticktack die Stille betonte.
    Gerold wurde anhaltend ernst und nachdenklich. Ob sie sich nicht ebenfalls
entsinne, fragte er, lange vor diesem Leben, vor undenklichen Zeiten, schon
einmal gelebt zu haben, und zwar in einer anderen als menschlichen Gestalt. Und
als sie das bestimmt verneinte, gestand er ihr, er für seinen Teil erinnere
sich, früher einmal ein Storch gewesen zu sein.
    Ob es ihm denn nicht langweilig vorgekommen sei, fragte sie zurück,
stundenlang auf einem Bein zu stehen, und ob er es nicht unappetitlich gefunden
habe, ungekochte Schlangen und Eidechsen zu essen. Und es nehme sie wunder, wie
er das Fliegen zustande gebracht habe, bei seinem Körpergewicht.
    »Das wenigstens«, meinte er eifrig, »ist dir gewiss schon aufgefallen, dass
man manches zweimal erlebt.«
    »Nein, das ist mir nie aufgefallen; es wäre auch eine Kunst, denn es ist ja
nicht einmal wahr.«
    Hierauf verfiel er wieder ins Nachsinnen. Plötzlich blickte er sie fest an,
mit überlegener Rätselmiene: »Was ist das Schwerste in der Welt?«
    »Der Elefant«, riet sie hurtig.
    »Nein.«
    »Ein Heuwagen.«
    »Nein. Sondern das Schwerste in der Welt ist, zu einem Menschen zu sagen: Es
tut mir leid.«
    »Durchaus nicht«, lachte sie, »das sage ich alle Tage zu Papa und Mama, wenn
ich etwas Dummes pexiert habe.«
    Da schaute er sie bewundernd an, als ob sie aus einem edleren Stoffe gemacht
wäre, und schüttelte den Kopf.
    »Und was ist das Zweitschwerste in der Welt?«
    »Mit seinem Bruder nicht zanken.«
    »Das allerdings auch. Aber ich meine etwas anderes: Das Zweitschwerste in
der Welt ist, jemand eine Verbeugung zu machen.«
    »Bist du denn so steif?«
    »Das nicht. Ich könnte schon, wenn ich wollte, aber ich will nicht. Weil ich
ein Schweizer bin und ein Schweizer vor keinem Menschen den Nacken beugen soll.«
    »Mein Papa ist auch ein Schweizer und macht dennoch Verbeugungen, sogar sehr
schöne, wenn er eine Freundin von Mama im Zimmer sieht. - Da kannst du ja nie
auf den Ball gehen und tanzen.«
    »Doch, tanzen kann ich. Nur wenn es heisst Verbeugung, tue ich immer das
Gegenteil und strecke mich bolzgerade in die Höhe.«
    »Da kannst du jedenfalls sicher sein, dass ich nie mit dir tanze.«
    »Das brauchst du auch nicht, wenn du nicht willst. Ich habe schon eine
Tänzerin für die Tanzstunde; eigentlich mag ich sie nicht, aber sie hat nicht so
viele hässliche rote Haare wie du. - Wart, bleib sitzen, ich will geschwind
hinunter, ein paar Schiefersteinchen prellen.«
    »Ist dirs nicht ebenfalls verboten, allein an die Aar zu gehen?«
    »Nur von der Mama. Mein Papa ist selber beim Militär und begreift, dass
Gefahr eine Ehre ist. Er tut zwar, als wäre er ungehalten, wenn wir etwas
Waghalsiges unternehmen, aber es freut ihn heimlich doch; er lacht mit den Augen
dazu. - Du aber rührst dich nicht! Gelt? ich kann mich darauf verlassen? Du
versprichst es mir? Du weisst, ich habe die Verantwortlichkeit für dich.«
    »Ich, wenn mir etwas verboten ist, so brauche ich keine Ermahnungen; ich tu
es einfach nicht.«
    Also lief er den Hügel hinab zur Aar. Dort streifte er auf der Suche nach
einem Schützenplatz und glatten Steinchen der Strömung entlang hinter dem
Weidensaum. Jetzt, so nahe am Ufer, war der Fluss nicht mehr stumm, sondern gab
einen unheimlichen dröhnenden Metallruf von sich, immer den nämlichen.
    »Geh nicht zu nah zum Wasser! und entferne dich nicht zu weit!« warnte
Gesimas Ruf von oben.
    »Ich kann sechs Züge schwimmen«, meldete er stolz zurück.
    Ein tief in den Schatten getauchter schwarzer Waldgraben, wo der Strom in
pfeilschnellen Wirbelringen vor einer Felswand umbog, zog ihn an; erstens wegen
des fürchterlichen Anblicks, zweitens weil sich an dieser grausigen Stelle eine
Halbinsel von Schiefergeschütt wie ein Dreieck weit in den Fluss vorschob, die
Spitze des Dreiecks im Wasser; dort mussten sich geeignete Wurfgeschosse in Menge
vorfinden. Langsam, Fuss vor Fuss setzend, wagte er sich auf dem Geschütt vor,
bange und bebend, mit verhaltenem Atem und klopfendem Herzen, denn ihm war, als
wollte ihn der reissende Wogenschuss von dreien Seiten zugleich angreifen,
umwälzen und fortschwemmen; und das einförmige Dröhnen des Stromes hatte sich in
ein heulendes Brausen verwandelt. Nachdem er ein glattes Scheiblein aufgelesen,
pflanzte er sich in schräger Schützenstellung fest auf die Beingestelle und
schickte es waagrecht über die Fläche. Ein-, zwei-, dreimal berührte der Stein
streifend das Wasser, milchweisse Spritzer zischten empor, die von dem finstern
Wasserrachen sofort verschluckt wurden; schnapp, wie von einem Krokodil. Doch
Krokodile gibt es nicht in der Aar. Allerdings, wenn man abergläubisch wäre,
könnte man meinen, dort in jener meergrünen Wirbelmühle glotzten zwei
Krokodilaugen und dort von oben kämen mehrere hintereinander mit der Strömung
geschwommen, tückisch unterm Spiegel verborgen, bewegungslos anreisend, sich tot
stellend. Unsinn! - Ha! da segelte er mitsamt der Insel, worauf er stand, den
Fluss hinunter, dass er schwindelnd mit den Armen nach einem Halt fischte, während
gleichzeitig eine ungeheure Riesenschlange, um die Waldecke schiessend, ihn
blitzschnell verfolgte. Lächerlichkeit! Augentäuschung! es schien nur so. - Aber
wenn doch nur Gesima mit ihrem läppischen Geschrei aufhören wollte! sie verwirrt
einem vollends den Kopf damit. »Stille schweigen!« herrschte er ihr zu. Solch
eine Dummheit! Sie könnte einen schliesslich noch anstecken mit ihrer einfältigen
Angst.
    Und bückte sich, um ein zweites Tellerchen auszuwählen. Da gewahrte er etwas
auffällig Weisses im Geschiefer, ein ziemlich grosses Blatt Papier, das an den
vier Ecken mit Kieseln beschwert war; es lag kaum andertalb Schritt von ihm
entfernt, aber ganz nahe beim Wasser, so nahe, dass es fast vom Schaum bespült
wurde. Neugierig schob er sich mit vorsichtigen Drehungen hinzu, behändigte mit
einem raschen Griff glücklich den Fund und untersuchte ihn. Das Papier war
beschrieben, zwar bloss mit Bleistift, aber leserlich. Er buchstabierte und las:
»Hier stand ich vier Stunden. Der Mutter gedenkend kehrte ich um. Max, genannt
der Narrenstudent.« Schnell kniete Gerold nieder, kramte seinen Bleistift aus
der Tasche, stützte sich auf die Ellenbogen, und also, in vierfüssiger Stellung,
den Geschüttboden als Schreibtisch benützend, kritzelte er hastig eine
Nachschrift darunter: »Abscheulicher Mensch! den niemand gern hat, nicht einmal
sein eigener Vater! Gerold.« Und die Urkunde beschwerte er seinerseits mit
Steinen, gleichsam als einen Urteils-, Absage- und Fehdebrief.
    Hernach gedachte er in seiner Schützenkunst fortzufahren. Allein nun war es
auf einmal zuviel. Das unaufhörliche Heulen des brausenden Flusses, der haltlose
Zug der reissenden Strömung, das schwindelhafte Kreiseln der Geschwindwirbel mit
ihren Ungeheueraugen und schmatzenden Lippen, das verräterische Gebaren seines
Standbodens, der jeden Augenblick Miene machte, plötzlich bachab zu reisen,
hinterlistig, ohne Warnung und Vorzeichen, das alles, vereint gegen seinen Mut
unablässig anstürmend, ohne eine Sekunde Waffenstillstand, übermochte auf die
Länge endlich seine Kraft, und jählings packte ihn das Grausen. »Fort aus dieser
flüssigen Hölle!« schrie sein Herz. Noch gelang es seiner Tapferkeit,
ehrenhalber ruhig nach dem rettenden Ufer zu schreiten, stolz, in aufrechter
Haltung; kaum jedoch spürte er sich auf sicherem Erdboden, so rannte er in
toller Flucht den Wald hinauf.
    Dort sprang ihm die vor Angst weinende Gesima mit Vorwürfen entgegen, fasste
ihn am Ärmel und zerrte ihn mit sich, irgendwohin, einerlei, nur weg von der
gefährlichen Flut, fort aus dem unheimlichen Wald. Und beiden dünkte es, als ob
das schillernde Stromungeheuer hinter ihnen die Anhöhe heraufgestiegen käme, um
sie zu verfolgen, so dass sie anfingen, flüchtlings zu laufen. Bis von dem
schauerlichen Singen des Wassers nicht mehr der leiseste Ton zu vernehmen war;
da erst atmeten sie auf. Nun erzählte Gerold hastig von der Schrift des
Narrenstudenten, die er im Geschütt aufgefunden. Gesima schnupfte wegwerfend:
»Ein grausiger Mensch! isst Froschschenkel und gekochte Schnecken! Wäre er nur
ertrunken! Frau Balsiger mag ihn, ich nicht.«
    »Ja, aber wie kommen wir denn eigentlich aus dem Wald?« Das lustige Klingeln
eines Fuhrwerks wies ihnen die Richtung, und früher als sie gehofft hatten,
mündeten sie wieder in den lichten Tag und das freundliche Leben.
    »Aber mit dir gehe ich nie mehr von der Landstrasse ab«, schmälte Gesima,
»eher lasse ich mich von der Sonne rösten. Du magst mich dann meinetwegen als
Krebspastetchen verspeisen«.
    Es war ein förmliches Auftauen an Leib und Seele, das sie wollüstig überkam
in dem heissen Sonnenfang der Landstrasse, nach dem fröstelnden Schauder des
finstern Stromgrabes, und der neuerwachende Mut heischte, als Antwort auf die
erlittenen Schrecknisse und Bangnisse, das Plaudern. Die jüngsterlebten
Ferienwonnen schilderten sie einander; Gerold die Herrlichkeiten des
ungebundenen Schweifens über die Triften, die Abenteuer in Wald und Feld, in
Dorf und Stall, Gesima das stille Vergnügen in den kunstseligen Gemächern der
Familie Balsiger, von den Bildsäulen im Treppenhause erzählend, von den Gemälden
an den Wänden, von den Schränken voller Prachtbilderbücher, von dem Musikspiel
nach dem Nachtessen, mit Frau Balsiger am Klavier, Herrn Balsiger am Geigenpult,
und zuweilen komme auch der Pfarrer mit dem Cello.
    Allein Gerold hörte längst nicht mehr zu; über ihrem gleichförmigen
wohllautenden Kanarienvogelgezwitscher waren seine Gedanken unvermerkt nach den
Wolken ausgewandert, und an ihrer Stelle erschienen allerhand flüchtige
Träumereien, die sich allmählich zu einem einzigen Lieblingstraum verklärten,
seinem Traum, den er beständig im Herzen hegte: Er sah sich als Anführer der
sämtlichen schweizerischen Kadetten, in einer fürchterlichen Schlacht gegen die
verbündeten Kadetten Europas kämpfend; die Kanonen donnerten, der Pulverrauch
dampfte, dass einem vor Wonne Hören und Sehen verging. Schon war der Sieg
entschieden, der Feind floh, sämtliche Kanonen im Stich lassend, siehe, da
stürzte der Obergeneral der feindlichen Kadetten, ein engelschöner Knabe in
weisser Uniform mit goldener Schärpe und goldgestickten Aufschlägen, verwundet
vom Pferde. Er, rücksichtslos durch Freund und Feind sich Bahn brechend,
stürmisch zu ihm hin, half ihm, sich aufrichten, tröstete ihn liebreich, nahm
ihm sein Ehrenwort ab und versprach ihm Pflege und grossmütige Behandlung. Und
süss war der Dankesblick aus den blauen Augen des schönen Gefangenen.
    Da stupfte ihn Gesima: »Was sinnierst du?« Errötend wachte er hernieder. Er
solle ihr lieber von Aarmünsterburg erzählen, begehrte sie, als so langweilig
stumm neben ihr einherzuziehen. Also erzählte er ihr von Aarmünsterburg, ohne
Plan und Wahl, was ihm gerade zunächst einfiel. Sonst verabscheute er zwar
Aarmünsterburg, denn es war ja die Schulstadt, gehässig, mürrisch und zänkisch,
voller Aufgaben, Zeugnisse, Vorwürfe und Nachsitzen, aber merkwürdig, heute, in
der Abwesenheit, als er die Stadt jemand anders schilderte, erschien ihm das
nämliche, was er im wirklichen Leben hasste, teilnahmswürdig und erwünscht. Und
da sie seiner Rede aufmerksam lauschte, wurde er allgemach redselig.
    Gesima wünschte zu erfahren, wie es in einem Teater zugehe, und ob er schon
einmal in einer Oper gewesen sei.
    Ah! da leuchteten seine Augen. In der Regimentstochter war er gewesen. Und
nun schilderte er ihr begeistert die unermessliche Fülle von Herrlichkeiten, die
er in der Regimentstochter geschaut und gehört: das Orchester mit seinen
abenteuerlichen Instrumenten, die Bühne mit dem Vorhang und den wechselnden
Szenen, erzählte ihr den ganzen Hergang der Geschichte, sang ihr die lieblichen
Melodien vor und kam dermassen in Eifer, dass er selber gestikulierte und
schauspielerte und gar nicht mehr wusste, wo er war.
    Während dessen sah ihn Gesima unverwandt an, mit grossen, starren, glänzenden
Augen, mitgeniessend und mitgerissen, die geschilderten Herrlichkeiten anstaunend
und mehr noch seine Begeisterung, dieses Lodern einer fremden Feuerkraft aus
Seelengegenden, von welchen ihrem jungen kleinen Mädchenherzen bisher noch keine
Ahnung geflüstert hatte.
    Mit einem Sehnsuchtseufzer berichtete er dann in überschwenglicher Ekstase
von Marie, der Regimentstochter in Person, der entzückenden Heldin der Oper. Ein
Mädchen, so grundverschieden von den gemeinen Alltagsmädchen wie ein Engel von
einem sündigen Menschen. Heldenhaft, mutig und tapfer in Gebärde, Blick und
Gang, militärisch keck und frisch, in einer Art Uniformröckchen, ein Fässchen
angebunden, grüssend wie ein Soldat, und schön, schön! Eine farbige Schärpe um
die Schultern, ein kleines feines Mäulchen und prachtvolle Augenbrauen, die sie
zuweilen zornig zusammenzog; und wo sie auch ging und was sie auch tat, immer
schwebte ein unnennbarer Glanz um sie herum, der sie von allen andern Menschen
auf der Bühne unterschied. Und wie sie singen konnte! viel lieblicher und höher
als die übrigen, das trillerte nur so heraus. Aber das Aller-allerherrlichste
war doch, wenn sie mit dem Fuss stampfte und dazu fluchte: »Sapperment«,
»Sapperlot«, »Sackerlot«, einmal sogar »Donnerwetter«.
    »Ich kann auch Sapperment sagen«, flüsterte Gesima wehmütig und neidisch.
    »Du?« und betrachtete sie, als ob sie ihm Petri wunderbaren Fischzug
verspräche. Und als sie wirklich laut und deutlich Sapperment rief und mit dem
Fuss dazu stampfte, jubelte er hoch auf, umschlang sie mit den Armen und
quetschte sie einige Male. Plötzlich liess er sie los, sah scharf in die Ferne,
wo er einen wichtigen Gedanken bemerkte, dann legte er ihr die Hände auf die
Schultern und schaute ihr fest ins Gesicht. »Willst du, willst du nächsten
Winter am Kadettenball meine Tänzerin sein? Es wird dir nicht zur Unehre
gereichen, denn im Späterbst werde ich Offizier. Dann erscheine ich im Tanzsaal
mit einem Schleppsäbel und einer breiten roten Schärpe; Quasten und Fransen an
der Schärpe, die bis ans Knie reichen; in den Kragen und in die Aufschläge der
Ärmel (schwarzsamt, wie du siehst) kommen dann noch goldgestickte Granaten;
Lackstiefel und weisse Hosen verstehen sich von selbst. Also, willst du? Gesima?«
    »Unter der Bedingung, dass du mir eine Verbeugung machst.«
    Da wippte er mit dem Oberkörper.
    »Ja, aber von einem Offizier verlange ich bessere Verbeugungen, hübschere,
gefälligere. Du verbeugst dich so, dass man dir ansieht, du bist einmal ein
Storch gewesen. Komm, ich will dichs lehren.«
    Und führte ihn abseits in den Schatten eines Nussbaumes und erteilte ihm dort
auf dem Rasen eine kleine Ergänzungstanzstunde. Als ers schliesslich leidlich
hübsch konnte, gaben sie sich die Hand und verlobten sich feierlich zum
Kadettenball.
    Nachher setzten sie ihre Reise fort, nunmehr als erklärte Freunde und
Kameraden, traulich und herzlich. Die junge Eintracht machte sie so vergnügt,
dass sie von selber zweistimmig zu singen anfingen, immer die nämliche Melodie:
das jubelnde Siegestema aus der Regimentstochter, das ihnen, je öfter sie es
wiederholten, um so lieber wurde.
    Während des Singens schlenkerte Gerold zum Spiel Gesimas Arm von sich, um
ihn nach dem nächsten Schritt wieder aufzufangen wie einen Pendel; und ihr Arm
federte so flügelleicht, dass er dem gelindesten Druck seiner Finger nachgab.
Weil er aber dazu beständig in den blauen Himmel schaute, kam ihm vor, als ob
ihre Stimme nicht neben ihm, sondern dort oben jauchzte, mit himmelblauen Tönen
und silbersprühenden Aufleuchtern, sooft sie eine höhere seligere Note nahm.
    Wer ihnen begegnete, vermählte sie mit dem Blick, lächelte ihnen wohlwollend
einen Gruss zu und schaute ihnen nach. Eine Kleinkinderschar, die sie einholten,
gaffte sie mit offenen Mündern an. »Nehmt euch ein Beispiel«, mahnte die
Kindergärtnerin, auf Gerold und Gesima zeigend. »Tobias mit dem Engel Raphael«,
vermutete ein naseweises Stimmchen aus der Kinderschar.
 
                          Das verräterische Springseil
Also singend gelangten sie zu einem komischen Zwergstädtchen, das bloss aus einer
einzigen Strasse bestand. »Weidenbach«, belehrte Gesima. Am Eingang des
Städtchens stand Hansli in feindseliger Stellung, die Beine gespreizt, mit
höhnischem Gebärdenspiel ein Stück Brot vorzeigend und verzehrend, in der
Hoffnung, Neid zu erwecken; aber beim Näherrücken des gefährlichen Kanoniers
stahl er sich vorsichtig um die Ecke, den Durchpass freigebend, und die
Verbündeten zogen in Weidenbach ein.
    Appetitliche Gerüche von Fleischbrühe und Körbelkraut grüssten die
Vorübergehenden; aus kühlen, verhängten Stuben klapperten Teller und Löffel, ein
sonnenfeindlicher Hut- und Handschuhladen entsandte einen muffigen Hauch
fremdländischen Aroms. Durch schwarze Hausflure gewahrte man besonnte
Hofwinkelchen, ähnlich den Sentisbrugger Glückseligkeiten, nur auf andern
Stengeln. Auf der Schattenseite der Strasse trieb ein Scherenschleifer seinen
Wetzstein, dass das Schnurren und Kritzen das stille Städtchen erfüllte. Neben
ihm erschien, aus einem Hausgang tretend, von einem Völklein neugieriger Kinder
gefolgt, eine Magd mit einer Mäusefalle, gleichgültigen Blickes das Städtchen
nach Zerstreuungen absuchend, als ob sie ein Haushaltungsgeschäft besorgte wie
ein anderes. Eine aufgeregte Katze schmiegte sich kosend an ihre Füsse, weiche,
flehende Töne gespannter Mordlust jammernd. Schaudernd beschleunigte Gerold
seine Schritte und schaute kummervoll zum Himmel, ob nicht das teuflische
Henkerspiel dort oben einen Schmutzfleck in der Welt zurücklassen werde. Neben
der Herzensangst des Mitleids quälte ihn überdies ein dumpfes Schuldgefühl, da
ihm sein Gewissen zuflüsterte, alles, was immer geschehe, gehe die
Verantwortlichkeit sämtlicher Gegenwärtiger an. Und dazu surrte das Rädchen des
Scherenschleifers geschäftig weiter, und seine scharfen Messer kreischten so
schrill, dass es einen bis ins Knochenmark fror, wenn man sich an die Stelle des
Wetzsteines lebendiges Fleisch dachte. Als er aber seinen Abscheu vor dem
schauderhaften Benehmen der Katzen mit den Mäusen aussprach, wurde er von Gesima
gescholten.
    »Geschieht den Mäusen nichts als recht«, urteilte sie, »warum fressen sie
die Vorhänge!«
    Vor einem Zuckerbäckerladen am Ausgang des Städtchens gestand Gesima, Hunger
zu verspüren. »Ich habe kein Geld«, bedauerte Gerold. »Hingegen ich! fünfzig
Rappen!« Und überredete ihn einzutreten.
    »Guten Tag, Kinder, was ist euch gefällig?« fragte die freundliche
Verkäuferin. Nach einigem Zaudern entschied sich Gesima für Pomeranzen. »Wieviel
für fünfzig Rappen?« »Vier, und eine fünfte obendrein, weil ihrs seid. Aber ist
das nicht, oder täusche ich mich, Gesima Weissenstein von Bischofshardt? Wie
kommen denn Sie dazu, Fräulein, am heissen Mittag zu Fuss auf der Landstrasse zu
reisen? Wollen Sie nicht vielleicht ein wenig ausruhen und einen Teller Suppe
essen?« Doch Gesima verneinte dankend.
    Jenseits des Städtchens spähten sie nach einem Plätzchen, wo sie die
Pomeranzen am behaglichsten verspeisen könnten. Über dem Strassenbord auf der
Höhe eines Wiesenraines ruhten zwei Heuwagen, haushoch überladen, zur Heimfahrt
bereit, aber noch nicht mit Pferden bespannt. In den Zwischenraum dieser beiden
Wagen setzten sie sich wie in ein Stübchen, mit einer leuchtenden, weissen Wolke
zum Dach. Nun klaubte das Mädchen mit der Daumenbreite die dicken, pelzigen
Goldschalen zu einem Kranz auseinander und bot das Kunststück ihrem Beschützer
an. »Nimm!« Während sie so einträchtig schmausten, schlich sich unten auf der
Strasse Hansli herbei und guckte ihnen zu, furchtsam und begehrlich wie ein
fremder Hund vor der Gasttafel; es fehlte bloss, dass er winselte. »Kannst
fasten«, riefen sie ihm schadenvergnügt zu, »hasts verdient, ist dir gesund«,
und so oft sie eine Pomeranze erledigt hatten, schickten sie ihm die Schalen ins
Gesicht. Dann warf er den Kopf nach allen Richtungen, wie der Dächsel, wenn eine
Wespe vorüberfliegt, prüfte mit gierigem Blick die enttäuschende Bescherung und
nahm betrübt seine demütige Kapuzinerstellung wieder ein.
    Ein Hausierer, den Wiesenrain schräg hinansteigend, erschien vor dem
luftigen Speisestübchen, auf den Schultern statt der Epauletten grellfarbige
Tücher, Hosenträger und Springseile, in dem baumelnden Hängekorbe Knöpfe, Ringe,
Nadeln, Salben, Schwefelhölzchen, ein ganzer Jahrmarkt. Und beim Gehen stützte
er den Korb mit dem Knie, als ob er Drehorgel spielen wollte.
    Gerold liess er unbehelligt, dagegen das Mädchen suchte er mit zudringlichen
Aufmunterungen heim, indem er ihr die Kinkerlitzchen vor die Augen spiegelte.
Sie bog verächtlich den Kopf weg, als ob er ihr Ungeziefer vorgehalten hätte.
Als jedoch ein Springseil an die Reihe kam, glänzten ihre Augen. Nun erlaubte er
ihr, das Springseil versuchsweise zu benützen. Da sprang sie lustig in dem
Schwungrade herum, wie der Mann im Monde, warf dann plötzlich das Seil weg,
setzte sich nieder und schloss die Augen, dem Händler den Rücken kehrend. Jetzt
hielt jener das Seil dem Gerold unter die Nase, so lange, bis dieser ganz
verlegen wurde. »Wir haben kein Geld«, munkelte er endlich kleinlaut und wandte
sich ebenfalls ab.
    Nachdem der Krämer noch eine Zeitlang in seiner Verkaufsstellung beharrt
hatte, ohne sich um die verneinende Mimik des Kanoniers zu kümmern, stieg er den
Rain hinab auf die Strasse und machte sich an Hansli, welcher, die Hände in den
Hosen, dem Handel aufmerksam zugesehen hatte. Der gaffte eine Weile das
Springseil an, schnitt dann plötzlich ein schlaues Gesicht, griff in die Tasche
und zeigte mit einladenden Winken dem Mädchen seinen Fünffrankentaler. Sofort
eilte Gesima zu ihm hinunter, schmiegte sich an ihn und empfing nach kurzer
Verhandlung das ersehnte Springseil zum Geschenk glückselig aus Hanslis Händen.
Hierauf zogen sie beide, Hansli und Gesima, fröhlich ab, mit den Schultern
aneinanderklebend und unter geheimnisvollem Zischeln spöttische Blicke nach dem
verlassenen Kanonier zurücksendend, welcher mit zornigen Schritten nachfolgte,
um das treulose Mädchen zur Pflicht zurückzumahnen.
    »Du bist ja bloss ein Storch!« rief sie ihm schnippisch zu, sobald sie einen
überfallssichern Zwischenraum hinter sich gelegt hatte, und Hansli ergänzte die
Schmähung, indem er es für vollständig richtig und vernünftig ausgab, dass Gesima
keine Gemeinschaft mit einem so unwissenden Buben pflegen möge, der mit elf
Jahren noch nicht einmal gelernt habe, dass man nur ein einziges Mal auf der Welt
sei und das nämliche Erlebnis nicht zweimal erlebe. Hiermit liefen sie beide in
siegreichem Trab davon, mittelst dessen sie sich rasch entfernten. Dazwischen
hopsten sie zur Abwechslung beiläufig über die Steinhaufen zu beiden Seiten der
Strasse, Hansli zu Fuss, seine Freundin im Flug durch das Schwungrad; schliesslich
tauchten sie am Horizont unter, Stück für Stück von den Füssen aufwärts, bis sie
gänzlich versanken.
    Gerold aber war empört, einfach empört. Erstens darüber, dass seine
Reisegefährtin, mit welcher er vor wenigen Minuten noch so traulich die
Regimentstochter gesungen, seine Verbündete, mit welcher er sich zum
Kadettenball versprochen hatte, verräterisch zum Feinde überlief, zweitens über
die schändliche Veröffentlichung seiner Geheimnisse. Es war das erste Mal
gewesen, dass er überhaupt einem Menschen mitgeteilt hatte, er sei ein Storch
gewesen und erlebe manches zweimal; wenn er es Gesima anvertraut hatte, so war
das selbstverständlich unter der stillschweigenden Bedingung geschehen, sie
betrachte es als einen Beweis der Freundschaft und behalte es bei sich. Und nun
geht sie und schwatzt es aus und gibt ihn der Lächerlichkeit preis! Das fand er
gemein, einfach gemein. Vor Groll stiess er mit den Fussspitzen den Staub vor
seinen Füssen auf, dass er wie in einer Wolke einherwandelte. Dann warf er das
treulose Geschöpf verächtlich aus dem Sinn. Was brauchte er eine Gesima! was
ging ihn das ganze falsche Mädchengeschlecht an! Er hatte Besseres als das:
seinen schönen Kadettengeneral, der ihm nicht untreu werden konnte, weil er ja
sein Gefangener auf Ehrenwort war. Und nun überliess er sich wieder der
beseligenden Vorstellung, wie der schöne Feind, vor ihm auf das linke Knie
sinkend, sich ihm ergab, indem er ihm den Säbel waagrecht hinreichte und mit
seinen blauen Augen um Gnade flehte. Weiter vermochte er die Geschichte mit
aller Gedankenanstrengung nicht zu führen, er fiel ewig in diese einzige Szene
zurück, die aber entielt eine solche Süssigkeit, dass er gar nicht ungerne daran
kleben blieb, wie die Fliege an einem Milchtropfen.
    Während er dieses wonnige Erlebnis im Herzen abhandelte, schickte er
gleichzeitig seine Blicke in die Wirklichkeit auf die Weide; das eine störte das
andere nicht; im Gegenteil: je andächtiger er dem inwendigen Bilderspiel
zuschaute, desto schärfer sahen seine Augen nach aussen.
    Die Strasse führte durch grüne Wiesen und gelbe Rapsäcker wie zwischen
blühenden Gartenbeeten. Oben am lerchendurchjauchzten Himmel türmten sich
leuchtende Weisswolkenberge, in den Feldern gaukelte eine Kavallerie von
Schmetterlingen, und die ganze Welt war vom Sonnenglast wie mit Fenstern
überspiegelt, so dass die Luft flimmerte und zitterte. Von Menschen war keine
Spur zu erblicken, wahrscheinlich wegen der sogenannten Mittagshitze. Was sie
doch immer für ein unbegreifliches Gezeter gegen die Hitze anhoben, die
Erwachsenen! Er hatte den Grundsatz: je heisser, desto lieber, denn je heisser,
desto mehr Farben zwischen Himmel und Erde, desto mehr Wohlgerüche im Walde,
desto mehr Leben auf dem Felde.
    Dagegen Bremsen, ja, deren gab es eine Unmenge; von allen Nummern und
Tonarten. Die summten dumm-tölpisch um ihn herum, wie betrunkene Racheengel um
ein böses Gewissen; seine gesamte Uniform von oben bis unten war von den
Musikanten gesprenkelt, grau auf dem dunkelgrünen Waffenrock, schwärzlich auf
den hellen Hosen. Die Bremsen nahm er gelassen mit, liess sich auch von den
Blutstropfen nicht ärgern, die ihm von den Wangen herunterrieselten. Nur wenn
ihn eine gar zu frech in die Hand stach, zielte er, ohne sich zu beeilen, nach
dem Blutsauger und patschte ihm auf den Kopf. Dann fiel das Glotzauge rücklings
auf die Strasse, gabelte mit den Beinen, spielte mit den Armen Violine und
vergrub sich mit rüttelnden Bewegungen in den Staub.
    Er war zufrieden, und ihm war wohl. Hatte er nicht recht gehabt? was
brauchte er Gesima! allein war ihm am wohlsten.
 
                              Beim Narrenstudenten
Ein sonderbarer Mensch, wie ein Schauspieler, aber mit einer Brille auf der
Nase, trat auf ihn zu, grüsste ihn beim Namen und fragte ihn, warum er so fidibum
fideralla einherziehe, als ob die Welt ihm gehöre.
    »Weil mir wohl ist.«
    »Amen«, sprach der Fremde.
    »Oder ist denn das etwas Böses?«
    »Im Gegenteil, etwas ganz Vorzügliches, Beneidenswertes. Aber bist du denn
Beelzebub, der Fliegenkönig, dass du beide Backen schwarz voll Bremsen hast?
warum scheuchst du sie nicht weg?«
    »Weil ich sie liebe.« Da aber bei diesem Spruch der andere hellauf lachte,
fügte er schnell zur Entschuldigung hinzu: »Sie tönen so angenehm; das heisst,
nicht die gewöhnlichen, sondern die ennetbirgischen, die welschen.« Und als der
Unbekannte ihn mit aufgeräumter Miene ersuchte, er möge ihn doch gefälligst den
welschen Bremsen vorstellen, da er noch nicht die Ehre habe, sie zu kennen, nahm
ihn Gerold zu sich heran, hiess ihn stillestehn und sagte dann nach einer Weile:
»Hörst dus jetzt? peing, pang, wie eine Metallsaite.«
    »Wahrhaftig, du hast recht. Du verstehst vielleicht mehr von der Schönheit
als ich mit all meinem Studieren. Überhaupt, weisst du, Gerold, du kommst mir vor
wie ein Fink in einem blühenden Zwetschgenbaum, der es ganz selbstverständlich
findet, dass ihm ein grünes Nest unter dem Leibe wächst. - Wollen wir ein bisschen
zusammen wandern?«
    »Nein.«
    »Oha!« lachte der Unbekannte, schob die Brille auf die Stirn und tippte sich
mit der Hand auf die Nase, »da hast dus!« Hernach entfernte er sich, indem er
ein Buch hervorzog und eine zweite Brille aufsetzte.
    Jetzt merkte Gerold, dass er den Narrenstudenten vor sich hatte. Flugs sprang
er in den Busch, raffte einen halbdürren Baumast vom Boden und schlug damit dem
Unhold über den Bauch.
    »Oho!« schrie dieser und zog ein Bein zum Schutz empor. Nun brach Gerold den
Baumast übers Knie und schmiss ihm die Stücke einzeln ans Bein.
    »Hopla, du grober Gesell!« rief der Narrenstudent, »jetzt wird mirs denn
doch zu stark«, packte ihn am Arm und heischte drohend Auskunft, warum er so
völkerrechtswidrig behandelt werde.
    »Weil du der Narrenstudent bist«, versetzte der Kanonier trotzig, mit
herausfordernder Miene.
    »Das stimmt«, sagte der Narrenstudent kopfnickend und liess den Arm fahren.
Dann fügte er mit einem eigentümlichen Lächeln hinzu: »Ein jeder, wie ers
versteht. Du bist halt auch ein Stück öffentlicher Meinung; und keines von den
schlechtesten. Es wäre vielleicht erträglicher, wenn einem die andern ebenso
offen und ehrlich auf den Bauch schlügen; das ist ein Stimmungsausdruck wie ein
anderer; und man weiss doch, woher es kommt, und kann sich dagegen wehren. Aber
so kannibalisch brauchtest du deswegen gleichwohl nicht zu hauen, ich hätte auch
eine blosse Andeutung verstanden. Wer weiss, ob du nicht selber einmal in den
Wäldern herumläufst, der Welt zum Spott, wenn du einmal mein Alter hast und der
Engel mit dem feurigen Angelhaken kommt. Ich möchte dirs zwar nicht wünschen;
aber du siehst mir gerade danach aus, mit deinen Johannisaugen.«
    Doch Gerold hatte Wichtigeres zu tun als zuzuhören. Ein Krokodil aus grünem
Stein, das der Narrenstudent an der Uhrkette hängen hatte, bezauberte seinen
Blick. »Nicht wahr, das ist ein wunderbares Krokodil?« lachte der Narrenstudent.
»Wenn du mich in meine Einsiedelei begleiten willst, so zeige ich dir noch viel
merkwürdigere Sachen. Willst du?«
    Gerold nickte und folgte dem Narrenstudenten in den Wald; über weiches Moos,
längs einem Bächlein, neben Felsblöcken vorbei.
    »Gelt, du hast sie lieb, deine Gesima?« forschte der Narrenstudent
unterwegs.
    »Ich hasse Gesima, denn sie ist ein falsches Mädchen.«
    »Das ist kein Grund; man kann auch falsche Mädchen liebhaben, die
falschesten vielleicht sogar am liebsten. Nicht wahr, das begreifst du nicht?
Ich will dirs erklären: hast du jemals ein Eichhörnchen gehabt?«
    »In einer Drille.«
    »Hat es dich nie heimtückisch in den Finger gebissen?«
    »O ja, mehr als einmal, wenn ich ihm zu fressen gab.«
    »Und hast du dafür das Eichhörnchen totgeschlagen oder fortgeworfen?«
    »Das wäre doch schade. Ich habe einfach dazu gelacht.«
    »Nun siehst du, gerade so muss mans mit den Mädchen machen, wenn sie falsch
sind und einem hinterlistig wehtun. Nicht sie deswegen fortstossen, das wäre
schade, sondern einfach darüber lachen. Was hat sie dir denn so Schlimmes
angetan, deine Gesima? lass hören.«
    Da erzählte ihm Gerold alles von Anfang an, von ihrer Freundschaft, von
ihrem Bündnis zum Kadettenball, von der schmählichen Untreue Gesimas wegen des
Springseils.
    »Und jetzt sinnst du wahrscheinlich auf Rache?«
    »Das heisst, wenn ich eine Rache wüsste, welche nicht boshaft und unedel
wäre.«
    »Ich weiss dir so eine; eine fürchterliche Rache, und doch keine boshafte und
unedle! Nimm du sie am Kadettenball fest um den Leib und tanze mit ihr so lange,
bis sie um Hilfe schreit, vorwärts und rückwärts, linksum und rechtsum, und
erlaube ihr den ganzen Abend nicht mit einem andern zu tanzen oder auch nur ein
Wörtlein mit jemand anders zu reden als mit dir.«
    Gerold lachte vergnügt: »Das ist gut! Das will ich mir merken. Und nicht
wahr, deshalb, weil ich sie zum Kadettenball eingeladen habe, brauche ich sie
deswegen noch lange nicht zu heiraten?«
    »Kein Gedanke! noch lange, lange nicht.«
    »Wen heiratet man eigentlich?«
    »Seine künftige Frau.«
    »Ich meine nicht so. Ich meine: wie kann man wissen, wen man heiraten soll?«
    »Das macht man folgendermassen: man stellt sämtliche Mädchen der ganzen Stadt
in eine lange Reihe und hält an jede das Ohr daran, wie der Doktor, wenn man den
Husten hat. Und jene, welche seufzt, als wenn sie zu viele Pastetchen gegessen
hätte, die heiratet man.«
    »Das ist nicht wahr, das glaube ich dir nicht.«
    »Es ist freilich wahr, nur hat bei mir die Wahrheit einen Fastnachtdomino
an, weil ich halt der Narrenstudent bin.«
    »Ich möchte gern etwas Dummes fragen«, begann Gerold nach einer Pause
zögernd.
    »Bitte inständig, tu mir den Gefallen. Eine gesunde Dummheit fragen zu
hören, nachdem man so viel anspruchsvollen Aberwitz hat müssen behaupten hören
wie ich, das ist ja eine wahre Erlösung. Also bitte, Gerold, erbarme dich: frag
eine Dummheit.«
    »Ich fürchte, dass du mich auslachen wirst.«
    »Ich lache niemals eine Dummheit aus, bloss eine Weisheit. Also, mutig!
närrischer als ich bin kannst du doch nicht fragen.«
    »Warum muss man durchaus ein Mädchen heiraten und nichts anderes?«
    »Ja, wolltest du lieber einen Heuschreck heiraten?«
    »Das nicht, aber -«
    »Aber?«
    »Meinen schönen Gefangenen.«
    »Was ist das für ein Bruder Benjamin?«
    Da erzählte ihm Gerold errötend sein Geheimnis von dem schönen feindlichen
Kadettengeneral, der ihm seit einem Jahr täglich erscheine, sobald er allein sei
und nachts im Bette, im Wachen wie im Traum.
    Der Narrenstudent stand mit offenem Munde still: »Sag einmal, du
Riesenpudding von einem Knirps, wie alt bist du denn eigentlich?«
    »Elf Jahr und zwei Monate.«
    »Elf Jahr und zwei Monate! und schon Engeleien im Kopf! Gerold, du bist ein
Phänomen.«
    »Was bedeutet das: ein Phänomen?«
    »Nichts Beleidigendes. Und wenn du je einmal das Wort Phänomen schreiben
musst, so tu mir den Gefallen und setz ein Ph an den Anfang oder meinetwegen,
wenns nicht anders geht, ein F, nur nicht ein Pf, wie der Präsident vom
Niedereulenbacher Cäcilienverein. Um aber auf deinen holden Kadettengeneral
zurückzukommen, so will ich dir, weil du mir dein Geheimnis anvertraut hast,
auch etwas Geheimnisvolles verraten, glaubs oder glaubs nicht, aber merk dirs
und behalt es: der Kadettengeneral verwandelt sich später, mag sein in fünf, mag
sein in sieben oder acht Jahren, in ein lebendiges Mädchen, das du sehen kannst
und das Gerold mit einem langen, langen e zu dir sagen wird, wie wenn ein h
dahinterstände. Hast du sonst noch etwas zu fragen?«
    »Ja. Warum erlaubt der liebe Gott den Katzen, die Mäuse so grausam zu
martern, statt sie gleich zu töten?«
    »Wo hast du den lieben Gott her?«
    »Aus der Bibel.«
    »Und vom bösen Teufel, steht da nichts in der Bibel?«
    »Freilich, allein der Herr Pfarrer hat uns in der Religionsstunde gesagt, es
gebe doch keinen Teufel.«
    »Sag dem Herrn Pfarrer einen Gruss von mir, und ich lasse ihm sagen, er sei
ein Gummipfarrer; aber warte erst, bis du alle Examen gemacht hast, ehe du ihm
das sagst. Überhaupt? Gerold, nimm dich in acht, du fängst an zu denken, das ist
ein verpöntes Handwerk, ein unpatriotisches, gemeinschädliches,
menschenfeindliches. Wenn du so fortfährst, machst du dich erstens rundum
verhasst, und zweitens findest du eines Morgens das Narrenpatent neben deiner
Kaffeetasse, verlass dich darauf! Denk nicht, Gerold! Denk nicht!«
    Unter solchen Gesprächen waren sie vor ein Mooshüttchen angekommen, auf
dessen Dache eine papierene Windfahne sich drehte, einen helmbewehrten Jüngling
und eine gräuliche Hexe darstellend, der Jüngling mit einer Rute, die Hexe mit
einem Besen in der Hand. »Das ist meine Wetterfahne«, erläuterte der
Narrenstudent, »wenn der Jüngling die Hexe in die Flucht schlägt, gibt es
schönes Wetter in der Welt. - Doch treten Sie gefälligst ein, Herr Kommandant,
es ist eine Bank im Hüttchen, Platz genug darauf für zwei räudige Böcklein, wie
wir sind. - So, jetzt mach dirs bequem. Und sieh dir an, was du magst, du darfst
alles hervorziehen, alles öffnen, alles herausnehmen; für dich habe ich weder
ein Verbot noch ein Geheimnis, und Ordnung gibts bei mir nicht. Unterdessen will
ich den Altar rüsten. Falls du irgendeine Auskunft brauchst, so frag nur, ich
bin dicht nebenbei und höre jedes Wort, das du sagst.« Damit verliess er das
Hüttchen.
    Gerold aber zog eine Kiste unter der Bank hervor und kramte darin. Alte
Münzen kamen zum Vorschein, Versteinerungen, gepresste Pflanzen,
verschiedenfarbige Gläser. »Nicht wahr«, lachte der Narrenstudent, den Kopf
durch eine Lücke in der Wand steckend, als Gerold unersättlich die Gläser vor
die Augen hielt, »nicht wahr, wie die Welt ein verschiedenes Gesicht macht, je
nach dem Glas, durch welches man sie ansieht?«
    »Warum ist dieses Heft leer?« fragte Gerold.
    Wieder steckte der Narrenstudent den Kopf durchs Guckfenster. »Das Heft ist
nicht leer, sondern das ist eine Art Zauberheft, mit sympatetischer Tinte
bemalt; wenn du lange Zeit scharf auf ein einziges Blatt siehst, so kommt etwas
Wunderbares.«
    »Ja, jetzt sehe ich etwas, aber undeutlich. Früchte und Blumen oder so etwas
Ähnliches.«
    »Recht so, aus den gläubigen Büblein wachsen die trotzigen Männer; weisst du
auch, Gerold, dass du ein Sonntagskind bist?«
    Gerold schüttelte den Kopf. »Ach nein«, entgegnete er betrübt,
»Sonntagskinder sind immer die jüngsten von mehreren Brüdern, ich aber bin der
ältere von zweien.«
    »Irrtum, mein Lieber! Irrtum! Man ist immer der Jüngste, wenn man in den
tiefen Brunnen hineinlebt, wo die Zeit mit dem Eimer die Gegenwart aus der
Ewigkeit schöpft; und ein Sonntagskind bedeutet nicht einen Menschen, dem alles
von selber gelingt, so einen gibt es in der Wirklichkeit gar nicht, sondern
einen solchen, der über die grauen Werktage hinweg schliesslich an einen roten
Heiligen gelangt, einerlei wann und wie. In der Zwischenzeit geht es mitunter
dunkelbraun und schwarz zu. Tut weh, aber schadet nichts.« Nach diesen Worten
verschwand sein Kopf wieder aus der Luke.
    »O!« rief Gerold entzückt, mit saugendem Atem.
    »Was freut dich so? sag an, beschreib.«
    »Eine wunderschöne Reiterin, prächtig mit Wasserfarben gemalt. Hast du das
gezeichnet?«
    »Ich weiss nicht, was für eine Reiterin du meinst.«
    »Sie sitzt auf einem Schimmel und gleicht ein wenig Gesima. Darunter steht:
Hilda Maria Anita von Weissenstein, geb. Freiin - was heisst das, geb. Freiin?«
    Der Narrenstudent kam aufgeregt zur Tür hereingeschossen. »Wo hast du das
Bild gefunden? Komm, wir wollen es geschwind wieder verstecken.« Und schob es
hastig in eine Mappe, die er mit einem Schlüsselchen verschloss. Dann bekam er
einen langen, peinlichen Hustenkrampf.
    »Gerold, ich beneide dich um deinen Kadettengeneral«, seufzte er dann, als
er wieder ein wenig zu Atem kam, »du hast ihn besiegt, er ist dein Gefangener
und bleibt bei dir. - Meine Generalin dagegen - o weh! - Doch komm jetzt, der
Altar ist gerüstet.«
    Auf einen Steinschemel neben der Hütte war ein rotes Tuch gebreitet, und
darüber in einer nackten Felsennische standen zwei farbige Wachskerzchen
geklebt, »eins für dich und eins für mich«, belehrte er, »das Heiligenbild
dahinter muss man sich hinzu denken; jeder, was er am liebsten hat; das ist sein
Heiligenbild. Und jetzt wollen wir zu dem Heiligenbild beten, ganz kurz -, du
darfst dich setzen, hier auf den Schemel, und brauchst keineswegs die Hände zu
falten. Möge uns von denen, die wir liebhaben, niemals Böses geschehen. Das
genügt; das Gebet ist aus. Und jetzt kommt der Gesang, allein vorher zünden wir
die Kerzen an.« Nachdem er die Kerzen angezündet hatte, nahm er eine Geige zur
Hand und spielte ein Vorspiel, kunstvoll und rein, wie ein Musiker; dann begann
er auf lateinisch ein Lied zu singen, während er sich mit der Geige dazu
begleitete; das Lied klang so ernst und traurig, dass Gerold trotz dem Verbot die
Hände faltete; und die Stimme des Narrenstudenten, sonst schwach und farblos,
tönte, während er sang, überraschend stark und doch sanft und wohllautend,
ungefähr wie der Ton eines Cello. Gerold hörte andächtig zu; befriedigt im Gehör
und in der Seele; ihm war, er sässe in einem Kirchenkonzert.
    Plötzlich flog ein Stein, durch Sträucher rauschend, gegen das Hüttchen. »Da
hast dus«, sagte der Narrenstudent traurig, indem er schnell die Geige weglegte,
»Violinspiel und Singen am hellen Tage reizt ihren Hass. Gerold, Gerold, glaub du
an Teufel! und zwar an viele, viele Teufel! Das da war der Gemeindeteufel
Populo, der alles anfeindet, was anders und ungewohnt ist, ob es schon niemand
das mindeste zuleid tut. - Geh du jetzt deiner Wege, der Aufentalt beim
Narrenstudenten ist nicht ratsam.« Als sich jedoch Gerold dankend entfernen
wollte, fügte er hinzu: »Halt! hollah! nicht so schnell! Dich begleiten wir. So
einen muss man auf die gebahnte Strasse stellen, sonst bleibt er uns an einer
wohlriechenden Staude hangen. Nach welcher Richtung zieht es dich? Gesima zu
oder Gesima entgegen?«
    »Gesima entgegen.«
    »Gut, so führen wir dich Gesima entgegen.« Und schritt ihm durch den Wald
voran.
    Während sie so hintereinander gingen, berichtete Gerold seine leichtsinnige
Tat mit dem geschenkten Fünffrankenstück. Was er ihm rate, dass er nun tun solle;
kommen lassen, was von selber kommen werde, oder der verdienten Strafe durch ein
Bekenntnis entgegengehen.
    »Überlass das mir; ich werde es heute abend Papa erzählen; er wird nicht bloss
nicht ungehalten über dich sein, sondern an dem Dragonerstücklein eine unbändige
Freude haben, ich kenne ihn.«
    »Hast du nicht Angst vor deinem Papa?«
    »Man hat niemals Angst, für einen andern etwas zu tun. - So, hier sind wir
an der Landstrasse. Geh jetzt nur schräg über den Weg zu jenem Häuschen dort, wo
geschrieben steht Altäusli, und leg dich auf die Bank vor der Haustür, du wirst
dann schon sehen, was kommt. - Worauf wartest du noch? warum guckst du mich so
sonderbar an?«
    Gerold schaute verlegen auf seine Schuhe. Er danke ihm für alles, stammelte
er, und es reue ihn, ihn anfänglich geschlagen zu haben, aber er könne es leider
nicht aussprechen, weil er den Satz es tut mir leid nicht herausbringe, so sehr
er sich auch Mühe gebe.
    Der Narrenstudent lachte. »Auf den Stuhl gelegt ist auch abgeliefert; ich
nehms für empfangen.«
    Doch Gerold war damit nicht zufrieden. Er finde es so schön und edel zu
sagen: Es tut mir leid. Ob er ihm keine Anweisung geben könne, wie man es
anfange, um diesen Spruch hervorzuringen.
    »Das kommt dir plötzlich ganz von selber, wenn du einmal einen Menschen so
recht von Herzen gern haben wirst. Die vier Wörtlein kommen dir dann so willig
und lustig mit allen vier Beinen zwischen den Zähnen herausgesprungen, wie ein
Rösslein über einen Zaun. - Fehlt dir immer noch etwas?«
    »Ja, das Schlimmste von allem.« Und berichtete ihm von der Schrift, die er
heute morgen unten im Waldgraben, im Geschiebe der Aar gefunden und was für ein
Urteil er darunter geschrieben: Abscheulicher Mensch, den niemand gern hat,
nicht einmal sein eigener Vater. »Aber ich würde es jetzt nicht mehr schreiben,
ich weiss jetzt, dass es nicht wahr ist.«
    »Doch, doch, es ist wahr; du hast buchstäblich richtig geschrieben. Ich bin
ein abscheulicher Mensch, den niemand gern hat, nicht einmal mein eigener
Vater.« Dann fing er an zu husten, steckte den Hals zwischen die Schultern und
rannte mit heftigen Armschwüngen in den Wald zurück.
    Nun hätte ihm Gerold gerne nachgerufen: Es tut mir leid, allein es war zu
spät, der Narrenstudent war schon weit weg, im Gebüsch verschwunden. Also tat
er, wie ihm befohlen war, und zog quer über die Strasse schräg bis zum Altäusli
und legte sich dort auf die Bank neben der Haustür, den Kopf über die Lehne, die
Beine über die andere Lehne, denn die Bank war viel zu kurz für ihn.
 
                                  Im Altäusli
Als er eben daran war, mit der Behaglichkeit recht in Zug zu kommen, betastete
eine feuchte, kalte Hundeschnauze seine Wange, und zwei blutunterlaufene Augen
glotzten ihm ins Gesicht, entschuldigten sich jedoch sofort mit gutmütigem
Blinzeln, als wollten sie sagen: Ach so, du bists. Hierauf paradierte das ganze
Ungeheuer mit seinem Zottelpelze vorüber, unter freundlichen Krümmungen von
Station zu Station das schwappige, schwarzangerauchte Mundstück an den Körper
des Liegenden stossend. Nachdem das gesamte Zotteltier mit Einschluss des
Schweifes an ihm vorbeidefiliert war, erwies es sich, dass das Ungeheuer eine
Patrontasche nach sich schleifte, über welche es sich mit kläglichem Wedeln
beschwerte. Aus der Patrontasche zog Gerold den Schluss: der Hansli ist in der
Nähe. Es dauerte auch nur wenige Sekunden, so kam dieser aus dem Hausgang
gestürmt, mit rechtaberischem Lärm seine Patrontasche heischend. Wehe! da
gewahrte er mit einem Schreckensschrei den beleidigten Bruder. »Gesima, gib
acht, der Gerold ist da!« warnte er gellend als getreuer Rehbock seine Rieke und
rettete sich mit schleuniger Flucht.
    Gerold rührte sich nicht, aber rüstete heimlich seine Fäuste zum Empfang,
die Augenlider tückisch bis auf die Wimpern geschlossen wie ein Kater, der etwas
piepsen hört. Nach einiger Erwartung schien ihm, er röche etwas wie
Veilchenduft; während er danach schnupperte, hüpfte ein Taschentuch, zu einer
Gürtelmaus gedreht, über sein Gesicht, mit Ohren begabt und einem fabelhaft
weitschweifigen Schwanze. Die Gürtelmaus schleuderte er auf die Landstrasse. Dann
glitt ihm ein eiskaltes Steinchen zwischen Haut und Kragen den Rücken hinab,
immer tiefer, Wirbel für Wirbel. Jetzt war er seiner Sache sicher: »Gesima!«
Richtig, er hörte sie kichernd flüchten. Ergrimmt klemmte er die Lippen zwischen
die Zähne und manövrierte sich unauffällig in eine bessere Angriffslage, mit den
Zehen den Boden suchend. Lange Zeit regte sich nichts Verdächtiges mehr.
Unversehens wurden ihm die Ohren von zwei weichen Händen verschlossen und seine
Lippen von oben herab mit einem Kuss versiegelt. Voll Wut über diese unreinliche
Gewalttat schnellte er zornschnaubend auf die Füsse. Oha, diesmal war es nicht
Gesima, sondern die fremde Frau, die er gestern im Postwagen zu Schöntal
gesehen hatte. Während er sie verblüfft anstarrte, presste sie ihm mit beiden
Händen die Backen zusammen, so dass seine Lippen zwei Kissen bildeten, aber statt
nun von ihm zu verlangen, er solle Pfaff sagen, wie er meinte, dass sie tun
werde, küsste sie ihn plötzlich noch einmal. So unappetitlich das war, so wagte
er doch nicht zu murren. Jetzt erschien auch ihr Begleiter, der schöne Herr, auf
der Schwelle. »Kommen Sie, Herr Oberst«, sagte er, mit einem lieblichen Lächeln
um die Mundwinkel, das ihn an den Dolf gemahnte, »das Mittagessen wartet schon
seit zwei Stunden auf Ihro Gnaden.« Hiemit legte er ihm die Fingerspitzen auf
die Schulter und schob ihn mittels einer sanften Drehung des Handgelenkes in den
Hausgang.
    Im Winkel einer modrigen Veranda war für ihn gedeckt, hinter einem Vorhang
trocknender Wäsche, welche beim Durchkriechen in ihrer ganzen Reihe erbebte.
»Guten Appetit«, wünschte das fremde Paar und verzog sich über ein Brücklein
nach dem Gemüselabyrint eines verwilderten Gartens. Gleich darauf erschien ein
kleines, lebhaftes Jüngferchen mit einer Suppenschüssel, stellte die Schüssel
auf den Tisch und setzte sich neben Gerold. Erst wartete sie, bis er ein paar
Löffel voll gegessen hatte, dann fing sie an, ihn auszufragen.
    »Also in der Friedlismühle seid ihr, scheint es, übernachtet?«
    »Ja«, antwortete er kurz, denn er war am Essen.
    »Und Tante, hat sie gemeint, solltet ihr zu ihr sagen?« »Wer?« »Nun, die
lange Terese.« »Ja.« »Und hast du wirklich Tante zu ihr gesagt?« - »Nein.« Da
streichelte sie ihm freundlich über den Kopf. »Der Hansli behauptet«, fuhr sie
fort, »der Dolf hätte dich beim Abschied beiseite genommen und dir etwas
zugeflüstert oder zugesteckt. Hat er dir etwa einen Auftrag an mich gegeben oder
einen Brief?« »Ja, wer bist du denn eigentlich?« »Das Marianneli.« »Ach so, du
bist das Marianneli, ja, ich habe einen Brief für dich, ich weiss aber nicht mehr
genau wo«, und fing an, in seinen Taschen zu kramen. »Ich will dir suchen
helfen«, rief sie, warf sich hitzig über ihn, befühlte, betastete, begriff
seinen Rock und seine Hosen und durchwühlte ihm seine Taschen wie ein
Zollbeamter, wobei sie ihm unbefangen ihren heissen Atem ins Gesicht hauchte, als
wäre er niemand. »Jetzt erinnere ich mich«, rief er plötzlich, »im Futter des
Käppi.« Wie eine Katze fuhr sie danach, riss den Brief heraus und schnellte damit
in die Ecke, überflog ein paar Zeilen, zerknitterte dann plötzlich das Papier
mit der Faust, warf es weit von sich und rannte mit erbarmungswürdigem
Schluchzen ins Haus. Ihrem Schluchzen antworteten drinnen Verwünschungen und
Scheltworte, erst einstimmig, dann mit wachsender Stimmenzahl, bis in den
Oberstock, wo ein wüster Lärm anhob. Immer flennte das Mädchen zum Erbarmen, und
je verzweifelter sie weinte, desto ungebärdiger tobten die übrigen. Gerold aber
konnte nicht fassen, wie man jemand, der ohnehin unglücklich ist, obendrein noch
schelten könne. Auch das kam ihm unbegreiflich vor, dass der gute, freundliche
Onkel Dolf, während er doch selber traurig zu sein schien, einen Brief sollte
geschrieben haben, der einem andern Menschen wehe tut. Wie können überhaupt
Briefe so schrecklich schaden auf Entfernungen, wo selbst ein Kanonenschuss nicht
reicht? Und dass er selber als Protzwagen hatte dienen müssen, der dem armen
Marianneli das giftige Geschoss zubrachte, das war ihm auch nicht recht. Kurz,
die ganze Geschichte war ihm nicht klar und gefiel ihm nicht; offenbar lebte man
da über seinen Kopf und Verstand weg, ohne sich um ihn zu kümmern. Nun, so
kümmerte er sich halt auch nicht darum. Und ass gleichmütig seine Suppe. »Wirst
du auch gut bedient?« erkundigte sich der fremde Herr aus dem Gemüsegarten
herüber. »O ja«, versicherte Gerold überzeugt, »vorzüglich.« Und vergnügte sich
weiter mit seiner Suppe.
    Siehe, da begannen die Unterhosen und Strümpfe, die vor ihm am Waschseil
hingen, zu hüpfen und Purzelbäume zu schlagen wie Hampelmännlein, was ihn
anfänglich ergötzte. Mit der Zeit beschlich ihn jedoch der Verdacht, es möchte
bei dem Marionettenteater eine böse Hand im Spiele sein, und als er jetzt die
schwarzen Strümpfe Gesimas unter einem grossen Mannshemd beineln sah, verbat er
sich entschieden die Kasperlevorstellung, widrigenfalls er der verborgenen
Drahtzieherin einen Teller anschmeissen werde, einerlei wohin, und zwar auf ihre
Verantwortlichkeit und Kosten. Da wurde die Vorstellung abgebrochen.
    Dagegen erschien jetzt Hansli auf der Bühne, zwar in sicherer Entfernung,
jenseits des Baches am Ufer des Gemüsegartens. Von dort versuchte er
Unterhandlungen anzuknüpfen, auf dem Umwege erwünschter Zeitungsnachrichten. Die
Leute hier, meldete er, seien mit Onkel Dolf befreundet, der oft tagelang im
Altäusli wohne. Der Zottelhund zum Beispiel sei ein Geschenk von ihm (der
Seppli, der Knecht, habe es ihm gesagt), ebenso der Braune im Stall, ein
herrliches junges Rösslein, mit welchem sie, wenn er recht verstanden habe, nach
Bischofshardt fahren dürften; nämlich der fremde Herr meine, es wäre zu viel für
Gesima, die Strecke bis zur Stadt auch noch zu Fuss, und es komme wahrscheinlich
ein Gewitter. Er, der Fremde, bezahle alles, die Fahrt und das Essen; er sei auf
der Hochzeitsreise und furchtbar reich. Und ähnliches mehr. Da er aber auf diese
staunenswerten Nachrichten keine andere Antwort als ein unwilliges Knurren
erhielt, merkte er, dass die Zeit für Unterhandlungen noch nicht reif war und
verzog sich in den Hintergrund.
    Nachdem Gerold die Suppe aufgegessen hatte, erging er sich ein wenig.
Zunächst betrachtete er die Bleistiftzeichnungen, die längs den Wänden der
Veranda aufgeklebt waren; Pferde, Soldaten, Gebüsche, alles säuberlich
gezeichnet, aber mit hartem Bleistift, Faber Nr. 3, höchstens 2, und unter jeder
Zeichnung stand geschrieben Adolphus Wengimannus fecit, mit verschiedenen
Jahreszahlen. Auch ein Kupferstich war darunter: die Preisverteilung an einem
Schützenfest mit Bechern und Fahnen, und der in der Mitte, dem der Kranz
aufgesetzt wurde, glich dem Dolf.
    Also von Bild zu Bild vorrückend, geriet er um die Ecke biegend auf ein
Brücklein. Dort nahm er am Geländer Position, beide Arme bis zum Ellenbogen auf
der Brüstung, der Kopf dazwischen und der linke Fuss auf der unteren
Geländerstange wie auf einem Steigbügel. So blieb er stehen.
    Ohrwürmer wimmelten über die Lehne der Brücke, den Fasern des von Messern
zersplissenen Holzes ausweichend, als wären es Bäume. Während er dem Gebaren der
Ohrwürmer zusah, bemerkte er, dass die Messerschnitzeleien Buchstaben
darstellten, aus denen er unschwer - denn die Einkerbungen hoben sich durch ihre
gelbe Farbe ab - die verschlungenen Namen Dolf und Marianneli herauslas. Und
über das ganze Geländer wiederholten sich die Namensverbindungen, zum Teil mit
Tinte nachgeschwärzt und mit Kränzchen verschnörkelt. Auf ewig stand in einem
der Schnörkel.
    Unter ihm im halbtrockenen schäbigen Bachbett, unweit des Brückleins,
wateten Gesima und Hansli mit nackten Füssen auf Entdeckungsreisen, mit
hochgehaltenen Ellbogen flügelnde Seiltänzerbewegungen wippend, um das
Gleichgewicht zu behaupten. Hansli hielt in jeder Hand einen Stiefel, Gesima
hatte das Springseil als Gürtel um den Leib geschlungen und Schuhe und Strümpfe
hineingehängt. An ihren nackten dünnen Waden waren Tätowierungen zu sehen:
weissliche Eindrücke und Striemen, teilweise mit einem blauschwarzen Hauch
getuscht, neben regenbogenfarbigen Quetschmalen und roten Kratzstreifen.
    Auf einer geräumigen Insel, von der hölzernen Pritsche des Baches gebildet,
machten sie halt und errichteten dort eine Perlfischerei. Die Jagd war ergiebig,
denn an der Küste erhoben sich Korallenriffe von dunkelgrünen Flaschen,
irisierten Glassplittern und geblümten Topfscherben, untermengt mit Knöpfen,
rostigen Geldstücken und was sonst die Ebbe hatte hangen lassen. Von diesen
Schätzen ergriffen sie nach dem Strandrecht Besitz, und während Hansli immer
neue Beute beibrachte, eröffnete Gesima eine Goldwäsche. Später, als sich auch
lebendiges Kriechzeug erjagen liess, gesellte sich eine Menagerie hinzu, auf
einer gesteppten roten Bettdecke, die zum Trocknen von der Gartenmauer in das
Bachbett gefallen war.
    All dieser Gewerbefleiss konnte trotz dem Kriegszustande ungehindert
aufblühen, weil der feindliche Kanonier über ihnen auf dem Brücklein, seiner
Unbehilflichkeit in Angelegenheiten der Höhen- und Tiefendimension bewusst, von
jeder Verkehrsstörung Umgang nahm. Als jedoch Hansli in allzugrosser
Zuversichtlichkeit frecherdings seine Stiefel auf die Brücke pflanzte, bekam er
sie durch einen Fussstoss zurückspediert, platsch ins Wasser.
    Mit der Zeit bemerkte Gerold, dass der fremde Herr, der dort im Gemüsegarten
auf einem Feldstuhl sass, etwas zeichnete, während seine Frau ihm lächelnd zusah.
Was er zeichnete, konnte er natürlich von hier aus nicht sehen, aber schon
allein die Tätigkeit des Zeichnens für sich, wie er mit gescheiten Maleraugen
den Kopf bald aufhob, bald über das Blatt beugte, fesselte seine Aufmerksamkeit.
Jetzt hielt jener den Bleistift quer vor die Augen, und beide, der Herr und die
Dame, schauten Gerold scharf an. Da begriff er, dass er selber, Gerold, zur
Zeichenvorlage diente. Von nun an hielt er es für seine Pflicht, weder zu zucken
noch zu mucken, da er die liebe Zeichenkunst verehrte und ihre Schwierigkeiten
aus eigener Erfahrung zu ermessen vermochte.
    Während dessen schlich sich Gesima durch den Garten, stellte sich hinter den
Zeichner, guckte ihm, auf den Zehen stehend, über die Schulter und gab über
seinen Kopf hinweg dem Kanonier Taubstummensignale, um ihn zu benachrichtigen,
welches Stück seiner Person jeweilen unter dem Bleistift geboren würde. Die
Augen beschrieb sie als zwei Schützenscheiben mit je einem Punkt darin, den Mund
als einen queren Säbelstrich, der das Gesicht in zwei Hälften spaltete, zur
Versinnbildlichung der Ohren fasste sie ihre Ohrläppchen, streckte die
Zungenspitze hervor und schob allmählich ihre Hände dem Kopf entlang ins
Unendliche.
    Hansli aber, nachdem er seinerseits die Sachlage erspäht hatte, nützte die
heilsame Versteinerung des grollenden Bruders für seine Friedensbestrebungen
aus. Sicher, dass der Kanonier nicht ausschlagen durfte, fasste er ihn einfach an
den Frackschössen und liess seine Versöhnungsrede fliessen, unbekümmert um die
grimmigen Papagenotöne, welche ihm aus den geschlossenen Lippen
entgegenknurrten. Ob es sich auch lohne, wegen eines minderwertigen
Mädchengeschöpfes einander zu befehden; sie wären immer brüderlich einträchtig
zusammen ausgekommen, bis dieser verwünschte verräterische Rotschopf den Frieden
verpfuscht habe. Von Gesima wolle er nichts mehr wissen, denn sie hintergehe den
einen wie den andern. »Weisst du, was sie von dir gesagt hat? Du seist ein
grausamer Mensch, dass du den Katzen nicht einmal gönnest, Mäuse zu fressen. Und
dann hat sie noch gesagt, sie bedanke sich für jemand, der alles zweimal erlebe;
sie habe genug daran, dass man ihr im letzten Winter einen Zahn auszog, sie wolle
sich ihn nicht noch einmal ausziehen lassen. Sogar einen Witz hat sie über dich
gemacht.« - »Das hingegen glaube ich nicht«, knirschte Gerold, »das wäre zu
gemein.« »Ich kann dir sogar sagen, was für einen: sie hat gesagt, du gehörest
gewiss zur schweren Artillerie, man sehe dirs an.«
    Das wirkte. Vieles konnte Gerold ertragen, aber Witze! Anspielungen auf sein
Körpergewicht! nein, das war zu viel, das brachte ihn ausser sich. Also billigte
jetzt sein zorniger Blick den Separatfrieden mit dem Bruder, durch welchen
Gesima ausgeschlossen und von beiden Parteien verstossen wurde. Den feierlichen
Handschlag, da Gerold sich nicht rühren durfte, ersetzten sie durch einen
Nielenstengel, den Hansli dem Verbündeten in die Hand schob. Indem jeder ein
Ende des Stengels in der Hand hielt, war das Bundessinnbild hergestellt.
    Und sofort gab Hansli die neue Gruppierung der Mächte Gesima zu verstehen,
indem er auf dem Brücklein eine lebhafte Pantomime von spöttischen Gebärden und
herausfordernden Sprüngen aufführte. Um aber völlig ehrlich und unzweideutig zu
handeln, schien ihm eine förmliche Kriegserklärung schicklich. Ist nirgends ein
Stück Papier? Dort lag so etwas am Boden, ein zerknitterter Brief, zwar eng
beschrieben, doch hinten am Ende zwischen der letzten Zeile, wo es hiess: glaube
nicht, dass ich dich darum weniger lieb habe, und der Unterschrift Dolf fand er
noch etwas Raum. Dort hinein schrieb er: hässliche Gesima, hast rote Haare,
hierauf schmeichelte er den Zottelhund heran, schob ihm die Botschaft unters
Halsband und bedeutete dem Mädchen durch Zeichen, den Hund an sich zu lokken.
Dieses schnippte mit den Fingern, empfing den Hund, las das Sendschreiben,
kritzelte etwas hin, und Hansli schmeichelte den Briefhund wieder herüber.
Zuoberst auf dem Papier, über dem Titel Mein armes, armes Marianneli erhielt er
den Bescheid: Böser Hansli, hast eine Warze am linken Zeigefinger.
    Weiterer Korrespondenz wehrte ein Naturereignis: mitten aus dem blauen
Himmel schoss plötzlich ein Schauer von silberglänzendem Regen in grossen Tropfen
hernieder, dass alle Welt kreischend flüchtete. Die drei Kinder, von der höheren
Gewalt vereinigt, fanden sich auf der Veranda zusammen, das fremde Hochzeitspaar
hatte der Schreck in ein Gartenhäuschen gescheucht. Da war der Regen auch schon
zu Ende, wie mit einer Hagschere abgeschnitten.
    Ein joviales Milchgesicht guckte aus dem Hausgang. »Kommt, der Wagen ist
fertig«, meldete er, »macht schnell, wir mögen just noch knapp nach
Bischofshardt, ehe das Bombardement beginnt, die Wolken hocken ja am Dürenberg
haushoch wie schwarze Stiere aufeinander.«
    Erst stattete Gerold nach dem Gartenhäuschen hinüber dem gastfreundlichen
Fremden geschwind noch seinen Dank ab, die Absätze zusammenschlagend, die Hand
am Käppi, und eine der neuen Verbeugungen ausführend, die er von Gesima gelernt
hatte, dann hasteten sie durch den Hausgang.
    »Auf den Bock«, bettelten die Buben. Das Milchgesicht packte einen nach dem
andern am Kragen und lud sie auf den Bock wie junge Hunde. »Seppli heiss ich«,
erklärte er, während er zwischen ihnen Platz nahm. Da wurde im Oberstock ein
Fenster aufgerissen, und das verweinte Gesicht des Marianneli erschien zwischen
dem Rahmen, um ihnen etwas zuzurufen; statt dessen schnellte sie linksgeschwenkt
um und schrie in die Stube zurück: »Und ich will keinen andern, und ich nehme
keinen andern.«
    Der Seppli grinste schmunzelnd. »Da ist Feuer im Dachboden! aber ich weiss
manchen im Kanton, der sie gerne tröstete. Ich auch. - Was ist? sind wir fertig?
können wir reisen?« Und schon tat der Braune einen ungeduldigen Ruck.
    Allein von hinten wimmerte Gesima kläglich. Sie konnte nicht einsteigen, der
Wagentritt war ihr zu hoch, so dass ihr Füsschen beständig ins Leere tappte, wie
ein Pudel, wenn er das Pfötchen geben will. Mit einem Satz sprang Gerold auf die
Erde, umringte von hinten her, unter ihren Achseln durch, ihre Brust und hob sie
also, mit den Knien und dem Bauch nachhelfend, ächzend in den Wagen.
    »Es tut mir leid«, flüsterte sie zum Dank und reichte ihm bittend die Hand
hin. Ob diesem Spruch wurde ihm mit einem Male weich, so dass er beinahe ihren
Handschlag angenommen hätte; da erinnerte er sich, dass sie ihn einen schweren
Kanonier genannt hatte, darum verhärtete er gewaltsam sein Herz und stieg ohne
ein freundschaftliches Wörtlein wieder auf seinen Sitz.
    Kaum war er von neuem oben angelangt, so rollte das Fuhrwerk klingelnd von
dannen.
 
                              Die Regimentstochter
War das ein Fest! Pfeilschnell und glatt durch den Forst getragen wie auf einer
Eisbahn, ohne einen Ruck, auf dem weichen Kutschersitz, hoch über der Erde, auf
halber Höhe der Bäume, an welchen noch die glitzernden Regentropfen hingen! Und
wie er mit den Beinen ausgriff, der Braune, feurig, als ob er mit Pulver geladen
wäre und nur auf den Zunder wartete, um zu explodieren! Aber sonderbar sah er
aus, so von der Kutscherperspektive betrachtet: wie eine Gitarre mit zwei Ohren
zum Aufdrehen und mit den Zügeln als Saiten. Ob wohl ein Pferd aus dieser
Perspektive, genau so gezeichnet, wie mans sieht, noch als ein Pferd würde
erkannt werden, fragte sich Gerold.
    Dann ging es ans Betteln. Sie möchten ebenfalls ein wenig leiten dürfen,
oder wenigstens die Geissel halten! Der Seppli schnitt ein bedenkliches Gesicht.
Das Gevatterspielen mit Zügel und Geissel, meinte er, wenn einer nichts davon
verstehe, sei ein gefährliches Vergnügen mit dem Braunen; ohnehin hitzig wie der
Teufel - »nicht umsonst hat ihn der Dolf gekauft!« - habe er obendrein noch
Hafer gepickt. »Zwar, wenn ihr sehr, sehr vorsichtig sein wollt und mir aufs
Wort gehorchen und die Zügel ruhig halten und die Geissel nur brauchen, wenn ichs
erlaube, so könnte mans ja versuchen, unter dem Vorbehalt, dass ihr mir
augenblicklich die Leitung zurückgebt, sobald ichs verlange.« Hiermit
überreichte er unter fortwährenden Mahnungen und Anweisungen dem Hansli behutsam
die Zügel.
    Ha! das nenn ich einmal einen Unterricht! Wenn man solche Stunden und solche
Lehrer in der Schule hätte! das wäre eine Hochzeit! was meinst du, Gerold? Es
war auch erstaunlich, welche Wunder der Regierungskunst man von da oben
auszurichten vermochte! nur ein klein, klein wenig die Daumen gerückt, so nahm
das ganze Fuhrwerk einen andern Weg, und zwar genau dahin, wohin man gewünscht
hatte. Jetzt bekam Gerold sachte die Geissel zugelangt, hinten herum: »Aber ums
Himmels-Heilandswillen nicht damit fuchteln oder fackeln, aufrecht halten und
ruhig wie eine brennende Kerze, und nur gebrauchen, wenn ichs befehle, und dann
bloss sachte die Haut streifen, etwa so wie ein Fischer die Angelschnur übers
Wasser zieht, und ja an keine andere Körperstelle als aufs Kreuz. So, jetzt
kannst du ihm einmal sanft aufs Kreuz tupfen, aber sanft, sage ich, wie Watte
auf einen bösen Finger.« O Seligkeit! Kaum berührte die Spitze des tänzelnden
Zwickes das Rückenfell, so verdoppelte sich urplötzlich, doch ruhig die
Schnelligkeit der Reise, als wäre ein gezähmter Blitzfunken dem Braunen in den
Leib gefahren.
    
    Inzwischen begann hinter ihnen in der Versenkung des Wagens Gesima an ihr
Dasein zu erinnern. Zunächst als Einleitung hüstelte sie. »Tu, als wenn dus
nicht hörtest«, riet Hansli dem Bruder. Dann kam ein Potpourri aus der
Regimentstochter. Gerold seufzte, der schönen alten Zeit vor Weidenbach
gedenkend, blieb aber fest. Hernach verlauteten Selbstgespräche, mit
nachdrücklicher Stimme geredet, fürs Publikum. Sie werde zum Kadettenball weisse
Stiefelchen anziehen, verkündete sie, und ihre Bernsteinhalskette. Jetzt horchte
Gerold mit einem Ohr nach hinten; dabei geriet jedoch seine Geissel in flunkernde
Bewegung, so dass ihm das Geisselrecht vom Seppli aberkannt wurde.
    Dann kam ein Rezitativ, frei die Tonleiter bergauf und bergab: »Von dem
Postwagen will Gesima nichts sagen, und wie die Soldaten Gerold und Hansli
daneben geraten.« Dem Rezitativ folgte eine Polka: »Stammt auch vom Storch der
Kanonier, darüber zu spotten hat keine Manier.« »Lass dich nur nicht fangen«,
mahnte Hansli, »sie will dir bloss schmeicheln. Denk an die Fabel von Odysseus
und den Sirenen.« Zur Strafe dafür kam dem Hansli ein Marsch auf den Rücken
getrommelt. Fuchswütend drehte er sich um. Durch diese Drehung steuerte er aber
das Fuhrwerk quer über die Strasse, weshalb ihm nunmehr vom Seppli das Recht der
Zügel abgesprochen wurde.
    Danach blieb es ein Weilchen still. Dann ertönte ein leises, klägliches
Wimmern. Mitleidig schaute sich Gerold um. Da steigerte sich das Wimmern zum
Weinen. »Ach Gott!« stöhnte Gerold und stieg ohne weiteres, den Seppli als
Schwungbrett und Geländer benützend, zu Gesima in die Wagenwiege hinunter,
setzte sich an ihre Seite und tröstete sie, indem er mit dem linken Arm ihren
Leib umfasste und mit der andern Hand ihr übers Gesicht und über die Knie strich.
Nun hörte sie auf zu weinen, Gerold aber blieb vorsorglich neben ihr sitzen für
den Fall eines neuen Schmerzensausbruches.
    Darüber war er scheints ein wenig eingenickt, denn wie er aufsah, sass Gesima
nicht mehr neben ihm, sondern neben dem Seppli, sicher mit den Zügeln
kutschierend, wie eine Fee im hirschbespannten Muschelwagen, während das
Milchgesicht, der Seppli, ihr vergnügt zuschmunzelte, als ob man ihm Mehlbrei
ums Maul geschmiert hätte. »Auch gut«, dachte Gerold, »so habe ich besser
Platz«, und legte sich bequem auf den Rücken, aufwärts nach dem Himmel in die
Wetterwolkensäule starrend, die wie der schiefe Turm von Pisa schräg gegen die
Sonne wuchs und sie schon fast verschlungen hatte, und so schwarz, dass man
meinte, es müsse ein weisser Pfau kommen und daran vorüberfliegen. Bis ihm der
Schlummer die Augenlider zudrückte.
    Plötzlich tat der Wagen einen harten Ruck, und wie Gerold aus dem Schlaf
emporschreckte, war der Wagen ganz am Rande der Strasse, und Seppli stand auf dem
Boden neben dem Pferde, das er mit gestemmten Fäusten am Zaum hielt. Ein
prachtvoller Adjutant, schmuck wie aus einer Weihnachtsschachtel, es fehlte bloss
die Holzwolle, kam herangesprengt. »Oskar«, grüsste Gesima fröhlich und klatschte
in die Hände. »Mein Vetter«, erklärte sie den Buben. »Mama kommt mit dem Wagen«,
rief ihr der Adjutant entgegen. »Haltet Ihr den Braunen auch gut?« wandte er
sich zum Seppli. »Keine Gefahr, ich bin bloss zur Sicherheit abgesprungen.« Dann
sprengte Oskar im Galopp einige hundert Schritt zurück, Zeichen mit dem Säbel
winkend; und kam bald an der Seite eines zweispännigen Wagens wieder, des
nämlichen Wagens, den sie gestern in Schöntal gesehen hatten, aber ein Diener
sass neben dem Kutscher und eine schöne Dame im Wagen: die Reiterin aus dem
Bilde, das Gerold beim Narrenstudenten gesehen hatte.
    »Mama!« jubelte Gesima. Der Diener hob erst Gesima herunter, dann die beiden
Buben. »Kommt«, mahnte die Dame freundlich, nachdem Gesima neben ihr Platz
genommen, »sonst werden wir alle miteinander nass, es donnert schon.« Und Gesima
winkte einladend. Da stiegen sie munter ein, der Wagenschlag tat sich zu, und
fort ging es im Saus, sanft talabwärts zwischen Landhäusern, Gärten und
Kapellen, einer grossmächtigen Stadt mit glitzernden Türmen und Zinnen entgegen.
    Schon waren sie unten in der Talmulde angelangt und erblickten das Stadttor,
da - sehe ich recht? ist es ein Traum? - kam seitwärts vom Felde her eine
Schwadron Dragoner geritten! nein, wahrhaftig, leibhafte Dragoner! eine ganze
Schwadron! farbenleuchtend, helmfunkelnd! und siehe dort auf einem Parallelwege
eine zweite! und hinter ihnen im fahlen Gewittersonnenschein noch andere
Reiterhaufen, ein unermesslicher paradiesischer Reichtum! Auf ein Fingerzeichen
der Dame hielt der Wagen still, am Rande der Strasse, und die ganze märchenhafte
Kavalleriemasse (- »ein Regiment!« erläuterte Gerold) begann, auf die Landstrasse
schwenkend, an ihnen vorüberzurauschen. Die Rosse rieben sich aneinander, dass
die Säbelscheiden klirrten, die helmgeschmückten Dragonerköpfe, je nach dem Tanz
der Hufe, juckten auf und nieder, und hie und da versuchte - o Wonne! - ein
widerspenstiges Pferd sich zu bäumen und auszuschlagen.
    »Ein Oberst!« jauchzte Gerold. - Doch was ist das? wie darf sie das wagen?
Gesima winkte, weiss Gott, die Unverschämte, dem Oberst mit dem Taschentuch! Der
Oberst aber, statt sich darüber zu erzürnen, machte ein freundliches Gesicht und
kam in kurzem Galopp gegen den Wagen gesprengt. »Papa! Papa!« rief Gesima. »Mein
Mann«, erklärte die Dame. Da schauten die Kadetten einander mit grossen Augen an
- »Gesima hat einen Oberst zum Vater!« - und betrachteten das Mädchen mit
scheuen Blicken, wie ein überirdisches Wesen. »Seid ihr alle drei wohl und
gesund?« fragte der Oberst in herzlichem Tone. Dann ritt er vorüber. Gleich
darauf erscholl ein fröhlicher Trompetermarsch, und mit klingendem Spiel fuhr
der Wagen in stolzem Zuge, Dragoner vorn, Dragoner hinten, durchs Stadttor.
    In einer stillen Seitenstrasse, vor einem ernsten grauen Palaste wurde
angehalten, Gesima mit ihrer Mama verschwanden in der Tür, die Kadetten wurden
von zwei schwarzbefrackten Dienern eine breite teppichbelegte Treppe
hinaufgeleitet, an einem majestätischen indigoblauen Vorhang vorüber, hinter
welchem man erwartete, Wallenstein hervortreten zu sehen, in ein feierliches
Gastzimmer. Dort wurden sie weiblichen Dienstboten überantwortet. Ein Bad nach
dem langen Marsch auf der heissen, staubigen Landstrasse würde ihnen gewiss
wohltun, meinte die eine von ihnen, die Frau Landammann wäre der nämlichen
Ansicht. Also wurden sie in eine marmorne Badestube geführt und, nachdem ihnen
die Brause, der warme und der kalte Kran erklärt, die Seife und jedem sein
Handtuch gezeigt worden war, allein gelassen.
    »Eine fatale Geschichte«, meinte Gerold, wie sie im dampfenden Wasserbecken
lagen, »denn nicht zu leugnen, wir sind mit Gesima ein bisschen grob
umgesprungen.«
    »Nicht unsere Schuld«, trotzte Hansli, »warum hat man uns verschwiegen, dass
sie eines Obersten Kind ist?«
    »Ja, was ist er nun überhaupt eigentlich, ihr Papa, Oberst oder Landammann?«
fragte Gerold. »Eine dumme Frage«, antwortete Hansli, »er kann ja Landammann und
Oberst zugleich sein. - Wenn es nur mit einer Strafpredigt abgeht, und ihr Papa
uns nicht bei der Lehrerversammlung verklagt!«
    Doch Gerold glaubte weder an eine Lehrerversammlung noch an eine
Strafpredigt. »Nach meiner Meinung gibt es Grossmut mit Verzeihung, das
Schlimmste von allem, denn dann müssen wir uns fürchterlich schämen.«
    Als sie wieder im Gastzimmer erschienen, wurden sie von der Frau Landammann
mit herzlicher Miene empfangen. »Ich danke euch«, sagte sie, indem sie jedem die
Hand reichte, »für den liebenswürdigen Schutz, den ihr gutartigerweise einem
wildfremden Mädchen habt angedeihen lassen.«
    Traurig blickte Gerold zu Boden und schüttelte den Kopf. »O nein, Frau
Landammann, Gesima hat gelogen; wir sind nicht gutartig und liebenswürdig
gewesen, grob und bös sind wir gewesen.«
    Da streichelte sie ihm freundlich die Wangen. »Wir sind sämtlich keine
fehlerlosen Engel, Gesima auch nicht. - Beiläufig eine nebensächliche Frage, sie
entält keinen Vorwurf und entspringt nicht dem Misstrauen: Wo bist du die zwei
Stunden lang allein gewesen, Gerold, während Hansli und Gesima im Altäusli zu
Mittag assen?«
    »Im Wald mit dem Narrenstudenten.«
    »Das ist nicht gerade die empfehlenswerteste Gesellschaft, was du freilich
nicht wissen konntest. Nun, wir wollen froh sein, dass alles so gut abgelaufen
ist und dass ihr alle drei gesund und wohlbehalten da seid; es war eine etwas
abenteuerliche Reise. Ich glaube, ihr werdet mit Gesima noch grosse Freunde
werden. Und mit dem Kadettenball, Gerold, bleibt es, wie du mit Gesima abgemacht
hast, ich genehmige euer Versprechen von Herzen. Jetzt aber kommt essen, Gesima
kommt später, sie kleidet sich um.«
    Obschon es noch nicht einmal völlig Abend war, wurde es auf einmal so
dunkel, dass man eigentlich Licht hätte anzünden müssen; man sah kaum, was man
ass. Plötzlich krachte ein steinharter Donnerschlag, der sie alle miteinander von
den Sesseln aufjagte, und damit ging ein prachtmässiges Gewitter los, mit
ununterbrochenen Donnersalven aus allen Himmelsgegenden, begleitet von einem
sündflutlichen Platzregen, der aus unerschöpflichen Wasserpaketchen die Dächer
dampfend überschüttete. Mitunter fegte ein Blitz, statt schräg von oben,
waagrecht durch die Gasse, ähnlich dem Fintenstreiche eines weissglühenden
Riesendegens; dann überpurzelten sich aus den aufgeschljetzten Wolkenbäuchen die
Regenströme mit verdoppelter Wucht, obgleich man schon vorher geglaubt hatte,
jetzt heisse es tutti fortissimo. Ob dieser kräftigen Tafelmusik wurde den
Kadetten, welche anfänglich ein wenig schüchtern getan hatten, so heimelig
zumute, dass sie auftauten, herzhaft zulangten und dem Pudding tüchtig die
Meinung sagten.
    »Warum sollten wir nicht die gesunde Luft hereinlassen?« rief der Oberst,
als der Donner fernwärts abgrollte und der Platzregen gleichmässiger und
senkrechter niederfiel. Da stellten sich die Buben ans offene Fenster, streckten
die Köpfe hinaus, dass ihnen die Tropfen auf die Nase spritzten, und sangen aus
Leibeskräften: »Guter Mond, du gehst so stille«. Sie möchten doch lieber das
Lied vom guten Kameraden singen, lachte der Oberst, da sie doch auf der Reise so
treu zusammengehalten hätten. Das taten sie. Dann kam die Frau Landammann und
fragte, ob sie vielleicht das Lied Heimat, Heimat über alles wüssten, das höre
sie so gerne.
    Hansli zuckte verächtlich die Achseln: »Das haben wir schon in der zweiten
Klasse gehabt.« Hierauf sangen sie ihr das Lied. »Bitte noch einmal, falls ihr
nicht etwa zu müde seid.« Und als sie es wiederholt hatten, mochte sies zum
drittenmal hören. dabei hielt sie aber das Taschentuch vor die Augen und
seufzte, so dass Gerold sich wunderte, warum jemand ein Lied, das ihn doch
traurig mache, öfter hören wollte. »Was ist das eigentlich, Heimat?« fragte er.
    Der Oberst antwortete: »Wenn man einmal weit, weit weg ist.«
    Diese Antwort verblüffte ihn, er hatte gedacht, eher das Gegenteil.
    Unterdessen hatte sich der Regen erschöpft, und an mehreren Stellen guckte
das frischpolierte Himmelsblau zwischen dem schmutzigen Gewölk hernieder. »Das
bedeutet Glück«, sagte der Oberst, »und wenn ihr Geduld haben könnt - könnt ihr
Geduld haben?« »Ja« - »so gibt es eine Überraschung.« Dann rückte er zwei Stühle
vor den Kamin, Front gegen den Feuerherd. »Setzt euch. Guckt nur fest in den
Kamin - aber dass ihr euch ja nicht umdreht!! - bis ich klingle.« Hiermit verzog
er sich mit seiner Frau ins Nebenzimmer, die Tür anlehnend. Die Buben aber
guckten aus Leibeskräften in den Kamin.
    »Was meinst du?« flüsterte Hansli, »was gibt es wohl für eine Überraschung?
am Ende eine böse?«
    »Warum nicht gar, es gibt überhaupt keine bösen Überraschungen.«
    »Sie schreiben beide etwas im Nebenzimmer, der Oberst und seine Frau, ich
habe es durch die Türspalte gesehen. Ich habe doch Angst.« Da wurde die Tür
geschlossen. Nun starrten sie gewissenhafter in den Herd und entielten sich
überflüssiger Gedanken. Während dessen kam ein Sonnenstrahl zu ihnen zu Gast,
der Stahlreif des Kohlenfängers begann zu glänzen, der goldene Spiegelrahmen zu
leuchten, der Gabelschweif des ausgestopften Auerhahns erhielt einen blaugrünen
Pfauenschweif gemalt, und die Kristallflasche daneben sprühte Kronen und
Diamanten.
    Unvermutet schellte die erlösende Klingel. Und wie sie aufsprangen, stand
der Oberst mit seiner Frau hinter ihnen. »Hier habe ich einen Brief
geschrieben«, sagte er, »lest die Aufschrift.« Sie lasen: An Herrn Hauptmann
Guggenbühler in Aarmünsterburg. »Und ich auch einen«, ergänzte die Frau Oberst.
Sie lasen: An Frau Hauptmann Guggenbühler in Aarmünsterburg. »Und dieses kleine
Briefchen hat Gesima gekritzelt.« Sie lasen: An Herrn und Frau Hauptmann
Guggenbühler in Aarmünsterburg. - »Was darinsteht«, lächelte der Oberst
geheimnisvoll, »wird euch die Regimentstochter verraten.« Und mit dem Finger
winkend, führte er sie, auf den Zehen schreitend, ins Gastzimmer, dessen
Balkontür flügelweit offenstand. »Kadettenbataillon Aarmünsterburg, vorwärts
marsch!« rief er mit schallender Kommandostimme und schob sie auf den Altan.
    Wer stand auf dem Altan? Gesima! Als Regimentstochter verkleidet, auf der
Stirn ein impertinentes Mützchen mit einer Hahnenfeder, um den Hals, zum Zeichen
ihrer militärischen Heldeneigenschaft, ein Miniaturfässchen aus Schokolade an
goldenen Zuckerbäckerfäden. Auf einer Art Estrade stand sie, gerade unter dem
Regenbogen, als wollte sie ihn als Springseil benützen; und in der rechten Hand
hielt sie einen ziselierten Degen, den sie so weit als möglich von sich
wegstreckte, wie wenn sie befürchtete, er könnte losgehen.
    Kaum betraten die Brüder den Altan, so gab sie sich durch Stirnrunzeln ein
tyrannisches Ansehen und kommandierte, während sie mit dem Degen eigensinnig auf
das Geländer klopfte, in die Strasse hinunter: »Adjutant Oskar Wildstrubel!
Sapperment, wo bleibt denn der Faulpelz von Adjutant?«
    Da klirrten Sporen, der Adjutant von heute nachmittag schnellte vor den
Balkon, salutierte mit dem Säbel und fragte: »Zu Befehl! was beliebt Ihrer
Exzellenz der Regimentstochter?«
    Gesima sägte mit ihrem Degen bedrohlich über das Geländer und schnauzte mit
erboster Majorsstimme: »Alle Bomben und Granaten von Sevilla, aufgepasst, Oskar!
Wir Anita Maria Septuagesima, die Regimentstochter, im Namen unseres Vaters, des
Landammann Oberst Weissenstein in Bischofshardt, wollen hiemit und befehlen, dass
der Kanonier Gerold Guggenbühler von Aarmünsterburg, desgleichen der Infanterist
Hansli Guggenbühler mit nichten übermorgen in der Schule zum Appell einrücken,
sapperlot, sintemalen dieselben die ganze folgende Woche bis Samstag abend
anhiero in Ferien bleiben werden, sappermost, damit wir uns lustig machen,
Donnerwetter!« Und mit dem Worte Donnerwetter pflanzte sie den Degen energisch
in einen Geranientopf.
    »Soll pünktlich geschehen, Euer Exzellenz«, antwortete Oskar, salutierte
abermals und verschwand.
    Gesima aber stieg von der Estrade herab und begab sich, an Hansli vorbei,
der freudebesessen auf- und niedertanzte wie ein tollgewordener Gummiball und
die hinzugeschenkten Ferientage an den Fingern abzählte, zu Gerold hinüber,
hielt in bescheidener Haltung vor ihm still und fragte ihn mit den Augen, ob er
jetzt mit ihr zufrieden und gänzlich versöhnt sei. Gerold, mit dem Rücken ans
Geländer gelehnt, zog ein finsteres Denkergesicht, musterte das heroische
Maidlein vom Kopf bis zu den Füssen, und wieder von den Füssen bis zum Kopf, dann
verkündete er mit der lautesten Stimme, die er aufbrachte, freudig und
überzeugt: »Es tut mir leid«.
 
    