
        
                                 Carl Hauptmann
                              Einhart der Lächler
                                   Erster Band
                                   Erstes Buch
                                        1
Wenn jetzt einmal die Seelen von Einharts Vater und Mutter rein für sich
gegeneinander klangen, was fast nie mehr geschah, war es nur eine monotone
Dissonanz. Laut oder heimlich. Einharts Vater war ein gewichtiger Ordnungsmann,
schon als er die junge, wohlhabende Zigeunerdirne heiratete. Er war ein peinlich
pflichtgetreuer Beamter, der damals schon eine höhere Postverwaltungsstelle in
einer kleinen Stadt versehen, ein Mann von strengen, soldatisch gebundenen
Formen im Umgang, mit scharfen, schwarzen Augen, die wenig und kurz lachten, so
nebenhin nur, die selten aus der Würde kamen - mit einem dunklen, strengen
Schnurrbart, der so voll stand, dass die Hand sich nie um ihn kümmerte, die schon
damals steif herabhing ohne Geste, wenn sie nicht eifrig und flüchtig mit dem
grossen Rohrhalter ihre Arbeit tat - oder auch leicht gebieterisch sich streckte,
wenn Herr Selle Anordnungen gab, oder etwas verwies.
    Wenn jetzt, in den wirklichen Widerwärtigkeiten mit Einhart, Herr Selle
erregt im Zimmer hin- und herging, musste er die Hände auf dem Rücken fest
zusammen nehmen, so gleichsam sich selbst noch mehr bindend, dass er nicht doch
einmal seine Würde ganz vergässe und dreinschlüge unter die phantastische,
traumäugige Zigeunerbrut. So wenigstens deuchte es jetzt dem alten Herren, wo
Einhart ein Jüngling geworden ganz mit den sanften, rabenschwarzen,
unerwecklichen Glutaugen der Mutter und mit einer Seele voll regloser Verachtung
gegen alle Wünsche und Forderungen, so weit sie von Vaters Seite kamen und ein
geordnetes, bürgerliches Fortkommen betrafen, und die einfach wie Meerwasser von
einer Öljacke abtroffen, selbst wenn wahre Gewaltwogen der Sittlichkeit den nur
halb in dieser Welt des Scheins sich aufhaltenden Sinnierer und Lächler zu
erschüttern und auf rechte Wege zu bringen versuchten.
    Es war ein Irrtum von Herrn Selle, dass ihm schien, als wenn er schon früher,
so gleichsam von Anfang an, Frau Selle mit den strengen Blicken des Vorwurfs
angesehn. Wenn es auch Geistesgemeinschaft nie zwischen ihnen gegeben. Dessen
hatte Luisa nie bedurft. Flammen waren zusammengeschlagen. So gebunden er auch
gewesen, stolz und würdig, die heissen Flammen schmelzen noch immer die
Erstarrungen. Flammen waren aus der jungen Dunklen gekommen. Sie hatte noch
jetzt Augen von verzehrender Sehnsucht. Wie sie ihn angesehen, der jung und kalt
geschienen, hatte sie den Fels schmelzen wollen. Sie war wirklich eine
Zigeunerin von Blut. Sie hatte wohl als einzige Tochter im Hause gegolten. In
Wahrheit hatte man das Kind an der braunen Brust einer Zigeunermutter, die
betteln kam und sich krank hingeschleppt, gesehen, es richtig gekauft und
angenommen an Kindesstatt. Natürlich war Luisa dann im Bürgerhause in sanfter
Erziehung aufgewachsen. Nur noch im Blicke lag manchmal etwas Demütiges oder
auch Wildes, was leicht einsank und sich vergass, dass das Mädchen dann lange wie
erstarrt geschienen. Schön war Luisa nie gewesen, braungelben Gesichtes, ein
wenig schmal und leicht welk. Etwas Kochendes, etwas Verzehrendes im Blicke nur.
Aber das kam nur von ferne. Als wenn ein weiter Garten stiller Traumblumen läge
in Demut und Trauer, und über hohe Gitterstäbe sähe der Hass herein mit spitzen,
gelben Blicken. Aber ihre dunklen Augen lachten dann auch gleich, wenn der Hass
kam. Dass Herr Selle wenn nicht eine sanfte, doch eine achtlos versöhnte,
hinlachende Demütige in beginnenden Uneinigkeiten vor sich gehabt, als die
Gluten Luisas kälter geworden, die ersten Kinder an ihrer Brust gesogen, ihr
Auge wie einer Raubtiermutter Auge, ihr schlanker, jäher Leib wie einer
Tigermutter Leib zum Hasssprunge bereit über der Brut gewacht. Damals hatte Herr
Selle nur eins ums andere der dunklen, lieblichen Mädchenkinder in Luisas
Fürsorge und zehrender Mutterpflege angesehen, und hatte Frau Selle nur wieder
heiss begehrt, eine Jugend die andere, schmachtend und unbesonnen, und durch
keine Harmonien anders gebunden, als die Glut des Blutes und der Sinne, und es
war in ihm wirklich immer wieder Würde und Pflicht und sonstiges sittliches
Meinen in des Begehrens heisser Quelle ertrunken.
    Das war lange her.
    Einhart war jetzt über die Sechzehn, noch sehr schmächtig und fast wie ein
Knabe. Es waren ausserdem vier Schwestern im Hause. So kamen sie nach der Reihe:
Johanna, Katarina, Einhart, Rosa und Emma. Mutter und Vater kannten sich kaum
noch. Leib und Leben stand nun da und hier. Herr Selle sprach jetzt überhaupt
nicht. Oder wenn er sprach, sprach er zu niemand recht, nur so mit ernstem Blick
in die Luft. Er hatte eine hohe Stellung erklommen. Auch Frau Selle fühlte das.
Er war geheimer Rat. Die schwarzäugigen Töchter sahen an ihm auf und
streichelten ihn. Sie versuchten ihm auch in die Augen zu sehen. Wenn es jetzt
ein Zerwürfnis gab um Einhart, der wie ein schriller Ton allmählich in dumpfes
Brüten klang, dann vermochten die phlegmatischen Zigeunerfräulein, die sie fast
alle schon geworden, doch noch wieder schlau die Dissonanzen leise zu
verstreichen. Sie stillten der Mutter dann oft plötzlich aufquellende
Ratlosigkeit mit leicht gesponnenen Schmeichelgeweben und umstellten den
erregten Herrn Geheimrat, der im Schlafrock eifrig auf dem weichen Teppich
hinschritt, noch immer mit auf dem Rücken fest verschränkten Händen, und liessen
ihn nicht aus ihren Liebesblicken. Dann gab es noch immer eine Heiterkeit
schliesslich.
    In Frau Selle, die jetzt verwelkt aussah, nicht sehr fett, nur gelb und
verzehrt, kam dann aus dem Sich-ratlos-wissen, das wie ein Aufkochen im Blick
gefunkelt, das leichte, lässige Verachtungslachen, das fast in Demut vor den
jungen Augen sich weghob.
    Mit den vier Töchtern war Frau Selle heimlich eins. Und der strenge Herr
Selle ergab sich Schmeichelwort und Schmeichelblicken der vier dunklen Schönen,
die in dem Bruder Einhart ein geliebtes Rätsel sahen, und Rosa, die dritte, das
eigentliche Ereignis anstaunte.
    Nämlich das war es zumeist: Es war ein strenges Pflichtleben, das Herr Selle
führte. Er hatte nur Reglementbücher und Reskripte vor seiner Seele, musste
immerfort nur an solche Dinge denken, die im Grunde für seine Seele nichts
bedeuteten, nur für seine Pflicht. Die Inventarien der grossen Posten, lange
Berechnungen für all die Sendungen, deren Seelen in Kuverts verborgen steckten
und ihn nichts angingen. Das erfüllte ihn. Er hatte sogar im Traume oft nur
Zahlen in seiner Seele. Seine Seele war wie eine graue Kammer, in der nicht
einmal die Dinge selber, nur Merkzeichen und Nummern von den Dingen noch hingen.
So lebte er in der grossen Mietwohnung mitten in der engen Strasse der
Residenzstadt ohne Störung und durchaus zufrieden. Da sah er unten die bekannten
Menschen gehen, die ihn ehrten und grüssten, die ihn in seiner Würde kannten. Und
es fehlte nicht das heimliche Gefühl, dass die Würde mit den Jahren noch zu
höheren Titeln und Auszeichnungen anwuchs.
    Aber Frau Selle träumte und die Töchter träumten. Wenn die auf der Strasse
oder gar in den Frühlingsanlagen allein hingingen, sahen sie wie eine Schar
huschender Vögel aus, im Begriffe und bereit, die welke, gelbe, in vornehm
bürgerliche Hüllen maskierte, fremdartig-jähe Mama mit sich irgend wohin empor
und fort zu reissen. Alles war dann stürmisch und laut, verträumt und
rücksichtslos. Sie kümmerten sich um niemand. Ihre hastigen Stimmen klangen alle
ein wenig heiser. Miteinander allein vor der Mutter war eine jede wie
losgebunden. Eine jede hatte für sich etwas Versucherisches im Blick. Wenn
Männer kamen, sahen sie nicht scheu. Aber diese Art war mehr nur Mut aus der
Höhe, mehr wie ein herausfordernder Widerstreit, der manchen hart traf wie ein
Schlag, dass er sie dann verfolgte und fast wie einen Trotz der Liebe empfand.
Lose, ungehaltene, schöne, dunkelfarbige Zigeunerdirnen in fliessenden
Frühlingsroben wie helle Küchlein um die alte Glucke. Die aber freilich dann
gesetzt sich reckten und wie vornehme, stolze Fräulein gingen, wenn der Herr Rat
Selle es einmal in Würde selbst unternahm, Sonntags mit hinauszuwandern und
neben Frau Selle stumm und steif emporgereckt in den Frühling zu ziehen.
    Die blühenden Kirschen entzückten auch ihn. Wenigstens bekamen seine Augen
einen richtigen Krähenfuss, der die ganze Zeit starr an der Schläfe stand. Und er
nahm auch eine Blüte, die die älteste Tochter Johanna ihm sanft und mit Grazie
lachend ins Knopfloch gesteckt. Indes Katarina und Rosa und Emma um ihn
draussen, wo sie Kuchen und Kaffeeflaschen am Waldsaume ausgepackt, sich wohlig
träge dehnten. Während Herr Selle mitten auf einem Plaid aufrecht sass, umbaut
von einem Gehege von Blütenästen, die die vier Dirnen im Übermut von Obst- und
Weidenbäumen am Damme herabgerissen.
    Frau Selle war dann kindlich und weich, trieb sich achtlos allein auf der
Wiese nach Blumen herum, kam mit Sträussen und streichelte jetzt auch einmal
Herrn Selles straffe Wange, die sich mit halbem Blick Mühe gab, wie lachend
auszusehen.
    Wer die Menschen dann von ferne sah, mochte an glückliche Menschen denken.
    Frau Selle, so in Freiheit und unter Blüten, träumte dann hin. Und die
schwarzbraunen Töchter träumten und dehnten ihre jungen, schmiegsamen Leiber der
Frühlingserde nahe, mit einer Seele voll unbestimmter, heimlicher Glut. Und Herr
Selle sass strengaufgerichtet, liess es sich schmecken und trank den Kaffee, in
den sich fast wunderlich ein Beigeschmack mischte, den er monieren gewollt, ehe
er heiter merkte, dass es der Blütenduft des Frühlings selber war.
    Freilich gab es gewöhnlich zum Schluss dann ein Ärgernis, weil Einhart zuerst
zurückgeblieben in der Absicht, etwas von dem Gesehenen in sein Skizzenbuch
abzuzeichnen, und weil es sich dann gewöhnlich herausstellte, dass er nicht mehr
sich zur Familie herzugefunden. Herr Selle fand das unbegreiflich, machte Frau
Selle für derartige Verträumteiten durchaus verantwortlich, und man zog oft
nicht ohne neuerwachten Groll in die zweite Etage des grauen Mietauses ein. Der
Vater hatte nun wieder sein altes Misstrauen. Er meinte in gedämpfter Empörung
gar, Frau Selle unterstütze den Trieb. Er gab zu verstehen, dass der Junge mit
Absicht den Weg verfehlt, wenn Einhart daheim sich damit zu entschuldigen
suchte. Es gab eine richtige Dissonanz aus diesem Frühlingsgange, in die nur
mühsam stimmend dann Johanna, Katarina und Emma ihre Blicke und Worte
einmischten, Einhart stumm und dumm, die Mutter stumm und ihre Augen demütig und
gleichgültig machten, bis Rosa mit leiser Zärtlichkeit zugleich des Herrn Selle
Augen fing und seine Wange sanft strich.
 
                                       2
In der Familie Selle ging offen alles nach dem Geheimrat. Der strenge Geist
waltete immer, solange der alte, sehr gerade aufrechtgehende Herr im Hause war.
Und nichts war zu spüren, dass von Blutswegen in des Geheimrats Hause im Grunde
noch immer etwas von einem ganz fremden Geiste und Leben umging. Aussenhin waren
die Selles, wenn man sie auch da und dort neckend die Zigeuner nannte, eine ganz
vornehme Familie. Bis auf den gelbbraunen Hautton von Frau Selle und die lässig
trägen Bewegungen jeder einzigen dieser vier dunkelfarbigen Töchter, die sich in
den teppichweichbelegten Zimmern am Klavier oder vor einem Malwerk halbtätig
amüsiert herumdehnten, hätte man beim ersten Eintreten ins Haus an nichts
anderes denken können.
    Herr Selle hatte alles Phantastische durchaus fern gehalten.
    Der Flur war fast zu voll gestellt. Der Eintretende, wenn er sich beim
Ablegen des Mantels oder so auch nur eine Linie weiter ausrecken musste, lief
Gefahr, Leuchter oder Schirmlampen oder eine Hutschachtel oder Vase gar mit
Blumen, die dort im Verborgenen kümmerlich blühten, herabzureissen. Das sah
durchaus nicht phantastisch aus. Eher, wie das Entree bei einem Händler, der
gleich im ersten Eindruck verrät, dass nun erst drinnen in allen Räumen Schränke
und Schübe mit gutem Hausrat überfüllt sind.
    So schlimm war es nun innen nicht. Da brachte doch der vergilbte, blaue
Plüsch im Mittelraume, der auf einem grossen Sofapolster und zwei Sesseln sich
ausgebreitet, ein wenig Bunteit. Und gar im Salon der Frau Selle daneben zeigte
der weiche, grosse Teppich, der noch ziemlich neu war, eine riesige, blaue
Blumenstaude mitten in den gelben Spiegel eingewoben, was man kaum hätte denken
sollen, weil Herr Selle selbst diesen Teppich zum Geburtstag für Frau Selle
ausgesucht und gekauft hatte.
    In diesem Salon stand auch ein Schreibtisch für Frau Selle, obwohl Frau
Selle selbst eigentlich nie schrieb, und so nur die Töchter, die sich sogar im
Hause Briefe schrieben, um ihren Lebensdrang heimlich auszutoben, sich um den
Platz davor zanken oder barsch anfahren konnten.
    Alle Phantasmen waren aus diesen Räumen und von diesen Menschen sichtbarlich
völlig fortgetrieben, solange der strenge Blick des Herrn Selle alles
zusammenhielt und beherrschte. Es kam dazu, dass in dem Arbeitszimmer des Herrn
Geheimrat selbst lange Reihen Bücher in gleicher Uniform, unermessliche
Registerreihen von A bis O oder Z standen, kalt papieren gebunden in Grau, so
dass nur die Rückenschilde grün oder rot zu glänzen wagten. Und an den wenigen
schmalen Wandflächen, die frei geblieben, hingen kleine Medaillonbildchen,
gelehrte, steife Gesichter mit Brillen auf der Nase, die aussahen, als hätten
sie auch schon ewig in Registern und Buchstaben herumgesucht. Denn Herrn Selles
Vater war ein berühmter Altertumsforscher gewesen, ein versunkengrabender Kenner
aller ehrwürdigen Dokumente deutscher Vergangenheit. Herr Selle liebte diese
Tatsache mit strengem Stolz in der Familie zu betonen. Er selbst bedauerte dabei
hundertmal im Leben, sich in diesen Quellen nicht haben gründlich erquicken zu
können.
    »Aber bei mir zu Hause hiess es, verdiene bald! Wir waren zwölf Kinder. Bei
meinem ehrwürdigen Herrn Vater gab es dann gar keine Unklarheit, keine Fata
morgana. Er sah und bestimmte. Da gab es kein Widerreden. Und schliesslich kann
ein tüchtiger Mensch sich an jedem Platze bewähren,« sagte er dann mit einer
entfernten Genugtuung. So waren aus solcher Erinnerung auch die Namen der Kinder
bis auf den ersten, der von Frau Selles Pflegemutter stammte, deutsch geworden.
So hiessen die Kinder also: Johanna, Katarina, Einhart, Rosa und Emma. Denn mit
Knaben war es bei Einhart geblieben.
    Und es lag unter Namen, die »aus dem deutschen Altertume« stammten, und
unter dem strengen, farblos-gleichmässigen Pflichtenleben, und in dem
phantasielosen Gehäuse, darein Herr Geheimrat Selle und die ganze, dunkle
Geheimratsfamilie eingefangen war, der alte, unversiegliche Quell Sehnsucht und
Traum der Seele ganz verschüttet.
    Sicherlich ganz verschüttet.
    Denn schon Frau Selle war als Mädchen von kleinlichmahnender,
innigversorgter Bürgerliebe umgeben gewesen, hatte es nur zu gut gehabt, hatte
sich schmücken und einzig tun können, und hatte in solchem
leichtsinnig-schwärmerischen Flitterleben die heimlichen Flammen ihres hüpfenden
Blutes verflackern lassen. Schon ihre Augen und Seele hätten nicht gewusst, wo
für ihre Sehnsuchten gross anderes finden? Nun gar die der vier Mädchen, die
eines Geheimrats Töchter waren.
    Der Feuerbrand der alten, treibenden Natursehnsucht, die Atemnot in engen
Räumen, die Lust ins Unbestimmte hinaus, wie Vögel ziehen nach südlichen
Paradiesen, oder wie Winde ziehen, in Wipfeln zausen und mit vom Knospendufte
vollgesogenen Kuss lustig weiter wirbeln über Heide und Weide und Waldtäler, in
Traumfetzen regten sie sich in den Geheimratsdirnen, in den trägen Bewegungen
der jungen, jachen Leiber, in einem flüchtigen Blick wie im Hasse und Streite
kam daran eine Erinnerung. Aber alles wäre auch hier wie in der Mutter ohne
Deutung und Sinn gewesen, ohne Drang, ohne Hoffnung, ohne Nachhall und
Darstellung, solange das Jungvolk eitel der Wohlhabenheit starre Ehren genoss -:
wäre nicht eben unter dem Namen Einhart ein rechter Nimmersatt von Traum und
Verachtung, ein unheilbar Unbürgerlicher, einer, dem es aus langem Wandertum der
Urväter mit heissen Purpurbildern im Blute umging, verborgen gewesen.
    Herrn Geheimrat Selle schien dieser Bengel bald hoffnungslos. Man kann
sagen, die ganze Geheimratsfamilie wäre wie ein erstarrtes Idyll in Dunkelfarben
erschienen: Der Herr ein grauer Kraterrand und drumherum viele stille, lockende
Blumen auf der erstarrten Lava erwachsen. Wenn nicht Einhart im Grunde ein
brennendes Feuer, eine ohne Absicht ungebändigte, ziellos aufquellende
Lebenssucht heimlich mit sich getragen hätte, aus Ehre und Schranken der grauen,
eingeschnürten, kleinen, sonnenlosen, getünchten Pflichtenwelt auf irgend eine,
ihm selbst in dieser Jugend noch völlig unklare Weise zu entfliehen.
    Wie dieser Junge mit seinen sechszehn Jahren schon allein aussah! Schlank,
fast wie wenn er Vogelglieder hätte. Ganz gerade gewachsen. Aber auch einen
schmächtigen Vogelhals. Und fettes, rabenschwarzes Schlichtaar, davon Strähne
immer in die Stirn fielen. Das Gesicht sehr mager und gelb. Die Augen in
Dunkelweiss so tief funkelnd, wenn er hasste oder in Abwehr aufblitzte, obwohl er
meist eine fast lächerliche Gutmütigkeit und scheue Einfalt zeigte, und fast nie
wusste, ob er gelebt oder nur geträumt, was er redete.
    Heimlich rauchte er, wo er konnte, gleichgültig was.
    Die Schwestern steckten ihm allerhand zu, und die Mutter desgleichen.
    Eine feine, schmale Stirn, daran eine leichte Aderschwellung in Zeiten der
Freude, hatte er, eine feine, schmale Nase und gerade, schmale, frohe Lippen,
aus denen die vom Rauchen leicht gelben Zähne sahen.
    Wer ihn so betrachtete, war entsetzlich erstaunt, dass dieser junge Mann
Einhart hiess, und noch mehr darüber, dass er eines strengen Geheimrats Sohn war.
    Man konnte ihm anschaffen, was man wollte. Alles war gleich hin. Man konnte
ihn mahnen, sorgfältig und auf seine Reinlichkeit achtsam zu sein. Es gäbe
keinen, der in solchen Träumen leben und noch hätte wissen können, wofür man
Seife und Wasser brauchte und wie die Traumdinge reiner waschen? Er selbst ging
vor sich im Traume hin, und hatte nie ein Gefühl, dass er je und je Schmutz an
Haaren und Halse, Nägeln und Händen, und an seinen Kleidern mit sich brachte, wo
er ging und stand. Nun, dass da gerade Herr Selle nicht glücklich war über
solches zuchtloses Leben, kann man begreifen. Es gab jetzt ewig Szenen um
Einhart. Man musste sich allmählich schämen, wenn er einmal von den Schwestern
unbemerkt unter Besuche hereingekommen. Draussen putzten und säuberten ihn dann
erst die Schwestern. Und er lachte kindlich dazu.
    Die Mutter hatte heimlich einen Hang zu ihm. Wenn sie ihn auch nur sah,
strich sie ihm immer flüchtig die gelbgraue Wangenhaut. Der Mutter gegenüber war
auch er immer geradezu wie ein demütiger Hund. Es lag in ihr für Einhart etwas,
was er sinnlos und wie nichts in der Welt liebte. Und für sie schien sich in
Einhart wieder herzustellen, so ins Unbestimmte, was sie immer verloren gefühlt.
So sah Frau Selle mit träger Verachtung fast, wenn sie alle erst um den Tisch
sassen, zu Vater, aber zu Einhart mit jäher, heimlicher Glut in den Mienen, die
so graugelb waren, wie seine, nur welk und alt.
    Und Frau Selle hatte es oft für sich amüsiert, wenn er das Essen verpasst,
draussen in der Sandkuhle gelegen, Igeln nachgetrachtet im Weizenfelde, mit
Kindesblicken ewig einer Lerche Jubel zugestarrt bis zum Blenden, und statt des
Kalbsbratens mit trüber, dünner Sauce daheim einfach Ähre um Ähre vom
Weizenfelde ausgekörnert und mit seinen Zähnen, unter Träumen oben im Hirn,
zermahlen hatte.
    Dann hatte er ihr alles umständlich erzählen müssen, dass Frau Selles Augen
unaufhörlich dabei lachten. Auch wenn es schon Auftritte gegeben mit Vater.
Wobei Mutter natürlich gar nicht erst hatte wagen können, gegen dessen Wünsche
und Bestimmungen aufzukommen.
    Aber heimlich, da hatte man beisammen gesessen, wenn der Herr Geheimrat
geraden Ganges mit dem Schirm unter den Armen die Strasse entlang gegangen, und
man ihn um die Ecke hin endlich hatte verschwinden sehen. Da kam jede einzelne
der Schwestern, um Einhart um den Hals zu nehmen. Rosa zuerst, die ihn ein Stück
drollig hinzog, wobei er noch immer absichtlich ein dummes Gesicht behielt. Auch
wenn der Tusch noch jetzt manchmal mit Handgreiflichkeiten geendet. Alle kamen,
Johanna, Katarina, und die Jüngste, Emma, und fassten ihn um den Hals von hinten
oder von vorn. Und Rosa küsste ihn phantastisch auf die Augen, die dann pfiffig
lachten, als wie dem Sturmwind des Vaters und seiner Würde mit Drolligkeit nach.
Und Mutter, versorgt und geängstigt noch, begann, selber immer lustiger werdend,
ihn auszufragen, wenn sie die schon belustigten Schalksblicke sah, mit denen
Einhart seine versonnenen, Vergessen bringenden Fahrten draussen in Heide und
Wildnis spürsinnig zu erzählen und Buntes und wie aus märchenschönen Dingen
Erlesenes hineinzuweben wusste. Dann standen die vier Schwestern mit Staunen und
sahen in Einhart etwas, wie ein unglaublich neckisches, wagsames Rätselwesen,
das sie liebten, das ihnen unter die armgrauen Ereignisse des
herkömmlich-bürgerlichen Geheimratlebens ein ganz neues Fühlen und neue Feste
brachte. Sie lachten über den ungekämmten, ungewaschenen Jungen, dessen Augen
Diebe schienen, und über die zerrissenen und verwitterten Kleider und die
verwetzten, verwahrlosten Stiefeln. Und jede wusste jetzt auch, dass man ohne
solche Opfer nichts dergleichen erleben könnte. Eine jede der vier
dunkelfarbigen Dirnen hätte es dann am liebsten gleich auch versucht. Alle, auch
Mutter, trug trotz der verborgenen Pein des Zerwürfnisses immer ein Glück fort
aus diesem das Leben so wegwerfenden Jüngling.
    Einhart war bald ein Jüngling, so dürftig und schmächtig er auch mit seinen
Jahren noch aussah. An solchem Tage sahen alle heimlich auf den Herrn Geheimrat,
wie auf eine langweilige Gesetzestafel, die streng verfügte, was man längst
tausendmal kannte. Und wenn er erst wieder heimgekommen, fühlte man es in allem,
dass es eine jede der Damen, alt und jung, heimlich entrüstete, wie die harte
Würde dem grünen Wucherreis mit dem glutäugigen Sanftblick blind und misslaunig
alles frohe Treiben knicken wollte. Da hatte Herr Selle keine seiner Töchter in
seiner Arbeitsstube hocken, wie sonst gewöhnlich. Niemand empfing ihn. Er musste
am Tische stumme Münder unter den sammetnen, gesenkten Blicken sehen. Alles war
da nicht, als wenn sie draussen auf der Wiese und im Walde und glückliche
Menschen wären, wie es einem Fernen so erschienen. Hier sass der Herr Selle,
steif und gehalten, mit strengen Blicken, nun auch sichtlich geärgert. Aber mit
bestimmter Verachtung dessen und nur gewappnet, zu gebieten. Und dort sass die
ganze, junge Brut, enttäuscht und voll Entsagung. Dass nur Frau Selle dann und
wann, als wenn sie sich aus Träumen plötzlich besönne, dem würdigen Herrn etwas
an Fleisch oder den Brotkorb, wenn sie seine Augen am Tische suchen sah,
hinreichte. Und Einhart sass dann unter ihnen immer mit einem verlorenen,
einfältigen Lächeln.
 
                                       3
Rosa war die dritte der vier Geheimratstöchter. Sie kam hinter Einhart, und war
nur etwa ein knappes Jahr jünger als er. Ein seltsam frommes Mädchen schien sie,
jemehr sie den Kinderjahren entwuchs und in den Kämpfen um Einhart in der
Familie sich zu einer Art heimlichen Schutzpatrons von Einhart entwickelte.
    Rosa war dunkel, wie alle. Auch einen Anflug brauner Hautfarbe, wenn auch am
unscheinbarsten, hatte sie. Ihr Haar, das jetzt, wo sie eine Jungfrau wurde, in
breiten Scheiteln über den Ohren hing, war glänzend schwarz, wie Jet, und ihre
Brauen feinbogig, wie schmale Rabenfedern. Aber im Dunkelglanz der grossen
Sammetaugen lag kein zehrendes Feuer, nur eine ferne Mildigkeit, und die
schmale, leicht spitze Nase zeigte auf einen immer ein wenig geöffneten Mund,
der sanft wie ein Schnitt in frisches, dunkelglühes Fruchtfleisch, weich und
zärtlich schien, und nur zärtlichen, versöhnlichen, verhaltnen Worten sich
schmiegte.
    Herr Selle konnte Rosa in dieser Zeit nicht ansehen, ohne nicht heimlich
beglückt zu sein. Die drei andern Mädchen, von denen Johanna und Katarina um
die Zwanzig waren und also erwachsen und sehr resolut, und die kleine Emma noch
ein rechter Backfisch kaum, nur gerade in den Flegeljahren, amüsierten sich
spöttisch über den frommen Hauch, der über Rosas Wesen sich ausgebreitet, und
Rosa stand also in dieser Zeit in gewissem Sinne allein.
    Nicht etwa, dass sie mit Frau Selle und den Schwestern in der Vergötterung
Einharts uneins gewesen. Ganz im Gegenteil. Was ihre Einsamkeit schuf, war der
Umstand, dass Herr Geheimrat, ebenso wie Einhart, Rosa durchaus bevorzugten. Herr
Selle sah in diesem Mädchen allmählich eine besondere Lebensfreude, dass er sie
rühmte vor allen in ihrer Zucht und Scheuheit. Dass er die keusche Erscheinung
auch offen mit einer, seinem sonstigen strengen Blicke ungewohnten Wärme ansah,
und nur ihr es schliesslich allein noch gelang, eine Last rechtzeitig zu lösen,
wenn es Gewitter gegeben, oder wenn der Vater in sich erregt in die Familie
getreten war.
    Und was Einhart betraf: die grossen Mädchen waren ihm zu rücksichtslos
geworden. Sie konnten auch rein nichts von seinen Heimlichkeiten für sich
behalten. Sie rühmten sich womöglich vor der Köchin. Sie glossierten alles
behaglich laut und offen, wie es grosse Damen tun, und nahmen sich nicht in Acht,
selbst wenn Vater in der Nähe war.
    Auch Freundinnen wurde es zugetragen. Es däuchte Einhart auch so etwas, wie
wenn sie vor den andern Fräulein halb gezwungen mit einstimmten in eine Art
sittlichen Bedenkens, wenn es die Situation zu fordern schien. Einhart lachte
auch darüber. Aber er hatte einen Halt allmählich nur an Rosa, die eine
Geheimnisträgerin war und für sich genug hatte, ohne eitel nach aussen zu
blicken. Sie besass eine stolze, sanfte Verschlossenheit gegen jedermann. Auch
gegen Mutter. Auch Frau Selle war das Mädchen, wie sie es manchmal mild und
verträumt aussprach, ein bissel entwachsen. »Das ist allzu früh begonnen,«
meinte sie dann in sanfter Verzichtleistung.
    Rosa hatte begonnen, Träume selbständiger Art zu gewinnen. Man sah es ihr
an. Sie sah nicht nur Albernheiten in Einharts Drängen und Taten. Ernst galten
sie ihr. Sie empfand, ein wenig heimlich verletzt, Abwehr gegen das zu laute
Vergnügen, was selbst die geliebte Mutter machmal bei Einharts seltsamen
Unternehmungen zeigte. Sie hatte etwas von einer milden, überlegenen Weisheit,
so dünkte es Einhart damals. Sie verstand seinen Lebenssinn vollkommen. Sie
redete dagegen nie ein Wort. Nur gegen das, was im Äusseren man vermeiden konnte,
mahnte sie:
    »Du kannst nicht gehen, wie ein Stromer, geliebter frère!« sagte sie von
oben lustig ohne zu lachen. »Das kann Vater natürlich nicht dulden. Aber das
verstehe ich ja, dass man nicht lebt hinter den Schulbüchern und auf guten
Polsterstühlen.« Rosa hatte auch einmal zufällig etwas von Charlotte Corday
gelesen, und hatte ins Unbestimmte ein Ideal von einer alles fürs Vaterland
opfernden Frau gewonnen. Schöne, weite, drängende Gefühle ging es in ihr hin,
wie Melodien ohne Gegenstand. Das gab nun Einhart eine Grundlage. Er sah sich
gewissermassen erkannt. Das Mädchen gab seinen Schalkspielen einen Sinn erst, dass
er vor ihr eine drolligfrohe, verlockende Gehobenheit empfand. Das alles verband
ihn der zarten Rosa und machte, dass er jetzt mehr Gewichtigkeit selber in seinem
Tun zu ersehnen angefangen.
 
                                       4
Es waren Zigeuner auf dem Plan vor der Stadt. Draussen lag ein See, und am Ufer
standen Erlen aufrecht, und Weidengebüsche hingen ins Wasser. Weil es Sommer
war, konnte man lagern. Einhart hatte noch am Nachmittag gleich die Gelegenheit
sich angesehen. Ein junger apollinisch-jüdischer Mann, mit einem flaumigen
Barte, der Pavo hiess, spielte, als der Abend versank, im Dämmer der Sterne die
schmelzende Geige, und das schöne, sonngebräunte Volk in bunten Fetzen tanzte
und flog in der Wiesenfläche.
    Einhart hatte gleich etwas empfunden, wie um sich selber gebracht. Er hatte
das ganze Abendneigen schon erst in der Nähe gestanden, die grünen Planwagen,
die im Rubinlicht ragten, umschlichen und die falben, struppigen Pferde
angestaunt, die an den Wagenkästen knabberten oder das Gras am Boden nagten.
Einhart hatte dann an der Böschung sich unter die Kinder der Armen und einige
Arbeitsleute gemischt, die auch herumstanden und auf die seltsame Horde
staunten.
    Eine junge Mutter, wie ein gelbes, ägyptisches Weib, stand mit dem Kind an
der Brust im Freien. Während eine alte, grossäugige Zigeunermutter im Wageninnern
kochte, dass der Rauch unaufhörlich dick aus der kleinen Esse schlug.
    Weisse Ziegen weideten am Hange.
    Einhart stand - und starrte und starrte, als wenn rein nur das wäre, was
sich vor seinen Blicken und Ohren begab. Wie nicht wirklich dünkte er sich und
ihm diese Welt. Wie selbst verjagt hinziehend und doch in Tänzen und flüchtiger,
lustiger Rast. Die Lust daran machte seine Augen wie verzehrt. Da waren auch
zwei halbwüchsige Zigeunerdirnen, melancholisch und träge. Die trockenen
Schwarzhaare hudelten um die Stirn, wie ihm. Die beiden kamen zu ihm nahe heran
und lachten ihn gutmütig an. Sie nahmen seine Hände prüfend in ihre dünnen,
harten Finger. Er musste an sich halten, dass er nicht einen Sprung in die Lüfte
tat, wie ein Bajazzo, oder wie ein junger, dummer Frühlingsfaun mit Nymphen,
sich im tollen Wirbel drehend, als Pavos Geige eingesetzt.
    Ein Rausch ging in ihm, eine Selbstvergessenheit ohnegleichen, eine richtige
Ohnmacht. Nicht, als wenn er die Sinne verlor. Durchaus nicht. Nur allen Willen,
etwas anderes noch zu sein, als was ihn jetzt erfüllte.
    Die dunklen, lumpigen Dirnen konnten zudem ihr Lachen nicht lassen, ihr
weiches, kindliches Locken. Weil er in seiner fiebernden Unruhe doch noch einmal
zurückgetreten.
    Seine Blicke suchten ununterbrochen den jungen, schönen Zigeunerspieler. Die
junge Mutter war unter die Arbeitsleute gekommen. Sie hatte das Kind in den
Wagen zurückgetragen und drehte jetzt eine Zigarre in ihrem Munde. Ein Gesicht,
wie das einer Koptin, gelbgrau, mit gebogener Nase, streng, knisterndes
Zottelhaar um die Stirn, nicht voll, dürftig, und ein dürftiges Zöpfchen hinten,
das ihr nachlässig, blau gebunden, im Nacken starrte. Die blaue Kattunjacke
stand offen, dass man die knospenfrischen Brüste sah. Sie kam Schritt um Schritt,
mit ihren Dunkelblicken lautlos und achtlos um Feuer bittend. Die Arbeiter
machten ein paar gemeine Glossen und lachten. Einhart hörte es nicht. Es zog ihn
und trieb ihn gleichzeitig. Der Gedanke an Rosa, und dass sie es sehen müsste, war
in ihm erwacht. Der Sternenhimmel begann schon zu blinken. Immer wieder kamen
die zwei stahlschlanken Dirnen, die seine Augen suchten, als hätten sie an ihm
etwas Besonderes ausgefunden, und lachten über ihn kindlich schalkisch
untereinander.
    Und die Geigentöne gingen jetzt schon im stillen Reigen. Der Mond ging auf
und stieg stummgolden in den Raum, ferne über den schwarzen Wäldern. Von ferne
hallte ein Kuckucksruf, unaufhörlich weich sich wiederholend. Es war eine
Juninacht. Unermesslich die silberne Blankheit des sanften Wasserspiegels, weil
das Mondlicht ihn streichelte.
    Einhart hatte es nicht mehr ausgehalten. Er war wie sinnlos fortgeeilt,
geirrt, weil noch immer zurückgebunden, und doch wie im Wirbel. Die heissen
Geigentöne des braunen Zigeuners gingen mit ihm und die weisse Dunkelnacht, und
die Mädchenblicke, und es schwirrte rings, wie von Dämonen in weicher
Dämmerluft. So war er in Zwängen in die Wohnung der Geheimrätlichen
zurückgerannt.
    Der Zufall wollte, dass nur Frau Selle und die Schwestern daheim waren. Der
Herr Geheimrat selbst hatte im Amt eine Hinderung gehabt und hatte
heimgeschickt, dass er auswärts ässe. Er sass unterdessen in einer kleinen
Weinstube mit einigen Herren seines Ressorts beim Glase, und man erzählte
allerhand Postvorkommnisse, besprach auch einen Fall schwerer Defraudation
genauer und ernstlich, ehe man wieder lachte und pokulierte. So war Einhart gut
ins Haus gekommen. Aber sein Herz, so voll tollen Spasses es war, sank jetzt wie
demütig zusammen, dass er sein Fieber plötzlich niederpresste und nur einfältig
lächelnd dastand, als Frau Selle ihm die Strähne liebevoll aus der Stirn strich.
Frau Selle hatte in einem losen Sommerkleide am Fenster gestanden. Auch sie
lächelte nur gütig. Johanna und Katarina verstanden nicht recht, warum Einhart
heut nicht redete. Dann waren die beiden mit Mutter auf den Balkon getreten.
Auch für sie alle hatte sich jetzt der Silbermond in die Welt gehoben. Auf den
Dächern lagen Spiegelscheine, und es umfloss alle Dinge mit Silberfäden. Johanna
redete laut, wie glänzend der Mond im Äter schwämme. Sie machte einen Witz von
Liebenden im Mondenschein. Einhart musste hell hinauslachen. Er war im
Zimmerdunkel zurückgeblieben. Auch Rosa, die gleich mit der feinen Witterung der
Seele zu ahnen begonnen, dass in Einhart neugesponnene Träume sich rührten und
laut werden wollten - nur für sie. Sie hatte ihn jetzt unter den Arm gefasst und
legte ihre Wange sanft an die seine. Da begann Einhart auch schon erregt zu
flüstern. »Komm!« sagte er ganz leise, »komm!« - - - »Wohin?« sagte Rosa. Und
man hatte kaum draussen eine Weinranke am Balkon im Silberlichte wanken sehen.
Und dann war Einhart nach einigen bestimmten, stummen Zeichen plötzlich
gegangen. Er hatte sein Bett in einer Bodenkammer.
    Aber später, als alles schlief im Hause, und weil Herr Selle noch immer
nicht nach Haus gekommen, huschten Einhart und Rosa in die Monddämmer hinaus und
liefen hin in die brünstigen Tänze im Silberschein, unter die sich auch einige
Dienstmädchen und junge Arbeitsleute mit eingelassen, dass nun, schon gegen
Mitternacht, ein ewiger Reigen hin und her, von der monotonen, sehnsüchtig
näselnden Weise der einsamen Geige hingeführt, im Mondlicht schwebte. Die
Schatten tanzten mit unter dem wogenden und ringelnden, bleichlichten Fremdvolk
auf der weissen Wiese. Eine stumme Inbrunst spann in der Nachtluft, dann und wann
nur von Rufen oder einem jähen Schrei flüchtig unterbrochen. Eine lange
Fackelflamme gaukelte in Rauch, die Insekten umschwirrten. Falter verflogen sich
in Einharts Gesicht, dass er sie, flüchtig erweckt, dann doch achtlos nur wieder
in der Hand hielt. In allen Gesichtern lag ein ewiges Lächeln. Auch in Einharts.
Auch in Rosas. Einhart und Rosa hielten sich aneinander, langsam und scheu, und
ganz erstaunt noch immer und nichts wagend, beide nur ganz diese klingende,
treibende Rätseldämmerwelt, fiebernd von losgebundnen Trieben, ganz den
seltsamen Dunkelleuten hingegeben.
    Und jetzt mit noch grösseren Augen lachend, als der weisse Wiesenplan rein
lag, alles erschöpft beiseite getreten, und nur die beiden Zigeunerdirnen
herangeflogen, in der Leibesmitte sich greifend, ihre nackten Füsse streckend und
stampfend wie in wildem, taumelnden Einvernehmen, und sich lösten und
auseinanderschwangen, stumm fast, ewig geneigt in schwebendem Gleichgewicht. Gar
nicht mehr Lächeln, Feier in den heiss blickenden Mienen, dann und wann einen
heiseren Schrei hinausgebend, wie ein Vogel schrillt, rasend so hin, inbrünstig,
wie in Gottesdienst, dass die Menge ringsum wie im Mitleiden den Atem anhielt.
    Einhart hatte dann, er wusste nicht wie, eine der Dirnen umgriffen und hatte
zu springen und zu tollen begonnen, weil sich auch Rosa gar nicht mehr
eingehalten, im Taumel dem jungen Zigeuner im Arm gelegen und ohne Rückblicken
den Geigenklängen der Nacht sich willenlos hingegeben.
    Aber sie war ebenso plötzlich geflohen.
    Der Zigeunerjüngling hatte sie unversehens hart um den Leib gegriffen, sie
an sich gerissen und sie sinnlos zu liebkosen und ins Gesicht hinein zu küssen
gewagt. Da war es wie eine Furie hinter ihr aufgesprungen, dass sie besinnungslos
lief und lief, nicht mehr hinter sich sehend, und dass sie atemlos und gescheucht
auch schon vor der Haustür stand, den Schlüssel im Schloss zitternd umdrehend,
und als wenn sie im nächsten Augenblicke zusammensinken und sterben gemusst.
    Aber da draussen spielte Pavo noch immer seine schmelzende Weise. Die alte
Zigeunermutter wiegte ihre breiten Hüften und schlug die Hände. Wie eine
Grimasse hielt das Lächeln alle Gesichter. Auch auf dem Gesicht der jungen
Zigeunerfrau lag ein weiches Schmerzlachen, und Franziska glühte und kreischte,
indem sie den tollen Einhart mit sich herumriss.
    Einhart erwachte erst, als er sich endlich nach Rosa einmal umgesehen und
entdeckt hatte, dass sie nicht mehr unter den fahlen Nachtgesichtern zu finden
war. Der Mond ging eben am Horizonte zur Rüste. Einhart lief nach Hause, die
einsamen Strassen hastend entlang und stahl sich über die Mauer des Hofes und
durch die verlassene Hintertür in seine Dachkammer. Aber weil Herr Selle selbst
auch spät heimgekommen und deshalb nicht am Frühstückstisch der Familie
erschien, war das Geheimnis dieser Nacht verborgen geblieben und blieb
einstweilen ohne Folgen für Einhart.
 
                                       5
Die Realschule der Stadt lag an einem im Mittel gebreiteten Geschäftsplatze. Ein
dreistöckiges, rotes Gebäude, drohte sie mit mächtiger, langweiliger,
fensterreicher Fassade, wenn Einhart, seinen bücherquellenden Tornister schief
auf die Hüfte gestemmt, um die Ecke des kleinen Nebenweges von der Promenade her
einbog. Drohen oder auch locken kann man sagen. Weil alle Dinge in der Welt, in
der Einhart lebte, für ihn solchen Doppelsinn hatten. Diese breite, gespreizte,
rote Hauswand machte ihn manchmal gerade so ferne lachen, als wie sein
strähnhaariges, gelbgraues Gesicht ein plötzliches Lächeln nicht unterdrücken
konnte, wenn der Herr Geheimrat mit ganzer Würde und Positur und mit allerlei
ergründenden Abwandlungen ihm streng mahnend dieselbe Schlusszeile durch die
Ohren zog wie den Putzer durch den Zylinder: »Werde etwas Tüchtiges! - Der
Mensch muss etwas Tüchtiges sein! - Jeder muss ein würdiges Mitglied der
Menschengesellschaft werden! - Werde meinetalben Schuster oder Schneider. Das
fände ich zwar nicht übermässig ehrend in der Stellung, die ich erklommen. Aber
trotzdem! - Nur werde etwas Tüchtiges! In jedem Amte und Berufe kann man seine
Tüchtigkeit zeigen. Und das macht den Mann.«
    Einhart musste dann, wie gesagt, oft unversehens lächeln. Es kam ihm
plötzlich manchmal der alte Herr mit dem vollen, grauen Schnurrbart und dem
strengbewegten Munde, mit der befehlenden Geste, die sofort in die ganze
Steifheit des gehaltenen Ernstes zurücksank, wenn er im ratlosen Gefühle auf dem
weichen Teppich auf- und abwogte, derart liebevoll komisch und Mitleid erregend
vor, das, was der Vater würdiges Mitglied der Menschengesellschaft und ehrend
nannte, so ungreifbar ferne und matt und grau, dass Einhart in seinem plötzlichen
Zwang, womöglich rund hinauszulachen mit Zärtlichkeit, eine vollkommene Einfalt
in seine Züge bekam, und Herr Selle dann jedesmal dachte, dass er es mit einem
unheilbaren Toren zu tun hätte.
    Einhart stand dann oft ewig wie angewurzelt. Er drehte ohn' Unterlass an
seinem Jackenzipfel herum. Das gutmütige Schalkslachen drückte die dunklen
Brandaugen klein und gab ihnen eine seltsame Verschlagenheit, die sich den Tag
über kaum noch löste. Dass auch Frau Selle selbst, wenn sie ihn endlich sanft
weckte, sich flüchtig ärgern konnte über den schlauen Ausdruck, der durchaus
nicht nach Reue aussah, nur mehr nach toller Laune, die unter der einfältigen
Armensündergrimasse aufflammen gewollt und doch nur heimlich umgegangen war. Das
machte Kopf und Auge und Ohr und das Blut und die Muskeln und die Nerven, die
Einhart hiessen. Zucken und Jucken tat manchmal das alles, gleichwie über sich
selber hinwegzuspringen. Die Augen zudem, wenn sie sich schlossen, sanken sehend
in Purpurfelder. Und in den Ohren klangen lustige Sprüche und Pfiffe. Nun gar
jetzt, wo er dem flämischen Breitmaul Schule entgegenging und in die grossen
hundert Augen, in die Fenster, seine lustigen Blicke flüchtig hinaufwarf.
    Eben war man im Begriff, die Fenster allentalben oben und unten zu
schliessen, weil Einhart, wie immer, im letzten Augenblick um die Ecke stob. Im
ersten Stockwerk hockte ein blonder, grosser Bengel im Fenster, der sich weit
hinausbog und ihm winkte und zuschrie. Man sah auch, dass sich der Blonde
wohllaunig in die Klasse zurückgewendet, und hatte ein Hallo verklingen hören,
als sich das Fenster vollends schloss.
    Einhart war immer prickelnd erwartet. Ein rechter Faxenmacher unter den
durcheinander lümmelnden Knabengesichtern, und wie ein Strohhalm manchmal, der
im Winde herumhupft. In der Klasse konnte man ohne ihn mit den Freipausen nicht
fertig werden. Wenn er am Türpfosten nach dem Korridor lehnte, hatte er gleich
allerlei Zuhörer. Er erzählte die widersinnigsten Spässe in wirren Märchenformen,
wo er Väter und Alte in Bären oder Steine, und Kinder in weise Könige
verwandelte durch Zaubermittel, und sich selber einen Narren nannte, dem alles
in der Welt auf den Kopf gestellt deuchte.
    Einmal benahm er sich auch, als wenn er sich als ein richtiger Affe fühlte,
langgliedrig und behende zugleich, so dass er seinen Schulgenossen dann ein
ewiges Schauspiel Eines gab, der zum Klettern geboren wäre, allentalben in
hockender Stellung auf Fensterbrettern, Kateder oder gar Ofen sass und ihnen
derart allerlei lockende Dinge von Urwäldern und Wanderungen an Schlingpflanzen
und in den höchsten Wipfelräumen nachahmte. Dazu immer erzählend: »Etwas
Tüchtiges! Nur etwas Tüchtiges!« sagte er dann. »Und wenn es ein Affe im Urwald
ist, nur etwas Tüchtiges, das macht den Mann!« Eine Korona Knaben sah nur schon
seine pfiffigen Mienen und lachte. Einige der bedächtigeren Schüler gaben nur
seine Worte weiter und erlustigten sich an seinen Einfällen. Und alle wussten,
dass er daheim ganz und gar nichts lernte, und lachten schon heimlich in dem
Gefühle, wie dieser dunkle Fuchs dann vor dem langen, scharfen und schneidenden
Ordinarius würde in lächelnde Einfalt einsinken, als ob er schon nicht mehr
wüsste, was ein weisses Schneeglöckchen im Frühling wäre oder die hellerlichte
Sonne? Aber es war doch auch des Geheimrates Sohn, eines Mannes, der bedeutende
Karriere gemacht und sicherlich noch weiter zu Ehren aufging. Im Grunde sass man
in der ganzen Lehrerschaft wie auf Kohlen. Nur gut, dass Einhart in der
äusserlichen Körperlichkeit nicht zu sehr aus seiner Klasse herausgewachsen. Alle
seine Mitschüler waren um Jahre jünger als er. Er hätte müssen wenigstens in
Sekunda sein, und man erwartete jetzt nur vergeblich, ihn der Tertia
einzuverleiben. Die Lehrer wünschten es dringend. Der Direktor war Herrn Selles
Freund. Er erkundigte sich oft bei den Lehrern nach Einhart. Aber es war
durchaus nie etwas anderes zu hören, als dass sie es mit einer unverbesserlichen
Art Gaukelei und Trägheit, mit einer Verschlagenheit und Sanfteit
gleichermassen, die man gar nicht zu qualifizieren wusste, hier zu tun hätte.
    Der Geheimrat hatte es schon erfahren, dass man auch jetzt noch wieder an
eine Versetzung nicht recht glauben konnte. Er hatte sich sogar alles schon
zurechtgelegt: »Wenn es jetzt nicht wird, kommt er in die Lehre. Dienen wird er
nicht brauchen bei seiner Schwächlichkeit. Nun also! Da mag ihn ein strenger
Handwerksmeister erziehen, wenn es in gebildeten Formen nicht gelingt,« hatte
Herr Selle schon überlegt. Die Stimmung daheim war in diesen ganzen Wochen,
solange Herr Geheimrat im Hause war, nicht übermässig launig gewesen. Aber dass es
so bunt kommen müsste, wie es jetzt kam, wäre niemand, weder dem Herrn Vater,
noch den Lehrern je in die begriffsverblichenen, matten Sinne eingefahren.
    Schon als Einhart heute in die Schule kam, hatte er etwas an sich, das die
Mitschüler nicht kannten. Er sah durchaus nicht einfältig aus. Er sah aus, als
wenn er aus einem langen Schlafe unversehens munter geworden. »Lasst mich in Ruh
mit Albernheiten!« sagte er nur bestimmt, und seine Augen hatten ein strenges
Feuer. In diesem Moment hätte man geradezu an den Blick des Geheimrats denken
können. Obwohl aus dessen Blicken nie Zigeunertänze und schwüler Taumel auf
Mondwiesen im heimlichen Schauen aufgebljetzt. Einhart war ausserdem, als er kam,
aussermassen bleichgelb, richtig verzehrt.
    In der Stunde, die der alte Mädchenschulrektor, der hier am Gymnasium
Schreibunterricht gab, leitete, sank Einhart tief in Schlaf und sank seinem
Nebenmanne, der ihn nur jedesmal lächerrlich ein wenig puffte, immer wieder auf
die Schulter. Der alte Walk achtete nicht genau und mochte auch keine
Prozeduren. Manchmal schlief er selber auf dem Kateder ein, wenn alle fünfzig
Federn leise kritzelten. Er sagte dann auch gutmütig und zu eigner und andrer
Entschuldigung: »Wie es so geht manchmal im Leben, jeder ist nicht immer zu
jedem aufgelegt!« So schlief mancher noch mit.
    Auch Einhart schlief also heute. Aber seltsam auch, dass sein Nebenmann lange
auf sein bleiches, sanftgewordenes Gesicht sehen und wie ein fernes Entzücken
mit diesen schmalen, bleichen Zügen empfinden musste. Wie ein ferner, froher
Traum lag drin. Eine liebliche Miene, ein Lachen, stumm und versunken, unter
dunkelrandigen, geschlossenen Lidern.
    Aber wie Einhart erwachte, versuchte er geschäftig zu blicken und kümmerte
sich nicht um die Augen, die ihn rings komisch suchten. Eine fiebernde
Unzufriedenheit regte sich in ihm. Schreiben jetzt war ihm unmöglich. Er malte
Schnörkel auf die weisse Fläche, die er vor sich hatte, ohne Sinn. Aber dann
drehte er den Bogen, dass der Nachbar gleich neugierig mit auf sein Blatt sah. Es
war tiefe Stille in der Klassenstube, dass man nur manchmal ein einzelnes
Aufatmen hörte in die Versunkenheit vor den kleinen, aus den Federn fliessenden
Tintenkringeln. Aber Einhart schrieb nicht. Er begann Gesichter mit Zottelhaaren
hinzuzeichnen, einen ganzen, tollen Reigen, wilde, nackte Gestalten, dass der
kleine Nebenmann, der ein blonder, sanfter Knabe war, wegsah und ein wenig
errötete wider Willen. Einhart zeichnete mit schmutzigen Händen. Er war in die
Schule gelaufen, noch ohne sich anders, als nur auf der Mutter Geheiss, eine
reinliche Jacke anzuziehen. Durch die Haare war er sich ein paarmal mit den
Fingern gefahren. Und er kümmerte sich um nichts, was vorging.
    Auch wie der Rektor dann eine lange, moralische Rede über die Schrift
begann. »Dass man aus der Schrift die Seele des Menschen ablesen könnte,« meinte
er, »wäre eine Fabel. Aber ein gesitteter Mensch könnte sich doch schon in der
Reinlichkeit des Papiers bekunden, in der Ordnung der Zeilen, in der Klarheit
der Schriftzüge. Die Achtung vor den Gesetzen und dem Herkommen zeigte sich in
der Schrift nicht minder. Deshalb lehrte man die Schrift. Nicht, dass man da
Sonderbarkeiten recht ausprägte, so unleserlich schriebe wie möglich. Derartiges
gefiele nur eitlen Narren. Einer wie der andere müsse es aussehen. Darum nenne
man das eine Schreibstunde. Und ich bin euer Schreiblehrer.« Er schrieb selbst
wie gestochen, und man konnte wirklich nicht wissen, ob er oder ein Rektor in
einer Seestadt oder ein Schulmeister in Kospeda es geschrieben. Einhart hörte
nur mit halbem Lächeln hin und dachte an das schmutzige Gesindel auf dem Plane,
dass der alte, schwerfällige Walk auf ihn sah und ihn fragte: »Nun, Herr Selle,
warum so lächerrlich?«
    »Ich freue mich über Ihre Lehren,« sagte Einhart ganz wie nebenbei, dass ein
tolles Gelächter ausbrach, und der Rektor gleich mit sanfter Gebärde stillen
wollte. »Nur ruhig! - nur ruhig!« sagte er selber halblaut und erschrocken, weil
es der Direktor leicht hören konnte. »Selle weiss immer eine gute Antwort,« sagte
er dann versöhnlich, ein wenig eitel. dabei hielt er die Hand mit dem Lineal wie
einen Palmenzweig des Friedens ausgestreckt vom Kateder, damit höchstens noch
ein kleines Aufwallungslachen folgen konnte, das seiner Seele wohltat.
    Aber dann, als die Schuluhr schrill die Stunde geschlagen, und Walk
umständlich hinaus war, überkam es Einhart, dass er eilig aufs Kateder stieg,
ins Klassenbuch sah, um welche Stunden es sich noch handelte, und dann plötzlich
ein tiefleidendes Gesicht schnitt. »Lasst mich in Ruh,« sagte er. »Ich habe
wahnsinniges Zahnweh. Ich kann es bei Gott nicht lange so aushalten.« Er sass in
der Bank und begann sich richtig zu krümmen wie ein Wurm. Viele lachten noch
immer. Andere dachten schon an Ernst. Jedenfalls machte Einharts Miene durchaus
Eindruck.
    Der strenge Ordinarius, der die nächste Stunde gab, hatte sich beim
Eintreten gar nicht umgesehen. Er begann mit dem Abhören der unregelmässigen
Verben. dabei sah er wie zufällig, dass Einhart noch immer halb umgesunken in der
Bank sass, und alle Blicke sich immer wieder dahin richteten.
    »Was ist denn da los? Das ist wohl Selle? ... Selle! ... nun? was ist denn
los?« Einhart antwortete noch immer nicht. Einige riefen: »Er ist krank.«
Andere: »Er hat furchtbare Schmerzen.«
    »Selle!« sagte der scharfe, schneidende Ton in einiger Weichheit mahnend.
»Hast du mich gehört, Selle? was ist dir denn nun? du kannst doch so nicht
sitzen,« sagte der gestrenge Herr fast schnarrend. »Entweder du bist fähig, dich
aufrecht zu halten, oder du musst einfach dich scheren.« Einhart versuchte
gehorsam, sich eine Weile emporzurichten. Aber dann begannen wie feine
Schmerzlaute neu anzuheben aus ihm. Es schien wirklich schlimm.
    »Wenn du derartige Gesichtsschmerzen hast, gehe nach Hause! Das ist ja nicht
auszuhalten,« sagte der Ordinarius unwillig. Aber wie dann Selle aufrecht stand,
die Sachen packte und zur Türe ging, sah der Lehrer auch, wie bleich und
verzehrt Einhart war.
    »Nun, da wünsche ich dir nur, dass du die Schmerzen bald los wirst! Ich kenne
das« ... sagte er in einer mitleidigen Anwandlung. »Das ist ja wirklich nicht
sehr angenehm.« Und Einhart war draussen.
 
                                       6
Einhart war eilig über den Platz vor der Schule gelaufen, wo einige
Droschkenkutscher an der Ecke hielten, die ihm nachsahen, weil er noch immer den
Kranken spielte. Er hatte den Tornister unter den Arm gekniffen und drückte ein
zerknülltes, rotes Tuch an die Backe, so dass die bleichgraue Miene seines
Gesichtes noch auffälliger wurde. Es lag Sonne im Wege. Es war nach elf Uhr, und
die hohen Häuser warfen nur kurze Schatten. Einhart war innerlich belustigt, wie
noch nie im Leben. Wie er so dahineilte, überlegte er nur, wohin sich am besten
gleich wenden? Er hastete, dass er ungleiche Schritte nahm, und man einige
Augenblicke immer denken konnte, er hinke. Aber das innere Leben war wie ausser
Rand und Band sozusagen. Als er um das grosse Modenmagazin herum war, sah er sich
noch einmal um, wie um zu prüfen. Er war ein schmächtiger, schlanker Bursche.
Die braune Jacke, die er trug, sah anständiger aus, als gewöhnlich, und der
Haarsträhn war jetzt doch unter dem flachen, schwarzen Hütchen verborgen, das
schief auf dem Schlichtaar sass. Wer ihn jetzt sah, als er der Schule ausser
Sicht entronnen, hätte über die Augen und über den Mund und die feine Nase
lachen müssen. Als wenn er Übles gewittert und hinter sich gelassen, lief er
jetzt. Das Taschentuch war längst zu einer roten Fahne in der Hand geworden, die
er nun vorwärts schwang. Seine Augen konnten vor Lust gar nicht gerade sehen.
Nach allen Seiten auf und um gingen sie und hatten eine Pfiffigkeit im Blicken.
Der Mund hatte Eile, sich Hoffnungen vorzumurmeln, und er stiess mitten auf dem
Exerzierplatz, über den er mit springenden Schritten hupfte, einen grellen Pfiff
aus, ehe er in die Promenade einbog. Er dachte gar nicht zurück. Oder wenn er
zurückdachte mit zärtlicher Laune. »O du einziger, guter, dummer,
scharfsichtiger Herr Oberlehrer, du dummes, einfältiges Vieh!« sagte er und
lachte er. »Der junge Herr Selle sollte mir schon kommen! du ... ach, dass du
auch gar nicht merktest, was diesem Herrn jetzt durch den Kopf ging!« Und nun
stand er wieder. »Dieser verfluchte Ranzen!« sagte er vor sich hin. Er nahm
seinen flachen Rundhut ab und warf den Ranzen samt dem Hute auf die Erde. Dann
überlegte er und sah sich die ganze Welt ringsum und oben an. Eine Linde stand
neben ihm, an der er nur bis zur Krone sah, und an deren Stamme Ameisen krochen.
Das machte einen Augenblick ganz sich vergessen. »Weisst du nur, warum die Leute
noch sitzen und in die Bänke sich zwängen? - Du nettes Tierdel! da ... komm ...
nur ... einmal ... und bleibe bei mir« , sagte er zu einer Ameise und versuchte
sie auf der Hand zu halten, die er drehte. Aber die Ameise merkte den
Raubtierhauch der Menschenhand und warf sich kopfüber in einen Abgrund unter
ihr, und Einharts Gedanken flogen sofort auch weiter. »Da ... ist ein Versteck
für dich,« sprach er den Ranzen an, den er schon aufgenommen, indem er auch
sogleich weitersprang.
    Am Wassergraben wusste er von der Eisbahn her ein Loch in der Mauer, das
immer leer war. Dort hing eine volle Weide über, die sich jetzt wunderklar im
Wasser spiegelte. Es lockte ihn, dass er auch hier über das eiserne Gitter lange
sich bog, als wenn es ein Spiel für ihn gewesen wäre. Er sah auf den
dunkelklaren Schattenspiegel und verfolgte, als wie ein Käfer, der an jedem
Ästchen emporkriecht, die ganze, dunkle Verzweigung. Dann warf er erst Blättchen
um Blättchen hinein, die immer in Kreisen spannen und das klare, scharfruhende,
stumme Baumgeäst wie einen Augenblick in ein trübes, feines, rinnendes Bewegen
lösten.
    Einhart! mein lieber Tagedieb! was staunst du und kannst nun alles andere
vergessen! Ein Blättchen nach dem andern fiel. Und Einharts Gesicht spannte und
lächelte. Dann sprang er über die Eisengitter und schob rasch seinen Tornister
in das Erdloch, sprang zurück und lief nun leicht in der Richtung nach dem See.
    Träumen ist eine Seligkeit und kann auch eine Krankheit sein. Träumen kann
mit ewigem Enttäuschen kommen, wenn immer wieder eine graue Megäre Wirklichkeit
Ohren findet, die es hören und glauben, dass wir ja nicht träumen dürfen, sondern
leben müssen. Aber es kann auch ein Harnisch sein gegen all die leeren, grauen
Gedanken von dem Leben, als wäre es in Stücke gerissen, dort ein Deckel, und
hier die Dose. Dann ist der Ritter eines mit seinem Harnisch, und kein schales
Meinen kann ihm diese seine Welt zertrümmern, die nicht leben hier und träumen
dort, die auch nur Eines ist, was immer heimlich oder offen aus der Seele sich
hebt und lebt wie ein einiger Brunnen, Kraft und Klarheit so ins Dasein, Sinn
und Gestalt schaffend. Aber das wollten die Lehrer nicht anerkennen. Deshalb
eilte jetzt Einhart hin.
    Dem Herrn Geheimrat hätte er jetzt auch nicht begegnen dürfen. »Dieser
geliebte, steife Herr Vater,« wie Einharts Augen ihn flüchtig lächelnd sahen.
Wenn Herr Selle jetzt leibhaftig erschienen wäre, wäre Einhart eine Ratlosigkeit
angekommen. Nicht aus Furcht. Eine vollkommene Demutsmiene ging in dem
gelbgrauen Schmalgesichte des Jungen auf, als auch nur von ferne solcher Gedanke
sich regte. Durchaus nicht aus Furcht. Aus hellem Verzweifeln. Da hätte er
wirklich das Leben, das er jetzt innig in Einem lebte, plötzlich wieder
zersprungen gesehen, dort in farblos fahles Gesetzesbestimmen und hier in seinen
entfliehenden Glanz, dort nur mürrisch grau, strenggeteilt wie ein Rübenbeet,
für jeden Tag gerade nur immer eine erdige Wurzel. Und hier noch die Sonne, die
über die ersten, seidigen Keime ihr Gold und ihr warmes Flimmern gegeben, und
die sich nun fortebt, wie von einer kalten Husche staubigen Fegewindes verjagt.
Aber Herr Selle kam nicht auf dem Wege. Er sass im Bureau und schrieb und
verfügte. Und die Herren Lehrer blickten streng in die Bücher vor sich, dass nur
noch Einharts Mitschüler eine ferne Ahnung besassen von lockenden Dingen draussen,
die Einhart hinausgerufen.
    Übrigens hatte Einhart eine ernstere Haltung angenommen. Eine Anwandlung von
Würde schien ihn jetzt zu beherrschen. Nun er lose hintrieb, frei von der Last
der Erinnerung, schien er ein sicheres, männliches Wesen sein zu wollen. Als er
um die Strasse beim Postgebäude hinschritt, sah er Mutter und die beiden ältesten
Schwestern ahnungslos vornehm heranschreiten. Er konnte von einer
unbegreiflichen Torheit sein. Die augenblickliche Lust machte ihn derart sorglos
zuerst, dass er noch immer ruhig auf sie zuschritt. Wie er der Ameise am Baume
oder auf seiner Hand nachgesonnen. Wie er seinen tastenden Blick von dem Geäst
im Wasser führen liess und nicht anders konnte, als bis er in jeden Zweig
hineingeglitten und in jedem Blattbüschel gesessen und extra seinen Traum
geträumt, wie ein Vogel oder eine Biene, so schritt er jetzt auf Mutter zu und
sah und staunte innig vergnügt Johannas und Katarinas gemessenes Schreiten an,
sich lächelnd in ihre Sittsamkeit einträumend. »Feine Damen,« dachte er nur.
»Das sind feine Damen und sind deine Damen,« lachte er vor sich hin. Er hatte
oft einen Zwang derart, dass er Dummes reimte. »Diese Damen sind in Hülsen
eingeschnürt, und ich werde einfach an ihnen vorüberschreiten« dachte er nur.
»So wie ich bin, werden sie mich gar nicht erkennen. Ich bin ja jetzt nur ein
Zigeuner,« dachte er so hin. »Ein toller Zigeuner entpuppt sich nicht. Und wenn
ihn Damen auch ansehen, als kennten sie ihn. Pah! Das ganze, braune Gesindel
wird um die hellen, feinen Damen herumschreien, und keine wird eine Ahnung
haben, dass darunter auch einer Einhart heisst. Rabe wird er heissen, Habicht und
dergleichen. Wie kämen solche feinen Damen in Schleier- und Federhüten, so gross
wie Blätter vom Riesenlattig auch zu einem Zigeuner.« Unter solchem törichten
Spiel von Gedanken in Einhart waren Frau Selle und die beiden grossen Mädchen
näher und näher herangekommen.
    Aber die drei Damen gehörten jetzt auch wirklich nicht zu einem Zigeuner.
Sie gingen vornehm, ohne sich umzusehen. Höchstens noch warf Johanna einen
flüchtigen Blick einmal in eine Spiegelscheibe. Jeden Sonnenstrich auf der
heissen Strasse überschritten sie ängstlich, nicht mit Freude, und eher wie eine
Pfütze, in die man nicht hineintritt. Und hielten die Schirme steif aufrecht und
die Blicke streng in die Ferne, ohne untereinander ein Wort zu sprechen.
    Da schoss es in Einhart neu auf wie ein richtiger Koboldsprung. »Feierliche,
dumme Puten,« dachte er nur verächtlich. »Wie auf Stelzen! Und nur Rosa hat Mut.
Und auch Rosa ist feige heimgelaufen. Auch sie würde jetzt nicht mehr Kraft
haben.« So bog er entschlossen in ein erstes, bestes Haus ein, noch ehe die
Mutter und die beiden lichtgewandeten Fräulein sich recht ermannt und ihre von
der heissen Junimittagsonne geblendeten Augen zu ihm aufgehoben. Und er lief
dann, wie sie schweigend und rauschend an dem schmalen Türspalt, hinter dem er
lauerte, vorüber waren, was er konnte dem Plane am See zu.
 
                                       7
Die Mittagssonne brannte auf den Plan. Ein paar hohe Pappeln gaben scharfe
Schattenstümpfe gegen das Wasser. Der Seespiegel lag träge und schwül. Die
ältere, kirschenäugige Zigeunermutter hantierte im Wagen. Die junge Frau noch
mit demselben blauen Leinenkittel hing in der beschatteten Wagenkelle und
schlief über dem Kinde, den Brustknopf offen, dass das Fleisch heraussah. Die
beiden braunen, lumpigen Dirnen lagen an der Böschung unter Weidenschatten und
hatten sich umschlungen. Einhart sah sich nach den Männern um. Sie waren nicht
sichtbar. Dann, wie er näher trat und scheu äugte, fast nun auf Zehen tretend,
um die schwüle Ruhe nicht zu stören, sah er, dass einer im zweiten Wagen über
Lumpen ausgestreckt sich dehnte, den Blick aufwärts in die Wagenplane. Ein paar
kleinere Kinder regten sich daneben. Die Pferde schliefen und die angepflöckten
Ziegen schliefen. Dann sah er draussen im Weizenfelde über den im Lichte
schwimmenden Sonnenhalmen den dunklen Kopf Pavos heraufragen. Den Hutrand im
Nacken musste Pavo dort etwas tun, wie die Katze vor einem Mauseloch. Er starrte
unverwandt auf die Erde nieder und rührte sich nicht.
    Einhart war es ein wenig unangenehm. Die Lage der Dinge war am Abend vorher
eine ganz andere gewesen. Es schien ihm jetzt eine unglaubliche Verwandlung. Als
wenn auch hier niemand mehr den andern kennte und sich an nichts aus jenem
vorigen Leben erinnerte. Es war eine ganz andere Welt. Er musste an sich
herabblicken und fürchtete fast, dass man vor ihm erschrecken würde. Er lief,
nachdem er erst von ferne noch eine Weile zugesehen, jetzt doch wie absichtslos
vorwärts. »Ich komme einfach zufällig hier an den See«, dachte er vor sich hin.
So ging er zwischen den Wägen hindurch. Aber erschrecken tat niemand. Die alte
Zigeunermutter sah sich nicht mit einem Blicke um. Der Zigeuner im Wagen erhob
mit lässiger Bewegung nur ein wenig seinen Kopf, ohne mehr als die beiden Hände
dann in den Nacken zu legen und gleich zurückzusinken mit geschlossenen,
schweren Augen.
    Einhart hatte den Hut in der Hand. Er hatte zu grüssen versucht. Aber keiner
der Menschen hier, dem es eingefallen, seinen Gruss zu erwidern. Als wenn auch
hier wieder alles gebunden wäre von der Sonne und der Ruhe, und nur noch die
Insekten auf dem Wasserspiegel ewig wippten und tanzten.
    Übrigens liess auch eine der Dirnen jetzt ihr eines Bein eine Weile sich in
die Luft stellen und dann neu nieder fallen unter den Weidenbusch. Sie lag auf
dem Bauche. Die andre Dirne hatte noch in deren Schatten sich gestreckt und ihr
den ungekämmten Haarschwall ganz über den Rücken geworfen. Einhart konnte ein
kaltes Staunen gar nicht loswerden. Wie er vom Wasserrande, von wo er immer nur
wieder zu ihnen hingesehen, endlich näher an den Weidenhang trat, sah ihn auch
die Dirne mit blinzelnden Augen an, die sich nur einen feinen Spalt öffneten.
Ein verächtliches Lachen ging durch der Jungen achtlose Züge. »Ob sie mich denn
nicht erkennen?« dachte Einhart. »Freche Dirnen die, was soll das heissen?«
dachte er. Aber Lisa und Franziska dachten nicht daran, dass ein Abend gewesen,
wo sie im Tanze mit Einhart gekreischt hatten und im Wirbel hingeflogen. Dachten
nicht daran, dass es einen neuen Abend gäbe, wenn die Sonne erst in die ferne
Welt hinabsank, einen neuen Abend und neue oder einstige Gefühle, als die der
süssen Traumschwere und des glühenden, schwebenden, flimmernden, unentrinnbaren
Junimittagssonnennichts unter schattenkühlen Weiden. »Pa-a-a-a,« sagte Franziska
nur wie gehässig, als Einhart näher gekommen. Und Einhart sah nur immer, wie das
nackte Bein, eins ums andre sich in die Luft hob und fiel in lässigem Takte, und
hörte, wie wenn ein Lied in dem ganzen lumpenarmen, schlanken Leibe verächtlich
hinsummte.
    Er hatte ewig gestanden. Er hatte es um sich wie ein Gewebe von feinen Fäden
allmählich, die ihn einwoben. Wie er so hinträumte, dass eine Spinne eine Fliege
einfange, um sie zu töten. Er musste jetzt lächelnd auch an den grausigen Laokoon
denken, der daheim unter mancherlei Kleinkram irgendwo auf einem Schranke stand,
und der ihm immer ein wenig missfallen, weil er sich so laut und aufdringlich, so
klagend nur im Kampfe mit den Schlangen gebärdet. So etwas kann man nicht mit
Klage und Mundverziehen lösen, musste er jetzt wieder flüchtig denken. Wie er
sich einen Sprung weiter ebenfalls unter ein Weidengebüsch niederliess, weil die
beiden Zigeunerdirnen die verächtlichen Augen längst vollends geschlossen
hatten, ohne ihn noch gross anzusehen, gingen die Schlangenbilder wieder nur in
der sanften Gebundenheit unter.
    Es waren wirklich schwüle Zwänge, langsam. Wie eine Fliege im Netz däuchte
es neu. Das kam auch, weil seine blinzelnden Augen, die immer noch einmal
sehnsüchtig über die grünen Grashalme hin nach den jungen Körpern und den
wippenden Beinen sahen, über tausend blinke Fäden nun wirklich blickten, die
auch im Blattwerk und unter den Ästen des Weidenbusches hingen und überall
zitterten. Die rauhe, junge Stimme der einen Dirne sang und summte ohn Unterlass
verächtlich vor sich hin. Man hörte keine Worte, lange. Nur das dumpfe Gesumm.
Ein Fisch schnalzte im Wasser. Einhart sah, dass am Ufer die Wellen sich in
feinen Linien belebten. Ein grosser Karpfen versuchte ein paarmal ins Licht zu
springen. Und von unter Wasser her schienen die Rückenflossen in Phalanx
geordnet und vorwärts ziehend sich in die Oberfläche des Spiegels sanft
einzuritzen. Goldene Stäubchen und Flitter rieselten und rannen in seltsamen
Kreisen und Garben unaufhörlich lautlos hin. Die leiseste Bewegung gab ein
ewiges Erzittern. Wer begreift das schweigende Lichtleben, der es geblendet so
hinträumt. Es war nur Wonne und Frieden. Die trägen Dirnen lagen und schliefen.
Immer klang nur die feine, schwermütige, rauhe Weise, die hinpsalmodierte. Worte
waren es nicht. Einhart hatte die Augen geschlossen. Zuerst geblendet, dann im
Einsinken. Aber er lauschte tief auf den Sinn. Er hörte jetzt noch feiner. Er
lag gar nicht mehr er, nur eine müde, süsse, schlaftrunkene, rauhe Weise. Auch
die Flüsterlaute vom See waren ganz scharf hörbar geworden. Die Wellen schienen
sich zuzulächeln. Die Fische begannen in Einharts Augen zu spielen und einen
Zirkus zu machen im Sommerwasser. Der grosse Karpfen, der Akrobat, hatte eine
Korona von Fischaugen um sich. Alle sahen ihm zu. Er war einfach viele Meter in
die Luft gesprungen. Und wie sie alle, die Fische, mit ihren Leibern aneinander
schnellten und schlugen und lachten wie von metallenen Becken! Und immer klang
auch der rauhe, träge Sang, und immer fiel jetzt das nackte Bein nieder,
eintönig genau, in die weichen Gräser. Auch die Worte formten sich jetzt:
Die Sonne blinkt.
Die Stille klingt.
Was geht's mich an?
Die Sonne blinkt,
und mein totes Herz
kaum träumen kann - -
kaum träumen kann.
Geh fort, du Tor!
Ein Bienlein zuckt.
Was Hab ich dir getan?
Die Sonne blinkt.
Mein Herz ist tot - oder schläft's?
Was geht's mich an?
    Franziska hatte die Worte wirklich gesungen. Und Einhart war fest und immer
fester eingeschlafen. Und er erwachte nicht. Erst am Abend hatte er ein lautes
Geplätscher in seinem Traum gehört und wie ein freches Hohnlachen. Aber er hatte
es lange nicht erklären können. Er hatte im Traume vor seinem Vater gestanden.
Und sah, wie er die Augen endlich auftat, noch immer nicht die Welt, nur das
Wasser im Abendglühlicht und den glühen Himmel. Aber dann erkannte er doch
gleich, dass er allein war und der Plan völlig leer.
 
                                       8
Einhart lag noch immer an der Böschung am See neben ein paar Weidenbüschen, die
jetzt blendend durchglüht waren, dass sie in rätselhafter Körperlichkeit
aufragten. Er begriff nicht, wie er alles hatte verschlafen können. Der Plan war
tatsächlich leer. Das Lachen, das ihn geweckt hatte, musste draussen vom See
gekommen sein. Ein Kahn in samtschwarzer Silhouette schwamm in dem
Funkelgewässer, in den blutroten Tinten und düsteren Schattenflecken oft fast
unkenntlich aufgelöst, dass der Blick ihn eine Weile geblendet nicht ausfand.
    Die Zigeuner waren fort.
    Einhart war in einer seltsam schmerzlichen Erregung, die ihn wie im Bann an
der Erde hielt. Bis er endlich auf die Beine gesprungen. Er sah sich nach allen
Seiten um. Der Plan war tieferglühend, wie von innen, auch alle die alten Reste
Stroh und Lumpen, die noch herumlagen. Aber es war totenstill. Einhart hatte
seinen Hut im Schlafe vom Kopfe gestossen, und er sah ihn jetzt nur ein wenig
tiefer am Ufer liegen. »Mein Gott,« sagte er vor sich in. Er war zuerst richtig
kummervoll. Alles, was er erträumt hatte, ging ihm noch einmal im Auge vorüber
wie ein ganzer, langer Festzug. Er hatte den Hut aufgenommen, in dem Ameisen
herumkrochen, und begann ihn, den Blick in die Weite gerichtet und in sich
sinnend, achtlos auszustöbern. Dann fühlte er auch, dass er sein Frühstücksbrot
noch in der Jackentasche mit sich trug. Nun also konnte er ins Unbestimmte
vorwärtsgehen. Dass er eine Heimat und Eltern hatte, kam ihm jetzt nicht mehr in
den Sinn. »Da hinaus!« dachte er nur, indem er der Chaussee zulief.
    Er hatte gleich wie eine Witterung. Das Frühstücksbrot vom Morgen hatte er
aufgeklappt und flüchtig gesehen, dass ein Stück Käse dazwischen lag. Aber er
nahm sich nicht die Zeit, zu essen. Ein alter Bauersmann im Rundhut kam die
Strasse her, als Einhart versuchte, im Erlengesträuch am Wege einen Wanderstecken
abzureissen. »Ach, entschuldigen Sie!« rief er dem Bauern zu. »Wissen Sie
vielleicht?« Aber der Bauer hielt sich gar nicht daran. Er lief weiter, als wenn
kein Laut an sein Ohr gedrungen. Dann sah Einhart deutlich die Spuren, wohin vom
Plan aus die Wagen der Zigeuner sich gewandt hatten. So lief er.
    In Einhart war mit dem Hantieren schon in den Erlenbüschen ein fröhliches
Erregen aufgewacht.
    »Vielleicht wird die Horde überhaupt noch nicht lange wieder auf dem
Wanderwege sein,« dachte er nur.
    »Sie sind sicherlich erst in der Abendkühle aufgebrochen,« dachte er bei
sich und nahm immer bestimmtere Schritte.
    Einharts Schreiten war wie das jedes Menschen eine Besonderheit. Wer viel
träumt, lebt viel in sich tief geborgen und abgekehrt. Die Beine gewöhnen sich
dann so lässig und gerade nur zum Halte hinzupendeln. Auch wenn da einmal
Sehnsucht und brennender Vorwärtsdrang aufflammt und sie zu treiben beginnt.
Wünsche und Triebe, die alle hinaus sich wenden, verlieren nicht lange doch
wieder in neuen Visionen alle Macht, und die Beine beginnen bald ihr altes
Spiel. So war es auch hier, dass Einhart durchaus nicht schnell und eilig
vorwärtskam. Ausserdem lagen die Felder fast im Dämmergold, weil der Abend
erblichen. Die roten Mohnblumen glühten noch für sich heraus wie heisse Flammen,
und der Frieden der Welt summte in Mücken und allerlei grauem Getier um seine
Wege.
    So wiegte und schwankte er nur lässig unter den niedrigen Kirschenästen hin,
ohne dass gross mehr als eine drollige Wissbegierde aus Sinn und Augen in die
Dunkel der Ferne dann und wann voraussprang, und eine Freiheit und unerkanntes
Erschauern ihn im Blute erfüllte. Aber er kam doch vorwärts. Die niedrigen Birn-
und Kirschbäume an der Chaussee begannen ihren glühenden Schein an Stamm und
Blattwerk ganz zu vergessen und kühl auszusehen. Es gingen wie leise Geflüster
hindurch und strichen wie weiche Genien die fernen Felder. So von Schemen
umhaucht und hingezogen im friedsamen Dämmerluftkreis, gingen die Stunden wie
Minuten ungehört und wie in vollem Traume.
    Dass es längst Nacht geworden. Dass er endlich in der tiefen, einsamen
Nachtstille fern den Dunkelwald sah, der unter einem bleichenden
Mitternachtschein ragte.
    Dass er Feuer am Waldsaum aufflammen sah und Gestalten im Schattenkreise sich
bewegen.
    Einhart weckte fast plötzlich ein Schreckgefühl. Er begriff einen Augenblick
jetzt seine ganze Lage. Er war erst jetzt einmal wieder noch ganz der Einhart
Selle, des Herrn Geheimrat Selle Sohn. Ausserdem dachte er flüchtig liebend an
die Mutter und an Rosa. Er war stehengeblieben und zögerte, indem er jetzt auch
in die Welt oben sah und mit dem Blick in den Sternen hing. »Ach, diese Welt!«
dachte er und staunte er, und ging ihm tröstend durch den Sinn, flüchtig froh,
so dass Vater und Mutter und Rosa gleich auch wieder mit versunken waren. Dass er
dann sich sehr ruhig am Chausseegraben niederliess, jetzt sein Brot gelassen aus
der Tasche nahm und hineinbiss. Seine Gedanken sprangen jetzt an allen
Helligkeiten der Nachtwelt um wie belebt. Schon wie diese Kornfelder bis zum
Walde hin bleich aussahen, wogende, blassgoldne Vliesse. Stets hatte er in seinen
Träumen auch immer wie ein Skizzenbuch vor sich. Jetzt in der Nacht konnte man
natürlich nichts aufzeichnen, dachte er. Dann hatte er ja auch gar nichts bei
sich dergleichen. Er musste geradezu laut auflachen. »Ich würde sonst nicht zu
ihnen finden, mich einfach verträumen, wie dort verschlafen! so ein Dummkopf wie
ich!« dachte er vor sich hin.
    Dann hörte er eine Stimme vom Walde her. Noch einmal. Der Frieden der Nacht
trug sie herüber. Das machte ihn heiter auffahren, dass er grosse Bissen ass,
unterdessen er schon dem Walde zulief. Die Feuer waren nahe, wie gelbe
Wunderblumen in dem blauen Tiefdunkel der nächtigen Waldschatten. Als wenn grosse
Blütenblätter, nur aus Schein gewoben, hastig eilten und flüsterten, dann und
wann goldne Funken himmelan wehend.
    Einhart schlich am Waldsaume im Grase hin. Leise kam es von den träumenden
Nachtwipfeln wie Atemzüge und fernes Verrauschen. Dann stand er ganz nahe und
konnte den jungen, schönen Zigeuner betrachten, der gestern im Taumel der ärgste
war. Hingelümmelt, in einem Strauchschatten halb geborgen und das Gesicht von
Lichttupfen sanft überflackert, schien er vor sich zu träumen. Oder er hatte die
Augen ganz zugetan?
    Einhart traute sich nicht heran. Alle schienen zu schlafen. Ein schwarzer
Topf hing über dem Feuer. Die Kinder waren wohl in den Wagen geblieben. Oder
nein! - Einhart schlich, dass der Waldgrund kaum knisterte, näher. Man lag wie
Dunkelflecken herum. Um die Ecke am zweiten Feuer lagen zwei Männer, die im
Scheine mit Karten schlugen und nicht sprachen, nur dann und wann murrten. Das
Feuer brannte ihnen helle Farben an, dass die Köpfe aus der Dunkelnacht glüh
herausragten, sinngebunden und achtlos.
    Die beiden Zigeunerdirnen schritten behutsam aus einer Schattenecke. Oh! es
war nur Franziska, die Ältere, und ihr Luftbild, das vom Feuerschein geweckt in
den nächtigen Wiesennebeln mitging. »Du!« sagte sie ganz leise und zärtlich,
»ach, du!« - »Nein - nein - nein!« sagte sie ganz verhalten, offenbar von dem
Wunsche getrieben, dem rätselhaften Nachtgetümmel der Träume um Stamm und in den
Kronen, in den Silberflächen der weiten Nachtfluren und Felder, in dem
bleichblauen Sternengrund und dem schlafenden Lager rings nichts zu rauben. Und
sie drängte Einhart ohne Hast, ganz kindlich gelaunt, tiefer in den Wald hinein.
    Einhart begann das Herz lauter zu schlagen. Er hatte noch nie ein fremdes
Mädchen so nahe gefühlt.
    »Da musst du nur nicht dich rühren!« sagte sie. »Ganz nur stille sein, du
kleiner Herr!« sagte sie eilfertig und musste lachen.
    Aber niemand im weiten Walde hörte ihr Lachen, als nur der Silberschein, der
ihnen zu Füssen in das Nachtgras glitt.
    Einhart sah das dunkle Mädchengesicht, das jetzt auch ganz silbern umflossen
war, nahe vor sich. Er fühlte den weichen, schmiegsamen Leib ganz nahe, dass ihm
das Herz bis zum Springen schlug, rätselhaft und froh. Die lachende Dirne hing
an seinem Halse und presste ihn. Sie küsste ihn leise auf den Mund. Sie atmete
nicht. Wie zu einem unbegreiflichen Zauber sog sie sich lieblich und zärtlich
nur immer fester und fester an seine Lippen. Einhart hatte nie begriffen, was
küssen ist. Niemals hätte er seine Schwestern küssen mögen. Da hätte er einfach
lachen gemusst. Er hatte höchstens einmal die Backe drollig hingehalten, wie wenn
er rasiert werden sollte, dass dann Frau Selle der Backe einen Klaps und einen
Kuss zusammen darauf gab. Nun erregte es ihn unglaublich froh, wie sich die
kleine Lacherin inniger und inniger ansog. Es schmeckte wie Walderde und Harz.
Und wie er stumm lächelte, sog auch er.
    Dass er den Atem nicht atmete. Dass er das Leben nicht lebte. Dass die Stunden
der Nacht ungehört und unbegreiflich gingen.
    Ein Geschrei störte sie. Einhart war, als die Lippen auseinander sich
lösten, eine kleine Böschung erschreckt hinabgeglitten, gerade als der Schrei
sich neu wiederholte. Das Mädchen sprang fort. Die Alte hatte nach ihr gerufen.
    Dann lag Einhart einsam die Nacht in einem Leben und in einem Lieben ohne
Ende, und flog in Träumen, und sah, wenn er die Augen rätselhaft auftat, die
Sterne im Räume schweben und hörte nicht Menschenlaut rings, nur die
Tannenkronen ziehen und leise raunen, und eine fremde Nachtstimme schrillen,
gleich neu aufgesogen, weil ein Sturmstoss in den Wipfeln sich verfangen und wer
weiss welchen Vogel geweckt hatte, der sich aufhob.
    Am Waldrande verglühten die Feuer kaum noch in der Asche. Die Pferde lagen
hingestreckt. Die Menschen lagen hingestreckt. Alles schlief.
 
                                       9
Einhart war nicht zur Salzsäule bestimmt. Zurückblicken war gar nicht seine
Sache. Er war wie ein Kind vor reichen Tafeln. So lange er Augen und Sinne
reichlich voll hatte all der schönen Dinge, wenn braune Zigeunermänner
verächtlich und hart aus den Wagenkellen und unter den halberhobenen Planen der
Wagen schreiend sich streiten, und die kleinen bissigen Pferde nach Fliegen oder
sonst um sich schlagen, die halbnackten, verwahrlosten Weiber gleichgültig
geschäftig und die lumpigen Dirnen sanft ohne Mass neben einem schlendern mit
Ziegen am Stricke, da war Einhart heimlich zum Jauchzen sogar, zum in die Lüfte
springen zu Mute, und er gab seiner Laune auch durch allerlei Drolligkeiten
Ausdruck. Schon dass er noch viel toller wahrsagen konnte, wie die Dirnen, nicht
nur aus den schwieligen, dünnen Händen, aus den Wärzchen am Halse, aus den
knisternden Haarsträhnen, in denen Strohhalme hingen, und aus den langen Zehen
von Lisa, die ihm wie feine Finger schienen, und aus dem Finken- und Starenflug
über den Ebereschkronen der staubigen Landstrasse, auf der sie Stunden schon
hingezogen, das amüsierte die Zigeunerkinder und scharte sie um ihn.
    Und Einhart konnte nicht satt werden, sich umzublicken in die Lande, wo die
reifenden Felder in Sonne gebreitet lagen, die fernen Kirchdörfer mit roten
Dächern und Türmen und Kreuzen darauf im Baumwerk glänzten und leuchteten.
Konnte nicht satt werden, dienstwillig einher zu eilen, wenn man am Strassenrande
im Baumschatten ruhte, und es galt die struppigen Pferde zu tränken, Wasser
herbeizuholen oder sonst Handreichungen zu tun.
    Man hatte an einer Windmühle auf einsamer Höhe Rast gemacht. Der Wind hier
oben hatte das Gefühl der Schwüle, das Einhart ein paarmal unterwegs wie
flüchtig den Atem genommen, trotzdem sein Gesicht frisch und feucht und vergnügt
immer vor sich hin gelächelt, längst genommen. Und es konnte für ihn jetzt nach
getaner Arbeit nichts Schöneres geben, als so unter Glockenblumen und Schierling
und allerlei gelbem Blühwerk hingestreckt liegen, während Käfer und Spinnen an
Halmen herumkrochen, und die Sonnenstrahlen sich unter das kleine Grasgeräume
stahlen, so alles nacheinander gespannt anzustaunen, auch den blassblendenden
Himmel oben, und das faule, braunäugige Dirnenvolk mit seinen losen
Heimlichkeiten daneben, die sich achtlos entüllten.
    Wie im Himmel kam sich Einhart vor. So hatte er sich das Leben gedacht, so
und nicht anders. Durchaus nicht faul. Müde wurde man. Zu tun gab es genug unter
dem Wandervolke. Auch Kinder und Dirnen hatten genug zu tun gehabt, ehe sie dem
alten, weissen, geizigen Griesgram von Müller den Eimer Mehl abgebettelt, der
jetzt von den Müttern zu Brei zusammengerührt und mit Kräutern verspeist werden
sollte. Hier gab es doch wirklich einmal ein seliges, Einsaugen der Welt. Hier
lag man einmal ohne allen Anspruch. Hier stampften die Pferdehufe eintönig in
die tiefe Sommerstille, und auch die Männer, die aus den halberhobenen Planen
den ganzen Weg hinausgeschrieen und sich zugelärmt, waren hier still und träge
hingelagert. Und man genoss wirklich, wie wenn man die Welt unter den Füssen in
erhabener Höhe lebte.
    Einhart dachte jetzt auch, als er so dalag, dass das Geschrei und die
Stimmen, die hart und unbarmherzig in die Lüfte gehallt, nur aus Gewohnheit
kämen, weil sie immer das Gerassel der Wagen übertönen müssten. Er liebte die
Leute. Freilich hatte er sich schon am Vormittag ein wenig erschrocken mit
einfältigem Lachen im Gesicht, weil der eine alte Zigeuner, der ihn übrigens,
wie die Männer alle, wie Luft behandelt, frech und rücksichtslos unter die
Dirnen mit der Peitsche hineingeschlagen, immer wieder neu, bis sie sich trotz
deren anfänglicher Bosheit und Störrigkeit aus Einharts Nähe eine Weile
zurückgezogen. Es hatte ein Aufheulen der Kinder und ein Gekreisch unter den
Müttern gegeben. Franziska hatte einen Hieb mitten über die Backe unversehens
aufgefangen. Und das Gesicht war sogleich blau angeschwollen. »Ein Vieh!« hatte
Einhart plötzlich auch in diesem Augenblicke ausgestossen. Nichts sonst. Denn
beim Weiterfahren in das nächste Dorf hinein hatte man davon schon nichts mehr
gewusst. Da war es nur hurtig weiter gegangen, alles nur mögliche in die Wagen
geborgen, Vieh und Menschen. Da waren die Wagen hart den Berg hinabgerasselt,
die kleinen, grauen, schwitzigen Falbratten davor galoppierten, und man sass
untereinander und lachte und trieb tausend Kurzweil im Dehnen und sich lässig
Gedanken machen.
    Nie hätte Einhart jetzt daran denken können, dass der seltsame Traum, den er
so hinlebte, einmal könnte ein Ende nehmen. Er stand schon wieder und kühlte am
Wassertroge im Hofe des Dorfkretschams, wo man untergekommen, Franziska die
blaue Schwiele, als ihn ein Gendarm unsanft am Arme riss und ihn auch gleich ohne
rechtes Besinnen seinerseits mit fortgenommen.
    Und damit war Einhart ebenso unversehens bald wieder daheim. Denn es hatte
gar keine Reden gegeben, auf die der Gendarm nicht mit aller Strenge und
höhnisch herabgesehen. Und etwa zu leugnen, dass er Einhart Selle war, war
Einhart bei dieser Überrumpelung gar nicht richtig in den Sinn gekommen. Man
hatte ihn anfangs sogar gebunden. Aber Einhart hatte dem Gendarm einfach
erklärt, dass er durchaus nicht entweichen und ruhig mitkommen würde. Er fühlte
sein Gewissen ganz rein und fand es sogar in seiner Art nicht ohne Reiz, einmal
die Welt auf diesem Rückwege der Enttäuschung anzusehen. »Her als Freier, hin
als Gefangener,« so phantasierte und lächelte er vor sich hin und belustigte
sich heimlich noch gar über den grünen Laubfrosch von Gendarm, der in ganzer
Würde neben ihm schritt. Nicht gross Rückschauen gab es und nicht gross Vorschau.
Daran nur einstweilen ganz noch ins Unbestimmte beteiligt. Er musste an Rosa
denken, der er alles erzählen wollte, und vor allem der Mutter. Das machte sogar
eine flüchtige Neugier, wie ihn die daheim ansehen würden. Wenn Herr Selle graue
Miene machte, war das nichts Neues. Dass da etwas sonst geschehen könnte, ahnte
Einhart mit keiner Silbe.
    Aber die Sache war als Wirklichkeit doch sehr unangenehm. Erstens einmal war
eine ganz fremde Kälte schon in den Schwestern, die zufällig im Korridor
standen, als man ihn heimbrachte. Keine hatte gewagt, ihn zu begrüssen. Nur mit
Kopfnicken von ferne, nur ganz steif, und als wenn jede ganz beschämt wäre. Er
hatte ihnen zugelächelt, da er ja doch noch immer derselbe Einhart war. Aber da
hatten ihn Johanna und Katarina und Emma noch seltsamer und steifer angesehen,
ohne zu erwidern.
    Rosa war nicht dabei. Frau Selle war auch nicht daheim.
    Und drinnen erst bei Herrn Geheimrat Selle war die Sache dann bald zum
Entscheid gekommen. Einhart hatte beim Eintreten jetzt wirklich gesehen, dass er
dem Vater ein Unheil zugefügt. Herr Selle war geradezu gealtert. Das sah Einhart
gleich, als ihn der Gendarm hineinbrachte. Einhart war auch in seiner Güte
entsetzlich unvermittelt. Wie er sah, was hier geschehen, hätte er sich am
liebsten gleich dem Alten, den er heimlich liebte, vor die Füsse geworfen. Aber
Herr Selle hatte zuerst seiner gar nicht geachtet, nur mit dem Gendarm lange
noch im Flüsterton gesprochen, ehe er auf Einhart zukam. Aber wie Einhart neu
das vergrämte, alte, graubärtige Gesicht ansah, und es ihm wieder ankam, wie auf
die Knie zu fallen, gleich, und den lieben, strengen Herrn tausendmal anzuflehen
in Güte und Liebe, hatte ihn der Vater auch schon ins Gesicht geschlagen. Denn
Einhart hatte auch dabei ein Lächeln trotzdem im Gesicht gehabt, was durchaus
nur Liebe und Güte war, und was Herr Selle jetzt nur missverstand.
    Dann hatte er, der alte Herr, Frau Selle, die in ratloser Aufregung
hereinstürmen gewollt, nur streng hinausgewiesen, sie mit Bestimmteit und Härte
dann einfach selber hinausgeführt, und seine Erklärungen, nachdem er die Tür
hinter ihr verschlossen, hart abgegeben.
    »Mach dich sauber, Saukerl! Bade dich, Strolch! Deines Bleibens ist nicht
weiter unter einer anständigen Familie. Du besudelst die Ehre deiner Eltern und
Geschwister. Morgen früh zeitig wird dich jemand nach K. bringen.« Wohin hörte
Einhart gar nicht, dem nur die Backe rechts und links brannte, und die Seele in
Asche sank. Und es war auch gar kein Versuch Einharts geglückt, sich trotz des
Schmachgefühls neu liebend zu nahen, immer wieder in einfältiger Demut. Herr
Selle blieb hart, wie ein Stein. Einhart hörte gar nicht, was der Vater alles
redete.
    »Du zeichnest ja gern,« hatte Herr Selle dazwischen endlich auch gesagt. Das
war wohl der einzige mildere Ton.
    »Ja, ja - gewiss, geliebter Vater, ich zeichne gern, das tue ich ja furchtbar
gern,« hatte Einhart fast in Ekstase gerufen.
    Aber ein Blick voll Verachtung über diesen Laut, der Herrn Selle wie
Frechheit klang, drängte Einhart zur Ruhe. Und dann war er mit harter Gebärde
hinausgewiesen, hatte im Zimmer zu bleiben, niemand durfte zu ihm, er bekam
Wasser und Brot zu essen, wie ein Sträfling, und hatte nur seine Sachen zu
packen.
    Aber Rosa kam trotz des Vaters Rede und Zorn. Auch Mutter hatte gar nichts
zu reden gewagt, als sie ihm beim Packen doch helfen musste. Sie hatte Einhart
nur mit schmerzvoller Liebe angesehen, und Rosa ausdrücklich vor Vater gewarnt.
Aber Rosa war kühn. »Du, das vergessen die alle bald,« sagte sie zärtlich zu
Einhart. »Mach dir nichts draus. Es ist ja Unsinn, so ein Wesen zu machen. Was
ist denn passiert? Du, das muss furchtbar interessant gewesen sein!« sagte sie
lachend. Da lachte Einhart auch. »Nu ob!« sagte er drollig. Und dann musste sie
ihm erzählen, was sie wusste, wohin er käme? und was man eigentlich mit ihm
vorhätte? Und am andern Tage befand sich Einhart schon bei einem
Steindruckmeister in der Lehre, einige Stunden Bahnfahrt entfernt in einer
kleinen Stadt.
 
                                  Zweites Buch
                                        1
Es ist eine Gefahr, wenn Menschen ein Leben vertun mit Dingen, die ihnen und
ihren Erinnerungen ewig entweichen, und die nichts zurücklassen, als müde Arme
und ein müdes Entsagen. Und die so in den Abgrund ihrer eigenen Zeit, der ihres
Sehnens einziges Gefäss sein kann - den vollen Lebenstrank einzubrauen, nur
Nieten um Nieten werfen, und auf ihrem Herzen beim letzten Atemhauche gellt es
aus der tiefen Leere eines weggeworfenen Lebens nach. Da kommt es wohl auch
schon mitten in der Zeit, dass der Verarmte, der nicht mehr seine Arme oder auch
seine Sinne regen kann, nach Troste greift und hingeht in Trunk und Taumel,
seine Leere auszulöschen, und vollends zu vergessen, was er an Wünschen und
Begehrungen emporblühen gesehen, einmal als noch das natürliche Drängen mit
Jugendgefühlen ihn hinaustrug ins Leben zu Tat und Traum.
    Es ist weit und breit ein solches ödes Land. Ein Grosses, Ganzes, Gewaltiges
in der Zeit, und doch nur ein Zusammenklingen aus zerpflückten, zerstückten
Sehnsuchten des Menschen, gebaut wie aus heiligen Steinen. Und die daran
schufen, gehen seelenlos einher, das grosse, steingeschaffene Bauwerk
anzustaunen, aber offen oder heimlich möchten sie sich in den Staub werfen und
weinen nach ihrer verlorenen Seele. Aus solchen tiefen Erkennungen gehen schon
Kinder und Jünglinge in freie Wildnisse, wenn sie die Öde wittern, und suchen
sich mit Leidenschaft und Inbrunst anzuklammern an die Verheissungen, die in
eigenen Träumen leben. Wie sie immer sein mögen, solche, die mit Inbrunst und
wie heilig wandeln, zärtliche Schwärmer mit Augen, wie fromme Engel, oder
solche, die die Einfalt ewig lächeln macht, sanft und voll üppigen Vergnügens,
über die Torheiten, mit denen sich die Welt von Anbeginn betrog.
    So war es auch mit Einhart.
    Seitdem er in der kleinen Bergstadt lebte, hatte er die Einfalt zum Schutze
und das Lächeln zum Troste.
    Die Steindruckerei lag in einer engen Strasse mitten in der Stadt. Die
Arbeitsräume dehnten sich nach hinten aus, und die grossen Fenster gingen auf den
Hofweg und auf Schuppen. Er stand nun hier und griff zu und sah Lehrlinge gleich
ihm in blauen Schürzen, und Gesellen vor der grossen Steintafel hantieren und
hörte auf die sorglichen Worte des Meisters.
    Der Geist des ganzen Hauses ging von der Meisterin aus. Sie war aus einer
pietistischen Familie vom Rhein, und schon ihr Aussehen, wenn sie ging mit ihrem
Rundhut und immer in dunklen Farben der grau in grauen Welt der Mühsal, obwohl
sie jung und drall und die Augen frisch und fast zu sicher schienen, und der
Kindersegen nicht gering war, zeigte einen ganz eigenen Schlag Verzicht auf
äusseres Tun und Glänzen.
    Die Frau war, was man zu sagen pflegt, ein frommer Dämon. Sie hatte alles im
Banne. Sie sah wie ein Habicht und hörte, wie ein scheues Wild. Es entging ihr
keine Untüchtigkeit. Sie sah keine verstohlene Miene und heimliche Glosse, die
sie nicht dann hinter Schloss und Riegel vor dem Meister allein erwähnte und zur
Abstellung empfahl. Wenn sie ins Werk hinein flüchtig vorbeigehend zusah, konnte
man denken, dass sie allen nur zulächeln wollte. Der Meister selber, der von
unerhörter Umständlichkeit zu jedem Worte ein Besinnen und zu jedem Besinnen
soviel Minuten Zeit, wie zur Tat brauchte, also dass man in Geduld harren musste,
bis eine Meisterweisheit endlich von seinem Herzen sich gelöst und salbend aus
dem rot-bebärteten Munde und sanft aus den grünen Augen ausgegangen, der Meister
selber bekam fast Eile, wenn Frau Kallinich gerade durch die Werkstatt schritt
und dort ihre frischen, grauen Augen herumwarf.
    Einhart hatte es gut. Der Meister war nicht nur fromm. »Ein Geheimrat«, das
hatte ihn gleich niedergeschlagen. Die Gesellen waren frech. Die liessen Einhart
springen, wie die andern blauschürzigen Jungen. Aber der Meister sah in Einhart
etwas Besonderes. Einhart konnte da anfangs nicht klagen.
    Klagen war Einharts Sache überhaupt nicht. Nach aussen gab er jetzt nichts.
In gewissem Sinne amüsierte ihn die Arbeit. Weil er auch noch viel zusah. Und
man sah auf den Tafeln allerhand Dinge aus der Welt. Nicht nur ewig Buchstaben.
Auch Bilder. Manches davon bewegte Einhart. Das alte Kloster am Sinai war das
erste, was er im Bilde in Steindruck sah. Der Geselle, der es bearbeitete,
kümmerte sich nicht weiter darum. Aber Einhart fragte und fragte. Und weil der
Geselle ihn angefahren: »halts Maul!« fragte er geradehin den Meister, der ihn
belehrte.
    Der Meister kannte alles, besonders was um die heilige Geschichte herum war.
Er erzählte also gleich umständlich und mit viel Aufmachen der Augen, gross und
weit, ehe auch nur immer wieder ein Wort voll Tiefklang kam, von der Stätte des
Mosesbrunnens, wo jetzt zum Andenken eine Platte reinen Silbers gebreitet wäre,
und die Tropfen ewig flössen seit Jahrtausenden. Er erzählte auch, dass sein
schönster Wunsch gewesen, einmal nur einen Trunk aus jener heiligen Quelle zu
tun, in demselben Tonfall wehmütigen Sich-besinnens, wie Einhart sich erinnerte,
dass Herr Geheimrat Selle immer von den lauteren Quellen der deutschen Altertümer
gesprochen hatte, nach denen er eine ungestillte Sehnsucht trüge. Herr Kallinich
rühmte dann auch laut Einharts Wissbegierde. Obwohl die Gesellen heimlich empört
waren, und sobald er ihnen den Rücken gekehrt, untereinander ausfielen, dass sie
viel zu tun hätten, wenn sie auf all den »heiligen Zimt« eingehen sollten.
»Stumm und dumm« , sagte der Kurzbärtige, »muss der Geist sein, wenn man zu Gelde
kommen will.«
    Natürlich hielt sich Einhart nur an die Meisterleute.
    Und es dünkte ihm auch gut, mitzutun, wie es im Hause ging. Der Herr
Geheimrat hatte ausdrücklich Familienaufsieht verlangt. Einhart musste deshalb in
der Familie wohnen. Die übrigen Lehrlinge wohnten neben der Werkstatt. Einharts
kleine Stube lag gegenüber der Wohnstube, neben der Küche. So konnte er auch oft
fromme Gesänge hören, und morgens und abends musste er es mitmachen.
    Der Meister sang dabei selber vor, sass mit Würde und hatte ein richtiges
Lehr- und Lesepult vor sich, darauf Bibel und Gesangbuch ruhte. Sein grosser Mund
öffnete sich weit, dass Einhart jedesmal heimlich auf den Moment spannte und dann
über die Weite des Mundes heimlich lachen musste. Aber noch mehr über die
gesenkten Mienen der Frau Meisterin, die nur dann und wann seitlichen Blickes im
Kreise herum und auf ihre beiden Töchter sah.
    Eine war noch klein, etwa vier. Die andere ging eben ins Fünfzehnte und sah
frisch und frech aus, wie die stülpnasige Mutter. Fromm waren alle. Die Münder
aller standen dann im Gesange offen, und es klangen feierliche, laute
Betgesänge.
    Einhart fand es ganz angenehm, so den Tag einzuleiten und auch zu beenden.
Er hatte es an sich gern zu summen und zu singen mit vergnügten Augen, und
manchmal in die Augen der frechen, jungen Dirne hinein. Im Grunde war er den
Ereignissen immer ziemlich fern. Aber was kann das Mühlrad tun, als sich
umzudrehen? Man konnte zunächst nichts weiter erwarten. Ganz allmählich erst
begann die junge Seele wieder hinein zu trachten irgendwo in Dinge, die sein
würden, wie sie es sich träumte. Ganz allmählich bekam alles das, was da aus der
Vergangenheit heilig erstarrend heraufkam, für Einhart einen grauen Hauch
drollig trostloser Würde. Ganz allmählich konnte Einhart den Meister und die
Frau Meisterin gar nicht anders mehr sehen, als wären sie rückgewendet und
hätten ihr Gesicht eigentlich hinten. Er litt manchmal heimlich geradezu wie an
einem Narrenzwange und musste sich richtig besinnen, dass er sich solche
Tollheiten nur eingebildet. Aber alles, was der Meister so hinstellte, als müsste
man nicht leben, sondern erst sterben, um es zu erlangen, machte ihn rundweg
übermütig.
    So standen sich hier zwei Welten stumm und fern gegenüber. So einfältig die
Kohlenaugen Einharts noch immer auch herausblickten auf den frommen Meister und
die nussharte Frau Meisterin hin, so kindlich auch und mit Begehren die kleine
Berta Einhart zulachte und die erwachsenere Helene schon mit kecker Lockung.
    Helene war in Einhart gleich verliebt gewesen. Sie kam häufig in seine
Stube, vornehmlich Sonntags, und hockte sich zusehend nahe, wenn er dann dasass
und für sich etwas zu zeichnen oder zu malen versuchte. Einhart fand sie immer
nur sehr albern. Schon weil sie ein Gesicht hatte, das nie ein Lächeln richtig
sanft zeigen konnte und gleich nur wie ein Altes ausbrach. Wobei ihm immer wie
Lieblichkeit durchs Träumen das Lächeln ging, mit dem Zigeunerdirnen aus stummen
Glutaugen lächeln, »wie wenn Blumen oder Birkenbüsche lachen und flüstern im
Winde«, dachte dann Einhart so hin. Diese Helene war jung und derb entwickelt,
blond ohne goldnen Schein, blauäugig und doch nichts vom Himmel drin. Wie ein
blauer, kalter Kattun war das Auge, leer nur und lüstern. Wenn sie ihn presste
oder seine Hände in die ihren nahm: Nichts tat er, gleichgültig lächelnd war er.
Er knipste sie mit dem Finger an die Nase. Er dachte und träumte wahrhaftig
andere Dinge, als nur so graues Handwerksleben. Er lebte die Woche mit sich und
lief dann irgendwo hinaus, am Sonntagnachmittage, und lag über der Stadt hoch
oben am Walde.
 
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Es waren mehr als dreiviertel Jahre vergangen, seit Einhart beim Meister
Kallinich eingezogen war. Die daheim hatten immer gute Nachrichten erhalten. Der
Meister selber rühmte Einharts Anlagen für den Beruf und vor allem, dass er
ausgezeichnete Entwürfe lieferte, Ideen selbständiger Art und viel Lust zu
derlei reger Phantasiearbeit hätte. Meister Kallinich gab sich alle Mühe, sich
Herrn Geheimrat gegenüber mit vollendeter Sachkenntnis auszudrücken. Herr Selle
war es jedesmal sehr zufrieden. Aber Einhart hatte auch geschrieben an Mutter
und an Rosa. Wie Einhart war. An Vater wohl nur einmal gleich im Anfang und noch
unter dem Gefühl der Schuld, die er an ihm begangen. Dann immer nur allerlei
drollige Dinge an Rosa hauptsächlich.
    »Weisse Ziegen weiden hier nicht an dem See. Aber schwarze Bergleute laufen
Tausende auf der Strasse. Und dann, was das Weiden anlangt, das tun hier so recht
sanft und fromm nur die hellen Augen der Frau Meisterin, die jede Ungehörigkeit
von Lehrling und Gesellen öffentlich gleich mit Strunk und Stiel abbeisst, und
jede Ungehörigkeit des frommen Meisters heimlich. Ich selber weiss von
solcherlei, was nicht passt, schon kein Wort mehr, und wenn ihr mich sehen
würdet, dächtet ihr einfach, ich wäre Einhart Kallinich, so renne ich herum
zwischen Presse und Tisch und zu allen Kunden und blicke auf, wie ein richtiger
Apportierhund. Ich glaube, ich habe auch so helle Augen bekommen, wie die feste
Helene, der frommen Meisterin freches Ebenbild. Ach woher nur, eben sehe ich in
den Spiegel, und erkenne, dass ich das nur muss geträumt haben. So leicht verfärbt
man sich nicht. Aber lachen kann ich garnicht mehr. Eben versuche ich es im
Spiegel. Die Augen glotzen mich an, dunkel wie Rosas sanfte, schwarze
Kirschenblicke, aber lachen - nichts davon. Es gibt hier nichts zu lachen. Zum
Lachen muss ich Sonntags allein auf den Berg gehen. Es ist ein Eichengehölz. Da
liege ich manchmal, und auch jetzt im Frühling, wenn die Sonne noch durch das
lose, lustige Knospenwerk fällt und nicht vollen Schatten, nur feine
Schattennetze auf den Boden wirft. Da merke ich überhaupt immer erst wieder, dass
die Welt den Himmel, nicht die niedrige Stubendecke über sich hat, und man nicht
nur Steindrucktafeln machen braucht zum Zeitvertreib, auch aus den Stubenwänden
hinausfliehen und die ferne, weite Welt ringsum anstaunen kann und Leben
fühlen.«
    Der Brief war, wie ihn nur Einhart schreiben konnte. Er ging aus dem
Hundertsten ins Tausendste und nahm kein Ende. Und hatte am Eingang ausgelassene
Neckereien und am Ende Einfälle. Und ein Denken an daheim kam nur noch wie eine
leere Formel nachgehinkt. Denn Einhart war gesunden Blutes. Dass die daheim krank
seien, dass es ihnen nicht wohl sein könnte, daran dachte er mit keiner Silbe.
Und dass er Grüsse wirklich anfügte, hatten nur die Lehrer verschuldet. Und
Einhart tat es mit dem Gefühle, dass er sich am Schlusse des Briefes doch auch
einmal vor Vater verneigen müsste, wenn der Vater den Brief oder einiges daraus
zufällig zu hören wünschte.
    Aber Herr Selle bekam dann auch plötzlich wieder einen Brief von Einhart,
der zunächst einige Aufregung ins Haus trug. Man hatte erwartet, man könnte nun
Jahre ruhig sein, und Einhart würde so, ein gutmütiger Lehrling, allmählich zum
Gesellen erwachsen und ein ehrlich-frommer Steindruckmeister werden. Wenn Rosa
alle Briefe gezeigt, hätte von solchen Erwartungen nicht die Rede sein können.
In einem hatte gestanden: nein, nicht im Briefe - in einem Zettel, der
danebensteckte, und auf den er geschrieben:
    »Ich schreibe das nur auf das Zettelchen, denn das darfst Du einstweilen
niemand sagen, auch der geliebten Mutter nicht, die sich nur ängstigt.« Da hatte
er geschrieben:
    »In die Welt gehen muss man, und wenn einem Väter und Gensdarme nachstellen.
Das mit den Zigeunern war nur dumm angefangen. Ausserdem nur so wandern, das
ginge auch nicht. Sowas ist nur ein Kindertraum. Man muss was ausfindig machen.
Es muss sich lohnen und einen Sinn haben. Den Mittelpunkt der Welt finden, oder
eine schöne Prinzessin, oder den Zauberwald, wo in der Dunkelnacht alle Blätter
zu Golde werden. Alle Felsen staune ich hier auf meinem Berge an und denke mir
dahinter Säle und Gänge voll bunter Edelsteine. Und einmal finde ich doch noch
einen richtigen Schatz!«
    Das war alles nur Lust zu fabulieren. Er hätte nicht gewusst, wie und wo?
Aber in seinem Briefe an Vater war der Ton ganz anders. Denn da wusste er
zunächst ganz deutlich, dass er es bei Meister Kallinich nicht zu finden dachte.
    »Geliebter Vater!« schrieb er, »ich muss Dir ein Geständnis machen, dass es
mir immer noch sehr auf dem Herzen liegt, dass ich Dir viel Kummer gemacht habe.
Ich bin aber jetzt ein Anderer geworden. Und habe viel über mich nachdenken und
so zur Besinnung mich bringen können. Vielleicht hat Dir Herr Kallinich
geschrieben. Er ist immer mit mir zufrieden. Die Kunstarbeit hat mir immer
Freude gemacht. Wirst Du nicht böse sein? Es kommt mir vor, als ob ich es weiter
bringen könnte, als nur solche Steindruckerei. Erlaube mir doch, dass ich mich
zum Maler ausbilden darf. Vielleicht glaubst Du mir. Ich will mich gewiss
zusammennehmen und nicht abirren.«
    Dieser Brief machte daheim Aufregung. Herr Selle traute nicht und war
unwillig. »Er ist kaum in Ruhe gekommen, nun fangen die Treibereien neu an. Er
bleibt in der Lehre.« Aber Frau Selle wusste auf die drolligen Talente
hinzuweisen. Sie brachte die kleine Katzenfamilie aus dem Glasschrank, die
Einhart aus Wachs geknetet, eine ganz erstaunliche Leistung voll beobachteten,
spielerischen Lebens. Die Schwestern redeten zu. Rosa sagte unverhohlen: »Wenn
er Maler wäre, Papa, das wäre doch ganz was anderes!« Woraus Herrn Selle ein
eigenes Gefühl der Beschämung durch seine Seele huschte, dass sein einziger Sohn
es nur gerade bis zu einem Handwerksgesellen oder Handwerksmeister bringen
sollte.
    Das alles kam zusammen, dass Einhart sein Plan gelang, und gründlich gelang.
Gründlich, wie Herr Selle in solchen Dingen war, und doch mit einem Zuge noch,
dass man diesem Menschen durchaus die Wege nicht zu sehr ebnen und dem eignen
Sichzusammenraffen und Weiterhelfen und Sichbesinnen nicht mit törichter
Sorglichkeit vorgreifen dürfte. Er hatte erst Rücksprache mit dem Lehrerfreunde
genommen, der Einhart kannte. Der Direktor riet ganz und garnicht ab. Dem
Direktor fiel sogar eine Last von der Seele, dass nun Einhart sich zu Besserem
durchzufinden angefangen.
    Er wusste, dass Herr Selle in der ganzen Zeit wegen Einhart noch immer
heimlich litt. Nun sagte er sogar: »Ja - das habe ich mir immer schon gewünscht,
dass er solche Wendung nehmen möchte. Ich bin sicher, so kann er noch ein ganz
tüchtiger Mensch werden.« »Nun gut!« sagte Herr Selle einigermassen zufrieden.
»Ich will ihn nicht stören. Mag er den Schritt versuchen.«
    Man setzte ihm ein kleines Monatsgeld sicher aus und erlaubte ihm, nach der
Akademiestadt zu fahren, nachdem noch mit Meister Kallinich in aller
Zufriedenheit die Dinge alle geordnet wären. Meister Kallinich setzte den
Erwägungen des Herrn Selle die Krone auf, indem er in seiner frommen
Bescheidenheit schrieb, dass er es schon vorher, »gleich wie er die Talente
Einharts gesehen, gewusst hätte, dass Einhart durchaus zu etwas Höherem berufen
wäre.« Und man ging in die Neuordnung der Lage in ganzer Harmonie.
 
                                       3
Einhart war zum ersten Male in der grossen Stadt. Er kam an mit einer ganz
einzigen Spannung in den gelbgrauen Mienen und ging vom Bahnhof gleich in die
Hauptstrasse, um sich in der Menge umzusehen. Wer ihn so sah in seinem braunen
Röckel und dem dunklen Rundhut, wusste nicht, ob er einen dürftigen Photographen
oder einen von einer fliegenden Teatertruppe vor sich hatte. Man konnte auch an
einen Gaukler denken, der auf dem Seile tanzen, oder mit goldnen Kugeln vor den
Augen seiner Zuschauer spielen und sie in die Luft werfen könnte, dass dann
gleich, wie im Märchen die schöne Quellfrau es tat, die goldnen Bälle wieder mit
Donner und Blitz herniederführen unter die strömende Menge. Einhart hatte eine
ganz besondere Art, sich hin zu bewegen, mit einer spitzen Miene manches zu
umgehen, dass er recht auch aussah, als wäre er auf Diebeswegen, beschliche
etwas, und täte heimliche Erwägungen, wie an Menschen und Dinge und
Schauauslagen geschicklich heranzukommen.
    Er war am Nachmittag angekommen. Auch an die Akademie ging er. Er sah das
Gebäude lange an. Es kamen einige Jünglinge mit Mappen heraus, auch ein wenig
wie er, weil sie gleich ihm die Strähne der Haare unter dem Hute hatten
hervorquellen lassen. Nur gleichgültig jetzt und gewohnt an die Anblicke des
treibenden Lebens, an den breiten Strom voll Sonne unten tief an dem Mauerwerk,
und an die ragenden Gebäude und blühenden Gärten, die sich jenseits des glatten,
quirlenden Stromwassers, das um die Brückenpfeiler sich staute, angesiedelt.
    Und dann war des Besinnens nicht lange gewesen. Einhart wusste immer zu
finden, wenn es ihn selber vorwärts trieb. Er hatte die Nacht in einem kleinen
Gastause zugebracht. Und am folgenden Tage hatte er es nicht erwarten können,
seinen Platz in dem Atelier des Meisters Teodor zu erobern, seine Handwerkszeuge
zusammenzukaufen und dann sich in einer kleinen Bude hoch oben in einem
Mietshause im vierten Stock einzurichten.
    Schon am dritten Tage war Einhart unter denen, die morgens in die Akademie
eingingen. Und man kann sagen, er ging mit einem wahren Hunger ein. Er dachte an
Wunderdinge. Er dachte, nun müsste sich eine ganze Welt auftun. Hier war einer
der berühmten Männer, die es besassen, wonach sich viele Jünger zeitlebens
sehnten.
    Das Atelier Meister Teodors war hoch und hell. Ein Tisch stand neben der
Wendeltreppe, die einen aus dem Meisteratelier emporführte. Eine grosse
Chaiselongue stand mitten, davor ein Eisbärfell mit offnem Rachen sich gelagert,
während Kopf und Rachen eines andern über das Keilende des Lagers herunterhing.
Die Skizzen an den Wänden waren reichlich. Ein paar Staffeleien standen herum.
Der Meister war ein Mann voll heiterer Miene, dabei sehr geradezu. Einhart kam,
wie er seine Farbskizzen kritisierte, nicht aus dem Lachen heraus. Zu sagen, was
nicht stimmte, wusste Meister Teodor. Er hatte einen Knebelbart und einen
Schnurrbart, die er abwechselnd zupfte, wenn er Witze machte. Und er machte
immer Witze. Auch wenn er sein Modell zu Änderungen seiner Stellung mit dem
Malstabe anrührte, oder wenn seine grossen, grauen Augen noch weiter wurden, und
er zurückgelehnt scharf eine Linie des nackten Leibes beäugte, sie scharf
gesehen hinzubringen.
    Der Meister malte ewig Frauen in allerhand idyllischen Lagen. Im Atelier
standen mehrere grosse Bilder. Eines stellte die Hoffnung dar. Ein nacktes
Mädchen im Walde, mit Augen, die ebenso gross, wie leer schienen, und
hoffnungslos in die Ferne blickten. Einhart sah die Tafel lange stumm an. Es
fiel ihm jetzt ein, dass er unter Hoffnung sich eigentlich niemals etwas Rechtes
gedacht. Die Sache war ihm neu. Er wusste garnicht, ob es ihm gefiele. Er hatte
einstweilen nur auch ein grosses Staunen, wie das alles sicher gemacht schien.
    Einhart musste mit dem Einfachsten beginnen. In der oberen Klasse sassen die
Schüler zusammen, von Porträtbüsten abzuzeichnen. Der Zeichnenlehrer tadelte
gleich seine Blätter und rühmte nur anfangs einmal etwas wie Stilisierung. »Aber
Stilisierung, mein Lieber! Sie fangen die Kirche mit dem Turm an,« sagte der
alte, graubärtige Murrkopf in sehr bekannter Wendung, die Einhart doch originell
dünkte. »Erst müssen Sie was können, dann können Sie stilisieren.« Das alles
däuchte jetzt Einhart zuerst durchaus richtig.
    Auch in den kommenden Monaten noch war er eingeschüchtert. Er begann erst
allmählich ein Gefühl zurück zu gewinnen, was aus ihm selber kam.
    Die Jungen in der Schule waren sehr verschiedenen Gelichters. Einige waren
unsäglich peinlich. Das Zeichnen zeigte es: unglaublich geordnet und sicher und
reinlich - und die Dinge recht, wie sie Gevatter Akademiediener oder der Barbier
sah, der zum Direktor durch das Treppenhaus ging. Man wusste im voraus, was sich
Grosses entüllen würde.
    Dann waren einige, die immer nur auf die Blätter der andern sahen, Glossen
machten und selber nichts konnten. Die machten freche Bemerkungen an allen Ecken
über Dinge und Lehrer und freche Witze über die Reize der Modelle, die Einhart
tatsächlich unangenehm waren, so dass ihm einmal über die gefühllose Art, wie man
ein junges, halbwüchsiges Mädchen sich hatte entkleiden lassen, ein Ekel
angekommen.
    Und Einhart war garnicht gesprächig. Er liess alle reden. Und je mehr er
schwieg, desto mehr buhlte alles allmählich nach seiner Teilnahme. Allen
erschien Einhart rätselhaft. Seine Augen sahen beim Arbeiten herrisch aus, so
einfältig und gutmütig er sonst auch schien.
    Und Einhart zeichnete sonderbar. Garnicht, wie man es sich dachte.
»Lächerlich,« sagte der Direktor, der herzukam und durchging. »Was zeichnet der
Mensch? Haben Sie denn so etwas hier schon gesehen? Wollen Sie denn nicht sich
daran halten, welche Aufgabe gestellt ist!« Und er wies auf die Tafel des
Nebenmannes, die den Leib der Jungen trocken und nahe wiedergab. Einhart hielt
sich auch dabei ganz verschlossen.
    Die Mitschüler sahen sich dann alle die Tafel an, die der Direktor missliebig
angesehen. Und das ging so weiter. Denn auch der berühmte Meister Teodor sagte:
»Was uns dieser Herr Selle alles an Kunst vormacht!« Und er musste rundweg
lachen, wie ein voller Bauch lacht, dass es ganz bis zu den Beinen geht, und der
Kopf sich beugen, und die Kniee knicken müssen.
    Einhart dachte dann nicht daran, ernst zu sein. Er lachte mit.
    So ging es bald, dass man Einhart in der Akademie kannte. Schon weil man über
seine Zeichnungen und Malereien jetzt immer lachen musste, die Meister mit den
Schülern, und weil ein jeder die Werke Einharts kannte, als gingen sie mit einem
jeden.
    Niemand trug heim, was der Meister selber auf die Tafel gebracht. Das schien
allen eine rechte Arbeit. Und wer nur so auf die Dinge hinblickt, wie ein Mäher
auf die Blumen, dem es auf das Gras ankommt, der konnte wohl über die sogenannte
Natürlichkeit staunen. Aber einen Witz hatte man nicht im Ohr, eine einzige
Weise nicht in der Seele, eine seltsame Fügung und einen Anklang eigenen
Schicksals durchaus nicht. Das schien aus Einharts Zeichnungen heraus, und wie
er mit der Malerei erst begonnen, gar aus seinen Entwürfen.
    Toll sahen sie aus. Dünn gemalt. Er liebte nichts Rohes. »Das dicke Gepatze«
liess ihn lachen. Er nannte es »mauern«. »Pfui Teufel,« sagte er. »Fein wie ein
Ton!« So malte er. Aber tolle Töne manchmal, wie schrilles Geigen. Meister
Teodor hielt sich Augen und Ohren zu. Nicht Waldidylle mit Blumen,
Vergissmeinnicht und allerlei Kraut, wie bei einem Botaniker, bei Einhart sollte
man Studien machen, wie in einer Schemen- und Lichtwelt, die nicht im grob
Körperlichen, die nur in feinen Traumvisionen ihre Zauber spinnt. So etwas regte
alle auf. Und Einhart war an der Akademie bald bekannt wie ein böses Gewissen
oder wie ein verkappter Narr.
 
                                       4
Professor Soukoup lehrte an der Akademie Kunstgeschichte. Ein finsterer,
abwehrender Mensch, der einen weichen Glanz erst dann in sein grosses, ernstes
Grauauge bekam, wenn er vor einem Kunstwerke stand und die Reize der einzelnen
Gestaltung vor den harrenden Jüngern nachlebte. Dann konnte man ihm anmerken,
dass er es ganz ereignismässig empfand, wie da im Werke der gestaltende Mensch
sich aus eigenen, unbekannten Tiefen genuggetan und Feingefühle und Erkennungen
der Dinge ans Licht gebracht, die man nur vergeblich noch anders als in der
Einheit seiner geistigen Schöpfung selbst greifen kann. Professor Soukoup stand
dann mit wahrer Andacht. In solchen Momenten war er eine volle Hingabe. Die
junge Kunstschar hörte dann aus Bild oder Stein Sinn und Harmonie heraus. Und
niemals, dass nicht Einhart in solcher Stunde innig aufgewühlt die Fülle und
Tiefe ermass, die ihm dann ein wahrer Abgrund Leben schien, aus der allezeit
Kunst der Menschenseele entströmte.
    Einhart konnte Professor Soukoup nicht ohne Bewegung ansehen. Wenn er ihn
auf der Strasse zufällig traf, war er in seinen Anblick meist schon von ferne so
versunken, dass er eine lange Weile seinen Hut in der Hand hielt, weit ehe der
Professor heran war.
    Professor Soukoup hatte einmal in seiner Vorlesung dargelegt: »Wir sind zu
indisch, zu duldsam, zu versöhnlich. Es gibt für uns nur noch leidende, nicht
mehr verschuldete Menschenkinder, womöglich nur noch von der Not um den Pfennig
Geplagte. Die sozialen Leiden haben es uns angetan. Das gibt keine ehernen
Schicksale. Das gibt keine wahre Tragödie. - Meine jungen Freunde: Wir alle
tragen zuerst die Last des Erdenkörpers und die heissen Geschenke seiner Triebe
und seiner Freiheit. Wir sind nicht zuerst soziale, sondern kosmische Wesen. Wir
alle tragen, verkettet wie wir sind in diese Triebe und in diese Freiheit, unsre
Verantwortung vor uns selber, und also nicht nur Leiden, sondern Sünden. Das
grosse Lied der Kunst ist nie den Leiden eines dürftigen Gesellschaftslebens, es
ist den ewigen, tiefen Gebresten der Menschenseele, ihrer tragischen
Naturveranlagung und Schicksalsverkettung gesungen. Vielleicht nur zu flüchtiger
Stillung, vielleicht auch zu einer fernen Verheissung. Ermessen Sie die ganze
Kraft der Antike, die in ihrer Myte Orpheus um Euridike, um die Unschuld der
Menschenseele, im Lande der grausen Schatten so süss und verheissend spielen liess,
nicht, dass der sehr allgemeine, vom Gesellschaftsleben zersorgte und geplagte
Mensch erheitert oder beruhigt werde, sondern dass der ewig Schicksalsgebundene
einen Augenblick wirklich Erlösung spüre von seinen ehernen Zwängen, dass Jxions
Rad, daran er aus seinen Lüsten heraus angeschmiedet liegt, wirklich einen
Augenblick stille stehe, dass Tantalus, von seiner heissen Gier abgelenkt, eine
Weile lausche, dass die aus ihren Taten heraus verfluchten belischen Jungfrauen
aufhorchen, und die steinernen Schicksalsführerinnen selber aus ihrer ewigen
Erstarrung einen Augenblick wirklich erweichen und ihre ersten Tränen
vergiessen.«
    Nun, wenn Einhart solche Verkündigung seiner Mission hörte, konnte er gar
nirgends bleiben. Er konnte auch unmöglich darnach reden mit jemand. Er hatte
solche Dinge nie gehört. Weder daheim, wenn er seine Skizzen gemalt, noch
irgendwo sonst hatte er derartige Blöcke gewälzt. Er begriff es auch durchaus
nicht voll. Er ahnte es nur. Aber er ahnte es so drängend und so tief, jetzt,
wenn er hastig durch die Menge lief, strassauf, strassab, dass ihm das Herz
aufschwoll und er nicht wusste, wo er in seiner inneren Erglühung eigentlich
gelaufen war.
    Einhart sah jetzt wieder ziemlich verwahrlost aus. Er vernachlässigte sich,
je stärker ihm die Fülle der Gesichte anwuchs. Er lebte auch in diesen Zeiten
ein sehr unregelmässiges und zerrüttendes Leben. Nach einem Tage bei Professor
Soukoup konnte er schon ganz und gar nicht Ruhe finden. Dann sass er bleich und
mager und vergraben am späten Nachmittage jetzt in den Wintertagen in der Ecke
des Sofas in der kleinen Konditorei, wo sich auch andere Malschüler und
Bildhauer um tausend Metoden des Bildens im allgemeinen grob und hart zankten,
sah verhärmt und scharf vor sich hin und rauchte und trank, bis der Abend kam
und die Nacht.
    Er liess sich auf nichts ein zuerst. Er wies alle Meinungen einfach als
Verrückteiten schroff von sich, empfand nur die Flucht seiner Ahnungen wie ein
Meer und stammelte dann in der Betrunkenheit schliesslich die tollsten Projekte,
malte im Geiste die ganze Unterwelt der modernen Menschenseele in grausigen
Schicksalsgestalten hin vor die Augen seiner staunenden Kameraden, höhnte über
Professor Teodor, der lieber ein modernes Café oder einen Prunksaal niedriger
Schwelger ausmale, als wirkliche, grosse, stillende, ewig junge Künste erhärme.
»Dieses grossen Meisters Seele ist mit billigen Nackteiten vollgehangen,« stiess
er dann hart und hohnlachend hervor. »Und der andere grosse Mann läd die Krüppel
und Lahmen herein,« schrie er, »weil zu der Hochzeit die Erlesenen sich nicht
finden wollen. Jämmerlinge, denen besser mit Gelde aufgeholfen als mit einem
Leben auf der Leinwand!« »Aber Schicksale - Mächte!« - - schrie er dann, »die
ewigen Mächte in uns und in unserem Menschengeschäft!« - - »Ihr Schuster und
Schneider!« stammelte er erregt unter die Kameraden. »Ein Genie blickt nicht aus
euern Augen heraus, ihr Handwerker und Sklaven, die ihr nur an der Erde
hinkriecht wie Kröten, anstatt euch hochzuheben und eure Schönheit zu gebieten!«
- - »Solche Schöpse!« lächelte er dann vor sich hin, wenn er in die Sofaecke
zurückgefallen und hastig ein Glas nach dem andern hinuntergetrunken. »Statt
Genies Schöpse!« schrie er neu. Dass es ein furchtbares Gezänk gab am Ende und
ein niedriges Durcheinander. Dass der Kellner kam und um Ruhe bat. Und dass
Einhart wie eine Katze plötzlich dem Kellner an den Hals sprang und ihn würgte.
»So ein Hausknecht will Heilbringer belehren!« schrie Einhart dann rasend. »Wir
bringen euch das Heil, ihr armes Erdengesindel! Wir werden uns nicht
einschüchtern lassen, weder von Meister Teodors zahmen Idyllen, noch von einem
Schwalbenschwanze von Kellnertroddel!« »Genies sind hier!« brüllte er durch den
Raum, dass man es bis auf die Strasse hörte, und das Gestöhn des gewürgten
Kellners einen Augenblick darnach unheimlich im Raume schwoll. Dass andere
zuspringen mussten, und dass schliesslich die betrunkenen Jünger aus St. Lukas'
Gilde alle unerwartet von der Faust des Wirtes und Hausdieners und einiger Gäste
gepackt auf der nächtlich stillen Strasse lagen oder sassen.
 
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Es war erstaunlich, wie schnell Einhart jetzt, wo er in Freiheit vor innere
Bestimmungen gestellt war, das Jungenhafte und stark Unreife, was er daheim
immer besessen, abstreifte und zu grosser Selbständigkeit und Sonderlichkeit
gleich erwuchs. Ganz und gar mit völliger Beibehaltung seiner unglaublichen
Vielgestaltigkeit noch immer, und der seltsam verträumten, finsteren Einfalt
seiner Art nach aussen.
    Denn auch nach den tollen Auftritten in den nächtlichen Gelagen, nach harten
Zänken mit Grottfuss, dem einzigen Malschüler, dem Einhart ausser sich Genie
zutraute, und der dem Meister Teodor und dem Meister Zeichner und noch manchem
mit derselben Nichtachtung und stummem Lächeln begegnete wie er, kam Einhart
immer nur wieder demütig und narrenhaft dürftig unter die Kameraden und ins
Meisteratelier zurück. Geradezu einfältig konnte er noch wieder scheinen, wie
vor Mutter und Rosa einst, und so recht wie der Fuchs, den der Bär auf dem
Rücken trägt. Deshalb konnten auch die Professoren bei solchem Eindruck gütigen
Lächelns seines schwarzblitzenden Funkenauges noch immer nicht begreifen, wie
gerade dieser junge, bleichgraue, hagere Mensch eine ewige Revolution unter den
Schülern konnte lebendig halten?
    Aber man empfand schliesslich allentalben grosse Unzufriedenheit. Es war
nicht bloss allmählich an den Tag gekommen, dass Einhart in der Trunkenheit
Tollheiten beging. Auch seine Meinungen über die Kunst der ersten und
massgebenden Meister der Zeit kamen in allerlei hochmütigen Wendungen an den Tag
und wurden in den Ateliers laut oder heimlich unter den Schülern, viel
überstürzter noch, wie er sie geäussert, herumgeredet. Vor allem die
quälerischen, verrückten Versuche, nach alten oder ersonnenen Stilweisen seine
Bilder hervorzubringen, waren es, die Einhart ewig zum Gegenstande einer
prickelnden Spannung unter den Schülern machten. Dass viele seine Art und
Sondertümer mit Lachen oder Neid glossierten, und die meisten sie heimlich doch
nachahmten. So dass die Lehrer sich nicht genug tun konnten, darüber kritisch und
verächtlich zu spotten und davor zu warnen. Nun gar die grossen Worte, die
Einhart in der Trunkenheit oder sonst hingezürnt, und die alle nur eigentlich
Flammen waren, wozu ihm Professor Soukoup die mächtigen Scheite aufgeschichtet,
gingen in den Schülern von Mund zu Mund und von Blut zu Blut, und unter den
Lehrern gingen sie um zu Trotz und Hohn.
    Besonders der Direktor der Anstalt war höchst ungehalten über Einhart. Der
Direktor war ein friedlicher, alter Herr, der gar nicht nach Genies sich sehnte.
Sanft, wie er aussah, mit einem Christusbarte in Grau, der ehemals blond
gewesen, das Auge hell, kannte er alle Dinge bei Namen. Er war mit Tüchtigem,
Hausbackenem zufrieden. Er bedurfte nicht der Nebel, noch Visionen. Er zog oft
Goete heran: »Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm!« Er malte Ziegen und
Schweine auf Wiesen. Wie man sie so findet. Es ist ein altes Hirtenlied. Man
begegnet ihm in jeder Ausstellung wieder und kennt seinen Klang.
    Der Direktor, wie gesagt, musste endlich wider Einhart einschreiten. Er musste
Einhart zitieren. Einhart hatte Schaden angerichtet. Erst hatte er in der
Konditorei wüst Geld verschwendet. Dann weiter geliehen. Dann nach Unfug und
Geschrei allerhand Geschirr zerschmissen, was er nicht bezahlen gewollt. Der
Direktor liess Einhart also kommen. Aber Einhart war eingeschüchtert und gab ihm
gegenüber sogleich alles zu, dass es keinen Auftritt weiter gab. Der Direktor
hatte nur an Herrn Selle appellieren brauchen. Da war Einhart sofort gerührt und
überwältigt gewesen, hatte an daheim gedacht, sein Gewissen belastet gefühlt und
hatte am Monatsbeginn alles sofort klar gemacht.
    Aber bald fanden sich allerhand neue, frechere Ausbündereien. Was ihm
Meister Teodor schon einmal sehr übelgenommen, war, dass Einhart auch ihn direkt
offen zu glossieren gewagt. Nun kam gar, dass er in seiner Malklasse vor allen
Schülern plötzlich eine Korrektur sich verbat. Wie es angefangen, ist nicht
recht erfindlich. Einhart war in der Klasse sonst immer tief versunken. Er hatte
eine Tanzende auf seiner Leinwand. Seltsam dünn gemalt und der fliegende
Schleier wie feine, graue Seidenspitzen auf rotem Grunde. Meister Teodor war mit
seinem Pinsel rücksichtslos darübergefahren und hatte eine schwere Kontur um die
fliegenden Gewebe gemacht, weil er behauptete, man müsste die Sache körperlicher
sehen. Einhart musste in Gedanken sich vergessen haben, dass er plötzlich auffuhr
und den Meister Teodor anschrie: »Lass dein Geschmier!«
    Die sämtlichen Malschüler waren wie erstarrt. Meister Teodor war blassgrau
geworden. Einhart war an sich schon so. Aber in demselben Moment musste er
erwacht sein. Vielleicht war er noch ein wenig benommen gewesen. Die Gewohnheit,
Schnaps zu trinken, benahm manchem Schüler dieser Periode auf Zeiten die Sinne.
Wer nichts mehr zu essen und kein Geld mehr hatte, hielt sich mit Schnaps und
Rauchen aufrecht. So mochte es gekommen sein, dass auch Einhart nicht ganz bei
sich war. Er hatte die Hand des Meister Teodor einfach fortgestossen. Meister
Teodor war der Atem weggewesen. Dann sagte er nur: »Nun, mein Lieber, damit hat
Ihr Gang wohl ein Ende hier!« - - Und nach einer Weile: »Man wird dir dein
Handwerk legen.« Er duzte ihn plötzlich in seiner Verachtung.
    Einhart war gleich im Kampfe mit sich. Es war ihm sehr unangenehm. Der
Meister Teodor hatte seinen Malkittel sofort abgelegt und die Stunde geschlossen
erklärt. Er begann sich offenbar für den Gang zum Direktor herzurichten. Einhart
überlegte noch immer einfältig lächelnd, aber für sich. Auch draussen noch,
nachdem er gar nicht Adieu gesagt. Er begriff natürlich, dass in Meister Teodor
diese Beleidigung unversöhnlich arbeiten müsste. Die Mitschüler waren langsam
auseinandergegangen. Grottfuss blieb bei ihm. »Du bringst es noch so weit, dass
sie dich wimmeln,« hatte Grottfuss gesagt. Einhart konnte trotz Lächelns sehr
bekümmert aussehen. »Was könnte man denn tun?« sagte er zu Grottfuss, der ein
blonder, schmaler, ruhiger Mensch war. »Soll ich zu Meister Teodor gehn und ihn
bitten?« sagte er.
    »Nicht Ahnung! Gehe gleich zu Soukoup.«
    Grottfuss' Vorschlag war es, der die Sache noch einmal ins Geleis brachte.
Einhart ging zu Professor Soukoup in die Wohnung. Er fand den finsteren,
versunkenen Mann vor einigen Blättern sitzen und mit der Lupe das Linienwerk
feiner Federzeichnungen betrachten.
    »Sehen Sie, lieber Selle ... eine wunderbare Kunst!« sagte er ohne viel
Umschauen bei Einharts Eintritt. »Kennen Sie Beardslei? Eine völlig eigene
Weise! Eine ganz aussermassen innige Linienwelt. Alles so köstlich und so klar
scheint's! Und ist doch krank, vom Uebel heimlich angefressen jedes Ding und
jede Gestalt! Allentalben Wundheit, heimlich Schwelendes! Nicht? Man kann nicht
froh werden trotz der Schönheit, trotz dieser einzigen Kristallisationen. Ja -
es ist immer eine Melodie: das heisse Uebel der niederen Triebe - - mit den
allerfeinsten Sinnen ausgespürt. So etwas gibt es in der Welt. Das liegt
irgendwo im Grunde unseres Blutes. Dagegen muss Orpheus immer wieder Euridike aus
der Schattenwelt herauflocken ... unsere Unschuld im Blute - unsere
Morgenahnungen! Verstehen Sie, Selle?«
    Einhart vergass ganz in Ehrfurcht, was er eigentlich wollte. Er sah nur
gespannt und entzückt hin.
    Aber dann sah ihn Soukoup fragend an. »Nun, ich freue mich, lieber Selle,«
sagte er, unvermittelt auf ihn eingehend, »dass Sie einmal kommen!« Immer noch
wieder gemeinsamen Blicks bei den Beardsleis. »Man ärgert sich oft über Sie!«
    »Ach verzeihen Sie nur, Herr Professor!«
    »Nun, weswegen kommen Sie?«
    »Es ist entsetzlich unangenehm.«
    »Oh, oh, oh, lieber Selle, Sie sollten auf der Hut sein!«
    Und Professor Soukoup sah den dunklen, gelbgrauen, schmächtigen Menschen,
der in seiner Hautfarbe und mit dem fettglänzenden Haarsträhn über der
Knabenstirn und mit seinen bekümmerten, verzehrten Blicken ihn sehr fesselte,
genau an und lächelte ihm zu.
    »Nun erzählen Sie mir erst!« sagte er bestimmt.
    So erzählte Einhart ganz offen alles.
    »Ja, ja, ja, ja,« sann jetzt Professor Soukoup für sich. »Meister Teodor ist
Ihr Freund ohnehin nicht! Sehen Sie! Und der Direktor weiss auch schon, dass Sie
zu leichtsinnig in den Tag leben. Möchten Sie nicht doch am besten - -? Jh! -
gleich jetzt gehen Sie hin! Ich habe dann guten Grund, wenn ich für Sie rede.
Hören Sie einmal, lieber Selle! Ich hoffe, Sie nehmen es mit dem Leben in der
Kunst so ernst wie mit dem Leichtsinn! Wie? Selle? Mein Lieber? Ich kann mir
schon denken,« sagte er dann mit zutraulichem Blick, »dass Sie jetzt noch
träumen, andere Himmel zu malen, als Meister Teodors Tafeln sie Ihnen vorführen.
Pah, pah, pah! was träumt man nicht alles, wenn man jung ist!« sagte er
versunken. »Und ein Schüler, der weiter blicken möchte, der sich auch nur weiter
sehnt, wie der Meister, das gibt keine Freundschaft, mein Lieber!«
    »Oder denken Sie anders?« fragte er Einhart mit eindringlichem Blick. »Wie,
Selle?«
    Worauf Einhart doch nur stumm blieb, dass auch Professor Soukoup eine Weile
ganz für sich erschien.
    »Der rechte Harm ist in der Tat Meister Teodors Sache nicht!« sagte er dann
nur in seiner finsteren Art ganz gefangen.
    Vor jedem andern hätte Einhart in diesem Moment zugestimmt. Aber hier
vermied er es, weil er fühlte, dass er auch nur stumm zu Boden blicken müsste. Und
er liess sich auch gleich von Professor Soukoup wie ein sanfter, gelehriger
Schüler bestimmen, hinzugehen zu beiden, zum Direktor und zu Meister Teodor, und
beiden die Erklärung abzugeben, die ihm Professor Soukoup sorglich
vorgesprochen.
    »Ich will mir alle Mühe geben, meine Kollegen umzustimmen, lieber Selle!«
hatte Soukoup am Ende gesagt. »Vielleicht gelingt es noch einmal! Sagen Sie auch
nur ja, was Sie so durchaus plausibel erzählten,« legte er Einhart noch
besonders in den Mund, »dass Ihnen das Wort gar nicht zum Meister, nur zu einem
Kameraden entfahren ist. Sie wären so versunken gewesen! Verstehen Sie mich!«
    »Wissen Sie, dass mir das wirklich passierte? Ich habe einmal eine Exzellenz
mit Du angeredet bei einer Demonstration im Institut, weil ich, versunken in den
Gegenstand, immerfort nur auf den grossen Hut der Dame gesehen hatte, und dieser
Hut dem Hute meiner Frau auf ein Haar glich. Dieselbe Feder an derselben Stelle,
dass ich in die Idee gekommen war, ich hätte meine Frau vor mir,« sagte er
freundlich und verschmitzt ein wenig.
    Es ging noch einmal alles gut vorüber. Professor Soukoup hatte in der Tat
zum Frieden geraten. Der Direktor nahm das verzehrte Gesicht Einharts als
Ausdruck der Reue, und das einfältige Lächeln, das durchaus weder vor Meister
Teodor, noch vor dem Direktor ohne Erbitterung gewesen war, tat beruhigende
Wirkung.
 
                                       6
Einhart war in den Monaten jetzt, wo wieder der Winter kam, viel daheim. Er gab
sich ehrlich Mühe, kein Ärgernis zu erregen und vermied auch mit Meister Teodor
jede Misshelligkeit. In die Meisterateliers kam er auf Stunden, aber er gab vor,
in der Galerie zu kopieren, und malte und zeichnete in seiner kleinen
Giebelstube.
    Wenn er so an dem Fenster des einsamen Dachgelasses sass, konnte er ewig
untätig nur hinüberträumen über die tausend Dächer, die sich unter seinen
Blicken dehnten und die tausend Kanäle von Strassen mit ihren Menschenscharen in
drängendem Strome. Seine Gedanken hatten jetzt oft nicht Halt. Es kamen
sonderbare Gefühle von Unsteteit in Einhart auf, die ihn hintreiben liessen und
suchen und nicht haften.
    »Woher drängt die Menge neu und neu hervor? - mit ihren hastigen
Begehrungen? und wohin will der Geist uns lehren einzuziehen?«
    Es kam jetzt oft eine lächerliche Entwertung des Lebens in Einhart auf. Er
dachte an daheim. Mutter kam ihm ins Auge, die mit ihren Demutsblicken auch noch
immer nur so in die Ferne sah wie er, noch immer so schaute und schaute.
    »Nun also,« dachte Einhart so hin. »Wohin denn mit alle denen, die sich
narren lassen, hinzueilen, und sich mühen?« dachte er dann.
    Es war jetzt Weihnachtsmarkt in der Stadt. »Alles ist ein Jahrmarkt. Wer
viel in der Tasche hat, kann viel kaufen. Und wer viel in der Seele hat, kann
viel hinausgeben.«
    »Ich werde einfach auch nur ein Jahrmarktsschreier. Ich muss meine Illusionen
auf Leinwand bringen, wie der Bänkelsänger seine Geschichten.«
    »Es ist alles nur Jahrmarktsvolk, Jämmerlinge, die amüsiert sein wollen, zu
Haufen, und dazu einige Bajazzi! Nun also: ich bin Bajazzo!«
    Grottfuss war ausser sich über solche Reden. Der nahm sich sehr ernst und
wichtig. Wenn er, und andere auch, kamen - denn um Einhart war jetzt immer ein
kleines Gedränge, dann hörten sie seine Auslassungen mit Lachen oder Entrüstung.
    »Ach, was braucht es zur heutigen Kunst noch eines Menschen von Fleisch und
Blut, mit Sehnsuchten noch Erlösung und Überraschung? Das alles weiss man, das
kennt man!« rief Einhart dann verächtlich, »diese ganze akademische Kunst!
Original, das heisst, aus dem Ursprünglichen, Drängenden, Schauenden neugeboren.
Alles andere ist Handlangerei.« »Diese modernen Künstler sind Modeherren, die
aus allen Weltgegenden den Wind fangen möchten,« rief er dann.
    »Natürlich können sie malen. Man weiss es seit Alters, wie man Eisen weich
macht, oder Farben reibt. Ich werfe den Krempel hin. Ich finde es, was mir
selber wirklich heiss macht, ein neues Lied, eine neue Weise, eine neue
Offenbarung - aus meiner eigenen Tragikomödie! Ich finde es selber, was mich
hält, und was sich lohnt, dass ich es tue. Oder ich werfe es hin - alles! das
Leben vielleicht!«
    »Professor Soukoup, der einzige, der einen hohen Begriff hat von Kunst,«
sagte er viele Male, »weiss es nicht zu tun. Und die es tun, haben keinen
Begriff, als nur die ungeoffenbarte Offenbarung des ewig Offenbaren,« höhnte er.
    Er begann sich jetzt alles hochmütig zu verleiden, versuchte zu Hause
Malereien mit allerhand sonderbaren Mischungen, die den Bildern neue
Helligkeiten und Kontraste geben sollten, und vor allem, er malte sich, nur
immer sich, in tausenderlei Grimassen und den drolligsten Auffassungen. Als
Mörder mit dem Dolch. Als Grandseigneur im schwarzen Würdenkleide. Als
Verächter. Als Gehässigen mit einem Klumpfuss. Als allerhand. Auch einmal als
einen Teufel mit Glühaugen, aus dessen Herzstelle ein Feuerherd heimlich
hindurchsah, aus dem allerlei Gestalten, wie Zunder verbrannt, emporloderten und
durch die Augen gewissermassen wie letzte, verzehrte Reste hinausglühten. Er war
in ewiger Unruhe, war gleichgültig gegen alles und hatte, wenn er seinen
Lebensgroll im Trunke begraben, in der Ecke der Konditorei den Morgen erreicht
hatte und das Sichvergessen, wider Willen eine Miene, die scharf lächelte.
    Einhart begann wirklich einen ganz eigenen Harm zu empfinden. Das törichte
Geschwätz allentalben begann er zu hassen. Er wollte grosse Gefühle, neue Wege,
mutige Darstellung. Er hohnlachte nur noch, wenn die Kameraden sich stritten, ob
Meister Teodor oder Meister Zeichner grösser wäre. »Ein tausendstel Millimeter,«
sagte er, »man kann es nur mit einem ganz feinen Instrumente messen und kann
auch dann nicht sagen, welchen der beiden dieses Flöhchen noch beisst.« So
ungefähr.
    »Grösse kann man nur unter Leuten bemerken,« schrie er dann herrisch mitten
hinein, »die ihre Köpfe aufragen lassen - aus dem Erdenstaub und der eklen Masse
in die freien Himmel, meine Herren Kameraden, wozu wir alle berufen, aber nur
sehr wenige von uns auserwählt sind.«
    »Die Grösse! Ihr versteht doch! Das ist eine Fähigkeit, sich zu erheben, dass
ein jeder, der daneben steht, den andern wirklich oben sieht.«
    Viele ärgerten sich. Manche fanden es grossartig.
    In solcher Laune warf Einhart auch alles weg und sprach selbst von seinem
Vater mit Hohn. »Mich wollten sie auf eine Ehrenstelle bringen,« sagte er dann.
»Lieber in Lumpen gehen, ehe ich meine Feuer verlöschen lasse auf meinem
Herzflecke! versteht ihr! Solcher Herzbrand frisst Kleider und Ehren,« lachte er
dann.
    »Mein Alter,« konnte er ganz despektierlich sagen, »hat an seinem Herzfleck
nur kalte Asche. Und wenn man es nicht bestimmt wüsste, dass er einmal im Leben
einen Traum gehabt, früher, dann könnte man denken, es wäre ein steinerner
Gast.«
    So ungefähr ging es dann aus ihm, dass alle Kameraden für oder widerredeten
durcheinander - aber ein jeder auch einen Hauch davon gewann, dass Einhart suchte
und sehnte, dass er das Bestehende und das billig Erworbene und nur Gekonnte
einfach verachtete. In dem Kleinsten ging dann heimlich ein drängender Brand aus
den Funken aus Einhart. Und heimlich hatten die Lehrer so eine ganze Herde
Zwerge um sich. In der Seele eines jeden, auch des willfährigsten Schülers sass
heimlich ein solcher kleiner Dämon von Einharts Gnaden, der sich nach dem
verheissenen, wahren Eigentum zu sehnen angefangen, und der nur widerwillig noch
dem mühsamen Erwerbe des wirklichen Könnens sich hingab.
 
                                       7
Übrigens war Einhart jetzt merkwürdig abgeschieden von aller Natur und von allem
Leben. Es war wie eine Revolution nur aus ihm. Es war, als wenn in dieser Zeit
die heisse Glutflüssigkeit seines heimlichen Wesens hervorgebrochen, und die
Lavamassen müssten erst einen Krater emporwerfen, und den Glutkreis abgrenzen.
Dem Zeitvertreiben der andern Jünglinge, das sie mit den kleinen Modells und vor
allem in den niederen Frauenkneipen fanden, hatte er nur achtlos gegenüber
gestanden. Die Erinnerung an die kleinen Zigeunermädchen war wohl aufgekommen
nicht anders, wie eine flüchtige Neckerei. Die feuchten Münder konnten ihm im
Traume aufwachen und verwandelten sich jedesmal in sonderbare Spässe. Das war,
weil der junge, schöne, geigende Zigeuner und dessen träger Hochmut Einhart vor
allem wirklich begeistert hatte. Auch jetzt war ihm noch immer nicht zu Mute
gewesen, als wenn er eine feuchte Lippe begehrte.
    Ausserdem war, was er an Frauen so um sich hatte, grob und gemein. Die
Mädchen in der Konditorei waren frech. Einer sah man gleich das gewohnte
Verkehren mit Männern an. Sie liess alles zu, was der Dreisteste ihr antat,
lachte geschäftig und stiess ihn mit halblauten, einvernehmlichen Worten weg.
Dann war eine, die eine harte, heisere Stimme hatte. Und der einer der
lässigsten Schüler der Akademie immer auf den Fersen sass. Alles das langweilte
Einhart. Er sah es mit Unacht. Am meisten zuwider waren ihm die hochgetürmten
Frauenzimmer, die ihn auf der Strasse ansprachen und ihn fangen wollten mit
geilem Geflüster. So sass der zernagte Mensch meist in der Sofaecke der
Konditorei, sogar von den bedienenden Mädchen als etwas Besonderes angestaunt,
weil er sich um sie nicht kümmerte.
    Aber der Zufall wollte es, dass er über einem Bilde brütete, und dass er
verwunderliche Vorstellungen gewann. Der junge Zigeuner »seines ersten Ausflugs
ins Freie«, wie er jetzt seine Zigeunerepisode nannte, war ihm im Sinn gelegen,
und er sah ihn als Geigenspieler in jener Wundernacht voll Rausch. Er sah ihn
deutlicher wieder vor sich auf einem Kissen sitzen, wie deren in den Wagen
gelegen, den heissen Glutblick inbrünstig sehnend und verzehrend in die Weite.
Einhart hatte viele Male eine Frage in sich, wohin das Rabenauge jenes
Verächters und Träumers gerichtet wäre? In solcher Stimmung, verdrossen und
verächtlich, immer die Sehnsucht des Zigeuners, die ungestillt war, selber im
Herzen, und unzufrieden mit den Kameraden, und recht gelangweilt, kam er von
Grottfuss geführt in ein kleines Restaurant, wo er noch nie gewesen.
    Es war Nachtzeit, gegen elf, im Winter. Man hatte sich von den übrigen
Kunstschülern getrennt, weil Einhart die Gespräche und Streite »um die grossen
Kartoffeln des Königs Nebukadnezar,« wie er sich ausdrückte, unmöglich weiter
anhören konnte, und er ohne ein Wort des Abschieds aufgebrochen war.
    Grottfuss war gleich auch aufgestanden und hatte wenigstens die Fingerspitzen
einigen Kameraden hingehalten, und Selma, die Kellnerin, in den Arm gekniffen
zum Abschied. So waren die beiden mit den hochgekrempten Kragen verschneit in
das Bierhaus eingetreten.
    Es war ein rauchiges Lokal, und nur die einzige Ecke in der Nähe des Büffets
hatte einen freien, kleinen Rundtisch zum Plaudern. Da war Einhart plötzlich ein
Gesicht aufgegangen. Der Zigeuner in seinem Innern voll Sehnsucht sah aus ihm
heraus. In dem Lokal eilte eine Bedienende geschäftig hin und her - ein
engellichtes, goldhaariges Mädchen, jung wie der Frühling und sanft von Mienen
und scheu von Art. Sie war zu den beiden sofort herangetreten. Nun brachte sie
ihnen die hellen, vollen Gläser.
    Einhart war ganz stumm gleich. Grottfuss wollte reden. Aber Einhart sah nur
in sein Glas und hundertmal hinüber. Grottfuss wollte das Mädchen rühmen. Auch er
war von dem Jugendglanz betroffen, und fand es gemein, ein solches Bild von
Reine hier im Rauche.
    
    »Ach was,« sagte Einhart, »vielleicht ist es gut so. Vielleicht ist es eine
Bestimmung.« Eigentlich hatte es nicht recht Sinn, was Einhart so redete. Oder
es war sein Gefühl nicht klar zum Ausdruck gekommen. Jedenfalls liess er nicht ab
hinzublicken, und die Wege der goldblonden Jungen im Lokal hin und her zu
verfolgen.
    Er redete an dem Abend gar nichts weiter. Er verriet mit keiner Silbe seine
Bewegung. Einem jungen, schnurrbärtigen Herrn, offenbar einem Referendar, der es
plump versuchte, dem Mädchen näher zu kommen und sie anzurühren, entwich sie
sanft mit klingendem Lachen.
    »Draussen und drinnen ist nämlich immer dasselbe,« sagte Einhart einmal
unvermittelt. Das war auch so eine Philosophie, wie er sie jetzt gebildet hatte.
    »Gott sei Dank, dass da und dort noch immer eine Macht ist,« sagte er wie für
sich, als er sah, dass den Männern im Rauch der Bierstube eine Ahnung von Weihe
gegen das Kind im Blute sass.
    Einhart war einmal plötzlich aufgestanden, und kämpfte lange, ob er gehen
oder bleiben sollte? Grottfuss blieb stumm sitzen und rührte sich nicht. Er war
auf die Akademie zu sprechen gekommen. Einhart stand und paffte den Rauch seiner
Zigarette und strich den Aschenknopf auf den Bierdeckel. Seine Augen hatten
etwas Versunkenes, Hartes, Begehrliches. Er hätte in diesem Augenblick denen zu
Hause wie ein ganz Fremder geschienen. Er war schon jetzt in den richtigen
Kämpfen um ein Leben. Er ging mit Hunger und Durst anzueignen, was aufbaut.
    So drängen Keime in der Erde mit Hunger und Durst, sich und ihre Triebe
aufzuheben, und die junge Pflanze mit Hunger und Durst, wenn erst der Licht-und
Luftkreis erreicht ist, aus Visionen und Atem es zu ersinnen, was zur Blüte, und
was zur Frucht führt.
    Einhart sog jetzt ein, sozusagen. Grottfuss konnte es ahnen. Er sah an
Einhart heimlich auf. In ihm war eine Abhängigkeit von Einhart. In Einhart war
keinerlei Abhängigkeit, ausser von den Dingen, nach denen er Hunger und Durst
empfand.
    Aber Einhart blieb dann doch noch wieder sitzen. Er hatte lange gestanden.
Nun entschied er sich zu einem neuen Glase. Er klopfte auf den Tisch und redete
sanft zu der Blonden, seltsam gespreizt jetzt. »Was trägt so eine Goldhaarige
für einen Namen?« sagte er einfältig lächelnd plötzlich zum ersten Male.
    »Ach Gott, eine Goldhaarige nennen Sie mich. Nun ja! Und wie ich heisse,
wollen Sie wissen? Das können Sie wissen! Dorotea!« sagte sie ganz sanften
Tones, ganz rot werdend. Dass Einhart und Grottfuss ein Staunen nicht los wurden,
wie flaumig die Haut der Jungen schien, wie mit den sanftesten Farben das Blut
in Milchweisse einfuhr, das Gesicht so zart wie Blumenfleisch. Sanft aussermassen
klang der Jungen Ton. Einhart gegenüber gar nicht weiter scheu, mehr so lieb
hin, wie das Lächeln und die Röte verraten hatte.
    Einhart war vollends für sich geworden, als er den Ton im Ohr und das Bild
im Auge dasass. Er sah ganz kindlich aus - - - unerwartet. Grottfuss sah ihn ein
paarmal von der Seite an.
    »Ja - also na ... Dorotea .. Dorotea ...! also - -,« lächelte Einhart nur
vor sich hin.
    So sassen sie noch ewig.
    Einhart kam nun jeden Abend hier in die Ecke, und hatte noch am dritten
Abend nichts weiter mit Dorotea geredet. Nur daheim hatte er versucht, seine
Vision auf die Leinwand zu bringen.
 
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In einer kleinen Wohnung unter Dach, Einhart gegenüber wohnte ein altes Fräulein
mit einem Kropf vorn am Halse, der welk und runzelig ein wenig aus der
schwarzseidenen Mantille heraussah. Einhart musste oft an dem Fräulein vorbei,
wenn er aus seinem Stübel trat, um die Treppen hinabzusteigen, und machte sich
dabei jedesmal eigene Gedanken. Er wohnte in seiner Dachwohnung jetzt schon fast
zwei Jahre. Und es war an die hundertmal gewesen, dass er aus dem bleichen,
langnasigen, grosszügigen Parzengesicht der hutzeligen Dame eine sonderliche
Frage halb achtlos mit fortgenommen.
    »Fräulein Reseda« hatte sie Einhart für sich genannt, weil sie stets einen
ganz feinen Geruch von Blumen um sich ausbreitete, und aus dem Geruch ihm Bilder
von einem altertümlich eingefriedeten Garten hinter hohem Heckenzaune, darin
grosse Herbstblumen mit verlockenden, welken Aromen im Abendschein blühten,
aufgestiegen. Das kam Einhart und entschwand kaum geachtet, jedesmal dann,
sobald er im Gewühle der Menschen seinen Weg in die Bierstube genommen, wo
Dorotea bediente.
    Wie der Frühling kam, lebte Einhart ein sehr zerfahrenes Leben, blieb die
Nächte ausser Hause und kam gewöhnlich erst heim, wenn durch sein Dachfenster die
blaue Stunde schien. Weder Hunger noch Durst achtete er recht. Die alte Wirtin,
wenn sie sah, dass der hagere, zigeunerische Mensch den ganzen Tag, schlafend
oder arbeitend, so zwischendurch ein jedes, daheim zubrachte, begriff durchaus
nicht, wovon solcher Sonderling lebte. Die Dachwohnungsnachbarn erfuhren das
heimlich. So wie es auch nicht verborgen geblieben, dass in Einharts Zimmer
Skizzen und Bilder von nackten Frauen reichlich herumlagen und standen.
    Da fand Einhart von einer Zeit an in seinem Zimmer zunächst stets, wenn er
im Morgengrauen heimkehrte, essbare Dinge. Einen Topf Milch und ein paar Semmeln.
Oder Früchte mit einigen Kuchenstücken. Auch einmal eine ganze Wurst und ein
neues Brot. Wenn Einhart, vernagt und besinnungslos von seinen Nachtsitzungen
heimkam, dachte er mit keinem Wort an jemand, der so etwas ihm könnte bereitet
haben. Er ass und trank, dankte ins Ungewisse, schlief und begann den Tag spät,
wenn die Sonne schon im hellsten Mittag schwamm, sich mit seinen Visionen neu
abzuplagen.
    Freund Grottfuss war der Sohn einer einsam lebenden, alten Tänzerin, und eine
ganz seltsame, feine, helle Person. Sein sehr scharfes, schmales Gesicht hatte
immer einen sanften Ernst. Im Lachen konnte das Gesicht altmodisch steif
aussehen, weil die Gesichtshaut um die Mundwinkel und Nasenflügel sich dabei zu
spannen schien, und kaum eine rechte Verziehung zu Stande kam. Etwas Verhaltenes
nur, dass man an ihm in solchen Momenten fühlte, wie spitz die Seelenbewegung ihn
durchfuhr. Wozu man die Augen sehen musste, die blau waren, und dann gross
glänzten, obwohl nur die Fülle Glanz sie so scheinen machte, die Augenlider wie
bei allem Lachen sich sanft zusammenschoben.
    Wenn Grottfuss, auch verächtlich gestimmt, und meist sehr geärgert, weil
Einhart alle seine Leinwanden hinter Bettstatt und Vorhang vergraben, sobald er
Grottfuss' Tritte auf der Bodenstiege erhört hatte, bei Einhart sass, kamen sie
jetzt gewöhnlich auf Naturnachahmung zu reden.
    »Natur,« sagte dann Grottfuss in allerlei Wiederholungen, »ich begreife
nicht, wohin solches Nachahmen führen soll? Natur! Jede beliebige Beigabe ist
immer noch besser, als die natürliche Langeweile! Man sieht es ja. Sie möchten
auch alle die Beigabe!« Man regt »Symbole«. Man hüllt ins »Märchenhafte« ein.
Oder macht einen »Hinblick auf das Leben«. Aber »Mitleiden«, »Herr Jesus! Kunst
und so ein Hinweis!« sagte er dann gewichtig: »als ob nicht Kunst immer eine
Festfreude aus der grossen Seele sein müsste!« sagte er wie ein Könner.
    Einhart war dieses Gerede jetzt durchaus zuwider. Und weil es sein innerstes
Evangelium war, was der andere rein als Wort und Phrase jeden Augenblick neu
vortrug, nannte er Grottfuss ins Blaue hinein einen verrückten Menschen. »Ich
würde durchaus zufrieden sein,« sagte dann Einhart lächelnd, »auch nur die Nase
eines Menschen so malen zu können, wie sie Seelenhaftes zum Ausdruck bringt.« Er
dachte an Dorotea. Er hatte auch Doroteas Nase genannt und geschildert, wie
ihre feinen, pfirsichweichen Nasenflügel bebten und zuckten, und dass man allein
aus diesem Leben der Nasenflügel ohne Symbolik und Märchen und Mitleiden sein
Wunder sehen und malen könnte.
    »Deine ganze Kunstteorie ist einfach Verliebteit,« rief dann Grottfuss
gewöhnlich, »und du wirst auch deinen anmasslichen Traum auf der Erde endigen,
wie wir alle.« Weil Grottfuss wie Einhart in Dorotea verliebt war.
    Auch im Restaurant sassen sie so und stritten sich. Und manchmal schon hatte
Grottfuss oder Einhart, wer dann zuerst den Augenblick für gekommen hielt, das
Lokal im Hohn oder stummen Widerstreit verlassen. Aber wenn Einhart es gewesen,
kam er gewöhnlich nach zwei Minuten wieder. Und in einer Nacht, als er Grottfuss
nicht mehr vorfand, war er allein an seinem Tische sitzen geblieben, bis sich
das Restaurant völlig leerte. Da hatte er Doroteas Arm ergriffen, und die
beiden waren durch die Nachtstrassen lustig in seine Wohnung geschwenkt.
    Seltsam erregtes Ereignis in Einhart zum ersten Male. Leise schliessend war
er mit Dorotea ins dunkle Haus eingetreten, worein nur der Lichtschein durchs
Stirnfenster der Haustür fiel. Einhart war zum ersten Male heimlich gestochen
von der Glut. Er konnte vor Erregung nicht reden. Dorotea war stumm und
hingebend. Er hatte ein Wachslicht zum Brennen gebracht. Man sah die grauen
Stufen, die man hinaufschlich. Und war bald unter seine Leinwanden und zwischen
Bettstatt und Sofa und Staffelei eingetreten.
    Dorotea hatte sich gleich zurecht gefunden, als Einhart die kleine Lampe
entzündete. Liebliche, blonde, flaumige Junge noch immer, sass sie im Scheine auf
seinem Sofa, indem sie sich lächelnd umsah, immer Einhart ins Auge sehend, indes
sie ihn streichelte, und seinen Kopf herzuzog. Aber sie stand auch wieder auf
und besah sich die Skizzen an der Wand, trug die Lampe selber herzu und hielt
den Schein auf die Bilder.
    »Solche unanständige Sachen machst du, kleiner Verliebter,« sagte sie
plötzlich lüstern und pfiffig.
    Einhart sah sie an, wie sie herumging, gleichgültig ihr aufgebundenes
Goldhaar hinter sich fallen liess, und dann die Knöpfe des Kleides aufzunesteln
versuchte. Er sah jetzt auch, dass Dorotea mit übermüdeten Augen auf die Bilder
blinzelte, welk und herzlos.
    »O du! Solche tolle Sachen machst du. Also du bist wirklich Maler!« rief sie
dazwischen. »Ich habe immer gedacht, du hättest mich beschwindelt,« klang es
ziemlich ordinär plötzlich in Einharts Ohren.
    Einhart musste furchtbar lachen.
    »Du dachtest wohl, ich wäre ein Bierbrauer oder so,« sagte er, auch aus der
Rolle gefallen.
    »Lass das Bild stehen!« rief er ein wenig gereizt.
    Aber Dorotea gab ihm einen Klaps ins Gesicht, zog sich Anderes hervor,
indem sie sich ganz achtlos weiter entkleidete und lachte.
    »Ist das nur verrückt, mein Junge! wie? so sollte ich aussehen?« sagte sie
jetzt frech, indem sie nun dem Zigeunerbild aufs neugierigste naheging. »Erstens
einmal habe ich einen ganz anderen Blick, eine ganz reine Haut und dann« - - sie
hatte ihre weisse Bluse vollends beiseite geworfen und zeigte ihm ihr weisses,
volles Busenfleisch ganz leichtin, hielt die Fülle mit Behagen in ihren
kindlichen Händen fest und sagte: »Da sieh! solchen Busen wie meiner - - und der
da! - - nicht?!«
    Einhart starrte wie ein Ängstlicher auf seine Leinwand, wo eine keusche,
zarte, blonde Frau voll zärtlicher Inbrunst zum Geliebten sah, und sein Lachen,
als es jetzt neu ausbrach, war noch sinnloser geworden, dass Dorotea empfindlich
wurde. »Worüber lachst du denn so frech?« fragte sie.
    »Nicht doch!« sagte Einhart, zur Besinnung kommend.
    »Ach Schatz!« redete Dorotea schmollend. Aber sie begann sich an ihn
anzupressen.
    Einhart war die ganze Lage seltsam unangenehm. Er war ziemlich ernst
geworden. Er sah sich das Mädchen jetzt nur scharf an. Seine Augen waren
unentschlossen und spitz.
    »Was soll denn nun werden? mich friert!« sagte Dorotea unzufrieden, weil
sie halb nackt dastand.
    »Kleinchen!« sagte sie und bettelte ihn, schlug ihre nackten Arme um ihn und
wollte ihn zu sich ziehen.
    Aber Einhart war völlig erkaltet. Dass er sie jetzt bestimmt zurückhielt. Und
dann stand er auf und ging mit sich im Widerstreite hin und her.
    »Iss nur!« sagte er ablenkend und schob Dorotea zwei Apfelsinen und den
Kuchen über den Tisch hin, die unerwartet wieder dagestanden. Dorotea lachte
höhnisch. Dann begann sie zu essen.
    Einhart kam sich richtig lächerrlich vor. Er begann plötzlich in seinen
Taschen alles Geld zusammenzusuchen, was er bei sich trug. Es war ihm unsäglich
drückend zu Mute.
    »Du bist ein guter Kerl!« sagte Dorotea fein, als er ihr reichlich Geld
hinhielt, das sie sogleich geschäftig in die Tasche ihres Rockes barg, der noch
über die Sofakante herunterhing. Dann begann sich Dorotea zögernd anzukleiden.
    »Also ein Künstler bist du? Ich könnte dir doch wenigstens einmal Modell
stehen - richtig!« sagte sie ernst, ein wenig kleinmütig. »So feine Sachen wie
du malst! - - aber ein andermal! - - du! - nicht? - Was hat dich denn
verdrossen, Liebchen?« fragte sie zärtlich. »Ich begreife dich gar nicht. Ein
Sonderling bist du!« sagte sie ein wenig beleidigt. »Ein richtiger Sonderling
bist du!« wiederholte sie dann ein paar Mal, als wenn ihr der Einfall sehr
gefiele. »Nämlich am Tage, musst du wissen, bin ich doch immer im Dienst
gebunden. Aber nachts muss ich ein bissel verliebt sein!« - - »Ach du, Schatz! -
nein!« indem sie sich noch einmal an ihn zu drängen versuchte. »Ein richtiger
Sonderling bist du wirklich!«
    »Gewiss, Tea!« sagte Einhart. Dann hatte Einhart die junge Blonde mit einem
kleinen Lichtstumpf die vier Stiegen stumm hinunter begleitet und sie in den
grauen Morgen hinaus verschwinden sehen.
 
                                       9
An der Akademie ging das Leben seinen Gang. Der Frühling hatte neue Werke
hervorgebracht. Draussen auf der Wiese die Anemonen und Schneeglöckchen zuerst,
und die Wiesenschaumkräuter, die Bäche und Raine säumten, und den goldgelben
Schmirgel, der aus blauen Sumpfwassern kroch, und manches, das im Luftkreise
Süsse hauchte.
    Und drinnen, in den Meisterateliers, auch allerlei. Das war alles in den
Frühlingssalon gewandert, wo es an der Wand hing, und von dem Ruhm und Können
der Meister Zeugnis schuf. Wie neuer Schmirgel und neues Vergissmeinnicht.
    »Aber eine Wunderblume ist nicht darunter,« meinte Einhart trocken, als er
auf die Stufen vor die grosse Ausstellung wieder herausgetreten. Einhart sagte
nur das. Grottfuss lehnte sich an den Gedanken an und ereiferte sich noch immer,
dass die Leute zu sklavisch wären, und dass es nur gelingen könnte, wirklich zu
überraschen, wenn man auf eine neuerfundene Weise etwas sagte, und das heisst,
stilisierte. Einhart fand all das Gerede lächerrlich. Er hatte sein Wort gesagt
und sagte nichts weiter. Vor den Kunstwerken in den weiten Ausstellungsräumen
hatte er gar nichts geredet. Nein nichts. Grottfuss war es, der sich über
tausenderlei aufregte. »Die Malweise ist roh,« hatte Einhart bei einem Bilde
gedacht, ins Schauen und Suchen versunken, und war weiter gegangen.
    Seit er Dorotea in seinem Dachzimmer gehabt und seinen Zigeuner mit der
Geige daneben gesehen, den Traum neben dem Leben, war ein Riss in ihm, wie eine
Wunde. Wie Einhart, den ganzen, grossen Kreis von Bildern hinter sich, mit
Grottfuss wieder auf die Strasse getreten, war er gleich vorwärtsgegangen, als
wenn er allein wäre. Grottfuss, über diesen Hochmut heimlich empört, war auch
abgebogen, ohne mehr als seinen Knopfstock mit dem blauen Lasurstein ein wenig
von der Schulter gegen Einhart zu neigen.
    So waren sie auseinandergegangen.
    Einhart war unsäglich ermattet und unzufrieden. Rein in der Idee. Rein nur
im Sohinträumen von etwas, das er nicht kannte. Er war wie ein rechter Zigeuner
jetzt wieder. Auch recht verwahrlost äusserlich, kann man sagen. Wenn auch seine
runde Wirtin, die dick war wie ein Fass, und die immer weinte über allerlei
Eigenes und Fremdes, dafür sorgte, dass wenigstens der Rock gebürstet und die
niedergetretenen Stiefel geputzt waren. Hände und Gesicht konnte sie doch dem
zwanzigjährigen, dunkelsträhnigen Menschen nicht mehr waschen. Die Haut blieb
grau und die Nägel schmutzig und alles hing achtlos an ihm, wie die fetten,
glänzenden Strähne um seine Stirn.
    Einhart lief jetzt allein und sehr aufgewühlt. Er war es zufrieden,
Grottfuss, der ewig teoretisierte, los zu sein. Er lief nach Hause, und nachdem
er eine Leinwand nach der andern hervorgeholt und genau betrachtet, überkam ihn
ein langes Sichvergessen.
    Was in ihm hinging, ist nicht leicht zu sagen.
    Er hatte ein sehr liebendes Anschauen in allem. Worte und Namen standen
nicht zwischen ihm und seiner Welt. Es war gegen ein Uhr gewesen, als er sich so
noch im Hut, und den Krückstock in der Linken, auf einen Stuhl am Bette
niedergelassen. Nun sass er die Augen manchmal geschlossen. Was ihm vorüberging,
war eine lange, graue Reihe von Menschen und Dingen, wie in einer Stadtstrasse.
Auch die von daheim - und schwüle Nächte. Ein eigentümlicher Reigen von
Gefühlen, darin kein Drang ihn weckte, aufzustehen, und sich zu rühren. Er hatte
wie ein hartes Leid auch. Irgendwo musste es zu finden sein. Er hätte nicht
gewusst, wie sich hinbewegen? Eine Angst war es, ein einziger, physischer Druck,
dass die Adern an seiner Stirn manchmal heftig pulsten. Auch an die Landstrasse
hatte er denken müssen, wo er einmal hinausgewandert in der seligen Ahnung nach
Wunderdingen.
    Seltsame Verschlafenheit fast, in der alles Begehren untergesunken, wie auch
Hunger jetzt und Durst.
    Er hatte da allerhand gemalt, das er starr ansah: Geigenspieler, nacktes
Gesindel mit bronzenen Leibern, sehnsüchtigen Blickes. Aber auch das alles hatte
jetzt Klang und Glanz verloren. Dass er es verabscheute, wie die graue Leere. Er
fühlte sich ganz hoffnungslos. Er begriff nicht, wie das alles so schnell schal
geworden. Er nahm eine Schere und stiess eine Leinwand nach der andern durch und
schnitt ein Bild nach dem andern aus dem Rahmen, ohne aus seinem Sinnen
aufzuwachen. Alles war glanzlos und sinnlos und nüchtern, dünkte es ihm, wie
einem, der plötzlich nicht mehr Musik - nur noch den Lärm daraus im Ohr behält.
Er konnte nichts finden, das ihn jetzt hätte halten können. Nicht er selber,
noch irgend ein Heilbringer. Auch Herr Soukoup nicht, mit seinen grossen
Kunstforderungen, noch gar Meister Teodor mit seinen Idyllen. Alles war grau in
grau, kleinlich-wirklich, nichtig, bekannt, gut und tüchtig und sonst nicht
viel, ein rechtes Herkommen der Seele von langeher, immer wieder wie Blumen
kommen -: »nur keine Wunderblume darunter!«
    In diesem Augenblick trat jemand ein. Die Wahrheit zu sagen, Einhart sah
heut durch die Wände. Wie er so geträumt mit offenen Augen, es mussten Stunden
vergangen sein, es war gegen vier Uhr jetzt, und er war noch von früh an
ungegessen und ungetrunken, hatte er ein Spüren in allen Fasern. So hatte er
feine Tritte schleichen hören, und hatte schon am Anklopfen gemerkt, dass hinter
der Tür Fräulein Reseda Einlass begehrte. Es ist ein wahres Wunder, dass sie
gerade an seiner Tür pochte, wo er, ein rechter, vogelfreier Zigeuner,
vielleicht schon morgen diese ganze Welt voll Herkommen würde verlassen haben,
vielleicht schon heute, vielleicht schon im nächsten Augenblick, weil ihn der
Drang nach etwas Wunderbarem von neuem angepackt und hingenommen. Aber jetzt
stand Fräulein Reseda in aller Sanfteit vor ihm.
    Einhart war nicht einmal aufgestanden, so erstaunt war er. Er sah sehr
verlassen aus und lächelte. Fräulein Reseda erkannte an seinen Augen, dass er
erst allmählich in diese wirkliche Welt sich nach Hause fand. Seine Augen sahen
herum, wie einer, der von etwas zu viel Licht geblendet sieht. Fräulein Reseda
ging freundlich näher.
    »Werden Sie böse sein, wenn ich einmal zu Ihnen eintrete?« sagte sie sehr
fein.
    Einhart sah, dass es ein vornehmes Fräulein war. Obwohl der Kropf leicht aus
der Mantille heraussah, hatte sie eine ganz erwählte, stille Rede, die Hände
fein und schmal voll blauen Aderwerkes. Einhart konnte wirklich jetzt nur
lächeln. Schon weil auch Fräulein Reseda aus Güte lächelte.
    »Oh oh, was Sie da haben!« sagte sie wie mit flüchtigem Blick in leichtem
Vorwurf, auf die bunten Leinwandfetzen am Boden weisend, halb verlegen. Übrigens
war, wie Einhart jetzt noch genauer sah, Fräulein Reseda bucklig. Aber ihr Auge
war tief und braun, ihr Gesicht blass und schmal, mit einem behaarten Wärzchen am
Unterkinn, und ihre Bewegung in allem fast fromm und verhalten.
    »Ich wollte schon immer einmal kommen,« sagte sie »weil ich dachte, dass ich
Ihnen etwas nützen könnte. Sie leben allein und sind gewiss noch jung und
unerfahren,« sagte sie.
    Einhart war in solchem Falle recht wie ein Mann, der gar keine Acht hat, auf
keine Forderung und Höflichkeit. Nur ganz voll Zutrauen. »Ach Gott -« sagte er,
»allein - ja - allein - lebe ich - oder auch nicht allein. Wie man es nimmt. In
Gesellschaft genug! Ich komme eben aus dem Ausstellungstrubel, da war die ganze
Stadt -« sagte er.
    »Wissen Sie, weswegen ich komme?« fragte Fräulein Reseda. »Aber erst
erlauben Sie mir zu sitzen,« sagte sie gleich darnach, »ich habe immerfort
Wäsche gelegt. Sehen Sie! Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie mich nicht auch
einmal besuchen wollen? Sie leben so sehr unregelmässig und gewiss nicht immer in
der besten Gesellschaft!«
    Einhart fand diese Rede wunderlich. »In der besten Gesellschaft?«
wiederholte er und ging zum ersten Male auf und ab, als wenn nun jemand gekommen
wäre, der ihn zur Rede stellen und mit Mahnungen versehen wollte. Er musste an
die Nacht mit Dorotea zurückdenken. »Nein, Sie haben durchaus recht,« sagte
Einhart dann zustimmend. »Begreifen Sie doch: man weiss eigentlich überhaupt
nicht recht. Die Eltern schicken einen an so eine Akademie und sagen nur: Tue
Gutes! Nun müht man sich. Und greift ins Unbestimmte. Ich habe Sie doch nie
gestört mit meinem Wohnen hier? Oder doch? Wollen Sie mir etwa deshalb die
Leviten lesen?« - sagte er verlegen lächelnd.
    »I Gott! lieber Herr Selle! Ich werde - - - nein nein - - - Glauben Sie doch
das nicht! Nichts dergleichen. Nur ganz allgemein: nämlich - ich wollte Ihnen
immer sagen: ich glaube, die Künste hat der Teufel erfunden,« stiess Fräulein
Reseda dann hervor. »Das ist nichts Gutes! Da wird alles veräusserlicht. Und
äussere Masse sind nicht immer die inneren! O Gott!«
    Beide waren eine Weile verlegen lächelnd still für sich.
    »Und nicht nur das,« sagte Fräulein Reseda hastig weiter, als Einhart dann
lebendiger sie anzusehen angefangen. »Die jungen Künstler leben ein gottloses
Leben. Sie taumeln herum, wie die Schmetterlinge auf allen Blumen, wo sie etwas
Süsses finden. Und haben nicht Halt.« Und ehe sich Einhart besann, brachte sie
vor, dass sie manchmal bei sich junge Leute hätte, Leute in Einharts Alter, gute,
strebsame, fromme Jünglinge. Und wenn er sie besuchen und so manchmal auch bei
ihr ein Mahl mit denen einnehmen wollte, möchte er kommen. »Nicht um
meinetwillen komme ich,« sagte Fräulein Reseda am Ende ausdrücklich. »Ich dachte
mir, dass ein Leben gewonnen wäre, wenn der Geist der Jünglinge nur rechtzeitig
auf die wahren Güter und Halte gerichtet würde.«
    Fräulein Reseda sprach sanfte Ideen, dass Einhart sein Lächeln gar nicht
wieder los wurde. Als er sein Hin- und Herwandeln einstellte, worin er jetzt
ganz dem alten Herrn Selle glich, war er froh, dass eine Stimme aus einer ganz
anderen Welt plötzlich zu rufen angefangen.
    »Gewiss werde ich kommen. Warum denn nicht?« sagte er bestimmt. »Einmal
schon, weil ein Künstler allerlei Menschen kennen lernen muss, und sich aus
tausend Zügen etwas erlesen. Und dann, weil Sie mich gewiss nicht einladen, um
mich drüben zu vergiften,« sagte er drollig, »weil ich Ihnen nicht misstraue.«
Fräulein Reseda lachte hell auf. Ihr Lachen war ein feiner, gefälliger Klang.
Einhart musste dabei unwillkürlich an etwas Schönes und Freies denken. Aus dem
Lachen kam ein Hauch voller Hoffnung wie aus einer fernen Jugend.
    Wie dann Fräulein Reseda hinaus war, war Einhart noch immer erregt, wie wenn
er etwas erlebt hätte. »Eine Wunderblume ist nicht darunter,« hatte er auf den
Stufen vor der Ausstellung gesagt, als er am Morgen mit Grottfuss heraustrat. »Ob
denn hier im heimlichen Bodengelass etwas Wunderbares blüht?« dachte er jetzt. Er
hatte alle Dränge vergessen, hinauszuwandern, seine Mattigkeit und sein
Widerstreben gegen sich selber, seine Begierde, die Gegenwart hinter sich zu
lassen. Fräulein Reseda hatte gleichsam, wie eine Schale noch in lauter Hüllen,
ihr seltsam gütiges Leben vor ihn getragen. Einhart begann neu erfasst,
aufzulachen. »Man muss solcher Menschenliebe mit Kropf und Buckel nachspüren,«
sagte er vor sich hin.
 
                                       10
Fräulein Reseda hatte ihre Wohnung im vierten Stockwerk, wie Einhart seine
Giebelstube. Und Einhart war wirklich zum ersten Male im Leben entzückt, wie es
in einer menschlichen Wohnung aussehen konnte.
    Einhart kannte jetzt manche Wohnstätte von Menschen. Nicht nur die
Behausung, in der Herr Geheimrat Selle nebst Frau und den Töchtern sass. Man
lebte darin noch immer so recht ein Leben der Gewohnheit. Und alle Möbelstücke
und die Blume auf dem Teppich schienen eine steife Würde für sich zu tragen, so
etwa, als wenn jedes für sich sagen wollte, gedungen und ausgenützt stehe ich
und diene hier einem gleichmässigen, eintönigen Leben. Das Sofa mit den grossen
Lehnen und der Tisch mit dem Silberteller voller Karten mit noblen Namen und
Würden, ein jedes vergriffene Stück schien heimlich zu stöhnen und zu raunen,
dass es sich wie verschlafen und steif fühle und wie hoffnungslos eingeschlossen,
als ein freudeleeres Glied in dieser nichtgeachteten, verschlafenen Runde. Da
gab es nur ein eintöniges, heimliches Widereinanderklingen wie in den Seelen.
Und der Herr Geheimrat tat der blauen Blume im gelben Spiegelfelde sogar jetzt
noch öfter die Ehre an, einmal mit Sammetschuhen geärgert darüberhinzugehen und
ringsum weder den Sklaven »Tisch«, noch den willigen Sekretär oder den Diener
Schreibtisch gross zu achten.
    Das war so Dienervolk.
    Das stand da oben in der Wohnung des Geheimrats wie unten im Hause in der
Wohnung des Herrn Ipsilon und wo nicht noch alles! Und allentalben hatte man da
an den Wänden auch Bilder und Stiche angebracht, ohne gross zu achten, welche
Seelen hier ihr Lied gesungen, oder aus welchem Grunde man da und dort in Ecken
und Winkeln Einladungen zum Sitzen in Holz und Kissen hingepflanzt. Das war
Dienervolk, Tische und Stühle, Bilder und Schränke, was man aus Herkommen und
Notdurft zusammengedungen auf Markt und Gassen, und was man schlecht und recht
eine bürgerliche Wohnung nannte.
    Dann hatte Einhart auch eine Wohnung gesehen, die ihn seltsam genug dünkte.
Als er zum ersten Male bei Professor Soukoup eingetreten. Tische und Stühle
darin waren alle aus feinen Hölzern, funkelnagelneu, alles feine Prunkstücke,
ein jedes wie ein Muster einer feinen Idee, die sich darin ausprägte, ganz rein
und in einfachsten Linien, wie Professor Soukoup ausdrücklich erklärt hatte. Es
sass sich wirklich sehr bequem auf den grossen Stühlen. Keinerlei fremde Zierrate.
Die Ornamente der Teppiche mit denen der Gardinen eingestimmt. Wenn das eine
Zimmer einen blau empfing, sah man weiter in gelbe Räume. Allentalben klangen
die Farben der Wände mit den grossen Dunkelornamenten der Vorhänge und
Möbelflächen zusammen. Es war wie ein extraarrangiertes Orchester, das jedem,
der hereinkam, sofort ein Lied oder einen Siegesgesang oder ein sanftes Adagio
aufspielen konnte, wozu dann der Dirigent viele Male auf den Eintretenden die
Augen richtete und zu sagen schien: »Nun, ist das nicht eine feine Musik? wohne
ich nicht unter reinen Harmonien?«
    Einhart wusste es gar nicht, dass man solche Orchester allentalben jetzt in
reichen Häusern spielen liess. Dass, wenn der reiche Herr Ysop sich von den
Wandflächen und Teppichen und aus Möbel und Gefäss so eine stumme Musik von einem
Künstler ersinnen liess, auch die Möbelstücke und Bowlen und Teller des Herrn
Ypsilanti nicht ganz tonlos bleiben durften. Dass man eigentlich jetzt sozusagen
in allen vermögenden Hausern denselben Musikanten begegnete.
    Aber Fräulein Resedas Wohnung, der begegnete man nirgends. Man kann ohne
weiteres sagen, dass Einhart einfach vergass, dass Fräulein Reseda einen Buckel
hatte, sofort, als er eingetreten. Dass Fräulein Reseda einen Kropf hatte, der
aus der Mantille heraussah. Er sah nur noch das lange, hagere, feine Gesicht mit
der Nase, die ihm nicht mehr lang, nur sehr ausdrucksvoll sanft auf alles zu
weisen schien, was die schönen Dunkelaugen sprachen. Gewiss war die Haut von
Fräulein Reseda welk. Aber das Gesicht hatte einen Rahmen schwarzer, voller
Scheitel unter dem Chenillenetz, und das schlichte, fromme Kleid, das sie trug,
erinnerte ihn an ein altes Stammbuchblatt, das Frau Selle einmal früher, als sie
in alten Sachen kramte, von der Grossmutter gefunden und sogleich zerrissen
hatte, weil sie damals gemeint, das wären auch solche Dummheiten gewesen, die
man früher betrieben.
    Nun, zu allernächst muss von der Wohnung geredet werden. Dass sie im vierten
Stock lag, hatte der Seele der Wohnung gar nichts anzuhaben vermocht. Um so
wunderbarer kam es jedem vor, der aus dem dunklen Bodenraum hineintrat. Man
hätte hier gedacht, nicht einmal niederen Dienern, stumm und devot und
unzugehörig, geschweige gut bezahlten Stadtmusikanten zu begegnen, nur etwa
müdem, abgenutzten Gesindel, wie es in Einharts Stube dürftig zusammengelesen.
Und nun sah man es gleich, dass darin nur wirkliche, stille, liebe, alte
Vertraute zusammenstanden, wirklich Vertraute, mit langen, tiefen Schicksalen.
    Allein die eine Wand gegen die beiden Fenster war schon rein wie ein Altar
der Liebe, so däuchte es Einhart, wie er eintrat. Da stand ein bauchiger Schub
mit goldnen Griffen und einer Decke von Mutterhänden mit Blumen durchwirkt,
bunte, farbighelle Sterne, einer anders als alle, und in stillen Stunden, wenn
Fräulein Reseda in der Dämmerung noch ohne Licht sass, begannen diese
Blumensterne sich zu einem Bilde voll liebenden Lebens zu ergänzen, erwachten
auch die Hände mit der dünnen Haut und den blauen Adern - und den grossen Nadeln
und die Augen voll Bläue und die ganze, liebe, haubenumrahmte Muttergestalt neu.
Und Fräulein Reseda konnte allein aus dieser Decke eine ganze, lange Geschichte
voll beseligender Erinnerung, wie die Biene aus einer Blume Honig ziehen.
    Und auf der bunten Blumendecke stand eine Uhr, das seltsamste Stück, aus
schwarzem Holze, mit einem grossen Auge von Zifferblatt mitten wie eine Sonne in
einem Tempelgiebel, der von Säulen getragen war. Und der Perpendikel schwang
dazwischen und pendelte auch noch in einem prismatischen Spiegel, dass er zur
rechten und linken Seite immer sich auch noch einmal entgegenkam. Das alles wäre
nur fesselnd gewesen. Auch, dass diese Uhr sauber mit Goldblumen besetzt war und
überhaupt ebenso gut in einem Schloss auf einem marmornen Kamin wie in dieser
stillen Heimstätte einer frommen Menschenfreundin hätte ihr Stundenlied pendeln
und pinken können. Wenn nicht auch hier noch ausserdem eine alte
Schicksalsmelodie daneben geklungen.
    »Diese Uhr gefällt Ihnen?« hatte Fräulein Reseda gleich, auf den erstaunten
Einhart blickend, gesagt. »Ja, das ist nämlich ein kleines Wunder. Soll ich
Ihnen die Geschichte erzählen?«
    »Erzählen Sie gleich,« hatte Einhart nur neugierig erwidert.
    »Mein guter Vater hätte alles in der Welt, nur dieses Stück nicht
hergegeben,« sagte da Fräulein Reseda. »Was daran wahr ist, weiss ich nicht.
Dergleichen Sagen gibt es ja wohl manche in alten Familien. Sie sind nur ein
Phantasiespiel der Liebe um unser Herkommen, um unsere Vergangenheit sozusagen,«
erklärte sie. »Aber es ging die Sage, dass ein Elf meiner Urmutter, die eine alte
Adelsherrin auf einem Herrschaftssitz war, diese Uhr, eine Kette und einen
Becher zutrug.« Und nun hatte sie ausführlich alles erzählen müssen, was Einhart
unsäglich berückend schien, und ohne Farbentafel ein eitel vorüberwehendes,
beglückendes Traumbild.
    »Erzählen Sie mir alles,« hatte er sie mit verzehrtem Blicke angesehen mit
seinen Glutaugen und mit einem Lächeln tiefster Erregung, gar nicht einfältig,
obwohl in ganz innigversunkener Hingabe, wie sie ihm in dieser ganzen
Akademiezeit nie aus Seele und Auge aufgebljetzt. Denn hier auf einmal begannen
sich Sehnsuchten zu stillen. Hier duftete etwas gar nicht nur wie Reseda. Hier
schien wirklich von lange her ein einsames Glücksland.
    »Also einen Becher und diese Uhr und eine Kette brachte der Elf?« Einhart
war ganz im Wunder.
    »Meine Urgrossmutter hatte nämlich gerade einen Knaben geboren und lag im
schweren Himmelbett im Schloss in den Wochen,« erzählte Fräulein Reseda. »Innig
verpflegt, brachte sie ihre Zeit in Halbträumen zu. Und manchmal, wenn sie die
Augen auftat, schien in dem Dämmerraum eine kleine, feine Flamme von einem
Öllämpchen her, das auf einem Ecktische stand.«
    »Und in einer Nacht hatte sie eine Erscheinung. Ein kleiner, bärtiger,
wetterfester Kerl, der kaum zum Bett aufragte, steht gegen den Schein. Zuerst
hatte sie ihn für einen Kleiderzipfel gehalten, der vom Bettstuhl ragte. Dann
erkennt sie ihn, weil er ganz dienstwillig sein Zipfelhütchen lupfte und sie
flüsternd anspricht: Du birgst ein Kind hier im Schutz. Und das ist gut. Aber
mein Weib hat auch ein Kindlein geboren und sie kann es nicht schützen vor
deinem Öle, sagte der kleine Mann ganz voll Kummer. Hätten wir hier nicht rasten
gemusst, weil zu gleicher Zeit wie deine auch meines Weibes Stunde kam, wir wären
nicht hier. Oh, Herrin, sieh nur hin! Deine Öllampe sickert Tropfen um Tropfen
durch die Tischspalte, und die Tropfen fallen gerade auf mein Weib und Kind.
Gebiete doch, dass man die Lampe auf einen anderen Platz stelle.«
    »Am Morgen dachte meine Urmutter hin und her über den Traum. - Aber der
Traum wiederholte sich die folgenden Nächte. Und endlich nach dem dritten Male
befahl die bleiche Wöchnerin, die Öllampe auf einen andern Platz zu tragen.«
    »Und was geschah?« fragte Einhart eifrig, dem der feine Mund im graubleichen
Gesicht offen blieb, dass man seine gelben Zähne sah.
    »Ja, nun raten Sie einmal!« sagte Fräulein Reseda drollig gewichtig.
    »Um aller Welt Wunder willen, wer kann solche Entzückungen aus der Luft
greifen?« gab Einhart ganz ernst zurück und schwieg.
    Da lud ihn Fräulein Reseda vor einen gläsernen Schrank, der von vier Mohren
gehalten dastand, und öffnete lange nicht, weil sie selber ins Träumen geraten,
nur lächelte. So dass nun beide von dem kleinen Öllämpchen träumten, und wie
Tropfen um Tropfen auf das winzige Elfenbett niederfiel als wie der Schlag der
Stunde.
    »Oh die Sache löste sich wunderbar,« rief dann Fräulein Reseda. »Denn in der
vierten Nacht erschien das Männlein wieder und sagte, indem er einige schwere
Dinge heranschleppte: Ihr habt mein Prinzesslein gerettet. Mein Weib ist schwach
und bleich noch wie Ihr, aber sie sieht mit leisem Lachen auf das Kind. Die
Tropfen fallen nicht mehr, sie zu bekümmern. Habt Dank und nehmt, was ich Euch
bringe! Solange Euch die Uhr schlägt, wird Euer Haus eine glückliche Wohnstätte
sein! Solange Ihr aus dem Becher trinkt, werdet Ihr süsse Träume haben! Solange
die Kette am Halse der Schlossfrau blinkt, werdet Ihr in Menschenliebe wandeln!«
    Fräulein Reseda öffnete jetzt und zeigte Einhart alles, den Becher aus einem
Stück Bergkristall, die feine Kette aus grünen Steinen, die sie gleich unter
ihrem Halskräuschen hervorzog. »Man muss seine wahren Güter heimlich tragen, weil
sie mehr wert sein müssen, als nur zu prunken,« sagte sie neckisch, als sie sie
vom Halse abzog und ihm hinhielt.
    Nun, weiss Gott, Einhart war das alles, dass ihm die Augen weiter wurden.
    Die Geschichte hatte Fräulein Reseda nur so anspruchslos hinerzählt. So kam
und ging es aber an allen Enden, vor Bildern seltsamer Ahnfrauen und vor Tischen
und Schüben. Aus jeder Ecke ragte eine Geschichte, eine Fülle von Ereignissen,
wovon in dem Glasschrank voller kleiner Spielgeschmeide schon allein an die
Tausende sassen. Nicht etwa aufbewahrt, damit es andere hören oder sehen sollten.
Ganz und gar nur zur Liebe für die Eine, wie überhaupt die ganze, feine, duftige
Wohnstätte des einen, einsamen Fräulein Reseda.
    Sogar an den Fenstern besah Einhart lange Zeit versunken weisse, schattende
Lichtbilder aus einer alten Zeit, wie Schäferspiele holde Dinge. Und Einhart
achtete gar nicht, dass er vor dem Nähtisch des Fräulein Reseda versunken sass,
vor den drolligen Gesichtern der elfenbeinernen Stopfkugeln im bunten Nähkorbe
und den Nussknackern, die Nadelhalter darstellten. Alles hier atmete und hauchte
feinen Sinn und liebes Leben. Er wusste gar nicht, dass er tatsächlich neugierig
wie ein Dieb herumschlich und dann ohne Erlaubnis den Nähschub aufgetan, um
tausenderlei Ringwerk, feine, bunte Kinderkettchen auch, lustiges Schnitzwerk
und metallnes Knöpfelzeug, und dem Auge insgesamt so recht lüsterne Dinge
auszukramen.
    Alles das gehörte zu Fräulein Resedas ganzem Leben. Und es däuchte ihm, dass
er jetzt Fräulein Reseda gut kannte. Und es däuchte ihm auch, als ob er schon
einmal im Traume auch vor diesem Nähtisch gesessen, mit den bunten
Blinkeflittern gespielt, die Lichtbilder gegen die abendgeröteten Fenster in
Vision gesehen, den ganzen, vielgestaltigen, winzigen Nippkram des Glasschrankes
angestaunt, den feinen, spitzen, fremden, kühlen Ton der Tempeluhr hätte pinken
hören, fast wohl gar in einer andern Welt.
    Und wie dann Fräulein Reseda, als Einhart noch immer versunken gesessen in
allerlei Traumspielereien, gar ihr ein wenig gläsern klingendes Klavier geöffnet
und weich anschlagend fromme Töne voll fremden Wohlklangs hineinschlang in die
Stille, war Einhart zum ersten Male ganz und gar in einem neuen Wunder.
 
                                       11
Wie Einhart nun einmal war, Sinn und Leben begann eine andere Richtung zu
nehmen, seitdem er den steinkristallenen Zauberbecher und die Tempeluhr in
Fräulein Resedas Wohnung angestaunt, und seitdem er wusste, dass das grüne
Steinkettlein heimlich unter dem weissen Spitzenkräuschen an Fräulein Resedas
Halse verborgen blinkte. Seit der Zeit wusste er eigentlich gar nicht, dass ihn
etwas wie eine Akademie noch mit tausend Forderungen drückte, und dass es in der
Stadt ein Haus gab, wo die sieben Sachen der Kunst des Jahres aufgestapelt bunt
herumhingen. Er führte jetzt ein richtiges Müssiggängerleben.
    Wenn Grottfuss kam, fand er meistens Einhart noch schlafen. Die kleine Lampe
war heruntergebrannt. Malutensilien und Skizzen lagen seit Wochen schon
umhergestreut. Gewöhnlich lag auch das Buch, worin Einhart gelesen, auf der
Diele, weil er es beim Einschlafen hatte fallen lassen, und seine dünnen Decken
hingen aus dem Bett heraus.
    Einhart schlief in dieser Zeit sehr unruhig, weil er die seltsamsten Träume
hatte. Nie im Leben hatte man sich um sein »Seelenheil« bekümmert. Dieses Wort
gefiel ihm aussermassen. Gerade so empfand er jetzt die Seele und Art von Fräulein
Reseda. Gerade so empfand er es, als wenn er von irgendeinem Zwange ein
Lebenlang umsponnen, plötzlich genesen wäre. Er begriff es gar nicht. Er hielt
sich nur fest, mit allen Sinnen und Wünschen ganz versunken.
    Sobald Grottfuss ihn geweckt hatte, begann er zu erzählen. Er hatte
gewöhnlich den Abend mit Fräulein Reseda zusammen zugebracht. Oft war sie mit
ihm vor der Stadt gewesen, irgendwo im Grünen, irgendwo auf einer weiten Wiese
wieder unter hohen Eichen, die mächtig im Abendsonnengold umflossen geragt. Sie
hatte einen Strauss Frühlingsblumen in Händen gehabt, und er war neben ihr
gegangen, ganz beglückt im Sinnen und Staunen, aber nicht nur so im
Allerweltswesen der Dinge, gar nicht - - fest umschlossen von den feinen
Gefühlen dieser kleinen, vornehmen Person, die in jedem Worte etwas herzutrug
von lange her gesammelt und gesichtet, und die jeder Blume sogar mit ihrem Namen
eine kleine, süsse Sage umband wie eine weisse, durchbrochene Halskrause.
    Tatsächlich sass Einhart den ganzen Tag womöglich jetzt drüben bei Fräulein
Reseda, die natürlich einen ganz anderen Namen hatte, obwohl der süsse Duft immer
um sie schwebte, und auch ihre ganze Wohnung immer nach Blumen roch.
    Grottfuss ging einmal mit Einhart hinüber. Fräulein Reseda hatte es
gewünscht, Einharts Freund kennen zu lernen. Aber Grottfuss war sehr ernüchtert.
Schon weil er eine junge, blonde Sängerin zufällig kennen gelernt hatte, in die
er verliebt war. Er nannte es mit Rücksicht auf dieses junge, blonde, verliebte
Ding von Elevin, die an einer Musikschule studierte, und die er nun seinerseits
besuchte, so oft er konnte, im Grunde lächerrlich, mit dieser alten, buckligen,
moralischen Person sich abzugeben. Hauptsächlich aber, weil sich Grottfuss bei
Fräulein Reseda ganz aus dem steifen, teoretischen Gleichgewicht gebracht sah.
    Aber Einhart war um so lieber bei Fräulein Reseda. Sie hatte ihm zum ersten
Male allerle, Ideen entschleiert. Sie besass eine Fülle Bücher. Er las alles nur
Erdenkliche. Man kann sagen, Dinge, die er nie gehört, Philosophen und Dichter
und Kunstbücher und Kunstlehren aus alter Zeit. Immer so, dass er gar nicht zu
sagen wusste, was er alles gelesen, so versunken in die Dinge war er gewesen. Er
hatte eine umständliche Art und Weise, zu lesen. Er musste sich alles genau
ansehen, wie wenn hinter jedem Worte ein Gleichnis stünde, und das Wort nur ein
Wink wäre, anzusehen, was irgendwo wirklich war. Nicht immer fand er es gleich
aus, wo und was? So sah er die wunderbarsten Sachen und merkte gar nicht das
Leben um sich, und kam aus der Lektüre, wie man aus Träumen erwacht, die dann
entschwinden und vielleicht einmal von ferne wiederkommen.
    Und in allem war er jetzt vertraulich mit Fräulein Reseda. Sie kümmerte sich
um ihn wie eine Mutter. Auch die Jünglinge lernte er kennen, die Fräulein Reseda
aus dem Seminar zu sich lud, sehr eingeschüchterte Jungen, ein wenig
zurückgeblieben in ihrem Fortkommen in der Schule, wie ehedem Einhart selber.
Aber gar keine Träumer. Die sich bei Fräulein Reseda nur satt assen. Die sie auch
allerlei abhörte. Es war Einhart allmählich ganz aufgegangen, dass das Kettchen
an ihrem Halse es wahr gemacht, dass das alte Fräulein wirklich in Menschenliebe
wandelte.
    Die kleine, alte Dame fühlte sich am Tische unter den Burschen wie eine gute
Mutter und gab unter Lachen nicht nur gute, gesunde, reichliche Kost, auch ihre
guten, feinen, sinnigen Worte banden manche Gefühle zusammen im Geiste jedes,
dass er nun, ohne recht zu wissen, sicherer vorwärts lief.
    Aber Einhart fand die gedrillte Devotion sich ein wenig zuwider. Er wusste
mit diesen Jünglingen nichts Rechtes zu machen. Dass er, wenn er genug gegessen
und getrunken hatte, zumeist aus dem Lächeln nicht herauskam, sobald die
Seminaristen fade Spässe von den Lehrern zu erzählen und ein wenig einfältig zu
werden begannen.
    Er gestand es Fräulein Reseda auch ruhig ein, dass er mit diesen Menschen
ohne Träume nichts anfangen könnte. Fräulein Reseda nannte ihn dann hochmütig,
sagte, man müsste die Menschen nehmen, wie sie Gott geschaffen, dass ein jeder
eine unsterbliche Seele hätte, dass die Seelen vor Gott alle gleich wären und
manches freundliche Wort ausgleichender Gerechtigkeit. Worüber Einhart, indes er
sich schon etwa in Sakuntala versenkte, nur nebenbei einmal hell auflachte,
unter verzeihendem Zulachen von Fräulein Reseda, die den Seminaristen nichts
dergleichen zugelassen, aber Einhart all das eigene, selbständige und freie
Wesen nachsah.
    So war es einige Monate hingegangen.
    Einhart hatte Akademie und Malen einfach in der ganzen Zeit vergessen, hatte
sozusagen sich an Hab und Gut von Fräulein Reseda, an Seele und Sinn und alle
die Ideen und Schätze und Bücher von Fräulein Reseda angesogen, als er erfuhr,
dass seine Mutter ernstlich daheim erkrankt wäre und er kommen sollte.
 
                                       12
Im Hause von Herrn Selle ging man auf Zehen. Die Kranke war so erregbar und
schmerzempfindlich, dass die leiseste Erschütterung sie aus Wachträumen weckte
und jammern machte. Geheimrat Selle sah aus wie Kreide so fahl. Die grossen
Mädchen waren bleich und überwacht, weil sie halbe Nächte, auch wer nicht an der
Reihe war, halbausgezogen aufsassen, mit den Händen oft stillgestellt beim
Knöpfen oder Nesteln, oder in sonstigen, achtlosen Hantierungen, wenn sie dem
Stöhnen im Krankenzimmer lauschten.
    Rosa ging kindlich zart um, sehr gütig, sehr tätig. Nur Emma war garnicht
still zu machen mit ihren dringlichen Fragen, weil sie immerwährend die Angst
fühlte, und bei jedem, der da war, eine Zuflucht oder einen Trost suchte.
    Frau Selle war unerwartet erkrankt. Man hatte es zuerst, als die
empfindlichen Darmschmerzen kamen, nicht recht beachtet. Bis schlimmere Symptome
sichtbar geworden. Dann hatte man als letztes Mittel einen operativen Eingriff
noch gewagt.
    Einhart war am Nachmittag angekommen. Niemand aus der Familie erschien in
der Bahnhofshalle, ihn abzuholen. Obgleich es zum ersten Male war, dass er die
Heimat nach Jahren wiedersah. Er lief gleich auf den Bahnhofsplatz, wo einige
ihm bekannte, zerschläterte Droschken mit eingedeckten, müden Pferden harrten.
Als er sich allentalben hier wieder umsah, ging es in Einhart hin, wie wenn
wahrlich Lieder klängen. Nun kam es wieder, was er vergessen. Er ging ganz
heiteren, erhobenen Hauptes. Der Eindruck der alten Heimat, die ihm jetzt neu
wirklich schien, dass er wie einen einstigen Einhart um alle Ecken mit
Knabentollheiten in der pfiffigen Seele antreiben und heranstieben sah, war so
stark, dass er ganz sonst vergass, dass keine Schwester ihm auf seinem Wege
entgegenkam. Und dass keine Menschenseele ihn hier mehr kannte.
    Der weisse Schnauzbart des Klassenlehrers leuchtete ihm entgegen, als er um
die Ecke bei der Promenade einbog. Einhart, plötzlich erschreckt, hatte seinen
Hut ehrerbietig aufgehoben und glitt vom Bürgersteige unversehens herab.
    Aber der Klassenlehrer grüsste gleichgültig. Er sah sich nicht weiter um.
    Und Einhart trieb, die Augen wie immer, wenn ihn Erstaunliches lockte, ganz
weit und unerwecklich aufgemacht, vorwärts, um die Promenaden rund herum, ohne
noch einstweilen an zu Hause zu denken.
    Kein Wunder. Einhart hatte im Leben nie Krankheit gefühlt. Er hatte
höchstens eine dicke Backe bei Rosa oder Mutter drollig angesehen und das
vermummende, weisse Battisttuch darüber. Oder so unbestimmt gehört, dass Vater an
Gichtschmerzen litte. Nichts wie wirkliche Krankheit war ihm bisher achtsam
vorgekommen. Nun gar der Tod! Einmal im Bilde ging er von ferne an ihm vorüber.
Er sah jetzt nur die alte, graue Stadtmauer wieder, die alten Bastionen, den
gelben Strom, Dom und Kirchen, die er früher nicht einmal bis zum Kapitäl der
Torsäulen oder dem Giebelfelde sich angesehen, dass er jetzt erstaunt war, wie
schattig und hoch das alles schon damals musste gewesen sein. Er schritt auch der
Brücke entgegen, dort, wo er seinen Tornister manch liebes Mal heimlich
geborgen, und an den Lieblingsplätzen seiner jungenhaften, verträumten Spiele.
Bis zu Geheimrat Selles war er noch garnicht durchgedrungen.
    Aber dann stand Einhart doch in der bekannten, engen Strasse davor, vor dem
alten, gelben Hause, und hatte plötzlich wie eine Schwäche im Blute rinnen. Als
wenn er die Treppen mühsam nur ersteigen könnte. Garnicht etwa ein Gefühl von
Ahnung, dass ihn da etwas Furchtbares anfassen würde. Garnicht eine Vorbedeutung
von erschrecklichen Dingen. Nur als wenn dieses ganze, grosse, dreistöckige Haus
hart durchsetzt wäre von der steifen, strengen Vatergestalt, an der er nun wie
gelähmt aufstieg. Denn das war es, dass er jetzt fühlte, dem Herrn Geheimrat
Selle bald gegenüberzustehen, und weil er recht eigentlich plötzlich hart
empfand, dass er jetzt noch weniger etwas gelten könnte wie je. Nicht vom Gendarm
wie ehedem, von einem heimlichen Einsiedler geführt, wurde hier Einer
heimgebracht, der erwachsen war. Zur Besinnung und zur Sehnsucht nach sich und
seinem Werte war er durchgedrungen. Nicht so zur Wegeerkennung, wie ein anderer,
als ein richtiger Traumgänger aus ihm je hervorgehen sollte?
    Einhart war mit solchen Empfindungen die zwei Stiegen langsam
emporgeklettert und war in einer Erregung, die ihm fast den Atem nahm. Dass er
noch immer nicht zu klingeln wagte und lange stand.
    Da merkte er, dass an der Tür sich ein Schild befand, worauf Herr Selle mit
eigner, grosser Handschrift das Klingeln durchaus verbat.
    Das machte ihn entschlossen, dass er klopfte.
    Johanna kam, versorgt, ganz leise. Katarina auch, die schön und gross
geworden. Alle bleich und ganz leise, ihn nebenher küssend, und ihn wie tröstend
gleich. Und Emma kam, die völlig verstört aussah und verängstigt. Die ganz
vergass, guten Tag zu sagen. Die ihn gleich flehentlich bat, dass Mutter nicht
sterben sollte! Und Rosa zuletzt, sorgend, gütig und schön in ihrer Tatkraft,
nur einen Schluchzer plötzlich herausweinend, dann wieder sanft die leise
fliessenden Tränen nicht achtend, als sie klar zu Einhart redete: »Mutter ist so
unendlich schwach,« sagte sie.
    »Wärst Du doch einen Tag früher gekommen!«
    »Ach mein Gott im Himmel!« sagte sie und klagte sie.
    »Sie hat sich gesehnt nach dir! Nun wird es zu spät sein! Nun wird es zu
spät sein!« begann sie jetzt zu weinen.
    Einhart sah das Leid und die grauen Mienen. Aber dass es zu spät wäre? »Was
ist zu spät?« sagte er verzehrt, als Herr Selle selber kam, um Einhart stumm die
Hand zu reichen. Einhart nahm Vaters Hand und küsste sie inbrünstig. »Vater? Um
Gotteswillen? Was ist zu spät? Was ist zu spät?« sagte er in Leidenschaft und
lief, was er nur konnte hin, wo die Mutter im Bette lag.
    Aber da richtete sich Einhart auf, als wenn er ein Raubtier zum Sprunge
wäre, lang machte er sich. Denn es lag da eine weisse Gestalt. Es lag da etwas in
den Kissen, was er nicht mehr kannte. Ärzte standen daneben, ganz unbeweglich.
Die lebten. Aber die weisse, fremde Gestalt war wie eine Marmorgestalt, steinern.
Die Mutter konnte es unmöglich sein? Einhart schlich ganz nahe. Er streckte auch
gleich seine Arme nach dem Bette aus. Er bebte bis zu den Füssen. Die Tränen
sprangen aus seinen Augen heraus. Während Vater und die vier Schwestern ihn
halten wollten. Weil er zum ersten Male im Leben jetzt einen furchtbaren Schrei
plötzlich ausstiess, flehend nach der bleichen, entfremdeten Muttergestalt die
Arme reckend in zerreissender Sehnsucht - und ebenso plötzlich auch schon in
Ohnmacht hingesunken war.
    Der Tod hatte im Raume gestanden.
    Einhart hatte den Tod noch nicht mit Augen gesehen.
 
                                  Drittes Buch
                                        1
Oben im Gebirge wehte der Südwind über Felsen und Knieholz nieder ins Tal, und
der Himmel war wie eine helle, blaue Glocke, rein in seinem Glanze. In den
Talgeländen, die sich bis zum Waldgürtel erstreckten, lagen Kirche und Haus und
Hütte in friedsamer Stille, und es schwammen Krähenscharen von der letzten
Wiesenfläche oben auf und zogen mit Gekreisch ferner und ferner. Man hatte
Grummet eingebracht in mächtigen Hocken. Vater Sender, der alte Bauer, und seine
grosse Tochter, waren beide vielemale Schritt um Schritt gegangen, so breit und
hoch war die Last, die sie immer neu auf den Rücken genommen, und der einsame
Feldweg bis zum Gehöft an der Lehne lag voll Heu, weil der Windstoss mit
unsichtbaren Händen den Tragelasten Büschel entriss und sie hinwarf und umtrieb
und verwehte.
    Vater Sender war ein gebeugter Mann. Sein Rücken hatte das Leben lang Lasten
getragen, Schritt um Schritt, aber ohne zu wanken, auch wenn es Zentnerlasten
gewesen. Sein Gesicht war lang und glatt rasiert, dass man nur die grossen Furchen
sah, die Sorge und Sinnen eingegraben. Sein Grauauge sanft und innerlich, und
sein grosser Schädel blank, wenn er die vergilbte Mütze einmal in die grosse
Schwielenhand nahm, um sich den Schweiss mit der andern Hand zu wischen.
    Vater Sender war ein Träumer, so in seiner Weise. Als er heute mit seiner
grossen Tochter zusammen, die Ella hiess, sich am Grashange unter dem
Wildrosenbusch sorglich niedergelassen, um seine Brotstücke mühsam
hinunterzukauen, während Ellas junger Mund hineinbiss wie eine Schlange, die
gleich ganze Bissen einfach glatt hinunterschlingt, hatte ihn bald eine tiefe
Müdigkeit ergriffen, dass der alte Blankschädel, mit den weissen Haarfransen
unregelmässig im Nacken, in dem Schattengemuster des Rosenbusches hingestreckt
wundersam friedlich lange dagelegen, wie ein Toter, still und ergeben. Und wie
er dann von neuem sich erhoben, um mit leichtem Geseufz und sehr für sich, wie
immer, mit Ella zusammen zu rechen, und Schritt um Schritt mit seiner markigen
Kummergestalt die Gurten für die neuen Hocken auszubreiten, da musste er es Ella
doch erzählen, dass er wieder die liebe, heilige Jungfrau gesehen, leibhaftiger
als je im Leben. Des alten Sender Augen waren gross und grau und demütig und
schüchtern, wie die eines Knaben, der von der ersten Liebe einen Glanz verbirgt,
wenn er davon redete. Diese Träume gehörten zu ihm und beseligten ihn manchmal.
    »Gesehen - so wie ich dich sehe - Tochter,« sagte der alte Mann. »Und wie
gesehen,« sagte er nach langer Weile sinnend. »Früher habe ich die heilige
Jungfrau manchmal mit Augen gesehen. Als ganz alte Frau einmal, alt wie unsere
Mutter. Nur ganz und gar nicht geschäftig, wie die, die sich gar nicht Ruhe
gönnt.« »Und das zu Geschäftige ist auch nicht immer das einzige,« fügte er
sorglich hinzu, als er wieder nur zugesehen, wie Ella sich mit dem Rücken in den
gehäuften Schober warf, bis er ihr selbst die Gurte über die Schultern legte,
und sie den Packen zusammenriss.
    »Ja - so wird es gut sein,« sagte er dann nur und griff die überhängenden
Büschel Heu heraus und warf sie auf die Wiese zurück.
    Ella war so verloren in ihre Tätigkeit, während ihr das Bunttüchel um Kinn
und Nacken flatterte, dass sie gar nicht weiter fragte, noch sonst sprach. Der
Vater konnte erzählen oder innehalten, gleichviel.
    »Also die heilige Jungfrau wars heute wieder,« sagte er jetzt mehr für sich.
»Aber ganz jung diesmal. Und viel Kinder waren um sie. Man hätte denken mögen,
dass es unsere Schulkinder waren, weil sie geradezu Lärm machten.« »Was mich
ordentlich ärgerte,« fügte er lässig hinzu.
    Als Ella mit der Heulast längst fern den Hang hinab sich mühte, musste der
Alte aus irgendeinem Grunde über sich oder über das Bild innen lachen. Und er
lachte dann noch ein paarmal so einsam in die lose Sommerluft, als er die Wiese
höher hinauf die breiten Schwaden, die jetzt gegen den Abend getrocknet waren,
zusammenwarf. Er murmelte und murrte, nahm die Mütze ab und sah vor sich hin.
    Oben vom Walde her kam Einhart. Er sah dürftig aus wie immer, braungebrannt
und dunklen, losen Blickes. Das kurze Jackett abgeschabt. Er wohnte jetzt in den
Bergen. Nach der Mutter Tode hatte er nicht lange daheim ausgehalten. Und in die
Stadt zurück war Einhart plötzlich ein Ekel gekommen. Der Kummer »Tod« stand in
diesen ganzen Zeiten heimlich vor seinem Auge, wie eine schwarze Rätselwolke.
    Wer Einhart jetzt sah, und es war schon ein Winter vergangen, den Frau Selle
unter Schnee gebettet gelegen, der sah eine seltsame Verwandlung. Aus ihrem
Grabe waren längst neue Blumen aufgesprossen, und der Junimond hatte seine
hellste Sternenweise licht und weich über ihr Grab geleuchtet.
    Wer Einhart jetzt sah, musste an dem Dunkelstrahl seiner Augen erkennen, dass
er die Welt neu und neu inniger ansah, saugender, verzehrender, so wie die
Mutter einst. Sein Blick hätte noch traurig gelten können, wenn nicht der Schein
Güte darumgeschwebt, wie kindliches, lächelndes Staunen jetzt in diese Heumahd
und zu dem alten Grauschädel hinüber.
    Der alte Sender kannte Einhart gut. Einhart hatte im Giebel des Senderschen
Hauses sein Bett und seine wenigen Malgeräte und sonstigen Bedürftigkeiten.
Allerlei Skizzen waren lose an die getünchten Brettwände angezweckt. Beim
Lichtspan in der dämpfigen, grossen Wohnstube des Häuslers unten hatten sie
beieinander gesessen, der alte Bauer ewig mit der Pfeife im Munde und Einhart
nicht weniger wie er, in die Dämpfe des Kartoffeltopfes vom Herde her, den die
alte, krumme Mutter geschäftig versah, seinen Tabaksqualm hinzublasend.
    Nun liess sich der alte Sender auch nicht ein Jota stören. Nicht ein Mal sah
er hinüber aus seiner Hantierung. Bis Einhart zwischen den Schwaden schreitend
und die Büschel Heu Fuss um Fuss vor sich werfend, heran war. Aber auch, wie
Einhart jetzt schon am Raine stand, ganz nahe, lachte Vater Sender nur zu ihm
hin, und Einhart liess sich ins Gras nieder und sah lange stumm zu.
    Einhart hatte weder Stock noch Malkasten. Ein kleines Bibelbuch hatte er aus
der Tasche gezogen, das er ins Gras warf, streckte sich auf den Rücken und hielt
das goldne Büchel gen Himmel dann.
    Es war wundersam, dass Einhart jetzt immer die Bibel las. Das war seit Frau
Selles Tod gekommen. »Ich muss es ergründen,« sprach es damals plötzlich in ihm.
So hatte er seiter tatsächlich eine wahre Lust und Neugier gewonnen. »Und
Weisheit viele,« sagte er immer, »und nicht Ruhe.« Jetzt gingen tausend Bilder
der fernen Frühzeit des Hebräervolkes in der Wüste mit ihm. Und die grossen
Gewaltmenschen auch, die Propheten, die zu dem sicher verderbenden Jahvevolke
die Sprache von Vulkanen und Feuerherzen redeten, es zu mahnen. Er hatte eine
ganze Ruhmeshalle solcher unerschrockener Menschenmahner in sich aufgerichtet.
Es schauerte ihn, wenn er ihre Worte hörte. Und er hörte sie mit dem
leibhaftigen Stimmton, den nicht Bücher, den nur Menschen selber haben.
    Das war schon den Winter über gewesen, dass er die Propheten las und las.
    Jetzt wandelte er die Friedenswege vom sanften, bleichen Jesusmanne und
seinen gütigen Wundern, und war nur herangekommen, weil ihm die inneren Gesichte
nicht oben bei den Waldwipfeln Ruhe gelassen. Weil ihn das Rauschen erregt. Weil
er in dem Frieden am freien Sonnenhange nun besser den blauen, heiligen See vor
sich sehen und den in seinen weissen Mantel gehüllten Heiland, von Kindern
umringt, erkennen konnte. Er begriff und umfasste mit Inbrunst, was da stand in
ewigen Zeichen: »Selig sind, die geistig arm sind.« Er las auf dem Rücken
liegend neu und neu diese lachenden Seligpreisungen.
    Der alte Bauer ragte neben ihm ins Licht. Sein Schatten lag lang über die
Wiese, von Einhart ungesehen.
    »Na, schön guten Abend, Herr Selle!« sagte endlich der Bauer, als er einmal
ruhte.
    »Gott! Guten Abend, Vater Sender!« ermannte sich Einhart.
    »Man muss Sie preisen,« sagte der Alte, mit dem Rechen Heu herzustreichend
und hielt dann wieder inne. »Sie raffen Weisheit zusammen, immer und immer, und
ich Heu. Aber Menschen und Tiere müssen leben.«
    »Wisst Ihr, Vater Sender, was ich eben gelesen?« sagte Einhart lächelnd.
    »Woher nur das wissen? Nicht einmal gesehen hab' ich, ob die Wolken gingen
und Krähen flogen. Wo soll ich her wissen, was Sie in Ihren Gedanken hatten?«
    Da wollte ihm Einhart das Goldbüchel hinhalten. Aber Vater Sender konnte
ohne Brille nicht lesen.
    »Nein nein, ich werde es Euch lesen,« sagte Einhart gleich und las laut, dass
die lauen Abendhuschen Heubüschel und Worte gleichzeitig den Hang hinabtrieben,
eindringlich die Seligpreisungen.
    Vater Sender sann lange vor sich hin, wiederholte die Worte und begriff sie
kaum: »Selig sind, die geistig arm sind, denn sie werden das Himmelreich
gewinnen.«
    Danach war es lange still zwischen ihnen, dass Einhart neu weiterlas, und der
Bauer wieder geschäftig fortrechte und zusammentrug.
    Dann kam Ella. Sie war ein blondes, grosses Mädchen, lange Dunkelwimpern im
hellen Gesicht. Sie hatte den Traum des alten Sender nicht loswerden können, dass
ihm neu die heilige Jungfrau erschienen. Sie begann jetzt davon Einhart in
heiterem, unheiligen Tone zu erzählen.
    So ging der Gottessohn und die junge Gottesmutter mit über die Heuwiese.
    Aus dem kleinen goldenen Buche war der Gottessohn herausgekommen, und aus
dem Blute des Alten die holdselige Maria.
    Dass dann, als der alte Sender mit dem Rechen über der Schulter und Ella noch
mit einer vollen Hocke Heu auf dem Rücken, trotzdem hoch aufgerichtet, und
Einhart, den Hut in der Hand, ein Zigeuner, so dunkel und so schmächtig noch
immer, mit dem fetten Haarsträhn über der Stirn und den langen, dürren Fingern,
die das Bibelbuch umspannten, als alle die drei heimschritten im Abendglast und
umflogen von Fliegen und Mücken, ein jeder mit schönen Geistern ferner Zeiten in
seiner Seele, aus seinen Augen ein Lachen hatte.
 
                                       2
Man kann nicht denken, wie Einhart seit der Mutter Tode wieder versunken und
achtlos leben konnte. Nichts draussen, als nur die Dinge, die über seiner inneren
Augen Helle gingen und sein eigenes Licht gewannen, sah er jetzt. Nichts konnte
ihn kümmern, weder Nacht noch Sonne. Nichts konnte ihm klingen, als was er
selber aus der Ferne hervorgerufen im eignen Ersehnen oder Hinausträumen. Er ass
wie ein Derwisch das Brot, das man ihm reichte, und trank wie ein dunkler
Landstreicher die klare Quelle, die irgendwo am Wege rann.
    Das Einzige, was Einhart aus den Bergen mit fortnahm, war ein richtiger
Tatmut aus neuer Ahnung und ein kleines, sonderliches Buch voll an sich
geringer, aber bezeichnender Notizen.
                                   Das Büchel
    Gleich im Eingang, vor andertalb Jahren geschrieben, stand:
        »Berge und Sonne! Dass so etwas ragt und so etwas leuchtet! - - - und dass
        meine Mutter zu kaltem Marmor wurde, zu Erde!??«
    Dann stand:
        »Die Stille hier unter der Linde, wo die Knospen jetzt golden
        gesprungen, und die Schattennetze im Grase tändeln, ist unerhört.« Wer
        begreift, dass es andere Würden gibt, als diese ferne, einsame Seligkeit,
        »man selber zu sein, ganz nur man selber zu sein!«
    Dann:
        »Johanna ist eine Dame mit schwarzem Ausschnitt und feinen Spitzen am
        vollen Halse und einem Seidenhut mit grosser, schwarzer Feder. Als ich
        neben ihr ging, fielen meine kurzen Hosen zu sehr auf, und ich däuchte
        mir überhaupt wie von wo anders her. Katarina ist eine Dame mit einem
        nicht geringeren Hutumfange. Ich werde kaum noch solcher Damen Wege
        kreuzen. Rosa ist wie eine Lilie sanft. Voll Schwermut in ihrem
        sammetnen Dunkel. Sie merkt noch, dass etwas verloren ist. Sie denkt viel
        an Mutter und weint. Ich kann über Tote nicht weinen. Ich gehe jetzt mit
        den Jüngern Jesu. Aber ernst wie sie nicht! ausgelassen! ausgelassen!
        Das ist auch lange her, dass sie über Steine wandelten und an Steinen
        sich stiessen. Und ein richtiger Fehler dieser Begleiter des Liebe
        strahlenden Menschenfreundes war es, dass sie nie lachten. Das machte,
        dass Christus sich nie recht erholen konnte von seiner Herkulesmission.«
    Dann:
        »Hatte Jesus nie Augenblicke, wo er lachte! Wie wäre es anders möglich
        bei einem Menschen von so viel Schau und Wärme. Wenn er sonst nicht
        lachte, dann heimlich. Jede Würde wird lächerrlich, über die nicht der
        Gewürdigte lachen kann. Nun gar ein Prophet! Oh! Ich müsste mich heimlich
        halb tot lachen, weil ich doch die Menschen kenne und den ganzen, ewigen
        Höllenbreugel von Neid und Dünkel und tausend Süchten.«
    Dann:
        »Wie Christus sich entschloss, auf den Markt in die Grossstadt zu ziehen,
        musste er sicherlich noch einmal tüchtig lachen erst. Er wusste sehr
        genau, dass jetzt das Teater begann. Wie er sich Palmen wedeln liess, wie
        er grossartig unter Jauchzen und Geschrei des Volkes auf einer Eselin in
        Jerusalems Tore einritt, da war das Teater fertig. Noch heute reiten
        die Kunstreiter auf Pferden mit ihren grossen Trommeln auf die Strassen
        und Märkte und locken das Volk zusammen. Da musste dieser ganz
        Innerliche, der sein Herz vom Himmelreich der Güte und Menschenliebe
        übervoll auf den Markt unter den Pöbel trug, heimlich blutig lachen.«
    Dann:
                                                                Sommer. Heumahd.
        »Heute kommt Ella und blickt mich lange an, unten hinter dem Heuschober
        in der Sonne, umarmt mich, und wirft mich in die weichen Schwaden. Ein
        kräftiges, schlankes, schmiegsames Ding. Ich habe mit Entzücken ihre
        weichen Brüste gefühlt und habe sie auch geküsst, weil sie nicht locker
        liess. Eigentlich sind ihre Augen wie lustige Blumen, so blau, und so
        nichts, wie Spass und Leichtsinn. Sie wird nun denken, das müsste immer so
        gehen, wenn niemand uns sieht. Eigentlich ist sie doch nur ein dummes,
        einfältiges Ding!«
    Dann:
        »Die Bäuerin fragte ich einmal, wie sie sich Christus denke?«
        »Christus - ach mein Gott! ein Gottessohn, ich hab wohl Zeit, mir zu
        denken, wie er war?« »Wie er ausgesehen hat,« meinte ich?
        »Ja, wie er ausgesehen hat?« sagte die Bäuerin.
        »Wie ein Gottessohn aussieht!« Und sie wies mich auf das Bild hin, das
        an der Wand hing. »Man hat nicht viel Zeit, über so was zu sinnen. So
        wird er wohl ausgesehen haben,« sagte sie noch einmal, unterdes ich mir
        das Bild ansah. »Es ist ein Holzschnitt: Christus in Getsemane von
        Dürer. Man kann da nur sehen, dass er ein Volksmann und in einer
        Verzweiflung ist. Nebenhin gab die Bäuerin einen Wink, dass man zum Essen
        riefe, hatte Christus vergessen und sprach mit Ella über das
        Schweinefutter.«
    Dann:
        »Der Bauer träumt allerlei fromme Dinge, aber nur die Jungfrau Maria ist
        seine Göttin. Von Gotte weiss er den Namen, und von Christus die
        Geschichte von der Hochzeit zu Kana. Da liebt er nämlich sehr zu denken,
        dass man das viele Wasser, das immerwährend von den Bergen her in seinen
        Trog perlt und plaudert, einmal könnte in Wein verwandeln. Wenn er so
        neben dem Steintrog steht und dies Wunder erwägt, möchte er wohl gern,
        dass einmal zu diesem Zwecke Christus auf seiner Schwelle erschiene. Aber
        von der Jungfrau träumt er leibhaftig vielerlei klare Bilder und erzählt
        davon selig versunken.«
    Dann:
        »Wenn man nicht die Pharisäer immer in kalter Spannung und gehobener
        Würde fühlte, wäre es nicht ein solches wahres Vergnügen, die
        Menschlichkeit im natürlichen Leben Christi zu fühlen. Besser noch, als
        nur immer seine unerschöpfliche Mildigkeit, der Schalksnarr und
        Verächter wäre einmal aus ihm herausgesprungen, all das Würdengesindel
        mit der Narrenpritsche auf die Köpfe zu schlagen.«
        »Wird es Christus je gelingen, das Menschenvolk in wahre Menschlichkeit
        hinein zu treiben?«
    Dann:
        »Ella ist ein tolles Ding. Ich könnte sie malen, wenn sie nur nicht
        immer nachts käme. Sie kommt im Hemde auf den Boden geschlichen, und ist
        schlank wie ein Blumenstengel, wenn sie ihre letzten Hüllen im Mondlicht
        abwirft. Unsagbar, so ein Licht auf dem frischen Fleisch, und die
        Silhouette in scharfen Schatten auf der Diele. Sie erwürgt mich halb im
        Spiel ihrer nackten Glieder. Da ist sie nicht einfältig und auch gar
        nicht jung, dünkt mich. Da ist sie wie ein heisser Dämon, hart fordernd,
        ohne ein Wort. Das ist Leib und Leben, die es machen. Ihre Augen
        blitzen, und ihre Augen schwärmen, und ihre Rufe sind wie Vogelrufe oder
        wie Raubtierrufe. Man begreift ein Unbegreifliches, was uns alle narrt
        dann und zusammen zwingt. Ich musste sie schliesslich hinaustreiben. Sonst
        vergisst sie Bauer und Bäuerin, und dass der alte Bauer sie mit der
        Peitsche schlüge, wenn er es wüsste.«
    Dann:
        »Nun merken die Alten, dass ich kein Geld mehr bekomme.« Sie schimpfen
        heimlich. »Und Du bist nur ein Müssiggänger,« schreibt mein Vater.
    Dann:
        »Ella findet immer noch den Weg zu mir, auch wenn der Alte hinterdrein
        ist. Ein paar Skizzen hab ich von ihr doch gemalt. Aber ich hab sie
        wieder zerrissen.«
    Dann:
        »Die Alten reden kein Wort weiter, und Ella hastet und wirft Kessel und
        Wanne, und zankt ewig mit der Mutter. Es ist nicht gut sein mehr. Zumal
        wirklich nicht Geld kommt. Auch das verfängt nicht, wenn ich versuche,
        von der Bibel zu reden. Geld müsste ich bringen. Wo soll ich es aber
        hernehmen?«
    Dann:
        »Meine Skizzen von Christus am See Genezaret, da lachen die Bauern. Sie
        sehen gar nicht, dass da See, Menschen und Kinder gemalt sein sollen.
        Ausserdem sind es wirklich nur Versuche. Der Lehrer am Orte sieht mich
        auch nur verlegen an, wenn er von meinen Leinwanden wegsieht. Und mir
        ist das nun eine Malerei! Wie kommt es, dass ich mir das einbilde, wenn
        die andern es nicht sehen?«
    Dann:
        »Übrigens ist es wild und lustig, wie Ella nie Ruhe lässt und immer die
        Nächte in den dünnen Hüllen kommt, sobald die Alten schlafen. Derb und
        toll wie ein Wirbel! Jetzt erscheint sie mir auch am Tage ganz anders,
        nun ich sehe, dass die Arbeitshast nur einen Vulkan Sinnenlust verbirgt.
        Es blühen keine Blumen unter ihren Füssen. Es ist alles hart. Am Tage
        lacht sie jetzt viel, und wirft mir Blicke, dass ich mich bis zur Nacht
        trösten soll. Ist das nicht ein tolles Spiel?«
    Dann:
        »Ab nach Constanza! es muss ein ander Leben gelebt sein! Nicht zum
        Vergangenen und nicht zu dem stracken Mädchen! Zu mir zurück! Ausserdem
        muss ich Vater zeigen, dass ich kein Müssiggänger bin! Ausserdem reisse ich
        aus. Der Bauer mag sich an Vater wenden, wegen der geringen Schulden um
        die Notdurft. Also: nun, meine traumlose Schöne, ist das Spiel am Ende!
        Nun können deine Träume beginnen nach mir! Da kannst du auch einmal eine
        Träne weinen. Da werden deine Begierden Augen und Ohren gewinnen und
        ausblicken und aushorchen lernen -: einmal in die ferne Welt. Adieu!«
 
                                       3
An einem breiten, dämmernden Hause unten dicht an der Landstrasse blinkte ein
grosser Steintrog voll klaren Wassers, und der Strahl, der unaufhörlich
hineingurgelte, glänzte silbern. Es war eine Mondnacht. Einhart war auf seiner
Wanderung hier angekommen. Denn Einhart war den ganzen Tag schon auf
Wanderschaft.
    Er war jetzt noch gerade so wach, wie ihn seine Notlage gestern Nacht auf
einmal gemacht hatte. Er hatte auch diesen ganzen Wandertag nicht Träume noch
Visionen. Weder mit den Propheten, noch mit Jesus und seinen Wundertaten waren
ihm Augen und Seele voll gewesen, nur mit dem staubigen, steinigen Wege, mit den
glühendroten Ebereschtrauben manchmal gegen den hellen Himmel, und mit zurück
springen in Gedanken zu allerlei Fragen und Zweifeln und Ermessen.
    Es war Einhart durchaus nicht leicht angekommen, als es Mittag gewesen, der
Weg müde gemacht, und die Sonne reichlich brannte, in das Haus eines Dorfarztes
am Wege einzubiegen, und ein Stück Brot für seinen Hunger einfach zu erbetteln.
Man hatte nur einen Spalt geöffnet, als man gesehen, dass ein Vagabond
davorstand, und hatte ihm dann eine harte Semmel und ein Stück alten Käse
herausgereicht.
    Einhart hatte vor der Glastür gestanden, den Hut in der Hand, sich selber so
recht zum Gelächter.
    Der Name des Arztes glänzte im Leben unverwischlich in goldnen Lettern auf
weisser Tafel vor Einharts Augen, wie er ihn dort abwartend und heimlich gefasst,
Schimpfworte zu hören, lange hatte anstarren müssen. Es verbanden sich noch spät
mit diesem Namen sonderliche Frohgefühle von einem im Staube ziellos
hinstreichenden Landfahrer, der abgehetzt und zernagt, wie Einhart jetzt war,
innen und aussen, plötzlich eine darreichende Menschenhand sich hatte zu seiner
Stillung ausrecken sehen.
    Ein rechter Unwürdiger am hellen Tage vor sich selber war jetzt Einhart, und
ein recht Bedürftiger. Der junge Arzt, auf den Einhart stiess, als er das Haus
wieder verlassen wollte und noch auf den Treppenstufen stand, hatte ihn zuerst
nur streng angeredet, dass ihm Einhart gleich ganz menschlich erklärte, welche
Bewandtnis es um sein Vagantentum hätte.
    »Ein junger Kunstmaler bin ich, der sich verträumt und nicht ans Leben
gedacht. Ich muss infolgedessen einmal wie Bettelleute vorwärts finden, wenn
nicht durchs Leben, so doch bis zur nächsten Grossstadt,« hatte Einhart lustig
verlegen gesagt. Denn das stand Einhart vor Augen, zur Stadt und zur Arbeit
zurück. Da hatte ihm der junge Arzt Zehrung gegeben und ihn auch mit Abnehmen
des Hutes freundlich verabschiedet.
    Einhart gingen jetzt tausend Lebensgefühle um. Er verleugnete nie seine Art,
Drangsal zu empfinden mit der Neugier und mit dem Behagen des Suchenden. Wie es
Höllenfahrten gibt und selige Leiden der Gesteinigten. Auch eine wahre, hastige
Besinnung auf sein Leben war lebendig, ihn in einen tätigen Zustand endlich
zurückzutreiben.
    So stand Einhart jetzt im Mondenschein am Wassertroge der Dorfschenke, sah
die perlenden Silbertropfen und bedachte sich lange, nachdem er sich an dem
hellen Glanzstrahle satt getrunken.
    Die grossen Fenster warfen warmen Schein auf die Dorfstrasse. Es war lautes
Leben drinnen. Einige Blicke streiften Einhart, als er den Hut in der Hand mit
dem Stabe zusammen, ganz und gar nicht scheu eintrat. Man hielt gerade eine
Sitzung. In der Ecke des Zimmers um einen langen, kahlen Tisch sass ein Kreis
würdiger Bauersleute mit dem Ortsgeistlichen zusammen, einem kleinen,
kahlköpfigen Herrn, der soeben die Gemeindearmenpflege umständlich besprach.
    »Armut, meine Herren,« sagte er gerade, als Einhart eingetreten, »ist meist
verdorbenes Blut. Armut ist meist Sünde der Väter bis ins vierte oder zehnte
oder bis ins tausendste Glied. Man muss die Armut nicht pflegen. Man muss sie
bekämpfen, wie einen Feind. Es gibt solche, die nur immer mitleidig sind. Das
ist eitel Schwäche. Das fördert nur das Übel, dem wir steuern sollen. Überlassen
Sie ein jeder der Zentralstelle - usw.«
    Aller Augen hatten auf den Geistlichen gesehen. Aber sie richteten sich auch
schon heimlich dann und wann auf Einhart. Denn Einharts Dunkelblicke begannen
sich jetzt zu füllen mit seiner Art Hoffart. Dass er, wie er in der andern Ecke
der weiten Gaststube unter der Hängelampe Platz genommen, die nebenbei fragenden
Blicke der Grossbauern und des Pastors streng erwiderte.
    Der Wirt kam gleich zu Einhart heran, ein Gewaltmensch, der eine Posaune des
jüngsten Gerichtes hätte laut blasen können. Der Wirt sah Einhart jetzt ziemlich
umständlich und unerschrocken an. Auch er hatte Zweifel an Einhart. Dürftig und
zerfetzt wie Einhart jetzt aussah, und dunkel und gelbgebrannt wie immer. Aber
wie der Wirt Einhart genauer in die Augen gesehen und seinen sanften Tonfall
gehört, bediente er ihn doch in allen Ehren.
    Und die Sitzung ging eine lange Weile ruhig weiter. Einhart achtete nicht
gross weder auf Wort noch Widerwort. Er war sehr hungrig. Als er Brot und Wurst
und Bier vor sich hatte, begann er eifrig zu schmecken und zu kauen und musste
nur in Summa ein einziges Mal noch plötzlich hinauslachen über den Berg Hochmut
gegen das Tal Armut so ins Gesamt.
    Aber wie Einhart sich dann gestärkt fühlte, kam ihm auch gleich eine leise
Tollheit an, sich noch vollends als Schalk zu stellen.
    Die Gemeindekirchensitzung war zu Ende. Der Geistliche hatte sie in aller
Form geschlossen erklärt.
    Da sass Einhart noch immer, sah in sein Glas, überlegte und begann dann wie
ein Einfältiger zu lächeln.
    »Ich werde Ihnen ein Rätsel aufgeben, meine Herren,« rief er über den Tisch,
mit einer gewandten Geste der Hand, recht wie ein Zauberkünstler. »Erlauben Sie
es, ehrwürdiger Herr Geistlicher?«
    Einhart war so unerfahren, dass er tatsächlich nicht die gewöhnlichen
Titulaturen wusste. Aber man kann sagen, dass Bauern und Pastor sich durch die
Anrede ohne alles Herkommen besonders betroffen fühlten. Es brachte unter alle
ein richtiges Verwundern, weil Einhart jetzt auch die Bauern Ackerer nannte mit
sonderlicher Absicht. Aller Blicke in der Gaststube betrachteten Einhart
gespannt, als er an den Würdentisch näher herantrat.
    »Es ist ein Ringelreigen und kommt nie zu Ende,« sagte Einhart bedächtig.
    »Ihr wollt Euch einen Spass machen mit uns. Rätselraten ist nicht jedermanns
Sache,« sagte der Geistliche sehr ablehnend. Aber die Bauern lachten sich an.
Ein jeder wäre gern der Kluge gewesen. Einer versuchte auch.
    »Na! Das wär' doch!« sagte er, ein junger Bauer mit vollen, roten Lippen und
einem unbekümmerten Lachen um die blauen Augen sehr nachdenklich. »Ich errate
manchmal was.«
    Aber weil alle andern schwiegen, tat auch er nur, wie wenn er es aus seines
Nachbars Augen lesen könnte, und sah dann unverrichteter Sache auf Einhart.
    »Aber meine Herren Ackerer,« rief Einhart recht mit Aufwand, »ob wir arm
oder reich sind, ein jeder muss mittanzen. Keiner bleibt auf seiner Stelle. Und
keiner auch weiss, wohin er in dem Reigen noch hingeraten wird.«
    Aber Einhart liess jetzt nicht lange Zeit sich zu besinnen. »Was ist das?«
rief er vergnügt lachend: »wenn's oben ist, fällt es, wenn es unten ist, steigt
es.«
    Es war noch immer grosse Zurückhaltung. Die Bauern begannen gedämpft zu
reden, einer zum andern. Es machte ihnen Spass zu denken, wenn es auch nicht zum
Ziele führte. Keiner wagte sich mit einer Meinung hervor.
    »Ein jedes Ding ist so in der Welt. Und ein jedes Ding sind wir selber.
Alles Geheime macht sich offenbar in uns. Nach oben steigen wir, nach unten
fallen wir, wie das Wasser und der Stein. Es ist der alte Ringelreigen, von oben
nach unten, von unten nach oben, und immer und überall. Es wird es keiner anders
erleben, als dass er herumkreist. Ich glaube nicht, dass einmal einer stille
steht.«
    Der Pastor wurde immer ernster und schweigsamer am Tische. Die Bauern auch.
Einhart wusste nicht, ob er nicht nur eitel Torheit geredet. Er war lange ganz
still. Und er lächelte jetzt in sein Glas hinein, weil er sich auch einstweilen
auf nichts weiter besann.
    »Es steht ein Alter hinter einem Jungen und reisst ihn am Ohre. Und ein
Uralter reisst ihn am Herzen. Nur dass man die Hände beider nicht sieht und die
Stelle nicht kennt, wo sie angreifen. Was ist das?«
    Aber auch das konnte niemand raten.
    Da sagte Einhart ganz überlegen: »Mein Gott, Euch allen geht es so. Die Not
lässt euch säen mit rastlosen Händen, und ihr möchtet doch von Herzen gern das
Himmelreich ernten, seit Ewigkeit. Fragt doch den Herrn, der euch zur
Sonntagsfeier zuredet, ob euch nicht alle die Not am Ohre reisst und das Gesicht
vom Himmelreich abwendet?«
    So ging es weiter. Dass die Bauern gemütlich wurden und fragten, wer es wäre?
Auch Einhart dann direkt fragten. Aber Einhart blieb dabei, dass er nur ewig
umgeackert hätte wie sie, und dass sein Acker nichts trüge. Die Körner, die er
säete, wären von Golde, aber nur im Traume - und gingen vor ihm nur als
Nebelschemen auf. Er hätte keine Macht sie zu greifen. Da kam in alle wieder die
Stummheit. Alle waren neu ins Nachdenken versunken.
    Und dann erhoben sich alle endlich, weil der grosse Seeger Mitternacht
schnarrte und schlug. Der Wirt gähnte noch einmal flüchtig, ehe er sich rückte,
um die Zeche bezahlt zu nehmen.
    Nur der Pastor blieb dann doch allein im Hause zurück, als die Bauern auf
die nächtige Dorfstrasse hinausgetreten. Ihm kam eine heimliche Erregung an. Er
wollte mit dem seltsamen Gesellen noch Auge in Auge zusammen sein. Er nahm die
Sache sehr ernst. Er dachte an einen richtigen Leugner und Antichrist. »Auch der
Satan war ein schwarzer Engel und hat Weisheit genug, uns zu lehren,« dachte er
für sich.
    Einhart konnte in solcher Trübsalslaune, wie er war, wirklich in allen
Farben schillern.
    So kam der Geistliche in die Wirtsstube zurück gerade, als Einhart sich
rührte, in das enge Nebengelass, wo er schlafen sollte, einzutreten.
    »Wir müssen noch einiges besprechen. Denn Sie scheinen ein sonderbarer
Mensch,« sagte der Geistliche ganz freundlich noch, aber voller Würde.
    »Ach Gott! Herr Pastor!« sagte Einhart sanft. »Sonderbar! nun ja! wie man es
so nimmt, wenn man zwischen Himmel und Erde pendelt.«
    Aber der Pastor wollte jetzt allerlei heilige Fragen gleich mit Einhart
lösen, um ihn in die Enge zu bringen. Denn dass da ein Heide vor ihnen sass, war
gleich allen, auch den Bauern und dem Wirte, geschweige dem Kenner des
Evangeliums, von Anfang an klar gewesen.
    »Wir haben vier Fragen, die wir uns bestimmt beantworten müssen,« sagte der
Geistliche sehr hingenommen von der Sache. »Die Menschenseele - - -?«
    »Ja, die Menschenseele! - ist wie eine Luftblase, an die ein Leichnam
gebunden ist. Die Luftblase zergeht, und der Leichnam fällt zu Boden. Oh mein
Gott! gut, wenn man noch wandern kann!« sagte Einhart heiter lächelnd.
    »Die Menschenseele ist unsterblich,« sagte der Geistliche mit Ruhe und sah
Einhart durchdringend an.
    »Nun gewiss!« sagte Einhart, »alles, was der Mensch sich träumt, stimmt!«
    »Und die Seele ist auch frei!« sagte der Geistliche.
    »So lange sie sich nicht ausreckt und in den Obstkorb der Hökerin auf dem
Markte langfingerig hineingreift, Herr Pastor. Denn sonst kommt der Gendarm,«
lachte Einhart übermütig.
    Aber der Pastor blieb ernst und voll Würde und war heimlich im Zorn.
    »Und Gott - - -?«
    »Einer, der einen Kopf hat, wie Sonne, Mond und Sterne zusammen, wie eine
blaue Glaskuppel, oder eine mitternächtige Himmelsgrube, wer kann noch sagen,
wohin der sieht mit seinen Augen, und wie er heissen soll? Der Glieder hat, wie
grosse Weltenkörper, aus eitel Fels gefügt, der erglänzt in alle Weiten mit
schnellem Strahle, schneller wie Wind, schneller wie das Schnellste, wohin hat
der Mühe endlich zu dringen? und wie kann man seine Ziele wissen?«
    »Gott ist unser Vater!« sagte der Geistliche.
    »Auch unsere Väter können zum Rätsel werden, Herr Geistlicher,« sagte
Einhart.
    »Und Ihr glaubt auch nicht an Jesus, seinen eingeborenen Sohn!« rief der
Geistliche erregt.
    Da kam Einhart lange kein Wort. Da stand das Jesusland plötzlich klar und
nahe vor seinen Augen. Einen Jesus kannte er in sich. Einen, der in
Menschenliebe an einem schönen See aufrecht sass, und Liebe sein Wort und Liebe
seine Tat, sanft Erkennen und Gewährenlassen und sich dargeben ohne Groll
Kindern und Sündern.
    »Wenn ich an nichts glaube, an den glaube ich,« sagte Einhart leise fast.
Dass es dann stumm blieb unter den Beiden. Dass dann endlich der Geistliche
zufrieden war. Dass endlich der Geistliche aufsprang und rief: »Glück auf den
Weg!« Dass Einhart sagte: »Ich bin ein Künstler, Herr Pastor.« Er sagte es sogar
heiter wieder. Er sagte auch: »Ich werde Euch einmal einen Jesus malen! ach
Gott!«
    »Segne der Himmel Ihren Entschluss!« sagte der Geistliche, als er ihm die
Hand reichte und ging.
 
                                       4
Einhart kam mit Vorsätzen in die Stadt zurück. Er hatte gleich den Weg nach der
kleinen Konditorei gemacht und war mit einer heimlichen Neugier mit der Klinke
in der Hand noch eine Weile erst unschlüssig dagestanden. Er zögerte, weil er
sehr verwahrlost aussah. Aber er besann sich auch gleich auf seine besseren
Träume und musste lachen, was und wen er hier alles noch finden würde?
    Alles war hier beim Alten. Schon in den Strassen fuhren hin und her die
Tramwaywagen und dieselben Karren und Omnibusse. An den Ecken standen wie immer
die blaukitteligen Männer und warteten auf Aufträge, die sie von irgend wem
zufällig erhalten könnten.
    Die Akademie ragte noch. Der Portier hatte vor der Tür gestanden und Einhart
gross angesehen. Meister Teodors lachendes Gesicht hatte gerade aus einer
Fensterung über den Vorhang hinweg nach der Strasse geblickt. Schüler kamen über
die Treppe herab.
    In Summa alles wirbelte und drängte hervor ganz in Trott und Melodie, die er
kannte. Sodass das heimliche Verlangen, Neues zu hören, wozu man durchgedrungen,
ihn jetzt noch mehr aufregte, als die Tage, die er einsam mit sich in Luft und
Raum, im Blätterwirbel der Landstrasse, seinen Weg herangekommen.
    Einhart war wirklich bewegt, wie er endlich die Tür der alten Konditorei
aufgetan. Der alte Lampenputzerstab lehnte noch immer in der Ecke im Vorzimmer.
In der Mitte des Hauptzimmers an einem Rundtisch sass noch immer ein junger,
vornehmer Krüppel mit verbildeten Händen und Füssen und starrte unverwandt, die
wulstigen, glühen Lippen hängend, auf die Beinfiguren des Brettes. Einhart hatte
diesen Menschen in seiner Akademiezeit Tag um Tag so beim Schachspiel gesehen.
Wie die Punschtorte, die je und je täglich neu, von welchen Händen immer, an die
alte Stelle geschoben wurde, so humpelte dieses junge Dreibein stets zur
bestimmten Stunde an seine Statt.
    Auch derselbe Alte war es noch, der ihm gegenüber vertieft auf das
gefelderte Brett herniedersah.
    In der Künstlerstube waren einige fremde Gesichter. Alle sahen Einhart mit
Rückhaltung an. Einmal schon, weil er selber jetzt heimlich Fragen tat für sich
um all des seltsamen Eines mit früher, und um dessen, was hier sich damals zum
Höheren verwandeln gewollt. Kam er denn noch als Einhart Selle? Als einer dieser
jungen Prahlhänse, die jetzt wieder im Kreise um ihn sassen? Kam er denn noch, um
es mit Worten zu erstreiten? Kam er denn noch um den hellen Tag mühselig vor
irgend einem Modell in der Obhut Meister Teodors zu sitzen? Oder sich Professor
Soukoups Kunstabsichten zur vermeintlichen Erlösung der ganzen Menschheit
anzuhören zum hundertsten und wieder hundertsten Male? Kam er denn überhaupt
noch als einer, der sich um irgend etwas draussen, um etwas Fremdes und
Herzugetragenes an Kunst mühen wollte, um dann im Cafee und auf der Strasse oder
im engen Stubenschlitze zu lumpen und zu leben, was man so leben nennt? War er
nicht erfüllt jetzt neu von verheissenden, beglückenden Bildern? War er nicht
gekommen gerade nur, um jetzt zu versuchen mit aller Strenge, endlich ein Bild
d.h. ein Abbild zu malen dessen, was sein Sinnen und Leben gewesen, und was
nicht anders volle Gestalt gewann, als indem er es vor aller Leute Blicke
hinschreiben würde mit ganzer leibhaftiger Allgewalt?
    Fragwürdig sah er aus? Nun gewiss. Die Stiefel waren vom Wege mehr als
abgetreten. Das alles fühlte er wohl in achtloser Empfindung.
    Er war sehr freundwillig in den Kreis an den Rundtisch herangetreten, sanft
grüssend und mit verlegener Scheu. Neue Gesichter machten ihn immer schüchtern.
Obwohl ihm alle die Hand hin streckten.
    Auch die Fremden kannten ihn längst.
    Man hatte bei seinem Eintreten gleich heimlich Selles Namen herumgegeben.
Alle sahen mit innerem Prüfen das eigengeartete Zigeunerwesen Einharts und sein
jetzt wirklich ob all des neuen Alten einfältiges, zurückhaltendes Lächeln.
    Einhart war auch geradezu überwältigt. Er hatte eine unglaublich fein
ausschwingende Seele. Nicht nur sehr matt hatte ihn das lange Wandern gemacht,
dass er erschöpft in den Lehnstuhl sank, den man ihm instinktiv frei gemacht,
gerade ein Unbekannter, der garnicht gewusst, dass Einhart dort immer zu tronen
gepflegt. Einhart war durchkreuzt von Erinnerungen und garnicht fähig, etwas zu
sagen. Es war also richtig eine Stille entstanden.
    Natürlich besann man sich allmählich und redete in dem Abgebrochenen zögernd
weiter. Da hörte Einhart, wie auch der alte Geist von einst noch immer umging.
Es kamen dieselben Worte aus dem Blute auf, wie ehedem. Ganz als ob in diesem
engen Halbdunkel mit der dumpfen Luft, die mit Vanillensüsse und Staub und
Rauchgeruch geschwängert, derselbe unsichtbare Geist eingesperrt sässe, jede
Lippe neu zu bewegen in derselben Melodie. Und der Kampf um Topf und Teller der
Kunst begann zu Einharts Staunen wie einst scharf zu werden, ohne dass die
erhitzen Grosssprecher je merkten, was Einhart jetzt wusste, dass noch immer der
Braten vergessen oder manchem auch unversehens heruntergefallen.
    Einhart lachte dann nicht mehr. Er sagte nur, dass er weit her käme und zu
Fuss. Die fremden Gesichter behielten ihn immer heimlich im Auge. Erst wie
Grottfuss kam, in vollendeter Vornehmheit mit Gamaschen über den Stiefeln, mit
einem Zylinder auf dem blonden Haupte, mit künstlicher Achtlosigkeit im Blick,
gab es ein lautes Lärmen und ein freies Grosstun der Freundschaft aus ihm, dass
die andern stummer und stummer wurden, je mehr Grottfuss mit Einhart vertraulich
redete.
    Grottfuss sah stets sehr geistig und fein aus, gegen Einharts alte, dunkle
Verwahrlosung wirklich recht abstechend. Ausserdem war Grottfuss schon mit
Erfolgen tätig gewesen. Er hatte einige Bilder verkauft und wusste, dass er im
Frühling sich würde an einer Wand der Ausstellung breitmachen können. Er hatte
eine reiche Familie gefunden, deren eine halbreife Tochter sich in ihn verliebt
hatte, die er malte und in Ton bildete. Er war ganz von oben ein sehr gewandter
Mann geworden.
    In der Konditorei behandelte man ihn mit mehr als gewöhnlicher Achtung. Wie
er hörte, dass Einhart mittellos ankäme, gab er ihm gleich ein Goldstück aus der
Westentasche. Er tat kaum, als wenn er es gross bemerkte. Er erzählte dabei auch,
weil sie jetzt ganz allein beieinander sassen, dass er der glücklichste Mensch von
der Welt wäre. Er hätte sich mit Margit verlobt, sagte er.
    »Verlobt«, das klang Einhart unglaublich unbekannt. Er hatte immer nur so
unbestimmt gedacht, dass seine Mutter sich einst verlobt hätte mit Herrn
Geheimrat. Und dass wohl auch die Geheimratstöchter sich verloben würden.
Gewissermassen, als wenn man ein Zensurbuch da erst unterbreiten oder ein
Dokument, das man abgab, vorher müsste stempeln lassen.
    Dass ein Künstler sich je an so etwas entzücken könnte, war ihm bisher nicht
in den Sinn gekommen.
    Ausserdem war Einhart wie ein spröder Stein noch immer zu den Feingefühlen
der Liebe. Es war noch immer, wie wenn er ergriffe, ohne zu begehren. Die Dirnen
liefen ihm zu. Gewöhnlich mehr amüsiert und belustigt war er, als in jäher
Erregung. Das musste sein Blut sein.
    Aber Grottfuss war in hellem Entusiasmus. Margit hiess sie also. Öffentlich
sollte es erst werden. Ein ganz feines, blondes Mädchen. Er brachte
Photographien. Und allerlei, was er von ihr bei sich trug, zeigte er. Einen
breiten Ring trug er von ihr. Er war gleich in einer sinnlosen Anpreisung all
ihrer Tugenden und Schönheiten.
    »Du hast sie also schon einmal gemalt?« sagte Einhart.
    »Natürlich, in allen Façons,« sagte Grottfuss.
    »Ich brauche auch ein nacktes Weib, die ich gern als Sünderin malte gegen
Christus«, sagte Einhart.
    »Nein, bitte, Selle!« sagte Grottfuss ganz piquiert, »bitte, werde nicht
zynisch! entweihe mir nicht meine heiligsten Gefühle!« sagte Grottfuss mit
Vollklang, der das profane Modellsitzen mit Einharts Ernst und Drange
verwechselte.
    Einhart tat es gleich leid, dass Grottfuss gekränkt war, weil Grottfuss ihm
dann auch Nachtquartier anbot in seinem Atelier und ihm überhaupt für das erste
in allem wollte behilflich sein.
    So ging der Abend hin, in einer gewissen Neugier heimlich in Einhart, und
offen in einer recht freien Hingabe vonseiten Grottfusses, der immer nur wieder
auf das Glück zurücklenkte, das er in der Liebe gefunden. Bis sie betrunken
heimschwankten in Halbgedanken und lustigen Bildern.
    Einhart hatte sich völlig übernommen. Er hatte ewig sein Glas Sekt erhoben,
auf die blonde Braut zu trinken. Er hatte den allertollsten Philosophien
Ausdruck gegeben, mit seinen spitzen Augen blitzend, wo der Mund schon kaum
reden konnte, und mit Weisetun und Einfältigaussehen. Arm in Arm mit Grottfuss
ging Einhart durch die Strassen und stiess seine Worte heraus.
    »Nämlich die Kunst - - nämlich die Kunst - - Grottfuss! komm einmal her!
bleib einmal stille stehn im Lichte dieser Laterne!« sagte er, sich gewichtig
zusammenraffend, »ich werde jetzt eine tiefe Weisheit reden: nämlich die Kunst,«
sagte Einhart, »ist nichts, als die Liebe des Menschen. Und du hast sie
gefunden. Aber ich hab sie auch gefunden. Wir beide haben das Kleinod gefunden,
Grottfuss! Aber du wirst zeitig genug damit fertig werden. Und ich werde euch
allen erst zeigen, wie und was Kunst ist! - Grottfuss!« - - »Grottfuss!« rief er
immer von neuem: »Ich werde deine Braut als Sünderin malen vor Christus!«
    Einhart lag in Grottfuss' Atelier einsam im Dunkel halbentkleidet auf einem
Liegesofa und murrte es immer noch vor sich hin. Grottfuss war längst
heimgeschwankt in die Wohnung der Mutter, wo er jetzt noch wohnte.
 
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Das Leben in der Stadt begann wieder, aber doch mit ganz anderer Art und
Aussicht, als es früher gewesen. Schon weil Einhart jetzt die Akademiekneipe
fast ganz mied. Es war ihm einfach zuwider, sich leeres Geschwätz anzuhören,
jenen verdünnten Widerhall der weisen Akademielehren, die ihm noch dazu in der
Erinnerung mit dem faden Geruch alter Süssigkeiten gemischt erschienen.
    Einhart dachte auch gar nicht daran einen seiner alten Lehrer zu besuchen.
Auch Professor Soukoup nicht. Gelehrtes, nur mit Worten ergreifendes Wissen und
Wesen der Kunst lag ganz hinter ihm. Er war darüber klar geworden, dass die
Hochmomente des wirklichen Erlebens sich anfangs wie kleine, feine Sterne vor
die Schau und Sinne stellen, genau und genauer besehen Keime Licht, die zu
einigen Bildern und vollen Gleichnissen des eigenen Ganges und Schicksals
aufwachsen. Dass es schliesslich in Klängen oder Farben oder Ideen dann und wann
etwas gibt, was wie ein Glück, wie ein Geschenk aus der Seele springt, geeint
wie ein geschliffener Stein, unmittelbar und klar dem schauenden Wesen, ein
Unvergessliches an Gestalt und Gehalt.
    Wer könnte es greifen, als der Träumer, der ganz dem Wachstum jener
heimlichen Funken ergeben hin starrt und hinstaunt? und wer könnte es weiter
geben, als nur der in Klang oder Farbe die Weise findet, die dann draussen
klingt, was innen und ungeboren und verhüllt war.
    Einhart war den Jahren nach jetzt ein junger Mann. Er war gegen
vierundzwanzig Jahr und machte sich jetzt ziemlich bestimmte Verheissung dessen,
was er aus seiner Seele als der einzigen Lebensquelle schöpfen wollte.
    Am ersten Morgen, als Einhart in Grottfuss' Atelier aufgewacht war, hatte er
sich nicht lange umgeblickt. Er hätte am liebsten gleich das Tintenfass vom
Tische genommen, um es nach diesem ganzen Unvermögen auszuspritzen. Grottfuss war
offenbar völlig bergab gegangen. Er hatte allerlei kopiert. Aber wo er
versuchte, einen eigenen Fischzug aus dem Meere des noch Ungedeuteten selber zu
tun, geriet es ins Meister Teodorische, wurden es blöde Zusammenstellungen von
sehr bekannten Dingen in sehr bekanntem Singen.
    Einhart war gleich an dem Tage neben Grottfuss hergegangen wie ein heimlich
Anfragender. Einen Witz hatte Einhart gemacht, wie Grottfuss eintrat, aber ins
Ungewisse nur. Er hatte sonst nichts geredet weiter. Er glaubte im Punkte der
ersehnten Lebensverkündigung aus Grottfuss etwas wie einen spöttischen Wehmutston
von Verzicht gleich heraus zu hören.
    »Nun bin ich nur begierig,« hatte Grottfuss gesagt, »wohin du geraten bist?
ob du zum blühen bringst, was du uns immer verheissen?« lachte er ein wenig
sonderlich.
    »Was?« fragte Einhart.
    »Ja, mein lieber Freund Selle, in den Jahren damals machten wir alle grosse
Worte. Du suchtest immer nach der Wunderblume.«
    »Ja, du! Ich habe seit lange mit niemand gross davon reden können und hab
also keinen Namen für die Sache mehr gebraucht. Aber den Drang, den kenne ich
noch besser, wie damals. Mir ist überhaupt ganz klar geworden, worauf es
ankommt. Dass es nur darauf ankommt, etwas zu malen, was nur ich malen kann, was
meine eigenen, persönlichsten Sehnsuchten stillt. Freilich muss man eigene,
höchst eigene Sehnsuchten wirklich haben. Ich habe sie. Ich bin jetzt dahinter
gekommen,« sagte Einhart mit aller Strenge.
    Einhart war dahinter. Das sah Grottfuss bald, als er Einhart vor seinen
Leinwanden sah. Die Malweisen allein regten Grottfuss auf. Die ganze Zeit, die er
bei Einhart stand, grübelte er. Was hatte Einhart nicht alles entworfen gleich
in den ersten Tagen: Tänzerinnen, eine Hochzeit zu Kana, Jesus im Tempel, die
Ehebrecherin. Und alles sonderlich. Einstweilen nur gezeichnet, aber streng auf
Wesen und Ereignis drängend. Wenn auch Einhart dann mit der Farbe und seinem
Experimentieren in Leim und allerhand manchmal nicht weiter kam, und es mit
manchem dieser Entwürfe eines Tages zu hapern anfing.
    Jedesmal wenn Grottfuss bei Einhart gewesen, ging er mit zernagter Miene von
dannen, weil er aus Einharts Arbeitsraum den Atem von etwas mit forttrug, das
wie Blumen oder Bäume mit starkem Eigensinn aus sich aufwuchs.
    Denn wo Einhart ging und stand, sann er sich jetzt in die Typen der Menschen
hinein. An Ecken und Enden der Strassen und Plätze und in den Lokalen kannte er
Mienen und Geberden und all die Stimmungen und Ereignisse. Sein Blick war
fremdartig und sicher, weil er etwas darin jetzt besass, was wie Härte von
Steinen stach. Er hatte etwas Blinzelndes und Souveränes, wenn er so innerlich
suchte. Er sah jeden Menschen darauf an, ob er ihm zu einem Bilde dienen könnte,
zu einem Jünger aus Emmaus oder zu einem Fischer am See oder zu Jairi
Töchterlein oder gar zu dem bleichen, sanften Gottessohne selber?
    Und Einhart sass jetzt wieder bald wirklich fest und zeichnete und malte. Er
brachte dazu eine Achtlosigkeit des Lebens, dass man einfach nicht begriff, wie
es möglich war so auszukommen. Er rührte sich buchstäblich Tage und Wochen nicht
aus seinen Wänden. Er ass ein Stück Brotrinde und trank Kaffee tagelang. Er mühte
sich. Er zeichnete mit peinlicher Sorgfalt seine Entwürfe und begann dann mit
neuartigen Grundierungen, versuchte allerlei Mittel der Alten und rang zu dem
leuchtensten Ausdruck in Farben durchzudringen.
 
                                       6
In einer Vorstadt unter alten, mächtigen Kastanien, die jetzt kahl standen, und
die der Westwind mit nassen Flocken bestrich, lag eine Villa wie ein grosser,
marmorner Würfel mit weissen Fächertreppen in den Garten nieder und mit weissen
Statuen oben an den Zinnen gegen den Himmel. Rings schlief ein fein gepflegter
Garten, der im Sommer wie ein erlesenes Bukett erblühte, in dessen
Schattengängen dann eine melancholische, sehnsüchtige, bleiche Dame wandelte,
oder zwei Kinder von etwa zehn Jahren, ein blonder Knabe und ein rotbraunes
Mädchen sich jagten, oder wo Fräulein Margit, die älteste Tochter des Hauses, in
einer Laube, von blauen Glycinen umsponnen, manchmal sass und schrieb.
    An dem hohen, eisenblumigen Gittertor, das jetzt von Nassschnee triefte und
einsam lag, las man in goldnen Buchstaben den Namen: »Rehorst«.
    Herr Rehorst war einer der grössten Fabrikanten der Stadt. Sein Vermögen galt
als ungeheuer und war in diesen Jahren derart im Wachsen, dass er nichts scheute,
was den Träumen seiner leidenschaftlichen und tiefsinnigen Frau irgend konnte zu
Licht und Leben verhelfen.
    Frau Rehorst kannte in dieser Welt keinerlei Dinge mehr, an die sich ihr Fuss
hätte stossen können. Nichts, was je ihr Auge beleidigte oder ihren Sinn
verletzte, oder von dem sie auch nur von Ferne erwogen, dass es unerfüllbare
Wünsche wären.
    Wenn man eintrat, auch jetzt in der nasskalten Zeit, duftete die warme,
teppichweiche Vorhalle nach fremden, wunderbaren Blumen. In die Dämmerung des
Raumes, der von oben seitlich ringsum Licht erhielt, fielen bunte Scheine durch
die blauen Lünetten der Wölbung, und die Wandflächen hielten in kühlen, blauen
Tönen schimmernde Gemälde. Die Innenräume waren weit wie Säle, tief einsilbig,
da und dort in Nische oder Erker mit einer Statue versehen. Der Hauptton von dem
einzigen, grossen Meistergemälde der Mittelwand gleich im ersten Zimmer stimmte
ein in die blassorangenen Seidenbezüge der Wandflächen, und gegen ein mächtiges
Mittelfenster stand eine reiche, helle Marmorgruppe als wundersames
Schattenspiel.
    Man wandelte hin in Duft und Stille. Man sah auf Ecktischen einsame
Blumenkelche in Vasen, und in der Ferne durch hohe Türen leuchteten von den
Wänden neue Farbenakkorde mit stillen Seen in Buschwerk, wo Liebende wandeln.
Alles lud wie eine Traumstätte ein, weil aus halberschlossenen Räumen ohne
rechte Begrenzung Träume einen grüssten.
    Hier ging Frau Rehorst um, eine schlanke, schöne Frau, still und verhärmt,
mit tausend Träumen zur Beglückung der vielen, die Gott nicht beglücken konnte,
und sie war oft achtlos gegen Margit und gegen ihre beiden jüngeren Kinder.
    Alle drei Kinder hingen an der Mutter aussermassen. Alle sahen sie mit
Entzücken in ihren wallenden, langen Falbelkleidern herschweben in Hoheit. Alle
hörten mit Hingabe den weichen Schattenklang ihrer Rede. Alle wussten, dass sie
der Geist des Hauses war mit ihrer ungestillten Sehnsucht nach hohen Dingen.
    Sie war grossen, dunklen Gesichts, voll feiner Schmäle, langsam und sicher in
ihrer beseelten Bewegung, heftig, aber ganz verhalten. Immer beschäftigt, den
Wohlfahrtseinrichtungen der grossen Rehorstschen Unternehmungen einen edlen Sinn
und eine wahrhaft menschliche Belebung zu geben, kamen die Kinder ihr nicht
immer zu passe, vornehmlich, weil in einem jeden auch der Vatergeist mit tätiger
Achtlosigkeit lebte, der im Tun ganz Freude sah, ohne immer gleich nach der Höhe
und nach letzten Zielen zu fragen.
    Nun in Margit ganz und gar. Margit war sehr nach dem Vater.
    Deshalb hatte es Frau Rehorst auch gern gesehen, dass Grottfuss sich Margit
gewählt. Denn ausser ihren inbrünstig ausfüllenden, sozialen Pflichten kannte
Frau Rehorst nichts Lieberes, als die Künste. Mit sehnsüchtig feiner Sammlung
trat sie meist allein unter die neuen Bilder der Frühlingsausstellung und sann
sich in die Seele einer Landschaft, wie in eigene, dumpfe, oder lachende
Akkorde, und ermass aufs Kennerischste Tongebung und Pinselstrich, verhaltenes
Hoffen und Drängen oder rohe, kalte Erkenntnis der Dinge, die aus Farben zu ihr
sprechen konnte. Sie war es gewesen, die an einem Grottfussschen Bilde, das im
Frühling mit zur Schau kam, ein besonderes Gefallen gefunden, und die Grottfuss
deshalb persönlich zu sehen und zu sprechen gewünscht.
    Einhart war nun auch in den Bannkreis von Frau Rehorst eingetreten. Grottfuss
hatte es veranlasst. Margit hatte ihn ausdrücklich aufgefordert. Ein paarmal
äusserst launig und lustig, wie sie es konnte. Und Einhart war in der schlichten
Ärmlichkeit gekommen, die er selber kaum beachtete. Es war ihm alles ein sehr
neuer Eindruck. Schon das Eintreten ins Haus machte ihn zögern und um sich
blicken. Er erinnerte sich dunkel ein solches Gefühl der Stille und
Abgeschiedenheit einmal empfunden zu haben, als er in eine leere Kirche
hineingesprungen, die gerade offen war, um jemandes Blicken auszuweichen. Den
Diener, der das Eisentor geöffnet hatte, hatte Einhart feierlich mit Hutabnehmen
gegrüsst und war schüchtern, wie ein Knabe.
    Und wie dann ein ganzer Kreis Menschen unter den vielen Kronen aus Glitzern
und Flammen schwankte, und Margit ihn zu Frau Rehorst geführt, hatte Einhart in
vollendeter Einfalt gelächelt.
    Es war eine richtige, grosse Gesellschaft. Grottfuss benahm sich wie ein Herr.
Grottfuss hatte sich wie ein Weltmann in Smoking geworfen und ging im Hause
herum, als wenn er der Gastgeber wäre. Frau Rehorst behandelte ihn mit aller
Bestimmteit als einen der Ihren. Aber sie war mit ihren sanften, traurigen
Augen auch so lieb und gütig gleich zu Einhart, dass Einhart lange bei ihr stehen
blieb, obwohl er gar nichts zu sagen wusste. Er wusste in diesem Augenblick
wirklich nicht sich zu bewegen. Frau Rehorst musste es ihm sehr zutraulich selber
erst angeben, dass er den jungen Leuten eine Freude machen würde, zu ihnen
zurückzutreten.
    Einhart tat in einiger Verlegenheit, was sie ihm geheissen. Er hatte den Ton
dieser dumpfen Stimme im Ohr und lächelte zu Fräulein Margit hinüber.
    »War das ihre Mutter?« sagte er ganz im Banne und behielt dann Frau Rehorst
immerwährend in seinen Augen.
    »Ach Gott, meine gute Mutter,« sagte Margit mit einem Ton Resignation.
    »Oh!« sagte Einhart nur und lächelte wieder hin.
    Einhart war so einfältig und scheu, wie er seit Jahren nicht gewesen. Und so
bekam er auch eine ganz eigene Empfindsamkeit. Als wenn er auf den heimlichen
Zusammenklang aller derer, die allmählich hier versammelt waren, hören könnte,
und es erhören könnte zu Eins. Allentalben schwebten und schwirrten die jungen
Gesichter. Es waren Freundinnen von Margit geladen. Die heiteren Köpfe der
Mädchen regten sich lustig schwatzend und abwehrend im Geplauder hin und her.
Die Gestalten fein in Spitzen und Seiden und Mousselinen und zartem Fleisch und
vollen Haarzierden leuchtend, die schlanken, jungen Arme in langen Handschuhen.
    Alles erschien Einhart durchaus merkenswert. Die jungen Männer waren meist
im Frack. Sie schwänzten sehr dienstfertig herum, noch ehe getanzt wurde.
Einhart kannte einige.
    Auch Professor Soukoup und Meister Teodor kamen. Beides war Einhart sehr
unangenehm plötzlich. Er glaubte schliesslich gar, er hätte etwas versehen. Ein
jeder würde sich mit Leidenschaft an früher erinnern. Von Meister Teodor war das
anzunehmen. Besuchen konnte Einhart den in keinem Falle. Aber dass er Professor
Soukoup nicht besucht hatte, fiel ihm jetzt auf die Seele.
    »Wie ein Freund ist er zu mir gewesen,« dachte Einhart, »und es ist
unverantwortlich von mir ...«
    Aber wie er dann neben Professor Soukoup zu stehen kam, dass der ihn sehen
musste, und neben Meister Teodor, war es ein gleichgültiges, fliehendes Erkennen,
und nichts. Als wenn er den Herren verhallt wäre, wie sie ihm, dachte er und
lachte er.
    Einhart begriff zum ersten Male, was ihm beim Gruss seines Klassenlehrers bei
seiner ersten Heimkehr schon hätte in den Sinn kommen müssen, dass es eine
Zutraulichkeit gibt, die die Seele zu jedem Dinge hat, also dass sie der
persönlichen Seele, die sie sich gern zugute schriebe, gar nicht gegolten.
Solche Zutraulichkeit hat keine Erinnerung. Die persönliche Seele, die gern nach
der alten Stätte fragt, findet dort keine Spur. In Einhart ging solch stilles
Sinnen vorüber, wie ein heiteres Gefühl.
    Und er fand in diesem Gefühle einen Halt, dass er sich ein wenig freier unter
den Anwesenden zu bewegen begann.
    Man machte eine Zeitlang Musik. Eine junge Frau sang Lieder. Ein alter,
beweglicher Herr mit weissem, vollen Haarschopf und mehreren Orden spielte einige
verwickelte Klavierstücke. Einhart, der sich von den Tönen ganz umspinnen
gelassen, hatte sich in eine Ecke gesetzt und kam sich in dem Trubel der Töne
wirklich lange wie ertrunken vor. Er erwachte rein neu, als wenn er in eine
sonderbare Art gegenstandslosen Kampfes hineingefallen, darin gebannt und
gerüttelt worden und nun wieder zu sich käme.
    Alles war ihm neu.
    Die grossartigen Darbietungen rühmte er in übertriebenen Worten zu Margit.
Und zu Grottfuss, der ihm gegenüber bei allem immer so tat, als wenn er diesen
ganzen Hochton in den Darbietungen eitel selber hervorgebracht.
    Grottfuss stand den ganzen Abend mit selbstsicherer Geste. Margit war
kindlich beglückt, sinnlich und lustig. Sie wendete sich oft zu Einhart. Auch
die anderen Freundinnen versuchten mit Einhart zu sprechen. Auch einige der
geladenen Künstler. Alle hatten schliesslich nach ihm gefragt. Er, der wie ein
dürftiger Jüngling, so alt er nun schon war, in der Ecke sich hielt, und den
fetten Haarsträhn in der späteren Stunde längst in der Stirn hatte, wie ein
richtiger Zigeuner.
    Und dessen Augen nun noch schärferblickend und suchend geworden, wenn ihn
nicht eine Anrede zu einfältiger Freundlichkeit zurückrief.
    Die Erscheinung von Frau Rehorst begann Einhart zu quälen und nicht
loszulassen. Er überraschte sich selber viele Male am Abend, wie seine Augen
ganz in der schlanken, still und bestimmt belebenden Rätselgestalt dieser Herrin
ruhten und suchten.
    Er hatte auch Herrn Rehorst gesehen. Herr Rehorst war fast so scheu, wie er.
Ein kleiner Mann mit einfacher Rede. Ein ganz schlichter Mensch, der in die
Räume voll Bilder, Duft, Statuen, Mädchen- und Künstlerköpfen, in den Rausch und
Zusammenklang der Künste schüchtern eintrat und sich zurückhaltend bewegte. Von
ihm hörte er keinen Grundton ausgehen. »Dieser Herr wird draussen in seinen
lärmenden Werken unter seinen tausend Arbeitsmännern ein sicherer Brot- und
Ordnunggeber sein, und hier weiss er nichts zu tun, als sich nicht zu fühlen,« so
dachte es Einhart.
    Aber wie ein starker, voller Akkord klang ihm allmählig durch alles durch
diese seltsame, melancholisch bleiche, dunkle, hoheitsvolle Frau, die in dem
Durchfluten und Durchbluten der Räume und der Menschen mit Zutraulichkeit
zueinander den Sinn und Atem zu geben schien, also dass es Einhart fast jetzt mit
Zwange dünkte, als wenn heimlich nur von ihr das Leben, Lachen, Bewegen und
Umwirbeln, aber auch ein geheimes Wehen von Nichtigem und von Trauer und vom
Verhall und Verfall und Nichtsein der Dinge in aller Augenglanz ausginge.
    Einhart war jetzt angefüllt mit fast schmerzhafter Gier, nur Frau Rehorst
zuzusehen und zuzuhorchen, ganz nur von ferne, und ohne dass es jemand bemerken
konnte, weil er jedem Zuspruch immer mit kindlichem Lächeln begegnete.
    Wie Einhart auf dem Heimwege mit Grottfuss ging, und der immer nur in die
Sterne schwärmte nach Margit, weil er auch genug Bowle hinuntergegossen, redete
Einhart dunkles Gerede von Schicksalsfrauen, die ein Leben geben und Lebensfäden
in Paradiese spinnen, und die auch Lebensfäden abschneiden.
 
                                       7
Der Wind blies eine Husche Schnee eiskalt zum Fenster herein, als Einhart in
sein Atelier trat, wo hinter einem Wandschirm sein Bett stand. Die Aufwärterin
hatte es aus Vergesslichkeit offen gelassen. Obwohl Einhart es im Unwillen zuwarf
und die Gardinenlumpen noch zu Seiten einklemmte, war die Luft nicht zu atmen,
und der Dampf ging aus seinem Munde wie den Stieren des Jason der Feueratem.
    Einhart war in einer ihm fremden Erregung. Der ganze Abend bei Rehorsts ging
ihm im Blute um. Die Lieder, die er gehört, kamen in Fetzen wieder und leierten
sich ab. Er ertappte sich immer auf einer Melodie, die er sich dann erinnerte,
ewig im Geiste gesummt zu haben. Und fortwährend sah er Gesichter huschen. Wen
nicht alles? Er hatte sich eine Zigarette angebrannt und das kleine
Kerzenflämmchen flackerte im einsamen Dunkelraume und beleuchtete schemenhaft
einige Lackflaschen und die Dachsparren und den Fensterschlitz. Einhart hatte
sich in Hut und Mantel, wie er war, in einen Stuhl geworfen und sann dem Abend
bei Rehorsts nach, indessen in neckischen Prozessionen bald das, bald jenes,
bunt oder wie aussetzende Weisen, deren Takt allein übrig bleibt, in ihm
hineilten. Es war ein Spiel der inneren Traumgeberden, müde und übermässig
erregt, wie ihn die guten Speisen und der feine Wein, und zum Schluss viele
Tassen des in kleinen Schalen präsentierten Kaffees zurückgelassen.
    Einhart war bleich im Gesicht, und die Augen lagen glänzend und gross und wie
geisterhaft erfüllt in den mageren, fast geschwundenen Zügen. Die Kälte des
Dachraumes war so arg, dass die Balken knackten und Einharts Sinnen ein paarmal
zerrissen.
    Aber Einhart konnte nicht von der Stelle. Er mochte keine Hand rühren. Er
war wie gelähmt. Das war ganz Einhart. Er trug seine ganze Seele und sein
lächerliches Sein und Wesen jetzt wie auf einer heimlichen Tafel vor sich hin.
    Da kamen Einhart Selle und Grottfuss gerade ins Haus. »Diese beiden komischen
Knaben,« dachte Einhart und sah sie eben im Hausflur bei Rehorsts vom Diener
bedient. Und er hörte gar nicht auf zu knicksen, dieser ergebene Herr Einhart,
der sogar vor einem Diener fortwährend seinen Hut bis auf die Erde riss ... wie
ein Hampelmann.
    Wie ein Narrenspiel taumelte und hüpfte er vor sich selber.
    Er lachte in sich so heftig, bis fast zum Weinen, und konnte sich gar nicht
zur Ruhe bringen. Er hätte am liebsten vor Unbehagen plötzlich um sich
geschlagen. Da besann er sich, weil eine unerhörte Stille im Raume herrschte,
und seine Gedanken bekamen eine andere Richtung.
    Eine heisse Welle ging in ihm vom Herzen aus. Sein Gesicht begann zu glühen.
Er sass mit geschlossenen Augen jetzt. Er hatte die ganze Welt um sich vergessen,
obwohl er wach war, und neue Erinnerungen in seinem Kopfe ihr Wesen trieben.
Das, was ihn jetzt anwandelte, gewann für ihn selbst keine Klarheit. Es war eine
hohe Dame zu ihm getreten. Er musste ewig hinlauschen. Der Mund dieser Dame war
feinbogig mit einem kleinen Spitzchen, und die Oberlippe war wie ein Flaum.
Dieser Mund däuchte ihm zart, wie ein Blatt. Auf diesen Mund musste er
fortwährend hinstarren. Es gingen Worte und ging sanftes Zutrauen aus diesem
Munde. Aber es kamen gar keine Töne. Er hungerte fast. Es quälte ihn. Der ganze,
schöne, volle Kopf schwamm allein wie in einer fernen Welt. Der Kopf sah traurig
aus. Er hatte etwas Erhabenes. Dunkle Scheitel umhingen ihn. Dunkle Agraffen
lagen auf den Scheiteln. Es hingen Perlen über den Agraffen und blitzende
Tropfen. Und auch die Augen schienen Tränen zu weinen, die blinkten. Ganze
Kettchen Tränen oder Perlen hingen irgendwo. Der Kopf war ihm, wie das Gesicht
auf dem Schweisstüchlein der heiligen Veronika. Die Augen sahen ihn mit einer
Frage an. Wie ein Dolchstoss ein Strahl daraus.
    Und Einharts Seele lag offen wie in Blut und Flammen. Er empfand ein
seltsames Gefühl, als wenn seine Pulse jagten und jagten. Der Kopf im Raume
ragte immer kleiner und immer ferner. Wie eine ferne, süsse Weise schien er
hinzuschweben. Wie eine nie erhörte Sehnsucht schien er zu rufen. Und Einharts
Herz lag wie ein Blutschwall, den er empfand, als wäre er von einem Dolche
getroffen, und das Leben ginge aus.
    Einhart fühlte jetzt deutlicher, dass das Herz ihm in sinnloser Unruhe pochte
bis in Hals und Hirn.
    Aber er konnte sich gar nicht ermannen.
    Es geriet immer sinnloser. Die Traumgrimassen spielten toller und toller.
Wie im Jagen kamen ganze Reihen Männer und Weiber. Grottfuss im Frack und mit dem
Zylinder im Nacken im Ringelreigen mit Margit. Die Schösse flogen. Die Hände
verschlangen sich. Alle nickten und warfen die Beine wie eine Bachantenschar,
Frau Rehorst umrasend, die wie ratlos in der Mitte stand: in langen, fliessenden
Gewändern priesterlich opfernd.
    Und Flammen schlugen empor und schlugen empor, immer höher und immer
rasender umtollt. Meister Teodor lachte und schrie in die Welt mit grossem,
offenen Munde. Und Meister Soukoup schrie in die Welt. Die Münder waren Höhlen
geworden. Die Flammen erfüllten alles. Die Menschen waren in Rauch und Flammen.
In der Ferne schwand, wie eine Seele hinter Flammen und lohenden Bränden, die
weisse, stille Priesterin und lächelte zu Einhart und lächelte und regte die
sanfte Hand mit zärtlicher Geberde. Und ging dann hin in Rauch und Nebel,
sausend, stumm - leise - schwebend - einzig-fern - ahnend - wie Flammen singen -
schmerzlich - zerwehend die Jagd und den Wirbel, der gegenstandslos wurde. Dass
nur eine quälende, nagende Empfindung wie ein brennender Durst Einhart endlich
aus seinen Träumen auftrieb.
    Er nahm die Lippen zusammen. Er nahm die Mantelfalten zusammen. Er öffnete
endlich die Augen. Er sah, dass der Morgen zum Fenster hereinschien, blaudunkel
und kalt. Dass der Himmel sich gelichtet. Da besann er sich, trank Wasser aus dem
Waschkrug, der halbvoll am Boden stand und suchte nach Holzspänen, um Feuer im
Eisenofen anzuzünden. Dann brannte es und krachte es bald. Die Nacht war mit
ihrem sinnlosen Gespensterreigen im Nüchternen ertrunken. Einhart ging ohne sich
zu besinnen an seine Arbeit.
 
                                       8
Einhart hatte sich tagelang eingeschlossen und allen Versuchen, an seiner Tür zu
rütteln und Einlass zu gewinnen, hatte er ein unaufweckbares Schweigen
entgegengesetzt, dass es ihm gelungen war, leidenschaftlich in die Arbeit zu
versinken. Auch Grottfuss hatte vor Einharts Tür gestanden. Aber gerade Grottfuss
wäre er am wenigsten geneigt gewesen, Einlass zu gewähren. Auch wenn er mit
Margit gekommen. Einhart hatte sich hinter seiner Tür nicht geregt. Er hatte
nicht daran gedacht, zu öffnen. Grottfuss hatte schliesslich mit ein paar sinnlos
derben Schlägen an die Täfelung der Tür geschlagen und war mit Flüchen die
Treppe hinuntergegangen, im Zorn die Beine nicht hebend und recht achtlos
hinabpolternd.
    Einhart stand und malte. Er hatte die Tafeln zur heiligen Geschichte einfach
an dem Morgen nach der Gesellschaft bei Rehorsts beiseite geschoben. Ihn
beherrschten jetzt andere Dinge. Der Abend hatte ihn in einer unbestimmten
Aufregung zurückgelassen. Die Aufregung war noch nach Tagen nicht gewichen. Er
hatte gleich am Morgen Skizzen zu einem grossen Bilde zu machen versucht.
    Wie in allem bei Einhart, lief Traum und Wirklichkeit zusammen im Werke. Und
seltsam auch, dass sich die Träume, die sich in langen Verwebungen immer um
irgendein Frauenbild gesponnen gleich in der ersten Nacht, sich in den Nächten
nach der Arbeit in allerlei sinnlosen Varianten wiederholten. Es war Einhart
klar geworden, dass es immer Frau Rehorst war. Etwas wie die freie, schwermütige,
edle Hüterin im Reigen stand überall auch in seinen Skizzen auf. Wachen und
Traum ging durchaus ineinander.
    In Einhart waren auch allerlei Gefühle wie Peinigungen aufgewacht. Das war,
weil er nie im Leben bisher in solche festliche Schönheit eingetreten, wie sie
ihn bei Rehorsts umgeben. Auch nie unter eine solche Fülle eigentümlicher
Unterschiede und Gegensätze der Menschen. Er musste aus der widerstreitenden,
chaotischen Menge, die man eine Gesellschaft hiess, den Faden finden, um endlich
wieder zu sich zu kommen. So malte er.
    Und er hatte nach seinen Skizzen eine grosse Tafel gleich begonnen. Es wäre
ihm einfach wie der Tod seiner Ideen erschienen, wenn jetzt ein profanes Auge
Aufklärung über das verlangt, was auf seine Leinwand kam. Der Gedanke, dass er
auch nur einem dieser Köpfe sollte ein Etikette ankleben, war ihm wie ein
Schmerz. Aber seltsamer noch, wie Einhart beim Malen erst sozusagen hinter das
Leben kam, was sich dort im reichen Hause und unter all den gleichgültigen oder
jungheiteren Menschen abgespielt.
    Da begriff er immer neu, dass man über das Leben viel träumen müsse, um es
ganz zu umfassen und aufzusaugen. Da ging es wie eine Ahnung in ihm, dass Träume
oft das Licht der Tiefe sind, das sich sanft scheinend über Dinge und Taten
breitet, wie Deutungen, wenn die Anspannungen und Vergewaltigungen der Notdurft
und der Oberfläche schweigen, die wie ein irrer Wind nur zu leicht die Leuchte
wahrer Erkennung verlöschen.
    Da kamen auf die Tafel nun aller Augen mit einem Sonderglanze aus dieser
Erkennung. Jedem Kopfe wusste er seine Laune und heimliche Leidenschaft
einzuhauchen, die ihn in dieser buntbeflitterten Festmenge gebunden hielt. Auf
jeder Lippe schwebte wie ein Lässiges oder Verächtliches oder ein Neidwort oder
ein Wort der Sehnsucht. Auf jeder Gebärde lag eine Müdigkeit oder ein
Sichhinwegheben. Oder man erkannte auch unter den Jungen, wie sie einander
heimlich mit ihren Armen suchten, als wenn sie sich entgegenwüchsen in
jugendlichen Begehrungen.
    Und manche auch, die zuhörten, ohne dass das Fest ihre Seele erhellte, nur
dabei wie von der Strasse geladen, Leute, die kein festlich Gewand der Seele
kannten. Und solche, die Feste nicht begreifen, als nur von ferne, wie einen
schönen Vorklang, der einmal ein wahres Fest einleiten könnte. Weshalb sie jetzt
den einsamen Klang nur voller erlauschen möchten mit ungläubigen Augen.
    Inmitten all dieser standen ihre Augen und stand ihre Sehnsucht und Trauer.
    Ihre Augen waren wie eine grosse, einzige Melodie über den
durcheinanderirrenden Gestalten und Launen, die rings im Festkleide hinwallten.
Diese einzige Melodie einte das ganze grosse Bild, das nun von Einharts
Pinselstrichen aufwachte.
    Und aus der Menge dieser Gestalten und Launen blickte er selber, Einhart
Selle, hin nach jener, die seine Tage und Nächte jetzt in eine heisse
Kunstbegierde erweckte, dass er nicht Ruhe fand.
    Er hatte Tage gemalt und hatte weder recht gegessen, noch getrunken. Ausser
Kaffee, und was er an Resten noch in seinem Schube gefunden. Er sah bleich und
von heiterer Hast verzehrt aus mitten in solcher Leidenschaft des Tuns und der
gänzlichen Versunkenheit.
    Eines Tages wurden Tritte draussen auf der Treppe hörbar, die ihm unbekannt
schienen. Was er sonst nie tat, dass er den Pinsel beiseite legte, und wie in
einer unbestimmten Empfindung von Klarheit lauschend an die Tür trat, das tat er
jetzt. Draussen stand jemand, der sich nicht bekannt hier zu fühlen schien. Die
Bewegungen draussen schienen unentschlossen. Jemand las erst die Karten, die an
einigen Türen der Bodenräume prangten, ehe er an Einharts Tür sich regte.
    Einhart erwachte gleich.
    Es kam ihm jetzt auch gleich so vor, als wenn er diese ganzen Tage nur
darauf gewartet. Der wahnwitzigste Gedanke. Es kam ihm so vor, als wenn er
überhaupt nur um dieses Besuches willen seine Bilder gemalt. Er lauschte. Er
hörte jetzt bestimmt, dass Frauenkleider rauschten und an seiner Tür strichen. Er
dachte auch gar nicht daran, irgendetwas von seinen Malereien und Skizzen
beiseite zu bringen. Auch nicht daran, etwa ewig hinter der Tür zu stehen, zu
schweigen und sich zu verleugnen. Eine wahre Freude, wie in einem Kinde, ging in
Einhart. Es kam ihm plötzlich wie eine Erfüllung vor. Als wenn ihm irgendwo ein
Weihnachtsglück angezündet. Die Augen Einharts hatten hinter der Tür schon sein
zärtlichstes Lächeln. Weil er jetzt auch die Stimme noch hörte. »Also! gut!«
sagte er vor sich hin, als er gar nicht Zeit liess, um nur gleich weit aufzutun.
So dass Frau Rehorst endlich vor ihm stand.
    Wer Einhart kannte, musste wissen, dass er jetzt wie ein sanftes Kind sein
würde. Er nahm Frau Rehorst richtig an der Hand und führte sie in seinen
Arbeitsraum. Frau Rehorst sagte nicht viel mehr, als einen Gruss mit Lächeln und
mit hastigem Atem noch, weil Einhart hoch wohnte. Sie sah wie eine grosse Dame
aus. Das Gesicht hatte dieselbe welke Trauer, die unter dem Lächeln sehr
lieblich dünkte. Der grosse Hut war ähnlich denen, wie er sie von den Schwestern
daheim noch im Sinne hatte. Aber er machte sich jetzt gar nicht lustig.
    »Ich habe hier einmal ein Gruppenbild versucht,« sagte er hastig.
    »Oh ja,« sagte Frau Rehorst und liess sich auf den einzigen Stuhl nieder, der
im ärmlichen Raume stand.
    »Es ist eine Tollheit, die mir durch den Sinn fuhr. Sonst malte ich immer
nur jetzt aus der heiligen Geschichte. Aber mich dünkt aus dem Füllhorn der Zeit
- - -« sagte er etwas gedunsen.
    Frau Rehorst sah alles sehr genau.
    »Ich wollte Sie einmal wieder sehen, und sehen, wie es in Ihrem Herzen
aussieht,« sagte Frau Rehorst, mit den Augen auf dem Bilde.
    Aber sie war dann doch ein wenig still. Dass beide lange auf die Tafel sahen.
    Frau Rehorst trug einen grauen, vollen Pelz in schlanker Façon. Sie sass auf
dem Stuhle in der Mitte des Ateliers, dem grossen Bilde gegenüber. Sie hatte
ihren Hut abgelegt und sass mit den vollen Scheiteln und dem sanften, langen Oval
ihrer bleichen Züge. Ihre Augen schwammen.
    Einhart geriet derart ins Bodenlose, als er sie im Spiegel angesehen, dass er
fast nicht fühlte, wie Minuten hinrasten. Auch Frau Rehorst war in einer
seltsamen Dämmerempfindung.
    »Sie müssen nicht denken, dass ich erschrecke,« sagte sie nur.
    Sie war durch den Anblick nicht ruhiger geworden. Sie erkannte sich sehr
genau und sah in dem Bilde eine ganz eigentümliche Erklärung, wie aus einem
tieferen Leben genommen. Und eine rechte Verklärung. Einhart versuchte einiges
dazu zu sagen. Alles geriet nur wenig. Aber Frau Rehorst begann sich
aufzurichten, warf ihre Stummheit ab, sah Einhart lange bestimmt und freundlich
an und sagte: »Es ist zu viel Hoheit drin. In mir sieht ein wenig anders aus,
was Ihnen so scheinen mag,« sagte sie.
    »Es kommt mir so vor, als wenn Sie mir vielerlei Dinge zu sagen hätten.
Vielerlei Dinge aus meiner Welt und aus Ihrer.«
    »Dünkt es Sie so?« sagte Einhart beglückt lächelnd.
    »Ja, nämlich lachen Sie nur nicht! Aber alle Dinge sind so stumm, und nur
ein Deuter kann sie zum Reden zwingen,« sagte Frau Rehorst, in den Anblick des
Bildes neu versunken.
    »Dann kann es manchmal eine wundervolle Melodie sein, das Leben,« sagte
Einhart, indes er Frau Rehorst verstohlen von der Seite ansah.
    »Und es gibt Menschen, die brauchen nur da zu sein, da sieht man mit ihren
Augen und hört mit ihren Ohren,« sagte Frau Rehorst und sah Einhart mit ein
wenig Schwermut an, vollendete nicht und sah auf die Skizzen, die Einhart aus
Ecken und Winkeln nun vor sie trug, und dann und wann immer wieder auf das grosse
Bild zurück.
    So waren sie lange stumm, Zeichnungen und Entwürfe betrachtend, dann und
wann einmal mit dem Finger hinweisend und dazu lächelnd, oder, wie es Frau
Rehorst tat, ein flüchtiges Urteilswort hinmurmelnd.
    »Seit Sie bei uns waren,« sagte sie endlich. Aber sie vollendete wieder
nicht. Sie lachte Einhart jetzt nur freundlich an. Danach nahm sie ihren Hut,
den sie sich sorgfältig vor dem Spiegel auf ihr volles Scheitelhaar steckte, und
sagte dabei in ganz anderem Tone:
    »Ja, ja! darüber können wir dann reden, wenn wir einmal vertrauter geworden
sind und uns die Worte, die ein jeder redet, noch deutlicher und persönlicher
auf uns selber hinweisen. Einstweilen genügt, dass Sie es wissen.«
    »Was wissen?« fragte Einhart, »meine verehrte Frau Rehorst?« Einhart war
fast wie eingeschüchtert vor ihr.
    »Nun nichts, als dass ich Sie oft bei uns erwarte.«
    Einhart machte ein glückliches Gesicht.
    »Kommen Sie in der Dämmerung, wenn Sie nicht malen können. Kommen Sie, wenn
es Ihnen passt, Herr Selle!« - - - »Herr Einhart Selle!« - - - »Herr Einhart
Selle« sagte sie noch einmal vor sich hin, als wenn sie den Namen schmecken
wollte.
    »Ich habe eben erst Ihren Vornamen gelesen. Also muss ich ihn mir zweimal
sagen,« redete sie launig.
    »Was für eine sehr, sehr feine Anschauung, und ist doch gar nicht unrichtig
gesehen. Also aus unsrer Gesellschaft brachten Sie das mit heim?« sagte sie noch
einmal sinnend auf das Bild gewandt. »Und hatten also eine Erinnerung. Wie schön
mir das däucht!« sagte sie hastig. »Also Sie kommen, Herr Einhart Selle! nicht?«
    Einhart war ganz müde plötzlich, wie sie draussen seine Hand genommen in ihre
weiche, weisse Hand, die noch ohne Handschuh war, und er dann diese zarte Hand
heiss in der seinen gefühlt und sie geküsst hatte, was er noch nie im Leben getan.
 
                                       9
Frau Rehorst lebte ein Leben voll Entsagung. Das kam, weil sie eine Jugend
voller Träume in grossem Reichtum genossen, und nun die Dinge um und um, über die
sie Macht hatte, sich nicht tiefer entüllen wollten, als bis zu ihren
herkömmlichen Zwecken.
    Und dann kam es daher, dass sie jung war, und dass ihre Kinder, insonderheit
Margit, sie vor sich selber alt machten, weil sie mit völlig eigenen Begehrungen
herangewachsen waren, und das Gefühl ihrer Mütterlichkeit immer mehr zu Würde
und Bürde erhoben.
    Aber noch mehr: Frau Rehorst hatte lange im Leben nur so hingelebt,
Erfüllungen hingenommen, und Preise des Lebens genossen, und nirgends war doch
bisher ein Sieg und ein Erringen aus der Fülle und Tiefe gewesen, nirgend auch
aus der eigenen Seele die Feuerflut der wahren Beglückung hervorgebrochen.
Nirgend. Denn weder als Jungkind, noch wie sie ihres Mannes Geliebte gewesen,
hatten sich die Wunder des Lebens ihrem Auge aufgetan. Liebe war ein Rätsel
geblieben. Die Kinder, die diesem Rätsel entreiften, sah sie mit der pflegenden
Sucht der fast leidenden Mutter zu Menschen werden oder in Margit schon
geworden, die von der Mutter Lebensträumen gar nichts wussten.
    Alles umgab sie, dass ihr Fuss sich nie an einen Stein stosse.
    Herr Rehorst war Güte und Rücksicht und liebte die rastlosen Taten ihrer
Fürsorge. Er empfand, als wenn sein Reichtum erst in ihr einen Sinn gewonnen.
Als wenn die grossen Werke seiner Unternehmungen erst gewissermassen unter ihren
Händen die einzige, wahre Blüte trieben, jene grosse, menschliche Wohltätigkeit,
die die Unzahl Menschenseelen liebend und pflegend einte, deren Leiber man in
dem rastlosen Tun der Maschinen nicht ruhen liess. Herr Rehorst konnte nicht die
schlanke Erscheinung Frau Rehorsts und ihre sanfte, schwermutsvolle Stimme oder
ihren versunkenen Trauerblick bemerken, ohne nicht heimlich wie eine Weihe zu
fühlen über sein Tun. Und er ging durch seine Arbeiterhäuser und die
Badeanstalten und Unterhaltungs- und Leseräume nicht anders, als dass er den
Genius der Liebe pries, der hier zu inniger Menschlichkeit zusammenband, was die
Industrie ohne Acht auf das hohe Gesetz des persönlichen Lebens in tausend
kleinliche Erniedrigungen zerriss.
    Herr Rehorst war in dem Sinne geradezu ein Schüler dieser Frau.
    Er sagte viele Male, dass, wenn die Industrie auch unsäglich unbarmherzig
vorwärts ginge, sie eben nur mit solcher Grausamkeit ihr Werk erzwänge, dass in
den Wohlfahrtseinrichtungen die ersten Knospenkeime sozialer Menschlichkeit
aufblühten. Diese Einrichtungen für den Menschen im Arbeiter wären der ganze
Sinn.
    Frau Rehorst hatte das gleich gesagt, wie sie in die Ehe getreten. Und hatte
Mittel genug gefunden, darnach zu tun. Mitleiden und Güte kann auch die Trauer
ausströmen. Frau Rehorst hatte sie ausgeströmt nach allen Seiten. In den
Fabrikhöfen sah man in ihr eine Trösterin des Leidens. Sie kam, wo auf der
ärmlichen Schwelle nur noch Engel helfen konnten. Aber die sanfte Anbetung und
der Kuss auf den Saum ihres Kleides machte sie für sich manchmal nach den
heimlichen Geschenken des eigenen Lebens weinen. In den langen Jahren rastlosen
Tuns war das nicht seltener geworden. Und Herr Rehorst hatte nicht trösten
können, als nur mit mehr Darreichungen zu neuem Liebeswerk. Und die Kinder
lebten und lachten, und wussten nicht gross, warum in Mutters Gesicht sich ein
stiller, hoheitsvoller Gram zeichnete.
    Im Grunde war jetzt Frau Rehorst völlig ruhelos. Auch die Künste hatte sie
immer gesucht. Aber recht eigentlich können auch Künste nur der Seele eine wahre
Lebensflamme sein, deren eigene, heisse Flamme sie lodern machen. Die Künste sind
auch nur ein Ding draussen, das seinen Zauber in der eigenen Tiefe erweisen muss.
Und niemand hatte noch zu hoher, heller Flamme die Brände dieser einsamen,
verschlossenen, tätigen Frau angeschlagen. Das war es auch, warum Frau Rehorst
in ihren weiten, durchdufteten, der stummen Schönheit geweihten Räumen immer
stand, wie eine, die es sehnsüchtig erlauschen möchte, die eigentliche Herrin
der reichen, äusseren Dinge, die ihr dienten, und die sie nur achtlos wie tote
Dinge empfand.
    Das war es, dass sie in dem Rehorstschen Hause über der heiteren Lust der
Jungen wie eine stille Hoheit tronte ohne Absicht, wie ein Rätsel, wie eine
ewige Erwartung, wie eine weite, grenzenlose Seele, in der alles gesellige,
volle Treiben in eine heimliche Klage und einen wesenlosen Ruf verhallte.
    Aber auch die Seele, die krank an der Äusserlichkeit des Lebens, sich das
Wesenhafte aller Dinge, auch des Dinges, das sie selber ist, erhören und
erschauen will, hat eine heimliche Macht. Wer könnte das Mysterium begreifen,
worum auch Einhart jetzt seine Träume gesponnen?
    Frau Rehorst fand zum ersten Male in Einharts Augen und Bilde ein Lied ihrer
Seele. Wer Frau Rehorst hätte sehen können, als sie aus Einharts Atelier und
dann aus dem Hause auf die Strasse trat, hätte am Gange und an der Haltung allein
erkennen müssen, dass sie dieses Lied zum ersten Male im Ohre hatte. Sie summte
eine glückliche Melodie auf ihren feinen Lippen. Ihre Augen unter
schwermutsvollen, langen Lidern mit dem reichen Dunkelsaume lagen lachend, ohne
dass sie es wusste. Sie hatte den Kutscher sofort angewiesen, heimzufahren, weil
sie Lust hatte, allein in den Strassen zu wandern, und war dann auf Umwegen erst
heimgelaufen.
    Und es war eine grosse Freude in Rehorsts Hause gewesen. Tage noch immer tat
Frau Rehorst alle ihre Arbeiten und Verfügungen mit einer ihr fremden
Heiterkeit, als wenn eine Last von ihr genommen. Sie liess ihre Schneiderin
kommen, und ordnete seltsame Jugendlichkeiten an ihren neuen Kostümen an.
    »Wir werden einen Fastnachtsball im Hause arrangieren,« sagte sie schon vor
Weihnacht lachend zu Margit, die über Mutter wahrhaft ausgelassen war.
    »Nun, einer Braut zu Liebe muss ich wohl eine festliche Seele haben,« sagte
Frau Rehorst.
    Herr Rehorst lachte immer, wenn Frau Rehorst es tun konnte. Wie er gleich
ernst war, und heimlich die Kinder mahnte, wenn Mama in stillen Schmerzen sass.
Jetzt kam er und presste die Hand seines Weibes mit lachender Inbrunst. Eine
volle Verwandlung war im Hause, ohne dass es jemand hätte sagen können, in
welcher Region Leben da plötzlich ein neuer Quell ergraben.
    Und Grottfuss genoss es mit. Ihm lag Lebenslust. Den Harm spottete er schon
früher weg. »Es lohnt sich nicht,« sagte er damals. Jetzt hatte er keinen Grund
mehr dazu, weil es ihm nur zu wohl ging. Jetzt war er ein noch vornehmerer Herr
geworden, und wusste alles im voraus, was sonst der Harm erhärmen will. Und
Margit war in dem Alter der frischen Sinne und hatte die nüchternen Triebe des
Vaters geerbt, jung und voll Anmut, wie sie war. Sie genoss jetzt das Glück der
heimlichen, brünstigen Küsse, und däuchte sich ewig mit einem Blumenkranze
geschmückt und als das Sonntagskind im Hause, das die reine Lust hereingetragen.
    Alles war in der Tat im schönen Marmorhause, das sonst unter Frau Rehorsts
Wesen, wie eine Frühlingswiese unter einer Regenwolke stand, heller geworden.
Und Frau Rehorst konnte manchmal jetzt in ihrem Wintergarten heimlich in einen
Blumenkelch hineinstarren und glücklich lachen.
 
                                       10
Einhart war unglaublich neugierig auf seine Zustände, auch wenn es Schmerzen
waren, oder er sie sich nicht gleich zu deuten wusste. Und er ging allem, was ihn
angriff, mit Leidenschaft nach. Zumal wenn, wie es oft war, seine Malweisen ihn
ins Stocken brachten, weil er in gewissen Stadien zu experimentieren begann und
dann seinen Wünschen von Duft und Vision nicht endgültig nahe kam.
    Einhart ging jetzt oft zu Frau Rehorst und war im Hause bald so vertraut,
wie Grottfuss. Er musste jedesmal lachen, wenn er die Diener nun schon mit ganzer
Gleichgültigkeit grüsste, ein wenig von oben. Und wenn er Frau Rehorst die Hand
küsste, genau wie ein Kavalier. Auch darüber, dass er jetzt in einem Gehrock ging,
den er sich einfach aus Zwang hatte anschaffen müssen, weil Grottfuss
ausdrücklich dazu ihm einiges Geld gegeben hatte. Auch hatte ihm Frau Rehorst
eins seiner Bilder abgekauft.
    Und Einhart kam sich manchmal garnicht, wie er selber vor, wenn er in
lässiger Lümmelei auf einem Lehnstuhl in Frau Rehorsts Boudoir sass, wohin man
ihn jedesmal führte, auch wenn Frau Rehorst zufällig noch nicht daheim war.
    Frau Rehorst war in Einharts Gesellschaft jetzt ganz ruhig. Dieser eigene,
dunkle Zigeuner, wie er war - ein rechter Jungmann geworden, mit sanftem
Haarflaum auf der feinen Lippe, das gelbgraue, schmale Gesicht geistig erfüllt
im Sinnen, mit den schmächtigen, aber sanft bewegten Gliedern - brachte Frau
Rehorst wie in eine Stillung, solange sie ihn auch nur in ihrem Hause und in
ihrem Zimmer wusste.
    Und wenn sie daheim war, konnte sie jetzt scheinbar ganz achtlos mit ihm
lachen und plaudern.
    Einharts Meinungen gingen in sie ein wie Gleichnisse, die mancherlei Dingen
einen eigenen Sinn verliehen. »Einhart« nannte sie ihn immer, wenn sie allein
waren, mit lachender Zärtlichkeit. Und »Herr Einhart Selle« war es, wenn es sich
um Menschen sonst handelte, die mit dabei waren.
    Frau Rehorst tat bald fast nichts mehr, wenn es nicht Einhart gut geheissen.
Sie konnte fast gar nichts mehr denken, wenn sie sich nicht Einharts scharfe
Dunkelblicke dazu gedacht. Und sein Lächeln über Ärgernisse brachte sie sofort
über jeden Groll.
    Wenn sie allein beieinander am Kaminfeuer sassen und plauderten, sahen sie
sich oft in die Augen. Und Frau Rehorst war in seiner kindlichen Ausdrucksweise
wie gefangen, ging dann auf und ab mit Einhart, indem sie achtlos die Fugen der
Diele mit ihren Schritten einhielten, beide, und so eine Art Parade machten,
unterdessen das Lachen über die früheren Zustände, in denen Einhart zum ersten
Male jetzt sich vor ihr besann, gelebt zu haben, sie innerlich voll erfüllte.
    Einhart hatte dann eine heitere Sicherheit, viel männliches Rückblicken ging
aus ihm. In der Nähe dieser hohen, losen, jetzt ebenso kindlich gestillten Frau
begannen sich in ihm Meinungen und Überzeugungen zu kristallisieren, über die er
selbst sich wunderte. Dass in ihm das Gefühl aufwuchs, eine Kraft zu gewinnen und
seinem Verlangen einen klaren und starken Ausdruck. Nie noch hatte er im Leben
mit jemand so heiter und so überlegen, so ins Grosse vorgewendet in Laune, und so
ohne Acht der Unterschiede geredet.
    Es ging auch manches Schalkswort in Frau Rehorst über, wie ein Funke. Es war
eine richtige Ausgelassenheit. Einhart hatte wie eine Haut der Schüchternheit
noch vollends abgestreift und war in diesen Stunden ein kräftig Lachender
geworden, der sich hoch hielt. Frau Rehorst hing mit grossen Blicken an ihm und
an dem Erdigwarhaftigen seiner ganzen Erschauung, das nirgend mit aalglatten
Worten kam, das nur Sachen und Erlebnisse stammelte, stammelte mit der ganzen
echten Sinnenkraft, die beglücken kann aus jedem Dinge.
    Einhart hatte Frau Rehorst die Hand geküsst jedesmal, wenn er gegangen. Aber
er zog die Hand jetzt zu sich empor, so sanft gab sie sie ihm und streckte sie
seinen Lippen entgegen. Und je öfter sich die Abende wiederholten, desto inniger
war eine Kameradschaft zwischen Einhart und Frau Rehorst erwachsen.
 
                                       11
Es war um die Weihnachtszeit. Und Einhart hatte sich oben in seinem Atelier im
Bodenraum lange abgemüht. Denn seine Ideen waren jetzt ins Grosse gewachsen. Und
seine Zerfahrenheit infolge aller möglichen Vergnügungen und Inanspruchnahmen
auch. Er hatte sich nun zum vierten Male entschlossen, das grosse Bild, was er
Reigen nennen wollte, beiseite zu stellen, und noch einmal völlig neu, wie aus
ganz freiem, neuem Schauen einzusetzen.
    Im Atelier kroch die Dämmerung aus der Vorhangsfalte, und draussen lag ein
grauschmutziger Luftton über viel Weihnachtsgefunkel in den Strassen. Einhart war
ziemlich müde vom Abend vorher in Rehorsts Hause. Er war lange in allerlei
flüchtigem, zerrissenem Treiben seiner inneren Gesichte gefangen auf dem
Bettrand sitzen geblieben, unterdessen das Feuer im Eisenofen auf die in Dunkel
einsinkende Stube ein lebendiges Farbenzucken malte und vernehmlich dazu seine
Deutungen hinplauderte.
    Da war ihm auf einmal, als wenn sein Zimmer in hellen Flammen stünde und er
von einem tollen Spiel züngelnder Lohe umgeben dasässe, oder auch schon schwebte
wie in Flammen und Feuergarben. Und als wenn er in ganz ungebundener
Uebertreibung diese Gewalten aus sich selber herausgerufen, war er dem Himmelan
dieses geistwehen Treibens mit versunkener Haltung derart hingegeben, dass er
selber an Haaren und Fingern und an allen Kleidern Flammenzungen mit sich
emportrug.
    Es war nur ein Augenblick.
    Er erwachte gleich. Er sah, dass in der Tat auf dem Stuhle neben ihm ein Tuch
lichterloh brannte. Und er sprang auch sofort auf, um den Brand noch rechtzeitig
zu löschen. Sein Herz schlug ihm. Er war sehr erschrocken. Und er untersuchte
noch einmal aufs genaueste alles, ehe er sich zum Ausgehen plötzlich entschloss.
    Aber auch wie er draussen auf der Strasse, im Zuge der vielen Menschen, im
Scheine der Weihnachtserstrahlungen in den Strassen ging, war er nicht ruhig
geworden. Es war durchaus seine Weise, dass er sich noch immer wie an Ecken und
Enden entzündet vorkam und ein paarmal in sich zurückkehrte mit dem Gefühl des
Wunderbaren dieses Emporbrennens der Dinge.
    Dann schien ihm das Feuer nur noch ein Spiel zu geben.
    Das Feuer brannte aus seinen Erinnerungen auf.
    Er dachte an manches Feuer, das er mit irgend einem ergebenen Helfer aus der
Schule einst in der Haide gemacht. Er dachte auch an die Zigeunerfeuer.
Flüchtige Schatten flogen in seinem Auge hin, wie sonderliche Gesichte, die er
kaum noch zu nennen wusste.
    Einhart war heut durchaus nicht auf dieser Welt. Auch jetzt nicht, wo er, in
seinen langen Mantel gehüllt, in den Strassen die Schnarrteufel hörte, die Kinder
an ihn herantrugen, um sie zu verkaufen. Auch ganz und gar nicht, als er nun
unter die hellen Lampen am Markte kam, wo das Menschengetümmel sich staute und
der Lärm wie ein Meer voll Unruhe ebbte und wogte.
    Einhart lebte schon lange lauschend und staunend ein ganz eigenes, neues
Leben voll neugieriger Erwartungen, und kindlicher Wärme, und Abgekehrteit
gegen Menschen und Dinge. Wie es immer Menschen leben, die wie Bienen den Duft
des Lebens trachten zu süssem Honig zu gewinnen.
    Und Einharts Blut geriet an dem Abend in immer tiefere Begehrungen. Er kam
sich durchaus jetzt so vor, als ob er um jeden Preis irgendeine Seele brauchte,
der er von einem grossen Glücke erzählen könnte. Er fühlte sich plötzlich sehr
allein. Wie er an einer der Würstelbuden stehen blieb, erinnerte er sich, dass er
sich für einen Besuch gar nicht angetan. Er trat heran, sich Abendbrot zu
kaufen, und begann sofort in der Winternacht auf der Strasse aus der Hand zu
essen. Sein Blick suchte am Nachtimmel noch immer einen Feuerschein. Geräusche,
die wie ein Ruf klangen, weckten ihn jedesmal wie ein Hilferuf. Es war Einhart
durchaus nicht unangenehm. Das war nur so neben dem irdischen Tun sein
ungeberdiges Sinnenspiel.
    Das rastlose Treiben um und um führte ihn dann auf einem unbestimmten Wege
heim zu sich. Dort drängte es ihn, gleich an Rosa zu schreiben. Er sass wieder
oben in seinem Dachraume, der von einem winzigen Lampenscheine rötlich erhellt
war. Dass die Gegenstände an den Wänden wie ferne Scheine glänzten. Er schrieb
und träumte:
                          »Meine geliebte Schwester!«
        Was ist nicht alles, was einem Träumer durch den Sinn geht, wenn er
        einsam lebt. Zum Beispiel, dass alles Ding um uns und wir selber im Feuer
        verbrennen können, und gar nichts bleibt als eine Hand voll Staub.
        Und dann, dass doch auch Licht in der Weihnachtsnacht gar nicht wie Feuer
        ist, sondern wie eitel Sternenglanz in Tiefdunkel, nach dem die Menschen
        sich ewig emporsehnen. Ich habe heute so etwas empfunden. Jedesmal hat
        mir das Herz heftiger geschlagen.
        Du musst nämlich wissen, dass ich in sehr seltsamen Wegen hingehe. Das
        Sehnen hört in keinem Blute auf, wenn es mit rechten Dingen zugeht. In
        meinem nun schon gar nicht. Und gar noch, wenn man Menschen nahe kommt
        wie nie zuvor, und man doch wieder die tiefen Abgründe sieht, die uns
        alle voneinander trennen.
        Wenn Du hier wärst!
        Ich würde Dir in manchen Stunden doch zu sagen vermögen, was in mir
        hintreibt und nicht halten will in Entzückungen.
        Und was mich ganz schwach zurücklässt.
        Wirklich: ich habe niemals solche eigene Trauer empfunden. Trauer, das
        ist dasselbe wie die Nacht. Wenn dann die Sonne wieder nahe ist, jauchzt
        die Seele. Und ich nehme die Trauer gar nicht etwa mit traurigem
        Gesicht. Das sind eitel Schöpfe, die nur Tag wollen oder nur immer grosse
        Feste.
        Und auf jedes Fest muss man sich vorbereiten und hineinwallen sozusagen
        mit erfüllter Seele.
        Aber was ich nie gekonnt habe, kann ich jetzt. Kannst Du Dir denken, dass
        ich jetzt eine ganze Woge Trauer in mir habe, und ich habe doch nicht
        einmal je das Meer gesehen. Ich fühle nur, was ein Meer voll Trauer ist.
        Ich trauere manchmal auch über Euch zu Hause.
        Um Mutter nicht. Die geliebte Mutter hatte Glutaugen, und jetzt bilde
        ich mir immer ein, dass sie mir in dem hellen Sterne zublinkt, der am
        Abend vom Balkon aus durch die kahlen Baumäste blinkt, als wäre er ein
        Demant auf dem Baume.
        Ach Du weisst ja gar nicht, wo der Balkon ist! Du - ein Haus aus Marmor
        und darin eine hohe, liebliche Frau! Meine neue Mutter. Oder vielleicht
        ist es das garnicht ...? Eine so schöne, strenge und traurige Frau. Die
        doch lacht, wenn ich mit ihr plaudere. Und das alles ist ein Lied in
        meiner Seele, das ich nie aussingen kann. Auch Dir nicht. Niemandem. Das
        sich die Seele so hinsummt in ihrer Einsamkeit, so an ihren stillen
        Nachtgewässern in der Tiefe, darinnen Menschen und Dinge in kristallner
        Stillung sich spiegeln.
        Ach Du, mein Lieb, Du, die mir allein noch daheim ein Andenken bewahrt.
        Wir alle sind Toren, wenn wir nicht wider die Engel streiten die
        Paradiese bewachen.
        Und der arme Mann verfällt, der nicht sich die Tränen der Reue mit
        mitleidiger Hand selber aus den Augen wischt und hingeht und lieber
        einen Weihnachtsteufel in seinen Händen schnarren macht.
        Siehst Du, aller Rede kurzer Sinn: ich lache jetzt meine ganzen, dummen
        Todgedanken weg, kaufe mir einen Weihnachtsteufel, schnarre den ganzen
        Weg bis hin in die Marmorvilla und schnarre treppauf und vor den scheuen
        Augen der hoheitsvollen Frau drinnen. Und wenn sie auch mit geängstigten
        Blicken zu mir sagt: »Einhart, - ach nicht doch!«
        Dann werde ich wenigstens noch die Schnarre im Ohre haben eine Woche
        lang, um mich ganz wie ein Ausgelassener zu geberden, mich
        herumzulümmeln in Seidensesseln und zu tun, als wenn mir die ganze Welt
        ein Rauch wäre, wie nichts.
        Lebe wohl, kleine, sanfte Blickerin! Hast Du noch die Augen wie frische
        Kirschen im Julimonat? Denkst Du noch manchmal, dass es einen Einhart
        Selle gibt, der aus den stillen Nachtseen die Dinge und Menschen fischen
        will, die doch nur Träume sind? Denkst Du Dir auch manchmal, dass ich
        Leiden fühle? Und dass ich doch immer und immer nur lache und lache. Und
        wenn sie mich ans Kreuz nageln, die gesunden Esser und Trinker, und
        alle, die es mit der harten Erde tun?
        Wenn ich bei Dir wäre!
        Du wärst eine, der ich auch noch die Hand küsste, mein Liebchen. Dir und
        keiner sonst ausser Frau Rehorst, meiner Göttin, vor der ich mich ewig im
        Staube fühle.
        Und nun: den Blick in den Weihnachtsglanz, mein Liebchen, und wo es
        etwas Verheissendes gibt!
                                                                   Dein Einhart.
 
                                       12
Das war kurz vor Weihnacht gewesen. Weihnacht war im Hause von Rehorsts ein
glänzendes Leuchten auf Treppen und in den weiten Räumen. Frau Rehorst war in
einer unsagbaren Fülle bunter Dinge allzeit jetzt mitten inne. Rings lagen
Schachteln und standen Spielsachen, und Stoffe lagen herum, kleine köstliche
Etuis standen halboffen, einiges auf ihrem Tisch und auf den Borduren.
Allentalben lag das Glitzerwerk der Weihnachtsbäume, die sie selber mit Margit
und den beiden Kleinen und Grottfuss geputzt hatte. Zwei Bäume, die fast bis zur
Decke reichten, hatte man aufgerichtet. Es war ein Herzutragen und Kommen und
Gehen allentalben.
    Am Morgen waren schon die Armen erschienen. An mehr als hundert hatte Frau
Rehorst selber, wie eine Mutter Anna, auf der Küchentreppe ausgeteilt. Dann war
Frau Rehorst sanften Ganges durch den Fabrikhof zu ein paar kranken Frauen ans
Bett getreten, bewegt selber heimlich zu Tränen von dem Dank aus den scheuen
Augen der Armseligkeit. Unterdessen einer nach dem andern von den Geladenen in
dem erleuchteten Hause die breiten Treppen emporstieg und in die von Tannenduft
erfüllten Räume eingetreten.
    Unter allen im Hause war es wie eine Art Opferfest. Das Gefühl wusste Frau
Rehorst mit einem leidenschaftlichen Sinne zu wecken. Sie hatte dafür eine reine
Inbrunst. Sie selber ging stumm und wie beschwörend mit einer silbernen
Schaufel, die sie für diesen Zweck sich extra hatte von Einhart zeichnen und
bilden lassen, einsam am Nachmittag ein paarmal durch die Räume und trug das
heilige Räucherwerk hindurch, sich dünkend wie eine alte Prophetenfrau, die dem
Feste ihre Seelenflammen einhauchte.
    Stark fühlte sie sich, frei noch immer, sie selber aus ihrer Atemfülle,
eine, die garnicht trauerte. Weil sie jetzt alles aus einem unausgesprochenen,
unbekannten Glücke tat, das ihre Seele sich niemals eingestand. Sie selber in
der wahrsten Festfreude, so in sich wartend und alles auch rings noch einmal
prüfend, ob es Einharts Augen sehen und mit feinem Anfühlen der heimlichen
Begehrung ebenso als eine Sprache und Rede zu sich empfinden würde.
    Alles hatte sie hergerichtet, wie er es geheissen. Er hatte eine ganz
erlesene Art, eine Festweihe zu ersinnen und einzuteilen. Er hatte ausdrücklich
gewünscht, dass es mit einem vollen, schönen Hochklange aus aller Mündern müsste
begonnen sein.
    Das Feierliche lag im allgemeinen Herrn Rehorst nicht. Und die Kinder
drängten gewöhnlich gleich ins Licht und sahen nur die Geschenke. Das
kritisierte Einhart in der Idee, obwohl er garnicht je gesehen, dass es hier oft
so gewesen. Frau Rehorst hatte sich stets sanft darein gefügt. Sie hatte dann
nur heimlich für sich eine Viertelstunde versunkner Besinnung ins Heilige
gefunden. Jetzt hatte es Einhart bestimmt gesagt: »die Münder müssten sich alle
einmal auftun, das Licht zu loben.« »Und ich sage Ihnen,« hatte er ausführlich
erklärt, »nur wenn es eine Weile in den Atemstrom sich sammeln muss, einig zum
Hinaustönen, wenn der Atemstrom so aus der Brust ein preisender Ton wird, und
der Mund sich dann öffnet, die innige Sammlung hinauszugeben, dann ist der
Mensch einen Augenblick eingefangen in seine Tempel und geht dann darnach lange
einher mit froher Seele und frohen Augen.« So redete Einhart. Er war schon ein
rechter Kenner. Und Frau Rehorst hatte alles angeordnet, wie es Einhart
geheissen.
    Jetzt begannen sich also die Gäste allmählich zu sammeln. Grottfuss war schon
am Nachmittag gekommen. Er sass, weil die Damen helle Toiletten antaten, in
feierlicher Salonkleidung in einem Winkel des Mittelzimmers unter einer
glühenden Glasblume und las die Zeitung. Einige Beamte der Fabrik waren die
Ersten. Dann kam ein junges Paar, ein Musiker mit seiner sehr musikalischen,
jungen, runden Frau. Beide sahen sich lachend um, als sie Grottfuss kurz begrüsst
hatten. Der Duft und die Stille der hellen Räume machten sie stumm. Dann kam als
hauptsächlich erwartet ein junger, blonder Doktor, mit seiner ebenso
rätselhaften, spröden, schönen, dunklen Frau.
    Alles wartete.
    Alle schienen festlich zu lächeln. Alles war in köstlichen Roben. Auch Frau
Rehorst und Margit. Wie in Wolken von weissem Glanze schwebten sie herein.
    Und es begann auch gleich ein Leben. Es begann draussen eine Glocke zu rufen.
Auch der Hausherr erschien sanft und fast mit leisen Worten einen jeden Gast
noch einmal willkommen heissend. Man begann einen regen, wenn auch noch
gedämpften Ton anzuschlagen. Man stand beieinander.
    Frau Rehorst hatte sich hastig gleich im Nebenzimmer umgesehen. Sie konnte
es nicht begreifen. Sie lief noch einmal in ihr Boudoir zurück.
    »Ach Gott nein,« sagte sie geschäftig zu Margit gewandt, »wir möchten doch
noch eine Weile warten. Es sind gewiss noch nicht alle beisammen.«
    »Wer fehlt denn noch, Mutter?« sagte Margit arglos. Sie hatte es garnicht
bemerkt, dass Einhart noch nicht unter den Anwesenden war.
    Aber schliesslich begann die Glocke wieder zu rufen, weil Herr Rehorst jetzt
bestimmt Anordnung gegeben, um einer Bescherung seiner Beamten willen. Die Türen
taten sich weit auf. Man ging in das geöffnete Weihnachtszimmer, wo die Tische
mit Geschenken in Fülle, wie die herrlichsten, bunten Auslagen hingebreitet,
unter der blendenden Lichterfülle sich häuften.
    Frau Rehorst war ausser sich heimlich. Sie war ohne Acht in die Zimmer
zurückgelaufen noch einmal. Herr Rehorst und Margit kamen Mutter entgegen, weil
sie sie beide bei der Bescherung plötzlich gesucht hatten.
    »Nein, nein,« sagte Frau Rehorst, die nun so tat, als wenn sie nur nach dem
Programm gesucht, was sie jetzt auch wie eine gewichtige Verfügung in der Hand
hielt. »Nein, das ist wider die Verabredung,« sagte sie bestimmt auf den Zettel
blickend. »Erst wollen wir jetzt doch das Weihnachtslied singen.«
    Man sang stehend, in dem hellerlichten Raum um die Weihnachtsbäume geschart,
das alte, frohe Kinderlied: »Oh du selige - oh du fröhliche.. gnadenbringende
Weihnachtszeit!«..
    Es klang im Chore. Frau Rehorst weinte gleich dabei. Aller Augen waren in
Lachen sonst.
    Frau Rehorst war ausser sich. Auch wie das Lied verklungen, war niemand
weiter eingetreten. Sie hatte sich wieder umgesehen. Und war dann innerlich
beschäftigt pflichtmässig unter die Gaben getreten. Herr Rehorst hatte sie gütig
am Arme an den schönsten Tisch geführt, den er ihr im letzten Augenblick selbst
bereitet.
    »Oh mein Gott ... nein.. nur solche Sachen nicht!« sagte sie fast hart. Aber
küsste dann Herrn Rehorst mit Liebe. Einen herrlichen Schmuck brachte er.
Seltsame, persische Opale mit schwarzen Brillanten. Etwas ganz Fernes, Seltenes.
Und seidene Stoffe und echte Gewebe aus dem Orient, Handwirkerarbeit. Es war
auch für Frau Rehorst zum Entzücken. Sie sah es an noch mit der Träne im Auge.
    Dann kamen die Kinder, beglückt die schönsten Dinge ihrer Weihnacht
hinhaltend und der Mama die Hand und das Kleid küssend. Wie es besonders der
liebebedürftige Junge tat. Margit kam und reckte sich auf und küsste der Mutter
die Stirn viele, viele Male und lange. Und Grottfuss küsste ihr die Hand. Alles
war ein Durcheinanderwogen von Licht und Duft und Lachen und frohen Gesichtern
und Plaudern in die Luft hinein. Man bewegte sich durcheinander. Es war, wie
wenn in allen ein Gesang der Freude noch ginge, eine Sucht sich immer wieder
hinauszuwenden zu jedem ersten, der seine Augen hergewandt. Frau Rehorst war
dann wieder, wie nun ein wenig beruhigt, hinausgeeilt. Fast unsicher jetzt. Sie
war hinausgeeilt, weil sie noch einiges in der Küche anzuordnen vorgab. In
Wahrheit lief sie doch, wie sie war, in einem ersten, besten Mantel, den sie
ergriffen, auf die Strasse und hatte nichts Törichteres tun wollen, als zu
Einhart hinzuhasten. Draussen begriff sie die ganze Lage und kehrte zurück. Sie
hatte sich in ihr Zimmer aufs Sofa geworfen, um plötzlich in ein hastiges,
unstillbares Weinen auszubrechen. Herr Rehorst kam sie dort suchen, und Margit
kam und küsste die Mutter.
    »Ach liebes Kind ... lieber Rehorst,« sagte sie gleich ganz ermannt, »sei
nur nicht besorgt. Es kamen mir Gedanken, die mich ein wenig erregen. Das macht
die viele Unruhe der letzten Tage.« »Ja, Geliebte,« sagte Herr Rehorst ganz
bekümmert und küsste ihre Hände. »Ich habe es dir ja voraus gesagt, dass diese
ganze Arbeit um all die Menschen für dich zuviel sein musste. Aber hörst du denn,
Kind? Willst du niemals hören? Sei nicht böse, wenn ich so schelte. Aber ich
wusste es ja doch! Es musste ja so kommen!«
    Frau Rehorst ermannte sich vollends und war an dem Abend dann heiter, dass
alle dachten, sie lachte auch zu dem Weihnachtsfeste. Auch wie man an der langen
Tafel sass, war sie wie mitten hineingehoben in den Festtrubel, ragte hoch, sah
sich achtlos und sicher um und machte alle Trauer vergessen.
 
                                       13
Einhart wusste jetzt genug in der Fülle seiner einsamen Aufwallungen, als dass er
nicht hätte allmählich mit sich in Uneinigkeit kommen und in den Tagen vor
Weihnacht sollen unentschlossen und unter mahnenden Stimmen innen an dem grossen
Gittertor des Rehorstschen Parkes stehen, ohne doch einzutreten.
    Auch am Weihnachtsabend war es nicht anders gewesen.
    Schon am Tage war er von der ruhelosen Geschäftigkeit, die in dem Mietshause
bis in die Dachkammern herrschte, in sich tiefer als sonst aufgejagt, und hatte
vergeblich versucht zu malen und dann zu lesen. Übrigens kannte er längst die
Evangelien gut, und dachte, dass es ihm eine rechte Stimmung wecken könnte und
ihn versinken machen, sich unter die schlafenden Hirten auf dem finsteren
Nachtfelde neben den Herden zu mischen und den Stern im Tiefdunkel anzustarren,
der über der Hütte mit dem heilbringenden Kinde schwebte. Aber was unter den
Bauersleuten das Jahr vorher seine Seele in eine freie Weihnachtsfreude
emporgehoben, das zerfloss jetzt in der Unrast seiner Begierden, die ihn schon am
Nachmittag des heiligen Abends zu plagen angefangen. Angesichts des
gescheitelten Grottfuss, der ihn am Nachmittag schon ins Rehorstsche Haus hatte
mitnehmen wollen, und der sich jetzt nur im Vollgefühl der prunkenden Absichten
fühlte, die man dort für den Abend hegte, und inmitten der Einigkeit der Menge,
die er unten auf den Strassen, mit frohen Gesichtern eilen sah, fasste ihn ein
solches Gefühl von Fremde und eigener Einsamkeit und flügelfreier Sehnsucht
hinauszuziehen, dass er in der Menge gestossen und gehalten hin und her irrte,
ziellos keine Stätte fand, und völlig ermüdet um die eigentliche
Bescherungsstunde bei Rehorsts sich, statt dort hin, nur wieder bis an seines
Hauses Eingang zurückgefunden.
    »Es ist eine Rätselwelt,« dachte er, wie er aufstieg Stufe um Stufe,
unentschlossen und nicht aufgelegt.
    »Um Christ geht's,« sagte er, »und sie machen einen grossen Markt. Und
draussen gar werden sich die Damen in Roben von Seidentüll und mit flaumigem
Halse zeigen - ganz wie Joseph und Maria in dem Eselstalle.«
    »Meine Bodenklause ist mir heute gut genug,« dachte er fast trotzig. Er
wusste selbst dann nicht, wie lange er in dem Arbeitsraume im tiefen Dunkel
versunken gesessen. Also dass nur die Sterne aus der Höhe darüber leuchteten,
wohin er den Blick ewig hinausgewandt. Dass er noch immer sich nicht zu sich
fand, von dem Zauber des Silberlichtes sanft getroffen, und von dem Gefühle, in
einer tiefen, undeutbaren Enge und Kluft der Menschenwelt eingeschlossen, selbst
nichts zu sein, als ein sehendes Auge, das sich emporhob bis in die weiten,
schweigenden, reinen Gewölbe der hellen Nacht.
    Aber dann ermannte er sich. Der Nachtschein hatte eine Helle auch auf seinen
Tisch geworfen, und hatte dort etwas entüllt, was seine Neugier erregte. In
seiner Abwesenheit war ein Packet gekommen. Er machte sogleich Licht und sah,
dass es von Rosas Hand adressiert war. Die Schwestern sandten allerhand Dinge,
Sorgliches zum Anziehen, und Süssigkeiten auch, und Grüsse lagen von allen
drinnen. Auch mit schöner Handschrift ein Festgruss des Herrn Geheimrat, und vor
allem ein Brief von Rosa. Aber er kam nicht dazu, die Briefe genauer anzusehen.
Die Weihnachtsglocken begannen draussen über die Dächer der Stadt zu dröhnen, und
Erinnerungen waren heute genug wach, dass sich Einhart nach mehr Aufwühlen nicht
sehnte. Etwas wie Unruhe ging gleich aus dem Glockengewoge neu in ihn ein, dass
er wie in Unzufriedenheit aufsprang.
    Im Grunde waren es jetzt nur Gedanken und Bilder von Frau Rehorst, die er
verscheuchen wollte, vor denen er floh, und die er suchte, wenn er geflohen war,
und die ihm sich in seltsamen Spielen verwoben zu grotesker Belachung seiner
Sehnsuchten und sich zusammenfanden zu den zärtlichsten Friedensbildern von
Liebenden in der einsamen Weihnachtsnacht. Er war wie gefangen. Langsam
verdröhnten die Glockentöne wieder über der sternenbeschienenen Weihnachtstadt,
als er seinen Blick durchs Fenster noch einmal hinauswandte, und sich entschloss,
doch zu Rehorsts noch verspätet hinzugehen. Er warf seinen Mantel um und lief in
den Strassen, was er konnte. Aber in der Nähe des marmornen Würfels kam ihm eine
harte Lust an, in die Hölle zu fahren, statt in die geschmückten Prunksäle eines
reichen Hauses.
    »Mögen sie mich erwarten,« dachte er ... »Ich werde zu den Zöllnern und
Sündern gehen. Ich werde gerade heute in einer Spelunke essen,« nahm er sich vor
mit einer spitzen Anwandlung. »Und meine neue Mutter wird den guten Sohn
vergeblich unter den Ihren suchen. Ich werde einmal ein Fest für mich feiern,
statt mit Fabrikbeamten und Dichtern und Musikern und Schwätzern und schönen
Frauen.« Unterwegs hatte sich ein junges, lächelndes Ding von Dirne an ihn
gedrängt.
    »Bist du auch so allein, wie ich?«
    Das gefiel Einhart. Solche Frage kam gerade recht.
    »Komm nur mit,« sagte er, »wir werden zwei sein.« So nahm sie seinen Arm,
und Einhart lief mit ihr in das Kellerlokal, aus dem immer ein verstimmtes
Orchestrion herausklang, wenn er am frühen Abend manchmal vorbeikam.
    »Ich werde dich einmal alles fragen, was ich wissen will!« sagte Einhart
lächelnd zu ihr.
    »Frage nur zu, Herr,« sagte das Mädchen.
    So sassen sie bald in einem Winkel des kleinen Lokals, in dem etwa sechs
Frauen in seidenen Ballroben mit entblössten Busen um einen Christbaum lachten.
    »Überall ist heute Weihnacht. Auch diese Weiber narrt der Stern aus
Betlehem,« sagte Einharrt trocken.
    Aber er sah, dass das Mädchen vor ihm sanfte, helle Augen hatte und beglückt
in den brennenden Schein sich verlor.
    »Es ist schön,« sagte sie nur.
    »Also du bist es doch zufrieden auf der Welt,« fragte Einhart lachend.
    »Nun, es ist ja entzückend hier,« sagte die kleine blonde Person, »und wenn
die Damen uns Weihnachtslieder singen, und du uns was Gutes zu essen geben
lässt!«
    Einhart sah sich mit vollkommenem Feuer um.
    »Ja, also die Damen aus der Hölle singen uns Weihnachtslieder, und wir
wollen wirklich etwas Gutes essen!«
    »Ich habe meine Schlafstelle bei Frau Kern,« erzählte die Blonde einfach,
»aber die ist heute Aufwartung im Rehorstschen Hause. Da kommt sie erst spät,
und es ist alles dunkel oben.«
    »Und Eltern und Geschwister und sonst Leute, die sich um dich kümmern?«
redete Einhart.
    »Hab ich nicht.«
    »Nun gut,« sagte Einhart, »wir beide werden jetzt in der Hölle sitzen, wo
die Teufel selbst Weihnachtslieder singen, und werden uns Eins fühlen. Auch die
Teufel sind alles nur Engel, die fielen. Das ist mir ein richtiges
Weihnachtsfest. Weisst du, so sind wir recht, wie wir sein müssen, ganz ohne
Namen in dieser Welt, ohne Erinnerung und ohne Vorschau.«
    Einhart strich der Blonden die goldnen Haare aus der Stirn und sah, dass sie
leuchtende Augen gewann. Und sie assen und lachten miteinander und plauderten und
tranken. Unterdessen das Leben der losen, frechen Weiber am Tische in der Ecke
mit Weihnachtsliedern, lautem Geschwätz und schrillem Gelächter unter dem
Lichterbaume fortging.
    Einhart versank immer mehr in Stummheit.
    Er begann das Mädchen neben sich, die arglos alles wie ein Fest hinnahm,
anzusehen und anzulächeln. Und er vergass, wie er mit der Jungen in seinen
Bodenraum zärtlich heimgekommen, und sie ihn im Halblicht seiner kleinen Lampe
geküsst und gestreichelt hatte, bald in der Wärme ihrer weichen Umarmungen den
Sinn aller Feierstunden und aller ihrer herkömmlichen Deutung.
 
                                       14
Frau Rehorsts Traum war in ganz jäher Weise im Herzen ausgeträumt. Als Tag und
Stunde kam, wo Einhart sie in der Dämmerung gewöhnlich besuchen kam, sah sie
bleich und erschöpft aus, weil sie einen Kampf gekämpft und alles heisse, heftige
Drängen ihres Blutes in einem bestimmten Entschluss zur Ruhe gebracht.
    Der Feiertagsfrieden lag im Hause. Das rührige Fest des Bescherungsabends
war verklungen.
    Frau Rehorst hatte ausdrücklich gewünscht, dass der eigentliche Feiertag zu
einer stillen Freude der Zurückgezogenheit werden möchte, und zu einem
Sichbesinnen oder auch Sichverlieren in fernen, fremden, schönen Dingen. In Frau
Rehorsts Zimmer lagen tausenderlei Kunstmappen und neue Literatur jetzt herum.
Sie las mit grosser Leidenschaft noch, und hatte auch Herrn Rehorst und den
Kindern heute ausdrücklich gesagt, dass sie nach all der Einkaufshast und den
Beschenkungsunruhen endlich wieder einmal in die Gefilde der Träume eingehen
wollte, ungestört.
    Herr Rehorst ängstigte sich im geheimen noch ein wenig. Die melancholische
Erregung von Frau Rehorst am Weihnachtsabend hatte ihn erschreckt, zumal in der
Familie von Frau Rehorst einige an derartigen Anwandlungen nervöser
Gebrechlichkeit krankten. So hatte er Frau Rehorst nur am Nachmittag auf die
Stirn geküsst, und ehe er sich selber in seine Arbeitsräume zurückzog, den
Kindern leise und ausdrücklich gesagt, dass im Hause jeder Laut vermieden werden
müsste. Die Kinder waren im Schlitten aufs Land gefahren. So sass Frau Rehorst
bleich und in der eigentümlichen Schwäche, in der grosse Herzensentschliessungen
das Gemüt zurücklassen, und versuchte vergeblich in einem der Eindrücke zu
haften, die sie dem Auge jetzt darbot.
    »Es ist wunderlich,« dachte sie, »dass wir nur Stärke und Ruhe gewinnen, wenn
wir entsagen. Dann gewinnen wir uns selbst wieder. Sonst verbrennen wir unsre
Kerze und verzehren unsre Hoffnung.«
    Sie hatte allerhand Bücher, köstliche, in Pergamentbänden mit goldnen
Leisten und Blumen aufgeschlagen, und in jedes mit äusserem Blick hineingelesen.
Und nichts hatte sie wirklich auch nur mit einem Hauche in ihre verzehrte Seele
genommen. Alles trieb nur ein leeres Spiel draussen in den Vorhöfen des Lebens,
wo die Eindrücke noch nicht wiedergeboren sind, keine Seele haben und keine
Sprache reden.
    Auch Bilder besah sie.
    Den Millet'schen Reiter im fliegenden Mantel am einsamen, sturmumschrieenen
Heideteiche hatte sie angesehen und flüchtig eine Tröstung empfunden und eine
selige Ausschau, dass da auch einer nun Heimat und das Geliebte verlassen in
eigener Bestimmung und mit sicheren Blicken, von Gewalten umheult und umrissen
neu ins Ungewisse sich verlierend. So war auch ihr jetzt zu Mute. Sie sass bleich
und verloren lange in ihrem Lehnsessel zurückgebogen und lauschte heimlich in
die tiefe Feiertagsstille, die draussen und drinnen herrschte.
    Dann beschloss sie an dem Tage niemand mehr bei sich einzulassen.
    »Wer auch kommen möge. Ich bin nicht zu Haus,« sagte sie dem Diener, der auf
ihr Klingeln eingetreten.
    Sie hatte sich am Schreibtisch niedergelassen und begann jetzt in ein
Tagebuch einige Notizen zu machen. Sie hatte sich ein dunkles, glattfliessendes
Sammetkleid angetan, das in weichem Schwunge um sie lag, und trug einen breiten
Silberschmuck mit feinen Gehängen um die Spitzen am Halse. Ihre Arme lagen weiss
in dem Dunkel der Seidenbehänge, die durchbrochen waren. Sie sann. Sie versuchte
einiges aufzuschreiben, von dem, was vorgegangen und noch vorging.
    »Rehorst ist die Himmelsgüte selber. Und ein Mensch ohne Misstrauen. Wie war
er geduldig! Und wie sinnlos kann mein Herz sich gebärden!« schrieb sie. Dann
horchte sie. Es schienen durch den Garten Schritte zu stapfen. Sie war gleich
aufgesprungen und hatte hinausgesehen. Aber es war auf dem Trottoir drüben
ausserhalb der Gitter. Sodass sich Frau Rehorst zurück zum Schreibtisch
niedersetzte. Das Bild ihres Vaters, der auch ein reicher Fabrikant gewesen,
stand vor ihr in einer feinen Miniature, und das Bild ihrer Mutter, das sie
lange anstarrte. Sie dachte an ihre Mädchenzeit.
    »Ach ja,« schrieb sie dann, »es gibt Menschen, die sehr, sehr lange
herumirren und immer mit heiterem Gesicht, und die erst finden mit Leiden. Ich
musste längst eine Mutter sein, ehe ich begreifen lernte - und verstehen - und
heiss begehren und verschweigen und verstummen und weinen und doch leben.«
    Sie weinte eine helle Träne, erhob sich, überwand sich, schloss das Buch in
ein Geheimfach zurück und sah in den Silberspiegel, um sich die Träne zu nehmen
und sorglich mit der feinen Spitze Kühlung ins Auge zu wehen.
    Aber sie lief dann wie hochgerichtet sogleich an die Tür. Jetzt war Einhart
draussen. Ein Ton hatte sie erreicht, unbegreiflich, durch alle möglichen Räume.
Sie klingelte. Sie riss die Tür ein wenig hastig auf und rief hinaus:
    »Nein ... nein nein nein! nicht etwa wegschicken!« rief sie hinaus. Dass man
Einhart zurückrief, den man schon abgewiesen, und dass er im nächsten Augenblick
auch schon in der Tür erschien.
    Frau Rehorst hatte sich in ihrem Lehnsessel zurückgeworfen, und ehe er in
ihr Zimmer eintrat, die Arme ausgereckt und den Kopf krampfhaft nach hinten
geworfen, nur um noch einmal sich zu fühlen und sich zu erraffen.
    Einhart war es ziemlich unangenehm. Er kam in grossem Zwiespalt. Er sah in
dem Augenblick, als er eintrat, durchaus wie jemand aus, der sich nach allen
möglichen Gefahren umsieht, die ihn hier umdrohten, und dem die tiefe Ruhe rings
wie Unheil verkündete. Er wagte auch garnicht laut zu reden. Er versuchte »Guten
Abend« zu sagen. Aber das Wort war ganz in der Kehle sitzen geblieben, dass es
nur wie ein heiseres Geräusch klang.
    Frau Rehorst sass ewig und hatte sich nur jetzt die Augen mit den Händen
bedeckt, ohne zu erwidern.
    Und Einhart stand noch immer im Türrahmen.
    Aber er schloss dann leise die Tür hinter sich.
    Es war eine dumpfe Stille, in die eine kleine, feine Uhr leise ein Schnarren
trug und dann ein scharfes, verhallendes Pinken.
    Frau Rehorst musste einfach hinauslachen.
    Einhart kam sich unglaublich dumm vor. Er fühlte, dass sich etwas in seinem
Blute zusammenkrampfte, was mit diesem Raum, mit dieser Stille, mit dieser Frau
in ihn hineinwuchs. Er sah so demütig aus, dass er an sich halten musste, um nicht
Frau Rehorst vor die Füsse zu knieen, und ihr Ungeheuerliches an Worten und
Preisungen einfach leidenschaftlich jetzt erregt zuzuflüstern.
    Es war eine solche heisse Luft um ihn, wie in einem Brande.
    Er sah diese sanfte, hoheitsvolle, brütende Schwermut aus den tiefen
Frageaugen sich zu ihm stehlen, und begriff nicht, dass er noch stand und stand,
wie gebunden und in unsagbarer Erniedrigung. Er hatte alles vergessen, was sonst
und gestern und ehegestern gewesen. Das Lachen von Frau Rehorst hatte ihn
geschlagen, wie eine Peitsche. Das Lachen schien ihm ein Weinen zu sein.
    »Nicht doch,« sagte er zu ihr mit fast stechenden Augen und ging wie ein
Schlafwandler näher.
    »Nein, nein, nein, nein! bleiben Sie, Einhart! bleiben Sie, Einhart!« Fast
in Angst geschrieen von Frau Rehorst, fast in furchtbarer Angstwallung.
    Einhart war innerlich durch diese Abwehr und den Schrei so matt, er fühlte
sich so zusammenbrechend, dass er an sich halten musste, um nicht einfach
zusammenzusinken.
    Aber Frau Rehorst war in ihrer Haltung geblieben. Sie sass im Lehnstuhl und
hielt die Hände wieder vor die Augen.
    Da überkam es Einhart wie ein Wahnsinn. Dass er nicht mehr an sich hielt. Und
Schwäche und Leidenschaft in gleichem Sinne rissen ihn nieder zu Frau Rehorsts
Füssen, Schwäche und Leidenschaft griffen bittend nach ihren schönen, weissen
Händen. Schwäche barg sich mit seinen schwarzen Haarsträhnen in ihrem Schoss, und
machte ihre Hände in seinen Haaren wühlen. Und Einhart zog ihre Arme nieder und
ihren Mund an seine Lippen und redete nicht und versank in ewiges stummes
Leuchten und Blicken von Auge zu Auge. Zwei Augenpaare voll scheuen, seligen
Feuers in sanftschwarzen Lichtern glommen, unausgesungenen Glanzes. Die Stunde
war stumm. Ihr Sinn war unendlich. Die Lippen brannten aufeinander und sprachen
die stumme Sprache unerhörter Wonnen, die auch Einhart jetzt zum ersten Male
eintrank, längst begreifend, längst lächelnd, und nach keinem Sinne begehrend.
    Es war ruhig geblieben. Es war der Feiertagsfriede im Hause.
    Als die Kinder mit Grottfuss heimkamen und über Einhart herfielen, wegen
gestern, tat er wie ein Einfältiger und gab lächelnd Erklärungen, ohne
zurückzudenken. Er sah nur Frau Rehorst manchmal sorglich an.
    Und Frau Rehorst war seltsam fern und fremd mit den Ihrigen, als man sich
zum Abendbrot zusammenfand. Wie wenn sie erhaben aufgerichtet wäre in strenger
Bleiche, tonlos und wortlos, und im Raume für sich, und immer erst sich besinnen
müsste, dass Herr Rehorst, ihr Mann, und die Kinder und Grottfuss um sie wären.
    Einhart sass in seinem Festrocke. Er fand sich zu einem blitzenden Blicke
manchmal nur zufällig.
    Grottfuss hatte sich mit den Kindern und Margit im Schnee draussen in der
Heide vergnügt. Die Kinder beschrieben mit eiliger Aufregung ihrer Atemgänge das
grosse Schneeballen, das sie draussen getrieben. So verging der Abend, indem
Margit heimlich verliebte Blicke auf Grottfuss warf und die Stelle am Busen
fühlte, wo seine Hand lange bei der Fahrt gelegen, und Einhart und alle, auch
Herr Rehorst sahen manchmal heimlich auf Frau Rehorst, die wie eine Königin
dasass, bleich und von der Gewissheit gezeichnet.
 
                                       15
Frau Rehorst lebte nun ein völlig verwandeltes Leben. Sie empfand sich und war
erfüllt und konnte die Stunden nicht erwarten, die Einhart kam, oder die nicht,
die sie in die enge Dachwohnung eintreten und in Betrachtung von Kunst und Leben
versunken in Einharts liebender Hingabe verleben würde. Sie liebte Einhart bis
zum Wahnsinn. Die Welt um sie war ihr zu einer gänzlich anderen geworden. Alles,
was sie bisher umgeben hatte mit Liebe, begann schnell alle Kraft zu verlieren,
derart, dass sie viele Male wie ratlos nach den einstigen Schätzen suchte, die
sich in dürre Blätter verwandelt, die sie allein noch in der Hand hielt. Ihre
Familie konnte gar nicht mehr an ihr Herz. Sie war sehr verschlossen und
förmlich. Herr Rehorst, der ihre seltsamen Schwankungen von früher kannte, trug
es in sanftem Gewährenlassen. Auch dass sie alle ihre Wohlfahrtsstiftungen auf
einmal gänzlich beiseite liess. Sie dachte in Wochen und Monaten nicht mehr
daran, sich persönlich um derlei noch zu kümmern. Alles war versunken vor dem
einen seligen Gefühl, von diesem dunklen, fremdartig rücksichtslosen, schlanken,
jungen, lächelnden Träumer und Künstler geliebt zu sein, der sie auch heimlich
nicht aus Herz und Auge liess.
    Ja noch mehr: was für Frau Rehorst wie eine selige Insel schien voller
verjüngender Quellbrunnen, aus denen sie die Jugend und das Vergessen schöpfte
und schöpfte mit berauschenden Blicken, also dass sie einstweilen nichts wusste
von einem einstigen Leben, rückkehrend zu dem alten, öden Strande, an dem sie
weinend gesessen, und nach den fernen Wundern ausgeschaut, das war für Einhart
ein lichterloh flammender Feuerberg, so alle Sehnsucht und Aussicht beschattend,
dass seine wunderliche Neugier, aller Eindrücke Herr zu bleiben, sich ganz verlor
und er allentalben nur als Beglückter sich fühlte.
    Das waren rechte Träume voll seliger Berauschung. In diese Träume klang ein
schriller Weckruf.
    Der Frühling war langsam im Herzug. Frau Rehorst hatte noch gegen Fastnacht
einen Ball veranstaltet. Eine eigentümliche Gehobenheit hatte darüber gelegen,
wie ein Rauch über einer goldnen Morgenfrühe. In den hellen Räumen bei Frau
Rehorst hatte sich die Jugend in bunten Prunklumpen zusammengefunden. Frau
Rehorst hatte die Parole ausgegeben, einen orientalischen Bazar darzustellen. So
war Jung und Alt gekommen in tausenderlei leuchtenden Gewanden der
Aufgangsländer. Die lockenden Houries hinter ihren Seidenschleiern lachten mit
funkelnden Augen hervor, und alte, mantelumhüllte, breite Patriarchen wandelten
in den eingestimmten Räumen.
    Frau Rehorst war als Zigeunerin erschienen. Sie sah wunderlich und
unglaublich prächtig aus. Das machte auch, dass sie gleich wie losgebunden war.
Eine wahre Verzehrung erfüllte an dem Abend ihre Blicke. Es war ein Auf- und
Abwogen in den eigenartigsten Maskierungen. Auch Einhart kam, ein Zigeuner durch
und durch. Er hatte eine Geige, die er strich. Ein paar Liedchen mit dem
gleichen, schmelzenden Singeton. Frau Rehorst hing an ihm, wie eine junge Mutter
an ihrem Kinde. Ihre Blicke versengten ihn.
    Alle Hoheit war aus Frau Rehorst gewichen an dem Abend. Nur wie ein volles
Leiden der Liebe. Es ging wie ein Fieber in ihr, und wie ein brennendes Fieber
kam aus ihr in alle. Es war, als wenn mit allen diesen buntgekleideten, zahmen
Menschen ein Dämon allmählich sein Wesen triebe. Auch die jungen Künstler, die
da waren, merkten nicht, wie sie ergriffen wurden, und die jungen Fräuleins, die
längst schon mit Lockungen herumgingen, die sie sonst nicht gekannt hätten. Es
war bald wie ausser Rand und Band alles. Man tanzte in tollen Gebahrungen. Man
lachte schrill und trieb Kurzweil mit Küssen und Umarmungen und sich herumjagen
und widerstreben.
    In diese Taumel drang ein jäher Schrei. Alles das Treiben war plötzlich
verstummt. Man hatte Frau Rehorst in ihrem Hinrasen im wilden Zigeunertanze mit
Einhart noch gesehen eben, wie sie sich an ihn krampfte bis zum Sterben, und
plötzlich ihn losliess, und mit jähem Aufschrei das Haus erfüllte. Man musste sie
auch sogleich im Arme hinaustragen. Sie hörte erst eine lange Weile nicht auf zu
schreien. Das Schreien klang, wie ein Reh klagt, allmählich. Wie ein
entsetzlicher Herzensjammer, wie zu Tode getroffen.
    Es war eine fürchterliche Überspannung, die zerriss.
    Die Gesellschaft stand herum, wie wenn Gift plötzlich in aller Blut
geflossen. Man kann sagen, die Mienen dieser sämtlichen Orientalen waren einfach
wie im Grausen. Einige hatten geholfen. Man war stumm, wie wenn man eine Tote
hinaustrüge aus den hellen Freudensälen. Herr Rehorst hatte mit einem anwesenden
Arzte zugegriffen. Margit sass in einer Sofaecke zusammengebrochen vor Schreck
und zitterte.
    Dann harrte ein jeder wie gebannt, zu hören, dass die erste Nachricht der
Beruhigung käme.
    Alles blieb ewig starr.
    Weder der Arzt noch Herr Rehorst erschien. Es war eine entsetzliche, lautlos
bebende Erregung, als wenn man die Pulse aller hörte im Lichterglanze. Die bunte
Schar stand, als wie eine Herde nach der Richtung scheu aufgerichtet, wo der
Wolf oder das Raubtier »Leid« sich plötzlich zum Angriff herangeschlichen.
    Und Einhart war längst hinausgeeilt mit verzerrtem Lachen. Denn der Schrei
ging in ihm wie eine wehe, unbegreifliche Zerklüftung. Es schrie in ihm noch
immer mit derselben Stimme, mit der Frau Rehorst sich in seinem Arm aufgerichtet
hatte und zusammengesunken und ohne Macht nur dem Dämon hingegeben gewesen war.
    Er lief in die kalte, graue Morgenluft. Er hatte sich einen Mantel um die
Schultern zu werfen vergessen. Er merkte draussen im Dämmer, dass er in seinem
fremden Kostüm ohne Mütze einherlief. Er war auch bis in seine Dachwohnung
heimgekommen.
    Was er träumte und ansah, zerrann in Schemen, als er daheim in seinem
Bodenraum im Morgengrauen auf der Erde lag und sich nicht zu sich fand in
Schreck und Schauer und zerbrochener Sehnsucht und jachem Verfluchen alles
Lebensatems. In der Sucht seiner unentrinnbaren Zwänge Gewalt von sich zu
werfen, seiner Zwänge Gewalt und jener Frau eiserne Gebundenheit, die eben noch
wie eine beflügelte Jugend in losem Erraffen der seligen Stunde hingeeilt war in
seinen Armen.
    Die Bilder und Prunklichter in rasender, drängender Fülle führten in seinen
Augen einen Reigen, wie tote Narren im Leichenhemde, die in starrem
Klappergebein hintollten. Aus allen Gesichtern ertönte der Tod wie eine schrille
Tanzweise. Alle die Rhytmen des Abends klangen wie ein toller Lärm aus
grinsendem Grabgelichter, ewig neu aufgeweckt, und ewig ihn neu stöhnen machend
und stöhnen, und sich nicht finden können, weder zu sich, noch zu dem, was ihn
sonst im Leben in Ordnung umgeben hatte. Einhart war dann, als der Morgen kam,
in seiner Zigeunertracht, wie er war, an der kalten Erde tiefverzehrten Blickes
eingeschlafen.
 
                                       16
In Einharts Leben war damit etwas verklungen, jäh und schaurig, und hatte ihn
ganz verhärmt und stumm und scheu zurückgelassen. Es war eine Zeit, in der er
sich kaum anders noch blicken liess, als dass er ungesehen in einer kleinen
Spelunke sass, wo Arbeitsleute assen und weder Künstler, noch Menschen der guten
Gesellschaft ihn ansprechen konnten.
    Frau Rehorst hatte zwischen Tod und Leben Tage und Wochen hingebracht. Man
hatte völlig eine Weile verzweifelt, dass man sie könnte zurückgewinnen. Die
schöne, stille Frau, die sie gewesen, war in weissen Spitzenkissen eingebettet,
von Visionen und Verängstigungen geplagt, in wilden Fieberträumen hingejagt. Und
hatte ein Leben von Tagen wie in Hölle und Fegefeuer gelebt. Um dann in das
Nichts unergründlicher Erschöpfung eine Weile einzusinken, aus dem sie mit
ebensolcher Flugkraft wieder in die Abgründe ihrer sinnlosen Peinigungen
hinflog.
    Endlich erschienen Anzeichen der Besserung. Und man kam an einem Tage zu der
bestimmten Hoffnung, dass Frau Rehorst die schwere Krankheit doch überstehen
würde.
    Einhart war zu Herrn Rehorst hingegangen und hatte es aus seinem Munde
selber gehört, der es in einem heimlichen Beben und Zittern der Freude
ausgesprochen.
    »Sie wird uns wiedergegeben,« hatte Herr Rehorst nur gesagt und war dann
verstummt, und war leise zurückgegangen, wie Einhart ebenfalls zum Gehen sich
anschickte.
    »Sie wird uns wiedergegeben,« das begriff Einhart gar nicht. Er wusste es ja
wohl, ohne es sich vorzuhalten, dass das wirklich eine Wahrheit war. Aber seinem
Gemüte war es ein tiefes Rätsel. Er konnte nicht einmal darüber sinnen, weil er
merkte, dass er dann ins Grenzenlose und ganz Unhaltbare fortgetrieben wurde. So
lief er nur in Halbgedanken, von denen er keine Aengste und Enttäuschung zu
befürchten brauchte, und malte und zeichnete dann daheim, so gut er eben konnte
in der dunklen Trauer seiner Seele, als Vorhang um Vorhang sich um die Gefilde
einer erlebten Traumseligkeit zog, und die einsame, schöne Insel Liebe in
Tiefdunkel und Gram immer tiefer einsank.
    Einhart kannte das Menschengemüt. Es gibt Kinder und Junge, die Weise sind.
Das Blut ist von lange her und fliesst wie ein ewiger, roter Strom mit allen
Geheimnissen und ihrem Sinn beladen durch die Lebensgefilde. Es braucht nicht
erst von Auge und Ohr ins Blut. Das Blut entüllt es aus der Tiefe hinaus ins
Leben. So werden allein auch Weisheitsbringer und Schönheitsbringer, wenn sie
aus der Ewigkeit jenes roten Stromes schöpfen, und die dunklen Blumen des
Schicksals brechen, die an dessen Ufern blühen.
    Einhart wusste, was jener Schrei der Frau Rehorst gewesen, ein Hilferuf der
armen Seele, die, aus ihrem engen Käfig vertrieben, nun in der grenzenlosen Oede
und Wildnis der Seele sich nicht mehr ausfand. Er wusste, dass die grossen Dämonen
jetzt gewichen. Dass der sanfte Vatergeist sie wie eine weisse, verflogene Taube
in seine warme Hand nun gebettet. Und dass, wenn sie aus den Fieberschrecken des
Leidenschaftenkampfes genesen sich wiederfinden und sich mit ihrem eigenen Namen
neu nennen würde, ihre Augen schamhaft lächeln würden über die verhallten
Lärmschrecken der Seele. Sie sich erkennen würde mit sanfter, allzu schwacher
Gebärde nur geborgen in ihren Kissen, von Liebe und kindlichen, gestillten
Sehnsuchten umgeben, und nichts mehr wissen würde, als nur wie ein fernes,
fremdes Geläut, dessen Melodie das Herz vergeblich sucht noch zu finden, und das
einmal wie eine Freiheit und eine Erlösung geklungen.
    Einhart gewann Kraft in solchen Versunkenheiten. Dass er im Leide allmählich
zu schaffen vermochte, das war sein Glück. Er tat allerhand Arbeit in Skizzen
und Malweisen. Sein Atelier gewann ein buntes Aussehen. Er liess niemand ein. Er
war mit seinen Gesichten allein, die immer mehr leibhaftig wurden. Das hielt ihn
immer neu aufrecht, wenn die Anfechtungen der Sehnsucht in ihm aufschrien. Dass
er schliesslich vor dem entstehenden Bilderwerk zu lächeln vermochte. Und ihn nur
manchmal noch der Gedanke hin und her peinigte, wann er wohl endlich einmal das
Glück haben würde, Frau Rehorst wieder zu sehen?
    Denn ihr malte er jetzt in diesen Frühlingsmonaten, wo er wusste, dass sie
genas. Ihr - auch wenn sie hingestorben wäre, hätte er es getan. Ihr, auch wenn
sie ihn nicht erkennen würde jetzt - wenn sie ihn nur ansehen sollte, rein und
unschuldig geworden wieder, wie ein schöner Engel, und von allen Dämonen rein
geworden durch ihre schwere Zeit.
    Aber allen diesen Gefühlen kam dann auch an einem schönen, warmen,
blütenduftigen Frühlingstage eine letzte Erlösung. Einhart war gerade im Begriff
gewesen, in Herrn Rehorsts Vorhalle zu fragen. Da übergab man ihm einen Brief,
der mit feinen, zärtlichen Zeichen geschrieben war. Frau Rehorst war jetzt zum
ersten Male im Lichte des Tages und in den Duft des Flieders hingebettet
gewesen. Da hatte sie den Brief geschrieben. Eine einzige Träne war still aus
ihrem Auge geronnen - und ganz sanft schrieb sie dann, wie wenn sie Dinge und
Ereignisse nicht mehr einstweilen fühlen könnte, nur noch ahnen:
        »Mein lieber Einhart! Genesen! Ja ...! Es war eine unsägliche Zeit. Eine
        unsäglich-unbegreifliche Leidenszeit! Aber der Hall im Ohre muss erst
        ganz verstummt sein. Ich werde immer mich trösten, dass Sie ein Künstler
        sind, und ich werde mit Stolz Ihren Namen hören, und Ihr Name wird mir
        immer klingen wie die unbegreiflichste Weise eines unbegreiflichen
        Liedes. Die Krankheit hat mich schwach zurückgelassen. Ich muss das Lied
        und seine Melodie ganz vergessen. Feiern Sie die Gefühle, weil sie Feuer
        sind, wie aus Vulkanen, und das Licht der Sonne. Ich kann Sie nicht mehr
        sehen. Ich will ganz gesunden.«
    Als Einhart den Brief bekam, entschloss er sich gleich, die Stadt zu
verlassen.
 
                                  Zweiter Band
                                   Viertes Buch
                                        1
Draussen fern schwammen Krähen im Sommerhimmel unter weissen Lämmerwolken. Das
Auge des Schläfers hatte sich blinzelnd ein wenig aufgetan und sah in den
blendenden Raum. Die blühende Heide rings glänzte Blättchen an Blättchen, und
der zerschljetzte Schatten der dunklen Eichenkrone fiel um Einen, der noch immer
träumen wollte.
    »Im Auge muss unser Glück wohnen, wenn wir malen, unser ganzes Lebenswunder.«
    Das schauende Auge des Schläfers öffnete sich nun ganz im tändelnden
Eichenschatten auf der weiten Heide. Drüben hinter dem hohen Korn stand ein
rotglühendes, schlankes Mädchen und stach Torfziegel um Torfziegel.
Weissleuchtend in der grossen, hellen Sonnenkiepe, die das junge Gesicht bis zur
Nasenspitze in Schatten legte, ragte es auf und sah nicht herüber.
    »Im Auge muss unser Glück wohnen, wenn wir malen, unser ganzes Lebenswunder.«
    Das schauende Auge des Träumers sah über die goldnen Weizenhalme ins goldene
Licht, staunte in die fernen, stillen, schlanken Bewegungen der blendenden
Gestalt, sah und staunte und begriff nicht die Welt. Das schauende Auge sah hoch
die blauen Räume und fern, fern niedertauchen die schneereine Herde der
Wolkenflocken, denen es ins Unbegrenzte nachsann, sah dicht am Raine die
schwebenden Halme der tausend Zittergräser und rote Köpfe Klee, Glockenblumen
und die weissen Sonnen der Kamille.
    Und im Ohre klang dazu ein wunderbares Summen und Singen. Bienen tauchten
von Blume zu Blume. Die schlanken Blumenstengel bogen sich. Es gab einen Hall
aus vielen Seelen. Der Träumende hatte die Augen neu zugetan. Er lauschte innig
diesem eigenen Surren und Hallen, das ihm ein Erntesang däuchte, sich in einen
feinen, fernen Chor zerlösend, und breiter und voller einherrauschend, neu tiefe
Brummtöne zugemischt, die der Wind in Eile herübertrieb. Der Wind selber sang
verloren für sich in Heidekraut und Gräsern und Blumen. Er sang oben freiziehend
im Luftgeräume. Im Blätterbusche der Eiche rieselte er, rauschte seine Stimme
eilig. Und die ferne Lerche schluchzte heiter näherkommend eine verträumte
Sonnenjubelweise.
    Der Schläfer schlief nicht. Er lauschte in sich und erlauschte die Welt.
Jetzt, wo er hier lag im Eichenschatten, war er sich zurückgegeben, ganz nur er,
mit einer Seele ohne Verlangen.
    Es waren Jahre vergangen, dass er ohne Halt und Sinn gesessen oder gewandert
oder sich ganz vergessen hatte.
    Er hatte damals gelächelt, als der Brief von Frau Rehorst ihm alle Seligkeit
gleich auf einmal ausgeblasen. So ist die Welt und geht der Frühling vorüber. Er
war es schon ein paarmal jetzt gewahr geworden, dass die Seligkeiten im Blute
hinrinnen, wie Lieder mit Anfang und Ende.
    »Jedes Ding hat eine lebendige Grenze. Und jedes Glück. So ist es,« sagte
er. Er hatte nur gelächelt, als es ihn damals hinausgetrieben, und er vom Malen
nicht hatte mehr seelensatt werden können.
    Aber »Einhart« war es noch immer. Nur hatte er einen Blick, der wie ein
sicherer Dolch aufblitzte jetzt, wo er sich erhob. Er war ein schlanker,
stattlicher Mann geworden. Er ging in Jahren auf die Dreissig. Er hatte noch
immer ein zähes gelbgraues Gesicht, schmal, glattrasiert, mit schwarzhaariger
Umrahmung des dunklen Augenglanzes, der noch tiefer schien, und sein Fettaar
hing noch in Strähnen. Aber alles war streng an ihm. Die Linie um die Nase bis
zum Mundwinkel furchte sich. Die Stirnfalten zitterten, wenn er die Dinge ansah.
Der seine Mund lag fast immer fest geschlossen. Und er hatte ein versunkenes,
eigensinniges Leben in allen seinen Bewegungen.
    Einhart war heut einsam in die Heide gewandert. Draussen und drinnen die eine
Welt, die ihn trug, und die er war. Wie er seinen Sommerhut von der Heide
aufnahm, sah er noch einmal zu Leidchen hinüber. Dann zeichnete er einige Linien
in sein winziges Skizzenbuch, klappte es zu und schlug mit dem Stocke frei und
trotzig in die Lüfte.
    Wenn jetzt Grottfuss gekommen wäre, wäre er irre geworden, einen zu finden,
den er kannte. Einhart war jetzt nicht imstande, an alle Lebensgänge sich gross
noch zu erinnern. Einhart war gewiss augenblicklich ganz unbekannt, dass es so
etwas wie eine Akademiestadt und einen Herrn Grottfuss wirklich gab, der seit
Jahren die Künste seines Landes und aller Länder der Erde bemass. Einhart wusste
jetzt davon so wenig, wie etwa, dass er Nase und Ohren hatte und nicht ganz nur
jener süsse Heideruch und die weite, summende Halmensonnenwelt und Himmelsbläue
selber war.
    Fern lag alles.
    Die Zerrüttungen des stummen Herzens waren über Einhart weggegangen. Sturm
geht über die Weizenflur. Die Halme beugen sich hin und her, schwanken und
tauchen auf. Die Zerrüttungen zeichneten Strenge und Vergessen in seine dunklen
Züge, Nicht-sich-rückwenden, Lächeln und Einsamkeit, und Schauen und Hinhorchen,
was in dieser Welt des Wesens innen und aussen sich jeden Augenblick neu begeben
will. Es begab sich dieser einzig-artige Traum, der einer Seele eigene Welt
zusammenfügte, und wo noch immer der Turm des Baues sich nicht aufreckt, nur
erst hohe Mauern und Zinnen sich erheben, die den neugierigen Blick abweisen.
    Einhart war noch immer ein Zigeuner. Den Sinn für die offnen Erdenräume, für
Wälder und Heiden, hatte er nicht verloren. Ob er auch, in seiner Strenge
begehrt, längst selbst in Schlössern und Burgen an Fürstentafeln seine Speisen
gegessen und sich als Künstler hatte rühmen lassen.
    Nach einer sinnlosen, ziellosen Wanderschaft hatte er von neuem Menschen
gemalt. In einer der letzten grossen Ausstellungen war Begehr nach seinen Werken
gewesen, und ein Mäcen hatte das meiste davon aufgekauft. An Mitteln fehlte es
ihm nicht. Aber auch an Gleichgültigkeit dagegen hatte er nicht abgenommen. Er
fragte noch immer Krähen und Gräser, Wolken und Bäume um ihre Freuden, und wusste
nicht recht, ob er nicht lieber ein Baum sein möchte und harren und es sich
begeben lassen, als es mit Erjagen erraffen und nicht finden. Wenn man das
Enttäuschung nennt, mag man auch ihn enttäuscht nennen.
    »Reich leben ist eine Sache für sich,« sagte er oft mit Lächeln und nannte
dann das Geheimnis mit drolligem Namen.
    Damals, als er aufgewühlt in die Beglückungen des Blutes sich ganz
einsenkte, waren die inneren Fluten ein Meer ohne Grenzen, und der Beseligung
keine Zweifel. Hart und voll Wunder alles. Die Glutfeuer der Tiefe gaben Wärme
und die Farben des Schicksals wie glühe Rosen. Das war nicht mühsam
Zusammentreiben, was nicht kommen will. Das war ganz Geschenk und Fülle, Leid
und Licht, Zerrissenheit und eins in allem.
    Jetzt schmerzte nichts in Einharts Blute, wo er ein ruhiger, selbstsicherer
Künstler nun am Heideraine hinging und die Welt von ferne träumte, wie eine
Baumkrone träumt, hin und her, hin und her, tändelnd mit Licht, spielend mit
Schatten.
    Das sind die Zeiten des stillen Erntewartens auch im Geiste, die nichts von
Leiden und Leidenschaften, vom Erjagen und Ersehnen wissen.
 
                                       2
Unten im Moore hing ein altes, moosbegrüntes Dach nieder fast ins Gras und in
Nessel- und Schierlingstauden, tief im Eichenschatten verborgen. Gänse gackerten
unter den Säulen der Stämme, und ein Schwein machte drollige Sprünge und quiekte
ungehalten, wenn jemand in den Frieden der verfallenen Umhürdung, in die
verwunschene, verwachsene, nesselumwucherte Herrlichkeit eindrang. Einhart musste
hier oft seinen Weg hindurchnehmen weiter in die Weiden hinaus.
    Wie Einhart jetzt war, hatte er gern den Blick in die Ferne gerichtet.
»Unstet« war noch immer sein Name. Er näherte sich, in dem Grase am Wege
schreitend, dem kleinen, engen Hausfenster, legte seine Stirn an die Scheiben
und sah hinein in die dunkle Stube.
    Hier wohnte Klaus Otten, der Moorbauer, und seine magere, strenge Frau mit
der schreiigen Stimme, mit den grossen Holzschuhen an den Füssen und der dürftigen
Haube, und Henny, deren Tochter, die seit einem Frühling krank in den Kissen
sass, und die sich nun eine Welt träumte, jemehr sich ihr die Hoffnung und der
Blick verschloss.
    Henny war eine blonde, junge, sanfte Seele, ein wenig neckisch immer im
Leben, und wo sie Arbeit tat, froh und wohlgemut singend früher. Und sie hatte
allerlei Arbeit getan. Vor allem draussen in dem Mooracker hatte sie Scholle um
Scholle mit Vater zusammen umgelegt und hingeschoben und der Sonne gebreitet,
und geschichtet dann, und in den Kahn geborgen endlich, wenn es zum Trocknen
gekommen war. Sie war auch dann mit dem wundersamen, eintönigen Ruderstosse,
einer und einer und immer wieder derselbe, im sonnenweiten Wiesenglanze mit
Vater und der schwarzen, erdigen Sommerernte zur Stadt gefahren.
    Nun war damit nichts mehr.
    Es blühten ihr jetzt die glühen Todesrosen im schmalen, kindlichen
Angesicht, und sie träumte viel und konnte wundersam aufmerken auf alle Dinge im
Himmel und auf Erden.
    Einhart hatte gleich im Beginn seines sommerlichen Aufentaltes einmal
zufällig hier Rast gehalten und in diese graublauen, jungen Augen gesehen und
mit Staunen den seltsam glücklichen Glanz des Entsagens und Entschwebens fort in
alle Weiten.
    Und Henny hing jetzt an der Stunde, wo Einhart oft den Abend durch die
Stauden und Schatten und die goldnen Tupfen des Sonnenscheidens hindurchstapfte.
Heute hatte sich Henny schon am Nachmittag zeitig in Kissen hinausbetten lassen.
Um sie glühten allerlei Taube-Nesseln, Camillen und Glockenblumen. Sie horchte
in die helle Sommerluft, wo Finken ihr kleines Lied sorglos pfiffen, und Spinnen
sich auf die Blätter niederliessen oder auf ihre Hand und erschrocken sich dann
am eigenen Gespinste eilig in die Lüfte emporzogen.
    Henny war aussermassen fein von Sinnen. So eine Spinne mit ihrem Fleckenkleide
sah sie staunend an wie eine Dame in reicher Gewandung. Die kleine Spinnenarbeit
däuchte ihr voll ein Wunder. So ins Schauen versunken, konnte Henny stundenlang
zusehen, wenn das winzige Dürrbein mühsam die Fäden seines Netzes zusammenrollte
wie ein Seiler seine Knäuel, dort wo das Netz lädiert und undicht geworden, um
mit feinem Bisse die kleinen Packen Spinnenseide zu lösen und in die Lüfte
verächtlich hinauszuwerfen, wie eine Dienstmagd den Kehricht. Fein war der
Knäuel. Henny fing ihn in der Hand. Sie zerdrückte ihn zu einem kaum sichtbaren
Flecken Silberstaub. Es war schier ein Wunder, ihr, die angebunden an Leib und
Seele, nur noch Auge und Traum hinaussprang aus ihrem kranken und schwachen
Gehäuse. Und deren Hoffnung nur noch in den Lüften hinwehte ohne Halte, wie der
Wind.
    Und wenn Einhart nicht kam, war es nur ein Tag ohne solches Wehen.
    Aber auch Einhart kam nur zu gern. Er sah zum ersten Male hier in dieser
Bleiche der Züge solch ein Leben ohne irdische Bestimmung. Er sah in diese
einzig-artige Süsse der Züge, die engelgleich sich in den Luftkreis um und um
einsaugten und mit jeder Spinne und jedem Blatte und jedem Vogel und jedem
Luftauch aufwehten ins Ungewisse, und war erschüttert heimlich von der
unerhörten Leichtigkeit solcher Seele, von der Frohheit und dem Leide, die
gleichsam in Einem aus den jungen Augen lachten.
    »Nun, Henny? liebe Henny!« sagte Einhart gewöhnlich, wenn er aus den hohen
Nessel- und Schierlingstauden zu ihr trat. »Liebe Henny!« das klang ihrem
verwehenden Leben wie Sonne.
    »Guten Tag, Herr Selle!« sagte dann Henny mit dem Gesicht halb in den Kissen
und die Augen allein nach ihm gewandt. Aber die Hand, die einmal eine harte
Arbeitshand gewesen, zu ihm hingestreckt, dass er sie in seinen langen, feinen
Fingern hielt.
    »Na also! es geht ja! ich sehe es an den Fingerspitzen,« lachte dann Einhart
und sah drollig die Hand an, die jetzt kindlich und bleich und weich war wie ein
Federflaum.
    Er brachte wohl auch einen Strauss von Blüten, die er draussen in der Heide
zusammengebunden. Feine, silberne Wollgrasbüschel liebte Henny. Damit strich er
ihr gar erst einmal über die seine, bleiche, magere Nase. Das machte Henny
lachen, wie eine flüchtige Drossel auflacht, klingend, ganz ohne Erde und
Schwere, nur eine verfliegende Lust in die Luft.
    Einhart konnte dann dieses entrückte, schöne Mädchen anstaunen heimlich. Er
konnte ihre Hände ewig sprachlos in den seinen halten, jede blaue Linie des
zarten Aderwerkes verfolgen, und jeden Hauch rosigen Glanzes, der darüber
huschte, wenn das junge Herz Hennys sich dann heimlich auch froh erregte, in den
dunklen Zigeuner, der ja ein freier, sicherer Mann war, sich zu verlieren.
    Sie sprachen nie viel. Es war nur meist eine stumme, lange Frohheit. Hennys
Hände lagen oft lange in Einharts Hand. Und Einhart sah auch Hennys Mund dabei
lange an, der allein noch wie frisches, zartes Fleisch glänzte.
    »Ich war heute faul,« sagte wohl Einhart. Oder auch: »heute habe ich meine
Tagesernte doch gemäht.« dabei zeigte er Henny einige Blätter Leinwand hin.
    »Oh!« sagte sie dann. »Das ist unten an der Brücke der dunkle Wassergrund
und der schwarze Geisterkahn.«
    »Ist es wahr,« sagte Henny einmal, weil sie irgendwo so etwas gelesen hatte,
»dass man in die Seligkeit eingeht über einen dunklen Fluss, von einem stummen,
düsteren Fährmann gefahren, auf einem solchen Kahne?«
    »I wo!« sagte Einhart. »Du, Henny, gehst mit Flügeln ein!« sagte er lachend.
»Und ich auch. Mit Kähnen, das wäre zu mühselig. Gar noch auf solcher alten
Schute!«
    In Henny und Einhart war ein heimliches Miteinander. Henny wusste schon
vorher halbe Stunden, wenn Einhart kommen würde. Sie merkte es an der Luft, am
Vogelgesang, an dem Gackern der Gänse, an dem Zittern der Spinnenfäden, an
tausend unsagbaren Dingen, dass er käme. Und er kam immer, wenn es ihr alle diese
seinen Dinge um sie schon erzählt hatten.
    Und Einhart hatte ein solches Rätselleben noch niemals angesehen. So
gebunden und bleich und die Röte der Todnacht auf den Wangen erglühend, und der
Mund noch feucht und voll Liebe, und so fein und leise alles erhörend ihr
kleines, blutloses Ohr.
    »Henny,« sagte Einhart manchmal, »was träumtest du eben in die Eichenkrone
über dir und den hellen Himmel?«
    Dann erzählte sie ihm wohl einmal einen flüchtigen Traum.
    Oder sie lächelte ohne Ton.
    »Was ich träumte, werde ich Ihnen nicht sagen,« sagte sie dann. Da sagte sie
es ihm lange nicht, so oft er kam.
    Aber eines Tages begann sie auch selber zu erzählen.
    »Ich träumte,« sagte sie versunken, »ich läge wie ein feiner Sommernebel
über meinem Bette ausgebreitet, und mir war nichts mehr schwer. Ich konnte sein,
wo ich wollte, oben, und unten, unter den Blumen, oder in den Baumwipfeln, alles
war nur rein ein seliges, freies Dasein.«
    Und eines Tages auch kam Einhart, wollte es wieder von ihr wissen, weil
Hennys Gesicht etwas von Schönheit und Verklärung hatte, wie er es so noch nie
gesehen. Da drang er in sie und sah, dass ihr gleich eine schwache Blutwelle ins
Schläfenweiss aufschoss und ihr Gesicht in Purpurglut legte und ihren Atem fast
erdrückte. Und er musste sie ewig quälen. Er bat. Er nahm ihre weisse, sanfte Hand
in die seine, und sah sie mit bittenden Augen lange an, fragte und bat wieder.
Da begann sie zitternd und flüsternd und zögernd noch immer endlich doch zu
sprechen.
    »Einmal im Himmel,« sagte sie.
    »Was? - - was? - - weiter!«
    »Einmal im Himmel werde ich,« kicherte sie leise.
    »Einmal im Himmel - - werde - - ich - - dich.«
    »Werde ich dich?« sagte Einhart wiederholend, aber jetzt in Einfalt
lächelnd.
    »Werde ich dich küssen,« sagte Henny hastig. »Denn hier auf Erden bin ich
nur ein elender Mensch, zu bleich und zu schwach und zu krank, und arm und ein
Nichts! - - - Aber im Himmel,« lagte sie dann fest und arglos froh, »ist besser
seben.«
    Und Einhart fühlte es, dass ihre Seele der seinen sehr nahe kam, fast wie
wenn sie als Windeshauch seine Wange strich. Und man konnte in Einharts Auge
sehen, dass er Henny mit einer unbegreiflichen Frage ansah, in der Trauer und
Staunen und reiner Glanz der Liebe von ferne gingen und nicht Halt fanden.
    Oh, es gingen noch immer nicht die Glutfarben aus Henny. Immer neu musste sie
schüchtern Glück und Lachen ganz leise überwinden.
 
                                       3
Im Moore feierte man ein Volksfest. Es waren helle Zelte gebaut nahe einem
Kiefernhügel, der gegen den blauen Aetergrund der weiten Nacht ragte. Und der
erstrahlende, irrlichtelierende Freudentaumel der Karussells schwang sich unter
dröhnender Musik um. Die Lampen und Lichter glitzerten in bunten Scheinen und
schwirrten vorüber inmitten der drängenden Menge erheiterter junger Gesichter.
Alt und jung strömte um Wurst- und Kuchenbuden und hin in das von grünen Reisern
durchduftete Zelt, worin die jungen Paare tanzten. Leute aus den jetzt unter der
Sternennacht schlafenden, weiten Mooren sassen an den Tischen, zum Teil wie sie
sind, ernst und ungesprächig, auch ein wenig feierlich erstaunt von dem
Lichterglanze und der Musik die Frauen, und die Männer dann und wann geradehin,
flüchtig von Witz und ohne gross Anmut.
    Um einen Tisch sassen junge Maler. Einige freie, geistige Mädchengesichter
glänzten in Röte, die mitten durch Staub und Wirbel sich mit schwebender Frische
in die schwerfällige, walzende Menge mischten. Die jungen Malerköpfe waren voll
Leben. Die Augen aller sahen voll Spannung in die bunte Welt des nächtlichen
Reigens. Heiter und unbedacht streifte der träumende Blick dieser staunenden
Jungwelt den Duft der Dinge dieser Festnacht und schwang sich lachend inmitten
des bäuerlichen Gestampfes immer wieder neu hinein, nicht nur zu schauen, auch
dabei zu sein.
    Einhart war spät in das Tanzzelt getreten, hatte ein paar seiner Kameraden
mit flüchtigem Nicken angesehen und war unschlüssig unter die Gruppe Bauern am
Eingang zurückgegangen. Man kannte ihn auch hier allentalben, weil er noch
immer fremdartig genug aussah. Nicht mehr verwahrlost, sehr schlank und mager.
Aber die Augenbrauen immer mehr wie breite Bänder, die Augen aus Tiefdunkel
blinzelnd oder auch mit der Güte und Einfalt und dem verlorenen Lächeln eines
Kindes, oder plötzlich der Blick mit Funken wie der eines harten, andalusischen
Räubers. So war er allen, auch den Bauern, immer ein wenig ungeheuer. Die jungen
Malerinnen waren halb moquant, halb hingezogen, obwohl Einhart in dieser Zeit
für niemand recht zu gebrauchen war.
    Auch an diesem Abend war Einhart sehr gleichgültig. Es sich von Festen und
bunten Äusserlichkeiten ablesen, hatte er völlig verlernt.
    »Die Natur meiner Augen und Sinne hat es so schön eingerichtet, dass die Welt
ohne Mühe hineinspringt. Und was hineinspringt, ist mir sicher,« sagte er. »Wenn
sich meine Stunde nach etwas sehnt, was verloren ist, kommt es aus der
Brunnentiefe aufgestiegen wie der Nix im Märchen und lacht oder weint mit mir.«
    So lebte er die Dinge ohne Anspruch. Auch alle die leuchtenden oder
beschatteten Gesichter rings. Aber er sah manchen Bauern doch scharf an, und
manches blonde Mädchen, das vorbeihuschte, ihn zu grüssen, und den derben
Burschen, der Hut oder Mütze vor ihm lupfte. Er hatte immer etwas Prüfendes im
Blick. Es war gar nicht Metode. Es war gewohntes Leben jetzt.
    Und Einhart mischte sich dann doch unter die Tanzenden, tanzte mit einer
wunderlichen Schönheit, die vom Moore in bunten Damenflittern gekommen war,
nachdem sie Jahre jenseits des Meeres gewesen und rechtes Geld mit heimgebracht.
Alle Moorleute staunten die überlegen Prunkende an, die sie früher als einfaches
Heidekind gekannt, wie sie mit ihren Seidenbehängen und der Schleppe jetzt im
Arme Einharts hinflog, mit sicherer Grazie alles flatternde Lose ihres Gewandes
zusammenhaltend und umschwingend, wie es keine der derben, gesunden Moortöchter
in ihrer behaglich runden Umdrehung vermochte.
    Aber wie auch alle die lustigen, jungen Blicke rings, je mehr die Zeit
hinging, lockten und bedrängten, wie auch Einhart dann noch einmal lange stumm
am Tische unter den Malern gesessen, in die flackernde Regsamkeit des halbhellen
Tanztaumels hineinstarrend, wie er auch dann unentschlossen einem blonden
Mädchenkopfe sich nachgestohlen, der ihm ein paarmal mit heimlichen Blicken
zugeblinkt, wie ihn auch dann die lustige, schmiegsame Heide, jung und derb und
verliebt, mit heissen Erhitzungen jetzt in der Festnacht hinausgelockt in die
Waldschatten und sich an ihn gehangen mit weichen Armen, die aus den offenen
Aermeln wie Nixenarme im Sternenschein glänzten, Einhart konnte in dieser Nacht
nirgend Ruhe finden. Er hatte es noch immer aus dem Wandervolke, die treibenden
Süchte, die wie Krankheiten ihn manchmal plötzlich überfielen und versehrten.
    So geschah es auch heute, dass in die drängenden Flüstertöne dieser Nacht, in
das Gesumme und Geräusche in den Baumwipfeln oben und das Silberlicht der
Sterne, unter die scharfen Schatten im Waldgrunde und in die stammelnde
Sehnsucht des blinkenden Mädchenmundes ein Bild plötzlich tiefer Erschrockenheit
hineinsprang. Dass Einhart seinen Namen aus den Weiten der Nacht herhalten hörte,
und hinstarrte - und hinlauschte - gierig. Und es zum andern und zum dritten
Male vernehmlich einsog: »Einhart! - Einhart! - Einhart!« von einer leiblichen
Stimme silberhell durch die Nacht gerufen. Dass ihm die übrige Welt rings darnach
wie in Totenruhe verstummt erschien.
    Einhart hatte Heide sofort losgelassen. Er sprang aus den Waldschatten ins
Licht ganz hinein. Er machte eine Bewegung mit dem Munde, wie um zu rufen. Aber
es kam noch kein Ton. Er rief jetzt wirklich. »Ich komme!« rief er laut. Weil es
ihn auch gleich dünkte, dass er den Ruf verstanden. Und er lief - und lief, wie
getrieben, was er konnte, hin ins Moor, wo Henny in der umwachsenen Hütte krank
lag.
    Das Haus lag im Schlitzschattenwerk der alten Eichen ganz verborgen und
dunkel. Ein kleines Fenster gab einen rotgoldenen Schein, warm wie eine Seele
und stumm. Die Schierlingsstauden und die Nesseln standen wie bleiche
Spitzensäume unter dem Fensterschein und flüsterten und zitterten.
    Einhart schlug sein Herz wie ein Hammer in der Brust. Er drückte leise, wie
oft, sein Gesicht an die Scheibe.
    Alles lag still, wie in Ewigkeit gebunden.
    Er suchte jetzt einen Halt zu gewinnen. Das Unbegreifliche hatte ihn
bedrohlich angefasst. Er trat noch einmal vom Fenster zurück. Und er sah auf in
die Nacht.
    Über den Schatten des Hauses hingen in den Baumwipfeln die blanken Sterne,
als wären Diamanten in die Zweige gesät. Drinnen im Hause regte sich nichts.
    Dann schlich Einhart neu nahe, sah lange durch die Scheibe in den Dämmerraum
und merkte endlich, dass drinnen der Tod selber am Tische sass und schlief.
    Es war eine von den wunderlichen Visionen Einharts. In dieser Nacht ging es
in Einhart wie Irresein schon seit Anbeginn. Da konnte er die Welt noch weniger
sehen vor seinen eigenen Bildern.
    Er drückte ewig die Stirn an die Scheibe, um drinnen - den Tod schlafen zu
sehen.
    Ein alter, müder, starrer Mann, grau wie eine Fledermaus, in einem langen
Gewände wie gefaltete Flügel, dessen Kopf unsinnig, und wie zu arg geknickt,
unkenntlich auf den Tisch hing.
    Ganz allmählich erkannte Einhart, dass es der alte Otten selber war. Der
Schein des kleinen Lichtes traf seinen grauen Schädel. Auch die alte, strenge,
magere Frau Otten sass im grossen Lehnstuhle und schlief, das Gesangbuch auf ihren
Knien in der Hand haltend, worüber ein Lichtstreif spielte. Das Bett neben dem
Tische schien wie eine Bahre mit einem Totenlaken zugedeckt.
    Wie Einhart lange hingestarrt, erwachte Frau Otten, dass ihre Haubenbänder
einen vertrackten Schatten an die Wand warfen. Und der alte Graumann regte sich
auch.
    Die Beiden hielten stumme Totenwacht. Denn Henny hatte eben den langen
Schlaf des Todes begonnen.
    Einhart sah jetzt auch deren Züge genau. Das Fenster war nahe. Das junge,
entrückte Totengesicht hob sich langsam aus den weissen Tüchern heraus. Es schien
zu lächeln. Einhart wusste es jetzt. Hennys Stimme hatte ihn zärtlich noch einmal
gerufen. Er regte sich nicht. Er trat nicht hinein. Er stand nur ewig und ging
dann wie ein Schlafwandler ohne Laut in die Nacht der Moore zurück, Schierling
und Nesselstauden durchschreitend, dieselben, in denen Henny noch am Tage in
Kissen gebettet gesessen.
    Die Nachtwelt begann in Unruhe aufzuschauern. Die Blumen und Bäume
flüsterten. Einhart lief ins Unbestimmte Schritt um Schritt. Tausend Fragen tat
er in die Sterne. Allentalben däuchten wie zarte Gewande über den Heiden
aufzusteigen. Er war tief in Rätsel verstrickt in dieser weiten, einzigen Nacht.
    Als Einhart am Morgen in sein Quartier kam, sah er aus wie ein Kind, so
sanft berührt von den fernsten, geheimsten Weisen aus den Gründen, die ewiges
Vergehen und ewiges Leben halten.
 
                                       4
Das Leben auch dieses Sommers ging bald hin. Einzeln verfärbten sich die Blätter
der schiefhängenden Birken an der langen, schnurgeraden Chaussee, die hinwies in
die Ferne.
    Einhart hatte die Herbstabende oft einsam in den Weiden gestanden, neckisch
umschnaubt von den Mäulern der Mutterstuten und Füllen und hatte in den
sinkenden Sonnenglast hineingesehen. Oder er war an den tintenschwarzen Tiefen
der Moorgewässer entlang gelaufen, darin Hütte und Strauchwerk und hoher
Hängebaum sich düster fremd und kalt spiegeln, und über die Heidehügel hin,
hatte den Schrei des Brachvogels über sich klagen hören in die Dämmerluft und
war schliesslich mit seinen Gesichten und Träumen dann auch selber ins Weite
gezogen.
    In jedem Leben gibt es Zeiten, wo die Seele, überreich an Gehalt und
Drängen, nicht recht rasten kann. Wo nicht das Erschauen neuer, fremder Dinge
und Wunder hinaustreibt und forttreibt von Ort zu Ort. Nur die unbestimmte
Sehnsucht, endlich die schöne Schale der Götter zu finden, sie mit der eigenen
Seligkeit und dem Reichtum aus der eigenen Tiefe zu erfüllen.
    »Denn die Welt des Wurmes und meine Welt ist allentalben dieselbe. Aber in
meinen Augen blitzt diese Welt und glänzt im See Menschenliebe wieder,« sagte
Einhart jetzt oft. So war seine Welt nicht die Welt, die draussen war, nur die
drinnen jetzt umhütet mit ihm ging.
    Einhart war noch immer einsam, wie er gekommen war. Er verstand es gar nicht
mehr, sich anzuschliessen. Keiner der jungen, tüchtigen Maler, die er in der
Heide gefunden, und mit denen er beim Mittagsmahle oder nach Feierabend manchmal
noch in der kahlen Dorfschenke des Moordorfes zusammen gesessen, kam ihm recht
nahe. Das war wohl hauptsächlich, weil ein jeder für sich genug erfüllt war, auf
seine Weise die Welt der Beglückung aus Wolken und Lüften, Wasser und Weiden zu
greifen.
    Aber man traute sich auch nicht. Zumal wenn Einhart seine undeutbare
Doppelteit mit sich trug, achtlos spitz und abwehrend im Gespräche seine Blicke
funkeln liess, die dunklen Schalksaugen drollig-einfältige Begleitung zu
sonderlichen Worten und Weisheiten spielten, wenn er sich gar manchmal in den
Mantel tiefsinniger Verrückteit hüllte, wie ein indischer Heiliger ewig
lächelnd dasass, aus einem Punkte der Weltbetrachtung süssen Wahnes Netze
spinnend.
    Da waren die um ihn unschlüssig, wie ihn erkennen. Keiner, der eines solchen
Einsamen, eines solchen Schalkes und Gauklers Herz recht gefunden glaubte, weil
auch die Flamme der unsteten Sucht nach tiefem Leben ewig dabei zuckte und die
Flamme der harten Verachtung alles kleinen Getriebes nach Ehren. Da waren die um
ihn doch noch immer im Vergleich angebunden an tausend engere Wünsche und
Weisen, bauten ihr Haus und priesen Heimat und Scholle, verherrlichten den
Frieden der Ackerdienste und Feierstunden, und liessen die weite Welt sich im
kleinen Moorgraben spiegeln mit den moosigen Baumästen zusammen, und mit dem
ziegenhütenden Weidekind.
    Einhart hatte auch diese Welt gesehen, die alle sahen um ihn, »auch der
Wurm,« wie er sagte. Aber er träumte von keiner Heimat. - Er träumte nur von dem
Wundersee seiner eigenen Ausschau, darin diese ganze Welt sich in Menschlichkeit
spiegelt.
    Kein Mensch kann je seine Träume leibhaftig träumen, wie die Welt, die wir
wachend um uns Welt nennen. Kein Mensch, ausser in flüchtigen Augenblicken, wo
der Spiegel der eigenen Seele rein liegt wie im Tode, dass die zarten
Luftgespinste Traum ihn kristallrein durchhauchen und uns ein volles Wähnen
geben von den verborgenen Gestalten unserer fernsten Sehnsucht. Nur einen
Augenblick. Wenn die wahre Welt der Dinge uns weckt, zerrinnen die Träume, und
nicht einmal ein Erinnern kann noch den Saum ihres Gewandes fassen. Das mag wohl
eine tiefe Weisheit bedeuten in unserm Leben. Denn wenn je ein Mensch in sich
den Himmel seiner fernsten Sehnsuchten wirklich dauernd wölben könnte vor seinen
Augen, so würde ihm das Bild der wachen Welt verblassen. Da würde er eine Seele
sein, deren irdisches Auge erblindete, um nie mehr aus ihrem Traumlande
zurückzuschauen. Der Leib dieses Menschen müsste hinsiechen. Denn selbst die
köstlichsten irdischen Speisen würden nichts sein, als Ekel gegen die süssen,
duftigen Früchte, die er im Garten seiner Sehnsuchten brechen könnte. Solche
Wahnsinne gibt es. Es gibt manchen Irren, dessen unheimlich entlegener Weg jenes
Wunder erreichte. Dessen Auge im irren, entirdischten Lächeln voll Wehmut seine
grauen Pfleger zur eigenen Beglückung bemeistern möchte. Manchen Irren, der
selig für sich wandelt, und der nicht irdischen Trank noch Speise mehr nehmen
mag.
    Wahn und Kraft kommt aus derselben Quelle, die alle Wunder birgt. Aus der
Quelle, die im Grunde eine ewige Quelle ist. Ein Brunnen voller Schätze. Auch
ein Meer, unermesslich und unergründlich. Darin Schau und Wahnsinn eines sind.
Daraus der Mut des Träumerlebens Schatz um Schatz aus der Tiefe hebt, um es im
Gleichnis der Welt zu geben, selbstvergessen es vorweglebend im schauenden und
schaffenden Ereignis, dem irdischen Bilde aller Erdenzwänge zum Trotze.
    »Mein ist es,« sagte dann Einhart, »mein einziges, potentatisches Leben, das
was ich mit mir herumtrage, in welcher Heimat immer. Und wenn ich wirklich ein
Wahnsinniger bin, es ist der göttliche Wahnsinn, der alles Feste und Starre
zunichte macht, Hoffnungen gibt, Aussichten. Und ohne so etwas lohnt sich
nichts.«
    Einhart war ein Sonderling. Er war auch hart. Er mochte mit niemand auch nur
familiär sein. Er duzte sich mit keinem Menschen. Mit Grottfuss. Aber den sah er
nicht mehr. Der wusste jetzt auch schon alles in voraus, was die Künste sollen.
»Sollen! Ha Ha Ha! Sie sollen mir den Buckel kratzen!« sagte Einhart lachend,
wenn er an Grottfuss dachte. Und wenn er von den herrschenden Modepreisern
gebrandmarkt wurde, das tat ihm nur wohl.
    Auch mit daheim waren die Beziehungen jetzt ganz kalt und förmlich. Er
dachte mit Liebe zurück. Aber hin ging er fast nie. Einmal im letzten Winter war
er doch daheim gewesen! Gott! man hatte sich auch gar nichts zu sagen! Rein
nichts. Als wenn man jetzt eine ganz fremde Sprache redete. Was gingen den alten
Geheimrat diese Künste an? Und überhaupt so das Erleben dieser Welt. Der
würdige, steife Herr ging zum Skat in einen vornehmen Beamtenklub. Und gar die
Mädchen! Die waren verheiratet, hatten ihre Kinder und sagten: »lieber Einhart!«
Weil Einhart jetzt in sehr anständiger Kleidung gekommen war. Rosa fuhr ihm wohl
einmal noch wie in alter Zeit über die graugelbe Wange und versuchte sich
zurückzuerinnern. Sie küsste ihn auch in Aufwallung. Aber sonst war sie
unerfahrenen Geistes und dem Erringen des Lebens zu sich, dem tätigen Gewinnen
eines wirklichen Anteils Welt in sich, war sie fern wie eine Kuhmagd. Die
fleischliche Enge gab Sinn und Ende. Nichts galt wirklich, als das wahrhaft
Erdene des Augenblicks.
    Da war Einhart sich also daheim sehr schnell ein wenig lächerrlich
vorgekommen, und er war nach wenigen Tagen mit freundlicher Einfalt und Güte im
Gesicht abgesegelt.
    Nun ging es am Sommerende aus dem Moordorfe auch einsam und unstet in die
Kunststadt zurück. Und er fand sich in allerhand wehmütige Träume noch einmal
ganz verstrickt, als goldene Birke um goldene Birke zurückwich in die silbernen
Morgennebel, und er in dem rattelnden, schwarzverblichenen Omnibuskasten mit den
plumpen Ackergäulen davor die schnurgerade Chaussee hintetterte. Unterdessen
zwei runde Bauerweiber, die volle Packen auf Boden und Sitze des Wagens
ausgebreitet, den Lärm der klirrenden Fenster und des Räderrollens zu
überschreien suchten mit ihren scharfen, aufgebrachten Worten über
Wetterschaden, über Henny Ottens Tod, und Aussichten der Obsternte und derart
tausenderlei Sachen.
 
                                       5
Jahre gehen hin und kommen nicht wieder. Einhart war reich genug, sie nicht
zurückzubegehren. Auch die, die jetzt kamen und nicht sichtbare Merkzeichen
einrjetzten, die scheinbar ungehört verhallten. Es waren Jahre innerlicher
Raffung zu sich selber. Denn der Mensch ist lange ein Kind, und dann ein
Schüler, und auch wenn ihn die Menschen entlassen aus ihrer Meisterschaft, liegt
er noch immer mit der Welt im Streite, ehe sie ihn gewähren lässt, aus sich zu
sehen, zu sammeln, zu sichten, zu reden und zu malen.
    Und es kommt in jedes Menschen Leben eine Zeit, wo er mit leidenschaftlicher
Sehnsucht nach Stimmen und Gestalten greift, die aus selbsteigener Gnade
hineingerufen und hineingebildet in die Zeit. Einmal mit denen Zwiesprach zu
halten, die in ihrer Zeiten Drange nach dem persönlichen Gute rangen, und nach
der Kraft die eigenen Laute und Gesichte in die Lüfte über der Menge Häupter
hinzuschreiben zu dauernder Verlockung.
    Einhart versank in ernste Studien. Er las jetzt mit wirklicher Begier
Philosophie. Da war er nur gerade schlecht beraten zuerst. Er griff da einen
langen Zopf, der dem Chinesen im Westen hinten hängt. Man nennt es Geschichte
der Philosophie. Ein uraltes Bild, was man so die Philosophie der Alten nennt.
Tausend Stümper haben es übermalt. Es versuchte so mancher zu bessern und zu
streichen, was originale Menschen aus innerstem, eigenem Lebens- und
Schauensbedrängnis zur Klarheit gestaltet.
    Es ist ziemlich unkenntlich, alles daran. Und von dem Ursprung nicht mehr
viel Spur.
    Das merkte Einhart.
    Er kam mit wahrem Verlangen. Er hatte gar nichts gelernt. Oder besser, er
kam mit dem natürlichen Drange, eine Welt, die sich ihm reich und heiss darbot,
zu ergreifen mit Sinn und Seele allentalben.
    »Das nennt ihr also Philosophie?« sagte er zuerst ganz erstaunt, als er die
Berge des gelehrten Wissens ansah.
    »Gibt es nicht Männer, in denen sich wirklich die Welt in ihren wahren
Mächten spiegelte? Gibt es nur solche zerstückelte Weisheit? Hirngespinste von
tausend Begriffen, in denen sich nicht einmal Fliegen fangen? Gibt es nicht
Männer, die die Welt klar anschauen, also dass man in sie einsehen kann wie in
einen kristallenen Wassergrund, auf enger Scheibe das ganze, weite Eine?
    So suchte er immer wieder nach Menschen.
    Und es kam auch, wie er durch den Vorhof, die geilen Reminiszenzensammlungen
und Retouchieranstalten, durch allerlei Kommentare von Kreti und Pleti, durch
die Stätten der unpersönlichen Fruchtbarkeit flüchtig hindurchgegangen, dass ein
paar Heilige selber ihm endlich wirklich begegneten.
    Einhart stand plötzlich vor Spinoza. Der dunkle, bleiche, wortkarge,
jüdische Mann entzückte ihn. Er hatte Mühe, sich in seine Strenge einzufinden.
Er sah ihn beständig versunken über seine mühsame Arbeit gebeugt. Mitten in das
Lesen der Worte dieses Vertieften hörte er manchmal plötzlich das Surren des
Schleifrädchens, das er mit seinem Blicke verfolgte. Denn der irdische, äussere
Mensch dieses Juden sass angebunden an die irdische Leistung, indes sein Geist
selbstvergessen den Zwängen der Menschenseelen tief nachsann.
    So persönlich das Werk, so ganz selbstvergessen der Mensch zugleich.
    Zum ersten Male begriff Einhart mit dem in sich gewissen Blick dieses
Erkenners die Zwänge von Launen, Lieben und Leidenschaften der Menschen, die,
wie Wolken- und Weiterspiele den hinausgeworfenen Erdball, so die einsame,
hinausgestossene Menschenseele umdrängen.
    Die entsagende Weisheit solchen Betrachters, der ohne eigenen Anspruch, ohne
auch nur leises Erzittern des eigenen Spiegels, Leiden und Leidenschaften des
Menschen, ohne Hauch eigener Leidenschaften, bemass, erregte ihn förmlich. Die
erhabene Ruhe und durchdringende Macht, mit der dieser kranke, jüdische
Glasschleifer den unentrinnbaren Verkettungen in den Seelen nachtrachtete, ohne
je Wunsch und Plan eines engen, eigenen Lebenskreises anmasslich und trübend
seiner eisklaren Schau zuzumischen, dünkte Einhart das unverlierbare Gleichnis
der reinsten Hingabe des Menschen an seine Quellen.
    Dann las Einhart in sonderbarem Zufallsspiel Schopenhauer. Das griff ihm
sehr ans Herz. Aber weil er sich auch immer wieder die Welt mit Sinnen besah,
konnte er das grausige Urgespenst des Willens vor tausend schönen Ordnungen der
Dinge und den liebenden Sehnsuchten nach deren reicher Gestaltung nicht immer
entdecken.
    Und seltsam vor allem, dass er nach dem stillen Frieden in Spinozas
Schleiferzelle nie ganz vergass, dass er nun einen unwirschen Griesgram vor sich
hatte, dem er zwar mit schuldiger Devotion vor dem hohen Flug und dem weiten
Umblick manchmal fein zulächelte, weil auch er Hohn und Verachtung gut kannte,
aber auch oft mit sicherem, klaren Worte entgegentrat.
    Einhart begriff nicht, dass es ein Weltleid gäbe, weil er meinte, dass nur der
Einzelne immer wirklich leide. Das wirkliche Leiden schien ihm begrenzt in dem
engen Becher der Vereinzelteit. Und das Mass dieses persönlichen Leidens däuchte
ihm nicht um ein Jota vermehrbar, wenn er die einzelnen Personen zusammenreihte.
Leid und Freude dünkten Einhart gleich nur eine schwankende, leise Begleitung in
der weiten Ordnung dieser Welt und dem weiten Meer der Seele darin.
    »Gewiss,« sagte Einhart, »die Welt der Hanswurste und Affen. Aber auch der
Weisheit mit vielen Gesichtern.« »Wie ich sie nehme, ist meine eigene Sache.«
»Ich werde nicht weinen, weil ich malen will. Die Augen müssen weit und des
Lichtes viel sein. Aber es gibt auch Licht genug.«
    »Ich liebe meine Welt,« sagte er dann drollig lachend, »und nur die eine
Welt.«
    Später geriet er über die Legenden des heiligen Franziskus von Assisi.
    »Man kann die Exstasen weit treiben,« sagte er zuerst.
    »Das Lustigste bleibt doch Bruder Ginepro, der Schalk und Hanswurst unter
den Heiligen, der den verstiegenen Menschen durch alle Frömmigkeit
hindurchscheinen lässt, dass die dummen, nackten Selbstsüchte sichtbar werden wie
die Knochen im Röntgenbilde. Und dann Bruder Egidio, der selbstsichere, achtlose
Arbeitsmann, der zeigt, dass man tun kann mit Händen und Füssen und doch reine
Absichten und frommes Schauen der Welt mit sich tragen.«
    »Ich werde immer ein Schalk und Arbeitsmann bleiben: grosse Liebe und klare
Schau! und lachen über den Staub meines Kleides, und immer tun, und im Tun mich
vergessen!« »Und von Zeit zu Zeit zwei Fuss mich über die Erde erheben,« sagte er
lachend, »aber nicht weiter!«
    Alles in allem ging Einharts Winter und Sommer und noch ein Winter und
Sommer so hin. Er las viel und hatte tausend Erfüllungen. Und verwarf dann alles
in Summa, weil nichts kommen wollte fürs Werk aus allen solchen
Betriebsamkeiten. Er lebte in diesen Zeiten ganz abgeschieden.
    Er hatte auch dazwischen allerlei Studien gemalt und Entwürfe. Aber er trat
auf allen bald herum. Pappen und Leinwanden lagen auf dem Erdboden ohne dass er
sie achtete. Er kam nicht dazu, etwas fertig zu machen. Er war manchmal dann in
heller Verzweiflung plötzlich, verfluchte die dummen Bücher und ging einen Tag
in Unruhe unter die Leute auf den Strassen, sah Werke in den Galerien an oder
zeigte sich unversehens einmal in einer Gesellschaft. Es war ihm in solcher Art
des Tuns schliesslich auch ganz klar geworden, dass ein Kunstwerk immer nur aus
Dunkel nach den heimlichen Drängen der Fruchtbildung zusammenschiesst und
aufsteigt, wie die Blüte mit der eigenen, jungen Gestalt aus dem Ackergrunde.
Werk um Werk. Erfüllung um Erfüllung. Ein wahres Rückschauen auf die eigene
Zeit, wenn also Werke wirklich Erfüllung gegeben.
    So begann Einhart nach zweierlei sich jetzt neu zu sehnen, nach
selbsteigenem Tun und nach selbsteigenen Menschen unter den Lebendigen. Er
fragte sich oft jetzt nach Einem, den er mit sich trüge, wie sich selber, dem er
trotzig begegnen möchte, wie dem griesgrämigen Verächter Schopenhauer, oder zu
dem er leise eintreten möchte wie in Spinozas einsame Schleiferzelle.
    Am Ende brachte ihm der Zufall noch Platons Welt in die Seele.
    »Da haben wir den Seher, den ich gesucht,« rief er vielemale im Lesen. Und
er sass unter den schönen, jungen Griechen selber bekränzten Hauptes in Rausch
und fröhlichem Widerstreit, dass er sogar die äusseren Augen weit aufriss.
    »Diese Welt ist ergriffen mit Auge und Ohr, mit Geruch und Geschmack, ist
wahrhaft angeschaut,« rief er entzückt. »Und die Ideen sind wie Arome, die der
leibhaftigen Blüte entsteigen.«
    »Seht doch unsre Duftmacher, die uns Arome eintränken wollen und haben nie
die Blüten gesehen.«
    Jeden Schritt hin und her auf den Fliesen im Hofe hörte Einhart hallen, das
Poltern der Berauschten an den Läden machte ihn lachen, jede Geste und jeden
Geist griff er in wahrem, sinnlichen Gewande. Damit kam er ganz zum Leben
zurück.
    »Ich will Menschen finden,« sagte er streng, »nicht Werker! - Menschen!« Das
war ein Wendepunkt nach einigen Jahren. Weil er auf einmal jetzt auch gefühlt
hatte, dass in den Werken der Vergangenheit sich klar Menschen und Werker
unterscheiden: Menschen, die die Welt spiegeln, ihre eigene und die ewige
zugleich, kristallklar in ihrem einen Wesensblick, und Werker, die im Dienste
der Gesellschaftsmächte zusammenhäuften, redeten, kommentierten, alles zu wissen
meinten, nicht schauten mit eigenen Sinnen, nichts lebten aus Blut und Atem, als
einen Widerschein fremder Welten, fremder Gefühle und fremder Entschliessungen.
 
                                       6
Die fremdartige Erscheinung Einharts, die fahle Strenge seiner Züge, seine
weichen Glutaugen, die plötzlich Hass und Feuer geben konnten, dazu die
ungewöhnliche Ruhe seiner Bewegungen, seine schmalen, dünnen Zigeunerfinger in
der straffen, braunen Hand, sein leicht rauhes Organ, das immer sanft verhalten
klang, sein Lachen voller in sich gekehrten, kindlichen Uebermutes, wenn es
wirklich einmal Lachen gab, verursachte ein sonderliches Aufmerken nach ihm hin.
Wenn Einhart jetzt einmal in Gesellschaft kam, sahen ihn viele heimlich an.
    Einharts Augen waren jetzt immer sehr wach. Er war jetzt auf dem
Menschenfang, wie er es nannte. So begegnete er in einem vornehmen Hause der
Stadt einmal einem Gelehrten, der so dunkel und verschlossen war wie er selbst.
    Beider Augen hatten sich erst wie zufällig nur begegnet.
    Dann am Kamin waren sie zueinander gekommen. Sie sprachen dabei nichts.
    Doktor Poncet war von herrischer, wegwerfender Gebärde und dachte nicht
daran, jeden gleich anzusprechen. Und Einhart lächelte nur ein wenig.
    Aber die Dame des Hauses, eine bucklige, hässliche Frau mit Negerlippen und
ebenso gelbbrauner Gesichtshaut, wie Einhart gelbgrau, eine sehr vornehme,
hochgeartete und geistesanmutige Frau, die den Winter in ihrem Stadtause
Künstler und Männer von Welt bei sich versammelte, eine Gräfin Schleh, freute
sich heimlich, wie sie endlich einmal Einhart bei Poncet stehen sah.
    Es gab durchaus gar keine laute Bewegung. Die beiden starrten nur in das
Loderfeuer des Kamins. Nichts weiter zuerst lange. Doktor Poncet sah dann, immer
mit unterstützten Armen sich haltend, seiner Zigarre Glühende an, desgleichen
Einhart auf den Glühfleck seiner Zigarette sah. Das Feuer flammte und die
Scheite knackten.
    »Feuer ist schwer zu malen,« sagte Poncet endlich, weil er sich jetzt
erinnerte, dass Einhart Maler war.
    »Gott ja,« sagte Einhart. Dann standen sie wieder, ehe sie sich auch einmal
flüchtig in die Augen sahen.
    So begannen sie langsam zu fühlen, dass sie sich viel zu erzählen gewusst. Um
so hartnäckiger schwiegen sie.
    Manchmal ist es mit Menschen so, dass ihnen beieinander plötzlich eine neue
Frohheit und Freiheit kommt. Es drängt etwas auf aus jedem in jeden, gibt ein
sanftes Gebundensein und zugleich eine seltsame Ruhe.
    Die Gesellschaft war ziemlich gross, die weiten Räume dehnten sich. In dem
hintersten Eckzimmer spielten einige alte Herren an grünen Tischen. Im
Mittelsaale schwatzte die Jugend durcheinander. Es war alles hellerleuchtet.
Junge Frauen in erlesenen, bunten Seiden und Sammeten waren im Lichte blendend
sichtbar. Hundert Gesichter schoben sich durcheinander, wenn man wie Einhart
jetzt oder Poncet aus dem Halbdunkel des verlassenen Kaminzimmers durch die
umhangenen Türen in die bewegte Menge hineinsah.
    Man sang jetzt im Musikzimmer ein Lied. Der Klang kam gedampft zu Einhart
und zu Poncet. Die beiden sprachen noch immer kein Wort weiter. Der Klang tönte
wie eine Vogelstimme. Die Melodie war ein wenig feierlich. Das Flackern und
Zucken der Flammen im Kamin schien sich den Klängen anzuschmiegen. Einhart
beobachtete unaufhörlich gespannt in das Feuer.
    »Sehen Sie einmal,« sagte er dann zu Poncet, »die Flammen scheinen
mitzutun.«
    Poncet war solches Gefühl bis jetzt unbekannt. Wie wenn er nun plötzlich
seine Fäden der Dinge, mit denen sie sich halten, blinken sähe. Er lächelte ein
wenig, als er nun auch gespannt wie Einhart in das Feuer sah. So standen sie und
standen.
    Im Raume waren gedämpfte Lichter. Bleiche Bilder in goldnen Rahmen hingen an
Schnüren dämmernd an den Damastwänden. Man ging auf weichen Teppichen. Es war
ein seines Duften aus Blumen und Parfums allentalben. Einharts Sinne waren
davon wie umnebelt. Er sah nur dann und wann wie aus einem Traum von den
Düsterflammen in die lichten, fernen Gesichter, die in dem Glanz der Nebenräume
sich bewegten. Auch Poncet erwachte ein paarmal richtig.
    »Sie sind ein Gelehrter?« sagte Einhart dann zu Poncet.
    »Wissen Sie, dass das eine Tragik ist?« sagte Poncet. Einhart setzte sich
dabei lächelnd nieder. Auch Poncet. So blieben sie neu beieinander sitzen.
    »Eine Tragik!« wiederholte Einhart. Die Vorstellung ging in ihn ein wie ein
stiller Akkord, den er jetzt summen und summen hörte.
    »Sie lächeln,« sagte Poncet.
    »Aus Kummer!« sagte Einhart. »Denn nicht wahr? Wenn ich Sie richtig
verstand, müssen Sie sich immer fliehen. Und Sie möchten sich finden.«
    »Ja, so ist es,« sagte Poncet.
    Dann fühlten beide neu die Flammen zucken und springen, als wenn sie
mitsprächen in das heimliche Leben der Stunde von ihrem eigenen, heissen
Erlebnis. Auch die Blicke der beiden Hineinstarrenden schienen von innen zu
brennen.
    Endlich erhoben sie sich. Sie gingen gleichzeitig lässig in den Glanz der
Gesellschaft zurück. Sie kamen sich wie geblendet vor und zögerten noch immer.
Jedem schien es, als hätten sie von tiefen Dingen und Schicksalen Zwiesprach
gehalten. Als hätte es einen heimlichen Zusammenklang gegeben, nicht bloss von
Seele zu Seele, auch zu allerhand Wesen ringsumher. Zu Flammen und Stimmen und
Lichtern im Raume. Und es kam einem jeden jetzt auch so vor, als wenn sie viel
voneinander wüssten und sich einig fühlten über das ganze, rätselhafte Leben.
 
                                       7
Alles, was Einhart so entgegenkam, erregte ihn lange und tief. Aber es machte
ihn nicht zufrieden. Einen Menschen hatte er in Doktor Poncet gefunden. Das war
an und für sich ein Ereignis. Zumal Poncet in seinem Fache tüchtig genug war, um
zu glänzen, wenn er nur mit Wissen sich zufriedengegeben.
    Aber »der Wahn ist unserer Füsse Schemel,« sagte Einhart. Und das dachte auch
Poncet. So gab es gutes Miteinandersein. Und sie kamen auch voll überein, dass
sie die Welt von verschiedenen Seiten, aber die eine Welt angefasst.
    Poncet war seines Faches ein Mann, der nach den Gesetzen des Lebens der
Vielen suchte. Und Einhart sehnte sich und suchte die Träume und Gesichte zu
erschauen, die ihm sein eigenes Blut als Glück und Stillung verraten wollte.
    »Es sind nicht weniger Gesetze des tiefsten Lebens,« sagte Einhart zu
Poncet, als sie sich ein jeder ein wenig an die Sprachweise des andern gewöhnt
hatten.
    Sie waren jetzt oft beieinander.
    Als sie einmal in einer Schneenacht die Strasse entlangspazierten, weil
Poncet gekommen war, um Einhart aus seiner Arbeit herauszulocken, hatte Einhart
noch immer seine Tafel vor Augen, und das Zwiegespräch der beiden war also arm
und stumm nach aussen, wie damals vor dem Kaminfeuer. Da hatte es eine flüchtige
Beglänzung aus einer der schneebekappten Laternen mitten im Flockenfall so weise
gefügt, dass Einhart in ein Paar der wunderlichsten Augen hineingesehen, die je
unter einem Kapottehütchen zu ihm aufgebljetzt. Einhart war wie gefangen gleich.
Er ging mit Poncet Arm in Arm. Denn Poncet liebte Einhart, und Einhart Poncet.
Ein jeder, wie es kam, hatte bald, wenn sie so gingen, den Arm in den des andern
vertraulich eingelegt. Nun eben war es, dass Einhart in der sonderlichsten Laune
Poncet plötzlich losliess. Es schneite weich und die Flocken tanzten.
    »Nein,« sagte er nur, »hier werde ich mich nicht gross besinnen und einfach
zurück die alte Fährte gehn!«
    Poncet war auch ein Frauenkenner. Aber mit Einhart jetzt oft in seiner alten
Versunkenheit. Und ehe er also ganz begriff, hatte Einhart nur noch
zurückgerufen, dass sie sich in dem Kaffeehause gegen die Nachtzeit wiederfänden.
    Einhart lief, was er konnte. Das Mädchen war wieder in seiner Nähe. Sie war
schlank und hatte einen eiligen Schritt. Offenbar ging sie mit einem Ziele.
Einhart war kindlich erregt, neugierig und lustig. Er kannte auch gar keine
Scheu und Rücksicht. Ihre Augen hatten wie sammetene Blätter geschienen. Dunkel
und grossäugig hatten sie ihn angeblickt, wie Eulenaugen. So tief, wie wenn es
Weisheit gewesen, die ihn angesehen. So lief er jetzt nur schnell vorüber und
blickte sich nach den Augen wieder um.
    »Nein, um keinen Preis dürfen Sie mir jetzt entwischen,« sagte er hastig.
    »Wie?« sagte das junge Fräulein nur, als wenn sie ganz arglos wäre und gar
nicht weiter auf ihn geachtet.
    Da stand auch Einhart in seinen langen Mantel gehüllt schon vor ihr mit
seinen lächelnden Augen voll kindlicher Freude, sah ihr prüfend drollig ins
Gesicht und machte sie so im Laternenscheine und Flockenspiele lachen.
    »Lachen Sie nur, mein sehr gutes Fräulein! Aber ich muss um jeden Preis noch
einmal Ihre Augen sehen, ehe ich es glaube!« sagte er bestimmt.
    »Was glaube?« sagte das Fräulein, das eine sanfte, bleiche Miene hatte und
dessen Augen in Wahrheit gross schienen wie Dunkelflecken.
    Der Schneefall trieb und tanzte um sie.
    »Ach, nein, nein! so etwas Wunderbares!« sagte Einhart ganz inbrünstig. »Ich
muss Sie um jeden Preis wiedersehen.«
    »Wenn Sie meinen!« sagte das Fräulein, kindlich wie er. Denn Einhart gewann
durch Ton und Glück seines Erstaunens gleich einen Eingang in ihre Seele.
    »Wenn es nur meine Augen sind!« sagte sie sanftmütig und brach dann
plötzlich richtig in Kichern aus.
    Da gingen sie schon miteinander.
    Das Mädchen war eine kleine Putzmacherin. Sie trug noch ein Paketchen zu
Kunden aus. Sie hiess Johanna und war voll Übermutes.
    »Sie sind wirklich ein Ungestüm!« sagte sie zu Einhart. »Maler sind Sie?«
fragte sie ihn noch einmal, als er ihr erzählt hatte, dass er eben zu einem Bilde
ein Paar besonderer Augen schon ewig in seinen Träumen und auf allen irdischen
Wegen gesucht und nicht gefunden hätte.
    »Ich brauche irgendeinen Ton aus der Seele, eine glückliche Tiefe. Und renne
schon immer herum, wie ein Raubtier äugend,« mühte er sich jetzt, von seiner
Arbeitsnot einen Begriff zu geben.
    »So wollen Sie mich also verspeisen!« sagte Johanna.
    So liefen sie lange miteinander und plauderten allerlei Loses, worüber sie
immer wieder beide lachen mussten.
    »Ich wohne bei einer Wäscherin, wo ich mein Stübchen habe,« sagte Johanna.
»Sonntags bin ich immer frei.«
    Es stellte sich heraus, dass Johanna erst vor wenigen Monaten in die Stadt
gekommen und noch scheu und ängstlich war. Einhart war an dem Abend wie
losgebunden. Er hatte so viel Dummheiten im Kopfe, dass Johanna aus dem Lachen
nicht herauskam, so beschneit, wie sie schliesslich aussah. Er hatte ihr längst
das Paketchen abgenommen und ging die ganze Strecke neben ihr ordentlich
wippend. Ihr war es längst auch recht.
    »Ich bin ein bisset töricht richtig in der Stadt,« sagte sie. »Das passt sich
doch gewiss nicht, wenn ich zu Ihnen käme.«
    »Ih, mein Fräulein,« sagte Einhart. »Was nicht passt, muss passend gemacht
werden, wie Ihre Hüte! Darauf verstehen wir uns doch. Und ausserdem«, redete er
weiter, »dienen wir beide einem Höheren!«
    »Oh, Sie sind aber sehr eingebildet!« sagte Johanna. »Was wäre denn das?«
    »Die Kunst! die Kunst!« sagte Einhart äusserst gewichtig.
    »Das ist eine Ausrede!« sagte Johanna.
    Beide lachten wieder um der Rede willen. Aber beider Augen lachten auch
jetzt, wenn sie eine Weile nur stumm die Flocken an Mund und Nase spürten, die
ein wenig kitzelten.
    So waren sie bis ans Ende der Strasse gekommen, wo ein grosser Platz im
dämmernden, nächtlichen Schneetreiben lag. Johanna erledigte ihre Mission.
Einhart musste eine Weile, vergnügt die Schultern in die Höhe stossend und
trappend, weil es kalt war, hin und her gehen, ehe er wieder ihre weiche
Plauderstimme aus dem Dämmer vernahm.
    Auf dem Heimwege plauderten sie schon allerhand Zutrauliches. So dass Einhart
jetzt dünkte, als ob er diesen Laut seit Ewigkeit gehört.
    So ist alles innerlich Nahe und Verwandte, wenn es auch zum ersten Male
unser Ohr und Auge trifft, uns gleich vertraut und will uns erscheinen wie in
uns selber, wie ein Stück erweckten Eigenwesens. Es gibt eine wunderbare Ruhe
und Freude, ihm zu begegnen.
    Johanna erzählte, dass sie, eines kleinen Beamten Tochter, von Hause
gegangen, weil eine zweite Mutter ihr das Leben verbittert. Nicht sehr viel
davon. Einhart hatte auf Rückblicken jetzt gar nicht die Gedanken. Ihm war mit
der Gegenwart genug. Er hielt Johannas Arm mit Scheu und sah nur oft in die
grossen, dunklen Eulenaugen, und war sanft entzückt, dass ihm die Augen zulachten,
und auch dass die Hände, die einmal aus dem dicken Wollhandschuh herausfuhren,
sanfte, kleine Frauenhände waren.
    »Ich werde Ihnen die Hände reiben. Kommen Sie!« sagte Einhart.
    Johanna gab ihm die Hände. Es waren ziemlich viel Vergnüglichkeiten in ihren
Blicken dabei, weil auch sie in seinen Augen das Funkeln und die Güte gern sah,
und alles sanft und zärtlich war, was er sagte und tat.
    Schliesslich wollte Johanna doch nicht mit ihm kommen, so sehr Einhart auch
bat und quälte und sie am Arme hielt und lachte, wobei auch sie lachte.
    »Schon wegen der Schmutzerei,« meinte sie, auf ihre Beschneiteit weisend.
Sie hatten beide Schneelasten auf Hut und Mänteln. »Aber auch so! das schickt
sich nicht. Ich werde Sie erst einmal am Tage besuchen. Wenn Sie mir dann noch
so gefallen wie jetzt,« sagte sie ganz bestimmt, »dann können wir weiter Freunde
sein.« So hatten sie sich getrennt.
    An dem Abend war es Einhart, als ob er plötzlich eine ganz eigene Art und
Leichtigkeit gewönne. Es kamen ihm allerhand Tollheiten in den Sinn. Er konnte
gar nicht zum Entschluss kommen, ob er zu Poncet noch in die Ecke ins Kaffeehaus
gehen sollte. Dann ging er doch.
    Poncet, der verheiratet war und daheim zwei Kinder hatte, sass vor sich
hinbrütend wie oft. Einhart war an dem Abend voller Leben. Aber er sagte nicht
warum. Er liess sich zweimal hintereinander Kaffee geben. Und glomm Zigarette um
Zigarette und war sehr gesprächig.
    »Ja, malen!« sagte er. »Ach Gott, das liebe Malen! Wenn man nicht einmal
fände, was einen im Alter noch anmutet mit dem Glück eines gefundenen Schatzes.
Man muss dahinter sein. Das grosse Bild wird etwas. Ganz neuartig. Ganz meine
eigenen Harmonien. Das ist sicher. Der Einfall und der Zufall! Ich will nur
malen, was mich selber überrascht! Den glücklichsten Einfall und den seligsten
Zufall.« Er hörte nicht auf, so hinzuplaudern, dass Poncet nur zuhörte.
    »Ein Blick gibt es manchmal,« sagte er.
    Poncet sass versunken in sich. Aber er lächelte auch manchmal, weil Einhart
lächelte.
    »Einfälle und Zufälle machen es bei euch,« sagte Poncet dann einmal. »Bei
uns ist alles System, System, System! Das ganze Leben System! Schrecklich!
schrecklich! schrecklich!«
    Sie liefen erst in tiefer Nacht nach Hause. Einhart war noch immer nicht
still. Sie standen erst lange vor Poncets Hause, ehe sie sich bis zum andern
Tage Lebewohl sagten.
 
                                       8
Johannas Hände waren fein und klein, weiche Frauenhände, die Finger schlank.
Wenn sie hantierte, gab es ein lustiges Spiel. Wenn sie mit einem Finger drohte,
musste Einhart lachen. Und nun hantierte sie erst noch eine Weile, einige Monate,
bis über die Weihnacht im Putzladen, dass die weissen, lieblichen Frauenhände in
bunte Seidenbänder und in allerlei fremde Blumen und Federn sich ewig
einwühlten, und garnicht, däuchte es, daraus endlich ganz ans Tageslicht kommen
könnten. Die etwas gebogene, schmale Nase war ewig noch den Tag gesenkt. Die
grossen, schwarzen Eulenaugen hatten durchaus gar kein Lachen, nur eine sichere
Sittsamkeit und Spannung. Sie umprüften um und um die breiten Krempen oder hohen
Türme der sonderlichsten Frauenhüte, ehe endlich wieder einer, rings umziert,
aus der Schöpferin liebender Hand ins Schaufenster oder auf den Ladentisch
wanderte.
    Einhart stand jetzt oft vor dem Laden, schon am Tage. Aber die grossen
Eulenaugen drinnen sahen und zwinkten nur heraus. Erst am Abend waren dann die
lustigen Blicke und der junge Mund und die sanften Hände in Einigkeit mit
Einharts. Bis Einhart sich ganz und garnicht trennen gewollt, gleich zu Neujahr,
und Johanna ruhig lachend eingestimmt hatte und eine kleine, zierliche
Hausmutter bei Einhart geworden war.
    Und Einhart war jetzt plötzlich ganz auf sich selber gekommen.
    »Ich male nur dich und mich, das ganze Leben lang,« sagte er stolz. »Denn im
Grunde genommen sind wir zusammen alles. Du bist eine hohe und eine niedere
Frau, und ich lebe auch das ganze volle Leben. Alle Tugenden und alle Laster
sind in einem jeden. Besser, man lockt sie auf die Leinwand, als ins Leben.«
    Es war das drolligste Spiel zwischen den beiden. Johanna war wie ein Kind,
so dienstwillig und hingegeben. Und hatte einen Zauber schon im Lachen. Das
klang rein, als wenn Lachtauben ihre weichen Laute sanft hinhauchen und ein
wenig dazu schluchzen. Und Johanna war voller Grazie. Fast noch mehr als früher.
Sie hatte gleich begriffen, dass sie mit Anmut die Seele Einharts ganz und gar
umspinnen konnte.
    Wenn sie auch nur mit der Kaffeemühle dasass, die sie hockend zwischen den
Knieen hielt, so gab das schon für Einhart eine Malerfreude, rein nur, wie sie
dann die Schultern aufnahm und den Kopf halbgesenkt, halb ihm zugewandt ihre
grossen Dunkelblicke geschäftig spielen liess. Oder wenn sie sich einmal flüchtig
dabei zum Kusse hergab, launiges Lachen in die Lüfte schluchzend. Oder gar, wenn
sie in feierlichen Gesten, den schlanken, kindhaften Jungleib in irgend ein
köstliches Tuch leicht eingehüllt, eine griechische Krugträgerin hinschritt.
    Nun: Einhart konnte plötzlich ein Gefühl nicht loswerden, als wenn er jetzt
erst ganz die eigene Kunst gefunden. Er sah rein nichts sonst. Er fühlte nur,
als wenn jetzt der letzte Zwang plötzlich gewichen und er frei geworden wäre zur
eigensten Betriebsamkeit.
    Dazu kam, dass Johanna einen echt mütterlichen Zug hatte. Sie begann für
Einhart zu sorgen, um den sich all die Jahre nur höchstens einmal eine
gutgelaunte Wirtin zufällig umgesehen. Jetzt sass Johanna stundenlang bei ihm am
Tage und versah allmählich alles.
    Es war garnicht gut für Einhart. In der ersten Zeit kam deshalb Einhart
wochenlang nicht mehr auf die Strasse. Und bald hatte sich Einhart an Johannas
Anwesenheit derartig gewöhnt, dass er rein nichts zu tun vermochte, wenn nicht
die ein wenig dumpfe, kindliche Plauderstimme um ihn und in seine Arbeit
hineinfloss.
    Doktor Poncet kannte Johanna jetzt auch längst. Er hatte sie auch gleich
gern gehabt. Ihm war unsäglich wohl nur schon deshalb, weil ihm in den beiden
Räumen, von denen der Atelierraum gross und geräumig war, nichts als eine arglose
Menschlichkeit und ein rechtes Lebensvergnügen entgegenkam. Daheim bei ihm war
das anders. Er sass oft lange in seinen weiten Mantel gehüllt auf irgend einem
Kasten voll Skizzen und sah, wie Einhart, gespannt äugend und sein und spitz
lächelnd, die Farben auf die Leinwanden hinbrachte, und sah Johanna an, wie sie
unterdessen um den kleinen Eisenofen herumhantierte oder das Teetablett oder
sonst etwas herzutrug.
    Einhart hatte jetzt einigermassen auskömmlich zu leben. Obwohl das auch noch
schwankte, was ihn garnicht weiter anfocht. Denn jetzt, wo er mit Johanna lebte,
war er schnell in eine wahre Arbeitsleidenschaft hineingerissen. Dass Bild um
Bild aus dieser Erhitzung aufging.
    Und auf allen Bildern erschien jetzt Einhart und Johanna. Einhart malte
jetzt sich in allen möglichen Schicksalen und Gefühlen, und immer Johanna dazu,
als eine süsse, selige Begleitung, als die eigentliche Melodie des Lebens, um die
es sich allein lohnte, solcher Musik zuzuhören. Er malte Johanna als schwebende
Vision gegen den lichten Himmel, oder in paradiesischer Nackteit selig und
schön unter Blumen, oder mit Kindern ein neckisches Spiel auf freien Wiesen
treibend, immer in hellen Tönen sie, immer ihre grossen Kindsaugen mit den
erstaunten Blicken, immer auch mit der ganzen Drolligkeit ihrer entzückenden
Anmut. Und allentalben auf den Bildern stand er irgendwo in der Nähe Johannas,
wie ein trutziger Ritter, dem man das Frühlingsglück der holden Frau nicht mit
einem Augenzucken nur trüben durfte.
    Der Ausdruck des strengen Wächters über seiner Liebe ging durch alle Bilder
hindurch. Der sanfte, arbeitversunkene, spitzlächelnde Einhart wusste es gar
nicht, dass einer immer jetzt sich so fehdehaft und kampfsicher aus ihm
hinausgab. Doktor Poncet stand oft heimlich erstaunt über die Fülle und Kraft
solchen Ausdrucks, und über die schwebende Seligkeit, die durch solche Kontraste
sich ins Blut schrieb aus den durchaus stummen Malerspielen.
    Alle Dinge haben eine Sprache. Jede Sprache schlägt nur die Tasten der Seele
an. Immer sind wir es, in denen die Erkennung aufwacht. Alle Dinge können jenes
heimliche Leben wecken, dass es in uns von ihnen redet, wenn sich die Seele ihnen
nur innig genug dargeboten. Die Sprache der Rede ist nur eine unter tausend.
    Deshalb sass jetzt auch Poncet oft stumm und sann und horchte in die
Leinwanden Einharts. Er fühlte genau, welche Ketten und Bande bald sich zwischen
Einhart und Johanna gewoben. Er fühlte vor allem, dass an solcher wesenhaften,
innigen Verstrickung niemand hätte rütteln dürfen, es wäre denn um Einharts
Einfalt getan gewesen. Ein heisser, niederträchtiger, hassender, zäher Zigeuner
womöglich wäre aus ihm herausgesprungen, wie der, den er mit einem Dolche unter
der Glutrose und mit dem blitzenden Glutblick schon gemalt hatte.
    Und Johanna sah jetzt um sich wie einen Garten aus allerlei Pracht. Aus
jeder Umhegung lächelte sie. In jeder Laube sass sie als Glück. Allentalben
wandelte sie als Selige hin. Sie war umklungen und umsungen von ihrem eigenen
Scheine und Glänzen. Ein jeder Hauch im Räume sagte es ihr stumm, dass Einhart
wie ein Toller und Ausbund war, der nichts anderes sonst denken konnte, als
ihrer Liebe Lied in alle Himmel zu singen, sie zu Preisen in den Hymnen seiner
Farben und Bilder und nichts sonst. Und sie lächelte heimlich, wenn es aus den
Bildern redete, dass er zum Mörder oder Räuber werden könnte gegen jeden, der es
wagte, auch nur wie eine Wespe oder Motte sich in den Glanz seines Glückes zu
verfliegen.
    Aber Einhart war jetzt recht eigentlich wieder ganz Kind. Er liebte, wie
Kinder lieben mit spielender, strahlender Verklärung. Denn wahrhaftig, er fand
nach aussen gar keinen Anlass gegen jemand sich zu verwahren. Es störte ihn
niemand. Er lebte ganz einsam mit Johanna. Und sie war täglich liebend um ihn
und zärtlich dienend in allem.
    Doktor Poncet, der einzige, der kam, war ein ganz anderer Mensch als
Einhart. Poncet hatte die Liebe in der Welt reichlich genossen. Er staunte in
das kindliche Spiel, das sich in Einharts Werkstatt darbot. Er war müde der
Liebe, kann man sagen. Heiss, wie er gewesen, hatte er die Leidensfeuer längst in
Asche gelegt. Er fand kein Genügen mehr im Rausche. Er lächelte nur manchmal ein
wenig ätzend, wenn er Einhart und Johanna plaudern hörte.
    Aber Einhart war in seinem tätigsten Behagen, dass man ihm zum ersten Male
seit jenen Tagen, wo er einst nach Zigeunern ausgezogen, den Lächler wieder ganz
ansah. Johannas Nähe hatte ihn richtig zu einem kecken Jungen gemacht. Und als
wenn er nun die ganze Welt nur so hinmalen könnte, die ganze, weite, selige
Welt, die keines Kommentars und keiner Mühe und Arbeit bedurfte, um ganz und gar
erkannt und geliebt zu sein.
    Die ganze selige Welt: Johanna und Einhart.
 
                                       9
Daheim in Poncets Hause war keine Einigkeit. Frau Poncet, die eine feine Seele
war, war ihrem Manne ganz unvertraulich. Ihre Liebe schien langst grau in grau
und wenig anderes noch, als hassende Erinnerungen. Die beiden Kinder, ein Knabe
und ein Mädchen, waren lieb zu ihm. Aber sonst fehlte die stille Flamme hüben
und drüben.
    Es gibt Männer, die vorzeitig nach allerhand Frauen greifen,
gattungsgebunden und unpersönlich in verfrühten Süchten. Das zärtlich scheue,
kindlich sehnende Berühren fehlte, das schon Platon als den süssen Beginn aller
Liebe geschildert. So will sich aus jungem Drängen in solchen Naturen nie der
harte, klare, blinkende Rubin zusammenfinden. Wie der Uhrmacher, so muss der
Menschenkenner bei jedem fragen, auf wieviel Steinen die Seele geht, und ob es
heimlich im Grunde einen Halt gibt? Und ob es heimlich funkelt? In Poncet war
kein klarer Stein kristallisiert. Das Leben seiner Liebe war in Asche zerfallen.
Kein inneres Funkeln in allen Strahlenwundern, nur Brände zuerst und Asche dann.
So auch mit Frau Poncet.
    Aber wenn jetzt Poncet zu Einhart kam, begann sich ihm eine neue Welt
aufzutun. All die kleinen Handreichungen des Lebens, die er nie geachtet,
gewannen einen tiefen Glückseligkeitssinn auch für ihn.
    »Das Leben ist gar keine Idealität. Es ist immer nur das einfache Leben,«
sagte Einhart. Er wusste es nicht, dass er damit den tiefsten Lebenssinn gegen all
die grossen Worte in Wissenschaft und Religion verteidigte.
    »Das Leben ist immer nur diese kleine, einfache Verrichtung mit Hand und
Fuss, immer nur auf dieser steinigen Erde, die wir mit Auge und Sinnen erfassen
und anstaunen,« sagte Einhart. »Immer nur dieses: eine liebende Stimme hören, in
liebende Augen sehen oder in hassende. Ist immer nur Wandel in Regen oder in
Sturm. Oder in weicher Nacht, wenn Sterne und der Mond blinken. Oder wenn es
stockbrandfinster ist mit dem kleinen Scheine unsres Laternenlichts in der
eigenen Stunde. Ist sich kalt fühlen, sich in seinen Mantel warm hüllen, oder
eintreten an ein warmes Kaminfeuer und unter gute Blicke, die uns zulachen und
uns willkommen heissen. Ist diese steinige, weite Erde, deren Wege der Frühling
umblüht und umsonnt. Oder auch wenn uns Kümmernisse um Liebe und Geliebte das
Herz bedrohen. Diese eine sonnenfrohe oder nächtigeisige, hinausgestossene Erde.
Ist aufatmen, jung hinaus und in die höchsten Hoffnungen sich heben mit Flügeln
so scheint's. Oder mit blinden Augen schreiten, geführt und ängstlich und mit
der süssen Ahnung dessen, was ewiger Schlaf dem Menschengemüte an letzten Lasten
aufhebt. Es ist das eine kleine Leben, mit Hand und Fuss, mit Auge und Seele, mit
der einen kleinen, einsamen Seele, die einzeln sitzt in jedes Gehäuse, und die
ihren Traum doch laut hinausträumt von dem Verein der Seelen, auf den Millionen
verlangend lauschen.« Das war, wie es Einhart jetzt und immer lebhaft
verkündigte.
    Doktor Poncet kam oft. Er war daheim, seitdem er zum ersten Male das gute,
einige, zitternde, irdische Seelenspiel Einharts und Johannas angesehen, noch
mehr losgetrennt. Er begann einzusehen, dass er durch alle sogenannte Idealität
durchmüsste zu der kleinen, grossen, einsamen Seele. Er begann beglückt zu sein
von ferne.
    »Man muss es mit den Sinnen greifen. Nur mit den Sinnen hält der Mensch sich
fest in der Welt, wie der Baum mit den Wurzeln in der Erde.«
    Einhart sagte es nicht. Aber Poncet sagte es jetzt, weil es Einhart lebte.
Poncet begann allmählich kindlich zu lachen wie Einhart. Wenn er kam, sass er
stundenlang. Johanna fand ihn angenehm. Ihre Eulenaugen sahen zu ihm hinüber.
Ihre Augen waren immer zärtlich im Blick. Poncet begann sie oft anzusehen.
Einhart fühlte, dass Poncet sich heimlich neu zu sehnen angefangen.
    »Die kleinen Handreichungen des Lebens sind es,« sagte er einmal vor sich
hin. Er sah Johanna oft nicht mit blosser Achtlosigkeit an.
    Und einmal war es gekommen, gegen das Frühjahr, wie Einhart zufällig nicht
daheim war. Da hatte Poncet lange nur stumm dagesessen und hatte Johanna dadurch
geradezu verlegen gemacht. Wie es kam? Wer weiss. Die Augen Johannas waren
mitleidig. Sie wollte auch gleich noch wegspringen erst, um unten in dem kleinen
Gemüse- und Butterladen einzuholen. Dann war sie doch geblieben. Es war in ihrem
Gesicht gleich eine grosse Röte.
    Ausserdem sind die brennenden Blicke dunkler Augen, wie die sehnsüchtigen
Poncets eine wundersame Sprache des Preisens. Das Herz der Frau wird neugierig.
Die Eulenaugen Johannas baten gegen Poncet, wie er so immer noch stumm als
Schatten auf der Skizzenkiste unter dem grossen Atelierfenster sass. Aber sie
versuchten Poncet auch um so mehr.
    Die Neugier Johannas war so hart in ihr geworden, dass sie einfach nicht mehr
hinaus konnte. So blieb sie und hantierte lange vor Poncet. Eine Weile dachte
sie noch immer, dass Einhart kommen müsste. Aber je mehr sie hoffte, desto
bestimmter sprachen ihre Blicke Sanfteit hin in den stummen, in sich verzehrten
Poncet.
    »O Gott Gott!« hatte er schon manchmal vor sich hin gesagt. Jetzt rang er
heimlich sich zu überwinden. Aber Männer, die die Leidenschaft zu früh blind
gemacht, stehen unter einem unentrinnbaren Zwange.
    »O Gott! nein! dass Einhart nicht kommt!« stiess nun auch Johanna heraus,
gleichsam seine Angst vor sich aufnehmend, und weil auch schon die Dämmerung in
den Raum spann. Dann griff sie endlich eine leichte Hülle, einen bunten,
leichten Seidenschal, um doch noch jetzt hinauszufliehen. Da waren Poncets
Süchte plötzlich hart aufgebrannt, dass er sie atem-und lautlos von der Tür
zurück und an sich gerissen und sie sinnlos hastig und heiss brünstig geküsst
hatte. Johanna in ihrer Kindlichkeit hatte sich lange küssen lassen, mit
hastigem, aber nicht starkem Widerstreben und hatte dann erst noch eine Weile
drollig zärtlich gelacht, ehe sie unversehens ebenso hart aufgeschluchzt.
    »Wie? Was? Pfui! Pfui! o! Nein nein! nein aber, wie Sie nur können!« hatte
sie noch herausgestossen, als Einhart auf der Treppe draussen hörbar wurde.
    In demselben Augenblick hatte Johanna gleich mit ihren Eulenaugen zärtlich
zu Poncet hin gebeten, reckte sich aufrecht, sich gleich einfindend in eine
gleichgültige Hantierung. Und als Einhart mit einem Strauss Maiglöckchen eintrat,
ganz beglückt nur von der Absicht sprechend, bald in eine ländliche Einsamkeit,
ins Gebirge oder ans Meer zu gehen, sass Poncet wieder als Schatten gegen das
Dämmerlicht. Einhart war ganz achtlos und arglos. Er streichelte Johanna und
begrüsste Poncet mit kräftigem Handdruck. Er achtete gar nicht, dass er fast ins
Dunkel kam, worin die beiden gesessen.
 
                                       10
Als der Frühling den vereinzelten Obstbaum im Hofe des Stadtauses, wo Einhart
oben unter Dach sein Atelier besass, blühen machte, drängte Johanna selber, aus
der Stadt zu gehen. Es war wenige Wochen nach der Annäherung, die Doktor Poncet
versucht hatte.
    Johanna war eine Drollige. Der Gedanke daran machte sie jetzt heimlich
lachen mit ihrem lieblichsten Lachen. Und so oft Doktor Poncet auch gekommen
war, er hatte in dem sanften, fröhlichen Leben von Johanna nur eine Hingabe an
Einhart, aus den funkelnden Augen und erheiterten Worten ganz nur ein
Mit-ihm-sein und -leben wollen spüren müssen.
    Gar nichts hatte ihn an eigene Vertraulichkeiten auch nur von ferne
erinnert. Wenn ihn nicht gar eine herbe und strenge Miene, sobald Johannas
grosse, feuchte Dunkelaugen ihm begegnen mussten, heimlich geradezu wie ein
Vorwurf manchmal getroffen hätte.
    Johanna war nur innig zufrieden, dass Einhart arglos und voll frohen
Arbeitssinnes ungestört vorwärts lebte. Um so mehr wünschte sie also jetzt ins
Freie hinaus, ins Landleben. »Meinetwegen ins Gebirge, noch besser an die See!«
    So waren Einhart und Johanna bald mit Packen und Malwerkzeugen nach dem
Norden zu abgereist und hatten auch einsam und gut, nach dem Rate Poncets, eine
friedsame Sommerherrlichkeit ausgefunden.
    Das Häuschen, worin sie Wohnung nahmen, lag mit seinem breiten Strohdach
nahe einem alten Eichenwalde, ein kleines, gemächliches Fischerhaus mit vier
ungewöhnlich grossen und hohen Fenstern nach vorn. Um die Haustür und um das
hölzerne, hohe Gartentor hingen Rosenranken, die eben ergrünten. Ringsherum
dehnten sich Wiesen, von Sauerampfer blühend und glühend, deren schlanke,
zitternde Pracht sich reichlich zwischen roten Nelken, Glockenblumen und
Kamillen in die flüsternden Lüfte aufhob. In der Ferne strich der Wind das
junge, grüne Korn der weiten Felder, wenn Johanna am Morgen die Fenster frei
auftat. Dorter blinkten hinter Hecken und maigrünem Buschlaub die Silberflecken
der spiegelnden Scheiben eines vornehmen Landsitzes mit Gutsgebäuden zu beiden
Seiten.
    Dorter kam täglich nun den ganzen Sommer lang auch Johannas Freude.
    Johanna war jetzt losgebunden wie ein Vogel, ohne Pflicht, so recht
hineingestellt in die lichte, freie, blühende und reisende Welt. Wenn die Herde
Mutterschafe und die Lämmchen sich aus dem Tor der entfernten Gehöfte ergoss und
in einer Wolke Staub naher und naher herankam, stand sie, alles vergessend, und
harrte mit einem wahren Jubellachen, das Einhart viele Male heimlich entzückte.
    Johanna hielt dann schon ewig Büschel Blumen in ihren Händen, der Herde
entgegen laufend, um sie den Lämmchen zum schrobenden Frasse anzubieten.
    Der alte Hirte, der einen verschmutzten Pelzflausch trug, war gegen Johanna
äusserst scharmant. Er hätte ihr den ganzen Tag Geschichten vom guten Lämmchen
erzählen wollen. Er wusste Schmeicheleien von ihrer Lieblichkeit und von ihren
grossen Augen, die wie schwarze Stiefmutterblumen im Schlossgarten wären, wohl
anzubringen.
    Und Johanna stand ganze Morgen lang auf der weiten Blumenwiese unter den
blökenden, grauen Mutterschafen und den wolligen Lämmern im Licht, hob sich die
kleinen Schreihälse zärtlich auf den Schoss, oder vergnügte sich, ein zutunliches
Lieblingslämmchen im Arme zu halten und an ihrer Brust zu wärmen. Wie eine frohe
Heilige im Garten Gottes, verloren für sich in die Lüfte lachend.
    Der weisse, zottige Spitz räsonnierte von Zeit zu Zeit und schoss um die
lässigen Wolltiere. Unterdessen Schäfer und Lüfte und Düfte, die Wolken im
blauen Himmel und die Augen der Lämmer und der Schafe, und auch Johannas Blicke
arglos und wohlig und eintönig verwehend über die Weide tändelten. Das waren
Johannas Feierstunden jetzt am Morgen.
    Aber Einhart war in dieser Zeit leidenschaftliche Arbeit an Ecken und Enden.
Einhart war dann gewöhnlich gleich nach dem Frühstück einsam gegen den Strand
hin gegangen. Er besah sich jetzt die Erde neu von allen Seiten. Schon durch den
Streifen Eichwald, der die Blumenwiesen vom Meere trennte, wanderte er mit
wahrer Spannung. Er genoss entzückt den lautlosen Eintritt in die hohen, einsamen
Wipfelwölbungen, um deren Tragesäulen Schmetterlinge taumelten, und Hummeln
eilig vorüberbrummten. Er sah an jedem Stamme empor, wo eine Eichkatze die Rinde
reissend hinaufhuschte, oder ein schmelzender Vogel unsichtbar seine
Liebesmelodie tirilierte. Er horchte dem Spechtpochen und verfolgte den
seltsamen Schwung seines Fluges, wenn er ihn absichtslos verscheucht hatte. Und
sah ihn noch lange rüstig hintauchen zwischen den Schatten der Wölbung. Er
begegnete Hirsch und Hinde. Der Hirsch, mit dem Blick eines Ernsten, Erstaunten,
der plötzlich aus dem Dickicht herausbrechend, in gereckter Gestalt vor ihm
stand, lange unerschüttert äugend, zwei Tiere und ein Junges scheu zur Seite
hinter sich.
    Dass auch Einhart gleich völlig erstarrte.
    Dass die Blicke beider, Einharts und des reich gehörnten, mächtigen
Waldkönigs sich fest ansahen und immer noch hielten. Bis das erstaunte Tier,
seine Gabelung vehement in den Nacken werfend, um seine Flanken zu schützen,
ebenso plötzlich mit königlichem Sprunge gegen die Waldwirrnis sprang und den
Seinen mit dem Geweih wie mit einer Pflugschar durch Ast und Dorne den Weg
fegend' unter erstaunlich flüchtigem Zerkrachen und Zerbrechen von Buschwerk
verschwand.
    Einharts Leben war jetzt ganz innerlich und froh erfüllt, wie das Leben des
Vogels im Schattenwipfel oder das Leben der Woge im Meer. Der Strand breitete
sich hellblendend, wenn Einhart die letzte Eiche des Waldgürtels zurückgelassen.
Er stapfte tief im Sande auf den hellen Dünenhügel. Auf dessen leichter Höhe
zitterten die Strandgräser. Dort lag vor ihm das weite, schäumende Meer
ausgebreitet. Im Sande halbvergraben lag ein verfallenes Boot. Weit und breit
war keine Menschenspur sichtbar. Hoch im Sonnenraum hing oder kreiste ein
Seeadler einsame Runden, dann und wann einen kreischenden Wecklaut
herniedergebend. Die glasigen Wogen hatten Schäume weit hinaus. Aus Nordosten
flatterte der Meerwind. Und am Strande schlürften die Fluten breit heran, sich
leise überstürzend immer und zurücksaugend, rieselnd und zerschäumend und neu
zusammenrinnend. Immer wieder. Immer wieder. So weit der Blick Einharts an dem
weiten Bogen des flachen Seestrandes sich verlor.
    Wenn die Mittagsonne warm schien, hockte Einhart gewöhnlich auf einem
Waldfelsen über dem Strande, auf den er vom Meere aus zurückgegangen. Einhart
liebte den Ausblick von oben, den frohhebenden Eindruck der Wogenwelt aus der
Höhe. Von dort aus konnte er Johanna kommen sehen. Das galt Einhart eine
Heiterkeit ohne Ende, wenn die verabredete Stunde heran war. Er hatte den Morgen
lang beobachtet, skizziert, oder auch Malarbeit in Studien getan. Durch die
silbernen Stämme von einigen Buchen dämmerte schon Johannas flatternde, lichte
Gestalt. Sie ging in losen Ballisten und hielt einen Schal um die Schultern, der
im Lauftauch winkte und wehte. Sie lachte von ferne, wie ein Specht lacht
zwischen den Stämmen. Hören hätte es Einhart kaum können. Meerrauschen füllte
mit ewigem Überstürzen und Branden, mit genug Lärm die sonnenlichte
Strandeinsamkeit.
    Aber Einhart sah es klingen in Johannas Augen. Johannas Augen sahen gross aus
Dunkel her. Ihre sanfte, schlanke Lieblichkeit, so eilfertig heranstrebend,
schien nicht anders, als zuzugehören zu dieser blendenden Dünenwelt zwischen
Meerflutschäumen und Waldeswehen. Auch Einharts Blutwelle pulsierte dann
singend, als wäre er die Seele dieser einsamen Welt von Dünen, von Wald, Felsen
und Wogen.
    Dann waren die Flatterwinde still. Die leichten Kleider warfen sie in den
weissen Meersand. Johannas lieblicher, rosiger Leib entob sich den letzten
Hüllen. Sie sprang mit anmutigem Gezeter alsogleich in die heranstürzenden
Wogenschäume. Sie kreischte lieblich. Sie fiel von der Kraft der Wasserstürze
gestossen und tauchte nieder unter die Flut. Da konnte auch Einhart aufjauchzen
derart, als hätte er plötzlich die Stimme eines alten Tritonen, so voll. Da
konnte er in die hohlen Hände trompeten, als ob er in eine Muschel dumpf tutend
hineinblies. Da konnte er hinter der ängstlich kreischenden Johanna drein in den
flachen Wellen schaumsprühend springen, mit vollen Händen Diamanten in Sonne und
Lüfte und über Johanna unbarmherzig schöpfend und sprühend. Dass der Seeadler neu
aus der Ferne heranstrich, fühlbar erregt hoch über ihnen seine Kreise ziehend,
und dann und wann wie im Zorn niederstossend. Als wenn er jetzt dächte, dass
weisse, grosse Meerwesen aus ihren Wasserpalästen in der Tiefe aufgetaucht, die
sich dreimal selig vergnügten im strahlenden Licht.
    Dann lagen die beiden lange noch im heissen Sande. Einhart war auf die Idee
gekommen, Johanna tiefer und tiefer einzugraben. Sie sah allmählich aus wie eine
neckische Sphinx. Kopf und Schultern und Brust hatte er freigelassen. Es waren
lauter törichte Spiele, die ihnen wohl Appetit machten, dass sie dann endlich
durch den Wald eilig zurückgingen, Hand in Hand und lachend wie Kinder.
    Und auch beim Mittagsmahle konnten sie nicht genug immer wieder alles sich
erzählen, was ein jeder doch wusste, weil er es eben erst erlebt hatte.
    Aber so ist ein Schatz auch das Erzählen von glücklichen Dingen. Es gibt
einen Hauch wieder, wenn das Glück verloren ist, und das Glück hier erneuerte
sich jeden Tag und jeden Tag den ganzen Sommer lang.
    Nie war Johanna freier gewesen im ganzen Leben. Ihre Seele war wie eine
Blumenwiese so reich bestellt und wie eine Meereswelle eilig. An Poncet dachte
sie nie. Oder geradezu mit Ärger jetzt, wo sie Einhart so in Übermut um sich
hatte und in wahrer, freier Sommerfreude.
    Und Einhart hing leidenschaftlich an der wachsenden Ernte seiner
Sommerarbeit, aber jetzt auch voll an dem Taumel, Johannas Schönheit
allentalben in Wald oder Wellen anzustaunen und sein zu fühlen.
 
                                       11
Einhart hatte ein paarmal an Doktor Poncet geschrieben, er möchte kommen. Aber
Johanna war es sehr recht, dass trotz Poncets Zusagen den ganzen Sommer nichts
daraus geworden war. Wie der Herbst kam, waren sie also in die Stadt
zurückgegangen und kamen braungebrannt, robust auch ordentlich Johanna, in die
alten Verhältnisse zurück. Das Leben am Meer hatte Johanna vollkommen in die
einige Sicherheit zu Einhart eingewöhnt. Dass auch der Winter nur weiter ein
tätiges, ruhiges, launiges Leben, und nichts anderes, hinging.
    Poncet kam oft. Aber wenn Johanna jetzt eine Empfindung für ihn hatte, so
war es die, ihn vor sich selber schützen zu wollen. Weil sie selbst sich in
dieser ersten Zeit durchaus nicht mehr bedroht dünkte. Ausserdem war Poncets
Leben offenbar auch heiterer geworden. Poncet hatte eine grosse Herbstreise nach
Amerika und Spanien gemacht. Er war danach auch in allerlei Arbeiten
leidenschaftlich hineingeraten. Man hatte also allerseits die Hände voll zu tun,
und Kopf und Herz, den ganzen Winter lang. Dass die nächste Frühlingsausstellung
herankam, so schien es, als hätten die Werke einfach die Zeit eingesogen.
    Die Ausstellung entielt ein paar grosse Phantasiestücke von Einhart.
    Als Einhart in den Ausstellungssälen zum ersten Male herumging, Johanna mit
einem blumigen Frühlingshut eigenster, freier Erfindung neben ihm, sahen ihn,
den Zigeuner-Grandseigneur in Zylinder, und sie, diese kleine, wippende Dame mit
hoher Krempe und viel Schleier, wie eine Herzogin von Goya so zierlich und so
schnippisch, die vornehmen Besucher der Eröffnungsfeier alle mit sonderlicher
Neugier und mit absichtlosem, heimlich lauschenden Umprüfen und Umwandeln an.
Weil sie wohl von ferne ahnten, dass die lustige, launige Windsbraut von Seele
hinter dem feinen, duftigen Stoff- und Schleierwerke, das sie jetzt licht und
lose hüllte, einmal hüllenlos in die Bilder an den Wänden, die von Einhart
irgendwo hingen, so recht eine kichernde Eva hineingesprungen.
    Auch Doktor Poncet war oft dabei, wenn sie in der Ausstellung herumgingen.
Poncet im beginnenden Frühling schon wieder heimlich gequält immer um Johanna.
    Aber Johanna hielt sich nur an Einhart. Johanna war das anmutig liebende
Leben selber, so dienstwillig und zutunlich, wenn es um Einhart ging. Und Poncet
desgleichen. Poncet war ganz und gar nur zu Einhart der liebende Freund, der den
andern voll gewähren lässt.
    Und Einhart war ein Narr, wie schon als Junge, wie immer bis ans Ende
vielleicht, eingesponnen in allerhand eigene Schau und in die Froheit seiner
Gesichte. Er ahnte ganz und gar nichts, dass mit dem neuen Sommer auch neu leise
Unruhen in Johanna aufzutauchen begannen. Er ahnte ganz und gar nichts, dass
Johannas sanftes Blicken nur erst wie zufällig noch, aber nicht gleichgültig
mehr, über die wachsenden Versunkenheiten des verachtenden, bleichen Poncet
hinglitten.
    Einhart war unter der kindlichen Freiheit Johannas noch vollends wieder zum
Traumnarren geworden. Er hatte jetzt gar keine Leidenschaft ans Leben, als die
Ergreifung dessen, was sich als Gehalt und Gestalt aus ihm gebar. Das
Hinauswachsen im Werk galt ihm alles. Das sonstige Leben nahm er lachend als
Zier und Laune, die sich um seine Kunstarbeit froh herumrankte.
    Bei Doktor Poncet verhielt sich das ganz anders. Poncets Leben war auch
durchaus nur ringende Arbeit.
    »Aber was kommt dabei heraus für mich?« sagte er oft verbittert.
    Es war kein Verklären und Finden von sich selber, und von dem, was ihm die
Stunde je gewesen. Poncet hatte allerlei hinausgegeben. Aber der Wind hatte die
Früchte noch immer fortgeführt auf Nimmerwiedersehen. Er lag ewig im Streite mit
sich und im Harme um sich. Er sehnte sich beständig, etwas vom eigenen Leben zu
greifen, geläutert, wie die Kunst es zu dauerndem Genüsse darbringt.
    Und Poncet sah das Glück und den Glanz, die Einhart um sich und Johanna wob.
Und wahrhaftig, Johanna wuchs jetzt noch mehr zu einem Wunder der Verklärung
auch vor seinen Augen. Poncet konnte in diesen ganzen Frühlingsmonaten nur noch
nagen und sinnen, wie er aus einem leidenschaftlichen, schwelenden Zwange nach
ihr zur Ruhe käme?
    Aber Johanna war innerlich bestimmt dawider gewesen, dass man ein gemeinsames
Ziel für den Sommeraufentalt fände. Und Einhart und Johanna hatten also, wie
das Jahr vorher, mit genug ausfüllender Arbeit und frohen Launen allein oben am
Meere gesessen.
    In den letzten Augusttagen kam dann doch Poncet nach. Es war eine sehr warme
Zeit. Das Wasser des Meeres lag fast immer spiegelblank, wie eine weite,
silberne Scheibe, über die die feinen Unruhen des Lichtes und des Windhauchs in
lieblichem Wellengekräusel hinstrichen.
    Johanna war ein wenig erschrocken gleich, als Poncet kam. Es hatte ihn von
daheim fortgetrieben. Es hatte Zerwürfnisse gegeben. Aber Einhart freute sich.
Poncet war unerwartet gekommen. Er kam sanft und entschuldigend, fast ein wenig
demütig gegen Einhart.
    Und die ersten Abende sass man gemeinsam auf dem verbleichenden Dünenhügel am
Strande. Man sah zu, wie die Dämmerungen über die leuchtenden Wellen
hereinsanken, wie durchsichtige Flöre. Man sah, ohne in Minuten Worte zu
wechseln, verloren in den nachtlichtenden Nordschein.
    Und wenn Einhart am Tage malen ging und erhaschen der Welt auf seine Weise,
blieb Poncet in gelehrter Arbeit in der Stube im Fischerhause zurück. Da war
Johanna in kleinen Betriebsamkeiten oder in dem launigen Leben in Wald und auf
den Wiesen dann für sich festgehalten.
    Johanna mied es noch immer, mit Poncet allein zusammen zu sein.
    Aber das Kindstum von früher war in ihr jetzt doch heimlich ganz
eingeschlafen. Wenn sie mit dem Hirten unter den Schafen plaudernd stand, sah
sie viele Male neugierig nach der Richtung aus, woher Poncet kommen konnte.
Poncets überlegene, verachtende Männlichkeit lockte sie sehr. Poncet, der auch
Ruhm hatte. Mehr wie Einhart. Der jetzt einer der Ersten zu gelten begonnen. Wo
Einhart noch immer den Massen nichts bedeutete, die über seine Bilder nach wie
vor Glossen machten. Auch die meisten Kritiker noch, die an das
Durchschnittliche gewöhnt, nie die leidenschaftliche Inbrunst der Seele nach dem
eigensten, erlesenen Glücke erfahren haben. So geschah es, dass bald in dem
Zusammensein der beiden mit Poncet allerlei Verstecken aufkam.
    Poncet stand schliesslich mit Johanna schon manchmal am Morgen im Lichte auf
der Kleestoppel unter den Schafen, aber nur neckisch und kindlich scherzend noch
immer.
    Dann war doch einmal ein Abend gekommen, der ganz anders war.
    Schon der Tag war schwül gewesen. Gegen Abend war in dräuendem Zuge vom
Lande her ein Gewitter, Sturmvögel kreischend voran, mit grellen Blitzen und
wildem Erdröhnen ins Meer hinausgezogen. Dann lag der Himmel, als die Nacht
begann, wieder wundersam reingefegt und glänzte aus Mitternacht her blutrot
nach.
    Es war gegen acht.
    Einhart hatte gleich versucht, von den auserlesenen Farbenspielen der sich
entüllenden Nachtwelt und ihren langsam erglühenden, perlmutternen, finsteren
Tinten einiges auf Studienblätter einzufangen. Er war deshalb auf der Höhe, nahe
dem bekannten Felsen, sitzen geblieben.
    Johanna, die mit Einhart allein am Meeresstrande gewandert war, lockte es
heimlich zum Meere zurück. Deshalb war sie von dem Felsen lautlos die Schlucht
im Sande, ein wenig tastend, hinabgeglitten und stapfte staunend und geblendet
in der unerhörten, aus sich leuchtenden Düsterpracht von Himmel und Meer und
Dünenstrand.
    Der Dünenhügel, über den sie schritt, ragte körperlich gross und schaurig
vereinsamt im fahlen Nachtdämmer.
    Das Meer in der Ferne wogte blutrot in grellem Himmelswiederschein.
    Der Himmel darüber dunkel gewölbt, ganz doch äterklar.
    Johanna hatte lange ohne Hut und mit nackten Füssen, weil sie bei Einhart Hut
und Schuhe und Strümpfe hatte liegen lassen, einsam auf dem Hügel gestanden und
trat nur zögernd Schritt um Schritt, in einem unbestimmten, hungernden
Verlangen, den Schaumspielen am Strande näher und näher.
    Aber wie sie so einsam erstarrt aufragte dicht am Wasser aus dem Meersand,
das brennende Auge weit hinausgebannt, schienen die stürzenden, spielenden,
schäumenden Purpurfluten immer düsterer und düsterer heranzudrängen.
    Das lebendige, treibende Meer däuchte sich immer gewaltiger aufzutürmen.
    Unermessene Körpermacht gewinnend, wuchs es düster empor, wie ein grausig
sich nahendes Ungetüm.
    Zwischen den glühen Purpurflecken gebaren sich, ewig neu dem Blicke,
höllische, blaue Dunkelheiten, wie schaurige Gründe, die sie bedrohten.
    Draussen in der fernen Dämmerwelt wälzten sich tausend Gewalten in wildem
Begehren. Und tausend Gewalten schienen aus Düsternis herzudrängen vom fernsten
Meersaum in rasender Eile.
    Aufrauschend sich hebend und in Schäumen zerberstend, spielten die Wogen wie
bleiche Geister um einen Felsblock, der näher aus den Fluten sich hob.
    Und in Johanna brachen ganz langsam die Halte zusammen. Als wenn sich in
ihrem Herzen Stützen zerlösten und in dem finsteren Reichtum der drohend
lebendigen Meernacht versänken.
    Die Wogen zu ihren Füssen schlürften und schlüpften schon um sie, wie wenn
tastende Wesen nach ihr griffen.
    Die Wogen jagten und schäumten heran. Aber sie rannen unversehens noch
einmal zurück, die Angst entlastend und wieder noch eine Minute Zeit gewährend.
    In Johanna zuckte die Bedrohung in jeder Fiber. Das Spiel war um sie
höllischer und höllischer geworden. Es hatte sie ein Frostschauer plötzlich
durchrieselt. In dieser menschenfernen, erstorbenen, purpurglühenden Einsamkeit
stand sie allein. In dieser menschenfernen, erstorbenen, purpurblendenden
Einsamkeit däuchten jetzt unzählige Blutzungen plötzlich sinnbetörend nach ihrem
Kleidsaume zu lecken.
    Mit grausiger Gewalt fing es an züngelnd und lechzend nahe zu wachsen. Die
Blutzungen rings um sie leckten und schlürften und schlüpften schon nach ihren
nackten Füssen, furchtbar begehrlich. Als wenn ein gewaltiger, unerbittlicher
Riese nach ihr sich mit unentrinnbarer Sehnsucht zu sehnen begonnen.
    Da hatte Johanna sich endlich nach Hilfe umgesehen. Da hatte sie sich noch
einmal mit aller Gewalt gehalten, weil der Himmel darüber mit seiner sanften
Rosenröte noch einmal flüchtig Trost gegeben. Da ging auch schon ein heiserer
Schrei aus ihr aus in die nächtliche Meerwelt, wie Möven schrill und flüchtig
rufen. Da hatte sie auch schon jemand von rückwärts schützend angerührt. Da
hielt sie längst jemand sicher in seinen Armen. Da presste jemand sie an sich,
und presste seinen heissen Mund auf ihre bebenden, zuckenden Lippen.
    Johanna log sich vor, dass es Einhart wäre. Sie gab sich ganz hin.
Leidenschaftlich. Sie wusste es längst, dass sie es nun voll genoss. Sie wehrte
sich nicht. Der Schrecken hatte ihre Seele ohnmächtig gemacht und innig brünstig
nach einer Kraft, die sie hielte. Und die Kraft war gekommen. Die Kraft hielt
sie jetzt ehern gebannt, dass Minute um Minute lautlos zerrann.
    Einhart sass noch immer auf dem Felsen, um die farbige Düsterwelt
einzusaugen. Er kam erst spät zum Strande, als alle Farben verblichen waren. Das
Meer lag jetzt graudunkel unter einem bleichblauen Nachtschein.
    Da kamen ihm Poncet und Johanna laut sprechend entgegen.
    »Oh, das hättest du sehen sollen,« rief sie neckend, schon von ferne. »Einen
furchtbaren Schrecken habe ich ausgestanden,« sagte sie richtig im Übermut. »Und
wenn Poncet nicht kam,« erzählte sie dann in allem Ernste, »hätte ich eine
Ohnmacht bekommen, wie in dieser Nacht das Meer furchtbar aussah!«
    Poncet erzählte sehr gewichtig, dass das Gefühl Johannas, in solchem
nächtigen Glutdunkel dem Wogenspiel und dem Himmel mutterseelenallein gegenüber
zu stehen, die Seele völlig erschüttern kann, und dass es sich dabei wohl um das
gehandelt haben möchte, was die Alten einen »panischen Schrecken« nannten.
    »Pan lechzte und züngelte mit tausend Blutzungen nach mir, als wenn die
ganze Nachtwelt ein gräuliches Gespenst wäre,« sagte Johanna ganz eingesponnen
neu in den Schreck.
    »Ich habe genau den Eindruck auch aufgefasst,« sagte Einhart zufrieden
lächelnd, »und werde das einmal malen.«
    »Denkt ihr denn, ich wäre umsonst so lange dort oben sitzen geblieben und
hätte wie ein Felsen so starr in die seltsamen Verwandlungen hineingeblickt,
wenn es mir nicht darum zu tun gewesen?« sagte er noch arglos.
 
                                       12
Sonderbare Menschen, die in den jungen Tagen im eigenen, summenden Blute es aus
tausend Seligkeiten erhören, aber sobald das Leben mit seinen Erfüllungen
begonnen, Schritt um Schritt scheu zurückweichen. Und die dann ewig stehen, den
Blick in die Ferne, gar nicht mehr bereit, das Leben und seine Erfüllungen
hinzunehmen, anders, als mit bitterer Verachtung. Und die immer neu zum Leben in
plötzlichem Lustflackern sich hinwenden, immer tiefer enttäuscht und immer
herrischer erregt gegen den Trug aller Trüge.
    Solche Menschen sind wie heisse Glutstätten, in denen innige Brände doch nur
schwelen, solange keine leichte, frohe Hand ihre Feuer beschwört und ihre Asche
lockert. Und aus denen es, wenn eine hohe, liebende, sanfte Frau zur Opferstätte
solchen heimlichen Erharrens getreten, emporbrennt wie ein Blühen. Der Harm ist
zerstoben, wie noch ein wenig Rauch unter Flammen und Funken. Eine neue Jugend,
scheint es, blüht. Eine köstliche Fülle reiner, stolzer, lodernder Feuertriebe
wähnt sich das kranke Herz dem weihenden Blicke offen.
    In solcher Menschen Tiefgrund klingt ewig die Myte von der Erlösung durch
die Liebe. In jede neue Phase ihrer Weltverachtung nehmen sie diese einzige,
sichere Verheissung mit, träumen immer neu den grossen Traum, erharren und
erhoffen neue Entfaltung. Denn jedes Menschengemüt auch, wie der Rosenstock und
die Feuersglut entzückt sich im Entfalten und sich Darbieten. Und nie sind
grössere, letzte Erfüllungen, als sich weit und frei auftun und sich hingeben
dürfen von Seele zu Seele.
    »Aber vielleicht ist das im Truge Leben der letzte, tiefste Trug!« sagte oft
Poncet.
    Mit solchem Zweifel in der Seele ist es nicht gut, einem andern Freund sein.
Flüchtig sind die goldenen Fäden, in denen Baum und Früchte am Sommerende
eingesponnen. Sie zerreissen leicht vom leisen Windhauch. Die goldenen Blätter,
vom Lebenszweifel unversehens gelockert, wehen hin. Es gibt kahles Land und
astkahle Bäume, vom Winde zerweht, und kahle Seelen von der Verachtung verarmt.
Und immer ferner verklingt solchen Seelen das sanfte, heilende Wunder.
    »Auch das Weib ist nur eine Verheissung, die sich selbst zum Truge geboren,«
sagte Doktor Poncet. »Und unter jeder Herzflamme, von Himmelsbränden voll,
lauert der leere, finstere Abgrund, lauert die Zeit, und lauert das
Sich-selbst-entführt-werden, wie Blatt um Blatt der Baumkrone im Winde.«
    Doktor Poncet war immer zernagt nach dem Weibe. Er war als Jüngling ein
Menschensüchtiger gewesen. Er hatte überall hin mit Schwärmerblick neue
Glückslehren gebracht. Er hatte auch, wie alle grossen Schwärmer eine Zeit
wähnen, es einmal ganz gefunden geglaubt. Er hatte das Leben nur zu sehr
geliebt, wie er es noch träumte. Und Schritt um Schritt hatte das Wirkliche
gegen ihn gestritten.
    Wenn man ihn genauer hätte einsehen können, das heisse, heimliche Erlebnis
seiner Seele seit Jugendbeginn, so hätte man einen weiten Traumgarten gesehen,
worin der Wolf Wirklichkeit immer neu alle Blumen geknickt und alle Bäume
umgebrochen.
    Die Leidenschaft war immer heiss gewesen. Ein Weib berühren, galt schon dem
Jüngling als verzehrendes Leiden. Allmählich hatte er die Liebe und alles Ding
in der Welt käuflich und zur Gewohnheit und Notdurft erniedrigt gesehen. Er
hatte sich immer wieder in unbegreiflichem Zwange hingeworfen. Die Gewohnheit
Ehe, die Gewohnheit Kinderliebe, die allzu reiche Fülle Wiederkehr auf allen
Wegen, dass auch die Leidenschaft, die sich ein höchstes Wunder wähnte, sich an
Ecken und Enden profan gebärdete, dass das entzückteste Preisen der Seele nur
Worte, nicht Wahrheit, nur Flucht, keine Dauer darstellte, das hatte er längst
in sich genommen und trug mit solchem entweihenden Grundakkorde sein armes
Leben.
    Und immer wieder war für ihn doch neu die Rätselblume des Hungers nach dem
Weibe vor sein Auge emporgesprosst. Er musste jetzt Johanna zu sich locken. Er
musste neu an die Erfüllungen glauben. Er fühlte es wieder wie eine Erlösung. Es
däuchte ein ehernes Gesetz. Unentrinnbar. Er musste.
    Und Doktor Poncet war ein zersetzender Liebhaber. Als der Winter in der
Stadt dahinfloss, fühlte sich Johanna ganz verstrickt.
    Einhart liebte Johanna mit sanfter Güte. Er hing an allen ihren
Handreichungen. Er liebte ihre junge, frohe Gestalt. Er hatte jeden Zug ihres
Wesens in seinen Bildern licht gemacht. In ihm ruhte sozusagen und wuchs das
Bild, das sie sich selber geworden war.
    Der Mensch selber weiss so wenig, was er an sich darbietet. Und unversehens
kommt einer herzu, der ein Lied zur Dauer aus ihm anspinnt. Da hört sich die
Seele plötzlich klingen und will es kaum glauben, dass so das Lied des eigenen
Lebens hallt.
    Johanna ging wirklich ganz im Wundergewande, das Einharts Reichtum ihr wie
einen Zaubermantel umgewoben. Aber um so mehr lockte sie jetzt der verzehrte
Glutblick des »armen Heinrich.«
    So geschah es, dass Johanna das Blut glühen fühlte, wenn sie den arglosen
Einhart mit Poncet zusammen sah. Poncet kam jetzt auch, wenn Einhart nicht
daheim war. Man besprach sich heimlich und traf sich heimlich. Poncets Liebe war
hart. Seine Illusionen waren flüchtig. Es griff das Gerippe des matten
Unglaubens gar zu hart durch das weiche Fleisch seiner Begehrung. Er hatte es
oft in den Fingern zucken wie herrische, böse Laune, sobald die Phantasmagorie,
die sein Begehren geweckt, in der Erfüllung untergesunken. Aber je jäher die
Härte seines Wesens und seiner Enttäuschung aufquoll, desto jäher und süchtiger
wurde ihm Johannas Wesen Untertan.
    Die Liebe Einharts war eine zärtliche, sanfte, frische Weise. Grade in
Einharts Wesen lag Liebe und Begehren wie Heiterkeit. Auch im Rausche der Sinne
spielten die Genien um das Lager zweier Liebenden. Jetzt in den Wintermonaten in
den heimlichen Beziehungen zu Poncet gewann Johanna einen Zug fremder
Schicksalshärte in ihren Blick.
    Einhart begann ihre Seele langsam durch zu schauen. Zuerst hatte er Johanna
noch in arglosem Scherz mit einem Satan im Hintergrunde gemalt. Und auch, dass er
sie als eine junge Hexe im Morgengrauen fortgeführt, hatte seine Seele noch ganz
ohne Wissen, gleichsam im Traumspiel vorweg getan.
    Johanna verwahrte sich gleich dagegen. Sie fand die Bilder abscheulich. Sie
hing sich an ihn und weinte einmal, und mochte gar nicht sprechen. Sie war sich
heimlich wie erraten vorgekommen. Obwohl Einhart ganz und gar nichts wissen
konnte. Denn alles war noch immer völlig geheim gewesen, was Poncet betraf. Aber
diese feinen, schauenden Wesen, die das Denken gar nicht brauchen, um die
treibenden, Mächte auszuspüren!
    Einharts beginnende Wissenschaft scheute gleich vor allem offenen Ausdruck
zurück. Wie er zu erkennen begann, bekam er auch nur seltsame Linien der
Vernichtung in seine gelbgrauen, hageren Backen. Und der Blick seines Auges
glomm in Erstaunen.
    Johanna kam immer zu ihm mit Demut wie Liebe. Sie schien ihm manchmal, wie
etwas abzubitten. Aber er hätte zuerst und noch lange seinem Misstrauen keinen
Raum in sich, nun gar Worte geben mögen. Auch zu Poncet blieb er immer gleich
freundlich. Dass der ganze Winter ungestört hinging.
    Erst einmal gegen den Frühling kam es zu einem wirklichen Erschrecken. Dass
die Gewissheit Einhart gleich wie eine Kralle anfasste. Johanna war schon in
sonderlicher, verschleiernder, erregter Demut und in nicht weniger flatternder
Frühlingspracht mit irgend einer sehr plausiblen Absicht, Einkäufe oder
dergleichen zu tun, ausgegangen. Sie war, den Hut frischer Springen von goldenen
Stäbchen gehalten über breiten Dunkelscheiteln, zu Einhart getreten mit
zärtlichem Auge, das nur ein wenig noch unsicher nebenher sich zu schaffen
gemacht, und hatte dann in einer innigen Anwandlung Einhart plötzlich
leidenschaftlich auf den Mund geküsst, was sie aus freien Stücken noch nie getan.
    Einhart durchfuhr es gleich sonderbar. Aber er hatte, versunken in die
Pinselstriche für die grosse Tafel, die er für das Speisezimmer der Gräfin Schleh
eben vollendete, die Sache doch noch einmal vergessen.
    Da war der Abend herangekommen, wo sich Johanna noch immer nicht einfand.
Und auch Poncet, der um diese Zeit gewöhnlich kam, war ausgeblieben.
    Einhart lebte es plötzlich sicher und mit dem ganzen Wesen, was sich jetzt
im Grunde der Seelen zugetragen. Jetzt zum ersten Male schoss auch Entschluss und
Wille auf.
    Er hatte sich im Dämmer in seinen Gesellschaftsrock geworfen und hatte die
klare Absicht, in eine fremde Gesellschaft zu gehen. Da kam Poncet, bleich,
offensichtlich verlegen, erregt die Treppe empor und trat ein. Einhart war stumm
und scheu. Poncet redete zuerst auch nicht. Er wagte auch nicht, nach Johanna zu
fragen. Wie er es doch tat, nachdem er sich das grosse Bild Einharts lange stumm
angesehen, gab Einhart eine harte Antwort.
    »Du wirst es besser wissen, als ich!« sagte er nur, während er sich an dem
einsamen Lichte seine Zigarette anglomm, ehe er das Licht rücksichtslos löschte.
Es war eine sehr peinliche Pause, die Einhart und Poncet, beiden gleich, einen
heissen Schmerz im Blute zum Aufbrennen brachte.
    Sie waren dann schweigend die Treppe hinuntergegangen, weil Einhart
gewissermassen sich ganz ohne Anwesenheit Poncets zu fühlen schien und seinem
Vorhaben wie allein nachging.
    Einhart wollte um keinen Preis, dass jetzt noch gar Johanna dazu sich fände.
    So schritten sie stumm nebeneinander einige Strassen lang, bis Einhart mit
flüchtigem Gruss in das Treppenhaus der Gräfin Schleh verschwand. Er wünschte
jetzt durchaus nur mit dem Rauch einer feinen Zigarette und dem sanften
Geplauder der alten, feinsinnigen, gütigen Frau am Kaminfeuer eine Stunde lang
sich aus den Trümmern seiner zerbrochenen Zutraulichkeit zu sich zu finden.
    Wie er dann heimkam um Mitternacht, lag Johanna schon im Bett. Sie wagte
nicht, ihre Augen aufzutun. Tat nur, als wenn sie fest eingeschlafen und sah
scheu und zärtlich durch die blinzelnden Lider zu Einhart hin, der, die kleine
Kerze in der Hand haltend, im Zimmer sich noch eine Weile zu tun machte.
    Einhart schien ein wenig eingesunken fast. Demütig ging dann und wann ein
Lächeln aus seinen beglänzten Blicken.
    Einhart konnte noch immer lächeln, wenn er nagende Schmerzen hatte. Und auch
wenn er sich recht aus der Tiefe selber sonderbar dünkte.
 
                                       13
Johanna erwachte spät. Einhart stand bereits vor der Staffelei und malte
versunken und mit einem Blick voll demütiger Tiefe. Johanna erkannte an allem,
dass seit gestern eine völlige Verwandlung mit ihm vorgegangen. Sie hatte das
Feingefühl, was aus der stummen Geste der Dinge mehr erhört, wie aus Worten. Wie
es manche Frauen haben und auch manche Tiere. Sie wissen ohne weiteres und
unmittelbar, was die Glocke geschlagen hat. Johanna begriff also plötzlich mehr,
als ihr lieb war. Sie war ein sehr zartes Geschöpf voll sanfter Anmut. Die
Eulenaugen waren noch immer gross und voll gütigen Staunens. Das kleine,
schluchzende Lachen konnte nie aus der Rolle fallen.
    Als Johanna die Augen aufgetan, hatte sie gleich gespannt zu Einhart
hinübergeblickt. Und sie betrachtete ihn lange, ohne dass er es merkte. Seine
Verlorenheit in die Arbeit fiel lautlos wie ein Schicksal über sie her.
    Früher, wenn sie erwachte, hatte Einhart manchmal wohl, wenn es Frühling
war, mit Scherz und Spässen vor ihrem Lager gestanden. Oft hatte er sich dann
schon eine Weile damit vertrieben, ihre schlafenden Mienen belustigt anzusehen.
Oder bunte Blumen auf dem Kopfkissen um ihren dunklen Kopf auszubreiten und
aufzubauen. Einmal hatte er sich ein Vergnügen daraus gemacht, ihren
geschlossenen Augen einen grossen Spiegel vorzuhalten, dass, wie sie die Augen
auftat, sie sich selber zu eigener Verwirrung vor sich sah und einen Augenblick
nicht recht ihre Lage begriff.
    Das waren so Einharts Neckereien gewesen.
    Einhart hatte so auch die drolligsten Skizzen von Johanna als Schlafende
gemacht, Zeichnungen und in Farbe. Sie sah darauf ganz wunderlich aus. Die
vollen Wimperkränze auf dem unteren Augenrand gaben ein solches Gefühl von
Schattendunkel in die jungen, schmalen, im Schlafe eigenwilligen Züge, dass man
eine wahre Spannung empfand, diese weichen Lider und schweren Wimpern sich heben
zu sehen und die Seele sich auftun. Wie vor eine Knospe voll unbekannten
Blumenlebens gestellt, die bald springen und das heilige Lebensgeheimnis
verraten will.
    Jetzt stand Einhart ganz vertieft vor seiner Arbeit und hatte keine drollige
Miene zu ihr gewendet. Sie sah an der Art seiner Haltung, dass in ihm nicht
Freude, dass eine Last in seiner Seele war.
    Johanna quälte ein furchtbares Gefühl. Sie lag und rührte sich nicht. Und
weil auch Einhart seine Stellung in nichts änderte, liess sie die Augen neu sich
schliessen und sank in Halbträume.
    Es kam ihr plötzlich ein harter Schrecken an. Es däuchte ihr, doch noch
wach, als wenn sie eine volle, reife Ähre aufragte, goldhell in den Sommerhimmel
und voll Glanz. Aber der Himmel wurde eine drohende Finsternis. Und ein
Fegewind, der heranbrauste, riss und zauste sie hin und her und vertrieb
unbarmherzig Korn um Korn. Dass sie sich im Treiben der bedrohlichen Mächte
dünner und dünner schien, ein ärmlicher Stab und endlich ein dürres Nichts.
    Johanna hatte die Augen jetzt wieder fest geschlossen und war in das Nichts
ganz hineingeschlafen.
    Einhart trat zu ihrem Lager, von ihrem Sorgenatem angeweht und aus seiner
Versunkenheit geweckt. Johanna hatte im Schlafe aufgeseufzt. Aber wie er sie
jetzt lange zärtlich ansah, erwachte sie nicht, nur immer tiefer in Träume
gebannt, die ihr vieles sagten, was die Seele sich nicht frei eingesteht.
    Da träumte ihr ein Traum, der wie eine Erstarrung über ihr stand. Es träumte
ihr, dass man ihr das Gewand, die runden, vollen Flechten ums Haupt, ihr ganzes,
reiches Schwarzhaar und ihre Jugendfülle und knospende Gestalt, dass man ihr
alles genommen. Und dass sie irgendwo auf einem einsamen Hügel bar und bloss läge,
mitten in einem einsamen Steingeröll. Nichts um sie, rein nichts. Nur ein
unendlicher Horizont. Es war offenbar um sie ein Meer. Aber in einer ganz
trostlosen Stummheit. Es war tief lautlos zum Hilferufen. Und Johanna wollte
auch Hilfe rufen. Sie hatte schon gerufen, verhallend. Sie rief wieder, weil der
Ruf erstickte. Und der Ruf hielt sich doch auch gleichsam in der Luft. Der
Schrei war der Schrei der Stille selber geworden, der nun ewig in der Luft hing.
Da begann sie die Angst immer mehr zu pressen. Denn auch die Wellen des Meeres
schienen ganz starr.
    Die lebendige Blutwelle der Schlafenden raste in Johannas Herzen so arg, dass
sie sich umwälzte und neu zu stöhnen angefangen. Dass Einhart wieder mit seiner
ganzen Teilnahme an Menschen und Dingen zu ihr herantrat und sie ansah.
    Aber Johanna erwachte nicht. Der Bann hielt sie wie mit Krallen. Sie war
verödet. Es waren die Blumen und Träume von ihr genommen. So lebte sie es jetzt.
Die schönen Kleider, in denen sie Einhart vor sich hingestellt, die
Götterzeichen seiner Liebe und seiner Visionen, die waren längst abgefallen,
weil sie verurteilt war. Es war noch immer niemand um sie. Es war noch auf
demselben öden Dünenhügel. Sie war weit fort verschlagen. Sie war es gar nicht.
Es war kein Leben. Nur lebloses Erstarrtsein. Nur bleiches Land. Nur vertrackte
Gebilde von weissen Kieseln im bleichen, glühen Sonnenbrande. Brütende
Launenspiele von einem ewigen Gestorbensein. Wie nur Knochen und bleiches
Totengebein lag sie unter allerhand grinsenden Schädeln mitten auf dem Hügel.
Das sengende Licht erstarrt. Die jagende Woge erstarrt. Der Schrei hing erstarrt
in den Lüften, bleichend und ganz ohne Hoffnung.
    »Ach! - - ach! - - ach!«
    Johanna hatte die Augen jetzt wirklich aufgetan und sah in Einharts Blick
und hing sich auch gleich mit ihren nackten Armen an ihn. Denn Einhart hatte
nicht mehr von der Stelle gekonnt, in seinem Verlangen, die Schlafende zu
ergründen.
    »Ach, mein Geliebter!« flüsterte Johannas erschrockene Stimme, traumbenommen
und sanft flehend, und sie hing sich an ihn, verworrenen Haares, aus der Bleiche
ihres geängstigten Lebens so inbrünstig aufweinend, als wenn Einhart jetzt
gekommen wäre, ihr die Zauber, die er um ihr kleines, lustiges Leben gewoben,
wirklich herunterzureissen.
    In Einhart war ein Kampf. Eine widerwillige Blutwelle ging in ihm, die
seinen Blick zu ihr starr und weh machte.
    »Sinne nicht!« schluchzte Johanna hastig. Und sie hatte sogleich seinen Kopf
an sich und an ihre weiche Brust gepresst, indem sie Einhart mit aller Gewalt
festielt.
    »Sinne nicht!« flüsterte sie leidenschaftlich. »Es kann besser werden! Lass
uns bald fortgehen!« redete sie in Überstürzung von allerhand Bekenntnissen.
»Auch du hast es mit verschuldet, selber,« sagte sie weinend. »Du hast mir
zuerst den Satan gezeigt, und meine Neugier geweckt. Und hast mich nie
zurückgehalten!« »Mir graust vor den harten Lüsten!« weinte sie kläglich.
»Geliebter, ruf mich noch einmal zurück! hilf mir, hilf mir!« bat sie und rang
sie. »Ich will wieder werden, was ich durch dich geworden war. Ich will meine
Schönheit wieder haben! ich will meine Schönheit wieder haben!«
    Einhart war so einfachen und schlichten Anschauens, dass er nie dachte, dass
die verklärende Liebe der Seele des Andern wirklich eine Elle zusetzt und sie
erhöht über alle, die von dem Geheimnis nichts wissen. Deshalb, wie Johannas
Selbstanklage so über ihn herfiel, konnte er nichts als verlegene Güte sein. Er
war sanft, wie Moses vor Gott. Er sah durchaus nicht heiter aus, obwohl er doch
lächelte. Er wusste es jetzt, was es hiess, diese Verzweiflung. Auch in ihm
blutete es. Auch in ihm wollte eine Stimme furchtbar aufschreien, wie der
reissende Sturm, der Äste und Blätter tummelt. Es war nichts Ruhiges in ihm. Und
doch streichelte seine Hand die weissen Hände und die weisse Stirn Johannas.
    Einhart wusste: die Frühlinge der Seele kommen selten. Und wer kann sie
halten? Er wusste, dass Johanna jetzt eine nackte Büsserin sich wand nach einem
ewig Verlorenen. Und er begann sanft und treu in sie hineinzutrösten mit leisen
Worten und sie in seine Arme sanft einzustricken. Er begehrte auch nichts zu
wissen weiter. Er redete nur ganz zum Besinnen. Er war so weit gekommen, in
alles einzuwilligen.
    »Wir gehen fort,« sagte er. »Wir gehen ans Meer.«
    Er war, wie sie dann schon ruhiger erwogen und besprachen, in seiner Art und
Sachlichkeit so töricht, gar den alten, lieben Ort neu in Aussicht zu nehmen.
    »Nein, nein! um nichts in der Welt dahin zurück,« brach Johanna, noch einmal
ganz in die Erschütterung zurücksinkend, aus, »wo alles begonnen. Dort wird mich
jeder Stein und jeder Ast treffen und schlagen. Alles wird mich erinnern und
zermartern. Ich werde nicht mehr am Meere stehen können, wo der Bann mich blutig
gegriffen.« Der Gedanke daran brachte Johanna geradezu in einen Zornesausbruch
und eine wahre, reissende Inbrunst, dass sie Einhart noch leidensvoller wieder
beschwor, ihr zu vergeben, so dass ihre Versicherungen der Liebe kein Ende
fanden.
 
                                       14
Eigentlich müssten wir uns nach guter Mannesart schiessen, mein lieber Poncet!«
sagte Einhart lächelnd. »Aber Leidenschaften muss der Künstler wohl oder übel
doch einmal anerkennen. Schliesslich muss er davon leben,« lachte er, »wenn sie
einen unter Umständen auch verbrennen oder zerbrechen.«
    Einhart und Poncet besprachen sich mit Offenheit, erwogen das Sinnlose des
Hasses oder auch nur Vorwurfs in ihrer Lage, und dass darin die Entscheidung
Johannas allein der Sinn wäre, um den es sich handelte.
    »Johanna hat sich entschieden,« sagte Einhart zu Poncet, als er zuerst bei
Poncet eintrat. Und er sagte es noch ein paarmal dann. Und als die beiden von
Poncet begleitet am Bahnhofe eine Weile noch vor dem Kupee standen, wussten und
fühlten es alle drei.
    »Johanna hat sich entschieden.«
    So hatte auch Poncet in Gegenwart Einharts Johanna, die mit blassem, scheuem
Gesicht vor ihm stand, die Hand zum Abschied gereicht.
    Der Sommer am Meer verging wie ein hegericher Tag, den milchige Dünste
trüben. Man sah nie das volle Licht. Trotzdem lebte man freundlich, ja froh,
kann man sagen. Hoffnungen schwammen nicht wie weisse Schäfchen am Himmel. Die
Heidehügel erinnerten an viel ernste Dinge. Aber die schliefen im Blute jetzt.
Die Arbeit brachte Ruhe. Johanna war unglaublich sorglich für Einhart. Einhart
empfand ihre Güte, und dass sie den Gram wollte vergessen machen.
    Man hatte sich bei einem alten Kapitänspaar eingemietet. Vor dem Hausgarten
ragte wieder ein verwittertes Holztor im Bogen. Darüber blühten auch hier
Heckenrosen. Johanna konnte jetzt stundenlang einsam sitzen, einen Rosenzweig in
Händen, auf den sie beständig niedersah. Ihr Dunkelblick schien weich und
kindlich. Vieles war hingegangen. Sie wollte nicht zurückdenken. Man badete
jetzt nicht mehr wie im Paradiese. Einhart trieb Kurzweil und versuchte aus dem
Ernst manchmal herauszukommen. Keiner gestand es sich ein, dass etwas in dieser
Zeit wie verweht schien.
    Einhart war eifriger wie je. Er unterhielt sich oft mit dem Kapitän. Er
spürte Seemannszauber und allerhand Meersagen nach. Der Alte wusste mancherlei.
Er erzählte von Meerfrauen, und dass manche von ihnen in Meervögel verzaubert
wären. Er sagte auch, dass alle Meervögel eine ewig sehnsüchtige Seele besässen,
und dass immer ihre Rufe sehnsüchtig klängen.
    »Ja, was ist Sehnsucht?!« sagte dann Einhart, sehr ins Nachsinnen verloren,
den des Alten Weisheit innig entzückte.
    »Ja, mein lieber Herr Malersmann,« erwiderte dann der weissbärtige,
breitbeinigstehende Kapitän, »wie soll ich Ihnen das wohl erklären? Sehen Sie,
wenn ein Mensch nicht Sehnsucht hat, ist er eben ein langweiliger Schmeerbauch,«
sagte der Alte listig und zog dabei seine gelbe Weste straff, um seine zähe
Leibesgestalt zu zeigen. »Ich bin immer hübsch mager geblieben. Und hatte immer
brennende Sehnsucht nach tausend Dingen draussen. Nun gar, wo ich nicht mehr zur
See fahre. Brennende Sehnsucht! Was Sehnsucht ist, wollen Sie von mir wissen?
Sehnsucht, das ist überhaupt der Lebenstrieb sozusagen. Sehnsucht - - ja - - das
ist überhaupt die Begierde nach dem wahren Leben. Sehnsucht, das ist das einzige
Zeichen, dass man noch nicht erstarrte, sozusagen! Na überhaupt, wer wohl sagen
könnte, was Sehnsucht ist?« sagte der alte Jens mit Nachdruck.
    Aber Einhart begriff trotzdem, was Sehnsucht ist. Johanna begriff es auch.
So standen sie oft unter dem Holzbogen und den hängenden Rosen, die den ganzen
Juli und August blühten.
    Und wenn sie mit dem alten Kapitän im Segelboote gegen Abend auf die
spiegelnde See hinausfuhren, fühlten es beide heimlich noch mehr. Es war ein
wahres Entzücken für Johanna und Einhart, so hinzuschiessen über das drängende
Wogenspiel in die hereinsinkende Sternennacht. Man hatte die Augen weit in die
Ferne und hoch in die Nacht gewandt. Man sah nach rückwärts die silbernen
Flutgarben rieseln. Man lehnte sich im Teerkittel an die Bootsplanke zurück,
weil das Fahrzeug jenseits fast ins Wasser strich. Man sprach kein Wort. Man
hörte die Wellen rauschen und gluckern und zerbersten. Und manche Woge kam
unschuldig drängend heran, ehe sie mit Gewalt an Einhart und Johanna
heransprang. Dass man das kleine, schluchzende Lachen Johannas mitten in das
Wasserschäumen hörte.
    Einhart hatte dann wohl einen Schmerz heimlich dabei, weil das Lachen noch
immer klang wie früher. Nur dass es jäher abbrach, wie sich ebenfalls an etwas
Vergangenes erinnernd. Es war eine Zeit, die halbgefühlt forteilte. Und die
Sehnsucht ging und kam ungesehen.
    Dann kam es auch, dass Johanna am Ende dieser Zeit zu kränkeln begann. Sie
war ohnehin immer sehr zart. Und die allzu kräftige Luft am Nordmeere hatte ihr
zuerst schon den Schlaf geraubt. Einhart war sehr böse immer, dass sie nicht
gleich alles tat, um zu Schlaf zu kommen. Aber sie war darin unverständig wie
alle Frauen. Und sie hatte also die kleinen Mittel, die er manchmal anwandte, um
zu grosse Regsamkeit einzuschläfern, immer noch bittend ausgeschlagen. Bis auch
grosse Appetitlosigkeit und eine nicht ganz natürliche Sanfteit kam.
    Johanna war gegen das Augustende wirklich in einem Zustande von Schwäche.
Auch ein leichter Husten plagte sie. Einhart versuchte jetzt alles mögliche. Er
liess Früchte und Leckeres kommen. Auch Frau Kapitän Jens, die an einige
Heilmittel felsenfest glaubte, versuchte zu helfen. Sie hatte sogar einen alten
Fischersmann mit einer mächtigen Hakennase und Lederbacken voll harter Stoppeln
und harten, langen, schwieligen Händen zum Besprechen der Krankheit einmal
heimlich und sehr feierlich an Johannas Bett treten lassen. Nichts hatte
geholfen. Der Sommeraufentalt endete schlimm. Man konnte mit knapper Not in die
Stadt zurückfahren.
    Der Brief Einharts an Poncet, worin er ihr Kommen ankündigte, klang schon
sehr sonderbar. Einhart schrieb, dass er nicht wüsste, was denken? Dass Johanna
einfach nichts mehr wäre, ganz und gar nicht mehr Johanna, nur ein Schemen von
Johanna, nur ein bleiches, liebliches Schemen.
    Nun, wie sie dann ankamen, Johanna in viel Kissen gebettet, da sah auch
Poncet, dass es die einstige Johanna nicht mehr war. Sie lächelte ihm sehr
freundlich zu. Sie reichte ihm die kleine, welke Hand wie einem guten Freunde.
Poncet war ganz nur Güte und Erschrockenheit, und seine Art jetzt hatte
Wahrhaftigkeit genug. Das sah Einhart.
    Und Einhart war kein Mensch, der sich dünkte, Sünden vorwerfen oder vergeben
zu können.
    »Wir alle begehen sie, ein jeder auf seine Weise. Und vergeben tut sie der
Tod und das dahinter,« sagte er.
    »Eine Schuld gegen mich, lieber Poncet!« sagte Einhart, wie Poncet sich noch
einmal wieder vor ihm allein seiner langen Heimlichkeit wegen anklagte. »Das
Aufrichtigsein! - - ja, ja! - - wenn das immer so einfach wäre, und die Seelen
nicht doch manchmal wie harte Mauern. Aufrichtigkeit! natürlich - sehr schön! es
ist immer eine hohe Forderung. Eben weil sie oft gegen manche mächtigeren
Umstände vergeblich streitet.«
    So hatte Einhart tatsächlich alles Vergangene noch vollends gegen Poncet in
Vergessenheit gebracht. Und Poncet und Einhart waren wieder Freunde, und wie
Freunde um Johanna. Und Johanna sass bleich und abgemagert in ihren Betten, hatte
ihre Eulenaugen jetzt wie eine kleine Hungrige aufgetan und konnte beide
manchmal aus einem langen, lautlosen Insichsein plötzlich seltsam anlächeln.
 
                                       15
Einhart schaute die Seele der Dinge. Und er kannte keine Gebote und keine
Verschuldungen. Er sagte es immer wieder, dass die Seele der Dinge alles
Geheimnis einschlösse, unbegrenzt und frei. Und dass nichts weit und grenzenlos
bliebe, auch im Menschen, wenn nicht seine Seele.
    »Das ist ein grosser Geist,« konnte er von dem oder jenem sagen, der sich in
der Kunst ausgesprochen, »und eine kleine Seele.«
    »Der Geist ist immer Sklave,« sagte er. »Die Seele ist das Ungebundene in
uns und überall.«
    Er sagte auch: »Dein Geist und deine Entschlüsse und dein Wille und was weiss
ich? flattern wie Möven ängstlich, und halb eigen, halb von irdischen Winden
getrieben, über das grosse, freie, unbegrenzte, wogende Meer Seele.«
    Und er lächelte auch immer und sagte: »Wo wir Schauenden und Schaffenden es
schöpfen sollen? Dort, wo die grossen Ahnungen anwogen und unsere Ufer bedrängen.
Und wer könnte wohl sagen, welche treibende Woge?«
    »Seele« schaute er. »Die Welt ist Seele,« sagte Einhart. Er philosophierte
aus seiner Herzschau.
    »Die Welt ist Seele. Nicht, wie die Alten gesagt: die Welt ist Vernunft.«
    »Gar nicht Vernunft ist sie,« sagte Einhart. »Nun gar das, was wir mit dem
Gran Rechensinn, dem Verstande, können und erkennen. Diese Triebe sind die
schlimmsten Flüchtigen, die begrenzter noch wie Möven und kleine Seeschwalben
flattern, nur hinschiessen auf den Bissen und dann verjagt sind, morgen schon
andere.«
    »Nichts dergleichen!« sagte er, »nur Seele! das weite, tiefe, wogende Meer.
Die grosse, grenzenlose Flut. Auch in uns ist Seele allein die Kraft und allein
die Erneuerung. Wenn wir von unseren Erstarrungen uns wieder jung waschen
wollen, wohin sollen wir tauchen? In unsere Seele.«
    Einhart erschaute sich immer mehr das mächtige, reiche Unbekannte in sich
und der Welt, aus dem alle Frühlinge wie eine flüchtige Phantasmagorie
auftauchen, und alle Schönheit in Leib und Auge, und alle Liebe ins Blut.
    Und Einhart schaute Seele und war Seele.
    Das konnte man in der Zeit erleben, wo Johanna in dem Winter daheim sich
ganz und gar nicht erholen konnte. Auch Poncet hätte es jetzt voll begriffen,
wenn er es nicht schon gewusst hätte. Poncets Organ war gemeinhin immer das
Wissen, womit er sich viele Menschen und Dinge scheinbar nahe brachte, und das
Einhart tatsächlich nicht kannte. Aber Poncet liebte jetzt die Weise, wie
Einhart mit der Seele der Dinge und der Menschen umging. Poncet hatte längst
auch angefangen, sich zu sehnen, ins Meer der grossen Ahnungen einzutauchen und
aus aller engen, irdischen Notdurft heraus dem ursprünglichen Quelleben sich zu
nahen.
    Einharts Wesen war in diesen Wintertagen voller göttlichen Frohsinns. Er
hätte können auch traurig sein, ergriffen von dem Anblick Johannas. Johanna war
bleich wie ein zarter Engel. Sie hustete viel. Ihre Hände waren wie weisse Hände
einer Heiligen. Ihr Lächeln war ein wundersames Aufflattern, körperlich schwach
und gebunden, wie ein verschlafener Falter im Winter, der, vom Sonnenstrahl
aufgeweckt, hastig flattert, nicht um zu fliegen. Aber Einhart war nicht
traurig.
    Johannas Bett stand im Atelier fast mitten. Sie sass in feinen Kissen, weiss
in feine Spitzenleinen gehüllt. Ihre Eulenaugen waren im bleichen Gesicht noch
tiefdunkler und sehr gross. Und man fühlte, dass ihre Seele viel ruhelos
schweifte. Eine grosse, unbegrenzte Frage sprach aus ihrem Augenglanz. Die Wangen
waren abgezehrt. Der Mund rosig und blank. Wie Perlen die kleinen, jungen Zähne.
Und das Lachen oft nur abgerissen, jäh. Wenn auch die Seele aus den Augen noch
für sich lange wie verlegen zu lächeln schien.
    Einhart lachte zärtlich um das Bett herum. Er musste seine Staffelei so
stellen, dass Johanna alles sah, wenn sie neu aus ihrem Hindämmern die
neugierigen Blicke auf der Leinwand ruhen liess. Das war durchaus ihr Wunsch.
Einhart malte jetzt allerlei Schalksgeschichten voll bunten Lebens.
    Und wenn Poncet hinzukam, stand er oft lange neben Einhart stumm. Als wenn
er es erhören könnte jetzt, so däuchte es ihm, wie in Johanna die Möven und
Seeschwalben der Wünsche und des Wollens immer noch hinflogen über eine weite
Wogenwelt, nur jetzt rein geworden, wie aus der Göttin Händen aufgeflogen.
    Einhart war immer arglos heiter auch vor Poncet. Nur wenn der Arzt kam,
begannen sich in den fragenden Augen Einharts tiefe Ängste zu erheben. Aus
seinem Dunkelblick konnte es auch wie Trotz manchmal aufspringen, wenn Johanna
schlief, und er mit Poncet allein einen Augenblick die Zukunft ermass. Da war
Härte und Anklage in jähem Aufwallen und Verwünschung um eine hinschwindende
Seligkeit in ihm flüchtig lebendig, mit ängstlichem Sorgenblick nach der
Schlafenden hin.
    Poncet war in solchen Zeiten der Tröstende. Er log dann sogar. Er meinte
noch immer, dass der Frühling es bringen könnte, was der Winter versagte. Poncet
erwies sich in der Zeit als Freund. Er, in dem immer noch nicht die Schuld ganz
getilgt war, dass sie manchmal in ihm heimlich aufbrannte und sein Wesen in eine
fremde Sanfteit in dem leise durchatmeten Raume wandelte.
    Einhart sagte oft zu Poncet heimlich: »Ist Johann nicht schon wie eine
Vergessende? Rein und grenzenlos? Ihr Lachen klingt mir manchmal, als wenn es
von jenseits des Meeres noch zu mir dränge. Ich könnte weinen und lachen
zugleich, wenn ich es höre. Ich könnte beständig sitzen und harren auf diesen
überwindenden Laut.«
    So war es. Johanna zog schon hinaus. Sie zog schon mit hohen Masten auf dem
weiten Meere und konnte ferne sehen und tief hinein ins eherne Klare. Sie war
nicht zurückzuhalten. Es konnte wie ein Prunken hart aus ihren Worten die
Wahrheit gehen. Und wie ein Festzug aus ihrem Gefühl ihre Losgebundenheit von
allem. Obwohl sie immer leise und lieblich sprach, nicht laut. Solche seltsame
Gehaltenheit drang aus ihr auf. Aus ihren Träumen manchmal, auch aus blossen
Träumereien oft, die Einhart und Poncet gleich unbarmherzig anrührten wie eisige
Geschenke.
 
                                       16
Und solche sonderbare Zeichen kamen immer mehr. Johanna war gegen den Frühling
viel wach mit weiten Augen. Sie redete viele Dinge ohne alle Scheu. Das war für
Einhart allmählich noch eine rechte Prüfung.
    Wenn Johanna Einharts Hände manchmal in ihre schlanken, bleichen, kaum noch
schweren Hände nahm, sann sie allerlei Geheimnis nach, besonders dem Laufe ihres
eigenen Lebens. Sie war in solchen Momenten eigentümlich streng. Sie fragte
dabei nach niemand, der hinter ihren Erkennungen zurückblieb.
    Einhart hatte jedesmal, wenn in Johanna solche Anwandlungen aufkamen, ein
Gefühl, wie wenn eine ganz Unbekannte und Fremde vor ihm läge. Ihre Hände
hielten sich bleich und heiss in seiner Hand, und die Pulse hämmerten sichtlich
in den feinen, weissen Schläfen.
    Einmal hatte sie zu erzählen begonnen und hin und her zu sprechen von
Poncet.
    »Am Meere hat es begonnen,« sagte sie ganz hart.
    Einhart hatte nur gedacht, dass sie die Krankheit meinte.
    Wie sie es an Einhart merkte, weil sie jetzt ausserordentlich schwach war,
dass er die Worte nur gleichgültig hingenommen, versuchte sie lauter und
deutlicher zu sein.
    »Nicht doch!« sagte sie ein wenig unwillig. »Ich meine das Jahr vorher! Die
Nacht! Ich meine doch die Nacht, wo du mich einsam am Meere gelassen. Wo du auf
den Felsen stiegst, um zu malen. Wo ich mutterseelenallein auf dem Dünenhügel
stand und dann ans Meer ganz nahe herantrat, wo die tausend Blutzungen nach mir
leckten.« - - »Hu!« sagte sie noch, wie sie eine Weile geschwiegen.
    Einhart wusste noch immer nicht recht.
    »Du kannst es mir glauben, dass es erst damals begonnen!« sagte Johanna jetzt
ganz eindringlich.
    »Ja, ja, an den Abend erinnere ich mich,« sagte Einhart beteiligt. »Ich weiss
schon. Wo ich die Skizze in Purpurfarben malte und dann zu dir ans Meer kam.«
    »Nein, nein, du kamst nicht. Du kamst ewig nicht. Das war es. Das düstere
Meer war unsäglich in seiner Pracht. Unsäglich in seiner herandrängenden
Begehrlichkeit!«
    »In einer grässlichen, blutigen Begehrlichkeit,« sagte sie in sich hinein
fröstelnd. »Alles war blutig und eintönig herandrängend und eindringend. Ich
wäre schliesslich doch zu dir geflohen, wenn mich nicht jemand im letzten
Aufschrei der Seele gegriffen und meine Lippen lebendig geküsst hätte, bis ich
wieder eine Menschenseele ganz fühlen konnte. O!«
    Einhart war ganz stumm geworden.
    »Einhart,« sagte Johanna, »wusstest du das?«
    »Nein,« sagte Einhart.
    »Sei mir nicht böse, Einhart!« sagte Johanna zärtlich.
    »Damals war ich noch gesund,« sagte sie in demselben Tone.
    »Du dachtest nie an solche Not,« redete Johanna dann lächelnd weiter. »Du
warst immer nur aufs Verklären aus. Auf die Arbeit. Auf die Kunst. Poncet stand
hinter mir.«
    »Ja, wer kann sagen, warum es mir so süss dünkte, dich zu betrügen mit seiner
Liebe?« sagte sie flüchtig hin.
    »Ach, Johanna!« sagte Einhart.
    »Weisst du. Betrügen ist ein dummes Wort,« sagte Johanna heiter. »Nein, nein,
das kann ich dir mit aller Bestimmteit sagen, dass ich Poncet beständig ersehnt
und begehrt hatte. Meine Seele hatte ihn an dem Abend ohne Namen tausendmal
gerufen. Er hatte gar keine Schuld. Nicht die geringste. Ich hatte ihn gerufen.
Wie ich diese wundersamen Düsternisse anstaunte, die mich blendeten und grässlich
schreckten, hatte ich nach Einem gerufen, der wie ein Räuber furchtlos sein,
mich stark anfassen und mich sicher forttragen würde durch die tausend
züngelnden Höllenfeuer. Mich! Mich! Mich!«
    Johanna schwieg lange, ehe sie leise lachte.
    »Ha, ha, ha, ha, damals war ich noch gesund,« sagte sie vor sich hin.
    »Poncet musste mich gehört haben. Musste es gehört haben, dass ich beständig so
gerufen hatte. Er stand zu rechter Zeit hinter mir und presste seine heisse Glut
auf meinen verbleichenden Mund und hüllte seine Seele wie einen Mantel um meine
Seele.«
    »Ja, Einhart!« sagte Johanna leise.
    Dann redete Johanna noch leise Worte.
    »Deshalb war ich immer heimlich an Poncet gebunden in allen Ängsten. Du hast
mich damals nicht gehört, Einhart. Du kamst viel später,« sagte sie ganz
zärtlich, und als wenn sie nichts gesprochen hätte als arglose Dinge. Sie liess
auch Einharts Hände nicht los. Sie zog die Hände an ihre weiche, fast vergangene
Brust. Einhart sah heimlich erschüttert ins Auge dieser wunderlichen Erzählerin,
die unter ihren Lebensgeheimnissen hinwandelte und alle verhangenen Bilder in
den Sälen ihrer Erinnerung wie gleichgültig entüllte.
    »O, du,« sagte Johanna einmal ganz plötzlich, »glaube mir, Einhart, du und
Poncet seid aus zwei verschiedenen Himmelsstrichen. Du konntest mir nie zu Hilfe
kommen. Aber einmal wird sich dein Kreis auch vollenden,« sagte sie seherisch.
»Wer weiss, auf welche Art?«
    Zu Poncet war Johanna immer gleich sanft. Aber sie redete jetzt, wo ihre
Kräfte mehr und mehr abnahmen, zu ihm nichts Sonderliches. Und ihre Kräfte
nahmen wirklich sehr ab. Rapide sogar nach den Aprilwettern.
    »O! Einhart! Einhart! Einhart!« rief sie einmal plötzlich klagend und
starrte vor sich hin, mit einem Blick, der kaum zu erwecken war.
    »Was ist dir, Geliebte?« hatte Einhart ihr zuspringend gerufen, den der
Klang tief erschrocken hatte.
    Aber Einhart kannte jetzt das Geheimnis. Denn alle Dinge sind in dem
Schauenden, wenn ihm ihre Seele auch nur einen Hauch gab. Aus solchem Hauche
wachsen sie auf in ihm zu klarem, vollem Bilde und Leben. Er sah jetzt alles,
wie es immer zwischen Johanna und Poncet gewesen war. -
    Eines Tages stand Einhart, Johanna beobachtend, stumm am Bette, wo auch
Poncet sass. Der Puls Johannas war schwach und klein. Johanna hatte garnichts
mehr gesagt. Den ganzen Tag war sie zu schwach gewesen. Nur als Poncet ins
Zimmer gekommen, hatte sich Johannas Auge ein wenig aufgetan und dann lange nach
ihm hingewandt. Der Husten hatte sie noch geplagt, aber verhältnismässig gering
gegen sonst. Und sie schien danach eine Weile auch wieder ganz ruhig und wie im
Traume Zärtliches mit einer murmelnden Lippenbewegung auszudrücken.
    Dann hatte sie mit grossen Augen plötzlich aufgeblickt.
    Da, wie Einhart so in die bleiche, ersterbende, aufstarrende Johanna
hineinsah, erhob sie sich immer höher und mit dem weit aufgetanen Auge, wie wenn
eine Nachtwandlerin aufstünde, allein dem Monde noch zugewandt und ganz dahin
gerichtet, woher ihre Seele jetzt noch Licht gesehen. - Und jetzt tastete sie
mit zitternder Inbrunst nach Poncet, seinen Namen mit letzter Seele flüsternd,
suchte und suchte sich an ihn zu drängen, seine Lippen heiss und verzehrt zu
erreichen und mit dem letzten Atem der Sterbenden sanft anzurühren. -
    Dann lag Johanna zurückgesunken, nur noch ein Hauch, nachdem sie darnach
einen langen, tiefen Atemzug getan, der nicht zu enden schien. Sie hustete nicht
mehr. Alle Unruhe und Krankheit schien von ihr genommen. Die Augen abgewandt,
doch leicht aufgetan. Nach niemand hatte sie mehr gerufen. Nichts mehr begehrt.
Man hatte ihr die trockenen Lippen ein paarmal mit Wein genetzt. Die Hände lagen
still wie Blumen. Nach niemandem mehr hatte sie sie ausgestreckt.
    Poncet und Einhart, die beide wie erstorben aussahen und fröstelten, merkten
bald, dass sie vor einer Toten standen. Johanna hatte Leid erfahren, Sünde gelebt
und Glück. Die Tote begann lächelnd auszusehen und wie frei schwebend. Einhart
bebte. Poncet staunte in die Augen, die noch immer offen standen und doch jetzt
leer schienen.
    »Drücke ihr die Lider zu!« sagte Einhart bestimmt, aber verhalten. »Nach dir
hatte ihre Seele immer verlangt.«
    Die Freunde umarmten sich und standen dann noch lange stumm versunken vor
Johannas Totenbett.
 
                                  Fünftes Buch
                                        1
Es ist lange her.
    Die Zeit steht nicht still, und der die weichen Flügelschläge ihres Wehens
nicht achtet, auch nicht.
    Und es gibt tief im Menschen Einsamkeiten, wie ferne Öden, darin der Mensch
ziellos umirrt. Und die draussen sehen ihn, und nennen ihn doch noch immer mit
demselben Namen. Es gibt tief in ihm eine Welt der Trauer, wie in
Schemengewändern gehen darin Rätsel um, ewig ist der Blick gebannt in dem Kommen
und Verwehen derselben Düsterwesen, und nach aussen blicken noch immer dieselben
Augen mit einem Lächeln voll Güte und Einfalt, das wie bekannt deucht, und doch
nur wie eine Maske eine ganze Welt Verwüstung und Trümmer verhüllt, wo kein
goldenes Götterbild ragt, die Säulen zerborsten, die Tempelstufen umwuchert
sind, und das Dach von Geiern umkreischt und den Stürmen aus den Tiefen der
Sehnsucht offen.
    Auch in Einhart war es so, dass die Geschehnisse und Dinge der weiten Erde
lange nicht den schrillen Laut eigener, einsamer Stille, das Wehen und Jagen der
Rätselgesichte, übertönen konnten.
    Daheim war Einhart trotz allem immer ein süsses Wort. Auch daheim war jetzt
verhallt, wie eine Saite, die gesprungen.
    Herr Geheimrat Selle war nicht mehr. Die Schwestern hatten geschrieben. Aber
ehe Einhart herzukommen konnte, war es mit dem letzten Atemhauche des Herrn
Selle am Ende gewesen.
    Nun hatte Einhart nur erst unter einigen Verwandten gestanden, die ihn ganz
fremd dünkten: Männer der Praxis, einer ein Richter und einer ein Fabrikant, und
einer ein Arzt, und einer ein Geistlicher. Und wie wunderlich! alle auch
untereinander fremd. Keiner dem andern als nur mit feinem Wort und gewohnter
Höflichkeit eine flüchtige Minute durch Blick und Geberde verbunden.
    Nur die Frauen dieser Männer erkannte Einhart wieder. Sie waren alle Mütter
geworden.
    Die Männer alle sahen Einhart mit Bevorzugung an.
    Auch Rosa, die aussermassen sanft war, rund und behaglich schien, streichelte
Einhart.
    Alle waren für sich und doch auch angesichts der Trauer liebevoll und mit
leisen Tönen.
    Einhart war in einer sonderlichen Entartung aller Gewohnheit. Der Kreis
Männer und Frauen in dem Trauerhause, darin auch seine Jugendgefühle einst
umgegangen, erschütterte sein Lebensgefühl, wie selten etwas. Einhart konnte so
scheinen, als wenn unter all den trauergeschäftigen Menschen, Müttern und Vätern
und den Kleinen, die längst jetzt unter ihnen heranwuchsen, und die alle in
Dunkelkleidern herumstanden und huschten, er allein ragte, wie ein dunkler,
stummer Schmerz, der aus fremden Augen lächelte. Gar nicht anders war Einhart.
So erlesen und schlank und gehalten. Und wenn er einen ansah, so scharf fassend
mit Blick und Sinn er auch dastand.
    Einhart war innerlich dem unruhigen Treiben um ihn völlig abgewendet.
    Als der Tag der Beerdigung herangekommen, war Einhart nicht zum Weinen und
Wehklagen, weder im Vaterhause am Sarge, noch am Grabe erschienen.
    Der Mann Katarinas, der Geistlicher war, hatte eine tönende, klagende Feier
in dem Sterbezimmer begonnen. Katarina, die streng und fromm geworden, hatte
Gesänge des Leides selbst zusammengesucht. Das Haus widerhallte von
Wehmutsliedern. Die Tränen aller rannen. Und einer jeden dieser zerrissenen
Seelen war unterdessen unbegreiflich geworden, dass Einhart nicht unter sie
getreten war.
    Auch dann nicht, wie man den Sarg aus dem Hause und weiter in den
Gräbergarten hineingetragen.
    Es war Herbst. Die braunen Blätter trieben sanft um die schwarzen Kleider
und wehenden Flöre. Goldene Fäden fingen sich überall. Die behaglichen
Muttergestalten Katarinas, Emmas, Rosas und Johannas, eine jede sah sich voll
Schmerz und doch heimlicher Verwunderung auch während der tönenden Worte, die
schrill in die milchige Dunstluft des Herbstes und in die dunkelgrünen Zypressen
am Grabe klangen, nach Einhart um.
    Einhart war nicht zu entdecken, so dass man, wie man dann ohne den Toten
heimgekommen war, ganz irdisch, mit kaum noch freundlichem Vergeben, ein wenig
ungehalten redete.
    Man wartete dann auch am späten Nachmittag unter den schwarzgekleideten
Verwandten vergeblich auf den einsam fremdartigen Einhart.
    Einhart stand noch immer jetzt draussen in Friedhofsnähe, als die Sonne schon
tief hinabsank.
    Die Luft schwamm in sanften Rubinfarben. Die Zypressen ragten längst seltsam
schwarz.
    Einhart hatte alle Schuld neu gefühlt, die der Einsame an denen begeht, die
sich nach ihm sehnen. Etwas von dem Sondergefühl heisser Begierde, noch einmal zu
der Seele des Toten zu kommen, hatte er empfunden, als er in seines Vaters
Totengesicht gesehen. Etwas von der ganzen Klarheit, dass darin ihm, dem einzigen
Sohne, viel Liebe ewig verborgen gewohnt, hatte ihn angefasst mit unbegreiflicher
Kraft.
    Da war es gewesen, dass er plötzlich ungesehen hinausgewandert aus dem
Trauergetümmel, und dass er in dem fernen Eichwalde gestanden, und nicht recht
aus Netzen und Schleiern, die der Tote um ihn gesponnen, mit denen ihn der Tote
mit sich zog, herausgekommen.
    Und wie nun die Erde eine weite Herbsteinöde mit blanken Goldgespinsten über
den Stoppeln dalag, darin mitten der Garten der ewigen Schläfer rosig umflossen
dunkel ragte, da hatte Einhart sich endlich wie in sinnlosem Triebe
herangemacht, eilig zur Grube, die jetzt ein Totengräber mit magerem, grauem
Stoppelgesicht zuscharrte, hatte ihm, dem lächelnden Alten, selber ein wenig mit
scharfem Augenglanz lächelnd, das Grabscheit aus der Hand genommen, sagend, dass
er der Sohn des Toten wäre, hatte den Alten geheissen und mit einem Geldstücke
bewegt, ferne zu gehen, und hatte mit eigener Hand Schaufel um Schaufel auf den
Sarg zu werfen angefangen. Und als wenn er allein dem Toten der rückbleibende
Hüter und Sorger wäre, ihn sanft und klar in die tiefe Sandhöhle zu betten,
worein nicht Sonne noch Mond mehr scheint, hatte er die Erde über dem Sarge
wachsen gesehen, und den Erdhügel ins Abendlicht getürmt.
    Einhart stand dann lange. Die Schweisstropfen rannen ihm ums Auge. Keine
Träne fiel. Die Stirn war glühend heiss. Der Blick eilig und innerlich. Einhart
war kein feiner Herr jetzt. Er hatte den schwarzen Rock an den Zaun gehangen und
stand in Hemdärmeln, wie ein Arbeitsmann auf das Grabscheit sich stützend.
    Es war ganz einsam in dem Gräbergarten.
    Auch der alte Gräbermann traute sich nicht heran.
    Als Einhart endlich wieder die Kühle des Abends wehen gefühlt, war er in
innerem Schauen achtlos fortgehastet über die verbleichenden Felder, gleich hin
zum Bahnhof und zurück an seinen Ort.
    Es gab eine Aufregung unter den Schwestern. Wie man Einhart gar nicht wieder
gesehen, war man einig geworden, dass man es mit einem unheilbaren Sonderling zu
tun hätte. Man war gelinde gesagt durchaus enttäuscht.
    »Die wenigen Male mit uns! und bei einem solchen Anlass!« hiess es, »und er
benimmt sich so!«
    Einhart fühlte dann zu Hause in seiner Arbeitsstätte wieder auch etwas
Liebloses in seinem Handeln. Deshalb schrieb er an Rosa:
    »Ich bin ein Einsiedler, geliebte Rosa. Und ausserdem bin ich ein Mensch, der
über gewisse Dinge im Leben nie hinwegkommt. Ich sehne mich immer nach dem
innersten Sinn. Der Sinn ist ein Geschenk, der uns wird aus jeder Trauer, wie
aus jeder Freude. Aber den Sinn hört nur der, der ganz einig lebt und hinhorcht.
Was mir vorgesprochen wird, tönt mir nur im Ohre, und ist mir wie ein Lärm, der
mich stört im Erfassen.
    Seid nicht böse! Ich hatte an Vater viel abzutragen. Wie wäre das noch
möglich jetzt? Aber mit Tränen vor den Leuten erst gar nicht. Ich konnte nur
einsam noch einmal fühlen, dass dort unter der Erde einer ruht, der ich selber
bin, und für den ich sorgen musste, selber mit eigener Hand, soweit hier unter
uns noch für ihn zu tun möglich war.
    Ihr seid auch desselben Blutes. Deshalb werde ich euch immer lieben müssen.
Es ist ein uraltes Geheimnis, alt wie die Hügel, alt wie Steine. Ich glaube, das
Blut liebt sich selbst. Wer kann sagen, wie alles zusammenhängt?
    Ich fühlte unter euch, dass uns das Leben ganz und gar ferne gebracht. Nichts
von dem Trachten eurer Seelen, das nicht bei mir verhallte und von mir bei euch.
Und doch liebe ich euch, als wäret ihr ein Bilderbuch meines Lebens, und Mutters
und Vaters. Ich liebe euch sehr. Ich liebe euch wie ein Kind. Und ich werde
euch, wenn ich ein ganz Alter bin, noch lieben, als wäre ich ein Kind.«
    Das war jetzt Einharts Art und Einsamkeit. Und er arbeitete daheim auch in
den Jahren in derselben Art, wie er an der Grabhöhle seines toten Vaters
Schaufel um Schaufel warf, versunken in den Sinn seines Tuns. Und er atmete und
schaute und liess die Zeit ungehört gehen Jahre um Jahre.
 
                                       2
Einhart war jetzt ein Mann von einigen vierzig Jahren. Er stand ganz allein,
mehr wie je. Ein feiner Herr ging er einher, bekannt unter Freund und Feind
wegen der Fremdheit und Eigensinnigkeit seiner Bildwerke und wegen seines
vereinsamten, eigensinnigen Lebens.
    Eines Winters kam es ihm inmitten seiner Farbenträume, inmitten auch der
Regsamkeit in den Klubs und Koterien der Stadt, in denen er sich manchmal
beobachtend und herumprüfend blicken liess, plötzlich an wie einem Wandervogel,
alles Bekannte zurückzulassen und fortzuziehen. Es waren neu allerhand
Zerrissenheiten in ihm aufgebrochen und vieles von seinen Erfüllungen zum
Zweifel geworden. Die Menschen um ihn deuchten ihm zu bekannt in ihren Stimmen
und Bewegungen. Und er selber dünkte sich durch sein eigenes, langes Herkommen
eingeschnürt und ermüdet. Er verlangte den freien Horizont des Lebens zu sehen,
wie es den Wandervogel fortreisst in den Höhenwind. Er wollte weit ausblicken und
aus der Höhe hinab, einmal zu sehen, wo er eine Erfüllung fände, eine Feier,
einen Festtag in die Reihe der eintönigen, einsamen Wandertage, die sein Leben
jetzt lange hingegangen.
    So war Einhart nach Antwerpen gekommen, und wohnte dort am Platz der Grüne.
    Hinter den Hausern des Platzes ragt der Dom. Er überwächst mit seinem
breiten Steinleib alle die kleinen Häuser rings.
    Der Regen fiel an dem Morgen, als Einhart vor die Tür seines kleinen Hotels
hinaustrat. Der Turm ragte dunkelgrau in die graue Märzluft.
    Als Einhart eintrat, war es drinnen still, wie im Grabe. Die Düsternisse der
Nischen breiteten sich in Schattendunkel. Die Bilder um den Hochaltar hatten
kaum Farben. Eine kaum merkbare Erhellung ging aus den Fenstern, die gen Morgen
lagen, und schwebte streifig über den grauen Steinfliesen des Mittelschiffs.
    Einhart war lange dem einsamen Dämmerklang seines Schrittes unter den
Wölbungen hingegeben. Die graue Schattenweite der kalten Raumtiefen umspann ihn,
wie wenn die Stille darin eine Schönheit wäre für alle Sinne. Die marmornen
Altargestalten schienen ihm lebendige Leiber, ragend, um zu antworten, was seine
Seele zu fragen begann.
    Ein Dom! Ein grauer Steinleib mit Zacken und Dach, Zinken und Türmen. In
dessen Höhle sich Menschen drängen mit Gebeten, mit Gesängen, mit Wehklagen, mit
Hymnen zum Lobe. Und den jetzt die ewige Ruhe ausfüllte wie mit dem Schlafe
aller erhabenen Herrlichkeiten.
    Hoch oben begannen sich die bunten Lunetten der Fenster am Hochaltar zu
belichten mit blauen und goldenen Scheinen. Die Säulen sprangen aus dem Dämmer
lebendiger fühlbar in die Runde. Die Stimmen vereinsamter Beter gaben ein fernes
Raunen, ohne dass Einhart seinen Blick aus der Höhe zurücknahm.
    Ein Dom! Und wahrhaftig in Stein getürmt von Menschenhand! Und wahrhaftig
erst einmal im Traum gesehen von Menschenaugen! Das da steht, wölbt sich wie
Berge, und gibt ewige, stumme Kunde.
    Und es kam Einhart so vor, als ob er aus den Wölbungen und Säulen und
ragenden Gestalten in Stein, und hinaus in Dach und Zinnen und Türme einen Ruf,
eine Anbetung, eine gewaltige Sturmwelle aus Menschenstimmen, eine unerhörte
Macht der Seele lautlos vernähme. Hier schien ihm ein Leib gebaut, dessen Seele
mehr deuchte, als seine Seele, dessen Stimme bandenloser aufklang, als seine
Stimme. Dessen Gewalt ewig stumm und manchmal mit ehernem Munde rufend, sich
belebte, in Stürme und Wolken zu hallen, und sich in das grosse Rufen der Gebirge
und der Wüsten einzumischen.
    Graue, kanadische Schifferknechte traten durch eine Seitentür unter dem
holzgetäfelten Chore, darüber die Silberflöten der gewaltigen Orgel, von Engeln
umflogen, schwiegen, und trappten langsam und verschüchtert in die tiefe
Stummheit. Das Angesicht dem lichtdurchstrahlten Dunkelraume des Hochaltars
kindlich staunend entgegen gewandt, warfen sie sich auf die grauen Steine
nieder, bald auch die Häupter tief dem Boden zugeneigt.
    Kanadische Schifferknechte, die im Hafen gelandet waren, harte, rauhe
Männer. Und doch scheu wie das Wild, auch vor dem Erhabenen nur heimlich
geängstigt, weil immer und immer bedroht nicht von bestimmten Dingen. Sie
beteten in sich eingesunken auf Knieen die kleinen Gebete um ihr enges Leben.
Umhergeworfen in harter Frohn, wie Wellen im Meere, hörten sie nie das grosse
Rauschen über den Wassern, darein ihr graues Leben verschäumte. Sie baten:
    »Hilf uns! Rette uns! Bewahre uns! Bewahre uns ewig für uns! Lass uns nicht
aufgehen!«
    Der Glanz vom Hochaltar her fiel eine Weile auch auf sie. Es waren rauhe
Seelen, die oft fluchten im Sturmstreit. Sie waren in Furcht niedergesunken.
    Ein Dom! Wer hört die Symphonien seiner Einsamkeit? Wer hört die stumme
Sprache der Steine, aus der weiten, ewigen Seele gespeist, die einig ist über
unzähligen Menschenhäuptern und Menschenwünschen.
    Ein Dom! Kein Kirchenlied! Der steingewordene Ruf des grossen Christ. Auch
wenn alle Erinnerung verginge, wird ihn der Steinleib beständig rufen. Es ist
ein stummer Ruf durch die Zeiten, den die Kanadier noch nicht hören konnten in
ihrer Enge.
    »Sie werden die Religion der Furcht abstreifen, wie eine tote Haut. Dann
wird die Religion der Liebe beginnen, die jetzt nur aus den Steinen redet,«
dachte Einhart.
                                     * * *
    Dann waren draussen Glocken verklungen, drinnen kaum wie ein dumpfes Klagen
und Surren vernehmbar. Einhart war neu auf die Strasse hinaus gekommen. Er stand
in seiner dunklen Art mit geschärftem Schwarzauge um sich blickend. Aus den
Häusern und in den Strassen begannen Maskeraden zu drängen. Der Regen fiel neu.
Es dröhnten ferne Pauken. Es schmetterten Trompeten von einer Ecke des Platzes.
Eine bunte Bande Musikanten stürmte trappend daher, hinter der sich ein
unabsehbarer Schwarm in Narrenflittern und Ritterharnischen ergoss.
    Einhart hatte die Stille des Domes noch im Ohre wie eine nieausgesungene
Feier. Seine blitzenden Augen sahen jetzt in die bunten Lumpen hinein, in das
Getümmel, in Geschrei und Gelächter.
    Der Tag hatte von nun an keine Ruhe mehr. Zu tollem Schwalle drängten sich
allmählich die bunten Scharen. Die Menge wuchs und wuchs. Die Häupter schoben
sich wie Wellen im Meer. Die Menge trieb um, wie um Pfeiler an Brücken, Kopf an
Kopf, die Münder lachend geöffnet, in beständigem Johlen.
    Der Dom ragte still. Die Musikbanden marschierten am Dom vorbei. Die Masken
dahinter durchpatschten die Pfützen. Keiner achtete weiter.
    »Sie feiern ein Fest,« dachte Einhart vielemale und empfand eine Frage.
    Die hereinsinkende Nacht sah die Stadt in enger, fahler Lampenhelle. Der
Regen rann. Aus Pflastersteinen und Häuserwänden nahe und fern schienen Laute
und Lärm, Lachen und wirre Musik ewig zu dringen. Die halblichten Strassen und
blendenden Plätze, die unter finsterer Graunacht lagen, die Cafés und die
Wirtschaften waren durchstürmt von belustigten Lärmern. Reihen buntumflitterter
Weiber gingen in tollen Sprüngen vorwärts, wie in Prozession. Dass ihre Schatten
und Bilder in den Pfützen zuckten, und hinter jedem Weibe sein Schatten
nachsprang wie der eigene Tod. Tumultuarische Gesänge quollen aus aller Mündern
so hart und dumpf, als wenn auch die Schatten traurig hallten. Irgendwoher
grollte fortwährend wie sinnloses Pochen dumpfer Paukenschlag durch die Nacht.
    Einhart war mit dem Zuge rasender Weiber vorwärts gegangen, die als
grünweisse Bajazzi über die blinkenden Pfützen einhersprangen, dem tollsten Paare
nach, das den Reigen führte.
    Aber dann blieb er in einer Nebenstrasse stehen, bis der Lärm sich
vereinzelte und dann völlig verebbte.
    Nur zwei junge Frauenzimmer, wie blaue Schwalben gekleidet, tanzten und
rasten im einsamen Halblicht ruhelos umeinander, den matten Laut ferner Musik
noch erhaschend, der irgend woher in dem grauen Strassenschlund sich verlor.
    »Sie feiern ein Fest«, dachte Einhart vielemale und empfand eine Frage, als
er in dem matten Laternenlicht weiterlief.
    Aus einer kleinen Schenke dröhnte hart und schrill eine Orgel wie von
Maschinen getrieben. Der Raum war eng, in den Einhart hinein sah. Die Köpfe
drinnen standen wie Ähren im Felde. Matrosen, Schifferknechte und lachende,
junge Weiber. Man konnte sich nicht umeinander drehen. Inmitten auf kleinstem
Raume vor dem schmutzigen Schanktisch schwang sich ein schwitzendes Paar in Wut
und Lust.
    Einhart war in die Nähe des Domes zurückgegangen.
    Er witterte empor, sah auf, erlöste seine Bedrückung inmitten des treibenden
Getümmels durch einen Blick in die graue Nacht.
    Die finstere Nacht hing tropfend über der Erde, engte die bleichlichten
Menschenwege und gab jedem Dinge und jedem Menschen ihr Schattenzeichen. Der Dom
lag dunkel aufragend. Die Fenster spiegelten mit blankem Schein wie von Feuer
oder wie Silberplatten. Der graue Turm verlor sich in die Nacht. Und aus der
grauen Finsternis nieder hallten über die bleichlichten Menschentaumel und das
wirre Tosen dumpf und schwer die Stundenschläge.
                                     * * *
    Einhart kam später auch nach Paris. Welche königlichen Plätze und Strassen!
Dass die Menschheit in bekränztem Reigen durch Triumphbögen und Säulen
hineinziehe in die Gärten des Lebens. Da sah er ein Idol hochaufgerichtet über
der Stadt. Der Mann mit dem Dreistütz und mit untergeschlagenen Armen, in Bronze
ragend, auf einsamer Säule hoch über die Dächer in einsamer Luft. Einhart wusste,
dass das der Kaiser der Franzosen war. Der einzige Kaiser. Der heimliche Kaiser
noch immer. Der jedem drunten in der hastenden Menge heimlich diese Worte
zuflüstert:
    »Mensch! Du! Bist ein Kaiser! Sei kühn! Habe Mut! Befiehl! Blicke wie ein
Tiger! Alle um dich sind Geängstigte! Sie liegen vor jedem Idole im Staube! Mach
dich zum Idol! Vergiss es nie! So tat ich! Nun stehe ich über allen! Das ewige
Gleichnis vom kühnen Menschenverächter, vor dem ein ganzes Volk in den Staub
sank.«
    Und Einhart stand auch an dem Sarkophage aus rotem Porphyr, darin die
Gebeine des grossen Triumphators modern. Er sah die zerschossenen Fahnen seiner
menschenmordenden Siege, all die Blutzeichen um ihn aufgestellt. Und die zwölf
grossen, weissen Engel, die das modernde Gebein bewachen. Und er hörte den
Heersoldaten in stumpfem Brüten dort die Reveille trommeln: »Rataplan! Mensch!
Sei kühn! Habe Mut! Befiehl! Alle um dich sind Geängstigte! Rage auf! Du!
Kaiser! Einziger! Du selber!«
    Und Einhart sah dann auf Strassen und Plätzen in jedes Auge hinein und hörte
in jeder Seele nur diese eine Stimme.
    Und er stieg auch auf die Türme von Notre-Dame und war wirklich in tausend
Zweifeln.
    »Die Dome ragen,« dachte er, »aber die Chimären treiben ein wirres Spiel um
ihre Türme. Und aus der Tiefe rufen uns starke Stimmen.«
                                     * * *
    In Paris war es, wo er zum Schluss seines Aufentaltes in ein stilles, weisses
Haus draussen über der Seine eingetreten war. Es liegt hoch über dem grünen Fluss
an einem grünenden Hange. Ein Rundbau aus Glas. Licht quillt viel herein. Ein
Garten voll Blumen umschliesst seine Stille. Dort innen stehen in gläsernen
Schränken oder auf hölzernen Postamenten tausenderlei Gestalten aus Ton und
Stein. Auf Simsen, offen oder verhüllt, ragt dort der Mensch und sein ringendes,
rätselgebundenes Leben als ewiges Gleichnis. Dort sah er Schicksal und letzte
Begierden in Steinen stumme Sprache sprechen. Dort flüstert der Traum im
übervollen Flügelmantel der Schlafenden sein nie erschautes Geheimnis. Und die
versunkene, herrliche Atena wirft sich von der Sehnsucht nach einst erfasst und
mit Tränen aufgescheucht über die Trümmer. Dort ragt der stolze Bürger, von der
Macht des Triumphators gebeugt. Und das lieblichste Frauenbildnis voll
verborgenen Lebens klingt wie ein sanftes Lied zwischen den harten
Schicksalsvisionen, die aus andern Steinen sprechen. Dort schlafen Paolo und
Franceska wie Lurche im Schlamme der Erde den sinngebundenen Schlaf, aus uraltem
Bluttriebe wie mit Polypenarmen nach einander begehrlich tastend in der
Düsternis des Grundes. Dort - inmitten dieser Welt aus Steingestalten, darin im
Stein über das einzelne Leben hinaus sich ewige, letzte Verschwisterungen der
Schicksale offenbarten, also dass Blöcke und Steine rings um ihn Ideen duften wie
Blumen ihre Arome, steht ein einzelner Mensch. Keine zerschossenen Fahnen, keine
Blutzeichen um sich. Seine - einsame - Schau, seine - grossen - Deutungen, dem
Erdenklose eingehaucht zum schauenden Erfüllen der Stunde, zum Erhören, zum
Erkennen, zum Mitleben aus der Tiefe ins klare Licht, zur Erhöhung des
Lebendigen um und um. Ein Einzelner. Kein Triumphator. Kein Bezwinger der
Leiber. Ein Sinnenmächtiger. Auguste Rodin. Ein Sinngebärer. Ein
Seelenbezwinger.
    Auch den Dom hat erst einmal im Traum ein solches Menschenauge geboren.
                                     * * *
    Einhart hatte viel gesehen. Er reiste auch durch Italien. Er sah Rom und
Florenz. Er sah vielerlei Einzigkeiten. Er sah Naturen in heisser Sonne, achtete
auf die fremden Blumen und genoss die Schatten fremder Bäume. Er sah auch die
Schneegebirge ragen. Und Menschen in allerlei Kostümen kreuzten seine Wege. Da
war es, dass er sich heimzukehren entschloss, weil er nach der eigenen Welt sich
noch brünstiger sehnte.
    »Du erjagst es nicht. Du erjagst nur dich selbst!« sagte er.
 
                                       3
Ein Abend voll sanfter Farbe. Der See weit spiegelnd. Die Gärten und Parks am
Uferrande in prachtvoller Fülle und Frische, von weichen Milchtönen umsponnen.
So zog der einsame Kahn mit Einhart und einem alten, graubärtigen Schiffersmanne
hinaus in die Nacht. Die Wellen gingen rieselnd und gluckend immer um die
Planken, und der gleichmässige Ruderschlag schrob polternd nach, weil die Stangen
sich eintönig in ihren Halten am Kahne rieben.
    Einhart hatte sich in das Boot zurückgelehnt und sah das kleine Fahrzeug mit
dem stummen Alten tiefer und tiefer in Dämmer gleiten. Er sah hinein in die
mächtigen Berggebilde, die aus dem Dämmer des Sees sich in Abendglut hoben und
dann langsam zu kühlem Nachtglanz erblichen.
    Der Schiffer sah Einhart oft an, ein alter Italiener. Einhart bat, auf
umständliche Weise einiges radebrechend, er möchte ein Lied singen. So fuhren
die beiden in der langsam dunkelnden Flut. Die rauhe Stimme klang melancholisch.
Ein Lied voll Glück und Vergehen musste es sein. Der Alte sang das Lied mit
versunkenem Lächeln. Dem Alten war es lange nicht auf die Lippen gekommen. Lange
hatte das Leben kein Lied aus seiner Seele gefordert, nur harte Arbeit und
Sichvergessen. Nun deuchte es ihm gut, dass, wenn die Nacht die Schlüfte und
Gründe erfüllte, wo die Seewasser tief zwischen den Gipfeln und Rücken im
Mittnachtslicht bleichen und dämmern, er aus rauher Kehle seine Töne in das
Glucken und Murmeln und Geräusche der Flut mischte.
    Einhart war auf dem Wege heim.
    Man sah am Mittnachtshimmel schwarze Fahnen wehen. Wetter voll Drohung zogen
über den Gebirgen. Die kleine Laterne, die man am Kiele des Bootes endlich
erleuchtet hatte, warf einen spitzen Bootsschatten. Und Einhart, der in die
Fahrt hineinsah, musste es scheinen, als wenn zwei helle Flügel sie über die
Dunkelgewässer trügen.
    Der alte Schiffer kannte die Fahrt. Man musste den weiten See überfahren. Am
anderen Ende, an einem engen Arm, den Gebirgswände fast pressten und erdrückten,
lag ein einsames Gastaus.
    Aber die Donner aus der Nacht und den Zackengestalten der Berge gegen den
fahlen Himmel fingen zu rollen an. Man hörte ein Herandräuen des rauschenden
Regens. Er zerstob bald über die beiden im Boote. Blitze begannen ferne zu
zucken. Das Wogenspiel erhob sich. Es machte das Boot hastig, wiegte es, belebte
den Gang und warf es auf und nieder.
    Da war das Lied des Schiffers verstummt.
    Die Blitze zückten näher. Die Finsternis ward tiefdunkel. Die Donner
dröhnten aus den Schlünden zwischen den Bergen wieder. Es war tiefe Nacht
geworden. Das kleine Licht am Kielende wogte auf und nieder, und die Schatten
des Bootes sanken und stiegen und machten die Wasser voll Düsternis und fremder
Gestalten. Die Lichtflügel zerrissen in Unruh. Schäume drängten am Plankenwerke
auf. Manchmal schlugen Wellen in den Innenraum.
    Einhart sah auf das Gesicht, das er vor sich hatte. Furcht fuhr nicht in dem
Boote mit. Der alte Graubart sass als finstere Silhouette gegen das
Laternenlicht, dass Einhart kaum noch seine Züge ahnte. Aber es deuchte ihm, dass
der Alte noch immer lachte. Sie hielten trotz hohem Wogendrang die Richtung gut.
    Alles Bleichgrau aus Himmelshöh war jäh verschwunden. Die fernen Lichter der
Ufer waren in Finsternis untergesunken. Es brach weisses Feuer aus der samtnen
Schwärze, züngelte wie Schlangen, floss nieder, zerbrach, wie Zersplittern von
Bäumen und dumpfes Bellen und Zerkrachen, grollte aufwachend und zerbarst neu in
dumpfe, lautlose Erwartung. Rege und jach krochen die bleichglühen Fäden
pfeilschnell in der Finsternis hin, fern und hoch, oder nahe. Manchmal ganz nahe
jetzt, dass Einhart sich schreckhaft duckte. Das nächtliche Chaos der jagenden
Wogen und Wolken auferstand ewig in höllischem Schein, den das Sammetdunkel eben
so immer wieder jäh verschluckte. Als wenn die Himmel zerbrächen, barsten die
Donner und brandeten und schmetterten unaufhörlich jetzt.
    Bis dann der Regen hart wirbelnd und trommelnd in die tiefdunkle Nachtflut
fiel. Wie Perlen, in Menge ausgeschüttet, tanzten und klirrten die Tropfen auf
der finsteren Woge um die Bootsplanken. Und die monotone Weise der jankenden
Ruderstangen hörte man mitten hinein in die tausend Rätselgeräusche der Wetter.
    Noch immer in rabenschwarzer Düsternis Blitz um Blitz, wie glühende
Peitschen von Göttern geschwungen. Und wilder, rastloser Wogendrang. Und Grollen
und Rollen in den Schlüften, Branden und Verhallen.
    Einhart war Seele und Auge. Und wenn er sich in Wunder verstrickt fühlte,
wurden es Seligkeiten aus Farben. Er sah das Geringste in den Spielen des
Lichtes und der Dunkelheiten jetzt.
    Die Wetter erstarben in tausend rätselhaften Geräuschen. Versickernd.
Dröhnend in Höhe und Nähe, rieselnd und ungewiss.
    Das Boot schoss vorwärts.
    Die Blitze schwiegen, nur matte Scheine noch. Die Ruhe nach dem Regenfall
blieb tief. Die Wolken jagten wie schwarze Riesenvögel in Scharen hoch und
liessen ein Stück Nachtäter frei, gross, wie ein See, darin zwei Sterne blinkten.
    Da besann sich der Schiffermann wieder auf sein Lied.
    Der Gang des Bootes war noch voll Unruh. Das Lied klang jetzt hell und froh.
    Lichter am Ufer begannen von ferne zu blinken. Eins. Man kam nahe. Noch eins
und noch eins. Man glitt jetzt dem Strande nahe vorüber.
    In der Haustür einer kleinen Strandhütte stand ein Weib und warf einen
langen Schatten in die Nacht. Man glitt hörbar. Man sah wieder die Bewegung. Es
ging in Eile. Der Alte sang mit rauher, zitternder Stimme, und beflügelte damit
seine Ruderschläge. Man war Stunden gefahren.
    Einhart war ganz in sein altes, lächelndes Staunen verloren.
    »Was war ich,« dachte er, »so in die Wetternacht eingesunken? Komme ich je
ans Licht zurück?«
    Es gingen undeutbare Gefühle in ihm hin, indessen sein Auge frei den Wolken
folgte, die in wechselnder Gestalt gegen grünlichen Nachtäter hinjagten.
    »Ich? Wer bin ich? So gar nicht bekannt weder dem alten, singenden Manne vor
mir, noch mir selber, noch den Wasserfluten, noch den Wesen im Dämmerkreise,
noch gar jenen Gebirgsgipfeln und Bergzacken, die sich jetzt neu aus den Wolken
lösen?«
    Er war heiter, wie jetzt fast immer. Und die Welt und er selber kamen ihm
jede Stunde nahe, wie neue Entüllung. Und er erstaunte neu, wie er dann endlich
unter Menschen trat. Als das nächtige Ufer eine lichte Fläche von
silberblinkenden Steinen, sich dehnte. Als Leute mit Laternen sich nahten. Als
sie das Boot und den Graubart und auch den eigenen Menschen Einhart aus der
Nacht herauslichteten. Als er endlich auf den Beinen einherging und sich
leibhaftig wiedersah.
    Es war ein kleines, italienisches Gastaus am Strande. Aber es ging darin
laut zu. Man spielte in der erleuchteten, offenen Schenkstube und schrie.
Einhart fragte nach einem Hotel höher oben, worein bessere Fremde kehrten. Dort
sassen zwei junge Frauen einsam an der Hoteltafel, als Einhart eintrat. Die
gleich aufmerksam nach ihm herüber blickten.
    Er war von schier verzehrter Tiefe in dem sicheren Blick seiner Glutaugen,
und ganz sanft und sehr für sich die ganze Reise. Er musste mit dieser Welt, die
um ihn in Neuheiten aufstieg, Tag und Nacht fertig werden. Das rauhe, zitternde
Lied des Schiffers klang ihm noch in der Seele wider.
    Schon am andern Tage ging Einhart eine freie, sonnige Bergstrasse einsam nach
Norden zu.
 
                                       4
Heimweh ist eine verborgene Urmacht. Wer weiss, aus welchem Paradiese der Mensch
ausgetrieben? Eine grosse Fremde ist die Welt.
    Und es ist ein anderes, sich in dieser Fremde wissend heimisch machen, also
dass man darin seine Wege findet. Ein anderes, aus eigener Schöpferfreude dieser
Welt Gestalt und Glanz verleihen, in göttlichem Spiele dem ewigen Heimweh
Ahnungen von Stillung und Erfüllung zuzutragen.
    Ist es wahr, dass der Künstler aus seinem zutraulichen Hange zu den Wesen und
Dingen dieser einen, weiten Sonnenerdenwelt - er allein - die Fremde der
Erdentage vergessen machte, das starre Staunen und Ergrausen vor den Mächten in
zartes Mitfühlen und Entgegendrängen verwandelte?
    Der Erkenner findet sich zurecht in dieser grossen Fremde.
    Aber der Künstler bildete je und je den Trost, verklärte die ewigen Irrtümer
alles Lebendigen in Leidensstufen des Aufgangs, machte aus den Sünden der Seele
den grossen Preis des Lebens, verriet uns und verrät uns immer neu die innige
Bruderschaft zu Stein und Quelle, dass wir in Einöden und Felsengebirgen nicht
mehr erzittern, gab den Vögeln unter dem Himmel und den Fischen im Meer Namen
und Sprache und schuf Hoffnungen, dass wir mit Augen Paradiese wähnen.
    So ungefähr war es Einhart im Blute immer lebendig gewesen.
    Einhart hatte daheim eine richtige Auferstehung gefeiert. Die Zeit der
Wanderschaft, die er ein Jahr mit leidenschaftlichem Sinn betrieben, lag jetzt
längst hinter ihm. Er war durch die Reichtümer fremder Länder, durch die Fülle
wirklichen Weltschauens mit offenem Verlangen hindurch gewandert und hatte Herz
und Sinne voller Dränge mit heimgebracht. Und Ahnungen genug.
    Und sein Blick wurde reich. Seine Freiheit zu bilden, war gewachsen. Auch
seine Andacht vor dem Geheimnis allentalben war gross geworden, und seine
mitleidigen Gefühle für die Übermenge derer, die in den Vorhöfen ihrer
Sehnsuchten grau in grau wie die zerlumpten Bettelleute vor den Türen der
blumengeschmückten Osterkirchen hoffnungslos harren.
    Alle Dinge weichen zurück in der Zeit. Man weiss zuletzt nicht, ob sie einmal
wirklich gewesen? So ist alles Geschehene nur wie ein Bild, das kleiner und
blasser hintreibt und eines Tages nicht ist. Seit Johanna starb, war ein
Jahrzehnt und manches Jahr noch vergangen. In solchem Zeitraum bleichen viele
Dinge. Und die Luft um manche Seele wird kühl wie Herbstluft.
    
    Einhart war nicht Kind noch Jüngling mehr. Seine Stirn hatte Falten, die aus
der grabenden Verinnerlichung seines Prüfens sich längst tief eingezeichnet.
Seine feinen Lippen lagen streng. Eine tiefe Furche zog sich zwischen der
mageren Nase und den herben Mundwinkeln hin, die seinem Gesicht einen Hauch von
Gram aufprägte, eine unbestimmte Schicksalsbegleitung, die nie ganz stille
wurde, auch wenn seine Augen mit Feuerfunken gütig blickten, und sein Lächeln
von sanfter Einfalt über die gelbgrauen Züge huschte. Er war ein wenig
grauhaarig geworden. Als er es zufällig entdeckt hatte, hatte er gelacht.
    Einhart hatte Menschen und Dingen gegenüber eine völlige Ruhe gewonnen. Er
hatte sich jetzt ein Lebenlang gewöhnt, Wesen und Ereignisse zu betrachten, wie
ein überlegener Zuschauer das Getümmel auf einer Stadtstrasse ansieht. Oder öfter
noch, wie ein leidenschaftlicher Sammler den schönen, blauen Libellen mit Netz
und Nadel nachtrachtet, um sie für seine Schaukästen einzufangen, mag auch
solcher Schönheit eigene Seele dabei verhauchen.
    Einhart war wirklich ein Meister geworden. Wenn Meisterschaft der Name ist
nicht für ein rundes, sicheres Können, sondern für das zähe Vorwärtsringen zum
eigensten Eigentum, für die ewig ringende Mühewaltung, also dass die Blöcke, die
er aus dem Steinbruch brach, manchmal nur halb behauen niederfielen, immer
eigenartig genug, aber oft halb begreiflich zuerst, nicht gleich bekannt und
geliebt und glatt, dass sie dem herkömmlichen Gefühl oft trotzten.
    Einharts Meisterschaft lag auch in der Kraft seines Standpunktes. Nie hätte
er sich zum herkömmlichen und durchschnittlichen Formwerke je aus seiner Höhe
zurück gewandt, den eigenen Blick voll innigster Verwöhnung aussendend, so dass
ein Jugendzug in seinen Mienen geblieben, etwas wie Demut, etwas, das wie im
Kinde selber immer noch gläubig und traulich das Letzte erwartet.
    Das kleine, weisse Haus mit den grünen Jalousien, das Einhart gemietet hatte,
lag vor der Stadt. Sein grosser Atelierraum war jetzt mit mancherlei köstlichen
Dingen behangen, feinen, gestickten Seiden und blassfarbigen Teppichen. Auch zwei
antike Grabreliefs hingen da. Bequeme Liegestühle standen auf weichen Tierfellen
herum. Und eine Menge gerahmter und ungerahmter Leinwanden waren gegen die Wände
gestellt oder ragten auf Staffeleien. Ein kleiner Diener, ein wenig zu kurz
geraten in einem sehr langen, blauen Arbeitskittel, Schwenkfeld genannt, der
ausserdem sechs Finger statt fünf an jeder Hand besass, ging dienstwillig in Hof
und Werkstatt um. Und eine weisshaarige, bebrillte Konditorswitwe versah als
Wärterin Küche und Wohnstätte.
    Und Einhart sah jetzt die Fülle getaner Arbeit mit Zufriedenheit an. Er war
verwundert, wie es möglich gewesen, so die Zeit ungehört hingehen zu sehen und
nicht zu achten. Es dünkte ihn, dass er in den neuen Werken sich endlich rein
gewaschen von aller Absicht. Ganz nur der göttliche Zufall hatte gewaltet. Und
der selige Einfall hatte die Gesichte herzugetragen. Er wusste längst, dass es
sich nicht erjagen lässt. Dass die Schönheit auch im schaffenden Leben kommen muss,
einem selber zum Erschauern, wie die geheimnisvollen, kristallenen Spiegelungen
im Wassergrunde hintreiben, indes der Blick verloren in den Waldsee eintaucht.
Es war jetzt wirklich nur in freiem Reigen heran gekommen die ganze Zeit.
    Er hatte allen Ernst völlig abgeschüttelt und lebte neu und neu eine Zeit
unmittelbaren Frohgefühles an den Dingen. Die Jahre, die er mit einer
vergrabenen Sucht nach dem Sinn gelebt, deuchten ihm überwunden. Die Bilder, die
er augenblicklich zu einer Sonderausstellung das erste Mal vereinigen wollte,
würden es zeigen, welchen Weg er genommen. Die Frische seiner Pinselstriche war
überraschend.
    Und Einharts Losgebundenheit von aller Überlieferung hatte das ganze Jahr
angehalten. Festliche Gefühle, eine Welt der sonderlichsten Einfachheit, schöne
Leiber in freien Bewegungen, einfältige, beglückende Landschaften, darin man
leben mochte wie auf Paradieswiesen, inniges Menschentum in Ausdruck und
Gebärden. Auch manche heimlichen Triebe der Menschenseele offenbarte Einhart in
seinen Tafeln mit seltsam herbem Formgefühl. Er sagte viele Male, dass er zu
einer reinen Kindsleidenschaft zurückgekehrt wäre. Dass er sich von aller Tiefe,
aller Bedeutung, aller Richtung frei gemacht hätte zum einfachen Lieben der
Dinge, zu lebendiger Schönheit, zum echten, sonnenhellen Spiele der Kunst.
    So hatte Einhart nach seiner Heimkehr Sommer und Winter lang einsam gelebt
und gearbeitet. Nun begann wieder Frühling zu werden. Als er im Malkittel in
seinen Garten trat, darin, wie er einzog, Rosen geblüht hatten, zog ihn jetzt
ein Ruch von jungen Veilchen fröhlich an. Er bückte sich und wühlte unter
feuchtem, altem Laube kleine, weiche, blaue Blumen, die Lieblinge des
Menschenherzens, ganz ans Licht.
    Einhart stand ewig. Er hielt die Veilchenköpfchen sorglich aufgerichtet über
der braunen Erde, ohne sie zu brechen. Er ging am Beete entlang Schritt für
Schritt, allen kleinen, blauen Blumen, die ans Licht drängten, die Last des
alten Laubes fortzuräumen. Er sah auch lange in die Ferne hinaus. Freie Felder
lagen nach einer Seite um sein Haus. Der blaukittelige Schwenkfeld stand am
Fenster des Ateliers und lachte verstohlen hinter dem blassgrünen Vorhang hervor,
weil er den Meister lächeln gesehen. Die ferne Birkenallee hatte einen Duft von
Dunkelröte gegen den milchigblauen Morgenhimmel. Die braunen Knospen drängten.
    Einhart war noch immer stehen geblieben. Auch als man schon einige Kisten
für die Frühlingsausstellung auf den schweren Speditionswagen aufgepackt, und
das Gefährt mit den plumpen Rappen und dem vierschrötigen Kutscher längst
dröhnend um die Strassenbiegung verschwunden war.
    Einharts Stirn schien jetzt im Lichte des Vorfrühlings bleich und frei. Er
strich sich einen Strähn seiner Dunkelhaare aus der Stirn.
    »Ach du Gott im Himmel!« sagte er. »Ich vermale das ganze Leben und die
schönste Stunde!«
    Schwenkfeld hatte an dem Morgen lange vergeblich gewartet, dass der Meister
irgend eine Arbeit vornehmen würde.
    Einhart sass dann zurückgelehnt in einem Lehnstuhl und rauchte eilig. Und
lief wieder hinaus und sah in die Ferne. Es hatte ihn fast erschrocken, wie er
merkte, dass der neue Frühling sich schon zu regen begann. Weil er plötzlich
keinen Ausweg zum Leben offen sah.
    Wie Einhart dann ausging gegen die Stadt zu, wollte er an verschiedenen
Türen pochen. An Poncets. Aber er zögerte. Er wusste nicht, wie bei Poncet
finden, was er in dem Frühling suchen ging. An dem Portale der Gräfin Schleh.
Aber er zögerte auch hier, weil er wusste, dass drinnen seine Ahnungen vielleicht
still würden über tausend Dingen des vornehmen Behagens.
    So war er zurückgegangen, lief weiter hinaus die Chaussee und dann einen
Feldweg hin, bis wo voll frischen Grüns eine schmale Wiese leuchtend dalag,
feucht umweht, hinter einem kleinen Saumhügel voll Jungwald, der auch im Lichte
stand.
    Einige Weidenknorren reckten sich mit Blütenräupchen über den Bach. Die
Wellen, klar und kühl, schäumten und gurgelten. In kleinen Gruppen lebten
schlohweisse Schneeglöckchen auf im grünen Grase.
    Meister Einhart war ein rechter, loser Zigeuner. Hut und Stock hatte er
irgendwo hingeworfen. Er pflückte die kühlen, frischen Blumen in seine braunen
Hände. Er war voll tiefen Erstaunens. Er trug die weissen, reinen, kleinen Kelche
wie neue, verschlafene Wunder sorglich in den Händen vor sich und vergass sich
ganz in deren Anschauen.
 
                                       5
Der Sommer war für Einhart überreich an Arbeit hingegangen. Nachdem ihn erst die
Frühlingsfeier eine flüchtige Weile untätig eingesponnen, und nachdem ihm dann
die Ausstellung seiner neuen Bilder zum ersten Male eine erlesene Auszeichnung
eingetragen, war er mit viel selbstvergessener Laune und Heiterkeit aufs
Radieren verfallen, dass buchstäblich gar nicht für ihn daran zu denken gewesen,
aufs Land oder an die See zu gehen.
    Im Herbst noch zu rechter Zeit weckte ihn ein Brief der Gräfin Schleh zum
Leben. Sie schrieb:
        »Lieber Meister! Kommen Sie! Sie finden liebe Gäste. Auch teilnehmende
        Menschen in der Nachbarschaft. Traurige und Fröhliche! Und Völker von
        Rebhühnern sitzen im hohen Mais und streichen rauschend von dannen, wenn
        Sie nahe gehen. Früchte hängen im Obstgarten an den Bäumen. Feigen an
        den Spalieren. Und Jung und Alt hat den Glanz des Herbstes in den Augen,
        und goldene Fäden um Stirn und Wange oder in den Kleidern. Kommen Sie,
        lieber Meister Selle!«
    Der Brief hatte Einhart lachen gemacht. Er hatte dann Finis unter das Blatt
geschrieben, das er vor sich hatte, hatte auch noch um das Wort allerlei
spielende Kinder und lachende Gesichter gezeichnet. Und dann befand er sich bald
auf dem weissen Schloss der Gräfin.
    Die alte Dame empfing ihn in einem gewölbten Zimmer zu ebener Erde, darin
die Wände einfach weiss getüncht und die behaglichen Möbelstücke mit dunklem
Leder überzogen waren. Auch einige alte, bunte Stiche, Szenen aus dem
Schäferleben darstellend, in dunklen Rahmen, erhöhten das Bild alteingesessener,
friedsamer Beschaulichkeit.
    Die alte, leicht verwachsene, sonngebräunte Gräfin war voller Güte. Sie sass
in einem blassseidenen, weiten Reifrock und griff nach einem Stabe, als sie sich
von dem schweren Ledersessel aufhob.
    Ein gelbfleckiger, mächtiger Bernhardiner stand oder ging gutmütig neben
ihr.
    Die vornehme Frau sprach zu Einhart mit ihrer liebenswürdigsten Teilnahme,
dass ihre kleinen, ausdrucksvollen Augen lachten und ihre feuchten, vollen Lippen
lachten. Sie zeigte ihm auch gleich nur ganz nebenbei eine Sammlung edler
Steine, die zufällig noch dastand, das Vermächtnis eines unverheirateten
Sonderlings, köstliche, juwelische Dinge von hohem Werte, ein ganzer Kasten
voll, in Seidenlager eingebettet ein jedes Stück, noch ungefasste, seltene
Kleinodien aus aller Herren Ländern. Man trat auch gleich einen Augenblick auf
die Terrasse hinaus, um in den Park und in die alten Silberkuppeln
hundertjähriger Pappelbäume hineinzusehen.
    Dann führte ihn die heitere Herrin, immer geschäftig plaudernd, durch das
lichte, weite Treppenhaus, worin einige Diener herumstanden. Und an den
eisengetriebenen Geländern hinauf in die oberen Zimmer und Säle. Auch durch den
weiten Rundbau der grossen Bibliotek führte sie ihn, zeigte und erklärte ihm
dort zwei goldene, indische Götzenaltäre, die einander gegenüber an der Wand
standen und die den heimlichen Ton einer tiefen, leidenschaftlichen Andacht
hineinzutragen schienen in die Stille und unter die Überfülle kostbarer, alter
Bücherreihen an den hohen Wänden. Auch auf einzelne silberne Plaketten, die an
dem blanken, braunen Eichengetäfel zwischen den mächtigen Pergamentrücken alter
Handschriften angebracht waren, wies ihn die alte Dame sorglich hin.
    Alles war für Einhart nur ein erster Hauch von einem eigenen, selbstsicheren
Leben in Macht und Schönheit.
    Man war dabei schon wieder auf den steinernen Altan hinausgelangt, um den
Blick über purpurrote Beetornamente hinüber auf eine weite Wiesenfläche des
Parkes zu tun.
    Bei Tafel sass man in einem lichten, geräumigen Saale, dessen Deckengewölbe
und Wände nur ebenfalls ganz in Weiss mit leicht erhabenen, freien Blumengewinden
verziert waren. Einhart hatte seinen Platz neben der Herrin des Schlosses. Sie
zeichnete ihn aus, wo sie konnte. Einige junge Komtessen, die in helle Seiden
gekleidet, warfen dann und wann prüfende Blicke auf den neu angekommenen,
zigeunerischen Meister Einhart, der an dem ersten Tage nur zu den schelmischen
Worten seiner lustigen, graugescheitelten Nachbarin und oft auch zu den
Bemerkungen einer alten, gebrechlichen Exzellenz, eines Grundherrn der
Nachbarschaft, der hier zu Besuch war, herzlich lächelte.
    Sonst bequemte sich Einhart gar nicht, aus seiner Stille herauszugehen. Graf
Karol, ein junger Abgeordneter, »einer der kühnsten Fahrer und Reiter im Lande«,
wie die alte Gräfin Einhart zugeflüstert, hatte es ein paarmal versucht, Einhart
aus seiner Stummheit herauszulocken. Auch Komtesse Helena, eine sehr muntere,
junge Verwandte der Gräfin Schleh, die sehr grosse und sehr blaue Augen hatte,
und eine leichtwogende Stimme, die auch unsäglich melodiös kicherte, hatte die
Rede, die Graf Karol über die Kunst begonnen, fortzusetzen versucht.
    Nichts war gelungen. Einhart war nun einmal unerwecklich geblieben, erfüllt
von der köstlichen Reine und Kühle des Raumes. Er schmeckte und fühlte heimlich
die atemlose Stille, mit der die reiche Dienerschaft in bunter Livree lautlos
tätig um die Tafelnden umging. Sein lächelnder Blick ging zuweilen achtlos um
den oder jenen, der am Tische sass. Einhart fühlte den Sonnenschein durch die
hohen Bogenfenster über die vollen Purpurblumen hereingleiten, die in üppiger
Silberschale mitten auf dem weissen Tafeltuch ragten, sah das süsse Licht über
köstliche Spitzen und Seiden und Federflaume, über junge, heitere Köpfe und
zarte Schultern fliessen und in den Kelchen und Schalen glutrot und weingolden
funkeln und blinken.
    Das alles war Meister Einhart einstweilen Ereignis genug, erfüllt und stumm
zu sein.
    Das Gespräch an der Tafel war schliesslich über Einhart hinweggegangen. Man
hatte von dem Bau einer Eisenbahn geredet, die für die Landschaft in Aussicht
genommen. Und Graf Karol erörterte dann mit dem alten Burgherrn hin und her
Vermutungen, die sie über die Besetzung einiger freigewordener, hoher
Regierungsstellen wechselseitig hegten.
    Nur einmal war plötzlich tiefe Ruhe eingetreten.
    Das war, als die Diener das Wildgeflügel hereintrugen, und der alte,
gebrechliche Burgherr, die Exzellenz, dazu ausdrücklich bemerkt hatte, dass ein
alter Mann immer beim Essen sehr sorgfältig verfahren, aber dass er »beiläufig«
beim Wildgeflügel um jeden Preis schweigen müsse. Es war darnach wirklich eine
tiefe Schweigsamkeit eingebrochen. Dass man die sorglichen Tritte der Diener
leise gehört und dann ebenso schnell allgemein in ein herzliches Gelächter
ausgebrochen war.
    Und ein jeder an der Tafel hatte dann und wann und auch dabei den Meister
Einhart flüchtig und verstohlen angesehen.
    Als man nach Tisch auf den Terrassenvorsprung hinausgetreten, waren alle
voll Güte gegen Einhart. Einhart trug ein volles Festgefühl in sich.
    Man stand an eines Marmorschlosses besonnter, weisser Terrasse. Frische,
bunte Blumengewinde hingen um die steinerne Brüstung und von den Pfeilern
nieder. Die jungen, lieblichen Mädchen reichten in köstlichen Schalen den Tee.
Komtesse Helena bediente Einhart, trug ihm selbst die silbernen Tabletten mit
feinen Gebäcken zu und lächelte ihm zu mit Anmut.
    Weitin in Sonne lag das Grün der Wiesen, ragten die uralten Pappelwipfel
und warfen Riesenschatten in die Runde. Man sass bald unter den grossen Schirmen,
indes man den Tee einsog, die Sonne warm und stumm glühte, und der blaue
Zigarettenduft sich träge in die Sonnenluft einspann.
    Dann rollten Wagen auf dem schattigen Parkwege her. Es gab eine verhaltene
Bewegung unter denen, die am Tische sassen. Dann ein sanftes Begrüssen in die
Ferne.
    Die Jungen alle hatten sich erhoben und liefen vor die Schlossfront. Einhart
mit der alten Gräfin und die gebrechliche Exzellenz, die sich im Lehnstuhl
zurückbog und sich nicht rührte, waren allein sitzengeblieben.
    »Meine geliebte Nichte,« erklärte gleich die alte Gräfin. »Sie wohnen in
unserer nächsten Nachbarschaft. Komtesse Josepha Renauld, des alten
Landmarschalls Renauld einzige Tochter,« sagte sie. Dann nahm sie vollends eine
sanfte Kummermiene an.
    »Oh, Meister Selle! Sie bringt eine sehr liebe, sehr traurige Frau mit.
Verena von der Trau. Denken Sie! Diese junge Frau ist kaum dreiundzwanzig Jahre
alt und trägt schon an der sonderbarsten Schickung. Sie hat auf unbegreifliche
Weise ihren Mann verloren. Mitten aus der glücklichsten Ehe. Was sage ich? Sie
lebten wie Kinder. Denken Sie! Durch Selbstmord! Man wird es nie erklären
können. Verena ist aus ihrem Erstaunen gar nicht mehr aufzuwecken. Sie sang
früher wunderbar. Reich und fromm klang die Stimme. Sie hatte immer etwas
Seliges im Laut. Und doch auch herb wieder wie der erste Frühlingswind. Oh, sie
denkt gar nicht mehr an dergleichen. Sie lebt schon mehr als zwei Jahre nur so
hin in Meditationen. Meine geliebte Nichte müht sich sehr um sie. Und es gelingt
ihr auch. Es gelingt ihr, Verena wenigstens in der ländlichen Stille
zurückzuhalten.«
    So erzählte die alte Gräfin.
    »Es ist gar nicht zu sagen,« spann sie ihre Erzählung weiter, »welche stille
Schönheit in ihr brannte in ihrer Mädchenzeit. Und welche Erstarrung über sie
gekommen ist.«
    Aber Einhart hatte sich dann erhoben, weil die alte Dame ihre Handarbeit
neben die Teetasse hinschob, um den Ankommenden jetzt auch entgegenzugehen. Und
weil er sich von der Neuheit seiner Eindrücke etwas zu erholen wünschte, bat er,
dass man ihm erlauben möge, eine einsame Streiferei in den Park und die nächste
Umgebung zu tun, um, wie er launig zu der Gräfin sagte, erst einmal deutlich mit
Augen anzusehen, wo er sich denn eigentlich befände?
 
                                       6
Verena war eine jungfräuliche Frau, eine schlanke, schwebende Junge in schwarzen
Flören. Komtesse Josepha ging mit sorgendem Blick zärtlich hütend um sie. Und
die Gesellschaftsdame, eine alte Baronin, die aussermassen verbindlich und steif
und blinzelnd etwas hinterdrein kam, sowie die jungen Herrschaften, die mit den
Ankommenden jetzt auf die Terrasse hinausgetreten, alle schienen in ihren
gemessenen Gebärden anzudeuten, dass ein unbegreifliches Schicksal nun in ihrer
Mitte stand.
    Allentalben hatte die schwebende, schlanke, verschleierte Verena den
Vortritt.
    Auch die alte Exzellenz erhob sich wie erschreckt, als sie Verena vor sich
sah, und küsste der Trauernden die Hand, ohne etwas zu sagen. Es schien in diesem
Augenblicke, als wenn eine Heilige mit einer Trauerbotschaft hereingetreten, und
als wenn alle erstarrt wären.
    Um Verena wehte es wie Märzluft. Sie schien von der Fahrt ein wenig gerötet.
Aber gar nicht sonst erweckt aus ihrer tiefen Stille.
    Man hatte bei der Begrüssung nur flüchtig leise Worte gewechselt. Jetzt war
man lange stumm. Alle, auch die Jungen, lauschten sozusagen auf ein erlösendes
Wort, das aus den leichtgereckten, flaumigen Lippen von Verena kommen würde, die
wie eine Rätselträgerin aufgerichtet dastand.
    Verena hatte ihren Schleier zurückgeschlagen. Da entüllte sich ein Gesicht,
rosig und streng, wie ein Engel von Fra Angelico, mit einem lieblichen, scheuen,
graudunklen Auge. Es lächelte verloren zur alten Gräfin Schleh hinüber, als man
sich endlich in die Runde niedergelassen hatte, und die Diener den Ankömmlingen
den Tee zu reichen begannen.
    Dann waren die graudunklen Augen Verenas lange über die durchschatteten
Parkwiesen hingewandert, wie ziellos, und doch heimlich suchend, und wie wenn es
aus dem warm besonnten Dufte der Aue aufsteigen könnte.
    Ein goldener Tag fing an zu vergehen. Die sinkende Sonne glänzte in Blatt
und Zweigen. Strahlengarben schossen zwischen den Baumwipfeln hindurch. Und
allentalben in Blattwerk und den hohen Blumenstauden schwebten und zitterten in
der Luft goldene Gespinste.
    Die alte Schlossherrin sah oft mit Zärtlichkeit zu Verena.
    Man plauderte allmählich wirklich. Verena pries den Abendfrieden. Man begann
von fernen, schönen Dingen zu reden. Von den seltsamen Reizen der Tage, darüber
die Jahreszeiten Blüten oder Früchte, goldene Blätter oder weiche Flocken
verstreuen. Von dem Leben einer Seele hinter allen Dingen und Schicksalen. Von
dem Geheimnis der hier auf Erden unerfüllten Schicksalsläufe. Und wohin die
Seelen wohl eingingen, die hier ihren Lauf noch nicht vollendet? Von der Liebe,
die wie das Licht wäre, nie stürbe, nur erlöschte, dass es wer weiss welche
heimliche Macht immer neu erwecken könnte. Verena schien in solchen Meditationen
über sich und die Welt zu leben.
    Die alte Gräfin Schleh hatte fortwährend einen verklärten, ängstlichen
Ausdruck voll Güte, sah Verena oft von der Seite an, wie gehalten und streng sie
dasass, und war heimlich wie ergeben in den vibrierenden, leisen Stimmton der
Trauernden.
    Verena war dann lange brennend solchen Rätselbetrachtungen hingegeben. Es
liess sie nicht los. Sie beherrschte sanftredend oder auch eine Weile tiefstumm
den ganzen Kreis. Sie sah in jedes der Gesichter um sie manchmal fragend und
grabend hinein, auch wohl unversehens mit einer unsäglich jungen Zärtlichkeit,
die wie warme Sonne aufleuchtete.
    Keiner der Anwesenden hätte sich auch nur eine Weile von dem Spiel ihrer
stillen Mienen weggewendet. Jeder, auch die jungen Komtessen und die alte
Exzellenz, blickten liebend auf den feinen, roten Mund und in das
blasssommersprossige, schmale Frauengesicht. Und alle erstaunten heimlich über
die Kraft und den Frieden, womit die graudunklen Augen Verenas Harm aussäen
konnten und ein hoffnungsloses Ergraben.
    Die Linie ihres Kinnes und Halses, wenn sie den Dunkelschleier noch mehr
zurückstrich und beim sanften Reden den Kopf ein wenig reckte, nahm eine einzige
Schönheit an. Sie ragte dann in ihren schlichten, aschblonden Scheiteln im Raume
gleichsam wie eine heilige Bildung für sich.
    Als Einhart wieder auf der Terrasse erschien, neigte sich die Sonne tief dem
Horizonte zu. Man hatte sich unter dem Eindruck der Düsternis, die aus Verena
ausgegangen, neu ganz stumm dem Anblick der verquellenden Sonnenfeuer
hingegeben. Man sah die Sonnenscheibe langsam einsinken, starrte der blitzenden,
zückenden Erstrahlung nach und hatte dabei lange geschwiegen.
    Aber Einhart kam ganz achtlos.. Er hatte den Sommerhut in der Rechten und
brachte eine lose Freude in seinen lächelnden, graugelben Zügen. Er grüsste schon
von ferne heiter und verbindlich. Er hatte zum ersten Male über die weiten
Ebenen hinausgestaunt, die sich dicht hinter den Gutsgebäuden und dem Parke
dehnten. Er hatte in diesem Augenblicke etwas an sich wie von einem fremdartigen
Wanderleben.
    Als ihn die alte Schlossherrin vorstellte, sah er mit Funkelglanz seiner
Augen in jedes Auge hinein. Ohne doch zu sehen. So war er erfüllt.
    Er begann die Landschaft fröhlich zu rühmen und rühmte das seltene Glück
solchen Aufentaltes. Nicht mit lauten Worten. Mit einer Art, die sich launig
und leise nur hinausgab, vorsichtig die Eindrücke ertastend, aber mit einem
Gefühl der sicheren Frische jetzt aus einer Welt, die ihm deutlich im Auge
stand.
    Erst lange nach seinen Worten hatte er die junge Frau in dunklen Flören neu
angesehen. Da erst begann er zu merken, dass er in eine weihevolle Ruhe mit
seiner Freude hineingesprochen. Er sah sich die neu Angekommenen jetzt noch
einmal wie absichtslos behutsam an. Indes er nun auch stumm der gleichgültig
gewichtigen Rede lauschte, womit die alte Baronin die entstandene Pause der
Unterhaltung, ganz in fernliegenden, selbstgefälligen Erinnerungen aus ihrer
Mädchenzeit befangen, auszufüllen sich bemühte.
    Und Einhart vergass sich dabei ganz in dem Anblick Verenas. Es däuchte ihn,
dass er noch nie eine solch erschrockene Scheu, eine solche rosige, stille
Heilige mit Augen gesehen. Und dass er noch nie ein solches erzitterndes Glück
aus einer Menschenstimme je hallen gehört, als Verena mit leisem Worte zum
Aufbruch mahnte.
    Er war gleich völlig betroffen.
    Und er ging zurückhaltend und in Gedanken mit bis zum Schlossportal, wo die
Wagen standen und warteten.
    Die alte Gräfin Schleh schritt auf dem abendbeglühten Kieswege neben Verena.
Man sah, dass sie zutraulich zu der jungfräulichen Trauerfrau redete. Die Gräfin
sprach von Einharts Kunst. Sie machte Rühmens. Verena erinnerte sich ferne
manches aus des Meisters Werkstatt, das sie früher angesehen. Sie erinnerte sich
wohl auch seines ausgezeichneten Namens. Sie stieg nicht gleich in den Wagen
ein, den der Diener eine Weile geöffnet hielt. Man legte ihr einen weichen,
langen Pelzmantel um, wobei auch Komtesse Josepha Verena liebend behilflich war.
    Verena sah erstaunt zu Einhart hinüber, der zurückstand. Und weil ihn die
jugendliche Hoheit ihrer Schwermut gleichermassen wie der andächtige Rätselton
ihrer Stimme und ihr blasses, köstliches Haar unversehens hingerissen, fehlte
nicht viel, dass er sich ihr plötzlich leidenschaftlich genähert. Aber er stand
doch nur ernst und aufgerichtet und grüsste nur mit einer fast kindlichen, tiefen
Verbeugung.
 
                                       7
Einharts Art zu erleben war in diesen ersten Tagen wie immer heiss und sonderbar.
Die erste Nacht im Schloss konnte er lange keine Ruhe finden. Es war eine
stille, ziemlich dunkle Reifnacht, darin die Zweige von der Kälte knickten und
fielen. Er hatte lange am Fenster gestanden und in die unbestimmten Dämmer auf
den grauen Wiesen hineingesehen. Die Sterne waren spitz und klein und gaben nur
wenig Schein auf die Erde.
    Und Einharts treibende Erinnerungen kamen in ihm auf und trieben hin mit
zerfliessenden Säumen leicht wie Nebelfrauen. Er sehnte sich. Er begann
unbestimmt nach etwas zu trachten und dachte an dies und das, was vergangen war
mit Sturmeseile und zerschellt, wie ein bekränztes Boot an einer Nebelklippe.
    Das Schloss lag in tiefer Stummheit. Da, hinter den hohen Bäumen, die wie
Schattenkuppeln hoch ragten, dehnte sich ins Ungewisse die lautlose Steppe, von
seinem Auge jetzt ungesehen. Und doch seinem Lauschen ganz nahe. Dass sie in
seinem Blute wie der ewige Ton einer Muschel sang und summte von der Freiheit,
die dort gebreitet lag.
    Und in Einharts Auge, das sich halbschliessend ein Spiel machte, zu träumen,
stiegen die Dunkelheiten in Gestalt auf und schwanden langsam vorüber.
    Einhart stand am offenen Fenster, darein der Nachtauch quoll und wie ein
Ruch von verwelkendem Laube.
    Er fühlte auch, dass er ein wenig fröstelte.
    Aber die dunkle Nacht, in die er ganz für sich sengend hineinsah, hatte
tausend Gesichter. Da kamen viele, die gestorben waren und verweht. Warum kamen
sie in dieser Stunde? Da kam allerlei springendes Volk, und verhuschend schienen
die Glanzlichter kindlicher Blicke vorüberzuziehen.
    Seiner Mutter heisses Augenfeuer begann lange wie ein Stern im Dunkel vor ihm
zu brennen.
    Einhart hatte wohl nie im Leben geweint. Er hätte jetzt vielleicht zum
ersten Mal eine Träne gehabt, wenn nicht sein Auge sich gleich dem wirklichen
Nachtbilde draussen noch weiter aufgetan.
    Draussen fielen im Scheine des Lichtes, das von hinter ihm in die hohen
Kronen der Weimutskiefern blassen Glanz warf, einige blinkende Zweige nieder,
und es klang wie zerbrochen. Der knickende Laut weckte ihn einen Augenblick aus
seiner tiefen, traumumfangenen Erstarrung.
    Warum er nur so unruhvoll umfangen war von Vergangenem?
    Er hatte sich mit einem wahren Herzenshunger zu sehnen angefangen.
    Es waren alles Ungewissheiten, wie oft bei Einhart. Es waren Träume, die
leibhaftig aufwuchsen. Es waren Visionen, die ihn jetzt plötzlich zu zerreissen
begannen.
    Alles Vergangene lebt wer weiss wo in einem fernen Reiche immer lebendig und
kann wohl in Stunden der Qual oder der Ahnung wie ein Reigen uns umtanzen und
uns bedrängen.
    Einhart sann nach. Da standen auch aufrecht manche Menschen, die er nie
gekannt. Deutliche, klare Gesichter unter denen, die ihm einmal nahe gewesen.
Das Gesicht eines alten Schiffermannes hob sich vor ihm aus der Dämmerung so
hell im Nachtgewirr, dass er wie gebannt dem grossen, klaren Auge wie in den Grund
sah.
    Einhart konnte gar nicht der Gedankenspiele Herr werden. Er kannte das
Gesicht nicht, das vor ihm gestanden und das jetzt vergangen war mit
Blitzesschnelle. Als wenn man es plötzlich wie ein Licht ausgelöscht. Dann
besann er sich, weil er immer noch den Mund sprechen hörte von Sehnsucht.
    Etwas war jetzt in ihm nur brennende Sehnsucht.
    Er dachte zurück an Johanna. Etwas war damals Erfüllung gewesen, redete es
in ihm, und war doch nicht erlöst worden.
    Johannas Wesen wehte wie eine treibende Minne mit langen Flören um ihn. Wie
ein dunkler, unheimlicher Nachtvogel, wie eine grenzenlose Schwermut. Dass
Einharts Herz sich wie im Krampfe zerpresste, und er unversehens wie gescheucht
vom Fenster zurücksprang, von dem schwarzen Flügelaste der Weimutskiefer
angerührt, der zufällig gegen das Fenster griff.
    Oh! Dass er jetzt wusste, warum sich seine Seele in der dunklen Nacht ganz
vereinsamt und tief versunken zu härmen begonnen.
    Jene Frau in Flören war nicht Johanna. Johanna war eine Sanfte, eine
zärtliche Blüte, eine Ahnungslose, eine kleine, liebende Seele, eine, in der im
Wunder des eigenen Daseins die Goldsäume der Liebe flüchtig um die Dinge
gegangen. Die nichts gewollt, als eine andere Seele suchen und finden, und
nichts begehrte aus ihrer eigenen Brunnentiefe. Johanna war wie ein kleiner
Lerchenvogel ins Blaue emporgeschnellt, hatte beglückt auf einem Himmelsflecke
stillgestanden, in jedem Morgen neu die Welt lieblich besingend. Und doch auch
mit der heimlichen Wunde, die wer weiss welche Sehnsucht der Seele eingebrannt.
    Aber das Bild Johannas stand gar nicht vor Einharts Augen. Verena hiess die
Frau in schwarzen Flören. Verena zog in der Nacht über die Baumhäupter. Zog in
der Reifkälte wie eine dunkle Trauer hin. Zog jetzt in tiefer Stummheit in ihren
weiten Mantel gehüllt. Trug eine Seele hin. Trug und herzte sie, wie eine Mutter
ein Kindlein herzt. Trug eines Mannes enttäuschte Seele klagend empor an ihrer
Brust.
    Einhart war von der Vision völlig erregt und erschüttert.
    Jetzt begann er zu fühlen, dass sein Herz eines weichen Mantels bedurfte,
darein man es hülle, damit es noch einmal rätselgebunden und selig gleichermassen
emporschwebe. Damit es noch einmal ganz aus der Tiefe neu zu leben beginne.
    Einhart war so hingenommen von dem aufquellenden Verlangen nach dieser
Vision, dass er die Augen wie im Fieber weit aufgerissen, dass er wie im
Traumschrecken beinahe laut gerufen hätte, dass er sich sehnte, wie ein
Wahnwitziger, wie ein Hungernder, und in einem wahren Herztumulte dastand.
    Er war dann ganz erwacht. Er war langsam zu sich gekommen und lächelte. Es
waren alles nur Gänge der eigenen Traumerregung, die mit dem wunderlichen
Tiefklang kamen und gingen.
    Draussen lag die Nacht noch immer stumm. Es lockte ihn sich zu kühlen. Er
ging durch die matterleuchteten Korridore und liess sich von einem wachenden
Diener das grosse Schlossportal auftun, um in den blassen Nachtschein zu treten.
    So ging er hin.
    Im Teiche tanzte ein Stern in den Kräuselungen, die ein kaum spürbarer Hauch
auftrieb. Die Schwäne wie kaum sichtbare, graue Schemen strichen heran und
quiekten leise klagend.
    Einhart hatte die Düsternis von sich getan. Er ging sichern Schrittes und
hörte seine knirschenden Tritte. Und lief im weiten Bogen des grauen Kiesweges
hin, bis wo noch im Abendschein Verena gesessen.
    Auf der Terrasse stand noch der Stuhl, und lag ein dunkles Spitzentuch über
seiner Lehne. Offenbar hatte es Verena vergessen. Es duftete wie ein Hauch von
ihrem Leben. Und wie eine fremde Blume schien ihren Atem in die Nacht zu geben.
    Einhart hatte sich in einer leidenschaftlichen Vertiefung in den Stuhl
niedergesetzt, worauf er am Nachmittage Verena gegenüber gesessen. Nun sass er
und sass.
    Er kämpfte vergeblich gegen seine Gesichte. Kämpfte vergeblich gegen die
wache Inbrunst seiner Träume ...
    Ein Wächter, der im Morgengrauen an der Terrasse beobachtend vorüberging,
fand dann Einhart dort in dem grossen Korbstuhl ganz erstarrt eingeschlafen.
    Wie ein Hund seinem Herrn auf der Spur folgt und auf seinem Grabe sich zu
Tode verzehrt nach seiner Seele und verhungert, so war es über Einhart gekommen.
Dass er erst im Morgenlichte alles ganz vergass, als er sich endlich in seinem
Bette befand, einige Stunden ruhig eingeschlafen und von weiten Ebenen träumend,
darin er mit irgend einer fremden Frau hinschritt.
 
                                       8
Einhart war am andern Tage ganz frei und froh. Er war heiter und bereit zur
Wanderung im Parke und zu Fahrten in die Meierhöfe. Und war ein bevorzugter Gast
im Schloss. Dass er Nachtgespenster gesehen, das hatte sein Blut im Lichte noch
vollends vergessen.
    Er war am Morgen vom Kammerdiener rechtzeitig geweckt worden. Und man
vergnügte sich erst eine Weile im Anschauen einiger Kunstblätter in der
Bibliotek, ehe man in ein kleines Gehölz hinausgefahren, wo auch schliesslich
die Diener auf weissen Tüchern am Waldboden das Frühstück aufgestellt, und wo man
im Kreise darumgesessen, viel geplaudert und gelacht hatte.
    Und Tage gingen dann in solchem Behagen hin und in der Fülle Freiheit, die
unter allen Menschen hier herrschte.
    Das Schloss der Gräfin Schleh lag ein wenig entfernt von den zahlreichen
Gutsgebäuden auf einem kleinen Hügel mitten in dem uralten Parke. Die blaue
Flagge Derer von Schleh wehte hoch vom Turme in die Lande. Um den Park dehnten
sich nach einer Seite die Weiden.
    Einhart durchschritt oft einsam die stillen Schattengänge des Parkes,
durchbrach Büsche und herbstbunte Dickichte und Dornen, die den Park am
äussersten Ende eingrenzten, sprang über Hürde und Graben und stand dann
unversehens in der weiten, schweigenden Flur.
    Hier war es, wo er zum ersten Male in die Ferne sah. Hier war es, dass er
plötzlich wie nie im Leben seines Blutes uralte Triebe in einer schier
grenzenlosen, verhallenden Einsamkeit in der Stille der Steppe vernahm, wie
einer ganzen, weiten, unermessenen Grasflur tiefste Sehnsucht selber. Hier stand
er und fühlte seinen Atem aus tiefster Brust, wie aus seinem innersten Leben
drängend. Dass er erschrocken stand. Dass er ewig lauschte. Dass es ihm deuchte,
als wenn in den reinen Lüften, die im Weidenstumpfe knarrten, und in den fernen,
freien Tieren dasselbe seit Anbeginn lebendig wäre wie in ihm. Ungebunden und
mit freiem Fluge, die Seele voll Licht und den Weg voll blumigen Grases
hinauszuspringen, ohne Band, ohne Ziel, weil allentalben das Ziel der Stunde,
die Rast, der Aufentalt, die Stärkung unter Fuss oder Huf gebreitet daliegt, von
der Sonne geweckt, vom wehenden Luftzuge erzitternd.
    Hier quollen Gefühle der Freiheit auf. Und er wähnte so hin in seinen wachen
Träumen, als wenn er hineingestellt wäre, ein alter Zigeuner, in die weite
Steppe und hätte irgendwo da sein Wanderzelt aufgeschlagen.
    Als wäre er nicht geboren in einer fremden, gebundenen Gesellschaft, sondern
aus dem Boden aufgesprungen, wie eines jener schlanken, schönen Schwertgräser,
die mit ihren toten Ähren jetzt am Wassergraben entlang sich stolz wiegten.
    Hier vergass Einhart, dass noch eine andere Welt lebte, darin er als
ehrgeiziger Künstler umgegangen. Und sein einstiges Treiben und Trachten schien
erstorben zu einem fernen, leeren Gemurmel.
    Hier hockte Einhart stundenlang auf einer Hürde und sah hinaus. Sein dunkles
Gesicht war jetzt noch vollends richtig bronzen gebrannt. Seine Hände waren fein
und dürr wie braune Zigeunerhände. Hier begann in ihm zum ersten Male eine
Stimme leidenschaftlich zu rufen nach einem freien, eigenen, aus sich bestimmten
Leben.
    Nie hatte er gewusst, dass es im Blute einen Laut gibt, so unaufhaltsam, so
unstillbar tief, so ewig alle Stimmen der Zeit und der Welt überrufend, dass
nichts bleibt als diese eine Stimme. Unter den Tieren wanderte er manchmal weit
hinaus, ohne Hut, ohne Stab, ganz nur er, einsam und achtlos, dass man ihn
schliesslich ängstlich ein paarmal suchen kam und ihn an die Ordnung im Schloss
gütig zu mahnen.
    Er konnte hier alles vergessen. Er starrte einem Blatte nach, das frei im
Winde lebte. Und einem Füllen, das nach seiner Mutter Laut die Ohren neckisch
vorwarf.
    Er sah auch immer darin eine Weibesgestalt bewegungslos stehen, streng in
sich selber und von zärtlicher Güte, wie nur die Schönsten sie haben. Mit der
Süsse der Züge einer Geliebten und auch eines ein wenig ängstlichen, lieblichen
Kindes.
    Fern kam es. Fern ging es. Diese Bilder von Verena tauchten von ferne in die
Fülle Gefühl, die ihn in der Steppe zum Leben aufrief.
    Und wenn dann Einhart heimgekommen, waren seine Augen von dem Glanz, der in
jedem Grase gefunkelt, noch tiefer und fröhlicher, noch ahnungsvoller und
leidenschaftlicher zugleich. Es ging dann aus seinen Augen und aus seinen
Worten, wenn er sich so vollgesogen mit der kühnen, hinauslockenden Freiheit des
Weidetieres und des ziehenden Vogels, eine solche stählerne Festfreude aus, dass
mancher an der besonnten Schlosstafel, verstohlen auf Einhart blickend, nicht
begriff, wie mit diesem schlanken, jetzt in gewählter Salontracht dasitzenden,
leicht ergrauten Manne, dessen Mienen und Gebärden sanft und gütig waren, sich
ein solcher Hauch freien Wandertums und losen Abenteuers, eine solche
rücksichtslose Ungebundenheit und Lust am namenlosen Leben auf der weiten Erde
je zusammengefunden.
    Einhart sass an der Tafel sanft geneigt. Die Gräfin Schleh sah ihn wie
beglückt an. Aller Blicke suchten ihn manchmal. Er konnte mit lustiger Laune
auch nur von dem springenden Blatte erzählen, dessen Spiel über die Ebene hin er
mit spannenden Augen aufgesogen. Oder das Zwiegespräch von ein paar rauhaarigen
Füllen, das er, als sie miteinander weideten, vorgab selber erlauscht zu haben.
Innige Wahrheit barg sich immer hinter seinen lustigen Lügen. Man sah alles, was
Einhart sich so aus den blauen Lüften eingebildet. Denn Einhart hatte wie ein
Raubvogel so sicher die kleinsten Seelendinge angesehen, die in Luft und Steppe
hinstrichen. Das alles hatte er erspäht. Das alles lebte in seinen Worten. Dass
ein Pferdewiehern wie ein Lachen der Freiheit und das Auseinanderbrausen einer
jungen Hengsteschar wie der letzte Ton einer ganzen Geschichte der Leidenschaft
ausklang.
    Man liebte Einhart. Alle liebten ihn.
 
                                       9
Tage nachher war man beim Landmarschall, dem Grafen Renauld, zur Tafel.
    Einhart sah hier Verena wieder, die heute in lichten Gewändern kam.
    Hier ging von Anfang an eine fröhliche Laune durch die hohen, reichen Räume.
    Der alte, zausbärtige Schlossherr, ein frischer, leidenschaftlicher Mensch,
der jeden Eintretenden eine Weile mit zutunlichen Worten in Beschlag nahm, hatte
besonders Einhart laut hofierend angesprochen. Und er war dann auch nicht mehr
von seiner Seite gegangen, hatte ihn heiter plaudernd und lachend einige Säle im
Schloss weitergeführt, und hatte ihm dort herrliche Sammlungen von japanischen
Altertümern, persische antike Porzellane und die kostbarsten Möbelstücke alt
orientalischer, eingelegter Arbeit, wahrhaft königliche Besitztümer, einzeln
vors Auge gehalten und erklärt.
    Aber auch bei Tisch waren alle voll Laune. Auch Verena, die in ihren hellen,
blassgrünen Falbeln und mit der dunklen Perle mitten auf der Stirn, die an einem
Goldkettchen hing, wie eine liebliche Heilige von Perugino dasass. Es schien, als
wenn auch sie nur eine arglose Teilnehmerin zu erscheinen wünschte. Sie sprach,
ein wenig scheu, einige Male freundlich über den Tisch herüber. Was Komtesse
Josefa unabsichtlich flüchtig lächeln machte, weil Verena dabei in richtiger,
weltlicher Teilnahme redete.
    Man sprach während der Tafel viel von den Künsten. Der alte, graubärtige
Schlossherr hatte Einhart dazu ausdrücklich angeregt. Und weil Einhart gleich mit
heimlicher Entzückung die Nähe der lichten Verena gefühlt, redete er froh mit
versunkener, zögernder Frische, lächelte dann und wann mit seinen funklen Augen
den oder jenen absichtslos an und sah oft wie zufällig zu Verena hinüber, die
mit mildem Eifer seinen Worten zuhörte.
    Einhart redete mit viel Wärme kluge Worte.
    »Jeder Künstler, nein, ein jeder von uns,« sagte er lebhaft, »sollte
eigentlich immer noch ein Kind sein.«
    »Wohl dem, der ein Kind bleibt sein Lebelang,« sagte er danach, weil sich
sein Blick in Verenas jungfräulicher Schmäle eine Weile wie verfangen.
    »Davon ganz abgesehen!« verbesserte er sich dann schnell, wie er es merkte,
dass er in die Irre ging. »Vor einer höheren Macht sind wir ja alle immer
Kinder,« sagte er lachend. »Ich wollte nur sagen: zuerst kommt die Meisterschaft
des Meisters, der den Schüler vorwärts führt. Mag der Meister nun ein Mensch
oder die Natur selber sein.«
    »Aber von dem Meister muss der sich befreien,« sagte er nachdrücklich, »der
ein Meister werden will. Von der Natur sich befreien! Die Natur zum Eigentum
seiner selbst überwinden! Ja! Das taten alle Grossen. Da redet erst das Innerste,
was in uns selber redet. Dem müssen wir ganz untertan werden. Es zur Sprache
bringen, das ist die Meistersprache.«
    »Mit dieser Sprache verstehen sich die Grossen aller Zeiten,« redete er
sanftmütig zu Verena hinüber. »Sie reden aus einem heimlichen Reiche, daraus wir
wohl alle ausgetrieben sind. Eine Art Heimat.«
    »Das ist dann Heimatkunst,« sagte er lachend.
    »So kommt es mir wenigstens manchmal vor,« gab er noch ein wenig kleinlauter
hinzu, weil er die Augen Verenas zärtlich auf sich gerichtet gesehen ohne
Absicht. Er wusste nicht sonst gross, was er geredet. Er redete mit
schwärmerischem Tone. Sein Auge konnte dabei aufblitzen. Und an der Tafel
herumwandern von dem zu jenem. Manchmal ging es wie das Auge eines gütigen
Vaters über die aschblonde Junge hin, immer sie wie im Zwange fast demütig
bittend um ihre Fröhlichkeit. Und Verena sass allmählich ganz frohmütig, indes
Einhart erzählte und sich heimlich verzehrte nach ihrem Anblick, wenn ihm auch
nur der volle Strauss grosser, gelber und rosa Chrysantemen, der mitten im Licht
der Tafel ragte, ihren Anblick für Augenblicke entzog.
    Verena liess dann ihren Hut in der Vorhalle des Schlosses liegen und lief,
wie die jungen Komtessen, mit hinaus auf die Pferdeweiden. Sie hatte eine
scheue, kindliche Heiterkeit. Einhart suchte wie absichtslos ihre Nähe und
behandelte sie mit sanfter, fast zärtlicher Achtung.
    Verena vergass sich ganz. Auch in die andern war ihre Heiterkeit eingegangen.
Man begann sich zu haschen. Beinahe wäre Verena mitgesprungen. Sie besann sich
zu rechter Zeit und war dann ein wenig verlegen.
    »Wie sie alle froh sind!« sagte sie nur zur alten Gräfin Schleh gewandt, die
neben ihr auf dem Parkwege hinschritt.
    Man schritt über welke Wiesen. Verena brach einige verspätete Blumen und
lachte fröhlich für sich.
    Einhart ging der alten Gräfin zur Linken. Ihm gingen beim Schreiten heimlich
Melodien mit. Es schritt sich herrlich in den losen Herbstschatten und weiter
hinaus.
    Man wanderte über die Weiden.
    Ein alter, struppbärtiger Hirte kam herangesprengt und zog seinen vergilbten
Filzhut nieder, den er vor die Brust hielt, dass die roten Bänder daran
flatterten.
    Der Hirte gab weise Antworten auf drolliges Fragen.
    Die Tiere kamen heran, junge, scheue Stuten, die um die Tränke standen und
äugten.
    Ein paar graue Wollköter spannten auf den Hirten, den strengen Herrn der
Steppe, der auf dem flattermähnigen, heissen, braunen Hengsttiere
herangestrichen. Der jetzt das lose, unbändige Tier noch immer fest in Stricken
hielt. Bis er ihm dann plötzlich neu die Freiheit gab, um selber ein ganzes
Rudel Füllen um die vornehmen Ankömmlinge heranzutreiben.
    Sonne! Sonne! Steppenerde! Himmel klar und tief! Lose Tiere auf weicher
Grasflur weit in die Ferne! Vögel, die hinziehen im Grenzenlosen!
    Man schritt ohne Rücksicht.
    Die jungen Komtessen hatten sich unter die Füllen verstreut mit einigen der
jungen Herren zusammen. Man schlug in die Hände. Man lockte mit Grasbüscheln,
die man abgerissen, bis eines oder das andere der Tiere laut schnaubend langsam
herangekommen.
    Die alte Gräfin Schleh wandelte achtlos mit dem zausbärtigen Schlossherrn in
tiefer Zwiesprache.
    Verena stand einsam neben Einhart. Schlank aufgerichtet. Ihr lichter Kopf
wie in silbernen Schimmern gegen die Ferne. Ihre Augen lächelten. Einhart sah
hinaus, als wenn er es sehnsüchtig erspähen müsste und keine Grenzen sähe.
    Einhart stand lange so stumm. Etwas in seinem Blute begann sich zu regen,
dass er tiefer atmen musste, um sich dagegen zu betören.
    Er fühlte jetzt Verena neben sich schreiten und neben sich ragen in der
Freiheit. Es war jetzt wie eine jähe Gewalt aufgekommen. Er begann Seltsamkeiten
zu reden mit einem zitternden Tone, als wenn er sänge. Er sprach von den weiten
Toren, die hier hinausführten aus aller Trauer und allem Herkommen. Von den
kleinlichen, engen Bestimmungen und Zwecken, die die Menschenseele ewig
verkümmerten. Er pries ein Leben ohne Ziel, wie jene losen Lüfte es lebten, die
mit goldenen Halmen vor ihnen hintändelten. Er sah dem reitenden Hirten nach und
der scheuen, sonnengebräunten Hirtin, die ferne hinschritt. Er pries ein Leben
ohne Namen und ohne Grenzen, so auf Pferdes Rücken hin, frei und im Gefühle der
Kraft, stolz das Weib seiner Liebe zu behüten und am Herzen des Weibes im Zelte
auszuruhen.
    Seine Worte klangen wie helle Rufe, und als wenn er am liebsten sich
hingeworfen, den Boden der Steppe mit der Stirn zu berühren in Inbrunst.
    Verena stand neben Einhart. Sie war kindlich erstaunt in ihrer scheuen
Fröhlichkeit. Weil sie die Glut in Einhart lohen sah. Die verzückten Worte
seiner Rede hatten sie noch mehr aufgeweckt.
    Als sie dann beide wieder unter die übrige Gesellschaft traten, und man dem
Schloss langsam zuwandelte, war Einhart ganz für sich neben ihr.
 
                                       10
Wer wohl begriff, was in Verena so zärtlich aufquoll, als die alte Gräfin Schleh
mit Einhart und dem übrigen Besuche durch die hohe Allee des Schlossgartens
hinausgefahren. Als nur die alte Baronin mit dem blinzelnden Auge und die
liebende Komtesse Josepha noch um sie waren. Verena sah auf und lachte in die
Abendluft, weil oben hoch ein Rüttelfalke mit zitternden Flügeln im Äter stand,
nach Beute spähend. Verena sah lange hinauf ins Abendlicht, bis ihre Augen
geblendet kleiner wurden, und war kindlich erschreckt, als das flüchtige Tier
plötzlich in die Baumkronen niederschoss, und nur ein schrilles Gekreisch hörbar
blieb.
    Das Schloss lag in roter Glut. Die Fenster umrankte glühes Blattwerk. Verena
schritt neben Komtesse Josepha und hing den Arm in den ihren.
    Verena begann jetzt auch einige schwebende Töne zum ersten Male zu singen.
    »Oh Verena!« sagte die junge Gräfin zu ihr. »Wie es klingt! Herrlich! Siehst
du, du kannst es!« sagte sie nur. Sie wusste, wie oft Verena jeden Versuch, sie
aus ihrer Trauer zu Tönen zu locken, immer noch bestimmt abgewehrt.
    »Meinst du, dass ich es wieder können werde?« sagte Verena nur, und sah in
die weite Wiese hinein, wohinter in der Ferne ein weisser Tempel an einem
Schilfwasser ragte, davor mitten eine grosse, weisse Vase sich aus der Flut erhob.
    Und Verena sang gleich noch eine kleine Kadenz, lachte in die Luft und hatte
den Abendglanz in ihren tiefen, grauen Augen leuchten.
    »Oh Verena! wie du wunderbar aussiehst, wenn du so aufblickst«, sagte die
junge Gräfin, als sie jetzt merkte, dass Verena eine zärtliche Heiterkeit kaum
bemeisterte.
    Man schritt einen Augenblick stumm.
    Die alte Baronin achtete nicht gross auf die unsichtbaren Geister, die im
Abendglühen rings und in Auge und Seele der neben ihr schreitenden
jungfräulichen Frauen umgingen. Sie war an einem Asternbeet stehen geblieben,
besah umständlich die bunten Blumen, nur um etwas auch dabei mitzutun, und brach
eine blaue Aster, die sie Verena reichte.
    Aber Verena sah sich die Blume lange erst kindlich an, stand still und
redete dann zu der Blume, als wenn niemand um sie wäre.
    »Ach, du bist es, Liebe!« sagte sie. »Solche düstere Blume passt wohl nicht
mehr an mein Herz,« sagte sie dann bestimmt. Und dann redete sie ganz ernst und
sich sichtlich besinnend.
    »Nur blaue Astern schmückten meines Vaters Sterbezimmer,« sagte sie dann.
»Er hatte nie sonst im Leben Blumen angesehen. Nur erst als man ihn in seiner
letzten Krankheit in Kissen in den Park gebettet und er so lange still für sich
dasass. Da hatte er zum ersten Male im Leben Blumen geachtet. Diese da. Er hatte
sie zu lieben begonnen. Deshalb befahl Mutter, dass man ihn im Tode damit
schmücken sollte.«
    Die alte Baronin war richtig erschrocken, dass sie so fehlgegriffen und
wartete lange, ehe die frohe Laune, die sie verscheucht, in das lässige, stille
Abendwandeln zurückkehrte.
    Dann war die Baronin im voraus ins Schloss zurückgekehrt.
    Im Schlossgarten, dort wo man von der Landstrasse in den Park hineinsah, hatte
die junge Gräfin ein eichenes Kruzifix für die Wanderer, die vorbeigingen,
errichten lassen. Jeden Tag des Jahres kniete sie zu Ave dort und legte der
Jungfrau einen Strauss Blumen nieder. Jetzt knieten Verena und Josepha im
Abendlichte vor dem kleinen Holzbilde und schauten verträumt zur Jungfrau empor
und beteten ein kindliches Gebet, eine jener süssen Weisen, die nichts wollen,
als sich nach goldenen Früchten recken, oder gar gläubig selig nach Mond und
Sternen, sprechend: Gieb mir den Mond! Gieb mir die Sterne! Gieb mir das
Reinste! Indes Baum und Strauch um sie in der Runde flüsterten.
 
                                       11
Es waren Tage vergangen. Und es war ein lieblicher Tag gekommen nach Sturm und
Regen. Die Bäume waren noch vollends astkahl geworden, und das Laub häufte sich
in den Gartenwegen. Einige Astern blühten noch in den Beeten, die ziemlich
gezaust aussahen. Die Sonnengespinste in der Luft hatten goldene Wärme.
    Die Renaulds mit Verena waren wieder zu Besuch auf dem Schloss der alten
Gräfin. Verena sah rosig und reizend aus. Sie trug ein Barrett und einen ganz
schlichten Sammetpelz, den sie wie einen Husarenmantel leicht auf die Schulter
hing, als man im Parke spazierte.
    An diesem Abend war man in den Musiksaal des Schlosses gegangen, weil einige
der jungen Mädchen gewünscht hatten, Musik zu hören. Ein weiter Raum mit freier
Wölbung, also dass die Töne des Klaviers darin voll Wohlklang sangen und wie aus
einer tiefen Seele kamen.
    Alle hatten sich gleich an die Wände verteilt und sassen in Ecken und Winkel
gelehnt und versunken. Weil Verena sich unerwartet ans Klavier gesetzt hatte, wo
ihre mattgraue Robe allein noch rieselte.
    Sie begann einige Basstöne anzuschlagen, die im Raume tief surrten. Alle
horchten wie erstaunt und beglückt.
    Aber sie war unentschlossen. Dann begann sie ein Kinderlied.
    Einhart horchte. Der Klang der Stimme allein sang ihm schon ein Schicksal
vor. Es klang nicht zerbrochen. Es hallte wie eine Überwindung. Der Ton war
anfangs ängstlich und zögernd im Vorwärtsgange. Aber Verena sang durch die
leisen Kümmernisse, die sie zurückhalten wollten, sich ganz und gar zu einer
freien Feier.
    Einhart sass gleich und zerriss sich den Sinn nach diesem Klange, der ihn
umspann, wie aus Harfenlauten und Vogelstimmen gemischt. Ein jeder Hall beladen
mit einem frommen Geheimnis, das leise hinschwebt. Ein jeder auch ein
Zauberstab, dem Auge Gärten voll Blumen zu wecken und seiner tiefsten Begehrung
letztes Gefühl. Es däuchte auch Einhart, als kämen die Töne wie Friedenstauben,
hinausgeflogen, zu suchen, wo sie in den weiten Wassern eine Stätte fänden.
    Wer Einhart kannte, musste wissen, dass er allmählich dasass, als wenn es seine
Seele selber wäre, die den Raum mit tausend dunklen und hellen Gewalten
ausfüllte. Manchmal schienen die Töne, wie wenn Sturmvögel ihr Lied schrieen im
Gewitter. Manchmal schien der Raum sich tief zu verdunkeln vor Einharts Augen,
dass er sich ermannen musste.
    Grosse Rätselkelche graufleckiger Lilien ragten im Dämmer von einem blanken
Marmortische, verbreiteten einen betäubenden Duft im Saale und schienen mit zu
leben ein stummes, nieverratenes Lebensgeheimnis.
    Verena sang und sang mit einer zärtlichen, stillen, selbstvergessenen
Leidenschaft. Sie sang Lied um Lied. Sie sah aus wie ein musizierender Engel,
von Meisterhand hingebildet, aber mit einer Seele, die sich wirklich regte und
mit einem roten Munde, der selber Musik war.
    Und Verena sang und sang. Und jemehr sie sang, desto reicher gewannen ihre
Augen und Mienen den Ausdruck einer lichten, reifen Kraft, einer tiefen
Zuneigung zu den Visionen ihrer Tongestalten. Dass sie allmählich völlig vergass,
wer um sie war. Dass nur ihr Blick manchmal noch den gütigen Blick Einharts
berührte, wie wenn sie sein reiches Leben mit ihrer Seele flüchtig grüssen
wollte, und auch wecken, und nicht binden.
    Ihre leisen Töne hauchten im Raume wie verwehende Gespinste. Ihre Tiefen
klangen wie harte Sprüche der Parze manchmal. Oder wie ein Echo in Gründen. Ihre
schluchzenden Melodiengänge waren Nachtigallen im südlichen Morgengeäst.
    Wie alle versunken waren und nicht erwachten!
    Auch Verena erwachte nicht aus dem Fest der Seele. Zart ist das Zarte dieser
Welt. Süss und köstlich. Es muss immer schweben. Es ist nie auf der Erde. Hat
nicht Fuss und hat nur Halt in der eigenen Wonne.
    Verena hatte dann nach Santuzzas Liebesklage plötzlich geschwiegen.
    Sie stand da und sah sich scheu um. Sie lächelte zur alten Gräfin hinüber,
die mit einer Träne im Auge zu ihr trat und ihr leise die heisse Wange strich.
    Verena sah in den Dämmerraum wie geblendet. Und sie errötete, weil alle noch
wie im Banne gehalten sich nicht rührten. Und weil auch Einhart dasass, die Hand
auf die Augen gepresst, und nicht zu erreichen war.
    An diesem Abend wagte Einhart nicht mehr, Verena sich zu nahen.
 
                                       12
Wer die Steppe kennt, liebt sie wie das Meer. Das Meer -: ehern anrauschend,
gewaltig wogend und schäumend, ewig in seiner Unruhe. Oder auch gebreitet wie
ein seliger Garten für schöne Meerfrauen, wenn die Fluten im Sonnenglanze sich
wärmen und mit den goldbraunen Tangen ihrer Leiber Glanz scherzend umspülen. So
breitet sich der gewaltige Mantel der Wasserwogen in rastloser Unruh und macht
das Menschenauge voll Schrecken oder voll Lachen.
    Aber die lautlose Schweigsamkeit ist der Steppe Geschenk, ewig quellend aus
der niegestörten Stille grenzenloser Fluren. Wer nur am Berghange den
Abendfrieden erhört, der mit sanften Glutfarben die Täler vergoldet, kennt nicht
den Hymnus, den die Steppe schweigt aus unerwecklicher, ewiger Schweigsamkeit.
Wer bloss Stummheit kennt, erhört noch keinen Ton jener ehernen Erdenruhe, darin
der Ruf des Vogels untersinkt wie ein Ring in die Flut, kaum gehört, schon
verloren.
    Siehe die Ruhe des lieblichen, roten Mundes, wenn Verena schweigt und kaum
nickt, ob zwar schon aus ihrer Seele ein Wunsch aufsteigt, gegen die Ruhe der
Schlafenden, deren Mienen in tiefer Verlorenheit schlummern und von milder
Erquickung sprechen.
    Die Ruhe der Schlafenden ist tief.
    Aber die Schlafende wird die feinen Lippen regen und wird erwachen.
    Die Ruhe des tiefsten Schlummers ist lebendigstes Leben gegen die Ruhe des
Toten, dessen Wesen vor unsern irdischen Augen erhaben eingesunken in die grosse
Stillung, die sich ihm plötzlich weit und entbindend aufgetan.
    Trachten und Tun ist Schlummers Ruhe gegen die Totenruhe. Ein rastloses
Zielsuchen gegen ein ewiges Gefunden. Ein Drängen und Tasten gegen eine nie
ausgeträumte Vollendung.
    Und so summt die Steppe die letzte Stillung. So tut sich der ewige Abgrund
Schweigen auf vor deinen Ohren. So kannst du lauschen und lauschen und erhörst
dir das Lied, das in alle jache Unrast der Zeit zum Troste gesungen dem Ringen,
dem Trotzen, dem letzten Sehnen der Liebe.
    Einhart pries es so. Einhart floh jetzt längst hier hinaus in das Schweigen.
Einhart floh durch Busch und Dickicht und konnte nicht mehr Halt finden. Es war
eine richtige Narrheit gekommen. Narrheit nannte er es, weil er jetzt zum ersten
Male seine grauen Haare fühlte.
    Es geschah, dass er mit seinem Skizzenbuche ausging, weil er um jeden Preis
allein sein musste. Es war nur reine Vorgabe. Er zeichnete oder malte gar nichts.
Er hatte längst vergessen, wer er war. Ein Meister nun schon gar nicht. Das
merkte er bald an der Not, in die er sich einspann. Darin mit Malen oder
Federstrichen durchaus nicht zu helfen war.
    Einhart war derart untätig und verträumt, dass er wie der Hirte draussen
stundenlang auf der Viehtränkrinne hocken und mit einem Grashalme spielen konnte
von Mittag bis Abend. Er hatte dann auch wirklich gar nichts gedacht. Oder alles
war nur flüchtig hingegangen vor seinen Augen. Manchmal auch ein Hohnlachen über
sich selber, wenn er an Verenas fromme, blonde Jugend dachte und nicht wusste, ob
sie ihn je mit ihren klaren, grauen Augen angesehen. Er träumte wahrhaftig jetzt
nicht, wie der Künstler träumte, schnell nur hin zu laufen und die Träume in
Farben einzufangen. Er träumte fortwährend die einzige, wirkliche Welt der
Einsamkeit vor sich, die Ruhe darin in der Weite der Grasflur, die eine lautlose
Welt, und sein Leben darin mit Verena.
    Denn Einhart sah Verena Tag und Nacht. Er sah sie fortwährend mit Augen vor
sich. Er sah sie in lichter, fliessender Schlankheit mit der verspäteten Blume in
Händen. Wie eine Liebende sah er sie. Wie eine Tätige sah er sie. Und seine
Augen und Sinne schufen sich ewig eine lange Geschichte Lebens und Wanderns mit
ihr. Dann lachten seine Augen und sein Mund hell in die Lüfte, ehe sie zu sich
kamen, wenn er Verena gegen die tiefen, reinen Lufträume der Steppe mit einem
Kinde im Arm hatte aufragen sehen.
    Unbegreifliche, jähe Kraft der Einbildung, die Einhart im Leben immer geübt.
Jetzt kam diese Kraft zum ersten Male mit eisernem Zwange und wollte das eigene
Leben aus sich erfüllen und bemeistern.
    Er lächelte gütig, wenn er merkte, dass er einen ganzen Tag so hingebracht.
Und dass auch im Dunkel seines nächtigen Zimmers im Schloss, wenn er nur einmal
aus Träumen von Verena die Augen aufschlagen würde, ihr Lichtbild, ihr schmales,
strenges Oval kühl und sanft im Dämmer schweben würde.
    Und Einhart erschrak buchstäblich, wenn die Zeit ihm wie einem verliebten
Jüngling verstrichen war. Also, dass die weiten Herden sich in der Ferne längst
umeinander gedrängt hatten, und er die Welt noch kaum grau in grau verschwinden
sah.
    Aber er sass und sass doch weiter auf der Hürde, fühlte den Äterhimmel wie
eine wasserklare Wölbung hoch über sich, und den Streifen Erde darunter ohne Mass
und Grenzen. Fühlte sich hoffnungslos kühl umfächelt und umflüstert in der
stillen Grasflur, darin noch Verenas dämmernde Gestalt wehte, die seine Seele
ewig in die Einsamkeit schuf. Und versank neu ratlos in die tiefste
Erstorbenheit der Steppennacht.
    An einem solchen Tage, den er nicht heimgekommen, war es, dass er erst spät
zernagt erwachte und sich mit Leide besann. Die Gräfin Schleh hatte ihn
ausdrücklich herzlich gebeten, zu kommen, weil sie noch einmal ein kleines Fest
im Schloss veranstaltet und Gäste aus der Nachbarschaft, auch Renaulds und
Verena gebeten hätte. Aber wie er nun war. Er ging nicht. Er ermannte sich
nicht. Er sass auf der Tränkrinne, von den Mäulern längst verlassen, die vor
einer Stunde und mehr um ihn geschnobert, und dachte nur, dass sie im Schloss
mit ihrem Feste allein fertig werden müssten.
    Und er gab sich um so inniger der kühlhereinbrechenden Stummheit hin, weil
er sein heisses Begehren noch einmal wie ferne klagen hörte mit dem schrillen
Schreie des Brachvogels, und untersinken nur noch wie Schatten der Dinge, die
allmählich im Raume zerflossen.
    So war die Nacht hereingebrochen.
    Der alte, in einen umgekehrten Schafpelz gehüllte Hirte war zu ihm getreten
und wies in die Ferne, wo ein bleicher Schein blinkte, und die schwarzen
Silhouetten einzelner Tiere sich gegen ein kleines Feuer erhoben.
    Da hörte auch Einhart, dass fröhliche Musik herklang, Zigeunermusik,
schluchzende Weisen, weit herübergetragen. Denn sie waren dem Dorfe und Parke
fern. Die Weisen verklangen über die graue Ebene unter dem blassgoldenen
Nachtschein.
    Es war eine Sehnsucht in den Lüften. Es ging eine Sehnsucht in den Gräsern.
Es ging jetzt eine nagende Sehnsucht aus Einhart.
    Er lauschte. Er machte lautlose Schritte. Er ging in der grauen Dämmernacht
hin, nachdem er dem Graubart mit tiefen, sicheren Blicken Lebewohl gesagt.
Schritt getrieben von den Tönen, die vom Schloss kamen. Eilte. Hörte die
Geigenklänge. Hörte das Cymbal durch Baum und Büsche herüber singen. Sah die
gotischen, hohen Fenster des Saales durch die Bäume herüberleuchten. Und trat
über Stufen hastig dem Fenster nahe.
    Man tanzte. Man war heiter. Alle waren festlich und heiter. Auch Verena. Die
Zigeuner, die in einer Nebentür des Saales um den Tisch mit dem Cymbal postiert
waren, spielten neu. Verena schwebte mit dem Grafen Karol, allen voran, in die
Runde der Frohen.
 
                                       13
Am andern Tage hatte sich Einhart entschlossen abzureisen. Als er es der alten
Gräfin mitteilte, war sie gütig und machte Versuche, ihn zurückzuhalten.
    Niemand ahnte, was in Einhart diese Tage vorgegangen. Man hatte seine weiten
Wanderungen durchaus nur hingenommen aus dem natürlichen Wunsche, die fremde
Landschaft und die fremden Leute darin genauer auszuspähen, und hatte nicht im
entferntesten eine Vermutung, dass Einharts Gemüt in einem richtigen Zerwürfnis
mit sich hingelebt.
    Und Einhart hielt sich fast streng und vermied auch nur das leiseste Wort,
das man auf eine solche Wandlung der Dinge hätte beziehen können.
    Die alte Gräfin, die am Morgen im Kaminzimmer vor den brennenden Scheiten
sass, obwohl draussen die Herbstsonne lau schien und zu den hohen Bogenfenstern
hereinfiel, starrte sehr verträumt und doch eifrig in die Flammen, so den Abend
der vergangenen Fröhlichkeit noch ferne im Blick vor sich sehend, und hatte
dabei Einhart immer wieder zu erzählen begonnen, wie schmerzlich ein jeder
Einzelne unter ihren frohen Gästen seine Abwesenheit gefühlt hätte.
    Aber Einhart blieb dabei, dass er heim müsste, und man beredete nur dann, dass
er den Morgen benützen möchte, um sich auf dem Nachbarschlosse zu verabschieden.
    Seine Gefühle waren brennend genug. Er wünschte heimlichen, jähen Verlangens
Verena zu sehen. Er musste um alles in der Welt die verzehrende Ungewissheit
seiner Seele ertöten, die einen hohen Grad krankhafter Kümmernis angenommen. Und
er hatte es wohl erwogen, dass, wenn er in den Morgenstunden käme, es gelingen
würde, mit Verena allein zu sprechen. Aus ihren Augen, aus ihren Händen, aus
ihren Worten oder aus ihrer Stummheit, aus irgend einem Zeichen es zu lesen, was
ihn auch nur beim fernen Ahnen mit ruheloser Zerrissenheit neu erfüllte.
    Gegen elf Uhr fuhr der gräfliche Wagen vor das Schloss, um Einhart dann zu
Renaulds hinüber zu fahren. Einhart stieg in den Wagen mit sehr vornehmer Ruhe.
Er hatte sein ganzes Weltmannstum wie seinen dunklen, vollen Mantel um sich
geworfen und schritt hochaufgerichtet. Schon die Stufen herab kam er wie ein
Grandseigneur und liess sich vom Diener die grosse Pelzdecke sorgfältig um die
Füsse hüllen.
    Aber wie es bei Einhart manchmal geschah: Im Wagen, in der inbrünstigen
Bewegung seiner Ideen, hatte er alle Rücksicht auf Besuch und Abschied bald
hinter sich gelassen. Es war in ihm nur der eine Gedanke noch herrschend
geblieben, wie er die zarte, junge Verena sehen würde. Die Neugierde seines
Herzens und seiner Augen war so hitzig und erregt geworden, dass er nur noch
wünschte, so schnell wie möglich in die graudunklen Augen zu sehen, in den Grund
dieser Augen, in Verenas Seele, und aus der leisen Stimme eine Entscheidung über
sein Leben einzusaugen.
    So war er beim Ankommen nur eilig die Stufen im Treppenhause
hinaufgestiegen, und hatte hastig gewünscht, dass man ihn Frau von der Trau
melden möchte.
    Es gab auch gar kein Staunen der Diener weiter, die in ihren bunten Livreen
in dem lichten Treppenhause herumstanden. Auch gar kein Besinnen in Einhart.
Sein Auge brannte so bestimmt und herrisch von seinem Verlangen, er hatte eine
so befehlende Sicherheit, als er emporschritt, dass niemand an etwas Sonderliches
in seiner Absicht sich zu denken vermass.
    Verena empfing ihn fast zärtlich. Wie Einen, den sie mit viel Ahnung von
Gutem zutraulich ansah. Ihre grauen Augen hatten eine sanfte Zurückhaltung, die
vom frühen Morgen herrührte. Als wenn sie sich noch nicht ganz zu sich und der
Welt eingefunden. Sie sah äusserst lieblich aus. Die aschblonden Scheitel hingen
noch weicher und loser um die kleinen Ohren und gaben ihr eine sehr wohlige
Jugend.
    Ihre Augen gewannen gleich eine leuchtende Wärme, als sie Einhart angesehen.
    Sie trug in schlanker Gestalt eine glatte, goldgelbe, fliessende
Sammetgewandung und hatte ausser der Perle auf ihrer klaren Stirn nichts von
Schmuck angetan.
    Einhart war wie erstarrt in ihren Anblick. Es erstarb in ihm alle Hast. Er
besann sich dann und fing an Worte zu machen.
    Aber Verena lächelte ihn so ahnungslos gütig und zerstreut an, bat ihn so
arglos auf das kleine, zierliche Sofa mit den goldenen Lehnen und den grossen
Silberblumen im rosa Felde, das mitten im Zimmer stand, hockte sich so sanft und
froh über seinen Besuch vor ihn in einen der blumigen Fauteuils, dass in Einhart
alles wie plötzlich in eine richtige, tiefe Zärtlichkeit einsank.
    »Oh mein Gott, lieber Meister!« sagte sie. »Es wird uns allen ganz bange,
wenn Sie jetzt wirklich wieder von uns gehen.«
    »In allen lassen Sie Ihr Herz zurück,« sagte sie so ahnungslos und klar, als
wenn sie von etwas ganz Fernem spräche.
    Und dann begann sie ganz zutraulich und redselig zu erzählen, wie seine
reiche Art die Welt zu sehen, ihr Trauer und Trübsal von der Seele genommen und
sie zu einem froheren Leben neu wachgerufen.
    »Meine sehr liebe Frau Verena,« sagte Einhart und versuchte, sich aus seiner
besonderen Lage aufzurichten, ohne noch gross an seine inneren Erwartungen sich
zu erinnern.
    Aber Verena lächelte kindlich zärtlich.
    »Sie nennen mich mit dem Vornamen,« sagte sie ganz fröhlich. »Oh Meister
Einhart,« sagte sie. »Sie haben mir viel Gutes getan. Wissen Sie das?«
    Einhart staunte Verena mit grossen, funklen Blicken an und erwartete jetzt
jedes ihrer Worte.
    »Ich will es Ihnen nur offen sagen, dass Sie mir lieb geworden sind, wie ein
Vater,« sagte sie. »Sie haben mich herausgelockt. Ihre Worte klangen mir wie ein
Sturmwind, der mir in die Seele fuhr, und allerhand welkes Laub verjagte. Nun
lebe ich wieder neu. Nun lebe ich wieder und singe ich wieder. Und beginne mich
einzufinden in diese Welt.«
    Einhart hörte die Stimme und sah diese ahnungslose Zärtlichkeit ihm
zugewandt, sah die fromme, jungfräuliche Jugend plaudern wie ein Kind voll
Zutrauen zu ihm, wie zu einem sicheren Hüter über den Tälern. Und er sah mit
einfältigen Augen ewig auf den flaumigen, roten Mund, der mit der Güte eines
schwesterlichen Vergnügens jetzt auch Erinnerungen hinsprach und wie von fernem
Schicksal neu angerührt allmählich sich strenger zusammenzog.
    »Ich habe viel verloren trotz meiner Jugend,« sagte Verena. »Ich habe mein
höchstes Gut verloren, Meister. Ich habe lange geweint, wie ich endlich weinen
konnte. Und bin dann wieder hingegangen in Erstaunen. Ich habe das Schönste
verloren, was das Herz kannte. Was sind Namen? Das Köstlichste auch zur
Entfaltung des eigenen Lebens. Ich dachte, ich könnte es nicht ertragen. Ich
wollte, wie der Tod im Hause stand, um jeden Preis mit dem Geliebten ins Grab
gehen. Ich hätte mich auf den Scheiterhaufen gestellt und hätte Feuer und
Flammen nicht gefühlt. Jetzt ist die Zeit der Wehmut gekommen. Dass ich jetzt
wieder neu zur Erinnerung meiner Liebe leben kann. Zu seiner Erinnerung kann ich
jetzt wieder tätig sein. Das danke ich Ihnen. Ihrer freien Art, die Welt zu
sehen.«
    »Wissen Sie, Meister, wie Sie so sprachen auf der Weide? Es kam wie ein
Gesang in meine Seele, dass es auch in mir wieder den Gesang weckte.«
    »Und alles, was ich jetzt tue, tue ich wieder gern,« sagte Verena mit frohem
Tone. »Was ist es? Der geliebte Freund lebt. Er ist irgendwo. Er macht eine
Reise. Er lebt irgendwo fern. Ich tue alles zu seinem Gedächtnis. Das kann ich
jetzt wieder. Ich kann wieder ein tätiger, liebender Mensch sein.«
    So plauderte Verena gütig und zutraulich.
    Einhart hatte ein paarmal nur unwillkürlich tief Atem geholt und als wenn er
seufzte. Er staunte Verena versunken an. Sie pries ihre Liebe. Sie war
glücklich, weil sie an den Geliebten dachte. Einhart hatte ganz vergessen, wo er
war. Es quoll in ihm etwas auf, was wie Lachen und Schluchzen kam. Er küsste ihre
beiden Hände, als sie vor ihm stand, und die weissen, weichen, frommen Hände ihm
zutraulich, wie ein Kind dem Vater hinhielt. Er beugte sich und küsste auch den
Saum ihres Kleides in einer fast hündischen Demut, weil sie wie eine Heilige vor
ihm schien, die ihre innerste Seelenliebe hütete, wie eine Vestalin das reine
Feuer. Er war so zernagt und beglückt und erhoben von der reinen Seligkeit ihrer
Erinnerungen und ihrem kindlichen, neuen Leben, dass er Verena noch einmal mit
Leidenschaft angesehen, ihr ganzes, stilles, reines Bild eingesogen und dann
hinaus war, als wenn er die heilige Jungfrau in Person gesehen und ihre
Berührung gefühlt hätte.
    So war Einhart. Die Kraft seiner Gesichte hatte ihn im Leben noch immer
bewältigt. Ihn ganz ausgefüllt und ihm die Besinnung genommen. Und eine höhere
Besinnung ins Blut einverleibt als innerstes Ereignis.
    So hatte er von dem Traum Verena Abschied genommen.
 
                                       14
Einhart hatte sich von allen Gästen im Schloss und von der alten, gütigen
Gräfin Schleh verabschiedet. Er wollte in der Nacht gegen die Morgenfrühe
abreisen, um auf einer entfernteren Station der weiten, gräflichen Herrschaft
den Eilzug rechtzeitig zu erreichen.
    Die alte Gräfin hatte Einhart einen eigentümlichen, fremden Gram in seinem
sammetdunklen Auge wohl angefühlt. Und sie war noch gütiger und gewinnender
gewesen, mütterlich und sanft.
    Als er alles mit dem Kammerdiener zusammen in seine Koffer eingeordnet
hatte, lief er spät noch einmal in die Weiden hinaus.
    Es war schon Nacht. Die Lüfte strichen in Einharts Gesicht mit leisem
Berühren. Dann und wann hatten Äste im Park geknackt. Und die Sterne hingen wie
Diamanten in den kahlen Bäumen.
    Als Einhart auf der Ebene stand, hörte er einen Vogelruf verhallen. Ein
Feuer brannte fern, dessen Flammen leicht aufflogen und vergingen. Spärliche
Worte erstarben über die tote Grasflur her. Die Gesichter einiger ferner Hirten
waren warm beschienen.
    Einhart war langsam auf das Feuer zugegangen. Seine Erinnerungen verhallten
hier ins Ungewisse. Man war ehrerbietig, erhob sich und schwieg, hielt die Hüte
in den Händen und lächelte.
    Auch Einhart lächelte.
    Schwarzbärtige Hirten, eine kleine Schar, auch Alte mit Wollhaar und in
graue Pelze gehüllt. Man hatte einen rauchigen Kessel über dem Feuer hängen. Man
sog an der Pfeife und blies Rauch aus. Irgendwoher rief und rief ein junger
Hengst mit Wiehern. Die Fluten der Nachtluft strichen lau über die Steppe her
und wehten sanft um.
    Einhart hatte sich längst niedergeworfen an dem Feuerkreis und den Hirten
geheissen, ein Gleiches zu tun. Es war eine Verlassenheit der beglühten Häupter
ohnegleichen und eine Verlassenheit des lohenden, knisternden Feuerbrandes.
    Ein alter, grauhäuptiger Hirte, der seinen Hut fortwährend im Schosse drehte,
erzählte lässig vom gespenstigen Steppenreiter. »Wild wie der Wind treibt er um.
Zerzauster Mähne, zerzausten Schweifes kommt er gejagt. Ist da. Sein Mantel
flattert. Sein Haar flattert. Eine Miene wie graue Steine. Augen hat er starr
und sehnsüchtig in Höhlen liegen. Manchmal ruft er. Düstere Rufe. Er pfeift
unsichtbaren Gesellen. Er pfeift einer unsichtbaren Meute, die um ihn her heult.
Schaurig geht es um ihn. Seine Augen können glimmen wie verzehrende Feuer.«
    Auch Einhart sass jetzt in der Wildnis so recht heimatlos umgetrieben. Dass
alle die Jungen und alten Häupter rings ihn scheu und ehrerbietig heimlich
betrachteten. In allen ging dumpfe, stumme Sehnsucht um.
    Der volle Mond stieg wie ein stumpfes Rosenfeuer in den Dämmerdunst der
Nacht. Fern und gross hob sich die glühe Scheibe lautlos und ohne Strahlen über
den Rand der Erde. Tief war die Stummheit. Die rauhe Stimme des alten Erzählers
erstarb unter den starren Blicken im Feuerschein.
    Ein Tier in der Ferne jagte hin. Ein junger Hengst, der unruhig eine Strecke
aufgescheucht.
    Wie ein dunkles Monument, so dünkte es Einhart, weil das Tier näher kam. Wie
einer weiten mächtigen Freiheit Göttersohn schien es.
    Der wilde Hengst wieherte. Es antwortete wiehernd in der Runde.
    Der Mond begann höher und höher in die graue Nacht emporzuziehen und
Strahlen zu spenden in die tiefe Schweigsamkeit.
    Einhart hatte vergessen, dass er schon in der nächsten Stunde zurückkehren
müsse in eine andere Welt.
 
                                    Ausklang
 Einhart hatte graue Haare, die allmählich weiss wurden.
    In seinem Hause vor der Stadt, das in einem alten Garten lag, war die
Vorhalle weiss getüncht, und es standen wenige Marmorbildungen in Nischen. Und
seine Räume waren hoch und still, darin nur einige Bedienstete umgingen und eine
alte Schaffnerin.
    Einhart war ein Meister geworden, der in hohem Werte stand. Toren, die
Glossen machten über manche seiner Weisen, gab es wie immer mehr wie Kenner.
Aber sehr viele spürten auch jetzt längst das Glück heraus, dem Einharts Seele
sehnsüchtig nachgetrachtet, je mehr er die eigenen Brunnen ergraben.
    Einhart war in späteren Jahren noch vollends ein Einsiedler geworden, ein
Eremit ohne Kutte, und ein rechter Sinnierer. Nicht etwa, wie Einer, der mit
Begriffen sinnt, also, dass in der Seele nur Namen schwirren, dass das innere Auge
nichts sieht als Grau in Grau, und das Ohr hört Worte hallen. Er hatte immer
heitere Gesichte seines inneren Auges und hörte die Dinge aus sich tönen.
    So konnte Einhart in seiner vereinsamten Schau sitzen, wie ein Derwisch vor
einem Blumenkeim, bis aus der schwarzen Erde die Blume selber aufstieg, die er
heiter erwartete.
    Einhart war selten mit Menschen zusammen.
    Ausser mit Poncet.
    Viele waren auch gestorben.
    Aber die Kinder seiner Nachbarschaft kannten ihn alle. Er lächelte jedes an
und spasste mit ihm. Erzählte lustige Sperlingsschwänke und deutete ihnen in
gütigem Geplauder Sträucher und Sterne. Das Auge jedes, auch des kleinsten
Jungen leuchtete und erwartete eine Freude, wenn Meister Einhart noch immer mit
dem heiteren Funkelblick die Strasse kam, noch immer schlank und gehalten und von
einem paar gelber, zottiger, schlanker Schäferhunde begleitet, die ihm die
Gräfin Schleh noch geschenkt hatte.
    Und Poncet war immer noch sein Freund.
    Der war auch grau geworden und auch weise. Wenn die beiden am Winterabend im
Atelier Einharts vor einem hohen Kaminfeuer sassen und nur dann und wann der eine
oder andere in die Stille hinein plauderte, erinnerten sie sich an viel
vergangenes Leben. Auch an manche Zerwürfnisse, als wäre es jetzt ein Gut.
    »Man muss doch sagen, dass das Leben Weisheit hat, mindestens wie ein guter
Tonsetzer,« sagte Einhart. »Wenn man es nur aufzuspüren versteht.«
    »Mir scheinen jetzt auch viele Schmerzen in der Rückschau sonnenklar
aufgelöst,« sagte dann Poncet.
                                     * * *
    Später, als Einhart schon auf die Siebenzig zuging, begann er eine
leidenschaftliche Erinnerung neu zu fühlen. So dass er wochenlang nicht ans Licht
kam. Er sass und radierte allerhand Szenen aus dem Steppenleben, einen ganzen
Reigen phantastischer Blätter, darin allentalben ein gespenstiger Reiter und
eine heilige Frau mit Verenas Zügen umging.
    In solcher Vertiefung in die eigene Schau einer weiten Welt, die an ihm
vorübergegangen, also dass er gebeugt dasass, wie ein lächelnder Hieronymus im
Gehäuse, schwanden ihm seine Jahre hin. Indes ihn die Welt von ferne als Meister
pries.
    Kein Uneingeweihter fand Zutritt in Einharts Werkstatt. Nur dass noch lange
Jahre daraus reiche, satte Schöpfungen gingen, die vor seinem Auge zum eigenen
Staunen aufgewachsen, wie auf einem gepflügten Acker einsame, seltene
Blumenkelche.
                                     * * *
    »Ich war einer, der aus der grau in grauen Welt Helligkeit auffing, Licht,
Sonne, weil ich einmal als Kind die Sonne gesehen in blonde Mädchenhaare fallen
und sie beglänzen. Seitdem liebte ich das Fest der Mühsal, den Glanz der
irdischen Dinge,« sagte er oft.
    Oder er sagte auch: »Ich hatte manche Enttäuschung. Die Dinge und wir selber
narren uns oft. Es ist viel Torheit in unseren Geschäften. Und manchmal ist das
Blut herrschsüchtig, wie ein Tyrann. Aber es gibt auch viel Trost.«
    Einmal sagte er:
    »Zwanzig Jahre und mehr hatte ich als Künstler gelebt und nicht begriffen,
dass unser tiefstes Leben nur leben will ohne Rest und ohne Spiegel.
    Johanna starb und hinterliess mir diese Wahrheit.
    Aber ich begriff sie noch lange nicht.
    Das Leben will nicht Belehrung sein, nicht Zwecke haben, nicht Gabe werden,
nicht bestimmt sein von tausend Blicken hier hin und dort hin. Adam und Eva noch
immer in der weiten, einsamen Steppe, hungrig nacheinander, sehnsüchtig nach
Mitfreude, sehnsüchtig nach MitLeiden, hungrig nach Hoffnung, hungrig nach
Zukunft. Weil über alle Dränge der Seele auf Erden der Tod sein Zeichen schrieb.
Das ist es.«
    Und er sagte dann auch: »Verena heisst diese Weisheit. Verena, die vor mir
vorüberging ohne Acht, dass sie mir für immer die alte Ursehnsucht zurückliess.«
                                     * * *
    Als Einhart Selle im Sarge lag, nachdem er an einem Morgen nicht mehr aus
tiefem Schlafe die Augen aufgetan, sah er aus wie einer, der das Leben lächelnd
ansieht von hoch auf der Kommandobrücke. Wie ein Kapitän sicheren Blickes. Oder
ein Lotse, der durch tiefe Gewässer fährt. Er war wie jung geworden. Er sah
schön aus. Die abgrundtiefe Ruhe lag in seinen bleichgrauen Zügen. Weil ja die
Augen fest geschlossen waren.
    Und doch lag in seinen Augen auch das ganze, freie, sieghafte Lächeln, womit
er über den Häuptern in die fernsten Fernen sah, dahin er fortzog.
    So ist er allen erschienen, ehe man den Sarg über ihm schloss.
    Man begrub ihn. Viel neugieriges Volk und viele Freunde seiner Kunst standen
dabei. Einige redeten trauernde Worte in die Luft über seinem Grabe und rühmten
einen Einsamen.
    Einhart wollte nicht verbrannt, er wollte begraben sein. Er hatte oft
gelacht:
    »Nachdem meine Feuer Flammen geworden, die sich auf die Lippen des
unbekannten Gottes setzten, mag meine Erde wieder zu Erde werden.«
    Und er hatte auch oft in den letzten Jahren das Volkslied schalkisch
lächelnd im Munde gehabt:
»Wohl unter den Röslein, wohl unter dem Klee,
darunter verderb ich nimmermeh'!«
    Man warf ihm Kränze und Erde nach, die auf seinem Sarge polterten. Und aller
Augen starrten wie klare Steine vor sich hin. Alle wussten, dass seine Grabschrift
also lauten sollte:
»Denn jede Träne, die dem Auge entquillt,
macht, dass mein Sarg mit Blute sich füllt.
Doch jedesmal, wenn du fröhlich bist,
mein Sarg voll duftender Rosen ist.«
 
    