
        
                                  Ludwig Toma
                                  Andreas Vöst
                                  Bauernroman
                                  Erstes Kapitel
Es war ein schöner Herbsttag.
    Die Sonne war gelb wie eine Butterblume und sah freundlich auf die
abgeräumten Felder herunter, als betrachte sie behaglich die Arbeit, welche sie
den Sommer über getan hatte.
    Und die war nicht gering. Selten war eine Ernte besser geraten, und die
Sonne hatte an vielen Tagen ihre Strahlen herunterschicken müssen, bis die
schweren Ähren gereift waren. Und wieder hatte es Wochen gedauert, bis die Halme
am Boden lagen und bis die hochbeladenen Wagen ihre Lasten in die Scheunen
gebracht hatten.
    Nun war es geschehen, und in allen Tennen schlugen die Dreschflegel den
Takt; hier und dort trotteten geduldige Pferde an den Göpeln im Kreise herum,
und im Hofe des Hierangl fauchte und pfiff eine Dampfmaschine. Überall war
fleissiges Treiben, und wenn die Sonne mit einem freundlichen Stolze darüber
lachte, so hatte sie recht, denn es war ihr Werk, und es war ihr Verdienst.
    Die Dorfstrasse von Erlbach lag still und verlassen; die Menschen hatten
keine Zeit zum Spazierengehen, und die Hühner liefen als kluge Tiere um die
Scheunen herum, wo sie manches Weizenkorn fanden.
    Einige Gänse sassen am Weiher, streckten die Hälse und stiessen laute Schreie
aus; das taten sie, weil sich die Türe eines kleinen Hauses öffnete und zwei
Männer heraustraten.
    Der vordere trug einen Pickel auf der Schulter, der andere eine Schaufel,
und sie gingen gegen die Kirche zu, in den Friedhof.
    Die eiserne Gittertür kreischte und fiel klirrend ins Schloss. Nun konnte es
jeder wissen, dass die beiden Totengräber waren, und dass an diesem schönen Tage,
mitten in dem emsigen Leben, ein Mensch gestorben war.
    Die zwei blieben nicht im Friedhof, sie stiegen über die niedrige Mauer und
fingen neben derselben in einem verwahrlosten, kleinen Grasflecke zu graben an.
    Das war ungeweihte Erde, in die man Selbstmörder und ungetaufte Kinder legt.
Es hatte sich aber kein Erlbacher selbst entleibt, sondern das neugeborene Kind
des Schullerbauern Andreas Vöst war unter den Händen der Hebamme gestorben.
    Diese Person hatte nicht die Geistesgegenwart, sogleich die Nottaufe zu
vollziehen; die Mutter war bewusstlos, und sonst war niemand anwesend, denn alle
Hände waren zur Arbeit aufgeboten.
    So geschah es, dass die kleine Vöst nicht in den Schoss der heiligen Kirche
gelangte und als Heidin nach einem viertelstündigen Leben verstarb.
    Ich weiss nicht, ob der liebe Gott den unchristlichen Zustand eines Kindleins
so hart beurteilt wie seine Geistlichen, aber das eine ist gewiss, dass es nicht
in geweihter Erde ruhen darf, worein nur Christen liegen; darunter manche
sonderbare.
    Also deswegen warf der Totengräber Kaspar Tristl mit seinem Sohne neben der
Kirchhofmauer die Grube auf.
    Er nahm den Hut ab; jedoch nicht aus Ehrfurcht, sondern weil es ihm warm
wurde.
    Er wischte sich mit dem Hemdärmel über die Stirn und sagte:
    »Wenn er g'scheit g'wen woar, hätt er g'sagt, dass er eahm selm g'schwind
d'Nottauf geben hat.« - Er meinte den Schuller.
    »Ja no,« sagte der Sohn und schaufelte gleichmütig weiter.
    Der Alte spuckte in die Hände und brummte:
    »Eigentli is 's dumm.«
    Dann arbeitete er wieder drauf los, und nach einer Weile war das Grab
fertig. Es war klein und unansehnlich. Und da die Erde nicht sorgfältig daneben
aufgeschichtet war, sondern mit Grasstücken untermengt herumlag, sah es recht
jämmerlich aus.
    Tristl dachte wohl, dass es für ein Heidenkind schön genug sei, und er stieg
bedächtig über die Mauer zurück. Es war spät geworden; die kleinen Holzkreuze
der Armen lagen im Schatten, aber auf die hohen Grabsteine schien die
Abendsonne, und die goldenen Buchstaben glänzten schier heller als am Tage.
    Die Reichen haben es überall besser.
    Der Totengräber ging mit seinem Sohne durch den Friedhof.
    Als er draussen war, sah er einen Mann mit raschen Schritten gegen den
Pfarrhof zueilen.
    »Aha!« sagte er, »der Schuller geht zum Pfarrer. Dös werd eahm weng helfen.«
    Und er setzte hinzu: »Eigentli is 's dumm, dass a jeder Spitzbua drin liegen
derf, und an unschuldig's Kind net.«
Der Pfarrhof von Erlbach ist ein schönes, stattliches Gebäude, zwei Stockwerke
hoch, jedes mit sechs Fenstern nach der Strasse hinaus. An der hellgetünchten
Mauer rankt üppige Klematis hinauf und gibt dem Hause ein freundliches Aussehen.
    Davor liegt ein Blumengarten; so bunt, wie es der Geschmack hierzulande
liebt. Rote und gelbe Georginen, blasse Malven, dazu Astern in allen Farben sind
in reichlicher Fülle da.
    Die Beete sind mit Reseden eingefasst, und am Zaune bemerkt man auch eine
Blume mit braunem Sammetkleide. Man heisst sie die schwäbische Hoffahrt.
    In der Mitte des Kiesweges, welcher zur Türe führt, ist ein Springbrunnen;
daraus steigt ein Wasserstrahl in die Höhe, nicht dicker als eine Stricknadel,
und fällt mit einem kaum vernehmlichen Plätschern nieder. Es ist ein Ort der
Beschaulichkeit. Und darüber liegt eine Ruhe, welche dem heiligen Charakter des
Hauses angemessen ist.
    Der Pfarrer wandelt hier mit ruhigen Schritten, während er im Gebete
versunken ist; und der Kooperator geht so leise herum, dass man das Schmatzen
seiner Lippen hört, wenn er sein Brevier liest. Ein gottseliges Wesen ist in der
Luft und dringt durch die Fenster und Schlüssellöcher. Unsichtbare Englein
fliegen herum, durch keinen rauhen Lärm verscheucht.
    Alle Türen klinken leise ein, und die fleischlichen Menschen schlürfen auf
Pantoffeln durch den gewölbten Gang.
    An allen Wänden ist Frömmigkeit, nichts als Frömmigkeit.
    Hier hängt das Bild des Erlösers mit der Dornenkrone. Dicke, rotgemalte
Blutstropfen stehen auf seiner Stirne und rinnen über den goldgestickten
Krönungsmantel herab; dort ist Maria zu erblicken, die ihr Antlitz schmerzlich
zum Himmel richtet. Aus ihren Augen fliessen reichliche Tränen, und in ihre Brust
sind spitzige Schwerter eingebohrt.
    Darunter steht: »Heilige Maria, Mutter des Welteilands. Meines Herzens
sehnlichster Wunsch und Gebet ist, dass mein Volk selig werde. Amen.« Über einer
anderen Tür ist ein grosses Herz gemalt, und wieder fallen Blutstropfen hernieder
über die helle Wand. In grossen Buchstaben liest man geschrieben: »Süsses Herz
Jesu, sei meine Liebe!«
    Neben der Treppe ist ein kleiner Altar aufgebaut; davor leuchtet eine rote
Ampel still und feierlich in dem Frieden dieses Hauses.
    Aber heute wurde es mit einem Male laut. Jemand riss heftig an der Glocke,
dass sie durch den Gang schrillte, und als die Köchin Maria Lechner beim Öffnen
der Türe den Ruhestörer zurechtweisen wollte, stapfte er schon an ihr vorbei auf
genagelten Stiefeln.
    Die Schritte hallten an den Wänden wider, und bei dem ungewohnten Lärm
zitterten die Heiligenbilder in ihren Rahmen, und die Englein flüchteten
erschrocken durch das geöffnete Fenster.
    Auch Fräulein Lechner war aus ihrem Gleichmasse gebracht; während sie sonst,
wenn Besuch kam, die Hände sittsam zum Gebete faltete, stemmte sie diesmal die
Arme in die Seiten und fragte mit fetter Stimme: »Was ist denn das für ein
Lümmel?«
    Es war Andreas Vöst, der Schullerbauer von Erlbach, und er stiess jetzt an
alle Stufen an, dass die alte Stiege krachte und seufzte. Denn sie war an solche
Tritte nicht gewöhnt.
    Oben unterbrach der Kooperator sein Gebet und schaute entsetzt auf den Gang
hinaus. »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte er; der Schuller achtete nicht darauf
und ging weiter bis zur vordersten Türe.
    Er hatte kein Empfinden für die Heiligkeit dieses Hauses, er klopfte mit
groben Knöcheln an und wartete kaum auf das »Herein«. Und drinnen stand er
breitbeinig vor seinem Seelsorger und sah ihn mit Blicken an, die keine Demut
verrieten.
    Herr Georg Baustätter, Pfarrer in Erlbach und Kämmerer des Kapitels
Berghofen, ging ihm entgegen und lächelte. Aber es lag Trauer in diesem Lächeln.
    Und er sagte: »Ich weiss, warum Ihr kommt, Vöst.«
    »Dös is net schwaar zum derraten,« erwiderte der Schullerbauer, »also is 's
jetzt soweit, dass ma dös kloa Kind eigrabt, als wia r' an Hund?«
    »Es ist die Vorschrift unserer heiligen Religion.«
    »So, heilig is dös?«
    »Werdet nicht heftig!« sagte der Pfarrer und sah auf seine gefalteten Hände
nieder, »ich bin doch heute morgen bei Euch gewesen und habe Euch alles
auseinandergesetzt.«
    »Ja, aba i hab gmoant, es kunnt no anderst wer'n. Jetzt hat da Kaspar scho
's Loch aufgraben. Mei Knecht hat'n g'sehg'n.«
    »Wir dürfen über die Gesetze unserer Kirche nicht murren; wir müssen
bedenken, dass sie unsere Mutter ist und unser Bestes will ...«
    »Und mi müassten ins no bedanka ...«
    »Unterbrecht mich nicht! Es geht Euch wie dem Sohne, der die Strenge der
Mutter fühlt, aber nicht sieht, dass sie heilsam ist.«
    »Also is jetzt da gar nix mehr z'macha?«
    »Wir wollen hoffen, dass Gott dieses Kindlein in den Vorhof der Seligkeiten
gelangen lässt; wir wollen darum beten, aber es steht nicht in unserer Macht,
dasselbe in geweihter Erde zu begraben.«
    »Aba sinscht grabt's an jeden ei, und bal oana köpft werd, nacha grabt's 'n
aa 'r ei, und bal ...«
    »Ihr versündigt Euch, aber ich will es verzeihen, weil Ihr schmerzlich
bewegt seid.«
    »I hab koan Schmerz durchaus gar net,« sagte der Schuller und zog seinen
ledernen Geldbeutel aus der Tasche. »I hab durchaus koan Schmerz net. Was
koscht's, bal 's Kind in Freitof a richtig's Grab kriagt?«
    »Es sind Worte genug geredet, Vöst. Geht jetzt heim!«
    Die Stimme des Pfarrers klang noch immer sanft, aber seine Augen waren
zornig.
    Der Schullerbauer achtete es nicht.
    »Wos?« sagte er, »ös mögt's mei Geld aa net? Dös muass des erscht Mal sei,
dass a Bauernmensch sei Geld net o'bringt.«
    »Geht heim, Vöst! Ich sage es zum letztenmal. Eure Gesinnung ist mir nicht
unbekannt; ich weiss wohl, in welchem Hause die schlechtesten Reden geführt
werden, und wo der Geist der Auflehnung waltet.«
    Der geistliche Hirte war heftig geworden, und er hatte alle Sanftmut
verloren. Er hielt seine Hände nicht mehr gefaltet, sondern streckte die Rechte
gebieterisch gegen die Türe aus. Der Schuller blickte ihn an.
    Nicht ängstlich und nicht zornig. Die Ruhe kam über ihn; gerade, als wäre er
zufrieden damit, dass die geistliche Milde verschwunden war.
    Und er redete ohne Aufregung.
    »I geh' scho, Herr Pfarra. Sie hamm g'sagt, dass S' mi kenna. I kenn Eahna 'r
aa, recht guat kenn i Eahna. Und i woass aa, warum's g'rad bei mein Kind so
hoakli is mit da Tauf.«
    Er ging zur Türe und hatte schon die Klinke in der Hand. Da drehte er sich
noch einmal um.
    »Dös möcht' i no sag'n, Herr Pfarra. I bin net z'wegen meiner da herganga.
Es is g'rad weg'n der Bäurin g'wen. Sinscht hätt'n S' mi wohl net g'sehg'n.«
    Und nach diesen Worten ging er. Als er auf den Gang hinaustrat, stand der
Kooperator wenige Schritte entfernt, und Fräulein Lechner huschte eilig in ein
Zimmer.
    Vöst merkte es nicht, weil ihm zuviel im Kopfe herumging. Und so entging ihm
leider auch die Frömmigkeit des Herrn Kooperators, welcher eifrig in seinem
Gebetbüchlein las und mit halblauter Stimme den Inhalt vor sich hin sagte.
    »Beschämung meiner selbst ... Unglückseliges Gedächtnis! Wie viele boshafte
Gedanken hast du zugelassen! Unglückseliger Wille! Wie viele unordentliche
Begierden hast du ausgekocht! O Sünde! Wie lieblich scheinest du, da man dich
begeht! Wie bitter und abscheulich bist du, nachdem du geschehen ... Ja ... ich
schäme mich ...«
Den anderen Tag in aller Frühe wurde das Heidenkind begraben. Keine Glocke
läutete, und kein Priester sprach ein Gebet.
    Die Hebamme trug den kleinen Sarg; hinterdrein gingen der Schullerbauer, der
alte Weiss und der Haberlschneider.
    Sonst war niemand dabei.
    Der Totengräber Kaspar legte den Sarg ohne viele Umstände in die Grube und
warf Erde und Gras darauf.
    »Koa Kreuz derf ma net hi'stecken?« fragte der Schuller.
    »Na,« sagte der Kaspar, »dös geht gar it. Was moanst denn?«
    »Nacha net. Jetzt is scho gleich. Geat's zua! Mi hamm da nix mehr z'toa.«
Vöss drehte sich um und ging. Die anderen, folgten ihm.
    In Erlbach redete man ohne grosse Aufregung über die Begebenheit. Die Weiber
hatten Bedauernis mit der Schullerin, weil ihr das Kind so unversehens
weggestorben war, und bloss ein paar recht Fromme wussten es zu tadeln.
    Am ärgsten die Bäcker Ulrich Marie; aber die konnte sich nie genug tun mit
der Frömmigkeit. Sie war bei der Bruderschaft vom blauen Skapulier und beim
Verein der heiligen Kindheit, und machte jeden Montag den heldenmütigen
Liebesakt für die armen Seelen. Da musste ihr das Heidnische weh tun.
    Die Männer in der Gemeinde dachten nicht viel darüber nach, wie es mit dem
Kinde im Jenseits bestellt sei.
    Ihnen lag das Weltliche im Sinn, und sie meinten, dass es zuwider sei für
einen achtbaren Mann, wenn eines so ohne Sang und Klang und neben hinaus
begraben wird. Mancher glaubte, der Pfarrer hätte es nicht mit jedem so streng
gemacht.
    Man wusste, dass er eine heimliche Feindschaft gegen den Schuller hatte. Die
stammte von der Zeit her, wo der Pfarrer einen neuen Kirchturm bauen wollte. Er
hatte den alten Linnersteffel und den Hanrieder überredet, dass sie etliche
tausend Mark für den Bau ins Testament einsetzten. Aber es langte nicht, und da
wollte er die Gemeinde überreden, dass sie Geld für den Bau hergebe. Selbiges Mal
redete der Schuller dagegen; er sagte auch, dem Linnersteffel sein Sohn hätte
das Geld wohl brauchen können, das der Alte auf dem Sterbbett herschenkte.
    Der Pfarrer wurde rot über das ganze Gesicht und wieder schneeweiss. Er
sagte, dass es schlecht aussehen müsse in dem Herzen eines Mannes, der den
Priesterstand verunehre. Aber er wolle es verzeihen, wenn nur das gute Werk
gelinge.
    Das gelang jedoch nicht, denn durch den Einfluss des Schuller fiel der Antrag
durch. Hernach probierte es der Pfarrer auf andere Weise. Er liess keine Glocke
mehr läuten, und schrieb an das Bezirksamt, dass er auf dem Verbot bestehen
müsse, weil der alte Turm so baufällig wäre. Es gab eine lange Streiterei hin
und her. Die Gemeinde blieb fest, und der Schuller führte das Wort. Er sagte,
bei Lebzeiten des alten Pfarrers Held, der doch erst ein Jahr vorher gestorben
sei, da habe nie etwas verlautet von der Baufälligkeit. Weil man aber einen
neuen Turm wolle und die Mittel nicht gutwillig kriege, wäre der alte Turm auf
einmal wacklig geworden.
    Wenn es jedem recht traurig vorkomme, dass keine Glocke mehr auf Mittag und
Abend läute, wäre die Gemeinde leichter bereit, das viele Geld herzugeben. So
meinte der Herr Pfarrer, aber die Erlbacher meinten es anders. Nach langen
Schreibereien entschied das Bezirksamt, dass der alte Turm keinen Schaden
aufweise und das Läuten ertragen könne.
    Der Pfarrer war geschlagen und musste seine Angst überwinden. Er liess sich
den Zorn nicht ankennen, aber im geheimen hatte er sich seine Feinde gemerkt,
und dem Schuller trug er es nach und freute sich, dass er Gelegenheit hatte, ihm
eines auszuwischen.
 
                                Zweites Kapitel
Den Sonntag vor Michaelis fand wie alle Jahre in Webling der Ball der
freiwilligen Feuerwehr statt.
    Von Erlbach gingen viele hinüber; die jungen Leute schon bald nach dem
Essen, die älteren nach dem Rosenkranz.
    Der Weg zieht sich eine leichte Stunde über einen Hügel durch das
Schneiderhölzl; man sieht schon von weitem den Weblinger Kirchturm und den
Maibaum, der vor dem Wirtshause steht. Der Weg sah heute bunt aus.
    Die Erlbacher Mädel gingen in Scharen zu vieren und mehr miteinander. Ihre
Kopftücher leuchteten lustig über die Felder, und wenn sie beim hohen Kreuz am
Waldsaum waren, kam der Wind in die Tücher und blähte sie auf. Die Zipfel
flatterten wie Fahnen und verschwanden hinter der Höhe.
    Die Burschen hielten sich auch zusammen und marschierten an den Mädeln
vorbei. Sie führten laute Unterhaltung im Gehen; einer blies auf der
Mundharmonika, und andere sangen:
»Dieses scheane Land,
Es üst mein Heimatland,
Dieses scheane Land ...«
»Jackl, heunt sauf'n ma r' ins grad gnua.«
    »Da Peter isch Zechmoasta. Hast as Geld bei dir, des ma z'samm g'legt hamm?«
    »I scho. Dös g'langt überall'n hi. Bal no an Wirt 's Bier net ausgeht.«
    »Herrschaftseiten! Und Juhu! Jui!«
»Dieses scheane Land,
Es üst mei Heimatland.«
»Toni, spiel auf!«
    Wenn sie an den Mädeln vorbeigingen, rückten sie ihre Hüte und schnackelten.
Die Lustigsten sprangen in die Höhe, pfiffen und schrien.
    Das Weibervolk drängte sich zusammen und lachte und stiess sich mit den
Ellenbogen an.
    »Hoscht an Kistler Hans g'sehg'n?«
    »Ah, dös is oana! Und da Christl!«
    »Jessas na!«
    Und die Burschen freuten sich wieder, wenn sie den Eindruck sahen. So ging
es über die Felder und durch den Wald.
    Der Lärm wurde durch den Wind fortgetragen und steckte die Scharen an, die
hinterdrein kamen.
    Einer von den Letzten war der Xaver, der Sohn vom Hieranglbauern, ein junger
Mensch, der sich mehr auf sein Geld einbildete, als gut war.
    Wenn er bei einer Unterhaltung mittat, gab er sich ein Ansehen, als müssten
sich die anderen geehrt wissen. Deswegen ging er auch heute abseits und hielt
sich zurück, dass niemand glauben konnte, dem Hierangl Xaver wäre es um das
Tanzen zu tun.
    Holten ihn seine Kameraden ein, dann gab er ihnen den Gruss zurück, und wenn
sie ihn aufforderten, mitzugehen, sagte er, dass er noch früh genug nach Webling
komme. Den Mädeln rief er keine Scherzreden zu, und er gab sich keine Mühe,
ihnen zu gefallen. Als die Ursula vom Schullerbauern mit zwei anderen
vorbeiging, redete sie ihn an:
    »Xaverl, geahscht it am Tanzboden?«
    »Vielleicht kimm i; vielleicht net aa.«
    Sie drehte den Kopf nach ihm um und lachte verlegen. Er gab ihr nicht an und
blieb zurück.
    Als er zum Feldkreuz kam, stand sie auf einmal neben ihm. Sie hatte im Walde
gewartet und rückte jetzt verlegen an ihrem Kopftüchel.
    »Dass d' gar nimmer kimmst, Xaverl? Seit guatding drei Wocha hoscht di nimma
sehg'n lassen?«
    »Unter der Arndt hon i koa Zeit auf dös.«
    »Sinscht host d'a wohl Zeit g'numma.«
    »Jetzt is halt net ganga.«
    Sie ging schweigend ein paar Schritte neben ihm her.
    Dann fragte sie: »Hoscht d'as dahoam scho g'sagt?«
    »Ob i was g'sagt hab?«
    »Frag' it a so! Hoscht nix g'sagt, dass i in der Hoffnung bin?«
    »Dös geht do bei mir dahoam neamd was o! De wern sie nix bekümmern um dös.«
    »Hoscht ma's du it g'hoassen, dass d' mi heiratst?«
    »Da is mir nix bekannt.«
    »So redst du jetzt? A so tatst ma's du macha? Hoscht d' ma's it g'hoassen?
Hoscht it g'sagt, du brauchst durchaus koan Angst it z' hamm?« - »Geh du dein
Weg und lass mir mei Ruah!«
    »Jetzt tat'st di weglaugna, du ganz Schlechter! Aba du derfst di zahl'n grad
gnua!«
    »Des werd si aufweisen; da sand anderne aa no beteiligt.«
    »Dös ko'st du net mit Wahrheit behaupten.«
    »Jetzt geh mir aus'n Weg! I ho mit dir nix mehr z'reden.«
    Die Ursula kam das Weinen an. Dicke Tränen liefen ihr über die Backen, und
sie wischte sich mit den schwieligen Händen über das Gesicht, dass es um und um
nass wurde.
    Sie wollte reden, aber die Worte kamen nur ruckweise heraus. »Wie'st dös
erstmal ... Wie'st ans Fenschta kemma bist ... do hoscht g'sagt, i brauch mi nix
bekümmern, hoscht g'sagt, und's Heiraten is ma g'wiss ... und jetzt gangst mit
solchene Lugen um, und bei da Hollastauden hiebei, da hoscht g'sagt, i brauch mi
durchaus nix bekümmern, und jetzt brach'st d'as so für, als wenn anderne
beteiligt g'wen war'n - -«
    »Dös werd sie aufweisen,« sagte der Hierangl Xaver und ging weg.
    Es war ihm nicht mitleidig zumute, und er sah sich nicht um nach der Ursula,
die mit den Ärmeln ihre Tränen trocknete und nicht wusste, sollte sie stehen
bleiben oder dem Xaver nachlaufen. Weil sie aber sah, dass er schnell dahinging,
dachte sie, dass ihr alles Reden nichts helfen würde.
    Sie richtete das Kopftüchel zurecht und öffnete ihren Handkorb. Auf der
Innenseite des Deckels war ein Spiegel angebracht, und Ursula betrachtete ihr
Bild darin.
    Es sah nicht vorteilhaft aus. Über das sommersprossige Gesicht waren
schwärzliche Streifen gezogen; sie kamen von den Tränen und den schmutzigen
Fingern.
    Auf zehn Schritte wäre es zu sehen gewesen, dass sie geflennt hatte; deswegen
spuckte sie in ihr Taschentuch und verwischte die Spuren. Und dann ging sie
langsam ihren Weg, auf den Tanzboden.
Der Weblinger Wirt hatte einen guten Tag. Saal und Stuben waren gefüllt, und im
Nebenzimmer sassen alle Honoratioren, auf die er gerechnet hatte.
    Die Herren Lehrer aus der Umgebung, der Förster von Pellheim, der Verwalter
von Hohenzell und der Stationskommandant Hermann. Unter der Türe erschien ein
junger Mann. Er grüsste freundlich und wurde von allen willkommen geheissen. »Bei
mir ist noch Platz,« sagte der Lehrer Stegmüller von Erlbach. »Darf ich die
Herrschaften miteinander bekannt machen? Herr Mang, Kandidat der Teologie -
Fräulein entschuldigen, jetzt hab ich den Namen vergessen ...«
    »Sporner,« sagte das hübsche Mädchen, welches neben ihm sass.
    »Fräulein Sporner, die Nichte des Herrn Collega von Aufhausen. Den kennen
Sie ja schon?«
    »Gewiss habe ich schon die Ehre gehabt. Wenn die Herrschaften erlauben, dann
bin ich so frei,« sagte der Kandidat der Teologie und setzte sich mit
linkischer Bescheidenheit nieder.
    Er hatte ein hübsches Gesicht und lustige braune Augen; seine Bewegungen
verrieten Kraft und Geschmeidigkeit, aber er war nicht frei von der angelernten
Würde, die man für den geistlichen Beruf braucht. Dazu kam noch einige
Schüchternheit im Verkehr mit Damen, und Fräulein Sporner war ein schönes
Mädchen, vor dem ein junger Studiosus wohl erröten konnte.
    Darum war es nicht verwunderlich, dass Sylvester Mang sich einige Male durch
die Locken fuhr und keinen rechten Platz für die Hände fand, und dass er nach
längerem Besinnen sagte, es sei heute ein schöner Herbsttag.
    »Wundervoll,« meinte Fräulein Sporner, »es ist überhaupt so hübsch hier.«
    »Fräulein sind noch nicht länger da?« - »Nein.«
    »Wir haben gerade von Ihnen geredet, Herr Mang,« sagte der Lehrer von
Aufhausen. »Am nächsten Sonntag haben wir ein Hochamt, und da könnten wir einen
guten Tenor brauchen.«
    »Wenn Sie wünschen, stehe ich gerne zu Diensten.«
    »Sie tun mir einen grossen Gefallen damit.«
    »Sie sind Sänger?« fragte das Fräulein.
    »Ja, das heisst, ein wenig. Natürlich nicht geschult.«
    »Der Herr Mang hat einen prachtvollen Tenor,« unterbrach ihn Stegmüller.
»Ich sag' Ihnen, Fräulein, da können Sie in der Stadt lang suchen, bis Sie einen
solchen Tenor finden.«
    »Da freue ich mich auf den Sonntag.«
    »Wenn Sie nur nicht zu stark enttäuscht werden, Fräulein. Ich habe gar keine
Übung mehr.«
    »Er ist überhaupt ein musikalisches Genie,« rühmte Stegmüller. »Ein Künstler
auf der Violine. Ja, wenn ich das gekonnt hätte, säss ich nicht als Schullehrer
in Erlbach! Eigentlich is 's schad, dass Sie Geistlicher werden.«
    »Es ist ein idealer Beruf,« sagte Sylvester.
    Und er sah bei diesen Worten nicht weniger altklug aus, wie andere junge
Leute, welche etwas Grosses behaupten.
    Fräulein Sporner nickte ernst und verständnisvoll zu seinen Worten.
    »Die Kunst, das wär mein Fall gewesen,« seufzte Stegmüller. »Frei sein, wie
ein Vogel in der Luft und auf niemand Obacht geben. Und leben können, wo man
will.«
    »Treiben Sie auch Musik, Fräulein?« fragte er.
    »Klavier habe ich gelernt, aber ich hab's nicht sehr weit gebracht.«
    »Sie sollten einmal den Herrn Mang begleiten.«
    »Da kann ich nicht genug.«
    Sylvester freute sich, dass ein Gespräch im Gange war, in dem er seinen Mann
zu stellen wusste. Er stellte höfliche Fragen und rühmte alle Werke, welche das
Fräulein hervorhob.
    Und als sie sagte, kein Lied gefalle ihr besser, als das »Am Meer« von
Schubert, fiel Sylvester leise ein:
»Das Meer erglänzte weit hinaus ...«
»Auch das Gedicht ist herrlich,« lobte das Mädchen.
    »Von Heine,« sagte er. »Ich hab es einmal bei einem Maifest gesungen, am
Gymnasium. Der Rektor sagte aber, ich hätt' es nicht tun sollen.«
    »Wenn es so schön ist!«
    »Er meinte, weil Heine doch ein Gottesleugner war.«
    Fräulein Sporner musste wieder den Ernst des jungen Mannes bewundern.
    An allen Tischen wurde die Unterhaltung lebhafter. Die Frauen hatten sich
vieles zu erzählen; die eine hatte ihren Mann pflegen müssen, der andern war ein
Kind krank geworden. Die Fleischpreise gingen in die Höhe, Schmalz und Eier
wurden nicht billiger. Manche führten Klage über die Mühen ihres Eheherrn, und
als vom Tanzsaal herunter schrille Musik und Stampfen vernehmlich wurden, sagte
die Frau Stationskommandant: »Es wird doch hoffentlich nicht schon wieder eine
Rauferei geben. Mein Mann weiss so nicht mehr wo aus, vor lauter Arbeit, und mit
den jungen Gendarmen, die wir jetzt haben, ist ihm nicht viel geholfen. Gelt,
Karl?«
    »Jawoll,« sagte der Kommandant, welcher Karten spielte, »und warum gehen S'
denn nicht mit Ihrem Grasober drauf?« fragte er, »ich hab doch Trumpf
ang'spielt; wenn Sie draufgehen, haben wir ein' Stich mehr. Das hamm Sie nicht
gut g'spielt, Herr Hilfslehrer.«
    
    »Jetzt kommt die Hofdam',« sagte der Förster von Pellheim, und warf die
Schellenass auf den Tisch. »Ham S' no a Schell'n? Macht siebenundsechzig; is
schon g'wonnen.«
    »Sie müssen doch mit dem Grasober draufgehen und Eichel nachbringen. Ich
trumpf und bring noch den König heim. Was gibt's, Herr Wirt?«
    »Es waar guat, wenn S' a bissel raufschaueten, Herr Kommandant. Mit de
Hochazeller Burschen hat's des Recht' net.«
    »Gleich komm ich,« sagte der Kommandant und schnallte das Seitengewehr um.
»Vielleicht gehen Sie mit, Herr Verwalter, weil Sie die Burschen kennen?«
    Sie hörten schon auf der Stiege schreiende Stimmen.
    »Hoscht du net auf ins hertanzt?«
    »Ös habt's überhaupts koa Recht! Mir ham zahlt!«
    Im Tanzsaal drängten sich die Burschen zusammen; das Licht der
Petroleumlampe glühte rötlich durch den Dunst, und der Kommandant konnte sich
nicht gleich zurechtfinden. Mitten im Knäuel stand ein lang gewachsener Mensch,
der auf den Hierangl Xaver einredete.
    »Bischt du vo Hochazell? Hoscht du mitzahlt?«
    »I tanz, bal i mag,« sagte Xaver.
    »G'hörscht du zu die Hochazeller? Hoscht du vielleicht an anders Recht?«
    »Du Hanswurscht, du Dappiger!« schrie ein anderer.
    Der Lange packte den Hierangl beim Rockkragen, die Hintenstehenden drängten
vor.
    »Auslassen, sog i!« schrie Xaver und suchte nach der Messertasche.
    »Nehmt's eahm 's Messa!«
    Der Kommandant sprang dazwischen.
    »Was gibt's da? Auseinander da! Lassen S' sofort los!«
    »Dass er ma's Messa nei'rennt!« schrie der Lange.
    »Nach'n Messa hat a g'langt!« wiederholten die Burschen.
    »Das geben S' einmal sofort her, Hierangl!«
    Xaver wehrte sich noch immer wütend gegen den Langen und wollte sich
losreissen. Ein anderer packte seinen Arm, und der Kommandant zog ihm das Messer
aus der Tasche.
    »Im Griff feststehend,« sagte er; »das werden wir noch kriegen. Und jetzt
stellen S' Ihnen ruhig hin, sonst verhaft ich Ihnen vom Platz weg! Was hat's
denn geben?« fragte er den Langen.
    »Mir Hochazella ham ins oan aufspiel'n lassen; da tanzet er mit, und glei
waar er auf mi herg'rumpelt aa no und hätt mi ani g'stessen.«
    »Nur nicht so schreien! Das können Sie ja ruhiger auch sagen!«
    »Is ja wohr! Wia 'r i ihn g'stellt hab, hätt' er glei nach'n Messa g'langt!«
    »Wie heissen Sie denn?«
    »Joseph Heiss, Gütlerssohn von Hochazell.«
    »Mi san allsamt Zeugen,« schrien die Hohenzeller Burschen.
    »Ich brauch' nicht so viel,« sagte der Kommandant und schrieb den Heiss in
sein Notizbuch.
    »So, Hierangl, Sie verlassen jetzt sofort den Tanzboden und gehen ruhig
heim!«
    »I geh, bal i mag.«
    »Nicht so frech! Gelt?«
    Die Ursula drängte sich durch den Haufen.
    »Geh zua, Xaverl, dös hat koan Wert it!«
    »Lass ma do du mei Ruah! Mit dir will i gar nix z'toa hamm. Jetzt gehn i, aba
i kimm scho wida r'amol z'samm mit die Hochazeller.«
    »Is scho recht,« schrie der Lange, »und nimm da fei wieda a Messa mit; du
ko'scht dir gar it gnua kaffa.«
    Alle lachten und höhnten hinter Xaver her, den seine Kameraden fortzogen.
    Die Musik spielte auf, die Mädel, welche sich auf Stühle und Bänke gestellt
hatten, kamen herunter, und der Tanz ging weiter.
    Die Ursula tat nicht mehr mit. Sie ging die Stiege hinunter ins Freie.
    Beim Wirtsstadel standen die Erlbacher Burschen, und sie konnte im Mondlicht
sehen, wie sich der Xaver von ihnen losmachen wollte.
    Sie hörte eine keuchende Stimme herüber.
    »Lasst's mi aus! I muass no amal eini.«
    »Dös gibt's gor it. Du gehscht jetzt hoam mit ins!«
    »Oaner muass no hi sei, von de Hochazeller!«
    »Geh amol zua! Du derfst nimma z'ruck!«
    Die Burschen hielten ihn fest, und er ging endlich mit ihnen.
    Zuweilen blieb er stehen und schimpfte.
    »'s Messa bal s' ma net g'numma hätt'n, nacha wurd i eahm was zoagt hamm. In
aller Mitt' hätt' i 'n vonand g'schnitten.«
    »Jetzt mach amal!«
    Die Stimmen verloren sich in der Ferne.
    Da machte sich die Ursula auf den Weg und ging hinterdrein.
Im Nebenzimmer erhob sich der Lehrer von Aufhausen und nahm seinen Hut vom
Nagel.
    »Wir haben einen Weg bis zum Feldkreuz,« sagte Stegmüller, »da gehen der
Herr Mang und ich mit.«
    Es war eine kühle Nacht. Der Herbstnebel zog über die Felder hin und sah
sich im Mondlicht an wie ein silberner Schleier.
    Vom Weblinger Holze herüber wehte ein frischer Wind.
    Da zitterten die Blätter an den Bäumen, als käme sie ein Frösteln an, und
die Schatten, welche sie über die helle Strasse warfen, kamen in Bewegung.
    »Es ist etwas Poetisches, so eine Mondnacht,« sagte Mang.
    Er kämpfte mit einem harten Entschlusse. Er wollte etwas unternehmen, was er
noch nie getan hatte; er traute sich's zu, und er verzagte wieder. Und dann gab
er sich einen festen Ruck.
    »Fräulein Sporner ... wenn Sie erlauben ... darf ich Ihnen meinen Arm
anbieten?«
    Er hatte einen Augenblick geglaubt, dass sie weglaufen und ihn beschämt
stehen lassen, oder dass sie ihn streng zurechtweisen würde. Aber sie lief nicht
weg, und sie tadelte ihn nicht. Sie sagte überhaupt nichts, sondern schob ihren
runden Arm in den seinigen.
    Und da merkte er, dass es auch poetisch ist, neben einem jungen Mädchen zu
wandeln. Sie gingen schweigend miteinander. Er wollte ein Gespräch beginnen und
besann sich lange. Aber es fiel ihm nichts ein; darum sagte er wieder: »Es ist
prachtvoll, so eine Mondnacht.«
    Und Fräulein Gertraud sagte: »Wunderbar; besonders im Herbst.«
    Beim Feldkreuze trennten sich ihre Wege; die beiden Alten, welche vor ihnen
gingen, blieben stehen; Mang gab den Arm des Mädchens frei und verbeugte sich
mehrmals und schüttelte dem Fräulein Sporner immer wieder die Hand, wenn er
vorher dem Onkel gute Nacht gesagt hatte.
    »Also am Sonntag zum Hochamt,« mahnte der Lehrer von Aufhausen. »Gewiss; Sie
können sich darauf verlassen.«
    »Und pünktlich um acht Uhr. Gute Nacht, Herr Mang.«
    »Recht gute Nacht, Herr Lehrer! Angenehme Ruhe, Fräulein Sporner!«
    Er sah den beiden nach; da fiel ihm ein, dass sie ein schönes Lied gelobt
hatte; und er vergass alle Bedenken, welche der Rektor von Freising dagegen
hatte. Mit wohlklingender Stimme setzte er ein:
»Das Meer erglänzte weit hinaus ...«
Als er schwieg, tönte von drüben eine freundliche Mädchenstimme: »Gute Nacht!«
    Er holte mit raschen Schritten den alten Lehrer ein.
    Herr Stegmüller überdachte seine Reden, die er im Wirtshaus gehalten hatte.
Es kam ihm so vor, als wär er zu stark ins Schwärmen geraten; die kühle
Nachtluft ernüchterte ihn.
    Und er sagte: »Sie müssen nicht glauben, Herr Mang, dass ich vielleicht etwas
habe gegen die Geistlichkeit. Ich redete bloss so von der Kunst, weil Sie einen
schönen Tenor haben und überhaupt. Natürlich haben Sie ganz recht, mit Ihrem
Beruf. Er ist schon wirklich ideal.«
    »Ja, ja,« erwiderte Sylvester; »Herr Lehrer, wie lang bleibt eigentlich
Fräulein Sporner in Aufhausen?«
 
                                Drittes Kapitel
Die nächsten Wochen brachten viel Arbeit. Nach der Trockenheit war ein guter
Regen gekommen, und der Pflug fasste wieder an.
    Auf allen Höhen sah man Menschen und Pferde sich langsam bewegen, und hinter
ihnen frassen sich dunkle Furchen in die Stoppelfelder ein.
    Vom Dorfe hinauf bis zum Walde zogen sich gerade Linien; die lustigen Farben
verschwanden, und die Gegend hatte ein ernstes Aussehen.
    Der Schuller war fleissig hinter den Knechten her und hatte selber die Hand
am Pfluge, den ganzen Tag.
    Es traf ihn viel, weil sein Ältester als Soldat in Ingolstadt diente, und
wenn er des Mittags heimkam, streckte er die Füsse schwerfällig unter den Tisch.
Und wenn er heimkam, war noch ein müder Mensch in der Stube; müde von einem
langen Leben, in dem es kein Ausrasten gibt.
    Das war die Mutter des Schullerbauern. Sie zählte noch nicht siebzig Jahre,
und in der Stadt gibt es viele, die in dem Alter noch aufrecht gehen. Aber
Bauernarbeit bricht vorzeitig die Kraft.
    Die Alte sass auf der Ofenbank und schaute vor sich hin.
    Die runzligen Hände faltete sie im Schoss und fand kaum die Kraft,
zudringliche Fliegen abzuwehren.
    »Was is 's denn mit da Muatta?« fragte der Schuller seine Frau.
    »Sie is schlecht beinand; seit gestern kummt sie arg von da Kraft,«
erwiderte die Bäuerin.
    Die Alte nickte müde mit dem Kopfe und bewegte den zahnlosen Mund.
    »Was hat sie g'sagt?« fragte der Bauer.
    »I ho's it verstanna. Was hoscht g'sagt, Muatta?«
    Die Schullerin schaute die alte Mutter prüfend an.
    Ruhig wie ein Mensch, der über ein Sache ins reine kommen will.
    »Was hoscht g'sagt, Muatta?« fragte sie noch einmal.
    Die Alte begegnete ihrem Blick; in ihren glanzlosen Augen war nichts von
Angst und Sorge zu lesen. Nur Müdigkeit.
    »I treib's nimmer lang,« sagte sie.
    »Sie moant, sie muass sterb'n,« wiederholte die Schullerin mit lauter Stimme.
Der Bauer schnitt bedachtsam den Brotlaib an und brockte kleine Stücke in seine
Suppe.
    »Sie is halt scho guat bei die Jahr,« sagte er, »wie alt bischt denn jetzt,
Muatta?«
    Die Alte gab keine Antwort; sie schaute wieder vor sich hin, und ihr Kopf
sank herunter.
    »An achtasechz'g Jahr' werd sie sei, und g'arbet hat sie viel,« sagte der
Sohn.
    »Ja, g'arbet hat sie viel, und acht Kinder hat sie bracht; des setzt oan
zua. Sie g'fallt mi aba gar net; sollt'st dennerst an Pfarra hol'n, Bauer.«
    »In Pfarrhof geh' i net. Dös muasst's scho selm toa; oder schick umi!«
    »Na geh'n i selm, bal i abg'spült hab.«
    Die Alte bewegte wieder die Lippen.
    »Wos hascht g'sagt, Muatta?«
    Die Schullerin ging zur Ofenbank und horchte aufmerksam.
    »Ja, ja, Muatta! Hoscht scho recht. Sie sagt, sie is froh, bal's gar is. A
so hat's koan Wert nimma, sagt sie.«
    Der Bauer legte den Löffel weg und ging in den Hof hinaus.
    »Andrä!«
    »Wos geit's?«
    »I nimm jetzt de zwoa Braun', und du spannst an Ochsen ei!«
    Der Knecht führte zwei stattliche Pferde aus dem Stall; der Schuller nahm
das Leitseil und ging hinter ihnen her. Am unteren Ende des Dorfes holte er den
Geitner ein.
    »'ss Good, Schuller!«
    »'ss Good!«
    »Wo geahscht hi?«
    »An Schmidlacker; Habern vorbaun.«
    »Wo's d'an Klee g'habt hoscht?«
    »Ja.«
    »Jetzt geht's ja leicht mit'n bau'n, weil's nimma so trucka is.«
    »Es tuat's.«
    »Beim Kramer ham s' g'sagt, dass dei Muatta schlecht dro is?«
    »Ja, sie hat's kloa beinand. Oan Tag oder zwoa, länger werd s' kaam mehr
leb'n.«
    »Wia's halt is. Die Junga könna sterb'n, und de Alt'n müassen sterb'n.«
    »Da ko'scht nix macha.«
    »Hoscht du nix g'hört, Schuller, wann de Bürgermoasterwahl is?«
    »Na, koa Tag is no net g'setzt, wia 'r i woass. Im November werd s' halt
sei.«
    »Dösmal werst as du, Schuller.«
    »I reiss mi net drum. Mir werd's liaba an anderner.«
    »Wer denn? Da Kloiber mag nimma.«
    »Vielleicht sagt er grad a so.«
    »Na, dös woass i g'wiss. Da Kloiber steht z'ruck.«
    »Nacha könnt's ja an Hierangl nehma.«
    »I glaab it, dass 's der werd. Er hat it viel Leut' auf da Seiten; bloss de,
wo eahm was schuldi san.«
    »Aba da Pfarrer möcht'n.«
    »Ja, weil er moant, dass er eahm helfat mit sein' Turm, und weil er
überhaupts allaweil z'sammspinnt damit. Aba 'r auf'n Pfarrer passen mir it auf.«
    »I sag' da's schnurgrad, Geitner, mi freut's gar it. Bal i Burgermoasta
waar, gang da Verdruss nimmer aus. Garaus mit'n Pfarra. Er ko mi net schmecka,
dös woasst ja. Und z' Erlbach san gnua, de wo zu eahm halt'n; nacha gab's allawei
Zwidrigkeiten. Nehmt's an Hierangl, dös is viel g'scheiter.«
    »Mi hamm ja no Zeit, Schuller; aba dös derfst glaab'n; bal's mir nachgeht,
werst as du. I bin auf deiner Seiten; dös derfst g'wiss glaab'n.«
    »Is scho recht. 'ss Good!«
    Der Schuller ging vom Weg ab zu seinem Acker; wie er die Gäule am Pflug
vorspannte, sah er dem Geitner nach und sagte vor sich hin: »Hättst mi gern
ausg'fragt, gel, Tropf schei'heiliga? Di kenn i guat. Wiah!«
    Die Gäule zogen an; unter der blinkenden Pflugschar wellten sich die
Schollen.
Daheim sass die alte Mutter noch immer unbeweglich in der Ofenecke und sah der
Schwiegerin zu, welche die Stube aufräumte. Das ging flink mit rüstigen Armen.
    So hatte die Alte auch einmal gearbeitet und geschaltet im Hause. Dann waren
langweilige Tage gekommen, und sie hatte gespürt, wie unnütz ein Leben ohne
Arbeit ist.
    Hohes Alter ist kein Segen. »Du sollst dein Brot verdienen im Schweisse
deines Angesichts.« Das ist für die Bauernleute geschrieben, denen die Hände
schwer werden beim Rasten.
    Und die Alte fürchtete sich nicht vor dem Sterben; das hatte sie sich oft
gewunschen, nicht aus Verzweiflung oder aus Trübsinn, sondern weil es recht ist,
zu gehen, wenn das Bleiben keinen Wert hat.
    Der jüngste Bub der Schullerin kam lärmend herein.
    Die Bäuerin wehrte ihm ab.
    »Geh aussi, Xaverl, du hoscht do herin nix z'toa. Siegscht it, dass d'
Grossmuatta krank is?«
    »Muass sie sterb'n?«
    »Ja, sie muass bald sterb'n. Aba jetzt geh zua! Du gehst uns do im Weg um.«
    Der Kleine sah mit neugierigen Augen nach der Alten hin, und als er die
Stube verlassen hatte, stellte er sich draussen an das Fenster und presste das
Gesicht an die Scheiben.
    Die Schullerin wollte in den Stall gehen; da kam der Kooperator über den
Hof, und sie blieb unter der Türe stehen.
    »Es ist eine kranke Person im Hause, welche des geistlichen Trostes bedarf?«
    »Ja, Hochwürden, d' Muatta is schlecht beinand. Seit Mittag kimmt s' ganz
von da Kraft.«
    »Wo ist sie?«
    »Bitt schön. Hochwürden, da herin.«
    Der junge Herr trat in die Stube. Ein Blick auf die Alte zeigte ihm, dass
hier nur mehr die Seele, nicht aber der Körper zu retten sei, und er ging
berufsfreudig an sein Werk.
    »Warum habt Ihr so lange gewartet?« fragte er die Schullerin. »Ich fürchte,
sie versteht meine Worte nicht mehr.«
    »Es is so schnell ganga, Hochwürden. Aba sie is no beim Vastand; sie hört no
ganz guat, bloss müad is sie halt.«
    »Dann lasst uns jetzt allein!«
    Die Bäuerin ging hinaus, und der junge Mann setzte sich vor die Kranke hin.
Er zog ein dickes Gebetbuch aus der Tasche und fragte mit lauter Stimme: »Hört
Ihr meine Worte?«
    Zwei müde Augen schauten ihn an; es lag darin mit dem Aufbieten der letzten
Kraft der Ausdruck von Ehrerbietung, und die Alte versuchte mit zitternder Hand
das Zeichen des Kreuzes zu machen. Ein minder frommer Mensch wäre gerührt worden
durch diese schlichte Ergebung und hätte sich demütig gebeugt vor der Würde der
sterbenden Greisin. Aber Herrn Sitzberger konnte nichts Irdisches überwältigen;
er fühlte sich nicht klein in dieser Stunde, sondern es erhob ihn der Besitz der
geistlichen Gewalt über diese Seele.
    Und er sprach wieder so laut, dass ihn die Alte hören musste: »Anastasia Vöst,
Ihr seid nun an das Kreuz geheftet, und Ihr sehet der bitteren Todesstunde
entgegen. Ihr müsst bedenken, dass der liebreichste Jesus für Euch ebenfalls
Krankheiten getragen und Schmerzen auf sich geladen hat.
    Bittet ihn, dass er Euch wahre Geduld verleihe, und opfert ihm alle Glieder
Eures Leibes auf, dass er sie strafen möge nach seinem göttlichen Wohlgefallen!«
    Die Alte verstand nicht alle Worte, aber sie fühlte dunkel, dass sie die
Tröstungen der Religion bildeten, in welcher sie lange und gläubig gelebt hatte.
Darum hob sie mühsam den Kopf und versuchte kurze Zeit, ihre Augen
offenzuhalten.
    Herr Sitzberger fuhr eifrig weiter.
    »Ihr sollt nicht mehr an dieser Welt hängen und Euch das Scheiden von
derselben schwer fallen lassen. Ihr sollt im Gegenteil von einem innigen
Verlangen nach den Wohnungen des Himmels erfüllt sein. Ihr sollt sagen, dass Eure
Seele dürstet und seufzt nach den Vorhöfen des Herrn. Wenn auch immerhin die
Furcht vor dem Gerichte die Vorstellungskraft beängstigt und der Anblick Eurer
Sünden Euren Geist in tödliche Traurigkeit versenkt.«
    Die Kranke bewegte die Lippen, und der Kooperator fragte:
    »Was wollet Ihr sagen?«
    Sie sprach kaum vernehmbar vor sich hin:
    »I hab allawei gern g'arbet. Es is mir it leicht an Arbet z'viel g'wen.«
    dabei hielt die Alte die mageren Hände vor sich hin, als wollte sie die
Ehrenmale der Arbeit zeigen; und ein freundliches Lächeln ging über ihr
verwelktes Gesicht. Ja, wäre der liebe Gott in der Stube gesessen, dann wären
ihm vielleicht die Augen nass geworden, und er hätte gesagt: »Das sind zwei
ehrliche Hände, Anastasia Vöst, die du aufweisen kannst, und sie erzählen von
nützlicher Arbeit. Die haben Gutes gewirkt im Leben, und mehr braucht es nicht
für den Himmel.«
    So hätte der liebe Gott reden müssen, aber sein Stellvertreter meinte es
anders. Er zeigte Ungeduld, oder grösseren Eifer, und verstärkte die Stimme. »Ihr
müsst Eure Gedanken gänzlich vom Irdischen abwenden, indem die sinnliche Welt
Euch bald verschwunden sein wird. Und wenn Ihr in den Bedrängnissen des
Todeskampfes erseufzet, müsst Ihr Gott bitten, dass er diese Seufzer als Wirkungen
einer heiligen Ungeduld, zu ihm zu gelangen, aufnimmt. Versteht Ihr meine
Worte?«
    Anastasia Vöst verstand sie nicht, sie hielt noch immer ihre Hände vor sich
ausgestreckt und schaute sie lächelnd an. Da stand Herr Sitzberger auf und
zuckte die Achseln.
    Er sagte zur Schullerin, welche still hereintrat: »Ihr hättet mich früher
rufen sollen, so lange sie noch bei vollem Verstande war. Ich fürchte sehr, sie
hat meine Worte nicht mehr erfasst.«
    »Sie fallt so schnell z'samm, dass 's gar it zum glauben is, Hochwürden. Vor
an andertalb Stunden is sie no viel frischer g'wen. Mir wer'n Zeit hamm, dass ma
s' no ins Bett einitragen. Und wann i bitten durft, dass Sie 's versehg'n,
Hochwürden.«
    »Ich werde gleich zurückkommen, mit den heiligen Sakramenten,« sagte der
Kooperator und ging schnell aus dem Hause.
    Der Xaverl stand noch immer am Fenster, aber er sollte doch nicht sehen, wie
es ist, wenn ein Mensch stirbt.
    Denn die Schullerin und die Ursula trugen die Alte behutsam in ihr
Austragszimmer und schlossen die Fensterläden. Darauf zündeten sie zu Häupten
des Bettes zwei Kerzen an und begannen zu beten.
    In der Dorfgasse wurde es lebhaft; es war Feierabend. Die Leute kamen heim
vom Acker; da blieb ein Nachbar beim andern stehen und redete davon, was man
diesen Tag geschafft hatte, und was man vom nächsten erwarte.
    Beim Schmied wurde noch fleissig gehämmert; ein Gaul vom Bartlbauer brauchte
neue Eisen, und der Wessbrunner liess seinen Pflug schärfen. Einige Leute standen
vor der Werkstätte und schauten zu; sie lobten das Pferd und sagten, der
Bartlbauer hätte beim Kaufen eine glückliche Hand gehabt.
    Da kam der Mesner um das Eck herum, hinterdrein der Kooperator mit dem
Allerheiligsten. Alle zogen den Hut, und der Schmied hielt mit der Arbeit ein.
    »Wer werd denn versehg'n?« fragte einer.
    »An Schuller sei Muatta.«
    »De alt Vöstin? Um de is schad,« sagte der Zwerger und schaute dem
Kooperator nach.
    Einige Weiber schlossen sich dem traurigen Zug an.
    Als der Priester beim Schuller angekommen war, wandte er sich um und hob den
Kelch mit der heiligen Wegzehrung in die Höhe.
    Die Leute knieten nieder und bekreuzten sich andächtig. Und die Bäcker
Ulrich Marie betete mit lauter Stimme das Vaterunser vor.
 
                                Viertes Kapitel
Lieber Josepf!
    Ich deile Dir zum wiesen mit, das mir vor acht Dag die Muder eingraben ham.
Mir haben nichts gemeint, indem es so schnell gangen ist. Aber der Vadder ist
anderst zornig, weil die Muder ein Desdament gmacht hat und schenkt der Kirch
finfhundert March fier den neien Durm. Beim Notari is das Desdament gwest und
mir ham nichts gewussd.
    Lieber Josepf, wie get es Dir? Hofendlich get es Dir gut und darfst auf
Weinachd heraus. Dem Brückl sein Fux hat umgschmiesen und eine Haksen brochen
und hat ihn stechen müsen.
    Beim Elfinger und der Haslinger ham Schtraf zalen müsen, weil die Schaf
reidig warn und habens nicht angezeichd. Es kost jeden dreisig March und is der
Tirarzd nicht dabei. Da kost es noch mer. Das ist fiel Geld.
    Unsere Scheck hat die voring Woch ein Kalb kriegt; es ist siebsich Fund
schwer und gesund. Der Woaz is gut hereinkomen, aber der Vadder schimbft wegen
das Desdament.
    Lieber Josepf, hofendlich get es Dir gut und schreib bald.
                                                     Es griesst Dich Deine Muter
Diesen Brief erhielt der Soldat Josef Vöst vom 12. Infanterieregiment, und er
konnte daraus sehen, dass sich daheim Gutes und Böses begab.
    Er dachte über beides nicht lange nach und war so wenig bekümmert wie andere
junge Leute.
    Aber seinem Vater ging es im Kopfe herum, von der Früh bis zum Abend.
    Er war alleweil gut mit der Mutter gefahren und hatte ihr kein böses Wort
gegeben. Sie war zufrieden mit dem Austrag, und wenn sie vom Sterben redete,
sagte sie oft, dass ihr ausgemachtes Vermögen beim Anwesen bleibe.
    Bloss etliche hundert Mark für Seelenmessen sollten davon abgehen, und so war
es auch geschrieben im ersten Testament. Aber ein paar Monate vor ihrem Tode
machte sie den Nachtrag und verschrieb fünfhundert Mark für die Erbauung eines
neuen Turmes.
    Das war ihm unverhofft gekommen, und er hätte nicht daran gedacht.
    Jetzt freilich fiel ihm manches ein, was er zuvor nicht beachtet hatte. Dass
die Mutter im Sommer nach Nussbach fuhr, mitten in der Woche, als er keine Zeit
hatte zum Begleiten und die Bäuerin im Bett lag.
    Und dass sie ihm keine rechte Antwort geben wollte, wenn er sie fragte, ob
alles in Ordnung sei. Dass sein Bruder Lenz hinterher nicht halbpart verlangen
könne, weil sie ihm doch das Ganze versprochen hatte.
    Da sagte sie immer, es sei alles recht gemacht, und wie es gemacht sei, wäre
es recht.
    Wie der Amtsrichter das Testament vorlas, stand am Schlusse, diese Spende
hätte die Mutter wohl überlegt, und die Erben sollten für sie beten anstatt
verfluchen und verwünschen.
    Sie hatte schon gewusst, dass sie Verdruss damit aufhebe. Den Schuller dauerte
das schöne Geld, aber das hätte er leichter verschmerzt wie den peinlichen Spott
von den Leuten.
    Er war der Wortführer gewesen gegen den Pfarrer, und er hatte seine Meinung
durchgesetzt bei der Gemeinde.
    Derweil galt sie nichts in seinem eigenen Haus, und der Pfarrer hatte seine
Mutter gerade so gut überreden können wie den Linnersteffel.
    Selbigesmal hatte er gesagt, dass es nicht recht sei, wenn man alte Leute zu
solchen Vermächtnissen berede, und jetzt war es bei ihm das nämliche.
    Der Pfarrer konnte lachen. Was brauchte er sich um die Gemeinde zu kümmern,
wenn er das Geld sogar von seinen Widersachern kriegte? Da muss einer für dumm
gelten, wenn er Streit anfängt mit der Geistlichkeit, und hinterher zahlt er
selber so viel von der Zeche.
    Der Schuller versteckte seinen Zorn nicht; er sagte den Freunden, dass er
gegen die Heimlichkeiten nicht ankönne. Er habe öffentlich widerredet nach
seiner Pflicht; aber wenn der Pfarrer von schwachsinnigen Weibern das Geld
nehme, was ihm die Männer verweigern, hernach sei gleich ausgestritten. Da könne
er sich was darauf einbilden, wenn der Turm auf diese Weis' zusammengebettelt
sei. Und das wäre auch noch eine besondere Kunst, ein altes Leut vor dem Sterben
herumzukriegen. Solche Reden wurden weitergetragen, und der Pfarrer hörte sie
bald.
    Dass sie ihn nicht freuten, darf jeder glauben, aber er schimpfte nicht, und
auch seine Vertrauten wussten nicht recht, wie er sich dazu stelle. Er hörte
aufmerksam, was man ihm erzählte, und er seufzte, wenn es recht dick daherkam
und die Worte des Schuller ein schlechtes Gepräge trugen.
    Wer das für Sanftmut hielt, war grob im Irrtum; der hochwürdige Herr hatte
ein zorniges Gemüt und verzieh keine Beleidigung. Jedoch er wusste, dass man dem
Feind am meisten schadet, wenn man die günstige Stunde abwartet.
    Unter den Vertrauten des Pfarrers führte der Hierangl das lauteste Wort.
    Seit vielen Jahren lebte er in Feindschaft mit dem Schuller; er hatte einen
Prozess gegen ihn verloren, und in der Wut darüber hatte er gesagt, dass der
Schuller seine Zeugen zum Meineid verleitet habe. Deswegen wurde er wegen
Beleidigung acht Tage lang eingesperrt und musste obendrein sehen, dass ihm die
achtbaren Männer in der Gemeinde nicht recht gaben. Sie wählten seinen Feind zum
Beigeordneten. Seit der Zeit trat er ihm in den Weg, wo er konnte; und wie der
Schuller gegen den Pfarrer anstritt, war der Hierangl von selber auf der
geistlichen Seite. Sein Zorn wuchs, weil er nichts ausrichten konnte, und er
liess sich ein paarmal hinreissen, dass er dem Beigeordneten schlechte Dinge
nachsagte. Hinterdrein musste er sie vor dem Bürgermeister abbitten und froh
sein, wenn ihn der Schuller nicht wieder verklagte.
    Jetzt, meinte der Hierangl, wäre die Zeit gekommen, dass man die alte Schuld
heimzahlen könnte, und der Pfarrer sollte mit Gericht und Advokaten über den
Schuller einrücken.
    Aber der hochwürdige Herr verwies ihm seine Heftigkeit und sagte, dass er
mitnichten so verfahren wolle; jedoch, wenn der Schuller in seinem schlechten
Sinne beharre, werde er auf andere Weise gegen ihn einschreiten und als
Seelsorger bedacht sein, dass nicht die Gemeinde zu Schaden käme.
    Da merkte der Hierangl gut, dass seinem Feinde nichts geschenkt bleibe.
    Auch andere glaubten das, und der Haberlschneider warnte den Schuller mehr
als einmal.
    »Du sollst di nit a so auslassen,« sagte er, »du kennst insern Pfarrer
z'weni. Hör'n tuat er alles, und vagessen gar nix, und bal'st as amal gar it
moanst, werst' as mit Schaden inne wer'n.«
    »Der ko mi gar nix macha; auf den pass' i scho lang nimma auf.«
    »Ja, mei Liaba, dös sagst du a so; aba du derfst it vagessen. Helfer hat er
grad' g'nua, und schlauch is er aa.«
    »Dös derf er scho sei. Woasst, Haberlschneider, dass er mi it mog, dös woass i
guat g'nua, aba i fürcht eahm it, und seine Helfer scho gar it.«
    Das sagte der Schuller, weil er tat, was recht war. Aber er musste bald
sehen, dass man nicht Herr ist über alles, was geschieht.
    Eines Abends, wie er daheim sass, rückte seine Bäuerin mit der Neuigkeit
heraus. Die Ursula sei in der Hoffnung vom Hierangl Xaver. Das erste war zuwider
genug. Eine Bauerntochter soll mehr auf sich halten wie eine Dienstmagd, aber
das zweite machte die Sache schlecht.
    Wäre es ein anderer gewesen, der hätte geheiratet oder gezahlt, und weil die
Ursula sonst ein arbeitsames Weibsbild war, hätte sie wegen dem Kind noch einen
jeden heiraten können.
    Aber der Hierangl hängte ihr Schande an, das war einmal gewiss. Den Jungen
hetzte der Alte auf, wenn es das noch brauchte.
    »Hätt'st besser aufpasst!« schrie der Schuller, »jetzt werst' sehg'n wia's
geht. Der Tropf, der ziagt ins aa no eini ins G'red. Dem is nix z'schlecht. Dass
du gor it aufpasst? Für was bischt denn du d' Muatta?«
    »Do ko'st leicht aufpassen, wann mi nix denkt. I woass it, wia sie so dumm
g'wen is; da, frag s' selm!« sagte die Schullerin, weil die Ursula hereinkam.
    Sie blieb an der Türe stehen und schaute verlegen drein.
    »Was hat mi denn d' Muatta g'sagt?« fragte der Schuller; »dass du di mit'n
Hierangl ei'lassen host? Is dir der Schlechtest g'rad recht g'wen? Hab i net
allmal g'sagt, 's luschti sei verbiat i dir net, aba du muasst wissen, bei wem d'
bist?«
    »So schrei do it gar a so!« wehrte die Schullerin ab; »du muasst do auf de
Deanstbot'n an Obacht hamm!«
    »Hätt's ös z'erscht an Obacht g'habt! Jetzt is scho z'spat; de Leut wern si
bald g'nua hör'n; hast du no net g'redt mit eahm? Hast as eahm du no net
g'sagt?«
    »Jo. I ho's eahm scho zwissen g'macht.«
    »Und was sagt er nacha?«
    »Wegschwör'n will er si; aber dös ko er durchaus gar it.«
    »Ja, do werd er di frag'n, du Lall'n, du dappige. Geh in Stall aussi, sinst
schlag i dir's Kreuz o, du Herrgottsakrament!«
    »Er hat mi 's Heirat'n g'hoassen.«
    »De Dumma hoasst ma viel und lacht s' aus. Host'n du net kennt, den? Host du
dahoam net allawei g'hört, was des für Leut san?«
    »Wann er ihr 's Heirat'n g'hoassen hat, nacha muass er do b'steh drauf,«
mischte sich die Schullerin ein. »Gib's denn do gar koa G'setz?«
    »Host ja g'hört, dass er si wegschwör'n will. Der werd si scho was
z'sammlüag'n, dass sie mit Schanden dosteht. Dös hätt' sie de Loas z'erscht denka
kinna. Jetzt geh aussi in Stall!«
    Ursula brummte vor sich hin und ging.
    »Du sollst it gar a so grob sei,« sagte die Schullerin, »dös helft jetzt aa
nix mehr.«
    »Da host recht. Bal no was helfet, nacha tat i mi net so zürna.«
    »Es is andere Leut'n aa scho passiert, vielleicht geht's besser aussi, als d'
moanst.«
    »Ös Weiberleut seid's glei tröst. I ko dir's g'nau sag'n, wia's nausgeht.
Der Hierangl suacht scho lang was geg'n mi, und jetzt hat er was g'funden. Bal
si der Jung bloss weglaugna tat, dös waar no gar it des ärgst. Aba der Alt' freut
si, wenn's an Prozess gibt; der setzt oa Lug auf de ander, und des meist geht
geg'n mi, net geg'n 's Madel.«
    »Red'n muasst halt do mit eahm.«
    »Mit'n Junga scho; mit'n Alten it.«
    Die Unterredung kam bald. Nach ein paar Tagen, als der Hierangl Xaver am
Jägerbergl ackerte. Der Schuller säte nicht weit von ihm Winterroggen und ging
bedächtig die Höhe hinan.
    Die blaue Schürze, in welcher die Saatkörner lagen, hielt er zusammengerafft
und warf bei jedem zweiten Schritte eine Handvoll über die Furchen. Er gab wohl
acht, dass die Würfe nicht gegen den Wind geschahen, weil sie sonst
zusammengeschoben oder verweht werden.
    Als der Schurz geleert war, liess ihn der Schuller fallen und stieg über die
Schollen zum Xaver hinüber.
    »Du, i ho mit dir was z'red'n,« sagte er.
    Der Hierangl hielt an und fragte:
    »Was denn nacha?«
    »Du woasst, wia's mit der Urschula steht. Wia is denn nacha dös?«
    »Do werd it viel sei,« sagte der Xaver.
    »So?«
    »Na. Dös bekümmert mi gar nix.«
    »Du mögst di gern weglaugna, gel?«
    »I bekümmer' mi gar nix drum.«
    »Du muasst it moan, dass i di ums Heirat'n bitt'. Du müasst erscht sehg'n, ob's
mir recht waar.«
    »Auf dös brauchst it wart'n, dass i um a deinige Tochta kimm.«
    Der Schuller wurde zornig, wie er den frechen Burschen ansah. Der getraute
sich, den gestandenen Mann zu verhöhnen, und zog die Mundwinkel hinauf, als
wollte er lachen.
    »Du schamst di gor it?« fragte der Bauer. »Du tatst di no prahl'n damit, ha?
Aber pass auf, ob's dir so nausgeht, wia's d' moanst.«
    »Dös wer'n mi ja sehg'n.«
    »Dös werst aa sehg'n, bal's zum Zahl'n kimmt.«
    »Dös scheuch i gor it; es teilen sie grad' gnua drei, da trifft auf an jed'n
nit viel.«
    »Sagst du dös? Derfst du dös sag'n?«
    Der Schuller packte den Burschen an der Brust und schüttelte ihn heftig.
    »Lass aus!« schrie Xaver. »I lass mi vo dir it beuteln.«
    »Du ... du Lausbua, du ganz schlechta ... derschmeissen tat i di allaweil,
wann'st ma net z'weni waarst.«
    »Lass aus! sag' i.«
    »Da ... Rotzbua!«
    Der Xaver bekam einen Stoss, dass er ein paar Schritte nach rückwärts
stolperte, und war wieder frei.
    Seine heimtückischen Augen funkelten vor Wut, aber er sagte bloss:
    »Dös werd si aufweisen, ob du mi auf insern Grund o'packen derfst.«
    Er trieb seine Pferde an, und der Schuller kehrte um, ohne ihm eine Antwort
zu geben. Wie er auf seinem Acker stand und den Schurz wieder mit Saatkörnern
füllte, hörte er laut schreien.
    Der Xaver schimpfte gegen ihn herunter und drohte ihm mit der Faust.
    Er konnte die Worte nicht hören, aber er wusste wohl, dass sie nicht
freundlich waren.
    »Jetzt schimpfst,« sagte er vor sich hin, »weil'st weit g'nua weg bist, du
Haderlump! Geh hoam, du passt zu dein Vatern.«
    Er schritt an und säte. Aber die Körner flogen ihm weiter, als er wollte,
und zuweilen blieben sie ihm in der geballten Faust.
    Es verdross ihn, dass der halbgewachsene Bursche sich so frech gegen ihn
gestellt hatte und beinah mit ihm gerauft hätte. Was sich der traute gegen ihn!
Dass man deutlich merkte, wie sein Ansehen nichts war gegen den Rotzlöffel.
    Der Schuller ging zornig vom Felde heim und setzte sich zornig an den Tisch.
Die Ursula hatte keine schönen Tage, und sie tat gut daran, wenn sie dem Vater
aus dem Wege ging.
    Der Schullerin half es wenig, dass sie beschwichtigen wollte. Es war dummes
Zeug, was sie redete.
    »Du muasst halt denken, jetzt is scho, wia's is, und mit dein ganzen Vadruss
kannst'as nimma anderst macha, und jetz is schon vorbei.«
    Es war nicht vorbei. Freilich, die Bäuerin sah das nicht.
    Aber der Schuller wusste gut, dass die Unordnung im eigenen Haus einen Mann
schädigt, der für andere hinstehen will, und dass der geringste Gegner im Vorteil
ist, wenn er einen wunden Fleck zum Angriff erwischt.
    Er bekam schon den Sonntag darauf recht mit seiner Befürchtung.
    Da predigte der Pfarrer über das Evangelium des heiligen Mattäus vom bösen
Knecht.
    »In derselben Zeit trug Jesus seinen Jüngern dieses Gleichnis vor. Im
Himmelreich ist es wie mit einem Könige, der mit seinen Knechten abrechnen
wollte. Da er zu rechnen anfing, brachte man ihm einen, der ihm zehntausend
Talente schuldig war. Als dieser nichts hatte, wovon er bezahlen konnte, befahl
sein Herr, ihn und sein Weib und seine Kinder und alles, was er hatte, zu
verkaufen.«
    Hier knüpfte der hochwürdige Herr an und sagte:
    »Warum befahl der König, nicht nur den Schuldner, sondern auch sein Weib und
seine Kinder zu verkaufen? Ihr-Leute, das will ich euch erklären. Wo es in einem
Hause schlecht geht, hat selten eines allein die Schuld. Von den anderen wird
häufig dazu Anlass gegeben durch Einwilligung, Stillschweigen, Übersehung. Da
gibt es Leute, welche der Meinung sind, sie wären so gescheit, dass sie überall
darein reden dürfen. Sie widersprechen der weltlichen Obrigkeit und geben
Ratschläge, wie man es besser macht; ja sogar die geistliche Obrigkeit muss es
sich gefallen lassen, dass so ein Siebengescheiter seinen Willen durchsetzen
will.
    Aber wie sieht es oft aus bei einem solchen in Dingen, die ihn mehr angehen?
In seiner Familie, in seinem Hause? Da merkt man nichts von der grossen
Gescheiteit und vom guten Regiment. Einer, der Herr sein will über den Staat
und die Kirche, vermag seine Dienstboten nicht in Ordnung zu halten, ja nicht
einmal seine Kinder. Wäre es nicht besser, er hätte seinen Willen darauf
gerichtet, dass man ihn als rechtschaffenen Hausvater betrachten, kann, als dass
er sich um fremde Dinge bekümmert?
    Das ist auch eine sichtbare Warnung für alle, die einem solchen anhängen.
    Diese sollten sich fragen, ob sie dem Rate eines Mannes folgen dürfen, der
in seinem eigenen Hause das Schlechte duldet oder nicht unterdrücken kann.
    Und sie müssten sagen: Nein! Dieser Mann kann uns kein Beispiel sein. Denn
wie sagt Jesus zu seinen Jüngern?
    Hütet euch vor den falschen Propheten, und an ihren Früchten werdet ihr sie
erkennen.
    Jeder gute Baum bringt gute Früchte, aber ein schlechter Baum bringt
schlechte Früchte.
    Darum, wenn man sieht, dass in dem Hauswesen eines Mannes unziemliche Dinge
vorkommen, so wissen wir, dass man seinen Worten nicht folgen darf.
    Seine Früchte sind schlecht, und er selbst kann nicht als gut erfunden
werden. Amen.«
    In der Kirche sass keiner, der den Pfarrer nicht verstand.
    Der Hierangl hatte überall erzählt, dass sein Sohn vom Schuller angepackt
worden war, weil er sich nicht dazu hergeben wollte, den Vater von der Ursula
ihrem Kinde zu machen.
    Eine Dienstmagd, die der Schuller davongejagt hatte, erzählte auch, dass die
Ursula in andern Umständen sei, und so war es leicht zu sehen, wen der Pfarrer
meinte.
    Der Schuller war nicht in der Kirche, aber seine Bäuerin kam mit brennrotem
Kopfe heim und erzählte ihm, was sie hätte anhören müssen.
    »I hätt' mi am liabern vaschloffa, so hon i mi g'schamt,« sagte sie.
    »Do brauchst di du gor it vaschliaffen.«
    »Ja, was moanst denn? In de vordern Bänk' hamm sie si alle umdraht nach
meiner, und de Bäcker Ulrich Marie hat d' Pratz'n vors Mäu g'habt und hat recht
eini g'lacht, dass 's ja alle Leut' sehg'n.«
    »Da brauchst du di gor it vaschliaffen,« wiederholte der Schuller, »de
Schand' trifft an andern, der wo so schlecht is und nimmt d' Kanzel her zu
seiner Feindschaft.«
    »An den Früchten werdet ihr es erkennen, wo es in einem Hause schlecht ist,
hat er g'sagt, und einem Manne dürfet ihr nicht trauen, der wo die
Schlechtigkeit duldet. Mi hamm do 's Deandl mit Rechten aufzog'n, und für dös
kinna mir's aa it derschlag'n.«
    Die Schullerin weinte.
    »Z'weg'n dem brauchst it trentzen,« sagte der Bauer, »was der red't, is gar
nix. Des sell acht i gar it.«
    »Warum hat er nacha nix predigt, wia'r an Schreiber sei Zenzl a Kind kriagt
hat? Da hat ma nix g'hört von einem schlechten Haus. Grad' ins tat er de Schand'
o vor allsamt Leuten.«
    Der Schuller gab ihr keine Antwort; er sah zum Fenster hinaus auf die
Strasse. Schräg gegenüber beim Schuhsteffel standen noch einige Kirchgängerinnen
und steckten die Köpfe zusammen.
    Hie und da drehte sich eine herum und warf einen geschwinden Blick herüber.
    Da sagte der Schuller: »Bäurin, tua mir an Rock aussa. I geh' ins Wirtshaus.«
    »Geh, bleib dahoam! De red'n heut' do nix anders, als wia vo dera Predigt.«
    »Grad' desz'weg'n geh'n i. Sinscht moana d' Leut', i vasteck' mi.«
    Er legte den dunkelblauen Feiertagsrock an und ging durch das Dorf.
    Die Bäcker Ulrich Marie, welche sich hinter ihre Haustüre stellte und ihm
lange nachsah, wunderte sich über seine ruhige Miene und sagte zu der Zwergerin:
    »Er muass 's no it wissen.«
    Die Zwergerin kannte die Menschen besser. »Do bist irr',« sagte sie,
»wenn'st moanst, der Schuller losst si was mirk'n. Der woass 's scho lang'.«
    Beim Wirt sassen viele Leute; man hörte ihre Unterhaltung schon im Hausgange.
    Aber wie der Schuller eintrat, war es mit einem Male still, und alle drehten
sich nach ihm um.
    Er grüsste kurz und setzte sich wie immer an den Ofentisch, wo die grösseren
Bauern sassen.
    Der Haberlschneider rückte ein wenig hinein und machte ihm Platz.
    »Wo kimmst denn her?« fragte ihn der alte Lochmann.
    »I? Von dahoam.«
    »I ho mir denkt, du bist z' Webling g'wen.« - »Na.«
    Es trat wieder eine Pause ein, und der Webergütler, der ein oft gesehener
Gast im Pfarrhofe war, zahlte sein Bier und ging.
    Der Haberlschneider unterbrach die Stille und fragte:
    »Bist scho bald firti mit'n bau'n, Schuller?«
    »No nit völli. D' Schaffelbroat'n hab' i no, nacha is g'schehg'n.«
    »Was baust denn?«
    »An Woatz.«
    »Hast z'letzt an Raps dort g'habt?«
    »Ja.«
    »Er waar scho recht, da Raps, wann ma no net gar so weni löset dafür.«
    Das Gespräch war in Gang gekommen, und der Schuller konnte seine
Sachkenntnis zeigen.
    Aber wie der alte Lochmann aufstand, rückte der Geitner um einen Platz
herauf. Er war als ein Mann bekannt, der gerne herumhorchte.
    Niemand traute ihm, aber da er jedem schön tat und offene Feindseligkeit
vermied, kam keiner dazu, dass er ihm die Wahrheit gründlich sagte.
    Der Geitner rückte herauf und sagte plötzlich, indem er mit der Hand auf den
Tisch schlug:
    »Und dös glaub' i amal net, dass der Schuller a schlecht's Hauswesen führt.
Dös glaub' i durchaus gar net.«
    Obwohl niemand widersprach, steigerte er seinen Eifer und schrie so laut,
dass ihn alle Leute hören mussten:
    »Dös glaub' i net. Und bal's oana anderst sagt, nacha bin i scho do! Der
Schuller wirtschaft' it schlecht. Dös gibt' gor it.«
    »Geh, sei staad!« sagte der Haberlschneider.
    »Na, do bin i it staad. Dös glaub' i amal net. Siehg'st, Schuller, i woass,
dass di dös verdriassen muass, was heut' über di g'red't worn is. Aba bei mir, host
g'hört, do find dös koan Glaub'n. Du vastehst mi scho.«
    In der Stube wurde es still, und alle schauten neugierig, was der Schuller
wohl tun werde.
    Der stand langsam auf und sagte:
    »I vasteh' di guat, Geitner, aba i sag' dir bloss dös. Der schlechtest Mensch
is der Ehrabschneider, und wann oaner de Kircha dazua hernimmt, nacha is er
zwoamal schlecht. Und dös derfst überall verzähl'n, wo'st magst.«
    »I? Was glaabst denn? I steh' ja durchaus bei dir! Da gibt's gar nix.«
    Der Schuller gab ihm keine Antwort und ging mit dem Haberlschneider aus der
Stube.
    Sie nahmen nicht den Weg durch das Dorf, sondern bogen hinter dem Wirtshaus
in einen Feldweg ein.
    Der Schuller fragte kurz:
    »Was sagst denn du dazua?«
    »Dass da Geitner a Tropf is.«
    »Und de Predigt?«
    »Dös hat mi gar it g'wundert, Schuller. I hab' das g'sagt, der Pfarra passt
dir an Weg ab. Hoass is er scho lang auf di, und jetzt erst recht, weil er woass,
dass mir di zum Bürgermoasta hamm woll'n.«
    Der Schuller blieb stehen.
    »Wia'st mi vor acht Täg g'fragt hast, hon i dir mit Wahrheit g'sagt, dass i
net gern Bürgermoasta wer. Aber jetzt, Haberlschneider, sieh'gst, jetzt möcht'
i's wer'n. Und wenn's bloss desz'weg'n waar, dass mi der ander it ganz veracht'n
derf.«
 
                                Fünftes Kapitel
Es war ein frischer Herbstmorgen in Nussbach.
    Aus den grossen Schornsteinen der Bierbrauerei zum Stern stieg der Rauch
gerade in die Höhe, und der Gockel auf dem Kirchturme drehte den Kopf nach
Westen.
    Die eine Hälfte des Marktplatzes lag in hellem Sonnenscheine, und aus allen
Häusern liefen die Hunde auf die warme Seite hinüber.
    Der Buchdrucker Schüchel verliess seinen dunklen Laden und ging zum Melber
Wimmer, der mit anderen Bürgern in der Sonne stand. Denn um diese Jahreszeit
freuten sich Menschen und Tiere an ihren Strahlen.
    Ein offener Einspänner kam die Ingolstädter Strasse herauf. Ein kräftiger
Schimmel zog ihn, und die Hufeisen klapperten in langsamem Takte auf dem
Steinpflaster. Neben dem Kutscher sass ein Mann in geistlicher Tracht, und der
Wagen hing stark auf seine Seite hinüber.
    Vor dem Sternbräu hielt das Fuhrwerk. Der Dicke stieg schwerfällig herunter,
und die Bürger grüssten ihn.
    Er spreizte die Beine von sich, wie einer, dem langes Sitzen sauer gefallen
ist, und schritt bedächtig den Marktplatz hinunter.
    Der Schuster Prantl sah ihn von seinem Drehstuhle aus. Er legte Nadel und
Pfriemen weg und ging auf die Strasse zu seinen Mitbürgern.
    »Habt's an Pfarra vo Giabing g'sehg'n?« fragte er.
    »Der werd halt wieder zu unsern Grosskopfeten geh',« sagte Wimmer.
    Und er meinte damit den königlichen Bezirksamtmann Otteneder, welcher gerade
am Fenster stand und mürrisch heruntersah.
    Seine Untertanen gefielen ihm nicht; er warf verächtlich die Lippe auf und
sagte vor sich hin:
    »Faules Pack! Steht auf der Strasse herum und stiehlt dem lieben Herrgott den
Tag.«
    Abneigung von oben wie von unten. Es war eine schlimme Zeit. Diese Bürger
gewährten wohl ein friedliches Bild; aber wer ihre Reden hörte, als sie später
beim Frühschoppen sassen, der gewann einen anderen Eindruck.
    Der Buchdrucker Schüchel vermass sich, dass er in seinem Wochenblatt einen
unerbittlichen Kampf gegen Beamte und Geistlichkeit führen wolle; und der Melber
Wimmer schlug auf den Tisch und sagte, dass die Regierung mit Absicht den
Mittelstand zugrunde richte.
    Welcher Geist war in diese Leute gefahren, die sich früher als ruhige Männer
und besorgte Familienväter gezeigt hatten?
    Es war der Geist der Auflehnung, der zuerst die Bauern ergriff, und dem sich
die Bürger nicht verschliessen konnten.
    Die Kaufleute spürten, dass es den Bauern an Geld fehlte, die Handwerker
klagten über das nämliche; alle billigten eine Bewegung, von der sie Besserung
hofften.
    Treue Untertanen wurden irre an ihrer Pflicht und an ihrem Glauben.
    Die Bauern verloren zuerst den festen Halt.
    Es war auch früher vorgekommen, dass einer jammerte über schlechte Preise und
hohe Steuern.
    Aber er tat es bei den Behörden und mit ehrerbietigen Worten. Er bat nur für
sich um einen kleinen Vorteil und war zufrieden, wenn sein Nachbar weniger
erhielt.
    Jetzt kamen die Leute mit ungestümen Forderungen und verlangten Rechenschaft
von der Obrigkeit.
    Und was das Schlimmste war, sie kehrten sich gegen ihre Priester. Man sagte,
die Geistlichkeit habe Schuld daran, weil sie zuerst den Glauben mit der Politik
vermischt habe.
    Aber die liess es nicht gelten und jammerte von den Kanzeln herunter, wie der
Glaube der Väter dahinschwinde, und wie die Kirche in Bedrängnis komme.
    Die Bauern liessen sie reden und zählten grimmig das Geld, welches sie auf
den Schrannen lösten.
    Siebzehn Mark für den Scheffel Korn, zweiundzwanzig für den Weizen.
    Und sie erinnerten sich noch gut an die Zeit, wo die Frucht mehr wie das
Doppelte galt.
    Das liessen die Leute zu, denen sie ihr Vertrauen schenkten, die sie nach
Berlin in den Reichstag schickten, damit sie frei hinstünden und sagten, was den
Bauern not tue.
    Es kam eine arge Wut über die Leute.
    In Niederbayern fing es an. Da rührten sie sich zuerst und fanden unter sich
Männer, die sagen konnten, was alle meinten.
    Es war grob und heftig; aber Leute, die lange den Zorn in sich
hineinfressen, hauen über die Schnur, wenn sie das Reden anfangen.
    Und wird die Ehrfurcht locker, dann schlägt sie leicht in das Gegenteil um.
    Es fielen böse Worte, und der Kampf verschärfte sich von einem Tag zum
andern.
    Das Feuer schlug nach Oberbayern herüber; es flackerte da und dort auf. Es
wurden Markgenossenschaften gegründet, ein Waldbauernbund tat sich zusammen; der
Hutzenauer von Ruhpolding probierte das Reden, und es ging ihm gut genug. Andere
machten es ihm nach, und jeder hatte Erfolg, wenn er sagte, dass der Bauer
obenauf kommen müsse.
    Die bündlerischen Zeitungen fanden Eingang in die Gemeinden; überall gärte
es, überall war der Boden bereitet.
    Es fehlte nur am rechten Zusammenhalten; und es fehlte an der Agitation.
    »Versammlungen müssen her,« sagte der Melber Wimmer, »und Vertrauensmänner.
Sonst woass ma'r überhaupt net, wer zu oan steht.«
    »Vor allem a Versammlung,« meinte Prantl, »und de Versammlung muass in
Nussbach sei'. De Leut' müassen sehg'n, dass si was rührt.«
    »Das ist auch meine Ansicht sozusagen,« pflichtete Schüchel bei; »Nussbach
ist der Mittelpunkt. Sozusagen die Zentrale. Von da aus muss die Bewegung
sozusagen strahlenförmig auseinandergehen. Also net wahr, wenn ich zum Beispiel
hier einen Kreis ziehe. Geh, Anna, bringen S' mir eine Kreiden!«
    »Dös braucht's net,« sagte Prantl, »lassen S' uns aus mit eahnern Kreis und
eahnere Strahlen!«
    »Ja, wenn die Herren meinen, aber das kann man doch auch mit Ruhe sagen, net
wahr? Übrigens ist Nussbach die Zentrale, und wenn man sozusagen systematisch
vorgeht, muss die Bewegung von hier aus in die einzelnen Kanäle geleitet werden.
Hier ist der Sitz der Presse, und so weiter, net wahr?«
    »Is scho recht,« sagte Wimmer. »Aber dös mit da Versammlung, Prantl, dös
muass z'sammgeh'. Je eh'nder, desto besser.«
    »Es braucht sei Zeit,« antwortete Prantl, »mir müassen an bekannten Redner
hamm, mir müassen in de Gemeinden Leut' hamm, und mir müassen aa de Stimmung
kenna. G'rad bei der ersten Versammlung müassen mir Obacht geb'n, dass mir net
fallieren.«
    »Um d' Stimmung brauchst di net z'kümmern. I kenn' Leut' g'nua, de auf
unserer Seiten san.«
    »Ob sie sich aber trau'n in der Öffentlichkeit?«
    »Warum denn net, g'rad g'nua gibt's. Da is der Kronschnabl von Bachern, und
der Stuhlberger von Giebing und der Wanninger und der Rädlmayer von Schachach:
g'nua gibt's.«
    »Man müsste sozusagen ein Verzeichnis anlegen,« sagte Schüchel, »auf der
einen Seite müsste die Gemeinde stehen und auf der anderen der Name, net wahr?
Von dem Betreffenden. Und jeder müsste sozusagen ein Unterverzeichnis haben, wo
diejenigen stehen, welche er für unsere Sache gewinnen kann.«
    »Ja, ja,« antwortete Prantl, »so oder anderst müassen mir's macha. Aba pass
auf, Wimmer, in d' Hand muass de Sach' g'numma wer'n, und a Versammlung muass's
geben, dass d' Leut' schaug'n, und unser Grosskopfeter dazu.«
    Er meinte wieder den königlichen Bezirksamtmann von Nussbach.
Der Pfarrer von Giebing, Dekan und päpstlicher Hausprälat, Mitglied der Kammer
der Abgeordneten, sagte zu Herrn Franz Otteneder:
    »Ich versichere Sie, Herr Bezirksamtmann, es ist so. Wenn nichts geschieht,
haben wir bei jeder Gemeinde den Krieg. Es muss etwas getan werden.«
    »Es fragt sich nur, was, Herr Dekan. Ich bin schon längst informiert, dass
die Bündler bei uns Boden gewinnen. Ich erhalte fast täglich Zuschriften von
Ihren Kollegen. Ja, das ist alles recht, aber.« Otteneder zuckte die Achseln.
    »Es lassen sich schon Mittel finden, Herr Bezirksamtmann.«
    »Zum Beispiel?«
    »Durch persönlichen Einfluss.«
    »Den haben Sie mehr wie ich. Was zu mir kommt, das sind die Bürgermeister.
Ich verkehre nur indirekt mit den Gemeinden; Sie sind an Ort und Stelle.«
    »Aber gegen uns richtet sich die ganze Bewegung. Wir sind Partei, und was
wir sagen, gilt nicht. Sie kennen ja unsere Bauern.«
    »Ob ich sie kenne! Deswegen sage ich, wie soll denn ich bei der hartköpfigen
Gesellschaft ankommen?«
    »Sie müssen aber zugeben, Herr Bezirksamtmann, dass man nicht die Hände in
den Schoss legen kann. Denken wir an die Zustände in Niederbayern! Es darf nicht
soweit kommen.«
    Herr Dekan Metz beugte sich vor und versuchte, mit der Hand um seinen
ausgepolsterten Rücken herum und in die rückwärtige Tasche zu kommen.
    Nach ein paar hastigen Bewegungen gelang es ihm, und er zog sein geblümtes
Taschentuch heraus, mit dem er sich die Stirne trocknete.
    »Denken Sie an Niederbayern!« wiederholte er, und seine Augen drückten eine
ernstliche Besorgnis aus.
    Otteneder stand auf und ging auf und ab.
    »Ich habe den besten Willen, Herr Dekan. Ich will keineswegs ruhig zusehen.
Gewiss nicht. Aber man redet immer nur von der Gefahr. Wenn ich nur einmal etwas
von den Mitteln dagegen hören würde!«
    »Ich dachte, es muss gehen.«
    »Das denkt die Regierung auch. Sehen Sie, da kriege ich immer Schreiben. Man
erwartet, dass die Bewegung nicht um sich greift. Na, Sie wissen das ja!«
    »Ich habe vor vierzehn Tagen mit der Exzellenz darüber gesprochen.«
    »Und?«
    »Der Minister meint eben auch, der persönliche Einfluss.«
    »Tja, der persönliche Einfluss. Das heisst, man macht uns dafür
verantwortlich.«
    »Das nicht, aber ...«
    »Nu natürlich, Herr Dekan! Ich weiss doch, wie das ist. Lässt sich die
Geschichte nicht aufhalten, dann heisst es, wir haben die Gefahr nicht erkannt,
oder wir haben es nicht verstanden, auf die Leute günstig einzuwirken. Wir
müssen es ausbaden; die Herren oben natürlich nicht.«
    »Unter Einfluss, da verstehe ich doch nicht bloss Überredung, Herr
Bezirksamtmann.«
    »Sondern.«
    »Sondern, ja! Da gibt es viel. Alles, was halt die Aufsichtsbehörde ... wie
soll ich sagen? Was halt die Aufsichtsbehörde sonst anwendet. Es gibt aber doch
manches.«
    Otteneder setzte sich und spielte nachdenklich mit einem Lineale.
    »Was meinen Sie damit, Hochwürden?«
    »Nichts Bestimmtes, Herr Bezirksamtmann. Aber ich denke, zum Beispiel, wenn
Versammlungen stattfinden sollen. Man liest, dass hie und da eine Versammlung
verboten wird.«
    »Aber nicht jede. Und was hilft es dann?«
    »Man könnte auf die Wirte einwirken, dass sie kein Lokal hergeben. Ein Wirt
ist doch immer angewiesen auf das Bezirksamt.«
    »Einigermassen, ja. Aber das sind Mittel, einmal helfen sie, einmal nicht.
Und übertreibt man sie, dann schreien die Leute noch ärger.«
    »Auf alle Fälle muss man jetzt vor den Gemeindewahlen etwas tun. Dass uns
nicht lauter Bündler als Bürgermeister hingesetzt werden.«
    »Ich bin der Sache schon näher getreten, Herr Dekan.«
    »Ich weiss, mit der Umfrage. Haben Sie überall Auskunft bekommen, Herr
Bezirksamtmann?«
    »Von den meisten.«
    Otteneder schloss den Schreibtisch auf und nahm einen umfangreichen
Aktenbündel aus der Lade.
    »Sehen Sie, das sind die Antworten. Namen genug, fast zu viel.«
    »Ich habe unterderhand dafür gesorgt, dass die Beteiligung möglichst
allgemein war, Herr Bezirksamtmann.«
    »Nachträglich meinen Dank, Hochwürden. Aber nun sagen Sie einmal selber! Da
sind mir von etlichen vierzig Gemeinden vielleicht dreihundert Männer
bezeichnet, die als Bündler gelten, und die nicht in die Ausschüsse kommen
sollen. Dreihundert, Herr Dekan! Wie kann ich das verhindern?«
    »Nicht bei allen. Aber doch bei den Gefährlichsten. Zum Beispiel in meiner
Pfarrei der Stuhlberger und der Meisinger! Das ist ganz ausgeschlossen, dass
einer davon Bürgermeister wird! Das hiesse geradezu den Aufstand proklamieren,
das hiesse die Stellung des Pfarrers unmöglich machen. Der Meisinger tut mir seit
sechs Jahren alles an, was er nur kann. Geradezu verbrecherisch.«
    Der Dekan geriet in Eifer. Er schlug mit der Hand heftig auf die Papiere,
welche den Namen Meisinger entielten.
    »Hochwürden, ich habe mir die Namen besonders notiert.«
    »Der Mensch hat Verleumdungen gegen mich begangen und Personen
hereingezogen. Ich will mich nicht weiter ausdrücken.«
    »Herr Dekan, Sie können sich darauf verlassen ...«
    »Dieser Mensch ist ein Gottesleugner, ein Kirchenschänder. Er hat die
boshaftesten Lügen über mich in der Zeitung verbreitet. Entschuldigen Sie, wenn
ich heftig werde!«
    »Es sind Ihnen einmal die Fenster eingeworfen worden?«
    »Ja, das war der Meisinger. Und kein anderer.«
    »Ich notiere mir's, Herr Dekan. Das ist jetzt einer. Aber dreihundert?«
    »Ich blicke wirklich trübe in die Zukunft, Herr Bezirksamtmann.«
    Otteneder machte eine verbindliche Bewegung.
    »Ich hoffe, dass die Herren selbst Einfluss haben. Die Wahlen fallen
vielleicht besser aus, als wir denken.«
    »Ich fürchte, ich fürchte, es gibt Überraschungen. Aber ich habe Ihre Zeit
lange in Anspruch genommen.«
    
    »Bitte, ich bin sehr dankbar für Ihren Besuch. Und für jede Unterstützung.
Ich empfehle mich Ihnen.«
    Der päpstliche Hausprälat näherte sich der Türe. Unter derselben blieb er
stehen. Er hatte noch etwas vergessen.
    »Herr Bezirksamtmann, pardon!«
    »Sie wünschen?«
    »Mein Amtsbruder in Erlbach schreibt mir, dass er mit solchen Schwierigkeiten
zu kämpfen hat.«
    »So, so?«
    »Ich möchte ihn warm empfehlen.«
    »Was sich tun lässt..,«
    »Nochmals besten Dank, Herr Bezirksamtmann.«
    Die Türe schloss sich, und Otteneder war allein. Er setzte sich an den
Schreibtisch und sah zur Decke hinauf.
    »Meisinger, Stuhlberger, der Pfarrer von Erlbach. Es hätte noch mehr sein
können,« sagte er.
    Und sein Gesicht nahm wieder den mürrischen Ausdruck an.
    Ungewohnte Arbeit und eine neue Verantwortlichkeit, das sind Dinge, die
einen nicht fröhlich stimmen.
    Diese Neuerungen, welche überall störend eingriffen, und das Amtieren
erschwerten! Früher, ja, da war alles besser gewesen. Wer achtete früher auf die
Unzufriedenheit der Bauern?
    Sie drang nicht in die Öffentlichkeit; wenn einer mit seiner Klage in das
Amt kam, sagte man ihm, es werde schon einmal besser werden, und man wolle
überlegen, wo zu helfen sei.
    Man schrieb und verordnete, und die Regierung war zufrieden, wenn auf dem
Papiere alles in Ordnung war.
    Jetzt sollte mit einem Male alles aus grossen Gesichtspunkten geschehen. Und
dabei war alles im Ungewissen, nirgends eine feste Richtschnur.
    Schimpften die Bauernbündler, dann empfand man es oben sehr unangenehm;
schrien die Geistlichen in ihrer Presse, dann war es zweimal nicht recht.
    Das pendelte hin und her. Dazu eine heillose Angst vor dieser lärmenden
Bewegung, weil sie Volksschichten aufwühlte, die bisher so angenehm teilnahmslos
waren.
    In der Politik wird das Zuwenig gleich ein Zuviel, und ganz selten wird die
Mitte eingehalten.
    Solange noch etwas zu richten war, hatte man nicht auf die Bauern geachtet.
Jetzt zeigte man eine übertriebene Furcht, die von den Geistlichen sorgsam
genährt wurde. Zum Beispiel dieser vortreffliche Erlass der Regierung! »Die
Vorstände der Bezirksämter sollten ein besonderes Augenmerk darauf haben, dass
die bevorstehenden Gemeindewahlen ein gutes Ergebnis lieferten, dass insbesondere
nicht die Führer der Bewegung in Vertrauensstellungen gelangten.«
    Das war richtige Stubenweisheit, und der Verfasser mochte glauben, wie klug
er mit ein paar Federstrichen nützliche Verhaltungsmassregeln angegeben hatte.
    Freilich, der persönliche Einfluss musste hier das Beste tun.
    So sagte auch der Abgeordnete, Hochwürden Herr Dekan Metz.
    Das dachten sich die Leute so.
    Franz Heinrich Otteneder, der Sohn des Landrichters gleichen Namens, und der
Enkel des Salinenadministrators Johann Otteneder, zuerst Schüler eines
Gymnasiums, Student in München und späterhin durch lange Jahre Assessor in einer
fränkischen Kreisstadt, sollte seinen persönlichen Einfluss geltend machen. Bei
den Dickschädeln der oberbayerischen Hochebene, deren Sprache er kaum verstand,
und die ihm so fremd waren, wie die Neger an den Strömen Afrikas.
    Aber eines war gewiss.
    Er durfte den Erlass seiner vorgesetzten Regierung nicht einfach beiseite
legen; er musste Eifer zeigen.
    Nach längerer Überlegung hatte er das vertrauliche Schreiben an die Pfarrer
seines Bezirkes gerichtet, betreffend Gemeindewahlen. Mit der Bitte, die Leute
namhaft zu machen, welche sich in der Agitation für den Bauernbund hervortaten
oder von denen solches zu erwarten stand.
    Das Ergebnis war befriedigend.
    Otteneder konnte einen umfangreichen Akt anlegen, der als Beweis für einen
bereitwilligen Fleiss gelten durfte.
    Nicht jeder Pfarrer schickte eine Liste. Aber der Ausfall wurde gedeckt
durch den Eifer der anderen.
    Die längste kam aus Erlbach.
    Von 106 Gemeindebürgern musste Herr Jakob Baustätter leider 59 als
schlechtgesinnt bezeichnen.
    Sein Bericht begann mit der Erklärung, dass nicht etwa seit kurzem eine
betrübende Abneigung gegen die Kirche und jegliche Autorität zu bemerken sei.
    Diese wäre bereits zutage getreten, als der hochachtungsvollst Unterfertigte
den Bau eines neuen Turmes beantragte.
    Was damals von einem königlichen Bezirksamte vielleicht nicht so gewürdigt
worden sei.
    Natürlich in wohlmeinendster Absicht.
    Nach dieser Einleitung kam das Verzeichnis der Abtrünnigen; bei jedem Namen
eine Randbemerkung. Der Schluss lautete wörtlich:
    »Einem hohen Bezirksamte kann ich nicht umhin, noch eine sehr wichtige
Mitteilung zu machen. Es verlautet, dass in diesem Jahre Andreas Vöst
Bürgermeister werden soll. Dieses wäre von den schwersten Folgen begleitet. Vöst
ist die Seele des Aufruhres und ein rachsüchtiger Mensch. Ich möchte hinweisen,
dass ich zur rechten Zeit gewarnt habe, wenn sich ein unermesslicher Schaden
ergibt.«
    Otteneder übersah die anmassliche Bosheit nicht, welche in diesem Satze
steckte.
    Er musste ihn ernst nehmen; nicht, weil er den Andreas Vöst, sondern, weil er
den Jakob Baustätter scheute.
    Den Herrn Pfarrer von Erlbach, welcher ihm zu verstehen gab, dass er die Welt
mit Lärm erfüllen werde, wenn sein Wunsch kein Gehör fände.
    Und Otteneder wusste jetzt, dass die Umfrage ein Fehler war.
    Indem er diese Herren um Auskunft anging, gab er ihnen ein Recht, Ratschläge
zu erteilen.
    Indem er sie um einen Dienst für das allgemeine Wohl ersuchte, verschafte
er ihnen Gelegenheit, ihre persönlichen Interessen hinein zu mengen.
    Er hatte sie im voraus zu Richtern über den Ausfall der Wahl bestellt.
    Wenn er es recht überlegte, blieb ihm nur mehr ein Weg offen.
    Er musste mit dem Klerus gehen und sich den Anschein geben, als wenn er seine
Wünsche teile.
    Es geschah ihm das gleiche wie der Staatsregierung. Er wollte die
Geistlichkeit für seine Zwecke benützen und diente unversehens den ihrigen. Wer
Freude am Herrschen hat, unterwirft sich aber nicht gerne, und deswegen war
Franz Otteneder schlechter Laune.
    Er stand wieder auf und stellte sich an das Fenster.
    Die Bürger kamen gerade aus der Brauerei.
    Prantl schüttete eine Prise Tabak auf die Hand und schnupfte. Der Melber
Wimmer schaute in die Sonne und gähnte herzhaft.
    »Das ist ein Volk,« sagte Otteneder, »das frisst und sauft den ganzen Tag.«
 
                                Sechstes Kapitel
Zu Allerseelen konnte man sehen, wer in Erlbach Geld hatte.
    Die Gräber der reicheren Leute waren schön geschmückt mit Kränzen aus
Strohblumen, an denen Glasperlen hingen.
    Grosse Laternen mit roten und blauen Gläsern warfen ein auffälliges Licht auf
die steinernen Engel und die Kreuze und Anker.
    Es konnte keiner daran vorbeigehen, ohne zu sagen: »Da liegt der Paulimann
oder der alte Hahnrieder. Es ist eine Pracht, wie sie das Grab hergerichtet
haben.«
    Auch die Ruhestätte der Anastasia Vöst war in gutem Stande. Ihr Name prangte
mit neuen goldenen Buchstaben unter dem des ehrengeachteten Johann Vöst, welcher
zu Lebzeiten ihr Ehemann gewesen war.
    Daneben sahen die Gräber der kleinen Leute noch einmal so dürftig aus.
    Die hölzernen Kreuze waren verwittert und die Inschriften so unleserlich,
dass unser Herrgott Mühe haben musste, wenn er die kleinen Häusler und Ehehalten
nicht verwechseln wollte.
    Da waren keine künstlichen Blumen und keine Kränze mit Glasperlen, sondern
Tannenreisig und Stachellorbeer. Hier und dort war eine windschiefe Stallaterne
aufgestellt, in der ein Lichtlein brannte, so kümmerlich und unansehnlich, wie
das Leben dessen war, der hier auf die Auferstehung wartete.
    Das Seelenamt war zu Ende, und aus der Kirche kamen in feierlicher
Prozession alle Gläubigen mit dem Pfarrer an der Spitze.
    Sie gingen an den Gräbern entlang, und alle zwei Schritte hielten sie. Dann
tauchte der Pfarrer den Wedel in das geweihte Wasser und sprengte es nach links
und rechts.
    Über die Ruhestätten der Reichen ging ein Regen nieder; man hörte ihn auf
den Kränzen und Blumen rauschen; die Armen, welche weiter entfernt lagen,
bekamen nur ein paar Tröpflein. Aber sie waren auch damit zufrieden, und die
kleinen Lichter in den Stallaternen erschauerten ehrfürchtig vor dem Segen.
    Der Kooperator schritt hinter dem Pfarrer einher und respondierte seinem
Gesange.
    »Requiescat in pace!«
    Er spitzte bei den lateinischen Worten den Mund und machte ihn rund und
zierlich. Er sah zum Himmel auf; demütig und doch mit stolzem Vertrauen.
    Als wollte er dem, der über den Wolken tront, sagen, er könne vollauf
zufrieden sein mit diesem seinem Geschöpfe Aloysius Sitzberger.
    »Requiescat in pace!«
    Der Kooperaror liess seine Augen wieder auf irdischen Dingen haften, und
plötzlich richteten sie sich stechend auf einen Punkt.
    Er beugte sich vor und flüsterte dem Pfarrer einige Worte zu.
    Der hochwürdige Herr wendete das Haupt und blickte ebenfalls scharf über die
Kirchhofmauer hinüber.
    Und siehe da, er bemerkte ein Geschehnis, welches ihn so erregte, dass sich
seine Stirne rötete. Er hielt inne mit seinem Gesange, und alle, die um ihn
standen, drängten sich näher heran und schauten.
    In dem grünen Rasen, unter welchem das Heidenkind verscharrt war, steckte
ein roh gezimmertes Kreuz, und daran hing ein kleiner Kranz.
    Der Pfarrer glaubte nicht, dass dies etwa durch ein Wunder geschehen war, und
er hatte recht hierin.
    Denn das Kreuz war vom Knechte des Schuller in aller Eile verfertigt worden,
und die Bäuerin hatte es den Abend vor Allerseelen auf das Grab des kleinen
Heiden gesteckt.
    Niemand wusste darum; die Schullerin hatte das Kreuz unter ihre Schürze
versteckt und war auf Umwegen in den Friedhof gegangen.
    An dem Tage, wo man aller Verstorbenen gedachte, erinnerte sie sich des
kleinen Kindes, das sie unter dem Herzen getragen und doch kaum mit Augen
gesehen hatte. Es war Fleisch von ihrem Fleische, wenn es auch abseits lag von
den katolischen Christen, und sie meinte, irgend etwas müsse an sein Dasein
erinnern.
    Sie wählte das Zeichen des Kreuzes und dachte in ihrer Einfalt nicht, dass
sie damit den lieben Gott beleidigte. Es erging ihr wie dem Könige Ozias, von
dem geschrieben steht, dass er Weihrauch vor dem Herrn anzünden wollte.
    Und die Priester zürnten ihm darum und sagten: »Es ist nicht deines Amtes,
Ozias, sondern der Priester, welche geweiht sind zu diesem Dienste. Hebe dich
hinweg, denn dies wird dir nicht zur Ehre gerechnet vor Gott dem Herrn!«
    Auch Pfarrer Baustätter ergrimmte, als er sah, wie man hier in sein heiliges
Amt eingegriffen hatte.
    Er eilte mit raschen Schritten hinweg, und Sitzberger folgte ihm. Wie sie
voll Eifers und Rachedurstes dahingingen, dass ihre Chorröcke flogen und im Winde
flatterten, sahen sie aus wie die zürnenden Priester, welche vorzeiten den König
Ozias zum Tempel hinausgeworfen hatten. Sie liefen um die Mauer herum und traten
auf das Grab des Heidenkindes.
    Baustätter fasste das Kreuz und riss es heraus, dann zerbrach er es über dem
Knie und warf die Stücke weg.
    Die Menge stand Kopf an Kopf und schaute zu.
    Den Weibern ging es an die Herzen. Sie bekreuzten sich und blickten scheu zu
der Schullerin hinüber, die sich keinen Rat wusste und jämmerlich weinte. Von den
Männern fühlten wohl einige, dass dieser Priester widerlich war, der sich so
aufgeregt gebärdete, und dem dabei der weibische Rock an die Waden schlug.
    Als Baustätter wieder im Friedhofe stand, entblösste er sein Haupt und
sprach:
    »Andächtige Christenversammlung! Ich war es denen, die in Christo dem Herrn
verstarben und welche hier unter dem Zeichen des heiligen Kreuzes ruhen,
schuldig, dass ich die frevelhafte Nachbildung dieses Zeichens aus dem geweihten
Boden entfernte.
    Es ist schmerzlich, eine solche Pflicht zu erfüllen, aber es ist notwendig.
Amen.«
    Der Schuller stand nicht unter den Leuten, als das geistliche Gericht
erging, und seine Bäuerin wollte ihm nichts sagen. Aber den Frauenzimmern kann
man ein Geheimnis leicht abschauen. Sie zeigen nichts auffälliger als das, was
sie verbergen wollen. Wie die Schullerin die Stubentüre öffnete und den Bauern
auf der Ofenbank sitzen sah, fuhr sie zurück und hob im Hausgange ein
verdächtiges Wispern mit ihrer Tochter an. Alle zwei flüchteten in die Küche.
Der Schuller ging ihnen nach.
    »Was geit's denn?« fragte er.
    »Nix. Was soll's denn geb'n?«
    »Für was bischt denn so z'ruck'sprunga vo da Tür?« - »I?«
    »Ja! Hat's wieder was geben in da Kircha?«
    Die Schullerin wurde kleinmütig und erzählte alles. Aber ihre Angst war
überflüssig.
    Der Bauer hörte sie ruhig an, und er sagte bloss: »Dir is g'rad recht
g'schehg'n.«
    »I bin do gar nix vermoant g'wen!«
    »Weil du nia nix denkst.«
    »A ganz a kloans Kreuzel, dös ko do neamd im Weg umgeh'! I ho do gar nix
g'moant.«
    »Geh zua!«
    »Da tat'st du sag'n, es g'schiecht mir g'rad recht. Es is do nix Schlecht's,
bal ma woass, dass net grad a Hund dort liegt!«
    »Geh zua, sag i! Laaf du an Pfaffen it nach! Nacha ko er dir nix toa.«
    Der Schuller drehte sich um und ging.
    Er war nicht so ruhig, wie er sich gab, aber die Bäuerin brauchte das nicht
zu wissen.
    Wenn er dabei gewesen wäre, wie sie herumtrampelten auf dem Grabe,
vielleicht hätte er den Menschen gepackt, und hätt' er ihn gehabt, es wär' ihm
nicht gut gegangen. Und dann wär' er selber unglücklich geworden, vielleicht für
sein ganzes Leben. Das war der wert!
    »Geh' zua!«
Einige Tage nach Allerseelen kamen die Lehrer der benachbarten Gemeinden in
Aufhausen zusammen; es war ein alter Brauch, sich in jedem Monate einmal zu
sehen, und über Beruf und andere Dinge zu reden.
    Diesmal war es ziemlich lebhaft geworden, und Herr Stegmüller hatte über
vieles nachzudenken, als er den Weblinger Feldweg entlang schritt.
    »Welche Haltung sollen wir bei den Gemeindewahlen beobachten?«
    Über diese Frage hatte der Lehrer von Hilgertshofen einen Vortrag gehalten.
Der war ein systematischer Mensch, welcher alles mit erstens, zweitens und
drittens haben musste. Und da war doch wenig oder nichts zu sagen. Wer einen
politischen Kampf führen will, muss unabhängig sein; und das waren die Lehrer
nicht. Sie konnten nicht gegen die Geistlichkeit streiten. Erstens, zweitens und
drittens, weil die Pfarrer auch Schulinspektoren sind. Die Bauern sollten ihre
Sache nur selber ausfechten; und wer weiss, wenn sie die Oberhand hätten? Wer
weiss, ob es die Lehrer dann besser träfen? Das kann niemand sagen. Überhaupt so
gescheite Reden!
    Herr Stegmüller blieb stehen und schlenkerte die schweren Erdknollen weg,
die sich an seinen Stiefeln festgesetzt hatten. Wie grau und öde jetzt alles
war! Das Feldkreuz sah aus wie ein Grabstein; die zwei Buchen, welche daneben
standen, liessen ihre verwelkten Blätter auf den Gekreuzigten fallen.
    »Da war es,« dachte Stegmüller, »da hat er gesungen, wie das hübsche Mädel
dabei war.«
    Was ihm der Lehrer von Aufhausen erzählte! Der Studiosus Mang komme häufig
in das Haus des Herrn Kaufmann Sporner und musiziere mit dem Fräulein. Und das
Fräulein habe ganz begeistert an die Frau Lehrer geschrieben über den Herrn Mang
und seinen Tenor, und der Herr Mang hatte ihm, dem Herrn Stegmüller,
geschrieben. Auch ganz begeistert über das Familienleben beim Kaufmann Sporner.
Was war am Ende dabei? Junge Leute und die Freude an guter Musik. Denn der Mang,
der war ein Künstler, gewiss und wahr.
    Aber der Lehrer von Aufhausen hatte gesagt, der Studiosus wäre gar nicht so
dumm, denn der Sporner Michel mit seinen zwei Häusern und dem alten Geschäft
wäre kein übler Schwiegervater. Was hatte Sylvester damit zu schaffen? Weggehen
vom geistlichen Berufe? Wenn er bloss die Miene dazu machte, dann zog sein Vetter
die Hand von ihm ab: der Spanninger von Pasenbach, der ihn studieren liess.
    Stegmüller blieb wieder stehen! Er war am Weblinger Holze und fand auf dem
Waldboden einen besseren Weg.
    »Ja, die Jugend!« sagte er. »Das lebt so dahin und denkt nichts.« Neben ihm
rauschte es heftig durch das welke Laub; ein Hase sprang weg und setzte über das
Feld.
    Plötzlich schlug er einen Haken, und Stegmüller sah, dass weiter unten ein
Bauer bei seinem Düngerwagen stand.
    Es war der Schuller. Stegmüller erkannte ihn und wollte nicht ohne Gruss und
Rede an ihm vorbeigehen.
    »Gut' Morgen, Schuller!«
    »Ah, der Herr Lehrer! Waren S' in Aufhausen drüben?«
    »Freilich. Hat ein bissel lang gedauert, da bin ich gleich über Nacht
geblieben.«
    Stegmüller kam näher und reichte dem Schuller die Hand hin.
    »Es geht it,« sagte dieser, »an andersmal, Herr Lehrer. Bei dem G'schäft hat
ma koane sauber'n Händ'.«
    Und er nickte mit dem Kopfe gegen den Düngerwagen hin.
    »Es gilt auch so,« erwiderte Stegmüller. »Sie sind schon wieder fleissig?«
    »Ja, muass scho sei.«
    »Freilich. Wer durch den Pflug reich werden will, muss ihn selber anfassen.
Und Arbeit hat bittere Wurzel, aber süsse Frucht.«
    Der Schuller lächelte.
    »Sie ham's allawei mit die Sprichwörter, Herr Lehrer.«
    »Da steckt die grösste Weisheit drin, Schuller. No, Ihnen braucht man nichts
zu sagen. Es hat keiner seine Sach' in besserer Ordnung wie Sie.«
    »Es gibt Leut', de öffentlich was anders sag'n, Herr Lehrer.«
    »Ich versteh' Sie schon, aber wenn man auch nicht alles sagen darf, was man
denkt, deswegen ist man doch nicht einverstanden damit.«
    »Ja, und vo dem kommt's her, dass de Schlechtigkeit so guat wachst.«
    »Von was, Schuller?«
    »Vo dem, dass si die oan nix, und die andern alles trauen derfen.«
    Stegmüller wurde etwas verlegen.
    In den grauen Augen, die ihn so frei und gerade anblickten, lag ein Vorwurf.
Er gehörte auch zu denen, die sich nichts trauten und aus Ängstlichkeit zu allem
schwiegen.
    »Ja, Schuller, was will man machen?« sagte er. »Wenn ich frei wäre oder
einen Hof hätte wie Sie oder ...«
    »I hab' net grad' Eahna g'moant, Herr Lehrer, i moan überhaupts bloss a so.«
    Stegmüller bohrte mit seinem Schirme Löcher in den Boden und schaute
nachdenklich vor sich hin.
    »Schuller,« sagte er plötzlich, »ich hab' neulich schon mit Ihnen reden
wollen, wie die Geschichte passiert ist mit dem Grab. Sie dürfen glauben, dass
ich das nicht gebilligt habe, durchaus nicht.«
    »Dös glaab i Eahna gern.«
    »Es hat mir so leid getan wegen Ihnen und Ihrer Frau. Es verletzt doch das
religiöse Gefühl, so was.«
    »Dös mei nimmer, Herr Lehrer.«
    Stegmüller sah den Bauer verwundert an. Der breitete gleichmütig den
rauchenden Mist vor sich aus und holte wieder eine Gabel voll vom Wagen
herunter.
    »Wie meinen Sie das, Schuller?«
    »Wia 'r i dös moan? Dös will i Eahna scho sag'n.«
    Der Schuller stützte sich auf die Gabel und stellte sich breitbeinig hin.
    »I hab' nix mehr z' toa mit der Religion.«
    »No, no!«
    »Na, gar nix mehr. I mach' net bloss Sprüch'. Sie derfen mir's glaab'n.«
    »Ich weiss, dass Ihnen Unrecht g'schehen is, Schuller. Aber so darf ma doch
net gleich mit allem fertig sein.«
    »Glei? Dös is gar net so glei g'wen.«
    »Aber doch bloss wegen den G'schichten.«
    »Na, net bloss desweg'n, Herr Lehrer. Mir san ja dumme Bauern und hamm nix
g'lernt. Aber ma hört do was und siecht was. Und dös hat mir g'langt.«
    »Es sind nicht alle gleich, Schuller, es gibt auch sehr brave Geistliche.«
    »Ko scho sei; i nimm eahna nix weg von der Bravheit. Brave Menschen gibt's
überall.«
    »Weil Ihnen jetzt der unsrige alles mögliche antut, meinen Sie, es sind die
andern auch so.«
    »I schaug's ganz anders o, Herr Lehrer. Sehg'n S', dös, was mir inser
Pfarrer o'tuat, dös kimmt von seiner Bosheit. Und da könna'n de andern nix
dafür. Dös vasteh i recht guat. Und dös woass i aa, es gibt bei 'r a jeden Sach'
guate und schlechte Leut'. Bei der Religion aa.«
    »Da haben Sie recht, Schuller.«
    »Ja, da hab' i recht. Aber dös is net des Schlechte, Herr Lehrer. Dös
Schlechte is, dass d' Religion net dagegen is. Gegen dös, was inser Pfarrer
tuat.«
    »Passen Sie einmal auf. Schuller ...«
    »Na, na, Herr Lehrer, da is d' Religion schuld, wenn ma solchene Unterschied
macht, ob jetzt oans g'schwind tauft is, oder net. Dös vasteh' i do no, wenn i
aa bloss a dummer Bauer bin.«
    »Das glaubt niemand, dass Sie dumm sind.«
    »Ja no, unseroaner lernt nix; ös habt's viel mehra g'lesen. Aber dös hamm S'
no nirgends g'lesen, Herr Lehrer, dass d' Religion so was verbiat'n tat. Oder dass
's ausdrücklich hoassen tat, es gibt bloss rechtschaffene oder schlechte Leut',
und koan andern Unterschied net.«
    »Das ist bei jedem Glauben so, net bloss bei dem unsern, Schuller. Das
verlangt eine jede Religion, dass man sich zu ihr bekennt.«
    »Is scho recht! Dass ma siecht, dass oana dabei is. Net wahr? Dös is d'
Hauptsach'. Was aber oana sinscht tuat, und bal er no so schlecht is, auf dös
gehts it z'samm. Wann er no dabei is!«
    »Darüber muss hernach ein anderer richten.«
    »I siech aber überall, dass de Geistlichen richten. De spielen si auf, als
wann sie die Herren waar'n, über de ander Welt aa. De reissen ja a Kreuzel vom
Grab weg, weil sie dös zum Regieren hamm, was amal da drüben gibt.«
    »Sie reden immer von dem und meinen immer das. Aber das wird jeder
verurteilen, der wirklich eine Religion hat.«
    »So? I hätt' mir denkt, de meist Religion müassten de Geistlichen hamm. Und
wenn oaner an Ausnahm' macht, warum rühren si de andern net dageg'n? De helfen
do alle z'samm.«
    »Leider, dass nicht alles so ist, wie's sein soll! Aber den Glauben darf man
deswegen nicht verlieren.«
    »Net, moanen S'?«
    »Nein, ganz gewiss nicht.«
    »Wia 's oana o'schaugt, Herr Lehrer! Man siecht viel, was oan it g'fallt.
Dass a schlechter Mensch oft dös grösst' Glück hat und a braver geht z' grund. Da
sagt ma nacha, ma woass it, was inser Herrgott in Sinn hat. Es is eine Zulassung
Gottes. Vo mir aus, i woass 's a net besser. Aba, dass oana von seine Geistlichen
d' Religion ausnutzt als Mittel zu da Schlechtigkeit, des sell durft er it
zualassen, Herr Lehrer! Sinscht kunnt's amal sei, dass d' Leut' allssammete irr'
wer'n.«
    Stegmüller merkte gut: was der da vorbrachte, war nicht das unüberlegte
Geschwätz eines Zornigen. Der wusste, was er wollte. Die Rede gefiel ihm nicht;
aus dem Munde eines anderen wäre sie ihm leichtfertig vorgekommen. Aber es lag
etwas so Festes und Bestimmtes in dem Wesen des Schullerbauern, dass er Achtung
vor ihm empfand.
    »Ich weiss nicht,« sagte er, »Ihr kommt mir ganz verändert vor.«
    »Sie wer'n mi für schlecht halt'n, Herr Lehrer.«
    »Nein, Schuller; aber es tut mir leid, dass gerade Ihr so redet.«
    »Nachher künden S' mir nur grad' d' Freundschaft net auf; dös tat mi
verdriessen, wo mir uns scho bald dreiss'g Jahr kennan.«
    »Das tu ich nicht. Ihr wisst's recht gut. Und jetzt gut Morgen, Schuller!«
    »Adjes, Herr Lehrer!«
    Stegmüller ging seinen Weg zurück. Am Waldrande hielt er und schaute um.
    Der Schuller war schon wieder rüstig bei der Arbeit, als wollte er die
versäumte Zeit einholen.
 
                               Siebentes Kapitel
Den 16. November waren die Gemeindewahlen in Prittlbach, Aufhausen und
Zillhofen, den 17. in Giebing, Fahrenzhausen, Schachach und Webling, den 18. in
Biberbach, Edenholzhausen und Erlbach. In Zillhofen wählten sie den Blasibauern
Joseph Kaltner zum Bürgermeister, der für einen heftigen Bauernbündler galt; in
Schachach kam der Rädlmayer in den Ausschuss.
    Der Meisinger von Giebing fiel durch, aber sein Gegner hatte nur eine
Mehrheit von zwei Stimmen. Und ausserdem konnte sich der Herr Dekan über diesen
Sieg nicht übermässig freuen, weil der Stuhlberger Beigeordneter wurde.
    In Fahrenzhausen fielen beinahe alle Stimmen auf den Wagnerbauern Peter
Lochmann, der schon bei den letzten Landtagswahlen gegen den Pfarrer aufgetreten
war.
    Die Erlbacher gaben dem Hierangl 44 Stimmen, dem Schuller 53; damit war
dieser zum Bügermeister gewählt.
    In allen Gemeinden sagten die Leute, dass sie solche Wahlen noch nie gesehen
hätten. Sonst gab man gleichmütig seine Stimme ab und kümmerte sich nicht viel
darum, wen es traf.
    Streit gab es selten; und das Politische kam nicht in Frage. Diesmal brannte
es an allen Ecken und Enden; in jedem Dorfe stand eine Partei gegen die andere.
Die Geistlichen warben offen und versteckt um Stimmen; sie sagten von den
Kanzeln herunter, dass man sich einer grossen Gefahr aussetze, wenn
kirchenfeindliche Menschen an das Ruder kämen.
    Das Unterste würde zu oberst gekehrt; in weltlichen Dingen finge das Unglück
an, und wo es ende, könne nur Gott allein wissen. Sie versuchten die Männer zu
überreden und zogen die Weiber auf ihre Seite.
    In Zillhofen ermahnte der Kooperator sogar die Schulkinder, dass sie ihre
Väter in das tägliche Gebet einschliessen sollten, damit sie der liebe Gott
festalte am katolischen Glauben.
    Die Bauernbündler schauten nicht untätig zu. Sie hatten noch nicht die
Mittel, welche zur Ausbreitung einer neuen Bewegung notwendig sind; sie hielten
keine Versammlungen ab, ja, es hatte sich noch nicht einmal ein Kern von
Vertrauensmännern gebildet.
    Trotzdem fanden sie sich zusammen; von Haus zu Haus ging die Verabredung,
und nur verlässige Männer wurden in das Vertrauen gezogen. Einer wusste vom
andern, ob er fest standhalte und der gemeinsamen Sache dienen wolle.
    Die richtigen Männer kannte man weitum auf Stunden, die Unsicheren waren für
alle gezeichnet. Ohne Flugschriften und Aufrufe verständigten sich die Leute,
warben Anhänger und trafen die Auswahl der Männer, welche sie an die Spitze
stellen wollten. Am entscheidenden Tage gab es viel Lärm. Die Leute, welche sich
zum ersten Mal einer politischen Aufregung überliessen, hatten noch nicht
gelernt, ihre Freude am Erfolge oder ihren Ärger über eine Niederlage zu
verstecken.
    Der alte Rädlmayer in Schachach gab einen offenen Stimmzettel ab und sagte,
das Versteckenspielen habe ein Ende, und wer eine Schneid' habe, der müsse sie
herzeigen.
    In Giebing stellten sich die jungen Burschen vor dem Wahllokal auf und
brachten jedem Anhänger des Dekan Metz eine Katzenmusik. Der Hirner von
Aufhausen trank sich einen festen Rausch an und sagte zum Wahlkommissär, ihm
wär' es das Liebste, wenn man gleich über den Adel und die Geistlichkeit
einrücke; er wolle schon zuhauen, dass alle am Leben verzagen müssten.
    In Zillhofen kam es zu einer Prügelei, und in Biberbach mussten die Schwarzen
schleunig aus dem Wirtshaus flüchten, weil sie sonst übel gefahren wären. Die
Erlbacher blieben ruhiger. Fast alle Stimmberechtigten erschienen; eine halbe
Stunde vor Schluss fehlten nur mehr etliche Stimmen zur Vollzähligkeit. Das
Ergebnis war im voraus nicht sicher; der Hierangl hatte viele Anhänger, und der
Pfarrer Baustätter setzte alle Hebel in Bewegung, um ihn durchzubringen. Er liess
sich von seiner Heftigkeit so hinreissen, dass er im Wahllokale aus und ein ging
und verschiedene Leute ansprach.
    Als zuletzt noch der alte Keimel auftauchte, der über Jahr und Tag krank
daheim lag, wussten alle, dass ihn nur der geistliche Zuspruch zu dieser
Kraftanstrengung gebracht hatte.
    Und alles half nichts; der Schullerbauer blieb Sieger mit neun Stimmen
Mehrheit.
    »Zum Bürgermeister ist also gewählt Andreas Vöst, Ökonom von Erlbach ...«
    »Und ein Vivat hoch!« schrie der Haberlschneider, »koan Bessern hamm mir no
net g'habt.«
    »Vielleicht waarst du no der Besser' g'wen!« sagte der Hierangl. »Na, i net;
aba du scho gar it.«
    »Du derfst'n scho lob'n; du bist ja sei Spez'l.«
    »Geh hoam, Hierangl! Do verdeanst dir nix bei ins! Geh zum Pfarra, nacha
könnt's woana mitanand!«
    »Vo dir lass i mir nix schaffen, du bischt mir z'weni, hast g'hört?«
    »Geh hoam, du! So dumm waar i net, dass i mir an Zorn a so merk'n lasset.«
    »Haberlschneider, der Letzt' hat no net g'schoben.«
    »So? Habt's no an Spitaler hinten, weil der alt' Keimel it g'langt hat?«
    Alle lachten. Der Hierangl drängte sich durch die Umstehenden und ging
zornig auf die Strasse.
    Der Teufel soll alles holen und den Schuller zuerst! Der ihm überall in den
Weg trat. Bürgermeister oder nicht, da lag ihm nicht soviel daran. Aber dass er
wieder gegen den verspielte! Und dass der sich gross machen durfte!
    »Was willst?« fuhr er den Geitner an, der ihn bei seinem Hause erwartete.
    »Nix will i, grüass Gott sag' i.«
    »'ss Good, und lass ma mein Ruah!«
    »No, no! Jetzt fahr net glei oben aussi!«
    »I muass dir vielleicht Dank schö sag'n, weil's den Spitzbuam zum
Burgermoasta g'macht habt's? Den ganz schlecht'n!«
    »Aber i net; dös woasst du guat.«
    »Ja, du net! Und ös alle net! Was is den nacha mit mein Geld. Wann gibst mir
denn dös z'ruck?«
    »Heut' net, weil i's net hab'; a bissel werst scho no wart'n kinna.«
    »Na, i mag nimma. I will mit koan Erlbacher nix mehr z'toa hamm. I will mei
Geld, und firti!«
    »Lass amal g'scheidt mit dir red'n; deine Freund sollt'st do scho kenna!«
    »I brauch' koan Freund.«
    »So muasst d'as macha! Weil's dir jetzt net 'nausganga is, waar gar koana
mehr was. Wer is denn Umanandg'loffen für di, und hat g'redt für di?«
    »Koa schlechte Arbet zahl ma'r it.«
    »Dös is a schlechte Arbet, wenn der ander a paar Stimma mehr hat! De hätt'
er net kriagt, wann jetzt net de G'schicht mit'n Bauernbund waar.«
    »Dös is mir wurscht! Vo mir aus is der Schuller Bürgermoasta oder net. Dös
bekümmert mi durchaus gar nix mehr.«
    »Pass auf, der Pfarra hat zu mir g'sagt, du sollst morg'n nach der Mess' zu
eahm aufi kemma.«
    »I brauch nix vom Pfarra!«
    »I glaab, er hat was im Sinn. Mir hat er's it g'sagt.«
    »I lass mi auf gar nix mehr ei.«
    »Dös braucht's ja net. Werst scho hör'n, was er sagt, und bal's dir it passt,
ko'st allaweil z'rucksteh.«
    »I glaab's net, dass i 'naufgeh.«
Der Schuller sass hemdärmelig auf der Ofenbank und rauchte. Seit langer Zeit war
ihm nicht mehr so wohl gewesen. Er hatte keinen Ehrgeiz und wollte nicht mehr
sein wie die andern. Aber diese Wahl hatte er für eine Probe angesehen. Es musste
sich zeigen, ob er noch etwas galt, nach den Unbilden, die ihm der Pfarrer
öffentlich angetan hatte. Wer eine Beleidigung einschieben muss, verliert leicht
sein Ansehen. Die Leute fragen nicht immer nach Recht oder Unrecht und sehen
bloss den Schlag, den einer kriegt.
    Aber jetzt, weil es gut hinausgegangen war, fühlte er festeren Boden unter
den Füssen; auch im eigenen Hause. Es war ihm vieles nicht recht gewesen in der
letzten Zeit.
    Die Weiber redeten unnützes Zeug, wie Leute, die eine Verlegenheit redselig
macht. Und jedes Dorfgeschwätz fand Eingang in seinem Haus. Aber jetzt musste die
alte Ordnung wieder einkehren. Und das war recht und nützlich. Er lachte still
vor sich hin. Wie das Weibervolk ist! Als er seiner Bäuerin die Mitteilung
machte, war ihr erstes, ob wohl die Bäcker Ulrich Marie das schon wüsste, und wie
die sich ärgern würde! Das ist immer die Hauptsache, was die andern dazu sagen.
    Ein breiter Schatten fiel in die Stube. Der Schuller schaute auf und sah am
Fenster den Haberlschneider, der vergnügt hereinlachte.
    »Da sitzt er,« sagte er, »und i suach di überall. Was is denn, Burgermoasta,
kimmst net ins Wirtshaus und zahlst a paar Mass, weil mir so tapfer hing'standen
san für di?«
    »Auf dös geht's mir net z'samm,« antwortete der Schuller, »a Bier zahl' i
gern, aber selber kimm i net.«
    »Warum nacha net? G'rad lusti muass wern.«
    »Desweg'n geh' i net hi, Haberlschneider. Da san heut' viel dort, de moanen,
sie müassen recht ausg'lassen sei, dass s' mir a Freud' machen.«
    »Geh weiter! Du brauchst do auf neamd aufz'passen.«
    »Auf wen andern net, aber auf mi. I mag mi net hergeben für a Gaudi; du
kennst d' Leut' und woasst scho, wia s' san.«
    »Aba schö waar's halt do, und aufdrah'n tat'n mir nobel.«
    »Lass guat sei, Haberlschneider! An anders Mal gern. I hab' a so Feind'
gnua.«
    »G'rad de müassten si recht ärgern.«
    »Na, i fang' net o mit'n Streiten.«
    »Dös bleibt nia net aus, Schuller.«
    »Mag leicht sei! Nacha geht's aba weg'n was andern her, und net weg'n a
Wirtshausgaudi.«
    »Am End' hast recht. Aber i geh' heut' so schnell net hoam, dös woass i
g'wiss.«
    Um den Pfarrhof war es nicht so still und friedlich wie sonst. Der Strahl
des Springbrunnens stieg nicht gerade in die Höhe und fiel nicht plätschernd in
das steinerne Becken zurück. Er liess sich vom Winde auf die Seite treiben und
spritzte das Wasser auf den Kiesweg. Auch dieser war nicht gepflegt und sauber
wie sonst. Die Kastanienbäume hatten dürre Blätter auf ihn geschüttelt; sie
lagen unordentlich herum und wirbelten durcheinander, als wäre alle Zucht und
Sitte aus diesem Garten geschwunden. Der wilde Rebstock am Hause gewährte ein
klägliches Bild; seine dünnen Zweige krochen mühselig an der Mauer empor, die
nackt und bloss ihre Schäden aller Welt zeigen musste. Ein starker Regen fiel
ungestüm auf das Schieferdach nieder; in der Dachrinne gurgelte das Wasser und
stürzte mit ungebührlichem Lärmen durch die enge Röhre.
    Überall Unordnung und trübselige Stimmung. Aber es bedeutete nichts gegen
die Aufregung im Innern des Hauses. Da trieben gefährliche Stürme ihr
verstecktes Spiel; man sah sie nicht offen wüten, und doch fühlte man ihre
Wirkung. Türen klappten auf und zu; zornige Schritte klangen über die Dielen.
Ein ruheloser Geist trieb sein Unwesen.
    »War das nicht ein Geräusch im Zimmer des hochwürdigen Herrn? Klang es
nicht, als hätte man einen Stuhl umgeworfen?«
    Der Kooperator horchte.
    Da! Diesmal klatschte etwas an die Wand und fiel zu Boden. Als hätte man
einen Gegenstand, ein schweres Buch hingeschleudert. Die Schritte näherten sich
der Tür, und der Kooperator fuhr zurück.
    Fräulein Lechner stand seufzend in der Küche und sah zur Decke hinauf.
    Die schweren Schritte da oben gingen rastlos hin und her. Dazwischen
stampfte es gegen die Decke, dass der Kalk abbröckelte. Fräulein Lechner fuhr mit
der Hand an das klopfende Herz, und die Bäcker Ulrich Marie sagte:
    »Heilige Gnadenmutter von Altötting, der Herr Pfarrer is ganz auseinander!«
    »Das hat er nicht verdient von den Erlbachern,« erwiderte die Köchin, »dass
sie es ihm g'rad zum Fleiss tun, und wählen den Schuller. Das ist eine Schand für
das ganze Dorf!«
    »Das war immer ein Kalter, solang' ich ihn kenn', Fräulein Lechner. Kein'
Glauben und keine Religion haben die Leut'. Wochenlang in keine Kirch' gehn, und
jetzt lasst er sich überhaupt gar nimmer seh'n.«
    »Und weil mein Herr seine Pflicht und Schuldigkeit tut, hat er nichts davon
wie Ärger und Spott. Hamm Sie's gehört?«
    Es war das Buch, welches an die Wand flog und am Boden aufschlug. Und gewiss
hatte es die Bäcker Ulrich Marie gehört. Denn sie spitzte ihre Ohren und vernahm
jedes Geräusch mit gruseliger Neugierde.
 
                                 Achtes Kapitel
In der Rosengasse zu München liegt eingeklemmt zwischen hohen Neubauten das
Geschäfts- und Wohnhaus des Herrn Michael Sporner. Es hat nur zwei Stockwerke;
trotzdem sieht es nicht ärmlich aus neben den Türmen und Erkern und riesigen
Mauern seiner Umgebung. Es trägt ein schuldenfreies Wesen zur Schau und sagt
jedem, dass hinter den blitzblanken Fenstern ein ehrbarer Reichtum wohnt. Zu
ebener Erde ist ein Laden, aus dem der Geruch von frisch gebranntem Kaffee auf
die Strasse dringt und in jedem Spaziergänger angenehme Vorstellungen erweckt.
Sie werden verstärkt durch den Anblick eines Schildes, das neben der Ladentüre
hängt. Man sieht darauf einen fröhlichen Neger neben einem Kaffeesacke stehen;
sein Haupt ist mit bunten Federn geschmückt, wie der Schurz, den er um die
Lenden geschlungen hat.
    Er raucht aus einer grossen Pfeife und bläst Tabakwolken in die Luft. Im
Hintergrunde, am Ufer des dunkelblauen Meeres stehen zwei Indianer, und jeder
begreift, warum sie so neidisch auf den heiteren Mohren blicken. Jeder denkt an
duftenden Mokka und treffliche Zigarren und behagliche Stunden. Wer in den Laden
eintritt, erfreut sich an den flinken Bewegungen der Herren Kommis, die mit
schwungvollen Handgriffen Pakete zusammenlegen, Schnüre abzwicken, die mit
staunenswerter Sicherheit den Inhalt jeder Schublade kennen und nie eine
unrechte öffnen, die das Gewicht der Waren genau erraten und die Zahlen flüchtig
auf das Papier hinwerfen. Er erfreut sich an dem verbindlichen Lächeln dieser
jungen Herren, welche ihr Benehmen nach Stand und Rang der Kunden einzurichten
wissen und so verschwenderisch achtunggebietende Titel verleihen.
    Er sieht mit Bewunderung, wie Herr Michael Sporner, unbeirrt durch den Lärm,
an seinem Pulte steht, Briefe nach allen Weltteilen schreibt und dabei mit
flinken Augen seine Untergebenen überwacht. Oder wie er dienstfertig seinen
Platz verlässt, wenn ein angesehener Kunde eintritt, und wie er dann an
geschickten Handgriffen und gut gewählten Höflichkeiten sogar den ersten Kommis
übertrifft.
    Und wenn der Käufer mit seinem sauber gebundenen Pakete an die Kasse tritt,
kann er noch mit wirklicher Hochachtung auf Madame Sophie Sporner blicken,
welche sein Geld mit einer leichten Verneigung entgegennimmt und mit energischem
Ruck die amerikanische Kassette öffnet, die jeden Betrag anzeigt.
    Dies alles kann derjenige sehen, welcher seinen Bedarf an Kolonial- und
Spezereiwaren bei Sporners seligen Erben deckt. Aber wenn nach dem
arbeitsreichen Tage der Hausdiener die Rolläden herunterzieht, dann schreitet
Herr Michael Sporner händereibend durch den Raum und dreht fröhlichen Gemütes
die Gasflammen ab. Er tut es stets in der gleichen Reihenfolge, und wenn die
letzte verlöscht, sagt er:
    »So, das hätten wir wieder einmal!«
    Auch heute ging er vergnügt über die Treppe zur Wohnung hinauf. Ein frisches
Mädel kam ihm entgegen und begrüsste ihn mit einem Kusse, um den man ihn beneiden
durfte. Denn Fräulein Gertraud sah in dem Hauskleide mit der weissen Schürze über
die Massen hübsch aus; ihre Wangen waren gerötet vom Küchenfeuer, die Augen
blitzten, und alles an ihr war Gesundheit.
    »Guten Abend, Traudel!« sagte Herr Sporner, »ist schon gedeckt?«
    »Freilich. In einer Viertelstunde essen wir.«
    »Und du hast gekocht?«
    »Bloss mit geholfen, Papa.«
    »Da bin ich neugierig.«
    »Geh nur ins Wohnzimmer. Die Mama ist schon drin.«
    Papa Sporner trat ein und stellte sich vor den Ofen.
    »Das ist wieder gemütlich heute!« sagte er; »du, Alte, da sind ja vier
Gedecke, wer kommt denn heute?«
    »Der Herr Mang. Es ist doch Samstag.«
    »Richtig, freilich! Das hab' ich jetzt ganz vergessen. Das ist fein, da
kriegen wir Musik heute.«
    »Hm - ja.«
    »Du tust beinah, als wenn du keine hören möchtest.«
    »Ich hör' recht gern Musik.«
    »Na also, kannst dir vielleicht eine bessere wünschen?«
    »Hm - ja, der Herr Mang spielt ganz gut.«
    »Was hast du denn?«
    »Ich? Nichts.«
    »Geh, hör auf. Weil ich dich net kenn'! Dir is was übers Leberl g'laufen?«
    »Wenn du schon fragst, ja. Ich bin nicht dafür, dass der Herr Mang so oft zu
uns kommt.«
    »Aber warum denn net? Was hast du denn gegen den jungen Menschen?«
    »Nichts; im Gegenteil, ich mag ihn recht gern. Er ist brav und alles, aber
...«
    »No, aber?«
    »Aber, es passt mir wegen der Traudel nicht.«
    »Is s' am End' gar verliebt? Hahaha! Jetzt da schau her! Wart, da wer i's
glei ins Gebet nehmen, unser Fräulein Pfarrerköchin!«
    »Sei so gut, gelt, und mach keine Witz' mit ihr!«
    »Natürlich mach' ich Spass. Du vielleicht net?«
    »Ich muss dich bitten, dass du dir nix merken lasst.«
    »Zu Befehl Frau Sporner. Versteh'n tu' ich dich allerdings net.«
    »Das is schon schwer zum Verstehen. Er is jung, und sie is jung, und er
singt recht schön. Und er is überhaupt ein sehr netter Mensch; das muss man ihm
lassen.«
    »Und is a Geistlicher, net wahr?«
    »Das is er noch gar nicht.«
    »Aber er wird's. Ausserdem hat ihn die Traudel beim Schwager kennen g'lernt,
und der Toni hat ihn uns warm empfohlen.«
    »Das ist alles ganz recht. Ich denk' ja auch nichts Schlimmes dabei. Warum
hätt' sie ihn nicht kennen lernen sollen? Aber dass er so oft kommt, und dass sie
allein musizieren, das find' ich nicht in der Ordnung.«
    »Is doch allaweil d' Matild' dabei!«
    »No weisst, dei Schwester! I tu' ihr nichts weg, aber die ist die allererst',
die ihre Bemerkungen d'rüber macht; und eine alte Jungfer mit überspannten Ideen
ist g'rad auch nicht die beste Aufsicht.«.
    »Die soll's überhaupt bei der Traudel nicht brauchen, hoff' ich.«
    »Da red'st du wie alle Männer! Ich hab' unser' Tochter auch mit aufzogen und
hab' g'rad so viel Vertrauen zu ihr wie du. Gott sei Dank, dass sie ein braves
Mädel is. Aber sie könnt' zuletzt selber nichts dafür, wenn sie sich verliebt.
Sie tät nichts Unrechtes, das weiss ich schon, aber sie tät sich vielleicht
Hoffnungen in den Kopf setzen.«
    »Geh! Geh!«
    »Ja, oder er. Kommt dir das gar so unmöglich vor, dass er Feuer fangt? Und
das wär' ein Unglück für ihn.«
    »Er weiss doch, was er is.«
    »Die Vernunft hat noch keinem geholfen.«
    »Mir können ihm doch net auf einmal 's Haus verbieten.«
    »Das will ich gar nicht. Ich möcht' den armen Menschen um alles in der Welt
nicht verletzen.«
    »Was soll'n wir nachher tun?«
    »Das musst mich machen lassen, Papa. Ich bring' das schon in Ordnung. Die
Hauptsach' ist, dass du dir nichts merken lasst. Nicht gegen unser' Traudel, und
nicht gegen den Herrn Mang.«
    »Ich bin froh, wenn ich nix weiss davon.«
    »Und lad ihn auch nicht ein, das mach' schon ich.«
    »Ihr Frauen seld's eigentli harterzig! «
    »Das is nicht harterzig, wenn man zu rechter Zeit vorbeugt.«
    »No, von mir aus! Jetzt kommt er, scheint's.«
    »Also gelt? Herein!«
    Man hörte Stimmen vor der Türe, und Sylvester trat ein. Es war leicht zu
sehen, dass er nicht zum ersten Mal hier war. Er war frei von Befangenheit und
machte eine gute Verbeugung vor Madame Sporner, dann schüttelte er dem Inhaber
der Firma herzhaft die Hand.
    »Hamm Sie Ihr' Geigen net dabei?« fragte der Alte.
    »Ich hab' sie draussen gelassen, weil es hier zu warm ist.«
    »Da wern S' uns heut' wieder was Schön's vorspielen?«
    »Wir sollten eigentlich den Herrn Mang nicht immer so plagen,« sagte Frau
Sporner.
    »Das ist doch keine Plag' für mich! Ich wüsst' gar nicht, was mir lieber
wär'. Ich freu mich den ganzen Tag darauf, und Fräulein Gertraud macht solche
Fortschritte!«
    »Gelobt sei Jesus Christus!«
    Eine schrille Stimme kam von der Tür her, und eine aufgeputzte Frauensperson
trat mit hastigen Bewegungen ein. Die lebhaften Farben des Kleides passten
schlecht zu dem alten Gesicht seiner Trägerin, und noch schlechter die grossen
Ohrgehänge, welche verwegen hin und her baumelten, so oft Fräulein Matilde, die
ältere Schwester des Hausherrn, den Kopf wandte. Ihre schwarzen Haare waren
glatt gescheitelt und pressten sich wie abgezirkelte Arabesken an die Stirn. Die
Augen blieben nie ruhig stehen, sie wanderten in einem fort herum, und man hatte
den Eindruck, dass sie blitzschnell alles erfassten. Die ganze Erscheinung
Matildens war nicht dazu angetan, Behagen zu erregen.
    Witze, die schon auf der Zunge schwebten, zogen sich in ihrer Gegenwart
zurück, ein fröhliches Lachen brach in der Mitte ab, und Geheimnisse schoben
hastig noch einen Riegel vor.
    Sylvester hatte den katolischen Gruss überhört. Er wurde wiederholt:
    »Gelobt sei Jesus Christus!«
    »In alle Ewigkeit. Amen! Guten Abend, Fräulein Sporner!«
    »Grüss Gott beisammen! Ihr seid ja in einem sehr eifrigen Gespräch.«
    »Mir hamm von der Musik g'redt,« erwiderte ihr Bruder.
    »Freilich von der Musik. Die Traudel geht ja jetzt ganz darin auf. Kein
Mensch hat g'wusst, dass sie so viel Talent hat, und eine solche Liebe dazu.
Früher hat man da gar nichts g'merkt.«
    »Sie hat allaweil gern Klavier g'spielt, schon als Schulmädel.«
    »Vielleicht is mir das nicht so aufg'fallen. Aber geweckt hat das Talent
schon der hochwürdige Herr.«
    »Warum heissen Sie mich immer Hochwürden? Ich bin noch nicht Geistlicher.«
    »Wie lang' wird das noch dauern? Du lieber Gott, die paar Jahr', und dann
kommt der Freudentag!«
    »Und jetzt kommt das Essen. Bleibst du bei uns, Matild'?«
    »Ja, wenn's euch recht is?«
    »Traudel, lass für die Tant' noch aufdecken, und jetzt setzen wir uns, Herr
Mang, wenn ich bitten darf.«
    Bei Tische kam heute keine rechte Unterhaltung auf. Sylvester gab innerlich
dem Fräulein Matilde schuld daran, und auch Gertraud fand, dass die Anwesenheit
der Tante störend wirkte. Die Alten wussten es freilich besser; aber wenn sie
sich auch Mühe gaben, die Unterhaltung in Fluss zu bringen, so waren sie doch
viel zu wenig geschult, um den gewohnten heiteren Ton anzuschlagen.
    »Wie lang' müssen Sie eigentlich noch studieren?« fragte Herr Sporner.
    »Zwei Jahre.«
    »No, dös is gar nimmer so lang'. Und nachher werden S' gleich Koadjutor,
net?«
    »Nein, zuerst is man Neomyst,« sagte Fräulein Matilde.
    »Neomyst, was das für merkwürdige Namen san! Woher woasst du denn dös alles?«
    »Das weiss man doch, dass die Herren nach der Primiz Neomysten heissen.«
    »Ich hör's zum erstenmal.«
    Frau Sporner fiel ihrem Mann ins Wort.
    »Wie geht's Ihrer Mutter, Herr Mang?« - »Danke, gut.«
    »Schreibt sie Ihnen öfters?«
    »Sie selber nicht, aber ich hör' so ab und zu etwas.«
    »Sie wird froh sein, wenn Sie einmal fertig sind.«
    »Da kann 's amal zu Ihnen ziehen,« sagt Sporner. »Und kann Ihnen den
Haushalt führen.«
    »Das ist wohl der Lieblingswunsch Ihrer Mutter?« fragte Madame Sophie, und
Herr Sporner versicherte wohlwollend:
    »Da krieg'n Sie's amal schön, so als Landpfarrer, und b'sonders, wenn a
nette Ökonomie dabei is.«
    Sylvester schwieg.
    Warum redeten sie von der Zukunft, die er nirgends lieber vergass als hier?
Er blickte über den Tisch. Suchte er die Augen des jungen Mädchens, welches sich
errötend über den Teller beugte? Er fand sie nicht; aber zwei andere Augen
begegneten den seinen, und in denen lag mütterlicher Ernst und Mitleid.
    Was war das heute? Eine beklemmende Angst überkam ihn. Er wollte sie
überwinden und ein Gespräch beginnen. Er fühlte, wie dieses Schweigen sich
drohend zwischen ihn und die Menschen stellte, welche er lieb gewonnen hatte.
    Und da redete wieder das alte Fräulein:
    »Wie muss einem zumute sein, der die erste Mess' lest! Ich glaub', das ist
das schönste, was es auf der Welt gibt.«
    »Ich weiss es nicht,« sagte Sylvester.
    »Ich mein', das muss man kaum erwarten können; wenn man bedenkt, dass ein
junger Geistlicher in dem Augenblick, wo er die erste Mess' lest, über die Engel
gestellt wird!«
    »Dös werst a net schriftlich hamm,« brummte der Alte.
    »Jawohl haben wir's schriftlich. Das ist ausdrücklich geschrieben von einem
Kirchenvater. Nicht wahr, Herr Mang?«
    »Ja, es ist eigentlich ein Gleichnis.«
    »Der Herr Stadtprediger Reiser hat g'sagt, es is wortwörtlich so, weil die
Engel nicht die Gewalt haben wie die Priester.«
    Herr Sporner schüttelte ungeduldig den Kopf. »Mir g'fallt's net, wenn einer
solche Geschichten erzählt. Das müssen S' mir versprechen, Herr Mang; wenn S'
amal Pfarrer san, werden S' net hochmütig! Der Hochmut hat viel verdorben.
Früher is net so viel g'stritten worden, und die Religion war gemütlicher.«
    Frau Sporner nickte lächelnd zu Sylvester hinüber.
    »Ich kann mir den Herrn Mang gut vorstellen als Pfarrer. Der bleibt jede
freie Stund' bei seiner lieben Musik.«
    Sylvester litt unter diesen Reden. Lag eine Mahnung darin? Wollten sie ihm
bedeuten, dass er kein Recht habe, sich gefährlichen Träumereien hinzugeben? Aber
was konnten sie von Gedanken wissen, die er vor sich selbst verbarg? Nein, es
lag sicher keine Absicht in ihren Worten. Es war nur sein Unrecht, dass er die
arglosen Reden schmerzlich empfand.
    »Frau Sporner«, sagte er, »weil Sie von der Musik reden, ich habe das Largo
von Händel bei mir. Darf ich es spielen?«
    »Ja, ich hab' mich schon darauf gefreut,« bat Gertraud. Und es lag frohe
Erleichterung in ihrer Stimme.
    Mama Sporner hörte sie heraus, und ein Blick auf die Schwägerin zeigte ihr,
dass nicht ihr allein die Wärme des Tones aufgefallen war. Ein boshaftes Lächeln
sass in den Mundwinkeln der alten Jungfer, und ihre flinken Augen schossen von
Gertraud hinüber zu Sylvester. Der merkte nichts. Er freute sich an der lieben
Stimme, deren Klang er diesen langen Abend vermisst hatte.
    »Heute, Herr Mang, wäre es mir lieber, wenn Sie nicht spielen,« sagte Frau
Sporner. »Ich habe schon den ganzen Tag Kopfweh.«
    »Wenn ich das gewusst hätte!« antwortete Sylvester rasch, »entschuldigen
Sie!«
    Der Inhaber der Firma Sporners selige Erben war kein Mann für weit
ausgreifende Pläne.
    »Dös hast aber doch sonst gar nie!« sagte er. »Und im Laden hast mir koa
Sterbenswörtel g'sagt!«
    »Ich hab' net mitten drin von der Kasse weggehen wollen. Und es war auch
nicht so arg. Jetzt ist's aber stärker geworden.«
    »Ja, nachher geh' nur glei ins Bett!«
    »So gefährlich ist's nicht. Bloss Musik tät' ich heut lieber nicht hören.«
    »Es tut mir so leid,« sagte Sylvester, »dass ich Sie gestört habe.«
    »Nein, bleiben Sie nur! Es ist mir lieber, wenn Sie noch ein bisschen
bleiben.«
    Matilde stand auf.
    »Mich musst du entschuldigen, Sophie! Ich bin so zu lang' geblieben. Morgen
is die Frühmess' um sechs Uhr.«
    »Ja, wie du willst. Traudel, begleit die Tante hinunter; die Elis kann das
Tor nicht ordentlich aufsperren.«
    »Also gute Nacht! Und recht gute Besserung!«
    »Gut' Nacht, Matild'!«
    Sylvester blieb in gedrückter Stimmung zurück.
    Er horchte auf die Schritte draussen; jetzt klangen sie die Treppe hinunter,
und dann hörte er sie nicht mehr.
    »Herr Mang!«
    Er schrak zusammen und sah auf Frau Sporner.
    Das war wieder der ernste Blick.
    »Herr Mang, ich muss eine Bitte an Sie richten. Aber Sie dürfen mich nicht
falsch verstehen.«
    Sylvester brachte keinen Laut über die Lippen.
    Er wusste alles. Nun kam das Gefürchtete, und sein Herz klopfte.
    »Nicht wahr, Sie verstehen mich recht. Es hat Schwätzereien gegeben, und ich
darf als Mutter nicht gleichgültig bleiben.«
    »Aber ...«
    »Ich weiss, was Sie sagen wollen, Herr Mang. Das braucht keine Versicherung,
aber es ist besser, auch für Sie in Ihrer Stellung, wenn solche Reden nicht
einmal den Schein für sich haben. Sie wissen, dass wir Sie gerne bei uns sehen,
aber ich muss Sie bitten, dass die Musikstunden aufhören. Wenn Sie sonst hie und
da kommen, freut es uns alle. Sie verstehen, dass ich Sie gewiss nicht kränken
will?«
    »Ich war ... ich bin ...«
    »Sie müssen sich an meine Stelle denken.«
    »Ich war so gerne bei Ihnen.«
    »Lieber Herr Mang, nehmen Sie das nicht schwer! Wir freuen uns ja, wenn Sie
wiederkommen, aber ich meine nur wegen der Musikstunden ...«
    »Ja, Frau Sporner ...«
    »Ich schreibe Ihnen morgen noch, ich wollte nur zuerst mit Ihnen reden.
Brieflich sieht es immer sonderbar aus ...«
    »Ja, Frau Sporner.«
    Leichte Schritte näherten sich der Türe. Traudel kam zurück. Ein Blick
zeigte ihr, dass sich etwas zugetragen hatte.
    Und es war nicht schwer, das zu sehen.
    Der Alte stand am Fenster und schaute angelegentlich auf die dunkle Strasse
hinaus.
    Er hütete sich, den jungen Mann anzusehen; eine solche Aussprache war nichts
für ihn. Er ärgerte sich über seine Frau; die tat ja, als wäre sie ihrer Lebtage
Hofdame gewesen. So etwas Grossartiges! Er hätte das nie fertig gebracht; ganz
gewiss nicht.
    Es wurde ihm beim Zuhören unbehaglich zumute, und er hatte Angst, dass seine
Frau sich am Ende auf ihn berufen würde.
    Er schaute verstohlen zu ihr hinüber.
    Da musste er sich doch wundern, wie sie in mütterlicher Würde dasass und ruhig
die langen Sätze redete.
    In den Frauenzimmern steckt etwas Gefährliches. Wer hätte bei seiner Sophie
diese Grausamkeit gesucht? Seit vierundzwanzig Jahren sass sie bescheiden und
still an der Kasse von Sporners seligen Erben, in vierundzwanzig Jahren hatte
sie ihm nichts genommen von der überlegenen Stellung, die ihm als Chef dieser
Firma gebührte, und jetzt sass sie dort auf ihrem Stuhle und zeigte ein so
beherrschendes Wesen, dass ihm nachträglich der Schrecken in die Glieder fuhr.
    Er hätte sich gefreut, wenn dieser junge Mensch sich vor ihrer Hoheit nicht
gebeugt hätte. Aber der sass wie betäubt da und brachte nichts heraus, als sein
»Ja, Frau Sporner«.
    Natürlich, so musste er unterliegen.
    Jetzt schwieg sie, und Traudel kam in das Zimmer.
    Papa Sporner war neugierig, ob Sylvester nicht doch noch mit diesem
Bundesgenossen einen Gegenangriff versuchen würde.
    Das Mädel musste ihm tapfer helfen und sagen, dass sie alle zusammen fröhlich
waren, und dass keine böse Zunge das unschuldige Vergnügen stören dürfe.
    Aber das war nun heute schon so. Niemand kämpfte wider die Macht der Frau
Sophie.
    Der junge Mensch sagte kein Wort, und Traudel stand verlegen mitten im
Zimmer; eine leichte Röte stieg ihr in die Schläfen, und sie machte sich am
Tische zu schaffen; sie räumte einige Teller ab und eilte mit ihnen auffallend
rasch hinaus. Nirgends war eine Spur von Mut und Entschlossenheit zu bemerken.
    Auch Sylvester erhob sich.
    Seine Stimme klang verschleiert.
    »Es tut mir so leid, wenn ich Ihnen Verdruss gemacht habe. Grüss Gott, Frau
Sporner!«
    Jetzt ging er zum Fenster hin.
    Der Alte gab ihm die Hand, und Sylvester drückte sie kräftig.
    »Gute Nacht, Herr Sporner, und ...«
    Der Satz brach ab und wurde durch Händeschütteln ergänzt.
    So verständlich, dass der Chef der Firma gerührt wurde und beinahe versucht
war, den Sieg der Frau Sophie in eine Niederlage zu verwandeln.
    Aber Sylvester wartete es nicht ab; er verliess das Zimmer noch rascher als
Traudel, und erst auf der Treppe kam er in langsame Gangart.
    Diesmal ging Elise mit, obgleich man der Ansicht war, dass sie das Tor nicht
ordentlich aufsperren könne.
    Sylvester bemerkte diese Ungeschicklichkeit nicht; es ging viel rascher, als
er dachte.
    Er blieb sogar noch eine Weile in dem gewölbten Hausgange, als das Tor
bereits offen stand.
    Un dann schritt er zögernd hinaus.
    Es war alles wie sonst.
    Die Strasse war still und menschenleer; die Gaslaterne warf ihren Schein auf
den fröhlichen Neger, der auch bei Nachtzeiten guten Knaster rauchte und sich an
den Kaffeesack lehnte.
    Und es war empörend, wie vergnügt er lachte, während doch neben ihm ein
junger Mann sich an die Mauer lehnte und bitterlich weinte.
 
                                Neuntes Kapitel
Herr Baustätter sass in der geräumigen Stube, die von ihm und Fräulein Lechner
Studierzimmer genannt wurde.
    Neben dem Schreibtische stand eine offene Bücherstellage, und die frommen
Gäste des Pfarrers konnten auf derselben einige dicke Folianten bemerken, welche
nur von heiligen Dingen handelten.
    Die Schriften des hl. Tomas von Aquin, »Die Herrlichkeiten Mariä« von
Alphons von Liguori, daneben mehrere Gebetbücher und Breviere und an profanen
Schriften: »Die Verwaltung des katolischen Pfarramtes« von Stingl, der
»Sulzbacher Kalender« und Pfarrer Kneipps Wasserkur.
    Das war die Bibliotek Baustätters. Auf dem Kanapee lag noch ein grosses Buch
mit schwerem Einbande, die Geschichte der Heiligen, herausgegeben zu Regensburg
Anno 1672. Es war stark abgenützt, die Messingschliessen hingen herunter,
einzelne Blätter sahen hervor, und die Ecken waren verbogen.
    Fremde Besucher konnten glauben, dass der Pfarrer in diesem Buche häufig
lese; Herr Kooperator Sitzberger und Fräulein Lechner jedoch wussten, dass die
Schäden von den heftigen Würfen kamen, mit welchen es tags zuvor gegen die Wand
geschleudert wurde.
    Sonst erinnerte nichts mehr an die stürmische Szene. Auch nicht auf dem
Antlitze des hochwürdigen Herrn, welcher soeben den Hierangl empfing.
    »Ich hab' Sie rufen lassen,« sagte er, »setzen Sie sich, denn wir müssen
länger miteinander reden.«
    »Der Geitner hat ma's ausg'richt'. Weg'n der Wahl hat er g'sagt.«
    »Ja, auch wegen der Wahl.«
    »Da möcht' i Eahna scho glei sag'n, Herr Pfarrer, dass i am liabern glei gar
nix mehr hör' davo.«
    »Hierangl, reden können wir ja einmal darüber.«
    »I mag von die Erlbacher nix mehr wissen. Sollen s' an Schuller b'halten,
weil s'n gar so gern hamm. I brauch' koan Erlbacher, i bin koan was schuldi und
brauch' auf neamd aufz'passen. Na, i mag vo dera Wahl gar nix mehr hör'n.«
    Baustätter hörte ruhig zu und sagte dann:
    »Sie ärgern sich. Das müssen Sie nicht tun.«
    »Sie hamm Eahna'r aa g'ärgert.«
    »Ich? Nein, dazu hab' ich keinen Grund gehabt.«
    »Bal der Schuller ...«
    »Nein, Hierangl. Ich bin Pfarrer und hab' kein Recht, mich in die Wahlen
einzumischen.«
    »Nacha ko's Eahna ja ganz recht sei, dass s' a so ausganga is.«
    »Das ist etwas anderes. Darüber will ich ja mit Ihnen reden. Ich hätt' es
sehr gern gesehen, wenn Sie Bürgermeister geworden wären, ich hätt' aber kein
Wort verloren, wenn es ein anderer geworden wär'. Nur nicht der Schuller. Da ist
es meine Pflicht, zu warnen.«
    »Jetzt is er's halt. Ob's oan freut oder it.«
    »Er ist doch nicht bestätigt, und dass er nicht bestätigt wird, dazu können
Sie mitelfen.«
    »I? Na, i dank' schö, Herr Pfarrer. I lass ma it 's Maul o'hänga vom
Haberlschneider. I lass mi it schlecht macha. I brauch' koan Erlbacher durchaus
gar nimmer; i bin koan nix schuldi und brauch' auf neamd aufz'passen.«
    »Sie müssen helfen, dass die Wahl rückgängig wird.«
    »Dös soll'n de andern toa! Bal i was sag', wer' i ausg'lacht, weil a jeder
woass, dass i sei Feind bin.«
    »Das is auch nicht recht von Ihnen.« - »Was is it recht?«
    »Dass Sie eine Feindschaft haben. Das soll man nicht.«
    »Herr Pfarrer, nehmen S' ma's net übel, aber i moan, Sie san no hoasser auf'n
Schuller.«
    »Da sind Sie im Irrtum. Ich tue nur meine Pflicht als Seelsorger. Aber feind
bin ich niemand.«
    Der Hierangl drehte seinen Hut in der Hand und schaute gleichmütig zum
Fenster hinaus.
    Die Rede machte keinen Eindruck auf ihn, und er wartete, ob es nicht wieder
anders kommen werde.
    »Ich habe schon öfter bemerkt, dass mich viele für einen Feind des Schuller
halten,« sagte der Pfarrer nach einer Pause.
    »Ja, dös glaab'n viel Leut'.«
    »Da glauben die Leute etwas Unrechtes von mir. Das würde schlecht passen zu
meinem Priesterkleid.«
    »Ma hört halt a so reden davo.«
    »Ich weiss schon, warum. Das muss jeder leiden, der seine Pflicht tut.«
    »Für was san nacha Sie so dageg'n, dass der Schuller Bürgermoasta werd'?«
    »Das ist meine Pflicht, und ich darf nicht anders handeln. Der Schuller ist
nicht fähig, dass er einen Ehrenposten in der Gemeinde hat.« Der Hierangl wurde
aufmerksam. Er merkte, dass der Pfarrer noch einen Trumpf in der Hand hatte.
    »Ich habe es von meinem Vorfahren gewissermassen als ein Vermächtnis
überkommen,« fuhr Baustätter weiter.
    »Vom Herrn Held?«
    »Ja, von meinem Vorgänger Maurus Held.«
    »Da hat ma nia nix g'hört, dass 's da was geb'n hat.«
    »Ich habe auch nichts gesagt bis heute, und ich hätte immer geschwiegen,
wenn der Schuller nicht gewählt worden wäre.«
    »Ja, was is nacha dös?«
    Baustätter stand auf und holte aus dem Schreibtische ein Blatt Papier. Er
hielt es dem Hierangl hin.
    »I ho mei Brill'n it bei mir, da kon' i net lesen.«
    »Dann will ich es Ihnen vorlesen. Erlbach, am 16. Juni 1889. Heute war zum
zweiten Male der Austragsbauer Johann Vöst bei mir und klagte bitterlich über
die Misshandlungen, welche er von seinem Sohne erdulden musste. Er zeigte mir die
abschreckenden Spuren derselben.
    Nachschrift: Ich habe Andreas Vöst sein abscheuliches Unrecht vorgehalten.
Er zeigte keine Reue und antwortete mit wüsten Drohungen gegen seinen Vater.
    Zweite Nachschrift: Andreas Vöst ist ein Mensch, dem jeder aus dem Wege
gehen soll, und vor dem öffentlich gewarnt werden müsste.
    Unterschrieben ist es: Maurus Held, Pfarrer in Erlbach.
    Was sagen Sie jetzt, Hierangl? Habe ich die Pflicht, einzuschreiten?«
    Baustätter legte das Papier in den Schreibtisch; er sah den raschen Blick
nicht, mit dem ihn der Hierangl streifte.
    Der sass unbeweglich und schaute wieder zum Fenster hinaus, als sich der
Pfarrer gegen ihn wandte.
    »Nun?«
    »Da hat mi gar nia was g'hört. Der alt' Vöst hat si nia beklagt; i glaab,
dass in ganz Erlbach koaner is, der wo vom alten Vöst was g'hört hat.«
    »Das glaube ich schon. Es ist ganz natürlich, dass er so was nicht erzählen
mochte.«
    »Ja, hat er's an Herrn Held beicht?«
    »Was fällt Ihnen ein? Da wüsste ich es so wenig wie Sie.«
    »Ja, ja.«
    »Der alte Mann wird aber sein Leid geklagt haben und wird ihn gebeten haben,
dass er den Sohn zur Rede stellt.«
    »Dass ma da gar nia was g'hört hat?«
    »Sie täten es auch nicht erzählen, Hierangl.« - »Ja, ja.«
    »Aber meinen Sie, dass ich ruhig zusehen soll, wenn der Schuller
Bürgermeister wird? Ein gefährlicher Mensch, heisst es.«
    »Ja, was wollen S' nacha toa, Herr Pfarrer?«
    »Ich melde das dem Bezirksamt.«
    »An Bezirksamt? Dös werd aa nix machen kenna.«
    »Es kann die Bestätigung verweigern. Und dann noch etwas, Hierangl. Ich habe
Sie gerade deswegen rufen lassen, weil ich will, dass die Gemeinde Kenntnis
erhält von dieser Aufschreibung.«
    »Sie moana, i soll dös weiter erzähl'n?«
    »Ja, das heisst ...«
    »Herr Pfarrer, i will Eahna glei sag'n, auf dös kon i mi net ei'lassen.
G'rad wann's i verzähl, hamm d' Leut' an Zweifel.«
    »Ich will nicht, dass Sie's öffentlich erzählen. Aber ein paar Leuten, die
ohnehin gegen die Wahl sind. Vielleicht beschweren sich die.«
    »Wer mag der Katz' d' Schellen o'hänga? I net.«
    »Sie brauchen es nicht selber zu tun. Aber finden sollen Sie einige. Es ist
doch im Interesse der Gemeinde!«
    »Es gibt an grossen Spektakel. Der Schuller hat viel Leut' auf seiner
Seiten.«
    »Die Leute werden doch nicht immer gegen ihren Pfarrer sein! Wenn sie
erfahren, dass auch mein Vorgänger die grössten Bedenken hatte, müssen sie
glauben, dass etwas daran ist. Da müssen ihnen doch die Augen aufgehen!«
    »A paar vielleicht, aba viel it.«
    »Das ist sehr traurig.«
    »Ja no; von heut auf morg'n geht so was it. Sie wer'n sehg'n, es gibt viel
Vadruss.«
    »Das hindert mich nicht; jetzt fechte ich diesen Kampf erst recht durch. Ich
tue es dem Andenken meines verstorbenen Amtsbruders zuliebe.«
    Baustätter hatte die Stimme erhoben; aber es klang nicht wie heiliger Eifer
aus seinen Worten; es verbarg sich hinter ihnen Hass, recht irdischer Hass.
    Hierangl hörte ihn heraus und freute sich. Aber er verstand es besser, seine
Gedanken zu verbergen; seine Augen blitzten nicht wie die des Herrn Baustätter;
sie hafteten ruhig auf dem Marienbilde über dem Schreibtische und wanderten
hinüber zu der Bibliotek, wo die verstaubten Bücher lagen; der heilige Alphons
von Liguori neben dem Sulzbacher Kalender.
    »Recht viel wer'n si net unterschreiben,« sagte er gleichmütig, »aber oan
woass i.«
    »Wen?«
    »An Geitner. Gelt'n tuat er halt it recht viel.«
    »Ein Name ist wie der andere. Ich hab' übrigens auch schon daran gedacht.
Der Geitner wäre der Mann, der die Leute aufmerksam machen könnte.«
    »Für so was is er g'schickt; dös glaab i selber.«
    »Und wenn jemand zu Ihnen kommt, Hierangl, und redet mit Ihnen darüber, dann
können Sie ja bestätigen, dass Sie die Schrift gesehen haben?«
    »Dös kon' i scho, Herr Pfarrer, da ko im neamd verklag'n.«
    »Schön! Es bleibt dabei. Grüss Gott, Hierangl!«
    »'ss Good.«
    Der Hierangl schritt langsam durch den geräumigen Gang; vor dem Hausaltare
fuhr er nach seiner Gewohnheit mit dem Daumen über das Gesicht herunter, zum
Zeichen des heiligen Kreuzes.
    Wie er den Pfarrhof verliess, sass ihm ein verstecktes Lachen in den
Mundwinkeln und er sagte halblaut vor sich hin: »Sei' Feind is er it.«
Der Geitner war nie ein guter Hauser und nie ein richtiger Mann gewesen.
    Er hatte sein Gütl schuldenfrei vom Vater übernommen; seine Frau, eine
Kistlertochter von Webling, brachte Bargeld in die Ehe, vielleicht viertausend
Mark.
    Und so hätte er ein leichtes Machen gehabt, denn das Gütl war nicht
schlecht. Es waren zweiunddreissig Tagwerk Acker und Wiesen dabei und elf Tagwerk
Wald, darunter vier mit schlagbarem Holz.
    Aber vom ersten Tag an war es nichts mit ihm. Er hatte keine Freude an der
Arbeit und auch keinen Verstand dazu. Das Beste an ihm war sein Mundwerk. Mit
dem konnte er gut vorwärts. Er wusste von jedem im Dorfe, wie er seine Sache
besser machen könne, und verwaltete alles, was ihn nicht anging.
    Zu allen Tageszeiten war er im Wirtshaus zu treffen, und kein Weg verdross
ihn, wenn in der Gegend ein Preiskegeln war oder ein scharfer Tarock.
    Mitunter kam es über ihn, dass er sein Gütl in die Höhe bringen wollte, um
den Erlbachern zu zeigen, wie man die Ökonomie treiben müsse. Dann schaffte er
die neueste Maschine an oder kaufte ein teures Ross oder probierte es mit
neumodischen Erfindungen, die in landwirtschaftlichen Büchern gepriesen werden.
    In solchen Zeiten sass er noch einmal so gerne im Wirtshaus und rühmte sich
vor Leuten, dass er eine neue Ära auftun wolle in Erlbach.
    Lange blieb er nicht bei dem Eifer; über eine kurze Weile war die neueste
Maschine von ihm billig zu haben, das teure Ross dazu, der Chilesalpeter lag
unbenützt hinten in der Scheune, und der Sieg der Neuzeit wurde hinausgeschoben.
    Der Geitner warf wieder die Kegel um, sechs auf einen Sdiub, wenn es
schlecht ging, und wartete mit der Schellenass auf den Zehner.
    Es war leicht zu glauben, dass bei einem solchen Hantieren kein Gedeihen sein
konnte.
    Zuerst ging das Bargeld der Frau auf Reisen; hinterdrein musste, wie bei
allen schlechten Wirten, der Wald dran glauben, und als der letzte Stamm zu
Brettern geschnitten war, ging das Borgen an.
    Zu Anfang war es nicht schwierig. Die ersten zwei Hypoteken waren schnell
unter Dach, aber für die dritte brauchte es schon Zeit und Überredung. Damals
hätte der Schuller Gelegenheit gehabt, einen dankbaren Schuldner zu finden. Aber
es fehlte ihm der rechte Blick für den Vorteil; er sagte zum Geitner, bloss
Narren borgen einem Spieler, und es sei zweimal eine Schande für einen
verheirateten Mann, wenn er mit ledigen Burschen und Knechten auf der Kegelbahn
herumstehe.
    
    Der Geitner liess als ein nobler Mensch keinen Verdruss über die Abweisung
sehen; aber sie wurmte ihn, und er fasste einen Groll gegen einen Mann, der ihm
kein Geld, aber gute Lehren mit heimgeben wollte.
    Er gab es wohl nicht zu erkennen und blieb angenehm nach wie vor. Denn er
mochte das laute Wesen und Zank und Streit nicht leiden.
    Im stillen aber rüstete er zum Kampfe, und bei der Wahl erwies er sich als
nützliches Werkzeug der Kirche.
    Und er verweigerte seine Dienste auch jetzt nicht, als ihm Baustätter den
neuen Auftrag erteilte.
    Wenige Tage gingen seltsame Reden über den Schuller um.
    Niemand wusste so recht, was und wie, und niemand wusste, woher.
    Aber die Ungewissheit machte das Gerücht nicht kleiner; es wuchs von einer
Türe zur andern, und die letzte Nachbarin bekam es grausamer aufgetischt als die
vorletzte.
    Eines wiederholte sich immer: dass es der alte Pfarrer schriftlich gemacht
habe, wie schlecht der Schuller sei.
    Das Gerede blieb nicht unter den Weibern.
    Die Männer, denen es mit der Suppe auf den Tisch gestellt und des Abends
aufgewärmt wurde, konnten es nicht beiseite schieben.
    Der Schuller selbst blieb kalt und sagte, dass er nicht den Finger rühre
gegen die dummen Lügen.
    Er liess sich auch durch den Haberlschneider nicht irre machen.
    »Wen soll i denn verklagen?« fragte er. »Vielleicht de alt'n Weiber von
Erlbach?«
    »Ganz guat sei lassen, dös sell ko'st aa net.«
    »Warum it? Dös woass do a jeder, dass i mein' Vater net misshandelt hab'. Na,
über dös G'red ärger' i mi gar net, weil's z' dumm is!«
    »I hab' heut mit'n Blasibauern g'redt. Er sagt dös nämliche, wia'n i. Dös is
an abg'machter Handel.«
    »An alter Weibertratsch is', sinscht nix.«
    »Mir kimmt's it so vor. Wann's bloss a Tratscherei waar, nacha hätt'n mir
scho länger was g'hört.«
    »Dös kon aa scho länger umgeh'.«
    »Na; mei Bäurin sagt, dös is aufganga wia Pulver. Früher hat ma koa Silben
net g'hört davo'.«
    »Was moanst nacha du?«
    »I gang schnurg'rad in Pfarrhof und fraget, was dös is mit dem Schreiben von
Herrn Held.«
    »Dös woass i z'erscht, dass dös nix is.« - »I fraget do.«
    »I geh' nimmer in Pfarrhof, Haberlschneider. Und überhaupts, wann i jetzt
auf oamal kam, nacha kunnt's der Pfarrer so aussabringa, als wenn i a schlecht's
G'wissen hätt'.«
    Der Haberlschneider wollte nichts mehr dawider sagen und ging.
    Das war an einem Samstag. Schon den Tag darauf hatte die Sache ein anderes
Gesicht.
    Der Paulimann ging nach der Kirche ins Wirtshaus und trank sich einen Rausch
an. Er war sonst ein stiller, wortkarger Mensch und fleissig bei der Arbeit. Aber
wenn er ein Glas über den Durst getrunken hatte, wurde er lebendig. Er fing dann
mit jedem Gaste Streit an und rückte allen Leuten ihre Sünden vor. Obwohl er ein
angesehener Bauer war, geschah es ihm oft, dass er Schläge bekam und
hinausgeworfen wurde.
    An dem Sonntag hatte er schon drei oder vier Leuten die Freude am Essen und
Trinken genommen und wollte gerade über einen fünften herfallen, als er den
Schuhwölfl sah, einen Schwager vom Schuller.
    Er sass am Nebentisch beim Haberlschneider. Wie ihn der Paulimann sah, schrie
er hinüber, ob er ihm das vierte Gebot Gottes nicht sagen könne. Er bitte gar
schön, dass er ihm das vierte Gebot hersage; er könne sich nicht mehr darauf
besinnen.
    Als der Schuhwölfl keine Antwort gab, fragte er, ob es nicht so heisse: »Ehre
Vater und Mutter, auf dass du lange lebest auf Erden.«
    »Pauliman, lass guat sei!« sagte der Haberlschneider.
    
    »Warum denn? I sag' ja nix Unrecht's. I möcht' grad' wissen, ob's dös vierte
Gebot no gibt.«
    »An Ruah gib!«
    »Ehre Vater und Mutter. I glaab, so hamm's mir g'lernt, aber bei'n Schuller
hoasst's anders.«
    »Du brauchst wieder amal Schläg', gel', Paulimann?« schrie der Schuhwölfl.
    »Na, jetzt no net. I wart, bis mei Bua gross gnua is, dass er mi schlag'n ko.«
    Der Schuhwölfl sprang auf.
    »Bischt du der Tropf, der ganz ausg'schamte, der de Lug ausg'sprengt hat?«
    »I sag' bloss, was d' Leut' sag'n.«
    »Und beweisen muasst as du!«
    »Geh zu dein' Nachbar,« schrie der Paulimann, »der Hierangl hat's schriftli
g'sehg'n.«
    »So, is der aa dabei? Dös is g'scheidt, dass du dös sagst. Jetzt derwisch'n
mir enk amal, du ... du ganz schlechter!«
    »Net so schlecht als wia'r ös! Bei uns is dös net der Brauch, dass ma sein
Vater'n haut.«
    »Woasst du dös?«
    »Jo, woass i's.«
    »Nacha kennst du dös aa?« schrie der Schuhwölfl und schlug dem Paulimann ins
Gesicht.
    Der sprang in die Höhe und hieb mit der Faust zurück. Es wäre dem Paulimann
wieder einmal schlecht gegangen, denn der Schuhwölfl war ein starker Mensch und
nüchtern. Aber da mischte sich ein anderer ein und half ihm. Und der war noch
dazu der beste Freund vom Schuller. Der Haberlschneider zog den Schuhwölfl
zurück und sagte ruhig: »Mit Schlagen werd die Sach' it besser. De werd wo
anders ausg'macht.«
    Der Schuhwölfl liess ab und setzte sich wieder auf seinen Platz. Aber der
Paulimann glaubte, dass er einen hilfreichen Freund gefunden habe, und schöpfte
neuen Mut. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie, so laut er konnte:
»Und dös vierte Gebot, dös lass i amal net aus. Da ko kemma, wer mag, dös is mir
ganz gleich. Dös vierte Gebot Gottes, dös muass her! Ehre Vater und Mutter, dass
du lange lebest auf Erden!«
    Der Schuller liess zwei Tage später den Paulimann und den Hierangl vorladen.
    Beim Wirt im Nebenzimmer war der Sühneversuch; der frühere Bürgermeister
Kloiber, welcher jetzt zum Beigeordneten gewählt war, leitete ihn, und der
Lehrer Stegmüller führte das Protokoll.
    Die Parteien waren anwesend. Der Schuller stand hart neben dem Tische, auf
dem Stegmüller schrieb. Er zeigte keine Aufregung und keinen Zorn.
    Auch der Hierangl machte ein gleichgültiges Gesicht.
    
    Man hätte meinen können, dass er bloss zufällig da sei, und dass ihn die
amtliche Handlung nichts anginge.
    Aber der Pauliman war unruhig. Seit er nüchtern war, reute ihn die
Geschichte. Eine solche Dummheit, wie das war! Allemal nahm er sich vor, keinen
Rausch mehr zu kriegen, und allemal kam er wieder zu einem. Und jetzt eine
solche Verlegenheit! Sonst kriegte er bloss Schläge im Wirtshaus, und seinen
Landler von der Bäuerin; hernach war es wieder gut. Aber diesmal ging es anders:
er war mitten hineingekommen in einen Streit, der ihm schon vom Anschauen
zuwider war, und mit dem er durchaus gar nichts zu tun hatte. Er musste die Suppe
auslöffeln, die andere eingebrockt hatten; er sollte jetzt auf das Gericht
gehen. Lieber wären hundert Mark hin gewesen, oder noch mehr.
    Er kraute sich in den Haaren und schob unruhig einmal den rechten und einmal
den linken Fuss vor.
    »Also,« sagte der Kloiber, »ös wisst's ja, warum mir da z'sammkemma san. Der
Bürgermoasta will enk zwoa weg'n Ehrenbeleidigung verklagen, und, also, indem's
ös in der nämlichen Gemeinde seid's, is also dös G'setz a so, dass z'erscht a
Sühneversuch sei muass. Dös ist richtig, Herr Lehrer, net wahr?«
    »Ja, das ist die g'setzliche Vorschrift.«
    »Also, und da muass i enk frag'n, an Bürgermoasta aa, ob's enk it vergleicha
wollt's und de Sach' guat sei lassen?«
    »I nimm all's z'ruck,« sagte der Paulimann, »i will koan Streit gar it.«
    »Is g'scheiter aa. Waar ja do z'wider, wann a solchene Feindschaft ins Dorf
kam. Was sagst denn du, Bürgermoasta?«
    Der Schuller legte die Hände auf den Rücken und sagte ruhig:
    »Dös woass a jeder, dass i net glei da bin mit'n G'richt. Aba dös helft mir
gar nix, wann da Paulimann sagt, er nimmt's z'ruck. Es muass öffentlich erklärt
wer'n, dass de G'schicht verlogen is, und dös muass aa g'sagt wer'n, woher dös
G'red kimmt. Nacha will i gar nix vom Paulimann und halt' mi an den, der a
solchene Verleumdung auf d'Welt bringt.«
    »I hab' halt an Rausch g'habt,« sagte der Paulimann, »da red't ma dumm
daher. I hab' durchaus gar nix geg'n Schuller, und i sag's öffentli, dass er a
richtiger Mann is.«
    »Was is denn nacha mit dir, Hierangl?« fragte Kloiber.
    »Mit mir?«
    »Ja; was du sagst, ob du net aa an Erklärung macha willst?«
    »Was geht denn mi de ganz' G'schicht o?«
    »Du bist halt jetzt amal vorg'laden vom Schuller und muasst di nach'n G'setz
erklär'n.«
    »Hab' i was g'sagt? Was geht denn dös mi o, wenn da Paulimann im Wirtshaus
auf draht? Hab' i was g'sagt?«
    »Jetzt woasst, gar so unschuldi muasst di net hi'stellen!« schrie der
Paulimann, »balst du zu mir nix g'sagt hätt'st, nacha hätt' i de Dummheit net
daher bracht im Rausch!«
    »Wo hab' i was g'sagt zu dir?«
    »Mögst du dös laugna? Bei dir dahoam, in deiner Stuben hast as g'sagt. Jetzt
mögst di aussischwindeln, gel?«
    »Du werst dir's überlegen, ob du dös behaupten ko'st, dass i schwindel.
Sinscht verklag' i di aa.«
    »Vo mir aus, nacha weis' i auf, dass du dös g'sagt hast.«
    »I hab' zu dir gar nix g'sagt. Du bischt zu mir kemma und hast g'sagt, dass
der Kloaweber zu dir g'sagt hat, dass der Schuller sein Vater'n a so misshandelt
hätt'.«
    »Und nacha hast du g'sagt ...«
    »Nix is. Nacha hast du mi g'fragt, ob dös wahr is. Und i hab' g'sagt, i woass
bloss, dass der Herr Pfarrer den Zettel hat, wo dös drauf steht.«
    Der Schuller war nicht aus seiner Ruhe gekommen und hatte den beiden
zugehört.
    Bei den letzten Worten des Hierangl stieg ihm die Röte in das Gesicht, und
er tat einen Schritt vor.
    »Was steht auf dem Zettel?« fragte er.
    Der Hierangl schaute an ihm vorbei und sagte kurzab: »Mit dir red' i net.«
    »Du werst scho no reden müassen, du Tropf, du scheinheiliger!«
    »Halt!« sagte der Kloiber, »macht's net wieder aufs neu' a Beleidigung her!
Dös hat koan Wert it!«
    »Lass'n reden!« schrie der Hierangl, »dös rührt mi gar it o, was der sagt.«
    Jetzt kam der Schuller in Zorn.
    »Dös sell wer'n mir sehg'n,« sagte er, »ob di gar nix o'rührt. In ganz
Erlbach derf koa Mensch no an Achtung hamm vor an solchen Ehrabschneider!«
    »So? Moanst? So? Vo dir derf koa Hund mehr an Brocken o'nehma. Hast as
g'hört?«
    »Nimm di z'samm, Hierangl!«
    »Na, grad' net. Jetzt behaupt' i's no mal, was i zu'n Paulimann g'sagt hab'.
Der Pfarra hat mir dös Schreiben zoagt vom Herrn Held. Der hat's aufg'schrieben,
was du für oana bischt. Jeder Christ muass dir aus 'n Weg geh! Dir!«
    »Halt, jetzt is g'nua!« schrie der Schuller.
    »No lang it. Dein Vater'n hast g'schlag'n, dass er im Pfarrhof um Hilf' hat
bitten müassen!«
    »Sauhund, hab' i di! Du und der Pfarra!«
    Der Schuller fasste den Hierangl an der Gurgl. Alle Besonnenheit war weg.
    »Der Pfarra und du! Habt's dös g'funden, was an Menschen schlecht macht?«
    Der Hierangl stemmte sich dagegen. Seine Stimme gellte, dass man sie über die
Strasse hinüber hörte. »Auslassen! Du! Dir geht's schlecht!«
    Stegmüller sprang auf, der Kloiber und der Paulimann hingen sich an den
Schuller. Aber der hatte eiserne Finger und hielt fest.
    Und der Hierangl kreischte wieder: »So hast as dein Vater'n g'macht, gel?
Dein alten Vater'n?«
    Der Schuller liess aus.
    Noch einmal der Schimpf!
    Nein, damit machte er ihn nicht gut, dass er sich an dem heimtückischen
Lügner vergriff.
    »Geh zua, Lump!«
    Er sagte es wieder ruhig. Eine rechte Verachtung kam über ihn, als er die
Verleumdung noch einmal hörte.
    Wie sich der Hierangl frei fühlte, ging er an die Türe. Er richtete seinen
Kragen und die Halsbinde.
    »I nimm enk allsamt als Zeug'n,« sagte er, »dös werd si aufweisen, ob der da
d' Leut' schlag'n derf.«
    Er ging, und die anderen hörten ihn noch in der Gaststube und im Hausgange
schimpfen.
    »Schuller, dös hätt'st it toa soll'n,« sagte der Kloiber.
    
    »Soll i mir all's g'fallen lassen?«
    »Durch de Rauferei bist selm strafmassig, wenn er die o'zoagt.«
    »Soll i mi hi'steh und mi g'rad schlecht macha lassen?«
    »I hab' 's Recht it, dass i dir was ei'red'; dös muasst selm ausmacha.«
    »Kloiber, du muasst ma'r an G'fallen toa.«
    »Was nacha?«
    »I geh' zum Pfarrer 'nauf, und du muasst mir an Zeug'n macha.«
    »I tua's it gern, Schuller.«
    »Warum? I hab' g'moant, du bischt it bei dena, de si aufhetzen lassen.«
    »I lass' mi net aufhetzen; i hab' nix gegen di, und i hab' nix geg'n an
Pfarra.«
    »G'rad desweg'n möcht' i, dass d' mitgehst. Du muasst it moana, dass du Partei
nehma sollt'st.«
    »I hätt' am liabern mit dera Sach' nix z'toa. Dös is z'wider für an jed'n,
der si d'rei mischt.«
    »I ko it alloa 'naufgeh'. I muass an Pfarra frag'n, was dös is mit dem
Zettel, und da brauch' i an Zeug'n. Den G'fallen tat i an jed'n, und bal's mei
Feind waar.«
    »I sag' dir's, wia's is. Schuller. I bin it dei Feind.«
    »I tat di net plag'n und gang zum Haberlschneider. Aba es muass oana sei, der
dös jetzt g'hört hat vom Hierangl.«
    »I geh' mit, bal's dir recht is,« fiel der Paulimann ein. »Aba du muasst de
Klag geg'n mi guat sei lassen.«
    »Dös hat a so koan Wert nimmer. Vo dir will i nix; jetzt muass i allawei
geg'n an Hierangl streiten.«
    »Nacha bleib' i bei mein Wort sieh'. Wann willst aufi zu'n Pfarra?«
    »Jetzt glei. I wart' koa Minuten nimma, bis i dös woass.«
    Der Kloiber nahm seinen Hut. »Mir san nacha firti mit dem Sühneversuch, Herr
Lehrer?«
    »Ja.«
    »Werd dös it g'schrieb'n, dass der Schuller nimmer klagt geg'n mi?« fragte
der Paulimann.
    »Ich kann es schon schreiben,« antwortete Stegmüller. »Also der
Bürgermeister und der Paulimann haben sich verglichen. Mit dem Hierangl war der
Sühneversuch erfolglos.«
    Der Kloiber unterschrieb.
    Dann sagte er: »Du muasst mi net falsch vasteh', Schuller. I hab' mi net
g'weigert, weil i was hab' geg'n di. Durchaus gar it.«
    »I woass scho. Pfüat di Good!«
    Der Schuller ging geraden Weges in den Pfarrhof, und der Paulimann hatte
Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Diese Eile war ihm nicht lieb; denn je näher
sie an das Ziel kamen, desto stärker regte sich in ihm der Zweifel, ob seine
Bereitwilligkeit nicht eine neue Dummheit gewesen sei. Der hochwürdige Herr war
leicht beleidigt und meinte immer, dass man es an der nötigen Achtung fehlen
lasse. Er merkte sich alles und zahlte es heim. Deswegen war der Kloiber der
Gescheitere gewesen, wenn er dachte, was ihn nicht brenne, das blase er nicht.
    »Moanst it, dass mir erscht im Na'mittag aufi geh' soll'n? Wer woass, ob's d'
'n jetzt triffst.«
    »Na; er is g'wiss dahoam.«
    Sie kamen an den Gartenzaun. Da blieb der Paulimann stehen und sagte: »Du
muasst mir vasprechen, dass d' it streit'st mit'n Herr Pfarra. Sinscht geh'n i net
mit.«
    »I hab' bloss a Frag', und mehra net.«
    »Aba balst wieder zorni werst, nacha bleib' i net.«
    »I wer net zorni.«
    Der Schuller zog an der Glocke. Da überlegte der Paulimann noch einmal, ob
er nicht umkehren solle. Aber er hatte keine Zeit mehr für seine Zweifel; die
Türe öffnete sich vor ihnen, und sie traten ein. Heute schritt der Schuller
nicht so laut über die Steinfliesen, wie selbigesmal, als er für sein Heidenkind
ein ehrliches Grab wollte.
    Und die Englein flüchteten nicht durch die Fenster. Sie sahen auf ihren
Feind herunter und lächelten schadenfroh. Denn sie halten es mit Pfarrer und
Kirche, wie es ihrer Stellung angemessen ist.
    Andreas Vöst konnte sie und ihre Freude nicht sehen; aber er fühlte, dass
durch alle Ritzen und Schlüssellöcher boshafte Blicke sich auf ihn richteten,
und es war ihm sonderbar zumute. Es atmetete sich schwer da herin in dem
hochgewölbten Gange.
    Nun waren sie oben; er machte den Finger krumm, um anzuklopfen.
    »Dass d' fei it streit'st,« flüsterte der Paulimann.
    Der Schuller gab keine Antwort und klopfte.
    Scharf und knapp tönte das »Herein!«
    Baustätter hatte die zwei schon gesehen, als sie sich dem Garten näherten.
    Es leuchtete ihm sofort ein, dass heute die Sprache der Liebe nicht wohl
angebracht sei.
    Er blätterte in einem Gebetbuche, indem er der Türe den Rücken zukehrte. In
dieser Stellung blieb er, als die beiden eintraten.
    »Gut' Morg'n, Herr Pfarra!« sagte der Schuller.
    Der Pauliman schwieg; er wollte sich nicht gleich bemerkbar machen.
    Baustätter wandte sich um und sah den neuen Bürgermeister abweisend an.
    »Was wollt Ihr?« fragte er kurz.
    »I kimm mit a Frag'.«
    »So? Und Sie, Paulimann?«
    »I? I will gar nix. Ich bin a so mitganga, weil a ...«
    »I hon an Paulimann auf dös ersuacht, dass er mitgeht, weil mir g'rad mit 'n
Hierangl was g'habt hamm.«
    »Da Kloiber hätt' z'erscht mitgeh' soll'n, aba er hat it mög'n und nacha
...«
    »Und dann sind Sie für ihn eingesprungen?«
    Der Paulimann merkte, dass er hier keinen Anklang fand.
    »Bal i an Herrn Pfarra stör', nacha geh'n i,« sagte er, »i muass it dabei
sei.«
    »Bleiben Sie nur; jetzt sind Sie schon einmal da. Also was wollen Sie mich
fragen, Vöst?«
    »Da Paulimann hat vorgestern im Wirtshaus behaupt', dass i mein Vatern a so
g'haut hätt'.«
    »Ja, und ...«
    »Und dös G'red werd überhaupts im Dorf umanandatrag'n. Und da hab' i an
Paulimann vorladen lassen, dass er b'steht, wo er de Behauptung her hat. Und an
Hierangl hab' i aa vorg'laden.«
    Jetzt fiel der Paulimann ein:
    »Weil da Hierangl g'sagt hat, indem dass er dös g'wiss woass ...«
    »Lassen Sie den Vöst reden!«
    Der Schuller ärgerte sich über seine Befangenheit.
    Er war gekommen, um in ein Lügennetz zu greifen. Sollte er auch so ängstlich
dastehen wie der Paulimann?
    
    Und er redete frischweg.
    »I hab' an Hierangl vorladen lassen, weil der Paulimann g'sagt hat, dass er
dahinter steckt. Und i hab's aa net anderst glaabt, als dass von der Seiten de
ausg'schamte Lug kimmt.«
    »Die ausgeschämte Lüge?«
    »Ja, dass i mein Vater misshandelt hab'.«
    »Das heissen Sie ...?«
    »A schlechte Lug, Herr Pfarra.«
    Baustätter trat zurück.
    Der Mann sah ihm so schnurgerade in die Augen; Wort und Blick waren drohend.
    »Was soll ich dabei?« fragte er.
    »Was Sie damit z' toa hamm, Herr Pfarra? Der Hierangl hat behaupt', dass der
Herr Held selig dös auf an Zettel aufg'schrieben hätt', und den Zettel hätten
Sie an Hierangl zoagt.«
    »Da hat er nicht gelogen.«
    »Was? Dös is ja ...«
    »Vöst, ich lasse mich nicht auf einen Streit mit Ihnen ein.«
    »Du hascht g'sagt, dass d' it streitst, sinscht waar i net mitganga,« sagte
der Paulimann.
    »Sei du staad! Du brauchst koan Angst it hamm.«
    Der Schuller zwang sich zur Ruhe. »Herr Pfarra, streit'n kann i über dös
net, was verlogen is.«
    »Wollen Sie meinen Vorgänger im Grabe beschimpfen? Das sieht Ihnen gleich.«
    »Na, so drah'n mir die Sach' net um. I hab' sei Lebtag koa Schlechtigkeit
g'sehg'n von Herrn Held, und i glaub' koane von eahm, weil er tot is.«
    »Das ist sehr gnädig von Ihnen. Ich bin allerdings auch überzeugt, dass der
Verstorbene die Wahrheit niedergeschrieben hat.«
    »Dös hat er net g'schrieben. Dös is it wahr!«
    »Wollen Sie mich Lügen strafen? Hier in diesem Schreibtisch ist die
Bestätigung.«
    »Derf i's sehg'n?«
    »Nein; wenigstens hier nicht.«
    Schuller krampfte die Fäuste um den Rand seines Hutes.
    Aber die Stimme erhob er nicht; sie klang ruhig.
    »Herr Pfarra, dös kann i net glaub'n, dass Sie mir den Zettel it zoag'n
wollen. Wenn's der Hierangl hat lesen derfen, den wo's do gar nix o'geht, nacha
muass i's do aa z'sehg'n kriag'n. I bin do der erst' dazua.«
    »Das ist meine Sache.«
    »Na! Dös is de mei!«
    »Was fällt Ihnen ein? Ich habe Ihnen keine Rechenschaft zu geben. Verklagen
Sie mich, wenn Sie wollen!«
    »Herr Pfarra ...«
    »Ich habe jetzt genug. Sie werden es schon erfahren, wie Sie mein Vorgänger
geschildert hat. Aber nicht von mir, sondern vom Bezirksamt!«
    »Ja so! Auf dös is abg'sehg'n! Is net anderst ganga, nacha muass der
Schwindel gegen mi helfen!«
    »Sie meinen, ich lass' mich in meinem eigenen Haus beleidigen ...«
    »O na, Herr Pfarra, den G'fallen tua i Eahna net. I gib Eahna ganz recht,
dass Sie de Schreiberei koan ehrlichen Menschen net aufweisen. Des is für d'
Spitzbuam g'macht und geht bloss de Spitzbuam was o. I bin jetzt firti,
Paulimann.«
    Der Schuller drehte sich um und ging.
    Und so deutlich klang die ungeheuchelte Verachtung aus seinen Worten, dass es
seinem Feinde erging wie jenem Taubstummen in der Gegend der zehn Städte: Zu dem
sprach der Herr: Epheta, das ist, öffne dich! Und allsogleich wurden seine Ohren
eröffnet.
    So hörte auch Baustätter einen Augenblick die Sprache der Ehrlichkeit und
wurde betroffen.
    Aber nur einen Augenblick.
    Denn wie er den Paulimann in Schrecken und Verlegenheit erblickte, wurde
seine Seele wiederum stark.
    Und er sagte vorwurfsvoll:
    »Also auch Sie, Paulimann?«
    »I bin g'rad ...«
    »Sie sind hierher gekommen, um Zeuge zu sein, wie man Ihren Seelsorger
beschimpft.«
    »G'wiss it, Herr Pfarra. Da Schuller hat's mir no versprechen müassen, dass er
durchaus gar it streiten will. I bin g'rad mit eahm auf a ganga, dass er fragt,
ob da Hierangl it g'logen hat.«
    »Warum soll der Hierangl lügen?«
    »I behaupt's net. Aba, weil ma halt nia was anders g'hört hat, als dass der
Schuller mit sein Vater guat g'haust hat.«
    »Dieser Mann hat eine eiserne Stirne. Ich habe ihm selbst lange geglaubt. Da
ist es kein Wunder, dass sich auch andere täuschen lassen.«
    »Ma hat nia was g'hört ...«
    »Es ist doch so! Aber jetzt gehen Sie; ich will allein sein.«
    Baustätter griff nach dem Gebetbuche, welches er auf seinen Schreibtisch
gelegt hatte, und der Paulimann zog leise die Türe hinter sich zu.
Der Schuller ging heim.
    Das drückende Gefühl hatte er los; er kannte jetzt den Hinterhalt, aus dem
der vergiftete Pfeil geflogen war.
    Konnte er ihn treffen?
    Wusste nicht jeder im Dorfe, dass er zu allen Zeiten ehrbar gegen seinen Vater
gehandelt hatte? Auch in schlimmen Zeiten.
    Der alte Vöst hatte es nebenher mit dem Güterhandel probiert und viel Geld
verloren. Damals lebte noch der ältere Bruder vom Schuller. Der war auf der
leichten Seite und liess alle fünf gerad' sein.
    Das schöne Sach' kam herunter, und er konnte nichts dawider tun. Weil er es
aber nicht länger mit ansehen wollte, ging er selbigesmal nach Rettenbach und
nahm Dienst beim Schlossbauern. Da wurde der Johann krank und starb weg über
Nacht.
    Und der Schuller kam wieder heim und richtete das Anwesen zusammen, dass alle
Leute ihn loben mussten.
    Wie viel Arbeit traf ihn damals als blutjungen Menschen! Wie viele Sorgen
gingen ihn an! Er schwieg dazu, wenn der Vater die sauer verdienten Groschen in
die Handelschaft steckte, und mühte sich ab.
    Dann ging es endlich besser.
    Die Mutter brachte den Alten dazu, dass er das Herumfahren mit den Schmusern
aufgab und daheim mitalf.
    Es kamen gute Jahre.
    Zu derselbigen Zeit konnte sich einer noch herausreissen, denn Korn und
Weizen hatten schöne Preise.
    Und wie alles wieder in Ordnung war, da durfte er, der Andreas Vöst, mit
Stolz sagen, dass er das beste dazu getan hatte. Etliche Jahre später übernahm er
das Anwesen und heiratete.
    Von der ersten Stunde an gab er dem Vater, was ausgemacht war, und zog ihm
keinen Pfennig ab bis zu dem Tag, an dem sich der Alte zum Sterben hinlegte. Die
Nachbarn wussten es, und jedermann im Dorfe wusste es. Nein, die Verleumdung traf
ihn nicht. Auf den Pfarrer Held wollte es der Mensch hinüberschieben!
    Weil er wusste, dass dem sein Wort überall gegolten hatte.
    Dreissig Jahre war er Pfarrer von Erlbach gewesen; ein guterziger Mann,
überall dabei mit Rat und Tat.
    Wer Sorgen hatte, ging zu ihm und fand allezeit ein heiteres Wort und gute
Aufmunterung.
    Der Schuller hatte es selbst erfahren. Und jetzt sollte er glauben, dass der
Mann ihn hinterrücks verleumdet hatte. Es war eine dumme Lüge.
 
                                Zehntes Kapitel
Der Buchdrucker Schüchel fühlte sich in den Mittelpunkt der Ereignisse gestellt,
seitdem er sein »Nussbacher Wochenblatt« als Organ des bayerischen Bauernbundes
bezeichnete.
    Sein Beitritt zu dieser Partei war nicht ein durchaus freiwilliger. Vor
nunmehr zwanzig Jahren hatte der evangelische Schriftsetzer Adolf Schüchel die
verwitwete Besitzerin der einzigen Nussbacher Zeitung geehelicht und sich in den
Schoss der katolischen Kirche geflüchtet. Und von diesem Tage an war es ihm gut
ergangen. Die Geistlichkeit schätzte den Eifer des Neubekehrten, und ihr
Wohlgefallen äusserte sich nicht nur in Worten.
    Schüchel fand tatkräftige Unterstützung und Hilfe. Man empfahl seine Zeitung
und sorgte für ihre Verbreitung; junge Heisssporne lieferten ihm streitbare
Leitartikel, und zuweilen ergriff eine wichtige Persönlichkeit das Wort im
Nussbacher Wochenblatte.
    Auch im nichtpolitischen Teile kamen häufig Beiträge aus geistlichen Federn.
Dekan Metz schilderte hier seine Reise zum heiligen Hause von Loreto, Benefiziat
Scheible seine Pilgerfahrt nach Jerusalem, und was des Spannenden mehr war.
Nebenher verdiente Schüchel durch den Verlag von Gebetbüchern und
Erbauungsschriften ein schönes Stück Geld, bekam Heiligenbilder, Sterbeandenken
und Kirchenzettel zu drucken und wurde im Laufe von fünfzehn Jahren ein
wohlhabender Mann.
    Er fand grossen Gefallen an dem behäbigen Leben der Altbayern, welches sich
so angenehm von den Gepflogenheiten seiner mittelfränkischen Heimat unterschied.
    Er setzte allmählich Fett an und war wie alle Nussbacher Bürger.
    Wenigstens äusserlich; denn dass er sie geistig überragte, blieb ihm stets
eine tröstliche Überzeugung.
    Nun wäre alles recht und schön gewesen, wenn nicht eines Tages Frau Johanna
Schüchel plötzlich verstorben wäre. Dieses Ereignis zog andere nach sich, welche
in ihrem Verlaufe der katolischen Kirche einen eifrigen Anhänger entfremdeten
und das Nussbacher Wochenblatt zu einem Organ des Bauernbundes machten.
    Adolf Schüchel wurde zu frühe Witwer. Er war nicht alt genug, um allen
Freuden des christlichen Ehestandes zu entsagen und Versuchungen zu widerstehen,
welche an wohlhabende Männer herantreten.
    Nach dem Tode seiner Frau wandte er sich an seine Verwandten in Ansbach, ob
sie nicht eine geeignete Person wüssten, welche ihm den Haushalt führen könnte.
Diese fanden ein passendes Mädchen, und kurze Zeit darauf zog Sophie Schnell in
das Schüchelsche Haus. Sie war jung, hübsch und hatte die rundlichen Formen,
welche Witwern gefährlich sind.
    Ein halbes Jahr später wurde sie die Gattin des Buchdruckereibesitzers.
    Das klingt einfach und ist menschlich. Aber es war ein Umstand dabei, der
die Sache verwickelt machte.
    Sophie Schnell, jetzige Schüchel, war Protestantin und verstand sich nicht
dazu, ihren Glauben zu wechseln.
    So gab es eine Mischehe.
    Und die Greuel derselben wurden vermehrt, als ein Kind zur Welt kam, welches
nach dem unbeugsamen Entschlusse der Mutter der evangelischen Kirche zufiel.
    Damit waren alle Beziehungen Schüchels, seines Verlages und seiner Zeitung
zu der katolischen Geistlichkeit gelöst. Die Zeiten waren vorüber, in denen man
Beschreibungen frommer Wallfahrten im Nussbacher Wochenblatte lesen konnte;
Heiligenbilder und Sterbeandenken kamen nicht mehr in die Akzidenzmaschine, und
die Kirchenzettel blieben aus.
    Schüchel war nicht gleichgültig gegen diese Unfälle; wenn es nur auf ihn
angekommen wäre, hätte er sich gewiss gebeugt vor einer Gewalt, die geben und
nehmen kann.
    Aber an dem Willen seiner Frau scheiterte jeder Versuch, den er zum
Einlenken machte. So blieb ihm vorerst nur der Trost, dass die Nussbacher
Leserwelt auf seine Zeitung angewiesen war.
    Bald wurde er aus seiner Sicherheit aufgeschreckt.
    Ein unternehmender Schwabe, Simon Hefele aus Ravensburg, gründete eine neue
Zeitung, den »Nussbacher Anzeiger«.
    »Auf dass die katolische Bevölkerung des Distriktes eine Presse besitze,
welche ihrer wahren Meinung Ausdruck verleiht, und nicht länger die im
katolischen Gewande einherschleichende Irrlehre ihre giftigen Dünste verbreiten
lasse,« hiess es im Begrüssungsartikel, welcher vermutlich nicht von dem
ehemaligen Bäckergehilfen Hefele, sondern von dem Verfasser der Wallfahrt nach
Loreto geschrieben war. Der Krieg war erklärt, und die Aussichten waren für
Schüchel nicht günstig.
    Hinter ihm standen keine Truppen, und er selbst durfte nicht mit offenem
Visiere kämpfen.
    Er musste die Geistlichkeit schonen und seine Schläge so zielen, dass sie den
wahren Feind nicht trafen.
    Das nahm ihm die halbe Kraft.
    Wie anders Simon Hefele.
    Der liess sein Panier lustig im Winde flattern, und mit ihm stritt der Herr
mit seinen Scharen.
    Drei Jahre dauerte der ungleiche Kampf, einer gegen viele.
    Schüchel wollte fast verzagen. Er konnte sich der Hiebe kaum noch erwehren,
die auf ihn niederprasselten.
    Die ungeheuerliche Grobheit des Bäckergehilfen vereinigte sich mit der
kunstfertigen Spitzfindigkeit geistlicher Hintermänner, um ihn zu verderben. Da
kam der Bauernbund und mit ihm die Rettung. Jetzt hatte Schüchel ein Programm,
eine Partei und Mitarbeiter.
    Unter den Bürgern, welche sich sogleich der neuen Bewegung anschlossen, war
mancher, der etwas zu sagen hatte, und der sich freute, wenn er unerkannt
Feuerbrände umherschleudern durfte.
    Artikel erschienen jetzt im Wochenblatte, Artikel von so ungehobelter
Derbheit, dass die Betroffenen am Zeitgeiste verzweifelten.
    Ja, dass der schwäbische Bäckergehilfe nach furchtbaren Gegenanstrengungen
erklären musste, es verbiete ihm der Anstand, im gleichen Tone zu erwidern.
    Es half jedoch dem Nussbacher Anzeiger nichts, dass er seine Spalten jetzt nur
solchen Darstellungen einräumen wollte, welche vornehme Gesinnung atmeten.
    Seine klobigen Feinde zwangen ihn zum wenigsten jede Woche einmal, mit einem
zornigen Aufschrei ihnen auf das Gebiet politischer Gemeinheit zu folgen.
    
    Der Stadtprediger Rot wandte historische Kenntnisse und alle Künste
scharfer Dialektik auf, um die Gegner zu erdrücken.
    Er versicherte von einem zum anderen Male, dass ihm die krampfhaften
Anstrengungen derselben unendlich viel Vergnügen bereiteten, und dass er ein
herzliches Lachen nicht unterdrücken könne, ob des unbeholfenen Stiles, in
welchen die verworrenen Gedanken eingekleidet seien.
    Aber wenn Hefele auch noch so oft hinzufügte, dass sich der bewusste
Artikelschreiber im Wochenblatte von dem vernichtenden Schlage kaum mehr erholen
dürfte, so war er trotzdem bald darauf gezwungen, angesichts neuer Gemeinheiten
zu fragen, ob katolische Hausvorstände es mit ihrem Gewissen vereinigen
könnten, das Nussbacher Wochenblatt zu halten.
    Und im weiteren Verlaufe trat gegen den gelehrten Alban Rot ein Mann auf,
dem er nicht gewachsen war; der bürgerliche Schuhmachermeister Jakob Prantl.
Ursprünglich für den geistlichen Beruf bestimmt, studierte er sechs Jahre lang
am humanistischen Gymnasium zu Freising.
    Er kam nicht über die vierte Lateinklasse hinaus und zeigte keinerlei
Neigung für gelehrte Dinge.
    Erst später entwickelte sich sein Geist, als er zum ehrsamen Handwerk
überging und wie sein Vater die Stiefel der Nussbacher Menschheit schäftete,
sohlte und englisierte.
    Wenn er so auf seinem Schemel sass und mit dem Pechdraht Oberleder und Rahmen
zusammennähte, oder die Sohle mit Hammerschlägen rundete, schweiften seine
Gedanken zurück in die Zeit, da er noch lateinische Sätze bildete und die
seltsamen Schriftzeichen der griechischen Sprache lernte.
    Jetzt erwachte in ihm die Liebe zur Wissenchaft, und er bewahrte sorgsam die
kümmerlichen Reste, welche ihm geblieben waren. In dem Notizbuche, worin er die
Masse der Fusslängen und Ristöhen seiner Kunden schrieb, stand auf der ersten
Seite sein Name mit griechischen Buchstaben: Iakobos Prantl, sxoyster.
Allmählich verwischte sich in seinem Gedächtnisse die Erinnerung daran, dass er
selbst die Fortsetzung seiner Studien aufgegeben hatte, und er bestärkte sich
immer mehr in dem Glauben, dass harte Schicksale oder feindliche Einflüsse seiner
Laufbahn hinderlich geworden waren.
    Er zerfiel mit der Menschheit, deren Füsse er bekleidete, und wurde ein
strenger Richter über Welt und Dinge.
    Seine Gehilfen und Lehrlinge bekamen manches bedeutende Wort zu hören über
Staat und Kirche und jegliche Obrigkeit.
    Eine tiefe Verachtung der anerkannten Autorität sprach aus ihm, wenn er nahe
und ferne Ereignisse in den Kreis seiner Betrachtungen zog, und er war mit
Bitterkeit erfüllt. Seine Gedanken wurden ätzender, weil er sie meist für sich
behalten musste.
    Darum ging er mit lebhafter Freude, mit Hingabe seiner ganzen Persönlichkeit
an die Arbeit, als sich endlich Gelegenheit für ihn bot, im Nussbacher
Wochenblatte seine Meinung zu sagen.
    Er schrieb einen seltsamen Stil. Als er in die Schule ging, hielt man noch
etwas auf die Kunst, eine Periode in die Länge zu ziehen; man stützte sie mit
Relativsätzen, wenn sie umsinken wollte, und flösste der Ermatteten durch
Bindewörter neuen Mut ein.
    Jakobos Prantl bemächtigte sich dieser Form. Sie entsprach seiner
Gewohnheit, tiefen Sinn zu verstecken und wiederum mit leichten Andeutungen zu
entblössen. Und sie entsprach auch der Fülle seines Wissens, die sich in der
geraden Linie nicht entwickeln konnte, sondern ihre Äste nach allen Seiten hin
ausbreitete. Und so entstanden also jene merkwürdigen Aufsätze über das
verderbliche Zusammenwirken von Staat und Kirche, welche dem Stadtprediger Alban
Rot schlaflose Nächte bereiteten. Er fand hier in krausem Durcheinander alle
Behauptungen, welche von katolischen Schriftstellern in bändereichen Werken
widerlegt worden waren.
    Sie tauchten im Nussbacher Wochenblatte so frisch und munter auf, als hätten
sie eben das Licht der Welt erblickt und wären nicht schon vor Jahrzehnten
begraben worden. Eine qualvolle Arbeit begann für Herrn Rot; auf die ersten
Irrtümer wies er mit spöttischem Mitleide hin, die nächsten übergoss er mit der
Lauge des Hohnes, aber bald wuchs ihm die Aufgabe über den Kopf. Wie Pilze
schossen die Lügen, Verdrehungen, Entstellungen und Irrlehren aus dem Boden.
    Er wusste nicht mehr, wo anfangen und wo enden. Links, rechts, vor ihm,
hinter ihm erhoben sich die unverwüstlichen Giftschwämme.
    Sein Kampf war machtlos gegen einen Feind, der die erschlagenen Truppen
hinter der Front wieder aufstellte und sie lächelnd von neuem ins Treffen
führte.
    Und diese unerschütterliche Ruhe!
    Diese Unempfindlichkeit des geheimnisvollen Artikelschreibers, welcher in
der neuen Nummer immer da anhob, wo er in der letzten geendet hatte.
    Was hätte Alban Rot darum gegeben, wenn er nie jene Aufsätze beantwortet
hätte, in welche ohne Zusammenhang und Sinn seltsame griechische Worte
eingestreut waren, und die stets mit dem Satze begannen: »Wie schon der grosse
Römer sagt.«
    Das »Wochenblatt« zog Vorteil aus diesem Kampfe der Geister. Es zählte jetzt
mehr Abnehmer als in seiner ersten Glanzzeit.
    Auch draussen in den Gemeinden fanden sich Anhänger und Mitarbeiter.
    Der Lehrer von Hilgertshofen brachte Stimmungsbilder aus dem Glonntale; er
unterschrieb sich als »ein stiller und kühler Beobachter«; der »alte Bajuvare«,
welcher mit Hilfe der historischen Wissenschaft den unseligen Anschluss an
Norddeutschland für alle Schäden verantwortlich machte, war der Gutspächter
Wanninger von Arnbach.
    Und in seiner Nähe führte der Postalter und Landrat Scheiblhuber in Grubhof
eine scharfe Feder gegen die Volksverräter des Zentrums.
    Andere folgten.
    Was sie schrieben, zeugte nicht immer von grosser Einsicht. Es waren
unbeholfene Anfänge, die öffentliche Meinung gegen die eingesessenen Machtaber
zu erregen. Aber es waren doch Anfänge, die man schon deshalb nicht
unterschätzen durfte, weil sie die Bauern zum Lesen brachten.
    Das war vordem eine Seltenheit.
    Mit Lesen und Schreiben gaben sich die meisten nach der Feiertagsschule
nicht mehr ab; sie hatten keine Zeit dafür.
    Und wer ein übriges tun wollte, nahm den Monika-oder Regensburger
Marienkalender vom Nagel herunter, wenn es im Winter einen langen Feiertag gab.
    Hier und dort war wohl ein angesehener Mann im Dorfe, dem der Postbote eine
Zeitung ins Haus brachte.
    
    Das wussten dann alle in der Gegend und sahen es für ein Besonderes an.
    Jetzt aber kümmerten sich viele um die Geschehnisse in der Welt, und wer das
Geld sparen musste, setzte sich im Wirtshaus näher an das Licht und las dreimal
die Woche, wie Jakobos Prantl unsäuberlich mit der Kirche fuhr und der alte
»Bajuvare« dem preussischen Fuchs in den Pelz griff.
    Der erste Vorteil, den eine Partei durch die Presse erlangen kann, war
gegeben. Die Gleichgesinnten konnten sich verständigen und zusammenschliessen.
    Der Kreis erweiterte sich.
    Wenn die Giebinger lasen, dass sie in Hilgertshofen die nämliche Meinung
hatten über die Verderbnis im Bauernstand, dann fassten sie Vertrauen zueinander.
Und in allen rührte sich die Hoffnung, es müsse wohl besser werden, wenn sie
zusammenstünden.
    Dazu erfuhr man genau, wie im Niederbayerischen und im Oberland die
Bauernsache vorwärts ging.
    Einer sagte es dem anderen nach, dass es an der Zeit sei, auch in Nussbach
eine Versammlung abzuhalten und dem Bunde beizutreten.
    In Schachach gingen sie mit gutem Beispiel voran und gründeten eine
Markgenossenschaft.
    In Zillhofen machten sie es nach, aber was halfen die einzelnen Versuche? Es
musste sich aufweisen, ob der Boden überall umgeackert war, dass eine richtige
Saat aufgehen konnte.
    Und da stand es im Wochenblatt:
    »Aufruf! Liebe Standesgenossen, Bauern und Bürger!
    Der Tag ist gekommen, dass sich die Mitglieder des Nährstandes um eine
gemeinsame Fahne scharen müssen und nicht länger zusehen, wie gewisse Elemente
das Volk unterdrücken, welche von der Arbeit Erträgnis des Land- und
Gewerbsmannes indirekt mitleben.
    Dass Bauern und Gewerbe auf das regste zusammengehören, wird gewiss einer mit
Menschenverstand nicht leugnen wollen, da doch die Bauern in Nussbachs Umgebung
die Haupteinnahmequelle der Geschäftsleute bilden und durch die Verbesserung der
landwirtschaftlichen Verhältnise auch ihren Anteil haben.
    Darum, liebe Standesgenossen, stellen wir uns zusammen und forschen nach des
Übels Quelle!
    Aber wie ist dies anders möglich, als durch die Abhaltung einer Versammlung,
welche jedem Gelegenheit gibt, seine Gesinnung zu erproben, und durch
zahlreichen Besuch dem Gegner Achtung einflösst?
    Kommt alle zur Vorbesprechung, welche im Saale des Sternbräu stattfinden
soll, am Sonntag, den 16. Dezember, Nachmittag zwei Uhr, und woselbst das
Notwendige verabredet wird.
    Kommet alle, die ihr Zeit habt und ein Herz für unsern Stand und unser
Bayerland! Einigkeit macht stark, wie schon der grosse Römer sagt!«
    Der Aufruf fand Beifall an vielen Orten; der Stein war ins Rollen gebracht.
    »Da haben wir es«, sagte der Bezirksamtmann, und warf die Zeitung wütend auf
den Tisch. »Jetzt kann die Hetzerei in meinem Bezirk losgehen. Aber es soll mir
nur einer kommen von den Siebengescheiten, die das ganze Land in der Tasche
haben, und nicht einmal die paar Bauern in ihren Gemeinden zur Vernunft bringen
können! Es soll mir nur einer Vorwürfe machen!«
    Er zog heftig an der Glocke.
    »Mayerhofer!«
    Der Amtsdiener trat ein.
    »Sagen Sie dem Herrn Offizianten, er soll zu mir kommen.«
    »Jawohl, Herr Bezirksamtmann!«
    Otteneder legte die Hände auf den Rücken und ging auf und ab.
    Der Offiziant Schillinger blieb an der Türe stehen.
    »Herr Bezirksamtmann wünschen?«
    »Haben Sie den Aufruf im Wochenblatt gelesen?«
    »Ja.«
    »Ist der von unserm braven Schüchel geschrieben?«
    
    »Wenn Herr Bezirksamtmann erlauben, vom Schüchel ist er nicht.«
    »Von wem sonst?«
    »Ich weiss es auch nicht bestimmt; es ist nur eine Vermutung. Aber ich habe
den Schuhmacher Prantl in Verdacht.«
    »So, von dem? Allerdings, von einem Schuster hat der Stil was.«
    »Der Prantl ist bekannt als Bauernbündler, wenn Herr Bezirksamtmann
erlauben. Und die Leitartikel, mit den griechischen und lateinischen Wörtern,
sollen auch von ihm sein.«
    »Der Kerl steckt bis über die Ohren in Schulden?«
    »Er steht nicht gut, was man hört. Einmal ist er schon ausgepfändet worden.«
    »Der hat's notwendig! Schreibt, dass gewisse Elemente vom Handwerker leben.
Damit meint er natürlich die Beamten?«
    »Jawohl, Herr Bezirksamtmann. Er schimpft überhaupt in allen Wirtshäusern
herum. Das hat er schon immer getan, so lang' ich ihn kenne.«
    »Das werde ich mir merken. Sagen Sie, Herr Offiziant, der Sternbräu, gibt
denn der seinen Saal her zu der Versammlung?«
    »Gern auch noch, Herr Bezirksamtmann.«
    »Was will denn der Mensch? Er ist doch sehr vermögend. Wie gibt sich der mit
solchen Geschichten ab?«
    »Wenn mir Herr Bezirksamtmann die Bemerkung erlauben, das ist jetzt
überhaupt so. Wo man hinkommt, nichts wie Räsonnieren und Politisieren. Man kann
keine Halbe Bier mehr mit Ruh' trinken; der Melber Wimmer, der Kaufmann Kolb, da
ist einer gescheiter wie der andere. Und der Schüchel geht herum, als wenn er
ein Weltblatt herausgeben tät'.«
    »Ich kenne meine Nussbacher. Nichts arbeiten, den ganzen Tag in den
Wirtshäusern hocken und dumm reden.«
    »Bei den Bauern merkt man's auch schon, Herr Bezirksamtmann.«
    »Wieso?«
    »Es ist nicht mehr wie früher. Wenn man sonst einem was g'sagt hat, war's
recht und fertig. Jetzt wird gleich gedroht mit der Zeitung, und so weiter.«
    »Das ginge mir noch ab! Wenn einer so was sagt, führen Sie ihn nur herauf zu
mir! Das wollen wir sehen!«
    »Gestern erst der Pointner von Zillhofen. Wegen seinem neuen Stallgebäude.
Die Pläne sind noch beim Herrn Distriktstechniker, und ich habe ihm das gesagt.
Fangt er gleich das Schimpfen an. Wie lang' er noch warten müsse? Im Mai hätt'
er eingegeben. Ob das eine Manier sei? Im Winter könne kein Mensch bauen. Er
wolle uns schon ein Feuer anzünden, wenn es noch länger dauern tät'.«
    »So, so?«
    »Es wird immer schwieriger, Herr Bezirksamtmann.«
    »Na, dafür bin ich noch da. So weit sind wir noch nicht, dass wir uns
einschüchtern lassen.«
    »Herr Bezirksamtmann haben gestern gesagt, ich soll den Akt vorlegen,
betreff Bürgermeisterwahl in Erlbach.«
    »Richtig, ja. Haben Sie ihn?«
    »Ich habe ihn Herrn Bezirksamtmann auf den Tisch gelegt.«
    »Gut. Übrigens, kennen Sie den ... den ... wie heisst er doch gleich?«
    »Den Schuller von Erlbach.«
    »Ja, Schuller oder so ähnlich, den neuen Bürgermeister?«
    »Das ist doch der nämliche, der uns so viel Arbeit gemacht hat wegen der
Flurbereinigung, Herr Bezirksamtmann.«
    »Auch so ein Siebengescheiter?«
    »Im Wochenblatt hat es damals bei den Wahlen geheissen, dass er Bauernbündler
ist.«
    »Hm. Also, es ist recht, Schillinger. Guten Morgen.«
    Otteneder stellte sich an das Fenster und sah auf den Marktplatz hinunter.
    Es war Schrannentag. Vor dem Ratause standen in langen Reihen die gefüllten
Getreidesäcke. Die Käufer gingen von einem zum andern, schöpften mit den Händen
Körner heraus, rochen daran und prüften sie sorgfältig.
    Dann redeten sie mit den Bauern, zuckten die Achseln und gingen weiter.
    Hier und da gab einer den Handschlag, und man sah, dass der Kauf
abgeschlossen war.
    Der Melber Wimmer war am eifrigsten. Er traf überall gute Bekannte unter den
Bauern. Man sah es an der Art, wie er bald hier, bald dort vertraulich grüsste
und im Fortgehen sich lachend umwandte. Den Platz weiter hinauf standen viele
Wagen, hoch bepackt mit Krautköpfen.
    Hier waren die Nussbacher Hausfrauen und feilschten und kauften.
    Der Winter stand vor der Türe; es war Zeit, das Krautfass im Keller zu
füllen. Und da war auch Gelegenheit, die rechte Zutat zu holen, Kartoffeln, die
auf den Fuhrwerken daneben lagen.
    Es war ein dichtes Gedränge auf dem Markte. Das Summen vieler Stimmen drang
herauf; zwischenhinein lautes Quieken und Schreien, wenn ein Bauer von seinen
Spanferkeln eines herausholte und lieblos am Ringelschwanze in die Höhe hielt.
    »Na also,« dachte Otteneder, »das Geschäft geht ja! Trotz des Gejammers und
der ewigen Unzufriedenheit.«
    Er sah zum Sternbräu hinüber.
    Da standen so ein paar Schreihälse.
    Der Schuster Prantl natürlich, und der geweste defensor ecclesiae, der
Buchdrucker Adolf Schüchel.
    Was sie zu tuscheln hatten mit den Bauern?
    Das steckte die Köpfe zusammen! Das war ein Eifer, ein Reden, ein
Gebärdenspiel!
    Und eigentlich war es frech, wie diese Schwarmgeister ihr Unwesen trieben.
Auf freiem Marktplatze; unter den Augen der Behörde.
    Der Bezirksamtmann setzte sich an den Schreibtisch. Er griff nach dem
Aktenhefte, welches vor ihm lag.
    In schöner Rundschrift stand auf dem blauen Deckel: »Betreff Gemeindewahlen
in Erlbach.«
    Otteneder öffnete ihn.
    Dann zündete er eine Zigarre an und blies den Rauch in die Luft.
    Und nun war er bereit.
    Also erstens das Wahlprotokoll. Als beauftragter Kommissär anwesend der
königliche Bezirksamtsassessor Max Hartwig. Ergebnis der Wahlen: Bürgermeister
Andreas Vöst, Beigeordneter Kloiber, und so weiter.
    Folium zwei. Gesuch des Pfarrers Baustätter, es wolle der Wahl des
Bürgermeisters die Bestätigung versagt werden.
    Otteneder zog stärker an seiner Zigarre und las einige Sätze vor sich hin.
    »An der Spitze einer katolischen Gemeinde ... unmöglich ein solcher Mann
stehen.
    ... schweigend zu dulden, nicht vereinbar mit den Pflichten des
Seelsorgers.«
    Er sah nach dem Datum. Erlbach, den 19. November. »Die Wahl war am 18.
Teufel, das hat pressiert!«
    Folium drei. Wiederholte dringende Vorstellung des Pfarrers Baustätter gegen
die Bestätigung des Andreas Vöst. Datum vom 21. November. »Ich muss ganz
ergebenst eine äusserst wichtige Mitteilung machen, dass nämlich in den
Unterlassenen Papieren meines verstorbenen Amstsvorgängers sich eine dringende
Warnung vorfindet, ...« et cetera.
    Folium vier. Protokoll des königlichen Bezirksamtes Nussbach, den 24.
November. Erscheint der Pfarrer Jakob Baustätter und gibt an, was folgt. Meine
Pflicht als Seelsorger ... und so weiter. Übergibt gleichzeitig eine Urkunde,
Niederschrift des verstorbenen Pfarrers Maurus Held, und bittet um Rückgabe.
    Folium fünf. Abschrift der von usw. Baustätter übergebenen Urkunde. Das
Original auf Wunsch zurückgegeben. »Erlbach, am 16. Juni 1889. Heute war zum
zweiten Male der Austragsbauer Johann Vöst bei mir und klagte bitterlich über
die Misshandlungen, welche er von seinem Sohne erdulden musste. Er zeigte mir die
abschreckenden Spuren derselben.« Otteneder las diese Beschuldigung mit
Aufmerksamkeit und schüttelte den Kopf.
    »Klingt eigentlich sonderbar,« sagte er. »Warum schreibt der Mann das auf?
Wenn es die Leute wussten, war es überflüssig. Wusste es niemand, dann konnte der
Pfarrer nur zufrieden sein, dass die Sache wenigstens kein Ärgernis erregte.«
    Folium sechs. Ergebene Mitteilung des Pfarrers Jakob Baustätter, dass sich in
der Gemeinde ernstafte Stimmen gegen die Wahl erheben. De dato 28. November.
    Folium sieben. Dringende Beschwerden, nachträglich erhoben von Erlbacher
Gemeindebürgern gegen die Person des Andreas Vöst. »Ein hohes Bezirksamt möge
die Wahl ungültig erklären, indem die Betreffenden keine Kenntnis hatten, dass
etwas vorliegt. Die gehorsamst Unterfertigten sind im christkatolischen Glauben
erzogen und sehen mit Furcht und Schrecken, dass ein öffentlicher Feind der
Kirche an der Spitze steht.« - »Hm! Der Satz kommt aus dem Pfarrhof.« - »Die
Unterfertigten bitten dringend, dass nicht Streit und Hass in die Gemeinde kommt,
indem bereits der Andreas Vöst die gläubigen Christen am Halse würgt und bedroht
und es jedenfalls noch viel ärger wird.«
    Folgen die Unterschriften: Sebastian Stollreiter, Hieranglbauer. Jakob Ertl.
Lorenz Deindl. Kaspar Umbricht, Heissbauer. Martin Salvermoser. Georg Fent.
Johann Geitner. Lorenz Amesreiter.
    »Acht Leute. Das muss dem Herrn Baustätter Arbeit gekostet haben!«
    Noch etwas? Bescheinigung des Beigeordneten Kloiber. In der Angelegenheit
usw. Sühneversuch abgehalten. Im Verlauf desselben geriet der Bürgermeister Vöst
so in Wut, dass er den Hieranglbauern Sebastian Stollreiter angriff und
misshandelte.
    »Hm! Endlich etwas Positives! Wenn die Sache so weit gediehen ist, dass es zu
Tätlichkeiten kommt!«
    Otteneder trat wieder ans Fenster.
    Da unten stand noch immer der Schuhmacher Prantl; er hielt die geballte
Faust an die Stirne. Offenbar wollte er recht überzeugend wirken.
    Und der Bezirksamtmann sagte vor sich hin: »Es schadet nicht, wenn die Leute
den Zügel spüren. Ich werde die Bestätigung versagen.«
 
                                 Elftes Kapitel
Sylvester Mang war ein stiller und bescheidener Mensch. Er fügte sich in den
Willen derer, welche ein Recht auf seinen Gehorsam hatten, und dachte nicht viel
über seine eigenen Wünsche nach.
    Er hatte sich nicht gefragt, ob ihm der geistliche Beruf zusage. Er wusste es
nicht anders, als dass er Teologie studieren müsse.
    So war es bestimmt von Anfang an; von der Stunde an, in welcher die alte
Veronika Mang ihrem Schwager, dem reichen Spanninger von Pasenbach, in die Hand
versprach, es solle der kleine Sylvester auf das geistliche Fach studieren und
dereinst die Messe lesen zu Ehren Gottes.
    Sylvester erinnerte sich oft an jenen Tag. Wie die Mutter so stolz war und
geschwind aus der Stube lief, dass sie es gleich der Nachbarin sagen konnte.
    Und wie sie dann mit ihm zum Schneiderfranzl ging, der zwei Anzüge anmessen
musste. Einen schwarzen dabei auf den besonderen Wunsch des Vetters, damit sich
die Sache gleich geistlich ansah. Das gab ein Staunen und Bewundern, als der
schwarze Rock fertig war!
    Er hing dem kleinen Sylvester über die Knie herunter, die Schulternaht sass
auf halber Brustöhe, und die Ärmel streckten sich vor bis auf die
Fingerspitzen.
    Überall war der Rock zu weit und zu lang.
    Aber der Schneiderfranzl sagte, so wäre es recht, und so müsse es sein. Denn
die engen Röcke sähen so windig aus und passten nicht für das studierte Wesen.
    Da lachte die Veronika Mang von Herzen vergnügt und freute sich über den
kleinen Sohn und den grossen Rock. Und dann musste Sylvester seine schuldige
Aufwartung machen beim alten Pfarrer Maurus Held.
    Der lachte auch, wie er den neuen Lateiner sah, und sagte:
    »Du schaust ja aus wie nochmal ein geistlicher Rat. Verlier nur den Mut
nicht! Discendo crescimus oder crescendo discimus muss es bei dir heissen; im
Wachsen lernen wir. Wenn dir der Rock einmal knapp sitzt, hernach bist du schon
ein Gelehrter.«
    Und er holte sein Lieblingsbuch vom Spinde herunter, Forsteneichers
Naturbilder. »Das will ich dir schenken, parvule,« sagte er, »es ist ein
herrliches Buch. Darin sollst du lesen, wie brav es der liebe Gott meint mit
unserer Welt.«
    Dann schrieb er auf die erste Seite:
    »Perfer et obdura, labor hic tibi proderit olim. Halte aus und arbeite,
kleiner Sylvester, später wird es dir nützen. Denke zuweilen an deinen
geistlichen Lehrer Maurus Held.«
    Wohl dachte er oft an den gütigen Mann, der ihn später fragte, ob er auch
die Kraft fühle für den geistlichen Stand.
    »Es ist nicht immer leicht, auf dem einsamen Weg zu gehen. Manches Mal hält
man den Schritt an und möchte lieber umkehren!«
    Damals durfte er die Frage heiter bejahen. Er lernte gern und dachte nicht
über die Schule hinaus.
    Oder nur so, dass er sich auf die Ferien freute. Auf das Herumschlendern in
des Herrgotts grünem Wald, an der Seite des würdigen Pfarrers Held.
    Der fragte ihn ordentlich aus, ob er Pflanzen und Tiere kenne und die
Sprache der Natur verstehen lernte aus den Schilderungen des Meisters
Forsteneicher.
    Und Sylvester bestand die Prüfung mit Ehren. Denn ihm selber war das Buch,
welches so treuherzig erzählte, lieb geworden. Und dann musste er ihm berichten,
wie das Studium vorwärts ging.
    Der Alte hörte lächelnd zu, wenn der Junge in Eifer kam und die Schönheit
des Gelernten rühmte.
    »So ist es recht, parvule. Bleib nur dabei und verlier mir die Wärme nicht!«
- »Es wird einmal trockener kommen,« sagte er ein anderes Mal, »die artes
liberales werden in den Winkel gestellt, wenn es über die Dogmatik und Homiletik
hergeht. Vergiss darüber nicht alles, was dich jetzt freut. Libri amici optimi;
die Alten bleiben uns gute Freunde.«
    Und an einen Tag erinnerte sich Sylvester oft und gerne. Es war ein Sonntag
im August. Nach der Kirche gingen Held und er über die Felder gegen Webling zu.
Das Korn stand in der Reife. Von Hügel zu Hügel dehnte sich der goldgelbe Segen.
Über den Wald herüber kam der frische Morgenwind und rauschte in den Kronen der
Bäume.
    Dann ging er liebkosend über die Fluren. Die Halme bogen sich, und leichte
Schatten liefen über das Gold vom Fusse des Hügels bis hinauf, wo die Ähren in
den blauen Himmel ragten. Da nahm Maurus Held den Hut ab und sah mit leuchtenden
Augen in die schöne Gotteswelt.
    »So denke ich mir den Herrn Christus am liebsten,« sagte er, »wie er segnend
durch die Felder wandelt. Und just so müsste sich das ansehen wie hier. Dass es
wie ein Hauch geht über die Halme, die sich ehrfürchtig beugen vor des Menschen
Sohn.
    Vor der Menschen Freund, parvule, der die Armut weihte und den Reichen den
Himmel verwehrte; das haben wir von ihm als besten Gewinn, dass er das Leben der
Kleinen und die Arbeit verklärte.
    Die Menschen wissen es freilich nicht mehr und die am wenigsten, welche
seine Lehre den Fürsten und Herren mundgerecht machen. Auch du kannst mich heute
nicht verstehen, parvule. Nein, nein! Später einmal, wenn dir die tiefe Weisheit
klar wird, dass aus dem alten Fluche ein Segen wurde. Im Schweisse deines
Angesichts sollst du dein Brot essen!«
    Sylvester verstand den Alten nicht, aber er dachte wohl, dass es gut sei, wie
alles, was er sagte.
    Er hing mit gläubiger Verehrung an dem Manne, und es war sein erster grosser
Schmerz, als ihm die Mutter nach Freising schrieb, die Woche vorher sei Pfarrer
Held nach längerem Leiden gestorben.
    Das war wenige Monate nach jenem Sonntage.
    Als Sylvester zu Ostern heimkam, war sein erster Gang in den Friedhof. Da
stand auf prunkvoller Marmortafel der Name Maurus Held. Und darunter der Satz:
»Er lebte einzig seinem Gotte und fand sein Labsal nur im Gebete.«
    Seine wohlhabende Schwester hatte ihm dieses Denkmal gesetzt, das jedem in
die Augen fiel.
    Sylvester war nicht zufrieden damit. Am wenigsten mit der Inschrift. Er
wusste es besser als viele, dass der heitere Mann seine Erholung nicht
ausschliesslich im Gebetbuche suchte und fand. Er hatte von ihm oft kräftige
Worte gehört, wenn er diese Welt pries, welche nur Dummköpfe als schlecht
verschreien. Ein eifriger Kooperator hatte sogar arge Zweifel gehegt, ob Pfarrer
Held sein Brevier fleissig lese. Er steckte wohl das heilige Buch in die Tasche,
wenn er in den Garten ging, aber er nahm es selten heraus.
    Nun hatte Sylvester keine unehrerbietigen Bedenken gegen die Erwähnung des
Gebetes; er fühlte nur, dass dieses übliche Lob seinem Wohltäter nicht gerecht
wurde und den Nachkommen nichts erzählte von den trefflichen Eigenschaften ihres
alten Pfarrers.
    Sie hätten auf das Denkmal schreiben müssen, dass er keinen Menschen hasste,
in allem das Gute suchte und die Armen nach des Heilandes Vorbilde liebte.
    So wäre es recht gewesen und nützlich für die Erlbacher.
    Sylvester bemerkte mit Unmut, dass geheime Einflüsse schon in den ersten
Monaten das Andenken an Maurus Held trübten.
    Seine eigene Mutter schüttelte einmal bedenklich den Kopf, als er den
Verstorbenen rühmte, und sie meinte, es wäre wohl alles schön, aber ob der
selige Herr so recht eifrig im Christentum gewesen sei, das wisse sie nicht.
    Er fuhr zornig auf und wollte wissen, woher sie das habe.
    Und die alte Veronika Mang hatte Mühe, ihn zu beschwichtigen. Es sei nur
ihre Meinung gewesen, und sie wolle nur ja dem guten Herrn Held nicht Unrechtes
nachsagen. Aber weil er doch selbigesmal abgeredet habe, wie dem jetzigen
Paulimann sein Vater tausend Mark hergeben wollte für eine Mission, dass die
Kapuziner in Erlbach predigen sollten. Und da habe der Herr Held gesagt, es sei
besser, wenn er das Geld dem Spital schenke. Deswegen habe sie das so gemeint.
    Dass auch der neue Pfarrer hinter dem Gerede steckte, sagte sie lieber nicht.
    Aber Sylvester ahnte es und dachte, es könne nicht ohne Zusammenhang sein,
dass seine Mutter sagte, was er auch sonst zu hören bekam.
    Zum ersten Mal sah er den Undank und das oberflächliche Urteil der Menschen.
Seine Begeisterung liess ihm diese Fehler grösser erscheinen, und er musste die
Enttäuschung stärker empfinden, weil es ihm an Erfahrung fehlte.
    Traurig und verstimmt kehrte er nach Freising zurück. Auch hier blieb ihm
der Verlust fühlbar genug. Gerade in diesem letzten Halbjahre, welches er noch
auf dem Gymnasium zubrachte, musste er sich immer wieder an den väterlichen
Freund erinnern.
    Sein treuer Rat fehlte ihm, und dann sein Beifall, als er die abschliessende
Prüfung bestand.
    Er wäre wohl freudiger an das Berufsstudium gegangen, wenn er noch das
Beispiel Helds lebendig vor Augen gehabt hätte. Wenn er sich die Aufmunterung
bei ihm hätte holen können.
    Das war nun alles so anders geworden. Als er mit der roten Absolventenmütze
heimkam, ging er in den Pfarrhof.
    Es war ihm, als müsse er neben den Rosenstauden im Garten den weisshaarigen
Herrn sehen und die freundliche Stimme hören. »Ei, sieh da, parvule, mit der
farbigen Mütze! Nun bist du hineingewachsen in den Rock und in die
Gelehrsamkeit. Salve confrater in litteris!«
    Aber der Mund war geschlossen für immer; die lieben Augen, in denen ein
gütiges Lachen sass, waren gebrochen.
    Zwei andere blickten Sylvester an. Zwei kalte Augen mit grünlichem
Schimmer,und eine gleichgültige, harte Stimme fragte:
    »So, Sie sind der hiesige Student? Ich habe von Ihnen gehört. Sie wollen
Geistlicher werden?«
    »Ja.«
    »Man sagt mir, dass mein Amtsvorgänger Sie unterstützt hat.«
    »Ich verdanke ihm viel.«
    »Hat er Ihnen pekuniär geholfen?«
    »Nein, das nicht.«
    »Ich fragte nur, weil ich bemerken wollte, dass ich nicht in der Lage bin zu
so was.«
    »Ich danke Ihnen, Herr Pfarrer. Aber ich habe, was ich brauche.«
    »Ihr Vetter, der Spanninger von Pasenbach ...«
    »Der lässt mich studieren, ja.«
    »Da brauchen Sie freilich keine Hilfe. Es kommt nur zu oft vor, dass man uns
in Anspruch nimmt. In meiner ersten Pfarrei, in Breitenau, musste ich bei zwei
mittellosen Studenten ab und zu aushelfen. Man tut es ja gerne, wenn es
einigermassen geht. Nun, Sie bleiben in den Ferien hier?«
    »Ja.«
    »Da sehen wir uns wohl oft in der Kirche. Also guten Tag!«
    Die grünlichen Augen blickten Mang während des Gespräches lauernd an. Sie
glitten an ihm hinauf und hinunter, und wenn er sie fest ansah, huschten sie
weg. Und dann schoben sich feuchtkalte Finger in die Hand Sylvesters und zogen
sich wieder zurück: ohne Druck, glatt, wie sie gekommen waren.
    Sylvester verabschiedete sich.
    Der ehrliche Bursche hatte nasse Augen, als er das Haus verliess. Aus allen
Ecken heraus hatten ihn Erinnerungen gegrüsst.
    Nun war es so ganz anders; ein bitteres Gefühl der Verlassenheit überkam
ihn.
    Und verliess ihn nicht mehr alle die folgenden Wochen. Er hörte zerstreut zu,
wenn seine Mutter von der schönen Zukunft erzählte. Von der ersten heiligen
Messe, bei welcher Veronika Mang den glückbringenden Segen ihres Sohnes erhalten
sollte; von dem grossen Pfarrhofe, in welchem Veronika Mang ihre alten Tage
beschliessen würde, und von dem seligen Absterben, welches nunmehr der Veronika
Mang durch die Gnade des Himmels beschieden sein werde.
    Hier und da musste er lächeln, wenn die Alte über die Jahre hinwegsprang und
sich in die Frage vertiefte, ob der künftige Pfarrer die Ökonomie selber
betreiben oder lieber verpachten sollte.
    Aber fröhlich wurde er darum nicht.
    Und dann war Sylvester allein in der grossen Stadt. Von seinen Schulfreunden
blieben die meisten in Freising, und die wenigen, welche nach München kamen,
stolzierten mit farbigen Bändern herum und lüfteten kaum die Mützen, wenn ihnen
der unscheinbare Mang begegnete.
    Es wurden Versuche gemacht, den langen Sohn Erlbachs für katolische
Verbindungen zu erwerben. Aber er hatte kein Verständnis dafür: weder für die
trinkfesten Künste, noch für die politische Bedeutsamkeit dieser Gelbschnäbel.
Und in ein Seminar wollte er auch nicht eintreten, trotz des lebhaften Wunsches
seiner Mutter.
    Die alte Veronika wusste nichts von den pädagogischen Vorzügen dieser
Anstalten, aber die Tracht ihrer Jünger gefiel ihr über die Massen.
    Vor Jahren herbergte der Alumnus Stephan Freutsmiedel von Webling des
öfteren in Erlbach. Und wenn er mit flatterndem Gewande durch die Dorfgasse
schritt, schaute Veronika Mang ehrfürchtig durch das Fenster und malte sich im
Geiste aus, wie stattlich dereinst ihr Sohn in diesem Kleide dahingehen werde.
    Sie musste ihre Sehnsucht bezwingen, denn Sylvester sträubte sich gegen den
Schmuck und sass lieber einsam und frei in seinem Kämmerlein.
    Hoch oben im vierten Stocke als Zimmerherr der königlich bayerischen
Sekretärswitwe Kornelia Rottenfusser, welche sich oft über den freudenarmen
Jüngling wunderte. Der blieb so manchen Abend daheim und las.
    In den ersten Tagen der akademischen Freiheit hatte er, zögernd und doch von
einem unwiderstehlichen Wunsche angetrieben, Bücher gekauft, vor denen man ihn
als Schüler eindringlich gewarnt hatte.
    Es waren die Werke ungläubiger Dichter, welche in jungen Herzen Zweifel und
Unruhe erregen mussten. Nur wer im reiferen Alter gefestigten Glauben erworben
habe, könne ihnen ungefährdet nahen, hatte der Professor gesagt. Die Namen
Lessing, Wieland, Kleist leuchteten nicht am Freisinger Himmel, Schiller stand
nicht in hohem Ansehen; Goete war ein Heide.
    Und nun erfreute sich Sylvester mit empfänglichen Sinnen an den Geschmähten.
    In seine Bewunderung drängte sich ein beklemmendes Gefühl. Warum hatten die
Berater seiner frühen Jugend so feindselig geurteilt?
    Er sah nichts von allem, was sie getadelt hatten, und er begriff nicht, wie
sie in der Schönheit Schlechtes suchten, noch weniger, wie sie es fanden.
    Dazu kamen andere Enttäuschungen. Es lag nichts Vorlautes in seinem Wesen,
und er wetzte nicht frühreifen Verstand an den Worten der Lehrer. Aber er fühlte
sich unbefriedigt von einer Wissenschaft, die mit trockenen Schlüssen an die
ewigen Geheimnisse herangeht und wieder auf halbem Wege stehen bleibt, um den
Glauben anzurufen.
    Darin lag eine harte Probe für sein rechtschaffenes Gemüt, das sich gegen
Selbsttäuschung sträubte.
    Und so hatte Sylvester über vieles nachzudenken, wenn er allein in seiner
kleinen Stube sass.
    Auch darüber, wie schmerzlich die Einsamkeit für ein junges Herz ist.
    Da führte ihm das Schicksal einen Freund zu.
    Als er sein Zimmer gemietet hatte, fragte er bescheiden bei der
Sekretärswitwe an, ob er täglich ein wenig auf der Geige spielen dürfe.
    Frau Rottenfusser sagte, ihr wäre es recht, und auch der alte Revoluzzer
werde nichts dagegen haben.
    Wer das sei, der alte Revoluzzer, fragte Sylvester.
    Da zwinkerte Frau Rottenfusser mit den Augen und hielt die Hand an den Mund.
    »Net so laut! Den alten Herrn mein' ich, der neben Ihnen wohnt.«
    Sie schlich auf den Zehenspitzen vorwärts und bückte sich vor der nächsten
Türe zum Schlüsselloche hinunter.
    »Er is schon daheim und hockt wieder am Fenster mit an Buch in der Hand. Ich
frag' ihn nachher gleich wegen dem Geigenspielen.«
    »Ich möcht' ihn nicht stören,« sagte Sylvester.
    »Na, na! Er is net so arg. Bloss dass er net unter d'Leut geht. Wissen S',
weil er bei da Revoluzzion dabei war. Mei Schwager hat ma's erzählt. Da san
viele dabei g'wesen, de später de schönsten Stellen kriegt hamm. Aber der Herr
Schratt hats Maul net g'halten, wie er scho Assessor war. Natürli hamm's 'n
pensioniert und er mag nix mehr wissen von de Leut'. Aber wie g'sagt, er is gar
net so uneben, und i frag'n no heut.«
    Frau Rottenfusser meldete bald, dass der Revoluzzer gesagt habe, er höre gerne
Musik, besonders wenn der Herr Mang kein Anfänger sei.
    Sylvester spielte nun häufig. Von seinem Zimmernachbar hörte er lange Zeit
nichts mehr.
    Da ging er an einem Wintertage von der Universität nach Hause. Es hatte die
Nacht vorher geregnet, und dann war Kälte eingetreten, so dass die Wege mit
Glatteis überzogen waren.
    Plötzlich sah Sylvester vor sich einen alten Herrn, der bei jedem Schritte
ausglitt und nun hilflos stehen blieb.
    Er stützte ihn und führte ihn sorgsam über die gefährlichen Stellen.
    Vor dem Wohnhause Sylvesters hielt der alte Herr und sprach seinen Dank aus.
Da stellte es sich heraus, dass er der Revoluzzer der Frau Kornelia Rottenfusser
war.
    Die erste Bekanntschaft war geschlossen, und wenn Sylvester nun musizierte,
kam Schratt von seinem Zimmer herüber, hörte zu und gab durch seine Bemerkungen
zu erkennen, dass er in der edlen Kunst wohl erfahren war. Das führte bald zu
regerem Verkehre.
    Schratt fand Gefallen an dem offenen Wesen Sylvesters, und dieser fühlte
sich hingezogen zu dem Alten, aus dessen Gesichte so fröhliche Augen blickten.
    Der trug eine unverwüstliche Jugend in sich herum, wie alle die Männer,
welche in der politischen Sturmzeit das neue Deutschland errichten wollten. Das
gärte noch unter den weissen Haaren, und sie wurden ihr Leben lang keine kühlen
Rechner.
    Eines Abends fragte Schratt seinen jungen Freund nach Heimat und Eltern.
    Als Sylvester Erlbach nannte, wurde er aufmerksam.
    »Erlbach? Das Dorf bei Nussbach?«
    »Ja. Waren Sie dort?«
    »Einmal, vor Jahren. Ich besuchte den Pfarrer Held.«
    »Den Herrn Maurus Held? Kannten Sie ihn?«
    »Ob ich ihn kannte?« Der Alte lächelte und wurde wieder ernst.
    »Er war mein Freund.«
    Da sprang Sylvester vom Stuhle auf und schüttelte ihm die Hand und sagte,
dass er den verehrten Mann wie einen Vater geliebt habe.
    Es tat ihm wohl, dass er von ihm erzählen durfte.
    Und dann kam die hastige Frage:
    »Er war Ihr Freund? Wo haben Sie ihn kennen gelernt?«
    »Das erzähle ich Ihnen ein anderes Mal, Herr Mang. Heute ist es zu spät,
aber wenn Sie morgen herüberkommen, will ich einen langen Faden spinnen.«
    Sylvester ging den nächsten Abend zu Schratt, dessen Wohnzimmer sich beim
Lampenlicht ungemein behaglich ansah.
    Die lange Wand neben der Türe war mit einer hohen Bücherstelle verkleidet;
zwischen den beiden Fenstern stand der umfangreiche Schreibtisch, und darüber
hingen alte Stahlstiche in hellbraunen Rahmen, deren Leisten in schwarzen
Vierecken zusammenliefen.
    Einige Steindrucke in ovalen Rahmen waren dazwischen angebracht, Brustbilder
von Männern in altväterlichen Tachten.
    Einer schaute absonderlich verwegen von der Wand herunter, hatte die Arme
über der Brust gekreuzt und einen breitkrempigen Hut in die Stirne gedrückt.
    Vom Hute herab wallte eine Feder mit kühnem Schwunge.
    Sylvester trat näher hinzu und las die Unterschrift: Friedrich Hecker seinem
Freunde und Mitkämpfer Hans Schratt zur Erinnerung an den 20. April 1848.
    »Der Hans Schratt war mein Bruder,« sagte der Alte, »aber nun setzen Sie
sich. Ich will sehen, dass Madame Rottenfusser Tee bringt.«
    Sylvester setzte sich auf das geblümte Sofa, über welchem eine Silhouette
neben der andern hing; meist jugendliche Köpfe mit bunten Mützen.
    Frau Rottenfusser setzte den Teekessel über die Spiritusflamme, Schratt
stopfte seine lange Pfeife und hüllte sich in duftende Wolken.
    »Also, ich habe Ihnen die Erzählung versprochen. Wie ich gut Freund wurde
mit dem Gottesgelahrten Maurus Held. Das heisst, damals ist er noch nicht soweit
gewesen. Anno 1848 gesegneten Andenkens.«
    Der Alte schwieg eine Weile, dann sagte er lächelnd:
    »Gesegneten Andenkens, jawohl! Trotz allem, was seiter gesagt und
geschrieben wurde. Die gescheiten Menschen von heute zucken die Achseln über das
tolle Jahr. Ich sage Ihnen, junger magister in artibus, die Herzen waren heiss
und der Verstand nicht immer kühl damals. Aber in den Leuten war mehr Weisheit,
als in den trockenen Dienern der Nützlichkeit, die heute die Nasen rümpfen und
sich das bisschen Freiheit wegstehlen lassen, was ihre Väter errungen haben, - -
    Und jetzt nehmen Sie Tee. Er kommt aus Fukian, wie mein trefflicher Freund
Sporner versichert.«
    Sylvester trank und nahm eine aufmerksame Miene an.
    Der Alte unterbrach sich oft; in den Pausen blies er den Rauch vor sich hin.
    »Sechsundvierzig Jahre. Und just so lange ist es her,dass ich mit dem
Studiosus Held Stuhl an Stuhl in der Kneipe sass und von der rosenroten Zukunft
redete. Er war noch länger als Sie. Mager, derbknochig, gute Bauernrasse aus der
Tölzer Gegend. Er redete nicht viel, und ich glaube fast, dass er heimlich über
die Freunde lachte, welche die Welt verteilten.
    Na, es ist auch manches mit untergelaufen, was man nicht ernstaft nehmen
konnte. Obenan die grosse Revolution in München, die nichts anderes war als ein
bischöflich genehmigtes Haberfeldtreiben.
    Die Freiheit lag damals in der Luft. So einen Vorfrühling hat die Welt nicht
mehr gesehen. Es war wie eine Ahnung in die Menschen gefahren, dass diesmal mit
den Knospen noch ein anderes aufkeimen müsste, und wer jung war, hielt freudig
die Nase in die Höhe.
    Man hat unsern lieben Altbayern hinterher eingeredet, dass sie auch die
Flügel rührten, als der Freiheit Hauch mächtig durch die Welt ging. Es war aber
nicht so schlimm, junger Herr Mang. Wenn Sie den Freisinger Abscheu vor den
Revolutionen haben, dürfen Sie ihn nicht auf unsere braven Mitbürger ausdehnen.
Sie haben nichts gegen ihre Gewissen und ihre Gewissensräte getan. Wer damals
die Finger ins Maul steckte und seinen erhabenen Herrscher auspfiff, tat es in
honorem ecclesiae, zu Ehren der Mutter Kirche. Auch wenn er es nicht wusste.
    Also, unser Maurus Held. Der hörte zu, wenn wir die grossen Reden hielten,
und schwieg. Er hat die Übertreibungen nicht altklug verachtet oder gar aus
Angst vermieden. Den hat nur seine Bescheidenheit von den grossen Gebärden
abgehalten, und als etwas geschah, was sein rechtlicher Sinn nicht billigte, hat
er gezeigt, dass er kein Hasenfuss war.«
    Der Alte klopfte die Pfeife aus und füllte sie wieder.
    »Ja, und das war zu Anfang Februar. Ein schöner, warmer Tag, nur etwas
bewegt. Die Krämer hatten ihre Läden geschlossen und trieben sich mit den
akademischen Bürgern in der Ludwigstrasse herum. Die Biederkeit erging sich im
Freien und wartete, ob nichts geschähe. Und es geschah auch was. Von der
Universität herunter kamen die Alemannen. Sie wissen, das Leibkorps der Lola.
Schlechte Kerle, ganz gewiss. Schon deshalb, weil sie in jungen Jahren auf
Karriere spekulierten.
    Aber warum beim Anblick dieser unreifen Pagen das Volk in Wut geriet, warum
ehrwürdige Greise ihre Hausschlüssel aus den Taschen holten und so greulich
darauf pfiffen, das kann man nicht so einfach erklären. Die Guten haben vorher
und nachher den Anblick von schlimmeren Fürstenknechten ertragen. Damals aber
schien es mir recht und billig. Ich schrie brav mein Pereat mit und drängte mich
heran. Ein Graf Hirschberg von den Alemannen zog seinen Dolch, als man ihm zu
nahe auf den Pelz rückte. Er wollte einmal spanisch kommen. Da erhob sich ein
Geschrei unter den Manichäern, ohrenzerreissend! Sie führten Reden, in denen
keine Liebe zum Hause Wittelsbach atmete. Die Hispanier rissen aus, und wir
zogen weiter in den Hofgarten. Mit einem Mal erscheint mitten unter den
brüllenden Hafnermeistern der Gegenstand der Volkswut. Lola Montez selber, in
eigener Person.
    Schneid hatte das Frauenzimmer und eine Verachtung gegen diese sittsamen
Spiessbürger, die mir später imponierte.
    Ich stand keine zehn Schritte von ihr entfernt und sah die blitzenden Augen.
    Links und rechts von mir bückte sich die bürgerliche Ehrbarkeit bis auf den
Boden. Diesmal nicht aus Ehrfurcht, sondern um Steine und Kot aufzuraffen. Neben
mir steht ein behäbiger Herr und nimmt sich eine Handvoll. Er zieht kräftig aus,
damit sein Wurf ausgiebig sei, aber er warf nicht. Jemand schlug ihm den Kot aus
der Hand mit den Worten:
    Pfui Teufel! Gegen ein Frauenzimmer! Ihr schämt Euch nicht?
    Meine Hafnermeister das hören und auf den Jemand losfahren, war eines.
    Auch so ein Lolaner! Nieder mit dem Kerl!
    Aber sie merkten schnell, dass ein tölzer Bauernbub' sich besser wehren kann
wie ein Frauenzimmer.
    Es ist ihm nichts geschehen, dem Maurus Held, und die Geschichte hat keine
Steigerung gegen den Schluss. Aber sie zeigt, dass Ihr Freund seine brave Meinung
gegen die vielen behauptet hat.
    Und die Eigenschaft ist ihm geblieben.«
    »Sind Sie später oft mit ihm zusammengekommen?« fragte Sylvester.
    »Oft? Nein. Ich war einige Zeit in betrübsamer Lage und hätte Freunde
kompromittiert. Den Maurus hätte es wohl nicht angefochten, aber ich wollte
nicht. Es war genug, dass ihm mein Bruder Hans zu schaffen machte. Der da, ober
Ihnen, mit der roten Mütze. Ihm zulieb' hat Held seine Zukunft aufs Spiel
gesetzt, und es fehlte nicht viel zum Verlieren. Der Hans war einige Jahre älter
als ich und sass in Lindau als junger Arzt, wie der grosse Wind wehte.
    Von Lindau ist's nicht weit nach Konstanz, und als dort Hecker im April den
Aufstand proklamierte, fuhr mein Hans ein bisschen hinüber. War auch dabei im
Gefecht von Kandern und half den General Gagern totschiessen und floh mit den
anderen in die Schweiz.
    Ein Jahr später krakeelte er in der Pfalz drüben, bis die Preussen auf
Bestellung Ruhe schafften. Mein Bruder wurde in contumaciam zum Tode verurteilt.
Erschrecken Sie nicht, er starb erst vor zwei Jahren als wohlhabender Mann in
Genf. Aber damals hätten ihn die Preussen erschossen; sie waren dazu engagiert.
    Er liess sich nicht erwischen und lebte einige Jahre in Strassburg. Auf einmal
packte ihn die Sehnsucht, heimzukommen. Eine fürchterliche Dummheit! Was einen
damals nach Bayern treiben konnte, ist mir rätselhaft.
    Die Polizei des Herrn von der Pfordten spürte meinen Hans in München auf;
ich wurde noch rechtzeitig gewarnt und lief mit ihm den Abend und die Nacht bis
Sachsenkamm. Im Kloster Reutberg sass unser gemeinschaftlicher Freund Held als
Kooperator und Beichtvater der Franziskanerinnen.
    Jeder andere hätte sich besonnen; der Maurus überlegte keinen Augenblick. Er
gab dem Verfolgten Quartier und schickte ihn nach ein paar Tagen über die
Grenze.
    Damit aber die Tiroler den Hans ohne Bedenken durch ihr glaubenstreues Land
pilgern liessen, hing er ihm sein geistliches Gewand um. Und der Hans ist auch
richtig mit schuldiger Ehrfurcht behandelt nach Rorschach gekommen.
    Für seinen Retter kamen unangenehme Tage. Die Polizei erfuhr die Sache, und
Held musste Rede stehen. Er log nicht lange; sagte es frei heraus, und das war
eine Sache damals. Wenn Sie sich schon einmal gewundert haben, warum dieser
feinsinnige und gelehrte Priester bis zu seinem Ende in Erlbach blieb, so wissen
Sie jetzt den Grund. Die Herren oben vergessen nichts. Und wir wollen ihn auch
nicht vergessen, den Maurus Held. Er war ein aufrechter Mann.
    Und damit gute Nacht, Herr Sylvester!«
Die beiden wurden Freunde.
    Schratt war in seiner Vereinsamung nicht grämlich geworden und hatte nichts
von der Weisheit, welche vergangene Tage lobt und die Gegenwart missachtet.
    Es machte ihm Freude, ein junges Herz unmerklich, ohne lehrhafte
Schwerfälligkeit, zu bilden.
    Und hier war die Aufgabe nicht schwer. Sylvester besass klaren Verstand;
seine Anlagen setzten der umformenden Hand nicht spröden Widerstand entgegen.
    Es war ein junger Baum, der mit starker Pfahlwurzel im aufgelockerten Boden
sass. Vollsäftig und entwicklungsfähig; reiche Verästung hatte er freilich nicht
angesetzt.
    Schratt lächelte oft im stillen, wenn er die Ergebnisse der klerikalen
Schule vor Augen hatte.
    Alles Befreiende war dieser Bildung genommen. Ohne Fühlung mit der
Gegenwart, schöpfte sie aus der Vergangenheit keine lebendigen Kräfte.
    Mit ängstlichem Bemühen waren die Schranken aufrecht gehalten, in denen von
jeher der Geist verkümmerte.
    Das zeigte sich am deutlichsten in der Art, wie Geschichte gelehrt worden
war. Hier war alles geschehen, um einer späteren Erkenntnis vorzubeugen. Die
anerzogenen Vorurteile griffen so ineinander, dass jedes einzelne nur mit der
Zerstörung des ganzen Gebäudes gehoben werden konnte.
    Und sie wurzelten so tief, dass Sylvester seinem alten Freunde eine
ungewohnte Hartnäckigkeit entgegensetzte, wenn er die Freisinger Weltgeschichte
angriff.
    Freilich beurteilte er als guterziger Jüngling die Äusserungen Schratts mit
Nachsicht.
    Er wusste ja, dass ihm Unrecht widerfahren war, und schrieb seine Heftigkeit
einem verbitterten Gemüte zu.
    Diese Milde war nicht ganz frei von Hochmut.
    Mang hatte doch etwas von den Leuten angenommen, welche ihr Leben lang eine
gefestigte Meinung herumtragen und lächelnd abweisen, was sie hinzulernen
sollten.
    Schratt sah bald, wie selbstbewusst sich der junge Teologe hinter
Vorurteilen verschanzte, die nicht seine eigenen waren. Er wunderte sich nicht
darüber.
    Neun Jahre unter den Händen von Lehrern, die alles in eine Form giessen; wie
sollte sich ein junger Mensch ganz frei halten von ihrem Einflusse?
    Es war viel, wenn das Wachstum nicht völlig erstickt war.
    Deshalb wurde er nicht unmutig und lockte nur den klugen Sylvester häufig
aus seiner Burg heraus auf das Blachfeld, wo er ihm standhalten musste.
    Er zeigte ihm meist in scherzhaftem Tone, dass unser Wissen nicht genau da
aufhört, wo man es in Freising abschneidet. Er nahm ihm ganz allmählich die
Selbstzufriedenheit und lehrte ihn das Verlangen, die Wahrheit kennen zu wollen.
    Und Sylvester kam täglich mehr von dem Glauben ab, dass er sein junges Wissen
mit Milde gegen den Alten aufführen müsse.
    Ja, sein Mitleid verwandelte sich in begeisterte Verehrung, mit einer
Schnelligkeit, welche Jünglingen erlaubt ist.
    Er lernte einsehen, dass die heitere Überlegenheit Schratts, seine
Menschenkenntnis auf tiefgründiger Liebe ruhte; das gab ihm ein Recht über
falsche Grössen zu lächeln, sein Urteil gegen alle zu stellen.
    Aber auch die Möglichkeit, im Kleinsten das Anregende, Bedeutsame zu finden.
    Er stand auf einer sicheren Höhe und durfte darum auch Torheiten behaglich
betrachten.
    Sein freier Geist konnte nicht ohne Einfluss auf Sylvester bleiben.
    Der streifte unmerklich die Härten ab, welche einseitige Bildung zeitigt.
    Die ersten Jahre auf der Universität verflogen ihm rasch.
    Er tat seine Pflicht und besuchte fleissig die Kollegien.
    Noch war er seinem Berufe innerlich nicht völlig entfremdet.
    Aber wenn er jetzt an die Zukunft dachte, geschah es nicht mit freudiger
Zuversicht; immer stärker mengte sich das Gefühl unabweisbarer Pflicht ein.
    Da ereignete sich ein Vorfall, der nachhaltig auf ihn wirkte.
    Einer seiner Lehrer hatte ein Buch herausgegeben, welches heftig angegriffen
wurde.
    Die ultramontane Presse erging sich in Schmähungen gegen ihn, der Professor
antwortete in würdiger Weise, und das ganze Land nahm an dem Streite Anteil.
    Viele ergriffen seine Partei und lobten seine Festigkeit.
    Seine jungen Hörer traten leidenschaftlich für ihn ein. Sie hatten kein
Urteil über die Sache; ihnen überwog das persönliche Moment.
    Der Ruhm ihres Lehrers, sein männlicher Mut.
    Da erging an den Gefeierten die Aufforderung, seine öffentlich bekundete und
so ehrenhaft verteidigte Überzeugung aufzugeben und Widerruf zu leisten.
    Er unterwarf sich.
    Sein Gehorsam und der laute Beifall, den die früheren Gegner ihm spendeten,
stiessen Sylvester ab.
    Er fühlte sich gedemütigt, unsicher in seinem Glauben an eine Autorität,
welche diesen Schritt verlangte, in seiner Achtung vor einer Wissenschaft,
welche ihn tat.
    Wie konnte dieser Mann eine Meinung als falsch erkennen, welche er im
eifrigen Streben errungen hatte? Und wenn er nicht überzeugt war von ihrer
Falschheit, wie konnte er sich von ihr auf Befehl lossagen?
    »Sie war nichts wert von allem Anfang,« sagte Schratt, »es ist nicht schade
darum. Um den Mann noch weniger. Töricht ist nur diese Begeisterung der Kirche
über den Sieg. Sie hat wenig Ursache, sich darüber zu freuen, dass sie keine
Kämpfer mehr heranzieht.«
In dieser Zeit des Wachstums, der Zweifel und des Lernens kam das Ereignis,
welches ihm die Zukunft um so düsterer erscheinen liess, je heller ihm die
Gegenwart deuchte.
    Sylvester Mang fasste eine herzliche Liebe zu dem hübschen Mädchen, dem er in
der Heimat begegnet war. Das Glück schien freundlich in sein kleines Zimmer und
verlockte ihn, die Blicke in weite Fernen zu richten. Auf einen holdseligen
Garten, in welchem die schönsten Blumen blühten, die herrlichsten Früchte
reiften für einen, den fremder Wille zur Einsamkeit verdammt hatte.
    Und er wusste, dass er ohne Reue umkehren würde.
    Jetzt baute er Luftschlösser, eines über das andere.
    Und keines ähnelte denen, welche der Veronika Mang tagsüber vor Augen
standen und nachts im Traume erschienen.
    Keines sah aus wie ein Pfarrhof, mit dem gepflegten Garten nach vorne und
den grossen Stallungen nach rückwärts.
    Es waren darinnen keine gewölbten Gänge mit Hausaltären, brennenden Ampeln
und heiligen Bildern, keine Zimmer, vor deren Fenstern aus man stündlich in
frommer Beschaulichkeit zur Dorfkirche hinübersehen konnte.
    Sylvesters Luftschlösser waren alle in einem Stile erbaut, lagen in engen
Gassen, und aus den Toren strömte der liebliche Duft von frisch gebranntem
Kaffee.
    Und wer sie betrachtete, der wurde traurig und wieder fröhlich im Gemüte. So
traurig, dass er tagelang schweigend umherging, so fröhlich, dass er am Morgen
singend die Treppe hinunterschritt und des Mittags singend heraufkam.
    Und dass er an gewissen Tagen der Woche mit dem Geigenkasten unter dem Arme
achtlos an Sekretärswitwen vorüberstürmte, als hätten diese urplötzlich jede
Bedeutung in der Welt verloren.
    »Was hat nur grad' der Herr Mang?« fragte Frau Rottenfusser.
    »Gestern waren seine Augen verweint und heut' hat er wieder g'sungen. Sie
sind doch sein Freund, Herr Schratt. Sagt er denn zu Ihnen auch nix?«
    »Nein, Frau Sekretär, und ich fürchte, er wird mich auch fernerhin nicht ins
Vertrauen ziehen. Er verbirgt sein Leiden.«
    »Wissen Sie, was ihm fehlt?«
    »Ich habe eine Vermutung, Frau Rottenfusser. Aber die ist lateinisch und
stammt von einem gewissen Horatius.
Dulce ridentem Lalagen amabo,
Dulce loquentem.«
Und dann kam der Tag, an welchem Frau Sophie Sporner, als eine Freundin der
Wirklichkeit, den Bau der Luftschlösser einstellte und den holdseligen Garten
verschloss, so dass die Gedanken nicht länger darin spazieren gehen konnten.
    Und es kam der Abend, an welchem Sylvester müde und abgespannt im Zimmer
seines Freundes sass.
    Schratt klopfte ihm auf die Achsel.
    »Sie wollen mir heute etwas erzählen, nicht wahr?«
    »Ja.«
    »Ich kann Ihnen entgegengehen. Sie heisst Traudchen und ist die Tochter des
wackeren Michael Sporner.«
    »Ich weiss, dass Sie ihn kennen.«
    »Nicht bloss ihn; auch ein Mädel mit lustigen Augen, das sich in der letzten
Zeit sehr für Musik interessierte.«
    »Woher wussten Sie, dass ...«
    »Es war nicht schwer zu erraten. Sie wurden in der letzten Zeit so
sangesfreudig und hatten ihre Gedanken immer anderswo, wenn Sie mir die seltene
Ehre schenkten.«
    »Es kommt Ihnen recht lächerrlich vor, Herr Schratt?«
    »Ein wahres Gefühl ist nicht lächerrlich.«
    »Aber dass ich vergessen habe, was ich bin?«
    »Vorerst sind Sie Student, und Ihre Zukunft liegt noch frei vor Ihnen.«
    »Ich kann nicht Geistlicher werden.«
    »Stimmungen sollen da nicht mitreden, Sylvester.«
    »Es ist nicht deswegen, wie Sie vielleicht meinen. Ich weiss schon lange, dass
ich mich nicht zwingen kann.«
    »Wollen Sie einen Rat von mir hören?«
    »Ja, ich bitt' Sie darum. Ich habe sonst niemand, den ich fragen kann.«
    »Sie sollen nicht sofort, Hals über Kopf, Ihr Studium aufgeben. Bleiben Sie
noch dieses Semester dabei! So einfach ist die Sache nicht. Sie werden
Verschiedenes durchzufechten haben.«
    »Danach frage ich nichts.«
    »Nicht so schnell! Jedenfalls müssen Sie wissen, was Sie anfangen wollen.
Ich halte Sie für so vernünftig, dass Sie sich keinen Illusionen hingeben, die
auf eine junge Dame abzielen.«
    »Nein, Herr Schratt. Ich weiss, dass alles aus ist.«
    Der Alte lächelte.
    »Das klingt entsagungsvoll. Aber aus oder nicht aus, Sylvester, auf keinen
Fall darf das jetzt eine Rolle spielen. Sie werden nicht in die weite Welt
hinausstürmen, um Ihr krankes Herz zu heilen und so weiter. Sie müssen die
Zukunft nüchtern erwägen. Und darum ist fürs erste mein Rat, Sie bleiben noch
bis Ostern der candidatus teologiae.«
    »Mein Entschluss ist aber fest.«
    »Ich glaube Ihnen das. Trotzdem, folgen Sie mir! Sie haben dann fast vier
Monate zur Überlegung, und der Zeitverlust kommt bei Ihrer Jugend nicht in
Betracht. Ausserdem sprechen noch andere Gründe dafür. Rücksicht auf die Familie
Sporner. Wenn Sie jetzt Knall und Fall weggehen, bringt jedermann Ihren
Entschluss in einen gewissen Zusammenhang mit Ihrem Verkehr in dem Hause.« - »Das
sehe ich ein.«
    »Gut! Da wären wir also in der Hauptsache einig. Alles weitere können wir
noch überlegen. Ob Sie ein anderes Studium ergreifen, oder was Sie sonst tun
wollen.«
    »Darüber weiss ich gar nichts.«
    »Heute müssen Sie sich ja nicht entschliessen; aber eines, wenn Sie keine
bestimmte Neigung haben, nur kein Brotstudium! Alles ist besser. Zum Beispiel in
ein Geschäft eintreten, in dem Sie gleich tüchtig arbeiten müssen.«
    »Das wäre mir auch das Liebste.«
    »Ich meine aber nicht bei Sporners seligen Erben, Sylvester!«
Die beiden sassen noch lange zusammen. Sylvester wurde gesprächig, als er über
seine Verlegenheit weggekommen war.
    Und der Alte liess ihn gewähren. Er gab ihm noch manchen Rat für die nächste
Zukunft. Als Sylvester sagte, der Gedanke bedrücke ihn, dass er unter den
veränderten Umständen die Hilfe seines Vetters in Anspruch nehmen müsse,
erwiderte Schratt, dagegen könne vielleicht Rat geschaffen werden.
    Er habe einen alten Freund mit Namen John White aus Milwaukee, früher Hannes
Weiss von Pirmasens. Er lebe in hiesiger Stadt und habe ihm einmal gesagt, dass er
für seinen Enkel einen Hauslehrer suche. Wäre die Stelle noch frei, so könne
Sylvester sie erhalten; aber auch sonst würde sich schon etwas finden. »Darum
Kopf hoch!« sagte er. »Die Sorge wird Sie nicht drücken. Und tut Ihnen die
Erinnerung an glückliche Stunden weh, dann sagen Sie mit unserm Goete:
Ich träumt' und liebte sonnenklar;
Dass ich lebte, ward ich gewahr.«
 
                                Zwölftes Kapitel
Am 6. Dezember kam ein Schreiben des Bezirksamtes zu Handen des früheren
Bürgermeisters Kloiber von Erlbach. Es wurde von ihm dem Ausschusse bekannt
gegeben am Tage Maria Empfängnis, am 8. Dezember. Der Schuller war anwesend und
hörte zu, als Herr Stegmüller das Schreiben vorlas. »Der Wahl des Andreas Vöst
wird die Bestätigung versagt.« Stegmüller räusperte sich, als er den Satz
gelesen hatte. »Und jetzt kommen die Gründe,« sagte er, »aber die brauch' ich
nicht vorzulesen, die gehen bloss den Schuller an, wenn er sich beschweren will.«
    »Mi brauchen's net z'hören,« meinte der Kloiber, »mir hamm uns bloss um dös
z' kümmern, dass a neue Wahl ang'setzt wer'n muass.«
    »I will, dass's vorg'lesen werd,« sagte der Schuller.
    Stegmüller sah zu ihm hinüber und schüttelte abmahnend den Kopf.
    »Wirklich, Herr Vöst, das is net notwendig, und warum sollen wir's tun?«
    »Warum? Weil i koa Hoamlichkeit hab'.« Der Schuller trat vor; sein Gesicht
war gerötet.
    »Dös kam so raus,« sagte er, »als wenn i was zum fürchten hätt'. I fürcht'
dös Papier net, dös Sie in der Hand hamm, Herr Lehrer.«
    »Das glaub' ich wohl, aber warum soll's jetzt eine Aufregung geben? Warum
soll ich das öffentlich vorlesen?«
    »Weil i net mit tua bei dem Versteckeng'spiel. Was oaner über mi woass, soll
er sag'n, aber net verstohlens, wie's bei die Spitzbuab'n der Brauch is. I
ersuach Eahna, lesen S' de Schrift, Herr Lehrer.«
    »Wenn Sie wollen,« sagte Stegmüller und sah den Schuller noch einmal fragend
an. - »I will's.«
    »Also dann kommen die Gründe. Die Bestätigung wird versagt, hat es geheissen:
    Das Bezirksamt findet sich als Aufsichtsbehörde zu dieser Entscheidung aus
mehrfachen Gründen veranlasst. Gegen Andreas Vöst sind von Seiten des
verstorbenen Pfarrers Held Anklagen erhoben worden, welche schwere Bedenken
gegen ihn wachrufen. Es wird darin behauptet, dass Vöst seinen gebrechlichen
Vater in abscheuerregender Weise misshandelt habe, und dass der Ankläger selbst
die Spuren der Verletzungen sah. Wenn nun auch diese Beschuldigungen vor
längerer Zeit erhoben und nicht bewiesen wurden, haben sie doch erst jüngst
Wirkungen hervorgerufen, welche die Aufsichtsbehörde zwingen, der Wahl die
Bestätigung zu versagen.
    Das Verhalten verschiedener Gemeindebürger zeigte, dass Andreas Vöst bei
vielen der Achtung entbehrt, welche eine notwendige Vorbedingung jeder
Vertrauensstellung ist. Zudem besteht die offene Gefahr, dass sich hieraus
Streitigkeiten ergeben, welche die Ruhe und die Ordnung in der Gemeinde
empfindlich stören müssten. Diese Befürchtung ist um so mehr geboten, als es
bereits zu Beleidigungen und im Verlaufe derselben zu Raufereien gekommen ist,
bei welchen Andreas Vöst unzweifelhaft der Angreifer war. Es ist anzunehmen, dass
die Bestätigung den Anlass zu neuen Zwistigkeiten bieten würde, welche mit dem
Ansehen eines Bürgermeisters unverträglich sind und welche seine Autorität
erschüttern müssten. Aus allen diesen Gründen war die Bestätigung zu verweigern.«
    Stegmüller legte das Papier vor sich hin.
    »San S' jetzt ferti, und steht nix mehr drin?« fragte der Schuller.
    »Ich hab' alles vorgelesen.«
    »Nacha möcht' i no a paar Wort' sag'n über dös.«
    »Ja, aber ...«
    »Du muasst jetzt koa Aber net hamm, Kloiber. I frag' enk alle, wia's da
seid's, is oana dabei, der dös glaubt?«
    Keiner gab Antwort.
    »Wenn oana was Schlecht's g'sehg'n hat von mir, der soll's jetzt sag'n. Vor
meiner, dass i's selber hör'. Und dass i mi verteidig'n ko.«
    »Ma hat nia was g'hört bis auf die letzt' Zeit, wo's den Streit geb'n hat,«
sagte der Zwerger.
    Die andern schwiegen und zeigten auffällig, dass sie die Sache nichts angehe.
Sie schauten gleichmütig vor sich hin oder sahen zum Fenster hinaus.
    Der Schuller wurde heftiger.
    »Also wenn koaner was g'hört hat, wo is' denn nacha der Abscheu, von dem da
g'schrieb'n steht? Da müasst's do bekenna, dass dös Schreib'n verlogen is.«
    »Mir hamm net zum befinden über dös.«
    »Sagst du dös, Kloiber?«
    »Ja, dös sag' i; mir san net berechtigt, dass mir da an Urteil abgeb'n, bal's
amal vom Bezirksamt g'schrieben is.«
    »Siehg'st it, dass 's Bezirksamt ang'log'n wor'n is?«
    »Des sell woass i net.«
    »Nacha frag, balst nix woasst! I hab' Nachbarn g'nua, de d' Ohren aufg'rissen
hätt'n, wenn's bei mir was geb'n hätt'. Da steht glei der Hamberger! Hast du
g'rad oamal g'hört, dass i mein Vata g'schimpft hab'? Oder hast'n vielleicht gar
jammern g'hört?«
    Der Hamberger drehte verlegen seinen Hut in den Händen.
    »I pass' überhaupt it auf, was bei dir drent' g'redt werd,« sagte er. »I
misch' mi überhaupts net in ander' Leut' Sach'.«
    »Du traust dir net lüag'n, gel? Und d' Wahrheit magst it sag'n.«
    »Dös werst du net behaupten kinna, dass i was g'redt hab' über di.«
    »Aba koa Zeugnis gibst mir aa net! Und woasst do recht guat, dass d' ma's
geb'n muasst, von Rechts wegen.«
    »I lass' mi von dir zu gar nix zwinga.«
    »Wer's Maul halt, wo er reden muass, is a Tropf. Und so schlecht wia der
Ehrabschneider.«
    »Derfst du mi schlecht hoassen?«
    »Di und de andern.«
    »Schuller!« mahnte der Lehrer.
    »Nix! Jetzt red' i. I hab' mir net denkt, dass ös glei Feuer und Flamm' sei
müasst's, wenn mir was g'schiecht. I woass scho, dass si a jeder selm um sei' Sach'
kümmern muass. Aba dös is net mei Sach' alloa. Dös geht all'samt was o. Ös habt's
mi g'wählt. Und jetzt steht's da, und koana sagt a lausig's Wörtl, und jeder
woass, dass ma mi bloss mit der Lug weg'bracht hat.«
    »Mir wissen gar nix,« sagte der Kloiber, »und mir san net Richter über dös.«
    »Schö hoamli halt, Kloiber. So oaner bist du.«
    »I bin so oana, der si net um dös kümmert, was'n net o'geht. Wenn all's
verlog'n is, was in dem Schreib'n steht, hernach wer'st du scho wissen, wo'st
higeh' muasst. Und mir lasst mei Ruah, dass da's woasst.«
    Er nahm seinen Hut vom Nagel und verliess das Zimmer.
    Der Hamberger folgte ihm mit vier anderen, die sich ohne Gruss und Rede
hinausschlichen. Als sie draussen waren, verzog der Schuller den Mund zum Lachen;
aber er brachte es nicht fertig.
    »Da schau her!« sagte er, »es bleiben do no a paar. Ös werd's Spektakel
kriag'n, wenn's der Pfarrer derfragt.«
    »Du woasst scho, dass i auf dös net aufpass',« sagte der Zwerger.
    »Und hast aa nix g'redt.«
    »Zu was hätt' i red'n sollen? Dös hätt' da gar koan Wert it g'habt. Jetzt
muasst di du selm rühr'n.«
    »I rühr' mi scho. Aba bal da Pfarra so wen'g Helfer g'funden hätt', wia i,
nacha waar dos Schreib'n net kemma.«
    »I hab' mi da a net beteiligt, und mir g'fallt's von koan, der mit to hat.«
    »Herr Vöst, wenn Sie eine Beschwerde aufsetzen wollen, die will ich Ihnen
schon schreiben,« sagte Stegmüller.
    »Mit'n Schreib'n is da nix g'macht. I fahr' selm ins Bezirksamt eini.«
    »Wie Sie meinen, aber ich hätt's gern getan.«
    »I dank' schö, Herr Lehrer.«
    »Balst ins Bezirksamt eini fahrst,« sagte der Zwerger, »nacha nimm do den
alt'n Weiss Flori mit. Der is guatding zwanz'g Jahr' Kirchenpfleger g'wen beim
Herrn Held. Vielleicht woass er was und kunnt dir was helfen.«
    »I frag'n amal. Vielleicht mag er gar it.«
    »Warum denn net? Da is do nix dabei. I gang glei mit dir eini, aber da waar
dir nix g'holfen. Weil i nix woass von dera Sach' und überhaupt net g'schickt bin
für so was.«
    »I dank' dir schön für'n guat'n Willen, Zwerger! Und jetzt pfüat Good und
schaug, dass der Pfarrer net inne werd, dass d' ma'r an Rat geb'n hast.«
Den andern Morgen spannte der Schuller seinen Braunen ein und fuhr in langsamem
Trab durch Erlbach.
    Es war noch dunkel.
    In den Ställen brannten überall Lichter; man hörte die Pferde aufstampfen
und die Kinnketten klirren.
    »Es is scho Fuatterzeit,« sagte der Schuller vor sich hin. Beim letzten
Hause hielt er an. Aus dem Dunkel heraus trat ein Mann und grüsste.
    »Guat Morg'n, Schuller!«
    »Gut Morg'n, Flori! Sitz auf!«
    Es war der alte Florian Weiss, dem früher das Metzanwesen gehörte. Im Herbst
hatte er es seinem Schwiegersohn übergeben, und jetzt lebte er im Austrag. Er
stand in den Sechzigern, war aber noch frisch und gesund und stieg wie ein
Junger auf den Wagen. »Hü!« sagte der Schuller, und der Braune zog an.
    Schnell laufen konnte er nicht; die Strasse war aufgeweicht, und die Räder
machten tiefe Geleise.
    Auf den Feldern lag frischer Schnee: so einer, der nicht bleibt, den der
Wind in einem Vormittag frisst. Da und dort bewegte sich etwas Dunkles über die
weisse Fläche.
    »Kirchenleut',« sagte Weiss, »de genga ins Engelamt.«
    Der Schuller nickte und zog die Zügel an.
    »A schlecht's Fahr'n heut'.«
    »Ja.«
    Von Webling herüber hörte man läuten.
    »Mir kriag'n Tauwetta,« sagte Weiss, »weil ma de Glock'n so nah' hört. Mir
hamm an Bergwind.«
    »Es hat heuer z'fruah g'schneit,« antwortete der Schuller, »da bedeut' der
ganz' Winter nix.«
    »Is schad'. De alt' Regel hoasst: Dezember kalt mit Schnee, gibt Korn auf
jeder Höh'.«
    »Ja, ja.«
    Sie schwiegen wieder.
    Allmählich wurde es Tag. Im Westen zeigten sich lange, blassrote Streifen am
Himmel. Weiss deutete hin und sagte: »Auweh, heut' regn't's no.«
    Als sie den Neuriederberg hinauffuhren und der Gaul in langsamem Schritt
ging, drehte sich der Schuller zu seinem Nachbar hinüber.
    »Du woasst, Flori, was i z' Nussbach für a G'schäft hab'?«
    »Ja; du willst ins Bezirksamt. Weg'n deiner G'schicht'.«
    »Der Zwerger moant, du kunnt'st ma was helfen.«
    »Er hat's aa zu mir g'sagt. Aber i ko dir it helfen, Schuller.«
    »Warum it?«
    »Neamd ko dir helfen. Dös derfst ma glaub'n.«
    »Moanst du, dass da Held dös wirkli g'schriebn hat?«
    »Da moan i gar nix. Dös is aa ganz wurscht: verspiel'n tuast allaweil.«
    »Wenn i's aba nachweis'n ko!«
    »Geh, Schuller, g'hörst du aa no zu dena, de wo glaab'n, dass ma 'r a Recht
kriag'n ko geg'n de Beamt'n oder geg'n de Geistlichkeit? Du bist halt no jung,
balst amal so alt bist, wia 'r i, nacha verlierst den Glaub'n.«
    »I gib it nach, Flori.«
    »I - ja; du gibst scho nach, weilst nachgeb'n muasst.«
    »Hast du was g'hört unter der Hand?«
    »Von deiner Sach'? Na. Net mehra, als was halt so verzählt werd'. Aba da
brauch' i gar nix z'wissen.«
    »I vasteh' di net. Sag halt, was d' moanst.«
    »Dös will i dir scho sag'n. Siehg'st, i hab' a Büachl dahoam;
    dös hat mir der alt' Gumposch von Webling geb'n. In dem Büachl steht alles
drin, haarscharf, wia ma's de Bauermenschen macht, und wia ma's eahna allawei
g'macht hat. De meisten Leut' wissen dös ja gar net und lassen si recht dumm
o'lüag'n. Aber i woass 's, Schuller; weil i oft in dem Büachl les', und weil i
mir alles g'nau merk'.«
    »Es is do net bei a jed'n gleich, Flori; auf an jed'n passt net des
nämliche.«
    »Freili is net bei an jed'n gleich, dem oan fehlt dös, dem andern fehlt was
ander's, aba bei an jed'n geht's auf das nämliche 'naus. Dass er verspielt is,
vor er o'fangt. De Geischtlichkeit und der Adel und de Beamten, de helfan
z'samm', so lang' d' Welt steht. I hab's früher aa net so verstanden, aber jetzt
is mir a Liacht aufganga. Du derfst ma's glaab'n, Schuller.«
    »I ko mit dir net streit'n; i kimm net viel zum Lesen.«
    »I hab' aa z'erst nix kennt. Früherzeiten bin i oft in d' Stadt einikemma,
und da hab' i mir allaweil denkt, wo s' no g'rad 's Geld hernehma! Oan Hausstock
nach dem andern hamm s' baut, oan schöner wia den andern, und de Läden, und de
Wirtshäuser, und Waglross'! Ja, mei liaba Mensch, g'rad nobl halt! I hab' d'
Aug'n aufg'rissen und bin ganz hintersinnig wor'n. Wo dös Geld allssamt
herkimmt! Selbig'smal hon i mir denkt, vielleicht g'winnen s'as in der Lotterie,
oder finden s' dös Geld unterirdisch. Aber jetzt woass i's recht guat. Von ins
hamm s'as; von de Bauernmenschen.«
    »Flori, des kunnt net viel sei! Garaus heut', wo's allaweil schlechter
geht.«
    »Dös is ja g'rad! Desweg'n geht's bei ins schlechta, weil s' ins dös meist
g'numma hamm. Du muasst it so rechna, von de paar Erlbacher oder Weblinger. Dös
waar freili net viel. Aber im ganzen Bayernland, da macht's was aus.«
    »Vielleicht hast recht, abar vasteh' tua i di net.«
    »I leich dir amal dös Büachl, da steht's g'nau drin.«
    »Und was hat dös mit meiner Sach' z'toa?«
    »G'rad g'nua hat's z'toa damit. Du siehg'st as bloss net. Pass auf, Schuller!
Mir Bauern san do de mehrern, weitaus. Wia kunnten denn de andern oben auf
kemma, wenn s' net so z'samm'halten taten? Verstehst'? Dös wissen de recht guat,
und deswegen helfen s' anander und lassen uns koa Recht. De Beamten helfen der
Geischtlichkeit, de Geischtlichkeit helft an Adel. Und alle mitanander verteilen
s' dös Geld. De san z'samm'g'schworen. Was willst jetzt du macha, alloa gegen de
Geischtlichkeit? Dir hilft koana. Von de Bauern net, weil de z'dumm san, dass s'
z'samm'halt'n, und da Bezirksamtmann derf dir net helfen. Net amal, wann er
möcht. Dös is eahm verbot'n, vom Minischteri aus, oder no von an Höchern.«
    »Oans is g'wiss wahr, Flori, dass d'Bauern net z'samm'halt'n. Du hätt'st
gestern dabei sei müassen!«
    »I woass a so.«
    »Jeder hat tracht', dass no bloss er net nei'kimmt in de Sach'. Des werd a net
anderst, bis net da Bauernbund mehrer Boden kriagt.«
    »O mei, da hör ma auf! Dös geht mit'n Bauernbund, wia's no allawei ganga is.
Denk an mi, bal an etla Jahrl vorbei san. Z'erscht tean s' aso, als wenn s'
lauter Brüder waar'n, und nacha kemman de andern, verstehst, mit'n Geld und
schmieren de schärfern ab und bringen an Unfrieden nei, und gar is.«
    »So schlecht denk' i net davo.«
    »Wart's ab! Du erlebst as leicht, Schuller. Mit'n Geld ko ma alles macha;
wer's Geld hat, regiert de ganz' Welt. Is ja scho alles dag'wesen. De Bauern
hamm sie scho öfter g'rührt, net g'rad jetzt. Aba sie san verrat'n wor'n, und
hamm verspielt. De Radelführer hat ma köpft und g'hängt und vabrennt nach de
Hundert, und de, wo mit'n Leben davo kemma san, hamm wieder brav zahl'n müass'n.
I glaab nix; de andern halten z'samm' und hamm's Geld.«
    »Dö lernt der Bauer vielleicht aa mit der Zeit, dass ma z'samm'steh' muass.«
    »Na, Schuller, dös lernt er nia. Weil oaner dem andern net traut. Je näher,
dass' s' bei'nander san, desto weniger mögen s' anand. Der Bauer glaabt oan, der
a Stund weit weg wohnt, mehra wia sein Nachbarn. Da liegt da Hund begrab'n.«
    »Wenn ma'r a so denkt, nacha derf ma gar koa Hoffnung nimma hamm.«
    »I hab' aa koane. Und du verlernst as aa no. Pass no auf, wia's mit deiner
G'schicht geht!«
    »I muass mei Recht finden.«
    »Du werst as ja sehg'n. Halt! Da müassen mir an Pflasterzoll zahl'n.«
    »Brr!«
    Der Wagen hielt.
    Sie waren am Nussbacher Berge angelangt; aus dem kleinen Hause neben der
Strasse hinkte eine alte Frau heraus, die einen roten Zettel in der Hand hielt.
    »I hob' mir scho denkt, du fahrst vorbei.«
    »Da hätt'st dei Zehnerl verspielt,« sagte Weiss.
    »Na, na; i hätt' enk scho kennt. Der Schuller von Erlbach, gel?«
    »Ja.«
    »Da hätt's koa G'fahr it g'habt.«
    Sie reichte den Zettel hinauf und nahm ein Nickelstück in Empfang.
    »Guat Morg'n!«
    Der Braune zog an und ging im guten Schritt den Berg hinauf. Er wusste, dass
Stall und Hafer in der Nähe waren.
    Die Nussbacher Bürgersfrauen kamen aus der Kirche. Die jungen hüpften
zierlich über die Schmutzlachen, die alten traten unbesorgt hinein, denn sie
hatten grosse Filzstiefel an den Füssen. Die Männer blieben stehen und
betrachteten den Gaul, welchen Schuller mit leichtem Schnalzen antrieb.
    Der Metzgermeister Eichinger stellte sich unter die Ladentüre und sagte: »Es
ist der Bräundl vom Hupfauer, den er vor zwoa Jahr verkaaft hat nach Webling
oder Erlbach. I kenn' an genau.«
    Beim Unterbräu hielt der Schuller.
»Her-ein!«
    Otteneder wandte sich um und blickte auf die zwei Bauern, welche eintraten.
    Der jüngere, hochgewachsene Mann kam ihm bekannt vor;
    er hatte das scharfgeschnittene Gesicht schon irgendwo gesehen.
    »Wer sind Sie? Was wollen Sie?«
    »I bin der Schuller von Erlbach. Andreas Vöst schreib' i mi.«
    »Ach, richtig! Der zum Bürgermeister gewählt war?«
    »Ja. Wo Sie dös Schreiben 'nausg'schickt hamm.«
    »Mhm! Sie kommen vermutlich wegen der Sache?«
    »Desweg'n bin i da.«
    »So, so. Warten Sie einen Augenblick!«
    Der Bezirksamtmann stand auf und zog die Klingel.
    Der Amtsdiener trat ein.
    »Gehen Sie zum Herrn Offizianten hinüber. Er soll Ihnen den Akt geben:
Gemeindewahl in Erlbach.«
    »Jawohl, Herr Bezirksamtmann.«
    Otteneder setzte sich wieder und schlug das rechte Bein über das linke.
    Er nahm ein Lineal vom Tische und spielte nachlässig damit.
    »Sie wollen sich beschweren?«
    »Z'erscht kimm i zu Eahna selm, Herr Bezirksamtmann.«
    »Schön. Aber wer is denn Ihr Begleiter?«
    »Dös is der Florian Weiss von Erlbach; früherszeit war er der Metzbauer,
jetzt lebt er im Austrag.«
    »Hat er mit der Sache was zu tun?«
    »Eigentli hab' i mit der Sach' selm nix z'toa,« sagte Weiss. »Da Schuller hat
mi g'rad mitg'numma, weil i Kirchapfleger g'wen bi und an Pfarra Held guat kennt
hab'.«
    »Das ist doch nicht von Belang! Ich denke, Vöst, bei dieser Unterredung
haben wir besser keinen Zeugen. In Ihrem Interesse.« - »Herr Bezirksamtmann, is
dös verbot'n im G'setz, dass da Weiss dableibt?«
    »Nein; für so etwas gibt es kein Gesetz. Aber es ist unnötig und vielleicht
auch für Sie unangenehm.«
    »Wenn's net verboten is, nacha lassen S' an Weiss da! Was i sag', derf a
jeder hör'n.«
    »Gut, meinetwegen. Haben Sie den Akt, Mayerhofer?«
    Der Amtsdiener überreichte Otteneder ein blaues Heft.
    Dieser las die Aufschrift.
    »Betreff Gemeindewahlen in Erlbach. Stimmt. Sie können gehen, und wenn
jemand kommt, soll er warten. Ich will nicht gestört werden.«
    Otteneder legte das Heft vor sich hin und schlug es auf.
    »Also, Vöst, Sie sind am 18. November zum Bürgermeister gewählt worden. Mit
neun Stimmen Mehrheit. Die Wahl ist ordnungsgemäss verlaufen. Das stimmt?«
    »Ja, Herr Bezirksamtmann.«
    »Dann gehen wir weiter. Sie wissen, dass jede Gemeindewahl von dem
zuständigen Bezirksamte bestätigt werden muss. Die Ihrige also von mir. Die Wahl
ist erst gültig, wenn ich als Vertreter der Aufsichtsbehörde die Genehmigung
erteile.«
    »Dös is alles so eing'richt,« sagte Weiss.
    »Was ist eingerichtet?«
    »I moan bloss, weil i an Schuller scho dös nämliche ausdeutscht hab' beim
Einafahr'n.«
    »So? Das is ja anerkennenswert, wenn Sie Bescheid wissen, aber unterbrechen
Sie mich nicht!
    Also die Gültigkeit hängt von der Bestätigung ab. Es ist wohl nicht
notwendig, dass ich Ihnen ausführlich erkläre, warum die Staatsregierung sich
dieses Recht gesetzlich vorbehalten hat?«
    »Mir wissen's recht guat,« sagte Weiss.
    »Das bezweifle ich. Übrigens habe ich es nicht mit Ihnen zu tun, sondern mit
dem Vöst. Wünschen Sie eine Rechtsbelehrung? Ich verweigere sie grundsätzlich
nie.«
    »Na, Herr Bezirksamtmann, i will ganz was anders wissen.«
    »Darauf kommen wir gleich. Mein Recht, einer Wahl die Bestätigung zu
versagen, ist durch das Gesetz festgelegt. Und ich habe in Ihrem Falle von
diesem Rechte Gebrauch gemacht.«
    »Warum, Herr Bezirksamtmann?«
    »Das ist in meinem Beschlusse ausführlich begründet. Ich will es Ihnen
vorlesen, wenn Sie darauf bestehen.«
    »I dank' schö. Dös hat gestern scho inser Lehrer to.«
    »Schön. Dann kann ich mich darauf beschränken, auf diese Gründe hinzuweisen.
Kurz und gut, Vöst, ich habe aus den Ihnen bekannten Tatsachen die Überzeugung
gewonnen, dass Sie sich für diese Ehrenstelle nicht eignen.«
    »Also, dass i a Lump bin.«
    »Wir wollen keinen solchen Ausdruck wählen. Das führt zu nichts.«
    »Derf i jetzt reden?«
    »O ja.«
    »Sie hamm g'sagt, kurz und guat, Herr Bezirksamtmann. Dös is aber net guat,
und dös derf net kurz sei, wenn ma'r an Menschen sei Ehr' nimmt. Sie hamm
g'sagt, wegen de bekannten Tatsachen halten Sie mi net für den richtigen Mann.
De Tatsachen san aber net bekannt; net amal mir. Weil's überhaupts koane
Tatsachen net san, sondern auf und auf nix als wia miserable Lugen und
Verleumdungen.«
    »Einen Augenblick, Vöst! Ich habe nichts dagegen, Sie anzuhören, aber Sie
dürfen nicht in diesem Tone reden.«
    »Vielleicht hamm Sie schönere Wörter, als wia'r i. I bin bloss a Bauer. Aber
was taten Sie dazua sag'n, wenn auf amal über Eahna was g'sagt wurd', was recht
Gemein's? So was Gemein's, wo Sie glei merken, es is a so herg'richt, dass's
Eahna recht schad'n soll? Und Sie wissen, net oa Silben is wahr, taten Sie net
aa reden von aa Lug? Oder was gibt's da für an andern Nam'?«
    »Ich würde mich nicht auf Schimpfen verlegen, sondern mit Ruhe und Anstand
das Unrecht nachweisen.«
    »Entschuldigen S' halt! Und erlauben S' de Frag', Herr Bezirksamtmann, was
hat Eahna zu der Überzeugung bracht, dass i z'schlecht bin, oder net geeignet,
wia Sie sag'n?«
    »Zunächst der Umstand, dass Sie Ärgernis gegeben haben, durch die Misshandlung
Ihres Vaters.«
    »Und woher wissen Sie den Umstand?«
    »Das ist Ihnen doch bekannt! Warum fragen Sie mich? Aus der Aufschreibung
Ihres verstorbenen Pfarrers.«
    »Vom lebendigen Pfarrer Held hätten S' des kaam g'hört. An de Aufschreibung
glaab i net, Herr Bezirksamtmann.«
    »Wie können Sie das sagen?«
    »Weil i an Herrn Held kennt hab'. Ob de Aufschreibung wahr is, dös muass i do
wissen! I muass do wissen, ob i mein Vater misshandelt hab' oder net!«
    »Allerdings.«
    »Ja, allerdings. Und weil i woass, dass's net wahr is, kann i sag'n, dös hat
der Herr Held net g'schrieb'n. Der war koa Lump.«
    »Noch einmal, Vöst, führen Sie Ihre Sache mit Ruhe, oder ich breche diese
Unterredung ab!«
    »Ja so! I bin scho wieder grob g'wen. Vielleicht hat's der Zorn g'macht, dass
ma den Mann no als a Toter in de Sach' da rei'ziagt.«
    »Wer zieht ihn herein? Es handelt sich um seine eigene Aufschreibung.«
    »Und i glaab's net. Na, wern S' net ungeduldig, Herr Bezirksamtmann! Sie
hamm an Herrn Held vielleicht a paarmal g'sehg'n, vielleicht aa gar net. Mir hat
er von kloan auf Religionsunterricht geb'n, hat mi in der Christenlehr' g'habt.
Er hat mi und mel Bäurin kopuliert, is auf meiner Hochzeit als ehrengeachteter
Gast g'wen, und hat meine Kinder aus da Tauf' g'hob'n. Wo i mit eahm
z'samm'troffen bin, is er freundli g'wen zu mir, hat mi tröst, wenn i's braucht
hab', und hat mir an Rat geb'n. Er hat mi g'lobt, alloa und vor Zeugen, weil er
recht guat g'wusst hat, dass i mi rechtschaffen hab' plag'n müassen. Und dös is
allawei gleich g'wen, es hat nia aufg'hört; no vierzehn Tag' vor sein Tod is er
bei mir g'wen, in mein Haus. Und jetzt müasst i glaab'n der Mann hätt' a
Verleumdung über mi g'schrieben. Was waar denn dös?«
    »Darüber kann ich nicht urteilen; ich weiss das alles nicht.«
    »Was ma net selber woass, ko ma derfrag'n. Da is der Weiss, der mir dös
bestätig'n muass.«
    »Was soll er bestätigen?«
    »Wia der Herr Held geg'n mi g'wen is.«
    »Das kommt jetzt nicht ...«
    Weiss unterbrach die von Gott gesetzte Obrigkeit mitten im Satze. Er hielt es
für angezeigt, endlich ein richtiges Wort zu sagen.
    Nicht schnurgerade wie der Schuller, sondern so, wie es einem Manne ansteht,
der das heimliche Getriebe durchschaut und sich gründliche Kenntnisse verschafft
hat. Er stellte den rechten Fuss vor und blinzelte schlau. Seine Augen sagten dem
Bezirksamtmann, dass sie zwei sich wohl verstünden, wenn sie auch nicht deutlich
redeten.
    »Indem da Schuller behaupt',« sagte er, »dass i an Herrn Held g'nau kennt
hab', so is also dös durchaus richtig. Indem i zwanz'g Jahr' lang Kirchapfleger
war und oft ei'kehrt hab' im Pfarrhof, und weil i überhaupts a so bin, dass i mir
d' Leut' g'nau o'schaug. Also da muass i meine Meinung dahin abgeb'n, dass mir da
Herr Held ganz wohl g'fallen hat. Wenigstens nach dem, was er merken hat lassen.
Natürli, die Geischtlichkeit und der Adel, dös woass ma recht guat, hamm no a
b'sonderne Sach', de wo sie net aufweisen derfen. Da hat mi der Herr Held aa net
einischaug'n lassen. Es werd halt a Geheimnis sei, auf dös sie z'samm'g'schworen
san, und dös wo der Bauernmensch net wissen derf. Da Herr Bezirksamtmann
versteht mi scho.«
    »Ich verstehe Sie gar nicht.« - »Net?«
    Weiss lächelte, als wollte er sagen: »Tu nur so! Du hast ganz recht, dass du
nicht einem jeden deine Karten zeigst.«
    »Net? No i hab' bloss g'moant. Es gibt so Büacher, in dena dös alles
offenbarig g'macht is, und hie und da derwischt unser oana so a Büachl. Aber was
dös betrifft, von Herrn Held, so muass i sag'n, sinscht hat er mir net übel
g'fallen.«
    Der Schuller drehte sich nach ihm um.
    »Du sollst sag'n, ob des mögli is, dass er so was geg'n meiner g'schrieb'n
hat.«
    »Bal ma's a so betracht, ko ma's net glaab'n, indem da Herr Held allawei
guat vo dir g'redt hat und indem er zu mir g'sagt hat, da liabste Kirchapfleger
waarst eahm du, bal i amal z'alt wurd. So mögst it moan, dass er über di was
g'schrieben hätt'; es müasst g'rad sei, dass eahm dös befohlen g'wesen war. Von
ob'n, verstehst.«
    »Hören Sie doch einmal auf mit solchem Zeug! Wer soll denn so etwas
befehlen?«
    Otteneder wurde ungeduldig. Die schlichte Rede des Schullerbauern hatte ihn
nachdenklich gestimmt. Er konnte sich dem Eindruck nicht entziehen, dass Wahrheit
in diesen Worten lag. Aber der Eindruck verflog, als Florian Weiss zu sprechen
anhob.
    Da stand der richtige Vertreter dieser hinterlistigen Rasse vor ihm, welche
überall versteckten Widerstand leistete. Er verstand nicht alles, was er mit
seinen Anspielungen sagen wollte. Vermutlich einiges von den dummdreisten
Behauptungen, mit denen jetzt gegen die Obrigkeit gehetzt wurde.
    Nein, der Kerl verdarb alles! Franz Otteneder war nicht bösartig. Es lag ihm
ferne, einem Menschen mit Überlegung Unrecht zuzufügen. Er hätte den Gedanken
mit Entrüstung zurückgewiesen, und wo sein Verstand nicht durch Vorurteile
beeinflusst war, konnte er das Recht wohl finden.
    In seiner beruflichen Stellung nicht. Hier hörte nicht seine anständige
Gesinnung auf, aber der klare Blick. Er prüfte seine Handlungen auf ihre
Nützlichkeit hin; eine Nützlichkeit, die er sich selbst zurechtgelegt hatte mit
farblosen Begriffen vom Leben und der herkömmlichen Anschauung von öffentlicher
Wohlfahrt, Staatszweck, Untertanenpflicht.
    Da war nun dieser Fall Andreas Vöst kontra Pfarrer Baustätter, also kontra
Kirche, Obrigkeit, Staat. Von vornherein der einzelne im Kampfe gegen notwendige
und nützliche Institutionen. Es hätten zwingende Gründe sein müssen, die
Otteneder hätten veranlassen können, bei einem solchen Zwiespalte die Sache des
einzelnen mit Wohlwollen anzusehen. Ohne Wohlwollen aber ist Verständnis nicht
möglich. Von diesem führte ihn sein Misstrauen weit ab. Er sah nicht das Unrecht,
und nicht die Tragweite seines Vorgehens. Er suchte bei einem Bauern weder
Ehrliebe noch Zartgefühl.
    Wie so viele Menschen, die in den engen Gassen der Städte aufgewachsen sind
und einen gewissen Bildungsstolz als Erbteil mitbekommen haben, war er geneigt,
die bäuerliche Art für roh und jeder Empfindung bar zu halten. Eine Bildung,
welche ihre Vollendung darin sucht, natürliche Gefühle zu verbergen, fühlt sich
recht erhaben über das formenfremde Wesen der Bauern. Sie kommt auf seltsamen
Umwegen dazu, einem ganzen Stande tiefere Empfindung abzusprechen, weil er
inhaltlose Formen nicht kennt.
    Und weil er in solchen Anschauungen befangen war, schlug Otteneder sein
Vorgehen gegen den Schuller gering an.
    Er hätte sich vielleicht schwer entschlossen, in anderen Verhältnissen das
gleiche zu tun, den Angehörigen eines anderen Standes so blosszustellen. Hier
erschien es ihm nicht als grosse Härte, weil er überzeugt war, dass der Erlbacher
Bürgermeister nur Zorn über die getäuschte Hoffnung empfinden werde. Das wog
nicht schwer gegen die Bedenken, welche ihm eine Stellungnahme gegen den Pfarrer
erregen musste. Und seine Erziehung zwang ihn geradezu, den Angaben einer
Autorität ohne Prüfung Glauben zu schenken, wenn ihnen nichts anderes
gegenüberstand als die Behauptung des Beschuldigten. Einen Augenblick verliess
ihn seine Sicherheit. Er gewann sie wieder, als Florian Weiss seine Rede anhob.
Und nun beging er einen Fehler, in den alle verfallen, welche sich nicht gerne
ihr Unrecht eingestehen. Er versteifte sich darauf und wollte es damit vor
seinem eigenen Gewissen als Recht erscheinen lassen.
    »Wer kann so etwas befehlen?« fuhr er den Alten unwirsch an. »Das sind
Verdächtigungen, die Ihr jetzt aus dummen Zeitungsartikeln herauslest.«
    Er wandte sich an den Schuller. »Haben Sie Ihren Landsmann deswegen
mitgenommen, dass er solches Zeug daher redet?«
    »Na. I hab' g'moant, er kunnt mir an Zeug'n macha.«
    Weiss schwieg. Der Bezirksamtmann hatte ihn schon verstanden; jawohl, sonst
wär' er nicht zornig geworden. Der Schuller freilich wusste nichts davon; der
glaubte immer noch, er könne mit seinem Streiten was ausrichten. Er sah nicht,
dass er verspielt war, noch vor er anfing.
    Jetzt redete er schon wieder.
    »I sag's no amal, Herr Bezirksamtsmann, i glaab net an dös Schreiben.«
    Otteneder richtete sich auf.
    »Eigentlich, Vöst, ist Ihr Zweifel eine Anklage. Und zwar eine sehr schwere.
Nehmen Sie sich in acht mit Behauptungen, die Sie nicht beweisen können.«
    »I hab' in dera Sach' koa Wort g'sagt, für dös i net ei'steh'. In acht nehma
müassen si de Leut', de g'logen hamm.«
    »Beschuldigen Sie jemand?«
    »Dös muass si erst aufweisen. I hab' an Herrn Pfarra Baustätter auf da Stell
ersuacht, dass er mir den Zett'l zoagt. Er hat's net to, aber an Hierangl hat
er'n lesen lassen. Zu mir hat er g'sagt, i wer's am Bezirksamt derfrag'n. Und
jetzt frag' i Eahna, ob i den Zettel seh'gn derf.«
    »Warum nicht?«
    Otteneder blätterte in dem Akte.
    »Drei, vier, Folium fünf. Abschrift der von Pfarrer Baustätter übergebenen
Urkunde. Ja, richtig! Das Original liegt nicht hier, es ist dem Herrn Pfarrer
wieder zurückgestellt worden.«
    »Was is z'ruckgeben wor'n?«
    »Das Original, der Zettel, welchen Herr Held geschrieben hat.«
    »Den hamm Sie net? Den hat inser Pfarrer?«
    »Ja.«
    »Jetzt woass i net, was i da denken soll.«
    »Die Abschrift ist beglaubigt, Vöst.«
    »Der Pfarra sagt, Sie zoag'n an mir, und Sie sag'n, der Pfarra hat'n. Dös
kimmt mir ja schier so vor, als wann i zum Narr'n g'halten wurd'.«
    »Siehg'st as, Schuller? Was hab' i g'sagt?« schrie Weiss.
    Der Schuller hatte sich zur Ruhe gezwungen; jetzt hielt er sich nicht mehr.
    »Dös is ja an aufg'legter Schwindel!«
    »Das sagen Sie nicht noch einmal!«
    »Oamal net, hundertmal! Hergottsakrament, bin i a Lausbua, den a jeder zum
Hanswurscht'n macht? Der Pfaff' lacht mir ins G'sicht! Geh nei ins Bezirksamt,
werst scho sehg'n, ob's dir was hilft! Der grösst' Lump werd net verdammt, vor
ma'r eahm net an Beweis unter d' Aug'n halt. I scho; mit mir geht ma'r um, wia
ma mag.«
    »Vöst, jetzt ist die Sache für mich erledigt. Sie können Beschwerde
einlegen, ich für meine Person verhandle nicht mehr darüber.«
    »Is s' erledigt, de Sach'? Lang' hamm S' net dazua braucht.«
    »Das überlassen Sie mir!«
    »Freili, mi geht's ja nix o! I muass mi kuschen und 's Maul halt'n. De Leut',
de wo mi oan Tag für den ander'n sehg'n, hamm mi zum Bürgermoasta g'macht. Sie
wissen gar nix von mir und schmeissen mi weg wia 'r an Haderlump, Sie verbiat'n
de Leut', dass an Achtung vor mir hamm. Und i muass dös Eahna überlassen.«
    »Ich wiederhole, dass Sie sich beschweren können.«
    »Ja, i hab's Recht, dass i mi beschwer'. Und da sag'n d' Leut', dass 's koa
Recht nimma gibt! Ich hab' mi bei Eahna über'n Pfarrer beschweren derfen, und i
derf mi über Eahna beschwer'n bei oan, der no höher is. Dersell werd nacha aa
dös blaue Heft da auf'm Tisch hamm und werd drin umananda blatt'ln und werd
d'Achsel zucken und werd mi aussischmeissen. Is aa ganz recht! Was is denn
unseroana? Nix!«
    »Ich glaube, dass Sie sich nicht beklagen können; ich habe Sie lange genug
angehört.«
    »Was hamm Sie ang'hört vo mir? Bin i g'fragt wor'n, wia da Pfaff' da herin
g'standen is und hat oa Lug auf de ander daherbracht? San meine Leut' g'fragt
wor'n? Meine Nachbarn? G'rad oa Mensch, der mi kennt? Mei Vater is tot, da Herr
Held is tot, da war's lüag'n net schwaar, und Sie hamm's eahm no leichter
g'macht. Er derf sei Bosheit ausüab'n, so viel 's 'n freut. Schaug, wo'st dei
Recht find'st, wenn's koans gibt!«
    Otteneder knüpfte den Rock zu.
    »Ich habe keine Zeit mehr, Vöst, guten Tag!«
    Da strich sich der Schuller die Haare aus der Stirne.
    »De Sach' is erledigt. Net wahr?«
    Und er ging ohne Gruss mit dem Florian Weiss hinaus.
    Der Bezirksamtman faltete die Hände auf dem Rücken und blieb nachdenklich
mitten im Zimmer stehen. Dann ging er an den Schreibtisch und las mechanisch das
Blatt, welches zu oberst in dem Akte lag.
    Folium zwei. Beschwerde des Pfarrers Jakob Baustätter gegen die Wahl des
Bürgermeisters. »Ich versichere pflichtgemäss, dass Andreas Vöst ein
gewalttätiger, roher Mensch ist, welcher durch seine Reden und Handlungen jede
Autorität bedroht.«
    »Hm,« sagte Otteneder, »den Eindruck hat er eigentlich nicht auf mich
gemacht. Aber der Pfarrer muss es besser wissen.«
»Hast it g'spannt, wia's an Bezirksamtmann g'rissen hat, wia 'r i eahm dös
g'sagt hab' von mein' Büachl? Der kennt's und hat's scho g'lesen. Dös derfst
g'wiss glaab'n.«
    Weiss blieb auf der Treppe stehen und wollte dem Schuller klarmachen, wie
fein die Fäden in dem heimlichen Gewebe gesponnen seien. Aber der Schuller war
kein aufmerksamer Zuhörer.
    »Lass guat sei!« sagte er. »I bin it zum Reden aufg'legt.«
    Beim Unterbräu trank er hastig eine Halbe Bier und rührte kein Essen an. Er
drängte zur Heimfahrt. Und dann sass er schweigend auf dem Wagen und achtete
nicht auf den Gaul und nicht auf den Florian Weiss. Es regnete heftig.
    Da wurde auch dem Bräundl trübselig zumute; er zottelte einen schlechten
Trab dahin, und wenn ein Berg kam, schlich er langsam hinauf und nickte traurig
mit dem Kopfe.
    Sie waren allein auf der Strasse. Kein Fuhrwerk kam ihnen entgegen, und
keines holte sie ein. Weit und breit war nichts Lebendiges. Oder nur Raben, die
schwermütig auf den Bäumen am Wegrande sassen und die Federn sträubten. Zuweilen
flog einer auf und schimpfte über die Störung. So mochte der Schuller eine
Stunde gefahren sein. Immer beschäftigt mit seinen zornigen Gedanken. Und
plötzlich sagte er zu seinem Nachbar:
    »Du hoscht so g'spassi daher g'redt im Bezirksamt. Glaabst du wirkli, dass da
Pfarrer Held dös g'schrieben hamm kunnt?«
    »Warum it?« antwortete Weiss. »Bals eahm o'g'schafft worn is?«
    »Wer hätt' eahm denn was o'schaffen soll'n? Selbig'smal hat do neamd was
geg'n mi g'habt?«
    »Du ko'st scho lang' schwarz sei und woasst nix davo. Es gibt so Büacha, wo a
jeder nei g'schrieb'n werd, dem ma'r it traut.«
    »Dös san so G'schichten, Flori.«
    »O mei, Schuller! Dir geht scho a no amal a Liacht auf! Was hab' i dir denn
g'sagt, wia ma einag'fahr'n san? Weil du allawei glaabt hoscht, du ko'st um dei
Recht streit'n. Dös werst du g'spannt hamm, wia de alle mitanand z'samm'spielen.
Und da Held werd aa koan Ausnahm' g'macht hamm. Weil er net derfen hat. Dös is
amal g'wiss und wahr.«
    Der Schuller gab keine Antwort.
    Und der Bräundl zog grimmig an; denn er hatte einen scharfen Hieb auf seinen
breiten Rücken verspürt.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Aber während sich jetzt in Erlbach das Unrecht ausbreitete wie die Kleeseide auf
dem Felde, ging man anderwärts daran, Wucherblumen und Kletten und anderes
Unkraut zu entfernen, damit das Recht ein freieres Wachstum haben sollte.
    Über Nacht war Nussbach ein Ort geworden, dem man Beachtung schenkte; ein
Ort, in welchem Ereignisse vorfielen, so bemerkenswert, dass alle Zeitungen
darüber schrieben. Die einen ausführlich, die anderen sehr kurz. Aber kein Blatt
überging sie völlig. Denn sie standen im Zeichen der hohen Politik. Waren
Symptome beginnender Aufklärung oder Symptome der umsichgreifenden
Zuchtlosigkeit. Je nachdem man sie betrachtete.
    Schüchel, Wimmer, Prantl. Wer kannte diese Namen? Waren sie je in Gegenden
gedrungen, wo keine Nussbacher Wegzeiger standen? Kannte sie jemand ausser den
wenigen Menschen, welche zu Nussbach Kaisermehl kauften oder sich neue Absätze an
die Stiefel schlagen liessen? Und jetzt las man überall, dass sich eine politische
Bewegung zeige unter der Leitung eines gewissen Wimmer und eines gewissen
Prantl. Des Jakobos Prantl, welcher sich seines Ruhmes erfreute; der auch bei
kühler Witterung lange Stunden auf dem Marktplatze stand und die Augenbrauen so
finster zusammenzog, als wolle er hier, just auf dem Flecke zwischen dem
Sternbräu und dem Melber-Wimmerhause die neue Weltordnung aufrichten. Viele
betrachteten ihn scheu und mit einem gewissen Grauen. Denn etwas Unheimliches
haftet allen Menschen an, welche an den Grundfesten des Staates rütteln.
    In die Scheu mischte sich Ehrerbietung vor dem Manne, dessen Name in den
Zeitungen stand und der solchergestalt über das bescheidene Mass eines Nussbacher
Bürgers hinausragte. Und die Gestalt des grimmigen Schusters erinnerte die
Nussbacher an den Lärm, mit dem die Welt angefüllt war, der nun auch in ihre
stillen Behausungen drang.
    Der Vater trug ihn mit, wenn er vom Abendtrunke heimkam; die Frauen brachten
ihn aus den Läden, und wöchentlich dreimal hallte das bürgerliche Zimmer wider
von Geschrei, wenn sich zwei Weltanschauungen im Wochenblatte und im Anzeiger
gegenübertraten. Und das war seit der Vorbesprechung, welche die neuen
Bauernbündler am 16. Dezember abhielten. Oder, um es genauer zu bestimmen, seit
der Woche, welche diesem Ereignisse vorausging. Denn es wurde angekündigt und
gepriesen, es wurde verlacht und verurteilt, schon vor es stattfand.
    Nie vorher hatte der Setzer des Herrn Adolf Schüchel so grosse Buchstaben in
den Winkelhaken gesteckt als zu dieser Zeit. Es waren Buchstaben, welche der
Bedeutung der Sache und den Worten des Jakob Prantl gerecht werden mussten.
Buchstaben, welche sich fett und schwarz auf das Papier drängten und den Leser
so ungestüm anschrien, dass ihm jeder Widerspruch in der Kehle hängen blieb. Sie
waren von so gewaltigem Umfange, dass sie den Gegner erdrücken mussten, wenn er
mit bescheidenen Lettern anmarschiert kam.
    Aber Hefele sah sich vor und führte den Kampf für das Christentum mit dicker
Schwabacher Schrift. Und so konnte das Nussbacher Volk nicht mehr in
beschaulicher Ruhe die Neuigkeiten der Woche überblicken. Es wurde gezwungen,
seine Aufmerksamkeit von nichtigen Dingen abzuwenden, um zu erfahren, dass nun
endlich die Morgenröte der Freiheit ihre bedenklichen Lichtstrahlen auf das
dunkle Treiben des Zentrums werfe.
    Doch stand dies nicht mit Sicherheit fest, weil schon den andern Tag in den
Nachrichten die Erwartung ausgesprochen wurde, dass jeder halbwegs gebildete
Mensch sich durch die gemeinen Angriffe angeekelt fühle, welche nur schlecht
verborgenen fanatischen Hass gegen die Kirche zum Untergrunde hätten. Auch dem
Gefühl des Ekels durfte man sich nicht ungestört hingeben, denn die düstere
Antwort des Wochenblattes sagte, dass der Schreiber jener Zeilen, welcher
offenbar den Kreisen des Zentrums entsprungen sei, im alten Rom sicherlich als
Volksfeind behandelt und vom tarpejischen Felsen hinuntergeworfen worden wäre.
    Wer mag es den Nussbachern verargen, dass sie ängstlich auf den Sturmwind
horchten, der um ihre Häuser pfiff und an ihren Fenstern rüttelte?
    Und dann kam der 16. Dezember. Ein winterlicher Sonntag von freundlichem
Ansehen. Ein Sonntag wie so viele andere mit Messe, Hochamt und Predigt. Mit
Frühschoppen im Gastaus zur Post, gesottenen und abgebräunten Würsten, und
Weisswein dazu. Mit einer gebratenen Gans zu Hause und einem
Nachmittagsschläfchen.
    Aber von da ab veränderte sich der feiertägliche Lauf der Ereignisse. Der
Spaziergang mit Weib und Kind unterblieb, der Tarock beim Unterbräu wurde nicht
gespielt. Die friedliche Erholung war verdrängt durch erbitterten Kampf. Den
Nachmittag um vier Uhr war der grosse Saal im Sternbräu dicht besetzt. In langen
Reihen waren Tische und Bänke aufgestellt; kein Platz war leer. Für die
Honoratioren Nussbachs waren vor der Rednerbühne einige Tische reserviert; hier
sassen der Bürgermeister Huber und der alte Rentamtmann Zinkel. Neben ihnen der
Amtsrichter Kroiss, welcher als eifriger Anhänger der ultramontanen Partei
bekannt war. Er unterhielt sich lebhaft mit dem Abgeordneten, Dekan Metz,
welcher heute nicht fehlen durfte. Man sah ausser ihm noch manchen Herrn im
geistlichen Habit; meist behäbige Männer, deren Gesichtszüge mehr Gutmütigkeit
als Fanatismus verrieten.
    Von den jüngeren hatte allerdings mancher die tiefliegenden Augen und
blassen Wangen eines eifrigen Streiters. Der Pfarrer von Erlbach war nicht
anwesend, und das wunderte viele. Neben Beamte und Geistliche hatten sich
angesehene Bürger von Nussbach gesetzt, welche damit ihre Zugehörigkeit zum guten
Publikum zeigen wollten. Weiter nach rückwärts drängten sich Mann an Mann die
Bauern aus der Umgegend.
    Die Dorfschaften hielten sich zusammen; die Giebinger, die Erlbacher, die
Weblinger, die Leute von Schachach, Fahrenzhausen, Zillhofen, Aufhausen und
Grubhof, die Prittlbacher, Arnbacher, Inzemooser und Vierkirchner. Und wie die
Gemeinden sonst heissen mochten. Ein Kundiger bemerkte, dass auch die politische
Meinung bei der Wahl der Plätze sich geltend gemacht hatte. Die schärfsten
Feinde der bestehenden Ordnung hielten gute Nachbarschaft und sassen näher an der
Tribüne.
    In den vordersten Reihen die Grubhofer und Arnbacher, mit dem Wanninger und
Scheiblhuber in ihrer Mitte. Gleich hinter ihnen sah man das verwitterte Gesicht
des alten Rädlmayer von Schachach und nebendran den breitschultrigen Stuhlberger
und den Gottesleugner Meisinger von Giebing.
    Die argen Feinde des Dekans Metz, welcher den Einwurf seiner Fenster und
andere üble Dinge nur diesen beiden zuschrieb. Unweit von ihnen sass der Hirner
von Aufhausen. Er musste durch fünf Dörfer wandern, ehedenn er nach Nussbach kam,
und in jedem Dorfe gab er dem Wirte die Ehre und jedem Bescheid, der ihm
zutrank. Deswegen glänzten seine Augen, und seine Stimme gellte durch den Saal,
wenn er einen Bekannten grüsste.
    Von den Erlbachern war der Haberlschneider anwesend, auch der Zwerger, der
Wessbrunner und der alte Florian Weiss. In den hinteren Bänken sassen die Leute,
welche aus Neugierde gekommen waren, und keine Partei nehmen wollten. Auch
wieder andere, die zu spät gekommen waren. Die meisten junge Burschen; Kopf an
Kopf standen sie in dichtem Gedränge, und immer polterten noch andere die
hölzerne Stiege herauf und drückten sich mit groben Ellenbogen in den Saal.
    An zwei Wänden entlang lief eine hölzerne Galerie; sie war so überfüllt, dass
der Sternbräu ängstlich wurde und einen Teil der Leute herunterweisen liess.
    Die vorne sassen und die Köpfe auf das Geländer stützten, hatten die besten
Plätze. Darunter war einer, der seine schlauen Augen in alle Ecken schickte. Der
Geitner von Erlbach.
    Im Saale war grosses Lärmen. Die Leute unterhielten sich lebhaft miteinander;
einer schrie dem andern ein lustiges Wort zu, über drei Bänke hinüber, von unten
zur Galerie hinauf und wieder herunter; viele redeten zu gleicher Zeit, und
keiner redete still. Aber durch alles Poltern und Lärmen und Schreien hindurch
klang eine Stimme, so hell und scharf und in so hohen Tönen wie eine Trompete.
Das war die Stimme des Hirner von Aufhausen.
    Auf der Rednerbühne sassen der überwachende Assessor Hartwig und die
Einberufer, Schüchel, Wimmer und Prantl. Neben ihnen ein Bauer in grauer
Lodenjoppe. Gesicht und Gestalt liessen sogleich erraten, dass er nicht aus dem
Flachlande war. So hoch und gerade wachsen die Leute nicht, die hinter dem
Pfluge hergehen. Er war aus den Chiemgauer Bergen, ein Ruhpoldinger, mit Namen
Vachenauer.
    Seit einigen Jahren schon bekannt als rühriger Vertreter der Bauernsache,
und wie man ihm nachrühmte, ein guter Redner. Viele betrachteten ihn mit grosser
Aufmerksamkeit, und der Rädlmayer sagte zu seinem Nachbarn: »Dös is der sell,
über den die Geischtlichkeit so scharf eing'ruckt is. Aber nachgeben tuat er gar
it. Er versteht's glei besser, als wia 'r a Studierter.«
    
    Und der Hirner schrie über alle Köpfe weg: »Vachenauer, soll'st scho glei
leb'n aa!«
    Da schaute der Ruhpoldinger in den Saal hinein und lachte vergnügt. Der
Assessor hatte schon mehrmals auf die Uhr gesehen, als sich nun endlich der
Leiter der Versammlung, der Schuhmachermeister Prantl, erhob und mit einer
Handschelle läutete.
    Der Lärm ging in ein Gemurmel über und verstummte allmählich. Man hörte
noch, wie draussen auf dem Gange der Bierzapfen in ein Fass geschlagen wurde, und
dann war es stille.
    Prantl räusperte sich und nahm ein Blatt Papier zur Hand. Er war kein
geübter Redner, überdies liessen sich auch seine schön geformten Sätze nicht gut
auswendig lernen.
    Und so las er sie ab:
    »Liebe Standesgenossen, Bauern und Bürger in Stadt und Land! Allgemein
herrscht das Bemühen, durch Vereinigung der gesammelten Kräfte aus dem
Mittelstande der Allgemeinheit zu zeigen, dass sich der Zeiten Lauf geändert hat
und nicht mehr mit Schweigen geduldet wird.
    Deshalb haben sich einige Männer aus dem Gewerbestande entschlossen, diese
Versammlung einzuberufen, auf dass wir nach des Übels Quelle forschen können,
welches den allgemeinen Wohlstand bedroht und gerade diejenigen Kreise in seinen
Bereich zieht, welche bisher als die Säulen des Trones in Betracht kamen. Dass
Bauern und Gewerbe auf das regste zusammengehören, wird gewiss einer mit
Menschenverstand nicht leugnen wollen. Geht es dem Bauern nicht gut, so wird
dies auch bald der Städter empfinden. Es ist daher gleich, ob man vom
Bauernstand oder vom Gewerbestand spricht; beide stellen, verbunden miteinander,
den Nährstand des Landes vor. Deshalb haben besorgte Männer den Entschluss
gefasst, gemeinsam zu operieren und zu diesem Zwecke alle einzuladen, welche sich
für das Interesse des Mittelstandes tätig erweisen wollen. Ich eröffne hiermit
die Versammlung und fordere Sie auf, einen Vorsitzenden zu wählen.«
    »Mir nehman an Schuasta,« schrie der Hirner, und andere schrien mit:
»Jawohl! Da Prantl! An Schuasta!« Da trat der Einberufer Wimmer vor und sagte,
es scheine ihm, dass eine grosse Mehrheit den Herrn Prantl zum Vorsitzenden haben
wolle. Wer dagegen sei, möge sich von seinem Platze erheben. Niemand stand auf,
und der Amtsrichter Kroiss rief laut: »Das ist der passende Präsident für diese
Versammlung!«
    Jakobos Prantl erklärte, dass er die ehrende Wahl annehme, und dass er jetzt
das Wort dem verdienten Manne und Bauernführer Peter Vachenauer erteile, welcher
aus dem fernen Gebirge herbeigeeilt sei, um durch sein Wort der allgemeinen
Sache zu nützen. Lauter Beifall erhob sich; und der alte Rädlmayer warf in der
Freude seines Herzens den Hut in die Höhe. Der Peter Vachenauer trat ein paar
Schritte vor und wartete, bis sich der Lärm gelegt hatte. Fast alle Bergbauern
verstehen es, vor der Öffentlichkeit ohne Scheu aufzutreten. Sie haben
Lebhaftigkeit in der Bewegung und eine leichte Art zu reden. Rasche Auffassung
und grosse Schlagfertigkeit ermöglichen ihnen, mit geringen Kenntnissen Wirkungen
zu erzielen.
    Die grössten naturgemäss vor schwerfälligen Ackerbauern, die nichts seltener
besitzen, aber auch nichts höher schätzen als Rednergabe. Und die sie an
niemandem mehr bewundern als an ihresgleichen. Darum konnte der Peter Vachenauer
schon im voraus seines Erfolges sicher sein. Und er war es. Es lag viel
Selbstbewusstsein in der Art, wie er vor den Leuten stand. Man sah deutlich, dass
er die Wirkung jedes Satzes berechnete und sie absichtlich durch Schlichteit
des Ausdruckes steigerte, dass er Ruhe nicht nur besass, sondern sie auch recht
augenfällig zeigte, um hierdurch die Sicherheit seiner Überzeugung zu
unterstreichen.
    »Grüss Good, Landsleut'!« sagte er. »I muass enk z'erscht sag'n, wer i bin.
Denn wenn ma zu oan kimmt, von dem ma was will, is dös allererst', dass ma si
z'kenna gibt. Sunst hat der ander koa Vertrau'n und denkt si, mit an Fremden hat
ma koa Handelschaft. Und i will was von enk; ös sollt's mir helfen, dass mir a
Haus bau'n, wo alle Bauern drin Platz hamm. Dös is a grosse Sach', und da muass i
enk sag'n, wer i bin und was i hab', dass i enk zu so was auffordern derf, I bin
nix, als wia 'r a Bauer; und i hab' nix als an kloan Hof und aa fünf Küah im
Stall, und de paar Markln, de i mir dös ganz' Jahr z'ruckleg', trag' i in d'
Sparkassa; dös hoasst, ins Rentamt. Da is dös Geld guat o'g'legt, und ma kimmt
net in Versuachung, dass ma's wieda rausnimmt.«
    Lautes Gelächter lief durch die Reihen. Der Hirner schrie:
    »Dös is a Luada!«
    »Aber an arm's,« sagte der Vachenauer.
    »Also, was i hab', is net viel,« fuhr er fort. »Aber zu dem, was i von enk
will, braucht ma koa Geld, ma braucht bloss a Vertrauen. Und dös Vertrauen
könnt's hamm; net auf mi selber oder auf mi alloa, sondern auf alle, de dös
nämliche wollen. Dös san viel Leut', und alle miteinander passen z'samm und
passen zu enk; denn es san Bauern, g'rad so wia ös. De Leut' hamm mi
herg'schickt, dass mir amal mit anand reden und schaug'n, ob mir bei enk net an
Beistand finden. I moan, des sell kunnt leicht g'schehg'n. Was uns weh tuat,
tuat enk net wohl; was uns net passt, dös mögt's ös net. Hamm mir die nämliche
Krankheit, nacha muass uns do des nämliche Mittel helfen.«
    »Das Mittel haben natürlich Sie,« rief der Amtsrichter Kroiss.
    »I alloa net,« sagte der Vachenauer. »I bin koa Dokta, i bin selber a
Patient. Und desweg'n woass i, was uns fehlt, und woass aa, dass der Dokta, den ma
bis jetzt g'habt hamm, nix wert is. Der hat si bloss allawei brav zahl'n lassen
und hat si net d'rum kümmert, ob mir von oan Tag auf den ändern kränker wor'n
san. Der schlechte Dokta hoasst Zentrum.«
    Stürmischer Beifall lohnte die schlagfertige Entgegnung. Der Hirner schrie:
    »Dem hoscht guat nausgeb'n. Lass it aus!«
    »De schlechte Erfahrung hat uns g'scheiter g'macht. Mir sag'n jetzt, zu was
sollen denn mir allawei andere für uns reden lassen? Mir wollen amal selber
sag'n, was uns fehlt, und mir wollen's so laut sag'n, dass ma's hört.
    Desweg'n bin i zu enk herkemma. I will enk net helfen, wia der Herr da
g'sagt hat. So was kann i net versprechen, weil i alloa z'schwach bin dafür. Na,
i will nix anders, als enk auffordern, ös sollt's enk selm helfen.
    Wia soll dös der Bauer macha? Ja, i moan halt, g'rad so, als wia de andern
Leut' a. Dös is koa neue Sach', de ma erst ausprobier'n muass.
    Mir sehg'n alle Tag', dass 's de andern Ständ' recht guat geht. De Herren
Beamten, de Geistlichen. Warum is' bei dena anderst«?
    »Weil sie was gelernt haben,« schrie der Amtsrichter.
    »Dös glaab i net. Wenn bloss d' G'scheiteit zahlt wer'n tat, nacha gang's
viele schlecht. Es hamm's aber alle gleich guat. Dös hat scho a andern Grund.
Weil de meisten im Landtag drin Beamte und Geistliche san, und de machen's so,
dass eahna selber guat geht, und ma hoasst dös: Aufbessern.«
    »Wo und wann sind die Geistlichen aufgebessert worden?« rief Kroiss, und der
Dekan Metz sagte mit seiner fetten Stimme:
    »Das ist eine offenbare Lüge!«
    Vachenauer liess sich nicht aus der Ruhe bringen.
    »Vorderhand san amal de Beamten auf'bessert wor'n: de wer'n nacha scho
helfen, dass de geistlichen Herrn aa'r an Brocken kriag'n.«
    Der Amtsrichter sprang auf und fuchtelte mit den Armen:
    »Wo und wann sind die Geistlichen aufgebessert worden?«
    Diese Heftigkeit missfiel den Leuten, am meisten dem Hirner:
    »Halts Mäu, du Herrgottsackerament!« schrie er, und viele schrien es nach.
»Mäu halt'n!«
    Ein junger Knecht, der auf der Galerie sass, dachte, hier könne man einmal
der Obrigkeit eines auswischen. Er steckte vier harte Finger zwischen die Zähne
und pfiff so laut er konnte. Ein paar andre machten es nach. Da läutete Prantl
und sagte, man müsse nun wieder auf den Redner hören. Als es ruhiger wurde,
erhob sich im Saale ein alter Mann und meldete sich zum Worte.
    Das ginge jetzt nicht, sagte Prantl, einer nach dem andern, und vorläufig
rede der Vachenauer.
    Aber der Alte liess sich nicht abweisen.
    Er wolle bloss sagen, indem der Amtsrichter gar so zornig getan habe, er
wolle bloss sagen, dass die Beamten und die Geischtlichkeit aus einem Sack
spielen. Und damit setzte er sich wieder. Es war nämlich der Florian Weiss.
Endlich kam der Vachenauer wieder zum Reden.
    »Schaug'n mir amal an Landtag o, wer sitzt da drin? Da Herr Dekan, da Herr
Stadtprediger, da Herr Kaplan. Auf oan Bauern treffen drei Pfarrer.«
    »Übertreibung! Geschwätz!« schrie Kroiss.
    »Da muass ma frag'n,« sagte Vachenauer, »gibt's denn in Bayern lauter Mesner
und Ministranten, dass so viele Geistliche g'wählt wer'n? Na, Landsleut', mir
Bauern wählen de Herr'n. Und was is der Dank? Natürli, solang' ma unsere Stimma
braucht, san mir dös biedere Landvolk hinum und herum; alles, was wir wollen, is
recht, und nix ist z'viel. Wia s' aber d'rin san, im ersten Augenblick is
all'ssamt vergessen. Dös is net oamal g'schehg'n, na! Oft, und allemal wieder.
    Beim Viehhandel is der Bauer net so dumm. Da lasst er si höchstens oamal über
d' Ohren hau'n; aber wenn eahm der nämliche Händler mit dem nämlichen Schwindel
zum zwoatenmal kimmt, nacha schmeisst er'n aussi.
    Aba in da Politik! Sagt's amal selber, hamm mir uns da net allawei aufs neue
zum Narren halten lassen?« - »Wahr is!« sagte der Rädlmayer. »Da Metz is scho
dreimal g'wählt wor'n.«
    »Und allemal hat er ins o'g'schwindelt,« schrie der Stuhlberger.
    Der päpstliche Hausprälat kannte die Stimme seines Feindes und suchte ihn
mit zornigen Augen. Aber der Stuhlberger liess sich nicht einschüchtern.
    »Hoscht du net allemal ja g'sagt, hoscht du g'rad oanmal na g'sagt?«
    »Ruhe!« mahnte Prantl.
    Und der Vachenauer redete weiter.
    »I sag', ganz recht g'schiecht uns Bauern. Mir kunnten do so g'scheit sei
und wissen, dass alles Schlechte daher kimmt, weil der Bauer net selbständig is;
a jeder sagt, dass's anderst wer'n muass. Und es ko anderst wer'n, wenn d' Leut'
z'samm helfen, und dass mir z'samm helfen, z'weg'n dem is da Bauernbund da.«
    Vachenauer zog aus der Tasche ein kleines Heft, dessen Einband die
blauweissen Wecken des bayerischen Wappens zeigte.
    »I hab' da a Büachl,« sagte er. »Von aussen is's guat boarisch, dös könnt's
sehg'n. Und was drin steht, hat die nämliche Farb'. Der Titel hoasst: Satzungen
für den bayerischen Bauern- und Bürgerbund.
    Da is alles aufg'schrieb'n, was de Partei will. I ko enk net alles vorlesen,
und es werd aa net notwendi sei, well i hoff', dass si a jeder selber dös Buachl
kaaft, und den Aufnahmsschein, der wo drin is, unterschreibt. Aber dös erste
les' i enk vor, vom Zweck des Bauernbundes. Da hoasst's: Der Zweck des
bayerischen Bauern- und Bürgerbundes ist Einigung der in Parteien zerspaltenen
bäuerlichen und bürgerlichen Volksklassen behufs Erhaltung des schwer bedrohten
Mittelstandes und behufs Selbstschutzes aller noch selbständigen oder nach
Selbständigkeit ringenden Volkselemente.
    Jetzt frag' i, ob dös was Unrecht's is, z'weg'n dem ma'r uns als gottlose
Menschen hi'stell'n derf.«
    »Drucken kann man alles, das Papier ist geduldig,« rief der Dekan Metz.
    »So, moanen S'? Sie glaab'n halt, es is überall wia beim Zentrum. Mir san
net a so!«
    »Das müssen Sie erst zeigen!«
    »Jetzt bist aber staad! Allawei plärrt er d'rei!« schrie Rädlmayer.
    »Mäu halt'n!«
    Vachenauer liess sich nicht irre machen.
    »Sie sag'n, mir müassen erst zoag'n, ob mir unsere Versprechunga halt'n. Is
recht. Aber nacha warten S' und schimpfen S' net vorher!« (Bravo!)
    »I glaab's aber schwerli, dass Sie dös derleb'n. Also, Landsleut', i hab' enk
vorg'lesen, was der Bauernbund will.
    Unsere Hauptgegner san de Herren vom Zentrum. Vom erst'n Tag o hamm uns de
Geischtlichen o'g'feind't und hamm behaupt', durch den Bauernbund is die
Religion in G'fahr. Warum denn? Wenn's ös des Büachl durchlest's von vorn bis
hint', steht koa Wort geg'n d' Religion drin. Und wenn ma'r an die Feiertäg in
d' Kircha geht, siecht ma soviel Leut' als wia früherszeiten.
    Wo gibts an Bauern, der sein Pfarrer was in Weg legt in sein Beruf?
    Am Land macht sie neamd spöttisch über d' Religion; bei uns hat sie nix
g'ändert, wia vielleicht in andere Ständ'; mir hamm die alten Bräuch' akkurat so
als wia unsere Voreltern.
    Und wenn's jetzt mehra Zwietracht gibt als früherszeiten, mir Bauern san net
schuld.
    Dös is auf Jahr und Tag, seit de Herren bloss mehr Politiker san, aber koane
Priester nimmer.«
    In den ersten Reihen wurde es lebendig. Die anwesenden Kleriker hatten bis
jetzt Ruhe bewahrt; dieser Angriff brachte sie in Erregung. Und zornige Stimmen
schrien zu Vachenauer hinauf.
    »Frechheit! Wer sind Sie denn? Frechheit!«
    Der Benefiziat Hiergeist von Irzenham tat sich besonders hervor.
    Er stammte aus dem Nussbacher Bezirke, und es empörte ihn besonders, dass ein
Fremder den bodenständigen Klerus beleidigte.
    Und er war überhaupt von heftiger Gemütsart.
    »Sie nehman Eahna viel Kraut 'raus!« schrie er. »Was erlaub'n Eahna denn
Sie? Sie zuag'roaster Holzbauer!«
    Jetzt ging es im Saale los. Aus allen Ecken kam wütendes Schreien; viele
sprangen auf und schlugen in die Tische hinein.
    »Schmeisst's'n aussi den! Derfst du schimpfen, du ganz Schlechter? Aussi damit!
Aussi damit!«
    Von rechts und links, von unten und oben johlte, pfiff, heulte es. Der Lärm
steigerte sich, als Metz auf die Tribüne stieg und die Leute beschwichtigen
wollte.
    »Oba da! Du hoscht nix z'toa da drob'n! Geh'scht it oba, du
Herrgottsakrament! Aussi mit dem andern!«
    Der Hirner stand auf schwachen Füssen; er hielt sich an der Stuhllehne mit
beiden Händen fest und schrie eintönig weiter:
    »Raus, Metz, Raus, Metz!«
    Prantl schwang seine Glocke.
    Aber in dem Getöse hörte sie niemand.
    Der Assessor stand auf und redete mit Vachenauer. Man sah, wie er die
Achseln in die Höhe zog.
    Da trat Vachenauer vor und hielt seine rechte Hand empor.
    Der Lärm legte sich. Nicht sofort, nur allmählich ging er in lautes Reden
und dann in Murmeln über.
    Als sich alle gesetzt hatten, stand der Hirner noch hinter seinem Stuhle,
und indem er seinen Oberkörper wie einen Pendel bewegte, schrie er gleichmütig
fort: »Raus, Metz!«
    Alle lachten, und der Menhofer von Aufhausen nahm seinen Nachbarn am Arme
und zog ihn auf seinen Platz nieder.
    »Landsleut',« sagte der Vachenauer, »ös derft's de Versammlung net stören.
Da Herr Assessor hat mir g'sagt, wenn no mal a solchener Aufstand is, schliasst
er d' Versammlung. Und da hätten do bloss unsere Gegner a Freud'. Ös müasst's enk
net so ärgern, bal oana 'neischreit; dös bin i scho g'wohnt; dös machen s'
überall so, weil s' d' Wahrheit net vertrag'n könna.«
    »Beschimpfen Sie den Priesterstand nicht, dann kümmert sich niemand um Sie!«
rief Kroiss.
    »I hab' net g'schimpft auf'n Priestastand. Des sell is net wahr. I hab'
g'sagt, seit unsere Geischtlichen si bloss mehr um d' Politik kümmern, is überall
an Unfrieden. Und ausserdem sag' i, de Politik hat mit da Religion nix z'toa.
    Mir Bauern wollen nix Unrecht's, mir wollen dös nämliche wie de andern
Leut'. Dass ma koane G'setz' macht, de wo uns ruinieren; und weil mir den Beweis
hamm, dass mir uns aufs Zentrum net verlassen könna, wollen mir's amal selber
probieren.
    Dös Recht hamm mir, wia'r anderne Staatsbürger, dass mir nach'n G'setz de
Leut' wählen, auf de mir 's Vertrauen hamm. Desweg'n leben mir wia z'erscht,
gengan in d' Kircha wia z'erscht, und san Christen wia z'erscht.
    Is dös a Grund, dass ma'r uns schimpft? Derf si a Geischtlicher über dös
aufhalten, dass mir unser weltliche Sach' selber in d' Ordnung bringa?
    Jetzt drah'n de Herrn an Stiel um, und jammern recht wehleidig, dass mir de
Angreifer san.
    Fallt uns ja gar net ei. Mir wollen nix Schlecht's für unserne Pfarrer; mir
wollen eahna bloss d' Arbat abnehma. Sie brauchen nimma auf München fahr'n oder
auf Berlin reisen; sie können schö dahoambleib'n, und das Wort Gottes
verkündigen.« (Bravo!)
    »Mit Ihrer Erlaubnis,« rief Metz.
    »Ja, Hochwürden. Dös erlaub'n mir Eahna recht gern, und mir hamm no dazua an
grossen Respekt, wann Sie's tean. Sie erlaub'n uns aa, dass mir an Acker bau'n und
's Brot herbringa und d' Steuern und d' Abgaben zahlen.
    Da helfen Sie uns net, und Sie können uns gar net helfen.
    Desweg'n müassen Sie uns net hindern, wenn mir woll'n, dass unser Arbet was
tragt und dass d' Steuern net mehra wer'n, als mir zahl'n könna.
    Dös is unser Sach'.«
    »Wer derf an erwachsenen Menschen hindern, dass er seiner Sach' selber
vorsteht?
    Mir Bauern san mündig; mir wer'n aa sunst net als Kinder behandelt.
    Die Kinder wer'n von anderne Leut' ernährt; uns ernährt neamd. Im Gegenteil,
mir müassen g'nua anderne ernähr'n, zum Beispiel de Herren Beamten. (Bravo!)
    Ma lest überall, Kinder zahlen die Hälfte.
    Hamm mir scho amal g'hört, dass de Bauern weniger zahlen müassen?
    G'wiss net.
    Da wer'n mir net für Kinder o'g'schaut; da san mir recht erwachsene
Staatsbürger.
    Und mir san alt g'nua und g'scheit g'nua, dass mir unser Sach' selber führ'n.
Es is Zeit, dass mir dös ei'sehg'n.
    Was is dös für a Zustand, wenn jetzt der Bauer nimmer de Hälfte von dem
einnimmt, was er früherszeiten kriagt hat?
    Und was is denn dabei billiger wor'n? De Deanstboten vielleicht? Oder der
Bodenzins? Oder müassen unsere Buab'n nimmer zum Militär?
    Und alles is no net g'nua; allawei gibt's wieder was Neu's, allawei kemma
neue Forderungen, für Heer und Marine, und wer sagt ja und amen dazua? 's
Zentrum.
    Und wer muass's zahlen?
    Mir Bauern.«
    »Steuern zahlt jeder!« schrie Kroiss.
    »Jawohl, Steuern zahlt jeder. Der Beamte zahlt de Steuer für sein G'halt, da
Kapitalist für sei Vermög'n, aber da Bauer zahlt Steuern sogar für seine
Schulden. Wenn oana no so viel Hypoteken auf sein Hof hat, er muass g'rad so
viel zahl'n, als wenn er schuldenfrei is. (Bravo! Wahr is!)
    Früher hat 's Zentrum selber erklärt, dass dös de grösst' Ungerechtigkeit is.
Jetzt will's nix mehr wissen davo.
    Früher hat's erklärt, dass ma de einheimische Landwirtschaft schützen muass
gegen die Getreideeinfuhr.
    Jetzt hat's dafür g'stimmt.
    Is dös net an aufg'legter Schwindel?«
    Stürmische Zurufe ertönten.
    »Wahr is! Lauter Schwindler san's! Metz raus! Metz! Was sagst denn jetzt?«
    Prantl läutete.
    »Ruhe, meine Herren! Ich bitte, den Redner nicht unterbrechen zu wollen.«
    »I bin glei firti, Landsleut',« sagte Vachenauer.
    »Mir sehg'n, dass mir uns auf neamd verlassen derfen als wia auf uns selber.
Also handeln wir auch danach und stehen zusammen, damit das Volk zu seinem
Rechte komme. Helfet alle mit, dass der Bauernbund erstarkt, gründet
Markgenossenschaften in allen Gemeinden, damit Leute in den Landtag gewählt
werden, die es ehrlich meinen. Reichen wir uns brüderlich die Hände, damit es
nicht heisst, Nährstand adje! Und machen wir uns los von den Volksverrätern des
Zentrums!«
    Vachenauer trat zurück und setzte sich.
    Viele hundert schwielige Hände klatschten ihm Beifall, viele hundert
grobgenagelte Stiefel dröhnten auf den Boden, dass unten der Kalk von der Decke
fiel.
    Immer wieder musste Vachenauer aufstehen, und wenn er sass, schrien hundert
Kehlen seinen Namen.
    »Vachenauer, vivat hooch!«
    Als Ruhe eintrat, erklärte Prantl, dass er das Wort dem Gutspächter Wanninger
von Arnbach erteile.
    Franz Wanninger war kein einfacher Bauer. Er sass als Pächter auf dem
gräflich Hornschen Gute in Arnbach und hatte einige Bildung genossen.
    Drei Jahre besuchte er eine Lateinschule und war sodann studiosus
agriculturae in Weihenstephan, wo man die Teorie des Landbaues lehrt.
    Er sprach gerne von dieser Zeit und gab sich überall das Ansehen eines
studierten Mannes.
    In die Bauernbewegung hatte er gleich zu Anfang eingegriffen.
    Er glaubte, hier grosse Dienste leisten zu können, weil er seine Studien über
die Ungebildeten und seine Praxis über die Gebildeten erhob. Als eifriger Leser
der Tageszeitungen hatte er eine Anschauung und vor allem einen grossen Reichtum
an Schlagworten erworben.
    Er griff selbst zur Feder und schrieb viele Artikel für das Nussbacher
Wochenblatt. Da sich sein Leben stets im mittelsten Altbayern abgespielt hatte,
war er der natürliche Feind alles norddeutschen Wesens.
    Er hatte ein Wort gefunden, welches seine Gesinnung und Ansicht mit einem
vollständig erklärte.
    Wie man nämlich sonst wohl vom rollenden Rubel spricht, redete Wanninger vom
rollenden Preussentaler.
    Er war überzeugt, dass die berliner Kreise Tag und Nacht an der Annexion -
Einsackung hiess es Wanninger -, an der Annexion Bayerns arbeiteten und kein
Mittel scheuten, um dieses erstrebenswerte Ziel zu erreichen.
    Er war so weitblickend, dass er über die nahen und nächsten Ereignisse hinweg
auf diese treibende Ursache aller deutschen Geschehnisse sah, und er mahnte
überall, dass man den rollenden Preussentaler nicht aus den Augen verlieren dürfe.
    Bisher hatte er im politischen Leben nur schriftlich gewirkt;
    jetzt schickte er sich an, auch als Redner aufzutreten. Er wusste, dass er
Bedeutenderes bieten könne und müsse als der einfache Landmann, welcher vor ihm
gesprochen hatte. So stand er auf der Rednerbühne und stellte bald den rechten
und bald den linken Fuss vor und rieb sich die Hände.
    Wer ihn ansah, erblickte das Bild eines echten, wohlhäbigen Altbayern.
    Der runde Kopf mit dem stark geröteten Gesichte sass auf breiten Schultern;
der vorspringende Bauch machte nicht den Eindruck des Ungesunden; er war nicht
schwammig, sondern von körnigem Fette, wie bäuerliche Kenner sagen.
    Der gewichtige Oberkörper ruhte auf Beinen, welche diese Last wohl zu tragen
vermochten. Kurz, Wanninger war so, wie sich die landläufige Vorstellung einen
richtigen Bayern malt, im Gegensatze zu dem windigen, ausgehungerten
Norddeutschen.
    Einige Zurufe aus der Versammlung bewiesen, dass die Leute den Redner gerne
sahen.
    Und er begann.
    »Hochgeehrte Versammlung! Nachdem ich kein geübter Redner bin, ich aber doch
meine Gedanken zum Ausdruck bringen möchte, so wird man mir wohl gestatten, mich
auf diese Weise verständlich zu machen.
    Freudig muss es jedermann begrüssen, dass endlich auch in unserer Gegend der
Gedanke mit Macht zum Ausbruch kommt, dass es so nicht weiter geht. Es ist jetzt
die Aufgabe eines jeden, zu erwägen, auf welche Weise wir der darniederliegenden
Landwirtschaft die so notwendige Hilfe leisten können.
    Nachdem die massgebenden Faktoren für die anerkannte Notlage des bayerischen
Bauern kein Herz haben, müssen sich die Bauern und Bürger auf eigene Füsse
stellen, wenn sie nicht in den stets offenen Sack der bekannten norddeutschen
Herren hinein geraten wollen.
    Dem genauen Beobachter muss es wehe tun, wenn er sieht, wie das arme Volk
genarrt wird von den obenstehenden, sogenannten besseren Herren.
    Der ärgste Verräter am Volkswohle ist das Zentrum! (Bravo!)
    Alle Gesetze, welche gegen das bayerische Volk gemacht worden sind, hat man
mit Hilfe des Zentrums in das Trockene gebracht. Jetzt erst wieder die
Handelsverträge, wodurch viele Millionen in die Taschen der preussischen
Herrlichkeit fliessen, während man den Mittelstand untergräbt. Wer dies genau
beobachtet, fragt unwillkürlich, ob vielleicht bezahlte Arbeit im Spiele ist.«
    »Unsinn! Blödsinn!« schrie der Amtsrichter Kroiss.
    »Man fragt unwillkürlich, ob vielleicht der preussische Taler eine
verhängnisvolle Rolle spielt.«
    »Sie wissen gar nicht, was Sie für einen Blödsinn reden!« schrie Kroiss
wieder.
    Da wurde der alte Rädlmayer zornig. Er drohte dem Amtsrichter mit dem Finger
und sagte:
    »Manndei, jetz is Zeit, dass d' amal staad bischt. Sinscht tean ma di aussi.«
    »Das will ich sehen!«
    »Ja, dös werd's schnell hamm. Ruhe! Mäu halten!« schrien viele, und der
Knecht, welcher auf der Galerie sass, steckte wieder seine Finger in den Mund und
pfiff heftig.
    »Ich bitte um Ruhe!« sagte Prantl.
    »Mir san ja ruhig,« antwortete Rädlmayer, »was braucht denn der ander
schimpfen?«
    Wanninger war nach dem ersten Zwischenrufe nicht gefasst genug, um zu
anworten.
    Jetzt hatte er Zeit zur Überlegung gefunden.
    »Betreff die Äusserung, dass ich einen Blödsinn rede, möchte ich nur bemerken,
dass ich über diese Fragen vielleicht mehr studiert habe als ein Beamter, dass ich
aber nicht nach dem Gefallen rede, sondern frei von der Brust weg, wie es sich
für einen Altbayer gehört.« (Stürmischer Beifall. Bravo!)
    »Die bayrischen Bauern sind immer treu zu ihrem Herrscherhause gestanden;
das beweisen die Schlachtfelder bei Sendling und Aidenbach. Wenn Not am Mann
ist, dann wissen die Herren schon, zu wem sie gehen müssen. Da heisst es dann:
Bauer, hilf! Ist aber die Gefahr vorbei und der Krieg zu Ende, so vergisst man
sofort auf den Dank, und der Bauer wird unterdrückt wie zuvor.
    Da wird dann Weltmachtspolitik getrieben, welche das Blut des Volkes und
ungezählte Millionen kostet.
    Wenn man so fortfährt, mit Hilfe des Zentrums durch fehlerhafte Gesetze den
Mittelstand zu untergraben, so wird baldigst aller Wohlstand entweichen.
    Die Erfahrung hat gelehrt, wo in einem Lande gut bemittelte Bauern leben, da
leben auch vermögliche Geschäftsleute und Professionisten. Dagegen wo arme
Bauern sind, da ist es ruhig und traurig, kein Geschäft, ausserdem findet da der
Gerichtsvollzieher reiche Ernte.
    Dem müssen wir entgegenarbeiten, wenn wir nicht wollen, dass unsere Kinder
uns den Fluch nachsenden, weil wir nicht für sie gesorgt haben. Es ist höchste
Zeit, dass der Bauer nicht länger mehr das Lasttier ist, dem man alle Bürden
auflegen kann von Seite der Bureaukratie und des Klerus.«
    »O Herr, verzeihe ihm! Er weiss nicht, was er tut,« rief der Dekan Metz.
    »Ich verbitte mir diese Zwischenrufe,« sagte Wanninger. »Wenn Sie glauben,
dass Sie mich widerlegen können, so können Sie das Wort verlangen und nach mir
besorgen.«
    »Sie reden ja wie Kraut und Rüben daher! Das kann sich kein vernünftiger
Mensch merken,« erwiderte Metz.
    »Es ist lauter Blödsinn,« schrie Kroiss.
    (Mäu halt'n da vorn! Ruhe!)
    »Betreff die Äusserung, dass ich einen Blödsinn rede, habe ich schon
erwidert,« sagte Wanninger. »Die Herren, welche glauben, dass sie gar so gescheit
sind, sollen es einmal versuchen, ein mit Schulden belastetes Anwesen zu
übernehmen und dann rentabel wirtschaften. Da werden sie vielleicht sehen, dass
dazu mehr Verstand gehört als zur Bureaukratie. Überhaupt verbitte ich mir jede
Beleidigung, auch wenn es vielleicht ein Beamter ist.«
    (Recht hoscht, Wanninger! Bravo! Aussi schmeissen soll ma'n! Ruhe!)
    Wanninger ergriff wieder das Wort.
    »Nach meiner Ansicht ist der allzu enge Anschluss an Preussen die Schuld am
Niedergange des süddeutschen Mittelstandes.
    Das Zentrum legt bereitwillig Millionen auf den Altar des preussischen
Kriegsgottes. Es fehlt nur noch, dass Eisenbahn und Post eingesackt werden, dann
sind wir vollkommen preussisch.
    In den oberen Kreisen lässt man sich zu sehr von dem norddeutschen Leuchtturm
blenden, da ist es also die Aufgabe des Bauernbundes, dafür zu sorgen, dass
unsere weiss-blauen Pfähle keinen Farbenwechsel erleiden.
    Einigkeit macht stark, heisst das Sprichwort, welches sich noch immer bewährt
hat. Die Erfahrung lehrt uns mit nur zu beredter Sprache, dass Bauern und
Gewerbetreibende innig zusammenhalten müssen, um dem drohenden Abgrundrande zu
entgehen.
    Wo sind heute noch die Bauern, welche den Lohn ihrer Arbeit geniessen können?
Sie sind nicht mehr da!
    Dafür sieht man heute die Männer dieser Stände in Existenzkämpfen ihre Tage
in dumpfer Resignation dahin leben. Leider haben die Bauern bis jetzt in blinder
Vertrauensduselei die Vertretung ihrer Lebensinteressen anderen Ständen
überlassen, welche nur für das Blühen und Gedeihen der Millionärzucht und ihr
eigenes Ich sorgten, für den Mittelstand, der alle Lasten zu tragen hat, aber
nur leeres Stroh droschen.
    Und doch haben wir, gelinde gesprochen, die gleichen Rechte.«
    »Das ist nicht mehr zum Aushalten!« schrie Kroiss.
    »Na gehst aussi!«
    »Ruhe!«
    »In Preussen hat man nur Sinn für Grossmannssucht, daher auch dort
Grossgrundbesitz, Grossindustrie und Grosskapital das Ruder führen und ihren
unheilvollen Einfluss auf die Gesamtreichsgesetzgebung ausüben.
    Betrachten wir nur den Militarismus mit seinen Auswüchsen! Was muss Land und
Volk leisten, um das Pensionswesen zu bestreiten!
    Und was reicht man dem Nährstand für alle seine Opfer? Gesetze nach dem
Willen der oberen Zehntausend, Polizeistock, aber brav Hurra schreien, im
übrigen 's Maul halten!
    Dagegen hilft nur eines. Das feste Zusammenhalten des bayerischen Volkes;
vom Zentrum aber müssen wir uns losreissen, weil es die Einsackung Bayerns nicht
verhindern will.
    In diesem Sinne müssen wir im Bezirke Nussbach eine Markgenossenschaft des
Bauernbundes gründen.«
    Wanninger stieg von der Tribüne herunter und ging auf seinen Platz zurück.
    Das Wochenblatt berichtete, dass der Beifall ein äusserst warmer gewesen sei,
und dass man allen Anwesenden angesehen habe, wie ihnen der Redner aus der Seele
gesprochen hatte.
    Auch Wanninger selbst war zufrieden mit dem Erfolge, und er sagte späterhin
zu seinen Freunden, dass man den Bauern grosses Unrecht tue, wenn man ihnen
politisches Verständnis abspreche. Es komme alles darauf an, dass man in
populärer Manier mit ihnen rede.
    Nach ihm wurde dem päpstlichen Hausprälaten, Herrn Dekan Metz, Abgeordneten
für Nussbach und Umgebung, das Wort erteilt.
    Er sagte gleich eingangs, dass sein Herz schmerzlich bewegt sei, und sein
Gesicht drückte dieses Gefühl deutlich genug aus. Allein es stand ihm nicht wohl
an; ein Mann mit Doppelkinn und Hängebacken kann nie die Trauer eines ganzen
Standes in seinen Mienen vorführen, und wer in jeder rundlichen Form seines
Leibes den Beweis eines behaglichen Daseins vor Augen führt, befindet sich im
Nachteil, wenn er von Druck und Verfolgung spricht.
    Diese Einsicht fehlte dem Dekan Metz.
    Er war in Selbsttäuschung befangen und glaubte, seine Nussbacher zu rühren,
wenn er ihnen den Mann ihrer Wahl in schmerzlicher Verfassung zeigen würde.
    Er sah sich lange im Saale um, wie ein Vater, der seine Familie versammelt
hat und jeden einzelnen ins Auge fasst.
    Und dann begann er.
    »Meine Lieben! Erlaubet mir, dass ich euch noch so heisse, obwohl heute
manches Wort gefallen ist, welches vom Hasse getragen war. Aber meine Gefühle
werden dadurch nicht verändert, und ich sage noch einmal: meine Lieben!
    Mein Herz ist schmerzlich bewegt, wenn ich bedenke, dass ich hier an dieser
Stelle, wo ich so oft zu eurem Beifall und, ich glaube auch, zu eurem Nutzen
gesprochen habe, einen Kampf führen muss. Einen Kampf gegen Undankbarkeit,
Auflehnung, ja einen Kampf gegen die Religionsfeindlichkeit.
    Womit habe ich das verdient?«
    »Weilst a Schwindler bischt,« schrie der Stuhlberger von Giebing.
    Viele lachten; der Amtsrichter sprang zornig auf.
    »Ein Rohling hat das gerufen!«
    »Wer hat mit dir g'redt? Sei du staad! Reiss 's Mäu net so weit auf! Du
Herrgottsackerament!« tönte es durcheinander.
    »Roheit!« schrie Kroiss.
    Metz lächelte wehmütig.
    »Lasset sie nur schimpfen! Das sind die Priester von jeher gewohnt. Unser
Herrgott wurde auch vom Volke gekreuzigt; heutzutage kreuzigen die Bauernbündler
die Priester. Wir tragen es mit Geduld.«
    »Und werst recht foast dabei! Du Schmalzhafen!«
    Das war die Stimme seines Pfarrkindes Meisinger, des Gottesleugners. Des
Frevlers, welcher ihm dereinst die neuen Spiegelscheiben eingeworfen hatte.
    Als Metz diese Stimme vernahm, verliess ihn einen Augenblick die Ergebung des
Märtyrers, und er warf einen bitterbösen Blick nach jener Stelle hin, wo
Meisinger sass.
    »Wir tragen es mit Geduld, weil wir uns ein Beispiel nehmen an unserm Herrn
und Meister, der auch schweigend gelitten hat,« sagte er sodann.
    »Du bringst ja d' Finger gar nimmer z'samm vor lauter Fetten,« schrie
Meisinger.
    »Wo hoscht denn du was leiden müassen?«
    »Hoscht du net all'mal ja g'sagt? Hoscht du g'rad oamal na g'sagt?« rief der
Stuhlberger.
    Und alle taten mit.
    »Geh oba, du! Du hoscht nix z'reden daherin! Da Vachenauer soll reden!
Vachenauer! Vachenauer!«
    Prantl musste wieder erklären, dass die Versammlung geschlossen werde, wenn
die Ruhe nicht hergestellt würde.
    »Lasst's'n reden, dass sei Schwindel aufkimmt!« rief Meisinger wieder.
    Und so verdankte es Metz seinem grössten Feinde, dass er fortfahren durfte.
    Er gedachte, jetzt eine schärfere Tonart anzuschlagen, da diese tobenden
Heiden seine Milde verachteten.
    »Das Zentrum ist nicht schuld, dass die Verhältnisse des Mittelstandes keine
günstigen sind. Die Bauern verstehen es nicht, was schuld ist.«
    (»Aber du vastehst was! Weil's uns verrat'n habt's!«)
    »Ich will es euch sagen. Die neue Zeit ist schuld, die Maschinen, die
Elektrizität. Früher haben die Bauern ruhig gelebt und haben sich nicht um die
Politik gekümmert. Jetzt auf einmal wollen sie so gescheit sein, dass sie ihre
Führer verbessern.«
    (»Da werd gar nix verbessert! Aussi g'schmissen wern's!«)
    »Jetzt will der nächstbeste mehr verstehen, als die verdienten Männer,
welche seit zwanzig Jahren, seit fünfundzwanzig Jahren im Landtage arbeiten.«
    (»Was arbet's ös? 's Geld schiabt's ei! Ös Leutbetrüager!«)
    »Ich bin jetzt seit achtzehn Jahren im Parlament und habe meine Zeit für das
Volk geopfert.«
    (»Und hoscht all'weil ja g'sagt!«)
    »Freilich, wenn man so einen Mann reden hört, wie den siebengescheiten Herrn
Wanninger, da möchte einem der Verstand still stehen. Da ist alles Kraut und
Rüben durcheinander, dass man nicht weiss, wo man überhaupt anfangen soll. Auf
solche Leute müsst ihr hören, da werdet ihr schon sehen, wohin das führt. Geht
nur zum Bauernbund! ...«
    (»Dös tean mir scho! Do brauchen ma di net dazua!«)
    »Geht nur zum Bauernbund und schaut, wie ihr euer geistiges und leibliches
Wohl verliert. Aber weil der Herr Wanninger so tut, als hätten wir Geistlichen
überhaupt kein Recht mehr, so will ich ihm schon sagen, wir Geistlichen haben
sogar die Pflicht, das Volk in Schutz zu nehmen vor dem einbrechenden Wolf. Der
Bauernbund ist nur Speck in der Falle, ein vergifteter Honig.
    Die guten Sachen haben die Bauernbündler vom Zentrum gestohlen.«
    Vachenauer rief ihm zu: »Was hoassen denn Sie stehlen?«
    »Jawohl, gestohlen. Das ganze Programm haben Sie gestohlen; das hat das
Zentrum alles schon vor dreissig Jahren gesagt.«
    »G'sagt, aber net g'halten. Wann's Zentrum sei Versprechen g'halten hätt',
gab's koan Bauernbund.«
    Die Versammlung klatschte Vachenauer Beifall zu.
    Dieser erhob sich und sagte:
    »Weil Sie vom Stehlen reden, Hochwürden. Is dös net erlaubt, dass ma dös
Guate, was oana amal g'sagt hat, wieder nachsagt? Hoasst ma dös stehlen?«
    »Sie haben jetzt nicht das Wort!« schrie Kroiss.
    »I frag' bloss: Hoassen Sie dös stehlen, Hochwürden? Nacha derfen Sie ja gar
net predigen. Sie sag'n do aa bloss des nach, was an anderner g'sagt hat!«
    Die Wände dröhnten vom Beifall. Alle stampften und schrien.
    »Vachenauer! Da Vachenauer soll reden! Metz Schluss! Geh oba, du Bluatmensch!
's Mäu halt! Oba do!«
    Und jedesmal, wenn Metz zu reden anfing, erhob sich der Lärm von neuem. Er
bohrte mit dem Zeigefinger in die Luft und bewegte die Lippen. Daran erkannte
man, dass er sprach, aber man hörte keine Silbe in dem Lärmen.
    Die rauhen Stimmen übertönten ihn; ganze Reihen schrien im Takte die
gleichen Worte: »Metz oba!«
    Zwischenhinein gellten Schimpfworte und Pfiffe; viele schlugen mit Masskrügen
oder Stöcken auf die Tische.
    Der Amtsrichter, die geistlichen Herren gestikulierten heftig zur Tribüne
hinauf, und wenn sich einer mit unwilligen Gebärden gegen die Versammlung
wandte, verdoppelte sich der Lärm.
    Der Hirner stampfte seinen Stuhl auf den Boden und schrie, dass ihm die Adern
anschwollen, zwei andere hatten eine lange Bank gefasst, hoben und stiessen sie
nieder, wieder einer hatte den Bierschlegel gepackt und trommelte auf einem
leeren Fasse; der Knecht auf der Galerie hatte ein neues Mittel gefunden. Er
hielt die Hand vor den Mund und heulte; das gefiel den jungen Leuten, und sie
machten es nach.
    Metz blieb auf seinem Platze.
    Er lächelte und zuckte die Achseln. Seine Amtsbrüder schrien zu ihm hinauf
und schüttelten die Köpfe.
    »Was ist zu machen mit diesem Volke?«
    Es war nichts zu machen mit ihm. Das Volk zeigte, dass es absolut und
durchaus gar nichts mit sich machen lassen wolle.
    Und dann erhob sich der Assessor und setzte seine Mütze auf. Die Versammlung
war geschlossen.
    Den anderen Tag erfuhr die Welt durch das Nussbacher Wochenblatt, dass im
Anschlusse an die Versammlung zweihundertsiebenundvierzig Leute sich als
Mitglieder des bayerischen Bauern- und Bürgerbundes anmeldeten, dass in sechs
Gemeinden Marktgenossenschaften gegründet wurden, dass die schweren Anklagen,
welche Vachenauer und Wanninger gegen das Zentrum erhoben, einen immerwährenden
Stachel in den Herzen der Landbevölkerung hinterliessen, und dass sich Herr Dekan
Metz schwerlich von der Niederlage erholen dürfte, welche sichtlich einen so
niederschmetternden Eindruck auf ihn wie auf seine Kumpane - darunter einen
vorlauten Beamten - gemacht habe.
    Die animierte Versammlung habe den geradezu glänzenden Beweis dafür
geliefert, dass auch im Nussbacher Bezirk die Morgenröte angebrochen sei.
    Die Nussbacher Nachrichten erzählten ihren Lesern von einer Versammlung,
welche zu einem allerdings unbeabsichtigten Triumphe des Zentrums geführt habe,
indem sich die bodenlose Unwissenheit der neuen Bauernapostel im hellen Lichte
gezeigt habe und selbe auch von dem hochwürdigen Herrn Metz mit wenigen, aber
zutreffenden Worten gebrandmarkt worden sei.
    Nach Schluss der Versammlung habe man viele, und gerade die besseren Bauern
mit nachdenklichen Mienen stehen sehen, indem sie offenbar die Frage aufwarfen,
wie töricht es sei, wenn das Landvolk einer solchen Sache unter solchen Führern
Gefolgschaft leiste.
    Damit sei diese Bewegung schon im ersten Aufflackern kläglich erstickt.
    So verschiedenartig wurden in Nussbach nicht nur die Meinungen, sondern auch
die Tatsachen dargestellt.
    Man war schon mitten im politischen Getriebe.
 
                              Vierzehntes Kapitel
In das Haus vom Schuller war eine schlechte Stimmung eingezogen. Der Missmut war
obenauf, und die Fröhlichkeit hatte nirgends mehr Platz.
    Den Tag über war der Schuller in seinem Walde bei der Holzarbeit; wenn er
heimkam, sass er schweigsam auf der Ofenbank.
    Die Bäuerin wollte ihn zum Reden bringen. Sie schimpfte über den Pfarrer und
den Hierangl, über den Geitner und den Bürgermeister Kloiber. Sie brachte neue
Geschichten heim, welche die Schlechtigkeit dieser Feinde offenbar machten, und
sie erzählte alte Geschichten, welche das nämliche bewiesen.
    Alles, was der Schuller selber einmal getadelt hatte, brachte sie vor und
meinte, das müsse ihm ein Gefallen sein.
    Aber er gab ihr nicht an oder sagte, sie solle sich um ihre Weiberleute
kümmern und das andere mit Ruhe gehen lassen.
    Dann ging die Schullerin seufzend in die Küche und beredete mit der Ursula,
wie sich der Vater herunter kümmere.
    Auch mit den Dienstboten redete sie darüber; sie sagte zu den Mägden zornige
Worte über die Nachbarn und fragte die Knechte, was sie im Wirtshaus gehört
hätten.
    Eine solche Vertraulichkeit tut nicht gut; sie ist gegen den Respekt und das
ordentliche Regiment.
    Jetzt hatten Knecht und Magd ihr heimliches Getue und wisperten sich
Neuigkeiten in die Ohren, wenn sie arbeiten sollten.
    Und wenn einer faulenzen wollte, stellte er sich in die Küche hin und
erzählte der Schullerin, wie er es dem Knecht vom Hierangl hingerieben habe, dass
sein Herr kein Pfund Lumpen tauge.
    Dafür bekam er Dank und billige Nachsicht für seine Faulheit.
    Die Weibsleute waren zufrieden, wenn sie recht viel Bedauernis und Mitleid
sahen. Was die Schullerin davon übrig liess, brauchte die Ursula für ihren
besonderen Zustand.
    Die Dienstboten nützten es aus und machten sich darüber lustig. Wenn sie bei
den gemeinsamen Mahlzeiten sassen, gaben sie sich heimliche Zeichen und stiessen
sich mit den Ellenbogen an.
    Eine üble Nachrede findet bei niemandem schneller Boden als bei
Untergebenen. Wer vor ihnen etwas entschuldigen oder erklären will, ist übel
daran. Gehorsam muss Achtung haben.
    Der Schuller merkte an vielen Dingen, dass in seinem Hause die Ordnung
gelockert war.
    Früher hätte er sich schnell geholfen; jetzt schien es ihm nicht der Mühe
wert.
    Alle seine Gedanken waren nur auf das eine gerichtet.
    Da lag im Kirchenbuch ein Zettel, der ihm zeitlebens Schande anhing. Und
noch länger. Wenn die Männer von heute einmal tot waren und die Jungen ans Ruder
kamen, dann war das Papier noch da, auf dem es geschrieben stand, dass er ein
schlechter Kerl war, dem jeder aus dem Wege gehen musste.
    Und dann glaubten es alle; auch die, welche hernach auf dem Schulleranwesen
hausten.
    Den Kindern von seinem ältesten Buben wurde die Lüge erzählt, noch
abscheulicher aufgetragen wie jetzt.
    Denn jeder musste denken, wenn es sogar der Pfarrer ins Kirchenbuch gesetzt
hatte, musste es das Ärgste gewesen sein.
    Keiner wusste etwas von ihm. Dass er als ehrengeachteter Mann lange Zeit den
Hof regiert hatte.
    Keiner wusste etwas vom Baustätter und von seinem Hasse.
    Nur das Geschriebene galt.
    Wie hätten sie später die Wahrheit finden sollen, wenn er sie selber mit
allen Mühen nicht herstellen konnte?
    Acht Tage war er herumgelaufen von Pontius zu Pilatus und hatte gemeint, er
müsse sein Recht kriegen.
    
    Er war Im Amtsgerichte und brachte seine Sache vor.
    Kroiss liess ihn kaum zu Ende reden und fertigte ihn kurz ab.
    Was das für ein Prozess sei, wenn er nicht einmal wisse, gegen wen er klagen
wolle? Und was das Gericht mit dem Kirchenbuch zu tun hätte? Oder mit den
Aufschreibungen eines Verstorbenen? Jetzt fuhr der Schuller nach München und
ging zum Landgericht.
    Die sagten ihm, wenn er wirklich klagen wolle, müsse er's in Nussbach tun;
sie hätten gar nichts damit zu schaffen. Er solle doch einen Advokaten nehmen.
    Und er ging zu einem Advokaten.
    Der lächelte etwas ungläubig.
    Was das wieder für eine Geschichte war! Aber er hörte doch aufmerksam zu und
fragte dazwischen.
    »Und Sie haben Ihren Vater nicht geschlagen?«
    »Na.«
    »Ist alles erfunden? Und kein Wort wahr?«
    »Koa Wort is wahr, Herr Dokta!«
    Der Advokat lächelte wieder. Ja, ja, Bauern sind Spitzbuben. Wenn sie ihren
Advokaten anlügen, meinen sie, wie schlau sie sind.
    Und dann sagte er:
    »Da wirst nicht viel machen können, Schuller. Der jetzige Pfarrer red't sich
auf den alten aus, den alten kannst nicht verklagen, weil er tot is. Wenn du
gegen die andern klagst, sagen sie, dass sie bloss gesagt haben, was geschrieben
steht. Und bringst du Zeugen, was können die bestätigen? Höchstens, dass sie nie
was gesehen haben. Deswegen ist nicht gesagt, dass der Pfarrer Held oder der
jetzige gelogen hat. Ich glaub' dir ja alles, aber das Gericht is nicht so
vertrauensvoll. Die Herren sagen: Ja, der hat halt niemand zuschauen lassen.
Sehr einfach.«
    Und der Advokat patschte die Handflächen ineinander.
    Dann merkte er doch, wie sein Reden dem Manne zu Herzen ging.
    »Ich tät' dir gern helfen, Schuller,« setzte er hinzu. »Aber mit einer Klag'
is da nicht viel zu machen. Eines könnten wir probieren. Beschwer dich beim
Ordinariat! Das wär' noch ein Mittel. Da gehst du hin und erzählst den Fall wie
mir. Die Herren verderben es jetzt nicht gern mit den Bauern. Es kann sein, dass
sie euern Pfarrer zu einer friedlichen Lösung anhalten.«
    Und dann ging der Schuller die Stiege hinunter und ging mit seinen
Kümmernissen und seinem Zorn über breite Plätze und durch enge Gassen, bis er
vor der Wohnung des Domkapitulars Spät angelangt war.
    An den hatte ihn der Advokat gewiesen. Ein altes Fräulein öffnete ihm und
sagte, der hochwürdigste Herr Bruder sei nicht zu Hause, aber in einer halben
Stunde komme er. Der Schuller fragte, ob er nicht warten dürfe, und als es ihm
erlaubt wurde, setzte er sich auf eine kleine Bank, die im Hausgange stand.
    Eine Stunde verging, und der Herr Domkapitular kam noch immer nicht. Von
Zeit zu Zeit streckte das Fräulein den Kopf zu einer Türe heraus und überzeugte
sich, dass der fremde Bauersmann noch immer da war. Der sass geduldig und
regungslos auf seinem Platze. Das Warten wurde ihm nicht lang, denn er hatte
Gedanken genug, die ihn beschäftigten.
    Endlich klangen Schritte die Treppe herauf und näherten sich der
Wohnungstüre. Ein alter Geistlicher trat ein, und wie er den Schuller sitzen
sah, fragte er ihn nach seinem Begehren.
    Er hatte ein kluges, freundliches Gesicht, und der Schuller fing mit
grösserem Vertrauen seine Erzählung an.
    Da hiess ihn der alte Herr in sein Zimmer eintreten und Platz nehmen.
    Und hörte ihn aufmerksam an.
    Der Schuller erzählte seine Geschichte etwas weitläufig, mit vielen
Nebensächlichkeiten. Weil der Advokat ihm so wenig Hoffnung gemacht hatte,
wollte er jetzt alles recht verständlich vorbringen und nichts weglassen.
    Der Geistliche schüttelte manchmal den Kopf und sah den Mann mit prüfenden
Blicken an. Aber er unterbrach ihn nicht. Er schwieg auch noch eine Weile, als
der Schuller fertig war.
    Gewiss bildete er sich nicht ein festes Urteil über die ganze Sache, aber das
eine sah er klar, dass hier wieder einmal Übereifer und falsche Auffassung von
priesterlicher Würde Unheil angerichtet hatten.
    Er konnte nicht Partei nehmen für den Mann; vielleicht hatte er sich durch
eigenes Verschulden den Unwillen seiner Pfarrer zugezogen, aber auch dann war es
töricht, wenn diese ihr persönliches Empfinden so stark geltend machten und in
öffentliche Angelegenheiten eingriffen.
    Solche Dinge waren schuld, dass jetzt der bäuerliche Stand seinen Priestern
entfremdet wurde.
    Die verloren immer mehr die Fähigkeit, Mass zu halten und eine versöhnende
Stellung einzunehmen. Das Schlimmste bei solchen Vorkommnissen war, dass man sie
selten gut machen konnte.
    Diese Herren wagten sich gewöhnlich so weit vor, dass ein Zurückgehen das
Ansehen des Standes gefährdete.
    Herr Doktor Spät schüttelte unwillig den Kopf.
    »Mein lieber Mann,« sagte er, »was Sie mir erzählen, gefällt mir nicht. Aber
was soll ich dabei tun?«
    »Sie müassen befehl'n, dass der Zettel ausg'liefert werd'. Der muass öffentli,
vor alle Leut' z'rissen wer'n.«
    »Das kann ich nicht befehlen.«
    »Sie san do der Vorg'setzte von insern Pfarrer?«
    »In gewisser Beziehung steht er unter dem Ordinariat. Aber nicht so, wie Sie
das meinen.«
    »Ja, dös könnt's do ös net zualassen, dass an offenbare Verleumdung im
Kirchenbuach d'rin bleibt? Da seid's ös allesamt schuldig!«
    »Wir wollen uns jetzt nicht aufregen. Im Kirchenbuch steht so etwas nie.«
    »Er hat den Zettel ins Kirchenbuch einig'legt. So was derft's ös do it
zualassen!«
    »Erstens: Ich kann dem Pfarrer von Erlbach nicht anschaffen, wohin er seine
Papiere legen soll, und zweitens: Niemand kann ihm befehlen, dass er einen Zettel
ausliefert, den er nicht unrechtmässig erworben hat. Das müssen Sie doch
einsehen.«
    »Na, dös siech i net ei'. Mi derfen do aa koa falsche Urkund' net ei'trag'n.
A Burgermoasta, der so was tuat, werd ei'g'sperrt. Für de Pfarrer werd's do aa'r
a G'setz geb'n?«
    »Wir verstehen uns nicht. Hören Sie mich ruhig an! Eine Urkunde ist diese
Schrift da nicht. Wenigstens keine Urkunde, wie Sie das verstehen. Das ist eine
private Aufschreibung, eine Bemerkung. Geradeso, wenn Sie zum Beispiel in Ihr
Notizbuch hineinschreiben, der Pfarrer Soundso hat gestohlen. Da kann Sie doch
kein Mensch zwingen, dass Sie es herausreissen.«
    »Wenn i 's aber ander Leuten zoag?«
    »Dann können Sie wegen Beleidigung verklagt werden. Das ist hier nicht
möglich, weil der Schreiber jenes Zettels gestorben ist.«
    »Herzoagt hat'n der jetzige Pfarrer.«
    »Ja, das hat er. Und ich würde es nicht getan haben. Aber verurteilt kann er
deshalb nicht werden.«
    »Ich siech scho, es gibt koa Recht für mi. Ös helft's alle z'samm.« - »Das
müssen Sie nicht sagen.«
    »Dös sag' i net alloa. Mir hat scho lang' oaner g'raten, dass i nix toa soll,
weil's do für nix is.«
    »Sie wollten von mir einen Rat. Also darf ich Ihnen nichts sagen, was ich
selbst nicht glaube.«
    »Ja, ja, i woass scho. Hätt' da Bauer an Pfarrer beleidigt, nacha waar's
leicht mit'n Klag'n.«
    »Sehen Sie, Schuller - so heissen Sie? - reden Sie sich nicht in Zorn und
Argwohn hinein. Ich will Sie nicht fortschicken, wie Sie gekommen sind. Wenn es
Ihnen recht ist, schreibe ich dem Pfarrer; vielleicht kann man die Sache noch
mit Güte beilegen. Das halte ich für das Beste.«
    »Dös tean S' net! Bai i koa Recht it finden ko, is trauri; koa G'nad' mag i
net. Und mit der Güte is bei mir gar nix mehr.«
    »Er ist doch Ihr Seelsorger!«
    »Na, dös is er net. Liaba fall' i am Fleck um, als dass i no mal in d' Kirch'
geh' oder dass i a Sakrament nimm von dem Ehrabschneider.«
    »Versündigen Sie sich nicht an unserem heiligen Glauben!«
    »Heilig! Ja, der is heilig, der Glaub'n, der solchene Lehrer hat! San ma
staad über dös! I bin firti damit! Adjes!«
    Und der Schuller ging.
    Auf der Strasse blieben die Leute stehen und schauten dem Manne nach, der so
hastig ging und mit sich selber redete. Die Lüge blieb stehen.
    Jedes Wort war erfunden; so schlecht, wie nur einer was erfinden kann. Alle
mussten es wissen. Mit Händen war es zu greifen.
    Und half ihm alles nichts.
    Er musste das Unrecht leiden, wie er sich auch dagegen wehrte. Er war
machtlos, ganz machtlos.
    Herrgottsackerament!
Daheim fand er nichts, was ihm den Verdruss genommen hätte.
    Seine Bäuerin hatte nur dumme Fragen, und die Ursula ging müde und
schwerfällig im Hause herum.
    Ihr Zustand regte ihm noch mehr den Zorn auf.
    Da würde es nun über eine kurze Weile neuen Verdruss geben. Und seine Feinde
konnten sich freuen, wenn ihm der Hierangl vor Gericht das Hauswesen schlecht
machte.
    Das musste ihm gerade jetzt geschehen. Das heimliche Lachen sehen müssen und
nichts sagen dürfen. Vielleicht fragte ihn der Bezirksamtmann, ob das auch bloss
eine Verleumdung sei, das mit der Ursula. Und nahm es als Beweis, dass er recht
gehabt habe. Dass einer nicht zum Bürgermeister taugt, wenn er im Haus nicht auf
Ordnung sieht.
    »Geh mir aus'n Weg, du! I mag di net sehg'n!«
    Das musste die Ursula oft hören; und dann schlich sie sich in den Stall
hinaus und heulte jämmerlich.
    Die Mutter weinte mit.
    Ihr Herz war schwer bedrückt, weil der Bauer ihr gesagt hatte, dass er seinen
Fuss nicht mehr in die Kirche setze; sie solle ihn nie darum angehen, denn es
helfe ihr nichts. Das schien ihr das Ärgste von allem. Sie versuchte es mit
Bitten. Wenn er schon in Erlbach nicht gehe, so könne er ja in Webling die Messe
hören, dass ihn die Leute nicht für einen Heiden anschauen dürften. Wie wolle er
denn in der Beichte bestehen, wenn er keinen Sonntag mehr Amt und Predigt
besuche?
    Das wäre ihm keine Sorge, sagte der Schuller, weil er nicht mehr beichte.
    Aber wenn er die österliche Beichte versäume, sei er doch ausgestossen aus
der Kirche!
    Das kümmere niemand wie ihn, und er frage blutwenig danach. Sie solle nach
ihrem Gewissen leben, er rede ihr nichts ein. Aber in seine Sache solle sie sich
nicht mischen, und er rede nicht mehr darüber.
    Da wusste sie, dass alles vergeblich war; sie jammerte ihm nicht mehr vor,
aber wenn sie allein in der Küche war, setzte sie sich neben den Herd und weinte
in die Schürze hinein. Ihre kleine Welt war aus den Angeln gehoben. In der gab
es neben der Arbeit nur die kirchlichen Feierlichkeiten. Sie hingen so zusammen
mit allen Ereignissen, dass sie ihr notwendig schienen zum Leben. So war es doch
immer gehalten worden, bei ihr daheim und in jedem rechtschaffenen Hause, dass
die Eheleute miteinander zur Kirche gingen. Und fortan sollte sie allein den Weg
machen; nie mehr würde ihr Bauer neben ihr sein, nicht an den gebotenen
Feiertagen, nicht an den hohen Festen. Sein Platz im Kirchenstuhle musste leer
bleiben, und die Nachbarinnen sollten spöttisch auf sie hinüberschielen.
    Das schien ihr, als wäre ihr alle Ehrbarkeit genommen. In der Schlafkammer
lag unter einem Glassturze ihr Myrtenkranz. Einmal prangte sie mit ihm, als der
Andreas Vöst vor dem Altare versprach, ihr christlicher Ehemann zu sein, bis der
Tod sie scheide. Und wenn sie ihr zum zweiten Male den Kranz aufsetzten, dann
war es an dem Tage, wo sie nach einem arbeitsamen Leben die Glieder streckte.
    Aber lebte derweilen noch ihr Bauer, dann stand er nicht hinter dem
Geistlichen, der sie einsegnete, dann ging er nicht beim Gottesdienste als
Erster zum Opfern und sprengte nicht Weihwasser auf ihr Grab, wenn er des
Sonntags daran vorbei in die Kirche ging.
    So konnte sie nicht mehr ruhig sein im Leben und nicht im Sterben. Ihr
Hauswesen war fortan nicht mehr geachtet. Alle bösen Mäuler im Dorfe konnten es
lästern, und die richtigen Leute mussten es meiden.
Zu Weihnachten ging es die Schullerin am härtesten an. Aus allen Häusern eilten
die Leute in die Christmette; in der kleinsten Hütte flammte um die Mitternacht
ein Licht auf und irrte hinter den Fenstern hin und her. Wenn es erlosch,
öffnete sich die Türe, und verhüllte Gestalten traten heraus. Auch die ganz
Alten blieben nicht daheim; sie wateten mühsam durch den Schnee und schleppten
sich hustend bis zur Kirche. Die Ursula war mit den Ehehalten vorangegangen; die
Schullerin wartete noch und machte sich im Hause zu schaffen.
    Sie versuchte es noch einmal, ihren Bauern umzustimmen.
    »Heut' ko'st do gar it dahoam bleib'n, scho weg'n de Deanstbot'n it. Da is
ja koa Respekt nimmer im Haus!«
    »Geh, und lass ma mei Ruah! I mag den Menschen it sehg'n.«
    »Du brauchst'n ja it o'schaug'n; du tuast as ja g'rad weg'n de Leut'.«
    »Na, sag i. I geh' net, und bal'st du no lang red'st, nacha kimmst selm z'
spat.«
    »Da Haberlschneider sagt's aa, du gibst an Pfarra bloss a G'leg'nheit, dass er
schlecht reden ko über di.«
    »Wenn dös da Haberlschneider glaabt, is sei Sach'. I glaab's anderst und
bleib' dahoam.«
    Und die Schullerin musste allein gehen.
    Die Nacht war klar und kalt.
    Aus der Kirche drang helles Licht und legte sich auf die Schneedecke.
    Und leuchtete weitin in die Gassen und Winkel und zu den Hügeln hinauf, von
denen eilige Menschen herunterkamen.
    Sie schritten über die Felder dem Lichte zu, wie vor vielen hundert Jahren
die Hirten, denen die frohe Botschaft verkündet wurde.
    »Heute ist euch der Erlöser geboren worden. Ihr werdet ein Kindlein finden,
das in einer Krippe liegt.«
    Da verliessen sie ihre Herden und eilten, um das Ereignis zu sehen.
    Es muss wohl ein armer Häusler gewesen sein, bei dem der Herr Joseph
eingekehrt war.
    Bloss ein Ochs und ein Esel standen hinter dem Barren; kein Ross frass von der
Raufe, keine Kuh lag auf der Streu.
    Der Stall war niedrig und eng, dass er die Wärme hielt für das wenige Vieh.
    Und weil die Hirten keinen Platz darin hatten, blieben sie an der Türe
stehen.
    Das Kindlein lag nackend, wie es zur Welt gekommen war, und die Magd des
Herrn kniete davor und faltete fromm die Hände. Man sah ihr das Leiden an, denn
sie ist gar ein zartes Frauenzimmer gewesen und hat noch in den Wehen herumirren
müssen, bis sie endlich das Obdach fanden.
    Der Joseph ist sorgsam dabei gestanden in zwiefacher Sorge um die Mutter und
das Kind; wenn er seine schwieligen Hände zum Beten zusammenlegte, hat er in die
Krippe geschaut, ob die Tiere das Stroh nicht unter dem Kinde wegzogen, und ob
er noch ein Büschel unterlegen müsse.
    Das waren drei arme Menschen.
    Aber die Hirten sind vor ihnen niedergekniet.
    Es ist ein lichter Schein von der Krippe ausgegangen und auf sie gefallen.
Der leuchtet noch heute den Armen.
    In diesem nackten Kindlein erstand ihnen ein Streiter.
    Wie es neben der Hobelbank aufwuchs und in ehrfürchtiger Liebe an den Händen
der Eltern die Ehrenmale der Arbeit sah, ist in ihm der heisse Wunsch gross
geworden, den Menschen zu helfen.
    Und es ist der erste Kämpfer geworden gegen die Reichen und Mächtigen.
    Die leidenden Menschen wissen es kaum; in der lauten Verehrung seines Namens
ist gerade das zur Vergessenheit gekommen. Aber einmal im Jahre müssen sie daran
denken. In der stillen Winternacht, wenn man die Geburt des Kindes feiert.
    Da mögen die Armen glauben, dass der Mann sein Leben lang zu ihnen gestanden
ist, der im engen Stalle auf die Welt kam.
Dichtgedrängt standen die Leute in der Kirche, und immer noch ging die Türe auf
und zu. Vorne am Altare und an den Seitenwänden brannten Kerzen; davon war die
gewölbte Decke erhellt; unten auf der Menge lag tiefes Dunkel. Aber hier und
dort flackerte ein Licht, und in seinem gelben Scheine hob sich scharf umrissen
ein ernstaftes Gesicht ab. Eine alte Bäuerin, die ihren Wachsstock angezündet
hatte und im Gebetbuche las.
    Man sah die Lippen sich bewegen und den Hauch vom Munde gehen. Die Menge
stand nicht still. Viele rührten sich, dass sie die Kälte nicht so empfindlich
merkten. Die Füsse scharrten den Boden, unterdrücktes Husten kam aus dem Dunkel
heraus und hallte vom Gewölbe zurück.
    Mit einem Male verschlang voller Orgelton das Geräusch; Herr Stegmüller
griff drei oder vier kräftige Akkorde und ging zu einer Melodie über.
    Eine dünne Frauenstimme fiel ein, und wer zum Chor hinaufblickte, sah in
schwacher Beleuchtung die Näherin, die Schallmaier Zenzi, welche auch des
Sonntags das Hochamt begleitete.
    Für gewöhnlich musste sie lateinische Worte singen; heute war es ein
deutsches Lied. Den Brauch hatte vor vielen Jahren der Pfarrer Held so
eingeführt.
»Es ist ein Ros' entsprungen
Aus einer Wurzel zart,
Wie uns die Alten sungen,
Aus Jesse kam die Art.
Und hat ein Blümlein bracht
Mitten im kalten Winter
Wohl zu der halben Nacht.«
Als das Lied zu Ende war, zog der Mesner dreimal an der Sakristeiglocke; der
Pfarrer schritt im goldgestickten Kleide zum Altare hin, die Ministranten
klingelten, und einer schwang das Weihrauchfass.
    Jetzt kam wieder das Lateinische zu seinem Rechte.
    Die Schullerin war in dem Gedränge bis zur Seitenkapelle geschoben worden.
Hier hatte der Mesner eine Krippe aufgerichtet; darstellend die Geburt des
Herrn. Über die Hälfte des Raumes nahm der Stall von Betlehem ein; es war aber
kein Stall, wie sie vielleicht in Palästina gebaut worden sind; es war ein
richtiger, ordentlicher Stall, wie man sie hierzulande hat.
    Alles darin war genau und gut nachgemacht; Barren und Raufe, ein hölzerner
Verschlag, in dem man die Schweine unterbringt, oben die Luke, durch die man das
Heu herunterwirft; dazu Geräte und Handwerkszeug, ein Schubkarren, Trankkübel
und ein Melkstuhl waren da; Heurechen und Gabeln waren an die Wand gelehnt.
    Und hinter dem Barren stand ein Ochse; aber kein Ochse, wie man sie in
Palästina hat, sondern ein richtiger Pinzgauer, rot und weiss gefleckt. Der Esel
daneben ist eher orientalisch gewesen, denn der Meister hatte ihn ohne Vorbild
geschnitzt.
    Vom Stalle weg dehnte sich eine Landschaft aus; eine richtige, deutsche
Schneelandschaft mit Hügeln und Bäumen. Am dunkeln Himmel leuchteten die Sterne;
einer besonders hell. Das war der Stern, der die Weisen aus dem Morgenlande
herbeiführte. Zu dem sahen die Hirten hinauf; sie mussten aber die Augen vor
seinem Glanze bedecken.
    Andere Hirten hatten sich vor dem Stalle aufgestellt und schauten andächtig
hinein. Da sass die Jungfrau auf dem umgestülpten Schubkarren und hielt zärtlich
blickend das Kindlein im Schosse. Der Joseph stand daneben; mit der linken Hand
strich er sich den langen Bart, die rechte hielt er freudig in die Höhe, und sie
stiess beinahe an der Decke des Stalles an.
    Die Schullerin schaute gar andächtig auf die Gruppe.
    Das war so, wie es im Liede gesungen wurde.
»Und hat ein Blümlein bracht
Mitten im kalten Winter
Wohl zu der halben Nacht.«
Da musste sie an ihr eigenes Kind denken, das sie den letzten Herbst zur Welt
gebracht hatte.
    Und das ihr der Pfarrer in ungeweihter Erde neben der Friedhofmauer
einscharren liess, weil es nicht getauft war in dem Glauben dessen, der da
drinnen in der Krippe so hilflos auf seiner Mutter Schoss lag.
    Es steht aber geschrieben: »Acht Tage später wurde das Kind beschnitten und
ihm der Name Jesus gegeben.«
    Eine ganze Woche später. Wenn da ein Unglück geschehen wäre, ob sie im
Morgenlande gegen die Mutter auch so grausam gehandelt hätten?
    Das ihrige war keine Stunde alt geworden und durfte doch nicht liegen neben
den Eltern, um auf die Auferstehung zu warten.
    Daran musste die Schullerin denken.
    Wenn das nicht geschehen wäre, hätte vieles ein anderes Aussehen bekommen.
Von dem Tage an war der Verdruss angegangen und hatte nicht mehr aufgehört. Ja,
wäre das nicht gewesen, dann stünde jetzt der Bauer neben ihr und fehlte nicht
am heiligsten Abend in der Kirche.
    Eine lebhafte Bewegung kam unter die Leute; am Altare sang der hochwürdige
Herr ein lateinisches Wort besonders langgedehnt und feierlich durch die Nase.
    Die Mette war zu Ende.
Die Ehehalten des Schuller verbreiteten es bald im Dorfe, dass ihr Bauer den
Glauben abgeschworen habe und kein Christ mehr sein wolle.
    Aber die Erlbacher hätten das auch ohne die Rederei bald gemerkt, denn bei
allen heiligen Handlungen, die in dieser Zeit schnell hintereinander folgen,
fehlte der Andreas Vöst.
    Er trank nicht vom gesegneten Johanneswein; er war nicht bei der grossen
Salz- und Wasserweihe, die am Abend vor dem Dreikönigstage gehalten wird, und er
ging am Lichtmesstage nicht mit einer geweihten Kerze in der Prozession.
    Die Schullerin brachte freilich geweihtes Salz heim und vermengte es mit dem
Johanneswein, auf dass die Mischung das ganze Jahr aufbewahrt bleibe und davon
jedem Stück Vieh gegeben würde, welches in den Stall käme.
    Aber wie konnte es helfen und den Schaden abwehren, wenn der Hausherr den
Brauch nicht ehrte?
    Sogar den Blasiussegen verschmähte er.
    Er war nicht unter den Leuten, welche am Tage nach Lichtmess vor dem Altare
knieten; er liess sich nicht die gekreuzten Kerzen an den Hals legen, dass er von
Krankheit verschont bleibe. Aber wenn der Schuller glaubte, dass er für sich
allein nach eigenen Gesetzen leben könne, irrte er sich.
    An seine Feindschaft mit dem Pfarrer hätten sich viele nicht gekehrt; die
gab es zu allen Zeiten, voraus jetzt, wo sich die Bauernbündler zusammentaten.
    Aber wer sich von Herkommen und Brauch losmacht, verliert den Boden unter
den Füssen. Darin hatte die Schullerin mit ihrem Weiberverstande klarer gesehen
wie der Bauer.
    Das Ansehen wurde ihm gemindert, in der Gemeinde, wie im Hause.
    Denn die Sitte ist älter als die Menschen. Und sie ist stärker.
    Weil sie das nüchterne Leben segnet, ist sie ehrwürdig, und weil sie
ehrwürdig ist, kann sie keiner ohne Schaden verletzen.
    Sie ehrt die Arbeit, sie gibt der Fröhlichheit und der Trauer Bedeutung.
    Absonderlich der Bauer hängt mit zäher Treue an ihr.
    Sie begleitet ihn von dem Tage an, wo der Göd seinen Einbindtaler dem
Täufling in die Windeln steckt, bis zu der Stunde, wo ehrsame Nachbarn seinen
Sarg dreimal auf die Schwelle des Hauses niederlassen, bevor sie ihn auf die
Schultern heben.
    Dass der Schuller heraustrat aus dem festgefügten Kreise, missfiel allen.
    Auch dem Haberlschneider.
    Er sagte dem Freunde offen, dass er unrecht damit tue, und dass ihn jeder
tadeln müsse, der es gut mit ihm meine.
    Wenn jetzt der Pfarrer seinen Schmerz über den unchristlichen Haushalt auf
der Kanzel verkündete, dachte mancher Rechtschaffene, dass er damit seine Pflicht
tue.
    Und im eigenen Hause mehrte sich dem Schuller der Verdruss.
    Zu Lichtmess sagten ihm alle Dienstboten auf. Sie wollten einem Herrn nicht
dienen, der im Gerede stand; denn von dem Spotte fiel auch etwas auf sie.
    Die neuen, welche kamen, taugten nicht viel. Sie glaubten von Anfang, dass
sie in diesem Hause das Recht zur Liederlichkeit hätten. Wenn sie dann straffes
Regiment spürten, wurden sie störrisch und missmutig.
    
    Der Rossknecht war das Jahr zuvor bei einem Bauern in Webling gewesen, der
alle fünf gerade sein liess und seinen Stall unreinlich hielt.
    Gerade in dem Punkte war der Schuller genauer wie andere; er hatte nicht
bloss in seinem eigenen Anwesen alte Missbräuche abgeschafft, sondern auch
Nachbarn und Freunde darüber belehrt, dass die alte Manier schädlich sei.
    Er sah streng darauf, dass jede Futterzeit Dünger und Streu entfernt wurden,
damit die Pferde ein trockenes und reinliches Lager hatten.
    Dem neuen Knechte war die Arbeit zu viel. Als ein richtiger Faulenzer wusste
er immer Gründe anzugeben, wenn er die Streu liegen liess.
    Der Boden sei zu hart, sagte er, und er dürfe doch nicht jedesmal einen
grossen Haufen ausbreiten; da sei es gescheiter, frische Streu auf die alte zu
legen.
    Der Schuller machte ihm begreiflich, dass es ihm auf ein paar Strohbündel
nicht ankomme. Übertreiben müsse man es ja nicht;
    und ein hartes Lager sei immer noch besser, wie Schmutz oder Nässe.
    Der Hansgirgl hörte zu und sagte, er wolle in Gottes Namen jedesmal frische
Streu aufschütten; aber die alte warf er liederlich in eine Ecke des Stalles.
    Da musste ihn der Schuller wieder mahnen. Er habe ihm doch angeschafft, dass
er die alte Streu auf den Mistaufen bringen solle.
    Der Hansgirgl sagte, es sei draussen zu kalt, und er habe die Stalltüre nicht
aufmachen dürfen, sonst wäre die Luft hereingekommen.
    Der Dallhammer von Webling sei scharf darauf gewesen, dass die kalte Luft
nicht in den Stall komme. Das sei eine alte Dummheit, entgegnete der Schuller.
    Bei ihm müsse es anders gemacht werden. Nur auf mit der Tür, dreimal im Tag,
und den Mist hinausgefahren! Die Luft sei was Gutes für Mensch und Vieh.
    Ein paar Wochen tat es gut.
    Bis eines Tages der Hansgirgl wieder frische Streu auf die alte warf.
Diesmal fasste der Schuller schärfer an.
    »Ja, hab' i dir's it g'sagt, dass i dös it mag? Is mei Reden für gar nix?«
    »'s Ross liegt oamal z'hart, und de alt' Strah is gar it nass; beim Dallhammer
hamm mir de Strah glei drei und vier Täg liegen lassen.«
    »Was geht denn dös mi o, was der Dallhammer tuat?«
    »Der sell hat aa was verstanden, und 's Ross braucht it so hart liegen.«
    »Bei mir g'schieht dös, was i will. Und dös mirkst dir amal guat!«
    Der Hansgirgl räumte verdrossen den Mist zusammen und streute frisch auf.
Wie er mit der Arbeit fertig war, band er den Schurz ab und zog seinen Janker
an.
    Eine Viertelstunde später sass er beim Wirt, und drei Stunden später sass er
noch dort.
    Seinen Hut schob er von einem Ohr auf das andere, und jedesmal, wenn ihm die
Kellnerin eine frische Halbe brachte, liess er sie trinken. Er sagte, dass er sich
nichts gefallen lasse. Und das müsse schon eine ganz andere Herrschaft sein, von
der er sich was gefallen lasse. Er wolle die Arbeit tun, akkurat so, wie beim
Dallhammer von Webling; das Neumodische kenne er nicht und wolle er nicht, und
es reue ihn, dass er vom Dallhammer weggegangen sei.
    Die Pferde daheim wurden unruhig, als zur Futterzeit niemand kam.
    Da ging der Schuller in den Stall und sah, dass der Hansgirgl ausgeblieben
war. Er schüttete selber vor und war zornig über den Knecht, der nach so kurzer
Zeit schon liederlich wurde.
    Als er ihn später durch den Hof gehen sah, trat er auf ihn zu.
    »Wo kimmst denn du her?« - »I?«
    »Ja, du. Woasst du it, wann Fuatterzeit is?«
    »I waar scho kemma.«
    »Du waar'st scho kemma! Müassen d' Ross warten, bis du g'nua g'soffen hoscht.
Du stinkst nach'n Bier!«
    »I ho gar it g'soffen. Wegen dera Halbe brauch' i mi net schimpfen lassen.«
    »Balst ma dös nomal tuast, dass d' unter der Zeit zu'n Wirt laafst, nacha
schmeiss' i di aussi.«
    »So, du schmeisst mi aussi?«
    »Jawohl, schnell g'nua.«
    »Na, dös tuast du net! I geh' a so und schaug mir um an richtigen Deanst in
an richtigen Haus.«
    »Nimm di z'samm!«
    »I nimm mi gar it z'samm. Mi hat's a so den ersten Tag g'reut, dass i zu dir
kemma bi. A jeder Mensch sagt's, dass ma bei dir it bleib'n soll. Du bist ja gar
koa Christ! Du bist ja gar neamd!«
    »Geh in dei Kammer und pack dei Sach'! Morg'n in da Fruah machst, dass d'
weiter kimmst. Dei Büachl und dein Lohn für dös Monat schick' i dir umi. Und
sehg'n will i di nimmer!«
    Der Hansgirgl zog am nächsten Morgen ab. Einige Tage später ging auch die
Mitterdirn nach einem geringfügigen Wortwechsel mit der Bäuerin. Die Bäcker
Ulrich Marie wusste ihr einen besseren Platz, wo sie ihr Seelenheil nicht auf das
Spiel setzen musste.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
»Der rechte Fuss setzt im Takt ein, der linke zieht einen Bogen nach rechts! Also
nochmal! Eins, zwei, drei - vier, fünf, sechs!«
    Der ehemalige herzogliche Hoftänzer Merkle gab Tanzunterricht, und es waren
im Saale des Schimmelwirtes ein Dutzend Studenten und ebensoviel Bürgermädchen
anwesend, welche die gesellige Kunst in sechs Lektionen erlernen wollten. Und
Merkle war der Mann dazu, sie jedem beizubringen, weil er sie ernst nahm. Er
hatte ein Buch über die Tanzkunst geschrieben und das begann so: »Der Tanz als
Kunst ist die vollendetste ästetische Formenbewegung, also das Symbol der
plastischen Schönheit. Er ist das Streben, dem Körper die höchste Schönheit zu
verleihen, ihn durch Anmut zu verklären, ihm ästetische Bedeutung zu geben; das
wenigstens ist der Standpunkt, den ich als Repräsentant der modernen Tanzkunst
einnehme.«
    Und er lebte nach diesem Glauben.
    Niemals stellte er seine Beine in gewöhnlicher Weise nebeneinander auf den
Boden; immer ruhte eines auf der Fussspitze, indem es sich in schönem Halbbogen
wölbte; niemals ballten sich seine Hände zu Fäusten zusammen, niemals steckten
sie in Taschen, oder hingen bedeutungslos an ihren Gelenken.
    Sie vorzüglich hatten, wie Merkle sagte, die Aufgabe, durch Attitüden das
Symbol der plastischen Schönheit darzustellen. Man erreicht dieses Ziel, indem
man die kleinen Finger sich von den übrigen wegstrecken lässt und die gerundeten
Zeigefinger an die Daumen presst.
    Aber wenn Merkle für sich diese Vollendung erreichte, so war es ihm doch
unendlich schwer, sie anderen mitzuteilen.
    Denn unter seinen Schülern waren Menschen, deren Gliederbau nicht zierlicher
war als der von jungen Hühnerhunden; und welche erst reiflichen Nachdenkens
bedurften, wenn sie eine entferntere Extremität in Bewegung setzen wollten; und
welche eine runde Linie herstellten, indem sie eine gerade zwei-oder dreimal
knickten.
    Es waren Menschen da, welche niemals einsahn, warum ihre Fersen nicht auch
am Vergnügen teilhaben sollten, und welche wie vom Blitz getroffen umfielen,
wenn sie ihr Dasein auf die Fussspitzen verlegen wollten.
    Und dann gab es Mädchen, welche die ganze Hilflosigkeit ihres Geschlechtes
begriffen, wenn der Tanz begann. Und welche sich an die Herren klammerten, als
müssten sie durch einen reissenden Fluss hindurchwaten, oder als würden sie aus
einem brennenden Hause gerettet.
    Und wirklich, es war nicht leicht, sie alle so abzurichten, dass ihr Tanz als
Symbol der plastischen Schönheit gelten musste. Aber Merkle war der Mann dazu.
    Er gab dem fetten Herrn am Klavier ein Zeichen. Und dieser begann wieder:
»Komm herab, o Madonna Teresa!
Sieh doch, wie schön ist die Nacht!«
Ein junger Mann riss eine Blondine grausam von den Freundinnen weg und begann, um
sie herumzulaufen, und stiess ihr die Knie in den Leib und versuchte, ihr die
Hüften abzudrehen, und schüttelte sie, als wolle er ihren ganzen Inhalt
verstreuen.
    »Halt!«
    Das Klavier schwieg.
    »Sie sind zu heftig, mein Herr!« sagte Merkle. »Gerade der Walzer
erleichtert den elastischen Schwung und verleiht dem Körper eine ungemein
natürliche Grazie. Sehen Sie her! So! Der rechte Fuss setzt im Takt ein, der
linke Fuss zieht einen Bogen nach rechts.«
    Die Musik begann wieder.
»Komm herab, o Madonna Teresa!
Sieh doch, wie schön ist die Nacht!«
Der junge Mann versuchte aufs neue, die Hindernisse zu besiegen. Er biss die
Zähne zusammen und schaute starr auf den Boden und trat mit den Stiefeln darauf
herum, als müsse er eine Menge Ungeziefer tottreten, und dann schleuderte er
wieder seine Füsse von sich weg, als wolle er sie nie mehr in seinem Leben sehen,
und dann drehte er sich in einem Wirbel um sich selber herum, als wäre durch
seinen Leib eine Eisenstange gezogen. Und das blonde Mädchen hüpfte für sich
allein auf und ab, da es diese ungeahnten Bewegungen nicht mitmachen konnte.
    »Halt!« kommandierte Merkle. »Mein Herr, Sie müssen noch die Positionen der
Füsse üben; in der Führung der Dame sind Sie nicht sicher genug. Ein anderes
Paar! Darf ich bitten?«
    Ein langer Jüngling trat aus der Reihe vor und hielt seine rotwangige
Tänzerin mit gestreckten Armen von sich weg.
    »Nehmen Sie eine ungezwungene Haltung an!« mahnte Merkle. »Die Dame muss sich
anschmiegen. In natürlicher Grazie, aber nicht zärtlich! So ist es schon besser.
Eins, zwei, drei - vier, fünf, sechs! Gut! Bravo! Es geht ganz ordentlich, Herr
Mang. Sie müssen nur Zwanglosigkeit zeigen.«
    Sylvester kam mit Ehren um den Saal herum, und der Tanzmeister sagte: »Sie
werden eine gute Figur auf dem Kränzchen machen; ich wäre sehr froh, wenn alle
Herren so vorgeschritten wären.«
    Diese Übungen wurden nämlich nicht abgehalten in dem Streben, dem Körper die
höchste Schönheit zu verleihen; sie hatten einen besonderen Zweck.
    Die studentische Verbindung »Klio« wollte ein Kränzchen veranstalten, und
ihre jungen Mitglieder mussten sich darauf vorbereiten.
    Sylvester war von einem Schulfreunde eingeladen worden, an der Tanzstunde
teilzunehmen und das Kränzchen mitzumachen. Er sagte nicht sogleich zu, weil er
in seiner Lage üble Deutungen und Nachreden scheute. Aber der alte Schratt
erklärte ihm, dass es zu den notwendigen Erfahrungen des Lebens gehöre, ein
hübsches Mädel im Tanze herumzuschwenken, und der Schulfreund erzählte ihm, dass
die besten Familien eingeladen wären, und dass sehr feine Mädchen kommen würden,
als zum Beispiel die Töchter des Herrn Rektors, und die Töchter des
Magistratsrates Küfel, und die Tochter des Kaufmanns Sporner. Da ging Sylvester
noch einmal in sich und sagte seine Beteiligung zu.
    Er hatte mit Traudchen nie mehr gesprochen seit jenem Abend. Gesehen hatte
er sie des öfteren, d.h. zweimal, wie er genau wusste.
    Zuerst in der Woche vor Weihnachten, als er abends durch die Teatinerstrasse
wandelte.
    Da drängten sich die Leute und bewunderten die festliche Pracht der
Auslagen.
    Plötzlich sah er vor einem Laden eine stattliche Dame stehen, neben ihr ein
schlankes Mädchen, dessen reiches Haar in einem schönen Knoten gebunden war.
    Und der Studiosus Mang verspürte ganz plötzlich Herzklopfen und blieb wie
angewurzelt stehen, indem er seine Augen auf das Pelzbarett und den Haarknoten
gerichtet hielt.
    Zufällig wandte die junge Dame den Kopf, und zufällig traf ihr Blick den
langen Studenten.
    Er zog hastig den Hut, aber er war zu schüchtern, um sie genau anzusehen.
    Überdies stieg ihm das Blut heiss in den Kopf, und ausserdem hatte er
Ohrensausen.
    Das alles gab mit dem Herzklopfen bedenkliche Krankheitserscheinungen und
trübte seine Beobachtungsgabe.
    So wusste er nicht, hatte sie ihm wirklich zugenickt, und hatte sie wirklich
freundlich gelächelt, und war sie wirklich rot geworden?
    Oder kam das von den bunten Glühlampen, welche hinter dem Auslagefenster
brannten?
    Sylvester dachte lange über diese Sache nach und kam zu keinem
abschliessenden Urteile.
    Die zweite Begegnung fand einige Wochen später statt. Den 3. Januar,
nachmittags, auf dem Maximiliansplatze.
    Sylvester ging mit dem Sohne des Hannes Weiss aus Pirmasens.
    Er belehrte ihn, dass der Diktator Lucius Cornelius Sulla nicht, wie John
White jun. angenomen hatte, den Cajus Julius Cäsar ermordete, und dass man einen
solchen Verdacht schon deshalb nicht nähren könne, weil der Cornelius Sulla
ungefähr vierunddreissig Jahre vor dem ruchlosen Morde gestorben war.
    In diesem Vortrage hielt Sylvester plötzlich inne, als zwei junge Mädchen
mit fröhlichem Lachen um die Ecke bogen.
    Und er zog wieder hastig seinen Hut und wusste wieder nicht, ob Fräulein
Traudchen Sporner seinen Gruss freundlich aufgenommen hatte.
    Diesmal aber erhielt er Gewissheit. Als er seine Rede etwas zerstreut wieder
aufnahm und sich über die persönlichen Verhältnisse des Cornelius Sulla ausliess,
sagte John White jun.:
    »Ich glaube, sie hat gewartet, dass Sie mit ihr sprechen.«
    »Wer?«
    »Die junge Dame, welche Sie gegrüsst haben. Sie ist mit der anderen vor dem
Laden stehen geblieben und hat hineingesehen.«
    »Das wissen Sie nicht, John. Man darf eine Dame nicht anreden.«
    Sylvester sagte das so bestimmt, als verkünde er eine grosse Wahrheit.
Innerlich machte er sich Vorwürfe über sein Verhalten. Er malte sich umständlich
aus, wie er sich hätte benehmen sollen, und was dann gewesen wäre.
    Wenn er zum Beispiel Fräulein Traudchen angesprochen hätte: »Ich wollte mich
nur nach dem Befinden Ihrer werten Eltern erkundigen«, oder: »Darf ich mir die
Frage erlauben, ob Sie im Klavierspielen noch immer so grosse Fortschritte
machen?«
    Es war zu vermuten, dass die junge Dame freundlich geantwortet hätte, und
dann war die Möglichkeit geboten, noch einige detaillierte Fragen zu stellen
nach dem besonderen Befinden des Papa Sporner und dem besonderen Befinden der
Mama Sporner, ja, sogar nach den Erlebnissen der Tochter selbst.
    Sylvester nahm sich fest vor, die nächste Gelegenheit nicht wieder so
töricht zu versäumen und gründlich das Gesetz zu übertreten, welches er soeben
feierlich dem John White jun. kundgegeben hatte.
    Aber das Schicksal liess ihn diesen Fehltritt nicht begehen.
    Obwohl er von nun ab für seine belehrenden Spaziergänge immer wieder den
Maximiliansplatz wählte, unterbrachen ihn keine lachenden Mädchen mehr, und er
konnte ganz ungestört alle Irrtümer beseitigen, welche sich in die
geschichtlichen Kenntnisse seines Schülers eingeschlichen hatten.
    Jetzt ging Sylvester in seinen kühnen Plänen weiter. Er wollte möglichst oft
den Weg durch die Rosengasse nehmen und so den ersehnten Zufall mit Gewalt
herbeiführen. Er konnte doch wie andere Menschen ganz unbefangen an der Firma
Sporners selige Erben vorübergehen, auch zufällig zum dritten Fenster im ersten
Stocke hinaufsehen und zufällig einem Mitgliede der Familie begegnen.
    Solche Vorsätze fasste Sylvester Mang und hielt an ihnen fest, bis er an die
Ecke der Rosengasse kam. Hier kehrte er jedesmal wieder um und legte sich die
Gründe vor, welche gegen das Unternehmen sprachen.
    Doch einmal fasste er sich ein Herz und bog mit unbefangener Miene in die
Gasse ein.
    Aber seine Schritte wurden langsamer, je näher er an das Haus kam.
    Er schlich hart an der Wand von Sporners seligen Erben vorbei, und als er
zur Ladentüre kam, machte er mit abgewandtem Gesichte drei grosse Schritte, um
den Blicken der Madame Sporner zu entgehen, welche von der Kasse aus die Strasse
übersehen konnte.
    Ach, wie lieblich duftete der Kaffee! Wie freundlich glänzte der
Messinggriff an der Türe!
    Und wie lustig rauchte der Neger auf dem gemalten Schilde!
Das würde nun so kommen, dachte Sylvester. Herr Assessor Schratt und er würden
den Ball besuchen. Herr Assessor Schratt würde die Familie Sporner begrüssen, und
da müsste sich eine gute Gelegenheit finden, dass er sich gleichfalls dem Papa,
der Mama und dem Fräulein in Erinnerung bringen konnte.
    »Warum soll ich noch auf einen Ball gehen?« fragte Schratt.
    »Bitte, sagen Sie zu! Sie werden sich sehr gut unterhalten,« bat Sylvester.
    »Das weiss ich nun gar nicht.«
    »Gewiss; Sie werden sehen. Hufnagel sagt, es kommen sehr feine Familien.«
    »Wer ist Hufnagel?«
    »Der Vorstand der 'Klio'. Er studiert Philologie.«
    »Das verrät allerdings eine gewisse Gediegenheit des Charakters. Und er
übernimmt die Garantie, dass nur feine Familien kommen?«
    »Ja, bekannte Bürger und höhere Beamte.«
    »Höhere Beamte, bekannte Bürger. Sagen Sie, Sylvester, wird sich unter den
bekannten Bürgern auch ein gewisser Michael Sporner befinden? Mich interessiert
das, weil dieser Herr mein Tee- und Tabaklieferant ist.«
    Sylvester wurde rot, und der alte Max Schratt nahm die Pfeife aus dem Munde
und lachte herzlich.
    »Sie sind einmal ein Duckmäuser! Seit zwei Tagen schildern Sie mir alle
Herrlichkeiten, die mich auf dem Balle erwarten, und die Hauptsache verschweigen
Sie!«
    »Ich dachte ...«
    »Sie dachten, dass ich hingehen sollte, um wieder einmal höhere Beamte zu
sehen?«
    »Also werden Sie kommen?«
    »Vielleicht. Weil Sie ein guter Kerl sind.«
    »Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mich das freut. Ich bin Ihnen so dankbar!«
    »Was versprechen Sie sich eigentlich von mir? Soll ich den Eltern Ihre
Vorzüge schildern?«
    »Nein, wenn Sie nur dort sind! Dann traue ich mich, mit der Familie zu
reden.«
    »Schön! Reden Sie mit der Familie, vergessen Sie dabei aber nicht, das
hübsche Fräulein Traudel zu engagieren! Ich werde mein möglichstes tun, um das
Gemüt des Herrn Sporner zu erheitern. Post epulas sermones haberi solent. Nach
dem Souper gibt man sich Gesprächen hin. Ich will ihn fragen, wo der beste
Teestrauch wächst.«
    Dem Sylvester Mang war eine grosse Last vom Herzen genommen, als er die
Zusage seines alten Freundes hatte.
    Er sollte ihm ein Schild sein gegen die erstaunten Blicke der Madame
Sporner, ein Bote seiner aufrichtigen Verehrung für sie, der wohlwollende
Erklärer aller Tatsachen, welche seine Teilnahme an solchen Lustbarkeiten
entschuldigen konnten.
Der Ball wurde abgehalten im Hackerbräusaale; begann des Abends acht Uhr mit
einer Polonäse und endete am frühen Morgen mit einem Kotillon; begann mit
steifen Verbeugungen der jungen Männer, scheuen Blicken der Mädchen und endete
mit fröhlichem Plaudern, begann mit einem schmerzlichen Lächeln des Herrn Merkle
und endete mit der ausdrucksvollen Gebärde seiner Zufriedenheit.
    Sylvester war frühzeitig gekommen. Er wollte auf Schratt warten, aber der
schickte ihn fort.
    »Ich muss mit Gemütsruhe essen,« sagte er. »Und ich will Ihre herzklopfende
Ungeduld nicht auf die Probe stellen. Sie würden heimlich die Minuten zählen und
mich für ein gefühlloses Scheusal halten. Gehen Sie nur voran und erwarten Sie
mich auf dem Schlachtfelde!«
    Dann stand Sylvester an der Saaltüre bei den Jüngern der Klio. Keiner zeigte
Fröhlichkeit oder jugendlichen Leichtsinn. Einige zerrten an ihren Handschuhen,
andere richteten ihre Scheitel; alle blickten sorgenvoll in die Welt.
    Merkle trat unter sie und gab ihnen die letzten Verhaltungsmassregeln.
    »Also ein devotes Komplimang, wenn Damen eintreten. Anweisen der Plätze
durch die Komiteemitglieder. Sieht man Bekannte, so eilt man auf sie zu, begrüsst
sie herzlich und ist ihnen hehilflich. Und heiter, meine Herren! Fröhliche
Mienen! Damit sofort eine gehobene Stimmung Platz greift. Mit dem Engagieren
erst beginnen, wenn die Gäste möglichst vollzählig erschienen sind! Man nähert
sich hierbei der jungen Dame bis auf zwei Schritte, macht ein Komplimang, tritt
noch einen halben Schritt vor und sagt: 'Gnädiges Fräulein, darf ich ergebenst
um die Tanzkarte bitten?' Dann zeichnet man seinen Namen mit deutlicher Schrift
ein: die Dame tut das Gleiche. Es ist Sache der Herren, sich genau den Namen,
auch den Platz der Dame zu merken. Verwechslungen können zu sehr unangenehmen
Ereignissen führen. Und jetzt noch einmal, fröhliche Mienen! Man kommt.« Der
Diener öffnete die Saaltüre.
    Ein beleibter Herr, eine stattliche Dame, zwei Engel in rosafarbenen
Kleidern.
    Der lange Jakob Hufnagel stürzte auf sie los, als wollte er einen
feindlichen Angriff gegen sie ausführen. Die stattliche Dame wich ihm aus, und
Merkle eilte herbei, um diese erste Verwirrung zu schlichten.
    Es gelang ihm, die Familie zu beruhigen und dem beleibten Herrn zu erklären,
dass sich der Präses Hufnagel lediglich die Ehre geben wolle, den Herrschaften
Plätze anzuweisen.
    Von jetzt an war die Saaltüre in steter Bewegung. Duftige Gestalten
schwebten herein, geschmückte Mädchen drängten sich aneinander und flüsterten
sich Geheimnisse zu, kernige Bürger schritten neben ihren Gattinnen einher, und
über die Köpfe der Eintretenden weg fiel der Blick auf leuchtende Gestalten, die
sich in der Garderobe aus ihren Mänteln schälten.
    Unaufhörlich flutete es in den Saal, vorüber an den Söhnen der Klio, welche
angesichts der Herrlichkeiten immer beklommener wurden.
    Sylvester liess seine Blicke suchend über die Gäste gleiten. »Jetzt!« dachte
er, so oft die Türe geöffnet wurde. »Nein. Wieder nicht.« Seine Hoffnung sank.
    Vermutlich würden sie nicht kommen. Vermutlich hatte Madame Sporner
erfahren, dass Leute erscheinen würden, welche sie schon einmal hatte
zurechtweisen müssen.
    Und da hatte Madame Sporner gewiss erklärt, es sei unpassend, diese
Unterhaltung zu besuchen.
    Die tiefe Bassstimme Hufnagels weckte ihn aus seinen düsteren Gedanken.
    »Mang, glaubst du nicht, es wäre allmählich Zeit, mit dem Engagieren zu
beginnen?«
    Sylvester blickte den Freund verständnislos an.
    Was bedeutete diese Sache für ihn? Was bedeutete der ganze Ball für ihn?
    Er antwortete irgend etwas und sah nach der Türe, die sich soeben wieder
auftat. Da!
    Die majestätische Gestalt der Frau Sophie Sporner erschien. Ihr Seidengewand
rauschte so lebhaft, wie sich das ein echter und gediegener Stoff erlauben darf.
    Dann kam eine junge Dame in Weiss, deren Augen ein wenig forschend im Saale
herumwanderten und lustig blitzten, als sie auf Sylvester fielen.
    Und dann kam im Bratenrocke der gutmütige Papa. Es war nicht mehr
anzuzweifeln, die Firma war anwesend.
    Sylvester überlegte. Sollte er hineilen und die Eltern begrüssen?
    Merkle hatte dies vorgeschrieben; aber seine Lehre war für geübte Truppen
berechnet, nicht für Jünglinge, denen Ehrfurcht die Kehlen zuschnürt.
    Sylvester sagte sich, dass er auf Schratt warten müsse.
    In drei Minuten war es acht Uhr, und er hatte versprochen, pünktlich zu
sein.
    Wieder sagte die Bassstimme neben Mang:
    »Jetzt sollten wir zum Engagement schreiten!«
    Zum Glück für Sylvester war der zweite Vorstand des Vereines, Herr Teodor
Schmelzte, ein Jurist und erklärte, dass der Wortlaut des Programmes massgebend
sei. Hiernach beginne der Ball Punkt acht Uhr, das Engagieren bilde aber einen
Bestandteil des Balles, und ergo treffe auch hierfür die Zeitbestimmung zu.
    Ob das richtig war oder nicht, jedenfalls dauerte die Interpretation so
lange, dass in der Zwischenzeit der ungeduldig erwartete Schratt auftauchte.
    Sylvester begrüsste ihn stürmisch. »Ich habe schon geglaubt, Sie kommen zu
spät. Das Engagieren kann nicht mehr verschoben werden!«
    »So? Na, einen Platz werde ich noch kriegen. Ist die angesehene
Bürgersfamilie bereits anwesend?«
    »Ja.«
    »Die wollen wir aufsuchen.«
    Schratt ging auf die Familie Sporner zu mit einem Mute, der Sylvester
Bewunderung einflösste.
    Er fand freundlichen Willkommen. Und Frau Sporner sagte mit sichtlichem
Vergnügen: »Der Herr Assessor! An Sie hätte ich wirklich nicht gedacht.«
    »Das klingt beinahe wie ein Vorwurf und tut mir in der Seele weh. Aber
erlauben Sie, dass ich Ihnen einen jungen Freund vorstelle? Herr Studiosus Mang.«
    »Ja, der Herr Mang! Wie geht's Ihnen denn? Und warum sieht man Ihnen denn
gar nimmer?«
    Papa Sporner hatte ein schlechtes Gedächtnis, und er verstand es nie, seine
Gefühle zu meistern, zu temperieren und zu dirigieren.
    Er schüttelte Sylvester so herzlich die Hand, als hätte man ihm niemals
angeraten, vorsichtig zu sein, und er brachte es fertig, diesen jungen Mann ganz
ehrlich zu fragen, warum er so plötzlich seine Besuche unterlassen habe.
    Vielleicht zog er sich durch dieses Benehmen gerechten Tadel zu; vorerst
aber verscheuchte er damit alle Verlegenheiten. Madame Sophie war gütig,
Traudchen war fröhlich, und in Sylvester erwachte eine seltsame Kühnheit.
    Als man das Zeichen zur Polonäse gab, bot er dem jungen Mädchen furchtlos
seinen Arm an und führte es sicher und männlich durch die Reihen der Gäste, dass
sich der Kandidat Hufnagel höchlich darüber wunderte.
    Denn er selbst war erst nach manchen Fährlichkeiten von Merkle an die
führende Stelle gebracht worden. An seinem Arme hing der eine von den
rosafarbenen Engeln und reichte ihm kaum zum zweiten Knopfe seiner Weste.
    Anfänglich hatte das Mädchen versucht, ein Gespräch zu führen, aber seine
Stimme drang nur schwach zu dieser Höhe hinauf. Und seine Mitteilungen klangen
wehmütig und trostlos.
    Hufnagel hörte zuerst darauf und beugte seinen Oberkörper vor, als blicke er
in einen Brunnen, aus dessen Tiefe jemand um Hilfe schrie.
    Er schickte seine Stimme hinunter zu dem armen Wesen und sagte ihm, dass der
Boden glatt sei, und dass man sich vor dem Fallen hüten müsse.
    Nach diesen Warnungen schwieg er.
    Das Mädchen konnte nicht leugnen, dass sie berechtigt waren, denn als die
Polonäse begann und Hufnagel mit seinen langen Beinen weite Spuren setzte und
das Mädchen atemlos neben ihm herlief und den Arm immer höher strecken musste, um
den letzten Halt nicht zu verlieren, da hatte es oftmals die Füsse in der Luft
und dankte jedesmal dem lieben Gott, wenn es wieder festen Boden gewann.
    Aber was bedeutete das gegen die Schrecknisse des Walzers? Gegen die
Gefahren, als jetzt Hufnagel um die Jungfrau herumsprang?
    Als seine Beine sich gebärdeten, als wären sie ganz für sich allein
wahnsinnig geworden, während der Oberkörper immer steifer wurde?
    Als seine Stiefel die wütendsten Angriffe gegen ihre kleinen Ballschuhe
machten, auf sie lostraten, wo sie sich nur blicken liessen?
    Was blieb ihr übrig, als angstvoll auf den Boden zu stieren und ihre Füsschen
vor diesen rasenden Ungeheuern zu retten?
    Sie konnte nicht fliehen, denn zwei derbe Hände hielten sie fest, sie konnte
nicht schreien, denn die Musik verschlang ihre Stimme.
    Sie konnte nichts tun, als dulden und durch verzweifelte Sprünge ihre Zehen
in Sicherheit bringen. Endlich war der Tanz zu Ende. Die feindlichen Beine
machten noch einige Zuckungen und kamen langsam zur Ruhe.
    Und dann führte Hufnagel das zitternde Mädchen zu seiner Mutter und
verbeugte sich vor ihm und lächelte ihm zu und sagte, er würde hoffentlich noch
einmal die Ehre haben.
    Sylvester war glücklich. Aber das Glück machte ihn nicht gesprächig; er ging
schweigend neben seiner Tänzerin und freute sich, ihre kleine Hand auf seinem
Arme zu fühlen.
    Einmal fanden sich ihre Augen, da wurden die zwei jungen Menschen rot.
    Und nach einer Weile sagte Sylvester:
    »Ich habe Sie seit dem Abend nur zweimal gesehen.«
    Traudchen lächelte.
    »Das letztemal auf dem Maximiliansplatz.«
    »Ja, ich wollte mir erlauben, Sie anzusprechen und mich nach Ihrem Befinden
erkundigen.«
    »Warum haben Sie es nicht getan?«
    »Ich war nicht allein, und Sie waren in Gesellschaft.«
    »Meine Freundin, die Kätl Hauck. Sie ist heute auch da; Sie müssen mit ihr
tanzen.«
    »Gerne.«
    »Können Sie jetzt tanzen? Sie haben mir früher erzählt, dass Sie nie dazu
kamen.«
    »Ich habe es jetzt gelernt.«
    »Mama war, glaube ich, überrascht, dass Sie auf dem Ball sind.« - »Sie auch?«
    Traudchen errötete leicht, und dann lachte sie fröhlich.
    »Ich habe gewusst, dass Sie kommen.«
    »Wer hat es Ihnen gesagt?«
    »Die Kätl Hauck, und die hat es von Herrn Hufnagel gehört oder von seiner
Schwester. Das ist das ganze Geheimnis. Aber jetzt kommt der Walzer.«
    Sylvester machte sein Kompliment nach der Vorschrift des Herrn Merkle und
nahm das frische Mädel um die Mitte.
    Und schwenkte es tapfer im Reigen.
    Nach dem Tanze führte er Traudel zu den Eltern, plauderte mit ihnen, liess
sich dem Fräulein Hauck vorstellen und benahm sich mit einer so fröhlichen
Sicherheit, dass der alte Schratt ihn vergnügt betrachtete.
    Auch Madame Sporner sah ihn prüfend an. Dieser junge Mann hatte sich
verändert; nicht zu seinem Nachteile, das musste sie gestehen, aber sein Wesen
bestärkte sie in einer Vermutung.
    Manche flüchtige Bemerkung des alten Schratt war ihr aufgefallen; sie hatte
nicht bloss das warme Interesse für Sylvester herausgehört, auch eine bestimmte
Absicht.
    Es war so, als wollte er andeuten, dass ein Kandidat der Teologie nicht
immer Pfarrer werde. Die Bemerkungen waren in scherzhaftem Tone gemacht, so
nebenbei und unauffällig.
    Aber Madame Sporner hatte gute Ohren.
    Michael Sporner nicht. Michael Sporner war ahnungslos und schwor, dass keine
Klatscherei von bissigen alten Jungfern ihn abhalten könne, brave musikalische
Jünglinge zu bewirten.
Und draussen im Saale ging der Ball weiter.
    Merkle sah mit Zufriedenheit, dass der Ton lebhafter wurde. Die jungen Herren
suchten nicht mehr mit schmerzverzerrten Gesichtern nach Unterhaltungsstoffen;
die Mädchen zeigten nicht mehr die Mienen, welche sie für Kondolenzbesuche
gelernt hatten; sie waren dankbar für jedes scherzhafte Wort und belohnten es
mit hellem Gelächter. Sylvester war mitten im Strudel und holte sich von allen
Seiten Anerkennung und Lob.
    Eine Française liess er aus und betrachtete das hübsche Bild als Zuschauer.
Schratt suchte ihn auf.
    »Na, Sie Tausendsassa! Unterhalten Sie sich gut?«
    »Es ist wundervoll. Wie gefällt es Ihnen?«
    »Geht so. Herr Sporner wird allmählich gesprächig. Wir sind jetzt bei der
Teestaude.«
    »Hat er etwas von mir gesagt?«
    »Von Ihnen? Nein.«
    »Haben Sie ...?«
    »Ich? Auch nicht.«
    »Ich meine, ob Sie ...«
    »Ob ich Ihr Loblied gesungen habe? Das hätte doch ein bisschen verdächtig
ausgesehen, Verehrtester. Sie wissen, dass die Absicht verstimmt, wenn man sie
merkt.«
    »Das habe ich nicht fragen wollen. Sondern, ob Herr Sporner es nicht
sonderbar findet, dass ich hier bin?«
    »Er? Der Herr Michael Sporner?«
    »Oder seine Frau?«
    »Die Frage ist eher berechtigt. Ich habe übrigens nicht bemerkt, dass sie
Ihre Anwesenheit missbilligt. Vielleicht denkt sie, der junge Mann will die Welt
sehen, bevor er sich von ihr abkehrt.«
    »Hat sie darüber gesprochen?«
    »Nein.«
    »Oder Andeutungen gemacht?«
    »Auch nicht. Sie wollen offenbar herauskriegen, was an unserem Tische
geredet wurde. Ich sage Ihnen ja, wir sind jetzt bei der Teestaude.«
    »Was werden sie von mir denken, wenn sie das erfahren?«
    »Dass Sie der Gottesgelehrteit den Rücken kehren?«
    »Ja. Am Ende glauben sie, dass ich aus Vergnügungssucht weggehe?«
    »Hm. Ich kann Ihnen nicht verschweigen, dass Sie merkwürdig viel Talent
verraten für das Treiben dieser Welt. Ich habe Sie beobachtet. Ich bin paff.«
    »Im Ernst, Herr Schratt, glauben Sie, dass man mir das übel auslegen kann,
dass ich den Ball besucht habe?«
    »Man? Wer 'man'? Ich glaube, dass Fräulein Traudel deshalb nicht an Ihrem
Charakter verzweifelt, auch Herr Michael Sporner scheint eine milde Auffassung
zu hegen, und Madame Sophie ...«
    »Die wird mich für leichtfertig halten.«
    »Und Madame Sophie ist eine sehr kluge Frau; sie hat mehr Verstand als
mancher weise Mann. Das kann Ihnen einmal nützen in ernsteren Dingen und wird
Ihnen nicht schaden, wo es sich um solche Kleinigkeiten handelt.«
    »Sie glauben ...?«
    »Heute gar nichts, Sylvester. Ich wollte nur sagen, dass Frau Sophie zu den
Menschen gehört, deren Achtung man sich durch Tüchtigkeit verdienen kann. Das
liegt für Sie in weiter Ferne, aber dass es möglich ist, bedeutet auch etwas.
Jetzt wollen wir dem Tanze zusehen.«
    Sylvester war nachdenklich geworden. Er blickte zerstreut in den Saal.
    Merkle kommandierte:
    »La main droite! La main gauche! Balancez en ligne!«
    »Zu meiner Zeit hat man das noch getanzt,« sagte Schratt; »die jungen Leute
gehen ja nur. Wer ist denn der lange Sohn Enaks dort vorne? Wenn der nur das
Mädchen nicht tot tritt!«
    »Das ist der Hufnagel.«
    »Der Philologe? Das hätte ich ahnen können. Die Herren haben sich seit
meiner Zeit nicht verändert.«
Nach dem Kotillon erklärte Frau Sporner, dass man den Heimweg antrete. Schratt
und Sylvester schlossen sich an.
    Als sie im Freien waren, erbarmte sich der alte Herr über seinen Freund und
sagte, in dieser milden Februarnacht wolle er noch ein wenig spazieren gehen und
die Familie begleiten.
    Er rundete seinen Arm und bot ihn der Madame Sophie an; zu ihrer Rechten
ging Herr Michael.
    Traudel und Sylvester schritten voran.
    »Ich werde immer an den Abend denken,« sagte Sylvester.
    »Ja, es war sehr hübsch.«
    »Das ist jetzt vorbei. Wer weiss, wann ich wieder einmal ...«
    Er sprach den Satz nicht aus und seufzte.
    Er hatte sich vorgenommen, dem Mädchen zu sagen, welche Pläne er für die
Zukunft gefasst habe. Er wollte ihr sagen, dass er nicht Geistlicher werde.
    Während des Kotillons wollte er dieses Geständnis machen. Da war eine
günstige Gelegenheit. Aber Traudel plauderte so lustig, und da wollte er nicht
mit ernsten Dingen kommen. Nach dem Tanze vielleicht.
    Es ging wieder nicht. »Also auf dem Heimwege,« dachte er.
    Und jetzt ging er wieder neben dem Mädchen und fand wieder nicht den Mut.
    Der Weg war sehr kurz. Wenn sie um das Eck bogen, kamen sie schon in die
Rosengasse.
    Er sah nach den Hausnummern. 38. Wenn sie bei 34 waren, wollte er reden.
    Aber da kam 34 und kam 30, und er brachte es noch nicht heraus.
    Nun merkte er, dass er die ganze Zeit stumm geblieben war.
    Und da vorne kam schon das Eck.
    »Fräulein Gertraud ...«
    »Ja.«
    »Wenn Sie etwas von mir hören, werden Sie deswegen nichts Schlechtes von mir
denken?«
    »Was soll ich von Ihnen hören?«
    »Ich will ..., ich glaube nicht, dass ich Geistlicher werde.«
    Jetzt war es heraus. Sylvester atmete erleichtert auf. Er sah schüchtern zu
Gertraud hinüber, aber sie begegnete seinem Blicke nicht, und da ihr Kopf mit
einem Tuche verhüllt war, und da es ziemlich dunkel war, konnte er nicht sehen,
dass sie bis unter die Haarwurzeln errötete.
    Sylvester redete wieder; er war jetzt schon im Zuge.
    »Sie werden nicht schlecht von mir denken?«
    »Nein. Ich denke nie schlecht von Ihnen.«
    »Ich habe mich nicht leicht entschlossen, aber ich kann nicht dabei
bleiben.«
    »Dann dürfen Sie auch nicht.«
    Sie sah ihn offen an; in ihren braunen Augen lag ein fester Ernst.
    Als wollte sie ihm sagen, dass er die Kraft haben müsse, das zu einem rechten
Ende zu führen, was er sich vorgesetzt hatte.
    Sie sprachen nichts mehr.
    Nach wenigen Schritten standen sie vor dem Hause; Schratt kam mit den Eltern
nach, und Sylvester verabschiedete sich von ihnen. Schüttelte auch dem Fräulein
die Hand, und sah ihm nach und sah auf die Türe, welche langsam ins Schloss fiel.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Ein warmer März.
    Wenn ein Erlbacher den Pflug über die Weblinger Höhe hinaufführte, zog er
unterwegs den Janker aus und fuhr sich über die Stirne.
    Dann blähten sich die Hemdärmel im Winde und hoben sich lustig vom blauen
Himmel ab.
    Die weissen Birken am Waldrande streckten sich der Sonne entgegen, und alle
Wiesen waren gelb von Schlüsselblumen.
    Und grosse, rote Flecken waren über die Ackerschollen verstreut.
    Wer gute Augen hatte, konnte sehen, dass es die Kopftücher der Weiber waren,
welche am Boden knieten und Kartoffeln einsetzten.
    Fröhlichkeit lag in der Luft.
    An der Pflugwende rastete jeder und schrie zum Nachbarn hinüber und lobte
den Tag und das Wetter.
    Es mache warm von oben und unten; da müsse der Samen keimen, dass es eine
Freude sei.
    Auch im Dorfe waren fleissige Hände tätig.
    In den Gärten machten sich die alten Leute zu schaffen, legten Beete an und
setzten Pflanzen ein, denn eine gute Regel sagt: Sankt Benedikt macht die
Zwiebeln dick.
    Die Kloiberin weisste ihre Küche aus, beim Wessbrunner strich der alte Vater
die Fensterläden an, und der Geitner hatte zwei Maurer eingestellt, die ihm das
Haus sauber herrichten mussten.
    Denn er wollte, dass eine solche Arbeit richtig gemacht werde. Wieder vor
anderen Häusern hingen die Weiber Wäsche auf oder putzten die Fenster.
    Die Alten, welche nicht nützlich sein konnten, setzten sich ins Freie und
schauten blinzelnd in die Sonne.
    Auch die Kranken, die sich in der Luft kräftigen wollten.
    Unter ihnen war die Veronika Mang. Ihr altes Leiden hatte sich wieder
eingestellt, und ärger wie früher.
    Sonst waren ihr die Füsse angeschwollen, heuer griff ihr die Krankheit ans
Herz, und sie hatte böse Atemnot.
    Die Weberin wartete ihr auf und rühmte bei allen Leuten die Geduld, mit der
die Mangin ihre Schmerzen trug.
    Sie erlaubte nicht, dass man ihrem Sohne Mitteilung machte.
    »Wenn's wieder besser werd,« sagte sie, »nacha hätt' er si umasinscht
kümmert, und werd's schlechter, nacha sag' i's scho, wenn's Zeit is.«
    Die Weberin meinte, es werde nicht besser, denn die Mangin hätte sich ganz
verändert. Sie sei nachdenklich geworden und rede oft mit sich selber, aber ganz
still, dass man die Worte nicht verstand, und ganz demütig sei sie; gar nicht
mehr resch wie früher. Das sei aber ein schlechtes Zeichen, wenn sich kranke
Leute so ändern.
    Die Bäcker Ulrich Marie sagte, sie wisse gut, warum die Mangin trübsinnig
sei. Der hochwürdige Herr Kooperator habe es ihr gesagt. Nämlich, dass der
Sylvester Mang das geistliche Studieren aufgeben wolle, noch vor er die Weihen
kriege.
    Sie habe sich's schon lange gedacht, sagte die Bäcker Ulrich Marie, denn
gross sei der Eifer beim jungen Mang nie gewesen. Wenn er daheim war, sei er
selten unter der Woche in die Kirche gegangen, und mit dem hochwürdigen Herrn
Kooperator habe er wenig Verkehr gehabt.
    Bloss beim verstorbenen Pfarrer sei er den ganzen Tag gewesen; ob er bei dem
das beste Christentum gesehen habe, möchte sie nicht behaupten.
    Und von dem Unglück sei die Mangin krank geworden. Die habe sich immer dick
gemacht mit ihrem geistlichen Herrn Sohn und habe herumgeschrien, wie schön sie
es noch einmal kriege, und habe schon getan, als wenn sie die Frau Pfarrermutter
wäre. Jetzt sei alles nichts, und der Vetter in Pasenbach würde die Hand
abziehen vom Sylvester.
    So redete die Bäcker Ulrich Marie, und die Weiber schauten mitleidig über
den Gartenzaun hinüber nach der Mangin, die fröstelnd in der warmen Sonne sass.
    »Es ist ein Kreuz auf der Welt,« sagte die Bäcker Ulrich Marie. »Überhaupts,
wo man hinschaut.«
    Ob es die Zwergerin schon gehört habe von dem Vöst seiner Ursula?
    Vorgestern habe sie das Kind gekriegt, und heute sei es noch nicht getauft.
Und der hochwürdige Herr Kooperator habe gesagt, der Vöst lasse es überhaupt
nicht taufen, weil er einen abscheulichen Hass gegen das Christentum habe.
    Ein Kind von ihm liege schon hinter der Kirchhofmauer, und wer wisse es
denn, ob er nicht auch selbigesmal mit Fleiss die Taufe versäumt habe?
    Wenn das gehe, dass in Erlbach einer sein Kind als Heiden aufziehen dürfe,
müsse ein Strafgericht kommen.
    Die Zwergerin zeigte ein solches Entsetzen über die Mitteilung, dass andere
Weiber aufmerksam wurden und ihre Arbeit im Stiche liessen. Sie standen im Kreise
um die Bäcker Ulrich Marie herum und steckten die Köpfe zusammen, und immer
kamen wieder neue hinzu. Kinder, die auf der Strasse spielten, liefen heim und
sagten, dass beim Bäcker so viele Leute stünden. Dann kamen die Weiber aus den
Häusern, hielten die Hände vor die Augen und schauten die Strasse hinauf.
    Und jede, die den dichten Knäuel sah, band sich eine Schürze um und ging
darauf zu.
    Die Weberin konnte ihre Neugierde nicht mehr verhalten. Sie sagte zur
Mangin, dass sie ein wenig warten solle, denn sie wäre gleich wieder da.
    Wie sie zurückkam, ging die Wessbrunnerin mit ihr, und sie blieben alle fünf
Schritte stehen und schauten sich mit erschrockenen Augen an.
    »Was habt's denn g'habt?« fragte die Mangin mit schwacher Stimme.
    »D' Schuller Ursula hat an Bua'm kriagt, und der Schuller will'n net taufen
lassen, dass er a Heid' bleiben muass; g'rad extra, weil's an Pfarra ärgert.«
    »Wer hat denn dös g'sagt?«
    »D' Bäcker Ulrich Marie erzählt's g'rad.«
    »De hat scho viel erzählt, was it wahr is. Dös glaab i net.«
    »So was durft's ja do it sag'n, bal's it wahr is. Und sie hat's vom Herrn
Kopratta.«
    »I glaab's it. Dös tuat der Schuller net.«
    »Ja, der! Dös woass ja ganz Erlbach, dass er an Glaub'n abg'schwört hat. Er
geht in koa Kircha mehr.«
    »D' Leut' sollen an Schuller in Ruah lassen. Dös waar g'scheiter.
Früherszeiten hat ma nia was Schlecht's g'hört vom Schuller.«
    »Aba da derf ma do it zuaschaug'n, wenn er an Heiden herzügelt!«
    Die Mangin schüttelte leicht den Kopf und murmelte vor sich hin.
    »Sie treibt's nimmer lang,« sagte die Weberin hinterher. »Sie g'fallt ma gar
it. Sinscht waar sie die erst' g'wen bei'n Schimpfa, und jetzt is sie ganz
verzagt. De lebt nimmer lang.«
    Das war nicht gelogen, dass die Ursula ein Knäblein geboren hatte. Es schrie
laut genug, dass man sein Dasein merken musste.
    Die Schullerin stand ihrer Tochter in den schweren Tagen bei und liess sie
kein unrechtes Wort hören. Sie erwies ihr mehr Liebes, als zu anderen Zeiten,
denn das liegt im guten Wesen der Frauenzimmer.
    Und als die Hebamme das Kind zur Taufe in die Kirche trug, ging die
Schullerin mit, gerade so, als sollte ihr rechtmässiger Enkel in die Christenheit
aufgenommen werden.
    Es zwang sie etwas dazu; sie wusste selber nicht was. Vielleicht die
Erinnerung an ihr eigenes Kind, dem so unachtsam das Paradies verscherzt worden
war.
    So ging sie tapfer neben der Hebamme her in die Kirche.
    Der Pfarrer liess sie lange warten.
    Wie er kam, sagte er, dass er vor der Taufe eine Erklärung abgeben müsse. Er
werde diesem Knäblein den Namen Simplizius beilegen.
    Wieso, fragte die Schullerin, es sei ausgemacht, dass es Andreas heissen
solle.
    Darauf käme gar nichts an, und er kümmere sich um kein Ausmachen und um
keinen Wunsch, sagte der Pfarrer strenge. Das Knäblein sei am zweiten März
geboren, und das sei der Tag des heiligen Simplizius. Er habe es so festgesetzt,
dass die ledigen Kinder die Namen der Heiligen tragen müssten, an deren Tagen sie
zur Welt kämen.
    Das sei aber kein rechter Name, meinte die Schullerin, kein Christenmensch
heisse Simplizius, und das klinge gerade so wie Simpel, und der Bub' hätte sein
Leben lang das Gespött.
    Wenn ein frommer und verehrungswürdiger Papst den Namen führte, sagte der
Pfarrer, hernach könne ihn wohl auch ein Bub' tragen, der keinen Vater habe. Und
überhaupt, er lasse keinen Widerspruch zu und werde dieses Knäblein auf den
Namen Simplizius taufen.
    Die Schullerin verlegte sich aufs Bitten.
    »Hochwürden, tean S' ins dös net o. Es is Verdruss g'nua, dass dös Kind
überhaupts do is. Und da gang's wieder auf a neu's o bei ins dahoam; Sie
wissen's guat, Hochwürden, wia's bei ins dahoam ausschaugt. Da Bauer geht a so
im Haus 'rum und red't und deut' nix mehr, und d' Urschula woant an ganzen Tag,
weil's da Vater net o'schaugt. Und jetzt gang's auf a neu's o, wenn i hoamkimm,
und da Bua hat a solchen Nam'.«
    »Ich weiss recht wohl, welcher Geist in Eurem Hause herrscht,« sagte der
hochwürdige Herr Baustätter.
    »Und desweng soll's it wieder auf a neu's Verdruss geb'n!« bat die
Schullerin. »Beim Bauer is 's Feuer untern Dach, bal de G'schicht gar it
aufhört, und bal Sie ins wieder a Schand' o'hängan.«
    »Reden Sie nicht so daher! Das ist keine Schande, wenn dieses Knäblein den
Namen erhält. Aber es ist eine Schande, dass es unehrlich gezeugt wurde.«
    »Es hamm schon mehra Madeln Kinder als a lediger bracht. In Gott's Nama,
wenn oans da is, muass ma's hamm.«
    »Wollen Sie, dass ich das Knäblein taufe?« fragte der Pfarrer kurz.
    »Freili. I bitt' schön drum.«
    »Dann widersprechen Sie mir nicht! Ich werde ihm den Namen Simplizius
beilegen.«
    »Na, Hochwürden! Geben S' eahm an g'scheiten Nam'! Andreas muass er hoassen.«
    Baustätter sah die zudringliche Frauensperson unwillig an und wandte sich
zum Gehen.
    Die Schullerin weinte.
    »Warum gibt's denn g'rad bei ins solchene G'schichten? Und g'rad bei ins
geht d' Schand' it aus. Dös is ja g'rad, als wenn mir de Allerschlechtesten
waar'n. Wenn i hoam kimm, is beim Bauern ganz aus. I geh' do rechtschaffa in mei
Kirch', und 's Madel ko aa nix dafür, dass Sie mit'n Bauern an Streit hamm. Tean
S' ins dös it o, Herr Pfarrer!«
    »Ich tue, was ich für recht erkannt habe. Ledige Kinder werden nach den
Heiligen ihrer Geburtstage benannt. Das gilt für alle, und bei Euch mache ich
keine Ausnahme. Wenn Sie widersprechen, taufe ich das Kind überhaupt nicht.«
    »I derf do it ja sag'n. I derf ja net.«
    »Das geht mich nichts an.«
    »Nacha geh' i halt hoam und sag's. Von mir aus! Nacha geht da Verdruss auf a
neu's o!«
    »Taufen S' den Buam halt Andreas!« sagte die Hebamme.
    »Was geht das Sie an? Mischen Sie sich nicht hinein! Und Sie, gehen Sie nur
heim! Aber das will ich Ihnen sagen, ich bleibe auf meiner Vorschrift bestehen,
ob es dem Herrn Schuller recht ist oder nicht.
    Und heute taufe ich überhaupt nicht mehr; da müssen Sie morgen wiederkommen.
Wenn dem Knäblein bis morgen etwas zustösst, sind Sie verantwortlich für sein
Seelenheil. Sie haben erfahren, was das bedeutet!«
    Mit diesen Worten ging der Pfarrer.
    Die Schullerin schaute ihm nach und wischte sich mit der Schürze die Tränen
ab.
    »Geh' ma halt!« sagte sie.
    Wie sie durch den Friedhof schritt, blieb sie stehen und fing wieder heftig
zu weinen an.
    »Wo soll i jetzt hi' geh'? Da Bauer is am Feld draussd' und kimmt vor auf d'
Nacht net hoam. D' Urschula liegt im Bett, und i derf ihr's gar it sag'n, dass's
Kind an Spottnama kriag'n muass. I woass gar it, wo i hi geh' soll. 's liabste
waar mir überhaupts, i waar scho g'storb'n. I kriag ja do koan Ruah nimmer, und
da hätt' i do mein Ruah und wisset nix mehr!«
    »Gehst vielleicht zum Pfarrer von Aufhausen umi, Schullerin!« sagte die
Hebamme. »Der ko dir an Auskunft geb'n, ob's ös den Nama leiden müasst's.«
    »Wia ko denn i nach Aufhausen umi? De Deanstbot'n san allsammete am Feld,
und es muass do wer dahoam sei! Stallzeit is aa.«
    »I gang gern für di, aba unseroana ko it viel red'n. Hoscht denn gar neamd,
der dir den G'fallen tat?«
    Die Schullerin besann sich.
    »Höchstens der Haberlschneider,« sagte sie. »Bal er dahoam is.«
    »Nacha gehst zu'n Haberlschneider. Der kunnt de G'schicht richti vorbringa.«
    »I glaab it, dass's was helft. Und i plag' an Haberlschneider it gern.«
    »Ja no, balst sinst neamd woasst. Du tatst as ja aa für an andern.«
    »Probier' i's halt!« sagte die Schullerin. »Aba, was tuast denn du derweil?
Du ko'st it mitlaffa mit'n Kind, und hoam derfst aa net. Sinst spannt's d'
Urschula.«
    »Geh i halt' ins Wirtshaus und wart' auf di. Dös is sinst aa der Brauch, dass
ma nach da Tauf' ins Wirtshaus geht.«
    »Vo mir aus. Trinkst a Halbe, i bleib' it lang' aus.«
    Die Schullerin machte sich auf den Weg zum Haberlschneider, und die Hebamme
ging ins Wirtshaus.
    Es war niemand in der Stube. Bei dem schönen Wetter nahm sich kein Bauer die
Zeit zum Trinken.
    Die Hebamme legte das Kind auf einen Tisch, und die Kellnerin kam mit
verschlafenen Augen hinter dem Ofen hervor.
    »D' Haasin?« sagte sie. »Host a Tauf' g'habt? Kemma no mehra Leut'?«
    »Na, i bin alloa.«
    »Is denn koa Pat' it dabei?«
    »Na. Es is ja a ledig's Kind! Von da Schuller Urschula.«
    »Ja so. Von da Urschula? Is's a Madel.«
    »Na, a Bua.«
    »A Bua? Da Hierangl Xaver, sagen s', muass an Vater macha. Was schaffst denn,
Haasin? A Halbe Bier?«
    »Ja, und an Kaas derfst mir aa bringa.«
    Nach einiger Zeit kam die Kellnerin wieder und stellte das matt aussehende
Bier vor die Hebamme hin.
    Dann betrachtete sie das Kind, welches mit seinen runden Augen verwundert
zur Decke hinaufschaute.
    »So, so? Von da Urschula? Hat ma da scho was g'hört, ob da Hierangl Xaver
guatwillig zahlt?«
    »I woass gar nix.«
    »I moan allawei, da werd's an Streit geb'n. Da Xaver hat's faustdick hinter
de Ohren. Aba a nett's Kind is! Und stark.«
    »Ja, es is a g'sund's Kind.«
    »Wie hoasst's denn?«
    »Gar it hoasst's. Es is no it tauft.«
    »Was? Für was schleppst d'as denn du nacha umanand?«
    »Ja, mir san scho in da Kircha g'wen, aba da Pfarrer will eahm an Spottnama
geb'n. Simpli oder Simpi, i woass nimmer g'nau.«
    »Für was nacha dös?«
    »Ja, weil der Heilige auftrifft auf den Tag, wo 's Kind geboren is.«
    »Geh! So was hab' i aa no net g'hört.«
    »Es is scho oamal so a G'schicht g'wen,« sagte die Hebamme. »Es is net dös
erst' Mal.«
    »Da hab' i no nia was vernomma.«
    »Du bist halt no it so lang' da z' Erlbach. Dös is vor a Jahr a drei g'wen.
D' Elfinger Marie hat a Madel bracht; im August is g'wen. Dös hat da Pfarrer
Bibiana tauft.«
    »Bi-bi-ana!« wiederholte die Kellnerin. »Was dös für Nama san. Bi-bi-ana!
Dös is ja g'rad, als wenn ma de Henna schreit.«
    »Schö is der Nam' net. Aba no, da hat's it viel ausg'macht. 's Madel is a
paar Tag' danach g'storb'n. Da ist it viel g'red't wor'n davo.«
    »Dass si d' Leut' dös g'fallen lassen müassen?« - »Ja no!«
    »I lasset ma's durchaus it g'fallen,« sagte die Kellnerin, »dös möcht' i
sehg'n, ob i da zuaschaug'n müasst.«
    »Selm waarst net dabei,« erwiderte die Hebamme und schob das letzte Stück
Käse in den Mund; »selm waarst net dabei, und bal da Pfarrer amal sagt, es is
sei Recht. Was willst macha?«
    »I schimpfet scho so viel, i lasset ma's durchaus it g'fallen.«
    »D' Schullerin war mit in da Kircha. De hat bettelt und aufbegehrt. Aba
nacha hat da Pfarrer g'sagt, er tauft 's Kind überhaupts net.«
    Dem kleinen Vöst wurde bänglich zumute, wie er so einsam auf der Tischplatte
lag und hoch oben über sich die weisse Decke sah. Er drehte den Kopf unruhig hin
und her und verzog sein faltiges Gesicht zum Weinen.
    »Bscht! Bscht!« machte die Hebamme.
    »Sei no staad, Kloana! Kriagst dein Ditzel scho!«
    Sie steckte ihm den Schnuller in den Mund. Da begann der kleine Vöst zu
saugen und wurde still.
    Und sah wieder ernstaft in die Höhe, als denke er reiflich darüber nach, ob
er sich den heiligen Simplizius als Namenspatron gefallen lassen müsse.
    Die Kellnerin zog eine Haarnadel aus ihrem Zopfe und stocherte damit in
ihren Zähnen herum.
    »A nett's Kind!« sagte sie. »Glaabst du, dass da Xaver am End' no d' Urschula
heirat?«
    »'S beste waar's. Sie is do a ganz a richtig's Leut'!«
    »I glaab it, dass er's tuat. De Burschen sag'n, er will gar nix wissen von
ihr.«
    »Nacha muass er halt brav zahl'n.«
    »I glaab, dös will er aa net. Er behaupt', dass mehra beteiligt san.«
    »Dös sagt a jeder hinterdrei. De Kerl' san ja allsammete schlecht. D' Madeln
san dumm, dass sie si ei'lassen damit.«
    »Wahr is. Magst no a Halbe, Haasin?«
    »Ja, wenn'st da's g'schwind bringst.«
    Die Kellnerin ging in die Schenke und brachte das Glas frisch gefüllt
zurück.
    Die Hebamme schob es ihr zu.
    »Trink, Zenzl! Heut' hast it viel Leut'.«
    »Na, bereits gar neamd. Bei dem Wetta kimmt aa koana. Höchstens no da
Geitner.«
    »Der hat allawei Zeit,« sagte die Hebamme.
    »Ja, er is viel bei uns. Du, Haasin, was für an Nama hätt' da Pfarrer dem
Buab'n geben wollen? I hab's wieder vagessen.«
    »Simpi oder Simpl oder so. I woass's selm net g'nau.«
    »Geh! Dass's überhaupts solchene Nama gibt! Und Bi-bi-ana. Bi-bi! G'rad, als
wenn ma de Henna schreit!«
    »Du, i muass zahl'n,« unterbrach sie die Hebamme, »da kimmt d' Schullerin
über d' Strass' uma. Fünfadreiss'g Pfennig, gel?«
    »Zwoa Halbe und an Kaas und a Brot, san fünfadreiss'g, ja.«
    Die Kellnerin schob das Geld ein, und die Haasin nahm den kleinen Vöst von
der Tischplatte weg.
    Unter der Türe stiess sie auf die Schullerin.
    »I bin scho firti, Bäurin. I halt' di net auf.«
    »Nacha geh' ma hoam.«
    »Hast an Haberlschneider troffa?«
    »Ja; er geht heunt no umi.«
    »Gel, i hab' d'as g'sagt? Und pass auf, da kriagt er scho an Auskunft.«
    »Vielleicht. Geh a bissel g'schwinder, dass ins neamd o'red't!«
    Die Schullerin ging eilig voran und sah vor sich hin auf den Boden. Ihr
Gesicht war noch rot vom Weinen und von der Aufregung. Sie wollte nicht, dass es
jemand bemerkte.
    Daheim schickte sie die Hebamme zur Ursula.
    »Gehst aufi dazua und sagst nix. Sie braucht's it z' wissen.«
    »Bal's mi aba fragt, ob s' Kind tauft is?«
    »Sie fragt net. De denkt do it drauf, dass 's da was geb'n hat. Höchstens,
dass s' fragt, warum ma so lang' aus g'wesen san. Nacha sagst halt, dass da Pfarra
so lang' it in d' Kircha kemma is.«
    Die Schullerin zog sich um und ging in den Stall.
    Sie stellte den Melkstuhl hinter die erste Kuh und nahm den Eimer zwischen
die Knie. Zuerst wollte sie an ihre Sorgen denken, aber die Arbeit leidet es
nicht, dass man den Kopf bei anderen Dingen hat.
    Da vergass sie ihren Gram und strich aufmerksam die Milch in den Eimer.
Es dämmerte stark, als der Schuller vom Felde heim kam. Er war müde und rief zur
Küche hinein, dass er gleich essen und zeitig ins Bett gehen wolle.
    »Heut' muasst no a bissel aufbleiben,« sagte die Bäuerin. »Da Haberlschneider
kimmt no her.«
    »Jetzt is do koa Zeit zum Hoamgarten.«
    »Er muass dir was sag'n.«
    »Mir? Was denn?«
    »Ja, weil er zum Pfarrer nach Aufhausen umi is.«
    »Was geht denn dös mi o?«
    »Lass d'as halt verzähl'n. Z'weng'n da Urschula ihr'n Kind is er umi.«
    »Um dös kümmer' i mi gar nix. Dös geht mi nix o.«
    »Di geht's nix o? Do hoscht recht. G'rad i derf mi kümmern.«
    Und der Schullerin fielen alle Unbilden ein, die sie am heutigen Tage
erfahren hatte; sie kamen ihr noch grösser vor, weil sie jetzt sogar daheim Härte
und Ungerechtigkeit sehen musste.
    Und sie weinte so heftig, dass der Schuller umkehrte.
    »Was hoscht nacha?« fragte er.
    »Ja, was hoscht! Allsammete treten auf mir 'rum, und du sagst, es geht di
nix o! Da freut oan 's Leben nimma.«
    »I hab' da's g'sagt, um der Urschula ihr Sach' kümmer' i mi nix.«
    »I ko do aa nix dafür, dass sie so dumm g'wen is! Und gar so schlecht is 's
Madel aa net! Und mit Füassen braucht ma'r it drauf 'rumtret'n!«
    »Red' halt!«
    »Ja, red'! Da Pfarrer hat 's Kind it tauft!«
    »Is der scho wieder im G'spiel? Net tauft hat er 's Kind? Warum it? Zweg'n
meiner?« - »Na. Lus halt zua!«
    Und die Schullerin fing schluchzend ihre Erzählung an.
    »Wia ma'r in d' Kircha ganga san, is er recht lang' it kemma, und nacha hat
er g'sagt, er muass dös Kind Simpel oder so taufen, hat er g'sagt, weil's am
zwoaten März gebor'n is, sagt er. Und nacha hab' i g'sagt, dös derf i net
leiden, dass er an Kind an Spottnamen gibt, dös waar ja a Schand' für uns aa, und
nacha hat er g'sagt, auf dös passt er it auf, und bal's mir net recht is, nacha
tauft er's überhaupts gar it, und dös is amal Vorschrift, dass da Bua Simpi
hoassen muass.«
    »Was hoscht na du to?«
    »I hab' g'sagt, dös derf i alloa net erlaub'n, da muass i z'erscht dahoam
frag'n. Und jetzt sagest du, es geht di nix o, und du kümmerst di gar nix drum!«
    »Hör mit'n Woana auf! Dös is für gar nix. Also is 's Kind it tauft wor'n?«
    »Freili net. Mir san wieder a so hoam.«
    »Und was hat da Haberlschneider dabei z'toa?«
    »D' Haasin hat g'moant, i soll zum Pfarra von Aufhausen umi. Der saget ma's
g'wiss, ob ma de Tauf' verweigern derf. Da bin i zum Haberlschneider und ho' mir
denkt, vielleicht schickt er wen umi. Aba er hat g'sagt, er geht liaba selm,
weil er an Pfarra Gabler kennt.«
    »Was soll denn dös helfen?«
    »Ja no, dass mir halt hör'n, ob dös sei' derf oder net.«
    »Sei' derf! Hoscht du scho g'spannt, dass der aufpasst, was G'setz und Recht
is? Bal er net derf, tuat er's mit Fleiss. Aba i schaug nimma zua. I nimma!«
    Die letzten Worte schrie der Schuller mit lauter Stimme. Er nahm einen
irdenen Topf vom Herd und warf ihn auf den Boden, dass die Scherben klirrten.
    Die Bäuerin wehrte ihm erschrocken ab.
    »Schrei do net so! Hör'n di ja d' Leut' bis auf d' Strassen aussi!«
    »Vo mir aus! De hör'n no mehra. Bin i a Hund, den ma tratzt, dass 's an Spass
gibt? Wenn alles erlaubt is und gar nix verbot'n, nacha probier' i's aa und
schlag' den Kerl, dass er verzagt!«
    »Sei do staad!«
    »Net bin i staad. Der Herrgottsakrament, der will's it anderst! Der gibt
koan Ruah, bis mir z'viel werd, bis i'n schlag!«
    »Sag do so was it!«
    »Du werst scho sehg'n, ob i dös it tua! Und dös mirkst da, tauft werd 's
Kind net!«
    »Z'letzt muass halt do tauft wer'n!«
    »Auf den Nama net!«
    »Dös werd scho recht wer'n. Wart no, bis da Haberlschneider kimmt!«
    »Dös geht mi nix o, was der von Aufhausen sagt. Des sell g'schiecht amal
net, dass ins da Pfaff an Spottnama aufhängt. Eh'nder muass d' Urschula aus'n Haus
und aus'n Dorf. Nacha ko sie ihr'n Bankert wo anderst tauf'n lassen.«
    »Bal i dös g'wisst hätt', dass du so narret werst! Da waar's mir liaba, i
hätt' nix g'sagt!«
    »Da werd's no viel zum sag'n geben! Hätt' dös Weibsbild de Schand' it
herbracht! Moanst vielleicht, dass nix mehr nachkimmt? Da Pfaff hat o'g'schoben,
und der Hierangl schiabt nach!«
    »Grüss Good beinand!« sagte eine tiefe Stimme, »Ös habt's an laut'n
Diskurs.«
    »'ss Good, Haberlschneider. Weil'st no da bist! Da Bauer is ganz ausanand.«
    »Ja no, dös helft aa nix. Wia geht's Schuller?«
    »Dös woasst scho. An ganz'n Tag schinden und plag'n und auf d'Nacht an
Verdruss. So geht's bei mir.«
    »Dös kimmt scho wieder anderst aa.«
    »Bei mir net. I derf ja koan Ruah hamm. Wenn's a Zeitlang staad is, fangt da
Pfaff 's Hetzen o.«
    »Hoscht an Aufhauser troffen?« fragte die Schullerin.
    »Ja, er is dahoam g'wen.«
    »Was sagt er? Müassen mir dös leid'n?«
    »Da Herr Gabler sagt, inser Pfarrer hat dös Recht net,« erzählte der
Haberlschneider in seiner ruhigen Art. »Er hat an Kopf beutelt, wia'r i eahm de
Sach' g'sagt hab', und nacha hat er g'moant, dös gibt's net, dass inser Pfarra
dös Kind anderst hoasst, als sei Muatta will.
    Allerdings, sagt er, ma soll's im Guat'n abmacha, natürli, weil ma'n an
Pfarra net mit'n Schandarm zwinga ko, dass er 's Kind tauft. Dös müasst 's
Ordinariat o'schaffen, und dös dauert vielleicht z'lang.«
    »Aha!« rief der Schuller, »geht's wieder a so? G'rad so hamm s' g'red't,
selbigsmal. Eigentli hat er 's Recht net, und uneigentli kann er toa, was er
mag.«
    »Dösmal richt'n ma's scho,« erwiderte der Haberlschneider.
    »I net. I geh' net von da bis über d' Strass' umi weg'n dera Sach'.«
    »'s Kind kriagt sein richtigen Nam', werst sehg'n!« tröstete die Schullerin.
    »Was pass' i auf dös auf! Du muasst it moan, dass i mi z'weg'n dem Kind ärger!
Aba dass der scheinheilig' Tropf wieder o'fangt geg'n mi, und bohrt und hetzt. Da
wer i narret. Weil er moant, i muass wieder dasitzen und all's ei'schiab'n!«
    »Du hoscht dir dös ander aa'r a bissel z' hart ei'bild't, Schuller. I hab'
oft mit dir reden woll'n, aba du nimmst nix o und arbet'st di g'rad allawei
mehra in d' Wuat eini.«
    »Und du red'st di leicht, Haberlschneider. I bin net so wehleidig, dös
woasst, und i bin net glei ob'n aussi. Mi hat scho oft oana beleidigt, und i hab's
net g'acht und hab' mir denkt: Geh zua, desweg'n bin i do, was i bi. Aba jetzt
bin i ja nix mehr, als wia'r a Hadern, an den si jeder sei dreckate Hand
hiwischt.« - »Lass dir amal sag'n ...«
    »Dös Trösten hat koan Wert. Dös macht's net anderst. Probier's du und lass
dir an Unrecht g'schehg'n, und du glaabst, es braucht nix, als wia d' Lug
aufdecken, und nacha mirkst, dass d' nirgends aussi find'st, dass dir d' Händ'
bunden san! A jed's Wort von dir is nix, und der ander schaugt dir zua, wia'st
zappelst, und lacht di brav aus! Und du muasst's runterfressen, und bal'st
derstickst! Mach dös amal durch, und nacha sag' no mal, dass i mir's z' hart
ei'bild'!«
    »I glaab da's, dass 's di verdriasst.«
    »Ja, verdriasst! Seit an Vierteljahr geh' i umanand, und jed'n Tag werd's
ärger. Was bin i denn? A Lausbua, der red'n derf, was er mag, und koa Mensch
passt auf. Wenn d' Arbet net g'schehg'n müasst, i tat koana mehr; freu'n tuat's mi
nimma.«
    »So plagst di g'rad selm. Es waar g'scheiter, du tatst as amal vergessen.«
    »Dös lasst si net o'schaffen. Wann i wirkli bei der Arbet drauf vergiss,
brauch' i bloss ins Dorf eina kemma und de spöttischen G'sichter sehg'n.«
    »Es gibt Leut' g'nua, de auf deiner Seit'n san.«
    »Dös müassens recht hoamli sei, i spann' nix davo.«
    »Du gehst ja nirgends hi und hörst d' Leut' net red'n.«
    »Is scho recht. Und was willst denn? Wann i wirkli den Brocken abi
g'schluckt hätt', nacha gibt ma ja der Pfaff' an neuen z' fressen!«
    »Dös vo heunt werd no guat. Dös braucht di net z' kümmern.«
    »Net, moanst? Dass er si dös überhaupts traut hat? Dass er mir zoagt, er derf
si d' Stiefeln an mir o'putzen? Aba pass auf! Lang' treibt er dös nimma! Und
jetzt geh'n i ins Bett. Guat Nacht!«
    »Du hoscht ja no gar nix g'essen!« sagte die Schullerin.
    »I mag nix mehr.«
    Er ging und zog die Türe hinter sich zu.
    Die Bäuerin seufzte.
    »Er is wieder ganz aus'n Häusel.«
    Der Haberlschneider schaute schweigend vor sich hin.
    Nach einer Weile stand er auf und sagte:
    »Dös is amal g'wiss, dass er an Vormunder net macha derf. Wann er da
Verhandlunga hätt' mit'n Pfarra, und danach mit'n Hierangl, dös waar it guat. Da
kunnt was passier'n.«
    »Jessas Marand Josef! I kimm nimmer aus der Angst.«
    »Jetzt red'st mit eahm nix mehr d'rüber, und an Vormunder mach' i. I bin
kälter bei dera Sach' und ko's eh'nder richten.«
    »Da tuast ma'r an grossen G'fallen.«
    »Dös sell g'schiecht gern. Morg'n schaug i wieder her zu dir, und für heunt
guat Nacht, Bäurin!«
    »Guat Nacht und schön' Dank!«
    Als die Schullerin allein war, setzte sie sich neben den Herd und schaute in
die Glut.
    Warum das alles über sie kam?
    Jetzt ging die Kümmernis nicht mehr aus, als wenn es ihr so aufgesetzt wär'.
Sie wollte nicht viel vom Leben. Von Kind auf war es nur Arbeit, und erst recht
wieder Arbeit, wie sie Schullerin wurde und ihrem Bauern das Haus in Ordnung
hielt. Sie hatte nicht lauter Schönes gehabt und die Hände nicht oft in den
Schoss gelegt. Aber so war sie zufrieden damit, und so war es ihr recht. Es waren
Sorgen, die sich jedes gefallen lässt.
    Aber das, was jetzt über sie kam, scheuchte den Frieden aus dem Hause und
nahm ihr den Mut zur Arbeit.
    Eine weinende Kinderstimme tönte von oben herunter. Erst leise, dann immer
stärker. Da war niemand bei der Ursula, der das Kind zur Ruhe bringen konnte!
    Die Schullerin seufzte noch einmal und dann ging sie müde und schwerfällig
die Stiege hinauf.
 
                              Siebzehntes Kapitel
Als Sylvester in Nussbach ausstieg und mit langsamen Schritten den Bahnhof
verliess, sagte er sich die Rede vor, welche er seit Monaten ausgedacht hatte.
Sie sollte die Kraft haben, die alte Veronika Mang von ihren Wünschen
abzubringen. Darum war sie sehr lang, hatte eine schöne Einleitung und einen
guten Schluss und war auch mit Beispielen und Beweisen ausgestattet.
    Sylvester hegte oft Vertrauen zu den wohlgefügten Sätzen, und ebenso oft
verzweifelte er an ihnen.
    »Ich habe dir eigentlich schreiben wollen, aber ich meinte, es lässt sich
besser mündlich sagen. Ich habe einen Entschluss gefasst, der für mein Leben
entscheidend ist, und du musst das Vertrauen zu mir haben, dass ich ihn gut
überlegt habe.«
    Wenn er so anfing, was würde die Mutter tun? Wahrscheinlich erschrecken über
den feierlichen Ton und schon nach den ersten Worten den Kopf verlieren und
nichts von dem verstehen, was später käme.
    Oder wenn er ihre Hand in der seinigen hielt und sagte: »Gelt, Mutter, ich
war dir alleweil ein folgsamer Sohn, und du weisst, dass ich dir dankbar bin, und
daran musst du denken, wenn ich dir etwas gestehe.«
    Dann würde sie hastig sagen: Ja, ja, und um Gottes willen, ist dir was
geschehen?
    Und aus allen Worten und Beweisen würde sie nur das eine heraus hören, dass
ihre geträumte Welt der Herrlichkeiten versinke.
    »Aber, wenn nur der Anfang gemacht war!« dachte Sylvester. Ihre Vorwürfe
wollte er gerne hinnehmen, und er würde sie überzeugen, dass sein Glück nicht ihr
Unglück machen könne.
    So ging er in Gedanken verloren über den Nussbacher Marktplatz zum Sternbräu.
Er bat den Hausknecht, dass er ihm den Koffer an der Bahn abhole und mit einer
Gelegenheit nach Erlbach schicke.
    »Is scho recht,« sagte der Martin. »Woll'n Sie net nausfahren? Der
Haberlschneider is herin; der hätt' g'wiss an Platz.«
    »Dank' schön; ich geh' lieber bei dem Wetter.« Sylvester lüftete den Hut und
schritt in den schönen Tag hinein. Er sah nicht rechts und nicht links und nicht
auf die Stelle, wo Jakobos Prantl stand.
    Der sah ihm mit finsterer Miene nach.
    »Aha! Grüsst mich auch nimmer!« sagte er. »No, von mir aus!«
    Und doch tat es ihm leid, dass dieser Jüngling achtlos an ihm vorüberging.
    Denn er hatte eine freundschaftliche Neigung zu ihm gefasst. Vor Jahren, als
der Gymnasiast Mang in seine Werkstätte kam und sich das Mass zu einem Paar
Stiefel nehmen liess.
    Damals hatte er zum Erstaunen des Lehrlings lateinische Worte mit ihm
gewechselt. Er fragte ihn nach der altitudo, wie hoch er die Schäfte haben
wolle, und nach der latitudo, wie breit die Absätze sein sollten.
    Als er merkte, dass der junge Mensch über so viel Gelehrsamkeit staunte,
sagte er: »Ego eram discipulus.« Auch ich war ein Schüler.
    Und er zeigte ihm die erste Seite des Massbuches, worauf mit griechischen
Buchstaben geschrieben stand:
                           Iakobos Prantl, sxoyster.
Wenn es schön ist, in den Augen eines andern zu lesen: »Du bist verkannt und
gehörst an einen besseren Platz,« so genoss damals Prantl diese bittersüsse
Freude, und er hielt sie fest bis zum Schlusse.
    Bis Sylvester mit einer höflichen Verbeugung die Tür öffnete und er ihm
nachrief: »Vale, amice!«
    Leben Sie wohl, mein Freund!
    Seit jenem Tage blieb Prantl dem Erlbacher Gymnasiasten ein wohlgeneigter
Gönner. Wenn dieser in die Ferien ging oder aus den Ferien kam, führte ihn sein
Weg durch Nussbach, und da niemand durch Nussbach gelangte, ohne dem gelehrten
Schuhmacher zu begegnen, so hatte Prantl oft Gelegenheit, Sylvester nach dem
Stande der Wissenschaft zu fragen.
    Und jetzt ging dieser junge Mensch ohne Gruss vorbei und tat, als hätte er
sich niemals treffliche Ratschläge von ihm erholt.
    Natürlich, weil er Geistlicher wurde und den Hass teilte, mit dem alle
Kleriker den Nussbacher Volksmann heimsuchten.
    »Aber mir is wurscht,« sagte Prantl.
    Er steckte die Hände in die Hosentaschen und schaute über den Marktplatz.
    Aus dem Amtsgerichte kamen Leute; etliche Burschen, die sich lärmend
unterhielten.
    Einer sagte: »Dem Weibsbild hon i's hing'sagt. De hat g'schaugt! De hat
g'moant, es braucht nix, wia klag'n.«
    Es war der Hierangl Xaver mit seinen Freunden.
    Prantl achtete nicht auf ihn; er sah einen Bekannten, den Haberlschneider
von Erlbach.
    Der kam auch aus dem Amtsgerichte, und neben ihm ging ein junges
Frauenzimmer.
    Prantl grüsste.
    »Du, hast net Zeit? I hab' was z' reden mit dir.«
    Der Haberlschneider sagte zu dem Mädel:
    »Gehst zu'n Sternbräu eini, Urschula; i kimm glei nach.«
    Und dann fragte er den Schuster.
    »Was willst?«
    »Was is denn mit eurer Markgenossenschaft? Hamm sie neue Leut'
eing'schrieben?«
    »Net, dass i woass. Jetzt is koa Zeit für so was. Hat a jeder z' viel Arbet.«
    »Ja no, i hab' aa Arbet! Und da Schuller? Is er no net dabei?«
    »Na, mit dem is jetzt nix z' macha.«
    »Er is do von de Bündler zum Bürgermoasta g'wählt wor'n!«
    »Dös is er nimmer. Du woasst, was da geb'n hat.«
    »Warum hat er die Sach' net der Presse übergeben?«
    »So was hängt koana an de gross' Glocken.«
    »Das is eben. Überhaupts is die Stimmung zu lau. Hast mein' Artikel
g'lesen?«
    »Welchan?«
    »Über die politische Gleichgültigkeit des Bauernstandes. Dass darin die ganze
Macht des Klerus liegt.«
    »Dös hab' i net g'lesen. I les' jetzt koa Zeitung. Für dös is der Winter
do.«
    »Mit solchene Ansichten soll ma was ausrichten!«
    »Dös muasst ei'sehg'n, Prantl, bal du den ganzen Tag g'ackert hätt'st, mög'st
auf d' Nacht aa nix mehr lesen.«
    »Was soll aber dös wer'n? Mir könna net in a paar Monat den Einfluss des
Klerus bewältigen. Für was schreib'n denn mir de Artikel?«
    »De andern lesen aa nix; de, wo schwarz san.«
    »Da Klerus braucht die Presse nicht, der hat d' Kanzel und an Beichtstuhl.«
    »Ja no!«
    »Und dass da Schuller koa Vertrauen auf die Presse hat! Mir hamm do de
G'schicht mit dem Kind' sofort durchgedrückt.«
    »Du moanst dös weg'n da Tauf'?«
    »Ja. Hat der Pfarrer vielleicht net nachgeben?«
    »Dös hat er schon müassen. De Obern wer'n's eahm g'muckt hamm.«
    »Und de Obern fürchten eben die öffentliche Meinung.«
    »Vielleicht hast recht. Jetzt pfüat di; i muass zu'n Sternbräu eini.«
    »Was hast denn für a Weibsbild dabei?«
    »Dös is an Schuller sei Tochter.«
    »Von der dös Kind is? Da sollt' i eigentli mit ihr reden. Vielleicht
schreib' i no was ins Wochenblatt!«
    »Na, tua dös it! Da is scho g'nua drin g'standen.«
    »Wenn'st net willst, lasst's as bleib'n! I hab' nix davo. Höchstens d'
Arbet.«
    Prantl sah dem Haberlschneider nach.
    »Dös san bornierte Dickschädel!« sagte er. »Da hat der Klerus freili a
leicht's Spiel.«
Der Haberlschneider traf die Ursula in der Gaststube. Sie sass am hintersten
Tisch und hatte ihren Korb neben sich hingestellt.
    »Hast scho was o'gschaft?«
    »Na; i hab' ma denkt, i wart'.«
    »Nacha zwoa Halbe, Kellnerin! Und für a jed's a paar Stockwürscht!«
    Er setzte sich.
    »Da wer'n ma no öfter eina fahr'n müassen, Urschula,« sagte er.
    »Ja.«
    »Der gibt it nach, bis er net verurteilt werd.«
    »Na.«
    »An Advokat'n nimmt er, hat er g'sagt.«
    »Ja.«
    Die Kellnerin brachte Bier und Würste.
    Ursula schnitt bedächtig eine Scheibe nach der andern ab.
    »Mir wern sehg'n, was ma tean,« sagte der Haberlschneider. »Bal sei Advokat
recht aufdraht, nehma mir aa oan.«
    »Ja.«
    Eine Zeitlang schwiegen alle zwei.
    Ursula trank ein paarmal und schaute nach jedem Schlucke geradeaus.
    Sie überdachte jetzt, was ihr den Vormittag geschehen war. Und wurde
redseliger.
    »Wia'r a sag'n ko, dass i's mit'n Zwerger Hans g'habt ho? Dös is ganz
ausg'schamt. Über de falsche Anschuldigung muass er g'straft wer'n. I hon
überhaupts mit'n Zwerger Hans nia nix g'habt.«
    »Und an Strixner Peter hat er aa o'geb'n,« sagte der Haberlschneider.
    »Mit dem bin i oamal von der Tanzmusi hoam ganga. Dös is aber scho a halb's
Jahr g'wen, vor da Xaver ans Kammerfenschta kemma is. Und überhaupts hon i mit'n
Strixner Peter gar nix sellas it g'red't. I hab' dös it denkt, dass i mi ei'lass
mit oan. Mit'n Xaver aa net, bal er mir's Heirat'n it g'hoassen hätt'. Er is
unter mein Fenschta g'stanna und hat pfiffa, und i hab' aussa g'schaugt und hab
g'fragt, wer is denn? Sei staad, hat er g'sagt, i bin's, und bal'st ma'r
aufmachst, hat er g'sagt, nacha brauchst di gar nix bekümmern, und 's Heirat'n
is da g'wiss, und bei da Hollerstaud'n hat er g'sagt, i brauch' mi durchaus gar
nix bekümmern, und jetzt bracht er an Strixner Peter daher und an Zwerger Hans!«
    »De müassen schwören, Urschula. Und da wer'n mir nacha scho sehg'n, ob da
Xaver dös behaupten derf.«
    »Er ko gar nix behaupt'n. Und dös hat er aa fürbracht, dass mi d' Wessbrunner
Dirn' bei der Dunkelheit g'sehg'n hat am Schneiderhölzl mit an Mannsbild. Und
sie hat g'sagt, sie hat mi kennt, an mein' roten Spenser. Dös is ganz frech. I
hab' überhaupts koan rot'n Spenser gar nia g'habt. Dös muass sie aufweisen, ob i
scho amal an roten Spenser g'habt hab'.«
    »Jetzt zahl' i; mir müassen fahr'n, Urschula.«
    »Soll ma net no'mal aufs G'richt umi und dös sag'n, dass i koan roten Spenser
it hab'? I hätt's scho glei g'sagt, aba i hab' mi nimmer auskennt, weil da Xaver
gar so unverschämt g'log'n hat. Moanst it, mir soll'n umi geh' und dös schreib'n
lassen, dass i koan roten Spenser überhaupt it hab'?«
    »Dös hat jetzt koan Wert it.«
    »Net?«
    »Dös ko'st bei da Verhandlung fürbringa, da hoscht no Zeit g'nua.«
    »D' Muatta ko's aufweisen, und der Vater aa.«
    »Den lasst aus 'n G'spiel!«
    »Aba er kunnt do an Zeug'n macha, ob er mi scho amal g'sehg'n hat mit an
roten Spenser.«
    »Moanst, der stellt si mit'n Xaver vors G'richt? Na, mei Liaba, und wann i
du waar, redet' i dahoam ganz weni von da Verhandlung.«
    »Bal d' Wessbrunner Dirn' so frech is und sagt, sie hat mi kennt an mein'
roten Spenser!«
    Der Haberlschneider zahlte, und bald rasselte sein Wagen über das Nussbacher
Pflaster.
    Beim Unterbräu sassen Leute am Fenster. Sie wandten die Köpfe, als sie das
Fuhrwerk hörten.
    Einer öffnete das Fenster und pfiff gellend durch die Finger.
    Die anderen schrien und lachten.
    »Dös is da Xaver g'wen,« sagte Ursula.
    »I hab'n scho g'sehg'n,« erwiderte der Haberlschneider, »den Lausbuab'n.
Schaug' it um, sinscht plärren s' no besser!«
    Er liess seinen Schimmel einen guten Trab anschlagen und hielt fleissig
Umschau, wie die Wintersaat keime.
    Die Ursula hielt ihren Korb auf dem Schosse und dachte darüber nach, wie ihr
der Xaver jetzt allen Spott antue. Und allmählich kamen ihre Gedanken wieder auf
die Wessbrunner Dirn, die gar so frech log und gewiss eine Absicht dabei hatte.
    Hinterhalb Pettenbach holten sie einen städtisch gekleideten Mann ein.
    »Dös is ja der Herr Mang,« sagte der Haberlschneider. »Öh, brr!«
    Er wartete, bis Sylvester herankam.
    »Grüss Gott! Mögen S' net aufsitzen?«
    »Ich dank' schön, Haberlschneider, es is nimmer weit.«
    »Wie S' moana. Nacha adje!«
Als Sylvester auf die letzte Höhe kam und Erlbach vor sich liegen sah, ging er
frischer voran.
    Beim ersten Haus grüsste er den Weiss Flori, der im Garten arbeitete.
    Dann bog er in die Dorfgasse ein.
    Es war ihm, als hätte er seit Jahren die Heimat nicht mehr gesehen.
    Alles war so, wie er es vor wenigen Monaten verlassen hatte, und doch schien
es ihm gänzlich verändert.
    Da vorne war das Schulhaus; an der Gartentüre standen zwei Männer.
    Wie er näher kam, erkannte er sie; den alten Lehrer und Herrn Sitzberger.
Jetzt sahen sie ihn. Stegmüller winkte ihm; der Kooperator aber wandte sich um
und ging eilig in die Nebengasse.
    »Ja, Grüss Gott, Herr Sylvester! Sieht man Sie auch mal wieder?«
    »Grüss Gott, Herr Lehrer, und wie geht's Ihnen?«
    »Wie's halt geht, wenn man alt ist. D' Mutter hat's auch bös g'habt, gelt?«
    »War sie krank?«
    »Hamm Sie das net g'wusst?«
    »Nein, kein Wort.«
    »Sie brauchen net erschrecken, es geht ihr schon wieder besser, aber eine
Zeit war 's net gut d'ran.«
    »Ja, dann entschuldigen ...«
    »Ich darf Sie net aufhalten. Adieu und b'suchen S' mich die nächsten Tag'!«
    Sylvester eilte weg.
    Die Nachricht hatte ihn bestürzt.
    Die Mutter schrieb ihm so selten, dass er sich keinen Gedanken darüber
machte, als in der letzten Zeit die Briefe ganz ausblieben.
    Da hatte er jetzt immer um sich gesorgt, und derweil lag seine alte Mutter
schwer krank daheim.
    Scham und Angst überkamen ihn, und sein Herz schlug rascher, als er in das
kleine Haus trat und die Stubentüre aufklinkte.
    »Ja, kimmst du jetzt daher?«
    Die Mutter stand schwerfällig vom Stuhle auf und ging ihm entgegen.
    »I hab' mir denkt, du kimmst auf'n Abend mit der Post?«
    Die Stimme hatte den alten Klang nicht mehr; und wenn die Augen auch
lachten, konnte sie doch die Müdigkeit nicht verbergen.
    »Mutter, warum hast du mir keine Nachricht geben?«
    »Wegen der Krankheit? Ach, geh! Dös is scho wieder rum. Bist z' Fuass raus
ganga, weil d' Stiefel so staubig san?«
    »Ja. Aber setz' dich doch! Warum hast mir nicht schreiben lassen?«
    »Es is ja wieder gut wor'n. I bin froh, dass d' net früher kemma bist; da
hätt' i dir gar it recht Grüss Gott sag'n kinna.«
    »Von fremde Leut' muss ich hören, dass du krank warst!«
    »Es is ja nix g'wesen. Des sell hon i scho öfter g'habt, dass mir d' Füass
aufg'schwollen san. Heuer is halt a bissel stärker g'wen. Jetzt sag amal, hast
koan Hunger?«
    »Nein, Mutter. Und was sagt denn der Doktor? Darfst du schon auf sein?«
    »Freili. Im Bett bin i überhaupts bloss zwoa Wochen lang g'legen, und wenns
Wetta schö g'wen is, hab' i mi aussi setzen derfen.« - »Du schaust aber so müd'
aus.«
    »Dös vergeht scho. Mit sechz'g Jahr' bringt ma r'a Krankheit net so schnell
weg.«
    Die Weberin trat ein.
    »'ss Good, Herr Sylvester, dös is recht, dass S' da san. Was sagen S' zu der
Muatta?«
    »So schwach kommt s' mir vor.«
    »Dös hoasst jetzt nimmer viel, aber vor drei Wocha hätten S' as sehg'n
müassen!«
    »Geh, red it a so daher!« unterbrach sie die Mangin, »muasst du's no ärger
macha? Hamm mir nix dahoam zum Essen? Er is z' Fuass aussaganga.«
    »I müasst eahm halt an Schmarr'n kocha.«
    »Dös tuast.«
    »Aber ich brauch' wirklich nichts, Mutter.«
    »Du magst scho was. Geh zua, Weberin, und schleun' di a bissel!«
    Wie sie nun wieder allein war mit ihrem Sohn, sagte die alte Veronika:
    »So, Bua, jetzt setz di her zu mir! Wia geht's dir denn? Es kimmt mir g'rad
so vor, als wenn'st no g'wachsen waarst. Und so ernst bist wor'n. Es feit dir do
nix?«
    »Nein, Mutter, was soll mir fehlen?«
    »Junge Leut' könna aa krank wer'n, und studieren hast aa fleissi müassen. Z'
Weihnachten hast gar it hoam derfen.«
    Sylvester wurde rot.
    Da meinte die Mutter, es sei ihm doch recht warm geworden beim Gehen. Und ob
er sich nicht erhitzt habe.
    So fragte sie ihn weiter, und aus jeder Frage klang die herzliche Freude,
dass er nun dasass, ihr gegenüber in der kleinen Stube.
    Sie legte ihre Hand auf die seine, und Sylvester sah traurig, wie sie
abgemagert war.
    Aber sie wehrte seine Fragen ab und liess es nicht gelten, dass ihre Krankheit
gefährlich war.
    »Und bist no allaweil guat aufg'hoben bei da Frau Rottenfusser? Und der Herr
wohnt aa no dort, von dem's d' ma g'schrieb'n hast? Der a Freund vom Herrn Held
g'wen is?«
    Wie hätte Sylvester jetzt sein Geständnis ablegen können? Er dachte nicht
mehr daran. Über den Sorgen um die Mutter hatte er die eigenen vergessen. Und
wie er nun allmählich die Hoffnung schöpfte, dass sie wirklich auf dem Wege der
Besserung sei, überkam ihn ein rechtes Behagen an der Heimat.
    Und eines fiel ihm auf.
    Die Mutter erkundigte sich nach allem; aber was sonst ihre erste Frage war,
ob er nun bald die Weihen erhalte, und wie lange es noch dauere bis zur letzten,
die ihn zum Priester mache, die Frage stellte sie heute nicht.
    Ja, manchmal schien es ihm, als vermeide sie es absichtlich, davon zu reden.
    Er hütete sich vor jedem Wort, das darauf hinführen konnte, und freute sich
der Stunde, die ihm die Liebe seiner alten Mutter zeigte.
    »Und jetzt lass dir's schmeck'n, Bua,« sagte sie, als die Weberin das Essen
brachte. Er griff tüchtig zu. Der Marsch hatte ihm Hunger gemacht. Wie er fertig
war, lachte sie fröhlich.
    »No, vergelt's Gott, Bua, an guat'n Appetit hast allawei no.«
    Die Weberin mahnte sie, dass ihr der Doktor ein paar Stunden Schlaf für den
Nachmittag verordnet habe, und Sylvester bat eifrig, sie müsse folgen. Er wolle
im Dorf herumgehen und Bekannte grüssen. Am Abend könnten sie wieder miteinander
reden.
    Die Mutter gab nach, und Sylvester ging.
    Als er durch den Garten schritt, lief ihm die Weberin nach.
    »Heut' is sie guat beinand,« sagte sie, »aber Obacht muass s' geb'n, hat der
Doktor g'sagt. 's Herz is so schwach.«
    »Aber er sagt, sie wird wieder?«
    »Ja. Bal's im Fruahjahr so weiter geht, ko sie si z'sammklaub'n, sagt er.«
    »Ich geh' morgen zu ihm, und frag' ihn selber.«
    »Und reden S' der Muatta recht zu, dass s' folgt! Sie will's allawei net
glaub'n.«
    »Warum haben Sie mir keine Nachricht geben?«
    »I hätt' an Herrn Stegmüller bitt', dass er Eahna schreibt, aber sie hat's
durchaus net erlaubt.«
    »Hat sie Schmerzen ausstehen müssen?«
    »G'sagt hat s' nix. Sie is überhaupts so dasig g'wen.«
    »Müd' sieht sie aus.«
    »Gel? So verzagt! D' Bäcker Ulrich Marie moant, de Nachricht, wo ihr der
Herr Sitzberger geb'n hat, hätt s' so verzagt g'macht.«
    »Welche Nachricht?«
    »I bin net dabei g'wen, natürli. Aber von Eahna soll er g'red't hamm.«
    »Von mir?«
    »Ja, dass Sie nimmer geistli wer'n.«
    »Das hat der Herr Kooperator gesagt?«
    »I hab's selm net g'hört, aber er is öfter im Haus g'wen und d' Bäcker
Ulrich Marie sagt, sie woass's g'wiss.«
    »Und was hat meine Mutter g'sagt?«
    »Zu mir nix. Sie hat bloss so für si hin g'redt, aber staad, dass i nix g'hört
hab'. Is denn dös wahr, bleib'n Sie net dabei, Herr Sylvester?« Die Weberin
erhielt keine Antwort.
    Sylvester ging weg, stillschweigend und ohne Gruss.
    Jetzt wusste er, dass seine Mutter mit Absicht die Frage vermieden hatte.
Wollte sie an der Hoffnung festalten und sie nicht zerstören lassen? Und meinte
sie, das sei nur eine vorübergehende Laune von ihm, und wenn man nicht davon
rede, komme er selbst davon ab?
    Der Gedanke liess ihn nicht los. Ohne es zu merken, ging er zum Dorfe hinaus,
immer weiter die Weblinger Höhe hinauf.
    Da setzte er sich auf den Rasen und blickte herum.
    Hier war er vor Jahren mit seinem Freunde gestanden. An dem schönen
Sommertag.
    Er sah wieder alles lebendig vor seinen Augen. Wie sich die Halme im Winde
beugten, und wie der alte Held so fröhlich auf den reichen Segen blickte.
    Und er hörte die leise Stimme neben sich.
    »Heute verstehst du mich nicht, parvule. Später einmal, wenn du weisst, dass
aus dem Fluche ein Segen wurde. Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein
Brot essen.«
    Lag nicht Reue in seinen Worten? Hatte nicht der Alte am Abend seines Lebens
gemeint, es wäre ihm besser gewesen, wenn er seine Tage in Arbeit verbracht
hätte? Sylvester holte tief Atem. Ihm selber drückten die Worte eine Sehnsucht
aus, über die er nicht mehr Herr werden konnte.
    Er wusste, dass er mit schaffen wollte. Dass er kein Glück darin fand, wie ein
Fremder neben den Menschen zu wandeln, über ihren Mühen und Sorgen zu stehen und
sie zu vertrösten auf eine andere Welt.
    Nicht unehrerbietig dachte er darüber. Aber sein Herz schlug dem Leben
entgegen, und nichts in ihm redete von Verzichten.
    Hier, so mitten in der Heimat, stand ihm der Entschluss klar vor der Seele;
losgelöst von heimlichen Gedanken.
    Nicht ungewisse Hoffnungen durften ihm die Zukunft gestalten. Er handelte
frei und tat das Notwendige.
    Und das wusste er hier.
    Sylvester stand auf. Die Bangigkeit hatte er überwunden.
    Er dachte nicht mehr daran, zögernd um die Wahrheit herumzugehen, als hätte
er Schlechtes im Sinne.
    Gewiss musste er Rücksicht haben auf seine alte Mutter. Aber die zu allererst,
dass er offen mit ihr redete.
    Er trat rüstig den Heimweg an.
    Vor dem Dorfe holte er einen Mann ein, der hinter seinen Pferden herging.
    »Grüss Gott, Schuller! Alleweil g'sund?«
    »Tuat's scho.«
    »Wie geht's daheim?«
    »Muass scho toa.«
    Sylvester wunderte sich über den abweisenden Ton. Er war in früheren Zeiten
häufig beim Schuller eingekehrt.
    »Die Ursula hab' ich heut' g'sehen,« begann er wieder. »Sie is an mir
vorbeig'fahren.«
    »So?«
    »Was haben Sie denn, Schuller?«
    »Nix. Derf i Eahna an Rat geb'n, Herr Mang? Gengan S' alloa und lassen S'
Eahna mit mir net sehg'n. Mir passen net zuanand.«
    »Ich versteh' Sie nicht.«
    »Sie wer'n mi scho no versteh'. I bin so oana, dem a Geischtlicher aus'n Weg
geh' muass. Und Sie g'hören do dazua.«
    Er hielt die Pferde an und machte sich am Geschirr zu schaffen.
    Sylvester ging kopfschüttelnd weiter.
    Die Mutter hatte ihm einmal geschrieben, dass es beim Schuller Verdruss
gegeben habe, und dass er als Bürgermeister hätte abdanken müssen.
    Damals hatte er flüchtig darüber weg gelesen. Jetzt erinnerte er sich daran.
    Aber warum war der Schuller so unfreundlich gegen ihn? Das verstand er
nicht.
Es brannte schon Licht in der Stube, als er heimkam. Die Mutter sass am Tische
und lachte ihm freundlich zu.
    Er schaute sie ängstlich an. Beim Kerzenschein sah ihr Gesicht leidender aus
als am Tage.
    Und er fragte sie:
    »Hast du gut g'schlafen?«
    »Ja, ganz guat. Und wo bist du derweil g'wen?«
    »Auf der Weblinger Höh'.«
    »Hast koan B'suach g'macht? Beim Lehrer?«
    »Nein, ich bin lieber ins Freie hinaus.«
    »Da hast recht g'habt. 's Wetter is ja so schö.«
    »Du, Mutter, ich muss dich was fragen.«
    »Was nacha?«
    »Der Kooperator hat dir was erzählt von mir?«
    »Woher woasst du dös?«
    »D' Weberin hat mir's g'sagt.«
    »De hat do ihre Ohr'n überall!«
    »Aber es ist wahr?« - »Ja.«
    Beide schwiegen, und es war still in dem kleinen Zimmer.
    Nur die Uhr hörte man ticken.
    Nach einer Weile sagte die Mutter:
    »Magst it wart'n bis nach'n Essen? Sunst kimmt d' Weberin wieder eina, und
de passt oamal z' viel auf.«
    »Hast du noch nicht gegessen?«
    »I scho. I kriag bloss a Supp'n auf d' Nacht. Aber du!«
    »Ich kann nichts essen.«
    »Nacha sag's der Weberin. Sie is in der Kuchel.«
    Sylvester ging hinaus. Als er zurück kam, sass die Mutter unbeweglich und
schaute nachdenklich in das Licht.
    »Er hat dir erzählt, dass ich nicht mehr dabei bleiben will?«
    »Dös hat er g'sagt, ja. Und dass du heirat'n willst, und dass d' Musiker werst
und zum Teater gehst.«
    »Wie kann er so lügen?«
    »Net so laut! D' Weberin hört ins.«
    »Ja, und du, Mutter?«
    »I hon net all's glaabt, g'rad, weil er so viel daher bracht hat.«
    »Nicht alles, aber das vom Weggehen?«
    »Dös scho. Weil i's schon lang' kennt hab', dass 's di net freut.«
    »Du hast das g'wusst?«
    »Ja; wia's d' im Herbst dag'wen bist, hon i's kennt. Und davor scho. Du
hoscht oft so g'spassig drei g'schaugt, wenn i g'red't hab', wia's amal werd. Und
du hoscht mir nia recht o'geb'n.«
    »Warum hast du nie was g'sagt?«
    »Ja mei'! Selbig'smal hon i's glaabt, und hon's net glaabt. I hab' mi selber
vertröst' und hab' mir denkt, du b'sinnst di vielleicht wieder anderst. Nacha
hat mir da Herr Sitzberger dös g'sagt.«
    »Hast d' dich in deiner Krankheit so kümmern müssen!«
    »Nix leicht's war's mir it, Bua! Aber je mehra, dass i d'rüber nachdenkt
hab', desto besser hon i's ei'g'sehg'n, dass dös erst recht nix waar, wenn's d'
net gern dabei waarst. Jetzt is's no koa Sünd', bal's d' weggehst. Aber danach
waar's oane, wenn's d' amal ausg'weiht waarst.«
    Sylvester schwieg. Da war nun die Stunde, die er so lange gefürchtet hatte.
Und seine Mutter machte ihm keine Vorwürfe. Er hatte die Freiheit gewonnen ohne
Kampf. Und er konnte sich nicht darüber freuen.
    Die schlichten Worte erschütterten ihn.
    Wie manche Nacht hatte die alte Frau keinen Schlaf gefunden, bis sie ihrem
Herzenswunsch entsagte!
    Und jetzt sagte sie nur, es sei ihr nicht leicht geworden.
    
    Sie unterbrach die Stille.
    »Warum hoscht net früher was g'sagt?«
    »Ich hab es selber nicht gewusst. Das ist so gekommen, nach und nach.«
    Er griff nach ihrer Hand, und sie liess sie ihm.
    »Schau, Mutter! Ich wär' dabei geblieben, dir zulieb. Aber es geht nicht.
Ich kann nicht.«
    Er legte den Kopf auf den Arm und weinte.
    Sie zog sachte ihre Hand aus der seinen und strich ihm liebkosend über das
Haar.
    »Geh, Bua!«
    Aber sie liess ihn gewähren und dachte, das täte ihm gut. Junge Leute weinen
sich die Sorgen und Schmerzen weg.
    Als Sylvester sich wieder aufrichtete, sagte er noch einmal: »Dir zulieb'
hab' ich dabei bleiben wollen.«
    »Dös hätt' i gar it mög'n. Wia'r i so da g'leg'n bi, hon i oft denkt, du
bleibst am End' dabei, so lang i leb', und bal i amal g'storb'n waar, gangst du
weg. Dös hätt' mir koa Ruah it lassen.«
    Und dann fragte sie:
    »Was hoscht nacha jetzt im Sinn?«
    Sylvester erzählte ihr von seinen Plänen. Erst stockend und unsicher.
Allmählich wurde er lebhaft. Die Freude an der tätigen Zukunft regte sich, und
er schilderte sie in rosigen Farben.
    Er komme schon bald zum Verdienst, sagte er. Der alte Schratt habe ihm eine
Stellung verschafft in einem grossen Handelshause in Frankfurt. Das habe
Niederlagen in allen Ländern, und wer sich tüchtig zeige, komme bald vorwärts.
    Und wie wollte er arbeiten! Keine Mühe sollte ihm zu viel sein, und je mehr
es zu schaffen gäbe, desto lieber wäre es ihm. Er könne die Zeit kaum mehr
erwarten, und er wolle der Mutter beweisen, dass sie der Entschluss nicht reuen
dürfe. In zwei, drei Jahren wäre er so weit, dass er sie unterstützen könne, viel
leichter, als wenn er Geistlicher würde. Die müssten warten, bis sie an die Reihe
kämen, aber in einem solchen Geschäft brächte einen die Arbeit vorwärts, und
weil er das wisse, sei ihm keine Arbeit zu viel.
    Die Mutter hörte ihn aufmerksam an. Sie konnte sich nicht alles zurecht
legen und sah den Weg nicht klar vor sich, den er gehen wollte. Aber sein Eifer
überzeugte sie, und sie ging daran, sich ein neues Bild von der Zukunft
auszumalen.
    Im goldgestickten Gewande würde ihr Sylvester nicht vor dem Altar stehen,
und in einem Pfarrhof würde er nicht sitzen.
    Das war vorbei. Aber einen grossen Kaufladen würde er haben, einen grösseren
noch, als der Kramer Schiessl in Nussbach. Bei dem es nach der Kirche immer
gesteckt voll war, und der sich das Geld haufenweise verdiente. Und das war doch
wahr. Bis einer Pfarrer würde, dauerte es lange, und als Kooperator hatte einer
kaum genug zum Leben und musste sich um sein Essen mit den Pfarrerköchinnen
streiten.
    Wenn man alles betrachtete, hatte ihr Sylvester eigentlich das bessere Teil
erwählt. So gewann ihre Vorstellung allmählich Form und Gestalt, und sie
unterbrach den Eifrigen mit Fragen. Ob der Frankfurter Kramer ihn schon bald in
ein Geschäft setzen würde? Und an einen grösseren Ort, vielleicht wie Nussbach
oder Pfaffenhofen? Und an einem schönen Platz neben der Kirche? Weil solche
Geschäfte den besten Besuch haben.
    Und zuletzt fragte sie:
    »Was is nacha dös für a Madel?«
    »Welches Mädel?« - »No dös, wo der Herr Kooperator g'sagt hat, dass du
heirat'n sollst.«
    Sylvester wurde rot bis über die Ohren und lachte verlegen.
    »Geh, Mutter! Was dir der g'sagt hat!«
    »Da Herr Stegmüller hat aber aa'r amal a solchene Andeutung g'macht.«
    Sylvester sah, dass seine Mutter ernstaft an diese Sache gedacht hatte, und
er meinte, sie habe es wohl verdient, dass er ihr alles Vertrauen schenke.
    Und er erzählte ihr, wie er das Mädchen kennen gelernt hatte, wie gut und
brav es sei, wer die Eltern wären, und wie er in dem Hause aufgenommen wurde.
    Aber er habe nicht ans Heiraten gedacht, sagte er; denn eine solche Hoffnung
wäre ganz töricht.
    Die Mutter hörte zu und sagte nichts.
    Sie ergänzte im stillen ihr Bild.
    Und darin stand jetzt Sylvester im Kaufladen des reichen Herrn Sporner als
Schwiegersohn und als der Mann der einzigen Tochter, der einmal alles erben und
kriegen musste.
    »Es wird no alles recht wer'n, Bua!« sagte sie. »Und jetzt gut' Nacht!«
 
                              Achtzehntes Kapitel
Am Gründonnerstag kamen drei lustige Soldaten ins Dorf. Der Zwerger Jackl und
ein Knecht vom Lochmann und dem Schuller sein Ältester.
    Sie marschierten singend die Nussbacher Strasse herein, und wenn ihnen ein
Mädel in den Weg kam, schrien sie ihm kecke Worte zu, wie man sie beim Militär
lernt. Beim Zwerger nahmen sie kurzen Abschied voneinander, und der Schuller
Sepp ging im Gschwindschritt heim. Als er nahe am elterlichen Hause war, dachte
er, es wäre ein guter Spass, wenn er seine Leute überrasche. Er schlich um den
Stadel herum und schaute zur Küche hinein. Die Mutter stand drinnen am Herd und
färbte Ostereier, rote und gelbe. Sie nahm sie vorsichtig aus der Pfanne und
legte sie in eine Schüssel.
    Da klopfte der Sepp ans Fenster, und sie fuhr erschrocken zusammen.
    »Jessas, aber du hoscht mi derschreckt!«
    Er lachte, dass man alle Zähne sah.
    »Servus! Da kumm i g'rad recht zu die Osteroar. Gib no glei a paar her,
Muatta!«
    »Geh no z'erscht ganz eina und sag mir Grüss Gott!«
    »Ja, was moanst denn, wia 'r i Kohldampf schiab!«
    »Lass di amal o'schaug'n mit der Uniform! Broater bischt wor'n.«
    »Dös kimmt vom G'wehr schmied'n; dös treibt oan ausanander.«
    Die Schullerin sah mit rechter Zufriedenheit auf ihren Sohn. Er war um ein
weniges kleiner als der Vater, aber seine Schultern waren breiter, und wie ihm
die blitzblaue Uniform prall ansass, war er ein Bild von derber Kraft. Und das
frische, kecke Wesen stand ihm gut.
    »Jetzt gib ma glei a paar Osteroar, weil i's so guat troffen hab',«
wiederholte er.
    »Muasst denn du g'farbte hamm? De g'hören zu der Weich.«
    »So lang' kann i net wart'n. I friss de mein ung'weicht.«
    »Da nimm da halt oa!«
    Sie schob ihm die Schüssel hin, und er holte sich etliche heraus.
    »Wia lang' hast denn Urlaub, Sepp?«
    »Sieb'n Tag. Am Mittwoch muass i wieder ei'passier'n.«
    Er kaute mit vollen Backen.
    »Wo is denn der Vata?« fragte er.
    »Er is it dahoam.«
    »Was? Er werd do it arbet'n an die Kartäg?«
    »Na, er is zum Haberlschneider umi. Da Herr Mang is do g'wen, und nacha san
s' mitanand furt.
    O mei, was da scho wieder geb'n werd!« setzte sie hinzu.
    Sepp überhörte ihren Seufzer. Er klopfte ein Ei an der Tischkante auf.
    »Und d' Urschula? Dass dir de it hilft?«
    »Sie is beim Kind droben.«
    Sepp tauchte das Ei ins Salz und schob es in den Mund.
    »Ah so!« sagte er. »Da hon i jetzt gar it dro denkt. Ös werd's an schön'
Verdruss g'habt hamm?«
    »Es is net der oanzige g'wen, Sepp. Bei ins is all's anderscht worn, seit
dass du furt bist.«
    Und sie erzählte.
    Wie der Vater zum Bürgermeister gewählt und wieder abgesetzt wurde, wie das
Kind von der Ursula einen Spottnamen hätte kriegen sollen, und wie es jetzt
einen Prozess gäbe mit dem Hierangl Xaver. Der Sepp hörte zu und ass nachdenklich
weiter.
    Wie die Rede auf den Xaver kam, sagte er, der sei alleweil ein Tropf
gewesen, ein miserabliger, und er brauche es notwendig, dass man ihm einmal das
Kreuz abschlage, und er wolle seinen Urlaub dazu hernehmen und den Xaver
umeinanderschlagen, dass er am Leben verzagen müsse.
    »Dös lasst du bleib'n!« sagte die Mutter. »Dass d' ma du aa no eini kimmst in
de G'schicht'n!«
    »Es braucht it viel,« meinte der Sepp und reckte sich in den Hüften. »I hab'
mit dem Bazi scho amal was z'toa g'habt; i hab'n beim Wirt so dumm an Of'n
hi'g'schmissen, und bal mi da Zwerger it z'ruckg'halt'n hätt', waar's eahm
schlecht ganga.«
    »Sei froh, dass 's guat naus ganga is! Und dös muasst ma versprech'n, dass d'
in Urlaub nix o'fangst damit. Mir waar's g'nua.«
    Er gab ihr das Versprechen und sagte, er habe das nicht so gemeint, dass er
auf der Stelle zum Hierangl gehen wolle, sondern er hätte gemeint, bloss so, wenn
es recht leicht ginge.
    »Na, na!« wiederholte die Mutter. »Du derfst eahm gar nix toa! Magst it a
paar Nudeln? De Oar müassen di ja im Mag'n drucka.«
    »Es werd besser sei, bal i no a Nudel iss,« sagte Sepp. »Und an Kaffee kunnst
d' mir aa macha.«
    »Den ko'st hamm. Kriagst d' in da Kasern' aa'r oan?«
    »So a braune Brüah geben s' ins in da Fruah. Dös hoassen s' an Kaffee.«
    »Du werst oft denk'n, dass 's dahoam besser is?«
    »De erscht Zeit scho. Nacha g'wöhnt ma si an all's, und Hunger kriagt ma'r
aa beim Kasernstopseln.«
    »Bei was?«
    »Beim Exerzier'n.«
    »Hast d' as recht hart an ganzen Tag?«
    »Und bei da Nacht aa. Da hoasst's Posten brenna.«
    »San s' recht grob mit dir?«
    »Na, i ko mi net beklag'n. Freili, bal si oana recht dumm stellt, nacha werd
er scho g'schimpft. Aba bei meiner Kumpanie san lauter stramme Teufeln, und bei
da Vorstellung san mir weitaus de bessern g'wen.«
    Er kam ins Erzählen.
    »Dös hätt'st sehg'n soll'n, wia ma da aufg'ruckt san. Und z'sammganga is,
g'rad nobl! Da Feldwebel hat ins lob'n müassen, und da Hauptmann hat g'sagt, die
junge Mannschaft macht ihre Sache sehr gut, ich bin sehr zufrieden damit, und da
Feldwebel hat g'sagt, dass de jungen Grasteufeln viel besser san als wia die alte
Blasen. Da hat er aa recht g'habt. Woasst, beim alt'n Jahrgang, da san Leut'
dabei, ganz eiskalte. De tean g'rad, was s' mög'n, und bal s' eig'sperrt wer'n,
dös is dena ganz wurscht.«
    »Di hamm s' no nia eig'sperrt, Sepp?«
    »Na. I lass mi net dawischen.«
    »Auf dös derfst di aba net verlassen.«
    »Ah was! A bissel schlau muass ma sei, nacha geht's scho. Z'nachst bin i um
elfi auf d' Nacht im Wirtshaus g'hockt und hab' koa Erlaubnis net g'habt. Auf
oamal kimmt d' Patrouill' daher. An Unteroffizier von der fünften Kumpanie. Wia
'r a vorn bei da Tür eina is, bin i hint' bei da Schenk' aussi. Er nach wia da
Teufi, i aussi in Hof und übern Zaun umi. G'sehg'n hat er mi, aber kennt hat er
mi net. In der Wirtschaft hat's eahm oana g'stochen, dass der betreffende Soldat
vom zwölften Regiment war; bloss d' Kumpanie hat er net o'geb'n könna.
    Jetzt hamm s' in da Früah bei jeder Kumpanie g'fragt, und hamm g'sagt, der
Mann soll sich melden, weil er erkannt worden ist.
    I bin aba net so dumm g'wen.«
    »Bal s' di aba 'rausbracht hätt'n!«
    »De bringen nix 'raus, bal ma schlau is. De hamm g'moant, es war oana von
der alten Mannschaft. Da Feldwebel hat g'sagt: Ich weiss schon, das ist die alte
Blasen, die glaubt, sie darf sich recht viel Kraut 'rausnehma. Aber wenn ich den
Betreffenden ausfindig mache, den leg' ich fünf Tag auf die Latten, den
Herrgottsakrament, hat er g'sagt.«
    »Der Ertl Hans hat hoam g'schrieb'n, dass er si halt gar it ei'g'wöhna ko bei
der Militari.«
    »Was will denn der sag'n, z' Münka drin? Der müasst erst was spanna, wia's
bei uns is. De wissen ja gar nix in da Stadt drin, de Grasteufeln!«
    Der Sepp war ein martialischer Soldat und ein treuer Anhänger des zwölften
Regiments.
    Und seine Mutter hörte ihm aufmerksam zu, während sie die Eier ins
sprudelnde Wasser legte.
    Da klangen rasche Schritte im Gange, und der Schuller trat ein.
    Sein Gesicht verriet eine starke Aufregung, aber keine traurige; seine Augen
blitzten, um den Mund lag ein freudiges Lachen, und die Stimme klang kräftig,
wie schon lange nicht mehr, als er den Sepp begrüsste.
    »Bist da? Dös is recht. Da Schnurrbart is dir g'wachsen. Jetzt kannst 'n
scho bald aufdrahn.«
    »Ja, was hoscht denn du?« rief die Schullerin.
    »Nix Schlechts net. D' Lumperei kimmt auf!« Und er patschte kräftig auf
seine Knie.
    »Woasst, Sepp, i hon a schlechte Zeit g'habt, aba jetzt geht's wieder
besser.«
    »D' Muatta hat ma's g'sagt.«
    »Hat s' da's g'sagt? Woasst, sie hätt'n mi ganz schlecht g'macht mit lauter
Lug'n, und i waar gar nix mehr g'wen. Aba jetzt is de G'schicht offenbar wor'n.«
    »Was hat's denn geben? Erzähl halt amal!« drängte die Bäuerin. Und der
Schuller erzählte.
    Sepp musste sich wundern über den Vater. Der war immer so ernst und wortkarg
gewesen; jetzt redete er hastig, als könne er die Worte nicht schnell genug
herausbringen, und schlug mit der Faust auf die Tischplatte oder wischte sich
mit dem Ärmel über die Stirne, weil es ihm heiss wurde vor lauter Lebhaftigkeit.
    »Er is ganz anders wie früherszeiten,« dachte Sepp.
Es hatte sich aber etwas Merkwürdiges ereignet; und das war so: Den dritten oder
vierten Tag nach seiner Ankunft ging Sylvester zum Lehrer Stegmüller und sagte
ihm, welchen Entschluss er mit Billigung seiner Mutter gefasst habe.
    Stegmüller wusste das Hauptsächlichste bereits aus den Prophezeiungen des
Herrn Kooperators und der Bäcker Ulrich Marie; er war nur überrascht, dass
Sylvester nicht zum Teater gehen wollte.
    Sitzberger hatte es feierlich versichert, und er hatte es geglaubt. Einmal
wegen der schönen Stimme, und dann wegen der Anziehungskraft der freien Kunst,
die er selbst in seiner Jugend verspürt hatte.
    Nun war es ihm doch lieb, zu hören, dass der junge Mang sich nicht auf den
schwanken Boden stellen wollte.
    Er lobte ihn darum und bezeigte ihm aufrichtige Anerkennung, weil er sich so
gefasst und unbekümmert seine Zukunft selber aufbauen wollte.
    Wie hätte sich wohl der Pfarrer Held über seinen Schützling gewundert! Er
hätte sicherlich den Entschluss gebilligt und gesagt, jeder müsse tun, was er für
recht erkenne. Der jetzige Pfarrer urteile wohl anders.
    Und da war Stegmüller in ein Gespräch geraten, das er mit grosser Vorsicht,
aber doch gerne pflegte. Mit unterdrückten Seufzern und halben Andeutungen gab
er Sylvester zu verstehen, dass sich vieles geändert habe, und dass die Neuerung
nicht gerade eine Besserung bedeute. Und dabei kam er auch auf den Schuller zu
sprechen. Er erzählte Sylvester, welche schlimmen Kränkungen den Mann angegangen
hätten, eine nach der andern; aber freilich, die schwerste Beschuldigung stamme
von Held her. Und er beschrieb den Vorfall mit ausführlicher Breite.
    Sylvester sagte, das glaube er nicht. Der alte Herr hätte so etwas nicht
getan.
    Stegmüller zog die Achseln in die Höhe.
    Ihm sei es ja auch sonderbar vorgekommen, aber man müsse es wohl glauben.
Ihm tue es leid um den Schuller.
    Und ihm noch mehr um das Andenken Helds, sagte Sylvester. Wie man ihm das
nachsagen könne! Wenn der etwas Schlechtes von einem gewusst hätte, dann hätte er
ihm gründlich die Wahrheit gesagt, aber nicht heimlich eine Anklage geschrieben.
    Das sei früher auch seine Meinung gewesen, versicherte Stegmüller. Aber ...
    Und gerade beim Schuller, unterbrach ihn Sylvester, da sei es nun ganz
unmöglich. Held habe einmal gesagt, wie unrecht es sei, verächtlich von der
Harterzigkeit und dem Eigennutz der Bauern zu reden. Wer das tue, wisse nicht,
wie viel man der zähen Art der Bauern verdanke; wie sie unser Volkstum
unverfälscht von Geschlecht zu Geschlecht vererbten und aus den Trümmern immer
wieder das alte Vaterland aufgebaut hätten.
    Und da habe Held den Schuller als Beispiel angeführt. Das sei so einer, der
sich nicht beugen lasse, und der mit unverdrossenem Fleisse seine kleine Welt in
Ordnung halte.
    Wie könne man dieses Lob übereinbringen mit der heimlichen Anklage? Und wer
dürfe glauben, dass Held den Mann schwer schädigte, dessen Tüchtigkeit ihm so
viel galt?
    Das sei alles recht schön, meinte Stegmüller. Aber vielleicht habe Held
seine gute Meinung später geändert.
    Nein, sagte Sylvester, denn dieses Lob habe er in der letzten Zeit von Held
gehört. Und wenige Monate später sei der alte Herr gestorben.
    Dann habe er den Zettel vielleicht früher geschrieben und habe erst
nachträglich eine bessere Meinung vom Schuller erhalten, erwiderte der
hartnäckige Stegmüller.
    Jedenfalls sei der Zettel da, und er möchte Sylvester nicht raten, solche
Zweifel auszusprechen. Überhaupt müsse man froh sein, wenn die Sache nach und
nach einschlafe. Das sei auch für den Schuller das beste.
    Sylvester war nicht zu ängstlich auf seiner Hut, und es mochte wohl sein,
dass die Weberin einiges hörte, von der es wieder die Bäcker Ulrich Marie und auf
diesem Umwege der Herr Kooperator erfuhr.
    Vielleicht kam die Kunde auch auf andere Weise in den Pfarrhof; jedenfalls
liess Baustätter den Herrn Mang um seinen Besuch bitten.
    Sylvester dachte, er wolle mit ihm Rücksprache nehmen wegen seines
Abschiedes vom geistlichen Berufe, und fand sich zur festgesetzten Stunde im
Pfarrhof ein.
    Der Gang war ihm nicht lieb. Er hatte es nach jenem ersten Besuche
vermieden, mit Baustätter zusammenzutreffen. Aber er gestand dem Pfarrer das
Recht zu, in dieser Angelegenheit von ihm selbst die Wahrheit zu erfahren, und
er hielt es für gut, wenn er mit einer bündigen Erklärung den Klatsch aus der
Welt schaffte.
    Baustätter empfing ihn wohlwollend.
    »Ah, der Herr Studiosus! Wollen Sie Platz nehmen?«
    Sylvester musterte mit einem raschen Blicke den Raum, der ehedem so
behaglich war, und von dessen Wänden jetzt aufdringliche Frömmigkeit auf ihn
herunterstarrte.
    »Setzen Sie sich doch!« wiederholte der Pfarrer.
    »Ich danke, wenn Sie erlauben, stehe ich lieber.«
    »Wie Sie wünschen. Ich habe Sie um Ihren Besuch gebeten, Herr Mang, weil mir
Verschiedenes berichtet wurde. Sie wollen dem priesterlichen Stande entsagen?«
    »Ja, Hochwürden.«
    »Ich habe Ihnen keinen Vorwurf zu machen. Sie werden sich geprüft haben,
warum Sie diesem erhabenen Stande nicht angehören wollen.«
    »Ich habe es lange überlegt.«
    »Wer nicht allem absagt, kann nicht mein Jünger sein, steht geschrieben.
Wenn Sie die weltlichen Interessen höher achteten, dann war es besser, dass Sie
zurücktraten.«
    »Ich habe keine rechte Freude dazu. Und die muss man doch haben!«
    »Gewiss! Man muss sich vom Weltgeiste losschälen. Nisi quis renuntiaverit
omnia. Aber haben Sie überlegt, was Sie aufgeben wegen dieser verkehrten Welt?
Wird nicht eines Tages die Stunde kommen, wo Sie den Tausch bitter bereuen?«
    »Ich glaube nicht, Hochwürden.«
    »Und ich hoffe es nicht. Wie gesagt, ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Als ich
von Ihrem Entschlusse hörte, habe ich Sie in mein Gebet eingeschlossen. Und ich
dachte, wenn ihn nur kein niedriger Beweggrund veranlasst hat!«
    »Nein, Herr Pfarrer.«
    Sylvester begegnete den Blicken Baustätters. Die waren stechend auf ihn
gerichtet. Jetzt huschten sie weg und senkten sich auf die fleischigen Hände,
welche wie zum Gebete gefaltet waren.
    »Es ist mir gesagt worden, dass Sie wegen eines Mädchens auf Ihrem Wege
umkehrten.«
    »Wer hat das gesagt?«
    »Man hat es allgemein behauptet. Aber ich glaubte es nicht. Ich konnte mir
nicht denken, dass ein ehrbares Mädchen seine Wünsche auf einen richtet, der sich
zum priesterlichen Berufe vorbereitet.«
    Sylvester fühlte, wie ihm die heisse Röte ins Gesicht stieg.
    Wieder begegnete er dem lauernden Blick. Es lag etwas Feindseliges in diesen
Augen. Sie verrieten Gedanken, die nichts zu tun hatten mit den salbungsvollen
Worten.
    »Und Sie haben sich ausgesöhnt mit denen, welche eigentlich ein Recht haben
auf die Vollendung Ihrer Studien?«
    »Es hat keine Aussöhnung gebraucht. Meine Mutter wollte mich überhaupt nicht
zwingen.«
    »Das ist gewiss vernünftig. Aber es gibt noch jemand, den Ihr Entschluss sehr
nahe angeht. Ihren Vetter.«
    »Ich habe ihm geschrieben.«
    »Und er hat Ihnen schon geantwortet?«
    »Nein. Ich glaube auch nicht, dass er mir schreibt. Vielleicht kommt er an
den Feiertagen herüber.«
    »Sie wissen also nicht, wie er über die Sache denkt?«
    »Nein.«
    »Mein Kooperator war gestern zufällig in Pasenbach. Er hat mit Ihrem Herrn
Vetter gesprochen.«
    Baustätter machte eine Pause. Er wollte sehen, wie diese Mitteilung wirkte.
Sie wirkte nicht stark.
    Sylvester kannte den hochwürdigen Herrn Sitzberger, und er kannte darum auch
den Zufall, der ihn nach Pasenbach geführt hatte.
    »So, er hat meinen Vetter getroffen?« fragte er gleichmütig.
    »Ja, und ich muss Ihnen zu meinem Bedauern sagen, dass der alte Mann sehr
unglücklich ist und sehr entrüstet.«
    »Das tut mir leid, Herr Pfarrer. Vielleicht kann ich ihn beruhigen, wenn ich
selber mit ihm rede.«
    »Das glaube ich nicht. Er sagte, dass er elf Jahre das Geld für Ihre Studien
hergegeben habe, bloss auf das Versprechen, dass Sie Geistlicher werden. Und Sie
hätten ihn getäuscht. Vielmehr betrogen, sagte er. Er gebrauchte nämlich sehr
starke Ausdrücke.«
    In Sylvester stieg der Zorn auf.
    »Wenn mein Vetter das wirklich gesagt hat, dann weiss er nicht, was er
redet.«
    »Sie zweifeln doch nicht daran? Wenn Sie wünschen, kann Ihnen mein
Kooperator das selbst bestätigen.«
    »Ich danke, Herr Pfarrer. Ich meine, darüber habe ich eigentlich nur mit
meinem Vetter zu verhandeln.«
    »Gewiss. Aber Sie dürfen dem alten Manne nicht zürnen. Bedenken Sie doch,
wenn er wirklich das Geld nur in dieser Hoffnung gegeben hat! Und wenn man ihm
diese Hoffnung gemacht hat!«
    »Solange ich Geld von ihm genommen habe, wusste ich nichts anderes, als dass
ich Geistlicher werde.«
    »Sie dürfen mich nicht falsch verstehen, Herr Mang. Ich erzählte Ihnen nur,
wie Ihr Vetter das aufnimmt. Und begreiflich ist es am Ende doch, dass er sich
getäuscht fühlt.«
    »Niemand hat ihn getäuscht. Aber vielleicht ist ihm das jetzt so hingestellt
worden.«
    »Das ist ein harter Vorwurf gegen meinen Kooperator!«
    »Der Herr Sitzberger hat schon bei meiner Mutter Schwätzereien gemacht. Ich
kann mir denken, dass er bei meinem Vetter noch stärker aufgetragen hat. Ich
nehm' ihm das nicht übel, weil ich nichts danach frage. Ich meine bloss, dass es
ihn nichts angeht.«
    »Persönlich nicht. Aber als Priester muss er es bedauern, dass Sie keine
grössere Liebe zu unserem Stande zeigten.«
    »Deswegen braucht er keine Geschichten herumzutragen.«
    
    »Sagen Sie es ihm doch selbst!«
    »Das ist mir nicht der Mühe wert, Herr Pfarrer.«
    »Sie sind sehr stolz geworden. Aber eins muss ich Ihnen doch sagen. Warum
machen Sie selbst Schwätzereien, wenn Sie dieselben verdammen?«
    »Ich?«
    »Ja, Sie, Herr Mang. Und darüber muss ich mit Ihnen noch reden.«
    »Bitte!«
    »Es ist mir mitgeteilt worden, dass Sie für den Schuller Partei nehmen und
überall erzählen, es sei ihm unrecht geschehen.«
    »So hab' ich es nicht gesagt.«
    »Also haben Sie doch darüber gesprochen? Was wissen Sie eigentlich von der
ganzen Sache?«
    »Ich weiss nur, was mir erzählt worden ist.«
    »Und das genügt Ihnen, mich anzugreifen? Was Sie im Vorbeigehen
aufschnappen, passt Ihnen, wenn es gegen mich geht!«
    »Gegen Sie habe ich kein Wort gesagt.«
    »Nicht? Gegen wen sonst? Das ist eine merkwürdige Verdrehung der Wahrheit!
Sie taugen allerdings nicht zu einem Priester.«
    »Sie werden mir keine Lüge nachweisen können.«
    »Wenn Sie überall herum erzählen, dass man den Schuller verleumdet hat, gegen
wen richtet sich das? Wen greifen Sie damit an? Da wollen Sie sich ausreden, dass
Sie meinen Namen nicht genannt haben? Was wissen Sie denn überhaupt von der
Sache?«
    Baustätter stand mit blitzenden Augen vor Sylvester und erhob seine Stimme
zum Schreien.
    »Sie kommen dahergeschneit, schnappen etwas auf und erfrechen sich ...«
    »Herr Pfarrer!«
    »Jawohl, erfrechen sich, gegen mich zu hetzen. Aber wenn Sie es noch so
heimlich machen, ich erfahre es doch! Ich weiss alles.«
    »Sie wissen gar nichts.«
    Sylvester sagte das in so barschem Tone, dass Baustätter einen Augenblick
inne hielt.
    »Sie wollen es leugnen?« fragte er.
    »Ich sage Ihnen noch einmal, ich habe nichts zu leugnen. Sie könnten sich
genauer erkundigen, bevor Sie mir Grobheiten machen.«
    »Ich mache Ihnen keine Grobheiten.«
    »Sie haben mir Frechheit vorgeworfen.«
    »Ich sagte nur, es wäre frech, wenn Sie behaupten, dass ich dem Schuller
unrecht getan habe.«
    »Ich habe mich gewundert, dass man solche Anklagen gegen ihn erhebt, und ...«
    »Sie haben sich gewundert, und Sie haben es jedem gesagt oder überall
durchblicken lassen, dass Sie es für unwahr halten.«
    »Darf ich ausreden, Herr Pfarrer?«
    »Nein. Schweigen Sie!« schrie Baustätter. »Ohne Beweis fallen Sie über mich
her! Natürlich, nur ich bin schuld. Ich habe Anklage erhoben gegen den braven
Schuller! Was wissen Sie davon? Wer hat ihn angeklagt? Da! Da ist der Ankläger!«
    Baustätter öffnete mit einer heftigen Bewegung das Pult und warf ein Blatt
Papier vor Sylvester auf den Tisch. »Da ist der Ankläger! Ihr verehrter Herr
Pfarrer Held! Wollen Sie den auch verdächtigen?«
    Sylvester nahm das Blatt langsam auf. Er las die ersten Worte mit
Widerstreben. Dann las er die Schrift hastig durch und las sie wieder.
    »Wollen Sie jetzt noch bei den Leuten herumerzählen, dass dem Schuller
unrecht geschehen ist?«
    Sylvester antwortete dem Pfarrer nicht. Er fragte mit erzwungener Ruhe:
    »Von wem haben Sie den Zettel?«
    »Im Kirchenbuch war er.«
    »Legen Sie ihn nicht mehr hinein, Herr Pfarrer.«
    »Was soll das heissen?«
    »Der Zettel ist falsch! Die Schrift ist gefälscht!«
    »Sie wagen, mir das vorzuwerfen?«
    »Das ist nicht die Schrift des Herrn Held!«
    »Geben Sie das Blatt her! Sofort geben Sie es mir!«
    Sylvester legte es auf den Tisch, und Baustätter riss es ungestüm an sich. Er
kreischte, dass ihm die Stimme überschlug.
    »Sie setzen Ihrer Frechheit die Krone auf! Ich will sehen, ob Sie mich einen
Fälscher heissen dürfen!«
    »Das habe ich nicht getan.«
    »Lügen Sie nicht!«
    »Ich habe gesagt, dass die Schrift gefälscht ist. Und das kann ich beweisen.«
    »Sie wollen es wieder herumdrehen! Das will ich sehen!«
    Sylvester nahm seinen Hut und ging ohne Gruss aus dem Zimmer. Als er den
Pfarrhof verlassen hatte, regte sich erst sein Zorn über den Auftritt. Er war
nicht zufrieden mit sich. Warum hatte er nicht schärfer geantwortet auf die
Beschimpfungen? Er hätte wenigstens sagen können, dass diese sinnlose Wut
verdächtig sei.
    Wenn der Pfarrer den Zettel wirklich gefunden habe, könne es ihm nur recht
sein, dass die Fälschung entdeckt wurde, dass man das Unrecht wieder gutmachen
konnte. Und wie plump das gefälscht war!
    Im Texte war die Schrift nicht einmal nachgemacht; nur der Namenszug war
ähnlich. Daneben war das Siegel aufgedrückt, als wenn so etwas eine amtliche
Bestätigung sein könnte.
    Sylvester blieb stehen. Das war ihm nicht gleich eingefallen, das Siegel war
ja ein Beweis, dass der Pfarrer den Zettel gefälscht hatte!
    Wer hätte sonst das Amtssiegel benutzen können? Er ging wieder rasch
vorwärts. Was sollte er jetzt tun? Die Wahrheit musste heraus, und war es nur dem
alten Herrn zuliebe.
    Zum Lehrer gehen und ihn um Rat fragen? Der würde nur abmahnen und den
lieben Frieden predigen. Und bitten, dass man ihn aus dem Spiele lasse.
    Oder die Mutter ins Vertrauen ziehen? Sie würde sich ängstigen.
    Das Einfachste war, es dem zu sagen, der ein Recht auf die Wahrheit hatte.
    Und ja, das wollte er tun.
    Sylvester eilte durch das Dorf und kam erhitzt in den Schullerhof. Die
Bäuerin stand unter der Tür.
    »Ist der Schuller daheim?«
    »In der Stub'n hockt er. Aber sagen S' no mir an Grüss Good, Herr Mang!«
    »Ja, ja! Ich hab' jetzt keine Zeit.«
    »Wo brennt's denn?«
    Sie erhielt keine Antwort; Sylvester war schon in der Stube. Der Schuller
schaute über seine Zeitung weg auf den Eintretenden.
    »Was geit's?« fragte er kurz.
    »Ich muss Ihnen was Wichtiges sagen.«
    »Was nacha?«
    »Ich hab' den Zettel gesehen, wegen dem Sie so viel Verdruss gehabt haben.«
    »So?«
    »Der Herr Pfarrer hat ihn selber hergezeigt.«
    »Dös is nix Sonderbar's. Der hat'n scho viel Leut' zoagt. Bloss mir net.«
    »Der Zettel is falsch, Schuller.«
    »Dös woass neamd besser, wia 'r i, dass dös verlog'n is.«
    »Verstehen Sie mich recht! Die Schrift ist gefälscht.«
    »G'fälscht?«
    »Jedes Wort und die Unterschrift dazu.« Der Schuller fasste Sylvester mit
einem derben Griffe am Arm.
    »Sie, Herr Mang, i kenn' Eahna do guat und glaab net, dass Sie an Spott über
mi hamm. Was is dös, was Sie da sag'n?«
    »Ich sag' Ihnen, dass der Herr Pfarrer Held kein Wort über Sie geschrieben
hat. Dass man seine Schrift nachgemacht hat.«
    »Nacha waar ja dös offenbar, dass alles mit Fleiss derlog'n is?«
    »Ja, dass es erfunden ist. Und dass man den alten Held dazu hergenommen hat.«
    »Aba, ko ma dös beweisen?«
    »Das ist gar nicht schwer. Das sieht jeder, der die Schrift kennt.«
    »Und dös is g'wiss und wahr, Sylvester? Sie hamm Eahna net täuscht?«
    »Eine Täuschung ist gar nicht möglich. Was ich Ihnen gesagt habe, vertrete
ich vorm Gericht.«
    »Ja, Herrgott!«
    Schuller stand von der Bank auf und packte Sylvester an beiden Schultern und
schüttelte ihn herzhaft.
    »Ja, Herrgott! Manndei! Was sagst ma denn du? Gel, du lügst it? Manndei, was
sagst d' ma denn du?«
    Er setzte sich wieder.
    »Sie müassen ma 's nomal g'nau sag'n. So schnell versteh' i dös net.«
    Sylvester erzählte nun ausführlich, wie er im Pfarrhof war, wie ihn
Baustätter zur Rede stellte, und wie alles kam.
    Der Schuller unterbrach ihn oft.
    »Z'erscht recht freundli, gel? Und giftig bei da Freundlichkeit, und nacha
auf oamal in da Wuat? Ja, i kenn' an Herrn Baustätter!«
    Und als Sylvester beschrieb, wie der Pfarrer den Zettel vor ihn auf den
Tisch warf, patschte sich der Schuller auf die Knie und lachte aus vollem Halse.
    »Er hat g'moant, Sie verstengan nix davo. Aba Sie hamm's glei kennt?«
    »Gleich, wie ich's gelesen hab'.«
    »Es is halt do was Schön's, bal oana studiert hat. Oft hab' i mir denkt,
wenn i Eahna g'sehg'n hab', es is eigentli schad', dass so a Mannsbild wia Sie a
Stubenhocker werd, aba jetzt is 's do für was guat g'wen.«
    Und dann wurde der Schuller wieder ernst.
    »I bin Eahna viel Dank schuldig, Sylvester,« sagte er. »Aba wissen S', d'
Hauptsach' kummt erst. Dös müassens S' mir auf Ehr' und G'wissen sag'n, ob Sie
fest steh' bleib'n auf dem, bal mir scharf zum Streit'n o'fanga.«
    »Ich steck' nicht um, Schuller. Sonst hätt' ich Ihnen lieber nichts gesagt.«
    »Und bal i Eahna bitt'n tat, dass Sie jetzt mit mir zum Haberlschneider
gengan?« - »Ich bin dabei.«
»Und nacha san mir zwoa beim Haberlschneider g'wen,« erzählte der Schuller. »Und
da Sylvester hat de G'schicht akkurat a so vorbracht, wia bei mir, und da
Haberlschneider sagt, jetzt glaabt er selm, dass i dös Spiel g'winn, und dass 's
nimmer ausko. Jetzt werd er schaug'n, der Herr Baustätter!«
    »Pass auf, dass dir net no mal falliert!« mahnte die Bäuerin. »Da Verdruss waar
glei ärger, wia beim erstenmal.«
    »Wia soll denn dös fallier'n? Da Sylvester steht vor, und wissen tuat er's
g'nau. Er hat a paar Brief vom Held, und a Büachl hat er, wo der alt' Pfarrer
was nei g'schrieb'n hat.«
    »Warum hat denn da Herr Mang den Zettel net glei b'halten?«
    »Dös hat er net derfen.« - »Aba besser waar's g'wen.«
    »Na, Alte. Dös vastehst du z' weni. I will mei Recht. Dös müassens mir geben
vor alle Leut' beim hellicht'n Tag. Und weil i dös will, derf i selber nix toa,
was geg'n 's G'setz is.«
    »Bal's dir no so 'nausgeht, Andrä!«
    »Es geht mir scho naus. I hab' de G'wissheit in da Hand, und am Samstag
kriag' i mei Recht. Da Sylvester fahrt mit eini ins Bezirksamt.«
    Er streckte die Arme aus und lachte fröhlich.
    Und dann unterhielt er sich noch lange mit seinem Sepp über das
Soldatenleben. Wie es zu seiner Zeit war, und wie es jetzt anders geworden ist.
 
                              Neunzehntes Kapitel
»Begreifen Sie das nicht? Es ist doch so einfach!« sagte der Bezirksamtmann
Otteneder und richtete ungeduldige Blicke bald auf Sylvester und bald auf den
Schuller. »Ist das so schwer zu begreifen?« wiederholte er.
    »Ja, und ich werde es nie verstehen,« sagte Sylvester.
    »Dann will ich es Ihnen noch einmal sagen, obwohl ich eigentlich keine Zeit
habe. Sie sagen mir, dass die Angaben des Pfarrers Held gefälscht sind, das
heisst, dass sie nicht von ihm geschrieben wurden. Also was ist jetzt? Glauben
Sie, dass ich meinen Beschluss umstossen und den Vöst zum Bürgermeister machen
soll? Das geht nicht und ist überhaupt unmöglich. Ausserdem, woher wissen Sie,
dass ich wegen der Beschuldigungen, die auf dem Zettel standen, die Bestätigung
verweigerte?«
    »Das steht im Beschluss,« sagte Sylvester.
    »Nein; lesen Sie ihn doch genau! Es heisst: Diese Beschuldigungen liegen weit
zurück und sind nicht bewiesen. Also ich habe keinen Wert darauf gelegt. Aber -
jetzt hören Sie zu! - aber der Glaube an diese Behauptungen hat gezeigt, dass der
gewählte Bürgermeister der Achtung entbehrt, nicht bei allen, aber bei vielen
Gemeindemitgliedern. Und das ist nicht zulässig, denn Autorität und Achtung
gehören zusammen.«
    »Wenn aber jetzt...«
    »Einen Augenblick! Ausserdem habe ich hervorgehoben, dass der Glaube an diese
Beschuldigungen bereits Auswüchse gezeitigt hat, die wiederum ganz unverträglich
sind mit der Stellung eines Bürgermeisters. Es ist sogar zu Raufereien gekommen.
Sehen Sie, deshalb habe ich die Bestätigung verweigert, und das steht im
Beschlusse.« - »Derf i jetzt amal reden?« fragte der Schuller.
    »Ja. Ich hab' Sie überhaupt noch immer angehört.«
    »Sie sag'n, dass der g'fälschte Zett'l für Eahna koa Bedeutung net g'habt
hat. Da muass i Eahna scho sag'n, Herr Bezirksamtmann, Sie reden heut' anderst,
als wia beim erstenmal. Wia'r i dös erstmal herin g'wen bi, da hab' i Eahna
g'fragt, warum Sie mi abg'setzt hamm. Und Sie hamm g'sagt, weg'n de bekannt'n
Tatsachen, weil i Ärgernis geb'n hab', weil i mein Vata misshandelt hab'. Dös
hamm Sie ausdrücklich g'sagt.«
    »Sie waren damals so erregt, dass Sie mich nicht verstanden haben.«
    »Na, na! I hab' Eahna guat vastand'n. Weg'n de bekannt'n Tatsachen hamm Sie
g'sagt, und da Flori is dabei g'wen. Der ko's beweisen.«
    »Sie tun so, als ob ich etwas ableugnen wollte. Ich brauche Ihre Zeugen
nicht. Was ich gesagt habe, das vertrete ich schon.«
    »Sie sag'n aba jetzt, dass dös koa Bedeutung g'habt hätt'!«
    »Es war nicht massgebend, sage ich. Natürlich habe ich von dieser
Beschuldigung gesprochen, weil sie beim Akt liegt.«
    »Dös war aba d' Hauptsach'. Sie hamm no zu mir g'sagt, i derf den Zett'l gar
it anzweifeln.«
    »Im Beschlusse steht ganz deutlich, warum ich Ihre Wahl umgestossen habe. Sie
müssen jetzt nicht mit Geschichten daherkommen.«
    »Weil's wahr is. Weg'n de bekannt'n Tatsachen, hamm Sie g'sagt, und weil i
Ärgernis geb'n hab'.«
    »Das habe ich geglaubt, und Ihre Mitbürger glaubten es auch. Sie haben die
Leute nicht ruhig widerlegt, sondern haben geschimpft und gerauft. Und wer das
tut, wird nicht Bürgermeister. Punktum!«
    »I will ja gar koana sei; net g'schenkt.«
    »Was wollen Sie dann überhaupt von mir?«
    »Mei Ehr' will i hamm!«
    »Hab ich sie Ihnen genommen?«
    »Jawohl, dös hamm Sie!«
    »Sie regen sich auf, Schuller!« sagte Sylvester. »Das hilft nichts. Herr
Bezirksamtmann, erlauben Sie noch eine Bemerkung! Der ganze Streit ist doch
damit angegangen, dass der Herr Pfarrer den Zettel hergezeigt hat!«
    »Ja, und?«
    »Und wenn jetzt bewiesen wird, dass der Zettel gefälscht ist, und dass die
Beschuldigung erfunden ist, dann muss doch alles rückgängig gemacht werden!«
    »Was soll man rückgängig machen?«
    »Ich meine, die Verleumdung muss widerrufen werden.«
    »Von wem?«
    »Vom Herrn Pfarrer, weil er sie verbreitet hat.«
    »Gut! Verlangen Sie das von ihm!«
    »Der Schuller meint, Sie sollen es ihm amtlich befehlen.«
    »Wie soll ich denn das machen?«
    »Er hat Sie doch getäuscht!«
    »Angenommen, er hätte mir die Unwahrheit gesagt, warum soll ich ihn zum
Widerruf zwingen? Das tut doch immer der Beleidigte!«
    »Wenn er Ihnen amtlich eine Fälschung vorgelegt hat!«
    »Es ist haarsträubend!« sagte Otteneder. »Sie reden immer, als wenn
gerichtlich eine Fälschung festgestellt wäre. Das ist doch bloss Ihre Behauptung!
Was fange ich damit an? Wenn ich sie weiter gebe, verklagt der Pfarrer mich. Das
darf ich doch nicht!«
    »Dös derfen Sie net?«
    »Nein! Ich werde mich hüten.«
    »Aba geg'n mi, da hamm Sie scho derfen? Da hamm Eahna Sie net g'hüat!«
    »Schreien Sie mich nicht so an!«
    »Da hat's koan Beweis braucht, gel? Da hamm S' all's weiter geb'n derfen?
Jetzt is anderst, weil der Fälscher koa Bauer is!«
    »Was erlauben Sie sich denn?«
    »Ja so! Sie san ja a Herr Beamter! Da müasst i eigentli Respekt ham vor
Eahna! Aba da feit's weit! Und i gab' mi net her zu dem, was Sie to hamm. Gengan
S' zua, Herr Mang! Mir hamm nix mehr verlor'n da herin.«
    »Schuller!«
    Aber der war schon zur Türe hinaus, und Sylvester stand allein vor dem
erzürnten Bezirksamtmann.
    »Was haben Sie sich eigentlich hineinzumischen?« herrschte ihn Otteneder an.
»Sie könnten was Besseres tun, als diesen rabiaten Menschen aufreizen.«
    »Ich weiss, dass ihm Unrecht geschehen ist.«
    »Sie sind schnell fertig mit dem Wort! Wie Sie im Handumdrehen eine
Fälschung entdecken wollen, das ist ein starkes Stück. Nehmen Sie sich in acht!«
    »Ich fürchte mich nicht.«
    »Nur nicht zu heldenhaft! Sie könnten sich die Finger einmal bös
verbrennen.«
    Sylvester verbeugte sich höflich und wandte sich zum Gehen.
    Da sagte der Bezirksamtmann noch:
    »Richten Sie dem Vöst aus, dass ich ihn nicht belangen werde wegen seines
Benehmens. Ich denke mir, er war nicht zurechnungsfähig.«
Im Stiegenhause wartete der Schuller.
    »Ist es Ihnen recht, wenn wir ins Amtsgericht gehen?« fragte Sylvester.
    »Was toa?«
    »Sie müssen Ihr Recht suchen.«
    »Na, Herr Mang, dös suach' i nimmer. I fahr' hoam.«
    »Aber warum?«
    »Weil all's umsunst is. De hamm 's Recht so guat vasteckt, dass 's i meiner
Lebtag' net find'. Und wenn i's g'funden hätt', nehman s' ma's weg unter da
Hand.«
    »Sie müssen nicht gleich die Hoffnung aufgeben!«
    »Glei! I hab's net glei aufgeben. Sie wissen dös net. I hab' mi ei'g'spreizt
mit Händ' und Füass', und zwinga muass i's, hab' i g'moant, und nacha - ah was!«
    Er nahm den Hut ab und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirne.
    »Es muss gehen,« ermunterte Sylvester.
    »Sie san no jung und mögen's net glaab'n, dass ma mit'n Recht nachgeb'n muass.
Aba es is do a so. Mir fahr'n hoam, Herr Sylvester.«
Ostersonntag.
    Man läutete mit allen Glocken, und das Hochamt war zu Ende. Die jungen
Burschen eilten zuerst aus der Kirche und standen in Gruppen beieinander.
    Es gab noch etwas zu sehen, wenn die Mädeln in hochbepackten Körben das
Geweihte heimtrugen.
    Da lagen obenauf die buntgefärbten Eier, daneben saftige Schinken, Brot,
Fleisch und Salz, und wer ein übriges tun wollte, setzte auf die schmackhaften
Dinge ein schneeweisses Osterlamm aus Zuckerteig. Die Burschen musterten die
Körbe und ihre Trägerinnen, und sagten jeder etwas Lustiges. Die älteren Leute
schritten langsam durch den Friedhof; die Männer sahen über die Mauer weg auf
die Felder, deren Saatfurchen sich in langen Reihen die Hügel hinaufzogen.
    Unter den Letzten kamen die Honoratioren von Erlbach. Der Lehrer, der
Schulgehilfe, der Postexpeditor und der Stationskommandant mit seiner Frau.
    Sie redeten von dem Verlaufe des Hochamtes, und Herr Stegmüller fragte, ob
man nichts gemerkt habe, dass die Schallmaier Zenzi beim Kyrie eleison viel zu
spät eingesetzt habe. Er könne ihr das nicht abgewöhnen, denn sie habe
eigentlich kein gutes Musikgehör. Die Frau Kommandant sagte, sie habe es wohl
bemerkt, und sie glaube auch, dass es dem Herrn Pfarrer aufgefallen sei, denn er
habe seinen Kopf umgedreht und zum Chor hinaufgeschaut.
    Und schad' sei es, sagte der Hilfslehrer, dass der Herr Mang nicht
mitgesungen habe. Im vorigen Jahr' habe es so schön geklungen, das Solo beim
Agnus Dei. Er selber habe es lang' nicht so gut herausgebracht.
    Das liess die Frau Kommandant nicht gelten, und ihr Mann stimmte bei, dass der
Herr Hilfslehrer ebenfalls eine ausgezeichnete Stimme habe.
    Aber warum der Herr Mang weggeblieben sei?
    »Ich weiss 's net,« antwortete Stegmüller. »Gestern abend is er zu mir kommen
und hat g'sagt, er wär' net aufg'legt zum Singen.«
    »Geht's seiner Mutter wieder schlechter?«
    »Nein, die erholt sich recht gut.«
    »Vielleicht mag er nicht, weil er geg'n den Herrn Pfarrer was hat,« meinte
die Frau Kommandant. »Er war gestern mit'n Schuller in Nussbach.«
    »Gestern?« Stegmüller blieb stehen. »Von dem hat er mir nichts g'sagt.«
    »Mein Mann hat's erfahren, gelt, Karl?«
    »Ja; er war im Bezirksamt, von meine Leut' hat'n einer g'sehen.«
    »So, so?«
    »Es g'fallt mir eigentlich nicht, dass er Partei nimmt,« sagte der
Kommandant. »G'rad jetzt, weil er aus'treten is, schaut's a bissel sonderbar
aus.«
    Seine Frau stiess ihn an.
    »Du, da grüsst dich ein Soldat!«
    Der Schuller-Sepp stand bei den Burschen und machte Front vor dem
militärischen Vorgesetzten und Rührt euch, als dieser abwinkte. Und er machte es
so stramm, wie man's lernt beim zwölften Regiment.
    »Ein ordentlicher Bursch!« sagte der Kommandant. »Er macht sich gut beim
Militär. Was is? Geh'n wir zum Frühschopp'n. Zu Ehren des Festes?«
    Stegmüller und der Hilfslehrer waren einverstanden, und die Frau Kommandant
sagte, sie gehe mit, aber sie müsse gleich wieder heim zum Kochen.
    Die Wirtsstube war nicht so voll wie sonst an den Festtagen; denn Bauer und
Knecht trachteten heim, um das Geweihte zu essen. Zwei Tische waren mit Gästen
besetzt, und sie grüssten alle freundlich, als die Honoratioren an ihnen vorbei
ins Nebenzimmer gingen.
    Neben dem Ofen sass noch ein Mann allein.
    Er hatte die Arme verschränkt auf den Tisch gelegt und sah nicht auf. Der
Kommandant bemerkte ihn.
    »Is das net der Schuller?« fragte er und schaute noch einmal aus dem
Nebenzimmer zurück.
    »Ich glaub', er war's,« antwortete Stegmüller.
    Als die Kellnerin kam, fragte der Kommandant wieder.
    »Gelt, der Schuller sitzt draussen?«
    »Ja, er is scho seit a paar Stund' da und red't und deut' nix.«
    »Er kommt sonst net oft zu Euch?«
    »Scho seit a paar Monat is er nimmer rei' ganga. Heut' is er unter da Kirch'
daher kemma. Und jetzt trinkt er oa Halbe nach der andern.«
    »Der muss was B'sonderes haben,« sagte der Kommandant. »Also prost, Herr
Lehrer, aufs Wohlsein!«
»Wo gehst denn hi, Sepp?« fragte die Schullerin.
    »Auf Webling umi.«
    »Geh, bleib do und geh zu unsern Wirt abi!«-»Warum nacha?«
    »Du tatst mir an G'fall'n. Da Vata hockt drunt scho seit in der Fruah. Dös
woass i net, so lang' ma verheirat' san.«
    »Wenn's d' moanst, geh'n i halt abi. Aba dass du gar a so ängstli bist?«
    »Jetz' is fünfi auf'n Abend. Und seit in der Fruah hockt er drunt'.«
    »Es freut'n halt amal.«
    »Na, weg'n da Freud' tuat er's net. Du woasst, wia 'r a gestern hoam kemma
is. Koa Wort g'redt, und heut' is er furt in aller Fruah. I hab' g'moant, er
geht vors Dorf aussi und schaugt drauss'd umanand. Derweil sagt ma d' Zwerger
Marie, dass er beim Wirt hockt. - Und jetzt hon i gar koa Ruah nimmer.«
    »Desweg'n brauchst net z' woana, Muatta!«
    »Is ja wahr! Weil er dös no gar nia to hat! Jetzt trinkt er g'wiss in d' Wuat
eini, und es kunnt eahm was g'schehg'n. Net amal zum G'weicht'n is er kemma.«
    »I geh jetzt abi. Bal i dabei bin, feit si nix.«
    »Aba g'wiss! Und schaug', dass er bald mit dir hoamgeht!«
    Sepp machte sich auf den Weg ins Wirtshaus. Als er ins Gastzimmer eintrat,
schlug ihm dichter Tabakrauch entgegen, und er schaute sich um, ob er in dem
dichten Gedränge nicht den Vater sehen könne.
    An jedem Tisch wurde er angehalten.
    »Ah, da Sepp! Grüss di Good! Hamm s' di aussa lass'n auf Urlaub? Da geh her!
Trink amal!«
    »Suachst g'wiss dein Vata?« fragte der alte Weiss Flori. »Dort hint' hockt a
beim Ofa.«
    Sepp sah hin.
    Da sass der Schuller noch am nämlichen Platze wie in der Frühe.
    Den Hut hatte er ins Genick geschoben, und er stierte mit gläsernen Augen
vor sich hin.
    Es waren viele Leute an seinem Tisch. Der Kloiber, der Zwerger und andere.
Auch der Haberlschneider sass dort.
    Sepp reichte seinem Vater die Hand über den Tisch hinüber.
    »Grüss Good, Vata!«
    »Was? Ah, du bischt's! Bischt du aa do?«
    »Freili. I hon amal schaug'n woll'n, wia's dir geht.«
    »Was?«
    »Wia's dir geht, hon i schaug'n woll'n.«
    »Ja, mir geht's guat. G'rad luschtig bin i! Da, sauf aus!
Herrgottsakrament!«
    Er schlug mit der Faust auf den Tisch. »Kellnerin! No a Halbe! Heut' geh'n i
net hoam.«
    Er rückte den Hut in die Stirne und sang mit heiserer Stimme:
»A frische Mass Bier
Hat an Fam', an weissen,
Und heunt' geh' ma net hoam,
Bis s' uns aussi schmeissen.«
Dann legte er sich mit verschränkten Armen weit in den Tisch hinein.
    Der Haberlschneider gab Sepp einen Wink.
    »Schaug', dass d'n hoam bringst!«
    »Is scho recht.«
    Der Schuller stierte nach der Stelle, wo Sepp gestanden hatte.
    »Wo is denn da Sepp hi'kemma? Is er scho wieda furt?«
    »I bin scho da, Vata.«
    »Na, sauf' amal! Herrgottsakrament!«
    »Moanst it, mir gengan hoam?«
    »Was?«
    »Besser waar's, wenn mir hoam gengan.«
    »Mir? I geh net hoam.«
    »D' Muatta is in der Angst, weil's d' it beim Essen g'wen bist.«
    »Um mi braucht gar neamd an Angst hamm. Durchaus gar net. I verdirb no lang
it, bal's aa hoasst, dass i der Allerschlechter bi vo ganz Erlbach.«
    Er schaute den Kloiber, der ihm gegenübersass, starr an und schrie wieder:
    »Um mi braucht neamd an Angst ham. I verdirb no lang' it.«
    »Dös behaupt' ja koa Mensch net,« beschwichtigte ihn der Haberlschneider.
    »Behaupt'st du dös net? Aba, da gibt's g'rad g'nua, de dös behaupt'n. I kenn
s' alle mitanand, de Haderlump'n. Da verdirbt scho an anderner, aber i net.«
    »I hab' g'sagt, dass d' Muatta in der Angst is,« fiel Sepp ein.
    »Zu was denn? De braucht aa koan Angst net hamm.«
    »Sie sagt, weil's d' net amal zum G'weicht'n kemma bischt.«
    »I mag nix, was da Baustätter weicht. Der ko überhaupt nix weicha, der mit
sein' g'fälscht'n Papier!«
    »Schmeisst's 'n halt aussi, bal er b'suff'n is!« schrie eine grobe Stimme vom
nächsten Tische herüber.
    Es war der Hierangl. Er stand halb von seinem Platze auf und schrie wieder:
»Koa B'suffener g'hört da net rei'!«
    Der Haberlschneider stellte sich vor ihn hin.
    »Du bist staad, gelt?« sagte er ruhig.
    »Weg'n dir? Auf di pass' i gar it auf.«
    »Bal's d' an Streit o'fangst, hast as z'erscht mit mir z'toa!«
    Der Lochmann zog den Hierangl auf seinen Stuhl zurück. »Lass 's guat sei!«
mahnte er.
    »Was brauch'n denn mir den b'suffena Kerl da herin? An anderner wurd' scho
lang aussi g'schmissen.« Die letzten Worte knurrte der Hierangl vor sich hin;
dann war er still.
    »Was geit's?« fragte der Schuller. »Wer will mi aussi schmeiss'n?«
    »Es is nix g'wen, Vata.«
    »Bin i vielleicht oan z' schlecht zum Dableib'n?«
    »Dös sagt neamd.«
    »I bi scho da Allerschlechtest vo ganz Erlbach. A jeder derf mi veracht'n.«
    »Was is, Schuller?« mahnte der Haberlschneider. »I geh' jetzt. Kimmst d' net
mit?«
    »Was?«
    »Ob's d' it mitgehst? I hätt' mit dir was z' red'n.«
    »Du? Möcht'st d' wieder sag'n, i soll aufs Bezirksamt eini? Aba i geh net.
Vo mir aus bringan s' lauter g'fälschte Papier' daher!«
    »Geh mit!«
    »Na, sag i. Und ins Bezirksamt geh i nimma. Z'erscht muass da Pfarra ins
Zuchtaus! Und da Hierangl dazua!«
    »Da g'hörst scho du nei, du ganz Schlechter!«
    Der Hierangl schrie es herüber, und diesmal erkannte der Schuller die
Stimme.
    Er fuhr auf, dass der Tisch wankte und die Gläser umfielen.
    »Bist du da? Du!«
    Er wollte zur Bank hinaus, aber Sepp hielt ihn fest.
    »Lass mi aus!« keuchte der Schuller. »Auslass'n tua mi!«
    »Na, Vata! Bleib!«
    »Auslass'!«
    »Hau' eahm oane nei! Er hat's sein Vater'n g'rad a so g'macht!« schrie der
Hierangl.
    »Herrgott! Herrgott! Auslass'n tua mi!« Der Schuller rang wütend mit Sepp.
    Der Tisch fiel um, alle sprangen auf. Von den anderen Tischen stürzten die
Leute heran.
    Abmahnende Rufe, gellendes Schreien und Schimpfen, ein ohrenbetäubender
Lärm. Und alles übertönte die kreischende Stimme des Schuller.
    »Lass mi aus!«
    Sepp hielt ihn am rechten Arm, den andern hatte der Haberlschneider
untergefasst.
    Der Wirt drängte sich durch. »Dös geht net! Der muass aussi!«
    »Tua dei Hand weg!« schrie der Haberlschneider. »Er geht scho selm. Sei
g'scheit, Schuller!«
    Der wehrte sich schwächer und ging ein paar Schritte vorwärts.
    Da höhnte der Hierangl noch einmal.
    »Gel, Lump! Geht's dir aa net besser, wia dein Vata!«
    Sepp wandte sich zornig gegen ihn. Und ein Ruck, und der Schuller war frei
und packte einen Bierkrug.
    Der Hierangl wich erschrocken zurück. Es war zu spät. »Hund! Da! Und da!«
    So wuchtig schlug ihm der Schuller auf den ungedeckten Kopf, dass der Krug in
Scherben ging.
    Der Hierangl wankte und fiel schwer zu Boden. Sepp riss seinen Vater zurück.
    Einen Augenblick war es still, dann erhob sich lautes Schreien.
    »Er hat 'n umbracht! Herrgott, wia'r a bluat'! Wassa! Schnell a Wassa!
Holt's an Schandarm! Er hat 'n umbracht!«
    Der Haberlschneider wehrte ab.
    »Helft's an Hierangl! Und laaft oana zum Bader! Und du führst dein Vata
hoam, Sepp!«
    »Holt's an Schandarm! Net aussi lass'n!«
    Der Schuller schaute finster vor sich hin; die Haare hingen ihm wirr in die
Stirne herein, und sein Gesicht war verfärbt. »Lasst's mi geh'!« murmelte er. »I
brenn' net durch.«
    Er war nüchtern geworden. Als er ins Freie kam, blieb er stehen. An seiner
rechten Hand rieselte Blut herunter; er hatte sich an den Scherben verletzt.
    »Du bluat'st ja, Vata! Hat er dir aa was to?«
    »Na! Und halt'n brauchst d' mi net!«
    Er ging mit schwankenden Schritten vorwärts; Sepp blieb ihm dicht an der
Seite. Ein paar Buben liefen ihnen voraus und raunten den Leuten zu:
    »Da Schuller hat an Hierangl umbracht!«
    Und wo der Schuller an einem Hause vorüberkam, versteckten sich Weiber und
Kinder hinter der Türe und sahen ihm mit scheuen Blicken nach.
    »Sei Hand is no bluati davo,« sagte die Wessbrunnerin.
    So lief das Gerücht vor ihnen her, die Gasse hinunter, wie fressendes Feuer.
    Und es drang in den Schullerhof, wo die Bäuerin noch immer mit
angsterfülltem Herzen wartete. Da hörte sie die Botschaft und eilte auf die
Strasse hinaus.
    Und wie sie die zwei von weitem kommen sah, wusste sie, dass ein Unglück
geschehen war.
    »Jess', Maria und Joseph! Was hast to?«
    Der Schuller ging schweigend an ihr vorbei in seinen Hof.
Noch spät in der Nacht brannte die Lampe im Zimmer des Herrn Kommandanten
Hermann.
    Er hatte einen grossen Bogen Papier vor sich und trocknete sorgfältig die
Schrift mit dem Löschblatte.
    »So, der Bericht is fertig,« sagte er.
    »Wieviel Seiten sind's worden?« fragte seine Frau, die ihm gegenüber sass und
strickte.
    »Sechs a halb'.«
    »Du hast kein' Feiertag das ganze Jahr,« seufzte sie. »Das war wieder ein
schönes Ostern!«
    »Leider, dass so was vorkommen is. Da kann ma nix mach'n.«
    Er hielt das Schreiben gegen die Lampe und wandte in behaglicher Anerkennung
seiner Arbeit die Blätter um.
    Die Seiten waren von oben bis unten beschrieben, und eine Zeile stand
schnurgerade unter der anderen. Wo ein neuer Abschnitt begann, war der erste
Buchstabe schwungvoller geschrieben, und die Namen der Zeugen waren mit roter
Tinte säuberlich unterstrichen.
    »Ich les' dir den Bericht amal vor,« sagte der Kommandant. »Wenn dir was
auffallt, sagst du's mir.«
    Der Bericht begann mit der Schilderung der eigenen Wahrnehmung des Herrn
Hermann.
    »Als ich mich nach dem Hochamte in das unweit der Kirche gelegene Gastaus
des Johann Plöckl begab, bemerkte ich dortselbst den Täter Andreas Vöst allein
am Tische sitzend und anscheinend einem reichlichen Biergenusse huldigend, was
mir auch die Kellnerin mit den Worten bestätigte, er, der Täter, sei bereits
mehrere Stunden anwesend und trinke eine Halbe nach der anderen. Als ich nach
einiger Zeit das Gastzimmer beim Verlassen wieder durchschritt, sass
Obengenannter noch immer an demselben Platze, ohne mich zu bemerken oder mich zu
grüssen, was mir sofort auffiel und mich auf den Gedanken brachte, dass der Täter
sich in einer schlechten Gemütsverfassung befand.«
    »Du hast mir aber nix g'sagt, Karl!« unterbrach ihn seine Frau.
    »Was g'sagt?«
    »Dass dir das aufg'fallen is!«
    »Denkt hab ich mir's. Auf den Gedanken brachte, heisst's da.«
    »Ja so.«
    Der Kommandant las weiter. Es kam in ausführlicher Breite die Schilderung
der folgenden Nachmittagsstunden, wie sie von den am nämlichen Tische sitzenden
Ökonomen Zwerger und Kloiber gegeben wurde; es kam die Schilderung des
beginnenden Streites, in dessen Verlaufe der Täter, welcher die ganze Zeit einem
reichlichen Biergenusse gehuldigt hatte, durch diesen Zustand gereizt und auch
in der Erinnerung an frühere Differenzen beleidigende Worte ausstiess.
    Und dann folgte die lebensvolle Darstellung der Tat, welche von den Zeugen
nicht übereinstimmend erzählt wurde. Denn, während der verheiratete Gütler
Johann Geitner keinerlei beschimpfende Äusserungen seitens des Hierangl vernommen
hatte, behauptete der Ökonom Haberlschneider ausdrücklich, dass der Verletzte
immer wieder durch höhnische Zurufe den Täter zur Wut gebracht habe, so dass
dieser sich auf ihn stürzte und ihn mit einem steinernen Literkruge dergestalt
auf das linke Hinterhaupt schlug, dass der letztere bewusstlos zu Boden stürzte
und bis jetzt nicht wieder in den Besitz seiner Geisteskräfte gelangte.
    Dies alles las der Kommandant vor, und als er fertig war, sagte seine Frau:
    »Es sind beinah' sieben Seiten, und so schön geschrieben! Was das für eine
Arbeit war!«
    »Mir tut es leid um den Vöst,« erwiderte er. »Er war ein richtiger Mann, bis
die Geschichten gekommen sind.«
    »Meinst d', er wird lang' ei'g'sperrt?«
    »Das kommt d'rauf an.«
    Der Kommandant steckte den Bericht achtsam in ein Kuvert.
    »Das kommt d'rauf an, ob es mildernde Umständ' gibt. Und wie's dem Hierangl
geht.«
    Er gähnte laut.
    »Es is Zeit zum Schlafen; zwölf Uhr hat's scho g'schlag'n.«
    Sie löschte die Lampe aus, und nun brannte kein Licht mehr in Erlbach.
    Oder nur eins.
    Das flackerte unruhig in der Kammer des Hieranglbauern.
Als der Tag graute, pochte jemand beim Kommandanten an die Haustüre.
    Hermann öffnete das Fenster und rief hinunter:
    »Was gibt's?«
    »I bin's! Da Bader!«
    »Sie, Herr Fröschl? Steht's schlechter?«
    »Er ist g'storben vor einer Viertelstund'.«
    »Sakrament!«
    »Er is überhaupt nimmer zum Bewusstsein kommen. Der Schlag hat ihm den ganzen
Kopf z'trümmert.«
    »Das is a böse G'schicht!«
    »Ich hab' mir denkt, ich will's Ihnen gleich mitteilen. Und jetzt gut'
Morgen, Herr Kommandant!«
    »Gut' Morgen!« Hermann schloss das Fenster und zog sich an.
    Als er eine halbe Stunde später durch das Dorf schritt, tönte schrilles
Läuten vom Turme. Dreimal setzte es ab. Es war die Sterbeglocke für den
Hierangl.
    Der Kommandant bog in den Schullerhof ein. Der Bauer kam ihm unter der Tür
entgegen.
    »I woass, was Sie woll'n,« sagte er. »I hab's Läuten scho g'hört. Muass i mit
Eahna geh'?«
    »Es ist meine Pflicht, Schuller. Ich muss Sie nach Nussbach führ'n.«
    »I geh' mit, wia i da steh', bloss mein Huat hol' i.«
    Er trat in die Stube, und gleich darauf hörte der Kommandant lautes
Schreien.
    »Jessas? Andrä! Muasst d' furt! Jessas!«
    Die Schullerin stürzte heraus und fasste ihn am Arme.
    »Net! Net! Er ko nix dafür! Net furtführ'n!«
    »Frau Vöst, machen Sie's Ihrem Mann nicht schwerer!«
    »Na! Na! Um Gott'swill'n, net furtführ'n! Er ko nix dafür!«
    Der Schuller zog sie sanft zurück.
    »Geh zua! Dös muass amal sei. An Kopf reissen's mir net ab.«
    Er wandte sich um und ging rasch zur Türe hinaus. Und ging über den Hof.
    Aber wie er auch seine Schritte beschleunigte, die jammernde Stimme tönte
hinter ihm her.
    Und als er bei den letzten Häusern war, hörte er sie noch.
    »Andrä! Gibst d' koa Antwort mehr? Andrä!«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
In den Gerichtssaal fielen die Sonnenstrahlen und legten sich breit auf die
strengen Mienen der Richter. Die schützten sich verdriesslich gegen den lichten
Schein, und als sie ihn nicht abwehren konnten, musste ein Diener die Vorhänge
herunterlassen. Da waren die Sonnenstrahlen ausgesperrt.
    Nur einer drängte sich durch die Lücke und huschte über die Bänke. Er fand
zwei schwielige Hände, und die waren ihm so vertraut, dass er sich liebkosend an
sie schmiegte. Die Hände öffneten und schlossen sich wieder, als wollten sie den
zitternden Sonnenstrahl festalten.
    Der Mann, dem die Hände gehörten, freute sich über ihn. Er dachte, wie die
Sonne wohl auf die Erlbacher Felder herunter scheine. Sie hatten heute gewiss
gemäht, und auf allen Wiesen lag duftendes Gras. Sie konnten es bei der Wärme zu
Mittag wenden und am Abend einfahren. Den Leuten draussen war die Sonne eine
freundliche Helferin.
    Ein breiter Schatten fiel über den Boden, und der Sonnenstrahl war
verschwunden.
    Der Schuller sah auf. Da stand Baustätter mitten im Saale und verneigte sich
vor den Richtern.
    »Herr Pfarrer, Sie kennen den Angeklagten?«
    »Ja.«
    »Es wird behauptet, dass Sie ihm feind seien.«
    »Ich? Warum sollte ich ihm feind sein?«
    Der Verteidiger erhob sich.
    »Sie haben doch heftig gegen ihn agitiert? Und Streit mit ihm gehabt?«
    Baustätter schüttelte den Kopf. Er verstand den scharfen Ton nicht.
    »Ich habe Bedenken gegen ihn geäussert, wie es meine Pflicht war.«
    Der Vorsitzende nickte ihm zu.
    »Sie wollen sagen, dass Sie als Seelsorger an ihm Verschiedenes auszusetzen
hatten, aber dass Sie keine persönliche Feindschaft gegen ihn hegen?«
    »Ja, das wollte ich sagen.«
    »Dann schildern Sie uns, bitte, den Leumund des Angeklagten.«
    Baustätter redete. Mit Ruhe und ohne Leidenschaft. Er sagte, dass er allen
Pfarrkindern ein offenes Herz entgegengebracht habe, dass er von jedem
ursprünglich das Beste glauben wollte. Auch von Andreas Vöst. Nur mit
Widerstreben habe er an diesem vieles bemerkt, was er als Seelenhirte rügen
musste. Verstösse gegen die kirchlichen Vorschriften, Unsittlichkeit im Hause, und
manches, was Ärgernis erregte.
    Baustätter sagte, dass er bessern wollte, und es half nichts, dass er mit
Milde eingeschritten sei, und man habe mit Roheit geantwortet. Und er schilderte
seine schmerzlichen Erfahrungen und die Gewalttätigkeit des Vöst.
    Schuller hörte ihm zu. Es war immer das nämliche. Die Lüge so versteckt, so
eingemengt in die Wahrheit, dass sie kein Mensch herausfinden konnte. Er hatte es
versucht, er hatte gemeint, dass er das Gewebe zerreissen könne. Und es hatte ihn
fester eingeschnürt, je mehr er sich wehrte.
    Jetzt war er müde. Er hörte zu, als würde von einem andern gesprochen. Die
sanfte Stimme ertönte gleichmässig weiter und erhob sich erst gegen den Schluss.
    Als Baustätter sagte, dass der bravste Mann in Erlbach, der Vater von vier
Kindern, von diesem rohen Menschen gemordet worden sei.
    Es war stille im Gerichtssaal.
    »Vöst, haben Sie etwas zu erinnern gegen diese Aussagen?«
    Der Schuller sah den Vorsitzenden an.
    Ob er etwas zu sagen hatte gegen diese Lügen? Jedes Wort war falsch, von
langer Zeit her ausgedacht, verdreht, zur Verdächtigung hergerichtet. Wie sollte
er sie alle widerlegen mit ein paar Sätzen? Wo sollte er anfangen und wo enden?
Und er sagte nur:
    »Der is schuld an allem.«
    Die Richter sahen missbilligend auf ihn herunter.
    Es war doch wirklich kläglich, mit solchen Redensarten zu kommen!
    Der Verteidiger trat vor.
    »Man muss die Vorgeschichte kennen ...«
    »Das gehört nicht zur Sache!« sagte der Vorsitzende. »Das mit der
Bürgermeisterwahl, das hat mit der Tötung des Hierangl nichts zu tun!«
    Der Schuller setzte sich wieder. Er wusste es ja! Es war heute wie immer. Sie
hörten ihn nicht.
Der Morgen darauf versprach wieder schönes Heuwetter.
    Die Baumgipfel im Weblinger Wald waren schon vom Frühlicht beschienen. Da
eilten die Leute mit der Arbeit. Solange der Tau auf den Gräsern liegt, ist gut
mähen. Trockenes Gras macht die Sensen stumpf. Und jeder schwang die Arme
schneller und griff weiter aus im Schritt. Als die Sonne über den Hügeln stand,
war das meiste geschehen.
    Der Haberlschneider schulterte die Sense und wartete auf den Zwerger, der
den Feldweg herunterkam.
    »Dös is wieder prachtvoll heunt!«
    »Bal 's so weitergeht, bring' i de' Woch' no mei Heu hoam.«
    Bis zum Feldkreuz gingen sie miteinander. Da blieb der Zwerger stehen.
    »Was sagst denn zum Schuller? Vier Jahr G'fängnis!«
    
    »Dass er nimmer 'rauskimmt, sag' i. Den hat er g'liefert, unser Herr
Pfarrer!«
    Der Haberlschneider setzte sich bei den Worten auf den Feldrain. Seine
jüngste Tochter musste bald kommen und den Morgentrunk bringen.
    »Den hat er g'liefert!« wiederholte er.
    Und er sah nach Erlbach hinunter. Da lag das Dorf Haus neben Haus. Aus den
Schornsteinen stiegen dünne Rauchsäulen in die Luft. In den Ställen brüllte das
Vieh; der Wind trug den Schall herauf.
    Und jetzt klangen im gleichen Takte starke Hammerschläge, Zimmerleute bauten
an der Kirche ein hohes Gerüst. Der alte Turm wurde abgebrochen und ein neuer
errichtet.
 
    