
        
                             Malwida von Meisenbug
                         Himmlische und irdische Liebe
 Es war noch im päpstlichen Rom, wo eines Abends vor dem Eingangstor eines der
alten grossen Paläste eine Menge müssiger Zuschauer stillstand, Arbeiter, Mädchen
und Frauen, die von der Arbeit heimkehrten und offenbar hier etwas Sehenswertes
zu erblicken hofften.
    »Höre, Checco,« sagte eine schwarzäugige Dirne, die einen abgefärbten alten
Schal nachlässig um die Schultern gezogen hatte, zu einem jungen Burschen, der
neben ihr stand, »da ist heute wohl wieder eine grosse Versammlung da oben in der
Arkadia, etwas Besonderes?«
    »Das will ich meinen, Peppina,« erwiderte der Gefragte; »eine berühmte
Improvisatrice wird sich hören lassen, sie soll prächtige Verse machen, so
gleich frisch weg, wenn man ihr eine Aufgabe gibt. Ich habe immer gedacht, da
müsste man viel studieren, um Verse zu machen, wie unser Ariosto und Tasso.«
    »Ach was, ich kann's auch,« versetzte Peppina lachend; »da hör mal: Der
Checco schwätzt dumme Sachen, die machen mich nur lachen.«
    »Ei, wie artig! Nicht einmal solche Lumperei hätt' ich dir zugetraut,«
versetzte Checco spöttisch.
    »Ach, du bist ein Grobian,« sagte Peppina und machte ihm eine Grimasse;
»aber sieh,« rief sie, als ein heranrollender Wagen ihre Aufmerksamkeit erregte,
»wer kommt in der prächtigen Kutsche - hm, und die goldbesetzten Livreen der
Diener, das muss was Grosses sein!«
    »Ja, das ist was Grosses und was Schönes,« sagte der Bursch; »das ist die
Herzogin Giulia von Santomara, die schönste Frau der Welt, das wollt ich
meinen!«
    »Und wer ist der schöne junge Blonde neben ihr?« fragte das Mädchen.
    »Na, das ist ein deutscher Prinz, der den Winter hier zubringt; er wohnt im
grossen Hotel auf der Piazza di Spagna, wo ich am Morgen beschäftigt bin. Da seh
ich ihn oft die Treppe herunterkommen, auch seine zwei Begleiter, und mit dem
Diener spreche ich oft, das heisst was man sprechen nennt, er kann kein Wort
italienisch, ich kein Wort deutsch, ich zeig's ihm aber mit den Fingern, was ich
meine, und er versteht's, und wir lachen dann zusammen. Er gibt mir auch
manchmal ein Glas guten Weines zu trinken, denn er lebt wie ein Signore und hat
Essen und Trinken die Fülle.«
    Inzwischen war der Wagen herangerollt und fuhr eben, dicht an den zwei
Schwatzenden vorüber, in den grossen Torweg des Palastes ein.
    »Ach, ist die hübsch, die Blonde! Die könnte mir gefallen,« sagte Checco,
indem er auf ein junges Mädchen zeigte, das in einem neu heranrollenden Wagen
neben einer älteren Frau sass.
    Der Wagen hielt einen Augenblick still, weil zwei andere Kutschen, dem Wagen
der Herzogin folgend, noch unter dem Torweg hielten, und eine Frau aus dem Volke
trat rasch hervor und reichte dem jungen Mädchen im Wagen einen schönen
Blumenstrauss, indem sie einige Worte dabei sagte, die dieses mit freundlichem
Neigen des Kopfes und einem Dankeswort annahm.
    »Wer ist denn die Signorina, Sora Vittoria?« fragte Peppina, sich an die
Frau wendend, während der Wagen in den Torweg einfuhr.
    »O, das ist ja die berühmte Improvisatrice,« entgegnete die Gefragte; »sie
wohnt oben im Haus, wo ich unten meine Bottega habe, da kommt sie öfter zu mir
herein, um Gemüse oder Obst zu kaufen und bleibt dann ein Weilchen, um von
diesem oder jenem zu reden, und dabei lerne ich sie kennen. O, sie ist lieb und
gut wie ein Engel aus dem Paradies.«
    »Und die andere, ist das ihre Mutter?« fragte Peppina.
    »Nein, ihre Mutter und ihr Vater sind tot; das ist eine alte Verwandte,
glaub ich, die bei ihr lebt, weil sie zu jung ist, um so allein zu reisen.«
    »Ist die auch so gut?« fragte Checco; »sie sieht garstig aus, pfui!«
    »Nein, die ist auch nicht gut, sie hat immer was zu zanken, besieht erst
alle Ware, wirft sie dann hin und behauptet, sie wäre schlecht und ich habe doch
nichts als gute zum Verkauf, nie klagen meine anderen Kunden. Und dabei tut sie
so stolz, als ob sie etwas viel Besseres wäre wie unsereiner. Aber es ist spät,
ich muss nach Haus, ich habe nur der lieben Signorina ein schönes Bukett bringen
wollen.«
    Mit diesen Worten, »buona sera« wünschend, ging sie eilig von dannen, und
auch Peppina und Checco begaben sich, miteinander lachend und plaudernd, auf den
Heimweg.
    Unterdessen hatte sich oben in den Sälen der Arkadia eine zahlreiche
Versammlung eingefunden. Viele Mitglieder der römischen Aristokratie, vornehme
Prälaten und Kardinäle, eine grosse Anzahl geistlicher Herren, Gelehrte und viele
Angehörige des römischen Bürgerstandes nahmen an den Sitzungen der Akademie, zu
jener Zeit die einzige derartige literarische und wissenschaftliche gesellige
Vereinigung in Rom, teil und die elegante Damenwelt machte es sich zur Aufgabe,
die Abendunterhaltungen durch ihre Gegenwart zu verschönen, und viele hatten
damals auch feinere Bildung und wirklichen Sinn für Poesie und Kunst. Zu diesen
letzteren gehörte vor allem die Herzogin von Santomara, die den Glanz ihrer
unvergleichlichen Schönheit durch den Zauber eines feinen, raschen Geistes und
eines warmen, treffenden Verständnisses für alles Schöne und Grosse in Poesie und
Kunst noch verdoppelte. An einen älteren, wenig liebenswerten Mann verheiratet,
der voll eitlen Stolzes auf seinen Namen, der nur ein Aushängeschild für ein
leeres Innere war, und voll heftiger Instinkte, unter denen besonders die
Eifersucht sich zur Wut steigern konnte, hatte sie noch nicht Zeit gehabt, sich
über dieses ihr aufgedrungene Band Rechenschaft zu geben. Sie schwamm in einem
Meere von Jugendlust und gesättigter Eitelkeit, da ganz Rom ihr huldigend zu
Füssen lag, von Befriedigung aller Wünsche, die Reichtum und Luxus ihr gewähren
konnten, und in dem Rausch der unausgesetzten Folge von Festen und Vergnügungen,
die sie umgaben, erschien ihr die äusserlich feine, gentlemanlike scheinende,
männlich schöne Gestalt des Gemahls wie der passende Rahmen für das
wunderherrliche Bild, das sie selbst war. Ihr Palast war in kurzer Zeit der
Sammelplatz all dessen geworden, was Rom damals an Eleganz, Reichtum, Schönheit
und Bildung entielt, und kein Fremder von einiger Bedeutung versäumte es, sich
dort Zutritt zu verschaffen, was um so leichter war, als damals gerade mehrere
der auswärtigen Gesandtschaften durch geistig hochbedeutende Männer ihres Volkes
vertreten waren. So hatte der junge deutsche Fürstensohn, den wir neben ihr an
jenem Abend im Wagen sahen, alsbald Aufnahme bei ihr gefunden und war in kurzer
Zeit ein oft und gern gesehener Gast in ihrem Zirkel geworden.
    An seinem Arm trat sie in den Saal, wo die Arkadia ihre Sitzungen hielt, ein
und fand sich alsbald umringt von einer Menge Bekannter beiderlei Geschlechtes,
die ihr huldigend zur Begrüssung nahten; denn auch die Frauen konnten trotz des
Neides, den ihre siegreiche Schönheit erregte, ihr nicht ganz gram sein, weil
ihre Anmut und liebenswürdige Güte ihr auch widerstrebende Herzen gewannen.
Unter den vielen, die sich herbeidrängten, ragte besonders die hohe imponierende
Gestalt des Kardinals Lombardi hervor, bei dessen Nahen die übrigen Besucher
etwas zurückwichen, ihm ehrfurchtsvoll freien Raum lassend. Mit dem Lächeln
eines vertrauten Bekannten schritt er auf die Herzogin zu und reichte ihr die
Hand entgegen, die sie, sich anmutig verneigend, mit dem schönen Mund zum Kuss
auf den würdeverleihenden Ring berührte.
    »Ich fürchtete, wir würden heute abend des Glücks beraubt sein, die schönste
Zierde unserer Akademie hier zu sehen,« sagte der Kardinal, »denn Don Camillo
sagte mir gestern, dass ihn eine Einladung zu einer Jagdpartie heute fern von Rom
halte.«
    »So ist es auch,« versetzte die Herzogin; »aber seine Hoheit Prinz Waldemar
hatte die Güte, sich mir zum Begleiter anzubieten und ich nahm es dankbar an,
denn ich versäume ungern einen dieser interessanten Abende, und gerade heute
verspreche ich mir heiteren Genuss, man sagt viel Schönes von der jungen
Improvisatrice.«
    In dem Augenblick trat der Prinz, der mit den zwei Herren, die mit im Wagen
gesessen hatten, seinen deutschen Begleitern, einige Worte gewechselt hatte,
herzu und begrüsste den Kardinal, der ihn auf das verbindlichste empfing.
    »Eminenz sehen, ich habe gleich von Ihrer grossen Güte, mich hier
einzuführen, Gebrauch gemacht und mir erlaubt, meine zwei Begleiter
mitzubringen, die ich die Ehre habe, Ihnen vorzustellen.« dabei winkte er die
Herren herbei und sagte, indem er auf den älteren deutete: »Professor Holberg,
mein teurer Lehrer und Erzieher, dem ich das beste danke, was ich weiss und bin,
und,« indem er den zweiten bezeichnete, »Herr von Raden, der Kammerherr meiner
Mutter, den sie aus übergrosser Sorge und Zärtlichkeit für mich mir abgetreten
hat für diese Reise; ich bin auch überzeugt, käme der Fall, er würde wie ein
zweiter Sankt Georg den furchtbarsten Lindwurm unfehlbar erlegen, drohte mir
Gefahr, denn er ist ein Vorbild aller ritterlichen Tugenden; nicht wahr, Raden?«
Und er reichte dem Befragten lachend die Hand.
    Dieser, ein stattlicher Mann, über die erste Jugend hinaus, aber von
angenehmem Äussern und feiner, eleganter Haltung, lachte auch und sagte: »Schon
aus Ehrfurcht vor Ihrer erhabenen Mutter, mein Prinz, würde ich zehn Lindwürmer
erlegen, drohte Ihnen Gefahr; aber gottlob, dergleichen ist in dieser
unvergleichlichen Stadt und unter dem Schutze höchster Idealität, die hier
regiert, nicht zu fürchten.« dabei wandte er sich mit leichter Verbeugung dem
Kardinal zu, was dieser mit wohlgefälligem Lächeln aufnahm, doch noch ehe der
etwas erwidern konnte, sagte Prinz Waldemar: »Ich freue mich so sehr für mich
und meine Freunde, dass wir gleich bei unserem ersten Besuch hier Zeugen des
wunderbaren Talents des italienischen Volkes für die Improvisation sein können,
eine Begabung, die in unserem Norden etwas fast Unbekanntes ist.«
    »Die sich aber sehr wohl erklären lässt,« versetzte der Professor, »aus den
herrlichen Eindrücken, mit denen die Natur hier die Menschen von Kindheit auf
umgibt und die ihnen gewiss unbewusst Keime der Poesie in die Seele legt, die dann
ganz spontan hervorbrechen in geeigneter Form.«
    »O, ich bitte, Herzogin, nehmen Sie Platz,« sagte der Kardinal, dem ein Herr
eben eine Meldung hinterbracht hatte; »die Vorstellung soll beginnen, wie mir
unser Direktor meldet, die junge Künstlerin wird gleich erscheinen.« dabei
geleitete er die Herzogin zu einem eleganten Sessel in der vorderen Reihe der
aufgestellten Sitze, lud mit ausgesuchter Höflichkeit den Prinzen ein, neben ihr
Platz zu nehmen und liess sich selbst auf der anderen Seite der Dame nieder. Auf
der etwas erhabenen Tribüne, auf der die Vortragenden in der Akademie ihren Sitz
hatten, erschien in dem Augenblick ein junges Mädchen, von einem der Herren des
Vorstandes, einem Monsignore, geführt, verbeugte sich einfach vor dem
zahlreichen Publikum und liess sich an dem für sie bereiteten Tisch nieder, auf
dem eine zierliche Urne stand und eine Menge Papierstreifen lagen für die
aufzuschreibenden Aufgaben zur Improvisation. Die ältere Dame, die wir im Wagen
schon neben dem Mädchen gesehen hatten, trat auch herein, setzte sich aber etwas
in den Hintergrund zu den Herren des Vorstandes, die dort ihre Sitze hatten.
    »Sie ist anmutig, dieses junge Mädchen,« sagte die Herzogin, die ihre
dunklen Glutaugen auf die eingetretene Künstlerin geheftet hatte; »aber es ist
kein italienischer Typus, man könnte sie für eine Deutsche halten.«
    »Sie ist auch halb deutsch,« versetzte der Kardinal; »ihr Vater war ein
Deutscher, wie es scheint ein gelehrter Mann, der die Tochter selbst
unterrichtete und ihre geistigen Fähigkeiten zu einem hohen Grad von Bildung
entwickelte. Die Mutter aber war eine echte Italienerin, in den Bergen bei
Pistoja heimisch, wo die Gabe der Improvisation ganz besonders ihren Sitz hat.
Und so haben wir hier das Produkt einer Mischehe, das nicht übel zu sein
scheint,« setzte er mit schlauem Lächeln hinzu. Der Direktor des Vorstandes, der
die Zeit über bei der jungen Künstlerin gestanden und mit ihr besprochen hatte,
wie sie alles wünsche, trat in dem Augenblick vor und bat das Publikum, dem
Fräulein Rosa Todei, die er die Ehre habe, hier vorzustellen, Aufgaben zu geben,
an denen sie ihr wunderbares Talent betätigen könne. Zugleich kam er nun selbst
mit einer Schale, auf der die Papierstreifen und Bleistifte lagen, verbeugte
sich vor der Herzogin, vor dem Prinzen und dem Kardinal, und nachdem sie sich
versehen hatten, übergab er einem der unteren Priester das Geschäft, das übrige
Publikum zu versorgen und blieb bei dem Kardinal stehen, der ihn verschiedenes
fragte, dann aber wandte sich der Prinz an ihn und sagte: »Ja, was schreibt man
denn für solche Aufgaben? Ich bin ein Neuling in der Sache und weiss mich noch
nicht zu benehmen; wo ist die junge Dame denn zu Hause? Es gäbe doch einige
Anhaltspunkte, das zu wissen.«
    »Sie ist in Venedig geboren und erzogen, ihr Vater war dort österreichischer
Beamter und sie hat eine fanatische Liebe für das ganze Cadore, seine herrlichen
Dolomiten und die grossen Künstler, deren Heimat es war,« erwiderte der Direktor.
    »O, danke sehr, das hilft schon,« sagte der Prinz lächelnd und schrieb etwas
auf seinen Papierstreifen, den er zusammenfaltete und dem Direktor übergab, der
ihn nebst denen der Herzogin und des Kardinals entgegennahm und an den Tisch der
Improvisatrice trug, wohin inzwischen eine Menge anderer beschriebener Blätter
gebracht worden waren.
    Die junge Künstlerin, die wir fortan kurzweg mit dem Namen Rosa bezeichnen
wollen, erhob sich jetzt von dem Sessel, auf dem sie sich niedergelassen hatte
und richtete ihre Augen zum erstenmal ruhig und forschend auf das unbekannte
Publikum, gleich als wollte sie sehen, wes Geistes Kind es sei und mit wem sie
es zu tun habe. Erst nachdem sie die grössere Masse überschaut hatte, streifte
ihr Blick die vordere Reihe, blieb einen Augenblick wie gefesselt auf der
Herzogin haften, deren Augen auch an ihr voller Spannung hingen und folgte
unwillkürlich der Wendung, die die Herzogin dem Prinzen zu machte, dem sie in
ihrer lebhaften italienischen Art ziemlich laut sagte: »O, wirklich, sie ist
ganz reizend, diese junge Dichterin, finden Sie nicht, Prinz?« Rosa hatte
offenbar die Worte gehört, denn ein zartes Erröten flog über ihr Antlitz und
unwillkürlich fiel ihr Blick nun auch auf den Prinzen und begegnete dessen sich
nach den Worten der Herzogin zu ihr wendendem Auge, dessen freundlicher Ausdruck
sie sympatisch berührte. Dies alles war jedoch nur der Vorgang einer Minute;
nun, ernst und voll Würde sich zu ihrer Aufgabe wendend, stand die schlanke,
feine, jugendliche Gestalt, in einfachem weissen Kleide, das sie nach damaliger
Sitte noch in schönen Falten umschloss, etwas nach vorn gebeugt und schaute auf
die Schale, gleich als ob sie das Schicksal bitten wollte, ihr eine günstige
Aufgabe zuzuführen.
    »Sie sieht aus wie eine Priesterin, wie eine Vestalin,« sagte der Prinz;
»gewiss, ihre Seele hütet noch das heilige Feuer wahrer Idealität, so rein und
edel ist der Ausdruck ihrer sanften, liebenswürdigen Züge.«
    »O, Hoheit schwärmen schon vor der Leistung, was wird es nun erst nachher
sein!« versetzte der Kardinal mit ironischem Lächeln.
    »Ja, die Eroberung ist etwas schnell gegangen,« bemerkte die Herzogin nicht
ohne einen Anflug von Gereizteit, der ihr schönes Antlitz mit einer Wolke
überzog. »Aber sehen wir, was sie uns zu hören geben wird, sie zieht eben einen
Zettel hervor.«
    Die Improvisatrice hatte einen Zettel aus den vielen herausgezogen,
entfaltete ihn und las mit wohltönender Stimme laut und deutlich: »Tizian!«
    »O, das ist meine Aufgabe,« sagte der Prinz; »ich dachte, das Tema würde
ihr wie verwandte Heimatluft sein, aber dass sie es gerade zuerst ziehen musste,
wie sonderbar!«
    »Spiel des Zufalls, Hoheit,« versetzte der Kardinal immer mit seinem
ironischen Lächeln; »sie hat geahnt, wen sie vor sich hatte;« dabei machte er
eine kleine verbindliche Neigung des Kopfes zu dem Prinzen hin.
    »Still, sie fängt an,« sagte die Herzogin, »ich bin voll Neugierde.«
    Rosa hatte ein paar Augenblicke sinnend auf den Zettel geblickt, den sie in
der Hand hielt, dann erhob sie ihre schönen, reinen, träumerischen Augen und wie
in eine andere Welt schauend, begann sie mit derselben wohltönenden Stimme:
»Wie du so launisch bist, Natur, im Schaffen!
Wo ernste Riesenhäupter stolz sich heben,
Die schwarze Tanne kühn gen Himmel strebt,
Und ihr zu Füssen Alpenblumen blühen,
Der Schmetterling auf würz'ger Kräuter Spitzen
Sein kurzes Sein in heitrer Lust verbringt
Und alles Paradiesesfrische atmet -
Da trittst du ein in einer Hütte Raum
Und lässest drin ein Kind geboren werden,
Dem flüsterst du das göttliche Geheimnis
Der ew'gen Schönheit in die junge Seele,
Es schaffend einst im Bild zu offenbaren.
Zur Königin der Städte steigt er nieder
Und seiner Hand entblühen Wunderwerke.
Ihn grüsst die Welt mit staunendem Entzücken,
Im Reich der Farben Fürst von Gottes Gnaden,
Und den entfall'nen Pinsel ihm zu reichen
Bückt sich der Herrscher einer halben Welt,
Du aber wandelst heimlich lächelnd weiter,
Und schreitest kalt vorbei an den Palästen
Der stolzen Städte, an des Reichtums Prangen.
So in die Krippe legtest du Erlösung
Der Menschheit einst, um mahnend es zu künden,
Dass nie von dieser Welt dein Reich gewesen.«
Lebhafte Beifallsbezeigung erscholl, als sie schwieg.
    Donna Giulia erhob sich und trat auf die Improvisatrice zu, ihr mit
liebenswürdigen Worten ihre Anerkennung aussprechend. Auch der Kardinal und der
Prinz folgten ihrem Beispiel und der erstere, der sie bereits kannte, sagte,
indem er auf den Prinzen deutete: »Sie haben gleich den Gedanken Seiner Hoheit
ausgeführt; das Tema hatte er gegeben.«
    »Ja, es freut mich, dass der Name Ihres grossen Landsmannes Ihnen hat dienen
können,« sagte der Prinz, der freundlich auf das anmutige Mädchen sah, deren
vergeistigter Ausdruck der jugendlichen Erscheinung einen besonderen Zauber
verlieh.
    »Ich bin oft in dem kleinen Hause gewesen in Pieve di Cadore, wo er geboren
wurde,« sagte Rosa, »und man begreift es dort, wie er zum Künstler werden musste,
inmitten der wunderbaren Bilder, die die Sonne und die Wolken und die
verschiedenen Tageszeiten auf die herrliche Dolomitenwelt malen. Übrigens war er
nur der grösste von einer Reihe von Künstlern, alle seiner Familie angehörig.«
    Der Direktor der Abendunterhaltung unterbrach das Gespräch, sich gegen die
daran Beteiligten entschuldigend, indem er sagte: das Publikum verlange
sehnlichst, die Künstlerin noch einmal zu hören, wenn diese so freundlich sein
wolle, dem Wunsch zu willfahren. Mit anmutsvoller Verbeugung beurlaubte sich
Rosa von den drei vornehmen Personen, die sie umstanden und zog aufs neue einen
der beschriebenen Papierstreifen hervor. »Diesmal Reime, Reime!« rief man aus
der Menge.
    Rosa nickte lächelnd zustimmend. Zum Glück eignete sich das gezogene Tema
zu einer launigen Behandlung, und fast mutwillig, wie es schien, in heiterster
Stimmung, erging sich Rosa in scherzhaften Sestinen eine lange Weile und erntete
ununterbrochenen Beifall, da man sah, dass es sich hier nicht um ein zufälliges
Talent, mit Worten zu spielen, handle, sondern um eine wirkliche, allseitige,
hohe dichterische Begabung, unterstützt und veredelt durch angeborne
dichterische Grazie und feinste Bildung.
    »Ah, die Kleine ist entzückend!« rief die Herzogin in ihrer lebhaften
italienischen Weise, eilte auf Rosa zu, als diese geendet, und lud sie ein, den
folgenden Abend bei ihr zuzubringen. »Eminenz machen mir auch die Freude, das
versteht sich,« sagte sie zu dem Kardinal, »wo Geist und Anmut sich vereinen, da
dürfen Sie nicht fehlen.«
    »Noch dazu, wenn solche Augen die Einladung unterstützen,« versetzte der
Kardinal, indem sein Blick feurig über das strahlende Antlitz Donna Giulias
glitt; seine Bewunderung für sie war bekannt, dabei war er ein intimer Freund
des Herzogs und ein stets willkommener Gast dort im Palast.
    »Und auch die Hoheit dürfen mir nicht fehlen,« sagte die Herzogin, nun sich
zum Prinzen wendend, ihn mit einem jener Glutblicke anschauend, deren Wirkung
kaum ein männliches Herz damals in der römischen Gesellschaft widerstand. »Es
versteht sich, auch die beiden Herren machen mir die Freude,« fuhr sie fort,
indem sie sich anmutsvoll zu den Begleitern des Prinzen wandte.
Am folgenden Morgen sassen der Professor Holberg und Herr von Raden zusammen beim
Kaffee, der letztere gemütlich seine Zigarre rauchend, der erstere mit dem Lesen
einer Zeitung beschäftigt, aus der er Raden dann und wann Mitteilungen machte.
Endlich aber warf er sie unmutig auf den Tisch und sagte: »Nein, es ist doch zu
arg, unter solch einem Gouvernement zu leben, keine ordentliche Zeitung bekommt
man hier zu lesen, alle Ereignisse sind durch gefälschte Brillen angesehen oder
ganz verschwiegen. Denken Sie sich, meine Schwester hatte mir aus London
geschrieben, sie schicke mir den Punch, das englische Witzblatt, zur
Erheiterung, und ich bekam es immer nicht, erkundigte mich endlich und höre nun,
dass es auf dem Index steht und gar nicht hierher darf. Und gestern frag ich in
der einzigen deutschen Buchhandlung nach Shelleis Gedichten: O, die sind erst
recht verboten. Nun bitt ich Sie, was soll aus einem Volke werden, dem man die
Hilfsmittel der Bildung und des freien Denkens so zumisst, während man es in den
engen Kreis beschränkter Dogmen und vernunftwidriger Vorstellungen einzwängt.
Ah, da waren die alten Römer doch andere Leute. Die grosse Toleranz, die sie
übten, was die religiösen Anschauungen der besiegten Völker betraf, und die
Elemente allseitiger Bildung, die sie den Untertanen nicht verweigerten, das
machte aus ihnen Menschen, die ein Weltreich gründen konnten. Es sind ja
Menschen unter der oberen Geistlichkeit hier, die Verstand genug haben, um die
Mängel des ganzen Regimes einzusehen, aber sie können sich nicht aus der engen
Kette losreissen, die sie alle umschlingt und aus ihnen allerdings eine seltene
Organisation macht, wie kaum je eine dagewesen und in der auch ihre Macht und
zähe Widerstandsfähigkeit gegen alle aufklärenden Neuerungen liegt.«
    »Ja,« sagte Raden, indem er ein Wölkchen Rauch von seiner Zigarre in die
Luft blies, »es ist merkwürdig, wie klug und schlau viele sind, aber
liebenswürdig und angenehm auch und frivol dazu. Haben Sie die Blicke des
Kardinals bemerkt, die er auf Donna Giulia richtete? Ich sass hinter ihm und
konnte ihn beobachten, es hat mich den ganzen Abend unterhalten. Nun freilich,
man kann es den Herren nicht verdenken, denn sie sind auch Menschen trotz ihrer
porpora und vom Chef des Staates, von Antonelli, ist es ja bekannt, dass er dem
Amor einen besonderen Kultus weiht. Aber ein Land, das solche Frauen
hervorbringt wie die Herzogin von Santomara, ist allerdings eine harte
Prüfungsschule für die Keuschheit.«
    »Na ja, Raden, das ist nun gleich wieder Ihre Auffassung von der Sache,«
versetzte der Professor kopfschüttelnd; »ich aber machte eine andere
Beobachtung, die mich näher angeht, nämlich, dass die Herzogin Blicke auf unseren
Waldemar warf, die freilich geeignet waren, ein junges Herz in Flammen zu
setzen. Ich habe es nicht ohne Besorgnis gesehen.«
    »Ah, mein lieber Professor, so sind wir doch noch imstande, die Natur
solcher Blicke zu unterscheiden,« sagte Raden lachend; »aber ich habe auch schon
etwas der Art bemerkt, und wenn sich von dem Feuerwerk dieser göttlichen Augen
ein kleiner Brand im Herzen unseres Prinzen entzündete, sollte es mich nicht
wundern. Er ist ja bis jetzt noch wie ein junges Mädchen, so unbefangen und
rein, dank Ihrer idealistischen Erziehung, guter Professor, aber die Stunde wird
doch auch kommen, wo sein junges Herz heisser klopfen wird beim Anblick der
allerdings unglaublichen Macht weiblicher Schönheit, von der die Herzogin ein
Exemplar ist, wie die Antike sie nicht vollkommener dargestellt hat.«
    »Ja, ja, schon gut,« versetzte Holberg; »mir ist es aber zweifache Aufgabe,
über ihn zu wachen, nicht nur um der wirklich väterlichen Zuneigung, die ich für
ihn habe, auch um seiner edlen Mutter willen, die diesen Sohn vor allem liebt
und ihn seiner zarten Gesundheit wegen so isolieren, von den Zerstreuungen des
Hofes und der Ermüdung des Soldatenlebens fernhalten konnte in jenem
wundervollen Bergschloss, wo ich jahrelang seine Erziehung geleitet habe. In das
kräftigende Naturleben um ihn her und in die Welt grosser Geister, in die ich ihn
führte, kam doch kaum je ein Ton aus der Glanzwelt der Hauptstadt; nur wenn der
ältere Bruder, der Erbprinz, kam, dann wurde erzählt und beschrieben, aber es
weckte zum Glück noch keine Sehnsucht in Waldemars Herzen, und als wir nach
vollendeten Studien, immer durch die Mutter erlangt, uns zur italienischen Reise
rüsten durften, ohne vorher im eigentlichen Strudel des Hoflebens gewesen zu
sein, in dem der Erbprinz bereits mit Wonne schwamm, da war in meines Zöglings
Herzen nur freudige Ungeduld, dem Lande der Schönheit und der Kunst
entgegenzuziehen. Sie begreifen also, Raden, wie es mir schmerzlich sein würde,
die Harmonie dieser ganz idealistischen Jugend vielleicht durch eine grosse
Leidenschaft gestört zu sehen.«
    »Ja, lieber Professor, das verstehe ich schon,« meinte Raden; »indes ist ja
bis jetzt auch gar keine Gefahr; der Prinz geniesst all das Schöne, das ihn
umgibt, das ist natürlich. Wenn etwas zu denken gäbe, so wäre es eher das
sichtbare Wohlgefallen, das die Herzogin an dem edelschönen nordischen Jüngling
nimmt, was man ihr auch nicht verdenken kann, denn ihr Gemahl scheint mir ein
unsympatischer Mensch, mit seinem hochmütigen Ausdruck und dem stechenden Blick
der Augen, der vermuten lässt, dass er im gegebenen Fall gar nicht vor einer
Coltellata oder einem geheimen Mordbefehl zurückweichen würde.«
    Das Gespräch wurde unterbrochen durch die Rückkunft des Prinzen, der seinen
Morgenritt in die Campagna gemacht hatte und nun voll heiterer Jugendlust den
Gefährten entzückte Beschreibungen der Schönheit des Morgens in der Campagna
machte und dann mit fröhlichem Lachen komische kleine Szenen erzählte, die er
erlebt durch das Kauderwelsch des Dieners Heinrich, der ihn stets begleitete und
der sich anmasste, schon italienisch zu sprechen, was von den Bauern draussen
natürlich nicht verstanden wurde und zu den possierlichsten Missverständnissen
Anlass gab. Auch der Professor musste lachen und alle Furcht schwand beim Anblick
der unbefangenen, glücklichen Stimmung seines geliebten Zöglings.
An dem Abend des Tages versammelte sich eine auserwählte Gesellschaft in dem
alten Palast des Herzogs von Santomara. Die prunkvollen Säle strahlten von
Licht, in denen eine Anzahl der schönsten Frauen in reichem Schmuck, Kardinäle
und Prälaten, auswärtige Gesandte, Künstler und Dichter durcheinanderwogten und
mit Spannung die angekündigte Abendunterhaltung erwarteten. Die damalige
aristokratische Gesellschaft war durchaus nicht so abgeschlossen, wie sie es
nachher wurde, und besonders liess es die Herzogin von Santomara sich angelegen
sein, Leute, die sich durch Geist und Bildung auszeichneten, Dichter und
Künstler, in ihren Kreis hereinzuziehen und der Geselligkeit in ihrem Hause
dadurch einen höheren Reiz zu verleihen. Sie war selbst fein gebildet und voll
geistiger Interessen, wie zu jener Zeit überhaupt viele römische Frauen der
Aristokratie.
    Prinz Waldemar mit seinen zwei Begleitern war eben erschienen und von Donna
Giulia mit besonderer Liebenswürdigkeit, vom Herzog mit kalter Höflichkeit
empfangen worden. Erst seit kurzem in Rom, hatte er noch nicht Zeit gehabt, sich
näher mit einzelnen Persönlichkeiten der Gesellschaft zu befreunden, und seine
noch etwas schüchterne, fein prüfende Zurückhaltung war bis jetzt erst dem
lebhaften Entgegenkommen der schönen Herzogin gewichen. Sie war jetzt zu sehr
mit dem Empfang ihrer Gäste beschäftigt, um sich ihm besonders zu widmen, und so
erging er sich, den Professor im Gespräch mit römischen Gelehrten und Raden in
Unterhaltung mit einer schönen Mailänderin, die sehr gut deutsch sprach,
zurücklassend, in den weitläufigen Prunkgemächern, in denen einzelne
Kunstgegenstände seine Aufmerksamkeit fesselten. So kam er endlich an ein
kleineres Zimmer, das ihm bereits als das eigentliche Boudoir oder besondere
Lieblingszimmer der Donna Giulia bekannt war und in dem sich weniger Pracht als
das Gepräge der feinen Bildung und des künstlerischen Sinnes der Bewohnerin
zeigte. Er wollte vorübergehen, da sah er eine schlanke weibliche Gestalt in
weissem Kleid, die in dem Dämmerlicht, das eine rosa Ampel, verbreitete, die von
der Decke des Zimmers hing und die einzige Beleuchtung dieses auserlesen
poetischen Raumes bildete, wie eine Feengestalt seiner Phantasie entstiegen
schien. Er erkannte in ihr die junge Improvisatrice, deren holde Erscheinung ihm
schon am Abend vorher einen so anmutigen Eindruck gemacht hatte. Ohne zu
überlegen, trat er über die Schwelle des Kabinetts und begrüsste sie, indem er
fragte, wie es komme, dass sie hier allein verweile. Zugleich bemerkte er, dass
das junge Mädchen nicht allein war, sondern dass eine ältere Frau da war, die
sich tief vor ihm verneigte.
    »Dies ist die Signora Amadei, meine einzige lebende Verwandte und
Begleiterin,« sagte Rosa und fuhr fort, während die andere sich fortwährend
verbeugte und Anstalten machte, das Wort zu nehmen: »Ich bin hier auf den Wunsch
der Herzogin, die dachte, es sei mir lieber, hier ruhig zu bleiben, bis die
Gesellschaft sich versammelt habe und es möglich sei, Stille und Aufmerksamkeit
zu erlangen.«
    »Würde es Sie dann stören, wenn ich ein wenig hier verweile, da es mir auch
lieber ist, wenn sich dort das Gewoge ein wenig beruhigt« sagte der Prinz.
    »Nein, gewiss nicht,« erwiderte Rosa mit ihrem anmutigen Lächeln; »es ist ja
nichts Vorbereitetes in mir, wenn ich improvisiere, es ist das Resultat
augenblicklicher Anregung und bedarf weiter keiner vorhergehenden Sammlung.«
    »Wollen Hoheit nicht Platz nehmen?« fiel die Amadei ein, indem sie dem
Prinzen einen Armstuhl hinschob. »Kind, du vergissest ganz, mit wem du die hohe
Ehre hast, zu reden! Seine Hoheit der Prinz von Deutschland, wenn ich nicht
irre,« setzte sie hinzu, indem sie sich abermals tief verbeugte.
    »Ach ja, ich wusste nicht - ich sah so viele Menschen gestern abends - ich
bitte um Vergebung ...« brachte Rosa verlegen hervor.
    »O, seien Sie unbesorgt; ich bin hier ein einfacher Tourist, nichts anderes,
und freue mich, wenn ich, aller Etikette ledig, einfach menschlich mit Menschen
verkehren kann,« sagte der Prinz lachend. Er hatte neben Rosa Platz genommen und
auch die Amadei mit freundlicher Handbewegung eingeladen, sich zu setzen. Er
fragte nun mit grossem Interesse nach der Art, wie und zu welcher Zeit sie sich
ihrer grossen Begabung bewusst geworden sei und ob sie viele Studien gemacht habe
über Versifikation und die verschiedenen Formen des poetischen Ausdrucks, da das
doch unmöglich auch angeboren sein könne.
    »Mein Vater war ein Deutscher, ein hochgebildeter Mann, den nur äusserste
Armut gezwungen hatte, ein kleines, dürftiges Amt in Venedig anzunehmen, wo er
sich mit meiner Mutter verheiratet hatte und wo er bereits für die Existenz
einer Familie zu sorgen hatte, denn es waren schon zwei Kinder vor mir da, die
aber früh starben,« erzählte Rosa. »Ihn freute es so, als ich schon als kleines
Mädchen bei jedem Anlass meinen Ausdruck in gebundener Rede fand, kindisch,
unvollkommen, aber doch ein inneres Bedürfnis und eine Begabung verratend. Nun
fing er an, mich zu unterrichten und mir das Verständnis für alles zu geben, was
meine natürliche Anlage, die sonst immer unvollkommen geblieben wäre,
unterstützen und veredeln konnte. Dann starb er, als ich kaum erwachsen war,
gleich nach ihm auch die Mutter. Ich blieb mittellos und allein zurück, da kam
diese Kusine meiner Mutter (auf die Amadei zeigend) und erbot sich mir zur
Beschützerin und Begleiterin.«
    »O ja, ich habe Mutterstelle an der armen Waise vertreten,« fiel ihr die
Amadei ins Wort, »und auf den Rat mehrerer hochgestellter Männer in Venedig
erfand ich nun, dass sie ihre Existenz auf ihr Talent baue, und das gelingt ja
nun auch gottlob recht gut.«
    Rosa, offenbar unangenehm von dieser Erklärung berührt, sah zur Erde und
schwieg; der Prinz, mit zartem Verständnis, nahm das Wort und führte ein
heiteres Gespräch herbei, dem Rosa sich mit Grazie und Verstand anschloss, und so
verging eine kleine Weile in freundlichem Verkehr, von beiden Seiten jugendlich
unbefangen und harmlos.
    Unterbrochen wurde das Gespräch durch die Ankunft der Herzogin, die rasch in
ihrer strahlenden Schönheit, in reicher geschmackvoller Kleidung wie eine
Königin kam, ein friedliches Menschenidyll zu stören. Sie hielt den Ausruf des
Erstaunens nicht zurück, als sie den Prinzen erblickte: »Sie hier, Hoheit!« rief
sie. »Ich suchte Sie überall, weil die alte Herzogin von Torla, jetzt die
tonangebende Dame der Gesellschaft, durchaus Ihre Bekanntschaft machen will. Ich
habe sogar Herrn von Raden ausgeschickt, Sie zu suchen, und nun haben Sie am
Ende sich hier privatim improvisieren lassen und uns die erste Frucht der
Begeisterung unserer Dichterin vorweg genommen.«
    Es klang etwas wie Spott und wie Gereizteit in ihrer Stimme, aber Waldemar
sagte ruhig: »Nein, so unbescheiden bin ich nicht; der Zufall führte mich
hierher, und da ich das Fräulein hier fand, leistete ich ihr etwas
Gesellschaft.«
    »Nun, ich komme Sie zu holen, meine Liebe,« versetzte Donna Giulia, indem
Sie sich zu Rosa wendete; »das Publikum ist versammelt und harrt des
Augenblicks, Sie zu hören und zu bewundern. Kommen Sie, mein Kind, und möge die
Poesie ihre goldnen Flügel entfalten und Sie ins Wunderland führen.«
    Der Prinz bot ihr den Arm, sie nahm Rosa bei der Hand, und so schritten sie
dem grossen Saale zu, wo die Gesellschaft Platz genommen hatte, gefolgt von der
Amadei, die sich einen Sitz in der Menge suchte. Die Herzogin hatte mit
künstlerischem Sinn einen von herrlichen Pflanzen umgebenen Platz für Rosa
bereitet, wo sie, in ihrem weissen Kleid, wie eine Lichtfee aus einem
Blumenmärchen stand und schon bei ihrem Erscheinen, von Donna Giulia selbst zum
Platz geleitet, von einem beifälligen Gemurmel in dem glänzenden Kreis, dem sie
sich gegenüber befand, empfangen wurde. Einen Augenblick lang standen die beiden
weiblichen Wesen da nebeneinander, während die Herzogin die silberne Schale vom
Tisch nahm, um sie dem Publikum mit zu beschreibenden Blättern zu reichen; es
war eine Gruppe, wie sie das schaffende Genie des Künstlers kaum je hat träumen
können: die Herzogin, das vollendete Weib, in einer Schönheit, die hinriss zu
glühender, sinnbetörender Bewunderung; die andere das Bild der Jungfrau in
reinster Natürlichkeit und unschuldsvoller Anmut, anziehend und fesselnd mit
stillem Zauber.
    Die Aufgaben, die Rosa zu lösen bekam, waren der verschiedensten Art und
wurden von ihr, die in glücklichster Stimmung war, so überraschend gut gelöst,
dass der Beifall, der ihr gezollt wurde, kein Ende nehmen wollte und sie alsbald
zum Mittelpunkt der Gesellschaft machte. Sie wurde mit Einladungen überhäuft,
die Amadei kam in Tätigkeit, um Namen und Adressen aufzuschreiben, und die
Herzogin sagte lächelnd zu Waldemar: »Nun ist unsere junge Dichterin auf gutem
Wege; morgen wird man von nichts anderem sprechen als von ihrem Talent und sie
wird Mode sein. Aber sie ist ein anmutiges Geschöpf und verdient es, finden Sie
nicht auch?« dabei richtete sie einen jener Blicke aus den wundervollen dunklen
Augen auf Waldemar, denen kaum ein Mann zu widerstehen vermochte und der sein
Herz in eine ihm neue, stürmische Bewegung brachte. Etwas verwirrt, zum
erstenmal der feinen, ihm eigenen Gesellschaftsformen vergessend, sagte er
rasch: »Sie ist wie ein freundliches Licht, das man vergisst, wenn die Sonne
leuchtet,« und ergriff die Hand der Herzogin, zog sie an seine Lippen und
drückte einen feurigen Kuss darauf.
    »Und diese Sonne möchte nur Ihnen leuchten, immer - Waldemar,« flüsterte
Giulia, indem ein bezauberndes Lächeln ihr Antlitz überflog. In dem Augenblick
aber nahten verschiedene Personen, die sie zu ihren Pflichten als Wirtin
zurückführten und sie liess den Prinzen in einem Zustand von Aufregung zurück,
die ihn selbst überraschte, und gewohnt, wie er es durch Holbergs Erziehung war,
sich selbst Rechenschaft von seinen intimen Erlebnissen zu geben, drängte es ihn
fort aus der gleichgültigen Menge; er musste allein sein, und als er Raden
gefunden hatte, eilte er nach Haus.
Am anderen Morgen, als der Prinz wie gewöhnlich seinen einsamen Morgenritt
machte, kam Raden in das Zimmer des Professors, zu sehen, wie es ihm ging, da er
leichten Unwohlseins halber am Abend zuvor nicht mit in der Gesellschaft gewesen
war. Er fand ihn gemütlich im Lehnstuhl sitzend, die Brille auf der Nase und
einen Haufen Klassiker vor sich auf dem Tisch, von denen er einen in der Hand
hielt und darin las. Auf Radens Frage nach seinem Befinden erwiderte er, dass es
ihm wieder gut gehe und fügte hinzu: »Ich habe den Abend mit meinen Klassikern
verbracht und das hat mir wohlgetan. Ich sage Ihnen, Raden, es ist ein wahrer
Genuss, den Horaz hier in Rom zu lesen; wie anders wirkt dann alles noch so an
Ort und Stelle auf demselben Boden, wo diese Gefühle gefühlt, diese Gedanken
empfangen wurden. Horaz hat recht: der Mensch als Einzelwesen bleibt immer
derselbe, was er empfand, empfinden wir noch, nur die Phasen des Zusammenlebens
erfahren die Veränderungen und bilden die Geschichte. Welch ein Abstand zwischen
dem römischen Reich und dem heutigen Kirchenstaat! Beide wollten ein Weltreich
gründen und beherrschen, aber jenes realistisch, durch die Macht ungeheurer
Kräfte und den Eroberungstrieb angehender Zivilisation, dieser durch eine
beschränkte und beschränkende Idee.«
    »Ja, wahrlich, wenn man den heutigen Kirchenstaat betrachtet,« versetzte
Raden, »so kann man nichts mehr von einer grossen, weltbewegenden Idee entdecken.
Er ist eine Organisation einzig in ihrer Art und darin liegt noch seine Macht.
Es hat ja wohl Momente gegeben, wo ein paar gewaltige Persönlichkeiten unter den
Päpsten einen Traum von Welterrschaft träumten, aber jetzt ist das alles ein
kleines, meskines Treiben der Politik, wie überall, geworden. Ich habe gerade
gestern abend bei der Herzogin wieder von wohlunterrichteten Leuten gehört, wie
man hier die Politik betreibt; liberal tuend und liebäugelnd am Tag mit den
Franzosen und der liberalen Partei und am Abend sarkastische Bemerkungen und
bitteres Lächeln über dieselben im Kreise seiner reaktionären Verbündeten, der
Österreicher. Und auch was die moralische Seite der beiden geschichtlichen
Epochen betrifft, bleibt der Vorzug der heidnischen. Die Korruption im römischen
Kaiserreich war haarsträubend, aber wenigstens ehrlich und offen, wie etwas zu
der Tagesordnung Gehöriges, und die römischen Hetären gaben den griechischen
vielleicht nur wenig nach, an deren Spitze eine Aspasia stand, die es wert war,
von Perikles geliebt und verteidigt zu werden. Aber die Moral hier unter dem
Szepter des Heiligen Vaters, mit dem ganzen Olymp der Kardinäle und Prälaten als
Vorbilder, die doch eigentlich halbe Heilige sein sollten, und mit einer das
ganze Leben regelnden Kirche - nein, lieber Professor, Sie haben keine Ahnung,
was da alles vor sich geht. Und eben nicht offen und wild-natürlich wie im
römischen Reich, sondern heuchlerisch bedeckt mit dem verführerischen Schein der
Zivilisation und der Schönheit und im Schutze der alleinseligmachenden Kirche.
Alle diese glänzenden, hinreissend verführerisch schönen Frauen haben ihren
Amante, oft auch nur nach materiellen Vorzügen, erwählt, neben sich, und manche
beschränken sich nicht auf den einen. Man hat mir eben gestern wieder
Geschichten erzählt, vor denen denn doch unsere deutsche Sitte erschreckt
zurückfährt. Unter dem entsetzlich reaktionären Pontifikat Leos XII., des
verstorbenen Papstes, der am liebsten alles in die Nacht des Mittelalters
zurückgeführt hätte, was blieb der lebensfrohen Gesellschaft anderes übrig, als
sich in eitlen Festen zu vergnügen? Ausgeschlossen von dem geistigen
Weltverkehr, Journale verboten, Rom aufs neue die Stadt der Pilgerscharen zu
kirchlichen Festen, weniger von Fremden besucht, hatte in der Gesellschaft das
Vergnügen den Herrschersitz eingenommen. Jetzt, gottlob, nach dem Tode dieses
della Genga, ein sonderbarer Typus übrigens, mischen sich wieder neue Elemente
in dies äusserlich so glänzende, innerlich so verfaulte Bereich aller Schönheit,
alles Luxus, aller Verderbteit, und man darf hoffen, dass edlere Keime auch
wieder neue edlere Blüten tragen werden. Was mich aber ungeheuer freut, das ist,
dass unsere Herzogin von Santomara, diese Schönste der Schönen, ganz rein und
unbefleckt in all der sie umgebenden, zum Teil sehr verdorbenen Gesellschaft
dasteht. Ich habe es einstimmig von den verschiedenen Seiten versichern hören.
Zwar fügt man hinzu, dass Don Camillo auch so eifersüchtig sei, dass er wie ein
wahrer Cerberus den Weg zu ihr bewache und im gegebenen Falle vor keinem Mittel
beleidigter Ehemänner zurückschrecken würde, aber man gesteht auch, dass Donna
Giulia ihm bis jetzt nicht den geringsten Anlass zum Verdacht gegeben hat,
obgleich sich alle wundern, dass sie den hochmütigen, so viel älteren, anmassend
stolzen Gatten sollte lieben können. Sicher ist aber, dass sie bis jetzt noch
keinen Amante hat.« Raden hielt einen Augenblick inne, dann fuhr er zögernd
fort: »Doch scheint es fast, als ob von ihrer Seite eine Gefahr der Art drohe,
denn, denken Sie nur, gestern abend sagte mir einer der hervorragendsten unter
den vornehmen jungen Leuten hier, dem sich wohl alle Schönen huldvoll neigen
würden - Ihr Prinz, sagte er, hat schon viele Neider; wir alle sind eifersüchtig
auf ihn, denn er, ein Fremder, ein Ausländer, wird von der Herzogin von
Santomara so ausgezeichnet, wie es noch niemandem widerfahren ist. Nun habe ich
allerdings auch gestern abend bemerkt, dass sie, mit aller Natürlichkeit der
südlichen Naturen, ihr Wohlgefallen an unserem Waldemar unverhohlen zeigt; ich
beobachtete sie, als sie mit ihm in ein längeres Zwiegespräch vertieft war; nie
habe ich ein solches Liebeswerben so wunderbarer Augen gesehen.«
    Der Professor hatte bei der letzten Wendung der Rede Radens die Brille
abgenommen, seinen Horaz auf den Tisch gelegt und starrte nun mit besorgter
Miene in Radens Gesicht, ferneren Bericht erwartend.
    »Nun, bis jetzt scheint mir der Prinz nur überrascht und geblendet und das
ist wahrlich kein Wunder; ein alter Praktikus wie ich verlöre da die Besinnung
und nun gar ein solcher idealistischer Neuling. Aber was mich sehr freut und
beruhigt, ist, dass Waldemar, als echter deutscher Jüngling, sich fast mehr von
der zarten jungfräulichen Improvisatrice angezogen fühlt. Ich sah ihn mehrere
Male gestern abend auf sie zugehen und lange und freundlich mit ihr plaudern.
Sie ist aber auch ein reizendes Geschöpf, so fein, so bescheiden und so voller
Poesie; ein schönes Gemisch von italienisch und deutsch, wie sie es ja auch
ihrer Geburt nach ist, und wenn der Prinz sie öfter sieht, so bin ich überzeugt,
wird dieser liebliche Abendstern jener Glanzsonne das Gleichgewicht halten.«
    »Na, Raden, Sie sind ein Beobachter wie wenige,« versetzte der Professor mit
einem Seufzer der Erleichterung, »und es ist mir eine Beruhigung, Sie in dem
geselligen Treiben in seiner Nähe zu wissen; denn da hört meine Tätigkeit auf.
Ich war auch einmal jung, lebte aber da in so bescheidenen Verhältnissen, dass
das, was ich von Gesellschaft sah, etwas ganz anderes war und nicht zu
vergleichen ist mit dem glanzvollen Leben hier. Und selbst als ich daheim meinen
Platz an der Universität errungen und dann, durch das Vertrauen der
Fürstin-Mutter, zum Lehrer dieses ihres Lieblingssohnes gewählt wurde, blieb ich
dem eigentlichen Hof- und Gesellschaftsleben fern. Ich verstehe mich nicht auf
diese Ansprache und wünsche nur das eine, dass keine unnütze leidenschaftliche
Erregung das schöne Resultat wissenschaftlicher und künstlerischer Bildung
störe, das ich von dieser Reise für ihn erhoffte.«
Die Herzogin von Santomara hatte recht gehabt: Rosa, die Improvisatrice, war
geradezu Mode geworden. Diese vergnügungssüchtige römische Gesellschaft von
damals, die aber doch den Reiz von Bildung und Poesie zu schätzen wusste, wenn er
dem Vergnügen zu Hilfe kam, war wie bezaubert durch die seltene Gabe des jungen
Mädchens, die durch die Grundlage einer sorgfältigen Erziehung und die Anmut der
Erscheinung noch unterstützt wurde. Es gab keine Vereinigung, zu der sie nicht
eingeladen worden wäre, die geselligen Abende der Arkadia waren gar nicht mehr
denkbar ohne eine Improvisation von ihr, und die sonderbare Protektion, deren
der geistvolle Kardinal Palombi sie würdigte, bannte auch den ganzen Kreis der
vornehmen Prälaten, die einen Hauptteil der Gesellschaft bildeten, in ihren
Zauberkreis. Eine minder edle und reine Natur wie die ihre würde unausbleiblich
der Eitelkeit und der Koketterie anheimgefallen sein, denn es fehlte auch nicht
an bloss persönlichen Huldigungen, die ihrem Liebreiz zuteil wurden, aber sie
schwebte, beinahe wie in einer höheren Atmosphäre lebend, über dem allen. Und es
war auch so, es war ein unbekanntes Etwas über sie gekommen, das sie sich selbst
nicht erklären konnte, das sie aber mit Glück erfüllte und in ihrer Poesie
ausströmte.
    Sie hatte niemanden, der ihr nahestand, dem sie die tiefsten Erregungen
ihrer Seele hätte mitteilen können, denn die Amadei war ihr innerlich völlig
fremd, ja sie litt oft unter der Vulgarität dieser Natur, aber sie musste sie
dulden, denn sie konnte nach italienischer Sitte bei ihrer Jugend nicht allein
bleiben und sie überliess ihr die Besorgung ihrer materiellen Verhältnisse, der
nicht unbedeutenden Einnahmen, die ihr mit ihrem wachsenden Ruhme reichlich
zuflossen, die sie beinahe wie etwas Unedles, Beschämendes bedrückten, von der
Amadei aber mit Eifer empfangen und verwaltet wurden. Durch die Erziehung ihres
Vaters war sie an einsames Studium gewöhnt und ihr wissensdurstiger Geist trieb
sie fortwährend, für sich zu arbeiten und ihre Bildung zu vervollständigen,
somit auch, durch das immer vielseitiger werdende Wissen ihren Improvisationen
reicheren Inhalt zu sichern. Aber nach liebevoller Teilnahme und natürlichem
Verständnis des Gefühlslebens hatte sie oft tiefe Sehnsucht und es war ganz
erklärlich, dass sich nach und nach ein herzliches Verhältnis zwischen ihr und
einer Frau bildete, die nicht in ihren Lebenskreis gehörte, aber jenen Instinkt
des Herzens besass, der so oft in den einfachsten Naturen reichlich ersetzt, was
höhere Lebensstellung und äussere Vorzüge ihnen versagten. Es war dies jene
Vittoria, der wir zu Anfang dieser Erzählung begegneten, eine einfache Frau aus
dem Volke, die einen Gemüse- und Fruchtladen unten in demselben Haus, in dem
Rosa wohnte, besass, dem sie allein vorstand, da sie Witwe und kinderlos war. Ihr
Laden war, wie sie noch heute häufig sind und damals allgemein waren, ein nach
der Strasse zu offener kellerartiger Raum, an dessen Eingang die Umrahmung durch
das geschmackvolle, fast künstlerische Aufhängen von Gemüsen, Früchten usw.
einen überaus anmutigen Strassenschmuck bildet. Rosa kaufte die kleinen
Bedürfnisse ihres Haushaltes bei der Witwe unten und diese liess es sich nicht
nehmen, die holde Dichterin mit schönen Blumen zu erfreuen. Sie hatte auch
mehrmals Rosa kleine Dienstleistungen und Gefälligkeiten erwiesen und diese
hatte Gelegenheit gehabt, den ehrenwerten Charakter der Witwe und ihr allem
Schönen zugängliches Gemüt kennenzulernen, so dass sich nach und nach ein beinahe
freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen gebildet hatte, das der Amadei oft
Anlass zu spöttischen Bemerkungen gab. Aber Rosa, mutterlos und ohne ein Herz, an
das sie sich vertrauend hätte legen können, fand in der einfachen Frau aus dem
Volke ein so herzliches Verstehen, wie es oft in den reinen, nicht durch
Fremdenverkehr verdorbenen Naturen des italienischen Volkes vorkommt, und so wie
schon ihr Äusseres, ihr echt römischer ernster, schöner Typus, sie zur
sympatischen Erscheinung machte, so war sie auch gerade für Rosa doppelt
anziehend durch das lebendige spontane Empfinden für Poesie, was bei dem Volk in
Italien nicht selten ist. Sie hatte mehrere Male Gelegenheit gehabt durch Rosas
Vermittlung, diese improvisieren zu hören und empfand eine Begeisterung für das
junge Mädchen, die sie zu jedem Opfer bereit gemacht hätte. Mit Stolz sah sie,
wie Rosa geehrt und gefeiert wurde und nichts schien ihr zu gut für das
vergötterte Wesen.
    Aber ihre grösste Seligkeit bestand darin, dass Rosa ihr erlaubte, ein
Abendstündchen bei ihr zuzubringen, wenn sie zu Hause geblieben war, während die
Amadei, immer gierig nach Zerstreuungen und Vergnügen haschend, allein in
irgendein vulgäres Teater oder zu ähnlicher Unterhaltung gegangen war, und Rosa
fühlte sich tausendmal wohler in der Gesellschaft dieser einfachen, edlen Natur,
die sie mit der hingebenden Liebe und Sorge einer Mutter umgab, als bei dem nur
seichten, oberflächlichen Dingen zugewendeten Geplauder ihrer Begleiterin.
    So sassen sie auch eines Abends in Abwesenheit der Amadei zusammen und
Viktoria half der Dichterin an einem Kleide nähen, das diese, an Sparsamkeit
gewöhnt und sie bedürfend, sich selbst verfertigte. Die Rede kam auf die
Herzogin von Santomara und ihre wunderbare Schönheit. »Ja, und dabei ist sie
auch so liebenswürdig und klug,« sagte Rosa voll inniger Bewunderung.
    »Und gut, wirklich sehr gut,« fügte Vittoria hinzu. »Ich weiss so viel von
all dem Guten, das sie in der Stille tut, denn der Herzog ist kein freigebiger
Mann und weist die Armut von der Tür; aber sie gibt gern und viel. Ich weiss das
alles, weil mein Bruder Beppo amore macht mit der Marietta, der Kammerjungfer
der Herzogin. Die erzählt ihm alles aus dem Haus, und er kommt dann, es mir zu
erzählen.«
    »Ach, liebe Vittoria, sag doch nicht dies hässliche far amore,« sagte Rosa,
»ich kann den Ausdruck in unserer sonst so poesiereichen Sprache nicht leiden.
Far amore - es ist gerade, als ob man mit dem heiligsten der Gefühle Handel
triebe, als ob die Liebe ein Produkt des Willens sei, das man beliebig
hervorbringen und wieder abtun könne, während sie doch - so denk ich es mir, -
die schönste, unmittelbarste Gabe des Himmels ist, ein Etwas aus unbekannten
Regionen, das plötzlich bei einem bestimmten Gegenstand erwacht und unser Herz
zu einem Tempel macht, den ein Bild in reiner Andacht ausfüllt.«
    »Ja, so denken Sie, meine Signorina,« versetzte Vittoria, indem sie voll
Rührung auf das Mädchen sah; »bei Ihnen ist alles anders, rein und schön, aber
so im gewöhnlichen, bei unseren Burschen und Mädchen, da ist es fast wie ein
Geschäft; im gegebenen Alter muss amore gemacht werden und wie es sich denn
gerade trifft, so macht sich's, mit dem einen oder der einen, und ist die Sache
nicht dauerhaft gewesen, wie meistenteils, so bricht man ab und fängt mit
anderen an. Das hindert nicht, dass man sich deshalb unglücklich macht, sich
Coltellaten gibt, sich umbringt und aus Kummer stirbt, wenn der eine oder andere
untreu wird, denn es kommen ja auch tiefere Gefühle vor, die einen ernsteren
Charakter haben; aber im ganzen ist es ein auf die untergeordneten natürlichen
Triebe gegründetes willkürliches Verfahren, und daher mag denn auch der Ausdruck
gekommen sein.«
    »Es kann sein, dass du recht hast, Vittoria,« versetzte Rosa nachdenklich.
»Was sagt denn aber die Marietta von der Herzogin? Mir scheint, dass eine so
ausgezeichnete, schöne, liebenswürdige Frau den älteren, stolzen, immer kalt und
spöttisch aussehenden Mann nicht lieben könne.«
    »Ach nein, das tut sie auch gewiss nicht,« erwiderte Vittoria; »ganz jung ist
sie so verheiratet worden, ohne zu wissen, was es sei, und bisher hat sie so
gelebt in Reichtum und Glanz, bewundert und gefeiert, aber geliebt hat sie wohl
noch nicht; jetzt aber ...« Vittoria hielt inne.
    »Was denn jetzt, gute Vittoria?« fragte Rosa rasch; »sag mir doch alles, ich
liebe die Herzogin sehr und möchte, dass sie glücklich wäre.«
    »Nun, die Marietta meint, ihr schiene, ihre Herrin habe eine heftige Neigung
für den fremden jungen Prinzen gefasst, der so viel in den Palazzo kommt; aber
das kann auch nur dummes Geschwätz von der Marietta sein; solche Mädchen, die
immer um die Herrin sind, sind neugierig, passen auf alles auf, wissen oft mehr,
als die Dame ahnt, irren sich dann aber auch oft, weil sie die Dinge sich nach
sich selbst auslegen und die Marietta ist leichtsinnig; und was sie selbst tun
würde, traut sie auch den anderen zu.«
    Rosa erwiderte nichts, sie war betroffen und fühlte ein unerklärtes Weh, das
sie für den Augenblick stumm machte und in sich selbst blicken liess, um die
Ursache davon zu suchen. Auch wurde die Unterhaltung abgebrochen, denn die
Amadei kam zurück und Vittoria verschwand augenblicklich.
An demselben Abend befand sich im Palast Santomara nur ein kleiner Kreis meist
älterer Herren, unter denen der Kardinal Palombi und mehrere andere Prälaten,
aber auch Prinz Waldemar mit seinen zwei Begleitern zugegen waren. Das Gespräch
hatte einen beinahe politischen Charakter bekommen, indem einige der geistlichen
Herren sehr günstig für Österreich, die anderen aber, besonders Kardinal
Palombi, durchaus französisch liberal gestimmt waren. Es waren dies die zwei
Strömungen, die die damalige römische Gesellschaft teilten. Der Wiener Kongress
1815 hatte den von der Napoleonischen Zeit her überwiegenden französischen
Einfluss gebrochen und Italien wieder dem finsteren Druck österreichischer
Jesuitenherrschaft anheimgegeben. Dann, unter Papst Pius VII., hatte der edle
Kardinal Consalvi eine Reihe kultureller Reformen angefangen, die aber
abgeschnitten wurden durch die Wahl des Kardinals della Genga zum Papst unter
dem Namen Leo XII. Er war von dem strengen Geiste des mittelalterlichen
Papsttums erfüllt und hätte am liebsten den Kirchenstaat ein paar Jahrhunderte
zurückgeführt und für immer jedem Licht der Aufklärung, des freien Gedankens,
der fördernden Wissenschaft verschlossen. Sein Pontifikat dauerte zum Glück nur
fünf Jahre, doch schon zu lange für den Zustand des römischen Staates, in dem
nun geheim die ewig treibenden Kräfte des menschlichen Werdens gewaltsame Dinge
vorbereiteten. Es war dies eine von den seltsamen Unterbrechungen des
Fortschritts, in denen sich die Geschichte von Zeit zu Zeit gefällt, gleich als
ob sie ein zu rasches Wachsen zum Vollkommeneren für schädlich hielte oder die
Menschen an Geduld gewöhnen wollte. Nach dem Tode Leos XII., der geradezu zur
Freude seines Volkes starb, das seinen finster reaktionären Tendenzen nicht
zustimmte, fingen wieder freiere Ideen an, von Frankreich herüberzukommen, und
ihnen günstige Prälaten bekannten sich offen dazu.
    So hatte sich an jenem Abend der Kardinal Palombi, der noch ein Schüler
Consalvis und für dessen Reformideen begeistert war, wieder im Lobe der
Franzosen ergangen und dabei mehr als einen maliziösen Seitenblick auf einen der
anwesenden Prälaten geworfen, dessen mageres, gelbes Gesicht durch die kleinen,
stechenden schwarzen Augen und den wie in Bitterkeit fest geschlossenen Mund den
möglichst unsympatischen Eindruck machte und eher einen fanatischen Anhänger
Loyolas als einen edel humanen Nachfolger Christi vermuten liess.
    »Wir haben nie einen liebenswürdigeren und geistvolleren Gesandten hier
gehabt als den Vicomte de Chateaubriand,« fuhr der Kardinal in seiner Lobrede
fort. »Ich erinnere mich an ihn, als er zuerst hier war und sein Entzücken über
Rom so ausdrückte: Es ist ein schönes Ding, dies Rom, um alles zu vergessen,
alles zu verachten und um zu sterben. Er hatte es in einem Briefe geschrieben,
nachdem er in der Cappella Sistina das Miserere gehört hatte.«
    »Wann war der Vicomte de Chateaubriand das letztemal hier?« fragte der
Professor Holberg, der immer lebhaften Anteil an solchen Gesprächen nahm, um
sich über Zustände und Gesinnungen in der damaligen römischen Welt zu
unterrichten.
    »Bei dem letzten Konklave kam er als ausserordentlicher Gesandter, denn er
war zurzeit Minister in Frankreich und ich erinnere mich immer mit hohem
Interesse an die ausgezeichnete Rede, die er hielt, um seine Kredenzialen bei
dem zum Konklave versammelten geistlichen Kolleg zu überreichen.«
    »Fanden Eminenz das eine ausgezeichnete Rede?« hub jetzt der vorhin
bezeichnete Prälat an, der sichtlich nur mit Mühe bisher den Ärger
zurückgehalten hatte, den ihm die Lobpreisung der Franzosen verursachte. »War es
eines christlichen Gesandten würdig und war es taktvoll, um das mildeste Wort zu
sagen, den zu wählenden Papst, der natürlich einer aus der vor ihm versammelten
Menge geistlicher Würdenträger sein musste, daran zu erinnern, dass er sich nun
bald auf dem Stuhle des heiligen Petrus niederlassen würde, unfern vom Kapitol,
über dem Grabe jener Römer der Republik und des Kaiserreiches, die von der
Idolatrie der Tugend zu der Idolatrie des Lasters übergingen, über jenen
Katakomben, in denen die Überreste einer anderen Art von Römern ruhen? Wozu hat
jene versunkene, verdammte heidnische Welt noch erwähnt zu werden, wenn es sich
um die Kirche, um die katolische Religion, handelt, die sich siegend über jenen
Trümmern einer gottlosen Gesellschaft erhob, die über alle menschliche
Zivilisation und alle irdischen Revolutionen erhaben ist, durch die sie leiden,
aber in alle Ewigkeit nicht unterdrückt werden kann?«
    »Ich glaube nicht, Monsignore, dass diese Anknüpfung an die Vergangenheit
taktlos war,« erwiderte der Kardinal, indem sein schönes Gesicht den Ausdruck
überlegener Einsicht und vornehmer Autorität annahm; »ebenso wie eine
Vergangenheit vor der Erscheinung des Christentums auf Erden da war, so müssen
die heiligen Dinge heutzutage von einem allgemeineren und höheren Standpunkt aus
angesehen werden. Denn das Christentum, das die Gestalt der menschlichen
Gesellschaft veränderte, hat dann doch auch diese, der es das Leben gab, sich
wieder umändern sehen, und es ist gerade ein Zeichen seiner Ewigkeit, dass es mit
der Zivilisation wächst, mit der Zeit fortschreitet, an dem Jahrhundert
teilnimmt, ohne zu vergehen wie dieses.«
    »Ah, Eminenz vergessen, dass es doch schon mehr als einmal nötig war,
österreichische Waffen zur Hilfe anzurufen gegen den sogenannten Fortschritt der
Zeit auch in kirchlichen Angelegenheiten,« bemerkte mit einem fast pfeifenden
gereizten Ton der Monsignore, »und es könnte sich ereignen, dass diese
Intervention aufs neue nötig würde, wenn die französischen Liebenswürdigkeiten
ihre geheime Arbeit in der Romagna und den Marken weiter treiben.«
    »Nein, nein, keine Intervention,« fiel ihm Don Camillo, der die ganze Zeit
schweigend dem Gespräch mit gespanntem Interesse zugehört hatte, ins Wort, »der
König von Frankreich hat, gottlob, erklärt, dass er keine Intervention anderer
Staaten dulden würde.«
    Die Herzogin, die schon seit einer Weile mit dem Prinzen, der neben ihr sass,
geflüstert hatte, erhob sich in dem Augenblick und sagte lachend: »Ah, wenn es
schon so weit kommt, dass wir bei der Intervention mit Waffen angelangt sind, da
ziehe ich mich zurück in schönere, friedlichere Regionen. Ich habe heute
herrliche Zeichnungen von unserem Camuccini erhalten, der doch jetzt mit Canova
die Kunstatmosphäre beherrscht, und ich wünsche sie Seiner Hoheit dem Prinzen,
der ein so feines Kunstverständnis hat, zu zeigen. Ich überlasse Sie daher eine
Weile Ihren schlimmen Diskussionen und komme wieder, um den Frieden zu
proklamieren.« Mit einer schalkhaften Verbeugung gegen die Gesellschaft nahm sie
den Arm des Prinzen, den er ihr anbot, und verliess mit ihm den Saal. Über Don
Camillos Antlitz zog eine Wolke, und ein Blick des Verständnisses flog zu dem
Kardinal hinüber und wurde von diesem mit seinem feinen sarkastischen Lächeln
beantwortet.
    Donna Giulia aber durchschritt mehrere der anstossenden Säle, bis sie zu dem
schon erwähnten kleineren Raum gelangten, der ihr ganz privater und ihr
Lieblingszimmer war. Hier liess sie sich auf einem Ruhesitz nieder und lud den
Prinzen ein, neben ihr Platz zu nehmen.
    Sie ergriff einige Blätter mit Zeichnungen, die auf einem Tisch an ihrer
Seite lagen und zeigte dem Prinzen einige, indem sie mit feinem Verständnis über
die neue Richtung der Kunst zum Klassizismus in der Kunstsphäre sprach, deren
hervorragendste Vertreter in Rom eben Canova in der Skulptur und Camuccini in
der Malerei waren.
    Der Prinz, ergriffen von der zauberischen Nähe dieser Frau, die neue, bis
dahin ungeahnte Seiten seines Wesens in ihm erweckte, brach in einen Ausruf
glühender Bewunderung über ihr Kunstverständnis aus, hinter dem sich seine
tiefere Gefühlserregung nur halb verbarg. Die Herzogin fühlte es sehr wohl, und
selbst noch mehr erregt als er, sagte sie seufzend: »Ach, und wenn Sie ahnen
könnten, welche tiefe Leere dennoch in meinem Leben bleibt, trotz all dem, was
Reichtum, Rang, Huldigung der Welt und überdem Geist und Kunst mir geben! Mir
fehlt das eine, das Höchste: eine grosse, allmächtige Liebe, ohne die das Leben
doch nur ein glänzendes Nichts ist. Ich könnte ja, wie die meisten Frauen
unserer Gesellschaft, mir ein Verhältnis schaffen mit einem zufällig Bevorzugten
der vielen, die mich umschwärmen und nur danach trachten; aber ich bin zu stolz
dazu. Allmächtig, das ganze Leben beherrschend, so muss die Liebe sein, die mein
Dasein ausfüllen soll, und nur einem Höchsten, der ebenso fühlt, kann ich diese
höchste Krone reichen.«
    Sie schwieg wie erschrocken von diesem Ausbruch ihrer geheimsten
Empfindungen, aber ihr Auge sandte einen Blick zu Waldemar hin, der sein Herz
erzittern machte, und in überwältigender Aufregung, unfähig, ein Wort zu sagen,
ergriff er ihre Hand und drückte einen heissen Kuss darauf.
    »Bist du mein Freund, Waldemar?« frug Giulia leise mit bebender Stimme.
    Aber noch ehe der Prinz antworten konnte, entzog sie ihm ihre Hand, erhob
sich rasch und flüsterte: »Mein Peiniger kommt, schon ist sein Verdacht rege,
suchen wir ihm ruhig zu begegnen.«
    In der Tat hörte man nun Schritte und Stimmen, die sich dem Kabinett
näherten, und die Herzogin hatte nur eben Zeit, an den Tisch hinzutreten und die
zerstreut liegenden Zeichnungen scheinbar in Ordnung zu bringen, als Don Camillo
mit dem Professor und Raden eintrat.
    »Alle unsere anderen Gäste sind geschieden und lassen sich dir empfehlen,
Giulia, und nun komme ich, diesen Herren auch die Zeichnungen unseres Camuccini
zu zeigen,« sagte der Herzog. »Haben sie ihren Beifall, Hoheit?« fragte er, sich
rasch zum Prinzen wendend und ihn mit einem durchbohrenden Blick seiner
schwarzen Augen treffend; aber schon hatte Giulia mit der Raschheit ihres
südlichen Temperaments ihre Selbstbeherrschung völlig wiedergewonnen und
versetzte blitzschnell, scheinbar in heiterer Unbefangenheit: »Hoheit sind ganz
erstaunt über die klassische Vollendung in diesen Zeichnungen, die man hier noch
mehr bewundern kann als in seinen Gemälden. Auch wusste der Prinz nicht, wie sehr
er schon anerkannt und bewundert ist, wie fremde Potentaten ihn ehren und ihm
Aufträge geben, wie Seine Heiligkeit der verstorbene Papst und unser
gegenwärtiger Heiliger Vater sich sogar rühmten, seine Freunde zu sein, und wie
sich schon eine zahlreiche Schule nach ihm gebildet hat, die dieser Kunstepoche
den Charakter des Klassizismus aufdrückt und ja auch unter den Franzosen
glänzende Namen zählt, wie David, Vernet, de la Roche und andere. Sehen Sie,
Herr Professor, überzeugen Sie sich selbst.«
    Sie hatte mit ihrem langen Sprechen, ihrer immer ruhiger werdenden Stimme
und ihrer feinen Art, die Zeichnungen vorzulegen, scheinbar das Gleichgewicht in
der Stimmung hergestellt und dem Prinzen Zeit gegeben, sich zu fassen und jetzt
mit seinen Begleitern Abschied zu nehmen und den Palast zu verlassen. Waldemar
sagte diesen, sobald sie in ihrem Hotel angekommen waren, alsbald gute Nacht,
Kopfweh vorschützend, und begab sich in sein Zimmer. Hier aber wanderte er
ruhelos auf und ab und suchte der Aufregung Herr zu werden, die jetzt schon
beinahe völlig Besitz von ihm genommen hatte. Die unverhohlene Leidenschaft, die
ihm von der Herzogin entgegenkam mit einer seinem deutschen Empfinden
fremdartigen Offenheit, hatte sein Wesen in eine noch nie gefühlte Aufregung
gebracht, und unerfahren, wie seine so wohlbehütete Jugend gewesen war, fragte
er sich fast voll Angst, ob dies die Liebe sei, die nun endlich siegreich in
sein Herz einzog. Aber was dann? Zwar sah er mit Erstaunen in der römischen
Gesellschaft, in der er sich befand, wie wenig das legitime Band illegitime
Verhältnisse hinderte; er aber bebte davor zurück, indem sich ihm auch
augenblicklich alles entgegenstellte, was man in der Heimat, bei seiner Stellung
am Hofe als wahrscheinlicher Tronerbe, da sein älterer Bruder sehr kränklich
war, und was besonders seine fromme, tugendhafte Mutter, die ihn so liebte, zu
solcher Verirrung, denn so würde man es milde nennen, sagen würde.
    Ein peinlicher Kampf entspann sich in seinem Innern, denn er konnte nicht
leugnen, dass ihn der hinreissende Zauber von Giulias Schönheit und liebendem
Entgegenkommen bereits mit einem Wonnegefühl erfüllte, vor dem seine klare
Einsicht und seine strengen Grundsätze zu schwanken begannen. Endlich aber
forderte die Natur ihr Recht und er fiel in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst
spät erwachte. Am Morgen brachte ihm der Diener einen Brief, der ihm, wie er
sagte, von einem jungen Burschen eingehändigt worden sei, mit der strengen
Mahnung, ihn nur in des Prinzen eigene Hände und wenn dieser allein sei,
abzugeben. Voller Ahnung und klopfenden Herzens, öffnete er den Brief und las:
»Waldemar, Du weisst es jetzt, hast es gefühlt, wie sich mein Herz
unwiderstehlich zu Dir hingezogen fühlt. Du bist der erste Mann, der mir der
allmächtigen Liebe und der Hingabe des ganzen Lebens einer Frau wert scheint.
Also Dir anzugehören, ist von nun an der Zweck meines Lebens, denn ich fühle es,
dass auch Du mich liebst. Im Augenblick nur müssen wir uns leider trennen. Mein
Mann kam gestern abend, als ihr fort waret, mit der Nachricht, dass wir gleich
heute fort müssten nach Perugia, wo die Hochzeit seiner Schwester nun endlich
festgesetzt sei und wo man uns mit Ungeduld zu all den Festen, die damit
verbunden seien, erwarte. Ich konnte nichts dagegen einwenden, wiewohl es
grausam ist, gerade wenn das selige Bekenntnis meiner Liebe Dir offenbar
geworden, Dich nicht zu sehen. Schreiben darfst Du mir nicht, denn Camillos
Eifersucht umgibt mich mit tausend Späheraugen, aber ich kann vielleicht durch
meine treue Jungfer und deren Liebhaber, einen jungen Burschen, der auch diesen
Brief besorgt, Nachricht zu Dir gelangen lassen. Denn in all den Festen, an
denen ich teilnehmen muss, wird nur ein Gedanke mich erfüllen, nur ein Bild mich
umschweben, das des einzigen, dem jetzt mein Leben gehört. Giulia.«
    Aufs neue verwirrt und bestürzt, fühlte Waldemar doch eine Art von
Erleichterung bei dem Gedanken, dass die Herzogin fort sei und ihm Zeit bleibe,
sich zu fassen, zu beruhigen und imstande zu sein, zu überlegen und einen
Entschluss zu fassen, ohne durch den Zauber ihrer Nähe immer machtlos zu werden.
Er vermochte es, ziemlich unbefangen bei seinen Begleitern zu erscheinen und
gleichgültig zu bleiben, als Raden von der plötzlichen Abreise der Santomara
sprach und sein Bedauern ausdrückte, dass der Gesellschaft für einige Zeit dieser
Stern fehlen werde. Der Professor liess sich durch die anscheinende Ruhe
Waldemars täuschen und atmete erleichtert auf, und selbst der erfahrene Raden
wurde zweifelnd, ob es nicht eben bloss die Aufregung der unmittelbaren Gegenwart
der schönen Frau gewesen sei, die er an dem Prinzen bemerkt hatte, und nicht ein
tieferes Gefühl. Zugleich aber brachte er dem Prinzen die dringende Bitte einer
der römischen Fürstinnen, ihre Abendunterhaltung an diesem Tag nicht zu
vergessen. »Ich glaube, die liebenswürdige Improvisatrice wird dort sein und ihr
Talent ausüben,« sagte Raden.
    »Ach, es ist wahr,« versetzte Waldemar; »gewiss werde ich hingehen und ich
freue mich auch, die junge Poetin wieder zu sehen, die ich schon einige Zeit
nicht sah.«
Alles war ihm willkommen jetzt, was ihn von dem quälenden Aufruhr in seinem
Innern abziehen konnte, und am Abend begab er sich mit Raden - der Professor
hatte gebeten, zu Hause bleiben zu können - in die glänzenden Salons der
Fürstin, wo wieder alles versammelt war, was Rom an Eleganz, Schönheit und
Reichtum besass. Inmitten des Gefunkels von goldenem Schmuck, Diamanten und
Edelsteinen aller Art erschien denn auch die Lichtgestalt Rosas, wie immer ganz
weiss gekleidet und alsbald von einer Menge huldigender Verehrer umgeben,
zwischen denen sie ruhig und einfach-freundlich wie ein reines Licht
hervorschien.
    Sobald Waldemar ihrer ansichtig wurde, eilte er auf sie zu und begrüsste sie
mit herzlichen Worten.
    Ein sanftes Erröten flog über ihr Gesicht und sie sagte ihm, wie sie ihn
schon bei mehreren ihrer letzten Improvisationen vermisst habe.
    »Aber es war gut, dass Sie nicht gegenwärtig waren, Prinz,« setzte sie hinzu,
»denn ich war gar nicht aufgelegt die letzten Male und habe, glaube ich, recht
schlecht improvisiert.« Und wieder flog ein leises Erröten über ihr Antlitz,
nachdem ihr dies unschuldige Geständnis entschlüpft war. Sie vertieften sich nun
in ein anmutiges Geplauder, der Prinz hatte neben ihr Platz genommen, und so
sehr fesselte ihn die sinnvolle, feine Art der Anschauungen Rosas, ihre
treffende Kritik der sie umgebenden Welt, ohne Bosheit, aber doch scharf und
verständig, und endlich ihr begeistertes Gefühl für Poesie, dass er völlig
vergass, wo er sich befand, bis Raden herbeieilte und ihm sagte, dass die Hausfrau
sowohl wie mehrere der anwesenden Damen sich empfindlich gezeigt hätten, ihn so
ganz ausschliesslich beschäftigt zu sehen. Waldemar erhob sich, heiter lächelnd,
und sagte: »Nun, so tun wir denn unsere gesellschaftliche Pflicht! Da ich aber
jetzt weiss, dass Sie unimprovisierte Gedichte zu Hause geschrieben haben, so
nehme ich mir die Erlaubnis, Sie morgen zu besuchen, und bringe auch meine
schwachen Versuche mit, sie Ihrer Kritik zu unterwerfen.« Rosa lächelte voll
unverhohlener Freude, und Raden sah mit Befriedigung, in welch glücklicher
Stimmung der Prinz sich befand.
    Am folgenden Tag eilte sie früh zu Vittoria hinunter, um sie zu bitten, ihr
recht schöne Blumen zu besorgen, denn sie wollte ihre Wohnung für den
versprochenen Besuch nur mit dem Lieblichsten schmücken, was die Natur dort so
reichlich gibt, und verwarf all den banalen Schmuck, den die Amadei anbringen
wollte. Nicht dass es sie gedemütigt hätte, den Prinzen in ihrer bescheidenen
Wohnung zu empfangen, dazu war sie zu einfach und natürlich, aber sie wollte
den, der als Dichter zur Dichterin kam, nur mit dem begrüssen, was von jeher mit
der Poesie verwandt ist. Sie hörte auch kaum auf die Ermahnungen und vulgären
Anstandsregeln, die die Amadei vorbrachte; der schwindelte der Kopf vor
Aufregung über die Ehre, einen Prinzen zu empfangen, und allerlei Hoffnungen
ehrgeiziger und unmoralischer Art zogen durch ihr Gehirn. Aber das alles tönte
nur wie ein unharmonisches Summen an Rosas Ohr, während eine selige Melodie in
ihrer Seele erklang und sie mit lauter Freude erfüllte. Wohl schlug ihr Herz
schneller, als die Stunde nahte, für die der Prinz sich angemeldet hatte, aber
sie dachte nur an das Glück, ihn zu sehen, und durchaus nicht an ihre eigene
Erscheinung und die Wirkung, die diese haben konnte, während die Amadei jeden
Augenblick vor den Spiegel trat, um ihre falschen Locken zu ordnen und ihre
mächtige Spitzenhaube zurechtzurücken.
    Kurz vor der bestimmten Stunde kam Vittoria und brachte eine Fülle schöner
Blumen, die sie eben, Rosa zuliebe, frisch aus ihrem weit entlegenen Gartenland
geholt hatte. Sie half Rosa das Zimmer in sinniger Weise schmücken. Als alles
fertig war und Rosa in ihr Zimmer ging, sich anzukleiden, sagte die Amadei, die
untertänig und servil vor Höhergestellten und hochmütig mit denen, die sie unter
sich glaubte, war: »So, Vittoria, nun können Sie gehen. Seine Hoheit wird gleich
kommen, und da dürfen doch nur Leute von Rang da sein. Ich möchte, dass er einen
recht guten Eindruck hier hätte, denn die Kleine scheint ihm zu behagen und wer
weiss, was sich für vorteilhafte Folgen daran knüpfen können mit Geld die Hülle
und Fülle, so dass man als Signora leben kann, wie es sich gehört.« Das
zweideutige Lächeln, das diese Worte begleitete, liess keinen Zweifel übrig, was
damit gemeint war, und Vittorias ernste Züge wurden noch ernster und strenger
als gewöhnlich, und als Rosa wieder hereintrat, reichte sie dieser die Hand und
sagte: »Addio, cara Signorina, die heilige Jungfrau beschütze Sie.«
    »Dank, Dank für die schönen Blumen!« rief ihr Rosa fröhlich nach.
    Nun fuhr der Wagen des Prinzen vor. »Rosa, Rosa!« schrie die Amadei, die am
Fenster darauf gewartet hatte. »Rasch, nehmen Sie im Zimmer eine bescheidene
Stellung ein, wie es sich vor dem hohen Herrn gehört, ich eile, ihn an der
Treppe zu empfangen.«
    Aber sie hatte keine Zeit, all die untertänigen Redensarten, die sie sich
ausgedacht hatte, anzubringen; denn der Prinz, der ohne seine Begleiter kam,
eilte nach einer kurzen Verbeugung gegen sie auf Rosa zu, die lächelnd und
errötend in der Tür des Zimmers stand, begrüsste sie mit herzlichen Worten und
trat mit ihr ein. Bitter gekränkt, hielt die Amadei es doch für eine Pflicht des
Anstands, mit in das Zimmer zu kommen, und versuchte abermals, ihre Weltbildung
zu zeigen, indem sie eine banale Phrase vorbrachte, die entschuldigen sollte,
dass sie den hohen Besuch in dem armen Zimmer empfangen müssten. »Aber mein Gott,
wie soll man es machen?« setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu. »Das arme
Kind und ich tun das Möglichste, um uns eine anständige Existenz zu schaffen;
aber wenn wir auch eine etwas glänzendere Lage verdienten ...«
    Rosa errötete vor tiefem Unwillen, und der Prinz unterbrach die Rede, indem
er rasch sagte: »Beunruhigen Sie sich nicht, Madame; ich kam, um das Fräulein zu
sehen, die ich hochschätze, in welcher Umgebung sie sich immer befindet.
Übrigens ist es ja hier wie in einem Blumengarten,« setzte er, sich umsehend,
freundlich hinzu, wendete sich zu Rosa und wollte sagen: »und die schönste Rose
darin,« da das Mädchen wirklich wie eine eben erblühte Rose aussah, aber er
hielt aus Zartgefühl jedes gewöhnliche Kompliment zurück, um die Sympatie, die
er in dem Herzen Rosas für sich erriet, nicht zu verletzen. Ohne die
Aufforderung der Amadei abzuwarten, liess er sich auf dem Sofa nieder und lud
Rosa ein, sich zu ihm zu setzen, was diese einfach tat. Nun hielt die Amadei es
für geraten, ihre Taktik zu ändern und die jungen Leute allein zu lassen, indem
sie berechnete, dass dies vielleicht schneller zu dem von ihr gewünschten Ziele
führen könne, und unter dem Vorwand, sehen zu wollen, ob dem draussen wartenden
»Herrn Kammerdiener« nichts fehle, verliess sie das Zimmer.
    Ein Lächeln der Befriedigung umspielte Waldemars Lippen und sich zu Rosa
wendend, sagte er heiter: »Und nun, meine junge Muse, dürfen Sie mir das
Versprochene nicht vorentalten und müssen mir zeigen, was Sie schriftlich
dichten. Auch ich habe Wort gehalten, obgleich ich nur ein Novize am Fusse des
Parnass bin. Aber es ist wenigstens alles aufrichtig, in der Tiefe des Gemüts
entsprungen und hat bis jetzt noch keinen Vertrauten gehabt. Sie sind die erste,
der ich es zeige, denn Sie sind lieb und gut und jung und werden es mit mir
fühlen, ohne sich an den Mängeln zu stossen und nur zu kritisieren.«
    Ein leuchtender Blick Rosas dankte ihm für seine Worte, ihr Herz war zu voll
von Glück, um etwas erwidern zu können. Er las ihr nur einige Gedichte vor;
Ergüsse einer edlen Jünglingsseele, einer innerlich vornehmen Natur. Die Tränen
tiefer Rührung, zärtlicher Bewunderung, die in Rosas Augen traten, sagten ihm
ein schöneres Lob, als Worte es vermocht hätten. Endlich aber hörte er auf und
sagte lachend: »So, das ist genug für heute, jetzt kommt die Reihe an Sie.«
    Aber Rosa hatte nun einiges hervorzuheben, was ihr am meisten gefallen, sie
am tiefsten gerührt hatte, auch allerlei zu fragen, was sie zum Verständnis
brauchte, und so entspann sich ein vertrauliches Geplauder, als hätten sie sich
jahrelang gekannt. Er erzählte ihr aus seinem Leben und entüllte ihr dabei die
schönen Jugendträume seiner Seele. Sie horchte versunken in eine Welt seliger
Gefühle und ihre Augen hingen unverwandt mit dem Ausdruck reinen kindlichen
Glücks an seinen Lippen, in völliger Vergessenheit ihrer selbst und der Welt um
sich her. Endlich aber sagte er: »Wir vergessen die Zeit und ich habe noch
nichts von Ihren Gedichten gesehen.«
    Rosa sprang auf, ganz zutraulich wie mit einem Freunde, sagte, sie wolle das
Beste holen, was sie habe und was sie immer nachts bei sich behalte zu etwaigem
neuen Einfall und eilte in ihr Schlafzimmer. Der Prinz blätterte indes in einem
Buche, das auf dem Tische lag, und als ein Blättchen Papier herausfiel, bückte
er sich, es aufzuheben, und sah, dass Verse darauf standen, und zwar ein Sonett,
das er alsbald ohne weitere Überlegung las; es lautete:
»So war's! So dacht' ich mir den Königssohn,
So edel stolz, die schönste Jugendfülle,
Von schönrer Seele nur die schöne Hülle,
Die reine Stirne des Gedankens Tron.
Der blauen Augen seelenvoller Blick,
Der's deutlich kündet, was in dem Gemüte
Von milder Liebe wohnt, von seltner Güte -
Ja - er ist auserlesen vom Geschick,
Sein hohes Amt in Würde zu verwalten,
Verschwendrisch segnend, wie der Sonne Strahlen,
Sein Volk zu edlem Menschentum zu heben,
Sich das Gemeine ewig fernzuhalten
Und mit der Krone höchsten Werts zu zahlen
Für jene Krone, die ihm Gott gegeben.«
Darunter stand das Datum jenes Tages, wo Rosa zum erstenmal bei der Herzogin
improvisiert und mit dem Prinzen länger gesprochen hatte. Er konnte demnach
nicht zweifeln, dass die Worte ihm galten. Es rührte ihn tief, das unschuldige
Geheimnis dieses Mädchenherzens entdeckt zu haben, und erhöhte die Sympatie,
die ihn sanft und innig zu ihr hinzog. Noch ehe er sich besinnen konnte, ob er
ihr den Fund anzeigen oder verschweigen sollte, trat sie leichten Schrittes ein,
mit einer Menge beschriebener Blätter in der Hand und sagte unbefangen: »Da habe
ich zusammengetan, was allenfalls wert ist, gelesen zu werden«, - doch ehe sie
aussprechen konnte, fiel ihr Blick auf das Blatt, das Waldemar in der Hand
hielt, und Purpurglut überzog ihr Gesicht. Sie stand einen Augenblick
fassungslos, sah aber in ihrer Bestürzung so liebenswürdig aus, dass Waldemar,
indem er ihre Hand ergriff, gerührt sagte: »Verzeihen Sie mir, meine liebe junge
Freundin, diese anscheinende Indiskretion: ich blätterte in dem Buche hier und
da fiel dieses Blatt heraus, und als ich sah, dass es Verse waren, nahm ich mir
die Erlaubnis, sie zu lesen. Sie sind mir deshalb nicht böse, nicht wahr?« Rosa
hob die gesenkten Augenlider, sah ihn mit einem unschuldvollen Blick an und
sagte leise: »Ich vergass, das Blatt aus dem Buche zu nehmen.«
    »Und so ward mir Gelegenheit, zu sehen, wie hoch und edel Sie von mir
denken,« versetzte Waldemar, »denn ich muss wohl, dem Datum nach zu urteilen, so
eitel sein, zu glauben, dass Sie ein wenig an mich gedacht haben, als Sie Ihr
Ideal eines Fürstensohnes schilderten. Wie gern möchte ich dem Bild gleichen!
Und glauben Sie mir, dass der Wunsch danach in meiner Seele lebt, wenn ich es
auch nicht von fern erreicht habe. Mir graut oft vor der gewaltigen Aufgabe, an
der auch der edelste Wille nur zu oft scheitert. Es scheint so einfach, wenn man
grosse Macht in Händen hat, Glück und Segen zu spenden und das Wohl von Tausenden
zum Guten zu wenden, aber wieviel Hindernisse, wieviel Verwicklungen, wieviel
böser Wille stehen einem da entgegen und lähmen die Tatkraft. Ach, es ist nicht
leicht, auf dem Tron ein wahrhaft grosser und guter Mensch zu sein.«
    Er sprach noch länger über dies Tema, um Rosa Zeit zu geben, ihre
Unbefangenheit von früher wiederzugewinnen; es gelang ihm auch; der Ausdruck von
Bestürzung schwand aus ihren Zügen, ihre sanften, ernsten Augen ruhten wieder
sinnend in den seinen und das Interesse an dem, was er sagte, hatte wieder jedes
persönliche Empfinden überwogen. Sie erzählte ihm nun auch, wie sie schon als
Kind, wo sie in den Bergen von Cadore die elenden Lebensbedingungen einer ganzen
Bevölkerung gesehen habe, sich gewünscht hätte, eine Prinzessin oder Königin zu
sein, um das Geld mit vollen Händen auszustreuen, so dass keiner mehr zu frieren
und zu hungern brauche. »Und als ich älter wurde,« fuhr sie fort, »und selbst
erfuhr, welches Glück Unterricht und Bücher gewähren, da dachte ich, wenn ich
König wäre, würde ich vor allem dafür sorgen, dass allen geistige Nahrung so gut
wie leibliche zuteil würde, dass alle sich freuen könnten an schönen Büchern, an
erhabenen Gedanken, an dem Edlen, was die Kunst geschaffen, so dass es nicht mehr
möglich wäre, rohe, gemeine und böse Menschen zu finden, und dazu dachte ich mir
immer einen König, der selbst das Vorbild aller Vollkommenheit wäre und dem alle
sich bestreben würden nachzuahmen.«
    Endlich erinnerte sich der Prinz, dass es Zeit sei, zu gehen. Er bat, die
Gedichte mitnehmen zu dürfen, um sie zu Hause in Ruhe zu lesen und nahm dann
Abschied, indem er sagte, er werde sie selbst wiederbringen. So wohltätig bewegt
fühlte er sich nach diesem Besuch, dass er sich sagte, welches Glück es für ihn
sein würde, wenn er später in seiner Sphäre einem weiblichen Wesen begegnen
könnte, das diesem zarten, tiefempfindenden, geistig hochbegabten Mädchen
ähnlich wäre; und als neben diesem sanften, lieblichen Bild plötzlich das der
Herzogin vor ihm auftauchte, erschrak er fast vor der Erinnerung an die
dämonische Gewalt, die ihre alles überstrahlende Schönheit über ihn hatte und
der er in ihrer Gegenwart immer unterlag. So friedlich beglückend war ihm das
Zusammensein mit Rosa, wo keine leidenschaftliche Erregung das stille Weben
reiner Sympatie von Herz zu Herzen störte, so sehr fühlte er sich danach wieder
in die frühere Harmonie seines Wesens zurückversetzt, dass es ihn beinahe jeden
Tag zu ihr führte. Der Austausch ihrer Gedichte gab unaufhörlichen Stoff zu
Gesprächen, die sie in alle Sphären des intellektuellen Lebens führten, wobei er
immer neue Seiten der auserwählten edlen Natur der jungen Dichterin
kennenlernte. Die sanfte Freude, die ihr Antlitz verklärte, wenn er erschien,
war ihm, ohne dass er es sich ganz gestand, eine unschuldige Befriedigung auch
seiner Eigenliebe, denn es fehlte ihr nicht an Huldigungen aller Art, die ihrem
Talent und ihrer Holdseligkeit in der Gesellschaft entgegenkamen, die aber
unbemerkt an ihr abglitten. Dieser Umstand stimmte ihn so heiterliebenswürdig,
dass Raden sich vergnügt die Hände rieb und zu Holberg sagte: »Bester Professor,
wir sind gerettet.«
Auch die Signora Amadei baute täglich kühnere Pläne auf die Besuche des Prinzen
und sah schon in Gedanken Rosa als dessen anerkannte Mätresse in einem Palast
der deutschen Hauptstadt, von Luxus und Überfluss umgeben, und sich dabei als
Gesellschaftsdame in kostbaren Kleidern und Schmuck, ein ununterbrochenes
Wohlleben führend. Doch hütete sie sich wohl, Rosa ihre ehrgeizigen Pläne ahnen
zu lassen, da sie befürchten musste, dass diese aus der seligen Höhe, in der ihre
reine Seele schwebte, herabgestürzt, den Verkehr mit dem Prinzen abbrechen und
fliehen würde.
    Die einzige, die diesem häufigen, vertrauten Verkehr mit Besorgnis zusah,
war die einfache Frau aus dem Volke, Vittoria, die, wie gesagt, eine wahre
Begeisterung für die junge Improvisatrice empfand, deren Inspirationen sie mit
Entzücken und Verständnis erfüllten, obgleich sie weder lesen noch schreiben
konnte. Aber sie hatte jene spontane Empfindung für das Schöne, die dem
italienischen Volke angeboren ist und nur durch eine falsche Zivilisation in den
Klassen der Gesellschaft, die von dieser beherrscht werden, sich in ihr vulgäres
Gegenteil verkehrt. Jemehr sie aber die Dichterin verehrte und liebte, jemehr
fürchtete sie für deren Ruhe und Ruhm von den häufigen Besuchen des schönen
jungen Fürsten. Sie beurteilte diesen nach der Art der jungen, vornehmen Römer
und argwöhnte, dass der Umgang mit dem reizenden jungen Mädchen nur ein für diese
gefährlicher Zeitvertreib für ihn sei. Rosa, jemehr sie sich von ihrer
Begleiterin abgestossen fühlte, als ihr allmählich deren niedriger Sinn immer
mehr offenbar wurde, schloss sich auch ihrerseits immer zutraulicher der
einfachen Frau an, deren natürliches, vornehmes Gefühl ihr verwandt war. Sie
ging nie aus dem Haus, ohne wenigstens mit einem Gruss bei Vittoria im Laden
vorzusprechen, und diese benützte jeden Augenblick, wenn sie die Amadei hatte
ausgehen sehen, um hinaufzueilen und wenigstens kurze Zeit mit Rosa zu
verplaudern. Mit dem angeborenen Zartgefühl edler Naturen aber hatte sie noch
nicht gewagt, einer Warnung Ausdruck zu geben, da sie sehr wohl aus Rosas
Äusserungen erriet, wie stark ihr Glaube an den edlen Sinn des Prinzen sei und
daher nicht den Argwohn in ihrem reinen Herzen wecken wollte.
    Der Prinz erschrak fast, als er nach Verlauf einiger Wochen plötzlich ein
Billett von Giulia erhielt, worin sie ihm ihre Rückkehr meldete und ihn
beschwor, am Abend zu ihr zu kommen; sie sei allein, da der Herzog noch etwas in
Perugia zurückgeblieben wäre. Sie fügte hinzu, er dürfe ihr nicht fehlen, denn
sie sei krank vor Sehnsucht, ihn wiederzusehen. Nun hatte er aber Rosa
versprochen, an dem Abend in die Gesellschaft bei einer vornehmen Engländerin zu
kommen, wo sie improvisieren sollte. Er war in dieser Zeit stets zugegen
gewesen, wenn sie improvisierte, und das Glück, ihn unter ihren Zuhörern zu
wissen, begeisterte sie so, dass sie sich mit ihren Inspirationen zu einer Höhe
erhob, die selbst die strengsten Kritiker zur Bewunderung hinriss. Es wurde ihr
eine solche Fülle von Huldigungen zuteil, dass jede minder reine und ideale Natur
der Eitelkeit und dem Übermut unabweislich anheimgefallen wäre, während Rosa
sich nur darüber freute, weil es sie gewiss machte, dass sie auch Waldemars
Beifall verdient habe. Er wusste, es würde sie bitter schmerzen, wenn er nicht in
die Gesellschaft käme, und es kostete ihn einen Kampf, sie zu enttäuschen, aber
das Billett Giulias brachte ihm ihre bezaubernde Persönlichkeit plötzlich wieder
nahe, ihre unverhohlene Liebe entzündete seinen Wunsch, sie wiederzusehen, er
sagte sich, es würde undankbar von ihm sein, sie warten zu lassen, und er
versprach sich aufs neue, sich nicht hinreissen zu lassen und die Grenzen warmer,
ergebener Freundschaft nicht zu überschreiten. Er beauftragte Raden, die
Gesellschaft zu beehren und Rosa zu sagen, er werde sie am folgenden Tag
besuchen. Raden erschrak etwas, als der Prinz, nicht ohne einige Verlegenheit,
ihm die Rückkehr der Herzogin ankündigte und ihm sagte, dass sie ihn gebeten
habe, sie am Abend zu besuchen; aber er sah ein, dass sich für den Augenblick
nichts weiter machen liesse.
    Die Herzogin empfing den Prinzen in ihrem besonderen Lieblingszimmer, in dem
schon erwähnten zauberhaft geschmückten Raum, in dem exotische Gewächse einen
feinen, bestrickenden Duft ausströmten und mit rosa Schleiern verhüllte Lampen
ein magisches Licht verbreiteten. Sie war in einem Überwurf von indischem
Musselin, reich mit Spitzen verziert, dessen weite Ärmel die schönen Arme
freiliessen und dessen zarter Stoff die edlen Formen der königlichen Gestalt in
weichen Falten umfloss. Die Freude, die auf ihrem Angesicht erglänzte, als
Waldemar eintrat, die glutvolle Zärtlichkeit, mit der sie ihn empfing, die ganze
Atmosphäre von Eleganz, Feinheit und vornehmer Grazie, die in dem Raum
herrschte, alles das wirkte schon wieder wie ein Zaubertrank auf ihn, der seine
Sinne gefangennahm und sein Blut heisser zum Herzen strömen liess. Dennoch gewann
er es über sich, ruhig freundlich, beinahe kühl, in den Grenzen der feinsten
Umgangsformen zu bleiben, aber Giulias erfahrenes Auge erblickte hinter der
mühsamen Zurückhaltung das emporflammende Feuer, und die ihr angeborne Kunst der
Koketterie liess sie den Weg finden, der ihr zum Sieg verhelfen musste. Nach dem
unverhohlenen Ausdruck des zärtlichsten Glücks, ihn zu sehen, schien sie wie
beschämt über ihre Hingerissenheit und wurde auch zurückhaltend und traurig, so
dass Waldemar, mehr und mehr von dem berauschenden Zauber ihrer Nähe erregt,
anfing, inniger zu werden, und als sie sich seufzend abwendete und mit Tränen zu
kämpfen schien, ergriff er mit überwallendem Gefühl ihre Hand und sagte: »Meine
herrliche Freundin, Sie haben mir das Recht gegeben, Sie so zu nennen, Sie sind
unglücklich, Sie haben neuen Kummer, darf ich ihn nicht teilen? Darf ich das
Recht des Freundes nicht in Anspruch nehmen? Ist nicht mein Herz da, in das Sie
Ihr Leid ausschütten können, damit Ihre Last leichter werde, indem ich mein Teil
davon nehme?«
    Giulia erhob langsam ihren Blick zu ihm und in dem Feuer dieser wunderbaren
Augen lag eine solche Welt von Liebe, Leidenschaft und Schmerz, dass abermals all
seine Vorsätze wie in Duft zerflossen. Er führte Giulias Hand, die er noch
hielt, an seine Lippen, drückte einen heissen Kuss darauf und flüsterte: »Giulia,
reden Sie, vertrauen Sie mir ganz.«
    »Ach, mein Freund,« erwiderte sie, »was soll ich noch sagen? Erklärt sich
nicht alles aus dem einen: Gefesselt zu sein an einen ungeliebten Mann und zum
erstenmal dem zu begegnen, in dem sich unser Ideal verwirklicht, in dem sich
Jugend, Schönheit, Geist und Liebe zu einem entzückenden Traum vereinigen?« Sie
liess, erschöpft, ihr Haupt auf Waldemars Schulter sinken, und er, seiner nicht
mehr mächtig, umschlang sie und bedeckte ihr Antlitz mit feurigen Küssen.
    Als er spät von ihr schied, war er ein veränderter Mensch, nicht mehr der in
hohen Idealen lebende Jüngling. Er war erwacht zu der Wirklichkeit des Lebens
und schien sich selbst um vieles älter geworden. Noch umfloss ihn der
Wonnerausch, den er genossen, aber in seinem tiefsten Herzen war es ihm, als sei
etwas in ihm gestorben. Es rang sich ein geheimes Weh aus seiner Brust empor,
als der Kammerdiener, der ihn erwartete, meldete, der Herr Professor sei noch
auf und warte auf die Rückkehr Seiner Hoheit. Er trug dem Diener auf, dem
Professor zu sagen, er sei zu müde und könne ihn nicht mehr empfangen. Um nichts
in der Welt hätte er jetzt dem redlichen Lehrer in die Augen sehen mögen. Über
das Vorgefallene zu reden, verboten ihm sein eigenes Zartgefühl und die Schonung
für Giulia, aber des Professors treuen Augen hätte der Zustand tiefer Erregung,
in dem er sich befand, doch nicht entgehen können, und er wünschte jetzt
überhaupt ein näheres Zusammensein zu vermeiden.
    Rosa war klopfenden Herzens und sehnsuchtsvoll in die Gesellschaft geeilt,
wo sie den Prinzen zu finden hoffte. Um so tiefer war ihre Enttäuschung, als
Raden ihr dessen Auftrag ausrichtete und als sie erfuhr, wo er den Abend
zubringe. Der bittere Schmerz, den sie empfand, malte sich so deutlich auf ihrem
reinen, der Verstellung ungewohnten Antlitz, dass es Raden tief rührte und er
sich fast wie schuldig ihr gegenüber fühlte, weil er sich der Hinneigung des
Prinzen für sie gefreut hatte, um diesen vor der gefährlicheren Nähe zu behüten.
    Wie schnell ists doch geschehen, dachte er, dass so ein armes junges Herz von
der uralten süssen Täuschung gefangen wird und sich auf Rosenwolken in Paradiese
gehoben fühlt, um plötzlich, wenn der Schleier zerreisst, in eine Nacht der
Schmerzen und der Qual zu versinken. Ja, wir Männer sind doch grausame Egoisten!
Weil es uns ein momentaner Genuss ist, dem wir gar keine Zukunft zumessen, fällt
es uns nicht ein, daran zu denken, ob in einem solchen unschuldigen, noch nie
gerührten Herzen die Neigung tiefe Wurzeln schlagen und tiefes Weh zurücklassen
könne. Mit erfahrenen Frauen wie der Herzogin ist es anders; das sind
auflodernde Flammen, die versengen, was ihnen nahekommt, doch ohne Schaden für
sie selbst. Da ist es der Prinz, der gerettet werden muss. Aber wird er es? Ich
fürchte, eine Lehrmeisterin wie Donna Giulia lässt ihren Zögling nicht los. Ich
könnte ihn beneiden, denn sie ist ein göttliches Weib und wir sind ebenbürtige
Kämpfer, aber er - er wird auch lange daran zu leiden haben, ebenso wie ein
junges, unerfahrenes Mädchen. Holberg hat ihn zu lange in einer
phantastischidealen Welt gehalten, in der Hoffnung, einst unserem Volke eine
ideale Zukunft zu bereiten mit solch einem Herrscher. Aber der gute Professor,
der selbst in einer abstrakt vollkommenen Welt lebt, hat nicht mit den Gewalten
gerechnet, die uns Sterbliche - und Fürstensöhne vor allem - umgeben.
Mephistopheles ist immer da, uns den Trank zu brauen, mit dem im Leibe wir bald
Helenen in jedem Weibe schauen.
    Inzwischen hatte man Rosa aufgefordert, zu improvisieren und ihr bereits
eine Menge Zettel in die dazu aufgestellte Urne geworfen.
    »Sie sieht heute nicht so freudig begeistert aus wie die letzten Male,«
sagte Holberg zu Raden, »es muss ihr etwas Unangenehmes begegnet sein. Ich bin
gespannt, zu sehen, ob ihre Fähigkeit darunter leidet oder ob der geistige
Prozess die Oberhand gewinnt und in gleicher Weise funktioniert.«
    »Ich fürchte, hier spielt das Herz dem Genie einen Streich,« versetzte
Raden.
    »Wieso? Was meinen Sie?« fragte Holberg. »Nun, ich meine, es ist die
Abwesenheit unseres Waldemar, die sie verstimmt,« erwiderte Raden.
    »Ach, mein Gott, da hätten wir ja ein Unglück angestiftet, indem wir
hofften, eines zu verhüten,« sagte der Professor ganz bekümmert.
    »Nun, hoffentlich ist es nicht so schlimm,« meinte Raden. »Der Verkehr
zwischen den beiden war allerdings etwas zu eifrig geworden. Es ist seltsam, wie
sich der Prinz gleich hinreissen lässt, wenn etwas seine ideale Natur anregt; dann
erfüllt's ihn gleich ausschliesslich und es scheint ihm, als fände er all seine
schönen Träume in dem Gegenstand verwirklicht, der ihn gerade anzieht, während
es doch nur seine eigene, alles verklärende Natur ist, die ihr Licht
ausstrahlt.«
    »Das ist wohl die Natur aller Idealisten,« bemerkte der Professor
nachdenklich.
    »Ja, darum werden sie ebenso gefährlich - wenn nicht noch mehr - wie die
sinnlichen Don Juans,« sagte Raden, »denn sie wenden sich nur an edle Wesen, und
die Wunden, die sie schlagen, heilen schwerer, weil sie nicht das Vergängliche,
wie beim Sinnenrausch, sondern das Edelste, Beste, das Herz und den Geist
zugleich treffen.«
    »Sie sind ein tieferer Psychologe, als ich gedacht habe, Raden,« versetzte
Holberg und sah den Gefährten voll Teilnahme an.
    »Ach, lieber Professor, ich habe viel beobachtet und - viel erlebt,«
erwiderte Raden mit einem Seufzer; »ich war wohl etwas Don Juan in meiner ersten
Jugend, aber ich glaube doch, ich habe mir keinen ernsten Vorwurf zu machen. Was
ich verliess, hat sich bald getröstet; das waren keine sentimentalen Beziehungen,
keine, bei denen auf ewige Dauer gerechnet wurde und, glauben Sie mir, Holberg,
das sind die schlechteren nicht; es ist keine geistige Erhebung dabei, aber auch
keine Treulosigkeit, kein gebrochenes Herz, weil man von beiden Seiten weiss, dass
es sich nicht um Dauer handelt - keine Gemeinheit - nein - Gemeinheit nicht ...«
    »Nun, aber fühlen Sie keine Öde, keine Leere im Leben?« fragte der
Professor, der trotz ihrer Verschiedenheit für Raden Sympatie empfand.
    »Warum heiraten Sie nicht, um all dem Schwanken und Treiben in einer
glücklichen, befriedigten Ehe ein Ende zu machen?«
    »Ja, mein Bester, das ist schwer zu erklären,« antwortete Raden; »sehen Sie,
es ging mir, wie es den meisten jungen Leuten heutzutage geht: ohne grosses
Vermögen, gut aufgenommen von der eleganten Gesellschaft, besonders von den
Frauen, genoss ich, was mir mit Leichtigkeit zufiel und umgab mich dabei mit all
den Annehmlichkeiten der Eleganz und des Luxus, zu welchen meine Mittel mir, als
dem einzelnen Mann, ausreichten. Als dann das reifere Mannesalter kam, war ich
zu verwöhnt, um dem allen zu entsagen und mich mit einer bescheidenen häuslichen
Existenz zu begnügen. Nur nach Geld zu heiraten, widerstrebte mir, und - ich
gestehe es - meine Unabhängigkeit war mir endlich zu wert geworden, denn auch
die beste Ehe ist doch schliesslich noch immer eine Fessel. Meine Stellung am
Hofe legte mir ja schon ohnehin manche Fessel an. So war es auch halb
Bequemlichkeit, halb Furcht vor einer Neuerung, die mich Junggeselle bleiben
liess. Wenn mich dann in einsamen Stunden eine zu mächtige Sehnsucht nach einem
nie besessenen traulichen Familienleben ergreifen will, dann nehme ich rasch
meine Trösterin - eine Havanna - zu Hilfe, blase Sehnsucht und jedes unnütze
sentimentale Bedauern mit den duftenden kleinen Wölkchen hinweg und sage mir,
dass es ja auch etwas ist, a perfect gentleman zu sein und nichts Böses zu tun.
Aber um Gotteswillen, in was für Bekenntnisse vertiefen wir uns hier in diesem
glänzenden Salon und bleiben ungerührt, wo so viel Schönheit und Grazie sich um
uns bewegen! Und, sehen Sie nur, da schleppt man die arme Kleine hin, um sie
improvisieren zu hören! Die Sklaverei des Talents als Seitenstück der Ehe!
Kommen Sie, Holberg, wir wollen uns nahe zu ihr stellen, damit sie einen
magnetischen Strom wahrer Teilnahme fühle; ich bin überzeugt, sie hat das heute
nötig.«
    Rosa war ungewöhnlich ernst und blass, als sie, in Erwartung der Temata, die
man ihr aufgeben würde, dem Publikum gegenüberstand und es schien ihr wirklich
ein Trost zu sein, wie Raden es vermutet hatte, als ihr Blick auf die zwei
Herren fiel, die sich in ihre Nähe stellten, denn ein freundliches Rot überflog
ihr blasses Gesicht. Inzwischen hatte der Hausherr eine Schale mit Zetteln
gebracht und mit verbindlichem Lächeln gesagt, wie sehr er wünsche, dass sie ein
Tema finde, das ihr angenehm sei. Sie griff in die Schale, zog ein
zusammengefaltetes Papier heraus und las laut: »Ein Abend auf dem Lande.«
    »Das ist etwas trivial,« bemerkte Raden zu Holberg, »wie wird sie sich da
herauswinden?« Rosa stand länger als gewöhnlich in Nachdenken versunken;
plötzlich zuckte es über ihre Züge, als ginge ihr ein tiefes Erkennen auf, als
sähe sie etwas, was nur sie sehen konnte, und mit sichtbar ungewöhnlicher
Ergriffenheit begann sie:
»Auf der Höhe
Steht ein Haus,
Darin wohnen gute Menschen,
Nacht ist's nun,
Die munteren Kinder
Schlummern schon.
Vom Garten tönt
Harmloses Geplauder
Älterer, verständiger Leute.
Ich stehe allein auf der Terrasse,
Blicke über das Tal,
Das Olivenhügel umkränzen,
Wo der Fluss silbern zum Meer hinabzieht,
Und die liebliche Stadt,
Welcher unsterbliche Geister
Erhabene Werke der Schönheit
Zum Gedächtnis gelassen,
Weitin sich breitet.
Kein Ton dringt herauf,
Nur schimmernde Lichter
Zeigen, dass unten man lebt.
Ringsum schweben
Reine Düfte würz'ger Blumen.
Strahlende Sterne
Stehen am Himmelszelt,
Und durch die Stille
Ziehn mit Demantgefunkel
Leuchtende Käfer,
Gleich glücklichen Seelen,
Die, ohne Begierde,
Der eigenen Anmut sich freuen.
Mir aber dringt aus dem Herzen
Ein wehmutvolles Gedenken
An einen,
Der unten
Im heissen Kampfe der Sinne
Die edle Jugend dahingibt.
Stark und stärker erfasst mich
Die fromme, liebende Sorge,
Wird zum Gebet,
Das, gleichwie ein Aar,
Mit weit entfalteten Schwingen
Zur Sonne emporsteigt,
Aufwärts schwebt
Zu der waltenden Urmacht,
Die, blöden Augen verborgen,
Den inbrünstigen Bitten
Reiner, liebender Seelen
Gnädig sich zeigt.
Immer höher
Steigt mir die innige Empfindung:
Rettet ihn, ewige Mächte,
Rettet den Geistgebornen
Aus dem Taumel des Wahns
Zu der Schöne männlicher Tugend!
Gebet die Ruhe des Siegs
Ins verwundete junge Herz ihm,
Lehrt ihn, dass überwinden
Höher sei als Genuss!«
Nach einer kurzen Pause, offenbar uneingedenk, wo sie war, die Augen in
Begeisterung nach oben gewendet, fuhr Rosa fort:
»Wie Sinfonien tönt es
Rings in der nächt'gen Stille,
Und von göttlichem Hoffen
Freudig im Herzen bewegt,
Schaut nun mein Auge nach oben!
Freundliche Gewohnheit,
Über sich suchen,
Was das All füllt
Und den einzelnen Busen
Gleich allmächtig bewegt!
Und - siehe da -
Zur selbigen Stunde
Kehrte unten
Siegreich der Kämpfende heim!«
Sie hatte geendet. Der begeisterte Ausdruck, der während des Rezitierens in
immer höherem Masse ihr Angesicht verklärt hatte, so dass es schien, als wüchsen
ihr Flügel, sie von der Erde zu erheben, war gewichen. Erschöpft sank sie auf
einen neben ihr stehenden Stuhl und bedeckte einen Augenblick das Gesicht mit
beiden Händen, als wollte sie nicht zu schnell in die sie umgebende Wirklichkeit
zurück. Das Publikum spendete zwar Beifall, war aber verwundert und kühler wie
sonst, denn es verstand nicht recht, was der Dichterin bei diesem Bild
vorgeschwebt haben mochte. Raden und der Professor sahen sich betroffen an, und
Raden sagte: »Die Liebe hat sie zur Prophetin gemacht; Gott gebe, dass sie recht
behalte.«
    »Das arme Kind!« versetzte der Professor; »ja, diese Eingebung konnte nur
aus einem tief bewegten Herzen kommen. Da stehen wir nun zwischen zwei Klippen,
deren eine jede gefahrbringend ist, die eine für ihn, die andere für dies
unschuldige, liebe Wesen. Was sollen wir tun?«
    »Zunächst zu ihr gehen und ihr warme Sympatie zeigen,« erwiderte Raden und
schritt auf Rosa zu. Der Professor folgte ihm. Die Dame des Hauses war
inzwischen schon zu ihr gegangen, besorgt, dass sie sich zu sehr angestrengt habe
und sich unwohl fühle, aber Rosa hatte sich gewaltsam gefasst, versichert, sie
sei nur ein wenig müde und ziehe es vor, gleich nach Hause zu gehen, um zu
ruhen. Sie verabschiedete sich von der Dame, als Raden und Holberg zu ihr
traten. Raden bot ihr den Arm, sie hinauszuführen, und sagte: »Ihre
Improvisation hat mich wunderbar ergriffen! Es war, als ob Ihnen ein besonderes
Schicksal, etwas Erlebtes, vorschwebte.« Er sah sie an und bemerkte, wie es in
ihren Augen feucht wurde; sie schlug sie nieder und sagte leise, mit etwas
zitternder Stimme: »Ich weiss nicht mehr, was ich sagte; es geht mir ja immer so:
die Eingebung kommt und nachher ist das Bewusstsein davon verschwunden. Nie kann
ich eine Improvisation aufschreiben.«
    »Aber Ihr reines Gebet wird gewiss zum Schutze des in Versuchung Geratenen
werden,« flüsterte Raden und drückte die kleine Hand, die sie ihm zum Abschied
reichte, mit warmem Gefühl. Sie sah ihn an, ein zartes Erröten überflog ihr
bleiches Gesicht; sie fühlte sich erraten, aber das reine Wohlwollen, das aus
Radens Zügen sprach, beruhigte sie, und ihr Blick gab ihm die stumme Antwort des
Vertrauens. »Soll ich dem Prinzen einen Gruss bringen?« fragte er leise. Sie
neigte bejahend ihr Haupt und eilte mit ihrer Begleiterin, den Wagen zu
besteigen.
    »Da bereitet sich ein Drama vor,« dachte Raden, als er ihr nachsah; »gebe
der Himmel, dass dieses liebe Wesen nicht das Opfer sei!«
Am anderen Morgen früh, noch ehe der Prinz sich entschlossen hatte, seine
Begleiter zu begrüssen, brachte ihm der Kammerdiener einen Brief, den ein junger
Bursch gebracht habe, ohne sagen zu können, woher er komme, aber mit der
Weisung, ihn nur in des Prinzen eigene Hände abzugeben. Waldemar zuckte
zusammen, als er die Aufschrift sah, dann aber, sich schnell fassend, sagte er:
»Schon gut - ich weiss - es ist wegen einer Unterstützung« und winkte dem
Kammerdiener zu gehen.
    Allein, öffnete der Prinz hastig den Brief und las:
    »Seele meiner Seele! Holdes, kaum gefundenes Glück!
    Du hattest mich eben verlassen, als der Herzog in mein Zimmer trat. Er war
unvermutet am Abend angekommen, hatte gehört, dass Du bei mir seist und befohlen,
mir seine Ankunft nicht zu melden, da er mich überraschen wolle. Noch sass ich
versunken in dem Nachgenuss der erlebten Wonne, noch glühte mein Antlitz von dem
Glück Deiner Nähe, und ihn ferne wähnend träumte ich von den kommenden Tagen,
die uns noch selige Stunden bringen würden - da stand er plötzlich vor mir und
seine durchdringenden Augen fest auf mich gerichtet, fragte er, wie es komme,
dass ich so spät noch auf sei. Ich war im ersten Augenblick meiner Verwirrung
nicht Herr geworden, aber als ich in seinen finsteren Zügen den Argwohn las,
erhob ich mich stolz und sagte, ich habe Besuch gehabt. Zum erstenmal in unserer
Ehe standen wir uns offen feindlich gegenüber; wir fühlten beide, dass die lang
verschobene Krisis in unserem Leben gekommen sei, doch noch bezwang er sich und
sagte mit jener heimtückischen Freundlichkeit, die mir verhasster ist als sein
Zorn, er wünsche, dass ich in seiner Abwesenheit nicht junge Männer so spät
allein empfange, da dies ein falsches Licht auf meinen Ruf werfen könne, den
sein Name vor jedem Angriff schützen müsse. Darauf wollte er mir mit einer
Umarmung nahen, ich aber, von einem Schauder ergriffen, stiess ihn zurück, eilte
in mein Zimmer und verschloss die Tür. Hier sitze ich nun und schreibe Dir, damit
es meine vertraute Zofe morgen früh durch ihren Liebhaber, einen zuverlässigen
Burschen, Dir zustellen lässt. Wir dürfen uns morgen bei mir nicht sehen, so
schwer es mir fällt, dem zu entsagen, aber ich muss ihm erst mit stolzer Fassung
entgegentreten, seinen Argwohn zerstreuen und dann auf Mittel sinnen, seine
Eifersucht zu täuschen. Morgen abend sehen wir uns bei der Marchesa Finora und
finden wohl Gelegenheit, uns ein Wort zuzuflüstern, denn schon leb ich nicht
mehr, wenn ich Dich nicht sehe, nicht höre, nicht nahe weiss. O, welch ein Leben
wäre das, immer mit Dir vereint zu sein, von Deinen Lippen zugleich die Worte
berauschender Poesie und das feurige Siegel der Liebe zu empfangen! Göttlicher
Traum! Und kann er nicht wahr werden? Ist es nicht das Ziel, jedes Strebens,
jedes Opfers wert? Fühlst Du wie ich, so werden wir es erreichen. Leb wohl,
Licht meines Lebens, auf ewig Deine Giulia.«
    Waldemar hielt das Blatt einen Augenblick lang in der Hand, während die
heftigsten, widerstreitendsten Gefühle in ihm auf- und abwogten. Er sah sich
plötzlich in eine Kette von Verwicklungen gezogen, die ihm keinen Ausweg übrig
zu lassen schienen. Auf der einen Seite stand die entfachte Leidenschaft mit
ihren Sophismen und mit dem Verlangen, der bedrängten Frau ein Retter und
Beschützer zu sein; auf der anderen Seite erhob sich die Mahnung an seine
Zukunft, an seine Stellung in der Welt, an die Pflichten, die sie ihm auferlegte
und an seine bisher so hoch gehaltenen Ideale und schliesslich der Widerwille,
dem Herzog in dieser Weise als ein Schuldiger gegenüberzustehen. Endlich musste
er sich aber doch, obgleich mit sich selbst uneins und von den widerstreitenden
Gefühlen bewegt, entschliessen, sich zu seinen Gefährten zu begeben.
    Diese hatten sich das Wort gegeben, so unbefangen wie immer zu scheinen und
nur im stillen zu beobachten, um womöglich Schlimmes zu verhüten. Raden ergriff
sogleich das Wort in natürlichster Weise und erzählte von dem vorigen Abend und
der Improvisation Rosas. Als er den Inhalt wiederzugeben versuchte, überflog ein
helles Rot das Angesicht des Prinzen, und er fiel schnell dem Erzähler ins Wort,
wie um seine Verlegenheit zu verbergen, und sagte: »Ja, es ist eine seltsame
Begabung, dies Talent der Improvisation! Es muss doch dabei eigentlich aus dem
Nichts geschaffen werden; hätte man zum Beispiel einen Abend auf dem Lande
erlebt, so wäre die Situation dagewesen, und aus ihr heraus hätte sich
dichterischer Inhalt entsponnen. So aber, im Augenblick auf ein blosses Wort hin
eine ganze Situation zu erschaffen und zu beleben, dazu gehört eine
Schnelligkeit der Erfindung und eine Beherrschung der Form, die eine ganz
besondere Anlage der Verstandesfähigkeiten voraussetzt. Dass wir diese Begabung
so viel mehr im Süden finden als im Norden, mag wohl seinen Grund darin haben,
dass hier die Natur, wie in ihrer äusseren Erscheinung, so auch im Menschen, eine
raschere Tätigkeit bekundet. Gerade wie hier alles schnell ins Leben drängt, wie
jeder Sonnenstrahl alsbald Knospen weckt, wie die erste Frühlingswärme gleich
schwellendes Leben aus jeder Steinritze hervorruft, so mag auch der geistige
Schaffenstrieb hier eine viel schnellere Betätigung besitzen; und was den
Rhytmus betrifft, so ist er im Süden gewiss angeboren, wie es mir schon die
rhytmischen Tänze zu beweisen scheinen, die so ganz anders als im Norden in den
Bewegungen des ganzen Körpers die angeborene Freude am Rhytmus beweisen, dessen
Ausdruck sie sind.«
    »Ja, das ist gewiss so,« sagte der Professor, »und dabei stehen ihnen so viel
mannigfaltigere Vorstellungen zu Gebote wie dem Nordländer, was Naturszenen
betrifft, und mit ihren lyrischen Empfindungen mag es auch einen rascheren
Verlauf haben, wie es die Aufwallungen ihres feurigen Temperaments im Zorn
sowohl wie in der Liebe beweisen.«
    »Aber dafür kennen sie die Sehnsucht und die weicheren Gefühlstöne nicht,«
bemerkte Raden, »und das ist eben so seltsam bei unserer Improvisatrice, dass sie
die auch hat, und zwar besonders hat noch über den anderen.«
    »Nun, ihr Vater war ein Deutscher,« versetzte der Prinz, »und dazu kommt
ihre grosse Jugend und ihr reines, noch von keiner Leidenschaft berührtes Gemüt.«
    »Ach, möge es ihr doch so bleiben,« meinte Raden; »mir kommt sie vor wie
eine zarte Blüte, die der Sturm der Leidenschaft knicken würde, wenn er sie
ergriffe. Übrigens hofft sie bestimmt auf Ihren Besuch, Prinz; ich habe ihn ihr
verheissen.«
    »Ja, ich werde hingehen,« sagte Waldemar, dem es lieb war, seinen Gefährten
zu entgehen und die Zeit, die er nicht bei Giulia verbringen konnte, mit etwas
auszufüllen, was ihn von den quälenden Gedanken, die sich in ihm jagten,
befreien könnte.
Rosa sass traurig in ihrem Zimmer und fragte sich selbst, warum ihr plötzlich das
Leben so öde und freudlos schien und was das sehnsuchtsvolle Weh sei, das an
ihrem Herzen nagte. Vergebens wollte sie sich einreden, es sei nur die Sorge um
des Prinzen Wohl, dass er sich nicht in eine unheilvolle Leidenschaft verstricke,
seinen hohen Idealen untreu werde - sie musste sich endlich gestehen, es sei auch
ein persönliches Gefühl dabei, die Sehnsucht nach seiner Gegenwart sei nur die
Verkündigerin der Liebe, die in ihrem Herzen wie eine Blüte der Poesie
aufgekeimt war und ihr jetzt erst an dem Weh, das sie fühlte, zur Erkenntnis
kam. Ihre Begleiterin war ausgegangen, sie hatte versucht, sich durch Arbeit zu
zerstreuen, aber unwillkürlich hatte sie wieder nach des Prinzen Gedichten
gegriffen und las ein Blatt nach dem anderen mit solch zärtlicher
Aufmerksamkeit, als hätte sie sie noch nie gelesen, und doch kannte sie sie
beinahe auswendig. Da klopfte es an die Tür und in der Meinung, dass es Vittoria
sei, rief sie »Herein!« ohne nur den Kopf zu bewegen, da sie schnell die losen
Blätter wieder in die Mappe legen wollte. Mit einem kurzen Aufschrei aber fuhr
sie empor, als sie den Prinzen neben sich erblickte. Ein süsser Schreck
durchbebte ihre Gestalt und hohe Purpurröte übergoss ihre Wangen.
    »Ich habe Sie erschreckt, liebes Kind,« sagte Waldemar freundlich und
reichte ihr die Hand, »ich wollte Ihnen nur sagen, wie leid es mir getan hat,
Ihre Improvisation gestern nicht gehört zu haben.«
    Rosas Hand zitterte in der des Prinzen, aber in ihrem Herzen wurde es wieder
selig helle, denn wie er da vor ihr stand mit dem tiefen liebevollen Blick der
schönen blauen Augen und dem freundlichen Lächeln eines unschuldigen Kindes, da
wusste sie wieder, er sei das Ideal alles männlich Edlen und der volle Glaube an
ihn kehrte siegend in ihr Gemüt zurück.
    »Setzen wir uns ein wenig draussen auf die Veranda,« sagte er, »da ist's
schön kühl und liebliche Frühlingsluft, da lässt sich's besser plaudern.« Und
immer ihre Hand haltend, zog er sie mit sich auf die Veranda, eine Galerie, die
im Innern des Hauses, in echt altrömischer Weise, um den viereckigen Hof
herumlief und auf welche die Türen der Wohnung hinausgingen. Unten im Hof war
ein Brunnen aus einem antiken Sarkophag gebildet: aus einem marmornen Löwenkopf
rann plätschernd das Wasser und verbreitete liebliche Frische, die von dem mit
grossen Quadern gepflasterten Boden des Hofes nach oben drang. Neben dem Brunnen
stand ein Orangenbaum, dessen Blüten süssen Duft ausströmten. An der Veranda
zogen sich Schlingpflanzen hinauf und hingen in langen Kränzen von dem Geflecht,
das das Dach derselben bildete, hernieder. Einige Blumentöpfe standen umher, in
denen rote Nelken, die vorzugsweise gepflegte Blume der römischen Mädchen aus
dem Volke, wuchsen, und zwischen ihnen standen Stühle, die Rosa dort hingebracht
hatte, weil sie gern dort sass und arbeitete. Auch Waldemar kannte den Platz
schon gut, der ihn, seines echt römischen Charakters und seiner primitiven,
sympatischen Einfachheit und Ruhe wegen, sehr anlockte. Allen konventionellen
Zwang hatte er längst im Umgang mit Rosa abgelegt; er war ein liebenswürdiger,
natürlicher Mensch im Verkehr mit diesem holden, einfachen Wesen und beiden
entschwand stets, wenn sie zusammen waren, der Gedanke an die weite Kluft, die
sie in der Welt trennte. Sie setzten sich vertraulich wie immer nebeneinander
und in der Stille dieses sympatischen Raumes, die nur durch das Plätschern des
Wassers im Brunnen unterbrochen wurde, ward es ihnen beiden wieder innig wohl.
Rosa war aufs neue ganz Glaube, ganz Vertrauen. Die Welt, die ihr noch kurz
vorher so öde und kalt erschienen, war nun erfüllt von dem Glanz, den des
Geliebten Gegenwart über alles verbreitete. Wer, der je geliebt hat, wüsste es
nicht, dass die Liebe den engsten Raum zum Tempel weitet, dass jede grosse Liebe in
dem einen alles liebt, was atmet, lebt und leidet, dass in solchen Augenblicken
keine andere Furcht mehr im Herzen ist als die um die Vergänglichkeit des
Daseins und dass man zum Augenblick sagen möchte: »Verweile doch, du bist so
schön.«
    Die Fülle der Ewigkeit ist im Herzen und der Schmerz liegt nur darin, dass
die entfliehende Zeit uns mahnt, dass wir im Bereich des Endlichen weilen. »Sagen
Sie mir, liebe Freundin,« bemerkte Waldemar endlich nach längerem, heiterem
Geplauder, »was hat Sie gestern zu der eigentümlichen Improvisation gebracht,
von der mir Raden erzählte? Wie ist Ihnen das Bild erstanden, zu dem das
gegebene Tema doch keine direkte Veranlassung bot?« Rosa schlug die Augen
nieder und sagte mit sichtbarer Bewegung: »Ich weiss ja nie, wie das kommt, ich
erinnere mich kaum an etwas davon, nur dass mir plötzlich das Bild eines Abends
bei einem Landhaus in Florenz auftauchte, aber was sich sonst noch darein
gemischt hat ...«
    »Bezog sich das auf dort Erlebtes?« fragte Waldemar.
    »Nein, nein,« sagte sie hastig und erschrak dann, dass sie diesmal verraten
hatte, sich des Gesagten zu erinnern. »Ich weiss nicht recht, was mir da
dazwischen gekommen ist,« fuhr sie fort und errötete, weil es nicht die Wahrheit
war; »ich glaube aber an die Intuition,« setzte sie hinzu. »Ich glaube, dass in
manchen Seelen, die ein sehr bewegtes inneres Leben haben, es Augenblicke gibt,
wo es ist, als ob ein Schleier zerrisse und sich etwas zeige, was in
Wirklichkeit noch gar nicht da ist, was aber unfehlbar kommt, und das wirkt dann
ebenso, als wär es schon da, regt Stürme im Herzen auf oder Fluten des Mitleids,
der Sehnsucht, zu helfen, zu retten« - sie hielt inne in tiefster Erregung und
Verwirrung, so viel gesagt zu haben. Angstvoll sah sie zu Waldemar auf und
fragte: »Sie lächeln wohl über mich, halten mich für eine Schwärmerin, nennen
das Aberglauben ...«
    »Nein, gewiss nicht, meine liebe, holde Freundin,« sagte er gerührt und
ergriff ihre Hand; »auch ich glaube an diese ungeklärte Geisterwelt, in der
magnetische Strömungen Dinge möglich machen, innere Erlebnisse, die der
Rationalist in das Bereich wesenloser Träume verweist. Aber ich hoffe, Ihre
Vision wird in Erfüllung gehen und Ihr Gebet wird dem in Versuchung Geratenen
den Sieg erflehen.«
    Durch seine Stimme klang ein tiefer, innerlichster Ton. Rosa erhob die Augen
zu ihm und aus ihnen brach ein solches Leuchten reinster Begeisterung,
heiligsten Glaubens, dass Waldemar in dem Augenblick sich jedes Opfers fähig
fühlte und ganz wieder er selbst war: der den höchsten Idealen zustrebende
Mensch.
    Wie ein schriller Misston ertönte da eben die Stimme der Signora Amadei, die,
zurückgekehrt, die Zimmer leer gefunden hatte und Rosas Namen rief. Waldemar
erhob sich rasch und sagte: »Nein, jetzt keine Berührung mit der Vulgarität,«
beugte sich zu Rosa nieder, küsste sie sanft auf die Stirn und entfernte sich
raschen Schrittes, ehe die Amadei heraustrat. Rosa sass mit auf den Knien
gefalteten Händen wie träumend da. Ihr war, als hätten lichte Wolken sie
emporgetragen, als zöge sie fernen Eilanden voll Seligkeit zu, in denen die
Liebe, losgebunden von irdischem Verlangen, wie ein himmlischer Tau das Herz
tränkt und zur Vollendung leitet.
    Wie von einem giftigen Schlangenbiss berührt, fuhr sie aber auf, als die
Amadei neben ihr stand und mit bedeutungsvollem Lächeln sagte: »So, so, hier
find ich mein Täubchen? Wer ging denn eben weg? Was für ein Stelldichein habe
ich da gestört? Bedaure, mein Herzchen! Aber ich sehe, die Sache geht ihren
Gang, die Besuche werden immer vertraulicher! Schon gut, schon gut! Bravo,
Liebchen, du hast Glück!« Rosa warf ihr einen Blick voll unsäglichen
Widerwillens zu und ging, ohne ein Wort zu erwidern, an ihr vorüber in ihr
Zimmer.
Am Abend war die von der Herzogin erwähnte Gesellschaft bei einer der vornehmen
Damen Roms, wo sich wieder alles zusammenfand, was die römische Gesellschaft der
Epoche an Geist, Bedeutung, Liebenswürdigkeit und Grazie vereinte.
    Auch Rosa war wieder eingeladen, denn es war so sehr Mode geworden, sie
improvisieren zu hören, dass sich beinahe keine gesellige Zusammenkunft mehr
denken liess, bei der sie nicht gegenwärtig gewesen wäre. Der Nachklang der
seligen Morgenstunde verklärte sie am Abend mit besonderem Liebreiz, und als
Prinz Waldemar mit seinen Gefährten eintrat und sie mit freundlich strahlendem
Blick grüsste, während die Dame des Hauses und andere Bekannte ihn in Anspruch
nahmen, da fühlte sie, wie es in ihr wogte von dichterischem Können und wie die
Begeisterung in ihr die Flügel schwang, um sie in das Reich der Poesie zu
tragen.
    Jetzt erschien auch die Herzogin, in Schönheit strahlend wie eine Göttin, am
Arm ihres Gemahls. Es lag ein besonderer Glanz auf ihrem Angesicht, eine stolze
Überlegenheit und anscheinend tiefe Ruhe; aber wer schärfer beobachtete, konnte
sehen, wie in den dunklen Glutaugen ein mehr als gewöhnliches Feuer brannte und
wie sie suchend umherschweiften, während sie huldvoll die Begrüssungen erwiderte,
die sich ihr entgegendrängten. Endlich nahte sich auch Waldemar mit erzwungener
Fassung, sie und den Herzog zu begrüssen, der nicht von ihrer Seite wich. Ein
kurzes Aufleuchten in Giulias Blicken sagte ihm ihren wahren Gruss, während sie
sich kühl und förmlich vor ihm verbeugte.
    Der Herzog knüpfte alsbald ein Gespräch mit dem Prinzen an und setzte es mit
dem grössten Eifer fort, so dass Waldemar gezwungen war, bei ihm zu verweilen,
wiewohl er sich in der peinlichsten Stimmung ihm gegenüber befand und schon
wieder unter dem Bann der unwiderstehlichen Schönheit Giulias ungeduldig danach
verlangte, ein paar vertraute Worte mit ihr wechseln zu können. Sie aber vermied
ihn offenbar, entfernte sich immer weiter von dem Ort, wo er mit dem Herzog
stand, plauderte, scherzte und lachte mit anderen Bekannten und schien in der
heitersten und unbefangensten Stimmung. Die Augen des Herzogs folgten ihr,
während er mit dem Prinzen sprach und richteten sich dann wieder forschend auf
diesen, was dessen peinlichen Zustand noch vermehrte.
    Inzwischen hatte sich Giulia mit dem Kardinal in ein Gespräch eingelassen,
das, wie immer zwischen ihnen, in einem Kreuzfeuer mutwilliger, geistvoller
Scherze bestand. Endlich sagte die Herzogin, deren Blicke inzwischen am fernen
Ende des Saales den Herzog mit dem Prinzen auf demselben Fleck gefunden hatten:
»O, Eminenz, seinen Sie so überaus gütig und erlösen Sie den unglücklichen
deutschen Prinzen aus der Gefangenschaft, in der ihn Camillo hält. Sie wissen,
wenn der Herzog anfängt, über Pferde, Jagd oder derlei interessante Gegenstände
zu sprechen, ist kein Ende abzusehen. Der junge Mann steht da, wie ein armer
Sünder vor dem Beichtstuhl.«
    »Er hatte vielleicht auch einiges an Don Camillo zu beichten und Absolution
von ihm zu erbitten,« versetzte der Kardinal, indem er die schöne Frau mit
bedeutungsvollem Lächeln ansah.
    »Nun, dann lieber von Ihnen. Sie würden sie ihm gewiss nicht verweigern;
nicht so, Eminenz?« erwiderte Donna Giulia, indem sie auch den Kardinal voll
bezaubernder Anmut, gemischt mit feinster Ironie, ansah.
    »Ja, wenn das Vergehen nicht gegen das zehnte Gebot verstösst,« sagte der
Kardinal und schüttelte mit scheinbarem Bedenken, aber innerlich voll Mutwillen,
den Kopf.
    »O, Eminenz, was für ein Gedanke!« rief die Herzogin, die ein wenig errötete
und etwas rascher mit dem Fächer spielte. »Nun aber wirklich, ich bitte jetzt um
Erlösung für den armen Gefangenen.«
    »Ah! Dann muss ich ihn ja wohl in eine andere, freilich süssere Gefangenschaft
führen,« versetzte der Kardinal, indem er wie voll Ergebung seufzte und nach
einem lächelnden Seitenblick auf die Herzogin, den diese ebenso erwiderte, sich
auf den Weg machte, um jenes Zwiegespräch zu unterbrechen.
    Inzwischen hatten die Blicke der Herzogin Rosa entdeckt, und längst des
kleinen Anflugs von Eifersucht nicht mehr gedenkend, ging sie in der seligen
Gewissheit ihres Sieges auf diese zu und sagte voll Herzlichkeit: »Sieh da, die
junge Dichterin! Ich habe Sie schon lange nicht mehr gesehen, denn ich war
abwesend von Rom. Ich höre aber, wie sehr man Sie bewundert, alle Welt ist in
Sie verliebt - in Ihre Anmut ebenso wie in Ihr Talent. Sie haben eine Legion
Anbeter, mein Kind! Nun, und Sie? Ist Ihnen die Liebe noch ein Rätsel oder hat
das kleine Herz seine Offenbarung gehabt?«
    Sie sah Rosa mit ihrem reizend schelmischen Lächeln an. Diese, zuerst
hingerissen von dem Zauber, den die Schönheit und Grazie Giulias auch auf Frauen
übte, wurde bei dem direkten Angriff auf ihr heiligstes Geheimnis so betroffen,
so verletzt, dass sie keine Antwort fand, zu Boden blickte, erst errötete, dann
erbleichte.
    »Nun, nun, mein Kind,« sagte die Herzogin lachend, »erschrecken Sie nicht,
es ist ja keine Sünde! Sie hatten es damals noch nicht erfahren, und wenn die
Flammensprache der Liebe Sie nun belehrt hat, so ist das ja ganz natürlich und
das Schicksal jedes Herzens. Ah, Baron von Raden!« rief sie diesem, der sich
eben nahte, um sie zu begrüssen, entgegen: »Helfen Sie mir doch, von dieser
unserer holden Muse zu erfahren, ob sie noch immer derselben Ansicht über die
Liebe ist, wie sie es vor einigen Wochen war. Sie gehören ja auch zu ihren
Anbetern; sehen Sie nur, wie hübsch sie ist!«
    »Wie der Abendstern neben der Sonne,« versetzte Raden, indem er erst das
Mädchen liebevoll und dann die Herzogin mit feuriger Bewunderung ansah.
    »O, Baron, Ihr Vergleich hinkt!« rief die Herzogin in vollem Lachen; »wie
kämen Abendstern und Sonne nebeneinander?«
    »Ja, ich gestehe, ich habe mich etwas unastronomisch ausgedrückt,« erwiderte
Raden, auch lachend; »aber die Schönheit wirkt solche Wunder, dass sie auch die
Naturgesetze bisweilen aufhebt,« fügte er hinzu, indem er sich in glühender
Bewunderung vor der Herzogin verbeugte.
    »Da bringe ich den Gefangenen,« sagte der Kardinal, der eben mit dem Prinzen
hinzutrat. »Don Camillo war gerade dabei, ihm einen Plan zur Austrocknung
sumpfiger Strecken auf seinen Gütern zu entwickeln. Ich habe aber Seine Hoheit
aus diesem Sumpf gerettet,« fügte er lachend hinzu, »und nun überliefere ich sie
der schöneren Hälfte Don Camillos, die die ausgetrockneten Sümpfe mit Blumen
überpflanzt.«
    »Der Kardinal und ich haben Sie bedauert, Hoheit,« sagte Giulia und richtete
die leuchtenden Augen auf ihn; »mein Mann ist furchtbar, wenn er auf seine
Lieblingstemen gerät.«
    »O, ich lasse mich gern belehren,« meinte Waldemar, obwohl er innerlich
frohlockte, der peinlichen Unterhaltung entflohen zu sein.
    Die Dame des Hauses erschien in dem Augenblick und bat die Herzogin, den
Kardinal und den Prinzen, auf drei grossen, eigens für sie bestimmten Lehnstühlen
Platz zu nehmen. Dann sich zu Rosa wendend, die stumm und ernst dem ganzen
Vorgang beigewohnt hatte, ersuchte sie diese, jetzt die Versammelten mit ihrem
Talent zu erfreuen. Rosa war so erregt und verletzt durch die Reden der
Herzogin, so schmerzlich betroffen, den Prinzen wieder in der gefährlichen Nähe
zu sehen, dass sie fürchtete, nicht improvisieren zu können. Die Dame aber wollte
nichts davon wissen, da sie ihre Gesellschaft auf diesen Genuss hin eingeladen
habe, und Rosa fügte sich mit schwerem Herzen und sagte sich mit bitterer
Empfindung, dass sie nur deshalb hier sei und den Frondienst des Talents
vollziehen müsse. Ein Seitenblick zeigte ihr den Prinzen an der Seite der
Herzogin sitzend, an deren anderer Seite sich der Kardinal befand. Sie sah, wie
die Herzogin, von einem Feuer erglühend, das ihre Schönheit fast überwältigend
machte, ihre Nachbarn offenbar durch ihren Zauber beherrschte, was sich bei dem
Kardinal durch sein feines, befriedigtes Lächeln ohne Ironie, bei dem Prinzen
durch eine nicht zu verkennende, alles andere vergessende Hingerissenheit
kundgab. Schmerzlich zuckte es durch Rosas herz und es war ihr, als müsse sie
sterben, während man die Papierstreifen herumreichte, auf denen ihr Temen
aufgeschrieben werden sollten. Der Herzog hatte sich jetzt auch genähert und
neben dem Kardinal Platz genommen; scheinbar teilnehmend an der lebhaften
Unterhaltung, deren Seele seine Frau war, hatte er sich dieser ganz zugewendet,
so dass er zugleich sie und den Prinzen unverwandt im Auge hatte und jede ihrer
Bewegungen beobachten konnte. Jetzt kam man, um der Gruppe Papierstreifen zum
Schreiben anzubieten. Der Herzog wies diese mit einer Handbewegung zurück; der
Kardinal wollte das gleiche tun, aber die Herzogin rief:
    »Nein, Eminenz, Sie müssen etwas Schönes für unsere kleine Muse schreiben.
Sie sind ja auf dem Parnass zu Hause und wissen, was sich für Musen passt. Und Sie
auch, Prinz, schreiben Sie, damit wir jedenfalls etwas recht Schönes zu hören
bekommen. So,« fuhr sie lebhaft fort und nahm den beschriebenen Zettel aus des
Kardinals Händen: »hier ist die Aufgabe der Eminenz, nehmen Sie sie, bitte,
Prinz, und tragen Sie sie mit der Ihren zu der Improvisatrice hin; hoffentlich
zieht sie eine der beiden.« Sie beugte sich bei diesen Worten etwas vor nach dem
Prinzen hin, so dass ihr Gemahl weder ihre Hand, die das Papier gab, noch ihr
Gesicht sehen konnte; der Prinz aber fühlte ein doppeltes Papier in seiner Hand
und zugleich sagten ihm ihre flüsternden Lippen: »Für dich.«
    Waldemar erhob sich bestürzt und verwirrt, an solches Tun nicht gewöhnt. Er
wusste, dass die durchbohrenden Augen Don Camillos jeder seiner Bewegungen
folgten, und die Papiere in der Hand zusammenpressend, ging er auf den Tisch zu,
an dem Rosa stand, um die Zettel in die Schale zu werfen. Rosa sah ihn kommen;
ihr Herz klopfte so heftig, dass es ihr fast den Atem benahm und als er vor ihr
stand, sah sie ihn mit einem so traurigen, so vorwurfsvollen Blick an, dass
Waldemar von einem Gefühl der Reue, der Beschämung ergriffen ward und,
augenblicklich wieder die Stimme seines besseren Selbst, die stets durch sie
erklang, hörend, ganz vergass, die Papiere zu trennen, sie achtlos in die Schale
fallen liess, während er sich etwas zu Rosa niederbeugte und flüsterte: »Mein
Schutzgeist, wachen Sie über mir.«
    Ein seliges Lächeln flog über Rosas Züge und der Ausdruck von Trauer
schwand. Rasch ergriff sie eine Blüte von den Blumen, mit denen man ihren Tisch
geschmückt hatte, reichte sie ihm und flüsterte ebenfalls: »Ein Talisman!« Er
nahm die Blüte, drückte sie an seine Lippen, und eine Sekunde ruhten ihre Blicke
verloren ineinander. Das alles ging so schnell vor sich, dass niemand den kleinen
Vorgang bemerkt hatte. Dann sah Waldemar Holberg und Raden, die fern von der
Herzogin nebeneinander Platz genommen hatten, und ohne sich nach der Seite, wo
Giulia sass, umzuwenden, ging er auf seine Kavaliere zu und setzte sich zu ihnen.
Rosas Herz jubelte; sie griff voll Freude in die Schale, um ein Papier zu
ziehen, entfaltete eines und las: »Bleibe mir fern heut abend, der Herzog
beobachtet uns; morgen früh erhältst du Botschaft.« Betroffen bis ins Herz
hinein, das sich krampfhaft in physischem Schmerz zusammenzog, starrte sie das
Blättchen an; es musste Waldemars Hand entfallen sein und es ward ihr alsbald
klar, woher es gekommen. Sie verbarg es schnell unter den Blumen, nahm das
nächstliegende und las: »Der Schutzgeist.« Es war Waldemars Handschrift. Was in
ihrer Seele vorging, sie hätte es selbst kaum sagen können. Es gibt solche
Augenblicke im Leben, wo das Herz sich plötzlich mündig fühlt, wo das sanfteste
Wesen zum Heldentum erstarkt, wo eine zwingende Kraft aus den Tiefen der Seele
heraufsteigt, die unser Tun bestimmt und unser Schicksal wird. So fühlte Rosa
mit einemmal, dass sie die heilige Aufgabe habe: den Jüngling, in dem sich ihr
das Ideal zum erstenmal verkörperte, das ihre Seele von früh auf wie eine lichte
Ahnung in sich getragen hatte, zu retten, den Kampf um ihn aufzunehmen mit einer
gefährlichen, ihr bis jetzt überlegenen Macht, in Wahrheit sein Schutzgeist zu
sein, nicht um ihrer selbst willen - nein, sie dachte nicht an sich - um
seinetwillen, um keinen Flecken auf dem reinen Bilde zu sehen, als das er ihr
erschien. Das alles ging mit Blitzesschnelle durch ihren Sinn, und während sie
es noch wenige Augenblicke vorher wie eine fast unüberwindliche Pein empfunden
hatte, improvisieren zu müssen, drängten sich nun die Worte auf ihre Lippen, als
spräche sie mit ihrer eigenen Seele und als wäre keiner da, sie zu hören. Er
selbst hatte ihr ja das Tema gegeben, sie dazu aufgerufen und mit einer
Energie, wie sie sie nie gefühlt, begann sie:
»Ich rette dich, und wär's in Sturmeswüten
Auf wildem Meer.
Richt soll mein Mut, nicht soll mein Arm ermüden,
Dir Schutz und Wehr.
Ich rette dich, und hüllten sich die Sterne
In grause Nacht,
Mein Herz errät es, was dir droht von ferne,
Hält liebend Wacht.
Ich rette dich, und bärg' sich unter Rosen
Die Schlange dicht,
Und ahntest du, im schmeichlerischen Kosen
Den Giftauch nicht.
Ich rette dich, ob du dich selbst verlassen
Im dunklen Wahn,
Und noch vom Abgrund führ' ich im Umfassen
Dich himmelan.«
Als sie schwieg, rief erst der laute Beifall, den man ihr zu spenden gewohnt
war, sie zum Bewusstsein der Welt, in der sie sich befand, zurück. Aber es
berührte sie kaum; sie kam sich wie losgelöst vom Leben vor, denn sie sah nur
ein ganz unpersönliches Ziel vor Augen und es war ihr, als würde dann alles zu
Ende sein, was sie auf Erden zu tun habe.
    »Sonderbare Auffassungen hat dieses junge Mädchen,« sagte die Herzogin zum
Kardinal; »aber sie hat Begabung und es ist ein Hauch von Begeisterung in ihr,
der mich anzieht. Auch ist sie sehr hübsch und voller Grazie; findest du nicht,
Camillo?« setzte sie hinzu, sich an ihren Gemahl wendend und nachlässig mit
ihrem Fächer spielend, innerlich aber belustigt, dass seine Eifersucht eine
Niederlage erlitten hatte; denn sie hielt des Prinzen Entfernung für eine Folge
ihrer geschriebenen Worte.
    »Ja, in der Tat, auffallend hübsch; mehr als das: reizend,« versetzte Don
Camillo mit einem höhnischen Lächeln um die dünnen Lippen; »unsere Männerwelt
ist ja auch ganz toll verliebt in sie, die Einheimischen und die Fremden. Unter
anderem sagt man, dass Seine Durchlaucht Prinz Waldemar ihr in aller Form den Hof
macht und sie stundenlang besucht.« Er streifte seine Frau mit einem flüchtigen
Blick und sah, er hatte richtig getroffen. Trotz ihrer Selbstbeherrschung
konnten die Züge der Herzogin im ersten Augenblick den Eindruck nicht verbergen,
den diese Worte auf sie machten; sie fand kein Wort der Erwiderung und nur der
Busen, der sich rascher hob und senkte, verriet, wie heftig es in ihr
aufbrauste. Der Kardinal, zwischen den Gatten sitzend, verstand sehr wohl, was
die kleine Szene zu bedeuten hatte und beeilte sich, begütigend einzuschreiten.
»Der Prinz ist ein Freund der Dichtkunst,« sagte er, »und da wird ihn wohl diese
Begabung, die auch für einen Nordländer eher neu sein mag, interessieren. Sonst
scheint er aber ein junger Mann von strengen Grundsätzen zu sein und ist von
seiner sehr frommen Mutter in den Lehren der alleinseligmachenden Kirche
erzogen.«
    Waldemar war inzwischen zu Rosa getreten, offenbar in peinlicher
Verlegenheit, und während diese noch sich zu den andrängenden Personen, die ihr
huldigten, wenden musste, wühlte er mit der Hand in den beschriebenen
Papierstreifen in der Schale, scheinbar wie gleichgültig einen nach dem anderen
hervorziehend und lesend und wieder hinwerfend, jedoch mit grosser Unruhe auf dem
Gesicht. Endlich wurde Rosa frei und sagte auf deutsch, damit keiner der
Umstehenden es verstehe: »Sie suchen etwas, Prinz?«
    »Ja, in der Tat,« erwiderte er verlegen und zögernd, »ich glaube, ich habe
vorhin ein Papier hier hineinfallen lassen, das nicht hierfür bestimmt war -
eine flüchtige Notiz ...«
    Er vollendete nicht, sondern errötete. Rosa zog das Papier unter den Blumen
hervor, hielt es ihm hin und sagte ernst: »Hier ist es; es war das erste, das
ich zog.«
    »Sie haben es gelesen?« fragte er, und sein Auge blitzte.
    »Ja,« sagte sie fest, »ich glaubte, es sei eine Aufgabe für mich, für Ihren
Schutzgeist,« setzte sie leise hinzu; »Sie haben mich ja dazu ernannt.«
    »Und Sie haben es ebenso energisch gesagt, dass Sie mich retten wollen, sogar
vor mir selbst,« sagte er fast spöttisch, wie um seinem gereizten Gefühl vor
sich selbst recht zu geben.
    Sie sah ihn an mit jenem ernsten, tiefen Blick, der immer sein Innerstes
traf. Er reichte ihr gerührt die Hand und sagte: »Gute Nacht, Rosa; ich weiss es,
Sie würden mich retten, wenn ich in Gefahr wäre, und ich würde Sie dann rufen.
Aber ich bin es noch nicht, seien Sie unbesorgt.«
    Freundlich grüssend, wendete er sich nach der Seite, wo die Herzogin gesessen
hatte. Sie, ihr Gemahl und der Kardinal waren verschwunden, hatten bereits die
Gesellschaft verlassen; Giulia hatte selbst den Herzog gebeten, nach Hause
zurückzukehren, indem sie vorgab, müde zu sein, und so hatte sie auch das
längere Verweilen des Prinzen bei Rosa nicht bemerkt.
Wenn die Menschen, die in glänzenden Toiletten, in eleganten Räumen sich zu
geselligen Vergnügungen zusammenfinden, immer wüssten, wieviele intime Dramen
sich in dieser bunten Menge abspielen, wieviel Unruhe, Neid, Leidenschaft und
Schuld, wieviel gekränkte Liebe und enttäuschtes Hoffen sich unter der Maske
geselliger Liebenswürdigkeit und heiteren Frohsinns verbergen, sie würden
vielleicht manchmal erschrecken über die Frivolität dieser sogenannten »grossen
Welt«, dieses sogenannten »guten Tones«, dieser mit oft unwürdigen Opfern
erstrebten Eleganz und erzwungenen Heiterkeit. So kehrten auch an jenem Abend
die Personen, mit denen wir uns beschäftigen, äusserlich so glänzend,
liebenswürdig, heiter, von dem Fest in der innerlich erregtesten, von den
verschiedenartigsten Empfindungen bewegten Stimmung zurück, und keine von ihnen
fand in der Nacht die Ruhe des Schlafes.
    Rosa war nicht die mindest bewegte; sie war noch so reinen Herzens, so
unerfahren in der Welt, dass ihr die Beziehung der Herzogin zu dem Prinzen wie
etwas Ungeheuerliches, Unerhörtes, wie eine dunkle Gefahr, die ihm drohte,
erschien. Sie fühlte sich berufen, ihn zu retten, zu schützen, und sie war dazu
jetzt entschlossen, wenn auch der Zweifel, wie er sich zu der Leidenschaft, die
ihm entgegengebracht wurde, verhalte, sie mit Bangen und quälender Ungewissheit
erfüllte und sie oft mit Schmerz überwältigen wollte, so dass sie heisse Tränen in
der Stille der Nacht in ihrem Bette weinte. Dann aber erhob sie sich wieder zu
dem Ideal, das sie von ihm im Herzen trug und gelobte sich, dieses Ideal zu
retten, koste es, was es wolle. Nur wie? Sie entschloss sich endlich, sich des
Mittels zu bedienen, das ihr durch Vittorias Nachrichten gegeben war, vorerst
alle Schritte der Herzogin in Beziehung auf den Prinzen zu erkunden, indem sie
hoffte, das weitere werde sich dann ergeben.
    Früh am Morgen eilte sie zu Vittoria hinunter, die eben ihr Gewölbe mit
frischen Erzeugnissen des Feldes und Gartens gefüllt hatte. Diese kam ihr mit
frohem Morgengruss entgegen, blieb aber betroffen stehen, als sie auf Rosas
bleiches Antlitz sah: »Liebe Signorina, was ist Ihnen?« rief sie aus, »haben Sie
schlecht geschlafen, sind Sie krank, oder - ist Ihnen etwas Unangenehmes
begegnet? Doch nicht gestern abend?«
    »Ach, liebe Vittoria, sieh, ich hab niemand als dich, zu dem ich frei reden
und alles sagen kann, was mein Herz bedrückt,« sagte Rosa; »du gibst mir Rat, du
hilfst mir ...« Sie stockte.
    »Ja, liebe, teure Signorina, alles, alles tue ich für Sie,« beteuerte die
Römerin, »was in meinen geringen Kräften steht; aber was ist's, worin soll ich
helfen?« setzte sie bekümmert hinzu, denn eine Ahnung sagte ihr schon, dass es
sich um den Prinzen handle, der zu ihrem Kummer, wie sie längst durchschaut
hatte, in Rosas Herzen lebte.
    »Ach, Vittoria, du weisst - du selbst hast es mir gesagt ...« hub Rosa wieder
an und stockte aufs neue, während Purpurglut ihr vorher so bleiches Gesicht
überzog; »ja, jene schöne Frau - die Herzogin, sie wird ihn - den Prinzen meine
ich - aus seiner Bahn reissen; sie redet ihn heimlich mit du an, sie sendet ihm
heimliche Botschaft, sie warnt ihn vor ihres Mannes Argwohn.«
    »Wie wissen Sie denn das, liebe Signorina?« fragte Vittoria angstvoll, denn
sie sah an Rosas Erregteit, wie nahe ihr die Sache ging.
    Rosa erzählte nun den Vorgang mit dem Papierstreifen und wie der Prinz sie
gebeten habe, sein Schutzgeist zu sein. »Und ich will und muss ihn retten,«
setzte sie mit leidenschaftlicher Ekstase hinzu. »Hilf mir, gute Vittoria! Dein
Bruder muss durch die Marietta erfahren, ob der Prinz wieder zu ihr kommt oder ob
sie ihm schreibt ...«
    »Nun, das weiss ich schon,« sagte Vittoria, die dachte, es sei am klügsten,
auf die Sache einzugehen, um Rosa vor unbedachten Schritten zu behüten und sie
vielleicht auch so am ersten abzukühlen. »Als der Beppo gestern abend nach Hause
kam, erzählte er mir, die Marietta habe ihm am Morgen - er läuft nämlich jeden
Tag, wenn er früh zur Arbeit geht, am Palazzo vorüber, in der Hoffnung, seine
Geliebte, wenn auch nur flüchtig, zu sehen - ein Briefchen gegeben, das er ganz
geheim in das Hotel, wo der Prinz wohnt, habe tragen und dem Kammerdiener
übergeben müssen, damit dieser es, wenn der Prinz allein sei, in dessen eigene
Hände gebe. Und dann habe die Marietta erzählt, dass heftige Szenen zwischen dem
Herzog und seiner Frau gewesen seien an dem Abend, als der Herzog von der Reise
gekommen war und gehört habe, der Prinz sei bis spät bei der Herzogin gewesen.«
    »Ah, Vittoria,« sagte Rosa und hielt sich erbebend an einem Stuhle, »dann
ist es ja wohl schon schlimm.«
    »Nein, nein - warum denn? Es ist ja hier so bei den vornehmen Damen, dass die
Besuche spät kommen und lange bleiben,« versetzte Vittoria begütigend, obgleich
sie anders dachte.
    »Ja, aber Vittoria, heute morgen will sie ihm wieder Botschaft senden - wenn
wir wissen könnten - ob Beppo wieder dort gewesen - ob die Marietta ihm etwas
gesagt.«
    »Nun, heute abend, wenn der Beppo nach Hause kommt, da erzählt er es mir
schon,« versetzte Vittoria, die Rosa gern auf andere Gedanken gebracht hätte.
    »Ach, bis heute abend - das ist so schrecklich lange,« seufzte Rosa, »bis
dahin kann ihm Unheil drohen - ach, wenn ich wissen könnte, was sie ihm
geschrieben - doch das ist unmöglich - könntest du die Marietta nicht sprechen,
gute Vittoria?«
    »Nein, Cara, das geht nicht; ich kenne die Marietta kaum, und sie würde sehr
böse werden, wenn sie erführe, dass der Beppo hier erzählt, was sie ihm
anvertraut. Wollen wir mehr wissen, müssen wir sehr vorsichtig sein.«
    »Ja, du hast recht, - aber könntest du nur den Beppo jetzt sprechen,
vielleicht dass er etwas Wichtiges wüsste, wonach zu handeln nottäte; ich werde
sonst den ganzen Tag in tödlicher Angst sein.«
    »Nun, nun, Carissima,« sagte Vittoria, »was tut man Ihnen nicht zuliebe? Ich
will sehen; wenn die Domenicunia hier neben etwas auf das Geschäft achten will,
so lauf ich eben nach San Giuseppe hinauf, wo der Beppo arbeitet, und sehe zu,
wie ich ihn zum Sprechen kriege und ob er was weiss.«
    »Ach, liebe, gute Vittoria!« rief Rosa voll Freude und fiel der
Gemüsehändlerin um den Hals. »Du bist wahrhaft gut; du hilfst nicht nur mit
Worten, du handelst. Verständ' ich nur den Handel, ich wollte gern indes dir das
Geschäft besorgen.«
    »Ach, gute Signorina, das wär was Schönes, wenn man die gefeierte
Künstlerin, der ganz Rom huldigt, plötzlich hier Gemüse verkaufen säh',« sagte
Vittoria lachend, »und ich glaube, meine ganze Bottega würde in einer halben
Stunde ausverkauft, alle die schönsten Herren von Rom würden kommen; ich weiss
auch eigentlich gar nicht, warum Sie so an dem einen, dem Fremden, halten, wenn
Sie doch die Wahl haben unter den besten Römern.«
    »Ach, Vittoria, ich weiss es auch nicht, wie es kommt,« versetzte Rosa, in
holder Scham erglühend, und schlug die Augen nieder. »Siehst du, die sind mir
alle so gleichgültig, so fern, keiner wandelt durch meine Träume, weder im
Schlaf noch im Wachen; nur der eine war es fast von Anfang an, dessen Nähe mir
ein Glück im Herzen weckte, von dem ich bis dahin keine Ahnung gehabt. Ich will
dir auch sagen, ich glaube, er ist besser als alle anderen, vielleicht der beste
aller Menschen; ich kenne alle seine Gedanken, seine Jünglingsträume, habe sie
gelesen in seinen Gedichten, sie von ihm gehört. So denken und fühlen gewiss nur
wenige Menschen.«
    »Aber - er ist ein Prinz und wird ein König,« sagte Vittoria nachdenklich
und dachte dabei: wohin soll diese Liebe führen?
    »Ich weiss,« versetzte Rosa, und eine Träne trat in ihr Auge. »Zuerst dacht'
ich nicht daran; da meinte ich, dass er einer von jenen Prinzen sei, wie sie in
den deutschen Märchen vorkommen, die meine Mutter mir erzählt hat, die so schön
und gut sind und auch ...«
    »Nun was?« frug Vittoria.
    »Ja, und auch zu ganz armen Mädchen kommen, um sie zu erlösen und sie zu
Königinnen zu machen,« erwiderte Rosa etwas verlegen; »aber, liebe Vittoria, du
wolltest ja gehen und ich schwatze dir dummes Zeug vor und die Zeit vergeht;
siehst du, gerade weil er ein Königssohn ist und eine so hohe Aufgabe im Leben
hat, will und muss ich ihn retten.«
    Vittoria rief die Stellvertreterin herbei und ging fort, den Bruder
aufzusuchen. Als sie zurückkam, eilte Rosa wieder hinunter zu ihr, da sie bei
sich die Neugier der Amadei fürchtete. »Nun, Vittoria?« fragte sie hastig.
    Diese berichtete, dass die Marietta allerdings dem Bruder am Morgen wieder
ein Billett auf dieselbe Weise wie das vorige zu überbringen gegeben habe und
dass man ihn jedesmal reichlich lohnte.
    »Und weiter war es nichts?« fragte Rosa enttäuscht; »sagte Marietta weiter
nichts?«
    »Ja,« begann Vittoria zögernd.
    »Ach, bitte, du weisst noch etwas, sag mir alles,« bat Rosa.
    Vittoria, immer in der Hoffnung, die volle Wahrheit werde die erregten
Gefühle Rosas abkühlen, sagte:
    »Ja, die Marietta hat ihm rasch erzählt, dass die Herzogin am Abend nach der
Gesellschaft gleich in ihr Zimmer gegangen sei, und da habe sie sie gefragt, ob
sie auf ihre Treue rechnen könne, und als Marietta dies beteuert, habe sie
gesagt, sie wolle ihr ganz vertrauen, denn Marietta müsse ihr beistehen und es
solle auch ihr Schade nicht sein. Darauf habe sie gestanden, dass sie den Prinzen
glühend liebe und den Herzog hasse und nur an eines denke, wie sie sich diesem
entziehen und sich mit dem Prinzen vereinigen könne. Noch sei ihr Plan nicht
reif, aber sie werde mit dem Prinzen darüber reden und werde ihn deshalb auf den
folgenden Tag in aller Frühe in die Kirche San Giovanni e Paolo bestellen, wohin
Marietta sie als wie zur Frühmesse begleiten solle. Dort sind einsame Wege
ringsherum, die in so früher Stunde niemand als etwa ein Arbeiter betritt, da
könne sie ungestört mit dem Prinzen sprechen; der Herzog schlafe lange, und wenn
er beim Erwachen nach ihr frage, werde man ihm eine andere Kirche nennen, in die
sie zur Morgenandacht gegangen sei. Marietta müsse dann Wacht halten, dass kein
Unberufener sich nahe. Es ist unglaublich leichtsinnig von der Marietta,« schloss
Vittoria ihren Bericht, »dies alles, was doch höchstes Geheimnis sein soll, dem
Beppo zu vertrauen. Doch tut sie es in der Freude ihres Herzens, denn sie sagt:
Beppo, wenn ich meiner Herrin helfe, so wird sie es mir fürstlich lohnen und
dann sind wir reich und können heiraten! Und so erzählt's der Beppo mir nur,
weil ich ihm oft gesagt habe, er solle nicht amore machen mit dem Mädchen, da er
zu arm sei, um sie zu heiraten.«
    Rosa war während der Erzählung bald blass, bald rot geworden und hatte häufig
mit der Hand nach dem Herzen gegriffen, wie um sein heftiges Klopfen zu stillen.
Als Vittoria schwieg, rief sie plötzlich: »Ich gehe auch hin.«
    »Aber Signorina,« sagte Vittoria erschrocken, »wie soll das gehen, man wird
Ihnen ausweichen!«
    »Ah, sei ruhig, sie sollen mich nicht sehen; ich muss über ihm wachen, er hat
es selbst verlangt; und ist es nicht des Schutzgeistes Aufgabe, wenn der Mensch
sich in Gefahr begibt, für ihn zu wachen und ihn zu behüten? O, die Gefahr ist
ja noch grösser als ich dachte, und gehandelt muss werden.«
    »Dann geh ich mit Ihnen. Sie können nicht so allein hin früh am Morgen,«
versetzte Vittoria.
    »Nein, nein, zu zweien kann man schon schwerer unbemerkt bleiben. Sei
unbesorgt; die Amadei schläft lange, bis die aufsteht, bin ich zurück. Es wird
mir nichts begegnen, ich habe Mut; ein solches heiliges Ziel macht uns furchtlos
und solch ein Unternehmen steht im Schutz der ewigen Mächte, die doch am Guten
mehr Gefallen haben als am Bösen.«
    Vittoria fühlte sich immer von einer ehrfurchtsvollen Scheu befallen, wenn
das junge Mädchen so sprach. »Sie ist dann ganz wie eine Heilige,« sagte sie,
als sie ihrem Bruder einmal von der Signorina erzählte; »sie sieht dann aus, wie
wenn sie gen Himmel fahren würde.«
Waldemar hatte den Brief der Herzogin erhalten, in dem sie ihm die Zusammenkunft
in San Giovanni e Paolo bot.
    Dass er hingehen müsse, war ihm zweifellos, nur wusste er nicht, wie es
einzurichten sei, ohne dass seine Begleiter aus der ungewohnten Stunde Verdacht
schöpften. Er hatte sich schon herabgelassen, seinen Kammerdiener soweit ins
Vertrauen zu ziehen, dass dieser ihm die Briefe, die Beppo brachte, in sein
Schlafzimmer bringen musste, wenn er allein war, indem er vorgab, es sei wegen
eines Geheimnisses, das ihm allein anvertraut sei und von dem auch die Herren
nichts wissen dürften. Der Diener hatte sich diskret gläubig gezeigt, war auch
wohl, wie es die Natur solcher Leute ist, froh, zum Vertrauten da gemacht zu
werden, wo sogar der Professor es nicht war. Es kostete Waldemars reinem und
stolzem Sinne eine Überwindung, zur Lüge und zur Verstellung seine Zuflucht
nehmen zu müssen, aber er glaubte Giulia alles schuldig zu sein, und die
erwachte Leidenschaft zog ihn von Konzession zu Konzession den Abhang hinunter,
zu Schritten, die er noch vor kurzem als unmöglich von sich gewiesen hätte.
    Endlich beschloss er, den Herren am Morgen durch den Diener sagen zu lassen,
er habe schlecht geschlafen und sei, um sich zu erfrischen, zu frühem
Morgenspaziergang in die Luft gegangen. In erster Morgenfrühe, noch ehe seine
Begleiter aufgestanden waren, verliess er das Hotel, einen breitkrempigen Hut
tief ins Gesicht gedrückt und einen dunklen Mantel umgeschlagen, so dass er eher
einem römischen Landmann als einem vornehmen Kavalier glich. Er konnte übrigens
auch gewiss sein, dass er um diese Stunde keinem Bekannten begegnen würde. Raschen
Schrittes eilte er dem Kolosseum zu, hinter dem sich die bezeichnete Kirche
befindet, denn er wollte keinen Wagen nehmen, was schon einer möglichen
Nachforschung hätte auf die Spur helfen können.
    Als er in die Kirche trat, schien sie ihm zuerst menschenleer; indem er aber
dem Hochaltar zuschritt, bemerkte er in dem Seitenschiff im Schatten einer Säule
eine Frau, wie es schien aus dem Volke, mit einem bunten Tuch über dem Kopf, den
sie tief auf die gefalteten Hände, die auf dem Betstuhl ruhten, gesenkt hielt,
anscheinend im Gebet versunken und achtlos dessen, was um sie vorging. Ein
Laienbruder des Klosters war beschäftigt, eine Seitenkapelle auszukehren, sonst
war kein lebendes Wesen da und es herrschte lautlose Stille. Waldemar stand
einige Augenblicke und sah das Bild über dem Hochaltar an, ein modernes Gemälde,
auf dem der Stifter des Ordens der Passionisten dargestellt ist, wie er in
vollem Ornat zum Himmel fliegt, wo Christus ihn mit offenen Armen empfängt.
    Ungeachtet der stürmischen Gedanken, die ihn beschäftigten, musste er doch
die Achseln zucken über den plumpen Realismus der auf dem Bilde dargestellten
Himmelfahrt und sich sagen:
    »Ist das nicht der Ausdruck dessen, was die Kirche geworden ist im Lauf der
Zeit? Aus der idealen Gemeinschaft von Wesen, verbunden durch brüderliche Liebe,
edle Sittlichkeit und geistiges Streben, herabgesunken zu der materiellsten
Deutung hoher Probleme, zum erbitterten Streit um irdisches Gut, zu einem
Kampfplatz der Parteien.« Er hatte nicht Zeit, es auszudenken, denn hinter ihm
ertönten Schritte und das Rauschen eines Frauengewandes, und als er sich rasch
umwendete, stand eine hohe Frauengestalt vor ihm, den Kopf und das Antlitz so
dicht von einem schwarzen Schleier bedeckt, dass man die Züge des Angesichts
nicht unterscheiden konnte, nur das Funkeln dunkler Augensterne drang auch
selbst durch die dichte Hülle, eine Hand streckte sich ihm entgegen und eine
wohlbekannte Stimme flüsterte: »Waldemar.«
    »Giulia,« sagte er und zog die dargereichte Hand an seine Lippen, »wagen Sie
nicht zu viel? Wenn man uns hier träfe, ich bin voll Angst für Sie.«
    »Sei unbesorgt, Geliebter,« erwiderte die Herzogin; »Marietta ist draussen
vor der Kirche und benachrichtigt uns, wenn etwas Gefahrbringendes naht. Komm in
das Seitenschiff, aus übergrosser Vorsicht, dort können wir ruhig reden, ich habe
dir soviel zu sagen.«
    Sie betraten das Seitenschiff, in dem die Beterin in unveränderter
Versunkenheit kniete. »Sieh, da ist jemand,« sagte Giulia.
    »O, das ist ein armes Weib, das schon hier kniete, als ich kam,« versetzte
der Prinz, »die ist so versunken, ihre Gebete herzusagen, dass sie uns nicht hört
und sieht. Dort drüben im anderen Seitenschiff ist der Laienbruder, der könnte
eher auf uns achten.«
    Giulia schlug den Schleier zurück und in der anmutigen Umrahmung der Spitzen
erschien das schöne Antlitz mit neuem Reiz begabt. Sie heftete einen langen,
feurigen Blick auf Waldemar und sagte halblaut, doch so, dass ihre Worte in der
tiefen Stille ringsum von der Beterin, deren Gegenwart sie nicht mehr beachtete,
gehört werden konnten: »Waldemar, meine Liebe zu dir ist so gross, dass ich ihr
alles opfere, Ehre, Namen, Stellung; ich kenne nur noch ein Glück: mit dir
vereint zu sein, dir ganz und für immer anzugehören. Die Liebe ist das supreme
Gesetz des Lebens, vor ihr sinkt alles in Staub, ist nichtig, wertlos. Die
Eifersucht des Herzogs wird täglich grösser, jemehr er fühlt, dass mein Herz
unrettbar sich von ihm entfernt. Er bewacht jeden meiner Schritte und ich habe
mich heute nur entfernen können, weil ich ging, als er und beinah das ganze Haus
noch schlief und ich, falls er fragen sollte, beim Portier zurückliess, ich sei
zur Frühmesse nach Maria del Popolo.«
    Sie waren das Seitenschiff entlanggegangen, so dass die Beterin nicht mehr
verstand, was sie redeten, aber jetzt kamen sie zurück und sie vernahm wieder,
dass die Herzogin sagte:
    »Ich bin entschlossen, bist du es auch, Waldemar?«
    »Wie wäre ich soviel Liebe wert, wenn ich nicht auch alles vergässe, um dich
aus unwürdigen Banden zu erlösen und dir das Glück der Liebe zu bereiten, das du
ersehnst,« erwiderte der Prinz; »ich werde auch einen harten Kampf zu kämpfen
haben; das traurige Los meines Bruders, eine Ehe aus Politik eingehen zu müssen,
stand auch mir bevor; du rettest mich davor, aber zu Hause wird man sich dagegen
auflehnen, wird mir die Staatspflichten entgegenhalten, denen man das Herz
opfern muss, wird alle Vorurteile ins Feld bringen, um mich zu bekämpfen.«
    »Und bin ich es nicht wert, eine Krone zu tragen?« fragte die Herzogin,
indem sie den schönen Kopf stolz zurückwarf, so dass ein Sonnenstrahl, der durch
das Kirchenfenster schien, sie wie eine Glorie umgab.
    »Keine Krone hat je ein schöneres Haupt geziert,« rief Waldemar voll Feuer;
»o, meine Königin, ich folge dir, wohin es sei.« Sie entfernten sich wieder, so
dass der weitere Verlauf ihres Gespräches unhörbar wurde. Noch eine Weile blieben
sie im Grunde des Seitenschiffes nahe aneinandergeschmiegt und flüsternd stehen,
dann riss sich die Herzogin los, verhüllte das Antlitz wieder mit dem Schleier
und schritt dem Ausgang zu, an dem Marietta sich zeigte, um zu mahnen, dass die
Stunde schon vorgeschritten sei und dass sich schon Menschen in der Gegend
zeigten. Auf Umwegen eilten sie zur Stadt zurück, wo sie einen Wagen nahmen, um
in den Palast zurückzufahren.
    Waldemar blieb noch einige Augenblicke in der Kirche, um ihnen Zeit zu
geben, sich zu entfernen. Ein Sturm tobte in ihm, denn wenn er in Gegenwart der
Herzogin, hingerissen von ihrer Schönheit, von der Gewalt der ersten
Leidenschaft und berauscht von der Glut, mit der sie ihn umfing, alles gelobte
und alles zu wagen bereit war, so türmten sich, sobald sie schied und er zur
Besinnung kam, die Schwierigkeiten so riesengross vor ihm auf, dass ihn
schwindelte und er fast bereute, so weit gegangen zu sein. Indes zurück konnte
er nicht, das hätte ihm der schändlichste Verrat an Giulia geschienen, und dann
lockte ihn auch wieder ein jugendliches Wagen, für dessen Ausgang er dem
Schicksal vertrauen wollte. Endlich schritt auch er langsam das Seitenschiff
entlang, der Kirchentür zu; da fiel ihm die Beterin auf, die noch immer
unbeweglich an ihrem Platze kniete. Es schien ihm jetzt, als höre er sie leise
schluchzen. Voll Mitleid blieb er stehen und dachte: sie hat wohl einen grossen
Schmerz oder gar eine grosse Schuld, die sie hier so trostlos im Gebet zu stillen
oder zu sühnen sucht. Schon griff seine Hand in die Tasche, um Geld
hervorzulangen und neben sie zu legen, wenn vielleicht Mangel sie bedrückte,
doch sah er nun, dass sie nicht so gar ärmlich gekleidet war, wie er anfangs
gemeint hatte, und so unterliess er es; aber ohne zu überlegen, nahm er den
Veilchenstrauss, den ihm Giulia gegeben hatte, legte ihn still auf das Betpult,
auf dem der Kopf der Beterin, das Gesicht in die Hände vergraben, ruhte, und
verliess die Kirche.
Vittoria ging unruhig in ihrer Bottega hin und her, trat öfter auf die Strasse
hinaus und schaute aufmerksam in die Ferne, als erwarte sie jemand, und kehrte
dann immer mit dem Ausdruck der Enttäuschung auf dem Gesicht in den Laden
zurück, antwortete einigen frühen Käufern, die sich mit frischer Ware versehen
wollten, ganz verkehrt, so dass diese sie auslachten, und war offenbar nicht in
ihrer gewöhnlichen, ruhigen Stimmung. Endlich schien sie das Ersehnte zu
erspähen, sie ging ein paar Schritte aus dem Laden der Nahenden entgegen und
sagte: »Die heilige Jungfrau sei gelobt, da sind Sie.«
    »Ist die Amadei schon auf? Sonst komm mit in mein Zimmer, dass ich dir alles
sage, dir, meiner einzigen Vertrauten,« lispelte Rosa mit halberstickter Stimme,
lehnte sich erschöpft an die Mauer und riss das bunte Kopftuch ab, das sie in der
Kirche unerkannt gemacht hatte. Sie hielt einen Veilchenstrauss in der Hand und
presste ihn mit einer heftigen Bewegung ans Herz. Ihr Atem ging schnell und
stossweise und tödliche Blässe bedeckte ihr Gesicht.
    »Ach, liebe Signorina, Sie werden sich töten, und weshalb? für wen? Was
können Sie tun? Wenn die Herzogin ihn liebt und er sie, wie wollen Sie es
hindern?« fragte Vittoria, indem sie liebevoll mit einem Tuch die Schweisstropfen
von Rosas Stirn trocknete.
    »Und haben Sie denn etwas gesehen und gehört?« fragte sie weiter, als Rosa
noch immer nicht reden konnte.
    »Wohl, wohl habe ich gesehen und gehört,« sagte Rosa endlich, »und mehr als
je weiss ich, dass ich ihn für seine Ideale retten muss. Und wenn es nicht gelingt
und ich dabei untergehe, so ist das gut, denn ich habe dann um einen edlen Preis
gekämpft, ohne den das Leben wertlos ist. Aber komm, komm mit mir, dass ich dir
alles sage.«
    Vittoria rief die Nachbarin, dass sie das Geschäft einen Augenblick besorge,
und folgte Rosa in ihr Zimmer. Die Amadei schlief noch und ihr lautes Schnarchen
verkündete, dass der Morgenschlaf noch tief sei. Rosa berichtete nun das Erlebte
und sagte zum Schluss: »Sag selbst, wie soll das werden, wenn er mit ihr
entflieht, wie trostlos werden die Seinen, wird sein Land sein, die in ihm einen
idealen Herrscher erhofften? - Sie sagte: Die Liebe ist das stärkste Gesetz,
neben ihr ist alles wertlos, nichtig, gilt keine Pflicht - ich glaube es nicht;
ich glaube, das ist die egoistische Liebe, die nur an sich denkt; es gibt aber
auch eine andere Liebe, die edler ist, die sich opfern kann für den Geliebten,
für ihn sterben kann, wenn es sein muss, ihm entsagen kann, um ihn seiner
höchsten Bestimmung zu retten, und das ist die wahre Liebe. O, Vittoria, ich war
ein unerfahrenes Kind bis hierher, jetzt bin ich gereift und das Leben ist mir
klar geworden. Ich weiss es jetzt, es kommt für einen jeden die Stunde, wo er
wählen muss zwischen dem Egoismus, der nur sich selbst als Endziel hat, und dem
Ideal, das uns möglicherweise Entsagung und das Opfer unseres Selbst auferlegt.
Und ich habe gewählt in dieser Morgenstunde; während sie den Traum der
egoistischen Liebe zusammen träumten, habe ich mein Herz zum Opfer dargebracht
für ihn.«
    Vittoria verstand nur halb den ganzen Sinn der Rede, aber sie stand wieder
in andächtiger Bewunderung und Ehrfurcht vor dem jungen Mädchen, das ihr
abermals wie eine Heilige erschien, dem nur die Flügel fehlten, um sich von der
Erde, die seiner nicht wert sei, zu erheben. Sie faltete unwillkürlich die Hände
und Tränen der Rührung rannen über ihre Wangen, während sie das liebliche
durchgeistigte Antlitz Rosas betrachtete. Als diese schwieg, schüttelte sie
leise das Haupt und sagte wie für sich: »cara, cara!« Und dann sich an Rosa
wendend, fragte sie ganz zaghaft: »Aber was wollen Sie tun? Wenn er - der Prinz
- doch selbst einwilligt?«
    »Ihn an seine Ideale mahnen,« sagte Rosa; »auch er muss entsagen, muss opfern
lernen, auch er muss wählen, und wenn er fern von ihr ist, wird er seinen
Schutzgeist segnen, der über ihm wachte und ihn für seine höhere Aufgabe
rettete. Ich könnte ja seine Freunde benachrichtigen und warnen, aber das sähe
aus, als hätte ich spioniert, und er würde mich vielleicht verachten und an der
Reinheit meiner Motive zweifeln, und dann wär es auch nicht seine freie Wahl,
und er würde denen zürnen, die ihn zum Aufgeben zwangen, und mit Verlangen an
das Aufgegebene zurückdenken. Aber wenn er aus sich den Sieg erringt, so wird er
im Opfer selbst seinen Lohn finden. Sorge du nur, dass Beppo uns von allem
unterrichtet, was er von Marietta erfährt, denn da sie im Vertrauen von der -
ihrer Dame ist, so wird sie es wissen, wenn ein entscheidender Schritt
geschieht.«
Der Prinz war indessen mehrere Stunden umhergeirrt, einem qualvollen Zwiespalt
in sich zur Beute. Er war entschlossen, alles Weltliche für Giulia hinzuwerfen
und zu wagen, und hierzu trieb ihn nicht nur die entfachte Leidenschaft, sondern
es schien ihm auch, als fordere es die Ehre von ihm, dieser Frau, die sich ihm
vertrauend in die Arme warf, Wort zu halten und nicht weniger grossmütig zu sein
als sie, die doch auch jede weltliche Rücksicht hingab um der Liebe willen. Aber
nun, so nah vor einer endlichen Entscheidung, die seiner ganzen Jugend eine
veränderte Richtung geben müsste, die sogar seine Zukunft ernstlich gefährden
könnte, trat alles, was sich schon früher Giulias Anziehungskraft in ihm
widersetzt hatte, mit verdoppelter Stärke hervor; und er fühlte sich hin- und
hergetrieben von gleichstarken Gewalten, die, welcher auch der Sieg gehören
mochte, ihm zugleich eine schmerzliche Niederlage und lange, tiefe Reue zu
hinterlassen drohten. Zunächst machte ihm auch der Gedanke an seine Begleiter
Angst und Sorge. Es fiel ihm erst jetzt ein, welche schwere Verantwortung sie
treffen würde, wenn er entflohen sei, und welcher Schmerz es für den alten
Lehrer sein würde, den geliebten Zögling so gegen die von ihm gepflegten
Grundsätze handeln zu sehen, obgleich Waldemar es sich durchaus nicht
eingestand, dass Tadelnswertes in seinem Vorhaben sei.
    »Es sind nur andere als unsere Begriffe im Norden; es ist das allmächtige
Recht der Liebe, das im Süden herrscht wie das allmächtige Recht der Sonne,«
sagte er zu sich selbst; »es ist die schöne Freiheit der Natur, anstatt des uns
im Norden künstlich auferlegten Gesetzes pflichtgemässer Beschränkung, so sagt
Giulia, und hat sie nicht recht? Haben nicht die schönsten Blütezeiten der
Menschheit dieses Vorrecht der freien Natur gerechtfertigt, Griechenland, Rom,
ja auch die Renaissance? Lähmt nicht das traurige Entsagen die freudige
schöpferische Kraft in uns, die uns erst zu ganzen Menschen macht?«
    Aber trotz dieser und ähnlicher Sophismen beruhigte sich sein Gemüt nicht,
und jemehr er sich seinem Hotel näherte, desto langsamer wurde sein Schritt, wie
um den peinlichen Moment des Zusammentreffens mit den Begleitern
hinauszuschieben. Endlich aber musste es doch sein, und er traf sie sichtlich
beunruhigt über sein langes Ausbleiben.
    »Hätte ich es nur geahnt, dass Sie einen so frühen Ausgang beabsichtigten,
Prinz, ich wäre ja mit tausend Freuden bereit und zu Ihrem Befehl gewesen,«
sagte Raden.
    »Ich wollte Sie Morpheus' Armen nicht entreissen, lieber Raden; ich weiss, Sie
lieben diesen Freund, namentlich morgens,« versetzte der Prinz und versuchte
sich durch Scherz ein möglichst unbefangenes Äusseres zu geben. Des Professors
Antlitz aber heiterte sich nicht auf, sondern nachdem er sich hatte versichern
lassen, dass der Prinz sich wieder ganz wohl fühle und erfrischt durch Luft und
Gehen, hub er an: »Aber ich habe Ihnen leider eine betrübende Mitteilung zu
machen; ich bekam heute früh Briefe aus der Heimat und erfuhr, dass Ihre
durchlauchtige Mutter erkrankt ist.«
    »Meine Mutter? Doch nicht bedenklich?« rief Waldemar voll Schreck, indem nun
die ganze verhaltene Aufregung sich ohne Zwang auf seinem Gesicht malte.
    »Leider scheint es ziemlich ernst zu sein,« fuhr der Professor fort; »der
Hofmarschall, der mir schreibt, meldet mir sogar, dass man möglicherweise Ihre
schleunige Rückkehr wünschen könne.«
    »Mein Gott, mein Gott, wär's möglich! Meine Mutter - und jetzt von hier
gehen!« rief Waldemar aus und erschrak über die letzten ihm in der Angst
entschlüpften Worte, da sich ihm augenblicklich Giulias Plan und sein ihr
gegebenes Wort vor die Seele stellte. Er schritt im Zimmer auf und ab, unfähig,
sich zu fassen. Raden und der Professor hatten einen raschen Blick miteinander
gewechselt; die Nachricht von der Erkrankung der Mutter war zwar wahr, aber die
Vorbereitung auf eine mögliche Zurückberufung war infolge eines Briefes Holbergs
an den Vater Waldemars erfolgt. Der Professor, der regelmässig seine Berichte
über den Verlauf der Reise und alles, was den Prinzen betraf, einschicken musste,
hatte es nach reiflicher Überlegung und mit Zustimmung Radens doch für seine
Pflicht gehalten, den alten Fürsten auf die Leidenschaft des Sohnes für eine
hochgestellte verheiratete Frau aufmerksam zu machen, deren wachsende Stärke den
Augen der beiden Herren nicht entgehen könne und gegen die bereits ihr Einfluss
ohnmächtig sei. Diese Verhandlung blieb natürlich Geheimnis zwischen dem
Fürsten, Holberg und Raden, und deshalb erwähnte der Professor nicht, dass es ein
Schreiben des Fürsten selbst sei, das er empfangen habe und worin ihm dieser
auftrug, den Sohn auf eine möglichst schnelle Rückkehr in der schonendsten Weise
vorzubereiten.
    Nach einer kleinen Pause, während Waldemar völlig fassungslos im Zimmer auf
und ab ging und endlich am Fenster stehen blieb, den Rücken nach seinen
Gefährten gewandt, hub der Professor wieder an: »Beunruhigen Sie sich nicht zu
sehr, lieber Prinz; hoffen wir das beste; jedenfalls ist vorläufig nichts zu
tun, als die nächsten Nachrichten abzuwarten und daher alle Ausflüge, zu denen
allerdings jetzt die Zeit gewesen wäre, bis auf weiteres zu verschieben.
Nachrichten werden sehr bald kommen, ich habe auch bereits geschrieben und
gebeten, dass man umgehend wieder schreibt.«
    »Ja, ich will auch gleich schreiben,« versetzte Waldemar hastig und eilte in
sein Zimmer, wie erleichtert, durch irgendeine bestimmte Handlung der Qual der
Gedanken zu entgehen, die auf ihn einstürmten.
    »Es ist eine radikale Kur, aber sie wird helfen,« sagte Raden, als er mit
Holberg allein war; »es ist wirklich, glaube ich, höchste Zeit, denn ich will
Ihnen noch etwas neues sagen, lieber Professor. Ich glaube, es geht da ein
geheimer Briefwechsel vor sich; denken Sie nur, vorhin trete ich aus dem
Lesezimmer unten auf den etwas dunklen Korridor hinaus und sehe in einer Ecke,
hinter der Tür, die in den Hof führt, den Kammerdiener im Gespräch mit jemand,
den ich nicht sehen konnte, weil ihn die Tür verbarg. Aus Scherz, denkend, ich
ertappe ihn da auf einem verliebten Zwiegespräch mit einer der hübschen Zofen im
Hotel, gehe ich leise hinter ihn und sage: Sie, Friedrich, was machen Sie denn
hier? Er fährt zusammen, als hätte man ihn auf einem Diebstahl ertappt, steckt
eilig einen Brief, den er in der Hand hielt, in die Tasche und sprach verlegen:
Ah, Herr Baron, ich sprach da nur ein wenig mit dem Burschen, um mich in der
italienischen Sprache zu üben. Ich sah nun, dass es allerdings ein echt
italienischer, schwarzäugiger Bursch war, mit dem er sprach, aber die
auffallende Verlegenheit Friedrichs und das rasche Verbergen des Briefes waren
mir etwas verdächtig, ebenso wie die abgelegene Ecke, in der die Verhandlung
geführt wurde; auch schien mir, was ich rasch mit einem Blick bemerkte, der
Brief zu zierlich und fein zu sein, um ihn an Friedrich gerichtet zu glauben.
Ich ging natürlich weg, um keinen Argwohn zu zeigen, und sagte nur lachend:
Wählen Sie sich doch einen helleren Ort zu Ihren Studien.«
    »Das wäre allerdings schlimm, wenn es schon so weit gekommen wäre, dass
Waldemar sich herablässt, mit dem Diener solche Dinge zu betreiben,« sagte
Holberg und schüttelte traurig den Kopf. »Ich kann's nicht glauben.«
    »Ach, lieber Holberg, wohin bringt eine solche Sirene mit solchen Augen
nicht ein junges, zum erstenmal entflammtes Herz!« versetzte Raden seufzend.
»Für mich sind es tempi passati, aber begreifen tue ich alles bei einer Frau wie
Giulia.«
    Wirklich hatte auch der Prinz kaum sein Zimmer betreten, als der Diener
erschien und mit geheimnisvoller Miene wieder einen Brief überreichte, sich
natürlich wohl hütend, etwas von dem Zusammentreffen mit Raden zu erwähnen, da
es ihn hätte darum bringen können, Mitwisser eines Geheimnisses zu sein, worauf
er doch sehr stolz war. Waldemar fühlte sich stets innerlich gedemütigt, wenn er
die Briefe aus der Hand des Dieners nehmen musste, in der Aufregung aber, in der
er sich jetzt befand, war es ihm peinlicher denn je, und er empfand es fast
unmutig, dass Giulia schon wieder schrieb, ihn schon wieder den Vermutungen einer
Bedientenseele aussetzte, nachdem sie doch vor wenigen Stunden zusammen
gesprochen hatten. Rasch riss er das duftende Kuvert auf; der Brief entielt
folgendes:
»Geliebter meiner Seele, die Entscheidung naht schneller, als ich dachte, und
deshalb muss ich gleich schreiben, obwohl ich noch umfangen bin vom Zauber Deiner
Gegenwart. Ich weiss nicht, ob der Herzog doch Verdacht geschöpft hatte wegen
meines Morgenausgangs, aber kaum war ich zurück, so trat er bei mir ein mit
jenem Ausdruck eisiger Ruhe, den er annimmt, wenn er besonders aufgeregt ist und
einen unwiderruflichen Vorsatz gefasst hat. Ich kenne diesen Ausdruck, und sobald
ich ihn sehe, regt sich in mir schon der Geist des Widerspruchs, denn ich will
mich keiner despotischen Gewalt unterwerfen. Jetzt erklärte er mir, er finde
mich seit einiger Zeit so aufgeregt, schlecht aussehend, befürchte eine
Krankheit und habe deshalb aus zärtlicher Fürsorge beschlossen, mich auf einige
Zeit nach Sizilien zu meiner Schwester zu führen, die bei Palermo auf einer
herrlichen Villa mit einer zahlreichen Familie wohnt. Das werde mir gut tun,
sagte er, die Luftveränderung und der Familienkreis. Ich erwiderte, ich bedürfe
das nicht, ich fühle mich vollkommen wohl und ich wünsche zu bleiben. Nein,
sagte er, es sei schon alles vorbereitet, er habe bereits an meine Schwester
geschrieben und uns angemeldet, den Dienern schon alle Befehle gegeben, er lasse
mir den folgenden Tag, um meine Anordnungen zu machen, um Marietta packen zu
lassen, und übermorgen früh würden wir abreisen; unwiderruflich, setzte er
hinzu, mit einem Blick, der zaghaftere Naturen als mich mit Schrecken erfüllen
müsste; er sei verantwortlich für mein leibliches und geistiges Wohl, und für
gewisse moralische Krankheiten gebe es kein sichereres Mittel als Entfernung,
Wechsel der Szenerie und der Umgebung. Mit milderem Ton sagte er dann noch, mein
Bestes sei seine teuerste Sorge und ihm ebenso teuer wie seine Ehre. Mit diesem
sehr betonten Wort, dessen versteckte Bedeutung nicht zu verkennen war, verliess
er mich. Ich schwieg stolz und verächtlich. Sein Entschluss ist unwiderruflich,
der meine auch; der Krieg ist zwischen uns erklärt, wir wollen sehen, wer Sieger
bleibt. Jetzt hoffe ich auf Dich, Geliebter, Du hältst mir Wort. Übermorgen früh
will mich der Herzog fortführen, morgen abend entfliehen wir. Du führst mich in
irgendeinen glückseligen Schlupfwinkel, wo wir die Welt vergessen im
überschwenglichen Glück. Ich bereite alles hier vor; morgen abend ist das grosse
Fest bei den Colonna.
    Der Herzog hat fest versprochen, dort zu sein. Im letzten Augenblick erkläre
ich wegen starken Kopfwehs nicht mitzukönnen, da ich am andern Morgen reisen
solle, denn ich bin scheinbar in seinen Plan ergeben. Du musst auch dort sein,
damit Deine Abwesenheit keinen Verdacht erregt. Unbemerkt verschwindest Du von
dort und lenkst mit einem Wagen in die kleine dunkle Seitengasse neben meinem
Palast, um Mitternacht, wenn die Dienerschaft zum grössten Teil schon schläft.
Dort finde ich Dich. Der Herzog wird mich schlafend wähnen, wenn er zurückkommt,
und mein Zimmer nicht mehr betreten, und wenn er mich am Morgen sucht, sind wir
weit. Wegen Deiner Begleiter haben wir ja schon alles besprochen und so bleibt
nichts übrig, als uns dem Schutze des Gottes zu empfehlen, der Liebende
zusammenführt und beschützt, denn legitim ist nur die Liebe, und was sie tut,
ist wohlgetan. Ich bin voll frohen Mutes, es wird gelingen, und mein Herz eilt
schon auf Flügeln der Hoffnung der Seligkeit entgegen, Dein zu sein auf ewig.
                                                                        Giulia.«
Waldemar liess das Blatt fallen, sank in einen Sessel und bedeckte das Gesicht
mit beiden Händen. Was in seinem Herzen vorging, grenzte an Verzweiflung und war
gewiss weit von dem, was die Herzogin nach Empfang ihres Briefes von ihm erwarten
durfte, denn sie ahnte nicht, dass nur in ihrer Gegenwart ihre Zauber allmächtig
waren, dass aber fern von ihr alles, was gegen sie stritt, hervortrat, nun noch
vermehrt durch die Nachricht von der Erkrankung der Mutter. Endlich ging ihm
eine Möglichkeit auf, alles zu vereinen, denn der Herzogin sein Wort nicht zu
halten, schien ihm unmöglich. Um mit raschem Entschluss sein Gemüt zu beruhigen
und die zum Handeln nötige Kraft zu gewinnen, schrieb er einen Brief an Holberg,
den er zurücklassen wollte, der seine Flucht erklären und dessen und Radens
Verfahren bestimmen sollte. Er wollte mit Giulia in einen kleinen Ort im
Venetianischen, nahe der Grenze, flüchten und dort der Nachrichten aus der
Heimat harren; die beiden Herren sollten ebenfalls gleich von Rom aufbrechen,
hier die Nachricht verbreiten, der Prinz habe eilig in die Heimat zurückgemusst,
und voraneilen, um die Eltern auf das Geschehene vorzubereiten und milde zu
stimmen. Er beschwor den Lehrer, ihm nicht zu zürnen, berief sich auf die
Allgewalt der Liebe und schilderte die Leiden der Ehe Giulias und ihre
unbesiegbare Liebe zu ihm mit so glühenden Farben, dass er hoffte, des Professors
Herz dadurch zu rühren, ja, er fügte hinzu, dass er bereit sei, um Giulias willen
seinen Ansprüchen auf den Tron zu entsagen, wenn sie sich nicht mit dieser
Liebe vereinen liessen. Er schrieb lange Zeit an diesem Brief und fühlte sich
danach etwas ruhiger, wie es immer zu gehen pflegt, wenn in verwickelten Lagen
endlich ein Entschluss gefasst ist. Er dachte dann nur daran, die nötigen
Vorbereitungen im geheimen zu treffen, wobei allerdings der Diener wieder der
Vertraute sein musste, und dann zwang er sich, mit seinen Begleitern so
unbefangen als möglich den Rest des Tages hinzubringen, die seine ernste
Stimmung diesmal in vollem Vertrauen für eine Folge der Nachrichten aus der
Heimat nahmen. So kam der Tag der Entscheidung. Waldemar hatte alle
Vorbereitungen mit Hilfe des Dieners getroffen und begab sich am Abend
anscheinend ruhig, aber innerlich in tiefer Erregung, mit den Begleitern zu dem
Fest der Fürstin Colonna.
    Die herrlichen Räume des Palastes waren von einem Lichtmeer erhellt, und
durch die Fenstertüren des letzten grossen, zweiundachtzig Meter langen Saales,
zu denen man einige Stufen hinaufsteigt, sah man in den von bunten Lampen
magisch erleuchteten Garten, wohin man auf Brücken, die über die Strasse gehen,
gelangt. Die ganze vornehme, elegante, gebildete Gesellschaft Roms bewegte sich
in den glänzenden Gemächern und bildete mit ihnen einen Anblick von solcher
Pracht und Schönheit, dass jedes unbefangene Gemüt sich daran hätte erfreuen
müssen. Aber Waldemar hatte in seiner Aufregung keinen Sinn für die poetische
Pracht des Festes; seine Augen suchten unruhig nach der einen, deren Schicksal
sich in dieser Nacht noch mit dem seinen in folgenschwerem Bund vereinen sollte,
denn er besorgte, dass sie ihren Plan, vom Fest fernzubleiben, nicht habe
ausführen können. Mit einer nicht zu sagenden Mischung von Widerwillen, innerem
Vorwurf und voll Beschämung sah er sich daher plötzlich dem Herzog gegenüber,
der mit einem an ihm ganz ungewöhnlichen Lächeln auf ihn zukam und ihn auf das
höflichste begrüsste. »Es freut mich, Hoheit, Sie hier zu finden,« sagte der
Herzog; »so kann ich mich hier von Ihnen verabschieden; wir reisen morgen nach
Sizilien; Donna Giulia bedarf der Erholung, wir gehen zu ihrer Schwester für
einige Zeit.«
    »Die Herzogin ist hier heute abend?« brachte der Prinz mühsam hervor, nicht
fähig, dem Sturm in seinem Innern zu gebieten.
    Um die Lippen des Herzogs spielte ein ironisches Zucken, doch versetzte er
mit völliger Ruhe: »Nein, sie wurde durch heftiges Kopfweh verhindert, zu
kommen, und wird es sehr bedauern, Ihnen, Prinz, nicht Lebewohl gesagt zu haben;
ich hoffe aber, wir finden Sie bei unserer Rückkehr noch hier.«
    In dem Augenblick trat der Kardinal auf die beiden zu und nachdem er den
Prinzen begrüsst hatte, sagte er, zum Herzog gewendet: »Aber, lieber Herzog, wo
ist Donna Giulia? Trotz aller Lichter hier scheint es dunkel, wenn die Sterne
ihrer Augen fehlen.«
    »Giulia hat recht; sie sagt immer, dass Eminenz ein Dichter sind,« versetzte
der Herzog lächelnd; »sie war leidend heute abend und da wir morgen früh reisen,
wollte sie sich ausruhen.«
    Es entstand eine Bewegung unter den Gästen, und aller Augen richteten sich
nach der Estrade im Grunde des Saales, von der aus man in den Garten gelangt und
auf der eben eine zarte Erscheinung in weissem Gewand allein hervortrat.
    »Ah, sieh da, unsere Improvisatrice!« rief der Kardinal; »es kann ja kein
Fest mehr in Rom sein, wo das holde Geschöpf fehlt. Man trägt sie förmlich auf
den Händen. Ich sehe es noch kommen, dass wir sie auf dem Kapitol werden krönen
müssen wie Corilla Olympica im vorigen Jahrhundert, obgleich sie zu mädchenhaft
zart und schüchtern für öffentliche Ehren ist.«
    »Ich will ihr heute ein Tema geben,« sagte der Herzog; »man gibt ihr immer
nur so weichliche Gefühlssachen: heute soll sie mal zeigen, ob sie grössere
tragische Temen zu behandeln versteht.«
    Raden kam eben, um den Prinzen von seiten der Hausherrin auf den Ehrenplatz
in der vordersten Reihe zu holen; den beiden anderen Herren wurden gleichfalls
dort Ehrenplätze angewiesen. Waldemar konnte nicht umhin, rasch zu Rosa
hinzutreten und sie zu begrüssen. Sie erwiderte den Gruss nur mit einer Neigung
des Hauptes.
    »Sind Sie krank, liebe Freundin? Sie sind so bleich!« sagte er besorgt. Sie
sah in der Tat geisterhaft bleich aus.
    »Nein,« sagte sie leise, »ich bin nicht krank, aber -« dabei erhob sie den
gesenkten Blick zu ihm und dieser Blick traf ihn wie ein brennender Schmerz im
Herzen. Doch sie konnte nichts hinzufügen, denn der Herzog trat auf sie zu und
sagte, sich vor ihr verneigend: »Sie erlauben mir, Madamigella, Ihnen heute das
Tema zu geben; unsere gütige Wirtin hat mich autorisiert, es zu tun.«
    Rosa verneigte sich stumm.
    »Ich gebe Ihnen als Tema: die Erinnyen. Diese, die Ihnen nie werden nahen
können, werden uns durch die Allmacht Ihrer Phantasie hier erscheinen und alle
schuldbewussten Herzen in Schrecken versetzen.«
    »Ah, Sie werden es hoffentlich nicht zu grauenvoll machen, holde Muse,«
sagte die Fürstin Colonna, die eben herzutrat, lächelnd; »wenn auch keine
schuldbewussten Herzen hier sind, wie ich hoffe, so möchten die unheimlichen
Gäste doch den Scherz und die Freude vertreiben, die nach meinem Wunsch hier
herrschen sollen. Herzog, Herzog, warum wollen Sie uns so erschrecken? Möchten
Sie nicht noch wechseln und ein lieblicheres Tema wählen?«
    »Nein, ich bestehe darauf,« versetzte der Herzog, »ich möchte das Talent der
Dichterin gerade in dieser Probe sehen. Sie nehmen mein Tema an, Madamigella?«
fragte er Rosa.
    »Ja, ich bin bereit,« erwiderte diese, und ihre sonst so sanften Augen
hatten einen dunklen Glanz; »ich bitte um einen Augenblick Nachdenken.«
    Die Fürstin lud die Herren ein, zu ihren Sitzen zurückzukehren, und Rosa
stand einige Augenblicke in sich versunken; dann richtete sie sich empor; noch
tieferer Ernst wie gewöhnlich lag auf ihrem Angesicht. »Sie sieht aus wie der
Erzengel Michael, der kommt, Gericht zu halten, es fehlt ihr nur das Schwert,«
flüsterte Raden dem Prinzen zu, hinter dessen Stuhl er stand; er hatte die
Aufgabe des Herzogs gehört. Rosa begann:
                                 Die Erinnyen.
Immer noch schreiten
Zur Nachtzeit
Jene Dunkelen
Über die Erde,
Die ein ehernes Fatum
An die Taten sterblicher Menschen
Mit rächender Vollmacht gebunden.
Aber nicht Schlangenhaar schüttelnd,
Furchtbares Grausen erregend,
Wie sie des Muttermörders
Blutige Spur einst verfolgten,
Nahen sie mehr.
Traurig gesenkten Hauptes,
In graue Schleier gehüllt,
Gleitet lautlos ihr Fuss
Über die nächtige Welt.
Während droben im Äter
In heiterer Klarheit
Ewige Sterne
Freundlich schimmernd glänzen
Gleich den seligen Göttern
Unbekümmert
Um das tränenvolle
Leid der Erdgebornen.
Auch die Menschen,
Die müden,
Hören die Wandelnden nicht;
Nur im Schlaf scheint es ihnen
Wie ein klagendes Rauschen,
Als wenn der Nachtwind
Durch Pinienzweige hindurchfährt.
Aber dem Wissenden,
Der in den Nächten
Einsamen Grames
Mit Geistern verkehren gelernt hat,
Ihm ertönen deutlich vernehmbar
Die klagenden Weisen,
Die jene singen;
Mischen sich traurig
Mit Seufzern der Wehmut,
Die aus dem Herzen
Selber ihm dringen:
»Wehe,« so singen sie,
»Weh den Betörten,
Die götterentfremdet
In dem Vergänglichen
Ängstlich sich mühn,
Von der wahrhaftigen
Ewigen Liebe
Tollkühn sich wenden,
Um im Taumel der Sinne,
Oder in weichlichen,
Unklaren Träumen
Schatten zu haschen.
Wehe dem Dasein,
Wo die heimlichen Tränen
Verwundeter Neigung
Ungesehn fliessen;
Wo heilige Opfer
Vergeblich sich bringen
Und wo am Kreuze,
Nicht nur auf Golgata,
Grossmüt'ge Herzen
Langsam verbluten;
Wo an eherner Kette
Tat und Folge sich halten
Und aus schuldigem Tun
Schuldige Frucht sich erzeugt.
Wehe, wehe der Welt!
Götter starben
Vergeblich für sie,
Ohnmächtig, sie zu erlösen;
Tempel, von der Begeistrung erschaffen,
Stürzten in Trümmer;
Über zerstörte Ideale
Schritt die Zeit
Achtlos hinweg.
Rettung gibt's nimmer,
Denn der furchtbare Gott,
Der sich hier kund gibt,
Knüpft an seine Erscheinung
Ewig die Schuld.
Wir aber, wir müssen es
Traurig vollenden,
Und die Qual, die das Herz nagt,
Ist unser Werk.«
Sie sangen's!
Fern und ferner
Verhallte das Lied,
Verschwebten die Schatten.
Doch oben glänzten
Immer noch Sterne
In heiterer Klarheit.
Mir aber rannen
Vom Auge die Tränen
Endlosen Erbarmens,
Wenn auch der, dem über der Menge
Göttern ähnlich zu tronen bestimmt ward
Und statt vergänglichem Kranz
Erhabner Taten Strahlenkrone zu tragen -
Wenn auch der, unterliegend irdischer Schwäche,
Euch, den dunkelen rächenden Schwestern
Schuldig verfiel.
Die Gesellschaft war unheimlich berührt von dem düstern Gesang, und der Beifall,
den man der Dichterin spendete, war mehr ein Tribut für den Ruhm, den sie sich
bereits erworben, als eine Bewunderung des eben Gehörten, und kühler denn sonst.
    »Sehr gut, sehr gut,« sagte der Herzog und schritt auf Rosa zu, ihr seine
Anerkennung auszusprechen. Diese aber war so geisterhaft bleich geworden, dass
Raden erschrocken rief: »Mein Gott, das arme Kind wird ohnmächtig werden!« und
vorwärtssprang, um sie zu stützen. Auch die Fürstin Colonna war aufgesprungen
und eilte auf die Estrade, aber allen zuvor erschien Waldemar neben Rosa und
indem er zu den übrigen sagte: »Ich bin überzeugt, sie muss in die frische Luft
hinaus, da wird sie sich erholen!« wendete er sich zu der Colonna und fügte
hinzu: »Sie erlauben, Fürstin.« Er bot Rosa den Arm, den diese annahm, und
führte sie über die Brücke in den gegenüberliegenden, von bunten Lampen magisch
erleuchteten Garten.
    »Sie fühlen sich besser in der frischen Nachtluft, Rosa, nicht wahr?« sagte
er. »Ich muss Sie sprechen,« fuhr er fort, »Sie haben nichts dagegen, dass wir uns
in einen der dunkleren Gänge des Gartens begeben, wo wir ungestört reden
können?«
    »Nein, auch ich wünschte Sie zu sprechen,« sagte sie leise und ihr Arm bebte
auf dem seinigen.
    In einem wenig erleuchteten Laubgang hinter einem Lorbeergebüsch fand sich
eine Steinbank, die, ganz im Dunkel, die darauf Sitzenden den Blicken der
Vorübergehenden entzog. Dicht daneben rauschte ein Brunnen in ein marmornes
Becken, dessen Rand von Veilchen eingefasst war, die einen bezaubernden Duft in
die Nacht hinaussandten.
    »Hier lassen Sie uns niedersitzen, Rosa,« sagte der Prinz; »doch Sie sind
leicht gekleidet und drinnen war es warm, wird Ihnen die Kühle nicht schaden?«
    »Nein, nein, sie tut mir gut,« erwiderte sie, obgleich ein leichter Schauder
durch den dünnen Stoff des Kleides ihre Gestalt überflog; sie liess sich auf der
Steinbank nieder und Waldemar setzte sich neben sie und langsam, mit einer
Stimme, in der eine leidenschaftliche Erregung zitterte, sagte er:
    »Rosa, Sie sind mir wert; Sie müssen es wissen, ich achte Sie hoch und an
Ihrer Meinung ist mir gelegen. Ich müsste lügen, wenn ich leugnen wollte, dass ich
in Ihren letzten Improvisationen eine Anspielung auf mich fühlte, freilich nur
mir verständlich, aber mir auch deutlich genug. Diesen Abend waren Sie sogar
drohend, Sie weissagten Reue und sahen mich dem Arm der Rachegöttinnen
verfallen. Wie kommen Sie zu diesen Befürchtungen? Was meinen Sie damit? Ich
verlange Offenheit, wenn ich mich nicht gekränkt fühlen soll.«
    Statt der Antwort legte Rosa etwas in seine Hand, das er nicht gleich
unterschied, aber bei dem schwachen Schimmer, der von den Lampen durch das
Gebüsch drang, erkannte er, dass es ein verwelkter Veilchenstrauss war. Erstaunt
betrachtete er diesen einen Moment lang, ohne zu wissen, was das bedeute; dann
aber blitzte es in seinem Geist auf und betroffen sagte er: »Gott, wär's
möglich? Jene Beterin in der Morgenfrühe in San Giovanni e Paolo - Rosa, Sie?«
Er konnte nicht vollenden.
    »War ich,« sagte sie leise.
    »Und Sie erkannten mich?« fragte er angstvoll.
    »Sie und die - die Sie dort trafen,« fuhr sie leise fort; »ich weiss alles,
weiss, dass Sie am Rande eines Abgrundes stehen, dass Sie zum Verräter an Ihren
Idealen werden wollen, dass Sie, anstatt Ihrem Volke vorzuleuchten als ein
Beispiel hoher männlicher Tugend, ihm den Weg zeigen zum freien Spiel der
Willkür und der Leidenschaft, die, über alles Gesetz und jede Schranke
hinwegschreitend, nur tut, was ihr gefällt.«
    »Rosa,« fuhr er auf, »Mädchen, wie können Sie so sprechen? Was wissen Sie
von der Welt, was von der Macht der Gefühle, die ebenso heilig sind, ja
vielleicht heiliger als die geschriebenen Gesetze einer verderbten
Gesellschaft!«
    »So dachten Sie früher nicht,« fiel sie ihm ins Wort und obwohl sie leiser
sprach, wurde ihre Stimme immer fester; »hier ist nicht die Rede von eitler,
konventioneller Regel, nach der gewöhnliche Menschen handeln; hier ist die Rede
von einem Ideal, dem ein hoher, ein auserwählter Mensch nachstrebt, und das war
für Sie: makellos, vorwurfsfrei auf einen Tron zu steigen und der Menschheit
ein Vorbild reinster Grösse zu sein, ein Held, nicht auf blutigen
Schlachtfeldern, sondern im Kampf mit den Dämonen, die in der eigenen Brust den
Halbgott zu zerstören trachten, der zu sein Sie berufen waren. Sie mussten
siegen! Sie retteten sich und auch - jene andere!«
    »Rosa, spricht nicht aus Ihnen Eifersucht?« sagte er gereizt.
    Rosa zuckte zusammen und schwieg eine Minute lang, dann aber sagte sie voll
Würde: »Wäre das so, dann hätten Sie ein Recht, mich zu verachten; aber weil dem
nicht so ist, darf ich sagen, was ich jetzt bekennen werde. Ja, vom ersten
Augenblick an, wo ich Sie sah, hat Ihnen mein Herz einen heiligen Kultus
gewidmet; ich sah mein Ideal in Ihnen verkörpert, und erst als der Schmerz der
Entsagung mir mit der Erkenntnis der Wirklichkeit klar wurde, verstand ich, dass
das, was mein Herz fühlte, die Liebe sei.«
    »Rosa,« rief der Prinz erschüttert und wollte sie umfassen.
    Sie wehrte ihm sanft und fuhr fort: »Nein, nicht so! Wir sehen uns heute zum
letztenmal. Nach dem, was ich gesagt habe, darf ich Sie nicht wieder sehen. Aber
um so mehr darf ich als Schutzgeist Sie umschweben, darf ich in Ihrem Leben
sein, was Sie himmelan führt und vor den »Erinnyen« bewahrt. Lassen Sie mir das
Glück, lassen Sie mich glauben, dass, wenn einst tausende segnend zu Ihnen als
dem Vorbild aller Tugenden aufsehen, ein Teil dieses Segens auch im stillen auf
mein Haupt zurückfällt.« Sie schwieg, von innerer Bewegung überwältigt.
    Waldemar aber rief: »Ach, Rosa, Sie zerreissen mir das Herz! Ich fühle es,
ich weiss es: Sie haben recht: ich hätte widerstehen, hätte dem Zauber, der meine
Sinne gefangennahm, Einhalt tun müssen, ich war es meinen Idealen, ich war es
den tausenden schuldig, die dereinst von mir ein Beispiel fordern, aber - jetzt
bin ich den Erinnyen verfallen, ich kann nicht mehr zurück - in einer Stunde muss
ich fort mit ihr, die mir alles opfert - sie jetzt verlassen, hiesse auch einen
Treubruch begehen, hiesse ein Herz brechen, das sich mir ergeben, es zurückstossen
in entwürdigende Verhältnisse, es vielleicht einer grausamen Rache preisgeben -
hiesse mein Wort brechen. Meine Ehre fordert, dass ich es halte ...«
    »Nein, nein, das ist ein falscher Begriff,« fiel ihm Rosa ins Wort; »ich bin
jung und kenne die Welt noch wenig, aber mein Herz sagt es mir: es ist ein Wahn,
die grössere Schuld auf sich nehmen, um eine kleinere von sich abzuwenden. O,
lassen Sie mich in diesem letzten heiligen Augenblick die eitle Konvenienz der
Welt von mir werfen: Waldemar ... hören Sie das Wort eines Wesens, das der
Schmerz zur Seherin gemacht hat, der plötzlich alles klar ist: Nein, Sie retten
auch jene Frau, wenn Sie ihr entsagen. Sie ist eine Verlorene in der Welt, der
sie angehört, wenn sie mit Ihnen flieht und vielleicht wird dann die Rache eines
beleidigten Gatten sie ereilen. Kann sie um Ihretwillen, um Sie Ihrer hohen
Bestimmung zu erhalten, ihrer egoistischen Liebe nicht entsagen, dann ist sie
Ihrer nicht wert und Sie dürfen sie ohne Vorwurf verlassen. Ist sie aber ein
echtes, grosses Frauenherz, so wird sie auch in der letzten Stunde umkehren,
sobald sie einsieht, um was es sich handelt, und Sie freigeben. Sie behält die
Achtung der Welt, die Achtung ihres Gatten und vor allem die Achtung vor sich
selbst. Ist das nichts? Es ist viel.«
    »Für ein Herz, das glühend liebt?« sagte Waldemar zweifelnd.
    »Ein Herz, das so liebt, ist zu egoistisch, um zu verbluten,« sagte Rosa
schmerzlich. »Jetzt gehen Sie, noch ist es Zeit, noch können Sie alles wenden.
Wollen Sie es, Waldemar?« setzte sie mit tiefer Innigkeit hinzu. »Wählen Sie, o
wählen Sie und - bleiben Sie Sieger.«
    »Rosa, wenn es noch möglich wäre - Sie sprechen wie mein besseres Selbst, -
wie mein Schutzgeist. Teure, liebe Rosa, wäre ich nur Ihnen allein hier
begegnet.«
    »Die Zeit drängt,« fiel sie ihm ins Wort. »Waldemar, es ist die Stunde am
Ölberg, die für jeden kommt; entscheiden Sie.«
    »Sie siegen, Rosa - ich will's versuchen, ob ich - sie bewegen kann, zu
entsagen - sie wird mich der Schwäche zeihen - mich verachten.«
    »Besser das, als wenn Sie sich selbst verachten müssten,« erwiderte Rosa;
»und ist sie edel, so wird sie sich selbst besiegen und es verstehen. Aber Heil
Ihnen, Prinz, dass Sie so entschieden; nun darf ich mein Ideal in Ihnen lieben
für ewig, und nun - leben Sie wohl! ....« setzte sie mit brechender Stimme
hinzu.
    »Rosa, teures Wesen, ich sehe Sie wieder,« rief Waldemar und ergriff ihre
Hand.
    »Nein, nein,« hauchte sie kaum hörbar und entzog ihm sanft die Hand; »morgen
bin ich fern von hier, eilen Sie.«
    Waldemar wollte schmerzergriffen noch einmal sich ihr nähern; sie wehrte ihm
mit der Hand, ohne reden zu können, und er verliess sie und den Palast, ohne von
jemandem bemerkt zu werden.
    Als sie allein war, sank Rosa nieder auf die Bank und griff mit der Hand
nach dem Herzen, das in heftigen Zuckungen schmerzvoll erbebte. Wie gross die
Anstrengung gewesen war, ihre Kraft zusammenzuhalten während der vorhergehenden
Augenblicke, jetzt war diese zu Ende. Ein vernichtender Schmerz überflutete ihre
Seele, denn so hoch es sie beglückte, dass er den Willen hatte, das Verhängnis
abzuwenden, so beschlich sie doch der grausame Zweifel, ob er die Kraft haben
würde, zu widerstehen, wenn die Herzogin, wie sie vermutete, nicht ablassen
würde von ihrem Sinn. Sie achtete der feuchten Nachtluft nicht, die durch die
leichte Kleidung erkältend auf sie eindrang, sie hatte den Ort vergessen, wo sie
sich befand, und die Zeit, die verstrich; die Dunkelheit und die Einsamkeit, die
sie umfingen, waren ihr willkommen; in ihrem Leben war es auch dunkel geworden
und eine ewige Nacht schien sich über die Welt gebreitet zu haben. Plötzlich
fuhr sie empor, denn es schlugen Stimmen an ihr Ohr und dicht vor ihr, nur durch
das Lorbeergebüsch getrennt, hielten zwei Personen, wie sie nach den Stimmen
vermuten musste, still. Sie vernahm Waldemars Namen und das machte sie
aufhorchen, und bald war der Inhalt des Gespräches, das zwar halblaut geführt
wurde, ihr aber ganz vernehmlich war, derart, dass sie den Atem anhielt und keine
Bewegung machte, um ihre Gegenwart nicht zu verraten.
    »Ist's möglich, so weit war es gekommen, sie wollte mit ihm fliehen?« sagte
die eine Stimme, in der Rosa die des Kardinals erkannte; »aber sind Sie auch
recht berichtet, Herzog? Und wie erfuhren Sie es?«
    »Ich hatte längst die wachsende Leidenschaft Giulias für den jungen Prinzen
bemerkt, die ja auch Ihnen, Eminentissimo, nicht ganz entgangen war, wie Sie mir
mitteilten,« versetzte der Herzog; »natürlich beobachtete ich in der Stille,
führte sie nach Perugia, weil ich dachte, die Entfernung werde helfen; aber sie
verliess Perugia vor mir, wohl in der Hoffnung, hier mit dem Prinzen allein zu
sein. Ich folgte ihr auf dem Fuss und fand abends bei meiner Ankunft, dass der
junge Mann bei ihr war und lange blieb. Nachher ging ich zu ihr und an ihrer
Aufregung, der Entrüstung, mit der sie mich behandelte und mich verliess, sah
ich, dass ich zu energischen Mitteln greifen müsse, um das Äusserste zu verhüten.
Ich wusste, dass sie völliges Vertrauen in ihr Kammermädchen setzte, dass diese
aber ein leichtfertiges Kind sei und bestechlich, auch dass sie einen Liebhaber
habe und gern heiraten möchte. Nun, die gewann ich, obwohl sie erst nichts davon
wissen wollte, ihrer Herrin untreu zu werden. Als ich ihr aber eine reichliche
Aussteuer und ihrem Geliebten eine gute Anstellung auf meinen Gütern verhiess,
ging sie zu mir über und berichtete mir treulich, was vorging. So erfuhr ich,
dass Briefe gewechselt wurden, und endlich, dass eine Zusammenkunft stattfand am
frühen Morgen in einer einsamen Kirche, wo die Möglichkeit einer gemeinsamen
Flucht verabredet wurde; jetzt durfte ich nicht länger zögern; ich bereitete
alles zur Reise nach Sizilien vor und ging, ihr dies in schonender Weise, ihre
Gesundheit als Vorwand nehmend, anzukündigen. Sie protestierte anfangs, schien
aber dann einzuwilligen. Doch erhielt ich Nachricht durch die Zofe, dass ein
Brief eilig an den Prinzen abgeschickt sei und dass der Fluchtplan diese Nacht
zur Ausführung kommen solle. Natürlich habe ich rasch meine Massregeln getroffen.
Wenn die Herzogin zur bestimmten Stunde den Palast verlassen will, hoffend, dies
unbemerkt durch eine Hintertür aus ihren Gemächern und eine Seitentreppe, die in
die enge Gasse neben dem Palast führt, tun zu können, so findet sie jeden
Ausgang verschlossen und zwar so, dass keine Möglichkeit ist, zu öffnen. Hilfe
herbeizurufen, wird sie kaum wagen, da dies die Sache öffentlich machen würde;
doch sollte sie es versuchen, so ist auch dafür gesorgt. Morgen in der Früh
komme ich, sie in den Wagen zu führen, der uns fortbringt nach Neapel und von da
geht's aufs Schiff. Ich weiss, welche Ausbrüche der Leidenschaft, ja des Hasses
mich erwarten; ich muss das über mich ergehen lassen; aber ich kenne Giulia; sie
ist eine heftige, leidenschaftliche, aber auch eine stolze Natur und wenn sie
erst unter dem Einfluss der Schwester und der Freunde eine Zeitlang lebt, wird
sie es mir danken, ihren Ruf vor der Welt gewahrt zu haben, und dass sie als
Herzogin von Santomara wieder ein erster Stern der Gesellschaft sein kann,
anstatt als Mätresse eines jungen Prinzen, bald von diesem verlassen und von der
Welt ausgestossen zu sein.«
    »Schön, schön,« sagte der Kardinal, »das ist schon alles gut eingerichtet,
aber was machen Sie mit dem Prinzen?«
    »Nun, eine kleine Lektion kann dem jungen Herrn nichts schaden,« erwiderte
der Herzog mit einem kurzen, spöttischen Auflachen; »wenn er mit dem Wagen
kommt, wie ihm befohlen ist, so findet er niemanden und kann eine kleine
Nachtwache im Wagen halten; sollte er aber irgendeinen gewaltsamen Versuch
machen, so sind ein paar handfeste Leute in der Nähe, die, ohne zu wissen, wer
er ist, ihm ein kleines Gedenkzeichen geben werden, natürlich leicht heilbar, so
dass das Muttersöhnchen in Frieden zu seinem deutschen Hof zurückkehren kann, mit
dem Vorsatz, künftig unsere schönen Frauen in Ruhe zu lassen.«
    »Hm! Das Ganze kann dann als ein nächtliches Strassenabenteuer angesehen
werden, für das niemand verantwortlich ist,« sagte der Kardinal.
    »Natürlich, und die deutschen Herren werden die ersten sein, die sich
bemühen werden, nichts davon verlauten zu lassen. Aber ich habe Eminenz jetzt
schon zu lange hier draussen aufgehalten; ich suchte nur den einsamen Ort, um
unbelauscht sprechen zu können. Ich eile jetzt nach Hause, alles zu überwachen
und bitte nur, dass Sie, als mein altbewährter Freund, in der Gesellschaft die
Notwendigkeit unserer plötzlichen Reise um Giulias Gesundheit willen vertreten,
damit keine andere Vermutung aufkommen könne.«
    Als die beiden sich entfernt hatten, sprang Rosa auf. Eine tödliche Angst
vor der ihm drohenden Gefahr verdrängte jeden Gedanken an sich selbst und sie
fühlte nur eines: sie musste hin, ihn warnen, retten oder sein Schicksal teilen.
Sie achtete des Schauders nicht, der ihren zarten Körper durchrieselte und eilte
geflügelten Schrittes durch den Garten in den Palast zurück. Auf der Brücke, die
in diesen führt, stiess sie auf Raden.
    »Ah, gut, dass ich Sie finde, Signorina!« rief Raden. »Wissen Sie, wo der
Prinz ist? Ich sah Sie vorhin mit ihm in den Garten gehen; nun such ich ihn und
kann ihn nicht finden!«
    »Fort ist er! Eilen Sie nach Haus; wenn er noch dort ist, lassen Sie ihn
nicht weg oder bleiben Sie bei ihm, ihm droht Gefahr,« flüsterte Rosa und wollte
vorübereilen.
    »Um Gottes willen, was sagen Sie? Was ist geschehen?« fragte Raden
erschreckt und ergriff ihre Hand, sie aufzuhalten. »Wo ist er hin? Wo eilen Sie
hin?«
    »Ach, rasch, rasch, auch ich eile ihm nach, ihn zu warnen«, und lief fort.
    »Was bedeutet das?« sagte Raden zu sich selbst und sah ihr einen Augenblick
betroffen nach.
    »Hat die Liebe diesem Kind den Kopf verdreht oder droht wirklich dem Prinzen
ein Unheil? Aber wie? Woher? Wie weiss sie es? Jedenfalls will ich ihr folgen und
nach Hause eilen. Der Professor ist schon zurück, um zu sehen, ob Nachrichten
aus der Heimat da sind. Das wollt' ich Waldemar gerade sagen.«
    Rosa eilte indes raschen Schrittes durch die Säle dem Ausgang zu, ohne nur
an ihre Begleiterin zu denken, die sich am Büfett bei Süssigkeiten und Gefrorenem
gütlich tat. Mehrere der jungen Kavaliere, die Rosa immer huldigend
umschwärmten, wollten sich ihr nahen, ihr Erfrischungen anzubieten oder
Schmeicheleien zu sagen; sie flog aber an ihnen vorüber, ohne auf sie zu achten
und verschwand im Vorzimmer. Mit spöttischem Lächeln sagte einer von ihnen, als
mehrere ihre Verwunderung über dies Benehmen äusserten: »Nun, die kleine Diva
wird wohl eine aufregende Szene mit ihrem Anbeter, dem deutschen Prinzen, gehabt
haben; ich sah sie vorhin an seinem Arm in den Zaubergärten der Armida draussen
verschwinden. Wer weiss, was sich da begeben hat?« Die Bemerkung erregte
allgemeine Heiterkeit; und froh, eine Bresche in der keuschen Zurückhaltung der
jungen Dichterin zu ahnen, verlor sich die Gruppe der jungen Kavaliere wieder
unter der übrigen Gesellschaft.
    Rosa indessen ergriff aufs Geratewohl einen dunklen Mantel aus den im
Vorsaal befindlichen Kleidungsstücken der Gäste, warf ihn um und eilte hinaus in
die Nacht durch die schlecht erleuchteten Strassen, ohne zu bedenken, was für
Widerwärtigkeiten ihr begegnen könnten, ohne der feuchten Kälte zu achten, die
ihren Körper bereits ergriffen hatte. Nur ein Gedanke beherrschte sie: den
Prinzen zu finden, ihm zu sagen, wie sein Vorhaben scheitern müsse an den
Veranstaltungen des Herzogs und ihn zu retten vor einem Angriff, der leicht
gefährlich werden konnte, selbst wenn dies nicht die Absicht des Herzogs war.
Sie schritt, so rasch sie konnte, dem Palast des letzteren zu, denn dort musste
sie den Prinzen jedenfalls finden, da es ganz nahe an Mitternacht war und er
vorher einen Versuch hatte machen wollen, die Herzogin zu sprechen, um sie zu
bewegen, vom äussersten Schritt zurückzutreten. Atemlos und mit heftig pochendem
Herzen nach dem raschen Lauf kam sie bei dem Palast an, der anscheinend in
tiefer Stille und nächtlicher Ruhe dalag. Kein menschliches Wesen war bei diesem
zu sehen. Rosa betrat die enge Nebengasse, in der absolute Finsternis herrschte.
Auch hier war alles tiefe Stille, aber dessenungeachtet und trotz der
Finsternis, die sie umgab, war es Rosa, als spüre sie die Nähe eines
menschlichen Wesens und es überkam sie ein schauderndes Gefühl der Furcht. Fast
wäre sie zurückgeeilt, um dem unheimlichen Ort zu entfliehen, aber der Gedanke
an Waldemar liess sie beharren.
    Sie machte noch einige Schritte vorwärts und plötzlich stiess sie an etwas,
das an der Mauer des Palastes lehnte und offenbar eine menschliche Gestalt war.
Es entfuhr ihr ein kleiner Ruf des Schreckens und in diesem Augenblick fragte
eine gedämpfte Stimme: »Wer ist da?«
    Trotz der verstellten Stimme durchzuckte es Rosa freudig und sie sagte ganz
leise: »Waldemar?«
    »Giulia - du bist es?« flüsterte der Prinz. »Ich suchte zu dir zu gelangen,
ich musste dich sprechen - wollte dir noch einmal alles vorstellen, was du wagst,
was du aufs Spiel setzest - noch wäre es Zeit gewesen - noch könntest du ruhig
bleiben, ohne dass jemand deinen Vorsatz geahnt hätte ...«
    Rosas Herz stürmte von überfliessender Wonne, dies zu hören; denn es zeigte
ihr, dass er seinem Worte hatte treu bleiben wollen und sie hielt an sich, ohne
ihn zu unterbrechen. Er fuhr fort: »Die Diener wiesen mich ab mit der Weisung,
du habest dich bereits niedergelegt und streng befohlen, niemanden vorzulassen.
Ich forschte nach Marietta unter dem Vorwand, nach deinem Befinden fragen zu
wollen; man sagte mir, sie sei in deinem Zimmer und man dürfe sie nicht rufen,
um dich nicht zu stören. Ich konnte nicht mehr fordern, um keinen Verdacht zu
erwecken; was blieb mir übrig, als hier zu warten, denn die Stunde ist da, wo
mein Diener kommen und mir das Zeichen geben muss, dass der Wagen in der nächsten
Strasse uns erwartet. Aber noch ist es Zeit, o Giulia, einem geträumten
überschwenglichen Glück zu entsagen um der kalten, aber der höheren Pflicht
willen. Du bleibst die anbetungswürdigste der Frauen, der höchsten Ehren wert;
ich frevle nicht an meiner Bestimmung; uns bleibt für alle Zeit die Erinnerung
an ein seliges, zu kurzes, aber vorwurfsloses Leben und darin der Lohn für das
bittere Entsagen. Sprich, Giulia - entscheide - was in diesem Augenblick in mir
vorgeht, du kannst es nicht ahnen - in deinen Händen ruht mein Geschick.«
    Alles dies war in Hast, flüsternd hervorgestossen, mit einer Stimme, an deren
Beben man die namenlose Erregung des Redenden erriet und hatte nur wenige
Sekunden gedauert. Nun musste auch Rosa ihr Schweigen eilig brechen, denn die
Zeit drängte und ihre Angst erwachte mit doppelter Gewalt. Sie unterbrach ihn
und flüsterte ebenfalls: »Nicht Giulia, Rosa ist es, die hier steht, die in
diesem Augenblick im höchsten Leid das höchste Glück geniesst, denn Sie wollen
siegen. Doch jetzt schleunigst fort; ich eilte her, um Sie zu retten. Ihrem
edlen Willen kommt alles zu Hilfe.« Und nun erzählte sie mit fliegendem Atem,
was sie gehört, wie die Herzogin verhindert wurde, zu kommen, wie ihm
Enttäuschung in vergeblichem Warten, Gefahr bei irgendeinem kühnen Versuch
drohe; sie beschwor ihn, schleunigst zurückzukehren, damit kein Beauftragter des
Herzogs ihn hier finde. Waldemar war ausser sich, sein Stolz empörte sich
dagegen, Giulia hilflos zu lassen und so von dem Herzog überlistet zu sein und
doch sah er ein, dass alles, was er wagen könne, die Sache nur öffentlich machen
und die Herzogin blossstellen würde. Der Gedanke, wie sie ihn beurteilen und dass
sie ihn für treulos und verachtungswert halten würde, wenn sie glauben müsste, er
habe ihr aus Feigheit nicht Wort gehalten, blitzte ebenfalls durch seinen Sinn.
Aber kam nicht wirklich das Schicksal hier mit der rechten Entscheidung ihm zu
Hilfe und würde nicht selbst ein so bitteres Verkennen dem Stolz der Herzogin
helfen, die gekränkte Leidenschaft zu überwinden? Denn was er immer instinktiv
gefühlt hatte, jetzt wurde es ihm klar: Giulia liebte ihn mit der rasch
auflodernden sinnlichen Glut des Südens und solche Glut kann erlöschen vor dem
Stolz, vor dem beleidigten Selbstgefühl; aber die wahre, die selbstlose, die
reine Liebe, sie stand jetzt neben ihm in Gestalt des jungen Mädchens, das in
völligster Entsagung um seinetwillen alles wagte. Und wie sich diese Gedanken in
ihm jagten, rief er mit überquellendem Gefühl: »Rosa, Rosa, mein teurer
Schutzgeist, muss ich dir wieder folgen?« Und mit Ungestüm umschlang er sie und
drückte sie an sein Herz. Sie liess es diesmal geschehen und einen Augenblick
ruhten seine Lippen fest auf den ihrigen in einem langen, innigen Kuss; jetzt
durfte sie diese letzte heilige Wonne von ihm, dem Sieger, empfangen als ein
Pfand für die Ewigkeit, die in dem Augenblick wie eine Lichtvision durch ihre
Seele leuchtete.
    Da erscholl ein kurzer Pfiff und Waldemar fuhr empor. »Das ist mein Diener,«
sagte er, »der mit dem Wagen da ist; komm, teure Rosa, ich kann dich hier nicht
allein lassen, ich will dich geleiten; Gott sei mit der armen Giulia!«
    Aber eilige Schritte nahten sich und Rosa flüsterte: »Nein, ich geh allein,
nicht unter Menschen ...«
    »Friedrich, bist du es?« fragte Waldemar leise.
    »Der Wagen ist bereit, Hoheit,« sagte der Diener; »aber ich glaube, dass der
Herr Baron gleich hier sein wird. Die Herren sind in grösster Aufregung; der Herr
Professor hat den für ihn zurückgelassenen Brief bereits gefunden und ich hörte
den Herrn Baron sagen: ich eile zu dem Palast Santomara; hoffentlich ist es noch
Zeit; der Prinz muss es wissen, dass der Brief da ist, der ihn auf der Stelle
zurückruft an das Sterbebett der Mutter ...«
    »O Gott, das auch noch!« rief Waldemar schmerzvoll. »Ja, Rosa, doppelt und
dreifach bist du mein Schutzgeist, dass du mich zurückhieltest, sonst hätte ich
jetzt auch meine Sohnespflicht versäumt.«
    In dem Augenblick ertönten Schritte und Stimmen von der Seite der Strasse
her, wo der Wagen wartete.
    »Das sind die Herren!« sagte der Diener.
    »Leb wohl, Rosa, leb wohl! Du wirst von mir hören; ich eile zu den
Gefährten, damit hier im Palast nichts gehört werde. Glück und Segen über dich!«
    Mit diesen Worten eilte der Prinz seinen Begleitern entgegen und der Diener
folgte, indem er zu sich selbst sagte: »Er fängt gut an, mein junger Herr! Mit
der einen wollte er fliehen, mit der anderen steht er hier in dunkler Nacht
zusammen! Na, da hat der Herr Professor auch vergeb'ne Müh' gehabt! 's ist ja
auch dummes Zeug! Warum sollte sich so ein Jüngster nicht vergnügen? Er hat ja
Geld genug dazu!«
    Rosa hörte die Tritte und Stimmen sich entfernen und darauf das Rollen eines
Wagens und dann war wieder die tiefe Stille in der Finsternis wie vorher. Zu
Tode erschöpft, wollte nun auch sie gehen und ihre Wohnung zu gewinnen suchen.
Sie machte einige Schritte vorwärts, da fühlte sie sich plötzlich von einer
starken Hand ergriffen und eine rauhe Stimme sagte: »Aha, da ist auch eine von
der Bande, die im Dunkeln schleicht! Da, nimm das zum Andenken und versuchs
nicht wieder, hier Böses auszuführen.«
    In dem Augenblick drang eine kalte, schneidige Spitze in ihren Arm; ein
furchtbarer Schmerz durchzuckte sie; mit einem kurzen Aufschrei sank sie zu
Boden und die Sinne entschwanden ihr.
Der Morgen graute noch kaum, ein fahles Dämmerlicht verbreitete sich in den
Strassen Roms, aber in den engen Gassen war es noch ganz finster. Da kam der
junge Beppo, der Bruder Vittorias, als das erste lebende Wesen des Weges und
umschlich den Palast. Die Marietta hatte ihm gesagt, sie würde in der ersten
Morgenfrühe mit ihrer Gebieterin und dem Herzog Rom für einige Wochen verlassen
und er solle noch bei nächtlicher Weile herbeikommen, damit sie unbemerkt
herausspringen und Abschied von ihm nehmen könne. Er betrat die dunkle
Seitengasse, denn da war die Tür, an der Marietta zu erscheinen pflegte, um ihm
am Fusse der Hintertreppe, die zu den Räumen der Dienerschaft führte, ihre kurzen
Stelldichein zu geben. Kaum hatte er einige Schritte gemacht, so stiess sein Fuss
an etwas auf dem Boden. Er bückte sich, es aufzuheben, fühlte mit Entsetzen, dass
es ein menschlicher Körper war und wollte im ersten Augenblick entfliehen, um
nicht etwa in eine schlimme Angelegenheit verwickelt zu werden. Aber er warf
sich das alsbald als Unrecht vor - denn konnte hier nicht bloss ein Unfall
gewesen und noch Hilfe möglich sein? Oder war es nicht auch Pflicht, ein
Verbrechen, wenn ein solches vorlag, aufzudecken?
    Er tastete an dem vor ihm liegenden Körper umher und es schien ihm, als
seien es Frauenkleider, die er fasse; er griff nach der Seite des Herzens und
fühlte dessen leises Schlagen. Nun besann er sich nicht lange; mit kräftigen
Armen hob er den Körper empor und trug ihn nach vorn, wo inzwischen die Helle
soweit vorgerückt war, dass er erkennen konnte, er halte ein Weib in den Armen.
Vorsichtig legte er sie hier nieder und bemerkte an dunklen Flecken auf einem
weissen Gewand, dass Blut vergossen worden sei. War es nun durch die Bewegung oder
durch die frischere Luft in der offenen Strasse angeregt: die anscheinend Leblose
stiess einen tiefen Seufzer aus und machte eine Bewegung mit der Hand, und jetzt
liess die zunehmende Helle den Burschen auch die Gesichtszüge der vor ihm
Liegenden, neben der er niedergekniet war, unterscheiden.
    »Jesus Maria, irre ich nicht - das ist ja die Signorina meiner Schwester,«
sagte er beinahe laut; »ist's möglich? - Was kann ihr widerfahren sein - wie
schrecklich - was wird Vittoria sagen! - Aber sie lebt noch, es muss rasch Hilfe
geschafft werden - unser Haus ist ja nahe - ich trage sie zu der Schwester, die
wird Rat schaffen.«
    Alle diese Gedanken gingen mit Blitzesschnelle durch Beppos Kopf, und sein
gutes Herz vergass des Abschieds von Marietta, um der Hilfsbedürftigen
beizustehen. Er hob sie abermals in seinen Armen auf und da er jung und kräftig
war, konnte er mit seiner Bürde durch die zum Glück noch völlig menschenleeren
Strassen ungestört vorwärts schreiten bis zu dem am äussersten Ende einer der
ärmeren Gassen gelegenen Häuschen, in dem er mit der Schwester wohnte.
    Vittoria war noch im Bett, als der Bruder die Tür ihrer Kammer öffnete, mit
seiner Last auf den Armen eintrat und sie beim Namen rief. Vittoria fuhr empor
und starrte noch schlaftrunken auf die Erscheinung, die sie sich nicht gleich zu
deuten wusste.
    »Beppo, um aller Heiligen willen, was bringst du da?« rief sie dann
entsetzt, als sie das blutbefleckte Kleid sah.
    »Schnell, Schwester, steh auf, gib Raum auf deinem Bett für diese
Verwundete, deine Signorina,« sagte Beppo.
    »Meine Signorina? O heilige Mutter Gottes, ist's möglich?« schrie Vittoria
und sprang aus dem Bett, auf das jetzt Beppo seine Bürde legte. »Sie ist's,
ewige Barmherzigkeit, sie ist's!« rief sie, als sie sich über das Angesicht der
vor ihr Liegenden gebeugt hatte. »O, Beppo, was ist geschehen? Wo hast du sie
gefunden?«
    »Ach, nachher erzähl ich dir alles; jetzt schaff nur Hilfe; sie lebt noch -
rasch - rasch, du weisst ja, was man tun muss,« sagte Beppo.
    »Ja, du hast recht,« rief Vittoria, warf sich schnell ein Tuch um und fing
an, Rosas Kleider zu lösen. »Sieh, hier ist eine Wunde am Arm, daher das viele
Blut. O welche Missetat - meine holde Signorina!« rief sie schmerzvoll; aber
entschlossen und verständig, wie sie war, verlor sie keinen Augenblick mit
unnützen Klagen. Sie hiess den Bruder in der frühen Stunde alles im kleinen
Haushalt bereiten und machte sich daran, die Wunde an Rosas Arm, die mit
geronnenem Blut bedeckt war, zu waschen und zu verbinden, Rosa in warme Decken
zu hüllen und auf ihrem Lager sorglich zu betten. Nach einiger Zeit fing die
rückkehrende Wärme an, das todähnliche Gesicht etwas zu beleben; Rosa schlug die
Augen auf, sah matt umher, schloss sie aber gleich wieder und gab kein Zeichen
des Bewusstseins.
    Der Tag war inzwischen vollends angebrochen; Vittoria schickte den Bruder,
die Signora Amadei zu benachrichtigen, andere Kleider für Rosa herbeizuschaffen
und einen Arzt zu rufen. Sie blieb bei der Verwundeten und endlich gelang es
ihren Bemühungen, diese vollends erwachen und zum Bewusstsein zurückkehren zu
sehen. Doch nur nach und nach besann sich Rosa auf das Erlebte und fand sich mit
ihren Gedanken in ihrer Umgebung zurecht. Ein matter Strahl von Freude flog über
ihr Antlitz, als sie sich in Vittorias Händen fand und bald genug stellte es
sich heraus, dass sie dort vorerst werde bleiben müssen; denn als der Arzt
erschien, erklärte er sie für sehr krank; das heftigste Fieber stellte sich ein,
und sie zu transportieren wäre Gefahr für sie geworden. Zudem erschien die
Signora Amadei in voller Entrüstung über die »Streiche Rosas«, wie sie es
nannte, in der Nacht fortzurennen, ohne sie zu benachrichtigen und wer weiss was
zu beginnen, einem fremden Prinzen nachzulaufen. Sie habe es immer gesagt, dass
diese Vertraulichkeit schlimm enden werde; nun sei Rosas Ruf auf immer verloren
und sie müsse sich schämen, ihre Beschützerin gewesen zu sein. Aber sie werde es
auch laut erklären, dass sie sich von der leichtsinnigen Person lossage; schon
fange man an, darüber zu reden, dass Rosa die Geliebte des Prinzen gewesen und in
der Nacht zu ihm gelaufen sei, weil der Prinz eilig Rom habe verlassen müssen,
um in seine Heimat zurückzukehren. Alles dies schrie sie hervor in hässlichstem
Zorn, vor Rosas Bett stehend, die in furchtbarer Qual die Augen schloss und ihrem
Eifer nicht wehren konnte, bis Vittoria, die aus dem Zimmer gewesen war, eintrat
und die Wütende ohne weiteres zum Zimmer hinausschob, indem sie in gerechter
Entrüstung ihr Betragen tadelte. Die Amadei höhnte sie, dass eine Popolana es
wage, ihr Verweise zu geben und eilte weg. Der Eindruck, den dieser Vorgang und
die Gewissheit trauriger Verleumdung auf Rosa gemacht hatten, zeigte sich bald in
erhöhtem Fieber, das in Delirium ausartete und sie wochenlang zwischen Leben und
Tod erhielt. Vittorias aufopfernde Liebe wachte über ihr mit mütterlicher
Sorgfalt; sie hatte ihr kleines Heim für Rosa eingerichtet, so gut es gehen
wollte, sie schlief neben ihr auf der Erde, um sie auch in der Nacht keinen
Augenblick zu verlassen.
Beppo musste den Laden und das Geschäft besorgen. Die Amadei war fort mit dem
grössten Teil der Einnahmen, die Rosa gehörten. In Rom sprach man einige Tage
lang von nichts anderem als von der plötzlichen Abreise des Prinzen und dem
rätselhaften Verschwinden der Improvisatrice, das man damit in Verbindung
brachte. Einige behaupteten, er habe sie mitgenommen, andere sagten, sie habe
sich getötet aus Schmerz über sein Fortgehen. Dass auch die schöne Herzogin
gleichzeitig mit dem Gemahl abgereist war, erregte zuerst einiges Bedenken,
wurde aber durch des Kardinals Fürsorge in ganz natürlicher Weise erklärt und
weiter nicht beachtet. Bald verfiel jedoch das alles der Vergessenheit, wie es
zu gehen pflegt, und neue Vorkommnisse beschäftigten die müssige Neugier und das
skandalsüchtige Publikum.
Es war wieder Frühling in Rom. Seit jenen Ereignissen waren mehrere Jahre
verflossen. Vittoria war noch immer die schöne, ernste, tätige Frau, als die wir
sie früher gekannt haben. Ja, sie hatte ihre Tätigkeit verdoppelt und ihre
Bottega wurde vom Morgen bis zum Abend nicht leer von Kaufenden, da ihre Ware
immer die frischeste und beste im ganzen Stadtviertel war. Die Nachbarn, die
Ähnliches feilboten, sagten oft: »Die Vittoria muss bald reich sein, die bekommt
Quattrini!« - Aber niemand neidete es ihr, denn sie war die rechtschaffenste
Frau ihres Gewerbes und dabei gern hilfreich und erbarmungsvoll gegen fremde
Not. Viele Männer hatten Wohlgefallen an der stattlichen Witwe gefunden und
versucht, sich ihr zum Ersatz für den früh verlorenen Gatten anzubieten; doch
hatte sie alle derartigen Versuche freundlich, aber bestimmt abgewiesen, und
wenn man sie fragte, warum sie es vorziehe, allein zu bleiben, und scherzend
hinzusetzte, was sie denn mit all ihren Quattrinis anfange, da antwortete sie
jedesmal, sie sei nicht allein und habe schon jemanden, für den sie sorgen
müsse. Da sie aber streng zurückhaltend in ihrem Benehmen war und nie jemanden
aufforderte, in ihre Wohnung zu kommen, so wusste man nicht recht, was es damit
für eine Bewandtnis habe, und nach und nach liess man sie in Ruhe und bekümmerte
sich nicht mehr darum.
    Sie aber, wenn sie gegen Abend ihre Bottega schloss, ging nie nach Hause
zurück, ohne irgend etwas einzukaufen, das nicht bestimmt schien, einem
Bedürfnis abzuhelfen, sondern eher als etwas Überflüssiges, aber Angenehmes
Freude zu machen: ein Buch oder hübsches Schreibpapier und dergleichen oder auch
nur ein Stück feine Seife, eine kleine Näscherei usw. Kam sie dann nach Hause,
so gab sie ihrem Gesicht den freundlichsten Ausdruck, obwohl ihr Sorge tief im
Herzen sass; sie trat in ihr früheres Zimmerchen ein, das sie so freundlich wie
möglich eingerichtet hatte und in dem jetzt eine Ordnung und Reinlichkeit, ja
eine einfache Anmut herrschten, die darauf deuteten, dass hier nicht die
beschäftigte Frau des mühsamen Erwerbes, sondern eine feineren, ästetischen
Bedürfnissen zugewandte Existenz vorwaltete. An der offenen Fenstertür, die auf
eine kleine Loggia führte, von der man ins Freie, auf die melancholische
Schönheit der Campagna und die in blauen Duft gehüllte Linie des Gebirges sah,
sass denn auch an einem mit Papieren und Büchern bedeckten Schreibtisch eine
zarte weibliche Gestalt, wie es schien in tiefes Nachsinnen verloren, wohl über
den Inhalt des Buches, das aufgeschlagen vor ihr lag. Sie hatte die Ellbogen auf
den Tisch gestützt und die Stirn ruhte in ihrer feinen wachsbleichen Hand, und
so tief schien sie in Gedanken versunken, dass sie Vittorias Eintreten nicht eher
bemerkte, bis diese neben ihr stand und sagte:
    »Guten Abend, meine liebe Signorina, wie geht es heute, wie ist der Tag
gewesen? Haben Sie auch nicht zuviel studiert?«
    Die Angeredete erhob den Kopf und ein freundliches Lächeln überflog das
bleiche, vergeistigte Gesicht, das trotz der unverkennbaren Spuren des Leidens
doch eine fast noch rührendere Lieblichkeit zeigte als in vergangenen Tagen.
    »Gute Vittoria, ich danke dir, es geht mir immer gut in dieser traulichen
Heimat, die du mir bereitest mit dem Blick auf die Campagna und die Berge, die
ich liebe, und mit meinen Freunden hier« - dabei zeigte sie auf die Bücher; »wie
sollte es mir nicht wohl sein in Gesellschaft der erhabensten Geister, die je
gelebt? Mit Plato, mit Dante und solchen Auserwählten umzugehen, das ist ein
Vorgeschmack des Paradieses.«
    »Ach, aber so einsam, meine teure Signorina, und noch so jung,« wendete
Vittoria ein.
    »Lass doch das Signorina weg, du Gute; ich muss es dir immer wieder sagen,
nenne mich Rosa,« sagte diese, sie unterbrechend. »Du, die mehr wie eine Mutter
für mich ist, meine Wohltäterin, die mir das Leben erhielt, die mich ernährt und
für mich arbeitet. - Ach, Vittoria, es ist zuviel, was du für mich tust; ich
kann es nicht vergelten, ich armes, hilfloses Geschöpf; aber da, wo die stille,
verborgene Tugend belohnt wird, da wird dein Name heller glänzen als der der
vielen, die die Welt preist.« Sie ergriff die von der Arbeit rauhe Hand
Vittorias und führte sie an ihre Lippen, während Tränen ihre Augen füllten.
    »Aber meine Signo - meine Rosa,« versetzte Vittoria, indem sie rasch ihre
Hand zurückzog und sich bemühte, ihre eigene Rührung zu verbergen. »Was tue ich
denn? Ihre Gegenwart macht mich glücklich; dass ich es bin, die die gefeiertste
Dichterin Roms beherbergen darf; dass niemand ausser mir weiss, dass sie überhaupt
lebt, und wo - ist das nicht wert, dass ich das Wenige, was ich erwerbe, mit ihr
teile?«
    »Ach, Liebste, sprich nicht mehr von der Dichterin,« sagte Rosa und senkte
das Haupt, während eine Träne langsam über ihre Wange rollte und auf das vor ihr
liegende Buch fiel; »die Dichterin, die Improvisatrice, ist lange tot, nie
fliessen ihr mehr melodische Bilder und Formen zu, wie einst; ja, wenn das noch
wäre, dann könnte sie dir vergelten.« Tränen erstickten ihre Stimme.
    »Liebe, teure - Rosa,« rief Vittoria und umschlang zärtlich ihren Hals, »um
aller Heiligen willen, weinen Sie nicht, regen Sie sich nicht auf. Sie wissen,
wie der Doktor jede Gemütsbewegung verboten hat, die dem armen, kranken Herzen
schaden kann. Es wird schon wieder kommen, das herrliche Dichten, und was Sie da
jetzt alles schreiben, das ist gewiss ebenso schön, wenn ich es auch nicht so gut
verstehe. Wenn wir es nur erst einmal gedruckt hätten.«
    »Ja, das ist es eben, es ist nicht nach dem Geschmack der Leute und deshalb
wird es nie gedruckt werden,« sagte Rosa.
    »Es wird schon alles kommen,« tröstete Vittoria, »und da habe ich
einstweilen Gedichte eines anderen mitgebracht; der Buchhändler sagt, sie seien
so schön.«
    »O, Leopardi,« rief Rosa erfreut, als sie den Titel des Buches sah, das
Vittoria ihr reichte, »den habe ich mir schon lange gewünscht; ich kenne erst
einzelne Gedichte von ihm; das ist der Sänger des Schmerzes, der das Leiden und
die Hoffnungslosigkeit so verklärt, mit so ergebener Schönheit überkleidet, dass
man sich schämen muss, kleinmütig und verzagt zu sein. Wie danke ich dir,
Vittoria, für diese neue Gabe, aber - nun hast du dich wieder beraubt - dir
irgend etwas versagt ...«
    »Nein, nein,« sagte Vittoria lachend, »ich habe nichts nötig; ich bin gesund
und jemehr ich arbeite, je besser ist's mir, und tun Sie denn nicht auch etwas?
Ist etwa nicht das Haus in Ordnung und so schön rein und lieblich, wenn ich
abends nach Hause komme? Und steht nicht das Abendbrot schon zubereitet auf dem
Tisch? Ist nicht mein Leben dadurch auch viel leichter? Und dann den guten
Einfluss, den Sie auf den Beppo haben! Seit er die Marietta verliess, nachdem er
erfahren hatte, auf welche Weise sie die gute Stellung und die reiche Mitgift,
die sie ihm anbot, erhalten hatte und seitdem Sie hier im Hause sind, ist der
Beppo ein ganz anderer geworden, ein braver, ernster Mensch, auf den ich stolz
bin.«
    »Der gute Beppo!« sagte Rosa; »ja, es war schön von ihm, dass er seine Liebe
zur Marietta bezwang, als er hörte, dass sie ihre Herrin verraten hatte, um den
doppelten Gewinn zu haben. Und - hätte sie es nicht getan, wie anders wäre wohl
alles gekommen! Was die Herzogin gewollt hatte, wäre gelungen, und welche Folgen
...«
    »Ach, denken wir der Vergangenheit nicht mehr,« unterbrach sie Vittoria, die
die Wirkung der Erinnerungen auf Rosa fürchtete und stets, wenn sie das Gespräch
dahin wendete, etwas zu erfinden wusste, was schnell davon ablenkte, denn sie
wusste es nur zu wohl, dass sich bei Rosa infolge der Gemütsbewegungen und der
langen heftigen Krankheit ein Herzleiden entwickelt hatte, das keine Heilung
zuliess, besonders auch weil die Mittel nicht hinreichten, alles das zur Genesung
zu tun, was sie vielleicht hätte herbeiführen können. Aber selbst wäre dies
möglich gewesen, so hätten doch die Folgen des Schlages, der so früh die Blüten
ihres jungen Herzenslebens geknickt hatte, langsam zehrend ihr Dasein
vernichtet. Was vorzüglich in der Tiefe ihrer Seele dem Schmerz um das Verlorene
immer neue Nahrung gab, obgleich sie sich darüber nie aussprach, war der
Gedanke, dass Waldemar nicht geschrieben, nicht Erkundigungen nach ihr eingezogen
hatte. Aber sie wusste nicht, wie eifrig das in der ersten Zeit geschehen war. Da
man indes im Hause, wo Rosa gewohnt hatte, nur antwortete: die Damen seien fort
und man wisse nicht, wohin sie sich gewendet, da auch der Kardinal, an den der
Prinz selbst schrieb, berichtete, man wisse nicht, was aus der Improvisatrice
geworden, und mit feiner Ironie andeutete, man glaube allgemein, sie sei einem
Stern, den sie im Norden erblickt habe, nachgezogen, nachdem endlich auf die
Anfrage nach einer berühmten Improvisatrice in verschiedenen Städten Italiens
keine Auskunft gekommen war, - hatten die Nachforschungen allmählich aufgehört.
Dass es so war und dass auch sie nichts mehr wusste von dem, dessen Bild noch immer
wie eine fern leuchtende Sonne in ihrer Seele stand, war ein heimlich nagendes
Weh, das auch ihre grössten Anstrengungen nicht zu überwinden vermochten. Doch
kam, wie gesagt, nie ein Wort über ihre Lippen. Sie hatte es selbst gewünscht,
in der Welt für tot zu gelten, denn nicht nur, dass ihr körperliches Leiden ihr
jede Anstrengung und Aufregung unmöglich und schädlich machte, es war auch seit
der schweren Krankheit die Gabe des Improvisierens absolut verschwunden.
Vittoria hatte oft den Versuch gemacht, um sie zu zerstreuen und der Schwermut
zu entreissen, die sich ihrer zuweilen bemächtigte, ihr ein Tema vorzuschlagen,
wobei sie scherzend sich und den Bruder als geniessendes Publikum nannte, aber
Rosa schüttelte nur immer leise und wehmutsvoll den Kopf, denn die Quelle war
versiegt und keine Anstrengung vermochte sie wieder zu öffnen. Sie hatte
Vittorias liebevolles Anerbieten, bei ihr zu bleiben, angenommen, da sie keine
andere Zuflucht in der Welt besass, und der Einblick, den sie während ihrer
kurzen Laufbahn in der Gesellschaft in diese getan hatte, liess sie die
hingebende Liebe und Aufopferung dieser einfachen, reinen, redlichen Natur
doppelt hochschätzen. Was sie tun konnte bei ihrer körperlichen Schwäche, um
Vittoria zu vergelten, tat sie, indem sie sich der Pflege des kleinen Hauswesens
annahm und in den Stunden des Zusammenseins den beiden Geschwistern aus dem
Schatze ihres Wissens und ihres fortwährenden Studiums mitteilte, was deren Sinn
und Verständnis zugänglich war und die angeborenen edlen Gefühle der
rechtschaffenen Menschen noch verstärkte und verfeinerte.
    Denn nicht minder als Vittoria verehrte Beppo die Signorina. Von dem
Augenblick an, als er sie in seinen Armen wie eine Leblose zur Schwester trug,
hatte er ihr einen ehrfurchtsvollen Kultus in seinem Herzen geweiht, der, seit
sie mit ihm unter einem Dache lebte und er sie täglich sah und sprach, zu einer
stillen, anbetenden Liebe geworden war, vor der das Bild der leichtsinnigen,
unedlen Marietta bis auf den Grund erlosch. Aber diese Liebe in des ehrlichen
Burschen Herz war die Liebe zu einer Heiligen, der man in Demut und Hingebung
naht und die nur der Gedanke im Gebet in den Himmelshöhen erreichen kann, denen
sie zuschwebt. Immer zu ihrem Dienste bereit, vergass er sogar oft die
Arbeitszeit bei seinem Meister, wenn sie gerade irgendeinen Wunsch hatte, den zu
erfüllen sein höchstes Glück war. Als dann der Meister unzufrieden wurde über
die häufige Versäumnis, sagte er sich von diesem los, richtete sich eine eigene
kleine Schreinerwerkstatt in dem Hause, in dem sie wohnten, ein, wo er zugleich
immer wachsam sein konnte, dass es Rosa an nichts fehle, und ausser den Arbeiten,
die zum Verdienst und Beitrag zum Haushalt nötig waren, fand er noch Zeit,
manches, was zu Rosas Bequemlichkeit dienen oder ihr kleines Zimmer wohnlicher
machen konnte, anzufertigen. So lebten die zwei Geschwister in unbegrenzter
Hingebung für ihren holden Gast und hielten sich überreich belohnt für ihre
Treue, wenn ein stilles Lächeln Rosas Antlitz erheiterte und ein flüchtiges Rot
auf den bleichen Wangen erschien. Und Rosas engelhaftes Gemüt liess sie mit
zarter Sorgfalt vermeiden, was den Geschwistern Kummer machen konnte. Sie schien
ganz glücklich und heiter in dem stillen, anspruchslosen Leben, und nie erfuhren
es Bruder und Schwester, wie manche stille Träne ungesehen floss und wie tief oft
die Sehnsucht nach einer, ach zu kurz gekannten Seligkeit ihr krankes Herz
füllte.
    So verging die Zeit; da kam eines Mittags Beppo und brachte einen Strauss
schöner Blumen und ein deutsches Zeitungsblatt. »Das hat mir ein Herr von der
deutschen Gesandtschaft gegeben, um mein Werkzeug darin einzuschlagen; ich hatte
bei ihm Reparaturen gemacht. Vielleicht freut es Sie, liebe Signorina, es zu
lesen, da Sie die deutsche Sprache so gut kennen. Ach, wie ich Sie beneide um
das viele Wissen,« setzte Beppo seufzend hinzu.
    »Du beneidest mich, Beppo, das hätte ich nicht von dir geglaubt,« sagte Rosa
scherzend und lächelte.
    »O nein, so mein' ich's nicht,« rief der ehrliche Bursche ganz erschrocken.
»Bei der heiligen Mutter Gottes, ich wollte, der Himmel schüttete alles Glück
auf Sie nieder, das er seinen Engeln gibt. Ich meine nur, es muss so herrlich
sein, soviel zu wissen, und ein grosser Trost.«
    »Das ist es auch, guter Beppo,« sagte Rosa; »es ist ein Glück, mit grossen
Geistern zu verkehren, aber höher noch als alles Wissen ist ein Herz wie das
Vittorias und das deine, glaub es mir, Beppo; solche Herzen kommen unmittelbar
von dem Urquell der Liebe, von Gott; das Wissen muss erst erworben werden und
führt erst langsam zu Gott zurück.«
    Beppo hörte immer, gerade wie seine Schwester, mit gefalteten Händen und in
andächtiger Ekstase zu, wenn seine »Heilige« so sprach, und wenn er sie auch
nicht immer ganz verstand, so fühlte er doch etwas in seinem Gemüt vor sich
gehen, wie wenn Weihrauchwolken in einem Heiligtum nach oben steigen und vom
Altarbild eine Madonna Raffaels mit holdselig verklärtem Lächeln auf uns
niederschaut. Tränen in den Augen und in geweihter Stimmung ging er still aus
dem Zimmer, um sich an seine Arbeit zu begeben. Rosa sah ihm freundlich nach und
dachte: »Ja, im Reiche Gottes werden solche Herzen Ehrenkleider tragen, während
der Purpur und die Kronen der Erde als Staub des Vergänglichen verweht sind.«
    Da fiel ihr Blick auf die deutsche Zeitung, die Beppo ihr gebracht; halb
mechanisch nahm sie diese und warf einen Blick hinein. Bald aber fing ihre Hand
an zu zittern, über ihr Antlitz verbreitete sich der Ausdruck unsäglichen
Schmerzes und ihr Auge folgte unverwandt den verhängnisvollen Worten, die ihr
entgegenstarrten wie lauter Speere, deren ein jeder ihr Herz mit tötender
Schärfe traf. Sie las:
    »Noch ist unser ganzes Land unter dem Eindruck der tiefen Bestürzung und
namenlosen Trauer, die das unerwartete, schreckliche Ende des allgemein
geliebten Kronprinzen und Tronfolgers Waldemar hervorgerufen hat. Der Eindruck
ist um so tiefer und erschütternder, als die schreckliche Katastrophe durch die
edle, grossmütige Selbstaufopferung und den hochherzigen Mut dieses seltenen
Fürstensohnes herbeigeführt worden ist. Er war hingeeilt, um den durch die
furchtbaren Überschwemmungen dieses Frühjahrs in tiefes Elend geratenen
Bevölkerungen Hilfe und Trost zu bringen. Da, wo die Wasser sich schon verlaufen
hatten, war sein Erscheinen wie ein erster belebender Hoffnungsschimmer für die
Betroffenen. Aber es blieben Distrikte, wo noch alles unter Wasser stand und die
reissenden Fluten unbarmherzig nicht nur die Hoffnungen des Landmannes auf den
schon bestellten Fluren, seine geringe Habe und sein Obdach vernichteten,
sondern auch schon mehrere Menschenleben zum Opfer verlangt hatten. Als Prinz
Waldemar ankam, war ein ganzes Dorf in dem tobenden Meer versunken und die
Bewohner desselben hatten mit verzweifelnder Angst ihr Hab und Gut untergehen
gesehen und nichts als das nackte Leben gerettet. Nur ein Häuschen stand noch
auf einer kleinen Anhöhe inmitten der Wogen, die aber bereits bis zum Fusse des
schwachen Bauwerks gelangt waren und höher zu steigen drohten, um es mit in den
Strudel hinabzureissen. Da erhob sich plötzlich ein lauter, einstimmiger Weheruf
der am Ufer versammelten Unglücklichen, die bisher wie erstarrt in stummer
Verzweiflung dem Werk der Vernichtung zugeschaut hatten. Auf dem Dach des
bedrohten Häuschens erschien ein Weib, in jedem Arm ein kleines Kind, und mit
verzweifelnden Gebärden hilfeflehend nach den Geretteten schauend.
    Heiliger Gott, das ist die Margaret! riefen mehrere Stimmen auf einmal: sie
war draussen auf dem Feld, ihre Ziege heimzutreiben, als die Wasser ankamen, und
stürzte ins Haus, um ihre Kleinen zu holen, die darin im Schlafe lagen.
Inzwischen sind die Wasser so schnell gestiegen, dass sie nicht fortkonnte.
    Wer rettet, wer rettet sie? So schrie man durcheinander. Die Frauen rangen
die Hände, die Männer sahen sich untereinander bestürzt an, aber keiner wagte
sich hervor, sich zum Retter anzubieten.
    Prinz Waldemar trat vor und rief: Ist denn ihr Mann nicht da, der das Leben
für sie wagt?
    Sie ist Witwe, Herr - die bravste Frau vom ganzen Dorf - die rüstigste
Arbeiterin von Morgen bis Abend, um ihren Kindern Brot zu schaffen - ja - ja,
das ist wahr, so tönte es von allen Seiten.
    Wer wagt es, sie zu retten? rief der Prinz; hier ist Geld, es wird sein Lohn
sein und noch mehr! dabei hielt er einen gefüllten Beutel in die Höhe. Aber
niemand rührte sich, keiner der Bauern hatte den Mut, sich auf das tobende
Element zu wagen.
    Ein Boot her! befahl der Prinz und als man es brachte, rief er: Wer wagt mit
mir die Fahrt?
    Ein Schauer der Ehrfurcht und Bewunderung durchlief die Menge, aber die
kleine Liebe zum Leben und die Furcht waren grösser als die Bewunderung des
Heldenmutes, und keiner trat hervor. Der Begleiter des Prinzen, Baron Raden,
stürzte auf ihn zu und bat und beschwor ihn, sein Leben nicht aufs Spiel zu
setzen. Der Prinz blieb unerschütterlich; schon stieg die Flut bereits bis zur
Haustür hinan. Es ist kein Augenblick zu verlieren, rief er, machte sich von dem
ihn umklammernden Kammerherrn los und sprang in das Boot.
    Mit Ihnen denn, wenn es sein muss, in den Tod! rief Raden und sprang ihm
nach.
    Nein, mit Gott, dem Allmächtigen, er wird helfen! schrie die Menge.
    Memmen, Memmen! schalten die Weiber die Männer, die betroffen und beschämt
dastanden.
    Seht, das ist einer! Juchhe, wenn der unser König wird! jauchzten die
Weiber, plötzlich durch den Anblick der wunderbar schönen Heldentat des
Jünglings dem Gedanken an ihr Elend entrückt; seht, wie kräftig die die Ruder
führen, als hätten sie ihr Lebtag nichts anderes getan als rudern. Schämt euch,
ihr anderen, die ihr nichts könnt, als hinter dem Pflug hergehen - seht - seht -
jetzt sind sie dem Hause nah - das Boot schwankt auf und ab von den Wellenstössen
- jetzt sind sie dran - sie winken der Margaret - Heiliger Gott! Sie wirft ihnen
den ältesten Buben hinunter - - sie haben ihn - sie haben ihn! Nun auch den
kleinen - ewige Barmherzigkeit! Auch der ist im Boot! Der Prinz hat ihn im Arm
gefangen und legt ihn ins Boot! Hu! wie die Wasser toben - wie das Boot
schwankt! Die Margaret zögert - winkt ihnen, fortzufahren, nun die Kinder
gerettet sind - der Prinz will nicht, befiehlt ihr, herabzuspringen - da - sie
springt - Allmächtiger! Die Erschütterung ist zu gross - das Boot ist umgekippt -
alle im Wasser ... Hu, ich mag nicht mehr hinsehen! rufen einige. Doch - doch -
seht, sie erscheinen wieder! rufen andere. Sie schwimmen - der Prinz hat ein
Kind erfasst und hält es schwimmend fest, der andere Herr auch - Gott! wie sie
kämpfen müssen mit der mächtigen Flut - die Wogen bedecken sie fast - da - da
kommt der Kammerherr wieder zum Vorschein mit dem Kind - der Prinz auch ...
    Aber was ist's denn? Was hängt so schwer an ihm, dass er gar nicht weiter
kann? Gott, es ist die Margaret, die den Prinzen in ihrer Todesangst umklammert
hat ... Himmel, hilf - seht - da stürzt das Haus in die Flut; ha! der Herr mit
dem Kind ist glücklich auf dem trockenen Land - gerettet - gelobt sei Gott! Aber
wo ist der andere - der Prinz? Allmächtiger! Das zu grosse Gewicht der Frau hat
ihn hinabgezogen - kommt er nicht wieder zum Vorschein? Erbarmer, nein! Das
Wellengrab hat sich über ihm geschlossen ... ... wehe ... wehe! ... Der Baron,
halb tot schon von der eigenen Anstrengung, schaut händeringend auf die Wasser,
die sich über dem anderen geschlossen ... Leute! herbei mit Booten, mit Stangen,
mit Stricken ... es gilt, einen König, den herrlichsten der Menschen zu retten,
mir nach ... ich muss ihn wiederfinden. Mit diesen Worten stürzt er aufs neue in
die Wassermenge, und - auch ihn sieht man nicht wieder. Nach drei Tagen, als die
Wasser gesunken waren, fand man die Leichen des Prinzen, des Barons, der Mutter
und des Kindes. Die Sprache hat keine Worte, um den Schmerz der königlichen
Familie und des ganzen Landes zu beschreiben, das in diesem jungen Fürstensohn
die Hoffnung auf eine ideale Zukunft untergehen sieht, denn in ihm vereinigte
sich alles, was den Menschen befähigt, wie ein leuchtendes Vorbild jeder Tugend,
würdig zu sein, eine Krone zu tragen.«
Das Blatt entfiel Rosas Hand; sie sass eine Weile regungslos, tränenlos; ihr Herz
schien stillzustehen und die Welt schien ihr zu versinken in das Chaos, in die
planlose Urnacht, wo alles Empfinden, alles geistige Werden im Schoss des
elementaren Lebens verschwunden ist. Erst nach und nach erwachte das Bewusstsein,
und das Ungeheure, Tragische, ergriff sie mit unerschütterlicher Gewalt: Das
Tragische, das ja eben darin besteht, dass das Elementare, sei es im Menschen
oder in den äusseren Umständen, sich auflehnt gegen das Ideale, Geisterzeugte und
ihm im titanischen Kampf den Untergang bereitet. Wie aber aus der Tragik selbst
der Trost hervorwächst, der uns mit dem Schmerz versöhnt, indem das dem
Vergänglichen noch Untergebene, befreit von den Fesseln der Endlichkeit,
aufsteigt in eine höhere Region, wo es nun als leuchtendes Gestirn in
unsterblicher Schöne glänzt und uns in Liebe nachzieht - so erhob sich für Rosa
aus den dunkeln Wogen des Schmerzes die verklärte Gestalt des Freundes, der sein
Leben mit einer idealen Tat besiegelt hatte. Eine immer höher steigende Ekstase
erfüllte sie fast mit Wonne. Mit Erstaunen sahen die Geschwister sie an, als sie
sich am Abend zusammenfanden; sie schien ihnen wie verklärt, von neuem Leben
durchdrungen, so dass Vittoria ganz fröhlich sagte: »Oh, meine teure Rosa, Sie
sehen heute so gut aus; ich bin überzeugt, der Frühling bringt Ihnen die volle
Gesundheit wieder.«
    Rosa antwortete nur mit einem sanften Lächeln. Kein Wort von dem, was sie
erfahren, kam über ihre Lippen; es wäre ihr unmöglich gewesen, hätte ihr wie
Entweihung geschienen, davon zu sprechen. Sie war nur noch liebevoller als
gewöhnlich mit den treuen Menschen und lohnte ihnen durch Blicke und Lächeln für
ihre hingebende Neigung. Aber ihr Herz schlug heftiger und heftiger und in ihrem
Geist bewegte sich ein Leuchten, wie sie es seit langem nicht gefühlt. Endlich
wurde es ihr zu eng im Zimmer und sie wollte auf die Loggia. Vittoria bat sie,
es nicht zu tun, denn sie scheine ihr so erregt und draussen sei es dunkel und
kühl. Aber Rosa lächelte nur und sagte: »Es ist ja Frühling, und ich sehne mich,
auch neu aufzuleben wie die Natur, es kann mir nichts schaden.« Sie trat hinaus.
Die geschäftige Vittoria räumte indes im Zimmer auf, Beppo aber stand hinter der
geöffneten Tür der Loggia, denn er wagte nicht, mit hinauszutreten, um die
Gedanken, die Rosa beschäftigen mochten, nicht zu stören, aber es war ihm, als
müsse er wachen, dass ihr nichts Übles begegne. Da hörte er plötzlich ihre
Stimme, die sprach:
»Dunkel ruht die Nacht;
Freudlose Stille
Liegt auf der schlummernden Erde.
Hier und da blitzen
Lichtchen herauf
Aus der feuchten Tiefe,
Wie ein ängstliches Fürchten
Beschränkter Menschen
Vor dem grausigen Dunkel.
Ich aber trete
Furchtlos hinaus,
Müde des ewigen Truges,
Den, in des Tages
Täuschender Helle,
Sinnesbetört
Immer von neuem
Das Herz am Herzen begeht
Heilige Nacht!
Du nur bist Wahrheit;
In dir verschwindet
Der gleissende Prunk,
Den die Maja verleiht.
Frei, in unsterblicher Schöne,
Schwebt die enteilende Seele
Aus der verwelkenden Hülle
In den Kreis vollendeter Freude,
Wo die heilige Liebe,
Frei von irdischer Lust,
Wie ein leuchtender Ärher
Still um Selige fliesst.
Da aus himmlischem Dunkel
Tritt ein strahlender Stern;
Ja, Symbol nur
Ist die sichtbare Welt!
Schon verwehen die Nebel!
Schon versiegen die Schmerzen!
Auf, entfaltet euch, Schwingen,
Tragt mich hinauf in das Licht.«
»Vittoria, sie improvisiert wieder, sie ist gerettet,« flüsterte Beppo der
Schwester zu, die nun auch horchend stillstand; da hörten sie ein kurzes Ach und
sahen Rosa wanken. Vittoria sprang herzu und fing sie in ihren Armen auf. Rosas
brechendes Auge grüsste sie mit einem letzten Blick und ihren Mund umschwebte ein
himmlisches Lächeln. Ein Herzschlag hatte sie getötet; Vittoria legte sie auf
das Bett, wo sie wie eine zum seligsten Leben Erlöste in unbeschreiblicher Anmut
ruhte. Die Geschwister, von ehrfurchtsvoller Rührung ergriffen, die jeden lauten
Ausbruch des Schmerzes fernhielt, knieten beim Lager nieder und beteten zu ihrer
Heiligen, dass sie ihnen Kraft gebe, weiterzuleben.
 
    