
        
                         Franziska Gräfin zu Reventlow
                                Ellen Olestjerne
                                   Erster Teil
Schloss Nevershuus lag grau und schwerfällig unter hohen Bäumen mit seinen
breiten Seitenflügeln und dem viereckigen Turm, der kaum das Dach überragte.
Aber von seiner Plattform aus konnte man weit über Meer und Heide sehen und auf
die kleine Küstenstadt hinunter, die sich zwischen Deichen und grünen Wiesen
hinzog.
    In früheren Zeiten sollte es einmal irgendeiner schlimmen Fürstin als
Witwensitz gedient haben - von daher stammten wohl die altersschwarzen Ölbilder
droben im Rittersaal und allerhand Spukgeschichten, die immer noch im Volksmund
fortlebten, obgleich das Gut jetzt schon lange im Besitz der Familie Olestjerne
war und die gemalten Damen mit ihren feierlichen Mienen auf die Schicksale und
das Treiben einer anderen Zeit herabsahn.
    Es konnte immer noch einen melancholisch unheimlichen Eindruck machen, das
alte Schloss, wenn die Herbststürme durch alle Kamine heulten wie geängstigte
arme Seelen, oder wenn der Nebel vom Meer heraufstieg und alles in seine
wogenden grauen Schleier einhüllte. Aber es hatte auch seinen Frühling und
seinen Sommer, wo die Sonne alles Düstere aus den weiten hohen Räumen
herausleuchtete, wo der reiche grüne Garten um die grauen Mauern blühte und
drüben in der Ferne das Meer blau und schimmernd dalag.
    Für die Bewohner von Nevershuus ging die schöne Jahreszeit ebenso still und
gleichförmig hin wie der Winter. Der Gutsherr Christian Olestjerne war meist
draussen im Felde oder auf der Jagd, und seine Frau sass mit ihrer ältesten
Tochter am Steintisch unter den Buchen, wenn sie nicht in Küche und
Vorratskammer zu tun hatten. Die Freifrau Anna Juliane war eine schöne,
stattliche Frau mit raschen, dunklen Augen und eiserner Tatkraft - von früh bis
spät auf den Beinen, um überall nach dem Rechten zu sehen. Aber dabei hatte sie
nichts Leichtes in ihrer Art, das Leben zu nehmen, es türmte sich alles vor ihr
auf wie ein Berg, über den sie nie hinaussehen konnte - die Wirtschaft, der
grosse Haushalt, die Kinder, tausend Dinge, die täglich zu tun und zu überlegen
waren und ihr beständig im Kopf herumgingen. Seit ihre Älteste erwachsen war,
hatte sie nun wenigstens jemand, mit dem sie das alles teilen und beraten
konnte, während sie des Vormittags im Garten sassen, Wäsche ausbesserten oder
Obst zum Einkochen schälten.
    Wenn nur das Heu von den Strandwiesen hereinkäme, ehe es wieder Regen gab
und alles zugrunde ging wie im vorigen Jahr - Gott weiss, der Vater hatte diesen
Frühling schon genug Ärger gehabt; das durfte nicht noch dazu kommen. Wie lange
würde sich Nevershuus überhaupt noch halten lassen, bei all den misslichen
Verhältnissen.
    »Ach Mama«, sagte dann wohl Marianne in ihrer ruhigen Weise, »quäl' dich
doch nicht darum, es hat ja noch Zeit bis zur Heuernte.«
    Aber die Mutter war schon längst wieder bei anderen Gedanken - ob Marianne
meinte, dass das neue Kindermädchen zuverlässig sei? Ellen und Detlev waren in
letzter Zeit gar so unbändig, und sie hatte jetzt doch nur die beiden Kleinen zu
hüten. Und wie würde es Erik nun wohl auf der Schule gehen - mit Kai wollte es
ja immer noch nicht recht vorwärts, und vor allem war seine Gesundheit eine
rechte Sorge. Ja, Sorgen überall, und Sorgen mussten ja sein. Es war ein Wort,
das die Freifrau häufig gebrauchte, und wenn sie dabei angekommen war, konnte
sie so aus tiefster Seele heraus seufzen. Dann fiel ihr plötzlich wieder ein,
dass sie versäumt hatte, irgend etwas anzuordnen, und sie ging mit ihrem raschen
Schritt ins Haus hinein, um es nachzuholen.
    Manchmal seufzte Marianne dann im stillen mit: die Mutter liess sich und
anderen wenig Ruhe, und ihre rastlose Lebhaftigkeit hatte beinahe etwas
Aufreibendes - es war keine Kleinigkeit, ihr immer das Gleichgewicht zu halten,
besonders, wenn sie sich in Taten umsetzte. Mochten nun die Dienstboten etwas
versehen haben, die Jungen mit schlechten Zeugnissen heimkommen, oder die
Kleinen irgendein Unheil anrichten - immer war es Marianne, bei der sie Zuflucht
suchten, die alles ausgleichen und vermitteln sollte. So atmete sie meist
erleichtert auf, wenn der stürmische Vormittag vorüber war und die Mutter sich
nach Tisch mit einem Buch ins Wohnzimmer zurückzog. Für Marianne kamen dann die
besten Stunden des Tages, wo sie dem Vater bei seinen Schreibereien half, oder
ihn bei seinen Rundgängen auf dem Gut begleitete.
    Auch die jüngeren Geschwister wussten diese häusliche Nachmittagsruhe nach
Kräften zu geniessen. Es war die Zeit, wo sie ungestört allen möglichen
verbotenen Unternehmungen nachgehen konnten - den alten Gärtner drüben im
Nebenhaus besuchen, wo sie Kaffee bekamen und an seinen langen Pfeifen rauchen
durften, oder die Dorfkinder, die schon lange wartend am Gitter standen,
hereinlassen und mit ihnen am Graben Brücken bauen und Schiffe schwimmen lassen.
Das Kindermädchen hatte noch zu tun, und wenn Erik dabei war, liess man die
Kinder ruhig eine Zeitlang ohne Aufsicht. Ellen folgte dem älteren Bruder durch
dick und dünn und zog den kleinen Detlev an der Hand hinter sich her. Mit
vereinter Anstrengung bekamen sie ihn über alle Gitter und Schwierigkeiten weg,
und wehe ihm, wenn er schrie oder sie verklagte.
    In diesem Sommer war das Nachmittagsglück nicht mehr so ungetrübt wie
früher, denn seit Erik zur Schule ging, wurde er hochmütig, fing an, Ellen, die
sonst seine unzertrennliche Gefährtin war, zu verachten, um sich zu den Grossen
zu rechnen. Sie hatte jetzt manches auszustehen - zuweilen fiel es ihm ein, ihr
Unterricht zu geben, sie sollte ihm Geschichten nacherzählen oder Buchstaben in
den Sand schreiben, und lehnte sie sich im Gefühl ihrer Ohnmacht dagegen auf, so
wurde sie einfach übergelegt und durchgeprügelt. Manchmal kam dann Lise, das
Kindermädchen, ihr zu Hilfe:
    »Lass doch Ellen in Ruh', was hat sie dir getan?«
    »Da brauchst du dich gar nicht hineinzumischen«, sagte Erik überlegen. »Mama
ist immer sehr strenge mit Ellen, und wenn sie nicht da ist, muss ich Ellen
verhauen, damit sie sich nichts einbildet.«
    Im ganzen war das Mädchen recht froh, ihn jetzt für einen Teil des Tages los
zu sein; wenn er wieder zur Schule war, ging sie mit den beiden Kleinen auf die
einsame Graskoppel hinter dem Garten, wo Owe Jensen, der lange blonde Knecht,
arbeitete. Und die ganze Gesellschaft war dann sehr vergnügt, Owe liess seine
Arbeit liegen und wanderte mit Lise langsam die breiten, grasüberwucherten Wege
entlang, während die Kinder Hand in Hand hinterdrein trottelten. Zuweilen
brachte er auch seinen Freund mit; das war Lise zuerst nicht ganz recht gewesen,
denn Klaus Sörens war eine Art Räuberberühmteit in der Umgegend und erst vor
kurzem aus dem Zuchtaus entlassen. Aber allmählich fand sie, dass es auch seine
Vorteile hatte, wenn er mitkam. Dann konnte sie ungestört mit Owe im Gras liegen
und brauchte sich nicht um die Kleinen zu bekümmern. Detlev bekam einen schönen,
weichen Platz, wo er schlief oder mit den Beinen im Sonnenschein strampelte, und
der Zuchtäusler spielte mit Ellen. Sie liebte ihn leidenschaftlich und war
selig, wenn er mit ihr herumjagte oder ihr Blumen und Erdbeeren pflückte. Man
hatte ihr wohl eingeschärft, nichts davon zu erzählen, und das tat sie auch nie.
Bei Lise und ihren Freunden fühlte sie sich viel wohler wie zu Hause, denn Mama
und Prügel kriegen waren so ziemlich die ersten Begriffe, die ihr Bewusstsein zu
fassen vermochte und die für sie in eins zusammenfielen.
    Die kleine Ellen hatte schon frühzeitig ein dunkles Gefühl davon, dass sie
mit dem linken Fuss auf die Welt gekommen sein musste. Sie war ein etwas
schwächliches, zurückgebliebenes und dabei scheues, trotziges Kind, an dem
niemand besondere Freude hatte, und das zwischen den beiden Brüdern nicht recht
zur Geltung kam. Eigentlich war sie überflüssig und wurde fortwährend hin und
her geschoben. Wenn Erik ihre Gesellschaft wünschte, durfte sie mit zu
Nachbarskindern oder Besuchen, wusste er nichts mehr mit ihr anzufangen, so
wanderte sie wieder in die Kinderstube. Und er konnte sie nur brauchen, solange
sie sein willenloses Werkzeug und Echo war, Löcher wühlte, wo er Bäume pflanzen
wollte, ihm die Bälle aufsammelte oder auch nur dabeistand und seine Taten
bewunderte. Aber mit der Zeit bekam sie ihren eignen Kopf, wurde eigensinnig und
ungefällig und wandte sich immer mehr dem kleineren Bruder zu. Im Grunde fuhr
sie dabei noch schlechter wie früher, denn war schon Erik verzogen und
bewundert, so wurde Detlev, das goldhaarige Jüngste, vom ganzen Hause vergöttert
und stellte sie völlig in den Schatten. Dazu kam noch, dass sie jetzt die Ältere
war und für alles, was sie zusammen verbrachen, die Verantwortung zu tragen
hatte.
    Ellen kam allmählich zu dem Schluss, es läge alles nur daran, dass sie ein
Mädchen war; das bekam sie ja unzählige Male zu hören: Kleine Mädchen dürfen
nicht so wild sein - kleine Mädchen klettern nicht auf Bäume - kleine Mädchen
müssen ihre Kleider schonen - diese verwünschten rosa und weissen Kleider, die
sie zu Tisch anbekam und die immer gleich zerrissen oder schmutzig waren.
Manchmal klagte sie dann verzweifelt dem Mädchen ihr Leid: »Wenn ich doch nur
ein Junge wäre!« Und Lise tröstete sie: »Warte nur, bis du sechs Jahre alt bist,
dann wirst du einer.«
    Der sechste Geburtstag kam und brachte ihr die erste, schwere Enttäuschung.
Als sie aufwachte, wollte sie Kleider von Erik anziehen, denn jetzt war sie doch
ein Junge und wollte auch verzogen und bewundert werden. Aber sie wurde nur
entsetzlich ausgelacht, selbst der Vater lachte mit, und dann erfuhr sie, dass
sie immer ein Mädchen bleiben müsste. An dem Tage konnte Ellen sich über nichts
mehr freuen.
    Dafür war sie nun sechs Jahre alt und sollte anfangen, lesen zu lernen,
neben Mama auf der grünen Gartenbank stillsitzen mit den schrecklichen
Buchstaben vor sich, die man nie behalten konnte.
    Die Buchen waren eben erst grün geworden, die Luft voller Bienensummen und
sommerlichem Gezwitscher. Das machte Ellen so zerstreut, dass es mit dem Lesen
durchaus nicht gehen wollte. Drüben schaufelte Detlev in dem grossen, weissen
Sandhaufen, jeden Augenblick schielte sie sehnsüchtig zu ihm hinüber. Aber die
Mutter liess nicht aus, sie nähte und schalt, während Ellen wahre
Fieberphantasien buchstabierte. Fast regelmässig endete es mit Klapsen und
Tränen, und dann kam das Allerschlimmste: der lange, graue Strumpf, an dem sie
zur Strafe stricken musste, - der Strumpf, der nie ein Ende nahm und auf den
viele, viele Tränen hinunterliefen, während Detlev im Sand spielte und die Sonne
schien.
    War Ellen dann endlich entlassen, so liess die Mutter einen Augenblick ihre
Näherei sinken und seufzte: »Es ist doch wirklich ein Kreuz mit dem Kind!«
Gegen Ende des Sommers wurde der fünfzehnjährige Kai schwer krank. Die Mutter
war Tag und Nacht bei ihm, und die anderen Kinder bekamen sie kaum mehr zu
sehen. Marianne musste für den Haushalt sorgen, und so gab es einmal wieder
Freiheit, denn diese hatte alle Hände voll zu tun und konnte sich nicht viel um
die Kleinen kümmern. Während dieser Zeit schlief auch Ellens Unterricht fast
ganz ein, statt dessen entstand ein erbitterter Wettkampf zwischen Erik und ihr,
wer die schönsten Teufel zeichnen könnte. Da kam eines Tages Mariannes Freundin
Hedwig Janssen dazu, die eine Pastorentochter war, und sagte mit ihrer etwas
heiseren Stimme: »Du solltest doch den Kindern verbieten, immerfort Teufel zu
malen, ich finde es wirklich nicht recht.«
    Marianne verbot es, und nun hatte das Zeichnen allen Reiz verloren.
    Abends lag Ellen lange wach im Bett, drüben am Tisch sass das Kindermädchen
und nähte.
    »Du, Lise, wer ist eigentlich der Teufel?«
    »Warum willst du das wissen?«
    »Weil Hedwig gesagt hat, es wäre nicht recht, wenn wir ihn immer
zeichneten.«
    Lise versuchte ihr zu erklären: Ein böser Geist, von dem alles Schlimme
herkam und der grosse Macht besass.
    Das Kind setzte sich im Bett auf und horchte gespannt. Zuletzt erzählte Lise
ihr die Geschichte von einem Mann, der sich dem Teufel verschrieben hatte mit
Leib und Seele. Dafür bekam er alles, was er wollte, aber zuletzt, als er
sterben sollte, erschien der Böse, um ihn zu holen, und er musste mit in die
Hölle.
    »So, aber jetzt sollst du schlafen, Ellen.«
    Kais Krankheit dauerte sehr lange, und selbst die Kleinen fühlten die trübe,
lastende Stimmung, die über dem ganzen Hause lag. Sie suchten sich alles
mögliche auszudenken, was ihm Freude machte, denn sie hatten ihn alle sehr lieb.
    Kai wollte Naturforscher werden, sein ganzes Zimmer war voll von Steinen,
Schmetterlingen, ausgestopften Vögeln, und hinten im Garten stand ein verdorrter
Baum, wo er tote Tiere für seine Skelettsammlung aufhängte. Was die Geschwister
jetzt an verendeten Katzen, ertränkten jungen Hunden und anderem Getier fanden,
kam an den Baum, und sie freuten sich heimlich auf die Überraschung, wenn er
wieder aufstand.
    Aber Kai stand nicht wieder auf - - die Grossen wussten es schon lange, dass er
sterben musste. Mama war blass, sie hatte tiefe Ringe um die Augen und schalt
nicht mehr so viel, und der Vater sprach kaum ein Wort.
    Eines Vormittags spielten die beiden Jüngsten im Garten. Seit dem Frühstück
hatten sie niemand von den anderen gesehen, und unten im Schloss war alles still.
    Gegen Mittag kam Erik aus dem Haus, er setzte sich auf die eiserne Treppe,
und Ellen hörte, dass er laut weinte. Sie rannten zu ihm hin und quälten ihn mit
Fragen, aber er schluchzte nur immer lauter.
    »Kai ist tot!«
    Tot - Ellen empfand nur einen furchtbaren Schrecken, ein Gefühl von kalter,
beklemmender Angst, wie sie es noch nie am hellen Tage gehabt hatte. Sie
klammerte sich fest an Erik und weinte entsetzt mit. Detlev wurde auch bange, er
wusste nicht, was das alles bedeuten sollte, und rief laut nach Mama. Statt
dessen kam die alte Stina heraus, ihr Gesicht war ganz verstört und
zusammengefallen - die Kinder hatten sie noch nie in Tränen gesehen.
    »Ihr müsst ganz ruhig sein, ihr könnt jetzt nicht zu Mama.«
    Dann ging sie mit ihnen durch den Garten. Sie sassen am Abhang dicht beim
Schlossgraben, und Stina und Erik sprachen darüber, ob Kai wohl in den Himmel
gekommen sei: ja, gewiss war er das - Kai war ja ein so guter Junge, hatte so
viel gebetet, noch in den letzten Tagen - denn er wusste ja selbst, dass er nicht
wieder gesund würde. Ellen hörte schweigend zu: wie konnten sie das so sicher
wissen - und wie war es wohl im Himmel? Sie wusste sich nichts darunter
vorzustellen, und dann kamen andere bange Gedanken: wenn sie selbst stürbe - sie
käme gewiss nicht in den Himmel, weil sie so schlecht war.
    Später kam Marianne und holte die Kinder ins Wohnzimmer. Dann gingen alle
zusammen hinauf. - Alles war so still und unheimlich, Kai lag im Bett wie sonst,
wie er die ganze Zeit dagelegen hatte, nur etwas blasser und mit gefalteten
Händen. Ellen hatte ihren Vater an der Hand gefasst; es war so sonderbar und so
schrecklich, dass die Erwachsenen alle weinten und dass Kai wirklich tot war. Und
wie konnte er im Himmel sein, wenn er doch hier tot auf dem Bett lag?
    Die Mutter wusste den Tod ihres ältesten Jungen kaum zu verwinden. Lange Zeit
hindurch war sie leidend und schwermütig und konnte es nicht ertragen, die
Kinder viel um sich zu haben, die immer wieder von Kai sprachen und nach ihm
fragten.
    So wurde für die beiden Kleinen eine Gouvernante ins Haus genommen, und
Ellen bekam nun regelmässige Stunden, Tag für Tag, unerbittlich. Sie mochte immer
noch nicht lernen, und es wurde ihr bitterschwer stillzusitzen. Einförmig liefen
die Tage hin unter vielen Tränen und ewigem Nachsitzen.
    Als Detlev grösser wurde, fing er an mitzulernen; er war auffallend begabt
und hatte die Schwester bald eingeholt. Man wurde sich nun darüber klar, dass
Ellen wirklich dumm sei, und sie tröstete sich selbst damit: ich kann nun einmal
nicht lernen. Aber im ganzen war Fräulein Anna gutmütig und hatte viel Geduld.
Sie kam bald dahinter, dass Ellen für freundliche Worte zugänglicher war wie für
Schelte, und sie vertrugen sich ganz gut miteinander.
    Das Kind fühlte sich wie geborgen, wenn es nur dem Bereich der Mutter
entfliehen konnte - mit Mama war es beständig, als ob man auf Eiern tanzte,
jeden Augenblick ging eins kaputt. Wenn sie sich alle Mühe gab, nicht ungezogen
zu sein, tat sie unfehlbar irgend etwas, was verboten war oder sich für ein
kleines Mädchen nicht schickte. Öfters waren es allerdings auch schwerere
Verbrechen, wo Ellen sich schuldig fühlte; aber um Verzeihung bitten und Reue
zeigen waren Dinge, die sie nicht über sich gewann, wenn Mama böse war.
    So war sie eines schönen Tages mit Detlev verschwunden, und stundenlang
wurde nach den beiden Kindern gesucht. Gleich nach Mittag waren sie in den
Garten gelaufen und von da auf die Koppeln. Drüben auf der »Freiheit« war
Schützenfest, die Musik und die vielen Leinwandzelte lockten unwiderstehlich.
Über den Wall, der nach dieser Seite hin das Gut abgrenzte, durften sie nicht
hinaus, es war streng verboten, aber Ellen hatte bei dem verlangenden
Hinüberschauen alles vergessen. Sie kletterte hinüber und wagte sich mit Detlev
an der Hand in das Gewühl. Vor einer Schiessbude traf sie ihren alten Freund
Klaus Sörens, und das Wiedersehen erfüllte sie mit grosser Seligkeit. Er kaufte
ihnen Lebkuchenherzen, liess sie Karussell fahren und zeigte ihnen alles, was zu
sehen war. Besonders von den Seiltänzern waren sie nicht wieder wegzubringen,
denn da waren fünf kleine Jungen, die sich in der Luft überschlugen und auf
Kniestelzen tanzten. Neben dem Zelt stand ein grüner Wagen mit Blumenstöcken in
den Fenstern - darin wohnten sie, sagte Klaus, und fuhren von einem Ort zum
andern. In Ellen zuckte es förmlich - wie mussten die glücklich sein! Die ganze
übrige Welt war für sie versunken und vergessen; es war nur gut, dass Klaus sie
schliesslich nach Hause schickte.
    Und nun kam ein jäher Sturz aus allen Himmeln. Vor der Gartentür stand Mama:
»Um Gottes willen, wo habt ihr die ganze Zeit gesteckt?«
    Detlev war so begeistert, dass er sich gleich verschwätzte, und Ellen sah
ein, dass lügen nichts half. Aber erzählen wollte sie auch nicht, es war nichts
aus ihr herauszubringen, nicht einmal mit Schlägen. Wie immer, musste sie selbst
die Rute holen, die unter dem Klavier auf einem niedrigen Notenpult lag. Während
sie in das Halbdunkel unter dem Instrument hineinkroch, tanzten immer noch die
bunten Bilder von der »Freiheit« vor ihren Augen. Dann liess sie die Strafe über
sich ergehen und biss die Zähne zusammen, um nicht zu schreien. Den Triumph
sollte Mama nicht haben, die jedesmal ganz ausser sich geriet über diesen stummen
Eigensinn. Für den Rest des Tages wurde Ellen in die Kinderstube geschickt. Das
Mädchen war ausgegangen, sie sass ganz allein in einer Ecke und sann Rache. Sie
war wütend auf Detlev, der nie den Mund halten konnte - und dass immer alles
Schöne verboten war - und Mama - nicht einmal die Hunde bekamen so viel Prügel.
- Mama hatte wohl die Hunde auch viel lieber.
    Das war nicht mehr auszuhalten, ihr Gesicht glühte vor Zorn und Aufregung.
Immer nur Schelte und Schläge - nein, sie wollte lieber fortlaufen, gleich
morgen früh fortlaufen. Und dann malte sich Ellen aus, wie sie immer den Deich
entlang gehen würde, der sich so endlos in die Ferne schlängelte. Denn da musste
es hinausgehen in die Welt. - In eine grosse Pappschachtel packte sie ihre
liebsten Sachen zusammen, um sie auf der Flucht mitzunehmen. Dann dachte sie
wieder an die Akrobaten, sie hatte Geschichten gelesen von Zigeunern, die Kinder
raubten und zu Kunststücken abrichteten. Die würden sie gewiss mitnehmen, und was
für ein wundervolles Leben musste das sein, ohne Stunden und Eltern und
Gouvernanten. Dazwischen fiel ihr plötzlich ein, was Lise vom Teufel erzählt
hatte: wer sich ihm verschrieb, dem konnte er alles verschaffen, was er sich nur
wünschte.
    Es wurde Abend, die alten Marmorreliefs am Kamin schimmerten matt durch die
Dämmerung, aber heute fürchtete Ellen sich nicht. Sie sass tief in Gedanken und
rang mit einem grossen Entschluss. Schliesslich suchte sie sich einen von ihren
schönsten bunten Briefbogen aus der Schublade, ging damit ans Fenster, wo es
noch etwas hell war, und verschrieb sich dem Teufel mit Leib und Seele, wenn er
ihr helfen wollte, zu den Zigeunern zu kommen. Ellen steckte den Brief in ein
Kuvert und legte ihn oben auf das Kaminsims, dann ging sie verstockt zu Bett.
Das Fortlaufen wollte sie nun einstweilen noch aufschieben. Als sie ein paar
Tage später nachsah, war der Brief verschwunden, der Teufel hatte ihn also wohl
gefunden und mitgenommen. - Ellen erschrak furchtbar, ihr Trotz war inzwischen
schon wieder etwas abgesunken, aber nun gab es keine Rückkehr mehr.
    Die Mutter und Fräulein Anna waren in der folgenden Zeit manchmal der
Verzweiflung nahe, denn mit Ellen war nichts mehr anzufangen, sie wurde von Tag
zu Tag ungezogener. Wozu sollte sie sich jetzt noch Mühe geben, wenn sie doch
dem Teufel gehörte. Sie wartete nur darauf, dass er sich irgendwie betätigen
würde, und fühlte sich einsam und verwegen, als ob die ganze Welt gegen sie
stände. Inzwischen überfiel sie manchmal eine furchtbare Angst - wenn er nun kam
und sie holte, wenn er jetzt auf einmal hinter der Tür herausschaute! Ellen
wagte kaum mehr, durch ein dunkles Zimmer zu gehen. Wenn sie ihre Aufgaben
lernte, sah sie nach der Uhr: bis dahin muss ich fertig sein, sonst kommt er. Sie
zählte im Gehen Pflastersteine, Treppenstufen, Korridorfliesen und gelobte sich,
nur auf jede vierte zu treten, dann sollte er keine Macht mehr über sie haben.
Manchmal konnte sie es aber nicht lassen, absichtlich falsch zu treten, um ihn
herauszufordern, und dann berauschte sie sich an ihrem schlechten Gewissen -
wenn Mama und die andern wüssten, dass sie sich dem Teufel verschrieben hatte und
er jeden Augenblick kommen konnte, sie zu holen.
Ein Jahr später kam Ellen am Weihnachtsabend zum erstenmal mit in die Kirche,
und nun gab es eine grosse Umwälzung in ihrem Innern.
    Der schmucklose weisse Raum mit dem blaugemalten Sternenhimmel und den zwei
brennenden Christbäumen neben dem Altar kam ihr unsagbar schön vor. Auf der
vergoldeten Kanzel stand der Propst mit seiner mächtigen, kahlen Stirn und der
tiefen Friedensstimme: Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volke
widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren! Ellen war geblendet
und überwältigt, es schien ihr, dass der liebe Gott selbst da oben stände und zu
ihr redete, und als ob sie ihn vorher noch gar nicht gekannt hätte. Und jetzt
mit einemmal glaubte sie an Gott, glaubte an das Wunder: der Heiland war auch
für sie geboren, um sie zu erlösen von der finstern Macht der Sünde.
    Als der Propst von der Kanzel verschwand, war sie ganz unglücklich. Aber
dann erschien er wieder vor dem Altar und sagte etwas, die Orgel setzte ein, und
der Chor antwortete. Musik hatte Ellen fast noch nie gehört, und es kam ihr vor
wie Engelsstimmen, die aus dem Himmel herabtönten.
    Als sie hinter der Mutter aus der Kirche ging, sah sie sich noch einmal um;
ihr war, als ob der liebe Gott da drinnen in all dem Lichterglanz zurückbliebe.
Dann der Heimweg durch die schmalen Strassen und die lange Kastanienallee, die
nach Nevershuus führte, - hinter den erleuchteten Gangfenstern sah man die
Dienstboten eilig hin und her laufen. Die Eltern verschwanden gleich in den
»grünen Saal«, um die Lichter anzuzünden. Oben in Mariannes Zimmer warteten die
Geschwister im Dunkeln. Die Stühle wurden dicht an die Tür geschoben, damit man
rasch hinunter könnte, wenn es klingelte. Leise sprachen sie von Kai, nun waren
es schon vier Jahre, dass er unter ihnen fehlte, und sie dachten daran, wie
lustig der grosse, blasse Bruder an solchen Tagen gewesen war.
    Endlich wurde geschellt, und nun stürzten sie die Treppe hinunter, jeder
wollte zuerst kommen. Im Esszimmer standen die Leute in ihrem Sonntagszeug, die
Mädchen mit weissen Schürzen und Hauben, die uralte bucklige Köchin, der Gärtner,
all die langjährigen Getreuen, die eng zum Schloss und zur Familie gehörten.
    Die Flügeltüren gingen auf, im Saal wogte es von Lichtern und Tannenduft, im
ersten Augenblick waren alle wie geblendet.
    Ellen stand vor ihrem Tisch, sie fand alles, was sie sich wünschte, und dazu
noch ein Buch, das Kai gehört hatte. Mama kam und küsste sie.
    »Freust du dich, mein Kind - das ist ein Andenken an Kai - ihr müsst ihn nie
vergessen.«
    Mama sah verweint aus. Es war selten, dass sie so gut mit Ellen sprach, und
Ellen hätte sich für sie kreuzigen lassen in diesem Augenblick. Das Herz wurde
ihr voll von Weihnachtsseligkeit, am liebsten hätte sie laut geweint.
Neujahr war sie wieder in der Kirche. Neben dem Altar brannten noch einmal die
Christbäume, und der Propst redete, aber diesmal war es nicht der wundergläubige
Festjubel, den er verkündete, sondern ernste, beinahe drohende Worte von Sterben
und Vergehen, von der kurzen Gnadenfrist, die dem Menschen gegeben ist, um sich
zu bessern.
    Ellen fasste tausend gute Vorsätze, sie wollte von nun an jeden Tag beten und
so vollkommen werden, dass niemand mehr über sie schelten konnte. Auf ihren
früheren Bundesgenossen, den Teufel, blickte sie jetzt mit grosser Verachtung
herab - er hatte ihr ja nicht einmal geholfen; aber sie fürchtete sich auch
nicht mehr vor ihm. Er konnte ihr nichts mehr anhaben, wenn sie betete: Gott war
mächtiger.
    Eine Zeitlang strengte sie sich nun wirklich an und betete mit grossem Eifer,
aber es war so schwer, man fiel doch immer wieder in Sünde.
    Gegen Ostern ging Fräulein Anna fort, um eine Stellung im Ausland
anzunehmen. Die beiden Kleinen hatten lange Ferien, während die Mutter eine neue
Lehrerin suchte. Allmählich fingen sie an zu hoffen, es würde sich überhaupt
keine finden, und sie hatten jetzt so viel andere Dinge im Kopf, dass sie ihre
Freiheit sehr gut brauchen konnten.
    Eine Jugendbekannte der Baronin Olestjerne hatte ihren Sohn drunten in der
Stadt zur Schule gegeben, und dieser schmächtige, schwarzäugige Junge, der Geerd
hiess, war ein grosses Ereignis im Leben der beiden Geschwister. Sie hatten jetzt
einen Freund, den sie mit wetteifernder Leidenschaft liebten und in ihre
Geheimnisse einweihten, in alles Verbotene und Verlockende: wie man das
verrostete Türschloss zum Turm und zum alten Gefängnis aufbrachte, oder durch
eine Luke vom Garten aus in die dunkeln, gewölbten Keller einstieg - in alle
verstohlenen Winkel von Schloss und Garten, von denen sie Besitz ergriffen hatten
und jeder seinen Namen und seine Geschichte besass. Geerd war entzückt von
alledem, die drei Kinder schlossen sich immer feuriger zusammen und kamen
schliesslich auf die Idee, ihre Freundschaft durch einen Blutbund zu besiegeln.
    Ein Abend, wo die Eltern in Gesellschaft waren, wurde dazu ausersehen, denn
diese heilige Handlung konnte nur ganz im geheimen, bei Nacht und Nebel vor sich
gehen. Als der Wagen aus dem Hof rollte, stürmten sie rasch in die Kinderstube,
wickelten sich in phantastische Gewänder aus weissen Bettüchern, zündeten die
heimlich erbeuteten Wachskerzen an und wallfahrteten mit dumpfem Gemurmel, in
dem immer wieder das Wort »Blut!« vorkam, durch den Rittersaal, durch die
weiten, dunkeln Bodenräume, die sich über das ganze Schloss hinzogen, und dann
die schmale Wendeltreppe hinab in die frühere Kapelle. Unwillkürlich hörten sie
auf zu murmeln, auf dem glatten Fliesenboden hallte jeder Schritt laut wider,
und die tiefen Nischen rings an der Wand waren unheimlich dunkel. An der Stelle,
wo der Altar gestanden, war noch eine viereckig aufgemauerte Erhöhung, da
stellten sie ihre Lichter hin. Keines von ihnen sprach ein Wort, während sie
sich mit einem stumpfen Messer Arme und Beine rjetzten und das Blut in einem
Glase sammelten. Weil es nicht genug war, kam noch etwas Wasser dazu, dann
tranken sie es aus, schwuren sich ewige Treue und furchtbare Rache dem, der zum
Verräter würde. Als das geschehen war, wurde die Stimmung etwas leichter. Geerd,
der über Taschengeld verfügte, hatte Kuchen und eine Flasche Wein beschafft, und
sie lagerten sich zum Mahl um den Altar.
    Verspätet und mit erhitzen Köpfen erschienen die drei an diesem Abend im
Esszimmer, und während sie bei Tisch sassen, gingen immer wieder geheimnisvolle
Blicke und Anspielungen zwischen ihnen hin und her.
    Wenn es irgend anging, feierten sie jetzt jeden Sonntagabend ein heimliches
Bundesmahl in der Kapelle, im Keller oder auf dem Turmboden - aber dunkel musste
es sein, und niemand durfte darum wissen, sonst wäre alles entweiht gewesen.
    Als aber der Winter zu Ende und es draussen wieder schön und trocken war,
fanden sie, dass nun etwas Neues kommen müsse. Anfang April, an einem warmen,
lichten Tage, durchstreiften sie den ganzen Garten, diese unerschöpfliche
Märchenwelt von Abhängen, Gebüschen und halbverwachsenen Wegen, wo man immer
wieder etwas entdeckte: Plätze, wo sie noch nie gewesen waren, Pflanzen, die sie
nicht kannten, Ameisenhaufen, Vogelnester und so vieles andere. Besonders war es
der breite Schlossgraben, der sie anzog, mit seinem geheimnisvollen, grünen
Wasser, auf dem sonderbare grosse Spinnen wie auf Schlittschuhen hinglitten. An
den Abhängen blühten schon die weissen Sternblumen und die Weidenzweige hingen
tief herunter. Zuletzt kamen sie in die verwilderte Schlucht, die zwischen
Garten und Koppel lag, mit einem schmalen Fussweg mitten durch und ein paar
krummen Holunderbäumen.
    Geerd ging wie immer zwischen den beiden andern, die sich so ähnlich sahen,
dass man sie in gleichen Kleidern fast für Zwillinge halten konnte. Trotz der
zwei Jahre, die zwischen ihnen lagen, waren sie fast gleich gross, beide mit
kurzem, blondem Haar und den scharfen Olestjerneschen Familienzügen. Ellen war
im Lauf der Jahre kräftig und gesund geworden und stolz darauf, dass sie es mit
jedem gleichaltrigen Jungen aufnehmen konnte. Es war Bundestag heute, und sie
ratschlagten gewaltige Pläne, gingen ernst prüfend umher und massen die Schlucht
mit den Augen. Dann wurde Geerd das Wort zuerteilt, und er schwang sich in einen
Baum, um seiner Rede mehr Nachdruck zu verleihen:
    »Bundesgenossen, hier wollen wir unser Reich gründen - unser Königtum -, von
hier aus soll es wachsen, sich ausbreiten und die Nebenreiche verschlingen, wo
jetzt noch unsere Feindin, die grimme Fürstin Anna Juliane, herrscht. Wir wollen
sie enttronen und uns zinsbar machen.«
    Die beiden andern stimmten ein furchtbares Kriegsgeheul an und schwangen
ihre hölzernen Speere.
    Von früh bis spät waren sie jetzt draussen an der Arbeit, rammten Pfähle in
die Erde, schleppten Tannenzweige und Moos herbei und bauten Hütten. Mit vieler
Mühe hatten sie sich die Erlaubnis errungen. Die Mutter wollte erst nichts davon
wissen, aber Detlev hörte nicht auf, sie zu bestürmen, und schliesslich erfuhr
der Vater von der Sache und kam ihnen zu Hilfe. Er nahm sogar lebhaftes
Interesse daran und ging selbst mit hinaus, um ihnen die Grenzen ihres Gebietes
anzuweisen.
    Das Königreich wuchs nun rasch empor, es wurden Strassen gelegt, Felder und
Bauplätze abgemessen. Auf dem freien Platz in der Mitte erhob sich eine grosse
Hütte aus Brettern und Backsteinen, das war der Tempel, denn sie hatten sich
heimlich vom Christentum losgesagt und eine neue Religion erdacht. Im Tempel
stand die Bundeslade, in der geraubte Schätze verborgen wurden, und ein
unförmlicher Götze aus Holz, den hatten sie selbst in vielen mühsamen Stunden
geschnitzt und angemalt. Er hiess der Mohu und wurde mit Opfern, Gesängen und
wilden Tänzen gefeiert.
Vier Wochen lang hatten sie unermüdlich geschafft, da kam plötzlich ein Blitz
aus heiterem Himmel - Ellen und Detlev wurden eines Morgens zu Mama gerufen: im
Wohnzimmer sass eine blasse Dame mit schwarzem, glattem Haar. Die Geschwister
sahen sich erschrocken an, das konnte nur die neue Gouvernante sein, an die sie
schon längst nicht mehr geglaubt hatten. Sie mussten ihr guten Tag sagen und
erfuhren, dass sie Cläre Huhn hiess; darüber wären sie beinah ins Lachen geraten
und vermieden ängstlich, sich anzusehen. Fräulein Huhn war sehr freundlich und
hatte feuchtkalte Hände.
    »Nicht wahr, wir wollen jetzt recht fleissig zusammen sein? Ihr müsst mich
aber auch etwas lieb haben und mich du nennen.«
    Dann wurden sie wieder entlassen. Zum Draussenarbeiten hatten sie heute die
Lust verloren, und als Geerd am Nachmittag kam, fand er die beiden melancholisch
neben einer angefangenen Hütte sitzen. Ellen war verzweifelt: nun sollte das
Jammerleben wieder anfangen - Stunden - Schelte - Nachsitzen, und hinter all
diesen Schrecknissen stand Mama und die Ecke im Wohnzimmer, wo sie stricken
musste. Geerd versuchte sie mit Bonbons zu trösten, und allmählich wurde der
Schmerz etwas milder. Dann schlug er einen Trauergottesdienst vor, - alle drei
rauften sich die Haare und schlugen sich an die Brust, während sie den Mohu
umtanzten und seinen Fluch auf Cläre Huhn herabriefen. Sie sollte ihm zu Ehren
geschlachtet und verbrannt werden, wenn er seinen treuen Dienern zu Hilfe kam.
Danach lag jeder vor seiner Hütte, und sie pflogen Rat, was jetzt zu tun sei.
Alle drei waren in kriegerischer Stimmung und verlangten danach, sie auszutoben.
Detlev kroch vorsichtig den Abhang hinauf, um zu sehen, ob nicht etwa wieder die
Dorfkinder zum Blumenpflücken in die Koppel eingebrochen wären. Und richtig, da
war eine ganze Rotte, raufte Feldblumen und trat das Gras nieder. Nun erhoben
sich auch die beiden andern, sie schlichen geduckt am Wall entlang und
umzingelten den Feind. Bald war eine wütende Prügelei im Gang, die
Bundesgenossen trugen trotz ihrer geringen Zahl den Sieg davon und machten ein
paar Gefangene, die übrigen entflohen unter zornigen Drohreden. Nun hielten sie
Gericht: den Mädchen banden sie mit Taschentüchern die Augen zu und stürzten sie
vom Wall herab. Ein Junge, der sich heftig zur Wehr setzte, sollte mit in ihre
Stadt geschleppt werden. Sie warfen ihn nieder, zogen ihn an Armen und Beinen
über das Gras hin zu den Hütten, wo er dann noch ein paarmal hin- und
hergeschwenkt und in einen grossen Brennesselbusch geworfen wurde. Damit war ihr
Blutdurst gestillt, und der Gerichtete durfte mit ziemlich zerrissenen Kleidern
heimgehen, während das Geschwisterpaar mit seinem Freunde frohlockend den Mohu
umtanzte.
    Nach diesem stolzen Tage fing das Schulleben für Ellen und Detlev wieder an.
Es war wenigstens ein Glück, dass die neue Lehrerin nicht im Hause wohnte und nur
zu den Stunden kam. Die Kinder wussten bald, dass mit ihr nicht so leicht fertig
zu werden war wie mit der früheren, die sie jetzt in der Erinnerung mit einem
förmlichen Nimbus umgaben.
    Die Mutter hatte eingehend mit ihr über Ellen gesprochen, und das Fräulein
nahm sich vor, das unmögliche Kind mit gütiger Strenge zu zähmen. Dadurch hatte
sie von vornherein verloren; Ellen wand sich geradezu vor diesen eindringlichen
Blicken und feuchten, ermahnenden Händedrücken, die an ihre Seele heranwollten.
- Draussen blühte der Sommer, der Rasen vor dem Fenster wuchs immer höher empor,
so dass man gerade in das bunte Gewoge von Gras und Blumen hineinsah. Dahinter
breiteten die Kastanienbäume ihre grünen Gewölbe mit den weissen Blütenkerzen bis
auf den Boden nieder. - Ellen und Detlev sassen sich gelangweilt gegenüber,
platzten manchmal zur Unzeit in Gelächter aus und widerstrebten aus tiefstem
Herzen jedem Wort, das die schwarze, glattgescheitelte Lehrerin sagte. Kaum war
die Stunde zu Ende, so rannten sie wie kopflos davon und mussten zehnmal
zurückgerufen werden, um das Tintenfass, ihre Bücher oder sonst etwas
wegzuräumen. Dann stürzten sie zu den Hütten und warteten auf Geerd.
    Jeder Tag brachte neue Gedanken, neue Pläne und Taten. Sie gruben Kanäle,
legten Inseln drunten im Graben an und befuhren das schlammige, grüne Wasser in
einem alten Backtrog oder auf Bretterflössen. Das war die stolze Flotte, die von
fernen Gestaden unermessliche Schätze brachte und mehr wie einmal strandete.
    Jeden Monat wurden die Ämter und Würden neu verteilt, so waren sie
abwechselnd Könige, Minister und hohe Kirchenfürsten in prunkvollen Gewändern
aus farbigem Glanzkattun, mit Kronen und Bischofsmützen aus Goldpapier. Dann
legten sie sich Namen und Wappen bei, und jeder erdachte sich eine verwickelte
Sage über die Abstammung seines Geschlechtes, die mit gemalten Anfangsbuchstaben
und absonderlichen Ungeheuern geschmückt, niedergeschrieben und in der
Bundeslade aufbewahrt wurde, neben den langen Papierrollen mit Gesetzen.
    Dann ging der Sommer herum, das Moos an den Hütten vermoderte, und draussen
musste die Arbeit ruhen. Dafür gab es nun Reichstage, Kunstausstellungen von
selbstgemalten Bildern, glänzende Mohufeste mit Prozessionen durch das ganze
Schloss und Turniere im Rittersaal. Grüngestrichene, hölzerne Gartenstühle waren
die stolzen Rosse, die sich hoch aufbäumten, während die Recken sich mit
höhnischen Reden zum Kampf herausforderten und mit eingelegter Lanze aus dem
Sattel zu heben suchten.
An einem Sonntagabend im Winter sassen die drei Kinder allein im Esszimmer.
    Es war heute nichts Rechtes mehr anzufangen, Ellen musste noch für morgen
lernen, und Geerd sprach ein paarmal davon, jetzt nach Hause zu gehen. Aber
jedesmal suchte Detlev wieder etwas Neues hervor, um ihn festzuhalten.
Schliesslich wühlte er den ganzen Bücherschrank durch und kam mit einem Stoss von
alten Bilderbüchern wieder, die von irgendeiner Grossmutter stammten. Sie
blätterten darin herum und sahen gelangweilt auf all die ausländischen Tiere,
Pflanzen und Völkertrachten.
    »Jetzt kommen Eingeweide und Gerippe«, kündigte Geerd an. Ellen sah über
ihre biblische Geschichte weg:
    »Was ist das für ein Buch, das haben wir noch nie gesehen, glaube ich?«
    »Es lag auch ganz zuunterst«, sagte Detlev.
    »Eure Mutter hat es wohl vor euch versteckt, da sind Sachen drin, die ihr
noch nicht sehen dürft.«
    Geerd wollte das Buch zumachen, aber nun fielen die beiden darüber her.
    »Was dürfen wir nicht sehen? - Gib doch her. - Was ist denn das, ein Embryo?
- Weisst du das, Geerd?«
    »Ja, ich weiss schon - das ist ein Kind, ehe es geboren wird. Du bist auch
mal einer gewesen.«
    Die Geschwister sahen die Illustrationen an und versanken in staunendes
Schweigen. Dann wollten sie sich totlachen.
    »Gibt es denn schon Kinder, ehe sie geboren sind?«
    »Seid doch nicht so albern«, sagte Geerd und fing an, ihnen mit
wissenschaftlichem Ernst den Zusammenhang zu erklären. Die Kinder hörten auf zu
lachen, es erwachte zum erstenmal die Ahnung in ihnen, dass das Leben auch
drohende, dunkle Tiefen barg, und es schien ihnen seltsam und entsetzlich.
    Von diesem Abend an drehten sich ihre Gedanken und Gespräche fast
ausschliesslich um das grosse Geheimnis, das sie zu begreifen suchten und doch
nicht ganz begriffen. Sie nahmen es alle drei sehr ernst - die ganze Welt
verwandelte sich ihnen in einen Abgrund von unausdenkbaren Greueln, sie schämten
sich ihrer Mitmenschen und verachteten sie. »Wie waren die nur imstande - fast
alle Erwachsenen«, sagte Geerd - »sich mit solchen sinnlosen Widerwärtigkeiten
abzugeben? Die Verheirateten, um Kinder zu bekommen, das ging ja wohl nicht
anders, aber die übrigen? Zum blossen Vergnügen? - Aber wie konnte ihnen das
Vergnügen machen? Und warum bekamen die keine Kinder?«
    So drängte sich ihnen Rätsel auf Rätsel, und alle wusste Geerd auch nicht zu
lösen.
    »Woher weisst du eigentlich das alles?« fragten sie einmal.
    »Von meiner Mutter - sie sagt mir alles, was ich wissen will.«
    Ellen und Detlev waren sehr erstaunt und beneideten ihn um seine Mutter. Bei
ihnen war das ganz anders, sie gingen beinah schuldbewusst herum, seit sie so
viel erfahren hatten, und zitterten, dass die Eltern es merken könnten.
    Das Königreich geriet darüber mehr und mehr in Vergessenheit, wenigstens
waren sie nicht mehr mit demselben Eifer dabei wie früher, und als die schöne
Zeit wiederkam, machten sie lieber weite Spaziergänge miteinander. Der Mutter
war es ein Dorn im Auge, dass Ellen immer nur mit den Jungen zusammen sein
wollte, aber Geerd und Detlev liessen nicht nach, bis sie mitdurfte.
    »Meinetwegen diesen einen Sommer noch«, sagte sie schliesslich, »aber dann
hat es ein Ende. Dann muss sie wirklich einmal anfangen, ein vernünftiges Mädchen
zu werden.«
    Davon war bis jetzt noch wenig zu merken, immer war es gerade Ellen, die mit
zerrissenen Kleidern, mit Schrammen und Beulen heimkam oder schlammbedeckt und
bis an den Hals durchnässt. Woher hatte das Kind nur diese unbändige Wildheit im
Leibe? Kein Baum war ihr zu hoch, kein Graben zu breit, und wurde sie dafür
gescholten, so brach sie jedesmal in schmerzliche Verwünschungen aus, dass sie
kein Junge war.
    Trotz all dieser Bitternisse war es noch ein wunderbar schöner Sommer, den
die drei Freunde zusammen verlebten. Lange Nachmittage lagen sie draussen am
Strand in dem kurzen, harten Deichgras, wenn die Luft so klar war, dass man die
Inseln deutlich sehen konnte und weitum nichts hörte, wie den langgezogenen,
sehnsüchtigen Schrei der Seevögel. Und der Rückweg durch den grünen Koog, wo es
grosse Gefahren und Hindernisse mit Gräben und losgerissenen Bullen gab. Oder sie
gingen weit in die Heide hinein zum »Galgenberg«. - Vor vierzig Jahren sollte
dort die letzte Hinrichtung gewesen sein, jetzt stand nur noch ein einziger
alter Pfosten da. Die Kinder sassen im roten Heidekraut und schauderten, wenn
eine Krähe aufflog. Oft sprachen sie dann von ihrem späteren Leben - Geerd
sollte zum Herbst auf eine andere Schule, und das war ein furchtbarer Schlag für
sie alle. Wie sollten sie ohne einander fortleben, bis sie gross waren und tun
konnten, was sie wollten. Denn dann wollten sie wieder zusammenkommen, das stand
fest.
    »Ja, und du wirst wohl auch später einmal heiraten müssen, Ellen, und Kinder
kriegen«, sagte Geerd manchmal. Ellen sträubte sich wütend dagegen, es war ein
schrecklicher Gedanke, dass sie eine Frau werden sollte, sie suchte sich dann
durch doppelte Kraftleistungen hervorzutun und redete wilde Zukunftspläne. Sie
dachte immer noch daran, einmal fortzulaufen zu den Zigeunern, hatte sich
heimlich beim Tischler Kniestelzen machen lassen und übte sich in Purzelbäumen,
um bereit zu sein, wenn der Augenblick kam. Ach, und dann im grünen Wagen von
Jahrmarkt zu Jahrmarkt, konnte es wohl etwas Schöneres geben? Oder wenn das
nicht ging, als Schiffsjunge verkleidet zur See gehen; kein Mensch hielt sie für
ein Mädchen, wenn sie Detlevs Kleider anhatte.
    »Ellens Vogelbauer«, sagte der Bruder überlegen, wenn sie so sprach, und
dann lachten die beiden Jungen sie aus. Ellen arbeitete nun schon seit
mindestens zwei Jahren daran, einen ungeheuren Käfig für ihre Kanarienvögel zu
bauen, der immer wieder misslang, und jedesmal versuchte sie es dann auf andere
Weise. Einmal hatte sie schon einen zustande gebracht aus zerspaltenen
Zigarrenkisten, aber es war so dunkel darin, dass die Vögel melancholisch wurden
und nicht mehr sangen. Und nun hatte sie natürlich wieder einen neuen
angefangen.
    »Du hast gut reden«, sagte Ellen geärgert, denn Detlev wollte Philosoph
werden und grosse Werke schreiben. Das war in ihren Augen kein Kunststück, und
sie fand es sehr langwellig.
    Die Herbsttage kamen, im Garten wurde es feucht, alles versank in welken
Blättern, und der Sturm riss grosse Äste von den Bäumen. Die Kinder gingen nur
noch engumschlungen und waren traurig - ihnen war zumut, als ob eines von ihnen
sterben sollte. An Geerds letztem Tage rissen sie die Hütten und den Mohutempel
nieder und versenkten ihren Götzen in den Graben - mit bittrer Wehmut - was
sollte das alles jetzt noch? Und dabei kam es ihnen vor, als ob sie seit dem
letzten Jahr unendlich viel älter geworden wären.
    Gegen Abend gingen sie zusammen hinauf, um Geerds Sachen aus der Kinderstube
zu holen. Während Detlev noch im Zimmer kramte, standen die beiden andern Hand
in Hand auf der Diele neben der grossen Stehuhr, die immer so unheimlich laut
tickte und beim Schlagen wie ein Uhu heulte. Es war schon halbdunkel. Ellen sah
nur Geerds weissen Strohhut und seine weiten, schwarzen Augen, sie sehnte sich
heimlich danach, ihm um den Hals zu fallen und ihn viele Male zu küssen, fand
aber nicht den Mut dazu. Dann kam Detlev, und sie begleiteten ihren Freund zum
letztenmal durch den dunklen Rittersaal, die Treppe hinunter und über den Hof
bis zur ersten Laterne.
    Die Geschwister wohnten nebeneinander und die Tür zwischen ihren Zimmern
stand immer offen. Wenn sie im Bett waren, kam die Mutter herauf und betete mit
ihnen. An diesem Abend konnte Ellen kaum ein Wort herausbringen und war in
Todesangst, dass Mama böse würde. Die sagte aber nur:
    »Ich finde es auch schade, dass Geerd fort ist, aber nun muss das viele
Herumtoben wirklich aufhören.« Mama fand es auch schade - das rührte Ellen so,
dass sie sich nur mit Mühe beherrschte. Als die Mutter wieder hinunterging,
schlich sie sich leise zu Detlev hinein und setzte sich auf sein Bett. Sie
umarmten sich immer wieder und weinten zusammen, dann sprachen sie noch lange
von Geerd und wie nun alles verödet war ohne ihn.
    Seit Geerd fortging, war für Ellens Kinderzeit die beste Freude verloschen,
und sie suchte mit tiefem Verlangen nach etwas, das ihr Leben wieder so
ausfüllen sollte.
    Detlev kam nun auch aufs Gymnasium, er fand neue Freunde, die meistens rasch
wechselten; die alte Kameradschaft zu dreien kam mit keinem mehr recht zustande.
Die Mutter schränkte Ellens Freiheit auch immer mehr ein, sie fand jetzt mit
einemmal, dass sie sich früher zu wenig um das Mädchen gekümmert hatte, und zwang
sie, viele von den schönen freien Nachmittagen mit einer Näharbeit im Wohnzimmer
zu sitzen. Und Ellen hasste diese Art von Beschäftigung mit verzweifelter Unlust,
es war fast noch schlimmer wie Lernen. Ihr ganzer Tag bestand aus immer neuen
Versuchen, diesen beiden Übeln zu entrinnen. Wo sie nur konnte, stahl sie sich
fort auf die Koppel hinaus, wo der Wind durch die mächtigen Baumkronen strich.
Da hörte sie nicht, wenn die Mutter sie rief, und fühlte sich eine kurze Weile
sicher vor ihr. Und ihre Seele klammerte sich leidenschaftlich an diese ganze
Heimatswelt, die in tausend vertrauten Tönen zu ihr sprach; sie dachte an all
die langen Sommerstunden, wo sie hier gespielt hatten mit soviel Freude und Mut,
weil jeder Tag und jede Jahreszeit immer wieder etwas brachte, dass Geerd kam,
oder bald Ferien waren, oder das Obst reif wurde. So unendlich viel hatten sie
immer vorgehabt und sich ausgemalt für die nächsten Jahre und für später, als ob
überall grosse Schätze und Reichtümer lägen, die man nur zu heben brauchte.
    Aber auch durch all diese frohen Zeiten ging doch immer ein bittrer Grundton
- Mama! Seit sie denken konnte, fühlte Ellen sich wie verfolgt von ihr und
warum? Warum bekamen Mamas Augen immer diesen sonderbaren, bösen Blick und ihre
Stimme den zornigen, fast pfeifenden Ton, wenn Ellen nur zur Tür hereinkam? War
sie allein mit der Mutter im Zimmer, so wehte es sie eisig an, als ob jeden
Augenblick etwas Furchtbares geschehen könnte, und nachts träumte sie manchmal,
dass die Mutter mit der grossen Schere hinter ihr herlief und sie umbringen
wollte. Sie hatte sich ja beinahe daran gewöhnt, wie an ein Gebrechen, mit dem
man geboren wird und weiss, dass es auf Lebzeiten nicht wieder abzuschütteln ist.
Aber woher die Kraft nehmen, es zu tragen? Ellen fing an, wieder fromm zu werden
- der liebe Gott war der Einzige, der ihr helfen konnte, aber er war so weit
weg. Sie versuchte es förmlich mit Sturm, ihm wieder nah zu kommen. Es war ihr
nicht mehr genug, jeden Sonntag zur Kirche zu gehen, sie betete beim Aufstehen
und beim Schlafengehen alles, was sie auswendig wusste, lange Gesänge,
Katechismusstücke, und immer auf den Knien. Das blosse Dasitzen mit gefalteten
Händen, wie bei der Hausandacht, war ihr nicht feierlich genug. Oft stand sie
auch nachts wieder auf, zog den Vorhang in die Höhe, um die Sterne zu sehen, und
hielt ihren einsamen Gottesdienst. Oder bei Tage, wenn sie sich ungestört wusste,
errichtete sie eine Art Altar, um davor zu beten, stellte ihren liebsten
Kanarienvogel mit seinem Käfig auf einen Stuhl und Blumen ringsherum. Nach
solchen Stunden fühlte sie einen fanatischen Mut, alles zu ertragen, und es
konnte ihr dann beinah Freude machen, wenn sie ungerecht gescholten wurde.
Als Ellen vierzehn Jahre alt war, kam wieder etwas Abwechslung in ihr Dasein:
sie sollte Tanzstunde bekommen. Das gehörte ebenso unabänderlich in das
Erziehungsprogramm wie längere Kleider und reine Hände, die jetzt von ihr
verlangt wurden.
    Es war ihr ganz neu und zuerst etwas beängstigend, mit so vielen Kindern
zusammenzukommen. Aber wenn der langbeinige, immer etwas angetrunkene
Tanzmeister mit seiner Geige mitten im Saal stand und die ganze Schar um ihn
herumwirbelte, kam es wie ein Rausch über sie, und sie vergass, dass das Leben
sonst so schwer war. Den andern Mädchen gegenüber fühlte sie sich etwas
zurückgeblieben, vor allem war es unangenehm, als Schlossfräulein so schlecht
angezogen zu sein. Dafür hatte ihre Mutter gar keinen Sinn - jahraus, jahrein
dieselben alten Kleider, die immer wieder ausgebessert, verlängert oder gewendet
wurden und niemals nach der Mode. Ellen hatte sich bisher nicht viel darum
gekümmert, aber jetzt konnte sie stundenlang vor dem Spiegel stehen und über ihr
Äusseres nachdenken. Wenn Mama sie dabei ertappte, gab es wieder ein
Donnerwetter: »Gib dir nur Mühe ordentlich auszusehen und nicht alles zu
zerreissen. Das andere ist Nebensache.«
    Aber das war nicht der einzige Punkt, in dem die Stadtkinder ihr überlegen
waren: sie hatten Liebesgeschichten, Rendezvous, gingen mit den Schülern
spazieren und zum Konditor. Alle diese lustigen Dinge, von denen Ellen jetzt
immer erzählen hörte, schienen ihr so verlockend und begehrenswert, dass sie
Detlev verleitete, mitzumachen. Sie erfanden immer neue Vorwände, um in die
Stadt zu kommen, und gingen dann mit den andern bummeln. So wundervoll sündig
kam man sich vor bei diesen heimlichen Streifzügen unter Lärm und Gelächter,
oder in dem dunklen Hinterzimmer der kleinen Konditorei, bei all den Neckereien
und Anspielungen, die da hin und her flogen, - bei all dem Herzklopfen vor
Entdeckung und den hinterlistigen Verabredungen während der Tanzstunde unter
Mamas Augen.
    Es bekam alles eine andere Perspektive. Ellen hatte bis dahin nur in sich
selbst hineingelebt in dem engen Kreise, den man um sie zog. Jetzt fing die Welt
an, sich zu weiten, sie sah: es gab noch ein Leben, das jenseits der Mauer lag,
das rascher pulsierte und reich an lockenden Erregungen war.
    Am Ende dieses bewegten Sommers verreisten die Eltern auf längere Zeit.
Ellen genoss die Septembertage im Gefühl eines grossen Triumphs, denn Cläre Huhn
war krank geworden, und das empfand sie als ihr Werk. Vier Jahre hindurch hatten
sie sich Tag für Tag an dem grossen runden Schultisch gegenübergesessen, und vier
Jahre hindurch hatte Ellen das arme, bleichsüchtige Geschöpf buchstäblich
gemartert mit allen Schikanen, die der rücksichtslose Hass eines Kindes ersinnen
kann. Sie liess sich kein Lächeln, keinen Fleiss, kein Eingehen auf irgend etwas
abgewinnen, begegnete aller Freundlichkeit und aller Strenge mit derselben
steinernen, ablehnenden Hartnäckigkeit und betete allabendlich, dass Gott Cläre
Huhn mit seinem Zorn treffen möge.
    Als die Nachricht kam, dass sie erkrankt war, lag Ellen in ihrem Zimmer auf
den Knien und dankte Gott. Am Fenster sangen ihre Kanarienvögel, die Sonne
lachte, und sie brauchte nicht in die Stunde. Das Werkzeug ihrer Qual war
verstummt und unterlegen.
    Nun kam eine Reihe von Festtagen. Marianne regierte mit Milde und fand, dass
die Kinder sich dann auch viel besser lenken liessen. Sie war sich immer gleich
geblieben als die sanfte, ruhige Älteste, zu der alle mit ihren Anliegen kamen.
Und sie hatte nicht immer einen leichten Stand dabei - die Mutter war hitzig und
parteiisch, Papa konnte keinen Ärger vertragen, und die junge Meute stürmte
fortwährend dagegen an, mit allen ihren Forderungen, Wünschen und
Unbotmässigkeiten.
    Jetzt ging jeder seinen Weg und dabei war Frieden. Ellen und Detlev sassen
halbe Tage in den Obstbäumen oder lagen im Gras und lasen verbotene Bücher. Sie
deklamierten sich gegenseitig die Räuber vor und stritten darum, wer den Faust
besser verstände. Hier und da mussten sie auch alle der Schwester bei
Gartenarbeiten helfen, und manche Vorübergehende blieben am Gitter stehen und
sahen hinein, denn war das heranwachsende Geschlecht der Olestjernes vollzählig
beisammen, so konnte man jederzeit ein stürmisches, weitinschallendes Gelächter
hören, besonders wenn die »jungen Leute«, wie sie in liebevoller
Respektlosigkeit ihre Eltern nannten, nicht dabei waren.
    In dieser Zeit gab es für Ellen viel Gelegenheit, unbemerkt zu entkommen,
und das Herumtreiben hatte jetzt noch einen besonderen Hintergrund. Denn Ellen
liebte, und alle ihre Gedanken gingen darauf hin, einem rotaarigen Primaner zu
begegnen - an den nebelverschleierten Herbsttagen, wenn die junge Welt in den
dämmerigen Gassen oder im Stadtpark auf- und abging. Ellen wusste, dass ihre Liebe
unglücklich und hoffnungslos war, denn er stand auf der fernen, unerreichbaren
Höhe des Erwachsenseins. Aber es war schon lähmende Seligkeit, ihn nur zu sehen,
von ihm gegrüsst zu werden und dann abends an ihn zu denken, wenn sie im Bett
lag.
In der kleinen Stadt blieb nichts verborgen. Bald nachdem die Freifrau
zurückgekehrt war, wurde sie von wohlmeinenden Bekannten darauf aufmerksam
gemacht, dass ihre beiden Jüngsten sich eines schlimmen Rufes erfreuten. Nicht
einmal Ladenklingeln und Fensterscheiben waren sicher vor ihnen, und was das
Ärgste war, Ellen trieb sich mit Jungen in der Stadt herum. Nun wurde Ellen
plötzlich aus allen Himmeln geschleudert; aber diesmal fand sie den Mut zu
offener Auflehnung, und es gab eine heisse Szene zwischen ihr und der Mutter.
»Zieht mir doch lieber gleich eine Zwangsjacke an«, schrie sie. Ellen hatte gar
keine Ahnung, was das eigentlich für ein Ding wäre, aber sie bekam ihre
Zwangsjacke. Man liess sie nicht mehr aus den Augen, und mit dem heimlichen
Ausreissen war es ein- für allemal vorbei.
    Dies Jahr durfte sie nicht einmal mit den Brüdern zum Schlittschuhlaufen.
Wehmütig sah sie an Winternachmittagen in den beschneiten Garten hinaus und
dachte an ihre unglückliche Liebe - jetzt war er wohl auf dem Eis, und ihr war
jede Möglichkeit abgeschnitten, ihn auch nur zu sehen. Die Sehnsucht wurde immer
brennender, sie zitterte und wurde rot, wenn Erik zufällig seinen Namen nannte.
Die gährende Unruhe, die sie in sich fühlte, machte sich manchmal in überlauter
Lustigkeit Luft und häufiger noch in wilden Wutausbrüchen.
    Ellen fand auch, dass man sie namenlos reizte. Von früh bis spät fuhr die
Mutter sie an, jeder Blick sagte: Wozu bist du überhaupt auf der Welt?
    Und an Heftigkeit gab Ellen ihr nichts nach. Eine Zeitlang hörte sie
schweigend zu, biss die Zähne zusammen, dass sie knirschten, dann stürzte sie
hinaus und schlug die Tür zu. Mama war hinter ihr her, ehe sie sich's versah.
Plötzlich hatte sie die zornig flammenden Augen dicht vor sich, fühlte einen
brennenden Schlag im Gesicht: »Geh mir aus den Augen, ich hab's satt, mich mit
dir zu quälen.«
    War sie dann allein im Zimmer, so wusste sie nicht, wo hinaus mit der Wut,
die in ihr tobte, wusste nicht mehr, was sie tat. Dann rannte sie mit dem Kopf
gegen die Wände, bis ihr die Funken vor den Augen sprühten und der Schmerz sie
wieder zur Besinnung brachte.
    An solchen Tagen musste sie oben bleiben und durfte sich nicht mehr vor der
Mutter blicken lassen. Da lag sie dann auf dem Bett und spann endlose Pläne.
Wieder und wieder malte sie sich aus, wenn sie nur erst erwachsen wäre und von
zu Hause fort könnte. Die Zirkusgedanken hatte sie jetzt allmählich aufgegeben,
es war doch wohl zu spät geworden. Aber das stand ihr immer noch fest,
irgendwann einmal musste sie sich freimachen von diesem unerträglichen Leben und
in die Welt hinaus, in die unbekannte verheissungsvolle Welt.
An einem Sonntagmorgen, als Ellen zum Frühstück hinunterkam, las Mama gerade
einen Brief.
    »Nun ist alles in Ordnung«, sagte sie und legte ihn neben ihren Teller. »Du
kommst Ostern in die Pension nach A..., Ellen.«
    Ellen nahm diese Nachricht mit dumpfer Gleichgültigkeit hin. Von der Pension
war schon oft die Rede gewesen, aber sie hatte bisher nie recht daran geglaubt.
    Es waren nur noch wenige Wochen bis Ostern. Sie machte ihrer Umgebung die
letzte Zeit noch so schwer wie möglich. Nur mit Detlev allein war es anders, da
taute ihr ganzer Schmerz auf, dass sie fort sollte, von ihm und von der Heimat.
Die beiden waren noch nie einen Tag getrennt gewesen, hatten jedes Erlebnis,
jede Empfindung geteilt, seit sie denken konnten. Sie wussten es nicht zu fassen,
dass sie jetzt voneinander gerissen wurden, dass wirklich einmal der letzte Tag
käme. Aber er kam, und er ging vorüber - am Abend sollte Ellen mit ihrer Mutter
abreisen.
    Nach Tisch schlichen sich die beiden Jüngsten hinauf in die alte
Kinderstube. Beim Essen hatten sie Wein bekommen, ihre Köpfe brannten, - so
hielten sie sich lange umschlungen und weinten ihre bittersten Tränen. - Zwei
Jahre - zwei endlose Jahre voneinander getrennt sein und lernen müssen, gequält
werden, - sie fühlten beide, dass etwas Unwiderbringliches vorüber war und nie
wiederkommen würde. Als man sie rief, kamen sie mit roten, verschwollenen Augen.
Dann gingen alle zusammen an die Bahn. Vor den anderen weinten sie nicht mehr
und küssten sich nicht.
    Detlev stand mit zusammengebissenen Zähnen abseits von den Geschwistern auf
dem Perron und liess keinen Blick mehr von Ellen, bis der Zug mit ihr und der
Mutter in die weite Marschebene hineinfuhr.
»Ellen Olestjerne soll hereinkommen.«
    Sie kam, machte die drei vorschriftsmässigen Knickse - einen an der Tür, dann
in der Mitte des Zimmers, wo die grossen Blumen im Teppich waren, und den
letzten, als sie vor der alten Dame stand.
    Die Pröpstin des freiadligen Stiftes zu A... sass an ihrem Schreibtisch. Sie
war schon über sechzig Jahre alt und kannte keine Ruhestunden. Ihr strenges, wie
in Stein gehauenes Gesicht mit der hohen, blanken Stirn hatte einen Zug von
eiserner Energie - sie hielt sich sehr gerade, nur in der weissen schmalen Hand,
die auf der geschnitzten Stuhllehne lag, war etwas von der Müdigkeit des Alters.
    »Was sind das für Sachen, Ellen? Du hast Hedwig Vogt ins Gesicht
geschlagen?«
    »Ja, weil sie mich geärgert hat, das lasse ich mir nicht gefallen.«
    Die Pröpstin fasste Ellen ums Handgelenk und führte sie ans Fenster, wo es
etwas heller war.
    »Vor allem, mein Kind, mässige dich in deiner Art zu reden.«
    Ellen wollte etwas sagen, aber sie kam nicht zu Wort, die gestrenge Stimme
sprach immer weiter mit ihrem harten, scharfklingenden S.
    »Es schickt sich überhaupt nicht, so aufzubrausen. Mit solchem Benehmen
kommst du mir hier nicht durch, Ellen. Wenn du meinst, dass dir unrecht
geschieht, kannst du zu mir kommen und dich beschweren. Ihr seid keine
Gassenjungen.«
    »Ich wollte, ich wäre einer«, fuhr Ellen endlich dazwischen. Sie war empört,
dass sie sich nicht selbst ihrer Haut wehren sollte.
    »Was sagst du da?« die Stimme wurde immer strenger und das S immer schärfer.
»Nimm dich in acht, Ellen, ich weiss, wes Geistes Kind du bist. Deine Mutter hat
mit mir gesprochen, und wenn ich sehe, dass in Milde mit dir nicht auszukommen
ist, so gibt es noch andere Mittel.«
Mein liebes Kind - die Frau Pröpstin hat uns wieder geschrieben, dass Du sehr
eigensinnig bist und Dich mit den anderen Mädchen schlecht verträgst. Wirst Du
denn nie aufhören uns immer neuen Kummer zu machen? Ich habe die Frau Pröpstin
gebeten, Dich in strenge Zucht zu nehmen, und wir verlangen von Dir, dass Du Dir
jetzt endlich Mühe gibst, anders zu werden. Mehr will ich heute nicht sagen, ich
bete täglich zu Gott, dass er Deinen Sinn ändern möge.
    Die Geschwister lassen grüssen.
                                                                   Deine Mutter.
Geliebtes, vielen Dank für Deinen Brief. Es ist schrecklich öde ohne Dich. In
der Schule ziehe ich mich immer mehr zurück und gehe viel allein spazieren.
Nachmittags dichte ich gewöhnlich.
    Dein schwarz und gelber Vogel ist gestorben, aber sei nicht traurig, ich
will Dir mein anderes Männchen schenken. Ich habe zwei Photographien von Geerd
gekriegt, aber Mama erlaubt nicht, dass ich Dir eine schicke. Jetzt weiss ich
nichts mehr. Eure Briefe werden ja auch immer gelesen und da kann man nichts
Ordentliches schreiben.
                                                                    Dein Detlev.
                                                                 A..., Juni 1885
- - - morgen darf ich mit den D.'s und ihrer Mutter in die Stadt, da kann ich
heimlich einen Brief einstecken und schicke ihn an Jens Ketelsen, der ihn Dir in
der Schule geben soll. - Gott, Detlev, Du machst Dir gar keinen Begriff davon,
wie schrecklich es hier ist. Man ist eingesperrt wie im Zuchtaus und kommt gar
nicht heraus, ausser bei dem langweiligen Spaziergang, wo man in Reih und Glied
geht und vor jedem Hofwagen knicksen muss. Sonst immer nur lernen, den ganzen
Tag, die Fleissigen lernen sogar auch bei der Promenade und im Bett. Ich bin
schon sehr oft hereingefallen, gleich in der ersten Zeit, weil ich eine andre
geohrfeigt hatte und die Treppe herunterrutschte. Dann waren wir neulich im
Garten und haben Stachelbeeren gerappst. Nun dürfen wir in der Freistunde nicht
mehr hinunter und kriegen ins Zeugnis, dass wir gestohlen haben. Und so weiter -
- Übrigens hab' ich jetzt eine Flamme, sie heisst Edita und ist bei weitem die
Hübscheste. Ich schwärme sehr für sie und habe schon viele Gedichte auf sie
gemacht. - Hoffentlich komme ich Michaelis in die erste Klasse, dann sind wir
immer zusammen. Leider geht sie nächste Ostern schon ab. Ach Du, ich weiss nicht,
wie ich es hier noch so lange aushalten soll und dann noch ein ganzes Jahr. Die
Pröpstin kann mich nicht ausstehen, gerade wie Mama, und sie können alle nicht
begreifen, dass man toben muss, wenn man vergnügt ist. Wir dürfen uns hier nur
sittsam und anständig bewegen.
    Ich schicke Dir eine Karikatur von unsrer Mademoiselle, die andern finden
sie sehr ähnlich. Ich zeichne überhaupt in allen Freistunden. Aber lass um Gottes
willen nichts herumliegen.
                                                                    Deine Ellen.
                                                        Nevershuus, Oktober 1885
Liebe Ellen, Deine Versetzung in die erste Klasse hat uns sehr gefreut und
überrascht. Es ist mir sehr lieb zu hören, dass Du Deine frühere Trägheit
abgelegt hast und gut weiterkommst. Nun sorge aber auch das nächste Mal für ein
gutes Zeugnis im Betragen. Ich weiss, wie schwer es Dir wird, Deine Lebhaftigkeit
zu zügeln, aber bedenke, dass Du jetzt am Konfirmationsunterricht teilnehmen und
anfangen sollst, eine junge Dame zu werden. Wir müssen uns alle mehr oder minder
in das Leben schicken. Sei herzlichst gegrüsst von Deinem Vater.
                                                             A..., November 1885
Liebster Detlev, eben hab' ich den Diener auf der Treppe erwischt, und er will
mir den Brief besorgen. - Es hat eine grosse Mordsgeschichte gegeben, und wäre
nicht die ganze Klasse dabei gewesen, so hätte man mich und Edita sofort
geschwenkt. Die Alte will an all unsre Eltern sofort schreiben, und wir haben
schon einen Preis ausgesetzt, wer den ärgsten Brief von zu Hause kriegt. Ich
hab' aber doch verfluchte Angst vor den jungen Leuten. Denk' nur, wenn sie mich
hier wirklich herausgeworfen hätten, es war nicht mehr weit davon. - Also es war
so: Unsre Erste war letzten Sonntag nicht da, Edita als Zweite sollte sie
vertreten, und wir überredeten sie, den Abend volle Freiheit zu geben. Als das
Mädchen fort war, standen wir wieder auf. Maria Besserer blies die
Mundharmonika, und wir sangen und tanzten. Nun ist hinten am Saal eine Tür, die
auf den Speicher geht, und da bekamen wir Lust, eine Entdeckungsreise zu machen.
Edita ging mit der Nachtlampe voran. Du glaubst nicht, wie schön sie war mit
ihren langen, schwarzen Haaren. - Erst hielt sie noch eine Rede über die
Mysterien des Stiftes: wir sollten uns gefasst machen, auf eingetrocknete
Blutflecken und Leichen von früheren Stiftskindern zu stossen. Einige wurden so
bange, dass sie wieder in ihre Betten krochen.
    Dann kamen wir in lauter alte Bodenräume, voll Gerümpel und Spinneweben, und
überall schien der Mond herein. Edita und ich stiegen auf die Leitern in den
Turm hinauf, durch die Luke hinaus und rutschten das ganze Kapellendach entlang.
Das haben die dummen Gänse nachher, als sie ausgefragt wurden, alles erzählt.
    Nachher stellten wir die Lampe auf den Boden und tanzten einen Indianertanz
drum herum. dabei haben wir so gehopst, dass wir den andern Tag ganz lahm waren.
    Zuletzt liefen wir noch auf den Korridor hinaus und brachten dem vierten
Schlafsaal ein Ständchen und warfen ihnen Stiefel ins Bett.
    Die haben uns dann angezeigt - ist das nicht eine Gemeinheit? Die Alte kam
selbst in die Klasse, alle sagten, so wütend hätte man sie noch nie gesehen.
»Die Sünde ist unter euch wie ein fressender Eiter«, sagte sie einmal - dabei
platzte ich heraus, und nun fuhr sie auf mich los: ich wäre die Anstifterin, das
wüsste sie ganz genau. Ich hätte die andern verleitet, im Nachtemd auf den
Korridor zu gehen, und das wäre unsittlich usw.
    Es ist immer noch grosse Aufregung im Stift, denn fortwährend kommen neue
Schandtaten heraus, auch von dem vierten Schlafsaal, der uns angezeigt hat. Aber
es ist nicht recht dahinterzukommen, was die eigentlich gemacht haben, denn das
wird alles bei der Pröpstin im Zimmer verhandelt. Sie hat nur die Erste
abgesetzt und alle in andre Schlafsäle verteilt.
    Na, Gott sei Dank, Weihnachten sehen wir uns wieder, dann hab' ich Dir noch
viel zu erzählen. Aber ich werde dann wohl sehr in Ungnade sein.
                                                                    Deine Ellen.
Ist Fritz H. noch auf der Schule? Seit ich Edita habe, bin ich lange nicht mehr
so verliebt in ihn. Hier ist überhaupt niemand in Jungens verliebt, wer keine
Flamme hat, schwärmt für den Pfarrer. Aber nun leb wohl.
                                                                    Deine Ellen.
Am Neujahrstage sass Ellen in ihrer Heimatskirche und legte wie in Kinderzeiten
glühende Besserungsgelübde zu Gottes Füssen nieder. Ein furchtbares Unwetter von
elterlichem Zorn war über sie hingebraust, und der Vater hatte lange und ernst
mit ihr gesprochen. »Was soll denn aus dir werden, wenn sie dich nun
fortschicken und es immer so weiter geht?«
    Ihr war selbst bange geworden, was aus ihr werden sollte, aber es war ja
noch nicht zu spät, sie wollte sich wirklich ändern, sich mehr im Zaume halten.
    Aber sie fühlte sich doch nicht ganz sicher, und dies Gefühl wurde noch
stärker, als sie wieder in der Pension war. Die ersten Wochen ging es ganz gut.
Unter den jungen Mädchen war jetzt viel von der Konfirmation die Rede. Der
Pfarrer hatte damit angefangen, ihnen die Grundlagen und das Wesen des
Christentums zu erzählen, dann kamen die einzelnen Gebote und ihre Beziehung auf
das Leben - der ganze schwerwiegende Ernst, der in all den Drohungen und
Verheissungen lag - Gottes Zorn und Gottes Gnade. Als die Sünde wider den
heiligen Geist besprochen wurde - die Sünde des Gläubigen, der mit vollem
Bewusstsein die Gnade verscherzt, die furchtbarste, äusserste Sünde, für die keine
Vergebung ist, folgten sie angstvoll jedem seiner Worte und zitterten bis in die
tiefste Seele hinein unter demselben Gedanken: und wenn nun ich sie begangen
hätte?
    Sie sollten nun bald zum erstenmal an den Altar Gottes treten und davor
stand das Wort: Wer aber unwürdig isset und trinket, der isset und trinket sich
selber das Gericht. Wie ein Schauer lief es durch die Reihe der zwölf jungen
Mädchen, die andächtig auf ihrer Schulbank sassen, und zugleich lag ein mächtiger
Reiz darin, schuldvoll und niedergeschlagen vor diesem Mann dazustehen, der
ihnen bis ins tiefste Innere schauen konnte und wusste, was Sünde war.
    Für Ellen war der Pfarrer von allen Vorgesetzten der einzige, zu dem sie
Vertrauen hatte. Er bekam alles zu wissen, was man tat, und wie oft hatte sie
ihm schon nach der Stunde in den grossen Saal folgen müssen, um eine Vermahnung
zu bekommen, aber er schalt nicht, suchte sie nicht zu beschämen oder zu
demütigen wie die Pröpstin, er fand jedesmal ein gutes Wort und ein verstehendes
Lächeln. Dafür war Ellen auch in seinen Stunden die Aufmerksamkeit selbst und
lernte die längsten Psalmen auswendig, um ihm Freude zu machen.
    Mit Edita war sie immer noch viel zusammen und schwärmte sie in namenloser
Hingebung an. Sie hatte das Herz voller Anbetung und den Kopf voller Verse, bei
Tisch, in den Stunden und abends im Bett, immer fand sie wieder neue Reime
zusammen, um die Freundin zu besingen. Edita war die Schönste, die Beste, die
Unvergleichliche. Wenn sie abends im Schlafsaal das Haar aufmachte, hing es wie
ein dichter Mantel um sie her, die Brauen lagen gleich zwei breiten, schwarzen
Strichen über den dunklen, schweren Augen. Und ihre Hände und Füsse, die so klein
und zierlich waren - man konnte kaum begreifen, dass Edita sie wie andere
Menschen gebrauchen konnte.
    Für die alte Vorsteherin gab es viele schwere Stunden. Seit die beiden so
eng befreundet waren, schien eine ganze Horde von Teufeln in dem ehrwürdigen
alten Gebäude zu spuken. Die ganze erste Klasse war ausser Rand und Band, trotz
Konfirmationsstunden und quälender Gewissensfragen. Es kam vor, dass den
Lehrerinnen Salz ins Bett gestreut wurde, so dass sie die ganze Nacht nicht
schlafen konnten, oder dem Kandidaten wurden alle Knöpfe vom Mantel geschnitten
und der Hut von oben bis unten mit Kreide bemalt, was dann niemand getan haben
wollte. Oder Ellen und Edita wetteten, ob man Tinte trinken und vom höchsten
Schrank herunterspringen könnte. Und sie tranken wirklich Tinte und sprangen von
den Schränken herunter auf die Fliesen, dass die andern leichenblass wurden vor
Schreck.
    Anfang Februar war Editas Geburtstag. Ellen träumte eine Zeitlang davon,
der Freundin ihre gesammelten Gedichte zu schenken, mit Druckschrift und schön
gebunden. Sie schienen ihr aber schliesslich doch nicht gut genug, und so wollte
sie denn lieber ein Gedichtbuch kaufen. Wer sie gemacht hatte, war ja einerlei,
wenn nur recht viel von Liebe drin stand. Es war nicht so einfach, eins zu
bekommen, denn das Taschengeld wurde ihr regelmässig für Strafen abgezogen, und
alle Einkäufe gingen durch die Hand der Vorsteherin.
    Ellen zerbrach sich nicht lange den Kopf darüber, sie borgte die kleine
Summe zusammen, obgleich Geldleihen streng verboten war, und überredete eine von
den letzten Neuen, das Buch auf ihren Namen kommen zu lassen. Es war eine
Sammlung von 450 Gedichten.
    Dann lag es eine Nacht unter ihrem Kopfkissen, und sie dachte in
fieberhafter Seligkeit daran, wie Edita es morgen an ihrem Platz finden würde.
    Als Ellen vor der ersten Stunde ihre Bücher zusammensuchte, legten sich
plötzlich zwei Hände um sie und es ging wie ein Feuerstrom durch ihr Herz;
Edita küsste sie auf den Mund. »Das war lieb von dir, kleine Ellen, ich hab'
mich so gefreut.«
    In der Arbeitsstunde um Mittag fehlten die beiden Unzertrennlichen. Zufällig
kam die Klassenlehrerin herein und fragte nach ihnen, aber niemand hatte sie
gesehen. Mademoiselle geriet in Aufregung, suchte und fragte durchs ganze Haus.
Um Gottes willen, wo konnten die beiden sein, es war ihnen ja alles zuzutrauen.
Die ganze Klasse musste mitsuchen und es entstand ein förmlicher Tumult. Endlich
entdeckte man sie oben im Schlafsaal der Kleinen, auf zwei der entlegensten
Betten lagen sie und lasen sich Gedichte vor. Sie machten nicht einmal Miene
aufzustehen und wollten sich halb totlachen, als die Mademoiselle wutbleich vor
ihnen auftauchte. Dann wurden sie in die Klasse hinuntergeschickt. Das Buch, in
dem sie gelesen hatten, nahm die Lehrerin an sich und ging damit zur Pröpstin.
Die alte Dame unterzog es einer genauen Prüfung, während sie sich den ganzen
Vorfall berichten liess. Auf dem ersten Blatt stand eine lange Widmung in Versen
von Ellens Hand. Wie kam Ellen zu dem Buch, das gestern erst eine andre bestellt
hatte? Nun folgte ein Verhör auf das andre, nur Ellen wurde nicht vorgerufen.
    Statt dessen erschien die Vorsteherin nach Tisch selbst in der Klasse, um
sie vor allen andern niederzuschmettern. Sie war in grosser Toilette, weil sie
nachmittags an Hof gehen wollte, die lange Seidenschleppe knisterte wie eine
zornige, schwarze Schlange hinter ihr her.
    Ellen stand da, beide Hände in den Schürzenlatz gesteckt und sah ihr gerade
in die Augen. Sie wollte zeigen, dass sie sich nicht fürchtete, während die alte
Dame mit harten, zischenden Worten auf sie einsprach:
    
    »Mit dir, Ellen Olestjerne, werde ich von jetzt an nicht mehr unter vier
Augen reden, denn du verdienst diese Rücksicht nicht mehr. Du hast meine Geduld
nun bald ein Jahr lang auf eine harte Probe gestellt; ich will jetzt nicht davon
reden, dass du dich von Anfang an gegen jede Zucht und Ordnung aufgelehnt, dich
auch heute noch wieder mit Edita, die ja leider ganz unter deinem Einfluss
steht, lachend über alle Regeln hinweggesetzt hast, nur das eine will ich dir
sagen: für ehrlich wenigstens habe ich dich bis jetzt gehalten, bis zu dem
Augenblick, wo ich erfuhr, auf was für Schleichwegen du dir dieses Buch
verschafft hast. Jetzt weiss ich, dass du selbst vor einem gemeinen Betrug nicht
zurückschreckst - du, ein Mädchen aus guter, hochgeachteter Familie - eine
Konfirmandin. - Und ich sage dir noch einmal, zum letztenmal: halt ein auf der
abschüssigen Bahn, die du wandelst. Geh in dich, ehe es zu spät ist, sonst wirst
du dermaleinst mit bittrer Reue an meine Worte zurückdenken.«
    Dann wandte sie sich zu den anderen: »Ellen Olestjerne hat sich eines
gemeinen Betruges schuldig gemacht - sie hat den Namen einer Mitschülerin
missbraucht, um sich ein Buch zu verschaffen, das sie nicht bezahlen konnte, und
noch zwei andre veranlasst, ihr Geld zu borgen, um ihre Schuld wenigstens für den
Augenblick zu decken. Ihr habt sie von jetzt an als ehrlos zu betrachten und ich
warne jede, die noch mit ihr verkehrt.«
    Damit verliess sie das Zimmer und die schwarze Seidenschlange raschelte ihr
nach.
    Ellen wanderte auf drei Tage in Arrest. Da sass sie in der dämmerigen
Turmstube, machte lange Gedichte auf Edita und wartete, wie ihr Schicksal sich
entscheiden würde. Als sie am nächsten Sonntag der Reihe nach zur Pröpstin
hineinkamen, um ihre Zeugnisse vorzulegen, sagte die verhasste Stimme:
    »Ellen Olestjerne, deine Eltern sind von dem Vorgefallenen benachrichtigt.
Du kannst noch bis Ostern hierbleiben, weil ich ihnen nicht die Schande antun
will, dich vor der Einsegnung fortzuschicken.«
    Es war doch ein arger Schrecken, als die kalte, unerbittliche Tatsache
plötzlich vor ihr stand: fortgejagt - und die Eltern. - Wie in einem bösen Traum
ging Ellen hinaus, an den andern vorbei, ohne irgend etwas zu sehen, die Treppe
hinauf, oben am letzten Gangfenster blieb sie stehen und legte das Gesicht an
die Scheiben. Sie hatte Todesangst vor zu Hause - heute wussten sie es vielleicht
schon. Es war nicht auszudenken, wie eine erdrückende Last wälzte es sich von
allen Seiten über sie her. Dazwischen glänzte wohl auch etwas Helles, Freudiges
auf: heimkommen - fort aus diesen dumpfen Schulstuben, aus der moderigen
Kerkerluft. Heimatsvisionen kamen, das Schloss, die sonnigen grossen Zimmer, wo
abends die Spatzen vor den Fenstern in den Ulmen schwätzten, der sommerliche
Garten mit seinem starken Fliederduft - Detlev, die Geschwister alle - und nun
schluchzte sie vor Heimweh. Ja sie wollte nach Hause, nur nach Hause, wie
schlimm es auch werden mochte.
    Am Montagmorgen kam Ellen noch halb verschlafen hinunter. Vor ihrem Schrank
stand Fräulein Blumener, die Wirtschaftsdame, mit der turbanartigen, punktierten
Haube und räumte die Sachen auf.
    »Was soll das?«
    »Fragen Sie nicht so unverschämt - Sie bekommen Ihren Schrank jetzt da oben
auf der Treppe, damit die andern nicht mehr wie nötig mit Ihnen in Berührung
kommen. Wer so lügt und trügt wie Sie, muss sich auch darauf gefasst machen, dass
man ihn danach behandelt.«
    Ellen lachte, um ihre Wut zu verbergen, und machte ihr hochmütiges Gesicht.
Nachher schrieb sie mit Riesenbuchstaben auf die Innenseite der Schranktür:
Ich habe nie das Knie gebogen - den stolzen Nacken nie gebeugt.
                                                               17. Februar 1885.
Das brachte ihr wieder einen Tag Arrest ein. Und so ging es nun mit allem; sie
war in Acht und Bann getan, jede von den andern, die sich noch mit ihr sehen
liess, fiel in Ungnade. Aber sie nahm den Fehdehandschuh auf, beging bei jedem
Anlass die grösstmöglichen Ungezogenheiten, nahm die Strafe lachend hin und
überbot sie durch noch ärgeres Benehmen. Im Schlafsaal gab es fast jeden Tag
Skandal. Wenn Ellen sich Wasser holte, balancierte sie die blecherne
Waschschüssel auf dem Kopf und behauptete, sie könnte kein Blech anfassen. Beim
Mundspülen gurgelte sie nur in Melodien und sagte, es käme ganz von selber, sie
könnte es nicht lassen. Und wenn alle im Bett lagen, fing sie an zu heulen wie
ein wildes Tier in langgezogenen Tönen die halbe Nacht hindurch, so dass niemand
schlafen konnte.
    »Ellen, sei ruhig«, schrie die Erste, die Aufsicht führen musste.
    »Mein Gott, ich bin so traurig, du kannst mir doch nicht verbieten, zu
weinen«, und sie heulte weiter. Die andern kamen um vor Lachen, und die Erste
war machtlos dagegen. Sie konnte nur anzeigen, immer wieder anzeigen, und das
war Ellen jetzt ganz gleichgültig, sie lebte in einem förmlichen Rausch von
Auflehnung. Ein paarmal ging sie zur Pröpstin, um sich selbst anzuzeigen, wenn
sie fand, dass man zu nachsichtig gegen sie war.
    »Miss Collins hat wohl vergessen zu melden, dass ich gestern in der Stunde
gelacht habe.«
    Die Pröpstin geriet ausser sich vor Zorn und verbot ihr schliesslich, das
Zimmer überhaupt noch zu betreten.
    Aber manchmal fühlte Ellen sich auch todunglücklich - sie stand jetzt
wirklich ganz allein, selbst Edita wollte nichts mehr von ihr wissen, hatte
sich immer mehr von ihr zurückgezogen und ging nur noch mit einer früheren
Freundin, die Ellen nicht leiden konnte. Sie ballte heimlich die Hände, wenn sie
die beiden zusammen sah, und ihre Dichtungen wurden immer verzweifelter: draussen
heulte der Sturm, Eulen schrien in finstrer Nacht - alle schliefen, nur sie
allein wachte mit ihrem zerrissenen Herzen, in dem die Leidenschaft wütete und
die verratene Liebe. Manchmal wurden es auch Rebellengesänge: »Wie lange soll
ich diese Schmach noch dulden - wie lange diese Ketten tragen noch!« oder: »Es
kreist mein Blut in wildem schnellem Lauf - und alle Pulse hämmern laut. - Mein
Stolz, mein Selbstgefühl bäumt, ach, sich auf. - Zuviel, zuviel habt ihr mir
zugetraut.«
    Kurz vor Ostern kam noch die letzte Zeugnisverteilung. Das war immer ein
feierlicher, öffentlicher Akt, dem viele Ehrenpersonen aus der Stadt beiwohnten
und wo die Pröpstin eine Rede hielt. Diesmal ging es wie ein Gewitter über die
fünfzig Kinder hin, von denen manche kaum mehr aufzusehen wagten.
    Während ihrer zweiunddreissigjährigen Amtsführung habe sie noch kein Jahr
erlebt wie das letzte, - ein Geist des Aufruhrs ist in unsre Anstalt
eingedrungen, - unlautre Elemente, die wir leider erst zu spät erkannt haben und
die durch Leichtsinn und Gewissenlosigkeit ein schlimmes Beispiel gaben, - und
dann erhob sich ihre Stimme immer lauter und strafender. - Derartige Elemente
müssen schonungslos ausgemerzt werden - es sind Krebsschäden, die nur durch
einen raschen Eingriff beseitigt werden können. - -
    Ellen sah wohl, wie viele Blicke sich auf sie richteten, wenn auch nicht ihr
Name genannt wurde. Sie wollte die Augen nicht niederschlagen und empfand es
beinah wie einen Triumph: »Ja, mit mir seid ihr doch nicht fertig geworden.«
    An demselben Abend wurde sie zum Pfarrer gerufen, er sah sie lange ernst an
und sagte dann: »Nein, Ellen, vor mir brauchen Sie sich nicht zu fürchten, ich
glaube zu wissen, wie es in Ihrem Innern aussieht und dass Sie die Absicht haben,
es von nun an anders werden zu lassen. Denken Sie an das Wort: es wird Freude
sein im Himmel über einen Sünder, der Busse tut, vor neunundneunzig Gerechten.
Vor allem lassen Sie den schlimmen Widerspruchsgeist und allen kindischen Trotz
fahren, damit kommt man nicht durch die Welt, Ellen. - Ich habe trotz alledem
gutes Zutrauen zu Ihnen, denn ich weiss, dass Sie im Grunde nicht schlecht sind.
Sie machen es nur sich selbst und andern schwer. Aber Sie waren eine von meinen
besten Schülerinnen und ich möchte auch, dass Sie einer von meinen besten
Menschen werden. Ich will auch selbst mit Ihrer Mutter sprechen, die wohl
einigen Grund hat, ungehalten über Sie zu sein.« - Damit gab er ihr die Hand,
und ihr liefen grosse Tränen übers Gesicht.
    Als am nächsten Tage die Mutter kam, war Ellen weich wie Wachs. Und es ging
viel besser ab, als sie gedacht hatte. Mama schien doch nicht ganz mit der
Pröpstin einverstanden, sie sprach viel mit dem Pfarrer und war merkwürdig
milde.
    Vor der Beichte versöhnten sich die Konfirmandinnen untereinander und
suchten auch die Lehrerinnen auf, um in vollem Frieden mit aller Welt das
Abendmahl zu nehmen. - Ellen schloss sich von diesem Brauch aus: was haben die
mir zu verzeihen, wenn ich mit mir selbst und dem lieben Gott im reinen bin?
Dann mussten sie alle einzeln zur Pröpstin hereinkommen, man murmelte auch dort
ein paar Worte von Verzeihen und bekam einen Kuss auf die Stirn: - du bist mir
eine liebe Schülerin gewesen, gehe hin in Frieden.
    Als Ellen kam, standen sie sich einen Augenblick gegenüber, beide in
tödlichem Widerwillen, die alte Dame und das fünfzehnjährige Kind.
    »Hast du mir nichts zu sagen, Ellen Olestjerne?«
    »Nein.«
    Auf die einzelnen Worte, die nun folgten, konnte Ellen sich nachher nicht
mehr recht besinnen. Die Pröpstin sprach eine Art Fluch über sie aus und wies
dann gebieterisch mit ihrem aristokratischen, wohlgepflegten Zeigefinger nach
der Tür.
    Später gingen die jungen Mädchen auf dem Gang hin und her, meist in ernsten
Gesprächen, einige hatten auch grosse Sorge wegen der Kleider für morgen und wie
sie das Haar tragen sollten. Trotz der Pröpstin war Ellen weich und froh
gestimmt, das Wiedersehen mit der Mutter war überstanden und sie hatte Edita
wieder, nach einer langen Unterredung.
    »Siehst du, ich musste die letzte Zeit etwas Rücksicht nehmen. Du weisst, ich
bin von Kind an hier, die Alte hat sozusagen Mutterstelle an mir vertreten und
ist immer sehr nachsichtig gewesen. Sie verlangte einfach von mir, dass ich den
Verkehr mit dir abbrechen sollte. Leicht ist es mir nicht geworden, aber du
tatest ja immer, als ob es dir ganz gleich wäre.«
    »O Gott, nein, das war es nicht.« Sie umarmten sich, und Ellen war
überselig.
    »Weisst du, wir wollen uns oft schreiben. Lass mich wissen, wie es dir zu
Hause ergeht.«
    »Ja, und ich hab' noch eine Bitte -, schenk mir doch eine Locke von dir.«
    Ellen durfte sich selbst eine abschneiden, sie hatte schon eine ganze
Editasammlung bis zu weggeworfenen Stahlfedern, heimlich abgeschnittenen
Plaidfransen und alten Schreibheften, aber die Locke kam in ein Medaillon, das
sie immer unter dem Kleid tragen wollte.
    Die Osterglocken läuteten, und in weissen Kleidern mit langen Schleppen
stiegen die Konfirmandinnen die hohen Steinstufen hinab, durch den dunklen,
feuchtkalten Hausflur in die Kapelle.
    Als Ellen vor dem Pfarrer kniete, war ihr, als ob seine Stimme für sie einen
ganz besonderen Klang hätte, der ihr allein galt, wie eine feierliche
Heimlichkeit zwischen ihnen. - Ihre Seele war voller Ernst und wogte in einem
frohen, morgenfrischen Gefühl. Mit diesem Tage wollte sie ja ein neues Leben
anfangen, es kam ihr jetzt so leicht und hell vor, - wie wenn man nach einem
missglückten, zerfetzten Tag aufwacht und nun alles zurechtbringen will, was
gestern nicht gelang.
    Andern Tags reiste sie mit ihrer Mutter ab. An der Treppe stand die Pröpstin
und streckte ihr kalt die Hand zum Kuss hin. - Ah - zum letztenmal diese Treppe,
zum letztenmal dies harte, blanke Gesicht mit den tiefgemeisselten Augenhöhlen,
zum letztenmal dieser Sklavenhandkuss!
    Und dann das wehmütige Glück, in den Frühlingsabend heimzufahren, heimwärts,
nach Nevershuus, zu den Geschwistern - und mit dem Versprechen, dass Edita sie
nicht vergessen wollte.
Marianne Olestjerne war bei ihrem Vater im Zimmer und staubte den mächtigen
alten Schreibtisch ab. Mit bedächtigen, liebevollen Bewegungen stellte sie die
verblassten Familienphotographien in dunkelbraunen oder violetten Samtrahmen
wieder hin und legte vorsichtig die Papiere beiseite. Dann die lange Schale mit
Federhaltern und Bleistiften, jeder kam wieder an seinen Platz. Es war wohl zu
sehen, sie tat das alles mit Liebe und langjähriger Gewohnheit, als ob jedes
Stück Bedeutung und Leben hätte.
    Der Freiherr sass am runden Mitteltisch vor dem Sofa und trank seinen
Morgenkaffee aus der grossen Kopenhagener Tasse. Diese ganze Frühstunde ging vor
sich wie eine heilige Handlung, die nicht unterbrochen und gestört werden
durfte. Marianne sah zu ihm hinüber, während er die Zeitung durchsah und wieder
hinlegte. Der Vater war für sie der Beste und Geliebteste von allen, das, worum
sich ihr Tag und ihre Arbeit drehte.
    »Papa«, sagte sie etwas leise.
    »Was willst du, mein Kind?«
    »Papa, heute ist Ellens Geburtstag - willst du nicht wenigstens einen
Augenblick hinübergehen, wenn sie ihre Geschenke bekommt?«
    Ein unwilliger Zug ging um seinen Mund, er schob den Sessel weg und ging
durchs Zimmer. »Ich warte nur darauf, dass sie zu mir kommt.«
    »Das wagt sie nicht«, sagte die Schwester.
    »Unsinn, ich habe noch nie bemerkt, dass Ellen etwas nicht wagt.«
    »Du hast es ihr auch nicht leicht gemacht, Papa, seit sie wieder hier ist,
hast du kein Wort mit ihr gesprochen. Das schüchtert sie ein und Mama - -«
    »Ich dachte, das ginge jetzt besser? - Ich habe wahrhaftig die Lust
verloren, mich drum zu kümmern.«
    »Nein, es geht nicht besser, lieber Vater, ich weiss ja selbst, wie schwer es
mit Mama ist. Und Ellen ist noch so jung und hat nicht die Überlegung. - Wir
andern haben dich gehabt, und Ellen braucht vielleicht mehr wie alle eine feste
Hand, aber auch Liebe.«
    Er ging immer rascher, und Marianne fühlte seine Verstimmung aus jedem
Schritt.
    »Ich weiss nicht, was sie will und was sie braucht, ich kann dies Kind nicht
begreifen. Wie ist sie denn wiedergekommen - strahlend, dass sie nicht mehr so
viel zu lernen braucht und ihre dummen Jungenstreiche mit Detlev fortsetzen
kann. Keine Ahnung, dass sie sich schämt, kein Wort, dass es ihr auch nur leid
tut, uns das alles angerichtet zu haben. Sie ist doch damals nur fortgekommen,
weil ich sah, dass es mit ihr und Mama nicht gehen wollte - um ihr zu helfen.
Aber sie hält alles, was man für sie tut, für Feindseligkeit und Bosheit und
widerstrebt blind und unvernünftig. - Sag du ihr das, sprich einmal mit ihr.
Wenn sie dann von selbst kommt, soll es gut sein.«
    Aber Ellen kam nicht. »Es nützt ja doch nichts«, war die Antwort auf alle
Vorstellungen der älteren Schwester. - So wurde es ein melancholischer
Geburtstag. Als die andern nach Tisch vor der Gartentür sassen, lief Ellen auf
die Koppel hinaus. Was sollte sie da droben? Sie fühlte sich überflüssig, im
Wege, ausgeschlossen. So warf sie sich ins Gras und weinte - ja, die Heimat, die
hatte sie nun wieder, aber sonst war alles wie früher, täglicher Kampf und
tägliche Quälerei, nur noch rettungsloser und verfahrener durch die
unglückselige Pensionsgeschichte. Später kam Marianne mit Detlev, sie fand, dass
doch etwas Festliches für Ellen geschehen müsste und wollte mit den beiden ihren
Lieblingsweg nach Olrup gehen - es war ein kleines Dorf draussen am Meer.
    Ellen bewunderte ihre Schwester sehr - die hatte ihre ganze Jugend zu Hause
verlebt und war nie unzufrieden, immer gleichmässig in ihrer stillen Heiterkeit.
Sie kamen darauf zu sprechen, auf die Eltern und alles.
    »Du musst dir doch auch ziemlich viel gefallen lassen und darfst alles
mögliche nicht«, meinte Ellen.
    »Aber es liegt mir auch meistens nicht so viel daran. Wenn Papa mir zum
Beispiel verbietet, irgendein Buch zu lesen, so weiss ich, dass er seinen Grund
dafür hat. Und es bleibt immer noch so viel Schönes, woran man sich freuen kann,
dass das gar nicht in Betracht kommt.«
    »Ja, aber hast du jemals gesehen, dass Mama mir etwas aus einem vernünftigen
Grund nicht erlaubt? Sie verbietet nur, um zu verbieten, oder weil sie alles
überflüssig findet, was mir Freude macht. Sie sagt, ich wäre faul und wollte
nichts tun, aber warum lässt sie mich nicht malen? Es ist das einzige, was ich
mir wünsche und was mir Freude macht. Dann würde ich mit Vergnügen den ganzen
Tag arbeiten. Aber sowie sie mich mit einem Skizzenbuch sieht, heisst es: lass
doch das alte Geschmier, es kommt ja doch nichts dabei heraus.«
    Marianne zuckte die Achseln. »Mama ist nun einmal dafür, dass man nur
nützliche Sachen tut, sie hat es auch nicht gern, wenn ich viel lese. Ich sage
dir deshalb auch immer wieder, du solltest dich an Papa halten, der kann dir
noch am ehesten helfen. Mir scheint immer, dass ihr Jüngeren ihn eigentlich gar
nicht kennt.«
    »Er kümmert sich nicht viel um uns.«
    »Das würde er schon tun, wenn ihr nur wolltet. Ich habe dir doch gesagt, er
wartet nur darauf, dass du kommst.« »Das kann ich nicht - ich kann einfach nicht.
Wofür soll ich ihn denn um Verzeihung bitten? Dass dies infame Tier von Pröpstin
mich nicht leiden konnte? Ich möchte ihr heute noch den Hals umdrehen.«
    »Ich auch«, fuhr Detlev ingrimmig dazwischen; die Pröpstin hasste er mit.
    Vor ihnen lag das Dorf mit seinen Strohdächern und dem niedrigen, stumpfen
Kirchturm. Über den Heidehügel gingen sie zum Meer hinunter, und Marianne
pflückte Blumen für Papas Schreibtisch. Dann sassen sie am Strand auf den grossen
Steinen, während die Sonne langsam ins Meer hineinrollte wie eine grosse
brennende Kugel. Der Himmel loderte weitin auf, das Meer wurde rot, und die
Heidehügel glühten. Allmählich losch alles wieder aus und nun wurde es rasch
dunkel, die einzelnen Gestalten auf dem Deich sahen aus wie schwarze
Silhouetten.
    »Wenn man das malen könnte,« sagte Ellen, »überhaupt malen können, alles,
was es gibt.«
    Detlev lachte: »Immer noch Vogelbauer, Ellen! Du bist doch noch geradeso wie
früher.«
    »Ja, aber ich werde meine jetzigen Vogelbauer doch noch einmal
zusammenkriegen, darauf könnt ihr euch verlassen.«
    Sie gingen jetzt rasch den Deich entlang und sprachen von der grossen
Sturmflut vor acht Jahren. Es war die lange gerade Strecke, wo damals der Deich
beinah gebrochen und nur einen Meter breit stehengeblieben war. Wie da die
haushohen Wellen herüberschlugen und die Menschen, die sich hinauswagten, wie
Papierfetzen herumflogen. - Dann kam das rote Deichwärterhaus mit dem kleinen,
sonnenverbrannten Garten, der Bootschuppen, das Dock, wo alte Schiffe zum
Ausbessern lagen. Dicht beim Hafen begegneten sie vielen Spaziergängern, immer
die gleichen, die jeden Abend hier herausgingen, all die bekannten Gesichter aus
der kleinen Stadt. Das Grüssen nahm kein Ende, hier und da mussten sie auch
stehenbleiben und ein paar Worte sprechen, bis sie endlich in die schmalen
Hafenstrassen einbogen, über den Markt unter dem Ratausbogen durch und
schliesslich die dunkle Kastanienallee zum Schloss gingen.
Ein paar Tage später, als Ellen zur Stadt war, ging die Mutter in ihr Zimmer
hinauf: »Ich muss doch einmal sehen, was sie da immer treibt, wenn sie allein
ist«, dachte sie. - Ellen hatte vergessen wegzuräumen, da standen drei Bilder
von Edita mit Blumen davor, auf dem Tisch lag ein langer, angefangener Brief an
die Freundin, der bittren Weltschmerz atmete und endlose Klagen über Ellens
elendes Los. Und daneben ein dickes, ledernes Buch mit selbstgeschriebenen
Gedichten, das die Mutter noch nie gesehen hatte. Sie nahm es mit ins
Wohnzimmer, setzte ihre Brille auf und las den ganzen Nachmittag. Als Ellen nach
Hause kam, warf Mama ihr das Buch vor die Füsse. »Du hättest es verdient, dass ich
es dir um die Ohren schlage. Was ist das für ein unerhörtes Zeug? Schämst du
dich denn nicht, so was zusammenzuschmieren? Das hört jetzt auf, verstanden? -
Und was du da an deine Edita schreibst - du meinst wohl, dass dir arges Unrecht
geschieht, wenn du nicht all deinen verrückten Einbildungen folgen sollst. Von
jetzt an lese ich all deine Briefe, verlass dich darauf.«
    Ellen stand zuerst wie versteinert. Wie konnte Mama sich das herausnehmen,
in ihren tiefsten, innersten Geheimnissen herumwühlen - ja, jetzt schämte sie
sich allerdings - ihr war, als ob man ihr alle Hüllen von der Seele gerissen
hätte und dann kam eine sinnlose Wut über sie. - Sie schrie der Mutter alles ins
Gesicht, was an Groll in ihr aufgespeichert war.
    »Ich wollte, ich wäre Gott weiss wo, nur nicht mehr bei euch, in dieser
Hölle. Aber ich lass es mir nicht mehr gefallen. Lieber lauf ich fort oder bring
mich um.«
    Einen Augenblick war es ganz still im Zimmer - Ellen hatte den Arm erhoben
in drohender Abwehr: »Rühr mich nicht an, Mama!« Denn die Mutter hatte sie
schlagen wollen.
    Ellen kam wieder fort von zu Hause. Der Vater hatte sie zu sich rufen lassen
und lange mit ihr darüber gesprochen. Ihr ganzer Trotz zerfloss in Tränen - sie
hatte nie geglaubt, dass Papa so gut wäre, so vieles verstehen konnte und ihr
helfen wollte.
    So wurde sie denn auf längere Zeit zu ihrer Tante Helmine Olestjerne
geschickt. Es war eine jüngere Schwester des Freiherrn, die für sich allein in
ihrem eignen Haus und Garten lebte und eine besondere Vorliebe dafür hatte, sich
bedrängter Jugend anzunehmen. Bei ihr konnte Ellen frei heraus mit allen ihren
Beschwerden und unruhigen Wünschen. Schon am ersten Abend, als sie bei Tante
Helmine in dem gemütlichen Wohnzimmer mit altväterischen Möbeln und
Familienbildern sass, erzählte sie all ihre Erlebnisse zu Hause und in der
Pension.
    Die Tante hörte aufmerksam zu: »Ja, mit deiner Mama ist es sehr schwierig -
ich habe sie auch manchmal nicht verstehen können. Du bist ja jetzt gross genug,
dass man mit dir darüber reden kann. Aber bei mir sollst du dich nun einmal
wirklich wohl fühlen und soviel Freiheit haben, wie ich dir mit gutem Gewissen
geben kann. Es ist eine Malerin hier, bei der du Stunden nehmen kannst, wenn du
so grosse Lust dazu hast.«
    Ob sie Lust hatte! Ellen riss beinahe das Tischtuch mit Lampe und allem
herunter und fiel der Tante um den Hals.
    »Und wenn die sagt, dass du Talent hast, lassen sie dich vielleicht auch zu
Hause dabei. Dann hast du wenigstens eine Arbeit, die dir Freude macht.«
    Ellen bekam ein Zimmer als Atelier eingerichtet und warf sich gleich vom
ersten Tage an mit Heisshunger auf die Arbeit, mit ihrer vollen, gesunden
Jugendkraft, die sie bisher fast wie etwas Überflüssiges gedrückt hatte und
jetzt mit einemmal in ihr aufjauchzte, weil sie ein Ziel bekam und das Ziel, das
ihr glühendster Wunsch war. Am liebsten stand sie die ganzen, langen Sommertage
vor der Staffelei oder streifte mit dem Skizzenbuch draussen herum, statt mit der
Tante auf Besuche zu fahren oder Vergnügungen mitzumachen. Ihre Lehrerin betete
sie etwas scheu und aus der Ferne an - eine Künstlerin, die in Paris und München
gewesen war, ein Wesen aus einer ganz andern Welt, von der Ellen nichts geahnt
hatte und alles mit staunender Glut verschlang, was sie jetzt erfuhr. Sie
schämte sich ihrer bodenlosen Unwissenheit - hatte noch nie ein richtiges Bild
gesehen, nicht einmal gewusst, dass man nach lebenden Modellen malte, und tat so
dumme Fragen, dass Fräulein Hunius oft lächelte. Und wie die da herumging
zwischen all den beschränkten, engherzigen Leuten - nur ihrer Kunst lebte. Nur
der Kunst leben. Ellen fing an zu ahnen, was das sein müsste. Wenn die Lehrerin
zur Stunde kam, stand sie bebend hinter ihr und folgte jedem Strich. Und nur
dann, wenn sie ihr Gesicht nicht sehen konnte, wagte sie von sich selbst zu
sprechen - wie sie sich auch so ganz in die Kunst hineinstürzen möchte, nur
dafür dasein und arbeiten bis aufs Blut, trotz aller Hindernisse. Und was für
Hindernisse standen ihr entgegen - das meinte Fräulein Hunius auch, die Ellens
ganze Verwandtschaft kannte. Sie sprach ihr auch von den Enttäuschungen, dass
Ellen noch so jung sei und sich wie alle Anfangenden grosse Illusionen mache, die
wohl meist nach und nach zerschellten. Aber das bedrückte sie nicht weiter, und
sie glaubte nicht daran. Es war eine Zeit, wo sich ihr alles in einen Traum von
immerwährender Glückseligkeit verwandelte, der ganze Tag war ein ernstes Spiel
mit frohen Kräften, und selbst in den warmen Sommernächten wollte keine rechte
Müdigkeit kommen. Manchmal stand Ellen heimlich wieder auf, stieg aus dem
niedrigen Fenster und lief über den Rasenplatz zum Fluss hinunter, der am Garten
vorbeifloss. Da schaukelte sie sich in Tante Helminens kleinem Boot oder tauchte
in das dunkle, raschfliessende Wasser hinein, mit stiller Angst, dass die Tante
sie gehört haben könnte.
    Anfang Dezember schrieb die Mutter, Ellen müsse nun endlich einmal
wiederkommen. Die Tante liess sie ungern gehen, denn sie hatte grosse Freude an
Ellens Fleiss und konnte ihre rastlose Lebendigkeit gut ertragen. Aber im
nächsten Jahr sollte sie wiederkommen und weiterlernen. Ellen fuhr nach Hause
mit zwei grossen Zeichenmappen und voll von Plänen und Zukunftsträumen. Jetzt
strahlte ihr die Welt. Sie wollte gut gegen Mama sein, ihr nachgeben, soweit es
ging, und im Stillen weiterarbeiten, bis sie alle überzeugt hatte, dass sie
Malerin werden müsste.
Am Weihnachtsabend sassen sie alle noch spät beim Punsch im Esssaal auf
Nevershuus. Der Freiherr ging, wie er es liebte, während des Gespräches mit
grossen Schritten auf und ab.
    »Das waren eure letzten Weihnachten hier«, sagte er plötzlich und blieb am
Tisch stehen.
    Die vier Geschwister sassen wie versteinert und sahen ihn an.
    »Ja, Papa hat Nevershuus verkauft«, sagte nun die Mutter mit Tränen in den
Augen. »Zum Frühjahr müssen wir fort.«
    Sie schwiegen alle, der Vater stand vor ihnen und reckte sich in die Höhe:
»Seid doch froh, wenn wir endlich einmal aus dem Nest herauskommen - von euch
Jungens wird ja doch keiner Landwirt, und wir sind jetzt zu alt, um uns damit zu
plagen, für nichts und wieder nichts.« Marianne war die einzige, die schon darum
gewusst hatte, die andern konnten sich immer noch nicht von der jähen
Überraschung erholen: daran hatten sie nie gedacht, sich nie vorgestellt, dass es
einmal so kommen könnte - Nevershuus ihnen nicht mehr gehören. Und die Eltern
waren in ihren Augen die »jungen Leute«, denen keine Zeit etwas anhaben konnte -
Papa sich zur Ruhe setzen, das war wie eine Erklärung, dass sie nun alt würden.
Sie mühten sich alle, ihre Bewegung zu unterdrücken, denn Gefühlsäusserungen,
besonders im grösseren Kreise, waren bei den Olestjernes niemals Brauch gewesen.
Es gab nur hier und da einen etwas unsicheren Ton in den Stimmen, während sie
über das grosse Ereignis sprachen.
    »Wo wollt ihr denn hinziehen?« fragte Erik mit seiner gewohnten überlegenen
Ruhe - für ihn kam es auch nicht so sehr in Betracht, da er demnächst auf die
Universität sollte.
    »Das wissen wir noch nicht, aber jedenfalls in eine grössere Stadt.«
    »Für uns ist es überall gut, wo wir zusammen sind und euch haben«, meinte
Marianne; »- aber es war doch unser Nevershuus.«
    »Ach, ihr solltet euch doch freuen, einmal in andre Umgebung zu kommen,«
sagte der Vater wieder. »Hier versimpelt ihr auf die Länge, seht nichts von der
Welt, wisst nichts von der Welt. Euer Nevershuus werdet ihr schon mit der Zeit
vergessen.«
    »Wie kannst du das sagen, Christian!« Der Freifrau ging es wie den Kindern,
sie hing mit allen Fasern an dem alten Schloss - vierundzwanzig Jahre - ihre
ganze Ehe - die Kinder, die hier geboren und aufgewachsen - ihr Ältester, der
hier gestorben war! Sie begriff doch nicht recht, dass ihr Mann sich so leicht
loslöste, es wie eine Befreiung empfand, wie einen neuen Lebensanfang, von hier
fortzukommen.
    Marianne sass mit ineinandergelegten Händen und sah nur ihren Vater an - er
war grauer geworden in den letzten Jahren, die Stirn noch höher und gefurchter,
aber heute schien er ihr so verjüngt. Sie wusste am besten, wie er sich von jeher
hinausgesehnt aus diesem engumschlossenen Leben, in das die Verhältnisse ihn
gegen seine Neigung hineingezwungen hatten.
    Durch die offne Tür sah man in den Weihnachtssaal, die Lichter waren längst
heruntergebrannt, das Silber auf den Tannen schimmerte matt im Dunkeln.
    »Ihr lacht ja heute gar nicht«, sagte der Freiherr auf einmal, »was ist denn
in euch gefahren?« Sonst mochte es ihm manchmal zu viel werden, wenn seine junge
Schar bei jedem vernünftigen Gespräch, bei jeder ernsten Lektüre unweigerlich im
Chor losplatzte, besonders an Festtagen, wenn die Bowle auf dem Tisch stand.
Aber er vermisste doch etwas, wenn sie so unnatürlich ernst waren.
    Aber sie sassen alle und dachten, dass diese Weihnachten nun die letzten in
der alten Heimat wären, da wollte kein Gelächter in Gang kommen.
 
                                  Zweiter Teil
                                                              L..., 3. März 1888
Vor allem will ich Sie beruhigen, dass weder meine Mutter noch Detlev etwas von
unsren Gesprächen gehört haben - sie schalt nur, dass ich zu viel mit Ihnen
getanzt hätte. - Herrgott, wenn sie wüsste, dass ich jetzt an Sie schreibe - es
ist bald fünf Uhr, unten auf der Strasse rasseln schon Milchwagen, ich liebe
nichts mehr, als so eine Nacht durch aufzubleiben, und heute wäre es mir
unmöglich gewesen zu schlafen.
    Es kommt mir wie ein Wunder vor, dass ich nun wirklich einen Menschen
gefunden habe, dem ich alles sagen kann und der mein Freund sein will. Sie
machen sich ja keinen Begriff davon, wie allein ich war und wie todunglücklich
ich mich von jeher zu Hause gefühlt habe, besonders in diesem letzten Jahr, wo
auch Detlev mir immer fremder wurde. Sie wollten mir das nicht recht glauben,
aber es ist wirklich so: meine Mutter sieht es nicht gerne, wenn ich viel mit
ihm zusammen bin. Sie hat ihm das Versprechen abgenommen, mich keine modernen
Bücher lesen zu lassen und mich mit seinem Verkehr nicht in Berührung zu
bringen. Nur unter der Bedingung darf ich mit ihm ausgehen, die Eltern sind ja
schon ausser sich, dass er so in all diese Sachen hineingekommen ist und mit
freidenkenden Menschen verkehrt. Aber Sie können sich vorstellen, wie mir dabei
zumut war, wenn er mir von Ihnen und den andern erzählte, wie von einer Welt,
die mir immer verschlossen bleiben sollte. Dann fand ich eines Tages auf seinem
Schreibtisch »Brand« und »Peer Gynt« und nahm es mir herüber. Ganze Tage habe
ich darüber zugebracht und konnte weder essen noch schlafen, nur immer wieder
lesen, sowie ich allein war. Es kam mir vor, als ob jedes Wort für mich
geschrieben wäre, ich wusste mit einemmal, dass es keine unmöglichen Hirngespinste
waren, mit denen ich kämpfte, - wenn sich alles in mir sträubte gegen das Leben,
das man mir aufzwingen will. Früher empfand ich es immer als eine Art Unrecht
gegen meine Eltern, mich so dagegen aufzulehnen und heimliche Sachen zu tun,
aber nun ging es mir plötzlich auf, dass jeder ein unveräusserliches Recht an sein
Ich und sein eigenes Leben hat. Wissen Sie die Stelle: das Eine darfst du nie
verschenken, - dein Selbst, dein Ich, den heilgen Dom - du darfst's nicht binden
- nicht es lenken - nicht hemmen seines Lebens Strom - Er rauscht dahin und
strömt und schwillt: - bis er im Meer die Sehnsucht stillt.
    Wenn Sie erst mein ganzes, bisheriges Leben kennen, werden Sie begreifen,
was für einen überwältigenden Eindruck das auf mich machte, als ob plötzlich
etwas Erlösendes durchbräche, wo früher eine dumpfe, undurchdringliche Masse
war. Und dabei muss ich immer wieder an den grossen Krummen im »Peer Gynt« denken,
wie er im Nebel auf ihn losschlägt und nicht durchkann, und der Krumme
antwortet: »Geh herum.« Aber wo er hinkommt, ist wieder dasselbe da und ruft:
»Geh herum!« Zuerst hab' ich das alles ganz allein durchlebt, aber es hätte mich
einfach erstickt, ich musste mit Detlev davon sprechen. Und da kamen wir uns
wieder so viel näher, er hat mir dann auch die andern Bücher gegeben, und was
waren das für Stunden, wenn wir zusammen darüber sprachen. Er arbeitet abends
immer in meinem Zimmer, und da reden wir oft die ganze Zeit von alledem. Dann
erzählte er mir auch von Ihnen, und ich versuchte, ihm das Verantwortungsgefühl
auszureden, weil ich Sie so gerne kennenlernen wollte. Als ich Sie ein paarmal
gesehen hatte, wusste ich ja gleich, dass wir uns verstehen würden. Und wie Detlev
es dann durchsetzte, dass ich zu dem Tanzabend mitdurfte - sehen Sie, da hatte
ich das Gefühl, als ob etwas Entscheidendes kommen müsste, jetzt oder nie. Sonst
wäre es wieder an mir vorbeigegangen, und ich hätte in dem alten Elend
weiterleben müssen. - Und nun ist es wirklich geschehen - als ich hinter Mama
und Detlev nach Hause ging mit Ihrem Brief in der Tasche, dachte ich immer nur:
jetzt kann kommen, was will, das können sie mir doch nicht mehr nehmen.
    Dass wir uns öfter sehen, wird allerdings schwierig sein, ich weiss schon gar
nicht, wie ich immer zur Post kommen soll, um Ihre Briefe abzuholen - also wenn
möglich, Mittwoch im Dom, die Tür beim Turm ist ja immer offen.
    Und nun leben Sie wohl - es kommt mir vor, als ob ich Ihnen so viel zu sagen
hätte, dass es nie ein Ende nimmt.
                                                            8. März, nachmittags
Eben komme ich von unsrer so schmählich zerrissenen Zusammenkunft im Dom zurück.
Der Schrecken sitzt mir noch in allen Gliedern. Gott im Himmel, wenn mein Vater
uns gesehen hätte - ich hätte mir auch denken können, dass er unserm Besuch die
Kirchen zeigen würde. Und was der Kirchendiener wohl gedacht hat, als wir auf
allen vieren zwischen den Bänken durchliefen. Es war eine gute Idee von Ihnen,
denn sonst hätten sie uns sicher gesehen.
    Aber es war doch schön, dass wir uns wenigstens so lange in Ruhe unterhalten
konnten.
    Glauben Sie nur nicht, dass ich Ihnen unsre häuslichen Verhältnisse
übertrieben habe. - Seit wir hier sind, habe ich mit Mühe erreicht, dass ich den
ganzen Tag in meinem Zimmer sein kann und nicht mehr nähen muss. Da habe ich mir
mit einer spanischen Wand eine Art Atelier eingerichtet, wo ich male und
modelliere. Aber es ist unmöglich, allein weiterzukommen - ich darf weder
Modelle nehmen, noch mir Gipsabgüsse ausleihen. Meine Mutter findet, ich soll
dann wenigstens »hübsche, brauchbare« Sachen - Geschenke, Porzellanteller usw.
machen. Das fällt mir natürlich nicht ein, und so bleibt mir nichts übrig, wie
meine alten Stiefel und ähnliches zu malen. Davon hab' ich schon eine ganze
Galerie. - Ich weiss ganz gut, dass meine Mutter mich auf diese Weise zwingen
will, nachzulassen. Aber ich lasse nicht nach.
    Es ist überhaupt ein fortwährender Krieg. »Jedermanns Hand wider jedermann.«
    Mit meinem Vater kann ich auch zu keinem Verständnis mehr kommen, er hat
sich in letzter Zeit mehr um mich gekümmert, aber es ist doch zu spät. Ich kann
mich nicht freundlich mit ihnen stellen, wenn ich sie zugleich fortwährend
hintergehen muss. Und das wieder muss ich, um zu meinem Lebensrecht zu gelangen.
Ein ehrlicher, offener Kampf würde mir gar nichts nützen, sie sperren mich dann
höchstens noch mehr ein.
    Und was das Leben so schön macht, kann nicht schlecht sein. Wo bliebe dann
die Wahrheit? In all dieser verschrobenen Sittlichkeit und Moral ist ja doch
kein Funke davon.
    Ich lese jetzt gerade »Die Frau« von Bebel und Lassalles »Leben«. Was ist
das für ein Kerl, ich bin ganz weg, in den hätte ich mich wahnsinnig verliebt.
Seine Flugschriften will ich jetzt auch lesen, Detlev hat sie ja.
    P.S. Die Mutter hat Detlev gestern gefragt, ob er etwa mit zu diesem
abscheulichen Ibsenklub gehörte, wo die Mädchen mit jungen Männern über
unmoralische Sachen sprächen und zusammen Ibsen läsen. - Sie hat in einer
Gesellschaft davon gehört. Natürlich waren Sven Olafson und die Schwestern
Seebald damit gemeint, aber wer mag den Namen Ibsenklub aufgebracht haben?
    Vielleicht haben wir Detlev jetzt bald so weit, dass ich die alle einmal
kennen lerne. Übrigens hat Mama bei dieser Gelegenheit auch noch gesagt:
»Friedrich Merold ist doch der einzige Nette von deinen Freunden.«
    - Sie scheinen also doch guten Eindruck gemacht zu haben.
                                                                        20. März
Es ist morgens um fünf Uhr - beim Aufwachen fiel mein erster Blick auf die
Blumen von Ihnen, die noch immer blühen. - Ich stehe jetzt immer so früh auf, um
mehr Zeit für mich zu haben, und diese stillen Morgenstunden sind das schönste
am ganzen Tag. Früher in Nevershuus lief ich oft so in der Frühe auf die Wiesen
hinaus und manchmal heimlich durch die Stadt zum Strand. Es war so schön, ganz
allein am Meer zu sein, ich habe oft noch Heimweh danach. Aber was hätte ich für
ein Leben geführt, wenn wir dort geblieben wären - jetzt scheint doch wenigstens
hier und da ein Lichtstrahl durch die Türspalte. Und das tut auch wirklich not.
Gott, was ist das für ein Familienleben, mir schaudert, wenn ich gleich zum
Frühstück hinunter muss. Den ganzen Tag gibt es Auseinandersetzungen und Szenen,
wo nur zwei in einem Zimmer beisammen sind. Sagt einer: das ist weiss, so schreit
gleich der andere: nein, was fällt dir ein - schwarz ist es. Und alles hat
Nerven, selbst die Hunde sind nervös bei uns und fangen an zu quieken, wenn zu
laut gesprochen wird.
    Aber es ist Zeit, ich muss hinunter, leben Sie wohl, bis wir uns wiedersehen.
                                                                          Ellen.
                                                                        28. März
Wenn wir uns doch bald wiedersehen könnten, ich habe Ihnen so viel zu erzählen.
Vorgestern nahm Detlev mich nun wirklich mit zu Seebalds, und Olafson war zuerst
auch da. Es wurde über die »Frau vom Meer« gesprochen, über Murgers
»Zigeunerleben« und über freie Liebe. Und dann erzählte Olafson von Paris. Wie
kann er wundervoll reden - wenn er sprach, schwiegen alle still, aber ich
glaube, uns war allen zumut, als ob man laut schreien müsste vor Begeisterung
oder weinen oder irgend etwas ganz Verrücktes tun. Was sind das alles für
Menschen, endlich einmal wirkliche Menschen, ohne Schablone und voll Künstlertum
und Freiheit. Es ist einem, als ob man sein Leben lang taub, blind und stumm in
einer Höhle gesessen hätte und nun zum erstenmal sieht, zum erstenmal
menschliche Stimmen hört, die ins Leben rufen.
    Nachher zeigte Lisa uns ihre Skizzen. Gott, wenn ich denke, dass man auch
einmal so hinauskönnte. Sie fanden es alle entsetzlich, dass ich so eingesperrt
bin, besonders Marga, die ja auch Ihre besondere Freundin ist. Ich bin sehr
angetan von ihr - man sieht, dass sie ihren Lebenskampf mit Stärke und
Entschlossenheit kämpft.
    Später gingen wir mit der ganzen Gesellschaft zu Allersens. - Sie haben ganz
recht: das düstere, alte Haus passt wunderbar zu diesen Menschen. Die zwei
Schwestern sassen in grossen Lehnstühlen und sahen aus wie seltsame schwarze
Blumen. Anita spielte mit einer kleinen Katze - von der anderen weiss ich nicht,
wie sie heisst, und der Bruder mit dem Christuskopf stand am Fenster. Sie sagten
alle sehr wenig, aber man fühlt, dass sie es auch nicht nötig haben, so viele
Worte zu machen wie wir anderen.
    - - das war ein ereignisreicher Tag für mich, ich finde, das Leben wird
jetzt mit jedem Tag schöner und reicher. Und ich bin mitten drin, nun lasse ich
es nicht wieder fahren.
                                                                       14. April
Kaum eine Stunde ist es her, dass wir uns trennten - nur die Rose, die im Glas
vor mir steht, sagt mir, dass ich nicht geträumt habe - dass wir jetzt für immer
zusammengehören. Friedl, ich hätte Dir noch so unendlich viel zu sagen, aber ich
kann nicht. Es ist, als ob die ganze Wirklichkeit um mich versunken wäre - ich
weiss nur noch unsre Liebe, und dass uns nichts mehr trennen kann.
                                                                          Abends
Und dieser Tag ist verschont geblieben von all den Dissonanzen, die mich sonst
quälen und zerreissen. Ich war ganz alleine mit den Eltern, und es fiel
ausnahmsweise kein böses Wort zwischen uns. Mein Gott, und wenn sie einmal mit
mir so sind, fühle ich auch wieder, wie ich sie im Grunde doch liebe. Ich war in
einer so weichen Stimmung, dass ich ihnen am liebsten um den Hals gefallen wäre.
    Gute Nacht, Geliebter, meine ganze Seele ist bei Dir und gehört Dir. Mein
Fenster steht weit offen, die Luft ist voller Frühling, und in mein Leben ist
zum erstenmal Sonne gekommen.
                                                                       21. April
Hab Dank für Deinen Brief - wenn Du wüsstest, wie mich Deine Worte glücklich
machen und auch wieder traurig. Ach, Friedl, dass wir jetzt an eine lange
Trennung denken müssen, wo wir uns eben erst gefunden haben - das ist sehr
schwer. - Aber es war schon lange festgesetzt, dass ich für diesen Sommer zu
meinen Verwandten sollte. Länger wie ein halbes Jahr können sie mich hier zu
Hause ja nicht ertragen. Aber sieh, wir können ja auch aus der Ferne alles
miteinander teilen - wir müssen um unsrer Liebe willen alles ertragen, und ist
es nicht geradeso schön, dass niemand darum weiss? - Und ich weiss doch nicht, wie
ich nur einen Tag ohne Dich leben soll, und nun erst Wochen und Monate.
    - - Ich muss Dir heute abend noch ein Wort schreiben und Dir immer wieder
sagen, wie glücklich ich bin. Endlich - endlich ist es Frühling geworden, und
ich komme mir wirklich vor wie ein Baum, der Knospen treibt. Ich sehe nun
endlich das Leben vor mir liegen - in Schönheit und Freiheit, nur die letzten
Schranken gilt es noch einzurennen, und sie sollen und müssen fallen. Herrgott,
wir sind ja noch so jung - die paar Jahre, bis ich mündig bin, werde ich wohl
noch aushalten, und dann soll keine Macht der Welt mich zwingen, noch zu
bleiben. Sollte ich etwa mit gebundenen Händen immer weiter zusehen, wie man mir
mein Leben zertritt, bis die Jugend vorbei ist und alles zu spät?
    Nein, siehst Du, Friedl, ich muss hinaus aus alledem, sonst gehe ich
innerlich zugrunde. - Und denke Dir nur, wie göttlich es werden kann, wenn wir
beide in München wären - Du studierst und ich male, und wir lieben uns, wie noch
nie zwei Menschen sich geliebt haben. - Ich sitze oft stundenlang da und stelle
mir das alles vor, und es wird immer leuchtender in mir. Aber es macht vor allem
Deine Liebe, und dass ich jetzt endlich einmal fühle, was Glück ist - da blüht
dann auch alles andre auf. Sag mir immer wieder, jeden Tag, dass Du mich lieb
hast -
    Ich küsse Dich tausendmal - -
                                                                       24. April
Warum kamst Du gestern nicht? Du fehltest mir so unter den anderen. Gerade dann,
wenn es lustig und laut ist, kommt mir auf einmal eine solche Sehnsucht nach
Dir. - Wir trafen uns vorm Tor, der ganze Ibsenklub, und zogen in irgendein
Wirtshaus weit draussen an der Landstrasse, wo wir zur Feier des Karfreitags Grog
tranken und sehr viel Lärm machten. Auf dem Rückweg kamen wir an der kleinen
Kirche vorbei und hüpften im Gänsemarsch oben auf der Mauer entlang, als
plötzlich die Türen aufgingen und die andächtige Gemeinde herausströmte. Wir
machten, dass wir herunterkamen, und tanzten alle angefasst um Lisa herum, die
nicht mitgewollt hatte. Die Kirchenbesucher und Vorübergehenden schienen einigen
Anstoss daran zu nehmen, und wir wurden verschiedentlich ermahnt weiterzugehen.
Es war zu schade, dass Du nicht da warst. - Detlev und ich kamen noch etwas
angesäuselt zu Tisch und wurden mit einem Donnerwetter über unser langes
Ausbleiben empfangen. - Sie sind auch ausser sich, weil wir uns weigerten, morgen
mit zur Kommunion zu gehen, den ganzen Abend wurde kein Wort gesprochen - aber
wäre es nicht Feigheit, es um des Friedens willen doch zu tun?
                                                                          2. Mai
Das ist nun unwiderruflich der letzte Abend - für Monate. Eben bin ich noch mit
unsrem alten Nero im Mondschein durch den Garten gegangen - und mir war ganz
wehmütig dabei. Dies Tier ist das einzige Wesen, das hier zu Hause wirklich an
mir hängt und mich vielleicht etwas entbehren wird.
    Nein, es ist nur gut, dass ich fortkomme, dieser Zustand reibt mich auf.
Immer liegt es wie ein dunkler Schatten über meinem Leben, das sonst so froh und
licht sein könnte. Friedl, denke daran, dass ich keine Mutter habe, nie gewusst,
was Mutterliebe ist - das alles musst Du mir ersetzen, und Du tust es ja schon.
So leb wohl, Du einzig Geliebter, wann werden wir uns nun wiedersehen? Wann wird
wieder eine Blume von Dir vor meinem Bette stehen, wenn ich einschlafe? Du wirst
wohl oft zu meinem leeren Fenster hinaufsehen - es ist mir ein Trost, dass Du oft
mit Detlev zusammen bist, den werde ich auch schwer vermissen.
    Leb wohl, ich schreibe Dir so bald wie möglich.
                                                                Balsdorf, 4. Mai
Nun sind wir so weit auseinander, und das Herz tut mir so weh. Ich denke den
ganzen Tag an Dich, an alle die einzelnen Stunden, die wir zusammen waren und an
jene allerschönste auf dem Kirchhof, wo Du mir Deine Liebe sagtest. Immer wieder
zog das alles an mir vorbei. Wie hab' ich mich heute auf diesen Augenblick
gefreut - ich bin allein in meinem Zimmer und Dein Bild steht vor mir - ich seh'
in Deine Augen - draussen über den dunklen Tannen der Mond, und im Garten
schlagen die Nachtigallen. - Friedl, was sollte wohl aus mir werden, wenn ich
Dich nicht hätte.
    Ich habe noch viele bittre Worte gesagt und gehört in den letzten Tagen zu
Hause, es gab noch einen argen Zusammenstoss mit meiner Mutter, und wir haben uns
kaum Adieu gesagt. Papa sprach den letzten Morgen mit mir über meine namenlose
Starrköpfigkeit und versicherte mir, dass es mir doch alles nichts helfen würde.
Das einzige Gute bei diesem Abschied war mit Detlev, wir haben uns eine ganze
Stunde geküsst und uns geschworen, fest zusammenzuhalten. Beinahe hätte ich ihm
jetzt schon unser Geheimnis verraten.
    Vorhin war ich mit den anderen im Wald. Ich lag im Gras und träumte, während
sie sich unterhielten, machte die Augen zu und dachte an unser letztes
Beisammensein: wir standen wieder im Dom bei der grossen Orgel - und dann sah ich
Dich rasch fortgehen. Da wurde mir zumut, als ob ich weit fortstürzen möchte in
die Einsamkeit mit allem Sehnen und Denken. Ich möchte Dich noch einmal sehen
und dann mein verfehltes, zertretenes Leben von mir werfen. Ja, Friedl, ich
fühle mich manchmal so entsetzlich zerrissen und heimatlos, dass mich alle Kraft
verlassen will. Nirgends bin ich zu Hause, nirgends - am wenigsten da, wo ich es
sein sollte. Kaum ein halbes Jahr kann ich mit ihnen leben, dann muss ich wieder
hinaus unter fremde Menschen, wo ich auch nicht hingehöre.
    Wenn sie auch gut gegen mich sind, gerade das tut mir manchmal am meisten
weh und es sind doch überall dieselben Schranken, an denen ich mich wundstosse.
    Und ich fühle doch auch, dass niemand so zur Lebensfreude geschaffen ist wie
ich - manchmal erschrecke ich selbst darüber, was für Wildheit in mir steckt und
sich ausrasen möchte.
    Du bist ja der einzige, zu dem ich so sprechen kann. Hab Geduld mit mir, Du
allein, die andern haben sie ja alle nicht, weil ich nicht so sein kann, wie sie
mich haben wollen. Vielleicht, wenn Du mich ganz kenntest, würdest Du ebenso
denken wie sie. Das ist ein fürchterlicher Gedanke; nein, sag mir, dass Du immer
an mich glauben willst - immer. Hilf mir, ich will auch alles auf mich nehmen,
wenn Du mich nur lieb hast.
                                                                         10. Mai
Die ruhigen Tage hier haben mich wieder mehr ins Gleichgewicht gebracht - sowie
ich nur die wahnsinnige Überreizung von zu Hause überwunden habe, bin ich wieder
ein andrer Mensch. Und Dein geliebter Brief macht mich so froh.
    Ich werde hier förmlich verzogen und habe ziemlich viel Freiheit, kann den
ganzen Tag draussen zeichnen oder rudern.
    Dein Herbstgedicht ist sehr schön - ich musste an die Herbsttage daheim in
Nevershuus denken, wenn ich mit den Hunden auf der Koppel war und im Gehen den
Ossian las. Kennst Du den? Oder in den Sturm hinaussang - ich kann eigentlich
gar nicht singen, nur wenn ich allein bin. Aber ich sehne mich so oft nach
Musik, und sie fehlt mir so. Aber bei uns ist das nun einmal so: was nicht zum
täglichen Brot gehört, ist überflüssig und verwerflich. Und was könnte man alles
aus sich machen, wenn einem nur ein bisschen geholfen würde. Ich möchte alles
können und alles wissen und muss fortwährend meine ganze Kraft aufbieten, um nur
das wenige zu retten, was ich habe - damit mir nicht auch das zerdrückt wird.
    Jetzt lese ich Tristan und Isolde in der alten Sprache, es ist so wunderbar
schön. Meist steige ich damit in einen Baum und schaukle mich in den Zweigen und
denke an Dich.
                                                                         18. Mai
Kennst Du das Gedicht von Ibsen: »Sie sass schon frühe - im Lebensmai - in der
Galerie - vor ihrer Staffelei? -« Und den Schluss, wie sie immer noch da sitzt
und von »leuchtenden Schönheitstagen« träumt, als der Lebensmai längst vorüber
ist?
    Vielleicht wird mein Schicksal ähnlich fallen. Und wenn Du nach vielen
Jahren heimkommst und Dir Dein Leben aufgebaut hast, gross und schön, findest Du
mich immer noch an meinem Fenster - aber zerstört - vernichtet und fürs Leben
verloren.
    Und das mit dem Jäger - ich las heute gerade die beiden wieder - erinnerst
Du Dich - wie er den andern mit magischer Gewalt auf einen Berg hinaufzieht und
dort festält. Und von droben sieht er alles vergehen, woran er hing: sein Haus
brennt auf, während der Jäger von der schönen Beleuchtung spricht. Seine Braut
zieht mit einem fremden Mann zur Kirche - aber er bleibt auf dem Berg, und wie
alles vorbei ist und tot da drunten, ist er stark geworden und gefeit: Mein
Leben im Tale auf ewig tot - Hier oben Gott und ein Morgenrot - dort unten
tappen die andern -.
    Vielleicht fällt es auch so - -
                                                                         1. Juni
Morgens halb vier - eben sind wir vom Ball gekommen durch den schimmernden,
tauigen Sommermorgen. Uns liefen Rehe über den Weg. Wie kann man da zu Bett
gehen? Ich habe unsinnig getanzt und dachte so viel an Dich, wie wir damals
zusammen tanzten. Ich schicke Dir die Blumen, die ich im Haar hatte. - -
                                                                       Sechs Uhr
Mir wurde vorhin doch etwas müde, da bin ich hinaus und zwei Stunden lang durch
die Wiesen und Felder gerannt, ganz ohne Besinnen ins Blaue hinein mit meinen
Tanzschuhen durchs nasse Gras und über Gräben. Es war wie ein Rausch, ich fühlte
mich so frei, als ob es keine Fesseln mehr gäbe. Ach, wenn Du hier wärest, ich
alles mit Dir geniessen könnte, mit Dir zusammen in der freien Natur und die
Seele ausruhen lassen. Da müssten wir beide froh werden. - Vorhin war mir noch
ganz wirblig vom Tanzen, aber jetzt ist es vorbei. - Siehst Du, so etwas ist
eigentlich nicht gut für mich, es steigt mir immer so zu Kopf. Ich bin so
entsetzlich wild, Friedl, ich könnte tanzen, bis ich tot umfalle.
                                                                        12. Juni
Friedl, ich habe einen grossen Schritt getan - meinem Vater geschrieben, er
sollte mich das Lehrerinnenexamen machen lassen. Ich habe es mir in dieser Zeit
eingehend überlegt. - So lassen sie mich doch nicht fort, und dann kann ich mich
wenigstens auf eigne Füsse stellen, wenn es zum Klappen kommt. Und mir das Geld
zum Malen selbst verdienen. Ich habe mir schon alles ausgerechnet, wenn ich erst
mal für ein Jahr genug habe, gehe ich nach München, und das Weitere findet sich.
    Es ist nur ein greulicher Gedanke, alles andre liegen zu lassen und sich
wieder hinter die Schulbücher zu setzen. - Übrigens habe ich Papa gesagt, wenn
er mir dies nicht erlaubte, würde ich mich weigern, überhaupt wieder nach Hause
zu kommen.
    Du, Schatz, durch Detlev habe ich erfahren, dass man mich möglichst viel auf
Bälle und solche Sachen schickt, weil Mama hofft, es würde sich doch mal jemand
zum Heiraten finden. Momentan ist hier das ganze Haus voll von Offizieren zur
Jagd. Ich halte ihnen Reden über Ibsen und moderne Ideen. Wenn sie morgens in
den Garten kommen, sitze ich im Kirschbaum, und sie müssen bitten, dass ich ihnen
Kirschen hinunterwerfe. Die werden sich schwer hüten, mich zu heiraten.
Überhaupt macht es mir furchtbaren Spass, die Leute vor den Kopf zu stossen,
besonders diese aristokratische Bande.
    Ich bin aus meinem Zimmer ausquartiert und wohne in einer Bodenkammer,
droben ist ein plattes Dach, auf dem ich gestern nacht geschlafen habe, das war
herrlich. In acht Tagen fahre ich nach D... zu Tante Helmine und treffe Detlev
dort. Leb wohl -
                                                D..., 25. Juni, vier Uhr morgens
Liebster Friedl - Detlev weiss alles - gestern abend habe ich es ihm gesagt, bis
jetzt haben wir zusammen auf seinem Bett gesessen und gesprochen. Er war so
furchtbar lieb, freut sich so an unserm Glück - und will uns helfen, so viel er
kann. Jetzt hab ich ihn ganz wieder, wie in unsrer Kindheit. Dann hat er mir
auch vieles von sich selbst erzählt, was ich noch nicht wusste - ich kann dir
nicht sagen, wie es mich erschüttert hat und auch tief bewegt. Detlev fühlt sich
ja so unglücklich und denkt nur an Maria N., ob sie ihn wohl doch noch lieben
wird. Nicht wahr, wir wollen tun, was wir können, um ihn froher zu machen - Du
bist ihm ja ein solcher Halt.
                                                                         3. Juli
Morgen fährt Detlev nun fort zu Euch - ich mag ihn gar nicht hergeben, was haben
wir hier für Abende gehabt, wenn die Tante zu Bett ist und wir noch stundenlang
zusammen redeten, von Dir, von ihm und von allem. Auch über die Kreutzersonate
haben wir viel gesprochen, hab Dank, dass Du sie schicktest. Ja, ich kann
begreifen, wie sie Dich erschüttert hat, uns ist es ebenso gegangen, gerade
durch all die furchtbaren Wahrheiten. - Mein Gott, so verbinden sie einem die
Augen bei dieser idiotischen Erziehung, und wenn man sie aufmacht, sieht man in
einen Abgrund. Hab auch Dank für alles, was Du mir gesagt hast, ja, wir
wenigstens wollen in unsrer Liebe nach Reinheit und Wahrheit streben.
    - Gott, Friedl, wenn ich Dich nicht hätte und den ganzen Reichtum unsrer
Liebe -
                                                                        Abends -
Heute nachmittag ist mein Vater gekommen, und es gab eine grosse Unterredung.
Also: ich trete diesen Herbst ins Seminar ein und muss dann zweiundeinhalb Jahre
drinbleiben - zu Hause. Mir graut doch davor - denk Dir, die ganze Zeit nicht
malen können. Vielleicht geht es auch in andertalb Jahren, wenn ich mich sehr
anstrenge, dann wäre ich gerade zwanzig - Gott, und dann - -
    Übrigens hat er mich auch arg verdonnert - es wäre ein letzter Versuch, ich
würde ja auch dort wahrscheinlich wieder hinausgeworfen werden, wenn ich mich
nicht mehr zusammennähme. - Er wüsste auch, dass ich Detlev aufhetzte und dass wir
beide eine Verschwörung im Hause bildeten mit unsern sogenannten freien
Ansichten. Fortlassen würde er mich nie, wenn ich mich nicht änderte. Ach Du,
mir fehlt doch im Grunde die »moralische Kraft«, um das alles auszuhalten - ich
glaube, davon hab ich überhaupt nicht viel. Wenn mein Ziel nicht wäre.
    Vorläufig bleibe ich noch hier - es ist auch ganz nett, nur diesen Sommer
etwas unruhig; fortwährend muss man ausfahren, Teater spielen und so weiter.
Früher liess meine Tante mich den ganzen Tag arbeiten, jetzt findet sie, ein
junges Mädchen muss sich vor allem amüsieren. Gott ja, ich amüsiere mich auch,
aber es bekommt mir innerlich nicht, ich gerate zu leicht in das hinein, was
Detlev meine Tobsucht nennt. Und das ist natürlich auch wieder nicht recht: ein
junges Mädchen muss immer die Grenzen innehalten! - Aber wenn ich einmal anfange,
kann ich das nicht. Ich möchte dann nur losrasen und alles vergessen, bis ich
zusammenklappe, und dann wieder von vorne an und so durch alle Tiefen und Höhen
des Lebens durch, bis es aus ist. Weisst Du, was man so inneren Halt nennt, ich
glaube, das fehlt mir gänzlich. Das musst Du mir geben, Du hast so viel davon -
und in Deiner Liebe werde ich es finden.
                                                           Allenberg, 15. August
Nun bin ich schon wieder anderswo, Du siehst, ich suche noch die sämtlichen
Güter heim, ehe ich mich ins Seminar begrabe. - Hier bin ich alle Tage schon bei
Sonnenaufgang an der See und bade ganz alleine. Es ist wundervoll, so allein in
das kühle, goldene Wasser hineinzuschwimmen, während der ganze Himmel rot ist.
    Sonst beschäftigen wir uns damit, ein paar störrische Esel zuzureiten ohne
Sattel und Zügel, und abends wird fast immer getanzt. Es ist hier überhaupt ein
ideales, verwöhntes Landleben - so ganz leicht wird es mir doch nicht, von
alledem Abschied zu nehmen.
    Aber ich denke daran, dass wir uns dann wiedersehen - endlich, nach all den
Monaten. - Und Ostern schon geht ihr beiden von der Schule - und ich bleibe ganz
allein. Deshalb habe ich jetzt auch Eile, zurückzukommen, damit wir wenigstens
dies halbe Jahr voll geniessen können. Und es soll so schön werden.
                                                                            L...
Deinen Brief, dass Du für die Ferien verreistest, bekam ich erst heute morgen und
fuhr mit sehr gemischten Gefühlen hierher. Detlev ist ja auch noch nicht da, und
ich mit den Eltern allein.
    Vorhin habe ich meine Malsachen eingepackt - mir war dabei, als ob ich
jemand Geliebten in den Sarg legte, aber ich glaube an eine Auferstehung. - Dann
den Schreibtisch ans Fenster gerückt, damit ich Dich immer sehen kann, wenn Du
zu Detlev kommst. - Als ich gerade dabei war, kam meine Mutter und sprach mit
mir über das Seminar. Ich sollte nur recht fleissig sein, und wir wollten jetzt
in Frieden leben. Das schnitt mir durchs Herz, Friedl, früher hat sie nie so mit
mir gesprochen. Ich glaube, sie hat jetzt Angst, dass sie uns doch einmal ganz
verlieren könnte. Mama ist überhaupt ganz anders geworden, sie hat etwas
Milderes, das ich sonst an ihr nicht kenne, und wenn sie nur gut mit mir ist,
habe ich sie doch wieder so lieb. - Aber es ist zu spät - gerade in dem
Augenblick fühlte ich auch, wie sehr ich schon losgelöst bin. - Sieh, Friedl,
von Natur ist mir alle Unwahrheit verhasst, aber sie haben mich selbst da
hineingetrieben. Du hast ja recht, dass gerade wir als Kämpfer für unsre Ideen
alle Lüge verschmähen und unantastbar dastehen sollen. Aber jetzt noch würde es
dasselbe bedeuten, wie die Waffen aus der Hand geben und verzichten. Selbst der
Weg zur Wahrheit steht uns noch nicht offen. Ach, Friedl, wir werden noch viel
bluten müssen um unsre Freiheit; sagt nicht Lassalle irgendwo, dass wir alle
Gladiatoren der neuen Zeit wären?
    Von jetzt an wird mein ganzes Zuhauseleben nur noch Schein und Verstellung
sein, jedes Wort, das ich sage - mein wahres Leben liegt anderswo - mit Euch.
Aber wenn ich so allein bin, ist mir oft, als ob ich diesem Widerspruch erliegen
müsste - jeden Schritt zu mir selbst mit Lügen erkaufen. Aber es muss sein und ich
werde die Kraft auch finden. - Und wie lange wird es dauern, bis einmal alles
herauskommt - mir ist, als ob ich auf einer Pulvertonne lebte, die jeden
Augenblick in die Luft fliegen kann.
    Wenn Du nur erst hier wärest - - -
Ellen stand am Fenster und hörte durch Herbstwind und Regen vom nahen Bahnhof
herüber die Züge pfeifen. Heute abend sollte Friedl ankommen.
    Es wurde dunkel, sie zündete die Lampe an und wollte den Vorhang
herunterlassen. - Da stand plötzlich jemand drüben unter der Laterne und sah
herüber. Sie riss das Fenster auf, Sturm und Regen schlugen ihr ins Gesicht. -
Ja, das war er, in seinem weiten Mantel - - - - keiner versuchte ein Wort oder
ein Zeichen, sie mühten sich, mit den Blicken durchs Dunkel zu fühlen, als ob
nur ihre tiefe Sehnsucht die Arme ausbreitete. - So standen sie sich lange stumm
von ferne gegenüber.
    Als dann der Bruder ins Zimmer kam, schloss sie gerade das Fenster, die Haare
hingen ihr nass in die Stirn.
    »War Friedl da?« fragte er, dann fielen sie sich in die Arme und konnten
beide eine Zeitlang nicht sprechen. Detlev war der getreue Helfer, unermüdlich
trug er die täglichen Briefe hin und her, Blumen, Bücher - holte Ellen von der
Schule ab und brachte sie zu ihren Liebesstunden. Die beiden wollten sich jeden
Tag sehen, bei gutem Wetter wartete Friedl draussen vor der Stadt am Mühlwasser.
Da sassen sie in einem morschen alten Boot unter den kahlen Weidenzweigen und
hielten sich umschlungen, als ob der lange Tag zwischen dem letzten Wiedersehen
und dem nächsten in diese kurze Stunde zerfliessen müsste. Als es Winter wurde,
lagen sie oft alle drei auf der weiten, gefrorenen Wasserfläche oder auf dem
Felde im Schnee und sahen in den schimmernden, weissen Himmel hinauf. Und war die
Zeit zu kurz und das Wetter arg, so blieben die Kirchen ihre Zuflucht. Detlev
nahm ein Buch mit und las, während Friedl und Ellen auf einer alten schwarzen
Sargbahre oder im Kirchengestühl sassen und sich küssten und die hohen feierlichen
Gewölbe schweigend auf all den Frevel herabsahn. Wenn es vier Uhr war, kam der
Kirchendiener mit seinem grossen, rostigen Schlüsselbund entlang: »Meine
Herrschaften, die Kirche wird jetzt geschlossen.«
    Dann mussten sie sich trennen. Die Geschwister gingen langsam heim; bis zum
späten Mittagessen sassen sie in der Küche beim heimlichen Kaffee, den die Köchin
ihnen immer bereitielt, und abends in Ellens Zimmer mit ihren Schularbeiten.
Sie waren unzertrennlich wie in alten Zeiten und sahen die übrige Familie fast
nur bei den Mahlzeiten. Alles, was sie in sich aufnahmen, lasen, dachten, was in
ihnen wuchs und was jeder erlebte, wurde erst voll und ganz, wenn sie es
miteinander teilten. Und was hatten sie nicht alles in sich aufzunehmen in
dieser Zeit!
    Eines Abends kam Detlev mit einem Buch nach Hause. Die Eltern waren aus, und
dann machten die beiden Jüngsten es sich in des Vaters Zimmer bequem. Sie holten
sich ihren Tee herüber, vor dem Ofen schliefen die Hunde, Ellen lag auf dem
Sofa, Detlev sass neben ihren Füssen und las vor - es war Nietzsches
»Zaratustra«.
    Sie bebten beide - der Himmel tat sich über ihnen auf in lichter blauer
Ferne - jedes Wort löste einen Aufschrei aus tiefster Seele, band eine dumpfe,
schwere Kette los, sagte etwas, was kein Mensch sagen konnte oder je gesagt
hatte, wonach man im Dunkeln herumgetappt hatte und geglaubt, es nie zu finden.
Das war nicht mehr Verstehen und Begreifen - es war Offenbarung, letzte äusserste
Erkenntnis, die mit Posaunen schmetterte - brausend, berauschend, überwältigend.
Und alles andere, der Alltag, das Alltagsleben und - empfinden schrumpfte in
eine öde, farblose Masse zusammen, verlor sein Dasein - nur das wahre, heilige,
grosse Leben leuchtete, lachte und tanzte. Sie konnten sich nicht mehr
zurückfinden - noch spät in der Nacht sass der Bruder an Ellens Bett und las
immer weiter - wie aus einer andern Welt hörten sie Eltern und Schwester
heimkommen, die Haustür zufallen und alles wieder ruhig werden.
    Und von nun an lasen sie jeden Abend, der »Zaratustra« wurde ihre Bibel,
die geweihte Quelle, aus der sie immer wieder tranken und die sie wie ein
Heiligtum verehrten. Auch wenn sie mit ihren Freunden zusammen waren, - da gab
es Gespräche, bei denen sie alle fieberten: die alte morsche Welt mit ihrer
Gesellschaft und ihrem Christentum fiel in Trümmer, und die neue Welt, das waren
sie selbst mit ihrer Jugend, ihrer Kraft, mit allem, was sie schaffen und
ausrichten wollten. Es war wie ein gärender Frühlingssturm in ihnen, jeder
träumte von einem ungeheuren Lebenswerk, und sie alle hätten sich jeden Tag für
ihr Lebensrecht und ihre Überzeugung hinschlachten lassen, wenn es nötig gewesen
wäre.
    Aber noch im Laufe dieses Winters schmolz der Ibsenklub immer mehr zusammen,
und das war ein grosser Schmerz. Olafson, der Apostel aus dem Norden, der die
neuen Lehren zuerst in die würdige alte Patrizierstadt gebracht hatte, war
wieder nach Paris. Nach Weihnachten ging auch Marga Seebald ins Ausland, von der
Detlev sagte: Marga ist wie das Meer. Sie war älter wie die übrigen und die
Seele der ganzen Gesellschaft mit ihrer grösseren Reife und Erfahrung. Die
anderen Schwestern verliessen auch bald nacheinander die Stadt, und die
Zurückgebliebenen mochten kaum mehr an dem Hause vorübergehen, das jetzt so leer
und fremd dastand.
    Das Frühjahr rückte heran. Detlev und Friedrich Merold steckten im Examen,
dann war es bestanden, und sie sollten zusammen nach Berlin, um zu studieren.
Die waren nun frei und hatten das Leben vor sich - alle, alle gingen sie hinaus,
nur Ellen musste zurückbleiben, einsam und zähneknirschend ihre Ketten schleppen.
    Sie machten noch einen letzten Abendgang zusammen, sie und Friedl, während
die Eltern wieder einmal ausgegangen waren. Detlev blieb diesmal zu Hause.
    In einer Seitenstrasse trafen sie sich und gingen durch die Vorstadt hinaus,
verirrten sich in unbekannte Gegenden, stiegen über Planken und Gitter, quer
über Höfe und Lagerplätze. Endlich waren sie draussen auf freiem Feld, weit fort
von allen Menschen. Friedl sass am Grabenrand. Ellen lag mit dem Kopf in seinem
Schoss und sah in sein Gesicht und in den Mond hinauf.
    Beide waren still und traurig, ihnen war so schwer ums Herz, und die tiefe,
stille Einsamkeit erfüllte sie mit Bangen.
    »Warum sind wir uns doch so fern bei aller Liebe,« kam es plötzlich über
Ellen, »so ganz anders sollten wir zusammengehören, und wenn auch mein Leben
zerbräche, was liegt daran. Sich einmal ganz gehören, und dann sterben und
vergehen.«
    Es ging ein Zittern durch ihre Seele und durch ihren Körper, und sie glaubte
es auch in ihm zu fühlen. Vielleicht ahnte er, was sie dachte, denn er sagte
plötzlich: »Ellen, lass uns gehen«, und beugte sich dann zu ihr nieder. Sie
umarmten sich lange, lange. - Es war wohl das letztemal vor seiner Abreise.
Schweigend trennten sie sich vor ihrem Haus. Drinnen sass Detlev bei der Lampe.
    »Gott sei Dank, dass du da bist, es ist gleich Mitternacht. Ihr seid doch
wahnsinnig unvorsichtig.« Ellen antwortete nicht, sie warf sich aufs Bett und
weinte: »Wie soll ich es aushalten, wenn ihr fort seid.«
 
                                                                        3. April
Bis zum letzten Augenblick hoffte ich noch, Dich am Bahnhof zu sehen, aber Papa
schickte mich auf halbem Weg zurück, ich wollte nicht erst bitten und ging bei
dem tollen Schneegestöber langsam nach Hause, mir war bei jedem Schritt, als ob
ich es nicht mehr ertragen konnte, ich hatte nur den einen wilden Wunsch,
hinzustürzen und Dich noch einmal zu sehen. Dann war ich in Detlevs Zimmer, und
da fühlte ich erst ganz, was ich verloren habe, wie ich auf Schritt und Tritt
nach ihm rufen werde. - Die Hälfte von mir selbst ist fort, er war ja immer
neben mir. Hüte ihn mir gut, Friedl, es ist mein Bestes, was Du mitnimmst. Ich
kann mir selbst unsre Liebe ohne ihn nicht denken.
    Aber Du sollst kein Wort der Klage von mir hören - all die gewesenen
glücklichen Stunden kann uns niemand mehr nehmen. Und jetzt bleibt uns die
Arbeit an uns selbst und für das spätere Leben. Wenn auch jeder seine Schule
alleine durchmachen muss - es ist doch immer im Gedanken an den anderen.
    Leb denn wohl, Geliebtester, ich will Dich und mich nicht weich machen - den
Kopf oben behalten, sonst schlägt es über mir zusammen. Leb wohl.
 
                                                                         12. Mai
Du schreibst jetzt so selten - es fehlt Dir doch nichts, oder bummelt ihr viel?
- Wenn ich einmal mittun könnte. Nun seid ihr schon so lange fort, und ich
vergrabe mich ganz in Arbeit. Ich will das Examen doch schon übers Jahr machen,
die Lehrer haben mir selbst dazu geraten, und seitdem ist mir etwas leichter ums
Herz. Ein Jahr - nicht mehr ganz ein Jahr, mein Gott, Friedl, was ist das für
ein Gedanke. Wenn sie mich nur nicht vorher noch aus dem Seminar hinauswerfen;
es ist meinen Eltern neulich erzählt worden, dass ich schlechte Bücher und
Ansichten verbreitete.
    Übrigens schwänze ich oft die Stunden und rudere statt dessen auf dem Wasser
hinter der Bendstrasse. Einmal bin ich auch heimlich zu Lisa Seebald gefahren, es
sind ja nur zwei Stunden. Sie hat eine entzückende Wohnung und sagte, wenn der
Krach mit zu Hause einmal käme, könnte ich bei ihr wohnen, so lange ich wollte.
    Meine Sünden sind überhaupt Legion - ich bin tief gesunken, seit Du und
Detlev mich nicht mehr bewachen. Soll ich Dir auch noch beichten, dass ich
neulich mit Elfriede Liemann auf einem Sonntagstanz gewesen bin, wo wir mit
Soldaten und Arbeitern tanzten? Wir standen an der Fähre und bekamen solche
Lust, als wir die Musik hörten. Elfriede und ich sind übereingekommen, wenn alle
Stränge reissen, als Kellnerinnen nach Berlin zu gehen, um mit euch
zusammenzusein.
    Schüttelst Du nun auch den Kopf und sagst wie mein Vater: »Was soll aus dir
werden, wenn du dich nicht zügeln lernst?«
    Ja, was soll aus mir werden, das denke ich auch manchmal.
    Übrigens bin ich viel mit Ernst Allersen zusammen, wir gehen fast jeden
Morgen vor meinen Stunden am Hafen herum. Der Verkehr mit ihm ist mir sehr viel,
und ich brauche jemand, mit dem ich reden kann. Weisst Du noch, wie Detlev ihn
immer den zweiten Zaratustra nannte, ich muss oft daran denken. Wir gehen meist
schweigend nebeneinander, oder ich erzähle ihm von meinem Leben, und er rollt
nur die Augen und sagt: »Ja, ja.«
    - - Wieder ist mein Brief liegen geblieben, aber heute muss ich mich zu Dir
flüchten, um wieder zur Besinnung zu kommen. Vorgestern hat sich der junge
Rehmer erschossen, Du hast ihn doch bei uns gesehen - er war erst sechzehn Jahre
alt. - Ich hab' ihn gesehen, da ich gerade mit einer Bestellung hingeschickt
wurde, und den ganzen Tag konnte ich diesen Anblick nicht mehr los werden - das
blasse Gesicht mit dem Tuch um die Stirn.
    Statt zur Schule zu gehen, nahm ich mir ein Boot und war den ganzen
Nachmittag auf dem Wasser - der Himmel war so trübe und bleigrau, und ich konnte
immer nur an den Tod denken und - wenn dieses Kind den Mut hatte, warum kann ich
ihn dann nicht auch finden? Es wäre ja das beste, die Erlösung von allem. Jetzt
bin ich am Fenster bei dem schwülen Maiabend und möchte vergehen vor Weh. Du
schriebst mir das letztemal, ich sollte mir vor allem Lebensmut und Freude
bewahren. - Glaubst Du denn, ich habe noch eines von den beiden? Nein, es ist
nur noch eine verzweifelte Zähigkeit, das Letzte durchzuhalten. Und warum muss
das Leben gerade mich so drücken, gerade mir alles nehmen, alles versagen? Es
gibt doch viele, die das nicht so fühlen und ganz zufrieden wären an meiner
Stelle.
    Vorhin kam mein Vater zu mir herein und sagte ganz leise: »Ellen, bedenke,
dass Tatsachen unwiderruflich sind.« Wir sahen uns lange an, dann ging er wieder.
Er muss wohl etwas geahnt haben, was heute in mir vorging, und ahnt auch, dass er
mich doch einmal verlieren wird, so oder so - rettungslos.
    Ach, hilf mir, Friedl, mir ist, als ob ich versinken müsste.
                                                                      20. August
Seit zwei Monaten haben wir nun nichts voneinander gehört. Warum schreibst Du
nicht mehr? - Und ich - was sollte ich Dir schreiben, immer das gleiche: Tag für
Tag dieselbe Tretmühle, dasselbe Elend zu Hause.
    Und wenn Du nicht antwortest, denke ich, dass meine Briefe Dich ermüden und
langweilen.
    Könnten wir doch noch einmal das vorige Jahr zusammen durchleben, es kommt
mir jetzt vor wie ein Traum voller Frieden, und als ob es schon so lange her
wäre. Es stimmt mich auch so traurig, dass Du und Detlev immer mehr
auseinanderkommt.
    In den Ferien war ich fort, jetzt wieder mitten in der Arbeit und mache
Morgenspaziergänge mit Allersen. Wann kommt ihr denn? - Leb wohl und auf
Wiedersehen.
                                                                    Deine Ellen.
Kurz vor Friedls Rückkehr, an einem Septembermorgen, ging Ellen mit ihrem
Freunde Allersen im Dom auf und ab. Die Kirche war ganz leer, die Sonne
leuchtete durch die Bogenfenster, und droben spielte jemand auf der Orgel. - Sie
blieben auf demselben Platze stehen, wo sie so oft mit Friedl gestanden hatte -
der Mann neben ihr legte den Arm um sie, sie wollte sich wehren, losmachen, aber
dann sahen sie sich an, und wieder schlug das heisse Verlangen in ihnen empor -
sie fühlte seine Küsse brennen - dazwischen rauschten langgezogene Orgeltöne
durch den Raum.
    Ellen ging nach Hause - in die Schule, wie alle Tage, aber sie sah nichts
von dem, was um sie herum vorging, glaubte nur immer wieder zu fühlen, wie er
sie küsste, und hörte die Orgel wieder brausen. Ihr war, als ob eine Lawine auf
sie zukäme, die sie mitreissen wollte, und sie wusste, es gab keinen Widerstand.
Der Gedanke an Friedl drückte sie wie ein schwerer Stein - gleich war sie
erlegen, das erstemal, wo eine Versuchung an sie herantrat - ein paar Tage, ehe
er zurückkehren sollte - sie, die jahrelang freudig hatte warten wollen.
    Friedl kam - draussen beim Mühlwasser wartete sie auf ihn. Er war in Uniform,
spielte mit seinen weissen Handschuhen, war verändert, fremd. Schon die Uniform
kam ihr fast wie ein Verrat an ihren einstigen Idealen vor. Sie machte einen
gezwungenen Scherz darüber, keiner wusste recht, was er reden sollte.
    »Wir haben uns wohl beide verändert«, sagte Ellen schliesslich.
    »Fühlst du das auch, Ellen?« Es klang fast bewegt, und sie wusste mit
einemmal, dass sie nicht lügen und schweigen konnte.
    »Friedl, ich muss dir etwas sagen - du hast dich in mir getäuscht - -«
    »Ellen«, sagte er sehr ernst, »wir haben uns wohl beide getäuscht. Es ist
mir eine Erleichterung, dass du das auch empfindest. Wir waren töricht, uns
aneinander zu binden, ehe wir das Leben kannten und uns selbst. Eine schöne,
wunderbare Zeit ist es gewesen, wie wir beide sie vielleicht nie wieder erleben
werden - aber sinnlos, sie festalten zu wollen, wenn wir beide fühlen, dass sie
vorbei ist.«
    Die Fremdheit schwand, sie konnte ihm jetzt alles sagen. »Ja, siehst du,
halb und halb hab' ich mir auch das gedacht. Und dann ist ja auch alles gut,
nicht wahr, und wir können ohne alle Bitterkeit scheiden. Ich hatte so viel
Sorge um dich, - aber er wird dir ein besserer Halt sein wie ich.«
    Sie küssten sich noch einmal an der Stelle ihrer einstigen Liebesstunden.
Dann ging Ellen allein hinunter an den Hafen, da klammerte sie sich mit beiden
Armen an einen von den Kaipfosten, sah auf das schimmernde Wasser hinaus, und
die Tränen liefen ihr übers Gesicht. Jetzt hatte sie zum erstenmal erfahren, dass
etwas vergehen kann, woran man einst mit ganzer Seele hing. Sie sah ihr erstes
Frühlings-Kinderglück zerbrochen, die Blüten verweht und die Morgenfrische hin.
    Und was nun folgte, war kein Frühling mehr. Schwüle Sommerwinde strichen
über sie hin und rüttelten wach, was noch in ihrer Seele geschlafen hatte. -
Begehren, Verlangen, alles, was sie bisher nicht verstanden hatte.
    Als der andre erfuhr, dass sie jetzt losgelöst war, riss er sie an sich, als
wollte er sie zermalmen.
    »Jetzt bist du mein.«
    Es war eine fortwährende zehrende Unruhe, bis sie sich wiedersahen, und
waren sie zusammen, so schüttelte er sie durch, in verwirrenden, heissen
Liebkosungen, die Ellen noch neu waren - brennend süss und beängstigend. Friedl
und sie hatten sich nur geküsst wie zwei Kinder.
    Aber im letzten Grunde war immer eine leise Enttäuschung, etwas wie
Ernüchterung mitten im Taumel. - Dieser Mensch, mit seiner hohen Stirn und den
unergründlichen Augen war ihr als etwas Überirdisches erschienen - er sollte nur
in Wolken wandeln - der zweite Zaratustra sein - sollte schweigen, als ob er
keine gewöhnlichen Worte reden könnte. So hatte sie ihn früher gesehen - sie
konnte nichts Menschliches an ihm ertragen. Als sie ihn das erstemal essen sah,
war es wie eine zerstörte Illusion, das hatte sie sich nie vorstellen können,
dass er ass, trank, zu Bett ging, wie alle andren Menschen.
    Und dann, dass er es seiner Mutter sagte, damit sie sich ungestört sehen
konnten. Als Frau Allersen von Verlobung sprach und Ellen als Tochter umarmte,
wäre sie am liebsten davongelaufen. Das schien ihr alles so sinnlos, so gut
bürgerlich und gänzlich unmodern - war nicht das, was sie wollte.
Der erste Schnee fiel. Ellen stand am Fenster und sah die Flocken wirbeln. Von
jeher war ihr das eine so ganz besondere Stimmung gewesen, etwas von
Heimatsehnen und Weihnachten.
    Sie wollte eigentlich an Allersen schreiben, und der Brief lag angefangen.
Aber immer wieder kamen andere Gedanken - in der kurzen Zeit, seit er fort war,
schien ihr alles verändert und am meisten sie selbst. - Er hatte sie die ersten
Schritte gelehrt und sie dann alleine gelassen, - sie sollte auf ihn warten, und
schon fing es an, sie wie eine unerträgliche Fessel zu drücken, dass sie an
diesen einen Mann gebunden war. Sie meinte zu ahnen, dass sie sich doch niemals
so ganz binden könnte; wie sollte man es wissen, ob nicht immer und immer wieder
ein andrer kam? Denn kaum war er fort gewesen, so hatte sie schon wieder an
einen andern gedacht und dachte jetzt unaufhörlich an ihn. Ellen hatte keine
Ahnung, wer er war - sie begegneten sich eine Zeitlang fast täglich, und dann
sprach er sie eines Abends an. Es war ihr auch ganz gleichgültig zu wissen, wie
er hiess, für sie war er gar kein Mensch mit irgendeinem Namen - er war die
Versuchung selbst - der Versucher in irgendeiner Menschengestalt, der plötzlich
vor ihr auftauchte, wenn sie abends zur Stunde oder ins Teater ging - er sprach
auch nicht laut wie andere - er raunte nur, wich nicht von ihrer Seite und
raunte ihr geheimnisvolle Lockungen zu:
    »Komm mit mir, bei mir ist der Rausch, nach dem du verlangst - komm mit mir,
ich will dich alle Geheimnisse und Wunder lehren, die du noch nicht kennst.«
    Und dies diabolische Lachen, mit dem er dann wieder im Strassengewühl
untertauchte, wenn sie alle ihre Kraft zusammennahm und nein sagte. Tagelang
bebte es in ihr nach, als ob wirbelnde Wogen um sie her brandeten; und wie es
lockte und reizte, da hineinzustürzen, Hals über Kopf, alles vergessen, über
sich hinbrausen lassen.
    Ihr ganzes Wesen schlug um, sie arbeitete nicht mehr, dachte nicht mehr mit
tiefem Ernst über alle möglichen Dinge nach - sie träumte nur noch von einem
Rausch ohne Grenzen und Ende. Und diese Träume liessen sie Tag und Nacht nicht
los.
    Immer wieder sah sie sich in einem rotdurchleuchteten Zimmer, die Wände, die
Teppiche, alles brannte in Rot - rote Ampeln, rote Gläser, in denen der Wein
rote Schaumperlen warf. Alles musste funkeln und leuchten - und ein Ruhebett war
da, mit seidenen Kissen und durchscheinenden Vorhängen. Und er war da - der
Versucher - und sie tranken Wein - immer näher zog er sie an sich - jauchzend
hintaumeln in namenlose Lust, das versengende Feuer löschen in berauschter
Raserei, sich selbst vernichten, sterben, vergehen in Wollust.
    Da half keine Arbeit, und wenn sie sich noch so hartnäkkig auf die Bücher
warf - immer wieder tauchte sein Gesicht zwischen den Zeilen vor ihr auf, und
das rote Glühen fing wieder an. Der Kopf sank auf die Bücher nieder, die Augen
zu und träumen, träumen, bis sie verstört auffuhr und wieder versuchte zu
arbeiten und alles von vorne anfing.
    Hatte er, der Versucher, nicht recht, dass er sie auslachte mit ihrer
gewollten Treue und mit ihren Wahrheitsprinzipien? »Eine Stunde nur«, so redete
er zu ihr, »und nachher vergessen, was geschehen war - was niemand weiss, ist so
gut wie ungeschehen.« - Nein, nein, dann würde alles aus sein und sie den
einzigen Menschen verlieren, der ihr gehörte. Sie musste an ihm festalten, sonst
ging es hinab in unabsehbare Tiefen. So schrieb sie an Allersen, erzählte ihm
alles, jedes Wort, jedes Zusammentreffen. Darüber kam es zu blutigen
Auseinandersetzungen, die sie reizten und verstimmten. Dann kehrte Ellen den
Spiess um und überzeugte ihn, dass er ihr unrecht täte. Der Versuchung ins Auge
sehen und sie überwinden, sei bessere Treue, als ihr aus dem Wege gehen, und sie
wollte sich und ihm nur beweisen, wie stark sie sei. So endigte es damit, dass er
sie beinahe um Verzeihung bat, sie fühlte ihre Macht über ihn und daneben eine
leise Spur von Geringschätzung.
    Dann traf sie den andern wieder, diesmal bei hellem Tag. Sie gingen zusammen
durch stille Seitenstrassen, und an einer Ecke blieb er stehen.
    »Eine Stunde nur, du süsses Weib - nur eine Stunde -«
    »Gott, ich kann ja nicht - -«
    »Ihre Augen haben längst ja gesagt, und wenn Sie schweigen, sagt Ihr Mund
auch ja. - Aber, comme vous voulez - Samstag bin ich den ganzen Nachmittag zu
Hause und erwarte Sie.«
    Nachher sass sie an ihrem Schreibtisch vor der Arbeit - ihre Gedanken drehten
sich wie im Wirbel. Sie schrieb einen raschen, abgerissenen Brief an Allersen -
»Es hilft doch alles nichts - ich will nicht mehr. Du musst mich lassen, mir
meine Freiheit geben.«
    Seine Antwort kam und sprach von Rechten - Verpflichtungen: »Ich verlange
von Dir -« Als Ellen den Brief gelesen hatte, warf sie ihn in die Schieblade und
ging hinunter. - Schweigend wie immer sass sie mit ihren Eltern am Tisch - die
litten auch alle unter ihr. Das Familienleben war im letzten Jahr immer
trostloser und verbitterter geworden - nur noch ein schweigender Kampf aufs
Messer. Nachher suchte Ellen einen Vorwand, um auszugehen, und dann geradenwegs
zu ihm, der sie erwarten wollte. Sie wusste jetzt seinen Namen und seine Wohnung.
    Da stand sie auf dem hellgetünchten Vorplatz und sah auf das weisse
Porzellanschild.
    Aber er war nicht da - verreist - Freitag käme er wieder. Langsam ging sie
die Strasse hinunter - es losch etwas in ihr aus - der grosse Augenblick war
vorbei - verfehlt.
    Statt dessen kam Ernst Allersen selbst am nächsten Tag, es hatte ihm keine
Ruhe gelassen. - Er wohnte im Hotel, um seiner Familie und allen Bekannten
auszuweichen.
    Ellen stand erst kalt und feindselig in der Tür, aber er stürzte auf sie zu,
riss sie an sich mit so viel Angst und Liebe, dass sie ganz erschüttert war,
machte ihr keine Vorwürfe: sie sollte nur sein bleiben, nicht mit ihm spielen.
Und sie wurde weich gestimmt, wie immer, wenn sie Liebe fühlte - es kam etwas
von dem alten Gefühl für ihn wieder. Sie sagte zu allem ja - er sollte ihr nur
nicht wieder mit Rechten und Verpflichtungen kommen, das reizte sie dann gerade,
das Gegenteil zu tun. Und schliesslich war sie wieder im Recht und er hatte sie
gekränkt.
    Allersen blieb noch einen Tag, und sie kam frühmorgens ins Hotel, statt zur
Schule zu gehen. Er schlief noch, und Ellen setzte sich zu ihm auf das Bett -
sie waren wieder ganz versöhnt. Langsam zog er sie immer dichter an sich, löste
ihr die Haare auf - Schritt für Schritt kamen sie dem Geheimnis näher, das ihnen
beiden noch fremd war. Aber dann schraken sie doch wieder zurück. - Sie hätte
lieber alles vergessen wollen, aber wenn sie darüber nachdachte, kamen ihr
wieder all die bangen Bedenken - all die unsichere Angst. - - Ein Kind - dann
wäre alles für sie vorbeigewesen, alle Pläne, ihre Kunst, die Freiheit, die nun
immer näher kam. - Im letzten Grunde war es ja auch nur das, was sie dem anderen
gegenüber zurückhielt - sie wusste etwas und wusste doch nichts und konnte sich
nicht entschliessen, zu fragen - da lag immer noch ein Rätsel und niemand löste
es ihr.
    Die Examenangst trieb eine Zeitlang alles andere in den Hintergrund. Ellen
sass ganze Nächte lang und lernte. Dies Letzte musste nun noch durchgehalten
werden, und dahinter stand die Freiheit, endlich die Freiheit. Den Sommer über
wollte sie wie gewöhnlich eine Verwandtenreise machen und dann mit Sturm die
Entscheidung herbeiführen. Liess man sie nicht freiwillig gehen, so würde sie es
erzwingen, Lehrerin werden und Geld verdienen.
    Der häusliche Himmel hatte sich wieder etwas aufgehellt, die Eltern waren
aufgeregt über den Ausgang der bevorstehenden Prüfung und aus Sorge um Ellen,
weil sie blass und überarbeitet aussah.
    Dann war es vorbei, und Ellen konnte zuerst kaum begreifen, dass sie wirklich
gut durchgekommen war. Aus dem grauen Schulhaus stürzte sie in den
Frühlingsabend hinaus und schleuderte ihre Bücher auf die Erde, dass die Blätter
flogen. - Zu Hause wurde sie förmlich gefeiert, die Mutter war stolz, dass Ellen
eine gute Note hatte, und Papa legte ihr die Hand auf den Kopf und sagte:
    »Jetzt hast du mir eine wirkliche Freude gemacht.«
    Die Brüder waren zu den Osterferien gekommen - so war es einer von den
seltenen ungetrübten Abenden, wo sie alle um Papas Tisch sassen mit Wein und
Gelächter.
    Ellen konnte heute mitstimmen, ohne einen bösen Blick von der Mutter zu
bekommen, es schien, als ob man sie jetzt zum erstenmal anerkannte, zum
erstenmal mit ihr zufrieden war.
    Ihr selbst war nicht ganz wohl dabei - die dachten jetzt nicht daran, dass es
doch nur ein kurzer Waffenstillstand sein konnte. Wenn sie wüssten, wie es in
Wirklichkeit um Ellen stand, dass sie innerlich schon lange draussen auf hoher See
trieb und wohl nie mehr den Weg zurückfinden würde -.
    Der Frieden dauerte denn auch nicht lange, in den kurzen Wochen, die sie
noch zu Hause blieb, fing es immer von neuem an zu gewittern. Die Eltern lebten
in beständigem Misstrauen: wo steckt Ellen nur wieder?, was treibt sie? - wenn
sie den halben Tag verschwunden war, um mit einer Freundin, die am
entgegengesetzten Ende der Stadt wohnte, zu modellieren, oder mit einer anderen
Französisch zu treiben. Konnte man denn auf Schritt und Tritt hinter ihr stehen
und ihr das bisschen Verkehr mit jungen Mädchen verbieten?
    Und Ellen nahm jetzt alles auf die leichte Achsel und baute nur auf den
Zufall, der sie nun schon jahrelang vor Entdeckung beschützt hatte. Was lag auch
jetzt noch daran, wenn das Pulverfass explodierte? So führte sie ein förmliches
Abenteuerleben; solange Allersen noch Ferien hatte, schlich sie sich frühmorgens
aus dem Hause, um ihn zu treffen, lange, ehe die andern aufstanden, und manchmal
auch abends, wenn man sie im Bett glaubte. Und drunten am Hafen hatten sie eine
stille Bierstube entdeckt, wo sich die Reste des Ibsenklubs und allerhand neu
hinzugekommene Bekannte versammelten, während am andern Tisch die
Schiffskapitäne Karten spielten.
    Dann war Allersen fort - auf Ellens Sommerfahrt wollten sie sich
wiedertreffen.
    Am letzten Tage, als ihre Koffer schon gepackt standen, begegnete sie dem
Versucher, den sie jetzt auch wieder öfters sah. Es war allmählich eine Art
frivoler Kameradschaft zwischen ihnen geworden, sie gingen zusammen ins Café,
lachten, spielten eine Zeitlang mit dem Feuer und trennten sich dann wieder.
Ellen liess sich auch heute wieder mitziehen in das Bahnhofsrestaurant, wo
nachmittags die bekanntesten Lebemänner der Stadt sassen und durch die
Glasscheiben des runden Erkers die Vorübergehenden kritisierten.
    »Das ist nun das letztemal«, sagte Ellen.
    »Schade, schade, und wie steht's mit der Moral?«
    »Immer das gleiche.«
    Er kam eben vom Reiten, war in hohen Stiefeln und liess die Reitpeitsche auf
dem Tisch tanzen.
    »Nein, es ist wirklich schade um den schönen Leichtsinn, denn den haben Sie
doch in sich. Und dann mit dem Trottel da verlobt sein -. Soll ich Ihnen einmal
weissagen - darauf verstehe ich mich einigermassen?«
    »Ja, bitte.«
    »Also Sie - Ellen, Freiin von Olestjerne, mit Ihrer guten Erziehung und
Ihrem unglaublichen Lachen -, Sie werden noch eine von den Allerschlimmsten
werden, wenn Ihre Zeit erst einmal gekommen ist.«
    »Das ist sehr möglich«, meinte sie.
    »Nun also, warum denn noch dieser Tugendpanzer? Glauben Sie nur nicht, dass
er Ihnen gut steht, dazu sitzt er viel zu lose. - Ich möchte doch übrigens
wissen, wer Sie die ersten Flötentöne gelehrt hat?«
    »Sie!«
    »Ach, das ist ja nicht wahr, das sagen alle Frauen. Da wäre man immer der
erste. Und was haben Sie denn von mir gelernt? Sie sind ja immer noch ebenso
verlobt.«
    Ellen lachte - dann nahmen sie Abschied. Ellen fühlte etwas wie Reue um
schöne, nichtbegangene Sünde. - Wenn er doch einmal ihre Gedanken erraten hätte,
ihr das Rätsel gelöst, von dem alles abhing. Aber das Unglück lag darin, dass er
sie für viel raffinierter hielt, wie sie war.
    Aber trotz allem wogte eine selige Stimmung in ihr, als sie die Allee zum
elterlichen Hause hinaufging - zum letztenmal! Jetzt war sie keine Gefangene
mehr, alles lag so wundervoll weit und unsicher vor ihr.
    Die Mutter stand schon an der Gartentür und sah nach Ellen aus.
    »Wo bleibst du wieder so lange? Gott sei Dank, das hat nun ein Ende; wenn du
wiederkommst, werden wir eine andere Ordnung einführen.«
    Nach Tisch rief der Vater sie herüber.
    »Wir lassen dich jetzt zum erstenmal ohne Begleitung reisen, Ellen. Ich
erwarte von dir, dass du dich auch danach benimmst - vor allem bitte ich dich,
deine sogenannten Ansichten nicht überall auszuposaunen. - Im Herbst wollen wir
dann einmal weitersehen - vielleicht findet sich bei unseren Bekannten
irgendeine Gelegenheit, deine Ausbildung als Lehrerin zu verwerten.«
    »Papa, ist es ganz ausgeschlossen, dass Ihr mich Malerin werden lasst?«
    »Hast du den Blödsinn immer noch im Kopf? - Dann schlag es dir jetzt ein für
allemal aus dem Sinn - all diese Emanzipationsgeschichten. Glaubst du, ich werde
dich mit deinem törichten Hang zur Ungebundenheit allein in die Welt
hinausschicken? Aber das sind Sachen, die du nicht verstehst - -« Dann nahm er
einen Brief vom Tisch und warf ihn wieder hin: »Hast du etwas davon gewusst, dass
Detlev Schulden hat?«
    »Nein«, aber Ellen fühlte, wie sie rot wurde.
    »Und auch nicht von der Duellgeschichte?«
    »Nein!«
    »Ellen, ich will die Wahrheit wissen.«
    »Ich hab' ihm versprochen, nichts davon zu sagen.«
    Und nun brach sein Zorn hervor: »Immer steckt ihr unter einer Decke, ihr
beiden - gegen uns, gegen alles. - Was wollt ihr damit? - Was setzt ihr euch in
den Kopf? zu fügen habt ihr euch, und ihr werdet euch fügen, solange wir leben.«
    Ellen stand hinter ihrem Stuhl und wiegte ihn langsam hin und her, sie
fühlte, wie jedes Wort kalt an ihr herunterlief, und die ganze jahrelange
Erbitterung regte sich in ihr gegen diese zermalmende Strenge. Und der Vater
wurde immer heftiger, ging rasch hin und her und blieb dann vor ihr stehen.
    »Ihr habt nichts getan, ihr beiden, wie uns das Leben verbittert, seit
Jahren -«
    Sie zitterte innerlich vor seinem Zorn und wollte nichts sagen, aber
plötzlich fuhr es ihr heraus: »Ja, weil ihr uns unsere Jugend nehmen wollt.«
    »Nimm dich in acht, Ellen«, schrie er auf und machte einen Schritt auf sie
zu. Ellen rührte sich nicht, und dann kehrte er rasch um und ging ins Wohnzimmer
hinüber.
                                                         »Kronsee, den 3. August
Liebe Lisa - dieser Brief gilt Euch allen - und lest ihn mit Andacht, es ist der
erste Schrei aus meiner Gefangenschaft, der ein menschliches Ohr erreicht. Ich
bin ja selbst von Detlev abgeschnitten, kann ihn weder sehen, noch ihm
schreiben. - Und was mögt Ihr gedacht haben, als der berühmte Krach, den wir uns
immer wie mit Freiheitsposaunen vorstellten, so abgelaufen ist - am Ende denkt
Ihr gar, ich habe mich gefügt. Aber ich schwöre Euch bei allen unsern Göttern:
Ellen Olestjerne wird sich niemals fügen.
    Das war eine Zeit, Lisa, diese letzten acht Wochen und jetzt immer noch!
Zähneknirschen und Wutschäumen sind nur schwache Worte für das, was ich von
Morgen bis Abend empfinde.
    Aber nun alles der Reihe nach: zuerst kam die Reise nach meiner alten
Heimat. - Sie wissen, ich war bei Bekannten in Halmby, unsrer kleinen Seestadt
bei Nevershuus. Es war so schön, alles wiederzusehen, ganze Sommertage am
Strande zu liegen, die alten Wege zu gehen und ganz eigner Herr zu sein, denn
dort kümmerte sich niemand darum, was ich tat. Ich habe wirklich einmal nur so
hinausgeschrien vor Lebensfreude nach all den bedrückten Jahren. - Nachher
besuchte ich dann noch verschiedene Verwandte weiter nach Norden - dass Allersen
überall mit war, haben Sie wohl durch Detlev gehört. - Es war wie in einem
Lustspiel, dies fortwährende Trennen und Wiederfinden. Und denken Sie nur, wenn
an diesen entlegenen Orten ein Fremder mit schwarzem Bart und unheimlichem
Aussehen auftaucht, von dem niemand weiss, wer er ist und was er da will, und wie
wir uns dann immer heimlich trafen, meist in aller Morgenfrühe in irgendeinem
obskuren Hotel. - Zuletzt unterschlug ich mit vieler List noch ein paar Tage,
wir fuhren im Dampfschiff die Küste entlang und blieben, wo es uns gerade gefiel
in den Fischerdörfern.
    Dann kam ich hierher nach Kronsee, alles war gut gegangen - und drei Tage
später telegraphiert Papa an meinen Onkel, er möchte sofort zu ihm kommen und
der Krach war da. Ich hatte zu Hause in einem Lexikon den letzten Brief von
Allersen liegen lassen und meine Mutter hatte ihn zufällig gefunden. Daraufhin
brachen sie meinen Schreibtisch auf - Sie können sich ungefähr einen Begriff
davon machen, was alles zu Tage kam - mein ganzer Briefwechsel mit Friedl Merold
- mit Allersen, Detlev, den Ibsenklubleuten und noch allerhand kleine Torheiten
vom letzten Winter - der arme Allersen war ja nur ein verschwindender Faktor in
dem ganzen Sündenpfuhl. Als mein Onkel zurückkam - mit mir selbst wollten meine
Eltern nicht mehr unterhandeln - all diese Unterredungen, Ausfragen - ich habe
getobt, Lisa, bis ich endlich so klug geworden bin, alles schweigend über mich
ergehen zu lassen. Denn mir sind einfach die Hände gebunden - man lässt mich
nicht aus den Augen, gibt mir kein Geld in die Hand, fängt jeden Brief auf.
Ausserdem behaupten sie, solange ich nicht mündig bin, könnten sie mich jederzeit
zwingen zurückzukommen. Das muss ich erst alles ganz genau wissen. Ich will Ihnen
keine Einzelheiten erzählen, Lisa, sonst gerate ich wieder in solche Wut, dass
ich alles entzweischlage, und sie sind imstande, mich dann für tobsüchtig zu
erklären. Es war schon einmal die Rede von unter Kuratel stellen. - Mir ist
schon so zumut, als ob man mich in ein Tollhaus gesteckt hätte, um mich verrückt
zu machen, ich schiele nach jeder Tür, um zu entkommen, aber jedesmal steht ein
Wächter dahinter.
    So habe ich mich einstweilen zum Schein ergeben - man hat beschlossen, mich
in ein Pfarrhaus zu geben, wo ich Moral und Haushalt lernen soll - und ich habe
freudig ja gesagt. Zweitens ist Allersen und mir ein wöchentlicher Briefwechsel
gestattet, und wenn wir uns sieben Jahre lang - nämlich bis er eine Stellung
annehmen kann - musterhaft führen, dürfen wir sogar heiraten. Er hat sich
schriftlich verpflichten müssen, ohne Einwilligung der Familie keinen Schritt in
bezug auf mich zu unternehmen.
    Natürlich wollen sie mir auf diese Weise nur die Waffen aus der Hand winden
- ach, Lisa, als ob ich daran dächte, ihn zu heiraten, mir geht es ja nur um
meine Freiheit und ums Malen, aber ich hüte mich wohl, das durchscheinen zu
lassen. - Ich warte nur auf den Moment, wo sich eine Türspalte auftut - es kommt
mir ja schon vor, wie ein erstes Aufleuchten, dass ich einen Brief an Euch
fortschicken kann. Mein Onkel ist heute zur Stadt gefahren, und wenn die Tante
schläft, will ich versuchen, nach der Station zu rennen und ihn einzustecken.
Noch ist nicht einmal sicher, ob es gelingt. Mein Gott, wenn ich doch jetzt
soviel Geld hätte, um zu Euch zu fahren oder meinetwegen auch zu Fuss
hinzulaufen. Aber dann würden sie mich ja doch erwischen.
    Kinder, denkt an mich - ich habe vielleicht noch schlimmere Zeiten vor mir.
So lebt wohl und vergesst mich nicht - schreibt mir nicht, ich würde es doch
nicht bekommen.
                                                                          Ellen.
                                                              Pfarrhaus Steensby
- - Da bin ich nun als räudiges Schaf mitten unter der Schar seiner Gläubigen -
in einem friedlichen Landpastorat - wasche Zimmer auf, putze Lampen und stehe am
Herd - frühmorgens, wenn die Hähne krähen.
    Seit dem ersten Oktober bin ich hier - wurde wie ein sibirischer Sträfling
hergebracht - man liess mich keine Wagenstrecke allein fahren. - Vorher in
Kronsee musste ich noch eine Art Kontrakt unterschreiben, dass ich keine
heimlichen Briefe abschicken, nie allein zur Stadt gehen und mich in die
Hausordnung fügen wollte. Es ist nur gut, dass ich im Seminar von der reservatio
mentalis gelernt habe. Am ersten Abend habe ich mir gleich das Haus darauf
angesehen, wie man von hier ausreissen könnte - Türen, Fenster, alles. Ich war
eigentlich auf lauter neue Quälereien gefasst: Verhöre, Busspredigten, Überwachung
- aber nichts von alledem. Es sind sympatische Menschen, die mir nun mit Takt
und Freundlichkeit entgegenkommen, - was ich im Gegensatz zu meiner Familie
doppelt wohltuend empfinde. Ich mag sie alle gerne und es ist eine einfache,
heitre Atmosphäre, in der ich mich wohlfühle. Ja, Lisa, es läuft der Hase
manchmal wunderlich - dass ich mich in einem Pfarrhaus zum erstenmal wohlfühlen
würde, hätte wohl zur Zeit unsrer Ansichten niemand gedacht. Mit letzteren lässt
man mich ganz in Ruhe, und ich mache stillschweigend Kirchgänge und Andachten
mit. Ebenso fragt man nicht danach, was ich in meiner freien Zeit anfange und
was für Briefe ich bekomme. Ihr könnt mir also ruhig hierherschreiben, und wie
lechze ich nach einem Wort von Euch. - Kinder, wie habe ich diesen Sommer oft
nach einem Briefkasten ausgespäht, - hier kann ich meine Briefe ungestört nach
der Stadt bringen.
    Alles in allem, Lisa, ich dehne mich in einem langentbehrten Gefühl von
Frieden nach - und vor dem Sturm. Denn der schläft ja nur. - Bis zum Frühjahr
bleibe ich hier, dann schreibe ich noch einmal heim, ob sie mich freiwillig
gehen lassen. Dann haben sie die Wahl, ob sie mich zum Äussersten zwingen wollen.
Es wird mir ja auch nicht leicht, mich für immer von ihnen loszureissen, und ich
weiss, dass ich ihnen den Rest ihres Lebens zerstöre. - Ich habe doch manchmal
Heimweh nach allen - seit ich von zu Hause fortreiste, habe ich keinen von ihnen
mehr gesehen, die andern Geschwister haben sich ja auch gegen mich gestellt -
nur Detlev nicht.
    Aber es ist besser, nicht daran zu denken. -
                                                                        24. März
Lisa, nun ist es entschieden. Papa hat auf meinen Brief hin eine Zusammenkunft
mit dem Pastor gehabt. Als der zurückkam, war seine gute Meinung über mich
bedenklich erschüttert. Mein Vater hat ihm alles erzählt, auch von der Reise mit
Allersen, und er war ganz entsetzt. Beinahe drei Stunden hat er auf mich
eingeredet, er von seinem Schreibtisch und ich daneben auf dem Stuhl, »wo schon
so manche arme gnadenbedürftige Seele gesessen hat«.
    Er sähe mich ins Verderben rennen, wenn ich von diesem Menschen nicht lassen
wollte, denn die Sünde ist der Leute Verderben und unser Verhältnis ein sündiges
und beflecktes. - Meine Eltern würden es nie zugeben, dass ich mich selbständig
machte - aber er, der Pastor, schlüge mir vor, in seinem Hause zu bleiben. Da
sollte ich meine volle Freiheit haben, malen, alles, was ich wollte, und
zugleich mich von ihm zu Gott führen lassen, bei dem allein die Wahrheit ist. Er
wüsste wohl, dass viel Gutes in mir steckte (das finden die Pastoren immer bei
mir). - Aber alles das nur unter einer Bedingung - von Allersen mich lossagen,
weil der mich rettungslos herabzieht. Wenn ich das nicht täte, könnte ich auch
hier nicht bleiben und müsste zu meinen Verwandten zurück. Denn er wolle sich
nicht mit mir im Sumpf wälzen - -.
    Mir wurde ganz wirblig dabei - ich sah zuletzt nichts mehr wie seinen Kopf,
der mir immer grösser zu werden schien, und die Augen, die mich unaufhörlich
ansahen. Jetzt kann ich mir einen Begriff machen, wie die armen Seelen
hypnotisiert werden und wie man in solchen Momenten nachgibt, einfach, weil man
schwindlig wird. - Schliesslich fing ich aus lauter Nervosität an zu weinen, und
das hielt er wohl für ein Zeichen, dass die Gnade nun bei mir durchbräche - das
tut sie nämlich, wenn der Sünder ganz zermalmt und zerknirscht ist.
    dabei tat es mir auch beinahe weh, er ist trotz aller Verrannteit einer von
den wenigen, die es gut mit mir meinen, und als Menschen habe ich ihn sehr gern.
    Ich habe mir vierzehn Tage Bedenkzeit ausgebeten, aber die Würfel sind
geworfen. Lisa, es bebt in mir bei dem Gedanken, nun so bald frei zu sein. Ich
möchte in einemfort schreien, und meine Hände zittern bei allem, was ich tue.
Jetzt komme ich, Lisa, ich komme - ich komme, und dann soll geschehen, was will.
    Ich muss mir selbst etwas Vernunft einreden, - - also: am Ostermorgen brenne
ich durch - um halb neun gehen sie alle in die Kirche, da ich sonntags manchmal
ausschlafe, fällt es nicht auf, wenn ich vorher nicht erscheine. - Der
Hauslehrer hat mir einen Koffer und das Geld zur Reise geliehen, ich habe ihn in
alles eingeweiht. - Sollte mich jemand sehen, so sage ich, es wäre ein
Aprilscherz - Sonntag ist gerade der erste.
    Nur noch acht Tage - es ist mir doch auch wieder wehmütig. Ich erzählte
Ihnen von der Kranken, die wir im Hause haben - um die wird es mir ganz schwer.
Ich bin so viel bei ihr, manchmal auch nachts, wir haben uns sehr gerne und
hatten viele schöne stille Stunden. Jetzt ist sie wohl dem Ende sehr nahe, ich
sitze frühmorgens bei ihr am Fenster, wenn die Vögel draussen zwitschern, und
denke daran, dass ich nun bald in die Freiheit gehe, während hier ein Mensch mit
dem Tode ringt. Dann bilde ich mir ein, sie könnte mich entbehren, und möchte
lieber, sie stürbe noch vorher. Es ist eigentlich schrecklich, Lisa, dass man
überall wieder so mit seinem Herzen festängt. Aber jetzt leben Sie wohl, ich
telegraphiere Ihnen noch, wann ich komme. Und lassen Sie es Detlev dann wissen.
                                                                     Ihre Ellen.
Es war die Nacht auf den ersten April, Ellen lag halb angezogen auf dem Bett und
daneben brannte die Kerze. Jede Stunde hörte sie schlagen, dazwischen schlief
sie halb ein und fuhr erschrocken wieder in die Höhe - Mitternacht - eins - halb
zwei - Sie kämpfte mit der Versuchung, sich in die Kissen hineinzuwühlen und
fest zu schlafen - morgen war ja auch noch ein Tag, warum sollte es durchaus
gerade heute sein? Nachtdunkel und Müdigkeit nahmen ihr den Mut: wenn nun alles
fehlschlug, sie eingeholt, festgehalten und mit Gewalt zurückgeschleppt wurde?
    Wieder schlief sie eine halbe Stunde und richtete sich erschrocken wieder
auf, die Lider wurden immer schwerer - ihre Kerze war halb heruntergebrannt -
halb drei Uhr. Wie ein wahnsinniger, undurchführbarer Entschluss kam es ihr
plötzlich vor, aufzustehen und fortzulaufen - es war kalt und dunkel, sie dachte
an ihre Eltern, ihr schien, als ob die ganze Welt da draussen so sein müsste, wie
diese finstere Nacht, und da sollte sie nun allein ihren Weg suchen. - Ah - nur
noch etwas schlafen, da schlug die Uhr wieder -, nein, nein, wenn sie sich nicht
aufraffte, war es zu spät - jetzt oder nie. So riss sie sich mit Gewalt empor und
kleidete sich an - das kalte Wasser verscheuchte den Schlaf und all die
zögernden Gedanken. Draussen über den Bäumen schien der Mond, und durch die
Zweige fuhr ein rascher Morgenwind. Frühling, dachte sie, und draussen wartet das
Leben. Am Tisch vor dem Fenster schrieb sie rasch ein paar Zeilen an den
Pfarrer, und bei jedem Wort durchrieselte es sie wie ein Schluck starker Wein.
Wie oft hatte sie von dem Augenblick geträumt, wo sie solche Worte sagen konnte:
»Ich gehe jetzt. Ihr seid die Besiegten. Macht, was ihr wollt, ich gehe.«
    Dann machte sie das Fenster auf und liess ihren Koffer an einem Strick
herunter. Mit Schrecken fühlte sie, wie schwer er war, ein paarmal wäre ihr fast
der Strick aus der Hand geglitten, und der Koffer schlug gegen die Hauswand.
Gerade unter ihr lag das Krankenzimmer, wo jetzt eine Pflegerin bei der langsam
Sterbenden wachte. Gott im Himmel, da schlug er wieder an. Wenn nun plötzlich da
unten jemand das Fenster aufmachte und fragte -. Und nun konnte sie ihre Schuhe
nicht finden. - Alles war wie verhext heute morgen. Natürlich lagen sie unten in
der Küche zum Putzen, sie war ja gestern in Hausschuhen heraufgekommen. Sie
blies das Licht aus, schloss die Tür hinter sich zu und warf den Schlüssel in
eine Ecke - ihr Zimmer lag oben auf dem Speicher. Dann tappte sie die Treppe
hinunter, die Stufen knarrten wie noch nie. Und jetzt in der dunklen Küche aus
dem Haufen von Stiefeln die ihren heraussuchen. Der grosse Haushund lag auf dem
Flur, er erkannte sie nicht gleich und fing an zu knurren, dann wedelte er und
wollte mit, als Ellen zum Küchenfenster hinaussprang. Sie fasste ihn am Halsband
und schob ihn zurück, horchte noch einmal, ob alles still wäre, dann schlich sie
leise um das Haus und band den Koffer los. Im Krankenzimmer war Licht, und man
hörte gedämpfte Stimmen.
    Auf dem Kirchhof blieb Ellen stehen und sah auf das stille, weisse Haus
zurück, und dann strebte sie so rasch wie möglich über die Felder der Stadt zu.
Hier und da setzte sie sich auf den Koffer und ruhte aus, er war entsetzlich
schwer. Im Notfall lass ich ihn im Stich, dachte sie, aber es war alles darin,
was sie besass - Briefe und Bücher, die sie nicht preisgeben wollte. Endlich
kamen die ersten Häuser der Stadt, und dort drunten lag der Bahnhof. Es war
höchste Zeit - Ellen warf ihre Last mit einem heftigen Ruck auf die Schulter und
fing an, Trab zu laufen, ihre Schritte hallten laut durch die stillen Strassen,
und dicke Tropfen rannen ihr von der Stirn. Im letzten Moment kam sie an, konnte
gerade noch das Gepäck hineinwerfen und nachspringen, ehe der Zug sich in
Bewegung setzte.
    Über dem weiten Flachland wurde es immer heller. Ellen war allein im Kupee
und sang laut in den Morgen hinein. Sie konnte nicht stillsitzen und nicht
stillschweigen, ihr war, als ob sie sonst zerspringen müsste: frei bin ich, frei
bin ich, frei - frei! An dem Wort berauschte sie sich, taumelte fast, lief hin
und her, von einem Fenster zum andern und sang wieder hinaus: frei bin ich, frei
- setzte sich einen Augenblick hin und lachte, dass ihr die Tränen kamen.
    Als der Schaffner kam, hielt sie ihm ihr Billett hin, als wäre es ein
Königreich - und für sie war es auch eines. - Gott, wenn er nur etwas sagte, der
erste Mensch, der ihr heute begegnete - er musste etwas sagen, sich mit ihr
freuen, ihr Glück wünschen. Sie gab ihm alles Kleingeld, das sie noch in der
Tasche hatte, und nun grinste er endlich, und Ellen lachte.
    »Na, Sie sind aber vergnügt am frühen Morgen, Fräulein.«
    Ellen warf sich in die Ecke und lachte - lachte. Es war klar, dass der Mann
sie für verrückt hielt.
    Bei der nächsten Station tat sie eine schwarze Brille und einen dichten
Schleier an, es ging ja mitten durch das Land der zahllosen Verwandten, überall
konnte sie bekannte Gesichter treffen. Und dann wusste sie nicht, wie ihre
Fassung behaupten, als andre Leute einstiegen mit einem Kind, das sich vor ihr
fürchtete und zu schreien begann - und der Schaffner wieder hereinkam und sie
immer verdutzter ansah.
    Nicht einmal Lisa und Detlev erkannten sie, als Ellen über den Perron auf
sie zustürzte. Der Bruder war heimlich gekommen, um diesen Tag mitzuerleben, sie
flogen sich in die Arme und lachten bis zu Tränen. Durch das stürmische
Frühlingswetter gingen sie alle drei zu Lisas Wohnung. Es war wie der Wahrheit
gewordene Traum all ihrer Jugendjahre, dass Ellen jetzt ihre Ketten gebrochen
hatte, und tagelang war mit den beiden Geschwistern kein vernünftiges Wort zu
reden. Sie sprangen über Tische und Stühle, erfüllten das ganze Haus mit Lärm
und Lachen, gingen Arm in Arm durch die Stadt, verkauften Ellens Schmucksachen,
um Rheinwein zu trinken, und kamen abends singend nach Hause, um das fröhliche
Gelage fortzusetzen.
    »Jetzt wollen wir doch endlich ein ernstes Wort über Ellens Zukunft reden«,
sagte dann Detlev, während er die mitgebrachten Flaschen auf den Tisch stellte -
und gleich darauf klangen die Gläser und sie lachten. Selbst die Freundin
schüttelte manchmal den Kopf - sie hatte ein warmes Interesse für diese beiden
jungen Menschen und ihr Schicksal lag ihr sehr am Herzen. Aber was sollte wohl
einmal aus ihnen werden, besonders aus Ellen, wenn das Leben sie hart anfasste?
    Dazwischen erwarteten sie jeden Augenblick, dass plötzlich irgendein
Abgesandter der Familie erscheinen, Ellen zurückfordern und gewaltige Szenen und
Stürme mit sich bringen würde. Aber es geschah nichts von alledem, es kam nur
ein kurzer Brief von Ellens Vater an ihre Freundin; er sähe jetzt, dass er seine
Tochter nicht mehr zurückhalten könnte, sich ins Verderben zu stürzen.
    Als der Bruder fort war, kam Ellen wieder etwas mehr zur Besinnung und fing
an, Stellung zu suchen - fuhr hierhin und dortin, meldete sich auf alle
Annoncen oder bei Schulvorsteherinnen und Schulräten. Aber es vergingen Wochen,
ohne dass sich irgendeine Aussicht bot. Ellen machte keinen vertrauenerweckenden
Eindruck mit ihrem adligen Namen und ihren etwas abgetragenen Kleidern: einmal
fand man, sie sähe viel zu jung aus, ein andermal erkundigte man sich nach ihren
Familienverhältnissen. Endlich kam Antwort auf eine Annonce, in der sie sich als
Reisebegleitung oder Gesellschafterin angeboten hatte: sie sollte ihre
Photographie einschicken und mitteilen, über welche Sprachen und Kenntnisse sie
verfügte. Der Brief kam aus Strassburg und war mit »Louis Michel« unterzeichnet.
In einem zweiten Schreiben wurde sie aufgefordert, zu einer persönlichen
Vorstellung nach Köln zu kommen.
    Lisa und Ellen ergingen sich in Vermutungen - vielleicht war es ein
kränklicher, älterer Herr oder ein Witwer mit Kindern.
    Am Abend vor der Abreise war Ellen allein zu Hause, und es kam ein Bekannter
von Lisa - Doktor Laurenz. Sie hatte ihn während dieser Wochen oft gesehen, denn
er wusste von ihrer Lage und nahm französische Stunden bei ihr. Als sie mit ihren
Büchern auf dem Balkon sassen, erzählte Ellen ihm, dass sie jetzt Aussicht auf
eine Stellung habe und morgen nach Köln fahren werde.
    Doktor Laurenz war ein hochgewachsener Mann mit raschen, jugendlichen
Bewegungen und klugen, blauen Augen, die etwas Forschendes im Blick hatten, und
Ellen fühlte etwas wie Respekt vor ihm, weil er so überlegen lächeln konnte.
    »Ich finde das ziemlich bedenklich für Sie«, meinte er, »so aufs Geratewohl
hinzufahren.«
    »Aber das ist ja gerade schön - ich habe keine Ahnung, was für Leute das
sein mögen und wozu sie mich engagieren wollen - am Ende werde ich noch
Kindermädchen.« »Und was sagt Herr Allersen dazu?«
    »Den habe ich gar nicht gefragt, nur geschrieben, dass ich nach Köln fahre.«
    Ihm kam das Verhältnis überhaupt etwas merkwürdig vor, es schien sie immer
zu bedrücken, wenn sie davon sprach. Es wurde dunkel, und das Mädchen kam mit
der Lampe - Doktor Laurenz nahm den Klemmer herunter und sah Ellen an.
    »Ich glaube, Sie lassen sich überhaupt nicht gern dreinreden - aber wollen
Sie mich nicht ein wenig als älteren Bruder betrachten, der hier und da raten
darf? - Nehmen Sie wenigstens einen Revolver mit auf die Reise.«
    Ellen versprach es und lachte über seine Bedenklichkeit. Am nächsten Morgen
kam er an die Bahn und brachte ihr Rosen.
    »Haben Sie den Revolver?«
    »Ja.«
    Lisa fand es auch etwas übertrieben. Sie gingen zusammen zurück, als der Zug
fort war und sprachen über Ellen.
    »Ich wollte ihr wünschen, dass sie endlich was fände«, sagte die Freundin.
»Das arme Kind, sie hat wirklich keine frohen Jahre hinter sich und gehört so
sehr zu denen, die das Leben mit Jubel geniessen möchten.«
    »Glauben Sie eigentlich, dass sie diesen Allersen liebt?«
    »Ach«, Lisa machte ein Gesicht, »lieben - Ellen tut mit ihm, was sie will,
und das ist ihr ganz bequem. Er hat gar kein Rückgrat - ich glaube auch nicht,
dass die Geschichte noch lange dauert. Ich habe schon oft beobachtet, dass sie
ganz ungeduldig wird, wenn ein Brief von ihm kommt.« Dann trennten sie sich.
Ellen machte ihre ernstafte Gouvernantenmiene - sie hatte sich ihr Benehmen für
solche Fälle mit vieler Mühe einstudiert - zurückhaltend, liebenswürdig,
bescheiden - und möglichst weltgewandt. Jede Bewegung musste sagen: ich bin allem
gewachsen, verlangt, was ihr wollt.
    Innerlich kämpfte sie mit einer fast unbezähmbaren Lachlust - ihr
zukünftiger Broterr hatte sie am Bahnhof abgeholt.
    »Wo wünschen Sie abzusteigen?«
    Das wusste sie nicht, da sie hier ganz unbekannt war.
    »Dann haben Sie wohl nichts dagegen, mit in mein Hotel zu gehen?«
    »O nein, gewiss nicht.«
    Als sie im Wagen sassen, fragte er rasch: »Es ist Ihnen doch nicht
unangenehm, wenn ich Sie als meine Frau einschreibe - nur um alles Auffallende
zu vermeiden.«
    Es kam ihr etwas seltsam vor, aber sie fand es ganz lustig und dachte, es
sei am besten zu tun, als ob alles ganz selbstverständlich wäre. Dann hatte er
ein Zimmer mit Salon genommen und liess das Abendessen heraufbringen, und jetzt
sass sie mit dem wildfremden Mann, der etwas gebrochen deutsch sprach, beim
Souper. Er war gross und brünett, sehr elegant und sehr aufmerksam. Als was
mochte er sie wohl engagieren wollen? - Er fragte nach allem, was sie gelesen
hätte, wofür sie sich interessierte, sprach über Kunst und Bücher. Als der
Kellner wieder hereinkam, duzte er sie - sie galt ja für seine Frau - und
darüber fiel Ellen plötzlich aus ihrer Würde und fing an zu lachen.
    »Gott sei Dank«, sagte er, als sie wieder allein waren, »Sie können also
doch lachen. Mir war schon angst, dass Sie immer so ein feierliches Gesicht
machten.«
    Darauf liess er Sekt und Zigaretten bringen, sie unterhielten sich immer
lebhafter, und es wurde ziemlich spät. Ellen sass in einem bequemen Liegestuhl
und fühlte sich sehr wohl. Dann fiel ihr wieder ein, weshalb sie hier war, und
sie entschloss sich jetzt endlich nach ihrer künftigen Stellung zu fragen.
    »Ach, davon können wir morgen noch sprechen.«
    Louis Michel ging im Zimmer herum und dann ans Fenster. »Kommen Sie einmal
her.« Da lag der Rhein im Mondlicht, die alten Häuser am Ufer im tiefblauen
Schatten, aus dem viele einzelne Lichter funkelten. Es war Festtag - drunten in
der Strasse zogen Trupps von lärmenden Menschen vorbei. Ellen setzte sich auf die
Fensterbank, er stand vor ihr und sah sie an. »Wollen Sie mit mir auf Reisen
gehen?« fragte er plötzlich. »Bitte, lassen Sie mich ruhig ausreden. - Ich habe
Ihnen erzählt, was für ein Leben ich führe, heute in Paris, morgen in Monte
Carlo, und dann spiele ich wie toll, das ist meine einzige Leidenschaft, und
weil ich nicht weiss, was ich anfangen soll. Irgendeinen Reiz muss das Leben
haben. Dann hab ich einmal gedacht, wenn ich einen Menschen mit mir hätte, eine
Frau, die alles mit mir teilt, nicht verheiratet, nur als guter Kamerad - und
sah zufällig Ihre Annonce. Warum können Sie nicht ebensogut mit mir reisen, wie
mit einer unangenehmen alten Dame? - Ihr Bild gefiel mir - dann hab' ich mit
Ihnen selbst gesprochen - -«
    In Ellen wogte und wirbelte es - reisen, wohin man will - was konnte sich da
alles vor ihr auftun! Aber mit diesem Menschen - irgend etwas in ihr widersprach
gegen ihn. Dann dachte sie an Allersen.
    »Ich bin an jemand gebunden«, sagte sie.
    »So machen Sie sich los - oder wollen Sie etwa heiraten?« »Das weiss ich noch
nicht - vor allem will ich malen, sowie ich die Mittel dazu habe. Das bindet
mich auch.« »Aber ich gehe mit Ihnen, wohin Sie wünschen - lasse Sie ausbilden.«
    Ellen war so verwirrt von all den Gedanken, die auf sie einstürmten, dass sie
schwieg. Als er sie dann anrühren wollte, wehrte sie sich.
    »Nein, nein, haben Sie nur keine Angst. Ich gehe fort, wenn Sie es
verlangen. Aber Sie sind - - sagen Sie mir, warum Sie nicht mit mir kommen
wollen?«
    Sie waren währenddem wieder an den Tisch gekommen, er lehnte sich in seinem
Sessel zurück.
    »Sehen Sie, ich wollte ganz ruhig mit Ihnen reden, aber das kann ich jetzt
nicht mehr. - Zuerst war es natürlich nur ein Experiment, dass ich an Sie
schrieb, Sie kommen liess. Als wir hier beisammen sassen, habe ich mich immer mehr
in Sie verliebt - und jetzt will ich, dass Sie mit mir gehen. Sie müssen.«
    »Und wenn ich aber nicht will?«
    »Warum wollen Sie denn nicht? Ist es denn ein so unmöglicher Gedanke, mit
mir zu leben?«
    »Ich könnte nur mit einem Mann leben, wenn ich ihn liebe oder wenigstens in
ihn verliebt bin.«
    »Lieben Sie denn den andern?«
    »Das nicht, aber ich bin doch manchmal verliebt in ihn, und vor allem hängt
er so an mir, dass ich ihm sein Leben ganz zerstören würde.«
    »Gott, das ist alles so patetisch, so echt deutsch. Treue bis in den Tod.«
    Im Grunde fand Ellen das auch und schämte sich etwas - wie ein Schuljunge,
der mit seiner Unschuld geneckt wird. »Wenn ich mich doch etwas in diesen Mann
verlieben könnte«, dachte sie. Im Gespräch war er nicht unsympatisch, aber
sowie er eine Annäherung versuchte, stiess er sie wieder ab. Und dann wurde er so
geschmacklos, fing an zu schauspielern, warf sich vor ihr nieder und sprach
davon, wie unglücklich er wäre, sie sollte Mitleid haben. Und Ellen musste dabei
immer auf seine roten Pantoffeln sehen - vorhin nach Tisch hatte er sie um
Erlaubnis gebeten, die Schuhe zu wechseln. Die Pantoffeln zerstörten alle
Illusion und reizten sie zum Lachen. Dann standen sie wieder am Fenster, er zog
mit einemmal einen Revolver heraus und setzte ihn an die Stirn: »Ich erschiesse
mich hier vor Ihren Augen, wenn Sie nicht wollen. Nein, zuerst Sie und dann
mich.«
    »Schiessen Sie nur.« Ihr wurde doch kalt, einen Augenblick - dann dachte sie
an Laurenz, fuhr mit der Hand in die Tasche und umklammerte die kleine Waffe,
die sie bei sich trug; - wenn er eine Bewegung machte, würde sie ihm
zuvorkommen.
    »Gott, Sie haben Mut«, sagte er, »aber Mitleid haben Sie nicht. Sie sind das
kälteste Weib, dem ich jemals begegnet bin.«
    Damit steckte er den Revolver wieder zu sich. »Nein, hier nicht - leben Sie
wohl, ich gehe jetzt, und Sie sollen mich nie wiedersehen.«
    Er nahm den Mantel vom Sofa, den Hut und ging hinaus. Ellen blieb einen
Augenblick mitten im Zimmer stehen, er tat ihr plötzlich so leid. So lief sie
ihm nach, er war schon unten an der Treppe.
    »Nein, das will ich nicht, kommen Sie zurück.«
    Er folgte ihr hinauf, dann schleuderte er Hut und Mantel in eine Ecke und
stürzte auf sie zu.
    »Dann hast du mich doch ein wenig lieb! Haben Sie keine Angst, ich will
nichts, was Sie mir nicht freiwillig geben.« Wieder warf er sich vor ihr am Sofa
nieder und legte den Kopf auf ihre Knie. - Bei all seinen Teaterphrasen war
auch wieder etwas Kindliches darin, das sie rührte, wie er so vor ihr lag und
bat, dass sie ihn nur auf die Stirn küssen sollte. Warum sollte sie das nicht
tun? - dabei sah sie wie hypnotisiert auf seine roten Schuhe. Er wollte sie mit
Gewalt an sich reissen, und sie rangen miteinander. »Ich schreie um Hilfe, wenn
Sie mich nicht loslassen.«
    »Das hilft Ihnen gar nichts. Sie gelten hier für meine Frau, - aber ich habe
Ihnen mein Wort gegeben, dass ich nichts erzwingen will.«
    Ellen antwortete nicht, und er zog immer andre Saiten auf.
    »Mein Gott, so gehören Sie mir wenigstens für diese eine Nacht - ein paar
kurze Stunden - es soll Sie nicht reuen.« Und er nahm eine Brieftasche heraus,
legte einen Schein nach dem andern auf den Tisch.
    »Glauben Sie, dass ich mich verkaufe?« Es stieg heiss und kalt in ihr auf,
erst der Zorn und dann die Versuchung, Ja zu sagen. Aber die Versuchung verflog,
sobald sie ihn nur ansah.
    »Wie Sie wollen - mein Gott, Sie sind ja so kalt, dass man selber zu Eis
wird. - Gehen Sie nur schlafen, ich bleibe hier. Sie brauchen sich nicht einmal
einzuschliessen.«
    Wieder tat er ihr leid, sie brachte ihm noch ein Kopfkissen aus dem
Nebenzimmer, dann legte sie sich aufs Bett und hörte auf jede Bewegung - wie er
sich hinlegte, herumwarf, wieder aufstand. Schliesslich klopfte er an.
    »Erschrecken Sie nicht, ich kann auf dem Sofa nicht schlafen. Wenn Sie mir
erlauben, mich auf das andre Bett zu legen, verspreche ich Ihnen -«
    Ellen lag fast die ganze Nacht durch wach - die Gedanken kamen und gingen,
während der fremde Mensch da neben ihr lag und schlief. War sie es wirklich
selbst, die dieses sonderbare Abenteuer erlebte? - Sollte sie es Allersen
erzählen - alles, - dass sie ihn geküsst hatte, Bett an Bett mit ihm schlief und
zuliess, dass er seinen Arm um sie legte? - Hätten das andre an ihrer Stelle
getan?
    Im Halbdunkel sah sie durch die offne Tür ins andre Zimmer - der Eiskübel
stand auf dem Tisch und daneben lagen noch die Scheine. Noch war es nicht zu
spät - und dann konnte sie nach München gehen. Nein, die Treue war es nicht, die
sie hielt - der Versucher von damals fiel ihr wieder ein. - Hätte ich da wohl so
lange widerstanden? - Dieser Mann hier hatte keinen Reiz für sie, das war die
Wahrheit, ihre Sinne sagten nicht ja - sonst wäre sie mit ihm gegangen. Und dies
physische Sträuben, das sie gegen ihn empfand, war ihre Treue und ihre Kraft, -
der Instinkt, der redete oder schwieg, wie es ihm gerade einfiel - weiter
nichts. Sie sah ihn an, wie er dalag und schlief. - Was war er eigentlich für
ein Mensch? - Wie weit mochte doch vielleicht etwas Echtes an ihm sein, oder war
alles nur Komödie? Brutal war er nicht gewesen, hatte sein Wort gehalten, denn
was hätte es ihr geholfen, wenn sie Lärm schlug.
    Es wurde Morgen, ringsum von allen Kirchen läuteten die Glocken, Ellen ging
ins andre Zimmer hinüber, bis er kam. Jetzt war er unliebenswürdig und
verstimmt, sah übernächtigt aus - die Unordnung rings umher - alles stiess sie
ab. Und draussen der frische helle Sommermorgen. Sie wollte gleich zu Allersen
fahren, ihn wiedersehen, zur Besinnung kommen aus all dem wüsten Durcheinander,
das ihr im Kopf wogte.
    Da standen sie am Bahnhof: »Leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen viel Vergnügen
für Ihr späteres Leben« - damit war er verschwunden. Ellen hatte nicht darauf
gerechnet, wieder zurückzukommen, und ihr Geld reichte nur gerade noch so weit,
dass sie an Allersen telegraphieren konnte, und für ein Billett vierter Klasse
nach dem Ort, wo er sie treffen sollte. Und Ernst Allersen war etwas verwundert,
als Ellen ausgehungert und zerschlagen ankam, aber in ausgelassenster Stimmung,
und ihm nach und nach ihr ganzes Erlebnis erzählte. Er war unzufrieden, machte
ihr alle die Vorwürfe, die sie schon kannte, und Ellen hörte ungeduldig zu, ohne
viel zu antworten. Mit jedem Tage fühlte sie mehr, dass sie dies nicht weiter
ertragen könne, und fand doch nicht den Mut, ein Ende zu machen. Und jetzt wusste
sie auch, dass sie in seinen Armen nie etwas von den geträumten Seligkeiten
finden würde, - die Zeit war vorbei. Sollte sie immer wieder all die
verlockenden Möglichkeiten an sich vorübergehen sehen, um jedesmal dieselbe
Ernüchterung zu fühlen? Es begann sie zu reuen, dass sie den andern hatte gehen
lassen mit allem, was er ihr bot.
    Als sie dann zu ihrer Freundin Lisa zurückkam, hatte die inzwischen etwas
für sie gefunden, bei Bekannten, die für den Sommer eine Gesellschafterin
suchten. Ellen sagte ja, aber in der ersten einsamen Stunde setzte sie sich hin
und schrieb an Louis Michel, sie sei jetzt bereit zu kommen, er möchte ihr nur
eine neue Zusammenkunft vorschlagen. Aber es kam nie eine Antwort.
    Während der kurzen Zeit, die sie noch bei Lisa blieb, kam Doktor Laurenz
fast jeden Abend und holte Ellen zum Spaziergang ab. Sie sprach jetzt offen mit
ihm über Allersen, und wie sie es nur von Tag zu Tag hinausschob, das letzte
Wort zu sagen. Er konnte das alles so gut verstehen, auch ihr Zögern, etwas so
Jahrelanges abzubrechen, das doch eine Art fester Punkt war, während alles andre
hin und herschwankte.
Eines Abends trafen sie sich vor seinem Büro, und da es regnete, gingen sie in
ein nahes Weinrestaurant.
    »Mein Gott, Ellen, warum strahlen Sie denn heute so?« fragte er, als sie am
Tisch sassen.
    »Ja, es geschehen wirklich noch Wunder - denken Sie nur, ein Freund von
Detlev will mir bis zum Herbst eine Summe verschaffen, mit der ich nach München
gehen und anfangen kann zu malen. Ich kann mich noch kaum besinnen, so
unerwartet ist das gekommen.«
    Er hob das Glas und sie stiessen an. »Glück auf, Ellen«, sagte Laurenz und
sah sie froh an. »Wenn Sie wüssten, wie mich das freut. Es kränkt mich schon so,
dass ich selbst nicht in der Lage bin, Ihnen zu helfen.«
    Ellen war zerstreut, sie konnte heute abend nichts andres denken, als dass
ihr brennendster Wunsch in Erfüllung gehen sollte.
    »Ich fand es auch zu schrecklich, dass Sie in Stellung gehen wollten.«
    »Ja, vorläufig muss ich das wohl noch«, sagte Ellen, »aber nur für die paar
Monate, bis ich das Geld bekomme. Es ist so viel, dass ich ungefähr ein halbes
Jahr davon leben kann; und um das Weitere ist mir nicht bange. Wenn ich nur erst
in München bin. Ob Sie sich denken können, Reinhard, was für mich davon abhängt?
Ich könnte alles einschlagen und niedertreten, wenn ich nur malen darf.« »Ich
glaube, dazu neigen Sie überhaupt, wenn sich Ihnen etwas entgegenstellt.«
    »Ja, sehen Sie, es ist eine ganz dumme Redensart: man kann nicht mit dem
Kopf durch die Wand. Ich schwöre darauf, dass man doch durchkann, und wenn ich
wüsste, hinter der Wand ist das, was ich haben will, würde ich immer dagegen
rennen. Entweder komme ich durch, oder mein Kopf geht kaputt. Darauf kommt es
nicht an.« Reinhard Laurenz lachte, aber im Grunde kam es ihm ernst vor. In
Ellen sah er immer noch ein halbes Kind, von dem man nicht weiss, wie es sich
entwickeln wird, und manchmal wachte in ihm der Wunsch auf, ihr Leben in die
Hand zu nehmen und es ihr zu gestalten.
    Spät abends brachte er sie nach Hause und sie küssten sich zum Abschied vor
der Tür.
    »Vergiss nicht, dass ich dein Freund bin«, sagte er leise; »und wenn -. Ich
möchte jetzt nicht noch mehr Verwirrung in Ihr Leben bringen, Ellen, aber wir
wollen uns wiedersehen.«
»Papa liegt im Sterben - Detlev.«
    Ellen war kaum acht Tage in ihrer neuen Stellung und lag frühmorgens noch im
Bett, als man ihr das Telegramm brachte. - Alle andern Gedanken loschen aus wie
von einem dumpfen, schweren Schlag, sie starrte nur auf das Papier hin, und erst
als jemand an die Tür klopfte, begriff sie: ihr Vater lag im Sterben, und sie
war weit fort.
    Gegen Mittag sass sie in der Bahn, um heimzufahren. Alles, was zwischen ihr
und den Jahren lag, schien ihr wie weggewischt und vergessen, und das Heimweh
hämmerte in ihr wie schmerzende Herzschläge. Es wurde Nachmittag, dann sank die
Julisonne langsam nieder, und der Abend kam, die Nacht. Ellen lehnte die Stirn
gegen die kühlen Fensterscheiben: ob er noch leben würde, wenn sie kam? Nun war
es zehn Uhr, noch eine halbe Stunde, sie kannte jede kleine Station, ihr war,
als ob ein innerer Krampf sich löste und die Wirklichkeit wieder zurückkam in
langsamen Wellen.
    Der Zug fuhr in die Halle - er war fast leer, nur wenige Menschen stiegen
aus. Ellen sah ihren jüngsten Bruder auf dem Perron stehen neben Annita Allersen
- die beiden wussten, dass sie kam. Dann kam jemand auf sie zu, ein
breitschulteriger Mann mit dunklem Bart. Es war ein Freund ihrer Eltern - Pastor
Bern - den sie früher immer den Hauskaplan genannt hatten.
    Er vertrat Detlev den Weg mit einer abwehrenden Handbewegung: »Hier habe ich
das erste Wort zu reden, lassen Sie mich mit Ihrer Schwester allein.«
    Ellen war ganz verwirrt. »Wie geht es Papa?« fragte sie rasch.
    »Ihr Vater lebt noch, aber es ist keine Hoffnung mehr - und ich bin hier, um
Sie zu fragen, weshalb Sie gekommen sind?«
    »Weil ich meinen Vater noch einmal sehen will.«
    »Ich komme im Auftrag Ihrer Familie, die Ihnen sagen lässt, dass Sie hier
nichts mehr zu suchen haben.«
    Ellen fasste sich mühsam: »Dann will ich zu meiner Mutter gehen und mit ihr
sprechen.«
    »Das werden Sie nicht tun - Ihre Mutter will Sie nicht sehen. Sie haben
genug Schmerz und Schande über Ihre Eltern gebracht, treiben Sie es nicht noch
weiter. Oder wollen Sie auch noch das Totenbett Ihres Vaters und den Schmerz der
andern entweihen?«
    »Weiss er, dass ich hier bin?«
    »Nein, und er wird es auch nicht erfahren. Man ist ängstlich bemüht, ihm
jede Aufregung fern zu halten, und verlangt deshalb von Ihnen, dass Sie gleich
wieder abreisen. Es geht heute noch ein Nachtzug nach Hamburg.« »Nein, ich
bleibe hier, solange mein Vater noch lebt, und wenn er mich rufen lässt -«
    »Ich wiederhole Ihnen, Sie dürfen das Haus Ihrer Mutter nicht betreten.« Der
Geistliche erhob mahnend die Hand. »Und ich will Ihnen nur noch das eine sagen:
Sie werden Ihren Vater nicht mehr sehen - und wenn ich mich selbst vor die Tür
stellen müsste.«
    Ellen wandte ihm den Rücken und ging auf die beiden zu, die langsam auf und
ab wanderten; dann nahm Annita Allersen sie mit in ihr Haus.
    Die ersten Tage kam Detlev und brachte ihr Nachricht; der Vater lag im
Krankenhaus, und sie waren alle von Morgen bis Abend dort.
    Dann blieb er aus. Als er bis Nachmittag nicht gekommen war, suchte Ellen
den Arzt auf, der ihren Vater behandelte und den sie von früher her kannte.
    »Sie sollten doch mit Ihrer Mutter sprechen«, sagte dieser. »Es ist wohl
kaum zu hoffen, dass er den Abend überlebt.«
    Ellen ging durch die ganze Stadt und weit hinaus bis in den Wald, da lag sie
eine Stunde nach der andern im Gras. - Nun würde er sterben und sie ihn nie
wiedersehen, und was mochte er gelitten haben um sie! Ihr ganzes Zuhauseleben
zog wieder an ihr vorüber - was war es anderes gewesen, als Feindseligkeit und
Erbitterung. Man war hart verfahren mit ihrer Jugend, die nach Freude und Sonne
verlangte. Aber sie wusste doch auch, dass ihr Vater viel Liebe und Weichheit in
sich trug, bei aller Schroffheit gegen das, was er nicht anerkennen und nicht
dulden wollte. Eine namenlose Sehnsucht erwachte in ihr nach all der Liebe, die
sie einander nie gegeben hatten. Hätte sie ihm das nur einmal noch sagen dürfen,
aber er wusste nicht, dass sie hier war. Und sie dachte an ihre Mutter - war sie
jemals eine Mutter gewesen, diese kalte, fremde Frau, die ihr sagen liess: geh,
woher du gekommen bist? Als Ellen gegen Abend wieder zurückkam, wartete ihr
älterer Bruder auf sie: der Vater war gestorben, und nun durfte sie kommen, um
ihn noch einmal zu sehen. Wortlos gingen sie nebeneinander her bis zu dem
grossen, fahlgelben Gebäude und die stille Treppe hinauf. Erik liess sie allein im
Zimmer - da drüben auf dem weissen Bett lag er kalt und starr - eingefallen und
verändert -. Das war nicht mehr ihr Vater, es war etwas Furchtbares,
Unheimliches, das ihr einen eisigen Schauer nach dem andern durch die Seele
trieb. Sie kniete vor ihm nieder, versuchte ihn anzusehen, etwas von ihm
wiederzufinden - immer wieder stieg das eine Bild vor ihr auf, wie sie ihm zum
letztenmal gegenübergestanden hatte im Kampf um ihre Jugend und ihre Freiheit.
Jetzt hatte sie gesiegt, und er lag tot. - Allmählich kam ein hilfloser Schmerz
über sie, sie legte den Kopf auf sein Bett und weinte.
    Dann stand der Bruder plötzlich hinter ihr, und der Geistliche war auch
wieder da und redete mit schriller Stimme von Vergebung und von dem Herzen, das
da ausgeschlagen hatte. Erik zog sie aus dem Zimmer hinaus und begleitete sie
durch die stillen dunklen Strassen zurück.
    Am nächsten Abend stand Ellen zu später Stunde vor dem Gartengitter ihres
Elternhauses, es hatte sie hergetrieben, ob sie wollte oder nicht, noch einmal
Abschied zu nehmen von den letzten Heimatgedanken.
    Durch die offenen Fenster, vor denen leichte, weisse Vorhänge hin und her
wehten, sah sie alle bei der Lampe sitzen und hörte die Stimmen.
    »Wenn Sie umkehren in aufrichtiger Reue, sich willig in alles ergeben, was
zu Ihrem Heil beschlossen wird - dann, aber nur dann wird Ihre Mutter Sie wieder
als ihr Kind aufnehmen«, so hatte der Hauskaplan heute noch einmal zu ihr
gesprochen. - Wie schneidender Hohn kam es ihr vor, dass diese Mutter jetzt da
drinnen unter ihren Kindern sass, mit ihrer gewohnten Stimme sprach - hier und da
klang ein Wort zu ihr herüber. Und sie stand hier draussen und konnte nicht
umkehren. - Aber die ganze Welt schien ihr so weit und leer und tot - wo gehörte
sie denn hin, wohin würde sie treiben?
    Jetzt standen sie da drinnen auf, Stühle wurden gerückt, die Stimmen gingen
durcheinander, dann wurde es dunkel, die Fenster verloschen.
    Ellen stand immer noch unbeweglich und sah starr darauf hin. Nun ging ein
Lichtschein durch die oberen Zimmer und allmählich erlosch auch der. Im Hof
schlug der Hund an, als ein paar Menschen vorüberkamen - ihr alter Nero.
    Langsam zog sie die Hände vom Gitter zurück, sie waren wie angefroren an dem
feuchten, kalten Eisen, und schauerte zusammen in der Nachtkühle und der leeren
Strasseneinsamkeit. -
    Tags darauf kam Ellen unerwartet und unangemeldet bei ihrer Freundin Lisa
an, und die erschrak beinahe über ihre völlige Teilnahmlosigkeit. Ellen lag
tagelang oben in ihrem Zimmer und schlief, sie dachte nicht mehr daran, in ihre
Stellung zurückzukehren, oder was sonst geschehen sollte. Wenn Briefe kamen,
liess sie dieselben ungelesen liegen, ihr war, als ob alles in das Grab ihres
Vaters und ihrer Heimat versunken wäre.
    Als Reinhard Laurenz dann hörte, dass sie wieder da war, kam er gleich. Fast
mit Gewalt zog er sie mit hinaus in die Sommersonne, auf weite Spaziergänge und
brachte sie allmählich wieder zum Erwachen. Immer wieder sprach er ihr von der
Zukunft, die so licht und froh für sie werden sollte, dass alle dunklen Schatten
weichen mussten. Sie sollte sich wieder auf ihre Jugend und ihre Ziele besinnen,
sich auflehnen gegen den Schmerz, ihn abschütteln und nur an den neuen Morgen
denken, der vor ihr lag. Und er liess nicht nach, bis sie wieder froh wurde. Von
sich selbst sprach er nicht, aber Ellen wusste seine Liebe wohl, es war nur noch
ein leises Zögern in ihr und etwas wie Angst vor jeder innerlichen
Erschütterung.
    An einem Sonntagnachmittag waren sie beide mit Lisa hinausgefahren, um die
Rennen anzusehen. Das Menschengewühl unter der brennenden Sonne, der Wein und
das aufregende Spiel da drunten auf der weiten Sandfläche, wo die dunklen,
schimmernden Tiere dahinrasten, brachte sie in seltsame Stimmung - in eine Art
von stürmischer Erwartung, als ob jeden Augenblick etwas hereinbrechen, über
alles hinfegen könnte.
    Auf dem Programmzettel fanden sie heraus, dass eins von den Rennpferden Ellen
hiess. Darüber lachten sie mit Lisa und wetteten untereinander; aber als die
Freundin wieder ganz im Zuschauen versunken war und sich weit vorbog, um besser
zu folgen, gingen ernste Blicke zwischen den beiden andern hin und her. Reinhard
stand hinter Ellens Platz, sie sprachen leise zueinander, fast nur indem sie die
Lippen bewegten, und mit den Augen. Er fühlte all das Schwanken in ihr, seit
langem schon: »Zu mir kommen, Ellen, zu mir, - wir gehören zusammen.«
    Dann mussten sie wieder laut sprechen - nun kam das Pferd, das Ellens Namen
trug, ins Rennen - und Lisa drehte sich um:
    »Was flüstert ihr denn?«
    »Wir machten eine Privatwette ab, ob Ellen siegen wird.«
    Lisa versank wieder in aufmerksames Zuschauen, und über die beiden kam
plötzlich ein gewitterschwüler Übermut.
    »Es soll gelten«, sagte Ellen leise.
    »Sie wissen doch, dass ich abergläubisch bin, wenn Ellen siegt - -«
    »Dann geben Sie mir die Hand, und wir wollen sehen, was unser Schicksal für
Sprünge macht.«
    »Wer soll Sprünge machen?« fragte Lisa zerstreut, die zufällig das Wort
aufgefangen hatte und etwas in Angst vor Ellens plötzlichen Extravaganzen lebte.
Aber dann merkte sie es nicht einmal, dass keine Antwort kam - denn eben war eins
von den Pferden in die Knie gestürzt. Die andern lachten und sahen sich verwirrt
an, darunter zitterte schwerer Ernst. Ellen hatte ihre Hand auf die Banklehne
gelegt und Reinhard behielt sie fest in seiner, während sie jetzt wie gebannt
das Rennen verfolgten und das Schicksalspferd ein Hindernis nach dem andern
nahm, einen Augenblick zurückblieb, sich bäumte, zauderte und dann wieder allen
vorankam.
    Dann zitterten sie beide, als die »Ellen« Siegerin blieb, eine Welle von
murmelnder Aufregung durch die Zuschauer lief und Lisa sich atemlos
zurücklehnte. - Und nun folgte eine Zeit, wo sie nur von ihrer Liebe und von
hellem Sommerjubel wussten, nur daran dachten, dass das Leben ihnen jetzt zusammen
gehören sollte wie eine endlose Reihe von schimmernden Morgen ohne dumpfe
Mittagsstunden und wehmütiges Abenddämmern. Ellen konnte es manchmal kaum
begreifen, dass sie so rasch alles Schwere, was hinter ihr lag, überwinden
konnte, aber es schien ihr, als wäre jahrelanges Vergessen dazwischen.
    Auf Reinhards Wunsch sollte sie jetzt noch eine Zeitlang an die See gehen,
damit sie in seiner Nähe bliebe.
    »Ich kann dich doch nicht hergeben«, sagte er. »Nachher in München
verschlingt dich die Arbeit, und wir sehen uns lange nicht wieder. So kannst du
dich auch noch einmal ganz ausruhen.«
    Sie lagen zusammen im Wald, die Sonne flimmerte durch das helle Unterholz,
die Stadt und die Menschen schienen so weit fort.
    »Ja, mit vollen Kräften möchte ich auch an die Arbeit kommen, wenn ich
endlich komme. Was für Jahre habe ich schon verloren.«
    »Hast du jetzt an Allersen geschrieben?« fragte Reinhard, und sie wurde
etwas verlegen.
    »Nein, aber in den nächsten Tagen - sowie ich dort draussen bin.«
    »Es muss geschehen - Ellen, manchmal begreife ich dich nicht recht. Er muss
doch erfahren, dass du ihm nicht mehr gehörst.«
    »Ach - das weiss er schon lange - er hat die ganze Zeit nur hier und da ein
paar flüchtige Worte von mir - und es ist so schwer.«
    »Was ist schwer?«
    »So über einen Menschen hinwegzugehen. Ihm plötzlich sagen: Alles ist aus.
Das quält mich dann wieder, und ich möchte jetzt an nichts Quälendes denken.«
    Reinhard richtete sich auf, und sie sah jetzt, dass er ernstlich unzufrieden
war: »Nein, Ellen, darin musst du noch anders werden, endlich einmal lernen, klar
gegen dich selbst zu sein. Du hast diese sonderbare Neigung, alles Unangenehme
von dir fortzuschicken, bis es von selbst über dich kommt, und dann würdest du
am liebsten noch fortlaufen, um es los zu sein.«
    »Das kommt von meinem ganzen bisherigen Leben. Denk dir einmal: wenn man
durch Jahre immer in der Erwartung lebt: was wird morgen geschehen? Ich fahre
heute noch zusammen, wenn die Post kommt oder die Haustür klingelt.«
    »Armes Kind - ich weiss es ja auch. Und es soll meine Hauptsorge sein, dass
dein Leben jetzt wirklich einmal aufblüht. Aber über dies Letzte musst du jetzt
noch weg - die letzten Hindernisse nehmen, Ellen -.« Dann sprach er davon, dass
sie doch heiraten wollten, über kurz oder lang, denn wann es sein konnte, liess
sich nach seiner unsicheren Praxis noch nicht sagen.
    Ellen wurde etwas unruhig dabei, ihr war, als schöbe sich wieder eine graue
Wolke über ihren hellen Himmel hin. »Ach, Reinhard, warum müssen wir denn gleich
wieder an Verloben und Heiraten denken? Ich habe einen förmlichen Schrecken vor
dem blossen Wort. Und dann muss ich auch jetzt erst einmal ganz ins Blaue
hineinleben - ich muss wenigstens vier, fünf Jahre ganz für mein Studium haben,
das geht allem andern vor.«
    »Auch mir und unserm Glück?«
    »Das darf dir nicht weh tun, und du darfst es nicht verkehrt verstehen. Wenn
ich in der Kunst nicht zu dem komme, was ich will, kann ich dich auch nicht
glücklich machen und nicht glücklich sein.«
    »Ellen, du sollst ja deine Kunst haben und alles, was ich dir schaffen kann.
Und ich werde nie verlangen, dass du sie aufgibst, um eine gute Hausfrau zu
werden. Siehst du, ich habe mir das alles überlegt - vor dem nächsten Frühjahr
können wir nicht an Heiraten denken, ich fasse es auch nicht so auf, dass man nun
festgeschmiedet ist. Ich will damit zufrieden sein, wenn du immer ein halbes
Jahr bei mir bist und die übrige Zeit dich in Berlin oder München weiterbildest.
- Wie weit denkst du überhaupt mit deinen sechshundert Mark zu reichen, in
diesem Jahr werde ich dir so gut wie gar nicht helfen können.«
    »Ach, das findet sich alles, wenn ich nur erst dort bindu bist so gut,
Reinhard«, - ihr war immer noch etwas beklommen - »aber jetzt wollen wir das
noch erst mal ruhen lassen, nicht wahr?«
Als Ellen in dem kleinen Badeort ankam, regnete es in Strömen. Nachmittags kam
ein Telegramm von Allersen, das Lisa ihr nachgeschickt hatte: »Warum so lange
keine Nachricht, bin in Unruhe?«
    So setzte sie sich in der niedrigen Bauernstube an den Tisch und schrieb
einen langen Brief an ihn, während schwere Tropfen an die Scheiben schlugen und
die Kühe draussen in den Wiesen dumpf gegen den Himmel brüllten. Sie wurde
traurig und nachdenklich dabei - wieder etwas, das sich von ihr loslöste, und es
schien ihr eine ewige Wiederholung, dass sie Liebe wollte und Liebe nahm und im
Grunde doch immer nur an sich selbst dachte - geliebt sein wollte, aber ohne
etwas dafür hinzugeben.
    Nun lag auch das hinter ihr, das letzte, was sie an die Vergangenheit band.
    Jeden Sonntag fuhr sie in die Stadt zu Reinhard und wohnte jedesmal in
demselben Hotel, das seiner Wohnung gegenüberlag. Die Leute kannten sie schon
und lächelten, wenn Ellen mit ernster Miene ein Balkonzimmer nach Norden
verlangte. Reinhart holte sie von der Bahn mit seinem übermütigsten Gesicht, und
sie drängten sich zusammen durch das sonntägliche Gewühl, um in den Wald
hinauszukommen.
    Draussen in ihrem Badeort lebte Ellen anfangs ganz für sich allein. Ihr war,
als ob das Leben jetzt Flügel bekommen hätte, die sie hintrugen, wo es schön und
sonnig war. Malen, den ganzen Tag malen, oder ein Boot nehmen, stundenlang auf
den Wellen umhertreiben, ohne sich um Zeit und Stunde zu kümmern, mit dem
wundervollen Gefühl, dass kein Mensch auf der weiten Welt ihr mehr dreinredete.
    An ihrem Mittagstisch waren meist langweilige Ehepaare und einzelne Damen,
dann kam noch ein älterer, kränklicher Herr dazu, mit dem Ellen bald
Freundschaft schloss. Er wusste die ganze Gesellschaft durch seine bissigen
Bemerkungen und schlimmen Witze in Spannung zu halten - und sah aus wie ein
kranker Teufel mit dem spitzen, grauen Bart und den verglasten, fahlen Augen.
Aber Ellen konnte ihn gut leiden und stimmte zum Entsetzen der übrigen in seinen
Ton ein, sie genoss es wie einen Triumph, wenn die ganze Tafelrunde sich still
oder laut empörte. Er fragte die jungen Frauen, wie viele Kinder sie hätten,
schlug dann die Augen zum Himmel und legte seine Hand auf die Ellens.
    »Haben Sie gehört? - Fünf Kinder! - Sehen Sie, ich wollte Ihnen schon einen
Antrag machen, aber so weit brächten wir es nimmer - ich habe höchstens noch
zwei Jahre zu leben.«
    »Nein, dieser Zynismus geht doch zu weit«, sagte eine behäbige, blonde
Witwe, nachdem er fort war. »Sie sind noch so jung und können das nicht so
verstehen, aber auf solche Scherze sollten Sie wirklich nicht eingehen.«
    Und nun erhoben sie alle ihre warnenden Stimmen, sie fanden es schon lange
befremdlich, dass Ellen so allein stand, und hätten sie gerne etwas unter ihre
schützenden Flügel genommen.
    Bald darauf fehlte er bei Tisch.
    »Wo ist Herr Markus?« fragte Ellen.
    »Krank - besuchen Sie ihn doch!« klang es im Chor in einer Tonart, die
deutlich sagte: »Sie werden doch nicht - -«
    »Ja, das ist wahr, wo wohnt er denn?«
    Gleich nach Tisch ging sie hin, er lag im Bett, blass wie die Wand, mit
schrecklich verdrehten Augäpfeln. Von nun an kam sie jeden Tag, brachte ihm
Blumen, räumte sein Zimmer auf, das in arger Unordnung war, und liess sich seine
Leiden erzählen.
    »Sie sind ein gutes Kind«, sagte er, »aber es bringt kein Glück, wenn man so
weichherzig ist. Was haben Sie davon, wenn Sie einen alten Krüppel besuchen und
sich ins Gerede bringen. Ja, wenn's ein junger Kerl wäre.«
    Aber sie verstand sich so gut mit dem kranken Teufel und liebte diese
Stunden, wo sie an seinem Bett sass und er über die verdammten Weiber schimpfte
und ihr immer wieder die Schwindsucht weissagte, weil sie hustete.
    »Aber lachen Sie nur, lachen Sie nur, es vergeht früh genug.«
Inzwischen lernte Ellen andere Menschen kennen. - Sie ruderte eines Abends in
ihrem kleinen weissen Boot aus dem Hafen. Eben vor ihr war eine grössere
Segelbarke hinausgefahren, und nun erschien jemand am Kai, der sich verspätet
hatte, rief sie an und bat, sie möchte ihn bis zum Segelboot mitnehmen. Der Wind
war schwach, und sie hatten es bald erreicht. Ellen kannte niemand von der
Gesellschaft, aber es schien ein lustiges Volk zu sein. Alles lachte und lärmte
durcheinander und Weinflaschen gingen von Hand zu Hand. Ihr Begleiter liess ihr
keine Ruhe, bis sie ihr Boot festmachte und mit einstieg. Aber er schien nicht
mehr ganz sicher auf den Füssen zu sein, und beinahe wären sie zusammen ins
Wasser gefallen, gaben sich aber noch zur rechten Zeit einen Ruck und stürzten
nun über ein paar Schultern und Köpfe weg mitten ins Schiff hinein. Da lagen sie
beide auf den Knien und sahen sich verwirrt an, während die andern ringsum in
die Höhe fuhren, aufschrien oder lachten. Ein paar Herren sprangen auf, um Ellen
zu helfen:
»Sehr liebenswürdig von Ihnen, uns so zu überraschen, darf man fragen, wo Sie so
gut springen gelernt haben? Das war ja schon mehr geflogen.«
    »Von dem da«, sagte Ellen, während sie vorsichtig aufstand, denn der Boden
war voller Glasscherben.
    »Leonhard«, stellte er sich jetzt rasch vor, immer noch auf den Knien, »ich
bitte tausendmal um Verzeihung - aber schön war es doch«, und mit einem
andächtigen Blick küsste er ihr die Hand. Die übrigen hatten sich inzwischen von
ihrem Schrecken erholt und stimmten ein lautes Jubelgeschrei an:
    »Sehr schön - bravo Leon! Leon soll leben - die junge Dame soll leben. -
Festalten, sonst springt sie auf der andren Seite wieder hinaus. - Wein her -
wo ist der Wein?«
    Sie bekamen jetzt einen Platz auf der Bank, und alle stiessen mit ihnen an.
    »Hab' ich's vielleicht nicht gut gemacht?« rief Leonhard in den Lärm hinein.
»Wir fahnden nämlich schon eine ganze Zeit auf Sie«, wandte er sich zu Ellen,
»die alten Hexen aus Ihrer Pension haben uns allerhand erzählt. - Sie sind hier
nur noch die junge Dame mit dem Herrn Markus.«
    Ellen sah ihn jetzt etwas genauer an - er hatte rötlich blondes Haar, das
dicht und wirr um den Kopf stand, und redete alles mit einer Heiterkeit, der
nicht zu widerstehen war. Es sah aus, als lachte der ganze Mensch bei jeder
Bewegung. Und diese strahlende Lebensfreude schien sich seiner Umgebung
mitzuteilen, sie lachten alle mit, wenn er anfing zu sprechen.
    Er musste ihr nun erklären, wer die andern waren. Ein bunt
zusammengewürfelter Kreis war es, der sich hier oben an der See gefunden hatte.
Er selbst, Leonhard, kam vom Rhein her mit zwei Freunden, von denen einer
kurzweg als »der Regierungsrat« vorgestellt wurde, der zweite mit dem fliegenden
roten Schlips war Opernsänger, und man nannte ihn Harry. Dann gab es noch ein
internationales Ehepaar, das unter sich französisch sprach, mit zwei Töchtern,
eine stellenlose Gesellschafterin und ein paar junge Leute, die nicht weiter in
Betracht kamen. Im ganzen wusste man nicht viel voneinander, man vergnügte sich
nur zusammen und - damit schloss er seinen Vortrag - Ellen sollte von nun an
mittun, da sie jetzt glücklich eingefangen war. Und das tat sie denn auch. Das
Gelage wurde immer lauter und fröhlicher, je weiter sie auf die See hinauskamen,
und anfangs achtete niemand darauf, dass der Himmel sich bezog und leise Donner
in der Ferne rollten. Allmählich ballten die Wolken sich immer dunkler zusammen
- die Damen wurden ängstlich und liessen den Schiffer umwenden. Aber der Wind
liess nach und es ging sehr langsam.
    »Wenn Sie jetzt in Ihrem kleinen Ruderboot allein hier draussen wären«, sagte
Ellens Nachbar.
    »O, ich käme rascher damit vorwärts wie so.«
    »Aber so weit hinaus können Sie mit dem Dings doch nicht rudern.«
    Das stachelte ihren Ehrgeiz. »Wollen wir wetten, dass ich eher daheim bin wie
Sie?« Und ehe er sie zurückhalten konnte, war sie schon beim Steuer und
kletterte in ihr Boot hinab. Wieder gab es Tumult. »Sie ist des Teufels - halt
sie, Leon - fang sie!« Aber Leon kam zu spät.
    Das Gewitter zog rasch herauf und einzelne heftige Windstösse fuhren in die
Segel. Ellen blieb eine Zeitlang neben der Barke, die dann plötzlich rasch
vorwärtstrieb. Man winkte und rief, aber sie konnte nichts mehr verstehen, denn
das Unwetter brach jetzt los. Schwere Donnerschläge rollten über den Himmel und
schienen unten im Wasser zu widerhallen. Dann folgten sie sich immer schneller,
und sie konnte kaum mehr sehen, so blendeten die Blitze, es kam ihr vor, als ob
sie rechts und links neben ihr in die Wellen hineinzuckten und wieder
aufsprühten. Dann klatschte der Regen nieder in langen hellen Streifen, in einem
betäubenden Gewirr von Ringen und Tropfen. Das Boot schaukelte vorwärts,
rückwärts, legte sich auf die Seite und tanzte wie unter einer Peitsche. Ellen
verlor ein Ruder, fing es glücklich wieder auf, dabei flog der eine Ruderpflock
heraus, und nun rutschte es bei jedem Schlag hin und her. Endlich war sie bei
den Büschen angekommen, die am Ausgang des Hafens das Fahrwasser markierten. Das
war eine Strecke, die sie sonst in fünf Minuten zurücklegte, aber jetzt brauchte
es fast eine halbe Stunde, bis sie endlich triefend im Hafen ankam - das Boot
war halb voll Wasser - die ganze Segelgesellschaft stand unter ihren Schirmen am
Ufer und daneben der Fischer, dem das Boot gehörte.
    Sie empfingen Ellen mit grossem Lärm und zogen sie mit in die Strandhalle, um
einen Grog zu trinken. Leonhard rückte ganz nah an sie heran und schüttelte den
Kopf: »Furchtbar toll - Sie sind furchtbar toll. - Sagen Sie mal, was fällt
Ihnen eigentlich ein?«
    Sie war noch ganz berauscht von der wilden Fahrt und von der Gefahr, ihre
Augen leuchteten: »Aber schön war es doch! Am liebsten möchte ich gleich noch
einmal hinaus.«
    »Kind, Kind«, sagte er, »spielen Sie nicht so mit Ihrem Leben. Wir haben Sie
schon oft gesehen, wenn Sie sich auf dem Wasser herumtrieben und die Meergreise
von Ihrem Mittagstisch am Ufer die Hände rangen. - Wer sind Sie denn
eigentlich?«
    Da legte plötzlich jemand die Hand auf ihre Schulter und Markus stand hinter
ihr, schweigend stellte er ein Glas Kognak vor sie hin und sah zu, wie sie es
austrank.
    »O unglückselige Ellen«, sagte er dann mit seiner schneidenden Stimme.
»Sehen Sie, junger Mann - die Schwindsucht hat sie schon im Leibe und dabei
säuft sie wie ein alter Seemann. Nein, nein, ich würde Sie doch nicht heiraten,
obgleich Sie mich kompromittiert haben.«
    »Wie schade«, sagte Ellen, »ich gleich.«
    Und nun legte er feierlich die eine Hand aufs Herz und reichte ihr die
andre: »Heirate mich und sei mein Weib, - damit wie du ich froh und glücklich
sei.« Ellen schlug ein, der lärmende Chor rief Bravo und wollte Markus mit an
den Tisch ziehen, aber er schlug seinen Mantel um sich und wandelte stumm
hinaus.
    »Also Ellen«, sagte Leon wie in tiefem Nachdenken. »Ellen - die furchtbar
tolle Ellen.«
Von nun an war Ellen tagtäglich mit ihren neuen Bekannten zusammen. Kam sie
morgens an den Strand hinunter, so sah sie schon von ferne Leon mit beiden Armen
winken und hörte seine jubelnde Stimme: »Da kommt sie, da kommt meine tolle
Ellen«, und dann schwenkte er sie im Kreise rundum, bis sie um Gnade bat und
beide sich ausser Atem ins Gras warfen. Für jeden Tag wusste er neue
Unternehmungen, sie ruderten und segelten, wanderten zur Ebbezeit weit auf den
festen, grauen Schlamm hinaus, spannten des Strandwirts Ackergäule vor einen
klappernden alten Leiterwagen, fuhren von Dorf zu Dorf und durchschwärmten nach
der Rückkehr die halben Nächte im Freien vor den Gastäusern. Es war ein
ununterbrochenes Fest; wo sie hinkamen, gab es Leben und übermütige Lust. Ellen
gab sich diesem stürmichen Sommerleben in gedankenloser Freude hin. Bald war ja
ihre Zeit sowieso abgelaufen - Reinhard war zu seinen Eltern gereist, und wenn
er zurückkam, wollten sie noch ein paar Tage zusammensein, dann kam München. Es
lag alles so klar und froh vor ihr, sie schrieb glückselige Briefe an Reinhard
und erzählte ihm von ihren Freunden und den tollen Fahrten.
    Der Tag ihres Scheidens rückte heran, und es kam hier und da ein wehmütiger
Ton in ihr Beisammensein mit dem frohen Gefährten.
    »Kind, Kind, nun soll ich dich hergeben«, sagte Leon, »und du gehst ebenso
lachend fort, wie du gekommen bist.«
    Dann wurde sie wohl einen Augenblick ganz still, aber gleich darauf fasste
sie ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. »Nein, ich möchte gerne noch bei
dir bleiben, aber ich freue mich doch auch so darauf, ihn wiederzusehen. Kannst
du dir nicht denken, wie ich mich freue?« Er nahm ihre Hand, mit der andern fuhr
sie ihm langsam durch die Haare.
    »Leon, ich darf mich nicht in dich verlieben, das wäre wirklich schlimm.«
    »Auch nicht für einen Tag, wenn du doch so bald schon fortgehst? Kind,
eigentlich waren wir doch alle beide verliebt, diese ganze Zeit, oder glaubst du
nicht? - Und das Heute gehört uns noch, lass morgen morgen sein.«
    Zu guter Letzt waren sie noch einmal alle zusammen nach einer von den
kleinen weissen Sandinseln hinausgesegelt. Es sollte eigentlich eine Seehundsjagd
sein, man hatte Flinten mitgenommen und lag den ganzen Nachmittag hinter den
grossen Strandsteinen auf der Lauer. Aber die meisten von ihnen hatten noch nie
einen Seehund gesehen, und kam eins der runden schwerfälligen Tiere zum
Vorschein, dann brachen sie in ein so schallendes Gelächter aus, dass es gleich
wieder den Rückzug antrat. Keiner dachte auch nur daran, ihm einen Schuss
nachzuschicken. Aber das war so vergnüglich, dass der Schiffer mehrfach zur
Abfahrt mahnen musste, und als sie schliesslich aufbrachen, war die Flut schon so
weit vorgerückt, dass man das Boot nur watend erreichen konnte. Lachend,
schwankend und durchnässt kamen sie endlich an Bord. Ellen und Leon wanderten,
bis an die Brust im Wasser, noch dreimal um das Boot herum - sie wollten von
einem alten Seemann erfahren haben, das sei ein sicheres Mittel gegen alle
Seeunfälle. Dann sprangen sie wie bei Ellens erstem Auftreten mitten in das
Schiff hinein, während das Wasser von ihren Kleidern niederrann. »Ihr beiden«,
sagte der Regierungsrat und wiegte seinen schon etwas grauen Kopf hin und her,
»was schaut ihr euch denn so an? Gebt euch doch lieber einen Kuss. - Was soll nur
aus dir werden, Leon, wenn du sie nicht mehr hast?«
    »Uns hat Gott geschieden«, sagten sie einstimmig in feierlichem Ton und
küssten sich vor aller Augen.
    Während der langen Heimfahrt senkte sich allmählich eine matte Stimmung über
die sonst so unermüdlich frohe Gesellschaft. Einer nach dem andern suchte sich
einen bequemen Platz auf der Bank oder am Boden und schlief ein. - Der Schiffer
legte die langen Ruder aus, um dem schwachen Wind nachzuhelfen - bei jedem
Schlag leuchteten die durchschnittenen Wellen in grünlichem Schimmer auf, und
von den Rudern rann es wie flüssiges, vielfarbiges Silber. Ellen sass mit Leon
beim Steuer, er hatte sie in einen grossen Mantel gewickelt und hielt sie an sich
gedrückt wie ein kleines Kind. Sie sahen dem Meerleuchten zu und sprachen leise
miteinander.
    Erst nach Mitternacht kamen sie heim, einige zogen sich gleich zurück, um zu
schlafen, die andern gingen durchfroren und in ihren nassen Kleidern zur
Strandhalle. Sie alarmierten das ganze Haus, gingen selbst in die Küche,
wirtschafteten am Schenktisch herum und deckten im grossen Saal den Tisch. Wer
wollte wohl an Schlafen denken, heute musste noch bis zum Morgen gefeiert, Kälte
und Müdigkeit weggejubelt werden. Und sie feierten und jubelten, und die Wellen
der Freude gingen immer höher. Nach Tisch setzte Harry, der Opernsänger, sich
ans Klavier und raste wilde Tanzmelodien herunter, die andern tanzten um die
Tische, durch den Saal und zur Tür hinaus durch die Strassen. Mit gefüllten
Gläsern klopften sie an die Fenster derer, die schon zur Ruhe gegangen waren und
liessen nicht nach, bis sie wieder herauskamen und mittaten, meist in
wunderlichen Kostümen, Schlafröcken oder rasch übergeworfenen Mänteln. Hier und
da öffneten sich auch noch andere Fenster, und scheltende Stimmen wurden laut,
denn in dieser Nacht kam keiner von den Badegästen zu einer ruhigen Stunde
Schlaf.
    Zwischendurch fanden Ellen und Leon sich auf der Bank vor dem Hause
zusammen.
    »Küsse mich, Kind«, bat er immer wieder, »nur heute, nur heute noch, - lass
morgen morgen sein.«
    Und sie sagte nicht mehr nein.
    »Liebst du ihn denn wirklich so?« fragte er. Ja; und sie glaubte, dass sie
sehr glücklich mit ihm sein würde. »Ach, wie können wohl zwei Menschen auf die
Länge glücklich miteinander sein!« Ellen wusste, dass er verheiratet war, und
hörte nachdenklich zu, wie er darüber sprach - auch dieser lachende Mund kannte
das Lied von der unausbleiblichen Enttäuschung und Ernüchterung. Und sie dachte
sich noch die Liebe wie einen immerwährenden Rausch - nur musste es dann wirklich
die eine, grosse Liebe sein. - Aber das hatte sie ja schon jedesmal geglaubt,
wenn sie liebte. »Und immer kommt wieder ein anderer«, dachte Ellen. - Sie war
so sicher gewesen, dass sie Reinhard liebte und von nun an alle ihre Gedanken nur
ihm gehören würden. Und nun sass sie da in der Sommernacht und wusste dem
strahlenden Verlangen, das sie umwarb, nicht nein zu sagen - lass morgen morgen
sein. - Noch als der Festlärm längst verklungen und alle schlafen gegangen
waren, gingen die beiden langsam durch dämmernde Strassen und küssten sich wieder
und wieder.
    Ziemlich bleich und übernächtigt fand sich die wilde Tafelrunde um Mittag
wieder zusammen. Ellen hatte heute nicht den Mut, sich bei Tisch in ihrer
Pension sehen zu lassen, denn die ganze Badegesellschaft war nur noch ein
einziger Sturm von Entrüstung über das nächtliche Gelage.
    Wie sie beim Kaffee sassen und die ermatteten Lebensgeister sich wieder zu
regen begannen, kam Markus. Er hatte eine Drehorgel umgehängt, blieb an der Tür
stehen und sang mit hohler Stimme ein altes Leierkastenlied:
»Am Weidenbaum, am Weidenbaum
Da fand ich ein Gerippe:
Da zog sie aus den Krinolin
Verfluchte sich - und es - und ihn
Und hing sich an die Strippe.«
Als der Beifallssturm sich wieder gelegt hatte, kam er an den Tisch und setzte
sich neben Ellen und Leonhard: »Da sitzen sie wieder Hand in Hand und trinken
Kognak. - Ja, lachen Sie nur, in dem Lied steckt tiefe Lebensweisheit. Hüten Sie
sich, Ellen, die Welt hat Fallstricke und Gefahren.«
    »Ich reise ja heute abend schon«, sagte sie, »vormittags war ich bei Ihnen,
um adieu zu sagen.«
    »Ja, ja - deshalb bin ich auch hergekommen«, er fasste ihre beiden Hände und
sah sie an, »lieben Sie nur weiter, Kind, so lange es was zu lieben gibt. Und
denken Sie manchmal an den grämlichen, alten Kerl, dem Sie etwas von Ihrem
Sonnenschein gegeben haben.«
    Ein paar Stunden später sah Ellen vom Kupeefenster aus noch einmal Leons
blonde Mähne im Abendlicht flattern und hörte noch einmal seine frohe Stimme:
    »Leb' wohl, du furchtbar tolles Kind.«
    Sie zog wieder in ihr altes Quartier bei Lisa Seebald ein. Für einen der
nächsten Abende hatte die ein kleines Verlobungsfest in Szene gesetzt. Detlev
war gekommen, um seine Schwester noch einmal zu sehen, ehe sie nach München
ging, und Reinhard wollte ein paar Freunde mitbringen. Als Ellen gegen Abend in
ihrem Zimmer war und ihren Koffer packte, brachte das Dienstmädchen ihr einen
Brief herauf - darin lag eine Karte mit Versen:
Fahr' wohl, mein Lieb, der Abend graut -
Fahr' wohl, wir müssen uns trennen.
Das Scheiden ist ein bittres Kraut,
Von heissen Tränen ist's betaut
Und seine Blätter brennen.
Dort drüben am Meer eine Weide steht -
Die Äste hängen hernieder -
Ein Blatt sich wirbelnd zur Erde dreht,
Wer weiss, wohin es der Wind verweht:
Zurück kehrt's nimmer wieder.
Schau' mich noch einmal lächelnd an,
Das will ich zum letzten bitten.
Du hast mir viel zulieb getan
Und treulich wollt' ich zu dir stahn -
Die Welt hat's nicht gelitten.
Drum fahr' wohl, Ellen, fahre wohl.
Das Glück mög' dich geleiten.
Seit unsrem Abschied, das weisst du wohl,
Ist Leon toller noch wie toll.
Er kann das Scheiden nicht leiden.
Und in ganz kleiner Schrift am Rand: »Als traurigen Abschiedsgruss von deinem
traurigen Leon.«
    Ellen sass auf dem Koffer, die Karte in der Hand, und sah abwesend vor sich
hin. Wehmütig lockend zog es wieder an ihr vorüber, die ganze frohe Zeit - sein
Lachen, - die Sommernachtsstunde vor dem Wirtshaus.
    Dann hörte sie unten die Haustür gehen und viele Stimmen
durcheinandersprechen. Lisa rief, und sie musste hinuntergehen. Das Zimmer sah
festlich aus mit Blumen und Weinranken und den grünen Römern auf weissgedecktem
Tisch. Detlev ging herum, stellte sich vor und machte die Honneurs. Er umarmte
Reinhard halb im Scherz als Schwager.
    »Dass ihr euch verlobt habt - richtig verlobt. - Ich finde, Ellen ist ganz
aus der Rolle gefallen - aber ich bin sicher, sie kommt doch mit einem
Skizzenbuch unter dem Arm zur Trauung. Und jetzt wollen wir eine gehörige Orgie
feiern, um der Sache etwas von ihrem Spiessbürgertum zu nehmen. Nicht wahr,
Lisa?«
    »Ja, wenn Detlev Olestjerne nur Weingläser sieht, ist ihm jede Familienfeier
recht«, sagte die. Ellen war dem Bruder von Herzen dankbar, dass er mit seiner
gewohnten Lebhaftigkeit alle ins Gespräch zog und immer wieder zum Lachen
brachte, während sie sich um den Tisch sammelten, anstiessen, einer von Reinhards
Freunden am Klavier den Brautgesang spielte und Lisa sie der Reihe nach mit
Weinranken bekränzte.
    Ihr gingen immer noch Leons Verse durch den Sinn und sie lächelte etwas
mühsam, wenn Reinhard sie ansah und fragte: »Fehlt dir etwas, Ellen, du bist
heute so still?«
                                                             München, 20. August
In München -. Ich kann immer noch nicht begreifen, dass es kein Traum ist.
    Es ist etwas so ganz Neues, allein zu leben und nur mit sich selbst zu
reden, und jetzt fühle ich erst, wie mir das not tat. Ich möchte mir doch
endlich einmal angewöhnen, für mich selbst über mein Leben Chronik zu führen.
Bisher sind solche Versuche immer gescheitert - man bekommt das dumme Gefühl,
als ob man vorm Spiegel steht und Monologe darüber hält, wie man aussieht.
    Die Malschulen feiern noch bis Oktober, so arbeite ich in einem Atelier, das
fünf Malerinnen zusammen haben - vormittags Zeichnen und nachmittags
Modellieren. Meine Wohnung ist nur ein paar Häuser davon, ein grosses helles
Dachzimmer, freundliche alte Wirtsleute.
    Die Luft hat beinah etwas Südliches in diesen heissen Tagen, die Strassen ganz
weiss von dem flimmernden Kalkstaub. - Und das Arbeiten in unserm grossen kühlen
Atelier, und dann wieder in die Sonne hinaus, den ganzen Tag sein eigner Herr
sein, keinen Moment des Tages sich nach anderen richten zu müssen! So habe ich
mir's geträumt, das ist endlich die Luft, in der ich leben kann. Mein Gott, und
jetzt muss ich arbeiten, arbeiten bis aufs Blut, und dann fasst mich der Jammer an
um all die verlorene Zeit, was für Jahre hätte ich jetzt schon arbeiten können.
Und die Angst, ob meine Kraft doch noch voll ist - manchmal jubelt es in mir,
und ich möchte alle Himmel stürmen, aber dann kommt wieder dies sonderbare
Gefühl, als ob irgend etwas fehlte - als ob da irgendein toter Punkt wäre, über
den ich nicht wegkam. Da habe ich nun, seit ich halbwegs selbständig denken
kann, diesen Heisshunger nach der Kunst gehabt - wie man sich mit allen Gedanken
nach einem geliebten Menschen sehnt. Aber in dem Augenblick, wo er da ist und
man mit ihm zusammenschmelzen möchte in jeder Empfindung, da versagt wieder die
innere Glut und man tut nur so, als wäre es, was es sein sollte. Manchmal glaube
ich überhaupt, ich bin wirklich mit dem verkehrten Fuss auf die Welt gekommen und
werde mich nie zurechtfinden.
                                                                    5. September
Allmählich lerne ich meine Kolleginnen kennen; sie sind im ganzen ziemlich
langweilig, nur mit der Dalwendt freunde ich mich immer mehr an. Sie ist aus
meiner Heimat, sieht aus wie eine Germania, gross, mit schwerem blonden Haar. Wir
gehen nachmittags zusammen ins Café und dann spazieren. München ist wundervoll
in dieser Sommer-Herbststimmung mit dem blauen Duft. Gestern lud sie mich den
Abend zu sich ein. Sie lebt mit ihrer Mutter, die den ganzen Tag arbeitet, um
ihr das Studium zu ermöglichen. So etwas greift mich an meiner sentimentalen
Seite an. - Die Erinnerungen sind mir noch zu nah, ich darf nicht daran denken,
- an nichts, als dass ich jetzt weiterkomme. Nach Tisch liess sie mich ihre Sachen
sehen, Federzeichnungen, alle möglichen Kompositionen. Ich bin ganz in mich
zusammengesunken. Was hat die für ein Können und ist kaum älter wie ich. Wir
gingen noch spät im Mondschein an die Isar hinunter, standen lange auf der
Brücke und sprachen von unserm Leben und von der Kunst.
    Jetzt ist es nach Mitternacht, ich bin eben erst heraufgekommen, habe die
Fenster weit aufgemacht, Mondlicht und Nacht kommen von draussen herein. Heute
hab' ich einen Einblick in das ganze, bewusste Schaffen eines andern Menschen
getan und ringe nun darum, das auch in mir zu finden. Es ist wie Gebetsstimmung
in mir.
                                                                    9. September
Früh an der Akademie, um ein Modell zu suchen. Ich war schlecht angezogen - wie
immer, denn ich habe überhaupt fast nichts mehr anzuziehen - und wurde selbst
für ein Modell gehalten. Ein Maler wollte mich mitnehmen, ich hatte die grösste
Lust, aber ich darf jetzt nur für meine Arbeit leben und keine Kindereien
treiben.
                                                                   14. September
In den Bergen gewesen, und da bekam ich Heimweh nach dem Meer, nach dem Freien,
Weiten. Die andern lachten mich aus, weil ich mir die Berge höher vorgestellt
hatte. Überhaupt bin ich fast immer enttäuscht, wenn ich etwas sehe, das ich mir
irgendwie vorgestellt habe. Es ist nie so überwältigend, wie ich es haben
wollte.
    Zu Hause Briefe von Reinhard vorgefunden. Er freut sich über meine jetzige
Lebenslust. - Es kommt mir fast wie Ironie vor - denn ich bin gar nicht lustig -
mir ist, als ob mein Leben in einer Krisis wäre, die vielleicht alles
verschlingt.
    Ich denke viel über Reinhard und über unser Verhältnis nach. Wie waren wir
glücklich zusammen diesen Sommer - ich war also doch einmal wirklich glücklich
und glaubte selbst daran. Aber mitten im Glück dachte ich wieder an einen
anderen - Leon -, es zuckt immer noch etwas in mir nach, wenn ich seine Karte
lese, und ich möchte ihn wiedersehen. Das war noch bei allen meinen Lieben so.
Vielleicht kann ich überhaupt nicht ganz und ungeteilt lieben - das habe ich mir
schon oft gesagt - oder wenigstens nicht einen allein. Wie oft haben Reinhard
und ich darüber gesprochen - er glaubt selbst, dass er sehr frei denkt - aber nur
da, wo es nicht unser Verhältnis zueinander angeht. Er ist im Grunde doch ein
moralischer Mensch und ich bin es nicht, das ist die ganze Geschichte. Hätte ich
ihm von Leon erzählt, so wäre alles zwischen uns aus gewesen.
    Gestern sprach ich mit der Dalwendt darüber - sie ist auch verlobt; aber
noch ganz unschuldig - aus Überzeugung, weil sie es so will. Bei mir ist es
immer nur, dass ich gezwungen bin oder mich zwingen lasse, nach dem Empfinden
eines andern zu handeln. Mir selbst gegenüber habe ich nie das Gefühl, etwas
einzubüssen - im Gegenteil, mich drückt oft nur meine Tugend nieder, dies ewige
Vorbeigehen am Leben, und manchmal verlangt mich danach, mich besinnungslos in
den Strudel zu stürzen.
                                                                   20. September
Heut haben wir den ganzen Abend in einer Schnapsschenke gezeichnet - eine
niedrige, verräucherte Gaststube, wo wahre Banditengestalten an langen Tischen
sassen, mit kleinen Schnapskelchen aus dickem gelben oder rotem Glas vor sich.
Die Strolche fühlten sich sehr geschmeichelt und sagten, wir sollten nur bald
wiederkommen.
    Nachher an der Isarbrücke bis Mitternacht, dann allein an meinem Fenster.
Wie gut ist es, so allein zu leben - ob ich es wohl jemals aushalte, mit jemand
anderm immer zusammen zu sein? - Wie soll das später werden? Auf alle Fälle bin
ich entschlossen, erst in mehreren Jahren zu heiraten, wenn wir denn durchaus
heiraten müssen. Nach meinem Gefühl wäre es viel schöner, nur hier und da eine
Zeit zusammenleben und dann jeder wieder seinen eignen Weg gehen. Ich möchte es
immer so haben wie jetzt, nur ans Malen denken und alles tun, was mir einfällt.
                                                                   30. September
Morgen fängt die Malschule an, ich bin in dieselbe eingetreten wie die Dalwendt
- für den Nachmittag gehen wir in eine andre zum Modellieren. Der Auszug aus
unserm Atelier ging mit Hindernissen vor sich; die andern hatten schon tags
vorher ihre Sachen holen lassen, und die Dalwendt und ich standen ratlos vor
einer Horde von Dienstmännern und Modellen, die alle Geld haben wollten.
Schliesslich luden wir unsre Staffeleien und Modellierböcke selbst auf und trugen
sie fort.
    Wie es mit dem Geld gehen soll, weiss ich überhaupt noch nicht. Bei all den
Anschaffungen und dem doppelten Schulgeld bleibt mir zum Leben fast nichts
übrig. Ich habe heute alles ausgerechnet, für Kleider, Schuhe, Essen, Trinken
und was sonst zum täglichen Leben gehört. Es ist nicht viel.
                                                                      4. Oktober
Unser jetziges Atelier ist ein »gemischtes«, Maler und Malerinnen zusammen.
Ausser uns noch einige Amerikaner, Polen und ein früherer Offizier, von Baldern.
Der, die Dalwendt und ich finden uns in den Pausen als Rauchkollegium zusammen.
- Von acht bis elf Uhr arbeiten wir in der Zeichenschule, dann bis eins
modellieren, nachmittags noch zwei Stunden zeichnen und dann der Abendakt.
Ausserdem skizzieren, soviel es geht. Gut, dass ich eine solche Gesundheit habe -
was andre Leute angegriffen sein nennen, kenne ich überhaupt nicht.
                                                                      9. Oktober
Natürlich musste wieder etwas kommen - ich wusste es ja. Die Ruhe konnte nicht
dauern, für mich kommt niemals Ruhe. -
    Wo war mein Verstand, dass ich eine Zeitlang daran glaubte - an ein volles
Glück zu Zweien, »mit Weinlaub im Haar«, wie wir in alten Zeiten sagten, in
voller Freiheit, schrankenlosem Verstehen bis ins Letzte hinein - an all das,
was es nie für Menschen gegeben hat und nie geben wird. Ich hatte vergessen und
vergessen wollen, dass es unmöglich ist. - Ich hätte mit allem brechen sollen und
für mich allein bleiben.
    Weil Allersen nach München gekommen ist, um hier weiter zu studieren,
verlangt Reinhard von mir, ich sollte nach Berlin zu seinen Verwandten gehen und
dort arbeiten. Wir wechseln endlose Briefe darüber, und diesmal gebe ich nicht
nach. Von München fort, nachdem ich zum erstenmal die Atmosphäre gefunden, in
der ich atmen kann, von der ich alles erwarte. - Unser Glück muss allem andern
vorangehen - da liegt es eben - darin fühle ich ganz anders. Ich kann nicht an
Zusammenleben und Glück denken, ehe ich mich selbst gefunden habe, und endlich
bin ich auf dem Wege dazu; aber es ist noch alles so unklar und verworren in
mir. Man soll mich in Ruhe lassen. - Auf die Höhe hinaufkommen oder daran kaputt
gehen, - aber diese beiden Möglichkeiten soll man mir lassen. Wie kann ich da
jetzt nach Glück fragen? Und wenn er soweit nicht mit mir gehen kann, müssen
sich unsre Wege trennen. Ich brauche gerade diese Zwanglosigkeit - meine Mutter
würde sagen Zügellosigkeit - meines hiesigen Lebens. Und vielleicht ist das auch
das richtigere Wort - ich kann keine Zügel vertragen.
    Wenn ich ihm nur begreiflich machen könnte, dass das alles furchtbarer Ernst
ist - vielleicht ist es auch meine Schuld, dass mich niemand ernst nimmt. Sie
nehmen mich alle nur von meiner Clownseite, die andre kennt selbst Reinhard
nicht - nur ich selbst.
    Im Grunde bin ich halb gleichgültig dagegen, was nun werden mag. Ich stürze
mich nur in die Arbeit. Beim Aufwachen kommt alle Morgen so ein Gefühl, dass
irgend etwas Bedrückendes da ist. Im Bett beim Kaffeetrinken denke ich darüber
nach, aber dann wird es abgeschüttelt, mit einem Sprung ins kalte Wasser, und
für den ganzen Tag vergessen.
                                                                     20. Oktober
Eine ganze Woche briefliche Auseinandersetzungen. Er wirft mir rücksichtslosen
Egoismus vor - ja, den habe ich auch, wo es sich um dies eine handelt. »Unser
Glück«, immer wieder unser Glück - was einmal auch für mich so schöne volle
Worte waren, kommt mir jetzt fast wie eine Redensart vor, wie wenn man bei einem
Gottesdienst sitzt, nachdem man längst den Kinderglauben verloren hat. Und ich
bleibe bei meinem Nein. -
                                                                     22. Oktober
Wirklich, ich bin ganz verwandelt, mich erregt nichts, macht nichts mehr
traurig, mich lässt alles kalt ausser dem Arbeitsfieber, das in mir brennt. Ich
kann mich nicht mehr teilen - aber ich bin froh, dass das endlich gekommen ist.
    Durch die Dalwendt lernte ich noch zur Zeit unsres alten Ateliers ein junges
Mädchen kennen, sie heisst Marie-Luise und ist sehr eigentümlich und schön mit
ihrem gradlinig geschnittenen Gesicht und dem dichten, goldenen Haar. Sie lebt
mit ihrem Bruder zusammen, er hat dieselben Züge, nur schärfer und etwas
Leidendes drin. Beide leben ganz in Büchern und Gedanken - - ich bin oft abends
da und kann sie mir nur in diesem halbdunklen Zimmer mit der umschleierten Lampe
und den vielen alten Sachen denken. Es kommen noch allerhand Menschen hin, die
auch nicht zur übrigen Welt zu gehören scheinen und von denen man nie recht
begreift, wer sie sind und was sie tun. Alle kommen spät abends, gegen elf Uhr,
und meist gehen wir dann noch in der Nacht durch den Englischen Garten. Manchmal
besuchen wir auch einen alten, verwachsenen Pfarrer, der in einer Dachstube
wohnt und aussieht wie ein Waldmensch in seinem graugrünen kuttenartigen
Schlafrock und dem mächtigen Bart. Er gibt uns schlechten Wein zu trinken -
Maria-Luises Bruder liesst »Zaratustra« vor und gibt es für ein apokryphes Buch
der Bibel aus. Zuweilen fällt es dem Alten ein, eine Andacht zu halten, er
kriecht in eine Ecke und brüllt zu dem verstimmten Klavier mit furchtbarer
Stimme Choräle.«
                                                                     29. Oktober
Neulich abend wollten wir etwas erleben und gingen in möglichst verdächtige
Gesindelkneipen, hatten Revolver mit, aber es passierte gar nichts. Es waren nur
die beiden Geschwister und ich, wir gingen nachher noch zu ihnen hinauf und
sprachen die ganze Nacht durch, ich erzählte ihnen von meinem Leben. »Und Sie
glauben noch an Glück«, sagte der Bruder. - Ich dachte an den Sommer und sagte
ja - aber ich fühlte wohl, dass er weiss, wie es in mir aussieht.
    In der Morgenfrühe brachten sie mich nach Hause, und ich lag den ganzen
nächsten Tag mit furchtbarem Kopfweh da. Es ist ein eignes Gefühl, so einen
langen, hellen Tag im Bett zu liegen und sich nicht recht besinnen zu können.
Ich wusste kaum, ob es Morgen oder Nachmittag wäre. Dann kam jemand herein, ich
sah Marie-Luise neben mir stehen und konnte mir nicht recht klar werden. Sie
beugte sich zu mir nieder, sagte irgend etwas, dann küsste sie - mich auf die
Stirn und war wieder fort. Gegen Abend wachte ich auf und merkte, dass ich etwas
in der Hand hatte - ein Zehnmarkstück. Es fuhr mir förmlich durch die Glieder.
Woher weiss sie, wie schlecht es mir geht. Vielleicht habe ich gestern abend
selbst davon gesprochen, aber ohne an so etwas zu denken. Von andern würde ich
nie etwas annehmen, aber hier lag etwas darin, was mich tief bewegte. -
    Jetzt weiss ich auch, was mir gefehlt hat - sowie ich etwas Vernünftiges zu
mir genommen hatte, war ich wieder gesund. Und ich war so stolz darauf gewesen,
dass man ebensogut ohne Mittagessen leben könne. Und was nun? Nach Berlin gehen
und mich füttern lassen - meine schöne Freiheit verkaufen? -
    Reinhard darf nichts davon wissen, ich schreibe ihm nur, dass ich ganz gut
auskäme.
                                                                     5. November
Das Modellieren aufgegeben - wir sollten diese Woche Halbaktreliefs in
Lebensgrösse machen, aber ich habe kein Geld, um Modell zu nehmen. Darüber geriet
ich gestern so in Wut, dass ich den Ton herunterriss, die Modellierhölzer in alle
Ecken warf und tobend abging. Die Dalwendt sagte mir nachher, dass unser Lehrer
sehr erstaunt gewesen sei. So habe ich mich jetzt ganz aufs Zeichnen geworfen.
Nachmittags stehe ich der Dalwendt Modell, weil sie auch keins mehr halten kann,
und sie muss mir dafür einen Kaffee zahlen.«
                                                                     8. November
Oben im Haus, wo unsere Schule ist, wohnt ein polnischer Maler, mit dem Baldern
befreundet ist. Er nahm mich gestern mit hinauf. Ein junger Mensch, der Maxl
genannt wurde, sass auf der Erde; Zarek, der Pole, lag im Bett, und sie stritten
wütend über Shakespeare. »Entschuldigen Sie, dass ich liege in Bett, ich bin
schrecklich krank, aber sind Sie ja freies Weib.« Dann meinte er, ich sähe noch
zu jung aus für ein Bewegungsweib, und ich bestritt auch, dass ich eines wäre.
»Aber die kurzen Haare?« Ich sagte, dass ich mir die noch zu Hause hätte
schneiden lassen, um nicht immer so verrauft von meinen Rendezvous heimzukommen.
Das war noch in der letzten Seminarzeit.
    »Sie haben Schatz gehabt, Fräulein?« - worauf ich ihnen erklärte, dass ich
jetzt verlobt wäre, und das erregte einen förmlichen Sturm von Empörung.
                                                                    12. November
Jetzt bin ich alle Tage droben, in den Pausen und oft auch abends. Da kommen
viele Maler hin, meist Polen und Russen. - Walkoff hat meine Studien in die Hand
genommen, und ich lerne viel durch ihn, muss ihm alle meine Zeichnungen bringen.
Es scheint, dass sie sämtlich nichts zu essen haben - wenn einer etwas Käse
mitbringt, gibt es einen Aufruhr. Aber so habe ich noch nie über Kunst sprechen
hören, sie sind alle wie toll, wenn sie davon anfangen.
Bei Zarek hatte sich abends eine Gesellschaft versammelt, die viel zu gross für
das enge Atelier war. Dazu ein kalter Novemberabend, und man fror erbärmlich.
Ellen versuchte, das Feuer in Gang zu bringen, und warf dabei ein paar
Holzscheite auf den Boden.
    »Kind, bist du ungeschickt«, sagte Zarek, »hast du Hände, wo alles fallt
heraus. Wirst du miserable Hausfrau.«
    »Lass mich in Ruh', dummer Onkel, dein Ofen taugt nichts. Ausserdem bin ich
noch lange nicht Hausfrau.« Sie konnte es nicht leiden, wenn immer auf ihr
Verlobtsein angespielt wurde, und sah unwillkürlich zu Walkoff hinüber.
    »Nennt sie mich immer Onkel«, sagte Zarek und ging an den Spiegel. »Schau'
ich wirklich aus wie alter Onkel?« Er hatte eine rote wattierte Jacke an, eine
Riesennase und struppiges Haar.
    »Geben Sie Obacht, der Spiegel zerspringt, wenn Sie hineinsehen«, rief eine
russische Studentin, die neben Baldern auf einer Matratze sass. - Ausser den
beiden war noch ein Bildhauer da mit einem rotblonden Mädel.
    Der Maxl schlug vor, man sollte Glühwein machen, um endlich warm zu werden.
So legten sie alle zusammen, und er ging zur Krämerin hinüber, um Wein zu holen.
Dann gab es ein lautes Durcheinander, bis jeder sein Glas oder seine Tasse
hatte. Zarek schnitt mit einem grossen Messer Holzspäne, die als Löffel dienen
mussten. Nun wurde es endlich gemütlich; weil nicht genug Platz war, zogen sie
Polster und Kissen aus dem Bett und legten sich damit auf den Boden. Die Luft
füllte sich mit Zigarettenrauch, und es war ein solcher Lärm, dass man sich kaum
verstehen konnte. Baldern und die Russin hatten sich auf dem Bett
niedergelassen, er spielte Gitarre und sie sang ein Lied nach dem andern. Der
Maxl, der einzige, der immer nüchtern blieb, sass auf einem Stuhl, die Beine weit
von sich gestreckt, und sprach über Rembrandt, Ellen neben Walkoff an der Erde
und hörte zu. Sie hatte den Kopf an ihn gelegt, seine Hand glitt über ihre Haare
und ihren Hals - zwischendurch sahen sie sich an und tranken aus demselben Glas.
Das andre Paar flüsterte und küsste sich in der entferntesten Ecke. Dazwischen
wanderte der Onkel unruhig umher und stolperte jeden Augenblick über ein paar
Füsse - er hatte ein künstliches Bein und hinkte stark; das machte seine
schwerfällige, breite Gestalt noch unbeholfener.
    »Seid ihr alle besoffen, pfui, liebe ich nicht Bacchanal.« »Hab' ich kein
Weib«, parodierte ihn Baldern, »komm her, du kannst abwechselnd bei uns
hospitieren.«
    »Nicht gemein werden«, sagte die Russin. »Warum ist die Dalwendt nicht hier,
dann seid ihr immer so anständig.« Zarek setzte sich neben sie und strich ihr
eine schwarze Locke aus der Stirn.
    »Fräulein, schauen Sie mich an mit glühenden Augenach, sind Sie schön, sind
Sie wie Schmetterling.«
    Dann wollte er sie fangen und küssen, irgend jemand löschte die Lampe aus,
und nun kam eine verworrene Rauferei im Dunkeln - die Studentin schrie, der
Onkel grollte mit seiner tiefsten Stimme, und das Paar in der Ecke lachte laut.
    Walkoff beugte sich zu Ellen nieder und küsste sie auf den Hals, auf den
Mund, bei jeder Bewegung durchrieselte sie ein heisser Schauer. Der Maxl sah
ruhig zu, sein schmales Gesicht mit dem blonden, kurz emporgesträubten Haar
blieb unbeweglich, während er immer weiter sprach.
    Da wurde stark an die Tür geklopft, alle fuhren zusammen, blieben dann aber
ruhig in ihrer vorigen Stellung, als eine lange Gestalt, die man nicht deutlich
erkennen konnte, in der Tür erschien. Nur Zarek polterte dem Angekommenen
entgegen:
    »Ach, Fritz! Grüss Gott, Fritz.«
    »Grüss Gott, Fritz«, schrien nun alle im Chor, niemand wusste, wer er war. -
Zarek versuchte vorzustellen:
    »Herr Bruhnert - Fräulein...«
    Der neue Gast verbeugte sich aufs Geratewohl ins Dunkel hinein, er war
namenlos verlegen und wusste sich nicht hineinzufinden; obendrein konnte er
niemand erkennen, und immer mehr Stimmen kamen aus dem Hintergrund.
    »Mach' doch Licht, Zarek, man kann ja nichts sehen.« »Ist auch besser, du
siehst nicht. - Ist der Fritz noch sehr unverdorben«, erklärte er dann.
    Der setzte sich ergeben auf einen Stuhl und schien peinlich berührt. Die
andern kümmerten sich nicht viel um seine Gegenwart, schliesslich wurde auch die
Lampe wieder angezündet. Etwas misstrauisch und halb amüsiert sah der Fritz über
seinen Klemmer weg. - Er war sehr gut angezogen und machte einen wohlhabenden
Eindruck. »Du musst etwas zu trinken haben, Fritzl«, sagte Ellen, »dann wird dir
schon besser werden«, worauf er sie mit unbegrenztem Erstaunen ansah.
    »Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.«
    Sie goss den Rest in die Gläser, während Zarek es noch einmal mit dem
Vorstellen versuchte, aber es war umsonst, und er gab es auf. Dann schlug er mit
dem grossen Küchenmesser an sein Glas und brüllte:
    »Ruhe! - Sind wir alle Menschen, sind wir alle Brüder - sind wir alle
Künstler - haben wir alle Rausch - wollen wir Brüderschaft trinken in Kunst!«
    »Na, dann komm ich mal doch auch zu einem Kuss«, sagte der stoische Maxl, und
das Bruderschaftstrinken begann; sie waren alle aufgestanden, legten die Arme
ineinander, schwenkten sich im Kreise herum und küssten sich. Der Fritz küsste den
Damen nur die Hand.
    »Gehen wir jetzt ins Café, Fritz hat Geld.«
    Im Café liessen sie sich an ihrem gewohnten Tisch nieder; man kannte sie dort
schon und erschrak etwas, wenn sie kamen, denn für die andern Gäste war es dann
unmöglich, noch ein Wort zu reden. - Ellen sass dem Fritz gegenüber und war in
ihrer seligsten Laune.
    »Schaut sie aus wie ein Kind«, sagte Zarek zärtlich. »Walkoff, nimm dich in
acht vor Zuchtaus.«
    »Nimm dich selber in acht«, liess die ruhige Stimme des Maxl sich vernehmen.
»Kuppelei ist auch strafbar.«
    Der Fritz hatte bisher nur stumm in sich hineingelächelt, allmählich fing er
nun an, etwas berauscht zu werden, sah plötzlich auf und nahm sein Glas.
    »Still, still, will der Fritz Rede halten!«
    Er lächelte noch mehr: »Ich glaube allerdings - nachdem - Sie werden mich
nach dem heutigen Abend wohl alle für etwas -«
    »Sie? - Wir haben doch auf du getrunken?«
    »Ja, du hast recht - das wollte ich ja gerade sagen - also da Sie mich so in
Ihren Kreis - aber es ist doch nicht so leicht, sich gleich - ich glaube, ich
bin heute abend etwas aus der Rolle gefallen...« Das wurde mit einem so
schallenden Gelächter beantwortet, dass er alle der Reihe nach verzweifelt
anlächelte. »Sie brauchen mich aber deshalb nicht - ich wusste nur nicht recht,
ob es Spass oder Ernst wäre -« er sah Ellen mit einem tiefen Blick an -, »also
nachdem auch diese liebenswürdigen jungen Damen - na, zum Teufel, ich finde
nämlich, wenn du Fritz sagst, kann ich auch Ellen sagen. - Dein Wohl, Ellen.«
    Er sank ganz erschöpft wieder auf seinen Stuhl und wurde fast zerrissen vor
Beifall und Händeschütteln. Baldern und die Russin stimmten einen Gesang an,
Ellen hielt sich an Zarek fest und war nahe daran, vor Lachen ohnmächtig zu
werden. - Aber nun mahnte der Wirt mit nachsichtigem Lächeln zum Aufbruch. Sie
nahmen noch einige Bierflaschen mit, tranken sie draussen vor der Tür aus und
warfen sie auf der leeren Strasse in Scherben, dass es weitin klirrte. Zarek ging
voran, sein Stock stiess dröhnend gegen das Pflaster, und er sang laut in die
Nacht hinaus, während die andern das Trottoir entlang Galopp tanzten.
Bald darauf kam Zarek eines Abends, um Ellen abzuholen. Er war auffallend
ordentlich angezogen und machte ein geheimnisvolles Gesicht.
    »Hat der Fritz uns eingeladen in Ratskeller, mach' dich ein bisschen schön,
Kind - Ratskeller ist nobel.«
    Sie musterten Ellens ganze Garderobe durch und stellten mit vieler Mühe ein
Kostüm zusammen, in dem sie zur Not auftreten konnte.
    »Schenk' ich dir ein Kleid, wenn ich mein Bild verkauft hab'«, sagte Zarek,
während er prüfend um sie herumging. »Sapristi! - kannst du nicht in alten
Tanzschuhen gehen - wird der Fritz dir immer auf Füsse schauen.«
    »Der Fritz soll schauen, so viel er will«, und Ellen wurde ganz ungeduldig,
»meine Stiefel sind entzwei, und ich kann sie mir diesen Monat nicht mehr machen
lassen.«
    Endlich waren sie fertig, und Zarek polterte an ihrer Seite die vier Treppen
hinunter. - Im Ratskeller wartete Fritz, vornehm angetan und mit einer Blume im
Knopfloch.
    »Na, Zarek, das sieht dir ähnlich, so spät zu kommen.« »Ach, der Onkel musste
mich ja erst anziehen«, sagte Ellen, während sie sich setzten. Fritz warf aus
seinen tiefliegenden Augen einen misstrauischen Blick auf den Onkel.
    »Hab' ich noch nie solche Garderobe gesehen bei junger Dame. Sag' ich: zieh
an blaue Bluse - ist halber Ärmel abgerissen. Hat sie nur weisse und reibt mit
Kreide, dass man Flecken nicht sieht. Gürtel gibt's nicht, muss man Plaidriemen
nehmen.«
    Über des Fritz Gesicht glitt ein langsames Lächeln: »Mir bist du in jedem
Anzug schön genug, Ellen.« Dann stellte er ein auserlesenes Souper zusammen und
liess Wein kommen.
    Die Unterhaltung war anfangs etwas einsilbig und geriet mehrfach ins
Stocken. Erst nach dem Essen, als sie beim Sekt angelangt waren, begann der
Gastgeber allmählich aus seiner Korrekteit aufzutauen. Schliesslich setzte er
sich neben Ellen und sprach von Liebe, erst im allgemeinen - dann wollte er
durchaus wissen, ob sie Henryk Walkoff liebte.
    »Ach, keine Spur.«
    »Aber warum bist du dann neulich abend so zärtlich mit ihm gewesen?«
    »Das ist man bei uns immer, wenn wir alle einen Schwips haben. - Die andern
waren doch auch zärtlich zusammen.«
    »Ja, und dem Maxl hast du auch einen Kuss gegeben beim Schmollistrinken und
Baldern. Gibt es denn bei euch gar keine Grenzen?«
    »Doch, dir hab' ich ja keinen gegeben, Fritzl.«
    »Ach, du bist schlecht, Ellen - bitte, sei einmal ernstaft - wen liebst du
denn eigentlich - deinen Verlobten?«
    »Will ich dir Problem lösen, Fritz«, warf Zarek dazwischen, »mir liebt sie.
Haben wir uns schon manchmal geküsst - sapristi! Denkst du noch, Ellen?«
    »Ist das wahr?«
    Sie nickte und der Onkel brach in ein unbändiges Gelächter aus:
    »Schau den Fritz, wie er ist unglücklich!«
    Aber der schüttelte den Kopf und starrte eine Zeitlang in sein Glas:
    »Ihr seid doch sonderbare Leute. - Wollen wir jetzt ins Café?«
    Im Café kam ein Blumenmädchen an den Tisch und Fritz kaufte Rosen für Ellen.
Eine behielt er in der Hand und drehte sie nachdenklich hin und her, dann rückte
er seinen Stuhl etwas vor:
    »Siehst du, Ellen, die ist noch nicht ganz aufgeblüht - gerade das liebe ich
so - halberblühte Rosen, und so kommst du mir auch immer vor.«
    »Ach, Fritz, dann kommst du doch etwas zu spät.«
    Er beugte sich noch etwas weiter vor:
    »Wirklich zu spät? Schau nicht immer zum Onkel hinüber, schau mich an,
Ellen, wir sind doch beide so jung, und ich habe auch noch nie geliebt. - Warum
hast du dich denn verlobt, willst du wirklich heiraten? Du hast mir doch
erzählt, dass er zehn Jahre älter ist als du. Dann kann er dich doch gar nicht
verstehen - du wirst nur unglücklich sein mit ihm, und was dann?« - Er sprach
fort und fort mit dem vergeblichen Bemühen, auch nur ein ernstaftes Wort aus
ihr herauszulocken. Ellen liess ihm ihre Hand, die er dann und wann an seine
Lippen zog.
    Dann wurde es spät, und man musste heimgehen. Die beiden versprachen dem
Fritz, morgen vormittag auf sein Atelier zu kommen, er wollte ihnen etwas
zeigen, was er gemalt hatte.
    Ellen erschien denn auch frühmorgens bei Zarek, um ihn abzuholen, aber er
lag noch im Bett und wollte nicht mit.
    »Musst du allein gehen, Kleines.«
    »Aber wenn er nun wieder von vorne anfängt, um Gottes willen.«
    »Ach, ist nicht so heiliger Ernst - hab' ich ihm gesagt, du liebst ihn
schon, und wartet er auf dich.«
    Der Fritz wohnte weit draussen beim Kirchhof. Als Ellen kam, fand sie ihn
mitten in einem fast leeren Zimmer vor der Staffelei, die Palette in der Hand,
in jedem Knopfloch seiner Maljacke und über jedem Ohr steckten Pinsel, und einen
hatte er quer im Mund. Auf dem Fensterbrett stand eine Schnapsflasche und zwei
Gläser.
    »Ja, da kommst du ja wirklich, Ellen - aber warum kommst du nicht lustig
hereingesprungen, - warum lachst du nicht - gibst mir keinen Kuss zum guten
Morgen?« dabei machte er ein frivoles Gesicht und befreite sich von seinen
Pinseln. Ellen wusste selber nicht, weshalb sie jetzt nicht wieder lachen konnte
und statt dessen ein plötzlicher Zorn in ihr aufstieg. Sie ging ans Fenster und
sah hinaus: da lag der Kirchhof mit seinen weissen Grabsteinen und kahlen Bäumen.
Regen und Wind fegten darüber hin, alles sah so trostlos melancholisch und
verlassen aus. Als der Fritz, immer noch mit einem leichtsinnigen Lächeln, auf
sie zutrat, sah er, dass sie weinte.
    »Aber Ellen, was hast du?«
    Sie wusste es selbst nicht, sie fühlte sich nur todunglücklich. Man sollte
nicht so mit ihr umgehen - ja, sie wäre schon leichtsinnig - aber was fiele dem
dummen Onkel ein, solche Geschichten zu machen. Konnte sie sich nicht verlieben,
in wen sie wollte? Aber deshalb brauchten sie sich nicht einzubilden, dass sie
nun jedem von ihnen gleich in die Arme sänke.
    Ratlos stand der Fritz neben ihr und wollte sie trösten, aber ihr fielen
immer mehr traurige Sachen ein, alle glaubten, dass man mit ihr nur lachen und
Tollheiten treiben könnte, aber sie brauchte auch Menschen, die gut gegen sie
wären; wussten sie denn überhaupt, was alles für Kämpfe und Schmerzen hinter ihr
lagen? Der Fritz ging ganz in Mitgefühl auf; dass Ellen auch traurig und
empfindsam sein konnte, war so überraschend für ihn, dass er alles andre vergass.
Er streichelte ihre Haare und legte den Arm um sie wie ein guter Bruder,
schliesslich weinten sie beide zusammen helle Tränen über alles, was es im Leben
Schweres und Trauriges gab, - bis zum späten Nachmittag blieben sie droben. Dann
gingen sie in die Stadt zum Essen - und bei Zarek zerbrach man sich den Kopf
darüber, warum die beiden sich den ganzen Tag nicht sehen liessen.
    Aber von nun an hatte Ellen am Fritz einen treuen Freund gefunden, auf den
sie sich verlassen konnte, und der nie mehr von Liebe sprach.
»Das taugt alles nichts«, sagte Walkoff - Ellen war bei ihm im Atelier und hatte
einen Haufen Zeichnungen mitgebracht -, »du zeichnest wie verrückt drauf los,
aber es liegt nichts darin - gar nichts. Deine Arbeiten sind ganz wie du selbst:
du taumelst herum, fällst auseinander - ein Stück hierhin, eins dortin.«
    Sie sah ihn an. Ja, wenn sie reden könnte, warum sie so war, so geworden -
alles, was sie drückte - aber davon wollte er nichts wissen - drängte alles in
sie zurück.
    »Hart sein, Ellen, nicht dies ewige Sichhingebenwollen. Nur in der Kunst, da
gib dich ganz hin, aber im Leben halt dich zusammen. Ich will dein Freund sein,
aber gerade deshalb mag ich dich nicht schwach sehen. Wenn ich dir helfen soll,
darfst du kein Mitleid von mir wollen. - Leg einmal deine Hand dort hin.«
    Er rückte die Lampe zurecht und fing an zu zeichnen: »Das soll nicht etwa
nur wie eine Hand aussehen - das ist kein Kunststück und jeder kann es lernen,
einfach etwas nachzumachen - aber fühlen muss man, wie es darin lebt und zuckt.
Sieh mal, wie es da weich in den Schatten hinübergeht - das herausbringen, die
Bewegung, das Leben. Wozu malst du überhaupt, wenn du nichts dabei fühlst? Eine
Zeichnung kann noch so schlecht sein, wenn nur eine Linie darin Empfindung hat.
Und arbeiten, Ellen, arbeiten! Den ganzen Tag davor hinsitzen ist noch kein
Arbeiten. Lieber gar nichts tun, wenn du nicht fühlst, dass alles in dir zittert.
Immer muss man daran denken und sich darauf einstimmen wie zu einer Andacht.«
    Erst tief in der Nacht kam Ellen nach Hause und wie in einer grossen inneren
Erschütterung. Auf den Knien hätte sie dem Himmel danken mögen, dass sie diesen
Menschen gefunden hatte, wenn er ihr auch noch so wehe tat. Erbarmungslos nahm
er das Messer und legte ihre innersten Wunden bloss, schnitt alles hinweg, was
darüber wucherte.
    »Und nun sieh selber zu, wie du es wieder heil bekommst. Wenn du keine Kraft
hast mitzugehen, so bleib nur am Wege liegen. Ich will nicht der sein, der dich
aufhebt und tröstet.« Und dann lächelte er wieder, als wollte er sagen: »Ich
weiss schon, was an dir ist, aber zeig es mir. Hart sein, stark sein, dann zeig
ich dir den Weg. Sonst ist es mir nicht der Mühe wert.«
    Fast alle Nachmittage war sie jetzt bei ihm, er liess sie mit nach seinem
Modell arbeiten und lehrte sie sehen. Bisher war sie nur wie im Finstern
umhergetappt, hatte sich mit verbohrtem, hartnäckigem Fleiss gequält, durch den
undurchdringlichen Nebel zu kommen, und es hatte nichts geholfen, bis er ihn mit
seinem Zauberstab zerteilte und sich plötzlich eine lichte Weite vor ihr auftat.
Sie sass zu seinen Füssen und liess sich lehren.
    Seit dem Abend bei Zarek war etwas Schwüles in ihr Beisammensein gekommen,
das vorher nicht gewesen. Wenn das Modell fortging, blieb Ellen noch, bis es
Zeit zum Abendakt war. Manchmal zog er sie dann auf seine Knie und sie küssten
sich, aber plötzlich beherrschte er sich wieder: »Geh' jetzt, Kind, du kommst zu
spät.«
    Aber die bange Stunde kam jeden Tag wieder, und endlich ein Abend, wo es
über ihnen zusammenschlug.
Ihre Zähne gruben sich tief in die Kissen hinein, um den wilden, seligen
Aufschrei zu ersticken - ihr war, als läge sie in einem tiefen Abgrund und
Sturmeswogen von ungeahnter Qual und ungeahnter Wonne brausten über sie hin, bis
sie das Bewusstsein von allem verlor - wie tot in seinen Armen lag, die sie eben
noch wie glühendes Eisen umklammert hatte. Henryk war tief erschrocken, es war
auch ihm alle Besinnung vergangen, als er den jungen Körper in seiner Gewalt
fühlte. Dann sahen sie sich lange an. Ihr war, als ob die ganze Welt leuchtete
wie ein Weihnachtsabend. - Früher, in den Träumen ihrer Jugend, hatte sie sich
feenhafte Umgebungen ersehnt: leuchtende Farben, schimmernde Gläser mit
glühendem Wein - Schleier, durch die rotes Licht und Geheimnisse funkelten,
wollüstige Musik in der Ferne. - Und jetzt lag sie mit weit offenen Augen da,
ihr schien, als ob sie noch nie so deutlich gesehen hätte - das verwahrloste
Atelier im dämmernden Abendschein - sein unschönes Gesicht mit dem wirren
schwarzen Haar - und doch fühlte sie das Leuchten und Schimmern, und das rote
Glühen war in ihr. Es hätte mehr nicht sein können - in keinem Märchentraum.
    Er konnte so gut sein, Henryk, er sorgte für sie, ging im Atelier herum und
brachte ihr Tee. Dann sass er neben ihr, und in seinen Augen war etwas, was sie
noch nie gesehen hatte.
    Als sie dann später gehen wollte, trennten sie sich mit einem ernsten langen
Kuss.
    »Ellen, und jetzt wollen wir beide arbeiten - schaffen - schaffen!«
Sie stand im Aktsaal vor ihrer Staffelei unter all den andern, sprach mit ihnen
in der Pause auf dem Korridor und war abends mit den Freunden im Café - wie alle
Tage, aber sie dachte nur, es müsste ihr jeder ansehen, wie es in ihr strahlte.
Sie ging im Traume, wie in einer ganz andern Wirklichkeit - jetzt war der
Schleier gerissen, der sie vom Leben und von sich selbst geschieden hatte, und
was dahinter sich auftat, war nicht Enttäuschung, nicht Reue um etwas Verlorenes
- es war, als wäre ihr ein grosses Wunder geschehen, das ihr tiefstes Leben
weckte. Und auch kein Rausch, der wieder in frostige Alltäglichkeit zerrann, ein
unendlicher Reichtum drängte sich in jeden Tag zusammen und verwandelte das
ganze Leben. Jetzt konnte sie mit ganzer Seele bei ihrer Arbeit sein und vergass
alle Entbehrungen. Ihre Kraft erneuerte sich in jeder Liebesstunde und in den
langen Gesprächen mit Henryk, im Verkehr mit all diesen Menschen, die nur ihrer
Kunst lebten.
    Und doch war sie in dieser Zeit nicht eigentlich verliebt in Henryk; vor
allem fühlte sie tiefe Bewunderung für ihn als Menschen und als Künstler, der
ihr Meister war. Das andere gehörte wie von selbst dazu, und sie dachte nicht
darüber nach, ob es Liebe war oder nicht, ebensowenig, wie man sich Gedanken
darüber macht, warum die Sonne scheint.
    Weihnachten sollte sie Reinhard wiedersehen, und nun kam ihr allmählich das
Bewusstsein zurück, dass es noch eine zweite Welt gab, die wieder an sie
herantrat. Das hatte sie alles vergessen, nur hier und da klang es wie eine
ferne leise Mahnung an ihr Ohr, und dann rang sie mit dem Entschluss, ihm die
Wahrheit zu sagen und sich von ihm zu lösen.
    Aber als er kam, sie sich nach der langen Trennung wiedersahen, wurde sie
wieder schwankend. Er war so strahlend froh, sie wieder zu haben, fühlte sich
ihrer so sicher - und Ellen empfand seine tiefe, grosse Liebe wie ein Stück ihres
Lebens, über das doch nicht so leicht hinwegzugehen war. Bei ihm überkam sie
immer ein Gefühl von Schutz und Heimat, er war der, an den sie sich anschmiegen
konnte, der alle weichen und sehnsüchtigen Saiten in ihr zum Klingen brachte.
Und im Grunde fürchtete sie sich auch etwas vor ihm, vor seinem Zorn, seiner
geraden, sicheren Klarheit, die solche Wege nie verstehen würde.
    Für die Festtage fuhren sie zu Verwandten von Reinhard, dann waren sie noch
zwei Tage zusammen in München. Ellen wohnte mit ihm im Hotel, sie hatte selbst
den Anstoss dazu gegeben, denn sie empfand es wie eine Art Ausgleich, wenn sie
jetzt auch ihm angehörte. Und diese Stunde, vor der sie gezittert hatte, kam und
ging vorüber - ihm kam keinen Augenblick der Gedanke, dass Ellen ihn hintergehen
könnte.
    Als er abgereist war, ging Ellen durch die Winterfrühe vom Bahnhof ihrer
Wohnung zu. Neujahrsmorgen - sie dachte an ferne Zeiten, wo sie diesen Tag mit
guten Vorsätzen und frommen Gelübden begann - das war immer etwas Frohes,
Klares, Anfangsfrisches gewesen, und jetzt alles so verworren in ihr. - Wie
fingen es wohl andre an, um glatt durchs Leben zu kommen, und warum wurde es
einem immer so schwer gemacht durch all dies Binden und Verpflichten. In ihrem
eignen Gefühl war nichts, was dem widersprach, mit beiden das Leben zu teilen,
weil jeder ihr etwas war, was der andre nicht sein konnte.
    Henryk war auch über Weihnachten fortgefahren und noch nicht zurück. So
lebte Ellen die nächste Zeit fast ausschliesslich in ihrer Arbeit, die war und
blieb doch das Erste und Grösste und das, worin sie Ruhe fand vor allem, was in
ihr stritt und wogte. Und darin wollte sie Reinhard keinen Schritt weichen. -
Wenn er ihr auch noch so viel Freiheit zugestand, ehe sie wirklich imstande war,
allein weiterzukommen, würde sie nicht von München fortgehen. Ellen hatte ihm
deshalb auch ängstlich verschwiegen, wie es mit ihren Mitteln stand. Schon seit
dem Herbst ass sie nur noch ein oder zweimal in der Woche in einer kleinen
Garküche zu Mittag, die andern Tage konnte man sich mit einem Stück Brot
behelfen. Sie legte sich dann, wenn alle fort waren, auf dem Modellpodium
schlafen, da merkte man es kaum, ob man etwas im Magen hatte oder nicht.
Zufällig kam Zarek einmal herunter und fragte, warum sie nicht zu Mittag
fortginge. Von da an teilten die beiden sich in eine Portion um vierzig
Pfennige, die vom Wirtshaus herübergeholt wurde.
    Von Woche zu Woche musste sie auf neue Ersparnisse sinnen, nahm sich ein ganz
kleines Zimmer, wo kaum das Bett Platz hatte, der kostspielige Morgenkaffee
wurde abgeschafft, denn beim Onkel gab es ja schliesslich immer Tee und Brot,
wenn sie in der Pause hinaufkam. Ellen war überzeugt, dass sie sich ganz gut auf
diese Art noch ein paar Jahre durchschlagen könnte; es waren ja manche unter
ihren Bekannten, denen es ebenso ging, und keiner klagte darüber; sie lachten
nur, wenn sie am Monatsende ihre leeren Taschen umkehrten und abends im Café
zusammenkamen, um bei einem Glas Bier stundenlang wenigstens Licht und Wärme zu
haben.
Wieder und wieder sprach Reinhard in seinen Briefen davon, dass er die Heirat
jetzt endgültig auf Anfang des Sommers festsetzen möchte, und jedesmal schrieb
Ellen zurück, sie könnte vorläufig noch nicht daran denken, sie brauchte noch
Zeit, um nur sich selbst zu leben. Wollte er das nicht, so müsse er sie
freigeben und ihren Weg gehen lassen. Er warf ihr den grenzenlosen Egoismus vor,
mit dem sie ihrer beider Glück gefährdete, und hielt dennoch fest, in der
sicheren Überzeugung, dass sich alles ganz wie von selbst ändern würde, wenn
Ellen erst bei ihm war.
    Aber in ihr hatte sich seit dem weihnachtlichen Beisammensein vieles
gewandelt - das unbedachte Hineinleben in all die brausende Lebensfreude, die
der erste Rausch und das erste Aufatmen in voller Freiheit mit sich gebracht
hatte, war zur unerbittlichen Leidenschaft geworden. Seit sie nach wochenlanger
Trennung zum erstenmal wieder in Henryks Armen lag, wusste sie, dass sie ihn
liebte und dass es kein Entrinnen mehr gab. Sie wusste jetzt auch, dass die Liebe
kein Sommerglück sein konnte, kein jubelndes Aufgehen in dem andern, - nichts
von alledem, was sie früher darin finden wollte, - nein, die Liebe war eine
blinde, wütende Sturmflut, die alle Dämme niederbrach, und da gab es kein Fragen
mehr, kein Überlegen, was mit fortgerissen und was gerettet werden konnte. Es
kam ihr nicht in den Sinn, Henryk für sich besitzen zu wollen, sein Leben mit
ihm zu teilen; er war kein Mann, mit dem man an »Glück« hätte denken können. Das
sah sie alles und wusste es wohl, aber ihre Liebe dachte nicht an Fragen und
Verlangen. - dabei lernte sie immer tiefer in ihn hineinsehen, fühlte all das
zerrissene Schwanken, das auch in ihm war. Er konnte andern geben, was er selbst
nicht hatte, wonach er in ewiger Unruhe rang und jagte.
    Oft fuhr er mitten in der Nacht auf: »Jetzt muss ich arbeiten!« Dann stand
sie ihm Modell, stundenlang -, er arbeitete wie ein Wahnsinniger und sprach von
seinen Werken, die er schaffen wollte - mit immer glühenderer Phantasie. - Es
war etwas Sinnloses, Ausschweifendes in seiner Art zu malen. Wenn er über die
Skizze hinaus wollte, fing er an: »Diesmal soll es etwas werden, ich lasse nicht
nach, bis es wird.« Dann wollte er malen, wie noch kein Mensch gemalt hatte, in
unerhörten Farben, - und es gelang nicht, gelang nie -, immer wieder begann er
von neuem.
    Wurde er schliesslich müde, so gingen sie zusammen ins Café. Dort war im
Nebenzimmer ein Klavier, und da spielte er endlos -, manchmal wild und
leidenschaftlich, dann wieder ganz leise, traurige Melodien. Ellen sass auf dem
harten Ledersofa, in eine Ecke gedrückt, die Töne klangen in ihrer Seele nach,
und sie sah ihn an, - er wurde fast schön, wenn er spielte. Sie lebte alles mit
ihm durch, zitterte um jedes Bild und war stillglücklich, dass er das mit ihr
teilte, sie in seinem Höchsten mitleben liess.
    Inzwischen kam sie viel mit den anderen Freunden zusammen, es gab Stunden,
wo sie all der stürmischen Gefühle müde wurde und nur einmal lachen wollte. War
sie nicht bei Henryk, so traf sie den Zarekkreis in seinem Stammlokal. Es gab
kaum eine Nacht, wo man vor drei Uhr heimkam, und wollte Ellen einmal zu Hause
bleiben, um auszuschlafen, so erschien gewiss die ganze Bande noch um Mitternacht
unter ihrem Fenster, oder sie schickten den Pikkolo vom Café, dem sie ihren
Signalpfiff beigebracht hatten. Und sobald Ellen den hörte, war es aus mit ihren
guten Vorsätzen, sie fuhr rasch in die Kleider und war in ein paar Sätzen die
Treppen hinunter.
    In ganz München tobte jetzt der Karneval, und sie brannten alle darauf,
etwas zu unternehmen. Aber keiner von ihnen hatte Geld, - Künstlerfeste und
Redouten waren unerschwinglich, so gingen sie nur eines Nachts ins Café
Luitpold. Ellen hatte sich ein Clownkostüm geliehen, die Russin war auch
maskiert, die übrigen alle in ihren gewöhnlichen Kleidern. Für Ellen war es
alles ganz neu, und sie stürzte sich Hals über Kopf hinein. Henryk war nicht
mit, sie vergass ihn, vergass alles, trieb hierhin und dortin und war völlig
willenlos vor Freude. Ein paarmal fing Zarek sie wieder ein und brachte sie an
den Tisch zurück. Aber da war es heute langweilig, Max und der Onkel gerieten
immer wieder in erboste Kunstgespräche und betrachteten das ganze Treiben nur
vom malerischen Standpunkt aus, das eine Paar sass weltvergessen in einer
Sofaecke, das andere zankte sich - der Fritz wich nicht von Ellens Seite und
suchte sie vor allen Anfechtungen zu behüten, wenn andere Masken herankamen.
    »Seid ihr alle oberflächlich«, klang plötzlich Zareks rauhe Bassstimme.
»Karneval ist abscheulich, gehen wir heim zu mir und machen Tee. Will ich euch
Hamlet lesen.« Die andern schwankten nach, und Ellen erklärte, dass sie dann
alleine dableiben wollte, - als eine Horde weisser Pierrots auf sie eindrang und
sie mit fortziehen wollte. Zarek und Fritz hielten sie jeder von einer Seite
fest, da sah der eine von den Weissen sie aufmerksam an.
    »Ah, du bist's - ich hab' doch gleich gesagt, dass ein Mädel drin steckt.«
    Ellen wurde neugierig. »Lass mich, Onkel, der gefällt mir.«
    »Was hast du denn da für einen Onkel?«
    »Gefällst du mir gar nicht«, sagte der. »Lass ihr - muss ich hüten bezechtes
Kind.«
    »Nein, ich will mit, weg da, Fritz!«
    »Auch noch ein Fritz, mein Gott, bist du aber gut behütet.«
    Ellen war schon auf den Tisch gestiegen und flog in seine Arme.
    Gegenüber hatte sich ein Trupp Italiener niedergelassen mit Gitarren und
Mandolinen, es war ein ohrenbetäubender Lärm. Ellen tanzte mit ihrem Pierrot um
die Tische und dann oben auf dem Billard zwischen den Kaffeetassen, bis der Wirt
kam und sie vertrieb. Dann brachte er sie an seinen Tisch: »Seht mal, was ich da
gefangen hab' - ist das nun ein Bub oder ein Mädel?«
    Die drüben brachen auf und winkten ihr.
    »Bleib du nur bei uns«, sagte einer, »der Johnny lässt dich doch nicht wieder
her.«
    »Ja, Johnny, ich bleib bei dir, die andern wollen heimgehen und Hamlet
lesen.«
    Er schüttelte sich vor Lachen. Dann kam Zarek mit ernstem,
verantwortungsvollem Gesicht und wollte sie mitnehmen. Aber Ellen lag in Johnnys
Armen, er hielt ihr das Sektglas an die Lippen und liess sie trinken:
    »Bezechtes Kind bleibt bei uns, geh' du nur deinen Hamlet lesen.«
    Ellen blieb und trank Sekt und Freude bis in den Morgen hinein mit vollen
Zügen. Allmählich wurden die Räume des Cafés immer leerer, die Kellnerinnen
standen gähnend herum zwischen umgestürzten Stühlen und verwüsteten Tischen,
hier und da sassen noch vereinzelte Paare und umarmten sich immer bewusstloser.
Johnny schlug vor, man sollte mit ihm auf sein Atelier gehen und dort Kaffee
trinken, aber unterwegs fiel einer nach dem andern ab, sie waren alle müde und
hatten genug. Ellen fiel jetzt erst ein, dass Zarek ihre Schlüssel eingesteckt
hatte und sie nicht in das Haus hineinkonnte. So gingen sie langsam durch den
weichen Schnee, der über Nacht gefallen war, die Strasse hinauf, wo die Laternen
noch müde in der Dämmerung flackerten, und sassen dann in Johnnys Atelier mit den
vielen gemütlichen Ecken vor einem kleinen Tisch, auf dem die gelbumschleierte
Lampe brannte und die kupferne Kaffeemaschine summte. Johnny zog sich im
Nebenzimmer um und wickelte dann Ellen in einen schweren Seidenmantel - es war
eine Atmosphäre von Behaglichkeit, die sie lange nicht mehr gewöhnt war, und sie
dehnte sich vor Wohlgefühl.
    Nun musste sie ihm erzählen, wie sie lebte, manchmal lachte er, dann wieder
schüttelte er den Kopf: »Ich habe das ja alles selbst durchgemacht, aber glauben
Sie mir, die Boheme kriegt jeder einmal satt und Ihre Gesellschaft da gefällt
mir nur halb. - Aber das allerverrückteste finde ich doch, dass Sie heiraten
sollen.«
    
    Es war jetzt heller Tag, und sie berieten, wie Ellen in ihrem Clownkostüm
nach Hause kommen sollte - er brachte alle möglichen Dinge herbei, steckte sie
zuletzt in einen Regenmantel von sich, schnürte ihr ein Paar unförmliche
Bergstiefel an die Füsse und drückte ihr einen Schlapphut ins Gesicht. Dann stand
er da und wollte sich totlachen. So wateten sie wieder durch den Schnee zu einer
nahen Badeanstalt, nahmen Zelle an Zelle ein Brausebad unter vielem Lachen - es
war alles so lustig und morgenfrisch und dabei wie ein leichtes Spiel, das sich
immer an der Grenze bewegte.
    »Ich habe wirklich allen Respekt vor mir«, sagte Johnny, als er sie im
Fiaker nach ihrer Wohnung brachte, »nicht einmal um einen Kuss habe ich Sie
gebeten, seit wir uns wieder in normale Menschen verwandelt haben - warum sind
Sie auch verlobt? - Aber hübsch war es doch.«
Das kleine Abenteuer mit Johnny, das ja eigentlich gar kein Abenteuer war, ging
Ellen noch ein paar Tage nach wie ein wohliger Traum, bei dem sie immer wieder
lächeln musste. Sie hätte ihn gerne einmal wiedergesehen, aber die andern hatten
natürlich davon erfahren, Zarek war beleidigt und auch Henryk etwas verstimmt.
So gab sie es auf, und ihre Gedanken waren auch bald wieder ganz in Henryk
gefangen, so dass ihr alles andere unwesentlich vorkam.
    Der Frühling kam mit schweren Stürmen, und sie wussten nichts mehr wie diese
verzweifelte Leidenschaft, die mit jedem Tag wuchs.
    In einer Märznacht waren Walkoff und Ellen bis spät mit den Freunden
zusammengewesen; als alles sich trennte, gingen sie in heisser Stimmung zu ihm
hinauf. - Dann fasste ihn wieder die Arbeitswut. »Oder bist du zu müde, Ellen?«
Nein, sie war nie müde.
    Sie stand vor ihm am Tisch, und er arbeitete, da wurde sie auf einmal blass
und fing an zu schwanken. Er konnte sie gerade aufs Bett legen, ehe sie
ohnmächtig wurde.
    Bald nach diesem Abend stiegen bange Ahnungen in ihr auf, sie wollte sich
selbst die tödliche Angst nicht eingestehen, die immer banger und beklemmender
auf sie herabsank, suchte sie von Tag zu Tag zurückzudrängen und sagte sich
immer wieder: Es kann ja nicht sein, ist zu furchtbar, als dass es sein könnte.
Ihr schien, als sähe sie ein Beil herabfahren, das ihr den Schädel spalten
wollte, und sie hätte sich verkriechen mögen, um nur nicht daran zu denken. So
vergingen Wochen, und endlich wusste sie, dass es wohl nicht anders sein konnte.
    Und die Gewissheit, der nicht mehr auszuweichen war, verwandelte ihre
Empfindungen. Es war das Schicksal selbst, das dunkel und übermächtig sich vor
ihr aufrichtete, und sie beugte sich vor seinem brennenden Blick. Beinahe wie
Freude kam es jetzt über sie: sie wollte es ja gerne tragen - ein Kind von ihm -
ein Kind ihrer Leidenschaft. Neben all den seltsamen, beängstigenden Gefühlen,
die ihrem Körper alle Spannkraft nahmen, erfüllte es sie mit wehmütig ahnender
Wonne - ein Kind, ein Wesen, das ganz ihr eigen sein sollte - ihr, der
Heimatlosen, die keine Stätte hatte auf der weiten Welt und keinen Menschen, der
ihr die Arme auftat.
    Als sie es Henryk sagte, konnte sie vor Bewegung kaum sprechen. Sie sass auf
dem Bett und sah ihn an, - aber er schien nur erschrocken, ging rasch auf und ab
in dem schmalen Raum und blieb schliesslich vor ihr stehen:
    »Das ist schlimm genug - was soll daraus werden?« »Vor allem will ich jetzt
an Reinhard schreiben, dass alles zwischen uns aus sein muss - das wollte ich ja
schon lange.«
    »Und dann?«
    »Das weiss ich noch nicht - irgendwie wird es sich schon finden.« Ellen
lächelte. »Du brauchst keine Angst zu haben, Henryk, dass du mich heiraten musst.
- Du weisst doch, dass ich sowieso hier bleiben wollte, und ich werde mich schon
durchschlagen. Wir haben ja alle nichts und leben doch.«
    Henryk setzte sich neben sie, war gut und zärtlich: »Lass uns nur noch
abwarten, Kind, vielleicht findet sich ein Ausweg, und es ist ja noch nicht so
sicher. Geh' an die Arbeit und versuche, nicht immer daran zu denken.«
    In dieser Zeit kamen wieder lange Briefe von Reinhard, er drängte zur
Entscheidung, sie sollte jetzt von München fortgehen, es nicht mehr
hinausschieben, denn wenn sie vor dem Sommer heirateten, war noch vieles zu
ordnen. »Was ist mit dir, warum schreibst du nicht? Ich begreife nicht, dass du
selbst jetzt nichts anderes im Kopf hast wie deine Malerei - auf alles, was ich
schreibe, nicht eingehst.«
    Ellen hatte ein langes Schreiben an ihn angefangen, schrieb Bogen auf Bogen,
immer wieder konnte sie die Worte nicht finden und begann am nächsten Tag von
neuem.
    Nachts konnte sie nicht schlafen, wenn sie auch todmüde war. Ihre Gedanken
gingen irre durcheinander. - Henryk mit seinem: Was soll daraus werden? - Die
Frage drängte sich auch ihr immer unentrinnbarer auf. - Von ihm fordern, dass er
für sie und ihr Kind sorgen sollte, sein Künstlertum unterbinden, lähmen? -
Nein, er musste freibleiben, sie wollte sich nicht wie ein Bleigewicht an ihn
hängen. Aber was dann? - Dann stand sie vor dem nackten Elend, vor dem Hunger -
sie und ihr Kind.
    Ihr Geld war jetzt völlig zu Ende, hie und da lieh sie sich etwas von den
Bekannten, ass mit Zarek zu Mittag, weiter brauchte sie nichts. Noch vor kurzem
hatte es ihr ganz einfach geschienen, jahrelang so weiterzuleben, wenn sie sich
von Reinhard trennte. Aber jetzt, wo ihre Kräfte immer mehr versagten, wo sie
tagelang mit Ohnmachten und einem entnervenden Schwindelgefühl kämpfte und das
kleine Leben in ihr sich immer beängstigender regte - und niemand, der ihr zu
Hilfe kam.
    Sterben - immer wieder kamen ihre Gedanken darauf zurück - jedes Gefühl in
ihr wehrte sich dagegen, aber was blieb ihr sonst? Es muss sein - das sagte sie
sich immer wieder vor wie eine Lektion, die nicht in den Kopf hinein will. - Den
Brief an Reinhard wollte sie zurücklassen - er war jetzt endlich fertig geworden
- und dann von Henryk Abschied nehmen, ohne dass er etwas davon wusste.
    Aber er kannte sie zu gut, er wusste immer, was sie dachte, und ihre Angst
verriet sich, ohne dass sie es wollte.
    »Was hast du vor, Ellen? - Du hast doch nicht schon an ihn geschrieben?«
    »Schon?« sagte sie. »Mir scheint, es ist höchste Zeit. Der Brief liegt da
und braucht nur noch abgeschickt zu werden.«
    »Was hast du vor, Ellen?«
    »Ich weiss selbst nicht - lass mich gehen, ich komme morgen wieder.«
    Henryk liess sie nicht gehen, er schloss die Tür zu.
    »Ich weiss, was du willst - ich kann es mir denken - aber ich will es nicht.«
    Sie konnte sich nicht länger beherrschen und schrie auf: »Lass mich, Henryk!
- Es hat ja keinen Sinn, es noch länger hinauszuschieben. - Was soll ich denn
tun?!« »Komm, Kind, sei vernünftig - du hast ja doch nicht den Mut dazu.«
    Nein, den hatte sie im Grunde nicht, das Grauen vor dem Tod schüttelte sie,
wenn sie klar darüber nachdachte. Aber er sollte sie nur in ihrer Verwirrung
lassen, dann würde es schon gehen - irgendwo hinaus ans Wasser und dann
besinnungslos hinein, dann war ja alles gut. So setzte sie sich wieder auf das
Bett, die Hände vorm Gesicht und wollte nicht antworten, nicht sehen, nichts
mehr hören, nur ganz in sich hineinsinken, sich kalt und gleichgültig machen zu
dem, was unabänderlich vor ihr stand.
    »Du hast mir gesagt, dass der Brief noch nicht fort ist - du darfst ihn
überhaupt nicht abschicken, Ellen.«
    »Es geht nicht länger - er wartet immer noch darauf, dass ich komme.«
    »Du musst ihn heiraten, Ellen, es bleibt nichts anderes übrig.«
    Es ging ihr eisig durchs Herz - ein Schrecken, der furchtbarer war, wie
alles andere. Einen Augenblick war ihr zumut, als ob die ganze Welt um sie her
zusammenbräche und in einem wirren Haufen zu ihren Füssen niederrollte. Sie sagte
kein Wort, während Henryk immer weitersprach: »Er liebt dich, und ist es nicht
besser, wenn einer glücklich wird, als dass wir alle drei zugrundegehen? - Wenn
du dir etwas antust, ist mein Leben mitzerstört und seines auch. Oder glaubst
du, ich könnte weiterleben mit dem Gedanken, dich in den Tod gejagt zu haben?
Ellen, und ich kann dich nicht bei mir behalten mit einem Kind, du weisst es
selbst - was sollte aus uns allen werden dabei?«
    Nach langer Zeit nahm Ellen die Hände vom Gesicht und sah ihn an. Sie fühlte
nur wieder, wie sie ihn liebte, dass ihre Liebe bis an die Grenzen des Wahnsinns
ging. Mochte er von ihr verlangen, was er wollte, ihr den Kopf abschlagen, den
Lebensnerv durchschneiden - sie hätte ja gesagt und stillgehalten.
    »Ja, Henryk, ich will tun, was du willst - mach jetzt die Tür auf.«
    Er fasste sie bei den Schultern und sah sie an: »Versprich mir, dass du dir
nichts antust.«
    »Ja, ich verspreche es dir, aber lass mich gehen.«
    Als Ellen nach Hause kam, zerriss sie den Brief an Reinhard und schrieb einen
neuen: »Ich komme, sowie alles in Ordnung ist, und bin mit allem einverstanden.«
    
    - Dann sass sie noch lange am Tisch mit geschlossenen Augen: wenn es möglich
war, dass Henryk ihr das vorschlug, dann musste sie es wohl auch tun können und
brauchte nicht zu sterben. Sie fühlte keinen Groll gegen ihn - jede Empfindung
in ihr war wie gelähmt.
    Gegen Abend brachte sie den Brief auf die Post und ging zu Zarek hinauf. Der
Fritz war auch da; die beiden sahen, dass Ellen sich kaum mehr auf den Füssen
halten konnte und legten sie auf die Matratze, die als Sofa diente. Zarek sass am
Kopfende neben ihr und der Fritz zu ihren Füssen. Später kam noch die Dalwendt
mit einer Flasche Wein unter dem Mantel; sie war zuerst in Ellens Wohnung
gewesen und hatte sie dort nicht gefunden.
    »Sagen Sie, Fräulein, was ist mit dem Kind?« sagte Zarek, während er die
Gläser füllte. »Geht sie herum wie Geist, lacht nicht mehr und fällt um jeden
Augenblick.«
    Der Fritz streichelte ihre Füsse und beugte sich etwas vor: »Ja, du bist ganz
verändert - wir haben schon oft davon gesprochen die letzte Zeit. Du musst krank
sein, Ellen, und ich glaube, es wird dir auch arg schwer fortzugehen?«
    Zarek hatte sich wieder auf seinen Platz gesetzt:
    »Darfst du ihr nicht mehr streicheln, Fritzl, ist sie bald verheiratete Frau
mit Baby auf dem Arm und Kochlöffel in der Hand. - Fräulein, sagen Sie ihr, ist
Blödsinn heiraten für solche Ellen. - Kommt sie nie wieder und vergisst uns
alle.«
    Ellen begegnete dem Blick ihrer Freundin - sie war die einzige, die von
ihrem Verhältnis zu Henryk wusste, und die wohl jetzt auch den ganzen
Zusammenhang ahnte. Sie hatte ein seltenes Vermögen, mitzuwissen und
mitzufühlen, auch das, was man ihr nicht mit Worten sagte, weil Worte zu wehe
taten.
    »Ich glaube doch, dass Ellen wiederkommt«, meinte sie in ihrer langsamsten
Weise, »und warum soll sie nicht heiraten, wenn ihr Mann sie weitermalen lässt.«
    Zarek hob feierlich sein Glas: »Prost, Fräulein, stossen wieder an auf Kunst.
- Braucht man nicht treu sein Männern, wenn man nur treu bleibt in Kunst. Seid
ihr tapfre Weiber und gute Kameraden. - Mach nicht so traurige Augen, Ellen -
sehen wir uns alle wieder.«
    Nein, sie war nicht traurig, - ihr war nur, als ob nichts wieder ein Gefühl
in ihr zu lösen vermöchte. - Da sassen sie, die Freunde, die Kameraden, mit denen
sie das Leben so froh geteilt hatte, und sie begriff es selber kaum, dass sie es
über sich gewann, ihnen nicht ihr ganzes Elend ins Gesicht zu schreien. Aber was
bedeutete es jetzt noch, dass sie auch die alle verlieren sollte - mochten die
Räder über sie hingehen und alles zermalmen, dass nichts mehr übrig blieb. Ihr
Schmerz war keiner, den man ausrasen oder ausweinen konnte, mit eiserner Wucht
lag es auf ihr, drängte sich mit tausend glühenden Fangarmen in ihre Seele
hinein und presste sie zu einem fühllosen Etwas zusammen. - Das einzige, was noch
in ihr lebte, war der Gedanke an das Kind - ihr Kind und Henryks - das musste
geborgen werden - dafür geschah ja das alles. Ihr war wie einem Menschen, der
sein Haus brennen sieht und hineinstürzt, um ein Kleinod zu retten, an das er
bis dahin kaum gedacht hat. Aber jetzt in diesem Augenblick weiss er nichts mehr,
als dass dies Eine geborgen werden muss, - alles übrige mögen die Flammen
verschlingen, mag einstürzen, ihn selbst mitbegraben, darauf kommt es nicht mehr
an. - Ellen wollte jetzt so rasch wie möglich fort von München, - aber jeden
Tag, der ihr noch blieb, trank sie in sich ein wie einen Becher mit schwerem
Wein - die letzte Wollust und die letzte unergründliche Qual ihrer Liebe - das
dunkle Weh ihrer Mutterschaft von diesem Mann, den sie liebte. Das wenigstens
durfte sie mit sich nehmen, wenn sie alles andere hinter sich zurückliess.
    Am letzten Tage war Henryk bei ihr - Ellen ging im Zimmer herum und ordnete
ihre Sachen - er folgte ihr mit den Augen, bis sie kam und sich neben ihn
setzte.
    Nun ging eine plötzliche Erschütterung durch ihn und er umschlang sie fast
gewaltsam.
    »Wirst du mich auch nicht hassen, wenn du fort bist?«
    »Nein, nein«, sagte Ellen und lächelte mit einem starren Blick, der weit in
die Ferne ging. Henryk legte den Kopf an ihre Schulter und weinte. - Die ganze
Unseligkeit ihres Opfers kam über sie, sie fürchtete jetzt, noch ihre Kraft zu
verlieren.
    »Ellen - Kind - ich glaube, du tust das Ganze nur für mich, und ich wollte,
du solltest es für dich selber tun.«
    Sie hatte nicht gewollt, dass er das fühlen sollte, es war, als ob sie ihn
dadurch beschämen, zu ihrem Schuldner machen würde - das war unerträglich, wo
man so liebte.
    »Ellen, du wirst mich doch einmal hassen.«
    »Nein«, sagte sie noch einmal, »du hast mir zu viel gegeben, Henryk - das
vergesse ich nie. Von dir hab' ich erst die Seele bekommen, vorher hatte ich
keine. - Das andere ist Unglück, Schicksal - dagegen kann man nichts machen. Du
hast mir doch oft gesagt, dass es auf das Leben nicht ankommt, ich meine darauf,
wie man äusserlich lebt - wenn man nur die Kunst hat und darin - das hätte ich
ohne dich vielleicht nie so gefunden. Das bleibt mir ja - ich werde niemals
loslassen.«
    »Und das Kind?«
    »Nein, Henryk, ich habe nur Dank für dich - glaub' es mir.«
    »Ja, wenn wir hätten beisammen bleiben können. - Denn das will ich dir jetzt
noch einmal sagen, Ellen, ein Weib wie dich werde ich nie wiederfinden, nie. Und
du wirst etwas leisten in der Kunst, wenn du treu bleibst. Willst du dann auch
noch etwas an mich denken und an alles, was wir zusammen gelebt und gesprochen
haben?«
    Das letzte, was Ellen von München sah, war Henryk, der auf dem Perron stand,
unter der dunklen Riesenhalle, im Frühlingsabend, und zu ihr hinaufsah. - Selbst
in dieser Stunde fühlte sie keine Verzweiflung, kein zerreissendes Entsagen, ihr
war nur, als ob sie einen Sarg mit sich führte, in dem ihre Jugend, all ihr
Glücksverlangen und ihre Liebe lag, während sie dahinfuhr, einer fremden,
gleichgültigen Zukunft entgegen - fremd und gleichgültig, weil ja doch alles
gestorben war - eine lange, stumme Totenwache, während der Zug rollte und
rollte.
Ein paar Wochen später war Ellen Reinhards Frau - und ihr Zusammenleben
gestaltete sich vom ersten Tage ganz anders, wie er gedacht hatte.
    Er war auf einen langen, schwierigen Kampf gefasst, auf ihren stets bereiten
Widerspruch gegen tausend Dinge, die ihr jetziges Leben und seine Stellung
verlangten. Aber nur einmal, als die Rede davon war, sie wieder mit ihrer
Familie zu versöhnen, sträubte Ellen sich so wild gegen jede Annäherung, dass er
schliesslich nachgab. Sonst liess sie alles fast willenlos über sich ergehen,
selbst über die kirchliche Trauung verlor sie kein Wort, während sie früher bei
dem blossen Gedanken in Empörung geriet. Überhaupt fand er sie seltsam verändert
- nichts mehr von ihrem alten Übermut und dafür etwas Stilles, in sich Gekehrtes
und eine Weichheit, die er früher nicht an ihr gekannt hatte. Mit Staunen sah
er, dass Ellen sich ihrer Häuslichkeit annahm und das äussere Leben sich ohne
Schwierigkeiten abwickelte. Was mochte es sie gekostet haben, sich von ihrem
sorglosen, ungebundenen Leben in München loszureissen, und dem wollte er Rechnung
tragen, es ihr so leicht machen, wie nur möglich. Es entsprach ihrer beider
Wunsch, still und zurückgezogen zu leben, sich den Tag so einzurichten, dass
jeder seiner Arbeit ungestört nachgehen konnte. Und Reinhard sah auch, wie der
Gedanke an ihre Malerei sie mit einem fast verzweifelten Ernst erfüllte - bei
ihm sollte sie nicht gehindert und eingeengt sein, er wollte alles in ihr
pflegen, in Ruhe und Liebe. Denn die hatten ihr bisher immer gefehlt, und er
fühlte wohl, dass ihre Seele Wunden trug. Nur kam ihm nie der Verdacht, dass ein
anderer Mann ihr die geschlagen haben mochte.
    Und für Ellen war es fast überwältigend, all diese umsorgende Liebe zu
fühlen, die nur darauf bedacht war, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es
wünschte und brauchte. Zuerst, nach ihrer Rückkehr aus München, war sie bei
Reinhards Familie gewesen, wo sie vor jedem Blick zitterte und gewaltsam ihre
körperliche Schwäche niederzwingen musste, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu
lenken. Es schien ihr fast undenkbar, dass niemand ihr Geheimnis erraten sollte.
- Und dann der Hochzeitstag, die Junisonne lachte, und sie sah in lauter
strahlende Gesichter, hörte lauter frohe Worte und Stimmen und sollte selbst
lächeln und viele heitre Worte sagen, während die beklemmende Angst in ihr immer
höher stieg. Nur eine kurze Stunde vor der Trauung war sie allein in ihrem
Zimmer, da warf sie sich aufs Bett und weinte zum erstenmal in all den Wochen
bange und verzweifelt - dann kam Reinhard, um sie zu holen, und abends langten
sie in ihrem neuen Heim an.
    Und jetzt, wo sie mit ihrem Mann zusammenlebte, wuchs die Gefahr mit jedem
Tag unentrinnbarer empor. Immer klarer kam es ihr zum Bewusstsein, wie wahnsinnig
und unüberlegt sie gehandelt hatte, es konnte nicht lange mehr dauern, dann war
es nicht mehr zu verbergen. Und wie sollte sie ihn dann täuschen? Sie hing wie
ein Schiffbrüchiger mitten im Meer an einem Balken, der jeden Moment
hinweggespült werden kann - mit der unsinnigen, unmöglichen Hoffnung, dass noch
irgend etwas kommen möchte, sie zu retten. - Dazwischen glaubte sie wieder
Henryks Stimme zu hören: Hart sein, Ellen, stark sein - und sie fühlte sich fast
übermenschlich stark in diesem einsamen Kampf.
    Reinhard begann allmählich sich um ihre Gesundheit zu sorgen - Ellen hatte
gleich wieder angefangen zu arbeiten, aber wenn er nachmittags aus seinem Büro
kam, fand er sie meist auf dem Sofa, oder sie sass in dem leeren Zimmer, das ihr
als Atelier diente, mitten unter ihren Malsachen und Skizzen und starrte vor
sich hin.
Es waren jetzt sechs Wochen vergangen, seit Ellen aus München kam.
    Sie sassen sich abends gegenüber an Reinhards grossem Schreibtisch.
    »Willst du mir etwas helfen?« fragte er. »Ich habe heute schon so viel
geschrieben.«
    Er litt manchmal an Augenschmerzen und liebte es, dann zur Abwechslung zu
diktieren. So setzte Ellen sich an seinen Platz und begann zu schreiben.
    »Bist du müde?« fragte er ein paarmal. Ellen schüttelte den Kopf. Sie fühlte
seit ein paar Tagen Schmerzen, die jetzt gegen Abend immer heftiger wurden. Eine
Viertelstunde nach der anderen ging vorüber und sie biss heimlich die Zähne
zusammen, während eine ratlose Angst durch ihre Gedanken wirbelte. Inzwischen
schob sie die Lampe so, dass ihr Gesicht im Schatten war.
    Als die Arbeit zu Ende war, stand Reinhard auf: »Danke, Ellen, hast du dich
auch nicht zu sehr angestrengt?« Er sah, dass sie sehr blass war. »Geh nur gleich
schlafen.«
    Ellen hatte ihr eigenes Zimmer neben dem Atelier.
    Was sie während dieser langen Nachtstunden durchlebte, erfüllte sie mit
solchem Entsetzen, dass sie glaubte, ihre Haare müssten weiss werden oder eine
sichtbare Spur in ihren Zügen zurückbleiben. Stundenlang lag sie alleine da in
der Nachtstille unter unerträglichen Qualen, die nicht laut werden durften, und
liessen die Schmerzen nach, so kamen all die Gedanken, die sie fast noch mehr
folterten. - Ihr Kind - Henryks Kind, nun war alles umsonst gewesen; wie sollte
sie jetzt noch weiterleben? - Es hatte eine Zeit gegeben, wo sie selbst
gewünscht hatte, es möchte so kommen. Aber seit sie von Henryk Abschied nahm,
war all ihr Sehnen zu diesem ungeborenen kleinen Wesen hinübergeglitten, das in
ihr schlummerte. Der Gedanke an ihr Kind war der einzige leuchtende
Hoffnungsschimmer gewesen, der ihr blieb, um den sie alles auf sich genommen
hatte. Und nun war auch der verloschen.
    Endlich verrann die Nacht, dann lag sie da in der Morgendämmerung, ihre
Augen hingen an der Wanduhr gegenüber, deren Zeiger langsam vorrückten. Ihr
schien, als ob sie von Minute zu Minute schwächer würde und ihr Leben in
langsamen Wellen zu entfluten drohte.
    Gegen neun Uhr klopfte Reinhard leise an: »Schläfst du noch, Ellen?« Sie
antwortete nicht, er blieb noch einen Augenblick stehen, sie hörte ihn ein paar
Worte mit der Aufwärterin sprechen, die jeden Morgen kam, dann ging er und zog
die Haustür vorsichtig hinter sich zu.
    Als er nachmittags zurückkam, war Ellen wieder auf - sie hatte ihren
gewohnten Spaziergang gemacht und fühlte sich ganz wohl. So schleppte sie sich
noch ein paar Tage hin, dann warf es sie plötzlich nieder. Sie nahm ihre letzten
Kräfte zusammen und schickte erst zum Arzt, wie ihr Mann aus dem Hause war.
    Als sie wusste, dass der Arzt schweigen würde, kam zum erstenmal eine tiefe
dumpfe Ruhe über sie. Lange Tage lag sie nun schwerkrank in dem halbdunklen
Zimmer, Reinhard sass neben ihr, sorgte für sie in seiner fast mütterlichen
Liebe, und Ellen fühlte nun das Unbegreifliche, dass sie gerettet war.
    Etwas über ein Jahr war verflossen, als Ellen wieder nach München fuhr.
    Sie sass im Zug und dachte an jene lange Fahrt damals, die Totenwache über
den Trümmern ihres ersten heissen Jugendlebens. Und wie dann alles gekommen war,
sich von neuem aufgebaut hatte, anders freilich, wie ihre jungen Träume es
gewollt hatten. Mit tiefem Heimweh gingen ihre Gedanken zu Reinhard hin - wie er
jetzt so allein war, sie so ruhig hatte gehen lassen, ohne zu ahnen, was alles
wieder in ihr aufwachen musste, und mit wie schwerem inneren Bangen sie sich von
ihm getrennt hatte.
    Als sie dann den ersten Morgen im Hotel aufwachte und durch die
wohlbekannten Strassen ging, kam wieder das alte jubelnde Lebensgefühl über sie,
als ob sie eine andere Luft atmete, in der so viel Leichtes, Frohes, Junges lag,
und die manche vergangene Schmerzen wegblies.
    Ihr erster Gang war zu Zarek, er sass wie einst auf seinem Bett und stritt
mit dem Maxl, - es sah aus, als hätten sie sich in all der Zeit nicht vom Platz
gerührt. Beide waren sprachlos erstaunt, als sie Ellen hereinkommen sahen. Dann
fasste Zarek sie um und tanzte mit ihr durchs Atelier: »Sapristi - ist kleines
Ellen wieder da!«
    »Habt ihr mich denn wirklich nicht vergessen?« sagte sie ganz gerührt. Nun
drehte er sie um und sah sie von allen Seiten an.
    »Bist du noch ganz wie früher, aber hast du dir wieder lange Haare wachsen
lassen - doch ein bissel Frau geworden.«
    »Kinder, Kinder«, sagte Ellen überwältigt, »wie schön, euch wiederzuhaben!«
    »Hast du viel gemalt?« fragte der Maxl.
    »Oh, es geht, ich war meist nicht recht gesund, aber das kommt alles noch.«
    »Wie viele Babys hast du denn schon?«
    Einen Augenblick ging es wie ein Schatten durch ihre Augen. »Was denkt ihr
denn? Gar keins.«
    »Sag mal, Kind, bist du denn wirklich geheiratet? - Glaubt es niemand. Weisst
du noch, wie alte Tanten in der Schule sagten: Der Mann muss Mut haben. Dachten
alle, würde dein Mann dich nach vier Wochen zurückschicken.«
    »Nein«, sagte Ellen auf einmal ganz ernst, »über meine Ehe dürft ihr keine
schlechten Witze machen. Ich habe noch nie einen Menschen gekannt, wie meinen
Mann, er will selbst, dass ich jedes Jahr wiederkomme und hier male.«
    »Muss feiner Kerl sein«, sagte Zarek bewundernd, »Hab' ich so viel Angst
gehabt, du würdest Philister. - Bleibst du jetzt hier?«
    »Noch nicht, ich gehe mit der Dalwendt aufs Land, um mich erst ganz wieder
zu erholen.«
Gegen Mitte Mai war Ellen dann mit ihrer Freundin auf dem Land in einem kleinen
Gebirgsdorf. Der Frühling kämpfte noch mit Sturm und Regen, dazwischen kamen
warme Tage, wo die Sonne schien wie mitten im Sommer. Ellen lag in ihrem
bequemen Stuhl auf dem Balkon und las einen Brief von Reinhard.
    »In sechs Wochen wird er wohl Urlaub nehmen und mir nachkommen«, sagte sie
und reckte sich. Die Dalwendt liess ihr Buch in den Schoss sinken, sie war gross
und kräftig, mit schwerem blonden Haar und etwas trägen Bewegungen. Ellen fand
es sehr angenehm, mit ihr zu leben, sie war wie eine Schatulle, in die man alle
Geheimnisse einschliessen konnte und nur hervorholte, wenn man eben wollte,
niemals sprang sie von selbst auf. Und dann liess sie sich jede Stimmung
suggerieren, empfand gerade das, was man wünschte. So wusste sie jetzt auch
gleich, dass Ellen an Reinhard und Henryk dachte.
    »Dein Mann muss ein seltener Mensch sein«, sagte sie.
    »Ja, das ist er - ich hab' ihn eigentlich erst kennengelernt, nachdem wir
heirateten, und wir sind doch sehr glücklich zusammen gewesen. - Siehst du, es
war mir etwas so ganz Ungewohntes, ein Heim zu haben. Reinhard ist fast wie eine
Mutter gegen mich, ich weiss nicht mehr, wie ich ohne ihn leben sollte. - Aber
manchmal frage ich mich doch wieder, ob ich überhaupt für ein friedliches Dasein
geschaffen bin. Wenn du mir von München und euch allen schriebst, bekam ich oft
rasendes Heimweh nach dem ganzen Leben von damals, als ob das das Eigentliche
wäre. - Man ist doch im Grunde schrecklich feig.«
    »Warum feig?« fragte die Freundin nachdenklich.
    »Weil man nie den letzten Mut zu sich selbst hat, wie wir in unsrer
Ibsenklubzeit sagten. - Hätte ich den, so würde ich Reinhard alles sagen und
mich von ihm trennen. - Ich meine nicht nur das, was ich damals getan habe, -
auch dass ich überhaupt nicht imstande bin, fürs ganze Leben nur einem Menschen
zu gehören. Solange ich bei ihm war, hab' ich mir das nie so klargemacht, aber
jetzt geht es wieder alles in mir hin und her.«
    »Hast du Henryk gesehen?«
    »Nein, er war nicht da, - aber wenn ich das nächste Mal in die Stadt fahre,
werde ich ihn wohl sehen. Übrigens, dass er mit der Anna zusammen ist« - die
andere sah sie etwas unruhig an, aber Ellen verzog keine Miene. »Nein, ich hab'
nie daran gedacht, dass es zwischen uns wieder anfangen könnte - das ist vorbei.
Es ist doch wohl etwas Wahres daran, dass man nur einmal liebt - wenigstens so,
dass man sein ganzes Leben auf eine Karte setzt.«
    »Ein paarmal habe ich ihn gesprochen«, sagte die Dalwendt, »als du fort
warst - damals war er drauf und dran, dir nachzureisen. Ich hätte sie nie
heiraten lassen sollen, sagte er.«
    Ellen antwortete nichts, diesmal zuckte doch ein tiefer wunder Schmerz in
ihr auf.
    »Nein - aber weisst du, wen ich neulich getroffen habe«, sagte sie nach
einiger Zeit, »den Johnny. Ich ging mit ihm auf sein Atelier, und wir sprachen
vom Karneval damals. Er hat so etwas, was einen in fröhlich frivole Stimmung
bringt. Wir fanden es beide eigentlich schade, dass wir damals nichts weiter
zusammen erlebt haben.«
    »Das ist es ja immer«, meinte die Freundin bedächtig.
    »Es ist ein Gefühl, das mich ganz wild machen kann, wenn man daran denkt,
was man alles nicht erlebt und was so vorbeigeht. Ich möchte mehrere Leben
nebeneinander haben - eines dürfte dann meinetwegen tragisch sein und entsagend
mit einer grossen stillen Liebe - gut und glücklich sein - verstehst du, aber das
andere - nur hineinstürzen und alles über sich zusammenschlagen lassen. - So war
mir neulich bei Johnny zumut - als ich ging, fragte er, ob ich ihm nicht jetzt
den Kuss geben wollte, um den er mich damals nicht gebeten hat. - Nachher dachte
ich wieder an Reinhard.«
    »Es ist doch sonderbar«, sagte die Dalwendt langsam und wartete ab, was
Ellen sonderbar finden würde. »Ja, siehst du, das ist es eben, wenn man mit
einem Menschen lebt und ihn sehr lieb hat - da ist man immer gezwungen, durch
seine Empfindungen zu sehen. Und das gibt dann diesen fortwährenden Widerspruch.
Für Reinhard würde alles zwischen uns aus sein, wenn ich ihm untreu wäre, und
für mich würde es dann vielleicht gerade anfangen - wenn er verstände, dass ich
auch anderen gehören kann. Warum muss man gerade verheiratet sein - Kommen und
Gehen, eine Weile zusammenleben und sich dann wieder trennen - mir läge das viel
näher, überhaupt das Erotische als etwas Zufälliges nehmen, sonst geht es mit
der Zeit auch verloren.«
    »Du hältst ja förmliche Reden, Ellen, das ist man an dir gar nicht gewöhnt.«
    »Ja, früher hab' ich auch über die Sachen nicht viel nachgedacht. - - Mein
Gott, als ich von euch fortging, damals glaubte ich, dass nun alles für mich zu
Ende wäre - die grosse Entsagung und die Kunst - auf das Leben kam es nicht an.
Das hatte Henryk mir alles eingeredet, aber wie soll man jemals etwas schaffen
können, wenn man nicht sein eigentliches Leben lebt? Wir hatten doch recht mit
unsren patetischen Jugendredensarten. - Und mein Leben muss ich auch wieder
leben, wenn es auch noch so viel kostet.«
    »Aber diesmal würde es dich viel kosten, Ellen, äusserlich. Du sagst doch
selbst, dass du nicht mehr so eisern kräftig bist wie früher.«
    Ellen hatte sich ganz heiss geredet, nun stand sie auf und dehnte sich:
»Siehst du, das ist mir auch ein wunder Punkt - der allerwundeste. - Fortwährend
haben sie mich in München darauf angeredet, dass ich schlecht aussähe - und ich
fühl' es ja auch selbst, dass mir irgend etwas fehlt, schon seit langem. Fast das
ganze Jahr hindurch war ich immer wieder krank. Aber ich will einfach nicht
krank sein - womöglich noch ein inneres Leiden, - das ist mir von jeher ein
schrecklicher Begriff gewesen. - Lass uns um Gottes willen nicht mehr davon
sprechen.«
Bald nach diesem Gespräch fuhren sie zusammen in die Stadt.
    Henryk hatte jetzt eine andere Wohnung. Als Ellen die Treppe hinaufstieg,
kam ihr alles so fremd und öde vor. Aber sie wollte ihn wiedersehen, vielleicht
nur dies eine Mal noch - nicht etwas von ihrer einstigen Leidenschaft
wiederfinden, die hatte sie längst ins Grab gelegt und sie sollte nie wieder
erwachen. Nur ihm noch einmal in die Augen sehen und ihm sagen, dass sie nicht
unterlegen und zerbrochen war. Er machte selbst die Tür auf, als sie läutete.
    »Ellen.«
    Sie war selbst verwundert, dass dies Wiedersehen sie völlig ruhig liess. Er
wollte sie umarmen, aber sie wich ihm aus.
    »Du bist ganz fremd geworden, Ellen.«
    »Ja, das bin ich wohl auch.«
    Dann sass sie auf dem Sofa und liess ihre Blicke umhergehen; es sah nicht mehr
so armselig bei ihm aus wie früher. Henryk stand immer noch vor ihr: »Warum bist
du dann wiedergekommen?«
    »Um zu malen, nicht zu dir.«
    Beide schwiegen eine Zeitlang, sie suchte etwas von ihm wiederzufinden, von
dem alten Zauber, der einstmals von ihm ausgegangen war, - ging im Atelier herum
und sah seine Bilder an, es war immer noch dieselbe wilde, unfertige Malerei wie
damals. dabei antwortete sie halb mechanisch auf seine Fragen.
    In der Ecke stand eine grössere Leinwand - eine schwarzhaarige Frau mit dem
Kind an der Brust, einem ganz kleinen Kind, das beinah formlos aussah, wie kaum
zum Leben erwacht - Ellen erkannte das Gesicht.
    »Ist das nicht die Anna, die uns damals Modell stand?« Dann drehte sie sich
plötzlich um und sah ihn an. Henryk war sichtlich verlegen und verwirrt.
    »Ich dachte, das würden dir die andern längst erzählt haben.«
    »Ist es dein Kind?« Ihre Blicke begegneten sich. Ellen war langsam blass
geworden. In den wenigen Sekunden war alles wieder in ihr aufgewacht - die ganze
Zeit, wo sie hilflos herumging mit seinem Kind unter dem Herzen, nicht wusste, wo
sie es bergen sollte und sich selbst - die Heimreise - ihre Hochzeit - all die
Todesangst, das Grauen, als es ihr wieder genommen wurde. Und ihre Schuld war
ihr etwas Grosses und Heiliges gewesen, das sie aufrecht erhielt. Jetzt lag
plötzlich alles in einem ganz anderen Licht da - warum hatte sie sich so wehrlos
dahintreiben lassen von diesem Mann, der ihr Kind nicht wollte, und der ihr
jetzt so fremd und armselig vorkam - warum war sie ihm zuliebe über sich selbst
hinweggegangen? - Ihr Kind nicht gewollt, es kam ihr vor, als sei es seine
Schuld und sein Wille gewesen, dass es niemals gelebt hatte.
    »Was hast du mit mir gemacht, Henryk?« sagte sie endlich.
    »Wie meinst du das, Ellen, glaubst du, es wäre besser gewesen, du sässest
jetzt im Elend wie das Mädchen da?« »Tausendmal besser - denn du hast mich
Komödie spielen lassen mit meinem Leben und mich glauben gemacht, es wäre ein
grosses Trauerspiel. Du konntest so schön reden.«
    »Reut es dich jetzt, dass du das damals für mich getan hast? - Ich hätte es
mir ja denken können.«
    »Nein, aber ich finde es jetzt beinahe lächerrlich.« Ellen hatte ein
Papiermesser vom Tisch genommen und bog es zwischen den Fingern hin und her, bis
es plötzlich durchbrach. Dann sah sie auf, ihm in die Augen, und warf ihm das
Messer vor die Füsse:
    »Siehst du, das ist auch Teater, aber ich habe es von dir gelernt - so hast
du es damals mit meinem Leben gemacht. - Komm, gib mir die Hand, wir können ja
das übliche Ende machen und als Freunde scheiden, und dann gehe ich mir einen
andern suchen - ich weiss, wo er zu finden ist.«
Reinhard - ihr stilles heimatliches Glück bei ihm - und auch all das bange
vergangene Leid -, das lag irgendwo in weiter Ferne, wo ihre Gedanken nicht
hinkamen, - um sie her wogte nur ein taumelnder Rausch, der alles übertäubte,
und das Leben leuchtete ihr wieder in ungebrochener Jugend, als ob sie nie von
seinen Tiefen gewusst hätte.
    Der weite, matterleuchtete Raum, die gelbverschleierte Lampe und das dunkel
schimmernde Kupfer - das alles hatte sie schon einmal gesehen in einer fernen
Zeit, bei durchwachter Morgenfrühe. Und er hüllte sie wieder wie damals in einen
langen, raschelnden Seidenmantel, während sie ihn aus halbgeschlossenen Augen
ansah.
    »Du kamst mir immer vor wie ein Kind«, hörte sie seine Stimme ganz leise
sagen, »ich hätte es kaum gewagt, dich nur anzurühren, und nun kommst du zu mir
wie im Märchen und bist wie ein wirkliches Weib -«
    Dann war sie wieder draussen in den Bergen, wo es jetzt immer mehr Sommer
wurde. Ellen hatte ein stilles einsames Unterkommen gefunden in einem
abgelegenen Bauernhaus auf der Höhe, und ihre Freundin wohnte noch fast eine
Stunde höher in der Almhütte. Vom frühen Morgen an kletterten sie in den Bergen
umher, badeten, wenn es heiss war, unter den Wasserfällen, die hier und da von
einer Felswand heruntersprühten, schliefen stundenlang im Freien, abends kehrte
jede in ihre Bergklause zurück, und dann kamen die langen Sommernächte, die
Ellen fürchtete wie den Tod - oben in der stummen Einsamkeit, wo manchmal rings
am Himmel die Gewitter dröhnten oder der Wind an den Fenstern rüttelte. Da lag
sie in quälender Schlaflosigkeit und dachte an Reinhard - sie ertrug es kaum
mehr, seine Briefe zu lesen, die sie heim mahnten zu ihm - nun kam er bald und
wusste nicht, dass sie sein Glück in Scherben zerschlagen hatte. - Und noch ein
anderes, worüber sie sich bei Tage gewaltsam hinwegzutäuschen, es immer wieder
zurückzudrängen suchte, das trat in der Nacht wie ein drohendes Gespenst vor sie
hin: - das Bewusstsein, dass eine hinterlistige schleichende Krankheit langsam und
unerbittlich ihre Kräfte zernagte. - Aber sie wehrte sich immer von neuem
dagegen, wollte nichts davon wissen, nur leben, leben.
    Und dann wieder kam ein Brief von ihm - von Johnny - meist nur wenige
Zeilen, ein kurzer, lockender Ruf. Der Anblick seiner Schrift allein trieb ihr
das Blut zu heissen Wogen, und es litt sie nicht mehr in der sommergrünen Stille
da droben. Beim dämmernden Morgen lief sie den Berg hinunter bis zu der kleinen
Station. Dann stand sie plötzlich vor ihm in seinem Atelier und nächtelang
lauschten sie nur der Stimme ihrer Sinne, die unaufhaltsam zusammenfluteten, das
Leben jauchzte in ihr, bis es wieder in den einsamen Nächten da draussen
aufschluchzte.
Im Juli kam Reinhard, und sie machten zusammen eine weite Fusswanderung nach
Tirol hinein. Die Sommersonne leuchtete, und jeder Tag war eine lange strahlende
Zeit. Ellen schien keine Ermüdung zu kennen, und so lachend heiter hatte er sie
selbst in der alten Zeit nie gesehen, sie schien jeden Sonnenstrahl in sich
aufzunehmen. Nur von Zukunftsplänen sprach sie nicht mehr, vom Malen, von ihrer
Gesundheit, ging alledem förmlich aus dem Wege.
    Es war nur ein Gedanke in ihr: diese wenigen Wochen noch mitsammen glücklich
sein, - dann musste alles zerbrechen. Und alles Glück, alles Frohe und Schöne,
alle tiefste und letzte Freude, was andere während eines ganzen Lebens bedächtig
in sich nehmen, Zug auf Zug, das sollte er jetzt auf einmal leeren und mit ihr.
Sie hielt ihm den Becher an die Lippen und er trank und trank. Und wenn der
Becher leer war, wollte sie ihm sagen: »Jetzt ist es vorbei!« Aber bis dieser
Augenblick kam, sollte nichts die langen Sommertage trüben.
    Hier und da blieben sie länger an einem Ort, der sie besonders anzog, und in
diesen Ruhetagen kam es oft zu langen Gesprächen wie früher daheim, wenn
Reinhard an seinem Schreibtisch sass und Ellen in der halbdunklen Ecke auf dem
Diwan lag. Dann schien es ihm manchmal, als ob ihre Frohheit sich auf
Augenblicke verdunkelte, und es durchfuhr ihn plötzlich: sollte nicht irgendeine
geheime Angst hinter alledem stecken? Vielleicht fürchtete sie, wieder krank zu
werden wie im letzten Winter, nicht arbeiten zu können - -
    Und Ellen konnte dann so seltsam sein und seltsame Sachen reden, fast wie im
Fieber.
    »Wenn nun mit einemmal alles vorbei wäre, Reinhard - könntest du das
ertragen?«
    »Ertragen - ich weiss nicht. Aber was sollte denn vorbei sein? Solange wir
uns haben, gehört uns das Leben, das hab' ich noch nie so gefühlt wie jetzt, und
du auch, glaube ich.«
    »Ja - aber wir wissen doch nie, was kommen kann. - Sieh mal, es gibt doch so
etwas wie Schicksal, was die Menschen voneinanderreissen kann - gerade so, wie es
uns beide zusammengeworfen hat. Wie kann man das wissen? - wenn nun einer von
uns sich in jemand anderen verliebte. - Ob du es zum Beispiel begreifen würdest,
wenn ich einmal etwas ganz Wahnsinniges täte - von dir ginge.«
    »Warum sprichst du so sonderbar, Kind? Willst du mir etwa fortlaufen? Wenn
du es tätest, müsste es doch einen Grund haben, und wenn deine Liebe aufhörte,
würde ich dich niemals halten wollen.«
    »Nein, so meinte ich es nicht - ich glaube, das, was zwischen uns beiden ist
- wie ich dich liebe - gerade dich, das kann nie zu Ende sein, wenigstens könnte
das nie einem anderen Menschen gehören. Aber anderes könnte vielleicht kommen -
ich weiss doch nicht, ob du mich ganz kennst. - Man fühlt doch manchmal Tiefen in
sich, wo nie jemand anders hineinschauen kann, etwas Wildes, das vielleicht
immer schlafen bleibt, aber es könnte auch einmal herauswollen und dazu treiben,
alles, was schön und gut ist, zu zerstören - dass wir gerade das Unglück wollen -
einfach müssen. Und würdest du das verstehen - bei mir? Wenn ich dir sagte, du
musst mich freilassen, weil ich in mein Unglück hineinrennen will?«
    »Ellen, es ist mir beinah unheimlich, wenn du so redest - was soll das? Es
sind Phantasien, kranke Gedanken! Ich glaube, gerade du bist so zum Glück
geschaffen wie wenige, und um glücklich zu machen. Das kannst du nur selbst
nicht fühlen - damals wolltest du es auch nicht glauben, und sind wir dann nicht
doch glücklich gewesen, so ganz selten glücklich?«
    »Ja, aber vielleicht könnte ich es auch einmal wollen, unglücklicher zu
sein, wie alle andern.«
    Sie sah ihn lange an, dann warf sie sich in seine Arme und atmete förmlich
auf - es war ja noch Zeit, noch musste es nicht sein.
    »Ach, jetzt wollen wir nicht mehr von solchen Sachen reden, Reinhard.«
Noch eine letzte grosse Fusstour wollten sie machen und dann, ehe Reinhards Urlaub
zu Ende ging, auf ein paar Tage zu seiner Mutter, die auch im Gebirge war.
    Ellen fing an die Stunden und Tage zu zählen - noch siebenmal Morgen und
Abend - bei jedem Schritt ging es jetzt neben ihr her - noch einen Tag, noch
einen - noch war er jeden Morgen da, wenn sie aufwachte, und dann wanderten sie
zusammen in die sonnenglühende Bergwelt hinein, übernachteten wieder in einem
andern stillen Dorf.
    Noch vier Tage - -. Eines Nachmittags stiegen sie über einen Pass. Ellen
machte einen ungeschickten Tritt und glitt ein paar Stufen hinunter - die Berge
schwammen um sie her, drehten sich, sie fühlte einen heftigen, inneren Schmerz,
dann sank sie in die Knie, und ihr wurde schwarz vor den Augen. Reinhard war
gleich neben ihr und half ihr auf: »Was hast du denn, Ellen?«
    »Ich weiss nicht«, sagte sie, »aber ich glaube, ich kann nicht weiter gehen.«
Dann versuchte sie ein paar Schritte. »Nein, es geht schon wieder.«
    Sie ruhten eine Weile aus und gingen dann weiter, durch Täler im
Sonnenuntergang, auf Höhen hinauf und wieder hinunter. Ellen ging hinter
Reinhard her, um ihn nicht sehen zu lassen, wie schwer es ihr wurde. Der Schmerz
von vorhin kam immer wieder, nur im Kopf war ihr so seltsam leicht und klar -
das andere war nur noch wie eine fremde, brennende Masse, die ihr folgen musste,
weil sie es wollte. Es lag eine Art Wollust darin, sich so Herr über seinen
Körper zu fühlen. Sie wollte jetzt nicht krank werden, nicht zusammenbrechen -
nur jetzt nicht -, dazu war später noch Zeit.
    Spät abends, als es lange dunkel war, fanden sie endlich ein Nachtquartier
in einem entlegenen Dorf. Ellen lag die ganze Nacht wach und hörte auf seine
Atemzüge. Ihr schien, als ob bei dem langen Stilliegen alle Kraft sie verliesse.
Wenn sie nun nicht wieder aufstehen konnte? Wenn sie hier liegen bleiben musste
in dem niedrigen, moderigen Zimmer, - es nahm ihr den Atem, daran zu denken.
    »Können wir nicht fahren?« fragte sie am Morgen.
    »Es geht von hier aus keine Post, aber wir könnten ein paar Tage bleiben und
uns ausruhen. Du sollst dich nicht überanstrengen, fühlst du dich krank? Vier
Stunden müssten wir noch gehen bis zur Bahn und dann nach Bozen fahren.«
    Er ging hinunter, um den Kaffee zu bestellen, und als er wiederkam, war
Ellen schon bereit.
    »Nein, wir wollen doch lieber gehen.«
Abends waren sie in Bozen und standen zusammen auf dem Balkon, der nach dem
Hotelgarten hinausging. Unten lag ein grosses Beet mit Monatsrosen. Reinhard und
Ellen sahen hinaus in die Dämmerung und sprachen, plötzlich fuhren sie beide
unwillkürlich zusammen.
    Von der Seite, aus dem Gebüsch her, kam ein hinkender, verwachsener Mensch
mit seltsam spitzigem Kopf - wie ein Gnom sah er aus - der sich scheu nach allen
Seiten umblickte, dann rasch den Beeten zuschlüpfte und ein paar Blumen abriss.
Dann war er wieder im Gebüsch verschwunden.
    Reinhard und Ellen sahen sich an.
    »Bist du erschrocken?«
    »Was war das?« sagte sie. »Das war kein wirklicher Mensch, und was wollte
er? - Er hat uns so angesehen.« Reinhard lachte, um sie zu beruhigen, aber er
hatte ebenso wie sie einen unerklärlichen Schauder gefühlt.
    »Kannst du wieder nicht schlafen, Ellen?«
    »Nein - wenn du nicht müde bist, komm noch etwas her und sprich mit mir.«
    Er kam und setzte sich auf ihr Bett:
    »Wenn sich doch etwas gegen diese Schlaflosigkeit tun liesse - was ist nur
mit dir, Ellen?«
    »Ja, es ist schon manchmal arg -, aber ich möchte doch nicht wieder mit den
Schlafmitteln anfangen wie letzten Winter. - Und man denkt so viel dumme Sachen,
wenn man immer so daliegt.«
    »Woran dachtest du denn jetzt?«
    »Ach, dass ich doch vielleicht krank bin, daran denke ich oft. - Und dann
geht mir gerade heute eine Geschichte im Kopf herum, die mir die Dalwendt
erzählte, als wir zusammen auf dem Land waren - wir haben viel darüber
gesprochen und ich möchte eigentlich wissen, wie du darüber denken würdest.«
    »Was für eine Geschichte? - Dann erzähl' sie mir doch.« Ellen lag im
Dunkeln, er konnte ihr Gesicht nicht sehen, und sie erzählte ihm ihre
Geschichte. Ihr ganzes Fühlen war in einer übermenschlichen Spannung - bei jedem
Wort fürchtete sie laut aufzuschreien, aber ihre Stimme klang ganz ruhig und
monoton. Reinhard hörte nachdenklich zu: »Liebte er sie denn nicht? - Ich meine
der, von dem sie das Kind hatte?«
    »Gott - er war wohl ein Mensch, der überhaupt nicht lieben konnte, viel zu
zerspalten und zu zerfahren. Und sie sah einen grossen Künstler in ihm, einen
Menschen, wie er ihr nie wieder begegnen würde, der ihr unendlich viel gab. Vor
allem dachte sie daran, dass er frei bleiben müsste, und dann wohl auch an das
Kind - - aber das ist noch nicht alles. Den Mann, den sie heiratete, kannte sie
eigentlich kaum - das ist wohl meistens so. - Wir haben uns doch auch erst
nachher kennengelernt. - Als sie seine Frau wurde, war er ihr beinah
gleichgültig und fremd, aber dann fing sie an, ihn zu lieben - anders wie den
anderen -, vielleicht nicht so leidenschaftlich, aber viel tiefer. Sie war
glücklich mit ihm, und er war sehr glücklich. - Das Kind kam nicht zum Leben -,
ihr Mann war in der Zeit gerade verreist, und niemand erfuhr davon. - Zuletzt
vergass sie es selbst beinah, und es kam ihr vor, als ob alles nicht wahr gewesen
wäre.«
    Ellen meinte, er müsste ihr Herz klopfen hören, es schlug langsam und schwer.
- Die Art wie sie erzählte, hatte für Reinhard etwas seltsam Erregendes. Ihm
wurde immer beklommener zumut, vielleicht ging es wie eine ferne Ahnung durch
seine Seele, von der er selbst nicht wusste. »Dann sah sie den anderen wieder -
zufällig - und da hatte er ein Kind mit irgendeinem Mädel - und nun fiel mit
einemmal alles in sich zusammen, ihr war, als ob selbst ihre Schuld entwertet
sei, die ihr immer wie eine Art Heiligtum vorgekommen war. Und auch was sie
sonst in ihm gesehen hatte, war fort, alles Illusion, die in nichts zerrann.
Wenigstens in dem Augenblick kam es ihr so vor - vielleicht war es auch
ungerecht -, aber es tat ihr so entsetzlich weh, dass er ihr Kind nicht gewollt
und nun ein anderes hatte.
    Und dann fing sie ein neues Verhältnis an, das ihr gerade in den Weg kam.
Und als sie das getan hatte, fühlte sie plötzlich, dass sie nun ihrem Mann alles
sagen und sich von ihm trennen müsste.«
Bis tief in die Nacht sprachen sie noch darüber, es schien Ellen, als ob sie nie
in ihrem Leben so hätte reden können - bis in die kleinste Einzelheit hinein
zwang sie ihn förmlich mitzufühlen, was jene Frau durchlebt hatte. Er sollte
alles verstehen, begreifen, dass es unentrinnbare Gewalten gab, die einen
Menschen treiben konnten, so zu handeln und dabei doch so viel zu lieben. Und
sie dachte nicht daran, dass die Erkenntnis, sie selbst sei es gewesen, alles
Verstehen wieder hinwegschwemmen würde wie einen Strohhalm. Eine törichte
Hoffnung dämmerte in ihr auf, dass vielleicht ein Wunder geschehen möchte, das
unerhörte Wunder, dass einer, der liebt, dem anderen folgen könnte bis in seine
dunkelsten weggewendeten Tiefen, und dass er ihr bleiben könnte, welche Wege sie
auch ging.
Dann brach der letzte Tag an - die Sommerwärme lag glühend zwischen den Bergen
-, Reinhard und Ellen gingen vormittags einen flimmernden, staubigen Weg, an dem
roter Mohn blühte und kleine, wie aus Stein geschnittene grüne Eidechsen
spielten. - Sie konnte ihn jetzt nicht länger darüber täuschen, dass sie leidend
war, jeder Schritt wurde ihr schwer, und ihre Hände brannten. »Es braucht ja
nichts Schlimmes zu sein«, sagte sie, »aber es ist doch vielleicht besser, wenn
du jetzt allein zu deiner Mutter gehst, für die zwei Tage, und ich nach München
fahre, um einen Arzt zu fragen.«
    So wussten sie nun beide, dass es für lange Zeit das letzte Alleinsein war.
    Lange sassen sie auf den weissen Steinen, die in der Sonne schimmerten.
    »Aber war es nicht schön?« sagte Ellen. »Alle die Wochen jetzt - wie ein
ganzes langes Leben voll Sommer. Sag mir, dass du noch nie so glücklich gewesen
bist, Reinhard.«
    »Noch nie«, sagte er, so von innen heraus, dass es ihr ins Herz schnitt.
Namenlos traurig sah sie ihn an, und er fühlte plötzlich, dass ihr bange war zum
Vergehen. Und dieser Blick kam noch ein paarmal wieder, während die
Sommerstunden verrannen und Ellen wie im Fieber von Glück und Leben sprach. Und
jedesmal fragte Reinhard wieder: »Was ist dir? - Sag mir doch, was dir ist.«
    Als sie abends wieder auf dem Balkon standen, war es beklemmend schwül, und
schwere Gewitterwolken hingen am Himmel.
    »Da ist er wieder!«, und Ellen fasste unwillkürlich nach seiner Hand.
Derselbe unheimliche Bucklige kam aus dem Gebüsch, sah sich nach allen Seiten um
und zu ihnen hinauf, riss Blumen ab und verschwand.
    Dann waren sie ins Zimmer zurückgegangen und sassen auf dem Sofa, die Tür
stand offen und in der Ferne donnerte es.
    Ihre Zeit war um.
    »Reinhard, nun ist unser Sommer zu Ende - morgen geh' ich fort von dir.«
    »Ja«, sagte er traurig, »aber vielleicht bleibt uns noch ein Tag, wenn du in
München gewesen bist. Eigentlich wäre es mir lieber, selbst mitzufahren.«
    »Nein, es bleibt uns kein Tag - ich gehe fort für immer.«
    Ellen fühlte plötzlich, dass sie sich verwirrte, und wiederholte es noch ein
paarmal, bis sie sein Gesicht dicht vor sich sah und seine Stimme hörte, die
fast wie ein Schrei klang: »Was heisst das? Bist du wahnsinnig geworden?«
    »Nein -, Reinhard -, aber es war meine eigene Geschichte, die ich dir
gestern erzählte.«
Am nächsten Morgen war Ellen allein in der Bahn, bei glühender Sommerhitze und
überfüllten Kupees. Wie sie dahin gekommen war, wusste sie selber kaum, nur dass
sie einen endlosen Tag immer weiterfuhr und fremde Menschen wie in weiter
Traumferne sprechen hörte. Sie fühlte nichts wie einen schweren Druck im Kopf
und folternde Schmerzen, die bis zum Hals hinaufstiegen, wie glühende
Nadelstiche. Dann und wann hielt der Zug, und sie schrak aus dem Halbbewusstsein
empor, sah ein Stück Tageswirklichkeit vorübergleiten, und verwirrte Gedanken
wollten durch die Betäubung brechen.
    Dunkle Bilder der vergangenen Nacht zogen an ihr vorbei - schwere Donner
rollten draussen im Finstern, durch die Glastür flammten Blitze und drinnen
taumelten zwei Menschen durch Abgründe von Qual. - Reinhard stand vor ihr,
schüttelte sie: »Besinn' dich doch, sag' mir, dass alles Wahnsinn ist.«
    Waren sie nicht beide wahnsinnig geworden? Sassen sich mit irren Blicken
gegenüber und redeten zerrüttete, unmenschliche Dinge? Und eine spukhafte,
verzerrte Wirklichkeit um sie her? Sie hörte seine Stimme, die nur noch wie
dumpfes Stöhnen klang, und ihre eigene in gebrochener Klanglosigkeit: »Nein, es
ist wahr, Reinhard, es ist wahr, es ist alles wahr.«
    Dann wieder lag sie im Lehnstuhl, er drüben auf dem Bett in betäubtem Schlaf
- die Nacht war vorbei, und der Morgen brach durch die Scheiben -: ein blutiger,
zerstörter Morgen. Sie versuchte sich aufzurichten, zu atmen - ihr Körper war
wie in glühendes Eisen eingeschnürt.
    Wieder hielt der Zug, Menschen kamen und gingen, für einen Augenblick
zerrissen die tanzenden Gewebe vor ihren Augen - gegenüber war ein Platz frei
geworden und Ellen versuchte, die Füsse hinaufzulegen.
    »Es geht nicht«, sagte sie ganz laut, und immer wieder schlug ihr Kopf gegen
etwas an.
    »Sind Sie krank?« sagte eine fremde Stimme. Sie sah sich um, da sassen zwei
junge Mädchen und ein Mann - grosse, weisse Strohhüte flatterten wie Vögel. Jemand
schob ihr ein Kissen unter den Kopf. Ellen schlief und wachte auf, schlief
wieder ein, das Kissen verschob sich und wurde zurechtgerückt. Einmal fiel es
ganz hinunter, sie schlug die Augen auf und fragte: »Ist es schon Abend - gibt
es denn kein Wasser?« dabei fühlte sie, wie ihre Zähne aufeinanderschlugen. Dann
gab man ihr etwas zu trinken, aber es war nur Feuer, was sie hinunterschluckte.
    »Sie haben ja Fieber«, sagte wieder die Stimme, oder waren es viele Stimmen,
und eine Hand legte sich um ihre. Ellen fühlte, wie ihre Adern gegen die
fremden, kühlen Finger hämmerten.
    Endlich stand der Zug still - in München. Über dem Menschengewühl in der
Halle strich kühle Nachtluft. Ellen wusste jetzt plötzlich wieder, wo sie war -,
dass jede Bewegung ihr weh tat und der brennende Durst ihr die Sprache raubte.
Ein fremder Herr sorgte für ihre Sachen und brachte sie die wenigen Schritte bis
zum Hotel.
    »Ich danke Ihnen«, sagte sie und fühlte, dass ihr Tränen übers Gesicht
liefen.
    Irgendwie kam sie dann die vielen Treppen hinauf in ein Zimmer und lag im
Bett. Wieder war es Nacht, und sie wusste nicht, ob sie schlief oder wachte.
Immer wieder kam derselbe Traum -, als ob sie von einer schwindelnden Höhe
hinunterstürzte, ihre Glieder zerrissen und zerschellten, wollten sich wieder
zusammenfügen und rieben sich gegeneinander wie mit lauter schmerzenden
Stacheln. dabei lag sie auf einer wogenden Masse, die sich hob und senkte -, im
Kreise drehte. Das hörte nicht auf, begann immer wieder von neuem, bis alles in
Fieberdelirien untersank.
Der Sommer ging zu Ende, und Ellen lag immer noch im Krankenhaus. Schwer und
langsam gingen die Nächte hin, unter quälenden Vorstellungen, die sich immer
wiederholten - eine unabsehbare Leiter mit hohen, schmalen Sprossen, die sie
hinaufsteigen musste, und bei der leisesten Bewegung wachten die zerrenden
Schmerzen wieder auf und verscheuchten den Schlaf. Dann lag sie und sah nach der
Tür, fühlte etwas wie Erleichterung, wenn sich von draussen ein Lichtschimmer
nahte und die Schwester kam in ihrem friedlichen, weissen Schleier, das
Nachtlicht in der Hand, und ihr wieder frisches Eis brachte. - Und so von Stunde
zu Stunde, bis es Morgen war, dann wandte sie mühsam den Kopf nach dem Fenster
und sah, wie es über Dächern und Bäumen allmählich heller wurde, lauschte auf
jedes Geräusch im Hause, wie die Türen gingen, die Schwestern von der Messe die
Treppe heraufkamen, alles wieder erwachte aus der tiefen Stille. Am späteren
Vormittag kam der Arzt, manchmal brachte er noch andere mit, sie standen am
Bett, stellten Fragen und redeten untereinander. - Dann war Ellen wieder allein,
während die wechselnden Tagesstimmungen vorüberzogen da draussen, die Herbstsonne
leuchtete oder Regenwolken tropften, hier und da zog auch noch ein verspätetes
Gewitter herauf.
    Nachdem die ersten, fieberheissen Tage vorüber waren, hatte sie immer wieder
gefragt, wann sie wieder aufstehen könne, und wurde von Woche zu Woche
vertröstet. Jetzt war schon lange nicht mehr die Rede davon, und Ellen fragte
auch nicht mehr. Sie begann, sich an dies stille, weltferne Dasein zu gewöhnen,
das ihr ein tiefes, langes Ausruhen brachte und einen milden Schleier über Leid
und Freude legte.
    Ihr schien jetzt, als läge schon eine unendlich lange Zeit zwischen dem
Jetzt und jener Gewitternacht in Bozen - der Aufschrei war verhallt und nur noch
ein mattes, sehnendes Weh zurückgeblieben. Noch einmal hatten sie und Reinhard
sich wiedergesehen, er war an ihr Krankenlager gekommen, als er durch den Arzt
erfuhr, dass sie wohl hoffnungslos daläge. Und als er sie dann so wiederfand, in
einem engen, heissen Hotelzimmer, sie ihn aus starren, tiefliegenden Augen ansah
und kaum erkannte, da schwieg sein eigner Schmerz und sein Groll. Er brachte sie
ins Krankenhaus und blieb bei ihr, bis die erste Gefahr vorüber war, und selbst
dann fand er keine harten Worte mehr. Sie hielten sich lange an der Hand zum
Abschied -, es war nicht mehr Ellens Schuld, die sie voneinandergerissen hatte
-, sie glaubten beide das Schicksal zu fühlen, das dunkel über ihrem Leben war,
eine fremde, unerbittliche Macht, der sie Hand in Hand gegenüberstanden.
    Oft gingen jetzt ihre Gedanken zu ihm hin; ihr Heim war für immer verloren,
das wusste sie wohl, aber es war doch wie ein grosses Geschenk, dass er so von ihr
geschieden war ohne Hass und Zorn. Und wie ungeheuer musste seine Liebe gewesen
sein, dass er so bis in die letzten Tiefen zu verstehen mochte - und wie einsam
lag der Weg jetzt vor ihr ohne ihn und alles, was er ihr gewesen war.
    Aber es kamen auch Tage, wo sie daran dachte, wie jung sie noch war, und was
noch alles vor ihr lag -, wo sich die Zukunft in goldene Fernen weitete - leben
und schaffen. - Die Gesunden kamen zu ihr herauf in das stille, weisse Zimmer,
die alten Freunde, und sprachen davon, wenn Ellen erst wieder mit ihnen arbeiten
würde. Johnny brachte ihr Blumen, alle verwöhnten sie und wunderten sich im
stillen, dass Ellen dies lange Krankenlager so ruhig ertrug. Sie wusste wohl
selbst nicht, wie es um sie stand.
    So war allmählich fast ein Vierteljahr dahingegangen, und sie war immer noch
kaum imstande, sich aufzurichten; dann standen eines Vormittags wieder die Ärzte
um ihr Bett -, sie gingen zur Beratung hinaus, und einer kam zurück, um mit ihr
zu reden. Ellen drang selbst in ihn um volle Wahrheit. Ihr waren schon lange
manche bange Ahnungen gekommen -, aber dann traf es sie doch wie ein
Donnerschlag: nur, wenn sie sich einem schwierigen und gefährlichen Eingriff
unterziehen wollte, so wäre auf Besserung zu hoffen. Gewissheit könne man ihr
vorher nicht geben -, sie sollte sich alles wohl überlegen.
    »Und sonst?« fragte Ellen.
    Ja, sonst hätte sie wohl nur ein unabsehbares Siechtum zu erwarten - ein
jahrelanges Krankendasein - - vom Bett auf das Sofa und wieder zurück. Der Arzt
sagte das alles so schonend wie möglich - er wusste manches von ihrem Leben und
dass sie ganz alleinstand. Aber sie ahnte wohl, dass es noch nicht die volle
Wahrheit war - in seinem Gesicht glaubte sie ihr Urteil zu lesen und etwas von
dem Mitleid, das der Arzt nicht sehen lassen darf - Mitleid mit dem
Verurteilten.
    In dieser Nacht kämpfte sie einen harten Kampf.
    Dass sie schwerkrank war, hatte sie wohl gewusst, und anfangs war auch
manchmal der Gedanke an den Tod gekommen, an ein langsames Verlöschen bei halbem
Bewusstsein. Aber mit dieser schreckenden Klarheit war er noch nie vor sie
hingetreten - sie hatte sich ja nur mit Geduld in das lange Daliegen gefunden,
weil sie immer wieder dachte, es müsste doch endlich der Tag kommen, wo sie
wieder hinauskönnte ins Leben. Nein - nicht sterben, nur nicht sterben - sie
hatte noch nicht entsagt, hatte noch wieder hinaustreiben wollen auf das
ruhelose Meer von Hoffnungen und Möglichkeiten. Sie - Ellen Olestjerne - mit
ihren dreiundzwanzig Jahren, die mehr vom Leben verlangte als viele andere, die
noch so viel schaffen und gewinnen wollte -, und das sollte nun das Ende sein
von allem. - Immer wieder sagte sie es laut vor sich hin: das soll nun das Ende
sein. - Und doch war sterben noch nicht das Schlimmste -, wenn sie sich nicht
entschliessen konnte, den Kampf zu wagen, dann erwartete sie das andere:
jahrelanges Siechtum, hatte er gesagt, das blosse Wort war schlimmer wie
zehnfacher Tod - sich herumschleppen vom Bett zum Sofa, vielleicht auch einmal
bis ans Fenster - mit den ewig bohrenden und zerrenden Schmerzen - nichts mehr
tun, nichts mehr wollen können und dabei verfallen, hässlich werden, Falten
bekommen, langsam zum Skelett werden, bis auch das zusammenbrach. - Der Gedanke
schüttelte sie wie etwas Widersinniges, Wahnsinniges, Unfassliches.
    Was hatte sie nicht schon alles hingegeben in dem unbändigen Drang nach
ihrem innersten Selbst, das so viel zum Opfer wollte - Heimat, Geschwister,
selbst den Bruder, den sie so sehr liebte, denn der war schliesslich auch von ihr
gegangen zu den anderen - den Mann, dem ihre erste grosse Leidenschaft gehörte -
sein Kind - Reinhard - alles, alles von sich geworfen, ihr war, als ob sie immer
nur über Leichen hinweggegangen sei -, um schliesslich vor ihrer eigenen
anzukommen, und daneben stand das Schicksal und grinste sie eisig an: Es ist
noch nicht genug - jetzt nehme ich dir auch noch deine letzte Kraft, deinen
jungen Körper, der noch blühen wollte, deine jungen Jahre, die noch heisses
Verlangen trugen -, und schlage dich zum Krüppel. Ohnmächtig sollst du vor mir
daliegen, und es war alles umsonst.
    Und sie konnte nicht einmal aufspringen, um sich zu wehren oder zu fliehen.
Was half es ihr, wenn sie die Fäuste zum Himmel ballte und ihrem Geschick
fluchte? - Nein - kraftlos daliegen und warten, bis der Schlag sie traf oder an
ihr vorbeiglitt. - Wie hatte sie nicht schon warten gelernt - auf Gesundheit und
auf die Rückkehr zum Leben, aber auf den Tod warten, auf den wirklichen oder den
anderen - den Tod bei lebendigem Leibe -, das war eine fürchterliche,
verzehrende Geduld, die sie noch zu lernen hatte.
Als der Arzt am nächsten Morgen wiederkam, stand Ellens Entschluss fest, sie
wollte nun alles so rasch wie möglich festgesetzt haben. Aber es hiess noch eine
Reihe von Tagen warten und sich zur Ruhe zwingen.
    Draussen war immer noch Sonnenschein und goldne Tage. Ellen meinte noch nie
einen so lichten, strahlenden Herbst gesehen zu haben, es schien ihr fast wie
eine gute Vorbedeutung, und mit der Entscheidung kam allmählich eine Art
Zuversicht über sie. Manchmal lag sie lange da und betrachtete sich in ihrem
Handspiegel - nein, sie sah noch nicht aus wie ein zerstörter Mensch. -
Sonnenkind, so nannte Johnny sie - ja, sie hatte eigentlich immer noch ein
Kindergesicht, nur etwas schmaler war es geworden, aber keine Leidenszüge.
    Am letzten Tage kamen viele von ihren Bekannten mit dem verborgenen
Gedanken, sie vielleicht zum letztenmal zu sehen, Schwester Maria fragte, ob sie
nicht doch mit einem Geistlichen reden wollte - und dann Johnny - er legte ihr
einen Haufen Rosen aufs Bett, seinen Kopf dazu, und Ellen glaubte zu sehen, dass
er weinte.
    »Aber Johnny«, sagte sie, »was habt ihr alle? - Tut, als ob ihr mich schon
begraben wolltet, und ich denke ja gar nicht daran zu sterben.«
    Jetzt, wo es so dicht vor ihr war, fand sie beinah etwas Festliches in der
Gefahr und gewann ihre alte Fähigkeit wieder, über alles zu lachen.
    Es war ein trüber, grauer Nachmittag, und die ersten Schneeflocken trieben
gegen die Fenster, als Ellen aus langer Betäubung wieder erwachte - wie durch
einen Nebel sah sie Gesichter um sich her, dann sank sie wieder in den Nebel
zurück, und es kam eine lange, halb bewusstlose Nacht - neben ihr die Schwester -
ihre weissen Schleier schwankten hin und her wie grosse Flügel - - noch mehr Tage
und Nächte - ein Gewirr von neuen wühlenden Schmerzen, schreckhaften Träumen und
sengendem Durst - ein dumpfes, willenloses Ringen gegen unerträgliche Pein und
dann wieder Zurücksinken in die milde Morphiumbetäubung.
    War das noch Leben oder war es schon Todeskampf?
    Am ersten Morgen, wo sie wieder klar um sich sehen konnte, war ihr zumut,
als sei sie schon weit fortgewesen, in dem dunklen Land, aus dem keiner mehr
zurückkommt - und ein seltsames Gefühl von Erdenfremdheit durchzog sie, als
ginge es sie nichts mehr an, ob sie wieder zu den Lebenden gehören sollte.
                                                                     Dezember 93
Den ganzen Tag in alten Briefen gelesen und zuletzt in meinem einstigen
Münchener Tagebuch - bis dahin, wo es plötzlich abbricht... Seiter habe ich nie
wieder geschrieben, es taumelte alles zu überstürzend rasch an mir vorbei und
über mich weg, von einer Katastrophe zur andern, bis zu der langen Ruhezeit im
Krankenhaus.
    Danach kann ich mich oft noch zurücksehnen - mein Gott, es war nicht leicht,
von der stillen Zeit Abschied zu nehmen und so mit halben Kräften wieder hinaus
- sich am Stock herumschleppen wie ein Krüppel. Und wo mich Bekannte sehen, dies
Erstaunen - man hat ja immer nur gehört: mit der ist's aus. Es kommt mir beinahe
vor, als wären sie enttäuscht, wenn einer wieder aufersteht von den Toten. - Und
diese endlosen Fragen, warum ich immer noch hier bin, nicht bei meinem Mann. -
Das weht einen so kalt und feindlich an, man möchte seine Habe auf den Rücken
nehmen und davongehen - Gott weiss wohin. - Aber ich hätte es mir vorhersagen
können. - Und wenn ich so dasitze und meine Umgebung ansehe, in der ich jetzt
lebe - dies kleine, enge Atelier mit dem Feldbett und dem grossen Tisch, weiter
ist fast nichts darin -, da kommen so allerhand Gedanken. - Ja, ich bin jetzt
nicht mehr die verwöhnte junge Frau, der man jeden Wunsch an den Augen abliest
-, und auch nicht mehr die unverwüstliche Ellen früherer Tage, der die grösste
Misere am lustigsten schien. Der schwerste Kampf wird jetzt erst beginnen, wo
ich ihm eigentlich nicht mehr gewachsen und schon recht kampfmüde bin.
    Da steht der Stock neben mir - der Stab Wehe - mein guter Doktor versichert
mir, dass ich mit der Zeit wieder würde gehen können wie andere Menschen, aber
dann redet er auch von Schonung und Pflege und ist entsetzt, wenn er hier
heraufkommt: »Kann denn niemand etwas für Sie tun?« - Aber das kann ich ihm
nicht auseinandersetzen - - Reinhard tut immer noch für mich, was er kann, aber
die Krankenzeit hat mehr verschlungen, wie ich ihm sagen möchte, und noch
Schulden von früher her. - Es kommt eine ziemliche Misere dabei heraus. Nur gut,
dass wir immer zwei sind, die Dalwendt ist jetzt auch ganz auf sich selbst
angewiesen, und wir teilen gute und schlechte Tage wie früher.
    Alles in allem bin ich ja gerade dahin gelangt, wo ich wollte, mein Leben
gehört nur noch mir, ich kann daraus machen, was ich will. Ich bin auch noch
jung genug - wie viele fangen in meinem Alter erst an hinauszukommen.
    Wenn ich daran denke, wie ich mich in ganz jungen Jahren fürchtete, ich
möchte nicht genug erleben! - Jetzt liegt viel hinter mir in den kurzen Jahren.
    Die alten Briefe haben mich heute ganz wehmütig gemacht - Detlev, Friedl und
all die andern. - Wir waren ja noch halbe Kinder damals, in unserer Begeisterung
und unserem Patos, fühlten uns als die Vorkämpfer einer neuen Zeit - jeden
Augenblick wären wir bereit gewesen, uns dafür zu opfern.
    Ich weiss wenig davon, was aus ihnen allen geworden ist und wie weit sie dem
Damals »treugeblieben« sind. - Aber wer mag so dafür geblutet haben wie ich? -
Ja, »der letzte Mut zu sich selbst« - ein blutiger Weg, der dahin führt -, der
die Füsse wund und müde macht.
    Und manchmal möchten Heimweh und Sehnsucht rufen: Komm zurück! - Als ich
anfing, mich zu erholen, den ganzen Tag im Lehnstuhl am Fenster sass und daran
dachte, wie Reinhard jetzt einsam ist und sich vielleicht noch nach mir sehnt -,
da haben sie oft nach mir gerufen - -
    Aber dann der erste Besuch bei Johnny -, er trug mich die Treppe hinauf, die
ich so lange nicht mehr gegangen war -, und da droben, wo alles an unsere wilden
Stunden erinnerte -, da fühlte ich wieder den heissen Hauch der Stürme, die
draussen wehen, wo man frei ist. Die am warmen Kamin sitzen, wissen nichts davon
- nur wir, die auf der Landstrasse gehen.
                                                                       Januar 94
Endlich kann ich wieder etwas an die Arbeit, und der Stab Wehe ist verbannt.
    Allmählich fangen nun die Erfahrungen an, die man mir früher so oft
weissagte -, dass wir nie ungestraft vom geraden Wege abweichen dürfen. - Ich
wollte in unsere frühere Malschule eintreten, aber man hat etwas von
Ehescheidung gehört und erhebt Bedenken. - So bin ich denn in eine andere
gegangen, wo es nicht so strenge genommen wird.
    Und das andere ist dem gleich. - Bei meinem ersten Münchener Aufentalt
verkehrte ich noch in einigen Familien - trotzdem ich damals doch ein ziemlich
extravagantes Leben führte, aber man wusste nicht, wie weit es in Wahrheit ging,
und vor allem wusste man, dass ein geachteter Mann in sicherer Stellung mich
heiraten wollte. - Eine Mittelsperson macht mich jetzt schonend darauf
aufmerksam, dass man an mir irre geworden sei - aus dem, was sie sagt, fühle ich
wohl heraus, dass ein offenes Bekenntnis vielleicht alles wieder gutmacht - man
könnte ja vielleicht eingreifen, helfen - tout comprendre et tout pardonner -
man weiss ja nichts Genaues.
    Aber ich danke schön - ich suche niemand mehr auf, der nicht zu mir kommt.
Es wacht etwas von dem alten Ibsenklubgeist in mir auf. Wenn mir etwa Steine in
die Fenster fliegen sollten, so werde ich sie mit Vergnügen aufsammeln und für
meine Kinder aufheben. - Ich habe eine stille Freude dabei, all diesen guten
Leuten in Gedanken die Tür recht weit aufzumachen.
                                                                      2. Februar
Diesen Winter hat sich eine etwas merkwürdige Freundschaft angeknüpft - ich war
abends bei strömendem Regen in der Stadt, wollte beim Marienplatz in den letzten
Fiaker steigen. Als ich ankam, stand schon jemand daneben, will mir aber aus
Höflichkeit den Wagen überlassen, hält sogar seinen Regenschirm über mich. Mir
machte das so tiefen Eindruck, dass ich sagte, er könne ja mitfahren, wenn wir
denselben Weg hätten. Das Ende war, dass wir dreimal zwischen dem Hofteater und
dem letzten Stück der Teresienstrasse hin- und herfuhren und uns noch nicht
darüber geeinigt hatten, wer wir eigentlich wären. Dann trafen wir uns am
Weihnachtsabend wieder auf der Strasse, hatten beide nichts anderes vor und
feierten ihn zusammen in einer Weinstube, gerieten so tief in ein Gespräch über
Boheme, Gesellschaft, guten Ton und Etikette, dass wir eine Stunde vor meiner
Haustür standen und ich ihn schliesslich zu einem Kaffee bei mir einlud. So
ähnlich hat sich unser Verkehr dann weitergesponnen, er kommt oft abends zu mir
herauf, und wir schwätzen die halbe Nacht durch - trotz allem guten Ton, an dem
wir übrigens aufs strengste festalten. Denn unser Benehmen ist tadellos korrekt
in Gedanken, Worten und Werken, man könnte es eigentlich nicht einmal
Freundschaft nennen, wir verkehren nur wie zwei liebenswerte Eisblöcke, die
irgendwelchen Gefallen aneinander finden.
    Bel-ami - den Namen hat er bekommen, wie ich seinen wirklichen noch nicht
wusste - gehört der sehr guten Gesellschaft an - ist immer sehr elegant und
scheint ein ziemlich unruhiges Leben zu führen. - Jetzt im Karneval, kommt er
einmal im Frack, einmal in irgendeiner Maske zwischen zwei Festlichkeiten bei
mir angestürzt, um sich auszuruhen. Wir suchen erst lange nach einem geeigneten
Platz für seinen Zylinder, dann sitze ich auf dem Bett, er auf dem einzigen
Klappstuhl und erzählt mir seine Erlebnisse. Einmal schlief er dabei im Stuhl
ein - und entschuldigte sich wenigstens drei Stunden lang. Ich versicherte ihn
meiner Nachsicht, und so ist es allmählich Brauch geworden, dass er bei mir seine
nächtliche Siesta hält.
    Ach, dieser Karneval! Wenn ich Bel-amis Schlaf bewache oder Johnny zu
irgendeinem Fest schminken und kostümieren helfe, da wird es mir doch manchmal
arg schwer, immer zu Hause zu bleiben - aber dies Jahr darf ich nicht tanzen -
wer weiss, ob später.
                                                                            März
Nun ist bald Frühjahr - und dann geht Johnny fort - vielleicht auf Jahre. Aber
wir sind beide sehr tapfer und machen uns keine Abschiedsschmerzen. - Eigentlich
sind wir überhaupt sehr weise, nehmen das Leben nun von der Sonnenseite, soweit
es uns zusammen angeht. Wir wissen wohl, was der andre an trüben und schweren
Sachen zu tragen hat; aber das behält jeder für sich. Es gibt keine abgründigen
Gespräche zwischen uns über Seelenzustände und dergleichen, aber auch keine
Verstimmungen und keine Szenen. Der Tag gehört jedem allein und der
Tagesordnung, die man nie miteinander teilen sollte. - Wir kennen eben alle
Weisheiten.
    Und Eifersucht, ich glaube, davon wissen wir auch nichts. Oder doch - ich
fühlte so etwas, weil er ein Kind hat. Sonntags kommt die Mutter manchmal damit,
um es ihm zu zeigen - einmal auch, wie ich da war. Und dabei wurde mir ganz weh
- man hat mir gesagt, dass ich wohl nie eins haben werde. Und wenn ich dann
solche kleine Wesen sehe, schmerzt mich das Gefühl, dass es eine Sehnsucht gibt,
die mir nie erfüllt werden kann.
    Aber Johnny hat mich furchtbar ausgelacht, als ich ihn bat, er sollte es mir
schenken.
                                                                          August
Lange, lange nichts aufgeschrieben - daran kann ich selbst immer messen, ob mein
Leben still und einsam gewesen ist, oder ob es mich mitgerissen und
durchgeschüttelt hat.
    Ich bin viel gesünder, seit ich draussen auf dem Lande bin, male den ganzen
Tag. - Und doch denke ich immer wieder, dass ich nicht lange leben werde -, dass
es mich doch wieder hinwerfen könnte und ich mich eilen müsste. Dann kommt ein
förmliches Fieber über mich, ich möchte in jeden Tag hineindrängen, was er nur
fassen kann, an heisser Arbeit und heissem Leben.
    Wenn ich mein Tagebuch lese - das klingt alles so, als ob ich immer in
tiefer Melancholie herumginge und der dunkle Hintergrund nie ganz wiche. Und
dabei gibt es keinen Menschen, der so viel lacht wie ich - niemand glaubt, dass
ich auch nur einen Tag ernst oder traurig sein könnte, oder dass mir irgend etwas
tief geht. Ich begreife es ja auch selbst manchmal nicht völlig, dass ich immer
noch ganz dieselbe bin. Aber immer noch könnte ich für einen Moment der Freude
meine ewige Seligkeit verkaufen. - Ich könnte es nicht nur, ich tue es auch.
    Seit Johnny fortging, ist es fast wie das Leben im herumziehenden
Zigeunerwagen, das ich mir als Kind träumte - von einem Ort zum andern und über
dem Hier das Dort vergessen. Nur immer weiter, nicht rückwärts sehen und nicht
vorwärts, den Zufall als Gott anbeten und ihm opfern.
    Ich denke oft daran, wie ich als Kind war. Ich dachte mir immer, mein Leben
müsste etwas ganz Besonderes werden, und später auch noch: Ungeheure Dinge
leisten, in der Kunst, in allen möglichen Verwegenheiten, am liebsten hätte ich
auch Seiltanzen und Akrobatenkünste gelernt, überhaupt alles können, alles
beherrschen.
    Und vielleicht wäre ja auch allerhand daraus geworden, wenn sich nicht von
Anfang an alles dagegen gestemmt hätte. Zu Hause - ich kann meine Eltern doch
heute noch nicht recht begreifen -; Eltern sollen doch froh sein, wenn ihre
Kinder viel wollen, und sie sind immer nur entsetzt. Ich habe wohl kein Wort so
gehasst wie das: Es geht nicht. - Es ist das unwahrste Wort, das es gibt. Und
später, ja, hätte der liebe Gott mir nicht dies Kranksein geschickt, mir wieder
eine Kette an den Fuss gehängt - -, denn darüber gibt's wohl keine Täuschung: Ein
ganz gesunder Mensch werde ich nie wieder, wenn ich auch nach aussen hin so tue
und so lebe.
    Und das ist doch das einzige, wirkliche Unglück, das einen treffen kann.
Aber ich habe immer noch nicht gelernt zu sagen: Es geht nicht.
                                                                       September
Zwischendurch ein paar Tage in der Stadt. Ein Abend mit Bel-ami. Der ist wie ein
Anker in der Brandung, er weiss wohl ungefähr, wie ich lebe, aber wir reden nicht
davon. Wir zwei verlieben uns nicht ineinander, auch nicht vorübergehend, kommen
uns auch freundschaftlich nicht näher, es liegt eine weite Ferne zwischen uns,
und die geringste Übertretung würde alles zunichtemachen.
    Er schlief wieder ein auf seinem gebrechlichen Lehnstuhl. Es wurde immer
später, und ich versuchte ein paarmal, ihn aufzuwecken. Es ist etwas Eigenes,
jemand schlafen zu sehen - bei diesem ist's, als ob der wirkliche Mensch dann
erst zum Vorschein käme, seine Züge bekommen etwas Zerwühltes, Gequältes, er
sieht aus, als ob er nie jung und froh gewesen wäre.
    Ich weiss wenig von seinem Leben, aber ich denke manchmal, dass er ebenso
ruhelos ist wie ich, sein Gesicht sagt es, wenn er schläft. Vielleicht hält uns
das zusammen -, obgleich wir es uns niemals eingestehen würden. Schliesslich
werde ich auch müde, lege mich aufs Bett. Dann und wann wache ich auf und sehe
mich um: dieser elende Raum ohne alle Behaglichkeit - der grosse, wüste Tisch,
auf dem all meine Sachen liegen, weil ich keine Schubladen habe - die Lampe mit
dem zerrissenen, hellgrünen Schirm - aber doch liebe ich das Ganze, und es hat
einen gewissen Zauber. Und drüben im Lehnstuhl schläft der ferne, fremde Mann.
    Beim Einschlafen geht mir durch den Sinn, wie schön doch diese unsere
stillen Stunden sind -, dass ein Mensch zu mir kommt, um auszuruhen, und all das
Schweigen zwischen uns beiden Ruhelosen.
    Erst am hellen Sommermorgen wachen wir auf, die Lampe brennt immer noch. Ich
mache Kaffee, und nun kommt erst die Plauderstunde. Dann begleite ich ihn durch
den Englischen Garten, er hat einen weissen Tennisanzug an und ich ein weisses
Kleid - draussen ist alles so morgenfrisch und schön.
                                                                        November
Nun wieder zurück von den Sommerfahrten, und der Herbst macht melancholisch.
München verödet immer mehr; dieses Jahr sind viele gegangen. Johnny, die
Dalwendt - der Zarekkreis hat sich nach und nach aufgelöst, es ist nicht mehr
das abenteuerliche Traumland von früher.
    Ich komme im Café mit allerhand Leuten zusammen, Malern, Literaten usw.,
aber es ist eine ganz andere Sorte Menschen. Es scheint mir beinah, als ob
inzwischen eine andere Zeit und eine andere Generation gekommen wäre. Es ist
kein Sturm mehr darin, und all das Neue ist eben doch nicht gekommen. Diese
Kaffeehausmodernen sind schon so mit allem fertig, was wir damals andächtig
anbeteten, als ob man nun keine Andacht mehr brauchte, weil man die Kinderschuhe
ausgetreten hat. Und im Grunde haben sie dafür nur Pantoffeln angezogen und
bewundern nur mehr sich gegenseitig. Oh, diese vielen ernsten Gespräche, was der
eine als Künstler will und wie der andere das Leben anfasst usw.
    Ich bin doch, weiss Gott, noch nicht so alt, dass mir alles in der Erinnerung
anders aussieht, aber diese Leute scheinen mir so abgelebt und greisenhaft gegen
die, mit denen ich jung war, sogar auch gegen unsere Zarekboheme vor drei
Jahren. Sie wollen auch nicht mehr Boheme sein, jeder hat seinen schwarzen Rock
und geht auf jours, um über Kunst und Kultur zu reden. Man soll es doch nicht
ganz mit der Gesellschaft verderben, denn sie hat die Übermacht behalten, und es
ist gescheiter, sich eine Tür offen zu halten. Ach, wie hätten wir den
totgelacht, der auf einen jour gegangen wäre.
                                                                   Neujahrsabend
Wenn doch Bel-ami noch käme, um mir die schwarzen Gedanken etwas zu vertreiben,
und wenn er nur ganz ruhig dasässe und kein Wort sagte.
    Aber es ist alles still, und ich bin allein. Seit Tagen schon nicht mehr
ausgegangen, es hilft nichts, gegen diese Kraftlosigkeit und Erschöpfung
anzukämpfen, es hilft nichts, dass ich mich nicht ergeben will.
    Warum man wohl an solchen Tagen immer so sehr zu Betrachtungen aufgelegt ist
-, aber es scheint eine alte Gewohnheit, die schwer loszuwerden ist. Immer
wieder muss ich an Reinhard denken, vor zwei Jahren waren wir an dem Abend noch
zusammen -, und weiter zurück - zu Hause - die Geschwister. - Vielleicht denken
sie manchmal noch an mich, wie an jemand, der lange gestorben ist. Und ich sitze
hier, halbkrank, in dem elenden Raum, wo das Schneewasser durch die Scheiben
läuft, und wo alles zu sagen scheint: Was führst du für ein Dasein! Und ich bin
noch jung - aber alles, was ich hoffen und wünschen könnte, ist untergraben
durch diese elende Kraftlosigkeit. Es hat längst zwölf geschlagen, lärmende
Menschen kommen unten in der Strasse vorbei, dann ist es wieder ruhig. - Mir ist,
als ob mein eigenes Leben mir hier in der Totenstille gegenübersässe - so haben
wir beide schon oft Zwiegespräche gehalten, mit bangen schweren Fragen.
    Wenn ich an die eine Hoffnung glauben könnte, die ganz leise und ganz ferne
aufdämmern will, aber ich habe nicht den Mut dazu -, als ob sie dann zerrinnen
müsste wie alles andere, wenn ich nur den Blick nach ihr wende oder nur eine Hand
rühre.
                                                                    Mitte Januar
Nun schon seit Wochen so hinliegen. - Wollte ich mir meine ganze Verzweiflung
eingestehen!
    Wozu immer wieder sich aufraffen, wenn doch alles umsonst ist. Als ob ein
Gespenst mich vor meinen eigenen Augen hinwürgte - ich kann nicht leben und
nicht sterben.
    Heute habe ich mir mit vieler Mühe den Lehnstuhl ans Fenster geschleppt - es
ist ein wahres Ereignis, einmal den Platz zu verändern, in den Hof
hinauszusehen, wo ein paar Knechte Holz hacken und der Schnee von den Dächern
rinnt. Alles trüb und grau, weiche, drückende Vorfrühlingsluft, über dem
Kohlenschuppen graugelbe Häuserwände - so einer von den Tagen, wo man
sehnsüchtig von Luft und Licht träumen möchte wie ein Gefangener. Ja, was ist
das für ein Dasein, wenn man krank ist - morgens liege ich lange im Bett, nur um
nicht in den Tag hinein zu müssen. Dann mit dem Hammer dreimal an die Wand
klopfen, bis der alte Hausmeister kommt, um Feuer zu machen. Er lässt die Tür
offen, und sie knarrt, dass ich weinen möchte, dann fliegen die Späne durchs
Atelier, und dabei unterhalten wir uns über das Elend im Leben - drüben liegt
seine Frau schon seit Monaten krank. Die beiden Alten sind wie eine Art Familie
für mich. Dann bringt er mir den Kaffee, der auf meinem schwarzen Koffer
serviert wird, weil kein anderer Platz da ist. Ich stehe allmählich auf, alles
ist in Unordnung, nichts da, was ich brauche.
    Mein roter Schlafrock ist mein einziger Trost, der sieht wenigstens aus, als
ob man bessere Tage gekannt hätte, wenn ich die alte Frau drüben besuche, findet
sie mich sehr schön.
                                                                     15. Februar
Heute kommt mein Doktor wieder - sieht mich sehr ernst an.
    Ich habe doch recht gehabt -, die Hoffnung, an die ich nicht zu glauben
wagte - - Ein Kind, mir ein Kind -, am liebsten wäre ich ihm um den Hals
gefallen. - Das war die erste frohe Stunde seit langer Zeit, und ich kann es
immer noch nicht begreifen.
                                                                            März
Und nun sind mir alle Stunden froh - der lange Tag und die lange Nacht; ich
möchte immer nur daliegen und auf die leise, ferne Stimme horchen, die mir von
einer namenlosen Sehnsucht und einem namenlosen Jubel redet.
    Und die Mattigkeit, die Ohnmachten, das stundenlange Augenflimmern morgens
beim Aufstehen - all diese fast unerträglichen Gefühle, die ich früher schon
einmal gekannt habe, jetzt erkenne ich sie mit Freuden wieder. - Es ist nicht
mehr das Gespenst der Krankheit, vor dem ich mich so entsetzlich fürchtete -
jetzt ist es der Ruf zum Leben. Ich bin wohl ungeduldig, dass bessere Tage
kommen, aber sie müssen ja bald kommen.
                                                                        30. März
Wie oft denke ich jetzt zurück - an Henryk. - Ich begreife es nicht mehr, dass
ich mich damals so in Angst und Verzweiflung hineinjagen liess. Ich war selbst
ein hilfloses Kind, es schlug mir alles über dem Kopf zusammen. Nach aussen hin
ist meine Lage vielleicht noch schlimmer - ich weiss keine Hand, die sich mir
bietet, nach der ich greifen könnte. Ich weiss nur, dass ich Mutter werden und dass
mein Kind mir ganz allein gehören soll. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn der
Körper sich so verändert - etwas schwermütig und süss Geheimnisvolles und wie
Andacht, wenn man fühlt, wie das kleine Leben sich von Tag zu Tag deutlicher
regt - ich möchte nur darauf lauschen dürfen - nichts mehr tun, nichts mehr
denken.
                                                                        31. März
Ich lebe wieder mein gewohntes Leben, die Kräfte kommen wieder, aber damit auch
eine körperliche Verzagteit und Ratlosigkeit, über die ich schwer Herr werden
kann. Ein unaufhörliches Hin- und Herdenken: Was soll ich nun tun?
    Es dauert nicht lange mehr, so weiss es alle Welt, die Leute im Hause, in den
Läden, wo ich täglich einkaufe, an denen ich vorübergehe, alle werden mich
anstarren, mein Geheimnis herumzerren.
    Mein Gott, bin ich feige -, aber ich möchte nur fort von hier, weit fort, wo
mich niemand kennt.
    dabei der ewige Kampf mit der äusseren Not, mit den Schulden, die sich immer
höher türmen. Der Hausbesitzer will mich vor die Tür setzen, denn die Miete
steht seit einem Vierteljahr aus. Alle paar Tage kommt er herüber, in der
Soutane und mit seinem Rosenkranz, denn er ist Priester. Auf meiner Staffelei
steht ein angefangenes Porträt vom letzten Winter; ich vertröste alle, die um
Geld kommen, darauf, dass ich für das Bild sehr viel bekommen werde. - - So geht
es von Tag zu Tag.
    Inzwischen hat sich auch wieder ein kleiner Kreis von Bekannten gesammelt,
denen es ähnlich geht - Ateliernachbarn und andere. Wir haben einen gemeinsamen
Mittagstisch bei mir, sie kommen zu allen Tageszeiten, machen Musik und Lärm und
versuchen mich aufzuheitern, wenn ich traurig bin.
    Und abends Bel-ami - ich habe es ihm gesagt. Er sieht sich in meinem Atelier
um: »Ja, um Gottes willen, was wollen Sie denn mit einem Kind anfangen?« Dann
redet er davon, dass es meine Lage nach allen Seiten hin erschweren würde, und
dass es doch eigentlich ein Verstoss gegen den guten Ton sei.
    Er hat sich so viel Mühe gegeben, mich etwas zu erziehen. Ich lache wohl,
aber mir ist das Herz so voll, dass ich kein Wort herausbringe von allem, was ich
sagen wollte.
                                                                        2. April
An Reinhard geschrieben - ich konnte es nicht lassen. Bis vor einem halben Jahr
haben wir immer noch Briefe gewechselt - jetzt schweigt er schon lange.
    Aber es war wie ein vermessener Glaube in mir, dass er vielleicht jetzt
wieder mein Freund sein könnte, mir selbst kommt die ganze Welt so verwandelt
vor - in einem ganz neuen, weicheren Licht.
    Er hat kalt und hart geantwortet; dass ich doch jetzt bedenken möchte, was
ich mir und meinem Kinde schuldig wäre - den Vater zu heiraten.
    Mein Kind hat keinen Vater, es soll nur mein sein. Ich habe es selbst so
gewollt - er ist schon lange fort, und ich würde ihn nicht zurückrufen, selbst
wenn ich wüsste, wohin er gegangen ist. Dieser Mann gehört nicht zu meinem
Schicksal.
    Aber der Brief von Reinhard lässt mir keine Ruhe - ich muss ihn noch einmal
sehen, mit ihm sprechen, alles in mir schreit danach. Kein anderer Mensch hat so
tief zu mir gehört und so tief in mich hineingesehen - keiner mich auch wohl so
geliebt. - Ich will ja nicht seine Liebe wiedergewinnen, nur ihn noch einmal
sehen und dann meiner Wege gehen. - Ich weiss ja, dass ich vielleicht sterben muss,
wenn das Kind kommt - die Ärzte haben mir früher oft gesagt, dass ich mich der
Gefahr nicht aussetzen sollte.
                                                                       10. April
Gestern abend zurückgekommen. - Wo war meine Besinnung, dass ich hinfuhr und nur
daran dachte: morgen sehe ich ihn wieder und fühle noch einmal seine milde gute
Hand.
    Und dann sein Telegramm: Wiedersehen ausgeschlossen. - Es ist wie eine ewige
Wiederholung, die durch mein Leben geht. - Meine Mutter, die mir sagen liess: Du
gehörst nicht mehr hierher -; dann Henryk -, aber der gab mir wenigstens noch
die Hand. Und nun auch Reinhard, der mich geliebt haben will. - Das ist also
immer das letzte, was Liebe geben kann! - Sie wissen alle nicht, was Liebe ist -
sind alle hart.
    Es war Sonntagmorgen und alle Glocken läuteten, ich wusste nicht wohin, um
allein zu sein, und bin in eine von den grossen Kirchen gegangen. Und da habe ich
lange hinter einem Pfeiler gesessen und daran gedacht, dass wir beide ganz allein
auf der Welt sind - ich und mein Kind. Wenn es wüsste, wie viel Liebe seiner
wartet, mir war beinah, als ob ich laut zu ihm sprechen müsste.
                                                                       15. April
Jetzt gilt es vor allem Arbeit suchen, mit der ich etwas verdienen kann - es hat
sich auch allerhand gefunden - Schreibereien, eine Arbeit, die mir im Grunde
nicht liegt und mich nicht freut. Aber was soll man machen?
    Die Reise hat für diesen Monat alles verschlungen - ich habe nur noch eine
Matratze zum Schlafen - alles andere ist ins Leihhaus gewandert.
                                                                         25. - -
Niemand weiss, wo ich bin. Ganz heimlich bin ich fortgegangen, ohne Abschied. -
Nur Bel-ami war den letzten Abend noch da, wir sassen bis spät in die Nacht in
dem leeren Atelier auf zwei Koffern. - Ob er etwas davon fühlte, wie bange und
traurig mir war?
    Und am nächsten Morgen fort, ganz allein. - Nur die alte Hausmeisterin
weinte - ja, nun hätte sie niemand mehr. Ich sehnte mich so danach, ganz allein
zu sein, aber nun weiss ich die Einsamkeit nicht zu ertragen - von einem Ort bin
ich zum andern gefahren, überall kam es mir unerträglich vor, auch nur einen Tag
zu bleiben - immer neue, fremde Gesichter, die mir von feindlicher Neugier
erfüllt schienen, mich bis in die Träume hinein verfolgten.
    Ich will ruhig sein und nur an mein Kind denken. Aber das Heimweh reisst an
mir, Heimweh nach jedem Stückchen Heimat, das ich jemals besessen habe - selbst
nach meinem öden Atelier in München. Nur nach einem Fleck auf der Welt sehne ich
mich, wo ich mich still und müde hinlegen könnte und nur ein Mensch um mich
wäre, der mir ein gutes Wort sagt. Mir ist, als hätte ich die letzte Stätte
verloren, keinen Boden mehr unter den Füssen - ganz allein auf öder Landstrasse,
mit dem ungeborenen Leben unter meinem Herzen. Und wir beide allen Stürmen
überlassen - wohin werden wir treiben - wohin geht unsere Strasse?
    In einem kleinen abgelegenen Wirtshaus unten am See habe ich mich
niedergelassen und gleich angefangen zu arbeiten, um die Gedanken
niederzuzwingen. Dazwischen weite Gänge ins Land hinein oder den See entlang. Es
hilft alles nichts - ich weiss nicht, warum diese rastlose, drängende Schwermut
sich immer dunkler auf mich herabsenkt -, als ob alles Leid und Weh, das man
jemals erlitten hat und noch erleiden kann, alle Schmerzen, die mir getan
wurden, und die ich anderen tat, - jedes unerfüllte und unerfüllbare Sehnen -,
als ob jede wehe Erinnerung und jeder ferne Klang sich zusammenballte zu einer
unentwirrbaren, unerträglichen Qual, die keinen Lichtstrahl mehr durchlässt. -
Warum es immer finsterer wird in mir, warum ich aufschreien möchte, wenn die
Sonne scheint und der Frühling um mich her leuchtet?
    Der Sturm der letzten Tage hat nachgelassen; ich ging am See hin gegen
Abend, und es kam wieder eine etwas mildere Stimmung über mich. Alles war so
still: auf der einen Seite das weite, dämmernde Land mit seinen weissen
Obstbäumen und zur andern die blauen, verschwimmenden Ufer. Und doch immer
wieder die Gedanken, die nicht weichen wollen -: wenn nun auch das Kind mir
wieder genommen würde, oder ich selbst sterben müsste und es zurücklassen. Wäre
es denn nicht besser, jetzt noch freiwillig hinabzugehen und es mit mir zu
nehmen? Manchmal ist mir, als ob ich hellsehend wäre und wüsste, dass es so kommen
muss. Und wie eine Melodie, die mich nicht loslässt, klingt es in mir bei jedem
Schritt: nur sterben, nur sterben. Ich horche in ewiger Todesangst darauf, ob
das Kind sich regt in mir, und wenn ich es nur eine Stunde lang nicht fühle,
dann glaube ich, nun ist alles vorbei und wir sind beide verloren.
                                                               Sonntagnachmittag
Der Anblick von Menschen macht mich krank, und heute kommen sie scharenweise
hier heraus. Mir wird dann, als ob ich von Gefahren umringt wäre, mich
verteidigen müsste, wenn ich nur ein fremdes Gesicht sehe.
    So habe ich mich in mein Zimmer geflüchtet - am offenen Fenster mit dem
weiten Blick in sommerliches Grün. Ich sehe auf den langen, gewundenen Weg
zwischen den Bäumen und denke daran -, wenn jetzt auf diesem Weg jemand zu mir
herkäme und mich aus meiner einsamen Angst erlöste.
    Gegen Abend das Boot losgemacht und weit auf den See hinausgefahren, jetzt
wieder oben - der Sonntagslärm schallt zu mir herauf, und da draussen die
blütenweisse Sommernacht. Wenn man nur schlafen könnte, eine einzige Nacht ruhig
schlafen.
    So kann es nicht weitergehen, oder ich treibe dem Wahnsinn zu - ich weiss es,
fühle es, wie er mich immer mehr umfängt. Nur selten kommt eine klare Stunde wie
jetzt, wo ich mir sage, dass das alles krankhaft ist - körperlich. Aber wenn ich
es mir Tag und Nacht vorsagen wollte, es hilft nichts, es ist da, weicht nicht
von mir. - Den ganzen Tag stehen mir die Augen voller Tränen, und meine Stimme
versagt bei den gleichgültigsten Worten.
    Ich kann nicht mehr auf den See fahren, nicht mehr ans Ufer gehen, ich
fürchte mich vor dem Wasser -, dass ich auf einmal die Besinnung verlieren und
mich da hineinwerfen könnte, in die Tiefe, die nach mir ruft.
    Nein, ich muss mich retten vor diesem Ruf, sonst verschlingt es mich - mich
und mein Kind.
                                                                   München, Juli
Aus einer langen Nacht bin ich zurückgekehrt - war es nicht schon, als ob
schwarze Totenhände mich umklammert hielten, sich immer fester krallten, bis das
Bewusstsein sich unter ihrem Griff allmählich verwirrte?
    Dann liessen sie langsam, langsam wieder los.
    Oft geht es noch durch dunkle Tiefen jetzt -, aber ich sehe das Licht
wieder, und es scheint in mich hinein. Ich kann jetzt wieder lächeln über all
die Schrecken, wie ein Arzt über die Einbildungen seiner Kranken lächelt. Das
Leben wollte mich doch nicht von sich lassen, und es hat lauter gerufen wie all
die schlimmen, dunklen Mächte.
    Mein Gott, wie rasch uns etwas Überwundenes in der Erinnerung fremd und
unbegreiflich erscheint. Wer denkt, wenn die Sonne aufgeht, noch an die
Gespenster, die ihn in der langen, schlaflosen Nacht marterten? Er kann nur noch
fühlen, dass die Welt sich in Klarheit verwandelt hat.
    Und so geht es mir jetzt - ich weiss nicht, wo die dunkle Angst geblieben ist
und woher mir die tiefe Ruhe kommt - Ruhe in mir selbst, die ich nie gekannt
habe. - Ich war der ruheloseste Mensch unter der Sonne, immer im Kampf, in
tausend Kämpfen.
    Jetzt möchte ich nur still sein, und lauter neue Gedanken treiben in mir,
wie Blüten, die man noch nie gesehen hat. - Wo waren sie vorher? Wo war ich
selbst und mein Leben? Es rannte immer in die Irre und immer wieder durch lauter
Stachelhecken, riss sich wund und blutete aus vielen Wunden - und ich stand
daneben und sah ratlos zu und war verzweifelt, weil nie die Blumenwiesen kamen,
die ich suchte. Warum haben wir als Kinder keine Lehrmeister, die uns lehren,
mit dem Leben eins zu werden, warum haben sie uns immer nur gesagt, dass es
Feindschaft und Kampf sein müsste, schwer und hart? Das ist es nur, solange wir
uns dagegen sträuben, taub und blind dahinrennen und nicht hören, was es uns
sagt. Und wenn wir das einmal dunkel ahnen wollen, dann schreit so viel dagegen
an, von aussen her und von dem, was man jahrelang in uns hineingelogen hat, dass
wir uns immer wieder von dem wirren Lärm betäuben lassen.
    Ich glaubte so mutig zu sein, weil ich ein paar Sprünge gemacht hatte, die
nicht alle wagen -, aber wie elend verzagt bin ich dann oft dagesessen und habe
an der Lektion herumbuchstabiert, die das Leben mir zu lernen gab - wie töricht
hab' ich gemeint, sie hiesse Entsagung, Enttäuschung oder noch alles mögliche
andere.
    Jetzt kommt es mir vor, als ob mit dem grossen Rätsel, das sich in meinem
Körper vollendet, auch all die andern Rätsel sich lösten, als ob ich mit anderen
Augen sähe, mit anderen Sinnen fühlte, und endlich fange ich an, lesen zu
lernen.
    - - Ein kleines, enges Zimmer mit zwei Fenstern nach Süden - ohne Läden, die
man gegen die Hitze schliessen könnte - mein alter, grosser Tisch, der fast den
ganzen Raum ausfüllt - gegenüber Schieferdächer, auf denen die Sonne glüht - und
schreiben, den ganzen Tag von Morgen bis Abend. Aber jetzt sage ich nicht mehr:
Was führst du für ein Dasein? Ich würde kein anderes Schicksal mehr gegen meines
eintauschen, auch das vergangene nicht.
    - Wie ich mich all der Verzagteit schäme - wie konnte ich mich so vor
feindlichen Blicken fürchten?
    Einzelne von früheren Bekannten grüssen mich nicht mehr, andere beklagen
mich. Mehr oder minder bin ich in ihren Augen doch jetzt für immer bankerott -
entgleist - die Tore der »Gesellschaft« sind für immer hinter mir zugefallen.
    Und das Kind? - Ich weiss meine Verantwortung wohl - und ich bin froh, ihm
gerade dieses Schicksal bieten zu können - ich will es lehren, sein Schicksal zu
lieben, wie ich meines lieben gelernt habe.
    Zu Hause trage ich nur noch lange, weisse Kleider, die nach verwöhnter Ruhe
aussehen, und die träume ich mir dann manchmal dazu. Wie müsste das sein, jetzt
so leben zu können - in grossen hellen Räumen mit vielen Blumen und festlichen
Dingen - frohe Menschen um mich her, die alles für mich täten, mich verwöhnten -
und dann nur daliegen und an das Kind denken.
    Wenn ich dann auffahre und mich besinne, laufen mir dicke Tropfen von der
Stirn, und die Hände wollen nicht weiter. Die Hitze ist lähmend - auf meinem
Tisch steht immer eine grosse Schale mit Eis, um Kopf und Hände daran zu kühlen -
das ist mein einziger Luxus.
                                                                          August
Die Heimat ist bereit, in der mein Kind erwachen soll. - Seit vierzehn Tagen
kaum ins Bett gekommen, ich lege mich nur ein paar Stunden auf den Diwan, dann
ist's wieder vorbei mit dem Schlaf, und ich wandere von der ersten Dämmerung an
in der Wohnung herum - von einem Zimmer ins andere. - Es war so viel Freude
darin, alles selbst einzurichten, so viel Stolz, dass man es selbst
zusammengearbeitet hat.
    Alles scheint zu warten - die kleine Wiege, die neben meinem Schreibtisch
steht - armselig ist das Ganze wohl, aber es war alles, was ich geben konnte,
und für mich liegt schon der Glanz all der Liebe darüber, die hier zwischen uns
beiden leuchten soll.
    Nur die letzte Arbeit muss noch getan sein - meine Augen brennen nach Schlaf.
- Ich habe eine Schieblade vom Schreibtisch herausgezogen, um den Rücken
dagegenzulehnen, die Schwere im Körper will mich fast zu Boden ziehen. Und ein
Gefühl, als ob man nicht mehr auf der Erde wäre, sondern in einem fremden,
durchsichtigen Element, wo ferne Glocken läuten und man nur lächeln und weinen
möchte.
                                                                   September - -
Mein Kind - nun ist es aus seinem langen, dunklen Schlaf erwacht, Tag und Nacht
liegt es neben mir - Tag und Nacht scheint jetzt die Sonne, und die letzte
Finsternis ist hell geworden - die Welt steht still um uns beide, wie ein
Tempel, in dem alle Offenbarungen tönen.
    Mein Kind - mein schwererkämpftes - nach all dem stillen, frohen Warten noch
einmal hinunter in den allertiefsten Abgrund - durch Martern hindurch, wie sie
kein Traum zu ersinnen vermag, die alles hinweglöschen, was noch leben will an
Furcht und hoffender Erwartung, alles verstummen machen vor dem einen
schaudernden Aufschrei, dass solches Entsetzen möglich ist.
    Und dann der lichte Morgen, die hellen strahlenden Stunden, wo das Leben in
seine Bahnen zurückflutete -, und wo ich zu fassen begann, dass ein Märchenwunder
Wirklichkeit geworden war - das Märchenwunder, das neben mir in weissen Kissen
lag und mich aus weiten, dunklen Augen ansah. - Mein Kind - was frage ich jetzt
noch, ob es schwer erkämpft war -, mein Kind soll zur Freude geboren sein, nicht
die verblassten Spuren tragen von dem, was ich gelitten habe, und was jetzt mir
selber Freude und Reichtum geworden ist. Mein Weg war wohl oft dunkel und
blutig, ich habe den Tod von Angesicht zu Angesicht gesehen und seinen Blick
gefühlt, den Wahnsinn und die letzte Verzweiflung - nun sehe ich dem Leben ins
Auge und bete es an, weil ich weiss, dass es heilig ist. Es hat mich all seinen
Reichtum gelehrt an Leiden und Lust - ich liebe alle die Schmerzen, die es mir
angetan hat, und all die Opferwunden, die es schlug - ich liebe auch die
Verlassenheit und die Not, die vor unserer Tür steht. - Wie konnten wir je
Feinde sein? Mag es jetzt geben oder nehmen - ich sehe ihm ins Auge, und wir
lächeln beide.
 
    