
        
                                    Karl May
                         Im Reiche des silbernen Löwen
                                    4. Band
                                  Erstes Kapitel
                                        
                                    Im Grabe
Es war eine eigenartige Stimmung, in welcher ich mich befand, als mich der Ustad
hinauf nach der mir zugedachten Wohnung führte. Es war nicht Spannung, noch viel
weniger Neugierde. Ich hatte das Gefühl, als ob eine schon längst in mir lebende
und doch niemals ganz in das Bewusstsein getretene Sehnsucht nun in Erfüllung
gehen werde, als ob mir ein Glück bevorstehe, auf welches ich schon längst, aber
ohne mein Wissen, vorbereitet worden sei. Warum war ich dabei so ernst, als ob
auf jeder der Stufen, welche wir emporstiegen, eine Gestalt aus vergangenen
Tagen stehe und stumm mahnend die Hand erhebe?
    Als wir oben vor der Wohnung des Ustad angekommen waren, sah ich eine zweite
Treppe. Auf ihrer Biegung stand ein brennendes Licht. Er zeigte hinauf und
sagte:
    »Du wirst da über mir wohnen. Und doch so tief, so tief, wie ich heut nicht
mehr wohnen möchte!«
    Ich sah ihn fragend an. Da legte er mir die Hand auf die Schulter und fuhr
fort:
    »Effendi, fürchtest du dich vor Gespenstern?«
    »Nein,« antwortete ich.
    »Oder vor Gräbern?«
    »Nein.«
    »So gehe hinauf, und schaue dich um! Ich lasse dich für kurze Zeit allein,
komme dir aber dann nach oben nach. Ich könnte wohl noch besser sagen: nach
unten, denn, mein Freund, du wirst bei Leichen wohnen. Du bist der Erste und
gewiss auch der Letzte, also der Einzige, der jene Gruft betreten darf, welche
ich den Verstorbenen aus den verflossenen Tagen meines Lebens baute. Ich spreche
in dunklen Worten; aber grad dieses Dunkel werde dir zum Licht! Das ist mein
Herzenswunsch!«
    Er öffnete seine Wohnung, nickte mir mit wehmütigem Lächeln zu und
verschwand dann hinter der Tür. Ich ging weiter.
    Indem ich dies tat, kehrte Alles, was ich bisher aus seinem Munde gehört
hatte, zu mir zurück. Wie tief, wie bedeutungsvoll war jedes Wort gewesen! Aus
welcher Höhe schaute jeder Gedanke dieses Mannes auf die Oberflächlichkeit
gewöhnlicher Menschen nieder! »Freund« hatte er mich genannt. Wie alles so
ungewöhnlich war, so durfte ich auch dieses Wort nicht in der umgangsüblichen
Bedeutung nehmen. Er meinte es ganz zweifellos nicht leer, sondern voll. Ich
konnte überzeugt sein, dass ich seinen Inhalt auch in mir selbst zu suchen und zu
finden haben werde.
    Die zweite Treppe stieg in das Innere des Felsens hinein, an welchen sich
die oberste Etage des »hohen Hauses« lehnte. Ich sah nur eine einzige Tür. Sie
stand offen. Gedämpfter Lichtschein fiel heraus. Ich trat ein. Welch eine
Ueberraschung, diese »Gruft«!
    Das war doch allem Anscheine nach das Studierzimmer eines europäischen
Gelehrten! Es sah ganz so aus, als ob der letztere soeben erst den Raum
verlassen habe, um aber gleich wieder zurückzukehren. War er Geograph? Etnolog?
Den Fussboden bedeckten die Felle wilder Tiere, denen die präparierten Köpfe,
Klauen und Krallen gelassen worden waren. An den Wänden hingen neben den
Kriegswaffen verschiedener Völker auch allerlei friedliche, aber interessante
Gebrauchsgegenstände derselben. Neben einem höchst bequemen persischen Diwan
stand ein indischer Perlmuttertisch, auf welchem einige aufgeschlagene Bücher
lagen, als ob vor ganz Kurzem noch in ihnen gelesen worden sei. Ich trat hin, um
nachzuschauen. Ein geöffnetes neues Testament! Ein mit Tinte unterstrichener
Vers: »Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, sollen ihn im Geiste und in der
Wahrheit anbeten!« Daneben ein beschriebenes, nicht losblätteriges sondern
eingebundenes Manuskript. Da, wo der Verfasser aufgehört hatte, lautete der
Satz: »Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure
Wege. So spricht der Herr!«
    Auf dem Schreibtische brannte eine Lampe, deren Licht durch einen grünen
Schirm gemildert wurde. Der letztere war von feinster Seide, von Frauenhand
gestickt. Arabische Schriftzeichen, doch wohlbekannte Worte: »Die Liebe hört
nimmer auf!« Als ich den Schirm emporhob, um diesen Wahrheitsspruch zu lesen,
sah ich, dass es eine sogenannte Astrallampe war. Astral! Das erweckte
eigentümlicherweise eine Erinnerung aus meiner Knabenzeit in mir. Ich hatte in
einem alten Buche gelesen, dass es Astralgeister gebe, welche die uns unbekannten
Sterne bewohnen. Meine kindliche Phantasie gab sich die grösste Mühe, diesen
Geistern Gestalt und Farbe zu erteilen, wobei sie natürlich zu den sonderbarsten
Resultaten kam. Da hörte ich, dass der Rektor für seine Studierstube eine
Astrallampe als Geburtstagsgeschenk bekommen habe. Ich ging augenblicklich hin
und bat um die Erlaubnis zu einer Exkursion auf dieses geisterhafte Gebiet. Man
kann sich denken, wie enttäuscht ich war, als sich bei der sehr eingehend
vorgenommenen Okularinspektion keine einzige meiner sehr hoch gespannten
Erwartungen erfüllte! Der Herr Rektor sah mir meine Betrübnis an und fragte nach
dem Grunde. Ich teilte ihm denselben aufrichtig mit. Da lachte er und sagte:
»Mein lieber Junge, das wirkliche Astrallicht strahlt von Stern zu Stern durch
den ganzen Himmelsraum, damit es alle Welt im Geiste des Herrn erleuchte. Der
Name dieses irdischen Lämpchens aber wurde vom Himmel herabgestohlen, damit der
Klempner die Herrlichkeit Gottes zwingen könne, sich für ihn und seinesgleichen
in ein gutes, einträgliches Geschäft zu verwandeln.« Da fiel ihm ein, dass meine
Fassungskraft doch nicht der seinigen gleiche. Darum fuhr er fort: »Wenn du im
Leben die Augen auch fernerhin so offen hältst wie jetzt, so wirst du das, was
ich jetzt sagte, begreifen lernen. Dieser Klempner ist nicht der einzige Mensch,
dem der Herrgott ruhig herzuhalten hat. Es gibt noch ganz andere Kostgänger,
die von dem wohlgedeckten Tische des Himmels speisen, obgleich ihre Berechtigung
dazu nur eine angemasste ist. Im göttlichen Astrallichte wandeln nur erhabene
Geister. Im Lichte dieser Lampen aber sonnen sich meist nur die winzig kleinen
Geisterlein, welche sich bei dem Oele des Rübsamens und des Rapses einbilden,
von ihrem Tische aus das ganze All ergründen zu können. Und wenn sich ja einmal
ein bedeutender Mann an diesem Tische niedergelassen haben sollte, so stehen
tausende der Kleinen auf der Lauer, ihm selbst auch diese Lampe auszublasen!«
    Ich verstand dieses Letztere ebensowenig wie das Vorhergehende; aber das
Leben hat mich dann gelehrt, den alten, erfahrenen Rektor zu begreifen. Und als
ich nun hier im hohen Hause vor der Lampe des Ustad stand, da war es mir, als ob
es ein vielgestaltiges Weben von lauter, lauter Geisterwinzigkeiten um mich her
gebe und als ob eine unsichtbare, hundertstimmige Schadenfreude mir in die Ohren
raune: »Da steht sie noch, die wir ihm ausgeblasen haben. Wir dulden Geister,
aber keinen Geist!«
    Ich nahm sie vom Tische weg, um die beiden Nebenräume anzusehen, welche
rechts und links an dieses Zimmer stiessen. Der eine war zum Schlafen bestimmt.
Ein weiss überzogenes Bett. Ich fühlte das Leinen an und war geneigt, es für
europäisches zu halten. Die Wände zeigten keinen andern Schmuck als nur ein
einziges, primitiv eingerahmtes Bild von sehr bescheidener Grösse. Es hing der
Fensterseite gegenüber. Als ich die Lampe hoch hielt, um es zu betrachten, sah
ich, dass es eine mit grosser Liebe ausgeführte Federzeichnung war und eine auf
Bergeshöhe stehende kleine Dorfkirche vorstellte. Es handelte sich hier
augenscheinlich nicht um ein Werk der Phantasie, sondern dieses Gotteshäuschen
war ohne allen Zweifel hier nach der Wirklichkeit wiedergegeben. Unter dem Bilde
standen einige geschriebene Zeilen. Ich las:
»Kirchlein mein, Kirchlein klein,
Könnt so fromm wie du ich sein!
Deine Höhe zu erreichen,
Will ich dir an Demut gleichen.
Kirchlein mein, Kirchlein klein,
So wie du will stets ich sein!«
    Wer hatte das geschrieben? Und für wen war es geschrieben worden? Wenn der
Schreiber ein Dichter war, so hatte es ihm hier sehr fern gelegen, mit seinem
Geiste zu prahlen. Wo gäbe es wohl einen Menschen, der einem gottgeweihten Hause
gegenüber sich nicht klein zu fühlen hätte! Selbst der grösste der Dichter würde
wissen, dass er dem prunkenden Reime zu entsagen habe, falls er im Geiste zur
Kirche gehen wolle. Der wirklich Grösseste wird hier am feinsten sein.
    Der Raum, den ich nun betrat, war die Bibliotek. Ihr Vorhandensein konnte
mich nicht überraschen, obgleich nicht anzunehmen war, dass Pekala, die von den
Büchern des Ustad gesprochen hatte, hier oben nach Belieben schalten und walten
dürfe. An allen vier Wänden gab es hohe Stellagen, welche mit Büchern, Karten
und wohlumschnürten Paketen gefüllt waren. Diese letzteren lagen nach Jahren und
Monaten geordnet, und ihre Aufschriften sagten mir, dass sie Briefe entielten.
Es gab auch mehrere am Boden stehende, offene Kästen, welche bis an den Rand mit
Briefen oder Zeitungen gefüllt waren. In der Mitte des Zimmers stand ein
ungewöhnlich grosser Tisch. Er war mit Büchern, Karten und Skripturen belegt und
sehr bequem für einen geistig arbeitenden Mann, der es liebt, viel Platz zu
haben.
    Die Fenster der ganzen Wohnung waren hoch und breit, um möglichst viel Licht
einzulassen. Aus dem mittelsten Gemache, welches ich zuerst betreten hatte,
führte eine Tür hinaus ins Freie. Ich öffnete sie, um mich draussen umzusehen.
Wie froh überrascht war ich, als ich sah, dass ich mich auf einem platten Dache
befand, unter welchem jedenfalls die Wohnung des Ustad lag. Hier oben gab es
nichts als nur die von mir beschriebenen drei Stuben. Sie waren von der
Vorderfront des Hauses so weit zurückgesetzt, dass man diesen schönen Vorplatz
gewonnen hatte, welcher mir die allerfreieste Aussicht nach Norden, Osten und
Süden bot, während auf der Westseite der Weg hinauf nach der Glockenhöhle an mir
vorüberführte.
    Es ist eine meiner Eigenheiten, so viel wie möglich im Freien zu arbeiten,
selbst auch des Abends und des Nachts. Ich kann sagen, dass ich meine
glücklichsten, geistig belebtesten und fruchtbarsten Zeiten auf den platten
Dächern des Morgenlandes verlebt habe. Wer des Nachts unter funkelndem
Sternenhimmel von den Dächern Siuts hinauf nach der Höhe des Stabl Antar, von
Jerusalem hinüber nach Mar Eljas, von Tiberias über den Genezaret, vom
herrlichen Brummana des Libanon hinunter auf die Lichter und den Hafen von Berut
geschaut hat, dem werden diese Stunden lebenslang im Gedächtnisse bleiben. Und
nun auch hier vom hohen Hause aus der unbeschreiblich schöne Blick hinaus und
hinein in die orientalische Nacht, die nicht so, wie die abendländische, nur vom
Abend nach dem Morgen schreitet, sondern vom Paradiese nach dem Paradiese
wandelt!
    Da hörte ich ein Geräusch. Ich schaute mich um und sah den Ustad, welcher
bei mir eingetreten war. Er bemerkte, dass ich mich auf dem Vorplatze befand, und
kam heraus. Ich lehnte an der Brüstung. Er sagte nichts. Die Hände auf die
Steine vor uns legend, schaute er still auf den See hinab. Ich hörte seinen Atem
leise gehen. Da, nach einer kleinen Weile wendete er sich mir halb zu und
sprach, nach unten deutend:
»Der See denkt jetzt in tiefer Andacht nach,
Was er vom Herrn wohl mit der Sonne sprach.
Sie schaute ihm dabei ins Herz hinein.
Woher mag wohl der Blick gewesen sein?
Und sieht er, dass in seiner klaren Flut
Das Bild des ganzen, ganzen Himmels ruht,
So sendet er der Sonne Blick und Licht
Auch mir ins Herz als Lob- und Dankgedicht.«
    Wie seltsam! Soeben waren ganz ähnliche Gedanken in mir aufgestiegen! Doch
sagte ich nichts. Ich konnte kein Wort finden, welches wert gewesen wäre, jetzt
gesprochen zu werden. Dieses Gedicht war im jetzigen Augenblick in ihm
entstanden. Dass er es sofort in laute Worte gefasst hatte, war mir ganz
selbstverständlich. Jeder Dichter pflegt das zu tun. Er wendete sich wieder ab
und sagte nach kurzer Pause, an seine letzten Worte anknüpfend:
    »Es war ja heut ein Tag des Lobes und des Dankes. Er ist für mich noch nicht
vorüber; er hallt noch in mir nach. Du warst dem leiblichen Sterben nahe, bist
aber noch vor dem Tode wieder auferstanden. Darum zogen wir hinauf zu unserm
Haus des Herrn.«
    »So lass mich dafür danken, dass auch du jetzt wieder lebst,« sagte ich.
    »Ich?« fragte er schnell.
    »Ja. Ich war dem Tode nahe; du aber bist gestorben.«
    »Wer hat es gesagt? Wer hat es dir gesagt?«
    »Pekala. Durfte sie es nicht?«
    »Sie weiss, dass ich vor dir kein Geheimnis haben will. Aber sie hat dich
falsch berichtet.«
    »Hast du ihr nicht gesagt, dass dein Sterbetag gewesen sei? Hast du nicht
auch zu mir vorhin von deiner Gruft gesprochen?«
    »Allerdings. Aber ich bin von euch beiden falsch verstanden worden. Meine
Gruft ist nicht mein Grab. Nur das, was in mir abgestorben ist, liegt da
begraben. Mein Sterbetag war der, an dem es starb.«
    »So wünsche ich dir von ganzem Herzen, dass du recht haben mögest! Ist es
schon so traurig, Liebes in sich sterben zu fühlen, so muss es ja entsetzlich
sein, sich zwar körperlich noch am Leben, aber als geistig vollendete
Individualität bereits gestorben und begraben zu wissen!«
    Er schaute mir in das Gesicht, längere Zeit. Dann strich er sich mit der
Hand über die Stirn, als ob er etwas von dort zu entfernen habe, und sprach:
    »Ich kann mir allerdings nichts Furchtbareres denken, als das, was du soeben
sagtest. Aber trotz allem, was in mir gestorben ist, ich selbst bin mit dem, was
du meine geistige Individualität nennst, noch heut bei vollem Leben.«
    »Gott gebe es!«
    Der Ton, den ich unwillkürlich diesen drei Worten gab, machte, dass der Ustad
sein Gesicht mir abermals zukehrte. Der Ausdruck desselben war fast der eines
milden Erstaunens. Dann fragte er:
    »Hältst du den Tod einer vollen, vielleicht bedeutenden oder sogar grossen
geistigen Persönlichkeit überhaupt für möglich?«
    »Ja.«
    »Woran soll sie sterben?«
    »An einem plötzlichen, scheinbar wohlbegründeten Entschlusse. Oder auch an
einer selbstverschuldeten, langsamen Verzehrung. In beiden Fällen liegt
Selbstmord vor, falls der Geist vorher gesund gewesen ist.«
    »Effendi weisst du, wie hart du sprichst?«
    »Wir sprechen vom Geiste. Darum mag der Geist zum Geiste reden. Der Geist
aber ist hart, vielleicht härter als alles, was wir hart zu nennen pflegen. Du
wolltest meine Ansicht über den Tod hören; diese ist nicht Herzenssache. Sobald
du mein Herz fragst, wird es sprechen, und zwar so gern, so gern!«
    Da faltete er die Hände, hob die Augen empor und sagte: »Sollte ich ein
Selbstmörder sein?! Chodeh, ich bitte dich, verhüte es!«
    »Chodeh ist allmächtig; aber selbst seiner Allmacht ist es nicht möglich,
etwas zu verhüten, was bereits geschehen ist.«
    »So will ich mich prüfen. Ich will wissen, was ich getan habe und ob ich
etwa anders hätte handeln können oder handeln sollen.«
    »Hältst du dich für einen unparteiischen Richter über dich?«
    »Nein. Aber du sollst mich richten.«
    »Ich? Das ist unmöglich, denn ich liebe dich.«
    »So wollen wir beide es vereinigt sein. Wir wollen einander beaufsichtigen,
damit das Urteil ein gerechtes werde. Ich will anfangs der Dritte sein, der
Zeuge, der dir und mir der vollen Wahrheit gemäss erzählt, wie es zugegangen ist,
dass die Hand des Todes mir in mein Inneres griff. Ich sage dir aufrichtig, dass
ich dich hier heraufgeführt habe, um dir eine Liebe zu erweisen. Vielleicht bist
du es, der sie mir erweist. Ich glaubte, dich nicht nur von dem einen, sondern
auch noch von dem andern Tode erretten zu müssen. Nun werde ich zu fragen haben,
ob nicht im Gegenteile dir die Aufgabe zufällt, mir zu zeigen, dass ein Toter
einen noch Lebenden nicht vor dem Tode bewahren kann.«
    Unser Gespräch wurde in diesem Augenblicke unterbrochen. Wir hörten Stimmen,
welche vom Vorplatze heraufklangen, und die schlürfenden Schritte langsam durch
das Tor kommender Kameele. Zwei Männer sprachen miteinander. Der eine war Tifl,
der andere ein Fremder. Dann kam der Pedehr dazu. Dieser schien einige Fragen
auszusprechen, die wir nicht verstanden; dann hörten wir deutlich, dass er sagte:
    »Steigt ab, und seid willkommen! Ich werde deinen Wunsch unserm Ustad
melden.«
    Da beugte sich der letzere über die Brüstung vor und rief hinab:
    »Wer ist es, mit dem du sprichst, Pedehr?«
    »Agha Sibil und sein Enkelkind aus Isphahan,« antwortete der Gefragte
herauf. »Er ist den Bluträchern begegnet und bringt uns eine wichtige Kunde.«
    »Er sei unser Gast. Ich komme sogleich hinab.«
    Hierauf entschuldigte er sich in einigen Worten bei mir, dass er sich für
kurze Zeit entfernen müsse, und wollte gehen.
    »Erlaube nur einen Augenblick,« sagte ich. »Wer ist der Angekommene?«
    »Ein Kaufmann aus Isphahan, welcher von dort aus einen bedeutenden Handel
nach dem Innern des Landes treibt. Er versorgt viele der freien Stämme mit
allem, was sie brauchen, und ist der Hauptabnehmer auch unserer Erzeugnisse.
Seine Leute sind fast immerfort mit Waren unterwegs. Zur Abrechnung aber pflegt
er selbst zu kommen.«
    Als er mir diese Auskunft erteilt hatte, verliess er mich. Er hatte
angenommen, dass meine Erkundigung nur deshalb ausgesprochen worden sei, weil es
sich um eine Nachricht von dem Multasim handelte. Ich hatte aber auch noch einen
zweiten Grund. Nämlich mein Wirt in Bagdad, der nach Halefs Ausdruck »früher
Bimbaschi gewesene und dann Mir Alai gewordene« Offizier Dozorca, hatte mir, wie
man sich erinnern wird1, die Namen seiner Familienmitglieder genannt und dabei
gesagt, dass sein Schwiegervater Mirza Sibil oder auch Agha Sibil heisse und ein
persischer Handelsmann gewesen sei. Nun war ein Kaufmann dieses Namens aus
Isphahan hier angekommen. Da musste ich natürlich sofort an die vermeintlichen
Toten denken, welche mein armer Wirt so lange Zeit betrauert hatte. Es lag mir
fern, gleich etwas Gewisses anzunehmen; aber dieser Agha Sibil hatte einen Enkel
mit, nicht etwa einen Sohn, und dieser Umstand machte den Gedanken in mir rege,
dass sich hier in diesem wunderbaren »hohen Hause« gar wohl auch noch eine dritte
Art von Auferstehung ereignen könne, nämlich eine Wiederkehr aus dem Lande der
Totgeglaubten. Ich war darum gewillt, womöglich mit diesem Kaufmann selbst zu
sprechen.
    Zunächst aber war meine Zeit für den Ustad in Beschlag genommen, über dessen
Vergangenheit ich jetzt einen Bericht zu erwarten hatte, der für mich so wichtig
werden sollte, wie ich es jetzt, in diesem Augenblicke, gar nicht ahnte. Wir
kurzsichtigen, unwissenden Menschen, die wir auf ganz verkehrten
antroposophischen Wegen wandeln, sind vollständig blind und taub gegen die
grosse Wahrheit, dass der eine sich in dem andern zu erkennen habe. Der
Gesamtmensch ist jedem einzelnen derart eigen, dass nicht nur die körperlichen
und geistigen Gesichtszüge, sondern auch die Lebensführungen von Personen, die
uns bei oberflächlicher Betrachtung als sehr verschieden erscheinen, doch mit
absoluter Notwendigkeit grosse innerliche Aehnlichkeiten, ja oft sogar
Gleichheiten besitzen müssen, durch welche die Menschenkenntnis ganz unbedingt
zur Selbsterkenntnis werden müsste, wenn wir nicht die fatale Eigenheit besässen,
uns mehr nach bösen als nach guten Menschen umzuschauen und den Zusammenhang mit
der Menschheit nur in unser eigenes Belieben zu stellen. Wie sich der Kreislauf
des Blutes durch Millionen Körper auf ganz dieselbe Weise vollzieht, so pulsiert
in diesen Millionen auch der Geist durch gleiche Adern, und wenn diese letzteren
sichtbar vor unsern Augen lägen, so würden wir gar wohl bemerken, dass unter
tausend auf den Seciertisch gelegten Geistern es nicht einen einzigen gäbe, der
sich sowohl anatomisch als auch in Beziehung auf seinen Vitalismus und das, was
ich vorhin Lebensführung nannte, derart von den andern unterschiede, dass es dem
Professor nicht mehr möglich wäre, an ihm allein in aller Ausführlichkeit zu
demonstrieren, warum alle übrigen nun jetzt mit ihm das gleiche Schicksal haben.
    Wer hat jetzt noch Lust, dem kühnen oder vielleicht auch staarkranken
Sprachgebrauche zu folgen und Geister zu distinguieren? Während der eine Mensch
durch eine ebenso mühevolle wie langweilige Addition selbst bei einem
achtzigjährigen Leben nicht dazu kommt, die Summe zu erreichen, wird der andere
schon in seinem zwanzigsten Jahre durch eine schnelle Multiplikation zu dieser
Summe geführt. Aber jeder einzelne der treu und gewissenhaft zusammengestellten
Summanden des ersteren wiegt vor den Augen des höchsten und gerechtesten aller
Geister mehr als das ganze durch eine bequemere Rechnungsart vollständig mühelos
gefundene Produkt des letzteren. Der kleinste Geist kann gross trotz seiner
Kleinheit, der grösseste aber klein trotz seiner Grösse sein. Unter den
Geisterlein und sonst noch spukenden Winzigkeiten, welche mich vorhin bei der
Lampe des Ustad belästigten, hat sich wahrscheinlich manche Längstvergessenheit
befunden, welche damals, als man sie ihm auszublasen begann, zu den
Geistesgrössen gerechnet wurde. Jetzt nun haben diese aus dem Leben geschwundenen
Grössen in der »Gruft« des »hohen Hauses« traurige Wache zu halten, dass die Lampe
ja nicht wieder angebrannt werde!
    Es ist mir im Vorhergehenden nicht eingefallen, anzudeuten, dass ich nicht an
Geistesgrössen glaube. Sie waren da, sie sind da und sie werden immer vorhanden
sein; aber sie waren und sind es nur für die Menschen, doch nicht für den, der
alle Nieren prüft. Er sendet die Jahrhunderte, in deren Verlaufe sich ihre Grösse
zu bewähren hat, und wenn sie vorüber sind, so waren sie wie ein Tag, der heut
vergangen ist. Für die nie versiechende Fülle der Ewigkeiten hat dann jeder,
selbst der berühmteste Menschenname doch nur diesen einen Tag gelebt. Aber der
Segen, den ein Menschenkind dem andern brachte, reisst sich vom Namen los, und
wohl dereinst dann dem, dem es vergönnt ist, aus seiner irdischen Berühmteit
emporzusteigen, um dort in diesem Sinne namenlos zu werden!
    
    Woher diese Gedanken? Umwehte mich hier auf dem freien Platze vor der
»Gruft« eine jener geistigen Atmosphären, welche sich aus solchen namenlos
gewordenen Bestandteilen zusammensetzen? Kamen die vom Staube befreiten Gedanken
guter, edler, hoher Abgeschiedenen hier zusammen, um sich da oben im
Alabasterzelte zur Fahrt gen Himmel zu vereinigen? Ich konnte mich nicht länger
mit ihnen beschäftigen, denn der Ustad kam jetzt zurück und bat mich, mit ihm in
die Bibliotek zu gehen. Er griff nach der Lampe, um sie mitzunehmen. Als er
sah, dass mein Blick an der Schrift des Schirmes hängen blieb, sagte er:
    »Die Liebe hört nimmer auf! Jawohl, die göttliche! Aber diese hier, sie ging
für mich zu Ende. Oder hatte sie überhaupt niemals bestanden? Waren diese
herrlichen Worte nicht mit dem Herzen, sondern nur mit der Hand gestickt worden?
Mit dem kleinen, zarten, schönen Händchen, welches für mich zur Kralle wurde,
obgleich ich es so oft, so oft an meine wahrheitstreuen Lippen gedrückt hatte?«
    Hierauf trat er zu dem Perlmuttertischchen, zeigte auf das Testament und
fuhr fort:
    »Gott ist ein Geist! Ich suchte diesen Geist. Ich glaubte, dass er, der alles
belebt, auch den Körper der Menschheit beseele. Darum forschte ich in ihr nach
ihm. Ich beobachtete sie, wenn sie wachte, wenn sie schlief und wenn sie betete.
Im Wachen war sie ihr eigener Gott. Im Schlafen träumte sie nur von sich allein.
Und im Beten lag sie vor sich selbst auf allen Knieen! Da stand der Geist des
Herrn im Morgenlande auf und ging als Hirt, der seine Herde suchte, von Land zu
Land, von Volk zu Volk, von Herz zu Herz. Ueberall, wohin er kam, rief man ihm
Hosiannah zu; dann wurde er verworfen und gekreuzigt. Allüberall, auf jedem
Golgata, sah man den Leib des Herrn an seinem Kreuze hängen. Wo aber blieb der
Geist? Der Geist, von dem wir uns in alle Wahrheit leiten lassen sollten? Wo
wurde dieser Geist in dieser Wahrheit angebetet? Ich fragte hier auf Erden hin
und her. Ich fand wohl manchen Stall und manche Krippe, wo Engel lobgesungen und
Hirten, Könige und Weise angebetet hatten. Auch fand ich noch den Duft des
Weihrauchs und der Myrrhen, die man dem Geist der Liebe dargebracht; er aber
selbst, er hatte sich geflüchtet, dem Hass und seiner Waffe zu entgehen. Wohin?
Man sagte: nach Egyptenland.«
    Nun berührte er das Manuskript mit feiner Hand, zog sie aber schnell wieder
zurück, als ob er etwas Hässliches oder gar Feindliches berührt habe, und sprach:
    »Hier liegt der Leib des Geistes, mit dem ich nach dem Geiste suchen ging.
Er starb und ward begraben. Er hörte auf, zu leben, als ich dieses
letztgeschriebene Wort vernahm, dass des Menschen Gedanken nicht die Gedanken
Gottes seien. Warum sollte ich mit den Gedanken meines Geistes noch fernerhin
nach jener Wahrheit suchen, die ich mit ihnen niemals finden kann, weil sie ganz
andere als die göttlichen sind!«
    Er schaute mich an, als ob er eine Zustimmung von mir erwarte. Ich aber
schüttelte leise den Kopf und sagte:
    »Du hättest mit diesem Worte nicht aufhören, sondern mit ihm beginnen
sollen. Es musste dir sagen, dass nicht mit der Schärfe des Geistes, sondern mit
dem vertrauenden Blicke des Glaubens zu suchen sei. Wärest du mit seinen offenen
Augen so, wie du sagtest, hier auf der Erde hin und her gegangen, so hättest du
gewiss nicht leere Krippen gefunden, aus denen der Herr vor Herodes geflohen ist,
sondern so manches freundliche Betanien und so manches liebe Emmahus, wo er vor
und nach der Kreuzigung bei den Seinen weilte, um mit ihnen das Brot zu brechen.
Meinst du, weil du den Geist des Herrn nicht fandest, können auch andere ihn
nicht gefunden haben?«
    »Ich fand ihn doch! Oeffne diese Leiche, und lies das erste Wort!«
    Als ich die vordere Seite des Manuskriptes aufschlug, sah ich die gross
geschriebene Ueberschrift: »Der Glaube ist es, der die Welt überwindet!«
    »Nun?« fragte er. »Habe ich nicht getan, was du sagtest? Bin ich nicht mit
dem Glauben suchen gegangen? War er nicht das Alpha dieses Buches? Warum bin ich
nicht auf diesem Wege, sondern auf einem anderen zum Omega gekommen?«
    »Dein Alphaweg war der Hosiannahweg. Du gingst vom Glauben aus, um den Herrn
zu finden. Doch da trat jener Geist zu dir, der den Messias einst versuchte.
Dieser siegte; du aber bist unterlegen. Es war nicht Gottes Geist, sondern dein
eigener, nach dessen Ruhm du fortan suchen gingst. Du fandest ihn, den
gleissnerischen, falschen. Man rief dir Hosiannah zu, obgleich es nur ein Esel
war, auf welchem du durch die schreiende Menge rittest. Er trat mit seinen Hufen
die Palmenzweige deines Ruhmes nieder. Sie waren es auch wert! Denn schon
begannen Stimmen hinter dir das Kreuzige zu rufen - - -«
    »Effendi!« unterbrach er mich erstaunt. »Du weisst es, was geschah? Wie
kannst denn du es wissen?!«
    »Nur ich? Das weiss doch jedermann! Wer nach der Wahrheit strebt, hat durch
den Jubel sogenannter Freunde hinauf nach Golgata zu steigen, um von ihnen
verlassen, von den Feinden aber gezwungen zu werden, seinen Geist aufzugeben.«
    »Seinen - - Geist - - aufzugeben!« wiederholte er. »Wie wahr, wie wahr das
ist! Sage mir: Hat man es zu tun? Muss man es tun?«
    »Warum fragst du mich, den Sterblichen? Frage den, der uns noch heut dadurch
erlöst, dass er uns vorangestorben ist! Vater, in deine Hände befehle ich meinen
Geist! so rief er aus, indem er von seinen Leiden Abschied nahm. Sag mir, o
Ustad, hast du dieses sein Beispiel befolgt? Hast du, als man dich deines
Geistes wegen marterte, ihn so, wie er den seinen, dem Herrn befohlen? Hier
liegt die Leiche; so sagtest du. Wohin aber ist ihr Geist gegangen? Hast du dich
zwingen lassen, ihn aufzugeben? Hättest du ihn in die Hände seines Herrn gelegt,
so würde er in diesem seinem Leibe wieder auferstehen können, wie einst Isa Ben
Marryam in ganz demselben Leibe auferstanden ist!«
    Da setzte der Herr des »hohen Hauses« die Lampe langsam, langsam wieder auf
den Tisch.
    »Warte, Effendi!« sagte er.
    Dann ging er hinaus ins Freie, Schritt um Schritt, als ob er plötzlich eine
schwere Last zu tragen habe. Als er schon draussen war, drehte er sich noch
einmal um.
    »Glaubst du an eine Auferstehung solcher Toten?« fragte er.
    »Ja!« antwortete ich.
    »Wirklich?«
    »Ich glaube nicht nur an sie, sondern ich kenne sie sogar!«
    »Du?«
    »Ja, ich!«
    »So wollte ich, ich wäre du!«
    »Du kannst und darfst es sein; du brauchst es nur zu wollen!«
    »Effendi, Effendi! Für wen wurde hier diese Lampe wieder angebrannt? Für
dich? Für mich? Für uns beide? Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und
meine Wege sind nicht eure Wege. So spricht der Herr! Warte! Lass mir Zeit!«
    Während er nun draussen vor der Tür verschwand, nahm ich das noch offen vor
mir liegende Manuskript, um es zuzuschlagen. Es fiel mir der Titel in die Augen.
»Geist und Wahrheit« lautete er. Da setzte ich mich nieder, das Buch in der Hand
behaltend. Es war mir, als sei ich plötzlich müd, sehr müd geworden. War es eine
wirkliche, körperliche Schwäche, die mich überkommen hatte, oder musste ich mich
unter der intellektuellen Wucht dieser beiden Worte niedersetzen? Wer ist der
Mensch dass er es wagt, trotz allem, was ihm dazu fehlt, an eine solche Arbeit zu
treten?! Dieses Buch war ganz gewiss in jener Zeit der Jugend begonnen worden,
für welche das Land der Möglichkeit fast ohne Grenzen ist. Wenn dann das Alter
alles, was unter grösster Kraftanstrengung für die Unmöglichkeit geleistet wurde,
als unbrauchbar vernichten soll, so geschieht dies fast nie, sondern es wird in
allen Winkeln aufgestapelt, um dann irgend einem infallibeln Pessimisten als
Beweis dafür zu dienen, dass auf der Erde alles, alles eitel sei.
    Es verlangte mich, dieses Manuskript lesen zu dürfen, und doch wäre ich wohl
kaum mit Lust an diese Arbeit gegangen, weil ich mir ja sagen musste, dass ich
nicht damit einverstanden sein könne. So sass ich lange Zeit in beinahe trüben
Gedanken da, bis der Ustad wieder hereinkam und mich abermals bat, mit ihm in
die Bibliotek zu gehen.
    Ich stand auf und liess unwillkürlich einen forschenden Blick an seiner
Gestalt niedergleiten. War er ein anderer geworden? Es hatte sich weder an
seiner Figur noch überhaupt an seinem sichtbaren Menschen etwas verändert. Und
doch war es mir, als ob er nicht mehr so vor mir stehe, wie er mir unten an
meinem Lager erschienen war. Es wollte mich eine Art von Beschämung über diese
meine Undankbarkeit beschleichen; aber gegen dieses Gefühl stand in mir etwas
auf, was mächtiger und, wie ich jetzt weiss, auch richtiger und gerechter war und
mich aufforderte: »Schmeichle nicht dir selbst, indem du ihn zu schonen
scheinst. Die Sonde, welche du an ihn legst, muss dich so wie ihn schmerzen!« Er
sah diesen meinen Blick auf sich ruhen und fragte mich:
    »Du schaust mich an. Du hast mein Werk da in der Hand. Lasest du vielleicht
darin.«
    »Nur den Titel?«
    »Und darum dieser dein Blick?«
    »Ja.«
    »Ich verstehe dich. Geist und Wahrheit! Vielleicht hätte es besser geheissen:
Geist oder Wahrheit!«
    »Auch das nicht.«
    »Also weder und noch oder!«
    »Glaubtest du, dem Geiste, der Wahrheit durch Konjunktionen oder zufällige
Konjunkturen nahetreten zu können? Indem du diesen Titel schriebst, hattest du
das Werk geschrieben. Du brauchtest es gar nicht zu beginnen. Es musste
unvollendet bleiben. Aber der Geist, der sich an diese Aufgabe wagte, durfte
trotz Kaiphas und Pilatus nicht von dir aufgegeben werden. Ich bin überzeugt,
dass er Besseres, Edleres und Höheres erreicht hätte als alles, alles das, was
hier auf diesen beschriebenen Blättern zu lesen ist. Möchte er doch nicht
gestorben sein, sondern nur schlafen, um wieder erwachen zu können!«
    »Ob er tot ist oder nur schläft, das wünsche ich, jetzt mit dir erfahren zu
können. Ich will dir erzählen, wie er entstand und wie er von mir ging. Es wird
keine lustige Geschichte sein.«
    »Geschichte? Auf keinen Fall! Ist er tot, so hältst du seine Leichenrede.
Gleicht er aber jenem Nichtverstorbenen, von welchem Christus sagte: unser
Freund schläft, so wird es keine Erzählung, sondern eine Auferweckung sein. Da
stehen wir vor der Tür des Raumes, in welchem du erzählen willst. Mir ist, als
ob in mir jene Stimme klinge, welcher im Besitze des Höchsten, der da lebte, die
Macht über den Tod gegeben war: Lazare, komm heraus!«
    Da legte er seinen linken Arm um meine Schulter und drückte mich an sich.
Ich schlang meinen rechten warm um ihn, und so traten wir beide hinein, innig
vereint, als ob wir eine und dieselbe Person bedeuteten.
    Er stellte die Lampe auf den grossen Tisch, führte mich zu einem Sitze, auf
den ich mich niederliess, schob die beiden Hände in die Gürtelschnur und ging
dann eine ganze Weile schweigend auf und ab. Hierauf lehnte er sich mit dem
Rücken an den Tisch, so dass der Lichtschein sein Gesicht nicht traf, und sagte:
    »Höre meine Einleitung, Effendi!«
    Ich nickte. Da begann er:
    »Die Geschichte einer jeden Anbetungsform hat eine Zeit des Martyriums, der
Verfolgung um des Glaubens willen, aufzuweisen. Ich meine hier die Verfolgung
mit der Todeswaffe. Wenn dem Religionshasse diese Waffe entzogen worden ist,
zieht er sich, rachsüchtig grollend, in den Schutz seiner Lehrsätze zurück, um
aus ihnen heraus, die er für uneinnehmbare Mauern hält, auch fernerhin die
Andersgläubigen nach Möglichkeit zu schädigen. Es gibt wohl nur wenige
Breitengrade der festen Gotteserde, welche nicht die Spuren davon tragen, dass
der Mensch keine andere Verehrung Gottes, als nur die seinige dulden will,
obgleich es doch wohl allein Gottes Sache wäre, zu bestimmen, in welcher Weise
der Mensch zu ihm zu sprechen habe. Dieser aber ist so verwegen, dem Herrn
vorzuschreiben, was er zu dulden oder nicht zu dulden habe, und wenn die
Berechtigung zu dieser Vorschrift von irgend einem andern angezweifelt wird, so
ist man schleunigst mit der Behauptung da, dass sie ja Gottes eigene Offenbarung
sei. Im Besitze dieser Offenbarung gebärdet man sich, als ob man den Himmel mit
seiner ganzen Seligkeit in Pacht genommen habe und nun ganz nach eigenem
Gutdünken am Eingange zu demselben eine Warnungstafel anbringen müsse, auf
welcher in den drohendsten Worten zu lesen ist: Der Zutritt ist nur solchen
bevorzugten Personen gestattet, welche mit einer eigenhändig unterschriebenen
Erlaubniskarte seiner Pächterlichen Hochgnaden versehen sind. Wer ohne diese
Bescheinigung hier einzudringen wagt, der wird augenblicklich mit dem
leiblichen, geistlichen und ewigen Tode bestraft! - - - Hast du gegen diese
meine Ausführung etwas einzuwenden, Effendi?«
    »Soll ich aufrichtig sein?« fragte ich.
    »Ich fordere es von dir!«
    »So wisse: Du stehst als Personifikation deines Lebens, von dem du jetzt
erzählen willst, vor mir. Es ist ein individuelles Leben. Deine Ansichten sind
die Ergebnisse desselben. Ich habe sie also als individuelle Meinungen zu
betrachten, nicht aber als Gottesbotschaften, die für mich massgebend sein
sollen. Ich bin, wie ich hoffe, ein vernünftiger Mensch. Als solcher habe ich
nicht nur den ernsten Fleiss zu achten, mit welchem du nach Erkenntnis strebtest,
sondern auch die Früchte dieses Fleisses, die du so aufrichtig bist, mir
vorzulegen. Ich weiss, dass du mich nicht zwingen willst, sie zu geniessen, und
habe also nicht den geringsten Grund zu einem Lobe oder Tadel. Sprich also ruhig
weiter!«
    Wahrscheinlich hatte er eine andere Antwort erwartet. Er sagte es aber
nicht, sondern fuhr gleich fort:
    »Hast du vielleicht einen solchen angeblich von Gott gepachteten Himmel
kennen gelernt? Ich nicht nur mehrere, sondern viele. Wie sonderbar, dass sie
einander alle so ausserordentlich ähnlich sind! Und weisst du, was so ein
allgewaltiger Vertreter Gottes für den Pacht bezahlt? Was von dem ihm gebrachten
Weihrauche übrig bleibt, das schickt er dem Herrn hinauf. Weiter nichts! Und
nachdem er sämtliche Verneigungen und Verbeugungen für sich hingenommen hat, ist
er so gütig, nun auch seinerseits Gott einen Knicks zu machen. Weiter nichts!
Denn dieser Gott ist so ganz ewige Liebe, Gnade, Geduld und Gutmütigkeit, dass
der Usurpator seines Himmels gar nicht an einen Tag der Abrechnung zu denken
hat, an welchem er sicher der erste aller derer ist, die hinausgeworfen werden!
Da wirst du mich fragen, wie es sich mit der ewigen Gerechtigkeit verträgt,
solchen übermütigen Himmelspächter so lange, lange Zeit im Paradiese sitzen zu
lassen. Mein Freund, es ist ja gar nicht der Himmel, in dem er sich festgesetzt
hat, sondern jene einstige, herrliche, nun aber zur Wüste gewordene
Gedankenwelt, in welcher jedes folgende Kameel genau in die Stapfen des
vorangehenden zu treten hat, wenn es nicht von dem Führer gezwungen werden will,
auf die Vorderbeine zu fallen, um die Peitsche zu bekommen.«
    Ich wollte hier eine berichtigende oder wenigstens mildernde Bemerkung
machen. Er wies sie aber durch eine rasche und energische Bewegung seiner Hand
zurück und sprach weiter:
    »Ich weiss alles, was du sagen willst, alles! Du hast gemeint, ich wolle als
Personifikation meines Lebens vor dir stehen, als Individuum. Nun lasse es mich
auch sein! Ich hatte die Absicht, anders zu sprechen. Ich wollte mit der Stimme
der Menschheit reden. Du aber hast mich darauf gebracht, als Einzelwesen mich
jener Zunge zu bedienen, mit welcher mich Hass und Neid aus den Strassen des
Lebens hierher in diese meine Einsamkeit verwiesen. Ich danke dir, dass du mir
dies ermöglicht hast! Ich werde nicht die Unwahrheit sagen, auch nicht
übertreiben, sondern alles bei dem rechten Namen nennen. Aber fordere nicht von
mir, zu schweigen oder gar zu beschönigen und misszuloben, wo man gegen mich
nicht einmal Nachsicht hatte. Der Gemarterte hat keine andern Töne als die,
welche ihm der Schmerz erpresst. Und wenn ich jetzt in der Erinnerung von meinen
Bergen aus zurück nach jenen Gegenden steige, in denen ich die grössten Qualen
erduldete, die ein Mensch erleiden kann, so wundere dich nicht, dass ich nicht im
Tone eines Mannes erzähle, der seine Feinde vergessen hat!«
    »Ich würde es dennoch tun!« warf ich ein.
    »Du? Wirklich?«
    »Ja.«
    »Ich glaube es dir. Christus sprach ja: Liebet eure Feinde! Aber er war de
Gottmensch, und du hast mich auf das Individuum, auf meine spezielle
Persönlichkeit zurückgeführt, und so soll sie es sein, welche ich jetzt sprechen
lasse. Ich fordere dich auf, dich als die Gesamteit meiner Feinde zu
betrachten. Zu ihr will ich weiter reden, nicht zu dir, dem das Leben nur
Sonnenschein und die Menschheit gewiss nur freundschaftliche Anerkennung gegeben
hat!«
    Da war ich still! Ich sagte kein Wort, kein einziges! Aber mein Gesicht
schien nicht ganz so verschwiegen zu sein, wie ich es wünschte, denn er fragte:
    
    »Was hast du für ein eigenartiges Lächeln, Effendi? Gilt es mir?«
    »Nein. Bitte, sprich weiter! Du sagtest, dass du viele jener gepachteten
Himmel kennen gelernt habest?«
    »Ja. Indem ich dir einen von ihnen beschreibe, lernst du mit ihm auch alle
anderen kennen. Also höre! Ich kam auf meinem Pferde Imtichat2 vom Dschebel Din3
herab in ebenliegendes Menschenland. Da kehrte ich ein und erfuhr, dass hier der
Weg zum nahen Paradiese sei. Ich liess mir diesen Weg zeigen und folgte ihm. Die
Leute, welche mir begegneten, schienen alle sehr fromm zu sein. Sie hielten die
Hände gefaltet und schlugen die Augen ganz anders auf, als man für gewöhnlich
tut. Bewohnte Zelte und Häuser gab es gar nicht mehr, dafür aber lauter
Gebäude, welche Allah geweiht waren, wenn auch unter anderen Namen. Ich sah
Moscheen neben hochfensterigen Bauten, an denen Türme standen, indische Tempel
und chinesische Pagoden, malayische Götterhäuser und amerikanische Medizinzelte,
hottentottische Götzenhütten und die in die Erde gegrabenen Andachtslöcher der
Australen. Viele, viele Menschen strömten vor mir her. Sie alle wollten in den
Himmel. Aber fast ebenso viele kamen traurig zurück, weil sie nicht
hineingedurft hatten. Ich fragte sie, warum, und erfuhr, dass sie nicht im
Besitze von Erlaubnisscheinen gewesen seien. Da ritt ich weiter. Das Gewühl
wurde immer grösser, bis ich das Tor des Himmels vor mir sah. Da hielt die Menge
an, weil sich quer über den Weg das Chabl el Milal4 spannte. Ich war nicht da,
um schon jetzt in den Himmel zu kommen und dort zu bleiben, sondern nur, um ihn
zu prüfen. Darum ging mich dieses Seil nichts an. Ich spornte mein Pferd, und es
sprang darüber weg. Nun befand ich mich auf dem freien Platze vor dem Tore des
Paradieses. An der sehr, sehr hohen Mauer standen herrliche Palmen, Bäume und
Sträucher, welche prächtig zu blühen schienen. Aber da ich keinen Duft bemerkte,
schaute ich schärfer hin, und da sah ich denn, dass es keine wirklichen, sondern
nur gemalte waren. Nur ein einziger von allen war ein wirklicher Baum, aber ein
höchst sonderbarer. Er war sehr niedrig, doch unendlich breit. Blüten und
Früchte trug er nicht, aber tausende von eigentümlichen Blättern, welche die
Form menschlicher Köpfe hatten, die lebendig zu sein schienen, denn sie bewegten
die Augen immerfort, wobei sie mit den nie schweigenden Lippen plapperten. Ich
drehte mich um und fragte einen der Dastehenden, was das für eine seltsame
Pflanze sei.«
    »Das ist der Baum El Dscharanil,« wurde mir geantwortet. »Kennst du ihn
nicht? Er wurde hierher gepflanzt, weil der Baum der Erkenntnis, der einst
mitten im Paradiese stand, abgestorben ist. Seitdem muss man die Blätter des El
Dscharanil fragen, wenn man wissen will, ob man das Wohlgefallen Allahs besitze
oder nicht. Denn nur sie allein sind es, denen er alle Geheimnisse seines
Ratschlusses anvertraut, sonst niemandem weiter auf der ganzen Erde.«
    Kaum hatte ich dies erfahren, so wurde ich von einigen der Blätter gesehen.
Es erhob sich erst ein unverständliches Flüstern. Dieses wurde immer lauter, je
mehr Augen sich auf mich richteten, bis sich endlich alle Lippen bewegten, und
meinen Namen riefen. Infolge dieses vereinten Geschreies taten sich alle in der
Nähe liegenden Türen auf, und über mich ergoss sich eine Menge von Gestalten,
von denen ich erdrückt worden wäre, wenn ich nicht hoch auf dem Pferde gesessen
hätte. Ich spornte es zu einigen Seitensprüngen an, so dass ich freien Raum
gewann, und fragte, was man wolle. Die Antwort erklang in allen Sprachen, die es
auf der Erde gibt. Die mich Umringenden waren ja auch in die Trachten aller
Völker gekleidet. Jeder von ihnen hatte etwas in der Hand, was er sein »heiliges
Buch« nannte, und jeder von ihnen versicherte, dass er der einzig und allein
berechtigte Aussteller der hier vorzuzeigenden Erlaubniskarte sei. Ich aber
machte kurzen Prozess mit ihnen allen und verlangte die Unterschrift dessen zu
sehen, von dem man diesen Himmel gepachtet habe. Das hatte noch niemand getan,
und darum waren sie von dieser meiner Forderung so verblüfft, dass sie alle
wieder in ihren Türen verschwanden. Ich konnte also ungehindert durch das Tor
des Paradieses reiten. Doch als ich an dem Baum der Neugierde und
Geschwätzigkeit El Dscharanil vorüberkam, riefen alle seine Köpfe in einem und
demselben Tone:
    »Er kommt zwar hinein, doch niemals wieder heraus. Wer dieses Himmelreich
betritt, der ist verloren. Dafür haben wir gesorgt, wir, die Gottesstimmen!«
    Hier machte der Ustad eine Pause. Welch ein Bild er mir da vor die Augen
stellte! Fremdartig, aber nicht ganz unwahr. Was ich als gerechtdenkender
Beobachter dagegen zu sagen hatte, das hob ich mir für später auf, weil sein
Gedankengang zu interessant war, als dass ich ihn in demselben hätte stören
mögen. Er sprach auch sehr bald weiter:
    »Sobald ich das Tor hinter mir hatte, blieb ich, mich umschauend, halten.
Wie gross war mein Erstaunen, als ich nichts, aber auch gar nichts zu entdecken
vermochte, was ich hätte himmlisch oder paradiesisch nennen können! Ich befand
mich in einer unbeschreiblich kahlen, öden, leblosen Traurigkeit. Man hatte es
nicht einmal für der Mühe wert gehalten, die Innenseite der Mauer ebenso zu
bemalen wie die äussere. Die Malereien da draussen waren angebracht worden, durch
die mit ihnen bezweckte Täuschung die kurzsichtigen und vertrauensseligen
Gläubigen anzulocken. Da man aber keinen, der das Chabl el Milal hinter sich
hatte, wieder zurückkehren liess, so hielt man es nicht für nötig, diese
Beschönigungen dann im Paradiese fortzusetzen. Ich sah weder Baum noch Strauch.
Kein Wasser floss. Kein Weg war zu erkennen. Nichts als verwehte Spuren im
ausgetrockneten, unfruchtbaren Sande, so lag vor meinen Augen das sogenannte
Eden, von welchem die Erleuchteten des Herrn in hundert Zungen der Verzückung
sprachen! Es musste jedem Fusse grauen, einen Vorwärtsschritt in diese wüste
Hoffnungslosigkeit zu wagen. Und doch schien man es für ganz selbstverständlich
zu halten, dass jeder Angekommene diese ihn ganz unvermeidlich packende Angst zu
überwinden habe. Es war dafür gesorgt, dass kein am Eingang Stehengebliebener den
Nachfolgenden diese seine Bangigkeit verraten konnte. Es gab hier schnellbereite
Wesen, welche ihn sofort wegzuschaffen hatten. Sie standen zu beiden Seiten des
Tores, um, hinter der Mauer versteckt, bei jeder neuen Ankunft als vorzüglich
auf den Mann dressirte Kameele und Esel schnell herbeizueilen, damit niemand
Zeit finde, bedenklich zu werden. Auch als ich erschien, rührten sie
augenblicklich die Beine. Da aber sahen sie mein Pferd. Das war genug für sie,
mir fern zu bleiben. Wie bei den Menschen alles Unedle von dem Edlen abgestossen
wird, so auch hier bei diesen Tieren. Ich nahm mir Zeit, sie zu betrachten. Die
Esel waren alle von tiefdunkelster Farbe, klein, fast winzig, doch mit so
hochgehendem Sattelgestell, dass der Hinaufgekletterte sich wohl sehr erhaben
vorkommen konnte. Anstatt des gebräuchlichen Riemenzeuges gab es nur eine kurze
Aufsatzleine, welche das Maul des Esels so in die Höhe zog, dass die Augen nichts
mehr von der Erde, sondern nur noch den Himmel sehen konnten. Das war so
tierquälerisch, dass ich den Kopf über den Unverstand schütteln musste, der zu dem
Naturzwange, zu allem immer nur Ja sagen zu müssen, auch noch diese
Köpfe-hoch-Dressur zu fügen weiss! Aber dieses Zuviel für das Tier hatte man
durch ein Zuwenig für den Reiter ausgleichen zu müssen gemeint: Es gab für ihn
keinen Zügel, um den Esel zu lenken. Er musste einfach dortin, wohin der
Letztere abgerichtet worden war.«
    Der Ustad hatte während dieser Beschreibung mit gebeugtem Kopfe nur in sich
hineingeschaut. Jetzt sah er mich an und fragte:
    »Hast du mich verstanden, Effendi?«
    »Ja,« nickte ich.
    »Willst du etwas dazu bemerken?«
    »Jetzt nicht, sondern später, wenn du fertig bist. Ich könnte ja nicht ganz
und voll antworten, wenn ich dich nur halb sprechen liesse. Also bitte, weiter!«
    »Ja weiter: die Kamele! Du kennst die edlen, herrlichen
Bischarihn-Hedschihn, welche für Geld fast nie zu haben sind. Ihre Vornehmheit
wird durch Stammbäume nachgewiesen. Du kennst auch das unvergleichlich nützliche
bucharische oder turkistanische Kamel, ohne welches es in jenen Gegenden der
Erde weder Leben noch Bewegung geben könnte. Doch, kennst du auch jene tief
verkommene Art des Kameles, welche bei euch in ungesunden, lichtlosen Ställen
gezogen wird, um in Gesellschaft von Bären, Stachelschweinen und Murmeltieren
dressierte Affen durch die Welt zu tragen? Als ich noch Knabe war, fand ich sie
sehr belustigend. Seitdem ich aber edle Rasse kenne, tut mir der Anblick
solcher Tiere wehe. Man sagt, dass diese Zucht vorzugsweise von Italien ausgehe.
Wenigstens pflegen die Führer solcher Sehenswürdigkeiten, welche fast immer
Virtuosen auf der Sackpfeife sind, nach welcher Bär und Affe tanzen müssen,
meist italienischen Geblütes zu sein. Nun denke dir ein solches, im tiefsten
Schmutze geborenes und mit der Peitsche erzogenes Kamel, mit Dornen und Disteln
gefüttert und mit schmutzigem Wasser getränkt, nie vom Ungeziefer gereinigt, ein
vom Hunger und Elend gefügig gemachtes Skelett mit haarlos geschundener Haut und
wundem Gehufe, so hast du ein Bild der Kamele, die hier in dem Himmelreich
standen, von fettreichen Pächtern entmagert, für die sie die Qualen zu dulden
und sich schweigend zu opfern hatten! Ihre tiefhängenden Köpfe waren mit
Dopplstricken an beide Kniee gefesselt, so dass sie nie den Himmel, sondern nur
die Erde in den Augen hatten. Zum Kniebeugen reichten diese Stricke aus, doch
nicht dazu, das Haupt emporzuheben. Und einen weiten, freien Schritt zu tun,
auch das litt diese ihre Fessel nicht. Sie konnten nur behutsam
vorwärtsschleichen und hatten nichts zu tun als das, was die Dressur befahl. An
ihren Mäulern hingen Lippenkörbe, damit sie gegen Züchtigungen sich ja nicht
wehren könnten und ja nicht von den giftigen Kräutern frässen, an denen zwar
sogar Kameele sterben, die aber für die Zwecke solcher Paradiese besonders
wertvoll sind. Die Sättel waren hohe Trongestelle, mit farbenreichem
Teppichwerk belegt, mit Fransen- und mit Federschmuck behangen, sodass der
Reiter, falls es ihm gelang, sich auf der stolzen Höhe festzusetzen, und wenn er
jene Phantasie besass, die leidenschaftlich gern auf Höckern reitet, sich leicht
als Allahs Liebling dünken konnte. - - - Hast du auch dieses Bild verstanden,
Sihdi?«
    »Ja,« antwortete ich. »Es ist ja deutlicher, als ich es geben möchte. Ich
bitte dich, dein Pferd nun abzuwenden!«
    »Ich habe es getan. Ich ritt davon, mit offenem Auge in dieses vielgerühmte
Himmelreich hinein. Fragst du mich vielleicht, wie lange es dauerte, bis ich es
kennen gelernt hatte? Ein ganzes, ganzes Menschenelend lang! Soll ich
beschreiben, was ich sah, was ich entdeckte? Wer kann Unbeschreibliches
beschreiben! Schon gleich am ersten Tage blieb ich nicht allein. Der
Menschheitsjammer kam zu mir und weinte mir aus tiefen Augenhöhlen zu. Er hat
mich nicht verlassen bis zum letzten Schritt. Das Erdenweh gesellte sich zu mir.
Es kroch zu mir aufs Pferd und schlang die Arme fest um meine Hüften. Des Lebens
Elend fasste meinen Bügel und schleppte sich an meiner Seite weiter. Es kam die
Not gerannt und griff in die Kantare, um mich in meiner Richtung zu beirren.
Wenn sich die Dämmerung senkte, tanzten die Schatten des Verbrechens vor mir
her, und in der stillen Nacht begannen Schuld und Strafe hinter mir zu heulen.
Ich ritt wochenlang durch Trümmerstätten, in denen mich der hohnlachende
Menschenwahn als Gespenst der Vernichtung begrüsste. Ich kam über schier endlose
Gräberfelder, aus deren Höhlen das irre Gekicher der Unduldsamkeit schrillte.
Ich sah Tempelruinen, in denen der Unverstand im tiefsten Stumpfsinne hockte. Um
die zerbrochenen Säulen einstiger Heiligtümer schlug die Narrheit ihre
widerlichen Capriolen. An ausgetrockneten Quellen träumte die Gleichgültigkeit
in Lumpen, die ihre Blösse kaum bedecken konnten. Die Scheinheiligkeit
andächtelte vor eingestürzten Kapellen, für deren Erhaltung sie keine Hand
gerührt hatte. Zuweilen tauchte am Horizonte einer jener Reiter auf, welche
Einlasskarten besessen hatten; aber sein Tier wendete sich sofort zur Flucht,
sobald es sah, dass ich kein Kamel und keinen Esel ritt. Und wenn sich irgendwo
noch ein anderes Wesen in diesem starren Himmelreiche zeigte, so hatte ich
entweder einen listigen Fennek5 gesehen, der mit Lammesaugenaufschlag schnell
verschwand, oder es war ein frassgieriger Dibb6, welcher mit eingezogenem
Schwanze und heuchlerisch gesenktem Kopfe von weitem an mir vorüberschlich.«
    Hier liess der Ustad eine weitere Pause eintreten. Ich war ihm mit grossem
Interesse gefolgt. Nun fühlte ich eine Lücke in seiner Darstellung. Darum fragte
ich:
    »Aber alle die Unzähligen, welche Einlass bekommen haben? Sie können dir doch
nicht so einzeln erschienen und gleich wieder verschwunden sein!«
    »Nein,« antwortete er. »Ich kann sie dir leider nicht ersparen. Meinst du
vielleicht, dieses Paradies sei von einer himmlisch friedfertigen, sich
gegenseitig liebenden und stützenden Bevölkerung bewohnt? Glaubst du, dort einen
Hirten und eine Herde zu finden? Ich kenne so gut wie du das verheissende Wort:
Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz
gekommen ist, das wird von Gott bereitet denen, die ihn lieben. Welche
unbeschreiblichen Glückseligkeiten aber waren es, welche ich zu sehen und zu
hören bekam? Höre und staune! Hast du schon einmal vernommen, dass es unter den
wilden Tieren welche gibt, die sich von ihresgleichen zurückgezogen haben und
sie so grimmig hassen, dass sie jedes, welches in ihren Bereich kommt, sofort
zerreissen oder sonst vernichten?«
    »Ja. Dies ist besonders bei den Elefanten, Nashörnern, Löwen, Tigern und
andern Raubtieren der Fall. Man pflegt solche Exemplare Einsiedler zu nennen.«
    »Nun, so wisse, dass es in diesem Himmel keine andern Bewohner als nur solche
Exemplare gibt! Sie wohnen nicht zusammen, sondern als Einsiedler, weil keiner
dem andern traut. Jeder ist an einer besondern Kluft oder Höhle von seinem Esel
oder Kamele gestiegen. Dort wohnt er nun und verteidigt sie bis auf das Blut
gegen jeden, der nicht seiner Meinung über den Himmel ist. Da es aber der
Meinungen so viele und so verschiedene gibt, wie Individuen vorhanden sind, so
herrscht zwischen ihnen allen eine Feindseligkeit, vor welcher wir selbst im
Erdenleben erzittern würden. Jede Kluft und jede Höhle ist ein Götzentempel, in
welcher der Bewohner sich selbst als seinen eigenen Fetisch verehrt. Er
behauptet zwar, Gott anzubeten, zwingt aber diesem Gott seine eigenen Gedanken
auf und setzt sich also über ihn. Die Folge dieser Selbstübergötterung ist, dass
sich keiner dieser Götter an den andern wagt, weil er sonst von ihm
herausgebissen wird. Das, Effendi, das ist dieser Himmel! Ueber ihm brennt die
ewig glühende Sonne der alles verdorrenden Selbstgerechtigkeit, die auf Raub
ausgeht wie jener listige Fuchs und jene heimtückische Hyäne, welche selbst hier
im Paradiese nur niedere Lurche oder erdfarbige Kerbtiere zum Fressen finden.
Wie froh war ich, als ich meine Wanderung vollendet hatte! Ich fühlte mich
wahrhaft selig, diese falsche Seligkeit verlassen zu können. Als ich das Tor
wieder erreichte, warfen uns die dortstehenden Esel und Kamele Blicke des
unendlichsten Neides zu, dass wir es uns gestatten durften, dieses entsetzliche
Elend zu verlassen. Die Pächter aber strömten herbei, um mich ihr Paradies
preisen zu hören. Ich teilte ihnen aber mit, dass ich den Menschen die volle
Wahrheit sagen werde. Da erhoben sie ein lautes Wutgeschrei. Im Baume El
Dscharanil begann es zu rauschen. Alle seine Augen waren drohend auf mich
gerichtet. Die Köpfe schüttelten sich, und von den Lippen ertönte ein Geheul,
dass das Seil El Milal vor mir zersprang. Die Esel und Kamele jenseits des Tores
stimmten jammernd ein. Ich aber ritt davon, ohne ein weiteres Wort zu sagen,
gleichviel, ob ich für feig gehalten wurde oder nicht. Wer sich aus einem
solchen Himmel herauszuretten weiss, der muss wohl Mut besitzen!«
    
    Er schlug bei diesen Worten die Hände zusammen, als ob er jetzt noch froh
über diesen glücklichen Ausgang sei. Hierauf ging er einige Male in langsamen
Schritten durch das Zimmer, blieb dann vor mir stehen und fragte:
    »Hast du jemals geahnt, dass es so ein Paradies gibt, Effendi?«
    »Es gibt dieser Paradiese viele,« antwortete ich, mein Auge zu ihm
erhebend. »Warum hast du damals nach keinem anderen gesucht?«
    »Welche Frage! Ich verstehe dich nicht!«
    »Du erzähltest mir ja, dass du vom Dschebel Din herab in ebenes Menschenland
gekommen seist. Warum hast du deinen Berg des Glaubens überhaupt verlassen?
Musstest du das? Und wenn du es musstest oder wolltest, was bewog dich da, das
geistige Tiefland, die Ebene, die Wüste aufzusuchen, wo kein Gedanke in die Höhe
strebt, sondern nur darnach, sich über die Fläche auszubreiten?«
    »Maschallah!« rief er erstaunt aus. »So, also so betrachtest du das, was ich
erzählte?«
    »Natürlich! Wie anders denn?«
    »Ich habe von Menschen gesprochen!«
    »Gewiss! Aber besteht der Mensch nur aus seinem Körper? Sprechen wir einmal
nicht von der Seele, sondern sagen wir, dass der Mensch aus Leib und Geist
bestehe. Der Leib wird sterben, der Geist aber nicht. So lange wir sowohl auf
den Körper als auch auf den Geist Rücksicht nehmen, leben wir das wohlbekannte
Erdenleben, welches ich als das erste bezeichnen will. Wer aber so stark gewesen
ist, alle Rücksicht auf den Leib und seinen Zusammenhang mit dem
Menschheitskörper zu überwinden und hinter sich zu werfen und sich nur noch als
Geist zu betrachten, während der Leib für ihn gestorben ist, der lebt schon hier
vor der Auflösung dieses letzteren ein anderes, neues, höheres Leben, welches
ich einstweilen, aber auch nur einstweilen das zweite nennen will. Denn es gibt
Menschen, deren Geist sich nicht zur Individualität gestaltet. Wenn diese Stufe
für mich auch ein Leben ist, so muss ich sie das erste Leben nennen und die
vorhin erwähnten beiden Stufen als zweites und drittes Leben bezeichnen. Nun
sage mir, o Ustad, von welcher dieser Stufen aus, auf der du dich befindest,
hast du mir jetzt soeben den allerniedrigsten Himmel beschrieben, den ich mir
nur denken kann? Ich wollte, ich dürfte dir einmal einen andern Himmel,
vielleicht den meinigen, beschreiben!«
    »Hast du ihn gesehen?«
    »Ja. Ganz so, wie du den von dir beschriebenen! Vor meinem Himmel gibt es
kein Seil El Milal, keinen Baum El Dscharanil und keine Wandmalereien. Ihn hat
sich auch kein Pächter angemasst, und an der Strasse, die zu ihm führt, stehen
keine Götzenhäuser. Auch gibt es keine Mauer und kein Tor. Es führen so viel
Wege hinein, wie es Menschen gibt. Er steht ihnen allen offen, wenn sie nur
kommen wollen. In diesem meinem Gedankenparadiese ist nichts versunken,
vernichtet und vergessen. Da ragen die Gottesideen vergangener Jahrtausende noch
so hoch wie damals im Morgenrot empor. Und in der Abendröte erglänzen die neuen,
hohen Ideale zukünftiger Jahrhunderte, um zu Wirklichkeiten zu werden, wenn die
Menschheit morgen oder übermorgen sagt: Was sprachst du von Ruinen und
Gräberfeldern? Dem Geiste sind sie unbekannt! Was er einst mit der Hand des
Körpers baute, war für den Körper, aber nicht für ihn. Es war ja nur das
Erdenabbild dessen, was er für sich im Geisterreich gebaut. Und dieser
hochgelegene Bau ist ewig. Sein Abbild mag zerfallen, das Urbild aber trifft
kein Zahn der Erdenzeit. Wenn du mit deinen körperlichen Augen dein Paradies in
Trümmern und im Tode liegen sahest, so breitet sich in Himmelshöhe über ihm das
meine aus, und alles, was bei dir in Schutt zerfallen ist, das blieb im
Originale des Meisters mir erhalten. Und so, wie jedes Werk in meinem Himmel
edler ist als in dem deinigen, so sind auch alle Menschen besser als die deinen.
Du richtest sie. Ich habe nichts zu richten. Vielleicht verzeihst du ihnen. Doch
ich verzeihe nicht. Warum? Man hat mir nichts getan! Vor meinem Paradiese steht
jede Feindschaft still. Sie wagt sich nicht herein. Und weil sie mich also nicht
treffen kann, so gibt es für mich nichts, was ich verzeihen dürfte, so gern ich
es auch möchte.«
    »So hat es ganz gewiss den Baum El Dscharanil für dich niemals gegeben!«
    »Ich kenne ihn! Du hast ihn an das Paradies der Selbstgerechtigkeit gesetzt;
das heisst, an seine rechte Stelle. Auch ich habe ihn dort stehen sehen, diesen
Baum der sehenden und sprechenden Blätter, der Zeitungen, der öffentlichen
Presse. Doch schaute ich ihn anders an als du. Das Reich des Geistes hat die
grösste Aehnlichkeit mit dem Reiche der sichtbaren Natur. Es gibt hier wie dort
keine Entwicklung, die nicht von unten nach oben zu gehen hätte. Ihre Aufgabe
ist die Trennung von der niederen Materie und die Gestaltung zum selbständigen,
sich frei bewegenden Einzelwesen. Lächle nicht, wenn ich dir sage, dass jedes,
aber auch jedes geistige Gebiet sein Mineral-, Pflanzen-, Tier- und
Menschenreich besitzt! - Du wirst das sofort und überall erkennen, wenn du nur
die richtigen Augen dafür öffnest.«
    »Also auch das Gebiet der öffentlichen Presse?« fragte er schnell, indem
sein Gesicht den Ausdruck gespannter Erwartung annahm.
    »Ja, auch dieses! Der Boden, also die Materie ist gegeben. Es existiert
keine Felsen- oder Gesteinsformation und keine Erdbeschaffenheit, die nicht auch
hier in diesem geistigen Reiche vorhanden wäre. Oder hörst du nicht die
sogenannte öffentliche Stimme von den Spitzen hoher Berge, aus den tiefsten
Tälern, aus finstern Schluchten, aus sandiger Oede, auf sonniger Flur und aber
auch aus hässlichen Sümpfen erklingen? Giebt es nicht zahllose Blätter, in denen
nur die Materie zu sprechen hat und nur der Stoff zum Worte kommt? Aber bald
regt sich das Leben, zunächst das niedrige, welches durch sämtliche Ordnungen zu
steigen hat, um sich von dem Stoffe zu erlösen. Du siehst geistige Flechten und
Moose erscheinen, dann Farne, deren Gestalt auf spätere Palmen hoffen lässt,
freundliche Gräser und Kräuter, duftend blühende Sträucher und früchtetragende
Bäume. Diese alle aber, so lieb, so gut, so nützlich sie auch sein mögen, sie
haben es doch nicht vermocht, den Boden zu verlassen, auf dem das Blatt, die
Zeitung, gegründet worden war. Sie klammern sich mit ihren Wurzeln in ihm fest
und müssen das ja auch tun, weil es die Absicht des Verlegers ist, grad diesen
Boden für sich zu kultivieren.«
    »Und aber die Zoologie der Presse?« fragte der Ustad.
    »Sie kann und darf nicht fehlen, denn nur in ihren Erscheinungen schreitet
die Befreiung von der Materie in rapider Weise fort. Auch hier beginnt die
Entwicklung mit den niederen Lebewesen. Ich sehe winzige Goldkäferchen ihre
geistige Nahrung aus Blumenkelchen ziehen und leuchtende Glühflügler um
urweltliche Gedanken schwirren. Freundliche Schmetterlinge gaukeln von Leserin
zu Leserin. Ein niemals ruhender Ameisenfleiss trägt Wort um Wort und Satz um
Satz zusammen, und Bienen summen überall, um Honig heimzutragen. In den Quellen
und Bächen der Tagesereignisse schiessen schnelle Flossenträger hin und her. Und
wenn nun gar beim Morgen- oder Abendsonnenschein des Frühlings Odem durch die
Blätter weht, da erzählen tausend süsse, frohe Stimmen, dass grad die liebsten und
die besten Sänger zur oft verkannten Feder-Welt gehören! Ich kenne manchen edlen
Geist, der wie in Adlersferne hoch über der Gemeinheit horstet, und manchen
scharfen Denker, der, gleich dem Albatros, den Staub der Erde nie berührt. Ist
dir der Ackergaul bekannt, der für wenig Hafer, aber viel Häcksel täglich seine
Furchenzeilen zu ziehen und sich am Ende jeder Reihe wieder umzudrehen hat,
damit er ja nicht etwa auf fremde Gedanken komme?«
    »Ich habe ihn gesehen, wie oft, wie oft!« antwortete er. »Aber du hast deine
Beispiele nur von der einen, von der guten Seite genommen; der Ackergaul bringt
mich auf die andere hinüber. Du warst so aufrichtig, auch von Sümpfen zu
sprechen. Warum hast du die Giftpflanzen, die Dornen, Quecken und anderen
Wucherungen nicht erwähnt? Das Ungeziefer unter den Insekten? Die Raubfische? -
Die täglich auf den Blättern ihrer Schlammpflanzen nur von ihrer eigenen
Weisheit quakenden Frösche? Die Giftschlangen? Die lästigen Sperlinge? Die Käuze
und Eulen, deren lichtscheuer Mordhunger nur des Nachts auf Beute ausgeht? Die
aaslüsternen Geier? Die Neuntöter, welche ihre Opfer erst am Stachel quälen, ehe
sie verschlungen werden? Die Falken und Stösser, die sich selbst am hellen Tag
nicht scheuen, auf Frass auszugehen. Die Mäuse, Ratten, Hamster und andere
Schmarotzer auf geistigem Gebiet? Die kläffenden oder gar bissigen Hunde, die
jedem in die Waden fahren, der es wagt, an einem ihrer Gedanken auch nur
vorüberzugehen? Die ganze Unzahl der reissenden Fleischfresser, die Jeden, der
nicht ganz vollständig ihresgleichen ist, mit ihren Klauen packen? Die grosse
Schar der kreischenden Quadrumanen, von der zänkischen und rachsüchtigen
Meerkatze bis zum menschengefährlichen Gorilla hinauf? Warum hast du nicht von
ihnen gesprochen? Soll ich dir zutrauen, dass du beschönigen willst?«
    »Das liegt mir fern. Wir sprechen ja von deinem und von meinem
Gedankenparadiese. Das deinige ist traurig, das meine ideal. Die gegenwärtige
Wahrheit wird zwischen beiden liegen, muss aber nach ewig geltenden Gesetzen
nicht deiner Wüste, sondern meinem Eden immer näher kommen. Wir addieren leider
auf ganz verschiedene Weise. Dein Pessimismus zieht nach altem Brauche die
Summe, indem er abwärts rechnet. Mein Optimismus aber hat gefunden, dass es
besser sei, aufwärts zu gehen. Du bist, unten angekommen, mit deinem Leben
fertig. Du machst den grossen Strich und schreibst als die so erreichte Summe
deine kahle Geisteswüste hin. Bei mir aber gibt es oben keinen Strich, denn
mein Paradies sendet mir ununterbrochen neue Summanden hinzu. Sie wachsen in die
Ewigkeit hinauf. Und wenn mein Körper dieser Rechnungsweise nicht mehr folgen
kann, so wird mein Geist dort einst gewiss die Summe finden.«
    Er trat an das offene Fenster und schaute hinaus.
    »- - - dort einst gewiss die Summe finden!« wiederholte er meine Worte.
    Es war für einige Zeit still zwischen uns. Ich störte ihn nicht. Dann drehte
er sich zu mir um und fragte:
    »Bist du mit deinen geistigen Naturreichen der Presse schon zu Ende,
Effendi?«
    »Nein,« sagte ich.
    »Du gingst auch hier von unten nach oben. Das scheint bei dir in allen
Dingen der Fall zu sein! Kommt jetzt nun noch der Mensch?«
    »Ja. Im Tiere hat sich die Befreiung vom geistigen Erdboden vollzogen, und
das Streben nach der Individualität tritt immer mehr hervor. Doch erreicht kann
diese letztere nur vom Menschen werden.«
    »Von allen?«
    »Nein. Sie sollte es, wird es aber leider nicht. Es gibt so viele, welche
entweder durch tausend Rücksichten aller Art noch mit dem Boden in Verbindung
bleiben, oder sich durch ganz dieselben und ähnliche Bedenken derart von andern
beeinflussen lassen, dass sie es nicht zur intellektuellen Selbstständigkeit, zur
geistigen Freiheit, zur vollen Selbstbestimmung und Selbstbewegung bringen.
Tritt in die Redaktionen, und frage, welche Rücksichten die dort bestimmenden
und doch so angefesselten Geister zu nehmen haben! Aber ich habe auch vollendete
Persönlichkeiten gefunden, zuweilen da, wo ich es gar nicht erwartete. Wie gross
war da meine Freude! Und wie gern und aufrichtig habe ich ihnen meine
Anerkennung gezollt! Ein solcher Geist weiss nichts von materiellen Banden. Er
hat alle Fesseln zerrissen und sie der menschlichen Selbstsucht und geistigen
Kurzsichtigkeit vor die Füsse geworfen. Er kennt weder Parteiinteressen noch
gesellschaftliche Sondergefälligkeiten. Für ihn gibt es keine Körper, sondern
nur noch Geister. Darum wird er nie ein Urteil fällen, welches aus niedrigen
Erwägungen gezogen ist und mit den auf ihn gerichteten Blicken der Körperwelt
liebäugelt. Es kann ihm niemals beikommen, auch nur einen einzigen Menschen zu
verdammen, denn er weiss, dass dieser Mensch, geistig betrachtet, ein ganz anderer
ist, als ihn die gehässigen Augen der Fama sehen, die ihre Richtersprüche nur im
Erdenschmutze züchtet. Er hat den Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen
begriffen und weiss, dass der Erstere nicht aus dem Letzteren gerissen werden
kann, um ausgestossen und von der geistigen Feindseligkeit abgetan zu werden. Er
kennt die Strömungen und Gegenströmungen der übersinnlichen Atmosphäre, die frei
von den Ausdünstungen egokranker Menschenkörper sind, und hebt jeden seiner
Nächsten, bevor er ihn betrachtet, zu dieser durchsichtig klaren, reinen, keine
Missgunst kennenden Höhe empor.«
    »Aber was dann, wenn es geschieht, dass er selbst einmal angegriffen,
befeindet, verleumdet und verurteilt wird?« fragte der Ustad.
    »So tut er eben das, was ich jetzt sagte: Er hebt die Angreifer aus ihrer
Tiefe zu sich empor, um sie zu durchschauen. Da fällt der ganze Schmutz und
alles, was sie sonst noch gewichtig gemacht hat, von ihnen ab. Sie werden
leicht, so über oder vielmehr unter alle Massen leicht, dass sie vor seinen Augen
nach und nach in nichts zerfliessen. Sie sind ja ganz nur Schmutz und ohne jede
Spur von Geist gewesen, und so versteht es sich ja ganz von selbst, dass, sobald
der Unflat abgefallen ist, für ihn von ihrer ganzen Existenz nichts mehr
vorhanden sein kann.«
    »Aber er wird doch antworten? Sich verteidigen?«
    »Welch eine Frage! Ich habe dir doch soeben gesagt, dass sie für ihn in
Nichts zerflossen seien. Wem soll er antworten? Diesem Nichts? Das wäre ja doch
Widersinn! Oder dem Schmutze? Der geht ihn gar nichts an. Er ist der ihrige! Dem
Geiste, den es bei ihnen gar nicht gibt? Ich begreife dich nicht! Würdest etwa
du antworten?«
    Da tat er einige rasche Schritte auf mich zu und rief aus:
    »Effendi, ich habe es getan. Ich habe geantwortet - - - leider, leider,
leider!«
    »Dem Schmutze?«
    »Ja.«
    »Dem Nichts?«
    »Nein. Ich stand ja, wie ich jetzt, erst jetzt einsehe, nicht so hoch über
meinen Feinden, dass sie mir in ein Nichts zerfliessen mussten. Und nun erkenne
ich, dass auch ich nicht frei von Schmutz gewesen sein kann. Denn hätte er nicht
auch an mir gehaftet, so wäre mein Verhalten ganz das jenes hohen, freien
Geistes gewesen, von welchem du gesprochen hast. Mir scheint, ich habe Fehler
einzugestehen, die mir bis zur gegenwärtigen Stunde keinesweges als Fehler
erschienen sind. Du hast heut da drüben bei unserm Beit-y-Chodeh dem Pedehr
gebeichtet. Ich war tief im Herzen gerührt davon. Deine mutvolle Aufrichtigkeit
imponierte mir. Nun bist du rein und frei von allem, was dir angehangen hat. Ich
glaubte nicht, dass auch ich mich zu reinigen haben werde. Jetzt aber weiss ich,
dass es doch so ist. Ich werde denselben Mut besitzen, den du besessen hast. Auch
ich werde beichten, dir, wie du dem Pedehr. Und wenn ich dann aus deinem Munde
höre, dass mir verziehen werden könne, so werde ich mich für berechtigt halten
dürfen, diese Verzeihung als ausgesprochen, als geschehen anzunehmen. Ich war
über das hinaus, was du das erste Leben nanntest. Ich stand im zweiten Leben,
denn ich fühlte, dass sich meine geistige Individualität in mir gestalten wollte.
Aber es gelang mir nicht, das dritte zu erreichen. Warum? Wir werden nach den
Gründen suchen, du und ich. Und ich ahne, dass ich in diesen Gründen meine mir
bisher unbekannten Fehler entdecken werde.«
    Als er bis hierher gekommen war, hörten wir, dass unten auf dem Vorplatze
jemand dreimal in die Hände klatschte.
    »Das gilt mir,« sagte er. »Der Pedehr weiss, wo ich bin und dass niemand zu
uns kommen darf. Ich habe mit ihm, falls man meiner bedürfen sollte, dieses
Zeichen verabredet.«
    Er begab sich durch das Mittelzimmer auf das Vordach. Ich hörte ihn
hinuntersprechen. Dann kehrte er zu mir zurück und sagte:
    »Ich soll zum Pedehr hinabkommen und auch dich mitbringen. Es scheint sich
um etwas Wichtiges zu handeln.«
    »Was es ist, hat man dir nicht gesagt?«
    »Nein. Ich fragte zwar, doch der Pedehr antwortete, er dürfe es mir nicht
laut heraufrufen. Komm!«
    Wir gingen hinunter. Der Pedehr befand sich in der Halle, in welcher ich
gelegen hatte. Tifl und ein zweiter Dschamiki waren bei ihm. In dem letzteren
erkannte ich den Wächter, welcher heut am Nachmittage über Stock und Stein
geritten war, um uns die Ankunft der Perser zu melden. Halef schlief fest.
Hanneh war auch schlafen gegangen. Sein Sohn sass bei ihm. Der Scheik der
Dschamikun empfing uns mit der des Kranken wegen nur halblaut gesprochenen, aber
sehr wichtigen Kunde:
    »Der Bluträcher ist wieder da!«
    »Wo?« fragte der Ustad im Tone der Ueberraschung.
    »Das wissen wir nicht.«
    »Wer hat ihn gesehen?«
    »Mein Sohn,« antwortete der Wächter.
    »Hat er sich nicht etwa getäuscht?«
    »Nein. Er kennt ihn ja. Er hat ihn doch heute am Nachmittage durch den
ganzen Duar bis an unser Gotteshaus geführt und ihn also genau betrachten
können.«
    »Wo ist dein Sohn?«
    »Ich habe ihn mitgebracht. Er wartet draussen vor den Stufen.«
    »Hole ihn!«
    Ich ahnte natürlich sofort, dass irgend eine Teufelei geplant werde, und war
höchst gespannt darauf, ob es uns wohl gelingen werde, zu erfahren, welcher Art
sie sei. Natürlich aber durfte ich mir nicht erlauben, den beiden Oberhäuptern
des Stammes in Beziehung auf die einzuziehenden Erkundigungen vorzugreifen. Der
Sohn des Wächters hatte ein intelligentes Gesicht. Er sah sogar etwas wie
pfiffig aus. Er kam mit seinem Vater bis vor den Ustad hin.
    »Du hast den Bluträcher gesehen?« fragte ihn dieser.
    »Ja,« bestätigte der Gefragte.
    »War er allein?«
    »Nein. Es befanden sich noch zwei andere bei ihm.«
    »Woher kamen sie?«
    »Von draussen.«
    »Wo sind sie hin?«
    »Ich weiss es nicht.«
    »Doch wohl hierher?«
    »Wahrscheinlich.«
    »Geritten?«
    »Nein. Sie waren abgestiegen.«
    Da sah der Ustad den Pedehr an, und dieser mich. dabei sagte der letztere:
    »Das ist eine ebenso unerwartete wie geheimnisvolle und bedenkliche Kunde!
Was meinst du dazu, Effendi?«
    »Erlaubt Ihr mir, einige Fragen auszusprechen?« erwiderte ich ihm.
    »Natürlich!«
    »Ich hörte, dass ein Handelsmann aus Isphahan hier angekommen sei und eine
Botschaft von dem Bluträcher ausgerichtet habe. Wo ist dieser Mann?«
    »Er wird nun wohl schon schlafen,« antwortete der Pedehr. »Soll ich ihn
vielleicht wecken lassen?«
    »Das ist nur dann nötig, wenn Ihr mir nicht sagen könnt, was ich von ihm
wissen will. Woher kam er?«
    »Von den nördlichen Dschamikun. Er traf mit den Persern auf der Höhe des
Passes zusammen.«
    »Wie verhielten sie sich zu ihm?«
    »Weder freundlich noch feindlich. Sie kennen ihn. Sie fragten ihn, woher er
käme und wohin er wolle. Er antwortete, dass er nach Süden zu den Kalhuran wolle.
Da sagten sie ihm, dass er hierher reiten solle, um ein gutes Geschäft zu machen.
Es sei ein grosses Wettrennen geplant, zu welchem sich viele Menschen einstellen
würden. Wenn er da sein Handelszelt aufschlage, werde er wohl viele Käufer
finden. Er war ihnen für diese Mitteilung sehr dankbar und sagte ihnen, dass er
ihrem Rate folgen und hierherreiten werde. Da bekam er von dem Multasim den
Auftrag, den er uns ausgerichtet hat.«
    »Wie lautete diese Botschaft?«
    »Sie war höchst eigentümlich, uns allen unverständlich. Nämlich zwei Zeilen
aus dem heute von uns gesungenen Liede. Brich auf, mein Herz, der Rose gleich,
in der sich alle Düfte regen! Und hinzugefügt hatte der Bluträcher: Sage im
Duar, dass die Rose noch heut aufbrechen werde! Ist das nicht sonderbar,
Effendi?«
    »Allerdings, aber nur in dem Sinne, dass überhaupt jede Unvorsichtigkeit
sonderbar genannt werden muss.«
    »Unvorsichtigkeit?« fragte er erstaunt.
    »Ja.«
    »Das begreife ich nicht. Wir haben diese Worte als einen nachträglichen Hohn
gedeutet und uns dabei beruhigt.«
    »Ich wollte, Ihr hättet sie mir eher mitgeteilt als jetzt! Es liegt
wahrscheinlich ein Mordanschlag vor.«
    »Chodeh!« fuhr der Pedehr auf, und auch die andern zeigten sich durch diese
meine Deutung erschreckt. »Gegen wen?«
    »Gegen mich.«
    »Unmöglich!«
    »Ich habe gesagt, wahrscheinlich. Und ich pflege zu wissen, was ich sage.
Das betreffende Lied vergleicht Rose und Herz. Mit diesem Herzen aber ist das
meinige gemeint. Wörtlich mein Herz! Es soll aufgebrochen werden! Mit dem
scharfen, spitzen Stahle!«
    »Aus welchem Grunde kommst grad du auf diese Idee?«
    »Davon vielleicht später! Ich habe jetzt zu fragen und zu handeln. Der
Bluträcher hat uns nicht für klug genug gehalten, ihn zu durchschauen. In ihm
wohnt der Hass, und dieser ist bekanntlich der Bruder der Unvorsichtigkeit und
Ueberhebung. Er hat späte damit prahlen wollen, dass sein blutiges Werk gelungen
sei, obgleich er uns vorher gewarnt habe.«
    Hierauf wendete ich mich zu dem jungen Dschamiki und fragte ihn:
    »Wo warst du, als du den Multasim sahest?«
    »Draussen vor dem Duar,« antwortete er. »Ich hatte die Schafe in den Pferch
gebracht und mich hinter einem Steine niedergelegt, um nach dem Alabasterzelte
hinaufzuschauen. Man konnte mich vom Wege aus nicht sehen. Da kamen vier Reiter
von Osten her. Sie blieben in der Nähe halten und stiegen ab.«
    »Drei waren es doch!«
    »Diese drei, welche ich meinte, schlichen nach dem Duar. Der vierte blieb
bei den Pferden.«
    »Du erkanntest den Multasim?«
    »Ganz deutlich. Er war einer von den dreien.«
    »Was für Waffen hatten diese letzteren?«
    »Sie gaben ihre langen Gewehre dem vierten, ehe sie sich entfernten. Alles
andere aber haben sie noch bei sich.«
    »Hast du dich sehen lassen?«
    »Nein.«
    »Was tatest du?«
    »Ich schlich mich auf dem Boden hin, den dreien nach. Sie verliessen den Weg.
Sie huschten quer hinüber, um hinter den Duar zu kommen. Ich konnte ihnen nicht
so schnell folgen, denn wenn ich mich aufgerichtet hätte, so wäre ich von ihnen
gesehen worden. Darum verlor ich sie aus den Augen.«
    »Und bist dann nicht weiter gefolgt?«
    »Nein. Ich ging zum Vater und erzählte es ihm. Hierauf sind wir sofort zum
hohen Hause gekommen, um es zu melden.«
    »Welche Zeit ist vergangen, seit du sie von ihren Pferden steigen sahest?«
    »Bis jetzt kaum eine halbe Stunde.«
    Da klopfte ich ihm auf die Schulter und sagte:
    »Du hast deine Sache gut gemacht. Ich muss dich loben!«
    Dann fuhr ich, zu den andern gewendet, fort:
    »Wir haben Zeit. Der Multasim wartet hinter dem Duar, bis hier oben bei uns
kein Licht mehr brennt. Für mich steht es fest, dass er sich nicht eher
heranwagt. Was er vorhat, ist verwegen, so verwegen, dass ich ihn bemitleiden
muss. Ist dieser Mensch denn ein im Wildnisleben so erfahrener und gewandter
Mann, dass er, ohne einen Wahnsinn zu begehen, sich zumuten kann, mit seinem
Dolche hier im hohen Hause ganz unentdeckt und unbestraft mein Herz zu finden?«
    »Dein Herz!« sagte der Ustad. »Ich halte es noch immer für eine
Unglaublichkeit!«
    »Und dennoch ist es wahr!«
    »Du musst dich täuschen!«
    »Nein. Ich wollte diese Angelegenheit als Geheimnis behandeln; aber da der
Bluträcher nicht wartet, bis ich dich verlassen habe, sondern dein Haus zum
Schauplatze dieses Mordes machen will, schon heut, gleich an demselben Tage, so
halte ich es für meine Pflicht, dir mitzuteilen, was zwischen ihm und mir
vorgekommen und gesprochen worden ist.«
    Ich erzählte es so kurz, wie ich es für geraten hielt, legte ihnen jedes Für
und jedes Wider in Beziehung auf meine Ansicht vor und überzeugte sie derart,
dass der Pedehr, als ich geendet hatte, ganz entrüstet sagte:
    »Du hast recht, Effendi: Es gilt einen Mord, und zwar nur dir, nur dir! Ich
werde sofort die Warnungsglocke erklingen lassen und alle Bewohner des Duar
zusammen - - -«
    »Halt!« unterbrach ich ihn. »Das wirst du nicht!«
    »Ja, ich werde es!«
    »Nein!«
    »Warum nicht?«
    »Soll der Blutgierige ohne Strafe bleiben?«
    »Nein! Das freilich nicht!«
    »Er wird es aber. Denn sobald er den Lärm hört, den er auf sich beziehen
muss, versteht es sich ganz von selbst, dass er die Flucht ergreift. Dann ist er
fort und lacht uns später wegen unserer Unbedachtsamkeit aus, weil wir ihm nicht
einmal die Absicht des Mordes nachzuweisen vermögen.«
    »Das ist wahr; das ist richtig, Effendi! Aber was können wir anderes tun?«
    »Ihn fangen!«
    »Maschallah!«
    »Mit der Waffe in der Hand!«
    »Du meinst also, dass wir ihn kommen lassen?«
    »Ja.«
    »Das ist zu gefährlich!«
    »Hast du nicht auch die Soldaten herankommen lassen und gefangen genommen?
Ihrer waren so viele; jetzt aber sind es nur drei!«
    »Auch das ist wahr!«
    »Und gewiss kommt er nur allein herein; die andern beiden sind seine Wachen.«
    »Herein? Hier herein, meinst du?«
    »Ja.«
    »Wie kommst du auf diesen Gedanken?«
    »Auf die leichteste und zugleich sicherste Weise. Er will mich töten. Wann?
Des Nachts. Was tue ich des Nachts? Ich schlafe. Wo? Droben in meiner neuen
Wohnung, allerdings. Aber das weiss er nicht. Der heutige Wechsel ist ihm
unbekannt. Er glaubt, dass ich noch hier schlafe, in der offenen Halle, in welche
man sich des Nachts so leicht schleichen kann.«
    »Was weiss er von deinem bisherigen Lager in dieser Halle?«
    »Gewiss genug. Er hat heut am Nachmittage da drüben auf dem Berge mit
mehreren Dschamikun gesprochen, doch wahrscheinlich hiervon nicht, denn seine
Absicht gegen mich kann erst entstanden sein, nachdem ich die letzten Worte mit
ihm gesprochen hatte. Tifl hat die Perser begleitet. Ich denke, dass er mir gar
wohl eine Mitteilung machen kann, die sich hierauf bezieht.«
    »Jawohl; das kann ich; das kann ich!« antwortete der Genannte.
    »Nun?« fragte ich ihn.
    »Ich ritt voran. Ich hatte mir vorgenommen, mit diesen Persern gar nicht zu
sprechen. Das habe ich auch gehalten. Meine Leute ritten hinterher. An diese hat
sich Ahriman Mirza gemacht und sich mit ihnen unterhalten. Erst über den Duar;
hierauf über das hohe Haus, und dann über die jetzigen Gäste desselben. Als ich
das später erfuhr, war ich sehr zornig darüber, dass man ihm Auskunft gegeben
hat.«
    »Was hat er erfahren?«
    »Wo Hadschi Halef liegt; wo du schläfst; wann du dich niederlegst, und wer
des Nachts noch ausserdem sich in der Halle befindet. Die, welche es sagten,
wussten nicht, dass du vom heutigen Abend an bei unserm Ustad wohnen werdest.
Darum ist zu Ahriman Mirza gesagt worden, dass du in der Ecke rechter Hand in der
Halle schläfst.«
    »Was wohl noch?«
    »Ob du im Schlafe Waffen in der Nähe habest.«
    »Ah! Also! Was hat man geantwortet?«
    »Dass sie am Fussende deines Lagers aufgehängt seien.«
    »Wo sind sie jetzt? Ich habe sie in meiner neuen Wohnung nicht gesehen.«
    »Erlaube, dass ich dir das später selbst mitteile!« fiel da der Ustad ein.
    Ich nickte ihm zu und fuhr, zu Tifl gewendet, fort:
    »Gab es noch weitere Erkundigungen?«
    »Nein,« erklärte er.
    »So ist das ganze Material beisammen, welches nötig war, mich zu überzeugen,
dass ich mich nicht geirrt habe. Wer soll nun bestimmen, was zu geschehen hat?«
    »Du,« antwortete der Ustad.
    »Ja, du,« stimmte der Pedehr ein.
    »So ist meine Ansicht die folgende: Der Bluträcher wird gefangen genommen,
und zwar auf eine für uns möglichst ungefährliche Weise. Werden die gefangenen
Soldaten bewacht?«
    »Ja,« sagte der Pedehr.
    »Von wieviel Personen?«
    »Es sind zwei, welche vor dem verschlossenen Tore stehen. Das genügt
vollständig.«
    »Für heut genügt es nicht.«
    »Warum?«
    »Weil der Multasim jedenfalls die Absicht hat, diese Gefangenen zu befreien.
Er kann mit zwei Begleitern die beiden Wachen, da sie so etwas nicht erwarten,
leicht überraschen und überwältigen. Wir stellen also jetzt mehr Leute hin,
damit er sich gar nicht nach dieser Seite wagen kann. Um so sicherer wendet er
sich dann der Halle zu. Es wird an der Stelle, wo ich schlief, ein Lager
errichtet. Doch niemand liegt darauf. Selbst wenn jemand so mutig wäre, diese
Rolle zu übernehmen, so ist so ein Dolch oder Messer selbst für den stärksten
Mann ein immerhin gefährliches Ding.«
    Kara Ben Halef war von dem Lager seines Vaters herbeigekommen, um zuzuhören.
Jetzt, bei diesen Worten, sagte er:
    »Aber wenn du nicht so angegriffen von der Krankheit wärest, da wüsste ich,
was geschähe, Effendi!«
    »Nun, was?«
    »Du würdest dich ruhig hinlegen, um die aufgehobene Hand des Mörders, wenn
er zustossen will, zu ergreifen und festzuhalten, damit er vollständig zu
überführen sei.«
    »Hm! Vielleicht täte ich es! Davon kann aber jetzt keine Rede sein. Der
Bluträcher darf nicht ahnen, dass er sich vollständig verraten hat. Es muss alles
sorgfältig vermieden werden, was den Gedanken in ihm erwecken könnte, dass man
seine Anwesenheit kenne und auf ihn vorbereitet sei. Darum dürfen wir nur so
viel Personen in das Vertrauen ziehen, wie unumgänglich nötig sind. Kein
weiterer darf etwas erfahren. Wie viele Wege gibt es nach hier herauf?«
    »Nur den einen durch das Tor,« antwortete der Pedehr.
    »Keinen verborgenen Schleichweg?«
    »Keinen. Niemand kann über die Riesenmauer.«
    »Also ist es auch für niemand möglich, anders als durch das Tor zu
entfliehen?«
    »Für keinen Menschen. Und das Tor wird ja geschlossen.«
    »Man lasse es heut offen, damit der Multasim nicht darüberzuklettern
braucht. Wir wollen ihm und seinen Begleitern das Kommen möglichst erleichtern,
damit sie dann um so sicherer nicht ohne unsern Willen wieder fortgehen können.
Ich meine, dass sie sich alle drei durch das Tor schleichen werden. Die beiden
andern verstecken sich an einem passenden Orte, dem Multasim erforderlichen
Falles beispringen zu können. Dieser setzt seinen Weg allein fort. Am Tore
müssen sich handfeste Leute verbergen, welche die Perser zwar herein aber nicht
wieder hinaus lassen dürfen. Doch haben sie alles so still zu unternehmen, dass
sie es uns nicht etwa verderben, hier oben den Multasim zu ergreifen. Hier bei
uns genügen fünf bis sechs Personen, welche sich in den dunkeln Hintergrund der
Halle zurückziehen, um den Mörder, sobald er sich hereingeschlichen und das
Lager erreicht hat, zu packen. Wir haben schon um des Hadschi Halef willen das
Geräusch zu vermeiden. Ich möchte gern haben, dass der Multasim in lautloser
Stille überwältigt wird. Ich bin natürlich auch da, wenn ich auch nicht mit
zugreifen werde. Wollt Ihr dabei sein, so ist es recht, denn da werden Eure
Leute sich doppelte Mühe geben, alles richtig zu machen. Dort hinter der Tür
müssen im Hausgange einige Personen mit brennenden Lichtern postiert sein, damit
die Halle im gegebenen Augenblick sofort erleuchtet werden kann. Das ist es, was
ich zu sagen habe. Hat jemand einen andern Wunsch?«
    »Nein,« antwortete der Pedehr. »Denkst du, dass der Bluträcher uns lange
warten lassen wird?«
    »Gewiss nicht. Seine heutigen Begleiter kennen sicher alle seine
Unternehmungen. Sie warten mit grösster Neugierde auf seine Rückkehr. Auch den
Mann mit den vier Pferden lässt er wohl nicht gern lange Zeit allein, weil jeden
Augenblick sich eine Störung oder gar Entdeckung ereignen kann. Wie ich schon
gesagt habe, so denke ich auch noch jetzt: Wenn kein Licht mehr hier oben
brennt, wird der Multasim annehmen, dass wir schlafen, und sich unverzüglich an
das Werk machen.«
    »Wohlan, so wollen wir uns beeilen. In zehn Minuten soll alles zu seinem
Empfange bereit sein. Gehst du einstweilen wieder hinauf in deine Wohnung,
Effendi?«
    »Nein. Ich bleibe hier.«
    »So erlaubt, dass ich euch verlasse, die Vorbereitungen zu treffen!«
    Er entfernte sich. Der Ustad liess zwei Kissen bringen, auf welche wir uns an
der Hinterwand niedersetzten, doch so, dass ich die drei Bogenöffnungen an den
Säulen im Auge hatte und den Multasim, wenn er kam, sehen konnte. Kara war
wieder zum Bette seines Vaters gegangen. Der Bote und sein Sohn hockten sich in
unserer Nähe nieder, um im gegebenen Augenblicke mit zuzufassen. Dann kam der
Pedehr mit noch vier kräftigen Männern, die sich in der hintern Ecke
versteckten. Jenseits der Tür hielten einige Personen brennende Lichter. Dann
wurden die unsern alle ausgelöscht. Da dachte ich an meine Lampe oben. Sie
brannte ja, und ihr Schein musste unten im Duar gesehen werden. Ich sagte das dem
Ustad, der sich sofort erhob, um hinaufzugehen und sie selbst auszulöschen. Als
er dann wieder kam, war alles bereit, denn der Pedehr hatte dafür gesorgt, dass
sogar in der Küche alles finster war. Es schien sich jedermann im »hohen Hause«
niedergelegt zu haben. Der Bluträcher konnte erscheinen!
    War es nicht vielleicht sonderbar, dass ich herzlich wünschte, dass er kommen
möge? Man soll doch nicht das Verlangen in sich tragen, dass sich einem das
Verbrechen nahe! Aber nicht bloss das Denkvermögen, sondern auch das Gefühl hat
seine Erwägungen, wenn man die logische Folgerichtigkeit derselben auch nicht so
deutlich nachzuweisen vermag. Und wenn ich die Empfindung in mir trug, dass ich
den Multasim herbeiwünschen müsse, so hatte sie jedenfalls ihren guten Grund.
Der Bluträcher lebte; er war vorhanden. Seine Absichten richteten sich gegen
mich. Sie konnten mir nur dann gefährlich werden, wenn ich auf seinen Angriff
nicht gefasst war. Ich hatte nicht ihn selbst, sondern nur die plötzliche
Ueberrumpelung zu fürchten. Heut nun, jetzt, war ich auf ihn vorbereitet. Führte
er seinen gegenwärtigen Plan nicht aus, so entwand er sich der Gewissheit,
festgenommen zu werden, und zog alle meine Vorsicht, welche ich zu üben hatte,
mit sich in die Ungewissheit hinaus. Darum musste ich wünschen, dass nichts
eintreten möge, was ihn verhindern könne, jetzt bei seinem Vorhaben zu bleiben.
    Es war still in der Halle, und so dunkel, dass keiner den andern sehen
konnte, obgleich wir uns so nahe waren. Der leise Schimmer der Nacht lag draussen
auf den Stufen. Er konnte nicht bis zu den Säulen heran, weil er von dem
Vordache über ihnen aufgefangen wurde. Darum hoben sich die drei Bogenöffnungen
des Einganges zwar ganz bemerklich von dem Dunkel ab, aber der Fussboden war dem
Sternenlichte so entzogen, dass ich mir sagen musste, der Perser wäre sicher ganz
unbemerkt hereingekommen, wenn wir seinen Anschlag nicht erfahren hätten.
Bemerken muss ich da freilich, dass ich keinen Grund hatte, ihm diejenige
Fertigkeit im Anschleichen zuzutrauen, welche zwar auch der geübte Beduine
besitzt, in der aber nur die Indianer und Jäger des »fernen Westens« von
Nordamerika wirklich Meister waren. Ich sollte bald erfahren, dass ich mich da
geirrt hatte. Der Hass ist auf dem Schleichwege immer Meister. Er kann sich da in
Beziehung auf seine Arglist und Ausdauer rühmen, unübertrefflich zu sein.
    Der neben mir sitzende Ustad hatte zu mir herübergegriffen und meine Hand in
die seinige genommen. Er hielt sie fest.
    »Wie lieb ich dich habe, Effendi!« flüsterte er mir zu. »Ich habe es gar
nicht gewusst. Aber als ich hörte, dass es sich um einen Angriff gegen dein Leben
handle, erhob sich ein Gefühl in mir, als ob wir leiblich und geistig so eng
verbunden seien, dass wir miteinander eine gleichdenkende und gleichempfindende,
vollständig unzertrennliche Einheit bilden.«
    »War es wirklich ein Gefühl? Oder doch vielleicht etwas anderes?« fragte
ich. »Wenn sich verwandte Geister küssen, fliessen die Pulse ihrer körperlichen
Herzen zu einem einzigen zusammen. Das Wort Geisterliebe klingt gespensterhaft,
aber sie ist die höchste und die mächtigste, welche das Hier mit dem Dort
verbindet. Indem sie das Eine zu dem Anderen emporhebt, bringt sie die
Seligkeit.«
    Vielleicht hätte ich noch etwas hinzugefügt, da ich mit diesem Gedanken mein
Lieblingstema berührte, aber ich verzichtete darauf, denn es war mir, als ob
ich soeben etwas gehört und auch etwas gesehen habe. Es war nichts Bestimmtes,
nichts für die Augen und Ohren fest Greifbares, sondern nur ein leises Rauschen
oder Wehen, wie von einem leichten Gewande, das schnelle Vorüberhuschen von
etwas sich Bewegendem, aber gestaltlos und haltlos, von keinem wirklich
existierenden Wesen rührend.
    »Sahst du etwas? Hörtest du etwas?« fragte ich den Ustad.
    »Nein. - Du?« antwortete er.
    »Es war, als ob ein halbsichtbarer Gedanke quer durch die Halle gehuscht
sei.«
    »Wohin?«
    »Nach der Ecke, wohin der Multasim kommen wird.«
    »Den haben wir von draussen zu erwarten. Der ist nicht hier in dem Raume
versteckt. Es wird eben, wie du sagtest, ein Gedanke gewesen sein.«
    Das schien mir so richtig, dass ich annahm, mich wirklich getäuscht zu haben.
Der, den wir erwarteten, konnte doch jedenfalls nicht aus der Ecke kommen, in
welcher mein Hadschi Halef schlief. Wir hatten unsere Aufmerksamkeit nur nach
dem Eingange zu richten, und das taten wir in einer Weise, welche erwarten
liess, dass wir den Bluträcher trotz des allervorsichtigsten Anschleichens ganz
gewiss und sofort sehen würden.
    Es verging aber Zeit um Zeit, Viertelstunde um Viertelstunde, ohne dass wir
etwas bemerkten. Da - - es mochte wohl nach einer Stunde sein - - gab es
irgendwo ein leises Kratzen oder Scharren und hierauf ein ziemlich lautes,
hastiges Atemholen, welches fast wie Röcheln klang. Der Ort, woher es kam, war
nicht zu bestimmen. Ich nahm an, dass einer der versteckten Dschamikun so
unvorsichtig gewesen sei, diesen lauten Atemzug zu tun, der uns sehr leicht
verraten konnte; da aber erklang Kara Ben Halefs helle Stimme.
    »Sihdi, lass die Lichter hereinbringen!«
    Ich war natürlich ausserordentlich überrascht, zumal dieser Ruf nicht von dem
Bette seines Vaters her, wo er sich doch befunden hatte, erschollen war.
    »Wo befindest du dich?« fragte ich ihn, selbstverständlich ebenso laut.
    »Hier an deinem angeblichen Lager.«
    »Welche Unvorsichtigkeit!«
    »Sag lieber, welche Pfiffigkeit! Denn wenn ich nicht vorsichtiger gewesen
wäre als ihr, so hätte er sich wieder fortgeschlichen. Ich habe ihn!«
    »Maschallah! Ist das wahr?«
    »Würde ich es sagen, wenn es anders wäre? Bringt Licht!«
    Wir sprangen alle auf. Die Tür zum Hausgange wurde geöffnet, und die da
draussen stehenden Leute kamen mit ihren brennenden Kerzen und Oellampen herein.
Was wir nun sahen, das war allerdings verwunderlich. Ganz nahe an dem Bette,
welches als das meinige gegolten hatte, lag ein Mensch, mit dem Rücken nach
oben, vollständig bewegungslos. Er war nur mit der Hose bekleidet, sonst aber
nackt, und hatte den Oberkörper und die Arme mit Oel eingerieben. Das ist eine
Gepflogenheit der beduinischen Anschleicher, welche sich dadurch so schlüpfrig
machen, dass sie, falls man sie entdeckt, nicht festgehalten werden können, weil
das Oel oder Fett dem Körper eine Glätte verleiht, die jeden festen, ehrlichen
Griff vergeblich macht. Bei ihm kniete Kara, welcher ihm beide Hände so fest um
den Hals gelegt hatte, dass dem Ertappten die Möglichkeit der Gegenwehr
vollständig genommen worden war.
    »Schnell, bindet ihn!« sagte ich, alle Fragen auf später verschiebend.
»Hinaus mit ihm und den Lichtern, die seinen Begleitern verraten, dass sein
Vorhaben schlecht abgelaufen ist!«
    Aber noch ehe man dieser Weisung nachgekommen war, traten die Folgen dieser
plötzlichen Erleuchtung der Halle ein: Auf dem Vorplatze liessen sich laute
Schritte hören, hierauf einige unterdrückte Rufe. Nun wurde es wieder still.
Dann kam einer der dortigen Dschamikun die Stufen herauf und meldete:
    »Sie sind ergriffen worden. Als sie die Lichter sahen, wollten sie schnell
fort. Da nahmen wir sie fest!«
    »Bringt sie uns!« sagte ich. »Ihr findet uns im Gange dort hinter der Tür.«
    »Dürfen wir nicht hier bleiben, da wir sie nun doch haben?« fragte der
Pedehr.
    »Nein,« antwortete ich. »Die plötzliche Helligkeit dieses Raumes, auf den es
abgesehen war, muss dem Perser, der sich bei den Pferden befindet, auffallen und
ihn warnen. Schicke schnell deine Leute hinab, um auch ihn festnehmen zu lassen!
Der junge Dschamiki, welcher weiss, wo der Ort liegt, mag sie führen!«
    Während der Pedehr dieser Weisung folgte, wurde der Gefesselte
hinausgetragen und die Tür hinter uns allen zugemacht, so dass es in der Halle
nun wieder finster war. Erst jetzt fand ich Zeit, das Gesicht des Gefangenen zu
betrachten. Wir hatten den Richtigen - - Ghulam el Multasim. Er lag mit
geschlossenen Augen da. War er besinnungslos, oder stellte er sich nur so? Es
gibt Menschen, welche zwar den Mut des gehässigen Angriffes besitzen, weil sie
zu töricht sind, die Folgen zu bedenken, und dann, wenn diese eintreten, die
Augen zumachen, als ob das genüge, die wohlverdiente und unvermeidliche Strafe
von sich abzuwenden. Was äusserlich dem Mute ähnlich war, ist dann in seiner
eigentlichen Gestalt als Feigheit zu erkennen.
    Jetzt brachte man seine beiden Genossen zu uns; auch sie waren gebunden. Sie
hatten die abgelegten Kleider des Bluträchers bei sich gehabt, auch seine
Pistolen. Er war nur mit dem Messer versehen gewesen. Dieses war ihm aus der
Hand entfallen, als er von Kara beim Halse genommen worden war. Der Pedehr hatte
es aufgehoben und zeigte es mir.
    »Das ist die Klinge, mit welcher die Rose aufgebrochen werden sollte,« sagte
er. »Was soll mit diesen drei Menschen geschehen, Effendi?«
    »Wer hat darüber zu bestimmen?« erkundigte ich mich.
    »Natürlich du. Der Angriff war ja gegen dich geplant.«
    »Wird man das auch wirklich ausführen, was ich bestimme?«
    »Gewiss!«
    Als ich auch dem Ustad einen fragenden Blick zuwarf, erklärte dieser, seinem
Scheike beistimmend:
    »Es ist uns jeder verfallen, der sich ohne unsere Erlaubnis hier mit der
Waffe treffen lässt. Aber wir pflegen nicht zu töten. Es ist zwischen uns und dem
Multasim ausgemacht worden, dass die Frage der Rache, welche ihn hiehergeführt
hat, durch das Wettrennen beantwortet werden soll. Hast du mit ihm ein
heimliches Abkommen getroffen, so geht das uns nichts an. Er erhalte die Folgen
davon aus deiner Hand. Ich könnte ihn zwar dafür bestrafen, dass er sich mit dem
Messer trotz unserer Vereinbarung in mein Haus geschlichen hat, trete aber
dieses Recht hiermit an dich ab, Effendi. Tue mit ihm und seinen
Helfershelfern, was dir beliebt. Er sei ganz nur in deine Hand gegeben!«
    
    »So schafft diese drei Menschen einstweilen so, wie sie hier sind, zu den
andern Gefangenen hinüber in das Gewölbe, und lasst sie dort bewachen! Morgen,
wenn es Tag geworden ist, werden sie erfahren, was ich über sie beschlossen
habe. Sie kamen bei Nacht; ich aber erwarte den Tag, denn ich will auf heimliche
Anschläge keine lichtscheuen Antworten geben!«
    Man kam dieser Weisung unverweilt nach. Als die Perser hinausgebracht worden
waren, lagen die Kleider des Multasim noch am Boden. Der Pedehr forderte Tifl
auf, nachzusehen, was sich in den Taschen befinde. Sie entielten, wie es
schien, nur die gewöhnlichen Gebrauchsgegenstände, und nur zuletzt entdeckte
»das Kind« an einer verborgenen Stelle noch ein kleines Täschchen, aus dem er
einen noch kleineren Lederumschlag hervorzog, in welchem einige beschriebene
Papierblätter festgeheftet waren. Er gab das Büchelchen dem Pedehr, der es
aufmerksam betrachtete und dann dem Ustad kopfschüttelnd mit den Worten
hinreichte:
    »Sonderbar! Das scheinen nur einzelne Buchstaben zu sein. Worte sind es
nicht. Schau du zu, was es ist!«
    Der Ustad nahm es in die Hand, sah es durch und sagte:
    »Das ist das Täliq-Alphabet mit einer vorwärts gerückten Wiederholung. Ich
würde glauben, es sei eine sogenannte Eselsbrücke für irgend einen Anfänger im
Schreiben. Aber da auf der ersten Seite steht in derselben runden, stark nach
links hängenden Schrift zu lesen: Für Ghulam, den Dschellad7. Es ist also für
Ghulam ganz besonders bestimmt. Er wird Henker genannt. Weshalb? War es
vielleicht ein Scherz? Dann hätte er es nicht so sorgfältig aufgehoben. Hat er
es vielleicht selbst geschrieben? Was sagst du dazu, Effendi?«
    »Ich kann nicht eher etwas sagen, als bis ich es gesehen habe,« antwortete
ich ihm. »Ist es nur das Alphabet?«
    »Dieses und die Ueberschrift, die ich vorgelesen habe. Denn die paar
Buchstaben, die dann noch unter ihr stehen, können wohl kaum etwas zu bedeuten
haben. Es ist ein Sa und ein Lam.«
    »Weiter nichts?« fragte ich schnell.
    »Noch das Verdoppelungszeichen dazwischen,« antwortete er. »Da, siehe
selbst!«
    Er gab es mir. Ja, das war das mir so wohlbekannte Erkennungszeichen der
Sillan! Ich wusste sofort, dass dieses scheinbar ganz bedeutungslose
Doppelalphabet gewiss von grosser Wichtigkeit sei. Aber in welcher Weise wichtig,
das war die Frage! Es entielt zweimal alle persischen Buchstaben vom Aelyf bis
zum Jäj und sogar Lam-Aelyf. Aber die gleichen Buchstaben standen nicht
beieinander, sondern die zweite Reihe war weiter fortgeschoben, so dass die
letzten sieben Buchstaben nicht hinten sondern vorn ihr Ende fanden. Wenn ich
versuchen will, dies durch das deutsche Alphabet zu verdeutlichen, so bekommt
diese Probe folgendes Aussehen:
                    A b c d e f g h i k l m n o p q r s t u
                    t u v w x y z A b c d e f g h i k l m n
                                v w x y z. - - -
                                o p q r s. - - -
    Es war mit Gewissheit anzunehmen, dass die bereits erwähnte Wichtigkeit dieser
Zusammenstellung für die Sillan eine allgemeine, für den Multasim aber ausserdem
eine noch besondere sei. Ich wünschte sehr, hierüber Aufklärung zu erhalten.
Aber von wem? Sie konnte mir nur durch eigenes Nachdenken werden. Jetzt aber gab
es keine Zeit hierzu. Ich steckte also das Heftchen zu mir und sagte:
    »Die Buchstaben sind wahrscheinlich das, wofür du sie hieltest, nämlich eine
Eselsbrücke. Der Esel ist ohne Zweifel Ghulam selbst. Jetzt interessiert mich
nur der Umstand, dass er Henker genannt wird. Ihr kennt ihn besser als ich. Habt
Ihr vielleicht schon einmal diese oder eine ähnliche Bezeichnung seiner Person
gehört?«
    »Nein, nie;« antwortete der Pedehr. »Aber dadurch, dass er als Multasim sich
mit seiner unersättlichen Habsucht an die Stelle des gütigen Beherrschers setzt,
ist er wohl schon Unzähligen in Wirklichkeit zum Henker geworden.«
    »Hier fällt mir eine Aehnlichkeit auf,« fügte der Ustad hinzu.
»Steuerpächter des Schah-in-Schah und Paradiesespächter! Hier leibliches und
dort seelisches und geistiges Henkertum! Wie manchen solchen Geist- und
Seelenhenker mag es geben, der seines traurigen Amtes dadurch waltet, dass er an
Stelle des einfachen und ehrlichen Alphabetes, welches uns der Herr gegeben hat,
ein gefälschtes setzt! Was tun wir mit den Kleidern des Gefangenen?«
    »Sie mögen hier liegen bleiben, bis er sie morgen wieder bekommt. Das
geschieht nicht eher, als bis ich ihm dieses Alphabet wieder in die Tasche
gesteckt habe. Ich wünsche, dass er denken möge, es sei unentdeckt geblieben.
Wenn eure Leute später den vierten Perser mit den Pferden bringen, so steckt ihn
in ein besonderes Verliess. Der Multasim soll jetzt noch nicht wissen, dass wir
auch noch diesen festgenommen haben. Und noch eins: Ich habe euch etwas zu sagen
und zu zeigen. Das steckt in meiner Satteltasche. Wo befindet sich das alles,
meine Sachen und die Waffen?«
    »In meiner Wohnung,« antwortete der Ustad.
    »Also bei dir? Ich danke dir! Das zeigt mir ja, wie wert du das Eigentum
deines Gastes hältst.«
    Da ging ein ganz eigenartiges Lächeln über sein Gesicht. Er machte eine den
Sinn meiner Worte abwehrende Handbewegung und sagte:
    »Es ist ein anderer Grund. Wenn du es erlaubst, werde ich dir ihn oben
sagen. Soll auch der Pedehr mitgehen?«
    »Ja.«
    Der Genannte erteilte Tifl einige Weisungen in Beziehung auf den vierten
Perser; dann begaben wir uns hinauf in die Wohnung des Ustad. Er führte uns
nicht in die Balkonstube, sondern, nachdem er ein Licht angezündet hatte, in
eine kleine, fensterlose Kammer, welche, wie es schien, für weggesetzte,
unbrauchbar gewordene Gegenstände bestimmt war. Da hingen alle meine Sachen.
Ausser ihnen war nichts zu sehen als ein alter Kasten, dem man es ansah, dass er
von Ur-Urgrossvaters Zeit herstammte. Indem der Ustad auf dieses Gerätstück
zeigte, sagte er uns folgende, mir damals unverständliche Worte, die ich aber
bald darauf sehr wohl begriffen habe:
    »Wenn der Mensch wüsste, wie sehr ihm solche alte, anererbte Sachen schaden,
die er in falscher Pietät mit sich durchs Leben schleppt! Für solche, erbliche
Belastung ist die Rumpelkammer noch viel zu gut! In solchen alten Gegenständen
steckt ein ganzes Heer von geistig überkommenen Motten, Bohr- und Rüsselwürmern,
welche, wenn man den Kasten öffnet, herausgekrochen und herausgeflogen kommen,
um alles, was da Lebenswert besitzt, in zerfressenes Gerümpel und zernagte
Lumpen zu verwandeln. Für solche Mottengeister gibt es nichts Heiliges, nichts
unantastbar Hohes. Sie zerstören den königlichen Purpurmantel mit derselben
Sicherheit, mit welcher sie den Hermelin der Wissenschaft zum kahlen Felle
machen. Sie suchen das geistliche Gewand des Emir el Muminin8 ebenso heim, wie
sie sich in der Filzmütze der tanzenden oder heulenden Derwische eingenistet
haben. Sie sitzen im Kaftan des Näbi9, im Turban des Sahibi Scheriat10 und in
den Pantoffeln aller derer, die im Schatten solcher Vorschrift wandeln. Ganz
ausserordentliche Anziehungskraft aber hat auf sie das Papier, besonders das aus
Lumpen fabrizierte. Man behauptet zwar, dass der Geruch der Druckerschwärze sie
vertreibe, doch fand ich oft auch Druckpapier, aus welchem, wenn ich es zum
Lesen auseinanderschlug, gleich eine ganze Wolke mich umnachten wollte!«
    »Du sprichst in Rätseln,« sagte der Pedehr.
    »Wohl dir, dass es für dich Rätsel, aber keine Erfahrungen sind! Du hast es
glücklicherweise wohl nur mit materiellen, nicht aber mit solchen geistigen
Schädlingen zu tun gehabt, welche es trotz ihrer Mottenarmseligkeit wagen, sich
selbst allein für nützlich zu halten, jeden edlen, freien Geist aber zum
Ungeziefer zu rechnen! Und an diese Verdrehung der wirklichen Verhältnisse
glaubt der ganze, ganze Pelz, in dem die Motten sitzen!«
    Sich hierauf mir zuwendend, sprach er weiter:
    »Aus diesem Kasten war das Gedeck, von welchem du oben im Walde gespeist
hast. Das wurde von dir vielleicht für eine besondere Ehrung gehalten; aber es
war etwas anderes. Es ist mein Leichengedeck. Ich liess es dir zu deinem eigenen
Todesmahle vorlegen. So dachte ich! Vielleicht ist es durch dich mein
Auferstehungsmahl geworden, zu welchem ich dich, ohne es zu ahnen, eingeladen
habe. Und schau hierher! Da hängen deine Gewehre und alle deine Sachen. Warum?
Ich habe dich für gleich mit mir, für meinen geistigen Doppelgänger gehalten.
Ich glaubte, du seist ganz denselben Weg gewandelt, den auch ich gegangen bin,
und lebest jetzt in deiner Hosiannazeit. Ich sah für dich die Zeit kommen, in
der du hinaufgeschleppt wirst nach Golgata, wo die Kriegsknechte sich in dein
Gewand und in deine Waffen teilen. Darum trug ich sie herauf und in diese meine
Rumpelkammer, um dich zu bitten, ihnen hier freiwillig zu entsagen. Vor solchen
Feinden ist's um jede Waffe schade! Tritt völlig ungerüstet vor sie hin! Des
Geistes Harnisch ist zwar unsichtbar, doch keine Motte und kein Rüsselwurm wird
sich an ihn wagen! Dies Ungeziefer sucht sich nur an solchem Kram zu ätzen, der
wohl auch ohne Mottenfrass von keiner Dauer wäre. - - - So dachte ich! Doch als
ich zu dir kam, hinauf in meine Gruft, damit du dich in mir erkennen möchtest,
da hörte ich aus deinem Munde Worte, die mir aus jener Welt herüberklangen, in
welche ich mich gern mit dir hinüberretten wollte. Bist du vielleicht schon
drüben? Hast du den Weg, den unbeschreiblich schweren, auch ohne mich gesehen
und erkannt? Hast du nichts von der Menschenfurcht und feigen Scheu gewusst, die
einst mich zwang, vor ihm zurückzubeben? Du sprachst so fest, so sicher, so
bewusst, als hättest du schon längst erreicht, was ich erreichen wollte und dann
doch fallen liess. Sag mir auch jetzt ein festes, sicheres Wort! Du wirst wohl
meine Frage kaum verstehen, doch krallt sich ihre Faust so tief in dich hinein,
dass du vor Schmerzen dich zu winden hättest, wenn du in Wirklichkeit mein
Doppelgänger wärest.«
    Er stand hochaufgerichtet vor mir, das Licht in der Hand, und sah mir mit
tief ernstem, forschendem Blicke in die Augen. So, ungefähr so muss das Gericht
dem Menschen in die Augen schauen, wenn es einst von ihm sein früheres Leben
fordert.
    »Sprich deine Frage aus!« sagte ich.
    »Du wirst erschrecken!« rief er aus.
    »Versuche es!«
    Wir standen Mann gegen Mann einander gegenüber. Oder war es Seele gegen
Seele, Geist gegen Geist?
    »Du bist Old Shatterhand?« fragte er. »Ich habe diesen Namen von meinem
Freunde Dschafar gehört.«
    »Ich war es,« antwortete ich ruhig, aber bestimmt.
    Er machte, als er hörte, dass ich sein Präsens in das Imperfectum
verwandelte, eine Bewegung der Ueberraschung. Dann fuhr er fort:
    »Du bist Kara Ben Nemsi Effendi?«
    »Ich war es,« erwiderte ich abermals.
    »Bist es nicht mehr? Beides nicht mehr?«
    Bei diesen Worten leuchteten mir seine Augen vor erwartungsvoller Erregung
förmlich entgegen.
    »Beides nicht mehr!« nickte ich.
    »Seit wann? Sage es mir!«
    »Seit diese beiden Namen das geleistet haben, was sie leisten sollten und
leisten mussten! In diesen zwei Namen habe ich denen, die es lösen wollen, ein
Rätsel aufgegeben, aus dessen Tür das von seinen psychologischen Fesseln
befreite Menschheits-Ich wie ein im Freudenglanze strahlender Jüngling
hervorzutreten hat. Dieses so viel verachtete und so grimmig angefeindete Ich in
meinen Büchern hat allen denen, welche Ohren haben, von einer neuen, ungeahnten
Welt zu erzählen, in welcher Leib, Geist und Seele nicht ineinander gekästelt
und ineinander geschachtelt sind, sondern Hand in Hand nebeneinander stehen und
miteinander wirken. Dieses so oft verspottete und so leidenschaftlich verhöhnte
Ich in meinen Werken war nicht die ruhmeslüsterne Erfindung eines wahnwitzigen
Ego-Erzählers, welcher unglaubliche Indianer-und Beduinengeschichten schrieb, um
sich von den Unmündigen und Unverständigen beweihräuchern zu lassen, sondern
unglaublich, über alle Massen unglaublich ist nur die Blindheit derer gewesen,
die einen solchen Wahnsinn für möglich hielten, weil sie sich in den ihnen sehr
erwünschten Irrtum hineinlogen, dass diese meine Bücher nur zur vagen
Unterhaltung der unerwachsenen Jugend, nicht aber ganz im Gegenteile für die
geistigen Augen klar und ruhig denkender Leser geschrieben seien. Diesem so
kraftvollen und selbstbewussten Ich ist es nicht eingefallen, in den Gassen des
geistigen Unvermögens bettelnd an die Türen zu klopfen, denn von dieser
geistigen Armut leben ja grad diejenigen Ichs, welche die Lösung meines Rätsels
zu fürchten haben. Dieses mein Ich vermied ganz im Gegenteile alle Strassen und
Häuserreihen menschenwimmelnder Städte und ging hinaus in alle Welt - - -«
    Da unterbrach mich der Ustad, indem er meinen Arm ergriff und im Tone
grösster Ueberraschung ausrief:
    »Hinaus in alle Welt, um aller Welt zu sagen, dass alle Welt ihr Ich verloren
habe? Effendi, Effendi, was höre ich aus diesem deinem Munde! Wer hätte das
gedacht! Auch ich war ein Ich-Erzähler. Auch ich sandte meine Gedanken hinaus in
alle Welt, um - - - doch nein; davon später! Ich kannte dich nicht. Ich ahnte
nur von dir. Es war, als ob ich einem innern Befehle folgen müsse. Und nun sind
wir einander gleich, so gleich, so ausserordentlich gleich! Wirklich? Wenn in
allem, so doch in Einem nicht! Ich bin ja noch nicht fertig, dich zu fragen!
Mache dich bereit, jetzt die Hauptfrage zu hören! Sie ist fast unglaublich! Soll
ich sprechen?«
    »Ja!«
    »Hier hängt das Eigentum von Kara Ben Nemsi. Willst du mir das alles
schenken? So schenken, dass ich es behalten kann? Es ist dann nicht mehr dein. Du
bekommst es nie im Leben wieder in die Hände. Es bleibt für alle Zeit in dieser
Rumpelkammer, und keinem Menschen wird es je gezeigt!«
    Was war das für ein Blick, den er in mein Gesicht förmlich bohrte? Ich musste
an Ahriman Mirza denken, den Teuflischen! Schaute etwa dieser Verführer mich
jetzt aus den funkelnden Augen des Ustad an! So höllisch erwartungsvoll! Ja, es
war eine grosse, eine hochbedeutende Frage, welcher ich da gegenüberstand. Ich
begriff den Ustad. Die ganze Hölle, gegen welche er einst vergeblich gekämpft
hatte, schaute mich jetzt mit diesem seinem Blicke an. Aber ich konnte ruhig
sein. Mich sollte sie nicht hindern, den Weg zu gehen, den ich mir ja schon
längst vorgezeichnet hatte. Es wurde mir nicht schwer, mich zu entscheiden. Ich
hielt dem Ustad meine Rechte hin, schaute ihm ruhig lächelnd ins Gesicht und
sagte:
    »Gieb mir deine Hand!«
    »Nun?« fragte er schnell, indem er sie mir reichte. »Was hast du
beschlossen?«
    »Wie gern erfülle ich dir deinen Wunsch! Nimm alles hin! Es sei dein
Eigentum!«
    »Alles - alles?« rief er in unbeschreiblicher Verwunderung.
    »Alles!«
    »Aber weisst du, was du tust?! Du hörst auf, zu sein, was du warst und was
du bist! Du kannst nie wieder solche Bücher schreiben, wie du geschrieben hast!
Du stirbst! Du musst ein völlig andrer werden! Hältst du trotzdem dein Wort?«
    »Ich halte es!«
    »Unglaublich! Ich erinnere dich noch einmal an die Folgen, Effendi! - Bist
du berühmt?«
    »Pah! Man spricht von mir. So lange man mich aber nicht begreift, muss es mir
gleichgültig sein, was man redet. Wenn man mich falsch versteht, spricht man von
einem Falschen, doch aber nicht von mir!«
    »Das klingt so wahr, doch aber auch so kühl! Fast möchte ich es verächtlich
nennen! Bedenke aber, Effendi: Wenn du nicht mehr in dieser deiner bekannten
Weise schreibst, wird man gar, gar nicht mehr von dir sprechen! Dann bist du
tot, tot, tot!«
    »Du armer, armer Ustad! Was hast du doch für irrige Begriffe von dieser Art
von Leben und dieser Art von Tod! Ich habe mich dir geschenkt, so, wie ich da an
diesen Nägeln hänge. Diese Embleme meiner bisherigen Tätigkeit, sie sind - - -
ich! Das Ich, welches ich war! Bin ich nun tot?«
    »Ja!«
    »Du irrst! Ich ging in diesem Augenblicke in ein anderes Leben über, und
dieses andere wird ein höheres, schöneres, edleres, unendlich wertvolleres sein.
Ich schrieb eine Menge Bücher. Ich liess mein Ich in ihnen sprechen. Ich wurde
nicht verstanden. Ich gab das Köstlichste, was es auf Erden gibt, in irdenem
Gefässe. Ich füllte diese Schalen mit einem Rätsel an und liess die Menschheit
trinken. Es tranken Hunderttausende daraus, doch allen war der Trank nichts als
nur Wasser. Die Schale täuschte alle! Ich hatte es den Menschen zu bequem
gemacht. Man trank gedankenlos und lachte mich dann aus. Das ist der grosse
Fehler, den ich mir vorzuwerfen habe, weiter nichts! Der Sterbliche trinkt
lieber Sumpfwasser aus goldenen Gefässen, als Himmelsnektar aus nur irdenen. Da
stieg in mir ein heisses Wallen auf. Es griff ein heiliger, wenn auch stiller
Zorn in meine Seele. Nicht dass ich diese irdenen Gefässe nun zertrümmerte, o
nein! Ich nahm mir vor, nun goldene zu geben, doch mit demselben Trank, den man
für Wasser hielt. Ich habe mir das Gold dazu auf diesem Ritt geholt, der mich
zum geistigen Haupt der Dschamikun geführt. Du ahnst wohl nicht, wo ich hier
suchte und wo ich es fand. Von heute an werde ich im hohen Hause schreiben - - -
ganz anders als bisher. Und hat man es erkannt, wie töricht man einst war, so
wird man dann zurück nach jenen Schalen greisen, die man zur Seite stellte. Dann
leben meine alten Werke auf. Man wird sie mit ganz andern Augen lesen; die Seele
tritt hervor, die tief in ihnen lebt. Und wenn man erst den Geist erkennt, der
mir die Feder gab, dann wird sie dieser Geist in alle Häuser tragen, in denen
sie bisher noch nicht zu sehen waren. - - - Nun sage mir, o Ustad, ob ich mich
für gestorben halten muss!«
    Da streckte er mir beide Hände entgegen. Ich sah, dass seine Augen feucht
waren, indem er zu mir sprach:
    »Sihdi, nicht hier will ich dir sagen, was ich erkennen muss! Wir gehn hinauf
zu dir. Doch sage vorher, was mit dem Briefe war, den du uns zeigen wolltest!«
    »Er ist nun dein,« antwortete ich.
    »Mein?« fragte er verwundert.
    »Ja. Er steckt ja dort in deiner Satteltasche.«
    »In - - meiner - - meiner - - Satteltasche!« wiederholte er lächelnd meine
Worte. »Also du hast mit diesem Geschenke gewiss und wirklich Ernst gemacht?«
    »Ja! es war Ernst. Ich habe dir nichts geschenkt. Du hast mich nur befreit.
Soll vielleicht ich nach diesem Briefe suchen?«
    »Tue es! - Dann gehen wir hinüber in mein Zimmer.«
    Ich fand das Schreiben, dessen sich der Leser wohl noch erinnern wird. Ich
gab es dem Ustad und ging dann hinaus, ohne mein bisheriges Eigentum noch einmal
anzusehen. Da sagte der Ustad, indem sie mir beide folgten:
    »Effendi, du lässest deine Berühmteit hier zurück. Willst du fortgehen,
ohne auch nur noch einen einzigen Blick auf sie zu werfen?«
    »Ja,« antwortete ich. »Berühmt! Kennst du diese Art von Berühmteit? Sie ist
dämonischer Natur. Soll sie deine Freundin sein, so verzichte auf dich selbst,
und gieb ihr deinen Geist und deine ganze Seele hin!«
    »Wie wahr, wie wahr du sprichst!« stimmte er mir bei. »Ich kenne sie. Sie
war nicht nur meine Freundin; sie war mir mehr, viel mehr. Und was hat sie von
mir gefordert! Welche Opfer habe ich ihr gebracht! Jedem Laffen hatte ich mich
vor die Füsse zu werfen und vor jedem hohlen Kopfe mich zu verbeugen! Jedem
Narren musste ich gefällig sein, um sie nur nicht zu schädigen, und jeden Dünkel
mir gefallen lassen, damit er ihr ja nicht gefährlich werden könne. Meine Tasche
musste für jede Torheit offen sein, und wenn der Unverstand mich auch mit
tausend Albernheiten plagte, ich hatte still zu halten nur um ihretwillen. Der
Neid stand Tag und Nacht vor mir mit seinen Argusaugen; die Missgunst schlich mir
nach auf allen Wegen, und wo ich mich zur Ruhe setzen wollte, sass schon die
Scheelsucht da und jagte mich von dannen. Ich durfte nicht so sprechen, wie ich
wollte, und was ich schrieb, das wurde von der Feindschaft falsch gedeutet. Ich
habe viel verloren, was ich jetzt schwer beklage, doch dass ich zu dem allen auch
sie verlor, nach der ich einst gestrebt mit einer Gier, die ich fast Sünde
nenne, das ist mir ein Gewinn, der den Verlust mich gern ertragen lässt. Doch,
schweigen wir hiervon! Kommt jetzt herein zu mir!«
    Als wir in seine Stube traten, hörten wir durch die offenstehende Balkontür
den Hufschritt von Pferden. Die Gefangennahme des vierten Persers war also
gelungen. Der Ustad stellte das Licht auf den Tisch und betrachtete den Brief.
    »Keine Adresse!« sagte er. »Nur die Zeichen, welche wir vorhin auf der
Vorderseite des Alphabetes sahen. An wen ist dieses Schreiben gerichtet?«
    »An Ghulam el Multasim,« antwortete ich.
    »Woher weisst du das?«
    »Ich werde es dir erzählen.«
    Wir setzten uns nieder, und ich berichtete in möglichst kurzer Weise über
unsere eigentümliche Bekanntschaft mit den Sillan, von unserer Begegnung auf dem
Tigris an bis auf den Kaffeewirt in Basra. Hierauf sagte ich auch noch, wen ich
hier bei den Dschamikun als zu dieser geheimen Gesellschaft gehörig entdeckt
hatte. Die beiden Zuhörer folgten meiner Erzählung mit grosser Aufmerksamkeit.
Als ich geendet hatte, sah der Ustad eine Zeitlang sinnend vor sich nieder. Dann
hob er den Kopf und sagte:
    »Effendi, weisst du, was du uns berichtet hast?«
    »Nun, was?«
    »Ereignisse aus einem Fabellande.«
    »Glaubst du, dass ich dichtete?«
    »O nein! Der Brief ist ja Beweis. Er liegt als ein Gegenstand, welcher
unserer Körperwelt angehört, in meiner Hand. Du hast wirkliche Tatsachen
erzählt, nichts hinzugefügt, sondern ganz im Gegenteile sehr viel weggelassen,
wie ich vermute. Und doch sprach ich von einem Fabellande. Warum?«
    Er sann wieder eine Weile nach. Dann fuhr er fort:
    »Fabel und Märchen! Ich frage nicht, was andere Leute sich bei diesen Worten
denken. Ich sage, was für Vorstellungen diese Begriffe in mir selbst erwecken.
Was Gott den Klugen und Weisen verschweigt, weil sie es ihm nicht glauben, das
lässt er den Kindern und Unmündigen erzählen, damit der widerstrebende Verstand
von dem ungetrübten Glauben lernen möge. Es schweben zwischen Himmel und Erde
Wahrheiten, denen der Zweifel des geräuschvollen Tages verbietet, sich zu der
Menschheit herniederzulassen. Aber in der verschwiegenen Nacht, wenn die Zweifel
schlafen, gleiten diese Wahrheiten an den freundlichen Strahlen der Sterne
herab, um, wie alles Himmlische, wenn es die Erde berührt, sichtbare Gestalten
anzunehmen, sobald sie das ihnen verbotene Land erreicht haben. Sie hoffen, in
diesen Körperformen vor ihren Feinden sicher zu sein. Sie trennen sich. Die eine
Wahrheit geht in Tiergestalt als Fabelwesen durch Wald und Feld, kommt
vielleicht auch in Haus und Hof des Menschen, um ihm im Bilde mitzuteilen, was
ihm in anderer Weise zu sagen ein Wagnis ist. Die andere ist kühner. Sie nimmt
die Form des bekannten Körpers an, der als das Ebenbild Gottes so berühmt
geworden ist, und sucht die Städte und Dörfer auf, wo sie sich für ein
bescheidenes Märchen ausgibt, welches man passieren lassen kann. Sie hat
scheinbar so gar nicht viel zu sagen, dass man sie gern hier und da zu Worte
kommen lässt. Sobald sie spricht, denkt man sich zunächst nichts dabei. Doch wenn
sie fortgegangen ist, beginnt man unwillkürlich nachzusinnen. Dann kommt es
freilich an den Tag, dass dieses sogenannte Märchen ein Himmelskind gewesen ist,
welches, wenn man dies gewusst hätte, fortgewiesen worden wäre. Nun hat es aber
doch gesprochen, und was es sprach, sitzt fest! - - Du lächelst, Effendi!
Warum?«
    »Weil du ein Freund dieser himmlisch reinen und irdisch doch so pfiffigen
Wahrheiten zu sein scheinst,« antwortete ich. »Auch ich habe sie sehr lieb.
Sprich weiter!«
    »Kennst du,« fuhr er fort, »das Märchen von dem Sonnenstrahl, der hier auf
Erden König wurde und so mild und gut regierte, dass alle seine Untertanen,
sobald sie starben, sich in helle Sonnenstrahlen verwandelten und zum Himmel
stiegen?«
    »Ich kenne es.«
    »Auch das andere Märchen, von dem Schatten des Strahles?«
    »Nein.«
    »Der Schatten wollte es dem Lichte gleichtun. Er fiel in ein
tieferliegendes Land und nahm dort ganz genau die Gestalt des andern Herrschers
an. Auch er machte sich zum Könige und ahmte alles wörtlich nach, was der gute
Herrscher da oben tat und sprach. Abe er war leider nur der Schatten dieses
Herrn. Weisst du, Effendi, was ein Schatten ist?«
    »Er ist das dunkle Kehrseitenbild derjenigen irdischen Wesen, welche im
Lichte des Himmels stehen,« antwortete ich.
    Das war freilich keine physikalisch genaue Definition, sollte das aber auch
gar nicht sein. Ich ahnte, was der Ustad sagen wollte, und gab ihm die
Erklärung, die er dazu brauchte.
    »Richtig, sehr richtig!« stimmte er bei. »Der Schatten setzt das Licht
voraus. Er ahmt die Gestalt nach, welche in diesem Lichte steht. Aber die
Nachahmung ist dunkel, so treu und so genau sie im übrigen auch ausfallen mag.
Die Farbenbrechungen des himmlischen Lichtes entgehen dem Schatten ganz und gar.
Er ist der finstere, herz- und gewissenlose Doppelgänger von allem Lebenden, was
es auf Erden gibt. Ob es wohl in der Geistes- oder Seelenwelt ebenso Schatten
gibt wie in der Welt der Körper? Was meinst du wohl, Effendi?«
    »Natürlich gibt es sie.«
    »Wie denkst du dir das?«
    »Stelle etwas Geistiges oder Seelisches an das Licht, um es zu sehen, so
wird sich sofort der betreffende Schatten einfinden. Hinter jeder Tugend steht
dann das betreffende Laster, welches eine ganz genaue, aber kehrseitige
Nachahmung aller ihrer Vorzüge ist. Hinter der weisen Sparsamkeit erscheint dann
der Geiz, hinter der Freigebigkeit die Verschwendung, hinter der Wahrheitsliebe
die grobe Rücksichtslosigkeit, hinter dem edlen Erwerbsinne der ordinäre Betrug
und Diebstahl, hinter der Vorsicht die Feigheit, hinter dem Mute die
Unbedachtsamkeit, hinter der Beredsamkeit das Schwätzertum, hinter der
Verschwiegenheit die Starrköpfigkeit. Aber ich sehe auch noch andere Schatten
stehen: Die rücksichtslose Tyrannei hinter der segensreichen Macht, das
Schmeichlertum hinter dem Gehorsam, die Empörung hinter der Freiheit, den Mord
hinter der Notwehr, die Scheinheiligkeit hinter der Frömmigkeit, die
Schleicherei hinter der Demut, die Prahlsucht hinter der Selbsterkenntnis, den
Völler hinter dem Esser, den Säufer hinter dem Trinkenden, den Vagabunden hinter
dem Wanderer, den Verleumder hinter dem Richter. Soll ich noch weiter
fortfahren, Ustad?«
    »Nein; es ist genug,« antwortete er. »Deine Aufstellung war sehr
interessant, wahrscheinlich ohne dass du weisst, warum ich dies meine. Du
brachtest Tugenden und Untugenden, Zustände und Regungen. Wie kommt es, dass du
hieran dann Personen geschlossen hast? Ist das absichtlich geschehen? Wolltest
du etwa hiermit aus dem Gebiete des Geistes hinüber nach dem Reiche der Geister
deuten? Hast du an das für uns unsichtbare Land gedacht, an dessen Pforte die
sterbende Unwissenheit ihre letzten Worte Von hier gibt es keine Wiederkehr
ruft? Stand dir jenes Reich vor Augen, welches der Aberglaube mit Gespenstern
bevölkert, obgleich er, er, er das allereinzigste Gespenst ist, welches
existiert?«
    »Ich gab Beispiele,« erwiderte ich. »Eine Unterscheidung lag mir fern.«
    »Wohl! Schauen wir also nicht hinüber, sondern bleiben wir bei den Menschen!
Jeder, der in der Sonne steht, kann, wenn er sich von ihr abwendet, seinen
Schatten sehen. Das ist physikalisch. Aber es gibt auch noch andere Schatten.
Ich will ihre Arten nicht aufzählen. Aber eine von ihnen, welche ich die
mytologische nenne, möchte ich dir doch zeigen. Sie wurden im alten
Griechenland entdeckt und als Erinnyen oder Furien bezeichnet. Sind dir diese
Schemen bekannt, Effendi, die höllischer sind, als die Hölle selbst?«
    »Nur aus der Mytologie,« sagte ich.
    »Du irrst dich. Du hast sie auch im wirklichen Leben gesehen. Sie laufen da
allüberall herum! Du hast sie nur nicht durchschaut, nicht definiert. Wenn die
Sonne genau in deinem Zenite steht, so hast du keinen Schatten. Der, den du
giebst, liegt unter deinen Füssen; man sieht ihn nicht. Aber sobald sie den
Gipfelpunkt verlässt, kommt der Schatten unter dir hevorgekrochen und wird umso
grösser, je weiter sie sich von dir entfernt. In dem Augenblicke, an welchem dein
Tag dahinzusterben und die Sonne für immer von dir zu gehen scheint, ist dieser
dein Schatten so weit über alles Menschliche hinausgestiegen11, dass er die ganze
hinter dir liegende Fläche bedeckt und so vollständig verdunkelt, als ob es hier
niemals in deinem Leben Licht gegeben habe. Das kannst du bei jedem
Sonnenuntergange beobachten. Es gibt aber auch noch andere Sonnenuntergänge.
Soll ich dir einen beschreiben? Den meinigen? Und den Riesenschatten, der da
hinter mir entstand?«
    Er schaute in die kleine, leise hin und her wehende Flamme des brennenden
Lichtes, dann schloss er die Augen, als ob er selbst den nur matten Schein
desselben jetzt nicht ersehen könne, und sprach dann weiter:
    »Mein Morgen war vergangen. Ich hatte Mittagszeit. Die Sonne stand grad über
mir. Rund um mich her lag Helligkeit. Es wurde mir zu heiss, so schattenlos in
solchem Licht zu stehen. Ich sah mich um. Meine ganze Welt schien Glück und
Frieden auszustrahlen. Nur Freundesaugen sahen mich an. Nur Freundeshände
griffen nach meiner Rechten. Nur Freundesworte drangen an mein Ohr. Aber es war
mir unmöglich, dieses so gänzlich ungetrübten Sonnenscheines in meinem Innern
froh zu werden. Ich kannte die alte Sage von jenem neidischen Erdengotte, der es
nicht duldet, dass der Sterbliche sich glücklich fühle. Ich schaute besorgt empor
zur Spenderin all dieses grellen Lichtes. Sie lächelte mir, wie eben noch, in
heller Wonne zu. Aber ich sah, dass sie ihre Stellung zu mir aufgegeben hatte.
Die Linie von ihr zu mir war schief geworden. Und da begann der Erdengott, sich
unter mir zu regen. Er hatte sich zu meiner Mittagszeit mit meiner Person so
vollständig einverstanden erklärt, dass er seine Dunkelheit gänzlich aufgegeben
zu haben schien. Da bemerkte ich, dass die freundlichen Blicke mich verliessen und
nach unten glitten. Sie schauten hinter mich. Ich blickte an mir herab, bis tief
zu meinen Füssen. Was sah ich da?! Einen Kopf, der unter mir hervorgekrochen kam!
Er ahmte die Bewegung des meinen nach. Wollte er mich verspotten? Oder haben die
Köpfe der Schatten so gar keine Spur von eigenem Gehirn, dass sie, um existieren
zu können, auf die Nachäffung lichtdenkender Menschen angewiesen sind? Werden
sie, die vollständig gedanken- und urteilslosen, von jenem Erdengotte gezwungen,
diesen Menschen jede geistige Form und jede intellektuelle Bewegung abzustehlen
und sie im Bodenschmutze zu verzerren, um selbst auch einmal für Etwas gehalten
zu werden? Der Kopf kam immer weiter und immer deutlicher hinter mir hervor. Er
bemühte sich, dem meinem möglichst ähnlich zu werden. Es war sogar das Bestreben
zu erkennen, meine Gesichtszüge wiederzugeben. Aber so oft ich ihm das Gesicht
auch zukehrte, ich sah doch nur, dass ihm dies nicht gelang. Diese Schemen haben
ja ein-für allemal darauf verzichtet, ein menschenwürdiges Antlitz zu besitzen!
Je mehr die Sonne sich von mir entfernte, um so dreister zeigte sich das
Phantom. Die Schultern, der Leib, die Arme kamen zum Vorschein, sogar auch die
Beine, aber nicht als wirkliche, greifbare, lebendige Gestalt, sondern als
wesenloses Trugbild, welches nur so lange stand hielt, als man sich selbst nicht
bewegte. Sobald man ihm aber nähertreten oder die Hand ausstrecken wollte, um es
zu prüfen, wich es sofort zurück. dabei war zu bemerken, dass die erst vorhandene
Aehnlichkeit der Umrisse sich in ganz genau demselben Verhältnisse verringerte,
in welchem das Zerrbild sich vergrösserte. Es verschwanden nicht nur sehr bald
diejenigen Konturen, welche möglicherweise hätten auf mich schliessen lassen
können, sondern die Missgestalt wurde allmählich so unförmlich und ging nach und
nach derart in das Ungeheuerliche über, dass es mir fast wie ein Wahnsinn vorkam,
die Stelle, an welcher ich stand, als den Entstehungspunkt derselben zu
betrachten. Freilich waren ihre Füsse grad da zu sehen, wo ich mit den meinen
stand; ausser diesem allereinzigen Umstand aber gab es keinen zweiten Grund,
anzunehmen, dass diese ultramonströse Ausgeburt in irgend einer Beziehung zu mir
stehe. Ich stand auf dieser Stelle aufrecht, selbstbewusst, eine kraftvoll und
unabhängig sich bewegende Persönlichkeit! Wie aber der Schatten? Er hatte sich
aus dem Schmutze entwickelt, den ich mit Füssen trat! Aus ihm war er unter diesen
meinen Füssen hervorgekrochen! Aus ihm hatte er versucht, sich an mir
emporzurichten, wohl gar über mich hinaus ins Sonnenlicht zu ragen! Aber es
gibt keinen Schatten, der nicht fallen muss! Auch dieser mein ultramonströser
Schatten fiel! Er konnte und durfte nichts als fallen - fallen - - fallen! Das
ist das furchtbare Schicksal jedes Schattens - - jeder Dunkelheit - - jeder
Finsternis! - - Und das Selbstbewusstsein? Konnte der Kopf meines Schattens
überhaupt Etwas entalten? Ja? Nun dann aber ganz gewiss nicht ein eigenes
Selbstbewusstsein, sondern nur die schattenhafte Verzerrung des meinigen! Infolge
dieser Verzerrung glaubte er wahrscheinlich, mich zu haben; aber ich, ich hatte
ihn! Er war Schatten; er ist Schatten, und er wird Schatten bleiben! Er braucht
volle Menschheitspersonen, um durch sie zu existieren. Finden sie sich nicht
ein, um ihn zu werfen, wie man eben Schatten wirft, so kann er es nicht einmal
zum blossen Schemen bringen; er ist ein - - - Nichts! - - Und die kraftvoll und
unabhängig sich bewegende Persönlichkeit? Jeder Schatten bedeutet fehlendes
Licht. Ein Mensch, der sich zum Schatten anderer macht, hat seinem Geiste und
seinem freien Eigenleben entsagt. Er ist eine unselbständige Dunkelexistenz
geworden, die überall, wo Licht vorhanden ist, nach Trübem, Düsterem und
Finsterem hascht. Diese Lichtscheu wirkt genau so, wie die Wasserscheu. Sie
gibt sich ganz und gar der Tollheit hin und folgt von Schritt zu Schritt, nur
um zu - - beissen!«
    Der Ustad hielt nach dieser längeren Gedankenfolge inne. Man sah es ihm an,
dass er keine Bemerkung von uns erwartete. Ich hätte wohl manches einzuwenden
gehabt, sah aber keinen zwingenden Grund, dies augenblicklich zu tun. Gegen
derartige Ansichten und Anschauungen hat man vorsichtig zu verfahren. Es gibt
Meinungsverschiedenheiten, die nicht im Handumdrehen, sondern nur mit Hilfe der
Zeit zu beseitigen sind, und hier schien es mir, als ob grad diese Zeit es sei,
die solche bittere Gedanken in ihm befestigt hatte. Er fuhr nach dieser Pause
fort:
    »Hast du, Effendi, einen Mann gekannt, Hadschi Halef Omar, den Scheik der
Hadeddhin vom Stamme der Schammar, der bereit war, mit seinem deutschen Sihdi
alle Qualen der Erde und der Hölle zu erdulden und tausend-, tausendmal für ihn
zu sterben?«
    Ich nickte nur.
    »Du Glücklicher! Ich hatte keinen, keinen Halef! Ich besass nicht einen
einzigen Freund, der deinem Hadschi auch nur einigermassen ähnlich gewesen wäre!
Und doch gab es so viele, viele, die sich meine Freunde nannten, als ich in der
Mitte meines Sonnentages stand! Sie wollten nichts von mir; sie verlangten
nichts von mir; sie forderten nichts von mir; aber sie liebten mich alle, alle,
alle so wahr, so treu, so innig! Nur eins sollte ich ihnen bringen, weiter
nichts, weiter gar nichts: Nämlich Opfer, wieder Opfer und immer wieder Opfer!
Und ich brachte sie! Wie gern! Ich liebte ja die Menschen alle, alle! Ich
glaubte, dass sie meiner Liebe wert seien. Ich wusste nicht, dass es klug sei,
nicht den Einzelnen an sich, sondern die Menschheit in ihm zu lieben. Meine
Freunde aber überschüttete ich mit doppelter Liebe! Da kam der Augenblick, an
welchem ich bemerkte, dass meine Sonne sich schief zu mir gestellt hatte. Welche
unerwartete Wirkung fand sich da ein! Auch an meinen Freunden und sonstigen
Bekannten begann jetzt so vieles schief zu werden! Sie dachten schief über mich;
sie sprachen schief von mir; sie sahen mich schief an! Die Sonne wich mehr und
mehr von mir zurück; mein Schatten wuchs; meine Freunde wurden immer schiefer!
Gegen Abend ging es schneller mit der Sonne; mein Schatten füllte hinten mir
schon die ganze Strecke bis zum Horizonte aus; meine Freunde waren jetzt so sehr
schief geworden, dass gar nicht ausbleiben konnte, was nun geschehen musste: Sie
verloren das Gleichgewicht; sie begannen, auch zu fallen, einer nach dem andern,
ganz genau so, wie mein grosser Schemen fiel! Wohin fielen sie? Natürlich hinter
mich, als meine Schatten, Schatten, Schatten! Ich warf sie fort nach rückwärts,
hinweg zu ihm, der sich als Erdengott gebärdete. Er verschluckte sie mit wahrer
Orkusgier. Sein Nichts blähte sich nach dem Frasse dieser vielen tausend Nichtse
zu einem so undenkbaren Nichtse auf, dass er dünner und immer dünner und endlich
ganz unmöglich werden musste! Es kostete mich schon Mühe, ihn, den
Ultradimensionalen, nur noch zu erkennen. Da wendete ich meine Augen von der
ebenso still wie unvermeidlich vor sich gehenden, schattenhaften Katastrophe ab.
Ich schaute empor. Soeben verschwand die Sonne. Und da geschah das, was an jedem
Tag geschieht und was wir doch bis heut noch nicht mit unserm Geist ergriffen
haben: Es flammte der Westen in goldener Glut. Sie sprühte gen Himmel in
zuckenden Blitzen. Ich tauchte den Blick in die feurige Flut und sah sie die
Berge mit Funken umspritzen. Da, als sie mir so das Geheime erschloss, da mussten
die Erdenphantome verschwinden: Sie wurden zu nichts; auch das meine zerfloss,
und ich ging, um das Licht ohne Schatten zu finden!«
    Er war da, wo die Sätze sich zu reimen begannen, aufgestanden und hatte
stehend gesprochen. Jetzt ging er hinaus auf den Balkon, wohl um die Gestalten,
welche in ihm erwacht waren, wieder zur Ruhe zu bringen. Als er dann wieder
hereinkam, fragte er mich, indem er vor mir stehen blieb:
    »Hast du verstanden, wen und was ich mit diesen meinen Schatten meinte?«
    »Ja,« antwortete ich.
    »So wirst du durch mich vielleicht die deinen sehen lernen!«
    Ich sass ruhig da. Ich antwortete nicht. Aber ich lächelte ihn an.
    »Warum bleibst du still?« fragte er.
    »Sind Schatten es wert, dass man von ihnen spricht?« antwortete ich.
    Er sah mich erstaunt, ja fast betroffen an. Da fuhr ich fort:
    »Wenn sie Nichtse sind, wie du behauptest, warum so viele Worte über sie?
Für Nichtse gibt es eben nichts. Sie scheinen dir also doch mehr als nichts
gewesen zu sein!«
    »Das war in der Vergangenheit. Das ist vorüber!« behauptete er.
    »Vorüber? - Wirklich?«
    »Ja!«
    »Und doch erregt dich der Gedanke an sie noch heut in einer solchen Weise,
dass du soeben an der Luft gewesen bist, um dich zu beruhigen! Ustad, Ustad! Du
sagtest: Und ich ging, um das Licht ohne Schatten zu finden! Hast du es
gefunden?«
    Er trat einige Schritte zurück, schüttelte leise den Kopf, warf ihn dann
schnell zurück und fragte mich:
    »Etwa du, Effendi?«
    »Von mir ist jetzt nicht die Rede, sondern von dir!«
    »Es war von dir die Rede, von deinen Schatten! Du hast jedenfalls gar nicht
gewusst, dass du welche hattest!«
    
    Da stand nun auch ich auf.
    »Mein Freund,« sagte ich, »mein armer Freund! Mir scheint, du hast das Leben
ganz verkehrt genommen. Die Nichtse waren bestimmend für dich, nicht aber die
inhaltsvolle Wirklichkeit. Du wolltest diese Wirklichkeit beherrschen, wurdest
aber leider selbst nur von leeren Schatten regiert. Darum standest du machtlos
vor dem Leben, als es sein Turnier mit dir begann, und wurdest von ihm in den
Sand gestreckt! Du hattest es vielleicht wohl gar herausgefordert. Du dünktest
dich, ein starker Geist zu sein, und wolltest kämpfen gegen andre Geister. Weisst
du, was da das Leben tat, das riesenstarke, mitleidskluge Leben?«
    Er schaute mich fragend an, antwortete aber nicht.
    »Es kannte dich. Was wäre wohl geworden, wenn es deine Forderung für Ernst
genommen hätte! Es fiel ihm gar nicht ein, sich vor dir im Harnisch
aufzustellen. Es schob dir einen seiner Schatten hin, die du ja selbst jetzt nur
Phantome nennst. Was tatest du? Du warfst dein Leben, deinen Geist und deine
ganze Rüstung hin, ergriffst die Flucht und gingst in diese Berge, um dich hier
in der Gruft, in diesem Grabe deines Jugendmutes, und hinter einem fremden Namen
zu verstecken! Vor wem? Etwa vor dem Leben, welches dich gar nicht angegriffen
hat? Nein, sondern vor jenem Nichtse, das für dich bald ein Erdengott und bald
ein nichtiges Phantasma ist!«
    Ich hatte in wohl ernstem Tone gesprochen. Da griff er sich mit den Händen
nach dem Kopfe, schaute vor sich nieder, liess die Arme wieder sinken, holte
tief, tief Atem und sagte:
    »Effendi, du schonst mich wahrlich nicht! Ich sehe und ich höre, du bist
mein Freund, mein wirklicher! Solche Klarheit, wie du mir giebst, ist mir noch
nie geworden! Willst du mich vernichten, um mich als einen anderen wieder
aufzurichten? Wohlan, tue es! Doch erlaube mir, mich in deine Klarheit
hineinzufinden! Sie kommt zu plötzlich über mich! Ein Nichts und doch ein
Erdengott! Ja, ich habe Beides gesagt und mit Beidem dieselbe Person gemeint.
Konnte sie beides sein, beides?«
    »Ja; sie konnte es. Aber ich bitte dich: Denke nicht an konkrete Personen,
niemals, nie! Sondern abstrahiere! Der Bauer reisst die Giftpflanzen aus der Erde
und wirft sie auf den Dünger. Der Chemiker aber zieht auch aus ihnen wohltätige
Extrakte. Auch ich kenne sogenannte. Erdengötter. Ich meine da nicht etwa die
wirklich grossen Menschen, sondern eben die Götter der Denkfaulheit und
Urteilslosigkeit. Für mich aber sind sie nur wie jene Pflanzen: Ich koche ihre
Seelen für mich aus, damit die meinige an diesem Trank sich stärke. Andere
Gründe ihrer Existenz kenne ich nicht. Sie gedeihen nie im geistigen
Sonnenscheine, sondern immer nur da, wo das Reich der Schatten eine seiner
Provinzen errichtet hat. Dort sind sie Herr und Meister! Dort gibt es keine
Persönlichkeit, kein Wollen und kein Dürfen. Die kleinen Schattlein haben ja
alle in den grossen zu fallen, um zu huschen und zu schleichen, so, wie er
schleicht und huscht. Und wenn er einmal den Mund öffnet, weil dort im
Sonnenscheine eine wirkliche Existenz den Mund geöffnet hat, so schau nur hin,
was da erscheinen wird! Was dort der lebendige Odem des Geistes war, das ist
hier nur der Dunst des lichtlos dunklen Bodens, auf dem der Schatten liegt und
kriecht. - Ich spreche im allgemeinen, denn geistige Personen gibt es hier ja
nicht. Wie ich auf die Schatten anderer sehr ruhig meine Füsse setze, so mögen
die andern auch ganz getrost auf den meinigen treten. Sie verletzen damit keinen
wirklichen Menschen. Wer ihn aber mit Fusstritten strafen wollte, der wäre ein
Tor, weil bei diesen Schemen ja überhaupt kein Stapfen haftet! So lange die
Erde steht, haben diese Zerrgebilde sich unter den Füssen des menschlichen
Verstandes und der denkenden Vernunft herumgetrieben, aber ich habe noch nicht
gehört, dass ein Schatten durch diese Fusstritte nicht Schatten geblieben, sondern
Mensch geworden sei. Darum begreife ich, o Ustad, nicht, dass die deinen eine so
grosse Macht über dich besessen haben und heut noch zu besitzen scheinen!«
    »Effendi, es waren die mytologischen Schatten die Furien!« rief er aus.
    »Wenn zehnmal und wenn tausendmal! Wer sind die Furien? Giebt es welche,
oder leben sie nur in unserer Einbildung? Im letzteren Falle sind sie Geschöpfe
meiner Phantasie, und ich kann sie vernichten, wann, wo und wie es mir beliebt.
Im ersteren Falle aber frage ich: Wer steht höher, sie oder ich? Sie, die von
meinen Fehlern und Sünden leben, oder ich, der ich sie ihnen hinwerfe, um rein
und gut zu werden? Welche Furie darf sich an mich wagen eines Fehlers wegen, den
ich nicht mehr habe, weil nun sie ihn zwischen ihren Krallen hält, um sich an
ihm zu mästen? Sie lebt von dem, was mir widerlich geworden ist. Sie steht so
unendlich tief unter mir, dass ich es gar nicht hören oder sehen kann, wenn die
Knochen meiner Sünden unter ihrem Raubgebisse krachen!«
    »Aber andere hören es!« warf er ein.
    »Wer?« fragte ich schnell und kurz. »Doch nur solche, die ebenso tief da
unten wohnen. Die werden allerdings einen zähnefletschenden Jubel erheben,
darüber, dass ihresgleichen sich abermals am Sündenaase laben kann. Aber jeder
Brave, dem es bekannt würde, müsste es anerkennen, dass du nichts mehr von deinen
Fehlern wissen willst. Dies letztere müsstest du ihm aber dadurch beweisen, dass
du sie nicht etwa verteidigst, sondern sie den Furienkrallen schweigend
überlässest. Nun sag, wie hast du dich verhalten?!«
    Da setzte er sich hin, senkte den Kopf, legte die Hände zusammen und
antwortete:
    »Effendi, ich habe mich gewehrt, gegen diese Furien gewehrt, fast bis zum
letzten Reste meiner Kraft!«
    »So wundere dich nicht darüber, dass sie sogar noch heute Macht über dich
besitzen! Du hast ihnen nicht erlaubt, reine Arbeit zu machen. Ich sage dir:
Diese Eumeniden ruhen nicht. Sie werden nicht ohne Ursache mit kralligen
Fingern, gifttriefendem Munde und hervorgestreckter Zunge abgebildet. Ihr Gift
wird so lange triefen und ihre Zungen werden so lange heraushängen, bis dir der
letzte und auch der allerletzte Rest von dem, was nicht hineingehört, aus dem
Leibe und aus der Seele gerissen worden ist!«
    Da stand er rasch wieder auf, fasste mich am Arme und sagte:
    »Wie richtig, Effendi! Oh, du scheinst sie doch zu kennen! Weisst du, was so
eine Furie tat? Nein, du kannst es nicht wissen, nicht einmal ahnen! Du wirst
es für unmöglich halten, aber es ist die volle Wahrheit; du kannst es mir
glauben! Als diese Eumenide meine sogenannten öffentlichen Fehler öffentlich
verzehrt hatte, war sie noch nicht satt. Sie begann nun auch nach heimlichen
Sünden zu suchen. Sie war so unvorsichtig, Briefe zu schreiben, in denen sie
fragte, ob man vielleicht etwas gegen mich wisse. Man brachte mir solche Briefe.
Wenn ich sie nicht gesehen und gelesen hätte, so würde ich heut wahrscheinlich
glauben, dass es gar keine Furien gebe. Du siehst also, dass sie nicht bloss
mytologische Gestalten, sondern noch jetzt lebende Wesen sind! Schatten, die
unhörbar leise hinter meinem Rücken schleichen, um sogar die verborgensten
Bewegungen meines Lebens aufzufangen, damit man sie selbst trotz ihrer
Dunkelheit für reine, lichte Wesen halte! - Glaubst du, was ich dir da erzählte,
Effendi?«
    Er wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern fuhr fort:
    »Du hast gelächelt, und jetzt lachst du gar! Und zwar so eigentümlich!
Warum? Du machst mich aufmerksam! Solltest vielleicht auch du - - du - - - du -
- - -? Doch nein! In deinem frommen Christenlande kann es ja niemals solche
Furien geben! Denn, würde eine entdeckt, so müsste sich die ganze Christenheit,
die volle Priesterschaft an ihrer Spitze, erheben, um entrüstet nachzuweisen,
dass ihre Liebes-, Gnaden- und Verzeihungsreligion unmöglich Eumeniden dulden
kann! Verzeihe mir! Verzeihe mir im Namen deiner Christenheit, dass mir auch nur
der Gedanke hieran kommen konnte! Ich sehe zu meinem Erstaunen, dass ich noch
Schatten werfe, sogar auf dein geliebtes Abendland hinüber!«
    »Beruhige dich!« bat ich ihn. »Der König des Schattenlandes, von welchem
dein Märchen erzählte, hat Untertanen überall. Auch bei uns! Doch, will ein
solcher Schatten einmal zur Furie werden, so behandeln wir ihn anders, als du
deine Eumeniden behandelt hast. Wir lassen ihn sein trauriges Werk vollenden.
Wir stören ihn nicht. Es ist ja doch wohl mehr als Strafe genug für ihn, dass er
es tut! Wir sagen ihm sogar noch Dank dafür, jedoch nur öffentlich, selbst wenn
er heimlich wirkt. Du siehst, wir haben sogar für die Furien nur Liebe und
Verstand! Wir Christen wissen nur zu gut: Es kommt die Zeit, in der die Schatten
schwinden. Was dann aus ihnen wird, das wissen wir zwar nicht, doch sagt das
heilige Buch: Ihre Werke folgen ihnen nach! Und ich, ich möchte dereinst mit
solchen Werken nichts zu tun haben. Ich habe mit den Menschen, selbst mit
solchen Furien, nachsichtig zu sein, weil ich wünsche, dass Gott dann, wenn es
sich um meine Abrechnung handelt, auch gnädig mit mir sein möge!«
    Da sagte er in plötzlich ganz anderem Tone:
    »Du sprichst von einem Wir. Etwa mit Ueberzeugung, Effendi? Spielen wir
Komödie miteinander? Denken und handeln wirklich alle Christen so, wie du mit
diesem Wir mich glauben machen willst?«
    »Komödie?« fragte ich. »Wer hat damit begonnen, ich oder du?«
    »Wieso ich?«
    Jetzt war er es, welcher bei diesen zwei Worten lächelte. Dieses Lächeln
verriet mir, dass es ihm ganz lieb sei, von mir verstanden worden zu sein. Doch
drängte ich ihn noch weiter, indem ich sprach:
    »Wie war deine Bitte um Verzeihung gemeint, Ustad?«
    »Ganz so, wie du willst; ganz so, wie du sie betonst. Man kann mit genau
denselben Worten Glauben oder Zweifel, Vertrauen oder Misstrauen, Lob oder Tadel
aussprechen. Es kommt auf den Ton an und auf den Willen dessen, zu dem man
redet. Du bist kein Kind. Ich weiss, dass ich nicht nötig habe, gegen dich auch
noch in der Betonung deutlich zu sein, wenn ich es schon in den Worten, welche
ich wähle, bin. Ich könnte dir eine grosse Ueberraschung bereiten, wenn ich dir
sagte, wer und was meine Schatten, meine Furien waren. Denke jetzt einstweilen
nicht an ein bestimmtes Land! Tue das nun selbst, was du mir angeraten hast:
Abstrahiere einmal! Ich werde erst später hierüber sprechen. Nur eine
Mitteilung, eine einzige, will ich dir heut schon machen. Sie betrifft - - -
doch nein! Auch hierzu bist du noch nicht vorbereitet! Es muss ja alles kommen,
wie es kommen soll, aber scheinbar ganz von selbst. Jede Entwickelung, welche
Sprünge macht, ist eine falsche. - - Bitte, kehren wir lieber und endlich,
endlich wieder zu dem Briefe des Multasim zurück!«
    Er hatte ihn vorhin fortgelegt. Jetzt nahm er ihn wieder in die Hand, um nun
auch die Rückseite zu betrachten.
    »Kein besonderes Petschaft!« sagte er. »Man hat den Brief mit einem goldenen
Tuman12 versiegelt. Das kann ein jeder tun, der ein Goldstück besitzt, ist also
gleichgültig für uns.«
    »Nein,« sagte ich. »In solchen Dingen hat auch der geringste Nebenumstand
Wert. Ich pflege darum alles, auch das scheinbar Unbedeutende in Betracht zu
ziehen.«
    »Meinst du, dass dieser Tumanabdruck uns auf irgend einen Gedanken bringen
könne?«
    »Er kann es nicht nur, sondern er hat es bereits getan.«
    »Bei dir?«
    »Ja. Denke an die Ringe! Silberne und goldene. Das bessere Metall bedeutet
einen höhern Rang. Liegt da nicht die Vermutung nahe, dass es in Beziehung auf
den Siegelverschluss ebenso ist?«
    »Das ist allerdings nicht unmöglich. Hieran hätte ich nicht gedacht!«
    »Je höher der Rang des Schreibenden, ein desto wertvolleres Geldstück hat er
zu nehmen. Und weiter! Warum nimmt man keine Petschaft, sondern Münzen?«
    »Durch das Petschaft würde man sich unter Umständen verraten. Münzen aber
können keinen Anhalt geben.«
    »Sehr richtig! Hieraus aber ist darauf zu schliessen, dass der Inhalt dieser
Art von Briefen, falls sie in falsche Hände kommen, für den Schreiber selbst
gefährlich ist. Der Tuman ist die höchste Münze. Der Verfasser dieses Schreibens
steht also hoch im Range. Sie ist ferner eine persische Münze. Der Brief aber
wurde unten im Irak Arabi aufgegeben, wo türkisches Geld kursiert. Was ist
hieraus zu folgern?«
    »Dass der Schreiber ein Perser ist, und dass er dieses Goldstück als Petschaft
bei sich trägt. Oder nicht?«
    »Ja. Schau, wie nun auch dir Gedanken kommen! Der Tuman wollte dir erst als
gleichgültig erscheinen, und jetzt hat er dir schon so viel gesagt!«
    »Aber doch ohne Erfolg! Tuman ist Tuman. Es kann nicht ein jeder, der so ein
Goldstück besitzt, der Schreiber dieses Briefes sein!«
    »Allerdings. Aber bei wem man dieses findet, grad dieses, den darf man doch
wohl mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit für den hohen Sill halten, der ihn
abgeschickt hat?«
    »Gewiss! Aber von wem könnte man erfahren, dass es grad dieser Tuman, also
derselbe und kein anderer sei?«
    »Von dem Tuman selbst.«
    »Wieso?«
    »Betrachte die Siegel genau, so wirst du es wohl finden!«
    Er tat es, doch, wie es schien, vergeblich.
    »Ich sehe nicht Besonderes an diesem Abdrucke,« sagte er dann.
    »Gehe über den Rand des Goldstückes hinaus,« unterwies ich ihn. »Was siehst
du da?«
    »Der Lack ist dick, der Abdruck also tief. An den Rändern gibt es auch
Eindrücke, kleine, die wohl zufällige sind.«
    »Nein, nicht zufällig. Schau sie genau an, und zwar nicht einzeln, sondern
denke sie dir zusammen! Der Tuman hängt an einem dünnen Kettchen, dessen Glieder
aus den Buchstaben Sa und Lam zusammengesetzt sind. Weil bei dem Siegeln zu viel
Lack genommen worden ist, haben sich einige dieser Glieder mit abgedrückt. Nun
ich dir dies gesagt habe, wirst du sie wohl deutlich als die genannten
Buchstaben erkennen.«
    »Allerdings, allerdings,« bestätigte er. »Nun ich es weiss, sehe ich es auch.
Der Tuman hängt an einem Kettchen. Er wird also getragen, um immer bei der Hand
zu sein. Aber wo?«
    »Suche es! Die Antwort liegt schon bereit.«
    »An welchem Orte?«
    »Dort auf dem Briefe.«
    »Ich sehe nichts!«
    »So will ich es dir sagen, damit du auch das dann siehst. Der Tuman hängt am
Ringe einer Geldbörse. Das andere Ende des Kettchens ist an diesen Ring
befestigt. Das Goldstück steckt stets in der Börse. Wenn er sie durch das
Aufschieben des Ringes öffnet, zieht er dadurch zu gleicher Zeit den Tuman
hervor. Er braucht ihn auf diese Weise nicht erst unter den andern Geldstücken
hervorzusuchen und kann ihn auch nicht irrtümlicherweise ausgeben oder gar
verlieren, falls er nicht etwa die Börse selbst verliert.«
    »Bist du allwissend, Effendi? Ich sehe nichts von allem, was du sagst!«
    »Man sieht es aber doch sofort! Wie viel Siegel hat der Brief?«
    »Fünf.«
    »Er wurde von rechts unten nach links oben gesiegelt. Der Lack ist ein sehr
guter, weicher. Er wird nicht sofort hart. Das Kettchen ist nicht so lang, wie
der Brief breit ist. Als der Absender links oben das letzte Siegel machte, kam
infolgedessen die Börse quer auf die drei ersten Siegel zu liegen. Indem er mit
den Fingern den Tuman da oben in den Lack drückte, drückte er zu gleicher Zeit,
natürlich aber ohne es zu wollen, mit dem Handballen auf die Börse. Die drei
Siegel waren noch nicht ganz kalt und hart geworden, und so kam es, dass von den
Maschen des Geldbeutels und von dem untern Teile des Ringes Spuren entstanden,
die gar nicht schwer zu bemerken sind. Du darfst nur nicht bloss nach den
Abdrücken des Tuman sehen, welche tief liegen, sondern auch die hohen, breiten
Ränder des Lackes betrachten; dann wirst du ganz dasselbe bemerken wie ich.«
    Er sah genauer nach, gab dann den Brief dem Pedehr und sagte:
    »Schau auch du ihn an! Würdest du etwas finden, wenn du nicht gehört
hättest, was der Effendi sagte? Und nun sieht man die Maschen ganz deutlich und
auch die Stelle, wo der Ring gelegen hat. Und da habe ich geglaubt, sehen zu
können!«
    »Du konntest auch sehen, aber du dachtest und kombiniertest nicht dabei,«
erklärte ich. »Es ist gar nicht so leicht, wie ihr nun vielleicht denken werdet,
mit dem körperlichen Auge diese Eindrücke, mit dem geistigen dann aber auch
sofort das Kettchen, die Börse und den Ring zu sehen. Nachdem ich vorwärts
geschlossen und die Sache gefunden habe, ist es nun für euch nicht schwer, auf
diesem meinem Wege rückwärts zu gehen und mir zu bestätigen, dass ich mich nicht
geirrt habe. Dein Wunsch, Ustad, ist also erfüllt: Du weisst, wo der Tuman
getragen wird.«
    »Ja,« lächelte er. »Wenn ich einen Menschen sehe, an dessen Geldbeutelringe,
wenn er ihn aus der Tasche zieht und öffnet, an einem Sa- und Lam-Kettchen ein
persischer Goldtuman hängt, so habe ich den Verfasser dieses Briefes entdeckt!
Mein lieber Effendi, habe doch die Güte, ihn mir so schnell und so sicher zu
bringen, wie du uns gelehrt hast, diese Siegel zu verstehen! Kannst du zaubern?«
    »Nein. Es gibt überhaupt keine Zauberei. Aber wer zur rechten Zeit und an
der rechten Stelle zuzugreifen versteht, dem wird vieles gelingen, worüber
andere sich dann laut verwundern. Der Schreiber dieses Briefes ist ein Perser.
Wir sind in Persien. Ist es eine Unmöglichkeit, dass er uns irgendwo und
irgendwann begegne? Aber ihn dann auch wirklich sehen, ihn erkennen und - - dann
rasch zugreifen! Das ist es, was wir dann zu tun hätten! Würden wir das?«
    »Ich hoffe es!« antwortete der Ustad, indem er den Brief von dem Pedehr
zurücknahm. »Aber das Schreiben ist ja noch gar nicht geöffnet!«
    »Warum nicht?«
    »Weil ich nicht der Adressat bin. Verschlossene Briefe sind mir heilig.«
    »Was bist du für ein Mann! War den Schatten vielleicht an dir etwas heilig?
Sogar ermordet solltet ihr von ihnen werden! Und nun wagst du dich nicht an
dieses armselige Papier, obwohl du weisst, dass ein Schatten es beschrieben hat
und dass es höchst wahrscheinlich Dinge entält, welche guten, ehrlichen Menschen
Schaden bringen müssen! Ich werde ihn sofort öffnen!«
    Er nahm ihn derart in seine beiden Hände, dass ich sah, er wolle die Siegel
erbrechen.
    »Halt!« rief ich ihm zu. »Nicht so!«
    »Wie denn?«
    »Verletze die Siegel nicht!«
    »Du meinst, ich solle ihn aufschneiden?«
    »Auch nicht!«
    »Aber was sonst? Warum diese Einwände?«
    »Weil wir Grund haben, bedachtsam zu sein! Es ist möglich, dass wir diesen
Brief zu unserem Vorteile brauchen können, entweder gegen den Verfasser selbst
oder gegen Ghulam, an den er gerichtet ist, vielleicht auch gegen beide.«
    »Um dies zu wissen, müssen wir ihn eben öffnen und lesen!«
    »Aber mit Vorsicht! Wie nun, wenn wir nach dem Oeffnen guten Grund fänden,
die Schatten glauben zu machen, dass er noch unverletzt sei?«
    »Maschallah! Hältst du das für möglich?«
    »Gewiss! Wir haben ihn so zu öffnen, dass wir ihn genau wieder so verschliessen
können, wie er jetzt verschlossen ist.«
    »Wer kann das tun! Ich habe kein Geschick zu solchen Dingen!«
    Bei diesen Worten reichte er das Schreiben mir. Nun untersuchte ich es
sorgfältiger, als ich es früher getan hatte. Ich war der Meinung gewesen, dass
es ein zusammengefaltetes Blatt sei, aus nur einem Stücke bestehend. Als ich den
Brief nun gegen das Licht hielt, bemerkte ich, dass er aus zwei Teilen bestand,
dem Umschlage und dem eigentlichen Schreiben, welches innen lag. Der Umschlag
war kein Couvert in unserm Sinne, mit vier auf die Rückseite geschlagenen und
dort zusammengeleimten Ecken, sondern einfach ein zusammengelegtes und mit den
Enden ineinander gestecktes Papier, ungefähr so, wie unsere Apoteker die
Papierumschläge fertigen, in denen sie ihre Pulver verkaufen. Es gab also auf
der Rückseite nicht vier zusammenstossende Ränder, sondern nur einen, der quer
über die Mitte ging. Er war durch das mittelste Siegel verschlossen worden. Die
andern vier Siegel erschienen also als vollständig überflüssig, obgleich
anzunehmen war, dass man auch sie nicht ohne Grund angebracht hatte.
    Es handelte sich also nur darum, den Mittelverschluss zu öffnen, ohne dass
dies später zu entdecken war. Als ich das den beiden Andern mitteilte, bat der
Pedehr mich um den Brief. Er bekam ihn, hielt ihn auch gegen das Licht, griff
mit dem Zeigefinger erst rechts, dann links in den Umschlag und sagte lachend:
    »Wo sich Gelehrte vergeblich die Köpfe zerbrechen, da findet der ungelehrte
Mutterwitz sofort das Richtige. Ich mache auf, ohne ein Siegel anzurühren!«
    Er zog auf der einen Seite den nach innen geschlagenen Teil des Umschlages
heraus, schob hierauf zwei Finger hinein und brachte das Schreiben hervor. Der
Ustad lachte, und ich stimmte ein. Der Pedehr aber sagte ernst:
    »Hier zeigt sich wieder einmal, wie wenig sich der Böse auf den Bösen
verlassen kann. Und wenn der Ungerechte seine Absichten sogar fünfmal
versiegelt, sie kommen trotzdem an den Tag, und zwar infolge seines eigenen
Leichtsinnes und seiner Unvorsichtigkeit!«
    Wir schlugen das Schreiben auf. Wir waren fast begierig, es zu lesen. Wir
taten das zu gleicher Zeit, ich mit meinem Kopfe ganz neben dem des Ustad. Aber
schon nach kurzer Zeit erhob er den seinen, ich den meinen. Wir sahen einander
verwundert an.
    »Kannst du es lesen?« fragte er mich.
    »Nein,« antwortete ich.
    »Ich auch nicht! Ist dir diese Sprache bekannt?«
    »Nein.«
    »Auch mir nicht! So können nur ganz wilde Geschöpfe sprechen. Aber die
schreiben doch nicht!«
    »Es ist Täliq-Schrift!«
    »Ganz wohl! Dieselbe Schrift, von welcher wir vorhin - - -«
    Er hielt mitten in der Rede inne, sprang auf, machte eine Gebärde der
Ueberraschung und fuhr dann fort:
    »Effendi, welch ein Gedanke! Wenn er richtig wäre!«
    »So sprich ihn aus!«
    »Diesen Brief hat ein Sill geschrieben. Du behauptest, der Multasim sei auch
ein Sill und hältst ihn für den Adressaten. Wir haben vorhin bei ihm ein
Täliq-Alphabet gefunden. Sollte dieses Alphabet sich etwa auf diesen
Briefwechsel beziehen?«
    Dieser Gedanke war zwar frappierend, aber ganz natürlich. Wir nahmen das
kleine Heftchen vor, schlugen es auf und begannen, zu vergleichen. Wie freuten
wir uns, schon gleich bei den ersten Buchstaben zu sehen, dass der Ustad mit
seiner Vermutung das Richtige getroffen hatte! Es stand in dem Heftchen ganz
deutlich, wie das Schreiben, welches wir geöffnet hatten, zu lesen war. Wir
hatten sehr einfach die Buchstaben so zu verwechseln, wie es dort angegeben
wurde. Indem ich auf meine Umschreibung in das deutsche Alphabet auf Seite 62
dieses Buches zurückgreife, ist dies so zu verdeutlichen, dass t statt a, u statt
b, v statt c, w statt d u.s.w. zu lesen war.
    Der Ustad holte zwei Papierblätter, für sich eine und für mich das andere.
Dann setzten wir uns hin, um die vorgeschobenen Buchstaben in die richtigen zu
verwandeln. Als wir damit fertig waren, stellte es sich heraus, dass zwischen den
beiden Schreiben nicht der geringste Unterschied bestand.
    Nun hatten wir mit dem Sinne der Worte zugleich den Inhalt des Briefes
kennen gelernt. Für den Uneingeweihten wäre er selbst jetzt nach der
Entzifferung ein Rätsel geblieben. Aber so wenig wir über die Silben wussten, so
war es doch genug für uns, diesen Inhalt zu verstehen. Der Brief lautete
folgendermassen:
                »An Ghulam el Multasim, meinen Henker!
    Es ist die Zeit gekommen, dass die Gul-î-Schîraz auf der Brust von Rafadsch
        Azrim zu erblühen hat. Das soll am fünften Tage des Monates Schaban
        geschehen, zur Zeit des Abendgebetes, keine Stunde früher, keine später.
        Du brauchst ihn nicht zu suchen. Er wird dir zugeführt, wo es auch immer
        sei. Du weisst, dass ich zwar unsichtbar, doch auch allmächtig und
        allgegenwärtig bin! Blüht sie nicht ihm, so blüht sie sicher dir!
                                                            Der Aemir-i-Sillan.«
    »Welch eine wichtige Entdeckung wir da machen!« rief der Ustad aus, als
diese Zeilen laut vorgelesen worden waren. »Wenn man doch wüsste, wer dieser
Aemir-i-Sillan ist!«
    »Greif nicht sofort zu hoch!« forderte ich ihn auf.
    »Wie meinst du das?« fragte er.
    »Lass uns, ehe wir Fragen aufwerfen, den Brief erst geistig anschauen! Der
Inhalt ist uns verständlich; aber das, worauf er sich bezieht, kennen wir noch
nicht. Wir haben es uns zu suchen, auf dem Wege des Nachdenkens. Auf den
Obersten der Schatten können wir nur am Ende dieses Weges stossen. Du aber
willst, um ihn sofort zu finden, den ganzen Weg überspringen und machst also
einen Salto mortale in das Ungewisse hinein. Jugendlicher Stürmer!«
    Da lachte er vergnügt, was ihn bei seinem hohen Alter unendlich rührend
machte, und sprach die heitere Bitte aus:
    »So führe mich auf diesem Wege an deiner Hand so Schritt für Schritt
spazieren, wie es für schwache Greise, wie wir sind, sich geziemt!«
    »Ja, komm, und hänge bei mir ein! Wir wollen nach dem Gewaltigen suchen
gehen, dem Mord und Rosenduft gleichbedeutend sind, weil sich in ihm, dem schon
von weitem nur nach intellektuellem Dünger Riechenden, die Empörung gegen die
geheiligte Lebensordnung verkörpert.«
    »Ob wir ihn aber auch finden werden?«
    »Wenn nicht heut, so doch wahrscheinlich morgen. Wir brauchen uns keine Zeit
zu nehmen, denn wir haben ja Zeit; es drängt uns nichts! Beginnen wir also von
vorn, ganz vorn bei dem Anfang unserer Kenntnis von den Schatten!«
    »Das wäre also in jener Tigrisbucht, in welcher die ersten Sillan zu euch
kamen?«
    »Ja. Welcher Nationalität waren sie?«
    »Perser.«
    »Gut! Merke dir das! Welchen Titel hatte ihr Anführer?«
    »Pädär-i-Baharat, Vater der Gewürze. Er klagte aber darüber, dass er jetzt
nur als Sill-i-Safaran, als Schatten des Safrans zu betrachten sei. Auch das war
also ein Titel.«
    »Bitte, merke dir auch dieses, bis ich darauf zurückkomme! Was hatte er für
einen Ring?«
    »Einen goldenen. Er bekleidete also eine hohe Charge.«
    »Welcher Sill war dann der nächste, den wir trafen?«
    »Der Bettler, welcher mit seinem Weibe zu euch auf das Floss kam.«
    »Ein Perser?«
    »Nein. Er hatte einen silbernen Ring, war also ein ganz gewöhnlicher Sill.«
    »Weiter! Dann?«
    »Der Säfir. Er war Perser und hatte einen goldenen Ring.«
    »Bitte, fahre fort!«
    »Ghulam el Multasim mit dem goldenen Ringe und Ahriman Mirza mit seiner noch
höheren Auszeichnung, beide aber Perser.«
    »Du hast die Pascher vergessen, welche wir am Birs Nimrud gefangen nahmen.
Hältst du sie für Perser?«
    
    »Nein. Denn sie wurden begnadigt, türkische Zollbeamte zu werden, was wohl
nicht hätte geschehen können, wenn sie persische Untertanen gewesen wären.
Warum fragst du bei diesen allen nach der Nationalität?«
    »Weil dies der Weg ist, auf dem wir jetzt mit einander spazieren gehen. Die
höheren Sillan waren Perser, die niedrigen aber nicht. Du suchst aber nach dem
Aemir-i-Sillan. Wenn alle höheren aus Persien kamen, wo ist da wohl mit fast
untrüglicher Sicherheit der allerhöchste erst recht zu finden?«
    »Natürlich auch in Persien! Das würde für mich sogar eine ganz unumstössliche
Gewissheit sein, wenn es nicht einen Umstand gäbe, der gegen diese Annahme
spricht.«
    »Ich errate, was du meinst.«
    »Nun, was?«
    »Dass der Brief unten in Korna aufgegeben worden ist, so weit von hier, auf
türkischem Gebiete.«
    »Ja, das ist es, Effendi. Es folgt daraus, dass der Schreiber desselben
entweder da unten im osmanischen Irak Arabi wohnt, oder sich zur Zeit, als der
Brief geschrieben wurde, dort aufgehalten hat. Du siehst, dass auch ich mit
meinen Gedanken spazieren zu gehen verstehe!«
    »Allerdings! Aber man tut das doch nicht mit zugemachten Augen!«
    »Höre, ich glaube, sie ganz gewiss offen zu haben! Oder nicht?«
    »Nein. Wenn du sie offen hättest, müsstest du doch wohl den Säfir sehen!«
    »Den Säfir? Den sehe ich ja, sogar sehr deutlich. Er befindet sich in den
Ruinen von Babylon und hat mit Esara el Awar in Korna, dem das Schreiben
übergeben wurde, nichts zu tun.«
    »Um so wichtiger aber ist er für die Frage, welche wir beantworten wollen.
Sage mir, Ustad, was man unter einem Säfir versteht!«
    »Einen Gesandten. Einen Vertrauensmann, welchen man schickt, damit er eine
wichtige Angelegenheit erledige.«
    »Vollständig richtig! Wer hat diesen Säfir abgeschickt?«
    »Natürlich der Aemir-i-Sillan.«
    »Wohin?«
    »Hinab nach Babylon.«
    »Also nach dem Irak, wo auch Korna liegt und wo der Brief aufgegeben worden
ist. Ich habe den letzteren in Basra bekommen. Dort aber hat er wer weiss wie
lange bei dem Kaffeewirte gelegen, und von Korna ist er wohl auch nicht sofort
abgegangen. Nun bitte ich dich, nachzurechnen! Du kennst unsere Erlebnisse.
Frage dich: Wann erschien der Säfir in Babylon? Vergleiche hiermit die Zeit, in
welcher der Brief in Korna abgegeben worden sein muss. Was findest du dann?«
    »Dass diese Zeiten stimmen, dass sie dieselben sind! Effendi, es scheint, du
hast die Augen offener als ich!«
    »Warte nur; ich bin noch gar nicht fertig. Ich sehe noch mehr! Wann wurde
der Säfir zum erstenmal erwähnt?«
    »Bei der Gefangennahme des alten polnischen Bimbaschi in den Ruinen. Da war
er auch schon da.«
    »Sehr richtig! Er ist also schon vor Jahren und wiederholt im Irak gewesen.
Er kennt die dortigen Sillan. Er musste also auch Esara el Awar kennen, an den
der Brief abgegeben wurde. Und nun kommt der Hauptpunkt: Schickt man ein
Gesandten dahin, wo man sich selbst befindet?«
    »Nein; gewiss nicht!«
    »Ist also anzunehmen, dass der Aemir-i-Sillan zu derselben Zeit im Irak war,
als sein Stellvertreter sich dort befand?«
    »Schwerlich!«
    »Hierzu kommt, dass es sich um höchst wichtige Dinge handelte. Die
Vernichtung der Karawane des Kammerherrn, die Bestechung des Sandschaki von
Hilleh und noch so manches andere erscheint mir jetzt in einem ganz andern
Lichte als damals. Ich werde später hierauf kommen. Aber das alles war so
wichtig, dass der Aemir-i-Sillan ganz gewiss persönlich gekommen wäre, wenn er
sich zu derselben Zeit in dieser Gegend befunden hätte. Ich bin also aus diesen
und noch andern Gründen vollständig überzeugt, dass er es nicht selbst war, der
diesen Brief in Korna abgegeben hat. Ich nehme vielmehr an, dass dies von dem
Säfir besorgt worden ist.«
    »Wenn du das in dieser Weise darlegst, muss ich dir recht geben. Aber Ghulam,
der Henker, welcher das Schreiben erhalten sollte, war doch in Persien. Warum
wurde es ihm nicht direkt geschickt? Warum musste es einen so weiten Weg über das
Ausland machen? Ich begreife das nicht. Etwa du?«
    »Ja. Ich glaube, den Grund zu kennen.«
    »So bin ich wohl begierig, ihn zu erfahren.«
    »Er heisst: Vorsicht! Der Aemir-i-Sillan hat sich zu verstecken. Er hüllt
sich in das tiefste Geheimnis ein. Seine persönliche Sicherheit erfordert das.
Du hast doch gehört, dass der Pädär-i-Baharat Empörungsgedanken gegen ihn hatte;
er sprach von noch anderen, welche ganz derselben Gesinnung seien. Der Oberste
der Schatten hat sich also nicht nur vor dem öffentlichen Gesetze, sondern sogar
vor seinen eigenen Leuten sehr in acht zu nehmen. Niemand darf erraten, wer er
eigentlich ist. Wir wissen ja, dass er stets einen Kettenpanzer trägt, wenn er am
Montag des Soldes in die Versammlung seiner sogenannten Pädärahn tritt. Je
grössere Macht er einem seiner Untergebenen anvertraut, desto mehr hat er selbst
ihn dann zu fürchten. Vor wem hat er sich wohl am meisten in acht zu nehmen?«
    »Das weiss ich nicht!«
    »Nicht? Es ist aber doch so leicht, es sich zu denken! Die Macht liegt nicht
im Besitze, sondern in der Ausführung der Gewalt. Die Gewalt über Leben und Tod
aber ist die höchste. Kennst du den nicht, der die hierauf bezüglichen Befehle
auszuführen hat?«
    »Maschallah! Jetzt weiss ich es! Ghulam el Multasim. Er ist ja der Henker! Du
dachtest doch an ihn, Effendi?«
    »Gewiss! Der Aemir-i-Sillan hat sich vor niemand so zu hüten wie vor seinem
Henker, weil dieser der blutige Schatten seiner eigenen Verbrechen ist. Er hat
sich unausgesetzt und so sorgfältig vor ihm zu verstecken, dass nicht die
geringste Ahnung aufkommen kann, wer der Fürst ist und wo er sich befindet. Und
doch hat er ihn ebenso unausgesetzt und sorgfältig im Auge zu behalten, um stets
über die Gesinnungen des Henkers genau unterrichtet zu sein. Darum schreibt er
ihm hier in dem Briefe: Du weisst, dass ich zwar unsichtbar, doch auch allmächtig
und allgegenwärtig bin! Er wird sich also fast immer in der Nähe des Henkers
befinden, teils aus Vorsicht und teils, um ihn stets zur Ausführung seiner
Befehle an der Hand zu haben und dabei beaufsichtigen zu können. Wer den Fürsten
der Schatten finden will, muss zu Ghulam el Multasim suchen gehen!«
    Da klatschte der Pedehr seine Hände laut zusammen und rief aus:
    »Effendi, ich war zwar still bisher, aber ich bin auch mit spazieren
gegangen. Es ist ja ganz erstaunlich, was du alles siehst und zusammenholst,
wenn man so mit dir geht! Doch sobald man es dann in die Hände nimmt und ganz
genau betrachtet, möchte man sich fast vorwerfen, blind gewesen zu sein. Jetzt
aber sind auch mir einige Gedanken gekommen, welche ich dir mitteilen möchte.
Erlaubst du es?«
    »Von Erlaubnis kann keine Rede sein. Ich bitte dich darum,« antwortete ich.
    »Ihr habt vorhin noch einige Sillan vergessen. Nämlich die zwei Männer im
Khan Iskenderijeh, wo ihr eure Pferde tränktet und von den beiden hörtet, dass
die Karawane des Kammerherrn kommen werde. Sie waren keine Perser und hatten nur
silberne Ringe. Auch das deutet darauf hin, dass die hohen Sillan sich nur hier
in Persien befinden. Ich habe aber einen noch viel besseren Beweis hierfür.
Nämlich der Pädär-i-Baharat erwähnte eine Synagoge, in welcher diese Hohen am
Montage des Soldes zusammenkommen. Läge diese Synagoge da, wo man arabisch oder
türkisch spricht, so hätte er sie ganz gewiss Sinawon, Chawra oder Jähudi
Chawrasy genannt. Da er sie aber als Mäjmä-i-Yähud bezeichnete, so ist
anzunehmen, dass sie hier in Persien liegt. Ebenso vermute ich, dass die Pädärahn
ihren Wohnsitz nicht in grosser Ferne von ihr haben können, weil es ihnen sonst
nicht möglich sein würde, sich an dem Versammlungstage regelmässig einzufinden.
Giebst du mir da recht?«
    »Ja. Grad hierauf wollte ich euch später aus ganz besondern Gründen
aufmerksam machen.«
    »Und nun die Gewürze,« fuhr der Pedehr fort. »Die sind mir aufgefallen. Es
wurde von einem Vater der Gewürze gesprochen, von einem Schatten des Safrans.
Auch der Saflor wurde genannt. Der Pädär-i-Baharat sagte: Warum bin ich für alle
Gewürze bestimmt und habe doch nur den Safran bekommen? Muss ich das alles
dulden? Es scheint, dass die Pflichten und Obliegenheiten eines jeden Pädär mit
dem Geruche eines bestimmten Gewürzes bezeichnet werden, und dass der
Pädär-i-Baharat die Erfüllung dieser Pflichten zu überwachen habe und dafür
besser bezahlt werde als die anderen. Wenn du mir doch erlaubtest, auf diesen
Wohlgerüchen bis zum Rosenduft emporzusteigen, Effendi!«
    »Tue es!« antwortete ich rasch. »Ich höre, dass du auf dem richtigen Wege
bist.«
    Er fuhr fort:
    »Was die Sillan tun, ist Sünde, ist Verbrechen. Sie beginnen mit dem
Schmuggel, den man kaum für ein Vergehen hält, und steigen bis zum Mord hinauf,
der schwersten aller strafbaren Taten. Zwischen diesen beiden liegt gewiss die
ganze Reihe der Verbrechen, deren jedes mit einem besondern Geruche bezeichnet
wird. Nicht?«
    »Jawohl,« nickte ich. »Es gibt wohl keinen Sill, von dem man sagen könnte,
dass er in einem guten Geruche stehe! Sprich weiter!«
    »Der Duft der Rose bedeutet den Mord. Das wissen wir, seit heut die deine
aufgebrochen werden sollte. Der des Safran scheint die Schmuggelei zu sein. Habe
ich recht, wenn ich annehme, dass der Brief an den Multasim den Befehl zur
Ermordung eines Menschen entält?«
    »Ja.«
    »So ist es doch auffällig, dass nicht von der Rose im allgemeinen, sondern
von der köstlichen Gul-i-Schiraz die Rede ist!«
    »Mir fällt das gar nicht auf. Es ist das einfach eine Steigerung.«
    »Eine Steigerung des Mordes? Kann ich, wenn ich jemand totschlage, dies noch
steigern?«
    »Ich meinte es anders. Der Duft der gewöhnlichen Rose bedeutet die Ermordung
einer gewöhnlichem Person. Was für eine Person wird da wohl gemeint sein, wenn
man nach der herrlichsten aller Rosen greift?«
    »Ah, das ist die Lösung? Es handelt sich nicht um einen gewöhnlichen,
sondern um einen wahrscheinlich sehr hochstehenden Menschen!«
    »So ist es; ich wenigstens denke es mir so. Du hast unsern Gedankengang mit
deiner Erwähnung der Gewürze unterbrochen. Wir waren bei der Ueberzeugung
angekommen, dass der Aemir-i-Sillan in der Nähe des Multasim zu suchen sei. Er
traut ihm nicht. Er will ihm nicht wissen lassen, dass er nur seine Hand
auszustrecken brauche, um ihn zu vernichten. Er will ganz im Gegenteile die
Meinung in ihm erwecken, dass er sich persönlich sehr weit von ihm befinde,
womöglich gar jenseits der persischen Grenze. Darum hat er diesen Brief durch
den Säfir hinunter nach dem Irak Arabi bringen lassen, von wo er dann zurück
nach Persien und zu dem Multasim zu kommen hatte.«
    Da fiel der Ustad ein:
    »Das klingt zwar sehr richtig, doch stösst mir dabei ein Bedenken auf!«
    »Welches?« fragte ich.
    »Errätst du es nicht?«
    »Doch! Wenn meine Ansicht die richtige ist, so muss der Multasim jedenfalls
zu erfahren haben, von welchem Orte der Brief kommt?«
    »Ja! so dachte ich. Es steht aber nichts davon im Briefe!«
    »Sehen wir genau nach. Vielleicht finden wir etwas. Und wenn es auch weiter
nichts als nur irgend ein Zeichen wäre. Ein Personenname wird freilich nicht
angegeben sein, weil dies zum Verrate führen könnte.«
    Wir untersuchten hierauf beide Seiten des Briefes, konnten aber nichts
entdecken, selbst gegen das Licht gehalten nicht. Darum nahmen wir hierauf den
Umschlag her. Wir hatten bisher nur seiner äussern Seite Beachtung geschenkt. Als
wir nun auch die innere betrachteten, da sahen wir allerdings, mit einer feinen
Feder ganz an den äussersten Rand geschrieben, in kleinsten Buchstaben einige
Worte gekritzelt, die jedem andern als dem Eingeweihten unbedingt entgehen
mussten. Sie lauteten: »Durch den Dartschin in Korna von dem Aemir.« Dartschin
ist das persische Wort für Zimmet.
    »Nun?« fragte ich, über diese Entdeckung erfreut.
    »Ja; es scheint sich alles, was du schliesst, bestätigen zu sollen,«
antwortete der Ustad. »Ich habe nicht geahnt, dass man bei einem Spaziergange auf
solchem Wege, an welchem fast nichts zu stehen scheint, so schöne und so
wichtige Blumen sammeln könne. Es gibt jedenfalls bei den Sillan eine
Vorschrift darüber, wo und wie solche Auskünfte beizufügen sind. Aber nun kommt
die Hauptsache: Wer ist der, welcher ermordet werden soll?«
    »Ich hoffe, dass wir auch das finden werden.«
    »Mir scheint es unmöglich!«
    »Mir nicht. Es handelt sich jedenfalls um einen hochstehenden Herrn. Du bist
am Hofe bekannt. Du wirst die Namen aller hervorragenden Männer Persiens
wissen.«
    »Die weiss ich allerdings. Aber einen Rafadsch Azrim kenne ich nicht. Dieser
Name klingt so arabisch und so persisch, aber einen mir bekannten Mann, der ihn
trägt, gibt es nicht.«
    »Vielleicht heisst er gar nicht so, sondern anders,« fiel da der Pedehr ein.
»Auf dem Umschlage wurde doch auch Dartschin anstatt Esara el Awar gesagt!«
    »Aber Rafadsch Azrim ist kein Gewürz!« erwiderte der Ustad.
    »Sollte da das Alphabet nicht helfen können?«
    Wir versuchten es; aber auch das war vergeblich. Da aber schien den Ustad
ein plötzlicher Gedanke zu überkommen. Er nahm den Brief in beide Hände, las und
rief dann aus:
    »Ich habe es! Wie leicht, und wie aber auch so grässlich!«
    »Nun, wer ist's?« fragte ich gespannt.
    »Lies selbst! Lies den Namen rückwärts! So leicht! Wie konnten wir nicht
hierauf kommen!«
    Er wollte mir das Schreiben geben; ich nahm es aber gar nicht, denn man
brauchte die geschriebenen Worte nicht zu sehen, um zu wissen, dass der Name
Rafadsch Azrim, wenn man ihn rückwärts liest, Dschafar Mirza lautet.
    Da sahen wir uns alle drei nicht nur erstaunt, sondern höchst betroffen an.
    »Das ist doch nicht etwa Mirza Dschafar, mein Bekannter?« fragte ich.
    »Doch!« versicherte der Ustad.
    »Aber dieser war ja nicht Prinz!«
    »Er war es. Aber er setzte während seiner grossen, mehrjährigen Studienreise
den Mirza nicht hinter, sondern vor seinen Namen. Er glaubte, Grund zu haben,
jedes Aufsehen zu vermeiden. Er reiste im Namen des Schah-in-Schah, und das
sollte niemand wissen.«
    »Was ist er jetzt?«
    »Er hat kein besonderes Amt. Er verzichtet auf alle Ehren und Würden. Er
will sich nicht unter Die reihen lassen, welche angeben, die Diener des
Beherrschers zu sein, und in Wirklichkeit nur seine Gegner sind. Aber er hat ihm
sein ganzes Leben und seine ganze Kraft geweiht, und wo es gilt, das Volk von
der Güte und von der Gerechtigkeit seines Herrn zu überzeugen, da ist er stets
vorhanden.«
    »So muss ihn Ahriman Mirza hassen, wenn er ihn kennt!«
    »Ob er ihn kennt! Sie stehen einander gegenüber wie Feuer und Eis, wie Licht
und Finsternis, wie Liebe und Hass, wie Tugend und Verbrechen.«
    »Wo ist Dschafar Mirza jetzt?«
    »Ich weiss es nicht. Kürzlich war er in Teheran beim Schah, der sich jetzt in
Isphahan befindet. Vielleicht ist er auch dort. Ich will dir nur sagen: Er ist
mein Freund! Das ist genug! Ich muss ihn warnen! Sofort warnen!«
    Da legte ich ihm die Hand auf den Arm und sagte:
    »Nein! Du wirst ihn nicht warnen!«
    »Höre ich recht? Verlange von mir alles, nur das nicht!«
    »Ich verlange es!«
    Da trat er von mir zurück, sah mir mit ungewissen, fast zornigen Augen in
das Gesicht und fragte:
    »Soll ich irr werden an dir, Effendi?«
    »Werde irr! Doch sei nicht unbedachtsam!«
    »Unbedachtsam? Es gibt hier nur eine einzige Bedachtsamkeit, einen einzigen
Gedanken, einen einzigen Entschluss und eine einzige Pflicht für mich: meinen
Freund zu retten!«
    »Das sollst du auch!«
    »Ohne ihn zu warnen?«
    »Ja. Denn wenn du ihn warnst, so ist er zwar für jetzt zu retten, für später
aber wahrscheinlich verloren!«
    »Beweise es!«
    Da schüttelte ich bedauernd den Kopf und sagte:
    »Ich hörte aus deinem eigenen Munde, dass du mich liebest, dass du dich Eins
mit mir fühlest. Das war, als ich mich in Todesgefahr befand. Da sagte ich dir,
dass, wenn Geister sich küssen, es für sie fortan nur noch einen vereinten
Pulsschlag gebe. Und nun? Jetzt? Ist es wirklich Liebe gewesen? Ein Kuss der
Geister? Kaum eine Stunde später tritt schon eine andere Gestalt zwischen dich
und mich! Die Einheit schwindet, und des Lebens Zwiespalt schiebt uns
auseinander! Du willst Beweise! Kannst du nicht vertrauen? Soeben noch gingst du
an meiner Hand spazieren. Ich zeigte dir, dass ich viel besser und viel weiter
sah als du. Da kommt ein Bild aus vergangenen Tagen. Es steigt aus deiner Gruft
zu uns empor. Es ist der Schatten, der dich einst regierte. Kannst du ihn
bannen? Ja? Versuche es!«
    Er stand gesenkten Hauptes vor mir und sagte nichts. Da liess der Pedehr
seine begütigende Stimme hören:
    »Zürne nicht, Effendi! Wir vertrauen dir! Wenn du willst, dass Dschafar Mirza
nicht gewarnt werden solle, so wird er nicht gewarnt. Du hast deine Gründe!«
    »Ja; ich habe sie und will sie euch nun sagen. Wann ist der Tag des
Wettrennens, Pedehr?«
    »Es ist der fünfte des Schaban,« antwortete er.
    »Wann soll Dschafar Mirza ermordet werden?«
    »Am fünften des Monats Scha - - -«
    Er kam nur bis zu dieser Silbe, denn da fiel der Ustad schnell und
verwundert ein:
    »Maschallah! An - - an ganz demselben Tage!«
    »Merkst du etwas, Ustad?« fragte ich ihn.
    »Nein!« gestand er.
    »Noch nichts? Sein Blut wird hier bei euch vergossen werden sollen!«
    »Effendi!« fuhr er auf.
    »Effendi!« rief vor Schreck auch der Pedehr.
    »Ich bitte euch, nicht zu erschrecken!« fuhr ich fort. »Es war das anders
wohl vorherbestimmt. Als der Aemir-i-Sillan befahl, dass Dschafar Mirza am
fünften Tage des Monates Schaban sterben solle, wusste er noch nicht, dass er
diesen Tag hier bei euch verbringen werde.«
    »Hier bei uns - - hier bei uns?« fragten beide wie mit einer Stimme.
    »Ja, hier im Duar der Dschamikun!«
    »Der Aemir-i-Sillan?« rief der Ustad.
    »Er selbst?« stimmte der Pedehr ein.
    »Er selbst!« bestätigte ich. »Er kommt mit seinem Henker.«
    »Der ist doch hier! Den haben wir ja schon!« warf der Ustad ein. »Hast du
vergessen, dass der Multasim der Henker ist? Unser Gefangener, oder vielmehr dein
Gefangener, dem du es wohl verleiden wirst, jemals wieder hierher zu kommen!«
    »Verleiden? Das würde der grösste Fehler sein, den ich als euer Freund
begehen könnte! Wenn ich mich heut oder morgen an ihm vergreifen wollte, so käme
vielleicht schon übermorgen ein ganzes Heer von Schatten über euch, die ich mit
dieser meiner Tat geschaffen hätte! Wir wollen Feinde vernichten, aber keine
neuen hervorrufen!«
    »Willst du ihn etwa laufen lassen?« fragte der Pedehr.
    »Ja,« gestand ich ein.
    »Unmöglich!«
    »Doch!«
    »Den Henker freigeben, welcher Dschafar Mirza ermorden soll! Bedenke,
Effendi!« rief er warnend aus.
    »Ich habe es bedacht!«
    Da sagte der Ustad in beruhigendem Tone zum Pedehr:
    »Du vergissest eins: Der Multasim hat den Brief ja nicht erhalten. Er weiss
also gar nicht, was der Aemir-i-Sillan von ihm verlangt, und kann es folglich
auch nicht tun.«
    »Du irrst!« warf ich ein. »Er wird den Brief bekommen.«
    »Von wem?«
    »Von uns. Wenn auch nicht direkt.«
    Da waren sie beide still. Darum hob ich freundlich mahnend den Finger und
sagte:
    »Pedehr, Pedehr! Noch soeben hast du dich verständig meiner angenommen, und
jetzt schaust du mich an, als ob du ganz und gar vergessen hättest, dass ich wohl
meine Gründe haben werde! Ihr seid mit mir fast durch den ganzen Brief gegangen
und habt die Augen immer noch nicht offen. Ich sah euch bei dem Gedanken, dass
der Aemir-i-Sillan hierherkommen könne, förmlich erschrecken. Warum doch nur? Er
ist ja schon hier gewesen!«
    »Wann?« fragte der Ustad im Tone des Unglaubens.
    »Vielleicht schon oft, nämlich heimlich. Ganz offen aber heut.«
    »Heut - -? Wann? Wo? Wie?«
    »Mit den Persern. Er ist ja Perser!«
    »Effendi, ich weiss nicht, was ich sagen soll!«
    »Sage nichts, sondern suche!«
    »Wo?«
    »Hier in diesem Briefe, und in den Reden, welche uns gehalten worden sind.
Man soll nicht nur körperlich, sondern auch geistig sehen und hören lernen!«
    »Ich sehe nichts, und ich höre nichts!«
    »Und doch meine ich grad den Ton, in welchem dieser Brief verfasst und jene
Rede gehalten worden ist. Du sollst ihn jetzt noch einmal hören. Ich bin
überzeugt, dass du mir dann sofort den Namen des Aemir-i-Sillan sagen wirst.«
    Ich nahm das Schreiben mit der linken Hand hoch, las es in der
beabsichtigten Weise vor und ahmte mit der Rechten die heut beobachteten,
unendlich selbstbewussten Gesten nach. Kaum war das letzte Wort von meinen
Lippen, so rief der Pedehr:
    »Der Mirza, der Mirza, wie er leibt und wie er lebt!«
    Der Ustad aber holte tief Atem. Seine Augen schienen grösser zu werden. Sie
schauten durch die offene Tür in die Nacht hinaus, genau mit jenem Blicke, den
er in die unsichtbare Ferne gerichtet hatte, als er heut vor der Dschemma unter
dem Baume stand.
    »Ah - - ri - - man - - - - - - Mir - - za - -!« seufzte er dann. »Wer ist
von uns beiden der Hellsehende, Effendi? Als ich heut vor euch stand und diese
Stimme hörte, deren Nachahmung dir jetzt so täuschend gelungen ist, da stiegen
alte, ferne, ferne Bilder in mir auf. Es ging ein Schatten von mir aus, weit
über diese meine geliebten Berge hinüber. Im Westen angekommen, richtete er sich
auf, um Gestalt, um Farbe und um Leben anzunehmen. Ich erkannte diese Gestalt
und dieses Gesicht: ich war es selbst; es war das meine! Da aber begann es, sich
zu verwandeln. Es nahm andere Konturen und andere Züge an, und als sich das
vollzogen hatte, als wer stand ich dann da? Als Ahriman, als Ahriman Mirza, der
jetzt, in diesem Augenblick, zu meiner Dschemma sprach. Hatte dieser aus meiner
Vergangenheit auftauchende Schatten hier in der Gegenwart menschliches Wesen
angenommen, damit mir endlich, endlich die Erleuchtung komme, wem ich den
raschen Absturz meines Lebensweges zu verdanken habe? Wer warf mich damals
nieder? Wer gab mir den Gedanken ein, zu fliehen? Du sagtest, Effendi, dass es
nicht das Leben, sondern mein eigener Schatten gewesen sei. Ich hatte ihn so
oft, so oft gesehen, doch aber nie erkannt. Heut zeigte er mir endlich sein
Gesicht. Heut war er Ahriman, der geistige Weltzerstörer, der mit dem niedern
Sinn der blinden Masse kost, um alles ihm Verhasste zu vernichten.«
    »Wohl dir,« sagte ich. »Du hast den Richtigen gesehen!«
    »Meinst du es auch? Den Mirza mit dem falschen Prunkgeschmeide? Den Geist
der nachgemachten Edelsteine, mit deren Flimmern er der Menge imponiert? Den
wohlgesinnten Schmeicheldemokraten, in Wahrheit aber grasser Demagog? Den treuen
Förderer des öffentlichen Wohles, der aber nur sein eigenes erstrebt? Den immer
hilfsbereiten Volkserbarmer, der aber dieses seines Volkes Seele mit
egoistischer Berechnung niedertritt? Den anerkannten Feind und Richter jeder
Lüge, der aber doch, sobald sie ihm nur passt, grad vorzugsweise sie in seinem
Stalle züchtet? Ich hätte ihn schon längst erkennen sollen, und bitte dich,
Effendi, merk ihn dir!«
    Ich machte, ohne zu antworten, ganz unwillkürlich eine Handbewegung, welche
ihn zu der Frage veranlasste:
    »Wie meinst du das? Was wolltest du mit dieser Geste sagen? Ich glaubte
zwar, du habest ihn bei mir zum erstenmal gesehen, doch da du schon so oft im
Morgenlande warst, so ist es möglich, dass du ihm auch früher schon begegnet
bist.«
    »Im Morgenlande?« lachte ich. »Nein, nein! Doch kenne ich ihn auch; mehr
habe ich nicht zu sagen. Du hast ihn gut gezeichnet. Wenn man dich sprechen
hört, kann man sich gar nicht irren. Nun aber muss ich dich nach einem fragen: Du
hast ihm heut verziehen. Aus welchem Grunde wohl?«
    »Verziehen? Ich? Wieso?«
    »Du gabst ihm jenes Märchen aus Tausend und ein Tag, in welchem selbst der
Teufel selig wird. Woher nahmst du die Dichtung, dass die Hölle schon vor der
Menschheit auf zum Himmel steige?«
    »Verzeihung ist edler als Rache. Weisst du das nicht, Effendi?«
    »Ich weiss es. Aber der Verzeihung muss die Reue vorangehen. Das ist Gottes
Ordnung! Auch ich habe gefehlt, viel gefehlt. Als ich das erkannte, habe ich
bereut und habe gebüsst. Ich war nur ein Mensch, also zu entschuldigen. Ich
verzeihe gern, unendlich gern, weil auch mir verziehen wurde. Aber ich bin nicht
Gott, der seine Ordnung ändern kann. Soll ich allein bereuen, mein Schatten aber
nicht? Ich sage dir, ich hätte ihm ein ganz anderes Märchen erzählt, nicht aus
Tausend und einer Nacht und nicht aus Tausend und einem Tag, sondern jenen
wunderbaren Schluss aus Tausend und ein Narr, in welchem der Sultan sie alle zu
den heulenden und tanzenden Derwischen sperren lässt!«
    Da sah er vor sich nieder, sinnend, längere Zeit. Dann sagte er, wie um sich
zu entschuldigen:
    »Und die Liebe, Effendi, deine christliche Liebe?!«
    »Sei still, Ustad! Wende dich nicht an die meinige; du meinst ja doch die
deinige! Die wahre christliche Liebe weiss nichts von Charakterlosigkeit und
zweckloser Gefühlsduselei! Sie wirft sich nicht wie ein feiles Weib jedem
unwürdigen Leichtsinn in die Arme. Sie lacht und lächelt nicht den ganzen Tag.
Sie ist ein ernstes Himmelskind. Sie hat den Ratschluss Gottes auszuführen. Sie
weiss gar wohl das, was sie soll und will. Sie trägt das Buch der Gnade in der
einen, das Buch der Strafe in der andern Hand. Nun hat der Mensch zu wählen. Die
Reue jubelt; die Teufel zittern. Für Narren aber hat sie weder Lohn noch Strafe.
Sie lässt sie ohne jede Antwort schwatzen und gibt dem Sultan recht, der sie
ermächtigte, in ihren Tausend und ein Märchen vor aller Welt zu heulen und zu
tanzen!«
    »So, so sieht deine Liebe aus?« fragte er. »Ich denke, Gott lässt seine Sonne
aufgehen über Gerechte und Ungerechte!«
    »Die Sonne da oben, den Himmelskörper, ja. Er gibt sogar dem Ungerechten
alles, was er zum irdischen Leben braucht. Aber wenn er das in seiner Güte tut,
so hütet er sich in seiner Gerechtigkeit, dies auch auf das andere Leben
anzuwenden. Er weiss, dass dann alle Ungerechten den Himmel füllen würden, um die
Gerechten nicht hereinzulassen! Nach dieser deiner Liebesteorie würde der
Himmel schnell zur Hölle werden, nicht aber die Hölle zum Himmel. Ihre letzte
logische Folge ist, dass alles Gute verschwinden und Gott zum Teufel werden
müsste. Unsere Bibel spricht nicht ohne Grund von dem Wurme, der nie stirbt, von
dem Feuer, welches nie verlischt, und von dem Orte, an welchem Heulen und
Zähneklappern ist. Indem du in deinem Märchen die Hölle selig werden liessest,
hast du alle diese Qualen für die armen Geschöpfe aufgehoben, die von ihr
verführt worden sind. - - - War das etwa der Inhalt deiner Bücher, die du
schriebst? Hast du jene angebliche Gottes- oder Christusliebe gelehrt, welche
jedem Schuldigen die Strafe erlässt, nur damit Gott seinen Himmel nicht leer
stehen zu lassen brauche? Bist du ein Verkünder jener unüberlegten
Barmherzigkeit gewesen, welche die Bösen schont, damit sie gegen die Guten um so
unbarmherziger verfahren können? Hast du jene pseudogöttliche Langmut gepredigt,
welche das Unkraut ungehindert emporschiessen lässt, bis der Weizen erstickt
worden ist? Wenn du mir diese Fragen mit ja beantworten musst, so hast du die
Sünde und das Laster, die Selbstgerechtigkeit und die Heuchelei grossgezogen und
darfst dich nicht darüber wundern, dass diese deine Schatten schliesslich dich
auch selbst noch überwältigt haben! Du bist für die christliche Schwäche
eingetreten, aber nicht für die christliche Liebe! Du hast diese Schwäche durch
dein eigenes Leben in das Praktische übertragen und bist durch sie zum Rohre
geworden, welches brechen musste, als es sich nicht mehr tiefer beugen konnte! Du
glaubtest, berufen zu sein, dich -«
    »Halt ein, Effendi, halt ein!« rief er aus, indem er die Hände abwehrend
gegen mich bewegte. »Du hast recht, recht, o wie so recht! Du hast vorhin von
Liebesduselei gesprochen. Es war richtig! Ich dusele noch, jetzt noch, heute
noch! Als du den Multasim vorhin laufen lassen wolltest, wohl um dann später
seinen ganzen Anhang in die Hände zu bekommen, war ich dagegen. Ich wollte seine
sofortige Bestrafung, aber mild, schonend. Ich gab ihn scheinbar ganz in deine
Hände, aber wenn es deine Absicht gewesen wäre, ihn vollständig unschädlich zu
machen, ihn zu vernichten, so hätte ich mich dagegen gewehrt mit allen Mitteln,
die mir zur Verfügung stehen!«
    »Wirklich? Das ahnte ich freilich nicht!«
    »Es ist so, ganz gewiss! Du siehst, dass ich ehrlich bekenne. Du hast mich in
diesen letzten fünf Minuten kuriert. Gefühlsduselei! Wie wahr, wie wahr, wie
wahr! In dieser Duselei habe ich mir mein eigenes Mark aus Leib und Geist
gesogen. Nun aber soll es anders, anders, anders werden! Ich bin zwar alt, sehr
alt aber noch habe ich Knochen, und noch habe ich Muskeln, nicht nur am Körper,
sondern auch am Geiste. Erlaube mir, dass ich mich an dir stähle! Ich richte mich
auf. Jawohl! Ich weiss, dass ich es werde! An dir will ich mich heben. Sei du die
Hand, an der ich Kraft erlange! Sei du es jetzt, von dieser Stunde an! Ich gehe
morgen fort, für eine ganze Woche. Ich bitte dich, an meine Statt zu treten! Du
sollst der Herr im hohen Hause sein. In deiner Hand weiss ich mein kleines Reich
am besten aufgehoben. Hier mein Pedehr hört, was ich dir jetzt sage. Er wird,
was du befiehlst, so auszuführen wissen, als ob ich selbst es ihm befohlen
hätte.«
    »Du willst verreisen?« fragte ich erstaunt.
    »Ja,« antwortete er.
    »Darf ich wissen, wohin?«
    »Natürlich! Du bist ja nun der Herr, von dieser Stunde an! Ich gehe nach
Isphahan, zum Schah-in-Schah. Infolge dessen, was ich heut von meinen Feinden
hörte.«
    »Vortrefflicher Gedanke!« stimmte ich ihm bei.
    »Es freut mich sehr, dass du derselben Ansicht bist. Ich hab es ihnen ehrlich
mitgeteilt, dass ich mir an der rechten Stelle Hilfe suchen werde. Sie höhnten
wohl darüber. Wer sich allein auf seinen Schah verlässt und dieses ohne Furcht
und offen sagt, den wird man zwar verspotten und zum Gelächter machen; doch wenn
die Zeit des Schah gekommen ist, dann regt die Schar der Amdschaspands13 die
Schwingen, und Geist um Geist fährt mit dem Schwert darein, dem Kindesglauben
Himmelssieg zu bringen!«
    Er hatte meine Hand ergriffen und schaute mit einem Blicke aufwärts, in
welchem allerdings ein Vertrauen glänzte, dem keines Spötters Wort je imponieren
konnte.
    »Du willst den Herrscher selbst sprechen?« fragte ich.
    »Nur ihn! Zwischen ihm und mir gibt es keine Mittelsperson. Ich sage ihm
alles, alles, so wie ein Kind zu seinem Vater spricht. Es ist wie ein Gebet, bei
dem ein Dritter doch nur stören würde.«
    »Um was willst du ihn bitten?«
    »Um nichts. Ich sage ihm, was ich zu sagen habe. Dann tut er selbst, was er
für richtig hält. Ich stehe vor ihm aufrecht, wie vor Gott. Ich meide jene
kriecherische Weise, die auf gebeugten Knieen sich bis zum Trone schiebt, um
dort den eignen Vorteil zu erschleichen und dann, wenn sie den Schah verlassen
hat, die um ihr Recht Gebrachten zu verachten. Es ist mir also völlig unbekannt,
was er für mich und uns bestimmen wird. Doch bin ich überzeugt, dass es weit über
alle Wünsche geht, die du für mich im Herzen tragen könntest.«
    »Aber der weite Weg! Fürchtest du ihn nicht?«
    »Fürchten? Den Weg zu meinem Schah? Wie weit ist doch der Himmel von der
Erde! Und täglich steig ich auf, um mit Chodeh zu sprechen! Dem Glauben, dem
Vertrauen ist nie ein Weg zu weit und nie ein Herrscher fern! Auch mache ich
diese Reise nicht allein. Ich habe Dschamikun an meiner Seite, die mich
begleiten werden. Auch geht der Kaufmann mit, der heute bei uns schläft.«
    »Agha Sibil?«
    »Ja.«
    »Sibil heisst Schnurrbart. Ist dieses Wort sein richtiger Name, oder nennt
man ihn vielleicht nur seines Bartes wegen so?«
    »Wahrscheinlich ist dies letztere der Fall, denn einen Bart, wie er ihn
trägt, hab ich noch nie gesehen. Ich halte mich von Kaufgeschäften fern. Ich
lasse das gern dem Pedehr hier über. Er kann dir Auskunft geben, wenn du
willst.«
    Es verstand sich ganz von selbst, dass mir erwünscht war, wo möglich
Bestimmtes über den Handelsmann zu erfahren; darum fragte ich den Scheik:
    »Kennst du die Verhältnisse dieses Agha Sibil?«
    »Ich pflege nicht mit Leuten Geschäfte zu machen, die ich nicht kenne. Er
ist reich, sehr reich aber ehrlich und bescheiden.«
    »Hat er Kinder?«
    »Eine Tochter und zwei Enkel.«
    »Sind die Enkel die Kinder dieser Tochter?«
    »Sie sind es.«
    »Wenn du die Namen wüsstest!«
    »Ich kenne sie, denn wenn ich nach Isphahan komme, pflege ich sein Gast zu
sein. Die Tochter heisst Aelmas. Ihr Mann war ein türkischer Offizier, der in
Damaskus erschossen worden ist. Ihr Sohn, welcher heut mit seinem Grossvater hier
bei uns ist, heisst Ikbal, ihre Tochter Sefa.«
    »Ist die Tochter verheiratet?«
    »Nein. Sie will im Hause Agha Sibils bleiben.«
    »Wie kommt es, dass die Tochter eines persischen Kaufmannes in Isphahan die
Frau eines türkischen Offiziers in Damaskus geworden ist. Dieser letztere ist
doch wahrscheinlich Sunnit gewesen, während sie Schiitin war!«
    »Ich glaube, im Kreise der Familie sogar gehört zu haben, dass er vordem
Christ gewesen ist. Wenn ich mich nicht irre, stammte er aus dem Lande, welches
man Lehistan14 nennt. Er lernte den Kaufmann in Palästina kennen, wo dieser
damals wohnte. Als die Tochter desselben seine Frau geworden war, kam er nach
Damaskus. Agha Sibil zog mit. Bei der grossen Christenverfolgung dort ereignete
sich das schwere Unglück, welches die Familie traf. Der Offizier wurde wegen
Ungehorsam erschossen. Agha Sibil wurde vollständig ausgeplündert und musste als
Schiit fliehen. Es gelang ihm, mit der Tochter und deren Kindern nach Persien zu
entkommen, wo er ein neues Geschäft begann und es durch Fleiss und Ehrlichkeit zu
seinem jetzigen Vermögen brachte. Deine Augen leuchten, Effendi. Warum? War dir
von dem, was ich erzähle, vielleicht schon etwas bekannt?«
    »Ja,« antwortete ich, indem ich vor freudiger Erregung im Zimmer hin und her
zu gehen begann.
    »Was? Oder wer?«
    »Wer? Der Offizier.«
    »Kanntest du ihn, ehe er erschossen worden ist?«
    »Nein, sondern als er erschossen worden war.«
    »So hast du seine Leiche gesehen.«
    »Leiche? Hm! Ja! Denn er war eigentlich eine Leiche. Aber ich habe mit dem
Erschossenen gesprochen.«
    »Maschallah! Tote reden doch nicht mehr!«
    »Zuweilen doch! Besonders Erschossene, welche keine Kugel bekommen haben!«
    »Keine - - Kugel -? Effendi, du scherzest wohl!«
    »Ich spreche im grössten Ernste. Ich habe mit dem Toten gesprochen, und ihr
beide kennt ihn auch.«
    »Wir - - -? Dass ich nicht wüsste!«
    »Ich habe euch doch von jenem alten Bimbaschi in Bagdad erzählt, welcher
dann Mir Alai geworden ist!«
    »Allerdings. Bei dem du wohntest, und der von dem Säfir gefangen genommen
wurde?«
    »Derselbe! Er ist nun ein doppelter Bekannter von euch, denn ihr kennt ihn
erstens durch mich und zweitens durch den Kaufmann Agha Sibil. Ich bin sogar nun
überzeugt, dass ihr ihn auch noch persönlich kennen lernen werdet. Er ist nämlich
der Offizier, welcher damals in Damaskus erschossen wurde.«
    Da fuhr der Pedehr von seinem Sitze auf, als ob er von einer gewaltigen,
unsichtbaren Spannfeder emporgeschnellt worden sei.
    »Der Christ, um den so viel geweint worden ist?« rief er aus. »Der Sunnit,
dem die Schiiten treu geblieben sind, obgleich er starb? Der Mann, der von
seinem Weibe angebetet wurde? Der Vater, den seine Kinder heut noch lieben,
obwohl sie sich seiner Person nicht erinnern können? Der ist nicht tot? Der lebt
noch? Der ist ihnen allen, allen auch ehrlich treu geblieben, trotzdem er in ein
anderes Land gegangen war? Effendi, ist das wohl zu glauben! Ich weiss, dass du
nicht lügst, doch bitte ich, erzähle uns, wie das gekommen ist!«
    »Ja. Ich will und muss es euch erzählen. Ich will euch nicht warten lassen,
bis er selbst erscheint, um euch zu beweisen, dass, wenn Gott will, der Tod nur
eine leere Sage ist. Setzt euch hier vor mir nieder, und hört, was ich
berichte!«
    Da sie über den alten Zoll-Bimbaschi schon alles Uebrige von mir erfahren
hatten, so brauchte ich jetzt nur über das zu sprechen, was mir von ihm über
seine Familienverhältnisse mitgeteilt worden war. Ich schilderte hierauf seine
Trauer über die scheinbar Verlorenen und erwähnte schliesslich meine Bemühung,
die Hoffnung in ihm zu erwecken, dass sie doch vielleicht noch leben könnten. Da
stand der Ustad von seinem Sitze auf, legte die Hände langsam ineinander und
sagte, indem ein tiefer Atemzug seine Brust schwellte:
    »Du hast zu diesem deinem Freunde von einer Auferstehung der Totgesagten
gesprochen, und wir sind berufen, diese Auferstehung in das Werk zu setzen. Auch
ich kenne einen Totgesagten. Er wird von Vielen, Vielen für tot gehalten. Sie
glauben jetzt, dass er in ein anderes Land gegangen sei. Wie denkst du über ihn,
Effendi? Du weisst ja, wen ich meine!«
    Da fühlte ich, dass ein ganz seltenes Licht in meine Augen kam. Es wallte mir
heiss vom Herzen nach dem Kopfe. Ich ging zu ihm hin, schlang meinen Arm um seine
Schulter, legte meine Wange an die seine und fragte ihn:
    »Wünschest du, dass er von diesem aufgezwungenen Tode auferstehe?«
    Er nickte nur, sagte aber nichts. Doch legte er seine Hand an meinen Kopf,
um ihn fest an den seinigen zu drücken.
    »Wohlan!« fuhr ich fort. »Da wir einmal im Begriffe stehen, die Auferweckung
der Totgesagten in das Werk zu setzen, so wollen wir bei dieser Gelegenheit auch
ihn mit auferstehen lassen! Ist dir das recht?«
    Seine mir jetzt so nahen Augen schauten mit unendlicher Liebe in die meinen.
    »Kannst du es? Willst du es?« fragte er.
    »Für dich so gern!« antwortete ich.
    »Denkst du, dass es geschehen kann?«
    »Da wir uns lieben, ist es leicht, so leicht!«
    »Wie aber wird es wohl zu machen sein?«
    »Ich bitte dich, das mir zu überlassen! Leg deine Hand getrost hier in die
meine! Und nun höre, was ich sage: Fühlst du den Mut, den Heldenmut in dir, mir
deine Seele, deinen Geist zu schenken, so feiern wir die Auferstehung hier,
indem wir ineinander uns versenken!«
    Da schlug er beide Arme um mich, zog mich so fest, so fest an sich, als ob
unsere Körper nur einen einzigen Leib zu bilden hätten, und antwortete:
    »Ich habe den Mut; ich bin dein; nimm mich hin!«
    Da verlöschte plötzlich das Licht. Es war vollständig herabgebrannt gewesen.
Der Pedehr ging fort, dem abzuhelfen. Als er wiederkam, standen wir mit einander
draussen auf dem Söller. Der Ustad hatte soeben mit der Hand auf die vor uns
liegende, vom Himmel bestrahlte, kleine Welt gedeutet und gesagt:
    »Es ist, als hätte ich das alles für dich vorbereitet, damit den Seelen
meiner Dschamikun nun auch der rechte Geist gegeben werde, jener Geist der
liebenden Unerbittlichkeit, der mir die Augen öffnete und uns in diesem
Schattenland so nötig ist! Du hast mich heut verdoppelt, und dadurch auch die
Hoffnung auf den Erfolg. Zwei Ustawat15, und doch ein einziger nur! Stelle zwei
Kerzen nebeneinander. Geben sie zwei Scheine? Nein. Es ist nun
Doppelkerzenlicht!«
    Da trat der Pedehr an die Tür und forderte uns auf:
    »Ihr könnt wieder hereinkommen. Es ist nun heller als vorher.«
    Wir folgten diesen Worten. Er zeigte nach dem Tische. Da standen jetzt zwei
Kerzen statt der einen. Sonderbar! Der Ustad lächelte.
    »Siehst du?« scherzte er mir zu. »Seien wir Autoren oder nur Autor, wir
liefern die Gedanken, und er als praktischer Pedehr der Dschamikun ist schnell
bereit, sie in Gestalt zu fassen. So soll es immer sein. Dann wird es im Duar
bald ein bewegtes, frohes Leben geben!«
    Er liebte es, in Bildern zu sprechen. Wer ihn verstehen wollte, hatte
nachzudenken. So auch hier. Wen oder was meinte er mit den Dschamikun, denen
sein ganzes Herz gehörte? Wo lag oder liegt wohl der Duar, über den die Glocken
des Gebetes für jeden Wunsch erklangen? In Persien? Ich will es nicht verraten.
Die Folge wird es zeigen!
    Wir waren mit unserer Besprechung noch nicht fertig, und doch mahnte der
Scheik:
    »Es ist jetzt wohl schon Mitternacht. Willst du nicht vor der Reise
schlafen, Ustad? Und der Effendi steht noch im Genesen. Durchwachte Nächte sind
ihm untersagt.«
    Da antwortete der erstere:
    »Ich habe weder Zeit noch Lust zum Ruhen. Was in mir lebt, kennt keine
Mitternacht.«
    Und ich fügte hinzu:
    »Mein Körper ist gewöhnt, dem Willen zu gehorchen. Ich fühle jetzt noch
keine Müdigkeit. Die Seele hat die Macht, ihm, dem Geschwächten, ihre Kraft zu
leihen. Ich halte aus, bis wir zu Ende sind.«
    Da griff der Ustad nach meiner Hand, fühlte den Puls und sagte verwundert:
    »Wie ruhig und kräftig! Genau so, wie der meine! Jawohl, ich glaube, dass wir
weitersprechen können. Wo waren wir stehen geblieben? Doch wohl bei Ahriman. Der
wieder erstandene Offizier brachte uns auf ihn. Willst du hier fortfahren,
Effendi?«
    »Ja,« antwortete ich. »Ich werde dem alten Mir Alai einen Brief nach Bagdad
schreiben. Er bekommt ihn durch einige Dschamikun, welche zu ihm reiten, um ihn
mit samt seinem dicken Kepek zu holen. Er hat schon vor dem Tag des Wettrennens
einzutreffen. Du erlaubst seinem Schwiegervater, an diesem Tage sein
Verkaufszelt hier aufzuschlagen. Ich spreche mit ihm, noch ehe du mit ihm
abreisest. Er wird seine Tochter und deren Kinder mitbringen. Das gibt ein
Wiedersehen, auf welches ich mich unendlich freue. Ist dir diese Anordnung
recht?«
    »Was du bestimmst, das ist mir immer recht! Soll Agha Sibil am Tage des
Wettrennens überrascht werden, oder willst du ihm schon jetzt alles sagen?«
    »Schon jetzt, alles! Es ist Grausamkeit, einem Menschen eine Freude
vorzuentalten, die man ihm sofort bereiten kann. Und so grosse seelische
Erregungen, wie man hier zu erwarten hat, sollen möglichst vorbereitet sein.«
    »Ich gebe dir recht. Ist das erledigt?«
    »Ja. Nehmen wir also nun Ahriman Mirza wieder vor! Ich habe zu versuchen,
den Beweis zu führen, dass er der Aemir-y-Sillan ist.«
    »Den hast du schon geführt. Wenigstens für mich ist es so gut wie bewiesen.«
    »Wodurch?«
    »Durch den Ton, in welchem du uns seinen Brief vorlasest. Dieser Ton ist nur
der seine. So spricht und schreibt kein anderer. Auch hat er das höchste
Sillan-Zeichen, welches wir kennen.«
    »Wissen wir denn genau, dass es das höchste ist?«
    »Freilich nicht. Es ist ja möglich, dass es ein noch höheres gibt.«
    »Nicht nur möglich, sondern ganz gewiss!«
    »Effendi! Da widersprichst du dir doch selbst!«
    »Nein!«
    »Gewiss! Wenn es ein höheres Zeicher gibt, so ist auch ein höherer Sill da.
Der es trägt, steht also über dem Mirza!«
    »Das ist ein logisch richtiger, aber ein praktisch falscher Schluss. Er trägt
sie nämlich beide!«
    »Beide? Das sagst du mit solcher Sicherheit? Woher weisst du es?«
    »Ich bitte dich, nachzudenken. Als Oberster ist er im Besitze sämtlicher
Zeichen, die es gibt. Er hat ja auch den Tuman an der Kette. Ich bin überzeugt,
dass er, falls er es für nötig hält, auch den silbernen Ring ansteckt, um sich
für einen gewöhnlichen Sill auszugeben. Wenn er dagegen als Aemir in der
Versammlung seiner Päderahn erscheint, wird er das höchste Zeichen tragen. Du
hast aber gehört, dass er sich zu fürchten hat. Er wird in dieser Versammlung
ganz gewiss sein Gesicht maskieren. Ausserhalb derselben, im gewöhnlichen Leben,
kann er es nicht verbergen. Wird er sich da durch das Tragen des höchsten
Zeichens verraten?«
    »Nein, gewiss nicht. Ein Zeichen muss er aber auch da tragen. Warum nimmt er
da nicht einen gewöhnlichen Ring?«
    »Alter Psycholog!« scherzte ich da. »Weisst du denn noch nicht, dass das
Laster selbstgefälliger als die Tugend, die Hässlichkeit eitler als die Schönheit
ist? Und grad dieser Mann besitzt eine Gefallsucht, die ihresgleichen wohl kaum
wiederfindet. Du hast ja seinen Anzug und sein Pferdegeschirr gesehen. Alles an
ihm ist Prunk, Flitter, Prahlerei und Flunkerei! Einen gewöhnlichen Ring wird er
nur aus Hinterlist anstecken. Wenn sich solche Leute einmal herablassen, haben
sie stets die Bosheit im Nacken sitzen. Für einen seiner Päderahn gehalten zu
werden, das gibt sein Hochmut, sein Eigendünkel nicht zu. Dieser Dünkel lässt
sogar die Vorsicht ausser Acht. Er steigt bis an die letzte Grenze der Gefahr
hinauf. Wenn er sich nicht als Fürst der Schatten zu erkennen geben darf, so
soll man ihn aber doch für eine hervorragende Charge halten. Hast du noch nicht
gehört, dass sich das Verbrechen unter seinesgleichen grösser zu machen strebt,
als es in Wahrheit ist? Die Sorge um sein Leben und seine Sicherheit gebietet
ihm, sich kleiner zu machen; aber mehrere Schritte tiefer zu steigen, das fällt
ihm gar nicht ein. Er tut wahrscheinlich nur einen einzigen. Er ersinnt ein
Zeichen, welches scheinbar tiefer weist, aber auch nur scheinbar, denn ich bin
überzeugt, dass nur er allein, aber kein anderer ein solches Gürtelschloss
besitzt. Wer es sieht, wird ihn für einen hohen Sill halten, wenn auch nicht für
den höchsten. Auf diese Weise wird er beiden gerecht, seiner Vorsicht und auch
seiner Eitelkeit. Nun aber habe ich eins zu fragen: Er sagte heut vor der
Dschemma: Ihr seht mich jetzt zum ersten Male. Auch mein Name war euch bisher
unbekannt. Ihr wisst also nicht, wer und was ich bin. Wie konnte er in dieser
Weise sprechen? Waren seine Person und sein Name euch wirklich so unbekannt, wie
er glaubte?«
    »Nein,« antwortete der Ustad. »Er glaubte es auch nicht. Er weiss vielmehr
sehr genau, dass besonders ich ihn kenne, weil ich ihn schon öfters getroffen und
auch mit ihm gesprochen habe.«
    »Das ist es, was ich wissen wollte! Sein Hochmut hat ihn verleitet, mehr zu
sagen, als er beabsichtigte. Ihr kennt seine Person und seinen Namen. Das weiss
er. Er behauptete trotzdem, ihr wisset nicht, wer und was er sei. Er muss also
Jemand und Etwas sein, was ausserhalb des Namens Ahriman Mirza liegt. Was ist das
nun? Etwas Gewöhnliches oder etwas Bedeutendes. Ich meine das Letztere, denn er
sagte in Beziehung hierauf: Meine Freundschaft kann selig machen, und meine
Feindschaft kann verdammen. Wer das sagen kann, muss sich für den Höchsten im
ganzen Reiche halten! In welcher Beziehung aber ist er dies? In gutem oder in
bösem Sinne? Im guten, in gesetzlichem Sinne ist es der Schah. Es bleibt also
nur die Kehrseite des Guten, also das Böse. Wer da sagt: Meine Feindschaft kann
verdammen, ist unmöglich ein guter Mensch. Hierzu kommt die Erwägung, dass er
das, was ihm seine Macht verleiht, heimlich halten muss. Es ist also etwas
Verbotenes, etwas Ungesetzliches. Das sind die einzelnen Posten. Ziehen wir nun
die Summe!«
    »Lass mich es tun!« bat der Pedehr. »Ich will doch auch mitsprechen!«
    »Gut! Tue es!« antwortete ich, weil ich mich über sein Bemühen freute, mir
mit Aufmerksamkeit zu folgen.
    »Das Ergebnis ist überraschend,« sagte er. »Es gibt zwei Gewalten im
Reiche, eine gute und eine böse. Die gute ruht in den Händen des Schah-in- die
böse übt Ahriman Mirza aus. Da aber, wie wir wissen, der Aemir-i-Sillan diese
Macht in den Händen hat, so muss Ahriman Mirza der Fürst der Schatten sein. Ist
es so richtig, Effendi?«
    »So ungefähr. Sag, Ustad, bist auch du mit dieser Summe einverstanden?«
    »Vollständig! Sie ist richtig!« erklärte er.
    »So will ich darauf verzichten, euch weitere Beweisesgründe zu bringen,
obgleich ich noch mehrere habe. Für mich sind Ahriman Mirza und der
Aemir-i-Sillan eine und dieselbe Person! Auch das stimmt, dass er und sein Henker
nahe beisammen sind. Er lässt ihn nicht aus den Augen. Nachdem wir uns hierüber
klar geworden sind, kommt ein anderes. Nämlich die Frage: Was will der Mirza
hier bei den Dschamikun? Welche heimlichen Gründe und Absichten haben ihn
hierher geführt? Diese Frage gibt mir zu denken; ja, sie könnte mir sogar, wie
ich fühle, Kopfschmerzen machen!«
    »Warum?« fragte der Ustad. »Du siehst etwas zu schwarz!«
    »Sag lieber: Ich sehe in das Schwarze! Es ist nicht zu leugnen, dass er
direkt hat hierherkommen wollen. Dass er auf diesem seinem Wege auch die Kalhuran
aufsuchte, geschah seinem Henker zuliebe. Was wollte er hier?«
    »Die Blutrache!« warf der Pedehr ein.
    »Die berührte ihn nicht, sondern nur den Multasim. Auch war er schon
unterwegs nach hier, ehe es eine Veranlassung zur Blutrache gab.«
    »So war es, um die Rede zu halten, die wir von ihm gehört haben!«
    »Damit schiessest du zwar nicht daneben, aber auch nicht in den Mittelpunkt!
Er wollte euch einen andern Scheik geben. Wisst ihr, was da heisst? Er kam zu den
Dschamikun, um den segensreichen, geistigen Einfluss ihres Ustad zu vernichten.
Und wie glaubte er, dies am besten anfangen zu müssen? Indem er vor allen Dingen
den Pedehr beseitigte, dessen Beruf es ist, den Dschamikun die geistigen
Erzeugnisse ihres Ustad auf materiellem Wege zu übermitteln. Er sollte durch
irgend einen Tifl ersetzt werden, der sich zwar nur einer Kerbelsuppen-Erziehung
rühmen kann und einiger Pflaumen wegen die ganze Welt in Aufruhr schreit, aber
doch die hochwillkommene Eigenschaft besitzt, für jeden bockbeinigen Gaul und
für jede abgetriebene Mähre, die man ihm bringt, ein sattelfester Reiter zu
sein! Der Mirza war überzeugt, er brauche den Dschamikun nur solche alte,
hartmäulige Gäule und spatkranke Mähren vorreiten zu lassen, um aus ihnen
gefügige Massaban16 zu machen!«
    »Du weisst, wie er mit diesem seinem Vorschlage von uns abgewiesen worden
ist,« versetzte der Pedehr. »Kopfschmerzen würden also überflüssig sein!«
    »Denkst du? Er hat sich aber nicht abweisen lassen, sondern er will ihn am
Tage des Wettrennens wiederholen und wird da wohl versuchen, seinen Worten in
irgend einer Weise Nachdruck zu geben.«
    »Es wird aber denselben Misserfolg haben. In dieser Beziehung braucht es dir
nicht bange zu sein!«
    »Gewiss nicht! Als ich von dem Mittelpunkte sprach, den du nicht getroffen
hast, schwebte mir etwas anderes vor. Ich erwähnte es schon einmal, als ich
meine Vermutung aussprach, dass der Aemir-i-Sillan wahrscheinlich schon hier
gewesen sei, wenn auch nur heimlich.«
    »Solltest du dich nicht wenigstens diesmal irren?«
    »Möglich! Denn ich habe keinen Beweis. Es ist nur Vermutung. Aber es gibt
Vermutungen, die schon durch den Umstand, dass sie einem überhaupt kommen können,
bestätigt werden! Ich habe euch auf den Umstand aufmerksam zu machen, dass euer
Duar den Sillan nicht so ganz unbekannt ist, wie ihr zu glauben scheint.«
    »Das wäre uns allerdings neu!«
    »Mir nicht! Wie hat es der Multasim heut gemacht? Er hat die Pferde nicht
weit draussen vom Duar gelassen, wie man doch tut, wenn man die Verhältnisse
nicht kennt, sondern er ist erst ganz in der Nähe desselben abgestiegen.«
    »Er kannte die Oertlichkeit, weil er heut am Tage zweimal dort
vorübergeritten ist!«
    »Das macht mich um so bedenklicher! Er traf grad dort auf den Wächter,
welcher dann schnell kam, uns zu warnen. Warum hat er nicht angenommen, dass am
Abende erst recht ein Wächter da sein werde? Hätte der Sohn desselben nicht
zufälligerweise an seine Schafe gedacht, so wäre der Multasim nicht entdeckt
worden! Dann schlich er sich quer nach der hinteren Seite des Duar. Er kannte
also die Lage desselben genau. Die Häuser und Zelte liegen in zwei Reihen nach
dem Aufgange zum hohen Hause hin. Es war kein Mondenschein. Kann da ein
vollständig Fremder unbemerkt durchkommen? Sodann der vielgekrümmte Weg herauf
zum Hause! Ich kenne ihn. Rechne ich die Länge des Duar hinzu, so hätte ein im
Anschleichen geschulter Indianer gewiss wenigstens zwei volle Stunden gebraucht,
um bis herauf an das Tor zu kommen. Vom Verlöschen unserer Lichter an bis zum
Erscheinen des Multasim war aber nur die Hälfte dieser Zeit vergangen. Der Weg
scheint ihm also nicht unbekannt zu sein.«
    »Er hat aber bewiesen, dass er im Anschleichen ausserordentlich geschickt
ist!«
    »Das ändert nichts, denn ich habe einen wenigstens ebenso geschickten
Indianer angenommen, und der Henker war ja nicht allein. Es befanden sich zwei
Begleiter bei ihm, die durch ihre so prompt besorgte Gefangennahme bewiesen
haben, dass sie es nicht einmal verstanden, sich genügend zu verstecken! Nein,
nein! Dieser nächtliche Besuch kann unmöglich der erste sein! Ich werde den
Multasim vornehmen, ehe ich ihn früh entlasse. Vielleicht gelingt es mir, etwas
aus ihm herauszufragen.«
    Die erwähnten Einwürfe waren mir von dem Pedehr gemacht worden. Jetzt schien
der Ustad sich auf etwas zu besinnen. Er richtete die Frage an ihn:
    »Wie war es doch mit jenem fremden Perser, den wir hier pflegten, bis sein
verstauchter Fuss heil geworden war? Aus welchem Grunde hatte er das Mauerwerk
erstiegen?«
    »Um nach Altertümern zu suchen,« antwortete der Gefragte. »Er war aus
Teheran und hatte dort einen Laden, in welchem solche Sachen verkauft werden. Es
war an einem Dienstag früh, als wir ihn fanden.«
    »Und da denke ich auch noch an jenen Arzt aus Hamadan, der an einem Montage
sich so lange weigerte, bei uns zu bleiben.«
    »Der hatte sich verirrt. Man traf ihn, als es schon dunkel war, und führte
ihn zu uns herauf. Er wollte sich gar nicht halten lassen, obwohl er keinen
wirklich triftigen Grund dazu angeben konnte. Diese beiden Personen kommen hier
gar nicht in Betracht. Sie waren ehrliche Leute, aber keine Sillan. Dagegen fiel
mir soeben etwas anderes ein. Erinnerst du dich der Peitsche, welche Tifl fand,
als er hinüber auf die Mauern stieg, um nach wildem Kekik otu17 für seine Küche
zu suchen?«
    »Natürlich weiss ich das. Es ist noch gar nicht lange her, und die Peitsche
liegt dort hinter meinen Büchern. Ich schrieb den Tag, an welchem sie gefunden
wurde, auf einen Zettel dazu, um dadurch vielleicht auf den Verlierer zu kommen.
Sie gehörte keinem Dschamiki. Das fiel mir damals nicht auf. Jetzt aber beginne
ich, bedenklich zu werden. Fällt dir sonst noch etwas ein?«
    »Nein.«
    »Mir auch nicht.«
    Da rief ich aus:
    »Es ist auch genug, vollständig genug! Was seid ihr doch für liebe, gute,
unbefangene Menschen!«
    »Siehst du auch hier einen Grund, Verdacht zu hegen?« fragte der Ustad.
    »Einen nur? Zehn, zwanzig Gründe habe ich! Bitte, zeige mir zunächst die
Peitsche!«
    Er holte sie. Es war eine Reitpeitsche. Am Griffe hing ein Zettel. Darauf
stand: Dienstag den 9ten Ssäfär. Dieser Griff war schwarz lakiert. An einer
Stelle, wo der Lack abgesprungen war, sah ich helles Blech. Er war also hohl.
Der ebenso schwarze Knauf war dick und schwer, jedenfalls mit Blei ausgegossen.
Ich versuchte, ihn zu drehen. Es gelang. Als ich ihn heruntergeschraubt hatte,
war die Höhlung offen. Es steckte etwas Dunkles darin. Ich zog es heraus. Es war
ein Stück schwarzer, dichter, zusammengerollter Seidenstoff, den ich
auseinanderzog. Drei Löcher! Für Mund und Augen! Vier Schnuren, um über den
Ohren und hinten am Halse zusammengebunden zu werden.
    »Was ist das?« fragte ich, indem ich mir die Seide vor das Gesicht hielt.
    »Eine Larve!« rief der Pedehr.
    »Ja, eine Larve!« bestätigte der Ustad.
    »Und von wem habe ich vermutet, dass er jedenfalls maskiert vor die Pädärahn
trete?«
    »Von dem Aemir-i-Sillan,« antwortete der letztere.
    »Am Dienstag gefunden! Wann aber ist der Tag des Soldes, von welchem der
Pädär-i-Baharat sprach?«
    »Des Montags.«
    »An was für einem Tage wollte sich der Arzt aus Hamadan nicht bei euch
halten lassen?«
    »Eines Montag abends.«
    »An was für einem Tage wurde der Altertümerhändler mit verstauchtem Fusse
angetroffen?«
    »Dienstags früh.«
    »Ustad! Pedehr! Seid ihr auch jetzt noch blind?«
    Sie antworteten nicht. Sie sahen mir, vor Erstaunen starr, in das Gesicht.
    »Glaubt ihr noch immer, dass kein Sill bei euch gewesen sei?« fuhr ich fort.
»O, es ist sogar noch schlimmer, als ich dachte!«
    »Noch, noch schlimmer?!« wiederholte der Ustad meine Worte.
    »Ja! Leider! Drei Montage, drei Montage! Bedenkt es doch!«
    »Sprich deutlicher!« forderte er mich auf.
    »Noch deutlicher? Der Montag ist doch der Versammlungstag der Pädärahn!«
    »Chodeh! Chodeh!« rief er da fast schreiend aus. »Auf was für einen Gedanken
willst du mich bringen! Es ist unmöglich, ihn zu fassen, und es wäre Wahnsinn,
ihn auszusprechen!«
    »Und er muss, muss, und muss aber dennoch ausgesprochen werden! Wenn ihr es
nicht wagt, so werde ich es tun: Es sind nicht nur Sillan bei euch gewesen,
sondern sie verkehren ganz regelmässig hier. Ja, die Obersten der Sillan, die man
Pädärahn nennt, halten an den Montagen des Soldes ihre Zusammenkünfte hier auf
euerem Gebiete, wahrscheinlich in den Ruinen, in denen diese Peitsche gefunden
worden ist!«
    Der Eindruck dieser meiner Worte ist gar nicht zu beschreiben! Es war, als
ob die Beiden, zu denen ich sie gesagt hatte, vollständig sprachlos geworden
seien.
    »Und in diesen Versammlungen pflegt der Fürst der Schatten persönlich zu
erscheinen!« fuhr ich fort. »Er ist hier gewesen. Er lässt sein Gesicht niemals
sehen. Er hat diese Larve getragen. Diese Reitpeitsche ist die seinige. Ob er
sie verloren oder vergessen hat, das ist mir gleich. Er fand sie der Dunkelheit
wegen nicht wieder, und bis zum hellen Tage konnte er nicht verweilen, weil er
sonst von euch gesehen worden wäre. Kam denn der Arzt aus Hamadan zu euch
geritten?«
    »Nein. Als er getroffen wurde, war er zu Fusse,« antwortete der Pedehr
kleinlaut.
    »Aber er kann doch nicht den weiten Weg von Hamadan hierher gelaufen sein!«
    »Freilich nicht. Er hatte ein Pferd.«
    »Wo?«
    »Es war weit draussen vor dem Duar am Ufer des Sees angepflockt.«
    »Ich vermute, dass der Altertümler auch eines gehabt hat?«
    »Ja.«
    »Wo?«
    »An derselben Stelle.«
    »Habe es mir gedacht! Und das ist euch nicht aufgefallen?«
    »Mussten wir es nicht für einen Zufall halten?«
    »Zufall! Es gibt ja überhaupt keinen Zufall. Alles, was sich ereignet,
geschieht aus gewissen Gründen oder nach einem bestimmten Willen. Wille und
Gründe aber schliessen jeden Zufall aus. Das sollte man doch endlich einmal
einsehen! Und selbst wenn du an das Vorhandensein des Zufalles im allgemeinen
glaubtest, so konnte doch in diesen beiden besonderen Fällen von ihm keine Rede
sein. Man hatte die Pferde doch nicht aus Zufall zurückgelassen, sondern
jedenfalls in der ganz bestimmten Absicht, sie zu verstecken, damit sie nicht
gesehen werden sollten. Wenn die Pädärahn kommen, so müssen sie nach einem
solchen Ritte vor allen Dingen ihre Pferde tränken. Darum steigen sie am See ab,
wahrscheinlich immer an derselben Stelle. Ich werde sie mir zeigen lassen.«
    »Darf ich dich hinbegleiten?« fragte er.
    »Ja. Doch sage keinem Menschen etwas davon!«
    »Nicht? - Warum?«
    »Die Sillan, welche hier im Duar wohnen, könnten es erfahren«.
    »Effendi, du bist - - - toll, hätte ich beinahe gesagt! Du glaubst an das
geradezu Unmögliche!«
    Er sagte das in grösster Aufregung. Doch um so ruhiger sprach ich weiter:
    »Ich bin überzeugt, dass das, was ich vermute, nicht stattfinden könnte, wenn
die Feinde hier keine Helfershelfer hätten.«
    »Wenn das wahr wäre, so hätten diese sich doch des am Fusse verletzten und
auch des in der Nacht verirrten Sill angenommen!«
    »Hatte sich der Letztere wirklich verirrt? Als er ertappt wurde, sagte er
dies als Ausrede. Wer so nahe am Duar vom Pferde steigt und es an den See zur
Tränke führt, der will erstens den Duar überhaupt vermeiden und könnte sich
zweitens auf keinen Fall verirren, weil er die Zelte und Häuser grad vor der
Nase liegen hat. Und wer in den Ruinen herumkriechen will, um nach Altertümern
zu suchen, der tut dies doch wohl nicht des Nachts, nachdem er sein Pferd so
sorgfältig versteckt hat. Er kommt des Tages, um sich als Fremder Auskunft,
Erlaubnis und einen Führer zu erbitten! Ihr seid von einer Arglosigkeit gewesen,
die geradezu kindlich ist. Du meinst, die hiesigen Sillan würden sich des
Altertümerhändlers angenommen haben. Ich aber denke mir, dass sie von seinem
Unfalle nichts wussten.«
    »Ich kann dennoch deinen Verdacht nicht zu dem meinigen machen. Es gibt bei
uns keinen Menschen, der den Ring der Sillan trägt.«
    »Weisst du das so genau?«
    »Beschwören freilich könnte ich es nicht. Ich weiss nur, dass ich nie einen
Ring mit diesem Zeichen gesehen habe.«
    »Das halte ich ja gar nicht für erforderlich. Es trägt ganz bestimmt nicht
jeder Sill einen Ring. Wer einen hat, ist gewiss ein Sill. Ebenso gewiss aber ist
es, dass nicht jeder Soldat, dem die Tapferkeitsmedaille fehlt, nicht als Soldat
zu gelten habe.«
    »Das ist ja ein neuer Gedanke! Du hältst den Ring also nicht für ein
Erkennungs-, sondern für ein Anerkennungszeichen?«
    »Ja. Der Fürst der Schatten wird sich hüten, jedem seiner Sillan, also auch
denen, die sich noch gar nicht bewährt haben, einen Ring zu geben! Wenn du bei
einem Menschen das Kainszeichen gewahrst, so darfst du getrost annehmen, dass er
kein Anfänger im Bösen ist! Hat bei euch noch niemand es zu diesem Zeichen
gebracht, so ist das noch kein Beweis, dass es unter euch gar keine Sillan gebe!
Bei der Arglist, mit welcher der Aemir verfährt, ist es sogar möglich, dass man
Sill sein kann, ohne es bestimmt zu wissen. Ja, du darfst nicht einmal von dir
selbst behaupten, dass du noch nie in irgend einer Weise in seinem Dienst
gestanden habest! Du hörst, dass ich keinen deiner Dschamikun direkt verdächtigen
will; aber ich frage dich, ob du vielleicht behaupten willst, dass in eurem
kleinen Reiche nichts als nur Licht vorhanden sei!«
    »Leider ist dies nicht der Fall. Diese ganze Gegend war früher von den
Massaban besetzt, jenen Unglücklichen, welche verführt worden waren, auf allen
möglichen Irrwegen für ihre Unterhaltung zu sorgen. Sie stürzten sich
vollständig skrupellos über alles her, was ihnen in die Hände kam, und selbst
der edle Lumpenhändler, der hier des Weges fürbass zog, war ihnen noch willkommen
und konnte dann mit leeren Händen weitergehen.«
    Als der Pedehr bis hierher gekommen war, ergriff der Ustad, der zuletzt
geschwiegen hatte, mit neu erwachter Lebendigkeit das Wort:
    »Es war die schlimmste Wegelagerei, die man sich unter Menschen denken kann,
und niemand war hier seines Eigentums sicher. Es gab bei dem Gesindel kein
Bedenken und keinen Unterschied. Heute fiel man über einen Reichen her, und
morgen wurde dann in ganz derselben Weise ein armer Schelm bis auf das Letzte
ausgeplündert. Ich glaube fast, man hätte nicht einmal das geistige Eigentum
geachtet und selbst die Manen eines Schiller, Goete um ihre Jungfrau, ihren
Faust beraubt! Am liebsten hielten sich die Massaban da drüben in den alten
Mauern auf, in denen einst die Frömmigkeit verschwundener Völker wohnte. In
diesem Schutze wussten sie sich sicher. Und wie sie dort gehaust, das kannst du
sehen, wenn du hinüber gehst, um Heiliges zu suchen. Du findest nichts, als nur
die Ueberbleibsel der Zerstörung, die alles einst Erhabene vernichtet hat!«
    Jetzt warf er einen forschenden Blick auf mich und fragte:
    »Hast du verstanden, was ich sprach, Effendi?«
    »Ja,« antwortete ich. »Ich habe ja nach diesen Massaban nicht weit zu
suchen, grad ich! Sie haben ja auch mich bis auf die Stiefel ausgezogen,
obgleich ich doch kein Schiller und kein Goete bin. Ich traute ihrem scheinbar
ehrenhaften Dinarun-Gebaren. Dann aber sah ich freilich ein, dass es ihnen nur
daran lag, sich meine Person und meine Waffen gegen brave Menschen dienstbar zu
machen. Da begleitete ich sie denn in ihre eigene Falle, den Todessprung nicht
scheuend, der über ihren Abgrund mich zu bringen hatte. Jetzt hörst du wohl, dass
ich begriffen habe, wen du meintest? Sie hatten noch die Blödigkeit, mich vor
diesem Sprung zu warnen, ich aber tat ihn doch und liess sie in dem Tal des
Sackes stecken.«
    »Und rettetest dich grad in jene Gegend, von welcher aus sie einst ihr
lichtscheues Rittertum betrieben hatten!« fügte der Ustad hinzu. »Könntest du
den Hass ermessen, den sie auf mich warfen, als sie sich von mir aus dieser
Gegend verdrängt sahen! Sie, die sich unter einander selbst nie etwas gönnten,
sich unaufhörlich mit einander herumbissen und gegenseitig stets die Zähne
fletschten, sie fühlten sich sofort als liebe Herzensfreunde, sobald es galt,
sich gegen mich zu wenden. Du kennst ja ihren allerletzten Zug, den sie, mich zu
verderben, unternahmen! Da waren alle schnell bereit, und keiner wollte fehlen!
Sogar die Weiber schlossen sich mit an! Und alles, was man sonst Bagage heisst,
das wurde mit den Ochsen und mit den Eseln hintendrein geschleppt, um an dem
leicht erhofften Siege teilzunehmen! Das ist so ganz, so recht die Weise dieser
Leute, die ich zwar nur als Massaban, als Unglückselige bezeichnen lasse, weil
ich auch noch im Feind den Menschen sehe, doch dürften auf sie wohl auch noch
ganz andre Namen passen, die weniger als dieser den Klang der milden Nachsicht
haben! - - - Es war kein leichtes Werk, ihr einstiges Gebiet von ihnen ganz zu
säubern. Sie gaben es ja nicht freiwillig auf. Wir hatten schwere Kämpfe zu
bestehen. Und als sie mit Gewalt nichts mehr erreichen konnten, da griffen sie
zur List. Ich bin nie den Gedanken los geworden, dass hier in den Ruinen noch
etwas steckt, wovon sie angezogen werden. Vielleicht so etwas Aehnliches wie
unten im Birs Nimrud, was dort von euch gefunden und an das Tageslicht gezogen
wurde. Wir haben noch nach langer Zeit die Spuren fremder Füsse im alten Bau
gesehen, und noch bis in die Gegenwart kam es zuweilen vor, dass sich hier Leute
niederlassen wollten, die ich nach stiller Prüfung wieder gehen hiess. Es waren
auch Verwandte von einigen der Dschamikun dabei, die mir es, wie es scheint,
nicht ganz vergessen können, dass ich den fremden Anhang nicht geduldet habe. Und
das wird es wohl sein, was der Pedehr mit der Bemerkung meinte, dass auch bei uns
nicht lauter Licht vorhanden sei.«
    Als er dieses sein Geständnis ausgesprochen hatte, knüpfte ich schnell an
dasselbe an:
    »Was du jetzt gesagt hast, führt mich auf die Frage zurück: Was will der
Mirza eigentlich hier? Warum ist ihm grad diese Gegend so wichtig, dass er alle
seine sonstige Vorsicht vernachlässigt, nur um den früheren Einfluss wieder zu
gewinnen?«
    »Ich weiss es nicht. Kannst du es dir wohl denken? Vermuten kann ich auch,
doch klar zu sehen ist mir noch nicht möglich.«
    »Vergegenwärtige dir seine Reden! Er hat uns ja in Dreistigkeit sein bisher
stets verschwiegenes Programm entwickelt. Dass er, der Schlaue, heut zu dieser
Dummheit förmlich hingerissen wurde, das muss uns doch verraten, wieviel für ihn
hier auf dem Spiele steht! Ihm widerstrebt die geistige und sittliche Kultur. Wo
sie erblüht, hat er die Macht verloren. Er muss den Stumpfsinn pflegen, der weder
sieht noch hört, und mit ihm jene Unzufriedenheit, die stets nach Hilfe schreit,
weil sie zu faul und unerfahren ist, sich selbst zu helfen. Er muss den wahren,
unverfälschten Gottesglauben töten, der Kraft und Mut zum Lebenskampf verleiht,
dagegen aber jene Schwachkopf-Frömmigkeit beschützen, die jeden, der sie an den
Wangen streichelt, sofort für einen Engel ihres Himmels hält. Da darf es auf der
Erde keinen Frühling geben, der alles, was veraltet, von den Fluren fegt. Der
Staub hat meterdick auf Stadt und Land zu liegen, und wo ein Wasser fliesst, da
muss es trüb und schleichend sein! Dann kommen jene nächtlichen Gespenster, die
alles, doch nur keine Geister sind. Sie flattern überall, mit leisem
Vampyrflügelschlage. Und wo sie sich aufs Volk herniederlassen, da saugen sie
ihm bald die vollen Adern leer. Dann sieht man nicht mehr frohe Menschenkinder,
die sich in Gottes reinem Lichte sonnen. Der Blick fällt nur auf geistge
Mummelgreise, und alles ringsum wird zum - - - Schattenland!«
    »So war es hier; so war es, wie du sagst!« stimmte der Ustad bei. »Es war
die Geisteswüste, genau wie jenes Paradies, von dem ich dir erzählte, ein
flaches, ödes, wüstes Schemenland! Der Stumpfsinn kroch im tiefen Bodenstaube.
Der Groll schlich zähneknirschend nachts umher. Der arbeitsscheue Müssiggang
schlug frömmelnd sich die Brust und schnappte gierig nach der Dummheit Brocken.
Stumm lag der ausgenutzte Fleiss in dürrem Sande. Und über diesen und noch
tausend andern Schatten gab es ein unhörbares Flattern dunkler Flederhäuter, für
welche du den rechten Namen, Vampyr, hattest. - - So, so war es um die Bewohner
dieses traurigen Gebietes und also auch um meine jetzigen Dschamikun beschaffen,
als ich zu ihnen kam. Ich hatte zwar schon oft von Menschheitsjammer sprechen
gehört und manches Erdenleid an andern und auch an mir selbst erfahren, doch dass
dies Elend nicht von dem Geschick bestimmt, sondern nur der Sauggier dieser
Flügelhäuter zuzuschreiben sei, das war mir völlig unbekannt gewesen. Ich fragte
mich, ob wohl noch Hilfe möglich sei. Wenn ich die unzählbaren Scharen sah, die
es von ihnen gab, da hörte ich zu meinen eigenen Füssen die Verzagteit stöhnen.
Ich schob sie fort von mir und dachte nach. Ein Mensch, ein einzelner, war nicht
zu helfen fähig, auch viele Tausend nicht. Dies nächtliche Getier stand unter
einem Schutze, der mächtiger als Menschenschwachheit ist, dem Schutz der
Dunkelheit. Jedoch noch mächtiger als diese ist das Licht. Gelang es mir, es
dort hinüber in den Bau zu tragen, der ihm seit langer Zeit fast ganz
verschlossen war, so mussten diese Sauger an die Helligkeit des Tages fliehen, wo
sie von jedermann erkannt und dann gemieden werden konnten.«
    Als der Ustad hier eine Pause machte, nahm der Pedehr das Wort.
    »Was du jetzt sagtest, führtest du auch aus. Wir kannten dich noch nicht; du
hattest keine Hilfe und wagtest dich allein in die Ruinen. Jedoch grad diese
Kühnheit hat uns für dich gewonnen!«
    »Es war viel leichter, als man denken sollte!« lächelte der Ustad. »Ich habe
mich nicht etwa eingeschlichen. Ich kam im vollen, hellen Licht des Tages und
sagte ehrlich, wer und was ich sei. Da hielt man mich erst recht für einen
Schatten, der aus der Welt des Lichtes hierher in ihre Dunkelheit geworfen
worden sei. Auch dies vermochte nicht, zum Trug mich zu bewegen. Ich nahm mein
Licht heraus und zündete es an. Sie hatten nichts dagegen. Das kleine Flämmchen
schien sogar hier Freude zu bereiten. Es konnte diese grosse Finsternis ja doch
nur tiefer machen, und für die Menschen draussen brauchte man es als Beweis, dass
man in den Ruinen das Licht zu schätzen wisse.«
    Da fiel der Pedehr ein:
    »Wir sahen dieses Licht. Es zog uns an. Wir kamen nach dem Bau. Erst einzeln
nur, doch bald in grössern Scharen. Wir drangen in den Bau. Es wurde hell in ihm,
weil wir nicht ohne unsere Lichter kamen. Da ging ein schrillendes Gekreisch
durch alle seine Gänge. Es flatterte und huschte überall. Wir leuchteten in alle
Ecken und stöberten die Flederwesen auf. Sie flohen vor uns her, auf jede
Öffnung zu. Und wer da draussen stand, der sah sie wie verscheuchte Irrgedanken
aus dem Gemäuer kommen und, um die Ecken biegend, schnell verschwinden. Ob
vielleicht welche, tief versteckt, sich noch im Bau befanden, das kümmerte uns
nicht, weil wir doch nicht die Absicht haben konnten, ihn für uns zu benutzen.
Wir bauten uns im Sonnenlichte an und haben bis zum heutigen Tag noch keinen
Grund gehabt, es zu bereuen.«
    »Ihr werdet auch fernerhin keinen solchen Grund finden,« sagte ich. »Für
jetzt scheint es mir beachtenswert, dass du nicht genau weisst, ob damals
vielleicht welche von den Massaban unentdeckt geblieben sind. Habt ihr denn die
Ruinen nicht genau untersucht?«
    »Doch! So weit sie nämlich zugängig waren. Es gibt auch alte, ganz oder
halbverschüttete Gänge, in welche wir nicht vorgedrungen sind, weil wir keine
zwingenden Gründe dazu hatten. Der Bau des Duar nahm uns so in Anspruch, dass wir
keine Zeit fanden, alte Löcher neu auszugraben.«
    »Wohl! Lassen wir da einstweilen ruhen! Wir haben es mit dem Aemir-i-Sillan
zu tun. Er brüstete sich schamlos damit, dass die Massaban seine Beschützten
seien. Er hat gesagt, dass es in seiner Macht stehe, euch das frühere Gebiet
dieser Leute mit der Hilfe von Soldaten wieder abzunehmen. Er will dies aber
nicht tun, falls ihr euch bewegen lasset, ihm einen bestimmenden Einfluss über
euch einzuräumen. Warum das? Er muss doch Gründe haben! Sollten diese auf den
Umstand deuten, dass ihr gewisse Teile der Ruinen noch nicht kennt? Wir werden
diese Frage weiter verfolgen, sobald wir Zeit dazu finden. Es gibt für ihn noch
eine andere, allgemeinere und noch wichtigere Ursache, euch zu stören. Ich habe
sie bereits angedeutet. Er hasst die Kultur, weil sie ihn seiner Macht beraubt.
Es liegt in seinem Interesse, sie zu vernichten und nicht wieder aufkommen zu
lassen. Das ist ganz derselbe Geist, welcher Etage um Etage eurer Steinpyramide
ihrem ursprünglichen Zwecke entzog, um sie schliesslich mit gesindelhaften
Menschen zu bevölkern. Grad eben, als er dies erreicht hatte und nun damit
beginnen konnte, das, was ich vermute, in das Werk zu setzen, kam der Ustad, um
mit Hilfe seiner Dschamikun dieses Gesindel wieder zu vertreiben - - -.«
    »Was vermutest du?« fragte mich der Ustad.
    »Davon später!« antwortete ich. »Für meinen jetzigen Gedankengang genügt die
Bemerkung, dass der Aemir-i-Sillan euer Gebiet als Stützpunkt seiner Pläne nicht
nur betrachtet hat, sondern selbst auch heute noch betrachtet. Es ist sogar
möglich, dass eure Ruinen für ihn von noch grösserer Bedeutung als diejenigen des
Birs Nimrud sind. Seine Pläne scheinen ihrer Ausführung entgegen zu treiben.
Wäre dies nicht der Fall, so wäre er nicht in eigener Person und öffentlich
gekommen und hätte es noch viel weniger gewagt, mit seinen Reden und Forderungen
so aus sich herauszutreten.«
    »Vielleicht giebst du dem allem eine grössere Bedeutung, als es verdient,«
warf der Ustad ein.
    »Das glaube ich nicht. Ich überlege kalt und objektiv. Der Mirza hat heut
Dinge gesagt, von denen man nur dann so deutlich redet, wenn man sie als letzte
und höchste Trümpfe ausspielen will. Warum zum Beispiele dieses auffällige
Eingehen auf das Wettrennen? Welchen Zweck hat dieses Rennen für ihn? Etwa euch
einige Pferde oder Kamele abzugewinnen? Wirst du ihm das glauben? Ist es
vielleicht deshalb, weil er dadurch eine unauffällige Gelegenheit findet, sich
für einige Zeit hier aufzuhalten und herumzutreiben? Wir werden aufpassen, und
ich hoffe, dass es uns gelingt, seinen Absichten auf die Spur zu kommen! Du
glaubtest, Ustad, dass ich übertreibe. Bedenke doch, um was für einen Mann es
sich handelt! Es ist ein grosser Unterschied, ob ein gewöhnlicher Soldat oder ein
hoher General geheime Pläne hegt. Wenn ein Prinz von der Bedeutung Ahriman
Mirza's euch hinter dem Rücken des Schah-in-Schah mit Vernichtung droht, mit
seinen geheimen Gewalten prahlt und es unternimmt, euch verrückt klingende
Anschläge zu machen, die kein vernünftiger Mensch begreifen kann, so kann es
sich nicht um die bedeutungslose Subordination eines Soldaten gegen sein
Korporälchen handeln, sondern die Angelegenheit muss eine höchst wichtige sein,
und zwar nicht nur für dich und deine Dschamikun!«
    »Willst du mich bange machen, Effendi?« fragte er besorgt.
    »Nein! Ich will nur beweisen, dass wir vorsichtig zu sein haben. Wenn der
Mirza fortfährt, so schwatzhaft zu sein, wie er heut gewesen ist, so denke
wenigstens ich an keine Bangigkeit. Nur darf er nicht vermuten, dass wir ihn zu
durchschauen beginnen. Darum dürfen wir ihn in seinem Anschlage gegen Dschafar
Mirza nicht eher stören, als bis die rechte Zeit dazu gekommen ist. Wir machen
also seinen Brief an den Henker wieder zu. Der Multasim muss ihn auf jeden Fall
bekommen.«
    »Aber wie?«
    »Auf irgend eine Weise, die ihn im Zweifel darüber lässt, wer der Bote
gewesen ist.«
    »Das kann ich jetzt in Isphahan sehr leicht besorgen. Er wohnt ja da!«
    »Ja; tue das! Ich aber werde mir den Brief sofort abschreiben, und auch das
Alphabet. Es kann später von grossem Vorteile sein, eine Kopie zu besitzen.«
    Ich machte die beiden Abschriften in mein Taschenbuch. Als ich damit fertig
war, erkundigte sich der Ustad:
    »Es ist möglich, dass ich Dschafar Mirza in Isphahan treffe. Ich soll ihm
also nichts sagen?«
    »Nein. Ich wünsche, dass er vollständig unbefangen sei, damit Ahriman Mirza
gar nichts merke. Dieser wird ihn auf irgend eine Weise veranlassen, mit hierher
zu reiten. Das gibt eine vortreffliche Gelegenheit, den Mord dann auf uns zu
schieben, welche Ahriman sich ganz gewiss nicht wird entgehen lassen wollen. Du
sagst Dschafar nur das eine, dass ich hier bin. Wenn er das hört, wird er sicher
kommen. Dann sind wir wahrscheinlich genauer unterrichtet als jetzt und können
ihm gleich Bestimmtes mitteilen, während er jetzt fast nur Vermutungen hören
würde.«
    »Durch die Erwähnung, dass man versuchen wird, Dschafar zum Wettrennen
herbeizulocken, erinnerst du mich daran, dass er das edelste und beste Pferd in
ganz Persien besitzt.«
    »Das ist viel gesagt, sehr viel!« bemerkte ich.
    »Es ist aber wahr!«
    »Jedenfalls hat er es nicht selbst gezüchtet?«
    »Nein. Es ist ein Geschenk des Schah-in-Schah.«
    »So wird es bei Dschafar verdorben. Er ist kein Reiter und wird es auch nie
werden. Das habe ich gesehen, als ich ihn kennen lernte.«
    »Du bist Kenner, und doch hast du Unrecht. Dieses Pferd ist bisher weder von
Dschafar selbst, noch von irgend einem andern verdorben worden. Niemand hat es
noch je geritten.«
    »Warum?«
    »Der Grund ist eben so einfach wie unglaublich. Dieses herrlichste aller
Vollblute lässt sich nämlich nicht reiten, absolut nicht!«
    »Das wäre!« rief ich ungläubig aus. »Persien hat doch Reiter!«
    »Allerdings! Aber die besten, die kühnsten und auch die geduldigsten haben
es vergeblich versucht.«
    »Lässt es niemand aufsteigen, oder wirft es jeden ab?«
    »Keines von beiden. Es lässt jeden hinauf und wirft keinen herunter. Es steht
wie ein Lamm; aber es bleibt eben stehen. Es tut keinen Schritt, keinen,
einzigen! Es ist durch keine Lockung und aber auch durch keine Peitsche zu
bewegen, sich von der Stelle zu rühren.«
    »Aber wenn man es führt, während jemand daraufsjetzt?«
    »So tut es grad soviel Schritte, wie es geführt wird, doch keinen einzigen
weiter. Ich habe mich schon gefragt, ob das Natur oder Dressur ist.«
    »Natur - - Dressur? Es kann durch keine Dressur erzwungen werden, was die
Natur überhaupt verbietet. Es ist dem, was man Dressur nennt, möglich, die
Grenzen des Wollens und Könnens um ein weniges zu verrücken; weiter kann sie
nichts. Wenn das Tier aus Liebe zu seinem Herrn etwas tut, was gegen seine
sogenannte Natur verstösst, oder wenn es sogar nach und nach selbst Freude an
einem ihm angewöhnten Vorgang findet, der keine Folge seiner ursprünglichen
Instinkte ist, so kann man doch wohl nicht mehr von Dressur sprechen. Es ist ein
Unterschied, ob der Dresseur mit der Peitsche dasteht, oder ob das Tier etwas
früher Gelerntes später ganz aus freiem Willen tut. Bei Dschafars Pferd steht
niemand, der es durch heimliche Winke oder offene Drohungen zwingt, etwas zu
leisten, was ihm eigentlich widerstrebt. Es denkt; es will; es folgt einem
eigenen Entschlusse und führt ihn sogar mit einer so ausdauernden Energie aus,
dass sich mancher Mensch ein Beispiel an ihm nehmen könnte. Es lässt sich weder
durch freundliche Verführung noch durch Drohung oder gar Roheit irre machen. Das
ist höchster Pferdeadel! Ein gewöhnlicher Gaul würde nur aus Angst gehorchen, so
lange er die Peitsche sieht. Was der Schah-in-Schah in dieses Pferd gelegt hat,
ist keine tote Angewöhnung, keine stumpfsinnige Zwangesgehorsamkeit. Es ist eine
sehr liebe und sehr gütige Hand gewesen, von welcher das edle Tier dieses Syrr
empfangen hat, und es wird auch nur derselben Gesinnung gelingen, es zu lösen.«
    »Syrr, hast du gesagt? - Sonderbar!« rief er aus.
    »Warum?« fragte ich.
    »Das ist der Name des Pferdes. Es heisst Syrr. Hast du vielleicht schon von
ihm gehört, oder war es Zufall, dass du dieses Wort brauchtest?«
    »Zufall? Du weisst doch, dass es für mich keinen Zufall gibt! Ich wusste
übrigens nichts von diesem Pferde.«
    »Aber du wirst doch nicht etwa behaupten wollen, diesen Namen infolge einer
Fügung oder Schickung gefunden zu haben! Das wäre doch wohl lächerrlich! Verzeihe
mir dieses Wort!«
    »Ich behaupte nichts, und ich vermute und ich folgere nichts. Ich wiederhole
nur, dass es für mich diesen Freund der Oberflächlichkeit, den Zufall, nicht mehr
gibt. Man nennt ihn auch das blinde Ungefähr. Es scheint nur ungefähr zu sein,
und ist auch keineswegs blind. Wer ruhig wartet und die Augen offen hält, der
lernt dann ganz gewiss die verborgenen Fäden kennen.«
    »Verborgene Fäden zwischen dir und diesem Syrr?« lachte er. »Effendi,
Effendi, welcher Wunderglaube!«
    »Wer hat sie angeknüpft? Du selbst?« antwortete ich ebenso heiter. »Du hast
ein Wort betont, bei dem ich mir gar nichts dachte. Ob dieser Ton nur von dir
stammt und also bedeutungslos ist, das wird sich finden. Hat denn Dschafar nicht
irgend einmal wegen dieses Geheimnisses mit dem Schah-in-Schah gesprochen?«
    »Doch! Er erzählte es mir. Der Beherrscher erkundigte sich einst bei ihm,
wie sich das Pferd befinde. Da klagte er ihm seine Not und erzählte von den
vielen vergeblichen Versuchen, welche angestellt worden waren. Hierauf lächelte
der Schah wie in stiller Freude vor sich hin und sagte: Sobald der Rechte kommt,
wird es sofort und stets gehorchen, aber nur ihm allein. Es ist mein Syrr. Kein
Mensch wird es ergründen! Dschafar verstand diese Worte nicht. Auch mir sind sie
dunkel. Was denkst du dir wohl dabei, Effendi?«
    »Nichts! Syrr heisst Geheimnis, sogar Mysterium. Achten wir es, indem wir
nicht versuchen, an ihm herumzutasten. Das ist der Wille des Beherrschers!«
    »So wollen wir für jetzt schliessen. Ich bitte um die Erlaubnis, dich hinauf
in deine Wohnung führen zu dürfen.«
    Und indem er sich an den Pedehr wendete, fügte er für ihn hinzu:
    »Bereite es vor, dass, sobald der Brief an den Offizier fertig ist, einige
Boten sofort nach Bagdad reiten, um ihn und seinen Diener zu holen. Er wird sich
nicht entschliessen können, ohne diesen zu reisen. Für Kepek, den Gewichtigen,
werden sie eine Kamelsänfte mitnehmen müssen, weil ein anderes Transportmittel
für ihn gewiss zur Marter werden würde.«
    Nun trennten wir uns vom Scheik. Dieser stieg in das Erdgeschoss hinab. Der
Ustad aber nahm eines der beiden Lichter, um mit mir nach oben zu gehen.
    Als wir aus seiner Stube traten und die Tür der Rumpelkammer vor uns
hatten, machte er sie zu meiner Verwunderung auf und ging hinein.
    »Komm, Effendi!« sagte er. »Tritt näher!«
    »Warum?« fragte ich.
    »Du hast diese Sachen mir geschenkt; aber du weisst gar wohl: Was mein ist,
ist auch dein! Ich hatte vielleicht kein Recht dazu, doch folgte ich der Regung,
dich zu prüfen. Du hast bestanden! Besser, viel besser, als ich erwarten konnte!
Indem du mir diese Dinge alle schenktest, hast du etwas abgelegt. Was es ist,
das überlege dir! Und indem ich, so bald und so oft du willst, sie dir alle
wieder zur Verfügung stelle, tue ich etwas, was dich unendlich freuen muss. Was
es ist, überlege dir auch das! Kamst du zu mir aus einem Land, auf dem es keine
festen Wege gibt? Willst du dein Ziel von hier nur noch im Flug erreichen? Ich
weiss, dir ist die Angst vollständig unbekannt. Du fühlst dich an der Hand, die
keinen je verlässt, der sich ihr anvertraut. Doch, hebe deinen Fuss nicht von dem
sichern Boden! Noch bist du nicht daheim! Kannst Waffen nicht entbehren! Nimm
diese Warnung an! Nachdem ich dich geprüft, hab ich das Recht erworben und auch
die Pflicht dazu, in diesem ernsten Ton mit dir zu reden!«
    Er hob die Hand und drohte mir in liebevoller Weise mit dem Finger. Da kam
es wie ein plötzliches Glück über mich, aber nicht wie ein unverstandenes,
sondern wie eins, welches klar und deutlich vor einem steht und voll begriffen
wird. Ich nahm ihn bei der erhobenen Hand, zog ihn heraus, machte die Tür zu
und sagte:
    »Komm hervor aus dieser unserer Kammer und schnell herauf zu mir! Ich muss
dir etwas sagen!«
    »Was?« fragte er.
    »Ein Geständnis. Komm nur, komm! Ich freue mich so sehr!«
    »Ein Geständnis? Und doch Freude?«
    »Ja! Es ist ein Sieg, ein innerlicher Sieg, den du soeben über dich und
mich, über uns beide also, errungen hast!«
    Er folgte mir so schnell, wie ich ihm voranstieg. Oben bei mir angekommen,
nahm ich ihm das Licht aus der Hand und brannte zunächst die Lampe wieder an,
welche er der Perser wegen hatte auslöschen müssen. Als dies geschehen war, bat
ich ihn, sich aufrecht vor mich hinzustellen. Ich nahm ihn mit frohem Blicke von
oben bis unten in die Augen und sagte dann:
    »Es ist mir mit dir grad so ergangen, wie es so manchem Menschenkind mit
seinem Geist ergeht. Es kennt ihn nicht, bis ihn der Feind ihm zeigt. Ich wusste
nichts von dir, bis mich die Massaban auf jene Spuren führten, an denen ich zum
erstenmal den Namen Ustad hörte. Man sprach von dir als dem Geheimnisvollen, von
dem man ja nichts Schlechtes sagen dürfe. Sie schienen dich nicht bloss zu
achten, sondern auch zu fürchten, und dennoch aber hegten sie nur Feindschaft
gegen dich, weil sie als Unglückselige dich ja doch hassen mussten. Dann traf ich
den Pedehr, der mir nicht trauen wollte. Er nahm die Flucht vor mir, doch holte
ich auf meinem Pferd das deinige schnell ein. Es war fast wie bei jenem
Morgenritt im Märchen Danyseh, wo das schnellste Pferd des Menschengeistes von
dem silberweissen Ross der Menschenseele überholt wird. Als ich hierauf mit ihm
sprach, hörte ich zum zweitenmal von dir. Ich begann, in meiner Phantasie nach
einem Bild von dir zu suchen. Dann warf mich jene schwere Krankheit nieder, von
der ich hier bei dir erstanden bin. Ich lag bewusstlos, ohne Tätigkeit des
Geistes. Da begann ich, zu erwachen. Es legte sich eine Hand auf meine Stirn,
und dabei war es mir, als ob von ihr eine gütig reine, immaterielle Kraft
ausströme und dann durch mein ganzes Wesen gehe. Und eine tiefe Stimme sprach
die Worte: Der Herr behüte deinen Eingang und deinen Ausgang von nun an bis in
Ewigkeit. Amen!«
    »Das war ich,« sagte der Ustad.
    »Ja, du warst es. Du kamst noch oft, wenn ich nicht wachte. Dann hatte ich
einen Traum. Oder war es ein Gesicht? Ich befand mich im Haine Mamre, bei der
Eiche Abrahams. Da trat die hohe Gestalt des Erzvaters leuchtenden Auges vor
mich hin und grüsste mich: Friede sei mit dir! Und als ich das meinige öffnete,
standest du vor mir, breitetest deine Hand wie segnend über mich aus und
sprachst ganz dieselben Worte. Darum wuchsest du in meinen Fieber- und dann auch
in den Genesungsträumen dich in mir zum Ebenbilde jenes ausgewanderten Chaldäers
aus, welchem der Herr einst die Verheissung gab: Ich werde dich zum grossen Volke
machen! Als ich mich dann so weit erholt hatte, dass ich mich erheben und draussen
vor der Halle sitzen konnte, da kamst du zu mir, und was und wie du da sprachst,
das war im Geist des ersten Testaments gesprochen, der sich im zweiten die
Verklärung holte. Nun kam das Heut, der Dankestag. Hättest du in mir noch höher
wachsen können, so wäre das da drüben bei eurem Gotteshaus gewiss geschehen. Du
zeigtest dich dort Ahriman nicht nur gewachsen, sondern überlegen. Ich schaute
zu dir auf, fast staunend, möcht ich sagen! Es stieg der Wunsch in meinem Herzen
auf, so gross zu sein und auch so rein wie du. Das war wohl auch der mir nicht
klar bewusste Grund, dass ich dann jene Beichte sprach, die mich befreien sollte.
Ich wollte deiner würdig sein, ganz still, in meinem Innern!«
    »Mein Freund, mein lieber, lieber Freund!« rief er gerührt aus.
    »Warte,« bat ich, »und höre weiter! Es wurde Abend. Da stellten sich die
finstern Schatten ein. Du zogst sie aus der früheren Zeit herbei und warfst sie
leider über deine Gegenwart. Das Licht verschwand. Du wurdest mir fast dunkel.
Du liessest diese deine Schatten wachsen. Sie nahmen jene Riesengrösse an, von
welcher du bei deinem Sonnentage sprachst! Du aber wurdest kleiner, in meinen
Augen immer, immer kleiner! Ich sträubte mich dagegen, doch vergeblich. Ich
wollte dich, die Hochgestalt, nicht lassen. Und dennoch tatst und sprachst du
alles, was dich gering und winzig machen musste. Du warst für mich nicht mehr der
Abraham von Erz, an dem kein Schatten fressen, kein Schemen rütteln kann. Du
hattest dich in jenen schnellen Hasenfuss verwandelt, der, wenn das dunkle Abbild
eines Baumes, die Sonne fliehend, auf sein Lager fällt, rasch auch die Flucht
ergreift und, blind vor Angst, im allerschnellsten Lauf von dannen jagt, um
seine Feigheit in den Busch zu retten.«
    »Maschallah!« verwunderte er sich jetzt. »Diesen Eindruck habe ich auf dich
gemacht, nur diesen?«
    »Ja!« antwortete ich.
    »Wie war das möglich?!«
    »Möglich? Sag unvermeidlich! Du sprachst soeben davon, dass ich die Angst
nicht kenne. Sie ist mir fast verächtlich. Ich kann sie nicht begreifen. Da
plötzlich seh ich die Gestalt, die ehern mir erscheint, als sei sie von des
Schicksals eigener Hand gegossen und auf den rechten Platz auf festestem Granit
gestellt, von diesem sichern Felsen niederspringen und wie besinnungslos die
Flucht ergreifen! Vor wem? Vor nichts, als nur vor ihrem eigenen Schatten!
Fühlst du mir denn nicht nach, was ich empfinden musste? Ahnst du denn nicht, dass
du dich da in mir zerstören musstest? Der Ritt durch dein Gedankenparadies, wie
war er doch so traurig! Nicht dieser Toren wegen, die es verfallen liessen,
nein, deiner heiligen Einfalt wegen, in welcher du aus der Erhabenheit der Berge
niederstiegst, um dich in Wüsteneien durchzuhungern und dann sogar den Baum des
Schwatzes zu beachten! Du warst mir fast so ideal geworden wie jenes Bild von
Akhal, den Durchschauenden, den nie ein Mensch betört. Was aber war aus diesem
Geiste der Untrüglichkeit geworden, als ich ihn, blind vor Angst, die Flucht
ergreifen sah, gehetzt von den Phantomen, die ihn auch heut noch nicht verlassen
haben!«
    Da liess er den Kopf sinken und war eine kleine Weile still. Dann warf er ihn
mit einer energischen Bewegung wieder empor und sagte:
    »Das war eine böse, böse Sonde, Effendi! Aber du weisst nicht, wie ich dir
dafür danke! Ich fühle, dass es in mir licht werden will. Siehst du die Schatten,
welche von mir weichen und da, zur Tür hinaus, die Flucht ergreifen? Nicht? Ich
auch nicht. Aber ich fühle, dass sie es tun, dass sie von dir aufgestöbert worden
sind und mich verlassen müssen. Du hast mir nichts gesagt, als nur die Wahrheit.
Nun sage mir noch eins: Glaubst du, dass ich die innere Kraft besitze, dir wieder
das zu werden, was ich dir vor dem heutigen Abend war?«
    »Ja! Fast bist du es schon wieder! Ich sprach von dem Geständnis und auch
zugleich von meiner Freude, bevor wir hier heraufgegangen sind. Das erstere hab
ich dir nun gemacht. Die letztere sollst du jetzt mit mir teilen.«
    »Freude? Worüber?«
    »Ueber dich! Erinnere dich der Strenge, mit welcher du da unten in der
Kammer zu mir sprachst! Das war der Mann von Erz! Nicht mehr der
Schattenflüchtling! Du wuchsest plötzlich wieder empor. Du setztest deinen Fuss
zurück auf den Granit. Ich bitte dich: Steig wieder auf die alte, gute Stelle!
Ich gebe dir mein Wort: Kein Schatten ist es wert, und wenn es selbst der
allergrösste wäre, dass man um seinetwillen auch nur in einzig Mal den Kopf nach
hinten wendet!«
    »Nach hinten wendet!« wiederholte er. »Nach hinten! In die Vergangenheiten!
Und grad dir, dir, der du es nicht einmal der Mühe für wert hältst, auch nur den
Kopf zu wenden, dir wollte ich jetzt alle, alle meine Schatten bringen! Komm
heraus! Ich will dir zeigen, wo sie stecken! Ich sehe es dir an: du ahnest, was
ich will. Du bist glücklich darüber. Dein Auge leuchtet! Du hast von einem Sieg
gesprochen, den ich über dich und mich errungen habe. Jetzt aber ist dir ein
noch viel, viel grösserer gelungen: Der Sieg über die, denen ich einst unterlag,
über sie alle, alle, alle! Ich bitte dich noch einmal: Komm heraus!«
    Er nahm die Lampe und führte mich hinaus in seine Bücherei. Dort stellte er
sie auf den Tisch.
    »Hier wollte ich dir erzählen, wohl stunden-, stundenlang,« sagte er.
»Vielleicht wäre ich am Morgen noch nicht zu Ende damit gewesen. Nun aber wird
es kurz gemacht, so kurz, wie diese Schatten es verdienen!«
    Er deutete auf eine Reihe von Büchern, welche ganz gleich eingebunden waren,
und sprach weiter:
    »Hier steht mein Geist, in Bände wohlzerspalten und richtig numeriert, wie
das so Sitte bei den Menschen ist. Schau du hinein, und sage mir sodann, ob
diese Bücher wohl auch eine Seele haben!«
    Ich griff hin, um eines vom Gestell zu nehmen. Da bat er:
    »Nicht jetzt! Du hast ja dazu Zeit, wenn ich verreist bin und dich niemand
stört. Ich habe dir noch weiteres zu zeigen. Ich wollte dir erzählen und
erklären, zu welchem Zweck ich diese Werke schrieb. Ich unterlasse es, weil ich
jetzt anders denke als noch vor einer Stunde. Du wirst sie lesen. Das heisst bei
dir genau so viel, als ob ich sagte: du wirst sie und auch mich verstehen und
begreifen. Sie sind Skizzen, Vorarbeiten, fliessende Etuden, um mich und meine
Leser einzuüben. Auf was sie vorbereiten sollten, darüber schweige ich. Man sagt
das durch die Tat! Glaubst du, dass es Menschen gibt, welche so unerfahren
sind, dass sie die flüchtigen Uebungsskizzen eines Malers für vollbeendete,
fertige Werke halten können? Nein? Nicht? Unmöglich? So scheine ich ein Künstler
allerersten Ranges zu sein, denn es hat keinen einzigen Kritiker gegeben,
welcher die meinigen als leicht bewegliche Schwalben erkannte, die meinem
Freund, dem Frühling voranzufliegen hatten, wie ein bekannter Dichter sagt.«
    »Ein Künstler allerersten Ranges!« lächelte ich. »Wozu denn hier die Ironie,
die gänzlich überflüssig ist? Man hat das Zwitschern deiner Schwalben nicht
verstanden, weil man noch in dem Eis des Winters steckte und weil sie nicht nach
jenen Noten sangen, die auf fünf parallelen Linien stehn! Das konnte dich
verbittern?«
    Er sah mich an. Erst erstaunt, dann nachdenklich; endlich lächelte er auch.
    »Wenn ich doch auch das heitere Gold besässe, das jetzt im Lichte deines
Auges liegt!« rief er aus. Dann fügte er, nach den Wänden deutend, hinzu: »Schau
hier die Briefe! Grosse Kisten voll! So schrieb man mir! Es war nur Liebe drin!
Doch hier die Kästen mit den Zeitungsblättern, sie sind des Hasses voll, der
mich vernichten sollte. Ich bin ihm gewichen, diesem Hasse. Er wurde mir zum
Ekel! Aber ich habe ihn gekennzeichnet! Ich habe seine Gründe nachgewiesen! Ich
habe mich gewehrt, gewehrt, gewehrt!«
    »Mit welchem Erfolge?« fragte ich.
    »Ich musste gehen, doch, doch und doch! Mein letztes Wort an die, denen ich
weichen musste, war folgendes.«
    Er trat zu einem der Kästen, nahm die obenauf liegende Zeitung heraus,
faltete sie auseinander und las:
»Ich bin ein Mensch. Ihr wollt das nicht begreifen,
Weil ihr wohl schon ganz übermenschlich seid.
Wenn solche Götter mich zum Richtplatz schleifen,
So trag ich stumm mein Armesünderkleid.
Ich steig getrost auf meinen Scheiterhaufen,
Den ihr mir bautet mit selbsteigner Hand,
Und lass mich von dem Flammengeiste taufen,
Für den ihr schon so manchen Leib verbrannt.
Doch wenn ihr mir nicht folgt, wohin ich gehe,
Hab ich mit eurer Gotteit nichts zu tun,
Denn während ich im Fegefeuer stehe,
Seh ich euch stolz auf meinem Lorbeer ruhn.
Ich lasse gern die Flammen um mich schlagen,
Denn mein Metall wird nur im Feuer rein,
Doch meinen Henkern habe ich zu sagen:
Ich möchte nicht an eurer Stelle sein!«
    Hierauf legte er die Zeitung wieder zusammen und an ihre Stelle zurück. Dann
fragte er mich:
    »Weisst du, an wen ich bei diesen letzten Zeilen jetzt unwillkürlich denken
muss? An Ghulam el Multasim, den Henker des Mirza! So nackt wie er liegen jetzt
auch die meinigen vor meinem geistigen Auge. Auch sie waren mit der glatten
Salbe eingerieben, die jeden Leib zum Aal, zur Schlange macht. Du wirst sie
kennen lernen, alle, alle! Da liegen sie. Du hast ja Zeit zum Lesen!«
    »Ich? Lesen? Was soll ich lesen?« fragte ich.
    »Diese Zeitungsartikel über mich!«
    Da musste ich denn aber doch so laut und so herzlich lachen, dass er sichtlich
in Verlegenheit geriet.
    »Woher so plötzlich diese Heiterkeit?« erkundigte er sich.
    »Woher? Das fragst du noch?! Wenn ich mir das sonderbare Bild ausmale,
welches dir soeben vorschwebte, so muss ich unwillkürlich an gewisse lustige
Blätter denken, welche geistige Gebrechen persiflieren! Und es wäre eine
Persiflage meiner selbst, falls ich in jenen Sumpf zurückkehren wollte, über den
ich mich schon längst, schon längst hinübergerettet habe. Einst brachte eines
jener lustigen Journale eine heitere Abbildung dieses Sumpfes. Er war voller
Amphibien, deren Mäuler weit offenstanden. Ein Mensch schritt durch den
aufspritzenden Tümpel. Darunter war zu lesen:
Wir müssen durch den Sumpf des Lebens waten,
Und wenn dabei die trüben Wasser spritzen,
So jammern über unsre Missetaten
Die Frösche alle, die im Schlamme sitzen!
Nun sage mir ehrlich, mein Freund! Verlangst du im Ernst von mir, diese Musik,
welche ich gar wohl kennen gelernt habe, noch einmal anzuhören? Als ich damals
aus dem Sumpfe stieg, drehte ich mich um und lachte herzlich über die
Batrachier, die sich zum Platzen quälten, mir zu zeigen, wer und was sie seien.
Dieses komische Bild schwebte mir vor, als du vom Lesen dieser deiner
Makulaturen sprachst. Begreifst du mich jetzt nun?«
    »Ja,« antwortete er. »Ich begreife sogar noch mehr, als du ahnst!«
    »So lass sehen, ob das wahr ist. Ich habe eine Bitte.«
    »Welche?«
    »Schenke mir diese Zeitungen!«
    »Was willst du mit ihnen tun?«
    »Verbrennen! Ich pflege solche Dinge niemals aufzuheben, noch weniger zu
lesen. Sie fliegen stets, sobald ich sie erhalte, in das Feuer. So kommt kein
Schatten bei mir auf. Ich will dich von den deinigen befreien. Erfüllst du
meinen Wunsch?«
    Da ging er von Kasten zu Kasten, stiess mit dem Fuss an sie und sagte:
    »Das sind die Furien, die Erinnyen, die ich dir ja beschrieben habe. Sie
lügen, wie gedruckt! - - - Hier die schadenfrohen oder gedankenlosen Nachbeter
und Nachtreter, welche bei Gott schwören, dass sie schuldlos seien, weil sie doch
bloss nachgedruckt und nichts erfunden hätten! - - - Und da die sogenannten guten
Freunde, die stets behaupten, dass sie retten wollen, und doch so ungeschickt
dabei verfahren, dass sie mehr schaden, als die andern alle. - - - Ich schenke
sie dir. Nimm sie hin! Verbrenne sie! Du hast so recht: Ich will hier reine
Arbeit machen!«
    »Aber ich verbrenne sie wirklich!« versicherte ich. »Ich gebe sie dir nicht
zurück!«
    »Das weiss ich. Es ist dir ernst! Aber auch mir! Ich will nun endlich,
endlich einmal freien Geistes sein.«
    »Ich danke dir! Endlich einmal freien Geistes sein willst du. Weisst du, was
du mit diesen Worten gesagt hast? Unfreie Geister gibt es nicht. Wer in Fesseln
liegt, ist vielleicht eine Intelligenz, doch niemals Geist! Du willst also nicht
mehr bloss ein denkendes, ein nach Regeln, welche von Menschen vorgeschrieben
sind, denkendes Wesen sein, sondern ein Geist, für den diese Regeln nur in so
weit vorhanden sind, als sie mit seinen eigenen Wegen zusammenfallen. Du willst
eine jener über sich selbst bestimmenden Personen werden, welche, wie ich unten
ausführte, dem dritten Leben angehören. Das ist ein grosser Entschluss, den du nur
dann auszuführen vermagst, wenn du den Körper, deinen bisherigen Gebieter, zum
gehorsamsten aller deiner Diener zu machen weisst, und wenn du deine bisherige
Sklavin, die krank in dir darniederliegende Seele, zu deiner Freundin, deiner
allereinzigen Freundin erhebst. Denn wisse: der Geist wird ohne Seele nie den
Weg empor zum Geiste aller Geister finden! Nun also: Sei fortan nur Geist, und -
- - such' dir deine Seele!«
    Wir standen einander gegenüber, ich ihm erwartungsvoll in das Gesicht
schauend, ob er mich begreifen werde, er aber sinnend nach seinen Büchern
hinüberblickend, als ob nur dort das zu finden sei, was ich jetzt bei ihm
suchte.
    »Meine Seele!« sagte er. »Ich habe dich gebeten, in meinen Werken
nachzuschauen, ob sie darin vorhanden sei. Seele ist darin; das weiss ich ganz
genau!«
    »Seele? Nur Seele? Das ist so viel wie nichts! Oder vielmehr, es ist so
wenig wie nur Geist! Du sollst nicht Geist und sollst nicht Seele haben! Sondern
du sollst Geist sein und sollst auch Seele sein! Die Person Geist sollst du
sein, und die Person Seele sollst du sein! Eine vollständige Persönlichkeit im
Reiche der Geister und eine vollständige Persönlichkeit im Reiche der Seelen,
beides zu Einem vereint in dir, wie Licht und Wärme in der brennenden Flamme,
das sollst du sein. Der Körper sei - - - der Docht!«
    »Der Docht!« wiederholte er nachdenklich. »Licht und Wärme, wie in der
Flamme! Das ist Seele und Geist! Der Körper des Menschen ist nichts, nichts,
nichts, als nur der Docht! Und das Oel, Effendi? Vielleicht erfahre ich auch
dieses noch! Was alles hast du mir doch schon gesagt! Es ist so viel dabei, was
ich noch nicht ganz oder noch nicht recht begreife. Vielleicht grad deshalb,
weil es gar so einfach klingt. Warum? Wer hat es dem Menschengeiste vorgelogen,
dass nur das seines Strebens und seines Fleisses wert sei, was ihm durch die
konvuse Ausdrucksweise des Pseudo-Gelehrtentums unverständlich gemacht worden
ist? Auch in mir lebt noch ein Rest jenes alten Stolzes, der sich einer eigenen
Kaste und auch einer eigenen Sprache rühmt. Aber gleich daneben habe ich das
heilige Buch der Bücher liegen, in dem der Geist durch Welten und durch Himmel
forschen geht und doch dabei in einer Sprache redet, die jedes Kind versteht.
Ist diese kindliche Einfachheit, diese Klarheit jetzt plötzlich aus mir
herausgetreten, um deine Gestalt anzunehmen? Ich sehe dich vor mir stehen, als
seist du jener Teil von mir, welcher durch keine dialektischen Kunstsprünge irr
zu machen ist, weil er die reine, wahrheitskeusche Sprache redet, die jeden
Dialekt vermeidet. Wenn ich dich in dieser Weise sprechen höre, so bist du ich
selbst, nur jünger, weicher, tiefer, nur scheinbar hart, und doch von einem
Willen, den selbst das andere Ich von mir wohl nicht erschüttern könnte. Mir
ist, als hättest du nur immer jung zu bleiben, als könnte von uns beiden nur ich
zu altern haben. Ich möchte schwören, dass ich durch dich schaue, als wärest du
Kristall. Und dennoch kenne ich dich noch lange, lange nicht. Du bist mir ein
Geheimnis und wirst's vielleicht auch bleiben. Kannst du mir das erklären?«
    »Werde dir klar, dann kann ich es; eher nicht!« antwortete ich. »Indem du
dir klar wirst, erkläre ich mich dir. Du lobtest mich jetzt; aber dieses Lob ist
ein Tadel, sowohl für dich als auch für mich!«
    »Klingt das nicht auch schon wieder so geheimnisvoll?!«
    Da griff ich nach seinen beiden Händen und forderte ihn auf:
    »Schau mir in das Gesicht!«
    Er tat es.
    »Wer bin ich?« fragte ich.
    »Mein Freund,« antwortete er.
    »Nein, denn ich bin mehr, viel mehr! Ich will anders fragen: Was bin ich?
Was bin ich dir?«
    Er sann, doch vergeblich. Dann sagte er:
    »Ich weiss es nicht. Es kommen mir zwar Worte, doch keines trifft das
Richtige, und keines sagt genug!«
    »Und doch gibt es eins! Ein kleines, kleines Wörtchen. Und das ist richtig!
Und das sagt genug, mehr als genug!«
    »Welches?«
    »Du hörst es nicht von mir. Du hast es selbst zu finden. Denn sagte ich es
dir, so würdest du es nicht begreifen. Aber indem du es findest, hast du es
verstanden.«
    »Denkst du, dass ich es finde?«
    »Ja, gewiss. Ich führe dich darauf.«
    »Wann?«
    »Bald. Vielleicht noch heut, noch jetzt, noch ehe wir uns trennen. Ich
sprach vom Licht und von der Wärme in der Flamme. Ich gab dir auch das Gleichnis
von dem Docht. Du fragtest mich sogar dann nach dem Oele. Wir redeten vom Geist
und von der Seele. Bist du der Geist, für welchen ich dich halte, so musst du
ganz bestimmt das kleine Wörtchen finden!«
    Jetzt war ich noch deutlicher gewesen als vorher, doch schien er sich nicht
von dem einmal gefassten Gedanken losreissen zu können. Er ging hinüber nach dem
Fache, in welchem seine Werke standen, nahm ein Buch heraus, brachte es mir und
sagte:
    »Wenn sich mein Geist und meine Seele irgendwo so zusammengefunden haben,
wie du sagtest, so ist es hier in diesen Blättern geschehen. Sie sind Flamme,
vollständig Flamme! Schau es dir an!«
    Ich öffnete es. Der Band war nicht gedruckt, sondern geschrieben, also
Manuskript. Auf dem Titelblatte las ich: »Mein Leidensweg«. Ich war enttäuscht,
ja sogar sehr enttäuscht!
    »Deine Biographie?« fragte ich.
    »Ja,« antwortete er.
    »Vielleicht gar deine Rechtfertigung?«
    »Gewiss! Das war ich mir doch schuldig!«
    »Wehe dir, Ustad, wenn du dir noch etwas schuldig bist!«
    »Wie streng das klingt! Und wie ernst du mich dabei anschaust, Effendi! So
will ich mich anders ausdrücken: das war ich meinen Feinden schuldig, der Welt,
die mich von sich gestossen hat!«
    Da hob ich warnend die Hand und sprach:
»Wenn dich die Welt aus ihren Toren stösst,
So gehe ruhig fort, und lass das Klagen,
Sie hat durch die Verstossung dich erlöst
Und darum deine ganze Schuld zu tragen!
Wenn du Geist bist, wirklich Geist, so wirst du diese Worte verstehen und ihre
Wahrheit so in dich atmen, dass sie dir zur Auferstehung werden muss und werden
wird! Lazare, ich sage dir, komm heraus!«
    Da wurden seine Augen gross und immer grösser. Er hob seine beiden Hände
empor, bis in die Nähe der Stirn, als ob er dort einen Gedanken fassen und
festalten wolle, und sagte:
    »Was tritt jetzt an mich heran? Wer ist das? Wen giebst du mir? Ich sehe
nichts. Ich höre nichts. Und doch sehe, höre und fühle ich etwas Wunderbares,
etwas unendlich Beglückendes! Ich empfinde es deutlich, dass ich frei werde! Ist
es etwas Geistiges? Etwas Seelisches?«
    Da antwortete ich:
»Gieb mir dein Herz! Ich will's zum Himmel tragen.
Von Gott gesegnet, bring ich dir's zurück.
Dann soll's nur noch im Himmelspulse schlagen,
Zu deinem und wohl auch zu meinem Glück!
Ustad, halte diese Worte fest! Lass sie dir nicht entweichen!«
    Er schloss die Augen, als ob das, was in ihm vorging, von aussen nicht gestört
werden solle, trat langsamen Schrittes, ohne etwas zu sagen, zum offenen Fenster
und lehnte sich hinaus. Ich hatte das Buch »Mein Leidensweg« noch in der Hand
und begann, darin zu blättern, doch ohne eigentlich zu lesen. Verschiedene
Sätze, welche unterstrichen waren, fielen mir auf. Bei diesen verweilte ich. Ja,
sie waren »Flamme«. Es glühte und flackerte in ihnen ein Zorn, welcher
versengend war. Das Buch schloss auf der vorletzten Seite mit einem Gedichte.
Dieses lautete:
»Ich kam zu dir am Hosiannatag
Und sah dich im Triumph durch Salem reiten,
Doch auch schon alles, was noch vor dir lag,
Sah hinter dir ich im Gefolge schreiten.
Da wendete ich mich zur Klagemauer
Und stand mit heisser Stirn am kalten Stein.
In deinen Jubel warf ich meine Trauer,
Denn mit dir zog ja auch dein Judas ein.
Ich kam zu dir am Eli-lama-Tag
Und sah dein Haupt im Todesschmerz sich senken.
Doch als dein Mund das Asabtani sprach,
Musst schon ich an das nahe Ostern denken.
Du warst ja einst auf jenen Berg gestiegen,
Den man als Stätte der Verklärung preist,
Und musstest beide, Grab und Tod, besiegen
In deiner Kraft als erdenfreier Geist.
Nun komme ich zum Auferstehungstag
Und sage dir: die Steine sind verschwunden.
Die Jünger sahen früh im Grabe nach
Und haben deinen Leichnam nicht gefunden.
Soll wohl der Geist hier in der Gruft verbleiben,
Wo doch der Körper längst schon auferstand?
Steh auf, steh auf! Es gibt noch viel zu schreiben,
Jedoch von jetzt nur mit - - - der Geisterhand!«
    Ich las es noch einmal und dann zum dritten Male. Welch ein Gedicht! Ich
meine nicht etwa den künstlerischen Wert desselben. Der ging und geht mich gar
nichts an. Es war nicht die Form, sondern es war der Geist, der vor mir stand.
Ich sah ihn deutlich, mit allem, was ich loben konnte, und auch mit allem, was
ich an ihm tadeln musste. Der Mann, der diese Zeilen geschrieben hatte, war aber
unbedingt auch körperlich in Jerusalem gewesen. Ich sah ihn durch das Jaffator
kommen und geradeaus auf jenem Stufenwege schreiten, welcher hinab nach dem
»Heiligtum« führt. Aber dortin wollte er gar nicht, sondern er bog nach links,
in die engen Bazare, die auf das Tor von Damaskus münden. Dort wendete er sich
rechts, dem »Leidenswege« zu, hinauf nach Golgata, dessen Stätte ein Gegenstand
der Phantasie geworden ist, weil man die rechte Stelle nicht mehr kennt. Im
tiefen Winkel liegt die »Klagemauer«. Hier hörte man die wahre Sehnsucht einst
nach der Erlösung rufen. Jetzt aber kratzt man sich dort am Gestein die Finger
blutig wund, nur um ein karges Bakschisch18 zu erhalten. So geht überall, nicht
bloss im heiligen Jerusalem, die Menschheitsseele betteln, wenn sie den Geist
verlor, der hier ihr Führer ist, damit dann sie ihn fort, nach oben, leite! Er
aber, dieser Geist, schleicht forschend durch den Sukh19 des niederen Lebens, an
Kesselflickern, Krämern und Wechsel-Habichten vorbei, nach dieser Seele suchend,
die er verlieren musste, weil er sein Herz an eitle Dinge hing! Und wenn er sie
nicht findet, geht er hinaus vor Salems alte Mauern, steigt hin und her in jenen
öden Tälern, wohin die Stadt das Aas gefallener Tiere sendet, am Oelberg dann
hinauf, wo an dem Weg nach Jericho das Volk der Hammel abgeschlachtet wird. Und
wenn er oben angekommen ist und von der höchsten Stelle des einstigen Jebus sein
Morijah liegen sieht, so wallt es tief entrüstet in ihm auf. Er schüttelt seine
Hände, in denen doch nichts ist, streng über Salem aus und klagt im Tone
schmerzlicher Enttäuschung: »Ich kam zu dir - - - was habe ich gefunden?!«
    Jetzt stand er dort am Fenster, den Rücken mir zugekehrt. Er achtete nicht
auf mich, war nur in sich versunken. Die letzte Seite seines »Leidensweges« war
noch leer. Tinte und Feder gab es hier auf dem Tische. Wer war's, der in mir
sprach? Der mir befahl, zu schreiben, was ich hörte? Ich tat es! Ich hielt mich
ganz an seine eigene Weise. Dasselbe Metrum und dieselbe Zahl der Verse. Drei
Strophen, so wie er, genau auch so beginnend: »Ich kam - - -«; »Ich kam - - -«,
und dann: »Nun komme ich - - -«! Er sah nicht, dass ich schrieb. Ich wurde
fertig, schloss das Buch und ging vom Tische weg. Da drehte er sich um, verliess
das Fenster und ging dortin, wo ich geschrieben hatte. Dort blieb er stehen. Es
war ein tiefer Ton, in dem er langsam sprach:
    »Wo habe ich's gelesen? Vielleicht auch las ich's nicht. Erzählte man es
mir? Hat mirs ein Traum gebracht? Ich weiss es nicht, doch ist es in mir da. Ich
will es dir jetzt sagen.«
    Nun hob er den Blick und sah mich an. Da glitt es wie etwas Helles über sein
Gesicht, und er rief aus:
    »Es hatte deine Augen! Ganz dieselben Augen, die jetzt im Schatten liegen
und doch so hell erscheinen! Sonderbar!«
    Er sann ein kleines Weilchen. Dann fuhr er fort:
    »Es war an einem Tag, an dem der Himmel offen stand. Da sprach der Herr:
Geht hin, um zu erlösen! Sie folgten dem Befehl, sie alle, alle, viele Tausende.
Bei ihnen die für mich bestimmte auch. Es war Dschanneh, der
Gottessonnenstrahl!«
    Welch ein Wort! Dschanneh! Sein Geist begann, klar, bestimmt und rein zu
denken. Ich hörte, und ich sah, dass er den richtigen Weg gefunden hatte. Er
sprach weiter:
    »Sie suchte mich. Wie schwer war ich zu finden! Ich lag im tiefsten,
fernsten Erdenwinkel, bei meiner bleichen Ahne, der Entbehrung, von den
zerrissenen Fetzen ihres Mantels vollständig zugedeckt. Mich hungerte. Es war so
dumpf, so dunkel unter meiner armen Decke. Da griff ein kleines, kleines
Händchen unter sie herein, hob sie ein wenig auf. Ein Sonnenstrahlchen kroch zu
mir heran, und da, wo innerlich die Nerven des Gehöres enden, erklangen mir die
leisen, lieben Worte: Jetzt hab ich dich! Ich bin ein Gruss aus Gottes
Himmelreich und soll als Seele immer bei dir bleiben. Doch, halt mich fest! Und
komm aus diesem Winkel zu uns hinaus ans Licht! Willst du mich nicht verlieren,
so richte deinen Geist nach oben, nicht nach unten! Ich brauche Gottesodem; den
kranken Hauch der Tiefe aber muss ich meiden! Da warf ich meine Fetzen von mir ab
und ging ans Licht des Tages, an die Wärme. Nun sah ich erst, wieviel die Huld
des Herrn dem Menschen spendet, und griff mit fester Hand in diese Fülle, der
Ahne denkend, der dies nötig war. Da eilten sie herbei, die Lebensprasser, die
sich so wenig um die bleiche Armut kümmern, dass sie ihr selbst die Fetzen kaum
noch gönnen. Da packten fette, goldgeschmückte Fäuste die hagre Armutshand, ihr
zu entreissen, was sie in schwerer Arbeit sich errungen. Es kam der Kampf! In
seinen kurzen Pausen sah ich in mir zwei klare, milde Augen, die aber trüber,
immer trüber wurden, und jene Seelenstimme flüsterte mir zu: Ich warne deinen
Geist! Er konnte es nicht sehen: die Fetzen waren Flügel! Doch dieser Geist
stieg zornig vor mir auf und machte seine heilgen Rechte geltend. Ich folgte
ihm, und in des Kampfes Tagen, die nimmer enden wollten, verklang die
Seelenbitte in weite, weite Ferne, bis ich sie nicht mehr hörte. Auch jene Augen
sah ich niemals mehr. Ihr trüber Blick war für mich ausgelöscht!«
    Hier hielt er inne. Sein Gesicht hatte den Ausdruck einer Wehmut angenommen,
die gewiss schon oft in stillen Stunden bei ihm Gast gewesen war. Aber es
erheiterte sich wieder, als er fortfuhr:
    »Da kamst du! Besinnungslos - krank- schwach - genesend! Ich sah dich in
allen diesen Stadien. Dein Auge hatte sie mit dir durchzumachen. Je mehr du dich
erholtest, desto bekannter wurde mir dein Blick. Ich sann und sann - - und
endlich fand ich es: Dschanneh, mein Sonnenstrahl! Kann ein Mensch Seelenaugen
haben? Ich frage nicht! Denn ich habe schon gefragt, vorhin, als ich wissen
wollte, wer das sei, den du mir gabst! Als ich nun dort am Fenster stand, wurde
es heller und immer heller in mir. Noch ist es nicht ganz licht; aber es wird,
es wird, es wird! Effendi, ich liege auch heut im fernsten, tiefsten
Erdenwinkel. Es ist so kalt, so dumpf unter meinem Mantel. Ich fühle die Nähe
meiner Ahne wieder. Wird jemand kommen, wie damals, um die geistigen Fetzen
aufzuheben und mir meinen Gottessonnenschein, meine Dschanneh, zurückzubringen,
die mir im Kampfe des Lebens verloren gegangen ist, weil ich nicht mehr auf sie
achtete?«
    »Ja,« antwortete ich. »Es kommt jemand. Er ist schon da!«
    »Wer?« fragte er.
    »Ich! Ich bin es! Wünschest du wirklich, dass ich deinen Mantel aufhebe?«
    »Ja!« nickte er, indem seine Augen leuchteten.
    »Und wirst du ihn, wie damals, von dir werfen und an das Licht des Tages
gehen?«
    »Gewiss, gewiss! - Wie gern!«
    Da schob ich ihn vom Tische hinweg, griff nach seinem Manuskripte und sagte:
    »Hier liegt er! Das ist er! Dein Leidensweg, deine Biographie, deine
Rechtfertigung, das sind die alten Fetzen, welche ebenso in das Feuer müssen wie
dort die Kästen mit den Makulaturen! Ich bitte dich, auch sie mir zu schenken!«
    »Das Manuskript, das ganze, ganze Manuskript?« fragte er erstaunt.
    »Ja, das ganze!«
    »Du kennst es ja nicht! Du hast es ja noch gar nicht gelesen! Lies
wenigstens hinten das Gedicht!«
    »Ustad, Ustad! Du glaubst, durch dieses Gedicht das Manuskript retten zu
können! Ja, es ist wahr: deine Ahne sitzt bei dir, die geistige Armut, die
ausgehungerte Denkschwachheit, das kraftlose Unvermögen, sich unter den Lumpen
hervorzufinden, die man mit warmer Liebe um sich schlägt, weil man sie doch, und
doch, und doch für ungeheuer kostbar hält, obgleich man es nicht wagt, dies
einzugestehen! Du glaubst, das Gedicht sei mir unbekannt. Ich kenne es besser
als du. Höre zu! Du sollst die Fetzen fliegen sehen!«
    Ich schlug die vorletzte Seite auf und las. Freilich keinesweges in dem
Tone, den er dabei jedenfalls angeschlagen hätte. Der meinige war ironisch
frömmelnd, möglichst salbungsvoll, bei den letzten vier Zeilen sogar
sarkastisch. Als ich geendet hatte, sah ich ihn an.
    »Effendi, du vernichtest mich!« rief er aus.
    »Nein! Nicht dich, sondern deine Ahne! Meinst du, auf solche geistige
Vorschatten stolz sein zu können? Ich weiss, was ich tue; aber ich kenne kein
Erbarmen für jene feigen Geister, welche den römischen Kriegsknechten die
Mantelfetzen des Erlösers entreissen und sich hineinwickeln, weil sie weder die
Kraft noch den Mut besitzen, das zu tun, was er von ihnen fordert: Ein jeder
nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach! Du trugst diese Fetzen zu deiner
Hosiannazeit; das war lächerrlich! Du trugst sie an deinem Eli-lama-Tage; das war
anmassend! Und nun willst du sie sogar an deinem Auferstehungstage tragen! Wie
würde das wohl sein?! Diese vermeintliche Auferstehung würde sich in eine
Leichenschändung verwandeln! Ich sah hier in deinem Manuskripte angestrichene
Stellen. Du sprichst da von dem Himmelreiche, sprichst von der Seligkeit!
Wusstest du denn, ob grad dein Himmelreich auch jedem andern wohlgefallen werde?
War es dir unbekannt, wer die sind, die von Christus in seiner Bergpredigt
seliggepriesen werden? Du aber wolltest Toren selig machen, die grad das
Gegenteil von dem tun, was der Meister fordert! Wie erhaben gross war jener
Geist, um den sich nach zweitausend Jahren noch alle hohen, edlen Geister
sammeln, um an ihm emporzuschauen. Wo steckt der deinige? Zu Christi Füssen wohl?
Ich suche ihn zwar da, finde ihn aber nicht. Steckt er vielleicht in des
Erlösers Schatten? Ich warne dich! Er mag zum Lichte kommen! Und nun höre das
letzte: Wie hoch, wie hoch denkst du von diesem deinem Geiste! Er, der vor
blossen Schemen voller Angst die Flucht ergriff, er soll jetzt auferstehen,
seinen Zufluchtsort verlassen, sich hier aus seiner Gruft hervorwagen, und zwar
zum Schrecken und Entsetzen derer, vor denen er so ganz besinnungslos entfloh?
Du sprichst von deiner Geisterhand. Du sollst von mir erfahren, was du von
dieser Hand zu hoffen hast! Da, schau!«
    Ich schlug das letzte Blatt des Buches um und gab es ihm. Er sah die neuen
Zeilen.
    »Ein Gedicht!« sagte er.
    »Meine Antwort auf das deinige,« erklärte ich.
    »Wann schriebst du es?«
    »Als du am Fenster standest. Lass es mich hören, laut!« Er las:
»Ich kam zu dir mit meinem Sonnenschein;
Du aber wolltest mich und ihn nicht haben,
Du glaubtest ja, ein grosser Geist zu sein,
Und warfst um dich mit dieses Geistes Gaben.
Du hieltest für die Ewigkeit geschrieben,
Was Menschenhand für Menschenaugen schreibt,
Und bist doch selbst ein Manuskript geblieben,
Das ungedruckt im Kasten liegen bleibt!
Ich kam zu dir mit meinem Sonnenlicht;
Du aber glaubtest, eignes Licht zu strahlen.
Es glimmte wohl, doch leuchtete es nicht,
Und teuer war die Lampe zu bezahlen.
Du wolltest alle Welt im Nu entflammen
Für dich und deine Torenseligkeit;
Da aber fiel der Docht in sich zusammen,
Und nun umfängt dich selbst die Dunkelheit!
Nun komme ich mit all dem Sonnenglanz,
In dem vor ihrem Herrn die Geister beten.
Ich will zum allerletztenmal, doch ganz,
In meiner Klarheit Fülle, zu dir treten,
Begreifst du nun auch jetzt das grosse Wunder,
Das doch so einfach ist, noch immer nicht,
So gehst du wie der Docht im Lämpchen unter,
Denn deinem Geist fehlt jede Spur von Licht!«
    Er hatte die Vorlesung in jenem hohen Tone begonnen, den, wie er glaubte,
das Metrum mit sich brachte. Dieser Ton war laut und vorwurfsvoll. Aber schon
nach den ersten Zeilen begann er zu sinken. Die Sätze folgten sich langsamer,
weil der Gedanke sich sträubte, so schnell mitzukommen. Es traten sogar kurze
Pausen ein. Das Gesicht des Ustad wurde ernster und immer ernster. Als er zu
Ende war, las er das Gedicht noch einmal leise durch.
    Nun war ich hochgespannt auf das, was er jetzt tun werde. Er sah mich gar
nicht an. Er sagte nichts, kein Wort. Er drehte sich langsam um und ging wieder
nach dem Fenster. Ich blieb stehen, still, erwartungsvoll. Still war es auch in
meinem Innern. Kein Gedanke kam; kein Gefühl bewegte sich. Mein Herz klopfte.
Ich hörte es. Gab es jemand in mir, der stumm betete?
    Da verliess der Ustad das Fenster. Ist es möglich, dass sich ein Gesicht in so
kurzer Zeit so sehr verändern kann? Das seinige war wie verklärt. Seine Augen
strahlten. Er blieb vor mir stehen und riss das letzte Blatt langsam und
sorgfältig, um es nicht zu verletzen, aus dem Manuskripte. Dann warf er das
letztere weit hinter sich, so dass es an die Wand zu den alten Zeitungen zu
liegen kam, und rief im frohesten Tone aus:
    »Hier hast du es, Effendi, alles, alles! Den Leidensweg, die Biographie und
vor allen Dingen auch die Rechtfertigung, die ich keinem einzigen Menschen hier
auf Erden schuldig bin! Verbrenne es, sobald du kannst, dort mit den
Zeitungs-Makulaturen! Ich habe dich endlich, endlich nun begriffen:
Wenn mich die Menschheit aus den Toren stösst,
Um mich, den Menschen, an das Kreuz zu schlagen,
So wurde ich von meiner Schuld erlöst;
Sie aber hat die ihre noch zu tragen!«
    Nun richtete er seine Gestalt hoch auf. Auf seiner Stirn drohte plötzlich
der heiligste, unerbittlichste Ernst. Aus seinen Augen flammten Zornesstrahlen
und seine Stimme klang in ihrer tiefsten Tiefe, als er fortfuhr:
    »Hatte ich meinen Leidensweg zu gehen, oder hatte ich meine Feinde
aufzufordern, sich um ihre eigenen Balken, nicht aber um meine Splitter zu
bekümmern? Von welchem Monarchen oder von welchem Herrgott waren sie beauftragt,
über mich zu Gericht zu sitzen? Standen sie etwa als erhabene Geister in
unermesslicher Ferne über mir? Nein! Denn dann hätten sie gar nicht auf mich
geachtet! Sie waren Dochte, grad wie ich, weiter nichts; ja, sie hatten nicht
einmal eigenes Oel, sondern sie zehrten von dem meinigen! Und grad das ist es,
was sie kennzeichnet! Wenn sich niemand findet, von dessen Fehlern sie leben
können, wird es in ihren Laternen dunkle Nacht. Aber haben sie einmal Einen
gefunden, den lassen sie jahrelang nicht los, um ihn so vollständig zu
verschlingen, wie einst die sieben magern die sieben fetten Kühe im Traume
Pharaos! Wenn dann der Geist im Lande teuer wird, so sind doch wenigstens sie
vom Hungertod gerettet - - - zum ewigen Heil der ganzen Nation! Musste ich mich
von ihnen auf die Hörner nehmen lassen? War ich gezwungen, mich meiner Fehler
wegen von den Sünden Anderer aus einer Welt treiben zu lassen, auf welche ich
wenigstens ein ebenso grosses Anrecht besass wie sie? Welches innere oder äussere
Gesetz kann mich wohl verurteilen, unter Millionen der Einzige zu sein, der
seine Fehler willig auf sich nimmt, während die Uebrigen, bis an den Hals tief
in den ihrigen steckend, ihre schadenfrohe Augenweide an mir haben? Und nun sie
mich für gestorben und begraben halten, ist es da nicht eine beinahe unfassbare
Schande für mich, hier in meinem Grabe herumzuwimmern, anstatt mich kräftig zu
regen, um die Steine desselben auseinander zu sprengen?«
    Er ging einige Male im Zimmer hin und her, blieb dann vor mir stehen und
sprach weiter:
    »Man sagt, dass Gräber sehr oft die Geburtsstätten von Irrlichtern seien.
Also nicht einmal Docht, sondern nur Verwesungsgas! Es irrlichteriert auch auf
dem meinigen herum. Effendi, ich stehe auf; ich muss hinaus! Du hast mich
gefragt, ob ich wirklich entschlossen sei, wieder an das Licht des Tages zu
gehen. Ich gab dir mein Wort, und ich werde es halten. Dort liegt der
Mantelfetzen, den du mir weggenommen hast, meine Rechtfertigung, die ich keinem
Menschen schuldig war. Noch ehe du ihn ins Feuer wirfst, habe ich meinen
Lebensanteil wieder in den Händen. Ich fühle es, die alte Kraft ist wieder da.
Ich habe bloss nur Zeit versäumt und werde da beginnen, wo ich einst aufhörte.«
    »Bloss nur Zeit!« antwortete ich. »Ustad, Ustad, du kannst nichts
Köstlicheres verlieren als die Zeit! Sie kommt nie zurück!«
    »Sei versichert, dass ich einholen werde, was einzuholen ist!«
    »Aber auch hierzu brauchst du wieder Zeit, die du abermals einzuholen
hättest! Und wo willst du wieder anfangen? Wo du aufgehört hast? An der Stelle
deiner Arbeit, wo du sie unterbrachst, oder an dem Orte, wo du früher wohntest?«
    »Beides. Ich muss; ich muss! Denke an dein Gedicht, mit welchem du das meinige
beantwortetest? Alles Andere habe ich weggeworfen; das Blatt mit diesem Gedichte
aber hebe ich mir auf. Ich trage es auf meinem Herzen. Wie recht hast du mit dem
Vorwurfe der Torenseligkeit! Ist Gott wirklich nur Liebe, nichts als Liebe? Ist
er nicht auch gerecht? So lange ich glaubte, nur geliebt zu werden, gab es in
dem Himmel, den ich lehrte, eben auch nichts, als nur Liebe. Aber als ich mich
unter der Faust des Hasses zu krümmen hatte und der giftige Neid an mir
emporgekrochen kam, da erkannte ich, dass ich mich geirrt haben musste. Ist der
Himmel so arm, dass er für die Liebe und für den Hass nichts als dieselbe Münze
hat? Und soll nur Gott allein das Böse bestrafen dürfen, nicht auch der Mensch,
nicht ich? Wenn Tausende mich unter ihre Füsse treten, indem sie behaupten, auf
dem alleinigen Weg zur Seligkeit zu sein, muss ich da diesen ihren Irrtum als
Wahrheit anerkennen, indem ich mich vollends von ihnen zermalmen lasse? Diese
Fragen stiegen oftmals zornig in mir auf, ohne dass ich sie zu beantworten wagte.
Liebet eure Feinde! klang es tief in mir. Da kamst du vorhin mit deiner
Torenseligkeit, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ja, es ist Christi
Gebot Liebet eure Feinde! und ich werde es halten, so lange ich lebe und bin.
Aber ich weiss nun, dass ich die wahre Liebe zum Feinde ebenso wenig begriffen
habe wie die Liebe überhaupt. Wenn der Feind gegen mich auftritt, um mich zu
vernichten, so habe ich ebenso streng gegen ihn zu verfahren, doch nur, um ihn
zu retten! Das ist die wahre Feindesliebe und nicht mehr kranke Herzensduselei!
Die offene Hand für jede offene Hand, doch aber auch die Faust gegen Jeden, der
mir die seine ballt! Die Feinde zu schonen, ging ich aus dem Lande und wurde für
sie tot. Was habe ich für mich und was habe ich für sie dadurch erreicht?
Nichts! Darum bin ich entschlossen, zu ihnen zurückzukehren und nachzuholen, was
ich versäumte. Ich will unter sie treten als ganz derselbe, der ich war, und
doch als ein ganz anderer. Ich werde ihnen - - -«
    »- - - die Faust zeigen!« unterbrach ich ihn. »Nicht wahr, Ustad?«
    »Ja,« nickte er.
    »Und deine Dschamikun - - -? Was wird aus ihnen - - -?« Ich sah ihm ernst
fragend in die Augen. Er senkte sie zu Boden. Es entstand eine Pause, doch nur
eine sehr kurze. Dann hob er den Blick wieder empor, reichte mir die Hand und
antwortete, heiter lächelnd:
    »Welch eine jugendliche Uebereilung bei solchem Alter! Verzeihe mir im Namen
dieser meiner Treuen! Wie könnte ich die verlassen, die mich niemals, niemals
verlassen würden! Du siehst, der Zorn führt leicht auf falsche Wege, sogar auch
mich, den sonst so gern Bedächtigen!«
    »Das warst nicht du; es war der alte Schatten. Nur immer gross scheinen, ohne
wirklich und wahrhaft gross zu sein! Du wolltest in jenes dir fremd gewordene
Land zurück und auch an jene Stelle, wo du zu schreiben aufhörtest. Auf das Eine
hast du verzichtet. Und das Andere?«
    »Fremd geworden, sagst du, und das ist richtig! Das Land - - - wohl auch die
Arbeit!«
    »Jawohl! Die Feder ruhte, doch aber nicht dein Geist, und wahrer Geist kennt
nicht das Rückwärtsgehen. Ich will dir zeigen, was du schreiben musst. Komm mit
hinaus, und höre, was ich sage!«
    Ich nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch das Mittelzimmer auf das
platte Dach. Indem ich mit der Hand einen Bogen über die Einfassung desselben
hinaus beschrieb, fuhr ich fort:
    »Da liegt dein Reich, das Reich der scheinbar Unmündigen, zu denen du von
den scheinbar Mündigen getrieben worden bist. Ihre Augen sahen besser und
schärfer als die Augen derer, die sich für weise hielten. Bei diesen letzteren
liegt deine Vergangenheit, mit der du abgeschlossen hast. Lass sie mit ihr
machen, was ihnen beliebt! Sie sind ja auch weiter nichts als nur die dunkeln,
immer mehr verschwindenden Schatten einer Zeit, die hinter jedem von uns liegt,
der in die Sonne schaut. Und diese Sonne kommt. Schau gegen Osten hin! Noch
liegen die Ruinen hier in tiefer Dunkelheit, doch ballt sich schon der Nebel auf
dem See. Er sagt uns, dass zu steigen jetzt beginne, was nicht mehr in der Tiefe
bleiben will. Der Erde Sehnsucht ist also vorhanden. Es fehlt nur noch die
lichte Kraft von oben, die liebend niederstrahlt, dies Sehnen zu erfüllen. Ein
leiser Hauch verkündet schon den Morgen. Glaubst du, dass er uns täusche, dass er
nicht kommen werde?«
    »Er kommt bestimmt, mit Gottessicherheit!« antwortete er.
    »So sag: Ist diese Sicherheit nur in der Zeit vorhanden, die Tag für Tag die
gleichen Stunden bringt? Gibt es nicht auch noch andre Morgen, die ebenso gewiss
nach andern Nächten folgen? Und andre Nebel, die grad jetzt sich ballen, wie
diese hier, am See der Dschamikun? Du brachtest in dies Land den Trieb nach
oben. Ich sah es ja, wie kräftig er sich zeigt. Es war hier Nacht, doch spürte
ich den Hauch, der stets mit Sicherheit den jungen Tag verkündet. Glaubst du,
dass es vermessne Menschen gebe, die ihre Nacht dem Licht entgegenstellen, damit
der Tag von ihr vernichtet werde? Und wenn der Wahnsinn wirklich möglich wäre,
der sich mit solcher Macht gewappnet denkt, so blase er mit seinem Hauch die
Sonne, mit seinem Odem alle Sterne aus und füge zu der so entstandnen Finsternis
das grasse Dunkel seines Hirns dazu, so wird es eben nur ein Wahnsinn sein und
bleiben! Hetz tausend solche dunkle Aberwitzige auf einen einz'gen lichten,
klaren Menschengeist, es wird geschehn, was unausbleiblich ist: Nicht werden
diese Irren ihn verdunkeln, nein, sondern er wird ihren Wahn beleuchten und
alles das, was hinter diesem liegt. Und schreitet er auf ihre Nebel zu, wird er
zum Tag, vor dem die Schatten fallen. Das ist die andere Gottessicherheit, die
unerbittlich naht, nach jeder Larve greift und jeden Vorhang hebt und alles an
das Licht der Sonne zieht, was sich aus Angst vor diesem Licht versteckte.«
    »Wie richtig!« nickte er. »Wir wissen ja, dass jene Schatten kommen, die
heute sich hier angemeldet haben. Es gilt den grossen Kampf, der zwischen Licht
und Finsternis entscheidet. Wer Sieger bleiben wird, sagt das Naturgesetz. Ich
ahne, dass sie nicht nur offen kommen werden. Des Dunkels Schwester ist die
Heimlichkeit. Und wenn sie meinen, uns zu überwinden, so denken sie auch ganz
gewiss daran, den Sieg sofort und schleunigst auszunützen. Drum fürchte ich, man
kommt nicht nur zum See; man wird auch draussen unser Land besetzen. So habe ich
also dafür zu sorgen, dass wir auch hierauf vorbereitet sind. Du siehst, ich
denke schon nicht mehr an meine frühere Welt, zu der ich schleunigst
wiederkehren wollte. Ich bleibe hier bei meinen Dschamikun, um zu beenden, was
ich einst begann. Ich baute nur für sie das Alabasterzelt und muss sie heben, bis
sie oben sind. Was ich von meiner Geisterhand gedichtet, das hat Gedicht zu
bleiben allezeit. Ich war ja doch kein Abgeschiedener und schaute über jene
Grenze nicht, die keiner überschreitet, der noch lebt.«
    »So hast du also doch noch nicht begriffen!« sagte ich.
    »Was?« fragte er.
    »Die Stelle meiner letzten Strophe: Begreifst du nun auch jetzt das grosse
Wunder, das doch so einfach ist, noch immer nicht - - -! Du hältst dich für
einen Dichter, denn du dichtest. Und doch weisst du nicht, was ein Gedicht ist
und wie es entsteht. Denk noch so tief und schön, und sage es in Reimen, das,
was du schreibst, ist dennoch kein Gedicht. Der wahre Dichter denkt und schreibt
zwar auch, doch was er schreibt ist Wirklichkeit und Leben, ist niemals nur
Erdachtes. Dem Einen fehlt das Selbsterleben des Andern. Der Eine hat Geist, der
Andere aber ist Geist. Und dieser Geist kennt jene Grenze nicht, von der du
sprachst. Ihm sind die Tore anderer Welten offen. Er geht da aus und ein. Ist er
zurückgekehrt, um zu berichten, so kann er das nur in der Sprache tun, die man
hier in der Körperwelt versteht. Und dieses Uebersetzen ist nicht leicht; man
lernt es nur durch Mühe und Entsagung. Ich kenne keinen einzigen, der hierin
Meister wurde; sie alle blieben bei dem Lehrling stehen. Auch ist dies
Uebersetzen undankbar; ich meine undankbar im engsten Erdensinne. Wer
Geistesleben übertragen will, der findet hier bei uns nicht eine einz'ge Form
und keinerlei Begriff für das, was er uns gibt. Er hat sich mit der irdischen
Gestalt und mit dem Menschenworte zu begnügen, die aber völlig unzureichend sind
für seinen Zweck. Er kann nicht deutlich sagen, was er zu sagen hat, und uns
nicht offen zeigen, was wir doch sehen sollen. Und wir, wir stehn dabei, mit
vollen Körpersinnen und doch fast blind und taub für seine ganze Mühe. Der
Ernste zwar, der logisch denkt und gross und rein empfindet, wird sehr bald
ahnen, dass es um Unbeschreibliches, um Heiliges sich handelt, und darum sich
befleissigen, sein Auge und sein Ohr dafür zu schärfen. An diesem Fleisse wächst
sodann sein eigner Geist empor und lernt den andern nach und nach begreifen.«
    »So ungefähr, wie ich zu wachsen habe,« fiel da der Ustad ein.
    »Wer aber nicht so lauteren Herzens ist,« fuhr ich fort, »und trift'ge
Gründe hat, den reinen Geist zu hassen, der stürzt sich wütend auf das arme Wort
und auf die unwillkommene Gestalt und gibt sich Mühe, beide zu vernichten.
Gelingt ihm dies, so prahlt er laut, den Geist besiegt zu haben, und wird von
seinesgleichen hoch auf den Schild gehoben. Gelingt es aber nicht, so wirft er
um die Blösse, die er sich gab, den Mantel frechen Spottes und greift anstatt des
Geistes nun auch den Menschen an, um nichts an ihm zu lassen, was ihn zum
Menschen machte. Welch ein Jubel nun für alle, die ebenso niedrig denken wie er!
Sie fallen mit derselben Gier über den Verhassten her. Er wird verhöhnt,
geächtet, ausgestossen, und wehe ihm, wenn er nichts Andres wäre als eben nur der
Mensch, der an dem Pranger steht! Weisst du nun, Ustad, wie undankbar, ja wie
gewagt es ist, mit der Geisterhand schreiben zu wollen? Der Spott würde sich
sofort deiner bemächtigen. Die raffinierte, rücksichtslose Lüge würde an dich
herantreten, um den erhabenen Begriff, welcher dir bei dem Worte Geist
vorschwebt, zu fälschen und in Gespenst zu verwandeln. Man würde höhnisch
behaupten, du meinst nicht das Reich der Geister, welche grosse, edle Menschen
sind, sondern das Geisterreich, von dessen Vorhandensein nur der Aberglaube
faselt. Und selbst wenn du nicht mit Menschen- sondern mit Engelzungen
sprächest, die Unvernunft würde dich nicht verstehen können und die Feindschaft
dich nicht begreifen wollen, sondern dir alle möglichen Eigenschaften und
Absichten unterschieben, aber ja nur keine guten!«
    »Aber die Vernünftigen, Effendi?«
    »Sie können dir keine Hilfe gewähren, denn sie sind machtlos, dem Heere der
Andern gegenüber. Du kannst dich nur auf dich selbst verlassen. Du hast
alleinzustehen, ganz, ganz allein, in allertiefster Seeleneinsamkeit, fest,
stark, unerschütterlich - - - vollständig gleichgültig gegen jeden Schmutz, mit
dem man nach dir wirft, gegen jede Niedertracht und Tücke, die aus vollen
Nüstern dir entgegenschnaubt. Selbst die, welche an dir hangen, verstehen dich
meist falsch, denn es erfordert Gedankenewigkeiten, bevor sie lernen, durch das
Wort und die Gestalt hindurch den Sinn, den Geist, die Seele zu erfassen. Also
auch sie stehen nicht bei dir, an deiner Seite. Aber grad diese Einsamkeit,
diese Verlassenheit ist es, die dir den allerbesten, den einzigen Schutz
gewährt. Bist du stark genug, dich zu dieser Entsagung zu bekennen, so gewinnst
du sie lieb, unendlich lieb. Dein Ohr hört weder Lob noch Tadel mehr, und alles,
was sich gegen dich aufbäumt, muss ohnmächtig in sich selbst zusammenfallen.«
    »Ich begreife dich und begreife dich doch nicht,« gestand er ein. »Auch ich
habe entsagt, dann aber doch wenigstens meine Dschamikun gefunden. Die
Einsamkeit, von der du sprichst, ist mir beinahe undenklich.«
    
    »So schreibe, wie du ja wolltest, mit deiner Geisterhand; dann wirst du sie
sofort kennen lernen! Versuche es, deinen Lesern ins Körperliche zu übersetzen,
was Geist, was Seele ist, du wirst die Folgen so schnell an dir verspüren, dass
es dir grauen möchte! Zeige ihnen einmal ein volles Menschen-Ich, von dessen
Wesen sie trotz aller Psychologie noch keine Ahnung haben. Zerlege es vor ihren
Augen in deutliche Gestalten, von denen du glaubst, dass sie sofort verstanden
werden müssen - - was wird die Folge sein? Man sieht das nicht, was du
beschreibst, und denkt darum, du redest nur von körperlichen Dingen. Das presst
den Blinden jenes Lachen aus, worüber Sehende am liebsten weinen möchten. Man
nennt dich einen Lügner, einen Prahler. Man spricht von Eigenlob, von
widerlicher Selbstreklame. Und doch kann nirgendwo die Arroganz so ungeheuer
sein wie grad bei diesen Toren, die ihren blinden Willen dem Schöpfer und den
Menschen, sogar der sämtlichen Natur als oberstes Gesetz ins Antlitz schleudern.
Was tust du dann, wenn diese - - -«
    Ich konnte nicht weitersprechen, denn es fiel unter uns ein Schuss und wieder
einer. Gleich hierauf hörte ich Kara Ben Halef, welcher seine Lagerstätte
bekanntlich auf dem platten Dache über der Halle hatte, ausrufen:
    »Was war das? Warum hat man geschossen?«
    »Die Gefangenen brechen aus!« erwiderte eine weibliche Stimme.
    »Wallahi! Lass sie nicht in das Haus! Ich packe sie hier von oben!«
    Kaum gesagt, tat er es auch: Er schoss vom Dach herunter in den Hof.
    »Das war die Stimme meiner wachsamen Schakara!« rief der Ustad. »Eile du
hinab zu ihr, Effendi! Ich gebe meinen Dschamikun das Zeichen mit der Glocke;
dann folge ich dir nach. Nimm deine Waffen; sie sind aber nicht geladen!«
    Um die Lampe stehen lassen zu können, steckte ich eine Talgkerze an und ging
schnellen Schrittes hinunter in die »Rumpelkammer«. So lange die Menschheit
nicht Frieden hält, darf auch der Friedliche nicht auf die Wehr verzichten. Das
wurde uns beiden jetzt bewiesen. Ich nahm den Stutzen nebst Patronen und sprang
dann, mehr als ich stieg, die untern Treppen hinab. Da stand Schakara vor der
Tür, welche in die Halle führte; sie hatte den Eisenriegel vorgeschoben und eine
Pistole in der Hand. Am Boden stand eine brennende Lampe, daneben lagen die
Kleider des Bluträchers. Auf dem Hofe brüllten viele Stimmen drohend
durcheinander. Kara's Schüsse krachten. Er beschützte von oben herab die Stufen
zu der Halle. Ich warf das Licht weg, weil es mich hinderte, lud das Gewehr und
erkundigte mich während dieser höchst eiligen Beschäftigung bei der Kurdin:
    »Wie kamst du dazu, bewaffnet zu sein und die Flucht der Gefangenen zu
entdecken?«
    »Frage das später!« antwortete sie. »Horch! Die Glocken klingen! Nun
erwachen alle unsere Krieger. Da ist die Gefahr für das hohe Haus vorüber. Die
Feinde können jetzt weiter nichts mehr tun, als schleunigst fliehen. Lehre sie
die Stimme deines Gewehres kennen!«
    Sie schob den Riegel zurück und öffnete die Tür. Grad als ich hinaus in die
dunkle Halle trat, kam Hanneh von oben herab.
    »Mein Halef, mein Halef!« rief sie aus. »Wenn er die Schüsse hört, so wacht
er auf und wird sich tief erregen!«
    Sie eilte zu ihm hin. Ich aber bemerkte zu meiner Beruhigung, dass kein
Fremder hier eingedrungen war. Sie waren schon fast alle zum Tore hinaus, und
ich schickte ihnen mehrere Schüsse nach, doch nur in der Absicht, sie zu
beängstigen, nicht aber, sie zu treffen.
    »Verteilt euch schnell, schnell!« hörte ich die Stimme des Bluträchers
brüllen. »Nur euch nicht wieder ergreifen lassen! Nur rasch zum Dorfe hinaus!
Wir kommen ja doch wieder. Dann aber Rache, Rache!«
    Die Glocken klangen weiter, in einzelnen, warnenden Schlägen. Im
Küchengarten krachten jetzt auch Schüsse. Das war, wie ich später erfuhr, Tifl,
der dort hinter den Sträuchern stand. Die übrigen männlichen Bewohner des Hauses
erschienen, und unten im Dorfe begannen die Gewehre laute Antwort zu geben. Wo
aber war der Pedehr? Und wo waren die Wachen, die drüben am Gefängnistore
gestanden hatten? Ich sah sie nicht.
    Da hörten die Glocken auf, zu stürmen, und der Ustad kam zu uns herab. Er
traf mit dem Händler aus Isphahan und dessen Sohn zusammen, die sich nun auch
einfanden. Ich bat, Fackeln anbrennen und vor allen Dingen das Tor wieder
verschliessen zu lassen. Als das geschehen war, liess ich die Leute zusammenrufen.
Man tat dies mit einer Hast, als ob es nun erst gelte, das zu verhüten, was doch
bereits vorüber war. Die Aufregung hatte alle ergriffen, sogar den Ustad auch.
Ich aber war gewohnt, mir in jeder Lage meine innere Ruhe zu bewahren, und
konnte mich höchstens darüber wundern, dass der Pedehr sich noch immer nicht
sehen liess. Als ich nach ihm fragte, war es Schakara, welche antwortete.
    »Ich sah ihn zu den Gefangenen hinübergehen, und er kam nicht wieder,« sagte
sie.
    »Wo warst du, als du das bemerktest?« erkundigte ich mich.
    »Hier in der Halle. Ich wünschte, dass Hanneh und Kara schlafen möchten, und
bat darum, bei Hadschi Halef wachen zu dürfen. Das gewährten sie mir.«
    »Du immer Gute und stets Opferfertige!« unterbrach ich sie. »Was wollte denn
der Pedehr so mitten in der Nacht bei diesen Fremden?«
    »Das weiss ich nicht. Er sprach gar nicht mit mir, wohl weil er mich nicht
sah. Als er so gar nicht wiederkehrte, wurde ich besorgt um ihn und ging hinaus
auf die Stufen. Da sah ich das Tor des Gefängnisses offen, und die Soldaten
kamen leise heraus. Ich erschrak so, dass ich kein Wort hervorbrachte, und doch
war Hilfe nötig. Darum eilte ich in das Innere des Hauses und holte die Pistole
des Pedehr, die stets geladen ist. Die schoss ich ab, alle beide Läufe, und dann
verriegelte ich die Tür, damit es keinem Feinde gelingen möge, zu euch
hinaufzukommen. Was dann geschah, das weisst du ja, Effendi.«
    Wie kam es doch, dass es meine Hand hinüber zu der ihrigen zog, um sie zu
drücken? Ich tat es und sprach dabei:
    »Wenn der Geist des Hauses von unnützen Dingen träumt oder gar im vollen
Wachen sich unvorsichtig erweist, so hat dann freilich die Seele die Augen offen
zu halten. Und die bist du für uns gewesen, o Schakara! Ich vermute, der Pedehr
steckt drüben im Gewölbe und ist Gefangener an Stelle derer, die er festzuhalten
hatte. Schauen wir nach ihm!«
    »Wird er nicht tot sein?« fragte höchst besorgt sein Tifl. »Sie können ihn
ermordet haben!«
    »O nein! Wer zum Wettrennen wiederkommen will wie dieser Multasim, der
begeht zwar heimlichen, nicht aber offenbaren Mord. Der Pedehr wird ihm wie in
einer Da' wa 'l Jhana20 in die Hände gegangen sein und nicht den richtigen
Vergleich zwischen sich und ihm getroffen haben. Da bleibt nun uns nichts
Anderes übrig, als dass wir jetzt ganz ruhig sind und später anders als wie er
verfahren. Nun kommt!«
    Wir gingen mit zwei Fackeln über den Hof hinüber. Die Flüchtigen hatten
infolge der Alarmschüsse gar nicht Zeit gefunden, die Tür fest zuzumachen; sie
war nur angelehnt. Im Innern herrschte tiefe Dunkelheit! durch unsere Fackeln
aber wurde es hell. Da sahen wir sie am Boden liegen, den Pedehr und auch die
Wächter, mit den eigenen Stricken gebunden und durch Knebel sprachlos gemacht.
Alle, die mit hereingekommen waren, stiessen Rufe des Erstaunens, der
Verwunderung, ja des Schreckens aus. Der Ustad schlug die Hände zusammen und
wollte sich wahrscheinlich in geharnischten Fragen ergehen; ich aber nahm ihm
durch eine schnelle Handbewegung die Zeit dazu und sagte:
    »Keiner von euch spreche! Es handelt sich hier um Anderes, als ihr denkt!
Der Pedehr hat getan, was er nicht lassen konnte. Schmälern wir ihm also nicht
seinen Ruhm! Macht die Andern los; sie mögen gehen!«
    Während man dies tat, bückte ich mich zu dem Scheik nieder, um ihn zu
befreien, von denselben Fesseln, welche für seine und unsere Feinde bestimmt
gewesen waren. Auch zog ich ihm den Knebel aus dem Munde. Da stand er langsam
auf. Er sah uns an und lächelte. Sonderbar! Er wollte sprechen und brachte doch
nichts hervor. Da sagte ich:
    »Gib dir keine Mühe, o Pedehr! Wer sich von den Gegnern die Stimme rauben
lässt, der braucht sich vor den Freunden auch nicht anzustrengen!«
    Dann drehte ich mich um und ging hinaus. Die Andern folgten. Als wir wieder
in den Hof kamen, wurde an dem grossen Tore Einlass begehrt. Es waren Dschamikun.
Sie hatten einige der entflohenen Soldaten eingefangen und brachten sie wieder;
ein Offizier oder gar der Bluträcher war aber nicht dabei. Darum bedeutete ich
sie, diese ganz gewöhnlichen Menschen einfach aus dem Dorf zu schaffen und dann
laufen zu lassen, dafür aber um so mehr acht auf ihre Pferde und andern Tiere zu
geben, auf welche man es sehr leicht abgesehen haben könne. Beim Anbruche des
hellen Tages sei dann die Gegend nach den Flüchtlingen abzusuchen und jeder
Zurückgebliebene mit der Peitsche zu belehren, dass er hier bei den Dschamikun
nichts mehr zu suchen habe. Hierauf entfernten sie sich, und das Tor wurde nun
wieder verriegelt. Darauf fragte mich der Ustad, was jetzt zunächst und vor
allen Dingen noch zu tun sei.
    »Zunächst und vor allen Dingen?« antwortete ich lächelnd. »Vor allen Dingen
schlafen wir.«
    »Ich auch?«
    »Jawohl! Es wird uns kein Fremder wieder stören.«
    »Möglich; aber wir haben noch so viel zu besprechen und noch so viel zu
bestimmen!«
    »Mein Freund, wir haben schon viel zu viel besprochen, weit mehr, als nötig
war und nötig ist. Und zu bestimmen? Dazu ist Zeit, wenn wir geschlafen haben,
bevor du reisest. Lass mich dir offen sagen: Das Wort hat dann nur Wert, wenn es
sich zur Tat gestaltet. Lass uns also von nun an mehr in Taten als in Worten
sprechen! Dass der heutige Abend und ein Teil der Nacht so reich an Worten war,
ist zu begreifen. Der vorangehende Tag gab uns den Stoff dazu, und dann war es
ja Nacht; die Nebel wallten. Komm noch einmal mit mir herauf! Wir wollen sehen,
ob sie noch da, ob sie vorhanden sind.«
    Wir stiegen in meine Wohnung, wo die Lampe noch brannte; ich löschte sie
aber aus. Unten in der Halle und unter den Bäumen des Hofes war es noch ganz
dunkel gewesen. Hier oben aber führte die offenstehende Tür hinaus ins Freie und
Schattenlose.
    Als wir hinaustraten, standen die Bergeskuppen des Ostens bereits in
wasseropales, bläuliches Hell getaucht. Hoch über uns lüfteten sich die Maschen
des nächtlichen Schleiers, um vom Schein des Tages aufgelöst zu werden. In der
Tiefe lag der See auch jetzt noch wie im Traume, aber dieser Traum war klar, von
trüben Schatten rein. Und die Nebel, die wir vorhin noch gesehen hatten?
Verschwunden! Wohin? Wer kann es sagen!
    »Nun?« fragte ich, hinunternach dem Wasser deutend.
    »Fort!« antwortete der Ustad.
    »Und hier?«
    Ich zeigte hinein nach der Bibliotek. Da holte er tief Atem und sagte:
    »Ja, auch das waren Nebel, waren Dünste, und doch etwas ganz Anderes! Wie
soll ich es nur nennen?«
    »Du hast es bereits genannt und trafst den rechten Namen, als du
behauptetest, dass es auf deinem Grabe irrlichteriere. Die Dünste hatten
Flackerschein zu geben, um von ihm vollends weggezehrt zu werden. Verstehst du
nun, was ich meinte, als ich von allzuvielen Worten sprach? Es ist geflackert
worden. Wo? Ueber alten Sümpfen! Das schadet nichts; es reinigt sich die Luft.
Dann sinken die Schwärme der stechenden Insekten nieder, und freundliche
Gedanken kommen, den hellen Tagesfaltern gleich, herbei, um Hässliches und
Scharfes abzulösen. Du sprachst von deinem Grabe, deiner Gruft, die hier in
diesen deinen Räumen liege. Glaubst du, dass dies richtig gewesen sei?«
    Er sah einige Zeit nachdenklich vor sich nieder und antwortete dann:
    »Du weisst, dass man sich von alten, angewohnten Namen und Bildern nicht
leicht zu trennen vermag.«
    »Jawohl. Aber was wäre dann dein Alabasterzelt? Etwa das Mausoleum über der
geliebten Gruft?«
    Da fuhr er zusammen, schaute mich wie froh erschrocken an und rief aus:
    »Effendi, Effendi! Was sagst du mir da für ein Wort! Was du mit keiner Rede
des gestrigen Tages und der ganzen Nacht erreichtest, das sagst und beweisest du
mir durch dies einzige Wort! Wer sein Zelt für so hoch oben baut, den kann
vielleicht die Narrheit für gestorben halten, doch ist für diese Narrheit wohl
jeder Kluge tot, und weil sie mich für tot hält, bin ich lebend! Effendi, du
hast recht: Wir haben lange, lange Stunden mit einander geflackert und
irrlichteriert: es mag auch heilsam gewesen sein, der stechenden Insekten und
des Nachtgewürmes wegen; aber jetzt, jetzt erst, nachdem es Tag zu werden
beginnt, hast du mir endlich das klare Wort und richtige Licht gegeben, in
welchem ich erkenne, dass es nur an mir liegt, ob ich der Narrheit den Gefallen
tun will, tot zu sein!«
    »So schau hin gegen Osten! Dort bildet sich der erste Purpursaum, und leise
Strahlen küssen ihn von fern. Reich an Erkenntnis nähert sich der Morgen, und
wenn du willst, so teilt er sie dir mit.«
    »Ja, ich heisse ihn willkommen, und er soll mein Lehrer sein,« rief er aus.
»Du aber musst ruhen und schlafen, den ganzen heutigen Tag. Ich verlangte zu viel
von deinem noch nicht genesenen Körper. Darf ich dich für kurze Zeit wecken, ehe
ich aufbreche, Effendi?«
    »Ja, unbedingt! Ich habe vorher mit Agha Sibil zu sprechen und dann den
Brief nach Bagdad zu schreiben.«
    »So nimm jetzt meinen Dank, und schlaf am Herzen der Liebe ein, die dich und
mich bewacht, indem sie uns wie eine einzige Seele umschliesst!«
    Er zog mich innig an sich, um mich auf Stirn und Mund zu küssen. Dann ging
er hinab. Kaum war er fort, so trat die lange zurückgehaltene Schwäche ein. Es
überkam mich eine so grosse Müdigkeit, dass ich schnell mein Lager aufsuchte und
mich niederlegte, gleich so, wie ich war. Das Fenster stand offen. Ich richtete
den letzten Blick hinaus. Am Himmel begannen die Strahlen in goldenen Funken zu
blitzen. Dann war es wie ein Meer des Lichtes, welches mich plötzlich über und
über umflutete. Nun schloss ich die Augen und schlief ein, doch ohne dass es um
mich dunkel wurde. Wie war das sonderbar! - - -
                                Zweites Kapitel
                                        
                                Unter den Ruinen
Wenn ein Maler alles das, was ich gestern mit dem Ustad gesprochen hatte, auf
die Leinwand bringen könnte, so würde er es wohl am besten mit »Morgengrauen im
Menscheninnern« zu unterzeichnen haben. Die vorangehende, lebensgefährliche
Erkrankung, die Genesungsfreudigkeit, die fromme Feier am Tempeltage, das
Erscheinen der Bluträcherschar, der vereitelte Mord in der Halle, das alles
hatte trotz meiner innern Ruhe und Stetigkeit doch Nebel in mir aufgerührt,
welche das fast überlang geführte Gespräch nur schwer zu Ende kommen liessen. Und
noch viel schwerer war es in dem Ustad aufgewallt. Seine Lebensanschauung hatte
im Haine Mamre gewurzelt, wohin die Engel einst zu Abraham kamen, und ihren
höchsten Punkt in dem Worte Christi gefunden »Liebet eure Feinde; segnet, die
euch fluchen!« Dieses Gebet war seine Richtschnur gewesen allezeit, in jeder
Lebenslage. Da hatten sich die Andern, die sich ebenso Christen nennen, mit
ihrem Hass auf ihn gestürzt, um ihn und seine Nächstenliebe zu vernichten. Er
hatte nur einige kurze Versuche gemacht, sich gegen sie zu wehren; aber als er
erkannte, mit welchen Waffen man gegen ihn kämpfte, da zog er sich in das
stille, ruhige Land des Schweigens zurück, der christlichen Mahnung gedenkend:
»So dir jemand deinen Rock nehmen will, dem lass auch den Mantel!« Aber in seinem
Innern wallte es auf in wichtig schweren Fragen: Wer hat recht? Auf wessen Seite
steht die göttliche Wahrheit, der göttliche Wille? Bei Christo, welcher sprach:
»Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf ihn?« Oder bei
diesen hochangesehenen christlichen Priestern und Laien, die mit den
Gottesleugnern im engsten Operationsbunde den begeisterten Bekenner der Lehre
von der Nächstenliebe aus der »Gemeinschaft der Gläubigen« hinauszuwerfen
trachteten? Es kann ja doch gewiss nur eines von beiden wahr und richtig sein!
Entweder hat der Heiland sich geirrt, indem er etwas forderte, was ganz
unmöglich war, oder diese Herren treten mit Widerwillen vor dem
allerchristlichsten seiner Gebote zurück, weil ihnen die Selbstüberwindung
fehlt, es zu erfüllen!
    Wenn solche Fragen im Ustad nach klarer Antwort und nach Lösung trieben, so
musste alles, was in ihm festgestaltet gewesen war, ins Wanken kommen, tief
erschüttert werden. Daher sein Bestreben, mich zu sich heran in das Gespräch zu
ziehen und so lange festzuhalten, bis er deutlich sehe, wo eigentlich das wahre
Christentum zu finden sei, bei ihm oder bei diesen Anderen. Wo es zu suchen sei,
das wusste ich genau, durfte es ihm aber nicht in deutlichen Worten sagen, weil
die Klarheit in seinem eigenen Innern aufzutauchen hatte. Daher mein
dilatorisches Verhalten, die Dehnung unsres Stoffes und dann aber auch unsere
gemeinschaftliche Freude, als die Antwort endlich, endlich aus dem
Alabasterzelte herabgestiegen kam.
    Nun war es hell und licht geworden, sogar während meines Schlafes. Ich weiss,
ich träumte nicht, und dennoch war es mir, als ob ich träume. Wer war ich wohl,
und wo befand ich mich? Ich atmete nicht, und doch war alles Odem! Ich bewegte
mich nicht, und doch wallten tausend und abertausend Wogen unendlichen Glückes
in mir. Meine Augen waren geschlossen, und dennoch sah ich Herrlichkeiten rings
um mich her, die unbegreiflich sind. Und plötzlich hatte ich Flügel. Ich flog.
Wohin? Durch Ewigkeiten! Bis ich müde wurde und nach einem Punkte suchte, an dem
ich ruhen könne. Und ich fand ihn, fand ihn wieder, diesen meinen irdischen
Ruhepunkt im Reiche der Ewigkeiten. Und wo lag er? Im Schlafe, im tiefen, tiefen
Schlafe. Ich neigte mich trotzdem zu ihm nieder und - - schlug die Augen auf.
    Da stand die Sonne schon in des Vormittags Mitte, und um mich her war alles
licht und warm. Das Geräusch des Tages drang zu mir herauf. Ich fühlte mich
gekräftigt und so frisch, wie schon seit langer Zeit nicht mehr. Ich stand also
auf und ging auf das freie Dach hinaus. Im Hofe unten wurden die Kamele des
Ustad gesattelt. Ihn selbst sah ich nicht. Links drüben grasten unsere Pferde
auf der bergigen Weide, welche an den Komplex der Ruinen grenzte. Der See
glänzte azurblau zu mir herauf. Die Bewohner des Duar waren in lebhafter
Bewegung, natürlich der Reise ihres Ustad wegen. Von meinem Vorplatze führten
Stufen hinüber nach dem Glockenwege, welcher, von oben herabkommend, sich bis
zur Gartenhöhe niedersenkte, wo die Quelle sprudelte, neben welcher sich der
Herr des hohen Hauses eine rundum eingefasste Badestelle abgeschlossen hatte. Ein
solches Bad erschien mir sehr von Nutzen. Darum stieg ich da aussen langsam am
Berg hinab und fand die Tür zum Wasser geöffnet. Wie das erfrischte, dem Körper
doppelte Kraft zu geben schien!
    Als ich fertig war, spazierte ich auf dem weichen Grase zu unsern Pferden
hin. Welche Freude, als sie mich erkannten! Als ich mich dann wieder entfernte,
wollten sie partout mitgehen, und ich hatte sie sehr eindringlich zu bedeuten,
dass ich dies für jetzt nicht wünsche. Nun durch den Garten nach dem Hofe gehend,
kam ich an der Küche vorüber. Diese stand offen. Die »Festjungfrau« sah mich,
kam heraus, schlug vor Verwunderung die Hände zusammen, dass es nur so klatschte,
und rief:
    »Maschallah, du schläfst nicht mehr, Effendi! Das ganze Haus durfte sich
nicht laut bewegen, um dich ja nicht zu wecken. Wie hat unser Ustad dich doch
gar so lieb!«
    »Wo befindet er sich jetzt?« erkundete ich mich.
    »In seiner Stube.«
    »Und Agha Sibil?«
    »Der sitzt mit seinem Sohne in der Halle. Ich habe die halbe Nacht hindurch
gebacken und gebraten, um Proviant für die Reise nach Isphahan zu machen. Für
dich aber habe ich trotzdem immer Zeit. Weisst du, Effendi, um was ich den Ustad
gebeten habe, was er mir aus der Hauptstadt mitbringen soll?«
    »Nun?«
    »Eine Kasawaika!«21
    Bei diesem Worte strahlte ihr Gesicht in einer auffälligen, mir krankhaft
scheinenden Wonne.
    »Eine Kasawaika?« fragte ich, »woher kennst du das? So etwas wird doch hier
gar nicht getragen!«
    »Ich habe es gesehen, als ich noch beim Schah-in-Schah mit kochte. Die
russischen Madama hatten es. Ich muss so eine haben! Rot und blau, grün und gelb.
Das sieht so schön im Fackellicht.«
    »Fackellicht? Hm! Ich denke, du gehst stets weiss?«
    Da kam sie die Stufen vollends herab, trat nahe zu mir heran, legte das
fette Händchen auf meinen Arm und sagte in ehrfurchtsvoller Duzbrüderlichkeit:
    »Ja, immer weiss! Zuweilen aber auch bunt, ganz bunt! Das steht mir besser,
viel, viel besser! Der Aschyk22 sagt das auch!«
    »Du hast einen Geliebten, Pekala?«
    Da errötete sie bis zur Farbe der persischen Mohnblume, nahm einen
geheimnisvollen Ton an und raunte mir zu:
    »Ich vertraue es nur dir, Effendi, allein nur dir! Es ist ein tiefes
Geheimnis. Ich habe es schon vielen sagen wollen! aber ich fürchte, dass sie es
verraten. Du aber hast ein solches Herz voll Freundlichkeit und Güte, dass du es
gewiss nicht weiterplaudern wirst. Ein edles Frauenherz muss unbedingt ein edles
Männerherz haben, von dem es ganz und gar verstanden wird. Und Tifl ist zwar ein
liebes, folgsames Kind, jedoch ein edles Frauenherz, das kann er nicht
begreifen!«
    Sie schaute so ganz zerflossen und »edel« zu mir auf, dass sie mir gewiss sehr
spassig vorgekommen wäre, wenn ich nicht das zwar noch unbestimmte aber doch sehr
deutliche Gefühl gehabt hätte, hier vor einer vielleicht sehr wichtigen
Entdeckung zu stehen Psychologisch zweifelhafte Personen sind stets mit Vorsicht
zu behandeln. Darum antwortete ich nicht anders als in meiner gewöhnlichen,
freundlich ernsten Weise:
    »So sage mir, Pekala, was ein edles Männerherz von dir zu begreifen hat!«
    »Dreierlei. Erstens dass man Vertrauen haben will. Zweitens dass man
verschwiegen sein will. Drittens dass man nicht ewig Köchin bleiben will!
Leuchtet dir das ein, Effendi?«
    »Sehr!«
    »Das wusste ich. Du bist vernünftiger als tausend andere Männer, die kein
edles Frauenherz verstehen. Darum habe ich gewusst, dass ich dir alles, alles
mitteilen kann, was ich den meisten Menschen verschweige.«
    »Also den meisten! Das ist sehr vorsichtig von dir! Nun sage mir vor allen
Dingen, von wem hast du denn eigentlich das von dem edlen Frauenherzen
erfahren?«
    »Von meinem Aschyk. Ich habe gar nicht gewusst, dass ich auch so etwas Edles
besitze; er aber hat es sofort erkannt und mir gesagt.«
    »Und woher hat er von solchen Herzen erfahren?«
    »Von einer Engländerin, die er mit ihrem Engländer in Buschehr getroffen
hat. Die hat alle Tage einen neuen Papierfächer verlangt und dabei gesagt, sie
habe ein edles Frauenherz und dürfe sich also ihre Gesichtsfarbe nicht
verderben. Darum bringt mir mein Aschyk stets auch zwei oder drei Papierfächer
mit, so oft er kommt.«
    »Wo kauft er diese? Ist er ein Dschamiki?«
    »Was du denkst, Effendi. Es ist noch keinem Dschamiki eingefallen, mein Herz
edel zu nennen! O nein; mein Aschyk ist kein hiesiger und auch kein gewöhnlicher
Mann, sondern ein vornehmer Schahsadeh23 aus Isphahan.«
    »Du Glückliche! Kennst du ihn schon lange?«
    »Schon seit einigen Jahren.«
    »Besucht er dich oft?«
    »Fast immer, wenn vier Wochen vorüber sind.«
    »Hat er da einen bestimmten Tag?«
    »Ja, denn so ein hoher Schahsadeh ist immer pünktlich. Er kommt stets, wenn
es Pazar günü24 ist. Dann ziehe ich abends meine weissen Sachen aus und lege die
schönen bunten an, die er mir immer schenkt. Hierauf gehe ich zu ihm hinüber in
die Ruinen, wo ich mit ihm beim Mondenscheine hin und her spaziere, wie eine
Tochter des Beherrschers. Ist es aber dunkel, so steigen wir in das Innere und
brennen eine Fackel an.«
    »Warum da drüben und nicht hier?«
    »Weil er nur heimlich kommen darf. Edlen Herzen wird es nämlich ungeheuer
schwer gemacht, sich öffentlich zu verbinden. Wir können erst dann miteinander
in Isphahan einziehen, wenn der jetzige Schah gestorben ist. Ich habe darum
geschworen, das tiefste Geheimnis zu bewahren. Aber weil es bei dir ebenso
verschwiegen aufgehoben ist wie bei mir, so halte ich meinen Schwur ja doppelt,
indem ich es dir erzähle.«
    »Aber welchen Grund hast du wohl, es grad mir mitzuteilen?«
    »Einen sehr grossen, wichtigen Grund. Du bist doch, wenn unser Ustad
abgereist ist, der Herr des hohen Hauses?«
    »Ja.«
    »Ich wusste es. Der Ustad hat uns gesagt, dass wir dir in allen Dingen sofort
und willig zu gehorchen haben. Und weil du über alles zu befehlen hast, muss ich
dich um etwas bitten, womit ich das Leben meines Aschyk retten kann. Ich bin
also gezwungen gewesen, dir mein Geheimnis zu verraten. Wäre das nicht, so hätte
ich mich nicht an dich getraut, obgleich ich fühle, dass du ebenso edel bist wie
ich! Aber dort kommt der Pedehr. Verrate mich nicht, Effendi! Kein Mensch darf
es wissen, kein einziger! Nur du und ich allein! Ich sage dir vielleicht schon
heut noch mehr. Jetzt aber muss ich in die Küche!«
    Sie machte mir einen so tiefen Knix, wie bei ihrer Taille möglich war, und
verschwand dann in ihrem Reiche. Der Pedehr hatte allerdings im Begriff
gestanden, nach der Küche zu kommen, sich aber schon wieder umgedreht, um nicht
zu stören. Das war mir lieb. Es war nur diese Pekala, diese Köchin gewesen, mit
der ich gesprochen hatte, aber ich muss gestehen, dass ich mich trotzdem nicht in
der Stimmung befand, sofort mit einer andern Person über andere Dinge zu reden.
    Was für Gedanken hatten mich bisher bewegt! Bis fast zu diesem Augenblick!
Und nun hier plötzlich diese geistige Nichtigkeit, zehnfach, hundertfach nichtig
grad durch ihre strahlend freundliche Gestalt! Diese Null war hohl; hierüber gab
es keinen Zweifel. Aber hinter ihr stand eine ganze Finsternis bereit, sie mit
dem Verderben für uns vollständig anzufüllen! Und es war so viel, so ganz
unerwartet viel, was ich erfahren hatte! Ich zog mich unter die Bäume des
Gartens zurück, um nachzudenken.
    Zunächst hielt ich es für begründet, dem Ustad diese Neuigkeit einstweilen
zu verschweigen. Ich durfte ihm seine Reise nicht durch Sorgen erschweren, die
ihm sehr leicht den klaren Blick beeinträchtigen konnten. Sodann war diese
Pekala für mich jetzt in ein ganz neues, in ein drittes Stadium getreten. Von
der Krankheit geschwächt, hatte ich sie für ein herzliebes, wenn auch recht
unbedeutendes Wesen gehalten. Dann war ein gewisses Misstrauen gegen sie erwacht,
von welchem ich auch dem Ustad gegenüber kein Geheimnis gemacht hatte. Jetzt
aber wurde es ernst, sehr ernst! Ein Mensch, welcher Charakter und Inhalt
besitzt, kann berechnet werden, eine Pekala aber nicht. Sie ist trotz aller
ihrer Liebenswürdigkeit gefährlicher als mancher Bösewicht. Solche Menschen
gleichen freundlichen Schmetterlingen, die um ihrer Raupen willen unschädlich
gemacht werden müssen. Es tut einem leid, doch hat man sich zu wehren.
    Wer war dieser Aschyk, dessen Spionin sie in so unglaublich lächerlicher
Weise geworden war? Jedenfalls ein Sill, ein Untergebener von Ahriman Mirza. Er
kam monatlich einmal zu ihr, und stets Sonntags. Am Montag aber war der »Tag des
Soldes«, also der Versammlungstag. Jedenfalls fragte er sie da nach allem aus,
was hier bei den Dschamikun inzwischen geschehen war, und berichtete es dann
weiter. So waren die Sillan stets vorzüglich unterrichtet. Das ganze Lebenswerk
des Ustad hing also von der Schwatzhaftigkeit einer Person ab, die weiter
nichts, als eine Törin, eine Närrin war! Wer weiss, wieviel sie bisher schon
geschadet hatte! Stand sie allein mit ihrem Verrate, oder besass sie noch andere
Vertraute? Ich war sehr geneigt, anzunehmen, dass wenigstens Tifl, ihr »Kind«,
auch mit beeinflusst worden sei. Konnte man es überhaupt für möglich halten, dass
die geheimen Zusammenkünfte der »Schatten« hier in den Ruinen so ganz ohne
Verrat und Unterstützung von seiten der Dschamikun abgehalten wurden? Mir
erschien dies beinahe undenkbar. Mochte das aber sein, wie es wollte, ich hatte
mir schon gestern vorgenommen gehabt, nach den hiesigen Geheimnissen der Sillan
zu forschen, und nach dem jetzigen Gespräch mit der Köchin verstand es sich ganz
von selbst, dass bei ihr der Anfang zu machen sei, und zwar so bald wie möglich.
    Nun ging ich nach dem Hofe. Dort stand Agha Sibil mit seinem Enkel jetzt bei
den fertiggeschirrten Kamelen. Ich erkannte den Ersteren sogleich an dem fast
beispiellos starken Schnurrbarte, der so riesig war, wie ich noch keinen gesehen
hatte. Man mochte auch mich ihm schon beschrieben haben, denn sobald er mich
sah, kam er auf mich zu, nannte seinen und meinen Namen, stellte mir seinen
Enkel vor und bat mich, bei ihnen im Baumesschatten Platz zu nehmen, damit sie
von mir ausführlicher erfahren könnten, was ihnen von Andern nur andeutungsweise
mitgeteilt worden sei. Es verstand sich ganz von selbst, dass ich diese Bitte
mehr als gern erfüllte.
    Noch während ich erzählte, kam der Ustad mit dem Pedehr aus der Halle. Sie
gesellten sich zu uns. Der Erstere hatte gar nicht geschlafen und mich soeben
wecken wollen, aber von dem Letzteren erfahren, dass ich schon aufgestanden sei.
Der Pedehr verhielt sich so zu mir, als ob gar nichts vorgefallen sei, was man
ihm vorzuwerfen habe, und darum zeigte auch ich mich unbefangen. Der Ustad aber
schien sehr ernst mit ihm gesprochen zu haben und vermied es sogar jetzt noch,
seinem Blicke zu begegnen. Der Kaufmann war ein hochehrwürdiger, braver Herr,
der unendlich glücklich und dankbar war für das, was ich ihm erzählte. Er hätte
mir noch gern stundenlang zugehört, musste sich aber bescheiden, weil nun
aufgebrochen werden musste, weil es in der Absicht des Ustad lag, die verwandten
Kalhuran noch heut zu erreichen, um ihnen Nachricht über das zufriedenstellende
Befinden ihres Scheikes zu bringen. Doch blieb uns Zeit, das Nötigste zu
besprechen.
    Der Ustad übergab mir seine Wohnung mit dem sämtlichen Verschluss, und ich
machte ihn noch einmal besonders auf den Brief aus Basra aufmerksam, den er in
Isphahan an den »Henker« zu besorgen hatte. Als ich eine Bemerkung über die
Gefahr aussprach, welche ihm seitens der entflohenen Soldaten drohen könne,
teilte er mir mit, dass unten im Dorfe eine Schar bewaffneter Dschamikun auf ihn
warteten, welche ihn begleiten würden, bis alle Gefahr vorüber sei. Hierauf
wurden alle Bewohner des »hohen Hauses« herbeigerufen, damit er sich von ihnen
verabschieden könne, grad als Kara Ben Halef von einer Tour heimkehrte, die er
unternommen hatte, um sein Pferd wegen des Wettrennens geschmeidig zu erhalten.
Er wendete sofort wieder um, weil er es für eine Ehrenpflicht hielt, den Ustad
bis an die Grenze seines Gebietes zu begleiten.
    Mir war es leider nicht möglich, mich ebenso höflich zu erweisen. Ich musste
bleiben, wo ich war, und konnte nur hinauf auf meine Plattform steigen, um erst
mit dem Auge und dann mit dem Herzen dem zu folgen, von dem ich mich trotz aller
äusserlichen Entfernung innerlich unzertrennlich fühlte. Ich war nun Herr seines
Hauses und nahm mir vor, es im allerbesten Sinne zu sein, der menschenmöglich
ist!
    Eigentlich hatte ich mich jetzt wieder niederlegen wollen und auch sollen,
aber ich fühlte sonderbarerweise nicht die geringste Spur von Müdigkeit. Darum
ging ich jetzt wieder hinab, um zunächst nach meinem Halef zu sehen, von dem ich
heut noch nichts vernommen hatte. Hanneh war bei ihm. Er hatte soeben die Augen
aufgeschlagen und richtete sie auf mich, als ich mich bei ihm niederliess. Ein
liebes, liebes Lächeln ging über sein eingefallenes Gesicht.
    »Sihdi, gib mir deine Hand!« flüsterte er. »Ich muss sie küssen!«
    Ich kannte ihn und wusste, dass ich ihm diese Liebe nicht verweigern durfte.
Er führte meine Hand an seine Lippen und hielt sie dort so fest, wie es ihm
möglich war. dabei hielt er die Augen wieder geschlossen.
    »Sihdi, wo - - - wo bist du gewesen?« fragte er leise. »Aus deiner Hand
strömt - - - Leben - - - Kraft - - - und Genesung! Warst du vielleicht - - - im
Schlafe dort, wo - - wo - - wo - - -«
    Er sprach nicht weiter, sondern er schlief ein.
    Dann ging ich wieder durch den Garten und nach der Pferdeweide hinter. Es
war etwas in mir, was mich drängte, die dort so nahen Ruinen einmal in grösserer
Deutlichkeit als bisher vor mir liegen zu haben. Ich ahnte, dass in ihnen der
Anfang des Endes liege, dessen Fäden jetzt in meine leider noch so schwache Hand
gegeben waren. Das Gehen fiel mir heut schon wieder leichter als noch gestern.
Meine kräftige Natur begann, sich geltend zu machen. Die Pferde seitwärts
lassend, wendete ich mich der Stelle des alten Mauerwerkes zu, wo die letzten
Büsche des Weidelandes standen. Dort war einer der cyklopischen Steine zu irgend
einem Zwecke aus den Fugen gehoben und auf die hohe Kante gerichtet worden. Er
warf nach Nord den Schatten. Da wollte ich mich niedersetzen und das Gemäuer in
Augenschein nehmen. Aber es sass schon jemand da - - Schakara. Meine Schritte
waren im Grase unhörbar gewesen. Sie wurde auf mein Kommen erst aufmerksam, als
sie meinen Schatten neben dem des Steines erscheinen sah. Da wendete sie den
Kopf, wer es wohl sein möge. Als sie mich erblickte, wollte sie aufstehen, aber
ich bat sie ruhig sitzen zu bleiben, und nahm in ihrer Nähe Platz.
    Sie zeigte nicht die geringste Spur von Verlegenheit, während ein
europäisches Mädchen, in derselben Beschäftigung überrascht, gewiss aufgesprungen
und davongelaufen wäre. Sie hatte nämlich ihre langen, schweren, dunkeln
Flechten geöffnet und war soeben dabei, dieses fast überreiche Haar durch den
Kamm zu glätten.
    »Lass dich nicht stören, Schakara!« sagte ich. »Hier bin ich Kurde und nicht
Europäer.«
    »Europäer - - -?« Sie sah mich fragend an. Dann kam es wie Verständnis über
sie: »Ist es bei euch eine Schande für die Frauen, ihr Haar vor euren Augen zu
berühren?«
    »Zwar keine Schande, aber auch keine Ehre. Unsere Frauen zeigen ihr Haar nur
in künstlich geordnetem Zustande.«
    »Künstlich geordnet?« lächelte sie. »Also ist bei euch diese Ordnung nicht
Natur, sondern Kunst? Vielleicht ist das richtig; ich verstehe es nicht.«
    Wie einfach und unbefangen das klang! Wie hell und sorglos sie mich dabei
anschaute! Und wie unbedenklich sie dann in ihrer Beschäftigung fortfuhr! Ich
richtete mein Auge auf die Ruinen, zunächst ohne weiter zu sprechen. Kein
Luftauch war zu spüren. Es herrschte tiefe Stille, und nur - - - - was war denn
das? Während Schakara ihr Haar bewegte, war jenes laut knisternde, ganz
eigenartige Geräusch zu hören, welches entsteht, wenn elektrische Fünkchen
überspringen. Sie bemerkte meine schnelle Kopfbewegung und fragte:
    »Wolltest du mir etwas sagen, Effendi?«
    »Eigentlich nicht; aber, knistert dein Haar stets so, wenn du es ordnest?«
    »Ja. Oft noch viel lauter.«
    »Seit wann?«
    »So lange ich mich besinnen kann.«
    »Kennst du noch andere Personen, bei denen dasselbe Geräusch entsteht?«
    »Nur eine einzige, nämlich Marah Durimeh. So oft ich ihr die langen, weissen
Zöpfe flocht, erklang ihr Haar in diesen lieben Tönen, und in den Händen war es
mir, als sprängen tausend Funken auf mich über. Sie sagt, das müsse sein, wenn
sich nichts Fremdes zwischen Leib und Seele stelle. Hast du es noch nicht
gekannt, Effendi?«
    »Doch!«
    »Bei vielen?«
    »Nein; nur bei einem, bei mir. Darum konnte ich nicht vergleichen und nach
den Ursachen suchen.«
    »Die Ursache ist das Leben, ist die Seele. Ist diese ungeschwächt, so hat
sie auch die Kraft, zu zeigen, dass sie Überschuss an Lebensvermögen besitze.«
    »Wie du so sprichst, Schakara!«
    »Wie soll ich anders reden? Ich hörte es von Marah Durimeh, die meine
Lehrerin gewesen ist, so lange ich lebe. Sie liebt dies Knistern sehr; sie
pflegt es sogar; sie wird besorgt, wenn es sich einmal mindert. Sie spricht von
ihm, wenn sie aus alter Zeit erzählt, als noch kein Mensch von Krankheit etwas
wusste. Hat sie dir nicht gesagt von jenem fremden Dichter, der seine Poesie, die
er verloren hatte, an diesem Knistern, als sie dann wiederkam, sofort erkannte?
Das war das Ross der Himmelsphantasie, der treue Rappe mit der Funkenmähne, der
keinen andern Menschen trug als seinen Herrn, den nach der fernen Heimat
suchenden. Sobald sich dieser in den Sattel schwang, gab es für beide nur
vereinten Willen. Die Hufe warfen Zeit und Raum zurück; der dunkle Schweif
strich die Vergangenheiten. Des Lauses Eile hob den Pfad nach oben. Dem harten
Felsen gleich ward Wolke, Dunst und Nebel, und durch den Aeter donnerte das
Rennen hinauf, hinauf ins klare Sternenland. Dort flog die Mähne durch
Kometenbahnen, und jedes Haar klang knisternd nach der Kraft, die von den
höchsten aller Sonnen stammt und drum auch nur dem höchsten Können dient. Und
taten sich die Tore wieder auf, die niederwärts zur Erdenstunde führen, so
tranken Ross und Reiter von dem Bronnen, der aus der Tiefe jenes Lebens quillt,
und kehrten dann im Schein der Sterne wieder. Der Reiter hüllte leicht sich in
den Silbermantel, den ihm der Mond um Brust und Schultern warf, und seiner
Locken Reichtum wallte ihm vom Haupte. Des Rosses düstre Mähne aber wehte, im
Winde flatternd wie zerfetzte Strophen, schwarz auf des Mantels dämmerlichten
Grund. Und jene wunderbare Kraft von oben, die aus den höchsten aller Sonnen
stammt, sprang in gedankenreichen Funkenschwärmen vom wallenden Behang des
Wunderpferdes, hell leuchtend, auf des Dichters Locken über und knisterte
versprühend in das All.«
    Sie hatte langsam und natürlich, ohne alle künstliche Hebung gesprochen, als
ob diese Art der Ausdrucksweise eine ihr keinesweges ungewöhnliche sei. Ich war
erstaunt, ja wohl mehr als erstaunt. Weniger über die bilderreiche
Ausdrucksweise, weil diese dem Oriente eigen ist, als vielmehr über die Tiefe
und den dichterischen Wert der Gedanken, welche sie ausgesprochen hatte. Welch
ein Denken, Schauen und Empfinden! Welch eine reiche, seltsame Welt in ihrem
Innern! Welche Schätze mochte sie in sich tragen, die doch so anspruchslos hier
an der Erde sass! Sie begann jetzt, ihr aufgelöstes Haar wieder in Flechten
zusammenzulegen. Sie sah dabei nicht zu mir herüber, fühlte aber dennoch meinen
auf ihr ruhenden Blick, denn sie sagte:
    »Effendi, du forschest in mir. Frage mich doch lieber, wenn du etwas willst!
Ich sage es dir ja gern.«
    Da erkundigte ich mich denn auch sogleich:
    »Du nanntest Marah Durimeh deine Lehrerin. Was hat sie dich gelehrt, und in
welcher Weise tat sie es?«
    »Als echte Muallima25, die nichts falsch oder überflüssig tut. Sie lehrte
mich zunächst das Lesen und das Schreiben. Dann brachte sie mir nach und nach
alle jene Bücher, die das entielten, was ich lernen sollte.«
    »Gedruckte Bücher?«
    »Nein, zunächst noch nicht. Diese bekam ich erst nach Jahren, als sie
glaubte, dass mich fremde oder gar falsche Gedanken nicht mehr beirren könnten.
Was ich in der ersten Zeit zu lesen und zu lernen hatte, das schrieb sie alles
selbst, nur ganz allein für mich. Sie sagte, das müsse so sein, wenn ich werden
solle, was ich zu werden habe. Solche Bücher haben die genaue Mostra26 zu
entalten, nach welcher die geistige Gestalt zu bilden sei, keinen Strich zu
wenig und aber auch keinen zu viel. Weil aber niemals zwei verschiedene Personen
ganz dieselbe Begabung besitzen, könne die Form für den einen nicht auch die
Form für den andern sein. Darum sei ausser der Schule des Lebens jede andere zu
eng, die Kleinen in der Weise gross werden zu lassen, dass sich jeder in seiner
besondern Eigenart entwickele. - Du siehst mich staunend an, Effendi. Habe ich
etwas Törichtes gesagt?«
    »Ich staune, ja; aber aus einem ganz andern Grunde, als du denkst. Schakara,
ich sage dir: Marah Durimeh ist eine Meisterin! Hat sie noch andere Schülerinnen
ausser dir?«
    »Wer kann das sagen! Sie ist zwar meist verborgen, doch überall geliebt, wo
sie erscheint, und jeder lernt von ihr, zu dem sie kommt. Mich aber hat sie
einst zu sich geholt; ich war und blieb bei ihr und teilte alles, was sie trug
und tat. Sie gab sich wohl mit keiner so viel Mühe wie mit mir, und was ich bin,
das habe ich nur ihr allein zu danken.«
    »So weiss sie, dass du jetzt hier bei dem Ustad bist?«
    »Ja. Ich bin sogar in ihrem Auftrag hergekommen, von dem er allerdings bis
jetzt noch nichts erfahren hat. Ich musste erst studieren.«
    »Was oder wen? Darf ich es wissen?«
    Da schlug sie ihre klaren Augen gross und voll zu mir auf und antwortete:
    »Mir ist, als ob ich vor dir kein Geheimnis haben dürfe, als müsse ich dir
alles sagen, was in mir ruht, und auch was mich bewegt. Drum will ich nicht
verschweigen, dass ich den Ustad prüfe; weshalb, wozu, das weiss nur Marah
Durimeh. Auch ist die Gegend, wo er wohnt, für mich von Wichtigkeit. Es liegt
hier in der Nähe viel begraben, was auferstehen will. Er selbst spricht ja von
seiner eignen Gruft, doch ist das wohl nicht richtig. Schau diese Mauern an, die
hoch und stark sich hier vor uns erheben, als ob sie Heimlichkeiten zu verbergen
hätten, die keines Menschen Auge sehen dürfe! Wer baute dies? Warum in dieser
Weise? Aus welchem Grund gab man den Bau nicht völlig erdenfrei? So türmt man
doch nur Festungen empor, von welchen aus man blutig herrschen will! Wozu
Tyrannensitze für den Vater, der liebend zu den Kindern niedersteigt, wenn im
Gebete sie ihn zu sich rufen? Indem ich dieses frage, muss ich an jene alte Sage
denken, die von Chodeh, dem Eingemauerten berichtet. Kennst du sie schon,
Effendi?«
    »Nein.«
    »So lass sie dir erzählen!«
    Sie schaute zu den Ruinen hinüber, nickte wie unter einem heimlichen
Gedanken vor sich hin und begann sodann:
    »Das war zu jener Zeit, als der Teufel auf den Gedanken kam, Baumeister zu
werden. Er zeichnete viele tausend Pläne, aber keiner war ihm fromm genug. Da
sah er ein, dass man jedes Fach, also auch dieses, erst nach und nach zu erlernen
habe, und beschloss darum, zu den Menschen in die Schule zu gehen. Da er von
unten zu beginnen hatte, so begab er sich zunächst zu einem Volke, welches nur
auf Felsen baute. Als seine Zeit bei diesem vorüber war, suchte er ein anderes
auf, welches ungeheure Steine aus dem Felsen brach, um sie zu Mauern aufeinander
zu türmen. Bei einem dritten Volke lernte er Ziegel streichen und mit Asphalt zu
Gebäuden vereinigen, die von scheinbar ewiger Dauer waren. Bei einem vierten
richtete er sich auf riesenhafte Pfeiler und Säulen ein, welche selbst unter den
schwersten Lasten nicht zusammenbrachen. Bei einem fünften hörte er zum
erstenmal von Schönheit sprechen. Die Säulen bekamen freundlichere Gestalt, und
die bisher platten Dächer hoben sich empor. Beim sechsten kam der Schmuck dazu
und das Bedürfnis, Licht im Raum zu haben. Ein siebentes sah auf die äussere
Gestalt und forderte für jedes Bauwerk andre Formen. So legte er sich also auf
den Stil und weiter noch auf alles, was sonst noch nötig war. Und als er dann
vor seiner Meisterprüfung stand, an was für Bauten hatte er, der Teufel, sich
geübt? Was glaubst du wohl, Effendi?«
    »Erlaube mir, zu hören, nicht zu raten!« antwortete ich.
    »An lauter frommen Werken, die nur zur Ehre dessen errichtet worden waren,
für den der Teufel nichts als Hass besitzt. Zwar hatte wohl auch die Frömmigkeit
gewollt, denn fromm erscheinen, fördert selbst den Teufel, doch wirklich fromm
zu sein, daran geht er zu Grunde. Drum war sein Hass jetzt gar zum Grimm, zur
stillen Wut geworden, weil alle diese Bauten der Wahrheit dienten, aber nicht
dem Scheine, und er beschloss, in seinem Meisterstück ein Werk zu schaffen, bei
welchem alles Schein, nichts aber Wahrheit sei. Er ging in jenes Felsenland
zurück, wo er die Lehre einst begonnen hatte, denn dort war Gott ein lieber
Himmelsgast und liess sich oft bei seinen Menschen nieder. Er sass so gern bei
ihnen, licht und hehr im offnen Alabasterberg, sich seiner Sonne freuend. Da
kamen sie herbei, die er geschaffen, sie alle, gross und klein von seiner eignen
Hand den Segen zu empfangen. Sie liebten ihn; sie gönnten ihn auch andern; die
Eifersucht auf Gott und auf die Seligkeit war ihnen unbekannt. In diesen
Menschheitsfrieden trat der Andre, den es gelüstete, sein Meisterstück zu
machen. Er brachte seine Scharen, die ihm dienen, und liess den Neid der Hölle
rings verbreiten. Als dann der Herr im Morgenrot erschien, um wieder einen
Erdentag zu weilen, da drangen alle, alle auf ihn ein, nur hier bei ihnen noch,
sonst nirgends zu erscheinen; die andern Menschen seien es nicht wert. Da neigte
er das Haupt und ging betrübt von dannen. Er sprach den Segen nicht, sprach
überhaupt kein Wort. Der Andre aber sprach: Wisst ihr noch nicht, dass Gott sich
zwingen lässt? Was ist die Bitte wert, wenn sie nicht zeigt, dass sie auch
wirklich will! Beweist ihm euern Ernst, so muss und wird er tun, was ihr begehrt.
Ich will euch euern wahren Gott verschaffen; die andre Welt mag andre Götter
haben! Nun sandte er den Neid in Scharen aus, herbeizuschleppen, was er
vorbereitet. Und als das nächste Morgenrot erschien, nahm er die göttliche
Gestalt des Höchsten an und kam, den frommen Schein ins Werk zu setzen. Er liess
sich licht und hehr im Berge nieder und lächelte voll Huld den Menschen zu. Und
als sie ihre Bitte wiederholten und ernsten Nachdruck auf die Worte legten,
sprach er im Tone väterlicher Güte: Ich prüfte euch; drum war ich gestern still;
heut aber sag ich euch, ihr habt bestanden. Die Macht der Frömmigkeit ist grösser
als die meine. Drum nehmt mich hin als euer Eigentum. Ich will nun euch und
niemand sonst gehören! Da flogen die Quader herbei, die Säulen, die Steine, die
Ziegel. Der Felsen gab das Fundament; die Mauer klammerte sich fest; sie wuchs
empor. Der Teufel sass als Gott im Heiligtum. Doch seine Scharen regten sich,
ihn eiligst für das Volk hier einzumauern. Das Bauwerk stieg ihm immer höher,
bis an den Leib - - - bis an die Brust - - - bis an den Hals! Und betend lag
dabei die Andacht auf den Knieen! Der Kopf verschwand nun auch. Fast war der
Berg verschlossen. Da schwang ein dunkler Flederhäuter sich aus der letzten
Öffnung und flatterte in das Verschwundensein. Und in demselben Augenblick
erschien der Architekt vor seinem Werke und lobte laut, dass er zufrieden sei. -
- - Was war es für ein Bau? Kein Mensch vermags zu sagen. Wo liegt der Berg? Ich
weiss es nicht, doch möchte ich ihn finden. Und wenn ich mich nicht irre, bist du
bereit, mit mir nach ihm zu suchen, Effendi«.
    »Es wäre wohl der Mühe wert, sich hiermit zu beschäftigen,« antwortete ich.
»Es steckt in jedem Märchen und in jeder Sage ein Kern, um dessen willen die
Dichtung entstanden ist. Jedenfalls entält auch diese Erzählung von Chodeh, dem
Eingemauerten, eine Wahrheit, welche in dieser Form gesagt worden ist, um
jedermann zugänglich zu werden. Nur meine ich, dass dieser Gottesberg mit seiner
zugemauerten Alabasternische nicht an irgend einem geographischen Ort, sondern
nur auf rein geistigem Gebiete zu suchen sei.«
    »Ich nicht.«
    »Wie?« fragte ich überrascht. »Du denkst dir einen wirklichen Berg, auf den
ich mit diesen meinen Füssen hier steigen könnte?«
    Da flog ein unbeschreiblich schalkhaftes Lächeln über ihr schönes Angesicht,
und es klang beinahe wie von oben herab, als sie erwiderte:
    »Effendi, Effendi! Willst du mich etwa glauben machen, dass ein
Kurmangdschimädchen klüger sein könne als ein Gelehrter aus dem Abendlande? Was
meinst du, wenn du von Wirklichkeiten sprichst? Ist nur das wirklich, was ich
sehe, höre, fühle? Und muss das, was du als geistiges Gebiet bezeichnest, von
unsern Sinnen niemals wahrzunehmen sein? Sind wir Menschen nicht unendlich
verschieden begabt? Der Eine sieht, hört, riecht, fühlt oder schmeckt etwas,
wofür der Andere nicht einen einzigen Empfängnisnerven besitzt. Und diesem
Andern werden dafür viel tiefere und verborgenere Dinge offenbar, welche der
Vorige für unbegreiflich hält. Ich bin nicht wie du, und du bist nicht wie ich;
aber indem wir uns gegenseitig vertrauen und ergänzen, können wir uns zu einer
Persönlichkeit vereinigen, welcher zu erreichen möglich ist, was wir vereinzelt
nie erreichen würden. Das ist so leicht zu begreifen; aber schau um dich und
sag, ob man es beherzigt! Der Sonderstolz, Effendi, der Sonderstolz! Du magst
meinen, noch so hoch zu stehen, so hast du herabzusteigen, um zu lernen und dich
fördern zu lassen. Willst du aber keinem Niederen etwas zu verdanken haben, so
stehst du unter ihm, bist niedriger als er! Ich wollte ich dürfte dir die Berge
zeigen, die es für mich gibt, obgleich du sie nicht siehst«.
    »Und ich dir auch die meinen!« fiel ich da schnell ein.
    »Wo stehen sie?« fragte sie ebenso schnell.
    »Da oben an der Grenze, in stiller Einsamkeit. Nur selten kommt ein Mensch,
um dort emporzusteigen und heimzukehren in das Wunderland.«
    »An der Grenze? Heimkehr? Wunderland? Effendi, du siehst ich bin überrascht!
Meinst du etwa dasselbe wie ich? Dieselben Felsenkronen, die mir so oft im
Abendrot erglühten? Dieselben Pfade durch die heil'ge Stille, in welcher jede
Blume und jeder Luftauch betet? Dasselbe Wasserrauschen, von welchem meine
Seele trinkt, noch durst'ger als die Lippe, die ich kühle? Warst du vielleicht
in jenem Tal der Sternenblüten, wo unsichtbar die Seelen wandeln gehen, doch
ihrer Füsse Spur im grünen Moose lassen? Ich war einst dort, mit Marah Durimeh!
Wir hörten süsses Flüstern um uns her und leises Wehen, wie von himmlischen
Gewändern. Ein Veilchen stand am Quell, das einzige im ganzen, weiten Tale,
soeben erst gepflanzt, die Wurzel zärtlich sorgsam eingebettet und dann
befeuchtet, dass sie trinken könne. Da kniete Marah Durimeh sich nieder, schloss
es mit ihren lieben Händen ein und sprach: So war er also hier! Ich kenne seine
Weise und auch die namenlos Verehrte, die er mit seiner Lieblingsblume grüsst!
Ich wagte nicht, zu fragen, wen sie meine. Jetzt aber denk' ich an die
Lagerstätte, die ich mit deinen Lieblingsblumen schmückte, damit ihr Duft die
Seele dir erhalte. - Nun sag', Effendi, kennst du meine Berge? Warst du schon
dort? Bist du die Seele, die mit Veilchen grüsst?«
    Da stand ich auf und ging zum nahen Erlenstrauch; dort blühten einige
Veilchen. Ich pflückte sie und reichte sie der Fragenden. Auch sie stand auf,
steckte die Blumen in das Haar, welches nun wieder in vollen Zöpfen niederhing,
und sagte:
    »Ich kenne seine Weise, sprach Marah Durimeh. Effendi, wenn du ins Tal der
Sternenblumen kommst und dort ein zweites Veilchen stehen siehst, begiesse es,
wie ich das deine tränken werde! Es sei fortan auch meine Lieblingsblume. Und
nun sag' mir: Warum kamst du hierher an diesen Stein? Zwei Menschen, welche
gleiche Pfade gehen, die pflegen gegenseitig sich zu ahnen. Dich zogen die
Ruinen her zu mir?«
    »Ja, Schakara. Dir will ich offen sagen, dass ich sie durchforschen werde,
heimlich, bis in ihren tiefsten Winkel. Niemand soll jetzt davon erfahren, ausser
du.«
    »Also treffen wir uns auch hier auf gleichem Wege! Ich war schon oftmals
dort, ganz unbemerkt, des Nachts.«
    »Warum?«
    »Warum? Du weisst ja, was ich suche! Den Berg, die Alabastergrotte, das
Meisterstück des Architekten, der Schein auf Schein anstatt der Wahrheit baute.
Er kam zuletzt als Flattertier heraus. Was also kann die Grotte nun entalten?
Doch nichts! Leer muss sie sein! Es wurde weder Gott noch Teufel eingemauert. Und
doch, und doch bin ich noch nicht am Schlusse; ich muss vielmehr noch weiter,
weiter denken. Wo Gott von dem Teufel verdrängt wurde, da kann das Resultat doch
wohl in keinem Nichts bestehen. Ich bin nur Weib und du wirst wahrscheinlich
über diese meine Mantyk27 lächeln; aber es handelt sich hier doch nicht um zwei
Körper, welche zusammentreffen und sich wieder trennen können, ohne etwas
zurückzulassen, sondern um die Frage, was entstehe, wenn das Gute von dem Bösen
verdrängt wird und - - -«
    Sie hielt inne. Es ist eben nicht leicht, Göttliches und Teuflisches durch
menschliches Denken zu ergründen.
    »Schakara, ich bitte dich, lass Mantyk Mantyk sein,« sagte ich. »Du fühlst
das Richtige; aber es in Worten auszudrücken, das würde ich nicht wagen. Wenn
der Teufel Schein auf Schein getürmt hat, so liegt hinter diesem Scheine sicher
etwas Wahres verborgen. Was das ist, das können wir nicht wissen. Gelänge es
aber, den Berg zu finden und die Grotte zu öffnen, so würde es sich zeigen.
Ahnest du vielleicht einen gewissen Zusammenhang zwischen diesem Berge und dem
alten Gemäuer hier im Gebiete der Dschamikun?«
    »Ich ahne ihn nicht nur, ich fühle ihn ganz deutlich.«
    »Hast du dich nicht gefürchtet, des Nachts so allein in den Ruinen
herumzusteigen?«
    »Vor Menschen, ja, doch aber sonst vor nichts.«
    »Fandest du Spuren, dass Menschen dort verkehren?«
    »Ja. Solche Spuren könnten eigentlich nicht befremden, weil die Neugierde
doch gewiss so manchen Dschamiki und auch wohl manchen Andern hinunter in die
alten Bauten treibt. Aber ich sah Einiges, was auf keine guten Absichten
schliessen lässt.«
    »Was war das, Schakara?«
    »Ich halte es für besser, es dir zu zeigen, statt jetzt davon zu plaudern,
ohne dass es Nutzen bringt. Jetzt bist du noch zu schwach für solche Anstrengung,
doch wird sich das schnell bessern. Dann steigen wir hinab und du wirst alles
sehen, was ich entdeckte. Man sagte mir, dass du heut' den ganzen Tag zu schlafen
haben werdest. Effendi, tue es! Es kommen schwere Tage, und du hast stark zu
sein. Die Kraft, welche du heut' verschwendest, kann dir schon morgen fehlen.
Glaube mir, ich meine es gut!«
    Das klang so besorgt, so mütterlich, dass ich antwortete:
    »Ich werde diesen deinen Rat befolgen, doch nicht sofort, erst nach der
Mittagszeit, wenn Pekala - - -«
    »Pekala?« fiel sie da rasch ein. »Du wolltest sagen, dass sie dir das Essen
bringen werde. Du irrst. Von jetzt an werde ich es sein, die für dich sorgt. Ich
lasse dich in keiner andern Hand.«
    Ich wollte das nicht acceptieren und brachte meine Gründe dagegen vor. Da
öffnete sie das kleine Dschasaltäschchen, welches an ihrem Gürtel hing, nahm ein
Pergamentkärtchen heraus, gab es mir und sagte:
    »Am Tage nach der Nacht, in welcher man dich und Halef zu uns brachte,
sandte ich einen Boten an Marah Durimeh, denn ich hielt es für nötig, dass sie
wisse, wie es um eurer Leben stand. Ich habe ihr seitdem wiederholt berichtet
und Antwort von ihr erhalten. Das Letzte, was sie schrieb, sind diese Worte.«
    Ich las:
    »Er sei der Geist; du aber sei die Seele, seine Schwester. Das zeige ihm und
        grüsse ihn von mir.
                                                                 Marah Durimeh.«
    Da gab ich ihr das Pergament zurück, legte die Hand auf ihr Haupt und
sprach:
    »Was meine Freundin sagt, ist immer richtig. Ich will dein Bruder sein; so
sorge denn für mich! Jetzt muss ich hinauf zu mir, um den Brief nach Bagdad zu
schreiben. In einer halben Stunde wird er fertig sein. Dann esse ich mit dir und
Hanneh in der Halle, und da du es so willst, versuche ich hierauf, mich
auszuschlafen.«
    Dieses Programm wurde ausgeführt. Die Boten nach Bagdad hatten sich unten im
Dorfe schon bereitgehalten. Sie gingen ab, sobald sie den Brief bekommen hatten,
und nahmen eine Kamelsänfte für den dicken Kepek mit. Halef schlief noch fest,
als wir uns zum Essen setzten. Ich bin ein mässiger Esser; heut' aber ass ich
doppelt so viel als gewöhnlich. Ich wurde von zwei Seiten hart bedrängt und
hatte mich zu fügen. Als ich dann nach oben ging, nahm ich die noch immer im
Hausgange liegenden Kleidungsstücke des Bluträchers mit, um sie in der
»Rumpelkammer« aufzubewahren. Oben bei mir angekommen, trat ich auf die
Plattform heraus, um nach dem Stande der Sonne zu sehen. Es war eine Stunde nach
Mittag. Da legte ich mich nieder.
    Eigentlich war ich gar nicht müde. Es kamen mancherlei Gedanken, welche
Audienz begehrten, und ich gab sie ihnen. Dann nickte ich ein bisschen ein,
wachte aber sehr bald wieder auf. Nun griff ich zu künstlichen Mitteln. Ich
sagte das ganze grosse und kleine Einmaleins rück- und vorwärts her, rezitierte
in Gedanken Schillers Glocke und noch andere Gedichte, doch alles war vergebens.
Dann stand ich wieder auf, zog mich an und schaute nach der Sonne. Es war seit
dem Essen kaum eine Stunde vergangen. Was nun tun? In den Werken des Ustad
lesen? Seine Zeitungen verbrennen? Ja. Aber da fiel mir ein, dass es doch meine
Pflicht sei, einmal nach dem kranken Scheik der Kalhuran zu sehen. Das konnte
sofort geschehen. Ich ging also hinab.
    In der Halle sassen Hanneh und Schakara noch beisammen. Das Serir28 aber war
fortgetragen worden.
    »Es ist mir heut unmöglich, einzuschlafen,« sagte ich. »Darum kann ich mein
Versprechen leider nicht halten. Hoffentlich bin ich heut abend müde.«
    Da sahen sie einander an. Schakara blieb ernst. Hanneh aber lachte am ganzen
Gesicht und sagte:
    »Du kannst nicht einschlafen, Sihdi? Was hast du denn da während der ganzen,
langen Zeit getrieben?«
    »In welcher Zeit?« fragte ich belehrend. »Es ist ja höchstens eine Stunde!«
    »Eine Stunde? So weisst du also wirklich nicht, dass du einen ganzen Tag
geschlafen hast?«
    Tableau, wie man im Abendlande sagt! Aber zum Scheik der Kalhuran ging ich
nun erst recht, aber natürlich erst, nachdem ich wieder für zwei Mann hatte
essen müssen. Der neue Herr des hohen Hauses trat sein Amt, wie es schien, mit
vieler Würde an! Der Scheik befand sich in der besten Pflege. Er hoffte, schon
in der kürzesten Zeit wieder aufzukönnen. Den Bluträcher erwähnte er nur ein
einziges Mal, aber in einer Weise, die mehr als Worte sagte.
    Hierauf wollte ich nach den Pferden sehen. Ich hatte nicht weit zu gehen.
Barkh und Assil Ben Rih standen im Hofe. Kara sattelte sie, um sie auszureiten.
Mit seinem Ghalib hatte er schon am Vormittage eine Uebungstour gemacht.
    »Sihdi, wenn du nur wieder in den Sattel könntest,« sagte er. »Schau nur,
wie dich dein Assil bittet!«
    Der Rappe machte es allerdings sehr deutlich. Er tänzelte auf allen Vieren
und schob sich dabei, ich mochte stehen wie ich wollte, so an mir vor, dass ich
den Bügel in die Hand bekam. Das war drollig und rührend zugleich. Um dem Pferde
eine, wenn auch nur kurze, Freude zu machen, hob ich den Fuss, setzte ihn auf und
schwang mich in den Sitz. Ich wollte nur einen langsamen Gang durch den Hof,
weiter nichts. Kaum aber sass ich oben, so war ich schon zum Tore hinaus, und ehe
ich mich vorgebeugt und den herabhängenden Zügel aufgenommen hatte, war schon
beinahe das Duar erreicht. dabei fühlte ich weder Schmerzen noch sonst etwas,
was mich hätte veranlassen können, abzusteigen. Es war mir sogar möglich, es zu
einer Art von Schenkeldruck zu bringen. Ich sass ganz leidlich fest und wankte
nicht. Kara hatte mich rasch eingeholt. Er freute sich wie ein König über den
Streich, den mir das Pferd gespielt hatte.
    »Der macht kurzen Prozess mit dir, Sihdi!« lachte er. »Wie weit wirst du es
wohl wagen können?«
    »Wollen sehen,« antwortete ich. »Aber nur Schritt. Ich fühle mich ganz wohl;
ja, es ist sogar, als ob im Sattel noch alte Kraft von mir aufgespart sei, die
mir nun jetzt zugute komme. Sonderbar!«
    Wir ritten langsam durch das Dorf. Die Leute kamen aus den Zelten, Hütten
und Häusern, grüssten froh und waren bass verwundert, ihren Patienten so plötzlich
schon zu Pferde zu sehen. Dann ging es am Seeufer hin, nach Osten zu. Ein
Viertelstündchen hielt ich es aus. Dann wurde ich müde und sagte Kara, dass ich
absteigen und ruhen müsse.
    »Dann gleich hier,« antwortete er, nach dem Ufer deutend. »Das ist die
Stelle, welche der Pedehr dir zeigen sollte.«
    »Woher weisst du das?«
    »Er hat es mir gesagt, als ich gestern hier an ihm vorüberritt.«
    Das war mir interessant. Also der Ort, wo die Sillan ihre Pferde zu tränken
pflegten! Wir liessen die unseren an das Wasser gehen, und ich legte mich lang in
das Gras. Da begann Kara Ben Halef:
    »Sihdi, bist du sehr müde? Oder darf ich von einer Sache zu dir reden, die
mir sehr wichtig erscheint? So wichtig, dass ich es nur dir, keinem Andern
mitteilen kann?«
    »Sprich!«
    »Tifl lügt!«
    Er sagte nur diese beiden Worte; dann war er still.
    »So!«
    Ich sagte nur dieses eine Wort; dann war auch ich still. Nach einer Weile
fuhr er fort:
    »Ja, er lügt! Und du weisst, dass ich die Lüge hasse und den Lügner verachte!
Und doch muss ich mit diesem Menschen sprechen, denn ich bin Gast!«
    »Vielleicht irrst du dich,« warf ich ein. »Es ist ein grosser Unterschied
zwischen der absichtlichen Lüge, welche aus schlechten Gründen täuschen will,
und einer Unwahrheit, die man mit gutem Gewissen verbreitet, weil man sie für
Wahrheit hält.«
    »Das weiss ich gar wohl, Sihdi; aber ich habe geprüft. Tifl weiss ganz genau,
dass er lügt. Auch ist es nicht bloss leichtsinnige Schwatzhaftigkeit von ihm, die
sich auf gleichgültige Dinge bezieht, sondern es handelt sich um
Angelegenheiten, welche von grösster Wichtigkeit für uns sind. Ich meine nämlich
Ahriman Mirza.«
    »Hat er diesen belogen?«
    »Nein, sondern dich - - - uns!«
    »Wieso?«
    »Du frugst ihn vorgestern vor dem Mordüberfalle, woher der Henker wohl
wisse, wo deine Lagerstätte in der Halle sei. Er antwortete dir, er sei den
Persern vorangeritten und habe gar nicht mit ihnen gesprochen. Aber Ahriman
Mirza habe sich an die begleitenden Dschamikun gemacht und alles, was er wissen
wollte, aus ihnen herausgelockt. Tifl behauptete sogar, dass er über diese
unvorsichtige Schwätzerei sehr zornig gewesen sei. Besinnst du dich, Effendi?«
    »Ja. Ich erinnere mich noch jedes Wortes. Bezieht sich deine Behauptung etwa
auf diese seine Angabe?«
    »Ja. Er hat gelogen, dir mit vollem Bewusstsein in das Gesicht gelogen!
Ahriman Mirza hat während des ganzen Rittes nach der Grenze mit keinem andern
Dschamiki auch nur ein einziges Wort gesprochen. Bedenke seinen Stolz! Aber er
ist mit Tifl und dem Henker vorangeritten, Tifl zwischen ihnen, und diese drei
haben sich sehr lebhaft, fast wie gute Freunde, unterhalten. Beim Scheiden haben
der Mirza und Ghulam ihm sogar die Hand gereicht, um Abschied von ihm zu nehmen.
Was sie erfuhren, konnte also nur aus seinem, aus keinem andern Munde stammen.«
    »Woher weisst du das, Kara?«
    »Von Einem, der es am besten wissen muss, nämlich von Tifl selbst. Das war
gestern abend, als ich den Pferden zum letzten Male Wasser gegeben hatte. Ich
wollte noch nicht schlafen und ging ganz hinter, wo das Weideland aufhört und
die Ruinen beginnen. Dort ragt ein grosser Mauerstein aufrecht empor, und nur
einige Schritte davon steht ein dichter Kyssylbusch29, an welchem ich mich
niedersetzte. Du wirst wohl noch nicht dort gewesen sein und die Stelle also
nicht kennen.«
    »Ich kenne sie. Ich sass am Vormittage bei dem Steine und pflückte Veilchen
bei dem Kyssylstrauch.«
    »So weisst du also, dass beide so nahe bei einander liegen, dass man am Kyssyl
hören muss, was an dem Steine gesprochen wird. Ich war noch nicht lange dort, so
kamen Pekala und Tifl. Sie setzten sich nieder, ohne zu ahnen, dass ich mich so
nahe bei ihnen befand. Ich gab mir gar keine Mühe, mich zu verbergen, hatte aber
auch keinen Grund, sie besonders auf mich aufmerksam zu machen. Sie brauchten
nur einigermassen aufmerksam zu sein, so mussten sie mich sehen; aber es gibt
Menschen, denen die Unvorsichtigkeit so zur zweiten Natur geworden ist, dass sie
gar nicht mehr wissen, was man unter Vorsicht zu verstehen hat. Diese sonderbare
Mutter sprach mit ihrem noch sonderbareren Kinde zunächst über allerlei, was mir
vollständig gleichgültig war. Darum stand ich schon im Begriffe, mich leise zu
entfernen; da wurde dein Name genannt, und darum blieb ich sitzen. Was sie
sagten, war keineswegs besonders klug zu nennen; sie wissen nicht so recht, was
sie aus dir machen sollen; aber Pekala versicherte, dass sie dich in ihr Herz
geschlossen habe, und Tifl meinte, man habe mit dir sehr freundlich und sehr
höflich zu sein, weil man nicht wissen könne, was aus deiner Freundschaft mit
dem Ustad entstehen werde. Bei ihm komme es vor allen Dingen darauf an, was du
für ein Reiter seist, und da getraue er sich unbedingt, dich und deinen Assil
auf der Stute des Ustad zu überholen. Was sagst du dazu, Effendi?«
    »Kinderei!«
    »Dieser Mensch ist ein Pferdejunge, aber doch kein Reiter! Rohes Anklammern,
Jagen und Hetzen, aber keine Spur von wahrer Reiterkunst! Für solche Leute ist
Pferd eben nichts als Pferd! Dann sprachen sie vom Ustad. Ich muss dir sagen,
Effendi, was ich da hörte, hat mir fast wehe getan. Sie gaben vor, ihn zu
lieben; sie lieben ihn wohl auch, jedoch in ihrer Weise. Beiden steht die Küche
oder das Pferd des Ustad höher als er selbst. Sein Geist und seine Gedanken
imponieren ihnen; von seiner Person aber sprachen sie in einer Weise, die mir
nicht gefallen konnte. Das war Klatsch! Hierauf kam die Rede auf eine Person,
welche Aschyk genannt wurde. Wer gemeint war, weiss ich nicht. Dieser Aschyk
kommt regelmässig nach vier Wochen, um Pekala hier bei dem Steine abzuholen.
Nächsten Sonntag kommt er wieder, eine Stunde vor Mitternacht. Nun erwähnten sie
eine grosse Empörung. Es soll Jemand abgesetzt werden; aber wer, das konnte ich
nicht verstehen. Dann reitet Pekala auf dem herrlichsten Kamele in einer grossen
Stadt ein, und Tifl wird ein sehr berühmter Mann. Auch aus dem Ustad wird etwas
Bedeutendes, doch was, das blieb mir verborgen. Den Mirza und den Bluträcher
hassen beide, doch müsse man sich gegen sie verstellen, denn der Aschyk habe es
gewünscht. Und hiermit bin ich bei der Hauptsache angelangt: Als Tifl die Perser
bis über die Grenze zu bringen hatte, wurde er von Ahriman und Ghulam in die
Mitte genommen und ausgefragt. Er fürchtete sich, sie mit ihren Fragen
abzuweisen, und sagte ihnen darum alles, was sie wissen wollten. Als du ihn dann
in das Verhör nahmst, getraute er sich nicht, es zu verschweigen, und belog
dich, um die Schuld auf seine Begleiter zu schieben.«
    »War Pekala damit einverstanden?«
    »Ja. Sie lügen also beide! Das von der Empörung und der hierauf folgenden
Erhebung und Beförderung war wohl nur Kindergeschwätz. Aber das Andere hat mich
sehr bedenklich gemacht. Pekala hat mir von Isphahan erzählt, von ihrem Vater,
von Tifl, wie er betrunken gewesen ist, vom Ustad, der sich ihrer angenommen
hat, von seinem Tode und von seinem Grabe hier im Hause. Sie weint dabei vor
Rührung. Es kommen so schöne Stellen vor, auch Gedichte. Man wird da selbst
gerührt und hält sie für ein frommes, liebes, seelensgutes Wesen. Aber sie hat
das fast mit ganz denselben Worten und denselben Tränen auch meiner Mutter
erzählt; sie erzählt es überhaupt Jedem, der sich von ihr festalten lässt, sogar
den Hadeddihn, die mit uns gekommen sind. Dadurch wird ja das Heiligste
enteiligt! Und wenn sie bei jeder Gelegenheit hinzufügt, dass die Männer alle
noch erzogen werden müssen, so wird sie lächerrlich. Vor allen Dingen aber hat
mich Folgendes empört: Kaum haben Pekala und Tifl von den hohen Eigenschaften
ihres Ustad gesprochen, so dichten sie ihm eine Menge ganz gewöhnlicher, sogar
gemeiner Fehler an, die er gar nicht besitzt, sondern die sie nur von sich
selbst auf ihn übertragen, weil sie alles, was sie an ihm nicht verstehen
können, für Mängel halten wie die ihrigen. Und das tun sie in so niederträchtig
vertraulicher Weise, als ob er sie für Engel halte, an denen er sich gern ein
Vorbild nehme! Das ist teuflisch, doppelt teuflisch, weil es mit so freundlich
lächelndem Munde und mit so warmer Rücksicht ausgesprochen wird. Ich habe es
gehört; Jeder hat es gehört; Alle können es hören, die es hören wollen. Er
allein, der vollständig Arglose, der stets und ganz Vertrauende, hat keine
Ahnung von der Menge dieser giftigen Gedankenschlangen, die sich unablässig zu
seinen Füssen ringeln, ohne dass er es bemerkt, weil er nie auf das Niedrige, auf
das Gemeine achtet! Sihdi, was mag ihm das wohl schon geschadet haben! Wie gütig
bist auch du zu dieser Pekala und diesem Tifl! Ich aber halte sie für ein
Gezücht, mit dem man keine Nachsicht üben sollte. Wer ist dieser Aschyk? Ein
Dschamiki wohl kaum. Sie verkehren mit ihm, und zwar heimlich, wie es scheint.
Sie schildern auch ihm den Ustad gänzlich falsch. Er trägt es fort.
Infolgedessen macht man sich da draussen im ganzen Lande über des Ustad
sogenannte Fehler und Schwächen lustig, die aber nur in den schwachen Köpfen
einer dicken Köchin und eines dünnen Pferdejungen existieren! Die Feinde sind
wohl klug genug, das zu wissen. Sie lachen heimlich über die Türkin und ihr
Kind. Oeffentlich aber tun sie, als ob sie es glauben, und verbreiten es aus
allen Kräften weiter. Daher der freche Blick, den Ahriman Mirza für den Ustad
hatte! Und daher auch die unverschämte Stirn des Multasim! Hätten diese Menschen
sich wohl in der Weise, wie sie es taten, in den Duar und hinüber zum Tempel
gewagt, wenn der Ruf des Ustad nicht schon fast vernichtet wäre? Sihdi, ich sage
dir: Zwei solche Personen im eigenen Hause sind gefährlicher, weit gefährlicher
als hundert offene Gegner, die keine Liebe heucheln! Ich habe noch nie, noch nie
in dieser Weise zu dir gesprochen. Jetzt aber musste ich es tun. Und warum?
Verzeihe mir, dass ich es sage! Um einer Person willen, die euch mit ihrer
Kerbelsuppe nur scheinbar erheitert, in Wirklichkeit aber regiert!«
    Hierauf setzte er sich nieder. Wartete er, was ich nun sagen werde? Wenn ja,
so liess er es sich doch nicht merken. Er schaute über den See hinüber, wo soeben
das Boot vom Ufer stiess. Es sassen zwei Männer darin. Der eine ruderte; der
andere schien zu lesen.
    »Das ist der Dschamiki, welcher den andern das Singen lehrt,« sagte Kara,
als ob er unser Gespräch als abgebrochen betrachte.
    »Und du bist der Hadeddihn, der mich etwas anderes lehrt,« antwortete ich.
»Ich habe geglaubt, mich nur auf meine eigenen Augen verlassen zu können. Darf
ich von jetzt an auch die deinen mit zu Rate ziehen?«
    
    Da sprang er schnell wieder auf, kam zu mir her, kniete neben mir nieder,
griff nach meiner Hand und rief im Tone des Glückes, der innigsten Freude aus:
    »Sihdi, ich danke dir! Weisst du, was du mir mit diesen deinen Worten
schenkst?«
    »Ich weiss es, Kara: Dich selbst! Du warst bisher ein Glied; nun aber bist du
Person, vollständige Person. Es wurde über dich bestimmt; nun sollst du selbst
bestimmen. Sag, gibt es noch andere Leute hier, welche dir Misstrauen eingeflösst
haben?«
    »Ja.«
    »Wer?«
    »Willst du Vermutungen hören?«
    »Nein.«
    »So lass mich erst noch prüfen, ehe ich Namen nenne. Ich kann wohl Verdacht
hegen, aber ihn weiterverbreiten, ohne Beweise zu haben, das würde gewissenlos
gehandelt sein. Das aber tut Kara Ben Halef nicht! Ueber Menschen also schweige
ich noch, doch über Dinge kann ich sprechen. Ich muss dir etwas zeigen, was ich
gefunden habe. Ich weiss nicht, ob es Edelsteine sind oder ob es Glas ist, aber
es funkelt wie lauter Diamanten.«
    Er zog aus der Innentasche seiner Weste eine schmale Blechkapsel und reichte
sie mir, nachdem er sie geöffnet hatte. Sie entielt eine Turbanagraffe mit
rotem Pferdehaarbusch, welcher mittelst eines Charnieres umgelegt war, vor dem
Gebrauche aber aufgeschlagen wurde. Der Halter bestand aus grossen Facetten,
welche die beiden Buchstaben Sa und Lam umschlossen, über denen das
Verdoppelungszeichen stand. Die Facetten waren von Glas, doch gut geschliffen
und brillant unterlegt, so dass sie bei künstlichem Lichte wahrscheinlich wie
Diamanten funkelten. Diese Haaragraffen durften früher nur von sehr
hochgestellten Personen an den Turbanen getragen werden. Der Schah schmückt bei
festlichen Gelegenheiten seine Lammfellmütze noch heut in dieser Weise,
natürlich aber mit echten Steinen. Die Imitation, welche ich jetzt in meinen
Händen hielt, war ohne eigentlichen Wert, eine »Teateragraffe«, wie man bei uns
sagen würde, für mich aber von einer Bedeutung, die mich veranlasste, einen Ruf
der Freude auszustossen.
    »Also Edelsteine?« fragte darum Kara.
    »Nein. Es ist nur Glas, wertloses Glas; aber du hast trotzdem einen Fund
gemacht, der wohl kaum mit Geld bezahlt werden könnte. Wie bist du zu dieser
Agraffe gekommen, lieber Kara?«
    »Es war auf dem Dschebel Adawa30 - - -«
    »Der liegt doch nicht hier, sondern schon im Gebiete der Takikurden!« fiel
ich ein.
    Taki heisst fromm. Die betreffenden Kurden führen diesen Namen, weil sie in
Beziehung auf den Glauben sehr streng gegen Andere sind und mit grosser
Bestimmteit behaupten, dass nur sie allein den Himmel erlangen werden. Jeder
nicht ganz Gleichdenkende wird als verdammenswerter Ketzer betrachtet und mit
unnachsichtlicher, herzloser Strenge verfolgt.
    »Ja; ich bin aber dennoch oben gewesen,« antwortete er.
    »Wann?«
    »Heut.«
    »Kennt schon Jemand diesen deinen Fund?«
    »Nein; nur du allein.«
    »So schweige jetzt noch gegen Andere; mir aber erzähle!«
    »Ich ritt gestern gegen Norden, ganz allein. In der ersten Zeit nahm ich
Tifl stets mit; jetzt aber tue ich das nicht mehr. Ich mag nicht Leute bei mir
haben, die mir nicht gefallen. Da traf ich auf eine kleine Todeskarawane, lauter
persische Schiiten, welche ihre Kamele und Maultiere mit Särgen belastet
hatten.«
    »Eine Todeskarawane? Hier? Sonderbar! Hier gibt es doch gar keinen
Karawanenweg, welcher hinab nach Karbela oder Meschhed Ali führt!«
    »Das sagte ich mir auch, und darum kamen mir diese Leute bedenklich vor. Als
ich mich aber näher an sie heranmachen wollte, nannten sie mich einen
sunnitischen Hund und drohten, auf mich zu schiessen. Ich hielt also an und liess
sie von weitem an mir vorüber. Mein Pferd aber wurde ungeduldig und drängte
vorwärts, als das letzte Kamel noch vorbeizugehen hatte. Darum kam ich so nahe
an dasselbe heran, dass ich alles deutlich sehen konnte. Es trug vier Särge, an
jeder Seite zwei. Einer war zerplatzt und mit einem Stricke wieder
zusammengebunden, aber so liederlich, dass ich den Inhalt sehen konnte.«
    »Wohl keine Leiche?«
    »Nein. Mir war schon aufgefallen, dass die Karawane nicht den geringsten
Geruch verbreitete. Jetzt nun war das erklärt: Gewehre stinken ja doch nicht.«
    »Ah! Gewehre! Sahst du das genau?«
    »Ja. Es war kein Irrtum möglich. Ich ritt weiter, zunächst ohne mich
umzusehen, denn man sollte nicht merken, dass ich aufmerksam geworden war. Als
ich mich aber weit genug entfernt hatte, lenkte ich hinter einen Felsen, um
diesen angeblichen Leichenzug zu beobachten. Nachdem er in der Ferne
verschwunden war, ritt ich ihm nach, wohl zwei Stunden lang, bis über die Grenze
hinüber. Da bog er von seiner bisherigen Richtung ab und hielt auf den Dschebel
Adawa zu. Nun folgte ich erst recht, doch so, dass ich nicht bemerkt werden
konnte. Am Fusse des Berges gibt es Wasser. Die Tiere aber mussten an demselben
vorüber und ohne Verzug die steile Wildnis hinauf. Warum? Wozu? Das war mir ein
Rätsel, und ich beschloss, es zu ergründen. Doch musste ich das für heut aufheben,
denn der Tag war schon fast vorüber und ich wollte auch nichts unternehmen, ohne
vorher mit dir gesprochen zu haben. Ich kam spät heim. Du schliefst. Ich stand
zeitig auf. Du schliefst noch immer. Da beschloss ich, selbständig zu handeln,
und ritt auf Ghalib wieder hin.«
    »Bist du Jemandem begegnet?«
    »Nein; keinem Menschen. Ich glaube auch nicht, dass mich wer gesehen hat. Als
ich auf die gestrige Spur der Todeskarawane traf, sah ich zu meinem Erstaunen,
dass es heut eine doppelte war; sie führte nämlich auch wieder zurück. Diese
Perser hatten die Nacht auf dem Berge zugebracht und waren dann wieder
heimgeritten.«
    »Ah, hätte ich die Fährte sehen können!«
    »Keine Sorge, Sihdi! Ich habe von dir gelernt, wie solche Spuren zu lesen
sind. Ich sah, dass man getrabt hatte. Der Sand lag hinten weit hinausgeworfen
und die Stapfen waren vorn sehr scharf, aber flach und leicht. Wären die Tiere
noch so schwer wie gestern beladen gewesen, so hätten sich die Eindrücke mehr
vertieft. Die Gewehre waren also auf dem Dschebel Adawa abgeladen worden und ich
beschloss, hinaufzureiten, aber sehr vorsichtig, denn es war doch mehr als
möglich, dass die Personen, welche die Waffen erhalten hatten, sich noch oben
befanden. Diese Befürchtung hob sich aber, als ich bei meiner Annäherung einen
Reitertrupp bemerkte, welcher soeben herabgekommen war und sich nach West
entfernte, wo die Weideplätze der Takikurden liegen.«
    »Hatten sie die Gewehre?«
    »Nein. Ich hielt mich versteckt, bis ich sie nicht mehr sehen konnte; dann
ritt ich hinauf. Ich konnte nicht irren; die Spuren zeigten mir den Weg. Oben
aber war alles so wirr und warr und es liefen so viele Eindrücke in- und
durcheinander, dass es mir ganz unmöglich war, mir ein Bild von dem zu machen,
was man hier vorgenommen hatte.«
    »Gab es Bäume, Sträucher?«
    »Genug! Dazu eine grosse Ruine, wohl aus ganz uralter Zeit. In ihrem Innern
hatte das Lagerfeuer gebrannt. Ich suchte mit Fleiss und überall, wohin die
Ladung versteckt worden sei, doch war alle Mühe vergebens. Von dem vielen
Umherkriechen müde, sah ich mich nach einem schattigen Ort um, mich für kurze
Zeit auszuruhen. Er war sehr bald gefunden. Ich legte mich nieder und pfiff mein
Pferd herbei. Indem es graste, betrachtete ich den alten Märwer31, der neben mir
am Mauerpfeiler stand. Er war hohl. Das Loch befand sich ungefähr zwei Fuss über
der Erde. Und nun komme ich auf etwas, was du so oft behauptet hast, Sihdi,
nämlich, dass es keinen Zufall gibt. Es war auch wirklich keiner, sondern ich
fühlte es wie eine ganz deutliche Aufforderung in mir, in dieses Loch zu
greifen, weil etwas darin stecke, was ich unbedingt sehen müsse. Begreifst du
das?«
    »Ja. Du griffst hinein und fandest diese Kapsel!«
    »So ist es! Wer war das, der es mir sagte?«
    »Frage nicht, sondern begnüge dich mit dem Funde, der für uns viel, viel
wichtiger ist, als du denkst! Hast du dich dann noch lange auf dem Berge
aufgehalten?«
    »Nein. Sobald ich das Blech geöffnet und den Inhalt gesehen hatte, ritt ich
heim. Ich kam zu spät zum Essen, ass aber nach. Als ich nach dir fragte, hörte
ich, du schliefest immer noch. Darum sattelte ich. Vielleicht warst du am Abend
zu sprechen. Da aber kamst du doch. Ich wollte nicht sofort beginnen, sondern
dich bitten, abseits mit mir zu gehen. Denn niemand sollte sehen, was ich dir zu
zeigen hatte. Da aber stiegst du auf und Assil ging schleunigst mit dir fort.
Ich folgte schnell. So ist es gekommen, dass wir uns hier befinden.«
    »Ganz, als ob es genau so beabsichtigt worden wäre! Du musst schnell fort.«
    »Wohin?«
    »Nach dem Dschebel Adawa. Wenn es möglich ist, lässest du dich unterwegs von
keinem Menschen sehen. Hier nimm die Kapsel mit der Agraffe. Du steckst sie
wieder in den hohlen Baum und reitest dann sogleich wieder heim.«
    »Warum das, Sihdi?«
    »Es ist keine Zeit, es dir jetzt zu erklären. Ich sage es dir später. Der
Mann, dem diese Agraffe gehört, darf nicht ahnen, dass sie in unseren Händen
gewesen ist. Ich glaube zwar nicht, dass er heut nach dem Berge kommt, will aber
sicher gehen. Du reitest augenblicklich und kommst nach deiner Rückkehr sogleich
zu mir, damit ich erfahre, ob es dir gelungen ist, den Auftrag unbemerkt
auszuführen.«
    »Darf ich dich denn verlassen, Sihdi? Kannst du allein heimreiten?«
    »Da kommt ja der Kahn. Der Chodj-y-Dschuna will, wie ich sehe, hier bei uns
anlegen. Ich werde also nicht allein sein.«
    Da steckte er die Kapsel zu sich, schwang sich auf den Barkh und ritt davon,
eben als das Boot an das Ufer stiess.
    »Erlaubst du, Effendi, dass ich dich für einige Augenblicke störe?« fragte
der Gesangslehrer, indem er ausstieg, während der Andere beim Ruder sitzen
blieb.
    »Du störst mich nicht,« antwortete ich. »Es ist mir vielmehr eine Freude,
dass du dich wieder einmal bei mir sehen lässest. Nimm bei mir Platz!«
    Er liess sich mit den Worten nieder:
    »Ich komme in einer sehr wichtigen Angelegenheit. Es gab für mich einen
Grund, mit dir zu sprechen, ohne dass man darauf merkte, dass ich dich im hohen
Hause besuchte. Ich überlegte soeben, wie ich dies anzufangen habe, da sah ich
dich bei mir vorüberreiten und ging sogleich zum Boote, um hier auf deine
Rückkehr zu warten. Da trifft es sich gut, dass du grad hier abgestiegen und gar
nicht weitergeritten bist.«
    »So ist es etwas Heimliches, was du mir zu sagen hast?«
    »Ja.«
    »Aber wir sind doch nicht allein!«
    »Du meinst meinen Begleiter hier? Der ist ein treuer Dschamiki und darf
alles hören. Er weiss es sogar schon.«
    »Ein treuer Dschamiki? Das klingt ja fast so, als ob es auch untreue gebe!«
    »Wo das Gute wohnt, baut sich das Uebel immer auch ein Haus. Doch jetzt zu
meiner Sache! Ich habe einen Freund in Chorremabad, der Hauptstadt unserer
Provinz. Er ist im Herzen ein guter Dschamiki und hat mir über die uns
betreffenden Massnahmen der Regierung schon manche heimliche Nachricht geschickt,
welche ich dem Ustad mitzuteilen hatte. Heut, vorhin erst, kam wieder ein Bote
von ihm an, der mir eine Mitteilung machte, über welche ich zunächst erschrak.
Bei näherer Betrachtung aber fand ich, dass es noch schlimmer, viel schlimmer
geworden wäre, wenn der Scheik ul Islam uns so vollständig überrascht hätte, wie
es in seiner Absicht liegt.«
    »Der Scheik ul Islam?« fragte ich. »Will uns überraschen? Also hierher
kommen?«
    »Ja.«
    »Wann?«
    »Er trifft schon morgen ein.«
    »Das ist ja gar nichts so Schreckliches, sondern ganz im Gegenteil im
höchsten Grade interessant!«
    Da hob er warnend den Finger und sprach:
    »Effendi, urteile nicht zu schnell! Du bist hier fremd, bist sogar krank und
kennst die Verhältnisse nicht! Der Scheik ul Islam ist ein sehr hochgestellter,
wichtiger Mann, von dessen Macht du wohl noch keine Ahnung hast. Er würde selbst
für den Ustad ein Gegner sein, vor dem die grösste Vorsicht nötig ist. Darum
trifft es sich keineswegs gut, dass unser Herr verreist ist. Ich bitte dich, es
mir nicht übel zu nehmen, dass ich dich warne! Der morgende Besuch kommt in einer
Absicht, hinter der sich alle List versteckt, die uns verderben kann. Darum
wollte ich, der Ustad wäre hier!«
    »Auch ich wünsche das. Da er nun aber einmal abwesend ist, haben wir den
Fall zu nehmen, wie er liegt. Auch er muss, wie alles, mehrseitig betrachtet
werden. Beklagst du es, dass der Scheik ul Islam von einem Fremden empfangen
werden muss, so gewährt uns grad dieser Umstand doch auch den gar nicht zu
unterschätzenden Vorteil, dass er sich von mir hinhalten lassen muss, er mag
beabsichtigen, was er will. Während er den Ustad zu schnellen Entscheidungen
verleiten könnte, deren Tragweite sich erst später herauszustellen hat, muss er
es sich nun gefallen lassen, von mir vorsichtig ausgehorcht zu werden, ohne dass
ich dann verpflichtet bin, auf irgend etwas einzugehen. Du siehst also wohl ein,
dass ich, falls es sich um Feindseligkeiten handeln sollte, von den beiden
Gegnern derjenige bin, welcher die Schutzrüstung trägt, der andere aber nicht!«
    Er nickte zwar nur leise, liess aber seine Augen forschend an mir
niedergleiten, und sagte:
    »Vorsichtig ausgehorcht zu werden! Effendi, dazu würde ein Mann gehören, wie
ich noch keinen kenne!«
    »So warte ruhig, ob du ihn wohl siehst!«
    »Der Scheik ul Islam ist wegen seiner hohen geistlichen Würde unantastbar,
und über seine persönliche Schlauheit kam noch nie ein Anderer. Dazu ist noch zu
legen, dass er ein ganz besonderer Kenner aller unserer Gesetze und Verhältnisse
ist, während du dich doch nur erst so kurze Zeit bei uns befindest!«
    »Wenn ich nicht will oder nicht kann, so brauche ich weder auf seine
Kenntnisse noch auf seine Schlauheit einzugehen. Vor allen Dingen bitte ich
dich, unbesorgt zu sein und jedes Vorurteil abzulegen, mag es mich oder ihn
betreffen. Ist der Bote deines Freundes noch hier?«
    »Nein; er ist schon wieder fort. Die Vorsicht gebot ihm, sich so kurz wie
möglich sehen zu lassen. Er macht einen Umweg zurück, um dem Scheik ul Islam ja
nicht zu begegnen.«
    »Wird dieser mit dem grossen Gefolge kommen, welches bei so hohen
Würdenträgern fast immer unvermeidlich ist?«
    »Das weiss ich nicht. Auch konnte ich nicht erfahren, wie lange er zu bleiben
beabsichtigt. Doch sind das ja nur Nebendinge. Die Hauptsache ist, dass ich
unterrichtet bin, weshalb er kommt. Mein Freund hat es nämlich zu erfahren
gewusst.«
    »Ah! Also doch schon Einer, der ihm an Schlauheit über ist! Und du sagtest,
dass es Keinen gebe! Das würde mich schon ganz bedeutend beruhigen, wenn ich mich
überhaupt gefürchtet hätte. Sind die Ursachen dieses Besuches denn gar so
schlimm für euch?«
    »Das weiss ich nicht. Und grad diese Ungewissheit halte ich für gefährlich.«
    »So sag: Kommt dieser mächtige Herr nur als Scheik ul Islam oder auch als
Hekim-i-Schera32?«
    Da sah er mich überrascht an und fragte:
    »Du kennst die Trennung dieser seiner Würde! Woher kannst denn du das
wissen?«
    »Es gibt bei uns im Abendlande Leute, welche eure Gesetze und Verhältnisse
wahrscheinlich besser kennen, als ihr selbst. Oder weisst du noch nicht, dass ihr
euch gelehrte oder auch sonstwie gebildete Männer von uns kommen lassen müsst,
wenn es einmal gilt, euch über euch selbst klug zu werden?«
    »Das kann ich freilich nicht bestreiten, Effendi. Ob dein Gast nur als
Geistlicher oder auch als Richter aufzutreten beabsichtigt, das ist mir
unbekannt. Er will dem Ustad einen Antrag stellen, welcher im höchsten Grade
verführerisch klingt. Aber wenn man mir so ganz ohne alle sichtbare Veranlassung
mit so grossen Geschenken kommt, dann wird es mir heimlich angst, weil ich sofort
an eine noch viel grössere Gegenforderung denke. Der Ustad soll nämlich auch zum
Ustad der Takikurden erhoben werden.«
    »So! Weiter nichts?« fragte ich lächelnd.
    »Weiter nichts!« antwortete er erstaunt. »Ich bitte dich, zu begreifen, was
das heisst! Welch eine Machtvergrösserung für uns!«
    »Machtverkleinerung, willst du sagen! Wenn du irgendwelche Sorge gehabt
hast, so wirf sie getrost von dir! Dieser Scheik ul Islam ist schon jetzt
durchschaut. Es fällt dem Ustad nicht mit einem einzigen Gedanken ein, die
Seelen seiner Dschamikun für eine hohle Ehre zu verkaufen! Ein einziger braver
Dschamiki ist ihm tausendmal lieber als alle Takikurden, deren sämtliche
Höflichkeiten doch nur den Zweck hätten, ihn betrunken zu machen, damit er sich
zu ihrem willenlosen und verächtlichen Werkzeuge erniedrige! Er wird sich nie in
fremde Dienste stellen. Er ist sein eigener Herr und wird es bleiben, ohne nach
den tauben Nüssen zu fragen, die man ihm mit so vielverheissender Höflichkeit
entgegenträgt.«
    Da richtete er sich halb auf und fragte in erwartungsvollem Tone:
    »Aber man wird sich rächen! Unnachsichtlich und auf jede mögliche Art und
Weise rächen! Hast du hieran gedacht?«
    »Natürlich! Die Rache ist dann unvermeidlich. Sie liegt im Wesen dieser Art
von Menschen. Doch möge sie nur kommen! Ich habe noch keine Rache gesehen, die
sich nicht schliesslich selbst vernichtet hat!«
    »So bist du also entschlossen, dich von dem Scheik ul Islam nicht verlocken
zu lassen?«
    »Selbstverständlich! Fest entschlossen! Ich werde ihn genau so höflich
behandeln wie er mich. Und er mag greifen, zu welchem Mittel er will, so wird er
doch nur erreichen, was mir beliebt!«
    Jetzt sprang er vollends auf, richtete sich in die Höhe und rief mit dem
Ausdrucke der Erleichterung und der Ueberzeugung aus:
    »Da kann ich nun freilich ruhig sein! Effendi, Effendi, ich kam in grosser
Sorge hierher; du aber hast mir das Herz wieder leicht gemacht! Ich kenne die
Macht, welche morgen an dich herantreten wird. Sie schmückt sich mit dem Namen
Gottes und des Schah-in-Schah. Sie stellt sich auf die Seite des Bestehens und
Erhaltens und hat also das Gesetz für sich. Sie kommt im schimmernden Gewande
oder im Bettlerkleide und schmeichelt also den Sinnen und der Menschlichkeit.
Sie hofft alles Gute und verzeiht alles Böse. Sie ist geduldig, freundlich,
demütig, der Inbegriff aller Tugenden in menschlicher Gestalt! Aber, kennst du
sie, Effendi?«
    »Ja.«
    »So ist es genug! Sie wird morgen aus Chorremabad bei dir erscheinen. Sie
wird dir schmeicheln, dich absondern, dich - - -«
    »Nein, das wird sie nicht,« fiel ich ein. »Dass sie das könne, mache ich ihr
gar nicht weis. Ich werde nicht allein sein, wenn ich den Scheik ul Islam
empfange.«
    »Wohl der Pedehr wird bei dir sein, weil er der Scheik des Stammes ist?«
    »Ja; er und du.«
    »Auch ich?« fragte er in schnell aufquellender Freude. »Warum auch ich?«
    »Ich will es so. Das sei dir genug.«
    Da trat er einen Schritt näher zu mir heran und sprach:
    »Effendi, damit ehrst du nicht nur mich, sondern Viele! Ich weiss nicht, ob
man es dir schon gesagt hat: Ich lehre nicht nur den Gesang, sondern alles, was
dem Geiste und dem Körper am Können nötig ist, auch Turnen, Reiten, Schiessen,
Exerzieren. Ich habe diesen Unterricht gegründet, als mich der Ustad dazu
auserwählte, und dann Gehilfen angestellt, als die Zahl der Schüler sich
vermehrte. Wir wirken still, ohne Lärm. Ein guter Lehrer lenkt die
Aufmerksamkeit auf seinen Gegenstand, doch nicht auf sich. Darum hast du wohl
noch wenig oder nichts von uns gehört. Wer mit dem prahlt, was er lernte, der
hat nichts gelernt. Aber gib den Dschamikun Gelegenheit, zu zeigen, was sie
können, so werden sie es zeigen, und ich hoffe, du wirst damit zufrieden sein!
Ich sehe kommen, was nun kommen wird, und darum will und muss ich dir vor allen
Dingen sagen: Wir fürchten keinen Feind! Auch in Beziehung auf das Rennen mit
den Persern kannst du ruhig sein. Wir haben gutes Reiter- und Pferdematerial.
Ich stehe inmitten unserer Vorbereitungen und werde dir hierüber berichten,
sobald es dir beliebt. Der Scheik ul Islam ist ein grosser Liebhaber des
Aesp-däwani33; er hat einen wohlgepflegten Stall und rühmt sich, das beste Pferd
von Luristan zu besitzen. Sobald er hier von unserm Rennen hört, bin ich
überzeugt, dass er sich zur Beteiligung melden wird. Weise ihn ja nicht ab! Du
würdest dadurch unsere Ehre schädigen! Das hatte ich dir zu sagen. Hast du
vielleicht noch eine Frage?«
    »Weiss ich jetzt alles, was dir der Bote mitgeteilt hat?«
    »Ja.«
    »So über alles Andere, auch über das Rennen, später. Nur über der Stute des
Ustad bin ich mir noch nicht im klaren. Ich glaube, dieser Tifl hat sie gänzlich
aus der Schule gebracht.«
    »Das ist nur eben richtig, wenn Tifl im Sattel sitzt, sonst aber nicht.«
    »Wer aber soll sie reiten?«
    »Wer anders als der Ustad?« fragte er verwundert. »Er reitet jetzt nur
selten; aber stelle jedes beliebige Pferd gegen seine Sahm, so wird er es
besiegen, höchstens deinen Assil ausgenommen! Tifl aber wird vom Rennen
ausgeschlossen sein.«
    »Warum?«
    »Das sage ich dir, sobald es reif geworden ist. Ich vermute, dieser
Schwätzer wird nicht lange mehr zu den Dschamikun gehören. Der Ustad hat sich
seiner nur aus Mitleid angenommen, und die Nachsicht, die er gegen ihn und
Pekala übt, ist Vielen unbegreiflich.«
    »Schwätzer?« fragte ich.
    »Ja. Es genüge ein Beispiel: Tifl hatte die Perser, als der Bluträcher hier
war, über die Grenze zu bringen. Da ist er den ganzen, weiten Weg zwischen dem
Mirza und dem Multasim geritten und hat ihnen bereitwilligst Auskunft gegeben
über alles, was sie wissen wollten.«
    »Von wem hast du das erfahren?«
    »Von meinem Ruderer hier, welcher dabei gewesen ist. Kein Dschamiki hat mit
diesen Leuten ein Wort gesprochen; nur Tifl allein hielt keinen Augenblick den
Mund. Doch damit sei es genug. Ich sehe, dass du aufbrechen willst, Effendi.«
    Ich war nämlich auch aufgestanden.
    »Ja; ich muss heim,« sagte ich. »Aber ich möchte mich über den See rudern
lassen. Willst du dich auf Assil setzen und ihn mir an die Landestelle bringen?«
    »Wie gern!« rief er aus. »Einmal deinen Rappen unter mir; das war schon
längst mein Wunsch! Lässt er mich hinauf?«
    »Wenn ich nichts dagegen habe, ja.«
    »So zögere ich keinen Augenblick.«
    Er schwang sich in den Sattel. Assil schnaubte verwundert, weigerte sich
aber nicht, zu gehorchen. Als der Chodj-y-Dschuna ihn dann in hocheleganten
Gängen davontänzeln liess, sah ich, dass beide gar nicht übel zu einander passten.
Hierauf stieg ich in das Boot, und der Dschamiki legte sich in die Ruder.
    So kurz dieser unbeabsichtigte Ausflug gewesen war, ich hatte auf ihm
ausserordentlich Wichtiges erfahren. Meine Gedanken wollten sich ganz
ausschliesslich hiermit beschäftigen, und ich musste mich zwingen, sie auf die
Schönheit der Umgebung zu lenken, als wir uns auf der Mitte des Sees befanden.
    Ich sah jetzt zum ersten Male die westliche Seite des Tales grad vor mir
liegen und alle ihre Linien auf zum Himmel streben. Nur allein der Fuss des
Berges hatte sich nicht senkrecht, sondern quer gelagert, doch nicht vollständig
wagerecht, sondern schief. Das erinnerte mich an die Struktur der Wände des Wadi
Jahfufe, durch welches man im Antilibanon von Muallaka nach Damaskus reitet. Ich
betone diese Art der Felsenlagerung besonders, weil sie mich zu einer Entdeckung
führte, die ich sonst wohl schwerlich gemacht hätte.
    Als ich von hier, von der Mitte des Sees aus, nach dem Alabasterzelte
emporschaute, fiel mir etwas auf, was ich von dem Rosentempel aus nicht bemerkt
hatte. Das Zelt besass nämlich die Gestalt einer Krone, deren durchbrochene
Kuppel von acht weissschimmernden Flügeln auf dem Ringe getragen wurde. Es stand,
wie ich sah, nicht auf dem höchsten Punkte des Berges. Sondern von diesem lief
ein heller Felsenstreif, fast wie ein niederwärts gestreckter Arm geformt, bis
zu der senkrecht abstürzenden Kante vor und bildete dort eine hand- oder
faustförmige Verbreitung, auf welche das Zelt gesetzt worden war. Zu beiden
Seiten dieses Felsenstreifens lag nur unfester Steingrus, nur lockeres Geröll.
Es bedurfte keiner grossen Phantasie, sich einen Wetterguss oder sonst eine
Katastrophe zu denken, durch welche dieses lose Gestein in die Tiefe gespült
oder gerissen wurde. Dann musste der felsige Arm sich frei in die Lüfte dehnen,
um auf gewaltiger Faust die Alabasterkrone über dem Tale herniederzustrecken.
Das war nur so eine ganz flüchtige, schnell vorübergehende Idee, wie man sie
hat, um dann lächelnd den Kopf darüber zu schütteln. Aber wie oft verdichtet
sich scheinbar Flüchtiges zur festen Form, die uns belehrt, dass die Idee denn
doch wohl etwas anderes ist, als nur eine schnell und spurlos zerplatzende
Gedankenblase!
    Je mehr wir uns dem Ufer näherten, desto mehr wurden meine Gedanken nach
unten gezogen. Die schiefe Struktur des Felsens beschäftigte mich. Ich folgte
mit dem Auge ganz unwillkürlich den auffallend regelmässigen Linien dieser
Lagerung. Es war mir interessant, zu sehen, mit welcher Neigungsgleichheit sie
alle ohne Ausnahme verliefen. Ohne Ausnahme? Nein; doch nicht! Ich bemerkte eine
Stelle, wo dies doch nicht der Fall war. Grad da, wo der Berg am weitesten an
den See herantrat, hörten die abwärts gesenkten Linien auf, nicht etwa, um
anders zu verlaufen, sondern es gab überhaupt keine mehr. Diese Stelle war nicht
gross, nicht breit, aber dicht bedeckt von wuchernden Rankengewächsen, welche von
dem Humusboden des Ufers bis in das Wasser niederhingen. Es gab da weder Garten
noch Feld, sondern wildliegendes Land, und darum war noch niemand auf den
Gedanken gekommen, sich um dieses Gestrüpp und seine Bodenunterlage zu
bekümmern. Mir aber fiel diese letztere sofort auf. Ich bin zwar kein Gelehrter,
obgleich es wohl auch einige Menschen gab, die mich gar Manches lehrten, aber
ich sagte mir doch, dass die Naturlinien da, wo sie aufhörten, durch etwas
Anderes ersetzt worden sein mussten, was nicht natürlich, also künstlich war - -
also durch Menschenhand.
    Hundert Andere wären vorübergerudert, ohne sich um diese scheinbare
Nebensache weiter zu bekümmern; mir aber konnte das nicht passieren. Ich liess
den Kahn bis ganz nahe an das Gestrüpp treiben und nahm dann dem Dschamiki das
eine Ruder aus der Hand. Indem ich mit demselben die Ranken zur Seite schob, sah
ich unter ihnen nicht natürliche Felsen, sondern behauene Steine. Das waren
genau solche Kolossalblöcke wie diejenigen, aus denen die Cyklopenmauer da
drüben am Berge bestand! Ich begann, zu ahnen, und setzte die Untersuchung fort,
doch so unauffällig und scheinbar spielend wie möglich, weil der Dschamiki nicht
zu erraten brauchte, was für Gedanken oder Vermutungen mich beschäftigten. Und
richtig! Endlich, endlich stiess ich durch, vollständig durch! Es gab eine
Öffnung hier, die unter dem schmalen Dorfwege nach dem Innern des Berges
führte!
    Das Wasser war hier tief, sehr tief. Sollte der See etwa durch diese
verwachsene Öffnung mit dem Innern des Berges in Verbindung stehen? Die Art des
klüftereichen Gesteins liess dies keineswegs als unmöglich erscheinen. Ich
beschloss, dieser Frage anderweit nachzuspüren, und liess nun nach dem Landeplatze
rudern. Dem Dschamiki sah ich an, dass er nichts erriet, ja dass es ihm sehr
gleichgültig gewesen war, weshalb ich in dem Pflanzengewirr herumgestochert
hatte.
    Der Chodj-y-Dschuna erwartete mich mit dem Pferde. Er pries es als das beste
Tier, auf dem er je gesessen habe, und erklärte mir, morgen sofort zu kommen,
sobald ich zu ihm schicken werde. Ich ritt langsam den Berg hinauf und durch das
Tor in den Hof. Dort vergass ich bei dem, was ich sah, das Absteigen: Halef
hatte sich mit samt dem Lager aus seiner Hallenecke heraus vor die Säulen
schaffen lassen. Da lag er nun mit bequem erhöhtem Kopfe und sah mich von meinem
ersten Ritt nach Hause kehren. Er winkte mit der schwachen, müden Hand. Da ritt
ich hin und liess Assil die Stufen langsam steigen.
    »Sihdi, welche Freude!« sagte er. »Wieder zu Pferde! Nun wohl bald auch
ich!«
    Hanneh sass bei ihm. Sie streichelte ihm zärtlich die Wange und erklärte mir:
    »Wir erschraken, als Assil mit dir entfloh; aber Kara, mein Sohn, rief uns
zu, dass er dir folgen und dich behüten werde. Das beruhigte uns. Dann sahen wir
dich an seiner Seite den See entlang reiten; so brauchten wir uns also nicht zu
sorgen. Als Halef später erwachte, erzählte ich ihm, dass du jetzt deinen ersten
Ritt versuchest. Da gab er keine Ruhe; er musste hierhergetragen werden, um dich
heimkommen zu sehen. Nun bist du da. Wie freut er sich, der Liebe!«
    Ich stieg ab und setzte mich zu ihnen. Assil ging ganz von selbst die Stufen
wieder hinunter. Da kam Tifl.
    »Effendi, ich werde absatteln,« sagte er. »Aber wenn du wieder reitest, so
nimmst du mich mit. Du hast es mir versprochen! Weisst du es noch?«
    »Ja. Und was ich verspreche, das halte ich. Wenn du dann nicht mehr mit mir
reiten willst, brauchst du es bloss zu sagen.«
    Das war eine Andeutung, die er aber nicht verstand. Was mir Kara von ihm
erzählt hatte, war mir von dem Lehrer bestätigt worden. Der Lahme stand von
jetzt an unter strenger Aufsicht, ohne dass er es ahnte. Und sonderbar: Als er
den Rappen fortführte, schaute Halef ihm nach und sagte:
    »Ein Gespenst! Ich habe es schon einigemale gesehen - - - - - - wenn ich die
Augen öffnete - - -. Es stand vor mir und schaute mich hässlich an - - -. Sihdi,
lass diesen Mann nicht her zu mir - - -; ich mag ihn nicht!«
    »So geht es mir mit seiner Pekala,« bemerkte Hanneh. »Warum steht immer
Eines von Beiden hier bei uns, um nachzusehen, was geschieht, und auch zu hören,
was gesprochen wird? Es fällt mir schwer, dies nur für Neugierde zu halten; aber
für Spione ist doch wohl hier kein Ort!«
    Ich war still. Etwa aus Beschämung? Warum hatte ich Tifl und Pekala
gegenüber nicht sogleich dasselbe Gefühl gehabt wie Halef und Hanneh?
Wahrscheinlich weil diese beiden Letzteren Naturmenschen waren, welche die
Instinkte noch besitzen, die uns im Verlaufe unserer »Bildung« mehr und mehr
verloren gehen. Die immer strahlende »Festjungfrau« und ihr »originelles Kind«
waren mir so ausserordentlich »natürlich« vorgekommen, während ich jetzt immer
mehr einzusehen begann, dass eine künstliche, eine nachgeäffte Natürlichkeit
nicht mehr natürlich ist. Denn dass ich es hier mit Schauspielereien zu tun
hatte, das war mir sehr wahrscheinlich. Darüber, dass ich mich einmal in einem
oder zwei Menschen geirrt hatte, kam ich sehr leicht hinweg; um so
fürchterlicher aber waren mir die kindlich naiven, rührseligen Masken, von denen
ich mich hatte täuschen lassen. Wer so aufrichtig blickt und spricht wie diese
beiden Menschen und aber doch nicht wahr und ehrlich ist, als was kann man den
noch betrachten und behandeln! Es gibt in Persien eine grosse Menge von Sekten.
Eine derselben, die Schujuch, lehrt, der menschliche Körper sei nur dazu da, dass
die Geister einander täuschen; das Erdenleben sei ein grosser, ununterbrochener
Maskenball, doch keinesweges zum Vergnügen, und je schöner, freundlicher und
liebenswürdiger ein Maskenbild erscheine, desto mehr habe man sich vor ihm in
acht zu nehmen. Die Kinderlarven aber seien am allerschlimmsten. Ich bin weder
Perser noch Sektierer, aber es wurde mir nun gar nicht schwer, mich in den
Gedanken zu versetzen, dass Pekala und Tifl hier bei den Dschamikun Redoute
spielten. Und ich, der ich die Kinder herzlich liebe, war diesen
»allerschlimmsten« in das Garn gegangen.
    Ueber Halef freute ich mich. Er schien seit gestern einen bedeutenden
Fortschritt gemacht zu haben und bat, bis zum Abende im Freien bleiben zu
dürfen. Darum schlug ich vor, hier an diesem Platze später unser Abendbrot zu
nehmen, worauf gern eingegangen wurde. Als Hanneh mich fragte, wo Kara geblieben
sei, sagte ich nur, dass er gegen Abend wiederkommen werde, und ging dann in den
Garten, wo, wie ich hörte, sich der Pedehr befand. Er sass auf der Bank, wo ich
von Tifl als Pflaumendieb überfallen worden war. Ich setzte mich zu ihm.
    »Kennst du den Scheik ul Islam?« fragte ich.
    »Ja,« antwortete er, sofort aufhorchend; »doch nicht persönlich.«
    »Hat man sich vor ihm zu fürchten?«
    »Du wohl nicht, aber vielleicht wir.«
    »Falsch! Ich bin jetzt Dschamiki, so vollständig Dschamiki, dass ich keine
Gefahr kenne, die es nicht für mich gibt, sondern nur für Euch. Der Scheik ul
Islam wird morgen zu uns kommen.«
    »Ist das wahr? Wer hat es gesagt?« rief er erschrocken aus.
    »Der Chodj-y-Dschuna.«
    »So kommt er allerdings. Der Chodj ist stets gut unterrichtet. Er hat sich
nie geirrt, wenn er uns warnte. Wenn der Scheik ul Islam persönlich zu uns
kommt, so handelt es sich um eine Sache von allerhöchster Wichtigkeit. Er ist
ein Fürst des geistlichen Standes und unternimmt sicher keine solche Reise, ohne
die schweren Gründe sorgsam abgewogen zu haben. Effendi, es steht uns nichts
Gutes bevor!«
    »Warum nichts Gutes. Warum muss es unbedingt Böses sein, was er uns bringt?«
    »Weil von dieser Seite überhaupt nichts Gutes kommen kann. Er ist, streng
genommen, kein Perser, sondern ein Takikurde. Es gibt ein bekanntes Wort, das
lautet: So oft der Taki seinen Blick fromm zum Himmel hebt, tritt er mit dem
Fusse einen Menschen nieder. Und dieser tugendheilige Fürst schaut fast
immerwährend empor. Wer mag sie zählen, die er schon unter seine leisen,
weichen, geräuschlosen Sohlen trat! Wir werden seinen demütigen, gottseligen
Augenaufschlag zu sehen, aber auch seine fanatischen Fusstritte zu fühlen
bekommen. In seinen Stapfen hebt sich kein Grashalm wieder auf!«
    »So lassen wir ihn nur in Dornen treten; das wird uns nützlich und ihm
heilsam sein! Ich konnte leider nicht erfahren, ob er allein kommt oder nicht.«
    »Allein? Daran ist nicht zu denken! Er muss sich doch mit Glanz und Stolz
umgeben, damit seine Demut um so deutlicher hervortrete! Wir werden hohe, sehr
hohe Gäste haben, und zwar nicht wenig. Es gilt also, uns vorzubereiten!«
    »Nein! Er darf auf keinen Fall bemerken, dass wir von seiner Ankunft gewusst
haben. Die Gäste bekommen nur, was grad vorhanden ist. Angeschaft oder
zubereitet wird nicht das Geringste. In der Küche darf Niemand Etwas ahnen. Ganz
besonders aber hast du dafür zu sorgen, dass Pekala und Tifl nichts erfahren. Das
fordere ich streng!«
    Er sah still vor sich nieder und sagte nichts dazu. Darum fuhr ich fort:
    »Also keine Vorbereitungen, schon dieser Beiden wegen, die absolut nichts
merken dürfen! Wo aber werden wir die Gäste unterbringen?«
    »In der Halle.«
    »Wo Hadschi Halef liegt?«
    »Wenn du erlaubst, betten wir ihn fort. Es trifft sich gut, dass Hanneh mich
vorhin fragte, ob sie ihn nicht bald hinauf zu sich bekommen könne. Die Pflege
werde ihr dadurch erleichtert, und er habe dann auch mehr Ruhe als jetzt in der
Halle, die doch stets offen sei.«
    »So bettet ihn gleich nach dem Abendessen hinauf! Hanneh hat Recht; ihr
Wunsch ist sehr vernünftig. Sag aber auch zu ihr nichts von dem Scheik ul Islam,
überhaupt zu keinem Menschen. Wer es erfahren soll, dem sage ich es selbst.
Dieser Fürst soll ganz den Eindruck haben, dass er uns vollständig überrasche.
Und denke ja nicht an grosse Gasterei! Es ist sogar sehr möglich, dass weder er
noch einer seiner Begleiter einen Bissen von uns bekommt.«
    »Effendi, das nimm zurück! Das ist ausgeschlossen, vollständig
ausgeschlossen!«
    »Warum?«
    »Bedenke zunächst die hohe Pflicht der Gastlichkeit!«
    »Die kenne ich ebenso genau wie du, und Niemand kann lieber gastlich sein
als ich. Nur habe ich abzuwarten, ob der Scheik ul Islam sich gegen uns so
benimmt, dass ich ihm erlaube, unser Gast zu sein.«
    Da sah er mich gross an.
    »Das klingt ja, als ob du dir gar nichts aus diesem hohen Würdenträger
machtest!« sagte er.
    »Ich mache mir ganz genau das aus ihm, wozu er das Material besitzt, nicht
weniger und nicht mehr. Teppiche, Polster, Pfeifen, Tabak, Kaffee, Wasser, das
ist ja alles da. Wenn Weiteres gegeben werden soll, ist dann, wenn ich es sage,
auch noch Zeit. Zugegen sein werden nur du, der Chodj-y-Dschuna und ich. Er ist
der Einzige, mit dem du dich besprechen magst. Ob ich noch andere Dschamikun
brauchen werde, das kann ich jetzt nicht wissen; es hat sich erst zu zeigen.
Hast du vielleicht einmal vom besten Pferd von Luristan gehört?«
    »Schon oft. Es gehört dem Scheik ul Islam und ist der schnellste und
ausdauerndste Renner aus der Taki-Zucht. Er wurde nie besiegt, und der Besitzer
hat schon manchen Preis mit ihm gewonnen.«
    »Wie kam er zu diesem Tiere?«
    »Der Stamm machte es ihm zum Geschenk, um seine beispiellose Frömmigkeit und
Glaubensstrenge zu belohnen. Es gab noch keinen Taki, der so hoch gestiegen ist
wie dieser Mann. Darum sind sie stolz auf ihn und halten es für eine Ehre, ihn
den Ihrigen nennen zu dürfen. Er sagt, die Liebe zu dem Pferde sei die einzige
irdische Liebe, die er sich erlaube. Und da er seinen Stall gern jedem Rennen
öffnet, so ist es gar nicht ausgeschlossen, dass er sich morgen mit anmeldet,
sobald er hört, dass hier bei uns gelaufen wird.«
    »Soll ich annehmen?«
    »Das ist deine Sache, Effendi. Ich sage weder ja noch nein. Ein Pferd,
welches noch nie geschlagen wurde, ist ein gefährlicher Gegner. Umso ehrenvoller
ist es dann aber auch, es besiegt zu haben. Es handelt sich da vor allen Dingen
um den Preis, zu welchem er dich in die Höhe treiben würde.«
    »Weisst du vielleicht, ob der Scheik ul Islam in irgend einem persönlichen
Verhältnisse zu Ahriman Mirza steht?«
    »Nein.«
    »Oder zu Ghulam el Multasim?«
    »Ja, die sind eng befreundet. Der Scheik ul Islam hat Ghulam sogar zu einem
seiner Kasi34 ernennen lassen und sieht ihn oft als Gast in seinem Hause.«
    »Das ist mir wichtig, ausserordentlich wichtig! Doch jetzt zu etwas anderem:
Ich liess es bisher ruhen; nun ich aber an Stelle des Ustad stehe, ist es meine
Pflicht, mich dieser Sache anzunehmen. Ich war nämlich beim Scheik der Kalhuran
und freue mich, dass seine Genesung vorwärts schreitet. Er steht nicht unter
Eurer Dschemma; aber du sagtest, dass sein Weib bestraft werden müsse, weil sie
Blut vergossen hat.«
    »So ist es. Sobald er das Lager verlässt, haben wir über sie zu richten.«
    »Hättest du an ihrer Stelle anders gehandelt? Hättest du deinen Gatten
vollends erschlagen lassen?«
    »Was ich getan hätte, kommt nicht in Betracht. Wir haben das Gesetz, und
nach diesem ist zu verfahren.«
    »Also selbst bei Euch herrscht auch noch der Buchstabe, nicht der Geist des
Gesetzes!«
    »Du irrst. Wir werden die allergeringste Strafe wählen.«
    »Aber doch Strafe! Ist es denn nicht möglich, dass sie freigesprochen wird?«
    »Nein.«
    »Wer hat das Recht der Begnadigung?«
    »Der Ustad. Du weisst, dass in Persien jeder Weli oder Beglerbeg die Macht
über Leben und Tod, also auch das Begnadigungsrecht besitzt, und der Ustad ist
der Weli unseres Bezirkes.«
    »Wer hat es jetzt, da er verreist ist?«
    »Sein Stellvertreter, also du.«
    »So bitte ich dich, zu dem Kalhuri zu gehen. Sage ihm, dass ich an Stelle
seiner Frau gewiss auch Blut vergossen hätte. Ich halte sie also für ebenso
unschuldig, wie mich und dich, und gebe nicht zu, dass sie bestraft wird. Wer
einen Menschen einer Tat wegen verdammt, zu der er unter Umständen selbst fähig
gewesen wäre, der ist derselben Strafe wert. Gehe sogleich!«
    »Effendi, das ist eine frohe Botschaft. Ich eile, sie zu überbringen. Du
hast hiermit die Herzen aller Dschamikun und Kalhuran gewonnen!«
    Nun ging ich nach meiner Wohnung, um die Schlüssel zu derjenigen des Ustad
zu holen. Es galt, mich für den morgenden Besuch so weit vorzubereiten, als es
notwendig war, über alles Vorkommende genau unterrichtet zu sein. Ich fand eine
Mappe, welche alle Schriftstücke entielt, die sich auf die Abtretung des
Gebiets, auf die Verwaltung desselben und auf die Rechte und Pflichten der
Dschamikun bezogen. Der Ustad hatte überhaupt dafür gesorgt, dass ich mich sehr
leicht zu orientieren vermochte. Es gab überall beschriebene Zettel, welche den
betreffenden Inhalt anzeigten, und so fand ich auch ohne langes Suchen das
wertvollste aller Dokumente, bei welchem die Notiz lag: Noch nie gebraucht und
noch keinem Menschen gezeigt, doch unbedenklich zu benutzen!
    Ich öffnete es mit Spannung und las es durch. Es entielt Abmachungen,
welche ohne alle Zeugen zwischen dem Schah und dem Ustad persönlich gepflogen
worden waren, und sicherten dem Letzteren einen Schutz, wie ihn kein Weli oder
Beglerbeg sich kräftiger wünschen konnte. Eine grosse Seltenheit war der
eigenhändige Namenszug des Beherrschers und die dreimalige Wiederholung des
ebenso eigenhändigen Siegels. Hierbei lag noch eine Karte von schwer vergoldetem
Pergament. Die vier Ecken entielten in Handmalerei das persische Wappen, den
vor der Sonne liegenden Löwen. Und in der Mitte war, mit der Feder liebevoll
kalligraphisch geschrieben, natürlich in persischer Sprache, doch gebe ich es
deutsch: »Wer dieses vorzeigt, hat nur mir zu gehorchen!« Auch hierunter der
eigenhändige Namenszug und das Siegel, dessen Inschrift aus den Worten bestand.
»Als Nasr-ed-Din das Siegel in die Hand nahm, erschallte der Ruf der
Gerechtigkeit vom Monde bis zum Fische.« Der Schah, bekanntlich ein eifriger
Kalligraph, hatte diese Karte selbst gezeichnet und geschrieben, und sie war
darum vorkommendenfalls selbst den Höchsten seines Reiches gegenüber eine
Legitimation, welche zu sofortigem Gehorsam zwang.
    Hiermit besass ich schon viel mehr, als ich für morgen brauchte, und schon
wollte ich wieder gehen, da wurde die Tür geöffnet und Pekala trat herein. Ihr
Gesicht glänzte in der gewöhnlichen, ganz wie begeisterten Freundlichkeit, und
es war ein höchst vertraulicher Ton, in dem sie sagte:
    »Ich sah den Schlüssel stecken, Effendi, und dachte mir gleich, dass du hier
im Zimmer seist. Ich habe zwar keine Zeit, doch für dich immer, und so wollte
ich dich fragen, ob ich dir das von meinem Aschyk sagen darf.«
    »Lass es hören!«
    »Und du wirst aber nichts verraten?«
    »Ist es denn ein Geheimnis?« umging ich diese ihre Frage.
    »Ja, natürlich!« antwortete sie wichtig. »Ich habe eine ganze Menge von
Geheimnissen, von denen Niemand Etwas wissen darf. Dir aber sage ich vielleicht
einige davon. Das notwendigste von ihnen allen sollst du jetzt gleich hören.
Nämlich mein Aschyk kommt immer nach vier Wochen; das habe ich dir schon
mitgeteilt. Kürzlich aber war er einmal ausser dieser Zeit hier; das weisst du
noch nicht. Kannst du vielleicht erraten, weshalb er kam?«
    »Nein. Sag es, und mach es so kurz wie möglich!«
    »Warum das? Ich spreche ja immer kurz, Effendi! Mein Aschyk hat nämlich
beschlossen, mit unserem Ustad zu reden und ihm Vieles mitzuteilen, was ihn vom
Tode erretten kann.«
    »Wen erretten? Den Aschyk oder den Ustad?«
    »Den Aschyk; vielleicht aber auch beide; ich weiss es nicht genau. Ich soll
dem Ustad sagen, dass er nächsten Sonntag kommen werde, grad um Mitternacht. Ich
aber komme schon eine Stunde vorher mit ihm zusammen.«
    »Und hast du das dem Ustad mitgeteilt?«
    »Nein.«
    »Warum nicht?«
    »Weil - - - weil - - - weil ich mich vor ihm fürchtete.«
    »Vor mir aber nicht?«
    »Doch auch! Aber die Zeit verging; der Sonntag ist schon nahe, und wenn ich
mich so weiter fürchte und nichts sage, so verliere ich meinen Aschyk. Er hat
mir nämlich gesagt, dass er niemals wiederkommen werde, wenn ich nicht ganz gewiss
dafür sorge, dass er mit dem Ustad sprechen dürfe. Darum habe ich mir endlich ein
Herz gefasst und diese Bitte zu dir gebracht, weil der Ustad nächsten Sonntag
noch nicht wieder hier sein kann. Was sagst du nun dazu?«
    Sie wischte sich die feucht gewordene Stirn und atmete erleichtert auf. Es
war ihr doch schwer geworden, sich an mich zu wenden.
    »Ist es denn dem Aschyk gleich, ob er mich oder den Ustad trifft?« fragte
ich.
    »Ich denke es. Du stehst ja an des Ustad Stelle, und da die Sache nicht
aufgeschoben werden darf, so muss er einverstanden sein.«
    »Weiss noch Jemand davon, dass er Sonntag kommt?«
    »Nein.«
    »Auch Tifl nicht?«
    »Tifl? Diesem Schwätzer darf man solche Dinge nicht mitteilen. Er weiss kein
Wort!«
    Das war eine Lüge, wurde aber mit der ehrlichsten und aufrichtigsten Miene
der Welt gesagt. Die kleinen Aeuglein blickten mich dabei so offen, so
treuherzig an, dass ich fast glaubte, mich besinnen zu müssen, ob ich mich nicht
täusche.
    »Hat der Aschyk gesagt, an welchem Orte er mit dem Ustad zu sprechen
wünscht?« fuhr ich fort.
    »Nein. Das hast nun du zu bestimmen. Willst du mir sagen, wo?«
    »Heut noch nicht. Ich werde es dir noch rechtzeitig mitteilen. Und nun höre
mich an! Du schweigst gegen Jedermann, auch gegen Tifl! Wenn du einem einzigen
Menschen sagst, dass dein Aschyk kommt, um mir etwas zu sagen, so rede ich nicht
mit ihm und jage dich aus dem Hause!«
    »Effendi,« rief sie aus, indem sie erschrocken zurückfuhr. »Was machst du
mir da für fürchterliche Augen. Du hast ja plötzlich ein ganz anderes Gesicht!«
    »Das ist mein Gesicht, wenn ich mir etwas vornehme, was ich unbedingt auch
ausführe. Du hast es noch nicht gesehen. Hüte dich vor der Wiederkehr! Wenn du
nicht schweigst, lasse ich dich noch mitten in der Sonntagsnacht über die Grenze
schaffen, ohne zu fragen, was dann aus dir wird! Verstanden?«
    »Ja, ja, ganz genau!« versicherte sie, vor Schreck in sich
zusammenkriechend. »Effendi, der Ustad ist doch freundlicher als du. Wer hätte
das gedacht!«
    »Jedes an seinem Orte, die Strenge sowohl als auch die Freundlichkeit! Hast
du noch etwas zu sagen?«
    »Nein.«
    »So geh!«
    Sie machte in ihrer inneren Zermalmung einen ganz verkehrten Knix und
entfernte sich bedeutend weniger vertraulich, als sie hereingekommen war. Ich
aber schloss die Wohnung sorglich ab und ging, mit Schakara zu sprechen.
    Wie kam es doch, dass ich gar nicht nach ihr fragte, sondern dass es mir war,
als wisse ich ganz genau, wo sie sei? Ich ging durch den Garten. Bei der Quelle
angekommen, sah ich die »Schwester« bei den Pferden. Die Sahm knusperte mit
Ghalib im Grase herum. Assil aber hatte sich gelegt. Schakara sass neben ihm und
flocht, über seinen Hals gelehnt, aus den Mähnenhaaren Zöpfe, in die sie
Veilchen wand. Der Rappe langte von Zeit zu Zeit mit dem Maule herüber, um sie
freundschaftlich in den Arm zu kneifen. Ich beobachtete das eine ganze Weile;
dann ging ich hin und setzte mich zu ihnen.
    Es war nichts Unaufschiebbares, was ich mit Schakara zu besprechen hatte.
Ich wollte ihr nur mitteilen, wer morgen kommen werde. Aber indem ich dies tat,
war es, als ob sich in mir alles Verschlossene öffne, um von ihr gesehen,
geprüft und bestätigt oder verworfen zu werden. Sie sprach ganz wenig, und fast
nur, wenn ich fragte. Und was sie dann sagte, war so selbstlos, so bescheiden
und klang doch fest, bestimmt und zaglos sicher. Ich erkannte mehr und mehr, dass
sie etwas unendlich Grosses, Schönes, Klares in sich trug, und sann darüber nach,
wie es zu nennen sei. Es war gewiss das, was wir »Gebildeten« eine Welt-, eine
Lebensanschauung nennen, und aber doch noch mehr, viel mehr! Diese Anschauung
erstreckte sich über noch ganz andere Schätze als diejenigen, welche die
sogenannte »Welt« und das angebliche »Leben« uns bieten. Indem ich jetzt mit ihr
sprach, tauchte der Augenblick wieder vor mir auf, an dem ich sie von meinem
Krankenlager aus zum zweiten Male sah35: Unweit der Tür sass sie mitten im
Pflanzengrün. Weiss war ihr Gewand. Sie hatte den Schleier nach hinten
geschlagen. Ihr dunkles Haar hing in langen, schweren Flechten herab. Die
schlanken Finger glitten über die Saiten der Sandurah. Darf man ein menschliches
Wesen mit einem Gedicht vergleichen? Man sagt ja, dass der Mensch das herrlichste
Gedicht der ganzen Schöpfung sei. Wenn nicht das herrlichste, aber gewiss eines
der frömmsten sah ich hier!
    Damals waren es Harfentöne, die ich von ihr hörte. Sie spielte, damit meine
und Halefs Seele festgehalten werde. Jetzt waren es Worte, die ich von ihr
vernahm; aber Alles, was und wie sie es sagte, hatte eine tiefe, innige
Verwandtschaft mit jenen Harfenklängen. Es war Alles so melodiös, so harmonisch,
so voll, so rein, so ganz ohne jede Spur von Dissonanz. Ich sprach weiter und
weiter, nur um diese Lippen antworten zu hören, aus denen nichts Trübes, nichts
Entweihtes klingen konnte. Es war, als ob ich ihr alle meine Gedanken
hinübergeben müsse, um sie geläutert und geklärt dann wieder in Empfang zu
nehmen. Hatte Marah Durimeh das gewusst, als sie schrieb, dass ich der Geist sein
solle, sie aber die Seele, meine Schwester? Psychologie, nicht teoretisch,
sondern praktisch gelehrt! Nicht aus wissenschaftlichen Leitfäden getüftelt,
sondern aus dem Geistes- und Seelenleben direkt und ohne Deutelei
herausgegriffen!
    So sassen wir viel länger, als ich beabsichtigt hatte, beieinander, bis Kara
Ben Halef mit seinem Barkh kam und mir meldete, dass es ihm gelungen sei, meinen
Auftrag auszuführen, ohne von Jemand gesehen zu werden. Er habe die betreffende
Stelle genau untersucht und sei überzeugt, dass kein anderer Fuss sie inzwischen
betreten habe. Da es Zeit zum Abendessen war, so forderte ich ihn auf, mit uns
zu kommen, um an demselben teilzunehmen. Er lehnte aber ab, weil er für die
langsame Abkühlung Barkhs zu sorgen habe, damit dieser ja nicht etwa verschlage.
Er war in Allem, was in seinen Händen lag, so wohlbedacht, gewiss mehr ein
Erbteil von seiten seiner Mutter als seines Vaters, des oft nur allzu schnellen
Hadschi, dessen lebhaftes Temperament der ruhigen Ueberlegung gern aus dem Wege
ging.
    Nach dem Essen zog ich mich hinauf zu mir zurück, um Alles, was ich von den
Sachen des Ustad zu verbrennen hatte, einer vorherigen Prüfung zu unterwerfen.
Ich gewann da einen tiefen Einblick in sein Leben, in sein menschenfreundliches
Wollen und Empfinden. Die Zeitungen widerten mich an. Ich hatte erklärt, sie
nicht durchlesen zu wollen, und tat es auch nicht. Aber indem ich die Blätter
einzeln durch meine Hände gehen liess, blieb mein Auge doch zuweilen an dieser
oder jener Stelle haften, und dann flog der zerknitterte Bogen so weit wie
möglich fort von mir. Man sollte es kaum für möglich halten, mit was für Quatsch
und Tratsch und Klatsch sich jenes sonderbare Wesen befasst, welches denen, die
es besitzen, weissmacht, dass sie geistreich seien! Wenn der Ustad das Alles
wirklich durchgelesen hatte, so war es sicher eines der grössten Wunder, dass er
der Menschheit seine Liebe noch immer treu bewahrte. Es muss doch etwas Grosses um
die wahre, nicht geheuchelte, sondern wirklich aus dem Herzen wirkende Humanität
sein, wenn sie die Kraft besitzt, auf ihrem allgemein menschlichen Standpunkte
selbst gegen diejenigen Widersacher auszuhalten, die sich nicht scheuen, nur mit
den Waffen des Sonderinteresses anzugreifen und dabei doch zu versichern, dass
sie die Verfechter der allgemeinen Menschheitsrechte, des edlen Menschentums
seien. Hinweg also mit diesen Elaboraten! Ich warf sie auf den Herd, brannte sie
an, und als die Flamme emporschlug, flog auch die »Rechtfertigung« hinein, die
ganz ohne allen Grund geschrieben worden war.
    Nachdem ich mich hierauf noch einige Zeit mit den Werken des Ustad
beschäftigt hatte, ging ich schlafen und wachte nicht eher auf, als bis draussen
an meine Tür geklopft wurde. Dass man mich weckte, musste eine sehr triftige
Ursache haben. Ich stand auf und öffnete. Der Pedehr war es.
    »Verzeihe, Effendi, dass ich dich wahrscheinlich im Schlafe gestört habe!«
sagte er. »Es wird nicht lange dauern, so ist der Scheik ul Islam da.«
    »So zeitig? Woher weisst du es?« erkundigte ich mich.
    »Ich sprach gestern abend noch mit dem Chodj-y-Dschuna. Er hielt es für gut,
zu wissen, woran man sei. Darum ist er dann fortgeritten, in der Richtung nach
Chorremabad. Er kam bis an den Grenzduar der Dschamikun und erfuhr, dass der
Scheik ul Islam dort übernachte und heute mit dem frühesten Morgen aufbrechen
wolle. Er gebot Verschwiegenheit und ist nun hier, weil du gewünscht hast, dass
er anwesend sei. Sonst aber weiss Niemand davon. Wirst du jetzt herunterkommen?«
    
    »Nein. Schicke mir das Frühstück herauf! Wer kommt Alles mit?«
    »Es sind, Herren und Diener zusammen, fünfzehn Personen, alle sehr gut
beritten und bewaffnet. Man hat ihnen dort im Duar gesagt, dass kein Fremder ohne
die besondere Erlaubnis des Ustad bei uns Waffen tragen dürfe, sondern sie
abzugeben habe, sobald er das Gebiet der Dschamikun betritt. Sie haben sich aber
geweigert, dies zu tun.«
    »Nun, was dann? Hat man sie gezwungen?«
    »Nein. Man hat geglaubt, nicht streng verfahren zu dürfen, weil es der
Scheik ul Islam sei. Natürlich werden sie auch hier am ersten Hause angehalten.
Wenn du willst, werde ich sie unbedingt entwaffnen lassen. Wollen sie es sich
nicht gefallen lassen, so mögen sie umkehren, und ich lasse sie von einer
Reiterschar begleiten, bis sie über die Grenze sind.«
    »Recht so, Pedehr! So gefällst du mir! Es gibt keinen einzigen Menschen, vor
dem wir Ursache, uns zu fürchten, hätten, und Furcht ist überhaupt die grösste
Torheit, die ich kenne. Aber Alles an seinem Ort und zu seiner Zeit! Faust gegen
Faust, doch gegen List nichts Anderes als eben auch wieder List! Wenn man mich
vor der Schlauheit dieses Scheik ul Islam warnt, werde ich mich hüten, wie ein
dummer Bär mit Tatzen dreinzuschlagen. Und wenn wir fünfzehn Personen gleich am
Eingange des Duar entwaffnen wollten, müsste ich so viele Dschamikun hinstellen,
dass man sich sofort sagen müsste: die haben gewusst, dass wir kommen! Und grad das
soll ihnen doch verheimlicht werden! Lassen wir es also laufen, wie es läuft!
Ihr beide, nämlich du und der Chodj-y-Dschuna, habt sie mit allen Zeichen der
Ueberraschung zu empfangen und in die Halle zu führen, wo Ihr Euch mit ihnen
unterhaltet, bis ich komme.«
    »Soll ich dich holen lassen?«
    »Nein. Um die Ansicht, dass wir nichts gewusst haben, zu verstärken, sagst du,
dass ich nicht daheim sei, sondern einen Spaziergang gemacht habe. Das werde ich
auch tun, doch gar nicht weit. Ich sorge dafür, dass ich ihre Ankunft bemerke,
und werde mich dann in der Halle einfinden. Jetzt geh! Also mein Frühstück
möglichst schnell!«
    Er entfernte sich und schickte es mir sofort herauf. Als ich es eingenommen
hatte, schloss ich bei mir zu und ging in die Wohnung des Ustad, um die goldene
Karte des Schah zu mir zu stecken. Es war leicht möglich, dass ich sie brauchte.
Dann schloss ich auch hier zu und ging, aber nicht die Treppe, sondern hinten den
Glockenweg hinab, der nach dem Garten, dem Bade und der Pferdeweide führte. Ich
sah Niemand, der mich bemerkte. Da es mir darauf ankam, die Ankunft des Scheik
ul Islam zu beobachten, so suchte ich einen Ort, von welchem aus es möglich war,
dies unbemerkt zu tun. Der ganze, lange Rand des Gartens und der Weide war mit
dichtem Gebüsch eingefasst, hinter welchem die Gigantenmauer senkrecht
niederfiel. Durchdrang ich dieses Strauchwerk bis zur Mauerkante, so bot sich
mir dann dort die freie Aussicht, die ich wollte. Ich wendete mich also nach
einer Stelle, wo eine Lücke durch die Büsche zu führen schien, sah aber, als ich
sie erreichte, dass sie nicht ganz hindurchführte. Sie war vielmehr wie eine
Laube geformt und rundum mit einer Rasenerhöhung zum Niedersetzen versehen. Das
Grün war hier so wirr und dicht, dass man nicht einmal hindurchsehen und also
noch viel weniger hindurchdringen konnte, ohne Aeste und Zweige loszubrechen.
Aber gleich daneben standen einige Tamarisken so, dass ich mich zur Not
hindurchdrängen konnte, ohne sie zu beschädigen. Ich tat es, konnte aber nicht
ganz bis vor kommen, sondern musste mich dann nach der Seite, also hinter die
Laube, wenden. Dort fand ich was ich suchte. Es gab genug Zweige, mich
vollständig zu verstecken, und doch so viele Oeffnungen zwischen denselben, dass
ich das ganze Tal und auch, nur einige Windungen abgerechnet, den zu uns
heraufführenden Weg übersehen konnte. Ich machte es mir so bequem wie möglich
und richtete mich auf längeres Warten ein, was aber gar nicht nötig gewesen
wäre, denn eben, als ich mich lang ausgestreckt und den Kopf in die Hand
gestützt hatte, kam von rechts unten eine Reitertruppe, die keine andere als
diejenige des Scheik ul Islam sein konnte. Ich zählte freilich mehr als fünfzehn
Pferde, doch kamen die überzähligen auf die Dschamikun, welche ihm von dem
Grenzduar aus das Geleit gegeben hatten.
    Fünf der Tiere waren nach reicher, persischer Reschma-Art geschirrt, eines
von ihnen ganz besonders auffallend. Der Mann, welcher auf diesem sass, trug
einen Taki-Turban von ungeheurem Durchmesser auf dem Haupte. Von dieser, mit
einigen hohen, bunten Federn geschmückten Wulst hing ein weisser Schleier,
welcher wie ein Mantel nicht nur den Reiter, sondern auch den ganzen hintern
Teil des Rosses bedeckte.
    Sollte diese so in die Augen fallende Gestalt etwa der fromme Würdenträger
sein? Der Demütige? Der Mann mit den leisen, weichen, geräuschlosen Sohlen?
Indem ich mir diese Frage vorlegte, betrachtete ich auch die Andern, welche
völlig schmucklos ritten und natürlich dienstbare Personen vorstellen sollten.
Einer von diesen hielt sich ganz am Ende. Er trug einen sehr gewöhnlichen
Taki-Anzug, sass aber auf einem Pferde, welches meine ganze, übrige
Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Die Entfernung war zu gross, als dass ich
Einzelheiten bemerken konnte, aber dieser Adel in der Haltung, diese Lebensfülle
in jeder Bewegung, diese graziöse Sicherheit des Schrittes und dieses
spannkräftige Selbstbewusstsein trotz der Schenkel und Zügel, das war mir genug
zu der Annahme, dass es das beste, das wertvollste Pferd von allen fünfzehn sei -
- ein Hellbrauner mit zwei weissen Vorderstiefeln!
    Der Trupp bog nach dem Wege zum hohen Hause ein. Weil hierdurch die
Entfernung sich stetig verringerte, bekam ich dieses Pferd immer deutlicher zu
sehen, und indem ich es auf einen Kaufwert von ganz sicher wenigstens
neuntausend Mark deutschen Geldes abschätzte, sagte ich mir, dass der
Daraufsitzende unmöglich zu den Sijas36 gehören könne.
    Es waren also sonderbarer Weise zwei Personen, welche mir nicht als das
vorkamen, für was man sie allem Anscheine nach halten sollte. Der
Weissverschleierte und der letzte Reiter waren beide höchst wahrscheinlich in
ihrer äussern Erscheinung darauf berechnet, uns zu täuschen. Der Eine sollte
höher, der Andere niedriger erscheinen, als er eigentlich stand. Die Würde des
Ersteren konnte mir gleichgültig sein, die des Letzteren aber nicht. Wenn von
diesen Leuten einer überhaupt mehr war, als er zu sein schien, so hatte ich
gewiss alle Veranlassung, mit meiner Vermutung nicht nur bis zur nächsten,
sondern gleich bis auf die höchste Stufe zu steigen: Der vermeintliche
Reitknecht war der Scheik ul Islam selbst!
    Indem mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, sah ich Tifl, welcher drüben
auf dem Wege erschien, um aus irgend einem Grunde hinab nach dem Duar zu gehen.
Er wusste nichts von der Ankunft dieser Leute und blieb darum überrascht stehen,
als er sie erblickte. Als sie ihn erreichten, sprach er auf sie, und da war es
mir höchst interessant, zu bemerken, dass ihn die voranreitenden Vornehmen von
sich ab und auf den letzten Reiter verwiesen. Das war ein Umstand, durch welchen
meine Vermutung fast zur Gewissheit erhoben wurde.
    Er winkte den Andern zu, weiter zu reiten, und blieb bei Tifl halten. Dieser
Wink verriet mir, dass er der eigentlich Befehlende sei. Sie sprachen eine kleine
Weile miteinander; dann liess der Fremde seinen Hellbraunen wieder vorwärtsgehen,
und Tifl kehrte um und schritt, sich lebhaft mit ihm unterhaltend, an seiner
Seite, bis beide hinter der letzten, obersten Biegung des Weges verschwanden.
    Wie gut, dass ich hierher gegangen war, um zu rekognoszieren! Ich hatte
dadurch erfahren, dass es dem Scheik ul Islam höchst wahrscheinlich beliebte, mit
uns schauspielern zu wollen, und war nun also auf die beabsichtigte »Komödie der
Irrungen«, falls sie wirklich versucht werden sollte, wohl gefasst! Da ich nicht
den geringsten Grund hatte, diese Gäste auf die Idee zu bringen, dass man vor
Freude über ihr Kommen ausser sich sei, so beeilte ich mich nicht im geringsten,
sondern blieb noch eine ganze Weile auf meinem Platze sitzen. Und wie gut das
war, stellte sich heraus, als ich Schritte hörte, welche sich sehr eilig der
Laube näherten, hinter der ich lag. Zwei Personen traten ein.
    »Niemand hat uns gesehen; das ist gut!« hörte ich Tifls Stimme sagen. »Er
fragte, ob es einen Ort gebe, wo er unbemerkt mit dir sprechen könne. Darum
eilte ich, dich hierher zu bringen. Nun schicke ich auch ihn.«
    Nach diesen Worten ging er wieder fort. Wer war die Person, die sich nun
allein in der Laube befand? Ich sollte nicht lange zu warten haben, es zu
erfahren. Es kamen wieder Schritte, eilig, aber leise, vorsichtig schleichend
und wie auf weichen Sprungfedern fussend.
    »Du bist die ungläubige Türkin Pekala?« wurde gefragt.
    »Ja,« antwortete sie, die Falschheit ihrer Religion unbedacht mit
bestätigend. »Und wer bist du?«
    »Wie ich heisse, brauche ich nicht zu sagen; aber ich bin der Freund dessen,
der sich deinen Aschyk nennt.«
    Da schlug sie die Hände klatschend zusammen und rief aus:
    »Der Freund meines Aschyk! Wie mich das freut! Wer hätte gedacht, dass - - -«
    »Nicht so laut!« unterbrach er sie gebieterisch. »Kein Mensch darf wissen,
dass ich ihn kenne und dass ich mit dir sprach - - - du Liebliche, du Blühende!«
fügte er in plötzlich ganz weichem, schmeichelndem Tone hinzu. »Ich will dir
aber beweisen, dass ich dich und ihn und eure Liebe kenne. Er wird nächsten
Sonntag kommen, eine Stunde vor Mitternacht, und du wirst an einem hoch
aufgerichteten Mauersteine auf ihn warten. Erkennst du hieran, dass ich sein
Vertrauter bin, sein Freund und also auch der deinige?«
    »Ja, ich vertraue dir,« versicherte sie. »Du hast gewiss auch so ein edles
Männerherz wie er und weisst, was ein edles Frauenherz bedeutet!«
    Es war ein Räuspern zu hören, als ob er mit einem unzeitigen Lachen zu
kämpfen habe. Ich konnte beide nicht sehen, wusste aber, dass ich ihn an seiner
Sprache sofort erkennen würde. Er sprach die gutturalen Spiranten mit mehr als
gewöhnlicher kurdischer Schärfe aus und hatte ein so uvular schnarrendes Rrrrrr,
als ob er an einer bösartigen Zäpfchenkrankheit leide.
    »Ich weiss sogar, weshalb er diesmal kommt,« fuhr er fort. »Er will mit dem
Ustad sprechen, und weil dieser nicht hier ist, mit dem fremden Effendi, da es
nicht aufzuschieben ist. Ich ahnte nichts von der Anwesenheit dieses
Stellvertreters, und es hat sich erst zu zeigen, ob sie gut oder nicht gut für
uns ist. Dein Aschyk muss unbedingt als Gast im Hause des Ustad aufgenommen
werden. Es war bezweckt, er solle in den Räumen wohnen, welche euer Herr sein
Grab zu nennen pflegt. Leider habe ich von diesem Tifl erfahren, dass dort der
Fremde aufgenommen worden ist. Dafür sind aber nun die eigenen Stuben des Ustad
frei geworden, und es würde uns genügen, wenn dein Aschyk nun wenigstens doch
diese bekäme. Du bist die Herrin dieses Hauses, Pekala. Das weiss ich ganz genau.
Und deiner Freundlichkeit kann Niemand widerstehen. Dein Aschyk wird den Effendi
unbedingt bewegen, ihn bei sich aufzunehmen, aber wo! Ich hörte, dass du diesen
Mann durch deine Holdseligkeit ganz für dich gewonnen habest. Nun sag: Glaubst
du, ihn bewegen zu können, den Beglücker deines edlen Frauenherzens in den
Räumen des Ustad wohnen zu lassen?«
    »Sogleich, sogleich wird er es mir erlauben!« jubelte sie so unvorsichtig
auf, dass er ihr in schnellem Zorne befahl:
    »Schweig, unvorsichtige Katze! Dein falsches Maul hat schon genug verraten;
mich aber soll es nicht - - -«
    Er hielt mitten im Satze inne und fuhr mit vollständig verändertem Ausdrucke
fort:
    »Mein Herz begreift die Grösse deines Glückes, den Aschyk als geliebten Gast
hier bei dir zu haben, du treue, schöne Blume seines Lebens, aber ich bitte
dich, dieses Glück tief und schweigsam in dich zu verschliessen, bis die ersehnte
Zeit gekommen ist, in welcher du es nicht mehr zu verheimlichen brauchst! Du
weisst ja, dass das Leben des Aschyk von deiner Verschwiegenheit abhängt, und das
deinige wahrscheinlich auch!«
    »Chodeh! Auch mein Leben? Mein eigenes?« fragte sie erschrocken.
    »Ja. Seine Feinde sind auch die deinigen, und wenn sie ihn töten, können sie
dich nicht leben lassen!«
    »Wer aber sind sie denn? Er hat sie mir noch nie genannt.«
    »Um den Blick deiner strahlenden Augen nicht zu trüben, der ihm über alles
Andere geht. Darum schweige auch ich. Dein Herz soll rein und unbefangen
bleiben. Den Ustad kenne ich, doch den Effendi nicht. Was ist er für ein Mann?
Welcher ist der klügere von beiden?«
    »Kein Mann ist klug. Man hat sie alle zu erziehen. Ich habe da eine ganze
Menge von Geheimnissen, die ich den meisten Menschen nicht sage, denn ich denke,
dass sie es verraten. Zu dir aber habe ich Vertrauen. Darum will ich dir eines
davon mitteilen: Der Ustad ist mir lieber als der Effendi.«
    »Aus welchem Grunde?«
    »Weil der Effendi mich fortjagen will.«
    »Warum?«
    »Wenn ich es Jemandem verrate, dass er mit meinem Aschyk sprechen wird.«
    »Oh Allah, welche Dummheit sondergleichen! Und so ein Weib will Männer
erziehen und - - -«
    Wieder brach er mitten im Satze ab, um sie nicht zu beleidigen. Dieser Mann
verstand es nicht, sein Temperament zu beherrschen. Oder nahm er sich nur
deshalb nicht besser in acht, weil er wusste, es mit einer »leeren Null« zu tun
zu haben? Wie freundlich und gelassen klang es dagegen, als er fortfuhr:
    »Fühlst du denn nicht, dass dieser Effendi dafür nicht zu tadeln, sondern zu
loben ist? Ich weiss, dass du einen scharfen Verstand besitzest. Du wirst also
einsehen, dass er nur in der besten Absicht Verschwiegenheit gefordert haben
kann. Auch ich bitte dich, nichts zu verraten. Er konnte dir nur drohen, dich
fortzujagen; ich aber weiss, dass es dein sicherer Tod ist, wenn du plauderst. Die
Feinde deines Aschyk sind erbarmungslos, besonders gegen dich. Darum hüte dich,
und schweig! Ich habe von diesem Effendi schon oft gehört, werde ihn aber heut
zum erstenmale sehen. Ist er gutmütig?«
    »Sehr!«
    »Scharfsinnig?«
    »Ganz und gar nicht! Er glaubt Alles, was man sagt!«
    »Kennt er die hiesigen Verhältnisse?«
    »Nein. Da ist mein Tifl hundertmal gescheiter!«
    »Wie steht es mit seiner Religion?«
    »Der hat gar keine. Es gibt hier gewiss Niemand, der ihn schon einmal beten
sah.«
    »Ist er ein schöner Mann?«
    Sie schwieg, wahrscheinlich um über diese Frage nachzudenken. Der sie
aussprach, war ganz gewiss kein schlechter Menschenkenner, und die Köchin ahnte
nicht, was er mit dieser höchst überflüssig erscheinenden Erkundigung eigentlich
bezweckte. Dann antwortete sie:
    »Er ist nicht schön und auch nicht hässlich. Er hat ein ganz gewöhnliches
Gesicht. Ich glaube, wenn er kein Fremder wäre, würde man ihn gar nicht
beachten.«
    »Maschallah! Das klingt nicht gut! Mir wäre es lieber, du hättest ihn schön
genannt. Doch antworte mir weiter: Hat er Eigentümlichkeiten? In der Stimme, in
der Sprache, in der Haltung, im Gange oder sonst irgendwie?«
    »Nein, gar nicht. Er ist ein Mann wie alle andern Männer. Du brauchst dich
ganz und gar nicht vor ihm zu fürchten. Er ist nicht halb so vornehm wie du!«
    »Woher weisst du das?«
    »Ich sehe es dir an. Du brauchst nur andere Kleider anzulegen, so ist der
Pascha fertig!«
    »Meinst du, meine liebe Pekala?«
    Das klang geschmeichelt. Der Mann war also eitel! Das bestätigte sich durch
seine folgenden Worte:
    »Ich muss jetzt fort und sage dir, dass du mir gefallen hast. Ich möchte dir
das durch ein Geschenk beweisen, welches ich dir durch deinen Aschyk sende. Ich
weiss, du liebst den Schmuck und schöne Kleider, die du einstweilen in den Ruinen
aufbewahrst, bis bessere Tage kommen. Wünsche dir Etwas?«
    »Sehr gern! Aber was?« fragte sie da schnell.
    »Was du willst!«
    »Ja, bist du arm oder reich?«
    »Wünsche nur! Dann sage ich dir, ob du es bekommst oder nicht!«
    Das klang wieder so kalt, so gebieterisch, als ob er sie nicht soeben seine
»liebe Pekala« genannt hätte. Dieser Mann wurde mir immer interessanter.
    »Schicke mir eine goldene Naddara37!« bat sie in ihrem süssesten Diskante.
    »Eine Naddara? Wozu?« fragte er erstaunt.
    »Es sieht so vornehm aus und so gelehrt. Ich sah in Isphahan sehr oft eine
Madama aus Russland. Die hatte stets zwei Gläser vor den Augen, wenn sie aus der
Sänfte stieg. Das war so stolz. Man konnte sie für die Kaiserin von Russland
halten. Darum will ich auch eine Naddara. Aber von Gold muss sie sein, sonst
nicht!«
    »Weib, du bist verrückt! Es wohnt ein böser und dabei ungeheuer lächerlicher
Geist in dir, den ich zerdrücken werde, sobald - - -«
    Er wurde in diesem Ausbruche des Zornes, der zugleich verächtlich klang,
unterbrochen. Tifl kam und meldete:
    »Der Scheik ul Islam sendet mich. Er lässt dich bitten, zu kommen. Ich führe
dich.«
    »Sogleich!« gab der Andere streng zurück. Und ebenso streng oder noch
strenger klang es weiter: »Du sollst die Naddara haben, Pekala, und zwar eine so
scharfe, dass dir die Augen übergehen! Der Effendi hat Recht gehabt mit der
Verschwiegenheit. Auch ich fordere sie von dir, von Euch. Für den Verrat gibt es
weiter nichts als nur den Tod. Das merke, Tifl, du auch dir! Und nun führe mich
zu meinen Leu - - - zum Scheik ul Islam, doch ohne dass man merkt, wo ich jetzt
war!«
    Er ging mit Tifl fort. Dann hörte ich, dass auch Pekala sich entfernte. Wer
er war, das wusste ich nun. Er hatte es selbst verraten, und zwar durch das nur
halb ausgesprochene Wort: »Führe mich zu meinen Leu - - -.« Leuten hatte es
heissen sollen. Er war der Scheik ul Islam selbst, und der Andere, der nach ihm
geschickt hatte, sollte diese Rolle mimen.
    Ich wartete nur ganz kurze Zeit, dann verliess ich meinen Platz, schob mich
zwischen den Tamarisken wieder hinaus, und als ich sah, dass Niemand hier war,
ging ich nach dem Garten und durch diesen auf den Hof. Da standen die Pferde der
Perser, die Diener dabei. Auf den Stufen lehnte Tifl an einer der Säulen; an
einer andern der kurdisch gekleidete Reiter des Hellbraunen mit den weissen
Vorderstiefeln. Beide sprachen miteinander und sahen nicht, woher ich kam. Ich
grüsste die Reitknechte freundlich und blieb bei den Pferden stehen, um sie zu
betrachten. Ich wünschte aber nicht, für einen Kenner gehalten zu werden, und
verhielt mich also dementsprechend. Da sah mich Tifl und machte den Kurden auf
mich aufmerksam. Dieser schaute zu mir her und betrachtete mich scharf.
    Er war von hoher, schön gebauter Gestalt. Sein lang herabwallender, grauer
Vollbart war sehr, sehr dünn, als ob die Natur nicht genug guten Willen
vorgefunden habe, das auszuführen, was sie wollte. Er sah, dass ich bei den
minderwertigen Pferden länger verweilte, als bei den guten, und an dem
Stiefelbraunen so gleichgültig vorüberging, als ob er ein ganz gewöhnlicher Gaul
sei. Da machte er eine Bemerkung gegen Tifl, die jedenfalls keine
hochachtungsvolle war, denn er warf dabei den Kopf verächtlich nach hinten auf
die Seite. Auch die Diener lächelten über mich, wenn auch nicht so auffallend,
dass ich es hätte bemerken müssen, wenn ich nicht besonders aufgepasst hätte. Mir
war das recht. Je weniger man uns zutraute, umsomehr hatte man dann zu bereuen.
    Als ich nun langsam auf die Stufen zuschritt, stand Kara Ben Halef auf, der
oben auf dem Dache der Halle gesessen hatte. Er rief mir seinen Morgengruss
herab.
    »Komm herunter, Kara!« forderte ich ihn auf. »Ich höre, dass der Scheik ul
Islam gekommen ist. Auch du sollst ihn begrüssen.«
    Ich sagte das so laut, dass man es in der Halle hören musste. Meine Absicht
war, der Pedehr möge kommen. Sie wurde erreicht. Er erschien sogleich, kam
sämtliche Stufen zu mir herunter und meldete mir den Besuch in ganz der Weise,
als ob ich nichts davon gewusst habe.
    »Du kennst den Scheik ul Islam also nicht persönlich?« fragte ich ihn
halblaut, und wendete mich dabei so ab, dass Tifl und der Kurde meine Worte nicht
verstehen konnten.
    »Nein,« antwortete er.
    »Welcher Dschamiki hat ihn schon gesehen?«
    »Ich weiss keinen. Der Scheik ul Islam war früher in Feraghan und wurde erst
vor noch nicht einem Jahre in die Nähe seines Stammes versetzt. Nur der Ustad
kennt ihn genau. Er ist nicht so bescheiden, wie ich dachte, aber höflich. Dass
der Ustad verreist ist, hat er erst in unserem Grenzduar erfahren.«
    Während er das sagte, deutete er mit der Hand nach dem Tempelberge hinüber,
um glauben zu machen, wir redeten von etwas vollständig Unverfänglichem.
    »Wer ist der Kurde, welcher bei Tifl steht?« erkundigte ich mich noch.
    »Der Katib38 des Scheik ul Islam. Er hat bei ihm an seiner Seite zu sitzen,
doch blieb sein Platz bisher leer.«
    »So komm!«
    Wir gingen die Stufen hinauf. Da kreuzte der Katib die Arme und verbeugte
sich höflich lächelnd vor mir.
    »Der Morgen sei dir gesegnet!« grüsste ich, indem ich ihm freundlich
zunickte.
    »Und dir der ganze Tag!« antwortete er.
    Ah, diese Stimme! Und dieses uvulare Schnarren! Er war es, der mit Pekala
gesprochen hatte, also der Scheik ul Islam! Er kam gleich hinter uns her und
begab sich nach seinem Platze. Die Perser standen auf, als ich erschien,
verbeugten sich sehr höflich und blieben hierauf stehen, um meine Anrede zu
erwarten. Ich ging bis auf die von der Sitte vorgeschriebene Entfernung auf sie
zu, breitete die Arme aus, verbeugte mich, verschlang sie auf der Brust,
verbeugte mich wieder, breitete sie mit einer dritten Verbeugung abermals aus,
liess sie hierauf sinken und erhob nur die rechte Hand, um eine verbindliche
Geste zu machen und dabei zu sagen:
    »Der Mensch kennt nie das Glück des nächsten Tages. Allah allein weiss, was
er senden will. Ist er es, der uns mit euch überrascht, so habe ich ihm zuerst
und dann auch euch zu danken. Vor dem Scheik ul Islam gibt es nie verschlossene
Türen, denn Allah will, dass sein Priester überall nur Freude bringe. Setzt Euch,
und weilt, so lange es Euch beliebt!«
    Sie verbeugten sich, wie eingeübte Statisten, und der Träger des
Riesenturbans sprach:
    »Der Scheik ul Islam bin ich, Effendi. Du sollst erfahren, wer meine
Begleiter sind.«
    Indem er auf jeden Einzelnen deutete, sagte er Namen und Stand desselben.
Die geistlichen Herren nannte er vorerst, die Offiziere hinter ihnen. Es war ein
Ahalyj-y-Dschennet39, ein Wehlijullah40, ein Imam-y-Dschuma41, ein
Särtib-y-Aewwäl42, ein Särtib-y-Duwwum43, und zuletzt kam noch der Schreiber!
Man sieht, der Glanz war da. Ich verbeugte mich vor Jedem, wie auch er sich vor
mir; dann setzten wir uns nieder. Die hohen Herren bildeten eine Linie. Nur der
Schreiber sass ein wenig zurück, neben dem Scheik ul Islam. Er raunte ihm sehr
häufig zu, was er sagen solle. Zwar suchte er die Bewegung seiner Lippen unter
dem Barte zu verbergen, doch war dieser so dünn, dass ich sie doch bemerkte. Ich
sass grad vor ihnen, rechts von mir der Pedehr, links der Chodj und etwas zurück
Kara Ben Halef. Die ersten beiden hatten sich den Persern schon vorgestellt.
Kara konnte ich gelegentlich nennen.
    Ich schwieg, denn ich hatte meine Pflicht getan, und nun erforderte es die
Höflichkeit, den hohen Gast beginnen zu lassen. Er liess auch gar nicht auf sich
warten.
    »Ich bin gekommen, mit dem Ustad der Dschamikun zu sprechen,« sagte er.
»Mein Wohlwollen leuchtet über ihm. Da hörte ich, er sei verreist und ein
Effendi aus dem Abendlande vertrete seine Stelle. Ich kenne weder dich noch
deine hohen Würden und Titel und möchte doch nicht, dass ich dir etwas
vorentalte. Darum verzeihe mir, wenn ich vor allen Dingen einige Fragen
ausspreche. Welchen geistlichen Rang bekleidest du daheim in deinem Lande?«
    »Keinen,« antwortete ich.
    »Welche hohe militärische Charge führest du?«
    »Keine.«
    »So nenne deinen Rang bei der Regierung deines Volkes!«
    »Ich habe keinen.«
    »Aber was bist du sonst? Was hast du dann?«
    »Ich bin nur ich und habe nur mich, sonst weiter nichts.«
    Die Absicht, in welcher er seine Erkundigungen ausgesprochen hatte, war
leicht zu durchschauen. Ich sollte mich ihm gegenüber so klein wie möglich
fühlen! Direkte Unhöflichkeiten aber sucht der gebildete Perser so viel wie
möglich zu vermeiden. Darum warf er mir zwar einen sehr deutlich mitleidigen
Blick herüber, fuhr aber in gütigem Tone fort:
    »Du hättest verschweigen können, dass du so gar nichts bist. Ja, du hättest
dir hohe Ehren beilegen können, ohne dass wir an Lüge denken durften. Du bist
aber wahr und offen gewesen, und das hat dir bei uns diejenige Achtung gewonnen,
die Jedem gebührt, der sich zu lügen scheut. Unsere Würden sind unveräusserlich.
Indem wir zu dir niedersteigen, nehmen wir sie mit herab zu dir und ehren dich
durch sie. Aber wir möchten doch gern wissen, wie weit die Vollmacht reicht,
welche der Ustad dir erteilte.«
    »Diese Vollmacht ist die volle Macht. Es ist genau, als ob er selbst vor
Euch sässe.«
    »Du kannst über Alles entscheiden, wenn es dir beliebt?«
    »Ja.«
    »Und er wird es bestätigen?«
    »Unbedingt.«
    »So freut es mich, dir mitteilen zu können, welch ein grosses, reiches
Geschenk ich Euch heut mitbringe. Schon als ich noch in Feraghan war, hörte ich
von den Dschamikun sprechen und lernte ihren Ustad am Hofe des Schah-in-Schah
kennen. Seit ich mich nun in Chorremabad befinde, habe ich Euch unausgesetzt
beobachtet. Ihr strebt nach hohen Zielen. Ihr wollt die Menschen nicht erst
dort, sondern auch schon hier glücklich sehen. Und Ihr greift zum besten Mittel,
dieses Ziel zu erreichen. Ihr hebt das Volk empor durch guten Unterricht und
haltet in jeder Beziehung, auch im Glauben, mit allen Menschen Frieden. Wenn
jeder Stamm das täte, so wie Ihr, dann würde es wohl bald den längst ersehnten
achten Himmel geben, den Himmel Allahs hier auf dieser Erde! In andern Ländern
wird ein solches Bestreben, wie das Eurige ist, verfolgt. Wer Anteil nimmt, muss
der Feindschaft unterliegen. Die Priesterschaft verdammt jeden Andersgläubigen
und will nichts vom religiösen Frieden wissen. Und wer hoch steht, der hasst die
Aufklärung des Volkes, weil sich nur Dumme dumm regieren lassen. Bei uns in
Persien aber ist das anders. Wir wissen, dass es nicht nur einen Himmel gibt, und
wollen alles Volk durch Schulen und Moscheen zur Ueberzeugung bringen, dass
Jedermann des Andern Bruder ist. Bei uns gibt es also keine Verfolgung, sondern
Unterstützung. Wir hassen nicht; wir lieben. Hältst du das für richtig? Oder
nicht?«
    »Ich stimme vollständig bei,« antwortete ich.
    »Das habe ich erwartet! Es beweist mir, dass du würdig bist, den Ustad zu
vertreten. Ich sagte, dass ich nicht verfolge, sondern unterstütze. Ich weiss, was
er von seinen Widersachern erduldet hat. Sie taten Alles, um ihn zu vernichten.
Ich aber komme, um ihn zu erheben. Ich will diesen Feinden zeigen, wer der Mann
ist, den sie einst von sich stiessen. Er soll ein Arbeitsfeld bekommen, welches
seiner würdiger ist, als dieses kleine, rings von Gegnern eingeschlossene Gebiet
der Dschamikun. Ich will ihm viele Tausende zu Untertanen machen, die er auf
seinen Wegen zu seinen Zielen führt. Ich bringe ihm Gewalt und hohe Ehre, viel
grösser noch, als er sich jemals träumen lassen konnte. Sein Ruhm, sein Glück
liegt hier in meiner Hand. Soll ich sie wieder an mich ziehen, ohne dass du nach
ihr greifst, Effendi?«
    Er hatte mir die Hand mit einer unendlich herablassenden Gebärde
entgegengestreckt. Ich liess ein sehr dankbares Lächeln sehen und antwortete:
    »Warum sollte ich eine so gütige Hand von mir stossen? Aber du sagtest mir
noch nicht, welche Gabe es ist, die du für den Ustad bringst.«
    »So bist du also bereit, sie anzunehmen? Wohlan, so sollst du es erfahren.
Weisst du, dass ich ein Sohn der frommen Takikurden bin, die unverrückt auf Allahs
Pfaden wandeln?«
    »Ja.«
    »Und weisst du auch, dass dieser Stamm die schönsten Berge, die fettesten
Weideplätze unsers Landes besitzt? Dass dieser ihr Besitz von allerhöchstem Werte
ist, weil er die grösste strategische Bedeutung hat?«
    »Auch das weiss ich.«
    »Nun, dieses reiche Gebiet mit Allem, was darauf wohnt und lebt, soll von
heute an in die Hand des Ustad übergehen.«
    »In welcher Form?«
    »Er soll der Ustad nicht nur der Dschamikun, sondern auch der Takikurden
sein!«
    Er sagte das langsam und mit ganz besonderer Betonung. Seine Begleiter
liessen Ausrufe des Staunens und der Beteuerung hören, dass so ein Geschenk ein
ganz ausserordentliches sei. Er nickte ihnen wichtig zu und fuhr fort:
    »Ja, noch mehr, noch mehr: Der Stamm der Takikurden soll mit dem Stamm der
Dschamikun vereinigt werden, und zwar unter dem ganz vortrefflichen Namen der
Taki-Dschamikun. Und diese Vereinigung soll sich in der Hand und unter der
Aufsicht des Ustad vollziehen. Er wird der Gebieter dieses neuen Stammes sein,
den dann an Macht und Einfluss ganz gewiss kein anderer erreichen dürfte. Was
sagst du zu diesem meinem Anerbieten, Effendi?«
    »Dass ich mich keinen Augenblick bedenke, es anzunehmen,« antwortete ich.
    Ein gar so rasches Zugreifen hatte er denn doch wohl nicht erwartet. Er sah
mich fragend an.
    »Ich bin bereit, auf deinen Vorschlag einzugehen, und zwar sofort,«
wiederholte ich.
    »Wirklich, wirklich?« fragte er.
    »Ja.«
    Er schien mir nicht so recht trauen zu wollen; aber der »Schreiber« raunte
ihm einen Befehl zu, und so sagte er:
    »So ist der Zweck meines Besuches hier erfüllt! Aber wird der Ustad
bestätigen, was du tust?«
    »Ohne Zweifel.«
    »Und sich an die Spitze des vereinten Stammes stellen?«
    »Gewiss. Ich gebe dir mein Wort. Das gilt, als hätten er und ich geschworen.«
    »So erhebe dich, und gib mir in seinem Namen deine Hand!«
    Er stand auf, ich auch. Wir traten aufeinander zu und schüttelten uns die
Hände. Er schien zu erwarten, dass ich mich nun in Versicherung unserer
Dankbarkeit ergehen werde. Als ich das nicht tat, sagte er, indem sich nun auch
seine Begleiter erhoben:
    »Ein solches Abkommen muss mit Salz und Brot bekräftigt werden. Bis jetzt
haben wir noch nichts genossen. Willst du uns als deine Gäste betrachten,
Effendi?«
    »Wenn du es wünschest, unverweilt. Ich weiss, was Salz und Brot bedeuten. Wer
dann zurücktritt, ist ein Schurke. Ueberlege also wohl, ob ich dies Beides
kommen lassen soll!«
    »Schicke nur! Ich weiss genau, was ich tue!«
    »So nehmen wir jetzt Salz und Brot, und dann erweist Ihr mir die Ehre, die
Ghada44 bei uns einzunehmen!«
    »Gern! Und inzwischen reiten wir einmal hinüber nach Eurer Moschee, von
welcher aus man eine wunderbare Aussicht haben soll. Ich hörte, dass du krank
gewesen seist. Wirst du uns begleiten können?«
    Es wäre ihm allerdings lieber gewesen, eine solche Begleitung nicht zu
haben, doch antwortete ich:
    »Bis dort hinüber werde ich es im langsamen Schritte wagen können, weiter
aber nicht. Dieser junge Mann wird mir satteln. Es ist Kara Ben Halef, der Sohn
des Scheikes der Heddedihn vom Stamme der Schammar.«
    Kara verbeugte sich vor ihm, um dann zu den Pferden zu gehen. Ich rief ihm
noch nach, für sich den Ghalib und für den Chodj-y-Dschuna den Bark zu nehmen.
Die Gäste waren mit dem ungeahnt schnellen und skrupellosen Ausgange ihres
Anliegens überaus einverstanden. Sie wollten sich das freilich nicht merken
lassen, doch war es ihnen deutlich anzusehen. Um so ernster war das Gesicht des
Pedehr. Er begriff mich nicht. Darum warf ich ihm unbemerkt die Worte zu:
    »Nur keine Sorge! Es steht Alles gut. Sie haben nicht mich, sondern ich habe
sie gefangen. Schnell Salz und Brot! Dann reitest du mit.«
    »Auf welchem Pferde? Die Sahm hat mir der Ustad einstweilen entzogen. Und
ein gewöhnliches Pferd kann ich als Scheik doch wohl nicht nehmen.«
    »So bleibe hier, und besorge das Essen!«
    Nach Kurzem brachte Tifl auf einer Platte ein Häufchen Salz und
kleingeschnittenes persisches Brot. Wir traten zusammen. Jeder nahm eines der
Stückchen und tauchte es in Salz. Der Mann mit dem grossen Turban sprach:
    »Das Brot, welches wir essen, wird zum Leibe. Das Wort, welches man uns
gibt, wird zur Seele. Es ist nie wieder von uns zu trennen!«
    Hierauf assen wir jeder seinen Bissen und drückten uns abermals gegenseitig
die Hände. Das Uebereinkommen war abgeschlossen und besiegelt. Bald hierauf
brachten Kara und der Chodj die Pferde. Wir stiegen auf und ritten den Berg
hinab. Ich bemerkte, dass ich heut kräftiger war als bei dem ersten Ritte, doch
gab ich mir nicht die geringste Mühe, als guter Reiter zu erscheinen.
    Die Herren glaubten, erreicht zu haben, was sie hatten erreichen wollen.
Darum hielten sie es nicht für nötig, ihre Rücksicht auf mich so weit zu
treiben, dass sie im Trauertempo mit mir ritten. Sie wollten vielmehr zeigen, was
für Pferde sie besassen, und jagten durch den Duar und dann die jenseitige Höhe
hinauf. Mir war das eben recht. Ich winkte Kara und den Chodj, ihnen nachzueilen
und trottelte allein und langsam hinterher. Ich hatte wohl kaum die Hälfte des
Weges zurückgelegt, als ich den Hufschlag eines galoppierenden Pferdes hinter
mir hörte. Mich umschauend, sah ich, dass es Tifl war. Er ritt die ungesattelte
Sahm und jagte an mir vorüber, ohne anzuhalten und zu fragen, ob es ihm erlaubt
sei, mit bei den Gästen zu sein. Er hätte das gewiss nicht gewagt, wenn er nicht
von irgend Jemand aufgefordert worden wäre, unbedingt mit nach dem Beit-y-Chodeh
zu kommen. An mir vorbeigeritten war er, weil er befürchtet hatte, von mir
zurückgeschickt zu werden. Eigentlich war es richtig, dies nachträglich zu tun,
und zwar vor aller Augen; aber es lag ja in meiner Absicht, nicht für
scharfsinnig und energisch zu gelten, und so hielt ich es für geraten, zu
schweigen.
    Als ich oben ankam, stand der »Schreiber« mit Tifl an einer der Vordersäulen
des Tempels. Der Letztere schien dem Ersteren die Gegend zu erklären; sie
schenkten mir keine Beachtung. Sonst sah ich von den Gästen keinen. Kara und der
Chodj standen bei den Pferden. Ich ritt zu ihnen hin und fragte, wo die andern
Perser seien. Der Chodj antwortete:
    »Der Heilige, der Selige und der Hauptpriester kriechen in den Rosen herum.
Die beiden Generale fragten, ob es weiter oben eine schöne, freiere Aussicht
gebe. Ich wies sie nach der grossen Hochwaldlichtung; sie sind dortin.«
    Er deutete nach dem Waldwege, auf dem ich am Tage des Festes von Tifl zum
Essen geführt worden war.
    »Gibt es noch andere Wege nach dieser Lichtung?« erkundigte ich mich.
    »Ja. Es sind aber Umwege. Den besten sieht man von hier aus nicht. Man muss
über diesen ganzen Platz hinüber und um die Buchenecke gehen. Dann führt er grad
hinauf und unter den Tannen am obern Rande des freien Platzes hin.«
    »Kann man ihn reiten?«
    »Er ist breit genug. Willst du etwa jetzt dort hinauf?«
    »Ja. Doch Niemand darf es wissen. Ich muss sehen, was die Offiziere dort
machen. Uebrigens dürft Ihr ja nicht glauben, dass sie wirklich Generale seien.
Man hat gemeint, den Mund so voll wie möglich nehmen zu müssen. Wenn man Euch
fragt, wohin ich geritten bin, so gebt irgend eine Auskunft, die wahrscheinlich
klingt; verratet aber ja das Richtige nicht.«
    Ich ritt über den Tempelplatz hinüber und bog um die erwähnten Buchen. Dort
öffnete sich der mir beschriebene Weg. Man konnte mich vom Tempel aus nicht mehr
sehen. Nun trieb ich Assil zu grösserer Schnelligkeit an. Ich kam durch hohe
Tannen. Nach einiger Zeit wurde es rechts von ihnen licht. Da lag die
Waldesblösse. Sie war ziemlich steil. Ich konnte zwischen den Bäumen hindurch die
Offiziere sehen. Sie sassen ganz oben am Rande und schienen zu schreiben oder zu
zeichnen. Ich war ihnen unsichtbar, weil ich mich unter den Tannen befand. Auch
der übrige Teil meines Weges lag so, dass ich nicht zu befürchten brauchte,
bemerkt zu werden. Oben angekommen, bog ich nach rechts. Als ich ihnen auf
ungefähr siebzig Schritte nahe gekommen war, stieg ich ab. Ich legte dem Hengste
die Hand auf die Nüstern und sagte nur das eine Wörtchen »uskut - - still!« Nun
konnte ich überzeugt sein, dass er sich nicht bewegen, nicht das geringste
Geräusch verursachen werde.
    Hierauf ging ich weiter. Der weiche Waldesboden machte meine Schritte
unhörbar. Als ich anhielt, stand ich nur fünf Meter hinter den beiden Persern.
Sie zeichneten; das sah und hörte ich. Und zwar die topographische Lage der sich
von hier aus herrlich ausbreitenden Gegend. dabei sprachen sie miteinander. Sie
hielten sich für vollständig allein und taten es also nicht leise. Ich hörte
jedes Wort.
    »Dieser Effendi ist der unvorsichtigste Europäer, den ich jemals sah,« sagte
der angebliche Divisioner. »Er benahm sich geradezu dumm!«
    »Dafür machte der Kasi45 seine Sache um so besser,« bemerkte der Brigadier.
»Sein Lob war fest wie Leim; der eitle Mensch blieb daran hängen. Wie blind, dass
man uns hier herauflässt, um die Pässe und Wege zu zeichnen und die ganze Lage
des Duar aufzunehmen! Wir hätten nie erfahren, wie leicht er zu umfassen ist,
wenn wir es nicht mit eigenen Augen sähen. Nur erst den Ustad von hier fort und
hinüber zu den Taki! Dann sind zwei Tage genügend, den Duar wegzunehmen und das
ganze Gebiet der Dschamikun einzuverleiben. Dann ist es mit dieser
gefährlichsten Art des Christentumes für immer bei uns aus. Allah verdamme es!«
    »Jawohl, zwei Tage genügen,« stimmte der Andere bei. »Die vereinigten Taki
und Dinarum müssen ja gradezu erdrückend wirken. Sehr gut, sehr gut, dass ein
Wettrennen hier stattfindet, an dem sich der Scheik ul Islam unbedingt zu
beteiligen hat. Das gibt die vortrefflichste Gelegenheit, Vorbereitungen zu
treffen, die uns sonst nicht möglich gewesen wären. Wir sparen Zeit dadurch und
schlagen eher los.«
    »So weit steht Alles gut. Was aber wird der Schah dazu sagen? Man weiss, dass
er den Ustad schätzt und schützt.«
    »Das überlass dem Scheik ul Islam. Er sprach doch gestern von einem
Vertrauten, der bei dem Ustad wohnen und alle seine Bücher, Schriften und
Geheimnisse untersuchen wird. Dieser Mann soll der beste Muzabirdschi46 sein,
den wir im Lande haben. Er stammt aus Isphahan, wo er vor langer Zeit einen Koch
kennen lernte, dessen Tochter jetzt Köchin des Ustad ist. Er wurde in Teheran
wegen schwerer und sehr pfiffiger Diebstähle zu mehreren Jahren Gefängnis
bestraft, entfloh aber von dort und hielt sich lange Zeit hier in den Ruinen
versteckt, wohin ihm die Köchin das Essen heimlich brachte. Wie er da von
unserer Seite entdeckt wurde, das habe ich nicht erfahren, aber der Scheik ul
Islam nahm sich seiner an und will ihm unter gewissen Bedingungen dazu
verhelfen, von seiner Strafe frei zu werden. Welche Bedingungen das sind, geht
uns nichts an; ich kann sie mir aber denken. - Nun bin ich fertig mit meiner
Zeichnung.«
    »Ich fast auch.«
    »So beeile dich, damit man nicht auf unsere Abwesenheit aufmerksam wird und
Verdacht schöpft.«
    Als ich das hörte, zog ich mich schnell zurück. Assil stand noch genau so,
wie ich ihn verlassen hatte. Ich stieg auf und ritt denselben Weg hinunter, den
ich heraufgekommen war. Hinter den Buchen schlug ich dann noch einen Bogen nach
auswärts, so dass es, als man mich kommen sah, den Anschein hatte, als sei ich
abwärts, aber nicht aufwärts geritten gewesen. Der Chodj und Kara befanden sich
noch an derselben Stelle. Die Perser waren jetzt beisammen. Sie standen im
Innern des Tempels, Tifl bei ihnen. Ich stieg am Beit-y-Chodeh ab und ging zu
ihnen hinauf. Als ich kam, wendeten sie sich mir zu, und der angebliche Scheik
ul Islam fragte, indem er nach den Ruinen hinüberdeutete:
    »Weisst du vielleicht, Effendi, was das für ein altes, sonderbares Bauwerk
ist, da drüben?«
    »Das wollte ich soeben dich fragen,« antwortete ich. »Du weisst ja, dass ich
weder Priester oder Offizier, noch Beamter oder sonst Etwas von Bedeutung bin.
Wie kann ich also, noch dazu als Europäer, hierüber besser Auskunft geben als
du, der als ein Licht des Glaubens hoch über allem Wissen und aller Kenntnis
steht!«
    Er warf einen lächelnden Blick auf den »Schreiber«, nickte mir wohlwollend
zu und sprach:
    »Du hast Recht. Für die von Allah Erleuchteten liegt alles klar und offen
da, was selbst das scharfe Auge der Wissenschaft niemals erkennen wird. Dieses
Bauwerk war der Abgötterei gewidmet, dem Götzendienste, der uranfänglich nur
Bilder verehrte, doch zuletzt sogar auch Idole anbetete, welche Menschen gewesen
waren. Indem du da hinüberschaust, wirst du an alle Religionen erinnert, nur
allein an unsern Islam nicht. Wie kommt das wohl? Weil der Islam die einzige
Religion ist, welche Gottes Befehl erfüllt, dass wir uns kein Bild noch irgend
ein Gleichnis machen sollen. Oder hast du jemals eine Moschee gesehen, in
welcher das Bildnis eines Menschen hängt, um verehrt zu werden?«
    »Nein,« antwortete ich im Tone kindlichster Unbefangenheit. »Das habt Ihr
doch nicht nötig. Denn Eure Heiligen und Seligen werden nicht erst nach dem
Tode, sondern schon hier im Leben derart vor andern Menschen ausgezeichnet, dass
sie auf spätere Anbetung recht wohl verzichten können.«
    Bei diesen Worten machte ich dem Heiligen und auch dem Seligen eine tiefe,
ehrfurchtsvolle Verbeugung. Sie bedankten sich mit gütigem Kopfnicken. Der Mann
mit dem grossen Turbane aber sah mich mit einem zweifelhaft prüfenden Blicke an,
ob nicht vielleicht hinter dieser meiner Unbefangenheit etwas Anderes stecke.
Wahrscheinlich konnte er in meinem Gesicht nichts Verräterisches entdecken, denn
er fuhr fort:
    »Wir haben gehört, dass der Ustad beabsichtigt, mit diesem alten Bauwerke
aufzuräumen. Er will die Ueberreste aus jenen götzendienerischen Zeiten
abtragen. Warum? Wozu will er dieses kolossale Material verwenden, welches er
doch nicht einfach verschwinden lassen kann? Wir können uns mit einem solchen
Vorhaben unmöglich befreunden. Bis heut schwiegen wir dazu. Nun wir aber den
Bund mit dir und ihm geschlossen und besiegelt haben, steht uns das Recht zu,
Einspruch zu erheben. Diese Bauten haben zu bleiben, wie sie sind! Sie sind ein
Denkmal der Vergangenheit, an welchem nicht gerüttelt werden darf. Denn selbst
der Wahn wird heilig, wenn er so lange besteht, dass er durch sein Alter zur
Ehrfurcht mahnt. Also, ich warne dich, Effendi, und ich warne den Ustad! Ich
habe als Scheik ul Islam die heilige Pflicht, selbst den Irrtum zu erhalten,
weil wir nur durch ihn zur Wahrheit kommen. Ihr gehört von jetzt an zu den
Takikurden, und was ich als Oberster der Taki will, das hat auch jeder Dschamiki
zu wollen!«
    Ah! Bisher das weiche Pfötchen; jetzt kam schon die Kralle! Etwas vorzeitig!
Sein eigentliches Interesse an der Erhaltung der Ruinen konnte er mir natürlich
nicht mitteilen! Glücklicherweise war ich einer Antwort überhoben, denn die
beiden »Generale« kamen soeben, und es wurde beschlossen, wieder aufzubrechen.
Ich bemerkte gar wohl das befriedigte Lächeln, mit welchem sie dem »Schreiber«
heimlich kundtaten, dass ihnen ihr Vorhaben wohlgelungen sei.
    Die Heimkehr geschah in derselben Weise, wie der Ritt zum Berge; man liess
mich zurück, und es fiel mir gar nicht ein, mich darüber zu kränken. Als ich
heimkam, sah ich, dass man nicht einmal mit dem Essen auf mich gewartet hatte; es
war bereits im vollsten Gange. Ich nahm aber in der freundlichsten Weise meinen
Platz und langte zu. Es gab mir heimlich Spass, dass sich die Herren schon ganz
wie zu Hause fühlten. Der Beturbante tat, als ob er nur so zu befehlen habe. Der
Pedehr war hierüber so ärgerlich, dass er fast gar nichts genoss. Nicht etwa, dass
man es an Höflichkeit hätte mangeln lassen; o nein! Man schmeichelte uns sogar
in jeder Weise; zuweilen so auffällig, dass es gar nicht schwer war, zu erröten.
Der Leutseligste von Allen war der »Schreiber«. Er sprach nicht viel; aber was
er sagte, war stets ein Kompliment für uns, welches Dankbarkeit erheischte. Er
war so einfach, so bescheiden, so unendlich wohlwollend. Und all diese
Einfachheit, diese Bescheidenheit, dieses Wohlwollen schien er mit Hilfe seines
stetig wiederholten Augenaufschlages vom Himmel herabzunehmen. Er brachte Alles
so still, so geräuschlos fertig. Die Andern schmatzten als Orientalen überlaut
beim Essen; er als der Einzige nicht. Was bei ihnen klapperte und klirrte, das
ging bei ihm so leise, so unhörbar von statten, als ob sein ganzer Körper nur
von Watte sei. Aber zuweilen, wenn er sich unbeachtet wähnte, schoss aus seinem
Auge ein Blick hervor, welcher, im Bilde gesprochen, noch lauter schnarrte, als
das Rrrrrr an seinem Gaumen!
    Wir erfuhren während des Essens, dass die Perser von uns weg nicht etwa
zurück nach Chorremabad, sondern hinüber zu den Takikurden wollten. Man war so
unvorsichtig, hinzuzufügen, dass man dies auch getan hätte, wenn unser »Vertrag«
nicht zu stande gekommen wäre! Hierbei kam die Rede auf die Pferdezucht der
Taki, und da geschah es, dass der »Schreiber« sich zum ersten Male zu einem
zusammenhängenden Gespräch mit mir animiert zeigte. Er ahnte nicht, dass er durch
dieses sein Interesse für die Pferde verriet oder vielmehr bestätigte, wer er
sei. Er sagte:
    »Wir haben gehört, dass bei Euch ein grosses Rennen stattfindet, Effendi. Wer
darf sich daran beteiligen?«
    »Jedermann,« antwortete ich.
    »Welches sind die Bedingungen, die Preise?«
    »Der Sieger gewinnt den Besiegten.«
    Da leuchtete sein Auge auf und er fragte auffallend rasch:
    »Auch Eure Haddedihnpferde?«
    »Ja.«
    »Darf man sich den Gegner wählen?«
    »Nein. Jeder stellt, was ihm beliebt. Doch es darf kein Angebot abgewiesen
werden. Die Ehre allein hat zu bestimmen. Es hat Niemand zu befürchten, dass ihm
minderwertiges Material gegenübergestellt wird.«
    »Darf ein Pferd nur einmal rennen?«
    »Nein, sondern so oft es beliebt.«
    »Das ist vortrefflich! Wir haben beschlossen, uns zu beteiligen. Ist es
erlaubt?«
    »Sehr gern!«
    »Müssen wir sagen, mit wieviel und mit welchen Pferden?«
    »Nein. Ihr bringt, so viele Ihr wollt.«
    »Und Ihr dürft keines zurückweisen?«
    »Nein.«
    »Muss man vorher melden, wer sie reiten wird?«
    »Auch nicht.«
    »So setze ich den Fall, dass wir eines unserer Pferde von einem Dschamiki
reiten lassen wollen. Würdet Ihr ihn daran hindern?«
    »Ganz gewiss nicht. Wer so ehrlos ist, dies tun zu wollen, dem haben wir
niemals mehr Etwas zu befehlen oder Etwas zu verbieten.«
    »Seine Person bleibt also auf alle Fälle unangetastet?«
    »So lange er sich nur als Renngegner, nicht auch sonst als Feind beträgt,
ja.«
    »Das ist es, was ich wissen wollte. Ich bin befriedigt. Wir betrachten uns
also als angemeldet und werden sicher kommen.«
    Er sah vor sich nieder, warf dann einen sehr freundlichen, beinahe
zärtlichen Blick auf mich und fuhr fort:
    »Eigentlich habe ich noch eine Frage. Sie betrifft deinen Glauben. Du bist
Christ?«
    »Ja. Du doch auch!«
    Ich gab diese sonderbare Antwort, weil ich eine lange, unfruchtbare,
religiöse Auseinandersetzung erwartete und die Sache so kurz wie möglich machen
wollte. Die Zeit des Versteckenspielens war nämlich für mich vorüber. Ich wusste
nun genug und hatte keinen Grund mehr, mich und meine Weltanschauung für geistig
rückständig halten zu lassen. Er warf den Kopf wie erschrocken in die Höhe und
rief aus:
    »Ich? Ein Christ? Allah verhüte es! Wer hat dir diese grösste aller Lügen
weisgemacht?«
    »Lüge, sagst du? Ist der Kuran ein Lügner?«
    »Nein. Jedes seiner Worte ist heilig, und unsere Auslegungen sind ebenso
heilig. Willst du etwa behaupten, das, was du sagst, aus diesen Quellen zu
haben?«
    »Ja.«
    »So beweise es! Was aber kann ein Europäer, ein Christ vom Kuran und seinen
Auslegungen wissen!«
    Er faltete mitleidig die Hände, schlug die Augen auf und holte sich einen
Blick des himmlischen Erbarmens herab, den er mir ganz unverkürzt
herüberschickte. Ich nahm ihn ruhig hin und fragte:
    »Was steht dir höher, der Himmel oder die Erde?«
    »Natürlich der Himmel,« antwortete er.
    »Das Zeitliche oder das Ewige?«
    »Das Ewige.«
    »Ein Fürst und Richter über einige Millionen oder ein Fürst und Richter über
Alles, was da lebte, lebt und auch noch leben wird?«
    »Dieser Letztere.«
    »Du verehrst Mohammed. Du glaubst an seine Lehre und richtest hier auf Erden
nach den Worten, die er Euch hinterliess. Er ist also der Gesetzgeber aller
Mohammedaner. Was aber wird er einst in jenem Himmel sein?«
    »Der herrlichste von Allen, die Propheten waren.«
    »Hast du von der Moschee der Omajjaden in Damaskus gehört?«
    »Ja. Sie ist die prächtigste und hochberühmt, des jüngsten Gerichtes wegen.
Denn Isa Ben Marryam47 wird sich an diesem Tage auf einen ihrer Türme
niederlassen, um Alle zu richten, die da sind und waren, die Lebenden und die
Toten. Wozu aber diese Fragen, die mir ganz zwecklos und überflüssig
erscheinen?«
    »Wie du so fragen kannst, o Katib! Dein Herr, der Scheik ul Islam, welcher
neben dir sitzt, wird scharfsinniger sein als du und dir sagen, dass du soeben
zugegeben hast, ein Christ zu sein.«
    »Ich?« fuhr er zornig auf. »Klüger als ich? Eff - - -«
    Er hielt inne, denn er fühlte, dass er soeben ganz aus seiner untergeordneten
Rolle gefallen sei. Sein Blick stieg himmelan, um sich die erforderliche
Gemütsruhe herabzuholen, und als dies geschehen war, fuhr er fort:
    »Ich verstehe dich nicht. Mach, dass ich dich begreife!«
    »Du sagtest, dass Christus der himmlische Herr und Richter sei, der Spender
der Seligkeit, dem aber auch die Verdammten zu gehorchen haben. Ich brauche dich
gar nicht zu fragen, wer also höher stehe, er oder Mohammed, sondern ich
bestätige nur, was du sagtest: Christus richtet einst Alle, auch die Moslemin.
Er ist also Euer höchster Herr, und folglich seid Ihr Christen, so wie wir!«
    Er war still. Die Andern auch. Tiefste Verlegenheit in allen ihren
Gesichtern.
    »Wer von Euch wagt es, mir zu widersprechen?« fragte ich. »Wer von Euch
glaubt, in dem Kuran und seinen Auslegungen besser bewandert zu sein als ich,
der Christ, der Europäer? Er widerspreche mir, und ich werde ihm mit den Worten
des Kuran und seiner Erklärungen antworten!«
    Da versuchte der Schreiber eine Ausrede:
    »Du bist uns gleich zu hoch gestiegen, Effendi. Man hat von unten zu
beginnen. Du aber fängst gleich im Himmel an, beim grossen Weltgericht!«
    »Wer noch nichts weiss, der mag von unten beginnen. Wir Christen aber sind im
Himmel wohlbewandert, denn dort ist unser Vaterhaus, wo Isa Ben Marryam unser
wartet. Es gibt keine einzige Religion, über welcher nicht Jener steht, der nach
Eurer eigenen Ansicht Tod oder Leben, Verdammnis oder Seligkeit verteilt, und
also sind die Menschen alle Christen. Sträubt Euch, so viel Ihr wollt, über
diesen Punkt kommt Ihr doch nicht weg! Gebt Eurer Religion den Namen, der Euch
beliebt; hoch über allen diesen Namen steht doch der, nach welchem wir uns
Christen nennen! Willst du noch mehr Auskunft über meinen Glauben, o Katib? Ich
gebe sie dir sehr gern!«
    »Nicht mehr Religion, nichts weiter vom Glauben!« fiel da der angebliche
Scheik ul Islam schnell ein, um seinen »Schreiber« aus der sichtlich sehr grossen
Verlegenheit zu reissen. »Wir befinden uns hier bei den Dschamikun, aber noch
nicht im Himmel. Wir sind auf der Erde, und da muss ich dich bitten, Effendi,
anzuerkennen, was hier im Lande gilt, nämlich die Oberhoheit Mohammeds!«
    Er glaubte, einen Trumpf ausgespielt zu haben; ich aber antwortete:
    »Ja, wir sitzen hier bei den Dschamikun und haben uns nach dem zu richten,
was hier im Lande gilt. Das ist aber nicht die Hoheit Mohammeds!«
    »Doch!« fuhr er auf. »Ihr seid seit heute Taki-Dschamikun und habt also an
Mohammed zu glauben! Das ist es ja, was wir erreichen wollten. Wir haben es mit
Salz und Brot besiegelt und Ihr könnt nicht mehr zurück. Bei uns gilt das Wort:
Ein Schurke, der nicht hält, was er bei Salz und Brot verspricht! Willst du ein
Schurke sein?«
    Da stand ich langsam auf, steckte die Hände gemächlich in den Gürtel und
sprach:
    »Was ist uns angetragen worden und was haben wir angenommen und besiegelt?
Das ganze Gebiet der Takikurden solle heut in die Hand des Ustad übergehen! Er
soll ihr Ustad sein, nichts Anderes! Du sagtest wörtlich: Die Vereinigung der
beiden Stämme soll sich in der Hand und unter der Aufsicht des Ustad vollziehen,
und er wird der Gebieter dieses neuen Stammes sein! Das ist mit Salz und Brot
besiegelt worden. Nun frage ich, wer wird jetzt Schurke sein?«
    Keiner antwortete. Da sprach ich weiter:
    »Es gibt also für die Taki-Dschamikun keinen andern Gebieter als den Ustad.
Und da ich an seiner Stelle vor Euch stehe, so bin ich der Herr, dem man hier zu
gehorchen hat, hier und drüben bei den Taki. Wo ist der Andere, der uns befehlen
will, was wir zu glauben haben? Er stehe auf wie ich und stelle sich vor mich
her! Ich möchte nämlich gern wissen, was für Augen so ein Schurke macht!«
    Keiner regte sich. Sie sahen alle vor sich nieder. Aber die Augen des Pedehr
funkelten, und der Chodj-y-Dschuna lächelte leise vor sich hin.
    »Ihr schweigt,« fuhr ich fort. »So beantwortet wenigstens meine andern
Fragen! In wessen Machtvollkommenheit kamt Ihr hierher, um uns dieses
vermeintliche Geschenk zu machen? Sandte Euch der Landesherr, der
Schah-in-Schah? Wurdet Ihr vom Stamm der Taki-Kurden geschickt, die sich nach
unserm Ustad sehnen? Haben sie eine Dschemma abgehalten und beschlossen, dass er
ihr Herr und Gebieter werden solle? Seid Ihr die Gesandtschaft, welche sie
schicken, uns dies mitzuteilen? Wo ist die Unterschrift des Schah? Wo sind die
Siegel der Aeltesten des Stammes? Habt Ihr es denn wirklich für möglich
gehalten, dass es Euch gelingen werde, mit uns ein solches Kara göz ojunu48
aufzuführen? Muss ich es für Wahrheit halten, dass Ihr so töricht waret, über den
Fortbestand der Ruinen uns Befehle erteilen zu können? Ich glaubte, es sei ein
schlechter Scherz! Welch ein Wahnsinn, zu denken, dass wir auf leere Worte hin
Euch sofort Alles, was wir sind und was wir haben, gehorsam vor die Füsse werfen,
um dann im neuen Stamm so viel wie nichts zu sein! Ihr habt ja nichts, doch sage
ich: Gebt mir das ganze Land, gebt mir die ganze Welt, so könnt Ihr die Ruinen,
die Euch so sehr am Herzen liegen, doch nicht retten! Kommt ihre Zeit, so
brechen sie zusammen, denn diese Zeit wird keinen Scheik ul Islam um Erlaubnis
fragen!«
    Da sprang der »Schreiber« schnell wie eine Spannfeder auf. Seine Augen waren
jetzt ganz andere. Sie blitzten mir in plötzlich offenem Hass entgegen, und er
rief aus, indem auch die Andern sich erhoben:
    »Das, das ist also der wahre, der wirkliche Effendi, nicht der kranke,
schwache, der sich so wunderbar zu verstellen wusste! Der Effendi, der nichts,
gar nichts ist in seinem Lande und doch hier den Herrn und Pascha spielen will!
Ich weiss nun genug von dir, du aber nichts von mir. So will ich dir denn sagen -
-«
    »Dass du der grosse Scheik ul Islam bist, der zu uns kommt, nur um uns
anzulügen!« fiel ich ihm in die Rede. »Ich weiss noch mehr von dir, doch mag
schon das genügen. Wer sich für Allahs höchsten Auserwählten hält und heimlich
sich als Inbegriff des ganzen Kuran betrachtet, der sollte dies doch offen und
ehrlich zeigen und nicht in trügerischer Demut zur Niedrigkeit des Katib
niedersinken!«
    Da verschlang er die Arme auf der Brust, richtete sich hoch auf und fragte:
    »Bist du fertig?«
    »Mit dir? Ja!«
    »Aber nicht ich mit dir! Denke an das Rennen! Das wird nun ein ganz anderes!
Nehmt Euch in acht; wir kommen. Ich sage dir nur einen einzigen Namen: Ich
bringe Euch das beste Pferd von Luristan und lasse alle Eure Mähren
niederreiten! Und noch ein anderes habe ich. Was das für eines ist, das werdet
Ihr zu Eurem Leid erfahren!«
    Er wendete sich ab und schritt in stolzer Haltung zur Halle hinaus. Die
Andern folgten, ohne ein Wort zu sagen. Sie würdigten uns keines Blickes mehr.
Bald ritten sie den Berg hinab, und der Pedehr sorgte dafür, dass sie, wenn auch
nur von Weitem, bis zur Taki-Grenze begleitet wurden. Wir gingen zu ihm hinaus
in den Hof. Er wendete sich zu mir.
    »Das war ein Schlag über sämtliche Köpfe, Effendi!« sagte er. »Wer hätte das
gedacht, nachdem du dir vorher Alles so ruhig gefallen liessest! Keiner konnte
antworten! Nun reiten sie als offenbare Schurken fort! Das wird man überall
erfahren, und Jeder, der auf Ehre hält, wird sich vor ihnen hüten! Aber die
Rache nun, die Rache! Fürchtest du sie nicht?«
    »Nein,« antwortete ich. »Sie wird ganz denselben Erfolg haben wie ihre
heutige Pfiffigkeit - - - Hiebe über die Köpfe. Nur dürfen wir nicht so tun, wie
du wolltest, nicht vorschnell handeln. Wir lauschen, bis wir wissen, was sie
wollen. Dann aber warten wir nicht etwa, bis es ihnen beliebt, sondern wir
machen es wie jetzt: Wir erheben uns ganz unerwartet von dem Sitze und schlagen
derart los, dass sie sofort die Mäuler halten müssen. Der wahrhaft Kluge scheut
sich nicht, für übertölpelt angesehen zu werden, weil er schweigt. Er ist nur
still, die Feinde zu durchschauen. Doch kommt dann seine Zeit, so schont er
selbst den Höchsten nicht, auch keinen Scheik ul Islam, um zu zeigen, wer
eigentlich der Schuft, der Tölpel war!«
    Eben als ich das sagte, kam Tifl aus dem Garten. Er sass auf der Sahm, die
vollständig gesattelt war, und wollte zum Tore hinaus.
    »Wohin?« fragte ich, indem ich mich ihm in den Weg stellte und nach dem
Zügel griff.
    »Ausreiten,« antwortete er. »Die Sahm auf das Wettrennen üben.«
    »Du reitest sie nicht. Wozu also das Ueben! Steig ab!«
    »Unser Ustad sagte es mir!« entgegnete er, indem er ruhig sitzen blieb.
    »Der Ustad bin jetzt ich, und du steigst ab, sofort! Du wirst auf diesem
Pferd nie wieder sitzen!«
    »Warum?«
    Der Mensch sah mich bei dieser Frage so an, als ob er entschlossen sei, mir
Widerstand zu leisten. Es fiel mir natürlich nicht ein, mich selbst an ihm zu
vergreifen. Ich drehte mich vielmehr zu dem Pedehr, dem Chodj und dem jungen
Haddedihn um und forderte den Letztern auf:
    »Kara, herab vom Pferd mit diesem Kerl!«
    Ein fröhlicher Blitz ging über sein Gesicht. Ein schneller Sprung und
Schwung, so sass er hinter Tifl auf der Stute, und im nächsten Augenblicke flog
der Lahme herunter auf die Erde.
    »Effendi, warum das?« fragte der Pedehr erstaunt. »Unser Kind hat doch die
Erlaubnis, jederzeit zu - -«
    »Warte!« unterbrach ich ihn. Dann wendete ich mich an Tifl, der sich vom
Boden aufrichtete und nun ganz verlegen dreinschaute: »Warum hängen an der Sahm
die Satteltaschen? Warum trägst du nicht bloss die Mütze, sondern auch das
Turbantuch darüber? Warum hast du Schuhe an und auch den Mantel über deiner
Jacke? Reitet man so aus, um zu üben?«
    Er gab keine Antwort, doch verwandelte sich die Verlegenheit seines
Gesichtes in den Ausdruck des Trotzes.
    »Wo wolltest du hin?« fragte ich weiter. »Glaubtest du wirklich, nicht
durchschaut zu sein und mir die Sahm entführen zu können, du undankbarer Bube?
Vergiltst du so die Wohltat mit Heimtücke und Verrat? Du willst den Persern
nach, mit ihnen zu den Taki-Kurden hinüber! Du sollst beim Rennen gegen uns und
für den Scheik ul Islam reiten! Ich hindere dich nicht; ihr passt ja gut
zusammen. Ich spreche dich von unserm Stamme los und überlasse dich den Feinden
drüben. Du magst getrost zum Rennen kommen; es wird dir nichts geschehen. Doch
nach demselben trolle dich sofort! Verräter dulden wir in unserm Bereiche
nicht!«
    Er machte nicht den geringsten Versuch, mich zu widerlegen. Da rief der
Pedehr aus:
    »Ist das die Möglichkeit? Für solche Wohltat so verfluchter Lohn! Effendi,
dieser Mensch sollte gepeitscht werden!«
    »Nein! Ich will ihm sogar seinen Fortgang noch erleichtern. Er bekomme eines
der zurückbehaltenen Soldatenpferde, doch mögen zwei Dschamikun ihn begleiten,
bis er die Perser erreicht. Besorge das sogleich! Jetzt fort mit ihm!«
    »Ich selbst werde ihn hinunterbringen. Komm!«
    Er fasste ihn beim Mantel und schob ihn vor sich her zum Tore hinaus. Der
Chodj-y-Dschuna verabschiedete sich von mir und ging ihnen nach. Zu Kara aber
sagte ich:
    »Du siehst, was du mir über diesen Tifl sagtest, hat schnelle Frucht
gebracht. Heut abend habe ich Etwas vor, was Niemand wissen darf. Halte dich
bereit, mit mir nach dem See hinunterzugehen, wenn Alle schlafen!«
    Da schaute er in herzlicher Freude zu mir her und sagte:
    »Ein Abenteuer, ein verschwiegenes! Mit dir, Effendi! Ich weiss, was dieses
Vertrauen bedeutet, und danke dir dafür!«
    Er zog meine Hand an sein Herz. Dann ging ich in die Wohnung des Ustad, um
die Karte des Schah an ihre Stelle zurückzulegen. Ich hatte sie nicht gebraucht.
    Der übrige Teil des Tages war nur dem Schlafe und der Sammlung weiterer,
neuer Kräfte gewidmet. Am Abende assen wir in der Halle. Ich hatte erfahren, dass
nach dem Wettrennen eine Beleuchtung sämtlicher Höhen stattfinden solle. Es
waren auch schon viele Fackeln angefertigt worden, darunter sehr lange und
starke von Palmenfaser, welche mehrere Stunden lang brennen und nur schwer zu
verlöschen sind. Ich liess mir von Schakara heimlich ein halbes Dutzend von
diesen geben und nahm sie nach dem Essen mit hinauf zu mir. Schakara wurde
überhaupt mit in das Geheimnis gezogen, denn ich brauchte Jemand, der für mich
und Kara das Tor offen zu halten hatte. Was ich tun wollte, war nicht
ungefährlich. Darum teilte ich es ihr mit, dass ich die Absicht habe, vom See aus
in den versteckten Kanal einzudringen, und forderte sie auf, nur höchstens drei
Stunden auf uns zu warten und, falls wir da noch nicht zurückgekehrt seien, uns
schleunigst Hilfe zu senden.
    Als man zur Ruhe gegangen war, nach zehn Uhr, begab ich mich in den Hof.
Kara stand bereit; Schakara war bei ihm. Ich wiederholte ihr, wie ich mir ihre
etwaige Hilfe dachte. Er nahm die mitgebrachten Fackeln; dann gingen wir. Im
Duar gab es kein Licht. Man schlief auch hier bereits. Am Landeplatze fanden wir
das Boot. Es war nur angebunden. Die beiden Ruder hingen in den Dollen. Wir
stiegen ein und paddelten uns leise nach der Stelle, welche ich untersucht
hatte. Es war nicht schwer, die Maueröffnung hinter dem Gestrüpp aufzufinden.
Wir stellten das Boot rechtwinkelig dagegen an und gaben hinten einige kräftige
Ruderschläge. Es drang mit seiner ganzen vorderen Hälfte ein. Wir nahmen die
Ruder in das Boot, bückten uns nieder und krochen unter dem nun
auseinandergeteilten Rankengewirr bis an die Spitze des Kahns vor. Nun war der
Sternenhimmel über uns verschwunden. Wir befanden uns in dichtester Finsternis.
Die Ruder an uns nehmend, tasteten wir mit ihnen rechts und links aus dem Kahn
heraus. Wir fühlten harte Wände und stiessen uns an diesen so weit hinein, dass
auch das Hinterteil des Fahrzeuges durch das Gestrüpp kam. Hierauf zog ich das
Schibhata49 aus der Tasche, um eine der Fackeln anzubrennen. Bei ihrem Scheine
sah ich ein ganz vorn im Schnabel des Bootes befindliches Loch, in welches ich
sie steckte. Später hörte ich, dass dieses Loch genau zu diesem Zwecke angebracht
worden sei, weil die Schamiki des Abends gern rund um den See zum Nur-y-Saratin
50 ruderten.
    Der Kanal war hier, am Anfange, sehr schmal. Aber als wir uns eine Strecke
weit fortgegriffen hatten, traten die Wände doppelt weit zurück, und auch die
Höhe nahm in demselben Verhältnisse zu. Die Luft war kalt und feucht, doch gut
und leicht zu atmen. Die Wände und die Decke bestanden aus den schon oft
erwähnten Riesenquadern. Nun schoben wir uns statt mit den Händen mit den Rudern
fort. Der Kanal ging stetig geradeaus. Das Wasser war tief und schwarz, dabei
aber durchsichtig wie Kristall. Das Bild unserer ruhig brennenden Flamme schaute
wie aus unergründlicher Tiefe zu uns herauf.
    Ich war so vorsichtig gewesen, die Länge des Kanals abzuschätzen, natürlich
nur so ungefähr, bloss mit dem Auge. Die Zahl der Quader gab mir den Anhalt
hierzu. Vierzig, sechzig, achtzig Meter! Ein solcher Aufwand von Material und
Arbeitskraft konnte nicht bloss den Zweck einer einfachen Zu- oder Ableitung des
See- oder Bergwassers haben. Es musste noch ganz andere Gründe gegeben haben,
diesen Zu- oder Abfluss nicht oben vor aller Augen, sondern hier unten in der
Verborgenheit geschehen zu lassen. Wenn ich mich in die ferne Zeit zurückdachte,
in welcher diese Bauten entstanden waren, so drängte mir die von unserer Fackel
kaum einige Bootslängen weit durchbrochene Finsternis die Frage auf, ob dieses
Wasser wohl als lebenspendendes Element oder aber als verschwiegener, düsterer
Helfer des Todes betrachtet worden sei.
    Bereits über achtzig Meter waren wir vorgedrungen. Der Duar lag droben
hinter uns. Wir mussten uns ungefähr an der Stelle befinden, wo draussen, auf
fester Felsenunterlage, die Cyklopenmauer begann. Da hörten hier unten die
behauenen Quader auf; der Kanal wurde noch breiter und höher, so dass wir die
Ruder bequem ausstrecken und rühren konnten, und die Wände bestanden aus dem
mühsam durchbrochenen Gestein des Berges. Die Decke war gewölbt.
    Hierauf kamen wir an einen Seitenkanal, welcher rechtsab führte, und lenkten
in ihn ein. Er war genau so breit und so hoch wie der Hauptkanal, aber nicht
lang. Auch hatte man sich bei der Herstellung weniger Mühe gegeben. Die rechte
Seite war Naturgestein, die linke aber Mauer, aus Riesenblöcken aufgeführt, doch
nichts weniger als glatt behauen. Es gab hüben wie drüben hervorragende Ecken,
Kanten und Spitzen, welche nicht beseitigt worden waren. Da, wo dieser
Seitenkanal aufhörte, wich die Decke plötzlich zurück. Wir sahen in eine dunkle
Öffnung hinauf, deren Höhe nicht abzumessen war, weil unser Licht sich hierzu
als unzulänglich erwies.
    »Was mag da oben sein, Effendi?« fragte Kara. »Ich sinne darüber nach, wo
wir uns jetzt wohl befinden. Unter den Ruinen jedenfalls, aber an welcher
Stelle?«
    »Ich habe soeben auch im Stillen gerechnet,« antwortete ich. »Wenn ich
morgen am Tage in den Ruinen nachrechne, werde ich es wissen. Auf dem Rückwege
nachher werde ich die Steine, die alle von gleicher Länge und Höhe sind, genauer
zählen. Jetzt schätze ich nur so ungefähr, dass grad über uns der unterste Urbau
liegt, in dessen Vordermauer die kleinen Oeffnungen sind, welche wahrscheinlich
Fenster bilden sollen. Ich schliesse das auch aus dem Umstande, dass dieser Bau
auf derselben Gesteinsart liegt, aus welcher hier die rechte Seite des Kanales
besteht. Die Steine der linken Seite habe ich gezählt. Ich werde es mir
notieren.«
    Ich nahm mein Buch aus der Tasche, um mir diese Anmerkung zu machen. Da
sagte Kara, indem er nach oben wies:
    »Dort hängt Etwas an einer Spitze im Gestein. Es sieht genau so aus, als ob
Jemand von da oben, wo hinauf wir nicht sehen können, heruntergestürzt sei,
wobei ein Fetzen seines Gewandes dort losgerissen und festgehalten worden ist.«
    Ich schaute hinauf. Es war so. Der hängen gebliebene Fetzen war ganz mit
Kalksinter überzogen und also nicht vermodert.
    »Mich schauert, Effendi!« fuhr Kara fort. »Wenn dieses finstre Loch da oben
in der Decke erzählen könnte, wie Viele hier in diesem dunkeln, eiseskalten
Wasser sterben mussten - - - Lass uns umkehren! Mich friert!«
    Wir griffen zu den Rudern und brachten uns in den Hauptkanal zurück, welcher
nur noch eine kurze Strecke weiterführte und dann auf ein grosses, unterirdisches
Wasserbecken mündete, an dessen südlichem Ende wir uns befanden. Die Decke war
so hoch, dass wir sie bei unserm schwachen Licht nicht sehen konnten. Zu unserer
linken Hand verlor sich die natürliche Felsenwand dieses Bassins in tiefe
Dunkelheit. Rechts lag die unbewegte und scheinbar ununterbrochene Flut in
drohender Finsternis. Die Luft war feuchter als vorher, beinahe nässend und von
einer moderigen Schärfe, als ob sich hier Fäulnisprozesse abgespielt hätten, die
nun zwar vorüber waren, doch ohne dass der stechende Duft der Verwesung sich
vollständig niedergeschlagen hatte. Das war nicht gut zu atmen, doch auszuhalten
immerhin. dabei brannte die Fackel ziemlich hell. Es musste irgendwo eine Stelle
geben, durch welche dieser unheimliche Raum mit der äusseren Atmosphäre in
Verbindung stand.
    »Das stinkt wie alte, nasse Gräber!« sagte Kara, indem er sich schüttelte.
»Mich friert jetzt noch mehr als dort. Ich habe das Gefühl, als müssten in dem
Wasser unter uns nur lauter Leichen liegen! Was tun wir jetzt, Effendi?«
    »Wir untersuchen dieses Wasserbecken.«
    »Meinst du, dass wir uns zurückfinden werden?«
    »Ja.«
    »Du hattest aber doch Sorge! Das zeigt die Weisung, die du Schakara
erteiltest.«
    »Ich dachte dabei an ein Unglück durch schlechte, erstickende Luft. Wir
können aber doch atmen, und diese natürliche Höhlung ist doch wohl nicht so
gross, dass man sich trotz aller Aufmerksamkeit in ihr verirren müsste. Wenn wir
bedächtig vorgehen, kann uns nichts geschehen. Bleiben wir zunächst am Rande des
Wassers! Hier links ist es alle. Wenn wir nach rechts hinüber diesem Rande
folgen, bis wir zur jetzigen Stelle zurückkehren, haben wir seine Ausdehnung
kennen gelernt und wissen, was es uns hierauf noch bietet. Komm!«
    Wir lenkten vom Kanale rechts ab und fuhren längs der überstark
erscheinenden Mauer hin, an deren andern Seite wir uns im Nebenkanale befunden
hatten. Ich zählte ihre Quadern. Sie war hier etwas länger als drüben und schloss
einen zweiten Seitenkanal mit ein, welcher zu unserer andern Hand nicht durch
eine feste, kompakte Wand, sondern durch natürliche Pfeiler eingefasst wurde,
deren Höhe eine so beträchtliche war, dass wir die Decke selbst dann, als ich
noch eine Fackel anbrannte, nur undeutlich sehen konnten. Diese Decke reichte
auch hier nicht bis ganz an das Ende des Kanales. Es gab auch hier eine dunkel
gähnende Öffnung oben, die irgend einen Zweck gehabt haben musste. Indem ich
prüfend emporschaute, äusserte sich Kara:
    »Wahrscheinlich stürzte man auch hier diejenigen Personen herunter in den
Tod, die man verschwinden lassen wollte! Es gibt zwar kein bestimmtes Zeichen
hierfür, aber - - - Allah 'l Allah! Sieh dortin! Was liegt da auf dem Stein?«
    Er deutete nach dem letzten der erwähnten Pfeiler. Dieser ragte in einem
Durchmesser von wenigstens sechs Meter aus dem Wasser, verjüngte sich aber
sofort in einer Weise, dass dieser Durchmesser kaum noch zwei Meter betrug.
Hierdurch entstand eine ebene Platte von vier Meter Breite, und auf dieser lag
das, was Kara veranlasst hatte, seinem Satze ein so erschrockenes Ende zu geben.
Wir paddelten das Boot hin und sahen, dass der betreffende Gegenstand ein
menschliches Gerippe war, ganz zusammengekrümmt, die Kniee bis an den Leib
herangezogen, die eine Hand geöffnet, um nach Hilfe auszufassen, die andere aber
geballt, wie in fluchender Drohung ausgestreckt.
    »Das ist einer der Unglücklichen, von denen ich sprach!« rief Kara aus. »Er
hat schwimmen können und sich über Wasser gehalten, bis er in der Finsternis
zufälligerweise an den Pfeiler stiess. Er fühlte die ebene Stelle und kroch
hinauf. Da ist er dann elend verschmachtet, verhungert, zu Grunde gegangen. Wie
mag er gebetet, geflucht, geschrieen, gewimmert haben in dieser schrecklichen,
nassen, erbarmungslosen Unterwelt! Geächzt, gestöhnt, gebrüllt, gezetert in
fürchterlichster Qual und Todesangst, bis ihm die Heiserkeit die Stimme raubte,
so dass er nur noch innerlich zu fluchen vermochte und mit dem letzten Fluch zu
Allah ging, der ihn erhören musste!«
    Ich sagte nichts. Die Untersuchung des Skelettes war mir wichtiger als alle
Reflexionen. Es war feucht, aber hart wie Stein, von Kalk ganz durch- und
überzogen. Ein ausgewachsener Mann in den kräftigsten Jahren. Eine hohe, breite
Stirn. Im Leben wohl ein schöner, kluger Denkerkopf. Der erste Gedanke seines
Lebens ein Segen für die Mutter, der letzte eine Verwünschung seiner Geburt! Wie
lange lag das versteinerte Gerippe hier an dieser Stelle. Jahrhunderte?
Jahrtausende? Welchem Volke, welchem Stande, welcher Religion gehörten die
Grässlichen an, die ihn in einen derartigen Tod geschleudert hatten? Ich
vermutete grad über uns den zweiten Werkstückbau mit den beiden Hochreliefs.
Also Heiden!
    »Fort von hier!« sagte ich. »Ich habe mich absichtlich warm angezogen, weil
ich mir sagte, dass es hier unten nasskalt sein werde. Aber ich glaube, hier
friert auch mich!«
    Das Bassin bog sich von hier nach links, um erst einen dritten und dann noch
einen vierten Seitenkanal zu bilden. Und sonderbar: Erstens lagen diese Kanäle
meiner Vermutung noch genau unter der dritten und vierten Etage der Ruinen. Und
zweitens endete jeder mit einer ähnlichen Deckenöffnung, wie wir bei den beiden
ersten beobachtet hatten. Wozu diese schauerliche Verbindung der sonnigen
Oberwelt mit dem lichtlosen, unterirdischen Becken? Wasser war da oben doch
stets und für alle Bedürfnisse mehr als genug vorhanden gewesen! Waren die
Gründe vielleicht ebenso finster und unerbittlich wie die eiseskalte Flut, die
unser Boot jetzt trug?
    Indem wir wenden wollten und darum die Ruder tief in das Wasser tauchten,
brachten wir dieses in lebhaftere Bewegung als bisher. Dieser Wellenschlag
vervielfältigte in der Tiefe die Bilder unserer Fackelflammen. Die Brechung des
Lichtes bewirkte ein scheinbares Emporsteigen alles Dessen, was sich da unten
befand, und so erhob sich vor unsern Augen eine Menge menschlicher Gestalten,
welche sich zu bewegen und drohend auf uns zuzuschwimmen schienen. Kara stiess
einen gellenden Ruf des Schreckens aus, und auch auf mich wirkte dieser Anblick
so, dass mir fast das Ruder entfallen wäre.
    »Leichen, nichts als Leichen, über denen wir uns befinden!« presste der junge
Hadeddihn hervor. »Effendi, leben wir noch, oder sind wir gestorben und müssen
selbst auch da hinunter?«
    »Fasse dich, Kara!« ermutigte ich ihn. »Wir leben, und auch unter uns ist
nicht der Tod, sondern etwas ganz Anderes. Was das Verbrechen früherer Zeiten zu
verbergen und zu vernichten suchte, das wurde durch das schwer kalkhaltige
Wasser in Stein verwandelt, damit man später wisse, was der, welcher wirklich
Mensch ist, von dem zu erwarten habe, der sich mit seinem Menschentum nur
brüstet. Was du jetzt sahest, war Kalk, war Gips, war aufgelöster, weisser
Ruchamstein. Denk dir, es seien bloss nur Marmorbilder, die man hier tief
versteckte, damit sie nicht in falsche Hände kommen möchten! Rudern wir ruhig
weiter!«
    »Ja. Aber brenn noch eine Fackel an, damit es lichter um uns werde! Mir ist,
als schaute rings der Tod aus tausend leeren Augenhöhlen zu uns her, und das ist
eine Vorstellung, die mich peinigt!«
    Ich tat es. Dann setzten wir die Untersuchung fort.
    Diese ergab, dass wir es nicht mit einem, sondern mit zwei Wasserbecken zu
tun hatten, einem vorderen, in dem wir uns befanden, und einem hinteren, welches
wir einstweilen noch unbeachtet liessen, um das erstere vollständig kennen zu
lernen. Wir vermuteten über uns eine hohe Wölbung. Sehen konnten wir sie nicht.
Sie wurde von natürlichen, regellos stehenden Pfeilern getragen, Ueberreste der
Steinwände, deren weiche, erdige Zwischenfüllung das Wasser weg- und in den See
gespült hatte. Auch diese Wände waren nach und nach aufgelöst und zerfressen
worden, und was von ihnen noch übrig war und von mir als »Säulen« bezeichnet
wurde, sah so zerrissen, zerklüftet und durchlöchert aus, als ob es jeden
Augenblick zusammenbrechen müsse. Diese Deckenträger hatten alle, ohne Ausnahme,
das Aussehen, als ob sie aus weissem Pfefferkuchen beständen, der im Wasser
gelegen habe und nur notdürftig getrocknet worden sei, um wenigstens einen
Anschein von Festigkeit zu bekommen. Es gab in diesen ausgelaugten Gebilden
Stellen, bei deren Anblick es mir war, als ob ich sie laut krachen und prasseln
höre und als ob sie sich schon bewegten, um zusammenzubrechen. Wenn ich an die
ungeheuren Mauerlasten dachte, welche auf diesem höchst unzuverlässigen Gewölbe
ruhten, unter dem ich mich befand, so wollte mich eine Gänsehaut überlaufen, und
es prickelte mir ängstlich in allen Fingerspitzen. Kara schien ganz dieselbe
Empfindung zu haben, denn er sagte:
    »Wer hier auf den Gedanken käme, eine Pistole abzufeuern, der wäre unrettbar
verloren, denn der ganze Berg würde von dieser kleinen Erschütterung über ihm
zusammenbrechen und ihn unter sich begraben! Wollen uns beeilen, fortzukommen,
Effendi! Mir will fast bange werden!«
    »Nur noch das hintere Becken!« sagte ich. »Vermutlich ist es nicht so gross
wie dieses, und wir werden also schneller mit ihm fertig.«
    »Aber, um Allahs willen, nur leise, leise; das bitte ich dich! Ich sehe
Alles um und über uns wackeln!«
    Dass dieses sein Gefühl kein falsches war, das sollte sich uns später mehr
als deutlich zeigen! Jetzt aber ruderten wir uns nach dem Hintergrunde, wo wir
sonderbarer Weise wieder auf Menschenarbeit trafen. Es gab eine breite Mauer von
gewaltigen, unbehauenen Blöcken, welche auf kompaktem Fels errichtet worden war.
Es schien, als ob man durch diese Mauer das hintere Bassin habe vollständig
verschliessen und verbergen wollen. Warum wohl das? Doch bestand dieser Fels aus
Kalk. Das Wasser hatte auch hier so auflösend und zerstörend gewirkt, dass nur
noch die allerhärtesten Teile von ihm vorhanden waren. Und auf diesen wenigen,
leichten Ueberresten lag die ganze Wucht der Riesenmauer! Wie war es doch nur
möglich, dass nicht schon längst hier Alles, Alles zusammengebrochen war! Ein
Halt war hier nicht mehr zu suchen und zu finden. Er musste anderswo liegen,
seitwärts oder oben, in irgend einem an sich geringfügigen Gegendrucke. Hörte
dieser auf, so stand die Katastrophe zu erwarten! Ein Gewitter, ein kleiner
Erdrutsch oder etwas dem Aehnliches konnte die letzte, wenn auch unbedeutende
Veranlassung zu dem gewaltigen Zusammenbruche sein, welcher längst schon
vorbereitet war. Einen längst entwurzelten Baum wirft, sei er noch so gross und
stark, schliesslich doch ein kleiner Druck schon um.
    Wir schlüpften an einer der Stellen, wo die Mauer frei in der Luft schwebte,
unter ihr weg und befanden uns dann im hintern Becken. Es war, wie ich vermutet
hatte, nicht so gross wie das vordere. Säulen schien es nicht zu geben. Wir
umruderten es in kurzer Zeit. Es bildete einen Halbkreis, dessen schnurgerade
gebauter Durchmesser die Mauer war. Der Bogen bestand aus lückenlosem Fels, der
sich hoch oben nischenförmig zusammenzuneigen schien. Als ich dies bemerkte,
fiel mir die Sage von »Chodeh, dem eingemauerten« ein, welche Schakara mir
erzählt hatte. Fast unbegreiflicher Weise war dieser Fels fast glänzend schwarz,
so ungefähr wie recht dunkler, polierter Serpentin. Wie das wohl kam?
    Nachdem wir nun den Umfang dieses Innenbeckens kennengelernt hatten,
beschlossen wir, es auch einmal zu durchqueren. Da stiessen wir schon nach
wenigen Ruderschlägen auf einen aus dem Wasser ragenden Riesenblock von genau
rechteckiger Gestalt. Er war feucht, schlüpfrig, unten weiss überkalkt, je höher
hinauf aber um so trockener und dunkler. Seine Kanten waren so geradlinig und
scharf, dass ich diese Regelmässigkeit für Menschenarbeit halten musste. Seine
oberen Linien lagen im Bereiche unserer Flammen. Auch sie waren genau wie nach
Schnur oder Wasserwage gebildet. Das Ganze hatte so sehr das Aussehen eines
allerdings gewaltigen Sockels oder Postamentes, dass ich eine der Fackeln nahm,
mich aufrichtete und in die Höhe leuchtete, um zu sehen, ob sich Etwas darauf
befinde, was seinen ganz ungewöhnlichen Dimensionen entsprechend war. Und
richtig! Fast glich meine Ueberraschung einem frohen Schrecke! Das Licht fiel
auf etwas wunderbar rein weiss Glitzerndes, etwas so schneeig Zartes und
Unbeflecktes, dass ich zunächst meinen Augen gar nicht trauen wollte. Dieses
lautere, keusche, unschuldige Weiss, auf welchem Millionen Flammenkörnchen
brillierten, kam mir nach Allem, was wir hier unten bisher gesehen hatten, so
heilig, so unbegreiflich vor, als ob mein Blick auf etwas Ueberirdisches,
vollendet Seelisches gefallen sei!
    »Siehst du Etwas, Effendi?« fragte Kara unter mir.
    »Ja,« antwortete ich, noch immer staunend.
    »Was?«
    »Etwas wie aus dem Paradiese! Wir haben die Dschehenna51 hinter uns, den Ort
des steingewordenen Erdenfluches. Hier aber ist es mir, als sei der Fluch in
Segen umgewandelt, und was dort Kalk im Todeswasser war, das kniee hier erlöst
im alabasternen Gebete!«
    »Ich höre dich, aber ich verstehe dich nicht!«
    »Das glaube ich! Auch ich kann nicht verstehen, wie das, was ich jetzt sehe,
hierher gekommen ist. Es kniet hier Jemand, den ich bloss nur ahne. Ein betender
Gigant! Mir leuchtet nur das Glied, das er vor Gott, dem Allerhöchsten beugt;
das Andre steigt empor in Nacht und Grauen. Hebt er die Hände fordernd auf zum
Himmel? Hält er sie still gefaltet in Ergebung? Hebt kühn er seine Stirn? Ist
sie gesenkt zur Erde? Wirft er den Blick vertrauensvoll ins Weite? Bedeckt er
zaghaft ihn mit demutsvollen Lidern? Was frage ich? Es sei genug, dass ich hier
beten sehe!«
    Ich liess die Fackel sinken, steckte sie an ihren Ort und setzte mich wieder
nieder. Es war mir, als müsse ich hier bleiben, bis irgend ein Ereignis nahe,
diese »Anbetung in der Verborgenheit« nach Mattäus 6 Vers 6 zu beantworten.
Aber ich nahm mir vor, recht bald zurückzukehren und diesen Ort so genügend zu
beleuchten, dass ich die ganze Figur, die hoffentlich kein Torso war, vollständig
und deutlich vor mir stehen hatte. Für heute war unser Werk vollbracht.
    Wir verliessen das zweite Bassin, nachdem ich mir einige Notizen über
dasselbe gemacht hatte. Das vordere nahm ich noch sorgfältiger auf. Und als wir
wieder in den Hauptkanal einfuhren, mass ich mit Hilfe einer Leine, die wir im
Boote fanden, einen der Steine bis auf den Zentimeter genau, und da diese Quader
alle die ganz gleiche Länge und Höhe hatten, so war es später leicht, eine
Zeichnung anzufertigen, die es mir ermöglichte, die unterirdischen Linien zu
Tage festzulegen. Wir passierten das verschliessende Gestrüpp ganz in derselben
Weise wie bei unserm Kommen, und als wir dann den Sternenhimmel wieder über uns
hatten und die Zeit bestimmen konnten, sahen wir, dass während unsers
Aufentaltes in der Unterwelt doch mehr als zwei Stunden vergangen waren. Die
Fackeln hatten wir natürlich verlöscht, bevor wir wieder in das Freie gelangten.
Am Landeplatze angekommen, banden wir das Boot fest. Kara nahm die Fackeln, ich
die Massleine, und dann traten wir den Heimweg an.
    »Effendi, glaubst du, dass ich froh bin, wieder festen Boden unter den Füssen
und den Himmel über mir zu haben?« fragte er. »Dieses fürchterliche, tief
verschwiegene Wasser! Diese lügnerischen Säulen! Und dieser unermessliche Druck
von oben, den sie zu halten vorgaben und doch unmöglich halten können! Ich habe
fast gezittert, und es ist mir, als ob ich einem beinahe unvermeidlichen und
grässlich heimtückischen Tode entronnen sei!«
    Er hatte ganz meine eigenen Gefühle ausgesprochen. Bei mir kam ja noch dazu,
dass ich schwer krank gewesen war und für solche Eindrücke also empfänglicher
sein musste als er. Es war eigentlich höchst unvorsichtig von mir gewesen, diese
Untersuchung des Erdinnern schon jetzt vorzunehmen; aber die Zeit und die
Ereignisse drängten, und glücklicher Weise hatte ich mich weder erkältet, noch
fühlte ich mich sonstwie körperlich geschädigt. Es hatte ganz im Gegenteile den
Anschein, als ob durch dieses Unternehmen die Energie sowohl des Leibes wie auch
der Seele gehoben worden sei. Ich fühlte mich eher gekräftigt als ermüdet oder
gar abgespannt.
    Schakara freute sich, als wir kamen. Sie sagte, dass sie bereits begonnen
habe, um uns besorgt zu werden. Als Kara mich fragte, ob er ihr Alles erzählen
dürfe, sagte ich, dass dies ganz selbstverständlich sei, forderte ihn aber auf,
gegen Jedermann sonst zu schweigen. Dann ging ich hinauf zu mir, brannte die
Lampe an und setzte mich an den Tisch, um die Zeichnung der beiden Bassins jetzt
sofort anzufertigen. Die Eindrücke waren jetzt so frisch, dass ich fast jede
Einzelheit in grösster Deutlichkeit vor mir sah, und als ich fertig war, konnte
ich überzeugt sein, mich um keinen einzigen Meter geirrt zu haben. Es galt nur
noch morgen am Tage diese Grundebene mit der Neigung des äussern Terrains in
Einklang zu bringen.
    Ganz von selber versteht es sich, dass die unverlöschlich tiefen Bilder,
welche ich mit nach Hause gebracht hatte, mich noch auf das Lebhafteste
beschäftigten, als ich mich hierauf zur Ruhe legte. Der Schlaf wollte nicht
kommen, und als er sich endlich doch einstellte, nahm er sie mit in jenes
seelische Gebiet hinein, welches für uns noch im Geheimen liegt und mit dem
Verlegenheitsnamen Traumwelt bezeichnet wird.
    Ich träumte, und zwar mit einer Lebhaftigkeit und Deutlichkeit, als ob ich
nicht schlafe, sondern wache. Und ich träumte sonderbarer Weise, dass ich nicht
ich, sondern der Ustad sei. Ich war völlig identisch mit ihm und kannte jede
verflossene Minute seines Lebens und jedes Wort, welches er geschrieben hatte.
Und das verwischte sich nicht; das blieb auch nach dem Traume. Sein Inhalt war
folgender:
    Ich kam als Ustad in das Land der Dschamikun und sah die Bauten hier am
Berge liegen. Ich nahm ihr Äußeres in Augenschein, und was ich dabei sah, das
liess den Wunsch in mir erwachen, auch mit dem Innern genau bekannt zu werden.
Ich fragte Jemand, wo der Eingang sei. Da sah er mich mit kalten Augen an und
sprach:
    »Ich bin kein Dschamiki. Ich bin der Geist, der jeden Nahenden vor der
Versuchung warnt, den kühnen Schritt in diesen Bau zu lenken. Wer ihn betritt,
der hat für alle Ewigkeit auf sich, auf Leib und Geist und Seele zu verzichten.
Wer das nicht tut, verlässt ihn niemals wieder, nicht lebend und nicht tot. Die
Schatten dulden nicht, dass sie verraten werden.«
    »Die Schatten?« lachte ich. »Wo ist der wesenlose, impotente Sill, der eine
wirkliche Persönlichkeit wohl fürchten machen könnte!«
    »Frag anders! Frage so: Wo ist die mächtige Persönlichkeit, die Jeden, der
ihr dunkles Reich betritt, zum Schatten macht, verzaubert oder tötet? Sie wohnt
und herrscht in diesem Riesenbau. Willst du hinein, so halte ich dich nicht; ich
habe nur zu warnen, nicht zu zwingen. Unzählige schon hörten nicht auf mich. Die
Starken sah ich niemals wiederkehren; die Andern aber waren ihm, dem Zauberer,
in andrer Art verfallen. Sie kamen zwar zurück, doch nur als seine Schatten, die
geist- und körperlos an mir vorüberschlichen, um vampyrgleich der Menschen Blut
zu saugen.«
    »Und fand sich Keiner, der ihm widerstand?«
    »Nicht Einer!«
    »Das schreckt mich nicht. Was Zauber heisst, ist Lüge. Nun wer die Lüge
glaubt, ist ihr verfallen. Ich tue so, wie Alle, die nicht hörten: Ich will
hinein, ja nun erst recht hinein! Gib mir den Mächtigen zu sehen, von dem du
sagst, dass Jedermann dem Tode oder ihm verfallen sei! Ich glaube nicht an seine
Macht und auch nicht an den Tod!«
    »Du glaubst nicht an den Tod?« fragte er, indem er mich ganz eigen ansah.
»Kannst du beten?«
    »Ja.«
    »Richtig?«
    »Ich hoffe es.«
    »So geh hinein! Wenn du nicht anders willst! Du bist der Erste, der Einzige,
bei dem ich es wage, einen Wink zu geben. Er heisst: Such dir den Rückweg selbst;
lass ihn dir ja nicht zeigen!«
    Nach diesen Worten winkte er unter sich. Da öffnete sich die Erde, und ich
sah die Stufen einer Treppe.
    »Ich danke dir! Mich siehst du nicht als Schatten wieder!« sagte ich und
stieg hinab.
    Da kam ich denn zunächst in jenen Urzeitbau, der auf dem festen Felsengrunde
steht. Der Tag gab durch die Maueröffnungen ein falbes Dämmerlicht. Ich wanderte
im Innern auf und ab, sah aber nichts; der Raum war völlig leer. Es schien, man
habe ihn vollständig ausgeraubt, wie man zum Beispiel hier und da mit
gottesdienstlichen und philosophischen Systemen tat. Da werden die Gedanken
fortgeschleppt wie Möbelgegenstände, die man, gehörig ausgeklopft und wieder neu
poliert, in eine neue Wohnung stellt und auch als neu bezeichnet! Das Ende
dieses Baues gegen Süden war zugeschüttet worden. Ich wusste wohl, warum: Das war
der Ort des Sturzes in das Wasser.
    Auf Binnenstufen ging's hinauf zum zweiten Bau, der mich an Altiranisches,
an Zaratustra mahnte. Auch er war leer, vollständig leer. Kein Mensch, kein
andres Wesen liess sich sehen. Auch ausgeraubt und Alles fortgeschaft! Man
sollte doch Vergangnes heilig halten! Nicht es dem eignen Zwecke dienstbar
machen und dann die Zeit verdammen, die es schuf! Der Schluss nach Süden war
vermauert worden.
    Nun ging es wieder stufenauf ins doppelte Geschoss mit den zersprungenen
Tafeln. Da lag wohl hier und da ein alter Gegenstand, den man des Raubes nicht
für wert gehalten hatte, auch gab es Spuren, die mich schliessen liessen, dass
Menschen hier zuweilen noch verkehrten, doch jetzt war ich allein. Wirklich?
Ganz allein? Wurde ich nicht beobachtet? Der letzte Raum nach Süden war
verschüttet, doch nicht bis an die Decke. Man konnte sich da oben wohl
verstecken, und in dem losen Schutt sah ich die Spuren, dass man noch kürzlich
hier hinaufgestiegen war. Das war zwar ungefährlich für Vertraute, doch nicht
für Fremde, die vielleicht hier einen Ausgang suchten; denn jenseits ging der
Sturz jäh ins Bassin hinab. Und als ich so von Weitem stand und nach der Decke
schaute, schob sich ein Kopf da oben leise vor, um mich in scharfen Augenschein
zu nehmen. Das Haar war weiss wie Schnee, der Blick spitz wie die Klinge eines
Dolches. Ein Mensch, der solche Augen hat, weiss, was er will, und kennt die
Schonung nicht. Er hat sogar den Mut, sich dicht am Abgrund lauschend zu
verbergen, wenn es nur Hoffnung gibt, dass dann ein Andrer stürzt. Ich tat
natürlich so, als ob er von mir ungesehen sei, und ging zur nächsten Treppe, um
nach dem obersten Geschoss, dem vielgestaltigen, emporzusteigen.
    Sie führte nicht direkt zu ihm empor. Sie mündete auf eine offene Tür, an
welcher eine dunkle Schattenhaftigkeit sich tief vor mir verbeugte und mit
gedämpfter, hohler Stimme sprach:
    »Wir kennen deinen Wunsch und haben dich erwartet. Du glaubtest gleich
hinauf zum Oberbau zu kommen, musst aber erst durch die Gewölbe hier, als deren
Resultat er stein- und ziegelweis entstand. Hier sind die Schätze alle
aufgespeichert, die sich der Mensch seit Anbeginn erdacht. Wir trugen sie
zusammen, woher, wozu, warum, das wirst du dann erst hören, wenn dich die Gnade
unsers Herrn erleuchtet. Er ist bereit, mit dir zu sprechen. Er ist sogar
gewillt, dich seinem Dienst zu weihen. Damit du siehst, wie reich er lohnen
kann, wie übervoll er spendet, soll ich dich vorher erst durch diese Räume
führen. Doch hast du mir dein Wort zu geben, nie zu verraten, was ich dir hier
zeige. Von Andern fordere ich den heiligsten der Schwüre, doch von dir weiss ich,
dass dein Wort genügt. Willst du es geben!«
    »Ja,« antwortete ich, obgleich ein Etwas in mir sagte: »Gib es ihm nicht,
und berühre ihn nicht, sonst bist du ihm verfallen!«
    »So reiche mir die Rechte!«
    Ich tat es. Seine Hand fühlte sich so gegenstandslos weich, so leichenkühl,
so gallertglatt und schlangenschlüpfrig an! Es war, als ob er durch diese meine
Berührung nun erst Leben und Energie bekäme.
    »Komm, folge mir!« forderte er mich in plötzlich befehlendem Tone auf. »Und
sprich mit Niemand als mit mir allein! Denn durch die Hand, die du als Schwur
mir gabst, bist du mein Eigentum in Gott, dem Herrn geworden. Du hast kein
Recht, an Andre dich zu wenden, als nur an mich, den für dich Sorgenden!«
    Er fasste meine Hand kräftiger, und darum bemerkte ich deutlicher, dass er mir
die Kraft entzog, die von mir auf ihn überging. Dann richtete sich die Gestalt,
die sich soeben noch so tief vor mir verneigt hatte, so hoch auf, dass sie mich
weit überragte, und fuhr in höchst bestimmter, gebieterischer Weise fort:
    »Mein ist dein Geist; mein ist auch deine Seele, und nur der Leib bleibt
einstweilen dein, bis ich bestimme, wie und wo er uns zu dienen habe. Aus meiner
Hand strömt dir das höchste Glück, das es für Menschen gibt in Zeit und
Ewigkeit: Du bist vollständig willenlos und folglich frei von jeder Schuld und
Sühne! Tu Alles, was ich sage, ob Gutes oder Böses, der Rechenschaft bist du
fortan entoben, denn ich bin es, der sie zu leisten hat. Auch ich gehorche nur,
um frei zu sein. Das tut ein Jeder, bis hinauf zum Höchsten! Im Auftrag meines
Herrn belohne ich dir schleunigst jede Tat, durch welche du uns nützest. Und in
derselben Machtvollkommenheit verzeihe ich dir Alles, wodurch du Andern
schadest, nur nicht uns! Drum sei getrost, mag kommen, was da will! An unsrer
Macht geht jeder Feind zu Grunde!«
    Hierauf zog sich die, wie es schien, ganz beliebig dehnbare Gestalt in ihre
vorherige Bescheidenheit zusammen und begann mit mir den Gang durch die Gewölbe,
meine Hand nicht einen Augenblick aus der ihrigen lassend. Es war mir, als ob
ich mit ihr durch ein unsichtbares Röhrchen verbunden sei, durch welches der
Abfluss meiner Lebensenergie zu diesem Schatten hinüber stattfinde. Es konnte
nicht sehr lange Zeit dauern, so war mein Mut dahin und mit ihm auch die Kraft
zum Widerstande. Ein Vampyr geistiger Natur! Ein schwammiges Gespenst von
unersättlicher Porosität! Durfte ich mir zumuten, ihm die Hand so lange zu
lassen, bis ich gesehen hatte, was ich sehen wollte? War ich dann nicht
wahrscheinlich schon so willenlos, dass ich sie ihm nicht mehr entziehen konnte?
Ich wagte es, denn ich glaubte, mich genau zu kennen! Wer Vampyre entlarven
will, der muss es wagen, sie an sich saugen zu lassen, bis sie so voll sind, dass
sie ihm nicht entfliehen können!
    Es waren viele Räume, durch welche wir kamen, weit mehr, als ich für möglich
gehalten hätte. Lange, niedrige Gewölbe mit schmalen Mauernischen, in denen
düsterrot die wenigen Fackeln brannten. Alles Wertvolle, was sich einst in den
untern Etagen befunden hatte, war hier aufgestapelt. Dazu die köstlichsten
Schmuggelwaren aus allen Ländern, Zonen und Gedankenreichen. Ich dachte an
unsern Fund im Innern des Birs Nimrud. Aber was wir dort gesehen hatten, war
Bettelarmut gegen diesen Reichtum hier! Und dort gab es kein Leben in der Tiefe.
Hier aber huschten zwischen diesen Schätzen geschäftige Dämonen hin und her, die
alle Hände voller Arbeit hatten. Unhörbar waren alle ihre Schritte, und Alles,
was sie taten, erzeugte nicht das mindeste Geräusch. Die Gieresblicke, die sie
auf mich warfen, verrieten mir, wie heiss sie mich begehrten. Doch wenn sich
einer nahte, die Hand nach mir zu strecken, so schwoll mein Führer zum Giganten
auf und schleuderte den Schwachen auf die Seite. Das war die Kraft, die er von
mir zu sich hinüberzog. Da er mich hatte und sie aber Keinen, von dessen
Uebermacht sie zehren konnten, war er für sie der grosse Held des Tages, von dem
sie sich für heut beherrschen liessen.
    Ich wollte wissen, was sie alle taten, und blieb zuweilen stehn, um
zuzusehen. Mein Führer glaubte, mich für immer in seiner Hand zu haben, und
zeigte mir ganz offen, was man trieb. Es wurde hier gefälscht, gefälscht und nur
gefälscht! Das Echte hatte man der Aussenwelt entzogen, das Wahre, Reine, Edle
hier versteckt. Die Täuschung und den Schein, die Falschheit und Entstellung
verfertigte man hier und trug sie dann hinaus als ehrliche, rechtschaffne, gute
Ware! Und diese Arbeit ging sehr flott von statten. Ich sah, es war ein
glänzendes Geschäft! Ein einziger Verrat, dem es gelang, ans Tageslicht zu
kommen, bedeutete für dieses Fälschertum sofortigen Ruin! Daher die einz'ge
Wahl: Mitmachen oder Tod! Wozu von Beidem würde ich, wenn man mich zwingen
sollte, mich wohl entschliessen?
    Bei diesem Gedanken entriss ich dem Schatten meine Hand mit einem so
unerwarteten, kräftigen Rucke, dass er überaus schnell und klein zusammenfuhr. Er
dehnte sich aber hierauf sofort zur riesenhaften Grösse aus und donnerte mich an:
    »Was fällt dir ein! Diese Hand gehört mir, denn du bist mein Eigentum! Gib
sie augenblicklich wieder her!«
    Ich wusste, dass jetzt der Kampf zwischen mir und ihm beginnen werde. Und die
anwesenden Sillan ahnten das wohl auch. Sie drängten sich herbei. Ich schob sie
auseinander, um zur nächsten Nische zu gelangen, ergriff die dort brennende
Fackel und drehte mich dann mit ihr nach ihnen um. Was geschah? Sie
verschwanden. Sie versteckten sich hinter ihre aufgehäuften Waren; sie waren
eben Schatten, die, bei Licht betrachtet, hinter ihre Gegenstände gehören. Nur
der Eine blieb. Er allein hatte Mut, nämlich meinen Mut, von mir in seine
wesenlose Schwammigkeit hinübergesaugt. Wir standen, beide hoch aufgerichtet,
vor einander. Er schaute mir mit einem vernichtend sein sollenden Blicke in die
Augen; ich ihm ebenso! Jetzt galt es, Wahrheit gegen Lüge, Person gegen
Schatten, Individualität gegen Scheinmenschlichkeit, Licht gegen Finsternis!
    Ich sprach kein Wort, er auch nicht. Ich wollte nicht, und er konnte nicht.
Ich sah ihn fest und unverwandt an und zuckte mit keiner Wimper. Er wollte
diesem Blicke standhalten, musste aber bald die Augen senken. Ich stand still,
fest, unbewegt; er begann zu wanken, zu zittern, endlich gar zu flackern wie die
Flamme meiner Fackel. Dann wurde er kleiner, immer kleiner, sank nieder, bis er
auf den Boden lag, und kroch da langsam an mir vorüber, um nach hinten zu
kommen. Und als er da so vor mir bebte und sich so ängstlich vor mir wand, da
fühlte ich, dass die mir gestohlene Kraft und Energie zurückkehrte, bis er nicht
mehr eine Spur von ihr besass und in seiner ganzen Ohnmacht hinter mir am Boden
lag. Da drehte ich mich zu ihm um, die Fackel in der Rechten. Er floh zur linken
Seite, nach der Wand, und versuchte, sich an dieser aufzurichten. Als ich
hinüberschaute, wendete auch er das Gesicht. Denn ein wahrhaftiger und ehrlicher
Mensch hat es noch nie erlebt, dass so ein entlarvter Lügner und Betrüger es
wagte, ihn offen anzusehen. Diesen Mut besitzt er nur dann, wenn es ihm gelungen
ist, sich durch den Diebstahl fremder Charakterhaftigkeit das Ansehen zu geben,
dass er auch eine Art von Person und nicht bloss nur ein nichtiger,
bedeutungsloser Schatten sei!
    Das war der Sieg, in aller Stille, ohne jeden Zorn und ohne alle Worte! Und
nun auch dieser Schatten überwunden war, begann ich den Rundgang durch die
Gewölbe von Neuem, um besser und tiefer zu sehen, als ich vorher gesehen hatte.
Ich war allein. Es getraute sich nichts mehr an mich heran. Wo ich mit meiner
Leuchte erschien, verkroch sich jeder Schatten augenblicklich. Der meinige
schlich zwar beständig hinter mir her, wagte aber nicht, sich wieder zu erheben.
    Bei diesem meinem zweiten Rundgange bemerkte ich, wenn nicht zu meinem
Schrecken, so doch zu meiner Ueberraschung, dass die Tür, in welche die Treppe
eingemündet hatte, nicht mehr vorhanden war. Ich wusste die betreffende Stelle
ganz genau. Die Gegenstände, welche ich bei meinem Eintritte zuerst gesehen
hatte, standen und lagen alle noch an ihrem Orte. Aber anstatt der Tür gab es
jetzt nur Mauer, starke, dicke, undurchdringliche Mauer! Ich suchte darum mit
allem Fleisse nach einem zweiten Ausgange, fand aber keinen andern als nur den am
Südende dieses Baues. Auch dieser führte zum jähen Sturz hinunter in das Bassin.
Er war weder vermauert noch verschüttet, sondern bestand aus einer hölzernen,
unverschlossenen und unverriegelten Tür, welche durch einen leisen Druck
geöffnet werden konnte. Das sah so unschuldig aus, ganz genau so, als ob sie in
ein weiteres Gemach oder Gewölbe führe; aber wehe dem, der diesem Betruge
traute! Ich öffnete sie und leuchtete hinaus. Gleich hinter der Schwelle hörte
der Fussboden auf. Der Abgrund gähnte aus dem tiefen Wasser herauf, und eine
kalte, feuchte Luft roch nach Verwesungsgasen.
    Ich machte wieder zu und wendete mich zurück. Wie hatte der Warnende draussen
vor dem Bau gesagt? »Die Starken sah ich niemals wiederkehren!« Ja, sie hatten
zwar widerstanden, waren aber nicht auf den Gedanken gekommen, nach einer Fackel
zu greifen, um die Schatten von sich abzuweisen. Nach einem Ausgange suchend,
waren sie von ihnen zu dieser Tür gewiesen worden und hierauf ahnungslos
hinabgestürzt.
    Ich dachte an die verkalkten Leichen auf dem Grunde des Bassins, welche grad
unter dieser Tür im tiefen Wasser lagen, da hörte ich Schritte, welche vom
andern Ende des Gewölbes kamen, und als der Betreffende in den Scheinkreis
meiner schon fast ganz herabgebrannten Fackel trat, erkannte ich ihn sofort. Er
war der Lauscher mit dem weissen Haare und den Dolchaugen, der mich in der
vorigen Etage von dem Schuttaufen aus beobachtet hatte. Hinter ihm eine so
grosse und so dicht zusammengedrängte Menge von Schatten, dass sie gar nicht
einzeln unterschieden werden konnten, sondern zusammen eine kompakte Finsternis
bildeten. In meine Nähe gekommen, blieb er stehen und rief mich an:
    »Was will der Ustad hier in meinem Reiche? Der grösste Feind, den ich auf
dieser Erde habe! Du suchst nach einer Tür, mir wieder zu entschlüpfen! Für
dich, der mich vernichten will, gibt's keine!«
    Er trat noch mehrere Schritte auf mich zu. Indem er dies tat, wurde er höher
und immer höher. Nun überragte er mich um Kopfeslänge und auch um eine ganze
Schulterbreite. Seine Stimme klang fest, stark, keinen Widerspruch erwartend.
Ich sah ihm ruhig in die stechenden Augen, denn es galt hier einen zweiten, aber
andern Kampf, und wer siegen will, muss ruhigbleiben können.
    »Es wurde dir gesagt, dass ich dich sprechen wolle,« fuhr er fort. »Es sei
dir hier die Audienz gestattet. Nun sag, um welche Gunst du mich zu bitten
hast!«
    »Ich höre, dass ich mich im Schattenreich befinde,« antwortete ich. »Es sei
die Wahrheit noch so sonnenklar, der Schatten wendet sie gewiss zur Lüge! Mir
fiel es nicht im tiefsten Traume ein, mit dir auch nur das kleinste Wort zu
sprechen. Du aber liessest mir durch eines deiner Nichtse sagen, dass du den
Wunsch besässest, mich zu sprechen. Wer ist es nun, der Audienz erteilt? Wer ist
der Wünschende, und wer ist der Gewährende? Und eine Gunst? Von dir? Für mich?
Du bist verrückt! Doch wird es mir vielleicht ergötzlich sein, zu hören, was die
Narrheit von mir fordert. Drum sprich!«
    Täuschte ich mich, oder war es wirklich so? Seine Höhe nahm wieder ab, auch
seine Breite. Und seine Stimme klang nicht so voll und so gebieterisch wie
vorher, als er jetzt erwiderte:
    »Du sprichst ja ungeheuer stolz, Ustad! Doch werde ich dich schnell zur
Demut bringen. Du bist der Erste nicht und sicherlich auch nicht der Letzte! Ich
weiss es, was geschah, als du den Berg betratest, das Reich des Zauberers, des
Schwachheitshassenden zu sehen. Man warnte dich. Man sagte dir, dass du nur
zwischen Schatten oder Tod zu wählen habest. Du kamst trotz alledem. Nun bist du
mir verfallen. Nun wähle!«
    »Wählen?« fragte ich. »Wer kann es wagen, mich vor eine Wahl zu stellen, die
mir von dem, was mir beliebt, nichts bietet! Gibt es hier eine Wahl, so lautet
sie: Du oder ich; nichts weiter. Natürlich wähl ich mich!«
    Da trat er mir wieder einen Schritt näher und fragte mich in giftig
zischendem Tone:
    »Nicht Schatten willst du sein? Der Schatten von mir, der ich der Herr und
Meister bin, dem Keiner widersteht?«
    »Versuch es doch, ob ich nicht widerstehe!«
    »So bleibt dir nur der Tod!«
    »Der eine deiner grössten Lügen ist!« lachte ich. »Mit diesem Tode konntest
du nur jene schwachen Köpfe schrecken, die nicht erkannten, dass er nur ein
Hirngespinst zu ihrer Knechtung sei. Indem sie ihren Leib vor dieser
Vogelscheuche retten wollten, verfielen sie dem Geist- und Seelenmorde. Zeig mir
doch diesen Tod, den lächerlichen Schatten, den nur das Leben der Betrognen
wirft, weil ihm das falsche Licht der Lüge leuchtet!«
    »Du hast ihn schon gesehen!« rief er aus. »Ich stand von Weitem, als du
öffnetest und ihm ins kalte, feuchte Antlitz schautest. Wagst du vielleicht, es
noch einmal zu tun?«
    Da riss ich die Tür auf, zeigte hinaus und sagte:
    »Geh doch voran, zu zeigen, wo er steht! Hast du den Mut? Ich lass nicht auf
mich warten!«
    Es stieg bei diesen Worten in mir ein Entschluss auf. Woher er kam? Ich weiss
es nicht. Wohin er führte? Hier durch diese Tür. Ich fühlte, dass seine Kühnheit
mir die Wangen rötete und meine Augen leuchten liess. Und während ich dies
empfand, kam mir im Traume das Bewusstsein, dass ich träume und dass ich ich und
nicht der Ustad sei. Sonderbar! Auch in den Zügen meines Gegners ging eine
sichtbare Veränderung vor. Er sah mich starren Blickes an, erst überrascht, dann
verwundert, staunend, endlich gar betroffen. War es ein Wehe- oder ein Jubelruf,
den ich hierauf von seinen Lippen hörte:
    »Ustad, Ustad - - - was ist mit dir?! - - - Dein Gesicht wird ein ganz
anderes! - - - Du bist nicht mehr der Ustad, nein, nein - - - nein! - - - Wer
aber bist du denn? Etwa der fremde Effendi, der jetzt bei ihm im hohen Hause
wohnt und unten im Birs Nimrud verwegen in die Tiefe stieg, um ihr Geheimnis an
das Licht zu bringen?«
    »Ja, der bin ich,« antwortete ich. »Doch träumte ich bisher, dass ich der
Ustad sei.«
    Da sprang er auf mich zu, fasste mich am Arme, schüttelte mich und schrie:
    »Du träumst, du träumst und bist ein Anderer! Was soll geschehn; was habe
ich zu tun! Ich weiss es nicht; ich weiss es wahrlich nicht! Wach auf; wach auf!
Ich öffne dir sofort des Berges Tore! Du sollst nicht Schatten sein und auch
nicht sterben! Nur eile fort von hier! Ich selbst will dich hinaus ins Freie
lassen, damit dein Traum ein frohes Ende nimmt und du zu deinem Körper
wiederkehrst, damit er jetzt erwache!«
    Da schob ich ihn von mir, sah ihm ruhig in das erregte Angesicht und
entgegnete:
    »Dieser Körper ruht in Frieden. Er mag weiterschlafen! Warum soll ich nicht
vollenden, was ich begonnen habe? Ich bleibe hier! Grad deine Angst zeigt mir,
dass ich es bin, der hier Audienz erteilt! Ich fordre jetzt von dir, dass du
erfüllst, was du mir drohtest: Mach mich zum Schatten, oder töte mich! Tu das,
was du von Beiden fertig bringst!«
    Da zog sich seine Gestalt noch weiter zusammen. Doch versuchte er, seiner
Stimme die alte Kraft zu geben, als er mir versicherte:
    »Wenn du hierauf bestehst, so bist du verloren, denn ich habe die Macht,
Beides wahr zu machen! Indem ich dir folgte, liess ich sämtliche Fackeln hinter
dir auslöschen und verbergen. Du hast die einzige in deiner Hand, und sie ist
nur noch ein kleiner Stumpf, der kaum noch einige Minuten brennen wird. Dann
kannst du meine Schatten nicht mehr scheuchen. Sie drängen sich an dich und
nehmen dir den Willen und die Kraft, bis du das bist, was du nicht werden
willst: mein Sill!«
    »Wer kann mich zwingen! Verlöscht das Licht, so steht die Tür hier offen!«
    »Doch draussen auch der Tod!«
    »Deine Scheuche! Mich aber schreckt er nicht!«
    Was war denn das? Es ging jetzt wie ein frohes, verklärtes Staunen über sein
Gesicht. Und doch klang es wie Angst, als er mich aufforderte:
    »Du bist also entschlossen, zu sterben, Effendi! So fordere ich dich auf,
dich vorzubereiten. Du stehst vor deinem letzten Augenblick und hast dich dem
Gebete zuzuwenden. Falte also deine Hände, und sprich nach, was ich dir
vorzubeten habe!«
    Er legte die seinigen zusammen und sah mich an, als ob er ganz bestimmt
erwarte, dass ich diesem seinen Beispiele folgen werde. Ich aber sprach:
    »Meinst du, dass ich dich brauche, dich, dich, wenn ich zu beten habe? Für
mich ist das Gebet von göttlicher Natur, und darum ist das rechte, wahre Beten
wenn nicht die allergrösste, so doch die schwerste und die heiligste der Künste.
Hier aber sah ich nichts als Trug und Fälschung, und darum glaube ich, dass du
sogar betrügst, indem du betest!«
    Da ballte er die Fäuste wie zum Kampfe und schrie mich an:
    »So stirb in deinen Sünden und fahre hin zur Hölle!«
    Er holte aus und schnellte sich mit aller Kraft auf mich, um mich
hinabzustürzen, der ich in fast unmittelbarer Nähe der Tür stand. Ich aber wich
blitzschnell zur Seite. Die Gewalt des Sprunges trieb ihn also, anstatt mich zu
treffen, in die Türöffnung hinein. Er brüllte vor Schreck laut auf und fasste
hüben und drüben an, um sich zu halten.
    »Voran mit dir, damit ich Wort zu halten habe!« rief ich. »Ich lass nicht auf
mich warten!«
    Ein Stoss von meiner Faust, und er flog hinaus ins Bodenlose. Die Fackel in
meiner andern Hand stand im letzten Flackern. Ich schleuderte sie ihm nach. Von
unten klang ein Schrei und dann ein dumpfer Schlag. Vor mir die tiefste
Finsternis und hinter mir das Grausen aller Schatten! Ich trat auf die Schwelle.
Ein einziges Wort, ein allereinziges, klang betend in mir auf. Dann schnellte
ich mich, um nicht am Gemäuer anzuschlagen, mit weitem Sprung hinaus in das, was
mir als »Tod« bezeichnet worden war.
    Die Beine zusammenhaltend, die Arme angezogen und die Augen geschlossen,
fuhr ich in eine Eiseskälte, die mich sofort erstarren machen wollte. Aber sie
hatte auch noch eine zweite Wirkung: Es war mir, als ob ich in eine Flut der
Kraft, das Lebens tauche, die nur im ersten Augenblick erschrecke, dann aber
grad das Gegenteil von der Erstarrung bewirke. Der Sprung war hoch gewesen, so
hoch, dass ich bis auf den Boden des Wassers niederkam, zu den Verkalkten, die da
unten lagen. Dann breitete ich die Arme aus, tat den bekannten Schlag, um wieder
hochzukommen, und legte mich hierauf, leicht paddelnd, auf die Flut. Nun horchte
ich.
    Hier um mich her war Alles still. Jedoch in einiger Entfernung klang das
Wasser. Es war, als schwimme Jemand dort und hole ängstlich Atem. Ich kannte
wohl die Stelle, an der ich mich befand, jedoch noch nicht die Richtung. Ich war
mit dem Gesicht nach Süd herabgesprungen. Hatte ich das beibehalten, so musste
die Mauer hinter mir liegen. Dort schwamm ich hin und fühlte schon nach einigen
Stössen den Stein. Das konnte auch ein Pfeiler sein. Darum griff ich mich an ihm
hin. Es war die Mauer. Ich hatte sie rechter Hand und lag also mit dem Kopfe
nach dem inneren Bassin hin auf dem Wasser.
    Von dorter klang Geräusch. Es rauschte, und es stöhnte. War das der
»Zauberer«? Hatte er sich gerettet? Kannte er die Oertlichkeit? Wusste er Etwas
von dem Kanal? Wenn nicht, so war er verloren, wenn ich ihn im Stiche liess. Ich
schwamm also hin, leise, leise, um ihn nicht durch Zurufe vor der Zeit in Angst
zu bringen. Wenn er mich hörte, musste er denken, dass ich ihn verfolge, und das
konnte ihn verwirren, so lange er noch auf offenem Wasser war. Ich berechnete
hierbei jeden Stoss und jeden Schlag, den ich tat, um zu wissen, wo ich immer
sei.
    Als ich nach meiner Schätzung unter der in der Luft hängenden Mauer
hindurchgekommen war, hörte ich ein lautes, schweres Atmen, als ob sich Jemand
anstrenge, an irgend Etwas emporzukommen. Das war dort beim Riesenpostamente.
Ich näherte mich ihm. Nun hörte ich nichts mehr. Dann aber klang eine halblaute,
doch hier in diesem akustischen Raume sehr vernehmliche Stimme:
    »Ist er tot? Ich hörte nichts! Mein Gott und Herr, lass ihn doch leben!
Erhalte ihn, den Ersten, den Allerersten und den Einzigen, der über unsre
Vogelscheuche lachte!«
    Das war ja ein Gebet! Und zwar für mich! Kein angelerntes sondern
eingegebenes! Da durfte und musste ich allerdings antworten.
    »Ich lebe, denn es gibt ja keinen Tod!« sagte ich in gewöhnlichem Tone, und
doch erdröhnte es, als ob es mit aller Kraft der Stimme hinausgerufen worden
sei. Die Schallwellen fluteten unter der hängenden Mauer hinaus in das vordere
Bassin, und da hörte ich es von Säule zu Säule durch die Finsternis weiter und
weiter klingen: »Keinen Tod - - keinen Tod - - keinen Tod - - keinen Tod - - Tod
- - Tod - - Tod!«
    »Du bist es, Effendi, du?« fragte er.
    »Ja.«
    »Komm, rette mich!«
    »Sogleich! Wo befindest du dich?«
    »Da, wo du mich - - mich - - mich - - ich darf es dir nicht sagen. Das muss
von selbst geschehen!«
    »Was?«
    »Komm herauf!« wiederholte er, ohne auf dieses mein »Was?« einzugehen.
    Ich erreichte den Sockel. Im Wachen war er mir ganz unersteigbar
vorgekommen; jetzt aber, im Traume, gelang es mir fast leicht, mich
hinaufzuschwingen. Er hockte auf der einen Seite der Figur; ich setzte mich auf
die andere.
    »Sei still!« bat er.
    »Warum?« fragte ich doch.
    »Warte! Es wird kommen. Wir werden auch noch sehen!«
    Ich schwieg also.
    Wie kam es doch, dass ich nicht fror, obgleich ich mich in dem eiskalten
Wasser befunden hatte und nun so still auf dem ebenso kalten Steine sass? Wohl,
weil ich doch nur träumte! Es herrschte die tiefste Stille um uns her, und nur
von weitem war es, als ob es draussen im vordern Bassin ein leises, leises
Flüstern gebe, wie Gedanken, welche aus dem Wasser steigen und lebendig zu
werden beginnen. Und aber dieses Wasser! Und die auf ihm liegende, dichte
Finsternis! Wie war es doch mit diesen beiden?! Man spricht von Wärme und Kälte.
Je grösser die Kälte wird, umso deutlicher fühlt man sie als Wärme. Man sagt dann
»meine Ohren brennen«. Ist es mit Licht und Finsternis vielleicht so ähnlich?
Kann die Finsternis verdichtet werden, so verdichtet, dass sie die Wirkung des
Lichtes bekommt? Das schien jetzt hier von unserm Sitze aus der Fall zu sein.
    Das war hier nur so im ganz, ganz Kleinen. Aber so wie hier konnte es,
freilich im unendlich Grossen, gewesen sein, als sich einst am Anfange das Licht
von der Finsternis zu scheiden begann. Das Licht wurde aus seiner Gefangenschaft
errettet, aus seiner Latenz befreit, aus seiner Verzauberung erlöst und schwamm
zunächst als Phosphoreszenz, so fast wie Wasserleuchten, auf dem Dunkel. Dann
zog es Fäden, erst feine, doch immer deutlicher werdende Fäden, die nach und
nach Maschen bildeten, in denen es wie von geschliffenen Perlen strahlte. Und in
gewisser Höhe darüber erzitterte es von märchenzarten, orangebunten Wölkchen, in
denen es von Liliputelektrizitäten beständig wetterleuchtete, bis sich die Luft
von aller Finsternis gereinigt hatte und eine Schicht entstanden war, in der man
endlich, endlich das, was sich in ihr bewegte, sehen konnte.
    Und diese Schicht war es, die uns nach einiger Zeit erlaubte, zu bemerken,
dass draussen im vorderen Bassin Wellenkreise geworfen wurden, welche unter der
schwebenden Mauer hereinkamen und bis zu unserm Postamente fluteten, an dem sie
sich leicht kräuselnd brachen.
    »Es beginnt!« flüsterte der »Zauberer«.
    Das klang so ängstlich, und ich hörte, dass er sich wie nach innen
schüttelte. War das nur die Folge seines Sturzes? Oder gab es ausserdem noch
andere, wohl innerliche Ursachen?
    Die erwähnten Wellenlinien wurden enger und bewegter. Es kam Etwas
geschwommen. Wer oder was? Menschen auf keinen Fall! Gab es Tiere hier, grössere
Tiere? Denn nach dem Radius der geworfenen Kreise konnte es kein kleines sein!
Da kam es - - unter der Mauer hindurch - - ein Totenkopf - zwei Schlüsselbeine -
zwei halb im Wasser verschwindende Schulterblätter - zwei Knochenarme, welche
nach beiden Seiten ausgriffen, um zu schwimmen - - - Ich kannte das: Es war das
Gerippe von dem Säulensteine am zweiten Seitenkanale. Es kam bis fast an das
Postament herangeschwommen, hielt da an, schaute zu uns herauf und sagte:
    »Nicht bloss Einer - - - sondern Zwei?! Ihr armen, armen Menschen! Den Leib
gerettet, wie ich einst den meinen - - - auf einen Stein, der kein Erbarmen
kennt - - -! Doch nur für kurze Zeit, bis Ihr verschmachtet, verfluchend
niedersinkt und zum Skelette werdet, so wie ich!«
    »Wer bist du?« fragte ich ihn.
    »Ich bin der erste Fluch, der hier erschallte. Und du?«
    »Ich bin vielleicht, vielleicht der erste Segen.«
    Da tat das Gerippe mit den entfleischten Armen einen Schlag auf das Wasser,
dass es bis an die Lendenwirbel emportauchte, und rief aus:
    »Verstehe ich dich recht? Du willst nicht fluchen, sondern segnen, segnen?«
    Seine Stimme drang in das vordere Bassin hinaus. »Segnen - - - segnen - - -
- segnen - - - - - segnen!« ertönte es dort von Säule zu Säule, wie ein Befehl
für die Toten, zu erwachen.
    »Das wird sie wecken,« sagte er; »sie alle, alle, alle. Denn solches Wort
ist hier noch nicht erklungen!«
    Und sie kamen, Viele, Viele, Viele! Unhörbar, vollständig unhörbar! Kopf an
Kopf versammelten sie sich hinter ihm! Kopf an Kopf zog ihre Menge sich unter
der Hängemauer in die Unsichtbarkeit hinaus. Wie mich das packte, so ungefähr
muss es den letzten Menschen sein, wenn der Hammer aushebt, um die Stunde des
Gerichtes zu schlagen. Segen oder Fluch? Seligkeit oder Verdammnis! Still war
es, still. Keiner der Köpfe regte sich und keines der Wasser bewegte sich mehr.
Nur der »Zauberer« hier oben bei mir bebte; denn alle, all die leeren
Augenhöhlen waren starr herauf nach uns gerichtet. Und das Gerippe sprach:
    »Heut ist der erste Tag des neuen Mondes, der Tag, an dem wir stets aus
unserm Schlaf erwachen, um zu vollenden, was wir einst beschlossen. Der Tag der
Arbeit an dem Werk der Rache!«
    Er gab dem letzten Worte einen solchen Nachdruck, dass der Schall desselben
im vordern Becken wie eine Brandung wirkte. »Rache - - Rache - - - Rache - - - -
Rache!« wiederholte dort das Echo brüllend. Es folgte ihm ein lautes Knarren,
Knattern, Knirschen, als ob der Fels vor dem Zerbersten stehe, und dann klang
jener langgezogne, fauchend scharfe Ton, der warnend übers Eis erklingt, wenn
Risse sich erzeugen.
    »Habt Ihr's gehört, wie mächtig schon das Wort an Säulen rüttelt?« fragte er
zu uns empor. »Wie müssen sie dann erst vor unsrer Kraft erzittern! Wir wuschen
seit Jahrtausenden sie aus, zernagten ihre Stärke und kratzten an dem alten
Gleichgewicht, bis von ihm nur so viel noch übrig war, dass es verschwinden wird,
sobald wir wollen! Das ist die Hälfte unsers Werkes, die Zerstörung!«
    »Zerstörung - - Zerstörung - - - Zerstörung - - - - Zerstörung!« donnerte
draussen der Widerhall, und das gefährliche Fauchen ging von Neuem durch das
zerbröckelnde Gestein der Decke. Denn dass sie bröckelte, hörten wir am Klange
des Wassers, in welches die Bruchstücke fielen. Das Gerippe lauschte auf diese
Geräusche, bis nichts mehr zu hören war, und sprach dann weiter:
    »Doch wir zerstören nur, um zu erzeugen. Vernichten wir da draussen allen
Trug, so fördern wir in diesem Raum die Wahrheit. Sinkt dort der Fels
zertrümmert in den Tod, so geben wir ihm hier Gestalt und Leben. Und an
demselben Tag, da drüben Alles stürzt, wird hier das Wunder neu geboren werden,
dass Steine schreien, wenn man Gott nicht hört! Ihr wisst es nicht, bei wem Ihr
Rettung suchtet. Es ist der Fluch, an dessen Fuss Ihr hockt! Der Fluch, der
Fluch, der hier so oft erklungen, dass er des Steines Seele werden musste! Wir
wuschen diesen Stein mit unsern Tränen aus. Wir meisselten mit unsern
Fingernägeln. Und von dem Blute Derer, die bei dem Sturz zerschmetterten, bekam
der Hintergrund die dunkle Farbe. Nun ist es bald vollbracht. Nur noch zwei
Mondestage, den heut und dann noch einen, so sinkt der falsche Segen in die
Nacht, und unser Fluch, die Wahrheit, tritt zu Tage! Doch fehlt uns noch das
Wort für seinen Sockel, die Zeilen, welche droben sagen sollen, was wir dann
nicht mehr selber sagen können, weil wir da draussen mit zerschmettert werden.
Und diese Zeilen fordre ich von Euch.«
    »Von uns?« fragte ich. »Warum?«
    »Es wurde so beschlossen. Der Letzte, der vor der Vollendung kommt, hat auch
das Letzte für das Werk zu geben. Das ist die Schrift. Wer ist es von Euch
Beiden?«
    »Hier mein Gefährte ging voran; ich folgte hinterher.«
    »So, also du! Was du bestimmst, wird auf den Sockel kommen. Doch höchstens
nur vier Zeilen, keine mehr!«
    »Und wenn Euch nicht gefällt, was ich bestimme?«
    »Es hat uns zu gefallen und muss genommen werden.«
    »Muss?«
    »Ja, muss! Jedoch bedenke Eins: Die Seele dieses Bildes ist der Fluch; die
Unterschrift wird ihm den Geist verleihen. Gibst du ihm einen Geist, der ihm die
Seele stört, so wird das Werk ein Bild des Wahnsinns sein und du zwingst uns,
von Neuem zu beginnen. Hast du gehört? Und hast du auch verstanden?«
    »Beides.«
    »So sprich nun du!«
    Ich folgte dieser Aufforderung sehr gern, stand auf, lehnte mich, um nicht
hinabzuschlüpfen, an die Figur des Beters und begann:
    »Heut ist der erste Tag des neuen Mondes, der Tag, an dem er aus dem dunkeln
Schatten der Erde tritt, um wieder ihr zu leuchten. Und dieser Tag, so hoffe
ich, soll auch für Euch das wiederbringen, was Euch der Schatten dieser Erde
nahm - - der Sonne goldnes Licht!«
    Ich hatte so laut gesprochen wie er, und darum wurde das letzte meiner Worte
auch hinausgetragen zu den morschen Säulen, an denen es auch ganz dieselbe
Wirkung hervorbrachte, nur dass die glucksenden und klatschenden Geräusche der
fallenden Steine dieses Mal viel, viel länger anhielten als vorher. Und hierauf
ging statt jenes fauchenden Geklinges ein tiefes Rollen am Gewölbe hin, wie wenn
am Horizont ein fernes Donnergrollen das Nahen schwerer Wetter uns verkündet.
    »Habt Ihr's gehört?« so fragte ich hinunter. »Wenn schon mein Wort um so
viel stärker wirkt, um wieviel mehr wird erst die Kraft Euch überlegen sein! Ihr
selbst gestandet ein, dass Euer Wort Euch mit zerschmettern werde. Glaubt an das
meinige, so werdet Ihr von ihm hinaus zur Sonne und an das goldne Tageslicht
geführt!«
    »An die Sonne? An das Tageslicht?« fragte das Gerippe. »Niemals, niemals
werden wir sie beide wiedersehen! Auch du nicht! In keiner Ewigkeit!«
    Er hauchte das verzweifelt vor sich hin.
    »In keiner Ewigkeit - - - in keiner Ewigkeit!« so seufzte es ihm nach von
Kopf zu Kopf.
    »Was höre ich? Ihr gebt ja mir schon Licht!« fuhr ich fort. »Um wieviel mehr
kann ich nun Euch es bringen!« Nur die Verzweiflung war's, die Euch zur Rache
trieb. Das liegt in Sonnenklarheit hier vor meinen Augen! Die Hoffnungslosigkeit
liess Euch den Fluch ersinnen! Du nanntest uns: »Ihr armen, armen Menschen«; ich
aber sag: Ihr armen, armen Geister! »Ihr kamt zu diesem Berg, mit Schatten Euch
zu streiten. Ihr nanntet Wahn, was Ihr vernichten wolltet. Und doch war es ein
noch viel grössrer Wahn, der es für möglich hielt, dass es auf Erden Strahlung
ohne Schatten und Wahrheit ohne Täuschung geben könne! Ihr hättet alle Wesen
töten und jedes Licht im All verlöschen müssen, und damit nur erreicht, dass
dieses All in Finsternis versank. Dann freilich gab es keine Schatten mehr; an
ihre Stelle war der eine, einzige, der ewige getreten! Und nicht bloss Wahn,
nein, Wahnsinn ist's gewesen, und Wahnsinn ist es noch in diesem Augenblick, dass
Ihr den Schemen flucht, anstatt der eignen Torheit! Wer zwang Euch denn,
hinauszutreten in den Schlund, wo jeder Menschengeist den festen Halt verliert?«
    »Gab es denn einen andern Weg ins Freie?« fragte er. »Der Eingang war
verschwunden!«
    »Auch ich sah ihn nicht mehr. Doch wusste ich, dass er sich dem Gebete zeigen
werde, auf welches mich der Warnende verwies. Hat er nicht auch zu Euch davon
gesprochen?«
    »Er sagte es, doch beteten wir nicht.«
    »Warum nicht?«
    »Ist das Gebet für so erhabne Geister, die wir waren?«
    »Für so erhabne Geister! Ach so! Entschuldigt mich! Verzeiht, dass ich, der
arme, kleine Mensch, es wage, zu Euch zu sprechen, die Ihr so erhaben seid, dass
Ihr nicht einmal mehr mit Gott, dem Höchsten, redet! Wie sehe ich Euch doch so
gross und herrlich hier in den Fluten Eures Irrsinns liegen! Ihr kamt mit
Ueberhebung zu dem Berge, gingt stolz erhobnen Hauptes durch die Schatten und
hobt in selbstbewundernder Vermessenheit den Fuss, auch noch die letzte Türe zu
durchschreiten. Und nach dem Sturz in dieses Geistesdunkel, was tatet Ihr? Was
habt Ihr unternommen? Ihr wurdet von dem Warnenden auf das Gebet verwiesen. Es
hätte Euch sofort das Licht gebracht. Habt Ihr gebetet? Nein, geflucht,
geflucht! Und wem habt Ihr geflucht? Etwa dem eignen Wahnsinn, der Euch stürzte?
Nein, sondern denen, die sich wehren mussten, weil Ihr es ihnen nicht einmal
erlaubtet, zu bleiben, was sie waren - - - arme Schatten! Ist Einer unter Euch,
der etwa glaubt, sich gegen mich verteidigen zu können?«
    Es blieb eine Weile still; dann sagte das Gerippe:
    »Du wirfst uns vor, dass wir nicht beteten, damit der Eingang sich uns wieder
öffne. Sag, betetest denn du?«
    »Nein.«
    »Hast also ganz dasselbe unterlassen und darum nicht das Recht, uns
anzuklagen!«
    »Ich unterliess es nicht; ich kam nur nicht dazu. Mich führten überhaupt ganz
andre Gründe als Euch in dieses drohende Gemäuer. Ich kam nicht, zu verderben,
nein, sondern zu erretten! Auch hatte ich das Ende wohl bedacht und war nicht so
verrückt, die Bodenlosigkeit für festen Grund zu halten. Ich habe Alles, was ich
sah, studiert, kalt und gemessen, wohlbedacht und ruhig. Und eben als ich damit
fertig war, erschien der Zauberer und - - -«
    »Du erschrakst und sprangst herab zu uns!« fiel das Gerippe schnell ein.
    »Nein. Ich blieb stehen, liess ihn herankommen und sprach mit ihm.«
    »Du bliebst - - - stehen? Du sprachst - - - sprachst mit ihm? Das hat
Keiner, Keiner, kein Einziger von uns gewagt! Hast du denn nicht gewusst, dass
dieser Zauberer der Wahnsinn ist? Auf wen sein fürchterliches Auge fällt, der
wird verrückt, verrückt - - - sofort verrückt! Wir alle, alle flohen, als er von
fern erschien, und das Entsetzen trieb uns hier herunter. Und du bliebst stehn!
Hast gar mit ihm gesprochen! Mensch, solche Kühnheit ward noch nicht gesehen!«
    »Da wiederhole ich: Ihr armen, armen Geister! Wo bleibt da die Erhabenheit,
wenn jeder Unsinn sie in Wahnsinn stürzt!«
    »Du kamst doch auch herab!«
    »Jawohl, ich kam. Doch aber nicht vor Schreck! Ich sprang aus freiem Willen,
ganz ohne Zwang herunter, damit er sehen möge, dass ich nicht ihn und auch den
Tod nicht fürchte.«
    »Selbst - - selbst - - - selbst heruntergesprungen!« stiess das Gerippe
hervor, und das Wasser, in dem es lag, zitterte, als ob an und in dem Skelette
Alles in Erschütterung sei.
    »Selbst - - selbst - - - selbst heruntergesprungen!« so klang es von Kopf zu
Kopf bis weit hinaus ins vordere Gewölbe.
    »Er fürchtet nicht den Tod!« sagte das Gerippe.
    »Nicht den Tod - - nicht den Tod - - - nicht den Tod!« ertönte es hinter ihm
weiter und weiter.
    »Warte, warte, warte! Wir kehren bald zurück!«
    Diese Worte galten mir. Dann setzte sich die ganze Schar in unerwartet
schnelle Bewegung, um aus dem hintern Wasserbecken zu verschwinden. Durch das
vordere aber ging ein Flüstern, Raunen, Murmeln und Summen wie von vielen
Tausenden, die nicht auf dem Wasser, sondern unten auf dem tiefen Grunde
miteinander sprächen. Nach einiger Zeit kehrten sie wieder, genau so, wie sie
zuerst gekommen waren. Das Gerippe nahm seine alte Stellung dem Sockel gegenüber
ein und sprach:
    »Heut ist der erste Tag des neuen Mondes, der Tag, an dem er aus dem dunkeln
Schatten der Erde tritt, um wieder ihr zu leuchten. Und dieser Tag, so hoff ich,
soll auch uns das wiederbringen, was uns die Erde nahm, der Sonne goldnes Licht!
Du hörst, ich spreche schon mit deinen Worten. Vielleicht geschieht es noch, dass
wir nach diesen Worten handeln. Kennst du die Sage vom verzauberten Gebete?«
    »Nein,« antwortete ich.
    »Nicht! So dürfen wir dir um so mehr vertrauen! Der Letzten einer, welche zu
uns kamen, herabgestürzt wie wir, durch eigne Schuld, war vorher drüben in dem
Land gewesen, wo seit fast ungezählten, vielen Jahren ein wunderbarer Geist in
tiefer Höhle wohnt. Man nennt ihn darum Ruh-y-Kulian, doch, steigt er einmal zu
den Menschen nieder, so naht er sich in weiblicher Gestalt, trägt weisses Haar,
fast bis zur Erde nieder, und führt den Namen Marah Durimeh. Er traf auf sie in
ärmlich kleiner Hütte und sprach mit ihr vom grossen Menschheitsweh. Doch war ihm
ihre Rede nicht begreiflich, denn was sie sagte, klang so wirr, so falsch, dass
er sehr bald sich ärgerlich entfernte, vollständig überzeugt, dass er mit einem
alten, verrückten Weib gesprochen habe. Als aber er am nächsten Tag erfuhr, dass
ihm das seltne Glück beschieden sei, den Ruh-y-Kulian gesehn zu haben, erschien
ihm jedes Wort in andrem Lichte. Er dachte nach, und wie er weiterdachte und
das, was sie gesagt, sich wiederholte, stieg in ihm mehr und mehr die Ahnung
auf, dass er im Irrtum sei, nicht aber sie. Sie gab ihm, als er ging, die Sage
vom verzauberten Gebete auf den Weg. Doch er, der sich für klug und weise hielt,
warf sie von sich, als lächerliches Märchen. Erst hier, im allertiefsten
Erdenweh, stieg diese Sage wieder in ihm auf, und als wir einst hier an dem
Bilde schafften, erzählte er von jenem andern Bilde und von der Greisin Marah
Durimeh. Das war für uns der erste Mondestag, nach welchem wir, still hoffend,
schlafen gingen. Was wir bisher für ganz undenkbar hielten, das war nach dieser
Sage Möglichkeit! Doch schwer, unendlich schwer, weil nicht an eine, nein, an
soviel Bedingungen geknüpft, dass sie ein Mensch fast nicht erfüllen konnte. Denn
merke wohl, ein Mensch war vorgeschrieben, ein Einziger, der aber Alles tat! Und
ohne Ahnung hatte er zu handeln, genau wie du, der nichts von Allem weiss!«
    Wie sonderbar! Das klang ja wie ein Märchen!
    »Hab ich denn schon bereits Etwas getan, was in der Sage vorgeschrieben
ist?« fragte ich.
    »Du kamst nicht, um die Schatten zu vernichten. Du hieltest jenem Zauberer
fest Stand. Du schenktest dem Gebete vollen Glauben. Du hattest vor dem Tode
keine Angst. Du sprangst aus freier Absicht in die Tiefe. Das Uebrige muss noch
verschwiegen bleiben, weil du ja ohne Wissen handeln musst. Doch sag uns jetzt
das Eine, furchtbar Eine, vor dem wir beben, sei es ja, seis nein! Wer stürzte
diesen Andern zu uns nieder, der noch kein Wort bisher gesprochen hat?«
    »Ich. Er wollte mich hinaus ins Dunkle stossen. Ich wich ihm aus und gab ihm
einen Hieb, dass er es war, der zu Euch niederflog.«
    »Und dann?«
    »Dann warf ich ihm den Stumpf der Fackel nach und folgte hinterher.«
    »Warum, warum, warum sodann auch du?« fragte er schnell und dringend.
    »Um ihn vielleicht zu retten.«
    »Zu retten! Ihn - - ihn - - - ihn!«
    Er warf den Knochenarm als Zeichen der Verwunderung empor und fragte dann
fast schreiend:
    »Wer ist er aber denn? Sag, wer, wer, wer!«
    »Wer, wer, wer!« rief jeder Kopf, und »Wer - - wer - - - wer - - - wer!«
scholl es hinaus, dass alle Säulen dröhnten.
    »Der Zauberer!« antwortete ich.
    »Der Zauberer!« wiederholte das Skelett, und mit versinkender Stimme fügte
er hinzu: »Also doch er, er er!«
    »Er - - - er - - - er - - - er - - -« verklang es hier im Bassin. Draussen
aber war es still, unheimlich still!
    Jetzt drehte sich das Skelett den Köpfen zu. Es ging ein hier oben bei mir
unverstehbares Wispeln und Lispeln herüber und hinüber. Dann wendete es sich mir
wieder zu und sagte:
    »Ich weiss, du hattest uns noch viel zu sagen, um uns zu überzeugen, was wir
waren, und dass wir durch Jahrtausende hindurch nur unserm Wahn und Hirngespinste
dienten. Du hättest uns wohl niemals überführt; da kam die Sage Marah Durimehs
und zeigte uns, was wir vorher nicht sahen. Nun muss ich dir gestehn: Du hast
gesiegt, gesiegt, noch ehe du zu Ende bist! Soll ich es dir beweisen?«
    »Nein. Ich kenne den Beweis.«
    »Mensch! Du bist unheimlich!«
    »Das glaube ich! Erhabenen Geistern wird es stets beklommen, wenn auch der
Mensch einmal zu denken wagt, und können sie nicht auf Gedanken kommen, so wird
dann gütigst er um Rat gefragt! Euer Beweis ist der Zauberer. Wenn er in andrer
Weise unter Euch geraten wäre, so würdet Ihr statt Geister Teufel sein. So aber
steht er unter Menschenschutz und ist darum selbst hier am Bild des Fluches der
Menschlichkeit, der früheren, empfohlen!«
    »Du sprichst so spitz, wie seine Augen blickten. Du triffst so tief, wie wir
ihn treffen wollten. Wir haben es verdient. Vergib uns unsre Schuld!«
    »Vergib uns unsre Schuld - - - vergib uns unsre Schuld!« klang es von Kopf
zu Kopf und auch hinaus ins vordere Bassin.
    Da bog ich mich in grosser, grosser Freude so weit wie möglich vor und sprach:
    »Was habe ich gehört? Das war ja ein Gebet! Die Seele naht, die Seele Eures
Bildes. Der Fluch kann niemals, niemals Seele sein. Und soll der Stein an Gottes
Stelle reden, der nichts und nichts und nichts als segnen kann, so gebt ihm
Hände, welche benedeien!«
    »Und du, gib ihm die Worte für den Sockel!«
    »Wann?«
    »Jetzt, sogleich!«
    »So hört!«
    Sie drängten sich zusammen und kamen näher herbei. Dadurch wurde Platz für
noch viele von denen, welche draussen waren. Sie kamen herein. Ich sagte, nicht
überlaut, doch langsam und vernehmlich:
»Gesegnet sei, wer nach der Wahrheit suchte
Und ihr zu Füssen auch den Irrtum fand.
Drum leg ich ihn, den ich bisher verfluchte,
Mein Gott und Herr, in deine Gnadenhand!«
    Nach diesen Worten gab es da unten im Wasser eine so tiefe Stille, dass ich
den befreiten, seligen Atemzug hörte, der mir von drüben, wo der »Zauberer« sass,
zugeweht wurde, und hierauf die leise, leise Wiederholung:
    »Mein Gott und Herr - - - in deine Gnadenhand - - -! Den Irrtum - - - also
mich - - mich - - mich! Nun nur noch Eins, noch Eins!«
    Da regte sich das Gerippe, und es klang wie schluchzend zu mir herauf:
    »Er flucht dem Irrtum und der Täuschung nicht! Aber er segnet sie auch
nicht, sondern er gibt sie in Gottes Hand! So, genau so will es auch die Sage!
Diese Worte müssen unbedingt, unbedingt eingegraben werden! Noch haben wir zwei
Mondestage Zeit, des Bildes Rachefaust verzeihend zu gestalten. Es soll die
Seele haben, die du ihm geben willst!«
    Da stand der Zauberer von seinem Platze auf, hielt sich am Alabaster fest
und machte eine Bewegung, als ob er sprechen wolle. Ich aber kam ihm zuvor und
fragte hinab:
    »So ist also der Rache nun entsagt, und Ihr verzichtet auf den
Fluchgedanken?«
    »Ja,« antwortete das Gerippe, und »ja, ja - - ja!« ertönte es im ganzen
Chore nach.
    »So habe ich mein letztes Wort zu sagen.«
    Ich bog mich hinüber, griff nach des Zauberers Hand und sprach:
    »Hier halt ich ihn, den unbedacht Verfluchten. Was er an Andern tat, ist
nicht von mir zu richten. Dass er auch mich bedrohte, verzeihe ich ihm gern. Denn
ich will ihn aus seiner Finsternis hinaus zum Lichte leiten! Er sei von dieser
Schuld erlöst, sei von ihr - - - frei!«
    »Das, das das war es, das Eine, Eine noch!« hörte ich ihn leise sagen. »Aber
was werden nun diese, diese tun da unten?!«
    Da schob sich das Gerippe noch einmal weiter vor und richtete seine Worte
nicht an uns, sondern an seine Wahngefährten:
    »Auch was er uns getan, verzeihen wir ihm gern. Er sei erlöst von seiner
Schuld, sei von ihr - - - frei!«
    »Er sei erlöst von seiner Schuld, sei von ihr - - - frei!« riefen alle, alle
Köpfe. Kein einziger war, der schwieg.
    »Frei - - frei - - - frei - - - - frei!« erschallte das Echo draussen von
Wand zu Wand, von Säule zu Säule.
    Und nun erhob auch der Zauberer seine Stimme. Sie klang nicht etwa gedrückt,
beklemmt oder gar unterwürfig, sondern hell, rein, klar und selbstbewusst, als ob
er es sei, der zu verzeihen habe:
    »Ihr gebt mich frei, sagt Ihr? Lasst das die letzte Torheit sein, die hier
von Euch geschieht! Wer stürzte Euch? Nicht ich! Es war die Angst vor mir, die
Furcht vor dem Gespenste! Dazu der Stolz, der sich zu beten schämte! Ihr dünktet
Euch so gross und so erhaben und wagtet es doch nicht, mir Stand zu halten, dass
ich Euch sagen konnte, wer ich sei! Und wenn ich es nun jetzt Euch sagen wollte,
so könntet Ihr es doch unmöglich fassen, weil Geisterwahn nicht schnell, nicht
plötzlich heilt. Doch merkt Euch das erlösend wahre Wort: Wer keinen Schatten
wirft, der kann kein Wesen sein und wird vom Menschheitskörper nicht empfunden.
Wenn eine Schuld, ein Frevel auf mir ruht, so seid Ihr wohl die Letzten,
Allerletzten, an die ich mich um Gnade wenden würde. Denn dass Ihr's wisst: Wer
mir verzeiht, hat nur sich selbst verziehen. Und weil Ihr dies getan, so will
ich Euern Wahn und Euern Selbstbetrug nicht länger strafen. Ihr habt gesühnt; so
geb ich Euch denn Eure Schatten wieder: Es werde also Licht!«
    »Licht!« rief ich. »Licht!« rief das Gerippe. »Licht, Licht, Licht!«
wiederholten alle die Geister, und »Licht - - Licht - - - Licht - - - - Licht!«
klang es hinaus bis in den tiefsten Winkel, und alle Säulen zitterten und
bebten.
    Da plötzlich war die lichte Schicht verschwunden, die auf der dunkeln Flut
gelegen hatte, und Finsternis lag wieder um uns her. Doch es erklang ein Ton, so
weich und doch so hell, so lind und mild und doch so siegreich klar. Wo kam er
her, und wo liess er sich nieder? Aus einer andern Welt - - - im Bilde neben mir.
Erst war er nur zu hören, doch bald dann auch zu sehen, ein wunderbarer, heilger
Farbenton! Wie Sonnengold, vermählt mit Himmelsblau! Wo seine Quelle lag? Im
Alabaster! Das Bild ward nicht von aussen her beschienen. Es trug das Licht in
sich und warf darum auch keine Spur von Schatten. Erst leise, wie ein
Morgenhauch beginnend, entwickelte die reine, keusche Klarheit sich nach und
nach zum tageshellen Glanze, so dass es war, als leuchte uns die Sonne. In dieser
Helligkeit erschien mir das Gerippe und Alle, die in tiefem Staunen lagen, so
fratzenhaft, so schrecklich widerwärtig, dass ich mit meinem Blick von ihnen floh
und ihn an der Figur nach oben sandte.
    Was ich da sah, das ward noch nie gesehen, weil keine Kunst noch je so
Schönes schuf! Doch leider stand ich ja so dicht am Bilde, dass jetzt nur seine
Grösse auf mich wirkte. Wie klein, wie klein kam ich, der Mensch, mir vor!
    Da sprach der Zauberer:
    »Es wurde Licht! Soll es nun wachsen, bis es Euch verzehrt? Flieht schnell
hinaus, der Schatten wird Euch retten!«
    »Es gibt ja keinen Weg; wir sind für ewig, ewig eingeschlossen,« antwortete
das Skelett. »Wird dieses Licht zur Schattenlosigkeit, so sind wir alle, alle
hier verloren! Die Sage zwar erzählt von diesem Einen, dass er den Schlüssel
Hephata besitze, und bis zu diesem Augenblick ist Alles, was sie sagte,
eingetroffen, doch diese Felsen und Gigantenmauern sind für das Hephata ja wohl
zu stark!«
    Da rief ich aus:
    »Ich habe ihn, den Schlüssel, und keine Stärke kann ihm widerstehen! Ich war
schon einmal hier; da wurde er erprobt. Gebt Raum für uns da unten! Wir kommen
jetzt hinab und führen Euch hinaus!« - »Hinaus, hinaus!« jauchzte das Gerippe.
    »Hinaus, hinaus, hinaus!« jubelten die Andern.
    »Hinaus - - hinaus - - - hinaus - - - - hinaus!« frohlockte es im vorderen
Bassin, dass alle Säulen dröhnten und Stein um Stein sich vom Gewölbe löste.
    Ich sprang in das Wasser, der Zauberer mir nach. Indem die Köpfe sich
bemühten, eine Gasse für uns zu bilden, schaute ich zurück und aus dieser
weiteren Entfernung an dem Bilde hinauf. Es strahlte schon so stark, dass mich
sofort die Augen schmerzten. Da wendete ich mich schnell wieder zurück und griff
mit beiden Armen aus, um durch die Wasserflut der Lichtflut zu entgehen. Der
Zauberer hielt sich an meiner Seite. Die Andern folgten; Keiner blieb zurück!
    Der Glanz drang unter der hängenden Mauer auch in das vordere Becken und
verbreitete dort eine Art von Dämmerung, welche mir den Weg genügend deutlich
zeigte. Ich schwamm nicht an den Seitenkanälen vorüber, sondern quer zwischen
den Säulen hindurch gleich nach dem Hauptkanale, wo der letzte Lichtreflex
verloren ging und wir uns infolgedessen in tiefster Finsternis befanden. Das
konnte aber nicht stören, weil der Weg uns durch die engen Seitenmauern
vorgeschrieben war. Wir konnten weder rechts noch links abweichen, sondern nur
immer vorwärts, vorwärts, vorwärts, und dass die Andern folgten, das hörten wir
an ihrem Schwimmgeräusch, welches in dieser steinernen Röhre wie dumpfes
Meeresbrausen rauschte.
    Viel leichter als früher mit dem Boote kam ich durch das Gestrüpp hinaus ins
Freie, in den See. Um Platz zu machen, schwamm ich da erst eine Strecke gerade
aus und drehte mich dann um. Der Zauberer war bei mir. Vor mir hielt das
Gerippe. Hinter ihm sah ich seine Scharen, die so zahlreich waren, als ob der
Kanal sich gar nicht entleeren könne. Es kamen immer mehr, immer mehr aus ihm
hervor. Ich sah sie deutlich, denn die Sterne leuchteten, und die schmale Sichel
des ersten Viertels stand grad über uns am Himmel. War es möglich, dass alle,
alle diese Vielen, die ich erblickte und die noch immer nachdrängten, sich da
drin im Berg befunden hatten? Kann es wirklich eine solche Menge von Geistern
gegeben haben, die von ihrer Gedankenhöhe stürzten, weil ihnen plötzlich dort
der feste Boden schwand?
    Endlich, als die Letzten erschienen waren, erhob das Skelett seine Stimme
und sprach:
    »Heut ist der erste Tag des neuen Lebens, der Tag, an dem das Licht uns
wiederkehrte. Wir sind voll Dank und sagen Lob und Preis. Schaut dort hinauf,
zur halben Bergeshöhe! Der Mondesstrahl zeigt uns die Rosensäulen; ein Tempel
ragt, geweiht dem Dienste Dessen, den unser Hochmut einst nicht anerkannte. Wir
haben es gebüsst, jedoch nicht bis zum Ende. Noch ist das Werk des Fluches nicht
vollbracht, den wir in Segen umzuwandeln haben. Es soll und muss geschehen, uns
zur Busse. Wir haben nun den Schlüssel Hephata. Und was uns tödlich war, des
Bildes Eigenlicht, wird sich im Bergesdunkel schnell verlieren. Dann kehren wir
zurück und lassen jene Faust, die sich im Grimm des Fluches ballen sollte, zur
offnen Hand des Fürgebetes werden. Jetzt aber kommt mit mir hinauf zum Tempel!
Adan, der Stern der Erdenmitternacht, erglüht grad über uns am Firmamente. Wir
haben also heilge Geisterstunde und müssen dort hinauf, dem einzig Einen zu
sagen, dass wir wieder beten werden!«
    Er wendete sich schwimmend der Stelle des Ufers zu, von welcher aus man nach
dem Weg zum Beit-y-Chodeh kam. Die Andern folgten ihm. Ich aber blieb zurück.
Wenn Geister beten, sei der Mensch bescheiden; er kann ihr Kyrie doch nicht
verstehn!
    Auch der »Zauberer« blieb halten. Wir sahen ihnen eine kleine Weile nach;
dann fragte ich:
    »Kommst du mit mir ans Ufer?«
    »Nicht nur ans Ufer,« antwortete er. »Ich gehe mit dir heim, hinauf in deine
stille Denkerklause. Da setzen wir uns an das Sternenlicht, und ich erkläre dir,
warum es Schatten gibt und Fehler bei den Menschen. Komm!«
    Wir schwammen nach der Landestelle und - sonderbar! als ich da aus dem
Wasser stieg, war ich nicht nass; auch mein Gewand war trocken. So auch bei ihm.
Er nahm mich bei der Hand. Wir wandelten durch den Duar, den Weg zum Haus empor.
Das Tor war zu. Es öffnete sich selbst, sobald wir es berührten. Die andern
Türen auch, bis wir in meinem Mittelzimmer standen. Da hörte ich von rechts her
ein Geräusch, als ob ein Schlafender sich anders wende. Ich wollte schnell
hinaus; er aber hielt mich fest und flüsterte mir zu:
    »Du darfst dich noch nicht wecken! Ich habe dir so viel, so Wichtiges zu
sagen, dass du erstaunen wirst, wie sicherlich noch nie im ganzen Leben.«
    Wir traten auf das platte Dach hinaus und schauten nach dem Beit-y-Chodeh
hinüber. Der Sterne Glanz lag auf dem ganzen Tal; der Tempel aber stand in jenem
Lichte, das aus dem Alabaster hell ertönte - - - im Sonnengold, mit Himmelsblau
vermählt. Die Geister lagen alle auf den Knieen. Ein süsser Rosenduft umwehte
uns. Kam er von drüben? Sollte er es sein, der uns die leise, leise Strophe
brachte:
»In allen Himmeln leuchten heut die Sonnen;
Auf allen Erden wird zum Tag die Nacht,
Denn was der Wahn im blinden Hass begonnen,
Wird von der Wahrheit segensreich vollbracht!«
    »Hörst du?« fragte der Zauberer. »Du wirst es nicht begreifen; ich aber will
dir sagen, was sie meinen. Doch sollst du es nicht nur hören, sondern auch
sehen. Schau mich an!«
    Ich tat es. Was ging da mit ihm vor? Seine Gestalt begann, zu verschwinden,
sich wie in Nebel zu verwandeln. Doch nahm dieser Nebel sehr rasch wieder Formen
an, und wer, wer stand da vor mir? Nicht mehr er, der »Zauberer«, sondern der
»Warnende«, mit dem ich gesprochen hatte, ehe ich in den Berg gestiegen war. Ich
sah nicht mehr den weissbehaarten Kopf mit stechend scharfen, kalten
Feindesaugen, nein, sondern jene freundlich ernsten Züge und jenen weichen,
väterlichen Blick, der bei der Frage, ob ich beten könne, besorgt und doch voll
Hoffnung auf mir ruhte.
    »Du wunderst dich,« sagte er. »Und doch ist nichts geschehen, was zum
Verwundern wäre! Wer geistig Mündel ist, den mag der Vormund warnen. Doch den
Erwachsenen, den reifen Denker, den warnt des Irrtums eigne, andre Stimme, die
stets die volle, reine Wahrheit spricht. Und dieser ist kein Vormund überlegen!
Du hast dein Wort gehalten. Bist weder meinem andern Ich noch jenem Wahn
verfallen, der aller Welt den Schatten rauben will, weil er sich selbst für ohne
Schatten hält. Du hast mich nicht besiegt und aber doch besiegt. Ich fühle mich
verschuldet und werde quitt mit dir, indem ich dich in das Geheimnis führe, dass
Beide, Licht und Finsternis, den Tod bedeuten würden, wenn sie sich nicht
versöhnt die Hände reichten, grad ihn in ewges Leben zu verwandeln. Darum die
Wahl, die keine Lüge war, obgleich es Tod nicht gibt und doch kein Schatten
lebt: Tod oder Schatten!«
    Er setzte sich; so tat ich's also auch. Und nun begann er zu erzählen: Ein
Menschenleben, ein Geistesleben, und aber doch das ganze Menschheitsleben. Die
Sterne wanderten am Himmel weiter; ich sah es nicht; die Zeit war wie für mich
nicht mehr vorhanden. Die Sterne schwanden; auch dieses sah ich nicht. Ich
achtete allein auf seine Worte. Im Osten stieg der Morgen bleich empor, doch
schaute ich nicht hin. Mir war ein andrer Morgen aufgegangen. Nun aber kam der
erste Sonnenstrahl und fiel verklärend auf sein Angesicht. Da sprang er auf, zog
mich zu sich empor, berührte mit den Lippen meinen Mund und sprach:
    »Hier diesen Kuss für den, der drinnen schläft! Komm mit hinein, dass er dich
wiederhabe! Du wirst gebraucht. Und ich - - - - - -? Wohl noch viel mehr!«
    Er nahm mich bei der Hand. Schon unter der Tür blieb er nocheinmal stehen
und sagte leise:
    »Er liegt so still und schläft; ich höre seinen Atem. Sobald du dich ihm
nahst, wird er zu träumen haben, was du bei mir erlebtest. Geh langsam, langsam
hin, und gib ihm meinen Kuss! Nicht übereilt sei deine Wiederkehr, weil er des
Traumes sich nach dem Erwachen genau erinnern soll. Kein Wort sei ihm verloren!«
    Ich folgte dieser Weisung und ging nur Schritt um Schritt quer durch das
Mittelzimmer, dann durch die offne Tür ins Schlafgemach, in welches grad mit mir
der Sonne Licht auch trat. Sein Angesicht begann, sich geistig zu beleben, und
dieses Leben ward um so bewegter, je näher ich ihm kam. Nun war ich dort und bog
mich zu ihm nieder, gab ihm den Gruss des »Zauberers«, der an der Tür noch stand,
und - - - - -
    - - - - - und erwachte aus dem Schlafe, riss beide Augen auf, sah mich aber
schon nicht mehr stehen, sprang eiligst aus dem Bett und dann schnell durch die
Tür hinaus ins Mittelzimmer. Der Zauberer war fort, das Zimmer leer und auch das
platte Dach!
    »Geträumt, geträumt!« rief ich. »Und aber wie geträumt! So deutlich ist noch
nie ein Traum gewesen? War das vielleicht ein sogenannter Wahrheitstraum? Es ist
ganz so, als hätte ich's erlebt, als hätte ich es wirklich durchgemacht. Ich
sehe Alles noch. Ich höre jede Silbe. Ich werde es mir rekapitulieren. Dann
setze ich mich her, es zu Papier zu bringen. Man kann nicht wissen, ob - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -«
    Infolge dieser Arbeit war es ziemlich spät, als ich mein Frühstück nahm.
Dann ging ich hinab, um zunächst mit Schakara zu sprechen. Sie sass in der Halle,
ganz allein, sich einen Schleier säumend.
    »Hat dir Marah Durimeh vielleicht einmal die Sage von dem verzauberten Gebet
erzählt?« fragte ich sie.
    Sie sann nach und antwortete dann:
    »Nicht mir, sondern einem Fremden. Das war im Dorfe Ohtian des Stammes
Bulanuh.«
    »Wer war der Fremde?«
    »Das weiss ich nicht mehr, habe es vielleicht auch gar nicht gewusst. Er
gefiel mir nicht. Es war eine alte Frau gestorben, die weit draussen vor dem
Dorfe in einer elenden Hütte lebte. Niemand bekümmerte sich um die Leiche, weil
sie eine Tumasa52 gewesen war. Da nahm Mara Durimeh mich mit; wir hielten
Totenwache. Ich war noch klein und erst seit Kurzem ihre Schülerin. Der Fremde
reiste durch das Dorf und hielt da draussen vor der Hütte an, denn Marah Durimeh
sass vor der Tür und fiel ihm auf. Als er auf einige Fragen Antwort bekommen
hatte, stieg er vom Pferde, um noch weiter mit ihr zu sprechen. Er kam auch
einmal herein, spuckte aber vor der Leiche aus. Warum, das weiss ich nicht. Das,
was er sagte, war so gelehrt, dass ich es nicht verstehen konnte, und so
hochmütig, dass ich die Tote leise bat, ja nicht auf ihn zu hören, weil es die
Sammlung störe, die ihr jetzt nötig sei. Das war der Mann, dem Marah Durimeh die
Sage, bevor er weiterritt, mit auf die Reise gab.«
    »Also ist es noch gar nicht so lange her, dass jene Letzten in die Tiefe
stürzten!«
    »Ich verstehe dich nicht. Was meinst du da?«
    »Das erzähle ich dir nachher. Kannst du mir die Sage wohl berichten?«
    »Leider nein. Ich merkte sie mir nicht. Ich war so jung, sie aber tief und
mir ganz unverständlich.«
    »Wie schade, jammerschade!«
    »Warum.«
    »Leg deine Arbeit weg, und komm mit mir hinaus zur Pferdeweide! Da sind wir
ungestört. Ich träumte heut, und wenn der Geist in solcher Weise träumt, kann er
es seiner Seele nicht verschweigen.«
    Wir gingen durch den Garten nach dem Steine, an dem wir schon einmal
gesessen hatten. Dort setzten wir uns nieder. Ich erzählte. Sie hörte zu, ganz
still, ganz still, doch zeigte sich in ihren dunkeln Augen, den wunderbaren und
geheimnisvollen, von Zeit zu Zeit ein Glanz, der mich an jenes Eigenlicht des
Alabasters mahnte - - - wie Sonnengold, vermählt mit Himmelsblau. Und auch als
ich geendet hatte, blieb sie noch immer still. Sie hatte ihren Kopf zur Seite an
den Stein gelehnt und hielt die Augenlider fest geschlossen. Ich störte sie in
ihrem Sinnen nicht und wartete geduldig, bis sie sprach. Sie tat es, ohne ihren
Blick zu öffnen:
    »Ich sehe eine Linie, von rechts nach links gezogen. Am Ende rechts gibt's
eine Sonnenglut, die Alles, was da lebt, verbrennen würde, wenn es so unbesonnen
wäre, sich ihr zu weit zu nähern. Das linke Ende taucht in eine Finsternis, die
jeder Kreatur mit augenblicklicher Vernichtung droht. Die Linie ist unser
Menschenleben. Zu weit nach rechts, zu weit nach links bringt sicheres
Verderben. Grad in der Mitte liegt die Unverletzlichkeit und auch die
Durchschnittslänge der geworfnen Schatten. Wer diesen Durchschnitt hasst, der
wendet sich nach einer von den Seiten. Nun denke nach, Effendi, denke nach!
Stehst du vielleicht grad in der Mitte?«
    »Ich hoffe es nicht,« antwortete ich.
    »So bist du also kühn, vielleicht sogar verwegen! Betrachte deinen Schatten!
Wird er zu klein? Wird er zu gross? In beiden Fällen ist's um dich geschehen!
Weisst du es nun, wozu die Schatten sind? So sag ich nur als Mensch, als
ungelehrtes Weib. Die Allmacht aber wird wohl noch ganz andre Gründe haben,
warum sie Finsternis und Licht vermählte und beiden die Erlaubnis gab, im
Zwielicht unfassbare Schemen zu erzeugen und an der Sonne jene äffenden Gebilde,
die uns als Schatten sagen, dass wir sind.«
    Nun schlug sie die Augen auf, sah mir so lieb, so herzlich in die meinen,
hielt mir das kleine, aber feste Händchen her und sagte:
    »Gib mir jetzt einmal deine Hand!«
    Ich tat es. Da fuhr sie fort:
    »Erlaube mir, dass ich für diese Schatten bitte! Verfahre nicht so streng,
wie du wahrscheinlich wolltest. Du weisst ja wohl, dass Schatten keinen Willen
haben!«
    Da musste ich doch lächeln!
    »So ist es also wahr, dass sich die Seele immerdar erbarmt, selbst wenn der
Geist auch nicht den kleinsten Grund zur Milde findet! Wer keinen Willen hat,
den darf man billig schonen, doch aber den, der ihm den Willen nahm, den trete
man zu Boden!«
    »Trotz deines Traumes heut - - -? Und trotz des Zauberers - - -?« fragte
sie.
    »Trotz alledem! Ich glaube, dass ich diesen Traum verstehe. Er kam zwar aus
dem Schattenreich zu mir, doch war er keinesweges selbst ein Schatten. Ich
träumte ihn beim ersten Sonnenstrahl und fühle ihn verschmolzen mit mir selbst,
von gleicher Wesenheit mit meinem eignen Wesen. Er hat mich viel gelehrt und
handelt in mir weiter. Der Schatten, der mich vor sich selber warnt, ist
Menschenfreund, ist ohne Falsch, ist ehrlich. Er rettet mich vor fremden
Gaukeleien und auch vor meinen eignen Truggebilden, und Wahnsinn wäre es, wenn
ich ihn hassen wollte. Für ihn hast du gebeten, Schakara. Du siehst, es war
nicht nötig! Gebeten aber hast du nicht für Andre, für welche ich dein Auge
schärfen möchte. Ich meine jene pfiffigen Gesellen, die sich als Schatten
stellen, doch aber keine sind. Die stets verführten - Verführer! Die in Demut
zerfliessenden - Tyrannen! Die tugendreinen - Sünder! Die opferbereiten - Feinde!
Die aufrichtigen - Heuchler! Die arglos treuherzigen - Schlangen! Und noch
viele, viele tausend Aehnliche, die sich sofort als Schatten des nächsten
Gegenstandes in Sicherheit bringen, wenn du zur Fackel greifst, sie
anzuleuchten. Sie flüchten sich vollständig waffen-, wehr- und willenlos in
irgend eines Starken Schutz und Schirm. Er sinkt und sinkt und sinkt; sie aber
steigen. Und dann, wenn er am Abgrund steht, von aller Welt verlassen, nur nicht
von Dem, der liebevoll den Fuss erhebt, um dankbar ihn vollends hinabzutreten,
erkennt er endlich, aber viel zu spät, dass sie nichts weniger als arme Schatten
waren. Die Willenlosigkeit war höchste Energie, die Schwäche nur die Maske der
Gewalt, und jede Bitte, welche er gewährte, in Wahrheit ein Befehl, dem er
gehorchen musste. Das Allerschlimmste aber ist, o Schakara, dass diese Büberei nie
eignen Schatten wirft, weil sie ja stets im Schatten Andrer schwelgt. Darum
erscheinen diese Fleckenlosen der heilgen Einfalt drei- und zehnmal heilig, und
wenn sie noch dazu so glücklich sind, vor ihrem Tode nicht entlarvt zu werden,
so glaubt die liebe, liebe Unvernunft, dass sie an ihnen viel, sehr viel verloren
habe, der Himmel aber viel, sehr viel gewonnen! Wenn die Ruinen da erzählen
könnten! Ich sah im Traume, wie man sich verkroch! Da ging ich ruhig weiter.
Doch, sollte das Geträumte sich erfüllen, so wird statt nur gefackelt, dann
geleuchtet! Du weisst, wie gut wir hier versehen sind: an Fackeln fehlt es
nicht!«
    Hier wurde unser Gespräch unterbrochen. Drüben in den Ruinen, im obern Teile
derselben, erschien nämlich Kara Ben Halef. Er sah uns sitzen und winkte uns zu,
dass er zu uns kommen werde. Er ging nicht grad auf dem Glockenpfade, sondern er
stieg über das Gestein gleich quer herab und kletterte an einer verwitterten
Mauerstelle zu uns herauf.
    »Effendi, ich habe einen Gefangenen!« sagte er.
    »Wie? Einen Gefangenen?« fragte ich. »Hat man hier im tiefsten Frieden
Gefangene zu machen?«
    »Ist das Friede, wenn Jemand sich nicht friedlich zu mir verhält?«
    »Wer ist es?«
    »Kein Dschamiki, sondern ein Fremder. Ich kenne ihn nicht, und er weigerte
sich, Auskunft zu geben.«
    »Wo?«
    »Da drüben, in einer der alten Kirchen. Ich ging heut schon sehr früh wieder
einmal durch die Ruinen. Man spricht im Duar davon, dass es dort wohl noch
versteckte Plätze und verborgene Dinge gebe, die man noch nicht entdeckt habe.
Ich bin derselben Meinung. Die vertriebenen Massaban, die in dem Gemäuer
hausten, kennen es wahrscheinlich besser als wir, da sie dort ihre Schlupfwinkel
hatten. Und wer zu dieser Sorte von Menschen gehört, weiss besser Bescheid, als
jeder Dschamiki. Darum muss uns jeder Fremde, der die Ruinen ohne unser Wissen
betritt, verdächtig erscheinen. Folglich war ich sofort argwöhnisch, als ich in
so früher Morgenzeit Schritte hörte, die sich der Stelle näherten, in der ich
mich befand. Das war in dem runden Quaderturme, der trotz seiner starken Mauern
schon fast in sich zusammengestürzt ist. Es führt nur eine Tür hinein, keine
andere hinaus. Ich stand in der Nähe derselben und drückte mich fest an die
Wand, um nicht sogleich gesehen zu werden. Der, welcher kam, trat ein. Ein
hagerer Mann, nicht gross, aber stark; das habe ich dann gespürt. Er fühlte sich
so sicher, dass er sich gar nicht umschaute, und ging zum nächsten, grossen
Brocken der eingefallenen Mauer, um sich da niederzusetzen. dabei drehte er sich
um und musste mich nun sehen. Ich war schnell an den Eingang getreten, um ihm die
etwaige Flucht zu versperren. Er erschrak, nahm sich aber zusammen und fragte
mich, wer ich sei und was ich hier wolle. Das klang so gebieterisch, als ob er
der Herr an diesem Orte sei. Und als nun aber ich Auskunft forderte, wurde er
grob und warf sich plötzlich auf mich, um zu entkommen. dabei hatte er ein
langes Messer gezogen und schrie mich an, dass er mich sofort erstechen werde,
wenn ich nicht darauf verzichte, ihn festzuhalten. Er stach auch wirklich zu.
Schau hier, den Schlitz im Aermel! Das war auf das Herz abgesehen! Ich entging
der Gefahr aber durch eine schnelle Wendung, entriss ihm die Waffe, warf sie fort
und rang ihn auf den Boden nieder. Das war aber nicht leicht. Dieser Mensch
besass viel Kraft und Gewandteit. Er rang meisterhaft, ruhig, still, den Atem
berechnend und jeden Griff genau überlegend, ohne dabei ein einziges Wort zu
sagen. Es scheint mir, als habe er schon oft in dieser Weise um seine Freiheit
oder gar um sein Leben ringen müssen. Er hatte Uebung! Aber er kam trotz aller
Mühe nicht auf; ich hielt ihn unter mir, bis seine Kräfte schwanden und ich
dadurch eine Hand frei bekam, ihm die Halsader zusammenzudrücken. Da stockte ihm
das Blut im Kopfe; er wurde ohnmächtig. Zwar nur für ganz kurze Zeit, aber das
genügte mir, ihn zu binden.«
    »Womit?«
    »Die Arme, nach hinten gezogen, mit den Flügeln seiner eigenen Perserjacke.
Die Beine schnallte ich ihm mit seinem Gürtel zusammen. Er kann sich nicht
befreien.«
    »Untersuchtest du seine Taschen?«
    »Ja. Sie waren leer. Er hatte nichts bei sich gehabt, als nur das Messer.
Dann eilte ich fort, um dir diesen Vorgang zu melden. Als ich in das Freie kam,
sah ich dich hier sitzen. Nun bestimme, was geschehen soll, Sihdi!«
    »Zunächst das Eine: Kein Mensch darf davon wissen, am allerwenigsten Pekala.
Ich ahne, wer dieser Fremde ist, nämlich ein entflohener Verbrecher, welcher uns
im Auftrage des Scheik ul Islam ausspionieren soll. Ich muss ihn selbst sehen. Du
führst mich also zu ihm, holst aber vorher einige feste Riemen oder Stricke aus
dem Hause, doch heimlich. Für so einen Menschen genügen die jetzigen Fesseln
nicht.«
    Kara ging nach dem Hause. Ich fand es sehr erklärlich, dass Schakara mich
bat, uns nach dem Turme begleiten zu dürfen, und erlaubte es sehr gern. Mein
Plan war schon fertig. Dieser Spion verriet uns freiwillig sicher nichts. Er
musste gezwungen werden. Und da gab es ein Mittel, welches vielleicht sogar dem
Teufel den Mund geöffnet hätte! Aber das konnte nur im Geheimen angewendet
werden, und darum war es mir lieb, dass Schakara mitging. Ihre Anwesenheit gab
der Sache den Anschein eines blossen Spazierganges, der keine Aufmerksamkeit auf
sich zu ziehen hatte.
    Als Kara wiederkehrte, schlenderten wir also nach dem Glockenwege und dann
auf schmalem, aber bequemem Wege bis grad zum Quaderturm, um den es sich
handelte. Sein eigentliches Tor war längst schon zugemauert. Wir konnten nur
durch das Nebengebäude zu der Tür gelangen, von welcher Kara gesprochen hatte.
Als wir durch sie getreten waren, sahen wir den Gefangenen liegen. Der Blick,
den er auf uns richtete, war nicht etwa verlegen, sondern trotzig, und geradezu
unverschämt klang es, als er uns sofort entgegenrief:
    »Ihr habt mich augenblicklich freizugeben! Ich bin ein hochgestellter Mann,
kein Lump, den man in dieser Weise behandeln darf! Gib mich frei, Effendi!«
    Ah, der kannte mich ja schon! Also scharfe Augen und feine Ohren! Aber
pfiffig war es keineswegs, es mir zu verraten! Ich blieb vor ihm stehen und
fragte ruhig:
    »Wer bist du?«
    »Das sage ich nur dir allein!«
    »Woher?«
    »Auch das nur dir!«
    »Was willst du hier?«
    »Auch das darf Niemand wissen, als nur du!«
    »So? Dann mag ich es überhaupt nicht wissen! Kara, binde ihn fester, aber
so, dass ihm die Schwarte knackt! Wer uns mit solcher Frechheit kommt, der sehe
zu, was für ihn daraus entsteht!«
    Der Hadeddihn kniete zu ihm nieder, zog das Zeug aus der Tasche und begann,
ihn fester zu schnüren. Da rief der Fremde aus:
    »Ich bin ein Abgesandter des Schah-in-Schah!«
    »An wen?«
    »An den Ustad, also an dich!«
    »Und kommst nicht offen und direkt zu mir, sondern versteckst dich hier wie
ein Verbrecher?«
    »Ich habe meine Gründe!«
    »Das glaube ich. Aber auch ich habe welche, und diese gelten, nicht die
deinigen!«
    »Ich kam zu Eurem Glück zu Euch!«
    »Und stichst mit dem Messer auf meine Leute? Wir danken für solches Glück!«
    »Du bist ein Christ. Darum sage ich dir: Ich komme als Missionar!«
    »Willst uns wohl Frieden predigen? Heil verkündigen?«
    »Ja!«
    »Das kennen wir! Sorg für dein eignes Heil; das unsere liegt in den besten
Händen!«
    Das brachte ihn zum Schweigen. Er schien zu überlegen. Kara vollzog seine
Arbeit so gut, dass dem »Missionar« alle Glieder zu schmerzen begannen.
    »Er hat das Messer gegen dich gezogen, um dich zu erstechen,« sagte ich.
»Das bestrafe ich mit dem Tode. Wirf ihn dort hinter die Steine! Da mag er
liegen, bis er in den Duar geschafft wird, um gehenkt zu werden.«
    Hierauf wendete ich mich nach der Tür, scheinbar um zu gehen. Das wirkte.
    »Bleib hier, Effendi!« bat er. »Ich werde antworten!«
    Ich ging weiter. Da schrie er auf:
    »Effendi, Effendi, geh nicht fort! Ich gebe dir Auskunft, und du wirst dich
freuen!«
    Da drehte ich mich um, langsam, wie widerwillig, und befahl:
    »So antworte kurz auf das, was ich dich frage! Anderes mag ich nicht wissen.
Seit wann bist du jetzt hier?«
    »Seit dieser Nacht. Ich kam, als in dem Duar schon alle Leute schliefen.«
    »Warst du schon öfters hier?«
    »Vor einem Jahre zum ersten Male. Seitdem in jedem Monat nur einmal.«
    »Sonst nicht?«
    »Nein.«
    »Du warst also vor einem Monate zum letzten Male da?«
    »Ja.«
    »Kamst heut in dieser Nacht und weisst doch so genau schon, wer ich bin? Wer
täuschen will, muss besser lügen können!«
    »Ich wusste nicht, wer du bist; ich vermutete es nur. Effendi, glaube mir!«
    »Gibt es bei uns Jemand, auf den du dich berufen kannst?«
    »Pekala und Tifl.«
    »Wer noch?«
    »Niemand.«
    »So ist es schlecht um dich bestellt. Tifl ist ein Abtrünniger und Pekala
eine Plaudertasche, die Alles verraten wird, was sie von dir weiss!«
    »Das mag sie immerhin! Sie weiss von mir nur Gutes. Ich habe eine Mission vom
Schah und bin sein Diener, bin sein Auserwählter. Als Bote seiner Liebe und auch
zugleich der wahren Menschenliebe, bin ich gekommen - -«
    »Um deine eigentliche Absicht zu verstecken,« fiel ich ein, »hier Jahre lang
von unsrer dummen Pekala zu leben und dann den Frieden deines falschen Schah uns
mit dem Messer vorzuschreiben!«
    »Meines falschen Schah?« fragte er. »Ich verstehe dich nicht!«
    »Wenn du mich nicht verständest, wärest du sogar noch dümmer als Pekala, die
es gewiss und wahrhaftig glaubt, dass ihr Aschyk imstande sei, ihr bei dem Schah
die Wonnen aller Paradiese zu vermitteln. Doch mich betrügst du nicht mit dieser
deiner Seligkeit! Uns ist der Schah in Wirklichkeit bekannt, doch in den Löchern
Teherans, in denen du und deinesgleichen steckt, lernt man ihn niemals kennen.
Dich schickt der Scheik ul Islam, doch nicht der Schah-in-Schah!«
    Da reichte seine ganze Frechheit nicht aus, den Schreck zu verbergen, der
über sein Gesicht zuckte.
    »Der - - Scheik - - ul - - Islam- -!« wiederholte er. »Wie kommst du auf
diesen Gedanken?«
    »Ich habe es aus seinem eignen Munde, und wenn ich dir das sage, so ist es
wahr! Willst du es eingestPehen?«
    »Nein, denn es ist Lüge!« schrie er zornig auf.
    »Es ist wahr! Und ich sage dir: Nur kurze Zeit, so wirst du mich auf deinen
Knieen bitten, die Beichte anzuhören, welche du mir jetzt verweigerst. Für hier
und jetzt bin ich mit dir fertig!«
    Kara hatte ihn derart gefesselt, dass an einen Fluchtversuch gar nicht zu
denken war. Dieser Verführer unserer strahlenden »Festjungfrau« versuchte zwar
noch immer, uns zu einem andern Verhalten gegen ihn zu bereden, doch vergeblich.
Er wurde zwischen die hier liegenden, hohen Steinhaufen gesteckt, und dann
gingen wir. Als wir dann draussen im Freien standen, sagte Schakara, indem sie
mich fast ängstlich anschaute:
    »Wie streng du sein kannst, Effendi, wie unerbittlich kalt und streng! Das
wusste ich noch nicht.«
    »Meine Freundin, es handelt sich hier nicht um mich, sondern um das Wohl und
Wehe vieler, vieler Menschenkinder,« antwortete ich. »Da hat etwas ganz Anderes
zu sprechen, als das, was man das Herz zu nennen pflegt. Auch ist das Schicksal
dieses Mannes ja noch nicht fest bestimmt. Es steht in seiner Hand. Er kann sich
retten, wenn er Reue zeigt. Und grad das, was ich mit ihm vorhabe, ist geeignet,
ihn am schnellsten zu dieser Reue zu führen.«
    »Was wird das sein?«
    »Ich gebe ihm ein Gefängnis, wo er sich zu entscheiden hat: Wahnsinn oder
Reue. Weiter gibt es dort nichts.«
    »Wo?«
    »Unten im Bassin, im finstern Bergesinnern, ein kalter, nasser Sitz auf
jenem Stein, auf dem wir das Skelett gefunden haben. In solcher Art Gesellschaft
wird man mürbe!«
    »Entsetzlich, entsetzlich! Effendi, bist du ein Mensch?«
    »Schakara, Schakara! Ich will ihn retten. Und wer den Ausweg aus der innern
Hölle nur durch die äussre Hölle finden kann, dem muss man diese öffnen. Mit
Baklawa53 das Raubtier zähmen wollen, ist Unsinn und bringt doppelte Gefahr. Wir
lassen ihn bis nachts im Turme liegen und schaffen ihn sodann an Ort und Stelle.
Ich wette, dass es gar nicht lange dauert, so tut er das, was ich ihm
voraussagte: Er bittet mich um die Genehmigung, mir seine ganze Schuld gestehn
zu dürfen. - - - Was sehe ich da unten im Duar? Ist etwa Pferdemarkt?«
    »Nicht Markt, doch aber Schau, und zwar für unser Rennen. Der
Chodj-y-Dschuna hat sie anbefohlen. Ein jeder Dschamiki, der sich beteiligen
will, muss sich mit seinem Pferde bei ihm melden. Hierauf wird dann die Rennbahn
abgesteckt, und Jeder kann sich üben nach Gefallen.«
    »So gehen wir hinab! Ich möchte sehn, was sich für Kräfte stellen.«
    »Wird dich das nicht zu sehr anstrengen?« fragte Schakara.
    »Keinesfalls. Ich fühle, dass ich neues Blut besitze, und neues Blut bringt
immer neue Kraft, im Körper wie im Geiste. Ich fand noch nie bei einem andern
Kranken, dass die Genesung sich so wunderbar beeilte, wie sie bei mir es tut. Was
ich noch vor drei Tagen für ganz unmöglich hielt, das kommt mir jetzt, wo ich
die Fläche überblicke, die vielen Pferde unten stehen sehe und rechts da drüben
meinen Assil schaue, in meiner Stimmung recht gut möglich vor - - - ihn gegen
unsre Feinde selbst zu reiten.«
    »Effendi, welch ein Gedanke!« rief Kara aus, indem seine Augen leuchteten.
»Wenn das mein Vater hört, lässt es ihn schnell genesen!«
    »Nur nicht sogleich entzückt! Ich bin noch viel zu schwach, kann höchstens
daran denken, jedoch bestimmen nichts. Trotzdem, trotzdem, trotzdem! Nimm die
Begeisterung, die Euch beseelen wird; denk auch ans Andere: dass wir geschlagen
werden, von Ritt zu Ritt besiegt von solchen Gegnern, und stelle dich dann vor
die letzte Tour, die das Verlorne wiederbringen kann, so werfe ich mich auf den
schlimmsten Gaul und reite mit, dass alle Knochen fliegen, die seinen und die
meinen, bis miteinander wir zusammenbrechen, wir beide tot, jedoch am Ziel - - -
als Sieger!«
    Wir kehrten nicht erst nach dem hohen Hause zurück, sondern gingen in
entgegengesetzter Richtung hinüber nach den Steinbrüchen und den dortigen,
breiten Weg hinunter in den Duar. Das war ein Jubel, als man uns bemerkte! Die
Begeisterung, von welcher ich gesprochen hatte, schien sich schon heute
eingestellt zu haben. Es gab so viele, fernwohnende Dschamikun, die mich noch
nicht gesehen hatten. Die drängten sich alle, alle herbei, und jeder von ihnen
hatte es ganz besonders darauf abgesehen, uns zu versichern, dass wir das Rennen
unbedingt gewinnen würden.
    Wir gingen mit dem Chodj von Pferd zu Pferd. Ein jeder Besitzer war bemüht,
uns von den Vorzügen des seinigen zu überzeugen. Darum freute es mich, dass der
Chodj sich als vortrefflicher Kenner zeigte. Er liess sich nicht durch Worte
entusiasmieren, blieb kalt, bedächtig, überlegen und wies Alles zurück, was
keinen Erfolg versprach. Aber grad dadurch erreichte er, dass unser Vertrauen
stetig wuchs, und als wir zu Ende waren und er uns nach unserm Urteile fragte,
konnte ich ihm zu seiner wie auch meiner Freude sagen:
    »Das Material ist gut. Nicht nur im gewöhnlichen Sinne, sondern sogar in
Beziehung auf den ungewöhnlichen Zweck. Nachdem ich diese Pferde gesehen habe,
bin ich unbesorgt. Ich habe nicht gewusst, dass die Dschamikun so viel des
edelsten Blutes besitzen, und kann die Gegner nicht begreifen, dass sie gewagt
haben, mit uns anzubinden.«
    »Der Grund ist leicht einzusehen,« antwortete er. »Sie prahlen mit ihren
Pferden, geben ihnen hochtrabende Namen, wie zum Beispiel das beste Pferd von
Luristan, bringen die Stammbäume derselben unter das Publikum und verbreiten
über ihren unschätzbaren Wert so viele und so vollmäulige Geschichten, dass es
schliesslich Niemand mehr wagt, daran zu zweifeln. Jeder, der doch vielleicht
noch den Mut besitzt, eine Wette einzugehen, tut dies aber unter dem Drucke der
Angst, höchst wahrscheinlich besiegt zu werden, und da die Angst niemals zum
Guten führt, so stellt sich stets auch hier die Niederlage ein. Man verliert;
aber nicht das Pferd ist schuld, sondern die Furcht, welche die Energie und
Geistesgegenwart des Reiters lähmte. Bei uns aber ist das anders. Wir sprechen
nicht von unserer Zucht; ja, wir halten sie sogar und ganz geflissentlich
geheim. Und besondere Stammbäume? Wozu diese, wenn überhaupt alles edel ist? Und
das ist es ja, was wir erreichen wollen und erreichen werden! Auch wissen wir
nur allzu gut, wie oft solche Stammbäume täuschen, zumal bei fortgesetzter
Binnenzucht. Darum greifen wir fleissig nach aussen hin, um zu verbessern, zu
veredeln. Sodann hüten wir uns vor prunkenden Namen. Sie sind doch bloss nur
Sand, den man schliesslich sich selbst in die Augen streut. Kein vernünftiger
Mensch glaubt mehr an Namen. Darum wählen wir zur Benennung grad unserer
allerbesten Pferde nur Worte, welche möglichst schüchtern, ja oft sogar
herabsetzend klingen, dabei aber eine bessere, tiefere Bedeutung haben, die nur
von uns selbst, aber von keinem Fremden verstanden wird. Das wirst du noch
sehen. Denn unsere Hauptrenner sind heut noch gar nicht hier, weil eine Prüfung
bei ihnen nicht nötig ist. Aus allen diesen Gründen ist man über das, was wir
besitzen, fast gar nicht orientiert. Frag draussen im ganzen Lande herum, ob wir
imstande sind, ein grosses Rennen gegen auswärtige Pferde zu gewinnen. Man wird
lächeln, sogar über Sahm, deren Name übrigens der einzige ist, der nicht
verschwiegen klingt, und dir sagen, dass man uns Ritt auf Ritt besiegen würde.
Doch mögen sie nur kommen. Wir wissen, was wir haben, und verstehen, es zu
reiten. Und was die Angst betrifft, nun, lähmen wird uns nichts. Weisst du, wer
unser bester Reiter ist?«
    »Wohl du?«
    »O nein, o nein, sondern der Ustad selbst. In dem Augenblicke, an welchem er
den Sattel berührt, ist er nicht mehr der Ustad der Dschamikun, sondern etwas
ganz, ganz Anderes. Er gleicht dann einem plötzlich jung gewordenen Djinni54,
dem jede Faser des Pferdes untertänig ist, und wer es mit ihm aufnehmen will,
der wagt mehr, als er denkt! Hierbei fällt mir ein, dir zu sagen, dass der Scheik
ul Islam einen Eilboten heim nach Chorremabad geschickt hat, natürlich nicht von
hier, sondern von unterwegs aus, denn wir sollten höchst wahrscheinlich nichts
davon erfahren. Aber dieser Bote traf auf einen unserer Pferdehirten, begann aus
Rache für unser Verhalten hier ein Wortgefecht mit ihm und war dabei so
unvorsichtig, sich zu verraten. Er rief dem Hirten höhnisch zu, dass wir verloren
seien, weil Ghulam el Multasim zum Ustad der Takikurden erhoben werde. Hältst du
das für möglich oder nur für eine Lüge, um uns zu ärgern, Effendi?«
    »Ghulam el Multasim, der Bluträcher, der Ertappte und Ueberführte, der
vollständig Ehr- und Gewissenlose - - - Ustad der frommen, kurangerechten
Takikurden? Warum soll das nicht möglich sein? Ich halte es sogar für sehr
wahrscheinlich, nachdem ich den Scheik ul Islam kennen gelernt habe. Dergleichen
Leute sind zu Allem fähig. Warten wir es ruhig ab! Geschieht es wirklich, so
kann es uns nur nützlich sein.«
    »Nützlich? Uns? Dieser Mensch an der Spitze unserer neidischesten Feinde?«
    »Ja. Denn wird man einmal zum Kampf gezwungen, so ist es besser, man hat den
ganzen Pöbel hübsch beisammen, weil man die Hiebe dann umso dichter fallen
lassen kann. Es sollte mich freuen, wenn es würde!«
    Da begann es in den buschigen Brauen des Chodj-y-Dschuna zu spielen; seine
Augen leuchteten auf, und er sagte in frohem Tone:
    »Dank sei Chodeh! Ich sehe immer mehr, dass wir uns keinesfalls zu sorgen
brauchen. Ich habe dir bereits gesagt, dass ich hier verschiedene Stellen
bekleide. In gewissem Sinne bin ich auch so etwas Aehnliches wie Sypahsalar55
und weiss also genau, was es bedeutet, wenn wir das Dschamikun in Waffen! rufen.
Ich wittre Krieg. Hast du vielleicht den Wunsch, einmal Heerschau zu halten?«
    »Allerdings; aber ich versage mir seine Erfüllung. Es würde Aufsehen
erregen, und ich wünsche aber sehr, dass man uns für unvorbereitet halte. Man
soll unbedingt der Meinung sein, uns vollständig zu überrumpeln. Sei noch
verschwiegen! Wir werden uns zur rechten Zeit besprechen, sobald ich meine, dass
sie gekommen sei. Die Fäden sind bereits in meinen Händen.«
    Da kam der Pedehr, zur Schau leider zu spät, doch versicherte er, sich der
Sache umso eifriger anzunehmen. Er war oben im Walde in seiner Jagdhütte gewesen
und versprach mir in liebenswürdigster Weise, gleich neben der seinigen auch für
mich eine bauen zu lassen und sie mir zu schenken.
    Hierauf trennten wir uns, und ich ging mit Schakara und Kara Ben Halef heim.
Der Letztere hatte seinen täglichen Uebungsritt zu machen, und die Erstere bat
ich, von jetzt an ein Auge auf Pekala zu haben und sie zu verhindern, etwa nach
den Ruinen zu gehen. Oben angekommen, besuchte ich meinen Halef und seine
Hanneh.
    Sie hatten sich da oben auf dem ebenen Dache der Halle vortrefflich
eingerichtet und freuten sich über diese meine erste Visite hier in ihrem
»Duar«, wie sie es nannten. Ich sage »sie«, denn Halef schlief nicht, sondern
war wach. Als ich mich zu ihm gesetzt hatte und ihm zärtlich über die
abgemagerten Hände strich, sagte er:
    »Mein lieber, lieber Sihdi! Ich habe gehört, dass jetzt du der Herr des hohen
Hauses bist. Wie kannst du das Alles nur versorgen, ohne dass ich imstande bin,
dir mit zu helfen!«
    Seine Stimme klang verhältnismässig kräftig; sein Atem versagte nicht mehr,
und seine Augen hatten wieder Leben.
    »Sorge dich nicht!« antwortete ich. »Ich brauche keine Hilfe.«
    »Aber du bist ja selbst noch krank und schwach!«
    »Krank nicht mehr, sondern gesund, vollständig gesund. Und was die Schwäche
betrifft, so fühle ich, dass sie mit jeder Stunde geringer wird. Ich erhole mich
mit einer Schnelligkeit, die zum Erstaunen ist, und hoffe, dass dies nun auch bei
dir der Fall sein werde.«
    Als ich hierauf von der Pferdeschau erzählte, war es, als ob das zugleich
heilende Medizin und stärkende Nahrung sei. Und das wirkte augenblicklich. Seine
Wangen bekamen Farbe und seine Züge fast lebhafte Beweglichkeit. Das Wettrennen
war der Punkt, an welchem für ihn die Spannkraft neu geboren zu werden schien.
Darum blieb ich mit ihm bei diesem Gegenstande, bis er ermüdete und schliesslich
die Augen schloss, um mitten im Gespräche einzuschlafen. Inzwischen war es Mittag
geworden, und ich ass mit Hanneh und Schakara in der Halle.
    Dann, als ich hinauf in meine Wohnung kam und das Tal überschaute, sah ich
zahlreiche Reiter ihre Pferde auf der Rennbahn tummeln, was von jetzt an jeden
Tag und zwar von früh bis abends geschah. Ich blieb den ganzen Nachmittag oben,
auch zum Abendessen, welches ich mir heraufbringen liess. Kara wusste Bescheid.
Ich hatte ihm denselben während unserer Heimkehr von der Pferdeschau erteilt. Er
stand, als alle Andern, Schakara ausgenommen, schliefen, mit neuen Fackeln unten
im Hofe bereit.
    Wir gingen erst hinab nach dem Landeplatze, um die Fackeln in das Boot zu
legen. Es war der zweite Tag des neuen Mondes, die Sichel am Himmel schon
breiter und heller als gestern. Sie leuchtete uns. Nun benutzten wir den schon
früh erwähnten, breiten Steinbruchweg, von welchem aus die hier ebene Fläche bis
zu dem Quaderturm hinüberführte. Da dieser eingestürzt war und also oben
offenstand, war es auch in ihm mondeshell. Für den Nebenbau, durch welchen wir
mussten, hatte Kara ein Talglicht mitgenommen, welches angebrannt wurde.
    Der »Aschyk« lag noch genau so, wie wir ihn verlassen hatten. Es war ihm
unmöglich gewesen, sich zu bewegen. Man sollte denken, dass diese Qual,
verzehnfacht durch den Schmerz, den die scharfen Fesseln verursachten, ihn
veranlasst hätte, sich gefügig zu zeigen. Das war aber keinesweges der Fall. Am
Morgen hatte er seine Zuflucht schliesslich doch zur Bitte genommen; nun aber
schien er sich das wieder anders überlegt zu haben. Er empfing uns mit
Vorwürfen, sprach von seiner »Botschaft des Friedens«, nannte sich wiederholt
den »Auserwählten«, den »Missionar«, ohne dessen Hilfe wir verloren seien, und
erdreistete sich endlich gar, zu sagen, dass er uns verzeihen und bei dem
Schah-in-Schah für uns bitten wolle, wenn wir unsere Fehler einsehen und sofort
verbessern würden. Ich machte durch dieses blöde, prahlerische Geschwätz einen
Strich, indem ich ihn summarisch fragte:
    »Kennst du den Scheik ul Islam persönlich?«
    »Nein, nein, nein!« behauptete er zornig.
    »Hast nichts, gar nichts mit ihm zu tun?«
    »Nichts, nichts und dreimal nichts!«
    »Bist nicht in seinem Auftrag hier bei uns?«
    »Nein, nein und tausendmal nein!«
    »Gut! Jetzt bin ich überzeugt; aber wovon, das wirst du sehen. Wir geben dir
jetzt die Füsse frei, doch weiter nichts. Du hast mit uns zu gehen, gehorsam,
still, wenn du den Tod vermeiden willst. Wir wissen mit entsprungenen
Verbrechern umzugehen und kehren uns nicht daran, dass sie im Schutz des Scheik
ul Islam stehen! Merkst du etwas?!«
    Da sagte er nichts mehr! Kara nahm ihm die Riemen von den Beinen und liess
ihn aufstehen. Er wankte infolge der Blutstockung so, dass er gehalten werden
musste. Doch als wir ihn erst einmal draussen im Freien hatten, bekam er nach und
nach immer festern Schritt. So kamen wir den Berg hinab und an die Landestelle.
Als er aufgefordert wurde, in den Kahn zu steigen, weigerte er sich und begann,
wieder laut zu werden. Da warf ihn Kara einfach nieder, zwang ihm ein Stück
mitgebrachtes Zeug als Knebel in den Mund, fesselte ihm die Beine wieder und
schob ihn dann hinüber in das Boot, um ihm dort die Augen zu verbinden. Dann
stiegen wir ein und ruderten nach dem Kanale.
    Als wir das Gestrüpp am Eingang desselben hinter uns hatten, wurde die
Fackel angebrannt und in das erwähnte Loch gesteckt. Erst schoben und dann
ruderten wir uns weiter, bis wir das vordere Bassin erreichten. Der Aschyk
sollte nicht wissen, wo der Weg zur Freiheit zu suchen sei, denn es war meine
Absicht, ihn von den Fesseln zu befreien, und er konnte vielleicht ein guter
Schwimmer sein, obgleich dies von einem binnenländischen Perser, dessen Mutter
Erde ihn so trocken behandelt, nicht zu vermuten war. Darum trieben wir das Boot
in das Becken hinein, bis der Kanal nicht mehr zu sehen war, und nahmen ihm dann
die Binde von den Augen. Der Knebel verhinderte ihn am Sprechen und sein Gesicht
lag so im Schatten, dass wir weder die Augen noch das Spiel der Mienen beobachten
konnten, doch nahm ich an, dass der Anblick dieses schauerlichen Ortes von nicht
geringem Eindruck auf ihn sein werde. Um diesen zu verstärken, nahmen wir uns
die Zeit zu einer vielfach verschlungenen Rundfahrt. Da er auf dem Boden des
Fahrzeuges lag, sah er nur, was oben war, und musste also die Grösse des Beckens
in hohem Grade überschätzen. Das wollte ich!
    Als ich meinte, dass es genug sei, hielten wir bei dem Steine an, auf welchem
das Gerippe lag, dasselbe Gerippe, welches in meinem Traume so vorzüglich
schwimmen konnte und so viel gesprochen hatte. Nun aber war es still. Die Beine
eng und fast bis zu den Rippen emporgezogen, grinste es uns an, als ob es sich
trotz seines Schweigens freue, einen Gesellschafter zu bekommen, der diese
entsetzliche Einsamkeit mit ihm zu teilen habe. Er aber sah es nicht und ahnte
es auch nicht.
    Wir schoben, damit er das Skelett nicht sofort bemerken möge, das Boot nach
der andern Seite des Steines. Kara legte den obern Teil seines Anzuges ab, um
ihn nicht zu beschmutzen, und kletterte hinauf. Ich packte den Gefangenen am
Genick und richtete ihn empor. Er war fast so starr wie eine Mumie und hatte die
Augen zu. War das Ohnmacht, Schreck oder nur Verstellung? Kara fasste ihn von
oben; ich schob nach; so brachten wir den Aschyk mit grösserer Leichtigkeit
hinauf, als zu vermuten gewesen war. Ich hatte angenommen, dass er sich möglichst
widersetzen werde. Nun wurden ihm die Fesseln ab- und der Knebel aus dem Munde
genommen. Dann stieg Kara wieder zu mir herunter und wickelte ein Paket auf,
welches mit den Fackeln zusammengebunden gewesen war. Es entielt für mehrere
Tage Brot. Er warf es hinauf.
    Bis jetzt hatte der Gefangene ruhig gelegen; nun aber regte er sich. Er
tastete zunächst wie blind umher. Dann richtete er, auf die Hände gestützt, den
Oberkörper auf, starrte erst rundum in die gähnende Finsternis hinein und dann
zu uns herunter und stiess dann einen Schrei aus, dessen Echo wie aus
Wahnsinnstiefen von allen Säulen widerklang.
    »Was ist das hier, was, was, was, was?« heulte er. »Die Hölle, in die wir
unsere Opfer stürzten! Die Finsternis, über welche wir lachten, wenn wir von
oben herablauschten und die Körper auf das Wasser schlagen hörten! Und da liegt
Brot, Brot, Brot! Gibt es denn hier noch gute Geister, die sich sogar des
Teufels noch erbarmen, wenn er in der Verdammnis zu sich kommt?«
    Er betrachtete uns. Sein Gesicht war vor Angst verzerrt, doch nahm es
allmählich einen andern Ausdruck an. Die Wirkung des Schreckes begann, zu
weichen. Er besann sich.
    »Du bist es, Effendi, du!« rief er in fast frohem Tone aus. »Also doch
anders, anders als ich dachte! Was soll ich hier? Warum habt Ihr mich an diesen
Ort gebracht?«
    »Du gehörst hierher,« antwortete ich. »Der Mörder zu den Ermordeten!«
    »Ich, ich - - mordete nicht! Das waren Andere! Diese meine Hand ist frei
davon. Ich habe sie nie, nie, nie zum Sturze hergegeben! Sie ist vom Morde rein,
rein, rein!«
    Er hob die Hand wie zum Schwure empor.
    »Aber geliefert hast du die Opfer und schadenfroh auf ihren Fall gelauscht.
Was ist wohl teuflischer als das! Nun hast du Zeit zum stillen Weiterlauschen!
Sie kommen, sie kommen, diese Opfer; darauf verlasse dich! Du wirst sie hören,
du Friedensbote unseres Schah-in-Schah! Es ist dir hier der ganze Raum und alle
Zeit gegeben für das, was sie mit dir zu reden haben. Wir lassen dich allein;
wir werden dich nicht stören!«
    Ich griff zum Ruder, Kara auch.
    »Halt, halt! Bleibt!« schrie er auf.
    Das Boot begann, sich zu bewegen.
    »Nicht fort, nicht fort - - - nicht fort ohne mich! Ich muss mit, mit, mit!«
bat er.
    Ganz so, wie wir unten um die Säule bogen, kroch er oben in gleicher
Richtung weiter. Da sah er das Skelett und brüllte förmlich auf:
    »Der Tod, der Tod - - - leibhaftig, als Gerippe! Hinweg, hinweg, hinweg! Das
halte ich nicht aus!«
    Er erhob sich auf die Kniee, streckte uns die Hände nach und flehte:
    »Erbarmen, Effendi, Erbarmen! Hier gehe ich zu Grunde!«
    Da hielt ich an und antwortete:
    »Was habe ich dir heut früh vorausgesagt? Du werdest auf den Knieen liegen
und mich um was für eine Erlaubnis bitten?«
    »Dir mein Geständnis machen zu dürfen!« jammerte er.
    »Nun gut! Ich habe mein Wort erfüllt. Was tust du nun, um dich zu retten?«
    »Die Wahrheit sagen. Weiter kann ich nichts!«
    »So sprich!«
    Ich tat einen Ruderschlag, um ihm wieder näher zu kommen. Sobald er dieses
Zeichen der Geneigteit sah, kehrte ihm der verlorene Mut zurück. Noch vor dem
Gerippe schaudernd, von dem er sich ab- und zu uns wendete, wagte er doch, von
Neuem zu lügen und zu leugnen:
    »Ich weiss, du prüfst mich nur, Effendi. Du willst sehen, ob ich ein Mensch
bin, der sich Unwahres ersinnt, um sich zu retten, und wirst mich dann, wenn ich
es nicht tue, nur um so höher schätzen. Ich habe mit dem Scheik ul Islam
wirklich nichts zu tun. Nimm mich jetzt wieder mit, und führe mich in dein Haus,
so werde ich dir die Beweise geben, dass ich nur zu Euerm Glück zu Euch gekommen
bin. Ich teile dir alle Geheimnisse dieser Ruinen und die sämtlichen Absichten
Eurer Feinde mit. Ihr wandelt schnurgerad in das Verderben. Ich aber zeige Euch
den Rettungsweg! Die Faust ist hoch erhoben, die Euch treffen soll. Wenn nicht
schon heut, so fällt sie doch ganz sicher morgen auf Euch nieder. Ich aber, der
ich Alles weiss, werde als Euer Beschützer bei Euch wohnen und - - -«
    »Und dann mit deiner Pekala beim neuen Schah in Isphahan erscheinen!« fiel
ich da ein. »Du Narr! Das war die letzte deiner falschen Karten. Zu denken, dass
wir diesem Trumpfe glauben, nachdem wir alle andern schon als falsch erkannten,
ist nicht mehr Wahnsinn, ist Vermessenheit! Fort, Kara, nur fort!«
    Uns von ihm abwendend, senkten wir die Ruder. Einige kräftige Schläge und
der Stein lag schon im tiefsten Dunkel.
    »Halt, halt! Ich will gestehn, gestehn - - - gestehn!« schrie es hinter uns,
und alle Säulen hallten es wider.
    Wir kehrten uns nicht daran und überliessen ihn der Finsternis, die nicht nur
um ihn, nein, auch in ihm gähnte. - - - - - -
 
                                Drittes Kapitel
                                        
                                 Vor dem Rennen
Am nächsten Morgen vermass ich mit Karas Hilfe die Ruinen, so unauffällig wie
möglich. Die Aufmerksamkeit der Dschamikun war derart auf den Rennplatz
gerichtet, dass sie uns gar nicht beachteten. Ich fand, dass meine Vermutungen
mich nicht getäuscht hatten. Die Seitenkanäle lagen genau unter den sich
amphiteatralisch erhebenden einzelnen Stockwerken. Und das Alabasterzelt stand,
allerdings in viel grösserer Höhe, ebenso genau über der Nische des hintern
Bassins.
    Nachdem ich dieses festgestellt hatte, machte ich einen Spazierritt, ja,
einen Spazierritt, freiwillig, ohne dass ich vom Pferde dazu gezwungen wurde. Es
ging vortrefflich, rund um den See, hübsch langsam und bedächtig, bis Assil auf
den Gedanken kam, doch auch mal einen Trab mit mir zu versuchen. Das schukkerte
ein bisschen, und ich kam einige Male etwas schief auf die Seite; aber ich konnte
mich doch unmöglich vor meinem eignen Pferde blamieren und so hielt ich es
nolens volens aus. Da kam mir eine Schar von Jungens entgegen, welche, hier wie
überall, den künftigen Ereignissen vorzugreifen suchten. Die kleineren sassen auf
alten Ziegenböcken, die grösseren auf Eseln. Laut schreiend, lachend, jubelnd kam
mir diese Bande entgegen, mit allen Beinen zappelnd und mit allen Händen in der
Luft. Sie füllten den ganzen Weg, und Keinem fiel es ein, mir auszuweichen. Das
sah Assil ebenso gut wie ich. Er wollte sie nicht über den Haufen rennen,
prallte mitten im Trabe auf die Seite und stand fest. Das gab für mich zwei ganz
unerwartete Stösse, die mich allerdings nicht im geringsten geniert hätten, wenn
ich schon wieder bei vollen Kräften gewesen wäre. So aber war ich nicht stark
genug, mich in den Bügeln zu halten. Ich verlor die Balance und wäre wohl
herabgestürzt, wenn ich nicht schnell den zweiten Stoss benutzt hätte, in
möglichst unlächerrlicher Weise aus dem Sattel zu kommen. Ich schwang, mich auf
den Sattelknopf stützend, das eine Bein über das Kreuz des Pferdes auf die
andere Seite herüber, um der Sache den Anschein zu geben, als ob ich absichtlich
habe hinabgleiten wollen, doch hatte ich diesem Schwunge trotz meiner
Entkräftung oder noch wahrscheinlicher grad wegen derselben zu viel Kraft
gegeben und kam darum nicht nur ganz elegant vom Pferde herab, sondern setzte
mich noch viel eleganter auf den Boden nieder.
    Für einen Augenblick war ich ganz starr darüber, dass mir, mir, mir so Etwas
hatte geschehen können. Auch Assil drehte den Kopf herum, hob sehr verwundert
den Schweif und spielte mit den Ohren, als ob er diese ganze, kolossale
Fatalität für gar nicht wahr, sondern nur für eine ausgesonnene Geschichte
halte. Dann stand ich auf und gab mir Mühe, ein möglichst unbefangenes Gesicht
zu machen, ungefähr so, wie ein Pudel, der beim heimlichen Milchtrinken ertappt
worden ist und sich noch schnell den weissen Schnurbart abwischen will, aber doch
nicht kann. Es versing auch nicht im Geringsten. Die Zeugen meiner »öffentlichen
Sitzung« waren halten geblieben, und alle Ziegenböcke, Esel und Jungens
richteten ihre Augen auf mich. Von den ersteren Kreaturen will ich nicht reden;
auch die Knaben gaben sich aus Ehrfurcht vor dem »Effendi« alle Mühe, nicht laut
aufzulachen, aber in ihren Gesichtern lachte es um so deutlicher; mehrere
kicherten. Das war schon aufrichtiger. Der Aufrichtigste aber war ein lang
aufgeschossener, wahrscheinlich etwas vorlauter »Hans in allen Gassen,« der vor
Wonne von seinem Esel sprang und, mit den Armen windmühlend, in ein schallendes
Gelächter ausbrach, in welches erst die nur Kichernden und dann auch alle Andern
sich bewogen fühlten, einzustimmen.
    »Abgerutscht, abgerutscht!« schrie der Schlingel, indem er einen
Freudensprung tat und dabei in die Hände klatschte.
    Er schien der Anführer und Vergnügungsdirektor dieser lustigen Erynnien zu
sein, denn:
    »Abgerutscht, abgerutscht!« ertönte es nun aus allen Kehlen, wobei alle
Beine sprangen und alle Hände klatschten.
    »Herunter hat er gemusst, herunter!« jubelte er vor.
    »Herunter hat er gemusst, herunter!« triumphierte der ganze Chor ihm nach.
    »Und gesetzt hat er sich sogar, gesetzt, so wie ich hier!«
    Er liess sich bei diesen Worten niederplumpsen. Im nächsten Augenblicke sass
die ganze Räuberbande an der Erde, und Alles schüttelte sich vor Vergnügen und
schrie dazu:
    »Gesetzt hat er sich sogar, gesetzt, so wie ich hier!«
    Natürlich lachte ich mit. Nun aber kam es schlimmer:
    »Dann stand er stolz wieder auf, mit einem solchen Gesicht!«
    Bei diesen Worten krebste sich der Naseweis langsam in die Höhe und ahmte
nach, wie unbefangen ich hatte erscheinen wollen, aber so übertrieben, dass es
auch für mich selbst eine Wonne war, ihm zuzusehen.
    »Dann stand er stolz wieder auf, mit einem solchen Gesicht!« frohlockte es
in allen Tonlagen, deren eine jugendliche Kehle fähig ist. Ein Jeder erhob sich
zunächst auf alle Viere, balancierte sich dann langsam und vollends in die Höhe
und versuchte hierauf, das vorgezeichnete Gesicht so treffend wie möglich
nachzumachen. Der Eindruck keines Lustspieles, keiner Posse kann so hinreissend
sein wie die Wirkung dieser improvisierten, höchst wohlgelungenen Burleske. Was
ein Anderer an meiner Stelle getan hätte, geht mich nichts an. Der Knabe war
begabt, war originell. Ich fragte ihn:
    »Bist du wohl im Reiten ebenso schnell wie mit dem Munde?«
    »Noch schneller!« versicherte er.
    »So? Dann höre, was ich dir sage, mein Junge! Ich sehe, dass Ihr Wettrennen
macht. Hier fangt Ihr wieder an und reitet bis zur letzten Bucht hinunter. Wer
zuerst ankommt, der erhält ein grosses Pul-i-Säfid56 von mir. So steigt also
wieder auf, und reitet los!«
    Da waren sie alle im Nu auf ihren Ziegenböcken und Eseln. Ich hob die Hand,
und die frohe Hetze begann. Natürlich waren die Esel den gehörnten Rennern schon
sehr bald weit voraus. Das gab ein tolles Schreien und Strampeln, um doch noch
nachzukommen! Ich aber stieg vergnügt wieder auf und folgte langsam hintendrein.
Das Seeufer machte weiterhin eine Biegung, welche mir den Anblick der Rennenden
entzog. Als ich diese Stelle erreichte und um sie gebogen war, sah ich gar nicht
weit von mir das ganze »Feld« wieder eng beisammen. Man war abgestiegen und
schien die Burleske hier zu wiederholen, wie ich an den Bewegungen bemerkte und
an dem Gelächter, welches zu mir her scholl.
    Mich nähernd, sah ich den langen Improvisatore am Boden sitzen. Er rieb sich
hinten das Kreuz und machte ein unaussprechlich jämmerliches, elendes Gesicht.
Um ihn herum fielen soeben alle seine Genossen nieder und riefen lachend
durcheinander:
    »Er wollte auf, setzte sich aber wieder nieder!«
    Und einer von ihnen, der das Amt des Vorsprechers übernommen hatte, fuhr
fort:
    »Nun scheuert er sich da in dieser Gegend!«
    Indem er dieses sagte, fuhr er sich mit beiden Händen nach dem Kreuze und
begann, zu reiben. Die Andern machten es ihm schleunigst nach und wiederholten
lachend:
    »Nun scheuert er sich da in dieser Gegend!«
    »Und schneidet dabei folgendes Gesicht!« fügte er hinzu, indem er das
Minenspiel des vom Esel Gestürzten nachahmte.
    »Und schneidet dabei folgendes Gesicht!« repetirte die lustige Gesamteit,
indem auf den Gesichtern aber alle möglichen Uebergangsstaffeln von der
einfachen Betrübnis zur höchsten Verzweiflung zu sehen waren.
    In diesem tragikomischen Augenblicke erreichte ich die jubelnden Bewunderer
meiner Reiterkünste.
    »Was ist denn geschehen?« fragte ich.
    Sie standen höflich auf. Auch mein Kritikaster kam langsam und seufzend in
die Höhe.
    »Der Esel hat mich abgeworfen, Effendi,« antwortete er, fast weinend über
die von dem Tiere an ihm verübte Niederträchtigkeit.
    »Ohne dass dir der Weg versperrt worden ist, wie Ihr es bei mir tatet?«
    »Ja, ohne!« gestand er, indem er nun wirklich und laut zu heulen begann.
    »Beruhige dich, mein Junge. Das ist weiter nichts! Du bist nicht der Erste
und wirst auch nicht der Letzte sein, der über Andere kritisiert und dann vom
eigenen Esel abgeworfen wird. Damit ist das Rennen zu Ende. Aber trotzdem sollt
Ihr Euer Pul-i-Säfid haben. Hier; teilt Euch drein, Jungens!«
    Ich griff in die Tasche und warf das Silberstück unter sie hinein. Sie
stürzten sich alle über dasselbe her, am schnellsten der soeben noch heulende
Schlingel. Seine Kreuzschmerzen wurden durch den Anblick des Geldes
augenblicklich kuriert. Ich aber ritt vergnügt von dannen, um, daheim
angekommen, zu meinem Hadschi Halef hinaufzusteigen. Er war wach, und zwar noch
munterer als gestern. Kara hatte ihm erzählt, was ich in Beziehung auf meine
etwaige Beteiligung am Rennen gesagt hatte, und er war darüber so begeistert,
dass er mich mit den Worten empfing:
    »Hamdulillah, wir werden das Rennen gewinnen, Sihdi!«
    »Wer behauptet das?« fragte ich.
    »Ich, Hadschi Halef Omar, der Scheik der Hadeddihn vom grossen Stamme der
Schammar! Du reitest ja mit, und da werden wir auf alle Fälle siegen!«
    »Nicht so laut, mein Halef, sonst wirst du ausgelacht!«
    »Warum? Von wem?«
    »Weil ich soeben vom Pferd gefallen bin.«
    »Du? Kara Ben Nemsi Effendi, der jedes Pferd hinwirft, aber es nicht ihn?!«
    »Ja, ich!«
    Nun setzte ich mich nieder und erzählte. Ich war bei guter Stimmung, und so
gelang mir mein Bericht derart, dass der brave Hadschi sich in ein Lachen
verwickelte, aus welchem er gar nicht wieder herauskommen konnte. Sich
vorzustellen, dass sein Sihdi vom Pferde »gerutscht« sei, war das Allerlustigste,
was er sich nur denken konnte.
    »Wieder eine Arznei!« sagte er, als er sich endlich beruhigt hatte. »Das
kuriert! Alle Tage zweimal so lachen, Vormittags einmal und Nachmittags einmal,
da werde ich in kürzester Zeit gesund und mache das Rennen auch noch mit! Denn,
weisst du, Sihdi, der Frohsinn ist der allerbeste Arzt. Ueber ihn kommt kein
Hekim und kein Hekimbaschi57. Darauf kannst du dich verlassen!«
    Nach dem Mittagsschläfchen, welches ich mir gönnte, kam ein Kalhuri-Reiter,
welcher mir eine Botschaft von dem Ustad brachte. Es war eine gute. Der Schah
befand sich zur Zeit nicht in Isphahan sondern auf seinem uns viel näher
liegenden Schloss Mihribani, und zwar mit fast seinem ganzen Hofstaate, ein
Umstand, welcher die Abwesenheit des Ustad ganz bedeutend abkürzen konnte. Der
Bote suchte dann seinen Gebieter, den Scheik der Kalhuran auf, dem er eine
wichtige Mitteilung zu machen hatte. Wie ich dann erfuhr, betraf sie die
Bruderhilfe von Seiten sämtlicher Kalhuran, falls die Dschamikun von irgend
einer andern Seite angegriffen werden sollten. Der Ustad schien also unterwegs
Beobachtungen gemacht oder Dinge erfahren zu haben, welche sich hierauf bezogen.
    Später sass ich, in einem seiner Werke lesend, auf meinem platten Dache, da
sah ich Schakara. Sie war drüben in den Ruinen, auf dem wüsten Vorhofe der
zweistöckigen Etage, über deren schmaler Tür sich die zwei zerbrochenen Tafeln
befanden. Da ich grad am Schlusse eines Kapitels angekommen war, legte ich das
Buch weg, um sie zu überraschen. Sie hatte ein Gefäss in der Hand und schien
Brom- oder Himbeeren zu pflücken, die es dort in Masse gab. Dass dieser Vorhof
voll dorniger Sträucher und Stachelranken war, habe ich bereits gesagt.
    Ich stieg also meine Stufen zum Glockenwege hinüber und ging von hier aus
auf dem schmalen Ruinenfelde nach dem Turme, in welchem wir den Aschyk
festgenommen hatten. Hier war eine Treppe gewesen, welche in den Vorhof, wohin
ich wollte, hinuntergeführt hatte. Jetzt war sie kaum noch zu erkennen,
verwittert, zerbröckelt und mit allerlei Geröll ausgefüllt, aber für bedächtige
Füsse doch noch gangbar. Ich glitt mehr, als ich stieg, diese Steilung hinab und
wand mich zwischen den Beerenranken hindurch, um zu Schakara zu kommen. Da sah
sie mich. Sie deutete nach der entgegengesetzten Seite und sagte:
    »Wärest du doch von daher gekommen; da ist es viel bequemer. Da findet man
sich sogar des Nachts zurecht!«
    Ich sah freilich, dass von dem breiten Steinbruchwege der Zugang zu diesem
Vorhofe ein viel kürzerer und leichterer war. Das hatte nichts Auffälliges.
Dennoch hielt ich ihre letzten Worte fest und fragte, als ich sie erreichte:
    »Des Nachts? Weisst du das so genau?«
    »Wie aufmerksam du bist und Alles gleich bedenkst!« antwortete sie, indem
sie das Gefäss zu Boden setzte. Es waren wirklich Hubub58 darin. »Ich bin
allerdings schon hiergewesen, des Nachts.«
    »Allein?«
    »Allein und doch nicht allein. Von unsern Leuten war Niemand hier, dafür
aber Andere.«
    »Wer?«
    »Ja, wer das wüsste! Ich wollte dir es später sagen, weil du dich schonen
sollst. Aber weil du nun einmal hier bist und auch gleich fragst, will ich es
dir nicht länger vorentalten. Du weisst, dass ich mich bei den Dschamikun
befinde, um zu beobachten; was, das sage ich dir schon noch. Ich gehöre nicht zu
den Frauen, welche vor der Nacht erschrecken und sich fürchten, wenn es dunkel
ist. Wer nur das Gute will, braucht nirgends Angst zu haben. Und ich liebe grad
das Sternenfirmament und den guten Mond, der so verschwiegen tut und doch so
gern erzählt, wenn man ihn nicht verachtet.«
    »Ich auch.«
    »Auch du? Wieder ähnlich! Das war also der Mond, mein alter lieber Freund,
der kam zu mir, als ich nicht weit vom Garten sass, und zeigte mir die magische
Gewalt der alten Mauern, der man kaum widerstehen kann, wenn sie in seinem
Glanze wie erzittern. Ich musste mich erheben und mit ihm hier herüber. Wie kam
es doch, dass er mich grad bis dort zur Ecke führte, wo der Gedanke auf mich
wartete, mich in den tiefen Schatten hinzusetzen? Der Abend war so schön. Er
wartete auf seine Mitternacht. Und als sie kam, floss silbern ihr Gewand, und auf
dem Haupte trug sie alle Sterne. Doch hinter ihr kroch leise es heran,
verstohlen, heimlich, jeden Laut vermeidend, fast so, wie ich mir ein Gewissen
denke, das sich durchs Leben nur noch schleichen kann. Es waren Menschen. Sie
kamen nicht zusammen, sondern einzeln. Dort von dem breiten Pfad nach hier
herüber und huschten alle nach der engen Tür, in welcher sie verschwanden. Der
Letzte kam nach einer längern Pause. Sein Angesicht war schwarz; wovon, das
konnte ich nicht sehen, weil ich so fern von seinem Wege sass. Er war sodann der
Erste, der, wie mir schien, nach einer halben Stunde den Bau verliess und nach
den Brüchen ging. Nach wieder einer Pause erblickte ich den Nächsten, der ihm
folgte. Sie kamen allesamt zurück, doch ebenso vereinzelt wie vorher. Ich hatte
sie gezählt und schlich dem Letzten nach. Er stieg nicht ganz hinunter. Er
wandte sich zur Seite, um den Duar herum, als ob er ihn vermeiden müsse und doch
hinüberwolle nach dem See. Das lenkte meinen Blick hinaus ans Wasser. Ich habe
scharfe Augen, und günstig war mir meines Freundes Licht. Ich sah, dass Reiter
sich von dort entfernten, genau so einzeln wie die Fremden hier.«
    »Hat sich diese Beobachtung später wiederholt?« fragte ich.
    »Nein. Ich sah es nur einmal.«
    »Wieviel Personen waren es?«
    »Sechs, mit dem Letzten.«
    »Kannst du dich vielleicht auf den Tag besinnen?«
    »Sehr genau. So Etwas merkt man sich. Am nächsten Montag werden es vier
Wochen.«
    »Sprachst du mit irgend Jemand schon davon?«
    »Nein.«
    »Warum nicht?«
    »Ich schwieg, weil das mit meinem Zweck zusammenhängt, doch dachte ich sehr
oft darüber nach. Ich wollte an demselben Mondestag mich wieder dortin an die
Ecke setzen, um zu erfahren, ob sie kommen würden.«
    »Schakara!« rief ich da aus.
    »Was, Effendi? Worüber bist du so überrascht?«
    »Dass du so deutlich ahnst! Dass das in dir so klar am Tage liegt, was ich aus
der Verborgenheit mit aller Mühe zerre! Du sollst die Seele sein und bist sie
wirklich! Dschanneh, Dschanneh, die sicherer empfindet und überzeugender das
Ferne schaut, als es dem Geist, dem stolzen, möglich ist!«
    »Dschanneh?« fragte sie. »Hast du dieses Wort von Marah Durimeh gehört? Es
ist mein Kosename. So nannte sie mich stets, wenn sie mich zärtlich, lobend an
sich zog und mir das Haar mit Mutterlippen küsste.«
    »Wirklich? Wirklich? Kosename? Mein Kind, wenn Marah Durimeh in solchem
Augenblick dir einen Namen gibt, so liegt in diesem Kosen tiefste Wahrheit. Man
ruft dich Schakara, damit du dankbar seist. Wofür? Nicht nur Dschanneh zu
heissen, es wirklich auch zu sein!«
    »Ich verstehe dich nicht, Effendi, und doch fühle ich, dass du nichts
Falsches sagst. Ich sprach von meiner Wiederkehr nach jener Ecke dort. Ich
wollte gern erfahren, ob sich in dieser Mäjmä-i-Yähud59 vielleicht ein - - -«
    »Mäjmä-i-Yähud?« unterbrach ich sie schnell. »Sonderbar, höchst sonderbar!
Wie kommst du auf diesen Namen für grad diese Etage?«
    »Ich weiss es nicht. Ich halte sie dafür. Das kommt mir so empor und auf die
Zunge!«
    »Ja, ich verstehe. So muss es sein! Du ahnst und darfst nicht ahnen!
Dschanneh, Dschanneh, das unbewusste Wissen! Wir gehn gleich jetzt nach dieser
deiner Ecke und setzen uns dort nieder. Ich habe zu erzählen. Du wirst sie
kommen sehen, am hellen Tageslicht, die Schatten alle und zuletzt die Männer,
die du des Nachts damals gesehen hast.«
    Wir gingen hin. Es gab jetzt nicht Mondes- sondern Sonnenschatten dort. Ein
grosser, niedriger Stein lag da; der diente uns als Bank. Ich begann meinen
Bericht da, wo ich am Tigris die Sillan belauscht und zum ersten Male das Wort
Mäjmä-i-Yähud gehört hatte, und berichtete ihr Alles, was dann geschehen war und
bestimmt zu sein schien, grad mich, den Fremden, den eigentlich ganz
Unbeteiligten, als den gefährlichsten Feind der Schatten heranzuziehen. Sie
hörte still zu, ohne Unterbrechung, wie das so ihre liebe, verständige Weise
war. Als ich geendet hatte, holte sie tief Atem und sagte:
    »Effendi, liegt nicht in dem Allen ein fester, zielbewusster und sicher
vorwärtsschreitender Wille? Kein Fatum, kein Kismet, sondern eine Führung, eine
Oberleitung, welche zwar dich erkoren hat, ihre Absichten auszuführen, aber dir
doch jeden möglichen Spielraum für deine eigenen Gefühle, Gedanken und
Entschlüsse lässt? Wer hat dies angeordnet, und wer sind all die Guten,
Mächtigen, die dich in jeder Not beschützen und stetig dafür sorgen, dass deine
Augen immer weiter und immer klarer sehen dürfen? Du gehst den Weg, den du den
deinen nennst; er ist es auch, jedoch zugleich der ihre. Weich ja nicht von ihm
ab! Lass dich nicht auf die Pfade Anderer hinüberlocken! Du würdest diesen
starken Schutz verlieren und nicht Gebieter, sondern Sklave sein! Das ist
dieselbe Führung, die auch mich, sobald du kamst, zum hohen Hause brachte. Das
sehe ich jetzt ein. Wir reichen uns die Hände, zum Heil der Dschamikun. Und nun
ich dieses weiss, kann ich jetzt offen sprechen: Hast du Zeit, Effendi?«
    »Für meine Seele stets. Das bist du ja - - Dschanneh!«
    »Wie mich das freut, dass dieser liebe Name mir auch aus deinem Brudermunde
klingt! Du weisst, dass ich von Marah Durimeh beauftragt bin, im Stillen hier zu
forschen. Der Ustad sollte zwar nichts davon wissen, doch aber dann das Resultat
erfahren. Du ahnst es nicht, wie weit sie blickt, die hohe Frau im ärmlichen
Gewande! Und ihre scheinbar schwache, kleine Hand, wie ist sie doch so mächtig,
wenn es gilt, den Guten zu bewahren vor dem Bösen! Sie kennt die Schatten, kennt
auch ihr Gebahren und lässt sie nicht aus ihrem scharfen Auge. Für diese Gegend
hier soll ich dies Auge sein. Darum mein stilles Wandern überall und auch mein
Forschen hier in den Ruinen.«
    »Sogar des Nachts! Hast du denn wirklich keine Furcht?« fragte ich.
    »Furcht? Fürchtest du dich wohl, Effendi?«
    »Nein.«
    »So sag, warum soll die Seele Angst haben, wenn nicht einmal der Geist sich
ängstiget? Kennst du denn diese Beiden noch so wenig, dass du wohl ihn für
riesenstark, doch aber sie für hilfsbedürftig hältst? Ich bitte dich, glaub an
das Gegenteil! Denk an die Seele deines eignen Volkes! Lass alle, alle Geister
Eurer Weltgeschichte sich gegen sie, die Wunderbare, wappnen, was wird sie tun?
Nur lächeln? Angst aber gibt es nicht! Vor wem denn auch?! Du weisst es ja, ich
wollte wiederkommen, um jene sechs Geheimen zu belauschen, was jedenfalls nicht
ganz gefahrlos wäre, und doch ist mir dabei nicht eingefallen, an Furcht auch
nur zu denken. Ich ging am Tag nach der erwähnten Nacht dann wieder her, die
Spuren zu betrachten. Sie führten in das Allerheiligste, wo man gesessen hatte,
doch jeden Falles zu Beratungszwecken.«
    »Sahst du noch Weiteres?«
    »Nein.«
    »Wo liegt das Allerheiligste, von dem du eben sprachst?«
    »Es ist der zweite Raum durch jene schmale Tür.«
    »Ich bitte dich, ihn mir zu zeigen.«
    »Jetzt?«
    »Ja.«
    »So warte! Es ist vollständig dunkel drin; ich aber hole Licht.«
    »Im Hause drüben?«
    »Nein. Ich habe Kerzen hier versteckt, weil ich sie öfters brauche.«
    Sie entfernte sich, kam jedoch schon nach kurzer Zeit wieder. Ihr Versteck
lag also in der Nähe. Wir gingen nach der erwähnten, schmalen Tür. Von Weitem
sah es so aus, als ob der Gestrüpphaufen vor derselben ganz undurchdringlich
sei; aber er war an der Mauer hin so vollständig niedergetreten, dass man gut
passieren konnte. Und das schien gar nicht selten zu geschehen!
    Als wir eingetreten waren, befanden wir uns in einem quadratischen, hohen
Raume, welcher drei Türöffnungen besass, natürlich ohne Türen. Durch die eine
waren wir gekommen. Links führte die zweite in einen langen, schmalen Saal, grad
vor uns die dritte in das Allerheiligste. Auch rechts war eine Tür gewesen, aber
schon längst vermauert worden. Ich habe diese Etage zweistöckig genannt. Von
aussen schien sie es zu sein, der untere Stock ohne, der obere mit Fenstern,
schmale, wagerecht liegende Lichtlöcher, wie man sie in Deutschland zuweilen an
alten Scheunen sieht. Von einer Innenbeleuchtung durch die Sonne hatte da keine
Rede sein können. Die Versammlungshalle, in welcher wir uns befanden, ging durch
beide Stockwerke. Die Decke wurde durch eine einzige, überaus starke Mittelsäule
getragen, welche aus einem grossen, steinernen Wasserbottich zu steigen schien,
der jetzt natürlich aber trocken war. Hatte man sich in diesem steinernen »Meer«
gereinigt, wie später in dem gegossenen? Der Boden bestand aus grossen Platten,
die aber vor Schmutz nicht zu sehen waren.
    Wir brannten eine Kerze an und gingen nach der gegenüberliegenden Tür, um in
das Allerheiligste zu treten. Wie war Schakara zu diesem Worte gekommen? Kannte
sie die Bibel? Diese Abteilung war kleiner und niedriger als die vordere und
vollständig fensterlos. Es gab da eine schwere, schlechte Luft. Drei Wände waren
kahl; die hintere nicht.
    Dort stand Etwas, was ich für einen Altar hielt. Ein Israelit hätte es
wahrscheinlich für eine Nachbildung oder gar für das Uroriginal der Bundeslade
gehalten. Und darüber zog sich, so breit wie diese Hintermauer war, eine Art von
Empore hin, zu welcher früher eine Treppe geführt hatte, die aber nicht mehr
existierte. Man sah die Stellen noch, wo die einzelnen Stufen an die Seitenwand
gestossen hatten. In der Mitte sahen wir dreimal drei steinerne, einst für die
Priester bestimmte Sitze. Auch hier bestand der Boden aus Platten. Der auf ihnen
liegende Schmutz war noch grösser als draussen.
    Schakara bewies mir, dass die sechs fremden Männer auf diesen Steinen
gesessen hatten. Wir sahen die Stellen, wo die Talglichter, die sie mitgehabt
hatten, festgetropft und dann wieder losgerissen worden waren. Der
zurückgebliebene Talg war noch so sauber, dass diese fettigen Flecke nicht über
vier Wochen alt sein konnten. Und als wir genauer suchten, fanden wir ähnliche,
aber viel ältere Flecke in Menge. Das stimmte ganz genau mit dem, was wir wussten
und was wir uns dachten.
    Nun nahm ich Schakara das Licht aus der Hand, um nach weiteren Spuren zu
suchen. Sie konnte hierin doch nicht die Erfahrung besitzen, die ich hatte. Ich
fand nichts, als menschliche Fussstapfen. Aber endlich, als ich eben aufhören
wollte und in die letzte, hintere Ecke leuchtete, sah ich einen andern Eindruck
im tiefen, mehligen Staube. Das war von keinem Fusse, sondern von einer starken
Stange oder etwas Aehnlichem, welche hier eingestossen und oben an die Empore
gelehnt worden war. Und gar nicht weit davon lagen zwei losgebrochene, kurze
Holzästchen, die ich aufhob und aufmerksam betrachtete.
    »Warum so nachdenklich, Effendi?« fragte Schakara. »Zwei Stückchen Holz,
weiter nichts! Wer weiss, wie sie hierhergekommen sind!«
    »Wer? Ich weiss es. Und - - weiter nichts, sagst du? Es ist viel, sehr viel!
Als ich diesen Raum sah, in welchem die Päderan ihre geheimen Versammlungen
abhalten, dachte ich sogleich daran, in welcher Weise man sie belauschen könne,
wenn sie Montag wiederkommen. Man müsste vorher da hinauf auf die Empore steigen.
Das war mein Gedanke. Jetzt sehe ich, dass ich nicht der Erste bin, dem dieser
Einfall gekommen ist. Sie sind schon belauscht worden.«
    »Von wem?«
    »Das sagen mir diese beiden Aestchen leider nicht. Man hat eine Leiter oder
wenigstens eine Stange gebraucht, um die Empore zu erreichen, aber keines von
beiden gehabt. Darum ist man in den Wald gegangen, um sich ein passendes
Baumstämmchen zu holen. Die Aeste wurden abgeschnitten. Einige dürre Zweigreste
aber blieben. Das stemmte man hier unten in den Boden und legte es oben an. Beim
Hinaufklettern wurden die beiden Aestchen abgebrochen. Sie und das Loch hier
verraten mir das. Wenn man in dieser Weise hinaufklettert und die Stange nach
sich zieht und sie lang niederlegt, kann man fast sicher sein, nicht entdeckt zu
werden.«
    »Das leuchtet mir ein, Effendi. Wer mag wohl der Betreffende gewesen sein?«
    »Ein Dschamiki keinesfalls, denn ein solcher hätte es nicht nötig gehabt, zu
einem solchen Behelfe zu greifen.«
    »Kein Dschamiki - - -!« sagte sie nachdenklich. »Effendi, da fällt mir Etwas
ein. Ich habe eine solche ganz roh zugeschnittene Stange gesehen.«
    »Wo?«
    »Droben in dem Quaderturme, wo Ihr den Aschyk ergriffen habt.«
    »Wann?«
    »An dem Morgen, an welchem ich hier nach diesen Spuren suchte. Ich ging dann
durch die obere Etage, auch in den Turm. Da sah ich ein Fichtenstämmchen liegen,
ganz so, wie du es beschrieben hast. Auch die Länge stimmt. Ich dachte, ein
Dschamiki sei hier gewesen; darum fiel es mir nicht auf. Am Nachmittage kam ich
wieder hin; da war es weg.«
    »Ah der Aschyk! Er! Er belauschte die Päderan! Also gehört er nicht zu
ihnen! Falls er ein Sill ist, ist er nur ein gewöhnlicher! Hat er dem Scheik ul
Islam hierüber zu berichten? Oder tut er es nur, weil er zu den Sillan gehört,
die sich gegen ihren Aemir empören wollen? Es gilt, nicht allzu schnelle
Schlüsse ziehen. Wir haben ja Zeit, hierüber nachzudenken. Komm!«
    Wir gingen. Draussen wendeten wir uns nach der dritten Tür, die nach dem
langen, schmalen Saale führte. Wir fanden nichts Auffälliges. Aber als wir an
sein Ende kamen, gab es keine Wand, sondern einen Schuttaufen, der nicht ganz
bis hinauf zur Decke reichte.
    »Schakara!« rief ich laut und verwundert aus. »Mein Traum, mein Traum! Das
ist das Geröll, ganz genau das Geröll, von welchem herunter mich der Zauberer
beobachtete! Mich dünkt, ich müsse seinen Kopf da oben erscheinen sehen. Das ist
doch sonderbar!«
    »Sonderbar?« fragte sie. »Effendi, Effendi, du weisst wirklich noch gar nicht
viel von deiner Seele! Und doch seid Ihr auf Euer Müdschewwedet60 so stolz!
Suchst du nicht auch nach der Treppe, auf welcher du im Traum hinaufgestiegen
bist zum Schatten an der offnen Tür?«
    »Die liegt drüben auf der andern Seite, die zugemauert ist.«
    »So lass dort öffnen, und ich bin überzeugt, dass sie vorhanden ist!«
    »Das werde ich wohl tun, jedoch zu seiner Zeit. Jetzt möchte ich hinaus, nur
wieder an die Sonne! Aber warte; da fällt wir Etwas ein. Da hinter diesem Schutt
geht es ja tief hinunter in das Wasser, wo der Aschyk ist. Ich muss ein
Lebenszeichen von ihm haben!«
    Ich kletterte hinauf. Sie folgte mir sogleich, indem sie mein Gewand
ergriff.
    »Um Chodehs willen, stürze nicht hinab!« warnte sie.
    »Keine Sorge! Ich bin vorsichtig!«
    »Ich halte dich dennoch und lasse dich nicht los! Stürzest du, so gehe ich
auch mit unter!«
    »Das ist Dschanneh, Dschanneh, die Seele, die mit dem Geiste steigt und mit
ihm fällt!«
    Der Haufen war oben breit und fest, doch nahm ich mich in Acht. Schakara
hielt mich trotzdem noch fest. Ich atmete hier eine feuchte Luft. Die Decke über
mir war von Schimmel überzogen. Nun rief ich laut, wieder und wieder. Nach dem
dritten Male kam Antwort, aber was für eine! Es war, als ob da unten hunderte
von Stimmen zeterten und brüllten, eine Folge des vielfachen Wiederhalles.
Verstehen konnte ich nichts. Doch genügte es ja, zu wissen, dass er noch lebte
und nicht vom Steine herabgeglitten und ertrunken war. Ich kroch also zurück und
stieg hinab zum festen Boden. Da wischte Schakara sich den Schweiss von der Stirn
und bat:
    »Effendi, nie, nie wieder so etwas Fürchterliches! Das musst du mir
versprechen!«
    »Ich denke, du hast weder Furcht noch Angst?« antwortete ich.
    »Nur um mich selbst! Für Andre aber kann und muss ich zittern! Komm schnell
hinaus! Ich muss dich draussen sehen!«
    Sie zog mich fort und gab mich erst dann wieder los, als wir den Vorhof
erreicht hatten. Sie konnte nicht anders; es lag in ihrem Wesen. Nun atmete sie
auf, tief und froh, und sprach:
    »Da drin sah ich nichts als den Untergang, als das Verderben! Die Zeit ist
da; es kracht schon überall! Hier aber stehe ich im klaren Sonnenlicht und sehe
schon von fern die Hilfe kommen. Im Osten sind bereit die Kalhuran, und dort, wo
sich die höchsten Berge öffnen, erscheint die Hilfe Marah Durimehs. Ich brauche
ihr das Zeichen nur zu geben, so sendet sie die kampfgewohnten Scharen, die sie
bereit hält gegen unsre Feinde.«
    »Sie hält Hilfe bereit?« fragte ich schnell. »Das wäre ja köstlich für uns!
Sie ist also überzeugt gewesen, dass es zum Kampfe kommt?«
    »Ja. Und sie hat sich vorbereitet. Ihr sollt Euch auf den Schah-in-Schah
verlassen, ja. Er hat euch lieb und ist der Herrscher dieses Reiches. Aber die,
welche sich seine Hohen nennen, verwandeln seine Liebe unterwegs in Hass und
spiegeln aller Welt die grosse Lüge vor, er habe ihnen die Gewalt gegeben, die
doch nur er allein besitzen kann. Der Ungehorsam schliesst sich ihnen an und
macht sie scheinbar stark, dem Herrn zu widerstehen. Wer still des Herrschers
gute Wege wandelt, wird angefeindet, möglichst unterdrückt. Wer aber sich vor
jenen Grossen beugt, aus Dummheit, oder auch des Vorteils wegen, den unterstützen
sie auf jede Art und Weise. Der Schah ist gütig, aber auch gerecht. Er straft
nicht gleich. Doch kommt dann seine Zeit, so fällt das Wort, das wie ein Hammer
schmettert. Der kluge Untertan greift ihm nicht vor. Die Trägheit nur braucht
immerwährend Hilfe. Für Jeden aber, der Charakter hat, ist es wohl
Mannesseligkeit, zu wissen, dass er sich füglich selber helfen könne. Effendi,
komm; Charakter ist vorhanden! Wir greifen gern mit eignen Händen zu. Und wenn
der Schah das sieht, wird er sich freun. Denn darin grad, dass wir es selbst
vollbringen, liegt seine grösste Macht: direkte Volkesliebe!«
    Sie hatte sehr ernst gesprochen. Nun nahm sie das Gefäss auf und fügte mit
herzlichem Lächeln hinzu:
    »Diese Beeren pflückte ich für dich und den kranken Hadschi. Natursäfte!
Besser als Alles, was die Kochkunst unverständig mischt!«
    »Gib sie ihm alle, Schakara! Ich habe Charakter und pflücke mir jetzt
selber!«
    Da verwandelte sich ihr Lächeln in jenes kurze, wohlklingende Lachen,
welches ich so gern von ihr hörte.
    »So gehe ich voran,« sagte sie. »Hanneh weiss, dass ich komme.«
    Ich blieb noch eine ganze Weile, um mir die grossen, weissen Himbeeren
schmecken zu lassen. Da hörte ich meinen Namen rufen. Als ich mich umdrehte, sah
ich Kara Ben Halef, welcher an der schon einmal erwähnten Mauerstelle
herabgeklettert und dann auf mich zugeeilt kam.
    »Sihdi, ich bringe dir Besuch, sehr hohen Besuch,« sagte er.
    »Wen?«
    »Das darf ich dir nicht sagen.«
    »Woher?«
    »Auch das soll ich verschweigen. Du sollst selbst kommen und sehen.«
    »Etwas Gutes?«
    »Sehr, sehr!«
    Da ich jetzt noch nicht klettern wollte, gingen wir zum Glockenweg hinauf.
Unterwegs erzählte mir der junge Hadeddihn:
    »Ich machte meinen Uebungsritt, dieses Mal nach dem Hasenpasse. Da kam mir
ein Reitertrupp entgegen, bei dem sich einer der Dschamikun befand, die mit dem
Ustad fortgeritten sind. Der Anführer war ein sehr vornehmer Perser. Er wusste,
dass der Ustad verreist ist, und fragte nach dir; er habe dich zu besuchen. Ich
kehrte selbstverständlich mit ihnen um und bin soeben angekommen. Er hat mit
Schakara gesprochen und auch mit dem Pedehr. Beide beeilten sich sofort, die
obere Etage des Wartturmes aufzuschliessen, wo sich einige Stuben für besondere
Gäste befinden. Da soll er wohnen. Jetzt ist er in der Halle.«
    »Wieviel Dienerschaft?«
    »Nur drei Stallburschen für die Pferde.«
    »So ein vornehmer Herr? Und in dieser unsichern Gegend!«
    »Für seine Sicherheit hatte er gesorgt. Es hatte ihn eine Schar von Kalhuran
bis an den Pass begleitet und war dort von ihm entlassen worden. Es sind im
ganzen acht Pferde, vier zum Reiten, drei für das Gepäck und ein lediges,
welches wertvoll zu sein scheint, denn es ist ganz und gar in einen Anzug
geschnallt, der nur die Hufe, die Nüstern und die Augen sehen lässt. Sogar der
Schweif ist sorgsam eingewickelt, in einen leichten, dünnen Schleierstoff, wie
vornehme Damen ihn vor dem Gesicht tragen. Ist das nicht sonderbar?«
    »Hiernach scheint das Pferd allerdings von grösstem Wert zu sein. Wir werden
ja sehen!«
    Als wir in den Hof kamen, befanden sich die Pferde schon nicht mehr da. Sie
waren einstweilen in das Gewölbe gebracht worden, in dem sich die gefangenen
Soldaten befunden hatten. Ich ging in die Halle. Da sass der Fremde mit dem
Pedehr. Er trug einen persischen Reiseanzug. Als er mich kommen sah, sprang er
auf. Er erkannte mich und ich ihn.
    »Dschafar!« rief ich aus.
    »Mein Retter!« klang es aus seinem Munde.
    dabei eilte er auf mich zu, schlang die Arme um mich und küsste mich fünf,
sechs, acht mal, auf den Mund, auf die Stirn, auf die Wangen, wohin er nur
gleich kam! Ich war damals in den Vereinigten Staaten zuweilen etwas streng
gegen ihn gewesen; das schien er aber vollständig vergessen zu haben. Er
strahlte förmlich vor Freude; die meinige war ebenso herzlich, aber stiller, und
doch dauerte es längere Zeit, bis alles schnell fragende Hin und Her vorüber war
und wir uns niedersetzten. Der Pedehr war so vernünftig, zwei Hukah's61 kommen
zu lassen. Das Rauchen derselben und das stete Bemühen, sie nicht ausgehen zu
lassen, zwang uns zum ruhigeren Gespräche. Da wir uns jetzt nicht im »wilden
Westen« sondern im innersten Oriente befanden, nannten wir uns nach der Sitte
dieser Gegend sofort du. Sonderbarer Weise schien er um keinen Tag gealtert zu
sein, und von mir behauptete er, dass ich jetzt jünger aussehe als damals. Der
persischen Anstandslehre zu gehorchen, hielt ich ihm gegenüber nicht für nötig.
Man hat geduldig zu warten, bis dem Andern die ersehnte Mitteilung beliebt. Das
fiel mir aber gar nicht ein. Ich fragte ihn sehr einfach, woher er wisse, dass
ich mich hier bei den Dschamikun befinde. Da sah er mich kopfschüttelnd an und
fragte:
    »Hast du denn nicht gewusst, dass ich ein Bekannter des Ustad bin?«
    »Doch!«
    »Und da hast du dir nicht gedacht, dass es sein Erstes war, mich zu
benachrichtigen, als du hier angekommen warst? Ich hatte erzählt, was ich dir zu
verdanken habe, und wie sehr ich wünsche, dich einmal wiederzusehen! Er hat mich
wiederholt über dein Befinden unterrichtet, dir aber nichts davon sagen dürfen,
weil ich dich hier überraschen wollte. Nun bin ich endlich da! Und habe dich zu
grüssen! Von wem?«
    »Nun?« fragte ich.
    »Vom Schah-in-Schah.«
    »Von - - - dem?!« rief ich erstaunt aus.
    »Da gibt es doch nichts zu verwundern! Es ist vielmehr sehr einfach! Ich
erzählte ihm von dir. Und nicht nur einmal, sondern öfters. Du hieltest mich da
drüben in Amerika für einen Unwissenden, einen unvorsichtigen Träumer. Aber - -
-« fügte er mit feinem Lächeln hinzu - - - »diese Träumerei war Tebdil, war
Hasslama62, obgleich ich zugebe, dass ich die Verhältnisse allerdings nicht
kannte, sondern sie erst studieren wollte und mir dabei zuviel zugetraut hatte.
Meine Aufgabe war - - - doch davon vielleicht später! Kurz, der Schah lernte
dich aus meinen Erzählungen kennen, und nicht bloss kennen, sondern mehr. Er
erfuhr Alles, was ich von dir wusste. Und kürzlich stellte sich auch noch ein
Anderer ein, der ihm noch mehr als ich von dir erzählen konnte. Das war ein
Engländer, welcher David Lindsay heisst und - - -«
    »Lindsay ist in Isphahan?« unterbrach ich ihn schnell.
    »Nicht mehr, sondern schon wieder fort.«
    »Wohin?«
    »Zunächst nach Jesd hinüber, so viel ich weiss. Dann will er hierher, um mit
dir weiter zu reisen. Ich glaube aber nicht, dass er dazu kommen wird. Ein
Verwandter, der bei ihm ist, nämlich ein General, aber kein Original, hat ihn so
in Beschlag genommen, dass du wohl kaum hoffen darfst, deinen sonderbaren Freund
jetzt wiederzusehen. Er wurde mir vorgestellt und erzählte mir von dir, aber so
viel und so interessant, dass ich ihn bat, mich zu besuchen. Ich machte den Schah
auf ihn aufmerksam. Die Folge war ein sehr unterhaltender Abend zu Dreien. Der
Gegenstand des Gespräches waren seine Reisen mit dir und die Absichten, welche
du mit diesen Reisen verbindest. Du wirst wissen, dass der Schah Bücher schreibt.
Auch ich bin Schriftsteller. Man nennt mich sogar Dichter. Da ist es
begreiflich, dass er sich sehr lebhaft für dich interessierte und sich freute,
dich jetzt hier in seinem Lande zu wissen. Als er erfuhr, dass ich dich besuchen
werde, gab er mir seine Grüsse mit und ausserdem noch zweierlei. Ueber das Eine
wirst du dich freuen, denn es ist ein Zeichen seiner Huld. Das Andere aber ist
etwas so Eigentümliches, dass es dich wahrscheinlich befremden wird. Ich bin
nicht ermüdet, bedarf also nicht der Erholung von dem heutigen Ritte und halte
es darum für das Beste, mich dieser beiden Aufträge sofort zu entledigen. Hast
du Zeit, Effendi?«
    »Ja.«
    »So komm mit mir jetzt dortin, wo ich wohnen werde!«
    Wir gingen nach dem Turme, zwei steinerne Stiegen hinauf. Die Reitknechte
hatten das Gepäck bereits heraufgebracht. Es war Niemand da als Schakara, welche
ordnete. Sie wollte sich sofort entfernen, ich bat sie aber, zu bleiben. Während
er eines der Pakete öffnete, trat ich an das Fenster. Es gab hier eine fast
ebenso schöne Aussicht wie drüben bei mir.
    Nun war das Paket aufgemacht, und er begann, auszulegen. Ich sah eine lange,
weite Sirdschameh63 von kostbarer, blauer Seide, ein weissseidenes Pirahen64, ein
Alkalok65 von feinster, dunkelblauer Baumwolle, mit engliegenden, silbernen
Knebeldressen, eine ebensofarbige Käba66 aus dünner, aber unverwüstlicher
Kaschamira, einen wenigstens sechs Meter langen Kemär67, fast spinnwebenfein,
als Gürtel um den Leib zu winden, eine Dschubbeh68, mit köstlichem Pelzwerk
verbrämt, eine hohe, schwarze Lammfellmütze von jener Art, die nur ein Kaiser
verschenken kann, ein Paar Pantoffel, ein Paar Schuhe und ein Paar Reitstiefel
von weichstem Gazellenleder.
    Schon die Bibel spricht von »Feierkleidern«, welche die Könige verschenkten.
Es ist das eine orientalische Sitte, die man in einigen Ländern bis heute
beibehalten hat. Besonders liebte es der Schah, in dieser Weise seine Gunst zu
zeigen.
    »Schau her!« forderte mich Dschafar auf. »Dieses Ehrenkleid habe ich dir vom
Beherrscher zu überbringen. Es wurde von ihm eigenhändig ausgewählt, nachdem ich
ihm deine Gestalt beschrieben hatte. Aus den Stoffen magst du ersehen, ob diese
Ehrung eine gewöhnliche ist oder nicht. Du bist gewohnt, tiefer zu blicken. Ich
weiss, dass dieser Anzug für dich mehr bedeutet, als er für einen Andern sein
würde. Allah gibt seinen Geistern verschiedene Gewänder, scheinbar schöne und
scheinbar hässliche. Man nennt sie alle Leib. Vor ihm ist nur das Schlechte
hässlich und nur das Gute schön. Nur auf den Menschen kommt es an, ob er die
Kleidung würdigt oder nicht!«
    So Etwas hatte ich ja ganz unmöglich erwarten können! Meine Freude wurde
verdoppelt, als Dschafar ein zweites Paket öffnete, welches einen ähnlichen
Anzug für meinen Hadschi Halef entielt. Ich sah den braven Freund schon jetzt
im Geist in Wonne schwimmen! Das war ja noch nie, noch nie passiert, dass ein
Hadeddihn vom Schah-in-Schah geehrt worden war, und noch dazu in dieser Weise!
    Es ist nicht meine Art, den Dank, den ich gern still empfinde, in viele
laute, wohlklingende Worte zu kleiden. Ich verstand die beiden Geber des
Geschenkes, und Dschafar verstand auch mich, obwohl ich nur wenig sagte.
    »Und nun das Zweite, das Sonderbare!« begann er wieder. »Ich lenkte meinen
Ritt hierher zunächst nach dem Schloss Mihribani, wo sich der Herrscher jetzt
befindet. Eine Tagesreise, nachdem ich es verlassen hatte, traf ich mit dem
Ustad zusammen, der zu ihm wollte. Er bat mich, zu warten und dann mit ihm zu
reiten, wenn er zurückkehren werde; ich ging aber nicht hierauf ein. Bei dieser
Gelegenheit erzählte er mir Vieles, wenn auch nicht Alles, was hier geschehen
ist. Ich erfuhr auch, dass du von Syrr gehört hast, dem angeblichen Geschenk des
Schah-in-Schah, dem rätselhaften Pferde. Ich bitte dich, mir mitzuteilen, was du
jetzt von ihm weisst!«
    Ich sagte ihm, was ich über Syrr erfahren hatte; es war nicht viel und klang
ziemlich dunkel.
    »Man hat dir Wahres und Falsches berichtet,« sagte er dann. »Es war ein
köstlicher Gedanke vom Beherrscher, sein bestes, grad sein allerbestes Pferd
ganz im Verborgenen und ohne jeden Zeugen so zu schulen, wie es mit Syrr
geschehen ist. Es trägt nur ihn allein. Zu dem alten Kunststück mit dem Abwerfen
Anderer ist es zu gut, zu edel. Aber es gehorcht eben nur dem Schah-in-Schah.
Setzt sich ein Anderer auf, so bleibt es eben stehen. Am Zügel führen lässt es
sich, reiten aber nicht. Damit es nicht durch seine vielen Stallbediensteten und
die Mucken anderer Pferde verdorben werde, hat er es zu mir getan, wo es nicht
belästigt wird. Mein kleiner aber schöner Stall steht fast ganz leer, und weil
ich nicht das bin, was man einen Reiter zu nennen pflegt, ist Syrr nicht der
Gefahr ausgesetzt, dass ich ihn behellige. Ich habe ihn also nicht geschenkt
bekommen; dieses Gerücht ist falsch. Wenn der Herrscher ihn braucht, kommt er zu
mir und stellt ihn dann auch selbst wieder ein. Aber er ist keineswegs dagegen,
sondern es macht ihm vielmehr Spass, wenn angebliche Reitvirtuosen mich bitten,
beweisen zu dürfen, dass Syrr ihnen gehorchen müsse, er möge wollen oder nicht.
Es ist noch Keiner dagewesen, der dies fertiggebracht hat, sondern es hat ein
Jeder mit Beschämung abziehen müssen, weil er das Geheimnis zwischen dem Schah
und diesem Pferde nicht entdecken konnte. Du schaust mich an, Effendi. Du
lächelst. Glaubst du etwa, dass du es entdecken würdest?«
    »Es käme auf eine Probe an,« antwortete ich.
    Da fiel er rasch ein:
    »Die sollst du machen!«
    »Wann?«
    »Wann es dir beliebt!«
    Da sah ich ihn freilich noch ganz anders an als vorher.
    »Dschafar!« rief ich aus. »Ich hörte, Du habest ein vollständig verhülltes
Pferd mitgebracht. Soll ich etwa gar vermuten, dass - - -«
    Ich empfand es als Wagnis, den begonnenen Satz auszusprechen. Er aber lachte
fröhlich auf und tat es an meiner Stelle:
    »Dass dieses Pferd der Syrr des Herrschers ist? Ja, er ist es. Ich habe ihn
mitgebracht.«
    Da sagte ich kein Wort. Ich war fast erschrocken. Dann kam mir die Sprache
wieder:
    »Welche Kühnheit von dir! Was wird der Schah-in-Schah tun, wenn er es
erfährt! Er stellte den Syrr bei dir ein, damit er unbelästigt bleibe, und du
schleppst ihn so viele Tagereisen weit hierher zu uns, allen, allen den Gefahren
ausgesetzt, vor denen dieses kostbare Pferd grad durch dich bewahrt werden
sollte!«
    Nun lachte er noch herzlicher als vorher und antwortete:
    »Eine Strafrede statt des Lobes! Du bist ja förmlich zornig, Effendi! Aber
ich nehme das als gutes Zeichen und will dich beruhigen. Wisse, dass ich nichts,
gar nichts gewagt habe. Wir wurden, nämlich Syrr und ich, von einer Abteilung
der Leibgarde bis zu den Kalhuran und dann von diesen Euren Freunden bis fast
ganz hierher gebracht. Es konnte uns also unterwegs nichts geschehen. Und grad
um das Pferd nicht anzustrengen, habe ich nicht auf den Ustad gewartet, sondern
bin langsam vorausgeritten. Und wenn ich sage Leibgarde, so soll das heissen, dass
ich es nicht ohne die besondere Erlaubnis des Beherrschers tat. Ja, er selbst
ist es, der den Gedanken angeregt hat, Syrr mit nach hier zu nehmen!«
    »So bin ich starr!«
    »Starr? Ich werde dich sofort wieder lebendig machen, indem ich dir sage,
dass ich den Syrr für Niemand bringe, als für dich allein.«
    »Für mich? Sei ernst!«
    »Ja, ja; für dich! Und das kam so: Dass du ein guter Reiter seist, das hatte
ich erzählt, doch ist das nicht der Grund. Die Andern alle, welche nichts
erreichten, hatten ja geglaubt, nicht nur gute, sondern sogar virtuose Reiter zu
sein. Aber ich hatte auch von deiner Findigkeit gesprochen, von deiner
Aufmersamkeit für alles Tiefere und von deiner Liebe zu den Tieren. Lindsay
erzählte so viel von dir und deinem Rih, dem herrlichsten Pferde der Hadeddihn.
Der Schah erfuhr, wie du dich zu den Pferden und überhaupt zur Kreatur
verhältst, und als ihm dein Sprung über die Verräterspalte und gar das grässliche
Wagestück berichtet wurde, dass du, vorn und links den Abgrund, rechts die
Felswand, hinter dir die Feinde und unter dir den kaum vier Fuss breiten Stein,
durch einige liebe Worte dein zitterndes Pferd bewegtest, sich vorn zu erheben,
den halben Körper über der Tiefe, und langsam umzuwenden - - - da rief er aus,
dass du es vielleicht sein könntest, dem Syrr ausser ihm gehorchen würde, weil ein
freundliches Wort von dir genügt habe, die Todesangst des Pferdes in ruhiges
Vertrauen zu verwandeln. Und als er hörte, dass ich dich besuchen werde, ging er
mit sich zu Rate, ob er mir den Syrr anvertrauen solle oder nicht. Ich selbst
riet ihm ab, weil ich nicht glaubte, eine solche Verantwortlichkeit auf mich
nehmen zu können. Aber grad mein Widerstand schien ihm die Gewähr zu bieten, dass
das Pferd nicht nur daheim, sondern auch während dieser Reise in guten Händen
sei, und so befahl er mir, es mitzunehmen. Ich sage, er befahl; so durfte ich
mich nicht länger weigern.«
    »Dschafar - - - Mirza - - - vor allen Dingen, wie soll ich dich titulieren?«
    »Du nennst mich einfach Dschafar; ich will es so. Die Andern mögen immerhin
Mirza sagen!«
    »Ich danke dir! Nun wieder zu dem Pferde! Ich kann mir nicht denken, dass dir
der Schah den köstlichen Syrr bloss aus reiner Neugierde anvertraut hat, nur um
zu erfahren, ob es mir gehorchen werde. Es muss noch ein anderer, höherer oder
tieferer Grund vorhanden sein.«
    »Der ist auch da! Bezeichne ihn, wie du willst; ich nenne ihn psychologisch.
Der Herrscher nannte es ein Problem, und zwar ein wichtiges Problem. Er ist
nicht etwa neugierig, sondern gespannt! Das ist doch wohl ein Unterschied! Er
sagte sogar, Syrr sei zwar unbezahlbar, aber keineswegs ein zu hoher Preis für
die Lösung, doch wolle er warten, ehe er hiervon spreche. Effendi, Effendi,
merkst du, was der Beherrscher will?«
    »Ja.«
    »So gieb dir Mühe!«
    »Mühe? Dschafar, Dschafar! Mühe tut es am allerwenigsten; ja, sie würde nur
verderben! Wenn mich das Pferd nicht gleich beim ersten Anblick liebgewinnt,
brauche ich gar nicht zu probieren; es würde doch vergeblich sein. Sag mir, was
frisst es wohl am allerliebsten?«
    »Sein grösster Leckerbissen ist ein Apfel.«
    »Hat es irgend eine Untugend, welche zu schonen ist, wenn man es nicht
erzürnen will?«
    »Nein, keine einzige.«
    »Irgend eine empfindliche Körperstelle, die man nicht berühren darf?«
    »Auch nicht. Effendi, ich höre, du bist Kenner. Du fängst es richtig an,
ganz anders als jene Virtuosen, die nur das Vieh im edlen Pferde sehen!«
    »Nun, das liegt eben im Virtuosentum. Noch deutlicher im Wort Dressur! Liebt
Syrr den Stall?«
    »Nein. Das Freie ist ihm lieber, sogar des Nachts.«
    »Hat er Eigenheiten in Beziehung auf das Wasser, auf das Futter?«
    »Nicht dass ich wüsste.«
    »So will ich die Probe wagen. Aber ich bitte dich um Eins!«
    »Um was?«
    »Von diesem Augenblicke an bin ich der Herr des Pferdes. Kein Mensch darf es
ohne meine Erlaubnis berühren, auch du selbst nicht!«
    Da wurde er ernst.
    »Weisst du, was du da auf dich nimmst, Effendi?« fragte er.
    »Alles!«
    »Jeden Andern würde ich abweisen, denn das Pferd ist nicht mein, sogar den
Ustad, den ich doch so kenne! Dir aber will ich vertrauen. Syrr sei dein
Eigentum, natürlich nur für die Zeit meines Aufentaltes hier. Bist du
zufrieden?«
    »Ja, ich danke dir!«
    »So geh hinab zu ihm, indessen ich es mir hier wohnlich mache!«
    Das war auch für Schakara das Zeichen, sich zu entfernen. Sie nahm mein
»Feierkleid« mit, um es hinauf zu mir zu tragen. Halefs Anzug wollte Dschafar
selbst überbringen.
    »Denn ich kenne ihn aus Lindsays Erzählungen,« sagte er lächelnd. »Es hat
höhern Wert für ihn, den Boten des Schah-in-Schah persönlich zu empfangen.«
    Unten ging ich sofort in das Gewölbe, in welchem die Pferde standen. Die
Reitknechte waren da.
    »Weiss hier schon Jemand, dass Ihr den Syrr mitgebracht habt?« fragte ich.
    »Nein,« lautete die Antwort. »Dschafar Mirza hat uns verboten, davon zu
sprechen.«
    »So verschweigt es auch weiterhin. Niemand soll es wissen. Jetzt ist er
mein. Ich werde ihn selbst bedienen; es hat ihn von jetzt an kein Anderer zu
berühren. Wie ist er gesattelt, wenn er den Schah-in-Schah trägt? Wohl Reschma?«
    »Nein, sondern arabisch.«
    »Wie verhält er sich zu andern Pferden?«
    »Er mag sie nicht; er ist stolz; aber er tut ihnen nichts. Wenn sie ihm nahe
kommen, geht er fort. Er hat sich noch von keinem berühren lassen, auch selbst
noch keines berührt.«
    »Kannst du das so genau wissen?«
    »Ja, denn ich bin Dschydd69 und habe Syrr von Anfang an gepflegt.«
    »So werde ich mich an dich wenden, wenn ich Etwas wissen will. Liebt er das
kalte Wasser?«
    »Es ist ihm sogar eine Wonne. Er lächelt froh, wenn man ihn wäscht. Der
Beherrscher hatte ihn einmal mit am Narghis-See. Da war er noch jung und lief
frei herum, das schönste Füllen, das es auf der Erde gab. Da war er fast gar
nicht aus dem Wasser herauszubringen. Effendi, ich bitte dich, nimm ihn in Acht!
Ich habe ihn so lieb!«
    »Sei unbesorgt; er ist in guten Händen! In welcher Sprache redest du mit
ihm? Persisch natürlich?«
    »Nein nicht persisch, sondern meine Muttersprache. Ich bin ein
Dschubeileh-Araber.«
    Da liess ich mir diejenigen Worte und Ausdrücke aufzählen, welche dem Syrr
geläufig waren, und nahm ihn dann aus dem Gewölbe heraus, um ihn hinter nach der
Weide zu führen. Schakara hatte den Anzug hinaufgebracht und kam jetzt wieder
herunter. Sie war bei meinem Gespräch mit Dschafar zugegen gewesen, hegte das
lebhafteste Interesse für das Pferd und bat mich, mitgehen zu dürfen. Als wir
durch den Garten kamen, pflückte ich zwei Aepfel, einen gewöhnlichen Küchenapfel
und einen edlen, nach Rosinen duftenden Sib-y-Kischmisch-Apfel. Jeden in einer
Hand, hielt ich dem Pferde beide zugleich vor. Es fasste nicht etwa hastig zu,
sondern es beroch sie mit Bedacht und griff dann zu dem duftenden. Da sagte
Schakara:
    »Effendi, das ist kein Vieh. Es beherrscht den Appetit; es wählt; es folgt
nicht der Gier, sondern dem prüfenden Sinne. Und schau, wie langsam es kaut,
fast wie ein Mensch, der eine Delikatesse geniesst. Ein anderes Pferd hätte schon
längst nach dem zweiten Apfel gelangt. - - - Nun nimmt es ihn, fast leise,
zögernd, als ob es dir einen Gefallen tun wolle, indem es nun auch den weniger
guten frisst. Syrr ist edel, sehr edel. Ich habe ihn schon lieb!«
    Sie klopfte ihm mit der flachen Hand den Oberschenkel, so, wie man Pferde
kräftig zu liebkosen pflegt. Da hob er den einen Vorderfuss und zuckte mit dem
eingewickelten Schwanze. Dieses »Klatschen« war ihm also unangenehm. Für mich
ein wichtiger Fingerzeig! Als wir an die Quelle kamen, liessen wir ihn trinken.
Er versuchte erst den Geschmack des Wassers und trank dann mit sichtlichem
Behagen, zuweilen eine Pause machend, wie ein Weinkenner, der eine seltene
Nummer nicht gleich hinunterstürzt. Dann führte ich ihn hinter in das Gras und
begann, die Hülle aufzuschnallen. Da sah ich denn, dass Syrr auch ein Rappe war,
aber was für einer! Ein Rappe mit Doppelmähne! Ohne das geringste helle
Fleckchen! Der volle, vornehm getragene Schwanz reichte fast bis zur Erde
nieder. Die Behaarung war seidenweich und biberfein, fast schwärzer noch als
schwarz, aber die Spitze jedes einzelnen Haares wie in eine Brillanttinktur, in
lichten Fluss getaucht und darum leise, aber doch ganz deutlich schimmernd. So
Etwas hatte ich noch nie gesehen. Schakara schlug verwundert die Hände zusammen
und rief aus:
    »Ein Mischki en Nur70! Das Märchen hat also Recht! Es gibt Rappen, welche
dunkler sind als Kohle und doch wie Demant glänzen! Wenn die Alten am Lagerfeuer
sitzen und von jenem Wunderpferd erzählen, welches des Nachts von Stern zu Stern
galoppiert, um einen Geist zu suchen, der es reiten könne, so ist es stets ein
Mischki en Nur. Der Glanz der Sterne wurde seinem Haar zu eigen; einen würdigen
Reiter aber hat es bis heut noch nicht gefunden.«
    Diese Spitzenfärbung war umso erstaunlicher, als sie sich nicht nur bei den
kurzen Härchen des Körpers sondern auch bei den langen Haaren der Mähne und des
Schwanzes zeigte. Wenn er den Letzteren bewegte, so war dieses leise Flimmern,
um mich so auszudrücken, eine wahre Augenfreude. Aber nun erst die Gestalt, der
Körperbau des Hengstes! Ich habe Rih beschrieben und auch Assil Ben Rih, seinen
Sohn, zu beschreiben versucht. Das war ein Fehler. So wenig, wie man die
Schönheit einer Blume, einer Frau, eines Kunstwerkes beschreiben kann, ebenso
wenig lässt sich durch Worte eine Anschauung von der Schönheit eines Rassepferdes
geben. Ich werde mich also hüten, meinen Fehler zu wiederholen, indem ich Syrr
beschreibe. Zudem weiss ich sehr wohl, welche Vorurteile im Abendlande gegen den
ächten Araber herrschen. Der Europäer bezeichnet den Beduinen als den grössten
Dieb und Lügner im Pferdehandel, verbreitet aber doch die »Lügen«, welche man
ihm aufgehängt hat, und glaubt sie auch selbst! Die Beduinen wissen sehr wohl,
was es heisst, wenn fremde Völker den Europäern ihre Schätze zeigen und ihnen
erklären, worin der Wert derselben besteht. Die Folgen solcher Aufrichtigkeiten
liegen allüberall so zu Tage, dass sie gar nicht zu übersehen sind. Wenn der
grösste Reichtum des Arabers in seinen edlen Pferden liegt, so fällt es ihm gar
nicht ein, jeden Franken über Alles, was diese Pferde betrifft, bereitwilligst
zu unterrichten. Die bösen Erfahrungen, welche Andere gemacht haben, zwingen ihn
zu Ausflüchten, Täuschungen und Unwahrheiten, durch welche er zwar seinen Ruf
verschlechtert, aber fremde Gelüste von sich weist. Was man in Büchern über das
arabische Pferd zu lesen bekommt, ist häufig ein Beweis für diese Täuschungen.
Selbst berühmte Hippologen behaupten in ihren Schriften, dass der Araber selten
Rappen züchte, weil er die schwarze Farbe für ordinär halte, dass eine volle
Mähne und ein voller, langer Schweif für hässlich gelte, und was dergleichen
Dinge weiter sind. Hiernach wäre Syrr als ein unschönes, gemeines Pferd zu
bezeichnen. Wenn ich höflich sein und dies als Wahrheit gelten lassen will, so
muss ich begeistert hinzufügen, dass der Bau seines Körpers noch viel, viel
hässlicher und gemeiner war als seine Farbe!
    Ich trat ein Stück von ihm zurück, um diese herrlichen Formen zu betrachten,
die jeden Kenner oder Pferdefreund entzücken mussten. Ich suchte nach Fehlern,
scharf und unerbittlich, fand aber keinen, keinen einzigen, nicht den
allergeringsten! Dieser Syrr war körperlich ideal. Ob auch in Beziehung auf
seine innern Eigenschaften - fast hätte ich Geist oder Seele gesagt; das ist mir
aber für Tiere streng verboten worden - das hatte sich noch zu zeigen. Da sah
Assil mich stehen. Er kam herbei, um mir zu zeigen, dass er auch noch vorhanden
sei. Ich liebkoste ihn wie immer. Da ging er weiter, hin zu Syrr. Auch er machte
niemals Gemeinschaft mit andern Pferden. Er schritt langsam, prüfend vorwärts.
Er hob die sich erweiternden Nüstern, so dass die Linie von den Ganaschen zur
Kinnkettengrube eine wagerechte wurde. Seine Ohren spielten. Der Schweif hob
sich. So kam er näher, immer näher - - - zwei Vollblutengste! Was wird wohl
geschehen! Syrr stand still. Er bewegte keine Muskel. Kein Haar zuckte. Aber
seine innen rosagefärbten Nüstern öffneten sich mehr und mehr, und seine grossen
Augen schienen noch grösser zu werden. Nun war Assil da. Er legte die Ohren grad
nach vorn, sog den Atem des neuen Kameraden ein, wieherte kurz und wie vor
Freude auf und - - - gab Syrr einen Kuss.
    Ja, Pferde küssen! Wer das nicht weiss, der hat sie noch nicht beobachtet!
    Eine solche Vertraulichkeit erschien dem Rappen des Schah-in-Schah wohl
unerhört. Er hob schnell auch den Kopf, legte die Ohren ganz nach hinten und
öffnete die Lippen so, dass das prächtige, elfenbeinene Gebiss zu sehen war. Dann
wieherte er ebenso, schloss die Lippen wieder und - - - küsste Assil Ben Rih auch.
    »Wie schön, wie gut, Effendi!« sagte Schakara. »Ich befürchtete schon, es
werde eine gewaltige Schlägerei beginnen. Sie haben sich aber erkannt. Edel zu
edel, hoch zu hoch, echt zu echt, das gibt niemals Konflikt!«
    »Möchtest du mir nicht einige weiche Lappen besorgen?« bat ich sie. »Er ist
unter der engen Hülle ganz verdunstet. Ich will ihn waschen.«
    »Auch Machassa und Furscha71?« fragte sie.
    »Nein. Heut nicht. Es könnte das der neuen Bekanntschaft schaden.«
    Sie ging, das Verlangte zu holen. Ich war nun mit Syrr allein und begann,
mich bei ihm einzuschmeicheln. Fast hätte ich mit der bekannten Redensart gesagt
- ihm seelisch näher zu treten. Ich strich ihm leise das Haar, nicht Mähne oder
Schwanz, sondern nur das kurze, und zwar genau in der Richtung, in der es lag.
Wo es einen Bogen machte, folgte auch ich ihm mit der Hand. Wo sich bei
Gliederbeugen zwei verschiedene Haarrichtungen begegneten, beachtete ich das
wohl und folgte mit einer Hand der einen, mit der zweiten Hand der andern. Wo
ein Wirbel gebildet wurde, wirbelte ich auch. In dieser Weise ging ich über den
ganzen Körper, von hinten nach vorn. Es fiel mir nicht ein, Etwas zu tun, womit
ich Syrr belästigt hätte, etwa wie die Hufe zeigen zu lassen oder das Gebiss zu
untersuchen. Den Kopf behandelte ich mit besonderer Aufmerksamkeit. Es gab da am
Oberauge einige herabragende Borstenhaare, welche den Blick unausgesetzt
belästigen mussten. Ich schnitt sie mit meiner kleinen Taschenmesserschere sofort
weg. Auch ein Pferd merkt so Etwas sogleich und ist dankbar dafür! Nur kann es
leider nicht sagen »Ich danke Ihnen ergebenst, Herr Rollfuhrmann oder Herr
Droschkenkutscher!« So gab es schliesslich am ganzen Körper keine Stelle, die ich
nicht berührt hatte, lieb, streichelnd und alle Derbheit oder Hast vermeidend.
Wäre es kein Pferd sondern ein Mensch gewesen, so würde ich sagen, Syrr sollte
bei sich denken: Der hat Verstand; der ist aufmerksam und gütig; den muss man
liebhaben!
    Dann legte ich ihm die Hände an die Backen, liess ihm meinen Atem fühlen und
sprach freundlich mit ihm. Zu verstehen brauchte er kein Wort. Er sollte nur den
Ton meiner Stimme hören und meine Augen betrachten dürfen, denen es nicht
einfiel, sich zu einem »Pferdebändigerblick« zu verschärfen. Er hatte sich zu
alledem sehr ruhig, wie abwartend verhalten - reserviert, sagt man bei Menschen.
Da sah ich Schakara zurückkommen und trat einen Schritt von ihm zurück. Sofort
tat er diesen Schritt auf mich zu, nahm meinen Arm zwischen die Zähne und hielt
mich fest, doch ohne mir wehe zu tun. Da berührte ich zum ersten Male seine
Mähne. Ich strich liebkosend an ihr herab und sagte:
    »Ich gehe nicht fort; sei ruhig, Syrr!«
    Aber was war denn das? Schon während des Berührens seines Körpers hatte ich
ein eigentümliches Prickeln in den Händen gefühlt, ganz leise nesselartig, wie
ein feiner, wohltuender elektrischer oder galvanischer Reiz.
    Ich verspürte ihn jetzt noch. Er kam vom Pferde. War er nur einseitig oder
gegenseitig? Bekam ihn Syrr etwa auch von mir? Und als ich jetzt mit der Hand an
der Mähne niederfuhr, wurde er stärker, und ich hörte es in den Haaren knistern,
freilich nicht etwa laut, sondern schwach, aber doch recht gut vernehmlich.
    »Horch!« bat ich Schakara, als sie uns erreicht hatte, und strich etwas
kräftiger.
    Sie lauschte einige Augenblicke. Dann fragte sie:
    »Fühlst du Etwas, Effendi?«
    »Ja. Es ist wie irgend eine Kraft, die meine Hand berührt und in den Nerven
weitergeht.«
    Da liess sie die mitgebrachten Lappen fallen, legte die Hände zusammen und
rief aus:
    »Das Knistern, das Knistern! Weisst du noch, was ich dir von der
verlorengegangenen Poesie erzählt habe? Von dem Rosse, dessen Mähne Funken
sprüht? Wie lichtgewordene Strophen um die Stirn des Reiters? Effendi, ich bitte
dich, nimm deinen Fez vom Kopfe! Berühre erst die Mähne und dann hierauf dein
Haar! Ich muss wissen - - -«
    Sie hielt inne.
    »Was?« fragte ich.
    »Ob - - ob - - - ob du dann Etwas fühlst.«
    Ich tat ihr den Gefallen, nahm den Fez ab, strich einige Male mit der Hand
an der Mähne herunter und legte sie mir dann auf den Kopf. Die Wirkung war eine
ganz eigenartige. Das Prickeln verschwand sofort aus meiner Hand und ging auf
die Kopfhaut über, wobei es in den Haaren leise, leise knisterte. Indem ich
Schakara dies mitteilte, stand ich vorn bei Syrr. Dieser öffnete die Nüstern,
sog die Luft laut ein, kam mit dem Kopfe zu mir herum und fasste mich am Haare,
nicht mit den Zähnen, sondern ganz weich, nur mit den Lippen. Da ging über
Schakaras Gesicht ein frohes, glückliches Lächeln. Sie hob die Lappen wieder auf
und sagte:
    »Nun komm nach dem Wasser, wenn du ihn waschen willst. Ich gehe; du aber
reitest!«
    Diese Aufforderung befremdete mich nicht im Geringsten. Es war auch mir ganz
so, als ob sich das Pferd gegen mich nicht abweisend verhalten werde. Ich stieg
also auf, vorsichtig, schmerzhaften Druck vermeidend. Kaum oben, legte ich beide
Fersen an, die rechte etwas weiter vor als die linke. Syrr drehte sich sofort
links um und liess sich von mir nach der Quelle reiten. Dort sprang ich wieder ab
und belohnte ihn mit einem Kusse. Da warf er den Kopf hoch in die Höhe und
wieherte so triumphierend, dass Schakara, laut lachend, sagte:
    »Das ist Jubel! Er tut, als habe er dich besiegt anstatt du ihn! Also ein
Doppelsieg mit gegenseitigem Wohlgefallen hinterher! Was wird Dschafar Mirza
dazu sagen?!«
    »Nichts, denn er erfährt noch nichts,« antwortete ich. »Ich bitte dich,
Schakara, sei verschwiegen! Ehe ich Etwas sage, muss ich Syrr vollständig
kennengelernt haben, und das hat heimlich zu geschehen. Es ist vielleicht zu
kühn, aber ich denke hierbei auch an das Rennen. Wenn Syrr das ist, was ich von
ihm erwarte, so lache ich über jeden Gegner, den man ihm zu stellen wagt.«
    Hierauf begann die Wäsche. Schakara hätte wohl gern mitgeholfen, doch gab
ich es nicht zu. Der Glanzrappe musste erfahren, dass ich nicht nur sein Herr sein
wollte, sondern auch gern mit eigenen Händen für ihn sorgte. Dieses Waschen war
kein rücksichtsloses Begiessen, Reiben und Scheuern; es geschah genau so
vorsichtig und schonend wie das vorhergehende Streicheln. Als Syrr abgetrocknet
war, machte ich eine weitere Probe. Zu den Ausdrücken, welche er verstand,
gehörte auch, wie der Stallknecht mir gesagt hatte, das Wörtchen »komm«!
    »Ta' al72!« sagte ich darum und ging vom Wasser fort.
    Er kam zu meiner Freude sogleich hinter mir her. Ich führte ihn nach der
Weide, doch nicht geraden Weges. Um ihn zu prüfen, wich ich einige Male scharf
ab, nach rechts oder links. Er machte diese Schwenkungen mit und blieb eng
hinter mir, bis ich endlich stehen blieb. Zum Lohne hierfür holte ich ihm dann
noch einige Aepfel und gab ihm auch selbst seine Abendgerste, worauf ich ihn mit
der Ueberzeugung verlassen konnte, dass wir gute Freunde geworden seien.
    Als ich in den Hof trat, stand Hanneh oben auf der Halle und winkte mir,
hinaufzukommen. Ich tat es gern. Halef lag nicht, sondern er sass, im Rücken
gestützt von einigen Polstern. Das »Feierkleid« war vor ihm ausgebreitet. Auf
seinem Gesichte glänzte die Freude und mit ihr neue Lebensfarbe.
    »Sihdi, mir ist ein grosses, grosses Heil widerfahren,« sagte er. »Dschafar
Mirza, der Abgesandte des Schah-in-Schah, war bei mir, um mir dieses Geschenk
der Ehrung zu überbringen. Ich weiss gar wohl, ich verdanke es nicht mir, sondern
nur dem Umstande, dass ich dein Begleiter bin. Aber ich freue mich doch unendlich
darüber und werde mich, so oft ich es trage, nach seinen ernsten Farben
richten!«
    Diese letzte Wendung kam mir nicht ganz unerwartet. Krankheiten machen eben
ernst, und Genesungsfreude und Besserungsfreude sind zwei liebe Schwestern. Es
war ihm anzusehen, dass dieses Geschenk ihn wieder einen bedeutenden Schritt
vorwärts gebracht hatte.
    Hierauf ging ich zum Abendessen mit Dschafar, dem Pedehr und dem Chodj, den
ich dazu geladen hatte. Dieser Mann war es wert, dass man ihn nicht bloss arbeiten
sondern auch mit beraten liess. Nach Tische nahm ich Dschafar mit hinauf zu mir.
Wir sassen im Freien und erzählten. Von dem Mordanschlag auf ihn sagte ich ihm
noch nichts. Die Gefahr war jetzt noch nicht da, und ich wollte ihm den
Aufentalt bei uns nicht gleich am ersten Tage mit Sorgen vergällen. Dass er
wenigstens bis zum Rennen bleiben werde, verstand sich ganz von selbst. Er hatte
zwar behauptet, von der Reise nicht ermüdet zu sein; aber trotz der Lebendigkeit
unserer Unterhaltung erklärte er gegen Mitternacht doch, nun schlafen gehen zu
müssen. Ich begleitete ihn bis hinunter an seinen Wartturm und kehrte dann zu
mir zurück, um mich auch niederzulegen. Der Mond schien hell, und ich sah von
meiner hohen Plattform aus, dass die Pferde alle lagen, das eine etwas abseits
von den andern; das war Syrr.
    Als ich mich niederlegte, fiel mir ein, dass heut vor einer Woche, am
Freitag, zum ersten Male vom »Feste der fünfzig Jahre« und von dem Rennen zu mir
gesprochen worden war. Was hatte sich in dieser Woche Alles ereignet, und wie
unerwartet schnell war es während dieser Zeit mit meiner Genesung vorwärts
gegangen! Wie vortrefflich war die Anstrengung des Sonntages und des hierauf
folgenden Nachtgespräches überstanden worden! Ich hatte dann allerdings volle
vierundzwanzig Stunden fest geschlafen, aber wundersam war diese schnelle
Erholung nach einer so langen Krankheit jedenfalls.
    Als ich früh aufstand, schlief Dschafar noch. Ich besuchte zunächst die
Pferde. Die drei andern begrüssten mich von Weitem. Assil kam schnell heran zu
mir, um sich an mir zu reiben. Syrr war zurückhaltender. Seine noch nassen
Vorderbeine bewiesen mir, dass er trinken gewesen und dabei direkt in die Quelle
gestiegen war. Ich holte ihm einige Aepfel, die er langsam und bedächtig
verzehrte. Dann leckte er mir die Hand. War das, weil sie noch nach den Aepfeln
rochen? Oder war es Dankbarkeit, vielleicht schon Liebe? Ich brachte ihm nun
seine Morgengerste und suchte dann den Pedehr auf, um mit ihm über die
Sicherheitsmassregeln zu sprechen, welche wir in Beziehung auf Dschafar zu
treffen hatten. Wir mussten umso besorgter sein, als er jetzt noch nichts
erfahren sollte. Die Wächter des Duars hatten ihre Aufmerksamkeit von jetzt an
zu verdoppeln, zumal die Zeit des Rennens immer näher rückte und der
Fremdenzufluss nun bald beginnen würde. Dies brachte ihn auf die Wege, welche zum
Duar führten, und auch auf den, auf welchem wir nach dem Sprunge über den
Abgrund nach dem hohen Hause gebracht worden waren.
    »Bist du schon wieder dortgewesen, Effendi?« fragte er.
    »Nein,« antwortete ich. »Wie weit ist es bis hin?«
    »Nur eine Viertelstunde.«
    »Nur? Hast du Zeit?«
    »Ja. Wir haben zwei Wege; einen vom Dorfe aus, und einer führt von hier aus
um den Wartturm herum. Beide treffen später zusammen. Hast du Lust, zu gehen?«
    »Ja. Komm!«
    Das Tal der Dschamikun stand nach drei Seiten hin mit der Aussenwelt in
Verbindung. Ostwärts ging es nach dem Hasen- und Kurierpass. Nordwestlich nach
dem Gebiete der Takikurden, zugleich aber auch zu den im Norden halbansässigen
Dschamikun. Und südwärts nach dem Daraeh-y-Dschib, dem Tale des Sackes. Durch
das letztere waren wir, von Nordwesten aber Hanneh und Kara gekommen. Der Weg
nach dem Tale des Sackes führte zwischen dem Tempel- und dem Ruinenberge
hindurch. Beide traten hier so eng zusammen, dass sie nur durch eine schmale
Schlucht geschieden wurden. Unten lief der Duarpfad, etwas höher derjenige, auf
dem wir uns befanden. Er führte durch einen steil ansteigenden Wald. Tief unten
eilte rauschendes Wasser nach dem See. Es kam aus dem Felsenrisse, über den wir
mit unsern Pferden gesprungen waren. Nach einiger Zeit stieg der Duarweg zu uns
heran, und dann hatten wir nur noch eine kurze Strecke bis zu der Stelle, wo wir
unser Leben gewagt hatten, um den Massaban zu entkommen. Es war jetzt eine neue
Brücke da. Als ich auf ihr stand, in die Tiefe schaute, in welche sich von
drüben her das Wasser stürzte, und die Breite des Risses mit den Augen mass,
überkam mich nachträglich die Angst, von der ich damals keine Spur empfunden
hatte. Wie war es doch nur möglich gewesen, sich ein solches Wagnis zuzutrauen!
    Der Pedehr mochte meine Gedanken erraten, denn er sagte:
    »Das hat Euch keiner vorgemacht und wird Euch wohl auch Keiner nachmachen!
Schau dir die Brücke an, Effendi! Bemerkst du Etwas?«
    »Natürlich! Sie ist zum Aufziehen.«
    »Ja. Nach den Erfahrungen mit den Massaban konnten wir uns nicht zu einem
neuen, festen Uebergang entschliessen, der im Kriegsfalle immer zerstört werden
muss. Der Ustad liess von unserm Nälbänd73 Ketten machen und vom Najjar74 die
starken Rollen dort an der Eiche. Jetzt genügt die Kraft eines einzelnen Mannes,
die Brücke aufzuziehen. Das ist ein Wunder, welches ich nicht begreife, denn sie
ist ja zehnmal schwerer als der Mann selbst.«
    »Es ist kein Wunder sondern sehr einfach. Diese Rollen bilden ein Suhulet75,
durch welches die Kraft des Menschen derart vervielfältigt wird, dass ein
Einzelner genügt, die Brücke zu heben. Der Ustad kennt dieses Naturgesetz sehr
wohl.«
    »Und hältst du so eine Brücke für gut?«
    »Ja. Doch wie diese liegt, hat man dafür zu sorgen, dass man nicht einmal
selbst auch abgesperrt wird!«
    Als wir zurückkehrten, wählten wir den Weg nach dem Duar. Dort angekommen,
konnten wir Dschafar beobachten, welcher nun schon unten war und uns nicht
sogleich bemerkte. Er hatte gehört, dass ich mit dem Pedehr fortgegangen sei, und
war darum auch gegangen, um uns vielleicht zu treffen. Er hatte das Boot am
Landeplatz entdeckt und sich den Chodj-y-Dschuna holen lassen. Nun segelten sie
bei gutem Winde mit einem halben Dutzend Lastkamelen um die Wette, welche, hoch
mit Heu beladen, für das Wettrennen eingeübt wurden. Wie man sich erinnern wird,
hatte der Pedehr auf Halefs Frage, was für Pferde laufen würden, folgendermassen
geantwortet: »Es werden nicht bloss Pferde sein. Wir lassen alle Arten der Tiere
laufen, die es bei uns gibt, Schafe, Ziegen, Esel, Maultiere, Lastkamele,
Reitkamele, gewöhnliche Pferde, und zum Schlusse wird es mehrere Rennen zwischen
Tieren edelster Rasse geben.« Der Wettkampf sollte also scherzhaft beginnen, um
ernst und würdig zu enden. Als man diese Disposition traf, hatte man nicht
geahnt, dass sich aus dem beabsichtigten Rennen unter Freunden ein erbitterter
Wettkampf zwischen Freund und Feind entwickeln werde, war aber trotzdem bei der
ursprünglichen Bestimmung geblieben, dass der Anfang heiter zu sein habe, möge er
enden, wie er wolle. Daher jetzt die Uebung mit den Lastkamelen.
    Es konnte hierbei nicht etwa von Tierquälerei die Rede sein. Die Dschimal76
waren zwar so hoch und so breit beladen, dass von ihnen nur die Beine zu sehen
waren, aber man hatte das Heu so leicht und duftig gepackt, dass es für die
starken Tiere nichts weniger als eine Last zu nennen war. Vorn gab es in dem
Heuballen eine Öffnung, aus welcher über dem sonderbaren Maule die
Konvexbrillenaugen des Tieres den Weg überschauen konnten. Hoch oben war nur der
Kopf des tief im Heu vergrabenen Führers zu sehen, der sein Kamel nur durch
Zurufe zu leiten hatte. Es war also vorauszusehen gewesen, dass sich die Sache
höchst drollig ausnehmen werde, und die jetzige, erste Probe zeigte, dass man
sich hierin nicht getäuscht hatte. Wir sahen die langen Beine, die grossen,
plumpen Füsse und sämtliche Heubündel in eiligster Bewegung, als ob es
beabsichtigt sei, binnen zwei Stunden dreimal rund um die Erde zu jagen. Da
blieb plötzlich eines der Kamele mitten im Laufe stehen, um in der grössten
Gemütsruhe sich ein Maulvoll aus der eigenen Last zu raufen und gemächlich zu
verzehren. Der Kopf hoch oben begann zu bitten, zu flehen, zu jammern, zu
schimpfen, zu drohen. Da besann sich das Kamel auf seine Pflicht und warf die
Beine wieder vorwärts, dass der Staub nur so flog, bis es an ein anderes prallte,
welches in derselben guten, aber für den Reiter höchst ärgerlichen Absicht
stehengeblieben war. Weiter vorn sahen wir zwei Heuladungen im grössten Eifer und
eng neben einander herrennen, bis der Weg zwischen Berg und See zu eng wurde und
sie beide miteinander stecken blieben. Der allerschnellste dieser Renner war den
andern weit vorausgekommen und schien nun der guten Ueberzeugung zu sein, seinen
Zweck erreicht zu haben. Er hatte sich also gemütlich auf die Mutter Erde
niedergelassen und liess Alles, was aus dem Munde seines Besitzers kam, in
grösster Seelenruhe über sich ergehen ohne weiter ein Glied zu rühren. Das gab
selbstverständlich Veranlassung zur grössten Heiterkeit. Die liebe Jugend machte
natürlich mit, was aber keinesweges dazu beitrug, die zwei Dutzend Kamelbeine
von dem Werte der kostbaren Zeit zu überzeugen. Dschafar segelte mit dem
Chodj-y-Dschuna nebenher, um das Schauspiel aus sichrer Entfernung zu geniessen,
bis sich alle Kamele niedergelegt hatten und keines weiter fortzubringen war. Da
kam er nach dem Duar zurück und versicherte uns, noch nie im Leben so gelacht zu
haben wie heut. Nachdem er diesen Ausgang des Kampfes gesehen habe, verspreche
er sich von dem Rennen nun überhaupt sehr grosse Dinge und sei erfreut, grad am
»Feste der fünfzig Jahre« zu den Dschamikun gekommen zu sein!
    Der Chodj-y-Dschuna teilte mir mit, dass man mich als Rekonvaleszenten bisher
nicht habe belästigen wollen. Nun aber bitte er mit dem Pedehr um die Erlaubnis,
mich über Alles, was sich auf das Fest beziehen sollte, unterrichten und fragen
zu dürfen. Wir gingen infolgedessen nach seiner Wohnung und hielten das ab, was
man in Deutschland, wo es bekanntlich keine Fremdwörter gibt, als eine
Komiteesitzung bezeichnen würde. Es gab keinen einzigen Punkt, dem ich nicht
zustimmen konnte, was den braven Chodj-y-Dschuna so erfreute, dass er den Mut
bekam, uns zum Essen einzuladen. Das war um die Mittagszeit, und so nahmen wir
es an. Ich ging aber vorher hinauf, um Syrr zu füttern und beauftragte Kara, mir
dann meinen Assil und das Pferd des Mirza herabzubringen, weil ich einen etwas
weiteren Spazierritt versuchen wolle, an dem auch er teilnehmen möge.
    Wir dehnten diesen Spazierritt auf über zwei Stunden aus, ohne dass ich mich,
als ich heimkehrte, von ihm ermüdet fühlte. Ich glaubte also, mir für heut Abend
auch noch eine weitere Anstrengung zumuten zu können, und sagte Kara also, dass
wir gegen Mitternacht den Aschyk aufsuchen würden; er solle sich also
bereitalten und alles dazu Nötige besorgen.
    Bis zu dieser Zeit geschah nichts, was einer besondern Erwähnung bedarf. Ich
brachte die Zeit nach dem Abendessen absichtlich bei Dschafar zu, weil ich da
gehen konnte, wenn es mir beliebte. Wäre aber er bei mir gewesen, so hätte ich
warten müssen, bis er sich entfernte. Kara stand bereit. Der Weg durch das grosse
Eingangstor wäre kürzer gewesen; aber ich hatte Gründe, den Umweg über die
Ruinen zu wählen. Ich wollte ihn mir in allen seinen Einzelnheiten so einprägen,
dass ich ihn später des Nachts nicht nur gehen sondern auch sicher reiten konnte.
Ich hatte nämlich die Absicht, Syrr heimlich einzuüben, und das war nur dann
möglich, wenn alle Leute schliefen.
    Wir gingen also im Mondscheine über das Gemäuer und dann den Steinbruchweg
hinunter nach der Landestelle. Das Boot war da. Wir kamen in den Kanal und aus
diesem in das vordere Bassin, ganz so wie die vorigen Male. Ich hatte erwartet,
dass unser Gefangener vor Freude laut aufschreien werde. Es blieb aber still,
obgleich wir so laut ruderten, dass die Schläge wie Meeresrauschen von den Säulen
wiederhallten.
    »Er ist tot!« sagte Kara. »Herabgefallen und ertrunken!«
    »Möglich. Wir werden ja sehen.«
    Wir kamen schnell näher. Er musste trotz der tiefen Finsternis nun auch unser
Licht sehen. Und doch hörten wir nichts von ihm! Nun sahen wir die Säule und den
Stein. War der Aschyk noch da? Ja. Er sass oben. Still. Hüben das Gerippe und
drüben er. Wir hatten absichtlich nicht eine, sondern zwei Fackeln brennen. Es
war also so hell, dass wir sein Gesicht, seine Züge deutlich erkennen konnten. Er
lehnte mit dem Rücken an der Säule. Seine Augen waren geschlossen. Als das Boot
stand und wir die Ruder einzogen, sagte er in mir ganz unbegreiflich ruhigem
Tone:
    »Ihr kommt wieder. Ich wusste es! Ahnst du, was ich da tat? Nein! - - - Ich
habe gebetet!«
    Wie kam es doch, dass dieses Wort, dieses letztere, mich innerlich so packte,
als ob in mir Etwas hierauf vorbereitet gewesen sei! War es infolge des Traumes,
an den ich sogleich dachte? Musste sich hier, in dieser tiefen, dunkeln
Verlassenheit, denn Alles, Alles, selbst die ärgste Verkalkung und Verhärtung,
schliesslich doch und doch noch zum Gebet verwandeln? Nicht nur im Traume,
sondern auch in der Wirklichkeit? Er wartete ein Wenig, und als ich nichts
antwortete, fuhr er fort:
    »Effendi, ich will beichten - beichten - - beichten! Ich will nicht nur,
sondern ich muss - ich muss - - ich muss!«
    »Doch wieder wohl nur Lügen!« sagte ich.
    »Lügen? Hier? Effendi, hier hat jede Lüge entweder zum Wahnsinn zu werden
oder sich in Wahrheit zu verwandeln. Ausser diesen beiden gibt es kein Drittes.
Nun prüfe, ob ich wahnsinnig geworden bin! Wenn nicht, so ist nur Wahrheit zu
erwarten!«
    »So sag vorerst, wie du zu dieser mir ganz unverhofften Ruhe kommst!«
    »Wie - - -? Welch eine Frage! Wenn nicht hier, wo soll man dann wohl ruhig
werden! Hier wird ja Alles, Alles, Jedermann zu Stein! Entweder zum
gemeinverkalkten Tode, oder zum edlen Alabaster, an dem die aus dem Kalk
erlösten Geister arbeiten, bis er - - beten lernt! O, Effendi, ich schlief hier
ein, ermüdet vom Rufen, Schreien, Brüllen. Da kam ein Traum - - ein Traum! Ich
hatte tausend Jahre, tausend Jahre lang hier im Wasser gelegen, verhärtet und
verkalkt in meinen Sünden. Niemand wollte mich retten, und ich selbst konnte es
nicht. Da kam ein Ruf von oben, einmal - zweimal - - dreimal; der weckte mich.
Ich antwortete, dass alle Säulen klangen. Da war es oben still; aber in mir, in
mir, tief unten, da wurde es laut und laut und immer lauter! Da kamen die Tage
meines Lebens, einzeln, furchtbar einzeln, einer nach dem andern! Sie klagten
mich nicht an, nein nein, nein nein! Das tat ich ja schon selbst! Sie gaben gute
Worte! Ein jeder, jeder, jeder von ihnen kniete im Büssergewande neben mir
nieder, griff nach meiner Hand und drang in mich, mit ihm zu beten, zu beten, zu
beten! Und als sie alle um mich lagen, alle, alle, vom ersten bis zum letzten,
da kniete ich inmitten meines Lebens und faltete die Hände wie sie alle. Und als
ich sprach: Vergieb mir meine Sünden! Da hörte ich erst Eure Ruderschläge, und
dann sah ich auch Eures Lichtes Schein! Was Ihr mir bringt, das habe ich zu
nehmen. Doch bitte ich, seid nicht auch Ihr von Stein!«
    Als er geendet hatte, lauschte ich noch immer. Es war, als ob das, was aus
ihm gesprochen hatte, nun in mir weiterrede. »Tausend, tausend Jahre hier im
Wasser gelegen!« hatte er gesagt. Nur zwei Erdentage, für den Geist, die Seele
aber tausend, tausend Jahre! Welcher Mensch kann behaupten, gerecht zu richten!
Der Buchstabe des Gesetzes behandelt alle gleich. Aber die Gerechtigkeit liegt
nicht im gleichen Strafquantum; in diesem ist vielmehr ihr Gegenteil, die
Ungerechtigkeit zu suchen. Denselben Tatbestand vorausgesetzt, wird der Eine
nicht durch zwanzig Jahre Zuchtaus gebessert, der Andre aber schon durch einen
einzigen Tag Gefängnishaft. Hätte für den Letzteren dann nicht die Strafe
aufzuhören? Es war von mir die fürchterlichste Strenge gewesen, den Aschyk
hierher an diesen Ort zu detinieren. Ich sah und hörte jetzt, dass es genau die
beabsichtigte Wirkung hervorgebracht hatte. Eine Verlängerung seiner Qual wäre
nicht nur Grausamkeit, sondern geradezu Unmenschlichkeit gewesen. Darum
antwortete ich ihm jetzt:
    »Der Menschheitsjammer muss sogar den Stein erbarmen, warum nicht auch den
Menschen selbst! Wenn du gebetet hast, so ist mein Zweck erreicht. Ich führe
dich hinaus.«
    »Das wolltest du? Du, Du, der von mir betrogen werden sollte, wie kaum
vorher ein Anderer?«
    »Was du an Andern tatest, das habe nicht ich zu richten. Was du mit mir
vorhattest, das sei dir gern vergeben. Hier hast du meine Hand. Komm herab!«
    Ich richtete mich auf und streckte sie ihm entgegen, um ihm herabzuhelfen.
Er griff nicht sofort zu; er sagte:
    »Warte noch, Effendi! Ich habe dir doch vorher zu beichten!«
    »Nicht hier! Hier hattest du nur dir allein zu beichten. Nun wartet draussen
jetzt ein Anderer auf dich.«
    »Ein Anderr?« fragte er schnell. »Effendi, reicht dein Blick in mein
Inneres? Wenn ich in den Ruinen stand und drüben Euren Tempel stehen sah, so
lachte ich der Albernheit, die solche Häuser baut für Einen, den es nie gegeben
hat und niemals geben werde. Hier aber griff er in die Finsternis und stellte
meine Seele vor mich hin, die ich mir aus der Brust gerissen und weggeworfen
hatte. Da kam ein Drang, ein Sehnen über mich, ein innerlicher und doch lauter
Schrei nach diesem Tempel. Er klingt noch jetzt, laut, überlaut, Effendi. Erhöre
ihn! Lass uns hinauf zum Beit-y-Chodeh steigen! Das ist der einzig rechte Ort
zum Beichten!«
    »So komm!«
    Er griff knieend nach meiner wieder ausgestreckten Hand, küsste sie und
kletterte dann herab in das Boot. Als wir zu den Rudern griffen, schaute er noch
einmal nach dem Stein hinauf und sagte:
    »Dort lass ich das Gerippe! Mir ist, als ob es mein eigenes Skelett sei, mein
früheres. Ich habe jetzt ein neues. Das ist nicht starres Knochenwerk, aus dem
mir das Vergangene, die Zähne fletschend, in die Augen grinst, sondern ein
fester, froher Wille, der vor Freude jauchzt, gutmachen zu können, was ich
verbrochen habe.«
    Er sass in der Mitte des Bootes zwischen uns Beiden, mit dem Rücken nach
vorn. Während wir nach dem Kanale ruderten, schaute er bald rechts, bald links
an mir vorüber nach den bewegten Wellen hinter uns.
    »Sie kommen!« sagte er, sich nach den Augen greifend.
    »Wer?« fragte ich.
    »Die Geister meiner Lebenstage, alle, alle, alle! Ich sehe sie. Sie
schwimmen hinter uns her. Ihre Köpfe ragen aus dem Wasser!«
    Ich dachte an meinen Traum und an die Geister, welche mir hinaus in den See
gefolgt waren. Als wir uns im Kanale befanden, wiederholte er:
    »Sie folgen auch hier, eng bei einander, Kopf an Kopf!«
    »Beruhige dich,« antwortete ich; »es ist das Phantasie!«
    
    »Meinst du? So lass sie mir! Die Tage meines Lebens sollen mit mir hinauf zum
Tempel steigen. Sie, meine Ankläger, sollen mit mir beten und werden dann
verschwinden; so hoffe ich!«
    Draussen empfing uns der helle Mondschein. Ich lenkte zunächst geradeaus,
ganz so, wie es im Traume geschehen war. Es lag Etwas in mir, was mich
bestimmte, so und nicht anders zu tun. Da fragte der Aschyk:
    »Sind es die Wellen unseres Bootes, welche immer breiter werden? Ich sehe
noch immer Kopf an Kopf. Sie kommen aus dem Berge. Die Schar wird breiter und
immer breiter. Aber die Vordern folgen uns, und die Andern kommen hinter ihnen
her.«
    Nun befanden wir uns an der Stelle, wo wir im Traume gehalten hatten. Da gab
ich dem Fahrzeuge die Richtung nach dem südlichen Ufer, nach derselben Stelle,
wo die erlösten Geister an das Land gestiegen waren. Da verliessen auch wir das
Boot und zogen es ein Stück an das Ufer, weil es hier nicht angebunden werden
konnte. Die Fackeln waren natürlich ausgelöscht worden, Da hielt der Aschyk mir
seine Hände hin und forderte mich auf:
    »Binde mich, Effendi!«
    »Wozu?«
    »Dass ich dir nicht entfliehen kann, während wir zum Beit-y-Chodeh gehen.«
    Da legte ich ihm die Hand auf die Achsel, sah ihm in das Gesicht und
antwortete:
    »Zu wem willst du? Hinauf zu Gott? Und da soll ich dich fesseln? So lange
die Erde steht, ist es noch keinem Menschen gelungen, mit seiner Stimme Gott
wirklich zu erreichen, wenn ihm die Hände des Gebetes gefesselt waren! Steig auf
zu ihm, aber frei!«
    »Frei - - frei!« jubelte er, die Hände hoch erhebend. »Du hast das Richtige
gewählt, Effendi. Ich werde nicht fliehen, sondern eng bei dir bleiben, wie ein
Hund, der seinem Herrn gehorcht, weil er ihn liebt - liebt - - liebt!«
    »Du wirst nicht eng bleiben, denn ich gehe nicht mit.«
    »Also wohl Kara Ben Halef?«
    »Auch nicht. Wir bleiben hier. Du gehst allein.«
    »Allein?!«
    Er trat einige Schritte zurück und staunte mich mit grossen Augen an.
    »Ihr geht nicht mit?« rief er aus. »Keiner von Euch? Ist das wahr - ist das
wahr?«
    »Ja.«
    »Effendi - Sihdi - Emir! Ich bin ein Dieb, ein Fälscher, ein Betrüger, ein
Helfershelfer der Mörder! Ich habe dich und Euch alle mit vernichten wollen. Ich
habe Pekala verführt und Tifl verführt, welche gute Menschen waren und noch gute
Menschen sind, welche Euch liebten und immer, immer lieben werden! Und du giebst
mich frei, vollständig frei? Weisst du, ich habe dich vorhin da drin im Berge
angelogen. Ich habe nicht gebetet. Ich bin nicht besser, sondern schlechter
geworden. Ich werde jetzt gehen und mich an dir rächen! Bedenke das, bedenke!«
    »Still; sei still! Wo und wann du gelogen hast, das weiss ich vielleicht
besser als du selbst. Ich kenne dich, wie du früher warst, und ich kenne den,
der du jetzt geworden bist. Du steigst jetzt ganz allein hinauf und wirst dann
wiederkommen. Grad deine Warnung gibt mir die Gewähr, dass ich dir mein Vertrauen
schenken darf. Mich zu täuschen, warst du niemals fähig, und von jetzt an kommt
es dir auch gar nicht in den Sinn!«
    Da sank er in den Sand des Ufers nieder, griff nach meiner Hand, drückte sie
an sein Herz und an seine Lippen und sprach:
    »So holt sich Allah den Verlornen wieder, den die Gerechtigkeit des Menschen
noch tiefer in den Abgrund stossen würde! Effendi, ich bin gar wohl im Stande,
deine Güte in ihrer ganzen Tiefe zu wiegen und zu wägen. Ich gehörte nicht zu
den Armen und Elenden des Landes. Ich war berufen, gut und gross zu werden. Mein
Vater stand hoch, in nächster Nähe des Schah-in-Schah. Ich eiferte ihm nach, und
er hatte seine Freude an mir. Da kamen sie, vom Schlage derer, die bei dir
waren, um sich einen Ustad der Taki-Kurden zu erschwindeln. Ich war zu jung, sie
zu durchschauen. Sie brauchten mich, und darum musste ich sinken, tiefer, immer
tiefer, bis ich im Wasser des Verbrechens untersank. Schon war ich am Ertrinken,
da kamst du und holtest mich heraus - - in Liebe, in Liebe! Du kennst die
Menschenseele, Effendi! Wie ich dir danke, werde ich nicht sagen, sondern - - -
zeigen!«
    Er stand wieder auf und ging den Tempelpfad hinan. Wir aber setzten uns
nieder, um zu warten. Kara war einige Zeit still. Er wischte an den Augen herum.
Dann sagte er:
    »So rettet man Menschenseelen! Sprich jetzt nicht mit mir, Effendi. Der
Aschyk steigt hinauf, um mit Allah zu sprechen. Ich kann hier unten jetzt nichts
Anderes tun. Ich - - - bete auch!«
    Ich glaube, es betete noch ein Dritter!
    Die Zeit verging. Nach einem kleinen Stündchen kehrte der Aschyk zurück.
    »Da bin ich wieder,« sagte er. »Erlaube mir, dass ich mich niedersetze, um
Euch Alles zu erzählen, was ich zu berichten habe!«
    »Nicht hier,« antwortete ich.
    »Wo denn?«
    »Komm wieder in das Boot!«
    Wir stiegen ein und fuhren über den See hinüber nach dem Landeplatze. Von
dort gingen wir nach dem hohen Hause. Im Hofe verabschiedete ich Kara; den
Aschyk aber nahm ich mit hinauf zu mir. Wir hatten unterwegs kein Wort
gesprochen. Jetzt brannte ich die Lampe an. Er stand, ganz wie betreten, im
Mittelzimmer und schaute sich um.
    »Sind das die Räume, welche du bewohnst, Effendi?« fragte er.
    »Ja,« antwortete ich.
    »Ich brauchte eigentlich nicht zu fragen, denn ich wusste es schon. Ich kenne
Euer ganzes Haus; ich kenne Alles, Alles. Es war mir auch nicht unbekannt, dass
im Wartturme noch leere Stuben sind; aber ich tat gegen Pekala so, als ob ich
das nicht wisse, denn ich wollte hierher, oder doch wenigstens hinunter in die
Wohnung des Ustad. Warum, das wirst du erfahren.« Er trat an den Tisch, um die
helle Schrift des Lampenschirmes zu lesen.
    »Die Liebe hört nimmer auf, steht da geschrieben,« sagte er. Dann drehte er
sich mir wieder zu und fuhr fort: »Effendi, ich treffe in dir den ersten
Menschen, der diese Worte nicht bloss liest, sondern auch nach ihnen handelt!
Warum gibt es so viele Verlorene? Sie müssen verloren gehen, weil man ihnen
schon den ersten, kleinen Fehltritt nicht verzeiht. Warum spricht man nur von
Gerechten und nur von Ungerechten? Weil in der Mitte zwischen ihnen Diejenigen
fehlen, welche Menschen sein würden, wenn es welche gäbe! Ich meine die
Menschen, welche ihrer Natur nach zuweilen sündigen dürfen, ohne sofort
ausgestossen zu werden! Sage mir, warum hast du mich hierherauf zu dir geführt?«
    »Um dir zu zeigen, das ich dir vertraue und dass bei uns kein Arg zu finden
ist. Du wolltest dich hier einwohnen, um heimlich zu forschen und uns zu
schaden. Nun schau dich um und frag nach Allem, was dir beliebt! Ich bin bereit,
dir Alles zu zeigen und dir jede mögliche Auskunft zu erteilen!«
    Da senkte er den Kopf.
    »Wie du mich beschämst, Effendi! Wir wussten nur zu gut, dass nichts Arges
oder gar Böses hier zu finden sei, nämlich jetzt. Desto sicherer aber später,
denn - - es sollte gefälscht werden. Und diese Nachahmungen und betrügerischen
Verdrehungen sollten nicht nur dem Schah-in-Schah vorgelegt, sondern auch dem
ganzen Lande bekannt gegeben werden. Es gibt zwei Parteien, welche es auf die
Vernichtung des Ustad abgesehen haben. Ich diente nur der einen, der frommen,
weil sie besser belohnte als die andere; aber ich kenne auch diese andere, denn
ich habe sie scharf beobachtet und bin ihren Anführern lange heimlich
nachgestiegen, um hinter ihre Absichten und Geheimnisse zu kommen. Beide
bekämpfen einander unerbittlich; aber sobald es sich um den Ustad handelt, gehen
sie fein brüderlich Hand in Hand, jedoch dabei ruhmneidisch auf einander, wer
von ihnen am gewissenlosesten gegen ihn gehandelt habe. Wenn du wüsstest, was
Alles ich dir von ihnen erzählen kann!«
    »Glaubst du etwa, dass ich mich fürchte, es zu hören?« fragte ich.
    »O nein! Im Gegenteil! Sie, sie sind es, die sich zu fürchten haben, wenn
ich dir Alles sage! Der Ustad schreibt ja Bücher! Ein einziges Buch von ihm, mit
den Beweisen, die ich bringe, ganz so, wie sie es mit ihren Fälschungen wollten,
dem Schah-in-Schah vorgelegt und über das Reich verbreitet - - was würden für
sie wohl die Folgen sein!«
    »Das habe ich bereits gewusst, denn ich bin beiden schon lange auf der Spur.«
    »Spur, nur Spur! Was ich dir bringe, sind nicht bloss Spuren, sondern
Beweise, Handschriften, Briefe, Dokumente. Diese vernichtenden Waffen liegen bei
mir drüben in den Ruinen. Die eine Partei war zu aufrichtig mit mir; die andere
hielt mich für dumm. Nun habe ich beide in den Händen. Ich hole dir Alles
herüber, um sie dir auszuliefern. Dann mache mit ihnen, was dir beliebt,
Effendi. Man ging auf Fälschungen aus, um sagen zu können, dass man Euch
entlarve. Nun sollt aber Ihr entlarven können, ohne fälschen zu müssen, denn was
ich Euch gebe, ist echt!«
    »So bringe es mir! Aber nur dann, wenn es dein Gewissen erleichtert! Ich
finde auch ohne Verrat die sämtlichen Blössen des Gegners.«
    »Das traue ich dir wohl zu; ich erfahre es ja an mir selbst! Aber Spuren
sind doch nur Spuren. Lass mich jetzt zu dir reden; dann wirst du deutlicher
sehen!«
    »So komm heraus ins Freie! Diese Zimmer sind mir zu heilig für solche
Dinge.«
    Wir gingen auf die Plattform und setzten uns da nieder, genau so, wie ich im
Traume mit dem »Zauberer« gesessen hatte. Und wie dieser, so begann nun auch der
Aschyk zu erzählen: Ein Menschenleben nur, und aber doch ein Menschheitsleben!
Vom »Zauberer« hatte ich erfahren, warum es Schatten geben muss. Heut nun erfuhr
ich, wie diese Schatten wirken und wie man sich verhalten sollte, um sie so
klein wie möglich zu machen. Dieser Aschyk hatte im tiefsten Schatten unserer
Feinde gelegen und sie genau studiert. Er schonte sich selbst nicht im
Geringsten, aber er schonte auch keinen Andern. Und als er fertig war, lag nicht
bloss er allein, sondern lagen auch alle Die, von denen er gesprochen hatte, so
durchsichtig vor mir, dass ich sie nun wahrscheinlich besser kannte als er
selbst. Hierbei befriedigte es mich, dass sich alle meine Vermutungen als richtig
herausstellten. So war er es auch wirklich gewesen, der die sechs Fremden drüben
in der Mäjmä-i-Yähud belauscht hatte, und er berichtete mir jedes Wort, welches
von ihnen gesprochen worden war.
    Nun stand er von seinem Sitze auf.
    »Fertig - - für heut!« sagte er. »Jetzt kennst du mich in allen meinen
Sünden; nun sprich mein Urteil aus! Das meinige habe ich da unten gefällt, im
Wasser, auf dem Steine. Mit Allah habe ich da drüben in Eurem Beit-y-Chodeh
gesprochen. Ich glaube, er verzeiht. Wende dich hinüber, und lausche!«
    Es hatte sich im Ost ein starker Morgenhauch erhoben; der wehte durch den
offnen Rosenpark und brachte dann den Duft zu uns herüber.
    »Das soll mir von da drüben Antwort sein!« nickte der Aschyk. »Und nun noch
du! Du bist ein Christ; ich bin ein Muselmann; so sprich als Mensch nun dein
Erkenntnis aus. Die Menschheit sollst du nicht etwa vertreten; die kenne ich;
ich mag sie gar nicht hören! Sprich zu mir als der Mund des Menschentums; die
Menschlichkeit ists, die ich hören will. Und was du sagst, soll über mich
entscheiden!«
    Da hielt ich ihm meine Hand hin und sprach:
    »Greif zu! Die Menschlichkeit, die du jetzt hören willst, hat schon durch
mich gesprochen: Ich verzeihe!«
    »Ganz?«
    »Ganz!«
    Erst jetzt fasste er zu. Er hatte mit gesenktem Kopfe vor mir gestanden; nun
hob er ihn empor und sagte:
    »Da drüben, unterhalb des Tempels, habe ich vor dir gekniet. Ich tat es
gern, denn dort war ich Verbrecher. Jetzt aber bin ich wieder Mensch. Ich darf
dir also frei ins Antlitz sehn und kann dir danken, ohne mich zu beugen. Sag
mir, was hast du über mich beschlossen?«
    »Nichts. Du bist frei, dein eigner Herr!«
    »So kann ich gehn - - in diesem Augenblick - - sofort?«
    »Ja.«
    Da trat er an die Balustrade vor und sah hinab zum See, dann weit hinaus.
Hierauf drehte er sich wieder zu mir um, räusperte sich wie verlegen und sprach:
    »Effendi, gewähre mir das Glück, das allergrösste, welches es für mich hier
bei dir geben kann!«
    »Wenn es mir möglich ist, wohl gern.«
    »Ich möchte nach so langer, langer Zeit gern wieder einmal fühlen, wie es
ist, wenn sich ein Mensch dem anderen vertraut. Verschliessest du hier diese Tür,
wenn du dich schlafen legst?«
    »Nein.«
    »Das Fenster?«
    »Auch nicht.«
    »Du denkst nicht klein und wirst mich drum verstehen. Ich war dein Feind;
dein Leben galt mir nichts. Ich sah drin auf dem Tisch ein Messer, Scheren und
noch Andres liegen, was in des Mörders Hand zur Waffe werden kann. Geh trotzdem
jetzt hinein, und lege dich zur Ruhe, obgleich hier Alles offenstehen bleibt.
Ich aber setze mich hier auf das Kissen nieder und denke mich in meine
Jugendzeit, in der ich rein von Schuld, ein gutes Kind, ein braver Mensch noch
war. Ich will es wieder sein!«
    Da reichte ich ihm abermals die Hand und sagte nichts als:
    »Gute Nacht! Ich gehe schlafen!«
    Er richtete sich hoch auf. Ich ging, durch das Mittelzimmer, wo ich die
Lampe auslöschte, und dann nach der Schlafstube. Dort drehte ich mich noch
einmal nach ihm um. Er stand genau so, wie der »Zauberer« im Traume, draussen an
der Tür und schaute mir nach.
    »Gute Nacht!« sagte ich noch einmal. »Gute Nacht! Allah segne dich,
Effendi!« klang es zurück. Dann ging ich weiter, in die Stube hinein.
    Ich schlief sehr gut und sehr lang. Als ich erwachte, schaute mir die Sonne
freundlich in die Augen. Ich dachte sogleich an die Gestalt des Aschyk, wie sie
draussen an der Tür gestanden hatte, kleidete mich schnell an und ging hinaus. Er
war nicht mehr da. Die Stufen, welche von meiner Plattform aus hinüber nach dem
Glockenwege führten, hatten es ihm ermöglicht, sich zu entfernen. Aber er war
dann noch einmal hiergewesen, denn auf dem Tisch des Mittelzimmers lag ein
Paket, welches nur von ihm sein konnte. Als ich den Umschlag auseinander
genommen hatte, sah ich, was es war: die Beweise, Handschriften, Briefe und
Dokumente, welche mir über das Treiben unserer Gegner von ihm versprochen worden
waren. Ich erstaunte zunächst über die Menge dieser Sachen, sollte aber später,
als ich sie las, über ihren Inhalt noch viel mehr erstaunen!
    Jetzt zu lesen, war keine Zeit, denn heut war Sonntag, und ich sah schon
einzelne Dschamikun nach dem Beit-y-Chodeh steigen. Ich tat also diese Beweise
an einen sichern Ort und ging dann hinten hinab, um mich zunächst den Pferden zu
zeigen. Assil kam auf mich zugesprungen. Syrr blieb zwar stehen, wieherte aber
kurz und freudig auf und erwiderte meine Liebkosungen. Ich holte ihm einige
Aepfel und seine Gerste, nahm hierauf mein Frühstück ein und suchte hernach
Dschafar Mirza auf, um ihn zu fragen, ob er mit nach dem Tempelberge gehen
wolle. Er war mit grossem Interesse bereit dazu, und so schlossen wir uns dem
Pedehr an, welcher in gleicher Absicht im Hofe mit uns zusammentraf.
    Welch ein gottesdienstlicher Sinn unter diesen Dschamikun! Es gab noch
keinen Priester, und doch stieg Alles, was nicht unbedingt im Duar bleiben
musste, den Berg hinauf, zur Laienandacht, die erst später, bei gesicherteren
Zuständen, von berufenerer Hand geleitet werden sollte. Sie verlief unter
zweimaligem Glockenklang derjenigen ähnlich, welcher ich am vorigen Sonntage
beigewohnt hatte, nur unterblieb heut alles Weitere.
    Auf dem Rückwege blieben wir an derselben Stelle stehen, von welcher aus mir
Tifl die jenseits liegenden Ruinen gezeigt hatte. Heut waren sie mir bekannter
noch als ihm. Ich erklärte Dschafar, wie man sich die Entstehung und den Zweck
dieser Bauten zu denken habe, und freute mich darüber, dass er mich leicht
begriff. Da fragte mich der Pedehr:
    »Hat der Ustad schon von unserer Kirche zu dir gesprochen?«
    »Von einer Kirche? Nein,« antwortete ich. »Das muss noch in weitem Felde
liegen, sonst hätte er mir sicher Etwas davon gesagt. Wohin soll sie zu stehen
kommen?«
    »Eben dort hinüber in die Ruinen. Grad in der senkrechten Linie des
Alabasterzeltes.«
    »Woher aber der Platz! Ah, ich verstehe. Die Ruinen sollen ja abgetragen
werden! Die frommen Herren aus Chorremabad sträuben sich dagegen. Aber dann auch
welch ein grossartiges Material zum Kirchenbau! Nur müsste auch der Plan dieses
Materiales würdig sein!«
    »Das ist er auch; Effendi, das ist er auch! Der Ustad hat ihn selbst
entworfen und jahrelang daran gezeichnet. Es wurde längst dazu gesammelt und
gesteuert. Wir haben weit mehr zusammengebracht, als wir erwarten konnten, aber
es reicht noch nicht einmal zum Beginn, viel weniger zur Vollendung. Die
Bewältigung solchen Materials erfordert viel Zeit und sehr bedeutende Mittel.«
    Da sagte Dschafar schnell:
    »Mittel? Darf ich tausend Tuman beitragen?«
    »Du? Als Moslem?« fragte der Pedehr erstaunt und erfreut zugleich.
    »Warum nicht? Wäre das ein Hindernis? Wir sagen Allah, und Ihr sagt Chodeh.
Der Engländer sagt God und der Franzose Dieu. Aber es ist doch ganz gewiss
derselbe Gott gemeint! Ich habe schon oft meine Hand geöffnet, um den Bau einer
Moschee zu ermöglichen, denn sie ist ein Gotteshaus. Ich gab auch schon zum Baue
einer Synagoge. Warum soll ich nicht auch für eine Kirche geben, in der man doch
keinem andern Gotte dient? Oder würde meine Gabe Eure Kirche entweihen, weil
Eure Verehrung eine etwas andere ist, als die unserige? Würdet Ihr Euch weigern,
einen Beitrag des Schah-in-Schah anzunehmen?«
    »Des Landesherrn? Auf keinen Fall!«
    »So! Er ist Moslem, und ich bin auch einer, habe also das gleiche Recht! Es
bleibt bei den tausend Tuman, und mit dem Schah werde ich in Eurem Interesse
sprechen, sobald ich wieder zu ihm komme! Man nennt uns Schiiten unduldsam; wir
sind es aber nicht, wenigstens die gebildeten. Nur bitten wir um gleiche
Toleranz!«
    Das war sehr freundlich, aber auch sehr energisch gesprochen. Er gab sich
hier überhaupt ganz anders als drüben im wilden Westen. Hier wusste man, was er
war und was er wollte; drüben hatte man das aber nicht gewusst. Daher damals das
mangelnde, jetzt aber das scharf ausgeprägte Sicherheitsgefühl!
    Als wir dann beim Mittagsessen sassen, hörten wir im Hofe Pferdegetrappel und
schlürfende Kamelschritte, und ehe uns Jemand meldete, wer es sei, wer kam da
mit schnellen Schritten zu uns herein? Der Ustad! Unsere Freude war umso grösser,
als wir ihn nicht so schnell zurückerwartet hatten. Ich hielt diese rasche
Wiederkehr für ein gutes Zeichen, und es stellte sich heraus, dass ich da ganz
richtig vermutet hatte. Als die frohe Begrüssung vorüber war, sagte er:
    »Ihr werdet wissbegierig sein. Ich will Euch antworten, ehe Ihr fragt,
einstweilen nur kurz und bündig: Es steht sehr gut und sehr schlecht, sehr gut
für uns und sehr schlecht für die Andern. So! Damit habt Ihr Euch für jetzt zu
begnügen, denn ich habe Hunger und setze mich gleich mit her!«
    Indem er es sagte, tat er es. Seine Stimmung war eine glückliche, eine
heitere. Er sah so wohl und so munter aus, als ob er einige Jahre jünger
geworden sei. Es ist etwas so Köstliches um die Freude. Wollte man sie doch
allen Menschen gönnen!
    Den Nachmittag brachten wir auf seinem Balkon zu, von welchem aus wir das
lebhafte Treiben, welches im ganzen Tale herrschte, vorzüglich beobachten
konnten. Wir waren nur zu Dreien, er, Dschafar und ich. Er erzählte vom Schah,
der gegen ihn sehr gütig gewesen war, in anderer Beziehung sich aber sehr streng
gezeigt hatte.
    »Er weiss mehr, als ich dachte,« sagte er; »ja, er scheint sogar noch mehr zu
wissen als wir selbst. Ich habe von ihm erfahren, dass es sich nicht nur um
unsere Existenz, sondern auch um die seinige handle. Es wird ein allgemeiner
Aufstand der Babi vorbereitet. Der erste Schlag soll hier bei uns fallen. Das
Volk soll glauben, dass wir ihm gefährlich sind und dass der Schah ein Verräter am
Glücke seiner Untertanen ist, weil er in jeder Beziehung sich als unser Gönner
zeigt. Man will sich als Retter des Vaterlandes aufspielen, indem man den ersten
Hieb gegen uns richtet. Hierauf wird der Schah-in-Schah abgesetzt. Das weiss er,
und zwar ganz genau. Nur hat er nicht erfahren können, wer sein Nachfolger
werden soll.«
    Nach dieser Mitteilung sah uns der Ustad an, als ob er die höchste
Ueberraschung bei uns erwarte. Dschafar aber sagte sehr ruhig:
    »Das wusste ich schon Alles. Der Schah hat es mir erzählt.«
    »Und du, Effendi?« fragte der Ustad. »Auch du tust, als ob dir diese
aufregende Nachricht höchst gleichgültig sei!«
    »Sie ist mir weder gleichgültig, noch überrascht sie mich. Ich bin nämlich
in die Verschwörung eingeweiht, vollständig eingeweiht.«
    »Du, du?« riefen beide zugleich.
    »Ja, ich! Ich weiss sogar, wer der Nachfolger des Beherrschers sein soll.«
    »Wer denn, wer, wer?«
    »Nur langsam! Ich weiss noch immer mehr. Wollt Ihr vielleicht auch den Namen
der neuen Kaiserin hören?«
    »Kaiserin - - -?« fragten beide gleich erstaunt und wie aus einem Munde.
    »Nicht wahr, das klingt für Persien sonderbar, ist aber trotzdem Faktum.
Wenn Euch ihr Name nicht genügt, so doch vielleicht ihr Bild. Ich besitze es
nämlich.«
    Da sahen sie mich sprachlos an. Ich musste lächeln und fuhr fort:
    »Der Schah hat zwar Recht, wenn er von einem Babiaufstande spricht, und doch
ist es noch anders. Man hat nämlich die Babi nur zu dem Zwecke mit
herbeigezogen, um die Schuld, falls der Aufstand misslingen sollte, ihnen in die
Schuhe schieben zu können. Auch ist man auf einige Forderungen der Babi
zurückgekommen, weil sie den Zwecken der eigentlichen Macher gut entsprechen. So
soll das neue Reich ein Wahlreich sein, in welchem nach 19, der heiligen
Babizahl, neunzehn Hohepriester nach Ableben des alten den neuen Herrscher zu
wählen haben. Und ebenso soll die Stellung der Frau eine freiere sein, ja noch
viel freier, als die Babi jemals gefordert haben. Die Haremswirtschaft hat
aufzuhören, weil man Eingang in die Familie und Einfluss auf die Frauen haben
will. Darum ist auch dem neuen Kaiser, wie jedem seiner Untertanen, nur eine
einzige öffentliche Frau erlaubt, welche den Titel Kaiserin zu führen hat,
nachdem sie von den Hohenpriestern für ihn gewählt worden ist. Die erste
Kaiserin ist schon gewählt. Ich trage sie hier in meiner Tasche.«
    Ich legte bei diesen Worten die Hand auf die Brusttasche meiner Jacke. Dort
steckte nämlich das Bild Dschafars und der Schahzadeh Khanum Gul, welches ich im
Birs Nimrud zu mir genommen hatte. Als wir von dem Ustad aufgefordert worden
waren, mit zu ihm zu kommen, hatte ich mir gedacht, wovon wir sprechen würden,
und war hinauf zu mir gegangen, um es mit herabzunehmen. Der Ustad kannte meine
damaligen Erlebnisse ganz genau und also auch dieses Bild. Er mochte ahnen, dass
ich es meinte, denn er warf einen besorgten Blick auf den Mirza. Dieser aber
fragte im Tone der höchsten Spannung:
    »In deiner Tasche, Effendi? Darf man es sehen?«
    »Ein Fremder nicht; dir aber bin ich sogar verpflichtet, es zu zeigen.«
    »Verpflichtet? Wieso?«
    »Schau selbst!«
    Ich nahm es aus der Tasche und reichte es ihm hin. Er zog es mir aus der
Hand, sah es an und - - - sprang sofort von seinem Sitze auf, als ob er von
einer Natter gestochen worden sei. Dann liess er die Hand mit dem Bilde sinken,
sah mich mit einem ganz eigenartigen Blicke an und fragte:
    »Effendi, bist du hierhergekommen, um mich abermals zu retten? Aus einer
noch viel, viel grössern Gefahr, als alle die damaligen waren? Woher hast du
dieses Bild?«
    »Aus dem Birs Nimrud, von dem ich dir ja schon erzählte. Es lag im Schatz
der Sillan, und ich versteckte es, weil ich dich sogleich erkannte.«
    »Welch ein Glück, welch ein Glück für mich! Dieses Weib hat es hergegeben,
um mich zu verderben, weil ich nichts mehr von ihr wissen wollte! Du lieber,
lieber Freund, der du mir bist, wer mag da deine Hand geleitet haben! Man wollte
jedenfalls beweisen, dass ich an der Empörung mit beteiligt sei. Denn nun weiss
ich es: sie soll die Kaiserin und Ahriman Mirza der Kaiser sein! Ist es so oder
nicht, Effendi?«
    »Genau so,« nickte ich.
    »Aber wie hast du das erfahren können? Du, du, der Fremde!«
    »Setz dich wieder her! Ich will es dir erzählen. Und nicht nur das allein.
Du musst nun Alles erfahren, Alles. Der Ustad wird es mir erlauben.«
    Nun weihte ich ihn in unsere Geheimnisse ein. Er hörte ruhig zu und zeigte
selbst dann nicht die geringste Aufregung, als ich ihm mitteilte, dass und für
wann sein Todestag bestimmt worden sei. Er öffnete vorn den Alkalok und das
seidene Pirahen. Da sahen wir ein wunderbar gearbeitetes Panzerhemde schimmern.
    »Du siehst, Effendi,« sagte er, »dass Ahriman Mirza nicht der Einzige ist,
der die Notwendigkeit der Vorsicht kennt. Er trachtet mir nach dem Leben; das
habe ich schon längst gewusst, und ich werde Euch hierüber noch sehr
Interessantes berichten. Neu ist mir nur, dass der Tag, an dem ich sterben soll,
so genau festgesetzt worden ist. Ich bin an diesem Tage hier bei Euch, Ahriman
auch, der Mörder ebenso. Das ist eine Schalkhaftigkeit des Schicksales, für
welche ich herzlich dankbar bin. Wer da noch vom starrsinnigen Fatum oder vom
blinden Kismet sprechen kann, der ist ein Tor, der niemals klüger werden wird.
Aber das beantwortet mir doch Alles noch nicht meine Frage, woher du erfahren
hast, wer Kaiser und wer Kaiserin werden soll!«
    »Ich hatte dir erst das Vorangehende zu sagen. Nun kommt die eigentliche
Antwort, welche auch den Ustad interessieren wird, weil er noch nicht weiss, was
sich während seiner Abwesenheit hier ereignet hat. Ihr sollt es jetzt hören.«
    Ich gab meinen Bericht, auch über den Traum, und verschwieg nichts, als nur
den einen Umstand, dass mir Syrr gleich bei dem ersten Versuche gehorsam gewesen
war. Die beiden Zuhörer folgten meinen Worten mit der grössten Spannung, der
Ustad still, Dschafar Mirza aber mit ganz besonderer Lebhaftigkeit. Als ich
fertig war, tat es der Letztere nicht anders, ich musste sofort die Beweise
holen, welche der Aschyk mir ausgeliefert hatte.
    Das tat ich natürlich gern; ich hatte sie ja selbst noch nicht durchsehen
können. Das taten wir nun gemeinschaftlich. Ich kann sagen, dass sie alle unsere
Erwartungen weit übertrafen. Was wir über Ahriman Mirza Neues erfuhren, war zwar
von ganz bedeutender Wichtigkeit für uns und musste ihm unbedingt verderblich
werden, konnte uns aber nicht verwundern. Wenn seine Mittel auch als noch so
verwerflich bezeichnet werden mussten, und wenn seine Ziele auch noch so
unerlaubte waren, so hatte er seinen Hass doch immer Hass genannt und war zu
stolz, fast möchte ich sagen, zu ehrenhaft gewesen, zu verbergen, dass er wühle.
Das hat man selbst am ärgsten, am schlimmsten Feinde anzuerkennen und wird ihn,
wenn es möglich ist, hiernach behandeln. Was aber den Scheik ul Islam und seine
von Allah zur Alleinseligkeit berufene Partei betrifft, so waren wir geradezu
empört über das, was wir da lasen und erfuhren. Das klang Alles so mild und
freundlich, so leutselig und demütig, so tiefreligiös und gottgefällig, so edel
und erhaben, so hart und unerbittlich, so dünkelhaft und hochmütig, so
pfauenstolz und trutahneitel, so fanatisch und bigott, so ekelhaft feierlich
und weihevoll und darum so schändlich, gemein und niederträchtig, dass Dschafar
sich schliesslich nicht länger beherrschen konnte: Er sprang auf, spuckte dreimal
aus und sagte:
    »Das ist schändlich, nichtswürdig und infam! Diese Schurken geberden sich,
als ob sie den Herrgott zu beschützen und seine ganze Menschheit zu behüten und
zu bewahren hätten. dabei aber retten sie nur immer sich, sich, sich und keinen
andern Menschen! Weil sie weder Geist noch Vernunft besitzen, glauben sie sich
von jedem vernünftigen Worte angegriffen und schlagen ihre missverstandenen
Kuransprüche Jedem an die Backen, der besser, tiefer und höher denkt als sie!
Wehe dem, der daran zweifelt, dass sie die Einzigen sind, die Allahs Licht
erleuchtet! Sie können sich leicht bescheiden stellen, denn sie sind geistig
dumm! Und sie können ebenso leicht erhaben und unfehlbar tun, weil sie leider
nicht die einzigen geistig Dummen sind! Und diese Menschen nehmen es dem
Schah-in-Schah übel, dass bei uns die Familie ein Heiligtum ist, vor dessen Tür
sie mit ihren salbungsvollen Schritten innehalten müssen! Der Hausherr soll
nicht mehr Herr des Hauses sein, sondern sie, sie, sie wollen es regieren!
Besonders aber haben alle Frauen durch das geheimnisdüstre und verschwiegene Bab
77 zu gehen, von welchem diese Babi ihren Namen herleiten! Oh, ich kenne diesen
Scheik ul Islam von Feraghan aus! Dieser Schwachkopf ist überzeugt, dass er zur
Belohnung von dort nach Chorremabad versetzt worden sei. Er ahnt nicht, dass sein
treues Luristan das Bab sein soll, aus dem man ihn mit einem gänzlich
unerwarteten Fusstritt werfen wird! Er ist so tölpelhaft, es sich selbst zu
öffnen, jetzt eben, jetzt, und wir sind es, wir, von denen er den Fusstritt zu
bekommen hat! Es werden noch viele, viele Andre mit ihm fliegen!«
    Nun setzte er sich wieder nieder, hatte sich aber seines Zornes noch nicht
ganz entledigt. Er fuhr fort:
    »Wie gut, dass ich durch dich, Effendi, diesen tiefen und klaren Einblick
gewinne! Es gehen also eigentlich zwei Empörungen gegen den Schah neben einander
her. Die eine leitet der Fürst der Schatten, die andere der Scheik ul Islam,
welcher aber nicht weiss, wer dieser Fürst der Schatten ist. Der Aschyk sollte es
erspähen. Für beide ist Ahriman Mirza als zukünftiger Herrscher in Aussicht
genommen. Auf welche Weise dieser Prinz den Scheik ul Islam für sich gewonnen
hat, das ist für uns jetzt Nebensache. Beide Heerlager wollen sich vereinigen
und hier bei uns beginnen. Welch eine Vereinigung! Die Frommen mit den
Gottesleugnern, die Grundehrlichen mit den Fälschern und Betrügern, die
Auserwählten Gottes mit den Auserkorenen des Teufels! Die Einen haben sich stets
als die Aristokraten des Glaubens und der Religiosität und die Andern als
Farmasonha78, als niedrige Demokraten, als ketzerisches Gesindel bezeichnet; nun
aber schliessen sie mit ihnen Bruderbund, um sie zum Dank dann anzuspein und
wieder wegzuwerfen! Effendi, ich bitte dich, mir diese Beweise anzuvertrauen,
nicht für immer, sondern nur für einige Stunden. Ich weiss, wie wertvoll sie Euch
zur Entlarvung Eurer persönlichen Gegner werden können; aber ich muss sofort
einen Bericht für den Schah-in-Schah anfertigen und dabei ihren Inhalt vor mir
liegen haben. Wirst du mir diese Bitte gewähren? Sie sind in meinen Händen
sicher, und du bekommst sie dann sogleich zurück.«
    »Nimm sie mit,« antwortete ich. »Dir und dem Ustad kann ich sie gern
anvertrauen; ein Andrer aber bekäme sie wohl nicht. Wann willst du diesen
Bericht schreiben? Du sagst, sofort. Hältst du das für nötig?«
    »Allerdings. Es eilt. Darum werde ich ihn, sobald er fertig ist, durch einen
zuverlässigen Boten nach Mihribani senden. Aber - - freilich - - ich habe nur
Reitknechte mit. Ich konnte nicht an die Notwendigkeit einer solchen Botschaft
denken und muss darum Euch um einen Mann ersuchen, der sich eher totschlagen lässt
und meinen Bericht vorher verschlingt, ehe er ihn in falsche Hände kommen lässt.«
    Der Ustad sah mich fragend an. Es gab unter den Dschamikun wohl Manchen, der
geeignet war, aber er kam dennoch nicht sogleich auf einen bestimmten Namen. Da
sagte ich:
    »Unser Kara Ben Halef! Er besitzt alle Eigenschaften, welche hierzu
erforderlich sind. Trotz seiner Jugend können wir ihm wohl am meisten vertrauen.
Ausserdem stehen ihm die echten Eilkamele der Hadeddihn zur Verfügung. Es gibt
also für ihn nicht die geringste Gefahr, denn kein Mensch würde ihn einholen
können. Er braucht nicht mehr als zwei Tage hin und zwei her. Wenn Ihr ihm einen
Mann mitgebt, der den Weg nach Mihiribani kennt, so kann er am Donnerstag Abend
wieder hier sein. Muss er aber auf Antwort warten, dann allerdings erst am
Freitag.«
    Dieser Vorschlag fand solchen Anklang, dass ich mich gleich aufmachte, um mit
Kara zu sprechen. Dschafar begleitete mich nach unten. Die Dokumente in der
Hand, ging er nach seinem Turme.
    Kara befand sich bei seinen Eltern. Als ich hinaufkam, sass Halef aufrecht im
Bette, nur ganz leicht gestützt.
    »Willkommen, Sihdi!« rief er mir mit ziemlich kräftiger Stimme entgegen. »Du
schaust so eilig aus?«
    »Es ist auch eilig, mein lieber Halef. Ich komme, um dir den Sohn für
mehrere Tage zu nehmen. Er muss eine Botschaft übernehmen, welche ich nur dem
Zuverlässigsten, den ich hier kenne, anvertrauen kann.«
    »Dem Zuverlässigsten? Hältst du unseren Kara dafür?«
    »Ja.«
    »Allah segne dich! Das ist wieder Arznei! Das hilft; das stärkt! Das macht
mich schnell gesund! Wo soll er hin?«
    »Zum Schah-in-Schah.«
    »Zum - - -!«
    Das Wort blieb ihm vor Freude und Staunen im Munde stecken.
    »Ja, zum Schah-in-Schah!« wiederholte ich. »Mit höchst wichtigen Depeschen!«
    »Zum Schah - - - in - - - Schah - -!« brachte er jetzt hervor, indem er die
Hände selig zusammenschlug.
    »Mit höchst wichtigen Depeschen!« fügte Hanneh hinzu, die vor Wonne
strahlte, denn das war wieder Etwas, was noch nicht dagewesen war, eine Ehrung
sondergleichen.
    Kara aber war still. Er sagte nichts. Das war so seine Art!
    Ich erklärte ihnen die Angelegenheit. Da ging Kara, um die Eilhedschihn zu
füttern und zu tränken. Halef aber hielt mir seine Hand hin und sagte:
    »Sihdi, das kommt von dir. Ich weiss es, dass du ihn vorgeschlagen hast, denn
ich kenne dich. Du weisst allerdings, dass Kara der richtige Bote ist, aber du
hast dabei auch an uns, seine Eltern gedacht. Das ist abermals Arznei! Wenn das
so fortgeht mit den frohen Botschaften, so springe ich noch heut von meinem
Lager auf und laufe in einer Tour den ganzen Berg hinunter! Seit ich hier oben
im Freien liege, werde ich wie im Galopp gesund!«
    Von hier aus ging ich zu den Pferden. Schon war ich an der Küchentür
vorüber, da hörte ich mich hinter mir rufen. Ich drehte mich um. Pekala kam mir
nach. Sie tat sehr heimlich.
    »Effendi, weisst du, dass heute Sonntag ist?« fragte sie halblaut.
    »Natürlich!«
    »Und dass da mein Aschyk kommen wollte?«
    »Ja.«
    »Er kommt aber nicht!«
    »So? Warum nicht?«
    »Er hat sich anders besonnen und lässt dich bitten, nicht auf ihn zu warten.«
    »So war er aber doch wohl da? Denn du hast mit ihm gesprochen?«
    »Ja, er war da.«
    »Wann?«
    »Heut früh. Des Sonntags stehe ich immer eher auf als sonst, weil ich, wenn
die Glocken läuten, mit der Arbeit fertig sein will. Heut war es nun noch
zeitiger als gewöhnlich. Ich ging in den Garten, um Soghanlar79 zu holen; da
stand mein Aschyk plötzlich vor mir und sagte, dass er schon jetzt gekommen sei,
weil er heut Abend nicht dasein werde.«
    »Wo will er da wohl hin?«
    »Das weiss ich nicht. Ich konnte ihn nach gar nichts fragen, weil er keine
Zeit hatte, mir zu antworten. Aber es war sehr rührend, als er ging, sehr!«
    »Wieso?«
    »Er ergriff meine Hand und streichelte mir mit seiner andern Hand über den
Kopf, so - - so - -«
    Sie zeigte mir, wie er es gemacht hatte, und fuhr dann fort:
    »Und dazu sagte er: Pekala, sagte er, wir haben im letzten Jahre viele, sehr
viele Lügen gemacht, und der Ustad und der Effendi sind doch so liebe und so
gute Menschen, die man auf keinen Fall belügen oder gar betrügen sollte.
Versprich mir, dass du ihnen von heute an die volle Wahrheit sagen willst, wenn
sie dich nach mir fragen! Da habe ich es ihm versprochen und ihm auch die Hand
darauf gegeben, dass ich es halten werde, denn - - -«
    Sie hielt inne, weil ihr die Tränen kamen. Da wischte sie sich die Aeuglein
und auch das kleine Näslein an die Schürze und fuhr hierauf fort:
    »Denn mit dem Lügen ist es - - - verzeihe mir, Effendi! Ich nehme dann
nachher zum Kochen gleich eine andere, eine neue Schürze - - - denn mit dem
Lügen ist es eine schlimme Sache. Man kann nämlich nicht schlafen, wenn man dich
oder den Ustad belogen hat, und so will ich dir denn jetzt ganz offen sagen - -
-«
    Sie wischte sich jetzt abermals, und zwar sehr nachhaltig, was sie jetzt nun
doch wohl durfte, weil sie ja nachher eine neue Schürze nehmen wollte, und
sprach weiter:
    »- - - will dir ganz offen sagen, dass die Sache anders gewesen ist, als ich
dir erzählt habe. Es muss vom Herzen herunter, sonst halte ich es nicht aus! Mein
Aschyk ist nämlich nicht nur alle Monate gekommen, sondern - - -«
    Da unterbrach ich sie:
    »Lass das jetzt, Pekala! Ich wünsche nicht, dass du dir wehe tust.«
    »Ich soll es dir nicht erzählen?«
    »Nein.«
    »Aber da bringe ich es doch nicht herunter und kann heute Nacht wieder nicht
schlafen!«
    »Doch, doch! Es ist nämlich genau so gut, als ob du es erzählt hättest. Der
Ustad und ich verzeihen es dir. Wenn wir es einmal wissen wollen, werden wir
dich schon selbst fragen. Dann aber musst du uns freilich die volle Wahrheit
sagen, keine Lüge mehr!«
    Da wurden ihre Aeuglein wieder klar; das Näslein verlor die Lust, sich
kummerfeucht zu zeigen, und sie antwortete schnell:
    »Lüge? Nie wieder, nie, niemals! Wir sind wahrscheinlich selbst auch belogen
worden, besonders vom Scheik ul Islam, der gesagt hat, dass er bloss sein
Schreiber sei! Von ihm hat mir mein Aschyk eine Schlechtigkeit mitgeteilt, die
ganz unerhört ist!«
    »Ich denke, er hat gar nicht viel mit dir gesprochen!«
    »Das ist auch wahr, aber dieses doch! Denke dir, dieser armselige Scheik des
Islam hat behauptet, meine Nase sei zu klein, mein Maul zu gross und mein Gang
wie Elefantentrab! Der soll mir einmal wiederkommen! Ich warte schon darauf! Was
so eine Lüge anrichtet, das glaubst du gar nicht, Effendi! Ich habe diesen
ganzen Tag daran denken müssen und mich vor Aerger wenigstens hundertmal
vergriffen. Dem Pedehr habe ich seinen Kaffee nicht von Bohnen, sondern von
Pfefferkörnern gekocht. Denke dir sein Gesicht, als er trank! Den Leuten habe
ich Salz anstatt Zucker an die Limonada geschüttet! Und in dem Eierkuchen, den
ich für mich selbst gebacken habe, fand ich einen Strang schwarzen Nähzwirn,
vier Knöpfe und eine bleierne Flintenkugel. Ist das nicht geradezu fürchterlich,
was solche Lügen für schreckliche Folgen haben? Meine Nase zu klein! Wenn dieser
Mensch sich wiedersehen lässt, bekommt er den ganzen Eierkuchen ins Gesicht, den
ganzen, gleich auf einmal! Ich hebe ihn mir auf! Der liegt bereit, alle Tage,
und schwapp, da hat er ihn!«
    Sie machte mir mit den Händen die betreffende Bewegung vor. Ich musste
lachen; sie aber meinte es ernst. Der Aschyk schien seine Pekala zu kennen. Er
hatte dem Scheik ul Islam diese Sünden gegen die weibliche Schönheit in den Mund
gelegt und damit mehr erreicht, als er durch alle möglichen Warnungen und
Ermahnungen hätte erreichen können. Ich durfte überzeugt sein, dass sie den
frommen Herrn niemals wieder um eine Naddara bitten werde! Sie fuhr fort:
    »Nur den Lügen dieses Scheik ul Islam ist es zuzuschreiben, dass mein Tifl
fortgegangen ist, obgleich ich ihm so gute Worte gab, bei uns zu bleiben. Er
hatte ihm weissgemacht, hier bei uns werde er es doch zu nichts bringen; wenn er
aber mit ihm gehe und beim Rennen den Kiss-y-Darr80 reite, werde er sofort unter
die Aeltesten der Taki-Kurden aufgenommen; in einem Jahre könne er schon Scheik
geworden sein, und dann werde sich kein Ustad mehr weigern, die Dschamikun durch
einen Bund mit den Taki-Nachbarn so mächtig zu machen, dass sich kein Feind mehr
an sie wagen könne.«
    »Ah, so! Das, das ist die Leimrute gewesen, an welcher Tifl hängen geblieben
ist! Er glaubte, es gut mit uns zu meinen?«
    »Wie denn anders, Effendi? Denkst du etwa, dass Tifl im stande sei, jemals
unsern Schaden zu wollen? Das Kind ist eben noch dumm. Ich habe es zu erziehen.
Später, wenn diese Erziehung vollendet ist, wird es keinem Scheik ul Islam mehr
gelingen, ihm Sand in die Augen zu streuen. Und das Kind ist nicht bloss dumm,
sondern auch gescheidt und klug. Es wird sich drüben bei den Taki-Kurden
umschauen und sehr bald einsehen, dass man es dort nur an der Nase führen will.
Dann kommt es wieder. Darauf kannst du dich verlassen, Effendi. Ich freue mich
schon darauf!«
    »Wie hiess das Pferd, welches er gegen uns reiten soll?«
    »Kiss-y-Darr.«
    »Sonderbarer Name! Was ist das für ein Pferd?«
    »Das weiss ich nicht. Tifl hat mir weiter nichts gesagt, als dass es
eigentlich das Eigentum des Ustad sei. Nun aber muss ich in die Küche, Effendi,
weil es heut eine grosse Sukdscha81 mit Zucker und Zitrone gibt. Die hat der
Ustad mich gelehrt, zu machen. Sie ist eines seiner Leibgerichte in der warmen
Jahreszeit, und so soll er sie heut bei seiner Heimkehr haben.«
    »So hüte dich, wieder Salz anstatt Zucker zu nehmen!«
    »Allah verhüte es! Aber mein Aerger ist noch nicht heraus, und so wäre es
wohl kein Wunder, wenn ich es täte!«
    Sie kehrte in ihr Reich zurück, und ich setzte meinen unterbrochenen Weg
nach der Pferdeweide fort, wobei ich mich mit einigen Aepfeln versah, nicht nur
für Syrr, sondern auch für Assil. Denn, so lächerrlich es auch klingen mag, weil
es sich doch nur um Tiere handelt, es erschien mir ungerecht, dem einen,
wohlverdienten, Etwas vorzuentalten, was das andere bekam, ohne schon auch nur
Aehnliches geleistet zu haben. Sie standen bei einander, fast zärtlich Kopf an
Kopf. Ich gab ihnen die Aepfel nicht direkt, sondern ich legte sie vor sie hin
in das Gras. Beide senkten die Köpfe zu gleicher Zeit, hoben sie aber auch
zugleich wieder in die Höhe. Warum? Aus Neidlosigkeit. Edles Blut! Keine Spur
von Habgier. Jedes von ihnen sah, dass das andere die Früchte haben wollte und
zog darum den Kopf bereitwillig zurück. Keines langte wieder nieder. Syrr aber
rieb sein Maul an Assils Hals. War das eine Aufforderung, zu nehmen und zu
fressen? Ich hob die Aepfel auf und gab jedem das Seinige. Da langten beide zu -
- - Tiere!
    Von jetzt an versorgte ich auch Assil wieder mit eigener Hand. Er war das so
gewohnt und hatte es verdient.
    Eben als ich beiden Pferden ihre Abendgerste gab, sah ich drüben jenseits
der Ruinen einen Reiter kommen, den Duar vermeidend, über Stock und Stein, aus
dem hintern Tal herauf quer auf die Brüche zu. Das war fast wagehalsig! Als er
den obern Steinbruch erreichte, erkannte ich ihn; es war - - - Tifl. Als ob das
Wort seiner Pekala ihn herbeigezogen hätte! Er lenkte nach dem Glockenwege und
dann linksab zu mir. Der Schritt seines Pferdes wurde immer langsamer und
zögernder, je näher er mir kam. Endlich hielt er ganz an, wohl über zehn
Pferdelängen von mir entfernt.
    »Effendi, darf ich wiederkommen?« fragte er.
    Ich antwortete nicht. Er wartete eine kleine Weile und fuhr dann verlegen
fort:
    »Da drüben ist die Hölle! Ich mag nichts von ihr wissen!«
    Natürlich blieb ich still.
    »Und heut kam der Sonntag! Am Freitag plärrten sie den ganzen Tag. Das klang
so kindisch. Fast habe ich mich an ihrer Stelle geschämt! Nun betete ich heut.
Sie sahen es. Ich tat es still; ich plärrte, plapperte und murmelte nicht wie
sie. Da lachten sie mich aus und schimpften mich einen Kafir82. Ich dachte an
unsere Glocken, an unsern Sonntagsgesang, an unser Beit-y-Chodeh, an meine gute
Pekala, an den Ustad, an dich, Effendi, an Alles, Alles, Alles! Da hielt ich es
nicht länger aus. Ich musste fort, nur fort! Ich kann die Gesichter da drüben
nicht leiden. Sie sind so sanft, so fromm und doch so unverschämt! Als ob sie
lauter heilige Engel seien und ich ein ganz verlorenes, von Gott verstossenes
Subjekt! Sie wollten mir meinen Chodeh nehmen, den ich verehre. Sie sprachen
schlecht von meinem Ustad, den ich liebe. Und sie sprachen von den Dschamikun
wie von ganz albernen Geschöpfen, denen man ihren Ustad verbieten müsse, wenn
man brauchbare Menschen aus ihnen machen wolle. Das ergrimmte mich so, dass ich
sie hätte erwürgen mögen, diese Dummköpfe. Aber ich kämpfte meinen Zorn nieder,
ging heimlich aus dem Duar, holte mir mein Pferd von der Weide und - - - - - -
nun bin ich wieder da, Effendi!«
    Das war eine lange Rede. Er hatte sie nicht etwa fliessend gehalten, sondern
seine Sätze von Pause zu Pause wie mit Gewalt herausgestossen. Nun wartete er, ob
ich endlich Antwort geben werde. Ich tat es nicht. Da trieb er sein Pferd etwas
näher heran, stieg ab, kam auf mich zu und sagte:
    »Sprich doch, Effendi, sonst fange ich an, zu weinen! Es war falsch und dumm
von mir, dass ich ging. Sei gut wie immer, und verzeihe mir! Was willst du denn
auch anders mit mir machen; ich bin doch Euer alter, treuer Tifl!«
    Ich war im Stillen gerührt, zeigte ihm dies aber nicht, sondern deutete nach
dem Hause und sagte:
    »Der Ustad ist wieder da; er mag entscheiden. Geh zu ihm!«
    Da holte er sein Pferd. Indem er es an mir vorüberführte, hingen seine Augen
an Syrr, mit einer Bewunderung, als ob er etwas Ueberirdisches sehe. Er getraute
sich aber nicht, noch Etwas zu sagen.
    Ich schaute ihm nicht nach, hörte aber gleich darauf eine weibliche Stimme
jubeln. Die Festjungfrau nahm ihr Herzens- und Schmerzenskind wieder in Empfang.
Das war eine neue Aufregung für sie, infolge deren die ebenso bedenkliche wie
berechtigte Frage in mir auftauchte: Was wird nun wohl aus der Kalteschale
werden?!
    Als ich dann wieder vor auf den Hof kam, stand Kara mit den Kamelen zum
Aufbruche bereit. Er war gut bewaffnet. Einer von Dschafars Reitknechten sollte
ihn begleiten. Der Bericht an den Herrscher war aber noch nicht fertig. Der
Ustad stand auf seinem Balkon; er winkte mir, hinaufzukommen. Tifl lehnte an
einer der Säulen vor der Halle. Als ich an ihm vorüberwollte, sagte er:
    »Effendi, unser Ustad hat mir verziehen; ich darf hierbleiben. Willst du
nicht auch so gütig sein wie er?«
    »Hat er vergeben, so habe auch ich es getan,« antwortete ich. »Wie du über
den Scheik ul Islam denkst, das hast du mir gesagt, und ich hoffe, dass du nicht
wieder anderer Ansicht wirst. Wie aber steht es mit Ahriman Mirza? Wer hatte ihm
damals Alles über mein Lager hier in der Halle mitgeteilt?«
    »Ich war es,« gestand er aufrichtig. »Der Aschyk hatte uns gesagt, dass
Ahriman ein grosser Freund der Dschamikun sei; er dürfe es sich jetzt nur noch
nicht merken lassen. Darum beantwortete ich alle seine Fragen. Ich hielt mich
für klüger und unterrichteter, als Ihr alle seid. Ich war überzeugt, dass Ihr mir
später rechtgeben und meine Umsicht bewundern würdet. Ich bin aber ein Schaf,
Effendi, das allergrösste Schaf, das es gibt, so weit das Gras hier auf den
Bergen wächst!«
    »Da hast du Recht, Tifl! Du solltest bei den Takikurden geschoren werden.
Sei froh, dass du mit dem Felle davongekommen bist!«
    Als ich hinauf zum Ustad kam, empfing er mich mit den Worten:
    »Du wirst mich nach Tifl fragen wollen. Mir liegt aber zunächst etwas
Anderes auf dem Herzen, wovon du in Dschafars Gegenwart nicht gesprochen hast,
nämlich Syrr. Er zeigte mir das Pferd, als ich ihn unterwegs traf, und auch der
Schah sprach sogleich mit mir davon. Als wir in jener Nacht hier bei mir von
Syrr sprachen, konnten wir nicht ahnen, dass er sich eine Woche später bei uns
befinden werde. Ich sehe unserm Rennen mit Zuversicht entgegen; aber diese
Zuversicht würde sich verzehnfachen, ja verhundertfachen, wenn Jemand hier wäre,
der ihn reiten könnte. Der Schah ist sehr gespannt darauf, ob du es fertig
bringst. Er hält es sogar für nicht unwahrscheinlich, dass es dir gelingen werde.
Aber die Tatsache, dass er dich aufsitzen lässt und dich trägt, wohin du willst,
genügt doch für so ein Rennen nicht. Du hättest ihn erst wochen-, vielleicht
sogar monatelang zu studieren, um seine Schule zu entdecken. Sodann bist du ja
noch krank. Es müsste also ein Anderer sein, und den gibt es nicht.«
    »Was du da sagst, ist Alles, Alles Nebensache, mein Freund,« antwortete ich.
»Die Hauptsache ist doch wohl, ob wir uns anmassen dürften, Syrr zum Rennen zu
benützen.«
    »Unbedingt, unbedingt!«
    »Du meinst, dass der Schah nichts dagegen hätte?«
    »Dagegen? Er würde sich sogar freuen, herzlich freuen, zeigen zu können, dass
seine Schule alle andern Schulen schlägt. Der Kampf würde aber ein heisser, sogar
ein entscheidender werden, denn wisse, der Teufel wird gegen uns geritten, und
Ahriman reitet ihn selbst!«
    »Der Teufel? Was ist das für ein Pferd?«
    »Eine Khorassan-Schecke von wunderbarer Schnelligkeit und Ausdauer. Sie
gewann noch jedes Rennen, und zwar spielend, selbst gegen die berühmtesten
Pferde. Man hält sie für unbesiegbar und wagt es schon seit Jahren nicht mehr,
gegen sie zu setzen. Es heisst Teufel und ist ein Teufel, der oberste aller
Teufel. Darum heisst die Schecke nicht bloss Schetan oder Scheitan, sondern Iblis.
Und bezeichnender Weise ist dieser Iblis nicht im Besitze eines Mannes, sondern
eines Weibes. Du wirst staunen. Seine Herrin ist nämlich jene Schahsadeh Khanum
Gul, die sich Rose von Schiras nennen lässt und, wie wir jetzt wissen, Kaiserin
von Persien werden will.«
    »Höchst kurios! Aber wundervoll!«
    »Wundervoll? Das klingt ja, als freutest du dich darüber?«
    »Natürlich freue ich mich! Mir ist nur bange, ob man diesen Iblis auch
wirklich bringen wird. Von Schiras bis hierher ist ein weiter Weg!«
    »Schiras? Ah, ich vergesse, dass du ja noch nicht weisst, was ich von Tifl
erfahren habe. Ahriman Mirza und die Khanum Gul sind jetzt nämlich in
Chorremabad, als Gäste des Scheik ul Islam.«
    »Das würde für uns erstaunlich sein, wenn uns ihre Zwecke unbekannt wären.
Aber er und sie mögen stecken, wo sie wollen; das ist mir in diesem Augenblicke
unendlich gleichgültig. Ich frage nur nach dem Teufel!«
    »Der ist auch in Chorremabad. Die Gul reist stets mit Hofstaat und trennt
sich nie von ihrem Lieblingspferde.«
    »So kommt der Iblis also sicher?«
    »Ganz gewiss! Er soll uns unser ganzes Vollblut abgewinnen, uns vollständig
zuschanden machen!«
    »So bin ich zufriedengestellt. Ich reite also den Syrr! Aber kein Mensch
darf es vorher ahnen, ausgenommen du und Schakara!«
    »Effendi!« rief er aus, indem er einige Schritte von mir zurückwich.
    »Ja, ich reite ihn!« versicherte ich. »Das war bis jetzt noch ungewiss; nun
aber ist es fest bestimmt.«
    »Duldet er dich denn?«
    »Mit Vergnügen!«
    »Aber du kennst doch seine Schule nicht und kein einziges seiner
Geheimnisse!«
    »Er hat weder das Eine noch das Andere. Er hat nie zu Diensten einer Schule
oder Wissenschaft gestanden, welche zwar alte Mähren reitet und missratenes Voll-
und Halbblut dressiert, aber niemals ein wirklich edles Pferd gehorsam machen
wird, weil sie beharrlich seine Seele leugnet. Und Geheimnis? Ich behandle Syrr
nach dem grossen und liebevollen Geheimnisse der Natur. Er hat sich gleich beim
ersten Versuche einverstanden gezeigt. Ich habe mich nur mit ihm
zusammenzuleben. Das Fest beginnt Sonntag. Der Montag ist für die Vorrennen
bestimmt. Der Hauptwettlauf folgt Dienstag. Das sind noch neun Tage, also genug
Zeit, mich körperlich vollends zu erholen und Syrr ganz für mich zu gewinnen.
Ich kenne den Teufel dieser Khanum Gul noch nicht. Wer weiss, auf welche Kniffe
und Finessen er läuft. Aber wenn ich dir sage, dass ich ihn selbst mit Assil
nicht fürchten würde, viel weniger mit Syrr, so kannst du ruhig sein!«
    Da lächelte er mir fröhlich ins Gesicht, gab mir die Hand und antwortete:
    »Da steht für uns ja Alles, Alles gut, sogar vortrefflich! Ich reite meine
Sahm und du den Syrr - - -«
    »Vielleicht auch noch den Assil!« fiel ich ein. »Kara soll ihn bekommen.
Aber wenn ich es für nötig halte, setze ich mich selbst auf.«
    »Dann iss nur, iss, und pflege dich mein Freund! Denn ich merke, du wirst es
sein, der den Ausschlag zu geben hat.«
    »Nicht essen, sondern üben ist die Hauptsache. Ich werde damit gleich heute
noch beginnen.«
    »Dafür ist es zu spät!«
    »Nein, denn ich übe nur des Nachts. Es soll Niemand den Syrr eher sehen, als
bis zum letzten Augenblick. Man wird uns den Teufel nur erst zum letzten, Alles
entscheidenden Rennen stellen und meinen, uns damit perplex zu machen. Dann
bringe ich meinen Glanzrappen, nicht eher! Bist du deiner Stute sicher?«
    »Ein halber Tag im Sattel, so ist sie wieder mein!«
    »Schön! Was aber hat es für eine Bewandtnis mit dem sogenannten Kiss-y-Darr,
von welchem Pekala gesprochen hat?«
    »Das ist eine Gemeinheit, eine Infamie sondergleichen gegen mich von Seiten
des Scheik ul Islam. Dieses Pferd ist eigentlich mein, ja, ohne allen Zweifel
mein; man hat mich darum betrogen, und nun es vollständig niedergeritten worden
ist, will man mich mit ihm beschimpfen und blamieren. Lass dir erzählen,
Effendi!«
    Sein bisher heiteres Gesicht beschattete sich, als er begann:
    »Der Name lautet eigentlich nur Kiss, bekanntlich das arabische Wort für
Roman. Warum ich das Pferd, als es geboren wurde, grad so und nicht anders
genannt habe, brauche ich nicht dir zu erklären, der du auch Bücher schreibst.
Das y-Darr, den Schund, hat man erst jetzt hinzugefügt! Kiss stammte von edeln
Eltern. Er war ein Hellbrauner von besten Eigenschaften und versprach, diesen
Eltern und auch mir Ehre zu machen. Eben, als er sich zu einem reitbaren Pferde
entwickelt hatte, traf ich mit einem Scheik der Kutubikurden zusammen, der mich
bat, ihm dieses Pferd zu seiner Auszucht gegen eine zu vereinbarende Gebühr zu
leihen. Er wolle gern seine Rasse veredeln und sei überzeugt, dass Kiss sich am
Besten hierzu eigne. Dieser Mann sprach so rechtschaffen, so ehrlich, so bieder,
dass ich ihm mein Vertrauen schenkte. Ich lieh ihm Kiss; er ging auf alle meine
Bedingungen ein, gab mir Handschlag und Wort und zahlte auch die erste Rate der
Leihgebühr. Die übrigen Gratifikationen aber blieben aus. Das war vor zwanzig
Jahren. Seit dieser Zeit habe ich trotz aller Fragen und Mahnungen weder eine
Gebühr erhalten noch mein Pferd zurückbekommen können. Der Mann ist gestorben.
Seine Erben haben Kiss verkauft. Sie und der Käufer behaupten, das Pferd gehöre
nicht mir, obwohl sie wissen, dass man solche Rasse überhaupt niemals verkauft.
Es ist jedem Kutubikurden bekannt, dass man derartige Pferde höchstens nur gegen
eine fortgesetzte und langjährige Rente aus den Händen gibt. Ich habe Kiss nur
ein einziges Mal wiedergesehen, vor gar nicht langer Zeit. Er war über zwanzig
Jahre alt, abgetrieben, entstellt, verletzt, verhunzt, besudelt, beinahe zur
Karrikatur gemacht, und nun hat ihn der Scheik ul Islam sich von dem Käufer
schicken lassen, um ihn in dieser Heruntergekommenheit öffentlich gegen mich
auszuspielen. Die Karrikatur eines Pferdes sollte von der Karrikatur eines
Menschen, nämlich Tifl, hier vorgeritten werden, um vor Aller Augen den Beweis
zu liefern, welchen verderblichen Einfluss ich auf die Erziehung von Mensch und
Tier besitze! Vor allen Dingen aber soll das arme, absichtlich misshandelte Tier
vor dem Rennen nicht als Kiss, sondern als Kiss-y-Darr, also nicht als Roman,
sondern als Schundroman ausgerufen werden. Du siehst, mit welchen Mitteln diese
Ebenbilder Gottes gegen mich kämpfen!«
    »So ist es also, so!« sagte ich. »Nun ist ihnen aber Tifl entgangen.
Vielleicht verzichten sie aus diesem Grunde auf den beabsichtigten Streich?«
    »Das denke nicht! Es wird sich schon ein feiler Taki finden, dem es eine
Wonne ist, sich auf dem Schundroman vor aller Welt zu brüsten, weil ihn ein
andres Pferd sofort vom Sattel werfen würde! Nicht etwa, dass ich mich hierüber
ärgere, o nein; ich freue mich sogar auf diese Hanswurstiade, denn, denn - - -
ich habe Etwas vor!«
    »Was?«
    »Kiss war edel und ist noch heute edel, trotz seines Alters und trotz seiner
Entstellung. Der Kenner sieht sofort, was ursprüngliche Natur und was Verhunzung
ist. Ich werde aus diesem Humbug einen Ernst zu machen wissen, an den zu denken,
ihnen Geist und Grütze fehlen! Du wirst es wohl erraten?«
    »Allerdings. Wenn sie sich einbilden, uns mit ihrem Schund schlagen zu
können, so werden sie es sein, die beschämt abziehen müssen. Du oder ich, ganz
gleich; wir haben uns beide nicht zu schämen!«
    »Ich höre, du hast mich verstanden. Uebrigens scheint dieser Plan mit
Kiss-y-Darr in demselben Gehirn entsprungen zu sein, aus welchem die famose
Karawane des Pischkhidmet Baschi83 stammt. Sie sind einander so ähnlich. Mit dem
Pferde wollen sie mich blamieren; mit jener Karawane, die auch nur Humbug war,
sollte die Ehre des Schah-in-Schah an den heiligen Orten untergraben werden.«
    »Woher weisst du das?« fragte ich verwundert, weil auch ich mir schon so
etwas Aehnliches gedacht hatte.
    »Der Herrscher hat es mir selbst erzählt. Es ist ihm über diese Karawane
berichtet worden. Er hat nicht das Geringste von ihr gewusst, und unter seinen
Kammerherren befindet sich nicht ein einziger solcher Dummkopf, wie jener
sogenannte Pischkhidmet gewesen ist. Darum hat er nachforschen lassen. Die
Spuren führten zum Scheik ul Islam, und es stellte sich auch wirklich heraus,
dass dieser der Unternehmer des ganzen Schwindels gewesen ist.«
    »Und ich habe den Pseudo-Kammerherrn beschützt!«
    »Trotz seiner Frechheit und Undankbarkeit! Lass dich das nicht reuen! Dank
kennt nur der Gute, aber so ein Mensch doch nicht! Uebrigens kam während dieses
Gespräches mit dem Beherrscher noch eine andere Episode vor. Ich war nämlich
zweimal bei ihm. Beim ersten Male erzählte ich ihm Alles und zeigte ihm auch den
Brief des Aemir-i-Sillan an den Henker und las ihm die Zeilen vor. Da sagte er,
dass dieser Henker uns jetzt ganz nahe sei, denn er befinde sich auch hier, habe
um eine Audienz gebeten und sei für die jetzige Zeit herbeibefohlen worden. Als
ich dann ging, stand der Multasim auch wirklich im Vorzimmer und musste sofort
eintreten. Er hatte seinen Balapuschi84 abgelegt, und der günstige Augenblick
erlaubte mir, den Brief in eine Tasche desselben zu schieben, in welcher schon
ein Notizbuch steckte; er ist also ganz sicher gefunden worden. Bei der
Abschiedsaudienz erfuhr ich vom Schah, dass dieser Mensch die Stirn gehabt habe,
mich wegen Mordanschlages und widerrechtlicher Gefangennahme bei ihm anzuklagen
und um strengste Bestrafung zu bitten. Der Herrscher hätte ihn am liebsten
sofort festnehmen und aufhängen lassen mögen, war aber in Anbetracht unserer
Pläne so bedacht gewesen, ihm den ruhigen Bescheid zu erteilen, dass er das
Resultat seiner Zeit erfahren werde. Hierauf hatte Ghulam el Multasim
angenommen, dass er seinen nächsten Aufentaltsort nennen müsse, und gesagt, dass
er jetzt nach Chorremabad gehe, um dort der Gast des Scheik ul Islam zu sein.
Hätte er geahnt, was der Schah über diesen Würdenträger wusste und dachte!«
    »So haben wir also die lieben Freunde jetzt in unserer Nähe, und
wahrscheinlich kommen noch immer mehr hinzu!«
    »Ja; es drängt nun Alles auf die Entscheidung hin, und unser Rennen wird der
Anfang vom schnellen Ende sein.«
    »Dann los! Heut Abend, wenn mir Niemand mehr begegnen kann, reite ich zum
ersten Male mit Syrr aus.«
    »Wohin? Zur Rennbahn?«
    »Jetzt das noch nicht. Ich muss ihm zunächst Freiheit geben, weiten
Spielraum. Vielleicht wähle ich den Weg nach den Pässen hin.«
    »Da müsstest du durch den Duar, den du doch wohl besser vermeidest. Wende
dich lieber nach Norden. Drüben den Steinbruchweg hinab, links um den Berg herum
und dann über die breite, grasige Talsenkung rechts. Da kommst du bald auf eine
Ebene, wo man sogar in finstrer Nacht gefahrlos galoppieren kann, weil der Boden
so glatt und sicher ist wie hier die Bretterdiele.«
    Hier musste unsere Unterredung ein Ende nehmen, denn wir sahen Dschafar aus
dem Wartturme kommen, den Brief an den Schah in der Hand. Da gingen wir hinab,
um Kara noch einige Worte und Wünsche mitzugeben. Sein Vater hatte sich das Bett
ganz vor an den Rand des Daches schaffen lassen, um den Sohn fortreiten zu
sehen.
    »Allah begleite dich, mein Liebling!« rief er herab. »Sag dem Schah-in-Schah
unsern Dank. Den nächsten Brief werde ich ihm selber bringen! Nun geh, und komm
zurück, wie du gegangen bist: gesund und mit einem Schreiben!«
    Nur wenige Minuten später stand ich hinten bei den Pferden. Ich schaute zum
See hinab. Da sah ich Kara und seinen Begleiter schon weit über demselben
draussen. Es ist fast unglaublich, was so ein ächtes, gutgezogenes Bischarikamel
zu leisten vermag!
    Hierauf ging es zur Kalteschale. Sie war vortrefflich. Wenigstens hatte sie
nichts von der Aufregung an sich, in welcher ich mir ihre festjungfräuliche
Zubereiterin noch immer dachte. Dann pflegte ich der Ruhe, bis es oben und unten
still geworden war und ich kein Licht mehr brennen sah. Da holte ich mein
Sattelzeug und ging zu Syrr hinab.
    Er lag mit Assil abseits von den andern Pferden. Der Mond schien. Als sie
den Sattel sahen, standen sie beide auf. Sobald ich aber Syrr zu zäumen begann,
legte Assil sich wieder nieder. Er war so sehr verständig!
    Ich war natürlich neugierig auf das nun Folgende. Würde es gelingen? Ich
stieg auf. Die Füsse in die Bügel. Eben wollte ich die Unterschenkel anlegen; da
ging der Rappe auch schon vorwärts. Es gab bis in die Ruinen mehrere Biegungen.
Kaum dachte ich an die Schwenkung, so war sie schon gemacht. Welch ein feines
Empfinden! Und dieser ruhige, sichere Schritt! Leichter, hochgraziöser Rhytmus
auf fester Bassunterlage! Drüben ging es am Turm vorüber, auf die Steinbrüche zu.
Da stand rechts dichtes Strauchwerk. Bei demselben angekommen, blieb Syrr
stehen, ohne angehalten worden zu sein.
    »Wer ist hier?« fragte ich, den Blick scharf auf die Büsche richtend.
    »Du bist es, du, Effendi,« antwortete es. »Da darf ich hervorkommen. Ich
glaubte nicht, dass du schon wieder reiten könntest, und hielt dich darum für
einen Andern.«
    Es war der Aschyk.
    »Hattest du hier zu tun?« fragte ich.
    »Ja,« antwortete er. »Ich wache! Hast du mein Paket gefunden? Kannst du es
verwerten?«
    »Sehr gut. Ich danke dir!«
    »So bitte ich dich, mich still gewähren zu lassen! Du sollst nicht
herabgezogen werden, in das Gemeine, wo du nicht hingehörst. Lass das mir lieber
über; mir schadet der Schmutz nicht so wie dir! Ich bin ihn ja gewöhnt. Ich
vermute, dass du morgen die Päderan belauschen willst. Auch das ist Schmutz,
vielleicht der allergrösste. Wirst du trotzdem kommen?«
    »Ganz bestimmt!«
    »So beschwere dich mit nichts. Ich bin sicher da und helfe dir herauf in das
Versteck.«
    »Verkehrst du noch mit unsern Gegnern?«
    »Lass mich hierüber schweigen, Effendi! Ich darf dein Gewissen nicht
beschweren. Aber wenn ich dir einen Wink gebe, so folge ihm mit Vertrauen. Es
nahen schwere Zeiten. Ich will sie dir erleichtern. Und dann, dann geht mir
vielleicht der grösste Wunsch in Erfüllung, den ich in meinem Herzen trage.«
    »Welcher?«
    »Bei uns ist der Hund verachtet. Bei euch im Abendlande aber wird er
geschätzt. Da ist er der Freund, der Wächter, der Beschützer der Menschen.
Effendi, prüfe mich jetzt, und wenn du mich als treu befunden hast, so lass mich
dein Wächter sein, dein Hund, der dich begleitet, so lange du in diesen Gegenden
bist! Der mit dir hungert und dürstet, im Regen und im Sonnenbrande vor deinem
Zelte liegt, jeden Feind zerreisst, der sich an dich drängen will, und lieber
stirbt, als dass er dir ein Leid zufügen lässt! Willst du?«
    »Da du es wünschest, werde ich dich - - nicht prüfen, denn das ist nicht
mehr nötig; ich vertraue dir - - aber meinen Freunden Zeit geben, dasselbe
Vertrauen wie ich zu dir zu fassen. Dann - - doch hierüber später!«
    
    »Das ist mehr, als ich erwartete. Allah vergelte es dir!«
    Bei diesen Worten entfernte er sich, nicht hinter das Gesträuch zurück,
sondern nach dem Steinbruche hin, an welchem ich dann vorüberritt, um hinab auf
den Weg nach Nordwest zu kommen. Ich folgte ihm genau so, wie der Ustad mich
bedeutet hatte und war nach einer Viertelstunde oben auf der Ebene, die wie ganz
besonders für meinen Zweck gebildet war.
    Und nun ging ich an die Arbeit. Arbeit? Falsch, grundfalsch! Ein Vergnügen
ist es, ein hochdankbares Studium, die Gedanken eines edlen Pferdes zu erraten
und sie mit ihm auszuführen! Ich habe wohl viele, viele Reiter kennen gelernt,
gute und schlechte, unter ihnen aber nur einen einzigen, der mit mir darin einig
war, dass das Pferd auch einmal Etwas selbstwollen dürfen muss. Das war mein
Winnetou. Es hat ja Willen, wie jedes Tier. Und es besitzt auch Intelligenz,
diesen Willen entweder für richtig oder für falsch zu halten. Es merkt sofort,
wenn der Reiter einen Fehler macht, und zeigt die Absicht, diesen Fehler zu
verbessern. Aber das ist ihm verboten. Es muss sich den gefühllosesten,
unverständigsten Bengel gefallen lassen, der keine Ahnung von der zarten
Empfindlichkeit und von dem Ehrgefühle, der Auffassungskraft, der
Ueberlegsamkeit und dem Gedächtnisse eines guten Pferdes hat und es einfach zum
innerlich und äusserlich steifen Gaul herunterrackert! Ich kam einst mit einem
solchen Menschen scharf zusammen. Er hatte von Nachmittag bis Mitternacht in der
Kneipe beim Kartenspiele gesessen und einen Grog nach dem andern getrunken, denn
es war ein sehr strenger Wintertag und selbst in der Stube kalt. Draussen aber
stand sein Pferd angebunden, nicht zugedeckt, fast klappernd vor grimmiger
Kälte. Es war ein gutes, fünfjähriges Halbblut. Der dünnspitzige Schnee, welcher
wie Nadeln fiel, bedeckte es handhoch. Die Haut besass nicht mehr die nötige
Wärme, ihn wegzutauen. Das Pferd hatte während dieser ganzen Zeit weder Futter
noch Trank bekommen und den lieben Herrn dann noch volle drei Stunden weit
heimzutragen. Das ergab einen Wortwechsel zwischen mir und ihm, den er mit der
Zurechtweisung schloss: »Das Vieh gehört mir, nicht Ihnen. Sie haben mir gar
nichts zu sagen! Und mit Ihren sogenannten Gefühlen kommen Sie mir erst recht
nicht! Zu behaupten, dass die Tiere, die Pferde eine Seele haben, ist eine Sünde
und von den Geistlichen verboten. Das habe ich von meinem Pfarrer, und der hat
es aus der Bibel! Na, also!« Hierauf spielte er ruhig weiter. Er ritt erst gegen
Morgen fort, kam aber nicht ganz heim. Er musste das arme Tier unterwegs
einstellen. Es hatte so stark verschlagen, dass es eine unheilbare Lähmung
davontrug. Da gab er es dem Schinder!
    Syrr war nicht nur edel, auch nicht nur hochedel; er war mehr. Ich hatte mir
für heut eine grosse Fläche, einen weiten Spielraum zum Reiten gewünscht. Warum?
Weil ich nicht sofort den Herrn und Gebieter spielen wollte. Der Rappe sollte
zunächst ganz seinen eigenen, freien Willen haben. Er sollte gleich am ersten
Tage herausfühlen, dass ich nicht so dumm sei, seine Natur, seine Gaben, seine
Vorzüge zu knechten und zu knebeln. Das war doch ja das beste Mittel, diese
Gaben und Vorzüge kennen zu lernen! Er merkte auch sehr bald, dass er mir zwar
bis hierher habe folgen müssen, nun aber tun könne, was er wolle. Er wartete
zunächst auf eine Willensäusserung von mir. Es erfolgte keine. Da blieb er
überlegend stehen. Ich sass ohne Regung, denn er hätte der geringsten sofort
gehorcht. Nun hob er den Kopf und windete, nach vorn, nach rechts, nach links.
Wie fein sein Gruchssinn war, hatte er mir unten in den Ruinen gezeigt, als er
des Aschyk wegen stehen blieb. Das schätzte ich sehr hoch, denn ein Pferd ohne
diese Sinnesschärfe hätte ich überhaupt nicht brauchen können. Nun schien er
überzeugt zu sein, dass uns nichts stören werde. Da drehte er den Kopf halb zu
mir herum und liess ein leises, kurzes Halbwiehern hören. Das klang fast wie eine
Frage, als ob er sagen wolle: »Na, darf ich denn auch wirklich?« Ich streichelte
ihm den Hals. Das war die Antwort. Da ging er vorwärts, langsam, quer tänzelnd,
eine ganze Weile, die Kniee zierlich werfend, als ob er zunächst die Sehnen und
Gelenke prüfen wolle. Dann fiel er in Trab. Aber was war das für ein Trab! Ich
staunte! War dieses Pferd nur Muskel? Das ging so weich, so geschmeidig, so
elastisch, so nachgiebig, biegsam und federnd - - mir fehlt das rechte Wort, das
Richtige zu sagen! Dieser Trab war kein Laufen sondern ein Fliessen!
    Und nun folgte der Galopp. Erst kurz, graziös, feierlich stolz, paradierend,
wie wenn ein König am Balkon der Königin vorüberreitet. Und doch so natürlich
und so ungesucht, die reine, sehr wohl erlaubte Freude über sich selbst! Dann
aber nicht mehr hoch, sondern weiter ausgestreckt. Das war fast wie der Flug
eines Adlers, dessen Schwingen man sich nicht bewegen sieht. Und doch hatte ich
das Gefühl, dass Syrr jetzt erst im Beginnen sei, seine Schnelligkeit zu zeigen!
Er griff nach und nach immer weiter aus. Der Galopp ging ins Rennen über.
Kilometer um Kilometer verschwand hinter uns. Die Sterne leuchteten, und der
Mond lächelte freundlich zu dem guten Verhältnisse zwischen Mensch und Tier. Die
jenseitigen Berge kamen schnell näher. Das Terrain wollte sich zu Tale senken.
Syrr bemerkte es ebenso wie ich. Er schlug ganz von selbst einen Bogen, um
zurückzulenken. Er wollte in bekannter Gegend bleiben, denn das, was er zeigen
wollte, hatte er noch nicht gezeigt. Es sollte erst noch kommen.
    Es schien, dass diese Carrière ihm Vergnügen, keinesweges aber eine
Anstrengung sei. Wie aber stand es da mit mir, dem Abgeschwächten, dem
Rekonvaleszenten? Was Schwachheit, und was Rekonvaleszent? Lächerlich! Ich war
gesund, ganz plötzlich gesund, und aber wie gesund! Erschlaffung und
Entkräftung? Auf einem solchen Pferde? Setzt einen Toten in diesen Sattel, und
er muss wieder lebendig werden, unbedingt! Denn jetzt war es, als ob Alles, Alles
verschwinden müsse, was lebenswidrig, was körperlich hindernd ist. War Syrr
jetzt Geist geworden, nur Geist, vollständig ohne Fleisch und Bein? Er lief
nicht mehr; er galoppierte und rannte nicht mehr, und - - er flog nicht mehr!
Nein! Sondern wir standen still. Aber die Ebene, die ganze Erde um uns war in
rasender Bewegung. Sie schoss auf uns zu und rechts und links und unter Syrrs
lang ausgestreckten Leib hinweg nach hinten. Es war, um schwindelig zu werden!
So laufen arabische Pferde allerersten Ranges, wenn der Reiter das sogenannte
»Geheimnis« in Anwendung bringt - - - auf Leben und Tod! Aber weder der berühmte
Rih noch sein gleichwertiger Sohn Ben Rih hatten trotz ihrer bewundernswerten
Leistungen diesen köstlichen Syrr erreicht, der den Raum, die Zeit und die
Materie bloss nur in Gedanken verwandelte, ohne dass es nötig gewesen war, ihn
durch irgend einen Kunstgriff dazu anzuspornen. Er durchmass die Ebene zurück und
wieder hin und wieder zurück in stets gleicher Rapidität, so dass ich besorgt um
ihn wurde und ihm das Wörtchen »wakkif!«85 zu hören gab. Er gehorchte sofort.
Zwar schoss er noch eine kurze Strecke weiter, überwand aber die Beharrung
ausserordentlich schnell und stand dann still.
    Da sprang ich ab, nahm seinen Kopf in beide Arme und drückte ihn an mich.
Ich streichelte ihn mit einer Wonne, die keinesweges die bekannte Wonne der
Redensarten war. Sein Atem ging ganz ruhig. Nicht der geringste Anflug von
Schweiss war zu spüren; kein Flöckchen Schaum war zu sehen. Die Flanken lagen
still und nur das Herz schien in etwas schnellerer Bewegung zu sein als wie
gewöhnlich. Aber in den Haaren der Mähne und des Schwanzes knisterte es mit
doppelter Vernehmlichkeit als ich über sie hinwegstrich.
    »Bist ein Prachtkerl, Syrr, bist unvergleichlich!« rief ich begeistert aus.
»Dich hat uns nicht nur der Schah gesandt, sondern ein noch Höherer! Er wollte,
dass wir durch dich gerettet würden!«
    Da rieb er seinen schönen, feinen Kopf an meiner Schulter, kniff mir mit den
Lippen einige Male in das Haar und leckte mir dann die Hand. Dann stieg ich
wieder auf, um ihn nicht der scharfen Nachtluft ohne Bewegung anzusetzen. Ich
sass still, ohne die auf dem Sattelknopfe liegenden Zügel aufzunehmen und ohne
seinen Leib unterhalb des Sinpusch86 zu berühren. Auch er stand unbeweglich. So
warteten wir auf einander, ich lächelnd, er aber, um zu gehorchen. Als aber von
meiner Seite so gar nichts geschah, drehte er den Kopf abermals zu mir herum und
liess dasselbe Halbwiehern vernehmen wie gleich nach unserer Ankunft hier, nur
nicht so kurz, sondern länger und in mehreren Intervallen. Es klang fast so, als
ob er mir eine kleine Rede halte: »Was soll denn nun werden? Ich habe meinen
Willen gehabt. Du kennst mich jetzt. Nun bist du wieder der Herr. So rühre dich
also!«
    Hierauf streichelte ich ihm wieder den Hals, nahm die Zügel auf und legte
die Schenkel an. Da warf er befriedigt den Kopf in die Höhe und ging vorwärts.
Wir ritten vollends über die Ebene hinüber, den Berg hinab und auf demselben
Wege heim, den wir gekommen waren. Assil stand auf, um uns zu begrüssen und legte
sich dann wieder nieder. Nachdem ich abgezäumt und abgesattelt hatte, holte ich
einige Aepfel und die Lappen, welche Schakara mir besorgt hatte. Syrr schwitzte
nicht; er besass keine Spur von übergewöhnlicher Wärme. Ich rieb ihn aber
trotzdem sorgfältig ab, trug dann das Sattelzeug an Ort und Stelle und ging
hinauf zu mir.
    Von meinem platten Dache schaute ich noch einmal hinab. Syrr hatte sich auch
niedergelegt, eng neben Assil. Sie hatten die Köpfe nebeneinander. Da hörte ich
unter mir ein Geräusch, auf dem Balkon des Ustad. Er hatte dagesessen, stand auf
und ging hinein. Das war die Liebe zu mir. Der Gute!
    Als ich am andern Tag erwachte, war es hell; aber ich sah die Sonne nicht,
obgleich der Himmel keine Wolken hatte. Da stand ich schnell und ahnungsvoll
auf. Dann auf die Plattform hinaustretend, sah ich sie zwar, aber es war, als ob
sie schelmisch über mich lache. Da, wo sie stand, pflegte sie ungefähr um 4 Uhr
Nachmittags zu stehen!
    »Bist du munter?« klang die Stimme des Ustad vom Balkon herauf. »Ich höre,
dass du nicht mehr schläfst.«
    »Soeben aufgestanden! Vier Uhr nach dem Mittag!« antwortete ich. »Ist das
nicht eine Schande?«
    »Nein, sondern eine Notwendigkeit! Folge des Rittes - hast dich mehr
angestrengt, als du solltest. Das gleicht die Güte der Natur wieder aus. Wie ist
der Ritt gelungen?«
    »Zur grösste Zufriedenheit! Ich erzähle es dir nachher. Aber meine armen,
armen Pferde! Zweimal nicht gefüttert. Alles verschlafen!«
    »Sei unbesorgt! Als du nicht aufstandest, habe ich es an deiner Stelle
getan. Wasser, Gerste, Aepfel. Sie sind zufriedengestellt, liessen mich aber
bemerken, dass du ihnen lieber gewesen wärst als ich. Was tust du jetzt?«
    »Ich gehe zu ihnen, bade dann und sehe hierauf, wo es Etwas zu essen gibt.«
    »Natürlich bei mir. Ich habe mit dem Mittagsbrote auf dich gewartet.«
    »Wo ist Dschafar Mirza?«
    »Unten im Duar. Man sieht ihn dort sehr gern. Sein freundliches, gütiges
Wesen hat ihm die Herzen schnell gewonnen. So komm also dann zu mir; ich werde
das Essen befehlen!«
    Als ich nach der Weide kam, sprang mir nicht nur Assil, sondern auch Syrr
entgegen. Das war bei Letzterem das erste Mal. Ich sah: nun war er mein!
    Der ungewöhnlich lange Schlaf belehrte mich, dass der nächtliche Ritt doch
anstrengender für mich gewesen war, als ich gedacht hatte. Auf einem
gewöhnlichen Pferde hätte ich so Etwas doch noch nicht wagen können. Ich hatte
ihn in diesem Abend wiederholen wollen, nach dem Gange in die Ruinen, beschloss
aber aus Vorsicht, für heut zu pausieren. Meine Hauptaufgabe war, am Tage des
Rennens zur Teilnahme fähig zu sein. Da war ein Ueberstürmen der Natur unbedingt
zu vermeiden. Uebrigens entwickelte ich beim Ustad einen solchen Appetit, dass er
über mich, den sonst so genügsamen Esser, beinahe erstaunte und, sich darüber
freuend, lächelnd sagte:
    »So ist es recht, mein lieber Freund. Nur tüchtig essen und tüchtig
schlafen, sonst kannst du das nicht wieder werden, was du gewesen bist! Ich bin
ja nun wieder da und nehme dir alles Andere ab. Du wirst von mir über Alles
unterrichtet und hast sonst nur für dich und Syrr zu leben, damit Ihr beide uns
beim Rennen nicht etwa versagt!«
    »Gut! Ich trete dir also Alles ab, bitte dich aber, mir dafür den Aschyk zu
überlassen. Oder wolltest heut du zu ihm hinüber, um bei der Zusammenkunft der
Päderan zu sein?«
    »Nein. Auf dieses Gebiet darf ich dir doch nicht folgen. Aber nimm dich in
Acht! Die Sache ist höchst gefährlich, denn diese Sillan sind zu Allem fähig,
und den Aschyk hast du doch vielleicht noch nicht ganz sicher!«
    »Ich habe ihm mein Vertrauen zugesagt und pflege Wort zu halten. Uebrigens
liebe ich es nicht, unvorsichtig zu sein. Ich werde meine beiden Revolver laden
und nehme sie mit. Da bin ich für alle Fälle gerüstet.«
    »Also doch Waffen!« lächelte er. »Darum gab ich sie dir zurück. Der Kampf
mit geistigen Waffen ist der höhere, der edlere; aber es denken nicht alle
Gegner ebenso hoch und edel. Gegen Niederträchtigkeiten hilft kein geharnischtes
Sonett, kein Distichon und kein Alexandriner; da sind nur Drehpistolen gut, die
mit Patronen auf Patrone schiessen, denn was nicht kracht, das wirkt bei ihnen
nicht!«
    Er nahm, als er mich dann zu mir hinaufbegleitete, meine Gewehre aus der
Rumpelkammer und hing sie oben in dem Mittelzimmer auf. Wir luden die Revolver.
Er legte mir sogar das lange Messer hin und zeigte sich erst dann befriedigt,
als ich ihm versprach, auch dieses zu mir zu stecken.
    Es war des Abends nach zehn Uhr, als ich mich auf den Weg machte, einige
Lichte und die dazugehörigen Zündhölzer in der Tasche. Der Mond leuchtete mir
hinüber bis an die schmale Tür. Es versteht sich ganz von selbst, dass ich diesen
Gang nicht offen, nicht unvorsichtig machte, denn ich hatte mit der Möglichkeit
zu rechnen, dass sich irgend einer der Sillan schon hier befand. Ich ging also
nicht, sondern ich schlich, hielt mich so viel wie möglich im Schatten und
machte meine Schritte unhörbar. So war ich, als ich die Tür erreichte,
überzeugt, von Niemand bemerkt worden zu sein, hatte aber auch selbst Niemand
gesehen.
    Da ich das Innere schon kannte, hätte ich mich im Dunkel wohl
zurechtgefunden; aber ich brannte dennoch eine der Kerzen an und nahm das Messer
in die rechte Hand, um mich sofort wehren zu können, falls ein Gegner hier
versteckt sei. So ging ich durch den vordern Raum nach dem Allerheiligsten. Der
Schein meines Lichtes trug nicht weit; darum leuchtete ich zunächst nach der
Mitte hin und dann auch noch entlang an allen Wänden. Dann blieb ich an dem
Steine stehen, der einem Altare oder einer Bundeslade glich, und hielt die Kerze
in die Höhe. Da erklang es von oben herab:
    »Du bist es, Effendi? Bei einem einzelnen Lichte sieht man nur schwer. Wenn
sie dann kommen, wird es heller. Ich werde dir meine Stange hinunterlassen und
oben festalten. Sie ist extra für deine Bequemlichkeit zugeschnitten. Es sind
starke Aststumpfe daran. Du brauchst also nicht zu klettern, sondern kannst
steigen.«
    Er gab sie von oben herab. Ich stemmte sie fest ein. Die Stumpfe waren stark
genug, mich zu halten. Er brannte oben sein Licht an. Ich löschte das meine aus,
um beide Hände frei zu haben, und stieg hinauf zu ihm. Wir zogen die Naturleiter
wieder empor, legten sie lang auf den Boden der Empore, und dann sah ich mich
auf dieser um. Es befand sich Niemand da, ausser uns. Nun löschten wir aus und
setzten uns nieder, nicht neben sondern entfernt von einander, damit der Eine
sehen könne, was dem Andern durch die Säule verdeckt wurde. Ich hatte volles
Vertrauen zu dem Aschyk, zog aber dennoch das Messer, welches ich eingesteckt
hatte, wieder heraus. Das wurde mir von der Vorsicht geboten, der man in jeder
Lage und auf alle Fälle zu gehorchen hat.
    Es war unheimlich, hier in diesem Dunkel. Fast tat die schlechte Luft der
Lunge weh. So recht ein Ort, um Böses auszubrüten! Glücklicher Weise hatten wir
nicht lange zu warten, so kam der Erste. Er machte draussen Licht und brachte es
herein. Er war seiner Sache so sicher, dass er sich gar nicht die Mühe gab, den
Raum erst zu untersuchen, sondern er schritt gleich auf die Mitte zu, tropfte
seine Kerze dort fest an und setzte sich dann nieder.
    Dann kam der Zweite, der Dritte, der Vierte. Sie alle machten es ebenso wie
der Erste. Keiner grüsste. Niemand sprach ein Wort. Nun gab es vier Kerzen, aber
ihr Schein reichte nicht hin, von unserer Entfernung aus die Gesichter zu
erkennen, welche aber unverhüllt waren. Da trat der Fünfte ein. Das änderte die
Szene. Sie standen alle auf, und Einer fragte schnell:
    »Ist der Aemir vielleicht schon draussen?«
    »Nein,« antwortete er. »Sein Pferd hängt noch nicht am gewohnten Baume. Aber
der Spion steht da, der aufzupassen hat, ob wir so kommen und so gehen, wie uns
vorgeschrieben ist. Das muss ein Ende nehmen!«
    Diese Stimme kam mir bekannt vor. Er bückte sich nieder, um sein Licht auch
zu befestigen. Dadurch kam sein Gesicht zur Beleuchtung, und ich erkannte - - -
Ghulam, el Multasim, den Bluträcher, den Henker der Schatten!
    »Lassen wir nur erst den Putsch vorüber!« sagte der vorige Sprecher. »Dann
rechnen wir mit ihm ab!«
    »Aber ob er gelingen wird, dieser Putsch!« warf ein Anderer ein.
    »Unbedingt! Das weiss ich genau!« versicherte Ghulam. »Heut bringt der Aemir
den Scheik ul Islam mit, um uns zu beweisen, dass die frommen Lichter mit den
gottlosen Schatten Hand in Hand gehen werden, den Herrscher zu enttronen. Ich
komme soeben fast direkt vom Schah. Er hat keine Ahnung von der ihm drohenden
Gefahr. Auch sein Liebling Dschafar, dem er den Ehrentitel Itemad87 verliehen
hat, ahnt nicht, dass schon in einigen Tagen die Gul-i-Schiraz auf seiner Brust
zu blühen hat, und es - - -«
    »Er soll sterben?« wurde er unterbrochen. »Wie? Wann? Wo?«
    »Das ist meine Sache. Wenn ich, ich es sage, so wisst Ihr, dass es unbedingt
geschehen wird. Ich fand den Brief mit dem Befehl in meiner Tasche, so
geheimnisvoll, wie der Aemir es immer liebt. Er fängt es darauf an,
allgegenwärtig zu erscheinen. Aber wenn wir nur erst wissen, wer er eigentlich
ist, so blüht ihm seine Rose auch! Es fällt uns gar nicht ein, die seit
Jahrhunderten hier aufgestapelten Schätze mit ihm zu teilen! Nur erst den
Putsch, damit wir die Dschamikun wieder von hier loswerden, und Ahriman Mirza
auf den Tron! Bei so einem Herrscher sind wir vor jeder Bestrafung sicher! Die
Verbündeten sind, über das ganze Land verbreitet, zum Losschlagen bereit. Der
Schah weg; Dschafar, sein Ratgeber, weg und Ahriman, der selbst Halunke ist, auf
dem Trone, so mag die Macht des Aemir noch so gross sein, mit seinem Tode hört
sie auf; wir teilen unter uns und sind mit diesen Reichtümern dann öffentlich,
was wir bisher nur heimlich waren - - - die Herren des ganzen Landes! Doch jetzt
still! Die vorgeschriebene Pause im Kommen wird gleich vorüber sein. Wir haben
nicht mit einander gesprochen!«
    Es vergingen hierauf vielleicht zehn Minuten. Da hörte man draussen wieder
Schritte. Dieses Mal kam nicht ein Einzelner, sondern es waren Zwei, doch ohne
Licht in ihren Händen. Der Eine, welcher geführt worden zu sein schien, blieb
vorn am Eingange stehen. Der Andere kam näher, jedoch nicht ganz heran. Ich sah
zu meiner Ueberraschung, dass sein Anzug genau ein solcher war, wie ich von dem
Schah bekommen hatte. In der rechten Hand hielt er eine Reitpeitsche. Sein
Gesicht steckte hinter einer schwarzen Larve, und an seiner Mütze funkelten
trotz des wenigen Lichtes, wenn er sich bewegte, die Steine einer dort
befestigten Agraffe. Die Anwesenden waren ehrfurchtsvoll aufgesprungen. Er
forderte durch eine stolze, gebieterische Armbewegung Aufmerksamkeit und sprach:
    »Schon wieder befinden wir uns fern von unserer sichern Majmä-i-Yähud und
kommen hier zusammen, von wo uns dieser Ustad mit seinen Dschamikun vertrieben
hat. Nun aber ist der Tag der Rache nahe, der uns das fast Verlorne wiedergibt
und diese Christenbande auseinanderreisst, um sie in alle Lüfte zu zerstreuen.
Dann sind wir wieder Herren unsers Dunkels und lassen niemals mehr ein Licht in
die Ruinen scheinen. Der letzte Tag des Soldes fand nicht statt, weil wir ja
fern von der Yähudeh waren, und auch den nächsten werden wir versäumen, weil wir
hier mit dem Ustad abzurechnen haben. Es gibt ein Rennen hier, das uns gelegen
kommt. Es bietet uns den Anlass, zu erscheinen, und doch durch unsre Zahl nicht
aufzufallen. Wir bringen unsre schnellsten Renner mit und werden dieses Vorspiel
unbedingt gewinnen.«
    Hier machte er eine Pause. Er verstellte seine Stimme, wobei ihn seine Larve
und der dumpfe Widerhall dieses Raumes unterstützten. Auch bemühte er sich, in
Beziehung auf seine Gestikulationen Alles zu vermeiden, was ihn verraten könne.
Aber die eigenartige, hochmutsstolze Haltung war nicht wegzubringen; auch die
Figur stimmte ganz genau, und so war ich überzeugt, Ahriman vor mir zu haben. Er
fuhr fort:
    »Dem Vorspiel wird sofort die Handlung folgen; wir lassen keine Zwischenzeit
entstehen. Ihr kennt den Plan und seid zum Schlag bereit. Doch kann ich Euch die
Stunde noch nicht sagen. Ihr habt für nächsten Freitag, grad um Mitternacht,
hinauf zum Dschebel Adawa zu kommen; dort fällt das letzte Wort, das Urteil, die
Entscheidung. Heut aber bring ich Euch den Scheik ul Islam mit, um Euch durch
sein Erscheinen zu beweisen, dass wir in Wirklichkeit verbündet sind und also uns
der Sieg nicht fehlen kann.«
    Er winkte. Da kam der Scheik ul Islam herbei. Sein Gesicht war nicht
verhüllt, sondern frei. Er zeigte sich nicht im Geringsten durch die Situation
gedrückt oder gar verlegen, sondern tat ganz so, als ob er in seinem Elemente
sei, gütig, menschenfreundlich, salbungsvoll. Er sagte Jedem einige verbindliche
Worte, reichte dem Henker sogar die Hand und trat dann wieder auf die Seite. Die
Vorstellung war beendet, und Ahriman Mirza sprach weiter, doch nur noch wenig:
    »Für heut sind wir nun also fertig. Zieht Euer Volk so nahebei heran, dass es
mit einem Marsche von zwei Tagen das Tal der Dschamikun erreichen kann; doch muss
das völlig unbemerkt geschehen! Die andern Päderan sind übers Land verteilt und
warten nur auf hiesigen Erfolg, um ihrerseits sofort auch loszuschlagen. Jetzt
geht! Ihr seid entlassen!«
    Dieser Befehl schien sie zu verwundern. Der Henker fragte:
    »Heut wir voran? Du gingst doch stets zuerst!«
    Da fuhr der Aemir zornig auf:
    »Was hast du noch zu fragen, wenn ich befohlen habe! Ihr geht - - - ich
bleibe noch! Soll ich dich etwa um Erlaubnis bitten? Du weisst es: Wenn ich
bitte, geschieht es nur mit solchen Lippen hier!«
    Er zog ein Pistol hervor und zielte ihm nach der Stirn. Da wendete sich der
Bedrohte schnell ab und griff nach seiner Kerze, um sich zu entfernen.
    »Die Lichte lasst Ihr hier!« gebot der Aemir. »Ich werde sie dann später
selbst verlöschen. Ihr geht wie gewöhnlich - - - in den vorgeschriebenen Pausen
- - - kein Wort wird gesprochen - - -. Hinaus!«
    Der Henker verschwand sofort. Die Andern folgten ihm nach und nach. Erst als
der Letzte gegangen war, steckte der Aemir die Pistole zu sich, lachte
verächtlich auf und sagte:
    »Lumpenpack! Das ist nur zu gebrauchen, wenn ihm die Angst durch alle
Knochen zittert!«
    »Ich halte es anders,« antwortete der Scheik ul Islam. »Bei mir regiert die
Liebe!«
    »Aber was für eine! Ich kenne sie! Wir beide wollen uns doch gegenseitig
nicht etwa Etwas weissmachen! Meine Unerbittlichkeit ist offen, ist ehrlich; die
Scham verbietet ihr, sich zu verstellen. Eure Liebe aber ist der Eigennutz in
allerhöchster Potenz. Sie vernichtet in einem einzigen Jahre mehr Existenzen,
als ich in einem ganzen Jahrhundert zerstören könnte! Du weisst, dass ich dich
kenne. Darum hast du auch niemals versucht, mir gegenüber deine heilige Maske
festzuhalten!«
    Da trat ihm der Scheik ul Islam näher, richtete sich hoch auf und sprach:
    »Ja, dir gegenüber stehe ich Mann gegen Mann, Geist gegen Geist. Du bist die
vernichtende Verneinung; ich bin die zerstörende Uebertreibung der Bejahung. Ich
bejahe nur für mich, für mich; was aus der Menschheit wird, ist mir vollständig
Schnuppe. Darum hassest du mich - - - grimmig - - - zum Zerreissen!«
    »Hassen?« lachte der Aemir. »Noch mehr, noch schlimmer: Ich verachte dich!
Zum Hasse ist nur Eure leutselige Liebe fähig, weiter Niemand. Ich will Edles
erreichen, indem ich das Gemeine knechte. Ihr aber wollt das Niedrige erheben,
indem Ihr das Hohe bekämpft! Ich spreche und handle offen und ehrlich mit dir.
Du aber hast sogar gegen mich die Falschheit im Nacken und willst mich
zertreten, sobald du mich nicht mehr brauchst. Ist es so oder nicht?«
    Da senkte der Scheik ul Islam den Kopf und sagte in begütigendem Tone:
    »Mein Freund, mein lieber, bewunderter Freund, ich versichere dir bei Allah,
dass ich nicht - - -«
    »Lass deinen Allah aus dem Spiele; er steht dir doch um keinen einzigen
Gedanken höher als mir!« grimmte ihn der Aemir an. »Wir haben uns nicht
verbündet, um uns gegenseitig anzulügen. Wir sind Feinde, Todfeinde, und reichen
einander für kurze Zeit die Hand, um Dritte zu vernichten, welche so unglücklich
sind, uns Beiden im Wege zu stehen. Ist das vorüber, so beginnt der Kampf
zwischen uns von Neuem. Ich bin nur mit Ueberwindung auf unser Bündnis
eingegangen. Ich habe mit Ueberwindung Ahriman Mirza bewogen, morgen zu dir, zu
den Taki zu kommen. Ich bestellte dich nur mit Ueberwindung für heut an die
Stelle am Bach, wo ich dich traf, um dich hierherzuführen. Und auf der kurzen
Strecke bis hierher hat es mich Ueberwindung gekostet, deine frommen Reden zu
hören und bei deinen scheinheiligen Versicherungen nicht zu zerplatzen. Pfui!
Darum brauchst du dich nicht zu wundern, dass ich jetzt in diesem Tone zu dir
spreche. Ich bin geladen wie eine aufrichtige Kanone, die ihren Schuss niemals in
Schweigen hüllt. Willst du, dass unser Zusammengreifen zum guten Ende führe, so
sorge dafür, dass ich dich ertragen kann! Sei wenigstens gegen mich auch
äusserlich der Mann, der du in deinem Innern und ebenso vor deinem Allah bist!
Ist deine Feigheit denn gar so gross, dass du es nicht wagst, mir die Tigerkrallen
an deinem Schlangenkörper zu zeigen?«
    Da fuhr der Scheik ul Islam einige Schritte zurück, zog die Ellbogen nach
hinten, ballte beide Fäuste und rief aus:
    »Mensch! Schurke! Weisst du, wo du dich befindest? Ich kann dich vernichten -
- - hier, sofort - - - auf der Stelle!«
    »So ist's recht! Das wollte ich haben!« lachte der Sill. »Jetzt kommen die
Krallen! Sprich in diesem aufrichtigen Tone weiter, so ist es möglich, dass wir
einig bleiben! Du fragst mich, ob ich wisse, wo ich sei. Lächerlich! Ich bin
hier in meinem Reiche, als unbeschränkter Gebieter desselben.«
    »In deinem Reiche, deinem?« höhnte der Scheik ul Islam auf. »Ja, du
glaubtest, mich hier einzuführen, um mich zunächst deinen Sillan vorzustellen
und mir dann die hier aufgehäuften Schätze zu zeigen, damit ich sähe, welch eine
Mitgift du dem neuen Kaiser geben kannst. Aber du irrst, du armer, machtloser
Fürst der Schatten! Ich bin hier längst eingeführt. Ich kenne jeden Stein, jeden
Winkel, auch das Wasser da unten in der Tiefe!«
    »Du - - du - - du?« fragte der Aemir erstaunt.
    »Ja, ich! Denn diese Ruinen sind nicht dein Reich, sondern mein oder
vielmehr unser Reich. Wir, wir, wir sind die Baumeister, die nach der alten Sage
den Herrn einmauern wollten, aber den Teufel eingemauert haben!«
    »Wer sind diese wir?«
    »Die Männer des Taki-Ordens, welcher bei der Grundlegung dieses Baues
entstand, vor ungezählten Jahrhunderten, eine Ewigkeit vor Zoroasters Zeit. Wir
bauten aber nicht für uns, sondern für Euch, für unsere Schatten! Wir bauten den
Bienenstock, für Euch, für unsere Insekten. Wir waren die Herren von Anbeginn
bis heut, ihr aber die Knechte, welche ernten, wo sie nicht gesäet haben, um
Honig für uns zu sammeln. Du arme, arme Drohne! Du wolltest mir Eure Schätze
zeigen, die du die Deinigen nennst. Ich aber kenne sie besser als du! Diese von
Allah verdammten Dschamikun kamen uns überraschend. Wir hatten anderswo zu tun
und konnten sie damals nicht hindern, sich hier festzusetzen. Es ging uns grad
wie Euch! Nun aber werfen wir sie wieder hinaus, und ihr, ihr habt mit Euern
Stacheln dabei zu helfen. Du sendest Ahriman zu den Taki-Kurden; ich bin von
morgen an bei ihnen. Dich aber treffe ich am Freitag wieder - - auf dem Dschebel
Adawa.«
    »So? Mich triffst du wieder?« fragte der Aemir, die Arme über die Brust
zusammenlegend. »Das klingt ja ganz, als ob nur du, nur du zu bestimmen
hättest!«
    »Das ist allerdings der Fall! Der Herr bin ich, die wirkliche Person; du
aber bist der Schatten!«
    »Und wenn ich nun - - am Freitag nicht erscheine? Und auch du dann nicht
erscheinen kannst?« fragte der Sill in drohendem Tone, indem er sein Pistol
wieder hervorzog.
    »So spreche ich mit dir eher!« antwortete der Scheik ul Islam in
unerwarteter Ruhe.
    »Wo?«
    »Hier!«
    »Wann?«
    »Jetzt!«
    »Ah, ich verstehe! Auch du hast Waffen mit!«
    »Nein, keine einzige!«
    Er schlug den Mantel auseinander, um zu zeigen, dass er die Wahrheit sage.
    »Und willst dich aber wehren, wie ich aus deinen Worten vermute? Sind uns
etwa die drei bewaffneten Taki heimlich gefolgt, welche du mitbrachtest, als du
zum heutigen Stelldichein kamst? Mein Freund, mein lieber, bewunderter Freund,
diesen Schachzug muss ich betrachten! Wahrscheinlich stehen sie da draussen!«
    Er nahm eines der Lichter und ging mit demselben hinaus. Da gab es unter
uns, grad in der Mitte, wo der Altar stand, ein Geräusch, wie wenn Steine
aneinander gerieben werden, und hierauf ein leises Flüstern; dann war es wieder
still. Und schon war der Aemir wieder da. Er war nur vor dem Eingange stehen
geblieben, um hinauszuleuchten. Er drehte sich wieder um kam zurück und sagte:
    »Niemand draussen! Ich habe mich geirrt!«
    »Ja, du irrtest dich, wie immer!« antwortete der Scheik. »Steck deine Waffe
ein! Sie ist überflüssig!«
    »Was für ein Ton! Das klingt ja wie Befehl!«
    »Es ist auch einer. Also weg mit ihr!«
    »Mensch, bist du wahnsinnig?! Der Fürst der Schatten soll sich von dir
befehlen lassen, was - -«
    Er kam nicht weiter. Drei Männer huschten aus dem Schatten der Säule auf ihn
zu, entrissen ihm die Pistole und schlangen ihre Arme so fest um ihn, dass er
sich nicht bewegen konnte. Er stiess einen Schrei aus, ob vor Schreck oder Wut,
das konnte man nicht wissen. Da trat der Scheik ul Islam auf ihn zu, riss ihm die
Larve herunter, sah ihm in das Gesicht und sagte:
    »Ahriman Mirza! Ich wusste es! Unser neuer Kaiser, der oberste aller
Verbrecher!«
    Es war ein eigener, ganz eigener Augenblick, eigen in jeder Beziehung, auch
psychologisch. Ahriman machte nämlich nicht den geringsten Versuch, sich der
Umarmung zu entwinden. Ich konnte seine Züge nicht deutlich unterscheiden, aber
es klang nach einem überlegenen Lächeln, als er in fast gleichgültigem Tone
antwortete:
    »Ja, Euer neuer Kaiser! Oder wollt Ihr ihn nun nicht? Ihr könnt mich ja mit
meiner eigenen Pistole hier erschiessen!«
    »Dass ich ein Tor wäre!« erwiederte der Scheik ul Islam. »Du warst bisher
mein Schatten und wirst nun mein Geschöpf. Kein anderer würde sich so gut wie du
für unsere Zwecke eignen. Wozu wir dich machen wollten, das wirst du nun erst
recht!«
    »Es würde dir auch wohl sehr schlecht bekommen, wenn du mich hier ermorden
liessest!«
    »Das weiss ich wohl! Du bist ja umsichtig und wirst auch für einen solchen
Fall deine Vorkehrungen getroffen haben. Ueberleben würde ich dich nicht lange;
davon bin ich überzeugt. Aber ich will leben, und darum sollst du es auch. Und
ich will herrschen; darum gebe ich dir den Tron. Bist du einverstanden, Ahriman
Mirza?«
    »Unter Bedingungen!«
    »Die ich kenne! Jetzt sitzt dir dieselbe Falschheit im Nacken, die du mir
vorgeworfen hast. Dennoch frage ich nochmals: Bist du einverstanden?«
    »Ja.«
    »So gieb mir Wort und Handschlag! Lasst ihn los!«
    Die drei Männer gaben den Aemir frei. Der Scheik ul Islam hielt ihm die Hand
hin; er schlug ein und sagte:
    »Ja, hier meine Hand! Aber ich bin ehrlich und prophezeie Euch, dass Ihr sie
fühlen werdet!«
    »So will ich auch einmal ehrlich sein und dich warnen. Wir sind sanftmütig
und von Herzen demütig, weil uns das zur Herrschaft führt. Aber hinter dieser
Sanftmut steckt die Schonungslosigkeit und hinter dieser Demut der
unerschütterliche Wille. Selbst der Kaiser hat sich vor uns zu beugen; wenn
nicht, so muss er brechen! Fordre ja den Taki-Orden nicht heraus! Wenn er zürnt,
kann er vielleicht noch verzeihen; wenn er aber wohlwollend lächelt, ist er
erbarmungslos! Jetzt habe ich dir gezürnt. Lass mich nicht etwa lächeln!« - - -
 
                                Viertes Kapitel
                                        
                                 Zusammenbruch
Der Scheik ul Islam hatte seine letzten Worte so laut und mit solchem Nachdrucke
gesprochen, dass sie von der Decke dumpfgrollend wiederhallten. Seine Gestalt
schien gewachsen zu sein. Er hielt den Kopf herausfordernd zurückgeworfen und
strich sich mit beiden Händen den langen, dünnen Bart, als ob in diesen Haaren
die Kraft gelegen habe, endlich einmal den Mut der Aufrichtigkeit zu zeigen.
Seine Leute verhielten sich zuwartend. Der Aemir - - - ja, was war denn das? Der
setzte sich ganz ruhig auf den nächsten Stein, putzte die Schuppen von den
Kerzen und sagte in einem Tone, als ob er ein höchst gleichgültiges Gespräch
fortzusetzen habe:
    »Es ist also nicht nötig, dass ich dir hier noch Etwas zeige?«
    »Nein, keineswegs!« antwortete der Andere, noch immer scharf.
    »Dann könnte ich ja gehen!«
    »Allerdings!«
    »So möchte ich vorher wissen, wie diese deine Leute hier hereingekommen
sind! Wir liessen sie am Bach zurück, wo unsere Pferde jetzt noch stehen.«
    »Ich liebe die Geheimniskrämerei ebenso wie du. Darum sage ich dir: Ich
verwandelte sie in Geister und rief sie durch die Mauern,« antwortete der Scheik
ul Islam höhnisch.
    »Das klingt sehr leicht begreiflich. Du treibst also als Scheik ul Islam
Hokuspokus! Eine neue, sehr interessante Seite von dir! Jedenfalls bist du ein
ausserordentlich begabter Mensch! Wahrscheinlich lässest du sie ganz in derselben
Weise, wie sie gekommen sind, auch wieder gehen?«
    »Ja.«
    »Und was geschieht mit dir selbst?«
    »Nichts Anderes. Ich werde Geist und lasse mich verschwinden.«
    »Darf man das sehen?«
    »Nein, denn du bist noch nicht so unsterblich wie wir. Für Euch Irdische ist
so Etwas nicht!«
    »Wirklich nicht? Solltest du dich da nicht irren? Auch wir Irdische
verstehen Etwas von Eurer Magie, wenn auch nicht Alles. Ich habe es zwar nicht
so weit gebracht, mich selbst verschwinden zu lassen, aber mit Andern bringe ich
es doch schon fertig. Und ich verfahre dabei nicht so geheimnisvoll wie du. Wenn
ich nächstens einmal meinen Zauberstab schwingen werde, so lade ich dich dazu
ein. Ja, ich bin sogar sehr gern bereit, dich selbst verschwinden zu lassen.
Zunächst aber haben wir uns morgen bei den Taki drüben zu treffen?«
    »So wurde ausgemacht, und so hat es zu bleiben!«
    »Und Freitag auf den Dschebel Adawa?«
    »Auch da. Du natürlich als Aemir!«
    »Den du aber nicht kennst?«
    »Sei unbesorgt! Es liegt in meinem eigenen Interesse, keinen Menschen
erfahren zu lassen, dass ich dich entlarvte.«
    »Und diese Leute hier?«
    »Sind verschwiegen!«
    »So gehe ich jetzt!«
    Er stand vom Steine auf.
    »Meine Pistole!« gebot er, die Hand ausstreckend.
    Der, welcher sie noch in der Hand hielt, gab sie ihm.
    »Hier liegt meine Maske und dort meine Peitsche. Soll ein Kaiser sich
bücken?«
    Das klang so zwingend, dass man beide aufhob und ihm gab. Er steckte Larve
und Waffe zu sich, hieb mit der Peitsche verächtlich hinter sich und sagte:
    »Also nun los mit dem Hokuspokus! Hier und überall! Ich aber liebe den
festen Weg zum Pferde. Wollen sehen, wer eher in den Sattel kommt, Ihr oder ich!
Vergesst aber nicht, die Lichter zu entfernen! Ihr seid ja Dunkelmänner. Und wenn
auch nur der geringste Schimmer zurückbleibt, entdeckt man Euer Tun und Treiben
und klopft Euch auf die Finger. Also macht es finster - - finster - - -
finster!«
    Er schwippte noch einmal mit der Peitsche und ging.
    »Nun schnell diese Tür wieder auf!« gebot der Scheik ul Islam. »Wir wollen
ihm doch zeigen, dass wir noch eher bei den Pferden sind als er; ich sehe nach,
ob er sich auch wirklich entfernt.«
    Bei diesen Worten eilte er hinter dem Aemir her. Wir hörten unter uns
dasselbe Steinschlürfen und sahen die drei Männer nicht mehr. Sie standen unter
der Empore bei der Bundeslade. Da kam er wieder herein und berichtete:
    »Er ist wirklich fort; ich sehe ihn schon nicht mehr. Merkt Euch hier
Folgendes! Die Dschamikun werden natürlich glauben, dass wir von aussen kommen.
Demzufolge besetzen sie die Zugänge zu dem Tale. Wir aber dringen durch diesen
Gang heimlich in die Ruinen, verbreiten uns da leise, bis alle beisamen sind,
und fallen dann über sie her. Nun weg mit den Kerzen, und rasch fort durch den
heiligen Stein! Wer weiss, wie Vielen er schon als letzte Ausflucht diente, wenn
sich die Menschen hier von Zeit zu Zeit die Auserwählten Allahs nicht mehr
gefallen lassen wollten!«
    Es wurde dunkel; die Steine schliffen wieder, und dann war nichts mehr zu
hören. Die Vorsicht gebot mir, noch zu warten.
    »Effendi, es ist vorbei. Wollen wir nicht gehen?« fragte der Aschyk halblaut
herüber.
    »Nein,« antwortete ich. »Der Aemir verhielt sich zuletzt derart, dass ich
seine Rückkehr vermute. Also still!«
    Es verging nach meiner Schätzung wohl über eine halbe Stunde, und schon
griff ich in meine Tasche, um die Kerze herauszunehmen und anzubrennen. Da gab
es draussen ein Geräusch. Man blieb dort stehen, um Licht zu machen, und kam dann
herein. Es waren zwei Männer, beide mit unverhüllten Gesichtern. Der Eine war
der Aemir. Der Andere trug das Licht. Wahrscheinlich war er der von dem Aemir
ausgestellte Wächter, von dem gesprochen worden war. Er musste das Vertrauen
Ahrimans in hohem Grade besitzen und in Alles eingeweiht sein, weil der Letztere
die Larve nicht wieder vorgenommen hatte, um sich unkenntlich zu machen.
    »Zu denken, dass ich zurückkehren und nachforschen werde, dazu war der Kerl
trotz seiner sonstigen Geriebenheit zu dumm!« fuhr der Aemir in dem jedenfalls
draussen und unterwegs geführten Gespräch fort. »Ich entfernte mich gar nicht,
sondern stellte mich einfach draussen hinter die Wasserbeckensäule, um welche ich
nur langsam zu kreisen brauchte, als er nach vorn ging, um hinauszuschauen. Es
genügte ihm, dass er mich nicht mehr sah. Da ging er wieder hinein. Ich folgte
ihm bis an die Tür, wo ich alles sah und jedes Wort verstand.«
    »So kennen wir also die Geheimnisse dieses alten Gemäuers doch noch nicht
ganz genau!« meinte der Andere.
    »Nein. Aber ich habe es mir auch nicht eingebildet, dass wir sie alle kennen.
Diese Taki sind so voller Ränke und Schliche, dass man allwissend sein möchte, um
hinter Alles zu kommen. Es ist nicht Zeit, ihr bisheriges Verhältnis zu diesen
Ruinen zu erörtern. Heut gilt es nur, zu erfahren, was sie jetzt mit ihnen
bezwecken. Da habe ich denn gehört, dass sie heimlich hereinbrechen wollen durch
den Gang, welcher hier mündet. Das ist aber ganz gegen meine Verabredung mit dem
Scheik ul Islam. Er will mich betrügen, mich, uns, Euch! Nach unserm Plane
werden die Dschamikun mit einem Schlage und von allen Seiten überfallen, ohne
dass sie vorher Etwas ahnen. Ich komme mit meinen Schatten von Osten. Sollte
unsere Absicht durch irgend einen Zufall verraten werden, so besetzen sie die
Pässe des Hasen und des Kuriers. Von dort drängen wir sie in den Duar zurück.
Die Taki kommen von Nordwest und die Dinarun über die neue Zugbrücke am Tale des
Sackes. So nehmen wir die Dschamikun von allen Seiten. So drängen wir sie rund
um den See zusammen und treiben sie in das Wasser. Sie können der gänzlichen
Vernichtung unmöglich entgehen. In Betreff der Ruinen aber habe ich extra die
strenge Bedingung gestellt, dass sie von Niemand berührt werden dürfen, weil ich
sie als unser Eigentum betrachte. Die Massaban, welche von den Dschamikun von
hier vertrieben wurden, gehörten zu uns; sie sind mir untertan. Ich habe sie in
ihr Eigentum zurückzuführen. Der Scheik ul Islam ist auf diese Bedingung
eingegangen. Er hat mir zugesagt, dass keiner seiner Takikurden die Ruinen
betreten werde. Vorhin nun stellte er aber, als ich ihn zur Offenheit zwang,
plötzlich die Behauptung auf, dass der Taki-Orden diese Bauten errichtet habe und
noch heut der Eigentümer sei. Er bezeichnete die Taki als die wirklichen
Personen, uns aber als ihre Schatten, ihre Insekten, die für sie zu arbeiten und
zu sammeln haben. Und als er glaubte, dass ich fort sei, sagte er zu seinen
Begleitern, dass die Taki durch den Gang hier kommen würden, um die Ruinen zu
besetzen. Wozu dieser heimliche Plan gegen meine Bedingung? Der Besitz der
Ruinen ist ihm wichtiger als sein gegebenes Wort und als der Sieg über alle
Dschamikun. Sie, sie will er vor allen Dingen haben. Und zwar aus Angst, dass wir
doch noch entdecken möchten, was wir bisher noch nicht gefunden haben. Das lass
ich mir um keinen Preis gefallen! Besetzt er sie, besetze ich sie auch! Und tut
er es geheim, so greife ich zu derselben Heimlichkeit und komme ihm dabei sogar
zuvor. Verlässt er sich auf den geheimen Gang, so werden wohl auch wir die Mittel
finden, noch eher da zu sein, als er mit seinen Leuten!«
    »Stellt das nicht unser ganzes Werk in Frage, Aemir?«
    »Wieso?«
    »Muss es nicht infolge dieser gegenseitigen Eigenmächtigkeiten hier in den
Ruinen zwischen dir und ihm zum blutigen Kampfe kommen? Wenn die Verbündeten in
dieser Weise beginnen, sind die Dschamikun gerettet, und das ganze Land wartet
vergeblich auf den Schlag, welcher den Schah enttronen soll!«
    »Wie irrig! Du behauptest, mich zu kennen und traust mir doch noch
Knabenstreiche zu! Ich sehe weiter als du. Ich habe das Naheliegende
festzuhalten, um das Fernerliegende zu erreichen. In den Ruinen hier spielt nur
die erste Episode. Die eigentliche Frage ist: Wer soll der Herrscher sein? Der
Scheik ul Islam oder ich? Der Taki-Orden oder meine Schatten? Der Scheik hat mir
frech in das Angesicht gesagt, dass ich nichts, als nur sein Geschöpf bedeuten
werde. Ich schwieg dazu, doch stand es augenblicklich fest in mir, dass er mit
diesem Wort sich selbst gerichtet habe. Er glaubt, mich fest in seiner Hand zu
haben, und krümmt sich doch schon unter meiner Faust! Wie schnell gehorchte er
doch meinen Zähnen, die ich ihm zeigte, um sein Inneres aus ihm herauszulocken!
Die Krallen waren augenblicklich da! So lässt sich nur der Schwächling
übertölpeln! Ich war dann umso ruhiger, je drohender er sprach!«
    »Aber wenn du dich gleich anfangs mit ihm verfeindest, geht dir die Hilfe
seines ganzen Ordens und Aller, die zu ihm halten, verloren!«
    »Das glaube nicht! Nur darf die Feindschaft keine halbe sein. Sie darf nicht
zögern, keine Ausflucht lassen. Sie muss sofort die Faust zusammendrücken, dass
Alles kracht, was sich in ihr befindet! Wenn er mit seinen Taki hier erscheint,
so fasse ich ihn stracks bei dem Genick und schüttle ihn wie eine tote Katze da
unten über unserm Wasserloch. Ich sage dir, er wird um Gnade heulen und alles
tun, was ich von ihm verlange!«
    »Es aber dann nicht halten!«
    »Nicht? Du denkst, ich lasse ihn so auf Versprechen frei? Dass ich ein
solcher Tor, ein solcher Stümper wäre! Ich hänge ihn am glatten Felle auf, bis
ich die lieben Seinen nicht mehr brauche, und werfe ihn dann immer noch ins
Wasser! Doch sprechen wir hierüber späterhin. Ich halte dir hier eine lange Rede
und sehe doch, dass unser Licht dabei nur kleiner wird!«
    »Ich habe noch einige.«
    »Dann gut! Schau dir diesen Stein an! Er scheint massiv zu sein, ist es aber
nicht. Ich sah ihn offenstehen, und zwar nach innen. Leuchte nieder, dass wir ihn
betrachten!«
    Weder ich noch der Aschyk konnten sehen, was sie jetzt taten. Aber wir
hörten ihre Worte, und das war genug.
    »Hier diese Vorderseite hat ringsum an den Kanten ein Relief, fast wie ein
Bilderrahmen,« sagte der Aemir. »Die eingefasste Platte aber ist vollständig
glatt. Es fehlt Alles, was auf Bewegbarkeit schliessen lässt. Folglich ist es nur
der einfache Druck, dem sie gehorchen wird. Versuchen wir es!«
    Wir hörten ein lautes Atmen, wie wenn sich Jemand anstrengt, und dann das
schon bekannte Schleifen der Steine.
    »Sie weicht!« rief der Aemir. »So, jetzt ist sie völlig offen! Der Gang kann
nicht unbequem sein, denn als ich jenseits an den Bach kam, wo mein Pferd bei
den ihrigen stand, waren alle vier schon da, und der Scheik ul Islam höhnte mich
damit, dass ich ihn immerhin verschwinden lassen möge; er werde sicher ebenso
schnell wieder erscheinen wie jetzt. Krieche hinein, und untersuche die
Innenseite!«
    Der Andere tat es. Wir hörten seine dumpfe Stimme:
    »Hier hat die Platte eine Handhabe.«
    »Das konnte man sich denken. Und der Gang? Ist er niedrig?«
    »Warte!«
    Er hatte, wie wir am Schatten sahen, das Licht mit hineingenommen und
untersuchte. Dann kam er wieder an die Öffnung und berichtete:
    »Nur drei Schritte niedrig, dann aber gleich ziemlich hoch, höher als ein
Mann. Das scheint ein natürlicher Innenriss des Berges zu sein, dessen Mündung
man vermauerte, um ihn zu diesen Heimlichkeiten auszunützen.«
    »Und die Luft?«
    »Wie es scheint, besser als drin bei dir.«
    »So geh zurück; ich komme!«
    Ein leises Rascheln, hierauf das Schlürfen der Platte, welche zugeschoben
wurde, dann war es wieder finster und still im Allerheiligsten. Ich wartete
diesmal nur kurze Zeit; dann machte ich Licht.
    »Jetzt fort?« fragte der Aschyk.
    »Ja.«
    »Nicht warten, bis sie fertig sind, und dann den Gang auch untersuchen?«
    »Nein. Wer weiss, was sie alles noch tun und wann sie wiederkommen. Ich halte
diese Luft hier nicht mehr aus. Ich muss hinaus!«
    Wir stiegen hinab und löschten das Licht aus. Er nahm seine Leiterstange;
wir gingen. Draussen blieb ich stehen und holte mit Wonne Atem. Die Luft da drin
im einstigen Heiligtum war nichts als Gift gewesen! Noch war der Mond nicht
hinter dem Berge verschwunden. Die Ruinen lagen in seinem gelblich silbernen
Glanze. Ein Lauscher war nicht zu sehen. Wir gingen nach dem Steinbruche, wo wir
uns zu trennen hatten, blieben aber noch einige Minuten im Schatten beieinander
stehen.
    »Ehe ich den Scheik ul Islam durchschaute, musste ich Dich für einen Sill
halten,« sagte ich. »Was aber bist du nun?«
    »Weder Sill noch Taki. Mein Wunsch aber ist, ein Dschamiki werden zu
dürfen.«
    »Fürchtest du nicht den Leumund, wenn man erfährt, was du gewesen bist?«
    »Was man verachtet, kann man doch nicht fürchten! Gute Menschen verzeihen;
was die Andern tun, kommt nicht in Betracht. Sobald Ihr mich hier nicht mehr
braucht, werde ich mich bei der Behörde zur Strafe melden, der ich mich durch
die Flucht entzogen habe. Ist sie verbüsst, so kehre ich als neuer Mensch zurück.
Vielleicht nimmt mich dann der Ustad auf!«
    »Ist das dein Ernst, dein wirklicher Ernst?« fragte ich.
    »Ja, Effendi. Ich habe es mir reiflich überlegt. Ich bin dazu entschlossen
und tue es unbedingt.«
    »Aber bedenke! Es stehen dir mehrere Jahre Gefängnis bevor, schweres,
bitteres Gefängnis! Du kannst das sehr leicht vermeiden, indem du dich einfach
nicht meldest. Es sucht ja kein Richter und keine Polizei mehr nach dir. Das
Gesetz hat dich also aufgegeben. Und hier, wo du dich befindest, ist dein Name
unbekannt. So lass ihn doch gestorben sein, und nimm einen andern an! Dann bist
du auch ein anderer Mensch, und deine Vergangenheit ist vollständig vergessen!«
    Es versteht sich ganz von selbst, dass ich das nur sagte, um ihn zu prüfen.
Er schüttelte den Kopf und antwortete:
    »Ich kann nicht glauben, dass deine Worte wirklich so gemeint sind, wie sie
klingen. Ich muss mich ausliefern; ich muss, ich muss, ich muss! Noch bis vor
wenigen Tagen hätte ich diesen Gedanken freilich für Wahnsinn gehalten, für die
blödeste Albernheit, die es nur geben kann. Aber da unten, neben dem Gerippe, in
der schrecklichsten aller Finsternisse, in der innerlich laut heulenden tiefen
Stille, die äusserlich um mich lag, an der zwar nur leise, leise, aber umso
entsetzlicher in sich knirschenden Säule, die von Augenblick zu Augenblick über
mir einzustürzen und mich zu zerschmettern drohte, ist mir das rechte, wahre
Licht hierüber aufgegangen. Ich will und will und will die Strafe haben, um mit
mir selbst, mit meinem Gewissen quitt zu werden. Indem ich ihr entgehen wollte,
habe ich mir eine noch viel fürchterlichere auferlegt. Ich flüchtete mich doch
nur aus dem einen in das andere Gefängnis, in die Gefangenschaft des Bösen. Und
was das heisst, und welche Qualen das bringt, davon hast du keine, keine, keine
Ahnung, Effendi!«
    Er bewegte den tief gesenkten Kopf schwer und langsam hin und her und fuhr
dann fort:
    »Der Scheik ul Islam versprach mir, sich für meine Begnadigung zu verwenden.
Dieser Tor! Wie unverzeihlich dumm ist er doch in Beziehung auf die
Menschenseele, er, der doch behauptet, dass ihm tausende von Seelen von Allah
anvertraut worden seien! Oder war es nicht Dummheit, sondern gewissenslose
Hinterlist? Neue Verbrechen zu den alten fügen, um Gnade zu erlangen! Dann wäre
mir zwar die äussere Strafe erlassen worden, aber die zur Gigantin erwachsene
Schuld in mir hätte nur umso lauter nach Rache, nach Vergeltung aufgebrüllt!
Äusserlich gerettet, innerlich aber für immer verloren, so hätte es mit mir
gestanden! Ja, ich weiss es, und ich fühle es: die Gnade ist der Sühne gleich,
der vollständigen Sühne. Sie hat vielleicht sogar noch grössere Macht als diese
Sühne; aber es ist ganz unmöglich, dass sie auf bösem Wege zu uns niederkommen
kann. Wenn mir der Scheik ul Islam heut, jetzt, die Erlassung meiner Sünden und
meiner Strafe brächte, ich würde sie nicht annehmen!«
    »Wirklich nicht?«
    »Nein; denn eine Gnade aus solcher Hand wäre nichts als Spiegelfechterei,
die mich um mich selbst betrügen würde!«
    »So sag, was würdest du wohl tun, wenn ein Anderer sie dir brächte? Nicht
auf bösem, sondern auf gutem Wege?«
    »Ein Anderer? Wer könnte das wohl sein?«
    »Das weisst du nicht?«
    »Nein.«
    »Weil man dir weisgemacht hat, dass die Gnade nur durch ein
Vermittlungsgeschäft zwischen dir und dem Schah-in-Schah zu erlangen sei! Es
kann sie dir nur Einer bringen, ein Einziger, und der bist du selbst! Bleib nur
nicht stehen! Geh auf dem Wege weiter, den du jetzt beschritten hast! Er ist
gut, und die Augen des Schah-in-Schah sind scharf. Es bedarf keines Menschen,
der sich mit seinem erlogenen Einflusse auf den Schah vor dir und Andern
brüstet. Ich sage dir vielmehr, und du kannst es mir glauben, denn ich bin
wohlunterrichtet: Der Herrscher kennt den Scheik ul Islam ganz genau. Die
Fürbitte grad dieses Mannes wäre nicht etwa zu deinem Heile, sondern zu deinem
Verderben ausgefallen. Sie hätte dich als sein Geschöpf bezeichnet und damit nur
bewiesen, dass du der Gnade gar nicht würdig seist.«
    Er senkte den Kopf noch tiefer als vorher. Dann hob er ihn mit einem
schnellen, energischen Ruck empor und sagte:
    »Also so steht es, so, so, so! Wohlan, Effendi, ich gehe diesen neuen, guten
Weg! Ich gehe ihn selbst! Ich lasse mich nicht führen! Von keinem Menschen, auch
nicht von dir! Allah will das Gute, nur das Gute, und er gibt jedem Menschen die
nötige Kraft, es zu tun. Ich will doch sehen, ob er nicht auch mir diese Kraft
verliehen hat, es zu vollbringen, ohne dass ich sie mir von Andern zu leihen und
zu borgen brauche! Er sei mein Schutz und meine Hilfe, er allein, in Zeit und
Ewigkeit!«
    Er schluchzte. Da konnte ich mich nicht halten; ich legte ihm die Hände an
beide Wangen und sprach:
    »Das ist das einzig Richtige! Lass es dir nicht wieder nehmen; von keinem,
keinem Menschen! Es wächst jetzt eine Säule in dir auf, in der es nie und nie so
knirschen wird wie in der andern unten in dem Wasser. In ihr liegt Gottesstärke.
Vertraue ihr und ihm!«
    Ich ging.
    »Gottesstärke - - -!« erklang es hinter mir. »Das war sie - - - das ist sie
- - - schon jetzt, schon jetzt - - - die Gnade!«
    Auf dem Nachhauseweg war mir nicht wohl. Ich hatte das Gefühl des
Schwindels, und meine Lunge war nicht mit mir einverstanden. Meine Beine
schienen Kraft verloren zu haben, obgleich ich die ganze Zeit über doch nur
gesessen hatte. Ich dachte darum an nichts, als nur daran, mich schnell
niederzulegen, und freute mich, als dies geschehen war, über die gute, reine
Luft, welche durch Türen und Fenster freien Zutritt hatte. Aber ich konnte nicht
einschlafen. Der Grund lag wohl weniger in dem, was ich gesehen und gehört
hatte, denn das konnte mich nicht beunruhigen, sondern die Ursache war eine
körperliche, keine geistige. Und als der Schlaf dann erst gegen Morgen kam, war
er kein ruhiger und erquickender. Ich wachte von Zeit zu Zeit immer wieder auf,
und weil das quälender als das Wachen war, so zog ich es vor, das Lager zu
verlassen.
    Als ich hierauf den Weg nach dem Brunnen hinunterstieg, fühlte ich ein
wirkliches, ausgesprochenes Unwohlsein. Da traf ich Schakara. Ich sah, dass sie
bei meinem Anblicke erschrak.
    »Was ist mit dir, Effendi?« fragte sie hastig. »Dein Gesicht ist ganz
graugelb, und deine Augen liegen tief. Du bist krank!«
    »Ich war heut Nacht mehrere Stunden lang drüben im Allerheiligsten,«
antwortete ich. »Das scheint mir nicht gut bekommen zu sein.«
    »Mehrere Stunden lang? Im Allerheiligsten?« rief sie aus. »Diese Luft hält
kein Gesunder aus, viel weniger ein Genesender! Du kannst dir sehr leicht einen
Rückfall in den Typhus geholt haben, und dann, dann ist es nicht möglich, dich
zu retten! Komm, wir müssen sofort zum Ustad!«
    Sie führte mich hinauf zu ihm. Er hatte mein spätes Heimkommen gehört und
darum auch schon Sorge gehabt. Schakara brauchte ihm gar nicht zu sagen, weshalb
wir zu ihm kamen; mein Aussehen schien sprechend genug zu sein. Auch er zeigte
sich, sobald wir eintraten, sofort über dasselbe bestürzt. Ich musste mich
hinsetzen und erzählen. Als ich mit meinem Berichte zu Ende war, sagte er sehr
ernst:
    »Effendi, was du gehört und gesehen hast, beunruhigt mich nicht im
Geringsten, aber dass du gezwungen gewesen bist, die krankheitsschwangere
Atmosphäre des Sacrosanctum einzuatmen, das kann Folgen nach sich ziehen, denen
wir sofort vorzubeugen haben. Dein Blut ist bereits wieder mit Stoffen
geschwängert, welche unbedingt entfernt werden müssen. Zum Glück ist Alles
vorhanden, was wir dazu brauchen. Ich bitte dich, mich wieder als deinen Arzt zu
betrachten! Denke von jetzt an nur an dich selbst, an deine Genesung; alles
Andere schlage dir aus dem Sinn! Das bist du dir, mir und uns Allen schuldig!«
    »Aber der Aschyk? Mein Syrr? Der verborgene Gang, welcher untersucht werden
muss?« warf ich ein.
    »Das ist es eben, woran du jetzt nicht denken sollst!« antwortete er. »Ich
gebe dir die Versicherung, dass du dich nicht zu sorgen brauchst. Habe ich
während meiner Abwesenheit dir vertraut, so vertraue du nun auch mir!«
    Er hatte Recht, und so liess ich denn mit mir machen, war er für geboten
hielt. Er verordnete zunächst ein Bad, so heiss wie möglich. Während desselben
hatte man mein Lager heraus auf die Plattform geschafft, damit ich nur die beste
Luft atmen möge. Ein Leinendach war angebracht worden, um Schatten zu geben. Der
für seine Muttersprache begeisterte Germane nennt so ein Dach »Marquise«. Dort
legte ich mich nieder und trank einen Tee, welcher alle Poren öffnete und mir
aber dafür die Augen schloss. Ich schlief ein.
    Als ich erwachte, war es Nacht. Veilchen dufteten, drüben an der Balustrade
sass Schakara, vom Monde hell beleuchtet. Ich sah, dass sie die Augen auf mich
gerichtet hielt.
    »Dschanneh, wo sind die Veilchen her?« fragte ich. »Im Garten und auf der
Weide blühen sie nicht mehr.«
    »Ich liess sie von hoch oben holen,« antwortete sie. »Jenseits des
Alabasterzeltes hören sie gar nicht auf, zu blühen und zu duften. Du hast sehr
gut geschlafen und sehr regelmässig geatmet. Nun sag, kannst du klar und deutlich
denken? Oder macht es dir Mühe, Gedanken zu fassen und festzuhalten?«
    »Gar keine Mühe! Es liegt Alles bestimmt und scharf vor meinem Geiste. Ich
könnte dir ohne die geringste Anstrengung jedes einzelne Wort wiederholen,
welches drüben im Allerheiligsten gesprochen worden ist.«
    »Das ist gut, sehr gut! Deinem geistigen Körper sind die Ansteckungsstoffe
also fern geblieben, und aus dem leiblichen werden wir sie schnell wieder
herausbekommen.«
    »So ist also wohl kein Rückfall zu befürchten?«
    »Da es so steht, nicht. Der Ustad ist derselben Meinung wie ich. Er war
öfters hier; erst wieder vor einigen Minuten.«
    »Nun aber schläft er wohl?«
    »Schlafen? Was nennst du Schlaf, Effendi? Ich schlafe wohl auch, indem ich
hier bei dir wache; aber so oft du die Augen öffnest, wirst du die meinen auch
offen sehen. Du nennst mich ja Dschanneh!«
    Das waren so tiefe Worte! Sie sagten so viel über Leib und Geist und Seele.
Ich dachte über sie nach und schloss dabei die Augen. Da rauschte Schakara's
Gewand. Sie war aufgestanden, kam zu mir her, legte mir die Hand auf die Stirn
und sagte:
    »Ich fühle, dass mein Bruder denkt. Er will den Sinn ergründen, der in meinen
Worten liegt. Das ist aber nicht möglich, weil er noch so viele Stufen zu
steigen hat, bis er dahin kommt, wo er mich verstehen kann. Und, weisst du,
vergebliches Bemühen des Geistes bereitet der Seele Schmerzen. Darum zog es mich
von dort auf und zu dir her. Bitte, denke nicht mehr darüber nach! Wir gehen ja,
sobald hier Alles vollendet ist, hinauf zu unserer Marah Durimeh. Das sind die
Stufen, die du zu steigen hast. Sind wir oben, so wirst du sie und mich und dann
wohl auch dich selbst begreifen. Jetzt schlaf - - - schlaf wieder ein! Dschanneh
will es; du wirst es also tun!«
    Ich verstand jedes ihrer Worte, war also vollständig wach. Ich fühlte, dass
von ihrer Hand ein süsser Friede, eine selige Ruhe auf meine Stirn herüberfloss
und sich von da aus über mein ganzes Wesen breitete, und wenn man das so
deutlich, so scharf beobachtend empfindet, so kann man doch wohl nicht schon
eingeschlafen sein! Und aber doch und doch - - - denn ich führte meine Hand zur
Stirn, um sie auf die ihrige zu legen und ihr zu danken, da sagte sie:
    »Effendi, ich berührte dich, um dich zu wecken. Es nahen uns Gäste, die du
vielleicht gern kommen sehen möchtest.«
    Die Augen wieder aufschlagend, sah ich sie im hellsten Sonnenlichte vor mir
stehen. Es war fast Mittagszeit!
    »Du staunst?« fragte sie, schalkhaft lächelnd. »Du wirst dich wohl noch
öfters wundern, bis du weisst, was Dschanneh ist und was sie kann! Agha Sibil ist
mit seiner Familie angekommen und hat schon begonnen, sein Zelt zu errichten.
Und vor einigen Minuten berichtete ein Bote aus dem Grenzduar, dass deine
Bagdader Freunde dort übernachtet haben und gegen Mittag hier sein werden. Wenn
du sie sehen willst, darfst du aufstehen, doch nur für ein Stündchen, und ohne
hinunter zu gehen oder sie heraufkommen zu lassen.«
    »Kennt Agha Sibil die Zeit ihrer Ankunft?«
    »Nein. Wir verschwiegen es ihm. Er wird zwar in seinem Zelte wohnen, ist
aber für heute Mittag unser Gast. Wir richten es so ein, dass ihn sein
Schwiegersohn hier in der Halle beim Essen überrascht.«
    »So stehe ich freilich auf und mache es wie Hadschi Halef, der sich
jedenfalls auch ganz vorn aufs Dach postieren wird, um unsern früheren Bimbaschi
und jetzigen Mir Alai zu begrüssen.«
    »Und ob er das tun wird!« antwortete sie heiter. »Er sitzt wohl schon jetzt
bereit, denn Hanneh war im Hofe, als der Bote kam, und hat es ihm sofort
berichtet. Der Ustad ist mit Dschafar Mirza dem Mir Alai entgegengeritten.
Errätst du, auf welchem Pferde?«
    »Auf der Sahm?«
    »Nein, sondern auf dem Assil Ben Rih.«
    »Wirklich, wirklich?« fragte ich, nicht verwundert und nicht erstaunt, aber
ausserordentlich erfreut.
    »Ja; er hat den Rappen gleich schon gestern vorgenommen, als du hier oben
eingeschlafen warst. Er muss sich doch für den Fall vorbereiten, dass du auf jede
Teilnahme am Rennen zu verzichten hast, und grad auf Assil sind Hoffnungen
gesetzt, die wir nicht täuschen dürfen. Jetzt gehe ich hinab, um dir dein
Frühstück zu bereiten und Syrr für dich mit Aepfeln zu erfreuen.«
    »Syrr! Dass ich nicht zu ihm hinunterdarf!«
    »Sorge dich nicht um ihn. Er steht in meiner ganz besondern Pflege und - - -
er denkt an dich.«
    Ich lächelte. Da fuhr sie fort:
    »Er war während des gestrigen Tages unruhig, weil er dich nicht zu sehen
bekam. Am Abend wollte er sich nicht niederlegen. Da holte ich deine
Kamelhaardecke, unter welcher du so oft geschlafen hast. Ich hielt sie ihm
zusammengefaltet vor die Nüstern; Da schnaubte er froh und leckte mir dankbar
die Hand; hierauf tat ich sie auf den Boden, doch ohne sie auszubreiten. Da liess
er sich sogleich nieder und legte den Kopf auf sie. Als ich heut früh wiederkam,
lag er noch ebenso und hatte aber den Kopf bis an die Augen in die Decke
hineingewühlt. Und schau hierher!«
    Sie ging dortin, wo meine arabische Jacke lag, und zog drei Aepfel aus
jedem Aermel.
    »Die bringe ich ihm jetzt hinab,« sagte sie. »Das habe ich gestern zweimal
und heut auch schon einmal getan. Diese frisst er; aber andere mag er nicht, auch
wenn sie von demselben Baume sind. Nun wirst du glauben, dass er dich nicht
vergessen hat.«
    Sie ging. Als sie fort war, stand ich auf. Da sah ich denn, dass man unten am
See sehr fleissig gewesen war. Man hatte am Fusse des nördlichen Berges die für
uns bestimmte Tribüne vollständig fertiggestellt. In ihrer Nähe wurde jetzt das
grosse Verkaufszelt Agha Sibils errichtet. Auf den höchsten Punkten der
umliegenden Gebirgszüge waren Leute beschäftigt, mächtige Holzstösse für die
geplante Höhenbeleuchtung aufzuhäufen. Auch an tiefer liegenden, aber
hervorragenden Punkten wurde das Gleiche getan. Um den See kreisten die
verschiedensten Reittiere in lebhaftester Uebung. Kamele trugen Holzscheite zum
Beit-i-Chodeh hinauf, denn auch der Tempelplatz sollte erleuchtet werden. Was
ich von meinem Dache aus nicht sehen konnte, schloss ich aus dem Umstande, dass
ich viele auch mit Brennstoff beladene Maultiere und Esel auf dem steilen Pfade
nach dem Alabasterzelte erblickte: Dort sollten ebenfalls die Festesflammen
lodern.
    Ein Teil der Tribüne war jetzt von der Dschemma besetzt, welche sich unter
dem Vorsitze des Pedehr in einer, wie es schien, sehr wichtigen Beratung befand.
Vor ihr hielten wohl über zwanzig mir unbekannte, sehr wohlbewaffnete Männer,
welche von ihren Pferden gestiegen waren und dem Chodj-y-Dschuna zuhörten, der
eifrig zu ihnen sprach. Das waren die Anführer der verschiedenen, nicht
sesshaften Abteilungen der Dschamikun, die von unserm »Kriegsminister« ihre
Instruktion entgegennahmen. Zu meiner Genugtuung bemerkte ich dort auch den
Scheik der Kalhuran, der also nun genesen war und sich wieder an die Spitze
seiner mit uns verbündeten Krieger stellen konnte.
    Grad unter mir erschien jetzt Schakara, welche nach dem Weideplatze ging, um
Syrr die Aepfel zu bringen. Er nahm einen nach dem andern, langsam und prüfend,
nachdem er jeden vorher erst berochen hatte. Sie schaute zu mir herauf und
nickte mir zu. Als der letzte verzehrt worden war, fasste sie den Kopf des
Glanzrappen und richtete ihn so, dass er nach oben, herauf zu mir sehen musste.
Ich hatte die Jacke angezogen und den Fez aufgesetzt. Um den Blick des Pferdes
auf mich zu lenken, bewegte ich die Arme. Syrr sah es; er stutzte. Seine Ohren
begannen zu spielen; der prächtige Schweif wurde gehoben. So stand er eine
kleine Weile prüfend still; dann schob er die Vorderbeine breit auseinander und
schmetterte mir ein so frohes Wiehern herauf, dass gar nicht daran zu zweifeln
war: er hatte mich erkannt. Aber hiermit war es noch nicht genug; er jubelte
wieder und wieder, so dass ich mich gezwungen fühlte, zurückzutreten und mich
seinem Auge zu entziehen, damit seine weitin schallende Stimme nicht die
Aufmerksamkeit Unberufener auf ihn lenken möge.
    Während ich dann frühstückte, richtete Schakara mir einen so hohen Sitz her,
dass ich über die Brüstung hinunter in den Hof sehen konnte, ohne stehen zu
müssen. Hierauf liess sie mich allein, weil ich es so wünschte. Der Mittag war
nahe. Da kam Agha Sibil mit den Seinen. Sie wurden in die Halle gewiesen.
    Nur kurze Zeit später bemerkte ich, dass im Duar eine Bewegung entstand, die
sich südwärts richtete. Sie galt den Bagdader Gästen, welche nun eingetroffen
waren. Der kleine Zug kam den Berg herauf und dann durch das Tor geritten. Voran
der Ustad und der Mirza, in ihrer Mitte mein alter Freund, der Mir Alai. Hinter
ihnen einige Packpferde mit den Effekten des Offiziers. Hierauf ein Kamel mit
der grössten Sänfte, welche man hatte auftreiben können. Sie war rundum
verhangen. Wer nicht wusste, wer drin sass, musste also denken, dass es sich um
etwas »ewig Weibliches« handle. Hintendrein die Dschamikun, welche den Besuch
geholt hatten.
    Weil die Aufmerksamkeit des Agha Sibil nicht sofort auf die Ankömmlinge
gelenkt werden sollte, war befohlen worden, ihr Eintreffen hier oben in aller
Stille und möglichst unbeachtet geschehen zu lassen; aber die liebe Neugierde
hatte trotzdem zwei Personen herbeigezogen, die sich den ersten Anblick der
Erwarteten auf keinen Fall versagen wollten - - - Tifl und Pekala.
    Als die ersten drei Reiter zum Tore hineinkamen, flog der scharfe Blick des
Ustad zu mir herauf. Er sah mich. Ich winkte ihm schnell, den Polen nicht auf
mich aufmerksam zu machen. Er nickte mir zu, dass er mich verstanden habe. Dann
legte er beide Schenkel an, stemmte die Hände in die Seiten und liess Assil in
der prächtigsten Natnata el mutarid88, die ich jemals gesehen habe, über den Hof
hinüber und nach der Weide gehen, wo er abstieg. Er tat dies meinetwegen. Ich
sollte sehen, dass Assil bei ihm gut aufgehoben sei. Wer eine so schwere Natnata
in so meisterhafter Weise zu reiten vermag, dem kann man auch das kostbarste
Pferd gern anvertrauen.
    Dschafar Mirza und der Mir Alai stiegen ab. Der Erstere war unterrichtet. Er
nahm den Letzteren bei der Hand und führte ihn nach der Halle, in welcher es
gleich darauf sehr laut zu werden begann. Auch die begleitenden Dschamikun waren
abgestiegen, um sich zunächst mit den Packpferden zu beschäftigen. Da rief ihnen
Pekala zu:
    »Und das Kamel lasst Ihr stehen? Man sieht doch, dass eine vornehme Harema
drin sitzt! Soll diese Madama etwa warten, bis es Euch beliebt?«
    Die Angeredeten lachten! Darum wendete sie sich an Tifl und sagte:
    »Gib dem Kamele das Zeichen zum Niederknieen; du verstehst das besser als
ich! Die Madama darf von keiner Männerhand berührt werden. Ich werde ihr also
selbst heraushelfen.«
    Tifl tat, wie ihm befohlen worden war; das Kamel gehorchte. Die hohe Sänfte
bekam die drei bekannten, fürchterlichen Rucke; dann lag sie wieder still. In
ihrem Innern grunzte es. Pekala schob den Seitenvorhang auf, schaute hinein und
meldete dann:
    »Sie schläft. Aber ich muss sie wecken, sie mag es mir übelnehmen oder
nicht.«
    Sie griff hinein und zupfte am Gewande. Da bewegte es sich drin.
    »Ich bitte dich, steig aus; du bist am Ziel!« rief sie hinein. »Du brauchst
nur langsam herabzurutschen; ich helfe dir dabei!«
    Indem sie das sagte, trat sie einen Schritt zurück und breitete die Arme
weit aus, um ihr Versprechen wahr zu machen. Da ächzte es in der Sänfte; da
stöhnte es; da murmelte es. Dann kamen zwei grosse, rote Pantoffel zum
Vorscheine. Ein weites, faltenreiches Gewand wurde Falte um Falte
herausgestopft. Man erkannte trotz dieser Falten die Umrisse von zwei Knieen.
Hierauf wurde die Sache immer breiter und immer umfangreicher. Nun entwickelten
sich mit Mühe und Not zwei Arme. Ueber ihnen erschien ein rotes, gelb befranstes
Keffije89, welches vorn nur um eine Lücke geöffnet war. In dieser Lücke gab es
einen Mund und eine Nase; sonst sah man weiter nichts.
    Jetzt war die »Madama«90 auf dem »toten Punkte« angekommen. Sie lag im
vollsten Gleichgewicht mit dem Rücken auf der unteren Sänftenkante. Der nächste
Augenblick hatte darüber zu entscheiden, ob sie herunterrutschen oder rücklings
wieder hineinfallen werde. Da bat die Festjungfrau in ermunterndem Tone:
    »Fasse Mut! Gieb dir nur noch den einen kleinen Ruck, dann sinkst du grad in
meine Arme. Ich fange dich auf!«
    Das half! Der »Ruck« stellte sich ein. Was von der Gestalt noch in der
Sänfte steckte, das quoll vollends heraus. Die Sache kam in Schuss. Zuerst die
Pantoffel, doch allerdings separat. Dann tat es einen gewichtigen Plumps. Die
Masse stand auf den nackten Füssen, genau zwischen den beiden Pantoffeln. Sie
wankte hin und her, ungewiss, nach welcher Seite sie sich zu neigen habe. Die
Arme streckten sich aus, um sich irgendwo festzuhalten. Da trat Pekala schnell
wieder näher, und im nächsten Augenblicke hielten sich Beide innig umschlungen,
so fest und so lange, als ob sie nie, nie wieder von einander lassen dürften.
Erst nach einer Weile klang es aus der Umarmung heraus:
    »Wie glücklich bin ich, dass du gekommen bist! Niemand soll dich mir wieder
nehmen! Komm mit mir, du Liebling meiner Seele! Ich führe dich in meine Küche!«
    »Küche - Küche - Küche?!« fragte es da schnell und dreimal hinter einander.
    »Ja. Beeile dich, sonst nimmt man dich mir weg!«
    »Mich? Dir? Niemals, niemals, niemals! Komm schnell; ich habe Hunger - - -
Hunger - - - Hunger!«
    Die Umarmung ging nur halb auseinander. Die Hände hielten wie unzertrennlich
zusammen. So schritten Beide, eng aneinander geschmiegt, die eine Gestalt
strahlend vor Wonne und Glück, die andere unter dem Keffije hustend und pustend,
in seliger Eintracht über den Hof hinüber, um in der Sphäre zu verschwinden, der
sie mit Leib und Seele angehörten. Ich aber lächelte ihnen mit innigster
Befriedigung nach. Wer seinen Lebenszweck im niedern Stoffe sucht, den lässt man
gern in diesem Stoff verschwinden!
    Tifl stand da und schaute die Pantoffel an. Sie lagen noch da, weil Kepek,
der Dicke, vor Freude über das Wort »Küche« gleich barfuss fortgelaufen war. Das
»Kind« machte ein höchst bedenkliches Gesicht und kratzte sich unter der
Spinnenmütze. Er war mit irgend Etwas nicht einverstanden, aber womit, das sagte
er den Pantoffeln nicht. Er hob sie schliesslich auf, betrachtete sie hin und
her, warf sie wieder hin, hob sie abermals auf, schüttelte den Sand heraus und
trug sie dann langsamen Schrittes nach der Küche, den einen in der rechten und
den andern in der linken Hand, beide aber nur mit den äussersten Fingerspitzen
festaltend.
    Da kam der Ustad durch den Garten.
    »Wie geht es dir?« fragte er zu mir herauf.
    »Gut, sagte Schakara,« antwortete ich.
    »So darf ich ruhig nach der Halle gehen?«
    »Ganz unbesorgt. Widme dich deinen Pflichten und deinen Gästen. An mich soll
man nicht denken, doch grüsse den Mir Alai von mir!«
    Hierauf sah ich Schakara nach der Weide gehen. Sie fütterte den Syrr und
dann auch den Assil Ben Rih, nachdem sie ihm das Reitzeug abgenommen hatte.
    Einige Zeit später erschienen vier fremde Reiter auf dem Hofe, welche nach
dem Ustad fragten. Sie waren Dinarun, wie ich nachher erfuhr. Ihr Scheik Ben
Hidr91 befand sich selbst dabei. Sie waren unten im Duar von dem Pedehr als
vermutliche Feinde sehr kurz behandelt und herauf an den Ustad gewiesen worden.
Darum stiegen sie gar nicht ab, als dieser aus der Halle trat, und Ben Hidr rief
ihm in beinahe verletzender Weise die Meldung zu, dass sie gekommen seien, ihre
Teilnahme am Wettrennen anzusagen, weiter nichts! Jeder Andere als der Ustad
hätte sie nun in ganz derselben Weise sofort entlassen. Dieser aber war
menschenfreundlich und klug genug, sich zu beherrschen. Er ging auf sie zu,
reichte ihnen die Hand und lud sie ein, mit hinauf in seine Wohnung zu kommen.
Das überraschte sie. Sie sahen einander fragend an und sprangen dann doch von
ihren Pferden, um ihm zu folgen.
    Sie waren wohl zwei Stunden lang bei ihm in seinem Zimmer. Auf den Balkon
führte er sie nicht, weil sie Syrr nicht sehen sollten. Ich hatte mich
inzwischen wieder niedergelegt und hörte ihre Stimmen unter mir, konnte aber
nicht verstehen, was gesprochen wurde. Als sie sich entfernt hatten, kam er
herauf zu mir und sagte mir, wer diese Leute gewesen seien und was er mit ihnen
verhandelt habe.
    »Das sind die sogenannten Klugen,« fügte er hinzu. »Sie lächeln nach beiden
Seiten und sagen einstweilen zu Allem Ja, um abzuwarten, nach welcher Seite sich
der Zeiger neigen werde. Dann aber sind sie die Schlimmsten, die
Unerbittlichsten, die keine Schonung kennen. Ich bin überzeugt, dass sie unsern
Feinden ihre Hilfe zugesagt haben, und dass sie aber dennoch heut zu uns kamen,
um nachzuschauen, ob es nicht vielleicht doch geraten sei, sich den Weg zum
Rückzuge offen zu halten. Ich habe sie bedient, wie man so unsichere Kantonisten
zu bedienen hat: Kein Wort zu wenig, aber auch keins zu viel. Sie werden sich
zum Rennen einstellen; ob sie sich aber dann auch beteiligen, steht noch in
Frage. Erst waren sie zornig über den Empfang, den sie im Duar gefunden hatten;
dann wurden sie immer freundlicher und zutraulicher, um von mir so viel wie
möglich zu erfahren, was ihnen aber natürlich nicht gelang, und zuletzt bot mir
Ben Hidr die Hilfe seines ganzen Stammes an, die ich aber sehr höflich ablehnte,
weil ich an die Feinde, von denen er gesprochen habe, unmöglich glauben könne.
Noch am Schlusse behauptete ich mit aller Bestimmteit, dass es ganz gewiss keinen
einzigen Menschen gebe, der die Absicht habe, uns hier zu belästigen oder gar zu
überfallen. So sind sie also in der festen Ueberzeugung fortgeritten, dass wir
von der Gefahr, die sich in diesen Tagen um uns zusammenziehen soll, nicht das
Geringste ahnen. Aber ich habe ihnen die goldene Karte des Schah-in-Schah
gezeigt und sie dann noch viel Wichtigeres ahnen lassen. Nun haben sie Angst!«
    Wir unterhielten uns noch einige Zeit, besonders über Assil Ben Rih, für den
er ganz begeistert war. Dann kam Schakara, um mir die Grüsse des Mir Alai zu
bringen. Er liess mir sagen, er sehe nun ein, dass es nichts Herrlicheres gebe als
so einen Glauben und so ein unerschütterliches Gottvertrauen, dem nichts auf
Erden widerstehen könne.
    Sehr erfreulich war es mir, dass der Ustad sich über mein Befinden höchst
befriedigend äusserte, doch behauptete er, mich erst Freitag, also übermorgen,
aus seiner Behandlung entlassen zu können. Ich hatte mich zu fügen und tat es
gern.
    Als es dunkel werden wollte, nahm ich mein Abendessen ein und sank dann dem
auch in Kurdistan und Persien sehr wohlbekannten Morpheus in die Arme. Er hielt
mich möglichst fest, konnte es aber doch nicht verhindern, dass ich, grad wie
gestern, in der Nacht einmal für kurze Zeit erwachte. Das geschah auf eine ganz
eigentümliche Weise. Ich träumte nämlich nicht, und doch war es, als flüstere
mir Jemand leise in das Ohr, aber nicht in das äussere, sondern in das innere:
    »Wache auf! Ich komme nur für einige Augenblicke wieder, um dir Etwas zu
zeigen, worüber du dich herzlich freuen wirst!«
    Das hörte ich ganz deutlich. Da schlug ich die Augen auf. Die Sterne
leuchteten hell. Ich schaute hinüber, wo Schakara gesessen hatte. Da kniete
Einer im Gebete. Er hatte die gefalteten Hände auf die Ballustrade gelegt und
das Gesicht emporgehoben. Ich erkannte ihn. Ich sah sogar, dass er die Lippen
bewegte. Es war der Aschyk. Ich wusste genau, dass ich wach sei, und doch hörte
ich die leise Stimme in meinem Ohre weitersprechen:
    »Er betet für dich! Das ist der beste Dank, den wir in Euerm Erdenleben
kennen. Schlaf wieder ein!«
    Weiter vernahm ich nichts. Die Lider wurden mir plötzlich so schwer, dass sie
niedersanken. Dann wusste ich nichts mehr, weder von mir noch von sonst Etwas.
Man nennt das »Schlaf«. Das richtige Wort hierfür hat sich erst noch zu finden!
    Dann war es, grad auch wie gestern, gegen Mittag, als ich wieder erwachte.
Jetzt sass Schakara da. Sie sah mich an, nickte mir lächelnd zu und sagte:
    »Noch eine solche Nacht, Effendi, dann ist die Gefahr vollständig
überstanden.«
    »Hast denn auch du dich ausgeruht?« fragte ich.
    »Ich wollte nicht. Dschanneh wacht gern für dich. Ich sass schon hier. Da kam
der Aschyk vom Glockenwege herüber. Er hatte Einiges für dich aufgeschrieben und
wollte es dir in das Zimmer legen. Er bat so nachhaltig und so rührend, meine
Stelle hier einnehmen zu dürfen, dass ich es ihm erlaubte. Bist du mir bös
darüber?«
    »O nein! Ich wachte auf und sah ihn beten. Dann schlief ich sogleich wieder
ein.«
    »Und ich kam gegen Morgen wieder, als er fort musste. Da sagte er mir, dass er
für dich gebetet habe. Es sei dann ein Gefühl des Glückes über ihn gekommen, wie
fast noch nie in seinem ganzen Leben.«
    »Wo ist das, was er für mich aufgeschrieben hat?«
    »Ich trug es dem Ustad hinunter, weil du mit solchen Dingen jetzt noch nicht
behelligt werden sollst. Horch! Was ist das für ein Rufen im Hofe? Es kommt
Jemand, den man begrüsst.«
    Sie stand auf und schaute hinab.
    »Kara Ben Halef!« fuhr sie fort. »Aber der Reitknecht des Mirza ist nicht
bei ihm, sondern ein Anderer. Man sieht ihm an, dass er kein Diener, sondern ein
Herr ist, und zwar ein vornehmer. Kara ist stehend abgesprungen; das andere
Hedschin aber muss sich legen, damit der Fremde bequem herunter kann. Jetzt kommt
der Ustad. Er staunt, doch ist sein Erstaunen ein freudiges. Sie kennen
einander. Ihre Begrüssung ist eine herzliche. Jetzt schaut der Ustad herauf. Er
sieht mich. Er winkt, dass ich kommen soll. Ich muss also fort, Effendi, werde dir
aber bald berichten.«
    Sie ging. Es dauerte über eine Stunde, ehe sie wiederkam. Sie hatte dem
neuen Gaste die im Wartturme unter Dschafars Wohnung liegenden Gemächer
herrichten müssen. Nun sagte sie:
    »Es ist ein Hauptmann der kaiserlichen Leibwache. Er besitzt das Vertrauen
des Schah-in-Schah und wurde von ihm gesandt, um sich unter den Befehl des Ustad
zu stellen. Es kommen hundert Mann der Leibgarde nach, lauter auserlesene
Krieger, die hoch im Range stehen. Der Reitknecht des Mirza wird ihr Führer
sein, weil er den Weg nun kennt. Kara ist sehr gut aufgenommen und auch mit
einem Ehrenkleide beschenkt worden. Er hat ein eigenhändiges Schreiben an den
Ustad mitgebracht und der Hauptmann ein ebensolches an Dschafar Mirza. Den
Inhalt wird dir der Ustad selbst mitteilen. Jetzt speisen sie. Dann wird ein
weiter Aussenritt rund um das Tal gemacht, denn der Hauptmann will hinter den
Bergen rekognoszieren, weil dies jetzt noch unbemerkt geschehen kann. Die Gegner
sollen nämlich erst im letzten Augenblick erfahren, wer er ist und wozu er sich
bei uns befindet. Der Ustad wird jetzt nicht zu dir kommen. Ich habe ihm Bericht
über dein Befinden erstattet und soll dir sagen, dass du dich als genesen
betrachten darfst. Doch hat er Gründe, zu wünschen, dass du noch für krank
gehalten wirst. Er lässt dich also bitten, dich den Leuten so wenig wie möglich
zu zeigen, bis er dich hier aufsucht und dir Alles sagt. Er gab mir eine grosse,
starke Papierrolle mit, die ich dir herein auf den Tisch gelegt habe. Es sei, um
dich zu beschäftigen, meinte er.«
    Jawohl, es war eine Beschäftigung, und zwar was für eine! Als Schakara
wieder gegangen und ich aufgestanden war, öffnete ich die Rolle, welche aus
mehreren grösseren und kleineren Blättern bestand. Das erste grosse Blatt war eine
Federzeichnung, welche die jetzige westliche Seite des Sees darstellte, von der
Mitte desselben aus gesehen. Unten der Duar, links der Weg nach dem Tale des
Sackes und rechts der Pfad nach den Gebieten der Takikurden und der nördlichen
Dschamikun. In der Mitte, am Berge aufsteigend, die Ruinen, trotzig, düster,
verschwiegen, ohne eine Spur innern oder äussern Lebens. Südlich von ihnen das
Haus des Ustad, auf hoher Gigantenmauer, den Stürmen ausgesetzt. Von ihm
ausgehend der Glockenpfad hinauf zum Alabasterzelt. Indem ich dieses Blatt
betrachtete, kam mir der Gedanke, es zeige viel zu viel und dennoch fehle Alles!
Ich griff also zum zweiten.
    Was sah ich da? Nicht mehr die massige Materie, sondern an ihrer Stelle das
Geistige, das Seelische. Die Veränderung erstreckte sich nur auf die Ruinen, und
doch hatte sie alles Fehlende gebracht. Die Hand des Menschen hatte dem Gestein
eine andere Gestalt und mit ihr ein neues Leben gegeben. Da, wo jetzt der
Landeplatz lag, führten hier sehr breite Stufen durch die geöffnete Mauer nach
dem freien Platze, der durch den Wegfall der Etagen entstanden war. Rosen, viele
Rosen, nichts als Rosen blühten hier, grad wie drüben vor dem Beit-y-Chodeh.
Alle Wege, die es zwischen ihnen gab, führten nach einer gradezu imposanten,
prächtigen Säulenhalle, zu deren Bau die sämtlichen Kolossalquader der Ruinen
verwendet worden waren. Ich dachte an Baalbek, an den Kailasa von Ellora, an die
aztekischen Teocalli; aber alle diese berühmten Bauten schienen von dieser einen
Halle in den Schatten gestellt zu sein. Ihr Hintergrund bildete eine hohe,
runde, dunkle Nische mit einem Riesenpostamente, welches jedenfalls bestimmt
war, eine entsprechend grosse Figur zu tragen.
    Die Halle trug kein eigentliches Dach, sondern, ähnlich wie die schwebenden
Gärten der Semiramis, eine zweite, umfangreiche Blumenanlage, aus welcher zu
meinem frohen Erstaunen ganz genau jenes kleine Dorfkirchlein emporstieg, dessen
Bild in meiner Schlafstube hing, darunter die kindlich einfachen Worte:
»Kirchlein mein, Kirchlein klein,
Könnt so fromm wie du ich sein!
Deine Höhe zu erreichen,
Will ich dir an Demut gleichen.
Kirchlein mein, Kirchlein klein,
So wie du will stets ich sein!«
    Man sollte denken, dass diese kirchliche Bescheidenheit sich auf so
gigantischer Unterlage gradezu lächerrlich habe ausnehmen müssen; das war aber
keineswegs der Fall. Es schien mir vielmehr ganz im Gegenteile, als ob es gar
nicht anders sein könne. Ein von Gottes Felsen getragenes Menschenwerk wird nur
dann lächerrlich, wenn es sich mit dem Anscheine brüstet, auch aus Gottes Felsen
zu bestehen!
    Das war die Mitte des Berges, von dessen Höhe, genau über der Spitze des
Kirchturmes, das Alabasterzelt herniederschaute. Auf den beiden Flanken lagen in
fruchttragenden Gärten zwei villenähnliche, freundlich blickende Häuser. Unter
dem einen war das Wort »Pfarrhaus«, unter dem andern aber »Schulhaus« zu lesen.
    Die übrigen Blätter entielten die architektonischen Risse und Zeichnungen
zu diesen drei Gebäuden. Sie interessierten mich dermassen, dass ich mich sofort
hinsetzte und sie zu studieren begann. Zu einer so klaren, liebevollen
Beantwortung alter, düsterer Ruinenfragen kann man doch wohl keinen Augenblick
lang gleichgültig sein! Ich liess mich darum nur kurze Zeit durch das Essen
stören und sass noch gegen Abend rechnend, messend und kalkulierend da, als der
Pedehr kam, um, wie er sagte, mir etwas Wichtiges mitzuteilen.
    Es war nämlich ein Bote dagewesen, welcher gemeldet hatte, dass der Scheik ul
Islam und Ahriman Mirza gemeinschaftlich und in höchster Eintracht mit einander
den hochverdienten Ghulam el Multasim zum Ustad der Taki-Kurden ernannt hätten.
Man gebe uns das zu wissen, weil er beim Rennen auch erscheinen werde und dieser
seiner Würde entsprechend von uns zu empfangen und zu behandeln sei. Unser Ustad
war von seinem Ritte noch nicht heimgekehrt, und so hatte der Pedehr es für
geboten erachtet, diese Neuigkeit herauf zu mir zu bringen. Ich sagte ihm:
    »Das hat nicht die geringste Wichtigkeit für uns. Man mag diesen Henker zum
Kaiser von China oder gar zum Dalai Lama ernennen, so ist es uns doch im
höchsten Grade gleichgültig. Er kann dem Schicksale, welches er sich selbst
bereitet hat, durch keine Spiegelfechterei entgehen. Er griff zum Messer, um
mich zu vernichten. Womit man sündigt, damit wird man bestraft. Wir haben es
noch hier, unten in der Rumpelkammer. Warten wir ruhig ab, was geschieht!«
    Da ging er wieder. Hätte mich Jemand gefragt, warum ich ihn grad mit diesem
Bescheide gehen liess, so wäre es mir wohl nicht gelungen, eine
zufriedenstellende Erklärung abzugeben. Es soll vorkommen, dass der Mensch grad
dann am klarsten spricht, wenn er sich selbst ein Rätsel ist!
    Bald darauf sah ich, dass der Ustad mit dem Hauptmann heimkehrte. Er liess
sich nach dem Abendessen für kurze Zeit bei mir sehen. Wir sprachen nur über den
geplanten Kirchenbau; alles Andere wurde vermieden. Doch bevor er ging, sah er
mir lächelnd in das Gesicht und sagte:
    »Ich belästige dich nicht mit Dingen, die ich verpflichtet bin, auf mich
selbst zu nehmen. Du sollst nicht Arbeiter sein bei mir, sondern mein lieber,
hochwillkommener Gast, den ich nur dann mit der Bitte um Hilfe belästige, wenn
ich sie nötig habe. Die geistige Gastfreundschaft hat genau dieselben
Rücksichten zu nehmen wie die materielle. Ich weiss, dass du verstehst, was ich
meine, und bin deiner Approbation gewiss!«
    Da reichte ich ihm die Hand und antwortete:
    »Du denkst da ebenso tief wie richtig. Du frugst mich früher einmal, wer ich
eigentlich sei; jetzt höre ich, dass du es weisst. Wollte man doch endlich einmal
begreifen, dass der soi-disant Menschengeist kein Spezialblock ist, an dem die
sogenannte Erziehung herummeisseln kann, wie es ihr beliebt! Wir sind mit
einander verbunden und dennoch nicht nur Einer. Sobald du mich brauchst, bin ich
du!«
    Er sah mich an, sann einige Augenblicke nach, nickte dann und sprach:
    »Sehr richtig! Du treibst doch immer und immer Psychologie! Bisher war ich
mir ein Rätsel. Kamst du, um mich zu lösen?«
    »Ein Jeder löse sich selbst! Er hat ja Augen und Ohren und um sich herum
eine ganze, ganze Welt, die ihn über sich selbst belehren soll und kann! Jetzt,
gute Nacht, mein Freund. Du hast ausser mir noch andere Gäste, deren Hände
gestalten helfen, was zu gestalten ist. Hoffentlich sind es nur gute!«
    »Sie sind es. Mit den bösen rechnen wir in den nächsten Tagen ab. Du hörst,
ich psychologiere nun auch!«
    Soll ich nun wieder erzählen, dass und wie ich geschlafen habe? Es ist
eigentlich eine Schande, von Tag zu Tag sagen zu müssen, dass man erst gegen
Mittag aufgewacht sei; aber ich muss dieses Geständnis schon wieder machen,
wünsche aber, zum letzten Male. Jedenfalls war mir dieses ausgiebige Schlafen
sehr nötig gewesen; der Erfolg bewies es mir. Nun aber war es genug! Ich ging
hinab, ohne erst um Erlaubnis zu fragen.
    Zu wem? Natürlich zunächst zu Syrr, nach welchem ich mich förmlich sehnte.
Wer aber kam da eiligen Schrittes gelaufen? Der Ustad!
    »Willst du gleich wieder hinauf!« lachte er. »Schau dir die Welt von oben
an! Unten darf man ja noch gar nicht wissen, wie gesund und energisch du bist!«
    »Ja, richtig; daran hatte ich gar nicht gedacht! Aber arretiere mich nicht
sofort, sondern erlaube mir, Syrr vorher einige Aepfel zu holen!«
    »Das werde ich tun, und zwar bringe ich seine Lieblingssorte. Schakara hat
sie mir verraten.«
    Während er nach dem Garten ging, war es gradezu rührend für mich, zu sehen,
wie der Glanzrappe sich darüber freute, dass ich wieder einmal bei ihm war. Er
gab mir das nicht etwa in drolliger Weise zu erkennen, sondern so still, so
ruhig, fast möchte ich sagen, so innig oder so herzlich, als ob es eine
menschliche Anmassung sei, dass Tiere absolut keine Seele haben sollen. Man pflegt
ihnen höchstens sogenannte »psychische Funktionen« zu gestatten. Nun wohlan, die
psychischen Funktionen meines Syrr waren ehrlich, aufrichtig und ohne eine Spur
von Falschheit oder Verstellung. Hoffentlich ist das bei den Menschenseelen in
entsprechend höherem Grade ebenso der Fall!
    Als er wiederkam, reichte er Syrr einen der Aepfel hin. Das Pferd roch die
Frucht gar nicht einmal an. Es legte die Ohren nach hinten und wich einige
Schritte zurück. Der Ustad tat einen zweiten Apfel zu dem ersten und folgte
nach. Syrr ging abermals rückwärts, und der Ustad avancierte wieder, ihm die
Aepfel hinhaltend. Da drehte sich der Rappe um und hob den hintern Fuss, zum
Zeichen, dass er sich nun wehren werde.
    »Was? Schlagen will er mich!« verwunderte sich der Ustad. »Er ist also
wirklich edler als Assil, der keinen Unterschied macht zwischen mir und dir!«
    »Ja. Der höchste Adel zeigt sich eben darin, dass er distinguiert, nicht aber
in den Fransen und Quasten, mit denen der Herr ihm Zaum und Sattel behängt.
Teilen wir die Früchte zwischen beide Pferde!«
    Wir taten es. Der Ustad gab Assil die eine Hälfte; die andere bekam Syrr von
mir. Er nahm sie jetzt ohne Weigern, und ich liebkoste ihn dafür. Indem wir dann
fortgingen, sagte der Ustad:
    »So; nun gehst du wieder hinauf, doch nicht, ohne dass ich dich für deine
Folgsamkeit belohnen werde. Du sollst dich am Tage so wenig wie möglich zeigen;
aber heut Abend reiten wir im Dunkel mit Kara zusammen nach dem Dschebel Adawa,
um zu versuchen, Etwas über die dortige Zusammenkunft zu erfahren. Ist dir das
recht?«
    »Sogar sehr, falls du glaubst, dass ich nicht zu schwach zu diesem Ritte
bin.«
    »Zu schwach?« fragte er lächelnd. »Nach einer so ausgiebigen
Schlafmützigkeit? Uebrigens wird es interessant, auch wenn wir nichts Neues
sehen und hören. Du reitest den Syrr, ich den Assil und Kara den Barkh. Das gibt
heimwärts ein Vorrennen, welches uns zeigen wird, wie weit wir in unsern
Berechnungen gehen dürfen.«
    Ich war mit dem geplanten, abendlichen Ritte natürlich sehr gern
einverstanden. Man wird sich erinnern, dass der Fürst der Schatten seine Päderan
für heut um Mitternacht nach dem Dschebel Adawa, dem »Berge der Feindschaft«,
bestellt hatte, um ihnen seine letzten Weisungen zu erteilen. Zwar kannten wir
die Stelle nicht, an welcher diese Unterredung stattfinden sollte, doch bot uns
der alte Hollunderbaum, in dem Kara die Agraffe gefunden hatte, einen Halt, den
wir benutzen konnten. Als ich das dem Ustad jetzt sagte, antwortete er:
    »Das ist ganz derselbe Gedanke, den auch ich verfolgen will. Ahriman Mirza
wird kommen, um seine Agraffe abzuholen. Wenn wir uns vorher dort verstecken und
ihm dann heimlich nachschleichen, wird er unser Führer sein, ohne es zu ahnen.«
    »Aber die Gefahr, in welche wir uns begeben?«
    »Gefahr? Wie drollig dieses Wort klingt, wenn man es aus deinem Munde hört!
Wo du nicht ängstlich bist, kann ich es doch ebensowenig sein. Uebrigens
bewaffnen wir uns gut und legen andere Kleider an.«
    »Welche?«
    »Die Anzüge vom Schah. Ich habe ja auch einen. Du sagtest, Ahriman Mirza sei
genau so gekleidet gewesen. Er wird es wahrscheinlich wieder sein. Ich glaube
zwar nicht, dass man uns sehen wird. Aber sollte es doch geschehen, so wird man
vermuten, dass wir zu der persischen Begleitung gehören, die mit ihm bei den Taki
angekommen ist. Es ist dann sogar möglich, dass man glaubt, er selbst habe - - -
Ah,« unterbrach er sich da, »vielleicht ein guter Gedanke: Ich nehme seine
Reitpeitsche mit, in welcher die schwarze Larve steckt! Kommt dann noch die
Agraffe dazu, so kann man jede Gefahr in ihr gerades Gegenteil verwandeln, indem
man sich für den Aemir-y-Sillan ausgibt. Meinst du nicht auch?«
    »Welch eine Idee! Woher mag sie dir gekommen sein? Derartige Gedanken sind
niemals Sondergeburten irgend eines menschlichen Gehirnes, sondern sie stammen
aus einem verborgenen Zusammenhange, in welchem ihre Resultate vorherberechnet
werden und dann einzufügen sind. Tue es, mein Freund, tue es! Ich bin überzeugt,
dass du damit einer Absicht folgst, die weiter schaut als wir.«
    Er ging, und ich stieg zu mir hinauf. Wie kam es doch nur, dass ich nun
während des Tages so oft an diese unsere Verkleidung denken musste? Ich legte sie
an und wieder ab - - - um sie zu probieren, redete ich mir ein. Der Mensch sieht
eben nicht weiter, als er kann! Als Schakara mir das Abendessen brachte,
lächelte sie mich verständnisvoll an. Ich hatte mich nämlich schon umgezogen,
und sie kannte den Grund, der ihr vom Ustad mitgeteilt worden war.
    »Sobald du gegessen hast, wird er kommen, um dich abzuholen,« sagte sie.
»Die Pferde werden von Kara heimlich gesattelt.«
    »Mein Syrr aber nicht,« fiel ich ein. »Sage ihm das! Ich tue es selbst.
Bereitalten mag er das Zeug; angelegt wird es nur von mir.«
    Ich hatte meine geladenen Revolver bereitgelegt. Als der Ustad kam, steckte
ich sie zu mir. Er war der Verabredung nach gekleidet und hatte den langen Bart
unter den Anzug geknöpft und das Hauptaar unter die Lammfellmütze emporgekämmt,
so dass beides nicht zu sehen war. Die Reitpeitsche des Mirza steckte im Gürtel.
Eben wollten wir gehen, da erschien der Aschyk unter der Tür. Er erschrak, als
er uns stehen sah, denn er hielt uns im ersten Augenblicke für wirkliche Perser.
Als er uns aber erkannte, rief er aus:
    »Allah sei Dank! Fast glaubte ich, Ahriman Mirza sei mit hier! Warum tragt
ihr diese Kleidung, Effendi?«
    »Um nicht erkannt zu werden, falls man uns ja sehen sollte,« antwortete ich.
»Wir wollen nach dem Dschebel Adawa hinüber.«
    »Und ich komme geraden Weges von dorter! Ich bringe zwei wichtige
Neuigkeiten, eine schriftliche und eine mündliche. Der Scheik ul Islam glaubt,
ich sei hier Euer Gast und komme nur zu ihm, um Euch zu verraten. Ich besitze
darum sein Vertrauen und habe Euch aufgezeichnet, was ich heut von ihm erfuhr.
Es sind die Orte, an denen losgeschlagen werden soll, sobald der Streich gegen
Euch gelungen ist. Auch die Namen der Anführer stehen dabei, lauter fromme,
hochangesehene Männer.«
    Er reichte auf meinen Wink das Verzeichnis dem Ustad hin und fuhr dann fort:
    »Die andere Nachricht wird Euch wahrscheinlich noch mehr erfreuen. Ist Euch
ein junger Taki-Kurde bekannt, welcher Ibn el Idrak92 heisst?«
    »Sehr gut sogar,« antwortete der Ustad. »Du nennst ihn jung; er sitzt aber
schon seit Jahren in der Dschemma. Sein Vater, der reichste Mann des Stammes,
liess ihn in Teheran studieren und dann weite Reisen machen. Er ist unterrichtet,
klug und ehrlich. Man sagt, dass er ein heimlicher Gegner des Scheik ul Islam sei
und unter den Taki einen nicht unbedeutenden Anhang besitze. Er war schon
einigemale hier, mein Gast, und ich meine, dass wir beide Wohlgefallen an
einander gefunden haben.«
    »Hältst du ihn einer Hinterlift für fähig?«
    »Nein, auf keinen Fall.«
    »So kann ich dir sagen dass er eine Unterredung mit dir wünscht.«
    »Wann?«
    »Heut.«
    »Wo? Hier bei mir?«
    »Nein. Dazu hat er keine Zeit, wegen der wichtigen Sitzungen, welche die
Dschemma jetzt fortwährend hat, sogar heut nach Mitternacht. Auch soll diese
Unterredung eine heimliche sein. Er lässt dich bitten, zwei Stunden nach
Mitternacht an den Bach des Dschebel Adawa zu kommen, du allein und er allein.
Von der Quelle an zählst du die fünfte grosse Windung des Wassers. Dort steht ein
einzelner hoher Baum, unter dem er dich erwarten wird.«
    »Sonderbar! Wie kommst du zu diesem Manne? Wäre es ein Anderer, so würde ich
einen Hinterhalt befürchten, obgleich ich nicht wüsste, wozu ihm das nützen
sollte!«
    »Ich kann dir nicht zürnen, wenn du an mir zweifelst. Aber ich darf dir auch
nicht antworten, denn ich habe Ibn el Idrak Verschwiegenheit geloben müssen, um
Euch nützen zu können. Behalte mich hier, und gib Befehl, dass ich erschossen
werde, wenn dir Etwas geschieht!«
    »Dass ich ein Tor wäre! Ich glaube dir und ihm und werde also kommen.«
    »Ich danke dir! Auch dein jetziger Anzug passt. Es gibt jetzt am Dschebel
Adawa mehr Leben und Verkehr als sonst. Man könnte dich sehen und erkennen.
Darum sollte ich dich bitten, nicht deine gewöhnliche Kleidung anzulegen. Ich
kam auf einem seiner Pferde herüber. Darf ich wieder zurück, um ihm Nachricht zu
bringen?«
    »Ja. Sag ihm, dass ich kommen werde, zwei Stunden nach Mitternacht, an die
betreffende Stelle. Bin ich verhindert, pünktlich zu sein, so soll er dennoch
warten. Ich bleibe nicht aus.«
    Hierauf entfernte sich der Aschyk. Auf meinem Tische lag der Chandschar, den
ich von Dschafar geschenkt bekommen hatte. Der Ustad sah ihn und fragte:
    »Nimmst du den Dolch nicht mit?«
    »Nein,« antwortete ich. »Ich wollte, halte es aber nun doch nicht für
nötig.«
    »So erlaube ihn mir! Ich kann vielleicht in eine Lage kommen, in welcher
eine still wirkende Klinge besser ist als ein laut krachender Schuss. Geh jetzt
immer hinab. Ich will erst das Verzeichnis vom Aschyk zu mir tragen, um es
einzuschliessen. Dann komme ich nach.«
    Er schob den Chandschar in den Gürtel und ging hinaus. Ich aber steckte
fürsorglich einige Lichter zu mir, obgleich ich keinen Grund hatte, sie für
nötig zu halten, und stieg dann den Glockenweg zum Weideplatze hinunter, wo ich
Kara, persisch gekleidet, bei den Pferden fand.
    Assil und Bark waren schon gesattelt, Syrr noch nicht. Ich tat es selbst.
Sonderbar! Als ich ihm das Mundstück einschieben wollte, weigerte er sich, seine
Zähne zu öffnen. Ich bat ihn; er tat es trotzdem nicht; ihn aber zu zwingen,
fiel mir gar nicht ein. Der Ustad kam grad dazu, als ich Kara beauftragte, den
einfachen Halfter zu holen.
    »Blos mit Halfter willst du ihn reiten?« fragte er. »Des Nachts? Dort
hinüber, wo vielleicht sehr viel davon abhängig ist, dass wir unserer Pferde
vollständig sicher sind?«
    »Lass Syrr seinen Willen!« antwortete ich. »Ich habe nur nötig, ihn zu dem
meinigen zu machen, dann kann uns nichts geschehen. Ein Reiter, der sich weniger
auf das Pferd als vielmehr auf die Zäumung verlässt, bringt schliesslich auch
trotz dieser letzteren nichts fertig. Ein edles Pferd, welches Grund hat, den
eisernen Zwang zu fürchten, kann seinen Herrn unmöglich liebgewonnen haben.«
    »Fast hättest du gesagt - - kann ihn nicht achten!« lächelte der Ustad.
»Natürlich denkst du hierbei neben dem Pferde an noch etwas ganz Anderes. Ich
kenne dich!«
    Syrr bekam also nur den Halfter; dann ritten wir fort, über die Ruinen, an
den Steinbrüchen hinunter und dann nach links, wo es hinauf zur jenseitigen
Ebene ging, welche der Dschebel Adawa hoch überragte. Der Ustad war schon so oft
dort gewesen, dass wir uns auf seine Terrainkenntnis vollständig verlassen
konnten.
    Er schlug kluger Weise nicht die gerade Richtung ein. Wir ritten erst nach
Norden und bogen dann in einem rechten Winkel nach Westen. Falls wir nun ja
gesehen wurden, hatte es nicht den Anschein, als ob wir von den Dschamikun
herüberkämen. Und das war gut. Denn wir hatten noch kaum die Hälfte des Weges
zurückgelegt, so bemerkten wir auf der mondbeschienenen Fläche vor uns einen
Reiter, welcher zwar stutzte, als er uns erblickte, aber doch nicht aus seiner
bisherigen Richtung wich. Er musste uns begegnen. Wir taten natürlich, als ob
auch wir ihn nicht zu scheuen hätten, und hielten still, als er uns erreichte
und grüsste.
    »Wo kommst du her?« fragte der Ustad.
    »Von daher, wo Ihr hinreitet,« antwortete er. »Man sieht Euch doch gleich
an, dass Ihr zu Ahriman Mirza gehört. Bringt Ihr gute Nachrichten aus Isphahan?«
    »Vortreffliche. Man braucht dort nur noch die Zeit zu erfahren, so fährt der
Säbel aus der Scheide.«
    »Das klingt gut! Und die Zeit ist mir bekannt. Ich habe sie soeben von dem
Mirza gehört und den Massaban von Feraghan entgegenzutragen, welche schon auf
dem Wege sind. Wisst Ihr vom Rennen bei den Dschamikun?«
    »Wir wissen Alles. Das Fest beginnt am Sonntag. Das Vorrennen findet am
Montag statt, und das Hauptrennen wird am Dienstag sein.«
    »Das stimmt. Nun aber komme ich mit meiner wichtigen Kunde: Nämlich die
Umschliessung der Dschamikun findet am nächsten Tage, also Mittwoch, statt. Sie
muss am Donnerstag früh vollendet sein. Sobald der Tag graut, schlagen wir von
allen Seiten auf sie los. Diese Nachricht habe ich den Massaban zu bringen, und
zwar eilig. Darum verzeiht, dass ich nicht länger halten kann!«
    Er ritt weiter; wir ebenso. Keiner von uns bezweifelte, dass wir diese
hochwichtige Nachricht nur unsern persischen Anzügen zu verdanken hatten.
    Nun kam es darauf an, den Gefahren des Gesehenwerdens für uns vorzubeugen.
Die Helligkeit erlaubte es nicht, uns etwaigen Beobachtungen vom Dschebel Adawa
aus zu entziehen. Unser einziger Schutz bestand in der Vortäuschung, dass wir vom
Lager der Takikurden nach dem Berge kämen. Daher umritten wir ihn in einem
weiten Bogen, bis wir an seine westliche Seite gelangten, wo auch das Wasser
floss, an dem sich Ibn el Idrak einstellen wollte. Dieser Bach war weit hinaus
mit Buschwerk besetzt und bot uns also die beste Gelegenheit, uns unter guter
Deckung anzunähern. Das glückte uns aufs Beste. Wir folgten den Windungen des
Wassers und kamen also auch an diejenige, wo die Unterredung mit Ibn el Idrak
stattfinden sollte. Es stimmte, dass ein einzelner, hoher Baum da stand. Nun
brauchte der Ustad diesen Ort nicht später erst zu suchen.
    Jetzt handelte es sich zunächst um eine verborgene Stelle für unsere Pferde,
bei denen ich zu bleiben hatte, weil Kara mit hinauf musste, um dem Ustad den
hohlen Hollunderbaum zu zeigen. Sie sollte sich bald finden. Als wir eine
Strecke längs der Südseite des Berges geritten waren, schnitt eine schmale
Schlucht tief in die Felsenmassen ein. Sie war nicht offen, sondern durch eine
hohe, starke, uralte Mauer abgesperrt, deren obere Kante höchst unregelmässig
verlief, weil die Werkstücke von dort herabgestürzt waren und nun unten wirr
durcheinander lagen. Diese Mauer hatte zu ebener Erde eine schmale Toröffnung,
auf welche der Ustad zuritt, indem er sagte:
    »Das ist die Diwar-y-Mugasa93. Weshalb sie so genannt wird, weiss ich nicht.
Wahrscheinlich hat sie einst als eine Art von Talsperre gedient. Jetzt ist
dieser Ort so verrufen, dass man ihn am hellen Tage meidet, wie viel mehr also
jetzt, des Nachts. Du wirst hier ungestörter sein als an jeder andern Stelle,
Effendi. Man behauptet, wenn der Teufel eine Seele hole, so schaffe er sie des
Nachts hierher, um sie zu zerreissen.«
    »Angenehme Wartestation!« lachte ich. »Bei der bekannten Leichtgläubigkeit
der frommen Taki-Kurden bin ich da allerdings im höchsten Grade vor menschlichen
Besuchen sicher. Andere aber können mich nicht stören.«
    Wir stiegen ab, führten unsere Pferde zwischen den Steinen hindurch dem Tore
zu und befanden uns, als wir dasselbe passiert hatten, zunächst in einem oben
zugebauten Raume, in dem es vollständig dunkel war.
    »Daran habe ich nicht gedacht,« fuhr der Ustad fort. »Wir hätten Licht
mitnehmen sollen.«
    »Habe ich,« sagte ich, indem ich eines aus der Tasche nahm und anbrannte.
    Man hatte einen viereckigen, mit einem Dache versehenen Anbau an die Mauer
gefügt. Hinten ging eine Öffnung in die Schlucht; sie war von aussen dicht
verwachsen. In der Mitte der Dunkelkammer lag eine grosse Steinplatte. Weiter war
nichts zu sehen. Da uns die Vorsicht verbot, die Pferde gleich hier
unterzubringen, wo es im unerwünschten Falle weder ein Verbergen noch ein
Entrinnen gab, versuchten wir, durch die Öffnung hinaus in das Freie zu
dringen, doch ohne die hindernden Büsche, welche diese Tür verstopften, in
auffälliger Weise zu verletzen. Es gelang. Draussen war es halbdunkel, denn die
Sterne fehlten dieser schmalen Schlucht, deren Felsenwände ganz beträchtlich in
die Höhe stiegen. Es war keineswegs ein einladender Ort, an dem wir uns
befanden. Seine Düsterheit stimmte ganz zu der teuflischen Idee, von welcher der
Ustad gesprochen hatte. Wir führten die Pferde ein beträchtliches Stück in die
Enge hinein und liessen sie sich niederlegen. Dann wurde es für Kara und den
Ustad Zeit, ihren Gang nach der Bergeshöhe anzutreten. Ich bat sie, das Gebüsch
an der Tür zu schonen, damit wir nicht durch abgebrochene Zweige verraten
würden; dann entfernten sie sich. Ich aber setzte mich zu Syrr, doch so, dass ich
jeden Nahenden eher bemerken konnte, als er mich.
    Es verging Viertelstunde um Viertelstunde. Die Mitternacht kam. Also
befanden sich meine beiden Kameraden jetzt wahrscheinlich oben auf ihrem
Lauscherposten. War es ihnen gelungen, den Ort der Zusammenkunft zu entdecken?
Eben legte ich mir diese Frage vor, da sah ich zwei Gestalten, welche langsamen
Schrittes von der Mauer her nach hinten kamen - - - persisch gekleidet; sie
waren es. Da stand ich auf.
    »Bleib ruhig sitzen!« sagte der Ustad. »Wir haben über eine Stunde zu
warten, ehe ich nach dem Bache gehen kann.«
    »Eure Absicht ist nicht gelungen?« fragte ich.
    »Nein,« antwortete er, indem wir uns niedersetzten. »Wir lagen gut versteckt
beim Hollunderbaum. Da kam Ahriman Mirza mit noch Einem. Wahrscheinlich war dies
der Vertraute, den du in unsern Ruinen bei ihm gesehen hast, denn der Mirza
hatte sich nicht vor ihm verhüllt. Sie sprachen miteinander, nicht lange und
auch nicht laut, doch so, dass wir jedes Wort verstanden. Ahriman hatte die
Reitpeitsche in der Hand. Er musste erst kürzlich einmal hier gewesen sein, denn
er nahm eine Larve aus dem hohlen Baume, die nicht drin gewesen ist, als Kara
ihn untersuchte. Er band sie vor das Gesicht und zog dann eine Agraffe aus der
Tasche seines Rockes, um sie an die Mütze zu stecken. dabei sagte er:
    Die habe ich noch von drüben, bei den Dschamikun. Ich fand keine Zeit, sie
zu verstecken, weil ich wegen des Scheik ul Islam schnell um den Berg herum zu
meinem Pferde musste. Die hiesige kann also steckenbleiben, vielleicht für immer,
denn ich glaube nicht, dass ich sie hier noch einmal brauchen werde. Heut mache
ich es kurz. Die Befehle zur Umzingelung am Mittwoch Abend sind schnell gegeben.
Dann gehe ich im »Utaq-y-Scheijtan«94 noch einmal die beiden Dokumente durch,
ehe ich dem Scheik ul Islam das seinige in der Dschemma wiedergebe. Jetzt komm!
Dieser Lieblingsesel Allahs ahnt gar nicht, dass er sich mit der Unterschrift der
Kaiserurkunden vollständig in meine Hand geliefert hat!
    Sie gingen, und wir krochen aus unserm Versteck hervor, um ihnen zu folgen.
Da dies aber höchst leise und vorsichtig geschehen musste, taten wir es nicht
schnell genug und suchten dann vergeblich, eine Spur von ihnen zu sehen oder zu
hören. Um wenigstens nicht ganz ohne Resultat zu dir zu kommen, kehrten wir zum
Hollunder zurück, aus dem wir die Agraffe genommen haben.«
    »Warum? Wozu? Kann das nicht üble Folgen haben?«
    »Möglich! Aber ich hatte das Gefühl, dass ich dieses glitzernde Ding nicht
steckenlassen dürfe. Ich kenne diese Empfindung; sie hat mich immer richtig
geführt. Denke an unsere Anzüge, ohne welche wir von dem Boten jedenfalls nichts
erfahren hätten!«
    »So mag es sein. Auch ich folge derartigen Eingebungen stets gern. Ist dir
der Name Utaq-y-Scheijtan bekannt?«
    »Nein. Ich habe ihn noch nicht gehört. Aber ich habe jetzt unterwegs darüber
nachgedacht und vermute, dass er hier mit dieser Mauer in Verbindung zu bringen
sei. Der Name Teufelsstube harmoniert mit dem Aberglauben, dass der Teufel hier
die von ihm geholten Seelen zerreisse. Sollte Ahriman Mirza mit diesem
Utaq-y-Scheijtan den finstern Raum dort gemeint haben, durch den wir mussten, um
hierher zu kommen?«
    »Mir kommt dies fast wahrscheinlich vor.«
    »Mir ebenso! Er will da die beiden Kaiserdokumente noch einmal prüfen
Kaiserurkunden! Also das Allerwichtigste, was man ihm entreissen könnte! Aber
entreissen? Nein. Es müsste klüger angefangen werden. Bitte, sprecht jetzt nicht
auf mich! Es kommt mir ein Gedanke. Könnte er richtig ausgeführt werden, so wäre
er unvergleichlich!«
    Er schwieg hierauf, um nachzudenken. Darum waren wir auch still. Nach
einiger Zeit sprang er plötzlich auf und sagte:
    »Was das nur ist? Es lässt mir keine Ruhe. Komm mit, Effendi! Ich muss vor an
die Mauer. Es ist Etwas in mir, was mir sagt, dass Ahriman Mirza bald erscheinen
wird.«
    Wir gingen mit einander nach vorn, bis zu der mit Büschen besetzten Tür. Wir
schoben das Gesträuch mit den Händen zurück, um in den Raum zu treten. Da
flüsterte der Ustad:
    »Da - da - - da, schau! Wie recht die Stimme in mir hatte! Siehst du ihn?«
    Allerdings sah ich ihn. Er war soeben gekommen und stand draussen vor dem
Eingange, im Sternenschein, um sich umzusehen. Die Reitpeitsche in der Hand, die
schwarze Maske vor dem Gesicht, die Agraffe an der Mütze. In seinem Gürtel
flimmerte der Griff seines Chandschar, welcher dem meinigen glich. Da war Alles
sehr deutlich zu sehen. Da fragte mich der Ustad leise:
    »Kennst du die Sage vom Chodem des Menschen?«
    »Ja,« antwortete ich ebenso leise.
    »Ich weiss, dass der Mirza an diese Sage glaubt, und werde ihn bei ihr fassen.
Halte die Büsche zurück, wenn ich zu ihm hineinschlüpfe und auch dann, wenn ich
wiederkomme!«
    Er nahm die Maske aus dem Peitschengriffe und band sie sich vor das Gesicht.
Dann holte er die Agraffe aus der Blechkapsel und steckte sie an die Mütze.
Hierauf steckte er auch meinen Chandschar genau so, wie der Mirza den seinigen
im Gürtel trug. Und nun wartete er.
    Ich wusste nicht eigentlich, was er beabsichtigte, obwohl ich die Bedeutung
des Chodem kannte. Chodem ist das persische Wort für »ich selbst«. Die dortigen
Metaphysiker aber bezeichnen mit diesem Worte etwas noch Anderes, ungefähr so
eine Art dessen, was wir »Doppelgänger« nennen, aber in viel höherem, edlerem
Sinne. Sie lehren, dass der Mensch zwar auch einen Geist besitze, den die Seele
nach und nach aus den Stoffen des Körpers heraus- und emporzubilden habe, aber
dieser rein menschliche Geist sei abhängig und werde geleitet von einem Geiste
aus höheren Regionen, der Gott mit seinem eigenen Schicksale dafür
verantwortlich sei, dass der ihm anvertraute Mensch seine Bestimmung erreiche.
Dieser hohe Geist eigne sich sämtliche Aggregatszustände seines Menschen an und
sei also imstande, ihm und auch Anderen persönlich zu erscheinen, und zwar ganz
genau in derselben Gestalt und Kleidung wie der Betreffende selbst. Erscheine er
Andern, so habe das nichts Schlimmes zu bedeuten; lasse er sich aber vor seinem
eigenen Menschen sehen, so sei das ein sicheres Zeichen, dass er ihn für immer
verlassen werde, also entweder des nahenden Wahnsinns oder des zu erwartenden
Todes. Denn ein Mensch, der von seinem höhern Geiste, von seinem Chodem
aufgegeben wird, muss entweder sofort sterben oder in geistiger Nacht langsam
versiechen.
    Das ist die Sage oder die Lehre, auf welche der Ustad sein jetziges
Verhalten stützen wollte.
    Ahriman Mirza kam herein. Er brannte ein mitgebrachtes Licht an und ging an
die Steinplatte, um es dort fest anzutropfen. Als dies geschehen war, zog er
zwei zusammengefaltete, grosse Papierbogen aus der Tasche, schlug sie auseinander
und beugte sich zum Lichte, um zu lesen. Da schob sich der Ustad leise, leise
zwischen Gebüsch und Wand hinein, schlich unhörbaren Schrittes zu ihm hin, bis
er hinter ihm stand, und berührte ihn mit der Reitpeitsche. Der Mirza zuckte
zusammen, richtete sich schnell auf, drehte sich um und - - - stiess einen Schrei
aus, wie ihn nur der grösste Schreck oder gar das wirkliche Entsetzen aus der
Lunge zu pressen vermag. Dann stand er starr wie Stein, vollständig
bewegungslos.
    Mir selbst, der ich doch wusste, woran ich war, erschien die Szene beinahe
grauenhaft. An der gespenstigen »Mauer der Vergeltung« - - in der
»Teufelsstube«, wo der Satan die von ihm geholten Seelen zerreisst - - ein
kleines Licht, nur zwei, drei Schritte weit schimmernd - - ein Menschen- und ein
höherer Geist - - sich schwarz aus der Schwärze des ringsum herrschenden Dunkels
herausgestaltend - - nicht nur einander ähnlich, sondern von unbedingt ganz
gleicher Wesenheit - - der Eine ganz genau das Augenbild des Andern - - vom Kopf
bis zu dem Fuss herab ein einziges »Ich« und doch in zwei Personen! Wenn es mich
dabei wie kalt überlief, wie mochte es da erst dem Mirza zu Mute sein!
    Sonderbarer, aber psychologisch doch ganz richtiger Weise gab er seinem
Entsetzen nach dem ersten Schrei nicht etwa einen Totalausdruck, sondern er
richtete es auf Einzelheiten, die ihn an sich selbst irr machten.
    »Meine Agraffe!« rief er aus, mit der Hand nach des Ustad Mütze deutend.
»Meine Larve - - mein Chandschar - - meine Peitsche!«
    Seine Finger öffneten sich. Die beiden Papierbogen flatterten zur Erde
nieder. Ich sah ihn zittern. Seine Kniee wankten; sie brachen zusammen. Er sank
zu Boden, hielt sich am Steine fest, hob die andere Hand abwehrend empor und
schrie:
    »Mein Chodem - - mein Chodem - - mein Chodem! Was hast du mir zu bringen?«
    Der Ustad antwortete, und seine Stimme klang genau so dumpf wie diejenige
des Mirza unter der Larve hervor:
    »Keine Krone und kein Kaiserreich! Wähle: Tod oder Wahnsinn!«
    »Den Tod? Nicht ihn, nicht ihn! Ich will nicht sterben, nicht sterben! Ich
muss leben, leben - - leben!«
    »So hast du gewählt. Der Wahnsinn sei der Geist, der dich nun packt wie alle
deine Schatten! Hinaus mit dir, hinaus! Such Schutz bei deinen Massaban! Knie
vor den heilgen Scheik des Islam nieder! Verlass dich auf die ganze Macht der
Lüge! Er hat die Faust soeben ausgestreckt. Er fasst dich beim Genick wie eine
tote Katze. Er schleppt dich hin, bis wo der Abgrund gähnt, und schüttelt dich
hoch über - - -«
    »Tote Katze, tote Katze!« unterbrach ihn der Mirza, indem er schaudernd
aufbrüllte, als er diese seine eigene Drohung hörte. »Du weisst Alles, Alles,
Alles! Aber ich mag deinen Wahnsinn nicht; ich will ihn nicht! Behalte ihn hier
bei dir; ich aber eile fort, fort - - - fort!«
    Er schnellte sich auf und sprang zur Tür hinaus. Der Ustad hob die Dokumente
auf, faltete sie zusammen und steckte sie zu sich. Dann trat er vorsichtig in
das Freie hinaus, um dem Fliehenden nachzuschauen.
    »Komm, mein Freund!« forderte er mich dann auf. »Komm, wenn du einen
Menschen sehen willst, der vor dem Wahnsinn flieht und ihm aber nun ganz
unmöglich entgehen kann!«
    Ich ging zu ihm hin. Der Mirza rannte, wie von Furien gejagt, geraden Weges
in die Ebene hinaus, wo er doch nicht das Geringste zu suchen und zu finden
hatte.
    »Ist das nicht schon geistige Störung?« fragte der Ustad. »Jeder Andere
würde dahin gehen, wo er seine Leute trifft; dieser aber weiss schon nicht mehr,
was er tut! Für uns aber ist es geraten, uns schleunigst zu entfernen. Holen wir
die Pferde!«
    Wir taten es. Dann ritten wir fort, ohne das Licht ausgelöscht zu haben. Der
Ustad wollte es so. Er führte uns um den Berg herum und dann weit gegen Norden,
wo wir nicht gesehen werden konnten. Dort stiegen wir ab und setzten uns nieder,
denn die Zeit der Unterredung mit Ibn el Idrak war noch nicht da.
    Keiner von uns sprach. Ich hatte kaum Raum genug für die Gedanken, welche
mir kamen und gingen. Ist es wirklich nur Sage, oder gibt es einen Chodem für
Jeden, der ein geistiges Leben führt? Da legte der Ustad seine Hand auf meinen
Arm und sagte:
    »Du denkst, und ich weiss, worüber. Grüble nicht, sondern warte! Der Mensch
ist ja gewöhnt, nur das zu glauben, was er mit seinen körperlichen Augen sieht.
Weisst du noch, dass ich Hadschi Halefs Seele durch die besondere Betonung seines
vollständigen, langen Namens zurückrief. Hätte ich das nicht getan, so wäre er
gestorben, so aber zwang ich ihn, sich auf sich selbst zu besinnen, wie man sich
leider auszudrücken pflegt. Meinst du vielleicht, dass nur die Seele zu zwingen
sei? Warte es ab! Die sogenannte Erziehung zwingt Millionen Geister in
Schablonen. Sollte es denn gar so unmöglich sein, von diesen Millionen
wenigstens einen einzigen aus dieser Schablone wieder herauszuzwingen?«
    Wie das so eigenartig klang! Ich sollte nicht denken, sondern warten. Wer
das wohl fertig brächte!
    Als die Zeit gekommen war, ritten wir wieder näher an den Berg und dort in
eine kleine Bodenvertiefung hinab, die uns vor unberufenen Augen schützte. Dort
hatte ich mit Kara zu bleiben. Der Ustad aber ging zu Fuss hinüber nach dem Bach,
wo Ibn el Idrak wahrscheinlich schon auf ihn wartete. Ich war nicht ganz ohne
alle Besorgnis um den Freund, doch versicherte er, es mit einem ehrlichen Manne
zu tun zu haben. Das musste ich gelten lassen. Natürlich hatte er Larve und
Agraffe schon längst wieder abgelegt.
    Es verging weit über eine Stunde; da kam er wieder, mit schnellen, kräftigen
Schritten, wie Jemand, der eine gute Botschaft bringt.
    »Dieser Aschyk ist ein Prachtmensch geworden!« rief er uns zu, noch ehe er
uns erreicht hatte. »Ich muss ihn dem Schah-in-Schah unbedingt zur Begnadigung
empfehlen, und zwar sofort, wenn wir jetzt heimgekehrt sind. Denn es muss wieder
ein Eilbote fort.«
    »So hast du also Gutes gehört?« fragte ich.
    »Sehr Gutes! Wir müssen noch vor Tages Anbruch daheim sein, damit man deinen
Syrr nicht sehe. Darum habe ich mich jetzt nur kurz zu fassen. Unsere Renngegner
treffen heut schon ein, um ihre Pferde mit der Bahn vertraut zu machen. Was ich
nur ahnte, ist mir jetzt gewiss: Ibn el Idrak hat einen so bedeutenden Anhang
unter den Taki, dass er im Stande ist, die Pläne des Scheik ul Islam zu
durchkreuzen, und dazu ist er unbedingt entschlossen. Von ihm ist der Gedanke
ausgegangen, dass ich Ustad der Taki werden soll, und er hält ihn sogar jetzt
noch fest. Der Scheik ul Islam hat ihm aber in schlauer Weise vorgegriffen, um
entweder die Ausführung ganz unmöglich oder mich zu einem seiner willigen
Geschöpfe zu machen. Seit er seinen Ghulam als Ustad eingeschmuggelt hat, haben
mehrere stürmische Sitzungen stattgefunden. Zu ihm halten die denkschwachen
Fanatiker, welche Fatima noch über Muhammed selbst setzen, und die jüngeren
Babi, die den Kaiser tief unter sich wissen wollen. Das sind unsere Gegner, die
sich zunächst am Rennen und dann auch am Kampfe beteiligen werden. Ich will sie
einstweilen die Ultra-Taki nennen. Die Andern sind die Friedfertigen. Sie haben
uns beobachtet und nie eine Ueberhebung, eine Falschheit bei uns gefunden. Sie
verlangen, uns als Menschen achten zu dürfen, nicht aber um des Glaubens willen
uns hassen und befeinden zu müssen. Sie wollen Muhammed verehren, aber nicht den
Scheik ul Islam anbeten. Sie wollen dem Schah-in-Schah gehorchen und keine
willenlose Puppe an seiner Stelle sehen. Sie haben Ibn el Idrak beauftragt,
diese ihre Wünsche in der Dschemma vorzutragen, sind aber mit einer so
hochmütigen und beleidigenden Rücksichtslosigkeit abgewiesen worden, dass sie
beschlossen haben, nun auch ihrerseits nicht die geringste Rücksicht mehr zu
nehmen und ihre Wege ebenso heimlich zu gehen wie die Andern. Die erste Folge
dieses Entschlusses ist die jetzige Unterredung mit mir. Ich bin mit Ibn el
Idrak so aufrichtig gewesen, wie es mir geboten erschien. Er staunte über das,
was er erfuhr. Als ich ihm schliesslich aber auch noch mitteilte, dass ihr neuer
Ustad der blutige, gewissenlose Henker der Sillan sei und dass der Oberste der
Schatten Kaiser werden solle, war er ganz ausser sich über dieses betrügerische
Spiel und nahm sich vor, diese Hinterlist mit gleicher Münze zu bezahlen. Die
Ultra-Taki werden also nicht das Geringste von dem erfahren, was die
Friedfertigen und Regierungstreuen zu tun gesonnen sind. Der gegen sie
gerichtete Schlag wird über sie kommen wie ein Blitz aus wolkenlosem Himmel.«
    »Und worin wird dieser Schlag bestehen?« fragte ich.
    »Man wird kein Wort gegen den Kampf mit uns sprechen, sie aber im letzten
Augenblick einfach sitzen lassen. Greifen sie uns dann trotzdem an, so geschieht
ihnen, was sie verdienen. Das sind die allgemeinen Gesichtspunkte; über das
Besondere sprechen wir später. Jetzt müssen wir fort, denn der Osten wird schon
licht.«
    »Also nun der Proberitt! Ich denke, es wird noch Niemand so schnell
hinübergekommen sein, wie gegenwärtig wir. Reitet ihr voran!«
    »Voran? Warum?«
    »Weil ihr mich sonst bald aus den Augen verlieren würdet!« lachte ich.
    »Übermut! Willst du Kara's Barkh und sogar deinen Assil kränken?«
    »Nein. Darum eben bitte ich Euch, eine Vorgabe anzunehmen.«
    »So sei es! Aber ich sage dir: Wir wenden, um uns nicht einholen zu lassen,
sogar das Geheimnis an, und dein Syrr hat ja keines!«
    »Er braucht keins, weil er selbst Geheimnis ist. Macht los! Ich steige nicht
eher auf, als bis ich Euch nicht mehr sehen kann; dann aber komme ich!«
    Sie schwangen sich über die Bügel, nahmen gleichen Anlauf und ritten in die
Ebene hinaus, westwärts, schneller, immer schneller, bis ich sie in fliegenden
Galopp fallen sah. Syrr war verwundert. Er sah bald mich an, bald hob er den
Kopf, um den Forteilenden nachzuwinden. Er warf ihn auf und nieder; er
schüttelte ihn. Er schnaubte; er scharrte den Boden. Er wieherte endlich gar. Da
streichelte ich ihn, und sofort wurde er vollständig ruhig. Aber er richtete die
Augen unablässig nach vorwärts, wo die beiden Reiter immer kleiner und kleiner
wurden.
    Nun verschwanden sie. Ich setzte den Fuss in den Bügel. Da drehte Syrr den
Kopf herum und liess jenen tiefen, fast grunzenden Basston hören, dem man es
deutlich anhört, dass er sagen soll: »Na, endlich, endlich, endlich! Aber nun!«
Noch sass ich nicht fest, so flog ich schon. Ich brauchte nichts zu sagen; ich
brauchte nichts zu tun. Er wollte ja selbst, was er sollte! Ein solcher Ritt
lässt sich leider nicht beschreiben. Wenn ich die Augen schloss, war es mir, als
ob ich nur so schwebe!
    Schon nach einigen Minuten sah ich den Ustad und Kara wieder. Sie ritten
noch beisammen. Ich näherte mich ihnen zusehends. Jetzt mussten sie sich
umgeschaut und mich bemerkt haben, denn ich erkannte aus den Bewegungen ihrer
Pferde, dass die Geheimnisse in Anwendung kamen. Da bog ich mich vor und berührte
Syrrs Hals, leise streichelnd. »U - - u - - u!« machte er und griff sodann in
einer Weise aus, als ob die bisherige Schnelligkeit so viel wie nichts gewesen
sei. Wir rückten vor, kamen näher, immer näher. Kara war schon zurückgeblieben,
denn mein Assil war dem Barkh überlegen. Noch zehn Pferdelängen - - noch fünf,
noch drei, noch eine - - Jetzt hatte ich ihn eingeholt und ritt neben ihm.
    »Ma'assalami - - lebe wohl, Kara!« lachte ich ihm zu. »Gieb dem Barkh doch
das Geheimnis!«
    »Ich gab es ja bereits!« antwortete er.
    »So komm hübsch langsam nach!«
    Syrr wieherte, als ob er diesen Scherz verstanden habe, in sich hinein,
schnellte sich mit zwei, drei fast unbegreiflichen Sprüngen über Barkh hinaus,
warf den Kopf für einen Augenblick herum, um zu sehen, ob er ihn auch wirklich
überholt habe, und nahm dann nur noch Assil in die Augen. Dieser war ungefähr
zwanzig Pferdelängen voran.
    »Sabah bil-cher - - guten Morgen!« rief ich nun dem Ustad zu. »Mach schnell,
sonst wird es Tag!«
    Er antwortete nur, indem er den Arm in die Luft warf, denn etwas Anderes
hätte den Lauf seines Pferdes leicht hemmen können. Dennoch wurden aus den
zwanzig Längen fünfzehn - - zehn - - fünf - - zwei - - eine - - jetzt hatte ich
ihn! - - wieder einige federschnellende Sprünge meines Syrr - - da war ich
voraus - - -
    »Gibst du zu, dass du bald weit hinter mir sein wirst?« fragte ich.
    »Warum das ausdrücklich zugeben?« antwortete er.
    »Weil ich dann innehalte. Ich möchte meinen Assil nicht kränken. Er schämt
sich, wenn er überholt wird.«
    »Das ist brav von dir! Ja, dein Syrr ist uns über, sogar weit über. Hemmen
wir also den Lauf!«
    Indem wir dies taten, holte uns Kara schnell ein. Da war es geradezu
rührend, dass alle drei Pferde vor Freude darüber, dass sie nun wieder beisammen
waren, laut aufwieherten, eines wie das andere, fast »wie aus einem Munde«, wie
man zu sagen pflegt. Und nun sahen wir, wie unglaublich schnell uns dieses
Proberennen vorwärts gebracht hatte: Die Ebene war zu Ende; die Berge der
Dschamikun lagen vor uns. Wir hatten nur noch hinunter in das Tal und drüben
wieder hinaufzureiten, um an den Steinbruchweg und also heimzukommen. So leicht,
so schnell kommt der Mensch vom Bösen auf das Gute, wenn er die Kräfte zu
benutzen weiss, die ihn nach oben und heim zu tragen haben!
    Wir konnten mit dem Resultate dieses Proberittes im höchsten Grade zufrieden
sein. Hatten wir uns schon vorher nicht vor dem Rennen gefürchtet, so waren wir
nun vollständig überzeugt, wenn nicht alle, so doch wenigstens die Haupttouren
sicher zu gewinnen. Bei uns angekommen, sorgten wir zunächst für die herrlichen
Tiere; dann trennten wir uns. Ich ging sogleich schlafen und wachte erst am
späten Morgen auf.
    Als Schakara mir das Frühstück brachte, sagte sie mir, dass noch während der
Nacht ein Eilbote des Schah gekommen und dann mit der Antwort des Ustad wieder
fortgeritten sei. Er habe sich absichtlich so gekleidet gehabt, dass Niemand
erraten konnte, wer oder was er sei. Der Herrscher hatte nichts weiter als den
Befehl geschickt, womöglich Blutvergiessen zu vermeiden. Der Ustad war erfreut
gewesen, bei dieser Gelegenheit dem Schah zunächst das von dem Aschyk erhaltene
Verzeichnis und sodann auch die heut Nacht erlangten beiden Kaiserdokumente
senden zu können. Damit waren der Scheik ul Islam und Ahriman Mirza ein für
allemal vernichtet. Und zugleich hatte er auch ein Gnadengesuch für den Aschyk
beigelegt. Ich dachte, als ich dies hörte, an seinen Ausspruch, dass der Aschyk
ein prachtvoller Mensch geworden sei. Er hatte sich hierüber nicht weiter
geäussert; nun aber erfuhr ich von Schakara, dass der Aschyk sich Ibn el Idrak
freiwillig zur Verfügung gestellt und eine gradezu erstaunliche Geschicklichkeit
und Ausdauer entwickelt habe, die Taki zu überzeugen, dass man durch lichtscheuen
Ungehorsam gegen den Schah nichts als den eigenen Untergang erreiche. Uebrigens
sei der Ustad der Meinung, dass die dortigen Ultra's den Mut nicht haben würden,
den sie zeigten, wenn sich nicht grad jetzt der Scheik ul Islam, der Mirza und
die Gul-i-Schiras bei ihnen befänden, in deren Interesse es liege, diese Leute
in ihrem stupiden Fanatismus zu bestärken.
    Ich war noch nicht draussen auf meinem Freidache gewesen. Jetzt bat mich
Schakara, mit ihr hinauszukommen, weil sie mir Interessantes zu zeigen habe. Sie
meinte da zunächst ein grosses, herrschaftliches Zelt, welches, schon fast
fertig, drüben in den Ruinen errichtet worden war. Nicht weit davon sah ich
andere Leute beschäftigt, ein zweites, auch grosses, aber nicht so prächtiges
herzustellen? Auf meine Frage, für wen diese beiden Zelte seien, antwortete sie:
    »Das so schön ausgeschmückte ist für die Gul-i- bestimmt. Sie handelt da
jedenfalls im Auftrage des Ahriman Mirza, der hierdurch der Besetzung der Ruinen
durch die Taki vorauskommen will. Ihre Leute kamen schon kurz nach Tagesanbruch
hier an, um den Bau sogleich zu beginnen. Der Scheik ul Islam scheint so etwas
gewusst oder wenigstens geahnt zu haben, denn er hat sich beeilt, auf diesen
Schachzug einen ähnlichen zu tun. Seine Diener kamen mit dem zweiten Zelte, und
wie du siehst, wird sich nun die himmlische Tugend eng neben dem irdischen
Laster niederlassen, und zwar beide, ohne uns vorher um unsere Ansicht hierüber
gefragt zu haben.«
    »Will das der Ustad dulden?«
    »Er wartet noch. Kommt seine Zeit, so wird er zu handeln wissen. Und nun
schau dort hinaus, jenseits des Sees! Da baut man ein drittes, grosses Zelt. Das
ist für Ahriman Mirza. Er hat, auch ohne zu fragen, diese Stelle gewählt, weil
seine Schatten und Massaban von jener Seite heranziehen werden. Der Anfang zu
der Umzingelung wird also schon heut gemacht. Aber ebenso von heute an sind auch
schon unsere nahen und fernen Posten ausgestellt, welche dafür sorgen, dass wir
jede feindliche Annäherung rechtzeitig erfahren. Die sämtlichen Dschamikun
stehen bereits unter Waffen, wenn sie es auch nicht sehen lassen, die hiesigen
wie auch die auswärtigen. Ebenso auch die Kalhuran, mit denen wir verbündet
sind. Sie haben bereits ihre besten Reiter und Rennpferde gesandt. Da schau
hinab, wie sie schon üben! Was der Ustad für einen Verteidigungsplan entworfen
hat, das weiss ich nicht; aber er sagte mir, ich solle Marah Durimeh nicht um
Hilfe bitten; wir seien stark genug. Diese Zuversicht ist höchst beruhigend. Ich
habe aber trotzdem einen Boten an sie gesandt, und ihre noch nie besiegten,
wohlgewappneten Reiter werden zur rechten Zeit erscheinen. Du weisst ja,« fügte
sie lächelnd hinzu, »die Seele ist selbst dann noch gern für den Geist besorgt,
wenn er meint, seiner Sache vollständig sicher zu sein!«
    Eben als sie dies sagte, bemerkten wir eine lebhafte Bewegung, welche sich
schnell über den ganzen Duar verbreitete. Die Ursache war ein jetzt aus dem
Osten angekommener Reiter, welcher allen, die es hören wollten, eine Neuigkeit
verkündete und dann herauf zum hohen Hause lenkte. Als er durch das Tor kam,
erkannten wir ihn. Es war der Reitknecht unseres Dschafar Mirza. Er hatte der
Hilfe des Schah als Führer gedient und war ihr eine Strecke vorausgeritten, um
zu melden, dass hundert Mann der Ghulman-i-Schahi95 im Anzuge seien. Er brachte
das Pferd des Hauptmanns mit. Zu gleicher Zeit kam die Gul-i-Schiras mit ihrem
Hosstaate auf unserm gestrigen Wege links heraufgeritten, und in kurzem Abstande
folgte ihr der Scheik ul Islam mit seinem hochtrabenden weltlichen und
geistlichen Stabe. Sie ritten direkt nach den Ruinen, von denen sie Besitz
ergriffen, als ob sie da zu Hause seien. Ihre Rennpferde wurden ihnen
nachgeführt.
    Schon nach einigen Minuten schien sich zwischen den beiden Parteien ein
Streit über den Platz entspinnen zu wollen, kam aber für dieses Mal nicht ganz
zum Ausbruche, weil die Aufmerksamkeit der sich Entzweienden nach Osten
abgelenkt wurde, wo jetzt die Leibwache auf der Bildfläche erschien. Diese
ausserordentlich gut berittenen und bewaffneten, glänzend uniformierten Hundert
erregten Verwunderung. Wie kam der Ustad zu der noch nie dagewesenen
Auszeichnung, vom Kaiser eine so direkte Unterstützung zu empfangen?! Aber diese
Verwunderung verwandelte sich wohl gar in Schreck, als hinter dieser
Leibkavallerie noch ein Artilleriezug von zwanzig Zambureks96 erschien, dem eine
ganze Reihe Bagage und Munition tragender Kameele folgte. Zwanzig Kanonen! Wenn
auch nur so kleine! Wenn solche Abwehrmittel den Dschamikun zur Verfügung
standen, so war es doch wohl nicht so leicht, mit ihnen anzubinden, wie man
gedacht hatte! Und wozu oder warum waren dem Ustad diese Truppen geschickt
worden? Er wusste doch nicht das Geringste von dem geplanten Angriff gegen ihn!
Er sollte doch vollständig überrascht werden! Sollte er doch vielleicht Etwas
erfahren habe? Aber von wem? Es galt vorsichtig zu sein! Vor allen Dingen gegen
die eigenen Verbündeten!
    Jetzt stieg der Hauptmann hier oben zu Pferde, um hinabzureiten und die zwar
kleine, aber kriegerisch gewichtige Schar zu empfangen und seinen Absichten
gemäss unterzubringen. Ihre Ankunft hatte auch da draussen bei Ahriman Mirza
Aufsehen erregt. Er kam am See herbeigeritten, anscheinend um der Prinzessin
seinen ersten Besuch in ihrer neuen Wohnung zu machen, denn er hatte sein
Gefolge bei sich, genau dieselben Personen, die am Sonntag voriger Woche drüben
am Beit-y-Chodeh mit ihm unser Fest gestört hatten. Das war eine Art von
Demonstration, die wir ihm gönnen konnten, da er uns unvorsichtiger Weise durch
sie verriet, dass seine Unteranführer bei ihm angekommen seien. Er ritt, ohne im
Duar anzuhalten, direkt nach den Ruinen. Als er vor dem Zelte abstieg, kam die
Gul heraus, ihn zu begrüssen. Hierbei sah ich sie zum ersten Male. Sie führte ihn
hinein. Seine Begleiter blieben im Freien. Nach einiger Zeit liess man den Scheik
ul Islam kommen. Auch er verschwand in dem Zelte.
    Nun bemerkte ich erst, dass Syrr nicht zu sehen war. Ich fragte Schakara nach
ihm, fast beschämt über diese meine Unaufmerksamkeit. Man hatte ihn im Garten
untergebracht, damit er von den Zelten da drüben aus nicht gesehen werden könne.
Ich bat meine »Seele«, ihn ja gut zu versorgen.
    Jetzt traten die drei hohen Persönlichkeiten wieder aus dem Zelte und gingen
mit einander quer durch die Ruinen, dem Glockenwege zu.
    »Sie wollen herüber zu uns!« sagte Schakara. »Das muss ich dem Ustad
augenblicklich melden. Unser liebes Haus muss rein von solchem Zuspruch bleiben!
Er wird sie abweisen!«
    »So bitte ihn, dies womöglich hier unter meinem Dache zu tun. Ich möchte die
Gul kennen lernen und darum gern hören, was und wie sie spricht.«
    Schakara eilte hinab. Ich beobachtete die Nahenden, doch so, dass sie mich
nicht sahen. Die Prinzessin war eine hohe, volle Gestalt. Sie hatte ihre
Kleidung überreich mit Schmuck beladen. Einen Schleier trug sie nicht, hatte
sich also von der in ihrem Kreise gebotenen, schamhaften Zurückhaltung
emanzipiert. Ihr Haar war vorn abgeschnitten und bedeckte die Stirn, ganz nach
Art unserer sogenannten Simpelfransen, zuweilen auch Ponnyfrisur genannt. Die
persischen Haremsfrauen lieben es nämlich sehr, ihrem Gesichte hierdurch einen
zwar geistlosen, dafür aber umso begehrlicheren Ausdruck zu geben. Hinten hingen
die Zöpfe fast bis auf den Boden herab. Sie waren mit goldenen Schnuren, Fransen
und Trotteln durchflochten, also sehr wahrscheinlich nicht echt.
Bezeichnenderweise trug sie in der Hand eine Reitpeitsche, ganz so, wie Ahriman
Mirza auch. Sie schwippte mit derselben im Gespräche bald hin und bald her und
war überhaupt in allen ihren Bewegungen so lebhaft, so bestimmt und so
gebieterisch, so wegwerfend und, ich möchte sagen, so keck, wie ich bisher noch
keine einzige Orientalin zu sehen bekommen hatte.
    Sie erreichten die Pferdeweide und blieben einige Zeit bei Assil, Barkh und
Sahm stehen. Sie sprachen dabei sehr lebhaft über die Pferde. Was, das konnte
ich nicht hören, aber ihren Gestikulationen nach konnte es nicht sehr lobend
sein. Da trat die Prinzessin zu Assil heran und fasste ihn am Maule, um es zu
öffnen und seine Zähne zu sehen. Er wollte das nicht dulden. Da schrie sie ihn
zornig an und schlug ihn an die Ganaschen. Im nächsten Augenblicke lag sie am
Boden, von einer kräftigen Kopfbewegung des Rappen niedergeschleudert. Sofort
sprang Ahriman Mirza hinzu, hob die Peitsche empor und holte aus, um ihn zu
züchtigen - - - kam aber nicht dazu. Assil war schneller als dieser Mensch. Er
machte eine blitzschnelle Schwenkung, warf sich hinten in die Höhe und schlug
nach ihm aus. Der Huf traf den Kopf des Persers, welcher mit einem lauten Schrei
zusammenbrach. Der Hengst wieherte herausfordernd auf und stellte sich zur
weiteren Gegenwehr bereit. Der Scheik ul Islam aber und auch die Prinzessin,
welche sich wieder aufgerafft hatte, traten zu Ahriman hin, um zu sehen, mit
welchen Folgen er getroffen worden sei. Er stand mit ihrer Hilfe wieder auf,
hielt aber den Kopf in beiden Händen. Es schien glücklicher Weise nur ein
Streifhieb gewesen zu sein. Der Kopf wurde betastet, begutachtet und endlich
wieder freigegeben. Dann setzten sie den unterbrochenen Weg zu uns fort,
sichtlich im höchsten Grade erzürnt, aber langsam, sehr langsam, weil Ahriman
nur schwankend und nicht schneller gehen konnte.
    Schakara hatte den Ustad geholt. Sie standen mit einander grad unter mir und
hatten den Angriff auf das Pferd und dessen Verteidigung gesehen. Nun kamen die
Drei heran. Sie blieben vor ihnen stehen. Ein eigenartiges Zusammentreffen! Es
wurde zunächst kein Wort gesprochen; aber Auge tauchte sich in Auge. Dann begann
die Prinzessin zu fragen:
    »Von wem werden wir hier empfangen? Wer bist du?«
    Ihre Stimme klang hart, hochmütig, verächtlich.
    »Ich bin der Ustad der Dschamikun,« antwortete er gelassen.
    »Und wer ist das Geschöpf an deiner Seite?«
    »Geschöpf?« wiederholte er ihren beleidigenden Ausdruck, aber lächelnd. »Ja,
du hast recht gesagt, ohne es zu wollen: Sie ist ein Geschöpf Gottes, des
Allerhabenen, des Allreinen; sie wurde von ihm erschaffen in seiner Weisheit und
Güte. Du aber bist kein Geschöpf. Du wurdest nicht von dieser Weisheit und Güte
erschaffen, sondern von sündigen Menschen in Sünde erzeugt und geboren. Darum
wird sie, die körpergewordene Reinheit der Frauenseele, sich jetzt von uns
entfernen, weil die Tugend geht, sobald das Laster naht!«
    Er trat zur Seite, um Schakara an sich vorüberzulassen. Sie senkte errötend
das liebe Gesicht und ging. Die Prinzessin schien vor Erstaunen über diese
Verwegenheit keine Worte finden zu können. Sie schnappte förmlich nach Lust.
Ihre Augen funkelten; ihre Lippen bebten; die Peitsche zitterte in ihrer Hand;
die Antwort aber blieb aus. Da nahm sich der Scheik ul Islam der Beleidigten
zornig an:
    »Du scheinst nicht zu wissen, wen du vor dir hast. Diese hochgeborene,
edelgepriesene Fürstin ist unsere allverehrte Schahsadeh Khanum Gul, welche
gekommen ist, dich mit ihrer beglückenden Gegenwart zu erfreuen!«
    »Das weiss ich wohl. Ich weiss sogar noch mehr, nämlich dass auch du sie kennst
und dich trotzdem nicht schämst, ihre Gegenwart beglückend zu nennen. Wehe dem
Volke, dessen geistliche Väter, deren Obersten einer du bist, sich mit den
Töchtern des Fleisches verbinden, um dann die Männer beherrschen zu können!
Scheik des heiligen Islam lässest du dich nennen? Und nimmst dich, schlau
berechnend, des geraden Gegenteils von heilig an? Erscheint dir die Schande nur
deshalb so verdienstlich, weil du sie durch die goldene Naddara betrachtest, mit
welcher du leichtsinnige Köchinnen zu belohnen pflegst? Dort steht die Tür zu
meiner Küche offen. Deine Freundin Pekala und dein Vertrauter Tifl sind bereit,
den Segen des heiligen Mannes und des unheiligen Weibes zu empfangen! Du
brauchst dich ihnen nicht wieder in der Demut des Schreibers zu nahen. So dumm
sie sind, als Meisterstück des Islam erkennen sie dich an!«
    Sein Gesicht erbleichte. Er krallte mit den Händen in seinen langen, dünnen
Bart, als ob er sich da festalten wolle. Er stand wie ein Schulknabe da, der
Prügel bekommen hat und sich noch extra dafür bedanken soll. Eine Erwiederung
fand er nicht. Dafür aber ergriff nun der Mirza das Wort. Er hatte sich mit den
Händen wiederholt nach der schmerzenden Stirn gegriffen. Jetzt sammelte er sich
und brach los:
    »Mensch, was ist mit dir, dass du es wagst, in dieser Weise mit uns zu reden!
Die Allerhöchsten des ganzen Reiches stehn vor dir! Ist denn hier bei Euch Alles
verrückt geworden, die Menschen sowohl wie auch die Tiere? Wir sind es nicht
gewöhnt, dass jede Bestie nach uns schlägt! Sei froh, dass ich jenes Vieh dort
nicht sofort erschossen habe!«
    Er zog bei diesen Worten als nachträgliche Drohung seine Pistole halb aus
dem Gürtel. Da schüttelte der Ustad lächelnd den Kopf und sagte:
    »Heb diese deine Kugel für Euren Iblis auf! Es ist doch - - -«
    »Iblis?« unterbrach ihn da der Mirza schnell. »Wer hat dir verraten, dass ich
den Iblis, den Unbesieglichen, mitgebracht habe? Wer, wer?«
    Da bohrte sich des Ustad Blick in seine Augen, und langsam, schwer,
bedeutungsvoll erklang die Antwort:
    »Dein eigener Chodem sagte es dem meinigen!«
    Da fuhr sich der Mirza mit beiden Händen schnell wieder an den Kopf und rief
aus:
    »Mein Chodem - - Chodem - - Chodem! Auch hier wieder, auch hier! Warum lässt
er mir seit dieser Nacht keine Ruhe! Ich bin doch fort von ihm! Ich habe ihn
stehen lassen! Warum läuft er mir nach, überall, überall! Warum dieser Schlag
des Pferdes an meinen Kopf! Der war von ihm, von ihm! Ich soll wahnsinnig
werden, verrückt, verrückt! Ich werde es auch noch, wenn er mir keine Ruhe lässt!
Fort, fort! Ich lasse ihn wieder stehen! Mag verrückt werden, wer da will, aber
nur nicht ich, nicht ich!«
    Er drehte sich um und lief von dannen, »mit gleichen Beinen,« wie man zu
sagen pflegt, mehr als eilig und immer mit der Peitsche um sich herumfuchtelnd,
über die Weide - - aber dann nicht nach dem Wege - - - sondern er kletterte, als
ob er gejagt werde, gleich an der Mauer nach den Ruinen hinunter - - - rannte
nach dem Zelte der Khanum Gul, warf sich dort auf sein Pferd und jagte derart
davon, dass ihn sein sofort auch aufbrechendes, verwundertes Gefolge unmöglich
einholen konnte.
    Was aber die Prinzessin und den Scheik ul Islam betrifft, so machten auch
sie sich wieder von dannen, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, Beide besiegt
und beschämt, wie vielleicht in ihrem ganzen Leben noch kein einziges Mal. Dann
schaute der Ustad herauf zu mir und fragte:
    »Denkst du noch an meine Worte? Dieser Geist beginnt bereits seine Schablone
zu verlassen. Wie bald, so haben wir es nur noch mit einem stupiden Menschen zu
tun. Das ist das Schicksal aller Fürsten der Schatten!«
    Er kehrte in das Haus zurück, und ich kam mit ihm heut gar nicht mehr zu
sprechen. Seine Zeit war zu sehr in Anspruch genommen, doch liess er mich durch
Schakara über alle Geschehnisse schnell und ausführlich unterrichten.
    Zu meiner Ueberraschung wurde mir heut das Mittagessen nicht von ihr allein
gebracht. Pekala kam mit. Sie hatte das gewünscht, um mir Etwas mitteilen zu
können. Da stand sie nun vor mir, glühend vor Verlegenheit und nach den
passenden Worten suchend. Als ich ihr Mut machte, begann sie endlich:
    »Effendi, ich bitte dich, es mir zu glauben: Ich dachte, dass es eine Madama
sei, eine echte, richtige, wirkliche Madama! Sie war ja so dick! Aber als sie
sich in der Küche niedersetzte, gleich auf den Boden, mit einem solchen Plumps,
da nahm ich ihr das Tuch vom Kopfe und - und - - und da erschrak ich so
fürchterlich, dass ich ganz gewiss auch niedergefallen wäre, wenn ich mich nicht
an ihr festgehalten hätte - - - nein, nicht an ihr, sondern an ihm, denn sie war
ein Mann. Denke dir! Und sie hatte solchen Hunger! Und er ass so schön, und so
schnell, und so viel! Und dann schlief sie ein! Und dann ass er weiter und
schlief wieder ein! Sie ass mir fast Alles weg, was ich für Andere machte, denn
er war ganz ausgehungert von der Reise. Nun ist sie endlich satt, und weil es
ihm bei mir so schmeckt, sind wir mit einander übereingekommen, dass wir uns
niemals, niemals wieder trennen werden. Was sagst du dazu, Effendi? Bist du
einverstanden?«
    »Du bist doch deine eigene Herrin und kannst also machen, was du willst!«
    »Das weiss ich wohl. Und ich würde mir auch nicht dreinreden lassen; aber die
Höflichkeit erfordert doch, dass ich wenigstens so tue, als ob ich frage. Darum
bin ich schon beim Ustad gewesen. Er hat mich freigegeben, vollständig frei. Nun
komme ich auch zu dir. Lässest auch du mich gehen?«
    »Sehr gern!«
    »Aber ich komme nicht wieder, gar nicht!«
    »Das wünsche ich auch!«
    »So! Also auch du! Ich dachte, man würde weinen. Aber es fällt keinem
Einzigen ein, es zu tun. Und ich habe doch so gut gekocht! Darum räche ich mich.
Ich gehe nämlich sofort. Agha Sibil hat einige Retourkameele nach Isphahan zu
schicken. Da setzen wir uns auf, ich, mein Kepek und auch mein Tifl. Es geht
schon in einer Stunde fort. Mein Kepek hat seit heut früh immerfort gegessen und
wird es also aushalten bis zur nächsten Station. Ich will also Abschied von dir
nehmen, für immer und für ewig, und reiche dir meine Hand!«
    »Behalte sie! Sie gehört nicht mir, sondern deinem Kepek, für immer und für
ewig.«
    Diese völlige Gleichgültigkeit schien sie zu erzürnen. Sie ging nach der
Tür, blieb dort noch einmal stehen und sagte:
    »Es gibt hier Keinen, der ein edles Frauenherz begreift. Mein Kepek ist der
Einzige. Aber der Ustad hat mir meinen Lohn gegeben und auch noch ein grosses
Bakschisch dazu. Nun bin ich mit Euch allen quitt und mag nie wieder Etwas von
Euch wissen. Mich seid Ihr los, ganz gründlich, gründlich los!«
    So ging sie hinaus.
    Wie das so schnell gekommen war! Ob ein Aschyk oder ein Kepek, ist ganz
gleich; nur die Kochkunst muss er bewundern, und erziehen muss er sich lassen!
Auch eine Art derjenigen weiblichen Wesen, welche sich rühmen, die »Seelen« oder
gar die »Engel« ihrer Männer zu sein! Genau eine Stunde später sah ich, dass ihre
Sachen hinunter nach Agha Sybils Zelt geschafft wurden. Dann gingen sie selbst,
Pekala an ihres Kepek Seite, eine voluminöse Esswarenliebe, voran Tifl, der dünn
Aufgeschossene. Nicht lange Zeit hierauf humpelten die Lastkameele aus dem Duar,
welche die »Festjungfrau« mit ihrem neuen, erkochten Glück von dannen trugen.
Kein einziger Dschamiki gab ihnen das Geleite. Das war die ganz natürliche Folge
ihrer unbedachten Schwätzereien!
    Am Nachmittag erfuhr ich durch Schakara, dass der Ustad den geheimen Weg vom
Allerheiligsten auch untersucht hatte. Er war sogar auch unten im Bassin
gewesen, hatte mir aber nichts davon mitgeteilt, um mich nicht über ihn zu
beunruhigen.
    Ich hatte mir die Dschamikun in einer gewissen, nicht sehr hohen Zahl
vorgestellt. Als sie sich aber heut, am Vortage der morgenden Feier,
einstellten, einzeln, in grösseren Trupps und in ganzen Scharen, sah ich zu
meinem Erstaunen, wie dicht bevölkert diese so abgelegene Gegend war und wie
bedeutend der geistige Einfluss, den der einsame Duar rundum gewonnen hatte. Man
sah die Zelte, Jurten, Laubhütten und offenen Lager überall und eng aneinander
entstehen. Sie bedeckten nach und nach das ganze Tal, stiegen an allen Höhen
empor, krochen unter die Bäume der ringsum ragenden Wälder und kletterten über
die Berge hinüber, um sich über die Hochebene dort weit auszubreiten. Man hatte
mir nicht zuviel gesagt; es kamen Tausende, und selbst als es schon dunkel
geworden war, hörte dieser Zufluss noch nicht auf.
    Am Abend liess der Ustad mir sagen, dass ich möglichst zeitig schlafen gehen
möge, weil er beabsichtige, mit mir in frühester Morgenstunde auszureiten. Ich
tat es und erwachte, als es noch nicht vier Uhr Morgens war. Der Tag begann,
leise zu grauen. Von meinem Vorplatze aus sah ich, dass er schon unten bei den
Pferden war. Er sattelte die Sahm. Daher beeilte ich mich, zu ihm hinabzukommen,
wo ich erfuhr, dass ich den Syrr reiten sollte. Sitz und Halfter lagen schon
bereit; ich brauchte beides nur an- und aufzuschnallen.
    »Heut wirst du die Sahm kennen lernen,« sagte er. »Dein Assil hat sie
besiegt. Wollen aber sehen, wie du nach einigen Stunden hierüber denkst.«
    »Stunden?« fragte ich, denn ich bemerkte, dass die Satteltaschen mit Proviant
gefüllt waren. »Willst du an diesem Gedenktage so lange von hier fortbleiben?«
    »Hierüber später,« antwortete er, indem er aufstieg.
    Ich folgte diesem Beispiele; dann ritten wir - - - nicht etwa durch das Tor
oder über die Ruinen, sondern den steilen, schmalen Glockenweg empor zum
Alabasterzelt, er voran, ich hinterher, ein nicht ganz ungefährlicher, aber
wunderbarer Ritt!
    Das Tal war noch nicht erwacht. Kein Mensch schaute zu uns empor. Die Sahm
ging unter ihm so leicht, so sicher, als ob sie Flügel habe und ausgleiten
dürfe, ohne je zu stürzen. Und Syrr? Er tat, als ob er jeden Schritt dieses
kühnen Weges kenne. So fest und dabei so elastisch federnd stieg doch die Stute
nicht!
    Hoch oben wich der jetzige Pfad von dem früheren ab, welcher quer über die
schon einmal erwähnten, lockern Geröllmassen geführt hatte. Diese waren in
Bewegung gekommen und hatten sich so weit vorgeschoben, dass sie in die Tiefe zu
stürzen drohten.
    »Das macht mir schwere Sorge,« sagte der Ustad. »Dem Zelte zwar kann nichts
geschehen, denn es steht auf unerschütterlichem Felsen; aber wenn diese
gewaltigen, haltlosen Massen rechts und links von ihm aus irgend einem Grunde
einmal in Schuss geraten, so steht für die Ruinen da unten eine Katastrophe
bevor, der sie nicht widerstehen können. Ich vermute, dann ist es mit der
ganzen, steinernen Vergangenheit zu Ende! Ich nehme an, dass du gern hin zum
Zelte möchtest, bitte dich aber, für heute zu verzichten. Da, schau, es ist von
Holzstössen umgeben, welche angebrannt werden sollen. Das muss man von unten aus
sehen, nicht von hier.«
    Wir ritten also von weitem vorüber, bis auf die zurückliegende, höhere Kuppe
des Berges, von welcher aus man das ganze Gebiet der Dschamikun im ersten
Morgenlichte liegen sah.
    »Mein liebes, kleines Reich!« sagte er. »Man will es mir nehmen. Wie töricht
das ist! Fast eine Hanswurstiade! Man zieht von allen Seiten bewaffnet gegen uns
heran. Darum starren nun auch wir in Waffen; mein guter, kriegerischer
Chodj-y-Dschuna hat es so gewollt. Wie überflüssig! Die Rädelsführer befinden
sich ja ganz in meinen Händen. Ich brauchte sie nur festzunehmen und
abzuliefern, wie ich die Beweise abgeliefert habe. Aber wie mich die Liebe der
Meinen gezwungen hat, zu der heutigen Gedenkfeier ein Ja zu sagen, so will ich
ihnen auch den Willen lassen, zu zeigen, dass sie nicht nur in guten, sondern
auch in gefährlichen Tagen treu zu mir stehen. Es würde von mir undankbar sein,
ihnen die Vorfreude auf den Sieg zu zerstören. Aber für heut verlasse ich sie.
Wir kommen erst am Abend wieder. Man mag gegen mich schreien und zetern, gegen
mich schreiben und sprechen, gegen mich lügen und schwindeln, fälschen und
verzerren, fabeln und fingieren - - ich weiche keinen Schritt, keinen einzigen,
von dem Platze, den mir der Unverstand nicht gönnen will. Aber wo ich gelobt
oder gar gefeiert werden soll, da ist meine Stätte nicht. Die Erfahrung hat mich
gewitzigt. Ich kenne das Lob der Menschen, welche nur rühmen, um auszunützen.
Die Huldigung wird schnell zur Eloge, der Triumphbogen zum kaudinischen Joch,
welches den soeben Gefeierten zwingt, beim nächsten Schritte den stolzen Nacken
vor ihnen zu beugen. So lobte mich der Scheik ul Islam gegen dich, damit ich
seine Kreatur, der Prügeljunge seiner Partei werden möge. Die Liebe meiner
Dschamikun ist zwar echt; sie kommt direkt aus vollen, ehrlichen Herzen und
scheut sich keinen Augenblick, sich für mich aufzuopfern. Die Dankbarkeit eines
Jeden von ihnen ist für mich reines, lauteres Gold; ihr Wert tut meinem Herzen
wohl, wenn es im Stillen zu mir kommt, wie der Duft von einer Blume, die nicht
redet. Heut aber will man mir öffentlich danken. Tausende wollen sprechen, laut,
nur von mir, von mir! Das ist grad das Gegenteil von dem, wonach ich strebe! Ich
konnte die Erlaubnis zu diesem Feste nicht verweigern; aber als ich sie
erteilte, wusste ich, dass ich heut nicht daheim sein dürfe, weil es mir eine
Profanation dessen bringt, was ich im tiefsten Innern sorgsam pflege. Darum bin
ich geflohen.«
    Ich wollte eine Bemerkung machen, doch schnitt er sie mir schnell ab, indem
er fortfuhr:
    »Habe keine Sorge! Ich bin nicht leichtsinnig gegangen, denn ich weiss am
Besten, wie nötig ich grad jetzt da unten bin. Es ist Alles wohl besorgt. Der
Umstand, dass ich mich scheinbar ganz unbedenklich entfernt habe, wird im
Gegenteile unsere Feinde nur noch sicherer machen. Sie ahnen nicht, was ich
inzwischen tue. Wir umreiten nämlich heut unser ganzes Gebiet. Ich besichtige
die ausgestellten Posten. Das ist unumgänglich nötig. Also komm!«
    Um an der andern Seite des Berges hinabzukommen, mussten wir die Pferde
führen, bis wir den Bach im Tale erreichten, wo er mir die verborgene Stelle
zeigte, an welcher der geheime Gang aus dem Allerheiligsten hier mündete. Dann
ging es drüben wieder bergan, nach der Taki-Hochebene, und auf dieser nach
Norden. Da trafen wir in gewissen Abständen je zwei Dschamikun, welche bei ihren
Pferden sassen und uns Bericht erstatteten. Beim nördlichsten dieser Doppelposten
begrüsste uns ein Kurde von Schohrd in voller Kriegsausrüstung. Er war soeben
erst angekommen und meldete uns, dass die Hilfstruppen Marah Durimehs nur einen
Tagesritt von hier ständen und um Weisungen bäten. Das überraschte den Ustad;
ich teilte ihm aber mit, was Schakara mir gesagt hatte, und so gab er den
Befehl, Dienstag Abend hier an dieser Stelle einzutreffen und das Weitere zu
erwarten.
    Von da wendeten wir uns ostwärts. Das war das Gebiet der nördlichen
Dschamikun. Wir fanden da Alles so, wie wir es wünschten. An das äusserste ihrer
Lager schloss sich die Wachtlinie der Kalhuran, welche hinter den Pässen des
Hasen und des Kuriers nach Süden verlief. Hier erteilte der Ustad die Weisung,
die Massaban und die Sillan hindurchzulassen, ihnen aber heimlich zu folgen, um
den Ring immer enger zu schliessen. Um die Mittagszeit machten wir an einem
Wasser Halt, um uns auszuruhen, zu essen und die Pferde grasen zu lassen. Dazu
liessen wir ihnen zwei volle Stunden Zeit. Hierauf ging es weiter, quer über
jenes unbewohnte Land, durch welches ich und Halef mit den Massaban gekommen
waren. Da trafen wir auf die breite Fährte der Dinarun, die nordwärts nach
unserm Lager führte, und auf einen einzelnen Reiter, welcher auf dieser Fährte
zurückgeritten kam. Es war zu unserer Verwunderung der Scheik der Dinarun
selbst.
    Auch er erstaunte, als er den Ustad erkannte, schien aber hierüber nicht
unerfreut zu sein. Die Höflichkeit erforderte, abzusteigen und uns mit ihm
niederzusetzen. Im hierauf folgenden Gespräch erfuhren wir etwas für uns sehr
Erfreuliches. Er war nämlich heut früh mit seinem Trupp bei uns angekommen und
hatte sofort den Scheik ul Islam aufgesucht, welcher sich, ebenso wie Ahriman
Mirza, grad bei der Ghul befand. Hier erhielt er seine Weisungen für die
folgenden Tage, und da stellte sich denn heraus, dass er mit seinen Dinarun nur
ausersehen war, mit auf uns einzuschlagen, natürlich bloss um der lieben Religion
willen; einen praktischen Nutzen aber schlug man ihm rund ab. Dazu kam, dass man
ihn von hoch oben herunter behandelt hatte, wie einen Menschen, für den es eine
Gottesgnade ist, mit solchen Auserwählten überhaupt nur reden zu dürfen. Er
hatte klugerweise zu Allem Ja gesagt, sich aber in seinem Grimm hierüber
augenblicklich vorgenommen, die Lanze umzudrehen und zu uns überzugehen. Um sich
aber das Für und Wider vorher reiflich und ungestört überlegen zu können, hatte
er sich später auf das Pferd gesetzt und den einsamen Ritt gemacht, auf dem er
hier mit uns zusammengetroffen war.
    Da gab es denn für uns kein Bedenken mehr. Der Ustad legte seine
Zurückhaltung ab und erzählte ihm Alles, Alles. Wie staunte dieser Mann! Er
hatte ja nicht geahnt, für was für Menschen er das Blut seiner Dinarun vergiessen
sollte, um nicht die geringste Entschädigung dafür zu erhalten, nicht einmal ein
höfliches Wort! Für jetzt war er nur mit den Rennpferden und der dazu gehörigen
Mannschaft gekommen; seine eigentliche Kriegerschar aber hatte nachzufolgen. Er
bot sie uns an und hielt uns beide Hände hin, in welche wir sehr gern die
unseren schlugen. Da er nun wusste, welchen Zweck unser Ritt hatte, bat er, uns
begleiten zu dürfen; der Ustad willigte ein.
    Es ging also nun zu Dreien weiter, westwärts, zu den südlichen Dschamikun,
die sich ebenso wohlverbreitet zeigten wie alle Andern. Hierbei wurde das
Gesicht des Scheikes immer ernster. Was er bisher von uns nur gehört hatte, das
sah er nun, nämlich die grosse, tödliche Schlinge, welche sich hinter ihm und
seinen Leuten zusammengezogen hätte, wenn er auf der Seite unserer Feinde
geblieben wäre. Auch in Beziehung auf das Rennen wurde er bedenklich. Die Sahm
ging unvergleichlich. Welch ein Unterschied zwischen heut und damals, als der
Pedehr sie ritt! Der Araber sagt: Das Pferd ist ein Prozess; wird er gut oder
schlecht geführt, so wird er gewonnen oder verloren! Und nun gar der Syrr! Nur
am Halfter! Der Scheik war ganz Bewunderung für ihn, fragte aber nur einmal und
dann nicht wieder, als er hörte, dass hier ein Geheimnis obwalte, von welchem
nicht gesprochen werden dürfe.
    Unsere Runde war grad beendet, als es dunkel zu werden begann. Wir kamen
durch das Tal des Sackes und hielten hüben an, weil drüben die Brücke aufgezogen
war, der jetzigen Unsicherheit wegen. Es hatte ein Posten drüben zu stehen; wir
riefen hinüber; er war aber nicht da.
    »So müssen wir hier warten, bis er kommt,« sagte ich, über diese
Nachlässigkeit erzürnt.
    »Ja, warten wir,« lächelte der Ustad. »Ich erzähle dem Scheik inzwischen von
dem verwegenen Sprunge, den nur dein Assil glatt zuwege brachte.«
    Er gab den Bericht, ohne von seinem Pferde zu steigen. Als er bei dem
betreffenden Augenblicke angekommen war, lenkte er die Sahm nach der Stelle, an
welcher wir zum Sprunge ausgeholt hatten. Sich immer noch stellend, als ob er
nur erzählen wolle, sprach er weiter. Dann warf er plötzlich den Arm hoch empor
und rief ganz dasselbe Wort wie wir: »Jatib, jatib, ia Sahm - spring, spring, o
Sahm!« Da schoss die Stute vorwärts, packte die Kante des Abgrundes mit sicherem
Hufe und flog über ihn hinüber, so glatt, so frei, so leicht, dass der Schrei des
Schreckes, den ich ausstossen wollte, sich in einen jubelnden Ruf der
aufrichtigsten Bewunderung verwandelte. Dann stieg er drüben ab, liess die Brücke
nieder und forderte uns auf, gemächlich nachzukommen.
    »Nun, was sagst du jetzt zu meiner Sahm?« fragte er mich, indem seine Augen
froh in die meinen glänzten.
    Ich umarmte ihn; das war genug; eine andere Antwort hatte ich nicht. Der
Scheik der Dinarun aber schüttelte sich noch nachträglich vor Entsetzen und
versicherte:
    »So Etwas sah ich noch nie! Da mag man immerhin das beste Pferd von Luristan
und auch den vielgerühmten Iblis bringen, Ihr reitet sie doch nieder. Meine
Dinarun aber können froh sein, dass Ihr mir auch noch dieses zeigtet. Wir werden
uns hüten, gegen Euch zu wetten!«
    Hierauf baten wir ihn, allein nach dem Duar zu reiten und aber ja den Syrr
gegen Niemand zu erwähnen. Das Uebrige war schon vorher besprochen worden. Wir
beide dagegen blieben auf dem Bergwege durch den Wald und kamen unbemerkt bei
unserm Wartturme an. Im Hofe war kein Mensch. Wir ritten schnell über ihn
hinweg, brachten unsere Pferde an Ort und Stelle und schlichen uns dann wohin?
Hinauf zu unserm Hadschi Halef Omar, wo wir erwartet wurden, denn Schakara war
da, welche von dem Ustad in das Vertrauen gezogen worden war. Sie hatte gesagt,
dass wir diesen Abend hier im Verborgenen zubringen wollten, und dann den Hof für
uns so frei gehalten, dass Niemand von unserer Heimkehr Etwas merkte.
    Wir assen da. Wovon und wie wir uns dabei unterhielten, kann man sich denken.
Halef wusste, dass er morgen zum ersten Male hinunter in den Duar dürfe. Es war
für ihn auf der Tribüne ein besonderer, höchst bequemer Platz errichtet worden,
wo er mit seiner Hanneh das ganze Tal überschauen konnte, ohne sich anstrengen
zu müssen. Er freute sich wie ein Kind darauf.
    Als die Zeit dazu gekommen war, ging der Ustad mit hinauf zu mir. Wir
setzten uns auf das Vordach, um die nun beginnende Höhenbeleuchtung von diesem
allerbesten Punkte aus zu geniessen. Sie geschah unter einem allgemeinen
Feuerwerke, an dem sich Jedermann nach Kräften beteiligte. Der Kurde liebt es
ebenso wie der Perser, bei derartigen Veranlassungen, Pulver und Bärlapp nicht
zu schonen. Wir blieben vollständig unbeachtet, denn man nahm an, dass der Ustad
noch nicht heimgekommen sei. Darum konnte das, was wir sahen, ohne Störung auf
uns wirken.
    Es wurde Licht allüberall, wohin wir schauten. Die Nacht erhellte sich. Was
oben brannte, brannte auch im See. Und all die Menschen, die das Tal erfüllten,
erschienen uns wie Wesen einer Welt, die sich im Licht von oben nach aufwärts
reflektiert. Und wir zwei Einsamen, die wir hier oben blieben, obgleich man
unten auf uns wartete? Nur nicht ins Lob der Tiefe niedersteigen; dann findet
sich ihr Tadel nicht herauf! Wir sahen zwar zu, aber was wir dabei mit einander
sprachen, das war nicht bestimmt, wie Feuerwerk zu verknallen oder wie totes
Holz zu Asche zu verbrennen. Und als die Feuer nach und nach erloschen und Licht
um Licht im Tal verglimmen wollte, da stand der Ustad auf, gab mir die Hand und
sprach:
    »Nun gehn auch wir zur Ruhe. Zur Ruhe! Glaubst du das? Schliess dreifach dich
in deinem Zimmer ein, und lege leiblich dich zum Schlafen nieder! Ich komme doch
zu dir, wie ich heut morgens kam, und hole dich zum Flug um unsere Grenzen. Auch
dort hält mancher Posten für uns Wacht, um uns Bericht und Auskunft zu
erstatten. Und kehren wir von unserm Fluge heim, so lassen wir vor Menschen uns
nicht sehen, ganz so, wie wir es jetzt am Abend taten. Denn was für diese Welt
der Abend ist, das ist für jene andere der Morgen. Schlaf wohl, doch - - - komme
mit!« - -
    Als ich am andern Morgen auf mein Vordach trat, sah ich, dass der gestrige
Tag die vorherige Zahl der Menschen verdoppelt hatte. Draussen an Ahriman Mirza's
Zelt waren die Pferde zu sehen, welche von ihm, den Schatten und den Massaban
zum Rennen gestellt wurden. In den Ruinen standen diejenigen des Scheik ul Islam
und der Takikurden. Unten am See, rechts, konnte man die Renner der Dinarun
besichtigen, und links, unweit der Tribüne, waren die unserigen untergebracht.
An diesen Orten wimmelte es von wirklichen und eingebildeten Kennern, welche es
für höchst nötig fanden, ihre Urteile hören zu lassen. Mit Ibn el Idrak und dem
Scheik der Dinarun hatte der Ustad gleich heut früh das heimliche Abkommen
getroffen, dass sie alle ihnen abgenommenen Pferde zurückbekommen würden. Sie
konnten also ruhig den Anschein beibehalten, dass sie unsere Gegner seien. Zu
bemerken ist, dass die eigentlichen Matadore des Rennens, wie die Sahm, Assil,
das »beste Pferd von Luristan« etc. etc. sich nicht bei diesen heut schon
ausgestellten Pferden befanden. Weil der Feind seine Trümpfe nicht sehen liess,
taten auch wir es nicht.
    Es gab mir Spass, dass ich Hadschi Halef mit Hanneh schon unten auf seinem
Platze sitzen sah. Der Gute hatte es nicht aushalten können. Und womit war er
bekleidet? Natürlich mit dem Ehrengewande vom Schah-in-Schah! Auch hatte er alle
seine Waffen bei sich. Ich sah später sogar die bekannte Nilpferdpeitsche in
seiner Hand. Sie kam dem »Henker« dann zu statten!
    Nach dem Frühstück ging ich zu meinen Pferden und dann zum Ustad, bei dem
ich den Hauptmann der Leibgarde fand. Sie sprachen über den, den ich soeben
erwähnt habe, nämlich über Ghulam el Multasim, den Henker. Diesem dreisten
Patrone war alles bisher gegen uns Unternommene noch nicht genug gewesen. Er
hatte zunächst drüben bei den Taki öffentlich und in der schandbarsten Weise
gegen den Ustad gesprochen und dieses gestern sogar bei uns hier fortgesetzt. Er
war mit seinem Anhange bald hier, bald da im Tale aufgetaucht und hatte immer
ganz genau dieselbe einstudierte Rede gehalten, in welcher der Ustad als ein
Mensch bezeichnet wurde, vor welchem man Andere nur warnen müsse. Dieser Ustad
gebärde sich als ein treuer Anhänger des Schah-in-Schah, sei es aber nicht. Auch
gebe er sich den Anschein, dass ihm nur das Wohl der Dschamikun am Herzen liege,
sei aber in Wahrheit nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Vor solchen Leuten
habe man sich mehr zu hüten, als selbst vor den allerschlimmsten Massaban, und
so möge man sich nicht darüber wundern, dass er - nämlich der Henker - es für
seine Pflicht erachte, diesen höchst gefährlichen Verführer des Volkes endlich
einmal zu entlarven. Er fordere hiermit sämtliche Dschamikun auf, ihren Ustad
fortzujagen, der sich zwar rühme, Menschen glücklich machen zu wollen, aber
höchstens nur imstande sei, unglückliche, beulige und schwärige Pferde in die
Welt zu setzen. Er - nämlich der Henker, - werde das am Kiss-y-Darr beweisen!
    Weil ich erst am Schlusse dieser Unterredung kam, teilte mir der Hauptmann
das Resultat derselben mit:
    »Ich habe den Ustad gebeten, sich ja nicht an diesem unsaubern Patron zu
beschmutzen, sondern die Sache lieber mir zu überlassen, der ich die Polizei des
Schah-in-Schah vorstelle. Für eine so zügellose und abgrundtiefe Anmassung und
Frechheit ist einzig nur die Peitsche richtig. Er wird sie bekommen, ganz
bestimmt! Wann und in welcher Weise, das lehrt der Augenblick. Gebt mir nur die
von ihm zurückgelassenen Kleidungsstücke, bei denen sich auch das Messer und das
geheime Alphabet befindet. Weiter brauche ich nichts!«
    Er bekam diese Gegenstände, und dann ging ich mit dem Ustad und Dschafar
Mirza hinunter an den See, weil die Zeit gekommen war, die Preisrichter zu
wählen. Das ging sehr schnell. Oberrichter wurde der Hauptmann der Leibgarde.
Die Andern waren Dschafar, Hadschi Halef, Ibn el Idrak und der Pedehr. Andere
Konkurrenzen gab es nicht, ein sehr triftiger Grund, auf allen Seiten mit dieser
Wahl einverstanden zu sein.
    Hierauf wurden die Bedingungen vereinbart. Sie waren sehr einfach: jede
Aufforderung ist gegenseitig anzunehmen, weiter nichts! An diesen Verhandlungen
nahmen auch der Scheik ul Islam, Ahriman Mirza und die Khanum Gul teil. Letztere
hatte ihren Tribünenplatz zwischen den beiden Erstgenannten, doch nicht in
unserer Nähe. Besonders aber war der Henker wegen des beabsichtigten
Mordanschlages auf Dschafar Mirza stets von uns fern und unter strenger, aber
unbemerkbarer Aufsicht zu halten.
    Punkt zwölf Uhr sollte das Vorrennen beginnen, zunächst das heitere. Die
Lastkameele, Esel, Ziegenböcke, Schafe und sonstige Konsorten standen schon
bereit. Neben der Tribüne war ein erhöhter Stand errichtet worden, von welchem
aus die einzelnen Touren angesagt werden sollten. Eine Kärna97 hatte das Zeichen
dazu zu geben. Eben erscholl der Ton dieses trompetenartigen Hornes, und der
Ausrufer wollte hinansteigen, da blieb er aber unten stehen, weil er verhindert
wurde. Nämlich von Ghulam el Multasim, dem Henker, welcher auf seinem
turkmenischen Tiukihfuchs98 geritten kam und grad an dem erhöhten Stand halten
blieb. Er führte an einer langen Leine ein zweites Pferd, welches einen ebenso
lächerlichen wie traurigen Anblick bot. Lächerlich war die Art und Weise, in der
man es herausgeputzt hatte, traurig aber der Körperzustand, in dem es sich
befand. Sein Alter betrug wohl sicher über zwanzig Jahre. An Schwanz und Mähne
absichtlich dünn gerauft, trug es an diesen Stellen anstatt der Haare nur
angebundenes Gerstenstroh. Kopf, Leib und Beine waren mit dutzenden von
Pflastern beklebt. Einen Sattel hatte es nicht, und so sah man, wie fürchterlich
wund es geritten war. Aber in das Maul hatte man ihm eine jener fürchterlichen
Trensenkandaren gezwängt, mit deren Hilfe man sogenannte »Pferdeteufel« entweder
zum Gehorsam oder zum Tode reitet.
    »Allah verfluche diesen Schinder!« hörte ich des empörten Hadschi Stimme
hinter mir. Und Kara, sein neben ihm sitzender Sohn, fügte in gleichem Abscheu
hinzu: »Darf man das dulden? Vater, gib mir deine Kurbadsch99! Ich fühle, dass
ich sie brauchen werde!«
    So dachte und fühlte der »unzivilisierte« Sohn der Wüste, nicht aber der
sich hoch über ihm dünkende Renegat der christlichen Kirche, denn das war der
Multasim! Er schwang sich von seinem Turkmanen, stieg an Stelle des Ausrufers
die Stufen hinauf, so dass er von Jedermann zu sehen war, und rief mit lauter,
weitin schallender Stimme:
    »Das Zeichen wurde gegeben; das lustige Rennen beginnt. Der Scheik ul Islam
hat mich beauftragt, den Anfang zu machen, mich, den die Gunst des
Schah-in-Schah erfreut, und der ich zugleich die vereinigte Stimme aller
rechtgläubigen Anhänger des Propheten bin. Ich fordere jeden Dschamiki hiermit
zum lächerlichen Kampf heraus, vor allen Dingen ihren Ustad selbst, von dem ich
Euch Folgendes zu erzählen habe.«
    Und nun begann er, abermals jenen auswendig gelernten Vortrag zu halten,
welcher schon mehr als genügend bezeichnet worden ist. Seine Rede strotzte
förmlich von Lügen, Verdrehungen und Beleidigungen. Man hörte jedem seiner Worte
an, dass es nur daraufhin überlegt und angebracht worden war, der
gewissenlosesten Gehässigkeit zu dienen und der ekelhaftesten Freude am Skandal
zu willen zu sein. Es wurde mir fast zum Erbrechen übel! Wie bewunderte ich die
Ruhe und Selbstbeherrschung unserer Dschamikun, die ihn vollständig ausreden
liessen, ohne dass es einem Einzigen einfiel, ihn auch nur anzurühren! In unserem
hochgesitteten Abendlande hätte man solcher Niederträchtigkeit wohl sehr schnell
Einhalt getan! Denn da wacht, Gott sei Dank, besonders die öffentliche Presse
darüber, dass solchen Prangerknechten und Ehrenhenkern so schnell wie möglich das
geschieht, was ihnen zuzukommen hat! Hier aber verhielt man sich bis zum letzten
Wort des Vortrages vollständig still. Dann liess der Scheik ul Islam ein
schmetterndes »Ssyhassyh = bravo, herrlich!« hören. Ahriman schrie: »Chähi,
chähi!« was ganz dieselbe Bedeutung hat. Die Ghul schlug die fetten Hände
zusammen und rief: »Bäh, bäh!« der gebräuchliche Bewunderungsruf für
Taschenspielerkunststücke. Einige nahestehende Taki, Massabahn und Schatten
stimmten wohl oder übel mit halber Tonkraft ein; im übrigen aber herrschte
Schweigen; kein einziger Laut des Missfallens war zu hören. Anstatt dieses
allgemeine Schweigen kluger Weise für bedrohlich zu halten, nahm der Henker in
seiner beispielosen Verblendung an, dass es ein Zeichen der Zustimmung sei, und
fuhr fort:
    »Schaut hin! Da sitzt nun dieser Ustad mitten unter Euch, auf Eurem
schönsten Platze! Ich frage Euch: Was tut er wohl, indem ich ihn vernichte und
zermalme? Er lächelt, lauscht und schweigt! Ich weiss, dies Lächeln soll Euch
imponieren, jedoch bei mir verfehlt es diesen Zweck. Es soll den Anschein geben,
als ob er mich verachte, ist aber nichts, als nur Verlegenheit! Und warum dieses
Schweigen? Wozu hat er den Mund? Wer angegriffen wird und sich nicht schuldig
fühlt, der hat doch wohl die Pflicht, sich zu verteidigen! Er aber sagt kein
Wort. Er hat geschwiegen und schweigt immer weiter, als ob - - -«
    Er kam nicht weiter. Der Hauptmann der Leibgarde, der sich mit einigen
seiner Leute dem Ausruferstande unauffällig genähert hatte, sprang jetzt zu ihm
hinauf, fasste ihm beim Genick und rief:
    »Er hat geschwiegen, weil er sicher wusste, dass jede faule Frucht von selbst
vom Baume fällt! So falle denn! Hinab mit dir, denn deine Zeit ist da!«
    Er schleuderte ihn seinen Leuten zu, die ihn sofort packten und in ihr
naheliegendes Zelt führten. Da sprang der Scheik ul Islam ebenso wie Ahriman
Mirza auf.
    »Was soll das sein?!« rief der Erstere aus. »Wer gibt dir das Recht, dich an
diesem Ehrenmanne zu vergreifen?! Er steht unter meinem Schutz!«
    »Schutz?« lachte der Hauptmann ihm von oben herunter zu. »Wenn du nur fähig
wärest, dich selbst zu schützen!«
    »Auch unter dem meinigen!« behauptete Ahriman Mirza drohend. »Was hast du
überhaupt hier bei den Dschamikun zu suchen?«
    »Das will ich dir gern sagen: Ich suche nach dem Obersten der Schatten, der
hier seit kurzer Zeit sein dunkles Wesen treibt. Ich denke, dass ich ihn bald
finden werde, da ich nun seinen Freund und Henker habe! Setzt Euch nur
augenblicklich wieder nieder! Ich möchte sehn, ob es Euch wohl gelänge, so still
zu sein und so bewusst zu lächeln, wie es dem Ustad vorgeworfen wurde!«
    »Welch eine Frechheit! Ich bin ein kaiserlicher Prinz und kann dich
augenblicklich köpfen lassen, von deinen eigenen Leuten!«
    »Versuche es!« Er zog den kleinen Lederumschlag aus der Tasche, hielt ihn
empor und fuhr fort: »Kennst du wohl dieses Täliq-Alphabet, mit dessen Hilfe ich
gewisse Briefe lese? Ich las auch folgenden: An Ghulam el Multasim, meinen
Henker! Es ist die Zeit gekommen, dass die Gul-i-Schiraz auf der Brust von
Dschafar Mirza zu erblühen hat. Das soll am fünften Tage des Monates Schaban
geschehen, zur Zeit des Abendgebetes, keine - - -«
    »Wo hast du das her, woher?!« brüllte Ahriman ihm mitten in den Satz hinein,
indem er sich über die Spitze der Tribüne schwang, um ihm das Alphabet zu
entreissen.
    Da stand der Ustad auf, nahm ihn fest und scharf in das Gesicht und rief ihm
zu:
    »Schau her zu mir, Mirza; ich kann es dir sagen! Dein Chodem war bei ihm und
hat es ihm verraten! Wer aber seinen Chodem von sich lässt, der ist verrückt - -
- verrückt - - - verrückt!«
    Da blieb Ahriman halten, fuhr sich mit der Hand schnell an die Stirn, als ob
er da geschlagen worden sei, stiess einen Schrei aus, sprang von der Tribune
herab und verschwand fliehend in der Menge der dastehenden Leute. Es gab nur
Wenige, die diese rasche, stille Flucht begriffen.
    Das geschah, als der Henker eben wieder aus dem Zelte gebracht wurde. Er war
nur mit der Hose bekeidet, und man hatte ihm den Oberkörper und die Arme mit Oel
eingerieben. Einer der Trabanten trug den Kleiderpack und das Messer hinter ihm
her. Der Hauptmann befahl, diese Sachen zum Scheik ul Islam hinzubringen, und
sagte diesem:
    »Du nahmst den Ehrenmann in deinen Schutz. Wir haben Mann und Ehre so genau
getrennt, wie er es tat, um Henkersknecht zu werden. Der Mann entfloh; die Ehre
aber liess er weislich liegen. Wir hoben sie ihm auf, weil wir ja wussten, dass er
wiederkäme. Nun ist er da, und abermals als Henker, mit Oel gesalbt, ein
schlüpfriger Gesell! Ich lasse ihn jetzt peitschen, vor aller Derer Augen, vor
deren Ohren er die hochberühmte Rede hielt, die du mit deinem Ssyhassyh
belohntest. Heb ihm inzwischen seine Ehre auf, da er dein Schützling ist. Hat
dann der Mann die Hiebe überstanden, so ziehe ihm die Ehre wieder an, und gib
den Taki ihren Ustad wieder!«
    Der Scheik ul Islam sagte kein Wort, als ihm die Sachen hingelegt wurden. Er
wäre wohl wie gern fortgegangen, musste aber bleiben, weil seine Entfernung ihn
ja erst recht blamiert hätte. Auch der Henker war still. Er stand zwischen zwei
Trabanten, mit zusammengepressten Zähnen und funkelnden Augen, deren Blick
vergeblich nach Hilfe suchte. Da geschah Etwas, was ihm Gelegenheit zur Flucht
zu bieten schien. Er hatte wahrscheinlich schon daran gedacht, sich ganz
unerwartet auf sein Pferd zu werfen, und davon zu reiten; aber dieses hing ja
mit dem »Schundroman« zusammen, und ehe es ihm gelungen wäre, die lange Leine zu
lösen, hätte man ihn wieder festgehabt. Da stand nun jetzt der gute, mitleidige
Kara Ben Halef von seinem Platze auf und begab sich nach vorn, um nach den
Gebrechen des armen Tieres zu sehen. Er untersuchte zunächst die Druckwunden und
dann die bepflasterten Stellen.
    »Das ist ja alles Lüge!« rief er endlich aus, nachdem der Ausdruck seines
Gesichtes immer erstaunter geworden war. »Es ist eine gradezu bodenlose,
abgrundtiefe Albernheit, uns diesen Kiss als Darr, uns diesen Roman als Schund
vorzuführen? Der einzige Schund an diesem zwar alten, aber sonst ganz
vortrefflichen Pferde sind die betrügerischen Pflaster, diese frech aufgeklebten
Behauptungen, unter denen man vergeblich nach gültigen Beweisen sucht. Wäre es
nicht so wund geritten, so setzte ich mich jetzt auf, um zu zeigen, dass - - -«
    »Zeige es doch, zeige es!« unterbrach ihn da der Henker. »Deine Dummheit
macht mich frei!«
    Kara hatte nämlich während seiner Untersuchung des Pferdes die Leine gelöst.
Nun sprang der Gefangene zwischen den Trabanten hervor, schwang sich auf seinen
Fuchs und jagte davon, auf der Bahn dahin, die für das Rennen vollständig
freilag. Jedermann sprang auf, und fast auch Jedermann schrie. Kara aber war
nicht im Geringsten verblüfft. Die Kurbadsch seines Vaters noch von vorhin in
der Hand, schnellte er sich sofort auf den sattellosen Kiss und rief:
    »Ich bin schuld; darum bringe ich ihn auch wieder!«
    Ein scharfes, aufforderndes »Chchchchchhhhh« trieb das Pferd vorwärts. - - -
Das erste Rennen begann, aber freilich ein ganz anderes, als wir vermutet
hatten.
    Nur Diejenigen, welche sich in Hörweite von der Tribüne befanden, wussten, um
was es sich handelte, die vielen, vielen Andern aber nicht. Sie hielten die
ganze Bahn rund um den See besetzt und drängten sich nur noch enger und dichter
zusammen, als sie die beiden Reiter kommen sahen, voran der Henker, für den es
erst an dem Ende des Sees eine Aussicht gab, durch die Menschen zu brechen und
dann nach einem der Pässe zu entkommen. Hinter ihm Kara, der dies sehr wohl
erkannte und sich darum bemühte, ihn vorher einzuholen. Der langbeinige Turkmene
griff weite Sätze; der kleinere zierlichere Kiss aber ging trotz seines Alters
leichter und schneller. Hierzu kam ein Umstand, an den der Henker nicht gedacht
hatte; er schleppte nämlich die lange Leine nach, und da diese am Ringe des
Brustschildes festgebunden war, konnte er sich ihrer nicht entledigen. Sie kam
dem Fuchs wiederholt zwischen die Beine. Das störte ihn. Er wurde vorsichtig,
dann gar bedenklich. Auch die Zuschauer machten ihn irr. Diese sahen, dass der
Reiter halb nackt war. Sie sahen ebenso den sonderbaren Aufzug des Kiss und die
drohend geschwungene Peitsche des Verfolgers. Diese Umstände sagten ihnen, dass
es sich nicht um eine Wette, sondern um eine wirkliche Flucht handle. Sie
schrieen einander zu, den Henker nicht etwa ausbrechen zu lassen. Und dieser
Lärm machte den Fuchs scheu, nicht aber den anders gearteten Kiss.
    So kam es, dass der Letztere dem Ersteren immer näher rückte und ihn grad da
einholte, wo es die einzige Möglichkeit gab, zwischen den Bergen hinauszukommen.
Kara war klug. Er ritt an der äusseren Seite und hieb mit der Nilpferdpeitsche so
auf den nackten Henker ein, dass dieser auf der innern bleiben musste und also dem
See immer wieder zugedrängt wurde. Es hagelte Hieb auf Hieb. Was dabei für Worte
fielen, das erfuhren wir erst später. Der Henker bot Himmel und Hölle auf, Kara
zu bewegen, ihn entkommen zu lassen, bekam aber als einzige Antwort nur Hiebe
und immer nur Hiebe. So wurde er nach der andern Seite des Sees und dieser
entlang gepeitscht und getrieben, uns wieder näher und immer näher, rund auf der
Bahn, am Tempelweg vorbei, durch den Duar und endlich bis her zur Tribune. Er
war fast von Sinnen. Er schäumte. Da trieb Kara den Kiss noch einmal an, kam
vor, entriss Jenem den Zügel, gab einen Ruck, dass beide Pferde sich bäumten. Der
Henker musste herunter; Kara ihm nach, indem er rief:
    »Schuft, ich schlage dich tot, wenn du nicht antwortest. Ist Kiss ein Schund
oder nicht?«
    Der Gefragte stand da, an allen Gliedern zitternd. Er brachte kein Wort
hervor.
    »Schund oder reines, edles Blut?« wiederholte Kara, indem er ihm die
Peitsche über das Gesicht herüberstrich.
    »Kein Schund, kein Schund! Edles, reines Blut!« klang da nun das Geständnis.
    »Von Euch zum Schund gelogen?«
    »Ja - - - gelogen!« stammelte der Henker aus Angst vor der wieder drohenden
Peitsche.
    »Das bittest du dem Ustad ab! Sofort, sofort!«
    Ein neuer Hieb sauste nieder.
    »Ja doch - - ja doch - - - ich bitte; ich bitte!«
    Er faltete beide Hände und hob sie flehend empor. Was bildete er doch jetzt,
hier unten, für eine ganz andere Figur als vorhin dort oben, wo er auf der
schamlos angemassten, hohen Stufe stand und wie eine unfehlbare Gotteit vom
Himmel niederschmetterte! Tausende und Abertausende hatten gedacht, an ihn
glauben zu müssen, weil sie Wunder meinten, was ein gefährlicher Multasim zu
bedeuten habe, gegen dessen Rachsucht man keine Waffe besitze. Und nun kam hier
ein ganz einfacher, junger Mensch und zeigte vor ebenso tausenden von Augen, wie
es um die Wichtigkeit dieser Personage eigentlich stehe: Nur der Stand hatte sie
verhüllt; in ihrer jetzigen, entlarvten Blösse aber war sie weniger, viel weniger
als - - nichts!
    »So bin ich mit dir fertig. Marsch, fort, zu deinem Richter!« sagte Kara,
indem er ihn mit der Peitsche hin zum Hauptmanne trieb, welcher ihn mit den
Worten empfing:
    »Die Prügel hast du bekommen. Du holtest sie dir selbst. Nun geh zum Scheik
ul Islam, deinem Beschützer! Der zieht dich wieder an, um den Ehrenmann von
Neuem herzustellen. Dann hängen wir dich auf. Der Mir Dschassab100 steht schon
bereit - - der Henker für den Henker!«
    Das brachte eine seltsame Wirkung auf den Multasim hervor. Sein bisher
angstverzerrtes Gesicht nahm einen ganz anderen Ausdruck an. Er kroch in sich
zusammen und fragte:
    »Gehenkt? Gehenkt soll ich werden? Wirklich?«
    »Ja, und zwar sofort, damit ich Dschafar Mirza rette!«
    »So flüchte ich mich in den Schutz des Scheik ul Islam, der mich verteidigen
muss, wenn er nicht selbst zugrunde gehen will. Ich würde Alles verraten!«
    Er rannte hin zu ihm. Dieser aber streckte beide Hände abwehrend gegen ihn
aus und rief:
    »Bleibe mir fern, du Unvorsichtiger! Warum hast du dich entlarven lassen!
Wer nicht einmal das Alphabet der Sillan geheim zu halten weiss, der ist auch
imstande, die Absichten des heiligen Islam an das Laientum zu verraten! Du bist
ein abtrünniger Christ, also überhaupt Verräter gewesen, seit ich dich kenne.
Nun drohst du auch mir mit Verrat. Hebe dich weg! Ich sehe mit Freuden dich
hängen!«
    Da brüllte der Henker laut auf. Er trat, anstatt sich zu entfernen, ganz
nahe an ihn heran, ballte die Fäuste und sprach, infolge seines nicht zu
überwältigenden Grimmes in die unbeschränkteste Offenheit verfallend:
    »Ja, du hast recht; ich bin ein Verräter, ein Verräter überhaupt! Ich habe
nicht nur die Menschen verraten, sondern auch Gott und mich selbst. Ich verriet
meinen christlichen Glauben. Ich täuschte sodann den Beherrscher. Ich betrog den
Fürsten der Schatten. Ich täuschte auch dich, genau so, wie du selbst täuschest.
Aber einmal lüge ich nicht, nämlich jetzt, wenn ich öffentlich beichte! Soll ich
gehangen werden, so hänge man gleich Zwei! Die Dritte und den Vierten wird man
wohl laufen lassen. Dir aber knüpfe ich die wohlverdiente Schlinge!«
    Er wendete sich von ihm ab, zu uns, richtete sich hoch auf und wollte
sprechen. Da griff der Scheik ul Islam nach den vor ihm liegenden
Kleidungsstücken, bei denen auch das Messer des Henkers lag, fasste es, zuckte es
gegen ihn und drohte:
    »Schweig, Wahnsinniger, sonst stirbst du an deiner eigenen Klinge!«
    »Ob Strick oder Klinge, das ist nun Alles gleich; aber ich spreche!«
entgegnete der Multasim, schnell zugreifend, um sich zu wehren.
    »Dann fahre hin, und rede in der Hölle, aber nicht hier!«
    Im nächsten Augenblicke hatten sie sich gefasst. Die Khanum Gul schrie vor
Entsetzen auf, gab Raum und eilte fort. Niemand schaute ihr nach, denn aller
Augen waren auf die beiden Kämpfenden gerichtet, welche einander niederzerrten
und dann unter den Sitzen weiterrangen, still, lautlos, wie zwei ineinander
verbissene, wilde Tiere.
    Da plötzlich gab es einen Blitz und hoch über uns einen lauten Krach. Der
Donner rollte. Unsere ganze Aufmerksamkeit war so ausschliesslich hier unten
festgehalten worden, dass wir die schweren Wetterwolken gar nicht beachtet
hatten, welche hinter dem Ruinenberge aufgestiegen waren und nun über dem
Alabasterzelte drohend kulminierten. Wir kannten diese Art von Wetter, welche
sich in jenen Bergen ganz unerwartet zusammenziehen und alle Gewalt der Elemente
entfesselt zu haben scheinen101. Darum wussten wir sogleich, dass wir auf unser
lustiges Vorrennen wenn nicht ganz, so doch für jetzt zu verzichten hatten. Es
fielen schon gleich einzelne schwere, erbsengrosse Regentropfen.
    Da war der Kampf auf Leben und Tod zu Ende. Der Scheik ul Islam kam unter
den Sitzen hervorgekrochen und richtete sich auf, ganz ermattet, langsam,
blutend. Er sah sich mit stierem Blick im Kreise um und rief mit heiserer
Stimme:
    »Es kam so, wie ich sagte: Er ist zur Hölle gegangen. Dort mag er reden, was
er will, so wird es doch nichts schaden. Die Teufel glauben nicht so schnell wie
die Menschen! Ich bin verwundet. Bringt mich nach meinem Zelte!«
    Einige Taki eilten hinzu, um ihm zu helfen. Man zog den Multasim hervor. Er
war tot. Das Messer steckte bis an den Griff in seiner nackten Brust. Da blitzte
und krachte es abermals, und der Regen begann in einer solchen Weise sich zu
ergiessen, dass ich schleunigst nach dem Zelte Agha Sybils eilte, wo ich, der
längst Erwartete, von meinem alten Bagdader Freunde und all den Seinen mit
herzlicher Freude aufgenommen wurde.
    Mein Erstes war, gute Plätze für Halef, Hanneh und Kara zu reservieren,
welche natürlich nicht auf sich warten liessen, und dann geschah der Freundschaft
und der Vergangenheit ihr Recht, mochte es draussen giessen oder strömen und hier
innen tropfen oder träufeln, wie es wollte. Auch Kepek wurde erwähnt. Man hatte
ihn wegen seiner unbehilflichen Körperfülle so schnell wie möglich als Fracht
nach Isphahan gesandt, wo sein Herr sich für die Zukunft mit ihm niederlassen
wollte. Die »Festjungfrau« war als lebenslängliche Köchin in Aussicht genommen,
und Tifl hatte dabei als Pendant zu Kepek tüchtig mitzuessen.
    Der Regen währte ausnahmsweise stundenlang. Als er einmal eine Pause machte,
schickte Schakara für mich und Kara Pferde, für Halef und Hanneh aber eine
Doppelsänfte, mit deren Hilfe wir schnell nach Hause kamen. Der Ustad folgte
erst später. Wie umsichtig Schakara war, bewies sie jetzt auch wieder dadurch,
dass sie unsere Pferde aus dem schweren Regen in das bereits wohlbekannte Gewölbe
gerettet hatte.
    Der Ustad kam mit Dschafar Mirza, eben als das zurückgekehrte Gewitter mit
einer zweiten, noch längeren Entladung einsetzte. Sie hatten im Hause des
Chodj-y-Dschuna ein bequemes Unterkommen gefunden und von dort aus Alles
beobachtet und nach Kräften dirigiert. Sie nahmen den von dem Unwetter
angerichteten Wirrwarr nicht von der tragischen, sondern von der komischen
Seite, und so fiel es auch mir nicht ein, mir um irgend Etwas betrübte Gedanken
zu machen. Als ich nach der Leiche des Henkers frug, erfuhr ich, dass man sie
nach den Ruinen geschafft und dort dem Scheik ul Islam vor das Zelt gelegt habe.
Sein Pferd war vom Hauptmanne konfisziert worden; den Kiss-y-Darr aber hatte der
Ustad jetzt mitgebracht, um ihn wieder gesund zu pflegen.
    Der Regen liess auch für später nicht nach. So war nichts mehr zu machen, und
wir gingen in der Hoffnung schlafen, dass er sich bis morgen ausgegossen haben
werde. - Es legte sich heut wohl kein Mensch so hochbefriedigt, so stolz nieder
wie Hadschi Halef und Hanneh. Ihr Sohn war unbedingt der Held des heutigen Tages
gewesen, und ich hatte ihnen gesagt, dass dies nicht etwa Zufall, sondern in der
vortrefflichen Begabung Kara's begründet sei. Das war eine Wonne für meinen
Hadschi, der, als ich am andern Morgen aufstand, soeben in die Sänfte stieg, um
sich nach der Tribüne tragen zu lassen, denn Ahriman Mirza und der Scheik ul
Islam hatten einen Zusammentritt des Preisgerichtes und der Dschemma gefordert,
weil sie gleich heut früh einen wichtigen Antrag zu stellen hätten. Bei einer
solchen Beratung musste der »Scheik der Hadeddihn« natürlich gegenwärtig sein,
und wenn er noch so schwach gewesen wäre! Der gestrige Tag aber war ihm
ausserordentlich gut bekommen, natürlich infolge der Freude über das brave
Verhalten seines Sohnes.
    Nach einer Stunde, als die Verhandlung vorüber war, welche der Ustad
geleitet hatte, kam dieser selbst nach dem Hause herauf, um mich aufzusuchen und
abzuholen. Da erfuhr ich denn, welche Wünsche Ahriman Mirza und der Scheik ul
Islam vorgebracht hatten. Diesen beiden Herren schien nämlich der Gedanke, sich
nach der gestrigen Blamage den ganzen heutigen Tag den Blicken einer so grossen
Volksmenge auszusetzen, sehr peinlich zu sein. Sie hatten sich also schon am
frühesten Morgen darüber geeinigt, dass das Rennen, wenigstens für sie und ihre
Zwecke, so kurz wie möglich abzumachen sei. Daher ihr Antrag. Dieser lautete:
Die edlen Pferde, welche eigentlich laufen sollten, laufen nicht, werden aber
als Gewinne gestellt. Wirklich rennen werden von jeder Seite nur drei. Wer in
zwei Rennen siegt, gewinnt sämtliche Pferde. Keiner von diesen drei Matadoren
darf zweimal laufen, und sie vorher vorzuzeigen, ist nicht nötig. Die
Preispferde müssen gegenseitig von gleichem Werte sein.
    Was ich nun erwartete, das war auch geschehen: Die Dschamikun hatten diesen
Antrag einstimmig angenommen, und man war unten am See jetzt schon sehr fleissig
dabei, die Preise zu taxieren und zu vergleichen. Diese Bedingungen bezogen sich
auch auf ein voranzugehendes Kamelrennen, bei welchem die Chancen der Dschamikun
freilich nicht günstig standen, weil ihre Tiere mehr in die Berge als für den
Schnellauf in der Ebene passten, während dem Aemir-y-Syllan jedenfalls die besten
Eilkamele seiner Schatten und Massaban zur Verfügung standen. Dieser Mangel aber
wurde, zumal unter den neuen Bedingungen, durch die beiden Leibkamele unserer
Hanneh vollständig ausgeglichen.
    Da wir nur Syrr verbergen, sonst aber mit unsern Matadoren nicht Versteckens
spielen wollten, gab der Ustad Befehl, die Letzteren für unsere Boten bereit zu
halten. Syrr jedoch wurde mit alten Decken behangen und ganz heimlich hinunter
zum Chodj-y-Dschuna gebracht und in dessen Hof gestellt, den Niemand betreten
durfte. Als wir dann gehen wollten, fragte Schakara, ob sie dieses gewiss seltene
Rennen mit ansehen dürfe, und wir freuten uns darüber, ihr einen guten Platz
zwischen uns Beiden versprechen zu können.
    Was das Wetter betrifft, so war dies so, wie wir es uns gar nicht besser
hätten wünschen können. Es hatte zwar bis spät nach Mitternacht »wie aus
Flussmulden« gegossen; alles Buschwerk hing von der Schwere des herabgestürzten
Wassers tief niederwärts; die Stauden und Gräser lagen hart am Boden, und gar
mancher Baum war mitsamt den Wurzeln ausgewuchtet worden; aber die Flut hatte
sich vollständig in den See verlaufen; die Wege waren schnell wieder getrocknet,
und die Rennbahn lag sogar noch besser da als gestern, weil die Wucht der
Regenmassen von ebnender Wirkung gewesen war.
    Als wir mit Dschafar Mirza, der nun wahrscheinlich seines Lebens wieder
sicher sein konnte, hinunterkamen, sahen wir, wie sehr Ahriman und der Scheik ul
Islam sich beeilt hatten, ihre Preise zu stellen. Sie waren beide persönlich da,
um darüber zu wachen, dass ihnen nur Gleichwertiges gegenübergesetzt wurde, denn
es lag ja in ihrer Absicht, uns alles Gute abzugewinnen und dann über den
zurückgebliebenen Schund zu lachen und zu lästern. Dadurch hatten sie aber auch
sich selbst gezwungen, nur ihr Bestes daranzuwagen, und ich war sehr neugierig
darauf, wie dieses »Beste« sich wohl ausnehmen und bewähren werde.
    Was zunächst nicht die Pferde und Kamele sondern die beiden genannten
Personen betrifft, so machte der Scheik ul Islam heut fast denselben Eindruck,
den gestern der »Schundroman« gemacht hatte, ja einen fast noch schlimmeren,
weil die vielen Schnittwunden und Schmarren, welche er im Kampfe mit seinem
eigenen Schützling erhalten hatte, keine gefälschten, sondern wirkliche waren.
Das Messer schien ihm wiederholt entrissen und gegen ihn selbst gerichtet worden
zu sein. Besonders hatte er das Gesicht sehr arg bepflastert, und an der einen
Wange und dem Kinn fehlte ihm ein grosses Stückchen Haut mitsamt dem Bart. Der
Rest des letzteren war nun nicht mehr eine Zierde für ihn, sondern vielmehr eine
Schande. Er gab sich aber die Miene, als ob ihm das im höchsten Grade
gleichgültig sei. Ahriman Mirza war sehr still und in sich gekehrt. Bald hatte
sein Gesicht einen gradezu blöden Ausdruck; bald funkelten seine Augen in
grimmiger Energie. Alles, was er tat, war unsicher und überhastet, und sehr oft
horchte er ängstlich auf oder schaute wie erschrocken hinter sich, als ob er
sich von etwas Unsichtbarem ärgerlich beobachtet und beeinflusst fühle.
    Sie hatten über dreissig Kamele gestellt. Diese waren vortrefflich, einige
davon sogar ausgezeichnet, ausnahmslos nur echte, hochrassige Schuturi Ba'aud102
. Der Umstand, dass die Dschamikun nur Bergkamele besassen, die aber als solche
von ganz demselben, vielleicht noch höherem Werte waren, wurde von ihnen
bereitwillig durch die Zahl ausgeglichen: Sie stellten zehn Stück mehr dagegen.
In Beziehung auf die Taki und Dinarun war dies nicht nötig. Diese brachten gegen
vierzig Stück zusammen, was die Dschamikun mit ebenso vierzig erwiderten.
    In Betreff der Pferde lagen die Verhältnisse umgekehrt. Die Gegner mochten
in Beziehung auf ihre Matadore denken, was sie wollten; der Durchschnitt aber
stellte sie tief. Sie konnten nicht einmal so tun, als ob sie das leugnen
wollten. Ihr Aerger hierüber war gross; sie verschluckten ihn aber im stillen.
Sie brachten mit den Dinarun und Taki zwar gegen sechzig Stück »edles Blut«
zusammen, wie sie es nannten, mussten es sich aber gefallen lassen, dass wir mit
nur vierzig parierten.
    Nach Abschluss dieser Verhandlungen wurde das Resultat bekannt gegeben und
schnell über das ganze Tal verbreitet. Nun schickten wir nach den beiden
Eilkamelen, welche von einem der mitgebrachten Hadeddihn und von Hanneh geritten
werden sollten; sie tat das nicht anders; sie wollte auch einmal zeigen, dass man
kann, wenn man will! Unser drittes war das schnellste Kamel der Dschamikun,
leider aber schon ziemlich alt und dabei eigenwillig. Als die Gegner ihre drei
Trümpfe brachten, sahen wir freilich, dass es nicht leicht war, gegen solche
Kamele aufzukommen. Der Scheik ul Islam und der Mirza gebärdeten sich sehr
siegesgewiss; der alte, bigotte Scheik der Taki ebenso. Sie lachten, als der
Dschamiki mit dem seinigen kam. Und sie lachten noch lauter, als unsere
Bischarihn-Hadschihn gebracht wurden und sie nun erfuhren, dass eines derselben
von einem Weibe geritten werden solle.
    Es wurde eine Schnur quer über die Bahn gezogen. An ihr hatten sich die
sechs Kamele in einer Reihe neben einander niederzulegen. Sie wurden bestiegen.
Sobald das Zeichen gegeben wurde, hatte man die Schnur zu entfernen. Es handelte
sich hier um einen Gesamtlauf, während die Pferde zu Zweien rennen sollten.
    Unsere Hanneh schwang sich mit einer Miene in den Sattel, als ob es sich um
etwas ganz Alltägliches handle. Sie hatte nur den dünnen Medrek in der Hand, ein
leichtes Stäbchen, mit welchem man dem Hadschihn zeigt, nach welcher Seite es
sich zu halten habe. Die Gegner aber waren mit schweren, schmerzenden
Hetzpeitschen versehen.
    Da ertönte die Kärna. Die Schnur verschwand. Sechs Zurufe erschollen. Aber
nur fünf Kamele gehorchten. Dasjenige des Dschamiki sprang nicht auf. Es blieb
liegen. Es brüllte vor Zorn über die grosse Menschenmenge, vor der es sich
produzieren sollte. Das passte ihm nicht. Unsere Gegner lachten; wir aber auch.
Der Dschamiki lachte schliesslich ebenso mit, stieg ab und gab seinem Kamele so
lange gute Worte, bis es aufstand und sich von ihm fortbringen liess.
    Inzwischen waren die drei Gegner sofort im eiligsten Laufe davongeritten,
Hanneh und der Hadeddihn aber erst langsam hinterher. Der Scheik ul Islam
jubelte laut, denn der Abstand, den es gab, war nach seiner Ansicht bei der nur
einmaligen Runde, die es gab, fast gar nicht einzubringen. Aber die
Schnelligkeit unserer Hedschihn vergrösserte sich; sie vergrösserte sich auch dann
noch, als sie diejenige der Vorläufer erreicht hatte; sie nahm zu, immer zu, als
ob sie sich bis in das Unheimliche steigern wolle. Jetzt war der hinterste
Gegner erreicht; er wurde überholt. Bald auch der zweite. Der erste war weiter
voran. Er schaute sich wiederholt nach dem Verhängnisse um, dem er so gern
entrinnen wollte und doch nicht konnte. Es kam; es kam! Es flog an ihm vorüber,
weiter, immer weiter, den Geisterhedschahn gleich, von denen man in den Steppen
des Sudan erzählt - - - jenseits am See zurück, vom brausenden Jubel der
staunenden Menge begleitet, herbei, herbei, um endlich bei uns zu halten.
    Hanneh wartete das Niederknieen ihres unübertrefflichen Tieres gar nicht ab.
Sie schwang sich von oben herunter, ging leuchtenden Auges dortin, wo der
Scheik ul Islam und der Mirza sassen, schlug mit ihrem Stabe laut auf die Bank
vor ihnen und sagte:
    »Ihr lachtet über das Weib; das Weib lacht nicht, aber es siegt!«
    Hierauf kehrte sie an ihren Platz zurück, von Mann und Sohn mit Händedrücken
empfangen. Ihr Hadeddihn führte die siegreichen Tiere fort. Dann erst kamen die
Gegner, einer immer später als der andere. Wir hatten von drei Nummern zwei
Gewinner und also die siebzig Kamele und auch die drei Matadore gewonnen. Der
Pedehr sorgte dafür, dass sie sofort in Sicherheit gebracht wurden.
    Das hatten die Feinde nicht erwartet. Aber anstatt klug und still zu sein,
verfielen sie in das Gegenteil und rühmten sich, mit den Pferden Rache nehmen zu
wollen. Der Scheik ul Islam rief nach seinem »besten Pferd von Luristan«, gegen
welches zunächst zu reiten sei. Es wurde ihm schnell gebracht, und so bekamen
wir dieses vielgepriesene Wunder nun endlich einmal zu sehen.
    Es war Taki-Zucht, nicht Araber, doch auch nicht Perser, von jeder Rasse
eine Muskel oder ein Knochen. Aber gut, sehr gut sah der Kerl aus! Doch nicht
für die Augen des Kenners, der sich vielmehr sagen musste: Trügerische Formen,
Paraderenner, aber nicht für den Ernst!
    »Den nehme ich getrost mit meiner Sahm!« sagte der Ustad. »Er verdient
keinen berühmten Gegner.«
    Wir hatten nach Hause geschickt und unsere »Trümpfe« kommen lassen. Sie
standen in der Nähe und wurden von den Gegnern in ausgiebigster Weise
behassäugelt. Der Scheik ul Islam erklärte, dass er sein Pferd selbst reiten
werde, und so stellte sich ihm der Ustad mit der Sahm als Gegenpartner vor.
Beide Pferde und beide Reiter wurden ausgerufen, und es ging wie ein Rauschen
von Mund zu Mund und laut um den See, wen man jetzt im Kampfe zu sehen bekommen
werde. Beide Reiter warfen ihre Oberkleider ab und stiegen auf. Sie hielten
neben einander. Der Hornist hob die Kärna zum Munde, um das Zeichen zu geben.
Noch aber erscholl es nicht, so jagte der Scheik ul Islam schon davon. Es galt
für die drei Pferderennen je eine Doppelrunde.
    Man schrie laut auf über diese Unehrlichkeit; aber der Ustad rief:
    »Ich protestiere nicht! Aber ich reite ehrlich! Heraus mit dem Zeichen!«
    Die Kärna schmetterte. Die Stute ging regelrecht fort, erst Schritt, dann
Trab, dann Galopp. Es sah aus, als reite der Ustad nur spazieren. Das »beste
Pferd von Luristan« aber flog da draussen, als sei es aus einem Böller geschossen
worden, denn der Scheick ul Islam hatte das Geheimnis schon gegeben. Tiefe
Stille herrschte. Die Sahm lag jetzt in glattem Galopp. Ich sage mit Absicht,
sie »lag«. Wie eine jener einst so hochberühmten amerikanischen Briggs mit
kühner Schonertakelage, die man nicht »gehen« sieht, wenn sie vor dem Winde
»liegt«, und aber doch nie einzuholen ist! Und sie »blieb liegen!« Die
Entfernung der beiden Pferde blieb die gleiche, fort und fort, und um den See.
Das Rennen kam von drüben wieder herüber - - an uns vorbei. Der Scheik ul Islam
voran, mit tiefgeröteter Gesichtshaut zwischen den weissen Pflastern. Sein Pferd
troff von Schweiss, und weisse Flocken flogen ihm vom Maule. Dann der Ustad, mit
unveränderter Miene, uns vertraulich zunickend. Die Sahm war trocken und noch
ganz bei Atem. Sie arbeitete nicht, sondern sie »lag« noch immer.
    »Er siegt!« sagte Schakara neben mir. »Er hat das Geheimnis ja noch gar
nicht angewendet!«
    Es war, als ob er in innerer Verbindung mit der Sprecherin sei, denn kaum
hatte sie es gesagt, so warf der Ustad den Arm hoch empor, und die Sahm bekam
einen Ruck, dessen Schnellkraft nicht etwa verschwand, sondern von jetzt an
ununterbrochen weiterwirkte. Und nun begann der bisherige Abstand, sich
zusehends zu verringern. Das »beste Pferd von Luristan« war zu früh gezwungen
worden, herzugeben, was es hatte. Die Kräfte liessen nach; die Lunge versagte den
Dienst. Der fliegende Galopp verwandelte sich in ein unregelmässiges Springen.
Die Sahm aber »lag« nun wieder, aber im Geheimnisse! Sie holte den Gegner ein;
sie schoss an ihm vorrüber. Noch eine kleine Weile, so nahm der Ustad das
Geheimnis wieder ab, um sie zu schonen, denn er hatte zurückgeschaut und
bemerkt, dass das Pferd des Scheikes nun nicht mehr rannte, sondern sich gegen
seinen Reiter sträubte, weiter zu gehen. Er schlug mit der Peitsche zwar
unbarmherzig auf das arme, so töricht ausgepumpte Tier los, aber vergeblich. Es
blieb einfach stehen, so dass er ihm schliesslich seinen Willen oder vielmehr
Unwillen lassen musste und langsam durch den Duar herbeigeritten kam. Als er die
Tribüne erreichte und abstieg, sass der Ustad schon längst wieder an seinem
Platze! Der Besiegte lies »das beste Pferd« stehen, ging, ohne ein Wort zu
sagen, zu seinem Sitz und sank ermattet auf demselben nieder. Ahriman Mirza aber
sprang auf, warf ihm einige grimmige Worte in das Gesicht und verkündete hierauf
laut, dass jetzt der unbesiegbare Iblis erscheinen und uns eines ganz Anderen
belehren werde!
    Natürlich war man allgemein gespannt, dieses Pferd zu sehen. Es wurde
gebracht. Wir gingen hin. Ahriman stand bei ihm und pries es mit
überschwänglichen Worten. Schakara sah ihn dabei aufmerksam an und sagte uns
dann leise:
    »Nehmt Euch in acht! Ich fühle eine schlimme Absicht, die er hat; nur weiss
ich nicht, welche.«
    Wir wussten, dass der Iblis eine Khorassan-Schecke sei. Dieses Pferd hier war
eine Schecke, ja, aber auf keinen Fall aus Khorassan stammend! Freilich, man
konnte uns falsch berichtet haben, und sie war dann doch der Iblis. Aber da
sagte der Mirza, dass sein »Freund« sie reiten werde, und da stand es bei uns
fest, dass ein Betrug oder wenigstens eine List beabsichtigt werde. Der Ustad war
der Meinung, man wolle uns verleiten, unsern besten Trumpf an dieses
vorgeschobene Pferd zu verschwenden, und es stellte sich dann auch heraus, dass
dies richtig war. Da keiner der Matadore zweimal rennen durfte, hätte dann der
echte Iblis keinen ebenbürtigen Gegner gehabt. So wenigstens hatte Ahriman
gerechnet, dabei aber nicht angenommen, dass schon das erste Rennen für ihn
verloren gehen könne. War er denn gedankenschwach geworden? Er sah doch unsere
Rappen stehen, gegen welche diese Schecke unmöglich aufkommen konnte! Wenn sie
dieses zweite Rennen verlor, wurden wir Sieger und brauchten gar nicht weiter
mitzumachen! Wir fragten unsern Kara, ob er es übernehmen wolle, den angeblichen
Iblis mit dem Barkh behaglich um die Ecke zu reiten, und er war mit Wonne bereit
dazu.
    So wurden also diese beiden Pferde und ihre Reiter ausgerufen. Wir sahen,
dass der »Freund« jener Vertraute war, der mit dem Obersten der Schatten den
geheimen Gang in den Ruinen untersucht hatte. Er stieg auf und schaute von
seiner Schecke herab, als ob er die Absicht habe, seinen Gegner sofort in Grund
und Boden zu reiten. Es kam aber anders!
    Hatte nämlich der Ustad mit dem Geheimnisse gespart, so tat Kara jetzt das
Gegenteil. Kaum waren nach dem gegebenen Zeichen die Pferde in Gang, so gab er
es und war schon in der nächsten Minute dem »Freunde« so weit voraus, dass alle
Zuschauer staunten. Und das wuchs und wuchs! Die Schecke lief gut; sie lief, was
sie nur konnte; aber sie kam gegen unsern Rappen nicht vorwärts, trotz ihres
guten Willens. Auch der Reiter gab sich alle Mühe, doch umsonst. Als Kara, die
zweite Runde beginnend, an uns vorüberkam, hatte er das Geheimnis bereits wieder
ausgelöst; die Schecke war aber noch jenseits draussen vor dem Duar, dessen ganze
Ausdehnung also schon zwischen ihnen lag. Und nun tat Kara weiter nichts, als
dass er diesen Abstand unausgesetzt erhielt, bis er nach der zweiten Runde das
Ziel erreichte.
    Zwei Touren gewonnen von dreien! Wir waren also Sieger! Da aber erhob
Ahriman Mirza von dem Ausruferstand, den er bestieg, lauten Einspruch. Das erste
Rennen gelte nichts, weil der Scheik ul Islam unehrlich gewesen und vorgeritten
sei. Er beschimpfte also seinen eigenen Partner und drang auf die dritte und
letzte Tour. Nur wer diese gewinne, sei Sieger, sonst aber Keiner! Die
Preisrichter nahmen diese Frage vor und entschieden für uns, denn man könne die
Unehrlichkeit doch nicht belohnen und der Ustad habe ausdrücklich erklärt, dass
er nicht protestiere. Die Gegner aber standen zum Mirza und wollten sich nicht
fügen. Schon standen wir in Begriff, mit Gewaltmassregeln zu drohen, da geschah
etwas sonderbar Seltsames. Schakara verliess nämlich, ohne uns vorher hierüber zu
verständigen, ihren Sitz, stieg die Stufen zum Stand hinauf und winkte
Schweigen. Das Erscheinen eines Mädchens da eben verwunderte. Man war still. Da
begann sie zu sprechen, kurz, klar, bestimmt. Sie forderte Ahriman Mirza auf,
seinen Chandschar mit zu den Preisen zu legen, dann werde das dritte Rennen
sofort stattfinden, und wer es gewinne, der habe gesiegt. Sie tat sogar noch
mehr: Sie setzte gegen den Dolch die bereits gewonnenen Kamele, so dass also dem
Sieger dieser letzten Tour der ganze Gewinn und dazu der Chandschar zu gehören
habe.
    Wir staunten! Der Mirza auch! Woher nahm dieses sonst so bescheidene,
zurückgezogene Mädchen den Mut, hier in dieser Weise öffentlich aufzutreten? Uns
allen in einer so wichtigen Sache ohne Erlaubnis vorzugreifen? Da drückte mir
der Ustad die Hand und sagte:
    »Erschrecke nicht! Du weisst, sie kommt von Marah Durimeh! Sie hat geheime
Gründe! Wenn der Mirza darauf eingeht, tue ich es gern. Du hast ja den Syrr!«
    Da verliess Ahriman seinen Platz. Mit weit geöffneten Augen Schakara
anstarrend, schritt er langsam zu ihr hin, löste den Chandschar vom Gürtel und
reichte ihn ihr hinauf. Sie nahm ihn. Nun legte er sich beide Hände vor die
Augen und stand eine Weile still, doch mit zuckendem Körper. Hierauf nahm er die
Hände hinweg, richtete sich kerzengerade empor, warf beide Arme in die Höhe und
rief aus:
    »Meinen Chandschar, meine Waffe, mein Höchstes! Nicht um ein Reich zu
beherrschen, sondern für Pferde und Kamele! Aber ich muss, ich muss! Sie hat ihre
Augen! Sie hat ihre Gestalt, ihre Stimme! Und sie hat auch ihre Gedanken und
ihre Macht! Da bin ich nichts; da muss ich gehorchen! - - - Wohlan! Holt mir den
Teufel! Aber den echten, den wahren, den wirklichen, nicht den faschen, den
gelogenen! Es gilt ein Reiten, wie es wohl noch nie geritten worden ist!
    Denn wenn Marah Durimeh mich zwingt, in den Sattel zu steigen, um meinen
Chandschar zu retten, so stellt sie mir auch jenes von der Hölle gehasste
Geschöpf, aus dessen Haar beim Ritt die Funken springen! Also den Teufel her,
den Iblis! Und schnell, denn es hat Eile!«
    Wen oder was meinte er mit jenem »Geschöpf, aus dessen Haar die Funken
springen«? Hatte er das nur figürlich gemeint? Oder war er bereits verrückt?
Vielleicht das Letztere, denn sein Gebaren glich augenblicklich ganz dem eines
Irren, der auf Etwas warten muss und es doch nicht erwarten kann. Und als man das
verlangte Pferd brachte, sprang er auf dasselbe zu, schnellte sich in den Sattel
und rief aus:
    »Das ist er, das, der schnellste aller Teufel! Und ich bin Ahriman, sein
Meister und sein Herr! Wo ist der Mensch, der sich an mich und diesen Satan
wagt?«
    Wir gingen hin, um das Pferd in Augenschein zu nehmen, konnten uns aber
nicht ganz nähern, denn die Bestie duldete das nicht. Sie biss und schlug nach
Jedem, den sie erreichen konnte. War das natürliche Bosheit oder Dressur? Ja,
diese Schecke war ein echtes Khorassanvollblut, starrsinnig und bis zur
Glühhitze kalt, wie das Klima ihrer heimatlichen Salzwüsten! Die Ohren gross, mit
hängenden Spitzen, wie bei gewissen Hunderassen. Die Stirn verschwindend
niedrig, doch knochig, höckerig und überbreit. Das Auge boshaft, aus dem Weissen
schielend. Das knorpelige Maul mit Borsten stark besetzt. Die Brust sehr schmal,
das Ideal einer Rennerlunge andeutend. Die Muskeln der Vorarme und Schenkel
vortrefflich geübt und gestählt. Die Beugesehnen, Kötengelenke, Fesseln, Kronen
und Hufe geradezu unvergleichlich. Schopf, Mähne und Schwanz aber hässlich dünn,
ohne Glanz, mit absterbenden Haarspitzen. Das Alles zusammen ein Pferd, welches
ein Fragezeichen für jeden Kenner war, sobald es ruhig stand, dann aber schon
bei der kleinsten Bewegung ahnen liess, dass höchst wahrscheinlich ganz
Ueberraschendes in ihm stecke.
    Ich hatte, sobald der Mirza nach seinem Teufel rief, Kara fortgeschickt,
auch Syrr zu bringen. Er kam mit ihm, grad als Ahriman die Frage, wer mit ihm
anzubinden wage, zum zweitenmal wiederholte. Da trat ich vor und sagte nichts,
als - - »ich!« Da lachte er fast brüllend auf und rief zu seiner Khanum Gul
hinüber:
    »Hast du es gehört? Er - - er - - derselbe! Fast dachte ich es mir! Denn
dieser Mensch scheint mir dazu geboren, stets da zu sein, wo ihn kein Teufel
braucht!« Er strich mit der Reitpeitsche quer gegen mich hernieder und fuhr dann
fort: »Kein Anderer käme mir so recht wie du! Ein Ausgestossener des Abendlandes,
der uns das schöne Morgenland vergällt, um sich in seiner Heimat wieder
einzuschmeicheln! Du wärst der Mann, den Chandschar mir zu nehmen! Ich habe wohl
gehört von deinem Rappen, mit dem du prahlst, wohin du immer kommst. Assil Ben
Rih, der Hengst der Hadeddihn, der dort bei euern andern Kleppern steht! Hol ihn
herbei! Ich weiss, er ist doch Eure letzte Hoffnung!«
    »Er?« antwortete ich. »Nein, den reite ich nicht.«
    »Wen sonst? Etwas Besseres habt Ihr ja nicht!«
    »Wir haben nicht nur ihn, sondern auch seinen Chodem. Den reite ich. Schau
dich um!«
    Da fuhr er scharf zusammen, riss seine Schecke herum und starrte Syrr an,
der, von Kara gehalten, hinter ihm gestanden hatte. Man sah, wie er erschrack,
als er ihn erblickte.
    »Syrr! Der Syrr! Das Lieblingspferd des Schah-in-Schah!« entfuhr es tonlos
seinen Lippen. »Oh, nun weiss ich Alles! Das ist dein Werk, Marah Durimeh, das
deinige! Du, du und nur du kannst den Schah-in-Schah veranlasst haben, den Syrr
zum Chodem des Assil zu machen! Aber, sei es denn! Er geht ja keinen Schritt mit
einem Fremden! und gar den Halfter nur, nicht Trense und Kandare! Verrückt,
verrückt, verrückt! Fast sollte ich mich schämen, des Teufels Ruhm mit einem
Sieg zu schänden, den jedes Kind vorauszusehen hat. Doch, weil es meinem
Chandschar gilt, bin ich gezwungen, diese Tour zu reiten, blamiert vom Syrr, der
stehenbleiben wird!«
    Er trieb den Teufel an die Schranke. Ich stieg auf, um ihm zu folgen. Syrr
aber ging keinen Schritt. Wollte er heut nicht? Oder war ihm die Schecke so
zuwider, dass er sich weigerte, sich in gleiche Linie mit ihr zu stellen? Als
Ariman dieses Weigern bemerkte, lachte er siegessicher auf und gebot, das
Zeichen zu geben Er hatte schon gleich im Anfange wenigstens fünfzehn
Pferdelängen voraus. Die Spannung, welche ringsum herrschte, war eine ungeheure.
Die Namen wurden verkündet. Wir sahen und hörten, dass sie weitergetragen wurden,
uns voraus. Dann ertönte die Kärna, und der Teufel flog sofort im Galopp auf die
weite, offene Bahn hinaus.
    Noch stand Syrr still. Ich trieb ihn an, doch ohne Erfolg. Fast wollte es
mir Angst werden. Da streckte er den schönen Kopf aus, liess seine schmetternde
Stimme hören und - - - ja, was war denn das? Ritt ich, oder flogen alle die doch
unbeweglich stehenden Menschen auf mich zu, um hinter mir zu verschwinden? Ich
fühlte nichts, als nur den Wunsch, den Teufel zu besiegen, und es war, als sässe
ich nicht auf einem Pferde, sondern auf diesem Wunsche, dem die Erfüllung
entfliehen wollte und aber doch mit immer wachsender Schnelligkeit entgegenkam.
Am Ende des Sees war ich dem Iblis schon so nahe, dass ihn der Mirza zu peitschen
begann. Im Duar holte ich ihn ein. An der Tribüne fluchte Ahriman schon hinter
mir. Bald darauf hörte ich schon den Hufschlag des Teufels nicht mehr. Ich
drehte mich nicht um. Aber als ich zum zweiten Male um den See gebogen war; sah
ich den Mirza erst an der Biegung ankommen. Er hatte die Peitsche umgedreht und
bearbeitete den Kopf der Schecke mit dem schweren Griffe. Der Schmerz veranlasste
sie zu einer letzten Anstrengung; sie kam mir wieder näher. Da gab mir Syrr
durch sein tiefes »U - u - u - uh« zu verstehen, dass er das auch sehe, und griff
derart aus, dass ich glaubte, ihn zügeln zu müssen. Wieder im Duar angekommen,
liess er schnell nach, ging in hohem parierendem Galopp am Landeplatz vorüber und
kam dann, gemächlich schreitend, bei der Tribüne an.
    Wie gönnte ich ihm den brausenden Jubel, dessen Bedeutung er gar wohl
verstand, wie mir seine spielenden Ohren verrieten. Aber der Kuss, den ich ihm
gab, sobald ich abgestiegen war, schien ihm doch lieber zu sein, denn er küsste
mich wieder, auf die Wange, fuhr mir in das Haar, nahm bald meine eine, bald
meine andere Hand in das Maul, kurz, zeigte mir auf alle mögliche Weise, dass er
nur für mich da sei, für nichts Anderes. Und doch war er es, auf dem Aller Augen
bewundernd ruhten, nicht etwa auf mir, und das war auch ganz selbstverständlich
und richtig!
    Und da kam nun auch Ahriman mit dem Teufel, oder vielmehr der Teufel mit
Ahriman, denn er ging mit ihm durch; infolge der Hiebe mit der Peitsche. Die
Zügel hingen vorn herunter; die Bügel waren leer; der Reiter lag nach vorn und
klammerte sich am Halse fest. Aber dieses Durchbrennen war kein gewöhnliches. Es
geschah nicht etwa in vollem Jagen und ging auch nicht stets in derselben
Richtung, sondern das Pferd verfolgte die sehr bemerkbare Absicht, den Reiter
aus dem Sattel und unter die stampfenden Hufe zu bringen. Es bockte und
schlingerte, sprang bald nach rechts, bald nach links, rannte dann eine Strecke
geradeaus, blieb stehen, um mit gefletschten Zähnen nach rückwärts zu beissen,
lief wieder fort, kehrte um, drehte sich im Kreise, kurz, es wollte den Mirza
herunterhaben, um sich zu rächen. Den Grund sahen wir, als es sich uns näherte.
Es hatte nur noch ein gesundes Auge. Das andere hing aus der blutenden Höhle.
Ahriman hatte es ihm ausgeschlagen! Er befand sich in ganz derselben Stimmung
wie sein Teufel: Scham, Wut, Rache! Als er uns erreichte, stand die Schecke für
einen Augenblick still, um eine neue Tücke vorzubereiten. Da richtete er sich
auf und rief:
    »Der Chandschar ist verloren, und so sei es denn dieser Satan auch! Ihr habt
ihn gewonnen. Wohlan, da nehmt ihn hin! Aber nur als Aas für den Schinder!«
    Er zog die Doppelpistole aus dem Gürtel, spannte die Hähne, hielt die Läufe
an die zwischen den Nickwirbeln liegende Stelle und gab die beiden Schüsse rasch
hinter einander ab. Er hätte jetzt schnell abspringen müssen, war aber in seinem
Rachedurste für die Vorsicht blind. Der Iblis zuckte unter den Kugeln. Das übrig
gebliebene Auge schloss sich; der Kopf sank niederwärts, und die Kniee schienen
brechen zu wollen. Da aber sammelte sich seine sterbende, dämonische Kraft. Er
warf den Kopf empor, ging mit allen Vieren in die Luft, fasste wieder Boden, warf
sich aus freier Hand grad auf den Rücken, sprang wieder auf und packte den nun
an der Erde liegenden Peiniger mit den Zähnen, und zwar am Kopfe, dessen oberer
Teil in dem weit, weit geöffneten Rachen ganz verschwand.
    dabei überkam ihn ein Zittern, welches über seinen ganzen Körper lief. Den
Kopf des Prinzen festaltend, brach er zusammen - - - er war tot!
    Man eilte hin. Die schreckliche Gruppe war vor den hilfeleistenden Menschen
für einige Zeit nicht zu sehen. Dann teilte sie sich. Man hatte Ahriman aus den
Zähnen der verendeten Bestie befreit. War es Besinnung oder etwas Anderes, dass
er sich aus seiner Ohnmacht halb aufrichtete, um zu sprechen? Er hob die
geballte Faust empor, schüttelte sie und rief:
    »Mein Kopf, mein Kopf! Immer nur mein Kopf, mein Kopf! Das war der Chodem
wieder, der Chodem, der mich aufgegeben hat! Ich soll verrückt werden, verrückt,
verrückt! Ich habe gekämpft mit ihm - - - von der Mauer der Vergeltung an bis
hierher! Vergeblich! Er empörte den Teufel gegen mich - - - er warf mich unter
ihn nieder - - - er fasste mein Gehirn mit des Satans Zähnen - - - der Biss ging
durch und durch - - - durch den Geist und durch die Seele - - - es ist aus; es
ist aus; es ist aus!« Mit einer letzten, grossen Anstrengung aufspringend, schrie
er, indem seine Stimme überschnappte: »Freut Euch, Ihr Dschamikun, denn hört,
was ich Euch sage - - - der Fürst der Schatten ist von jetzt an nur ein Aas - -
- ein verwesendes Aas für den Schinder - - - - - - genau wie der Satan hier - -
- schleppt uns fort; schleppt uns fort - - - alle Drei, alle Drei - - - nicht
nur die Aase, sondern auch den Verrückten!«
    Er liess den erhobenen Arm sinken, schüttelte sich wie vor innerem Grauen und
fiel dann, wieder ohnmächtig, auf den scheckigen Kadaver des Teufels nieder.
Auch uns graute; wir wendeten uns ab. Schakara's Augen aber strahlten in
glänzender Freude. Sie reichte mir den gewonnenen Chandschar des Mirza und
sagte:
    »Nimm sie hin, die Waffe der Feinde, die sich von nun an nur gegen sie
selbst zu richten hat! Sie ist in unsere Hand geraten, doch wollen wir den
Frieden. Stecke sie in die Scheide! Nimmt man diesen Frieden aber nicht an, so
fährt sie wieder heraus. Dann aber gibt es kein spielendes Rennen wie heut, nur
um dem Volke den Satan figürlich zu zeigen, sondern wir machen das Spiel zum
tödlichen Ernst! Wen unser Rennen nicht warnt, weil er den Geist nicht besitzt,
zu begreifen, was es bedeutet, der treibe die Feindschaft weiter, sich selbst
zur schliesslichen Schande!«
    Man räumte den Teufel aus dem Wege und schaffte auch Ahriman fort. Als ich
nach den Sitzen der Khanum Gul und des Scheik ul Islam hinüberschaute, waren
Beide verschwunden. Die gewonnenen Pferde wurden in Sicherheit gebracht, doch
verständigte der Ustad den Scheik der Dinarun und den Takikurden Ibn el Idrak
davon, dass sie heut Abend die ihrigen und ebenso auch ihre Kamele heimlich
zurückbekommen würden. Die Gegner wurden von jetzt an unsichtbar, einer nach dem
andern. Es versteht sich von selbst, dass wir uns unsers Sieges freuten, am
meisten aber wohl mein kleiner Hadschi Halef. Er strahlte geradezu vor Glück.
Sein Kara ein mehrfacher Sieger! Und gar auch Hanneh, die »lieblichste Blume der
Frauen«, ein grosses Rennen gewonnen! Das ging ihm über Alles, was er bisher
erlebt hatte, sogar auch über das Ehrengewand vom Beherrscher des persischen
Reiches!
    Grossen Jubel gab es, als die Kärna ertönte und dann der Ausrufer verkündete,
dass jetzt das gestern verregnete, lustige Rennen beginnen werde. Während dieses
vorbereitet wurde, trat die Dschemma mit den Preisrichtern zu einer schnellen
Beratung zusammen, um noch mehrere bedeutende, aber friedliche Rennen zu
veranstalten, zu denen sich nur Freunde melden durften. Kara bat mich hierzu um
den Assil und bekam ihn natürlich sehr gern. Ich aber ritt den Syrr nach Hause,
nicht ohne befriedigt über die Worte zu sein, welche Dschafar mir mitgab. Er
hatte nicht gewusst, dass Syrr mir gern gehorchte, und war daher auf das Heftigste
erschrocken, als ich den Glanzrappen gegen den Teufel stellte. Umso grösser aber
war nun sein Entzücken über den Sieg, und er nahm sich vor, dem Beherrscher sehr
ausführlich Bericht zu erstatten.
    Es war rührend, wie wohl sich Syrr fühlte und wie deutlich er seine Freude
äusserte, als er aus der Menschenmenge herauskam. Auch ich bin am liebsten
allein, und so beschloss ich, bei ihm zu bleiben und mir die nun noch folgenden
Ereignisse des Tages von oben anzuschauen. Auf der Pferdeweide angekommen,
sattelte ich ab, gab ihm Wasser und Gerste, holte ein Gericht Aepfel für ihn und
setzte mich neben ihn dahin, wo ich eine gute Aussicht über das Tal hatte.
Später gesellte sich Schakara zu mir. Um es kurz zu machen, sei gesagt, dass der
Ustad mit der Sahm einen Preis gewann und Kara mit Assil und Ghalib auch je
einen. Das war mehr als genug.
    In und bei den zwei herrschaftlichen Zelten drüben in den Ruinen war es
während des ganzen Nachmittages sehr still. Der Scheik ul Islam liess sich nicht
sehen und die Khanum Gul auch nicht. Hier und da ritt ein Bote zwischen ihnen
und Ahriman Mirza hin und her. Das Gefolge schien nach auswärts gegangen zu
sein, jedenfalls um bei der Vorbereitung zu der morgenden Umzingelung mit tätig
zu sein.
    Gegen Abend kam der Ustad und fragte mich, ob ich ihn zu einer genauen
Wiederholung unsers Sonntagsrittes begleiten wolle. Es gelte aber heut nicht,
die Posten zu revidieren, sondern die erwähnte, berühmte Umzingelung wieder zu
umzingeln. Ich war natürlich sofort und gern bereit. Syrr wurde von Neuem
gesattelt, und dann ging es, der Ustad auf der Stute, abermals den Berg zum
Alabasterzelte hinan.
    Als wir da oben ankamen, blieben wir betroffen, ja beinahe erschrocken
halten. Die Wucht und Masse des gestrigen, langen Regens war hier von
unheilvoller Wirkung gewesen. Sie hatte das ganze Erdreich von der
zurückliegenden Bergeskuppe herabgeschwemmt und, mit schweren Steinen vermischt,
in eine Art von Moräne verwandelt, welcher das abschüssige Terrain keinen
Stillstand erlaubte. Man sah an der glatten Bahn dieses Rutsches ganz deutlich,
welchen Weg er bereits zurückgelegt hatte. Es war zwar noch ziemlich weit von
ihm bis zu dem schon wiederholt erwähnten, gefährlich lockern Steingeröll; aber
wenn er es erreichte, so musste sein Druck sofort die Katastrophe herbeiführen,
welche der Ustad am Sonntage nicht nur erwähnt, sondern sogar befürchtet hatte.
    Jetzt freilich war hier nichts zu unterehmen, denn der Abend nahte schon;
aber für morgen früh nahm sich der Ustad vor, dem Weiterschreiten der Moräne
schnellsten Einhalt zu tun. Wir mussten von hier oben fort, um noch vor Nachts
hinüber auf die Nordebene zu kommen. Das gelang uns auch.
    Genau an derselben Stelle, wo wir den Boten von Marah Durimehs Hilfstruppen
gefunden hatten, erwarteten uns diese, angeführt von dem unternehmenden Scheik
von Schohrd, der sich herzlich freute, mich wiederzusehen. Seine Truppen waren
mehr als genügend, die Ultra-Taki von hinten zu packen. Er erhielt die nötigen
Weisungen für alle möglichen Fälle und dazu das Versprechen, dass wir ihm den uns
freundlich gesinnten Taki Ibn el Idrack schicken würden. Dann ritten wir weiter.
    Im Norden standen die dortigen Dschamikun nicht mehr zerstreut, sondern
schon festgeschart. Sie hatten Fühlung mit dem Scheik von Schohrd und mit den
Kalhuran im Osten. Als wir diese erreichten, fanden wir sie in zwei Treffen
geteilt, um die von den Kundschaftern bereits erspähten Massaban und Schatten
hindurchzulassen und sich dann hinter ihnen wie zwei Torflügel zu schliessen.
    Im Süden freuten wir uns über die dortlagernden Dinarun, die sich so schnell
aus Feinden in Freunde verwandelt hatten. Ihr Scheik war soeben bei ihnen
angekommen, hatte ihnen Alles erzählt und war soeben dabei, ihnen auch zu sagen,
dass er die verwetteten Pferde und Kamele bereits zurückerhalten habe, und zwar
unter Aufsicht des Pedehr, dem dies von dem Ustad übertragen worden war. Als wir
ihnen mitteilten, dass es besten Falles gar keinen Kampf geben werde,
versicherten sie uns, dass dies ganz gegen ihre Absicht sei, da sie wünschten,
uns ihre Freundschaft durch die Tat beweisen zu können.
    Wir brachten sie in Fühlung mit den südlichen Dschamikun, die sich im Rücken
der Taki mit dem Scheik von Schohrd zu verbinden hatten. So war unser Ring also
geschlossen, mit Ausnahme der Durchzugsstelle für die Massaban und Schatten.
Wenn sie so töricht waren, diese Tür zu benutzen, so gerieten sie in eine Falle,
aus welcher es kein Entrinnen gab!
    Es war mitten in der Nacht, als wir heimkehrten, und doch wartete Schakara
auf uns. Sie sagte, sie habe vor Sorge nicht schlafen können, um uns eine
Beobachtung mitzuteilen, die vielleicht sehr wichtig sei. Sie war, ehe sie sich
zur Ruhe legen wollte, noch einmal zu den Pferden gegangen und hatte sie in
einer ganz auffälligen Unruhe gefunden. Besonders waren die Tiere nicht dazu zu
bewegen gewesen, sich zu legen. Das deutete auf irgend eine Gefahr, die unter
ihnen in der Erde lag. Schakara dachte nach, und indem sie so still dastand und
sann, hörte sie, scheinbar unter ihren Füssen, ein dröhnendes Geräusch, dem ein
fortrollendes Donnern und Beben folgte. Das machte sie besorgt, und darum
beschloss sie, nicht schlafen zu gehen, bevor sie es uns mitgeteilt habe.
    »Wir müssen hinunter« - - - »in das Bassin!« sagte der Ustad und sagte auch
ich, beide wie aus einem Munde. Wir holten Fackeln und begaben uns, begleitet
von Schakara, die nicht ohne uns bleiben wollte, nach dem Landeplatze, stiegen
in das Boot und ruderten nach dem Kanale. Es gab keinen Menschen, der uns sah.
Weil der Ustad auch schon hier gewesen war, wusste er Bescheid. Wir bemerkten
sofort, dass das Wasser in Folge des langen, bedeutenden Regengusses viel höher
stand als früher. Die Ranken waren hier oben dichter; sie liessen uns nur schwer
hindurch. Dann brannten wir sogleich zwei Fackeln an und stakten und ruderten
uns durch den Kanal in das vordere Becken.
    Heut konnten wir die Decken über uns erkennen, wohl wegen des
Wasserhochstandes. Diese Flut musste drücken und heben. Gleich an der ersten
Säule sahen wir, dass an ihrer Basis ein grosses Stück ausgewuchtet worden war;
oben aber prasselte es. Dennoch wagten wir uns weiter. Es bröckelte überall, und
zwar in beängstigender Art und Weise. Stein auf Stein fiel klingend oder
gluchzend in die Flut. Es war wirklich verwegen, nicht umzukehren! Wir kamen
dahin, wo die Säule mit dem Gerippe gestanden hatte. Sie war verschwunden. Nur
der untere Stein stand noch, mit dem Skelett darauf. Von hinten her kam ein
Aechzen, Knarren und Prasseln. Schakara war bisher still gewesen, überwältigt
von der unheimlichen Schrecknis dieser Unterwelt; jetzt aber schrie sie auf und
bat uns, Gott ja nicht länger zu versuchen, sondern sofort umzukehren und zu
flüchten. Wir taten es, ohne erst noch nachzusehen, ob vielleicht nicht nur
diese eine, sondern noch mehrere Säulen zusammengestürzt seien. Die Folge sollte
zeigen, dass dies sehr wahrscheinlich der Fall gewesen war.
    So standen wir also zwischen zwei drohenden Gefahren: Oben am Alabasterzelte
rückte die Moräne vor, und unter uns brach das Innere der Erde zusammen.
Glücklicher Weise lag sowohl der Duar als auch unser Haus mit dem Garten und dem
Weideplatze zwar nahe, aber doch ausserhalb des Bereiches der beiden
Katastrophen, von denen nur die Ruinen betroffen werden konnten! Wir waren weder
Geologen noch Architekten von Fach, aber es stand dennoch für uns ausser allem
Zweifel, dass kein Leben bedroht sei ausser demjenigen, welches sich von jetzt an
noch in das alte Gemäuer wagte.
    Darum liess der Ustad gleich in der Morgenfrühe den Zutritt zu den Ruinen
allgemein und bei hoher Strafe verbieten. Auch schickte er Boten nach den beiden
Zelten hinüber, um die Bewohner derselben zu warnen. Man liess ihm aber
antworten, dass man die feindseligen Gründe dieser albernen Warnung kenne und
über sie nur lache! Hierauf stieg eine Menge Arbeiter zum Alabasterzelte hinauf,
um den Absturz der Erd- und Steinmassen zu verhindern. Da sandte uns der Scheik
ul Islam ein Stück Papier, auf welchem folgende Zeilen standen:
    »Gebt Euch keine Mühe, weder von oben noch von unten! Wir glauben keinen
Lügen! Wir halten die Ruinen fest bis morgen; dann werden Alle gehen, die nicht
hierher gehören! Hierauf mein Wort als Scheik ul Islam!«
    Was unsere Festgäste betrifft, so hatten alle, denen nicht zu trauen war,
sich wohlweislich entfernt. Von den andern aber fiel es keinem ein, den Ustad zu
verlassen. Sie verhielten sich so, als ob sie vollständig ahnungslos seien,
waren aber alle sehr wohl unterrichtet und warteten mit Ungeduld auf den
nächsten Morgen, der die Entscheidung zu bringen hatte. Im Verlaufe des
Nachmittages kamen Boten von verschiedenen Seiten, und als es dunkel geworden
war, brachte der letzte von ihnen die Nachricht, dass die Massaban und Schatten
in die Falle gegangen seien.
    Was die Taki betrifft, so hatte sich Ibn el Idrak schon früh bei dem Ustad
eingestellt, um sich mit ihm für Weiteres zu besprechen. So sehr dieser Stamm an
seinen alten Vorurteilen hing und so von Allah bevorzugt sich die Angehörigen
desselben betrachteten, dieser vermeintlichen Ueberlegenheit ein blutiges Opfer
zu bringen, zumal so friedfertigen Nachbarn gegenüber, das erschien ihnen doch
als zu viel verlangt. Nur die kleine, halsstarrige Corona, welche sich in den
Strahlen des Scheik ul Islam sonnte, hielt fest zu ihm, sonst aber Niemand
weiter. Und diese Verblendeten waren es auch, die in den geheimen Gang
eindringen sollten, um uns zu überrumpeln. Der Ustad beschloss, sie trotz alledem
zu schonen, aber sie in diesem Gange derart festzustopfen, dass sie sich nicht zu
rühren vermochten. Ibn el Idrak war hiermit ausserordentlich gern einverstanden
und ritt dann fort, um den Scheik von Schohrd aufzusuchen. Infolge dessen gingen
bei Anbruch des Abends zwei Abteilungen Dschamikun heimlich ab, die eine um von
aussen her bis zur Hälfte des Ganges vorzudringen, ihn zu verstopfen und sich
hinter dieser Barrikade aufzustellen. Der hierzu bestimmte Punkt war natürlich
so gewählt, dass ihn keine der beiden zu erwartenden Katastrophen berühren
konnte. Die andere Abteilung sollte die Feinde alle eindringen lassen und dann
den Ausgang besetzen, um ihnen die Rückkehr unmöglich zu machen. Wenn dies
gelang, konnten die Eingeschlossenen keine andere als nur noch eine höchst
lächerliche Rolle spielen, und es sei gleich hier gesagt, dass es so gut gelang,
wie es gar nicht besser gelingen konnte.
    Hiermit waren diese Feinde also kalt gestellt, und es handelte sich nur noch
um die Massaban und Schatten, vor denen es uns ebenso wenig bange wie vor Jenen
war, denn wir hatten sie ja fest und konnten sie erdrücken, sobald es uns
beliebte.
    Man hatte während des ganzen Tages wieder Reisig und Holz auf sämtliche
Häupter und Vorsprünge der Berge geschafft. Wie das Fest mit einer
Höhenbeleuchtung begonnen hatte, so sollte es auch mit einer solchen enden. So
wurde gesagt. Die Eingeweihten aber wussten, dass das Aufflammen dieser Feuer für
die Umschliessung der Feinde das Zeichen sei, dass die Entscheidung einzutreten
beginne. Nur eine einzige Stelle war von dieser Bedeutung ausgenommen, nämlich
die Kuppe des Alabasterzeltes. Man hatte dort den ganzen Tag sich mit der
grössten Anstrengung bemüht, der Moräne Stillstand zu gebieten, doch ohne den
gewünschten Erfolg. Sie war trotz aller künstlichen Hemmnisse weiter und weiter
vorgerückt, um die vorlagernden Geröllmassen zu ergreifen. Das verheerende
Schicksal von oben war also mit Gewissheit zu erwarten, doch sah man sich ausser
Stande, die Zeit genau zu berechnen. Darum standen nun Wächter oben, welche die
dortigen Holzhaufen anzubrennen hatten, sobald der gefährliche Augenblick im
Nahen sei. Das war es, was die Feuerzeichen von diesem Punkte aus zu sagen
hatten.
    In Erwartung aller dieser Dinge versicherten wir uns unserer Pferde, welche
in das Gewölbe gebracht wurden. Auf der ganzen Breite der Pferdeweide standen
Posten, um uns von den Ruinen abzuschliessen. Im Hofe etablierte der Ustad eine
Art Hauptquartier, zu welchem alle geltenden Personen gehörten, doch aber nicht
Ibn el Idrak und die Scheike der Dinarun und Kalhuran, welche sich bei ihren
Stämmen befanden und genau wussten, wie sie zu handeln hatten. Je weiter der
Abend vorrückte, umso stiller wurde es unten im Tale. Alle Dschamikun verliessen
den See und stiegen bergauf in die Höhe. Die Schatten sollten kommen dürfen,
ohne den geringsten Widerstand zu finden. Aber der Duar selbst blieb umso
schärfer besetzt, an jeder Flanke sechs Kamelkanonen, um den Zugang von beiden
Seiten des Sees her zu bestreichen. Schon diese Geschütze allein genügten, den
Schatten ihre Ohnmacht gegen uns zu beweisen. Die übrigen acht waren zu beiden
Seiten des Sees auf dominierende Punkte verteilt, von denen aus wir mit ihnen
die ganze Rennbahn beherrschten. Für den Bedarfsfall hatte der Ustad eine Menge
von Fackeln verteilen und anfertigen lassen, und draussen am Ende des Sees lagen
Späher versteckt, um das Zelt Ahrimans zu beobachten und uns das Erscheinen der
Massaban zu melden. Er wollte ja mit diesen die Ruinen besetzen, und so waren
sie viel früher als die Schatten zu erwarten.
    Als wir die Zeit dazu gekommen glaubten, gingen wir hinunter in den Duar und
erfuhren dort, dass der Pedehr so gewissenhaft gewesen war, die Bewohner der
Zelte noch einmal zu warnen, und zwar in eigener Person, von ihnen aber ebenso
höhnisch abgewiesen worden war wie die vorherigen Boten. Damit hatten wir den
Pflichten der Menschlichkeit genügt. Auf dreimaliges Vermahnen nur Spott; mochte
für sie nun kommen, was da wollte!
    Am Himmel waren die Sterne verschwunden, nicht etwa infolge von Regenwolken,
sondern es schien, als habe er sich in einen dichten, undurchdringlichen
Schleier gehüllt, um nicht sehen zu müssen, was sich hier unten ereignen werde.
Es nahte eine zwar nicht vollständig dunkle, aber fahl obskure Mitternacht, so
recht geeignet für Schemen, Phantome und Chimären. Auf dem See bildeten sich
Nebel. Sie lagen erst in unbestimmten Umrissen auf dem Wasser. Dann lösten sie
sich von ihm, um sich in einzelnen Fetzen aufzurichten und zu individualisieren.
Hierauf verdichteten sie sich zu allerlei gespenstischen Gestalten und
trachteten dem Lande zu, um, feucht und kalt, wie Geister von Ertrunkenen, sich
auf uns zuzuschleichen.
    Da tauchte aus ihnen einer der Späher auf und teilte uns mit, dass die
Massaban bei Ahriman Mirza angekommen seien. Und bald darauf stellte sich ein
zweiter mit der Nachricht ein, der Mirza habe sich an ihre Spitze gestellt und
komme mit ihnen anmarschiert, doch leise, ohne Pferde, wie es seine Absicht ja
erfordere. Der Ustad wiederholte seine für diesen Fall schon vorher gegebene
Weisung, sich so weit zurückzuziehen, dass man nicht bemerkt werden könne, und
den Heranschleichenden den Weg nach den Ruinen vollständig freizugeben.
    Es dauerte nicht lange, so kamen sie, von den Nebel gedeckt, die aber auch
uns ihnen verbargen. Sie glaubten den Duar im friedlichen Schlafe und zogen
vorüber, ohne dass Etwas geschah, was ihnen diesen Glauben benahm. Wir kehrten
also in unsere vorherige Stellung zurück. Einige Zeit später erklang in den
Ruinen über uns ein lauter, aber kurzer, abgerissener Schrei. Hierauf war es,
als ob Jemand mit unterdrückter Stimme irgend Etwas kommandiere. Dann war es
wieder still.
    So ungefähr eine Stunde nach Mitternacht erfuhren wir, dass die Vorhut der
Schatten von den Pässen her nahe und draussen in der Ebene halte, um die ganze
Horde herankommen zu lassen; die Unteranführer des Mirza seien ihnen
entgegengeritten, um sie dann nach dem See zu führen. Und nach einer längeren
Pause meldete man uns von der andern Seite des Berges, dass die Ultra-Taki in das
Garn gegangen seien und nun in dem Gange stäcken, ohne rück- oder vorwärts zu
können; Ibn el Idrak aber habe die ganze Vollzahl der verständigen Taki zu dem
Entschlusse gebracht, sich dem Scheik von Schohrd anzuschliessen und gegen Morgen
bei uns einzutreffen.
    Dieser Bote hatte sich eben entfernt, so kam Jemand, an den wir jetzt am
allerwenigsten gedacht hätten, nämlich der - - - Aschyk. Er war oben im Hause
gewesen, um uns zu sprechen, und hatte erfahren, wo wir uns befanden. Was er uns
mitteilte, war noch interessanter als sein völlig unerwartetes Erscheinen.
    »Ich bin öfters bei Euch gewesen, als Ihr denkt,« sagte er, »und von Allem
sehr gut unterrichtet. Der Scheik ul Islam hat mich bis heut als seinen Spion
betrachtet, der sich in Euer Vertrauen geschlichen habe, um Euch an ihn zu
verraten. Darum erntet er aber nun selbst das Unkraut, welches er für Euch
säete! Ich war oben auf dem Berge und habe mich überzeugt, dass die Lawine nicht
mehr zu halten ist. Ich hielt es für meine Menschenpflicht, es ihm zu sagen,
damit er sich entfernen möge. Da lachte er mich aus. Ja, er wurde sogar
misstrauisch, von mir dieselbe Warnung zu hören, wie von Euch, doch durfte ich
bei ihm bleiben. Er wanderte unruhig zwischen seinem Zelte und dem
Allerheiligsten hin und her, um nachzusehen, ob seine Taki durch den Gang
angekommen seien. Sie stellten sich aber nicht ein. Auch seine Bedienung habe
ich gewarnt. Sie steht auf dem Sprunge, sich zu retten.«
    »Und sein Gefolge?« fragte ich. »Der Heilige, der Selige, der Imam und die
Generale?«
    »Die sind bei den Taki geblieben und bleiben auch dort, bis der Kampf
vorüber ist.«
    »Das ist ja höchst bezeichnend!« sagte der Pedehr, der bei uns stand.
»Früchte auflesen, aber ja nicht mit schütteln! Wie leicht könnte eine treffen,
vielleicht gar eine faule! Sprich weiter! Hast du die Khanum Gul gesehen?«
    »Nicht nur gesehen, sondern sogar mit ihr gesprochen. Diese beiden Personen
verkehren notgedrungen sehr höflich miteinander, hassen sich aber grimmig. Sie
glaubt ebenso wie der Prinz, dass ich der Schatten des Scheik ul Islam sei, und
schmeichelt mir, um Gefährliches über ihn zu erfahren. Das zwingt sie, auch
ihrerseits mitteilsam gegen mich zu sein, und so werde ich von beiden Seiten
unterrichtet, ohne diesen Unterricht selbst bezahlen zu müssen. Mit heut ist
aber hierin eine Aenderung eingetreten. Die Khanum Gul hat mir nämlich den
Antrag gestellt, in ihren Dienst zu treten. Sie sagte, es gehe mit dem Scheik ul
Islam zu Ende und sie werde mir die beste Garantie für meine Zukunft geben,
falls ich geneigt sei, Alles zu sagen, was ich über ihn wisse. Das war gegen
Mitternacht, denn sie hatte mich für diese Zeit zu sich bestellt, weil sie da
Ahriman bei sich erwarte. Er kam, aber nicht allein, sondern mit den Massaban.
Als er hörte, worüber wir verhandelt hatten, forderte er mich auf, sofort mit
ihm zu gehen, um bewiesen zu sehen, dass es besser für mich sei, zu ihm und zur
Khanum Gul, als zu dem Scheik ul Islam zu stehen, der sich grad eben in seinem
Zelt befand. Er liess dieses von den Massaban umzingeln und trat mit den
Anführern hinein. Ich durfte mit. Da ich die Unterredung dieser beiden Männer im
Allerheiligsten mit belauscht hatte, ahnte ich, was es nun für eine Szene geben
werde, und wie ich dachte, so geschah es auch: Der Fürst der Schatten nahm den
Scheik ul Islam beim Genick, nicht nur bildlich, sondern auch wörtlich, und
schüttelte ihn so lange ab, bis auch der letzte Rest von Hochmut
herausgeschlottert war. Dann warf er ihn hin und befahl, ihn auf das Strengste
hier zu bewachen, bis der Kampf vorüber sei, und ihn dann zur weiteren
Bestimmung vorzuführen. Natürlich trat er während alles Dessen, was ich erzähle,
nur als Ahriman Mirza, nicht aber als der Fürst der Schatten auf und gab kluger
Weise zu ahnen, dass dieser Letztere sich bei den heranziehenden Sillan befinde.
Er liess hierauf das Allerheiligste besetzen, um die Taki nicht in die Ruinen zu
lassen, und kehrte dann nach dem Zelte zurück. Ich hatte vor demselben zu
bleiben, bei der Dienerschaft, der ich dann half, Decken und Kissen nach der
Vorderkante des Stockwerks zu schaffen, wohin der Mirza und die Gul sich beim
ersten Grauen des Morgens setzen wollen, um von diesem allerbesten Platze aus
dem Abschlachten der Dschamikun zuzusehen. Das gab mir Gelegenheit, mich zu
entfernen. Ich eilte nach Eurem Hause hinüber und wurde da zu Euch
hierhergeschickt.«
    »Und was tust du nun?« fragte der Ustad.
    »Das weiss ich nicht. Gib mir einen Platz, damit ich für Euch kämpfe!«
    »Wir haben Krieger genug. Bist du ein guter Reiter?«
    »Ja.«
    »So eile nach dem Hause zurück, und sag Kara Ben Halef, dass schnell
gesattelt werden soll. Der Barkh für ihn, der Ghalib für dich und der Assil für
mich. Dem Syrr mag Schakara den Sitz auflegen; er ist für den Effendi, doch nur
mit Halfter. Dann kommt Ihr herab!«
    »Wohin soll es gehen?« fragte ich, indem sich der über diesen Auftrag
erfreute Aschyk entfernte.
    »Hinauf nach dem Beit-y-Chodeh. Dieser Gedanke kam mir erst soeben. Es gibt
kein edles Waffenspiel, keinen Kampf zwischen gleichwertigen Männern, sondern
nur ein völlig gefahrloses Kesseltreiben auf niedriges Gezücht. Der Kessel ist
gestellt, und Jedermann kennt seinen Posten und das, was man von ihm erwartet.
Der Hauptmann mag an meine Stelle treten; er weiss Bescheid für alles Mögliche.
Wir aber reiten dort hinauf, weil wir vom Beit den besten Ausblick haben. Sehen
wir, dass man uns braucht, so können wir in zwei Minuten wieder unten sein.
Nötigenfalls dienen Kara oder der Aschyk uns als Boten.«
    Das hatte meinen Beifall, besonders deshalb, weil der zu erwartende
Bergsturz, falls er nicht später kam, von dem Säulentempel aus viel besser als
an jeder andern Stelle beobachtet werden konnte. Der Hauptmann bekam also seine
Weisung, und wir gingen nach dem Bergwege, wo Kara mit dem Aschyk und unsern
Pferden sehr bald eintraf.
    Der Himmel hatte noch die stumpfe, bleierne Farbe, und auch die Nebel zogen
noch dicht über den See und das Tal. Sie waren jetzt so kompakt, dass man nur
wenige Schritte weit sehen konnte. Dann aber hörten sie plötzlich auf. Wir waren
ihrer Grenze entstiegen und befanden uns in freier, durchsichtiger Morgenluft.
Es war zwar noch nicht Tagesanbruch, aber im Osten dämmerte es schon leise, und
die Linien unserer Bergesspitzen wurden - - - Bergspitzen? Ah! Auf der dort im
Westen flammten hochlodernde Feuer. Waren sie erst jetzt angebrannt worden, oder
hatten wir sie wegen des Nebels vom Tale aus nicht sehen können? Das waren die
Warnungszeichen auf der Höhe des Alabasterzeltes. Die Lawine holte zum
schrecklichen Sturze aus!
    Am Beit-y-Chodeh angekommen, stiegen wir ab. Der Aschyk blieb bei den
Pferden; wir andern Drei betraten das Innere und gingen nach vorn, wo wir uns
niedersetzten. Da sagte der Ustad:
    »Hier war es, hier an diesem Orte, wo der Feind uns herausforderte, so soll
es nun auch hier sein, von wo aus wir sehen, was er vermag. Der frechste von
ihnen damals, der Henker, ist schon dahin, beseitigt durch sich selbst, durch
seine eigene Waffe. Du, auf dessen Person er die Blutrache warf, brauchtest gar
nicht einzugreifen. So nun auch ich; ich lasse es dem Verhängnis über!«
    Wir waren nicht etwa allein hier oben. Ich habe bereits gesagt, dass sich die
ganze, grosse Menge der heut bewaffneten Festgäste auf die ringsum liegenden
Höhen zurückgezogen hatte. Sie waren auch hier am Beit. Sie füllten den ganzen,
freien Platz. Ihre Linie lief nach beiden Seiten in den Busch, in den Wald
hinein. Und als es nun nach und nach heller zu werden begann und unser Blick
über den See hinüberreichte, sahen wir sie auch drüben stehen, fast Kopf an
Kopf, den ganzen See entlang - - - auch eine Lawine, welche bereit war,
hernieder zu fahren, in den etischen Abgrund, in das Heer der Sillan hinein.
Diese Gefahr für die Feinde war zwar von hier oben, aber noch nicht von unten
aus zu sehen. Denn die Nebel rückten enger und enger zusammen und immer neue und
neue kamen dazu. Sie machten für die Tiefe den Blick nach oben unmöglich. Es
war, als ob sich die heranziehenden Schatten in dieses dunstige Geschwader
verwandelt hätten, um ihren Angriff vom Lande auf das Wasser zu verlegen. Denn
der erste Hauch des Morgens war gekommen, von Osten her, wo die Kalhuran mit den
nördlichen Dschamikun nun standen, und schob die Nebel, zunächst langsam zwar,
doch unwiderstehlich vor sich her, der Ruinenseite zu. Dort wirrten und wühlten
sie sich an den alten Mauern empor, wickelten und wirbelten zu den Türmen hinauf
und wagten sich sogar über diese hinüber, wo sie an der Kühle und Ruhe des
Felsens erstarben.
    So wurde es da draussen gegen Aufgang von ihnen frei und zugleich am Himmel
immer heller und heller. Schon wurde die Ebene klar, die nach den Pässen führte.
Da sahen wir sie reiten, die Schatten. Sie hatten sich am Zelte des Mirza
geteilt, um an beiden Ufern gleichzeitig vorzudringen. Ihre Spitzen steckten
schon tief in den Nebeln, aber ihre Zahl war so gross und ihre Kolonne so lang,
dass nur ein sehr scharfes Auge den hinterherziehenden Tross zu erkennen
vermochte. Wehe ihnen, wenn Ahrimann den Befehl gegeben hatte, dass diese ganze
Menge den See besetzen solle! Sie konnte sich ja nicht rühren! Sie war genau so
eingestopft wie die Ultra-Taki im geheimen Gange, nur dass hier die Flucht nach
rückwärts offen stand! Aber was für eine Flucht!
    Während wir da hinausschauten, um sie heranziehen zu sehen, kam er hinter
ihnen her - - - der Tag! Er folgte ihnen; er hing die Vorhut seines Lichteeres
an ihre Fersen und sandte uns, hoch über ihnen, den Odem seines Grusses zu.
Dieser kraftvolle Atemstrom brach sich am Berge der Ruinen und wühlte dort die
Nebel auseinander, um das Gemäuer, wenn auch nur vorübergehend, unsern Blicken
preiszugeben. Da lagen die beiden Zelte. Das eine war von den Massaban
umzingelt. Bei dem andern sahen wir Niemand. Aber vorn, auf der Mauerkante, sass
Ahriman Mirza neben der Khanum Gul, und hinter ihnen standen die Diener. Die
Stelle, welche sie sich gewählt hatten, lag so weit zurück, dass es ihnen selbst
auch ohne die Nebel nicht möglich gewesen wäre, unsere Aufstellung unten im Duar
zu bemerken. Sie befanden sich also noch immer in dem Glauben, dass die
Dschamikun in tiefem Schlafe lägen.
    Da wieherte bei den Schatten ein Pferd. Ein anderes antwortete - - noch
eines und noch eines. Das war in der Stille des Morgens weitin zu hören und für
Ahriman ein Zeichen, dass seine Schatten angekommen seien. Er hatte sie schon des
Nachts erwartet und war ungeduldig geworden. Warum den Duar erst leise und
schleichend besetzen, wenn es nur einiger weniger Augenblicke bedurfte, ihn in
schnellem Ansturm zu überrumpeln? Der Morgenhauch war zum Winde geworden,
welcher die Dünste zur rascheren Bewegung zwang. Er begann, sie zu drängen, zu
zerreissen, zu peitschen. Sie flatterten auseinander. Sie stoben nach allen
Seiten. Sie flohen in alle Lüfte, um dort zerrissen zu werden. Der lichte Morgen
war am See erschienen und räumte mit ihnen auf. Von den Ruinen verschwanden sie
zuerst, weil der von der Felsenwand zurückkehrende Luftstrom dort doppelt
wirkte. Da sahen wir Ahriman stehen. Er hatte sich hoch und gebieterisch
aufgerichtet und eine Pistole in der Hand, um das verabredete Zeichen zu geben.
Er schaute hinaus, über den See. Er sah nur Schatten, nichts als Schatten,
welche nun alle herangekommen waren und in dichtgedrängter Menge das Tal besetzt
hielten. Er sah nicht die Dschamikun auf den Höhen, weil sie sich hinter Felsen,
hinter Bäume und Sträucher verbargen. Und er sah, wie bereits erwähnt, auch
nicht unsere kanonenstarrende Aufstellung unten an der vordersten Ruinenmauer.
Darum gab er sein Signal; die Pistole krachte.
    Nun war er selbstverständlich überzeugt, dass die Schatten sofort von beiden
Seiten in das Dorf dringen würden. Das geschah aber nicht, jedenfalls zu seinem
grössten Erstaunen. Ihre Spitzen waren nahe genug herangekommen, um zu sehen, was
vor ihnen lag. Sie hatten beim Anblicke der ihnen entgegengähnenden Geschütze
ihre Bewegung eingestellt, und die Führer schienen sich zu beraten. Da schoss
Ahriman den zweiten Lauf ab und winkte mit beiden Armen, indem er laute Befehle
rief. Man sah seinen Bewegungen an, dass er zornig geworden war. Jedenfalls hatte
er befohlen gehabt, sein Zeichen zu erwidern, denn die Päderan gaben nun auch
ihre Schüsse ab, je einen auf beiden Seiten. Weiter vorzurücken aber unterliessen
sie, indem sie wiederwinkten und nach dem Dorfe zeigten. Ihre Schüsse schienen
ein vielstimmiges und nicht enden wollendes Echo erweckt zu haben, und Aller
Augen richteten sich nach oben, von wo es herunterklang. Da brannten die
Warnungsfeuer zwar noch, aber blass und fahl im Tageslichte. Die Wächter hatten
sich auf dem sichern Felsen am Alabasterzelte zusammengezogen und sagten uns
durch die Stimmen der mit hinaufgenommenen Gewehre, dass die Moräne zum Sturze
auszuholen beginne. Und zu gleicher Zeit griff nun der Hauptmann in die Szene
ein. Seine kommandierende Stimme erscholl. Auf seinen beiden Flanken donnerte je
ein Geschütz, für dieses eine Mal nicht scharf geladen, und die acht rund um den
See verteilten Kanonen fielen augenblicklich ein. Und nun sprangen auf allen
Höhen die Dschamikun hinter ihren Verstecken hervor und liessen ihre Stimmen
erschallen und ihre Gewehre ertönen. Das war wie ein einziger Schrei und wie ein
einziger Krach, unter dem das ganze Tal und der See in ihm erbebte. Dann trat
jene tiefe, den Atem an sich haltende Stille ein, welche nur entscheidenden oder
gar fürchterlichen Ereignissen voranzugehen pflegt.
    Kein Mensch, so weit man sah, schien sich bewegen zu können, mit Ausnahme
von nur einem. Das war der Chodj-y-Dschuna. Er ging nach dem Landeplatze, stieg
in das Boot und ruderte es so weit vom Lande ab, dass er von Ahriman gesehen
werden konnte. Dieser stand, noch immer hoch aufgerichtet, aber wie zu Stein
erstarrt, auf seinem Platze. Begriff er das, was vor ihm lag? Oder konnte er
überhaupt nichts mehr begreifen? Da erhob sich der brave Lehrer der Dschamikun
von der Ruderbank und rief mit weitin hörbarer Stimme zu ihm hinauf:
    »Ahriman! Die Sterbestunde deines Reiches naht. Die Mauern unter dir
beginnen schon, zu wanken, und über dir will die Lawine stürzen; man gab von
dort das Zeichen, dass sie kommt. Du willst dem Schah-in-Schah die Herrschaft
stehlen und - - -«
    Ein schmetterndes Gelächter schnitt ihm die Rede ab. Aber nicht der Mirza
lachte, der sich immer noch nicht regen zu können schien, sondern die Gul war
aufgesprungen, um in dieser Weise zu zeigen, dass das Weib in den Augenblicken
der Gefahr oft hoch über dem Manne stehe. Sie riss dem vollständig Ratlosen den
Säbel aus der Scheide, trat bis ganz an den Rand der hohen Mauer vor und schrie
herab:
    »Erzähle keine Fabeln, sondern schau dich nach der Wahrheit um! Die Lawine
will nicht erst kommen, sondern sie ist schon da. Sie wird Euch packen, sofort,
sofort! Heran, Ihr Leibscharen des neuen Schah- heran! Hier blitzt der Stahl;
ich rufe Euch zum Siege! Yallah103 - yallah - - yallah!«
    Sie schwang den Säbel hoch empor, indem sie diesen Ruf ebenso
hinausschmetterte, wie vorher das Gelächter und - - - war das tollkühne Absicht
oder die Folge des unvorsichtigen, zu weiten Vortretens? Sprang sie, oder
stürzte sie? Liess sie die Klinge fallen, oder hielt sie sie fest? Man konnte das
nicht unterscheiden, aber - - - bei dem dritten Yallah flog sie von der Mauer
herunter. Das sah genau so aus, als tue sie das, um durch diesen verwogenen
Sprung in die Feinde herunter die zögernden Schatten zum Angriff zu begeistern.
Und es wirkte!
    »Yallah, yallah!« riefen die Päderan, indem sie vorwärts stürmten. »Yallah,
yallah!« schrien die ihnen nachdrängenden Schatten. »Yallah - yallah - -
yallah!« brüllte es, weiterlaufend, rund um den ganzen See. Die beiden Kolonnen
drängten nach vorn. Da winkte der Chodj-y-Dschuna vom Boote aus dem Hauptmanne
zu. Dieser gab das Zeichen. Es wurde zu beiden Seiten gesehen, und die Geschütze
begannen, den Tod in die Feinde zu sprühen, nicht nur die zwölf im Duar, sondern
auch die übrigen acht.
    Der Donner der Kanonen riss den Mirza aus seiner Erstarrung. Er fuhr sich mit
beiden Händen nach dem Kopfe und trat, so wie vorher die Khanum, ganz an den
Rand der Mauer vor, um ihr nachzublicken. Aber unsere Augen wurden durch etwas
Anderes von ihm und von der Wirkung der Schüsse ab- und in die Höhe gezogen. Wir
konnten vom Beit-y-Chodeh aus das ganze abschüssige Terrain am Alabasterzelte
übersehen. Die Moräne hatte das lockere Geröll erreicht und schob es vor sich
her. Sie wuchtete selbst die grössten Blöcke aus, welche infolge ihrer Schwere
ins Rollen kamen und der eigentlichen Lawine vorausstürzten. Das geschah gerade
in der Pause nach dem ersten Krachen unserer Kanonen. Die Massaban schauten von
der Kampfesszene weg, hinauf nach der Bergeskuppe. Sie wussten von dem Aschyk,
dass ein Bergsturz erfolgen werde, und als sie nun Stein auf Stein
herniederfallen sahen, ergriffen sie schleunigst die Flucht. Der Duar lag zu
nahe am Berge; von ihm aus konnte der Eintritt der Katastrophe noch nicht
bemerkt werden. Aber den Schatten draussen am Wasser musste er unbedingt in die
Augen fallen. Sie hielten im Vordrängen wieder inne. Sie schrieen nicht mehr
»yallah«, sondern ganz anders. Sie richteten ihre Blicke nicht nach vorn,
obgleich da unsere Geschütze weiterdonnerten, sondern nach oben, wo die Moräne
sich am Felsen des Zeltes in zwei breite, wirbelnde Ströme geteilt hatte und nun
herniederschoss. Noch ehe sie unten auftraf, erscholl von allen Punkten des Tales
ein vieltausendstimmiger Schrei, dann - -
    Das war kein Krach, den es gab, kein Schlag, kein Knattern und Prasseln,
kein Dröhnen und Rasseln, kein Knirschen und Tosen, kein Brausen und Sausen,
kein Zerbersten, Zerspringen und Zerplatzen, kein Knallen, kein Beben, kein
Zittern, kein Rollen, und doch aber war es dieses Alles, Alles, Alles, aber in
so entsetzlicher und betäubender Weise vereint, dass es ganz unmöglich
beschrieben werden kann. Die Wucht des Sturzes dieser schweren Massen erregte
einen Luftdruck, der uns hier hüben wie ein unsichtbarer Schlag an die Köpfe
traf, drüben aber Alles, was da stand, zu Boden warf. Ahriman Mirza wurde von
der Mauer hinweg und weit in die Luft hinausgeblasen. Wohin er fiel, das sahen
wir nicht, weil aus der höllischen Verwirrung eine Staubwolke aufstieg, welche
zunächst die ganze Ruinenseite des Tales verhüllte und sich dann in der Weise
weiter verbreitete, dass wir nur mit Vorsicht atmen konnten. Die Atmosphäre wurde
in solcher Höhe und Weite von diesem Staube erfüllt, dass noch einige Tage später
der Bergwald am äussersten Ende des Sees aus Grün in Grau verwandelt lag. Das
Auftreffen der Lawine hatte eine Bodenerschütterung zur Folge, die als Zittern
weiterlief und von einem Geräusch begleitet wurde, als ob ein Kegeljunge alle
seine Kugeln auf der Laufrinne hinunterrollen lasse.
    Obgleich wir auf dieses Ereignis vorbereitet gewesen waren, konnten wir uns
dem Eindrucke seiner elementaren Gewalt doch nicht entziehen. Wie musste es da
erst bei Denen wirken, die es unerwartet traf! Wir sahen das zwar nicht, aber
wir hörten umso mehr. Das war kein Lärm, der zu uns heraufdrang, sondern ein
überlaut zeterndes Getöse. Menschliche Stimmen erschallten in jeder Klangfarbe
des Entsetzens. Pferde wieherten überall, aber in einer mir bisher ganz fremden
Weise. Kamele brüllten; Hunde heulten. Auch im Walde wurde es laut. Die ganze
Tierwelt, die zahme und die wilde, schien sich in der grössten Aufregung zu
befinden. Wir mussten hin zum Aschyk eilen, weil unsere Pferde durchgehen
wollten.
    Als wir sie beruhigt hatten und wieder an unsern Platz kamen, stiess der
Ustad einen Ruf der Ueberraschung aus, indem er dort hinüber deutete, von woher
die Lawine gekommen war. Auch wir staunten, Kara und ich. Die Staubwolke hatte
nicht bis zur Bergeskuppe steigen können, und hier bei uns begann sie, dünner zu
werden. Darum sahen wir zwischen den beiden Wegen, welche die Moräne genommen
hatte, einen freien, nackten, starken Felsenarm weit in die Luft hinausragen, in
dessen gewaltiger Faust die glänzend weiss blinkende Alabasterkrone ruhte. So,
genau so hatte ich es mir gedacht, als ich mich zum ersten Male auf dem See
befand104. Meine damalige Idee war also keine schnell und spurlos zerplatzende
Gedankenblase gewesen!
    Wie da drüben die eine Lawine niedergegangen war, so schickte sich nun auch
die andere, die kriegerische, an, zu Tale zu rollen. Ueberall, wo der Staub es
nicht verhüllte, sahen wir, dass die Dschamikun die Höhen verliessen, um in die
von der Katastrophe unterbrochene Aktion einzugreifen. Es war vorherbestimmt
worden, dass sie nach den ersten Kanonensalven sich unter guter Deckung an die
Schatten machen sollten, um sie unter ihr Gewehrfeuer zu nehmen, welches bei den
hier gegebenen Verhältnissen denselben Erfolg haben musste wie ein Hagelwetter
auf ein schutzlos stehendes Feld. Dann hatte die zu beiden Seiten des Duar
versteckte Reiterei hervorzubrechen, um die Uebriggebliebenen niederzurennen
oder, einer unheilvoll wirkenden Schaufel gleich, in den See zu werfen.
    Wir erwarteten, dass das Schnellfeuer dieser tausende von Schützen jetzt
beginnen und mit seinem ununterbrochenen Rollen jedes andere Geräusch
verschlingen werde, bekamen aber nichts zu hören, als das dumpf herauftönende
Stampfen eilig laufender Pferde. Kein Schuss wollte fallen, weder aus einer
Kanone noch aus einem Gewehre. Was war das? Welchen Grund hatte dieses für uns
rätselhafte Schweigen?
    Unser Freund, der Morgen, beantwortete uns diese Frage. Wie vorher in die
Nebel, so fuhr er mit seinem Winde nun auch in die Staubwolke. Er trieb sie vom
See hinweg nach dort, woher sie gekommen war, nach den Ruinen, und drückte sie
derart gegen die Felsenwand, dass sie zu ersticken begann. Das Tal lag infolge
dessen vollständig frei vor unsern Augen, und da erkannten wir, dass uns unser so
wohlüberlegter Plan auf das Gründlichste verdorben worden war. Wir sahen
einander an und wussten nicht, ob wir lachen oder uns ärgern sollten.
    Wie lächerrlich von uns, geglaubt zu haben, dass die Schatten unter dem
Schutze des Alles verhüllenden Staubes unsern Kanonen Stand halten würden! Sie
waren nämlich gar nicht mehr da, diese unstäten, schreckhaften Memmen! Wo
Lawinen stürzen, bleiben nur herzhafte Männer stehen, nicht aber feige Gesellen,
denen das Rückgrat fehlt! Wie aber war das gekommen? Und wie hatte es geschehen
können, dass eine so dicht zusammengedrängte Menge sich zu entfernen vermochte,
ohne unter sich selbst auch nur eine Spur von Verwirrung anzurichten? O, sehr
einfach und leicht! So kompakt sich ihre Masse vorerst zusammengeschoben hatte,
es war doch schnell, sehr schnell Platz geworden. Die Hintertreffen hatten
gleich bei den ersten Kanonenschüssen das Weite gesucht, denn für eine so grobe
Behandlung ist kein Schatten zu haben. Dadurch waren ganz naturgemäss neue
Hintertreffen entstanden, welche ganz derselben Meinung waren und auch ganz
dasselbe taten; sie machten ebenso Kehrt. So hatte sich ein Hintertreffen nach
dem andern gemütvoll abgelöst, um heimlich nach rückwärts zu gehen. Wir sahen
diese einzelnen Geschwader schon ausserhalb des Tales reiten, um sich dort
einträchtig und wohlbehalten wieder zusammenzufinden. Wenn auch nicht ganz, aber
doch so ziemlich nahe befanden sich nur noch die beiden lieben Vordertreffen.
Sie hatten ganz unerwartet und zu ihrem grössten Erstaunen bemerkt, dass sie nun
nicht mehr vorn, sondern hinten waren, und sich augenblicklich umgedreht, um
wieder nach vorn zu kommen. Ihre Pferde waren es, deren galoppierenden Hufschlag
wir gehört hatten. Sie strebten soeben von beiden Seiten dem Zelte Ahriman
Mirza's zu und jagten, als ob ihnen unsere ganze Macht im Nacken sässe.
    »Schatten!« sagte der Ustad in einem Tone, als ob es ihn ekele. »Und mit
solchem Gesindel will man nicht nur uns, sondern sogar dem Schah-in-Schah
imponieren! Wie töricht von uns, solche Vorbereitungen zu treffen, wo es sich
jetzt herausstellt, dass es keines einzigen Mannes von uns bedurfte. Fast schäme
ich mich!«
    Wir sahen, dass man unten im Duar ebenso erstaunt war, wie wir hier oben,
doch zögerte man nicht, sich der neuen Situation sofort anzubequemen. Die
Reiterei brach hervor, um die Verfolgung aufzunehmen. Drüben erschien der auf
dem Nordwestwege versteckt gewesene Scheik von Schohrd mit seinen Leuten, und
ihm folgte Ibn el Idrak mit den Takikurden, die er hatte anmelden lassen. Hüben
brachen die südlichen Dschamikun aus dem Wege nach dem Tale des Sackes hervor,
hinter ihnen die Dinarun, von ihrem Scheike angeführt. Sie ritten, was ihre
Pferde nur laufen konnten, auf der Rennbahn zu beiden Seiten des Wassers hin, um
die Schatten den vereinigten Kalhuran und nördlichen Dschamikun entgegen zu
treiben. Auch der Hauptmann der Leibgarde warf sich auf sein Pferd; der
Chodj-y-Dschuna ebenso. Dschafar Mirza eilte nach dem Hause hinauf, um sich
beritten zu machen. Die Dschamikun alle, welche im Niedersteigen begriffen
gewesen waren, kehrten schnell wieder um, weil sich jenseits der Höhen die
Plätze befanden, wo ihre Pferde einstweilen untergebracht worden waren. Von dort
aus war es ihnen leicht, im Osten hinabzukommen und die Umzingelung der Schatten
zu verstärken. Es schien, als ob Jedermann von einer Art von Verfolgungsfieber
ergriffen worden sei, ausgenommen die Leute des Schah-in-Schah, welche nun nach
der Entfernung des Hauptmannes ein Najyh-y-Aewwäl105 kommandierte.
    Auch wir fühlten uns nicht berufen, wegen fliehender Schatten unsere Pferde
anzustrengen; wir blieben. Zudem wurden wir von dem Anblicke festgehalten, den
der Ruinenplatz jetzt bot. Die Lawine war, wie bereits erwähnt, in zwei Hälften
herabgestürzt. Die beiden hohen, gewaltigen Erd- und Steinhaufen, welche sich
hierdurch gebildet hatten, lagen im Hintergrunde vereinigt, vorn aber nicht. Es
gab da eine schmale Einbuchtung der Trümmer, durch welche die Tür zum
Allerheiligsten freigelassen worden war. Dort hatte ein Teil der Massaban
gestanden, um den geheimen Gang zu bewachen. Wie sich später herausstellte, war
es ihnen gelungen, sich durch die Flucht zu retten und einstweilen zu verbergen.
Und doch gab es Leute dort. Sie traten aus der Tür, Einer nach dem Andern, und
zeigten durch ihre Bewegungen, wie sehr sie über den Anblick erschraken, der
sich ihnen bot. Es folgten Mehrere, und als sie weiter nach vorn kamen, sahen
wir, dass es unsere Leute waren, welche in dem Gang postiert gewesen waren, um
die Ultra-Taki nicht hindurchzulassen. Sie hatten das Aufschlagen der Lawine und
die erdbebenartige Erschütterung sehr deutlich gespürt und einen Kameraden
herausgeschickt, um nachzusehen, was geschehen sei. Er meldete es ihnen, und nun
kamen sie Alle, um sich zu retten. Sie wussten ja, dass die Säulen unter den
Ruinen einzubrechen begannen, und waren überzeugt, dass die Decke die
niedergestürzten Massen nicht zu tragen vermöge. Wenn sie einbrach, so musste
Jeder, der sich im bedrohten Teile des Ganges befand, verloren sein. Darum
hatten sie sich geflüchtet und beeilten sich, in der schnellsten Weise herunter
in den Duar zu kommen.
    Hinter ihnen erschienen die eingeschlossenen Taki, Allen voran der Selige,
der Heilige, der Imam und die Generale. Sie waren sehr wohl bedacht gewesen, die
Gefahr des Kampfes zu meiden, und aber nun in eine viel grössere geraten. Wie
behend sie klettern konnten! Wie sie sprangen und rannten, ganz gegen alle
früher gezeigte Würde! Nur um den lieben, irdischen Leib in Sicherheit zu
bringen! Nach diesen drängten sich die Andern aus der Tür, alle die Feinde, die
wir bei den Taki hatten. Sie schoben sich; sie stiessen sich; sie trieben
einander mit den Fäusten vorwärts. Ihre Zahl wuchs mehr und mehr. Und wie sie so
dem Dunkel der Erde entquollen und schreiend, fluchend, stolpernd, über einander
stürzend, in sinnloser Hast zu entrinnen und nur zu entrinnen suchten, kamen sie
mir vor wie fliehende Ratten, welche von ihrem Schiffe nichts mehr wissen
wollen, weil es zu sinken beginnt. Sie waren so voller Angst und so Hals über
Kopf verwirrt und verschüchtert, dass sie sofort Alles, was sie an Waffen bei
sich trugen, wegwarfen, als der Oberleutnant ihnen unten entgegentrat und sagte,
dass er sie als Feinde gefangen zu nehmen habe. Trotz dieser Bereitwilligkeit
aber erklärten der Selige, der Heilige, der Imam und die beiden Generale, sofort
mit dem Ustad sprechen zu müssen. Weder sie noch die hier anwesenden Taki hätten
je irgend Etwas gegen uns unternommen, und es sei also eine schreiende
Ungerechtigkeit von uns, sie als Gefangene zu betrachten und zu behandeln. Als
sie hörten, dass der Ustad hier oben am Beit-y-Chodeh sei, verlangten sie,
hinaufgeführt zu werden, damit diese wichtige Sache sogleich entschieden werde.
Er hielt es für keinen Fehler, auf dieses Verlangen einzugehen, und so sandte er
uns die ganze Cohorte zu, von einer Anzahl Leibgardisten als Wache begleitet.
    Als sie oben anlangten, kamen sie alle in den Tempel herein und stellten
sich hinter uns auf. Der Selige trat vor, um zum Ustad zu sprechen; dieser aber
forderte ihn auf, jetzt noch zu schweigen und hinüber nach den Ruinen zu sehen,
wo soeben ein Anderer zu sprechen beginne, der über allen Seligen erhaben sei
und dessen Rede man nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen bekommen werde.
    Er hatte mit diesen Worten nicht zuviel gesagt, denn was sich jetzt da
drüben vorbereitete, musste Jeden, der es sah, mit Grauen erfüllen. Es war im
Osten vollständig morgenrot geworden, und die Sonne stand dem Aufgange nahe. Die
Alabasterkrone hoch oben lag bereits in vollster, goldiger Glut. Sie flimmerte
wie von millionen Diamanten und Rubinen. Aber tief unter ihr war es unheimlich,
denn da begann es, sich zu regen und zu bewegen, und man konnte doch nicht
deutlich erkennen, wo und wie. Es war wie ein langsames Wiegen hin und her. Hier
und hier und dort und da schütterte und verschwand der Boden in sich hinein, in
die Tiefe, wie durch sich bildende Schächte. Wir hörten einen Knall, als ob die
Erde von innen heraus auseinandergesprengt werde. Es folgte ein steinernes
Knacken und Prasseln, wie von einem gigantischen Ungeheuer, welches Berge
verzehrt und die Felsenknochen derselben mit den Zähnen zermalmt. Und da - da -
- da tat sich vor unsern Augen da drüben ein furchtbarer Rachen auf, und begann,
die Ruinen mitsamt den herabgestürzten Höhenmassen zu verschlingen!
    Und während sie in diesem heisshungrigen, gefrässigen Schlund verschwanden,
schoss ihm das emporgetriebene Wasser der Tiefe über die Lefzen und wurde zu
gleicher Zeit mit einer solchen Gewalt aus dem Kanal in den See gepresst, dass es
sich wie ein beutegieriger, springender Leviatan über seine Fläche stürzte und
erst weit draussen verendend niedersank.
    Wir aber achteten weder auf den jetzt plötzlich in hohen Wellen gehenden
See, in den sich der ganze Inhalt der unterirdischen Bassins zu ergiessen hatte,
noch auf sonst etwas Anderes, sondern nur auf eine einzige Stelle, die unsere
Aufmerksamkeit in fast wunderbarer Weise gefangen nahm. Wir sahen von den Ruinen
nur noch die vordere Mauer. Alles, was hinter und über ihr gelegen hatte, war
verschwunden, in ein vollständig ebenes Feld verwandelt, fast genau so, wie es
von der Kirchenzeichnung des Ustad dargestellt wurde. Und grad da, wo auf dieser
Zeichnung im Hintergrunde der Säulenhalle das leere Postament stand, leuchtete
uns die herrliche Alabastergestalt des durch die Katastrophe nun endlich
erlösten »verzauberten Gebetes« entgegen. Vom dunkeln Hintergrunde der Nische
uns doppelt hell gezeigt, streckte es seine emporgehobenen Arme dem Aufgange der
Sonne entgegen, um mit offenen Händen den Segen zu nehmen und zu spenden, in den
der tausendjährige Fluch verwandelt worden war. Und wie sie nun emporstieg, die
ersehnte Sonne, so kam ihr Licht von der funkelnden Alabasterkrone hernieder,
wie auf Engelsschwingen getragen, die sich hold und froh zur Erde senken. Sie
küsste die Stirn, die Wangen, den Mund des genau unter dieser Krone stehenden
Gebetes und floss dann über das ganze Tal, um zu verkünden, dass es bisher nur
Morgen gewesen, nun aber endlich und wirklich Tag geworden sei.
    Der Ustad sprach kein Wort. Er hatte meine Hand ergriffen und drückte sie
mir so, dass es allerdings keiner Worte bedurfte, ihn zu verstehen. Umso lauter
waren die hinter uns Stehenden. Ihr Dogma zwang sie, die auf so rätselhafte
Weise erschienene Figur als einen Greuel zu betrachten, denn Allah hat verboten,
von beseelten Wesen Bilder anzufertigen. Wer vor Bildern betet, ist ein
Götzendiener. Wer aber gar Bilder selbst beten lässt, der ist ein Gotteslästerer,
wie es keinen grössern geben kann. Sie sagten das ganz ungeniert und in so
scharfen Ausdrücken, dass ich die Selbstbeherrschung des Ustad bewunderte, der
sich zu ihnen umdrehte und sie fragte, was sie eigentlich hier an dieser Stelle
zu suchen hätten. Da öffnete der Selige den Mund und hielt seine Rede, deren
Grundgedanke die Behauptung war, dass kein Einziger von ihnen jemals daran
gedacht habe, irgend etwas Feindseliges gegen die Dschamikun zu unternehmen. Sie
seien keine Feinde und also augenblicklich freizulassen. Zur Bekräftigung gebe
er im Namen Aller sein Ehrenwort, dass er die Wahrheit gesprochen habe.
    »Im Namen Aller? Wirklich?« fragte der Ustad, indem er sie anschaute und
sein Auge auf jedem Einzelnen ruhen liess.
    Da erhoben sie ihre Hände zum Zeichen der Bejahung, keiner von ihnen
ausgenommen. Der Ustad nickte mir und Kara zu, ihm zu folgen. Er ging, ohne
Antwort zu geben. Wir bestiegen unsere Pferde und ritten nach dem Duar. Unten
angekommen, teilte er dem Oberleutnant mit, dass die Gefangenen frei seien, aber
das Gebiet der Dschamikun sofort zu verlassen hätten.
    »Frei?« rief Kara, der sich doch nicht halten konnte, fast zornig aus. »Sie
haben ja bei ihrer Ehre gelogen, alle, alle! Der Selige, der Heilige, der Imam,
die Generale und sämtliche Taki, vom Ersten bis zum Letzten!«
    »Das weiss ich ebenso gut, wie sie es selbst auch wissen,« antwortete der
Ustad lächelnd. »Aber grad darum gebe ich sie frei, denn solche Ehrenmänner
möchte ich nicht einmal als Gefangene bei mir haben! Verstehst du mich nun?«
    Das Erste, was wir nun taten, war, uns nach Ahriman Mirza und der Khanum Gul
zu erkundigen. Denn dass die Katastrophe mit den Ruinen zugleich auch den Scheik
ul Islam vernichtet hatte, das bedurfte ja keiner Frage. Der Oberleutnant sagte,
dass wir im Hofe des Chodj-y-Dschuna die Antwort finden würden. Dort angekommen,
sahen wir Beide. Die Khanum war tot, in den Säbel gestürzt. Der Mirza sass neben
ihr, unbeschädigt am Körper, aber mit stumpfem Gesicht und leeren Augen. Er
kannte uns nicht mehr. Er schien auch sich selbst nicht mehr zu kennen und
leierte, wir mochten sagen, was wir wollten, nur immer und immer den Satz vor
sich hin: »Ahriman Mirza ist der Fürst der Schatten, und wenn er stürzt, ist es
mit ihnen aus. Ahriman Mirza ist der Fürst der Schatten, und wenn er stürzt, ist
es mit ihnen aus - - -!« Der Ustad hat es also erreicht: Ihn nur mit dem einen
Worte »Chodem«, am richtigen Orte und zur rechten Zeit angewendet, aus der
»Schablone« herausgetrieben, die nichts und nichts als Lüge war! Da hatten wir
sie vor uns, nicht die seidene, sondern die eigentliche schwarze Larve des
Aemir-y-Sillan. Und dieses psychologische Präparat wurde nun durch die Macht des
Verhängnisses gezwungen, nichts und nichts weiter mehr zu tun, als die bisher so
sorgfältig verhüllte Wahrheit ganz offen und nur immer und immer vor sich
herzuleiern!
    Als wir aus dem Hause traten, trafen wir auf Agha Sybil und die Seinen,
welche vor dem Nahen der Schatten ihr vollständig ausverkauftes Zelt abgebrochen
und sich hinauf zu uns geflüchtet hatten. Sie kehrten zu dem verlassenen Platz
zurück. Auch kamen von allen Seiten die Angehörigen der Festgäste und die Frauen
und Kinder unserer heimischen Dschamikun herbei. Sie hatten sich
selbstverständlich zurückziehen müssen und nun aber die Nachricht erhalten, dass
sie sich wieder einstellen könnten. Man kann sich das Erstaunen denken, als sie
die Veränderung sahen, welche mit dem Ruinenplatze vor sich gegangen war. Wir
warnten sie, die gern sogleich hinaufgestiegen wären. Ehe man dies wagen konnte,
hatte sich die Masse erst noch zu beruhigen und zu senken. Zugleich langten
diejenigen von unsern Leuten an, mit denen an der andern Seite des Berges der
geheime Gang von aussen besetzt worden war. Auch sie hatten die Detonationen
gehört und die Erschütterung der Erde gespürt. Als sie dann später bemerkten,
dass sich die Ultrataki gar nicht mehr in dem Gange befanden, hatten sie
geglaubt, ihren Posten verlassen zu dürfen. Sie kamen eben von der einen Seite
in den Duar, als die von ihnen eingeschlossen Gewesenen von der andern, der
Seite des Tempelberges, sich näherten. Diese Letzteren gingen mit würdevoll
abgemessenen Schritten und hochgetragenen Häuptern stolz zwischen den Dschamikun
hindurch, um jenseits in der Schlucht des Baches zu verschwinden! Den Ersteren
aber sagte der Ustad, dass die nicht gebrauchten Signalflammen sich heut Abend in
Freudenfeuer zu verwandeln hätten, wobei auch die verteilten Fackeln mit zu
verwenden seien. Das brachte die schnellste Bewegung auch in die Menge der
Frauen und Kinder. Man ging sofort an das Werk, alles vorhandene Brennmaterial
zusammenzusuchen und die Zahl der Holzstösse zu vermehren, denn heut Abend müsse
es im Tale so hell wie am Tage sein.
    Hierauf wurde beschlossen, einen Ritt um den See zu machen, um nach den
gefallenen Schatten zu sehen. Sie lagen nur an den Stellen, welche von den
Kanonen bestrichen worden waren. Wir fanden nicht nur den Vertrauten des Mirza,
sondern auch sämtliche Pädäran, welche an jenem Sonntage des Gottesdienstes mit
dem Mirza und dem Henker als Bluträcher zu uns gekommen waren. Der Ustad
beschloss, diese Leichen alle den Ultra-Taki hinüberzuschicken, um nach dem von
dem Scheik ul Islam vorgeschriebenen Dogma und Ritus begraben werden zu können.
Das solle eine Todeskarawane werden, welche wirkliche Verstorbene, nicht aber
Gewehre für Empörer transportiere.
    Als wir das andere Ende des Sees erreichten, stand das Zelt Ahrimans
verlassen, gänzlich menschenleer. Wir gingen hinein. Es war fürstlich
ausgestattet. An der hintern Wand stand zwischen einem Diwan und einem langen
Speiseserir eine köstlich gearbeitete, verschlossene Truhe. Ueber ihr hing ein
kleines Bild und ein vergoldeter Schlüssel dabei. Der Ustad trat hinzu, um
nachzusehen, was für ein Bild es sei. Kaum fiel sein Blick darauf, so stiess er
einen Ruf der Ueberraschung aus. Er nahm es herab und ging zum Eigang, um besser
sehen zu können. Dann öffnete er vorn sein Gewand und zog eine Perlenkette unter
demselben hervor, an welcher auch ein Bild, von ganz derselben Form und Grösse,
hing. Er hielt beide neben einander, um sie zu vergleichen. War das seinige
vielleicht dasselbe Bild, von welchem Pekala mir erzählt hatte, dass er es an
einem einzigen Tage des Jahres auf seinem härenen Gewande trage?
    Nach einiger Zeit kehrte er zur Truhe zurück und versuchte, ob der Schlüssel
passe. Es war der richtige. Sie schien nur Papiere zu entalten. Er griff hinein
um zu sehen, was für welche. Er las, griff weiter und las wieder. Dann drehte er
sich zu mir herum und sagte:
    »Befremdet es dich, wenn ich Euch bitte, mich jetzt zu verlassen? Ich muss
allein sein, muss suchen und lesen. An der Verfolgung der Schatten beteiligte ich
mich nicht; sie widerte mich an. Nach dem aber, was ich hier sehe, möchte ich,
dass keiner von ihnen entkomme, kein einziger. Ich habe sie alle zu fassen, alle,
und dem Beherrscher auszuliefern. Das Reich muss frei werden von ihnen, gänzlich
frei! Darum bitte ich Euch, reitet unsern Leuten nach, und sorgt dafür, dass man
ja nicht nachsichtig oder gar sorglos verfahre! Ich vermute, dass ich lange
Stunden brauche, bis ich hier fertig bin; für mich habt Ihr Euch also mit Eurer
Rückkehr nicht zu beeilen.«
    So stiegen wir Drei also wieder auf und ritten nicht nach dem Duar zurück,
sondern nach Osten, gegen die Pässe. Die dortin führende Ebene lag frei. Kein
Mensch war auf ihr zu sehen. Die sehr flüchtig berittenen Schatten hatten keine
Nachzügler oder gar Marode zurückgelassen, und die Verfolger waren ebenso
schnell hinterher gewesen. Als wir in der Nähe des Gebirgszuges angekommen
waren, sahen wir, dass man sich geteilt hatte, um gleichzeitig durch beide Pässe
zu gehen. Wir wählten den südlichen, den des Hasen, durch welchen Kara damals
mit Tifl geritten war. Auf seiner Höhe angekommen, sahen wir die herrenlose,
steppenähnliche Fläche unter uns liegen, auf welcher Kara den von den
Bluträchern gejagten Scheik der Kalhuran und seine Frau gerettet hatte. Sie war
die festgeschlossene Falle, in welcher sich die Sillan jetzt befanden.
    Sie bildete ein grosses, von der Natur mit Bergeszügen abgeschlossenes
Viereck, dessen Seiten folgendermassen besetzt waren: Auf der Westseite, also
grad unter uns, die Duardschamikun, die Gewappneten von Schohrd und die
verbündeten Taki; auf der Nordseite alle unsere männlichen Festgäste, welche zur
rechten Zeit gekommen waren, mit eingreifen zu können; im Osten die nördlichen
Dschamikun und die Kalhuran, und im Süden die südlichen Dschamikun mit den
Dinarun. Die Einschliessung war also ausserordentlich exakt und genau so
ausgeführt worden, wie der Ustad sie entworfen hatte. Die Schatten befanden sich
in der Mitte; keiner fehlte. Sie kamen nicht auf den Gedanken, sich zu einer
Phalanx zu vereinigen, um einen Durchbruch zu versuchen, denn dazu waren sie zu
feig, sondern sie ritten in getrennten Trupps oder Rudels ganz ratlos hin und
her und liessen sich immer enger zusammenschnüren.
    Unweit der Stelle, an welcher der Hasenpass in die südwestliche Ecke der
Falle mündete, hatten sich unsere sämtlichen Führer zu einer Beratung
zusammengefunden, zu welcher sich soeben auch der Scheik der Kalhuran von dem
entferntesten Punkte unserer Aufstellung einstellte. Wir ritten hinab. Es war
aber ein sehr steiler Weg, und wir schonten unsere Pferde. Darum kamen wir erst
unten an, als diese kurze Besprechung soeben zu Ende war. Der Scheik der
Kalhuran, der die Gegend genau kannte, hatte einen Vorschlag gemacht, welcher
einstimmig angenommen worden war. Es handelte sich um die beste Art und Weise,
in welcher die Schatten schnell zu entwaffnen und dann leicht zu bewachen seien.
Ich fügte da nachträglich den Befehl des Ustad hinzu, ja Niemand entkommen zu
lassen. Nun gab es drüben an der nördlichen Seite eine grosse, weite Felsenkluft,
deren Wände so steil und so hoch waren, dass kein Mensch an ihr emporsteigen
konnte. Sie war nur durch einen schmalen Riss zugänglich, welcher hier heraus auf
unsere Ebene mündete. Die Schatten mussten nach diesem Risse getrieben und dort
entwaffnet werden. Waren sie dann in der Kluft, so gab es für keinen Einzigen
ein Entrinnen.
    Die Anführer kehrten infolge dieses Beschlusses an ihre Plätze zurück, um
der Aufstellung die erforderliche neue Gestalt zu geben, was sehr schnell
geschehen konnte, weil mehr als genug Platz zu den erforderlichen Bewegungen
vorhanden war. Unser bisheriges Viereck verwandelte sich in ein Dreieck, dessen
offene Spitze nach der Kluft führte. Als dies geschehen war, wurde der Feind auf
diese Spitze zugedrängt. Wir sahen, dass er zögerte, diesem Stosse zu folgen. Es
schien, dass er endlich nun einmal den Mut fasse wenigstens so zu tun, als ob er
die Absicht habe, sich zur Wehr stellen zu wollen. Da machte der energische
Scheik von Schohrd kurzen Prozess. Er gebot seinen Gewappneten, blank zu ziehen,
setzte sich mit entblösstem Schwerte an ihre Spitze, ritt mit ihnen bis ganz an
die Schatten heran und begann, zu sprechen. Wir konnten nicht hören, was er
sagte, aber es hatte den beabsichtigten Erfolg: Die Hinteren drängten
unwiderstehlich nach vorn, und die Vorderen rückten weiter. Da auf der Flucht
die vorn Befindlichen niemals die Mutigen sind, so sahen sie sehr vernünftiger
Weise ein, wie überlegen wir ihnen waren und dass Widerstand nichts als nur
Dummheit sei. Sie stiegen ab, lieferten ihre Waffen und Pferde aus und
verschwanden dann in der Kluft.
    Das Beispiel wirkt, und was der Eine kann, das kann der Andere auch! Während
wir von den andern Seiten immerfort nachdrängten, gab es auf der Ostseite mehr
als vollauf zu tun, die erbeuteten Waffen und Rosse aus der Linie zu bringen.
Aber der einzige Zugang zu dem Massengefängnisse war so schmal, dass die
Unterbringung der Schatten viel langsamer vor sich ging, als wir es wünschten.
Uebrigens nahmen sie ihr Schicksal nicht sehr tragisch auf. Schatten denken ja
heut so und morgen so! Als es ihnen mit der Zeit im Sattel zu unbequem wurde,
stiegen sie ab und machten es sich auf der Erde gemütlicher. Und wenn dann
unsere Leute kamen, um die Pferde wegzunehmen, so bekamen sie die Gewehre,
Pistolen und Messer ganz ohne Widerrede obendrein. So kam es, dass wir die Beute
schon alle beisammen hatten, als noch fast die Hälfte der Schatten im Freien
sassen und darauf warteten, untergebracht zu werden.
    Was diese Beute betraf, so hatte der Ustad im Namen sämtlicher Dschamikun
auf sie verzichtet. Sie sollte nur unsern Verbündeten zufallen, und diese
ernannten sogleich an Ort und Stelle eine Kommission, welche die einzelnen
Stücke zu taxieren und gerecht zu verteilen hatte. Das geschah denn auch, und
grad als der letzte Schatten in der Ritze der Kluft verschwunden war, hatte auch
das letzte ihrer Pferde seinen neuen Herrn bekommen und die letzte ihrer Waffen
ihre neue Stelle gefunden. Da war es nun aber auch beinahe Abend.
    Die Bewachung der Gefangenen wurde den Kalhuran anvertraut, von deren Scheik
man sicher sein konnte, dass er dieser seiner Pflicht genügen werde. Was hier nun
noch zu geschehen hatte, konnte mir gleichgültig sein. Darum beschloss ich,
heimzureiten, und Dschafar Mirza gesellte sich zu demselben Zweck zu uns. Da
sahen wir weit draussen im Osten einen Kamelreiter kommen. Sein Tier war kein
gewöhnliches. Es entwickelte eine Schnelligkeit, welche Dschafar zu dem Ausrufe
veranlasste:
    »Das kann nur ein Eilbote sein! Vielleicht wieder vom Schah-in-Schah!«
    Er hatte ganz richtig vermutet. Wir ritten so, dass der Mann auf uns treffen
musste, und erfuhren da, dass er vom Beherrscher komme und je einen Brief an
Dschafar Mirza und an den Ustad der Dschamikun habe. Der Erstere bekam seinen
Brief und las ihn sofort. Es war ein langer, schmaler, starkbesiegelter Zettel
dabei. Dschafar lächelte, sagte aber jetzt noch nichts. Wir ritten weiter, mit
dem Kuriere Schritt haltend. Aber meinem Syrr schien der Geruch des Kamels
unangenehm zu sein. Er schüttelte den Kopf wie gegen einen lästigen
Mückenschwarm und drängte seitwärts ab. Das half nicht genug. Da bäumte er sich
unwillig auf und setzte sich dann in einen Galopp, der mich weit, weit eher als
die Andern vor das Zelt Ahriman Mirzas brachte. Der Ustad war noch da. Er sagte,
dass er soeben erst mit dem Lesen fertig geworden sei und mir erst morgen
mitteilen werde, was er hier so ganz unerwartet gefunden habe. Ich erzählte ihm,
in welcher Weise die Schatten entwaffnet und untergebracht worden waren, und
dann kam der Kurier, welcher das Schreiben abgab.
    Es war inzwischen so dunkel geworden, dass wir im Zelte Licht anbrannten,
damit der Ustad es lesen könne. Es entielt zwei Bogen, beide mit dem Siegel und
der eigenhändigen Unterschrift des Beherrschers. Den einen gab er mir mit dem
Bemerken, davon Gebrauch zu machen, sobald es mir beliebe. Es war - - - die
volle, bedingungslose Begnadigung des Aschyk. Den andern steckte er ein, ohne
jetzt schon über seinen Inhalt zu sprechen. Es war ihm zunächst um den Transport
der Truhe zu tun, die er unmöglich hierlassen könne. Es sei nicht nur Wahnsinn,
sondern geradezu Verrückteit, derartige Papiere nicht besser aufzubewahren als
der Prinz. Da erbot sich der Kurier, die Truhe mit auf sein Kamel zu nehmen. Er
musste ja mit nach dem Duar, um dort zu warten, bis der Bericht des Ustad und die
Antwort Dschafars fertig waren. Sie wurde ihm hinaufgegeben und oben
festgebunden, und dann ritten wir heim.
    Heim! Ja, es ist Heimatsgefühl, welches mir dieses Wort aus der Feder
fliessen lässt. Wer sich bei guten Menschen nicht daheim fühlt, für den gibt es
überhaupt keine Heimat, weder hier noch dort. Er hat sie sich erst zu - - -
ersühnen! Und wer da nicht weiss, dass es auch geistige und seelische Stätten
gibt, welche köstlicher und heiliger sind, als jedes irdische Vaterhaus, der ist
ärmer als selbst der Bettler, dem die kleinste Herberge einen Platz zum Ruhen
gewährt. Zu so einer heiligen Stätte war mir das Haus des Ustad geworden, und
der Duar hier im Tal zu einem Wohnsitz von lieben Verwandten. Darum war der Tag
ihrer Befreiung von Schatten und Schemen nicht bloss für sie, sondern auch für
mich ein Freudentag, und ich horchte froh auf, als jetzt ganz da vorn eine
krachende Salve von allen Kanonen ertönte und mit ihrem Donner die Feuer der
Höhen erweckte.
    Wir ritten langsameren Schrittes, um den sich entwickelnden Anblick hastlos
zu geniessen. Da stiegen zuerst drüben am Beit-y-Chodeh die Flammen auf, als ob
dort ein Jesaias stehe, der sein »Mache dich auf, und werde Licht!« in
Feuergluten erschallen lasse. Und das ganze Tal gehorchte; die Berge »machten
sich auf«, und auf allen Höhen »wurde Licht«. Und hoch über diesen Bergen
zündete auch das Firmament jetzt seine Leuchten an und liess das »Licht von oben«
niedersteigen. Die Alabasterkrone erschien, uns im Sternenscheine gezeigt, als
ob sie der Erde vom Himmel entgegengestreckt werde, weit hinaus in das Dunkel
der Bergestiefe ragend. Da machte sich auch dieses Dunkel auf, gehorsam zu sein.
Es begannen Fackeln zu leuchten, von fröhlichen Kindern im Duar herumgetragen.
Hierauf strebten auf der stehengebliebenen, vordern Cyklopenmauer, zu beiden
Seiten des heut entstandenen Kirchenplatzes, zwei gewaltige Flambeaus in die
Höhe, von mächtigen Holzstössen erzeugt, welche Schakara hier hatte aufhäufen
lassen, um den Bereich der Vernichtung zu illuminieren. Das gab eine solche
Fülle von Licht und tagesähnlicher Helle, dass die Finsternis enteilte und, sich
in ängstlich zitternde Schatten auflösend, an der Bergwand emporkletterte. Und
mitten aus diesem hässlichen, zappelnden Schreck trat in erhabener Schönheit und
imponierender Ruhe die makellose, herrliche Gestalt des Gebetes hervor, einer
Offenbarung gleich, einer Manifestation der frohlockenden Menschheitsseele. Der
Eindruck dieser Erscheinung war so unmittelbar packend und so unwiderstehlich,
dass der Ustad sein Pferd anhielt, auch dem meinigen in den Halfter griff und,
aber nur leise, sagte:
    »Halt - - warte! Lass die Andern fort; sie stören!«
    Sie ritten weiter. Wir aber stiegen ab und standen lange, lange, in die
Gedanken versunken, oder richtiger, die Gedanken förmlich atmend, mit denen uns
die Seele des aus dem Fluche erlösten Segens überflutete.
    »Mein liebes, kleines, längst gewünschtes Kirchlein!« unterbrach der Ustad
endlich und tief aufatmend unser Schweigen. »Nun kann und darf ich dich wohl
endlich bauen! Ich habe nichts, gar nichts hinwegzuräumen vom Platze, den ich
mir dachte; ein Anderer tat es für mich. Die Wasser der Bassins sind in den See
gewichen und werden dort verbleiben. Die versunkenen Quader geben mir den
allerbesten Grund. Die riesigen Würfel und Rundstücke zu den Pfosten und Säulen
der Halle sind zwar aus dem Neuen herzustellen, doch ist hier überall das
reichste Material dazu vorhanden. Aufs leere Postament wird dieses Bild gehoben,
und wenn dann meine Dschamikun begreifen, dass Beten eine Kunst, und zwar die
allerhöchste ist auf Erden, obgleich Natur sie schon den Kindern lehrt, so ist
die Einsicht und Erkenntnis da, selbst mit dem kleinsten Kirchlein gern fürlieb
zu nehmen. Schon sehe ich den Ort der Andacht ragen, der zeigen soll, wie gross,
wie gross der Herr, wie aber winzig, winzig klein das arme Menschlein ist. Schon
höre ich dort am Berg die Glocken hell erklingen, die übers ganze Tal - -
horch!«
    Er hielt inne, denn hinter uns waren die Freudensalven zu hören, mit denen
die heimkehrenden Krieger den im Wiederscheine der Flammen strahlenden See und
den schimmernden Duar begrüssten. Darum schwangen wir uns wieder auf und eilten,
den letzteren zu erreichen. Wir hielten dort gar nicht an, sondern ritten direkt
hinauf zum Hause. Noch vor dem Tore holten wir Dschafar und Kara mit dem Kurier
und dem Aschyk ein, die sich unten etwas verweilt hatten. Im Hofe angekommen,
wurden wir von der noch immer hier postierten Besatzung mit Jubel begrüsst und
erfuhren, dass die Katastrophe auf dieser Seite des Berges nicht den geringsten
Schaden angerichtet habe. Der Kurier wurde diesen Leuten als Gast übergeben. Der
Ustad liess die Truhe nach seiner Wohnung tragen und folgte auf dem Fusse
hinterher, so wichtig war sie ihm. Dschafar ging nach der seinigen, um sich
umzukleiden, denn wir hörten, dass ein festlicher Schmaus für uns und die
sämtlichen Anführer vorbereitet werde. Kara eilte zu Vater und Mutter. Er wollte
zwar vorher die Pferde besorgen, doch nahm ich das auf mich; der Aschyk half mir
dabei.
    Als wir sie durch den Hof und nach der Weide führten und dabei an der
offenen Küche vorüberkamen, sah ich, dass da drin die in der Kochkunst
wohlerfahrene Frau des Chodj-y-Dschuna als heutige Gebieterin waltete. Sie hatte
das grosse Werk übernommen, den Hunger aller unserer Diplomaten und Feldherren zu
befriedigen. Schakara's Aufgabe aber war gewesen, »die prunkende Tafel zu
decken«. Da ich sie nicht sah, so vermutete ich sie in der Halle, wo gegessen
werden sollte.
    Ich überliess die andern Pferde dem Aschyk, versorgte nur Syrr und ging dann
hinauf zu mir, nicht durch das Haus, sondern von aussen. Noch hatte ich die
Plattform nicht erreicht, so sah ich Schakara, welche oben an den Stufen stand,
mich zu begrüssen. Wie kam es doch, dass wir einander nur die Hände reichten und
nichts dazu sagten? Sie zog mich zur Balustrade und zeigte hinab, auf das Gebet.
Wir sahen es von hier aus in noch vollerer Gestalt als von unten, auch den
Sockel. Warum erschien es mir jetzt noch schöner, erhabener und eindrucksvoller
als vorher? Ich faltete die Hände. Da fragte Schakara:
    »Effendi, kennst du die Sage von Chodeh, dem eingemauerten?«
    Schon wollte ich antworten. »Du hast sie mir ja selbst erzählt!« Aber ihr
Gesicht stand im alabasternen Schimmer des Gebetes, und da sah ich, dass sie
schalkhaft lächelte. Darum blieb ich still. Nach Kurzem fragte sie abermals:
    »Effendi, kennst du die Sage von dem verzauberten Gebete?«
    Natürlich antwortete ich auch dieses Mal nicht. Da fuhr sie fort:
    »Bevor du kamst, stand ich hier und dachte darüber nach, ob diese beiden
Sagen wohl ganz dasselbe meinen. Ich glaube, ja. Und wenn das richtig ist, so
habe ich den Berg gefunden, den ich suchte.« - - -
 
                                    Fussnoten
1 Siehe Band I pag. 548.
2 Die Prüfungen.
3 Berg des Glaubens.
4 Seil der Konfessionen.
5 Wüstenfuchs.
6 Hyäne.
7 Henker.
8 Oberster der Gläubigen.
9 Prophet.
10 Gesetzgeber.
11 Siehe Schiller, die Kraniche des Ibykus: So schreiten keine irdischen Weiber
...
12 Wert 12 Franken.
13 Heerscharen, Engel.
14 Polen.
15 Plural von Usta oder Ustad.
16 Siehe Band III S. 229.
17 Tymian.
18 Geschenk, Bettlergabe.
19 Bazar.
20 Beleidigungsprozess.
21 Polnischer Aermelmantel für Frauen.
22 Türkisch = Geliebter.
23 Kaiserlicher Prinz.
24 Sonntag.
25 Lehrerin.
26 Modell.
27 Logik, Denkschärfe.
28 Speisetischchen.
29 Eric.
30 Berg der Feindschaft.
31 Holunder.
32 Richter des geschriebenen Gesetzes.
33 Pferderennen.
34 Assessor.
35 Band III pag. 267.
36 Reitknechten.
37 Brille.
38 Sekretär, Schreiber.
39 Seliger.
40 Heiliger.
41 Hauptpriester.
42 Divisionsgeneral.
43 Brigadegeneral.
44 Zweites Frühstück.
45 Richter.
46 Wegfuchsler, Taschenspieler.
47 Jesus, Mariens Sohn.
48 Schattenspiel, Posse.
49 Zündhölzer.
50 Krebsleuchten.
51 Hölle.
52 Tomaschristin.
53 Zuckerbrot.
54 Geist.
55 Kriegsminister.
56 Silbergeld.
57 Arzt und Oberarzt.
58 Beeren.
59 Siehe Band I, pag. 409.
60 Psychologie.
61 Persische Tabakspfeifen.
62 Inkognito, Verstellung.
63 Persische Hose.
64 Hemd.
65 Weste.
66 Leibrock.
67 Shawl.
68 Ueberrock, auch zum Reiten bequem.
69 Persischer Name, bedeutet »Fleiss«.
70 Glanzrappe.
71 Striegel und Bürste.
72 »Komm!«
73 Hufschmied.
74 Tischler.
75 Flaschenzug.
76 Kamele.
77 »Tor.«
78 Freimaurer.
79 Zwiebeln.
80 Schundroman.
81 Kaltschale.
82 Ketzer.
83 Siehe Band II pag. 27.
84 Ueberkleid.
85 »Halt an!«
86 Sattelunterlage.
87 »Gehorsam.«
88 Sehr hoher, kurztrabender Querschritt echt arabischer Schule.
89 Arabisches Kopftuch.
90 Madame.
91 Sohn der Behutsamkeit, des Abwartens.
92 Sohn des Verstandes.
93 Mauer der Vergeltung.
94 Teufelsstube.
95 Berittene Hartschiere, kaiserliche Leibgardisten.
96 Kameelkanonen.
97 Persisches Horn.
98 Siehe Band III pag. 518.
99 Peitsche.
100 Persischer Militärschofrichter.
101 Siehe Band III pag. 79.
102 »Windkamele«, ihrer Schnelligkeit wegen so genannt.
103 Vorwärts, drauf!
104 Siehe pag. 244.
105 Oberleutnant.
 
    