
        
                                  Ilse Frapan
                                     Arbeit
                                   Erstes Buch
Es hatte soeben ein Uhr geschlagen. Über dem ganz lautlosen Hause »Zum grauen
Ackerstein« brütete die lautlose, schwüle Sommernacht.
    Plötzlich begann es in einem Zimmer des zweiten Stockwerks zu klingen, ein
langgezogenes, schlaftrunkenes Kinderweinen, und zwischenhinein laute, schrille
Schreie, einer nach dem anderen. Dann erhob sich eine dritte schluchzende
Stimme, die einzelne Silben jammernd hinausstiess: »Uh! Uh! Mam! Uh!«
    Das dunkle Eckzimmer, wo sie weinten, wurde jäh von einem hereinschiessenden
Lichtstreifen erhellt. Durch die helle Lichtbahn kam mit rücksichtslosem Tritt,
so als ob es nicht Nacht wäre, eine grosse schwarze Frauengestalt, ihre Stirn
berührte fast den niederen Querbalken über der Tür.
    »Kinder! Kinder! Attention!« rief die Frau, hastig und erschrocken von einem
Bettchen zum anderen eilend.
    Eine Sekunde lang verstummte das Geschrei, dann brach es aus mit greller
Heftigkeit, dass die ganze Luft davon zu zittern schien.
    Drei kleine Gestalten sassen jammernd zwischen ihren Kissen. Nun erhob sich
die eine und stand lang und weiss, mit verlangend gebogenen Armen, im Bette
aufrecht.
    Die Mutter eilte zu ihm, legte ihre Hand unter seine Achsel und versuchte
die leichte, zitternde Gestalt niederzulegen.
    »Was ist dir, Hermannli? Was ist denn, grosser Bub?« beruhigte sie ihn.
    Der Kleine widerstrebte, steif und unbeweglich, indes er an der Mutter
vorbeistarrte, gerade hinaus mit offenen, tränenvollen Augen, den Mund vom
Weinen zuckend, ohne Acht auf die streichelnden Hände.
    »Ruhe! Attention!« rief sie laut und trat hart auf den Boden.
    Dann lief sie hinaus und holte die Lampe.
    Wieder war das Geschrei auf eine Weile verstummt. Und während die
zusammengezogenen traurigen Augen der Mutter angstvoll suchend jeden Winkel des
grossen, einfachen, weissgetäfelten Schlafzimmers durchspähten, folgte ihr der
blinzelnde, sonderbar vorwurfsvolle Blick der schläfrigen, aufgescheuchten
Kleinen, und die Mündchen bebten, wie bereit, aufs neue hinauszuschreien.
    Zum zweitenmal ging die Mutter von einem zum anderen, trocknete ihnen das
Gesicht, klopfte und streichelte die zarten Backen und Schultern.
    Aber ihre Stirn entrunzelte sich nicht bei ihrem Tun; die scharfe Gramfalte
um den Mund verschwand nicht. Sie war nicht hier bei den Kindern, die sie zu
beruhigen strebte.
    Und die Kinder fühlten es. Auf einmal begann das Geschrei von neuem. Es
hatte etwas Bewusstloses, Elementares, Ansteckendes. Etwas vom klagenden Wind,
etwas von der Sturmglocke.
    Die Frau richtete sich heftig empor, unwillkürlich öffnete sich ihr Mund.
Da, tief in ihrer Kehle steckte auch ein Schrei, ein Schrei, den sie Tag und
Nacht zurückpressen musste, der sie würgte, erstickte ...
    Sie rang ratlos die Hände.
    »Hermannli, was ist denn? Kinder, ich bitt euch! Verrückt! verrückt! Man
wird verrückt! - Leg dich, Bub! Schlaf!« schrie sie plötzlich auf und drückte
den ältesten gewaltsam in sein Bettchen nieder.
    »Papa!« schluchzte der Bub und drängte ihre Hand weg.
    »Nein!« Sie klopfte auf den Boden. »Schlafen sollt ihr!«
    Plötzlich, bei den starrenden Blicken ihrer Kinder, verliess sie die letzte
Fassung. Die Tränen stürzten ihr hervor, unstillbar, unaufhaltsam, die Füsse
trugen sie nicht länger.
    Sie warf sich auf den Boden, neben die Wiege, in der das Kleinste still im
Schlaf geblieben war, biss in die Kissen und zuckte in wilden Krämpfen.
    Ihre heftigen Bewegungen schaukelten die Wiege, aber die Kissen dämpften die
Schreie ihres Mundes.
    Die Lampe erlosch.
    Die Kinder beruhigten sich, schliefen ein. Und zwischen ihnen auf dem Boden,
in voller Kleidung, sank auch die Mutter endlich in bleiernen Ermattungsschlaf,
den Kopf auf der Bretterdiele, in den entzündeten Augen Bilder des Entsetzens,
die Ohren widerhallend von dem fieberischen, unbewussten Weinen ihrer kleinen
Kinder, zermalmt unter der Wucht eines furchtbaren Schicksals.
Am anderen Morgen, früh gegen sieben Uhr, kam der Vater der Frau.
    Er stand und wühlte mit den sonnengebräunten Fingern in dem breiten grauen
Bart, sein breitkrempiger schwarzer Filzhut war tief in die Stirn gezogen. Die
Stimme drang, wie aus weiter Ferne, fast erloschen und dennoch rauh aus der
mächtigen Brust.
    Das Mädchen, das die Stiege kehrte, erschrak vor ihm; sie war in der letzten
Zeit in diesem Hause völlig schreckhaft geworden.
    Auf seinen goldknäufigen Serbenstock gestützt, stand der alte Plattner vor
dem kleinen Flurfenster mit dem roten Vorhang, durch den die Sonne breit auf die
blanken gelben Stufen fiel, und blickte auf seine bestaubten Schuhe, während er
seiner Tochter nachfragte.
    »Noch nicht aufgestanden? Aber es ist bereits bald sieben Uhr. Geh, sag's
ihr.«
    Die natürliche Sicherheit eines starken aufrichtigen Menschen, die sich in
der ganzen Erscheinung Plattners aussprach, schien wie durch eine innere schwere
Erregung verstört. Bei den wenigen Worten färbte sich sein braunes Gesicht, und
die Hand, die den Stock hielt, bebte.
    Das Mädchen hatte die Flurtür hinter sich offen gelassen, durch die er
schwerfällig, stampfend eintrat; er atmete stossweise in der beklemmten Luft des
fensterlosen Flurs.
    »Vater,« sagte eine Stimme hinter ihm, halblaut, wie eine Frage, auf die man
keine Antwort hoffen darf.
    Plattner wendete sich um und streckte langsam die Hand aus, um die seiner
Tochter zu erfassen.
    Wortlos gingen sie miteinander auf eine der gelben Türen zu, an der ein
weisses Porzellanschild mit der Inschrift »Wartezimmer« schimmerte.
    Plattner zeigte im Hineingehen auf das Porzellanschild. »Warum nimmst du das
nicht weg?« sagte er streng. Es war das erste Wort, das er sprach.
    »Ja, ja,« erwiderte die Tochter bereitwillig und zerstreut. Ihre Blicke
hingen an ihm. Als er sich auf einen der Rohrstühle setzte, wies sie auf das
kleine Ledersofa. »Warum nicht hier? Es ist bequemer ... Du kommst so früh, so
früh zu mir, Papa!«
    Er sass dicht an der Wand, den Stock zwischen den Knien, den Kopf gesenkt. In
die tiefe Stille klang durchs offene Fenster Räderknarren, Flüche und der Gesang
der Amseln.
    Die Frau schob mit abgewandtem Gesicht ihr weisses Tuch in die Tasche des
schwarzen Kleides. Sie stand noch immer.
    »Nun, Josy,« begann Plattner, »sitz daher!«
    »Ja.« Sie blieb stehen.
    »Und - also - eben - Josy - - es ist also eben aus! Und fertig und aus.«
    »Ja.«
    »Schuft! Schuft! Niederträchtiger Schuft!« brach der Mann aus und stiess den
Stock nieder.
    »Vater!« schrie Josy. Es war kein Wort, es war ein Hilfeschrei.
    Der alte Plattner zuckte den Kopf empor, schob sich den Hut in den Nacken
und blickte seine Tochter an. Auf der schönen hellen Stirn, die der Hut verdeckt
hatte, arbeitete es, die klaren Augen funkelten.
    »Nun?« grollte er verwundert, »noch nicht Schuft genug? Was meinst?«
    Das Räderknirschen, die Fuhrmannsflüche, der Amselgesang erklang deutlich
wie zuvor in der Stille. Josefine ächzte leise.
    »Ich mein, wenn einer emal fünf Jahr Zuchtaus überkommt, no braucht man
sich nicht genieren, ihn Schuft zu heissen!« schrie Plattner.
    »Bitte, Papa! Nicht, nicht!«
    Eine neue heftige Bestürzung überlief das Gesicht des Vaters. Er sprang auf,
um der Tochter in die gesenkten, abgewendeten Augen zu sehen.
    »Das wäre noch besser!« grollte er. »Wärst ihm etwa noch gut nach all der
Schande? Hör emal - -«
    Er fasste nach ihrem Ärmel, da drehte sie ihm selbst das leidende, verzerrte
Gesicht mit den geschwollenen Augen zu. Eine kaum beherrschte Heftigkeit machte
ihre Züge scharf, fast drohend.
    »Ach, Vater, kommst auch nur, um ihn noch mehr herunterzusetzen? Gern haben?
Man kann fast nicht anders! Wenn einer emal so tief drunten ist - - ach, was
wollt ihr noch! Er ist ja schon in der Höll, und ich - mit - ihm -«
    Sie schrie es heraus, dann erstarb ihre Stimme im Weinen. Das Gesicht mit
den Händen verdeckt stand sie neben dem Vater, der sie lange betroffen,
verständnislos anstarrte.
    »Bin nit herkommen derwegen,« begann er endlich mit schwerer Zunge,
»derwegen nit, Josy. Herkommen bin ich, um dich heim zu holen mit deinen
Kindern. Ich hab Retourbillet.«
    Er machte sich an seiner Brusttasche zu schaffen, indes er fort und fort ein
gedankenloses »Ja, ja, ja!« murrte. Als er der Tochter die grüne Fahrkarte
reichte, bebte seine Hand immer noch.
    »Da siehst es. Heut oder morgen. Es läuft drei Tage.« Seine Stimme nahm
einen gutmütig beruhigenden Ton an. Er las das Datum umständlich vor, Jahreszahl
und alles. Ein zutrauliches Lächeln erschien auf seinem starken,
grobgeschnittenen Gesicht.
    »Die Alte hat schon die ganze Nacht rumort. Gleich gestern abend, wie's
Telegramm kommen ist vom Verteidiger,« - er seufzte - »dass es aus ist, hat's
angefangen, Betten rüsten. Ich bin gewesen wie en Ochs - vor den Kopf geschlagen
- wie's Telegramm kommen ist - aber es ging halt in Gottesnamen kein Zug mehr -
wirst es begreifen, Josy.«
    Josefine presste seine Hand.
    »Bist gütig, Vater!« sagte sie in müdem, hoffnungslosem Ton, »einzig lieb
und gütig.« Sie bückte sich, schluchzte auf und legte ihren Kopf auf seine
Schulter.
    Steif und verlegen, ohne sich zu rühren, blickte Plattner gerade hin. Der
dunkelblonde Scheitel, so nah seinem Gesicht, mahnte ihn an längst vergangene
Zeiten und machte ihn weich vor Rührung.
    »Nun, nun!« stotterte er. Und dann fasste er schnell nach einem Halt. »Und
die ganz' Nacht hat's kracht und wetteret - - und ich hab mir dacht, wenn's nur
ihn in den Gottserdsboden hineinschmetteret hätt, den verfluchten Schuft!«
    Josefine richtete sich steil auf und zog mit plötzlichem Besinnen ihren Arm
zurück. In den verweinten Augen begann es leidenschaftlich zu glühen.
    »Ach, ihr! Ach, ihr alle!« rief sie schrill, »immer das gleiche! Immer der
Schuft! Ich kann's nicht mehr hören! Ich will's nicht mehr hören! Es bringt mich
um! Er ist ja verurteilt! Fünf Jahr, Vater! Zuchtaus! Denkst es? Kannst es
ausdenken? Und die ganze Zeit, bis auf die letzte Minute, hab ich Hoffnung
gehabt, bis - -«
    Die Tränen überströmten ihr Gesicht, das im unerträglichen Weh zuckte.
Händeballend begann sie das Zimmerchen zu durchlaufen, auf und ab.
    »Wehe, wehe, wer ihnen in die Hände fällt! Es ist ihnen recht so! Es macht
ihnen Freude! Ein Sündenbock muss sein, dass die Heuchler alle ihre Tugend an Tag
legen können, wenn sie den einen in Fetzen reissen! Nein, Vater, so versteh ich's
denn doch nit! Müsst mich nicht wild machen, ich versteh's nicht! Bist gütig,
Vater, aber siehst - mit dir gehn - 's tut sich eben nicht! Wir kämen emal nicht
überein! Du hast deine Meinung, aber ich - ich bin die Frau! Da sind die Kinder!
Seine vier Kinder! Kannst die Natur umkehren? Wenn ich auch noch anfang,
schreie: hoho, der Schuft! - - Was dann? Nein, lieber grad in den See, dass ein
End wär! Aber es geht ja nicht! Nit Vater, nit Mutter für die vier Waisen?
Bedenke doch, Vater, 's wär schrecklich! Schändlich wär's gradaus! Ich vermag's
nicht und tät's doch so gern!«
    Der Atem versagte ihr. Sie drückte die Hand auf den schmerzenden Hals,
während sie hart vor dem Vater stehen blieb, der mit gerunzelter Stirn und
offenem Munde, blass und regungslos, diesen Ausbruch angehört.
    Es klopfte an die Tür des kahlen Wartezimmerchens, wo sie sich immer noch
befanden.
    »Frau, 's Koffi ischt vorusse!« rief das Mädchen, ohne zu öffnen.
    Wie wenn es eine unaufschiebbare Pflicht zu erfüllen gelte, gingen Vater und
Tochter auf die Altane, assen und tranken.
    Während dieser Zeit sprachen sie nichts. Plattner brockte sein Brot in die
grosse Kaffeetasse und brummte etwas vor sich hin vom Zahnreissen, das er recht
unleidlich spüre.
    Josy erwachte wie aus schreckhaften Träumen. »Welcher ist's, Vater? Zeige
emal.«
    Der Alte öffnete weit den Mund unter dem überhängenden grauen Bart und
klopfte mit dem Teelöffel an seine gelben starken Zähne.
    »'s Gebiss wär g'sund. Echte Bündnerzähne, sagt der Doktor Anstand - kennst
ihn ja - ist g'schickt. Aber die ewig' Aufregung zeiter, 's sind halt die
Nerven.« Sein Blick richtete sich voll Besorgnis auf die Tochter. Er versuchte
sich vorzustellen, wie Josy sonst ausgesehen. »Ja so! Wie geht's denn dir mit
der Gesundheit?«
    »O danke, merci, Papa! 's passiert. Ich spüre nichts.«
    Er sah die scharfen Züge von den Mundwinkeln abwärts, die hohlwangige
Magerkeit Josefines. Unterm Tische ballte er die Hand. »Spürst nichts, bis die
Reaktion kommt. Aber die bleibt nicht aus.«
    Sie schwiegen wieder. Plattner sah hinaus.
    Der Morgen war nebelig; die Sonne schien gedämpft. Die Altane, von Reben
umzogen, deren Blätter sich an den vier Pfeilern zu goldgrünen Kränzen verwoben,
liess den Blick frei wandern über die schöne weisse Stadt am grünen See, auf den
niedere weissgeballte Wolken herabhingen. Hier und da funkelte eine Fensterreihe,
ein Glasdach, eine der Wiesen am Ütli drüben war smaragdgrün herausgehoben,
sonst lag ein sanftes Lilagrau über allem; rosig schimmerte das nackte Felsenegg
aus den sommerdunklen Wäldern. Mit kosendem Zwitschern schossen die Schwalben
ganz nah und niedrig um die Altane; Wolken von Duft stiegen aus den Weinbergen
und aus den breiten saftigen Gewinden an den Pfeilern.
    »Blühen eure Reben erst jetzt?« entfuhr es Plattner.
    »Ja! Es ist recht verspätet. Die Sonne hat gefehlt.«
    Wieder langes Schweigen.
    Die Nebel zerrannen und flossen wieder zusammen. Einen Augenblick standen
die hübschen Villen am See weiss und zierlich wie Elfenbeinspielzeug auf dunklem,
verwischtem Grunde. Dann wieder war die Stadt grau verschattet und hob sich nur
in undeutlicher Masse vom hell und scharf beleuchteten Berge ab.
    Plattners Augen folgten dem Wechselspiel, ohne dass er selbst darum wusste.
Nun schob er die klirrende Tasse zurück und faltete die braunen Hände auf der
Tischplatte. »Was hast vorhin gemeint, Kind? Ich hab's nicht recht verstanden.«
    Josy hob die dunkelumschatteten Augen und liess sie gleich wieder sinken; es
war eine Bewegung in ihrem eingefallenen Gesicht, die den Vater warnte.
    »Man muss ja reden, wenn's auch unangenehm ist, Josy. Also - heraus mit der
Hauptsach! Willst gleich Antrag stellen auf Scheidung oder willst noch warten?«
    »Nein, davon ist keine Rede,« sagte Josefine mit fester Stimme.
    Der Mann bäumte sich von seinem Sitz auf. Das Blut stieg ihm in die Augen.
    »Ich versteh nicht,« sagte er rauh. »Hast mich nicht recht gehört, wie es
scheint. 's ist ja nur die letzte Form. Glatt wird's gehen, ohne allen Anstand.
Ich denk sogar, dass du nicht vor Gericht erscheinen musst. Es wär ja auch widrig.
Wenn du mal von dem Schurken los bist - auch gesetzlich los - -«
    Josefine stand auf, so schnell, dass ihr Strohsessel umfiel. Leise, mit
zischender Dringlichkeit in der Stimme, begann sie: »Nein, Papa, nein! Scheiden
lass ich mich nicht! Ihr braucht mir nicht zuzureden. Weder glatt noch schwierig
- ich will's nicht! Es ist unmöglich. Aber weisst, es sticht mich da! Jedes Wort,
was du drüber redest! Nur nicht sagen, ich wär vernarrt in ihn, jetzt noch! O
nein! Bin nicht vernarrt, Vater, bin ganz klar und so ruhig!«
    Ihr ganzes Gesicht glühte plötzlich in Fieberröte.
    »Du sagst: nicht vernarrt? Also verzaubert? Behext?« schrie Plattner, auf
den Tisch schlagend. »So ein Schuft, so ein -«
    »Siehst du!« rief sie wild. »Das ist es! Weil ihr immer so sprecht! Weil er
von der ganzen Welt verachtet, verstossen, verlassen ist! Und ich soll mitmachen?
Nein, nicht verzaubert, nicht behext, aber die nächste, wo er hat! Den einen
erwischen sie, und zehntausend gehen frei aus. Schuft! Schuft! Immer nur Schuft!
Pfui, die Bande! Alle hergefallen über einen! Schämt euch! Vater, weisst - einmal
ist der Georges doch so ganz wie andere - doch so ganz - -«
    Tränenüberströmt sank sie an der Wand in sich zusammen. Aber wie der Vater
wirr und stumm dreinblickte, zwang sie ihre Fassung zurück.
    »Bitte, bitte, lass mich tun, was ich kann! Du weisst ja, dass ich immer meinen
Weg gehen muss. Ich bin ja ganz zerschlagen, eigentlich wie toll!« Sie drückte
ihre Schläfen mit den Händen zusammen. »Auf die Strasse möcht ich und schreien,
bis die Leute mit mir kommen und ihn da herausreissen, wo sie ihn vergraben
haben!«
    Sie funkelte den Vater an, kurz und schnell, mit ihren Fieberblicken. Aber
sein Gesicht war fremd und abweisend geworden; er sah sich verloren um,
betastete seine Stirn, auf der Schweisstropfen standen. Dann suchte er seinen
Hut, den derben Stock und näherte sich dabei unmerklich der Tür.
    »Also - also - adie, Josy,« sagte er in trockenem Ton, ohne die Hand
auszustrecken.
    Sprachlos sah die junge Frau ihm zu. Sie konnte nichts reden, um den Preis
ihres Lebens nicht. Aber ihr Herz klopfte in wilder Verzweiflung, dass er so
gehen sollte, ihr lieber, treuer Vater.
    Und er ging.
    Durch das halbdunkle Balkonzimmer über den kleinen fensterlosen Flur hörte
sie seine schweren Tritte. Er stiess mit dem Stock auf, als ob er mit lahmen
Füssen an der Krücke ginge ...
    Die Tür klappte, der schwere, müde Tritt, der Krückstock erklang auf den
Treppenstufen ... Josy schüttelte sich auf aus der Erstarrung. Sie riss das
Kleinste aus der Wiege und rannte mit ihm auf dem Arm dem Vater nach. Am Ende
der Stiege holte sie ihn ein.
    »Die Kinder!« rief Josy keuchend. »Vater, du hast ja die Kinder nicht
gesehen.«
    Er kehrte mit ihr zurück in die Wohnung.
    Die älteren Kinder lärmten in ihren Betten. Josefine riss weit die
Schlafzimmertür auf: »Springt heraus, der Grossvater ist gekommen!«
    Schüchtern, im Hemdchen, mit blossen Füssen kamen sie herangehuscht, ein
blasser, schmaler Bub von sieben Jahren mit unruhigen Augen und ein untersetzter
Blondkopf mit rotgeschlafenen Backen. Ein zartes Mädchen mit dünnem, seidigem,
dunklem Haar folgte. Es ging mit gesenktem Kopf und schlaff hängenden Ärmchen
beschämt und langsam hinter den Buben her.
    Josefine eilte mit dem Kleinsten in die Küche. Sie war froh, einen
Augenblick fortzukommen, während sie doch den Vater noch hier wusste, hier bei
ihr, in der traurigen Wohnung mit dem schwarzen, gähnenden Schlund in der Mitte.
Der gute, treue Vater mit dem starken, ehrlichen Antlitz, mit den kräftigen,
Lebensfrische atmenden Gliedern, mit den derben Kleidern, die nach Heu dufteten,
mit den sonnenbraunen, arbeitgewöhnten Händen. Er war noch hier.
    Sie stand in der Küche und sah gedankenlos zu, wie das Mädchen die kleine
Nina badete und ankleidete. Das Mädchen lachte, denn die Kleine sog an dem
Waschschwämmchen und wollte es nicht fahren lassen. Aus dem Zimmer vorn kamen
die Stimmen der Kinder, froh und jauchzend, und dann wieder hörte sie ihres
Vaters Stimme und sein Gelächter. Josefine seufzte erleichtert. Er war ja im
Grunde ein fröhlicher Mann, ihr Vater, jung geblieben zwischen seinen jungen
Zöglingen von der landwirtschaftlichen Schule. Und sie fühlte es: immer doch
würde er auf ihrer Seite sein mit seiner Hilfsbereitschaft, mit seinem
praktischen Sinn und seinem Vaterherzen. Nur keine Entzweiung zwischen ihnen!
Nur seine Hand nicht loslassen müssen!
    Zögernd entschloss sich Josefine, wieder hinüberzugehen, aber dann, als sie
die fröhliche Gruppe sah, wurde ihr ganz licht vor den Augen. Die Kinder hielten
den Grossvater eng belagert, wie er da mitten im Balkonzimmer sass. Röslis
leichtes, kleines Figürchen lag ganz fest in den starken Armen, das Köpfchen
dicht an des Grossvaters Brust geschmiegt, die Finger in seinem grauen Lockenbart
vergraben. Hermannli hielt ihn von rücklings umfasst, der Kleinere, Uli, stand
zwischen den Knien des Alten, der ganz beruhigt, milde und versöhnt auf die
Kinder niedersah.
    »Sie gehen mit mir, alle miteinander! Deine ganze wilde Bande! Aber das ist
die wildeste von allen!«
    Er zupfte Rösli an den braunen Ringeln und wiegte sie spielend. Hermann
versuchte, sie von dem bevorzugten Platze zu verdrängen. Plattners Blick
musterte scharf den Knaben, und jäh entschwand das Wohlgefallen aus seinen
Zügen.
    »Wie der Bub ihm gleicht!« sagte er langsam. »Der wird dir zu schaffen
machen.« Und in romanischer Sprache fuhr er fort: »Er hat mich gleich gefragt,
wo doch der Papa sei. Die Mama sage: im Spital bei den kranken Leuten, aber er
glaubt's nicht. Und warum glaubst du's nicht? frag ich ihn. Da macht der Lausbub
so ein altbärtiges G'sicht hin und flüstert: Mir darfst schon sagen, Grossvater,
dass der Papa tot ist. Ich bin nicht so dumm, wie die Mama meint, ich merke
alles.«
    Während der Wiedererzählung blickte der Knabe mit seinen unruhigen Augen von
dem Grossvater zur Mutter und umgekehrt, als verstehe er jedes Wort der ihm
fremden Sprache.
    »Mama, wann kommt der Papa heim?« sagte er, sich an des Grossvaters Schulter
drängend.
    »Wenn er gesund ist,« entgegnete Josefine kurz.
    »Wird er wahrscheinlich lange krank sein?« fing der Bub in herausforderndem
Ton an.
    »Ja, lang. Wahrscheinlich.«
    »Wieviel Jahre, Mama? Ein Jahr oder mehr?« Es klang wie frühreife Ironie.
    Josy ergriff ihn am Arm. »Schwatz nicht so viel,« sagte sie finster. »Geh
jetzt! Wasche dich! Zieh dich an! Marsch hinaus!«
    Da beugte sich der Knabe an des Grossvaters Ohr und zischelte: »Wir beide
sind Männer, gelt Grossvater? Ich will mit dir gehen! Und du zeigst mir Papas
Grab, haha!«
    Er lachte plötzlich frech der Mutter ins Gesicht, dann duckte er sich,
schluchzte auf und ging mit schlotternden Knien hinaus. Mit scheuer Miene
schlich ihm Rösli nach. Nur der kleine rotbäckige Uli ritt lärmend und jauchzend
in seinem kurzen Hemdchen auf einem Blumenstab durch das Zimmer und über die
Altane, wo Vater und Tochter wieder gramvoll nebeneinander sassen. Selten fiel
ein Wort.
    »Ihr kommt also nicht mit mir?«
    »Nein, Vater!«
    »Und was gedenkst du zu tun?«
    »Irgend etwas anfangen.«
    »Und denkst davon zu leben?«
    »Ja!«
    »Mit den Kindern?«
    »Wenn ich die Kinder nicht hätt, braucht ich nicht zu leben.«
    »So-o-o?« Der grosse vorwurfsvolle Aufblick des Vaters drang Josefinen tief
in das leidende Herz.
    »Hab nicht Furcht,« sagte sie bitter, »ich lebe und will leben. Der Bub
bringt mich fast um mit seinen Fragen, und ich gäb ihn dir gern. Aber es könnte
ein Wort fallen - von den Knechten - von einem Zögling - nein. Sie werden ja
dort von nichts anderem reden.«
    Plattner fuhr auf. »In meiner Gegenwart?« stürmte er ingrimmig.
Unwillkürlich sah er hinter sich, als erwarte er schon die Angreifer und
Tuschler.
    Die Sonne kam über den Balken herein, sie malte das zackige Blattornament
scharf und treu auf den hellen Parkettboden. Aus dem nebligen Morgen wollte ein
voller Sommertag erstehen, nicht ganz klar, aber voll lockendem, mildem Glanz.
    »Was der Mensch sich selber zubereitet!« nickte Plattner aus seinen schweren
Gedanken heraus.
    Josefine nickte stumm.
    »Du auch, Kind, du auch.«
    »Ich? Was kann ich noch tun oder nicht tun? Mir hat ja das Schicksal alle
Wahl erspart,« höhnte sie bitter.
    »Wenn du dem - dem - Menschen absagst und lässt dich scheiden und ziehst zu
deinem Vater und - -«
    »Dann bist erst recht gemein!« rief Josy überlaut. »Wenigstens ich, Vater,
ich wär's. Übrigens - ich könnt nicht. Da ist kein Überlegen, kein Besinnen. Was
ich einmal lieb gehabt, das bleibt mein gegen die ganze Welt. Wir sind nun in
der Hölle, Vater - nun denn - in der Hölle.« Sie sprang auf. Ihre starren Augen
erschreckten ihn.
    Unwillkürlich hob er den Arm, um sie zu schützen. Aber er liess ihn wieder
sinken.
    Ihr bewegliches Gesicht hatte sich verändert.
    »Man muss herauskommen, aber nicht so, wie du meinst, Vater. Man muss ihn mit
herausreissen, sonst ist's gemein. Wenn ich könnte - wenn ich beweisen könnte,
dass man ihn unschuldig verurteilt hat!«
    Glühend, leuchtend, von Schwärmerei verklärt, mit aufwärts gerichteter
Stirn, mitten in dem sonnendurchspielten Zimmer stehend, erschien die Frau
plötzlich wie eine andere. Es war einer jener Augenblicke, in denen das sonst
unkenntlich verhüllte oder umpanzerte Innerste des Menschen, sein eigenes,
individuelles Selbst, in eigenster Gestalt erscheint, überraschend, neu, eine
Offenbarung.
    Den Vater überrann ein leichter Schauer. Er schwieg betroffen. Die Tochter
gewann Gewalt über ihn, über seine Meinungen und Abneigungen, die er für
unerschütterlich gehalten. Mühsam ermannte er sich.
    »Unschuldig?« sagte er in weichem, traurigem Ton. »Josy, was träumst auch!
Er hat ja gestanden. Da fehlt kein Pünktchen am Schuldbeweis. Die Hoffnung musst
fahren lassen.«
    Josefine antwortete nicht gleich. Die Begeisterung auf ihrem Gesichte
erlosch, wie eine helle Lampe erlischt. Herausforderung bebte um ihre Lippen.
    »Und wer in der ganzen Welt ist unschuldig?« schrie sie. »Welcher Mensch und
welcher Mann? Wen dürfte man nicht einsperren, wenn man jedes Blatt seines
Lebens kennte?«
    »Halt du! Hast schon vorhin so etwas gesagt!« Plattner war aufgestanden,
Zornröte schoss ihm über die Wangen. »Ich verbitt mir, dass du so mit mir redest!«
    Die Hände auf dem Rücken, lief er im Zimmer hin und her, kopfschüttelnd,
unbehaglich über alle Massen, von hilflosem Mitleid gequält für dies eigensinnige
Kind, das sich in allem Elend so selbständig, so unbeugsam zeigte.
    »Ich bin so weit,« sagte Josy, ins Leere sprechend, »dass für mich alles aus
ist. Achtung vor den Menschen? Pah! Glauben an die Menschen? Noch viel
haltloser. Heute denk ich so, morgen wieder anders, und alle Leute so, einfach.
Wir sind wie Buchstaben, ins Wasser geschrieben! Launische Kranke! Armselige
Verrückte, wir alle!«
    »Widerspricht sich bei jedem Wort und weiss es selber nicht!« zürnte
Plattner.
    »Widersprech ich mir?« - Josy errötete flüchtig - »nun, vielleicht auch.
Warum nicht, wo alles ringsum sich widerspricht? Aber ich weiss doch nicht, warum
wir nicht aneinander hängen sollten, coûte que coûte. Glauben hab ich nicht,
Hoffnung hab ich nicht, aber dies - dies bisschen Liebe - das ist etwas so
menschliches - so natürliches -« Sie brach in ein heftiges Schluchzen aus.
    Der kleine Uli kam herangestolpert, ahnungsvollen Kummer in seinem
dreijährigen Gesichtchen und bereit, auch zu schreien.
    Plattner drückte ihn an sich und fasste Josys Hand. »Gut, gut; ich sage
nichts mehr. Die kleine Zeit, wo ich noch hier bin, soll Friede sein. Von mir
aus.« Seine Augen wanderten, und plötzlich rief er: »Aber ich bitte dich, Josy,
warum hast du nicht wenigstens das Bild da weggetan? 's ist doch entsetzlich,
wenn jemand -«
    Er stockte und zog Uli auf seine Knie.
    Der unselige Georges! wie er den Eindringling, den Verderber, den Teufel
hasste!
Drei Tage blieb Plattner bei seiner Tochter und all die drei Tage stiess er
Stunde um Stunde mit dem Gespenst zusammen, das hier im Hause »Zum grauen
Ackerstein« bei hellichter Sonne, bei Amselsang und Kinderlachen in allen
Zimmern spukte und aus seinen verschleierten Augen mit stillem Hohnlachen auf
all die blühende Wirklichkeit sah.
    Im Balkonzimmer die grosse Photographie des jungen Ehepaares - Josefine und
Georges mit dem damals einjährigen Hermann auf den Knien - verdarb dem Vater das
Frühstück und liess ihn mitten im Satz innehalten, so oft seine Augen widerwillig
über die Wand streiften.
    Auf dem Flur das Porzellanschild an der Tür mit der Aufschrift »Wartezimmer.
Sprechstunden von 7 bis 9 und von 3 bis 5 Uhr« stach ihm belästigend in die
Augen, wenn er aus dem einen Raum in den anderen ging.
    Im Esszimmer wieder ein Bild: Georges mit seiner Schwester Licile, sie im
weissen Konfirmandenkleid und Schleier, er halbwüchsig, mit langen blassblonden.
Locken über einem goldbraunen Sammetrock, schmachtend und glatt, die fatale
Unterlippe ohne alle Form und Zeichnung schon gerade so schlaff wie jetzt beim
Erwachsenen. Eine talentlose Malerei, eine süsslich fade Auffassung; für Plattner
eine tägliche Herausforderung, dies Geschwisterpaar.
    Schon damals hat er nicht getaugt, der freche lüsterne Bengel! dachte er bei
sich und ballte heimlich die Faust. Und der hat meine Josy bekommen, mein
bestes, tüchtigstes Kind! Wo hab ich alter Esel meine Augen gehabt? Wir sind
alle blind gewesen, sagte er sich ingrimmig.
    Im Schlafzimmer, Doktor Georges Geiers ehemaligem Schlafzimmer, derselbe
Georges Geier als Student, in einer Gruppe, irgend einer Verbindung in Wichs.
Hier unter den übrigen, ziemlich unbedeutenden Köpfen sieht er gleichwohl nach
etwas aus. Ein feines Gesicht, bis auf den Mund. Und den versteckt der Bart. Was
man so einen »schönen Mann« nennt. Der Teufel hol ihn.
    Und Plattner nahm allabendlich die Photographie von der Wand, um besser
schlafen zu können.
    Aber er schlief trotzdem schlecht. Warum konnte er nicht sein tapferes armes
Kind herausziehen aus alledem? Warum nicht sie in die Arme nehmen, samt ihren
Kleinen und fort, fort in reine Luft?
    Er hätte ihr befehlen mögen: Denk nie mehr an ihn! vergiss sein Gesicht,
seine Stimme, euer achtjähriges Zusammenleben! vergiss das kurze Glück, vergiss
die lange Schmach! es soll alles sein, als wäre es nie gewesen!
    Wenn er abwesend war von ihr, im anderen Zimmer nur, dann erschien sie ihm
so jung, so hilflos, so unendlich mitleidsbedürftig.
    Seine Lider wurden heiss und feucht, seine starken Hände wanden und krampften
sich in verzweifeltem Harm. Wie ein kleines Kind war sie ihm dann, das in
dunklen Wellen um sein Leben kämpfte.
    Und wenn er sie dann wieder vor sich sah in der Dornenkrone ihres Leides, in
der ernsten Würde der Gefassteit, unnahbar in ihrem heissen Gram, unnahbar in
ihrer leidenschaftlichen Parteinahme für den Verurteilten - dann stand er stumm,
dann sagte er sich bitter und schmerzlich: nie mehr kommen wir recht zu
einander. Der verfluchte Schuft steht zwischen uns.
    Und er hasste ihn tiefer jeden Tag, und er fluchte ihm mit jedem Gedanken und
jedem Wort, und seine Tochter fühlte den Hass wie eine feindselige Atmosphäre um
den geliebten Vater, die sie nicht durchbrechen konnte; sie hörte die Flüche,
obgleich sie nicht ausgesprochen wurden, und Weh und Trotz kämpften in ihrem
Herzen.
    Plattner lag nachts und grübelte: Sie sagt, der Schuft ist wie alle!
Allmächtiger Gott, was meint sie? Hat er ihr zu allem übrigen noch das
moralische Gefühl geraubt? Ist sie auch schon verdorben?
    Er sah Josy wieder und atmete auf: Sie ist so unschuldig - sie versteht
nicht einmal, was der schuftige Patron angestellt hat!
    Der Abschied war unsäglich traurig.
    Gerade beim Verlassen der Wohnung sieht er noch die Messingtafel an der
Glastür. Auf dem Namen »Doktor Georges Geier, praktischer Arzt« funkelt gelb die
Sonne. Neben Plattner steht Josy, wie immer in Schwarz, mit bleichem, schmalem
Gesicht, mit ungeduldigen Augen, denn bis zum letzten Moment fürchtet sie einen
jähen Zusammenstoss.
    »Adieu! adieu!« rufen die älteren Kinder. Den dreijährigen Uli, die
einjährige Nina nimmt der Grossvater mit; das Mädchen ist mit ihnen voraus auf
den Bahnhof, wird sie auch während der Eisenbahnfahrt versorgen.
    Rot vor Zorn deutet Plattner auf die sonnenglitzernde Namentafel. »Und das
soll auch bleiben?«
    »Ja,« macht Josy herausfordernd.
    »Aber 's ist ja nicht wahr! Er wohnt ja ganz wo anders!« ruft Plattner.
    Ein Blick auf die Kinder macht ihn still. Er erschrickt. Fast hätten sie
sich gezankt, harte Worte gesagt, hier an der Schwelle der Trennung.
    Auch Josefine besinnt sich. »Nein, so sollst du nicht gehen, Vater! Wir
kommen mit. Holt eure Hüte, Kinder.«
    Als sie gerüstet da standen, und Plattner sie stumm und trübe musterte,
blitzte ihr ein plötzlicher Argwohn auf.
    »Ich trage keinen Schleier. Soll ich einen Schleier umbinden, Vater? Du
scheust dich vielleicht, mit mir so über die Strasse zu gehen?«
    »Komm, komm!« sagte Plattner müde.
    »Aber du wirst angestarrt werden, Vater. Sie werden dich alle sehen wollen.
Ich kenne diese grausame Neugier,« rief sie schneidend.
    Ohne zu antworten, ergriff Plattner das kleine Rösli an der Hand und ging
mit ihm hinunter.
    In Josys Augen spielten grünliche Funken. Sie wollte ihren Hut wieder
abnehmen.
    »Komm, komm, Mama! Der Zug fährt weg!« drängte Hermann.
    So kamen sie dann auf die Strasse. Aber nur gleichgültige Worte wurden
gewechselt, und ein gespannter argwöhnischer Zug wich nicht aus den Gesichtern.
    Erst als sie die Bahnhofshalle betraten, unter dem Kohlendampf und dem
Pfeifen der Züge sich durch den Menschenstrom arbeiteten, schob sich Josefine an
ihres Vaters Seite.
    »Aber das ist alles dummes Zeug, nicht wahr? alles dummes Zeug.« Sie sprach
hastig, sie überstürzte sich im Reden. »Ich habe dir noch nichts von meinen
Plänen gesagt. Man muss natürlich Pläne machen. Mit dem dummen Zeug, dem Kummer
und so weiter verliert man alle Zeit und Kraft. Und nun reist du fort! O, wie
schade! Ich habe einen Plan, weisst du, einen Hauptplan - du schickst mir Laure
Anaise, nicht wahr? Und dann, wenn ich sehe, dass es geht, schreib ich dir. Du
hilfst mir ja doch, gelt? Ach, es ist eigentlich keine Minute zu verlieren, und
nun haben wir diese drei Tage - O, schon einsteigen? Kaum, dass ich die Kinder
noch küssen kann!«
    Noch aus dem Fenster rief Plattner seiner Tochter zu: »Das Türschild ist
absolut unnötig, führt nur irre!«
    Das letzte, was er sah, war ihr hartnäckiges Kopfschütteln.
    Dann kamen grosse, graue Dampfwolken und legten sich zwischen die
Abschiednehmenden, und die geschwenkten Taschentücher wurden unsichtbar ...
Josefine weinte viel auf dem Rückwege. Stumm und gedrückt gingen die Kinder
neben ihr.
    Einmal blieb sie stehen: »Kinder, nun ist der liebe, liebe Grossvater fort!
Aber wir danken es ihm tausend-, tausendmal, dass er zu uns gekommen ist.«
    »Tausendmal,« sagten die Kleinen mechanisch.
    Und den ganzen Nachmittag, während sie sich in der verödeten Wohnung
bewegten, das nötigste besorgten, ohne fremde Hilfe, ward Josy nicht müde, den
beiden von dem lieben Grossvater zu erzählen, und dass man ihm tausendmal danken
müsse.
    »Er hat uns aber nichts mitgebracht,« sagte Hermann blinzelnd.
    »Und Uli und Nina?« fragte Röslis unsicheres Stimmchen, »sind sie nicht
lieb? Wollen wir sie nicht mehr haben, Mama?«
    »Nein, aber ich möchte wissen, in welchem Spital Papa ist!« flüsterte der
Bub seinem Schwesterchen zu. »Es ist sicher, dass Mama ihn gar nicht lieb hat,
sonst würde sie ihn doch besuchen. Und ich geh dann einmal, ich gehe von Tür zu
Tür und frage: Ist mein Pappe nicht hier?«
    »Ich geh auch,« flüsterte Rösli mit grossen Augen.
    »Nein, du nicht, das ist nur was für Männer,« er stiess sie vertraulich an.
»Weisst, Rösli, der Pappe ist überhaupt schon lang tot, die Mama will's nur nicht
sagen. Er ist ausgegangen und nicht heimgekommen, einmal am frühen Morgen; wir
haben noch geschlafen. Er ist gewiss ermordet. Man muss sein Grab suchen. Ich will
ihm einen Kranz hinlegen von Efeu und Immergrün. Das ist für die Toten.«
    »Und weisse Rosen sind auch für die Toten. Und ich will auch,« sagte Rösli,
ängstlich an den Bruder geschmiegt.
    »Nein, du nicht. Du bist zu klein. Du bist eine dumme Gans. Der Pappe ist
ermordet!« Er spitzte den Mund und machte starre Augen.
    Rösli wurde es heiss vor Angst. »Das lügst du,« flüsterte sie empört, »das
sag ich der Mama.«
    »Ach, du Dumme! Warum trägt sie immer Schwarz? Schwarz ist Trauer! Da siehst
es!«
    Rösli zitterte vor Aufregung. »Kriegen wir jetzt einen neuen Papa?«
    »Ho, die redet! neuen Papa, sagt sie. So sagt man nicht, man sagt
Stiefvater! Dann kriegst du aber Wichs!«
    Der Bub lachte höhnisch auf; dann stockte er. Die Kinder sahen sich
erschrocken an.
    »Was habt ihr beiden vor? Warum flüstert ihr? sprecht laut!« rief Josefine
aus dem anstossenden Raum.
    »Wir sprechen etwas, Mama,« sagte Rösli kleinlaut.
    »Vom Christkindli, Mama!« rief Hermann und liess seine Finger knacken. Er
lächelte dreist der Kleinen zu.
    »Vom Christkind? schon jetzt?« Josy seufzte erleichtert. »Wohl, 's ist ganz
recht, sprecht nur vom Christkindli. Vergesst auch den Grosspapa nicht.«
    Und die Geschwister nickten sich zu und steckten die Köpfe dicht zusammen
und spannen weiter an ihrem phantastischen Gewebe wie zwei der kleinen roten
Spinnentierchen, die blitzgeschwind über schwarze Spalten und unheimliche Klüfte
ihre silbernen Fädchen ziehen und daran durch die Luft fliegen, heimlich und
lautlos, fast ohne Bewegung, dass man meint, sie schliefen nur, die schlauen
kleinwinzigen Spinnlein.
Josefine hatte nicht mehr geglaubt, dass ihre Schwestern zu ihr kommen würden,
aber eines Abends, in der Dämmerung, kamen sie doch zu ihr. Hübsch, jung und
elegant, von einer Wolke zarten Parfüms umhüllt, mit dem Knistern seidener
Unterkleider, traten sie in das Zimmer.
    In Hüten und Schleiern sassen sie, nahe der Tür, als Josefine, aus dem
Schlafraum der Kinder kommend, sie begrüsste.
    Josefines Herz wallte hoch auf, als sie die Schwestern sah. Sie konnte nicht
sprechen. Sie trug die Sonnenschirme, die sie ihnen abgenommen, aus einer
Zimmerecke in die andere.
    Die hübschen Frauen sassen da wie das böse Gewissen. Schweigend bewegten sie
die Taschentücher.
    Die Balkontür war halb geschlossen, es regnete schwer. Durch das Prasseln
der Tropfen in das dichte, harte Kastanienlaub tönte das Kreischen und Klingeln
des Trams. Der Wind schüttelte die Balkontür. Die Besucherinnen seufzten und
schnäuzten sich abwechselnd.
    Adele, die schlanke Älteste mit der gebogenen Nase und dem Zwicker am Bande,
blickte Josefine prüfend an. »Du trägst also Schwarz! ja, ja, ja!« sagte sie in
kondolierendem Ton.
    »Ihr trinkt doch eine Tasse Tee mit mir,« machte Josefine aufstehend.
    Marie hielt sie zurück. Ihr kleines verweintes Gesicht unter dem toupierten
hellen Blondhaar verzog sich kummervoll.
    »Nicht dazu sind wir hergekommen, Fifi; ist es denn wahr, dass du dich nicht
scheiden lässt?«
    »Ja, das ist ganz wahr,« nickte Josefine, den Blick abwendend.
    »Aber, mon dieu! mon dieu! was werden sie sagen!« Adele zog die Handschuhe
ab und begann die Hände zu ringen.
    »Wer?« machte Josefine zerstreut.
    »Die Leute, Fifi, alle Leute!«
    »Ja, ich kann mich doch darum nicht kümmern!« Josefines Gesicht ward immer
finsterer.
    »Sie sagen, dir fehlen die moralischen Begriffe!« schrie Marie auf.
    »Ich habe meine eigenen Begriffe, Mia.«
    »Aber das verzeiht dir ja kein Mensch, Josefine.«
    »Auch ihr nicht?« forschte Josefine in seltsam leichtem Ton.
    Adele richtete sich gerade auf. »Wir sind deine Schwestern. Mit uns ist es
ja anders. Wir kennen dich.«
    »Bin ich eure Schwester? Kennt ihr mich?« stammelte Josefine mit verzerrtem,
schmerzhaftem Lächeln. Sie fühlte Stiche am Herzen und atmete mühsam.
    »Mein guter Mann -« begann Marie.
    »Mein Léon -« fiel Adele ein.
    »Ja, ihr seid die Glücklichen,« flüsterte Josefine.
    »Aber das ist doch nicht unsere Schuld!« riefen die Schwestern gleichzeitig.
    »Nein, es ist euer Verdienst,« versetzte Josefine sehr bitter.
    Schmollend blickten die Besucherinnen einander an.
    »Wir haben's ja gewusst, wie du uns aufnehmen würdest!« sagte Adele gekränkt,
»aber gekommen sind wir in Gottesnamen doch.«
    »Arme Fifi! du bist natürlich furchtbar verbittert,« schluchzte Marie und
fächelte mit dem feuchten Taschentuch ihre Augen. »Wir, das heisst unsere Männer
und wir, meinen es ja so gut mit dir!«
    Josefine sah die Sprecherin mit einem langen, trüben Blick an. Dann glitt
der Blick zur Seite und fiel auf den Boden, matt und leblos.
    »Warum seid ihr gekommen?« hauchte sie in sich hinein.
    »Wenn du es nur nicht falsch auffassen möchtest -« sagte Marie und legte mit
einer ihr eigentümlichen weich koketten Bewegung den Kopf auf die rechte
Schulter.
    Adele rückte sich zurecht.
    »Das beste ist und bleibt doch, dass du von Zürich fortziehst, liebe
Josefine, von dem Orte, wo - nun, wir wissen ja alle, wie schrecklich dir diese
Stadt jetzt sein muss! Zum Vater - das wäre natürlich sehr schön, jedoch in
seiner Stellung - als Direktor der landwirtschaftlichen Schule - ist es ja
begreiflich. - - Nein, aber irgendwo aufs Land. Es ist auch wegen der Kinder.
Weil sie dort frische Luft haben. Sehr viel besser ist ja die Luft auf dem Lande
als in der Stadt.«
    »Keimfrei, Fifi, das ist nicht zu unterschätzen,« fiel Marie ein.
    Adele nickte. »Ganz recht. Und dann, wenn du dich dann recht bald zur
Scheidung entschliessen wolltest - nein, hör doch erst, was ich dir sagen soll -
Léon und der Vater und vielleicht auch Albert, wenn seine Geschäfte so
weitergehen, werden jeder jährlich tausend Franken hergeben, damit du die Kinder
recht erziehen und selber ziemlich bequem leben kannst. Auf dem Lande, wo alles
billiger ist, der Hauszins und so weiter, wirst du mit dreitausend Franken -
aber Léon wird sogar noch fünfhundert zulegen, wenn du ja sagst, denn der Plan,
weisst du, ist von Léon, und der Vater weiss noch nichts davon.«
    »Vater war hier,« unterbrach sie Josefine.
    »Hier? Bei dir und nicht bei uns? Wie lange denn?«
    »Drei Tage.«
    »Drei Tage?« Die Schwestern blickten sich fragend an. »Und zu uns ist er
nicht gekommen? In schöner Gemütsverfassung mag er gewesen sein.«
    Sie schwiegen wieder. Marie seufzte oft und schüttelte den kleinen Kopf.
»Nun, Fifi, was sagst du zu Léons Vorschlag?«
    Josefine hielt die Augen gesenkt. Sie drehte eine welke Rose in den Fingern,
die aus der Schale auf dem Tische herausgefallen war. »Ich begreife, dass es euch
unangenehm ist, wenn ich hier bleibe, und euren Männern erst recht,« sagte sie
mit schwerer Zunge, »und ich danke euch für eure Fürsorge, auch der Kinder
wegen. Die zwei kleinsten hat der Vater mitgenommen, die alte Nina ist noch beim
Vater. Ich habe vorläufig nur die Sorge für zwei.«
    Die Schwestern hatten mit angehaltenem Atem gehorcht.
    »Das wussten wir ja gar nicht,« sagte Adele verwundert. »Wir sind immer die
letzten, die etwas erfahren. Übrigens - Léons Plan wird ja dadurch nicht
alteriert. Er hängt wirklich sehr an dem Plan. Sogar einen Ort hat er schon in
Aussicht genommen. Es ist nämlich in Tessin, bei Morcote, weisst du, an dem
reizenden Luganersee. Man bekommt selber gleich Lust, gelt Mia?« Adeles
Jovialität brach durch den Nebel der Unbehaglichkeit und des bösen Gewissens
plötzlich siegreich hervor.
    »Also, Fifi, nämlich. Léon ist - er weiss selbst nicht wie - an ein Häuschen
in Morcote gekommen, ein reizendes Chalet. Von einem verkrachten
Geschäftsfreund, sagt er. Es ist mit immergrünen Rosen berankt, von oben bis
unten. Diese kleinen gelben immergrünen Rosen, weisst du - sie blühen so
merkwürdig früh. Auch Garten dabei; Kamellien im Freien - alles tadellos. Und
das Chalet gibt Léon dir kostenfrei für dich und die Kinder zum Bewohnen! Onkel
Birrli sagt: Potztausend, da möcht ich auch hin! Mit diesen Worten. Das einzige
ist - - etwas einsam! Sozusagen weltabgeschieden! Aber das ist ja gut, nicht? Du
musst ja vergessen, arme Fifi! Dort kannst du vergessen. Die Rosen! Die Kinder!
Die Kamellien - -«
    Josefine schwieg. Ihr Atem ging hörbar laut. Sie drehte die entblätterte
Rose immer schneller zwischen den Fingern.
    Marie fiel ein: »Einsam ist gut, aber ich hätte doch Angst so allein. Ich
habe gleich gesagt: Fifi muss einen grossen Hund haben! Und den schenk ich dir,
liebste Fifi - ohne Hund lass ich dich nicht in das abgelegene Häuschen ziehen.
In Rapperswil hab ich einen prachtvollen Wurf echter Bernhardiner besehen. Ich
nehme nämlich auch einen, Albert ist so oft auf Reisen jetzt. Sie sind braun,
ein wunderhübsches Braun mit weissen Flecken. Die Mutter ist auf den Mann
dressiert. Der Vater ein Prachttier! So hoch. Schon zweimal prämiiert!« Marie
griff nach Josefines kalter Hand und war zum erstenmal, seit sie in die Tür
getreten, unbefangen und natürlich.
    Josefine blickte auf. »Und was noch?« machte sie mit seltsamem Lächeln.
    Ganz ernüchtert sahen die Besucherinnen sich an. Sie verstanden nichts.
    »Möchtest du nicht an den Luganer -« stammelte Marie erschrocken.
    Ein schneidendes Lachen antwortete ihr. Josefine warf die Rose hin und
sprang auf. »Warum nicht nach Afrika? Warum nicht auf eine Südseeinsel? Das wäre
doch noch weiter! Mit einem zahmen Panter zur Unterhaltung und mit dem Geld
meiner grossmütigen Schwäger beladen! Man kann nur lachen! Als ob ich ein Kind
wäre! ein Kind! eine Null! ein Nichts! Wie gross ist der Bernhardiner, Mia, zeig
noch mal! Und was schenkst du mir, Adele, um mich zu beschützen? Eine
Dynamitpatrone? Albert handelt ja mit Dynamit! Ach!« schrie sie und lachte immer
wilder, »wie gütig ihr doch seid! Wie zwei fremde Damen gegen eine arme - so zum
Verzweifeln grossmütig! zum Verrücktwerden gütig. Aber seht mal« - sie setzte
sich dicht zu den entsetzten Schwestern und flammte sie mit ihren grossen
Leidensaugen an - »es geht nicht. Der Bernhardiner frisst zu viel! Und die Rosen
sind zu rot! Und der Luganersee ist zu blau! Haha! ich weiss, wie blau der ist.
Das ist etwas für Leute, wie ihr seid! nicht für mich. Warum machst du solch ein
dummes Gesicht, liebe Mia? Von geschenktem Gelde leben - in meiner Lage - und
tun, als wäre es mir ums Tanzen -? Denken, wie ich mir einen guten Tag mache?
Ach, Kinder, Kinder!« - -
    Marie war zusammengeknickt. »Mir ist fast ohnmächtig. Gib mir ein Glas
Wasser!« stöhnte sie, »diese Aufregung! Dafür bin ich nicht gemacht.«
    Josy ging hinaus.
    »Was hat sie vor?« flüsterte Marie.
    »Was sie vor hat? Gott mag wissen. Irgend etwas Unsinniges! Du kennst doch
Josefine. Ach, ich fürchte - wir werden nicht sobald wieder hierher kommen.«
    Marie weinte. »Sie ist nicht zurechnungsfähig. Man wird hier ganz nervös.
Was für ein Zustand. Und solche Hartnäckigkeit. Wie öde hier! Schrecklich! Man
sieht es den Zimmern an.«
    »Gottlob, Josefine hat Nerven von Stahl. Vater scheint auch in Unfrieden von
ihr gegangen zu sein,« überlegte Adele.
    Dann kam Josy und brachte Himbeerlimonade.
    »Wir müssen leiser sprechen,« bat sie, »die Kinder wachen schon wieder. Sie
sind so unruhig geworden -«
    Der Lampenschein, leicht gedämpft durch einen zartblauen Schleier, der die
Gesichter blass machte, beleuchtete die drei Schwestern, die ungleichen
Schwestern. Sie tranken, und dabei musterten sie einander wie fremde Leute.
    Hastig, sprudelnd, wie es ihre Art war, wenn sie einmal ihre natürliche
Zurückhaltung durchbrach, begann Josy zu sprechen: »Was ich tun will? O,
vielerlei. Erstlich kommt zu mir Laure Anaise von Chur, Vater hat mir heut
telegraphiert.«
    »Ach, die Kleine von der alten Nina?« sagte Marie verwundert.
    »Ja, die. Sie ist achtzehn Jahr, frisch, naiv. Nach der hab ich Sehnsucht.«
    »Merkwürdig!« machte Adele.
    »Laure Anaise - das ist wie ein Feldblumenstrauss; die Kinder brauchen sie
auch. Dann - die Wohnung ist zu gross und zu teuer. Ich vermiete zwei Zimmer und
die Mansarde.«
    »Fifi, aber nein! nein! Das ist doch nun wahrlich nicht nötig,« jammerte
Marie.
    »Nicht? Ich weiss wohl, was nötig ist! Viel ist nötig. Alles ist nötig. Die
Hauptsache kommt noch. Ich werde Medizin studieren und meines Mannes Praxis
übernehmen.«
    Adele lachte schrill auf. »Du machst dich lustig! Das ist nicht schön von
dir, Fifi, wir sind in guten Treuen zu dir gekommen!«
    »Und ich spreche zu euch in guten Treuen. Seit ich den Entschluss gefasst
habe, bin ich wieder ein Mensch. Ich lebe wieder! Ich habe ja diese Zeit nicht
gelebt.«
    Marie streichelte mitleidig Josys schmale Wange. »Arme Josy! Ich bin
furchtbar erschrocken.«
    Josefine fing die Hand der Schwester und drückte sie zwischen ihren
fiebernden, heissen.
    »Arme Marie! Arme Adele! Verzeiht! Ich muss hier bleiben. Wo sonst sollt ich
so bequem studieren, so bequem Pensionäre finden. Ich werde bald hineinkommen.
Hab ihm ja oft geholfen. Bei den Operationen, wisst ihr.«
    Adele sass wie erstarrt in kühler Würde. Sie vergass, mit dem Zwicker zu
spielen.
    »Ja, ob aber Albert und Léon zu einem solchen Experiment Geld hergeben - -«
    Marie seufzte tief auf.
    »Wohl,« sagte Josy nach langer Pause, »das glaub ich gern. Ich hab auch
nicht auf eure Hilfe gerechnet, Kinder. Wir kennen uns ja. Eure Wege sind nicht
meine Wege, und eure Gedanken sind nicht meine Gedanken. Que faire?«
    Marie beobachtete sie, diese vergrämten Züge mit den tiefliegenden Augen,
die einen seltsam erschrockenen entsetzten Blick bekommen hatten. Ein
schwesterliches Gefühl wallte auf. »Es ist mir unbeschreiblich traurig zu Mute.
Dieses viele Schwere willst du auf dich nehmen, meine arme Fifi! Weisst du, was
du brauchst? Ruhe und Erholung, sonst nichts! Wenn ich dich so ansehe - ach,
kein Mensch würde denken, dass du von uns allen die jüngste bist.«
    »Das grösste Unglück!« lachte Josefine. »Ich seh wohl schrecklich aus?« Sie
sprang auf. »Das macht das Herumsitzen, das Zuwarten. Man wird fast verrückt
davon. Nein, so kann es nicht weitergehen. Ich muss etwas tun, ich muss einen
Beruf haben, sonst geh ich zu Grunde. Nur nicht denken! Denken macht verrückt!
Tun! Arbeiten! Irgend etwas!«
    Die Schwestern gingen bald. Es war kein Wort mehr über das Geldanerbieten
gefallen.
    »Besinne dich, Fifi!« hiess es noch beim Abschied.
    »Stärke dich! erhole dich!« rief Marie, während sie Josefine küsste.
    Aber als sie fort waren, hatte Josefine einen Weinkrampf.
    Hermannli erwachte davon; er rief Rösli zu: »Hörst du's? Mama weint wieder!
Merkst du jetzt, dass der Papa tot ist?«
Die Antwort des Vaters kam umgehend. Sie lautete!
    Mein gutes Kind Josefine!
    Du bist von den Menschen, die sich selbst helfen wollen und denen anderer
Hilfe nichts nützt. Ich billige deinen Entschluss nicht, ich billige vor allem
nicht, dass du die Scheidung hinausschiebst. Denn ich bleibe dabei, sie ist nur
hinausgeschoben, und spätestens nach fünf Jahren, wenn eine gewisse schreckliche
Frist abgelaufen sein wird, wirst du die Notwendigkeit einsehen. Mir ist nur
leid, dass er überhaupt einmal wieder herauskommt. Das sollte nicht sein. Ich
glaube auch nicht, dass du dir die Möglichkeit eines künftigen Zusammenlebens
vorstellst. Ich kann das nicht glauben. Ich bin überzeugt, es wäre das grösste
Unglück für dich. Überlege, Kind.
    Ich habe dir oben so rundweg geschrieben, dass ich deinen Entschluss, zu
studieren, nicht billige. Doch das ist zu viel gesagt. Ich kann nur sagen, dass
mir die Frage neu und fremd vorkommt. Auf alle Fälle bin ich bereit, dich zu
fördern und mit Geld zu unterstützen, soweit es in meinen Kräften steht. Doch
das ist selbstverständlich.
    Pensionäre schaden nicht, nur bürde dir nicht zuviel auf. Nina und Uli
möchte ich jedenfalls über die nächsten Jahre hier behalten. Die Alte ist
versessen auf sie. Laure Anaise kommt morgen.
    Es ist wohl recht, dass du dein Heil in der Arbeit suchst. Lebe gesund!
                                                                     Dein Vater.
    Josefine küsste den Brief unzählige Male. Sie hatte ein Gefühl, als müsse sie
sich irgendwo auf die Kniee werfen in Dank für die Erlösung.
    Aber sie nahm sich kaum Zeit, den Kindern zuzurufen: »Der liebe Grossvater
hat geschrieben. Vergesst ihn fein nit.«
    Dann schrieb sie Briefe, Zimmerangebote und trug sie selbst auf die
Redaktion und zum Pedell, damit er sie am schwarzen Brett anschlage. Sie
erkundigte sich auch, wann der Rektor zu sprechen sei, und kaufte den Kindern,
die sie mitgenommen, auf dem Heimweg Kirschen.
    »Könnten wir nicht gleich auch Papa besuchen, weil du so gut gelaunt bist?«
fragte der Knabe, während er fröhlich dahinsprang.
    Josefine fasste beide Kinder an den Händen. »Hermannli und Rösli, der Papa
ist auf eine grosse Reise gegangen, auf eine weite Reise -«
    »Nach Afrika?« fiel der Bub überrascht ein.
    »Ja ja, nach Afrika, und besuchen können wir ihn also nicht.«
    »Ist der Papa also wieder gesund,« sagte Hermann noch verwunderter.
    »Ja, gesund.«
    »Aber warum hat er uns nicht Grüss-Gott gesagt und nicht adie?«
    »Es war ja spät am Abend. Ihr schliefet schon. Da ist er in die Stube
gekommen, hat euch angeschaut und im Schlaf geküsst und einen schönen Gruss für
euch dagelassen. Und ist fort.«
    »Nach Afrika?«
    »Ja, nach Afrika.«
    »Und wir - sind wir nicht traurig, Mama?« fragte Rösli mit kläglichem
Stimmchen.
    Auf der Bank in der kleinen blühenden Anlage, wo sie sassen und die Kirschen
verzehrten, zog Josefine die beiden Kleinen in ihre Arme. »Ja, wir sind
traurig,« sagte sie, ihre Tränen bezwingend, »aber wir dürfen nicht daran
denken. Wir sollen nur denken, wie wir tüchtige, brave Menschen werden -«
    »Und dem Papa Freude machen, wenn er heimkommt,« fiel Hermann mit altkluger
Miene ein.
    »Ja. Weisst noch, wie er sich über dein erstes Zeugnis gefreut hat?«
    »Man muss den Papa also lieb behalten?« fragte Rösli nachdenklich.
    »Aber gewiss! Behaltet ihn lieb, den armen Papa, behaltet ihn lieb, aber
sprecht nicht von ihm. Es tut eurer Mama weh -«
    »Geht es ihm nicht gut in Afrika?« lispelte Rösli ängstlich.
    »O nein, es geht ihm nicht gut. Und er sehnt sich nach euch und denkt an
euch, mein Rösli -«
    »Ich sehne mich auch,« sagte Rösli feierlich, die kleinen Hände faltend,
»gib mir noch ein paar Kirschen, Mama.«
    »Ja, aber warum geht es dem Papa schlecht in Afrika? Ist es zu heiss da?«
begann Hermann wieder.
    »Ja, heiss. Und nun hört, Kindli, was ich euch sage. Wir wollen den Papa lieb
behalten und an ihn denken, da inwendig, in unserem Herzen,« Josefine tippte auf
Hermanns und Röslis Brust, »aber sprechen wollen wir nicht mehr von ihm. Nicht
laut und nicht leise. Nicht zur Mama und nicht zu anderen Leuten, hört ihr das?
Weil es der Mama weh tut?«
    »Ja, aber wenn sie mich in der Schule fragen, was denn der Papa in Afrika
macht?« fuhr Hermann unerwartet heraus.
    Josefine war ratlos vor Schrecken. »Nun - kannst ja nicht sagen, was du
nicht weisst.«
    »Aber schreibt der Papa keine Briefe?«
    »Ich weiss nicht. Wenn die Kamele den Weg finden durch die grosse Sandwüste -«
    Die Augen der Kinder weiteten sich und hingen an ihr. »Ist der Papa auf
einem Kamel, Mama?«
    »Ja, dort unten,« sagte Josefine mechanisch.
    Aber der Bub schüttelte eifrig ihren Arm.
    »Erzähl uns von der grossen Sandwüste, von den Kamelen, erzähl uns alles,
Mama!«
    »Ich bin nicht dort gewesen, Bub, ich weiss also nichts. Aber hört etwas
anderes! Eure Mama war einmal klein, ganz klein, so klein wie Nina.«
    »Ach du!« sagte Rösli lachend, »das glaub ich nit.«
    »Ich glaub's, ich glaub's!« schrie Hermann, »sag weiter, Mama.«
    »Und die kleine Josefine, eure Mama, war hungrig und durstig, denn sie hatte
keine liebe Mutter.«
    »Warum nicht?« erschrocken rückten die Kinder näher.
    »Weil sie gestorben war und ihre kleine Josefine allein gelassen hatte.«
    »Ach! Und was tat die kleine Josefine?«
    »Sie schrie den ganzen Tag, denn sie war durstig und hungrig, aber wenn
jemand ihr Milch zu trinken geben wollte, dann drehte sie ihr Köpfchen weg und
schrie noch ärger. Und die Leute sagten: die kleine Josefine trinkt nicht, sie
wird sterben.«
    »O!« Rösli schmiegte sich dicht an die Mutter. »Und wo waren wir, Mama?«
    »Und es wäre vielleicht gut gewesen für die kleine Josefine, wenn sie damals
gestorben wäre, denn sie musste noch viel weinen,« sagte Josy, von Schwäche
übermannt.
    Hermannli streichelte ihren Ärmel. »Mach es lustiger, Mama, mach die
Geschichte jetzt lustiger.«
    »Ja, sie wird ganz lustig. Da kommt eine braune Bäuerin aus dem Dorf, mit
einem lustigen bunten Rock und einem lustigen seidenen Tuch um die Schultern und
mit roten Bändern im Zopf und sagt: Gebt mir die kleine Josefine, bei mir wird
sie wohl trinken lernen.«
    »Ja,« sagte Rösli zufrieden, »mit roten Bändern im Zopf, das ist schön.«
    »Und sie nimmt die kleine Josefine in den Arm, steckt sie unter das bunte
Seidentuch, lacht ihr zu und hätschelt sie und klingelt mit der silbernen Kette
an ihrem Hals, und die kleine Josefine muss lachen!«
    »Ja, sie muss lachen!« lachten die Kinder.
    »Kannst du lachen, so kannst du auch Milch trinken, mein Schatzi, sagt die
gute Bäuerin Nina, und richtig - die kleine Josefine dreht nicht mehr das
Köpfchen weg, schreit nicht mehr, sondern trinkt!«
    »Haha! Wir haben auch eine Nina, Mama!«
    »Und die kleine Josefine ist gerettet, denn die lustige Bäuerin ist ihre
Amme geworden und hat sie so lieb wie ihre eigenen Kinder. Und die kleine
Josefine wird gross, und die lustige Bäuerin wird alt. Ihre Kinder sind
verheiratet, beim Grosspapa in Chur führt sie die Wirtschaft. Sie hat aber eine
Enkelin, und das ist Laure Anaise. Und nun, was geschieht? Laure Anaise sagt:
Ich will einmal die Josefine in Zürich besuchen, und Hermann und Rösli will ich
auch besuchen. Lange will ich bei ihnen bleiben und alles mit ihnen tun. Wann
die Stuben geputzt werden, will ich mit putzen helfen, und wann viel zu schaffen
ist, will ich mit schaffen. Und wenn sie mich dafür lieb haben, will ich singen
und ihnen auf der Ziter vorspielen und mit Hermann und Rösli tanzen. Ist das
nicht schön? Sehr lieb werden wir Laure Anaise haben und keinen Augenblick
vergessen, dass sie uns besucht und uns hilft. - Wie Mamas Schwester wird Laure
Anaise sein -«
    »Wie Tante Adele?« machte Hermann erschrocken.
    »Nein, nicht wie Tante Adele, bitte, Mama!« rief Rösli.
    »Wie Tante Marie? Tante Marie ist ziemlich hübsch,« forschte der Bub mit dem
altklugen Gesicht.
    Die Mutter beruhigte sie. »Laure Anaise ist Laure Anaise, heisst nicht Tante,
heisst Laure Anaise, hat eine Ziter und lacht den ganzen Tag.« -
    Diese Nacht weinten die Kinder nicht im Schlaf, von unbewussten Schrecknissen
geängstigt. Sie träumten von Laure Anaise, die mit ihnen lacht und springt, dass
der schwarze Zopf mit dem roten Bande wackelt.
    Und am Morgen, als sie erwachten, war Laure Anaise gekommen und lachte
wirklich und nickte ihnen zu, nickte bei jedem Wort, aber nichts verstand sie,
denn sie war ein romanisches Kind und konnte wenig deutsch.
In der Küche erklingt das Lachen und Zwitschern der Kinder, die Ziter erklingt.
    Werden die zarten Klänge allmählich das dumpfe Grabgeläute übertönen, das
unablässig, Tag und Nacht, durch dieses Haus dröhnt?
    Werden die Frühlingsblumen den schwarzen Spalt verhüllen, dem Höllenqualm
entsteigt?
    Josefine sah es deutlich durch die geschlossenen Türen gehen, das Gespenst
mit den verschleierten Augen, das sie verfolgte mit seiner Unbegreiflichkeit,
mit seinen höhnenden, quälenden Rätselfragen.
    Ich war dein Gatte. Ich war Georges.
    Wer bin ich? Wer ist das - Georges?
    Bin ich der Mann, den du kennst? Den du geliebt hast? Dem du noch anhängst
mit der Kraft der Erinnerung? Der Vater deiner Kinder? Der Mann, der deine
Kinder liebte? Bin ich dieser Mann? Oder bin ich der Abschaum, der Verbrecher,
der Ausgestossene, vor dem alle guten Dinge der Erde fliehen, vor dem die Sonne
ihr Gesicht verhüllt? Das Scheusal, das die Menschen nicht unter sich dulden
durften? Der Angesteckte, der die Pest verbreitet?
    Nein! nein! nein! schrie es in ihrem zerspaltenen Herzen, ich kenne dich,
Georges! Du bist ganz Mensch! Hab ich dich nicht oft gesehen, hilfsbereit,
eilig, selbstverleugnend fortstürmen mitten in kalter Nacht? um als Arzt
Leidenden beizustehen? Wie oft hab ich von dir Worte gehört, tiefe, warme, wenn
du an den Bettchen unsrer Kinder standest! Wie dientest du eifrig der
Wissenschaft! Wie wenig verlangtest du von den Menschen! Wie nachsichtig war
dein Spott! Wie fröhlich war deine Weinlaune! Hast du nicht angstvoll um mein
Leben gebebt, als ich in Gefahr war? Wolltest du nicht mit mir sterben, als ich
zu sterben fürchtete? Nein, du bist ganz Mensch, Georges, ich muss dich doch
kennen, ich, die Mutter deiner Kinder!
    Aber - aber - sie sagen ja - ich kenne dich nicht! Sie sagen, du seist
jemand anders als der, der du bist. Du selber hast bekannt, nicht der zu sein,
als der du gewöhnlich erscheinst. Du selber hast gegen dich ausgesagt. Das war
gefährlich, Georges. Das war unsinnig! Sie haben alles geglaubt. Sie glauben das
schlechteste zuerst und am liebsten. Warum hast du gegen dich selber ausgesagt,
Georges?
    Sie haben dich angeklagt unbegreiflicher, lichtscheuer Greuel, die der Mund
nicht nennen kann, die nur ihr Mund nennt, der Mund der schamlosen
Gerechtigkeit, die gekommen ist, die Schamlosigkeit zu strafen. Du hast die
Beschuldigung gehört, und du hast sie nicht ins Gesicht geschlagen, deine
Beschuldiger. Du hast ihre abscheuliche Zunge nicht in den lügnerischen Mund
zurückgestossen. Du hast die Achseln gezuckt, sagen sie, du hast - gelächelt! War
das ein Augenblick zum Lächeln, Georges?
    Wer bist du? Sprich, wer bist du?
    Ein Bild auf dem Wasser?
    Ein bunter Anstrich auf einer zerbröckelnden Lehmwand?
    Ein Ungeheuer mit Menschenaugen?
    Ein Vampir, der lachen kann und in heimtückischer Mitternacht seinen Mund in
Blut taucht?
    Ja - aber dann - wer bin ich?
    Und deine Kinder?
    Kleine weiche, rosige Geschöpfe mit träumenden Augen und Vogelstimmchen -
wer sind sie?
    Sind es Kinder wie andere Menschenkinder? Sind es junge Werwölfe?
    Sind sie wie - du?
    Wie welches du? Sind sie wie dein du, das ich kenne?
    Sind sie wie jener schreckliche Verbrecher, den sie in dir gefunden haben?
    Eine Mutter denkt viel, Georges! Sage mir etwas über die Kinder, deine und
meine Kinder! Ist ihr Schicksal - nein, nein! Ich kann es nicht aussprechen! Ich
kann die Antwort nicht hören. Ich entsetze mich vor der Antwort! Ich empöre mich
gegen jede Unerbittlichkeit! - Ich will das nicht dulden, Schicksal! Hörst du
mich, du unerbittliches?
    Oh, Georges! ich kenne dein verschleiertes Lächeln. Was flüstern deine
seltsam zuckenden Lippen mir zu? Was sagst du?
    Wie ich, so sind alle! Ohne Ausnahme. Keiner ist besser. Nichts ist gut.
Niemand ist wert, dass ihn die Sonne wärmt. Alles ist nur Heuchelei, Konvention,
und darunter das Aas. Lüge ihre Begeisterung, Lüge ihre Entrüstung. Sie spielen!
Hast du das nicht gesagt, Georges? Hast du nicht die Erde um mich zu einem
Leichenfeld gemacht? Hab ich nicht an deiner Seite gebebt und gezittert nach der
Sonne, die keiner auf Erden wert ist? -
    Aber dann - als alles vorüber war, als du vor den Schranken standest,
abgeurteilt, verdammt, zerschmettert, ausgelöscht, bist du da nicht wie ein
Flehender an der Himmelspforte zusammengeknickt? Hast du nicht mit der Stimme
der Wahrheit und der Verzweiflung geschrieen: ich sterbe ohne mein Weib! Gebt
mir mein Weib und meine Kinder!
    Haben sie nicht in ihren kalten Berichten berichtet: Es ging ein eisiger
Schauder durch alle Anwesenden?
    War das auch Heuchelei? Konvention? Lüge? Hast du das gespielt? Wer bist du?
    Grübelnd, qualvoll starr ich dich an, und du erwiderst meinen Blick,
grübelnd, qualvoll. Bodenlos und seicht zugleich ist dein Auge, höhnisch und
verzweifelt zugleich ist dein Lachen.
    Wer bist du? - -
    Und plötzlich dann brach es wie ein Erlösungsschrei aus Josefines
angstbeschwerter Brust: Ein Leidender! Was frag ich noch! Ein Verlassener! Ein
Gefangener!
    Armer Georges, fürchte nichts! Fürchte nichts! Ich verlasse dich nicht. Ich
beurteile dich nicht. Ich verachte dich nicht. Ich will dich schützen, denn du
bist in der Verzweiflung. Ich will aus meinem Herzen einen warmen Mantel machen
um deine Nackteit. Ich will -
    Aber sag - wo waren deine Gedanken, während du bei mir warst, Georges? Was
für Bilder -
    Ach, nicht denken! Nicht denken! Gar nichts denken.
    Leben. Und vergessen.
    Die Zeit wird helfen; dir und mir.
    Und die Arbeit! Vor allem die Arbeit.
    Schaffen muss man, nicht rechts, nicht links sehen. Schaffen, leben und
vergessen.
    Lieber Gott, ich danke dir, dass ich arbeiten darf!
    Lieber Vater, ich danke dir, dass du mir beistehen willst!
    Nur Kräfte bitt ich ...
    Und fort mit dem quälenden Grübeln!
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Und so begann Josefine zu studieren wie ein Student und unter den Studenten.
Und ihre schmerzhafte Aufregung verwandelte sich in rastlose Tätigkeit, und eine
Fülle von Kraft strömte ihr aus der Arbeit entgegen.
 
                                  Zweites Buch
Rastlose Tätigkeit, wie freundlich bist du dem Leidenden, der sein Herz nicht
beschwichtigen kann. Aber Gedankenarbeit muss es sein, Gedächtnisarbeit selbst
ist willkommen. Das stärkt, das lindert, das - betäubt.
    Die Uhr schlägt halb sechs. Dunkel, mondlos ist der Wintermorgen.
    Steh auf, Josefine, die du müde wie eine Lohnarbeiterin gestern abend auf
dein Bett sankest; um sieben Uhr beginnt das Kolleg.
    Wecke die Kinder nicht, sie brauchen den Morgenschlaf, wecke nur Laure
Anaise und das Mädchen, das dir und den drei Pensionären das Essen bereitet.
Zwei von den dreien müssen auch geweckt werden, sie haben auch um sieben Kolleg.
    Da poltert schon einer in die Küche, um sich die Stiefel zu putzen.
    Ein ordentlicher Mensch, dieser Bernstein; der Einfall, dass sich jeder hier
selbst die Schuhe zu putzen habe, stammt von ihm.
    »Kocht das Wasser, Laure Anaise? Ein Ei für jede Person; wir haben Kolleg
bis elf in einem Ruck, dann komm ich heim. Nur zwei Grad heute morgen? Zieh
Hermannli die wollenen Strümpfe an, die ich zurecht gelegt habe, und lass Rösli
nicht ohne Jäckchen in den Garten. - Guten Morgen Kollege! Ist Ihr Referat
fertig? Ich brauche einen hellroten Farbenstift, können Sie mir aushelfen? Ich
werde mich blamieren heut im Präpariersaal, Sie sollen sehen!«
    Bernstein ruft zum Tee. Bernstein macht immer den Tee morgens. Er hat seinen
Samowar dazu hergegeben. Ein ordentlicher Mensch, dieser Bernstein. Immer
gelassen, hilfbereit, ohne Galle.
    Er steht neben dem Samowar und liest. Das ganze Zimmer ist voll
Holzkohlendampf. Zwei Bücher hat er unter dem Arm, die Pelzmütze liegt vor ihm
auf dem Teller. Er liest halblaut, murmelnd und blickt nicht auf, wenn jemand
kommt. Laure Anaise lacht über Bernstein, aber Bernstein ist ein ordentlicher
Mensch.
    Den heissen Tee geschluckt, die Kinder geküsst, die sich erwachend die Augen
reiben, noch ein paar Anordnungen an Käte wegen des Mittagessens, und hinaus in
den Wintermorgen. Die Laternen brennen rot. An der Spitalscheuer heult der Hund
an der Kette. Ein Wagen fährt ganz langsam in den Spitalhof ein; ein anderer mit
einem schmucklosen Sarge rasselt hinaus. Beide, der Krankenwagen und der
Totenwagen, fahren an Josefine vorüber, die in das Auditorium der Anatomie geht.
Sie blickt sich nach dem Sarge um, trübe Gedanken wollen sich ihrer bemächtigen.
    Da läuft es eilig heran durch den Nebel über den knirschenden Kies. Eine
Kollegin. »Hören Sie, schlägt's schon ein Viertel? Nachher sind unsere Plätze
fort.« Sie stürmen vorwärts.
    Atemlos hinein und auf die Plätze. Die ganze Wandtafel ist schon
vollgezeichnet, der Assistent wäscht sich eben die Hände. Man gähnt, zeichnet
nach und gähnt.
    Richtig, der hellrote Farbenstift fehlt. Fatal!
    Ist da schon der Professor? Wischt der Assistent die Zeichnung schon ab? Es
ist ja noch niemand fertig! Was für eine Art ist denn das, abzuwischen, ehe
jemand fertig ist?
    »Meine Herren und Damen -«
    Zwicky wird die Zeichnung haben, denkt Josefine, während sie eifrig
nachschreibt. Zwicky ist der zweite Pensionär. Auch ein ordentlicher Mensch,
aber hitzig und ehrgeizig, nicht so wie Bernstein.
    In den Präpariersaal jetzt. Nun, was ist da für ein Auflauf? Etwas besonders
interessantes? Ach nein, nur eine frische Leiche, eben aus dem Wasser gezogen.
Eine Frau, die mit ihrem Kinde in die Siehl gesprungen ist; sie wird sofort
»verteilt«.
    Josefine weicht zurück, es ist ihr immer noch schwer.
    Der Prosektor sagt etwas. Ein einziger lacht.
    Dann dröhnendes Gescharre. »Was hat er gesagt?« Das Scharren will kein Ende
nehmen.
    »Geniert Sie das, meine Herren?« piepst die schwache Stimme des Prosektors.
»Sehen Sie her, es ist, wie ich sage. Wir haben noch keinen Proletarier seziert,
der nicht auch sein bisschen Fett gehabt hätte.«
    Sie scharren wieder. Der Prosektor ist durchaus unbeliebt.
    Josefine geht mit ihrem Präparat an ihren Tisch. Die Hand ist's, die sie
bekommen hat, die rechte Hand der Selbstmörderin. Eine feine, jugendliche Hand,
die Finger von Nadeln zerstochen. Die Hand einer fleissigen Näherin. Nun starr,
bläulich, gekrümmt.
    »Ist Ihnen schlecht?« ruft die Kollegin vom Nachbartische, »wollen Sie eine
Zigarette?«
    Josefine bezwingt sich, raucht und beginnt ihre subtile Handarbeit an der
zernähten Hand. Eine Mutter mit ihrem Kind im Arm - in der Siehl gestern - heute
hier - zerstückt - von einer anderen Mutter, die an ihrem toten Leibe den Bau -
die normale Anatomie studiert.
    »Was? ich werde doch nicht ohnmächtig? Kollegin, Wasser! Nein, ich laufe
hinaus! Aber ich komme sofort wieder. Lassen Sie niemand mein Präparat
wegnehmen, bitte - oh - Luft!«
    Josefine kommt zurück, noch etwas blass, aber gefasst. Sie schämt sich ihrer
Schwäche. Sie möchte sich verteidigen. »Ich begreife das nicht. Ich stehe ganz
ruhig und interessiert, schneide vorsichtig, habe keine Spur von Widerwillen,
und plötzlich fühle ich etwas unter den Fusssohlen, so eine Schwäche - es dreht
sich langsam alles im Kreis - der Magen wird ungemütlich - im Munde -« Sie
schüttelte sich, sie fürchtete eine Wiederholung des Anfalls.
    »Ich denke gar nichts,« sagte die Nachbarin ruhig. »Tun Sie das auch. Ich
finde, diese Präparate sind wirklich angenehm. Neulich hatte ich mal eins mit
Würmern unter der Haut. Das war widerlich. Es muss ja doch sein.«
    »Können Sie sogar hier essen?« ruft Josefine fast erschrocken.
    Die Kollegin kaut. »Nur Beefsteak, englisch, nicht. Es ist 'ne gewisse
Ähnlichkeit. Aber mein harmloses Butterbrot - warum nicht?«
    Warum nicht? Es muss ja sein. Man muss ja essen, alles muss so sein, wie es
ist. Die magere, zernähte Hand, die scharfen Messerchen zum Zerschneiden, der
Selbstmord der Armen. Woher sonst frisches Material nehmen für die »normale
Anatomie«?
    Ich - das hier - der Präpariersaal - arme, verzweifelte Mutter - starrer
Zeigefinger du -
    Nun, was ist das heute mit mir? Fängt es schon wieder an? Nimm dich
zusammen, Josefine, der Assistent kommt. Er wird dich fragen nach den Namen der
Muskeln, der Nerven, die diese arme Hand - Um Himmels willen, was ist mit mir?
Ich werde mich blamieren! Sie ist ja tot. Fühlt nichts mehr. Hat den Witz des
Prosektors nicht gehört. Keine Miene verzogen! Du willst doch lernen. Lernen, um
nachher helfen zu können! Kann ich - kann ich helfen? Solchen armen Müttern, die
in die Siehl springen müssen mit ihrem Kinde im Arm?
    Da! der Assistent. Er schiebt heran. Das tägliche Examen beginnt.
Das ist's ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Dass er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.
Immer zitiert er, der Assistent ... »Was er erschafft -«
    Und was er zerstört auch. Wieso zerstört? Hier wird nichts zerstört. Nur
schön reinlich zertrennt. All die Muskeln, die Bänder, die Nerven. Nachher gibt
es ein zierliches Präparat. Man lobt sogar. Es muss ja sein. Aber doch lobt man
das schönste Präparat. Das ist für den Ehrgeiz.
    Warum sprang sie in die Siehl? Sitzt ihr Mann vielleicht im Zuchtaus? Und
die Kindesleiche? Die ist gleich in Eis gelegt, nicht wahr?
    Ach richtig, dass ich es nicht vergesse - morgen ist Röslis Geburtstag. Die
kleine Wachspuppe muss ich noch kaufen, sie freut sich so darauf. Liebes Rösli
du!
    Aha, der Professor auch noch. Jetzt examiniert der noch einmal. Werd ich
bestehen? Werd ich mich blamieren? Nein, ich werde schon wissen, ich bin das
meinem Vater schuldig.
    Was für ein hässlicher, quarrender Ton? Woher kommt der?
    »Nein aber!« ruft die Kollegin, »der Lausbub, der Luzerner, sehen Sie, was
der macht. Hat den Magen da genommen und bläst ihn auf wie 'nen Dudelsack!
Seelenroheit!«
    Der Bursche lacht »hihi!« Ein paar lachen mit.
    »Pfui!« schreit Josefine. Es ist ihr so entfahren, ganz laut und empört.
Alle gucken sie an. Einige nicken.
    »Das hätten Sie sich sparen können,« sagt die Kollegin, »der bringt's in die
Bierzeitung, passen Sie nur auf. Man muss diese Dinge nicht so ernstaft nehmen.
Der Lausbub kommt vom Frühschoppen. Das macht nur böses Blut gegen uns
Weibliche. Tun Sie das, bitte nicht wieder.«
    Josefines Gesicht zuckt. »Immer werd ich pfui schreien, wenn's nötig ist.
Sollen wir überall dabei sein und schweigen? Man lässt uns zu - nun - wir wollen
den Ton mit bestimmen, der hier herrschen darf!«
    »Sie sind zu hitzig. Wenn Sie so machen, fliegen wir Weibliche nächstens
hinaus. 's ist ja nur ein dummer Junge.«
    Am Ausgang trifft Josefine mit dem Luzerner zusammen. Er bringt sein blasses
freches Gesicht dem ihren ganz nah und schreit: »Sie da! Warum haben Sie pfui
gerufen?«
    »Warum?« Josefine sieht ihn ernstaft an. »Solche Roheiten gehören nicht in
eine wissenschaftliche Anstalt, Herr -«
    Der Student blinzelt. Seine Augen röten sich vor Wut. »Sie haben hier nichts
zu monieren. Dazu ist der Prosektor da.«
    »Ich werde mich beim Professor beschweren!«
    »Hihi! sogar beschweren! Haben Sie nicht gehört, was der Doktor Ebert vom
Proletarierfett gesagt hat?«
    »Schämen Sie sich, Herr!« ruft Josy.
    »So? auch noch schämen! Wer zimperlich tut, mag draussen bleiben, wissen
Sie's jetzt?«
    Es hat sich ein Kreis um die Streitenden gebildet, niemand greift ein. Der
Luzerner ist ein bekannter Raufbold.
    »Ich hab's ja nur ausmessen wollen, wieviel Kubikcentimeter Inhalt so en
Proletariermagen fasst,« grinst der Bursche gegen die Umstehenden.
    Man lacht.
    »Kommen Sie fort!« Die Kollegin zieht Josefine mit sich. »Sie haben schon
genug angerichtet, Sie hetzen uns den ganzen Präpariersaal auf den Hals,
sämtliche deutsche Studenten!«
    Müde und zerschlagen heim zum Mittagessen.
    Aber an der Tür laufen Josefine die Kinder entgegen.
    »Einen Augenblick, Kinder, Mama muss sich erst umziehen.«
    Fort mit den Arbeitskleidern, an denen der Geruch aus dem Präpariersaal
klebt! Fort mit den abstossenden Bildern, den niederdrückenden Vorstellungen
dieser letzten Stunden. - Es ist doch gut, dass wir nicht in die Siehl gesprungen
sind, meine süssen Kinder.
    »Leg dein Köpfchen an, Rösli, schneckelt euch an die Mama; ja, die Mama
bleibt jetzt bei euch, vier volle Stunden, wir haben heut einen bequemen Tag.
Und morgen? was ist morgen? Wie alt wird unser Rösli morgen? Und wünscht sich
noch eine Puppe, so ein grosses Mädchen von sieben Jahren!«
    Aber da kommt Bernstein zum Mittagsessen, lesend im Gehen wie gewöhnlich.
    Josefine lässt die Kinder los und ruft ihn an: »Haben Sie die Geschichte mit
dem widerwärtigen Luzerner gehört? Wo waren Sie, als ich den Streit hatte?«
    Bernstein zieht die Brauen in die Höhe und blickt mit runden Augen durch die
Brille. »Weiss nicht. Komme eben vom Präpariersaal. Nichts gehört.« Bernstein
liest wieder.
    »So hören Sie jetzt. Oder - Sie haben wohl keine Lust?«
    »Ach - nein. Ich lese.«
    Josefine lacht und wendet sich wieder zu den Kindern. Aber ihre Gedanken
sind bei dem Zusammenstoss mit der Roheit, den sie heut wieder erlitten, und
instinktiv nur drückt sie die Kleinen an sich.
    Wie einsam ich bin, fährt es ihr schmerzhaft durch die Seele.
    Da klingelt Hermann mit der Kuhglocke zum Mittagessen. Das ist sein Amt und
sein Vergnügen. Er klingelt, bis ihn Zwicky am Ohr nimmt und ihm die Schelle
entreisst. Zwicky spielt oft mit den Kindern, er packt sie derb an, aber sie
haben ihn gern.
    Käte bringt das Mittagessen. Es ist geniessbar, mehr nicht. Die Kartoffeln
sind sogar angebrannt.
    »Aber, Käte!« ruft Josefine.
    Bernstein blickt von seinem Buche auf, er macht ein finsteres Gesicht.
»Beschämen Sie das Mädchen nicht, wir essen die Kartoffeln doch.«
    »Wir sind nicht so verwöhnt,« fällt Zwicky ein.
    Nur der dritte Student sagt nichts. Ihn scheinen die angebrannten Kartoffeln
zu verdriessen. Sein Schweigen beunruhigt Josefine. Diesem Neuen gegenüber fühlt
sie sich als »verantwortlicher Minister,« wie sie das nennt.
    »Es tut mir sehr leid, Herr Dubois - Käte hat vielleicht etwas anderes.«
    Dubois murmelt und errötet. Der wird nicht lange hier bleiben. Diese Art
fühlt sich in der kleinen Republik »Zum grauen Ackerstein« nicht behaglich.
Bernstein und Zwicky sind wie zu Hause, der dritte ist immer ein Wandergast,
sonderbar! -
    Lateinstunde bei Zwicky, dann wieder ins Kolleg bis sieben Uhr. In die
Stadt, eilig, sonst sind die Läden geschlossen und das Wachspüppchen für Rösli
nicht mehr zu haben.
    In den Anlagen um die Universität rauscht der Sturm, er jagt Josefine den
steilen Weg des Schienhut hinab zum Hirschengraben, wo die kahlen Bäume mit
ihrem breiten Geäst die Laternen fast verdecken.
    Wachspuppe - morgen Repetitorium in der vergleichenden Anatomie - und der
will Arzt werden? darf Arzt werden? Sind wir wirklich nur geduldet, wie die
Kollegin sagt? Ach, das zahme, zahnlose, wehrlose Frauenvolk! Die Entstehung des
Glykogens ist mir nicht klar, da frag ich Bernstein - noch kein Brief vom Vater
- ach, mein kleiner Uli, so lang hab ich dich nicht gesehen! - Und der will Arzt
werden! Und den wollen sie auf die Menschheit loslassen? - Georges -
    Ein Schauder schüttelt Josefine, jemand fasst sie am Genick und dreht ihr den
Kopf nach rechts hin. »Dort!«
    Von Mauern umgeben, von Anlagen umschlossen, liegt dort das Haus des
Schreckens wie ein Herrensitz oder ein Schloss. Was tut er jetzt! Sie haben ihn
mit Schreinerarbeit beschäftigt, aber er hat kein Geschick für mechanische
Arbeiten. Fortwährend verletzt er sich an seinem eigenen Werkzeug. Dann geht er
müssig und brütet vor sich hin.
    Ach, qualvoll! qualvoll!
    Nur den Weg nicht gehen, der sich an der Zuchtausmauer entlang windet!
    Sie standen nicht immer, diese Mauern. Es kam ein Tag, da wollte man dies
schreckliche Haus stürmen und die Gefangenen befreien. Den schmalen gewundenen
Weg kamen sie herauf, wollten die Türen erbrechen. Damals ist hier scharf
geschossen worden, und nachher hat man die festen Mauern angelegt.
    Josefines Herz bebt mit den Sturmstössen um die Wette.
    Wenn solch ein Tag wiederkäme wie der von 1871, von dem ihr der Vater als
Augenzeuge erzählt hat, und sie dabei, und sie in der vordersten Reihe! Sie wird
doch in der vordersten Reihe sein, wenn es zu befreien gilt!
    Komm heraus, du Armer, Verachteter, unseliger Mann du! Fühle die Luft, den
Alpenwind von den Bergen herunter. Sieh, die Sonne scheint noch! Die Erde steht
noch fest. Der See rollt seine blitzenden Wellen. Wer hat dir das Schandkleid
angezogen? Wer hat dir die rote Nummer auf die hässliche Jacke genäht?
    Ihre Seele strömte in ihre Augen, sie flossen über.
    Wie Georges vor ihr gestanden ist, wenn sie ihn besuchte! Wie ihm die
graugelbe Jacke am mageren Leibe hängt! Wie gelb sein Gesicht geworden ist, wie
fahl sein Haar, wie matt seine Augen, wie schlürfend sein Schritt. Ein
gebrochener Mann! Wie er wimmert und klagt und seine blutlosen Hände zeigt und
auf seine Brust schlägt und ächzt.
    »Morphium, Josefine, bring mir Morphium! Aber genug! Ich will nicht an der
Schwindsucht sterben, das geht mir zu langsam. Du kannst es leicht verschaffen,
musst es tun! Ich hinterlasse einen Brief, in dem ich sage, dass ich das Gift noch
selbst in Besitz hatte. Auf dich fällt kein Verdacht! Lass mich sterben.«
    Entsetzliche Stunden, diese Besuche im Zuchtause. Krankmachende,
wirrmachende Minuten.
    Nun haben sie ihn nach Neuenburg übergeführt, seit einem halben Jahre ist er
fort von hier.
    »Aus Schonung!« sagte der Direktor. »Ihre Besuche lassen stets eine
hochgradige Aufregung zurück bei dem Gefangenen; in der Zwischenzeit findet er
sich in sein Schicksal so gut wie die anderen hier.«
    Der Direktor hat Josefine immer mit Achtung und Mitgefühl behandelt; endlich
hat er den Ausweg einer Wegführung des Gefangenen in eine Anstalt seines
Heimatkantons erdacht.
    »Es geschieht auch in Ihrem Interesse,« hat der Direktor gesagt.
    Der Vater hat Josefine darauf einen beglückwünschenden Brief geschrieben. Er
hat seine Meinung noch immer nicht geändert, der alte Plattner. Das macht den
Verkehr zwischen Vater und Tochter schwierig.
    An der Zuchtausmauer raschelt der dürre Efeu. Ob in Neuenburg oder hier,
immer doch ist der Unglückliche dort, wo in der Mauer die Gittertür schliesst,
die sich nur öffnet, wenn der Wächter es erlaubt. - -
    Vorwärts! in den Laden. Das Wachspüppchen für das geliebte Kind gekauft.
Laure Anaise hätte den Gang machen können, aber Josefine wollte selbst.
    Ach, meine Kleinen, zu wenig, zu wenig bin ich für euch! Und doch - alles,
was ich treibe, mein ganzes Studium, mein ganzes Tagewerk, ist es nicht für
euch? Wozu sonst lebte ich? Was wäre mir dies schwere Dasein? Ihr versteht das
heut noch nicht. Ihr schmollt mit mir, wenn ich immer von euch weggehe. Einmal
werdet ihr es verstehen. Einmal werdet ihr wissen, dass mich die Liebe zu euch
von euch forttrieb ...
    Und morgen also Repetitorium, und am Samstag zum erstenmal Diagnose machen!
Himmel, wenn ich mich nur nicht blamiere!
Sie blamierte sich nicht. Sie machte all ihre Examina in der denkbar kürzesten
Frist, trotz all der Erschwerungen. In den Pensionären fand Josefine Kameraden,
die sie bereitwillig und mit grosser Stetigkeit vorwärts schoben. Auch das dritte
Zimmer gewann einen ständigen Bewohner in Helene Begas, einer scharfäugigen,
tüchtigen Matematikerin, die Josefine bald freundschaftlich näher trat und ihre
Hilfe auch auf das Stiefkind des »Grauen Ackersteins,« die geregelte
Hauswirtschaft, ausdehnte. Ihr war es zu danken, dass in das Hausmädchen Käte
ein feuriger Ehrgeiz einzog, keine Kartoffeln mehr anbrennen zu lassen. Man
nannte Käte die »Ernährerin« und behandelte sie mit Achtung, und Käte sah, dass
hier im Hause niemand lebte, nur um sich einen guten Tag zu machen. Verwundert
sah sie, wie emsig geackert ward im Haus »Zum grauen Ackerstein.« Es gab nur ein
Gespräch, nur ein Interesse, nur ein Streben - die Arbeit! die Arbeit! und noch
einmal die Arbeit!
Wenn Josefine später dieser Jahre gedachte, dann sah sie vor sich einen flachen
Garten unter einem grauen Himmel. Mit schnurgerader Regelmässigkeit war der
Garten angelegt, in unübersehbar viele kleine Quadrate geteilt, und jedes
Quadrat trug seine Namentafel. Und in diesem Garten wandert sie und ist wieder
Kind. Eine zweite Schulzeit ist gekommen. Wie Hermann und Rösli denkt man nur
von einem Tag auf den anderen. Wie Hermann und Rösli freut man sich, wenn man
gut bestanden hat, und ist niedergeschlagen, wenn man schlecht bestanden hat.
Man freut sich auf den Samstagnachmittag, weil dann kein Kolleg ist; man erwacht
und will aus dem Bette springen, mit Herzklopfen, mit Angst, weil man zehn
Minuten zu spät aufgewacht ist, und auf einmal dehnt man sich lachend: »Ach, es
ist Sonntag! Sonntag.« Und wie gut sind die Ferien, obwohl man dann erst recht
studiert, alles wieder durcharbeitet und endlich auch einmal zum Lesen kommt.
Natürlich wissenschaftliche Bücher, aber zusammenfassende, philosophische, vor
denen man klein wird und ganz sich vergisst und seine eigene ephemere Existenz.
    Das sind schöne Jugendaugenblicke, die vor den Büchern und die vor dem
Mikroskop, wo man sich in das Geheimnis des Lebens vertieft. Der Kern der
stillen Zelle wird unruhig, er dehnt sich zur Spindel, die Elemente, einen
Augenblick zum Knäuel verschlungen, ordnen sich an beiden Polen. Sie schliessen
sich zu Sternen zusammen, sie lösen sich von einander, aus dem Mutterstern sind
zwei Tochtersterne geworden, die ein selbständiges Dasein führen; der Teilung
des Zellkerns folgt die Teilung der Zelle, ein neues Individuum ist entstanden,
da unter dem zarten Deckgläschen auf dem Objektträger, und ich hab es werden
sehen!
Eine merkwürdige Kräftigung ging von diesen Naturstudien aus. Josefine vergass
nicht nur sich und ihr Leid, sie fühlte eine intellektuelle Freude, einen Genuss
am Erkennen, der sie widerstandsfähig machte gegen die Stösse des Geschicks. Es
war ihr, als gewänne sie festen Grund unter den Füssen. Sie schwebte nicht mehr
im Bodenlosen, sie erkannte wenigstens die Grenzlinien des unbekannten Landes,
das hinter aller menschlichen Erkenntnis liegt. Es war vielleicht nicht möglich,
etwas zu wissen, aber man konnte vieles sehen, woran man nie zuvor gedacht. Die
Schaulust war auch eine Lust und keine geringe.
    Josefine vergass zuweilen, dass die Kinder noch jünger waren als sie, und
zeigte ihnen, was sie selbst überrascht hatte. Die Kleinen sahen den lebendigen
Plasmastrom durch die Stengel der Armleuchterpflanze rinnen und beguckten durch
das Fernrohr die Ringe des Saturn. Josefine wollte ihnen grosse Eindrücke geben,
die grössten, die sie selber gehabt. Dann sassen die Kleinen nachher mit Laure
Anaise zusammen und woben Märchen daraus. Rösli war voll Phantasie, sie dichtete
am eifrigsten. Sie sah die Bäume bluten, wenn man ihnen einen Zweig abschnitt,
und die Traube am Hausspalier sprach zu ihr mit deutlicher, flüsternder Stimme:
»Nimm mich, Rösli, ich bin reif.« Wenn sie sich in den Strassen verirrte, dann
war allemal »ein guter Zwerg« gekommen und hatte sie nach Hause geführt. »Ein
Zwerg, ganz gewiss! Glaubst du es nicht, Mama? Er war ganz klein mit einem grossen
Bart, so wie die Zwerge immer sind, Mama.«
    Fräulein Begas warnte zuweilen: »Das ist nicht gut, Frau Josy, das Rösli
phantasiert so viel zusammen, Sie als Mutter sollten das nicht dulden.«
    Dann lächelte Josefine. »Lassen Sie doch. Das Kind ist glücklich. Ich freue
mich über seine schöne Mitgabe für das schwere Leben.«
    »Ich freue mich nicht! Das Rösli wird konfus und unzuverlässig. Es lügt ganz
ruhig, gerade ins Gesicht.«
    »Ach, Fräulein Helene, Sie sind Matematikerin! Lassen Sie dem Rösli sein
harmloses Spiel. Das Leben ist so grau - -«
    Zum Schlusse fiel Fräulein Begas über Laure Anaise her: »Auch Laure Anaise
ist nicht klar. Sie macht Ausflüchte, wenn sie was pecciert hat. Und den ganzen
Tag sind die Kinder mit der zusammen.«
    Dann ward Josefine gereizt. »Sie verstehen das nicht, liebe Helene, Sie
können Laure Anaise nicht begreifen. Das Mädchen ist wie ein Stückchen Natur,
und mir sagt sie immer die Wahrheit. Ich habe Laure Anaise sehr lieb, und die
Kinder hängen an ihr. Was wollen Sie weiter?«
    Einmal nach solchem Gespräch kam Laure Anaise ins Zimmer. Sie brachte ein
Körbchen voll zarter Herbstzeitlosen in dunkelgrünem Moos und strahlte vor
Freude.
    »Ach, die sind ja giftig!« rief Fräulein Begas unzufrieden.
    In Josefines müdem Herzen aber erwachte ein Sturm von Zärtlichkeit. Sie nahm
das zierliche Mädchen in die Arme, presste sie an sich und küsste ihre glänzenden
Kirschenaugen, in die das krause Haar hineinhing. »Ich bin froh, dass du da bist,
Laure Anaise.«
    Hinter der Portiere stürzte Hermann hervor: »Mich auch, Mama! Mich auch
küssen, Mama!«
    Rösli aber hatte sich zwischen den Vorhangfalten verkrochen und beobachtete
stumm und gespannt ihre Mutter und Laure Anaise, die Hermann vergeblich
wegzudrängen suchte. Röslis dunkle Augen glühten, ihr kleines leidenschaftliches
Gesicht zuckte in verhaltenem Weinen. Und dann, als Josefine hinausgegangen war,
ohne sie zu beachten, ohne sie zu sich zu rufen, stampfte sie mit den Füssen und
brach in unstillbare Tränen aus.
    Über den Flur schrie und wimmerte es: »Papa! Papa! Papa!«
    Fräulein Begas suchte die Kleine zu beruhigen, es gelang ihr nicht.
    »Was ist euch? Was fällt euch ein? Wollt ihr schweigen!« rief Josefine
zornig hereinstürmend.
    Die Kinder blickten trotzig zur Seite. Sie sassen auf einem Bänkchen, hielten
sich umfasst und schrien um die Wette.
    »Wir wollen zum Papa,« sagte Hermann; sein Gesicht hatte einen so bekannten
Ausdruck, dass Josefine zusammenschrak. »Wir wollen nach Afrika, wo Papa ist!«
    Da kam es wie ein Entsetzen über Josefine. Sie fühlte eine Kälte herwehen
von dem Plätzchen, wo die Kinder sassen. Sie entgleiten mir, dachte sie, ich kann
sie nicht halten. Ich gebe mein Leben für sie, und sie entgleiten mir.
    Sie wollte niederknien, die Kinder umfassen, mit ihnen weinen, ihre Tränen
trocknen, aber sie blieb stehen, starr aufrecht, tränenlos, mit geballten
Händen.
    Sie sah auf einmal fremde Kinder vor sich, die ein ihr unbekanntes Weh
weinen machte; - sie sah sich selbst einem unbekannten Ziel nachrennen auf
unbekannten Wegen. Die Wege führten sie weit, weit fort von jenen fremden
weinenden Kindern.
    In diesem selben Augenblick - was ist das? Woran denke ich? Denke ich an die
interessante Anamnese von heute morgen oder denke ich an die Kinder?
    Ein Schleier zerriss, sie fühlte die Leere um sich wie eine scharfe, bis ins
Mark fressende Kälte.
    Ist alles Betrug? Wozu leb ich? Leb ich nicht für sie? Bin ich ganz allein?
Ist jeder so allein wie ich?
    Sie konnte die Kinder nicht ansehen. Sie fühlte: Es sind seine Kinder. Meine
nicht. Ich liebe sie nicht genug.
    Zwickys laute, lärmende Stimme tönte über den Flur. Hermann erhob den Kopf
und schüttelte seine Schwester: »Onkel Zwicky soll uns reiten lassen, komm.«
    Mit furchtsamen Blicken nach der Mutter, die in müder Haltung in einem Stuhl
hing, schlichen die Geschwister hinaus. Rösli schluchzte noch eine Weile, bis
sie sich beruhigte. Mit Laure Anaise aber wollte sie den ganzen Tag nichts zu
tun haben. Abends noch beim Auskleiden stiess sie mit den Füssen nach ihr.
»Unsinn!« sagte sich Josefine, als sie die kleine Gesellschaft lachen und
jauchzen hörte, »die Kinder entbehren nichts. Meine Sentimentalität meldet sich
wieder. Die schlauen Schelme haben bemerkt, dass ich unruhig werde, wenn sie nach
dem Papa schreien, und nun probieren sie's immer von neuem. Ich gebe den Kindern
jeden freien Augenblick. Dies Kopfzerbrechen über unabänderliche Dinge ist ein
schädlicher Zeitvertreib. Und ich habe nicht einmal Zeit. Ich habe Besseres zu
tun. Ich arbeite, um den Kindern eine Existenz zu schaffen. Wenn ich die Kinder
nicht gehabt hätte, hätte ich das Leben nicht auf mich genommen. Jetzt ist es
mir recht, dass ich es getan habe. Es ist der Mühe wert, gelebt zu werden, solch
ein Arbeitsleben. Man wird stark davon. Die Kinder werden einmal einsehen, wie
schwer das war. Wenn ich die Kinder nicht hätte, wie unendlich viel einfacher
läge alles. Dann könnte ich mich ganz dem Studium widmen - - dann - Mein Leben
für die Wissenschaft! Ich hätte Tüchtiges geleistet, ich weiss es.«
    Oft empfand sie Fesseln um sich, atmete schwer unter den hunderterlei
Verpflichtungen.
    »Ich kann mich dem Studium nicht so hingeben, wie ich möchte. Die anderen
haben es gut. Helene, und der Bernstein erst! Wie Bernstein möcht ich am
liebsten sein. Hört und sieht nichts als seine Physiologie. Die Physiologie ist
seine Mutter, seine Geliebte, seine Welt. Er braucht keine Kunst, keine
Religion, er braucht nur Physiologie. Ohne Zucker, ohne Butter kann er leben,
ohne Physiologie nicht. So möcht ich mich konzentrieren können. So unbeteiligt,
kühl und rein durch dies dumme, abscheuliche, widerspruchsvolle Leben gehen.
Aber dieses beste Glück ist mir versagt. Nun - wenigstens werd ich Brot für
meine Kinder schaffen. Das ist auch etwas!«
    Bei dem Gedanken, dass auch das Brotschaffen etwas sei, ging ein Aufrecken
jedesmal durch Josefines Gestalt.
    »Ein ganzer Mensch werd ich sein, nicht nur eine Frau. Für meine Kinder werd
ich arbeiten. Für meine Kinder und auch für Georges! Für dich, du Armer! Ich,
die Mutter von allen!«
    Eine fieberhafte Freude durchzuckte sie. Sie riss die Kinder an sich, drückte
und küsste sie. »Ich, ich werde euch alles geben! Das Brot, die Kleider, das
Haus! Von meinem Blut, von meinem Hirn sollt ihr leben, Kinder. Von meinem ganz
allein! Versteht ihr das?«
    »Spielst du dann mit uns?« sagte Rösli zaghaft unter den heftigen
Liebkosungen der Mutter.
    »Spielen? Nein, dazu hab ich nicht Zeit. Mama muss lernen. Hier! all die
dicken Bücher. Seht ihr? In den Ferien spielen wir zusammen.«
    Josefine schob die Kleine von sich und griff mit Ungestüm nach dem
verlassenen Buch. Der Wirbel der Empfindungen legte sich. Sie atmete bald ruhig
und gleichmässig.
    Ich werde doch können, was jeder beliebige Bub kann, lächelte sie, ich werde
doch lernen, beobachten, mich konzentrieren können wie jeder dieser jungen
Studenten?
    Und es gelang vollkommen; mit den Aufgaben wuchsen die Kräfte.
Josefine stand vor dem dritten Examen. Sie arbeitete jetzt atemlos, aber nicht
ohne Genuss, denn sie war ganz allein. Der Vater hatte die älteren Kinder und
Laure Anaise mit sich in die Berge genommen, und auch die Pensionäre waren
verreist.
    Es war im August. Täglich wehte der Föhn und trieb die heissen Luftwellen bis
in die Zimmer voll grüner Dämmerung, durch die geschlossenen Läden hinein.
    Aber die Morgen waren herrlich. Wenn die Sonne die kahlen Felsen am
Ütligipfel rötlich und violett anhauchte, sprang Josefine aus dem Bette, als
wären diese lichten Morgenfarben grelle Trompetenstösse.
    Schnell, schnell an den Waschtisch, in die grosse, flache Blechwanne und mit
kühlem Gusse den schlummerheissen Leib erfrischt.
    Schnell in die einfachen Kleider, jeden Tag dieselbe dünne schwarze Bluse,
denselben schwarzen Rock. Keine Schleife, kein Band, keine Blume. Nichts als
einen schmalen weissen Leinenkragen um den Hals. Keine Manschetten, nur die
schwarzen langen Ärmel, die bis auf die feinen Hände fielen. In der halb
klösterlichen Tracht sah sie jung und schmal aus. Das kurzgeschnittene Haar, von
dem eine eigensinnige Locke in die gefurchte Stirn hing, umrahmte einen ernsten,
energischen Jünglingskopf. Aber sie sieht nicht in den Spiegel. Mit nackten
Füssen schnell, schnell in die Küche an den Herd - die kalten Fliesen kühlen so
angenehm. Die Sonne scheint heiss in das Küchenfenster, auf dem Fenstersims tönt
das Zwitschern der Sperlinge und das Scharren ihrer kleinen Füsse.
    Mit dem Frühstücksbrettchen hinaus auf den kühlen Balkon. Wie frisch! wie
duftig! wie morgendlich! Noch fällt kein Strahl durch das Weinlaub - das Haus
»Zum grauen Ackerstein« liegt still, wie unbewohnt.
    Josefine trinkt ihren Tee und liest dabei. Bis elf Uhr ist der Balkon im
Schatten. Alles besorgt sie sich selbst, geht nur zum Mittagessen aus und
täglich zwei Stunden in den bakteriologischen Kurs. Manchmal hat sie keinen
Zucker besorgt, dann trinkt sie den Tee bitter, manchmal ist die Butter
aufgegessen, dann isst sie ihr Brot trocken. Auch die Käte ist in die Ferien
gegangen, zu ihrer Mutter ins Dorf.
    Nichts unterbricht die Stille um die Arbeitende als je einmal die
elektrische Klingel. Dann ist's der Milchmann, der Briefträger, die Obstfrau.
Manchmal ein Wort wird gewechselt, oft geht alles stumm vor sich.
    Dann - die Flucht vor der Sonne, von einem Zimmer ins andere. Und doch muss
man fürs Mikroskop helles Licht haben, darf die Läden nicht alle schliessen.
Josefine liest laut, und ihre Stimme widerhallt in den menschenleeren Zimmern,
deren Türen alle offen stehen, der Kühlung halber.
    Heiss ist der Gang zum Mittagessen, das Essen dürftig und schlecht, denn die
Pensionswirtin hat keine Pensionäre in den Ferien; bei Tisch wird kaum
gesprochen.
    Und nach dem Essen wieder das Buch. Es kostet Mühe, denn das Gedächtnis wird
schwerfällig.
    Man sieht dann Zeichnungen an, um nicht müssig zu gehen; auch beim Examen
gibt es ja oft Zeichenaufgaben aus dem Gedächtnis.
    Heisse, müde Nachmittagsstunden! Hirnanatomie zum Kaffee. Aber der Kaffee
belebt ein wenig. Die Schuhe werden wieder ausgezogen, der heisse Kopf unter den
Brunnen gehalten, die schweren Lider mit Wasser gewaschen. Man muss doch
studieren, und diese Hirnanatomie ist so schwer!
    Die westliche Sonne sticht wie ein blinkender Dolch zum Fenster herein. Auf
dem weissen Papier der Zeichnung, des Buches, auf dem Tischtuch, der Zimmerwand
erscheinen blutige Flecken.
    Einen Augenblick ausruhen!
    Josefine faltet die Hände über dem Scheitel und lehnt sich zurück. Nicht
schläfrig ist sie, aber erregt, zerstreut, mit Herzklopfen und brennenden Augen.
Ach, die Sonne! wenn sie nur einmal erst unterginge! Das ganze Limmattal
schimmert in rotviolettem Nebel, und die Strahlen zielen nach allem Glänzenden
im Zimmer.
    Auf den Balkon hinaus mit dem Buch! Sein Asphaltboden ist weich von der
Hitze, der Stuhl bohrt Löcher hinein. Die bunten Wicken aus dem Garten duften zu
stark.
    Es ist beklommener hier als in den Zimmern, der Föhn hat eine dumpfe Schwüle
zurückgelassen.
    Kaum ist die Sonne hinab, so steht schon der Mond auf dem Berg, ein grosser,
runder Märchenmond zwischen den runden Obstbaumwipfeln. Er steht da, aber er
scheint noch nicht. Heuschrecken zirpen laut. Heuduft steigt von den Matten auf.
Am Ütli brennen Feuer im Walde. Josefine lehnt einen Augenblick am Balkongitter
und blickt hinaus. Schön und friedlich! Schon blinkt der Abendstern.
    Schnell! schnell wieder an die Arbeit! Was zauderst du müssig! was träumst
du! Es gibt noch ganze Bände durchzulesen. Alles muss repetiert werden. Du stehst
ja vor dem Examen.
    Wie hell der Mond jetzt scheint. Man könnte dabei lesen. Und es
wetterleuchtet wieder, so wie gestern und die ganze Woche. Der Himmel öffnet
Lichttore und zeigt seine verschlossene Herrlichkeit.
    Stehst du noch immer da, Josefine?
    Die Lampe angezündet - vielleicht auch eine Zigarette, denn die Mücken sind
zudringlich hier draussen.
    Sie sitzt bei der Lampe, raucht und liest. Eine Fledermaus raschelt am
Weinlaub - nun ist sie auf dem Balkon und umschwebt lautlos die Studierende.
Eine zweite, dritte, vierte, fünfte folgt. Wie kleine Gespenster kreisen sie um
den energischen Jünglingskopf mit dem kurzgeschnittenen Haar und der einen Locke
auf der gefurchten Stirn. Josefine blickt zerstreut dem schwebenden
Schattenreigen zu. So still alles rundum. Und sie so allein, so fern von all den
ihrigen, so abgetrennt. Ganz unpersönlich kommt sie sich selber vor, ganz ohne
Zusammenhang mit anderen Menschen. So, als könnte nicht Freud, nicht Leid sie
mehr berühren.
    Die Hand, die das Buch hält, wird schlaff. Wie im Traum sieht sie die Hand
an mit dem Finger, an dem der Trauring zu gross geworden ist.
    War ich einmal eine Frau? Liebte Rosen, Spitzen und Parfums?
    Liebte Küsse und Bonbons und bunte Fächer? Ich?
    Es kann wohl nicht sein!
    Sie lächelt flüchtig, zuckt verachtend die Schultern, wirft die Zigarette
fort und vertieft sich in ihr Buch. Physiologische Chemie diesmal. Noch viel
schwerer als Hirnanatomie. Aber sie rückt sich dabei bequem zusammen.
    Ich werde doch können, was jeder Bub da kann? ich werde mich doch nicht von
den Buben beschämen lassen? ermuntert sie sich.
    Hell scheint der Mond; nicht mehr so gross wie im Aufgang, aber in klarem
Silbergrau. Die Blumen duften, lautlos schweben die Fledermäuse - Josefine
studiert.
    Wie gut das ist, so allein zu sein! wie wohltuend diese Einsamkeit. Alles
schläft ein, was quält und stört, und nur das reine, blaue Flämmchen Intelligenz
brennt still in diesem stillgewordenen Hause.
    Josefine schrak auf.
    Stürmisch und anhaltend ertönte die elektrische Glocke der Haustür, die sie
schon seit einer Stunde geschlossen hatte.
    »Wer ist da?« rief Josefine vom Balkon zu der vom Mondlicht hell
beschienenen schwarzen Gestalt hinab, die auf der Haustreppe stand.
    »Depesche!« scholl es zurück.
    Bei dem Schein des Mondes, der den weissen Gartenhag in ein Kirchhofsgitter
verwandelte, las Josefine:
    Ninina schwer erkrankt. Keine Hoffnung.
                                                                     Dein Vater.
Mit schweren Füssen stieg Josefine die Treppe wieder hinauf.
    Es war aber noch kaum Schmerz, was sie empfand, nur eine dumpfe Mattigkeit
und Verstörung.
    Sie kam in das erste Zimmer und erschrak vor dem hellen Mondschein; als sei
etwas Unheimliches in ihrer Abwesenheit eingedrungen.
    In allen Zimmern schien der Mond, in allen Zimmern webte etwas Unheimliches,
Drohendes.
    Auf dem Balkon schwebte immer noch der Fledermausreigen um die brennende,
von keinem Luftzug gestörte Lampe. Ein Kranz von toten Nachtschmetterlingen lag
auf dem Tisch um die Lampe her und auf dem aufgeschlagenen Buch.
    Alles sah so fremd, so verändert aus, wie erstorben.
    Der Gedanke, dass ihre stille Arbeit hier nun plötzlich zu Ende sei, ergriff
Josefine mit schmerzlicher Heftigkeit.
    »Keine Ruhe,« murmelte sie, »keine Ruhe!«
    Plötzlich sah sie Nininas zartes Köpfchen vor sich in der Luft. Die Augen
waren geschlossen, die Lippen welk. Sie starrte auf das Bild.
    »Nini!« stammelte sie zärtlich, »Nini!« dringend, bittend.
    Sie sprang auf, blickte wild um sich, aber ihre Augen blieben trocken.
    »Keine Hoffnung? keine Hoffnung?«
    Sie lief durch all die leeren Zimmer, hob die gefalteten Hände empor und
stöhnte: »Nini! keine Hoffnung! Nini!«
    Dann wollte sie es plötzlich nicht glauben, suchte das Telegramm, fand es
nicht, fand es zuletzt und las mit stieren Augen den Aufgabeort: Camischolas.
    Sie ging auf den Balkon, schlug die Bücher zu und löschte die Lampe. Aber
weiss und geisterhaft leuchtete der Mond auf dem Balkon und in allen Zimmern.
    Sie sagte laut mit rauher Stimme: »Es wird sterben. Es ist schon tot.«
    Dann nahm sie alle Bücher aus dem Bort und baute sie auf dem Tische auf,
ohne zu wissen, was ihre Hände machten.
    Sie hatte keine Gedanken, nur Bilder, immer das Kinderköpfchen mit den
welken Lippen, und dann das Dorf dort oben in Graubünden: Camischolas, die
grauen Schindeldächer so klein unter den mächtigen Bergen.
    »Über Chur,« sagte sie und begann ohne Licht nach dem Fahrplan zu suchen.
Aber er war vom Winter her und diente ihr nicht.
    »Nini! keine Hoffnung! Nini!«
    Sie lief in die Küche und putzte ihre Schuhe, bürstete ihr Kleid.
    Dann packte sie einige Sachen zusammen und stand auf dem Balkon und sah den
Morgen kommen über den See. Er kam mit streifigem, dunklem Gewölk und leisem
Regen, aber es war doch der Morgen; man konnte nach dem Bahnhof gehen und den
ersten Zug nehmen, reisen.
»Wir haben ihr Blumen gegeben, Mama, viele blaue Glockenblumen und rote
Bergnelken, aber Nini wollte sie nicht, Nini wollte nichts,« erzählte Rösli mit
fragenden ängstlichen Augen. »Auch Vergissmeinnicht, Mama, und kleine weisse
Lilien und Fingerhut! Ich weiss, wo sie wachsen. Nini ist dort, ich hab es
gesehen. Da in einem Loch bei der Kirche. Laure Anaise lügt immer, sie sagt, sie
ist im Himmel.«
    Hermann beugte sich zu der Mutter Ohr: »Aber der Grossvater ist sehr grob,
Mama, das ist ein alter böser! Immer hat er Nini gebadet, und sie schreit:
Bitte, bitte! ich will ganz artig sein! Nun ist sie davon gestorben, Mama. Aber
er soll es nicht hören - er kommt, Mama, er kommt; sag es ihm nicht! bitte, sei
ganz freundlich, damit er nichts merkt.« Dann lief er dem Grossvater zu und
schmeichelte: »Wir haben die Mama gefunden! Sie ist in Rueras ausgestiegen, weil
alle Leute ausgestiegen sind. Wir wollen der Mama gleich Ninis Grab zeigen. Sie
hatte schon bien di1 gelernt, nicht Grossvater?«
    Mit einer Gebärde des Widerwillens schob der alte Plattner den Buben von
sich und ergriff seiner Tochter Hand: »So schnell ist's gekommen. Ein gesundes
Kind ... Gestern haben wir's begraben ... Komm ins Haus, Josy.«
Es gibt eine Grenze der Leidensfähigkeit, über die hinaus keine Steigerung
möglich ist.
    Josefine empfand nur einen dumpfen Kummer über den Tod ihres jüngsten
Kindes. Sie hatte es nicht leiden, nicht sterben sehen, und sie fühlte eine Art
von Dank dem Schicksal gegenüber, das ihr diese Qualen der Ohnmacht erspart
hatte.
    Wie die Erzählung eines Fremden, der fremdes Leid berichtet, vernahm sie
ihres Vaters Worte. Die drei Tage der Krankheit hatten ihm viel von seinem
gewohnten Frohmut gekostet. Die Unmöglichkeit, sofort einen Arzt zu beschaffen,
hier in dem hoch in den Bergen gelegenen Alpendorf, war eine schwere Prüfung
gewesen für den Mann, der sonst in einer grösseren Stadt lebte, wo es in jeder
Strasse einen Arzt gibt.
    »Das Kindli erkrankte in der Nacht, hatte plötzlich Krämpfe. Die Wirtsfrau
ist ordentlich: sie machte einen Tee und ein laues Bad. Sagte, das sei nichts
Auffallendes bei Kindern. Morgens dann lag das Kleine und schlief ruhig. Ich
ging hinunter nach Disentis, aber der Arzt dort war über Land und fort. Wie ich
zurückkomme, ist's Nina aufgewacht und verlangt zu trinken. Gegen Abend wieder
Krämpfe. Ich schicke einen Boten nach Disentis - es sind immerhin achtzehn
Kilometer ab und auf -, der Doktor solle sofort kommen. Der Bote bringt die
Nachricht: der Doktor ist im Dunkel aus seinem Wagen gestürzt, hat einen
Armbruch und Kontusionen im Gesicht. Schickt etwas Beruhigendes mit. Morgen wird
er dann selber kommen. Soll ich etwa nach Andermatt fahren? überlege ich. Ich
fahre nach Andermatt, finde den Arzt, nehme ihn mit. Er sieht das Kindli an und
findet die Krämpfe unerklärlich, denn im Augenblick ist keine Spur von Krämpfen
da. Gibt eine Medizin und fährt ab. Über die Oberalp, weisst Josy, das ist eine
Tour für die halbe Nacht! Wär nicht Vollmond gewesen, hell wie am Tage, er wäre
nicht weggefahren. Kaum ist er fort, fangen die Gichter wieder an. Lauf dem
Wagen nach! schrei ich Laure Anaise zu, und die läuft, bis sie hinfällt. Der
Wagen ist zu weit voraus, man kann ihn nicht einholen. Eine böse Nacht, sag ich
dir, eine Nacht! Ohnmächtig - dumm, ah pfui, es ist 'ne Misere. Früh um sechs
Uhr meldet sich der Doktor-Patient mit der Armschiene und dem verbundenen Kopf.
War ein braves Mannli, aber etwas einfältig. Meinte, ich hätte mit dem kranken
Kindli zu ihm kommen können, da er selbst blessiert sei. Aber wie er das Nina
sieht, vergeht ihm der Spass. Da ist leider nichts zu machen. Der nächste Anfall
macht Schluss. Ich steh da, als hätte er mir eins ins Genick gegeben. Aber
gestern hätt man noch helfen können? sag ich. - Schüttelt er den Kopf: Nein, die
Art ist immer tödlich, zumal in dem Alter. - Viereinvierteljahr, sag ich. -
Präzis, sagt er. Ein braves Mannli, nur ein wenig einfältig. Aber er war ja
selbst blessiert, auf den Kopf gefallen. Er blieb bei mir und der Nina, bis es
vorüber war.«
    Mit seinem gebräunten, faltigen Gesicht, umrahmt vom langen, weissen Haar,
stand Plattner der Tochter gegenüber wie ein unschuldig Angeklagter, der sich
verteidigt.
    »Es ist nichts versäumt worden, glaub es mir - musst es in Geduld annehmen,«
sagte er und drückte ihre Hände, während seine klaren, blauen Augen sich
trübten.
Josefine nahm es an »in Geduld«. Sie war sehr ruhig. Alle wunderten sich im
Dorf. Sie hatten gedacht, dass so eine städtische Mutter weinen und schreien
würde. Die Städtischen hatten so wenig Fassung, so wenig Haltung.
    Aber diese schrie und weinte nicht. Man grüsste sie, redete sie an, sie
erwiderte auf Romanisch, kurz und einfach. Mit ihren ernstaften, stillen,
klugen Gesichtern blickten die Bauern und Bäuerinnen die Städtische an und
fanden ihr ernstaftes, stilles, kluges Gesicht vertraut und verständlich. Diese
schwarze hagere Frau mit den dunkelumränderten Augen wusste, dass das Leben kein
Kinderspiel ist, und dass man sich drein schicken muss.
    Sie alle mussten das. Hoch und wild sind die Berge, und das Häuschen ist gar
klein. Lawinen, Steinmuren schicken die Berge herunter, zerknicken den Wald, wie
ein Kinderfinger ein Hölzchen knickt, verschütten die duftende Matte, vernichten
Menschen und Tiere. Das Hochgewitter kommt, und alle Bäche werden zu tollen
Riesen, die mit wütenden Sprüngen herunterpoltern, Felsstücke schleudern, die
Brücken einrennen, Schlammströme über die kargen Felder ausspeien.
    Da beugt man den Nacken und hält still.
    Und am Morgen nach der Verwüstung glühen die mörderischen Verwüster in
kinderreiner, unschuldiger, roter Pracht, der Himmel strahlt, alle Engel lachen,
und das arme Menschlein kniet auf dem zerwühlten Grunde, und seine Tränen werden
zu Gebeten vor der Herrlichkeit und Schönheit, die töten kann und entzücken
zugleich, so dass man das Sterben nicht fühlt.
Wie ein Bild nur, nicht wie Wirklichkeit empfand Josefines müde Seele die
grossartige Umgebung. Das grüne Tal mit dem brausenden, weissschäumenden jungen
Rhein, die steil aufragenden fichtenbewachsenen Vorberge, die abenteuerlich
gezackten, weissgekrönten Himmelsstürmer, die dahinter starren, das Tal eng
umschliessend, wo die braunen zierlichen Holzhäuschen mit den grauen
steinbeschwerten Dächern stehen.
    Die Mittagssonne sengt die Haut, nur das Kirchlein wirft einen kleinen
Schatten, und dort auf dem Tymianbeet spielen die Kinder, und Josefine sitzt
dabei.
    Wie auf einer Klippe, von allen Seiten frei, steht das Kirchlein von Sedrun,
auf dessen kleinem Friedhof sie Ninina begraben haben. Camischolas hat keinen
Kirchhof.
    Da naht wieder ein Begräbniszug. Der Küster voran mit der schwarzen
Trauerfahne, zwei Priester im gelben, seidenen, blumigen Ornat, der gute, alte,
weisshaarige Kaplan von Rueras im langschössigen, verschabten, schwarzen Rock, der
kahle Sarg ohne Kranz, ohne Blume, und dahinter in langem, langem Zuge in
unförmlichen schwarzen Jacken steckende, zusammengekrümmte, betende, schwatzende
Frauen. Auch Kinder. Ebenso schwarz sind die Röckchen, aber die Gesichter rot
und munter, die Rücken gerade. Die Rosenkränze drehen sich zwischen den
hartgearbeiteten dunkelbraunen Händen, die Lippen murmeln Totengebete, auf den
bunten Säumen der Kopftücher und der Schürzen spielt die Sonne.
    Hinein in die Kirche der ganze Zug. Josefine schliesst sich an. Sie ist ja im
Leid wie die anderen hier. Es ist auch das ganze Dorf mitgegangen, als man
Ninina begrub.
    Und Josefine ist's, als ob man ihr Kind jetzt begrabe.
    Der Zug löst sich auf. Der Sarg wird vor den Hauptaltar getragen. Die
Bäuerinnen aber gehen, eine nach der anderen, zuerst in die Seitenkapelle,
vorüber an dem lebensgrossen steinernen grauen Kruzifix, zu dem mit weissen
Schädeln wunderlich geschmückten Altar. An der einsamen Kerze, die dort mit
flackerndem Schein die leeren Hängehäuse beleuchtet, zündet jede der
Leidtragenden ihr eigenes mitgebrachtes Kerzchen an.
    Schützend hält sie die Hand vor die zuckende Flamme und begibt sich auf
ihren Platz in der kellerkalten, dunklen, weihrauchduftenden Kirche.
    Lange Gebete von murmelnden Stimmen. Lange Gesänge aus rauhen, ungeübten
Kehlen. Eine lange eintönige Predigt neben dem schwarzen schmucklosen Sarge.
    Wie traurig zittern die schwachen Kerzenstümpfchen im Atem der Betenden die
dunklen Bänke entlang! Alles liegt auf den Knien. Die Lichtchen knistern und
verlöschen. Ein neues ist in Bereitschaft - so lang ist die Andacht, auch dies
wird noch abbrennen.
    Josefine betet mit aus dem Buche ihrer Nachbarin. Sie will niemand hier
kränken - sie alle gingen mit Ninina.
    »Sind wir nicht alle Fleisch und Bein?« hat man ihr geantwortet, als sie hat
danken wollen.
    Sie betet mit, sie will niemand hier kränken.
    Die Messe ist zu Ende. Man geht hinaus. Die Freunde des Toten, die seinen
Sarg bis hierher getragen, bringen ihn hinaus in die Gruft.
    Draussen wieder ein langes Gebet. Jeder kniet an dem Grabhügel seiner Lieben,
eines Verwandten, eines Freundes.
    Der Himmel strahlt in feurigem Blau, wie eherne Riesen starren die Berge,
und hier, auf der kleinen grünen Klippe über dem Abgrund kniet das mühebeladene,
leidgewohnte Leben am offenen Grabe. Die goldenen Strahlensterne an den
schwarzen Kreuzen leuchten, die bunten Säume der Kopftücher und Schürzen
flimmern rot und gelb - vergänglicher Schmetterlingsflügelstaub auf den
schwarzen Schwingen des Todes.
    Und überall so, in der ganzen Welt, denkt Josefine. Eine kleine grüne
Klippe, auf der das zagende, kurze Leben sich zusammendrängt, verloren im
Nichts, in der Nutzlosigkeit, in der Zwecklosigkeit.
    Nini ist tot. Ruhe, mein Kind. Du warst so klein und hast schon leiden
müssen. Nun wirst du nie mehr leiden. Ruhe ist das Beste. Ruhe, mein Kind. - -
    Besorgt blickte Plattner seine Tochter an, als sie hereinkam. »Warum bist
nicht mit nach Chiamutt?« sagte er unzufrieden. »Da sieh, Alpenrösli hab ich
noch g'funden, und der Strahler,2 wo ich besucht hab, ist 'n drolliger Kerle,
der kann dir erzählen.«
    Josefine nickte zerstreut.
    »Wie ist dir's denn, Josy, hm?« drängte er, ihre Hand ergreifend, »'s hat di
arg anpackt, gelt du?«
    »Nein, ganz gut, Vater,« machte Josefine, »aber ich möchte bald wieder fort.
Meine Arbeit wartet auf mich.«
    Plattner nahm die Pfeife aus dem Mund.
    »Schon?« sagte er. »Solltest dir e bitzli Ruh gönnen.«
    »Ich brauche Arbeit,« erwiderte sie bestimmt, »weiter taugt mir nichts. Lass
mich nur bald fort.«
    Kopfschüttelnd blickte der Mann seiner Tochter nach. »Wenn's nur auch gut
geht,« murmelte er mit beklemmtem Herzen.
Es war am Nachmittag vor Josefines Abfahrt, als ein schweres Gewitter heraufzog.
    Eben noch hatte man geheuet und die starkduftende Heulast in viereckige
Tücher gebunden hie und da, um sie auf dem Nacken die steilen Matten hinan zu
den Stadeln zu tragen, eben noch hatten die Kinder mit Josefine im jähen
Bergwald die ersten Preisselbeeren gepflückt, als der Himmel sich plötzlich
verfinsterte, schwarzblaue Wolken mit fahlen Säumen ihn überdeckten, ein
gelblicher Dunst wie Schwefelqualm das grüne Tal erfüllte und der Nebel die
Berge verschluckte, dass man kaum um sich sah.
    »Heim! heim, geschwind, ihr Kinder!«
    Verwundert und unwillig gehorchten sie, die Preisselbeersträusschen, grün,
weiss und rot, gefielen ihnen so gut.
    Josefine nahm Rösli an die Hand, Hermann folgte mit Uli. Über den steilen
Waldpfad zwischen den laut aufrauschenden Fichten hinab zu der kleinen
Rheinbrücke. Das grüne Wasser stäubte in weissem Gischt um die Pfeiler, im Sprung
eilten sie über das bebende Brückchen. Die ersten Donner rollten.
    An der geschwärzten Wassermühle vorbei, immer den engen
felsbrockenbestreuten Pfad am Bachtobel empor zu den schützenden Häusern von
Camischolas.
    »Seid ihr da?« rief ihr Plattner entgegen, »grad komm ich auch an. Am
Krutzlipass sind Touristen auffi - 's ist aber nit geheuer, werden schon
umkehren. Da, es läutet schon Sturm in Sedrun, 's kommt ordentlich.«
    Die ersten starken Blitze zuckten, angstvoll klang das Sturmläuten vom
Sedruner Kirchlein herüber, angstvoll antwortete ihm Rueras und Selva.
    Im Wirtshause lief alles durcheinander. Der Wirt versicherte den Stall und
den Wagenschuppen, die Wirtin räumte die Blumenstöcke von den Aussenbörtern und
der kleinen Altane, all die herrlichen hochroten Hängenelken, die grauen
Rosmarin und Melissen.
    Wie eine Traumerscheinung stob die Bergpost vorüber, die fünf Pferde mit
fliegenden Mähnen, klatschend auf dem nassen Boden; heftig bäumte das
Vorderpferd sich zurück vor dem blauen Feuer vom Himmel, und die
hochaufgerichtete Gestalt des Postillons mit der wehenden Geissel in der
erhobenen Faust schien durch die Luft zu fliegen.
    Die Kinder fürchteten sich nicht. Sie standen am Fenster des Gastzimmers zu
ebener Erde und freuten sich über die weissen und rehfarbenen Kühe, die eilig
heimtrotteten auf der spiegelnden Landstrasse, getrieben von der kleinen Hirtin
im roten Kopftuch. Hastig klingelten die grossen Glocken an den breiten bunten
Bändern durcheinander, wie sie von einer Seite der Strasse zur anderen stapften
und sich zusammendrängten, Schutz suchend vor dem schräg niederprasselnden
Regen. Und zwischen ihnen und hinter ihnen drein sprangen die sonderbaren
kleinen rotbraunen hageren Schweine, schlugen mit den langen buschigen Schwänzen
und Ohren und grunzten mürrisch.
    Josefine hatte der Wirtin geholfen, nun stand auch sie am Fenster und
blickte hinaus.
    Sie war in grosser Erregung seit ihrem Hiersein. Die lange nicht geatmete
Luft des Hochgebirges wirkte auf sie wie ein aufregender Trank. Sie schlief
unruhig, von bunten Träumen gequält, und fast keine volle Nachtstunde
hintereinander. Ein Gefühl des Schwebens, der vollen Losgelösteit beherrschte
sie. Sie war niemals müde, immer gespannt, gehetzt, erwartungsvoll.
    Das Gewitter steigerte ihre Unruhe. Mit starren Augen verfolgte sie die
stürzenden Regenbäche an den immer von neuem behauchten Scheiben, blickte sie in
das misshandelte Gärtchen hinab.
    Ganz klein war es und eben noch wohlgepflegt. Ein wenig blaugrüner Lauch,
ein wenig Würzkraut für die Küche, ein paar silberweiss gefleckte Disteln mit
grossen violetten Blüten, ein paar rote Türkenbundlilien und ganz nah der
schützenden Wand des Nachbarhauses ein junger Kirschbaum mit eben sich rötenden
Früchten. Unten bei Truns und Ilanz wachsen der Bergkirschen die Fülle, hier
oben, im Gebiet der Arven und Fichten, ist ein Fruchtbaum eine Seltenheit. Er
war der Stolz des Besitzers, dieser junge fruchtbeladene Baum.
    Mit einer steigenden, ihr selbst unerklärbaren Angst im Herzen hefteten sich
Josefines weit geöffnete Augen auf das wild vom Gewittersturm umhergeschleuderte
Bäumchen.
    Alle Blätter waren nach oben gestrichen, die Fruchtstiele durcheinander
gewirrt, die Äste schlugen hin und her; der Pfahl, an dem es angebunden war, bog
sich, krachte, das Stämmchen wollte sich losreissen.
    »Hagel! Auch noch Hagel!« Ein rasendes Wetter brach los. Die Blitze zischten
so schnell herab, dass das verfinsterte Zimmer unaufhörlich in zuckenden blauen
Flammen stand, gegen die klirrenden, brechenden Scheiben klopften die harten
Eiskörner, Heufetzen und Schindelstücke fuhren vorbei, der Sturm heulte wie in
der Winternacht zwischen den Häusern, die Haustür dröhnte, auf- und
zugeschlagen, und verloren wimmerten die Glocken von Sedrun, Rueras und Selva.
    Die Kinder hatten sich zu dem Grossvater geflüchtet, Hermann und Rösli
versteckten die Köpfe und schrien nur zuweilen auf; Uli sass auf des Grossvaters
Knie, unerschrocken und fragelustig.
    Josefine stand allein.
    Sie sah das Dach des Nachbarhauses in Trümmer gehen, einen Fensterladen
herumwirbeln und herabstürzen; kläglich flog der bunte Kattunvorhang aus dem
leeren Loche heraus, wurde gepackt und fortgerissen. Die Blumen standen wie
zerstampft, eine weisse Eisschicht bedeckte die Beete, das Kirschbäumchen mit
gebrochener Krone, die wie ein verwundetes Haupt schmerzvoll zuckte, ohne
Blätter, ohne Früchte, war ein kahler Stumpf geworden.
    Eine unstillbare Traurigkeit überfiel Josesine. Ihre ausgebrannten Augen
fanden Tränen, eine Flut von Tränen, ihr selbst unbewusst.
    Ihr armes Feld! Kaum geblüht hat der Roggen, und schon zerschlagen! Ihre
lange, mühselige, schweissauspressende Arbeit auf den jähen glühenden Matten - da
wirbelt das Heu, im Wettersturm und Hagel zerstreut - ihr niederes, armes Haus,
jedes Brettchen von liebevoller, kunstfertiger Hand geschnitzt - ihr kleiner
Kirschbaum - die Blätter - die Früchte - ihr kleiner Kirschbaum!
    Die Glocken winselten Gnade! Gnade!
    Die Berge schienen zu bersten - das Ende aller Dinge gekommen.
    Laure Anaise stürmte herein. Ihr Haar triefte, ihre Kleider klebten. »Wisst
ihr's denn schon? Der Bach hat die Brücke eingerannt, und zwei Mannen sind
weggerissen, zwei Wildheuer aus Surrhein, sagen sie - der Bach bringt Felsen
herab, so hoch! - Aber wie denn? Du weinst, Josefine? Warum?«
    Sie flog zu Josefine hin, umschlang und küsste sie, wischte ihr die Tränen ab
und war wie ausser sich. »Grossvater, sieh emal her! Josefine ist krank! Sie hat
noch nie geweint, und nun weint sie, weil zwei Mannen weggerissen sind -«
    Ein neuer Donner brüllte über das Tal herunter.
»Du bist nit gut z' Weg, die Kleine hat recht,« sagte Plattner, als Josefine
sich erholt hatte. »So empfindlich muss man nit sein. Musst ihm Meister werden,
Josy. So was führt zur Melancholie. Die Welt ist schlimm genug, aber so schwarz
ist sie denn doch nit. Zumal hier in den Bergen. - Der Roggen ist noch grün, er
steht wieder auf. Der Cavenz3 sagt's auch.«
    Josefine antwortete nicht, ihre verweinten Augen hingen an dem
zersplitterten Stumpf des jungen Kirschbaums. Die Krone lag daneben zwischen den
Disteln.
    Der Wirt Cavenz trat auch heran. Er hatte schon wieder die kurze Pfeife
angezündet, die ihm während der Wut des Wetters ausgegangen war. »Wir sind - wir
Bauern hier sind glückliche Menschen,« sagte er ganz unvermittelt. »Verstehen
Sie recht. Mit Wind und Wetter kämpfen - das ist das Ärgste nicht. Wir sind alle
arm, und deswegen ist niemand arm. Es hat doch jeder zu essen. Gehen Sie nach
Paris und London,« seine klugen, braunen Augen wurden lebhaft, »gehen Sie nach
Berlin, und sehen Sie, was dort ist! Dort ist Elend! Dort ist Sklaverei! Dort
ist's zum Erbarmen, schauderhaft. Ich bin in Paris und London gewesen. Ich war
auch in Wien und Berlin. Ich weiss nicht, wo's am schlimmsten ist. Lieber vom
Wetter zusammengeschlagen werden, lieber vom Berg abstürzen. Gehen Sie emal
dortin. 's Herz steht einem fast still. Man weiss ja nicht, wofür! Hier weiss
ich's, wofür!«
    Erwartungsvoll blickte er Josy an.
    Sie nickte, schüttelte ihm die Hand. »O, es geht mir nichts über die Berge,«
sagte sie, »'s ist ja auch meine Heimat; der Vater ist von Valendas. Der
Grossvater war ein Bauer. In einer Grossstadt könnt ich nicht leben. Es ist auch
nur -« Sie musste sich abwenden.
    »Bleib noch ein, zwei Wochen hier,« mahnte Plattner, »du brauchst mal ein
Ausrasten. Hier oben ist bald wieder Sonnenschein. Verleb ein paar gute Tage
hier, 's ist dir notwendig.«
    Aber Josefine hatte keine Ruhe. Es hetzte sie von Stelle zu Stelle. »Die
Arbeit, Vater! Du weisst, was das auf sich hat. Dazu lebt man doch, dass man
schafft. Dazu lebst du doch auch.«
    Plattner brummte. »Aber nit so blindwütig wie du. Das ist nichts.«
    »Herr Cavenz,« sagte Josefine, »jetzt, sehen Sie - ich muss mein Examen
machen! Ja, Vater, es ist doch so. Die Bücher liegen zu Haus.«
    »Hätten Sie's nur mitgebracht, Frau,« meinte der Wirt zutraulich.
    Einen Tag später, als sie sich's vorgesetzt, fuhr Josefine nach Zürich
zurück.
Nur keine Ruhe! Arbeit! Nur keine Musse! Arbeit! Nur kein Nachsinnen! Nur kein
Grübeln! Arbeit! Arbeit! Arbeit! Das Kind ist gestorben! Arbeit! Georges ist
dort! Arbeit!
    Was er wohl denkt? - Denk nicht daran! Arbeit!
    Vielleicht war es zu retten? - Denk nicht daran! Arbeit!
    Sie leben dort, gebückt zum felsigen Boden. Ihr Rücken ist gekrümmt, ihre
Beine und Arme scheinen wie knorrige Wurzeln. In ihren Gesichtern sind Runzeln
und Falten von zuviel Luft. Ihre Augen tränen von zuviel Luft. Aber zwischen den
Tränen glänzt ihr gerader unverhüllter Blick wie ein Stern! Arbeit! Arbeit!
Arbeit!
    Das Kind ist gestorben. Mein Vater hat es sterben sehen. Er liebte das Kind.
Er hielt es in den Armen, bis es starb. Seine Arme sind auch hart wie knorrige
Wurzeln.
    Die Tränen liefen ihm in den weissen Bart, weil das Kind gestorben war. Er
ging auf die Felsen, kam zurück und lächelte: »Die Alpenrosen!« Sein starkes
Herz lächelte: »Die Alpenrosen!« Was hat sein Herz so stark gemacht? Arbeit!
Arbeit! Arbeit!
    Arbeit, und sei es die graueste, eintönigste!
    Arbeit, und sei es die blutigste, hoffnungsloseste!
    Arbeit, mein Opium! mein Rausch!
    Arbeit, meine Betäubung! mein Leben! Hetzjagd von Minute zu Minute! Hetzjagd
von Gedanke zu Gedanke! Nie zu Haus, weder drinnen noch draussen!
    Arbeit!
Blutig und hoffnungslos erschien Josefine die Arbeit in den Kliniken.
    Nach dem dritten Examen hatte sie mit dem Wintersemester den Besuch der
Kliniken belegt, wie es sich gehörte.
    Der Eindruck war ein überwältigender.
    Die »wissenschaftliche« Haltung, welche vor den Leichen des Präpariersaals
mühsam errungen worden, zerbrach vor dem lebendigen Leiden, vor dem Stöhnen und
Ächzen, dem Wimmern der Angst, dem Schreien der Qual, vor dem trostsuchenden
Fleheblick der gepeinigten Kranken, vor ihrem hilflosen Hinabsinken in die
unersättliche Grube.
    Der Schnitt in das lebende, blutende Fleisch war ein anderer Schnitt als der
in die weisse, wächserne Leiche. Die Zersägung des rotmarkigen Knochens hatte
eine andere Bedeutung als das Zersprengen des elfenbeinfarbenen, präparierten
Schädels.
    Das Leben schrie zum Leben, vor dem Tode. Es schrie um Hilfe mit seinen
Wunden, seinem Elend, seiner Verkrüppelung. Es wehrte sich gegen die Vernichtung
mit kleinen, fleischlos weichen Kinderknöchelchen und mit den erlahmten,
verbrannten, zerknickten Muskeln junger Riesen, die man aus den Fabriken
heraustrug. Es schlug um sich mit den verzehnfachten Kräften des Wahnsinnigen,
es pfiff mit schauerlichem Winseln aus der Lunge des Schwindsüchtigen.
    Das Leben schrie, und vor dem schreienden Leben stand der Arzt, auch ein
schwaches, stets bedrohtes, dem Tode unterworfenes Geschöpf, und dieses auch
schwache, stets bedrohte, dem Tode unterworfene Geschöpf nahm eine
»wissenschaftliche Haltung« an, um sein Zittern und seine Hoffnungslosigkeit zu
verdecken. Und der Hoffnungslose erfand in seiner Hoffnungslosigkeit Namen auf
Namen, lange, gelehrte Bezeichnungen, und er taufte die zerfressenen Nasen so
und die vereiterten Lungen so und die gelähmten Gehirne so, und es schien ihm,
als sei ein Funke Hoffnung irgendwo aufgebljetzt.
    Das Leben schrie, und der Hoffnungslose forschte, warum es schrie, und fand,
warum es schrie - was man so finden nennt - und er schrieb die Geschichte der
Krankheit, ihre Symptome, ihre Entstehung, ihren Ausgang, den immer gleichen
Ausgang.
    Und er sagte: Jetzt! jetzt haben wir es.
    Das heisst, wir glauben jetzt zu wissen, was dies sein könnte.
    Wir haben dies studiert.
    Wir haben Bücher darüber geschrieben.
    Es kommt bei Millionen vor.
    Es hat verschiedene Grade und Stufen.
    Wenn wir es merken, so ist es schon zu spät.
    Aber doch ist es gut, alles ist gut, denn wir wissen!
    Und die Hauptsache ist: Das Material geht uns nicht aus.
    Der Mensch ist sterblich, aber die Krankheit ist unsterblich.
    Sie wird immer von neuem geboren.
    Sie wird immer von neuem erworben.
    Es ist sehr wohl möglich, dass wir noch einmal dahinter kommen, was es ist.
    Inzwischen probieren wir, inzwischen experimentieren wir und fühlen uns
Herren über Leben und Tod.
    Unter unseren Händen quillt das jüngste Leben ans Licht.
    Wir übergeben es dem Licht, wie wir den Sterbenden dem Grabe übergeben.
    Wir beherrschen das Leben vom Ende bis zum Anfang, vom Anfang bis zum Ende.
Josefine sah, wie einige dieser Ärzte so sicher wurden, dass ihre Sicherheit
ihnen wie ein Rausch zu Kopf stieg.
    Sie hörte einen Professor sarkastisch halb, halb mitleidig lächelnd sagen:
»Für den Naturmenschen hat der Tod immer etwas Geheimnisvolles.«
    Er entschuldigte den Naturmenschen, er lächelte milde und mitleidig über den
Naturmenschen, für den der Tod immer etwas Geheimnisvolles hat.
    Nun ja! ein Naturmensch!
    Aber freilich - ein wenig Sarkasmus umspielte doch seine Lippen! Der
Naturmensch hatte immerhin den Ausweg, einen Professor zu fragen - einen von
uns! - und sich belehren zu lassen, dass der Tod nichts Geheimnisvolles hat. Gar
nichts!
    Tod ist einfach: letaler Ausgang. Und letaler Ausgang ist immer das Ende.
    Also - was gibt es da Geheimnisvolles?
    Nur ein Naturmensch kann in einem so alltäglichen, allstündlichen,
allminütlichen Vorgang etwas Geheimnisvolles sehen!
    Und einem stieg der Rausch der Sicherheit bis über den Kopf und machte ihn
roh wie einen Trunkenen.
    Und er sprach zu dem Sterbenden: »Kehre uns dein Gesicht zu, damit wir sehen
können, wie du stirbst.«
    Aber da scharrten die Studenten und machten durch ihr Scharren dem
Sicherheitstrunkenen bemerklich, dass er »zu wissenschaftlich« gewesen war.
    Josefine hörte es auch.
    Sie fühlte das Blut in ihren Schläfen sausen. Sie dachte an die Bemerkung
über das »Proletarierfett im Präpariersaal.
    Sie dachte: Es ist wieder ein Deutscher! Sie nennen das schneidig!«
    Und sie sagte ein Wort.
    Der sicherheitstrunkene deutsche Professor sah sie an. Er sah das Wort auf
Josefines Lippen. Er sah in vielen Gesichtern Missbilligung, besonders in denen
der weiblichen Studierenden. Er hasste diese weiblichen Studierenden. Ihre
Missbilligung war eine Kritik seiner Sicherheitstrunkenheit, darum waren sie ihm
zuwider.
    Und er blinzelte tückisch gegen Josefine hin: warte nur.
    Ein kranker Mann lag vor dem Auditorium.
    Der Sicherheitstrunkene hiess den Wärter den Kranken entblössen.
    Noch weiter! noch mehr! ganz!
    Er hiess den entblössten Kranken auf einen Stuhl stellen, überall frei
sichtbar.
    Und dann blickte er sich suchend um und rief Josefine zur peinlichsten,
verletzenden Untersuchung.
    Peinlich und verletzend war die Untersuchung für den Kranken.
    Peinlich und verletzend war die Untersuchung für die Untersuchende.
    Peinlich und verletzend war die Untersuchung für die diensttuende Schwester.
    Peinlich und verletzend war der ganze Auftritt für die Studierenden.
    Und diese peinlichste, verletzendste Untersuchung war völlig nutzlos, war
nur eine Strafe, war nur eine Rache, war nur eine Roheit des frauenfeindlichen
deutschen Professors.
Hier wird das Herz zerfleischt!
    Mit brennenden Wangen und brennenden Augen kam Josefine nach Hause. Sie war
den Weg gelaufen, als sei jener sicherheitstrunkene Mann mit dem rohen, kalten
Gesicht hinter ihr.
    Planlos lief sie jetzt durch die Zimmer, die Hände ineinandergepresst, die
Lippen zusammengebissen.
    Ach, so ohnmächtig sein! so ohnmächtig!
    Sie betrachtete ihre Hände, schauderte und fühlte irgend eine geheime
Schuld.
    Sie stand auf dem Balkon, in den sachte die Schneeflocken hereintrieben.
    Sie stand im Schnee und sah auf die im Schnee schlummernden Wiesen, auf den
im Nebel schlummernden See.
    Sie stand und sah und sah doch nichts.
    Ich kann das nicht ertragen.
    Ich kann nicht. Hier wird das Herz zerfleischt!
    Rösli kam gelaufen, breitete die Arme aus und drängte sich an Josefine.
»Einmal hab ich dich, Mama!«
    Josefine schrak vor dem Kinde zurück. Sie versteckte ihre Hände. »Nein,
nein, nicht jetzt! Geh, Rösli, spiele - ich habe keine Zeit.«
    Mit gesenkten Locken schlich die Kleine weg.
    Josefine betrachtete immer ihre Hände, schüttelte sie in unerträglichen
Schmerzen; dann nahm sie den weissen, flockigen Schnee vom Balkongitter und
begann damit ihre Finger zu reiben.
    Sie bebte in Todesangst, ihre Knie knickten ein, sie sann und sann.
    So zwecklos alles!
    So grausam alles!
    So hoffnungslos alles!
    Sie sah über den Schnee hinunter. Sie hielt sich am Gitter fest.
    Dort - das Spital - die Kliniken, ein gelber, langgestreckter Bau in Gärten.
Das Dach beschneit, die Bäume der Gärten schwarz gegen den nebelgrauen Himmel.
    Daneben das Frauenspital, das Absonderungshaus, die Anatomie. Weiter daneben
der kahle Kirchhof mit den wenigen hängenden Weiden, alles eine weissliche Fläche
mit eingesunkenen Steinen und schwarzen Kreuzchen.
    Aus den kahlen Bäumen erhob sich krächzend eine Krähenschar; aus den hohen
Fenstern gellten die zerreissenden Schreie der Gebärenden.
    Tolle Posse! Tolle Posse des Lebens! Überall Leiden! Überall Kranke! Es
schwillt wie von Leichen. Sie kommen wie eine Flut herauf gegen den Balkon.
    Nein, nein, nicht Leichen! Leichen sind gut, Leichen sind still, Kranke sind
es. Von Kranken schwillt es, von entsetzlichen Kranken!
    Sie blickte weiter hinaus, über die Stadt.
    Sie begriff nichts mehr.
    Häuser bauen sie? Gärten, Brücken, wozu? Wozu das alles?
    Es ist lächerrlich.
    Fabriken, Museen, Bilder, Statuen - lächerrlich! lächerrlich!
    Es ist nicht wert, den kleinen Finger zu rühren.
    Hier wird das Herz zerfleischt.
    Es gibt nur Kranke.
    Wir sind alle vermodert.
    Wozu das alles! Wahnwitz! Wahnwitz!
    Wieder ertönte das wilde Schreien, die Luft trug weit heute.
    Josefine sah sich da drinnen, unter den übrigen Studierenden.
    Und so hämische Gesichter bei diesen Männern!
    Sie sind hämisch, weil der Professor roh ist!
    Roh und hämisch im Angesicht des Todes.
    Er lehrt sie roh und hämisch sein.
    Man erkennt ihre Gesichter nicht wieder, wenn er da ist.
    Einer entstellt Hunderte.
    Das ist auch Schule!
    O, wie ich ihn hasse!
    Ich gewöhne mich nie.
    Roh und hämisch ist nur dieser eine, die anderen sind nicht roh und nicht
hämisch.
    Aber wir alle sind wie die Götter in den Wolken, und drunten ist der
schwärenbedeckte Lazarus.
    Wir haben für ihn im besten Fall ein freundliches, überlegenes Wort, wir
haben oft ein kleines Lachen, einen kleinen Witz.
    Ein Mensch ist kein Mensch für uns, ein Mensch ist Material.
    Ein Mensch ist eine Spitalnummer und »ein Fall«.
    Er windet sich vor uns in Schmerzenskrämpfen, und wir beobachten nicht ihn,
nur den Fall. Wir interessieren uns wissenschaftlich für den »Fall«.
    O, wie ich uns alle hasse!
In den Kliniken ging es so her.
    Die Studierenden versammelten sich in einem Hörsaal des Krankenhauses; das
medizinische, das chirurgische, das Kinderspital, das Frauenspital, das
Irrenhaus - jedes hatte einen besonderen Hörsaal. Der Professor betrat das
Kateder, gab eine kurze Einleitung, und sodann wurden zwei oder drei Fälle, das
heisst Kranke, herbeigeholt und dem Auditorium vorgestellt.
    Einer der Studierenden, ein Praktikant, trat zu dem Kranken, der zuweilen
noch gehen konnte, gewöhnlich aber in einer eisernen Bettstelle lag, in die er
im Krankensaal gelegt worden, indem man ihn aus seinem eigenen Bette für die
Dauer der Untersuchung heraushob. Diese Umbettung war dem Kranken immer eine
Belästigung und verursachte ihm häufig grosse Schmerzen, aber schlimmer noch war
die Angst, vor dem ganzen Auditorium mit seinen Schmerzen, seinen Wunden, seiner
hilflosen Blösse ausgestellt zu werden.
    Diese im Hörsaal und im Operationssaal den Studierenden preisgegebenen
Kranken waren stets Kranke der dritten Klasse, das heisst solche, die wenig
bezahlten, weil sie arm waren, und solche, die so arm waren, dass sie nichts
zahlen konnten, sondern dass die Stadt- oder Dorfgemeinde, der sie angehörten,
für sie zahlen musste.
    Die ausgezeichneten Spitäler mit den vervollkommneten Einrichtungen waren
nämlich, genau betrachtet, weniger Wohlfahrtseinrichtungen, als die sie im
allgemeinen hingestellt werden, denn Schulen zum Unterricht der Studierenden, in
denen man übte, wie andere, zahlungsfähige Kranke zu behandeln und zu kurieren
seien.
    Die Entblössung des mittellosen Kranken vor einer grossen Schar Studierender,
die Vernichtung seines Schamgefühls, wurde hier als keine Vernichtung oder kein
Eingriff in die Menschenwürde angesehen, da man bei der dritten Klasse
Schamgefühl überhaupt nicht voraussetzte. Diese Annahme einer durchgehenden
Verschiedenheit der Empfindung von Besitzlosen und Besitzenden war ein in jeder
Beziehung unschätzbares Hilfsmittel für die Professoren wie für die
Studierenden. War es ihnen gelungen, durch fortgesetzte Verletzung des
Schamgefühls bei einem Menschen dasselbe zu vernichten und ihn wirklich schamlos
zu machen, dann exemplifizierten sie sofort mit Genugtuung an diesem »Fall« und
wiesen nach, dass der Besitzlose überhaupt kein Schamgefühl habe. Gewissenhafte
gingen bei diesen Behauptungen gern zurück auf die sozialen Schäden, vor allem
auf die Wohnungsnot, die viele Personen verschiedenen Geschlechts in einen Raum
oft zusammenpferche und keine Entwicklung des Schamgefühls aufkommen lasse.
    Aber auch diese Gewissenhaften verschmähten es nicht, aus den traurigen
Tatsachen die äussersten, für sie bequmen und beruhigenden Schlussfolgerungen zu
ziehen.
    Der Praktikant, das heisst jener der Studierenden, an den gerade die Reihe
war, das bisher teoretisch erworbene Wissen jetzt vor dem wirklichen »Fall«,
das heisst dem Kranken, zu erproben, zu betätigen, zu vervollkommnen, begann
darauf dem vor ihm ausgestreckten Leidenden eine Reihe auswendig gelernter
Fragen zu stellen, die der Kranke schon sehr oft gehört und beantwortet hatte,
die ihn daher langweilten, quälten und erbitterten, und von denen er wusste oder
doch ahnte, dass sie weder aus Teilnahme noch aus Hilfsbereitschaft für seine
Person gestellt wurden, sondern einfach darum, weil der medizinische Kurs in dem
und dem Semester dem Studierenden diese Frageübungen vorschrieb. Der Praktikant
zeigte dabei meistens jene komische Wichtigkeit, mit der beim »Schulespielen«
der Kinder die Rolle des Lehrers dargestellt wird, von einem anmassenden Knirps
in kurzen Höschen, der seine Kleinkinderstimme zu kreischenden Kommandos erhebt.
Die schielende Furcht des Praktikanten vor dem Professor, der jedes seiner Worte
kritisch verfolgte, die Angst, sich vor den spottsüchtigen Kommilitonen zu
blamieren, erhöhte noch den Eindruck des Kindlich-Komischen. Komisch war ferner
die unverhüllte Mühe des Praktikanten, genau den Professor zu kopieren, in
dessen Kolleg er sich gerade befand. Derselbe Student war nacheinander: kurz
angebunden, mildtröstend, cynisch, rücksichtsvoll, Gott aus den Wolken, brutal,
humoristisch - ganz wie der jedesmalige Professor. Bei den weiblichen
Studierenden bemerkte Josefine von dieser geschmeidigen Anpassungsfähigkeit
nichts; sie schienen ihr alle bestimmteren Charakters als die männlichen; dem
brutalen Cynismus waren die Studentinnen sämtlich abgeneigt, doch zeigten auch
sie schon viel Anlage, den Gott aus den Wolken zu spielen, wenngleich die milde
Rücksichtnahme bei weitem überwog. Josefine sah unter den Studentinnen
ausgezeichnete Kräfte, eine Vereinigung von Intelligenz, Güte und
Leistungsfähigkeit, die sie mit Bewunderung, mit Genugtuung erfüllte. Josefine
stand freundlich zu ihnen allen, aber an einem Punkt schieden sich stets ihre
Wege: diese Medizinerinnen konnten oder wollten nie über ihren Beruf
hinaussehen, sie schoben alles Grübeln als unfruchtbar weit von sich und suchten
ihr Ziel auf möglichst schnellem Wege zu erreichen. Dann wollten sie ihren
leidenden Geschlechtsgenossinnen nach Kräften in allen Leibesnöten beistehen und
sich selbst eine geachtete Stellung in der Gesellschaft erwerben. Eine gute
Praxis, eine womöglich leitende Stelle an einem öffentlichen Spital war ihr
angenehmster Traum.
Josefine aber grübelte und litt. Auch sie war zu diesem Studium gekommen, um
eine geachtete Stellung in der Gesellschaft, dazu Brot für ihre Kinder und ihren
unglücklichen Mann zu erwerben. Immer hatte sie gemeint, dass die Tätigkeit des
Arztes die edelste, idealste sei, und mit Freuden hatte sie ihr zu dienen
gehofft. Die ersten Jahre ihres Studiums waren in glücklicher Täuschung
verflossen, ihre heisse Arbeit schien so planvoll, so unbestechlich, so ehrlich
und erfolgverheissend.
    Und nun, in den Kliniken, brachte ihr jeder Tag eine neue, furchtbare
Erleuchtung.
    Um Gottes willen, was tun wir?
    Wo ist unsere Hilfe? Wo ist unsere Überlegung? Wo ist unsere Vernunft?
    Josefine fragte, und die Antwort hiess: Frevel! Jammer! Unsinn!
    Keine Hilfe sah sie. Keine Überlegung herrschte.
    Dumpf und vernunftlos, in unentwirrbaren Knäueln, wand sich vor ihr das
blutende Leben.
    Frevel! Jammer! Unsinn!
    Die Gespenster umtanzten sie den ganzen Tag, die ganze Nacht. Sie hielten
sich bei den Schattenhänden, sie konnten sich in eine Gestalt verschmelzen, die
eine konnte sich in die andere verwandeln, der Frevel ward zum Unsinn, der
Unsinn zum Frevel.
    Die organisierte Gewalt der Brutalen, Übersatten, der organisierte Besitz
der Besitzenden hatten über die Besitzlosen, Hungernden, Nachgiebigen eine
Sklaverei verhängt, der sie sich nicht entziehen konnten. Die Sklaverei der
schwachen, zur Überanstrengung gezwungenen Leiber der Schlechtgenährten, der
Angesteckten, der Krankgeborenen, der Widerstandsunfähigen, der jungen Kinder
erzeugte jene Summe des Jammers, von dem die Welt widerhallte, und nun kam im
ärztlichen Gewande der Unsinn geschritten und wollte mit Messer und Gift heilen,
was durch Hunger und Überbürdung, durch Auspressung des Blutes und des Schweisses
so krank geworden, dass es nicht mehr um Heilung, sondern um den Tod flehte.
    »Die Erhaltung des Lebens ist unser erstes Gebot,« sprach der Arzt, und es
klang so menschenfreundlich, so tröstlich, so hoffnungsvoll.
    Aber der Kranke bat: »Lassen Sie mich sterben! Wär ich nur schon vorher
gestorben! Sie wissen nicht, was mein Leben ist!«
    Nein, er wusste es nicht, und er wollte es auch nicht wissen, der
grundgelehrte, ausgezeichnete, geistreiche Arzt, die Leuchte der Wissenschaft.
Er hatte ja die Wissenschaft zu pflegen, ihr heiliges Feuer zu unterhalten, er
fühlte sich als Diener und Beherrscher der Göttin Wissenschaft. Mit dem Leben
hatte er nichts zu tun. Um das Leben konnte er sich nicht bekümmern, dazu liess
ihm sein Beruf nicht Zeit. Oh, wie er ihn liebte, seinen Beruf. Er hatte eine
wundervolle, eine epochemachende Erfindung gemacht in seiner Spezialität. Nur in
den speziellsten Grenzen der Spezialität durfte man hoffen, etwas zu leisten. Er
hielt sie noch geheim, seine Erfindung, denn bis jetzt waren die Versuchsobjekte
leider fast unmittelbar nach der Operation gestorben. Aber er würde so lange
versuchen, bis es ihm glückte, einmal einen einige Wochen am Leben zu erhalten,
und dann würde er hervortreten. Das Material wuchs ja immer nach. Ihm winkte
Berühmteit. Ein Weltruf. - -
    Josefine beobachtete, grübelte und litt.
    Sah dies denn niemand als sie? Fühlte denn niemand den Frevel, den Jammer,
den Unsinn als sie allein?
    Sie sahen alle so zufrieden aus, diese Professoren, diese Operateure, diese
Assistenzärzte, diese Schwestern, diese Wärter und Wärterinnen. Sie wandelten
einher mit Wichtigkeit und Würde.
    »Der neue Operationssaal - ist er nicht wundervoll? Nichts als Glas und
Eisen! Diese Instrumentenschränke, diese prachtvollen vernickelten Löffelserien,
um aus tiefliegenden Abscessen die Materie herauszulöffeln, diese spiegelblanken
Knochensägen, diese Häkchen und Haken, die Zängelchen und Zangen, diese
interessanten krummen Nadeln zum Vernähen der Wunden, diese Hunderte und
Hunderte von Messerchen, Lanzetten, Messern! Diese sinnreichen und hübschen
Apparate zum Auskochen der Instrumente, zum Auskochen der Tücher, diese Reihen
von Chloroformmasken, von Gummischürzen für die Ärzte, von Waschvorrichtungen
für die blutbesprjetzten Hände, von in jeder Richtung beweglichen und
zusammenklappbaren Operationstischen!«
    Mitausfraulichem Stolz zeigten die Schwestern diese Schätze, zeigten sie in
ihrer zierlichen Anordnung, ihrer Nützlichkeit, Unentbehrlichkeit, in ihrem
Silberglanz, in ihrer gefälligen, das Auge erfreuenden Form.
    Welche eine Summe von menschlicher Tätigkeit steckte in diesen
Instrumentensammlungen! Welch eine Summe menschlicher Intelligenz und Energie
war auf die Erfindung und Herstellung dieses ganzen ungeheuren Spitalapparats
verwendet worden!
    Und wofür das alles? Wozu?
    Wer so fragte, erhielt prompte Antwort!
    Man führte ihn vor die scheusslichen Wunden der Arbeit, zeigte ihm die
Phosphornekrose der Phosphorarbeiter, die an der langsamen Fäulnis der
Kieferknochen durch das Gift zugrunde gehen. Man zeigte ihm die
quecksilbervergifteten Spiegelarbeiter, die bleivergifteten, in unheilbaren
Blödsinn verfallenen Maler, die rhachitischen Kinder, die in feuchten Kellern
feinste Gewebe und Spitzen weben mussten, damit der feine Faden nicht bräche, die
aus Mangel und schlechter Ernährung der Tuberkulose Verfallenen, mit verzehrten
Lungen oder mit abgesägten Gliedern.
    Man führte die Fragenden zu den Opfern der Maschinen, zu den von den
Zahnrädern Gepackten, von den Transmissionen Umhergeschleuderten, von den
Dampfhämmern Zerschlagenen, von den giftigen Gasen Erstickten, von den
elektrischen Strömen Verbrannten, von feuerflüssigem Metall Verbrühten.
    »Für diese! Für diese!« -
    Kann das möglich sein? dachte Josefine schaudernd. Kann es sein, dass dies
die Ordnung ist? dass dies unabänderlich ist? Dieser Frevel, dieser Jammer,
dieser Unsinn - ist er unabänderlich?
    Und ihr durch eigenes Leben fein gewordenes Ohr vernahm den nie
verstummenden Hilfeschrei aus der Tiefe: »Ihr da oben, die ihr die Luft und die
Sonne zumesset und verteilt, die ihr das Brot, das uns ernährt, zumesset und
verteilt, die ihr die Kleider, die unsere Blösse decken, zumesset und verteilt:
Hilfe! Hilfe! Hilfe! Lasst uns atmen! Lasst uns essen! Lasst uns nicht erfrieren!
Die Arbeit, die ihr uns aufgeladen, und deren Früchte ihr uns aus den Händen
nehmt, die Arbeit geht über unsere Kräfte! Sie zerquetscht uns! Sie vergiftet
uns! Sie zerreisst uns! Wir sind erschöpft. Wir erkranken leicht. Wir leben nur
halb so lang wie ihr. Unsere Kleinen schon verkümmern im eintönigen Erwerb um
den Bissen Brot. Und immer steht der Hunger vor der Tür!« - - -
    Und die Antwort? O, auch die Antwort hörte Josefine.
    »Es ist nichts zu tun, nichts zu ändern. Gott hat gewollt, dass es sei, wie
es ist. Kein einzelner von uns vermag ihm in den Arm zu fallen. Die Entwicklung
der Menschheit geht über Blut und Leichen. Die Industrie verlangt ihre
Hekatomben, aber darum dürfen wir ihre Entfaltung nicht beschränken. Und
übrigens - kennt ihr unsere Hospitäler? Es ist das Schönste und Wunderbarste,
was unsere Humanität, unsere hochentwickelte Humanität geschaffen hat. Die
Menschenliebe ist hier zur Genialität geworden. Alle Fälle sind hier vorgesehen.
Ist ein Glied schadhaft geworden und verfault, so schneidet man es dort ab. Wir
haben lauter neueste Instrumente, und jährlich gibt es neu verbesserte Metoden.
Nun denn - diese ausgezeichneten Anstalten, diese Hospitäler und Kliniken sind -
hört es, ihr Unzufriedenen! - in erster Linie für euch bestimmt! Wir wissen, dass
ihr erschöpft seid! Wir wissen, dass ihr leicht erkrankt! Wir wissen, dass ihr die
Neigung habt, nur halb so lange zu leben wie wir. Wir wissen, dass es für arme
Kinder gut ist, sich recht früh an schwere Arbeit zu gewöhnen, und dass dabei
leicht etwas geschieht, was auch uns nicht lieb ist. Aber dafür sind nun eben
die Kliniken und Krankenhäuser geschaffen worden. Das ist unsere Liebe zu euch.
Das ist unsere Fürsorge.«
    Frevel! Jammer! Unsinn!
    Es schien Josefine, als sei es nie jemand in den Sinn gekommen, über all
diese grausamen Sophismen ernstlich nachzudenken.
    Hätte man nachgedacht, so hätte man ja ein anderes Mittel finden müssen als
die Spitäler und die Kliniken, um all diese künstlich erzeugte Summe von Elend
aus der Welt zu räumen.
    Aber man dachte nicht nach, man wollte nicht nachdenken. Nachdenken hiess
zweifelhaft werden an der Vortrefflichkeit und Notwendigkeit des gegenwärtigen
Zustandes. Nachdenken hiess an den Stützen der heutigen Ordnung rütteln. Und zu
dieser Ordnung gehörte man selbst. Darum tat man leicht und wohlgemut. Man
lachte sogar über die Möglichkeit, in diesen Dingen etwas zu ändern. Alles, was
bestand, war gut in den Augen derer, die aus diesem Stand der Dinge Vorteil
zogen. Zur Ergänzung der heutigen Gesellschaftsordnung mit ihrer wild und üppig
wuchernden Industrie, mit ihrer Sklaverei der Massen gehörten ganz notwendig
diese schönen Hospitäler mit den prachtvollen Operationssälen, mit den
sinnreichen Operationstischen aus Glas und Eisen, mit den eleganten
Glasschränken voll blitzender Instrumente zum Abschneiden der zerschmetterten
Arme und Beine, mit den vervollkommneten Tobzellen für die Tobsüchtigen, mit den
Röntgenstrahlenapparaten zur Behandlung der Tuberkulosen, mit den elektrischen
Lampen mit den feierlichen oder groben, immer aber wissenschaftlichen Ärzten in
weissen, reinlichen Metzgerkitteln und Gummischürzen, mit den hübschen
Pflegerinnen in gestärkten Häubchen, lieb und sauber, hilfbereit und
hoffnungslos. Alles dies musste sein. Die Humanität erforderte dies. Die
Humanität erforderte, dass die Glastische zum Abschneiden der zerschmetterten
oder verfaulten Arme und Beine von Glas und Eisen seien, dass die Ärzte grosse
Gehälter bekämen, und dass die guten, hoffnungslosen Pflegerinnen gestärkte
Häubchen trügen, aber keinem fiel es ein, dass die Humanität eigentlich
erforderte, dass man Mittel ausdächte, wie alle diese so ausserordentlich human
aussehenden, grausig-appetitlich sich darstellenden Personen und Dinge
überflüssig zu machen seien.
    Tag und Nacht tobte der Kampf, Tag und Nacht sanken die Toten, die
Verwundeten nieder. Und mit aufmerksamen Augen standen die Ärzte an der
Peripherie des bluttriefenden Schlachtfeldes und trugen die Verwundeten
beiseite, um sie zu verbinden, zu flicken, auf die Füsse zu stellen, damit sie
aufs neue in den Kampf eintreten und umfallen könnten. Aber den Kampf zu
bekämpfen, die gesundheitsschädlichen Betriebe abzuschaffen, die Ausbeutung
unmöglich zu machen, Mangel und Not hinwegzuräumen - daran dachte niemand. Und
geschah es doch einmal, dann waren diese Versuche so lächerrlich winzig gegenüber
dem allgemeinen Frevel, so erfolglos und zersplittert, dass sie einzig dem bösen
Gewissen der Besitzenden entsprungen schienen, die nach einem Leben des Genusses
die Brosamen von ihrer Tafel in alle Winde streuten.
    Nein, das geht nicht! das kann nicht so weiter gehen! überlegte Josefine,
als sie vor dem zerstückten Körper der armen Tuberkulösen stand, die heute zum
zehntenmal operiert wurde. Sie kannte die Geschichte dieser Tagelöhnersfrau aus
deren eigenem Munde, eine schaurig beredsame Geschichte gegenüber der trockenen
Anamnese im ärztlichen Journal. Aber wenn man das Journal zu lesen verstand,
dann war es fast noch schauriger in seiner Trockenheit. Es lautete ins Deutsche
übersetzt ungefähr so:
    1880, 5. Januar, linker Fuss, grosse Zehe amputiert.
    1880,12. März, linker Mittelfussknochen reserziert.
    1880, 20. Juli, linker Fuss total amputiert bis zum Knöchel.
    1882, 2. Mai, linke Hand vierter Finger amputiert.
    1882, 10. Dezember, linke Hand Mittelfinger amputiert, Handgelenk
reserziert.
    1883, 27. März, linke Hand bis zur Handwurzel amputiert.
    1884, 6. Januar, linker Arm Ellbogengelenk reserziert.
    1886, 18. Juni, linker Arm bis zur Schulter amputiert.
    1886, 12. November, rechter Oberschenkel operiert.
    Und die Frau, als sie aus der Narkose erwachte, sah mit ihren klugen
traurigen Augen Josefine mit einem herzzerreissenden Blick an: »Sechs ruhige
Jahre im Grab hätt ich haben können. Wie lange wollt ihr noch so fortmachen mit
mir? So viel gelitten, als die Hand noch da war - immer hat er mir die Finger
gebogen, damit sie nicht steif werden - ich musste so schreien - sie schwollen
hoch auf jedesmal. Dann, als der Fuss ab war und ich mit dem schweren Schuh gehen
sollte, dreimal durch den Saal, vor all den Studenten! Ich konnt's nicht, bat um
einen Stock. Nein, sagt er, Sie sollen's ohne Stock lernen, stellen Sie sich
gefälligst nicht so an! Er sagte gefälligst und lachte. Er war so ein Grosser,
Dicker, Gesunder, mit Schmissen kreuz und quer übers Gesicht. Ich konnt's nicht,
fiel um, der Fuss wurde wieder schlimmer. Er war sein Assistent, der Professor
war menschlicher. Die Schwester sieht mich - ich rutschte die letzte Strecke auf
den Knieen -: Legen Sie sich zu Bett, sagt die Schwester. Das war eine Gute. Er
hiess Reich, hiess der Assistent, ist nun auch schon Professor. Es war nicht hier,
es war draussen, in Deutschland. Aber sagen Sie mal, was soll ich denn auf der
Welt? was für ruhige Jahre hätte ich gehabt, wenn ich damals gleich gestorben
wäre!«
    Nein, das geht nicht! das kann nicht so weiter gehen! dachte Josefine,
sprechen konnte sie kaum, nur ein paar leere Worte, die vor dem heissen Blick der
Unglücklichen zu Schaum zerflossen. Sie stand auf und ging von ihr, sie schämte
sich so für all diesen Jammer und Unsinn, in den sie schon verwickelt war.
    Wenn man nur den hundertsten Teil der gesamten Arbeit, Mühe, Anstrengung,
den hundertsten Teil des Nachdenkens und des Geldes, das man auf die
Hinwegräumung des Schuttes, des Abfalles, des Aases, auf das Hoffnungslose
verwendete, auf die Vorbeugung all dieses Elends verwendet hätte, wie unendlich
anders müsste es in unserer Gesellschaft aussehen! dachte Josefine.
    Aus Mangel, in ungesunden Massenwohnungen wurden die Kranken krank, und wenn
sie krank waren, dann nahm man sie in die Kliniken auf, damit die Studenten an
ihnen lernten, schnitt ihnen die tuberkulösen Knochen weg und entliess sie, damit
sie weiter hungerten. Aber niemand dachte daran, dass es einzig mitleidig,
menschlich und vernünftig wäre, niemand aus Mangel an Nahrung in
gesundheitsschädlicher, abstumpfender Arbeit und in schlechten, engen Wohnungen
krank werden zu lassen.
    Was hatte diese Unglückliche, eine nur von Tausenden, gearbeitet, ehe sie
krank wurde? Sie erzählte Josefine, dass sie in Berlin Knopflöcher gemacht hatte,
nichts als Knopflöcher, nicht mit der Maschine, mit der Hand.
Hundertvierundvierzig Knopflöcher bezahlte der Wäscheverkäufer mit
zweiunddreissig Pfennigen. Knopflöcher zum Frühstück, Knopflöcher zum Mittag,
Knopflöcher zum Abendessen, Knopflöcher im Sommer, wenn der heisse Kalkstaub zum
Fenster hereinfliegt und die Nadel rostig wird in der schwitzenden Hand.
Knopflöcher im Winter, wenn der ganze Tag dunkel ist in dem dunkeln Hinterhaus,
wo sie eine Stube haben, und wo die Füsse absterben vor Kälte vom ewigen Sitzen.
Knopflöcher, Knopflöcher, Knopflöcher, hundertvierundvierzig Stück für
zweiunddreissig Pfennig, achtzehn Jahre lang.
    »Ich bracht's auf acht Mark die Woche, bevor dass ich krank wurde.«
    Josefine nahm ein Blatt Papier und begann zu rechnen. Ihre Hand bebte, ihr
Herz schlug unregelmässig, setzte aus und begann dann mit einem wilden Auftakt
von neuem.
    Sie wollte ausrechnen, wie viele Knopflöcher die Frau am Tage, in der Woche
gemacht, um acht Mark zu verdienen.
    »Arbeiteten Sie auch Sonntags?«
    »O ja, manchmal aber nur den halben Tag.«
    »Also gewöhnlich den ganzen Sonntag?«
    »Ja, aber meist doch 'n paar Stunden weniger als Alltags.«
    »Und Alltags - wie lange arbeiteten Sie da?«
    »Siebzehn bis achtzehn Stunden - unter dem konnt ich das nicht zwingen.«
    »Und waren verheiratet und hatten drei Kinder, wie Sie sagen?«
    »Ja, drei Kinder, mein kleiner August starb mir ja gleich.«
    »Also eigentlich vier Kinder?«
    »Ja, drei sind am Leben und verdienen schon mit. Hier ist das ja ganz
anders, hier kriegen sie dreissig Centimes die Stunde; wär ich hier man eher
hergekommen.«
    »Und Ihr Mann, was macht der?«
    »Mein Mann ist schon sieben Jahre in der Erde. Der ist damit durch.«
    »Was war sein Geschäft?«
    »Sein Geschäft war auf Nadelspitzen, wissen Sie, in der Fabrik. Aber, das is
auch nich gut.«
    Nadelspitzen! Auch nicht gut! Nein, freilich.
    »Und er hatte dann Malör. Das war 'ne ganze Kleinigkeit, will ich mal sagen.
Er hatte bei einer Aufladestelle 'n paar Kohlen aufgesammelt. Wir konnten das ja
gut brauchen, das können Sie sich wohl denken. Nu kam das raus, und mein Mann
kriegte zwei Monat. Das Gericht wollt mich da auch mit 'rein ziehen, aber mein
Mann sagte: nee, ich hätte da nichts von gewusst. Na, das war je nu nich wahr,
ich wusst das ganz gut, wo die paar Kohlen herkamen, das waren je man 'n paar,
so'n kleinen Brotbeutel voll. Aber, einer musst doch bei den Kindern bleiben. Nu
kam er wieder zu Haus und war ganz anders. Mutter, sagt er, nu haben sie mir zum
Dieb gemacht, nu is mir alles gleichgültig. Das dauert nich lange, da kommt mein
Mann und bringt 'n feinen Herrenhut. Ach jotte doch, trag ihn wieder hin! sag
ich; ich hatte so 'ne Angst. - Nee, sagt er, der is 'n Studenten abgefallen,
mitten auf'm Weg. Der war ja betrunken, der andere gab ihm 'n Stoss, und da fiel
der Hut in'n Dreck. Ich hab ihn man mitgenommen, dass er nich untern Wagen kommt.
Anderen Tag haben wir die Polizei in der Stube. Den Hut hatte mein Mann schon
verkauft. Er hatte ja kein' rechten Verdienst mehr, in die Fabrik wollt' er
nicht wieder. Mutter, sagt er, seit dass ich hab brummen müssen, hab ich da keine
Geduld mehr zu. Wenn ich an all die Jahren denk und an all die Nadelspitzen, wo
ich all gemacht hab, dann wird mir ganz kribbelig. So'n Leben is gar kein Leben,
das 'n Hundeleben, das sagen sie da auch alle, die da brummen müssen. Ich möcht
was Forsches, 'n Haus anstecken oder so was, bloss aus Überdruss, das kannst mir
glauben. Ach, was hab ich geweint! was hab ich geweint! Nu war mein Mann ja
rückfällig, und sie gaben ihm sechs Monat. Sechs Monat für den alten verfluchten
Hut. Ja, nehmen Sie es man nich übel, dass ich fluchen tu! das soll ja nich sein!
das is auch sonst meine Manier nich, aber manchmal - Nu, wie mein Mann wieder
frei kam, sah ich das all: der war krank! Ach jotte doch, was war der Mann
krank. Da war das bald zu Ende. Er hatte die Auszehrung. Der Doktor, der sagte,
der Husten wär woll von dem Glasstaub, womit die Nadelspitzen geschliffen
werden. Das is nich gesund. Und in den Gefängnis, da war das immer so kalt und
feucht gewesen, die husten da alle. Er wusst das nich, dass er sterben tat, er war
ganz wie wild, mein Mann. Ich musst ihn man quälen und bitten, dass er nich auf
die Strasse ging und was ansteckte. Er wollt immer was anstecken. Mutter, sagt
er, wenn das denn so recht brennt! so'n Höllenfeuer! nich du? Ach, er war ja
wohl nich so ganz bei sich, denk ich man. Wie er tot war, dacht ich, nu kriegt
ich 'n büsschen Ruh. Nu kam das.«
    Josefine sah wie erschreckend auf das Notizblatt, das mit Zahlen bedeckt
war. Sie hatte diese Ziffern geschrieben, sie hatte die Summe der Knopflöcher
berechnet, während die Arme vor ihr den kurzen, furchtbaren Bericht gab über
das, was ihr Leben gewesen war.
    Die Tatsache traf Josefine wie ein unerwarteter Blick in den Spiegel. Sie
erblickte sich selbst, und sie sah in ihrem eigenen Bilde das Bild aller
Menschen ihrer Kaste und ihres Berufes.
    Ja! ja! ja! das sind wir! so sind wir! wir rechnen, während sie verbluten!
Wir rechnen, und wir glauben, dass wir etwas für sie tun, wenn wir die
Schweisstropfen zählen, die sie für uns vergiessen!
    Das ist die Wissenschaft! So ist ihre Stellung zum lebendigen, leidenden,
blutenden Leben!
    Nie, nie, nie wird dem lebendigen, leidenden blutenden Leben durch die
Wissenschaft Hilfe kommen!
    Es ist alles Lüge und Betrug!
Oft noch in späteren, stumpferen Jahren gedachte Josefine dieser Augenblicke vor
der verstümmelten Kranken, wo in ihre bittere Verzweiflung die ersten Tropfen
der Selbstverachtung geflossen waren.
    Und sie gedachte auch, wie mitten in ihren angstvollen Selbstanklagen der
behandelnde Arzt zum Verbinden hereinkam, sauber und wichtig mit einem Geruch
nach Wein und einer Jovialität, die gleichfalls vom Wein herrührte, und wie
geschäftig er von Bett zu Bett eilte, und wie er über die alte Frau lachte, die
im Delirium lag und unanständige Lieder sang, und wie er sie ermunterte, mehr
dergleichen zu singen. Er lachte wie gekitzelt. Und wie würde er erst gelacht
haben, wenn man ihn gefragt hätte, warum er sich so wichtig und vortrefflich
vorkomme.
    Und Josefine erinnerte sich später, wie ihr an dieser Stelle die
Phylloxera-Kommission eingefallen war und ihre ausgezeichnet wichtigen und
würdigen Mitglieder.
    Der Vater hatte Josefine von diesen vortrefflichen Herren erzählt, nachdem
er ihren Bericht entgegengenommen.
    Nach der »streng sachlichen« Berichterstattung hatte eines der
Kommissionsmitglieder ein hübsches, kleines Frühstück gegeben und dabei ein ganz
klein wenig zu viel getrunken. Und in diesem Zustande hatte das würdige Mitglied
einen hübschen, kleinen Trinkspruch ausgebracht auf - die Phylloxera, die sie
hier so freundschaftlich vereinigt, die ihnen eine so erspriessliche Tätigkeit
eröffnet, und die sie hoffentlich noch recht oft so freundschaftlich
zusammenführen werde.
    »Aber die Phylloxera wird, denk ich, bald vertilgt sein!« hatte Plattner
ganz bestürzt gerufen.
    Worauf der Trunkene treuherzig erwidert: »Wollen's nicht hoffen. Da wär ja
die Phylloxera-Kommission auf einmal überflüssig.«
    Möglich oder unmöglich, den gegenwärtigen Zustand zu ändern, dachte Josefine
- um die Möglichkeit handelt es sich gar nicht. Es handelt sich darum, dass die
Phylloxera-Kommission von der Phylloxera lebt, und dass sie brotlos ist, wenn die
Phylloxera vertilgt würde. Es handelt sich darum, dass der Arzt von der Krankheit
lebt, und dass es in seinem Interesse liegt, wenn die Gelegenheit nicht
ausstirbt, für die er seine Kenntnisse erworben hat.
    Wie die Made im faulen Fleisch, wie der Richter im Verbrechen, so sucht und
findet der Arzt und das Heer seiner Gehilfen in den Krankenhäusern und Kliniken
eine auskömmliche Existenz. Und darum liegt es im Interesse der Interessenten,
dass faules Fleisch, Verbrechen und Krankheiten immer in genügender Masse
vorhanden seien; und alle Reden von Humanität, Wohlfahrtseinrichtungen,
Fortschritten der Zivilisation sind bei der heutigen Ordnung der Dinge und im
Munde der sich darin Wohlbefindenden Lüge und Betrug!
So schwer war für Josefine in dieser Zeit das Leben.
    Auch die Arbeit versagte.
    Josefine hatte arbeiten wollen, weil sie in der Arbeit Betäubung suchte.
Aber mitten in der Betäubung durch die Arbeit war in ihr durch die Berührung mit
dem leidenden, blutenden Leben ein höherer Sinn und ein höherer Anspruch
erwacht.
    Jetzt wollte sie arbeiten um des Nutzens willen, den ihre Arbeit den
Menschen bringen sollte, und nun verzweifelte sie, dass ein solcher Nutzen
aufzufinden sei.
    Sie fühlte sich einsam und ohne Zusammenhang mit den Menschen, wie ein
Sandkorn unter einem Berg von Sand.
    Das ist die einzige Anarchie, die vernichtet, dachte sie verzweiflungsvoll,
unsere heutige Ordnung, wo keiner sich um den anderen kümmert! Wir studieren!
studieren! studieren! Aber nachher halten wir uns absichtlich die Augen zu, um
uns nur ja auf das zu beschränken, was unseres Amtes ist. Und jeder hat ein Amt,
und jeder hat eine Spezialität, und von Amt zu Amt und von Spezialität zu
Spezialität gibt es keine Verständigung. Und Amt und Spezialität haben den
Menschen aufgefressen. Und nirgends ist eine Stelle, wo alle menschlichen
Tätigkeiten zusammenmündeten!
 
                                  Drittes Buch
»Wer war der Mann, der eben von Ihnen wegging?«
    Bernstein hockte vor seinem Ofen, hatte alles herausgeworfen und hielt den
Rost zwischen den geschwärzten Fingern. Mit hinaufgezogenen Augen und
halboffenem Munde sah er sich nach der Fragerin um.
    Josefine stand da, als ob sie mit der Tür hereinfallen wolle: die Arme weit
geöffnet, eine Hand am Rahmen, die andere am Drücker. Ein leichter Zug sträubte
ihr lockeres dunkelbraunes Haar an den Schläfen auf und machte die Papiere auf
Bernsteins Schreibtisch zittern.
    Der Hockende zog seine langen Beine unter sich; die schmalen knochigen
Schultern schoben sich gegen die Ohren hinauf; ihn fror in dem schwarzen
russischen Hemd aus leichter Wolle. »Ech!« grämelte er, »kommen Sie - extra -
deshalb - zu - mir - herein? Das - ist - sonderbar!«
    »Warum sonderbar?« Die blasse Frau mit den hochgeschwungenen Brauen sah
starr und gespannt auf den Kollegen und Hausgenossen zu ihren Füssen. »Warum
sonderbar?« wiederholte sie und schien kaum zu wissen, was sie sagte.
    Bernstein blinzelte verwundert mit den hellgrauen gutmütigen Augen.
»Erstesmal höre ich von Ihnen: wer ist dieser Mann!«
    Eine leise Verwirrung kam in Josefines starres Gesicht. »Kann ich nicht
fragen?«
    »Nein!« brummte Bernstein, in den Kohlen wühlend, »erstesmal höre ich von
Ihnen so eine neugierige Frage.«
    »Ich habe keine Zeit,« machte Josefine, und ihr Fuss begann nervös auf dem
Boden zu arbeiten, »ich muss fort.«
    »Ech! es ist kalt, machen Sie die Tür zu.«
    »Gleich. Ich muss ja gehen. Nun?«
    Bernstein betrachtete sie prüfend, unangenehm überrascht. Er nieste. »Ech!
mir gefällt nicht. Erstesmal sprechen Sie wie russische Fräulein: Wer ist er?
Wie heisst er? Wie heisst seine Familie? Ech!«
    »Gut, mit Ihnen kann man heut nicht reden.« Josefine schloss die Tür halb.
»Was fehlt Ihnen?«
    »Es ist kalt!« schrie Bernstein in scheinbarem Grimm, »ech!«
    »Die Sonne scheint,« erwiderte sie und blickte nach dem Fenster, durch das
ein breiter bernsteingelber Februarsonnenstreif hereinkam und über den
Parkettboden spielte.
    »Die Sonne scheint.« Ihre Stimme klang erregt, ihre Augen hatten einen
intensiven Blick nach aussen.
    »Warum sind Sie heute - so - so - offenherzlich? Sie sehen aus - so - so -«
    »Wie seh ich aus?« fragte Josefine in abwesendem Ton.
    »Ich weiss nicht!« Bernstein warf die Ofentür zu, dass es wie ein Schuss klang.
Dann reckte er seine langen Arme, als ob er eben aufgestanden wäre; er sprang
auf und klopfte oberflächlich die Asche von seinen braunen abgetragenen Hosen.
Das Feuer knisterte. »Erbarmen Sie sich meiner! Kommen Sie herein.« Bernstein
nahm der Kollegin den Türgriff fort und schob sie sanft ins Zimmer. »Und so
weiter,« machte er schelmisch, einladend, »oder wollen Sie schon fort?«
    »Ja. Leben Sie wohl, ich habe keine Zeit,« beharrte sie zerstreut.
    »Nein, einen Augenblick.« Er hatte ihr einen Stuhl hingeschoben, den
Korblehnstuhl, in dem er selbst gewöhnlich sass, und den er mit einer
selbstgenähten rotbunten Decke aus russischem Kattun verziert hatte.
    Josefine setzte sich flüchtig.
    »Was wollen Sie von mir?« fragte Bernstein, indem er auf und ab ging und die
Arme übereinander schlug wie ein Kutscher.
    »Mir liegt absolut nichts daran.« Josefine griff nach einer Broschüre und
schlug sie auf.
    »Sehen Sie mal,« machte Bernstein kopfschüttelnd und den Zeigefinger der
linken Hand erhebend, »sehen Sie mal, wie Sie sind.«
    »Wie bin ich?«
    »Ich weiss nicht.« Er ging wieder auf und ab.
    Plötzlich zeigte sich auf seinem bärtigen Gesicht ein spitzbübisches
Lächeln, das ihn zu einem kleinen Buben von fünf Jahren machte. »Man muss ihm
sagen! Er wird sich sehr freuen.«
    »Wer? Was?« Josefine stand auf.
    »Ja, man muss ihm sagen! Mein Kamerad wird sich freuen,« neckte Bernstein
lachend.
    »Ach, mit Ihnen kann man heut nicht reden! Ist er Russe?«
    »Russe? Wieso nicht? Meine Kameraden sind Russen, hoffentlich. Laufen Sie
schon? Sitzen Sie!«
    »Sind die Russen so schwarz?«
    »Er ist ziemlich schwarz. Haben wir in Russland viele Völker. Wie Sie singen
in Ihre Geidelberg: Mein Vaterland muss grösser sein.«
    Josefine lächelte schwesterlich. »Ach, Bernstein, Ihr Deutsch ist ein Elend.
Immer sprechen Sie Geidelberg; ha - hei - Heidelberg!« Sie hauchte es ihm vor.
    »Ech, diese deutsche Sprache! Weisste ich schon lange, aber werde lernen
niemals. Etwas Unglaubliches! Immer werde sprechen Geidelberg.«
    Josefine blickte in die Broschüre, aber sie las nicht. »War er auch in
Heidelberg mit Ihnen?«
    Bernstein starrte sie an. »Was ist das? Erstesmal sind Sie so - so -
begeisterungsvoll! Man muss ihm unbedingt sagen. Er wird sich sehr freuen,«
wiederholte er neckend.
    »Das werden Sie nicht tun.« Josefine richtete ihre ernstaften Augen gerade
auf seinen spottenden Mund.
    Bernstein jauchzte fast; er duckte sich und lachte: »Was brauchen Sie von
ihm? Was kümmert Sie? Das ist interessant! Soll ich ihm sagen?«
    Aber Josefine wurde immer ernster; ein fast drohender Zug erschien auf ihrem
erregten Gesicht. »Wenn ich Sie nicht besser kennte, so würd ich heute glauben,
dass Sie mich noch kein bitzeli kennen,« sagte sie streng und traurig und warf
das Heft hart auf den Tisch.
    Bernstein hörte zu lachen auf. Er wurde verlegen, ging wieder an den Ofen
und rasselte mit der Tür. Plötzlich sagte er mit ungläubigem, in sich gekehrtem
Ton, ganz leise: »Ja, er hat mich auch gefragt.«
    Ein jähes Erröten lief über Josefines Züge, das sie verwirrte, verjüngte,
ausser sich brachte. »Wirklich?« Es klang wie ein zerdrückter Schrei.
    Bernstein wurde rot und kehrte sich schnell ab. »Scheint es mir, Sie haben
ihm das Tür aufgemacht.«
    Mit gesenktem Kopf, mit dürstend geöffneten Lippen sagte sie: »Was hat er
gefragt?«
    »Kommt zu mir und fragt: Wer war diese hoche Frau? War das Sie?«
    Josefine presste das Heft in ihrer Hand fest zusammen. »Ich nehme das mit,«
stammelte sie mit zuckenden Mundwinkeln und war hinaus.
Müde und abgequält kam Josefine aus der Klinik.
    Es war Sonntag.
    Sie kam von denen, wo nie Sonntag ist, und sie hatte selbst keinen Sonntag.
Ihre Kleider waren voll vom Geruch des Jodoforms. Ihre Hände hatte sie wie immer
mit der Sublimatlösung gewaschen. Ihre Lungen atmeten beklemmt nach dem
stundenlangen Aufentalt in den kranken Dünsten. Vor ihren Augen standen
hässliche Bilder. Die Verbrannte, die den Mund nicht schliessen konnte, die
entsetzliche ...
    Aber noch härter hatte es sie getroffen, das kleine Webermädchen nicht mehr
zu finden. Es hatte so gute Fortschritte gemacht, hatte ein wenig Fleisch auf
den Bäckchen. Aber nun war die gute Zeit für das Mädchen zu Ende. Die Eltern
konnten nicht, die Gemeinde wollte nicht länger für sie zahlen. Sie war also
fortgebracht worden, um »daheim gesund zu werden.«
    Sie wird nicht gesund werden, sie wird sterben, und vorher wird sie sich
ohne Pflege, und vielleicht sogar mit Arbeit beladen, elend abquälen, und sie
wird ihre kleinen Geschwister anstecken, dachte Josefine. Und dann wird man die
Geschwister hierher bringen, eins nach dem anderen, kleine, gelbe, blutlose
Geschöpfe mit übergrossen anklagenden Augen, und wir werden sie eine Weile hier
behalten, sie behandeln und pflegen und sie dann zurückschicken zum Sterben.
    Wie immer nach besonders schmerzlichen Eindrücken war es Josefine unmöglich,
sogleich zu ihren Kindern zu gehen.
    Heut war ihr Verlangen nach viel Luft, nach viel Stille, viel Einsamkeit
besonders gross.
    So ging sie denn, langsam aufsteigend, die Strassen am Zürichberg hinan. Wer
einmal aufatmen könnte! dachte sie unablässig, während sie, gegen den Wind
kämpfend, der ihre Kleider an ihrem Körper festklebte, zwischen den
heimkehrenden Familien mit lustigen Kindern sich vorwärts arbeitete.
    Oder ist es der Föhn, der mich heute so schlaff macht? Sie blickte zerstreut
um sich. In harten Linien, indigoblau und schwarz, standen die nahen Berge, die
Schneegipfel waren verhüllt. Schnell sich ballendes und zerreissendes Gewölk
bedeckte den lichtgrauen Himmel. Die schwarzen Bäume bebten beständig, auch wenn
der Sturm schwieg, wie von einer inneren Aufregung geschüttelt. Warm war es, der
Boden nass; auf den gelblichen Matten gärten und dampften die Düngerhaufen. Die
Spiegelmeise sang ohne Unterbrechung, atemlos; die Sperlinge schrien.
    Es wird wieder Frühling; über acht Tage brennen die Fastnachtsfeuer, dachte
die Einsame mit einem Seufzer, und ihr Leben erschien ihr wie ein schwerer,
entsetzensvoller Traum. Einmal aufwachen und frei sein! Ach! Und sie atmete tief
und mit einer bewussten Heftigkeit die starken, feuchten Lüfte.
    An der kleinen schmucklosen Flunterer Kirche mit dem schwarzen Dach und den
schmalen Fenstern ward sie aufgehalten. Aus zwei Wagen stieg eine ländliche
Hochzeitsgesellschaft, dunkle Kleider, sonnverbrannte Gesichter, ohne Jugend,
ohne sichtbare Freude. Die Braut in ihrem grünen Wollenkleide, mit dem weissen,
künstlichen Kranz im Haar, ging mit festen Tritten, und ohne sich um jemand zu
kümmern, geradeaus. Der Bräutigam, rot und ängstlich unter seinem hohen
Zylinder, sprach über die Schulter weg mit einer älteren Frau, die ihm ein
grosses weisses Tuch in die Rocktasche stopfte.
    Josefine sah gedankenlos zu, wie die geschäftigen Leute unter das kleine
geschnitzte, von zwei Holzpfeilern getragene Schutzdach traten, wie sie die
gelbe, mit Messingnägeln verzierte Tür zurückschlugen, wie sie langsam, zögernd
im dämmerigen Inneren des Kirchleins verschwanden.
    »Hier bin ich auch getraut worden,« murmelte sie. Josefine liebte dies weisse
Kirchlein, die Stelle, wo es liegt, über der Stadt, wie auf einer vorgeschobenen
Klippe. Und sie liebte den von drei ländlichen Häusern begrenzten,
unregelmässigen Platz oberhalb der Kirche mit seinem offenen Brunnen und mit dem
Blick nach drei Seiten steil abwärts durch dörfliche, gartenreiche Strassen, mit
Weinbergen, Obstbäumen, offenen Gartenpförtchen und bewachsenen Mauern.
    Aber heut war alles trübfarbig, und der Blick weit hinab über den sonst so
reizenden Vordergrund auf den blaugrünen See erschien hart, die Silhouetten der
Häuser wie ausgeschnitten, der See kaum vom Himmel unterschieden.
    Der goldene Zeiger auf dem himmelblauen Zifferblatt der kleinen Turmuhr
stand auf fünf.
    Ich muss zurück. Die Kinder warten auf mich. Laure Anaise auch. Und ich habe
so viel zu tun!
    Aber sie ging langsam aufwärts, nicht zurück. Der Föhn brach plötzlich
hervor zwischen den Häusern wie aus einem zusammengepressten Sack. Er zischte und
heulte und drängte sich hinter den Ecken hervor; er schien aus jeder Richtung zu
kommen. Die ziegelroten und rostgelben Blätter der Gebüsche raschelten wie
gefegt zu Boden und hüpften wie Frösche.
    »Da muss ma fescht hinschtehe, dass ma net umkait4 wird,« lachte ein Alter mit
einer Pelzmütze und blies Josefine fröhlich seinen Pfeifendampf ins Gesicht.
    Noch ein paar Schritte, dachte sie, und sie liess sich weiterdrängen, immer
hinauf. Und schon fühlte sie die Wohltat der schnellen Bewegung, und der Kampf
mit dem Winde belebte sie.
    Noch ein Stückchen! Nur bis zum Waldrand!
    Einzelne Häuser nur standen hier zwischen den Gütern, aber sie hatten etwas
so traulich Einladendes. An einem langen, niederen Hause mit grünen Läden war
ein Fenster offen, und ein lockiger Mädchenkopf drohte und lachte hinaus zu
einem Mann in grünem Schurz, mit einer Handsäge, der unten stand und sich eine
lange gelbe Hobelspanlocke an dem gestrickten braunen Wams vorn befestigt hatte.
Das Mädchen bot ihm einen Fastnachtskuchen für die Locke, aber er wollte sie
nicht hergeben, sondern streichelte sie mit den schwärzlichen Fingern und
versuchte zugleich mit dem Griff der Handsäge den Kuchen dem Mädchen aus der
Hand zu schlagen.
    Ein leises Lächeln kam die Einsame an, als plötzlich der Kuchen herunterfiel
und unter dem Siegesgeschrei des Bewerbers im stacheligen Dorngestrüpp
zerbröckelte.
    Bis zum Waldrande.
    Die Häuser und Menschen blieben hinter ihr, kein Spaziergänger war zu sehen
auf dem schmalen, steilen Wiesenpfad.
    Ein breitwipfliger Baum an der Halde schüttelte einen blitzenden Regen in
das Gras, das im Schatten noch bereift war. Der Meisengesang klang wie eine
Glasglocke durch den Sturm.
    Es wird wieder Frühling, dachte sie und bückte sich zu den ersten Blumen am
Rain, ein paar Marienblümchen, die kurzstengelig und gross, mit rotgesäumter
Scheibe, sich an den Boden drückten.
    Und ich bin noch stark, und es wird wieder Frühling.
    Sie blickte nach der Sonne, die wie eine riesige rote Marienblume auf dem
Ütliberg sass. Ein violettroter Dampf füllte das Tal, die Stadt schien im Qualm
zu ersticken, aber nun wurden plötzlich die Berge frei, und die Firnen erröteten
in ihrem sanften, goldigen Rosenglanz. Der See zu ihren Füssen war eine
goldüberflimmerte Schale. Die zerflockten Wolken strahlten in Regenbogenfarben
wie das Prachtgefieder eines Riesenvogels.
    »Ist das der Paradiesvogel?« hatte Rösli sie neulich gefragt, als die Sonne
so schön unterging.
    Josefine lächelte, vor ihren Augen schwammen rote und grüne Kreise, und eine
Art Schwindel ergriff sie von der Blendung.
    Da kam aus dem glühenden Abendrot jemand den schmalen Pfad, den sie hinan
wollte, herabgegangen.
    Es war ein hochgewachsener, schlanker Mann.
    Die eigentümlich stolze Haltung, die ihn von allen Menschen unterschied,
welche Josefine je gesehen, machte, dass sie ihn von weiter erkannte: es war
Bernsteins Kamerad.
    Er trug den Hut in der Hand, die Stirn hoch. Und von dieser breiten, blassen
Stirn über den dunklen Augen schien etwas Glänzendes und Beglückendes
auszugehen.
    Er kam heran, und die grossen, weitgeöffneten Augen zogen sich zusammen und
wurden freundlich: wie ein Sternenregen von guten Wünschen sprühte es aus ihrer
Tiefe über die ihm Begegnende.
    Weit schwenkte er den grossen Hut im Bogen zur Begrüssung und ging ein wenig
auf den steilen Wiesenbord hinauf, um nicht hart an ihr vorbeizustreifen, denn
der eingeschnittene Pfad war für zwei zu schmal.
    Ohne sich aufzuhalten, ohne den Schritt nur zu verlangsamen, gingen sie
grüssend aneinander vorüber.
    Josefine sah ihn einen Augenblick hoch über sich, wie auf einem Postament;
einen Moment erblickte sie sein scharfes Profil mit dem lockigen Spitzbart wie
eine Kamee auf Goldgrund.
    Dann war er vorbeigegangen. Noch einige Minuten schritt sie vorwärts gegen
den schwarzen stummen Wald, aus dem die Krähen ihr entgegenkrächzten.
    Sie ging, ohne zu wissen, dass sie ging.
    Vor ihr war noch dieser seltsame dunkle Kopf, ihr vertraut aus alten
Zeichnungen und Bildern. Aber dieser fremde Mann war ihr nicht nur aus alten
Zeichnungen und Bildern vertraut ... Von den Gedanken dieser Stirn glaubte sie
die meisten zu kennen ... Von der hellen überströmenden Güte dieser ernsten Züge
hatte sie als junges Mädchen geträumt ... Er war also in der Welt?
    So reich war die traurige Erde?
    Josefine wendete sich jäh gegen die Stadt zurück; rote Kreise und grüne
Flecke tanzten über das fahle Gras, über die goldbraunen Büsche, über den
violetten Abendhimmel, an dem keine Sonne mehr stand.
    So reich ist die traurige Erde?
    Und auf dem ganzen Heimweg brannten ihr die Wangen, und es war ihr, als sei
sie nur ausgegangen, um ihn zu suchen, den sie nicht kannte.
Bis Josefine zu ihrem Hause kam, war die Sonnenfeier vorüber.
    Grau lag der »Graue Ackerstein« auf seinem Hintergrund von schwarzen Bäumen,
und auf dem Platze vor der Treppe drängte sich ein Trüpplein Buben. Sie waren
aneinander geraten, geballte Fäuste stiessen hinaus, zwei lagen am Boden und
pufften sich.
    »Was gibt's hier?« fragte Josefine hastig, »steh auf, Hermannli, lass los,
sag ich dir.« Sie ergriff ihren Buben an der Schulter und zwang ihn,
aufzustehen.
    Verdutzt und verdriesslich blickte Hermann die Mutter an. Seine Nase blutete,
die Augen waren verschwollen, der Sonntagsanzug beschmutzt. Wie er sich mit den
beschmierten Händen durch das zerzauste dünne Haar fuhr, sah er nicht aus wie
ein Sieger, obgleich der stämmige, rotbäckige Widersacher unter ihm gelegen
hatte.
    »Du bist emal zugerichtet! Warum hast gerauft?« fragte die Mutter,
widerwillig sein blasses, altkluges Gesicht mit den frischen Knabenzügen der
Kameraden vergleichend.
    Hermann schüttelte seiner Mutter Hand ab. »No, no, Mama, wir haben
Versammlung! Wegen em Faschtnachtsfüer.5 Wir haben dann gefunden -«
    »Na, na - wir net, unser Lehrer hat g'funden -« fiel der Nächststehende ein.
    »Ja, 's wär geschieter, wir täten das Geld fürs Faschtnachtsfüer eme armi
Weible geben,« unterbrach ihn Hermann in sicherem Ton.
    »Schtatt dass man's Holz unnötig verbrennt, wo's so düer6 ist,« berichtete
ein ganz Kleiner.
    »Eme armi Wibli, wo kein Mann mehr hat,« schrie jemand aus dem Hintergrunde
und lachte hell auf.
    Noch einer lachte.
    Hermannli fuhr hastig herum nach der Stelle, von woher das Lachen kam. Er
holte zum Schlagen aus und traf seine Mutter in die Brust.
    Sie umfasste ihn mit beiden Armen und hielt seine Hände nieder.
    »Das ischt der Ebstein, wo den saudummen Antrag geschtellt hat!« schrie der
Bub und versuchte, sich zu befreien. Seine hängende Unterlippe zuckte, seine
Augen füllten sich mit Tränen ohnmächtiger Wut.
    Die Buben drängten plötzlich auseinander. Einige stellten sich an
entfernteren Bäumen auf, andere gingen ganz fort, ohne umzublicken.
    »Der Ebstein ischt 'n saudummes Luder!« kreischte Hermann und wollte sich
nicht ins Haus ziehen lassen.
    Josefine fühlte den alten Druck auf dem Herzen zurückkehren.
    Sie haben über mich gesprochen, die Kinder auf der Strasse spotten über mein
Unglück, dachte sie, und ihre Hände wurden schlaff.
    »Em armi Wible, wo kein Mann mehr hat!« höhnte ein verhallender,
unterdrückter Ruf aus der Ferne.
    Hermann riss sich los und sprang mit seinen langen, schlanken Beinen über
einen Zaun, hinter dem er den Spötter vermutete.
    Das ist mein Leben, dachte die Unglückliche, das ist mein Leben.
    Die Buben hatten sich alle verlaufen, die Versammlung war zu Ende. Hermann
kam zurück; er weinte laut und ohne alle Beherrschung; er hatte seinen Gegner
nicht gefunden und drängte sich rücksichtslos an der Mutter vorüber in die
Haustür. Der Anblick seines verzerrten nassen Gesichtes erinnerte sie qualvoll
an ein anderes, das sie ebenso nass von Tränen und verzerrt von Wut gesehen. Sie
hatte Mühe, sich zu bezwingen.
    »'s ischt nit der Wert, sich aufzuregen! komm!« sagte sie.
    Aber der Bub stiess ihre Hand von sich. »Wo ischt der Pappe?« heulte er, »sie
sagen so Züegs7 - i will zum Pappe! I lauf denn emal in d' Welt, du wirscht
schon sehn. Er sait - weisst, was der Ebstein sait? er sait, wir sollten 's Geld
dir geben, du häbist auch kein Mann und seist 'n armis Wible.«
    Seine matten, grauen Augen glitzerten rachsüchtig und tückisch, und doch war
etwas unsäglich Elendes, Erbarmungswürdiges in diesem hässlichen Jungen, der
schon zusammenbrach unter einem schweren Schicksal.
    Schweigend legte die Mutter den Arm um seine dünne Gestalt und zog ihn mit
die Treppe hinauf und in ihr Schlafzimmer.
    Dort stand sie eine Weile wortlos mit ihm, der in ihren Arm
hineinschluchzte.
    »Ein armes Weib ist deine Mutter, Bub, sie haben ja recht,« flüsterte sie
seufzend in sein Haar, »ein armes Weib ...«
    Wie der Knabe heftiger weinte, besann sie sich.
    »Aber so arm nit, das weisst ja auch. Musst dir nichts draus machen ...«
    Hermann erhob sein Gesicht. »Ischt der Pappe tot?«
    »Nein.«
    »Kommt er emal heim?«
    »Ja.«
    »Wo ischt der Pappe?«
    »Du weisst 's ja, Hermannli.«
    »'s ischt nit wahr!« winselte der Junge, »meine Kameraden sagen - der Pappe
sei net in Afrika, er sei wo anders -«
    Josefine drückte sein weinendes Gesicht fest an ihre Brust. Sie bebte vor
Entsetzen, und doch schien es ihr ja natürlich, dass dieses Schreckliche einmal
kommen musste. Hatte sie es nicht erwartet?
    Wenn er die Wahrheit weiss, so kann er nicht hier bleiben, das hält ein Kind
nicht aus, fühlte sie, und ihr Atem stockte vor Angst.
    »Ich werd's wohl besser wissen als deine Kameraden,« machte sie, »hör nur
auf mich.«
    »Schwör, Mamme!« flüsterte der Bub mit verstecktem Kopfe.
    »Ja, ja, ich schwör's!«
    Hermannli fuhr in die Höhe, sein Gesicht veränderte sich. »Mamme, Mamme,
jetzt hast du geschworen!« rief er in sonderbarem Ton, anklagend, drohend,
zweifelnd.
    Josefine versuchte zu lachen. »Warum nit gar schwören! Eure Rede sei ja ja,
nein nein, weisst es nit? hast's ja gelernt!«
    »Nein, nein, nein, Mamme!« schrie leidenschaftlich der Junge, »es hilft dir
nit, du hast geschworen!« Er begann hin- und herzuspringen wie besessen,
plötzlich rannte er aus der Tür. »Ich sag's dem Ebstein! dem Ebstein!«
    In Hut und Cape blieb Josefine sitzen, stumpf und ratlos.
    Ein Netz um sie, über ihrem Kopf, um ihre Glieder ...
    Kein Schritt frei ...
    Die Zukunft schwarz ...
    Und die Kinder?
Da erscholl Röslis Vogelstimmchen vor der Tür: »Mamme, Mamme!«
    Und nun war das Vögelchen drinnen, hüpfte um die traurige Mutter hin und her
und sah nichts von ihrer Trauer.
    »Mamme! Mamme! ich sage dir öppis! Ich sage dir ein schönes Geheimnis! Meine
süsse Mamme, es ist so schön! es ist im Keller! du musst in den Keller mit abi! Es
ist zwischen den Kartoffeln und Kohlen! O! ich habe es entdeckt, aber es ist ein
Geheimnis! du darfst es keinem Menschen auf der ganzen Welt sagen, auf der
ganzen Welt, Mamme!«
    »Ich bin müde,« sagte Josefine und lehnte sich in den Stuhl zurück. »Ich bin
weit gegangen und müde, mein Rösli, ein andermal!«
    Das ungestüme Kind kletterte auf der Mutter Schoss und nahm ihr den Hut ab.
Es schmiegte sich an ihre Backen. »O nein, Mamme, gleich, gleich: das Geheimnis
ist so schön! du musst es sehen! Du musst aber schwören, dass du es keinem Menschen
sagst! Schwör! nun? schwör! So! man nimmt zwei Finger, sagt Laure Anaise!«
Röslis wilde, braune Locken tanzten. Sie hatte ihr Schürzchen von einer Schulter
herabgerissen und schlug heftig und nervös mit dem freien Zipfel um sich,
während sie sich auf der Fussspitze drehte. »So machen wir's in der Turnstunde,
Mamme! gleich komm! gleich komm! ich turne immer mit den schwersten Hanteln! Ich
kann sie so hoch aufheben!«
    Während Josefine aufstand, sprang die Kleine auf einen Stuhl und reckte die
Ärmchen gerade gegen die Decke, dann sprang sie der Mutter jauchzend auf den
Nacken.
    »Das Geheimnis! das Geheimnis! ist - weiss! ist - schön! ist - weiss! ist -
weiss!« sang sie über die Treppenstufen und schüttelte ihr Haar. Dann kehrte sie
um und holte ein Schächtelchen Streichhölzer. »Das Geheimnis ist im Dunkeln,
Mamme; darum ist es gerade ein Geheimnis,« flüsterte sie mit grossen Augen. »Dir
allein, Mamme! dir allein.« Mit ihren eigensinnigen kleinen Händen drehte sie
den Schlüssel im Vorhängeschloss und zündete die Hölzchen an, glücklich, die
Mutter einmal zu haben, ganz nah, ganz fest, und ihr etwas zu zeigen, etwas
Merkwürdiges, etwas ... »Hier! hier ist es! hier!« Triumphierend leuchtete sie
mit dem blauen Flämmchen in eine Ecke hinein, zwischen die Kartoffeln, die
lange, weisse Keime getrieben hatten, mit denen sie nach Licht und Erde zu tasten
schienen. »Eine Blume! ein schönes Geheimnis! sieh!«
    Die Mutter hielt ihr Mädchen an der Hand; ihr ernstes Gesicht hatte die
ängstliche Spannung verloren. »Ja, Rösli, ja, mein Liebling.«
    Eine merkwürdige Ergriffenheit überkam Josefine vor dieser Blume in dem
schwarzen, schmutzigen Keller, vor dieser zarten Hyazinte, deren vergessene,
weggeworfene Zwiebel hier in der hässlichen Dunkelheit einen Schoss getrieben,
einen Blütenschaft getrieben hatte.
    Bei dem unsicheren, immer schnell verlöschenden Streichholzlicht beugte sich
Josefine mit ihrem Kinde an der Hand über das duftende Wunder des Lebens.
    »Weiss, Mama, ganz weiss!« flüsterte die Kleine feierlich. »Siehst du es
jetzt? ist es nicht ein schönes Geheimnis?«
    So schön, so einfach, so selbstverständlich erhob sich aus dem dunklen Eck
die weisse Pflanze. Ganz fest und aufrecht stand sie auf den vielen nackten,
weissen Wurzeln wie auf ihren eigenen Füssen. Weiss die Wurzeln, weiss die Zwiebel;
die Blätte nicht grün, die Glocken nicht rot oder blau, alles wächsern bleich
und doch nicht krank oder verkümmert. Reizend gebogene Blätter mit feinen,
wasserklaren Längsadern, weisse durchscheinende Glocken, so zart, so klar, dass
der weisse Klöppel durch die Wandung schien. Ein Märchengebilde, keine
Wirklichkeit, ein Idealbild ihrer selbst, eine Blume des Traumes, eine Hyazinte
der Phantasie ...
    Mutter und Kind hielten sich fest umschlungen. In Josefine klang eine neue
unfassbar schöne Melodie. Der Fremde und die Blume und das Kind? waren sie sich
nicht in irgend einer Art verwandt? war da nicht eine seltsame, verwirrende,
entzückende Ähnlichkeit?
    Ist die arme Erde so reich? Woher kommt dies neue beseligende Licht? Wunder
über Wunder!
    »Mein Kind!« hauchte sie, »meine süsse Überraschung, meine neue Blume! Was
entfaltet sich vor mir? War ich blind?«
    Und das Kind fühlte die Zärtlichkeit der Mutter wie warme Wellen über sich
rinnen, und es bebte und schauerte vor Glück ... »Was werden die Schmetterlinge
zu ihr sagen, wenn sie sie sehen, Mama?«
    Josefine seufzte, plötzlich erschreckend. »Kein Schmetterling wird sie
besuchen, mein Kind.«
    »Aber die Bienen? was werden die Bienen sagen?«
    »Es ist Winter, mein Rösli, die Bienen schlafen ja alle.«
    »Aber die Sonne, Mama?«
    »Die Sonne, mein Kind? Nein, die Sonne darf diese Blume nicht sehen.«
    »O - wie schade! Mama, wie schade! Warum darf die Blume die Sonne nicht
sehen?«
    »Wenn die Sonne sie trifft, dann wird die Blume sterben und verdorren.«
    Rösli hielt eilig die Händchen über die Blume. »Sterben und verdorren? Nein!
Ich will ein Häuschen machen mit den Händen. Sie soll nicht sterben! nicht
sterben!« Schon zitterte Trauer in des Kindes Stimme. »Mama?«
    Die Mutter - aber sie war sehr jung in diesem Augenblick - streichelte des
Kindes Haar. »Der Mond wird sie bescheinen, und sie wird leuchten, schöner als
alle Blumen,« sagte sie träumend. »Leuchten in überirdischer Schönheit, und
ihresgleichen wird nicht sein unter den Blumen des Waldes, des Gartens und der
Wiese!«
    Entzückt küsste die Kleine ihrer Mutter Kleid. »Ja! ja! ja!« flüsterte sie
wie berauscht. »Mehr, Mama! mehr, mehr!«
    »In Dunkel und Vergessenheit, im schmutzigen, traurigen, lichtlosen Loche
ist sie aufgeblüht,« träumte die Frau dem horchenden Kinde ins Ohr, »und ihre
Schönheit ist nicht die Schönheit dieser Welt; sie ist zarter, feiner,
äterischer als die Blume der Sonne, und fleckenlos steht sie inmitten des
Schmutzes und strahlt nur umso heller und duftet nur um so berauschender ...«
    Die Kleine hob die Arme empor. »Ist das Märchen aus? Du weisst so schöne
Märchen, Mamme! Aber - ist es nicht traurig?«
    Das Stimmchen hallte wie ein Schluchzen aus.
    »Vielleicht auch traurig,« sagte Josefine vor sich hin.
    »Und bleibt hier ganz allein?«
    »Wir kommen alle Tage.«
    »Arme Blume! gelt, Mama?«
    »Arme Blume.«
    »Ganz allein, Mama!«
    »Ganz allein -«
Josefine hatte immer wesentlich in Männergesellschaft gelebt. Schicksal oder
eigene Neigung oder beides abwechselnd hatte sie mehr den Frauen entfernt, den
Männern genähert.
    Früh verlor sie die Mutter, früh wendeten sich die Schwestern von ihr ab.
    Ein kluger, guter Vater, der sich treu bemühte, ihre Gaben zu entwickeln,
ein strebsamer Bruder, der mit ihr lernte, gaben ihr Ersatz für die Verlorenen.
Als der Bruder in jungen Jahren auf Java verunglückte, wohin eine Studienreise
ihn geführt, schloss sie sich mit schwesterlicher Neigung an einen Freund des
Verstorbenen, dachte, fühlte mit ihm. Der Freund war es, durch den sie Georges
Geier kennen lernte, den einzigen Mann, der sie weder durch seine Gespräche noch
durch seinen Interessenkreis angezogen hatte, sondern den sie mit elementarer
Leidenschaft liebgewonnen, ohne sich je über ihre Liebe Rechenschaft geben zu
können. Zwei gleich heftige Temperamente waren von einer Flamme entzündet
worden. Die Flamme erlosch bald bei dem Manne, um eine unselige, verdeckte,
glimmernde Gier zu hinterlassen, die sein Leben verdarb und das seiner Frau und
Kinder. Die Liebe der Gattin nährte sich von Erinnerung und Hoffnung und von
einem zornigen, eifernden Mitleid für den Ausgestossenen. In allem Elend fühlte
sie sich ihm gegenüber als die Starke, die Stützende, die Schützende.
    Längst hatte sie aufgehört, für sich von ihm das Geringste zu fordern, ja
nur zu erwarten.
    Von ihm oder von irgend einem anderen Manne, ausser von dem Vater.
    Geben! geben! nur immer geben! Meine Arbeit, meine Gedanken, meine Seele,
mein Blut! Es ist gut, dass ich etwas zu geben habe. Es tut wohl, dem Sturm die
Brust zu bieten.
    Und lächelnd gedachte sie ihrer Kindheit und der Begeisterung, mit der sie
einmal als kleines Mädchen einen schweren Pack für ihren Vater getragen. Es
waren Bücher, und der Vater war auf der Versuchsstation, draussen vor der Stadt,
hatte aber längst diese Bücher erwartet.
    Der Sturm blies sie vom Wege ab, als sie, ihr Bündel fest an die Brust
gedrückt, die steile, frischbeschotterte Strasse hinaufkletterte. Der Sturm
entriss ihr den Hut und entführte ihn weit über die Matten, und sie musste ihm mit
dem schweren Pack nachspringen, und das Herz klopfte ihr vor Entzücken, dass der
Pack so schwer und dass die Strasse so steil war. Mit der Brust gegen die Winde,
das hatte schon das kleine Mädchen gefühlt.
    Und als sie endlich beim Vater angekommen, da hatte er sie ausgelacht und
gesagt: »Wohl! wohl! trag sie nur heim. Hier zwischen den Samenbeeten ist's
nichts mit dem Lesen.« Und munter hatte sie wieder aufgepackt und war mit ihrer
Last bergab gesprungen.
    Damals war der Vater für sie der erste aller Menschen gewesen.
    Später waren es die grossen Dichter und Künstler, die sie mit Anbetung
verehrte, lauter Tote oder Niegesehene.
    Dann, eine Weile, war es Georges ...
    Und dann, nach zwei, drei Jahren ihrer Ehe, gab es für sie nichts
Verehrungswürdiges mehr, weder bei Männern noch bei Frauen, gab es für sie
keinen Menschenglauben, keine Hoffnung auf die Zukunft mehr. Nichts war ihr
geblieben als der alte instinktive Drang, sich zu betätigen, etwas zu sein,
etwas zu geben.
    Und von diesem Drange hatte sie gelebt bis zu jenem Tage, da eine Hand aus
dem Nebel, eine warme, starke Hand die ihre streifte und ein heller, heisser
Sonnenguss die Finsternis verschlang.
Oft und oft war es Josefine peinlich und beschämend zum Bewusstsein gekommen, dass
sie unter Frauen und Mädchen wie verirrt, missverstanden und bespöttelt oder
gefürchtet dasass, während sie im Verkehr mit Männern frei und zwanglos sprechen
konnte und offenes Entgegenkommen und selbstlose Förderung fand.
    Sie schämte sich, dass sie den Frauen nichts zu sagen wusste, und dass die
Frauen sie nicht liebten, während die Männer sie suchten. Sie schämte sich, dass
Männerverkehr ihr unentbehrlich war, und dass ihr die häuslichen Angelegenheiten,
die kleinen intimen Interessen für ihre Toilette und die ihres Hauses nicht
wichtig und anziehend erschienen.
    »Was für ein Mädchen sie ist!« hatten die Kameradinnen gespottet, als sie
noch zur Schule ging.
    »Was für eine Frau sie ist!« hatten die Schwestern und die Bekanntinnen
geklagt.
    »Es ist wohl recht, wenn eine Frau Verstand hat, aber das Gemüt ist die
Hauptsache,« eiferten die anderen Frauen. Und als sich Josefine verheiratet,
hatten sie ihren Mann bedauert wie einen, der auf den Kuhhandel gegangen und
betrogen worden ist.
    Sie steckten die Köpfe zusammen: »Der arme Mann! ob der auch emal Spiessli8
kriegt oder Salwinli9 oder so öppis Urchigs?«10
    Und als über die Familie das Unglück hereingebrochen, als der Unselige ins
Zuchtaus abgeführt war, da rechtaberten sie: »No g'seaht mer's emal wieder,
wohin dös führt, wenn d' Frau nüd ischt! Hat der arme Mann auch jemal bei seiner
Frau Spiessli kriegt oder Salwinli oder so öppis Urchigs? Ja, ja, wo d' Frau nüd
ischt, no kommt's Unglück g'schwind an enen Mann. 's ischt nur zum Beduere.«
    Nein, mit diesen Frauen gab es kaum ein Verständnis, und Josefine zog sich
zornig und verächtlich von ihnen zurück. Ihr tiefes inneres Feuer, ihre
Selbständigkeit war den Männern etwas Verwandtes, den Frauen etwas
Beängstigendes.
    Immer breiter ward die Kluft, die Josefine von ihren Geschlechtsgenossinnen
schied. Immer böswilliger steckten sie die Köpfe zusammen.
    »Sie lasst sich net emal scheiden? Jo, warum net? Do schteckt öppis
Verdeckt's! Sie schtudiert als Frau mit drei Kindern? No ischt sie nüd wert! so
öppis tut nümme guet! Den Mann hat sie bereits ruiniert, es nimmt uns nur auch
wunder, was das emal für Kinder gibt?«
    Und dann erzählten sie sich wieder und wieder, was Josefine als junges
Mädchen über die »Kinderfrage« gesagt.
    »Sich grämen, weil man keine Kinder hat! Wie sonderbar! Kann ich mich grämen
um etwas, das ich nicht kenne? Bin ich selbst denn nicht auch ein Kind? Und
sollte ich an die ganze Welt, die da vor mir ist, so gross und wundervoll, nicht
denken, sondern an mein zukünftiges Kind? Und das Kind dann, wenn es ein Mädchen
wäre, wieder an die ganze Welt nicht denken? Und so weiter und so weiter? in
alle Ewigkeit? Das ist doch dumm!«
    »Dumm, hat sie g'sait, präzis dumm! 's ischt öppis Gefährlichs in dem Maitli
g'si von Anfang. Sie hat so Meinunge g'habt! Ja, für was braucht so e jungs
Maitli Meinunge zu habe? I bin so alt worde, aber nie, meiner Lebtag, hätt i mir
so was traut.«
    Und wie die Josy so gar nicht hatte nachfühlen können, dass ein Mädchen sich
aus Sehnsucht nach Kindern mit irgend einem Mann, gleichviel mit welchem,
verheiratete! Nicht einmal glauben konnte sie's. Wie sie gelacht hatte!
    »Ein Mann? aber das ist doch kein - wie sagt man? doch kein Werkzeug - kein
Mittel nur? das ist doch scheusslich, so zu heiraten! Da bliebe ich doch ledig
und machte aus mir selbst etwas! Bin ich nicht selbst etwas? Irgend eine Blüte?
irgend eine grüne Spitze? Bin ich für mein Leben nichts und nur etwas für die
Zukunft? Ihr müsst wohl schrecklich klug sein, dass ihr so weit hinausdenkt. Ich
stolpere auf Schritt und Tritt, ich bin nämlich sehr dumm noch! Klein und
kindisch und möchte mich selbst entwickeln. Wenn ich selbst noch nichts bin,
wozu hat die Welt Kopien von mir nötig?«
    Sie hatte gesagt: »Kopien von mir«, aber jeder fühlte, dass es hiess: »Und
Kopien von dir und von dir und von euch allen!« Unangenehme Augen hatte sie
gehabt, fragend und offenherzig und ernstaft und unbequem; keine hatte sich in
ihrer Gegenwart so recht ausklatschen können, alle hatten sich bald abgewendet
und geseufzt: »Ach, was für ein Mädchen! was für ein Mädchen!«
    Seit Josefine studierte, sah sie kaum jemals mehr eine der früheren
Bekanntinnen. Um Sommerfliegen zu vertreiben, ist nur ein kleiner Wind nötig,
und über das Geiersche Haus war ein Vernichtungssturm ergangen.
    Aber auch mit den Schwestern und Schwägern war jeder Verkehr abgebrochen.
    Da geschah es, dass Josefine mit Bernstein und Zwicky aus dem Kolleg ging,
und dass ihnen eine schlanke Dame in elegantem pelzbesetztem Kostüm begegnete.
Sie hielt eine Lorgnette mit langem Stiel vor die Augen. Als sie in die Nähe der
drei Studenten kam, stutzte sie, errötete und ging quer über die Strasse nach dem
jenseitigen Trottoir.
    Josefine senkte den Kopf und erhob ihn dann plötzlich mit einer ihr
eigentümlichen, energischen Bewegung. »Kommen Sie, Zwicky,« sagte sie laut, »wir
versperren den Weg.«
    »War das nicht -?« begann der Student, mit verstörtem Gesicht der Dame
nachblickend, die in entgegengesetzter Richtung drüben weiterging.
    »Wohl ... ich habe sie gesehen.«
    »Grüsst nit emal?«
    »Ich bin's ja gewohnt. Wir haben sie, scheint's erschreckt.«
    »Verfluchte Sauerei!« platzte der junge Mann los, ganz rot und beleidigt,
mit Falten auf der Stirn.
    Bernstein, der etwas voraufgegangen war, blickte sich schlau lächelnd um.
»Ech, Ihre Schwester, glaub ich?«
    »Grüsst nit emal!« wiederholte der Junge empört.
    Bernstein schob den runden Hut noch mehr in den Nacken, er zuckte die
Achseln. »Wozu brauchen Sie sie? Was brauchen Sie von ihr? Denken Sie, dass sie
versteht gar nicht! Dass Ihre Schwester ist eine Hausfrau -« -«
    »Verfluchte Sauerei!« schrie Zwicky.
    »Eine Kaufmannsfrau! was versteht eine Kaufmannsfrau,« fuhr Bernstein
gemächlich fort. »War es sehr unangenhm für Ihre Schwester! Man muss nicht böse
sein, nur ein bisschen verstehen! Sehr unangenehm für Ihre Schwester!«
    »Für mich auch!« knurrte der Schweizer.
    Bernstein stiess mit dem Fuss eine Orangenschale vom Trottoir. »Nein. Es ist
sehr interessant! Sind Sie beleidigt? Ech, was kümmert Sie! Eine gewöhnliche
Dame! nicht intelligent, ganz anderer Kreis, ganz andere Anschauung. Wozu haben
Sie diese Dame nötig?«
Zwei Tage darauf erschienen Adele und Marie im Haus »Zum grauen Ackerstein.«
    Wieder war es Abend.
    Aber die Wohnung war nicht leer und traurig wie bei ihrem letzten
gemeinsamen Besuch. Alle Fenster schimmerten hell, und auf dem schmalen Korridor
hörte man die Stimmen lebhaft sprechender Menschen.
    Josefine kam heraus, angeregt, den Kopf hoch, die Augen glänzend.
    Neugierig blickten die Schwestern in die halboffene Tür hinter ihr, drei
oder vier Herren in eifriger Unterhaltung waren zu erkennen.
    »Ach, du hast wohl Besuch?« sagte Adele in förmlichem Ton, »wir entziehen
dich deinen Gästen.«
    »Kommt herein, wenn ihr wollt! Es sind Kollegen -« Josefine stand da und
blickte von einer der Schwestern auf die andere.
    Sie wehrten mit übertriebenem Schrecken ab. »Wir? zu lauter fremden Herren?
Nein, das bringt nicht jede fertig!« hüstelte Marie und versuchte ihrem weichen
Gesicht einen strengen Ausdruck zu geben. »Wir wollten dich allein, Josy.«
    Josefine wendete sich ins Zimmer zurück.
    »Fräulein Helene, kann ich meinen Besuch in Ihr Zimmer führen? Erlauben
Sie?«
    »Besuch? Damen?« scholl eine kräftige Stimme zurück. »Unmöglich! eine
schreckliche Wirtschaft bei mir. Alles voll Flickerei.«
    »Bernstein, kann ich in Ihr Zimmer?«
    »Keineswegs! keineswegs!«
    Ein lautes Gelächter brach los.
    Zwicky kam zu Josefine hinaus, grüsste die Besucherinnen mit einem kurzen
Kopfruck nach seitwärts und sagte, während das Blut ihm in die Stirn stieg: »Bei
mir ist's leidlich, Frau Josy, die Damen begreifen schon, dass man arbeiten muss.«
Und ohne sich weiter zu verabschieden, trat er trotzig den Rückweg ins
Wohnzimmer an.
    »Verzeiht,« sagte Josefine lächelnd, »so ist's jetzt bei uns, aber der
Zwicky hat immer eine gute Ordnung, hier herein, bitte.«
    »Wollen wir nicht lieber in dein Schlafzimmer -«
    Aber Marie fiel ihrer Schwester ins Wort. »Lass nur, Adele, dort ist wohl
nicht geheizt, und ich huste immer noch. Wir sind ja auch nur gekommen -«
    »Hier ist Zwickys Bude, ich bringe sofort Licht, sitzt inzwischen.«
    Die beiden sassen im Dunkeln. Sie seufzten und beratschlagten.
    »Adele! fang du an.«
    »Du hast herkommen wollen, Marie. Ich sagte und sage noch: vollständig
hoffnungslos.«
    »Hat sie denn nit emal e Bedienung? Das ist 'ne Wirtschaft.«
    »Bohême, meine liebe Marie.«
    »Sie sieht aber sehr gut aus.«
    »Find ich auch! Sogar auf der Strasse neulich. So jung!«
    »In einer Studentenbude uns zu empfangen! Unglaublich!« Adele versuchte in
der Dämmerung des Zimmers, das eine Glastür hatte, etwas zu erkennen.
    »Das ist wohl das frühere Wartezimmer. Ein hübscher Bursch, gelt?«
    »Wer? der Zwicky, meinst du? hübsch wohl, flott, aber er grüsste kaum.«
    Josefine brachte die Lampe.
    Marie veränderte ihr Gesicht. Sie blickte sanft und kummervoll. »So sehen
wir uns wieder.«
    »Wie geht's euch? wie lebt ihr?«
    Und etwas zurückgelehnt in den Stuhl, die Arme gefaltet, das Kinn gehoben,
hörte Josefine den Bericht der Schwestern an. Ihre Augen wanderten an der Decke;
oft bemerkte sie, dass sie ganze Sätze nicht gehört hatte. Dann, gezwungen, mit
fremdem, kühlem Lächeln, blickten sich von Zeit zu Zeit die drei fremden
Schwestern ins Gesicht.
    Es ging ihnen wohl, sehr gut, ausgezeichnet, neue Geschäftsverbindungen mit
Smyrna. »Denke nur, Josy, ja, Léon ist auch sehr befriedigt zurückgekommen, er
ist so geachtet, aber ich habe nun schon ein Vierteljahr diesen nervösen Husten,
eigentlich nur ein Kitzeln, ja, eigentlich nur das, aber es macht mich
unglücklich, effektiv, und das ganze Haus, das ganze Haus wird dadurch
ungemütlich; denn wenn man nervös ist, kann man sich nicht so beherrschen, und
es gibt ja immer etwas mit den Dienstboten - die täglich anspruchsvoller werden
- und die Kinder - und dann in der letzten Zeit -« Marie wendete sich
hilfesuchend nach Adele um, die schon ein paarmal ungeduldig dazwischenzufahren
versucht hatte und nun steif aufstand, um sich auf das kleine Sofa zu setzen.
    »Entschuldige, Josefine, aber diese harten Stühle - ich möchte nicht
korpulent sein, habe die dicken Leute nie beneidet, aber so harte Stühle kann
man dann - nicht auf die Dauer -«
    »Ihr wolltet mir etwas Bestimmtes sagen?« begann Josefine, während sie sich
bemühte, Adele ein kleines abgenutztes Wollkissen hinter den Rücken zu schieben.
    Eine unangenehme Stille trat ein.
    Adele streckte ihre rechte Hand aus, die in dem neuen, faltenlosen Handschuh
ganz wie von Holz aussah und berührte Josefines Arm. »Es gehen Gerüchte!« sagte
sie feierlich.
    Die Studentin blickte auf die hölzerne Hand und machte eine Bewegung, um sie
abzuschütteln. Sie runzelte die Brauen.
    »Gerüchte bis nach Basel,« bekräftigte Marie. Und dann nach einer schweren
Pause gedankenvoll: »Nein, das geht nicht! Das geht nicht.«
    Adele fiel ein. »Josefine - es geht nicht. Du musst Rücksicht nehmen. Die
Tante Ludmilla aus Basel ist hier!«
    Die Studentin lachte hell auf, ein lautes, zorniges Lachen wie ein Schrei.
»Und der alte Schuhu soll mich schrecken? Lebt sie immer noch?« Und erbittert
über alles Mass fügte sie hinzu: »Säuft sie noch so viel? Betet sie noch immer,
wenn sie nicht lästert oder flucht? Uh! Tante Ludmilla!«
    Marie klemmte ihre Hände in einander. »Adele,« lispelte sie, »sag du -«
    Josefine ergriff Marie am Mantel. »Mia, es ist deine Erbtante, das hatte ich
vergessen! Verzeih - -« ihre Stimme klang schneidend, - »Gott, ich freute mich,
als ich euch sah, aber ihr bleibt ewig dieselben!«
    Adele erhob sich. »Geh zu deiner Männergesellschaft, die ist interessanter!«
    »Ohne Zweifel, Adele!« rief Josy herb, aber gleich, sich beherrschend, fügte
sie hinzu: »Kommt mit hinein! Seht euch meine Leute an, hört, was wir vorhaben!
Wir bereiten einen Verein vor für Gymnasiasten. Abstinenz. Zwicky ist Präsident
-«
    »Zwicky heisst der hübsche Bursch?« entfuhr es Adele.
    Josy blickte sie scharf an, sie verstummte und sah beiseite.
    »Du bist nun einmal eine Männerfreundin, Josy,« stichelte Marie.
    Josefine fixierte eine nach der anderen. »Wohl! das bin ich! Ihr nicht?«
    Adeles Gesicht zuckte, ein unangenehmes Lächeln verzerrte es. »Ich hab's ja
neulich selbst gesehen.«
    »Was, Adele? was?«
    »Man trifft dich überhaupt nur mit Männern!«
    »Du kompromittierst dich und uns mit!« winselte Marie.
    »Wodurch?«
    Keine antwortete.
    Josefine biss die Zähne aufeinander. »Oh ihr!« machte sie, »ihr!« Und dann,
mit einer übermenschlichen Kraftanstrengung, bezwang sie sich noch einmal.
»Kinder,« sagte sie in überlegenem Ton, »seid nicht so ungemütlich. Ich begegne
euch, und ihr grüsst mich nicht. Ihr kommt zu mir und beleidigt mich. Seid ihr
nicht zwei wüste Weiber?«
    Sie umfasste rechts und links eine der Schwestern und liess dann plötzlich
los. Sie prallten ein wenig zur Seite und schwankten wie vom Sturm geschüttelte,
schlecht bewurzelte Bäume. Dazu schnauften sie vor Empörung durch die Nasen, und
endlich begann Marie jämmerlich zu husten - sie wand sich, als müsse sie
ersticken.
    Josefine wollte sie beruhigen, ihr erhitztes Gesicht streicheln, ihr heissen
Tee bringen, aber sie tat nichts von alledem. Ihre Arme waren schlaff, ihr Kopf
leer und müde, ihre Beine schwer ...
    Sie liess Marie husten und stand abgewandt.
    Da trat Adele ihr ganz nahe. »Wenn ich es nur begriffe,« sagte sie hämisch,
mit der Absicht, durch eine quälende Erinnerung zu verletzen, »hast du Ursache,
die Männer uns vorzuziehen?«
    Josefine wich zurück. »Sie sind besser gegen mich als ihr,« sagte sie mit
Nachdruck auf jedem Wort, »sie sind mitleidiger und menschlicher. Sie erzählen
mir nicht, was der Abhub auf der Strasse für Schmutz über mich ausgiesst! Wer ist
diese Tante Ludmilla? Nichts Schmutziges und Gemeines, das sie nicht ausdenken
könnte! Eine betrunkene Betschwester, ich kenn sie gut! Ja, Marie, so ist's.
Widrig an der Seele wie hässlich am Körper, mit ihren blutunterlaufenen Glasaugen
und ihrer Schandzunge. Geht hinein und seht meine Gesellschaft an und
vergleicht! Ach, ihr! Hätte sie nicht Geld, so würdest du vor ihr schaudern,
meine sanfte Marie - schäme dich! ganz einfach.« Der Zorn übermannte die
beleidigte Frau. »Schäm dich!« rief sie, und stiess mit wuchtiger Armbewegung die
Tante Ludmilla mit ihren Verleumdungen weit von sich. -
    Die Tür ward plötzlich geöffnet. Niemand hatte Schritte gehört.
    Hoch und schwarz, mit seiner stolzen Haltung und seinem strahlenden Gesicht,
den Hut in der Hand, stand vor den feindlichen Schwestern Bernsteins Kamerad ...
    »Hovannessian,« sagte er, sich vorstellend, und neigte tief den Kopf vor
Josefine. Und dann, unschlüssig, schüchtern fast, mit einem unwillkürlichen,
freudigen Lächeln sah er auf die Frau nieder. »Man hat mir gesagt ... Wo ist
diese Versammlung?«
    So gross sah er aus in dem kleinen Zimmer, so fremd und so freundlich - die
Stimme war so männlich - die dunklen Augen blickten so bekannt - -
    »Hier!« antwortete eine zarte, frohe, befangene Frauenstimme, Josefines
Stimme.
    War es die ihre?
    Sie blickten einander an, und jeder sah nur den anderen.
    So sprichst du? sagte sein Blick, sprichst du so milde, fremde Frau?
    Ich freue, freue mich! antwortete der Blick der Frau.
    Ist es wahr? Bin ich dir willkommen?
    Willkommen! Willkommen! Ja!
    Hast du mich erwartet? Kann ich dir in etwas helfen? fragte sein Auge.
    Es war so dunkel eben noch, und da kamst du! erwiderte das ihre.
    »Hier,« wiederholte Josefine laut, und ohne einen Gedanken, der nicht Er
war, ging sie durch das plötzlich hell gewordene Zimmer auf den hellen Flur
hinaus und in die Versammlung.
    Der Gast folgte. -
    Als Josefine lächelnd, mit aufgeschlossener Seele, mit schwingendem Schritt
in Zwickys Stübchen zurückkehrte, um die Schwestern nachzuholen, waren sie fort
...
    Auf dem Tische lag eine Visitkarte Adeles, darauf gekritzelt war: »Adieu,
wir kommen nicht wieder.«
    Josy las es gedankenlos, zerriss die Karte und warf die Stückchen in den
Papierkorb. Und dann, mit denselben lächelnden Lippen, nahm sie die Lampe auf
und kehrte zurück in die kleine Versammlung, als gehe sie dem Glück entgegen.
Die kleine Versammlung war in angeregter Unterhaltung.
    Zwicky hatte rote Ohren und guckte in verschiedene Bücher, aus denen Zettel
hervorhingen. Er sagte, er wollte lieber reden als organisieren, und bat daher
Helene Begas, den Vorsitz zu übernehmen.
    »Nein, es muss ein Schweizer sein,« hiess es, »es handelt sich wesentlich um
Schweizer Gymnasiasten.«
    »Präsident? Wozu? Sind Sie nicht im Parlament hier,« sagte Hovannessian.
    Alle sahen ihn an.
    »Ech!« machte Bernstein, »er ist noch in Russland! Hat man immer Vorsitzenden
hier! Ganz parlamentarisch.«
    »Dann eine Frau,« sagte Hovannessian.
    »Warum?«
    »Jeder erwartet dann etwas Sympatisches.«
    Hermann streckte den dünnen Hals vor und rief: »Nein, keine Frau.«
    Hovannessian, neben dem der Bub sass, lachte über das ganze Gesicht. Mit
seiner schlanken Hand schlug er ihn leicht auf den Kopf. »I du! Was weisst du!
Piepst du?«
    »Keine Frau!« murrte Hermann und zog den Kopf tief zwischen die Schultern.
    »In der Schweiz Frau ist frei,« sagte Hovannessian, »weisst du nicht?«
    Der Knabe blickte argwöhnisch und ängstlich nach dem Fremden, dessen grosses
warmes Auge lächelnd auf ihm ruhte. »Nein.«
    »Schade! Du musst lernen.«
    Hermann duckte sich noch mehr. Plötzlich glitt er von seinem Sitz auf den
Boden und schlich sich hinter den Stühlen fort und zu Bernstein, neben dem er
stehen blieb.
    Man einigte sich schnell dahin, dass Zwicky als Vorsitzender gleichwohl reden
dürfe, soviel er wolle.
    Der Bub schrie: »Bravo!« und applaudierte wie im Teater. Mit einer
Siegermiene kehrte er auf seinen früheren Platz zurück.
    »Sitze hier!« machte Hovannessian, indem er in seine Rocktasche zeigte.
    Hermann errötete und schielte den starken Mann unbehaglich an. Die
Rocktasche war gar nicht so klein ... Es wurde ihm wieder bedenklich, und er
glitt aufs neue auf den Boden und hinter den Stühlen fort. In der Ecke unter dem
Schreibtisch hatte Rösli eine Puppenstube eingerichtet, in welcher sie diesen
Augenblick ganz still für sich emsig waltete. Zu ihr flüchtete sich Hermann, um
mit ihr zu flüstern und zu deuten. Nachher sassen dort beide Kinder und starrten
den Fremden an, der so merkwürdige Sachen sagte und so tat, als kenne er sie
schon lange. Mitten zwischen den Reden bückte er sich zuweilen und nickte und
blinzelte ihnen zu, ohne zu sprechen, nur mit dem Zeigefinger in die
aufgespreizte Rocktasche deutend: Sitze hier!
    »Propaganda für totale Abstinenz unter den Gymnasiasten, das ist unsere
Hauptaufgabe, das wird die Aufgabe des Vereins sein!« rief Zwicky und fuhr sich
durch das lockige Haar, bis es wie ein Hahnenkamm aufrecht stand, und er begann
seine Pläne darzulegen. Schriften sollten verfasst, wissenschaftliche Broschüren
popularisiert werden, und diese Blätter wollte man gratis an die Schüler
verteilen.
    »Und an die Schülerinnen,« riet Josefine.
    »Scheint es mir, auch an die Lehrer,« bemerkte Bernstein mit listiger Miene.
    »An die Lehrer ja, aber die Mädchen - nein, machen wir uns nicht zu mausig!
nur nicht zu mausig!« fiel Helene Begas ein.
    »Muss man sich immer mausig machen, glaube ich!« sagte Hovannessian
unternehmend.
    Fräulein Helene wehrte ab. »Damit sie uns sofort das Handwerk legen! Wenn
wir die Schülerinnen wie erwachsene Mädchen behandeln, kriegen wir's mit den
Eltern zu tun!«
    »Trinken solche kleine Mädchen Wein?« fragte Hovannessian sehr überrascht.
    »Na, Sie glauben wohl, dass die Mädchen hier Engel sind?« rief Helene.
    »Ja, glaube wohl,« sagte er fröhlich. »Immer dachte ich, dass im Ausland sind
solche Engel, wunderbare - -«
    Alle lachten, und Hovannessian lachte am herzlichsten.
    Rösli unter dem Schreibtisch starrte ihn wie verzaubert an.
    »Sind Sie wohl gar deswegen ins Ausland gekommen?« spottete Helene.
    »Nein,« sagte er treuherzig, »zu studieren.«
    Bernstein verzog den Mund. »Ech! Weiter! weiter!«
    Helene Begas konnte ihre gute Laune nicht bezwingen. »Na, haben Sie bei uns
viele Engel gefunden?«
    »Nein,« machte er, »noch nicht.«
    »Wieviel denn? Oder gar keinen?«
    »Bis heute? Bis heute habe ich keinen gefunden.«
    »Aber heute einen gefunden?«
    Er betrachtete die Scherzende freundlich, wie wenn sie ein kleines dummes
Kind wäre, das durchaus eine Antwort auf eine dumme Frage verlangt: »Muss ich
Ihnen sagen -?«
    »Zur Sache!« rief Zwicky, »also wollen wir die Schülerinnen von vornherein
mitineinziehen -«
    »Nein! nein! Vorsichtig! Sonst geht alles schief!« warnte Helene.
    »Nun, warum denn? Wir sind doch nicht in Deutschland!«
    Zwicky hielt seine Rede. Er gab meistens Physiologisches. Mit besonderem
Nachdruck verweilte er auf jenen Versuchen, die nachweisen, dass die feinsten
Nervenendigungen der Hirnrinde durch den Genuss des Alkohols eine Lähmung
erleiden, die nie wieder gehoben werden kann.
    Ein anwesender Gymnasiast schrieb eifrig nach, so, als ob er sich im Kolleg
befinde.
    Helene Begas ergriff nach Zwicky das Wort. Sie schilderte das Elend in
Trinkerfamilien mit Hilfe einer grossen Reihe von Zahlen.
    Der Gymnasiast konnte fast nicht nachkommen. Er hatte ein blasses Gesicht
mit einer grossen Nase und einem keimenden Backenbart. Im Eifer des Schreibens
erschien zwischen seinen vollen roten Lippen die Zunge und begleitete die
Bewegungen der Hand. Die Kinder unter dem Schreibtisch ahmten es erst
unwillkürlich und dann absichtlich nach. Hovannessian nickte ihnen zu und
forderte sie pantomimisch auf, in seine Rocktasche zu steigen.
    Und dann, als das Fräulein gelesen hatte, sprach Hovannessian.
    »Geben Sie der Jugend eine Begeisterung,« sagte er, »etwas, wofür sie
kämpfen soll, eine Idee; begeistern Sie die jungen Leute, das ist, glaube ich,
die Hauptsache.« Er war aufgestanden und sprach, hinter seinem Stuhl stehend. Es
war ein krauses Deutsch, aber ganz leicht und natürlich kam es über seine
Lippen, und in seinen träumerischen Augen glomm eine freudige Flamme auf.
»Begeisterung! jedes Lebensalter hat seine Begeisterung! Als wir Kinder waren,
bauten wir unseres Schifflein aus Papier und setzten es auf den Bach. Aber das
Bach war für uns ein Meer. Und der kleine Sommerwind, der in das Papiersegel
blies, war ein Sturm. Und das Schifflein segelte fort in ferne Ländern. Es hatte
reiche Fracht: unsere Gedanken - kindische Gedanken - unsere Träume und Wünsche
- kindische Träume und Wünsche. Aber wie teuer! wie lieb!«
    Der blasse Gymnasiast mit der grossen Nase sass ganz aufrecht. Er hatte nichts
zu schreiben jetzt. Der sorgenvolle, eifrige Geschäftsausdruck war aus seinen
Zügen verschwunden, sie wurden rein, gläubig, so als höre er einen schönen,
fernen Gesang.
    Hovannessian fuhr fort: »Physiologie und Statistik ist gut, gewiss, aber für
die Jugend ist eine Begeisterung besser als Physiologie und Statistik. Die
kleinen Papierschiffen schwimmen nicht mehr, wir haben eingesehen, dass sie das
ferne Ufer nicht erreichen. Aber nun schicken wir die Gedanken selber aus, die
Träume selber aus. Wohin sollen sie fliegen? Eine Sonne brauchen sie, ein
leuchtendes Ziel, ein Ideal, das immer leuchtet und immer leuchtet und unsere
Gedanken, unsere Augen, ganzes Wesen, ganzes Leben zu sich reisst. Wir haben so
getan und tun noch so in Russland. Russische Jugend lebt mit Ideen. - Sie wollen
arbeiten für Abstinenz von Alkohol unter der Jugend. Es ist sehr gut. Aber
bleiben Sie nicht bei medizinisch - physiologisch - statistisch! Zeigen Sie, dass
hier ist eine Idee, eine Idee von Vervollkommnung. Geben Sie eine Begeisterung
für Idee der fortschreitenden Entwickelung. Wer sich frei hält vom Gebrauch des
Alkohols, hält sich frei von einem schädlichen Bedürfnis. Frei werden von
schädlichen Bedürfnissen - das heisst überhaupt frei werden. Hier ist
Entwickelung. Neue Generation soll freier werden, als alte war; zeigen Sie der
Jugend, wie man an sich selber für seine Freiheit arbeiten kann! Geben Sie der
Jugend eine Begeisterung, die sie mitreisst und sie lehrt, was ist der Zweck und
Bedeutung von unserem ganzen menschlichen Leben!«
    Hovannessian erhob den Kopf, dann suchten seine Augen den Gymnasiasten und
hefteten sich fest auf das jetzt tief errötete Gesicht des Jünglings, der den
Blick schwärmerisch zurückgab.
    »Der Vorsitzender Ihres Bundes,« sagte er, »wenn Sie einen haben müssen -
wir in Russland haben keinen - Ihr Vorsitzer muss einer von Ihnen selbst sein. Sie
müssen das zwischen sich ganz allein machen.« Und mit seinem ernstaften,
brüderlichen Lachen fügte er hinzu: »Scheint es mir, dass Sie sehr guter
Vorsitzer werden in Ihrer Gesellschaft.«
    Der Gymnasiast schnellte vom Platz auf. Sein blasses Gesicht war
rotüberstrahlt, und er bebte vor freudiger Überraschung und Beschämung. »Darf
ich einmal zu Ihnen kommen?« stammelte er.
    Hovannessian ging sofort zu dem Knaben hinüber und verabredete mit ihm. Der
Gymnasiast sah zu ihm auf mit einem blinden, ergebenen Vertrauen, das ihn in
Josefines Augen schön machte.
    Er hat den Blick für das Gute im Menschen, und sein Blick erweckt es, fühlte
sie, und eine glühende Bewunderung für den Fremden überwallte sie. Ihr Gesicht
wurde so heiss, dass sie sich abwenden musste; sie fürchtete, ihre Empfindung stehe
auf ihren Lippen geschrieben, jeder könne sie ablesen.
    »Denke ich, wir werden dort bei Ihnen, in Ihrer Gesellschaft, von Zeit zu
Zeit zu Gaste sein,« sagte Hovannessian, »medizinisch - statistisch und so
weiter. Aber Hauptsache werden Gymnasiasten unter sich machen. Wie denken Sie?«
    Die Versammlung diskutierte noch eine Weile.
    Fräulein Begas war nicht einverstanden. »Vielleicht kommt gar nichts heraus;
wenn alle nichts wissen, alle auf gleichem Niveau stehen - wer soll dann die
Führung übernehmen?«
    »Sieht man deutlich, dass Sie sind eine Monarchistin!« spöttelte Bernstein,
»immer Führung, Präsident, König, ech!«
    Helene drohte mit dem Finger. »Na, und Sie? haben Sie keinen Zar? Nur nicht
mausig machen!«
    »Selber ziemlich mauseriges Fräulein! Sehr mauserig.«
    »Nicht Schule! Gruppe zur Selbstbildung wollen Sie machen,« beharrte
Hovannessian. »Führung ist in Literatur zu finden. Beste Ideen der besten Denker
zusammen kennen lernen, nicht Präsident, nicht Schulmeister!«
    »Anarchismus!« machte Helene halb scherzend, halb prüfend.
    Der Fremde richtete sich auf, wie wenn er gerufen worden. Seine grossen,
weitgeöffneten, dunklen Augen blitzten freudig auf. Er wandte sich gegen das
Fräulein und lauschte gespannt .....
    Aber es kam nichts weiter, es war nur ein hingeworfenes Wort gewesen.
    Da nickte er, harmlos und heiter, indem er nach seinem Hute griff: »Ganz
anarchistisch muss es sein. Freie Kooperation.«
    »Darf ich mitkommen?« rief der Gymnasiast und sprang auch auf.
    Hovannessian legte ihm leicht den Arm um die schmale Schulter. So gingen sie
hinaus.
    Josefine reichte beiden die Hand.
    Sie folgte jeder Bewegung des Fremden mit Selbstvergessenheit, ohne die
Augen abzuwenden. dabei hielt sie Rösli im Arm, die schlaftrunken und weinerlich
zu der Mutter geflüchtet war.
    Einer der Gäste nach dem andern verabschiedete sich und verschwand.
    Josy merkte es kaum; sie stand unbeweglich und streichelte mit lässigem
Druck die weichen, wirren Haare und das heisse, kleine Ohr des Kindes. Aber sie
war nicht hier. Sie wanderte, gezogen und geführt, über die nassen,
frühlingswinddurchrauschten Strassen an der Seite dessen, zu dem eine rätselvolle
unbezwingliche Neigung sie hinriss, seit der ersten Minute, da sie ihn gesehen.
Die ganze Nacht war ein Spukgeheul im Kamin, ein Rasseln der Ziegel auf dem
Dache, lautes Katzengeschrei aus dem Garten und das Klatschen der Regenböen
gegen die Fenster.
    Josefine wachte nach kurzem, allzu tiefem Schlummer auf. Sie konnte sich in
ihrem Zimmer nicht zurechtfinden, starr waren ihre Glieder, wie festgebunden.
    Ach ja, sie lag in der Gletscherspalte, daher war es so dunkel rundum.
    Schreien? nein, es ist nicht möglich, die Lippen sind schon zugefroren. Und
wenn sie auch schreien könnte - der Ton selbst ist gefroren, ist unhörbar,
dringt nicht hinaus aus dem eisigen Loch.
    Könnte sie nur eine Hand heben, einen Finger nur!
    Oh, alles schon Eis! schon Eis! Bald kommt es ans Herz.
    Es kriecht kalt herauf, durch alle Adern kalt herauf -
    Oh!
    Meine Kleider sind im Absturz zerrissen! Nackt und hilflos bin ich!
    Verloren!
    Verloren!
    Es kommt an - mein - Herz!
    Halt - jetzt - halt - jetzt -
    Nein - das ist - nicht - nicht der Tod - das ist ja -
    Josy fühlt: plötzlich richten sich warme Strahlen auf ihre nackte Brust.
    Die Sonne ist gekommen! durchzuckte es sie.
    Zu mir herein! die Sonne! in mein Grab!
    Und während rund um sie her, von den Füssen aufwärts, die kettende, tötende
Kälte dringt, brennt ihr die Sonne ein überschwengliches Entzücken in die Brust.
    Die Sonne! die Sonne! die Sonne! Und sie wird noch scheinen, wenn ich
gestorben bin! fühlt sie, und das Wonnegefühl wird immer heftiger, wird fast zur
Qual.
    Erfroren und verbrannt!
    Erfroren und verbrannt!
    Nimm mich! nimm mich! nimm mich, Sonne!
    Ihr ist, als ob die nackte Haut über dem Herzen sich der Sonne entgegenhebt,
sich von ihrem versteinten Körper ablöst und in die Glut hineinsaust, während
Fleisch und Gebein zu Eis gefrieren.
    Du, die noch scheinen wird, - die noch scheinen wird, wenn ich gestorben bin
-
    Es ist meine Seele - es ist meine Seele - ist - meine - Seele - Hhh! da
fliegt sie in die Sonne hinein! mitten in die grosse rote -
    Ein heisser Schlag hat sie durchfahren und nun - was war?
    Jetzt bin ich wach, dachte Josy, endlich ist es vorbei! Diese unbequeme
Rückenlage ist schuld; die Stockung im Blutumlauf bringt das hervor.
    Ganz klar war es ihr noch nicht, doch stand sie auf und tastete mit
eiskalter Hand nach einem Glase.
    Ein unsteter Mondschein flog durch das Zimmer und über das Bett, in dem
Laure Anaise und Rösli dicht umschlungen lagen. Laure Anaise mit offenem Munde,
mit tief um die Stirn gewühltem schwarzem Haar sah fahl und hager aus, und
Röslis zartes Gesicht erschien der Mutter leichenhaft blass.
    Josy war plötzlich ganz wach.
    Wenn sie krank wäre! Und statt für sich selbst ein paar Gramm Bromkali
aufzulösen, wie sie gewollt, beugte sie sich ängstlich über die Schlafenden und
sog den warmen, reinen Hauch ihres Kindes ein.
    Aber während sie sich so überzeugte, dass beide ruhig schliefen, kam eine
Trauer, ein Einsamkeitsgefühl über sie, das beinah Furcht war. Mit nackten
Füssen, die Augen gross offen, stand sie, ohne sich besinnen zu können, blickte
scheu nach dem Fenster, an dem der Regen wie Tränen herunterrann; die gekalkten
Stämme der Obstbäume im Garten schimmerten unbestimmt im Mondlicht - jämmerlich,
wie gequälte Kinder schrien die Katzen.
    Ein nie empfundener Wunsch, sich anzulehnen, an kraftvolle Schultern sich zu
schmiegen, tauchte wie unbewusst auf. Sie streckte die rechte Hand aus und
seufzte. Plötzlich warf sie beide Arme über dem Kopf zusammen, und heisse,
qualvolle Tränen brachen hervor. Es schmerzte in den Augen, in der Kehle, in der
Brust.
    Langsam ermannte sie sich und riss die Vorhänge zusammen; das Totenlicht auf
Röslis Köpfchen brachte sie zur Verzweiflung.
    Sie tastete sich an ihr Bett zurück.
    Was fehlt mir? fragte sie, und sie antwortete sich: lebenswund; lebenswund.
    Denke, dass er in der Welt ist! sagte eine süsse Stimme, vor der Josefine
erschauderte.
    Es war wie eine Liebkosung, dieser warme, frohe Ton.
    Denke, dass solch ein Mensch lebt! dass er Wirklichkeit ist! kein
Kindermärchen, kein Poetenmärchen, schlichte Wirklichkeit -
    Josefine ertrug die Stimme nicht länger, sie wollte sie nicht länger hören.
    »Und du lügst!« sagte sie, bebend vor Zorn, »und es ist alles Betrug! Es ist
eine Schwäche, die vorübergeht, und er ist ein Mensch wie die anderen. Ich bin
erfahren, nur zu erfahren! Nur zu sehr belehrt, dass die Welt nicht so ist, und
dass es solche Menschen nicht gibt! Nein, so ist die Welt nicht, und wir müssen
sie nehmen, wie sie ist!«
    Sie zündete eine Kerze an und schluckte das beruhigende Salz, das sie sich
selber verschrieben hatte.
    Aber es wirkte sehr langsam, und während sie dalag und auf den Schlaf
wartete, ward die süsse Stimme nicht müde, zu flüstern: Er ist in der Welt! er
ist wirklich! kein Kindertraum, kein früher Morgentraum, kein Jungemädchentraum!
    »Es ist Lüge! es ist Lüge! wir träumen, und wenn wir erwachen, lächeln wir
über unsere Träume, oder - wir weinen über sie.«
    Sie wollte sich im Bette aufbäumen, wollte Licht machen, sich ankleiden,
arbeiten, um nichts mehr zu hören.
    Aber eine unsichtbare Gewalt drückte ihren Körper nieder, eine weiche,
schwere Hand legte sich auf ihren Kopf, und das Singen in ihrer Seele ward
lauter als zuvor.
    Und doch hören wir nicht auf zu suchen, unser ganzes Leben lang! Und doch
hören wir nicht auf zu suchen, so lange wir atmen.
    »Ich habe nichts gesucht! ich habe nichts ersehnt. Ich glaube an nichts
Gutes! Ich glaube an nichts Grosses. Es ist ein Schatten! Es ist eine Schwäche!«
    Ahhh! da war wieder der Sonnenschein auf der nackten Haut; und dazu ein
seliges Wohlgefühl des Geborgenseins, der Sicherheit, des Ruhens in einer
grossen, mächtigen, ringsum verbreiteten Kraft.
    Freude! hauchte es um sie; Freude! Freude.
    So fühlte sie sich untersinken.
Tage des Rausches, in denen die Wirklichkeit undeutlich und alle unsichtbaren,
namenlosen Dinge gross und wichtig sind und selbst das Heimlichste klar! Tage des
Rausches!
    Josefine empfand plötzlich Sehnsucht nach Musik, sie, die ihr Ohr als stumpf
und empfindungslos kannte. Sie nahm Rösli an die Hand und ging mit ihr ins
Grossmünster, zum Orgelkonzert.
    Viele Studenten waren dort, alle sahen die schlanke schwarze Frau mit dem
weissgekleideten Kinde kommen. Manche grüssten sie, aber sie dankte nur wenigen,
denn sie sah niemand in den Farben des Lebens - die Menschen, die anderen
Menschen waren für sie zu Schemen verblasst.
    Der Orgel gegenüber, im Chor, auf einer der langen Bänke ohne Lehne nahmen
sie Platz. Aber die Bank knarrte erbarmungslos, und Josy flüchtete sich mit der
Kleinen in einen dunklen, dicht an die Mauer gedrückten Kirchenstuhl.
    Die Orgel begann, gegen ihre Gewohnheit, wie es der Hörerin schien, leise
und bebend, als schauerten Tropfen herab, klingende, warme Regentropfen, weich
und voll und doch säuselnd und zart. Und Josefine war es, als ob ihr Herz sich
öffne, und ihre Seele wurde wie ein dürstendes Erdreich, das sich dem sanften
Perlenregen entgegenbog. Aber allgemach fielen die Tropfen seltener und wurden
grösser, und jeder der Tropfen hatte eine andere Stimme, und es waren keine
Tropfen mehr, es waren goldene Kugeln, die in einem plötzlich aufschiessenden
Springquell spielen. Und nun werden aus den goldenen Kugeln kleine klingelnde
Schellen und grosse, sanft hallende Glocken. Und nun unterreden sie sich
miteinander, die kleinen klingelnden Schellen und die grossen hallenden Glocken;
erst ein aufgeregtes Flüstern von den kleinen zwitscherhellen, nun ein
machtvolles Dröhnen von den grossen ruhigen. Und nun fangen sie an, durcheinander
zu rufen, immer tiefer, immer heller, immer dröhnender, immer spitziger, und
plötzlich - fängt der Turm, in dem die Glocken hängen, mit an. Er erzittert von
oben bis unten, er schwankt von einer Seite auf die andere, er kracht, er
donnert, er reisst auseinander, er stürzt zusammen! O - da ist der sanfte Regen
wieder, will das wilde Brausen hinwegschmeicheln, eine kleine Weile klingeln
ängstlich, wimmernd, sterbend die Silberglöckchen. Aber Feuerstürme brechen aus,
die Berge wanken und bersten, die Erde bebt, es grollt aus ihren Schlünden, eine
Welt - eine Welt will untergehen! - Ruhe! Freude! Feierlich in grossen breiten
Wellen rollt es heran über die zerstörte Welt, breite Strahlengarben schiessen
über weite, leuchtende, unendliche Wasserspiegel - ein schwaches dumpfes Stöhnen
- ein süsses allgemeines Klingen - die ganze Luft Musik - Ende.
    »Da die Weissagungen aufhören werden«, fühlte Josefine, und es schien ihr,
als liege vor ihr das grosse Geheimnis des Lebens in heiliger Unschuld, in Sieg
und Verklärung, und sein Name sei Schönheit und Grösse und unerschöpfliche Liebe.
-
    Und neben ihr sitzt Rösli, die langen, schwarzen Beinchen eingeschlagen, die
Hände zusammengedrückt, und sieht sich staunend um.
    Zum erstenmal ist sie in einer Kirche. Rösli sieht die Fenster an, die
langen, staubigen, schmalen Fenster und denkt: Das sind also Kirchenfenster? Der
Himmel ist ebenso blassblau dahinter wie hinter anderen. Sie sieht die grauen
Steinfliesen an und denkt: Die sind aber kalt! Und sie tippt nach dem grauen,
dicken, viereckigen Pfeiler vor ihr. Der ist auch kalt, aber das braune Holzwerk
der unbequemen Stühle und der kleinen gewundenen Treppe dort, das Holz sieht
ordentlich warm aus. Stufe für Stufe wandern Röslis Augen die kleine braune
Holztreppe hinauf - da oben muss es nett sein! Wenn sie da hinauf könnte! - Da -
was ist denn das da? Ein Kirchenfenster kann es doch nicht sein, da gegenüber?
Ich bin kurzsichtig, denkt Rösli, Mama hat es gesagt. Wenn man die Augen
zukneift, wird das da drüben etwas ganz Merkwürdiges. Ein Männergesicht wird es,
mit einem Schnurrbart und einer Pfeife und einer runden hohen Mütze. Ganz in
einen dicken Überzieher ist der Mann eingewickelt, der Kragen geht bis halb über
den Hinterkopf. Er hört unbeweglich zu. Die Musik ist so gross! Der Mann raucht,
aber keine Wolke steigt aus seiner Pfeife ... Rösli kann die Augen nicht
abwenden. So gemütlich sitzt er da im Fenster, als wäre er hier der Hausherr!
Ein freudiger Schreck durchzuckt Rösli: Wie, wenn es der liebe Herrgott wäre?
Dies ist ja die Kirche, man sagt auch Gotteshaus. Also wird er es wohl selber
sein! Rösli starrt und starrt. Er sieht so freundlich aus, aber doch nicht wie
Menschen. Sein Gesicht ist farblos wie Silber. Oder wie durchsichtig. Es wird
Rösli immer klarer, dass er es ist. Und sie faltet ihre Hände fest und sieht ihn
entzückt an - -
    Die Musik ist aus. Josefine erhebt sich. Als sie draussen sind - die
Allerletzten, zupft Rösli ihre Mutter, die gar nicht hört: »Mama, weisst du, wer
da war?«
    Die Mutter hört nicht; ungeduldig zupft die Kleine: »Hast du ihn auch
gesehen, den lieben Herrgott?«
    »Ja«, sagt die Frau zusammenschreckend und wundert sich über ihr Kind und
wundert sich doch nicht. Es ist ihr so süss-schaurig, dass die Kleine immer mit
ihr ist in diesen Entzückungen.
    Sie halten sich fest an den Händen ...
Helene Begas nahm Josefines Arm und sah ihr mit freundschaftlicher Besorgnis in
die Augen: »Du bist krank Josy, du brauchst Ferien! Und so zerstreut und
ungleich. Neulich, als ich dich mit Rösli die steile Wiese hinunterlaufen sah,
hab ich mich gefreut. Donnerwetter, dacht ich, die hat Spannkraft! Da kann sich
unsereins verstecken. Aber jetzt gefällst du mir ganz und gar nicht.«
    Josefine besah ihre Nägel; ihr Gesichtsausdruck wurde gezwungen. »Das ist
diese psychiatrische Klinik, die mich so aufregt. Heut war's der Assistent, hat
mich fast krank gemacht, der brutale Mensch! Diese Vergewaltigung des intimsten
Lebens durch die Kliniken und durch uns Mediziner: es macht mich wild! Ich
kann's nicht ertragen!«
    Sie seufzte tief und sah die ruhige Helene gequält und ängstlich an. »Es war
ein armes Ding, primäre Melancholie lautet die Diagnose. Sie ist fast
hergestellt. Er bringt sie vors Auditorium. Nun, erzählen Sie uns Ihre
Geschichte. Sie sitzt da, engbrüstig, scheu, rot vor Scham. Aber ich werde ja
bald entlassen, sagt sie leise. Das wollen wir nicht wissen, erzählen sie von
Ihrem Emil, wie der Sie überall verfolgt hat. Und der Bursch lacht und blinzelt,
und er fühlt sich so überlegen und so witzig - o! Das Mädchen - 'n armes Ding,
'n Zimmermädle, springt halb auf, sie hat schon nasse Augen: I bin nit hier, um
usg'lacht z' werde! Nein, wir lachen Sie nicht aus, lacht der Doktor, nun, was
hat Ihnen der Emil alles angetan? Der Emil, der Uhrmacher, in den Sie verliebt
waren! Das Mädle schweigt und hängt den Kopf. Er hebt ihr das Kinn in die Höhe,
grinst sie an: Er hat dann auch recht verliebtes Zeug durch den Ofen an Sie
hingeschwatzt, gelt! I bin jetzt g'sund! Was geht das die Schtudente an! murmelt
das arme Ding. Er wendet sich an das lachende Auditorium. Sie hat ihn nämlich
nur vom Sehen gekannt, und er hat sich überhaupt nie um sie gekümmert! Wie die
Kranke zusammenzuckte, wie sie den Kopf ganz auf die Brust sinken liess - es war
bemühend! es war brutal! Aber er lässt nicht los. Und vor lauter Verliebteit hat
sie sich dann eingebildet, er spricht mit ihr durch den Kamin, oder war es
durchs Dach? Durch den Ofen, murrt die Patientin; die Dummen im Auditorium
lachen laut. Sagte er natürlich, er wollte Sie heiraten! amüsiert sich unser
edler Dozent. Das Mädchen schüttelte den Kopf. Na, was wollt er dann von Ihnen?
Dass er Ihr Schatz wollt sein? Helene, ich sag dir's, mir saust es im Kopf, ich
wollte auffahren und schreien: Das geht über Ihre Befugnis, Doktor! Ach, man ist
ja so feige!«
    Das Fräulein drückte Josefines Hand. »Gut, dass du dich beherrscht hast. Wir
armen Frauen, was sollen wir machen! Hast du gelesen, wie's den Hörerinnen an
deutschen Universitäten ergeht? Man muss noch Gott danken jeden Tag. Aber das war
wirklich ruppig.«
    »Los, auch, was er weiter sagt! Er sagt: Aber wie konnten Sie denn so etwas
einem ordentlichen Menschen zutrauen? So ein Heuchler, wie dieser Doktor ist!
Als ob man's nicht wüsste, wie sie's alle treiben, und halten sich doch samt und
sonders für ordentliche Menschen!« Josy ballte die Hände.
    »Und was das arm' Ding drauf erwiderte, klang so himmeltraurig, so - o!«
    »Was sagte sie?«
    »Sagte kläglich und ganz von Herzen: Weil ich halt nur 'n armes Mädle bin.«
    Helene fand das eher beruhigend. »Siehst du, Josefine, das ist ihnen
natürlich, diese Denkweise; sie fühlen ja nicht wie wir, diese ungebildeten
Leute! Wie kannst du dich ewig mit jedem Erstbesten identifizieren?«
    »Was red'st auch!« Josefine entriss der Freundin ihre Hand, auf ihrer Stirn
standen Zornfalten. »Denkst du so? Bist 'n Frauenzimmer und denkst auch nur mit
dem Kopf wie die, wo unsere ganze Ordnung geschaffen haben? Weil's uns bequem
ist, glauben wir so! Aber ich glaub's nit; die heut, das arm' Zimmermädele mit
ihrer heissen Liebe zu dem Uhrmacher, der sie nit emal kennt -«
    »Ja, aber das ist doch schon bisschen verrückt!« fiel die Matematikerin
besänftigend ein.
    Josy flammte: »Verrückt? Warum? Sie hat ihn geliebt, den feinen, stillen,
fleissigen Menschen, und hat's keinem gesagt, keinen damit belästigt. Und dann
ist sie in Melancholie verfallen, weil er so hoch über ihr war und sie keine
Möglichkeit sah, sich ihm zu nähern -«
    »Aber nein!« unterbrach sie Helene erstaunt, »solche romantische Ideen hat
eine Ärztin?«
    »Nicht eine Ärztin, alle Ärzte wissen, dass Störungen im Triebleben von aussen
hervorgerufen werden können. Was ist überhaupt innen und aussen? - Ein Monismus
sind wir, wenigstens in dieser Beziehung, eine Einheit, und ich bin ganz rasend
über dich, dass du mit diesem Doktor glaubst, arme Leute hätten kein Gefühl!« Sie
brach plötzlich in Tränen aus. »Weisst, Helene, du - es freut mich nur, dass du
nicht Medizin studierst. Solche wie du hat's unter den Männern genug!«
    »Danke! merci vielmal!« Mit verbissenem Gesicht drehte Helene sich um. »Du
bist eigentlich so ganz Weib, so recht Weib, Josy, und weisst's selber nicht!«
    »Weiss es nicht? Weiss es, bei Gott!« schrie Josy, die Arme weit ausbreitend,
»dank auch Gott dafür!«
    Helene lächelte wider Willen. »Gut also, du weisst es. Ob aber so ein rechtes
Weib sich zum Studieren eignet, das ist wohl die Frage!«
    Josefines Gesicht verdunkelte sich. »Vielleicht! Was mich angeht! Mein Leben
ist zu schwer.«
    Die Freundin kam zurück. »Nimm Ferien,« sagte sie entschieden. »Wenn du
nachher auf der Nase liegst, was war dann die ganze Mühe nütz? Überhaupt, wie du
dir alles zu Herzen nimmst! Ich kann das gar nicht verstehen. Es hat ja keinen
Zweck. Plötzlich wunderst du dich über die Menschen, wenn sie sich zeigen, wie
sie nun mal sind? Ich wundere mich über nichts mehr, ich freue mich den ganzen
Tag, seit ich in der Schweiz bin! Mit Genuss nehm ich die Gelegenheit wahr, die
mir hier geboten ist! Bei uns zu Haus ist ja noch tiefste Nacht und Finsternis!
In unserem teuren Deutschland ist für uns der Tag überhaupt noch nicht
angebrochen! Ich sage dir, das ist 'n Hottentottenland, und unsere Studenten
sind Hottentottenkerle, und unsere Mediziner sind Menschenfresser gegen uns
Frauenzimmer, und kurz und gut - du solltest mal 'n paar Jahre bei uns sein!
Morgen sässest du draussen, wärst hinausgeschmissen, ganz einfach. Und übermorgen
wärst du im Loch! Nein du - bei uns - kritisieren - is nich! Noch gar
Frauenzimmer, die ja schon ohnehin vogelfrei sind!«
    Josefine lachte ungläubig auf. Viel hatte sie nicht gehört. »Schlimmer als
in Russland,« sagte sie mechanisch.
    Helene nickte heftig. »Ist es auch! Viel schlimmer! In Russland drückt man
ohne Unterschied des Geschlechts. Was zur Partei der Intelligenz gehört, ist
verdächtig. Bei uns gibt es keine Partei der Intelligenz, es gibt nur politische
Parteien, die Studenten haben keine Meinung oder sind gegen uns, und das höhere
Streben der Frau ist nicht verdächtig, sondern verächtlich! Verstehst du? Grosser
Unterschied!«
    »Ja, es dürfte endlich anders werden!« meinte Josefine.
    »Dürfte wohl, aber wird nie! nie! sag ich dir. Bei uns ist es so: wer nicht
selbst drückt, der verehrt doch wenigstens die Unterdrücker. Verehrungsmichel
erster Sorte wir Deutschen, oder eben Despoten. Und oft beides in einer Person!
Reizende Mischung. Und alles so von Herzen, so bona fide, ohne die heimliche
Selbstverspottung anderer Nationen. Na, ich sage nichts mehr.«
    Josefine sah mit einem langen Blick hinaus in die berstenden Knospen der
Baumkronen. Ihr Gesicht rötete sich. »Zuweilen denke ich ganz im Ernst, dass wir
berufen sind -«
    »Wer wir?«
    »Wir Frauen -«
    »Aha!«
    »Dass wir Frauen zu einer Art Revision des Männerstaats berufen sind,« fuhr
Josy nachdenklich und halb beschämt fort. »Dass die ganze Frauenbewegung diesen
Sinn und Zweck hat. Revisorinnen im Dienste der Menschlichkeit, die halt doch,
und wär's auch im Schneckengang, vorwärts geht! An all die Versteinerungen
unseren schlicht menschlichen Massstab anlegen, mit unserem vielgescholtenen
Gefühl ihre kalten Verstandeswerke durchprüfen und sehen, was standhält, was
nicht - was wirklich nützt, was ganz entschieden schadet - gegen ihre
Pedanterie, Profitsucht, Brutalität und blinde Folgsamkeit den Schrei der Natur
erheben - der misshandelten, getretenen Menschlichkeit Rechte zu wahren - dort -
dort dort - -«
    Helene starrte sie an, Spott und Rührung kämpften auf ihren Zügen. »Sorg für
dich selbst, Josy, Kind, grosses, törichtes, liebes Herz!« Sie seufzte mit
feuchten Augen: »Denk an das Nächste, das Allernächste. Du arbeitest nicht wie
sonst. Etwas beschäftigt dich, stört dich; ich fürchte, du wirst das
Staatsexamen dieses Jahr nicht machen können.«
    Josefine antwortete nicht; sie blickte noch immer wie im Traum auf die
verklärte Apfelbaumkrone, deren Knospen wie Bronze funkelten.
    Helene ging zu der Stummen und legte ihr die Hand auf die Schulter: »Mach
jetzt Ferien.«
    Kühl und abweisend blickte Josy auf. »Nun, was willst du? du sagst mir
Unangenehmes, ohne Grund. Ich arbeite. Ich bin nicht müssig, ausser diesen
Augenblick.« Sie sprang vom Stuhl auf, ihre Augen röteten sich, eine tiefe Qual
sprach daraus. »Umsetzen. Transponieren,« flüsterte sie, wie zu sich selbst; »es
geht alles, es muss überwunden werden.« Und dann, als sie Helenes forschendes
Anschauen bemerkte, wurde sie heftig: »Nimm deine Augen fort! Wir sind hier doch
nicht in der psychiatrischen Klinik! Noch hab ich meine fünf Sinne beie'nander.«
    Traurig liess die Matematikerin sie an sich vorbei und hinausgehen.
Ja, sie identifizierte sich mit dem armen verschüchterten Zimmermädle, sie hielt
sich nicht für »feinere Rasse«, wie Helene Begas es unbewusst immer tat.
    Fast täglich sah sie Hovannessian jetzt, und wenn sie ihn nicht sah, so
stand er doch vor ihren Augen. Oft in sonderbaren Verkleidungen.
    Bald war er vor ihr als schlanke, schwarze Zypresse mit leise geneigtem
Wipfel, mit erzgegossenem Stamm, an den sie sich wohlig lehnte, den sie mit
beiden Armen umfasste, an den sie ihr sehnsüchtiges Herz drückte. Bald hing er
über ihrem Himmel mit breitoffenen Schwingen, ein König der Adler, hoch über den
Gräbern und Schlünden der Erde.
    Er funkelte als Stern, rätselhaft und süss und fremd; er war ein weisses
Marmorbild auf einer hohen Säule, ein Bild der Menschlichkeit und der reichen
Güte. Viel erzählte er ihr, und nachher erblickte sie ihn als Jäger im
unbetretenen Wald, wie er für sich und die Genossen Feuer anzündet, das Wild
abhäutet erlegt und am Spiesse über den Kohlen dreht wie ein homerischer Held,
oder als Fischer am Meer, Gast in der Fischerhütte des Einsamen, auf Seemärchen
horchend, und Märchen ersinnend beim Licht des Kienspans, indessen draussen die
Mondkugel über die brechenden Wellen rollt. Ein andermal liegt er mit lachenden
schwarzen Gesellen auf buntem Teppich im Garten unter dem Maulbeerbaum; Lieder
singen sie auf die Lilie, die Nachtigall, die Rose, sie springen auf, um zu
tanzen, den graziösen, plastisch schönen Einzeltanz, der eigentlich nur eine
wechselnde Folge anmutig herrlicher Stellungen ist; einer spielt auf dem Tarr11,
zuckend fährt das Knochenstäbchen, mit spitzigen Fingern gehalten, über die
Drahtsaiten - in sanften Tönen summt die Suflöte, und unermüdlich klopft mit
behenden Fingern der Tipelipitòspieler auf den mit Haut überspannten
zusammengebundenen Steintöpfen den Takt ...
    Und plötzlich verwandelt sich der furchtlose Jäger, und er ist ein scheuer,
grossäugiger, barfüssiger Knabe, der mit beiden Händen eine weisse Taube an sich
drückt, seine Taube, die er leidenschaftlich liebt, und die man ihm wegnehmen
wird, um sie dem Vater gebraten vorzusetzen! Der hungrige Student in Moskau, der
von Tee und Kartoffeln lebt und immer noch ein paar Kopeken besitzt für andere
und für einen Teaterplatz, wenn ein erster Schauspieler kommt, und der am
eifrigsten ist, ihm die Pferde auszuspannen in schäumendem Entusiasmus; der
fröhliche Geiger, der plötzlich die Geige opfert, weil es ihm in den Sinn kommt,
dass es »Besseres« zu tun gibt, als zu »spielen«; - der brüderliche Mensch in
einer Welt brutalsten Faustkampfes; - der Starke mit dem Kinderlächeln, für den
es keine Beschwerden gibt, oder der sie nicht anerkennt, der Furchtlose, der
sich nicht scheut, zu helfen, gleichviel, ob es dabei beschmutzte Hände geben
kann - alles, alles ist er, und die Liebende lebt wie in einem Wunderlande.
    Ein Kind ist sie, wenn der Rausch über sie kommt, ein Kind, wundersüchtig,
wundergläubig. Wie weit ist sie von ihrem früheren Selbst! Hat sie nicht in
ihrer unseligen Ehe, von dem unglücklichen Manne gelernt, dass alle Menschen, und
sie selber auch, niedrig sind? viel zu verbergen haben? »Des Menschen Trachten
ist böse von Kind auf!« So war es, bis sie ihn kannte, ihn, der nun alle
Erfahrung, alle Weisheit zu Schanden macht.
    Denn nun bringt jeder neue Tag eine neue Entzückung, eine neue beseligende
Offenbarung! Auf der Stirn des Mannes, den sie liebt, leuchtet alles Gute,
leuchtet der Kuss der grossen, tiefen, starken Güte!
    Und so frei und schlicht und selbstverständlich geht dieser Mensch, von
dessen Stirn das Gute leuchtet! so wie eine Feier der Schönheit ist sein Leben!
Sie fühlt - für ihn ist die Welt da, nur für ihn und seinesgleichen ...
    Und langsam aus dem entzückten Staunen wuchs für Josefine ein heisser
Schmerz. Sie lernte, dass sich selber fühlen heisse, sich krank fühlen; ganz
entwurzelt war sie, ohne irgend einen Zusammenhang nach rechts oder links.
    Und sie quälte sich: Gehört die Welt den Guten? ist das wahr?
    Wohin dann sollen wir uns flüchten, wir, die wir schlimm sind und nur
Schlimmes von allen erwarten?
    Sie begann sich vor Hovannessian zu fürchten. »Was hab ich mit dir zu
schaffen, du allzu helles Licht? Lass ab, wirf keinen Strahl in meine
Dunkelheit!«
    Schwarze, stürmische Wellen rollen dahin, treiben eine zerbröckelnde
Eisscholle, treiben sie hinaus in Nacht und Untergang. Und auf der
zerschellenden Scholle die unbestimmten Umrisse einer menschlichen Gestalt. Sie
kennt diese Gestalt - diese Gestalt ist das Schicksal, das auf sie wartet in der
Zukunft, diese und keine andere!
    Geh! geh! geh! du Herrlicher, du Guter - nicht für mich, nicht für mich
strahlt deine Stirn. Bleibe so für mich, schönste Säule der Menschlichkeit,
aufgerichtet unter den Bäumen, die bis zum Grase niederblühen, aus dem die
weissen Blüten wieder emporblühen zu den Bäumen! So wie ich dich jetzt sehe, mit
dem schlanken Fuss auf dem Spaten, mit den hellen Tropfen frohen Schweisses auf
der Stirn, aus der du den Hut zurückgeschoben hast hinter die tanzenden,
schwarzen Locken!
    Josefine blickte hinaus zu der heiteren Gruppe im Garten, trank ihre
sehnsüchtigen Augen satt an der geliebten Gestalt.
    »Abschied! ich nehme Abschied von dir.«
    Lautes Lachen klang unter den Fenstern; sie warfen sich mit abgefallenen
Kirschblüten, Zwicky, Hovannessian, die Kinder, Laure Anaise ... Rösi mit
purpurroten Bäckchen ist ganz ausser sich, wie fiebernd in dem warmen,
düftebeladenen Wind, der die eben begrünten Sträucher biegt und die zitternden
Schatten spielen lässt auf der vom dörrenden Ost und der starken Maisonne
blassgrau gefärbten, wartenden Erde.
    Weisse Blüten und seliges Blau und goldiges Grün und Kinderlachen.
    »Kommen Sie nicht?« ruft Hovannessian und stösst kräftig den Spaten in den
sonnenharten Boden. »Kommen Sie auch! Schöne Arbeit!« Er strahlt. »Einen Weg
machen wir!«
    Nun kommt Rösi zu ihm gelaufen, er beugt sich zärtlich zu der Kleinen, seine
schwarzen Bartlocken streifen ihr Haar. Liebkosend spricht er mit dem Kinde -
wenn er mit Kindern spricht, immer bekommt seine tiefe Stimme diesen
liebkosenden Klang.
    Die Kleine blickt freudig empor, und ihre Gebärde, dieses Aufhorchen voll
Hingebung macht sie so schön.
    Oh, denkt die Frau am Fenster, wär ich so klein wie die! wär ich mein eigen
Kind und stände bei ihm so und blickte in die Höhe zu ihm so - wie Rösi, wie
mein glückliches Kind zu ihrem lieben Herrgott aufblickt, den sie im
Kirchenfenster sieht! Noch einmal jung sein, noch einmal glauben - keine
Vergangenheit, keine Zukunft, keine Schuld, keine Furcht, keine Pflicht, keine
Klarheit!
    Und wie gebannt durch ihre wilde Sehnsucht hebt Hovannessian nun die Augen
zu der Frau oben, und sein frohes Gesicht wird ernst ...
    Plötzlich schoss ihm das Blut heiss in die Wangen.
    Sie war fort.
In dieser Nacht träumte es Josefinen, dass ihr plötzlich ein Fremder
gegenüberträte, dessen unerwartetes Erscheinen sie von einer Seite des Zimmers
zur anderen scheuchte.
    Der Fremde war in eleganter Kleidung, wie bereit, in eine Gesellschaft zu
gehen. Sie bemerkte deutlich die breite, weisse Hemdbrust unter dem lose
überhängenden Kaisermantel, den spiegelnden Zylinder, die neuen roten
Handschuhe.
    Er sprach nichts, sondern stand da mit einem geheimnisvollen und blasierten
Lächeln auf dem schlaffen Munde, das sie zu verhöhnen schien. Seine goldene
Brille glitzerte, die Gläser glitzerten, so dass sie seine Augen nicht sehen
konnte. Und dann begann er eine Gebärde des Händewaschens zu machen, die ihr so
sehr, so unheimlich bekannt war: die rechte Handfläche wäscht den linken
Handrücken - die Schultern runden sich - er scheint sich auf ein Wort
vorzubereiten, auf ein Wort, vor dem sich die Träumende ängstigt, das sie nicht
hören will.
    Immer sonderbarer lächelt er; seine glitzernden Gläser sind auf sie
gerichtet - er hebt den Arm und beschreibt einen Bogen voll gekünstelter Grazie,
einen einladenden Bogen, mustert sie, ihre Gestalt von den Füssen aufwärts und
lächelt spöttisch überlegen; etwas Cynisches ist auf seinen breiten, blassen
Lippen zu lesen.
    Ich kenne Sie wirklich nicht, sagt die Träumende, bitte, verlassen Sie
dieses Zimmer.
    Ihr Herz scheint nicht mehr zu schlagen, kalt und gleichgültig ist ihr, und
tief, tief unten glimmt eine Angst - eine Angst!
    Sie wacht auf: das war Er!
    Georges!
    Ich habe gesagt: ich kenne Sie nicht.
    Aber ich kannte ihn wohl.
    Oh! Oh! Oh!
    Von Schauder durchzuckt blieb sie starr liegen.
    Das war Er.
    Habe ich diesen geliebt? Diesen einmal geliebt? geliebt?
    Nein! nein! nein!
    Fort, du Entsetzlicher! Fort! Mensch, ich kenne dich nicht! Ich war nie
dein! Nie! Nie!
    Hörst du? Niemals!
    Ich habe dich nie geküsst! Nie!
    Hörst du? Niemals!
    Fremd! Wildfremd! Fort!
    Ein Nachttier! ein Phantom!
    Wer hat dich ausgedacht? Du! Du!
    Und sie richtete sich heftig auf, rang hart die Hände und stöhnte fast
bewusstlos: »Oh, Herr des Himmels, töte ihn! töte ihn! töte ihn!«
 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Da kam eine kleine weinerliche Stimme wie ein zerdrückter Vogellaut aus dem
Dunkel: »Mama! Mama!«
    Die Frau hielt den Atem an.
    Rösi wachte.
    »Mama, warum sagst du töten?«
    Einen kurzen Augenblick schien es Josefine, als schwebe ein Stern durch die
Nacht; als klinge etwas ...
    Aber nur einen Augenblick.
    Dann zog sie stumm das Leintuch über den Kopf und wiederholte mit
zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten ihr furchtbares Gebet:
»Allmächtiger Gott! Herr des Himmels! Töte ihn! töte ihn! töte ihn!«
»Ich habe etwas gebracht. Ich habe das Bild gebracht,« sagte Hovannessian im
Eintreten zu Josefine.
    Sie blickte flüchtig auf, einen schnellen Blitz Auge in Auge gab es.
    Beide hatten heute einen gespannten, fast unglücklichen Zug zwischen den
Brauen.
    »Welches Bild?«
    »Repin, die Burlaki, Sie wissen.«
    Er legte das Bild - eine farbige Litographie - vor Josefine auf den
Schreibtisch und trat einige Schritte hinter ihren Stuhl zurück, wie um sie in
der Betrachtung nicht zu stören.
    Die Frau hatte nur einen Blick auf die fürchterliche Gruppe geworfen, dies
Häuflein Elender, die - ach, wie mühselig, wie schwer an der allzu grossen Last
schleppen, die ihnen aufgeladen worden. Mit einem Blick, mit dem ersten Blick
erschloss sich ihrer aufgewühlten Empfindung die fast übermenschliche Gewalt
dieses Gesanges der Qual.
    Die Riesen der Arbeit voran, mit blaurot geschwollenen Gesichtern, den Kopf
gesenkt, wie der Ochs im Joch die Stirn senkt, um mit ganzer Schulterkraft zu
ziehen, zu ziehen, vorwärts zu schleppen, das hoch mit Gütern beladene Schiff
stromaufwärts zu schleppen. Hinter den starken menschlichen Zugtieren die zähen,
mageren, sehnigen; fleischlose Hälse mit vorgedrängtem, fast berstendem
Kehlkopf, mit straff, zum Zerreissen gespannten Muskeln, die wie Knorren und
Stricke auf den eckigen Knochen liegen. Inmitten der Ergebenen ein junger
Empörer, aufgebäumt, Schmerz und Wut im hocherhobenen Kopfe, der sich
zurückwirft und die Hand unter den entsetzlichen Riemen schiebt, der ihm über
die nackte, saftstrotzende Brust geht und tief in das Fleisch schneidet - der
entsetzliche Riemen, der alle drückt - der über ihre Brust zu dem Lastschiffe
geht, an dem sie schleppen. Wieviel Flüche auf diesen Lippen! wieviel Stöhnen in
ihrem unendlichen Gesang! Aber der letzte in der Reihe, der flucht nicht mehr,
der singt nicht mehr! Stumpf und aller Menschenwürde beraubt, mit hängenden
Armen und auf die Brust gesunkenem Kopfe trottet er mit, ohne Bewusstsein, ohne
Willen; sein Gesicht ist gegen den Boden gekehrt, das menschliche Zugtier ist
auch zur Haltung des Tieres zurückgeführt worden - alles ist zu Ende.
    Hovannessian hörte ein lautes, ununterdrückbares Schluchzen.
    Dicht an den Tisch gepresst, beide Hände vor dem Gesicht, sass die Frau über
dem Bilde, und ihre Schultern zuckten im Weinen. Eine unbegrenzte Traurigkeit
hatte sie befallen angesichts dieser Qualbeladenen, und sie hatte alles
vergessen, sich selbst, Hovannessian, Georges, die Kinder, das Zimmer, in dem
sie sich befand - alles. Die Luft um sie war voller Stöhnen, und ihr Herz schien
zu bluten, als sei hineingestochen worden. Sie fuhr mit der Hand nach der Brust
- da! da! da presste der entsetzliche Riemen und schnitt in das weiche, zuckende
Fleisch.
    Wo war das Kreuzchen?
    Da sollte doch ein Kreuzchen hängen an einer Schnur?
    Sie tastete danach, als müsse sie auf ihrer Brust das Kreuzchen finden, das
jenem Jüngling in der Mitte des Bildes, dem jungen Empörer im roten zerrissenen
Kaftan, unter dem Riemen hervor auf der Brust hing. Ach nein, sie hatte nichts
vergessen! Sie wusste alles deutlicher als je. Sie wusste: das ist das Leben,
meines auch! meines auch! Gerade die zwingende Symbolik des Bildes, diesem Bilde
eigen wie allen Werken grosser Kunst, gerade diese zwingende Symbolik hatte sie
überwältigt, ins Herz getroffen.
    Alle so! Alle so!
    Sie selbst, Georges, die Kinder, die Kranken.
    Nur - -
    Nein, er nicht - der Mann mit dem strahlenden Lächeln war nicht unter dieser
Gruppe! Hovannessian nicht!
    Sie blickte ein wenig seitwärts, sie wollte diese grossen Züge sehen, auf
denen das Leiden keinen Raum hatte ...
    Aber ein ganz Neues durchbebte sie, als ihre Augen ihn gefunden - halb
abgekehrt stand er, sinnend, und grosse klare Tropfen rannen ihm aus den weit
offenen Augen in den Bart ...
    Sie fühlte eine geheimnisvolle Anwesenheit. Etwas Unsichtbares war hier im
Zimmer zwischen ihnen, zwischen jenem weinenden Manne und ihr selbst, die ihre
Tränen wie einen heissen Quell strömen fühlte.
    Sie hielt den Atem an, und eine leichte Bewusstlosigkeit überkam sie: Funken
und Sterne umtanzten sie, eine schwere dröhnende Musik betäubte ihre Ohren. Sie
flog weg, über dunkle, unabsehbare Tiefen, rasend schnell - -
    Dann empfand sie eine leichte Berührung, ihre Haare sträubten sich, ein
Schauder überlief ihre Kopfhaut, ihre Arme: sie war wach. Neben ihrem Stuhl, in
den sie zurückgesunken war, stand Hovannessian, streichelte ihr Haar und
murmelte, sich zu ihr niederbeugend: »Das ist jetzt nicht mehr! Das machen jetzt
die kleinen Schleppdampfer!«
    Sie lächelten sich an wie zwei Auferstandene, mit Tränen an den Wimpern,
ungläubig und erstaunt, umgeben von einer Fülle überirdischer Glückseligkeiten
...
    »Zum erstenmal sehe ich, dass Sie viel gelitten haben,« flüsterte Josefine
und forschte auf seinem ihr jetzt nahen Gesicht. »Es ist das, was Sie so ...«
    Sie wollte sagen, was Sie so schön macht, aber sie konnte es nicht sagen,
sie errötete.
    Hovannessian hielt ihre Hand, seine Wimpern zitterten wie die Flügel eines
dunklen Schmetterlings. »Ich habe in letzter Zeit sehr viel über die Frauen
nachgedacht,« sagte er mit fremd klingender Stimme.
    »Was haben Sie gedacht?«
    Er wurde sehr blass, eine schüchterne Anmut breitete sich über seine
männlichen Züge. Er schloss die Augen, presste stumm ihre Finger.
    Plötzlich trat ihm das Blut ins Gesicht - er beugte sich tief auf ihre Hand,
schamhaft in übermächtigem Gefühl: »Verzeihen Sie! Verzeihen Sie! Ich habe nicht
so von den Frauen gedacht! Nicht so hoch! Verzeihen Sie, Sie haben mich gelehrt!
verwandelt! ganz verwandelt! Ich habe nicht gehofft, dass ich finde - - Ich habe
nicht geglaubt - oh, verzeihen Sie! verzeihen Sie!«
    Er stürzte auf die Knie, den Kopf an ihr Kleid gedrückt. Dann erhob er sich,
hastig und verwirrt, und verliess wortlos das Zimmer.
Zwischen den Seelen, die sich anziehen, wächst eine zarte, seidenfeine,
lichtscheue Vegetation, wie weisse Algenfäden, wie tastende Wurzelglieder,
hinüber, herüber. Zitternd und leicht zerbrechlich, und doch straff die Röhrchen
gefüllt mit dem besten Safte des Lebens. Leise, verborgen dem Tage, suchen
einander die schwirrenden blinden Fädchen, die seiner Seele, die ihrer Seele
entsprossen, und wenn die Stunde erfüllt ist, wenn sich die zarten Munde
berühren, die tastenden Glieder aneinander gleiten - dann blüht eine Blume auf,
gross und duftend und leuchtend in allen Farben des Himmels und der Erde, genährt
von den süssesten und erhabensten Träumen, vom feinsten Herzblute, und ihrem
Kelch entsteigen Wolken von Duft, die Leben spenden und Tod, untrennbar, so
ineinander gemischt, dass beides eins ist. Und beides ist gleich süss, erhaben und
erwünscht, Leben und Tod.
    Die Stunde war erfüllt, die Blume war erblüht. - -
    Sterben! dachte die Alleingebliebene in ihrer Verzückung, sterben in dieser
Minute! Du! du! du! Ich habe ja nicht gewusst, was für Menschen leben; ich habe
ja nicht geahnt, dass es einen Menschen gibt, tausendmal grösser, höher, teurer
als die ganze Welt. Und du redest von mir, du! du! Was bin ich? Wie kannst du zu
mir sprechen, wie du gesprochen hast? Ich lebe ja nur, seit ich dich kenne! Ich
bin ja nichts ohne dich! Ich habe ja erst durch dich Sinne, Gefühl, eine Seele
bekommen! Ich sehe erst jetzt die unbeschreibliche Schönheit der Erde, des
Himmels, des Lebens!
    Ach, sterben! jetzt! jäh! in der Seligkeit dieses Augenblicks. Es ist zu
schön, es wird schnell zerbrechen. Er wird mich sehen, wie ich wirklich bin,
dann wird es vorüber sein.
    Nein, sterben, und wäre es unter Qualen, aber mit dem Kuss des Glückes auf
den Lippen. Sterben durch deine Hand! Durch deinen Dolch. Mit dir zusammen
sterben?
    Eine plötzliche Angst überfällt Josefine, eine Angst vor sich selbst. Ich
bin irr! Auch ihn töten wie den anderen, den ich heute nacht in seinem Gefängnis
erstickt habe? Was für mörderische Gedanken hege ich! Und mich - mich sollte er
lieben?
    Aber der verführerische Gedanke lässt sich nicht bannen. Er legt sich wie ein
erschlaffendes Bad um die müde Seele.
    Könnte das sein! Mit ihm zusammen sterben ... Ach - ich muss allein! Er muss
leben! Was? diese Augen brechen sehen? diese Stirn erbleichen sehen im
Todesschweiss? Und meinetwegen?
    Ach, eine Hilfe! eine Hilfe aus dieser grossen Not! Sie ringt die Hände.
    Nur die Glücklichen dürfen sterben. Nicht Menschen wie ich!!
    Es klopft hart an die Tür.
    Josefine springt auf, öffnet verstört.
    Vom Frauenspital ist Botschaft da. Sie muss kommen. Sofort. Diese Geburt, die
erste, die sie selbständig leiten soll, das erste Mal, dass ihr diese Aufgabe
wird, und sie hat das vergessen? So untauglich also! Solch eine nutzlose
Träumerin! Und was für Träume! Heiliger Gott, lass nur nie einen Strahl deines
Himmelslichts in dies dunkle Herz fallen. Schande! eine Schande!
    Josefine rafft eilig ihre Instrumente zusammen, sie senkt den Kopf, ruft
Helene zu, dass sie gehe, und läuft hinaus.
    Das ganze Gewicht des Daseins schwebt über ihrem unbeschützten Nacken und
will sich darauf niederstürzen.
    Die Oberwärterin guckt sie befremdet an, die Praktikantin Josefine scheint
ihr viel zu aufgeregt. Weiss diese Praktikantin auch, dass hier zwei Menschenleben
von ihr abhängen?
    Aber wie sie den Hut abgelegt hat und die Handschuhe wegtut, hat sie ja
schon ein ganz anderes Gesicht. Die Erregung ist wie weggewischt, hier ist nur
tiefer Ernst und ein Aufgehen in ihrer Aufgabe.
    Am Bett der sich windenden, schreienden Frau gewinnt Josefine alle Ruhe
wieder. Das arme Dienstmädchen, das in seinen Schmerzen um den Tod winselt - sie
besänftigt es liebevoll, weist es zurecht, sagt ihm, dass es leben müsse, um ihr
Kind zu geben. Und das seltsame blinde Gesetz des Lebens um jeden Preis ergreift
sie beide, die Gebärende und die Ärztin. Wem gebe ich mein Kind? Dem Licht? dem
Tage? der Finsternis? grausamer Verfolgung? Die Arme fragt es nicht, sie duldet,
sie hält aus.
    Und in demselben blinden Lebensdrang, der die Mutter beherrscht, tut mit
Kraft und mit keinen Augenblick erschlaffender Umsicht die Helferin, was sie zu
machen hat. Den ganzen Abend bleibt sie, die ganze Nacht am Bette der Ringenden.
    In dieser Nacht, in der sie gewünscht hatte, sich das Leben zu nehmen, in
der sie sich das Leben genommen hätte, wäre sie ein freier Mensch gewesen, nicht
eine Mutter und Helferin - in dieser selben Nacht verhalf sie einem Wesen zum
Leben und erhielt das andere in seinen Nöten.
    Als sie fröstelnd und hungrig durch die tauige Morgendämmerung beim ersten
schüchternen Amselruf heimwärts ging, war das wundersame Erlebnis mit
Hovannessian schon Vergangenheit geworden. Das schwere blutige Leiden eines
Menschen lag dazwischen. Sie dachte an Bücher, die sie notwendig zu studieren
hätte, an vielerlei Gelerntes und wieder Vergessenes.
    »Hovannessian,« sagte sie halblaut vor sich hin, und ein Lächeln löste ihre
starren Züge, »mein lieber Freund, Sie denken viel zu hoch von mir!«
    Sie sah zur Seite; es war ihr tröstlich zu denken, er gehe dort neben ihr.
    »Viel zu hoch!« wiederholte sie sich, »wirklich, das Beste, was ich vermag,
ist, dass ich mich der Forderung des Augenblicks fügen kann.«
    Eine Ruhe, wie sie ihr lange fern geblieben, senkte sich mit der Ermüdung
der Muskeln auf ihre Sinne. Als habe sie ein Ziel, ein langersehntes, jetzt
unverhofft erreicht.
    »Er schätzt an mir, dass ich arbeiten kann!« sagte sie, befriedigt lächelnd,
»es ist das einzige, was er an mir schätzen kann, sonst bin ich ja nichts. Wir
wollen uns das erhalten, nicht wahr, mein Freund? Oh, ich habe so lange nicht
mit voller Kraft gearbeitet.«
    Ihre Blicke küssten den Morgenstern.
    In ihrem Herzen war ein Heiligtum.
»Wie eifrig du dich zu Grunde richtest!« schalt Helene Begas die Freundin.
»Diese ewige Exaltation. Auch wenn du nicht sprichst - immer siehst du aus, als
wolltest du aufschreien! Und arbeiten bis in die Nacht obendrein! Ich lese jetzt
Augustinus. Sehr lehrreich! Du hast wohl Heimsuchungen wie der?«
    Josefine zischte ihr etwas ins Gesicht. Sie war glühendrot geworden.
    Helene seufzte. »O, diese verkehrte Welt! Diese glühenden Heiligen alle! Der
Hovannessian ist auch so einer. Ich bin immer in Versuchung, ein Zündhölzchen in
seinen Dunstkreis zu halten - ich glaube, es würde brennen! Meinst nicht auch?«
Und als keine Antwort kam, fuhr sie ernster fort, auf das Repinsche Bild
deutend, das jetzt in der Nähe des Schreibtisches mit Heftnägeln befestigt war.
»Gestern hat Hovannessian mir das Bild erklärt,« sagte Helene, »es ist
ausgezeichnet gemacht, nicht wahr? Der Junge da, in dem zerrissenen roten Kittel
mit dem Kreuz auf der Brust, den zeigte er mir ganz gerührt. Der kämpft noch,
sagte er, die anderen haben sich schon ergeben. Und dann, ganz ruhig: Bei diesem
habe ich immer an ihre Freundin Josefine gedacht, da ist eine grosse Ähnlichkeit.
Und seine Augen brannten zwei Löcher in das Bild, sag ich dir, so hat er es
angestaunt.«
    »Sprich nicht von ihm,« murmelte Josefine, ihr Ton bat: Sprich noch! sprich
mehr von ihm!
    Aber Helene gehorchte den Worten: »Gottchen, ruhig Blut! Das bete ich immer
für dich, liebste Josy - ich hab's ja zum Glück, bin als Amphibium geplant
gewesen und rein aus Zufall 'n Mädchen geworden. Ich sage dir, so was Bequemes
wie mein Temperament - -«
Ja, Josefine hatte Augenblicke heftigen Verlangens nach dem Manne, den sie
liebte. Sie hasste und verachtete sich unbeschreiblich in diesen Augenblicken,
aber sie kehrten immer wieder. War er fern, dann blieb er ihr Held, ihr Adler,
ihr edler Zypressenbaum, aber seine Nähe reizte und quälte sie zuweilen so, dass
sie fortgehen musste. Sie stand dann, nach Fassung und Ruhe suchend, in ihrem
Schlafzimmer, rang die Hände, biss ihre Lippen, reckte verlangend die Arme nach
der Tür. Und schämte sich! schämte sich!
    Dann trieb der Drang sie wieder zurück zu ihm, und sie machte absichtlich
kleine enge Schritte, hielt die Arme ängstlich dicht an sich gedrückt, wenn sie
wieder ins Zimmer trat.
    Einmal auf ihn zufliegen und ihn totküssen! Einmal!
    Aber sie kam scheu und langsam und sah mit wilder Eifersucht Hermann oder
Rösi in seinem Arm. Kaum beherrschte sie ihre Blicke.
    Wenn Zwicky neben ihm stand, vertraulich die Hand auf Hovannessians
Schulter, Helene und Bernstein scherzend mit ihm spielten, ihn um den Tisch
herumjagten oder die Erwachsenen und die Kinder ihn dicht umdrängten, dann kam
ihr eine wahnsinnige Lust, zu rufen: Er ist mein! mein! Fort ihr alle! Wie könnt
ihr wagen, ihn zu berühren?
    Ihr ganzes Wesen war in Empörung in solchen Augenblicken; - gegen Laure
Anaise, die sich oft mit naiver Bewunderung in Hovannessians Nähe drängte,
entstand dann ein spontaner Widerwille in der Seele der Frau, gegen den sie
umsonst mit allen Gründen der Vernunft ankämpfte. Dann kam eine Wut über sich
selbst, eine Zerknirschung, eine Verachtung, die in tiefster Selbsterniedrigung
sich genugtun wollte.
    Sie wollte an Hovannessian schreiben, ihm ihre ganze wilde lodernde
Leidenschaft entüllen und ihm sagen: So sehr hast du dich in mir geirrt! so
schlecht bin ich!
    Aber sie schrieb nicht, denn wenn sie allein war, verflog der unheilige
Sturm, und ihre Seele kniete andachtsvoll vor ihrem Abgott. Sie war wieder rein,
wieder glücklich, sie wollte ihn nicht für sich, der ganzen Welt sollte er
leuchten, viele beglücken durch sein Dasein, so wie er sie beglückte. Wenn sie
dich kennen, dann werden sie nicht mehr trauern, nicht mehr allein sich fühlen;
keine Niedrigkeit, keine Gemeinheit, keine Angst vor dem Abgrund wird sie mehr
quälen, wenn sie dich kennen, meine Sonne!
    In solchen Augenblicken schien ihre Liebe ihr ein Gottesdienst; sie vergoss
Freudentränen vor einem Altar; die Gewissheit, dass das Leben gut sei, weil auf
ihrem Altar dieses Bildnis stand, umtönte sie wie himmlischer Gesang.
    Sie hob die Hände und betete wie ein Kind: »Mach mich gut! mach mich fromm,
dass ich zu dir in Himmel komm! Amen.«
    Zwischen frommer Ekstase und wildem Begehren hin und her gerissen, gehetzt
und müde, griff sie dann nach der Arbeit, der immer wartenden, wie zu einer
heilenden Arzenei.
    Und in der Arbeit schien es ihr, als lebe sie erst jetzt wirklich. Das
andere war ein Tanzen und Taumeln auf stürmischer Flut; hier war sie selbst,
hier stand sie ruhig am Steuer und drehte das Rad und spähte sorglich nach den
Sternen und den Klippen.
    Sie wuchs in dieser Zeit an Einsicht und Stoffbeherrschung; ihr Blick
vertiefte sich mehr und mehr, und ein Gefühl der Überlegenheit über ihre eigenen
Leidenschaften wehte manchmal kühl herauf.
    Ich liebe ihn, weil ich ihn lieben will, dachte sie dann; wenn ich nicht
will, dann kann ich diese Lampe auslöschen. Es wird dann Nacht sein, aber man
kann auch im Finstern leben.
    So vergingen zwei Monate, und dann kam ein Abend. Jener Abend.
Josefine war noch spät in der chirurgischen Abteilung geblieben.
    Die ihr liebe Krankenschwester Wanda war abwesend; ein kleiner
Halbtagsausflug nach Rapperswyl war ihr gewährt worden unter der Bedingung, dass
sie Ersatz stellen könne. Josefine war für sie dageblieben.
    Es war schwül; den ganzen Tag hatten die Fliegen ihre Kranken gequält, und
die offenen Fenster hatten nicht vermocht, frischere Luft in der überfüllten
Abteilung zu schaffen.
    Dieser Spitaldunst, zusammengesetzt aus den scharfen, durchdringenden
Gerüchen des Jodoforms, des Chloroforms und des Karbols und aus den
Ausdünstungen der Kranken und ihrer Wunden, war der Medizinerin noch immer eine
schwer zu ertragende Last.
    Schrecklich waren vor allem die eiterhüftigen jungen Mädchen; in ihrer Nähe
roch es nach Tod und Verwesung, und doch forderten gerade diese Hilflosen, zu
langem Siechtum Verurteilten so sehr die Teilnahme heraus. Neben ihrem
Schmerzenslager sitzen, ihre eiskalte, feuchte oder fieberglühende Hand
streicheln, einen sanften Dankesblick in ihre tiefliegenden Augen rufen - es war
Josefine unmöglich, auf diese Freude zu verzichten, obgleich die leichte
Bettkleidung der Kranken vom Schweiss der Schwäche durchtränkt war, und obgleich
ihr beklemmter Atem aus einem Grabe zu kommen schien.
    Widriger war ihr das Gezänk zweier blutjunger Mädchen gewesen, die sich
gegenseitig mit kläglichen und doch von Bosheit geschliffenen Stimmen wegen
ihrer Verstümmelungen verhöhnten. Beide waren Lupuskranke.
    »Sie hat nur ein Aug, und sie glaubt noch, dass sie sich putzen muss! Für den
Doktor bist schön g'nug. Meinst, er schaut so eine an? Mit dem Kotelett im
G'sicht? haha!«
    »Aber du!« schrie die andere fast weinend, »du mit dem künschtlichen Knödel
da! ischt däs e Näs? Halte - là, wöllscht en Schpiegel eppe? I ben noch dusigmal
schöner für di!«
    Die erste, die mit einem roten Bande getändelt hatte, das sie sich um den
glatten, weissen Mädchenhals schlang, befühlte oberflächlich den seltsamen
Nasenklumpen, den ihr der Arzt aus der Stirn geformt hatte. Vorsichtig liefen
die Fingerspitzen über die gespannte Haut.
    »Net so übel wie du!« grollte sie hämisch, »und i krieg allbot en Mann, aber
du - jo frili, du bischt zum Beduere! so e Blindschleich - wer die emal nimmt!«
    Die Halbblinde schlug ein gellendes Gelächter an, das in Schluchzen endete.
»Du! du! en Mann? aber i - i bin schon besser, gelt Schweschter? I wär net übel!
Ein Aug sieht noch g'nueg! Schweschter, Se, die welche von uns zwei ischt
schöner? die wel' kriegt 'n Mann?«
    »Schämt's euch! beruhigt euch! kriegt alle beide keinen Mann! 's geht auch
so!« sagte Schwester Wanda, die erfrischt und rotbäckig von ihrem Spaziergang
zurückgekehrt war und einen grossen Feldblumenstrauss in die Abteilung mitbrachte.
»Zankt ihr schon wieder?«
    Josefine war dann gegangen. Sie konnte das Gekeife nicht loswerden. Mit
zusammengezogener Stirn horchte sie noch auf die jammervollen und hässlichen
Worte, während sie unter den wehenden Bäumen des Spitalgartens dahinging.
    Es wetterleuchtete über dem See; der Himmel war mit flatternden Wolken
bedeckt, zwischen denen der fast noch volle Mond hinrollte, bald verschwindend,
bald aus dem zackigen, schwarzen Vorhang auftauchend und einen blauen Guss von
Licht auf den Weg sendend.
    Als sie fast das Tor des Gitters erreicht hatte, in dem ein Seitenpförtchen
für sie offen stand, kamen leichte, leise Schritte über den Kies, und eine
Stimme sagte: »Guten Abend.«
    Josefine wich unwillkürlich zurück. Sie hatte sich unausgesetzt mit ihm
beschäftigt, hatte bei dem Zank der Kranken gedacht: Wie entsetzt würde
Hovannessian sein, wenn er dies hörte! Sie hatte sich eben gewöhnt, alles an ihm
zu messen, was ihr begegnete.
    Und nun war er plötzlich vor ihr, schien hier auf sie gewartet zu haben.
    »Wollen Sie spazieren, oder sind Sie müde?« sagte er leise, indem er an ihre
Seite trat.
    Befangen, wortlos, taten sie nebeneinander einige Schritte.
    »Es ist aber schwül,« sagte Josefine gepresst, »es kommt etwas.«
    »O nein, noch nicht. Ich möchte, wenn Sie erlauben - einige Worte mit Ihnen
-« Seine bebende Stimme sagte alles.
    Das Schweigen, mit dem sie an Josefines Hause vorüber und die noch unbebaute
ansteigende Strasse hinangingen, war betäubend.
    Sie standen einen Augenblick und blickten auf das lichtdurchstickte
Stadtbild unter ihnen, auf das jetzt alle Sterne und der Mond leuchtend
heruntersahn. Der Wind strich mit einem plötzlichen tiefen, dumpfen Orgelton
über die Berghalde hinter ihnen.
    Hovannessian hielt ihre Hand, drückte sie an die Lippen und atmete tief.
»Mir ist so schwer ... Ich kann nicht mehr zu Ihnen kommen ... So gespannt, so
unruhig ...«
    »Ja,« flüsterte Josefine mechanisch, »ja, es ist wohl -«
    »Ich weiss - Sie lieben - einen - anderen -; ich - ich weiss - Sie - o, ich
bin Ihr Freund - ich möchte - Sie lieben - ihn - Ihren Mann -« Er zeigte
flüchtig nach oben. »Ach, könnt ich Sie nehmen und aus allem heraustragen, und
wir fliegen - fliegen auf einen schönen Stern! Muss ich - muss ich fortbleiben?
Soll ich - Josefine?«
    Sie hob ihre angstvollen Augen auf, flehend, ausser sich. Nein! nein! flehten
ihre Augen. »Ja,« hauchten ihre zitternden Lippen.
    Er stöhnte auf, der Fleheblick brachte ihn um alle Besinnung.
    Josefine fühlte plötzlich etwas Starkes, Mächtiges, Heisses, das sie ganz
umschlang, ganz einhüllte.
    Sie zerschmolz in einer nie empfundenen Glut.
    Eine Flamme zuckte auf ihren dürstenden, verbrannten Lippen.
    Sie bäumte sich zurück, stemmte die Hände gegen seine breite, hochklopfende
Brust ...
    »Willst du nicht mein sein? willst du nicht?« rauschte es an ihrem Ohr wie
ein Wildbach. Und der wilde Bach ihres Blutes schrie »ja«. Aber ihr selbst
unerklärlich, unbewusst riefen die Lippen: »Nein! nein!«
    »Nein!« Er lockerte seinen Arm um ihre Schulter, er seufzte laut.
    »Nein?«
    »Nein!« wiederholte die Frau, »nein! nein!«
    Sein Arm sank herab. Er nahm ihre Hand, klemmte ihre Finger zwischen seine
Zähne. »Ich soll nicht wiederkommen?«
    
    »Nein!«
    »Und du wirst mich vergessen, Josefine?«
    Ein gebrochener Laut kam aus ihrem Munde, sie bebte am ganzen Körper.
»Sterben,« flüsterte sie rauh, »nur sterben!«
    Ein plötzlicher Schauder überlief seine grosse, prächtige Gestalt. »Das ist
zu schwach für dich! - du - wirst leben,« sagte er leise, nachdrücklich.
    Die Hand vor den Augen stand er eine Weile stumm. Josefine rührte sich
nicht. Die Luft war voller Seufzer.
    Ihr war, als sei er schon fern, fern, als sei sie schon gestorben.
    »Nach mir - was ich tun werde, fragst du nicht,« sagte er bitter.
    Hastig trat sie auf ihn zu: »Was wirst du tun?«
    Da zog er sie noch einmal in die Arme und begann zu flüstern, in seiner
Sprache, mit erstickter Stimme, mit nassen Augen, einen Segen, ein Gebet, einen
Dank. Und dann: »Lebe! lehre mich zu ertragen! du wirst vieles tun! Ich werde
von dir hören. Vielleicht hörst du von mir. Wir haben Aufgaben dort - du weisst
... in Russland!« Sein Ton verlor die dringende Wärme, seine Augen blickten gross
und über sie hinaus. »Zwischen dir und mir liegt ein Dolch,« sagte er mit
gerunzelten Brauen. Seine Arme gaben sie frei. »Du hast es so gewollt.«
    Das Wetterleuchten um sie herum ruhte keinen Augenblick, es war ein rotes
und grünliches Lohen, die ersten Donner rollten über den See. Hell schien der
Mond.
    Erschlagt mich, ihr Blitze, wimmerte Josefines gequälte Seele, dies ist
mehr, als ich tragen kann.
    Sie wendete sich um, entfernte sich: »Einziger Freund!« stammelte sie mit
gesenktem Kopfe, »lebe wohl - glücklich du! - vergiss - ich - ich - danke - dir
-«
    Sie verschwand im Schatten der Bäume. Ihre Worte verklangen klagend im
Rauschen der Äste.
    Hovannessian liess sie gehen ... Er wartete, dass sie zurückkehren, dass sie
wenigstens den Kopf nach ihm zurückwenden würde.
    Aber sie tat es nicht. Mit wankenden Schritten, in gebeugter Haltung, aber
durch eine unerklärliche Kraft beseelt ging sie vorwärts, blind geradeaus.
    Wenn ein Berg dort vor ihr wäre, sie würde hindurchgehen, dachte der Mann.
    Er folgte ihr in einiger Entfernung, sah, wie sie in den Lichtkreis ihres
Hauses trat, wie sie sich zu kurzer Rast an die Pfosten des kleinen, hölzernen
Vorbaues lehnte. Mit hintenüber gesunkenem Kopf stand sie, den Hut in der
schlaff herabhängenden Hand.
    Er fühlte, dass er sie allein lassen müsse, aus Schonung, aus Zartgefühl, aus
einer Liebe, die er sich selbst nicht zugetraut, und die ihm plötzlich gekommen
war, irgendwoher, vom Himmel herunter oder aus dem Herzen der Frau, die ihn
geboren.
    Gefunden und verloren, dachte er. Warum drängt alles vorwärts! Warum konnte
es nicht bleiben, wie es war!
    Sie war im Hause verschwunden.
    »Gott schütze dich! Gott sei mit dir!« murmelte der Mann unter den Bäumen,
mechanisch -
    Er glaubte an keinen Gott, er glaubte an keinen Schutz, der sich erflehen
liess, aber in dieser heiligen Stunde fand er auf seinen Lippen die Worte seiner
Mutter, die er liebte, die Worte einfältiger, demütiger, ergebener Zärtlichkeit.
    Auf dem Bänkchen in der Anlage, wo er ihr Haus sehen konnte, verbrachte er
die Nacht.
    Zwei Tage später hatte er die Stadt verlassen.
Und Josefine lebte weiter in dem verödeten Zimmer, in dem verödeten Hause, in
der verödeten Stadt.
    Die Welt war eine Wüste geworden.
    Lebte weiter, ein Leben ohne Sinn und Inhalt, ohne Sonne und Stern,
verstümmelt und verarmt.
    Lebte so, lange, lange Monate, vier qualvolle Monate.
    Nicht untätig, aber in einer seellosen, bewusstlosen Tätigkeit, aufnehmend
und wieder vergessend, und von neuem aufnehmend und von neuem vergessend.
    Die Arbeit, ihre Ehre und ihre Hoffnung, war wieder nur das Opium geworden,
das ihre Schmerzen betäubte, abstumpfte, einschläferte.
    Sie spann sich in ein dichtes Netz; was draussen vorging, war so gleichgültig
geworden. Eine seltsame Unempfindlichkeit gegen Böses und Gutes stellte sich
ein. Ihr Verkehr mit den Kindern selbst, mit den Hausgenossen und Freunden wurde
äusserlich und unfruchtbar.
    Aus der Einsamkeit kommen wir, in Einsamkeit leben wir, in die Einsamkeit
kehren wir zurück, fühlte sie, und gross und fremd blickte sie die anderen
Menschen an, die von Gemeinsamkeit, Zusammenwirken, Solidarität sprachen.
    Sie war allein.
 
                                  Viertes Buch
Dor dem Bahnhofsgebäude, auf dem geräumigen Platz um den schönen Brunnen und
unter den Säulengängen stand eine Kopf an Kopf gedrängte Menge.
    Die Silberlinden des Platzes und der ausmündenden Strassen waren schon gelb
und dünn belaubt, aber eine heissrote Oktobersonne schien durch weisslichen Staub
und Dunst und machte die grüne, weissschäumende Limmat, deren lebendige Wasser,
rasch und wirbelnd nach der Aufstauung, zu den Mühlen unterhalb der Brücken
niederrauschen, zu einem erfrischenden, Erquickung hauchenden Anblick.
    Frauen ohne Kopfbedeckung, mit Körbchen am Arm, braune Grossväterchen mit
qualmenden Pfeifen, Kinder in bunten Sommerkleidern und Mädchen mit
Kinderwägelchen bildeten Gruppen unter den Arkaden, nah den Ausgängen. Eifrig
äugten sie nach den vom Portier ausgehängten Schildern, welche die ankommenden
Züge verkünden sollten; Lachen und Scherzworte belebten zuweilen die Gruppen,
unter denen es kein Stossen und Drängen gab, wohl aber eine gemeinsame angenehme
Aufregung, die Erwartung von etwas Fröhlichem und Willkommenem.
    Lauter und dichter drängte sich die Menge auf dem Platz, unter den
gelichteten Bäumen; bis zum Eingang der Löwenstrasse standen sie, schlossen den
kleinen Zeitungskiosk an der Brücke ein und gestatteten selbst dem elektrischen
Tram und den gelben Postwagen nur eine langsame, beengte Durchfahrt. Hier
herrschten die Männerkleider vor, aber nicht die gewohnte dunkle Tracht des
Städters, sondern weisse und weissblaue Turnerkleidung, aus der schlanke gebräunte
Arme und Nacken hervorsahn. Fahnen und Banner wurden von Zeit zu Zeit bewegt,
zuweilen spielte ein nahe dem Brunnen aufgestelltes Musikkorps. Die Sonne
blinkte in dem springenden und stürzenden Wasser und auf den blanken
Messingröhren der Trompeten; Jodler stiegen wie Vogelrufe empor, und ein kleiner
Trupp italienischer Arbeiter, zusammengedrängt in einer Ecke, sang ein taktmässig
mit den Spazierstöcken auf den Strassensteinen betontes Schelmenlied. Der Zug
pfiff, eine Kirchenuhr schlug, dann schlug auch die Uhr des Bahnhofs mit hellem,
schwirrendem Schlag: fünf Uhr.
    Das ersehnte Schild wurde herausgehängt, Mütter und Väter strebten, sich in
die Nähe der Doppeltüren zu drängen, die Kinderwägelchen bildeten Spalier, die
Portiers öffneten, und die Kinder der Ferienkolonien, alle mit Sträussen in den
Händen, mit weinlaubbekränzten Hüten, mit Efeuzweigen um den Hals, mit
Eichenkränzen, die auf der Spitze eines Stockes schaukelten, alle lustig,
erhitzt, bestaubt und betäubt von der Fahrt und dem Lärm, kamen laufend und
springend die einen, verträumt und langsam die anderen aus der dämmerigen Halle
in das blendende Sonnenuntergangsrot heraus. Es wurde geküsst, umarmt, geschrien,
gesucht, kleine Reisetaschen und Köfferchen geschwenkt, ein fröhliches, lautes
Gewimmel entstand zu den Füssen der grossen Sandsteinpfeiler, unter den Bogen. Die
roten Heidekrautsträusse, die bekränzten Strohhüte, die bunten
Herbstblätterranken, in die einige der kleinsten Reisenden vom Mützchen bis zum
Saum des kurzen Kleides eingehüllt waren, schwärmten zwischen die
Grossväterpfeifchen, die ausgestreckten Mutterarme, die den Weg versperrenden
Kinderwägelchen hinein, flimmerten abwärts über die breiten Stufen und verloren
sich in der Menge.
    Ehe die Eltern noch ihre Kinder, die Kinder ihre Mütter gefunden, kam der
zweite festlich erwartete Zug an; eine andere Pforte öffnete sich, donnernd
fuhren die Wagen in die Halle, siegreiche Turner mit radgrossen Lorbeerkränzen,
mit bekrönten Bannern erschienen auf der Treppe, Hurrageschrei, Bravorufen,
Händeklatschen erscholl ihnen entgegen, die Fahnen der auf dem Platze Wartenden
begrüssten die Fahnen der Ankommenden, die Musikanten schmetterten los, hüben und
drüben, hinter den Turnern tauchten braune bärenstarke Gestalten auf in dunklen
ärmellosen Sammetwämsern, Sennen aus dem Bernerland, aus dem Freiburgischen, von
denen zwei je eine junge Tanne, die sie mit ihren eisernen Fäusten aus dem
Berggestein gerissen zu haben schienen, über den Häuptern der Heraustretenden
schwenkten.
    Die Luft erbrauste von Jubel. Jemand intonierte das Schweizerlied, und
Gottfried Kellers feurig-inniges:
»Oh mein Schweizerland! oh mein Heimatland!
Wie so innig, feurig lieb ich dich!«
dröhnte aus Hunderten von jungen Kehlen über den menschenvollen Platz.
    Alles war laute Freude, Stolz, gute Laune - man stand und sang, schrie,
lachte, ohne sich zu drängen, ohne Eile fortzukommen, ohne belästigende, die
Menge in Verwirrung bringende Polizei.
    Eines jener improvisierten Feste, an denen das Schweizerleben so reich ist,
ein Besuch der Bergbewohner bei den Städtern, kräftig gefeiert durch körperliche
Spiele und heitere Wettkämpfe in allerlei Fertigkeiten, begann mit diesem
jubelnden Empfang auf dem Bahnhofplatze, dessen beflaggte Häuser den fröhlichen
Ankömmlingen den Gruss der ganzen schönen Limmatstadt entgegenwinkten.
    Der lange Wagenzug hatte eine Menge Besucher gebracht, die alle durch ein
Band vereint schienen. Die wenigen Privatleute, die zwischen die geschmückten
gebräunten Gesellen vom Hochgebirge geraten waren, drückten sich langsam und wie
beschämt vorwärts, wofern sie nicht Schaulust oder Teilnahme zum Stehenbleiben
und Mitwarten veranlasste. Einige begrüssten sich laut mit irgend einem starken
Sennen oder einem berühmten Schwinger, stolz auf die Bekanntschaft und hoffend,
dass von dem Glanze jener Berühmteit etwas auf sie selber hinstrahlen werde. - -
    Einer nur, ein kranker gelber Mann, schleppte sich teilnahmlos und mühsam
durch die gestauten Massen. In einem eleganten Anzuge, der ihm zu weit war und
jene uns so sehr auffallende Mode von ehegestern zeigte; mit einer kleinen
juchtenledernen Reisetasche, die ihn ganz auf die linke Seite hinunterzog. Der
unter den Schlapphüten unangenehm hervorstechende Zylinder gab ihm etwas
Exotisches; tief sass er ihm über den matten Augen.
    »Billete vorweisen gefälligst!« schrie der Beamte an der Schranke zum Gott
weiss wievieltenmal und streckte auffordernd die Hände aus.
    Der kränkliche Reisende beachtete nichts, hörte nichts. Den Kopf zwischen
den Schultern, die Rechte auf die Brust gedrückt, wollte er ächzend
vorübergehen. Als der Beamte ihn lauter anrief und den Arm vor die
Nachdrängenden hielt, stiess er einen Schrei aus und begann plötzlich zu laufen.
    »Halte là!« schrie der Beamte. »Billet!«
    Eine resolute Frau packte ihn am Ärmel.
    »Ach! ach!« machte der Ergriffene kläglich, als ob die Schulter ihn vom
Zupacken schmerze; die Hand, mit der er endlich das verlangte Billet hervorzog,
war blass und gedunsen und zitterte so sehr, dass ihm das Kärtchen entfiel.
    Der Beamte schimpfte, ein paar Flüche wurden hörbar.
    Endlich war alles in Ordnung, aber der kranke Mann kam nicht weit: von einer
plötzlichen Ohnmacht befallen, musste er in den Wartesaal geführt werden, damit
er sich erhole.
    Der Portier übergab ihn einem Kellner, der den Feingekleideten auf englisch
um seine Befehle befragte.
    Der Reisende antwortete in deutscher Sprache mit geschlossenen Augen:
»Kognak, Gepäckträger, Droschke!« Nach dem Kognak erholte er sich sichtlich, und
als er dem Gepäckträger, der die kleine Tasche übernommen hatte, durch die
Korridore folgte bis zur Rückseite des Bahnhofes, wo es möglich war, einen Wagen
zu erlangen, war sein Schritt nicht ganz so schleppend wie vorhin.
    Zwei hübsche Mädchen mit grossen Hüten und enggeschnürten Taillen strichen
dicht an dem Reisenden vorüber. Er hob den Kopf und sah ihnen nach, sein Gesicht
belebte sich. »sst! Träger!« machte er halblaut, »wie heissen die?«
    Verständnislos blickte ihn das verschwjetzte Gesicht unter dem blanken
Mützenschild an: die plötzliche Veränderung des schlaffen Kranken war wie
Hexerei. »Sie kommet wiet her, gelte Sie?« sagte der Träger herablassend.
    Der Reisende stieg ein.
    Der Droschkenkutscher knallte.
    »Drissig Rappe, Herr!« sagte der Träger, sich aufstellend. »Drissig Rappe,
Sie!« schrie er zornig, als er keine Antwort bekam, und er folgte dem sich
bewegenden Wagen.
    »Drissig! Sie!« rief der Kutscher.
    »Pardon! vergessen!«
    Der Träger erhielt fünfzig Centimes, aber er musste sie zwischen den
Strassensteinen aufsammeln, der zerstreute Reisende hatte sie hinausgeworfen.
Eine halbe Stunde später stand der gelbe, kranke Reisende vor dem Hause »Zum
grauen Ackerstein« und las, sich niederbeugend, auf dem blanken Messingschilde
den Namen: Dr. Georges Geier.
    Er hörte noch das langsame Wegrollen des Wagens, der ihn hergebracht;
jenseits der Tür mit dem Messingschilde erklang Gelächter, leichte Füsse
trippelten, eine Flurlampe wurde angezündet.
    Das letzte Abendrot erlosch hinter der roten Gardine des Flurfensters; der
Reisende spähte hinaus auf den weiss herauf schimmernden, gekrümmten Weg, den ein
knorriger Apfelbaum mit gelichteter Krone überwölbte. Er spähte hinein zwischen
die bunten Vorhänge vor der Glastür. Das Gelächter, die leichten Schritte waren
verhallt, still brannte die Lampe auf dem schmalen Örn.
    Ein Heimchen schrillte vernehmlich; das Herz des Ankömmlings pochte so, dass
die Musik des Heimchens damit zusammenklang. Zum Umsinken müde, mit
zusammengebissenen Zähnen stand er unschlüssig.
    Endlich erhob er die gedunsene, zitternde Rechte und tastete nach der
Klingel. Auf einmal fuhr er empor: die Finger hatten eine Vertiefung gefunden
mit einem flachen Knopf. »War er nicht sonst gross und von Glas?« murmelte er und
beugte sich zu dem flachen Metallknopf in dem glänzenden Grübchen.
    Er wollte lachen. Der linke Mundwinkel zog sich gegen das Ohr abwärts, die
linke Schulter zuckte gegen das Ohr herauf.
    »Äh! wieder!« ächzte er und fuhr sich glättend über die verzerrte Wange.
    Dann, mit einem ungeduldigen Kopfschütteln, legte er zwei Finger auf den
Metallknopf in dem Grübchen und drückte.
    Ein langanhaltendes, starkes Läuten ertönte, dann Türöffnen, Schritte.
    Vor dem Reisenden stand ein schönes, schwarzhaariges Mädchen in einer
feuerroten Ärmelschürze, gross und schlank, eine Stricknadel zwischen den Zähnen.
    »Bona sera,« zischelte sie, »zu wem wünschen Sie?«
    »Frau Geier,« murmelte der Fremde und verzerrte sein gelbes Gesicht in
entsetzlicher Weise.
    Das schöne Mädchen wich zurück, ohne ihren Widerwillen zu verbergen. »Die
Frau ist net daheim, ist mir leid,« sagte sie kurz, indes sie die Stricknadel
zwischen den weissen Zähnen herauszog.
    »Wann kommt sie?« beharrte der Besucher, das hübsche, finster gewordene
Gesicht eindringlich musternd.
    »Um elf in der Nacht halt oder um zwölf!«
    Der Fremde ächzte und schüttelte den Kopf. Argwöhnisch schaute er sie an.
»Wo ist sie denn so lange?«
    »Ja, in der Klinik halt! Wenn mer emal Assistentin ischt, net wahr?«
    »Ach!« er schlug sich vor die Stirn, lachte auf seine nervöse, entstellende
Weise und fragte grämlich: »Wer ist denn sonst daheim?«
    Das Mädchen wunderte sich. »Der Herr Bernstein ist mit dem Fräulein Helene
im Kolleg, aber der Herr Loginowitsch ist vielleicht daheim, i will go frage!«
    Sie ging schnell und ohne anzuklopfen in eine Tür hinein; als sie
zurückkehrte, kam ein etwa elfjähriges, hellgekleidetes Mädchen mit langen,
braunen, um Stirn und Nacken herabhängenden Haaren mit heraus. Die Kleine
drängte ihre zarte, schmächtige Gestalt an die des schwarzhaarigen Mädchens,
dessen kräftige Schönheit neben dem durchsichtigen Kindergesicht mit den grossen,
weit aufgeschlagenen und dennoch wie schlafenden Augen fast derb erschien.
    »Die Mama ist in der Klinik,« sagte eine leise, süsse Stimme, und die
durchsichtigen Bäckchen erröteten.
    Auch das kranke Gesicht des Besuchers hatte sich gerötet; die Augen waren
wie mit Blut gefüllt, der Mund zuckte unaufhörlich. Er hatte die Arme erhoben
und sagte, gewaltsam seine Stimme dämpfend und ohne den Blick abzuwenden: »Aber
du bist zu Haus!«
    Damit trat er über die Schwelle, die Tasche schleifte er nach ...
    »Ich?« schrie die Kleine schrill auf und flüchtete vor dem Eindringling bis
in die offenstehende Küchentür. »Laure Anaise! komm! komm!« Sie stampfte mit den
Füssen und fing an zu weinen.
In einem mutlosen und störrischen Ton sagte der Besucher, dass er warten wolle.
Und wie angezogen von der schwarzen Inschrift auf dem achteckigen
Porzellanschild ging er auf jene Tür zu.
    Laure Anaise folgte ihm und öffnete: ein Windstoss kam durch das unsichtbare,
offene Fenster jenes schmalen Raumes und trieb die Flamme der Flurlampe in einer
roten Spitze empor.
    »Sküsi,« murmelte das Mädchen, »es geht zu lang! Warten? ja - es kann elfi,
zwölfi werden, bis dass sie kommt! Lieber morgen.«
    Der Fremde sass auf einem Stuhl neben dem Schreibtisch und antwortete nicht.
    Das Mädchen stolperte über seine Juchtentasche. »Jesis Gott!« schrie sie
auf, bedrückt und aufgeregt. Mit einem langen Schritt trat sie über das
Hindernis hinweg und berührte den Eindringling an der Schulter. »Sie!« keuchte
sie, »hören Sie net? kommen Sie morgen wieder!«
    »Eine Lampe!« erwiderte er, ohne den Kopf zu erheben, aber die Schultern zog
er zusammen, als sei er gebrannt. »Eine Lampe und ein Glas Wasser!« Sein Ächzen
klang dem Mädchen schauerlich.
    Sie wich an die Tür zurück, lief zu Herrn Loginowitsch, pochte und stürzte
zu ihm hinein.
    »Da ist einer! O, kommet Sie g'schwind! Er ischt so wie von Holz, ganz wie
Holz - ins Zimmer gangen - ganz wie - Holz!«
    Loginowitsch, die Feder hinterm Ohr, sprang auf, seine runden Brillengläser
funkelten verwundert. »Ich verstehe nicht wie immer,« sagte er und lachte, dass
sich sein kleines, verzwicktes Gesichtchen in noch engere Falten zog. »Was
wollen Sie?« Plötzlich horchte er auf: »Tschisch! weint etwas?«
    Sie liefen hinaus - über den Flur schallte ersticktes Weinen und Geschrei.
    Dort an der Tür des Warteraumes wehrte sich Rösi in den Armen des Fremden,
der sie an sich presste und wie sinnlos auf Haar und Gesicht küsste. Sein Hut lag
auf dem Boden, sein haar- und bartloser, gelber Kopf glich einem Totenschädel.
    Nun liess er ihn wie gesättigt hintenüberfallen und sich das Kind aus den
Armen reissen.
    Es zuckte und schrie wimmernd in Laure Anaises Kleiderfalten hinein.
    Das grosse Mädchen zog sie mit sich fort. Es war wie eine Flucht. Noch hinter
der zugezogenen Küchentür klang ungeschwächtes Weinen.
    Loginowitsch setzte sich in Positur. Er war purpurrot und schimpfte auf
Russisch, dann auf Deutsch: »Fort! fort! hinaus! was willst du machen? willst du
Kind töten?«
    Der Eindringling war ganz teilnahmlos geworden. Erschöpft lehnte er an der
Wand. Die dunklen Lider bedeckten die Augen ganz. Er schien plötzlich zu
schlafen.
    Der junge Russe schrie aus der anderen Ecke: »Nein, das geht nicht! das geht
nicht.« Seine Stimme wurde immer leiser, ganz zutraulich zuletzt. Er ging auf
den Fremden zu und sagte zweifelnd: »Krank vielleicht? Was wollen Sie? Sie ist
nicht für die Männer, aber für die Frauen und Kinder. Können Sie zum Arzt
gehen.«
    In dem fleischlosen Gesicht zuckte es; mühsam und schläfrig tat der
Eindringling die dunklen Augen auf. Seine Blicke waren erloschen, stumpf und
gläsern. »Wer wohnt hier?« murmelte er, aber er schien sich selber zu fragen,
keine Antwort zu erwarten.
    Loginowitsch lächelte mit achselzuckendem Mitleid. »Viele Leute wohnen hier.
Wen müssen Sie sehen?«
    »Draussen an der Tür steht ein Name,« machte der Fremde lauernd.
    Der Russe winkte abwehrend. »Der Name macht gar nicht. Es gibt nicht mehr.«
    Zwei gelbe Funken fuhren aus den müden Augen des Fremden. »So, so! gibt
nicht mehr? Wer sagt das? Aber der Name steht an der Tür. Ein Widerspruch eo
ipso, nicht wahr! Ah! ah! Ist er tot?« Er zwinkerte mit den Lidern und grinste
wie im Vorgenuss einer angenehmen Botschaft. »Es würde mich interessieren, zu
hören, was Sie von ihm wissen! Haben Sie ihn tot gesehen, Herr - wie war der
Name?«
    »Loginowitsch,« murmelte der Russe. »Was wollen Sie? Ich verstehe nicht. Tot
oder abwesend - ich weiss nicht von diesem. Es interessiert mich nicht.«
    »Abwesend?« forschte der Zudringliche, »Sie sagten abwesend, Herr
Loginowitsch? Abwesend wo? Es interessiert mich! Wo? Um Gottes willen, wo?«
    Vor seinem scharf und drohend gespannten Gesicht wich der Russe zurück.
    »Wir wissen nicht. Es kümmert mich nicht. Können Sie Frau fragen. Nun gut,
gehen Sie!«
    Und er öffnete einladend die Haustür mit dem Messingschild.
    »Wohin?« rief der Besucher in langgedehntem seufzenden Ton. Dann reckte er
sich und zog die neuen, gelben Glacés ab. »Ich werde warten. Ich habe lange
gewartet. Oder halt, man kann sie rufen! Sagen Sie, Herr Loginowitsch, ein
Verwandter! Einen Nachfolger hat er nicht? Sind Sie vielleicht der Nachfolger?
Nein? Nein! Sie ist in der Klinik, sagen Sie, Herr Loginowitsch? In welcher
Klinik? Ich kannte die Kliniken auch. War viel dort, ja, ja. Haben Sie ihn tot
gesehen? Nein? Und kein Nachfolger? Erstaunlich! Ich dachte bestimmt, ich hätte
so gehört. Können Sie mir ein Glas Wasser geben? Ich bin sehr erschöpft. Das
Sprechen strengt mich an. Aber ein Genuss! ein wahrer Genuss. Ich danke dem Zufall
eine angenehme Bekanntschaft!« Ächzend hielt er inne und wischte sich die
Tropfen von der Stirn. »Geben Sie mir einen Stuhl, ich falle um. Ich schwöre
Ihnen, es war mir angenehm, Sie zu treffen. Ich dachte anfangs, Sie seien der
Nachfolger. Aber nein, Sie sind vielleicht etwas jung. Ich kann sitzen, wo Sie
wollen. Im Wartezimmer steht ein Schreibtisch jetzt und die Regale alle. Man
sieht so etwas gleich. Leben hier recht vergnügt, hm? Ja, ja, nun bitte ich aber
dringend, dass Sie gehen, Herr Loginowitsch! So schnell Sie können! Es wird die
Frauenklinik sein, selbstverständlich! Sagen Sie: ein Verwandter! Sagen Sie: ein
Vater, der sein Kind küsste. Ja, Herr Loginowitsch, das haben Sie gesehen! das!
Einen Vater, der sein Kind küsst! Sie haben doch nichts anderes vermutet?
Erlauben Sie, dass ich mich legitimiere!«
    Mit einer hastigen Gebärde zog er ein Kartenetui hervor und entnahm dem
Täschchen eine angegilbte Karte, die er schwebend zwischen den langen,
knochigen, weissen Fingern hielt.
    Der Russe musterte ihn mit aufgerissenen Augen; er überlegte, welchem
klinischen Fall der vor ihm Sitzende wohl entsprechen möchte.
    »Erfahren Sie, wer ich bin, Herr Loginowitsch,« sagte der Gast in dumpfem
Teaterton. »An der Schwelle seines alten Glückes« - er schluchzte laut auf -
»an der Schwelle seines alten Glückes sitzt der Mann, welcher das Unglück hatte,
zeitgenössische Vorurteile zu verletzen, und dem man dafür das Herz brach!« Er
stöhnte und begann heftig und unverhüllt zu weinen. Sein verzerrtes Gesicht,
sein Blick voll Anklage und Vorwurf, der nach oben gereckte Zeigefinger der
erhobenen Hand, die tönenden Worte - alles erschien zugleich unecht und echt,
spontan und studiert, wahr und unwahr, berechnet und natürlich und verlogen.
    »Sind Sie ein Artist?« entfuhr es dem erstaunten Loginowitsch.
Der Russe war gegangen, um Josefine von der Klinik zu holen.
    Laure Anaise liess sich nicht sehen, Rösli wich nicht von ihrer Seite.
    Da knarrten Schritte über den Kies, Schritte auf den Steinstufen der
Vortreppe.
    Der Wartende richtete sich auf. Er hatte an dem Tischchen im Flur gesessen
und eine Karaffe Wasser leer getrunken.
    Ihn fröstelte, und die herankommenden Schritte vergrösserten sein Unbehagen.
Er zitterte und suchte mit den Augen nach einem Unterschlupf. Doch blieb er
sitzen.
    Josefine kam allein.
    Sie öffnete mit dem Drücker und betrat den Flur mit ihrem gewohnten, etwas
harten Schritt. In ihrem schwarzen Blusenkleide sah die Gestalt jugendlich und
aufrecht aus.
    Das schmale Gesicht leuchtete hell unter dem kleinen dunklen Hute; sie trug
ein Bücherpaket und ein Kistchen Trauben, die sie aus der Stadt heraufgeholt
hatte.
    Morgen war Röslis Geburtstag.
    Loginowitsch hatte sie nicht getroffen.
    Als sie den gelben, kahlen Menschen an dem dreibeinigen Tischchen sitzen
sah, blieb sie stehen, presste die Gegenstände, die sie trug, fester an sich.
    Ein leiser Laut, wie von einem sterbenden Vogel, kam aus ihrer Kehle ...
    Auge in Auge verharrten sie, eine Sekunde lang.
    »Ist es -« begann sie zweifelnd, und die Bücher fielen zu Boden.
    Der Sitzende kroch ganz in sich zusammen: »Séfine,« murmelte er, »kann ich
hier bleiben?«
    Die Stimme durchzuckte sie, es wurde dunkel vor ihren Augen. Ein Abgrund
dampfte herauf. Sie konnte sich nicht vorwärts bewegen. Sie hörte eine Stimme
sagen: »Bist du schon frei gekommen?« Es musste wohl ihre Stimme sein. »Warum
bist du noch vor der Tür?« sagte sie scheu; ihre tödliche Angst wurde zu einem
blassen Lächeln. »Willst du nicht hineingehen?«
    Er rührte sich nicht, sondern starrte seiner Frau in jeder Bewegung nach,
die sie machte. »Séfine,« seufzte er, »gib mir zu essen! Ich habe gewartet, um
mit dir zu essen, den ganzen Tag. Hast du guten Wein? Sieh mal, wie ich aussehe!
Sieh meine Hände! Sie haben mir ein Vierteljahr geschenkt, die Schufte. Dachten
wohl, ich sollte lieber bei dir krepieren! Seit Jahren leide ich an Dyspepsie.
Gibt es was rechts zu essen? Wo kann ich mich hinlegen? Ich bin wie ein Toter.
Die Überraschung ist missglückt, du bist nicht überrascht, Séfine, nicht angenehm
wenigstens! Nun sag mir, was ist das für ein Laffe, der hier den Hauswart macht?
Wollte mich hinausschmeissen, der Bub! Und das saubere Mädle, wer ist die? Alles
fremd! alles fremd! Hu!«
    Er stützte den Kopf, schüttelte sich und ächzte.
    »Ich muss eine Kur durchmachen, regelrecht ... Nun, du schlachtest wohl kein
Kalb für mich, Séfine? Wegen meiner nit! Da hausen Polen und Polacken! Pah! Hast
du keinen Wein? Wir müssen doch das Wiedersehen feiern, Frau? Hast du Geld? Sie
haben mich auf die Strasse gestellt mit fünfzig Franken. Das andere ist
draufgegangen! Alles selbst verdient und wie noch! Pah!«
    Er spie auf den Boden wie ein Fuhrknecht und lachte grimmig. Dann stand er
mühsam auf, blickte Josy scheu von der Seite an. »Zu wem komm ich da? Sag's,
Frau! Willst du mich nit? Hast keine Hand? keinen Gruss? Die Freude war zu gross,
gelt Séfine? Nun, mir ist's eins! Nit so viel frag ich nach euch! Tag und Nacht,
jede Stunde, jede Minute hab ich gebetet, hab ich gebetet: Wiedersehen, ach,
nur's Wiedersehen erleben, und dann - was danach kommt - Schweigen. Nun steht
man da, nun sieht man sich und -«
    Er machte ein paar taumelnde Schritte gegen die Tür zu, er ächzte wie ein
Greis.
    »Von Pharisäern verklagt, von Pharisäern verurteilt, von Pharisäern
gerichtet, von dem - eigenen - eigenen - einzig - und - unerschütterlich -
geliebten - verzweiflungsvoll - geliebten - eigenen - Weibe verstossen -«
    Er knickte zusammen und sank mit der Stirn gegen die Wand.
    »Wohin! wohin!« schluchzte er, »keine Hand, keinen Gruss! Gott, erbarm dich
meiner!«
    Josefine trat endlich zu ihm. Ihre Hand zitterte, ihr Atem stockte, ihre
Stimme war kalt, aber sanft. »Du sollst alles haben, Georges. Vater hat vor
kurzem Wein geschickt. In einer halben Stunde ist ein Nachtessen bereit. Wirst
auch gut schlafen nach der Anstrengung, wirst dich erholen. Die Worte alle sind
nicht nötig - du weisst wohl, wer ich bin.«
    Er wandte sich um, seine nassen Augen entüllend, sein Mund zuckte
unaufhörlich.
    »So wahr mir Gott helfe, ich werde jetzt in der Tugend leben!« sagte er
kläglich, »ich habe Gnade gefunden, meine Seele ist erweckt. Die Morgenröte ist
da! Wir werden glücklich sein, Séfine.«
    Sein Gesicht wurde wie ein Tuch, die Nase scharf und spitz - er fiel in
Ohnmacht und lag eine Stunde lang besinnungslos.
Laure Anaise half Josefine den Ohnmächtigen auf Hermanns Bett legen. Er war so
leicht, dass beide erschraken, als sie ihn aufhoben. Die feinknochige, weichliche
Gestalt knickte zusammen unter ihren Händen.
    Das schöne Mädchen blickte widerwillig auf den Hingestreckten, schüttelte
den Kopf und küsste Josefine traurig auf die Backe.
    »Ja ... aber,« begann sie.
    Josefine winkte ihr zu schweigen. »Sieh, wie krank er ist,« sagte sie mit
mahnender Stimme. Sprach sie zu jener? Mahnte sie sich selbst?
    Ihr gefrorenes Blut begann aufzutauen, ihre Backen färbten sich, der kalte
Glanz der Augen trübte sich: langsam pochte das Erbarmen.
    »Halte seine Hände hoch! Das Kopfpolster fort und unter die Füsse!«
    Sie rieb den Todblassen, brachte Äter herbei, tat alles, was in solchem
Falle als zweckmässig erkannt worden. Anfangs war sie nur Arzt. Allmählich kehrte
ihre Seele zu ihr zurück. Sie brachte es über sich, ihn anzusehen; sie vermochte
es, seine feuchtkalte Stirn zu streicheln.
    Schweige! schweige noch! flehte ihre Seele; hättest du geschwiegen - ich
wäre nicht so gewesen.
    Und mitten in ihren Bemühungen, ihn ins Bewusstsein zurückzurufen, wünschte
sie, diese Bemühungen hinauszuschieben, um ihn beklagen und bemitleiden zu
können, um ihn nicht hassen zu müssen.
    Wenn er nicht spricht, so reden diese eingesunkenen Schläfen, diese
blutlosen Ohren, diese wächsernen Lippen, dieser abgemagerte, in langer Haft
verbrauchte Körper eine unwiderstehliche Sprache, fühlte sie, und sie konnte
dieser Sprache horchen und wissen, dass sie ein Mensch war.
    Wenn er sprach - - Wer ist dies? hatte sie die ganze Zeit gedacht. Was geht
mich dieser an? Was hab ich mit dir zu schaffen, Fremder du?
    Und ein Widerwille, ein Ekel, den sie nicht bemeistern konnte, hatte sie
gepackt. Wenn er tot zu meinen Füssen läge - ich würde es nicht fühlen, hatte sie
gedacht, ganz betäubt von Entsetzen.
    Und eine Sekunde später hatte er dort gelegen zu ihren Füssen, nicht tot,
aber todähnlich, und ihre Menschlichkeit war wiedergefunden.
    Während sie sich um ihn bemühte, wurde er unter ihren Händen allmählich
wieder der Leidende, der Vergewaltigte; - mit einem ernsten mütterlichen Lächeln
begrüsste sie sein erstes Augenaufschlagen, duldete seine bebenden Hände auf den
ihren, empfing sein fassungsloses Schluchzen an ihrer Brust.
    Und auch über den Unglücklichen kam eine sonderbare Regung. Er schwieg und
weinte nur.
    Schwieg, als wolle er sich ihr ins Herz hinein schweigen.
    Weinte, als wolle er sich ihr ins Herz hinein weinen.
    Was Josefine noch einen Augenblick vorher für unmöglich gehalten - es war
geschehen: in Schweigen und Tränen hatten sie etwas von Gemeinsamkeit
zurückgewonnen, und in der Frau war der ganze starke Beschützertrieb erwacht,
als sie nun auf den Kläglichen, Gebrandmarkten in ihrem Arm niedersah.
    Ihr wurde warm, die Augen verklärten sich, eine Art Verzückung spiegelte
sich auf ihren Zügen wie in jenem Augenblick, als sie ihrem Vater so neu, so
fremdartig erschienen war. Der jammervolle Mann betrachtete sie mit offenem
Munde, scheu, angstvoll, in sich zusammensinkend. Er zog seinen Kopf aus ihrem
Arm und stöhnte: »Never! never! never! never! never!«
    Die Frau aber, noch ganz ihrem Beschützerimpulse hingegeben, verstand seinen
Verzweiflungsruf nicht, sie lächelte dazu. Lächelte wie eine Mutter einem
kranken Kinde lächelt, ernst, sanft und überlegen.
    »Du wirst gesund werden,« sagte sie tröstend, flüchtig seine feuchte, eckige
Stirn küssend und ruhig die Hände wegdrängend, die sich nach ihr ausstreckten.
    »Wenn du nur erst arbeiten kannst,« fügte sie hinzu. »Schlaf's bitzeli, bald
gibt's zu essen.« Sie verliess ihn trotz seines Widerspruchs.
Hermann schlich herauf, durchnässt und schmutzig. Er wollte sich an der Mutter
vorüber in sein Kämmerchen drücken.
    »Wieder auf dem See?« sagte sie flüsternd, »sie werden dich einmal tot
bringen, Bub. Hast schon drin gelegen, scheint mir.« Sie befühlte sein nasses
Gewand.
    Störrisch riss er sich los. »Ich war ja nit dort,« sagte er.
    »Nit auf 'm See, Hermann?«
    »Noi!«
    »Wo warst du?«
    Er gähnte, warf sein strähniges blondes Haar zurück und sagte: »Ach doch!«
    »Lügst du?« sagte die Mutter und blickte ihm ins Gesicht.
    »Meinetalb,« erwiderte er trotzig.
    »Du hast Wein getrunken, dein Atem schmeckt danach!« rief die Frau, seinen
dünnen Arm ergreifend. »Weisst doch, dass es nit gut für dich ist.«
    »Vollkommen genau weiss ich's,« murrte der Dreizehnjährige, »hast mir's ja
oft und oft gepredigt.«
    »Aber warum folgst du nit, Hermann? Weisst auch, dass du nit gut bist?«
    »Kann sein,« erwiderte der Bub.
    »Das ist keine Antwort,« machte Josefine, »rede wie sich's schickt, wüster
Bub.«
    Er schielte sie von unten an. »Mutter, du bist so klug, alle sagen, dass du
klug bist; - weisst denn nit, dass man nit gut sein kann?«
    »Wieso nit kann? Warum nit?«
    »Weil's zu schwer ist! Einfach.«
    Josefine fühlte einen scharfen Stich. »Ja, es ist schwer,« sagte sie
plötzlich leise. »Aber,« sie stand da mit gesenkter Stirn, »man muss versuchen,
Hermann! immer versuchen.«
    »Ich versuch's auch, alle Tag. 's ist mir schon langweilig worden.«
    Josefine ergriff fest seine kleine, schlaffe, schmutzige Hand und zog den
Buben in ihr Zimmer. Es war jener ehemalige Warteraum, voll von Büchern jetzt,
mit einem kleinen Schreibtisch und einer Waschvorrichtung.
    »Ich sage dir etwas, Hermannli, sprich leise, es ist ein Krankes im Haus.«
    Ihr Flüstern, ihre Dringlichkeit erschreckten den Buben; er wollte sich
losreissen, aber sie drehte sogar den Schlüssel im Schloss und stellte sich mit
dem Rücken gegen die Tür. Es war so finster, dass sie sich nicht sahen.
    »Hermannli, der Pappa ist gekommen, er ist aber krank, und man muss ihn nicht
stören, hörst es?«
    Der Bub tat einen Sprung in der Dunkelheit, tastete nach der Mutter. »Der
Pappe?«
    »Wohl! ich sag's. Es ist ihm aber nit gut gangen, Hermannli; man fragt ihn
um nichts, quält ihn nit. Weisst es jetzt?«
    »Aus Afrika?« fragte nach einer Weile der Junge in eigentümlich zweifelndem,
fast höhnischem Ton. »Oder woher?«
    Was hat er gehört? dachte die Frau, mit welchen Worten hat man sein
schwaches Herz schon vergiftet? Sie fühlte eine feindselige Kraft, die den
reichbegabten, aber innerlich haltlosen Knaben von ihr entfernte. In ihm war
etwas, das sich gegen ihren Einfluss stemmte, sie schnell reizte, oftmals
erbitterte.
    »Man verlangt von dir Gehorsam und Verstand,« sagte sie schärfer, als sie
wollte, »du bist alt genug, um zu wissen, dass viele Dinge in der Welt vorgehen,
über die man schweigt. Dein Vater hat viel Schlimmes erlebt, er muss gepflegt
werden und gute Kinder finden, die zu ihm halten und nicht zu jenen fremden
Menschen, die mit ihm hart verfahren sind.«
    Hermann schien schweigend nachzudenken. Plötzlich murmelte er vorwurfsvoll:
»Aber du hast emal geschworen, der Pappe sei in Afrika, und derweil heisst's in
der Klasse -«
    »Genug,« unterbrach ihn die Mutter, »schäm dich zu wiederholen, was die
frechen Lausbuben reden. Tu selber recht, Hermannli, sell ischt d' Hauptsach.
Wir haben kein Recht zu beurteilen oder zu verurteilen,« fügte sie seufzend
hinzu, »wir nicht.«
    »Aber - der Pappe ist mir ja der liebste auf der ganzen Welt!« sagte Hermann
verwundert. »Und vielleicht - ist er gut im Griechischen, Mamme? Im anderen
Schuljahr fangen wir Griechisch an - das wär öppis.«
Acht Tage lang hielt Josefine den Kranken im Bette fest. Anfangs widerstrebte
er, schalt und weinte, apostrophierte die Wände, beklagte seine Heimkehr, sein
Schicksal, sein Dasein, - allmählich ward er ruhiger.
    Josefine war viel bei ihm, immer in der Rolle des Arztes oder der
Krankenschwester, geduldig, sanft und fremd. Hermann kam oft in ihrer
Begleitung, allein liess sie ihn nicht zum Mann. Rösli war tagelang nicht einmal
zu einem Morgengruss zu bewegen. Sie schrie vor Angst vor dem Menschen, der sie
so wild geküsst hatte, und in dem sie ihren Papa nicht erkennen wollte. Sie hatte
keinen Papa in der Erinnerung, sie wollte keinen Papa haben, sie klammerte sich
an ihre Mama, um sie zurückzuhalten, wenn sie in Hermanns Kämmerchen ging, wo
der Kranke noch lag, - einmal schrie sie laut nach Onkel Hovannessian um Hilfe.
Es war das einzige Mal, wo ihre Aufregung von Josefine geteilt wurde ...
    Im übrigen war Josefine nie, seit Jahren nicht, so hoffnungslos ruhig
gewesen, wie sie jetzt war.
    Mein Schicksal ist besiegelt, dachte sie, ich bin nicht geboren, um
glücklich zu sein. Aber unter die Füsse will ich nicht fallen, oben will ich
bleiben, solange ich atme.
    Der Schrei ihres Kindes nach dem Einzigen, Verschollenen erschütterte sie
für einen Tag. Dann zog die ebnende Welle auch über diese Erinnerung hinweg. Ich
habe Unmenschliches gelitten, als ich ihn verlor, nun bin ich schwertfest, -
alles, was kommt, ist im Grunde gleichgültig, dachte sie achselzuckend.
    Dann fühlte sie aber doch eine Neigung in sich, ihr Leben zu gestalten, zu
bilden wie mit Künstlerhand, ihr Leben und das ihrer Umgebung. Man muss
versuchen, alles gut einzurichten, dachte sie, für Georges eine Beschäftigung
suchen, das ist das Wichtigste. Die Arbeit wird ihn heilen, wie sie mich geheilt
hat. Wer von den Hausgenossen Vernunft annimmt, soll bleiben; wer den hohen
Aussichtsturm der Moral besteigt, der kann abziehen. Ich werde offen mit ihnen
sprechen.
    Und sie ging zuerst zu Helene Begas.
    Helene schwankte zwischen Kopfschütteln und Bewunderung.
    »Du bist verrückt, liebe Josy,« sagte sie mit feuchten Augen, »du rennst dir
den Schädel ein Soviel ich sehe, gibt es hier nur eins: Scheidung. Wegziehen
kann ich nicht, denn du dauerst mich in deiner Verrannteit, und du wirst bald
einen Menschen nötig haben.«
    »Noch eine Frage: Wie wirst du mit Georges verkehren, Helene? Man muss da
etwas zartfühlend sein, Leni,« sagte Josefine trocken.
    Helene kam ein wenig aus der Fassung. Sie errötete, halb voll Zorn, halb,
weil sie sich ihrer Vernünftigkeit schämte, auf die Josefine so wenig hielt.
    »An Bernstein hast du beinah einen Verbündeten,« sagte die Matematikerin,
»wir haben uns schon gezankt über ihn und dich.«
    »Zankt euch ja immer,« lächelte Josefine; »also Bernsteins bin ich sicher.«
    Bernstein verzog das Gesicht, als Josefine ihn bat, möglichst viel seiner
Musse dem unglücklichen Georges zu widmen.
    »Ech! meine Musse! Wo habe ich eine Musse? Wäre es sehr interessant für mich,
mit diesem Mann zu sprechen! Aber ich habe keine Zeit! Man muss ein wenig mit ihm
weinen, glaube ich, aber ich habe keine Zeit! Es ist eine traurige Tatsache,
nicht wahr? Niemand hat Zeit für die Kranken und Unglücklichen! Lassen Sie mich
in Ruh, bitte sehr, bitte ergebenst, bitte hochachtungsvoll! ech!«
    Ein paarmal, in der Folge, fand Josefine, wenn sie nach Hause kam, ihren
Freund Bernstein neben Georges' Bett. Aber schnell, mit verlegenem Gesicht, zog
er sich zurück, sobald sie eintrat.
    »Glaube ich, dass dieser Mann ist sehr krank,« sagte er düster zu Helene
Begas, »nervenkrank, schrecklich, oder so etwas. Er hört nicht, was man spricht,
ihn interessiert nichts. Ich frage, womit wollen Sie sich beschäftigen? wollen
Sie vielleicht die russische Sprache lernen? Er schreit auf seine Frau, dass sie
ist schlecht, dass sie geht in Klinik, dass sie liebt ihn gar nicht, dass er will
lieber in Loch sitzen - schrecklich! Und wenn seine Frau kommt, er sagt alle
dumme Sachen, ich weiss nicht, wie sie kann anhören solche dumme Sachen, wie er
spricht. Man hat ihn vergiftet, mit den Stecknadeln absichtlich gestochen. -
Laure Anaise will ihn mit Tee verbrennen, die Kinder draussen heulen wie Hunde,
das bedeutet, dass er stirbt, - seine Frau will auch, dass er stirbt, und er will
nicht, und solche Dummheiten. Er hasst sehr Loginowitsch, ich weiss nicht, warum;
ich sage: Loginowitsch ist ein ganz ordentlicher Mensch. Er schreit: Nein, er
ist schlecht. Und immer von dieser Tugend spricht er, schrecklich! Ich sage: Wo
haben Sie diese Tugend gelernt? Er sagt: Wo ich alles gelernt habe! Man muss die
Tugend lieben, sagt er, und seine Augen sind weiss vor Wut. Ich sage: Ich glaube,
man muss etwas Positives machen, man muss sich mit etwas beschäftigen! vielleicht
haben Sie Lust, die russische Sprache zu erlernen? Er faltet die Hände, so, und
sagt: Du liebst mich nicht? gut, du wirst sehen, wirst sehen, sehen! Manchmal es
ist interessant, manchmal ganz langweilig. Und ich habe keine Zeit, Sie wissen.«
    Dann ging Bernstein nicht mehr zu Georges, und Georges schien ihn nicht zu
vermissen ...
    Loginowitsch zog aus, schon um Platz zu machen, weil doch nun einer mehr in
der Familie war. Mit Befremden fühlte er, dass Josefine ihn kühl entliess: die
Abneigung des Kranken gegen ihn war auf dessen Frau übergegangen, so schien es.
Sie entfernte sich von jedem, der, wissentlich oder unwissentlich, Georges
beleidigte.
    Und inzwischen gab es unter allen Menschen, mit denen der Unglückliche in
Berührung kam, nur einen einzigen, der ihn unaufhörlich quälte, reizte,
erbitterte, zur Verzweiflung brachte, und dieser eine war Josefine selbst.
    Sie wusste halb darum, wollte es aber nicht wissen. Sie vermied alles
Nachdenken über diesen Punkt als etwas Widriges, Niederziehendes,
Entwürdigendes. Mit derselben kühlen Ruhe, mit der sie an jenem ersten
Wiedersehensabend die sehnsüchtigen Arme des Heimgekehrten von ihren Schultern
entfernt hatte, scheuchte sie alle Gedanken über Georges' auf sie gerichteten
Gefühle oder Wünsche. Und etwas Unpersönliches, Abstraktes wuchs in ihrem
Verhalten gegen alle, gegen den Vater selbst.
    Plattner hatte bald nach des Schwiegersohns Rückkehr einen Brief gesandt,
einen angstvollen Brief, in dem die bewegte Vaterliebe wie zartes grünes
Feinlaub zwischen den eckigen Steinbrocken der nüchternen Worte hervorbrach.
    Josefine antwortete so:
    Es geht über Erwarten gut, mein lieber Vater. Georges hat seit seinem
Hiersein drei Pfund zugenommen, die Herztätigkeit ist intensiver und
gleichmässiger geworden, der Husten quält weniger. Die Lunge ist gesund, da ist
keine Sorge. Dass die Stimmung des Patienten noch daniederliegt, ist erklärlich.
Aber diese Depression zu entfernen, muss jetzt das Hauptbestreben sein. Georges
sollte eine leichte körperliche Beschäftigung haben, die ihm etwas Frische gibt.
Bücher liest er nicht; es ist, als ob er das Lesen verlernt hätte; er grübelt
nur, und das ist in seinem Zustande schädlich. Bitte, schicke deine Drehbank,
die kleinere, die du nicht benutzest. Meine wackeren Hausgenossen, wie du sie
nennst - und mit Recht nennst! - sind leider sehr zusammengeschmolzen. Zwicky
ist fort nach Wien, die Kinder entbehren ihn sehr. Es ist möglich, dass ich auch
Helene verliere; wenn sie ausstudiert hat, kehrt sie jedenfalls nach Deutschland
zurück.
    Meine Schlussprüfungen schiebe ich nicht hinaus, fürchte nichts, lieber
Vater. Die Ereignisse dieser letzten Wochen drängen mich zu möglichst schnellem
Studienabschluss. Ich werde nicht als Assistentin dienen, wie du vermutest,
sondern sofort mein Wartezimmer für Patientinnen öffnen. Die Arbeit ist mir
alles.
                                                          Deine dankbare Tochter
                                                                           Josy.
    Nachschrift. Deine Nachricht über Ulis treffliche Entwickelung sei herzlich
verdankt. Mein Kleinod ist am sichersten bei dir; ich kann ihn jetzt nicht
sehen; es ist zu viel, was auf mir liegt. In seinen Kinderzügen trägt er dein
Gesicht, mein Vater, das ist meine Freude. D. O.
    Plattner las diesen Brief mit zusammengezogener Stirn und langem
Kopfschütteln. Er kopfschüttelte über das, was zwischen den Zeilen stand. Fragen
tauchten auf, die nicht beantwortet wurden, - auch nicht durch das, was zwischen
den Zeilen stand. Zartgefühl verbot diese Fragen. Der alte Plattner errötete bis
in seinen grauen Bart ...
    Einen Augenblick dachte er daran, die Drehbank selbst nach Zürich zu
bringen, Josefine zu sehen. Er gab den Plan sofort wieder auf. Zwischen ihr und
mir steht die Fratze, dachte er bitter, keinen Fuss setz ich wieder über die
Schwelle.
    Dann begab er sich an die verstaubt im Winkel stehende Drehbank und putzte
einen halben Tag lang daran. Zornig rieb er jeden Rostflecken, jedes Stäubchen
weg. Sein Ärger wuchs mit dem Schweiss, den er bei der Arbeit vergoss. »Für wen?
heiliger Gott, für wen,« murrte er. »So ein Starrkopf von einem Weib! drillt
mich, drillt ihren alten Vater wie einen Zwirn! Und man gehorcht, wahrlich, man
gehorcht.«
    Die Drehbank wurde eingepackt. Der Transport war sehr teuer und umständlich.
Der alte Plattner wetterte noch auf dem Rückwege.
Der Heimgekehrte sass den grössten Teil des Tages und starrte die Decke an.
    Auf seinem Kopfe wuchs junges Haar, weisses und rötliches durcheinander, in
seinem Kopfe wuchsen neue Vorstellungen vom Weibe im allgemeinen und von der
Frau, der er wieder habhaft werden wollte, und die sich ihm ohne Mühe und
Aufsehen, aber still und beharrlich entzog.
    Die ganze Welt war auf den Kopf gestellt, seit man ihn eingekerkert hatte.
Nicht in sein Haus war er zurückgekehrt, sondern in das seiner Frau; »der graue
Ackerstein« war seiner Frau untertan, und allein ihr Wille war es, der darin
regierte. Die Dienstboten, zu denen er Laure Anaise mit Unrecht hinzuzählte,
waren von Josefine angestellt, hielten eng zu ihr, waren nur ihr Rechenschaft
schuldig. Die Hausgenossen hatte sie hereingezogen und zu ihren Freunden
gemacht. Die Kinder waren ihre Kinder, ihr folgten sie, ihr gehorchten sie, vor
ihr hatten sie Respekt, ihr suchten sie zu gefallen, ihr vertrauten sie.
Besucher kamen, aber sie kamen nur zu ihr, an der Tür ward nur nach ihrem Namen
gefragt, an ihre Tür klopften sie; nur für sie brachte der Postbote Briefe,
Drucksachen, ganze Stösse oft, - ihn suchte weder Mensch noch Briefe. Seine
Bücher, deckenhohe Regale voll wissenschaftlicher, meist
spezialwissenschaftlicher Bücher, waren in ihren Besitz übergegangen; sie
studierte sie, exzerpierte sie, schlug darin nach, hatte Haufen davon auf ihrem
Schreibtisch, der sein Schreibtisch in der Studentenzeit gewesen war. Er
brauchte keine Bücher jetzt, er brauchte keinen Schreibtisch. Die Bücher waren
ihm stumm, sagten ihm ihre Geheimnisse nicht mehr, blickten ihn hochmütig und
verächtlich an mit ihren Goldtiteln und stolzen Namen. Aber ihr waren sie
beredt, zu ihr sprachen sie verständnishoffend, - Verständnis findend.
    In seinem ehemaligen Wartezimmer sass Josy an seinem kleinen
Studentenschreibtisch, und den grossen Schreibtisch, den er besessen, benutzte
nun Bernstein. Er begann Bernstein zu hassen wegen des Schreibtisches. Er konnte
seine Stimme nicht mehr hören. Wenn Josy mit dem Russen etwas Sachliches,
Wissenschaftliches sprach, so zitterte er vor Neid und Missgunst. Mit ihm sprach
sie nur Alltägliches, absichtlich, um ihn zu demütigen, so schien es ihm. Alles
geschah hier, um ihn zu demütigen. Das Messingschild an der Tür mit seinem Namen
darauf hing dort, um ihn zu verspotten; »die Etikette ist geblieben, das seltene
Präparat aber ist fort.« Sein altes Wartezimmer hiess nur deshalb noch
Wartezimmer, weil Josy bald approbierter Arzt sein würde. Josy würde Arzt sein,
in seinem ehemaligen Warteraum würden Josys Patientinnen sitzen und auf sie
warten, während er in irgend einem Hinterzimmer an der Drehbank bastelte.
Verwünschtes Leben! Als ein Lebendigtoter sass der Unglückliche da, als ein
nackter Beerbter, der, aus dem Grabe zurückgekehrt, seinen Platz ausgefüllt,
seine Kisten und Kasten ausgeleert findet. Der Mann, der von der Natur dazu
bestimmte Platzergreifer, Inbesitznehmer war verdrängt und ohnmächtig gemacht
durch das Weib, durch die von der Natur dazu bestimmte Untergebene,
Untergeordnete, durch den Menschen zweiter Sorte, und aus den Händen dieses auf
den Tron gelangten Sklaven sollte der rechtmässige, enttronte Herrscher sogar
das Leben, das Brot, das ihn ernährte, empfangen!
    Dumpfe Verwunderung, verbissene Wut mischte sich in die qualvolle Ohnmacht
des Verschmähten. Er entwarf Pläne zur Überlistung der gefährlich starken und
unangreifbar gut stehenden Gegnerin; er meinte, sie sei nur deshalb so stark und
selbständig geworden, weil sie sich der Unterjochung durch die Liebe entzogen
habe. Er nahm den Begriff der Liebe so niedrig wie möglich und redete sich ein,
wenn er sie unter diese Liebe zwänge, dann würde sie so schwach werden wie er
selbst. Er lechzte danach, sie schwach zu sehen. Das natürliche Gleichgewicht
der Geschlechter schien ihm gestört durch diese starke Frau, die er als zartes,
nachgiebiges, liebevolles Mädchen kennen gelernt, die er zu heftiger, aber
kurzer Leidenschaft entflammt, die er demütig und ergeben das Frauenlos an
seiner Seite tragen gesehen, die er durch sein Verbrechen mit bürgerlicher
Schande bedeckt, die er bei seiner Verurteilung als weinendes, zerbrochenes,
unglückliches Weib zurückgelassen, und die sich während dieser Jahre langsamen
Absterbens für ihn so unerwartet verwandelt, so neu und eigenartig entwickelt
hatte. In den ersten Zeiten, als er sie für gefühllos hielt, tröstete er sich
damit, dass auch sie in gewissem Sinne abgestorben sei, aber dann kamen bald
Augenblicke, wo ihre Augen glänzten im Feuer des innigsten Anteils, wo es wie
prophetische Begeisterung in ihrer Rede klang. Mit Hass und Verwunderung bemerkte
er diese neue und ihm ganz fremde Jugendfarbe in ihren Zügen, in ihrem ganzen
Wesen, sobald die grossen Fragen der Menschheit gestreift wurden. Sie hatte also
Gefühl zu geben, ihr Herz schlug stark und heiss, stärker und heisser als in jener
Zeit, da sie sein gewesen, - aber ihm, dem Verdrängten, Beerbten, Verhöhnten,
Verratenen, Kleingemachten galt kein Schlag mehr dieses starken heissen Herzens.
Ohne einen Schatten des Vorwurfs für ihn, aber auch ohne Erbarmen, ohne
Bedauern, mit männlicher Rücksichtslosigkeit hatte sie ihn in das Nichts
hinabgestossen, und ihre Güte und Nachsicht war Beleidigung, war Verdammung.
    Schrie er ihr wilde Vorwürfe entgegen, so behandelte sie ihn als Kranken,
bat ihn, sich nicht aufzuregen, eine beruhigende Arznei zu nehmen, seine
Gedanken auf andere Dinge zu lenken. Weinte er vor Ohnmacht und Hilflosigkeit,
so sprach sie von Hysterie, brachte Schlafmittel, verwies ihn auf seine
Drehbank, bestellte ein interessantes Reisewerk in der Buchhandlung, da er
medizinische Bücher nicht anrühren mochte, seit ihm die Ausübung der
Medizinkunst verboten war.
    Einmal fand er einen angefangenen Brief:
    »Lieber Vater, es geht uns sehr gut; Georges beginnt mit Eifer an der
Drehbank zu schaffen. Er hat schon ein paar Serviettenringe gemacht.« Nach
Lesung dieser Zeilen bekam Georges einen Wutanfall, in dem er die Drehbank zu
zertrümmern versuchte. Sie war von Eisen und widerstand ihm. Die paar
Schräubchen, die er mühsam zerbrochen, liess Josefine am nächsten Tage wieder
ergänzen; er hatte ihr erzählt, dass ein Knorren im Holz die Beschädigung
angerichtet habe.
Helene Begas war eine heimliche Raucherin, wie es heimliche Trinkerinnen gibt.
Da sie das Rauchen für ein Laster hielt, zugleich aber sich einbildete, dass die
ganze Welt oder wenigstens ganz Zürich auf die Studentinnen sähe, um ihre
schlechten Gewohnheiten in der Zeitung bekannt zu machen, so pflegte sie
allerlei Vorkehrungen zu treffen, ehe sie sich das leidenschaftlich geliebte
Kraut anzündete. Die Fenster wurden geöffnet, die grünen Jalousien fest
geschlossen, die Vorhänge zugezogen, das Schlüsselloch verstopft. Dann liess sie
ihre vollen Haare herunter, warf den Rock ab und legte sich in Pumphöschen aufs
Sofa, die Zigarette im Munde, das Schächtelchen neben sich. In solchen Stunden
kam sie sich welterobernd, revolutionär, gefährlich vor und dachte mit Entzücken
an die entsetzten Mienen ihrer gut bürgerlichen Familie, falls diese sie jetzt
erblicken würde. In ihrer Naivetät glaubte sie, dass niemand, auch Josefine
nicht, von ihrer Leidenschaft wisse, obgleich der scharfe Duft in ihren Kleidern
hing und ihr Zimmer ganz imprägniert hatte.
    Es war etwa vier Wochen nach Georges' Heimkehr, tief in der Nacht. Josy war
vor einigen Minuten aus der Frauenklinik gekommen, hatte die Flurlampe gelöscht
und sich sofort in das grosse Eckzimmer begeben, in dem sie mit Rösli und Laure
Anaise schlief. Sehr still war es. Die rauchende Studentin hatte Laure Anaises
Atemzüge durch die dünne Wand gehört, dann Josefines Schritte dort nebenan, sie
hörte sie die Uhr aufziehen, ihre Hände waschen.
    Unermüdlich, diese Josefine, dachte Helene und drückte sich tiefer in die
Sofakissen. Es war so schön warm, sie hatte zum erstenmal Feuer heute abend, und
ihre Zehen dehnten sich so wohlig in den kleinen braunen Lackschuhen auf der
Sofalehne.
    Plötzlich fuhr sie zusammen: irgend ein ungewohnter Ton, etwas wie ein
erstickter Schrei war erklungen. Schrie Rösli im Schlaf? Nein, es wurde ja gar
nicht geschrien, es war ja wie ein Scharren auf dem Boden, ein lautes Seufzen,
ein schwerer Gegenstand erbebte, fiel, dann eine flüsternde Stimme: »Nun? was?
was war das?«
    Dann Laufen auf blossen Füssen, etwas wie ein Rütteln, Stampfen ohne Schuhe,
wieder Seufzer, Gemurmel, endlich nahende Schritte, ein Griff an Helenes Tür ...
    Schläge ...
    Helene Begas warf ihre Zigarette von sich, suchte den Türschlüssel auf der
Tischdecke, steckte ihn ins Schloss, blies die Lampe aus und fragte mit
beklommener Stimme: »Wer?«
    »Leni!« flüsterte es draussen.
    Die Studentin öffnete, und Josefine fiel ihr in die Arme, drängte sie ins
Zimmer zurück und drehte selbst den Schlüssel um. Sie war ausser Atem, ergriff
Lenis Hand und hielt sie wie mit Zangen fest. Die Studentin sah angstvoll an ihr
hin. Josy hatte das Kleid abgelegt, mit der Linken drückte sie einen kleinen
dunklen Gegenstand an die entblösste Brust.
    Helene fuhr ihr mit der Hand übers Gesicht, es war wie mit kaltem Schweiss
bedeckt, die Haare klebten an der Stirn.
    »Behalt mich hier,« sagte sie, »ich kann nicht dortin.« Ihre rauhe Stimme
brach einen Augenblick, ein unwillkürliches Schluchzen bewegte ihre Brust.
    »Nein, aber das - -« begann Helene.
    »Zünde an, Leni. Ach, so ein Weib zu sein! Nun, wo sind deine Hölzli?«
    Josefine zündete selber die Lampe an, ihr Gesicht war bleich und feucht,
aber voll Entschlossenheit. Sie wandte sich zum Ofen: »Du hast noch Feuer? Ist
gescheit.« Sie nahm den kleinen Gegenstand von der Brust, lächelte sonderbar,
ingrimmig und entschieden, hob das Säckchen empor und blickte es an, indes sie
zum Ofen niederkauerte. Im Feuerschein glühte das rote Seidensäckchen mit den
krausen Zeichen darauf.
    Josefine zog das rote Schnürchen auf und griff in das Säckchen; eine
handvoll brauner knitteriger Blätter kam zum Vorschein. Sie drückte ihren Mund
hinein, sog den Atem der verdorrten Rosenblätter in sich und warf dann eins nach
dem andern in das ersterbende Feuer ...
    Zuletzt zog sie zwei dünne Briefbogen hervor mit einer feinen, zarten
Schrift. Sie warf sie in die Flammen, ohne zu zögern. Dann küsste sie das
Säckchen, als sei dies das kostbarste von allem, sie biss hinein, und ihr starres
Gesicht war plötzlich tränenüberströmt, die Stirn tief gerunzelt.
    »Was liegt daran?« sagte sie dann und warf auch das rote Säckchen in den
Ofen. Es verkohlte langsam, schwelte so hin, die goldenen Buchstaben, lauter
Glücksverheissungen, wurden schwarz und russig. Als es verbrannt war, war auch das
Feuer schwarz und leblos, nur ein paar rötliche Funken irrten noch in dem
Zunder. Josy drückte sie mit der Kohlenschaufel zusammen.
    Dann stand sie auf und setzte sich auf einen Stuhl. Sie hatte Helene Begas
ganz vergessen.
Helene aber sass in der Sofaecke und beobachtete sie, sprachlos vor Trauer und
Mitleid. Leise legte sie der Freundin ein Tuch um die nackten, bebenden
Schultern. Josefine schien es nicht zu fühlen. Wie aus tiefen Überlegungen
heraus sagte sie emporgewendet: »Kannst du den Répin nehmen? Es wäre schade - -«
    Sie vollendete nicht, sondern stand auf. »Dann bring ich das Bild sogleich.«
    »Nein, morgen! ich fürchte - -« Helene wollte die Tür zuhalten.
    »Was fürchtest du?« Josy lächelte spöttisch. »Meinst, ich fürcht ihn?«
    Ihr Blick war so, dass die Matematikerin einen Furchtschauer empfand.
    »Ich dachte, er schlüge dich, Josy,« sagte sie stockend.
    Josefine lachte drohend: »Er - mich? O weh!« Sie besah ihre Hände.
    Helene sprang zurück: »Josy!«
    Als Josefine düster schwieg, näherte sie sich ihr und fasste schwesterlich
ihren Arm.
    »Ich denke übrigens,« sagte die Studentin flüsternd, »vielleicht - wenn du
ihn doch wieder auf-und angenommen hast - aber ich verstehe wohl nichts von
Gefühlen -«
    »Nein, du hast recht! verstehst nichts davon- -« Josefine musterte sie.
    »Ich meine aber doch, so, teoretisch gesprochen, was für einen Wert oder
was für eine Wichtigkeit legst du hier einer Sache bei, die schliesslich doch
weit untergeordnetere Bedeutung hat als eure bürgerliche Gemeinschaft?«
    »Glaubst du?« fragte Josefine mit eindringlicher Betonung und mit dem
erschreckenden Lachen. »Untergeordnete Bedeutung? glaubst du?«
    »Ja, ich meine, Josefine, bist du nicht grausam?«
    Die Frau zuckte die Achseln. »Weiss nicht. Interessiert mich nicht.«
    »Ja, aber, sieh, du bist doch sonst so gut, so verständig auch, so klar -«
    Josefine senkte den Kopf, als ob eine Sturzwelle von Vorwürfen sich über sie
ergösse. Der geneigte Nacken mit dem schweren Haar gab ihr einen rührenden,
demütigen Reiz in Helenes Augen.
    »Du kannst ihm schliesslich nicht verdenken, dass er dich liebt,« sagte sie an
Josefines Ohr, »wir lieben dich ja alle! Wie hat Hovannessian dich geliebt!«
    Über Josefines Nacken rann ein Schauer. Seufzend richtete sie sich auf. »Was
sprichst du? schäm dich auch.« Dann schob sie Helene zurück. »Meinst, ich könnte
- aus irgend einem Grunde in der Welt - einem zu eigen sein, den ich nicht
will?« fragte sie, rot vor Scham, »meinst du das? Und wenn der Himmel einfällt -
wenn ich ihn damit aufhalten soll - -« Sie schleuderte etwas von sich mit der
linken Hand, wiederholte dann diese Bewegung noch heftiger und wie im äussersten
Abscheu mit beiden Händen.
    »Das ist das einzige, was unmöglich ist,« stammelte sie, »und wenn es die
Hölle hier wird - ist mir gleich! Ich fürchte nichts! Er wird schon lernen. Wir
müssen unter Menschen gehen, Leni, er muss wieder Selbstgefühl kriegen ...«
    »Und du glaubst, das sei ein Ersatz für -«
    »Was verlangst du von mir?« rief die Frau gereizt, »bin ich ein Mollusk, ein
Tier? Lieben, wen ich mag, gehören, wem ich mag - das ist mein Menschenrecht.«
    »Als verheiratete Frau hast du kein Recht - -«
    »So? so? das denkst du? so feig denkst du, Mädle, so gering von dir und
uns?« schrie Josefine.
    Helene war etwas beleidigt. Sie zog sich hinter den Tisch zurück. »Wenn ich
mich einmal versagt habe, wenn ich gebunden bin - dann bin ich eben gebunden,«
sagte sie verwundert. »Zugleich gebunden und frei - das versteh ich nicht.«
    »Ja, wer alles verstünde!«
    »Bist eben doch inkonsequent, Josefine.«
    »Mag sein.«
    »Aber das ist nicht gut.«
    »Wer ist immer gut? Man tut, wie man muss.«
    »Und wenn er wieder - Exzesse - macht?«
    »Ja!«
    »Und wenn er wieder Exzesse macht, sag ich?«
    »Und ich sage ja!«
    »Was dann?«
    »Weiss nicht.«
    »Josy!«
    »Ja?«
    »Du bist hart.«
    »Das Leben ist mit mir hart.«
    »Vielleicht, wenn er sich wieder zurückfände, zu dir -«
    »Nie! niemals.«
    »Niemals? das ist ein unhaltbares Wort zwischen Menschen, Josy, das sollte
man nie aussprechen.«
    »Und ich sag's noch einmal!«
    »Nun - dann - gib ihn frei, Josy, lass ihn eine andere finden! Als
Medizinerin - -«
    Josefine hielt sich die Ohren zu, Helene war unerbittlich.
    »Siehst du nun, wie schwer das ist? Siehst du nun, was du auf dich genommen
hast? Viel zu unbedacht hast du gehandelt, hast dir Übermenschliches zugetraut!
Aber jetzt, nicht wahr, jetzt fürchtest du dich doch, dass du dich beschmutzen
könntest? jetzt wärst du selber froh, wenn du getan hättest, wie alle Leute dir
rieten? Josy, wirklich, ich habe dies kommen sehen! Sobald ich deine Geschichte
erfuhr, und dann, als ich ihn mit Augen sah-«
    Josefines hartnäckiges Schweigen ermunterte die Matematikerin immer mehr.
Mit einer Art Triumph sprach und sprach sie - ihre Genugtuung, recht zu
behalten, war so gross, dass sie ihr Mitgefühl für die Freundin erstickte.
    »Du willst mit Menschen verfahren wie mit Schachfiguren, Josy, so einfach
verfügen: stehe hier, aber keinen Schritt darfst du selbständig tun! Das lassen
die Menschen sich aber nicht gefallen! Die haben auch ihren Willen, ihre
Individualität, ihr Ich. Passt es ihnen zufällig, so werden sie wohl stehen
bleiben; passt es ihnen nicht, so kümmern sie sich wenig um deinen Willen. Solche
künstliche Schranken aufrichten - das ist sehr leicht, aber die anderen zwingen,
diese Schranken zu achten, das ist ganz was anderes!«
    Hilflos, müde, mit verfallenem Gesicht hockte Josefine im Sessel. Nicht nur
die Worte, auch die Gedanken versagten ihr.
    »Ich brauche etwas Schlaf - früh aufgewesen -« murmelte sie, die Augen
schliessend; ihr Kopf mit der eckigen Wangenlinie und den abwärts gezogenen
Mundwinkeln sank zurück. Sie schlief nach wenigen Minuten. Fräulein Begas schob
ihr ein Kissen hinter den Kopf - mit einem kindlichen Lächeln, das sie ganz
verjüngte, dankte Josefine, ohne die Lider zu öffnen.
In dem stummen, unterirdischen Kampfe, der da im »Grauen Ackerstein« zwischen
niederzwingenden und emporreissenden Gewalten geführt ward, gab es
Waffenstillstand.
    Wie der Tiger, der den Sprung verfehlt hat, so war Georges in seine Stube
zurückgeschlichen, gedemütigt, unterjocht, mit lahmen Gliedern.
    Er arbeitete an der Drehbank die nächsten Tage. Kam jemand zu ihm, so
erhielt er von dem Emsigen kaum einen blöden, leeren Blick, ein mattes Gemurre;
er ass sehr stark, schlief viel, führte eine Art Pflanzenleben.
    Seine Frau war ganz durch Vorbereitungen zum Staatsexamen in Anspruch
genommen. Dazwischen kamen Sorgen wegen der Dissertation.
    Josefine hatte eine grosse Anzahl Mikrophotogramme für ihre Abhandlung
bereit, deren Wiedergabe im Druck unerwartete Schwierigkeiten verursachte.
    Sie kam mit einem misslungenen Cliché zu Georges, um seine Meinung zu hören.
Ganz unbefangen kam sie, frisch und eifrig; wie Mann zum Manne sprach sie zu
ihm.
    Es war das erste Mal, dass sie sich nach jener furchtbaren Nachtszene allein
miteinander befanden. Bei den Mahlzeiten waren stets die Pensionäre und die
Kinder wie ebenso viele abstumpfende Widerlager zwischen ihnen.
    Scheu und feindselig hatte sich Georges in die Ecke zurückgezogen, als
Josefine mit ihrem entschlossenen, unbekümmerten Schritt hereinkam.
    »Sieh,« sagte sie, ihm das Blatt hinhaltend, »da lueg auch, was sie mir
hingesudelt haben! Kein Detail erkennbar! eine graue Sauce! bin fast
untröstlich, wenn man mir die Sach so verderbt.«
    Lange verstand er nicht, was sie wollte, guckte mit zitternder Unterlippe
das Blatt an, seufzte auf.
    »Das Negativ war nicht so, versteht sich,« fuhr die Frau fort, »vielleicht
en wenig dichter als die besten, aber so ist's halt unbrauchbar, gelt?«
    Georges hielt das Blatt vor die Augen, zuckte die Achseln und legte es hin.
»Undeutlich. Wertlos,« sagte er knurrend.
    Josefine lebte auf: »C'est ça! Undeutlich und wertlos! Was macht man?«
    »Eine neue Kopie halt.«
    »Er hat's bereits fünfmal versucht, es wird nüt.«
    »Ja, da ist's Negativ schuld.«
    Die Frau nickte. »Fürcht es auch. Aber dann -«
    »Neue Aufnahme,« sagte der Mann teilnahmlos. »Neue Aufnahme machen,« er
hüstelte hinter der Hand.
    »Glaubst es? aber woher die Zeit nehmen?« rief Josefine bestürzt. »Und noch
sechs, sieben andere von der Schnittserie sind so verwischt. Heisst also sieben,
acht neue Aufnahmen machen.« Sie schüttelte den Kopf. »Undenkbar.«
    Auf einmal zuckte ein Gedanke hell über ihr Gesicht. »Mach du sie, Georges.«
    Er prallte zurück vor ihrem aufleuchtenden Auge, vor ihrer lebhaft
gestikulierenden Hand, vor dem werbenden Willen, der, ihr selber unbewusst, wie
eine Flamme aus ihr hervorbrach. Kein Wort erwiderte er.
    Aber freudig und zuversichtlich kam sie näher. »Ich bringe dir alles, trage
die ganze Geschichte zusammen! Die Präparate sind ja sämtlich vorhanden,
deutlich numeriert. Du verstehst das so ausgezeichnet, hast's ja mich gelehrt,
Georges.«
    »Geh zu deinen Polacken!« grollte er und drehte ihr den Rücken.
    Die Frau folgte ihm in den Winkel. »Tu nicht so wüst, du! Gelt, Georges, du
hilfst mir aus? aber ob's da heroben still genug ist? Der Tram fährt, dass der
Boden schüttert und das Haus bebt -«
    »Nachts fährt kein Tram,« sagte der Mann, widerwillig interessiert.
    Josy nickte wieder. »Ja, auch ich hab die Aufnahmen nachts gemacht. Drunten
im Laboratorium freilich. Aber es ginge auch hier.« Sie musterte die Drehbank.
    »Die steht fest,« sagte er »und horizontal.«
    »Eben das.« Sie strich über die Fläche. »Du wirst sie tausendmal besser
machen, als meine sind,« lockte Josefine.
    »Tausendmal!« höhnte er, eine widerwillig lächelnde Grimasse machend.
    »Man kann dann schreiben, dass die Abbildungen von dir sind, Georges.«
    »Oh - Handlanger für dich -« murrte er, argwöhnisch und gequält, »dazu taug
ich noch, gelt?«
    »Und es liegt dir doch auch daran, dass mein Buch - mein erstes Buch - sich
möglichst gut präsentiert,« fuhr Josefine unschuldig fort.
    Ihre Naivetät machte ihn verdutzt.
    »Nun ja,« sagte er, »wenn du's so annimmst -«
    Sie lief fort, um das Mikroskop und die Präparatserie zu holen; wenn Georges
wieder Interesse an wissenschaftlichen Arbeiten bekam, dann sah die Zukunft für
ihn nicht so trostleer aus.
Sowie sie hinausgegangen war, geriet Georges in eine fiebernde Wut. Mit Hast
verriegelte er die Tür, lehnte sich mit dem Rücken dagegen, die Hände geballt,
die Zähne aufeinander gebissen. So horchte er auf ihren schnellen Schritt, auf
ihr Klopfen. Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis sie kam. Er verging vor
Ungeduld, Widerwillen und Verlangen. Frostschauer zogen sich von seinem kahlen
Kopfe, auf dem jedes neue Härchen auf und nieder bebte, abwärts über seine matte
Haut. Er entblösste seinen hageren Arm und sah das Zusammenziehen der Haut zu
kleinen Inseln, das Beben des Blutes in dem dunkel und wie obenauf liegenden
Aderngeflecht.
    »Ah, misérable,« stöhnte er, den Arm streckend und anziehend und mit dem
Zeigefinger der Rechten das schwache Muskelspielverfolgend, - »malheureux que je
suis!«
    Das Fenster war mit von aussen anklebenden gelben Blättern fast bedeckt, ein
gelbes Dämmerlicht kam herein und machte alle Farben fahl und krank; der
nüchterne Raum, die schwarze Drehbank - es war ihm, als sei er hier angekettet,
mit Eisen an diese Drehbank geschmiedet, als sei er in einem viel
entsetzlicheren Gefängnis jetzt als zuvor.
    War es das, wonach er sich fünf fürchterliche Jahre lang gesehnt hatte? War
es das?
    »Öffne, bitte!« rief Josefine draussen, »ich habe keine Hand frei.«
    Er stellte sich taub, schlich auf den Zehen ans Fenster, streckte den Kopf
durch die offene Luftscheibe, liess sie drei-, viermal rufen.
    Sie hatte inzwischen ihre Hand frei gemacht und klapperte an dem Drücker.
    »Verschlossen? warum?« hörte er sie sagen.
    Dann kam er mit grossem Gepolter und riegelte auf.
    Sie musterte ihn erstaunt. »Schliefst wohl?«
    Er rieb sich die Augen, dehnte sich, gähnte, schwieg.
    »Gut, ich will dich nicht lange stören. Schlafe weiter. Hier ist alles. Du
findest dich schon zurecht.«
    Er sprach noch immer nicht und hielt sie eben dadurch zurück.
    »Mein Instrument kann nicht schuld sein,« sagte sie, sich zu dem blanken
Mahagonikasten beugend; »das ist noch immer tadellos. Sieh selbst.«
    Als er sein eigenes Mikroskop wieder erblickte - eines der letzten sehr
vervollkommneten Instrumente, das er wenige Monate vor seiner Verhaftung
angeschafft hatte -, brach seine Fassung. Er weinte mit zusammengebissenen
Zähnen. Er hatte dieses grosse prächtige Instrument geliebt, wie ein Künstler
sein Werkzeug liebt.
    Josefine begriff sofort und wurde sehr verlegen. Mit zugeschnürter Kehle
begann sie, so als ob ihr dieser Gedanke spontan komme, von seiner Zukunft zu
sprechen: »Wissenschaftliche Arbeit - schriftliche meine ich - das ist
eigentlich dein Feld, Georges, dort wirst du etwas leisten, und niemand kann dir
wissenschaftliche Arbeit verbieten! Das gibt's nicht, so weit reicht ihre Macht
denn doch nicht. Man wird vielleicht auch etwas zusammen herausgeben, du und ich
gemeinsam, - wie denkst du?«
    »Ziemlich stark abgenutzt,« sagte er mühsam und strich über eine abgestossene
splitternde Ecke des Mahagonikastens. »Schade!«
    Eine Uhr schlug. Die Frau schnellte auf: »Also heute nacht? willst du?
Schlafe aber im voraus, sonst wirst du verkürzt, und du brauchst viel Ruhe!
Sieben Aufnahmen, und jede circa eine halbe Stunde - da wirst du fast die ganze
Nacht dran rücken müssen! Ich laufe jetzt! Ade! Dank dir zum voraus!«
    Sie ging, und er riegelte sich wieder ein. Nicht einmal die Hand gegeben!
Dann warf er sich aufs Bett und grübelte. Er sah sie, blau im Gesichte und
veratmend auf dem Boden liegen, auf dem Boden dieses Zimmers, lang hingestreckt
neben der Drehbank. Und er, er kniete auf ihr, zerriss ihre Kleider, zerfleischte
sie, wühlte in ihrem wehrlosen unterjochten Leibe, berauscht vom Geruch des
frischen Blutes. Und dieser Geruch des frischen Blutes, ihm bekannt von mancher
Operation, wo er ihm immer wie einen seltenen Wohlgeruch empfunden hatte, -
diesen Geruch glaubte er plötzlich um sich in der Luft zu spüren, aufreizend und
peinigend und lastend schwer. In Konvulsionen der Lust und des Grausens wand er
sich auf seinem Bette. Gehasste und geflohene Bilder aus der Vergangenheit wurden
zu lebendigen Szenen, die sich mit furchtbarer Anschaulichkeit, mit Geschrei und
Gewimmer hier vor ihm, zwischen dem Bette und der Drehbank von neuem abspielten.
Er sah verzerrte Köpfe auftauchen, verkrampfte Glieder zuckten - aus dunkeln
Kleidern - weiss und rosig hervor. Plötzlich füllte sich die ganze Luft mit
blutigen Teilen menschlicher Leiber, und alles das wollte über ihn stürzen,
wollte ihn zudecken, ihn begraben. Er entwischte durch ein Fenster und wurde von
einer Bergspitze heruntergeschmettert ... dann lag eine kalte Leiche auf ihm und
presste ihn, Mund auf Mund, Brust auf Brust, Glied auf Glied, in die weiche
feuchte kühle Erde hinein.
Mit verklebten Augen, mit verklebter Zunge taumelte er auf ... Es hatte gepocht
...
    Durch die geschlossenen Lider hindurch fühlte er, dass es Tag war.
    So matt, so weich - wie zerschmolzen fühlte er sich. Aber der Blutgeruch,
das Gewimmer vor seinen Ohren war nicht mehr da.
    Er sah sich um wie ein Nachttier, das ein Versteck sucht.
    Warum pochten sie an seine Tür? Hatte er wieder etwas begangen?
    »Ich bin unschuldig! wahrhaftig: ich bin unschuldig!« stammelte er und
verkroch sich unter die Decke. Aber gleichwohl sah er, dass die Tür aufging, und
dass jemand hereinkam.
    Er verkroch sich noch tiefer, und nun sah er noch besser, sah zwischen
seinen Zehen hindurch nach den vielen Menschen, die hereinkamen.
    Sie kamen, kamen, aber das Zimmer wurde nicht voll. Ein paar schwarze Herren
drehten sich in der Mitte herum, die anderen gingen in die Wände hinein, ohne
jede Schwierigkeit.
    »Hier ist das Gebiet der Hallucinationen,« sagte er, und dann hielt er eine
Rede über die Hallucinationen. Jemand lachte aus der Ecke, die Versammlung wurde
aufgelöst. Er schlug auf den Tisch, erhitzte sich, schrie: »Realität? Hier haben
Sie die schönste Realität, meine hochverehrten Anwesenden! Kein Arzt leugnet Sie
oder sie, - denn das ist im Grunde ganz das nämliche, Sie oder sie, meinen Sie
nicht? Willkürliche Striche kann jeder machen, aber was gewinnen Sie damit? Ich
rede aus Erfahrung, aus blutiger und, ich darf wohl sagen, unangenehmer
Erfahrung. Ob jemand durch die Tür hereinkommt, oder ob er aus der Wand
hervorkriecht oder so von der Decke herunterspringt, was für ein Unterschied ist
zwischen diesen Jemanden, wenn sie sich unverschämt, einisch, aufdringlich an
einen Menschen heranmachen, - sagen Sie selbst! Die Krone der Unverschämteit
ist ja gerade dieser von der Decke Heruntergesprungene, denn wie Sie alle
wissen, kann der Geist nur da wieder hinaus, wo er hereinkam. Durch die Decke!
ich bitte Sie! Sie werfen ihn in die Höhe, - er fällt Ihnen auf den Kopf, Sie
schäumen vor Wut, laden ihn in einen Revolver, schiessen ihn gegen die Decke -
der Gips berstet, der Plafond kommt auf Sie herunter, voran natürlich der kleine
Jemand, den Sie los werden wollen. Nein, nein, es gibt nur ein Mittel: spielen
Sie mit ihm, schlau, kindlich, machen Sie ihn kirre, zutraulich und sorglos. Und
dann - und dann - ja - ja - In diesem hübschen Augenblick ein scharfes
Messerchen bereit halten! Blutet's, so war's eine Realität, unzweifelhaft! - es
blutet nämlich immer, ich habe ja meine Erfahrungen, meine - hm! hm! Kuriert -
kuriert, und doch nicht kuriert! Man ist halt Psychopat, meine Herren!« - -
    Jemand kam an sein Bett, griff nach seiner Hand, an seinen Puls.
    »Was kann das sein?«
    Es wurde ihm schwer, die Zähne auseinanderzubringen. Endlich gelang es ihm,
und er röchelte: »Ein Anfall! Seit Jahren ausgeblieben. Gib Morphium.«
    Josefine gab ihm Morphium. Er belebte sich wunderbar schnell, sprach ganz
vernünftig, ass und trank und schlief ein.
    Die Frau besah die Instrumente auf dem Tische. Sie waren unangerührt;
kopfschüttelnd packte sie alles auf und trug es fort. Ihr Buch erschien ohne
jene missratenen Clichés, die übrigen fünfzehn Tafeln waren vollständig gelungen.
    Georges fragte nie wieder danach, und sie zeigte ihm das Buch nicht, als es
herauskam.
    Er sah es dann, als sie in der Klinik war, blätterte darin mit anfangs
gleichgültigen, dann aufglimmenden Augen. Als Hermann zufällig darüber zukam,
warf er den Band schnell unter das Bücherregal.
    Auch das Mikroskop betrachtete er nie wieder.
    Josefine hatte die sechs schweren Examenwochen hinter sich; die letzte Stufe
war erstiegen - sie konnte nun ihre Praxis ausüben, überall wo sie wollte in
ihrem Vaterlande. Eine Art Befreitsein empfand sie, nicht mehr. Zuweilen
verwandelte sich dies Gefühl des Losgebundenseins in eine wehe Verlassenheit.
Bedauern ergriff sie, dass die Studienzeit hinter ihr liege; rückwärts gesehen
erschien sie ihr als die einzige Zeit, wo sie wirklich gelebt. Die grössten
Schmerzen und die grössten Freuden lagen in diese Zeit eingeschlossen wie Perlen
in köstlicher Fassung, und wenn sie sich selber erblickte, wie sie vor diesen
fünf und ein halb Jahren gewesen, dann staunte sie über ihre damalige, fast
ungestüme Frische. Wie konnte ich das alles auf mich nehmen, damals, unter dem
Druck des grossen Unglücks! Dass ich nicht erlegen bin, dass ich nicht einmal
ernstlich erkrankte, dass ich es durchgemacht habe, und dass ich nun ein ganz
selbständiger Mensch bin - wie merkwürdig ist das alles!
    Und mit wehmütigem Neid sah sie die eben immatrikulierten Studentinnen ins
Kolleg gehen. Oh, schöne, schöne Zeit! Nehmt sie wahr! Blickt nicht so
geschäftig, nicht so sorgenvoll! Ihr denkt, dass ihr sehr wichtige Personen seid;
dass ihr schon viel viel Grosses und Schweres arbeitet! Aber ihr arbeitet noch
nicht, ihr nehmt nur auf wie das weiche Frühlingsland den warmen Regen. Wann ihr
fertig seid, dann - beginnt eure Arbeit. Erst dann. Meine Arbeit beginnt jetzt,
und was - was werde ich tun?
    Werde da in meinem Sprechzimmer sitzen, froh, wenn mein Warteraum von
hilfesuchenden Kranken überläuft? Werde sie hereinbitten, einzeln, feierlich?
werde den Gott aus den Wolken spielen, Lebenshoffnung aus meiner hohlen Hand
herabsprengen auf emporgerichtete sterbende Elende? Werde dem an der Armut
Leidenden die »kräftige Kost« des Wohlhabenden verschreiben und nicht die
höhnische Träne beachten, mit der er aus meiner Tür hinausgeht? Werde »Ruhe«
verordnen der zwölf Stunden täglich über dem Stickstuhl hängenden Stickerin, für
die Ruhe gleich Arbeitslosigkeit und Arbeitslosigkeit gleich Verhungern ist?
Werde Wunden flicken, wie man Löcher in den Schuhen flickt, gleichgültig,
geschäftsmässig, in der ruhigen Überzeugung, dass ich die wahren Wunden mit keiner
Sonde erreichen, mit keinem Pflaster heilen kann? Werde - oh das
allerschlimmste! werde mich einreihen in die Heere der Zufriedenen, der mit dem
Bestehenden Einverstandenen, der »mit den gegebenen Tatsachen Rechnenden«? Nein,
nur das nicht! nur das nicht! nur das nicht!
    Was aber werde ich tun?
    Und es schien ihr, dass sie von Himmelsflügen heimgekehrt sei, um auf die
platte Erde zu fallen und dort Ameisenarbeit zu verrichten, eine von Millionen
anderen Ameisen!
    Ameisenarbeit! nun denn auch das, wenn es so sein musste! Aber wenigstens
keine schädliche, der Ameisenheit schädliche Arbeit verrichten!
    Nützlich sein, selbst am Leben bleiben mit meiner Familie, der ich Brot
schaffen will und muss, und der Ameisenheit nützlich sein - das ist fast
unmöglich! Aber dann wenigstens nicht schädlich sein. Für mich und die Meinen
sorgen und doch nicht schädlich sein! So viel wenigstens!
    Ach, und wäre es denn nicht doch auch möglich, ein wenig zu nützen? Hab ich
so viel gelernt, so klar gesehen, so tief gefühlt, was schlimm, verderblich,
zerstörend ist, und sollte ich kein, aber kein Mittel haben, gegen dieses
Schlimme, Verderbliche, alle Kräfte Zerstörende mitzukämpfen?
    Was kann ich tun? Ich Ohnmächtige, Einzelne? Der Einzelne kann nichts,
nichts ausrichten, und wer sollte mir wohl helfen? Es denkt ja niemand so, wie
ich denke.
    Plötzlich tauchte vor ihr wie ein Stern ein schönes Gesicht auf; eine schöne
Stirn sah sie über tiefen Augen, und hinter der schönen Stirn wohnten schöne
Gedanken. Gedanken den ihren gleich und deshalb schön für sie. Den ihren gleich?
nein, tausendmal höher, glänzender, schwungvoller.
    Damals ging ich auch so ratlos und verzweifelt, dachte sie, so einsam,
allein auf der Erde. Und da kamst du gegangen, und was ich gewollt und ersehnt -
in dir fand ich mich selber wieder, nur unendlich viel stärker, besser, reicher!
So weit, weit her kamst du, aus einer anderen Welt, aus anderen Lebensformen,
und mit dir verstand ich mich, als hätte eine Milch uns genährt. Einer bist du,
einer bin ich - unter all den Millionen - wo sind unsere Freunde? Gewiss - sie
sind da! sie warten auf uns! sie stehen hinter der Tür! Ihre Hände sind
ausgestreckt, die unsrigen zu fassen! Sie halten kaum den Ruf nach uns auf ihren
Lippen zurück! Es wird ihnen schwer, ihre Ungeduld zu zügeln, so wie wir kaum
die unsere zügeln können ...
    Soll ich nicht rufen?
    Und unwillkürlich fast, kaum wissend, was sie tat, begann Josefine den
unbekannten Freunden zu rufen.
    Sie wollte diese Hände fassen, die sich ihr wartend entgegenstreckten. Sie
wollte diesen Augen begegnen, die aus Not und Drangsal des Tages wie aus der
Wüste der Einsamkeit die ihren suchten.
    Sie wandte sich zurück an jene Fernsten, die sie nur ahnte, nicht einmal
glaubte: sie schrieb.
    Aber ihrer impulsiven Natur war dieser Weg zu weit, zu lang, und sie fühlte,
dass nur die Hoffnungsvollen ihn beschreiten können - jene, die zu warten wissen,
denen die Sehnsucht nach dem Echo der Gefundenen nicht sofort erfüllt werden
muss, und die ohne dieses Echo sterben. Nein, unmittelbarer als mit der Feder,
mit ihrer eigenen Stimme wollte sie die unbekannten Freunde erreichen,
zusammenrufen, mit ihren eigenen leiblichen Ohren den klagenden oder
begeisterten, nicht durch sie, aber mit ihr begeisterten Widerhall hören.
    Und dann, wenn wir viele geworden sind - wer weiss! vielleicht können wir
doch gemeinsam etwas tun, etwas - etwas tun! dachte sie, und es schien ihr, als
weiche die zehrende Unruhe von ihr, die sie keinen Augenblick mehr verliess ...
Etwas tun ... ach!
Helene Begas brachte eine deutsche Zeitschrift mit; sie war ganz aufgeregt,
zwischen Ärger und Vergnügen.
    Beim Mittagessen, nach der Suppe, schlug sie auf und las:
    »Gelehrte Weiber und geprellte Ehemänner! Nun - klingt nett, nicht wahr?
vielverheissend! Und wahrhaftig, ich sage euch, - der Titel ist so anlockend -
massenhaft wird die Nummer gekauft! Wenigstens zwanzig Studenten standen am
Kiosk: Mir auch Gelehrte Weiber, bitte mir Geprellte Ehemänner - so ging es in
einem fort! Nach dem Inhalt fragte kein Mensch, es war nur der Titel. Huh, war
ich wütend! Diese Burschen da! Dies Gegrinse und Gewieher! Ich glaube, was von
schlechten Elementen in Zürich studiert, drängte sich zu dem Kiosk, ich war das
einzige Frauenzimmer. Wie Butter an der Sonne fühlt ich mich.«
    »Was ist's denn? was Witziges und Nettes?« fragte Josefine, lächelnd über
Lenis Eifer.
    »Witzig keine Spur,« schrie die Matematikerin, »immer das Gewöhnliche! Wenn
sie noch Geist hätten! Aber das ist wirklich die Strafe des Himmels - sobald
einer sich verleiten lässt, dies Tema anzupacken - gleich verlässt ihn, was er
etwa an Geist besitzt, und nur Bosheit bleibt und Platteit!«
    »Warum sind Sie so aufgeregt?« Bernstein öffnete seine Augen, so weit er
konnte, »scheint es mir, dass dieser Herr Verfasser nicht sehr gefährlich sein
kann.«
    »Bosheit und Platteit nicht gefährlich?« Helene schlug die Hände zusammen.
»In welcher Welt leben Sie, Bernstein? Unermesslicher Schaden geschieht durch
solche boshafte platte Darstellungen! Alle Esel wiehern Beifall, fühlen sich
gehoben und gestärkt in ihrer Eselhaftigkeit!«
    »Halten Sie den Verfasser auch für einen Esel?« erkundigte sich Georges, mit
seinem Löffel spielend.
    »Wer ist der Verfasser?« fragte gleichzeitig Bernstein.
    »Ich weiss nicht; er unterzeichnet Strindberg jun. Na, das ist nun eine
Unverschämteit mehr, Strindberg hat doch Geist, aber dieser Junior ist nur
platt! wie eine Scholle, sag ich Ihnen. Hören Sie mal 'ne Probe.« Helene las
vor:
    »Ein bewusster Schwindel ist dieses sogenannte Streben nach
Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Weiber wünschen durchaus keine
Gleichberechtigung, sobald es sich um unbequeme oder schlecht bezahlte Arbeit
handelt. Sie wünschen nur die bequemste, angenehmste und am besten honorierte
Arbeit an sich zu reissen. Diese Arbeit ist ohne Zweifel die Arbeit des
Gelehrten, und darum wollen die Weiber plötzlich alle gelehrt werden. Sie haben
mit ihrer bekannten Schlauheit entdeckt, dass es sehr angenehm ist, Arzt zu sein,
eine Vorzugsstellung zu besitzen und gute Honorare zu beziehen. Die Folge ihrer
Entdeckung ist nun ein Zudrang zu dem medizinischen Beruf. Gleichberechtigung!
schreien sie, aber sie meinen Herrschaft. Was soll der gleichberechtigte Ehemann
der Medizinerin tun? Nun, die gelehrte bessere Hälfte wird ihm vielleicht
erlauben, Wasser zu tragen und ihr die Hände zu waschen, wenn sie aus der Klinik
kommt. Das heisst dann sehr hübsch Arbeitsteilung. Kein emanzipiertes Weib drängt
sich jemals dazu, Kaminfeger zu werden oder Kloakenputzer: vor dem Ofenruss oder
der Abfalldohle macht das Streben nach Gleichberechtigung sofort Halt! Hier
fordert auch die emanzipierteste Emanzipierte keine Arbeitsteilung, sondern
höchstens eine Teilung des Lohns mit dem Manne. Mag er doch in das heisse
schwarze Kaminloch hinaufklettern, mag er doch in die übelriechende,
miasmatische Grube hinabsteigen - das Weib wird derweil gemächlich zu Hause
bleiben, mit der Nachbarin schwatzen und lästern und in Süssigkeiten und
unnötigem Putz das schwer erworbene Geld des Ehemanns verhausen. Ein junger
Landwirt kurierte sein für Gleichberechtigung schwärmendes Eheweib auf ebenso
leichte wie nachahmenswerte Weise. Er weckte sie des Morgens um halb vier aus
den süssesten Emanzipationsträumen. Sie erschrak sehr, die Tochter aus besserem
Hause. Jesis Gott, was fällt dir ein, mich so früh aufzuwecken? sprach sie.
Stand uf, sprach er, nimm die Kälber, führ sie auf den Berg, ich will jetzt eine
Gleichberechtigung eintreten lassen. Ach, du mein Spassvogel! sprach das Weib. Da
warf er sie zum Bett hinab und prügelte sie zur Tür hinaus. Spassvogel hin,
Spassvogel her! Hier wird nicht gespasst, hier wird Gleichberechtigung
durchgeführt. Das Weib wollte nicht, wehrte sich und schrie: Ich kann das nicht.
Aber ich kann das? denkst du, Weib, denkst du? ich kann alle Tage um halb vier
Uhr aufstehen oder um drei? Marsch, Gleichberechtigung, führe die Kälber auf den
Berg! Und der Mann prügelte sie in den Stall hinein, wo die jungen Kälber dem
Morgen entgegenbrüllten. Und er lachte sehr und sagte: Man muss euch Weiber zur
Gleichberechtigung zwingen, ihr versteht sie falsch! So belehrte ein kluger Mann
sein törichtes Weib, und von da an hatte er Ruhe vor ihr.«
    »Ech!« unterbrach Bernstein, »wozu lesen Sie! lassen Sie das!« Er
betrachtete den Knaben Hermann, der begierig zuhörte und die Erzählung
einzusaugen schien.
    »Chaibeluschtig! Weiter,« sagte der Bub und seufzte vor Genuss.
    Georges warf den Löffel klirrend auf den Teller, ein fleckiges Rot spielte
auf seinen blanken Backenknochen.
    »Gesunde Auffassung, scheint mir,« sagte er mit einem bösen Lächeln, »was
haben Sie an dem Essay auszusetzen, Damen?«
    »Essay! lieber gar!« Helene warf das Blatt hin und schüttelte sich vor
Lachen. Hermann griff sofort nach der Zeitschrift; seine Mutter nahm sie ihm aus
der Hand, so heftig, dass sie zerriss.
    »Dummheiten, Bub, nichts für dich!« sagte sie mit finsterem Gesicht, »wenn
du lesen willst - es gibt so viel Gutes.« In Hermanns Augen stiegen Zorntränen
auf.
    »Ich will das lesen,« sagte er, zu dem Vater gewandt, in dessen
Gesichtsausdruck er Billigung, ja Wohlgefallen suchte und fand.
    Josy zerriss das Blatt mit der ihr eigentümlichen Heftigkeit in kleine
Stücke, die sie in den Kohlenkasten warf.
    »Fühlst du nicht, Bub, dass hier Hässliches ist?« sagte sie verwundert und
bekümmert, »roh und dumm ist die Erzählung! Mach deine Augen auf, Hermannli,
wirst sehen, dass die Frauen überall mit ihren Händen schaffen, gleichviel ob die
Arbeit angenehm ist oder nicht. Das Schreiberhirn stellt sich dumm, so, als ob
es nur faule Weiber gäbe, und derweil sind schon alle Fabriken voll von
arbeitenden Frauen. Und in den Familien -« -«
    Sie vollendete nicht, denn Hermanns gleichgültige verbissene Miene brachte
sie aus der Fassung. Er hatte die Hand auf seines Vaters Arm gelegt, - der
innere Zusammenhang zwischen diesen beiden ging ihr blitzartig auf. Ein Gefühl,
das fast Entsetzen war, drückte ihr auf dem Herzen. »Hermann!« schrie sie auf,
schrill, ausser sich, »komm hierher! höre!«
    Georges blickte gross auf, mit zurückgeworfenem Kopfe; er lehnte sich gegen
den Knaben mit der Schulter, als ob er ihn verdecken, schützen wolle.
    »Er ist wohl auch mein Sohn, oder - könnt ihr gar am End auch das schon ohne
uns, ihr Herrscherinnen von heute?« Sein spöttisches Zischeln ging in Gelächter
aus.
    Josefine schloss wie betäubt die Augen, in ihrem Kopfe sauste und hämmerte
das Blut - das - das - ging ja nicht, so ist es ja schlecht! Man wird sich also
jetzt hier streiten, so - streiten, - und sich vergessen wird man, - Dinge
sagen, o pfui! was für Dinge! Und das schadenfrohe Blinzeln in Hermanns matten
Augen, das soll sie - sie ertragen?
    Sie zwang sich zu einem lauten Lachen, das sie alle aufschauen machte. »Oh,
Hermannli, wie bist du angeführt,« rief sie, »der Vater scherzt, und du
verstehst nichts! Komm, mach, schieb! hinaus! es schneit! der erste heurige
Schnee! frühzeitig, gelt? Und die Geranien sind noch draussen. Der Schnee bringt
sie um. Lauf, Hermannli, spring, die Geranien heraustun!«
    Sie verliess mit den Kindern das Zimmer - ohne Hut ging's in das schmale
Gärtchen, der nasse Schnee kühlte ihre heisse Stirn. Hinter ihr ging der Streit
fort - mochte er fortgehen, Bernstein und Helene würden ihre Meinung schon
allein verfechten.
    Der Knabe musste die Pflanzen aus dem Boden heben, der sich mit leichtem,
weissem Anflug bedeckte; Rösi holte Scherben herbei, füllte sie halb mit Erde,
Josefine setzte die Geranien hinein. Sie blühten noch reich, rosa, leuchtend rot
und purpurn, die Wurzeln hatten sich tief und weit verbreitet.
    Der Knabe tat gehorsam, aber mürrisch seine Sache; als eine Viertelstunde
vergangen war, überliess Josy die Kinder sich selbst. Sie hatte ja zu tun. In
kurzem war dann Sprechstunde, und sie nahm alles streng gewissenhaft: kein Fall,
den sie nicht nach der Konsultation reiflich bearbeitet hätte. Das Nachschlagen
und Studieren kostete schon so viel Zeit, dass sie hier, im Herbstschnee,
zwischen den Kindern, bereits mit ihren Gedanken bei der Arbeit war. Aber das
wunde Gefühl, das sie hinausgetrieben, erwachte neu, als sie vor ihren Büchern
sass.
    Was kann ich wirken, ich, deren Einfluss nicht einmal bis zu meinem eigenen
Kinde reicht? Sie sah sich selbst im Spiegel beim hastigen Vorbeigehen und
erschrak vor ihrem traurigen, versonnenen Grüblergesicht.
    Zu wenig Liebe! dachte sie, ja, das ist's, was mir fehlt! Ich habe nicht
Liebe genug! Einen liebe ich! Einem habe ich alles gegeben, für die anderen
bleibt nichts.
    Verzweiflung ergriff sie.
    Nichts geblieben! Nichts. Mein Herz ist eine Wüste! Wenn ich den Buben
liebte, dann liebte er auch mich, dann horchte er auf meine Worte, nicht auf
seine, dann hätte ich ihn nicht verloren.
    Die Tür nach Helenes Zimmer stand offen, ein matter Tagesschein lag auf dem
geflüchteten Bilde, auf dem Répinschen Bilde, hob die zurückgebäumte Gestalt des
Jünglings im roten, zerfetzten Hemd aus allen anderen heraus.
    Josefine heftete ihre Augen auf das Bild, sehnsüchtig, hilfesuchend bei den
Hilflosen. Sie sehnte sich nach den glühenden Tränen, die sie beim ersten
Erblicken des Bildes vergossen. Damals hatte sie gefühlt. Damals hatte sie
gelebt. Ihr war so hohl, so ausgetrocknet jetzt.
    Nie wieder werd ich so weinen, dachte sie, er hat alles mitgenommen, auch
meine letzten Tränen. Und sie staunte mit zitternder Seele, was ihr Leben hätte
sein können ...
    Rösi guckte herein, rosig von der Luft. »Wir haben alles fertig gemacht!
Komm und sieh, Mamme! es sind fünfzehn Töpfe, du musst kommen.«
    »Nein, nein, Liebling, später, ich habe nun zu tun.«
    Das Kind schlich näher, lauter Bitte und Vorwurf. »So will ich bei dir sein,
Mamme.«
    »Du weisst doch, ich habe zu schaffen, Kind.«
    »Bitte, Mamme!«
    »Sieh, Rösi, das ist so: die kranken Leute kommen, ich soll ihnen helfen.
Aber ihr Leiden ist sehr verschiedenartig, und ich bin noch nicht sehr geübt.
Also, weisst schreib ich mir vieles auf in dieses grosse Buch, weisst was die
Kranken von ihrer Krankheit sagen, und nachher muss ich dann in meinen Büchern
suchen und vervollständigen, was sie gesagt haben, um ein ganzes Krankheitsbild
zu bekommen. Verstehst du das?«
    Rösi nickte und seufzte. »Lass mich meine Aufgabe bei dir lernen, Mamme, ich
will ganz still sein.«
    »Mein Rösi, sieh, das geht nicht. Wenn du bei mir bist, mein Schatzeli, dann
seh ich immer nach dir hin, und dann vergess ich, was ich nachschlagen will,
verstehst? Und dann kommt bald die Sprechstunde.«
    Das Kind schmiegte sich fest an die Mutter, wollte nicht loslassen. »Ach
nein, Mamme, nein! Du hast mich ja doch viel, viel lieber, Mamme, warum -«
    »Lieber als wen?«
    Josefine begann leicht mit der Linken in dem vor ihr liegenden Buche zu
blättern.
    Das Kind stürzte sich auf diese Hand wie ein wildes Tierchen, küsste und
schlug sie, schob das Buch weit zurück; war ganz ungebärdig.
    »Lieber als die ganze Welt!« schrie sie, böse und weinerlich.
    Die Mutter zitterte, küsste lächelnd die feuchten, zurückgebogenen Wimpern
über den weichen Bäckchen. »Ja, und nun?«
    »Und warum bekümmerst du dich immer um die anderen, Mamme?«
    »Um welche anderen?«
    »Die du nicht so lieb hast, wie mich, Mamme! Sitz lieber so mit mir!«
    Josefine stutzte, nachdenklich schwieg sie, fühlte Röslis heftigen
Herzschlag. »Auch mit denen, die man am liebsten hat, sitzt man nicht den ganzen
Tag Arm in Arm,« sagte sie endlich lächelnd.
    »Oh doch!« warf das Kind ein, »drüben ist ein Brautpaar, die sitzen immer
so!« Das liebliche Gesichtchen errötete verschämt. Eine Frühreife lag um den
schwellenden, leicht aufgeworfenen Mund mit der kleinen, runden, purpurroten
Unterlippe.
    Die Mutter betrachtete sie eine Sekunde lang überrascht.
    »Ein Brautpaar?« sagte sie mechanisch, »und das hast du -«. Die dunklen
Kinderaugen mit ihrer bodenlosen, spiegelnden Tiefe verwirrten sie. »Gelt, das
sind närrische Leut!« sagte sie ernst und schob die Kleine leicht hinweg.
    »Oh nein!« summte Rösi kopfschüttelnd, errötete heftig und besah ihre
Schuhspitze. »Ich werde auch eine.«
    »Was wirst du?«
    »Eine Braut!« Ihr Schelmenlächeln war so lieblich, dass Josefine sie an sich
zog.
    »Oh, du mein dummes Maitli,« sagte sie und kniff Röslis weiches Ohrläppchen
zusammen, »wir wollen schon sehen, was du wirst! Ein starkes, gutes Mädchen,
Schatzeli, das ist einmal die Hauptsach. Geh! geh! bis aufs Wiedersehen.«
    Schon während der letzten Worte hatte Josefine wieder nach dem Buch
gegriffen, und noch ehe das Kind zur Tür hinaus war, schien seine Gestalt und
sein Gesicht halb undeutlich zu werden und aus ihrem Bewusstsein zu schwinden.
    Sie vertiefte sich in ihr ärztliches Journal, immer von Furcht vor dem
Gestörtwerden beklemmt; als es draussen lebhaft wurde, stand sie auf und
verriegelte ihre Tür.
    Aber dann, als sie sich wieder zu ihren Studien setzen wollte, kam ihr
blitzartig ein anderer Einfall.
    Sie nahm einen Briefbogen und schrieb mit ihrer grossen, eckigen Handschrift:
    »Lieber Georges!
    Arbeite nicht gegen mich bei den Kindern!«
    Den Bogen steckte sie hastig in ein grosses Kuvert, schrieb darauf: »Herrn
Dr. Georges Geier«, dazu die volle Adresse und klebte eine Marke darauf.
    Dann legte sie das beiseite wie einen Sack, in den man seine Sorgen verpackt
hat, und den man nun versenkt in die Tiefe.
    Wieder kamen die Bücher an die Reihe, aber nicht lange. Das Wartezimmer
füllte sich, die Sprechstunde begann. - Josefine hatte Glück mit ihren
Patientinnen: jede von ihr behandelte schickte ihr neue zu. Es gab Arbeit die
Fülle.
Am nächsten Tage brachte die Post einen Brief für Josefine, den sie mit
gepressten Lippen in Empfang nahm. Sie kannte die Handschrift.
    Der Brief war nicht viel länger als der ihre. Er lautete:
    »Liebe Séfine!
    Auf deine Zuschrift in Lapidarstil habe ich nur eine Antwort: dein Wunsch
ist mir Befehl.
                                   Gehorsamst
    Georges Geier,
                                           Doktor der Medizin, approbierter Arzt
                                                                ausser Diensten.«
Als die Frau diese Zeilen gelesen, glaubte sie ein Hohngelächter um sich zu
hören. Sie verbrannte den Brief und verwünschte ihre Torheit, ihn
herausgefordert zu haben.
    Dann betäubte sie sich durch Arbeit, bis sie von nichts mehr wusste, an
nichts mehr dachte, als was der Tag und die Stunde von ihr als Ärztin forderten.
Mitten in dieser Betäubteit empfand sie zuweilen selbst eine Art Behagen, fast
Schadenfreude. Da sitzt er und möchte mich ärgern und quälen, aber alles gleitet
an mir ab. Ich bin sicher vor allem. Diese Tagesaufgabe ist wie ein Wall um mich
herum.
    Es gab Böses genug ausserdem.
    Laure Anaise folgte ihr eines Abends in ihr Zimmer, fiel ihr schluchzend um
den Hals und bat, sie wegzuschicken.
    »Nein, nein! aber was denkst du auch,« eiferte Josefine erschrocken, »sollen
wir dich entbehren? sollen die Kinder ganz verlassen sein?«
    »Lass mich fort, Josy - musst es mir nicht zu schwer machen,« weinte das
Mädchen, »bleiben kann ich emal nimmer.«
    »Und warum nicht?«
    Laure Anaise liess den Kopf hängen. »Er hat nichts zu schaffen, und - und -«
    »Wen meinst du, Laure?« stammelte Josefine erbleichend.
    »Lass mich fort!« wiederholte das schöne Kind mit sprühenden Augen, »du bist
blind, aber mir ist's verleidet, seit dass er im Hause ist.«
    Josefine liess sie aus den Armen. »Ich weiss nicht, was du meinst,« sagte sie
kühl, »wenn du gehen willst. Laure Anaise, wenn es dir verleidet ist, so geh.«
    Das Mädchen begann zu weinen. »Ich kann ja nicht dafür, Josefine, frage nur
das Fräulein Leni und den Bernstein, die werden dir's schon sagen.«
    »Also -,« machte die Frau, »also - wann willst du fort?«
    »Nun bist du noch taub12 worden, dass ich's Maul auftue!« rief das Mädchen,
»und recht hab ich doch!«
    Josefine betrachtete sie schweigend. »Wohl! wohl! sie werden alle gehen!
Einer nach dem anderen! Alle meine Freunde, alle die mir lieb sind ...«
    »Gott im Himmel weiss -«, fing Laure Anaise an.
    Unmutig seufzend wandte Josefine sich ab, winkte mit der Hand. »Geh, wenn du
gehen willst. Was hab ich dir zu bieten?«
    Das schöne Mädchen strich sich die schwarzen, krausen Haare aus den Augen.
»Descht unrecht, Josy«, machte sie schluchzend, »weisst 's, wie gern ich blieb.«
    Josefine warf wieder die Arme um sie. »Laure! Laure! Kind! wie hab ich mich
gefreut, als du zu mir kamst! geh nicht von mir! bleib, Laure, bleib bei mir!«
    Laure weinte still, den Kopf auf Josys Schulter. »Du magst ihn nimmer,
Josy,« flüsterte sie mit ihrer rauhen Stimme, »Jesis Gott, ich mag ihn auch nit,
aber er plagt mich und streicht mir nach.«
    Wieder schob Josefine sie weg. »Du träumst, Kind - aber wenn du so widrige
Dinge träumst, dann ist es besser, fortzugehen. Es ist das einzige.« Sie wollte
das Mädchen küssen, und Laure Anaisens Mund kam ihr entgegen, aber plötzlich
schüttelte sich Josy und küsste nicht. »Du warst mir sehr lieb. Ich bin dir ewig
dankbar,« murmelte sie mit trockenen Lippen, kalt und tonlos. Und dann belebte
sie sich und wurde freundlichfremd. »Nimm deine notwendigsten Sachen, Kind, und
fahre noch heute zu deiner Mutter. Ich schreibe ihr, dass du Erholung brauchst.
Dein Gepäck send ich nach. Für eine gute Stellung werd ich dir Sorge tragen. Ja,
ja - so ist alles geordnet, nicht wahr? Alles recht, gelt du?«
    Laure Anaise sprach nicht mehr; nickte nur zu allem und weinte. Sie fühlte
sich von einer starken Hand gefasst, die sie hin und her schob, und sie hatte nun
keinen eigenen Willen mehr.
    Einmal nur, während sie ihre Habseligkeiten zusammenpackte mit Josefinens
Hilfe, die sie nicht mehr aus den Augen liess, schrie sie plötzlich auf, dass man
sie fortschicke.
    Josefine antwortete mit einem traurigen Lächeln: »Fortschicken nicht, nur
schützen! Sage du wie ich, Laure Anaise, weiter bitt ich nichts.« Ihre Stimme
wurde warm und eindringlich, während sie noch einmal zu ihr trat: »Sprich nichts
von - hörst du? Es ist so schwer ohnehin, Laure! Sei treu, Kind, du schonst
mich, wenn du - ihn - schonst.«
    Laure Anaise blickte sie wild an, verstand nichts. Aber sie beugte sich vor
Josefine und versprach alles.
    Sie verliess das Haus, bevor die Kinder aus der Schule kamen. Rösi war ausser
sich - alle anderen nahmen die Nachricht, dass Laure Anaise dringend der Erholung
bedürfe, und dass sie deshalb zu ihrer Mutter gereist sei, mit vielsagendem
Schweigen auf ...
    Georges pfiff einen Gassenhauer.
Der alte, knorrige Birnbaum neben dem Hause »Zum grauen Ackerstein« ächzte leise
in stürmischen Winternächten. Wie auf einer Klippe stand das bebende, umtobte
Haus frei und jedem Wetter zugänglich.
    »Nun erbarmt er mich wieder,« seufzte Josefine, wenn sie Georges' rastloses
Auf- und Ablaufen hörte.
    Einmal, an einem Sonntagmorgen, ging sie zu ihm hinein.
    Er sass in einem pelzgefütterten, alten Mantel, den er zuweilen ehemals auf
Überlandfahrten getragen, am Fenster, auf einem niederen Hocker, die Knie
heraufgezogen, den Kopf an die Fensterbrüstung gedrückt, den Mund offen, als
schreie er verschmachtend.
    So sass er als Gefangener, dachte sie beim Eintreten, und ihr Herz wurde
weich.
    »Nun, Georges,« sagte sie befangen und ungewöhnlich sanft, »hast du kalt?
was machst du jetzt?«
    Sein Blick war leer, schweifte von dem Fenster zu ihr und dann über die
Wände.
    »Ausgezeichnet,« murmelte er schläfrig, »wie immer.«
    »Du bist nicht zum Kaffee gekommen,« begann sie, näher tretend.
    Er verbeugte sich tief, ohne aufzustehen: »Danke, merci, madame. Meine
verehrte Gebieterin ist immer huldreich. Ich liege hier wie ein zerrissener
Lappen, und das Weib kommt, sich zu weiden. Tut den alten Koffer auf, blickt
hinein: Lieg nur da, Lappen! lieg nur! Die Schaben wollen auch etwas! Ja, ja.«
Er schüttelte den Mantel, es stäubte von Wollflecken und zerfressenen Haaren.
»Wir sind mottenfrässig, ja, ja.«
    Josefine setzte sich auf einen Stuhl. Das Zimmer mit dem vor Hitze surrenden
Eisenöfchen, mit den unordentlich umhergestreuten Kleidern, mit der bestaubten
Drehbank und dem verkommenen Bewohner, der hier vor Luftmangel zu sterben
schien, angeklebt an die Scheibe wie eine der grauen Motten - all dieses
erschien ihr plötzlich so schrecklich, so anklagend, so unnatürlich in ihrem
Hause, da, zwischen ihr und den Kindern, dass sie sich wie träumend, und von
einem Traumdruck beklemmt, die Augen rieb und flüsterte: »Ach, warum auch hier?
Wir wollen unter Menschen gehen, hörst du? heute noch, Georges!«
    Er legte die Hände schützend auf knisternde Papiere, schob das Tintenfass
gegen die Scheibe, dass sie erklirrte, und lächelte höhnisch.
    »Du schreibst?« sagte sie aufspringend, »hier auf dem Fensterbrett ist's ja
so unbequem! Nein, das geht nicht länger! das soll gleich -«
    Ein reuevolles Bedauern, das ihr fast den Atem raubte, machte ihr Gesicht
jung und gütig.
    Sie sprang auf mit einer Gebärde, als wolle sie gleich, in diesem
Augenblick, alles zurechtrücken, einrenken, als suchte sie nur, wo zuerst
anzufangen sei -
    »Bist du nicht in deinem Hause, Georges? Bist du nicht Herr?« rief sie
bittend, und sie fing an, von den Gründen zu reden, weshalb er hier jetzt so
eingeschränkt sei, fing an, sich zu entschuldigen. »Diese plötzliche Rückkehr,
Georges, ich konnte nichts vorbereiten, und dann ist es so geblieben ... Ich bin
so überhäuft, dazu ist jetzt -«
    Sie brach erschrocken ab; der Name, der ihr fast auf den Lippen schwebte,
sollte nicht gesprochen werden.
    »Also du schreibst?« sagte sie nähertretend, »wir wollen dir einen Tisch
hereingeben, hörst du -«
    Er spie seitwärts auf den Boden, schien sie nicht zu beachten. Er machte
sich beständig mit den Papieren zu tun, die er zum Teil unter den Mantel
steckte.
    Auf einmal blickte er sie schief an, lachte mit einem blechernen Ton und
murmelte etwas von Komödie, die sie hier tragiere. »Herr bin ich? Wie
ungewöhnlich witzig heute morgen! Ach, du! du! Ja, es kommt einmal eine
Abrechnung,« schrie er ihr zu, dass sie zusammenfuhr, »es kommt! es kommt der
Tag!« Die Wut blinkte ihm in Tränen aus den Augenwinkeln, er konnte sich nicht
mehr zurückhalten. »Dies irae, dies illa!« rief er mit patetischer Gebärde,
»ihr Weiber von heute - wahrhaftig, zu viel nehmt ihr euch heraus! Warte nur,
bis die schreckliche Stimme aus der Tiefe der Gräber erklingt; wann deine
gottlose Überhebung zerplatzt vor dem Hauch des Ewigen - Weib! Weib! was wirst
du ihm antworten?«
    Josefine sah seine wutzitternden Adern auf der Stirn, seine nassen Augen -
sie fühlte, dass er schwer litt in diesem Zustande, und sie sehnte sich, etwas zu
seiner Erleichterung zu tun. Aber sie wusste auch, dass es ihre Anwesenheit hier
war, die ihn in diesen Zustand versetzt hatte, und so ging sie, ihn mit
traurigen Blicken fixierend und unwillkürlich schwer aufseufzend, nach der Tür.
    Augenblicklich sprang er ihr nach. »Nur über meine Leiche!« keuchte er, die
Zähne weisend wie ein wütender Hund, sinnlos, zu jeder Gewalttat bereit.
    Aber die Frau empfand keine Furcht, nicht an sich dachte sie. »Lass die Tür,«
sagte sie bestimmt, »ich hole dir etwas, du bist - sehr - krank - Georges.« Und
während sie diese Worte, einzeln nacheinander, wie ebensoviele Dolchstiche in
ihn hineinbohrte, legte sie ihre starke und geschmeidige Hand auf seine
Schulter, die unter ihrem Druck entwich, zusammenknickte wie morsches
Lattenwerk.
    »Erbarme dich! erbarme dich!« schrie er auf und stürzte in die Knie, die
Hände in ihr Kleid verkrampft, so dass es zerriss.
    »Séfine, Weib, vor Gott dem Allmächtigen und nach menschlicher Satzung mein
Weib - das heisst meine Untergeordnete, meine Dienerin, widerstrebe nicht!«
kreischte er vom Boden auf.
    Sie befreite sich endlich, schlug seine Hände zur Seite wie die eines
lästigen, sich anklammernden Kindes, wortlos, furchtlos, ohne auf seine Worte zu
hören; zuweilen huschte ein ganz unwillkürliches Lächeln über ihr gespanntes
Gesicht, weil sie so stark war.
    Er rollte auf dem Boden rückwärts in einer Flut von Papieren, die sich aus
dem zerfetzten Pelzmantel ergoss.
    »Hätte ich nur dich nie gesehen,« wimmerte er, »mein Unglück bist du! meine
Schande! Solch ein Weib muss jeden Mann ruinieren! Ach, ach, mein Kopf! mein
Herz! Nimm mich wieder auf, hörst du? Warum erbarmt's mich noch, dass ich sie
nicht totschlage? Gib einem Manne, was ihm gehört! Sein Weib und die anderen
Weiber! Ist ja nicht der Wert, darüber zu reden! Vom Teufel erdacht! vom Teufel
gemacht! Uh! Meine Ohnmacht!« Er begann den Boden zu schlagen.
    »Halt!« rief Josefine, nach einem aufwirbelnden Papierblatt haschend, »was
ist doch das?«
    Sie hatte die Überschrift gelesen, die ihr schon so bekannt war. Von den
»Gelehrten Weibern und geprellten Ehemännern« war bereits die vierte Fortsetzung
erschienen; man sprach schon in der Stadt darüber, andere Zeitungen brachten
Erwiderungen, der pseudonyme Verfasser wurde heftig angegriffen, noch heftiger
verteidigt. Hier sogar, im Hause »Zum grauen Ackerstein«, hatte es lachende
Debatten gegeben über diese Herzensbekenntnisse eines Verschmähten, dessen
possenhaft frivoler Ton immer mehr in ein hallendes Patos übergegangen war, und
dessen wunderliche Zitate aus unbekannten Büchern auf einen klugen Schalken zu
deuten schienen, der nichts als eine Mystifikation bezweckte und vielleicht am
Schluss, nachdem er alle Gegner des Frauenstudiums hervorgelockt, mit
Pritschenschlag und Nasendrehen hinter der Maske hervorspringen werde.
    Und nun?
    Nun hielt Josefine das Manuskript in der Hand, und der auf dem Boden kauernd
sinnlose Worte ausstiess - Worte, die auch in jenen Artikeln vorkamen - Georges
war der Verfasser!
    Ihr war, als habe sie einen Stich in die Ferse erhalten - die Schlange, die
sich vor ihr feige zischend krümmte, hatte doch zugebissen.
    Georges der Verfasser!
    Sie blickte auf das lange und breite Blatt in ihrer Hand, viel korrigiert,
viel durchstrichen, bedeckt mit Georges' verschnörkelten, pomphaft geschwollenen
Schriftzügen. Es stand ihm zu Gesicht, dieses Blatt, es passte zu der verzerrten
Larve, die, halb Angst und halb Triumph, zu ihr in die Höhe starrte.
    Sie warf es heftig von sich, ihre Geduld, ihre Überlegung verliess sie.
    Hier war Schande, und die Schande traf sie mit.
    Sie schrie laut auf.
    »Du! Du! hast du Grund? gerade du? Was für ein Mann! Ach, gemeingefährlich!
ach ja! Solche Dinge schreibst du? du? Solche Dinge sagst du anderen, die dumm
und roh sind! Oh, ich schäme mich! ich schäme mich für dich!«
    Wie eine Flamme der Verachtung war ihr Gesicht, die Augen gross offen, die
Nüstern gebläht ..
    »Dazu missbraucht er seinen Verstand! Schande!«
    Und sie stürzte hinaus, ohne sich nach dem umzusehen, der mit angehaltenem
Atem, bebend vor ihrer Verachtung und gestachelt von Schadenfreude in seinem
mottenfrässigen Pelzmantel im Winkel lag, ein ewiger Gefangener seiner
hassvergitterten, maulwurfblinden Seele.
In den Tagen tiefer Niedergeschlagenheit und quälenden Brütens über diese neue
schlimme Entdeckung fand die bedrängte Frau nur eine Zuflucht - ihren Beruf.
    Wie zuvor zum Studium, so flüchtete sie nun zu ihren Kranken. Was für ein
Segen wurde für sie diese nervenerschütternde, opferfordernde, oft so
aussichts-und fruchtlose Tätigkeit! Hier fand sie sich selbst wieder. Hier
allein.
    Zu Helene hatte sie nicht kommen mögen mit ihrer Bedrängung; sie fürchtete
Helenes rein verstandesmässiges Urteil.
    Sie schämte sich vor ihr, schämte sich auch vor Bernstein. Es kam ihr in
solchen Momenten zum Bewusstsein, dass er einem anderen Volke angehörte. Er würde
lachen und sagen: »Sehen Sie, was diese Deutschen machen! (Den Unterschied
zwischen Deutschen und Schweizern beachtete er niemals!) Wir in Russland sehen so
etwas nicht, nie in der Welt.«
    So gerecht und menschlich gut er sonst dachte - über seine Vorurteile konnte
auch er nicht hinaus.
    Und wenn ihre flehenden Gedanken sich zu Hovannessian wendeten, dann, ja
auch dann überkam sie Beschämung. Wäre er noch hier gewesen - auch ihm hätte sie
ihre Wunden nicht entblössen können, das fühlte sie. Ihre Wunden, ihre eigenen
Wunden, denn was der unglückliche Georges auch verbrach - sie trennte sein Tun
nicht von dem ihren.
    Es schien ihr, als hätte der Mann, den sie anbetete, den sie so hoch über
sich fühlte, sie mit verachten müssen für diese schmählichen Sudeleien gegen die
Frauen. Dieser Georges, den sie einmal gewählt, den sie einmal geliebt - er
zeugte gegen sie, so schien es ihr.
    So schwach war ihre Seele, so wenig Einfluss verstand sie zu üben, so wenig
Achtung zu erzwingen, so wenig Liebe zu säen und zu ernten!
    Und sehnsüchtig und gierig trank sie den seltenen Dank ihrer Kranken, denen
sie geholfen, freute sich jedes freundlichen Lächelns einer Patientin, drückte
wieder und wieder die Hand, die ihre gedrückt.
    Georges hat mich nie gekannt und wird mich niemals kennen, dachte sie,
Hermann fürchtet mich und hintergeht mich, für mein Rösli selbst bin ich
unverständlich - aber die Kranken, die ich behandele - die kennen mich! Und es
scheint ihr, dass diese fremden Mädchen und Frauen, die in ihre Sprechstunde
kommen, sofort Vertrauen zu ihr gewinnen, dass sie ihr weder ihre Ängste noch
ihre Verirrungen verbergen, dass sie ihre Tränen und ihre Hoffnungen vor ihr
zeigen, und dass sie hier, hier unter den Leidenden Verständnis findet für ihre
Hingebung, für ihre Bereitschaft, für die Liebe, die ihr Lebenselement ist.
    Und es mehren sich die Augenblicke, wo sie sogar die Überzeugung fühlt,
etwas Gutes, Nützliches, bisher von keiner anderen Hand Geleistetes oder zu
Leistendes zu vollbringen. Diese Mädchen und Frauen, die zu ihr, der
Geschlechtsgenossin, kommen mit ihrem Vertrauen, früher und unbefangener als zu
dem Geschlechtsfremden, vor dem die natürliche Schamhaftigkeit jede Unverdorbene
zurückbeben lässt - die sie von Anfangsleiden heilt durch sorgsame und leichte
Eingriffe und so vor drohendem Siechtum bewahrt, das der Vernachlässigung folgt,
- die sie durch schwesterliche Ratschläge - Weib zum Weibe - stützt, leitet,
anfeuert, erhebt, mit dem Gefühl ihrer Menschenwürde und ihrer hohen
Verantwortung erfüllt - darf sie sich nicht sagen: diesen habe ich Gutes
erwiesen? Und vielleicht nicht ihnen allein, vielleicht auch ihren Kindern!
Vielleicht wird hier etwas von mir bleiben, eine leichte und doch unverwischbare
Spur meines Lebens, meines Einflusses, und nicht ganz, nicht ganz werde ich
verschwinden, wenn ich verschwinde ...
    Und mit Inbrunst und bis zu völliger Erschöpfung gab sie sich ihrem
ärztlichen Berufe hin, in dem sie ein neues Leben gefunden für das alte,
aufkeimend zwischen den Trümmern ihres persönlichen Glückes und stark und grün
überwölbend, was Schutt und Staub geworden war ...
Aber nicht immer rauscht der grüne, dornige, herb duftige Baum über ihr - das
Nagen und Bohren in ihrer Seele schweigt nicht immer.
    Allen Ernstes: es ist eine Schande, dass unter ihrem, ihrem Dache
Schmähschriften gegen die Frauen geschrieben und in die Welt geschickt werden.
Darf sie das dulden?
    Darf sie, deren leidenschaftlicher Wunsch, deren zielvolle Tätigkeit dahin
geht, ihre Schwestern zu heben, darf sie - kann sie mit ansehen, dass aus
unlauterer Quelle ein Schlammstrom quillt, bereit, alles zu besudeln, was bunt
und blühend feste Quadern, zeitgefügte Mauern zersprengt hat und dem Licht
entgegentastet mit verlangenden Organen?
    Was tun?
    Josefine schreibt an Georges: Ich bitte dich dringend, diese für dich selbst
erniedrigenden und mich beschimpfenden Artikel abzubrechen.
    Sie schreibt das und zerreisst das Blatt.
    Warum?
    Nun, vor ihr steht sein hohnlachendes Gesicht und sie weiss: er wird
versprechen und nicht halten. Das Gegenteil wird er tun von dem, was er
versprochen.
    Sie schreibt an die Redaktion der Zeitung, die Georges' Aufsätze
veröffentlichte: Mein Herr! Diese Aufsätze werden nicht fortgesetzt. Der
Verfasser ist ein geistig anormaler Mensch; er bedauert selbst, dass seine
Schrift an die Öffentlichkeit gelangt ist.
    Sie liest, was sie geschrieben, und wieder zerreisst sie das Blatt.
    Warum?
    Ach, vor ihr windet sich der Unglückliche, von allen Bitterkeiten Trunkene,
und ihr Fuss bebt, der ihn nun ganz vernichten will. Geistig anormal - die
Menschen halten es für schimpflich, geistig anormal zu sein. Man darf sie
schlecht, cynisch, frivol, hyperegoistisch heissen - nur nicht geisteskrank! Wer
geisteskrank ist, der ist tot.
    Muss sie ihn töten?
    Sie schreibt an Georges: Ich verbiete dir die Fortsetzung der »Gelehrten
Weiber«.
    Sie zerreisst den Zettel.
    Nein, Kerkermeister kann sie nicht sein! Zensor sein ist ihr verhasst. Und
dieser Armselige!
    Aber ein gemeingefährliches Unkraut wuchern lassen? Dumme Vorurteile in
Handweite haben und sie nicht ausraufen? Ist das konsequent? Ist das durch
irgend welche Rücksicht zu verteidigen? Mit Liebe hegt man jedes gute Samenkorn,
und hier, wo Gift gestreut wird aus vollen Händen, soll man nichts tun, die
Unheilshände aufzuhalten?
    Der Gedanke an Hermann, an seine ungezügelte Schadenfreude über die
Schmähungen gegen die strebenden Frauen machte sie endlich fest.
    Aufhalten! Es muss sein. Es darf nicht einer kommen und die Kinder lehren,
ihre Mütter zu verachten!
    Ich muss hart sein, ich bin es anderen Müttern, den Frauen bin ich es
schuldig, dachte sie.
    Und plötzlich sah sie vor sich diesen Bogen mit Georges' Handschrift, dieses
vielfach durchstrichene überkorrigierte Manuskript, und es wurde ihr leid und
heiss um den Unseligen. Seine Arbeit war das, seine Gedanken, sein Ehrgeiz, sein
Stolz, das einzige vielleicht, an dem er sich aufrecht gehalten in diesem
entsetzlichen zellenartigen Stübchen mit der Drehbank, mit dem bestaubten
Fenster, das einzige, an das er sich geklammert in diesen schrecklichen Monaten
der Vereinsamung, in seiner Verstümmelung. Mit der Folgerichtigkeit eines
Naturgesetzes war dieses Widrige aus ihm herausgewachsen, so wie im Zahn der
Schlange das Gift wächst, wie in der Tollkirsche der tödliche Saft.
    Weh, wenn keine Brücken zwischen den Seelen sind, dachte Josefine, wenn
alles Finsternis, Verwirrung, Hass und Verderben ist! Liebten wir uns, so gäbe es
Brücken, aber wir sind fern von einander, durch ewige Klüfte geschieden.
    Ich habe zu wenig Liebe! klagte sie sich an.
    Und sie, die starke Frau, die selbständige freie Denkerin, die von keinem
Gotte Rettung hoffte, faltete ihre Hände und flehte: Oh du, der du die Liebe
bist, gib, dass ich lieben kann, wo ich nicht liebe, gib, dass ich morgen lieben
kann, wo ich heute noch verachte und hasse, und lass mich Böses mit Gutem
überwinden.
 
                                  Fünftes Buch
                               Josefine an Helene
                                                                    Am Vorabend.
Liebe und vertraute Leni!
    Dein dringlicher Brief ist schon drei Monate alt und noch immer
unbeantwortet. Verzeih!
    Du fragst, was sich bei uns ereignet habe seit den letzten vier Jahren - ja,
sind es schon vier Jahre, dass du von hier fort bist? Mein Leben ist ein Wirbel,
ich kann den Lauf der Tage nicht verfolgen, der Lauf der Jahre entgeht mir ganz.
Wenn ich die Kinder ansehe, dann weiss ich's, dass die Zeit vergeht, sonst fühl
ich nur »des Dienstes immer gleichgestellte Uhr«.
    Liebste Leni, mein Uli war hier, eine ganze Woche! Du würdest ihn lieb
haben, er entwickelt sich wunderbar, ganz meines Vaters Frische und Geradheit,
wie er auch sein Gesicht hat. Mein Rösli hat ein Jahr lang gelegen, denk es! Sie
ist zu schnell gewachsen, zu weich in den Knochen, Schlingpflanze - es ist mir
oft unbeschreiblich bang um sie. Das ist keine, die ihren Weg macht, es sei denn
durch ein Talent. Sie schreibt Verse, hat Temperament und Phantasie, wie aus
einem anderen Himmelslicht, steckt voll süsser sentimentaler Dummheiten! - Wie
oft hast du mir vorgeworfen, mir gesagt: »Du hast keinen Wirklichkeitssinn.«
Nun, das war dahingestellt, aber dies Kind Rösi hat wahrlich keinen, Gott sei's
geklagt!
    Hermann studiert Teologie, es ist sein Wunsch und der seines Vaters ...
    Ach, Leni, diese Kinder, über denen ein Schicksal schwebt!
    Georges ... aber das interessiert dich wohl nicht ...
    Das ist's, was sich bei uns ereignet, so im allgemeinen gesprochen. Auf
Näheres einzugehen, hat keinen Zweck.
    Meine liebe Leni, wie freut mich dein Bericht. Du bist gesund, arbeitest,
strebst für die Frauen, ich fühle mit dir und wünsche dir Gutes.
    Siehst du wohl, du kannst dich nicht entschliessen, dich mit Lotar zu
vereinigen, aus dem Grunde, weil er verwachsen ist! Du sprichst von deiner
Verpflichtung als Weib, Gesundes zu vererben, nicht Krankes. Aber Schatzeli,
denkt's dir noch, wozu du mir geraten einmal? Mir kam es wieder in den Sinn
jetzt, und ich hab gelacht. Ein wenig stumpfsinnig warst du doch damals, liebe
Leni, gibst du's jetzt zu? Übrigens, die Buckel sind nicht erblich, Schatzeli,
dieser Skrupel fällt dahin. Liebst du Lotar - - aber was red ich - meine weise
Leni liebt überhaupt keinen Mann, nicht wahr? B'hütis!
    Leneli, ich hab etwas Gutes gefunden! Ich drucksele seit fünf Jahren an dem
Wunsch, öffentlich zu sprechen. Endlich, endlich muss es probiert werden.
    Morgen Abend in der »Eintracht« mach ich den ersten Versuch. Mir ist fast
schwindelig bei dem Gedanken und so froh wie vor dem ersten Ball oder vor noch
Ärgerem - meiner Hochzeit oder so.
    Fragst nach meinem Programm? Oh, das ist sehr lang und sehr kurz! Kampf
gegen verstaubte und versteinerte Autoritäten im Leben und in der Wissenschaft,
weiter ist es nichts! Auf Schritt und Tritt sind wir ja umgeben von diesen
unsterblichen Götzenbildern - unsterblich deshalb, weil sie von Stein und Dunst
und Trägheit gewoben sind, und weil Dummheit und Grausamkeit ihre Priesterinnen
heissen. Aber sie sollen doch fallen, stürzen müssen sie und zusammenkrachen, und
gesegnet jede Hand, die Hand mit anlegt!
    Du siehst, ich bin nicht blöde, ich bin nicht überbescheiden. Ich werde mir
zunächst die Autorität in der Familie aufs Korn nehmen, da, wo sie am wildesten
und am verderblichsten wuchert!
    Als Medizinerin seh ich nur zuviel. Wärst du hier, ich tät alles an dich
hinschwatzen, und du würdest kritisieren und schimpfen wie gewöhnlich. Das wäre
einmal nett.
    Ob's wohl auch anderen so merkwürdig zu Mute ist vor ihrer ersten
öffentlichen Rede? Hat niemand seine Sensationen über diesen Punkt
niedergeschrieben? So viel kommt hier zusammen, weisst du! Innerliches, aber auch
Äusserliches. Ich fand mein Haar zu lang und liess es stutzen; ich wollte eine
rote Krawatte anstecken, aber Rösi will, dass ich ein Sträusschen rote Nelken
trage - ich, die seit zehn Jahren keine Blume getragen hat! Wird mir das Wort
gehorchen? Wird es mir nicht in der Kehle stecken bleiben wie das Wasser in
einer zu vollen Flasche? Wird meine Stimme ausreichen? Wird sich das Band der
Sympatie weben zwischen mir und den Hörern, ohne das alles ein totes Gerede
bleibt? Meine Hörer sind herrlich, das beste Auditorium, das denkbar ist. Ich
kenne sie von manchem Abend her, diese Arbeiter und Arbeiterinnen, kenne ihre
gespannten gläubigen Augen, ihre feurige und andächtige Bereitwilligkeit. Sie
nehmen so auf, wie durstige Pflanzen dem Tau ihre Blätter hinbreiten.
    Liebe Leni, ich habe aus meinen Sorgen zwei oder drei Bündel gemacht und sie
in die Ecken geschleudert. Ich werde starken Tee trinken vor meinem Vortrage und
in die Sonne gehen, damit ich warm werde, ganz warm und hell. Und dann werde ich
mit warmer, heller Stimme meine Freunde rufen.
    Werden sie mir antworten? Einige frühere Patientinnen kommen auch hin, sie
freuen sich, wie sie sagen, die guten Dinger.
    Wünsche mir Glück.
                                                                     Deine Josy.
                               Helene an Josefine
Liebste Freundin!
    Dein Brief voll Jugendschwung hat mich nicht mehr in Berlin erreicht,
sondern hier in dem freundlichen Münden, wo ich bei Lotars Mutter Sommerfrische
halten will.
    Ich muss dir nur gleich mitteilen, liebe Josy, dass ich Lotar mein Jawort
gegeben habe. Im Prinzip bin ich ja längst mit ihm einverstanden, und wenn es
auch keine vulkanische Leidenschaft ist, die uns verbindet, so haben wir uns
doch sehr gern und denken, dass unser neues Verhältnis unserer alten Freundschaft
keinen Abbruch tun wird.
    Zur Hochzeit kommen wir nach Zürich, du musst dabei sein. Nachher mieten wir
uns ein, am Dolder irgendwo; - ich denke es mir sehr hübsch, in Lotars
Begleitung all unsere alten Plätze wieder aufzusuchen und besonders das Haus
»Zum grauen Ackerstein«, wo ich so viel treue Freundschaft erfahren habe. Du
verzeihst mir wohl, dass ich Lotar in deine Geschichte eingeweiht habe. Es
konnte nicht gut vermieden werden. Seiner Teilnahme darfst du jedenfalls sicher
sein. Im übrigen hält er dich für einen weiblichen Don Quixote, wie ich auch,
liebste Josefine. Sonderbar, ich habe oft gelächelt, manchmal sogar gelacht, wie
du weisst, über deinen Eifer, dir das Leben sauer zu machen, wo jeder andere
vernünftige Mensch sich's möglichst süss machen will. Aber dann, wenn ich so über
dich nachdenke, stehst du vor mir so hoch - und dem Lotar scheint es auch so zu
sein. Geht es mir wie gewöhnlich, dann denke ich nicht an dich, Josy, du weisst,
ich bin ganz offenherzig. Aber wenn es mir sehr schlecht oder, wie in diesem
Augenblick, sehr gut geht, dann bekomme ich eine wahre Sehnsucht nach dir und
bin ganz niedergeschlagen, dass ich nicht zu dir kann.
    Siehst du, solch eine Liebeserklärung hab ich noch niemand gemacht - sie
sieht mir fast nicht ähnlich - was meinst du?
    Was hörst du von Bernstein?
    Schreibt Zwicky dir nie?
    Und Loginowitsch?
    Meine ganze Jugend liegt dort, im »Grauen Ackerstein«, im unvergesslichen
Zürich! Ich komme mit Lotar hin und will sie mir wiederholen! Man hetzt sich zu
Tode in der Weltstadt und lebt doch nicht. Ich bete Berlin an und hasse es.
    Liebe Josefine, stärke mich mit deiner Kraft! ich fühle mich oft so müde, so
altbacken, so eingetrocknet. Und das ist nun Braut. Glücklicherweise ist Lotar
noch viel müder, altbackener und eingetrockneter als ich. Aber ein feiner
Philolog ist er und scharf in der Dialektik, da kann ich mich verstecken - huh!
Wir gedenken ein Knabenpensionat zu gründen, für Ausländer, die gut zahlen. Ich
übernehme die Matematik. Mit Knaben werde ich sehr gut fertig. Wo - ist noch
unbestimmt. Vielleicht in Zürich?
    Wir freuen uns darauf, dich reden zu hören! Einzige Josy du, mit roten
Nelken, feuerroten natürlich, in der feuerroten Volksversammlung! Im Grunde
bekümmert es mich zwar sehr, dass du ganz in das äusserst Radikale gerätst, du
bist doch aus so guter bürgerlicher Familie! Aber mit dir zu streiten lohnt
nicht, du wirst nie etwas anderes tun, als was du willst. Bringe nur deinen Mann
nicht mit in die »Eintracht«, wenn wir kommen, hörst du? Dann wird aus der
Eintracht eine Zwietracht, denn wir zwei hassen uns nun mal, dein Mann und ich.
    Schreibe doch, was er tut - von ihm möchte ich vor allem wissen.
    Weisst du warum?
    Grüsse ihn und die Kinder. Rösi muss aber angehalten werden, du verliebte
Mutter! Das sollte unsere Tochter sein. Sei herzlich umarmt von
                                                            deiner Helene Begas.
    Gehorsamste Grüsse sendet Ihnen, verehrte gnädige Frau, Ihr ergebener
                                                                  Lotar Bröker,
                                                            Gymnasialoberlehrer.
                       Plattner an seine Tochter Josefine
Mein gutes Kind!
    Meine kurze Meldung an dich von vorgestern muss ich leider heute bestätigen.
Léon ist ruiniert, und - um dir's gleich zu sagen, mein ganzes Kapital ist mit
verloren! Es geschieht mir recht; die grossen Zinsen haben mich hineingekriegt,
so gut wie die anderen. Aber, ich gedachte, dir einmal etwas Ordentliches zu
hinterlassen, drum hab ich nach der Leimrute geluget - und so geschieht mir
eigentlich nicht recht, sondern unrecht.
    Der Herr Bankdirektor hat nicht dirigiert, der Herr Aufsichtsrat hat nicht
beaufsichtigt - von dem Albert steckt auch das Hauptvermögen in der Sach.
Sauerei! Eine Wut hab ich! eine Wut!
    Sorg dich nur nicht um mich oder um den Uli, Kind; so lang ich arbeitsfähig
bin, langt's ja zu allem. Aber dir hatt ich's zugedacht - du solltest's einmal
in die Hände bekommen, was dein Vater zusammengeschaft - es kränkt mich, nicht
zum Sagen.
    Gelt du, Josy, das Kapital für dein Studium war doch meine klügste Anlag!
Bist jetzt selbständig, hast gute Praxis, kannst Mann und Kinder ernähren. Gott
segne dich, mein gutes Kind!
    Mich wundert's fast, wie du's schaffst. Lese auch von Vorträgen, die du den
Arbeitern hältst. Schön und gut, aber bitt dich, übertreib's nicht, Josy. Der
Mensch ist kein Pferd. Mir ist's grad jetzt - briegen möcht ich wie 'n altes
Weib, dass du keinen Centime von mir kriegen wirst. Es wär denn, der Herrgott
schenkte mir noch zehn Arbeitsjahre!
    Aber meine Schwiegersöhne sind flott, gelt du? Man weiss nicht, welches dass
der Liebere ist! Saukerle, alle miteinander! Das heisst, vom Albert weiss man
nichts anderes, als dass er den ganzen Aufsichtsrat gestimmt hat zur
Vertrauensseligkeit, aber das ist Haufen genug! Und, nicht wahr, mit Rechtem ist
doch auch der Albert nicht zu seinem Millionenbesitz gelangt. Vier Villen hat
der Kauz: - eine in Flüelen, eine in Menaggio, eine in Lauterbrunnen, eine bei
Zürich. Doch halt - hatte muss es heissen. Ob er heut noch 's Dach überm Kopf hat
- wer kann's sagen.
    Der Léon soll sich fortgemacht haben, denk auch! Doch heisst's, es sei ihm
nichts anzuhaben. Jetzt - was so ein flüchtiges Bankdirektorshirn ausbrüten
kann, der Léon wird's ausbrüten, und der Herr Aufsichtsrat wird ihm schon
soufflieren, wo er stecken bleibt; gib Obacht! 's ist halt sehr verdächtig.
                                                           Dein gebeugter Vater.
                        Adele an ihre Schwester Josefine
                                                           Privatim und in Eile.
Geliebte teure Fifi!
    Eine arge Komplikation in Léons Geschäften ist eingetreten, und
unübersehbare Wirren stehen noch bevor. Mein Mann braucht Sammlung an einem
unbekannten Ort. Bei euch könnte ihn niemand finden, dort wird man ihn nicht
suchen, weil es ja allgemein bekannt ist, dass kein Verkehr zwischen uns besteht.
Es handelt sich um einige Tage, dann muss sich alles aufklären. Schreibe mir
sofort, ob du Léon verstecken kannst, ich würde mich dir in jeder Weise
erkenntlich zeigen!
                                                                          Adele.
                        Marie an ihre Schwester Josefine
Einzig geliebteste Josefine!
    Zu dir komme ich in meiner Angst, weil ich niemand so vertrauen kann wie
dir, Teure, Schwester! Mit Albert ist etwas passiert, und er wird gesucht, aber
er will sich nicht finden lassen, er sagt, es sei noch nicht gut, lieber später
- - er möchte gern zu euch, es ist ja stadtbekannt, dass wir nie zusammenkommen,
und bin ich schon oft deswegen gefragt worden. Aber Not bricht Eisen, und wir
sind doch Schwestern, nicht wahr - oh, meine Josefine, wenn es nach mir gegangen
wäre, diese Entfremdung wäre niemals eingetreten! Es handelt sich nur um einige
Tage, Albert wird dann alles aufklären, er muss nur erst zu sich selber kommen
und nicht die Meute hinter sich fühlen, sagt er. Er ist mit allem zufrieden,
auch sollt ihr keinesfalls Umstände machen. Bitte, hilf uns, Teure, dies fleht
in äusserster Angst
                                                deine dich innig liebende Marie.
    PS. Heute abend wird er im geschlossenen Wagen bei euch vorfahren, präzise
elfdreiviertel Uhr. Er kann auf dem Sofa schlafen. Er nimmt mit allem vorlieb!
Nur kein Aufsehen und überhaupt die äusserste Diskretion! Bitte Antwort durch
eines der Kinder überbringen, aber versiegelt.
                               Josefine an Adele
Liebe Schwester!
    Ich weiss nicht, ob es Léon bekannt ist, dass Albert dasselbe Gesuch an uns
stellt wie dein Mann. Es wäre mir lieb, wenn ihr euch einen anderen Zufluchtsort
aussuchtet. Gib Rösi, die dies überbringt, die Antwort mit. Falls die zwei
Männer auf ihrem Plan bestehen, habe ich noch vieles anzuordnen.
                                                                       Josefine.
                               Josefine an Marie
Liebe arme Marie!
    Ich weiss nicht, ob dein Albert hier mit Léon zusammentreffen, oder ob er
sich auch vor ihm verstecken will.
    Das heisst, dass Léon gleichfalls seinen Besuch bei uns anmeldet.
    Wie steht es denn jetzt? Kann Albert nicht wo anders hingehen? Die Sache ist
mir sehr unsympatisch. Das Mädchen soll deine Antwort gleich mit zurückbringen.
                                                                     Deine Josy.
                               Adele an Josefine
Teure Schwester!
    Sei nicht hart! Es geht nicht anders! Die zwei Verfolgten haben sich zu
beraten, und das kann ungestört nur bei euch geschehen. Sie werden zusammen um
elfdreiviertel Uhr heute abend in geschlossener Droschke bei euch ankommen. Wir
wissen, dass du über viele Dinge freier denkst als die engherzige Gesellschaft.
Auch hast du keinen so strengen Moralbegriff, glaube ich; deine traurigen
Erfahrungen, teure Schwester! Lass uns etwas davon zu gute kommen! weise uns
nicht ab! Innig bittet
                                                                    Deine Adele.
                               Marie an Josefine
Einziggeliebte Josy!
    Was soll Albert anfangen, wenn du nicht willst! Wir glaubten, du seist
nicht so hart wie die übrigen, auch sind wir doch Schwestern, und nach diesem
wird es keine Missverständnisse mehr zwischen uns geben, dafür werde ich sorgen.
Das Zusammentreffen bei dir ist verabredet, geliebte Josy, es ist notwendig. Du
hast gesagt, es gibt keine Verbrecher, es gibt nur Kranke, vielleicht ist dies
die Zeitkrankheit, denn man hört ja jeden Augenblick von solchen
Zusammenbrüchen. Deine arme Marie ist unglücklich, und du willst sie abweisen?
Nein, Josefine ist nicht schlecht, sie kann nicht nein sagen. Sie kommen heute
abend elfdreiviertel Uhr. Bitte, bitte, bitte! Sie können auf dem Sofa schlafen,
machen absolut keine Ansprüche! Ich rechne auf deine schwesterliche Liebe.
                                                         Deine unglückliche Mia.
                               Josefine an Adele
Liebe Adele!
    Mitfolgend den Hausschlüssel zum »Grauen Ackerstein«.
    Wir, das heisst die ganze Familie, reisen heute abend acht Uhr nach Chur zum
Vater. Léon und Albert müssen sich selbst bekochen und versorgen, denn das
Mädchen geht vorsichtshalber mit nach Chur. Wir bleiben eine Woche fort,
hoffentlich sind die Herren bis dahin einig!
    Ich muss noch eine Vertreterin besorgen, daher Schluss. In bezug auf
Habsuchtsvergehen sind meine Begriffe sehr streng, liebe Adele!
                                                                           D. I.
    Nachschrift. Befördere, bitte, diese Zeilen an Marie weiter, ich habe nicht
Zeit, zweimal dasselbe zu schreiben. Ihr müsst nicht vergessen, dass ich plötzlich
aus meiner Praxis heraus muss, Kinder. Sage Mia, sie habe recht, aber es gebe für
mich eine besonders abstossende Krankheitsform, und das sei die Geldsucht. - Mög
es euch gut gehen!
                                                                       Josefine.
                          Josefine an den Arbeiterbund
Sehr geehrter Herr!
    Mein auf übermorgen festgesetzter Vortrag muss leider verschoben werden, da
ich verreisen muss. Bitte um Feststellung eines Tages nach dem zwölften Juli.
                                                                  In Hochachtung
                                                                     Jos. Geier.
                          Josefine an eine Patientin!
Sehr geehrte Frau!
    Bitte, erschrecken Sie nicht, wenn morgen Fräulein Dr. Lauterer statt meiner
bei Ihnen Besuch macht. Sie vertritt mich während einer achttägigen Abwesenheit
von Zürich, und vertrauensvoll können Sie sich mit allem an sie wenden. Zu dem
kleinen Eingriff, den ich bei Ihnen vornehmen muss, werde ich in der übernächsten
Woche zurück sein. Nur guten Mut und Hoffnung!
                                                        Ihre Dr. Josefine Geier.
     Josefine an die Operationsschwester im Schwesternhaus zum Roten Kreuz
Liebe Schwester Erna!
    Die für morgen früh elf Uhr angesetzte Operation werde leider nicht ich
ausführen - ich muss unerwartet verreisen. Fräulein Dr. Lauterer wird mich
vertreten. Bereiten Sie die Patientin vor, und sagen Sie ihr, dass Fräulein Dr.
Lauterer nicht nur so gut, sondern besser ist als ich. - Da ich acht Tage lang
wegbleibe, werde ich eventuell auch die Patientin Allenstein abgeben müssen, was
mir aber leid wäre, da sie sehr nervös ist. Ihr Fall verträgt Aufschub; will sie
warten, so kann ich die Operation am zwölften Juli nachmittags drei Uhr
vornehmen. - Um regelmässigen täglichen Bericht nach untenstehender Adresse
bittet
                                                      Ihre Sie herzlich grüssende
                                                                 Dr. Jos. Geier.
                                               Chur, Landwirtschaftliche Schule,
                                                             Professor Plattner.
              Josefine an die höhere Töchterschule im Grossmünster
Sehr geehrter Herr Direktor!
    Hierdurch bitte ich Sie um die Erlaubnis, meine Tochter Rösi schon jetzt,
acht Tage vor Beginn der Sommerferien, aus dem Unterricht nehmen zu dürfen. Eine
unerwartete Reise der ganzen Familie nach Chur macht diese Massregel notwendig.
                                                                  In Hochachtung
                                                                 Dr. Jos. Geier.
       Schreiben des Missionshauses Basel an Frau Dr. med. Josefine Geier
Sehr geehrte Frau!
    Wir wenden uns an Sie mit unserer Antwort auf eine Anfrage, die vor ungefähr
einem Monat an unsere Direktion gelangt ist, und zwar von einer Seite, die Ihnen
die nächste ist. Ihr Gemahl, Georges Geier, hat sich an uns gewandt in der
Absicht, sich zum Missionar ausbilden und wider die Götzendiener senden zu
lassen.
    Wir wissen nicht, ob Ihnen diese Absicht bekannt ist, glauben aber aus
gewissen Gründen daran zweifeln zu müssen. Es scheint uns, dass Sie dem Petenten
würden abgeraten haben, aus Gründen, die Ihnen genugsam bekannt sind, und die
wir hier nicht zu erörtern brauchen. Unser Herr Jesus Christus will reine
Sendboten, wie kommt der Züchtling dazu, sich uns anzubieten? Wir ziehen es vor,
dem Herrn Georges Geier auf diesem Umwege die Antwort zu erteilen, die er
verdient.
    Bitte, dieselbe zu übermitteln und uns die Peinlichkeit persönlicher
Berührung mit genanntem Herrn zu ersparen.
    Der Herr erleuchte Sie und schenke Ihnen seinen Frieden. Amen.
                                                                  Die Direktion.
                     Josefine in Zürich an Georges in Chur
Lieber Georges!
    Du kommst zwar morgen zurück, aber dies ist etwas, das ich lieber
schriftlich als mündlich mit dir bespreche. Weisst du, wenn du mit mir schlechte
Witze machst, das schadet ja nicht, aber Leute wie diese Missionare haben ein zu
kitzeliges Fell, die solltest du in Ruhe lassen! Du hast dir den schlechten Witz
erlaubt, bei ihnen anzufragen, ob sie dich zum Missionar ausbilden wollen, und
sie haben natürlich nein gesagt.
    Die Antwort kam an mich, war grob abweisend, ich schicke sie dir nicht. Aber
wie konntest du auch solche Leute necken!
    Gefällt dir die Tätigkeit auf der landwirtschaftlichen Versuchsstation? Wäre
das nichts? Auf Wiedersehen! Mit Gruss
                                                                       Josefine.
                  Georges Geier in Chur an Josefine in Zürich
Meine unvergleichliche Séfine!
    Ich bin ein unglücklicher Mensch - das beste für mich wäre ein Mühlstein an
meinen Hals gehängt und im Meere ersäuft.
    Es war aber kein schlechter Witz von mir, es war mein heiliger Ernst,
Missionar zu werden, und ich hoffe, meinen Plan doch noch durchzusetzen.
    Ist es nicht unendlich viel leichter, den anderen zu predigen, wie sie sein
sollen, als selber gut zu sein? Die Gabe des Wortes ist mir verliehen, wie du
weisst, Séfine, ich besitze die Gabe der Beredsamkeit! Die Gabe des Gutandelns
besitze ich nicht, also halte ich mich an das, was ich habe. Man muss Gott für
alles danken! Wer war der heilige Augustinus, he? Ich identifiziere mich mit
ihm, ich habe Visionen wie er, ich fühle den Drang, zu belehren, wie er! Die
Baseler sind dumm, ein Genie wie meines zurückzuweisen! Sie werden es bereuen,
wenn ich ohne ihre Hilfe zur Heiligkeit gelange. Denn dazu gelangen werde ich,
eben weil ich die Gabe des Wortes besitze. Ich behaupte, dass ich durch den
Besitz dieser Gabe und durch den Mangel an anderen Gaben zum Missionar geradezu
prädestiniert bin. Mein ganzes früheres Unglück hätte mich nicht betroffen,
falls ich meinen Beruf gleich anfangs erkannt hätte. Ich hätte tun können, was
ich getan - es hätte nicht geschadet, einem Missionar hätte es nicht geschadet.
Sie tun mehr, und es schadet ihnen nicht. Ich fühle den Beruf in mir, zur Busse
zu posaunen!
    Diese Schwarzen und Braunen und Gelben, die ich dem Himmel gewinne, werden
für mich Fürbitter sein. Kurzum, es ist ein Geschäft, und ein gutes Geschäft,
und ich werde doch noch hineinkommen. Es ist leicht zu erlernen, ich besitze
bereits die erforderlichen Kenntnisse. Predigst du nicht auch, unvergleichliche
Séfine? Hast du für mich etwas anderes gehabt als schöne Worte? In deiner Frage,
wie mir die bäuerliche Tätigkeit zusage, sehe ich sogar etwas Entwürdigendes. Du
willst mich für ewig hinunterdrücken, Séfine. Aber ich, ich werde mich erheben
und Missionar werden! Ich kenne die Sünde, ich kann also vor ihr warnen, ich
freue mich darauf, unter Sündern zu sein! Aus gewissen Andeutungen deines Alten
schliesse ich, dass es geraten ist, auch Léon und Albert in mein Gebet
einzuschliessen. Charmante Familie! Wahrlich, wir brauchen unter uns einen, der
zur Busse posaunt! Und dieser eine wird sein
                                                          dein gehorsamer Diener
                                                                        Georges.
    PS. Möglich, dass ich katolisch werde, wenn die Umstände es erfordern - mich
bekreuzigen kann ich schon.
                          Rösi an ihre Mutter Josefine
Meine einzige Mama!
    Ich danke dir, dass du mich hierher nach Weggis gebracht hast, und dass ich
bei Laure Anaise sein darf. Laure Anaise ist eine schöne Frau, und ihr Mann ist
nicht so schön, weil er zu klein ist. Ich möchte auch solch einen Mann haben, er
ist so lieb mit Laure Anaise, und der Bubi kreischt vor Freude, wenn er ihn
sieht, aber etwas grösser möchte ich ihn haben, den Meinen. Doch das hat noch
lange Zeit, und oft denke ich, ich möchte gar nicht gross werden, lieber klein
bleiben und eine Nixe werden im Vierwaldstättersee. Hätte ich nur blondes Haar,
meine Mama, eine Nixe mit schwarzem Haar gibt es nicht, oder? Dann käme ich
heraus auf den blauen Felsen, wenn der Mond scheint, und er scheint gerade
jetzt, und es ist so wonnig, dir ohne Lampe im Mondschein zu schreiben.
Gegenüber ist der blaue Felsen, und das soll mein Platz sein, es ist nicht so
schön, wenn er leer ist.
    Wenn ich eine Nixe wäre, könnte ich auch singen, und ich weiss ein Lied,
meine Allersüsse, und das macht mich so traurig. In Laure Anaises Garten stehen
viele Rosenbäumchen, und eins war so schön, und es ist plötzlich gestorben. Ich
weiss nicht warum, und niemand weiss warum. Am Morgen sah ich, dass die
halboffenen, grossen, weissen Rosen ganz ruhig wie immer an dem Zweig hängen, aber
die kleinen, jungen Knospen und die kleinsten bräunlichen Blätter sind so weich,
ganz schlaff. Ich dachte zuerst an die Schlafblumen, die du uns früher gezeigt
hast, an die Akazien, die nachts ihre Blättli zusammenfalten wie kleine Hände,
die beten. Kann es nicht sein, dass ein Rosenbäumchen auch einmal schläfrig ist?
Vielleicht hat es die ganze Nacht in den Mond gesehen, oder der Wind hat soviel
zu erzählen gehabt, oder es macht auch müde, wenn die grossen Hummeln so laut um
seine Ohren summen. Ich wollte die Knösplein aufwecken, aber sie fielen auf die
Seite, so matt. Ist es Schlaf? dachte ich, wurde ängstlich.
    Am Abend hingen die grossen, weissen Rosen wie schwere Glocken herab, und die
kleinen Zweige hatten alle Kräfte verloren, und ich brachte ihm Wasser, aber er
war schon zu schwach, er trank nicht mehr, das Wasser rann über den Boden fort
und benetzte es nicht. Er will sterben, sagte ich zu Laure Anaise, und Laure
Anaise und ihr Mann und ich, wir mochten nicht essen, aber Bubi versteht es noch
nicht. Am Morgen war er schon tot - so kalt und still, kein Blättchen fiel ab -
nun rascheln sie wie Papier und sind klein und braun und die weissen Rosen wie
gelbe Klüngel, und sie duften immer noch. Und die Rosenbäumchen stehen alle in
einem Kranz, und sein Platz ist wie ein dunkles Grab.
    Liebe Meine, bitte, bitte, schicke mir einen blassblauen Schleier, aber ein
grosser soll es sein, so gross, dass ich ganz hineinschlüpfen kann. Dann brauche
ich keine Kleider, die Hitze tötet mich. Sie hat auch das Rosenbäumlein getötet.
In den blauen Schleier will ich mich einhüllen und auf dich warten, meine
Allersüsse. Kommst du und nimmst mich? Aber nimm mich nicht sogleich, es ist hier
schön, man denkt, es ist die Sonne so gross, so flammend rot, aber es ist der
Mond, der aufsteigt.
                                                                Deine müde Rösi.
                                Rösi an Josefine
Meine allersüsse Mama!
    Weisst du, wo ich bin? Kannst du mich sehen? Oh, ich bin im Nussbaum, und die
Zweige sind ganz dicht um mich, und die Sonne ist wie grünes Gold, und ich bin
nur ein Vogel im Baum. Ich denke an nichts den ganzen Tag, und du bist immer in
meinem Herzen, und ich habe dich noch tausendmal lieber, und oben durch die
kleinen Räume guckt der Himmel zu dir und mir herein.
    Wenn ich deine schönen Briefe bekomme, klopft mein Herz, und ich will alles,
alles tun, was du willst, Meine. Nur von dir will ich lernen, denn die Menschen
sind nicht so gut, wie du sagst, Mama, sie sehen mich an mit Gesichtern und
ängstigen mich mit Fragen nach dir und nach Papa.
    Ich halte mir inwendig die Ohren zu. Alle Mädchen haben Liebesgeschichten,
das finde ich so scheusslich. Ich sage immer den Vers, den du gemacht hast, und
für den ich dir tausendmal danke:
Nie sollst du mich verliebter Schwachheit zeihen!
Dort will ich sein, wo Leid zu lindern ist!
Und keine Träne soll mein Aug entweihen,
Die weibisch um mich selber fliesst.
    Nein, keine Träne! keine weibische Träne! Ich will auch, ich will auch Leid
lindern, wie du, du Allerbeste. Wir leiden viel vom Leide anderer, sagst du. Ja,
es ist wahr, aber ich träume so Schönes, ich leide nicht viel, Mama! Im Traum
wurde der blaue Schleier, den du mir geschickt hast, so lang wie eine Strasse,
und ich konnte darauf in den Himmel fliegen. Aber ich flog nicht, ich ging so
sanft, über die Berge glitt ich weg und über den See und sah eine goldene Halle
mit weissen Göttern und sah den Gott Odin, der sang, und die Töne fielen herab
als goldner Regen in den blauen See. Und ich war die Nixe und hielt meine Hände
offen wie zwei weisse Muschelschalen im Mondschein, und die goldenen Regenkörner
fielen hinein und streckten kleine weisse zitternde Wurzeln aus, und nach oben
wuchs ein Wald von weissen Lilien, wuchs über meinem Kopf zusammen, und ich ging
verloren, weiss nicht, wo ich geblieben bin. Suche mich wieder, meine süsse Mama!
                                                                           Rösi.
                        Hermann an seine Mutter Josefine
Liebe Mutter!
    Da du findest, dass ich so ausserordentlich faul im Briefschreiben bin, will
ich diesen Regentag benutzen, um dir endlich einmal zu antworten.
    Es war sehr gut, dass ich nach Basel ging, in vieler Beziehung. Es gefällt
mir hier ausserordentlich, und ich werde wohl ein bis zwei Semester hier hängen
bleiben. Die gefürchtete Tante Ludmilla entpuppt sich als eine zwar scheusslich
anzusehende, aber sonst sehr brauchbare Dame, dank deren Bemühungen ich hier
endlich in die besseren Kreise komme. Dazu hilft mir nun auch mein Studium in
hohem Grade, und würde ich es schon aus diesem Grunde jedenfalls beibehalten. Es
ist geradezu eine Kalamität, dieser Mangel an tüchtigen Teologen, eine
Kalamität unserer Zeit, und wenn ich auch durchaus kein Mucker bin, so glaube
ich doch, dass unserer Wissenschaft ein grosser Aufschwung bevorsteht, und dass man
dumm ist, wenn man die Gelegenheit nicht benutzt. Allerdings werde ich nach
Deutschland übersiedeln, dort ist mehr zu holen für unsereinen - als Schweizer
Bauernpfarrer dem Rindvieh zu predigen, das passt mir nicht. Ich weiss, dass du
über all diese Fragen ganz anders denkst, aber dafür bin ich auch ein junger
Mann und muss einen Platz zu finden suchen, nicht zu weit von der Sonne. Dazu ist
bei uns leider keine Aussicht, bei uns sind nur die Pfarrer berühmt, die sich
für Volksmänner ausgeben, und für die Ehre bin ich nicht zu haben. Ich habe
mich, seit ich hier bin, also seit zwei Monaten, mehr und mehr zum Aristokraten
entwickelt, es muss wohl so in meiner Natur liegen. Übrigens würde mir daheim
Vaters Vergangenheit jede Carriere abschneiden, das sehe ich deutlich. Du hast
uns in dieser Hinsicht stets wie blinde Hühner behandelt, liebe Mama, die Eltern
denken ja immer, dass ihre Kinder nur immer das hören und sehen, was die Eltern
gerade für wünschenswert halten.
    Auch Onkel Albert und Onkel Léon werden hier unaufhörlich durchgehechelt,
aber die Schlauheit, mit der sie ihre Millionen in Sicherheit gebracht haben,
ist so genial, dass auch die Anerkennung nicht fehlt. Die sind nun alle beide mit
ihren Frauen auf der Weltreise, heisst es. So etwas kann verblüffen, wenn es auch
im Grunde genommen nur ein Blendwerk der Hölle ist. Tante Ludmilla wusste alles,
sie ist trotz ihrer neunzig Jahre und ihrer Leidenschaft für den Alkohol einfach
bewunderungswürdig. Sie behauptete mit wütendem Gelächter, Onkels Zusammenkunft
in unserem Hause, während wir nach Chur fuhren, habe dem Vater
fünfmalhunderttausend eingebracht! Als ich ihr sagte, dass sie sich leider irre,
und dass wir die Sache nur aus Verlegenheit möglich gemacht hätten, stiess sie
mich mit ihrem hornigen Zeigefinger in die Brust, dass ich es wohl einen Tag lang
spüren musste, und schimpfte auf dich wie maniakalisch. Tante Ludmilla hat mich
schon in einige Familien eingeführt, wo es natürlich an hübschen Töchtern nicht
fehlt. Neulich liess sie etwas fallen von ihrer Absicht, mich eventuell zu
adoptieren. Dann bin ich ihr Pflegesohn, und alle unnützen Frager sind aufs Maul
geschlagen. Wie denkst du darüber, liebe Mama? Ich kann ja nicht anders
hinaufkommen, es muss ja etwas für meine Zukunft getan werden! Ich will mich doch
ausleben, ich bin doch kein Asket! Du musst das doch begreifen, liebe Mutter, ich
bin eben anders!
                                                   Dein gehorsamer Sohn Hermann.
Als Josefine Hermanns Brief gelesen hatte, beschloss sie, sofort nach Basel zu
fahren.
    Ihre heftige Entrüstung benahm ihr sogar während der Sprechstunde die
gewohnte überlegene Konzentration. Sie musste zuweilen ihre Frage an eine
Patientin wiederholen, weil sie die Antwort nicht gehört hatte.
    Ich fahre mit dem letzten Zuge, spreche nachts mit meinem Burschen und bin
mit dem frühesten Morgenzuge zurück, dachte sie.
    Es war November, aber laulich, und heller Mondschein.
    Die Fahrt muss ich zum Schlafen benutzen, dachte sie, aber wie ist es denn
möglich, zu schlafen? Dieser Bursch ist ja eine vollständige Widersinnigkeit!
Hat man ihn in die Welt gesetzt, damit er die Leute betrüge?
    Sie fuhr wie eine gewitterschwarze Wolke über Rösli her, die beim summenden
Gaslicht einsam mit roten Wangen am Tisch sass und in ein winziges Notizbüchlein
kritzelte.
    »Ach, du mit deinen ewigen Verseleien, auch du machst mir Sorge!« schrie
Josefine und riss dem erschrockenen Kinde das goldgeränderte Büchlein fort. Rösi
starrte mit geblähten Nasenflügeln und dunkel offenen Augen auf ihre Mutter.
    Sie schrie auf, wie ein verwundeter Vogel schreit.
    »Was schreist du?« zürnte die Mutter wild und heftig.
    »Gib mir mein Buch! mein Buch! mein einziges - einziges Glück!« flehte Rösi
und begann zu schluchzen.
    »Da ist's! weine nicht, du Dummes! man reisst dir nicht den Kopf ab.« Sie
warf das Büchlein auf den Tisch. »Ich fahre nach Basel - ist der Papa daheim?«
    »Weiss nicht,« schmollte das Mädchen, still weinend und mit dem Kopf nickend.
    »Siehst du! sie weiss nicht! lebt taub und blind! Ach, ich möchte eine
Tochter, die lebt, die stark ist und ein Mensch!« schrie Josefine ausser sich.
    Rösi stand auf, zitterte an allen Gliedern, ihr Gesicht war totenblass. »Du
liebst mich nicht mehr, Mama, ich weiss es, du hast mir so kalt geschrieben nach
Weggis, alles, was ich tue, ist schlecht, aber - -« Sie warf das Büchlein vom
Tisch herunter, trat darauf und schrie wimmernd ...
    »Kind! Rösi! was ist das?«
    Plötzlich hatte Josefine begriffen, plötzlich schmolz ihr Herz. Sie lief auf
das Kind zu, umarmte es stürmisch, küsste es auf die nassen Augen, die nassen
Bäcklein. Ihre Herzen klopften dicht aneinander.
    »Verzeih! verzeih!« flüsterte die Mutter, flüsterte das Kind, und sie küssten
sich und weinten miteinander. Dann, fest umschlungen, setzten sie sich auf einen
Stuhl.
    »Sieh, mein Alles, wie unglücklich ich bin über deinen Bruder! Sein erster
Schritt hinaus ist ein Schritt in den Sumpf! Er will eine Rolle spielen, reich
werden! Alles setzt er aufs Spiel, seine Mutter, sein Vaterland, seine
Wissenschaft! Die abscheuliche alte Spinne in Basel will ihn adoptieren, und er
sieht darin etwas Gutes, weil es ihm Vorteil bringt! Und dieses Bürschlein habe
ich in die Welt gesetzt, damit es die Leute betrüge!«
    »Aber ich, Mama, ich tue so etwas nie! ich bin doch deine Tochter, oder
willst du lieber eine andere?« rief die Kleine, und mit zusammengebissenen
Zähnen weinte sie Tränenströme in den Hals der Mutter.
    Josefine küsste sie leidenschaftlich. »Ach, Kind, ich bin so abgehetzt! Ich
bin so müde von diesem Sommer! Verzeih! verzeih! Was hat es alles gegeben diesen
Sommer! Und nun Hermann!« Sie sprang auf. »Hilf mir, Kind, Rösi! Mein
Regenmantel ist noch nass, die Schuhe müssen vom Schuster geholt werden. Auch mit
Papa muss ich sprechen. Um halb acht Uhr geht der Zug.«
    Rösi war wie Wachs; sie zerschmolz fast in Liebe und Schmerz, als sie die
Mutter sich unglücklich nennen hörte. Alles, alles wollte sie tun! ... »Und ganz
werden wie du! wie du!«
    Georges kam nach Hause, und Josefine hatte noch eine kurze, dringliche
Unterredung mit ihm, bei der sie fast allein sprach.
    »Ich bringe unser Bürschli heim,« sagte sie endlich, nachdem sie ihm alles
erzählt hatte, »und dann müssen wir weiter sehen. Cynismus ist Gift für Hermann,
und diese alte Tante Ludmilla ist cynisch! Er muss zurück auf ordentlichen Weg
kommen. Es geht nicht, dass er Teologie studiert, Georges. Widersetze dich auch
und rate ihm zu etwas anderem, ich bitte dich! Er hört auf dich, er tut nur mir
gegenüber so selbstgewiss, sonst ist er nur zu bestimmbar. Darf ich auf dich
rechnen, Mann?«
    »Du beabsichtigst vielleicht, einen Bankdirektor aus ihm zu machen?«
lächelte Georges verbindlich, »auch das Geschäft nährt seinen Mann.«
    Die gequälte Frau sah ihn an. Für einen Augenblick verkörperte sich ihr in
diesem gelben, grinsenden Gesichte alles Widrige, Verwerfliche, Hassenswerte,
das sie wusste. Alle Qual, alle Ratlosigkeit ihrer Lage spiegelte sich wie in
einer trüben Lache in diesen matten roten Augen.
    »Ja, ja,« sagte der Mann aufseufzend, »das Leben ist halt schwer.«
    Sie hob den Kopf, die Verzweiflung übermannte sie. Suchte sie hier Hilfe?
»Und weil es schwer ist, lass uns zusammenstehen,« sagte sie verwirrt, »lass uns
in dieser Sache zusammenstehen, Georges. Tu nichts gegen mich!« Sie streckte ihm
die Hand hin.
    Über seine gelben Backen lief ein schwaches Rot, er berührte ihre Hand und
murmelte: »Nein, nein.«
    »Du bist sein Vater, Georges.«
    »Leider.«
    »Hältst ihn etwa für verloren?«
    »Nein, aber du, Séfine.«
    »Ich hol ihn,« sagte sie entschlossen, drückte dem Manne die kalten,
widerstrebenden Finger und machte sich bereit. Georges bot ihr sogar seine
Begleitung an. Verlegen lehnte sie ab und fuhr allein.
Aus dem heissen Coupé, das sie schläfrig und schwer gemacht, sprang sie auf den
nassen, schmutzigen Perron hinab.
    Josefine war in Basel. Es regnete schon, seit sie eingestiegen war. Ihre
Unruhe verstärkte sich in dieser jetzt stillen, wie ausgestorbenen Stadt, über
der eine dunkle Schwüle lag. Nur auf der Rheinbrücke ging ein frischer Wind und
warf ihr die Kleider so um die Glieder, dass sie mühsam vorwärts kam. Der Rhein
brauste im Regen - sie blieb einen Augenblick stehen und sah ihn ziehen,
geheimnisvoll wie den Strom der Unterwelt, glanzlos und farblos.
    Sie dachte flüchtig an Sommertage voll Duft und Glanz, da sie über diese
Brücke gegangen, über den jungen, grünen, schäumenden, herrlichen Rhein.
    »Wäre ich nie geboren! wäre ich doch nie geboren,« sagte sie voll
Bitterkeit.
    Es schlug elf Uhr, als sie vor dem Hause stand, in dem Hermann ein Zimmer
gemietet hatte. Es war ein kleines Hotel; unten, in der Bierstube wurde laut
gesprochen, eine keifende Frauenstimme zankte mit einer dumpfen, weinerlichen.
Man hörte Gepolter, Geschirr klapperte.
    Josefine zog die Glocke, und sogleich erschien, mit gerötetem, zornigem
Gesicht, die Frau aus dem Gastzimmer, die Wirtin. Misstrauisch betrachtete sie
die Fremde, die hier nach ihrem Sohn fragte.
    »Weiss nit, ob er daheim ist.«
    Ein Trupp Gäste unter triefenden Regenschirmen kam in den Flur. Mit
erheiterter Miene wandte sich die Wirtin ihnen zu; gleichgültig, über die
Schulter weg, rief sie nach dem Mädchen, dass es die Dame hinaufbegleite.
    Hermanns Tür war verschlossen, kein Klopfen half.
    »Er ist jedenfalls noch nit daheim,« sagte das Mädchen, ein hübsches, junges
Ding mit verweinten Augen und trotzigem Munde, und ohne viel Umstände stellte
sie den Leuchter auf ein halbrundes Tischchen, nahe der Tür, knixte »Sküsi« und
rannte wieder hinunter zur Bedienung der Gäste.
    Josefine verlangte ein Zimmer.
    Es war alles besetzt bis auf eine Mansarde, droben, neben Hermanns Stübchen.
    »So ist's am besten,« sagte die Mutter erfreut, »ich werde hören, wann er
kommt. Kommt er oft spät heim?« machte sie hastig.
    Das Mädchen blinzelte mit den schweren Augenlidern. »I könnt's gewiss nit
sagen - 's sind halt junge Herre. Wünsche Sie no öppis?«
    Da sass sie nun neben dem Stearinlicht auf dem Stuhl und wartete auf ihren
Sohn. Sie hatte Regenmantel und Hut abgelegt, fröstelnd drückte sie die Arme an
den Leib, hielt sich steif aufrecht, um wach zu bleiben.
    Langsam verrann die Zeit.
    Sie legte ihre Uhr vor sich auf den Tisch, horchte auf jedes Geräusch.
Manchmal kam es über die Treppen, eine Tür wurde aufgeschlossen. Dann sprang sie
auf und starrte hinaus, aber es war niemand ins Nachbarzimmer gegangen.
    Der Regen floss in breiten, ölartigen Streifen an den kleinen Scheiben
hinunter - die Kerze, die einen Bruch in der Mitte hatte, fiel bald auf die
eine, bald auf die andere Seite und tropfte schnell ab, stand schon in einem
weissen See ...
    Ich bin ganz kopflos hierher gekommen, ich hätte schreiben sollen vorher,
dachte sie.
    Es war halb zwei jetzt.
    Weiss Gott, wo der sich herumtreibt. Man muss nur die Ruhe nicht verlieren -
mit Heftigkeit geht es nicht - ich werde ganz ruhig -
    Langsam begann sich das Licht zu vergrössern - wurde undeutlich, wurde wieder
gross - die Stube drehte sich - das Fensterchen, von dem ein Stück fehlte, weil
die schräge Wand da hinunterschnitt -
    Ha - a - a - a - a - h.
    Sie schreckte plötzlich auf, erschreckt durch ein Geschrei, ein Sprechen und
Winseln!
    Sie setzte sich aufrecht auf dem Sofa - wie kam sie hierher? - dieser
erstickende Qualm, diese Dunkelheit - dieses Geschrei?
    Durch die Wand, an der sie sass, hörte sie es wieder, grob und heiser: »Usse!
13 usse! 'es Chaib ist besoffen! hehheh! Usse! Usse! Usse!«
    Josefine tastete nach der Tür, die Kerze war verbrannt, sie fand sich nicht
zurecht -
    Nebenan winselte die Frauenstimme: »Lass mi doch schlafen! 's ischt kalt!
kein Obdach bei der Nacht, o bitt di, noch e halbe Stund!«
    Und dann wieder: »Schieb! Usse! I will denn emal schlafen, du -«
    Die Schimpfwörter schienen einander zu ersticken, so dicht folgten sie sich
...
    Josefine hatte endlich den Türdrücker gefunden, schaudernd zögerte sie noch,
dann riss sie die Tür auf ...
    Ihr gegenüber, in der offenen Tür, stand - Hermann - im Hemd - barfüssig, die
Kerze in seiner Hand beleuchtete hell sein blasses, stumpfes Gesicht mit der
nassen, hängenden Unterlippe ...
    Über die knackenden Treppenstufen verlor sich das Gewinsel in der Tiefe des
stummen, dunklen Hauses.
    Er wischte sich den Mund mit dem Handrücken und lallte noch: »Chaib!
Saumensch! Verfluchtes.«
    Die Mutter wich zurück, sah und wollte nicht sehen, hörte und glaubte nicht
... Gespensterfurcht lähmte ihr die Hände, die Zunge.
    Aber als er sich umdrehte, in die Tür zurücktreten wollte, stürzte sie sich
plötzlich vor und schrie in der Raserei ihres Schmerzes: »Selber verflucht,
schamloser Hund!«
    Er zuckte wie getroffen, liess den Leuchter klirrend fallen, warf seine Tür
zu, verriegelte.
    Sie rüttelte, sie drohte, er gab keine Antwort, er machte nicht auf.
    Nun stellt er sich tot, dachte sie, der Feigling! Eben noch hatte er den Mut
der Brutalität! Grausam, feig, gemein - ein schädlicher Wurm! Und das ist mein
Geschenk an die Menschheit!
    Sie trug einen Stuhl heraus vor seine Tür und sass dort.
    Er soll mir nicht entkommen, dachte sie. Hätte ich eine Waffe gehabt, ich
hätte ihn niedergeschossen. Und warum auch nicht? Das ist mein Geschenk an die
Menschheit!
    Nun schlief sie nicht wieder ein, nun sass sie mit gross offenen Augen und
wartete auf den Tag.
    Er wird nicht so bald aufwachen, aber ich lasse den Schlosser kommen, er
soll mir Rede stehen. Ich werde nicht mehr schimpfen - ich habe geschimpft wie
er, ich habe mich gemein gemacht. Hätte ich einen Revolver gehabt, ich hätte ihn
erschossen! Er spie auf sein Spielzeug, als er ein kleiner Bub war. Spie darauf
und zertrat es, wenn es ihm genug gedient hatte. Dies ist mein Geschenk an die
Menschheit! Es ist gut, dass ich keine Waffe habe. Ich muss noch leben für Rösli.
Ich hatte Pläne - grosse Pläne - Entwürfe - Hoffnungen - ich wollte etwas Gutes
hinterlassen, etwas Nützliches - dem Leben dienen -
    Ihre Gedanken verwirrten sich, kreisten wild umeinander, kehrten mit
tötender Schärfe zu dem einen Punkt zurück: Was ist alles, das ich bestenfalls
tun könnte gegen dieses Geschenk an die Menschheit! Hier ist das Wirkliche, das
Schreckliche, Unentrinnbare! das Unaufwägbare!
    Als sie Schritte auf der Treppe unten hörte, ging ein Dröhnen durch ihren
Kopf: Sie werden heraufkommen, werden mich hier sehen, sie, die alles wissen,
unsere ganze Schande.
    Mit tiefgebeugtem Nacken, des Schlages gewärtig, sass sie eine ganze lange
Zeit.
    Aber die Tritte verhallten wieder, und unsäglich traurig schien der halb
verzehrte Mond über die schmutzigen, leeren, sich heraufwindenden Stufen.
    Ach, dass es nicht wahr wäre, dieses Letzte, Abscheulichste! Dass ihr Sohn
jetzt da heraufkäme mit dem elastischen Schritt seiner zwanzig Jahre, über diese
leeren Stufen heraufspränge, die Augen glänzend vom langen, feurigen,
begeisterten Gespräch mit den jungen Kameraden, sorglos pfeifend, unter dem
triefenden Hut, voll schönen, unklaren Überschwangs, wie der junge Zwicky nach
Hause zu kommen pflegte, die Arme reckend: Hah, jetzt muss es dann anders werden!
jetzt probieren wir's emal, wir, die Jungen. Ach, käm er selbst, den Hut schief,
selbstgefällig kichernd, mit Kotillonorden behängt, mit dem Sträusschen im
Knopfloch - es wäre gut, es wäre alles gut! Nur nicht so! nur nicht dieses!
    Und sie sah ihn heraufkommen, rot vor Scham und Stolz und Leidenschaft, mit
der Zitternden, Scheuen, die halb Lächeln, halb Traum ist, die eine
Augenblicksliebe ihm in den Arm geworfen, und die sich vergessen hat, Werkzeuge
der Natur sie alle beide, der blinden, nicht bösen, nicht guten, gleichgültig
schaffenden Natur ...
    Gut selbst dieses! Alles gut! Nur nicht so! Nur dieses Letzte nicht!
    Sie konnte nicht länger warten. Sie schlug wieder an die Tür. »Hermann!
öffne! ich bin da!«
    Nichts regte sich, kein Laut kam.
    Sie beugte sich zum Schlüsselloch, horchte an der Türritze: kein Atemzug war
zu hören.
    Ein Grab, dachte sie, schlimmer als ein Grab, viel schlimmer!
    Und sie begann zu weinen, heisse, mühsame, versprengte Tränen.
    Mein Geschenk an das Leben Gift, meine Gabe an die Menschheit diese
fressende Pest!
    Sie starrte in den gelben Mond hinter dem nassen Treppenfenster.
    Moral insanity! dies ist moral insanity! Wir haben wenigstens auch dafür
einen Namen! Vielleicht wäre es besser als alles andere, das ich tun kann, wenn
ich ihn tötete. Ich würde es tun, wenn ich ihn liebte, aber - ach, ich liebe ihn
nicht genug, um mich mit ihm zu vernichten.
    Sie dachte an ihre Pläne, ihre Bestrebungen, und es schien ihr, als wären
ihre Hände voll grauer Asche.
    Ist nicht alles dies nur ein Mittel, um sich zu betäuben? Auch nur ein
Opium? Damit ich den Abgrund nicht sehe, aus dem alles Leben aufgestiegen ist
und in den es hinabsinkt? Wenn mein eigener Sohn, den ich von Kind auf
hinüberziehen wollen auf die gute, auf die positive Seite - was ist dann
Erziehung? Beispiel? Gewöhnung? Zu wem redet man? Und es fiel ihr ein, zu wem
seit Jahrtausenden die Weisen und die Dichter geredet, und eine ungeheure Angst
ergriff sie. Ihr Mittel versagte, ihr Opium versagte, und sie stürzte in das
Bodenlose hinab.
»Junger Herr! Herr Geier! Ihre Mutter ist kommen!« schrie die Wirtin und
bearbeitete kräftig die Tür. Es war heller Tag.
    Gedemütigt stand die Mutter daneben.
    »Meine Mutter? - Sofort!« rief es aus Hermanns Zimmer und dann noch einmal:
»Ich komme schon.«
    Die Tür tat sich auf.
    »Nun, da haben wir den jungen Herrn.« Lachend trottete die Wirtin davon.
Hermann war da.
    »Liebe Mama, diese Überraschung. Willst du nicht Platz nehmen? Du musst aber
früh von Zürich fort sein! Es ist doch nichts passiert? Entschuldige die
Unordnung, ich habe spät gearbeitet. Oder willst du dir nur einen Feiertag
gönnen? Was ist denn los?«
    Hermann war wohlgewaschen und frisiert, in guten Kleidern; das Zimmerchen
duftete nach Veilchenseife und war aufgeräumt, das Bett zugedeckt; auf dem
ovalen Tische vor dem Sofa lagen viele Bücher in neuen, schönen Einbänden, mit
glänzenden Goldtiteln. Aufgeschlagen aber war eine grosse, silberbeschlagene
Bibel, von deren vergilbten Seiten bunte Initialen leuchteten.
    Ohne die Mutter anzusehen, fuhr Hermann herum, das heisst: er glitt mit
unhörbaren, geschmeidigen Bewegungen. Eben trug er eine Schnurrbartbinde von der
Kommode zum Lavor und legte sie schmunzelnd in Papier, rosa Seidenpapier, das
fröhlich knisterte.. dabei sprach er fortwährend.
    »Tante Ludmillas Familienbibel, die musst du dir ansehen, Mama. Nun, wie
geht's daheim? Aber dass du dich losgemacht hast!«
    Auf seinen blassen Backen waren hektische Flecke, die Nervosität seiner
Gebärden nahm zu, als die Mutter noch immer schwieg.
    »Aber schlechtes Wetter! Es regnet,« sagte er mit harmlosen Blicken nach dem
Fenster.
    Josefine konnte nicht sprechen, und er sprach immer weiter, mit immer mehr
sich rötenden Backen und immer unruhigeren Gebärden. Schiefe Blicke fuhren über
sie hin, über ihr eingefallenes Gesicht, ihre nassen Kleider.
    Mit trockenem Gaumen brachte sie endlich hervor: »Genug. Packe zusammen.
Heim.«
    Er sprang empor, tat, als verstehe er nichts ...
    Da sagte sie's ihm.
    Aber er leugnete rundweg.
    Ein falscher Verdacht! Ganz falsch! Schliesslich, warum nicht zugestehen,
wenn es nicht falsch wäre? Alle tun so, man ist keine Ausnahme. Es gehört sich,
dass ein junger Mann das Leben kennen lernt. Frauen - natürlich - anständige
Frauen wissen diese Dinge nicht und brauchen sie auch nicht zu wissen. Aber ein
Mann - das ist etwas ganz anderes! ...
    »Ich sass hier und arbeitete, habe das Zimmer den ganzen Tag nicht verlassen.
Es kann ja sein, wenn du mich gesehen haben willst, dass ein anderer - Hier im
Haus wohnen mehr Leute - Und jeder findet, dass man das Leben kennen lernen muss.
Ein Mucker, ein Duckmäuser? aber wozu denn? Welche Mutter verlangt von ihrem
Sohne, dass er wie ein Asket lebe? welche anständige Mutter kümmert sich
überhaupt? das sind die Nachtseiten des Lebens! Man ist sinnlos betrunken, nun
ja. Auch das muss man einmal durchmachen. Und was man in der Betrunkenheit tut
oder sagt - dafür ist man nicht verantwortlich. Nicht mal vor Gericht. Ich weiss
von nichts, entsinne mich nicht. Du bist eine Ausnahme, Mama, aber ich bin
normal! Ein gewöhnlicher, normaler Mensch, Gott sei Lob und Dank. Du denkst nun
gleich, ich sei schlecht, ich sei verloren, aber das ist sehr unrecht von dir,
und wenn du das Leben sähest, wie es wirklich ist - Verachten? nicht verachten
etwa? ein feiles Geschöpf, das sich für ein paar Centimes preisgibt, das soll
ich nicht verachten? Aber du, Mama, du hast sogar vom Onkel Léon und Onkel
Albert verächtlich gesprochen, nur weil sie am Gelde gehangen sind!«
    Auf all seine Verteidigungsversuche erwiderte Josefine nur das eine:
»Zusammenpacken! Sofort.«
    Mechanisch gehorchte er, fortwährend redend und scheltend: »Du bist die
schrecklichste Despotin, Mama, die es geben kann! Es wird mir bei dir gehen, wie
es dem Pape gegangen ist. Eine Puppe, eine Mumie machst du aus dem Menschen.
Ach, du fängst ja sogar mit Rösli an,« sagte er mürrisch und hämisch, »sie
schreibt mir, du sähest es nicht gern, dass sie Verse macht. Alle, alle willst du
uns zerquetschen! Aber ich muss heraus! Ich lasse mich von Tante Ludmilla
adoptieren, und dann geh ich nach Deutschland und werde deutscher Bürger. Eine
Stellung und ein Vermögen ist gar nichts Schlechtes! Du verdrehst alles. Du musst
also überall nur schlechte Menschen sehen, denn alle wollen eine Stelle und
Geld. Nirgends, in keiner Familie, gibt es eine Mutter, wie du bist.«
    Als sie nach Zürich zurückkamen, musste sich Josefine sofort zu Bett legen.
    Die Kollegin konstatierte eine Nervenüberreizung und Erschöpfung.
    Drei Wochen lag sie krank und fast ohne zu reden. Dann erhob sie sich, nahm
ihre Bücher wieder vor, nahm ihre Praxis wieder auf.
    Die Patientinnen brachten ihr viele Blumen, und Rösli schrieb ein Gedicht zu
ihrer Genesung.
Mit vergrösserten Augen und ruhelos ging Josefine ihrer Tätigkeit nach, das Opium
schien nicht mehr zu wirken. Sie hatte einige Vorträge angesagt, aber sie
verschob das alles auf eine günstigere Zeit, und sie schalt sich deshalb. Ein
fauler und ungetreuer Knecht, dachte sie, der sein Pfund nicht benutzt, das ihm
verliehen. Wer weiss, wie lange ich noch sprechen kann - wie lange ich noch lebe.
Und dann schien es ihr, als kämen Schatten geschlichen und hüllten sie ein in
dunkle Tücherwolken und begrüben sie unter den Nebeln, den ewigen Nebeln der
Niederung.
    Mit melancholischem Achselzucken beobachtete sie sich selber und die
nachgebliebenen Spuren der kaum überstandenen Krankheit. Laute Musik
durchschütterte sie; bei einer Aufführung des »Fliegenden Holländers« fiel sie
in Ohnmacht und brauchte einen Tag nachher, um sich ganz zu erholen. Plötzlich,
beim ersten Erblicken einer Verwundung oder nur bei der Abnahme eines Verbandes
erfasste sie ein unbezwinglicher Ekel - ja, als sie eines Tages aus einem Bande
von Langs »Vergleichender Anatomie« ein flüchtig hineingeschobenes Rezept
herausnahm und sich das Buch dabei aufblätterte, erschrak sie heftig bei der
Abbildung eines ganz gewöhnlichen Skorpions.
    
    Sie fühlte es kalt vom Kopfe abwärts rinnen, warf das Buch hastig auf die
Seite, und es schien ihr, als sähe sie das vielgliedrige, rotbraun schillernde
Fusstier auf der grünen Schreibtischplatte herankriechen. Mit einem Schrei sprang
sie auf, fasste sich an die Stirn und zwang sich zur Klarheit, während sie
zitterte und einen süsslichen, betäubenden Geruch in der Umgebung verspürte.
    »Dumm! dies ist dumm!« murmelte sie und schlug das Buch wieder auf, sah den
Skorpion lange und aufmerksam an. »Ich werde mich doch nicht vor mir selber
lächerrlich machen?« Und - in der Tat - das Hässliche verlor seine Wirkung, und
sie war imstande, ein Spiritusexemplar eines Skorpions aus ihrem Schrank zu
entnehmen und mit der Abbildung zu vergleichen. Es ging auch vollständig gut,
bis sie in dem Chitinpanzer des konservierten Tieres seitlich eine weiche,
gelbweisse Stelle entdeckte, aus der eine gefranste Masse hervorquoll. Da kam der
Widerwille so stark, dass sie Brechreiz verspürte ...
    Und als sie bei einer Sektion im Irrenhause das stark veränderte Hirn eines
Trinkers zugereicht bekam, entglitt die Schale ihren plötzlich entkräfteten
Händen, und das frische, blutige Hirn und die blutige Schale, auf der es so
weich und rund aufgelegen, und die Medizinerin - alles fiel miteinander auf den
Boden, in den Staub. Es war sehr unangenehm - das kostbare Präparat war stark
beschädigt und fast unbrauchbar geworden durch Staub und Glassplitter, und die
Medizinerin war mehrere Stunden hindurch ohnmächtig und tief beschämt.
    Nach diesen Vorfällen wurde Josefine ein wenig ängstlich, und was noch
seltsamer war - ihr Mann, Georges Geier, wurde ängstlich und bekam einen Blick
und eine Aufmerksamkeit für Josefine - etwas ganz Neues und Unerhörtes bei ihm.
    »Hermann hat dich auf dem Gewissen,« wiederholte er oftmals bedauernd, »das
Mutterherz bleibt eben doch der schwache Punkt ...«
    Vor diesen anteilvollen Blicken, diesen mitfühlenden Worten floh Josefine,
sie waren ihr die bitterste Bestätigung ihrer Schwäche.
    Es wird vorübergehen, dachte sie, mir wurde auch einmal schlecht, anfangs,
im Präpariersaal, als ich die Hand der Näherin sezieren musste! Und ist's nicht
später gut gegangen? Aber er wünscht es, er wünscht, mich herunterkommen zu
sehen.
    Und sie hielt sich steif aufrecht und bemühte sich, ruhig und heiter
auszusehen, wenn Georges in der Nähe war. Und die Gebärde der Ruhe und
Heiterkeit wirkte stärkend auf ihre Stimmung.
    Seltsame Ableitungen für ihre Unruhe suchte und fand sie in dieser Zeit: Ein
notwendiger Besuch beim Zahnarzt brachte sie auf die Wahrnehmung, dass
körperliche Schmerzen ihre Erregung abzustumpfen vermöchten. Nun wurde sie eine
tägliche Patientin des Zahnarztes, liess plombieren, feilen, ein paar alte
Stumpfe beseitigen und fand dabei fast Vergnügen. Schmerz wurde als Wohltat
empfunden, als angenehmer Reiz, als die beste und vollkommenste Zerstreuung.
Später dann, betroffen, unheimlich klar, gestand sie sich, dass hier eine
Vorstufe jener Selbstverletzungen und Verstümmelungen vorliege, die den
Irrenärzten so viel Kopfzerbrechen über ihre Patienten verursachen.
    Und sie unterliess jene Besuche und zwang ihre Unruhe nieder, verschrieb sich
selbst Beruhigungsmittel und kräftige Diät.
    »Etwas Blut pflanzen!« sagte sie sich, wie sie es ihren Patientinnen sagte,
aufmunternd, lächelnd.
    »So lange ich noch meinem Willen gehorche, nicht meinem Widerwillen, so
lange bin ich noch nicht verloren,« redete sie sich zu.
    Und sie vermochte es, ihren eigenen Willen zu tun, sie hielt auch wieder
Vorträge gegen die Autorität.
    Aber sie fühlte, wie das, was einmal lebendige, glühende Empfindung gewesen,
allmählich zum Wort, zum fertig geprägten Satz erstarrt war, und dass zuweilen
nicht sie es war, die redete, nicht ihre Seele, sondern aus ihr heraus ein
täuschend ähnlicher Automat, sodass sie sich vor ihm entsetzte.
    Einmal, in einem der Vorträge, war Georges anwesend, ohne dass Josefine davon
wusste.
    Beim Hinausgehen durch das lebhaft interessierte Publikum, das ihr noch
dankte, gesellte sich der kränklich aussehende, gebeugte Mann mit dem ergrauten
Spitzbart ostentativ zu ihr. Mit einer lebhaften Bewegung streckte er ihr die
Hand hin, über einige Dazwischenstehende hinweg. Und laut sagte er mit seiner
röchelnden Stimme: »Ausgezeichnet! Bravo, Séfine, das war eine Leistung!«
    Die Frau schrak zusammen bei der lauten Anrede, starrte wie eine
Nachtwandlerin und stammelte: »Was war es denn? was habe ich gesagt?«
    Und erschöpft und ängstlich liess sie sich von ihm hinausführen, an seinem
Arm, durch die Menge, die er triumphierend und mit Schweisstropfen auf der
kahlen, gefurchten Stirn betrachtete.
    Sein Arm, seine Stimme zitterte.
    »Willst du fahren, Séfine?« sagte er zärtlich und beugte sich zu ihr,
»willst du etwas trinken?«
    Sie fasste sich an die Stirn. »Was habe ich gesagt? Wenn ich nur wüsste -«
    Sie vergass alles, lehnte sich an ihn und empfand nur noch seine Zärtlichkeit
wie etwas Stützendes, Gutes.
    »Séfine, teures Weib, ich werde jetzt arbeiten, ich werde Agenturen
übernehmen,« sagte Georges beim langsamen Heimgehen, »wenn zwischen uns wieder -
zwischen uns die alte Liebe -«
    Er bebte vom Kopf bis zum Fuss, schlotterte im Gehen, schluchzte, presste
ihren Arm.
    »Ja, ja, ja,« murmelte die Frau, immer die Hand an der Stirn, »wenn ich nur
wüsste -«
    Im Hausflur nahm er sie in die Arme und küsste sie.
    »Ach nein, ach nein,« wehrte sie und begann zu weinen, aber alles still wie
im Traum.
    Mit einem wirren, abwesenden Ausdruck langte sie endlich in ihrer Wohnung
an.
    »Heute hat ein anderer gepredigt,« sagte sie zu dem aufgeschreckt horchenden
Rösli. »Ich war nicht da.« Sie lachte und sah sich nach Georges um, der mit
erregtem Gesicht ihren Hut betastete, der ihm am Arm hing.
    »Wir haben ihn abgenommen, er hat keinen Schaden gelitten,« sagte er und
legte den Hut auf den Tisch. »Tee! geschwind! siehst du nicht, dass sie erschöpft
ist?« schrie er Rösli an, und dann ging er mit grossen Schritten auf und nieder.
»Ich werde hier das Regiment übernehmen, so geht es nicht länger.« Und er hielt
das erschrockene Mädchen in der Tür auf: »Rösli, ich erwarte es von dir! Du hast
dich zu sehr gehen lassen. Wir haben uns alle zu sehr gehen lassen.«
    Dann setzte er sich neben Josefine auf das Sofa, umarmte sie und lehnte
ihren Kopf an seine Schulter! »Teure! schlafe! ruh aus! Ich werde das alles in
Ordnung bringen.«
    Josefine schlief sanft ein.
Sie wusste nichts von all diesem am anderen Tage.
    Ihres Vortrags entsann sie sich ziemlich gut wieder, nicht aber der späteren
Vorgänge.
    »So entstehen die Geschichten von Doppelgängern,« sagte sie nachdenklich,
»oder vom zerlegten Ich. Es ist interessant, das alles an sich selbst zu
beobachten.« Dann fragte sie Rösli: »Jemand war gut zu mir, stützte mich, führte
mich. War es der Vater?«
    Und sie errötete bei dieser Frage, sah, dass auch das Kind errötete und
nickte.
    »Nun, wir sind wunderlich, wir Menschen, gelt, Rösli? Was wissen wir von
uns? was wissen wir von einander? Machst du noch Verse?«
    »Ja,« sagte die Kleine schüchtern.
    »Und auf was? an wen, Rösli?«
    »An dich, Mama,« innig sagte es das Kind und beschämt.
    »An mich?« Josefine staunte und seufzte, streckte die Hand aus ... »Und es
war der Vater, der mich führte?« träumte sie verwundert, laut.
    »Er war so in Angst um dich, Mama,« lispelte Rösli.
    »Ist das wahr?«
    Josefine blickte in den matten Februarsonnenschein, der die kleinen Brötchen
auf dem Frühstückstisch und die gelbe Butter und das schlanke Stengelglas mit
den gelben, duftenden Trompetenblumen sanft vergoldete.
    Sie fühlte sich gerührt und schwach.
    Mit matten Flügelschlägen bewegte sich um sie, so schien es ihr, ein armes,
gedrücktes, lichtungriges, liebedurstendes Leben, wartend - gespannt -
unheimlich....
    Und sie stützte den Kopf und schloss die Augen, und es war ihr wie einer
ruhmlos Überwundenen.
In diese Schwüle flog wie ein Bote himmlischer Erquickung ein von fremder Hand
mit blauem Tintenstift geschriebener Brief.
    Er lautete so:
                                           Dorf Glatt, Ct. Zürich. 3. 3. 199 ...
Verehrte Frau!
    Obwohl ich Sie nie gesehen, bewahre ich doch ein so deutliches Bild von
Ihnen in der Seele, dass ich in einer schwierigen und furchtbaren Angelegenheit
mich an Sie wende, als an die einzige, die helfen kann.
    Ich habe ein grosses Vertrauen zu Ihnen; Ihre Bemühungen um die unschuldig
gekränkte Kindheit sind mir wohlbekannt, und mit innigem Anteil und herzlicher
Dankbarkeit bin ich Ihren Bestrebungen seit Jahren gefolgt. Ja, es kann nicht
übel stehen um die Welt, solange »gute Kräfte sinnvoll walten« wie in Ihnen,
verehrte Frau! Oft schöpfe ich Freudigkeit aus dem Gedanken an Sie, die Sie kein
Verzagen, kein Ermatten kennen.
    Die Angelegenheit, in der ich Ihre gütige Hilfe heische, verlangt
persönliche Besprechung. Leider, leider kann ich zu Ihnen nicht kommen, das ist
mir nicht vergönnt. Werden Sie die Güte haben und zu mir kommen? Ich bitte Sie
darum im Namen der Menschlichkeit, der Sie dienen, im Namen der unschuldig
gekränkten Kindlein, deren Recht Sie verkündigen.
    Nur Sie können helfen, nur auf Sie hab ich meine Hoffnung gesetzt. Es wird
Ihnen Zeit kosten, aber da Sie retten sollen, wird es Ihnen um die Zeit nicht
leid sein, wie ich Sie kenne. Unser Dorf liegt vier Stationen von Zürich weg,
kommen Sie, wann Sie können, ohne Anmeldung. Fragen Sie nur nicht nach im Dorfe
- ich lege Ihnen eine Skizze des Weges bei, den Sie gehen müssen, um mein Haus
zu finden. Von der Kirche zum Brunnen links, dann über die Brücke, an der die
grosse Linde steht. Von da ist's nimmer weit, die Kiesgrube bleibt rechts, hinter
unseren Häusern beginnen gleich wieder die Felder.
    Ich erwarte Sie mit Sehnsucht und grüsse Sie in Verehrung.
                                                             Ihr Rudolf Fischer.
Josefine hatte schon öfter Briefe ähnlichen Inhalts empfangen, sie kamen von
jenen unbekannten Freunden, die sie in ihren Vorträgen anrief, die sie überall
in der Welt verstreut wusste, und deren Dasein ihr Herz gewärmt und erhoben hatte
bis zu diesem letzten, schweren Erlebnis.
    In den Tagen dieses Kummers, in den Wochen dieser Niederlage, in den Monaten
dieser Verzweiflung hatte sie die unbekannten Freunde vergessen.
    Und nun meldeten sie sich wieder, meldeten sich durch diesen Brief des
Vertrauens und der Sympatie, riefen sie zu Hilfe, wandten sich an ihre Kraft.
    Wer ist Rudolf Fischer?
    Warum kann nicht er kommen?
    Was verlangt er von mir?
    Wie ist es möglich, dass er an mich glaubt, an mich, die ich selbst nicht
mehr an mich glaube?
    Der warm innige Ton des fremden Briefes war wie ein Duft auf ihren Wegen.
Die Veilchen kommen wieder, und es wird nun Frühling, und ich - ja, ich fühle,
dass die Sonne wärmt, auch mich wärmt, und ich bin nicht mehr schwach, ich werde
niemand enttäuschen, der mich für stark hält - ich werde sogleich - sogleich
heute - heute ist Sonntag, und ich bin frei - sogleich fahr ich zu diesem Rudolf
Fischer im Dorfe Glatt!
    Dies ist eine dringliche Sache!
    Sie rief Rösli und fragte sie, ob sie mit ins Dorf fahren wolle.
    Das Mädchen zauderte. »Ins Dorf möcht ich schon, aber zu den Kranken nicht.«
    »Dies ist kein Kranker, Mädchen - dies ist ein kräftiger Mensch, der um
andere sorgt.«
    Rösli drehte sich hin und her. »Wenn er nicht krank wäre, gingest du nicht,
Mama - du gehst ja nur immer zu Kranken.«
    »Aber ich sage dir - und - übrigens - ist es dir denn so unangenehm, zu
Kranken -«
    Die Kleine nickte kummervoll; ihr zartes Gesicht drückte heftigen Ekel aus.
    »Ich kann es nicht, Mama - lass mich zu Hause, sie sind so hässlich anzusehen,
und« - aus den glanzlosen, dunklen Augen kam ein Anklageblick, zornig und düster
- »du gehst ja nur immer zu ihnen, sogar am Sonntag.«
    Josefine wandte sich ab. »So bleib,« sagte sie herb, »es wird einmal niemand
glauben, dass du mein Kind bist. Hässlich und langweilig - andere Worte hört man
nicht von dir! Schäme dich!«
    Rösli nickte, blutrot im Gesicht, dann tropften Tränen herunter auf die
zusammengepressten Hände. »Immer sagst du das! Immer! Immer!«
    Josefine wurde ungeduldig. »Ach, das Gewinsel! Mach dich fertig und komm! Zu
Mittag sind wir zurück, aber Papa und Hermann sollen voraus essen, auf alle
Fälle.«
    Rösli wollte nicht, nun erst recht nicht ...
    »Heut nachmittag ist doch die Vorstellung, Mama! Ich will lieber ins
Teater. Ich freue mich so auf die Versunkene Glocke. Es kommen Elfen drin vor
und Waldgeister. Gehst du nun nicht mit hin?«
    »Weiss nicht, ob ich zurück bin - die Versunkene Glocke kann man noch immer
sehen, Kind.«
    Ein Wehlaut schrillte. Rösli weinte laut. Plötzlich schrie sie ganz ausser
sich: »Ich hasse die Kranken! Oh, wie hass ich sie!«
    Sie stampfte mit den Füssen, wie sie als eigensinniges Kind zu tun pflegte,
schüttelte ihre Locken, lief endlich hinaus.
    Nicht einmal Adieu hatte sie gesagt.
Josefine fuhr.
    Aber sie war tief niedergeschlagen, und zuweilen vergass sie ganz, wohin sie
fuhr.
    Sie sind mir entglitten, alle miteinander. Nina, meine kleine Knospe, die
dort oben liegt unter den Gletschern von Camischolas, Hermann, der dort unten
kriecht im Sumpf der gemeinsten Niedrigkeit seinen widrigen Genüssen nach - und
mein Rösli - mein Rösli ein Nichts, eine kleine, enge, hirnlose, eifersüchtige
Taube!
    Was wird ihr Schicksal sein?
    Der Zug rollte langsam durch eine hellbesonnte Hügellandschaft. Zwischen den
blauenden Wäldern dehnten sich ebene, weisse Streifen, die Täler im leichten
Schneeüberzug, der vor der Sonne zerfloss. Hier und da lag schon eine Matte
schneefrei im gelblichen Sammetgrün des Frühlings. Buchen und Eichen glitten
nahe am Wege vorüber, rostrot und blank im Schmuck der vorjährigen Blätter. Ein
kleiner Birkenwald, durch den sie fuhren, stand noch blattlos, aber sonnig
rotbraun das kahle Geäst; schon stieg darin der Saft des neuen Lebens. Und als
Josefine den Wagen verliess, begrüsste sie auf dem lehmigen Eisenbahndamm die
kleinen, goldgelben, feinstrahligen Sonnen des Huflattichs, die sich überall
zwischen den Steinen hervordrängten, mit denen die Böschung belegt war, in
kleinen Trupps, die rotbraunen Knospenknöpfchen dreist und hoch zwischen den
aufgeblühten Sonnchen.
    Wäre doch mein Rösli hier, dachte die Mutter, und sie atmete tief den
frischen, feuchten Hauch der sprossenden Erde, und dann bückte sie sich zu den
frühen Blumen, dem Huflattich und dem zarten Ehrenpreis, der am nassglitzernden
Feldrain dicht über dem Boden seine kleinwinzigen Blauäugelein aufsperrte. Aber
sie pflückte sie nicht.
    Und wieder beschwichtigte sie ihre Angst mit der Hoffnung, dass Rösli ein
Talent entwickeln würde, eine musikalisch-dichterische Begabung.
    Sie ist noch Kind, tröstete sie sich, und Kinder sind Egoisten. Sie wird
über sich hinauswachsen, und allmählich wird in ihre kleine Versmusik eine Seele
einströmen. Meine weisse Hyazinte im Keller, meine seltene Blume, dachte sie
zärtlich.
    Sie trat auf den Dorfweg, und die köstliche Frische des Frühlingstages
kühlte ihr die Stirn. Wie ein Hort des Friedens lag das saubere, behäbige Dorf
mit seinen grossen, weiss oder rosa getünchten Häusern, eingebettet in die weiten
Felder, zwischen denen der Pfad hinführte. Überall ragten die grünen Spitzen der
Saat aus der leichten Schneebedeckung, einladend wand sich links ein schmaler
Fusssteig in den Wald, einen lichten Buchenwald, voll dunkelgrünen Efeus am Boden
und an den weissgrauen Stämmen hinauf.
    Josefine hielt den kleinen Plan aus Fischers Brief in der Hand. Sie blickte
darauf von Zeit zu Zeit und fand ihn wunderbar genau, jedes Haus, jede
Strassenkrümmung war darauf verzeichnet.
    Still und feiertäglich, mit blanken Fenstern und blühenden Geranien und
knospendem Goldlack dahinter lagen die Häuser. Die Scheuern waren geschlossen,
kein Ackerwagen stand im Wege, die Dungstätten waren sorgfältig aufgeschichtet,
die Stalltüren standen halb geöffnet, um Luft und Sonnenschein zu den friedlich
wiederkäuenden Tieren einzulassen.
    Aus dem roten Kirchlein, an dem Josefine vorüberkam, erklang des Pfarrers
skandierende Stimme; das stattliche, steinerne Schulhaus trug in breiten, weissen
Buchstaben auf rotem Grundbande die Inschrift: Wissen ist Macht.
    Am Gastaus »Zum Hirschen,« dessen Fenster aus neubemalten, rotbraunen
Rahmen wie dunkle Augen blitzten, trat der Wirt unter die Tür und prüfte den
Eindruck des Geweihschmuckes an seiner Mauer auf die Vorübergehende.
    Dann war das schnelle, glatte, grüne Flüsschen da, mit spielenden Kindern an
den grasigen Hängen; die Kinder boten ihre schmutzigen Händchen dar und
lispelten ein scheues, verwundertes »Grüess Sie.«
    Dann kam die Linde, kurzstämmig, mit einer mächtigen, halbkugeligen Krone,
die sogar laublos einen grossen, netzartigen Schatten warf über den
hellgetrockneten Weg und das glatte, gleitende, grüne Flüsschen, und aus der es
in klaren, sonnenblitzenden Tropfen regnete.
    Und dann war links ein niederes Häuschen mit grünen Fensterrahmen und
braunem Fachwerk auf weissgetünchter Wand, und das kleine Haus hatte ein
schmales, abgegriffenes, lose angelehntes Türchen über drei ausgetretenen
Steinstufen.
    Josefine sah nochmals auf die kleine Bleistiftskizze: dies war das Haus.
    Sie schlug das Türchen nach innen und befand sich auf einem schmalen Gange,
wo es nach Heu roch und ganz dunkel zu sein schien, aber das war nur der
Gegensatz gegen die Lichtfülle des Frühlingsmorgens, aus der sie kam. Im Türchen
war ein Fenster, und auch die kleine Tür, auf die sie zuging, besass ein
Fensterchen.
    Sie tastete sich entlang und klopfte.
    Eine Stimme, die lauter Willkommen war, sagte »Herein!«.
    Das braune Zimmerchen mit der niederen Balkendecke war hell durchsonnt. Und
all das klare Frühlingssonnenlicht fiel auf ein weisses Bett und auf einen
dunklen Kopf auf den Kissen, einen Kopf, der tief und unbeweglich fest liegen
blieb, während die Stimme, die wie von fernher hallende Stimme eines Menschen,
der im Wald nach seinem Freunde ruft, unsicher aufhorchend sagte: »Grüess Sie
Gott ...«
    Befangen, überrascht blieb Josefine an der Tür stehen. »Ich bin hier
eingedrungen,« sagte sie, »verzeihen Sie doch, ich suche Einen, Namens Rudolf
Fischer.«
    
    Der bleiche, dunkle Kopf unter dem dunklen Haar lag regungslos und tief wie
zuvor, aber in die Wangen strömte es rot, und die seltsam ergreifende Stimme
sagte: »Sie sind am rechten Ort.« Und plötzlich lauter rief er: »Ach, aber Sie
kommen von Zürich? Sie sind die Frau Josefine Geier? O, Mutter! Mutter! es freut
mich! aber es freut mich!«
    »Sie sind der Rudolf Fischer, der mir geschrieben hat?« Josefine kam an das
Bett.
    Er bewegte die Hand ihr entgegen, aber zitternd, schwach, auf der Decke
entlang. Josefine nahm sie in die ihre; es war die heisse, überzarte,
durchgeistigte Hand eines Schwerkranken. »Ich bin's, der Ihnen geschrieben hat,
und so schnell sind Sie gekommen zu dem ganz Fremden,« sagte der unbeweglich auf
dem Rücken Daliegende, ihre Hand fest drückend, und immer noch mit dem Rot der
Erregung in dem feinen, scharfen Gesicht mit der breiten Stirn über den tief
eingesenkten Augen. Das gleichmässige, gelbliche Blass war wie von einem inneren
Feuer durchglüht, wie durchscheinender Marmor, hinter dem das Abendrot brennt.
»O, ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind! Ich danke Ihnen.« Und mit ein wenig
erhobener Stimme rief er wieder: »Mutter! Mutter!«
    »Sie sind krank? Ihr Brief liess mich das nicht vermuten. Sie liegen schon
längere Zeit?«
    »O ja! Seit zweiundzwanzig Jahren. Mutter! Mutter!«
    Wie aus der Wand hervor trat ein altes Weiblein, braun wie eine ausgebrannte
Kohle, verbrannt vom Leben, auf dem Kopfe ein wenig aschengraues, dünnes Haar,
mit roten, ausgeweinten Augen, in deren Grund es warm und stetig leuchtete. Sie
streckte eine hartgearbeitete, runzelige, aber feingeformte Hand aus, der
Besucherin entgegen; mit der Linken hielt sie ein grosses, frisches Brot an das
weite, blaue Kattunjäckchen gedrückt. Die ausgeweinten Augen blitzten auf, und
eine tiefe, innige Güte, die kein Leiden zu verzehren vermocht, sprach aus ihrem
Gesicht. Mit den Worten des Sohnes begann sie: »Ach, aber das freut mich! Frau
Josefine Geier, das freut mich aber auch, dass Sie zu uns kommen! Sitzen Sie!
Nicht auf die Bank, hier auf den Sessel, dass mein Rudolf Sie auch sehen kann!«
    Josefine sass und blickte bald den Kranken, bald die Mutter an. Wie ähnlich
sie sich waren, obwohl in den Zügen ganz verschieden, und obwohl die Frau in
Tracht und Aussehen eine schlichte Bäuerin war, während der Sohn mit dem
geistvollen Gesicht und den schlanken Händen keinem Stand und keiner Klasse
angehörte.
    Aber auch der Mutter Ausdrucksweise und Benehmen hatte etwas Freies,
Vornehmes, Gehobenes, wie Josefine das nie bei einer Bäuerin gefunden. Mit
unendlicher Liebe blickte sie auf den kranken Sohn und sagte: »Er hat's sich so
arg gewünscht, dass Sie kommen möchten, er hat etwas auf dem Herzen ... Es plagt
ihn bei der Nacht.«
    »Ja, es plagt mich,« wiederholte der Sohn, »aber Sie sind nun meine
Hoffnung.« Er hob mit der rechten Hand ein ovales Spiegelchen am Griff von der
Wolldecke seines Lagers und brachte es unter seine Augen. »Ich sehe Sie gut,«
sagte er lächelnd, »wie jung und frisch Sie sind, o, das ist herrlich! Mit Hilfe
dieses kleinen Spiegels, den ich bewege, schaffe ich mir Ersatz dafür, dass ich
die Augen nicht bewegen darf. Nein, den Hals kann ich nicht drehen, die
Nackenwirbel sind verwachsen. Die kleinste Bewegung - auch der Augen - macht mir
arge Krämpfe, tagelang. Aber so geht's.« Er bewegte das glitzernde Spiegelchen.
»Das Gras wird grün, die Spatzen tragen zu Nest. Aber die herrliche Zeit für
mich ist vorbei - nun - es geht halt auch so ...«
    »Wann war die herrliche Zeit für Sie?« fragte Josefine mit angehaltenem
Atem.
    »Im Winter, da ist meine Mutter bei mir,« lächelte der Kranke, »im Sommer
bin ich viel allein, die Mutter ist draussen, auf unserem Land. Aber die Tür ist
offen, es kommt Besuch, sie kommen alle herein, bald der eine, bald der andere,
Grüess Gott sagen. Das ganze Dorf kommt, sogar jene, die ich lieber nicht sähe,«
setzte er mit unterdrücktem Ton hinzu.
    Die Mutter ging hinaus, um einen Kaffee zu bereiten für die Besucherin.
    »Wie konnten Sie den Weg aufzeichnen, den Sie so lange nimmer gegangen
sind?« wunderte sich Josefine.
    »Den habe ich im Kopf. Das Gedächtnis ist eine wunderbare Kraft! Ich habe
nie zuvor daran gedacht, dass ich die Lage unserer Wohnung im Dorfe und das Dorf
selbst so fest im Kopfe hätte, aber als ich mir überlegte, dass Sie den Weg nicht
kennten, und dass es notwendig wäre, Sie allen Fragens zu überheben, da nahm ich
den Stift und das Papier und zeichnete jenen Weg ohne Mühe und ohne Nachsinnen.
In solchen Augenblicken fühlt man sich reich. Sie fanden sich gut zurecht? Es
gab keine Fehler?«
    Er war unbeschreiblich rührend in seinem kindlichen und so begreiflichen
Ehrgeiz und bewunderungswürdig in seiner Dankbarkeit.
    »Oft und oft, viel öfter wohl, als ich selber weiss, bin ich, während ich
hier lag, den halbstündigen Weg zur Station und zurück gewandert und habe so im
Geiste repetiert. Aber Häuser sind gebaut worden, die ich nie gesehen, Güter
haben andere Grenzen erhalten, da kam dann die Phantasie, die unentbehrliche
Göttin, zu Hilfe, dass alles der Wirklichkeit entsprach. Innig dankbar zu sein -
wieviel Ursache habe ich jeden Tag!«
    Er sah so gehoben, so glücklich aus, dieser Leidende mit dem unbeweglichen
Nacken und der beweglichen Seele; mit den kraftlosen Gliedern und der sieghaften
Intelligenz. Und dazu diese kindliche Freude an seinem eigenen Können, dieser
liebenswürdige menschliche Zug, der alle Zärtlichkeit erweckt.
    Josefine sprach mit ihm über seine Krankheit. Er antwortete so, als handle
es sich um eine dritte Person, nicht um ihn selbst. Eine heitere Objektivität
war hier, eine abgeklärte Ruhe ohne Hoffnung.
    »Ich habe eine Entzündung und Verwachsung der Halswirbel, eine dadurch
bedingte Zerrung und Schädigung des verlängerten Marks. Es begann, ohne
nachweisbare Ursache, als ich im Seminar war, ich zählte siebzehn Jahr. Gelähmt?
Nein, bis jetzt nicht, dauernd nicht, aber kraftlos. Ich wäre so dankbar, wenn
es nur so bliebe. Aber es wird nicht. Schon einmal gab es eine Lähmung hier im
rechten Arm. Vorübergehend war ich blind, und die Gefahr des Erblindens besteht
immer. Noch kann ich lesen und schreiben, wie Sie wissen. Das kleine Pult von
der Decke wird dann herabgelassen. Ich lese viel - der Pfarrer liest mir auch
vor. Mit dem Essen ist's einfach, ich hab seit vielen Jahren meinen Teller nicht
mehr gesehen, und mein Speisezettel ist der denkbar bescheidenste. Es ist nicht
ganz leicht, als vermögensloser Mensch zweiundzwanzig Jahre lang krank zu sein.«
    Noch immer wusste Josefine nicht, wozu Rudolf Fischer sie hergerufen.
Vielleicht ist's doch die Medizinerin, von der er ein neues Mittel für sich
erhofft, dachte sie, und ihr sank das Herz. Wenn dem so wäre, wer hätte die
Unbarmherzigkeit, hierin etwas Herabsetzendes für den Kranken zu finden? Aber
wir sind so geartet, dass wir uns fieberhaft sehnen nach dem Unbegreiflichen,
nach dem Übermenschlichen im Menschen, nach dem, was wir selbst nicht tun
könnten, das wir nicht von uns fordern würden, und das wir uns nicht zutrauen.
    Und Josefines Seele, die so lange das kleine Stöhnen des Mitleidheischenden
gehört hatte und den dumpfen Schrei des gepeinigten Fleisches - bebend horchte
sie auf die Stimme dieses bleichen Überwinders im niederen Bauernstübchen. Dass
er nicht für sich selber bitte, sondern für einen anderen, wünschte sie zu
erleben. Es war etwas Mitleidloses, fast Grausames in diesem Wunsch, das fühlte
sie. Aber mit abergläubischer Heftigkeit bewegte er sich in ihr. Sie sehnte
sich, wieder zu glauben an den Menschen in der Erhöhung, nachdem sie so lange
den Menschen in der Erniedrigung gesehen.
    Und der Kranke schien ihre Sehnsucht zu erraten.
    »Bis die gute Mutter mit dem Kaffee kommt, sag ich Ihnen geschwind, weshalb
ich Sie da herausbemühen musste,« begann Rudolf Fischer, und wieder war sein Ton
so frisch und lebhaft, dass man sein Kranksein vergass. »Es ist besser, die Mutter
ist nicht zugegen, sie fürchtet sich meinetalb, die treue Mutter, und nicht
ganz grundlos, aber hier gilt es, keine Furcht zu haben, denn es geht um zwei
Menschenleben. Merken Sie auf. Nicht weit vom Haus, bei Nachbarsleuten, sind
zwei fremde Bübli untergebracht, vier Jahre und zweieinhalb, Kostkinder, von
einer Dorfgemeinde eines anderen Kantons für das übliche Kostgeld hierher
versorgt. Aber die Kosteltern sind völlig gewissenlose Menschen: Hunger,
Schläge, Unreinlichkeit, Zurücksetzung gegen die eigenen, schlechtgewöhnten
Kinder - Milch von einer kranken Kuh und, wenn sie schreien, Einsperrung zu den
Säuen im Schweinestall - so ist ihre Elternschaft. Ohne Fürsorge, ohne
Reinlichkeit, wie man sie für das Vieh aufwendet, und ohne einen Funken Liebe.
Und wie kann ein Kind ohne Liebe gedeihen?« Seine Stimme brach, seine Lippen
wurden bleich, Schweiss stand auf seiner Stirn.
    Josefine hatte sich aufgerichtet, kaum bezwang sie sich: »Man muss sie holen,
sofort! Ich nehme sie mit heim zu mir - man muss!« rief sie erregt.
    »Warten Sie! warten Sie!« sagte der Kranke, »hören Sie alles. Der Vater der
Kinder, der leibliche Vater ist nicht von hier; er soll einen Einbruch verbüssen,
befindet sich im Strafhause für lange Jahre. Die Mutter hat sich von ihm
geschieden, Vermögen gibt es nicht - begreiflich! - so hat die Gemeinde die
Bübli ausgetan. Ich höre ihr Angstgeschrei alle Stund, da man sie plagt. Sie
kommen zu meiner Mutter um ein Stücklein Brot, eine gelbe Rübe. Aber die Mutter
ruft sie dann hinter die Tür oder in den Schopf, denn es darf's niemand sehen im
Pflegehaus, man vergönnt's ihnen nicht. Wagt einer der Nachbarn etwas dawider zu
sagen, so gibt's grobe Reden. Immer heisst's: Die Lausbuben sind in den Grund
verderbt, das werden einmal auch Zuchtäusler, das schlimme Blut muss
herausgeprügelt werden -«
    In zorniger Aufregung unterbrach ihn Josefine: »Die rohen Unmenschen! Ja,
ja, so reden sie! Das ist ganz typisch, immer, ohne Ausnahme reden sie so. Immer
wälzen sie ihr Verbrechen auf die Kinder über, schreien, die Kinder seien
schlecht. Und was das tollste ist - man glaubt's! Kinder von zwei, von vier
Jahren sind schlecht, müssen misshandelt, körperlich und moralisch zerdrückt, zu
den Säuen gesperrt werden, weil sie schlecht sind! Ich habe einen Kerl gekannt,
einen Schlosser aus Bayern, der brannte seinen neunjährigen Buben mit glühenden
Eisen auf dem Rücken, um ihn zur Achtsamkeit zu gewöhnen! Es gibt Lehrer, die
ihre Schüler misshandeln, weil sie kurzsichtig oder schwerhörig sind. Es gibt
Lehrer, die ihre Schüler töten, um sie gründlich zu bestrafen. Wegen eines nicht
gelösten Rechenexempels hat ein Lehrer in Schöneberg einen zehnjährigen Schüler
getötet. Wahrheit! Aber der Lehrer hiess dann nicht Mörder, sondern schneidiger
Kerl. Oh, wie ich diese rohe Bande hasse!«
    »Ja,« sagte der Kranke tiefatmend, »ich hasse sie auch! Aber viel ist Mangel
an Phantasie, meinen Sie nicht? Man sollte diesen Leuten auch die eigenen Kinder
nicht lassen, sie taugen nicht zum Erziehungswerk.«
    Josefine war aufgestanden und ging unruhig umher. »Es tut mir körperlich
weh, diese Vorstellung, dass die Bübli dort schmachten. In der Räuberhöhle.
Lassen Sie mich hin. Auf den Armen trag ich sie hinaus. Sie sind dann feig, die
Quäler. Nicht eine Stunde mehr möcht ich sie dort lassen. Eine Stunde ist viel,
wenn man gepeinigt wird. In den Stall zu den Säuen, sagen Sie? aber sie können
epileptisch werden vor Angst und Schrecken!« Sie hatte den Hut, ihr einfaches
schwarzes Filzhütchen, vom Nagel genommen.
    Aber der Kranke hielt sie ängstlich zurück. »Nicht! o bitte nicht so! es ist
unmöglich, sogleich dortin zu gehen, ohne dass Sie meiner Mutter das grösste
Elend bringen,« flehte er. »Ja, wenn's so leicht wäre, Abhilfe zu schaffen -
aber das muss alles gesetzmässig und überlegt geschehen! Die geben sich nicht
leicht, die wollen ja das Kostgeld nicht verlieren! Und es darf nicht heissen,
dass ich die Sache verraten habe, der Mutter halb darf es nicht sein. Ich hab
auch lang gekämpft, ob ich schreiben darf. Im Dorf hängt halt alles zusammen. 's
ist nicht wie in der Stadt. Wenn einer den Ackerwagen will, so geht er in meinen
Schopf, ohne langes Fragen, und nimmt ihn, wann ich nicht daheim bin. Wenn einer
etwa ein Blatt Papier, irgend einen Gegenstand nötig hat, so geht er in ein
Haus, nimmt den Schlüssel, wenn keiner daheim ist, schliesst Kisten und Kasten
auf, holt sich heraus, was er braucht, und meldet's später einmal. Wir sind alle
einander verpflichtet, wir sind alle einander nah. Aber dieses Verhältnis
fordert auch Schonung der Fehler. Die Augen drückt man zu. Es ist schwer, zum
Nachbar zu sagen: Gottlos handelst du an anvertrautem Fleisch und Blut. Die gute
Mutter bringt's nicht fertig, es würd auch keinen Wert haben. Die rohen Leute
taugen nicht zum Erziehungswerk, ich sagt's schon, man sollt ihnen auch die
eigenen Kinder nicht anvertrauen. So pflanzt sich Roheit ohne Ende fort. Dann
aber ertrug ich's nicht mehr, ich schrieb an Sie, von der ich soviel Gutes
gehört, und gleich sind Sie gekommen! Ich kann Ihnen Ihre Liebe nicht vergelten!
Gott segne alles, was Sie tun.« Erschöpft schwieg er.
    Die alte Frau mit den ausgeweinten Augen kam wieder herein, mit ihr der
kräftige Geruch brennenden Reisigs. Sie blickte ängstlich von dem Sohn auf die
Besucherin. »Nun, wissen Sie's dann? Mein Rudolf gab nicht Ruh; Tag und Nacht
sind ihm die armen Bübli im Kopf gelegen. Aber mir ist angst um meinen Rudolf.
So herzlose Leut, wo unschuldige Kinder misshandeln, können auch dem Rudolf -«
Sie brach ab und seufzte aus schwerbedrückter Brust. Dann, während sie ein
Tischtuch ausbreitete, blickte sie flehend zu Josefine auf: »Schonen Sie meinen
Rudolf! Er hat keine Furcht, aber mir ist's fürchterlich angst bei der Sach.
Wann jetzt Nachfrage kommt bei den Kosteltern, und sie wissen, dass der Rudolf -«
Sie legte die runzeligen Arbeitshände zusammen: »Sie täten ihn überfallen - er
ist immer allein -, täten da hereinkommen und ihm böse Grobheiten machen, ihn
bedrohen - wohl gar -« Sie drückte ihre ausgeweinten Augen zu, als fürchtete
sie, weiteres zu sehen, das da in diesem friedlichen, liebedurchwebten Stübchen
geschehen könnte.
    Ein gutmütiges Lachen vom Bett her ertönte: »Nun, so gar gefährlich ist's
nicht! Aber die Mutter hat schon so viel um mich geweint - Vorsicht ist nötig,
ihretalben. Sie werden schon einen Weg finden, Frau Josefine, wo wir keinen
wissen.«
    »Ich werde einen finden. Sie und Ihre liebe Mutter müssen ganz aus dem Spiel
bleiben. Es muss ja gelingen,« sagte Josefine warm.
    In tiefer Rührung hatte sie zugehört. Die Offenbarung, die sie hier
empfangen, überwältigte sie. Sie wird den Weg finden, ganz gewiss, in das
Zuchtaus gehen, mit dem Gefangenen reden, mit dem Direktor der Strafanstalt, in
seinem Namen die Kinder hier fortnehmen, es wird ja gehen. Aber was war ihr Tun
gegen das dieses wunderbaren Schutzlosen, der noch schützend und warm das Ärmste
umfasste, das es auf Erden gibt: misshandelte, gedemütigte Kinder, Kinder ohne
Fürsprecher - wie leuchtete sein Bild sonnenumflossen im reinsten Schein! Weder
seine eigene Hilflosigkeit noch die Angst seiner Einzigen, Geliebten, hatten ihn
zu hindern vermocht, das auszuführen, was er für seine Pflicht erkannt: die
Rettung dieser preisgegebenen Kleinen.
    »Und war denn kein Gesunder da?« sagte Josefine, laut mit sich selber
sprechend, händefaltend.
    »Sie haben dann nicht Zeit,« erwiderte er sanft, »überlegen's auch wohl
nicht so; wenn man so daliegt, da sind die Gedanken reger, als wenn man mit den
Armen schafft. Ich habe Zeit für alles,« sagte er, »und die Phantasie, die es
braucht.«
    Es klang nicht wehmütig und nicht bitter, und es durchschütterte die
horchende Frau.
    Mut und Kraft und Hoffnung strömt aus von dem Hoffnungslosen - Macht, eine
gute, rettende Macht von dem Ohnmächtigen, fühlte Josefine.
    »Sie kommen oft daher um einen Rat,« sagte die Mutter, »mein Rudolf ist halt
der Kopf vom ganzen Dorf, sag ich«.
    »Ja!« rief Josefine, ihr die Hand drückend, »das ist er gewiss.«
    Und vor ihrer erregten Phantasie erschien dies Dorf wie ein einziger
Organismus. Viele Arme bewegte es, viele Muskeln, die sich rührten, aber hier,
hier konnte sie das geheimnisvolle Leben des Hirns beobachten, das jenem dumpfen
Treiben einen Sinn und ein Ziel verlieh.
    Und wie sie weiter und weiter blickte, überschaute sie so die Erde, die
ganze Erde, und sie war wie ein wüstes Durcheinander von Leibern ohne Kopf, die
sich mit Fäusten und Waffen zu vernichten bemühten. Aber hier und da in dem
Chaos glänzte ein heller Schein auf, derselbe Schein, der von Rudolf Fischers
bleichem Haupt ausstrahlte. Und jeder dieser hellen Punkte war eine fühlende
Intelligenz. Und so blitzschnell die ganze Wunderwelt an Josefines Augen
vorüberzog: doch entdeckte sie mit unendlicher Freude und Beruhigung, dass diese
scheinbar isolierten Punkte durch feine, leuchtende Fäden miteinander verknüpft
waren, und dass diese Fäden und diese Sterne ein harmonisch schönes Ganzes
darstellten, Worte des Friedens und der allumfassenden Liebe über dem dunklen,
eklen, wimmernden Chaos ...
    »Sie schweigen, Frau Josefine,« sagte der Kranke, »aber nicht wahr, Sie
werden die ärmsten Bübli retten? Ich fühle mich so beruhigt, seit Sie da zu mir
hereingetreten sind. Es geht von Ihnen eine Kraft aus und ein Mut und eine
Hoffnung - gelt, Mutterli? Oh, das ist herrlich! Sie sind eine glückliche Frau.«
    »Ich werde die armen Bübli nicht mehr acht Tage dort lassen«, sagte Josefine
entschlossen. »Es wird ohne alle Belästigung für Sie gehen.« Und dabei dachte
sie unablässig: Kostbare, seltene Minuten, die ich hier verlebe! So gross ist der
Mensch! So wohl tut es, einem grossen Menschen zu begegnen. Was für ein Glück,
dass ich gekommen bin.
    »Glücklich sind Sie,« sagte der Kranke leise seufzend, »selber dürfen Sie
handeln, müssen nicht andere vorschieben. Das muss herrlich sein.« Und mit einer
leisen Schwärmerei im Ton fuhr er fort: »Wenn ich mir denke, dass Sie nun gehen,
frei und leicht, ganz selbständig Ihrem freien, starken Herzen nach - wie ein
Mann - und doch kein Mann, sondern ein Weib und mit dem Herzen eines Weibes -
und die Welt, die Sie so nötig hat! Ich habe schon lange von Ihnen gehört - von
Ihren Vorträgen - auch Ihre Schriften gelesen vom Recht des Kindes, das sonst
nirgend ein Recht hat! Mir ist's jedesmal warm worden und der Mutter auch. Gelt,
Mutterli? Ach, sprach ich das erste Mal, da finde ich eine Freundin. Verzeihen
Sie meine Dreistigkeit: Sie sind mir Freundin! Und jetzt - was sollte ich
beginnen, ohne Sie, ich Hilfloser -«
    Josefine beugte den Kopf wie unter einem Blütenregen. Eine leichte Betäubung
überfiel sie. Von allen Seiten schwirrten die Blüten um sie, und es duftete so
süss, so schmeichelnd .. Keine Einsamkeit mehr, Liebe über ihr Verdienst, o weit
darüber hinaus, Verständnis, Freundschaft.
    Und dann - in jähem Stimmungswechsel, den die Erregung hervorrief, gedachte
sie der Qual all dieser Monate, und sie begann zu weinen, unterdrückt zwar, aber
dennoch hörte es der Kranke, den leisen schluchzenden Ton.
    »O, o,« sagte er mit hellseherischer Sicherheit, »das war verfehlt! Ich habe
nicht gefragt, was Sie angeht. Sie sind im Leid! Ja ja, Sie sind im Leid! Und
ich habe Torheit gesprochen.« Sein Gesicht wurde ängstlich und traurig.
    »Was ist Ihnen geschehen? Wer kann Ihnen Leid zufügen, dass Sie weinen
müssen?«
    Josefine erschrak vor seinem Ton. Sie wollte sich zurückhalten, aber der
quälende Drang, auf eine Minute ihre eigene Last einem anderen zuzuwerfen,
übermannte sie: »Ich bin frei und gesund, zu gehen. Aber einen Sohn hab ich -
und er - nennen Sie mich nicht glücklich!« rief sie leidenschaftlich, »Sie sind
glücklicher als ich.«
    »Er ist vielleicht auch krank, Ihr Sohn?« sagte die Frau Fischer mitleidig
und sah voll Sorge auf ihres Rudolfs bebende Hände.
    »Ach, wäre er so gesund wie Ihr Rudolf,« rief Josefine schmerzgepeinigt,
»ich wäre glücklich!«
    Die ausgeweinten Augen in dem sonnenbraunen Gesicht der Bäuerin starrten sie
mit vorwurfsvoller Überraschung an. Sie hatte nicht verstanden.
    Josefine aber sah, dass sie grausam gewesen, denn der Kranke atmete heftig,
als wehre er sich gegen etwas Drohendes.
    »Nein,« hauchte er schwach, »nein, nein, nein.«
    Die Mutter ging an sein Bett, legte ihm die Hand auf die Stirn. Es schien,
als bitte ihre Gebärde demütig um Erbarmen für den Sohn.
    Eine stumme angstvolle Viertelstunde verging.
    Die Wanduhr tickte mit metallisch hallendem Schlag - Schritte der
Vorübergehenden, Kindergeplauder, das regelmässige Klopfen kleiner Steine
aufeinander ertönte - dann das liebkosende tiefe »gurr! gurr!« von Tauben auf
dem Fensterbrett draussen.
    »Die Täubli wollen Futter!« sagte Rudolf, wie erwachend, »Mutterli, gib
ihnen auch.«
    Reuevoll und unruhig hatte Josefine dagesessen - nun sah sie erleichtert zu,
wie die alte Frau das Fenster auftat, und wie ihr die zwei zartblauen Tauben auf
die körnergefüllten Hände flogen und pickten. Sie brachte die Zutraulichen dem
kranken Sohn, und sie wichen kaum seinen streichelnden Händen aus, schlugen nur
ein wenig mit den Flügeln und stiegen dann auf seine Bettdecke, um sich auch
dort Futter zu holen.
    »Verzeihen Sie nur meine Schwäche,« sagte er bittend zu Josefine, »so ein
Anfall ist allemal etwas Arges. Es schwindelt einem so sonderbar, es ist grad
so, wie wenn ich auf dem Kopf stände. Oder das Bett kehrt sich um, und ich
schwebe über einem Abgrund, falle nicht, finde aber auch nirgend Halt. Oft geht
es eine ganze Nacht so - ich liege dann angeklammert und falle doch
unaufhörlich, wie mir scheint.«
    »Ich bin zu lang geblieben, verzeihen Sie mir!« bat Josefine und wollte
gehen. »Mir ist's jetzt angst, dass ich Ihnen geschadet habe.«
    Aber nun baten Mutter und Sohn, dass sie noch bleibe, den nächsten Zug
benutze.
    »Ich habe immer viel Besuch, aber Ihr Kommen - das ist eine besondere
Freude, das dürfen Sie mir nicht abkürzen, weil ich jetzt nicht brav gewesen
bin! Aber nun werd ich schon.«
    Und voll Stolz erzählte die Mutter, wie viel Briefe immer kommen »und Karten
und Grüsse jeden Tag für meinen Rudolf. Aus der ganzen Welt.«
    »Die Schwerkranken und Unheilbaren sind auch eine Brüderschaft,« lächelte
Rudolf, »und wir schreiben uns, deutsch und französisch. Das ist ein Trost und
ein Genuss. Vielleicht haben Sie, als Medizinerin, von dieser Einrichtung gehört.
Sie zieht sich um die ganze Erde. So lebt man trotzdem mit. Und auch Gesunde
schreiben mir. Ich habe liebe Freunde.«
    Er griff in ein ganz niederes Bort, das zu rechter Hand über dem Bette
befestigt war, und holte einen kleinen Stoss Briefe und Karten herunter. »Viele
liebe Freunde,« wiederholte er, »der liebsten einer ist der.«
    Und er tat mit der rechten Hand in die linke eine photographische Karte und
schob das Bildchen Josefine auf der Decke hin, die eben die Tauben verlassen
hatten.
    Josefine nahm das Bild - zuckte zusammen, bückte sich, um näher zu sehen,
und dann, mit durstigen Augen sog sie sich dran fest ...
    Es war Hovannessian.
    »Sein Name ist Hovannessian,« sagte der Kranke mit zärtlichem Triumph, »und
das Bild kommt aus Persien, denken Sie nur! Ein Armenier und mein Freund! Wie
kann das sein? Aber er war in Zürich vor sechs Jahren, und zweimal war er bei
mir. Mein Arzt hatte ihm von mir erzählt, und darauf besuchte er mich. Der
liebe, liebe Freund Hovannessian.«
    Die Mutter Rudolfs trat hinter Josefines Stuhl, umfasste zutraulich ihre
Schulter und betrachtete mit ihr das Bildnis.
    »Und ich seh's auch immer wieder gern, weil er mir so lieb ist! Ja, der ist
uns ins Herz eingegraben, gelt Rudolf? Die Stadt ist Tabris, sag ich's richtig?
Ach, wieviel hat er auch erzählt, wie er hier war! Da ist er gesessen, auf dem
gleichen Sessel, und wir sind nicht müd worden zu hören, der Rudolf nicht und
ich auch nicht. Wie man dort im fernen Land das Brot macht und den Wein und die
Teppiche, und wie man tanzt, und wie die Frauen so verschleiert sind und kein
Recht haben, und wie man sich Märchen erzählt, die erwachsenen Leut, denken Sie
auch!« Sie lachte mit kindlichem Wohlgefallen.
    »Schöne Märli, wir haben's auch gern gehört, gelt Rudolf. Aber jetzt ist er
dann ein Grosser worden, schreibt sein Freund, wo auch manchmal an den Rudolf
schreibt, Schulen gründet er, Schulen in Persien, für die Armenier, denken Sie.
Aber einfach und arm ist er geblieben und geht noch immer im russischen Hemd,
lueget Sie nur das Bild an.« Und sie deutete eifrig auf die Photographie.
    »Und ein Dichter,« fiel der Kranke begeistert ein, »ja, das ist ein Mensch,
wie ich sonst keinen kenne. Er dichtet das Leiden des unterdrückten armenischen
Volkes, das die christlichen Völker von Europa hinschlachten lassen aus
Freundschaft für die Türken, die sie morden. Aus Freundschaft - nein! aus
Profitsucht! Ach!«
    »Wenn man's nur lesen könnte!« sagte die Mutter, und ihre geschwächten Augen
bekamen Glanz, »es muss herzzerreissend sein!«
    »Ja, es ist dann russisch! Schad dafür!« Und mit einem sehnsüchtigen Seufzer
setzte der Kranke hinzu: »O, dass ich ihn nur noch einmal sehen dürfte im Leben,
den lieben, meinen lieben Hovannessian, Tag und Nacht möcht ich ihm zuhören.«
    »Gefällt er Ihnen nicht?« fragte die Alte, jetzt völlig aufgelebt und
beglückt; »gelt, er ist ein edler Mann? Ja, und wann ich hundert Jahr alt werde,
nimmer vergess ich's, wie er da sass und erzählte und so gut mit dem Rudolf war.«
    Der Kranke faltete die Hände: »Er lebt, und Gott ist mächtig in ihm,« sagte
er mit hingerissener Stimme, »und mir ist's ein Trost, dass ich ihn in der Welt
weiss ... Ach, dass Sie ihn nicht kennen, Frau Josefine! Sie hätten sich auch
verstanden, Sie zwei! Wieviel Gemeinsames, wieviel Ähnliches.«
    In ihrer Begeisterung war es weder Mutter noch Sohn aufgefallen, dass
Josefine ganz verstummt war.
    Sie aber sass auf dem Stuhl, auf dem einst er gesessen, und hörte aus dem
Munde reiner Liebe wiedererzählen, was er auch ihr erzählt, und sie fühlte seine
Gegenwart hier so deutlich, dass Schauer auf Schauer sie überrann.
    »Sie müssen dann einmal seine Briefe lesen,« sagte Rudolf, und ein
zärtlicher Jubel war in seiner Stimme, »wenn Sie wieder kommen. Sie nehmen auch
schon teil an ihm, ich fühl es. Ach ja, gewiss, Sie lieben ihn auch schon.«
    »Ich liebe ihn,« erwiderte Josefine, und wieder fühlte sie den Blumenregen
leise und duftend über sich herunterfallen, und sie schloss die Augen und
lächelte: was für ein schöner Traum.
    Eine kleine Weile stand sie noch an Rudolfs Bett, der fest ihre Hände hielt.
    »Sie werden die Kinder retten,« sagte er. »Oh, dank Ihnen! Schönes haben Sie
mir gebracht, Unverlierbares. So dankbar lassen Sie mich zurück, so beruhigt.
Ich vertraue auf Sie für die armen Bübli! Und noch etwas ... Als Sie weinten,
zuvor, da fand ich kein Wort. Zu tief - litt ich - mit Ihnen. Nun ist mir eins
eingefallen, und ich bitte, nehmen Sie es mit. Es ist aus dem Augustinus: Ein
Sohn solcher Tränen kann unmöglich verloren gehen! Gott segne Sie! Gedenken Sie
daran: Ein Sohn solcher Tränen kann unmöglich verloren gehen! Gott segne Sie und
segne alles, was Sie tun!«
Von Segenswünschen und Abschiedsgrüssen umflattert, von der alten Frau noch
geleitet, trat Josefine auf die Dorfstrasse hinaus.
    »Kommen Sie wieder zu uns! Kommen Sie wieder!« bat die Frau mit den
ausgeweinten Augen, und ihre Hände wollten Josefines nicht loslassen. Und als
sie endlich fortgegangen war, die Strasse hinab, sah sie noch immer die alte Frau
stehen im blauen Kattunjäckchen, wie sie die Augen mit der Hand schützte und ihr
nachblickte.
    Im warmen Frühlingssonnenschein, der breit auf der stillen Dorfstrasse lag,
ging sie mit schwingendem Schritt entlang.
    Es war ihr wunderbar froh zu Mut, und je weiter sie ging, umsomehr vertiefte
sich dies ganz neue Wohlgefühl. Ist die Welt so schön? Ist das Leben so reich?
Und diese Erde, die von neuen Kräften bebt, ist dies mein Boden? mein Wohnort?
mein Aufentalt? Aber das ist ja alles so reizend, so traumschön, so jung, so
nie gesehen! Wo bin ich denn?
    Sie schritt über das Brückchen und sah das glatte grüne Wasser ziehen, mit
Goldfunken überstreut.
    Sie schritt querfeldein und sah mit trunkenen Blicken das Sonnenglitzern auf
der jungen grünen Saat, auf der kein Schneestäubchen mehr lag. Alles funkelte
und blitzte und leuchtete, und ihr Herz schlug ungestüm, und immer schneller
wurden ihre Schritte. Erneuerung! fühlte sie, und das Wort durchzuckte sie wie
ein belebender Kuss.
    Wiedergeburt! fühlte sie, und es schien ihr, dass sie emporsteige aus einem
dunklen Grabe, mit zitternden Augenlidern, mit ängstlich an den Leib
geschlossenen Armen. Empor, empor, in die frischen, veilchenduftenden
Frühlingslande, mit der Sonne über dem Scheitel und mit Freundesrufen von allen
Seiten!
    Hier ist meine Welt, fühlte sie, hier sind die Meinen! Hier, diesen gehöre
ich - endlich, endlich habe ich gefunden.
    »Hovannes,« sagte sie vor sich hin, und ihre Lippen küssten seinen Namen, und
ihr Herz stürmte, dass sie gesagt, dort gesagt: »ich liebe ihn.«
    »Ja! ja! In Ewigkeit! In Ewigkeit! Er lebt, und Gott ist mächtig in ihm,«
widerhallten in ihr Rudolfs Worte, und auch ihre Hände falteten sich. In ihm
liebe ich das Leben, oh, welcher Reichtum, welche Fülle, wie unerschöpflich
reich bin ich selbst!
    Ja, ich lebe, ich lebe wirklich. Ich habe gekämpft, ich habe gefühlt, ich
habe gedacht, ich habe teilgehabt an den Gedanken meiner Zeit, ich bin ein
Mensch!
    Aber wo war meine Hoffnung? Hatte ich eine Hoffnung? War nicht alles nur
Arbeit, Arbeit, Arbeit, Opium, um die Schmerzen zu betäuben, die Schmerzen und
die Öde und die Hoffnungslosigkeit?
    Aber nun - nun habe ich das heilige Land gesehen.
    Nun funkelt über mir der schöne Himmelsstern, und trostreich ist sein Glanz.
    Die grosse Güte - die ursprüngliche Schönheit der Menschennatur - sie ist
Wahrheit, kein Traum - sie, sie allein ist Wahrheit, und einmal, einmal wird sie
die Welt besitzen.
    Und eifrig und glücklich begann sie, während sie schneller und schneller
durch die sprossenden Saaten schritt, überall in dem, was sie bis jetzt erlebt,
in den Menschen, die sie gesehen, in dem gesamten Menschheitsausschnitt, der ihr
bis jetzt zugänglich gewesen, das Gute zu suchen.
    Und - o Wunder - nun war es überall! Ja, es schien schamhaft, es verbarg
sein errötendes Antlitz, es schien fast, als ob die Menschen sich schämten, ihre
Güte zu zeigen. Aber es war überall, und es herrschte im stillen und machte
alles wieder gut.
    Aus dem Moder des Elends, des Unrechts, der Schmach brach es hervor in
tausendfältigen Blüten, in allen Farben des Regenbogens. Selbst das, was am
härtesten macht, Gewalt, Besitz, Dienst, bevorzugte Stellung, Wohlleben, war nur
eine harte Rinde, aber gleichwohl durchdringlich für die Gewalt des Guten. Auch
diese Rinde spaltete sich oft und oft, und auch aus diesen starren Stämmen
brachen die zarten Blättchen, die freundlichen Blumen hervor.
    Als seien ihr plötzlich neue Organe gesprosst, das überall verbreitete Gute
wahrzunehmen - so war ihr zu Mut.
    Und wieder sah sie jenes weite, grossartige Bild vor Augen, das ihr in des
Kranken stillem Stübchen so wunderbar das Herz geweitet und erhoben hatte.
    Aber es war nicht mehr wie zuvor geschieden in Finsternis und Licht, nicht
mehr so grell.
    Auch über dem entsetzlichen, wüsten, eklen Chaos der gegeneinander erhobenen
Fäuste und Schwerter lag schon jener zarte Schein, der der Morgendämmerung
vorausgeht, und dieser Schein, unsicher und zitternd, floss zusammen aus
Millionen und Millionen unsichtbarer Quellen. Das Heer der Sterne aber, das über
jenem Chaos stand, war ein so starkes, unübersehbares Lichtmeer geworden, dass es
unmöglich war für menschliche Augen, hineinzusehen.
    Sie hängen alle zusammen, fühlte sie, mehr Licht in einem, weniger im
anderen - es wird alles ausgeglichen! Wie schön! o, wie schön!
    Und mit schwingenden Schritten und stark vor Freude und Hoffnung ging sie
geradeswegs in den Glanz hinein.
 
                                    Fussnoten
1 Romanisch für »Guten Tag«.
2 Kristallsucher.
3 Eigenname.
4 umstürzt.
5 Fastnachtsfeuer.
6 teuer.
7 Zeugs, Dinge.
8 Eine Fleischspeise.
9 Ein Gebäck.
10 Etwas Nationales, Urwüchsiges.
11 Kaukasisches Saiteninstrument.
12 Zornig.
13 Hinaus!
 
    