
        
                               Berta von Suttner
                                Marta's Kinder
                                 Fortsetzung zu
                              »Die Waffen nieder!«
                                        I
»Es lebe die Zukunft!«
    Mit diesen Worten schloss Graf Rudolf Dotzky seine Tafelrede. »Und aus diesem
Glase,« fügte er hinzu, indem er den Champagnerkelch an die Wand warf, dass er
klirrend zerschellte, »darf kein anderer Trunk mehr gemacht werden, und heute,
zu meines Erstgeborenen Tauffest, soll auch kein anderer Toast mehr gesprochen
werden als dieser: Es lebe die Zukunft! Nicht unserer Vätersväter - wie die alte
Phrase lautet - wollen wir trachten, uns würdig zu zeigen, sondern unserer
Enkelsöhne ... Mutter« unterbrach er sich - »was ist Dir? ... Du weinst? ... Was
siehst Du dort?«
    Baronin Marta Tilling hatte ihre grossen schwarzen Augen, die so seltsam von
dem weissen Haare abstachen, und aus welchen ihr jetzt zwei grosse Tränen über
die Wangen rannen, starr nach dem Garten gerichtet, der vor der offenen
Terrassentür lag.
    Was sie dort sah, war ein Halluzinationsbild, das oft in ihren Träumen
auftauchte: ein alter Mann - ihr Mann, der im Abendsonnenschein mit einer
Gartenscheere Rosenbäumchen stutzt.
    Sie hatten einst, die glücklichen jungen Eheleute, von ihrer fernen Zukunft
gesprochen: »Weisst Du, Marta, wenn ich einmal über die Siebzig bin und für das
Weltgetriebe nicht mehr tauge, da werde ich mich meiner Liebe zu den Blumen
hingeben und Gärtnerei betreiben.« - »O, ich sehe Dich vor mir, ein Hauskäppchen
- nicht etwa von mir gehäkelt, derlei grauenvolle Arbeiten mache ich nie - ein
Hauskäppchen auf den Silberlocken, in der Hand eine Gartenscheere, mit der Du
die welken Blüten von den Rosenstämmen trennst.« - »Ja - und Du sitzest auf der
Gartenbank - ein duftiges Spitzentuch auf Deinem ebenfalls schon gebleichten
Haar geschmackvoll gesteckt - denn kokett wirst Du immer bleiben -; in der Hand
- also keine Häkelei, sondern das noch geschlossene Buch, aus dem Du mir später
vorlesen wirst, und lächelnd siehst Du meiner Arbeit zu ... Wir werden ein
glückliches altes Paar sein, Marta!«
    Diese Vorstellung hatte sich ihr so eingeprägt, dass sie sich in ihren
Träumen wie ein Erlebnis zu wiederholen pflegte. Achtzehn Jahre schon war sie
verwitwet und immer noch, wenn sie von ihrem verlorenen Friedrich träumte, sah
sie ihn lebend vor sich; meist so, wie er in der Brautzeit gewesen, und manchmal
auch in jene Gestalt, die nur in beider Phantasie entstanden war.
    An diesem Tage, beim Tauffest ihres Enkelkindes, als Rudolf in seinem
Trinkspruch gesagt: »Ja, Mutter, dieses Glas bringe ich dem Andenken Deines ewig
Geliebten und ewig Betrauerten, dem auch ich alles verdanke, was ich denke und
was ich bin« - da war ihr furchtbar weh ums Herz geworden. Sie sass der offenen
Fenstertür gegenüber. Die Strahlen der untergehenden Sonne umwoben einen
Rosenstrauch mit zittergoldigem Dunst und davon sich abhebend - ihr Traumbild:
sie sieht die Gartenscheere flimmern, das weisse Hauptaar glänzen ... »Nicht
wahr,« lächelte er zu ihr herüber, »wir sind ein glückliches altes Paar?«
    Durch Rudolfs Frage aufgeschreckt, trocknete sie rasch ihre Augen und erhob
sich.
    Sie nahm den Arm ihres Nachbars zur Rechten - Ritter von Wegemann, Minister
a. D., im Hause unter dem Spitznamen »Minister Allerdings« - oder eines
neuerlich angenommenen Gewohnheitswortes wegen - »Minister Andrerseits« bekannt.
    Man begab sich in den anstossenden Salon. Es war nur eine kleine
Tischgesellschaft gewesen: Ausser den schon Genannten Rudolfs Halbschwester
Sylvia - der Mutter lebendes Jugendbild; Gräfin Lori Griesbach, Rudolfs
Schwiegermutter; Doktor Bresser, der langjährige Freund des Hauses und sein Sohn
Hugo Bresser; Graf Anton Delnitzky, der junge Pate des Täuflings; Oberst Baron
Schrauffer, ein alter Anbeter Gräfin Loris und der Ortspfarrer, Pater Protus.
    Sylvia schänkte den schwarzen Kaffee in die Schalen und reichte diese den
Gästen.
    Jede Bewegung der schlanken, geschmeidigen Gestalt atmete Anmut; auf dem
rosigen Gesichtchen lag ein Schein von gehobener Glückstimmung.
    Marta und Lori nahmen auf einem kleinen Eckdivan Platz, während die Herren
in der Nähe Sylvias blieben.
    »Also wirklich,« sagte Gräfin Griesbach, »der Toni Delnitzky hat sich
erklärt? Da gratuliere ich ... Und darf man schon laut - -?«
    »Nein, nein, ich bitte Dich! ... Sylvia hat mir die Sache auf dem Wege von
der Kirche mitgeteilt - erst morgen wird er bei mir um ihre Hand anhalten. Erst
dann, bis ich ja gesagt habe, kann die Verlobung verkündet werden - wenn ich ja
sage ...«
    »Du wirst doch nichts einzuwenden haben? Einer der grössten Epouseure
Österreichs! Dass er ein leichter Vogel war - je nun, das sind sie mehr oder
weniger alle - solche junge Leute wie Rudolf findet man nicht wieder.«
    »Und wenn ich auch einzuwenden hätte ... ich glaube wirklich, dass der beiden
Charaktere nicht zueinander passen ... aber Sylvia ist kein Kind mehr ...«
    »Du kommst mir sehr unschlüssig vor: zuerst wenn ich ja sage und dann wenn
ich auch Einwendungen machen wollte, so nützt es nichts.«
    »In der Tat - es nützt nichts. Schau nur, wie glückstrahlend sie aussieht
und mit welchem Eifer Delnitzky jetzt in sie hineinredet ...«
    Lori seufzte. »Es ist doch eine schöne Sache um die Jugend! ...«
    »Du kommst mir eigentlich auch noch jung vor, Lori ...«
    »Vorgestern war mein achtundvierzigster Geburtstag ...«
    »Du hast Dich körperlich nicht viel und seelisch gar nicht verändert seit
den letzten zwanzig Jahren. - Du bist noch immer so schlank, so blond, so
lebhaft (so seicht, setzte sie im Geist hinzu) und so - verzeih - so
gefallsüchtig wie immer ... Diese prachtvolle granatrote Toilette - dazu die
Blicke, die Du unserem Minister Adrerseits zugeworfen hast - was wird Schrauffer
dazu sagen?«
    »Und Du in Deinem ewigen Schwarz und ewigen Ernst - Du gibst Dir ein viel
älteres air, als Dir zukommt.«
    »Ach, mein Schatz, wenn man solchen Schmerz erfahren hat wie ich - so
unsägliches Unglück nach so unsäglichem Glück, dann dürfte man schon ganz
gebrochen sein ... Ich bin es nicht, weil ich meine Kinder habe ...«
    Der Minister näherte sich den Damen und liess sich in einem Fauteuil an der
Seite Gräfin Loris nieder.
    »Ich habe eben mit dem Grafen Rudolf disputiert, meine Damen, und rufe Sie
zu Richterinnen an. Der Ton, den er in seinem Trinkspruch angeschlagen, wollte
mir nicht gefallen ... ein Ausfall gegen die Väter und Vätersväter! Allerdings,
wenn man gerade ein Wickelkind feiert, so liegt der Gedanke an Enkelssöhne näher
- andrerseits soll man nicht vergessen, dass es nur einen Boden gibt für
erspriessliches Gedeihen (namentlich für Unsereins) - den Boden der Tradition.
Was sagen Sie, Gräfin?«
    Lori war weit davon entfernt, über diese Frage irgend eine Meinung zu hegen,
aber da sie doch etwas antworten musste, so sagte sie:
    »Sie haben ganz recht, ganz recht.« Das ist eine Meinungsäusserung, welche
denjenigen, dem sie gilt, gewöhnlich als sehr vernünftig berührt.
    »Ich muss meinem Sohne recht geben,« widersprach Marta. »Es ist besser,
denen zu Dank zu handeln, die nach uns kommen, als jenen, die vor uns waren.
Strassen pflegen ist ganz schön - Bahn brechen ist schöner.«
    Die Neuverlobten konnten jetzt einige unbelauschte Worte tauschen:
    »Morgen werde ich also mit Ihrer Mutter sprechen, Sylvia ... ich fürchte
mich ein wenig ...«
    »Sie glauben doch nicht, dass Mama -«
    »Nein, abweisen wird sie mich nicht - das fürchte ich nicht, sondern die
Feierlichkeit davon - die Ungewohnheit ...«
    Sylvia lachte: »Hoffentlich ist's ungewohnt! Wer soll denn Übung darin
erlangen, um Hände anzuhalten? Übrigens, auch mir ist entsetzlich ungewohnt zu
Mute ... ich begreife gar nicht, dass ich mit einem kurzen ja mein ganzes Leben
verpfändet habe ... war ich nicht voreilig? Ich kenne Sie eigentlich so wenig
und Sie - - kennen mich vielleicht gar nicht ...«
    »Und ob ich Sie kenne: das natürlichste, heiterste, anmutigste Geschöpf ...«
    »Kurz, das Muster eines wohlerzogenen Komtessels, wie? Ein anderes Bild
hatte ich ja auch nicht Gelegenheit, hervorzukehren in den fünf oder sechs
Kotillons, die wir miteinander getanzt haben. Es steckt aber wirklich doch noch
manches andere in mir, von dem Sie vermutlich nichts ahnen.«
    »Zum Beispiel?«
    »Ungeheure Ansprüche an das Leben und an die Menschen - und besonders an den
Menschen der mein Leben ausfüllen soll -«
    »Muss er ein halber Gott sein?«
    »Nein, aber ein ganzer Mensch. So wie dieser da,« fügte sie hinzu, auf den
Bruder deutend.
    Rudolf trat heran. »Warum wird hier mit Fingern auf mich gezeigt?«
    »Als Muster der Vollkommenheit wirst Du gepriesen,« antwortete Delnitzky.
»Du entsprichst dem Ideal, das sich Deine Schwester von einem - wie sagte sie
doch? - ganzen Menschen macht.«
    Seufzend schüttelte Rudolf den Kopf:
    »Da muss ich das Leitmotiv meines Toasts wiederholen - es lebe die Zukunft -
die wird ganze Menschen haben ... heute findet man nur viertel, achtel,
hundertstel -«
    »Nicht einmal halbe gibst Du zu?«
    »O, Halbheit in anderem Sinne, auf die stösst man nur zu oft. Ernstlich, Du
hast eine zu gute Meinung von mir, Sylvia. Du weisst doch, dass ich eine Aufgabe
habe, und weisst, wie wenig ich noch die Kraft fand, sie zu erfüllen, Du weisst -«
    »Nicht die Kraft,« unterbrach Sylvia, »die Möglichkeit hat Dir gefehlt.«
    »Auch die. Hoffentlich wird es grössere, weitere Möglichkeiten geben, wenn
mein Friedrich erwachsen ist. Sein Feld wird das zwanzigste Jahrhundert sein,
und von dem erwarte ich die Erfüllung grosser Dinge.«
    »Du bist heute ganz Zukunft, Rudi,« sagte Delnitzky; »da folge ich Dir
nicht, denn die Gegenwart ist mir viel zu schön.«
    Sylvia warf ihm einen Blick zu, mit dem sie ihm das Weiterreden verwehrte.
Offenbar war es ihr unerwünscht, dass Rudolf in diesem Augenblick erfahre, was
Delnitzkys Gegenwart so sehr verschönte.
    In einer andern Ecke standen der Oberst von Schrauffer, Doktor Bresser und
der Pfarrer im Gespräch.
    »Ein hübscher Junge, Ihr Sohn, Herr Doktor,« sagte der Pfarrer, »dem wäre
die Uniform gutgestanden - warum haben Sie ihn nicht zum Militär gegeben?«
    Pater Protus war eine Zeitlang Feldkaplan gewesen und hatte sich eine grosse
Vorliebe für die Angehörigen des Militärs bewahrt. Die Erinnerung an die in
Gesellschaft fröhlicher Offiziere zugebrachten Stunden gehörte zu seinen
liebsten Erinnerungen. Zweiunddreissig Jahre alt, aufgeweckten Geistes, lern- und
lebenslustig, war er von jeglichem Sektengeist, von jeglicher muckerischer
Strenge weit entfernt. Als Gesellschafter war er allgemein beliebt. Er wusste
ebensowohl auf Scherze einzugehen, als an wissenschaftlichen Diskussionen
teilzunehmen. Natürlich hatten seine Freunde den Takt, dem Priester gegenüber
bei Scherzen keinen zu frivolen, bei Diskussionen keinen glaubensverletzenden
Ton anzuschlagen. Ebenso zurückhaltend war Pater Protus: im gesellschaftlichen
Verkehr schlug er niemals einen lehrhaften, bekehrenden Ton an. Ob er nicht auch
selber in seinem Innern mit manchen Dogmen gebrochen, das konnte aus seinen
Äusserungen niemals hervorgehen, doch lag in seiner Art mit notorisch
freidenkenden Menschen ein Zug stillschweigender Achtung.
    »Ein hübscher Junge, Ihr Sohn,« sagte er zu Doktor Bresser, »dem wäre die
Uniform schön gestanden, warum haben Sie ihn nicht zum Militär gegeben?«
    »Gegeben? Ich? Er hat sich seinen Beruf selber gewählt. Er ist
Schriftsteller.«
    »So-o?« machte der Oberst. »Ist denn das überhaupt ein Beruf?«
    »Ich sollte meinen, einer der allerschönsten,« bemerkte Pater Protus.
    »Und ich denke, Schriftstellerei kann man doch nur so nebenbei betreiben; es
ist ja doch keine Karriere - mit regelmässigem Vorrücken, mit gesichertem
Erwerb.«
    »Das freilich nicht. Aber da mein Sohn von seiner Mutter ein genügendes,
selbständiges Vermögen geerbt hat -«
    »Ich verstehe«, unterbrach der Oberst, »so privatisiert er.«
    »Im Gegenteil - er hat sich die breiteste Öffentlichkeit als Lebensweg
gewählt: er ist Schriftsteller und Journalist.«
    »Journalist? - Also der Beruf der Leute - ich glaube Bismarck hat ihn so
genannt - die ihren Beruf verfehlt haben?«
    »Ich finde den Journalismus einen sehr schönen Beruf,« fiel der Pfarrer
lebhaft ein. »Ein lieber, sehr geschätzter Freund von mir schreibt die Kunst-
und Musikreferate für die Neue freie Presse -«
    »Es nimmt mich Wunder, dass ein geistlicher Herr das bekannte Judenblatt -«
    »Oh, ich stehe nicht auf dem antisemitischen Standpunkt, Herr Oberst. Und
für welche Zeitung arbeitet Ihr Sohn, Doktor Bresser?«
    »Für zehn verschiedene. Doch vom künftigen Oktober ab wird er eine Stelle
als ständiger Redakteur eines neu gegründeten politischen Blattes antreten.«
    »Hoffentlich ein gutgesinntes ... Einerlei: als Leutnant ... jetzt könnte er
auch schon Oberleutnant sein - wäre mir Ihr Sohn doch lieber, wie als -
verzeihen Sie - als Federfuchser. Hätten Sie ihn rechtzeitig in eine
Militärakademie gesteckt ... Aber Sie sind ja ein alter Freund der Baronin
Tilling - folglich ein geschworener Militärfeind -«
    »Militarismusfeind.« verbesserte Bresser.
    »Das bleibt sich gleich. Wenn einer eine Sache nicht mag, so fügt er ihrem
Namen ein gehässiges ismus an. Nicht wahr, Herr Pfarrer, die Feinde der Kirche
sagen auch beileibe nicht, dass sie etwas gegen die Religion oder gegen die
Kleriker haben - nur dem Klerikalismus sind sie feind -«
    »Ich fühle da doch den Unterschied,« erwiderte Pater Protus. Dann an Doktor
Bresser gewendet:
    »Ihr Sohn kommt mir heute sehr schweigsam und melancholisch vor. Ist er oft
so?«
    »Er ist gewöhnlich ernst; doch ist mir es auch aufgefallen, dass er heute
etwas verstimmt scheint.«
    Der junge Mann, von dem die Rede war, sass an einem Tisch und blätterte in
illustrierten Zeitschriften. Aber sein Blick haftete nur zerstreut auf den
Bildern, immer wieder irrte er in die Richtung, wo Sylvia und Denitzky
nebeneinander standen.
    Seit Jahren schon trug Hugo Bresser eine schwärmerische Neigung für Sylvia
im Herzen. In bewusster Hoffnungslosigkeit zwar, denn er masste sich nicht an, der
gefeierten, reichen Aristokratin als Freier sich zu nahen. Was ihm aber heute in
Gebaren und Mienenspiel an dem Paare aufgefallen, hatte seine Eifersucht
entfacht.
    Selber auf ein Glück verzichten, ist schon schwer genug - aber einen andern
in dessen Besitz zu sehen, ist unerträglich ... Wenn ich recht erraten, sagte er
sich - so werde ich dieses Haus meiden - ich könnte da nicht zusehen. Und dabei:
er ist ihrer nicht wert ... Nur dem Besten, Gescheitesten, Edelsten wäre sie zu
gönnen ... aber dieser Dutzendmensch! ... Ist es nicht schon bedauerlich genug,
dass der herrliche Rudolf sich ein Dutzend-Komtesschen nahm ...
    Indessen waren die beiden Grossmütter in das Schlafzimmer der jungen Frau
gegangen, ihr einen Besuch abzustatten.
    Beatrix Dotzky, in schleifen- und spitzengeschmücktes Nachtgewand gehüllt,
lag in ihrem Bette und hielt den kleinen Fritz im Arm. Kammerfrau und Wärterin
standen daneben.
    Gräfin Lori eilte auf ihre Tochter zu:
    »Also Trixi - wie geht's? Gib mir das Wurm ein bissel her ... So ein lieber
Schneck. Die ganze Mama - und Du siehst mir ähnlich, folglich die ganze Grossmama
- ich kann zwar nicht behaupten, dass mich dieser Titel entzückt ...«
    »Er will Dir auch gar nicht passen, liebste Mama ...«
    »Aber mir passt er doch, Beatrix, nicht wahr?« sagte Marta. »Gib mir den
Kleinen, Lori.«
    Gräfin Griesbach liess sich nicht bitten und legte das Kind auf Martas Arme.
    »Und jetzt lass Dir erzählen ...« Sie setzten sich an das Fussende des Bettes
und in übersprudelndem Redefluss berichtete sie, wie die Taufe in der Kirche vor
sich gegangen, was der Pfarrer gesprochen, und wie der Kleine geschrien und was
für Toaste bei Tische ausgebracht wurden: Oberst von Schrauffen hatte so
herrlich von den künftigen Grosstaten gesprochen, die der kleine Fritz bestimmt
war, im Dienste des Vaterlandes auszuführen, wenn er wie sein Grossvater und wie
sein Urgrossvater Altaus des Kaisers Rock trüge. Von da sprang Loris Rede ohne
Übergang auf die Genesis ihres granatroten Damastkleides »bei der Spitzer, weisst
Du - die arbeitet doch am chiksten ...« - auf verschiedene Sorten von
»Milchkasch«, mit denen man am besten kleine Kinder aufpäppelt, auf die Misere,
die man später mit den Bonnen hat und auf Verhaltungsmassregeln für die junge
Mutter. »In sechs Wochen,« so schloss sie, »musst Du, ja musst Du nach Mariazell,
um der Muttergottes für die Geburt des Knaben zu danken (ich bin so froh, dass es
ein Bub ist - wegen dem Majorat). Ich bin schon vor Deiner Geburt nach Mariazell
- nein Mariataferl war's - gewallfahrtet und wie Du siehst, hat es Dir Glück
gebracht - -«
    Marta sass schweigend am andern Bettrand und blickte nachdenklich auf das
Kind, das sie im Schosse hielt. Gedanken, Gefühle, Bilder durchwogten ihre Seele
- nicht klar, nicht abgesondert, sondern ineinander fliessend, in ihrer
Vermengung eine Wehmutsstimmung ergebend.
    Der Sohn ihres Sohnes ... vielleicht würde auch der wieder Söhne zeugen ...
und so geht das Leben, um alles Sterben unbekümmert, aus entlegenster
Vergangenheit in entlegenste Zukunft hinüber - dazwischen immer wieder Leid,
Kampf, Alter, Tod - und was am Ziele? Was am Wege? Wohl auch mitunter Freude,
Liebe, Begeisterungsschwung: das ist ja an sich schon erfüllter Zweck. Das Ziel
kann doch nur sein: mehr Freude, mehr Liebe, höherer Schwung ... O du kleines,
hilfloses Geschöpfchen, was wird aus Dir werden - wenn Du überhaupt erhalten
bleibst? Wie viel Schmerz wirst Du erdulden, wie viel Schmerz bereiten? Sicher
ist Dir nur Eines, früher oder später: das Todsein - die ewige Abwesenheit ... O
mein Verlorener! ...
    Und wieder erstand das Bild Tillings vor ihrem inneren Auge. Aber nicht in
jener im Traum entstandenen, altersmüden Gestalt, sondern wie er in seiner
Vollkraft gewesen an dem Tage, da er unter den Kugeln des Exekutions-Pelatons
zusammenfiel.
 
                                       II
Rudolf Graf Dotzky, geboren 1859, wenige Monate vor Ausbruch des
italienisch-österreichischen Krieges, in dem sein Vater den Tod fand, zählte
jetzt dreissig Jahre. Besitzer des ausgedehnten Dotzkyschen Majorats, hatte er
keinen andern praktischen Beruf als die Bewirtschaftung seiner Güter. Daneben
hatte er sich aber noch einen idealen Beruf erwählt, dem sein Lernen, Denken und
Streben galt: nämlich die Aufgabe zu erfüllen, welche Friedrich Tillings
Vermächtnis war: die Bekämpfung der Kriegsinstitution. Die eigentliche Erbin
dieses Vermächtnisses war freilich Tillings Witwe, doch freiwillig hatte sich
Rudolf zum Mitarbeiter seiner Mutter herangebildet. Das zu Friedrichs Lebzeiten
angelegte »Protokoll« - ein Einschreibebuch, in das die Fortschritte der
Friedensidee und -Bewegung eingetragen waren, wurde zuerst von Marta, dann von
Rudolf weitergeführt. Die von dem Elternpaar zusammengetragene Bücherei natur-
und sozialwissenschaftlicher Werke fand in ihm einen eifrigen Studenten und
Mehrer.
    Allerdings musste daneben das obligate Studium der offiziellen
Schulgegenstände absolviert werden; auch das Freiwilligenjahr hatte er ausdienen
müssen. Dann kam die Erbschaft des Dotzkyschen Majorats, wodurch dem jungen Mann
die Notwendigkeit erwuchs - wollte er anders den Pflichten des Grossgrundbesitzes
gerecht werden - ernstliche Landwirtschaftsstudien zu betreiben - all das ergab
eine bedeutende Ablenkung von jenem idealen Beruf.
    Auch kam eine Zeit, da er durch den Umgang mit seinen Alters- und
Standesgenossen in einen Wirbel von weltlichen und sportlichen Vergnügungen
gerissen wurde, wobei die Beschäftigung mit seiner Lebensaufgabe stark zur Seite
geschoben ward. Sogar die Gesinnungen, die dieser Aufgabe als Grundlage dienten,
waren durch den Einfluss der ganz entgegengesetzten feudalen, chauvinistischen
und reaktionären Ansichten, die in seiner Umgebung herrschten, momentan ins
Schwanken geraten und hätten Gefahr gelaufen ganz unterzugehen, wären sie nicht
schon so tief in seiner Seele geankert gewesen, und wenn der niemals ganz
aufgegebene innige Verkehr mit der Mutter ihm nicht immer wieder die Ideale
aufgefrischt hätte, für die er wirken wollte - später, später, bis er zu Ruhe
käme.
    Und er kam bald zu Ruhe. Das schale Leben der »goldenen Jugend«, mit dem
ewigen Trinkgelagen und ewigen »kleinen Jeux«, mit den abwechslungslosen Jagd-,
Rennstall- und Koulissengesprächen ekelte ihn bald an. Es zog ihn zurück zu
seinen Büchern und zu seinen gutsherrlichen Pflichten. Schon im Alter von
vierundzwanzig Jahren hatte er sich von dem Treiben seiner Genossen losgerissen.
Er zog sich auf Brunnhof - die grösste und schönste seiner Domänen - zurück und
lud seine Mutter und Schwester ein, bei ihm zu wohnen.
    Hier widmete er sich wieder mit verdoppeltem Eifer seinen beiden Berufen -
dem einen mit ausübender, dem anderen mit vorbereitender Arbeit. Er unterbrach
dieses einsame Landleben nur durch einige Reisen nach Paris, London und Italien.
Denn er sah wohl ein, dass man ein Stück Welt gesehen haben müsse, wenn man einst
öffentlich wirken wollte.
    Das Gebiet seiner Aufgabe hatte sich ihm unversehens stark erweitert.
Ursprünglich war es nur die eine - von Tilling überkommene Idee - Bekämpfung der
Kriegsinstitution - die ihm als Ziel vorgeschwebt, aber allmählich kam er zur
Überzeugung, dass jeder Zustand, jede Einrichtung mit allen anderen Zuständen und
Einrichtungen in vielfacher Wurzelverschlingung verbunden ist, und da begann er,
sich in andere Probleme zu vertiefen und andere Bewegungen zu verfolgen; überall
lauschte er hin, wo ein neuer Geist die alten Formen sprengen wollte. Je weiter
er vorwärts drang, desto zahlreicher eröffneten sich ihm immer wieder neue
Forschungsfelder. Die Fülle der auf ihn einstürmenden Gedanken und erwachenden
Erkenntnisse hinderte ihn daran, sich auf irgend eine bestimmte Aktion zu
konzentrieren. Erst musste er lernen und noch lernen, erst musste sein gährender
Geist Klärung gewinnen, ehe er daran gehen konnte, tätig in das Räderwerk des
öffentlichen Lebens einzugreifen. »Später, später!« rief er sich zu und hatte
vorläufig darauf verzichtet, sich politisch oder publizistisch zu betätigen. Er
bewarb sich nicht um den Reichsratssitz, zu dem ihn sein Grossgrundbesitz
berechtigt hätte, er schloss sich keinem Vereine an und veröffentlichte keine
Aufsätze; er begnügte sich mit Studieren und Denken, mit Schauen und Beobachten.
Dass er öffentlich werde wirken müssen, um die in Tillings Vermächtnis entaltene
Aufgabe zu erfüllen, das war ihm klar - aber: später, später.
    Als er achtundzwanzig Jahre alt war, entschloss er sich, zu heiraten. Der
Besitzer des Majorats und zugleich letzter männlicher Spross des Hauses Dotzky
war einfach verpflichtet, für Vermögens- und Namenserhaltung zu sorgen und sich
eine ebenbürtige Gattin zu wählen.
    Von Kindheit auf hatte er - halb im Scherz, halb im Ernst - um sich
wiederholen gehört, dass die einzige Tochter der Gräfin Griesbach, die kleine
Beatrix, seine Frau werden solle. Die Mütter waren Jugendfreundinnen, die Kinder
Spielgenossen, und der Gedanke, dass sie einst ein Paar werden sollten, wuchs
sowohl bei Rudolf wie bei Beatrix als etwas selbstverständliches, einfaches, gar
nicht tiefbewegendes noch hochbeglückendes, aber immerhin als etwas ganz
erfreuliches heran.
    Ohne langes Hofmachen seinerseits, ohne langes Überlegen ihrerseits, ohne
Überraschung für die Familien und Freunde wurde Rudolfs Werbung vorgebracht und
angenommen und sechs Wochen später die Trauung vollzogen. Beatrix war eine
anmutige und elegante Erscheinung; in geistiger Beziehung war sie nicht viel
über das Niveau ihrer Mutter herausgewachsen, aber Rudolf hatte gar nicht den
Versuch gemacht, sie zur Teilnahme an seinen geistigen Interessen heranzuziehen
- hierin war und blieb seine Vertraute die Mutter. Bei seiner kleinen Frau
wollte er nicht Anregung zu seinen Arbeiten, sondern Erholung finden. Ausruhen
wollte er bei ihr und sich aufheitern lassen. Sie besass ein fröhliches
Temperament und fühlte sich durch die glänzende Lebensstellung, die ihr der
liebenswürdige und hübsche Gatte bot, vollständig glücklich - da konnte sie wohl
durch sonnige Laune und ungeheuchelte Zärtlichkeit die gewünschte Aufheiterung
leisten. Für das geistige Ausruhen bürgte ihr gänzliches Unverständnis: mit ihr
gab es kein weiteres Ausspinnen der Gedanken, kein Erwägen der Pläne - mit einem
Wort: keinerlei weiteres Kopfzerbrechen; in ihrer Gesellschaft musste man die
geistige Arbeit ruhen lassen.
    Marta hatte sich dieser Eheschliessung nicht widersetzt. Sie hatte die
Empfindung, dass Rudolfs Lebensaufgabe und Lebensinhalt ausserhalb der häuslichen
Verhältnisse lag, etwa wie bei einem von seiner Berufspflicht ganz erfüllten
Priester. Rudolfs Schicksal hing nicht an der Gemeinschaft mit einem geliebten
Weibe - es hatte ein weiteres Feld. Auf diesem Felde war die Mutter seine
Vertraute und Beraterin; vielleicht wäre es dieser sogar schmerzlich gewesen,
eine solche Rolle einer anderen überlassen zu sollen. Der grosse Liebreiz der
jungen Gräfin Dotzky verbunden mit ihrem kindlichen Frohsinn, liess über ihren
Mangel an Geist, über die Seichtigkeit ihres Charakters hinwegsehen. Viele
nannten sie entzückend und Rudolf hatte sie von Herzen lieb.
    So fühlte sich Marta über ihres Sohnes Eheleben ganz beruhigt und
zufriedengestellt. Anders urteilte sie über die bevorstehende Heirat der
Tochter. Da war ihr unsäglich bang. Für Sylvia hatte sie stets den Traum
genährt, dass ihr in einer harmonischen Ehe ein Glück beschieden sein möge, wie
sie selber es an der Seite Tillings gefunden. Und dafür bot ihr das Wesen des
jungen Delnitzky keine Bürgschaft.
Es war am Abend des Tauffestes. Sylvia sass beim Fenster in ihrem Zimmer. Die
Dunkelheit war schon hereingebrochen. Das Fenster stand offen und die laue
Sommernachtluft, düftebeladen, strömte herein. Hinter den Baumwipfeln stieg eine
glutrote, unnatürlich gross scheinende Mondscheibe empor. Von ferneher leiser
Unkensang und aus nahem Gebüsch die Triller einer Nachtigall.
    Sylvias Kopf war an die Fauteuillehne zurückgeworfen und ihre beiden Hände
hingen über die Armlehnen hinab. Ihr Atem ging hörbar und kurz durch die
halbgeöffneten Lippen; sie selber fühlte das Schlagen ihres Herzens.
    Verliebt ... Die Wonne dieses Bewusstseins war nicht nur eine seelisch,
sondern zugleich physisch empfundene Wonne. Eine süsse Wärme, eine
seligkeitsahnende Beklemmung in der Brust, eine wogende Betäubung im Kopf.
    Beim Abschied - sie standen von den anderen ungesehen in einer Nische der
finstern Ausgangshalle - hatte Delnitzky sie auf den Mund geküsst. Der erste
Liebeskuss in ihrem Leben. Jetzt sass sie da und suchte sich dieses Erlebnis,
dieses Ereignis wieder zu vergegenwärtigen. Sie war erschüttert, bereichert -
verändert mit einem Wort, nicht mehr dieselbe Sylvia, die sie vor einigen
Stunden gewesen.
    Die Tür ging auf.
    »Im Finstern, mein Kind?« Und Marta drückte an den elektrischen Knopf. Ein
mattes rosa Licht fiel nun durch die gläserne Deckenampel in den Raum und zeigte
die weiss lackierten Möbel, die blumengemusterten Stoffe und Tapeten des
frischen, einfachen Mädchenzimmers
    Sylvia sprang auf.
    »Habe ich Dich erschreckt?«
    »O nein, Mama ... Gut, dass Du kommst ... ich wäre ohnehin später zu Dir
hinüber ... Bitte, setz Dich hierher auf das Sofa ... und lass mich ... so, auf
diesen Schemel ...« Und Sylvia liess sich zu ihrer Mutter Füssen nieder und legte
den Kopf auf deren Schoss.
    Marta strich liebkosend über des jungen Mädchens Scheitel:
    »Das ist ja unsere Märchenerzähl-Stellung,« sagte sie lächelnd, »nur sind
die Rollen getauscht: jetzt musst Du mir erzählen. Wie ist das gekommen? ...
Morgen will Delnitzky um Deine Hand bei mir anhalten .... Werde ich - werden wir
ja sagen? Bist Du mit Dir im Reinen?«
    »Glücklich bin ich, glücklich ...«
    »Die Frage ist, ob Du glücklich wirst ... Auf die Dauer, meine ich ... für
ein Leben ... Passt Ihr auch für einander? ... Kennst Du ihn als einen Mann, zu
dem Du vertrauensvoll aufblicken kannst, von dessen Verstand, dessen Güte,
dessen Übereinstimmung mit Deinem Wesen Du überzeugt bist? ...«
    »Das sagte ich ihm vor ein paar Stunden selber: Wir kennen uns nicht. So wie
Du, Mama, empfand auch ich halbe Zweifel ... aber jetzt ist das verscheucht ...
Liebe kann nicht so täuschen - und ist Liebe nicht schon an und für sich Gewähr
für Glück? Ob fürs ganze Leben? ... wer wird gleich so viel verlangen? Ist es
nicht schon Erfüllung genug, dass man diese goldene Frucht - das Glück -
überhaupt pflücken und die Seele damit laben darf? ... Erinnerst Du Dich, Mama -
Du hast mir nicht nur Märchen, Du hast mir auch Geschichten aus Deinem Leben
erzählt - erinnerst Du Dich, wie Du Deine Ehe mit Rudolfs Vater eingegangen? Ein
Kotillon auf einem Kasinoball - und sein und Dein Schicksal war besiegelt. Warst
Du nicht glücklich mit ihm? ... Freilich auch nicht fürs Leben - denn nach einem
kurzen Jahr ist er Dir entrissen worden ... aber war dieses Jahr nicht schön?«
    »Mein Kind, das ist etwas anderes ... ich war damals so jung, so
unausgewachsen an Vernunft und Charakter - während Du, Sylvia -«
    »Ich bin doch auch jung -«
    »Doch schon zweiundzwanzig ... Ich war damals siebzehn Jahre alt. Aber nicht
die Jahre machen es - Du bist ein ernstes Mädchen, ein selbständig denkendes
Weib - Du stellst grosse Ansprüche an die Menschen -«
    »Ja, dasselbe habe ich heute meinem Bräutigam gesagt ... dieselben Zweifel
ausgedrückt ...«
    »Siehst Du?«
    »Ausgedrückt habe ich sie, aber ich empfinde sie nicht - wenigstens jetzt
nicht. Das Glück, das mich erfüllt, ist stärker als alles - alles andere - ich
begreife es ja nicht ...«
    »Du hast schon so viele Körbe gegeben und unter Deinen abgewiesenen Freiern
waren solche, die ich höher einschätze als Delnitzky, Du aber konntest nicht
genug zu erwägen, zu tadeln finden. Der war nicht genug universell gebildet, der
nicht hochherzig genug - dem mangelte es an funkelndem Geist, dem an edler Milde
- kurz, man hätte glauben sollen, Du wolltest Deine Zukunft nur einem Ideal von
Vollkommenheit anvertrauen, und jetzt -«
    »Und jetzt habe ich das Gefühl, dass es auf der ganzen Welt keinen anderen
Menschen gibt, dem ich angehören könnte, als Delnitzky. Märchen sollte ich Dir
erzählen, Mama? Da hast Du eins! Ein lichtes Wunder, ganz losgelöst von allem
vernünftigen Warum? und Wozu. Es hat keine Erklärung und braucht keine. Ich bin
so glücklich und mir ist, als wäre alles verzaubert, und ich selber bin eine
andere, als die ich war. Was ich früher gedacht, überlegt, erwogen - das ist
alles zerflattert, zerstoben, etwas Neues umgibt, durchdringt mich, hebt mich
empor -«
    »Kind, Kind - Du sprichst wie im Rausch -«
    »Ja, Mama. Aber nicht der Champagner ist mir zu Kopf gestiegen - ich weiss
jetzt, was das Wort Glücksrausch bedeutet.«
    »Du bist mir aber noch die Erzählung schuldig. Wie ist es gekommen?«
    »Auf dem Wege von der Kirche hat er sich erklärt.«
    »Nein - ich frage, wie ist es gekommen, dass er Dein Herz erobert?
Allmählich? Plötzlich? - Welche besondere Eigenschaft hast Du an ihm entdeckt?«
    »Eine besondere Eigenschaft? Irgend eine wahrgenommene Tugend, die mich zu
dem überlegten Entschluss veranlasst hätte: Dieser Mensch ist liebenswert - ich
will ihn lieben? So etwas ist nicht geschehen. Zwar hatte ich das stets so
erwartet. Da bisher alle meine Bekannten und alle meine eifrigsten Courmacher
mich kalt gelassen, sagte ich mir: es hat eben noch keiner so liebenswerte
Eigenschaften gezeigt, wie ich sie von meinem künftigen Gatten fordere; wenn
sich einer so offenbaren wird, wie mein Ideal beschaffen ist, dann werde ich ihm
meine Liebe schenken. Als ob ein solches Geschenk ein willkürlicher Akt wäre!
... Jetzt habe ich erfahren, dass Liebe von jeglicher Willenslenkung unabhängig
ist - ebenso gut könnte man aus freiem Entschluss ein Nervenfieber bekommen, wie
-«
    »Wie ein Liebesfieber? Als eine Krankheit betrachtet meine Sylvia ihr
schicksalsentscheidendes Gefühl?«
    
    »Als eine süsse, betäubende, gefährliche Krankheit -«
    »Warum gefährlich?«
    »Weil ich sterben müsste, wenn etwa jetzt ein Hindernis -«
    »Oh, man stirbt nicht so leicht an Schicksalsschlägen und an Seelenschmerz -
davon bin ich ein Beispiel. Doch jetzt will ich Dich allein lassen, mein
geliebtes Kind ... geh zur Ruhe - ein tüchtiger, langer, fester Jugendschlaf
wird Dich erfrischen und beruhigen - Du bist jetzt so erregt ... ich will Dich
gar nicht mit weiteren Ausforschungen plagen. Morgen früh wirst Du mir besser
erzählen können, was ich noch wissen will. Gute Nacht, mein Kind.«
    Marta beugte sich über ihre Tochter und strich ihr mit der einen Hand
zärtlich über das Haar, während Sylvia die andere an ihre Lippen zog:
    »Gute Nacht, Mutter, Freundin - einzige, gute, liebste Mama, ich bin so
glücklich ...«
Nachdem sie allein geblieben, ging Sylvia wieder zum offenen Fenster und, an die
Fensterwand gelehnt, den Kopf auf den zurückgelegten Arm gestützt, schaute sie
zum Nachtimmel auf. Jetzt stand der Mond schon hoch am Firmament und goss ein
sanftes, blauweisses Licht auf die Büsche und auf die Kieswege des Gartens. Die
leise bewegte Luft war von Rosen und Jasmindüften durchweht.
    Diese Nachtluft und diese Düfte: wie oft hatte Sylvia deren Zauber
empfunden; doch während solcher Zauber sonst eine Verheissung war - heute war er
Erfüllung. Ja, das Leben ist schön ... ja, der Lenz mit seinen Blütenschätzen,
mit dem geheimnisvollen Glanz seiner Mondnächte, ist Verkünder und ist Spender
liebeatmender Entzückung ...
    »Wie es gekommen?« Das zog jetzt an Sylvias Geist vorüber.
    Vor vierzehn Tagen im Prater - damals blühte noch der Flieder und es war
auch so eine laue, helle Frühlingsnacht gewesen - da war im Sacher-Saale ein
»Junge-Herren-Ball« veranstaltet worden. Von allen jungen Herren der
Gesellschaft galt Delnitzky als der hübscheste und eleganteste. Wenigstens zehn
Komtessen schwärmten für ihn und fast alle Mütter wünschten im stillen, dass ihre
Töchter ihn erobern mögen - denn er war eine der ersten »Partien« des Landes.
    Auf den drei oder vier vorhergehenden Bällen, die Sylvia mitgemacht, hatte
der junge Mann besonders auffallend ihr gehuldigt, wodurch sie sich - nicht ohne
eine gewisse Genugtuung - als der Gegenstand vielseitigen Neides fühlte. Dann
aber, in einer Soiree bei der französischen Gesandtschaft - am Vorabend jenes
Praterballes - hatte er sich von Sylvia ganz fern gehalten und in ziemlich
ostentativer Weise der jungen Gattin eines alten Diplomaten den Hof gemacht.
Eine gemischte Empfindung von Kränkung und Ärger klärte Sylvia darüber auf, dass
ihr Delnitzky nicht gleichgültig war.
    Am liebsten hätte sie auf den »Junge-Herren-Ball« - den letzten der Saison -
verzichtet. Delnitzky unter solchen Umständen wiederzusehen, würde ihr nur Qual
bereiten. Es kam aber anders. Gleich bei ihrem Eintritt in den Saal eilte der
junge Mann auf sie zu und bat um den Kotillon.
    Einen Augenblick war sie versucht, zu erwidern, dass sie vergeben sei, aber
ehe sie noch darüber entschied, hatte sie schon unwillkürlich ja gesagt.
    Jene junge Frau war auch anwesend, doch wechselte Delnitzky diesmal keine
zehn Worte mit ihr. Während einer Tanzpause kam eine ihrer Freundinnen auf
Sylvia zu und hängte sich in sie ein:
    »Komm, lass uns ein wenig auf und ab gehen - ich habe Dir etwas zu erzählen
-«
    »Das wäre?«
    »Ich bin vorhin von einem Verliebten zur Vertrauten erkoren worden. Zwar
kein gar lustiges Amt - man ist in solchen Angelegenheiten lieber der Gegenstand
... aber, da es sich um Dich handelt - von der man weiss, dass Du meine liebste
Freundin bist ... kurz, ich bin nicht neidisch. Hast Du gesehen, mit wem ich die
letzte Quadrille getanzt? ...«
    »Ja, mit Delnitzky ... und ich sah ihn eifrig mit Dir sprechen -«
    »Was er mir so eifrig sagte, war, dass er sterblich in Dich verliebt ist; dass
er Dich aber für kalt und ablehnend hält. Gestern habe er - in seiner
Verzweiflung - versucht, einer anderen den Hof zu machen ... er hatte sich
vorgenommen, Dich zu meiden - doch heute war dieses Vorhaben wieder umgestossen;
er hielte es nicht aus ... Und er bat mich, Dich auszuforschen - klug und
unmerklich auszuforschen, ob er hoffen dürfte. Ich entledige mich dieses
Auftrags ... freilich nicht gar klug und unmerklich - wozu auch? Du wirst auf
jeden Fall aufrichtig mit mir sein? Nun?«
    Sylvia zögerte mit der Antwort. Da fiel das Orchester mit einer rauschenden
Walzermelodie ein und mehrere junge Leute traten mit auffordernder Verbeugung
vor beide Mädchen hin.
    »Freut euch des Lebens,« hiess der Walzer - und wahrlich: diesem von Meister
Strauss in Dreivierteltakt erlassenen Gebot gehorchte Sylvia aus vollem Herzen,
als sie sich nun von ihrem Tänzer durch den Saal wirbeln liess.
    Der Kotillon, die Krönung der schönen Ballnacht, brachte zwar keine
förmliche Erklärung, aber ein durch Blick und Tonfall sich unzähligemal
wiederholendes Bewerben und Gewähren. Auf einen Heiratsantrag hätte Sylvia sich
Bedenkzeit erbeten, denn sie war durchaus nicht entschlossen, Delnitzkys Frau zu
werden - dazu musste sie ihn doch erst besser kennen lernen -, aber auf die
stummen, lieberglühten Blicke gaben ihre Augen, ohne dass sie es hindern konnte,
zärtliche Antwort, und seine leidenschaftszitternde Stimme, auch indem er die
gleichgültigsten Dinge redete, weckte ein Echo in ihrer befangenen Gegenrede.
    Nach dem Kotillon das Souper an seiner Seite - und dann der Aufbruch in den
dämmernden Frühlingsmorgen hinaus; er war es, der sie in ihren Mantel hüllte,
der ihr das Spitzentuch um den Kopf wand, der sie zum Wagen führte und ihr
einsteigen half - mit langem, bebendem Händedruck.
    An all das dachte Sylvia zurück. Jetzt war alles besiegelt, er hatte ihre
Hand begehrt und sie hatte ja gesagt; er hatte sie geküsst und sie hatte seinen
Kuss erwidert ...
    Und so war es denn Sylvia ergangen, wie dem ersten besten »Komtessel«,
dessen ganzer geistiger Horizont von den Begriffen: Ball, Courmacher, »Passion«,
»glänzende Partie« umgrenzt ist. Und doch wie ganz anders war sie geartet. Ihre
Interessen umfassten eine ganze Welt von Ideen, Kenntnissen und Zeitfragen; an
den Bestrebungen und Plänen ihrer Mutter und ihres Bruders hatte sie stets
ernsten Anteil genommen. Obwohl von diesen beiden nicht zur tätigen Mitarbeit
herangezogen, war ihr doch Einblick in deren Denken und Fühlen gegeben, und auch
sie war ein ernstes, von hohen Idealen erfülltes Menschenkind geworden. Und wenn
sie von ihrer Zukunft träumte, so pflegte sie sich an der Seite irgend eines
bedeutenden Mannes - Gelehrter oder Staatsmann - zu sehen, der seiner Zeit
seinen Stempel aufdrücken würde, und der befähigt wäre, diesen Stempel so zu
formen, dass den Zeitgenossen wieder um eine Stufe herauf verholfen würde, auf
der Skala der Veredlung und Beglückung.
Und jetzt? Jetzt war sie bereit und entschlossen, ihr Leben mit einem Mann zu
teilen, von dessen Charakter sie eigentlich nichts, gar nichts wusste; von dem
ihr keinerlei Bürgschaft geboten war, dass er ihre Träume erfüllen, dass ihm
jemals eine hervorragende und einflussübende Rolle zufallen würde, dass er
überhaupt ein - Edelmensch sei. Dieses von Tilling geprägte Wort war im Hause
geläufig geblieben. Und an ihrem Bruder besass Sylvia das Urbild aller
Eigenschaften, die zu jenem Titel berechtigen; von Toni Delnitzkys Eigenschaften
kannte sie eigentlich nur die, dass er ihr Herz in seliger Unruhe pochen gemacht,
dass er rasend verliebt schien, und dass er der eine Mann, der einzige auf Erden
war, nach dessen Kuss ihre Lippen sich sehnten. Sie war aber nicht verblendet,
sie dichtete ihm nicht alle Tugenden an, wie das naiv Verliebten sonst Brauch
ist. Sie gab sich Rechenschaft darüber, dass sie dem Bann einer Leidenschaft
verfallen war. Es war aber ein so starker und so süsser Bann, dass sie gar nicht
versuchen wollte, dagegen anzukämpfen. Wozu auch? Es band sie keine andere
Pflicht, sie brach niemandem die Treue; - sie setzte nur eines aufs Spiel: ihr
eigenes Glück. Das Glück späterer Jahre. Nun, diesen Einsatz konnte sie wagen;
war ihr das Glück der gegenwärtigen Stunde und der nächsten Zukunft sicher und
fühlte sie doch, dass sie höchstes Glück gewährte, dass sie dem geliebten Freier
mit ihrem »Ja« eine beseligende Gabe gereicht, während ihr »Nein« ihm schier
unerträgliches Leid zugefügt hätte. Sie empfand, dass sie durch diese Verlobung
aus der Alltäglichkeit in ein ungeahntes Fest - in eine Lebens-Sonntagsstimmung
gehoben war, aus der sie nicht willkürlich sich herausreissen konnte, ehe die
Festnummern absolviert waren, die auf dem rosa Programm prangten ...
    Lange noch stand Sylvia am offenen Fenster und sog die balsamische Nachtluft
ein. Jeder Atemzug Freude, jeder Pulsschlag Lebensgenuss.
 
                                      III
Marta hatte ihren Sohn bitten lassen, auf ihr Zimmer zu kommen, sie habe mit
ihm zu sprechen.
    Rudolf folgte dem abgesandten Diener auf dem Fusse:
    »Was steht zu Befehl, Mutter?«
    Baronin Tilling sass in einem an ihr Schreibzimmer anstossenden runden Erker.
Der kleine Raum entielt nur ein Miniatursofa an der linken Wand und einen
niedern Schrank an der rechten. In der Mitte, dem Eingang gegenüber, Martas
Fauteuil, davor ein drehbarer Lesetisch, und rechts daneben ein zweites
Tischchen. Auf diesem die Tageszeitungen, ein Arbeitskorb, Fächer, Flacon,
Blumenvase und ein Photographierahmen mit Tillings verblasstem Bild. An den
Wänden hingen noch mehrere Bilder des verlorenen Gatten in verschiedenen
Aufnahmen und Grössen. Darunter auch ein gemaltes lebensgrosses Kniestück, von der
Hand eines berühmten französischen Künstlers. Dieses Porträt war aber
unvollendet. Begonnen im Sommer 1870, einige Wochen vor Ausbruch des Krieges,
konnte es nicht ausgeführt werden, weil sich der Maler zu den Fahnen stellen
musste. Dennoch, so wie es war, zeigte es schon die sprechendste Ähnlichkeit.
    Der niedere Schrank, kunstvoll aus Ebenholz geschnitzt und mit Elfenbein
eingelegt, war mit Andenken an Tilling bedeckt und angefüllt. Da standen zwei
Kassetten aus oxidiertem Silber mit den gravierten Jahreszahlen 1864 und 1866.
Es waren die Briefe, welche Tilling von den dänischen und den böhmischen
Schlachtfeldern an seine Frau geschrieben, und in einem kleinen goldenen
Kästchen lag der erste Brief, den sie überhaupt von ihm bekommen - geschrieben
am Sterbelager seiner Mutter. In dem Schranke waren auch die blauen Hefte
aufbewahrt, das sogenannte »Protokoll«, worin die Gatten im Verein die Chronik
der Friedensidee eingetragen hatten.
    In diesem Winkelchen hielt sich Marta täglich mehrere Stunden auf; hier las
sie ihre Bücher und Zeitungen, oder zog die Fäden einer Stickerei, dabei an den
Verlorenen denkend.
    Mit den Worten: »Was steht zu Befehl?« küsste Rudolf seiner Mutter die Hand.
Dann setzte er sich auf das kleine Sofa.
    Wohlgefällig blickte Marta auf ihren Sohn - ein Bild männlicher
Jugendfrische und Vornehmheit. Er trug einen lichten, sommerlichen Morgenanzug,
der seine sonngebräunte Hautfarbe noch dunkler erscheinen liess. Tiefschwarz das
kurzgeschorene, in drei Zacken in die Stirn gepflanzte Haar; schwarz der schmale
Schnurrbart, der den schöngezeichneten Mund frei lässt, schwarz auch und leicht
gekräuselt der spanisch zugestutzte Kinnbart. Nur die dicht bewimperten Augen
unter den dunklen Brauen sind blau. Edelgeformt das Profil; die Gestalt
geschmeidig und schlank und beinahe sechs Fuss hoch, aristokratische Hände und
Füsse. - Mit Recht galt Rudolf Dotzky als einer der hübschesten Männer des an
schönen Männererscheinungen nicht armen österreichischen Hochadels. So ungefähr
hatte auch der junge Husar ausgesehen, der das Herz der siebzehnjährigen Marta
Altaus im Fluge erobert hatte. Die Züge waren jedenfalls ähnlich, jedoch viel
durchgeistigter. Und in Sprache und Tonfall hatte Rudolf vieles von seinem
Stiefvater angenommen, so waren ihm manche seiner Bewegungen, seine Art zu
lachen und ein paar norddeutsch anklingende Redewendungen hängen geblieben.
    »Ich wollte mit Dir über zwei wichtige Dinge sprechen, Rudolf.«
    »Auch ich will Dir eine Mitteilung machen. Doch nachher ... Zuerst Du ...«
    »Also, erstens: Delnitzky hat um Sylvias Hand angehalten.«
    »Habe mir's gedacht.«
    »Sie liebt ihn und ist entschlossen, ihn zu nehmen. Zwar habe ich mir meinen
künftigen Schwiegersohn anders geträumt - was ist Deine Ansicht?«
    »Mein Gott, ich kenne den Toni nur wenig ... Ich könnte nichts Übles von ihm
sagen, habe auch nie Übles über ihn gehört ... Und wenn sie ihn gern hat -«
    »Ich halte ihn für oberflächlich, für unfähig, auf die Ideen und Gesinnungen
einzugehen, die meine Kinder hegen.«
    »Vielleicht wird Sylvia ihn beeinflussen -«
    »Das dacht' ich im ersten Augenblick auch ... Dass sie für einander
schwärmten, bemerkte ich schon lang - besonders seit jenem Jungen-Herren-Ball
... Und Delnitzky ist ja ein lieber, guter Mensch, ein Gentleman ...... Aber
seit die Entscheidung gefallen, steigen mir die Zweifel auf ... Meines
unvergleichlichen Friedrich Kind ... das gönne ich keinem, der nicht so ist wie
er gewesen. ... Aber gibt es einen solchen? ... Und verlieren werden wir sie
...«
    »Ich glaube nicht, dass unsere Sylvia sich uns entfremden wird. Wir drei sind
mit zu vielen Herzens-und Geistesfasern mit einander verwachsen, als dass uns
etwas auseinander reissen könnte. Auch die Ehe nicht ... Sieh mich, zum Beispiel
...«
    »Ja Du, mein Rudolf! ... Reden wir jetzt von Dir. Das ist der zweite
Gegenstand, den ich auf dem Herzen hatte. Du hast gestern, beim Tauffest, Worte
gesprochen, die tiefen Eindruck auf mich gemacht haben - die klangen wie eine
geliebte, längstverstummte Stimme -«
    »Und darum brachst Du in Tränen aus? ... Was sagte ich? Ich erinnere mich
nicht -«
    »Desto genauer erinnere ich mich - jedes Wort hat sich mir eingeprägt ... So
lange wir uns an die Vergangenheit klammern, werden wir Wilde bleiben - sagtest
Du - Aber schon stehen wir an der Pforte einer neuen Zeit - die Blicke sind nach
vorwärts gerichtet, alles drängt mächtig zu anderer, zu höherer Gestaltung -
schon dämmert die Erkenntnis, dass die Gerechtigkeit als Grundlage alles sozialen
Lebens dienen soll und aus dieser Erkenntnis wird die Menschlichkeit erblühen -
die Edelmenschlichkeit ... Aber, Rudolf, die Zukunft wird nur eine andere, wenn
die Gegenwart zu vorbereitender Handlung ausgenützt wird. Willst Du nicht
handeln?«
    »Ja, ich will. Das war es eben, was ich Dir mitzuteilen hatte. Was ich vor
mir sehe, ist dies: ein Sitz im Abgeordnetenhause. Die Schaffung - vielleicht
die Führerschaft einer neuen Partei. Daneben publizistische Tätigkeit ... In
Bressers Blatt wird mir allwöchentlich eine Spalte offen stehen -«
    »Und da wirst Du die Friedens- und Abrüstungsidee vertreten? Wie mich das
beglückt! Du weisst ja, dass sich eine interparlamentarische Union gebildet hat -
da könntest Du im österreichischen Parlament auch eine Gruppe zu bilden trachten
-«
    »Ich habe ein umfassenderes Programm im Sinn. Damit eine grosse Wandlung
angebahnt werden könne, müssen zehn andere grosse Wandlungen gleichzeitig
angestrebt werden.«
    Marta schüttelte den Kopf.
    »Gewiss,« sagte sie, »jede Wandlung ist von anderen bedingt, und zieht andere
mit sich - ob aber ein Mensch zugleich nach allen verzweigten Richtungen streben
soll? Wo bleibt da die Arbeitsteilung?«
    »Es gibt Dinge, die sich nicht teilen lassen, die ein grosses Ganzes sind -
z.B. eine Weltanschauung. Je mehr ich mich umsehe im ganzen öffentlichen Leben,
je deutlicher erkenne ich, dass das, was not tut, eben dies ist: eine neue
Weltanschauung - eine neue Orientierung. Nicht Schrauben und Masten sind an dem
Schiffe zu ändern, auf dass es besser segele - der Kurs muss ein anderer werden.
Denn in seiner jetzigen Richtung gleitet es nach einem Maelstrom, der es in die
Tiefe ziehen wird -«
    »Und Du allein, mein Sohn, willst der Lotse sein, der solche Kurswendung
erreicht? Dein Ehrgeiz ist hoch.«
    »Ehrgeiz?« - Rudolf machte eine wegwerfende Handbewegung - »Nein, den hab'
ich nicht. Ich weiss ganz gut, dass das, was man unter Ehren und Würden versteht,
nicht auf Pfaden zu holen ist, die man erst aushauen muss -«
    »Und aus welchem Anlass hast Du Dich gerade jetzt zum Handeln entschlossen?«
    »Mein dreissigstes Jahr ist vollendet - die Lehrlingszeit ist vorüber - und
dann, vielleicht auch die gestrige Feier ... Als ich es aussprach, dass wir uns
der Söhne und Enkel würdig zeigen müssen, da mahnte mich das Gewissen, dass ich
selber noch nichts dazu getan. Wie soll ich hoffen, dass mein Sohn einst meine
Arbeit fortsetzt, wenn ich die Aufgabe nicht erfüllt hätte, die ich von meinem
Vater übernommen -«
    »Von Deinem Vater? -«
    »Ach, verzeih - meinen wirklichen Vater habe ich ja nicht gekannt und in
meinem Herzen habe ich stets diesen« - er zeigte auf das Bild an der Wand - »so
genannt.«
    »Das hat er auch verdient ...«
    »Und billigst Du meinen Entschluss?«
    »Ich sagte schon: er beglückt mich. Nur das eine fürchte ich: - dass Du ein
zu weites Feld bebauen willst, und dadurch vielleicht gerade die Pflanze
vernachlässigen wirst, deren Pflege er« mit einem Blick auf das Bild - »uns
hinterlassen hat. Ich meine jene ganz bestimmte, umgrenzte Bewegung - -«
    »Ich weiss, was Du meinst: Schiedsgericht - Weltfrieden - - und das nennst Du
umgrenzt? Es bedeutet nichts geringeres als die Umwälzung aller landläufigen
Erziehung, Politik, Moral, Gesellschaftsordnung - - kurz, eine ganze Revolution.
Und bemerkst Du nicht, dass wir in einer Zeit leben, in welcher auch wirklich auf
allen Gebieten revolutioniert wird? Seit zehn Jahren etwa ist in Deutschland
eine Revolution der Literatur ausgebrochen; die bildende Kunst nennt ihren
Aufstand Sezession; die Frauen heissen den ihrigen Emanzipation und die
Proletarier - Sozialdemokratie, und so nach allen Seiten - -«
    »Nicht jeder, der eine neue Zeit ersehnt, braucht aber auf allen Seiten
mitzuarbeiten. Jeder hilft dem andern am besten, wenn er die eigene Aufgabe gut
erfüllt.«
    »Du, Mutter, interessierst Dich eben nur für die eine Frage - und nicht für
den Umschwung in Literatur und Kunst - nicht für die Frauen- noch
Arbeiterbewegung?«
    »Interessieren? Doch! Wer am Wandel der Zeit Anteil nimmt, der horcht und
blickt überall mit Spannung hin ... aber kämpfen und wirken, das möchte ich nur
in einer Richtung - und wie Du weisst, so weit meine Kräfte reichen, habe ich's
ja durch die Niederschrift meiner Lebensgeschichte auch versucht ... In anderer
Richtung fehlt mir das Verständnis - die Auffassungskraft. So gestehe ich Dir,
dass mich die neue Kunst vielfach abschreckt ... dass ich noch an allem hänge, was
ich in meiner Jugend als schön bewunderte und als gut kennen gelernt ... Ich
habe nicht versucht, aus Sylvia eine neue Frau zu machen; ich bin zu alt, um zu
-«
    »Vielleicht ist das der Unterschied zwischen uns,« unterbrach Rudolf. »Ich
bin jung ... Ich bin aufgewachsen in der gährenden Atmosphäre, in dem Sturm der
Moderne ... Freilich wehte mich dieser Sturm zumeist nur aus Büchern und
Zeitungen an, - denn die Menschen, mit denen wir verkehren, die leben noch so
sehr in den alten Anschauungen und Gewohnheiten, die wissen gar nicht, dass die
Welt sich bewegt. Höchstens fühlen sie, dass ein miserabler Plebs an der schönen
alten Ordnung zerren will - und das wehren sie verächtlich ab. Bis auf den alten
Grafen Kolnos kenne ich aus unseren Kreisen gar keinen Menschen mit modernen
Ideen. Es gibt deren gewiss ein paar Dutzend, aber ich kenne sie eben nicht.«
    »Von Kolnos habe ich heute einen lieben Brief bekommen,« sagte Marta. »Der
ist wirklich ein merkwürdiger und herrlicher Typus. Aber nicht, was ich unter
modern verstehe: nichts von Dekadententum, nichts von raffiniertem
Übermenschentum, nichts von tempelschänderischen Gelüsten.«
    »Du musst nicht gerade die krankhaften Erscheinungen des modernen Geistes ins
Auge fassen, Mutter -«
    »Freilich, Du hast recht; die meisten Missverständnisse kommen auch daher:
jedes Ding hat so verschiedene Aspekte - und zwei Menschen, die im Grunde
eigentlich gleicher Meinung wären, streiten über eine Sache, für die sie nur
einen Namen haben, die sie aber von zwei ganz verschiedenen Seiten betrachten
... Wovon sprachen wir eigentlich?«
    »Von Kolnos -«
    »Ja, richtig ... Wo habe ich seinen Brief? - Ah, da ... er hat mir sein
neuestes Gedicht geschickt ... da lies: er kennt meine schwache Seite, wie Du
siehst, sein Lied ist gegen die Kanonen gerichtet.«
    Rudolf nahm das Blatt und überflog es. Das dreizehn Strophen umfassende
Gedicht, betitelt: »Nach X-tausend Jahren«, schildert eine Szene der fernen
Zukunft, da man in dem vergletschert gewesenen Europa alte Funde ausgräbt und
darüber Forschungen anstellt, um den Lauf der Kulturentwicklung zu erkunden:
Gelehrte schreiben dicke Bücher
Und streiten sich wie heute auch,
Um Wert und Schönheit der Antike
Und ihrer Werke Nutzgebrauch.
Nun findet man ein rätselhaftes Instrument, über dessen Bestimmung man sich die
weisen Köpfe zerbricht. Es ist ein dickes Metallrohr. Sollte es eine
Riesenorgelpfeife, ein prähistorisches Flötenstück oder ein Trinkhorn für
Giganten gewesen sein? Oder ein mystisches Symbol - sogar in finsteren Zeiten
der Gläubigen Götze? Endlich ward ein Stein entziffert, worin die Erklärung
eingegraben war. Darauf wäre man freilich von selber nie gekommen: man brauchte
das Rohr zum Massenmorde, euphemistisch Krieg genannt:
Und weil der Totschlag gut kanonisch,
(Das Mittel heiligte den Zweck)
So nannte man das Ding Kanone
Und blies damit die Gegner weg.
Robert gab das Blatt zurück.
    »Nun, ich sag's ja: ein moderner Mensch, dieser hohe Sechziger. Denn sein
Blick ist nach der Zukunft gerichtet. Er weiss, dass wir in Wandlung begriffen
sind. Er schaut erkennend und sehnend nach vorwärts, während meine verehrten
Genossen, wenn sie schon Ideale haben, sie immer nur in der Vergangenheit sehen.
Die meisten sehen überhaupt nicht weiter als ihre Nase.«
    »dabei sind aber diese Menschen ihrer Anlage nach vielleicht gerade so
gescheit wie Du, mein Lieber. Es kommt nur darauf an, auf welche Gedankenpfade,
auf welche Kenntnisfelder man zufällig geraten ist. Erziehung ist alles. Und
nicht nur Kindererziehung - auch die der Erwachsenen. Tilling hat erst mit
vierzig Jahren über gewisse Dinge nachzudenken begonnen - über die ihm dann so
weite Horizonte aufgegangen sind.«
    »Du denkst doch immer und immer wieder an ihn,« sagte Rudolf in leisem,
ehrerbietigem Ton.
    Marta hob den Blick zum Himmel:
    »Immer. Ich bin stolz darauf, an mir erfahren zu haben, dass es eine Liebe
gibt, die stärker ist als der Tod.«
 
                                       IV
Ein heisser August-Nachmittag. Die Hitze hindert aber die Bewohner von Brunnhof
nicht, sich am Tennisspiel zu ergötzen.
    Der Spielplatz liegt in einem um diese Stunde von der Sonne unbeschienenen
Teil des Parkes. Von hier ist die Rückseite des Schlosses in Sicht, mit seinen
in das Parterre führenden Terrassen. In der Mitte ein grosses Wasserbecken, aus
welchem ein Springbrunnen steigt. Rings in künstlerischer Anordnung
farbenprächtige Teppichbeete. Eben war ein Gärtnergehilfe beschäftigt, den
Wasserschlauch auf diese Beete zu richten, die unter dem belebenden Strahl
verstärkte Düfte aussandten, die von der schwülen Luft bis zum Tennisplatz
getragen wurden. Unter den gemischten Wohlgerüchen herrschte der etwas
betäubende Hauch einiger in der Nähe blühender Vanillensträucher vor. Ein
eigentümliches Licht lag auf dem Grün des Rasens und der Bäume. Jene lackierte,
teatereffektmässige Färbung, die den Leuten den Ausruf abzuringen pflegt: »Seht
doch! ... die sonderbare Beleuchtung ...«
    Es war zufällig dieselbe Gesellschaft, die beim Tauffest versammelt gewesen,
noch vermehrt durch die Gegenwart der jungen Schlossherrin, die jetzt schon
vollkommen hergestellt war und auch schon die von ihrer Mutter ihr so dringend
empfohlene Wallfahrt nach Mariazell hinter sich hatte.
    Man sass da, zur Seite des Tennisplatzes, auf einer Reihe von Bänken und sah
den vier Spielenden zu: Sylvia und ihr Bräutigam; Rudolf und der junge Bresser.
    Dieser war seinem Vorsatz, das Haus zu meiden, falls Sylvia sich verlobte,
untreu geworden. Die Gewohnheit, mit der Familie zu verkehren, deren ältester
Freund sein Vater war, war ihm zu teuer geworden. Der Umgang mit Baronin
Tilling, die kameradschaftlichen Plauderstunden mit Rudolf Dotzky und wenigstens
der Anblick der still angebeteten Sylvia: darauf konnte er doch nicht auf die
Länge verzichten. Die blöde Eifersucht musste niedergekämpft werden. Hatte er
doch niemals gehofft, das Mädchen zu erringen, so musste er sich darein finden,
sie an der Seite eines anderen zu sehen. Dass dieser andere kein Idealmensch war,
bot ihm eigentlich eine kleine Genugtuung, die er sich zwar nicht eingestand,
die er aber darum nicht weniger empfand. Da ihm selber Delnitzky nicht
liebenswert erschien, so gab er sich der Idee hin, dass Sylvia eine
Vernunfteirat einging, an der ihr Herz nur wenig beteiligt war. Mit dieser
Vorstellung hatte er wenigstens die eine Hälfte seiner eifersüchtigen Gefühle
verscheucht.
    »Game - play - out«. Die Worte drangen vom Spielplatz herüber, aber in
ruhigem Tone; die Bälle flogen hin und her oder stiessen an das Netz und fielen
oft zu Boden, alles dies lautlos, ausser wenn der Ball ungeschickterweise mit dem
Rand der Rakete aufgefangen wurde, dann rief gewöhnlich von den Zuschauern
einer: »Holz - Holz!« Die Bewegungen der Spielenden hatten keinerlei Heftigkeit;
kein Laufen oder Springen, vielmehr - besonders bei den Herren - eine behäbige,
sich wiegende Nachlässigkeit.
    Marta, die etwas abseits von den anderen sass, hielt ein Zeitungsblatt in
Händen; sie las aber nicht, sondern verfolgte mit den Blicken die anmutigen
Gestalten ihrer Kinder.
    Mit Sylvias Verlobung hatte sie sich nunmehr ausgesöhnt. Täglich wiederholte
ihr das junge Mädchen, dass sie sich vollkommen glücklich fühle. Mitunter stiegen
ihr zwar dennoch Zweifel auf; vieles in ihres künftigen Schwiegersohnes Wesen
und Äusserungen wirkte auf ihre Nerven - wie etwa das Ausgleiten einer
Messerschneide auf einem Porzellanteller, oder das Kratzen spitzer Fingernägel
an einer Seidentapete, aber solche Regungen verjagte sie rasch.
    Beatrix und ihre Mutter sassen nebeneinander, in eifriges
Kleinkinder-Gespräch vertieft. Die Existenz des neuen Insassen und Erben von
Brunnhof war für seine junge Mutter die wunderbarste - und für seine Grossmutter
die wichtigste Erscheinung der Umwelt.
    Die vier Herren, Oberst von Schrauffen, Minister »Allerdings«, Pater Protus
und Doktor Bresser unterhielten sich untereinander.
    »Von dem Spiel verstehe ich nichts,« sagte der Pfarrer. »Es sieht gar nicht
lebhaft aus - sehen Sie nur, wie wenig heftig die Bewegungen sind, kein Laufen,
kein Springen - im Gegenteil ... besonders die Herren - so was Behäbiges,
Wiegendes, Nachlässiges. Aber ämüsieren müssen sich die Herrschaften doch dabei,
sonst würden sie's nicht so hartnäckig betreiben - wo jetzt das Tennis einreisst,
da wird täglich zur Rakete gegriffen, als ob damit eine wichtige Pflicht abzutun
wäre. Mir ist leid um die gemütlichen Kegelpartien, die nun überall abkommen.«
    »So ist die Welt, hochwürdiger Herr - alles alte wird von neuem verdrängt.«
    Der Pfarrer schüttelte den Kopf. »Nur unter neuerungssüchtigen Menschen,
Herr Doktor - sehen Sie sich einmal die Natur an: immer wieder die gleichen
Bäume, dieselben Berge -«
    »O nein, nicht dieselben,« rief der Doktor. »Die Veränderungen in der Natur
gehen nur langsam vor sich - sodass man sie nicht wahrnimmt; aber meinen Sie
nicht, dass seit der Tertiärzeit die hiesige Gegend viel grössere Wandlungen
durchgemacht hat, als die von der Kegelbahn zum Tennisplatz?«
    »Allerdings,« bestätigte der Minister. »Die grössten und häufigsten
Wandlungen sind aber schon in unserer Politik zu konstatieren. Da lässt sich
schon gar nicht, trotz der nimmer nachlassenden Anstrengungen der Konservativen,
die geringste Stabilität erzielen ... Ad vocem Politik: wissen die Herren, dass
unser Rudolf sich um ein Mandat im Abgeordnetenhause bewirbt?«
    »Ich weiss es,« sagte Doktor Bresser. »Die Baronin Tilling ist entzückt
darüber.«
    »Einerseits begreife ich das,« versetzte der Minister, »Mütter freuen sich
immer, wenn sich ihre Söhne im öffentlichen Leben hervortun wollen -
andererseits bringt die Abgeordneten-Laufbahn viel Verdruss und Schwierigkeiten.«
    Der Oberst zuckte die Achseln: »Ach was, Schwierigkeiten! Mit Rudolfs Namen
und Verbindungen ... Da wird's ihm nicht fehlen, zu irgend einem angesehenen
Posten zu gelangen - zuerst ein paar Jahre im Parlament - dann irgend ein
Portefeuille -«
    »Ich kann mir nicht recht vorstellen,« sagte Pater Protus, »welche Rolle
Graf Rudolf in der Politik spielen wird. Seinem Range nach müsste er sich der
konservativen Partei anschliessen -«
    »Allerdings,« nickte der Minister.
    »- Wie ich ihn aber kenne, neigt er zu den Liberalen, um nicht zu sagen -
Radikalen.«
    »Jedenfalls ist seine Gesinnung nicht ganz geheuer,« sagte der Oberst, »ich
kann die antimilitärische Rede nicht verschmerzen, die er beim Tauffest seines
Erben gehalten hat, wobei Sie, Herr Doktor, ihn noch unterstützten ... wenn ich
mich recht erinnere, so haben Sie für Verweigerung der Heereskosten plaidiert.
Wenn Rudolf in dieser Richtung auftreten sollte -«
    Der Minister machte eine beschwichtigende Handbewegung:
    »Seien Sie ruhig - wem Gott das Amt gibt - gibt er auch den Verstand. Das
heisst mit anderen Worten: wenn man in eine gewisse Stellung gelangt - und in
gewisse Kreise, so wird man von den Obliegenheiten dieser Stellung und dem Geist
dieser Kreise unwillkürlich so durchdrungen, dass die alten Ideen und Neigungen
wie Nebel zerrinnen und man tut und wirkt, was der neue Posten erheischt.«
    »Es sei denn,« entgegnete Bresser, »dass man eine so starke Persönlichkeit
ist, dass die Umgebung gezwungen wird, sich ihr anzupassen und nicht umgekehrt -«
    Die Spieler hatten ihre Partie beendet. Rudolf trat auf die Gruppe zu:
    »Wovon sprechen Sie so emsig, meine Herren?«
    »Von Ihnen und Ihrer Reichsrats-Kandidatur -«
    »Da haben Sie wohl nicht viel Gutes gesagt, denn - mit Ausnahme Doktor
Bressers vielleicht - stehen Sie alle auf ganz anderem politischen Standpunkt,
als ich -«
    »Die Nüancen mögen allerdings verschieden sein,« sagte der Minister, »aber
in der Grundfarbe, da sind doch ziemlich alle anständigen Leute übereinstimmend:
verfassungstreu, kaisertreu, vaterlandstreu ...«
    »Treu, treu ...,« wiederholte Rudolf kopfschüttelnd. »Diese schöne
Eigenschaft ist wohl dem Bestehenden gegenüber - wofern es gut ist - sehr
angebracht. Was soll aber derjenige sein, der dem Werdenden dienen will?«
    Besser antwortete:
    »Der muss kühn sein.«
    »Ja,« sagte Rudolf, »und doch auch treu. Sich selber treu.«
    Sylvia und Delnitzky gingen nebeneinander in einer der Parkalleen auf und
nieder; den anderen in Sicht, aber ausser Gehörweite.
    In den sechs Wochen, die seit der Verlobung verstrichen waren, hatte das
junge Mädchen sehr verschiedene Stimmungen durchgemacht. Der taumelnde
Glücksrausch jenes Abends, an dem sie den ersten Kuss und ihr Jawort gegeben,
hatte sich nicht wiederholt, - nur erinnern konnte sie sich an das, was sie
damals empfunden, ohne es jedoch wieder zu empfinden. Es kann eben keine zwei
ersten Küsse geben, und keine zwei Augenblicke, in welchen man einen bestimmten,
lebensentscheidenden Entschluss fasst. Es war ihr sogar manchmal geschehen, dass
ihr Liebensgefühl erlahmte. Auch ihr war, wie ihrer Mutter, manches, was
Delnitzky sagte oder wie er es sagte, an die Nerven gegangen. Aber das dauerte
nicht länger als eine Minute, die nächste Minute brachte ihr wieder das
Bewusstsein, dass sie eine liebende, glückliche Braut sei.
    Einige Schritte waren sie schweigend einhergegangen. Delnitzky sprach
zuerst:
    »Wie schön, wie schön Du bist!« Das »Du« war nur dem Tete-a-tete
vorbehalten. Unter Leuten sagten sich die Verlobten »Sie«. Und gerade das machte
aus dem Du eine Art Liebkosung. »So gefällst Du mir noch viel besser als im
Sommerkleid - und beim Ballspiel finde ich Dich noch graziöser als beim Tanzen.«
    In ihrem fussfreien weissen Piquékleidchen mit Ledergürtel um die
geschmeidige, nicht zu dünne Taille; mit den absatzlosen, gelben Schuhen an den
schmalen Füssen; mit dem einfachen Matrosenhut auf dem kastanienbraunen Haar, das
in einer festen Flechte auf den Hinterkopf gesteckt war und auf welches die
Sonne bronzefarbene Lichter setzte - bot Sylvia in der Tat ein frisches,
liebreizendes Bild. Das jugendliche Gesichtchen mit dem feinen Profil war wie in
Glanz getaucht; rosige Glut auf den Wangen, dunkelrote Glut auf den Lippen,
schwarzes Funkeln in den Augen, weissblitzendes Lächeln; wohl konnte der
beglückte Bräutigam in den Ruf ausbrechen: »Wie schön Du bist!«
    »Findest Du? Und ist Dir mein Hübschsein das Liebste an mir?«
    »Alles ist mir lieb an Dir ... Bist ein Kreuzmädel ... voll Rasse - ohne
Faxen ...«
    Über Sylvias Gesicht huschte eine Wolke. Das war wieder eine jener
Äusserungen, die sie ärgerlich berührten. Sie blieb stumm. Delnitzky fuhr fort:
    »Mir ist nichts zuwid'rer als affektierte oder kokette Manieren oder gar
Blaustrumpf-Fexereien. Du bist einfach, natürlich ... zwar auch mörderisch
g'scheit - kehrst es aber nicht protzig heraus ... Vor Deinem G'scheitsein habe
ich mich anfänglich ein bissel g'fürchtet ... Du hast so den Ruf, dass Du
allerlei ernste Sachen studierst und mit Deiner Mama und dem Rudi stundenlang
gelehrte Bücher liest. Aber 's war nicht so schlimm ... ich hab' Dich nie 'was
Pedantisches reden g'hört.«
    »Bis jetzt, mein lieber Toni, haben wir eigentlich nur im Ballsaal verkehrt,
da konnte ich natürlich keine pedantischen Unterhaltungen einleiten ... und seit
wir verlobt sind, sprechen wir fast immer von unserer Liebe - auch dieses Tema
lässt nichts pedantisches zu ... Aber Du musst Dich doch darauf gefasst machen, dass
ich in der Tat darauf rechne, wenn wir einmal verheiratet sind -«
    »Über Schoppenhauer und Nietzsche oder gar über die Geschichte der Konzilien
mit mir zu konversieren? Da danke ich -«
    »Die beiden Denker, die Du meinst, so tief und wunderbar ihre Sprache ist,
gehören nicht zu meinen Lieblingen -«
    »Hast Du sie denn überhaupt gelesen?«
    »Du etwa nicht?« - Anton verneinte mit dem Kopfe - »und was die Konzilien
betrifft, so habe ich von deren Geschichte nicht viel gehört -«
    »Ich schon. Du weisst, ich war zwei Jahre in Kalksburg, bei die Jesuiten -«
    »Bei den Jesuiten.«
    Toni zuckte ungeduldig mit den Achseln. »No ja, pardon, bei den Jesuiten -
und da wird alles, was Kirchengeschichte ist, gar genau studiert. Länger als
zwei Jahr hab' ich's übrigens dort nicht ausgehalten - aus mir wär' doch nie der
richtige Jesuitenzögling geworden.«
    »Gottlob. Was ich aber sagen wollte: ich rechne darauf, dass wir in inniger
geistiger Gemeinschaft sein werden - dass wir miteinander über alles reden, was
wir bewundern - was wir bestaunen von den Mysterien, die -«
    »Ich staune über das Mysterium Deiner Schönheit -« -«
    Jetzt zuckte sie mit den Achseln. »Schon wieder?«
    »Bist Du bös, wenn ich Dich bewundere - wenn ich verrückt werde durch Deinen
Reiz?«
    Nein, darüber war sie nicht böse; aber dass er nichts anderes zu sagen wusste,
das begann ihr ein gewisses Grauen einzuflössen.
    Er drückte ihren Arm fest an sich und beugte sich zu ihr nieder, indem er
seine brennenden Augen tief in die ihrigen senkte - eine Art zu blicken, die sie
mit süssem Schauer durchrieselte. In der Tat, was in der Welt konnte neben
solchem Mysterium noch bestehen? ...
    Sie schwiegen nun beide. In der schwülen Luft erhob sich ein leiser
Regengeruch. Die »sonderbare« Beleuchtung wurde immer unnatürlicher; nicht wie
Gras lag es auf den Rasenflächen, sondern wie grünes Metall. Ein fernes
Donnergrollen wurde vernehmbar.
    »Kinder, Kinder!« riefen die anderen, »es kommt ein Gewitter - gehen wir
hinein ...«
    Wenn etwas Sylvias Empfindung - halb Lust, halb Bangen - noch erhöhen
konnte, so war es die Aussicht, dass jetzt ein tüchtiges Unwetter losbrechen
werde: prasselnder Regen, grelle Blitze, Donnerschläge: darnach sehnte - und
darauf fürchtete sie sich. Und richtig, kaum verstrichen noch einige
erwartungsvolle Minuten, so fing ein pfeifender Wind an, die Baumäste zu biegen
und Wirbel von Staub und Blättern durch die Luft zu jagen; dicke, warme Tropfen
fielen herab; die gelbgrüne Beleuchtung wich einer plötzlich heranbrechenden
Dunkelheit; schwarze Wolkenmassen wälzten sich heran und hingen tief zur Erde
herab. Ein blendender Blitz zeichnete eine feurige Zackenlinie vom Zenit bis
zum Boden und gleich darauf knatterte eine heftige Donnersalve - es musste in der
Nähe eingeschlagen haben.
    Die ganze Gesellschaft stürzte, so schnell sie konnte, dem Schloss zu. Die
Verlobten waren etwas weiter entfernt und sie mussten ihre Schritte noch mehr
beschleunigen, wollten sie rechtzeitig unter Dach kommen. Hugo Bresser, einen
Schirm in der Hand, eilte ihnen entgegen.
    Jetzt kam ein förmlicher Wolkenbruch herabgeschüttet. Da begann Sylvia zu
laufen; als sie nur mehr einen Schritt von Hugo entfernt war, stolperte sie über
einen Stein und fiel. Der junge Mann fing sie noch rechtzeitig in seinen Armen
auf.
    Er umschlang sie fest. Mitten in dieser elektrizitätsgeladenen Atmosphäre,
in diesem Sturm der losgelassenen Elemente pochte es auch wild in seinen Adern.
Und seine langverhaltene Leidenschaft entlud sich in diesem einen Augenblick, da
der Zufall ihm das angebetete Mädchen in die Arme warf und - er konnte nicht
anders - er drückte sie ans Herz. dabei lag in seinem ganzen Gesichtsausdruck
das deutlichste Geständnis glühender Liebe.
    Auch Sylvia war unter dem Bann der stürmischen Minute: diese plötzlich
geoffenbarte Leidenschaft glich ja auch einem Blitzstrahl ... Sie empfand keinen
Groll; was sie empfand, war vielmehr der Rückschlag desselben elektrischen
Stromes, der das Herz durchzuckte, an dem sie lag.
    Nur drei Sekunden lang. Schon war Delnitzky herbeigesprungen und befreite
sie. Er hatte von dem Vorfall weiter nichts gesehen, als das Ausgleiten ihres
Fusses und die zufällig gebotene Hilfe.
    »Sie haben sich doch nicht weh getan?« fragte er besorgt.
    Sylvia atmete schwer und tief auf.
    »Nein, nein - nichts, nichts« stammelte sie und schloss die Augen.
 
                                       V
An diesem Abend blieb Sylvia nicht im Salon.
    Gleich nach dem Diner, bei dem sie die Schüsseln beinahe unberührt
vorübergehen liess, zog sie sich, heftigen Kopfschmerz vorschützend, auf ihr
Zimmer zurück.
    Sie wollte beichten. Zuerst ihr Gewissen erforschen und dann Beichte ablegen
- sich selber. Und sich wahrscheinlich eine Busse diktieren - denn die Sünde, die
sie in der bevorstehenden Gewissenserforschung zu finden fürchtete, verdiente
nicht - ohneweiteres - die eigene Absolution.
    Bei Tische hatte die Unterhaltung einmal einen höheren Ton angeschlagen als
gewöhnlich. Rudolf und Hugo, die einander gegenüber sassen, waren in ein
Wortgefecht geraten, das bald so lebhaft wurde, dass alle anderen Gespräche
verstummten und die ganze Gesellschaft den beiden jungen Männern lauschte:
    »- - Und ich sage, lieber Bresser, das höchste ist die Tat.«
    »Ich bleibe dabei, Graf Rudi, als Höchstes tront der Gedanke, schon
deshalb, weil er einsam sein kann - in Gletscherhöhen schweben. Ich weiss in der
Geschichte keine sogenannte Tat, durch die die Menschheit bereichert und geadelt
worden wäre - das ist immer nur das Werk grosser Gedanken gewesen.«
    »Die erste Stufe kann doch nicht höher stehen, als die nächste. Zuerst denkt
- dann handelt man. Das Wort muss Fleisch werden, die Idee muss eine Form
beseelen. Das Gedachte muss sich bejahen, durchsetzen, muss geschehen, muss - mit
einem Wort - getan werden; entschlossen, kräftig, wuchtig getan.«
    »Diese Worte passen auf Faustschläge, auf Gewaltakte überhaupt. Es wundert
mich, dass gerade Sie, der Friedensanwalt, so sprechen.«
    »Eben weil ich Anwalt einer Idee bin, lechze ich darnach, dass sie sich in
Taten umsetze, in Institutionen verkörpere.«
    »Das geschieht von selber, wenn die Idee erst mächtig genug geworden. Eine
Institution ist nicht lebensfähig, wenn sie vorzeitig erzwungen wird ... Was
verstehen Sie übrigens unter Institutionen? Gesetze? Verfassungen? Politische
Formen? Anstalten und Körperschaften? Wie ist das alles so nebensächlich, so
unwichtig gegen das Reich des Geistes ... des täglich wachsenden, immer lichtere
Höhen erklimmenden Menschengeistes ...«
    »In wie wenig Köpfen!« ...
    »Die vielen folgen langsam nach.«
    »Die folgen nur dem sichtbar - also dem tatgewordenen Gedanken -«
    »Übrigens: - noch wertvoller als Handeln und als Denken ist das Gefühl.
Gefühl ist der Gipfelpunkt des Lebens ... Ist auch der Regulator, all der
sogenannten Institutionen: Das Gefühl, nicht das besonnene Urteil der Massen,
kann als Gradmesser der Kultur gelten. Nur im Bereiche des Gefühls entfalten
sich die reichsten Blüten der Seele: das Mitleid, die Begeisterung, die Andacht,
und die Krone alles Seins - die Liebe. Aus dem Gefühle strömt die Schöpferkraft
des Künstlers und flammt die Lust des Kunstgeniessens ... Auch des Naturgenusses;
nicht was wir an der Rose riechen ist, was uns entzückt, sondern was wir beim
Einatmen ihres Duftes mit allerlei verketteten Vorstellungen und Erinnerungen
fühlen; was wir an Akkorden und Tonfolgen hören, ist Lärm, erst was wir daraus
fühlen, ist Musik - -«
    »Was der für geschwollenes Zeug redet,« flüsterte Delnitzky seiner Braut zu.
»Pass nicht auf, reden wir lieber von -«
    Sylvia machte eine abwehrende Handbewegung, kehrte sich noch mehr von ihrem
Nachbar weg und blickte mit gespannter Miene auf den Sprecher. Dieser fuhr fort:
    »Durch das Gefühlte - Inspiration, Ahnung, Leidenschaft - wächst man über
sich selbst hinaus. Augenblicke, in denen der Mensch zum Gotte wird - es sind
nur Augenblicke, nicht Tage, nicht einmal Stunden - sind Augenblicke
überströmenden Gefühls ... ... Der Dichter, der Seher, der Liebende weiss, was
solche Augenblicke sind. ... Wer sie erlebt hat, ist geweiht - der gäbe die
Erinnerung daran nicht um schwere Schätze her ... Einer solchen Erinnerung -«
Hugo nahm sein Glas zur Hand und stand auf - »ich besitze sie erst seit heute -
trinke ich nun zu, und wer einen Augenblick erlebt hat, der ihn über alles
Irdische erhoben, stosse mit mir an!«
    »Mit anderen Worten,« sagte Oberst von Schrauffen, der neben Hugo sass und
Bescheid tat, »unsere schönen Erinnerungen hoch!«
    Damit war der etwas überspannte Ausfall des jungen Schriftstellers auf ein
allgemein verständliches Niveau gebracht und die Gläser klirrten: »Unsere
Erinnerungen hoch!« hiess es um die ganze Tafelrunde.
    Delnitzky fand ein für einen Bräutigam glückliches Wort:
    »Höher noch unsere schönen Erwartungen!«
    Sylvia hatte Hugo zugetrunken - auf den Toast Antons gab sie nicht Bescheid.
    Als sie in den Salon gingen, fragte Delnitzky seine Braut, die er am Arm
führte:
    »Warum hast Du vorhin nicht mit mir angestossen?«
    »Lass mich,« antwortete Sylvia in nervösem Tone, - »ich habe Kopfweh.«
    Und dieses Kopfweh ward ihr zum Vorwand, sich ohne Verzug zurückzuziehen.
In ihrem Zimmer angelangt, war ihr erstes, die Fenster aufzureissen.
Vorsichtshalber war von der Dienerschaft, als das Gewitter losging, alles
verschlossen worden, aber jetzt war das Unwetter vorbei und Sylvia lechzte nach
Luft. Die Sonne war schon untergegangen, aber noch war es Tag. Abgekühlt,
regenfeucht, schwer duftend strömte die Luft herein. Von den Bäumen und Büschen
tropfte es noch herab; am Horizont, bald hier, bald dort, flammte es
wetterleuchtend auf - ein förmliches Lichtgeknatter ...
    Sylvia liess sich ein paar Minuten von den fächelnden Lüften die heisse Stirne
kühlen, dann ging sie zur Tür und schob den Riegel vor. Es wäre ihr unangenehm
gewesen, wenn jetzt ihre Mutter hereingekommen wäre. Wollte sie vielleicht
nachsehen und fände die Tür verschlossen, so werde sie in der Idee, Sylvia
schlafe, wieder fortgehen.
    Das junge Mädchen warf sich in die Chaiselongue und schloss die Augen: Also
jetzt: die Beichte - -
    ... Ich bin schuldig ... Flatterhaft - und - - wie soll ich's nur nennen?
wie? einfach beim Namen, im Beichtstuhl lügt man nicht - beschönigt man nicht: -
sinnlich bin ich. Meine Liebe zu Toni, die ja erst unter seinem ersten Kuss so
mächtig aufgeflammt - ist es überhaupt Liebe? Eigentlich nein, da er mir jetzt
so oft missfällt - da so vieles, was er mir sagt, mich wie mit einem kalten
Wasserstrahl berührt ... Und dasselbe, was ich - bei jenem ersten Kuss - in Tonis
Armen empfand, es hat mich heute - und noch viel heftiger - durchzuckt, als Hugo
Bresser - - Hugo liebt mich ... das habe ich deutlich gefühlt ... Er hat es ja
auch gesagt: der Augenblick, der ihn zum Gott gemacht - den hat er erst heute
erlebt ... Das war der Augenblick, in dem er mich - die nicht Widerstrebende! -
ans Herz gedrückt ... Ich habe ihm zugetrunken ... sagte ich damit nicht: »Ich
verstehe Dich?« Was wird er jetzt hoffen dürfen und was werde ich fürchten
müssen? ...
    Es wurde an der Türklinke gerüttelt.
    »Ich bin's, mein Kind ... Hast Du Dich niedergelegt?«
    Sylvia schwankte. Sollte sie der Mutter öffnen? Sollte sie dieser bewährten
Freundin gestehen, was in ihrem Innern vorging? Ach, wusste sie es denn selber?
... Nein - zuvor musste sie mit sich ins Klare kommen.
    Sie gab keine Antwort und Marta entfernte sich wieder.
    Jetzt schloss Sylvia das Fenster, liess die Vorhänge herab und machte Licht.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und nahm die darauf stehende Photographie
Delnitzkys in die Hand.
    Lange betrachtete sie das Bild. dabei stiegen ihr Erinnerungen an die
zärtlichkeits- und glücksvollen Gefühle auf, die sie noch vor Kurzem bei Anblick
dieser Züge erfüllten ... das ist doch Liebe - -
    Gleich darauf aber regte sich der Zweifel:
    ... Ist denn aber auch eine solche Liebe, wie ich sie jetzt durchschaut
habe, meiner wert? ... und ist nicht sogar diese im Schwinden begriffen, da ein
anderer imstande war, einen Augenblick in mir gleiche Regungen zu wecken? ...
Und da ich erkannte, wie dieser andere in seinem Denken und Fühlen über den
Verlobten hinausragte? Welcher Schwung in Hugo Bressers Worten, und Toni nannte
das »geschwollenes Zeug«. Nun ja, im Grunde ... es klang etwas exaltiert - und
wer weiss, ob es aufrichtig war - ob es nicht galt, mich zu faszinieren - eine
Art gesprochene Fortsetzung der kühnen Umarmung im Garten? ... Vielleicht war
auch nur das Gewitter daran schuld, dass ich in jenem Augenblick wie unter einem
elektrischen Schlag erbebte ... ich liebe ja diesen Herrn Bresser nicht - mein
Herz hab' ich dem Toni geschenkt ... Mein Herz? Oder ist's - -? Gleichviel: ich
bin ja, wie jedes junge Menschenkind, ein Ding von Seele und Leib - mit warmem
Blut ... Aber die Ehe - mein Gott, die Ehe ... dieses lebenslängliche Einssein
... wenn da die Seele zu kurz kommt? ... Und da hilft kein Leugnen: in der
letzten Zeit haben hundert Dinge, die ich an Toni entdeckt oder die ich an ihm
vermisst habe, meine Liebe momentan wie ausgelöscht - freilich entbrannte sie
dann von neuem ... Wenn aber die Augenblicke des Verlöschens immer häufiger und
immer länger werden? ... Noch wäre es Zeit, zurückzutreten - - -
    Jetzt malte sie sich diese Alternative aus: die abgebrochene Verlobung. War
das nicht Pflicht, wenn auch schmerzliche Pflicht - denn der Gedanke tat ihr weh
... Doch, war sie es nicht ihrer und auch seiner Zukunft schuldig, einen Bund zu
lösen, der - wie es sich nun zeigte - nicht auf zweifel- und reueloser Gesinnung
ruhte? ...
    Mit raschem Entschluss öffnete sie ihre Mappe, um einen Abschiedsbrief zu
schreiben.
    In der Mappe lag ein Zettelchen, das einst zwischen die Blumen des ersten
Brautbuketts gesteckt war, das sie von Delnitzky bekommen.
    An das Zettelchen hatte sie nicht mehr gedacht und sie schob es jetzt
beiseite, um einen Briefbogen hinzulegen. dabei streifte ihr Blick den Inhalt -
den hatte sie auch vergessen gehabt:
    »Mein Glück über das erhaltene Ja ist so gross, dass es kein Mass dafür gibt.
Nur etwas hätte noch grösser sein können: meine Verzweiflung, wenn es nein
geheissen hätte.«
    Die Worte drangen in Sylvias Innere wie ein flehender Schrei: Um
Gotteswillen, lass von Deiner Absicht ab - stürze mich nicht in Verzweiflung!
    Sie malte sich nun den Schmerz aus, den sie daran war, dem geliebten - ja
dennoch geliebten - Manne zuzufügen. Daran knüpfte sich noch eine ganze Kette
anderer peinlicher Vorstellungen: das ärgerniserregende Aufsehen, das eine
zurückgehende Verlobung erregen würde; die Kränkung ihrer Mutter, der Tadel
Rudolfs, die Vorwürfe der anderen und - was schlimmer war als alles übrige - der
Triumph Hugo Bressers, der mit diesem ihrem Entschluss Auslegungen und Hoffnungen
verbinden könnte, die ganz falsch wären. Ganz falsch. Ob sie nun mit dem
Bräutigam brechen würde oder nicht, ihrer Würde war sie es schuldig, den jungen
Schriftsteller fernzuhalten.
    Sie war wieder ganz schwankend geworden.
    Zur Probe nur wollte sie den Brief aufsetzen - unter dem Vorbehalt, ihn
nicht abzuschicken.
    Sie tauchte die Feder ein. dabei sah sie den Diamantring an ihrem Finger
blitzen, der das erste Geschenk ihres Bräutigams gewesen. Wie hatte damals das
hübsche Kleinod sie gefreut - durch seine geheimnis- und weihevolle Bedeutung
gefreut: der Verlobungsring, das Pfand des gegebenen, für das Leben bindenden
Wortes ... Leise bewegte sie die Hand hin und her, um die Steine funkeln zu
machen.
    Und ist ein Wortbruch nicht auch eine hässliche Handlung? Wahrlich, sie wusste
nicht, wo ihre Pflicht lag ...
    Immerhin, der Brief konnte ja für alle Fälle geschrieben werden. Sie tauchte
die wieder trocken gewordene Feder ein zweites Mal in die violette Tinte:
    »Mein lieber Graf Delnitzky - -«
    Sonderbar, wie ihre Hand zitterte - das war ja gar nicht ihre Schrift ...
    »Verzeihen Sie den Entschluss, zu dem mich reifliche Überlegung brachte -
weder ich noch Sie könnten glücklich werden -«
    Sie strich die ganzen Zeilen wieder durch. Wie war das matt ausgedrückt ...
Einem Menschen einen Dolch ins Herz stossen und höflichst um Entschuldigung
bitten, für diesen reiflich überlegten Entschluss ... So geht es nicht ... es
geht überhaupt nicht!
    Sie sprang von ihrem Sitze beim Schreibtisch auf und lief zum Bett, an
dessen Rand sie sich auf die Knie warf, das Gesicht in die Decken vergrabend.
Beten wollte sie und - weinen.
    Sie stöhnte laut auf: »Toni, Toni, lieb' ich Dich denn nicht mehr? Und doch,
ich kann - ich kann Dir nicht Lebewohl sagen. Beides ist so schrecklich traurig:
der Verlust meines Glücksgefühls, meines Liebesrausches oder - der Abschied von
Dir!«
    Ihre schmerzliche Erregung löste sich in Tränen. Fast eine Stunde lang blieb
sie auf den Knien liegen und schluchzte - zuerst heftig, dann immer leiser.
    Eine grosse Müdigkeit überkam sie und die vom Weinen brennenden Augen fielen
ihr schlaftrunken zu. dabei durchrieselte ihre Glieder ein eigenes erschlafftes
Wohlgefühl. Sie raffte sich auf und machte ihre Nachttoilette, voll Sehnsucht
nach der vollen Ruhe des Bettes. Sie wollte nichts mehr denken - nur schlafen.
    Das Gefühl des Unglücklichseins hatte sie verlassen ... Ein warmer, linder
Strom von Zärtlichkeit stieg ihr vom Herzen auf zugleich mit Tonis Bild. Warum
hatte sie ihn denn wie einen Toten beweint - er lebte ja und auch ihre Liebe
atmete noch ... Und das Leben überhaupt, das grosse, reiche, hat ja so viel
Schönes zu bieten, so viel Süsses - unter anderm den Schlaf ... wie köstlich
würde es jetzt sein, das Bewusstsein zu verlieren und in tiefen, tiefen Schlummer
zu versinken ... Sie schlüpfte zwischen die kühlen Linnen, löschte die Kerze
aus, vergrub den Kopf in die Kissen und mit einem gemurmelten »Gute Nacht, Toni«
schlief sie in wenigen Minuten ein.
 
                                       VI
»Ist's wahr, Rudi - Du willst kandidieren? Wie freu' ich mich!«
    Rudolf blickte überrascht von seiner Zeitung zur Sprecherin auf:
    »Woher weisst Du? und warum freust Du Dich?«
    Beatrix, die mit ihrem Frühstück noch nicht fertig war und sich eben eine
Buttersemmel strich, machte eine ärgerliche Kopfbewegung.
    »Woher ich's weiss? Von fremden Leuten - denn Du hast mich nicht wert
gefunden, mir etwas so wichtiges mitzuteilen. Und ich freu' mich wegen der Ehre
- in der Politik lässt sich ja zu hohen Stellungen gelangen ... Vielleicht wirst
Du Minister ...«
    »Das wäre mir nicht unlieb, denn in solcher Stellung könnte ich Einfluss
üben, nach der Richtung, die ich träume ... Aber der Weg vom Abgeordneten zum
Minister ist ein gar weiter. Und dass ich Dir nichts mitgeteilt? Mein Gott,
Trixi, Du interessierst Dich doch nicht für Politik?«
    »Nein, Gott sei Dank, ich interessiere mich garnicht dafür - das heisst, wenn
Du einmal dabei bist, da wird's mich schon unterhalten.«
    »Unterhalten?«
    »Na ja, wenn's heissen wird: der Abgeordnete Graf Dotzky hat eine grosse Rede
gehalten über ... von was redet man da? ... über Salzsteuer oder über neue
Gewehre - das wird doch spassig sein.«
    »Spassig?«
    »Natürlich wirst Du unter die Konservativen gehen -«
    »Wie, Du kennst Dich in den Parteibildungen aus?«
    »Das hat Mama gesagt und Herr von Wegemann -«
    Rudolf lächelte: »Der allerdings - diesmal ist es aber andrerseits.«
    Beatrix fuhr fort: »Leute von unserem Rang - scheint's - gehören immer zu
den Konservativen - überhaupt alle anständigen Leute.«
    »Ich staune -«
    »Du wirst mir doch einen guten Platz auf der Galerie verschaffen, wenn Du
Deine erste Rede hältst - das wird mir lieber sein, als ein Teater.«
    »Ich bin noch nicht gewählt.«
    »Als Grossgrundbesitzer - auch das weiss ich durch Herrn von Wegemann - bist
Du ja berechtigt ...«
    »Ja, wenn ich einer ihrer Parteien mich anschliesse, was ich nicht tun will.
Ich beabsichtige - - aber das verstehst Du wieder nicht; über meine Gesinnungen
und Pläne wird Dich Minister Allerdings nicht unterrichtet haben, denn die
liegen ausserhalb der Sphäre seines politischen Denkens. Ich habe ihm einmal ein
paar Andeutungen gemacht, da schaute er mich aber so verständnislos an, als
hätte ich japanisch gesprochen. Wenn ich Dir nun erklären wollte -«
    »Nein, das brauchst Du nicht - mir ist auch alles japanisch, was in den
hohen Häusern verhandelt wird. Lese niemals diese Rubrik in den Zeitungen ...
das ist nichts für uns Frauen. Wenn man nicht lateinisch und griechisch gelernt
hat - das bildet ja den Verstand und auch das können ja nur die Männer ... Und
überhaupt, alles Politische, es ist so fad ... Vielleicht nicht für die Männer,
aber die haben einen ganz andern Geist - -«
    »Du würdest in der Frauenfrage nicht auf seiten Deiner
Geschlechtsgenossinnen stehen, wie ich sehe?«
    »Von Emanzipation - ausgenommen das Zigarettenrauchen - will ich nichts
wissen ... Würdest Du Dir eine emanzipierte Frau wünschen?«
    »Was Du Dir darunter vorstellst - allerdings nicht. Überhaupt wünsche ich
mir ja keine andere Frau - Du bist ein lieber Schatz ... Und ich bitte Dich -
bleib Deiner Abneigung gegen Politik treu, auch für den Fall, dass ich mich
hineinstürzen müsste: Versuche dann nicht, mir eine bestimmte Richtung zu
suggerieren, wie vorhin mit dem Konservativsein der anständigen Leute ... Was
macht unser Fritzi? Hat ihn das Mädchen in den Garten getragen?«
    »Ja, unter die Linde ... komm, gehen wir hin.« Und sie stand auf.
    »Geh Du - ich habe zu arbeiten.«
    »Aha, da sieht man schon den Staatsmann,« sagte Beatrix lachend. Sie ging
hinter Rudolfs Stuhl, legte ihm den Arm um den Hals und küsste ihn auf die Stirn.
»Er muss arbeiten - Österreichs Geschicke lenken und vernachlässigt Weib und Kind
- adieu denn, zerbrich Dir nicht den geliebten Schädel ... Gib mir ein Busserl.«
    Er legte die Zeitung aus der Hand und zog seine Frau zu sich herab.
    »Noch zwei, Trixi - auf jedes Deiner Wangengrübchen ... Adieu - ich lasse
unsern Kronprinzen grüssen.«
    »Für den werd' ich ein neues Wiegenlied dichten:
Schlaf, Kindchen schlaf,
Dein Vater ist ein Graf.«
»Das ist nicht sehr neu ...«
    »Warte nur:
Schlaf, Du kleiner Arier,
Dein Vater ist ein Parlamentarier.«
Leichten Schrittes eilte sie durch die offene Fenstertür in den Garten hinaus.
dabei flatterte das weisse Spitzengewoge ihres Schlafrocks und die Strahlen der
Morgensonne verfingen sich goldig in ihr flockiges Blondhaar.
    Mit lächelndem Wohlgefallen blickte ihr Rudolf nach:
    »Vögelchen liebes! ... Kolibri - süsser ... und von einem Kolibri verlangt
man doch kein Adlerhirn ...«
    Dann stand er auf und begab sich in den ersten Stock in sein Arbeitszimmer.
    Dieser Raum war im Hause unter dem Namen »der Harlekinsaal« bekannt. Wie das
zweifarbig geteilte Kleid der Komödienfigur, war das Arbeitszimmer des
Schlossherrn in zwei abstechende symmetrische Hälften geteilt. An jedem Ende in
tiefer Nische breite Doppelfenster, durch die das Grün der Bäume sichtbar ist.
Sowohl am rechten wie am linken Ende ein grosser Schreibtisch, so gestellt, dass
das Licht nicht gegen die Hand falle. Dort wie da Bücherschränke, dort wie da
Wandschmuck. Aber die eine Hälfte in lichtem, die andere in dunklem Holz. Die
eine Hälfte eine Kanzlei, die andere was in englischen Landhäusern »studio«
heisst.
    Die Zweiteilung von Rudolfs Berufsleben spiegelte sich in dieser Anordnung.
Hier: die Wirtschaftsbücher und Katastralmappen; die Geschäftsbriefe,
Steuerbogen, landwirtschaftliche Zeitungen, Prospekte von Maschinenfabriken und
Samenhandlungen; Versicherungs-Polizen, Muster von Holz- und Steingattungen;
eine ganze Bücherei von Fachwerken über Feld- und Gartenbau, über Obstzucht und
Viehzucht, über Milchwirtschaft und Waldkultur. An den Wänden Hirsch- und
Rehgeweihe, photographische Ansichten der zu der Domäne gehörigen Meierhöfe,
Pferdebilder, und dergleichen mehr. Dort: der Arbeitstisch bedeckt mit Monats-
und Wochenschriften sozialpolitischen Inhalts; unter Briefbeschwerern die zu
erledigenden Briefe von berühmten Gelehrten und Schriftstellern, mit welchen
Rudolf in regelmässiger Korrespondenz stand. Ein Paket Bücher - eben heute vom
Wiener Buchhändler »zur Ansicht« übersandt, immer die hervorragendsten
Neuerscheinungen der wissenschaftlichen Literatur. Diesmal: der letzte
Nietzsche, Götterdämmerung, Looking backward von Bellamy; Herbert Spencer:
Grundlage der Etik; Carus Sterne: Alte und neue Weltanschauung; Carneri:
Entwicklung zur Glückseligkeit. Im Bücherschranke die Werke von Marx, Lassalle,
Engel, Henry George, Auguste Comte, Litré Ernst Haeckel, Stuart Mill, Huxlei,
Buckle, Strauss, Virchow, Bertelot, Alfred Fouillée, Guyeau u.a. In einem
offenen Bücherregale neben dem Schreibtisch eine Reihe von Nachschlagewerken,
Lexika und Wörterbücher; in einem andern eine Sammlung von Lieblingsdichtern;
Goete, Byron, Viktor Hugo, Anastasius Grün, Shellei, Platen, Musset,
Longfellow, und auch von den damals jüngsten: Liliencron, Henckell, Hart.
Daneben Prosadichtungen, wie Tolstois Krieg und Frieden, wie Zolas Germinal. Als
Wandschmuck Sternkarten und Photographien berühmter Gemälde lebender Künstler:
Gabriel Max, Böcklin, Klinger, Piglheim, Wereschagin. Auch einige Porträts:
Darwin, Ibsen, Richard Wagner.
    Rudolf hatte sein Arbeitszimmer in der Absicht aufgesucht, ein Programm für
seine Kandidatur aufzusetzen. Da er sich auf keine der bestehenden Parteien
einschwören wollte, so musste er darauf verzichten, sich einfach einer der
Gruppen des Grossgrundbesitzes anzuschliessen; er beabsichtigte, sich in Wien
wählen zu lassen, auf Grund seiner eigenen politischen Ideale.
    Darüber wollte er nun ein Programm entwerfen. Noch kein definitives für
Druck und Verteilung bestimmtes, sondern zunächst für sich selber. Mit sich
musste er erst einig werden, in welche Form die ihm vorschwebenden Ziele
einzukleiden seien. Ein tüchtiges, ernstes Stück Arbeit.
    Ehe er sich zum Schreibtisch setzte, trat er ans Fenster. Von hier aus sah
er ein hübsches Bild:
    Im Schatten der alten Linde, unter der Hut eines Mädchens in russischem
Bauernkostüm, die rosa Wiege seines Sohnes und eben aus einer Nebenallee
herbeieilend, in ihrem flatternden weissen Kleide, Beatrix. Nun war sie zur
Stelle und beugte sich über das Wägelchen. Rudolf blieb beim Fenster stehen und
schaute der kleinen Familienszene zu. Am liebsten wäre er hinuntergegangen, um
sie durch seine Gegenwart zu vervollständigen. Aber er war ja da, um zu
arbeiten.
    Zögernd verliess er die Fensternische und sein Blick fiel - am anderen Ende
des »Harlekinzimmers« - auf den Arbeitstisch des Landwirts, worauf ein Paket
lag, das er nicht kannte - da musste er doch nachsehen: vielleicht etwas
Dringendes
    Er ging hin, nahm das Päckchen zur Hand - es war inzwischen von der Post
gekommen -, entfernte die Hülle und fand - was er bestellt hatte - einige kleine
Modelle von Dresch- und Säemaschinen. Die Dingerchen interessierten ihn lebhaft.
Schon wollte er die Klingel ziehen, um den Verwalter rufen zu lassen; doch
rechtzeitig besann er sich, dass es jetzt anderes zu tun gab. Nichts Geringeres
als ein Programm aufzusetzen, das den Ausgangspunkt seiner öffentlichen Laufbahn
bilden sollte.
    Nachdenklich schritt er zum Schreibtisch des »studio« zurück. Zum erstenmal
stieg ihm ein Gedanke auf, der in der Folge sich oft einstellen sollte: »Man
kann nicht zween Herren dienen.« Und gar dreien: die Familie, die Landwirtschaft
und ein Apostolat. Dazu noch alles, was mit seiner Lebensstellung zusammenhing:
der Umgang mit den Standesgenossen und die daraus erwachsenden geselligen
Pflichten, die Nachbarschaften mit ihren Besuchen, ihren Jagden; die Jagden auf
der eigenen Domäne, bei welchem Anlass Brunnhof sich mit Gästen füllte und wobei
die Tage und Abende nur mit Sport und Billard- und Kartenspiel gefüllt waren;
ein Gesellschaftskreis, dessen Interessen und Begriffe von den Interessen und
Begriffen, die seine Lebensaufgabe abgaben, durch einen Abgrund getrennt waren.
    Doch, den Gedanken: »man kann nicht zween Herren dienen« suchte Rudolf
abzuschütteln; man hat eben einen ganzen Kreis von Pflichten und muss allen
gerecht werden können ... alles zu seiner Zeit ... und das Leben will auch
genossen sein ... ich werde doch den Freuden, die mir von meinem häuslichen und
geselligen Leben geboten werden, nicht allen entsagen sollen ... und auch die
den nächsten Kreisen schuldigen Rücksichten darf man doch nicht ausser acht
lassen, wenn man in der Öffentlichkeit wirken wollte. Man muss nur in den
Stunden, die man einer gewissen Sache widmen wolle, auch ganz bei der Sache sein
... An die Arbeit!
    Er legte ein weisses Blatt vor sich hin und nahm die Bleifeder zur Hand. Die
Stirn in die linke Hand gestützt, blieb er lange in Nachdenken versunken.
Mechanisch führte die rechte Hand Arabesken auf dem oberen Rand des
unbeschriebenen Blattes aus. Seine Gedanken zogen weite Kreise. Den ganzen
Komplex seiner Einsichten, Schlüsse, Sehnsuchten umfassten sie. Den Untergrund
bildete das Bewusstsein, im Besitz einiger grosser, im politischen Leben und in
sozialen Einrichtungen noch ganz neuer Wahrheiten zu sein. Die mussten deutlich
herausgekehrt, die mussten formuliert werden. Damit teoretische Wahrheiten sich
in politische Institutionen, in soziale Sitten umwandeln, dazu müssen sie in die
Köpfe der Leiter und der Massen dringen. Zu der Ausführung weittragender Ideen
ist dem einzelnen Abgeordneten freilich keine Macht gegeben ... Werkstätte ist
das Parlament ja nicht, aber eine Tribüne ist es. Der Predigt in einer Kirche
lauscht nur eine kleine Gemeinde; die Parlamentsrede, von allen Blättern
wiedergegeben, dringt ins ganze Land und über die Grenzen hinaus.
    Und nun begann er zu schreiben. Einzelne Hauptworte, durch Punkte getrennt.
Gewissermassen Leitmotive, Absteckpfähle.
    Gemeinwohl. Gerechtigkeit. Versöhnung. Und noch eine ganze Reihe so fort.
Als er die Liste überlas, fiel ihm auf, dass diese Worte, die bei der
Niederschrift mit ganzen Begriffsketten und Bilderreihen seine Seele erfüllt
hatten, voll Grösse und voll Verheissung - - dass diese Worte abgegriffene Münzen,
schlimmer noch: falschen Spielmarken glichen; denn seit Jahren und Jahren und
immer wieder, bei jeder neuen Programmrede, in jedem Wahlaufruf wurden solche
und ähnliche Worte vorgebracht, - wie sollte da mit das Neue und Erhabene, das
ihm vorgeschwebt hatte, würdig ausgedrückt werden? Goldechtes Gold war's, was er
seinen Mitmenschen hätte bringen wollen; wenn er ihnen aber auch nur diese
alten, verbogenen Messingmarken brachte, wie sollten sie Vertrauen fühlen - wie
den verheissenen Schatz erkennen? Freilich - Gerechtigkeit, Versöhnung und
Gemeinwohl; besseres könnte ja ein Volksvertreter nicht versprechen; das
traurige ist nur, dass es noch von allen jenen versprochen worden, die das
Gegenteil verfolgen, die statt der Gerechtigkeit - der Gewalt Vorschub leisten,
die statt Versöhnung - Verhetzung betreiben; die das Wohl der Parteifraktion
über alles andere stellen. Für die meisten bedeutet Politik eben gar nichts als:
Kampf der Klasseninteressen. Oder auch ein Sprungbrett für persönlichen Ehrgeiz,
ein günstiger Posten zur Erlangung eigenen Vorteils. Und die ausgegebene Parole
heisst immer »Gerechtigkeit, Gemeinwohl«.
    Rudolf suchte nach einem andern Wort. Was not tut, ist nicht das Herzählen
der in allen Morallehren, allen Katechismen, allen Festansprachen wimmelnden
Tugendnamen; was not tut, ist - jetzt hatte er das Wort: Verwirklichung.
    Er tat einen tiefen Atemzug. Wie eine Welle der Energie und des Tatendranges
hatte es ihm durch die Brust geflutet. Er sprang auf und ging im Saale auf und
nieder. Jetzt hatte sein Gedankengang eine andere Richtung. Tun, tun? Was kann
ein einzelner Abgeordneter denn tun in seiner engen Machtsphäre? Er kann
fordern. Die Versprechungen und Phrasen, die aus allen Regierungsprogrammen und
in den Tronreden ebenso tugendhaft und ebenso - leer wimmeln, wie in den
Kandidatenreden, die kann man festalten - auf ihre Verwirklichung kann man
bestehen.
    Beim Wort nehmen - das war's. All das schal und hohl gewordene Geklingel der
grossen Worte, wie müsste das zu herrlich brausender Harmonie anschwellen, wenn
man den Sinn herauslöste und den Sinn zwänge, Tat zu werden. Ein sekundenkurzes
Leuchten fuhr durch Rudolfs Seele. Wie eine bei Nacht durch einen Blitz erhellte
Landschaft, so deutlich, aber auch so flüchtig erschien ihm eine ganze Reihe von
lebendig gewordenen Worten: Wohlstand, Freiheit, Frieden, Recht ... diese vier
ineinander geschmolzen als der herrliche Begriff »Glück«. Nicht nur allen
versprochener, sondern für alle erreichter Wohlstand, wahre Freiheit,
herrschendes Recht, gesicherter Frieden.
    Dann ward es wieder finster. Aber er hatte dabei das Bewusstsein, dass er
später das Licht wieder herbeischaffen könne; nur ein Sichsammeln, ein kurzes
Anstrengen, und der blendende Ideenschatz wäre wieder da, um sich heben zu
lassen - Perle für Perle, Diamant für Diamant - - Also an die Arbeit, sofort!
    »Herr Graf - ein Telegramm.«
    Rudolf war über die Störung ungehalten. Aber natürlich, mit einer Depesche
durfte der Diener jederzeit in das Heiligtum des Arbeitszimmers einbrechen; es
konnte ja etwas Unaufschiebbares sein.
    Diesmal war es die Nachricht, dass am folgenden Tage Brunnhof Einquartierung
bekommen sollte. Die diesjährigen Manöver fanden auf wenige Meilen Entfernung
statt. Der Quartiermeister würde in zwei oder drei Stunden der Depesche
nachfolgen. Angesagt waren für das Schloss: ein General, ein Oberst und mehrere
Offiziere.
    Da mussten sogleich Vorbereitungen getroffen, Befehle erteilt werden. Mit dem
Programmschreiben war es vorläufig vorbei. Und nicht nur mit diesem, sondern mit
der ganzen Stimmung. Als Endaufgabe die Herbeiführung von Zuständen, in welchen
die Völker befreit sein sollten von Militärlasten und Kriegsgefahren - und als
nächstliegende Aufgabe die reichliche, herzliche, fröhliche Bewirtung von
Militärs, die eben von der Kriegsprobe kamen. - Man kann nicht zweien Herren
dienen ...
 
                                      VII
Hugo Bressers Leidenschaft war durch die Zwischenfälle jenes Gewittertages zu
höchster Glut entfacht. Zuerst der selig-schwüle Augenblick, da er Sylvia im Arm
gehalten, dann die Exaltation, in die er sich bei Tische durch die eigenen Worte
hineingeredet, wobei er sah, wie des geliebten Mädchens Blick an seinen Lippen
hing; dann ihre Gebärde, als sie ihm zutrank; zuletzt ihre Flucht aus dem Salon:
- ihm war, als sei jetzt zwischen ihnen beiden ein Einverständnis. Heiss und
heftig empfand er, dass etwas Neues in sein und in ihr Leben getreten war. Sie
liebten sich - sie mussten einander angehören, trotz aller Hindernisse ... die
Verlobung würde sie rückgängig machen - -
    Bresser hatte am folgenden Morgen schon um acht Uhr von Brunnhof wegfahren
müssen, weil er in Wien zu Mittag einer Konferenz jener Unternehmer beizuwohnen
hatte, die das neue Blatt gründeten, dessen Feuilletonredaktion ihm zufallen
sollte.
    Natürlich hatte er zu so früher Morgenstunde keine der Damen des Hauses mehr
sehen können; aber für Sylvia hatte er eine stumme Botschaft hinterlassen in
Form eines Sträusschens, das er selbst im Garten gepflückt und gebunden, und das
er Sylvias Kammermädchen mit dem Auftrag übergeben, es auf ihrer Herrin
Toilettetisch zu legen. Es war ein - im Grunde nicht gar geschmackvoll
zusammengestelltes - Sträusschen, nur aus roten Blüten bestehend. Eine Rose, ein
paar Fuchsien, drei Mohnblumen, und herum ein Doldenring von »brennender Liebe«.
Sie würde schon verstehen, was er damit sagen wollte.
    Er bestieg ein leeres Coupé. Seine Gedanken flogen von den gestrigen
Ereignissen zu der bevorstehenden Konferenz und schnell wieder zu dem Bilde
Sylvias zurück. Die Gründungs-Angelegenheit interessierte ihn nun doppelt, da es
ihm sehr erwünscht kam, gerade jetzt festen Fuss in der Journalistik und in der
Schriftstellerlaufbahn fassen zu können. Liebe feuert den Ehrgeiz an. Er wollte
Grosses erreichen mit seiner Feder. Grosses als Dichter, vielleicht noch Grösseres
als Publizist. Einen neuen, höher gestimmten Ton in die Tagespresse einführen,
für die Ziele sozialer Entwicklung wirken, dem idealen Streben Rudolfs - ihres
Bruders - die Stütze der Öffentlichkeit leihen, ihm helfen, indem er die
Gedanken, die Rudolf im Parlament verträte, in dem neuen Blatt entwickeln
wollte. Denn neben der alleinigen Leitung des Feuilletons sollte ihm auch eine
Spalte im politischen Teile zur Verfügung stehen. Das war ein Kampffeld, auf dem
bedeutende Siege zu holen waren. Und er wollte siegen. Er wollte, dass sie auf
ihn stolz sein könne. Wer weiss, auch die Bühne konnte er erobern. Ein ganzer
Schwarm ungeborener Dramenstoffe schien in seinem erregten Hirn zu wirbeln -
nebst Ruhm würde er auch ein Vermögen sich erschreiben. Schwert und Szepter und
Zauberstab sollte ihm seine Feder sein ...
    Auf einer Zwischenstation stieg ein alter Herr ein - zufällig ein Bekannter,
ein Berufsgenosse seines Vaters.
    Es wäre Hugo viel lieber gewesen, allein zu bleiben. Er fühlte sich gestört,
wie jemand, den man beim Schatzzählen unterbrochen hat.
    »Ah, guten Tag, Bresser - das ist ja ein sehr angenehmes Zusammentreffen!
Sie sehen prächtig aus - und so strahlend!«
    Der Ausruf war gerechtfertigt. Aus den Augen des jungen Mannes blitzte
solches Feuer, ein so sieghafter Ausdruck belebte seine Züge, dass es auffallen
musste.
    »Kommen Sie von einer Kaltwasserkur oder fahren Sie nach Wien, einen
Haupttreffer zu beheben?« fragte der andere lachend. »Sie sehen mir nach beidem
aus.«
    Nun war es mit dem schönen Sinnen und Träumen vorbei, Hugo musste sich für
den Rest der Fahrt in ein banales Gespräch einlassen.
    In Wien angelangt, begab er sich in ein Café, wo er frühstückte und die
Zeitungen las. Nicht nach den Nachrichten als solchen suchte er in den Blättern,
sondern er musterte die Anordnung, kritisierte den Stil und die Tendenz der
Kommentare, und verglich damit im Geist das Idealblatt, welches an diesem Tage
ins Leben treten sollte.
    Und wenn er durch die breite Fensterscheibe, neben der er sass, auf die
Strasse blickte, wo so manche hübsche junge Frauengestalten vorübereilten -
Verkäuferinnen, die nach ihren Geschäften gingen - da betrachtete er auch diese
nicht wie sonst um ihrer selbst willen, sondern verglich sie mit dem idealen
Mädchen, das er zwar schon lange im Herzen trug, das ihm aber seit gestern zum
einzigen Weib auf Erden geworden war.
    Als er in das Sitzungslokal - im Bureau eines grossen Bankhauses - kam, waren
schon einige der Herren anwesend. Nach weiteren zehn Minuten war man vollzählig:
der Besitzer des Bankgeschäftes und neben ihm drei andere Finanzgrössen; zwei
Advokaten, mehrere Reichsrats- Abgeordnete, darunter ein Minister a. D., ein
einstiger Zeitungsherausgeber und eine Anzahl junger Schriftsteller. In der
Reihe der letzteren galt Bresser als einer der Hauptträger des neuen
Unternehmens; ihm hatte man bei den Vorbesprechungen die meisten Anregungen zu
danken gehabt, und von ihm waren die Prospekte aufgesetzt worden, die man zur
Anwerbung von Mitgliedern für das Gründungskomitee versendet hatte.
    Von einigen der Grundsätze und Programmpunkte, die in jenem Prospekt
entalten waren, war man im Verlaufe der Sitzungen schon abgekommen und manches
Neue hatte sich eingeschoben. Heute galt es, zu endgültigen Entschlüssen zu
gelangen und über die Finanzierung ins Reine zu kommen. Von verschiedenen Seiten
waren Beteiligungsbeträge gezeichnet worden, aber die anwesenden Kapitalisten
waren erst diejenigen, die den Ausschlag zu geben hatten, denn das von den
anderen Gezeichnete hätte nicht zum zehnten Teile genügt, das Unternehmen
lebenskräftig zu gestalten. Ein Jahr oder besser noch, zwei Jahre musste man
arbeiten können, ohne auf Gewinn zu rechnen, vielmehr musste man gefasst sein, im
Anfang grössere Beträge zuzusetzen; das Blatt musste eine Zeitlang in Massen
gratis versendet und in allen Cafés aufgelegt werden, damit das Publikum sich an
dessen Physiognomie gewöhne. Eine Zeit der Aussaat hatte vorauszugehen - dann
erst konnte man auf eine Ernte zählen. Die grössten Autornamen sollten für die
literarischen Beiträge gesichert werden, indem man höhere Honorare bewilligte
als jede andere Zeitung. Auch im politischen Teile sollten unterzeichnete
Artikel von hervorragenden Publizisten des In- und Auslandes erscheinen; der
Nachrichtendienst sollte durch Original-Depeschen und Original-Korrespondenzen
aus allen Hauptstädten versehen werden - und alles das erforderte grosse Summen.
Wenn man aber erst das reichhaltigste, bestinformierte, literarisch vornehmste,
unabhängigste - kurz das führende Blatt geworden, dann hätte man nicht nur eine
hohe kulturelle Tat vollbracht, indem man das Niveau der Tagespresse gehoben,
dann hätte man nicht nur veredelnden Einfluss auf den Geist der Bevölkerung und
vielleicht auch wohltätigen Einfluss auf den Gang der inner- und ausserpolitischen
Ereignisse gewonnen - auch in finanzieller Hinsicht würde man reichlichen Gewinn
erzielen. Schon bei einer Anzahl von dreissigtausend Abonnenten würde das
angewandte Kapital sich verzinsen, und hielte man nur zwei Jahre aus, so musste
die Zahl der Abonnenten und Käufer eine weit bedeutendere Höhe erreichen.
    Das waren so die Ideen gewesen, auf welchen sich der grosse Zeitungsplan
aufgebaut hatte.
    Und nun sollte die entscheidende Sitzung beginnen. Bresser fühlte sich in
gehobener Stimmung. Hier eröffnete sich ihm ein reiches Wirkungsfeld. Die roten
Blumen, die Sylvia um diese Stunde schon gefunden haben musste, waren in seinem
Bewusstsein mitgegenwärtig. Und selbst, wenn sie Gräfin Delnitzky wurde ... ihr
Herz konnte in einigen Jahren doch dem erfolgreichen Dichter sich zuwenden ...
    Aber jetzt war überhaupt nicht der Augenblick, an Liebe zu denken. Dieser
Augenblick gehörte der praktischen Arbeit, dem Lebensberuf. Es war ein
bedeutender, zukunftsentscheidender Wendepunkt.
    Als Vorsitzender fungierte der Besitzer des Bureaus. Er eröffnete die
Sitzung, indem er die Fondsbeschaffungsfrage zur Diskussion stellte und daran
die Mitteilung knüpfte, dass er von zwei Kapitalisten, deren Beteiligung schon in
sichere Aussicht genommen war, am selben Morgen Briefe erhalten hatte, worin
unter verschiedenen Vorwänden das gegebene Versprechen wieder zurückgenommen
wurde. »Was mich betrifft,« fügte er hinzu, »so bleibe ich natürlich im Wort.
Hunderttausend Gulden will ich dem Unternehmen zuwenden, nur muss ich noch eine
Bedingung stellen, die übrigens weiter keine Schwierigkeit machen und die wir
erst beim nächsten Punkt der Tagesordnung - Programm - erörtern wollen. Das Wort
hat nun Herr Baron Glasschild.«
    Der Genannte, ein behäbiger Fünfziger mit ausgeprägt orientalischen Zügen,
räusperte sich, klemmte seinen Zwicker auf die Nase und sagte:
    »Was ich zu bemerken hätte, bezieht sich ebenfalls auf den Programmpunkt.
Aber ich will es lieber gleich jetzt vorbringen, denn es ist mir sehr wichtig.
Nämlich das: in dem Prospekt, den ich erst heute genau gelesen habe, finde ich
etwas, was durchaus hinaus muss ...« Er nahm eines der auf dem Tische liegenden
Exemplare zur Hand - »hier steht's: Bekämpfung des Antisemitismus.«
    Die anderen blickten erstaunt auf. Der Baron, selber ein Jude, konnte doch
gegen diesen Programmpunkt nicht eingenommen sein? Dieser aber fuhr fort:
    »Wissen Sie, meine Herren, man bekämpft doch nur etwas, was man ernst nimmt
- etwas, was bedrohlich sein kann. Aber der Antisemi - semitismus (mir ist das
blosse Wort schon verhasst, man sollte ihm gar nicht die Ehre erweisen, es
auszusprechen) das ist ja eine schon absterbende Verirrung, die aus Deutschland
hereinkam, eine Erfindung des Pastor Stöcker, die aber hier keine Wurzel fassen
wird ... dazu ist der Wiener zu gemütlich und zu - fidel, dem passen solche
düstere Verfolgungslehren nicht - auch zu passiv, zu bequem. Glauben Sie mir -
ich kenne unsere Bevölkerung; von den hohen Klassen rede ich gar nicht - ich
verkehre doch mit der höchsten Aristokratie ... na, und die kleinen Bürger,
denen fällt so was gar nicht ein. Da sind nur so ein paar Hetzer, die man am
besten durch Totschweigen unschädlich macht. ... Kurz, ich erkläre, wenn sich
das Blatt mit dieser Frage überhaupt befassen, das dumme Zeug nur erwähnen
wollte, so ziehe ich meine Mitwirkung zurück. Hat sich was: Antisemitismus ...
Unsinn, weiter nichts - und soll auch als Unsinn behandelt, d.h. also in einer
ernsten Publikation gar nicht behandelt werden. Dixi.«
    Bresser erbat sich das Wort.
    »Da ich der Urheber jenes Programmpunktes bin, so muss ich doch zu seiner
Verteidigung und Begründung einige Argumente vorbringen.«
    »Bringen Sie vor, was Sie wollen,« unterbrach der Baron, »ich gehe von
meinem Entschluss nicht ab. Ein Blatt, das ostentativ erklärt, eine solche dumme
Frage erörtern zu wollen, subventioniere ich nicht - ich nicht.«
    Der Vorsitzende fiel ein: »Diese Kontroverse kann leicht behoben werden,«
sagte er. »Ich bin ganz einverstanden, dass das Wort Antisemitismus in unserem
Prospekt gestrichen werde. Gegen die Formel: Bekämpfung aller rückschrittlichen
Gesinnungen haben Sie doch nichts einzuwenden, Herr Baron?«
    »Nein.«
    »Nun, damit ist auch Ihnen Satisfaktion gegeben, Herr Bresser, denn unter
diesen Sammelnamen muss ja die mittelalterliche Bewegung auch fallen, die Sie
bekämpfen wollen, und die, wenn sie fortfahren sollte, um sich zu greifen,
natürlich in einer Tageszeitung auch besprochen werden müsste.«
    »Ich bin's zufrieden,« sagte Bresser.
    »Ich aber nicht,« versetzte Glasschild. »Je mehr die anderen den Unfug
auffallend machen wollen, desto konsequenter müssen wir ihn totschweigen.
Übrigens, in ein paar Monaten redet so niemand mehr davon.«
    Einer der Reichsräte erbat sich das Wort.
    »Da wir schon von den Bedenken sprechen, die das Programm unserer geplanten
Zeitung erweckt, so kann ich nicht verhehlen, dass mir daran der Mangel einer
strammen Parteiansicht sehr unangenehm auffällt. Wir sind einig geworden, dass
wir auf Regierungssubvention verzichten. Gut. Wir werden auch keine Direktive
von oben annehmen, wie wir uns zu dieser oder jener politischen Frage zu äussern
haben. Auch gut. Dafür aber müssen wir uns selber eine Direktive geben - einen
festen Weg vorzeichnen - sonst gleiten wir unversehens ins reaktionäre oder ins
revolutionäre Lager. Hauptsache ist doch, dem liberalen Prinzip zum Sieg zu
verhelfen, nicht wahr? Also ist es doch geboten, dass wir in unsern Leitartikeln
die Grundsätze und die Taktik der liberalen Partei zielbewusst vertreten.«
    »Die Taktik dieser Partei ist mit ihren Grundsätzen oft in direktem
Widerspruch,« warf Bresser ein.
    »Das beruht dann auf kluger Erwägung der gegebenen Umstände.«
    »Opportunismus,« murmelte Bresser.
    »Nennen Sie es Opportunismus, wenn Sie wollen. Man muss ja doch mit den
realen Verhältnissen rechnen. Man kann, wenn man, um seine Prinzipien desto
besser durchzusetzen, regierungsfähig werden will, nicht in allem Opposition
machen; man muss gewisse Forderungen der Regierung - z.B. in der Militärfrage -
opfermutig bewilligen, schon um sich loyal zu zeigen, um keinen Zweifel an
seinem Patriotismus aufkommen zu lassen. Kurz, man muss, um nicht irre zu gehen,
um das segensreiche Wirken unserer Partei zu unterstützen, fest und unentwegt zu
ihr halten.«
    »Dazu hätte man nicht erst eine neue Zeitung zu gründen gebraucht,« bemerkte
einer der Journalisten. »Wir besitzen ja in Wien ein Weltblatt, das mit Ihrer
Partei durch dick und dünn geht.«
    Bresser öffnete und schloss mehrere Male hintereinander die Lippen - aber er
sagte nichts. Ein zorniges Gefühl stieg ihm in die Kehle - ein Gefühl, das einen
trockenen und bitteren Geschmack hatte. - Macht haben und allein sein: das ist
das einzige, um Grosses, Neues durchzusetzen, - sagte er sich im Geiste - statt
all dieser Finanzprotzen, Politikaster und Federfuchser, er allein mit ein paar
Millionen in der Hand, dann flöge das Blatt, genau im Geist seines Prospektes
beschaffen, schon in vierzehn Tagen in alle Welt. Die kongenialen Kräfte kämen
dam schon von selber herbei. Aber hier - das sah er jetzt kommen, würde das
Unternehmen an den gegensätzlichen Willensrichtungen scheitern, oder in irgend
ein altes Geleise hineingleiten. Schritte zu machen: zu diesem Beschluss raffen
sich beratende Körperschaften schon auf: aber nur schön vorsichtshalber auf -
ausgetretenem Wege. Einen neuen Weg vorzuschlagen, das wagt immer nur der
einzelne.
    Nach langer Debatte, an der sich Bresser nicht mehr beteiligte, wurde ein
Vorschlag eingebracht und angenommen, dahin gehend, dass aus der Mitte der
Teilnehmer eine engere Kommission gewählt werde, bestehend aus zwei
Kapitalisten, zwei Reichsratsabgeordneten und zwei Schriftstellern, welche über
die Redaktion, über die Annahme und Ablehnung von Artikeln als oberstes
Zensuramt und als entscheidende Instanz eingesetzt würde.
    Diese Wahl wurde auf die nächste Sitzung anberaumt, denn es war mittlerweile
Essenszeit geworden, und der Hunger ist stärker als die Liebe - namentlich als
die Liebe zu einem geistanstrengenden Unternehmen.
    »Ich bin dabei,« sagte der Vorsitzende, »konstituieren wir unser
Zensurkomitee das nächstemal und dann soll auch die finanzielle Frage endgültig
gelöst werden. Und somit -«
    »Vor Schluss der Sitzung bitte ich noch ums Wort!« unterbrach Bresser mit
erregter Stimme.
    Einige der Herren, die schon im Aufstehen begriffen, setzten sich wieder.
    »Also bitte, Herr Bresser,« sagte der Vorsitzende.
    »Ich wollte einfach meinen Austritt anmelden. Der Verlauf, den die heutigen
Verhandlungen genommen haben, zeigt mir deutlich, dass unser ursprünglicher Plan
ganz fallen gelassen wird. Was an dessen Stelle getreten, macht es mir
unmöglich, mitzuhalten. Der Verlust wird für die anderen kein grosser sein - ich
habe ja kein Kapital und auch keinen berühmten Namen einzusetzen ... Nur
Arbeitslust hätte ich mitgebracht und Begeisterung für gewisse Ideen. Die
Arbeitslust ist verschwunden, denn gerade die Ideen, die in meinen Augen den
Sinn und den Zweck des neuen Blattes abgaben, würden der neubeschlossenen Zensur
zum Opfer fallen. Der Begriff Zensur an sich stösst schon alles um, was ich von
diesem Blatt geträumt hatte. Wir sollen für die Freiheit wirken und selber nicht
frei sein? Nun - heute besitze ich noch meine volle Freiheit, ich benutze sie,
um - ich wiederhole es - mich von dem Unternehmen zurückzuziehen.«
    Sprach's, empfahl sich und ging.
 
                                      VIII
Die Kapelle im Schloss Brunnhof war reich mit Grün Blumen geschmückt. Die
Glashäuser waren geplündert worden und hatten alle ihre Oleander- und Orangen-
und Palmenbäume in Kübeln hergeben müssen, um den Hauptaltar zu umrahmen. Und an
die hohen Wachskerzen, die in den silbernen Kirchenleuchtern brannten, waren
weisse Schleifen, Rosen und Kamelien befestigt. Die Rosen, mit welchen man auch
in reicher Fülle die Altarstufen bestreute, waren aus Wiener Blumenhandlungen
geschickt, denn in Brunnhof - man schrieb den 12. November - blühten keine mehr.
Vom Eingang der Kapelle bis zu den Betschemeln des Brautpaares lief ein roter
Plüschteppich und auch die ersten Reihen der Kirchenbänke waren mit rotem Stoffe
ausgeschlagen.
    Schon füllten sich die hinteren Bänke mit den Dorfbewohnern - in der
nächsten Viertelstunde mussten die Herrschaften kommen. Die festgesetzte Stunde -
elf Uhr - schlug eben von der Schlossuhr herab. In der Sakristei warteten, in
vollem Ornat, der Prälat des benachbarten Stiftes, der unter der Assistenz des
Pater Protus und dessen Kooperators die Trauung vollziehen sollte. Auf dem Chore
sassen und standen die Musiker und Sänger bereit - tüchtige Kräfte aus Wien.
    Unterdessen hatten in einem Saale des Schlosses die Hochzeitsgäste sich
versammelt. Es fehlten nur noch die Braut und ihre Mutter.
    Die ganze Gutsnachbarschaft war eingeladen worden und ausserdem noch
Verwandte aus Wien und von weiterher - im ganzen etwa sechzig bis siebzig
Personen. Ein Schwarm junger Komtessen, Sylvias Ballgenossinnen der verflossenen
Wintersaisons, unter ihnen die vier Brautjungfern in gleichen rosa Kleidern; -
die Damen alle in lichten Toiletten, zwar hoch und mit geschlossenen Hütchen,
aber dennoch mit Schleppe und Schmuck; die Herren in Galauniform oder Frack, die
meisten mit Ordenskettchen im Knopfloch. Man stand in Gruppen umher und
lebhaftes Stimmengewirr füllte den Raum.
    In einem Nebensaale, zu dem die Türen offen standen, waren die
Brautgeschenke ausgestellt: zwei lange Tische voll Schmuckkapseln, silberne
Toilette-, Tisch- und Teegarnituren, Vasen, Fächer, Spitzen, Lampen,
Gürtelschnallen und Sonnenschirmgriffe aus Gold und Edelsteinen und sonstigen
Kostbarkeiten. Alles das hatte die Gesellschaft schon vor einer Stunde
bewundert; jetzt standen vor der gehäuften Pracht nur noch zwei der jungen
Mädchen, und ein stiller Neid, gemildert durch die Hoffnung, dass die Zukunft
ihnen ähnliches bescheren werde, erfüllte ihre eitlen Seelchen: - ach, solche
schöne Dinge besitzen, solche Brillantsterne im Haar, solche Perlenschnüre um
den Hals - aus solchen Kannen den Tee eingiessen, im eigenen Salon; vor solchen
Spiegeln sich frisieren lassen, »Frau« genannt werden, Pferd und Wagen besitzen,
Loge in Oper und Burg, und - nebstbei - auch noch einen verliebten Mann: so
wundervolle Dinge gibt es auf der Welt, und gerade so wie sie heute der Sylvia
zugefallen, werden sie nächstens auch ihnen zuteil. Das ist ja Tribut, den das
Schicksal allen Töchtern der »Gesellschaft« sozusagen schuldet ...
    Die Gespräche der Herren im Saale drehten sich fast ausschliesslich um die
Jagd. Es war ja eben die Jahreszeit, da man von einem Schloss zum anderen fuhr,
um Hasen, Rehe und Fasane zu erlegen, und einer erzählte dem andern, oder
fragte, bei wem gestern gejagt worden, und bei wem morgen gejagt werde und
wieviel man dort geschossen habe und wieviel da. Einige waren so glücklich, von
kaiserlichen und erzherzoglichen Jagden erzählen zu können, an denen sie
teilgenommen hatten, oder die ihnen bevorstanden. Rudolf, der Hausherr, brachte
Einladungen zu den Brunnhofer Jagden vor, die vom 21. bis 23. November
stattfinden sollten. Auch in die Unterhaltung der Damen mischte sich häufig das
Wort »Jagd«. Wenn auch nur wenige unter ihnen waren, die sich aktiv, mit dem
Gewehr auf der Schulter, an dem Sport beteiligten, so gehörte doch die ganze
Sache um diese Herbstzeit so sehr zur Lebensausfüllung ihrer Kreise, dass sich
ihre Gedanken und Gespräche damit beschäftigen mussten. All den Hausfrauen, denen
das Empfangen und Bewirten der Gäste obliegt, ist das Tema beinahe ebenso
wichtig, wie für die Jagdherren. »Wieviel ist geschossen worden?« das ist die
erste Frage, welche die gastliche Wirtin an die heimgekehrten, vor dem Diner im
Salon versammelten Jäger richtet, worauf dann jeder einzelne noch mit
lebhaftestem Interesse um die Zahl seiner Beutestücke befragt wird. »Wieviel
haben Sie geschossen? Und wieviel Sie?« Den Franzosen und den Engländer frägt
man: »Wieviel Stück haben Sie getötet?« Der letztere fügt der genannten Zahl
höflich hinzu: »Oh, it was exzellent sport.«
    Sport? Also nur Vergnügen? Mit nichten. Das Ding wird als eine Art
Berufspflicht aufgefasst, als etwas, das man - dem gegenseitigen Rang und
Reichtum angemessen - sich und seinen Standesgenossen schuldig ist. »Der erste
Bock«: das ist nicht nur ein Jubelbewusstsein für das junge Gräflein - auch seine
Mutter erzählt ihren Freundinnen mit Stolz, dass der Gusti oder der Fredi neulich
seinen ersten Bock geschossen. Wenn das in Martas Gegenwart geschah, so blieb
sie stumm. »Das arme Reh!« war, was sie dabei dachte, und auch ein wenig »Der
arme Bub'«, denn wenn das als freudvolles Ehrgeizziel gelten soll: die
Vernichtung eines unschuldigen Lebens ...
Alle Gespräche sind plötzlich verstummt. Sylvia tritt über die Schwelle in einer
weissen Glorie von Atlas, Tüll und Myrtenblüten. Zwei kleine Knaben - in
Pagenkostüm - tragen ihre Schleppe.
    Zugleich war auch Baronin Tilling erschienen. Diesmal hatte sie doch die
gewohnte tiefe Trauer abgelegt und war in lichtes Grau gekleidet. Beide Frauen
waren blass und hatten gerötete Augen. Die anderen fanden das natürlich: der
Abschied und die Feierlichkeit der Lebenswende - das ist ja Grund genug zum
Tränenvergiessen. Sie hatten aber nicht nur aus diesem Grund geweint - Mutter und
Tochter. Ein banges Weh hatte sie beide erfasst, ein Gefühl beinahe wie Furcht
und Reue.
    Jetzt aber stürzten die vier Kranzeljungfern auf die Braut zu und umarmten
sie stürmisch; von allen Seiten Händedrücke, Küsse, Gratulationen, Verbeugungen
.... Sylvias Bangen wich dem wiedererwachenden Bewusstsein, dass sie der
vielbeneidete, vielbewunderte Mittelpunkt dieser glänzenden, wichtigen Feier
war. Und auch von ihrer verliebten Leidenschaft strömte wieder eine beglückende
Welle von ihrem Herzen empor, als sie nun ihrem schmucken Bräutigam, der auf sie
zueilte, in die freudestrahlenden Augen sah.
    Noch ein paar Minuten der Begrüssungen und der Gespräche, dann begann, unter
Rudolfs Anordnung, der Zug sich zu bilden.
    Der Weg aus den Salons zur Schlosskirche - wenn man nicht ins Oratorium,
sondern in das Schiff gelangen wollte - führte über zwei Treppen und einen
langen Korridor. Dieser ganze Weg war teppichbelegt und mit Reisig und Blumen
bestreut. Davon stieg ein Duft auf, der an Fronleichnamsprozessionen mahnte.
Glocken- und Orgelklänge drangen auch schon aus dem Kirchlein herüber. Am Arm
des Brautführers - ein junger Vetter, Graf Altaus, - schritt Sylvia langsam
dahin, hinter ihr die schlepptragenden kleinen Pagen; es war ihr dabei zu Mute,
halb als ob sie träume, halb als ginge sie über eine Teaterbühne, und nicht,
als wäre das alles wirkliches Erlebnis.
    Und als sie die Kapelle betrat und die unzähligen brennenden Kerzen sah, die
zwischen den Blattpflanzen auf und rings um den Altar flimmerten, da empfand sie
etwas von dem Eindruck, den man beim Betreten eines Zimmers hat, in dem ein
angezündeter Christbaum strahlt. Bescherungen und Überraschungen sollte es ja da
auch geben: ein funkelnagelneuer Frauentitel, ganze Schachteln voll
interessanter Pflichten - und auch Süssigkeiten, sonst verbotene ... in Fülle.
    Diese Christbaumstimmung machte schnell einer anderen Platz, als sie jetzt
auf den Betschemel niederkniete - - Toni Delnitzky an ihrer Seite. Die Priester
kamen aus der Seitentür und stellten sich an den Altar; vom knapp vor dem
Brautpaar geschwungenen Weihrauchfass qualmte der intensivste Kirchenduft empor
und mahnte Sylvia an Begräbnisfeiern - begraben für ewig war ja auch die
Mädchenzeit, war die Freiheit, war die Möglichkeit, das wunderbar volle Glück
zweifelloser Liebe zu finden ... der Mann da neben ihr war ihr nicht Hort und
Zuflucht; - erst gestern, während des Polterabends, hatte er Dinge gesagt, die
ihr furchtbar missfallen hatten - momentan hätte sie ihn beinahe hassen können
... zum Glück war nach solchen flüchtigen Regungen die verliebte Regung wieder
desto wärmer aufgetaucht, aber das volle Vertrauen, das fehlte; das selige,
schutzessichere Sichschmiegen und Sich-kauern, das konnte sie an dieser Brust -
da neben sich - nicht finden.
    Das Kirchlein war dicht gefüllt. Oben seitlich vom Altar und in den vorderen
Bänken die Verwandten und die Gäste in ihren glänzenden Uniformen und Toiletten;
hinten die Beamtenschaft und die Dorfbewohner im Sonntagsstaat - gehobene
Feststimmung auf allen Mienen. Auf Martas Gesicht jedoch lag es wie Schmerz und
Trauer. Das war man aber - bei feierlichen Anlässen - an ihr gewohnt. Wenn sie
bewegt war, pilgerten ihre Gedanken stets zu ihrem geliebten Toten - das wusste
man und ehrte man.
    Die Traurede begann. Hätte Pater Protus sie gesprochen, so hätte er
herzlichere und bewegendere Töne anzuschlagen gewusst. Der fremde, sehr klerikale
Prälat hielt eine Predigt, die eher pro domo als für das junge Paar gehalten
schien. Das heilige Sakrament der Ehe, so führte er aus, ist von Gott
eingesetzt, denn es ist dem Bunde Christi mit seiner katolischen Kirche
nachgebildet. Der Zweck der Ehe bestehe darin, dass sich die Eheleute gegenseitig
im Glauben stärken und in der Ausübung ihrer religiösen Pflichten zu
unterstützen haben, und dass sie eine Familie gründen, die, in echtem Glauben
auferzogen, das Reich der Kirche immer mehr verbreite. Das Glück der Ehe ist nur
zu erreichen, wenn beide Gatten eifrig beten und die Kirchengebote erfüllen; das
Unglück so vieler Ehen rührt von dem leider so stark zunehmenden
Indifferentismus her. Die Prüfungen und Krankheiten und Unglücksfälle, die
keinem Menschenschicksal erspart bleiben, sind teils Strafen für Mangel an
echter Religiosität, teils liebend auferlegte Prüfungen, aus denen man, wenn man
gläubig und fromm ist, geläutert hervorgeht und dann zu einem gottgefälligen
Tode gelangt, nach welchem die treuen Ehegatten im Himmel wieder zu ewiger
Seligkeit vereint werden.
    Was in dieser Traurede gesprochen wurde, darauf achtete übrigens die
anwesende Gemeinde weniger, als dass eine solche gehalten ward und dass die darin
entaltenen Worte zu der Zeremonie gehörten, kraft welcher diese beiden jungen
Menschenkinder zu unlöslicher Lebensgemeinschaft verbunden werden - dass sie
einander Liebe und Treue schwören und sich nie verlassen sollen - nicht in
Krankheit, nicht in Armut - bis der Tod sie trennt. Das ist's - einerlei, wohin
die begleitende Beredsamkeit sich versteigt - was das Priesterwort besiegelt.
    Auch der Ringwechsel, sowie das dazu gesprochene »Ja« war so ein
zauberkräftiges Verfahren, wodurch zwei vor einer Minute noch freie Menschen
aneinander gekettet waren, wodurch der eine Teil sogar den bislang getragenen
Namen verloren und einen neuen erworben hat.
    Sylvia empfand diese Wandlung, die doch eigentlich nur eine ideelle ist, als
wäre sie mechanisch vollzogen; wie ein Ruck überkam es sie, als sie das »Ja«
gesprochen und den Ring am Finger fühlte: jetzt bin ich Sylvia Delnitzky.
    Vom Chor herab ertönte feierlicher, andachtsvoller Gesang. Die lateinischen
Worte verstand man nicht, aber aus der süssen Melodie klang wie eine fromme Bitte
um Segen für das junge Paar. Eine gerührte Stimmung bemächtigte sich aller. Als
die Sänger geendet hatten, ward der pro domo-Dienst wieder aufgenommen, indem
ein Credo, drei Vaterunser und drei Ave Maria laut hergesagt wurden.
    Während des Ringwechsels waren draussen Böllerschüsse gefallen und auch
jetzt, nach beendeter Zeremonie, während alle Familienglieder sich um die
Neuvermählten drängten, sie zu küssen, liessen die Burschen im Dorfe die
Freudenschüsse knattern.
    Nachdem das junge Paar und die Trauzeugen ihre Namen in das Kirchenregister
eingetragen, war die ganze Handlung beendet. Von neuem formte sich der Zug, doch
jetzt in anderer Ordnung: Sylvia voran am Arme des - Gatten.
    Es folgte nun - alle Festlichkeiten gipfeln ja im Essen und Trinken und
Trinksprüchen - das Hochzeitsfrühstück an der mit weissen Blüten überstreuten
Tafel.
    Den ersten Toast brachte der Prälat aus - auf die Neuvermählten natürlich.
Ein Blumensträusschen hatte er für sie gewunden. Darin war weisser Flieder, als
Sinnbild der Unschuld der holden Braut; eine blaue Kornblume - die Farbe der
ehelichen Treue -; eine rote Rose, das Bild der Liebe, und das Ganze
zusammengehalten - damit die höchste Weihe nicht fehle - durch einen Dorn aus
des Heilands Dornenkrone. Und indem er ihnen diesen Strauss auf den Lebensweg
mitgebe - der aber kein Dornen-, sondern ein Rosenpfad sein möge - bringe er ein
Hoch aus auf Graf Anton und Gräfin Sylvia Delnitzky.
    Alle rufen »hoch« und stehen auf, um mit den beiden anzustossen. Gar manche
sind darunter, die vor mehr oder weniger Jahren das Gleiche durchgemacht, auf
deren Glück ebenso stürmische »Hoch« ausgebracht wurden und die doch nichts
weniger als glücklich geworden. Sylvia ist von der durchgemachten Erregung, von
dem Lärm wie halb betäubt; das Wort Glück - von allen Seiten schlägt es an ihr
Ohr ... Aber ist diese Müdigkeit, diese Abspannung, diese zugleich glühende
Neugier und fröstelnde Furcht vor dem so nahe bevorstehenden »Endlich allein«,
dieses Bangen vor der lebenslänglichen Zukunft an der Seite eines - Fremden,
dieser Abschied von dem teuren Mädchenheim, von den Ihren -: ist denn das
»Glück«?
    Sie denkt auch, mehr als sie daran denken sollte, an einen Brief, den sie
vor einigen Tagen von Hugo Bresser erhalten. Einen Brief, den sie oft
durchgelesen und den sie an diesem Morgen verbrannt hatte ...
    Nach zwei Stunden war das Mahl zu Ende und eine weitere Stunde später
bestieg das junge Paar den Wagen, der es zur Eisenbahnstation brachte. Ein
kalter Novembernebel rieselte herab, doch die Hochzeitsreise ging ja in das Land
der Sonne - an die Riviera.
 
                                       IX
Kurz nach der Abfahrt der Neuvermählten hatte sich Baronin Tilling in ihre
Zimmer zurückgezogen. Sie war nicht in der Laune, mit fremden Leuten
liebenswürdig zu sein. Diese Aufgabe mussten Rudolf und Beatrix absolvieren, sie
sehnte sich nach Ruhe und Einsamkeit.
    Gegen Abend aber sehnte sie sich nach Mitteilung, und da liess sie ihren Sohn
bitten, er möge zu ihr kommen. Bereitwillig willfahrte Rudolf diesem Wunsch.
Hätte er nicht gefürchtet, seine Mutter zu stören, so wäre er von selber zu ihr
gekommen, denn auch er hatte Unausgesprochenes auf dem Herzen, Dinge über die er
sich mit niemand anderem als mit ihr aussprechen konnte.
    Marta, die ihre prunkvolle Brautmutter-Toilette gegen einen bequemen
Schlafrock aus schwarzem Samt vertauscht hatte, lag auf einem in die Nähe des
knisternden Ofenfeuers gerückten Ruhebett; eine unter grossem Spitzenschirm
brennende Lampe verbreitete ein gedämpftes Licht in dem wohligen, mit Blumenduft
erfüllten Raum. Der Duft kam von den Orangeblüten des Brautbuketts, das Sylvia
hier hatte liegen lassen, als sie von der Mutter Abschied nahm.
    »Hier bin ich,« sagte Rudolf eintretend. »Wünschest Du etwas von mir,
Mutter?«
    »Nur Deine Gesellschaft, liebes Kind ... Mir war so bang ... Komm, setz'
Dich daher ... Hab' ich Dich durch mein Rufenlassen gestört - Du spieltest
vielleicht Karten unten mit den Gästen? Ich will Dich ja nicht lang aufhalten
...«
    »O, ich habe keinerlei Sehnsucht, wieder hinunter zu gehen. Der Pfarrer hat
meinen Platz am Taroktisch übernommen und Du hast mir den grössten Gefallen
erwiesen, indem Du mich rufen liessest ... Sind das alle Depeschen?« Rudolf
zeigte auf einen Haufen Telegramme, der auf dem Tischchen lag.
    »Ja, ich habe vorhin alle die Glückwünsche durchgelesen - über zweihundert
... fast überall dieselben Worte. Von hoch und nieder - von ihren einstigen
Bonnen und von Erzherzögen: demütig die einen, herablassend die anderen - alle
wünschen Sylvia Glück ... Und weisst Du, Rudolf, was ich fürchte? ... Sie wird
nicht glücklich werden. Das habe ich heute wieder mit erschreckender
Deutlichkeit empfunden. Und ich fühle mich so schuldig dabei, so schuldig! ...«
    Ihre Stimme zitterte. Rudolf legte beschwichtigend die Hand auf ihren Arm.
    »Mache Dir keine Vorwürfe, Mutter. - Die Zeiten sind nicht mehr, da Eltern
über das Schicksal der Kinder verfügten. Sylvia hat frei gewählt ... und
schliesslich, der Toni ist nicht schlimmer als ein Dutzend andere -«
    »Unsere Sylvia - meines Friedrichs Sylvia - durfte aber keinem
Dutzendmenschen gegeben werden ... Überhaupt, seit einiger Zeit ist mir, als
täte ich dem Andenken meines Toten gegenüber nicht mehr meine ganze
Schuldigkeit. Als ich an meiner Lebensgeschichte schrieb, da hatte ich das
Bewusstsein, eine Aufgabe zu erfüllen; - jetzt, seitdem diese Arbeit vollendet
ist, ist mir, als müsst' ich anderes wirken, tun, vollbringen, und ich tue ja
nichts ...«
    Rudolf sprang erregt auf und ging einige Schritte auf und nieder. Dann blieb
er vor seiner Mutter stehen:
    »Ich tue nichts. Und das lastet auf Deinem Gewissen wie auf dem meinen. Du
hast mich ja dazu aufgezogen, den Kampf fortzusetzen, den Tilling begonnen
hatte, und was habe ich bis jetzt geleistet? Immer nur verschoben und verschoben
... immer nur geplant und geplant ... Aber getan? Nichts.«
    »Nun wenn Du im Parlament -«
    »Ja, das ist auch so einer meiner Pläne, meiner hinausgeschobenen
Arbeitsvorsätze. Aber ich fange an zu fürchten, dass es damit auch nichts werden
wird ... Es fällt ja immer alles ins Wasser - wie zum Beispiel auch die
Bressersche Zeitung ... Das sollte mein Organ werden; darin hätte ich ausgeführt
und beleuchtet, was im Parlament nur angedeutet werden konnte. Wer weiss aber, ob
ich überhaupt ins Parlament komme? Ich werde hin- und hergezerrt, ich möge mich
dieser oder jener Partei anschliessen, und wenn ich dann sage, was ich eigentlich
will - Dinge, die ausserhalb der bestehenden Programme liegen, - so finde ich
kein Verständnis, so glauben die Leute - ich sehe es ihnen an - ich hätte einen
Sporn. Am allerwenigsten verstehen mich die Wähler. Du wirst sehen: ich werde
gar nicht gewählt. Mein Gegenkandidat, der tritt so schön vertrauenerregend in
die gewohnten Phrasengeleise; der verspricht so bieder, alle kleinen
Lokalinteressen zu vertreten, während ich von Allgemeinheitsinteressen fasele
... Gibt's denn eine Allgemeinheit in der Politik? Glauben denn die Leute nicht
immer, dass eine Partei die andere niederringen muss, dass es dem A nur gut gehen
kann, wenn der B überlistet und der C zermalmt wird? Du wirst sehen, mein
Gegenkandidat wird zehnmal mehr Stimmen erlangen als ich. Und das wird mich
nicht einmal kränken können, denn in jeder Ansammlung von Köpfen gibt es doch
zehnmal mehr dumme als kluge ... Hat man als Grundlage von Gesetzgebung und
Regierung etwas blöderes, geradezu schädlicheres finden können, als das
Entscheidungsrecht der Mehrheit?«
    »Das Instrument mag schlecht sein, Rudolf. Aber wenn kein anderes da ist,
worauf willst Du Deine Melodie spielen?«
    »Meine Melodie! Wenn nur die auch schon klar und voll und alles andere
übertönend mir in der Seele klingen wollte ...«
    »Das tut sie ja. Wenn ich an die begeisterten Worte denke, die Du bei
Fritzis Taufe sprachst ... das war echter Klang -«
    »O ja, einzelne grosse Glockentöne, die ich selber höre, wie sie mir aus
Herzensgrund und Seelentiefe schallen ... dann aber kommt wieder der Lärm der
Welt hinzu, der sie verschlingt - das Gegacker der Alltäglichkeit, das Gekläffe
der Gemeinheit ...«
    »In solchem Zorne liebe ich Dich ... solche Selbstanklage bürgt mir für Dein
echtes Wollen.«
    »Du bist zu nachsichtig mit mir, Mutter. Ich würde Deinen Tadel, Deine
Vorwürfe verdienen. Was hab' ich bis jetzt erreicht? Was habe ich nur versucht
in jener grossen Sache, die Friedrich Tillings Vermächtnis war? Heute hat es mich
wie Reue erfasst ...«
    »Wir begegnen uns, mein Kind; auch ich habe die Empfindung, mich an
Friedrich versündigt zu haben.«
    »Du, wieso? Was kannst Du in der Sache noch tun?«
    »Nicht in der Friedenssache meine ich. Ich meine ... es ist mir schwer zu
erklären ... Du hast doch meine Lebensgeschichte gelesen? Du musst darin den
Abglanz eines Dings gefunden haben, das in der Welt gar so selten anzutreffen
ist: das vollständige eheliche Liebesglück -«
    »Ja, das habe ich in Deinem Buch gefunden. Auch habe ich's ja selber - als
Kind - gesehen, wie ihr beiden glücklich wart - und wie lieb ihr euch hattet.
Ich bin aber auch Zeuge, wie Deine Liebe und Treue übers Grab hinaus bis heute
jenem Andenken geweiht geblieben - ... was kannst Du da für Reue fühlen?«
    »Dass ich - die ich doch durch ihn die ganze Fülle, die ganze Heiligkeit
ehelicher Liebe kennen gelernt, einer Liebe, die auf voller
Seelenübereinstimmung gegründet war, dass ich seine Sylvia nicht auch einem
solchen Glücke zugeführt habe - dass ich sie nicht dazu erzogen habe, nur dann
ihre Hand zu vergeben, wenn sie zugleich auch unumschränktes Vertrauen,
tiefbegründete Achtung schenken konnte ... ich habe nicht meine Schuldigkeit
getan, Rudolf ... Ja, die Pläne, die mein Friedrich für das Wohl der Welt
gehegt, seine Gedanken und Spekulationen die habe ich gehütet und der
Öffentlichkeit übermittelt; - aber sein persönliches Werk, das er durch sein
Herz geleistet hat, das tatsächliche häusliche Glück, das er geschaffen: auch
das hätte ich als ein Vermächtnis hüten müssen und auf sein Kind übertragen. Die
Lehren, die er gepredigt, die habe ich weiter gegeben, aber die Lehren, die er
gelebt, die sind verschollen, durch meine Schuld - meine Schuld - meine Schuld
...«
    Marta wiederholte dieses Wort, indem sie die Hände vors Gesicht schlug und
in Weinen ausbrach.
    Rudolf beugte sich liebevoll über sie:
    »Nicht - nicht, Mutter! Du bist nur so angegriffen ... das sind die Nerven.
Es ist ja natürlich: die Trennung von unserer Sylvia - der entscheidende Schritt
... Aber der Toni ist ja kein böser Mensch - wer sagt Dir, dass sie nicht
glücklich wird -?«
    Marta trocknete sich die Tränen ab. »Ihre eigene Ahnung sagt es ihr. Wenn
Du sie heute gesehen hättest, wie sie - knapp vor dem Kirchgang - mir weinend in
die Arme fiel - -«
    »Nun ja - das Abschiedsweh.«
    »Nein - nicht Schmerz um das, was sie verliess - es war Furcht vor dem, dem
sie entgegenging. Nein Rudolf, sprich mich nicht frei. Wenn man gefehlt hat, so
ist noch das beste was man haben kann - die Reue.«
    »Das finde ich nicht; besonders wenn sich nichts mehr ändern lässt. Nur die
Reue ist furchtbar, die neue Vorsätze, neue Taten nach sich zieht. Drum lass uns
auf meine Selbstanklage zurückkommen. Ich kann ja gut machen, was ich gefehlt
habe ... Und ich will es. Ich werde - die sind lustig da unten« - unterbrach er
sich. Das Zimmer war über dem Salon gelegen und die Weisen eines Straussschen
Walzers tönten jetzt herauf.
    Marta zuckte die Achseln: »Lass sie - warum sollten sie nicht?
Hochzeitsstimmung ... die jungen Leute tanzen. Unter anderem, sag' mir, warum
ist denn der junge Bresser nicht gekommen?«
    »Ich weiss es zufällig: Weil er Sylvia liebte -«
    »Was sagst Du da?!« rief Marta auffahrend.
    »Du brauchst nicht zu erschrecken. Meine hübsche Schwester hat gar vielen
Leuten den Kopf verdreht ... Hugo ist ein vernünftiger Bursch - er hat sich nie
Hoffnungen gemacht ... Jetzt ist er abgereist ...«
    »Ob der sie nicht vielleicht glücklicher gemacht hätte?« sagte Marta
nachdenklich. »Als Mensch steht er jedenfalls höher als Delnitzky ... Aber diese
blöden Standesvorurteile ... ich nenne sie blöde und habe sie doch selber ...
ich glaube nämlich, dass das Verpflanzen aus einem gewohnten Kreis in einen
anderen - niedrigeren - grosses Missbehagen verursacht ... Wenn man heiratet,
heiratet man ja sozusagen die Familie, die Freunde des Gatten mit und muss den
eigenen entsagen - das ist hart.«
    »Der Vereinigung mit der geliebten Person zu entsagen, mag noch härter
sein,« bemerkte Rudolf.
    »Gewiss ... hätte Sylvia eine tiefe Neigung zu Bresser gehabt - so hätte ich
mich nicht widersetzt. Auch zur Heirat mit Delnitzky habe ich nur ja gesagt,
weil sie erklärte, so rasend in ihn verliebt zu sein.«
    »Hoffen wir, dass sie es bleibt.«
    »Ach ich glaube, sie ist's schon heute nicht ...«
    Rudolf ergriff Martas Hand:
    »Hör' mich an, Mutter, wenn Dir Deine Tochter Sorge macht, so sollst Du
wenigstens durch Deinen Sohn Genugtuung erleben. Ich will nun unsere Sache
energisch anpacken. Nicht von Wahlergebnissen und sonstigen Zufällen soll das
abhängen ... Ich muss mich auf mich selber stellen. Ich muss mich offen auflehnen
- auch gegen meine nächste Umgebung - das ganze Milieu, in dem ich lebe, die
ganze Gesellschaft, in der wir verkehren, ist auf dem Dinge aufgebaut, das ich
bekämpfen soll - auf dem Gewaltsystem. Damit meine ich nicht nur den
Militarismus, gegen den Tillings Bestrebungen besonders gerichtet waren - damit
meine ich die Gewalt in allen ihren Formen. Das Recht wird vergewaltigt, die
Vernunft wird vergewaltigt -«
    Marta schaute überrascht auf: »So leidenschaftlich kannte ich Dich
garnicht.«
    »Wenn Du an mir Leidenschaft auflodern siehst, Mutter, so versuche nicht,
sie zu dämpfen. Ich war eben bis jetzt viel zu kalt und ruhig. Man muss heftig
fühlen und heftig wollen - dann erst tut man etwas. Vielleicht scheitert man -
das hängt von äussern Umständen ab - vielleicht erstürmt man keinen der festen
Plätze, gegen die man anrennt, - aber wenigstens ist man Sturm gelaufen, und
weist für Nachstürmende den Wea.«
    »Was willst Du also tun?«
    »Vor allem werde ich mich mit jenen Männern in Verbindung setzen, die an der
Spitze der Schiedsgerichtsbewegung stehen, mit dem Engländer dessen Brief Du in
Dein Buch eingetragen -«
    »Hodgson Pratt?«
    »Ja. Dann in Paris mit Fréderic Passy, Jules Simon ... In Russland ... da
werde ich an Tolstoi schreiben ... Wer Krieg und Frieden verfasst hat, der ist
mit ganzer Seele ein Feind der Gewalt.«
    »Und mit wem wirst Du bei uns ...?«
    »Da will ich selber die Fahne aufpflanzen - die weisse Fahne. Hole wieder
Deine roten Hefte hervor - ich will Dir, so gut ich kann, neues einzutragen
geben.«
 
                                       X
Im Frühjahr 1892. Hugo Bresser war seit seiner plötzlichen Abreise in seine
Heimat nicht zurückgekehrt. Einige Tage vor Sylvias Hochzeit war er nach Berlin
gereist und dort hatte er sich ganz niedergelassen. In dem Brief, den er damals
an Sylvia geschrieben und den sie an ihrem Hochzeitsmorgen verbrannte, war in
glühenden Worten, in Versen und in Prosa seine ganze Leidenschaft niedergelegt
gewesen. Wie er sie jahrelang hoffnungslos geliebt, wie erst in den letzten
Tagen - trotz ihrer Verlobung - in jener Gewitterstunde eine Hoffnung in ihm
erwacht war ... Sie musste die Verlobung rückgängig machen, hatte er, der
Wahnwitzige, vermeint ... es war Täuschung. Und so gehe er in freiwillige
Verbannung - es sei ihm unmöglich, in dem Lande zu bleiben, wo sie an der Seite
eines anderen lebte. Möge sie glücklich werden - ebenso glücklich, als er tief
unglücklich ist. Nicht so unglücklich, dass er sterben müsse - nein, er wolle
leben und streben in heissem Ehrgeiz, um einst den Beweis zu erbringen, dass es
kein Unwürdiger war, dessen Liebe sich bis zu ihr erhoben hatte und der ein paar
Stunden lang von dem Wahn beseligt gewesen, ihr Herz zu besitzen.
    Jetzt nach zweieinhalb Jahren, hielt Sylvia wieder einen Brief Bressers in
der Hand. Es waren nur wenige Zeilen, worin er anfragte, ob es ihm gestattet
sei, während seines bevorstehenden kurzen Aufentaltes in Wien der Frau Gräfin
seine Aufwartung zu machen.
    Sylvia sass mit ihrem Manne beim Frühstück, als dieser Brief ankam. Das junge
Paar bewohnte den ersten Stock eines Ringstrassenpalais. Auf Delnitzkys Wunsch
war man schon seit Oktober vom Lande nach Wien übersiedelt. Es war in ihm eine
grosse Leidenschaft für die Oper erwacht. Zwei oder dreimal in der Woche nahm er
seinen ständigen Sitz in der zweiten Parkettreihe ein.
    Viele Leute bemerkten, dass Graf Delnitzky gerade an jenen Tagen unfehlbar in
der Oper erschien, an welchen eine gewisse, wegen ihrer Schönheit und ihres
Talentes vielgefeierte Primadonna beschäftigt war.
    Sylvia bemerkte das nicht - oder beachtete es nicht. In dieser kurzen Frist
von zweieinhalb Jahren war ihre Liebe zu Delnitzky vollständig erloschen. Den
ersten Schaden hatte diese Liebe schon auf der Hochzeitsreise erlitten, durch
die jedes Hauches von Poesie, jedes Zartsinns entbehrende Art, in der der junge
Ehemann seine Gattenrechte zur Geltung brachte. Er war leidenschaftlich in ihre
Schönheit verliebt; aber diese Leidenschaft äusserte sich durch eine an
Brutalität grenzende Heftigkeit. Das Feuer, das - durch mädchenhafte Scheu und
keuschen Stolz gedämpft - in Sylvias jungen Sinnen geglüht, war durch solch
rauhe Art vollends erstickt. Nicht die Schauer der Wonne hatte er zu wecken
gewusst, sondern eher den Schauer des Ekels eingeflösst; und ihr abwehrendes, im
günstigsten Falle duldendes Verhalten unter den Ausbrüchen seiner erotischen
Gewalttätigkeiten weckte in ihm das zornige Urteil: »O, das zimperliche, kalte,
temperamentlose Geschöpf!«
    Nachdem der Gatte den physischen Zauber verscheucht hatte, in dessen Bann
sich Sylvia zum Bräutigam hingezogen gefühlt, schwand auch bald alle seelische
Liebesempfindung; denn, ernüchtert, gewahrte sie nun in voller Deutlichkeit die
Mängel seines Wesens; was ihr früher nur für kurze Augenblicke an die Nerven
gegangen, das wurde ihr allmählich beständig widerwärtig. Und da sie diese
Empfindungen nicht zu verbergen wusste, da sie Freundlichkeit nicht heucheln
konnte, wenn sie sich geärgert und abgestossen fühlte, so erweckte ihr Benehmen
bei Delnitzky das weitere zornige Urteil: »O, das launenhafte, mürrische,
zuwid're Ding!«
    Zu einer Aussprache der stillen Beschwerden, zu gegenseitigen Vorwürfen kam
es nicht: Es stellte sich nur eine wachsende Gleichgültigkeit ein. Der Verkehr
wurde immer matter und kühler; die Gespräche immer kürzer und sachlicher - ein
paar Zärtlichkeitsausdrücke und Kosenamen, die noch aus der Brautzeit stammten,
wurden immer seltener angewendet, bis sie ganz ausstarben, und jeder Tag, statt
die beiden immer näher und immer näher zu bringen - wie dies in Tillings und
Martas liebesgebenedeiter Ehe gewesen - jeder Tag brachte ein grösseres Stück
der Entfernung, der Entfremdung zwischen sie.
    Im ersten Jahr war ihnen ein Kind geboren worden. Aber auch die
Mutterfreuden blieben der jungen Frau versagt. Unter furchtbaren Schmerzen und
Lebensgefahr hatte sie das Kind zur Welt gebracht und vier Monate später musste
sie es in qualvollen Konvulsionen sterben sehen.
    Sie wünschte sich kein zweites. Einsam fühlte sie sich nicht. Ihr Herz war
mit der Liebe zur Mutter und zu Rudolf gerade so ausgefüllt wie zu ihrer
Mädchenzeit - eher noch mehr. Ihre Anteilnahme an den Bestrebungen und Ideen des
Bruders war noch gewachsen, auch der Mutter hatte sie sich inniger angeschlossen
als je. Aus ihren ehelichen Enttäuschungen machte sie dieser ihrer besten
Freundin gegenüber kein Geheimnis, aber sie teilte sich mit, ohne dabei in
Klagen auszubrechen. Glücklich war sie freilich nicht - aber auch nicht
unglücklich. Das grosse Los hatte sie nicht gezogen in der Heiratslotterie - aber
die Niete machte sie nicht zur Bettlerin. Die Selbstvorwürfe, mit welchen Marta
sich quälte, suchte sie zu verscheuchen; sie lud alle Schuld auf sich, auf ihre
eigensinnige Verblendung - nichts, nicht einmal die mütterliche Autorität, hatte
sie von ihrem, durch närrische Verliebteit befestigten Entschluss abbringen
können - und dafür war sie jetzt gestraft. Aber was weiter? Gibt es nicht
Tausende von Frauen, die früher oder später mit ihren Männern auch in solches
Stadium gegenseitiger Gleichgültigkeit geraten? Und unzählige Mädchen, die gar
nicht heiraten und dabei doch Genuss am Leben finden? Übrigens - so
philosophierte sie weiter - ist denn auch Genuss und ungetrübtes Glück etwas,
worauf jeder berechtigten Anspruch erheben dürfe? Warum sollte gerade ihr ein
Paradies erschlossen werden, wo so viele auf Erden ein Fegefeuer, gar manche
sogar eine Hölle finden? Man muss sich bescheiden mit dem, was man hat; und
wahrlich, sie hatte gar viel: eine herrliche Mutter, einen teuren Bruder,
geistige Mitwirkung an den Lebensaufgaben dieser beiden - dazu Gesundheit,
Reichtum, Rang. - »Nein, nein, Mutter, bedauere mich nicht!« So wusste sie Marta
stets zu trösten, wenn diese über die zu rasche Einwilligung in die Heirat ihrer
Tochter in Selbstanklagen ausbrach.
Als Sylvia die Schriftzüge auf der Adresse des Berliner Briefes erkannte,
erblasste sie.
»Von wem denn?« fragte Anton über seine Zeitung hinüber. Er las den Sportbericht
im »Neuen Wiener Tagblatt«.
    »Von Hugo Bresser ... er will auf kurze Zeit hierherkommen ... Das wird
seinen Vater freuen -«
    »Du, sag' mir: ist euer Hausfreund, der alte Bresser, nicht etwa ein
getaufter Jud'?«
    »Mag sein - ich weiss nicht.«
    »Also vielleicht gar ungetauft?«
    »Das sicher nicht - aber warum fragst Du? Was wäre denn weiter?«
    »O, ich mag die Juden nicht - es wird auch von Tag zu Tag mehr mal porté mit
Juden zu verkehren.«
    »Das auch noch!« seufzte Sylvia im Innern. Es war ihr nichts widerwärtiger,
als der in der Gesellschaft und in der Wiener Kleinbürgerschaft überhandnehmende
Antisemitismus. Laut sagte sie nur:
    »Pater Protus denkt da viel weiterziger.«
    »Ach, der! Der ist auch so ein Liberaler ... Na ja, ich bin ja auch kein
bigotter Duckmäuser ... aber wenn ich schon Priester wäre, so würde ich auch zu
den klerikalen Ansichten halten und mich nach meinen Vorgesetzten richten. Im
übrigen ist mir das alles egal ... Wird der junge Bresser jetzt im Lande bleiben
und sich redlich nähren?«
    »Ich sagte Dir - er kommt nur auf kurze Zeit« - sie schob den Brief hinüber:
»Lies selber.«
    Anton machte eine abwehrende Bewegung. »Es interessiert mich nicht ... der
ganze Mensch interessiert mich nicht mit seinem sogenannten schriftstellerischen
Beruf, von dem sein Vater immer so langes und breites erzählt.«
    In der Tat: im Hause Tilling war man über die Schicksale des jungen Bresser
durch die Mitteilungen des Doktors stets auf dem Laufenden geblieben. Man hatte
erfahren, dass sich Hugo in Berlin in die Schriftstellerkreise eingeführt hatte,
dass er rastlos produzierte und sowohl mit einem Roman, der in einer angesehenen
Rundschau erschienen war, als mit einem Drama, das eben die Runde über sämtliche
deutsche Bühnen machte, grosse Erfolge errungen hatte.
    »Übrigens, wenn er kommt,« sagte Delnitzky aufstehend, »lad' ihn zum Essen
ein ... Ich geh' jetzt ...«
    Sylvia fragte nicht »wohin« - sie nickte einfach »Adieu!«
    Allein geblieben, las sie noch ein paarmal die wenigen Zeilen durch. Die
Physiognomie der Schrift war es, was sie daran fesselte - denn sie brachte ihr
deutlich jenen verbrannten Brief und die - nicht unangenehme - Sensation ins
Gedächtnis, welche ihr damals der Brief verursacht hatte. Eigentlich war es eine
Kühnheit von dem Bresser, sich jetzt bei ihr anzumelden, als wäre nichts
geschehen ... Sollte sie ihn empfangen? ... ... Warum nicht? Die Schwärmerei von
damals war ja sicherlich vergessen. Sie hatte selbst erfahren, wie die Zeit -
eigentlich kurze Zeit - gar tiefe Wandlungen in verliebte Gefühle bringen kann.
Und nun gar bei einem jungen Mann - einem gefeierten Autor ... der hatte in
Berlin sicher mehr als ein Liebesverhältnis angeknüpft und dachte garnicht mehr
an jene wesenlose Episode ... Empfinge sie ihn nicht - den Sohn des alten
Hausfreundes - so wäre das auffallend. Und er selber könnte sich's auslegen, als
fürchte sie sich vor ihm - und wahrlich, das lag ihr fern.
    So ging sie an ihren Schreibtisch und antwortete: Es werde sie und ihren
Mann sehr freuen, Herrn Bresser wiederzusehen und von seinen Erfolgen berichten
zu hören. Er möge, damit man gemütlicher plaudern könne, zur Speisestunde, sechs
Uhr, kommen, und zwar am nächsten Donnerstag, da erwarte sie auch ihren Bruder,
der sich gewiss ebenso freuen würde, ihn zu treffen.
    Und am nächsten Donnerstag, zehn Minuten vor der angegebenen Stunde, fand
sich Hugo Bresser in der Delnitzkyschen Wohnung ein. Das Herz klopfte ihm, als
er das Vorzimmer betrat. Ein Diener nahm ihm den Überrock ab. Vor dem Spiegel
zupfte er die weisse Krawatte zurecht und überzeugte sich, dass die Gardeniablüte
im Knopfloch seines Fracks gut befestigt war.
    Der Diener ging voran und führte den Gast durch zwei grosse, nur schwach
erleuchtete Salons in einen dritten, kleinen, wo die Hausfrau sass - allein.
    Sylvia, in einfacher, heller Seidengaze-Toilette, kam Hugo ein paar Schritte
entgegen und reichte ihm die Hand, die er ehrerbietig küsste.
    »Herzlich willkommen, Herr Bresser! Wie Sie sich aber verändert haben! -
Vorteilhaft verändert,« fügte sie lächelnd hinzu.
    Sie sagte die Wahrheit. Hugo, der jetzt einen spitzgestutzten Bart und in
der Mitte gescheiteltes Haar trug, hatte ein verändertes und vorteilhafteres
Aussehen. - Auch in seinem Gesichtsausdruck, in der eleganten Sicherheit seines
Auftretens war etwas Neues, etwas, das er den Erfolgen zu danken hatte, durch
die er zu einem gefeierten Liebling der Berliner Gesellschaft geworden war und
durch die er an Selbstbewusstsein gewonnen hatte.
    Sylvias äussere Erscheinung war unverändert. Auf den ersten Blick und nach
den ersten getauschten Worten fand Hugo jenes gewisse Etwas in ihren Zügen
wieder, das er daran geliebt hatte - ein eigener Zauber, der, wenn sie sprach
und lächelte, um ihre, die kleinen perlenweissen Zähne aufdeckenden Lippen
huschte.
    Die innere Bewegung dieses Wiedersehens verdeckten beide durch ein beinahe
überhastetes Fragen und Antworten über die banalsten Gegenstände: »Wann sind Sie
angekommen? - Wie lange bleiben Sie? - Wie gefällt es Ihnen in Berlin?« Und
seinerseits: »Wie geht es dem Grafen Delnitzky, wie der verehrten Baronin
Tilling? - Hatte die Frau Gräfin einen angenehmen Aufentalt an der Riviera
gehabt und hat sie wieder eine Reise vor?« Dann lenkte Sylvia das Gespräch auf
Hugos literarische Erfolge, und dadurch ward es auf ein weniger flaches Gebiet
gebracht und auf einen persönlichen Ton gestimmt.
    »Sie sind nun ein anerkannter - man darf schon sagen ein berühmter Dichter
geworden, Herr Bresser! Das muss doch ein stolzes, angenehmes Gefühl sein?«
    »Das Angenehmste beim Dichten liegt nicht in der Anerkennung, sondern in der
Arbeit. Das Schaffen ist eine Befreiung ... eine Besitzergreifung von erträumten
Schätzen. Alles, was einem das Leben und die Welt auch bringen mag an
Enttäuschung, an Schmerz, an Zorn - das braucht einen nicht im Innern zu
erdrücken und zu ersticken ... das packt man, gibt ihm eine Form und umkleidet
es mit seiner ganzen ausgedrückten Leidenschaft - da steht es denn da, zuckend,
lodernd, weinend - aber man ist es los. Und auch die Freuden, die Seligkeiten,
die stolzen Siege, die einem das Leben nicht bietet - auch die reisst man aus dem
Reich der Phantasie herunter und stellt sie vor sich hin, in den Prunk der
Sprache gekleidet - und sie gehören einem - man ist ja ihr Schöpfer.«
    »Wie begeistert Sie von der Dichtkunst sprechen!«
    »Ich nehme meinen Beruf ernst, Gräfin, ich gehe in ihm auf. Seit jeher, Sie
wissen es ja, habe ich darauf gerechnet, mit der Feder zu wirken. Die
Journalistik war das Feld, auf dem ich kämpfen wollte -«
    »Ja, ich erinnere mich - jene Zeitung, in der auch Rudolf eine Stütze seiner
parlamentarischen Aktion finden sollte -«
    »Die ist ins Wasser gefallen -«
    »Wie Rudolfs parlamentarische Laufbahn,« schaltete Sylvia ein.
    »Ich weiss ... für mich war's gut. Vielleicht auch für ihn? ... Ich wurde in
ein anderes Gebiet der schriftstellerischen Arbeit gedrängt und habe darin die
unerwartetsten Erfolge erzielt.«
    »Gesegnet sei also jenes gescheiterte Journal!«
    »Nicht dieses Scheitern allein hat mich von der Journalistik zur Dichtkunst
gebracht. Es war ein Erlebnis, das meine Seele aufgewühlt hatte - ein Sturm von
Gefühlen, den ich nicht in Leitartikeln und Feuilletons hätte austoben lassen
können.«
    »Sondern in Romanen und Dramen? Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich
Ihre Werke noch nicht kenne - haben Sie denn dazu Ihre eigenen Erlebnisse als
Stoff verwertet?«
    »Nein. Nur die tobenden Gedanken und Gefühle die durch meine Erlebnisse
erweckt wurden, habe ich in meine Versuche gelegt. Ich sage Versuche, wo Sie
Werke sagen, Gräfin - denn obwohl ich ja als Anfänger Glück gehabt, so weiss ich
doch am besten, dass mein bisher Geleistetes nur schwache Versuche sind ... Mein
Werk, mein Kunstwerk - das werde ich erst schreiben. Nennen Sie das nicht
unbescheiden, nicht Vermessenheit. Ich glaube, es kann gar keinen
rechtschaffenen Künstler geben, der nicht in sich ein ganzes Chaos von
brodelnden Stoffen und Kräften fühlte, das darnach strebt, eine Welt zu werden
-«
    »Bitt' um Verzeihung ... hab' ich mich verspätet?« Es war Delnitzky, der
hereingetreten. »Grüss Sie Gott, Bresser - na, ich gratuliere - Sie sind ja ein
Tausendsassa geworden ... das muss hübsche Tantiemen absetzen, Ihr Teaterstück,
was? Du,« wandte er sich zu seiner Frau, »ich soll Dir sagen: der Rudi kann heut
nicht kommen - die Beatrix ist krank.«
    »Ach, die Arme, schon wieder? Und meine Cousine hat auch abgesagt, so werden
wir allein essen -«
    »Das wird ja recht gemütlich so,« sagte Delnitzky, »nur lass schnell
anrichten - ich geh' heut' in die Oper und von Carmen hör' ich gern den ersten
Akt.«
    Während des kleinen Diners beschränkte sich die Unterhaltung auf
Reminiszenzen aus der Zeit, welche Hugos Abreise und Sylvias Heirat
vorangegangen war. Man sprach von den Tennis-Partien in Brunnhof, von Pater
Protus, von der Taufe des kleinen Fritz und ähnlichen Dingen. Von sich und
seinen Arbeiten erzählte Hugo nichts, er wich sogar einigen darauf bezüglichen
Fragen Delnitzkys aus. Wohl mochte er fühlen, dass er von dieser Seite kein
Verständnis für sein Streben fände.
    Als man von Tische aufstand, sah Delnitzky auf die Uhr: »Gleich sieben - ich
bitte um Verzeihung - auf den Kaffee will ich verzichten, sonst komm ich
wirklich zu spät ... Ich lasse die Herrschaften ja beide in guter Gesellschaft
... Jugendfreunde ... Also, ich empfehl' mich ... hat mich sehr gefreut ... Sie
bleiben doch noch eine Zeit in Wien? ... Schön - also auf Wiedersehen. Adieu.«
Und fort war er.
    Sylvia ging mit Hugo in den Salon zurück.
    »Störe ich nicht, Gräfin? Sie wollten vielleicht auch ins Teater -«
    »Nein, nein, ich bleibe zu Hause - ich muss sogar - meine Freunde wissen, dass
ich an Donnerstagabenden zu treffen bin.«
    Sie schenkte den schwarzen Kaffee ein und reichte ihm eine Schale. Zugleich
deutete sie auf einen mit Zigaretten gefüllten Becher. »Wenn Sie rauchen wollen
- es ist erlaubt.«
    Das Tete-a-tete hatte etwas Schwüles, Beengendes für sie. Sie fürchtete,
Hugo könnte von seinem Briefe sprechen, den sie an ihrem Hochzeitstag verbrannt.
Sie empfand etwas von Beschämung, denn der junge Mann musste durchschaut haben,
dass ihr eheliches Verhältnis nicht war, was es sein sollte.
    In Bresser loderte die alte Leidenschaft wieder hell auf. In den Schatten
gestellt war das Bild einer jungen Berliner Schauspielerin, die seine Geliebte
war; es war ihm, als hätte er nie an eine andere gedacht - als wäre Sylvia
wieder das einzige Weib, das die Welt für ihn entielt.
    Aber er wagte es nicht, sich zu verraten. Er versuchte, die Unterhaltung in
demselben banalen Ton fortzusetzen, wie sie bei Tisch geführt worden war. Sylvia
ging darauf ein, doch es verletzte sie, dass Bresser nicht, wie er es vor
Delnitzkys Ankunft getan, sein Gespräch jetzt wieder auf einen höheren Ton
stimmte. Sollte er glauben, dass sie nicht auf seinem geistigen Niveau sei, dass
sie sich nur behaglich fühle in den schalen Alltäglichkeiten, welche den Stoff
zu Delnitzkys Unterhaltung abgegeben hatten? So sollte ein Dichter - und ein
Mann, der sie einst geliebt hatte, nicht von ihr denken. Und als er wieder
irgend eine nichtssagende Bemerkung vorbrachte - ein Vergleich zwischen den
Bauten von Wien und Berlin, zwischen den Kältegraden von dort und hier - da
machte sie eine ungeduldige Bewegung und sagte:
    »Ach, das interessiert mich nicht ... reden Sie doch nicht so mit mir ...
Wie sagte doch Toni? Wir seien ein paar Jugendfreunde ... Freunde haben sich
doch Besseres mitzuteilen als architektonische und meteorologische
Beobachtungen.«
    »Wir waren aber nicht Jugendfreunde, Frau Gräfin. Zwischen uns beiden gähnte
ein gesellschaftlicher Abgrund - ich blickte zu Ihnen auf wie zu einem Stern ...
Nur einmal - ein paar Stunden, ein paar Tage vergass ich diese Entfernung - aber
davon soll und darf ich doch nicht reden?«
    »Nein, davon nicht.«
    Sie schwiegen eine Weile - eigentlich hatten sie beide doch davon geredet.
    »Lassen Sie uns auf Ihre literarische Laufbahn zurückkommen - das fesselt
mich wirklich lebhaft. Ich sehe, dass Sie eine Lebensaufgabe haben, dass Sie
grossen Zeiten zustreben ... wie mein Bruder. Wie schade, dass er nicht gekommen
ist; Sie hätten miteinander vielleicht wieder jenen Streit aufgenommen - über
den Vorrang des Gedankens oder der Tat ...«
    »Wie! Sie erinnern sich noch? Wie Sie sehen, bin ich meiner Ansicht treu
geblieben - ich habe mich einzig in den Dienst des Gedankens gestellt. Und da
nicht einmal des grübelnden, oder auf irgend welche praktische Ziele
gerichteten, sondern des frei über allen Wolken schwebenden Gedankens. Rudolf
hat wohl noch immer politische und weltverbessernde Pläne? Ach, ich fürchte,
verbessern lässt sich nicht viel an unserem kleinen Stückchen Umwelt ... Ich
wenigstens könnte es nicht - höchstens ein klein wenig verschönern, sei es durch
ein bisschen Kunst, oder ein bisschen - Liebe.«
    Das Wort Liebe, in der Betonung, in der Hugo es gesprochen, verursachte der
jungen Frau eine Sekunde der Beklemmung. Sie wusste selbst nicht, was diese
Beklemmung eigentlich war ... Sehnsucht? Eifersucht? Sie holte einen tiefen
Atemzug:
    »Was schreiben Sie jetzt?« fragte sie.
    Er hatte nicht Zeit zu antworten. Der Bediente meldete Besuch. Bald war der
Salon mit einem Dutzend Leute gefüllt und Bresser empfahl sich von der Hausfrau.
    »Wann sieht man Sie wieder?« fragte sie, ihm die Hand zum Kusse reichend.
    »Sobald Sie befehlen.«
 
                                       XI
Rudolf Dotzky war bei den Reichsratswahlen durchgefallen. Er hatte es
verschmäht, sich vom Grossgrundbesitz aufstellen zu lassen, weil er sich da einer
der bestehenden Parteien hätte anschliessen müssen, und hatte sich um ein Mandat
in Wien beworben. In den Wahlversammlungen hatte er sein Programm mit beredten
Worten entwickelt und viel Beifall gefunden - die Stimmenmehrheit fand er aber
nicht.
    Sein Gegenkandidat hatte ein so bewährtes altes Programm entworfen, mit
allen üblichen Versprechungen gespickt, dass ihm die Stimmen nur so zuflogen.
Alles geht ja - das ist naturgesetzmässig - auf der Bahn des geringsten
Widerstandes - also auf der gewohnheitsgeglätteten Bahn. Die neuen, noch nie
gehörten Ideen, die Rudolf vorgebracht hatte, blieben teils unverstanden, teils
flössten sie Bangen ein.
    Namentlich von seinen Standesgenossen musste er Vorwürfe hören. Die älteren
Herren gaben ihm wohlmeinende Belehrungen. Sie waren ja erfahrene Politiker -
»Realpolitiker«; sie wussten also genau Bescheid und versuchten eindringlich, ihn
von seinen unpraktischen Anschauungen abzubringen. An und für sich mag ja dies
und jenes richtig sein - gaben sie zu - einiges sogar unanfechtbar, dennoch
dürfe man es nicht vorbringen, weil es an gewissen Stellen verstimmen könnte -
und vor allem gälte es, die eigene Partei regierungsfähig zu machen - nur dann
sei überhaupt etwas zuerreichen. Daher ist Unterwerfung unter das
Parteiinteresse das wichtigste politische Prinzip: nachgeben auf gewissen
Gebieten, damit auf der anderen Seite auch nachgegeben werde -
    »Kurz,« unterbrach Rudolf solche Weisheitslehren, »der Kultus des heiligen
Kompromiss - nein, ich danke.«
    Dem meisten Widerstand begegnete Rudolf von einer Seite, von der er ihn am
wenigsten erwartet hätte - bei seiner Frau und deren Mutter. Kein direkter
Widerstand gegen seine Prinzipien, denn von diesen verstanden sie nichts und er
hatte sie ihnen auch nicht mitgeteilt, sondern indirekt durch das Hervorkehren
ihrer Auffassung des ganzen parlamentarischen Berufs, in welchem sie nichts
sahen, als den Hebel zur Erlangung eigener Vorteile. Als die eigentliche
Aufgabe, als die unabweisbare Pflicht eines Abgeordneten betrachteten sie das
Bestreben, durch die politische Tätigkeit Karriere zu machen. Also natürlich
alles tun und reden, was den jeweiligen Ministern und noch mehr was
allerhöchsten Orts gefallen muss. »Darum, nicht wahr, Rudi, nur immer eintreten
für Tron, Altar und Armee ... unser Hof ist ja sehr fromm ... Und -
friedliebend ist der Kaiser ja auch - aber er liebt seine Armee und tut so viel
für sie ... was Friedrich Tilling wollte, ist ja recht schön; aber nur darf man
das Militär nicht angreifen ... je stärker das Heer ist und je besser gerüstet,
desto weniger werden die anderen sich trauen, Krieg anzufangen ... was würde
auch aus allen Söhnen des Adels werden, wenn man weniger Offiziere brauchte? ...
Und dann: es ist gar nicht anständig, nicht patriotisch, wenn man gegen den
Militarismus loszieht - das tun ja die sogenannten Roten, die alle Ordnung
untergraben wollen ...«
    Rudolf wehrte derlei Einmengungen zwar ungeduldig ab, aber in einer Form
oder der anderen schwirrten sie immer wieder um seine Ohren. Es war ihm daher
beinahe wie eine Erleichterung, als er nicht gewählt wurde; denn zu dem Kampf,
der im Reichsrat aufzunehmen war, hätte sich noch der Kampf mit den Seinen
gesellt. Er wäre zwar nicht zurückgeschreckt vor diesem Kampf, und war
entschlossen, bei nächster Gelegenheit wieder auf den Plan zu treten.
    Den vor längerer Zeit seiner Mutter mitgeteilten Plan, mit den Führern der
Friedenssache in brieflichen und persönlichen Verkehr zu treten, hatte er
ausgeführt. Er schrieb an Hodgson Pratt und Randal Cremer nach London, an
Frèdéric Passy und Simon nach Paris, an Franz Wirt nach Frankfurt a. M., an
Virchow nach Berlin, an Professor Graf Kamarowsky nach Moskau, an Teodoro Moneta
nach Mailand, an Ruggiero Bonghi und Beniamino Pandolfi nach Rom, an Frederic
Bajer nach Kopenhagen, an General Türr nach Budapest; von diesen erfuhr er
genau, wie die »Bewegung« für Frieden und Schiedsgerichte in den verschiedenen
europäischen Ländern stand und in das bekannte Protokoll gab es wieder viel
einzutragen. Hätte Rudolf dem Parlamente angehört, so würde er versucht haben,
sich an die Spitze einer österreichischen Gruppe der Interparlamentarischen
Union zu stellen. Eine solche entstand anlässlich der im November 1891 in Rom
tagenden interparlamentarischen Konferenz, und zur Anregung dieser Bildung hatte
er redlich beigetragen.
    Im übrigen war und blieb er ein Feind des Vereinswesens. Marta hatte ihm
nahegelegt, dass für ihn die beste Art, Tillings Ideen zu verwirklichen, darin
bestände, die internationale Bewegung, mit deren Trägern er ja so eifrig
korrespondierte, nach Österreich zu verpflanzen, indem er auch in Wien einen
Verein ins Leben riefe, dessen Mitglieder dann an den alljährlichen Kongressen
teilnehmen würden. Aber dazu konnte er sich nicht entschliessen. Er war nicht,
was so viele Menschen nach mehrjähriger Erfahrung werden - vereins müde denn er
hatte darin keine Erfahrungen, - sondern er war vereins scheu. Konkrete Dinge,
wie beim Roten Kreuz, Rettungsgesellschaft, Tierschutz und dergleichen - die
konnten wohl durch Organisation erspriesslich betrieben werden; abstrakte Ideen,
sittliche Ideale, philosophische Wahrheiten: nein, diesen half es nichts, sie in
ein Bureau mit Funktionären und Sitzungen mit Protokollen, oder in Kongresse mit
Resolutionen zu zwingen; die mussten, um die öffentlichen Institutionen
umzuwandeln, ihren Weg ins Haus, in die Schule, in die Köpfe der geistigen
Führer und der Staatslenker finden. »Eine Weltanschauung,« pflegte er zu sagen,
»lässt sich nicht organisieren; zur Heranziehung einer Gemeinde gehören nicht
Vorsitzende, Schriftführer und Kassenwarte, sondern Apostel.«
    »Und willst Du nicht Apostel werden?« hatte ihn Marta gefragt.
    »Wollen - hängt das vom Wollen ab?« fragte er zurück. »Ebensogut könnte man
sich vornehmen, ein Genie zu werden. Wie hoch die Kraft sein wird, die man in
den Dienst einer Sache stellt, das kann man nicht bestimmen, nur das eine kann
man sich vornehmen: treu zu dienen - mit der ganzen Kraft, die man überhaupt
hat.«
    Da ihm die Tribüne des Abgeordnetenhauses verschlossen geblieben, blickte
Rudolf nach einer andern Stelle aus, von wo er die Fülle seiner Gedanken und
Pläne verkünden konnte, das Nächstliegende war: Zeitungsartikel zu schreiben. Er
versuchte es. Die Anschauungen und Grundsätze, die vor seinen Wählern keine
Gnade gefunden, die brachte er nun in Form von Essays zu Papier. Doch fand er
damit ebensowenig Gnade bei den grossen politischen Blättern. Da herrschte ja die
gleiche Parteienge, die er in den lebendigen politischen Kreisen gefunden, ins
Papierne übertragen. Was ausserhalb der gewohnten Schlagworte, der gewohnten
Phrasengeleise lag, das wollten die Blätter nicht aufnehmen. Indessen das
»Aktuelle« ist immer zeitungsspaltenfähig und so geschah es, als im Herbst 1891
die Telegraphenagenturen meldeten, in Rom werde unter Beteiligung offizieller
Kreise ein Friedenskongress und eine interparlamentarische Konferenz abgehalten -
so geschah es, dass man in den Redaktionen doch auf jene Frage hinhorchte, und
ein grosses Wiener Blatt veröffentlichte einen von Rudolf Dotzky eingesandten
Aufsatz, in welchem er ungefähr folgendes ausführte:
    »Millionenheere, in zwei Lager geteilt, waffenklirrend, stehen bereit, nur
    eines Winkes gewärtig - aufeinander loszustürzen. In der gegenseitig
    zitternden Angst vor der unermesslichen Furchtbarkeit des drohenden Ausbruchs
    liegt einigermassen Gewähr für dessen Verzögerung.
    Hinausschieben ist jedoch nicht Aufheben.
    Die sogegannten Segnungen des Friedens (als wäre der bewaffnete Friede nicht
    selber ein Fluch) die werden uns immer nur von Jahr zu Jahr garantiert,
    immer nur als hoffentlich noch einige Zeit anhaltend hingestellt. Von der
    Abschaffung des Krieges, von gänzlicher Aufhebung des internationalen
    Gewaltprinzips, durch Einsetzung zwischenstaatlicher Justiz, davon wollen
    die zur Aufrechterhaltung des Friedens waffenbrüderlich verbundenen Gewalten
    nichts wissen. Der Krieg ist ihnen heilig, unausrottbar, und man darf ihn
    nicht wegdenken wollen; er ist ihnen auch - angesichts der Dimensionen, die
    er unter den gegenwärtigen Bedingungen annehmen müsste - furchtbar, vor dem
    eigenen Gewissen unverantwortlich, also darf man ihn nicht anfangen.
    Was ist das aber für ein unnatürliches Ding, das nicht aufhören kann und
    nicht anfangen soll; das nicht weggewünscht und nicht herbeigeführt, nicht
    verneint und nicht bejaht werden darf? Ein ewiges Vorbereiten auf das, was
    durch die Vorbereitung vermieden werden soll - ein Vermeiden dessen, was
    durch die Vermeidung vorbereitet wird.
    Dieses Widerspruchsmonstrum erklärt sich so.
    Jenes Gebilde aus historischer Vergangenheit, das man noch aufrecht erhalten
    will, - die gebietverschiebende, machtvergrössernde, nur einen geringen
    Bruchteil der Bevölkerung in Anspruch nehmende frische und fröhliche
    Kriegführung, die ist inzwischen im Entwicklungsgange der Kultur, zur
    moralischen und physischen Unmöglichkeit geworden.
    Moralisch unmöglich, weil die Menschen von ihrer Wildheit und
    Lebensverachtung verloren haben, daher nicht mehr fröhlich an das
    Totschlage-Werk gehen können, die Blutarbeit ist mir verhasst schreibt
    Friedrich III. in seinem Tagebuch; - physisch unmöglich, weil die während
    der letzten zwanzig Jahre angewachsene Zerstörungstechnik einen Grad
    erreicht hat, der den nächsten Feldzug zwischen den grossen Militärstaaten zu
    etwas gestalten würde, das etwas ganz neues, anderes wäre, etwas, das sich
    mit dem Wesen und den Zwecken des landläufigen Begriffes Krieg nicht mehr
    decken würde.
    Ein Beispiel: wollte man durch lange Stunden ein Bad vorbereiten, das Wasser
    heizen, heizen, bis es siedet und überwallt - wäre dann dasjenige, was einen
    träfe, der endlich doch in die Wanne stiege - oder vielmehr hineinfiele -
    noch ein Bad zu nennen?
    Noch ein paar Jahre solchen aufrechterhaltenden Friedens, solcher
    Heeresmehrungen, solcher Mordmaschinen-Erfindungen - elektrische
    Sprengminen, ekrasitgeladene Lufttorpedos - und kurz nach der
    Kriegserklärung sind sämtliche Kriegführende - - verbrüht.
    Jeden Augenblick kann die Explosion kommen. Diejenigen, welche die Lunte in
    Händen haben, geben zum Glück acht. Sie wissen, dass, bei solchem
    Pulvervorrat, die Folgen schrecklich wären, wenn sie unvorsichtiger- oder
    gar freventlicherweise den Funken hineinwürfen. Um also diese wohltätige
    Vorsicht zu steigern, wird der Pulvervorrat immer vergrössert. Wäre es nicht
    einfacher, freiwillig und übereinkommend die Lunte wegzutun, mit anderen
    Worten: abzurüsten? Den internationalen Rechtszustand einzusetzen, die
    getrennten Gruppen - die einander stets zuschwören, dass sie, wenn von der
    andern Gruppe angegriffen, Schulter an Schulter kämpfen wollen - zu einer
    Gruppe zu verschmelzen, den Bund der zivilisierten Staaten Europas zu
    gründen?«
Diese zwei Postulate: Einsetzung internationaler Friedensjustiz und europäischer
Staatenbund - die bildeten in Rudolfs Sinn das ganze, klare, einfache Ziel des
von Friedrich Tilling aufgestellten Ideals. Das dritte Postulat - die Abrüstung
- müsste sich als die mechanische Folge der beiden anderen einstellen. So wie das
Rüsten die Geste der Kriegswollenden und Kriegsfürchtenden ist, die einander
feindlich und misstrauisch gegenüber stehen, so wäre bei verbündeten Mächten, die
für etwaige Streitfälle ein Schiedstribunal bereit hätten, die natürliche Geste
das Abrüsten.
    Jenen Artikel hatte er unterzeichnet und die Folge war, dass ihm aus den
verschiedenen Schichten der Bevölkerung zahlreiche zustimmende Briefe zuflogen.
Eine zweite Wirkung aber war, dass man ihn in seinem Kreise als »Exaltierten
Menschen« klassierte. Manche seiner Freunde fanden diese Exaltation schädlich
und gefährlich. Einigen flösste es geradezu Abscheu ein, dass ein Aristokrat, ein
Offizierssohn Ideen Ausdruck gab, die so bedenklich an die Deklamationen der
militärfeindlichen »Sozis« anklangen und an der bestehenden Ordnung der Dinge
rüttelten. dabei solch unpraktisches, unausführbares Zeug! - »Utopie« sagten die
Höflichen. Das Wort eignet sich so hübsch zum Wegfegen unbequemer Pläne. Es gibt
zu, dass die Sache ja ganz schön und wünschenswert wäre - etwa wie die
Überwindung des Todes - aber eben einfach unmöglich. Dass alle Errungenschaften
von heute - alle, die technischen und sozialen - Eisenbahnen und Aufhebung der
Sklaverei - meist als Utopie gegolten haben, dass daher dieses Wort die ganze
Kulturgeschichte als eine ununterbrochene Kette beschämter Kleingläubigkeit
durchzieht - dessen erinnern sich die neuen Utopie-Rufer nimmer.
 
                                      XII
Von Rudolfs Standesgenossen war Graf Kolnos der einzige, bei dem er Verständnis
und aufmunternde Sympatie fand. Der alte Herr hatte eine Dichternatur und
Dichter sind immer einigermassen Seher. Ihr Blick holt aus der entrücktesten
Vergangenheit romantische Züge hervor oder reicht furchtlos bis in jene
Zukunftsfernen, die ihr Schönheitsideal erfüllen werden; zur opportunistischen
Anpassung an den Gegenwarts-Alltag haben Dichter kein Geschick. An dem Tage,
nachdem jener Artikel erschienen war, suchte Rudolf seinen Freund Kolnos auf.
    Die Räume, die der kunstsinnige Edelmann in einem Hause am Kolowratring
bewohnte, waren selber ein Poem. Eine Flucht von mehreren Zimmern, hoch und
geräumig wie Säle, waren mit gesammelten Kunstschätzen angefüllt.
Meistergemälde, Statuetten, antike Möbel, kostbare Stoffe, Teppiche und Felle,
Prunkgefässe und Waffen, hunderterlei Dinge aus Porzellan und Edelmetall, aus
Elfenbein und Bronze; Preziosen und Juwelen in Email und funkelnden Steinen;
mittelalterliche Manuskripte mit gemalten Initialen - daneben die noch
unaufgeschnittenen Bücherneuheiten von heute. Das alles aber nicht etwa
museummässig in Vitrinen oder in Reih und Glied aufgestellt, sondern in
zwangloser Verteilung; als Zier und Nutzgebrauch in wohnlichem Heime.
    Graf Kolnos kam seinem Besucher mit ausgestreckter Hand entgegen.
    »Grüss Gott, Rudolf ... Schön, dass Du wieder einmal zu mir kommst!«
    Trotz des grossen Altersunterschiedes sagten sich die beiden Männer »Du«.
    In seiner äusseren Erscheinung gehörte Kolnos demselben Typus an wie Dotzky.
Die gleiche hohe schmiegsame Gestalt, das gleiche edelgeschnittene Profil und
sogar der gleiche, spanisch gestutzte Bart, mit dem Unterschiede, dass der eine
schwarz, der andere schneeweiss war.
    »Gut, dass ich Dich allein finde,« sagte Rudolf, »ich will Dir wieder einmal
mein Herz ausschütten und Dich um Rat fragen.«
    »Ganz zu Diensten, mein Junge. Komm, setzen wir uns ... Hier in meinem
kleinen Arbeitserker - da ist's am gemütlichsten ... Also meinen Rat willst Du,
um ihn wieder nicht zu befolgen? ... Oh protestiere nicht, Du wirst Dich doch
erinnern, dass ich Dir das Kandidieren um das Reichsratsmandat abgeredet hatte -
und wer ging dennoch hin, um das zweifelhafte Privilegium werben, im Chor ja
oder nein sagen zu dürfen, so wie man eben vom Parteischlüssel aufgezogen worden
... Dein guter Genius hat Dich davor gerettet -« -«
    »Verzeih - ich hätte mich nicht als Spieldose aufziehen lassen - mein
eigenes Lied hätte ich vorgebracht. Daraus ist vorläufig nichts geworden. Und so
habe ich ein anderes Mittel versucht, gehört zu werden -«
    »Ja, durch die Zeitung - ich habe Deinen Artikel vom vorigen Sonntag
gelesen. Was Du sagst, ist ja alles wahr, aber -«
    »Wenn etwas wahr ist, dann soll's gesagt werden - dann gilt kein aber -«
    »Das gebe ich zu. Mein aber war nicht gegen Dich gerichtet, sondern gegen
die Mitwelt: die will keine Wahrheit hören, die sie aus ihrer Bequemlichkeit
reisst.«
    »Die immer schwerer werdenden Rüstungslasten, die ewige Unsicherheit, der
allgemeine Dienstzwang, der als Damoklesschwert drohende Weltkrieg - das nennst
Du bequem?«
    »Bequem ist alles Altgewohnte - denn man ist darin eingerichtet, man hat
seine Interessen daran geknüpft ... In unserer auf die Kriegsidee aufgebauten
Ordnung ist der Friedensprediger der schlimmste Störenfried. Aber - schon wieder
sag' ich aber - Du hast recht getan, Dein Artikel freute mich. Und je mehr die
anderen darüber raisonnierten, desto mehr freute er mich. Wenn Du meinen Rat
hören willst: verharre, verharre auf diesem Pfad. Das Verharren ist wohl immer
das schwierigste ... doch ich mute Dir diese Kraft zu.«
    »Danke. Die Standhaftigkeit wird mir allerdings nicht leicht gemacht.
Darüber wollte ich Dir klagen.«
    »Wer oder was entmutigt Dich ... die Zweifler?«
    »Die fremden Zweifel nicht - ein eigener.«
    »Wie - Du glaubst nicht fest an das, was Du sagst?«
    »Doch. Meine Überzeugung ist eben so tief wie klar. Ich zweifle nur an der
Möglichkeit, die Massen aus ihrer Apatie zu wecken. Diese Massen sehe ich vor
mir liegen, wie ein Felsgebirge. In der Hand halte ich eine Lanzette - und damit
sollten nun die Felsen von der Stelle gerückt werden? Und selbst, wenn ich statt
einer Lanzette die Lunte zu einer Mine in Händen hätte - an welcher Stelle des
Felsens sollte man ihn sprengen? Ohne Bild: wo soll man anfangen, um Vorurteile
wegzuwälzen - sie sind ja alle so eng miteinander verwachsen. Und wo soll man
anfangen, um das Unglück der Welt zu verscheuchen? Dieses Unglück heisst ja nicht
nur Krieg - es heisst das Elend, es heisst Geistesnacht, Herzensroheit,
Lasterhaftigkeit - diese drei verteilt in allen Klassen - daher auch vom
Klassenkampf keine Erlösung zu hoffen ist. Ich meine, dass -«
    Rudolf wurde unterbrochen. Der Diener meldete neuen Besuch:
    »Herr Hofrat Doktor Bland.«
    »Ich lasse bitten.«
    Kolnos stand auf, um den Eintretenden - ein behäbiger, sehr ernst blickender
Fünfziger - mit freundlichem Händedruck zu empfangen. Dann stellte er vor:
»Reichsratsabgeordneter Doktor Bland - Graf Dotzky. Die Herren sind ja Kollegen
... das heisst, nicht Kollegen, sondern etwas mehr noch: Gesinnungsgenossen.«
Kolnos erläuterte diese Bezeichnung, indem er darauf hinwies, dass Doktor Bland -
eine der »Säulen« der liberalen Partei - sich der im österreichischen Parlament
neugebildeten »Gruppe für Frieden und Schiedsgericht« angeschlossen habe und als
einer ihrer Delegierten zur bevorstehenden Konferenz nach Rom reisen werde, »und
in Graf Dotzky,« fügte er hinzu, »sehen Sie den Verfasser des
antimilitaristischen Artikels, der -«
    »Ah,« unterbrach der Hofrat, »sind Sie derselbe Graf Dotzky, der bei den
Wahlen -«
    »Durchgefallen ist? Ja, der bin ich, Herr Doktor; habe daher leider keinen
Anspruch auf den Titel Kollege; desto mehr interessiert mich die
Gesinnungsgenossenschaft ... Sie beabsichtigen also, bei der Konferenz den
Militarismus zu bekämpfen?«
    Die drei sassen nun wieder im Erker und Kolnos deutete einladend auf ein
nebenstehendes Rauchtischchen. Bland nahm mit dankender Verbeugung eine
Zigarette und steckte sie an. dabei schaute er durch die Gläser seiner
goldumrandeten Brille mit intensiver Aufmerksamkeit auf Rudolf und seine ohnehin
ernste Miene nahm einen noch strengeren und wichtigeren Ausdruck an.
    »Hm ... also jenen Artikel haben Sie geschrieben? ... ich habe ihn nicht
mehr recht im Gedächtnis ... doch Ihre Fragestellung von vorhin zeigt mir, dass
Sie meine bevorstehende Reise nach Rom etwas irrig auffassen. Gegen den
Militarismus, sagten Sie? ... Nein, das nicht -«
    »Warum in aller Welt wollen Sie dann an der Konferenz teilnehmen?«
    »Mein Gott - wenn ich ganz aufrichtig sein soll, ich hatte schon lange den
Wunsch, Rom zu sehen - meine Frau auch ... die Konferenz wird ja auch ganz
interessant sein ... Und für den Frieden kann man immer eintreten - freilich
unter dem Vorbehalt, dass man an der Wehrhaftigkeit des Vaterlandes festält ...
Natürlich ist ja von ewigem Frieden und derlei Unsinn für einen ernsten
Politiker nicht die Rede -«
    »Was in aller Welt, möchte nun auch ich fragen,« fiel Kolnos ein, »tun Sie
dann auf einer Friedenskonferenz?«
    »O, man kann da sehr nützlich sein - - besonders muss man darauf achten, dass,
wenn etwa gefährliche Fragen, wie die elsass-lotringische oder irredentistische,
aufgeworfen werden, man den etwaigen Ausfällen der politischen Heisssporne
rechtzeitig einen Dämpfer aufsetzt. An dem status quo des Territotal-Besitzes
der Staaten darf nichts geändert werden. Wer für die Erhaltung des Friedens ist
- und das ist ja schliesslich fast jeder vernünftige Mensch im allgemeinen und
unsere Partei im besondern - der muss wachen, dass an dem Besitzstand der Staaten
nicht gerüttelt werde, der muss darauf hinwirken, dass sich die Nationen jeder
Eroberungspolitik entalten und nur darauf sich beschränken, so stark zu sein,
um die Agression der anderen siegreich abwehren zu können. Wäre der Dreibund -«
    »Welche anderen?« unterbrach Kolnos. »Wenn sich die Nationen der
Eroberungspolitik entalten, welcher Angriff ist dann abzuwehren?«
    Aber Bland beachtete den Einwand nicht und beschloss den angefangenen Satz:
    »Wäre der Dreibund nicht so stark, so würden die Franzosen gleich Krieg
anfangen, und gegen kosakische Einfallsgelüste muss man auch sein Pulver trocken
halten.«
    »Und mit diesen Ansichten« - rief Rudolf - »sind Sie Mitglied der
interparlamentarischen Union für Frieden und Abrüstung?«
    »Für Frieden und Schiedsgericht - nicht Abrüstung. Das Wort Abrüstung dürfen
wir gar nicht in den Mund nehmen. Es ist unpatriotisch, unloyal und
unvernünftig.«
    »Erlauben Sie,« mischte sich Kolnos ein, »wenn Schiedsgerichtsverträge
abgeschlossen werden, wozu braucht man dann die übertriebenen Rüstungen? Sind
diese nicht eher unvernünftig und vertragen die sich mit den sogenannten
liberalen Ideen?«
    Bland war um Antwort nicht verlegen.
    »Einmal liegen die Schiedsgerichte noch in weiter Ferne - würden doch auch
nur für Fälle in Anwendung kommen, bei welchen die Ehre und die Lebensinteressen
der Staaten nicht tangiert werden - und was die übertriebenen Rüstungen
betrifft, ja da haben Sie vollkommen recht, meine Herren, die ruinieren die
Nationen - gegen die muss man sich verwahren. Da sind wir Liberalen immer auf
Posten, die bekämpfen wir standhaft. Wir verlangen Rechenschaft für jede
Verwendung und streichen ab so viel als tunlich, um die Finanzkräfte zu schonen.
Und alljährlich bei der Budgetdebatte erhebt einer von uns die Stimme, um das
ungesunde Wachstum des Militarismus zu verdammen. Das Wort Militarismus ist ja
eben - im Gegensatz zu Militär - die Bezeichnung eines Auswuchses, eines
ungebührlichen Übergewichts ... gerade so wie Klerikalismus im Verhältnis zu
Kirche oder Religion. So bekämpft unsere Partei auch den Klerikalismus - nicht
aber die Kirche und die Religion. Diese muss dem Volke erhalten werden, ebenso
wie das Militär dem Staat erhalten bleiben muss.«
    Kolnos unterdrückte die Bemerkung »besonders wenn man einen Sohn in der
Wiener-Neustädter und den anderen in der Weisskirchener Militärschule hat.« Diese
Ideenverbindung äusserte sich nur in der Frage:
    »Wie geht's Ihren beiden Buben, Herr Hofrat?«
    »Ich danke - es geht ihnen gut. Die Bengel freuen sich allerdings schon
riesig auf ihr Porte-Epée ... die wollten von Antimilitarismus nichts hören! Der
älteste wird schon künftigen Sommer ausgemustert - das wird ein Stolz sein,
namentlich für seine Mama.«
    Rudolf stand auf.
    »Lieber Freund,« sagte er zum Hausherrn, »ich muss jetzt leider mich
empfehlen.«
    Aber Kolnos liess den jungen Mann nicht fort. Und nachdem man noch eine
weitere Viertelstunde über verschiedene Dinge gesprochen, wobei Rudolf äusserst
zurückhaltend und wortkarg blieb, was es der Hofrat, der sich zum Gehen erhob
und Kolnos versuchte nicht, ihn zurückzuhalten.
    Und nachdem er draussen war:
    »Ich habe Dir angesehen, mein lieber Rudolf, dass Du Dich geärgert hast.
Warum widersprachst Du nicht?«
    »Eben deshalb. Nichts schnürt mir so die Kehle zu, wie Ärger. Ausserdem hätte
ich etwas sagen können, was den Mann von seinen eingefleischten Ansichten
abgebracht hätte? Vor einem grossen Auditorium, oder im Abgeordnetenhause würde
ich ihm vielleicht entgegnet haben, dem Auditorium zulieb oder zum Fenster
hinaus ... aber hier - wozu? Er würde es mir dennoch nicht glauben, dass er ein
ganz gewöhnliches Muster der fortschrittslähmenden Sorte des
Fortschritts-Philisters darstellt - den Typus des freiheitsverleugnenden
Liberal-Kompromisslers. Mir graut davor ... da lobe ich mir die konsequent
Konservativen, die resolut Retrograden - die marschieren doch wenigstens in der
Richtung, wo ihr verkündetes Ziel liegt. Aber diese Sorte, die trompetet hinaus,
dass sie links stürmen, dabei schielen sie nach rechts und rühren sich nicht vom
Fleck, halten noch die wirklich Linkswollenden am Rockschössel zurück ... und wie
weise sie sich dabei vorkommen, diese Freiheitshelden die sich so schön unter
alle vorhandenen Fesseln und Joche zu ducken wissen ... Sie nehmen die Feile
wohl zur Hand, sie gebrauchen sie aber nicht: der sägende Lärm könnte
allerhöchste Gehörnerven verletzen, und einstweilen - unter den gegebenen
Umständen - sind die Fesseln und Joche ganz nützliche Instrumente ... vielleicht
ein ganz klein wenig lockerer - aber vorläufig müssen sie dem Volk noch erhalten
bleiben.«
    Kolnos lachte. »Wie Du Dich ereiferst! ... Ich will ja die Bland und
Konsorten nicht in Schutz nehmen, aber gibst Du nicht zu, dass man, auch wenn man
aufrichtig vorwärts will, doch etwas langsam gehen soll? Evolution - das lehrt
uns die Natur - ist ein gar langsamer Prozess - -«
    »Als ob wir das nicht wüssten! Wir wissen aber auch, dass das winzige
Von-der-Stelle-rücken des Ganzen das Resultat der grössten Eile und grössten
Kraftanspannung der einzelnen Teilchen ist. - Übrigens, ich kann mich all den
Anpassern nicht anpassen - ich werde mit den Leuten brechen, offen brechen
müssen!«
 
                                      XIII
                             Aus Martas Tagebuch.
                                                                  Im Janur 1892.
»Wenn die Sonne untergegangen ist, so ist die Geschichte des Tages vorbei.« Mit
diesen Worten begründete ich Rudolf gegenüber meinen Entschluss, nicht weiter an
meiner Lebensgeschichte zu schreiben.
    Dennoch habe ich mir neuerdings ein Heft hergenommen, um Eintragungen zu
machen. Nicht mein Schicksal soll ja den Mittelpunkt dafür abgeben, sondern das
Schicksal und - soweit ich Einblick darein habe - das Seelenleben meiner Kinder.
Meine Kinder sind nicht glücklich, fürchte ich. Als ich mein Buch abschloss, da
war so eine Lebenswende eingetreten, die - in Romanen und auf der Bühne - wie
der Ausgangspunkt einer ungetrübten gesegneten Existenz erscheinen: glänzende
Verhältnisse, Geburt eines Erben, Verlobung. Ich liess mich selber davon täuschen
und nannte das gesicherte Glück meiner Kinder das Licht, das meinen Lebensabend
verklären sollte.
    Ach, um meinen Abend handelt es sich ja nicht. Ich beklage nur, dass ihr
Mittag nicht so wolkenlos schön ist, wie ich ihn damals kommen sah.
    Meine arme Sylvia ... ihr Mann betrügt sie - das weiss die ganze Stadt. Er
hat seiner Geliebten ein kleines Gut gekauft. Er versucht garnicht, seine
Abwesenheiten zu maskieren. Und Sylvia zeigt nicht die geringste Eifersucht -
ein Zeichen, dass ihr Delnitzky ganz gleichgültig, vielleicht sogar verhasst ist.
Also einsam, einsam! Sie hat sich mir nicht anvertraut, weil sie mir nicht weh
tun will. Glaubt sie denn, dass ich nicht sehe, wie freudlos sie ist?
    Und nun Rudolf ... der trägt noch grössere Sorgenlast. Er hat - »der
unglückselige Atlas« - die Sorgen der Welt auf sich genommen. Alles was in
unserer Gegenwart an Traurigem entalten ist, das schmerzt - an Schlechtem, das
empört - an Dummem, das erzürnt ihn, an Gemeinem, das flösst ihm Ekel ein. »So
gib doch in die andere Wagschale«, sagte ich erst gestern zu ihm, »all das
Lichte, Schöne, Gute, das auch vorhanden ist und das in immer steigendem Masse
sich entfaltet. Die Zukunft gehört der Güte, pflegte Tilling zu sagen ... und Du
hilfst ja mit, diese Zukunft herbeizuführen - ist Dir das nicht erhebende
Genugtuung?« Er schüttelte den Kopf: »Bis jetzt habe ich gar nichts geleistet -
ich komme aus der Phase des Vorbereitens zum Handeln ja garnicht heraus - ein
Schnitter, der immer nur die Sense schleift, ein Zeichner, der nicht aufhört,
Bleistifte zu spitzen ...«
    Er übertreibt, er hat schon gehandelt. Nur sind seine Handlungen an
äusserlichen Hindernissen, am passiven und aktiven Widerstand der anderen
abgeprallt. Da war seine Kandidatur ... sie wählten ihn nicht. Da war seine
Reise nach Berlin, seine Unterredung mit Bismarck ... der eiserne Kanzler hat
ihn abgewiesen, wie er den Abgeordneten Bühler und wie er den Prinzen von
Oldenburg abgewiesen hatte: »An Abrüstung dürfe man nicht denken, am
allerwenigsten in Deutschland, das gegen zwei Fronten en vedette zu bleiben
hobe.«
    Ich habe indessen meinem »Protokoll« doch wieder hoffnungsvolle Absätze
hinzugefügt. Ach, dass Friedrich das alles nicht erleben konnte! Sicher hätte er
sich den Friedensvereinen und -Kongressen angeschlossen. Das will nun Rudolf
nicht tun. Ich bleibe aber durch meine Korrespondenz mit den Gleichgesinnten
aller Länder stets in Berührung mit den militanten Trägern der Friedensidee, und
mein Protokoll spiegelt die Phasen der fortschreitenden, von der Mitwelt so sehr
verlachten oder ignorierten Bewegung wieder.
    Und da sehe ich, wie der Gedanke, dass das Gewaltsystem dem Rechtssystem
weichen müsse, wächst und wächst und in immer höhere Kreise dringt. »Die Wogen
müssen so hoch gehen,« sagte neulich Björnstjerne Björnson in einer Versammlung
im Freien, vor einer Zuhörerschaft von zehntausend Menschen, »die Wogen des
Friedensgedankens müssen so hoch gehen, dass sie bis in die ersten Stockwerke
spritzen.«
    Ob sie bis zu einem Tronsaal dringen? Die Leute behaupten, das sei
unmöglich, denn die Trone ruhen auf der bewaffneten Macht. Aber was »behaupten
die Leute« nicht alles?
    Zu den neuesten Eintragungen meines Protokolls gehören die Versammlungen in
Rom: die interparlamentarische Konferenz (mit bewundernswerter Energie
vorbereitet vom Kammermitglied B. Pandolfi) und der dritte Weltfriedenskongress.
Offizieller Empfang auf dem Kapitol. Die beiden Körperschaften haben
beschlossen, je ein Zentralbureau in Bern zu errichten. Der Gedanke nimmt immer
mehr Gestalt an; seine Vertreter organisieren sich. Das Umherflatternde ballt
sich zusammen und verdichtet sich. So entstehen Planeten und ebenso -
Institutionen.
    Kolnos, dem ich neulich mein Protokoll zeigte, sagte: »Sie tragen da
zusammen, meine liebe optimistische Freundin, alles was in der Welt zu gunsten
Ihrer Lieblingsidee geschieht, und lassen unverzeichnet, was zu deren Nachteil
vorgeht. Ihre Sammlung umfasst ein Zehntausendstel dessen, was tatsächlich
gedacht, gesprochen und getan wird. Die übrigen 999 Tausendstel, von denen sagt
Ihr Protokoll nichts - und die geben den Ausschlag.«
    »Ja, heute - aber später? - Millionen Schneeflocken begraben das erste
Veilchen im März ... wer gibt den Ausschlag? Fragen Sie den Lenz: - das
Veilchen.«
    »Optimistin!«
    »Mit diesem Namen beleidigen Sie mich nicht.«
    »Das war auch nicht meine Absicht.«
    »Sie treffen mich aber auch nicht. Das Wort will sagen, dass man nur das Gute
sieht und für alles bestehende Böse blind ist. Ich sehe beides - Ormuzd und
Ahriman. Der Kampf der beiden dauert ja fort. In diesem Büchelchen sind aber nur
die Ormuzd-Siege notiert - und da nur auf einem Felde ... er siegt ja noch auf
so vielen anderen. Zum Beispiel hat er die Höhlenmenschen abgeschafft und an
deren Stelle Kolnosse gesetzt.«
    »Ein magerer Gewinn,« gab mein Freund zur scherzenden Antwort.
Seit jeher haben Bücher in meinem Leben die Rolle von Ereignissen gespielt. Wie
haben in meiner Jugend Darwin und Buckle auf mich gewirkt, und vor kurzem noch
Tolstoi mit seinem »Das Reich Gottes ist in Euch.« Weil ja solche Bücher mir als
etwas noch ganz anderes sich offenbaren, denn als wissenschaftliche und
literarische Erscheinungen: Fackeln sind sie mir, ganze, dunkle Gebiete
plötzlich erhellende Fackeln. Und die sie schwingen: ganze Menschen, mit ganz
lichterfüllten Seelen ...
    Vor einiger Zeit fiel mir eine Schrift in die Hand, die mir Ereignis - ein
frohes Ereignis ward. Nicht so sehr, was der Verfasser darin schrieb, hat mich
erschüttert, als dass er es schrieb; dass einer den edlen Mut hatte - möge es ihm
auch seine Stellung kosten - das hinauszurufen, was seinen nach Wahrheit
dürstenden Geist erfüllt. Nur ein dünnes Heftchen: »Ernste Gedanken« von Moritz
von Egidy. Das Aufsehen war gross. Egidy, Oberstleutnant bei den Husaren im
preussischen Dienst, hat seinen Abschied erhalten. Und nun - wird er die Kraft
dazu haben? - will er sich ganz der Aufgabe widmen, das auszubauen - in sich
selber und für die Mitwelt, was er als Heilslehre in die Worte zusammenfasst:
»Religion nicht mehr neben dem Leben - unser Leben selbst Religion.« In rascher
Folge kam nun eine Schrift nach der andern. Er zieht immer mehr die Konsequenzen
seiner ersten Ideen; der Horizont der Gedanken weitet sich, das »Ernste Wollen«
ward immer inbrünstiger. Es ist eine Lust, dass solche Menschen leben. Jubeln
wollte ich, dass - -
    Lust, Jubel? habe ich, die Beraubte, diese Worte niedergeschrieben? Gibt es
denn noch für mich die Möglichkeit, zu frohlocken? Drängt sich nicht gleich zu
jeder freudigen Regung der trübe, dämpfende Gedanke: Er ist nicht mehr da, die
Freude zu teilen ... Möge die Welt auch noch so herrlich sich gestalten, mögen
Schätze und Wonnen, wie aus Füllhörnern, über sie sich ergiessen: die schwarze
Leere, in die mein Liebstes versunken, für mich bleibt sie leer und schwarz ...
ein Abgrund ohne Boden. Wie man einen Stein in die Tiefe wirft, um zu lauschen,
wann er auf den Boden fällt, so lasse ich manchmal meine Empfindungen - Kummer
und Freude - in jenen Grabesabgrund fallen und horche hin ... »Friedrich - was
sagst Du zu diesem Egidy?« - Nichts. Stumm - auf ewig.
»Liebe Marta,« sagte mir neulich eine alte Cousine, »ich begreife Dich nicht
... immer finde ich Dich in Zeitschriften und Bücher vertieft und alles Neue,
was in der Welt auftaucht: Dichtungen, Erfindungen, Bewegungen - das greifst Du
auf und erwärmst Dich dafür, auch wenn es noch so illusorisch ist. - dabei
behauptest Du doch, Du hättest mit dem Leben abgeschlossen. Woher dieser
Widerspruch? In unserem Alter hat man ja auch mit dem Leben abgeschlossen,
selbst wenn man keinen solchen Trauerfall erlebt hat wie Du. Da hat man doch nur
mehr ein Interesse: das Schicksal seiner Kinder und Enkel.«
    Meine gute Cousine ist siebzig Jahre alt und ich höre es gar nicht gern,
wenn sie mir, der um ungefähr zwanzig Jahre jüngeren, sagt: »in unserem Alter«.
Zudem kümmert sie sich - nebst ihren Kindern und Enkeln - noch gar lebhaft um
gar mancherlei Dinge, als da sind: Bekehrung kleiner Neger und Chinesen; die
Wunder von Lourdes; die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes und
dergleichen mehr. Darauf wies ich in meiner Entgegnung hin.
    »Ja,« sagte sie, »die Relichion (unsere besonders Frommen sprechen das Wort
so aus), das ist etwas anderes.«
    »Meinst Du? Ich meine, es ist dasselbe ... es ist nämlich der Drang, für
etwas Grösseres, Höheres zu fühlen und zu wirken als für die nächstliegenden
eigenen, oder der eigenen Kinder Interessen.«
    »Aber, liebes Kind (à la bonne heure, das höre ich lieber als in unserem
Alter, wie kannst Du nur vergleichen - der eitle, irdische Tand und die ewige
Seligkeit?!«
    Ich sprach von etwas anderem. Gerade so, wie ich es in meiner Jugend mit
Tante Marie zu tun pflegte, wenn sie das Tema »Bestimmung« zu variieren begann.
Die Cousine hätte mich doch nicht verstanden, wenn ich ihr hätte auseinander
setzen wollen, dass es das gleiche Streben nach Seligkeit, nach Erlösung, nach
dem »Heil« ist, was diejenigen erfüllt, die für Ideen, Erfindungen, Bewegungen
sich erwärmen, von denen sie das Paradies schon diesseits erhoffen, oder doch
wenigstens die Überwindung des Jammers, der - auch schon hienieden - eine Hölle
schafft. Das ist doch nicht minder »Relichion«.
    Ach, dass ein und dasselbe Wort oft so verschiedene Dinge bedeutet! Das macht
die Verständigung so schwer; das ist daran schuld, dass einer dem anderen so oft
unrecht tut. Religion heisst auch das: inbrünstig die Verpflichtung fühlen, für
das Gute, das Rechtschaffene, das Heilige einzustehen. Sich mit der Seele
anklammern an alles, was von ewiger Schönheit, von lichter Klarheit, von
ehrfurchtgebietender Grösse erfüllt ist. Und das Gegenteil von alledem, das
Hässliche, Finstere, Niedrige - vor allem das Grausame - bekämpfen, wo nur immer
möglich. Wenn man noch dazu durch Wort und Eid gebunden ist (habe ich nicht
geschworen, Friedrichs Aufgabe zu übernehmen?), da hat man doppelt religiös zu
sein, gerade so, wie ein vom Klostergelübde gebundener Gläubiger doppelt fromm
sein muss. Und so verfolge ich alle Phasen der Friedensbewegung und bleibe - mit
Rudolf und durch Rudolf mit allen Bekämpfern des Krieges in steter Berührung:
das ist meine Betschwesterschaft.
Die Post brachte mir heute diesen Brief:
                                                             »Berlin, 12. 1. 92.
Ihr Name wird unter den Vertretern einer Bewegung genannt, die die Menschheit
nach oben, das Christentum seiner Erfüllung entgegenführen soll.
    Ich halte es für meine Pflicht, mich Ihnen respektvoll zu nahen und Sie zu
bitten, mich als einen derer anzusehen, die mit ganzer Kraft für die höchsten
Bestrebungen eintreten. Jede Faser meines Daseins gehört dem Aufbau eines
Reiches Gottes auf Erden, gehört dem Werden des Christentums. Es begreift dies
alle Bestrebungen guter Menschen.
    Ich bin durchglüht von Idealismus, bin aber kein Phantast - Sie haben es mit
einem Menschen zu tun. Unerschrocken, aber auch unbeirrt werde ich die Wege
weitergehen, die mir vorgezeichnet sind. Je umfassender unser Vorgehen ist,
desto wirksamer; je entschlossener, desto heilbringender; je gleichzeitiger auf
der ganzen Linie, desto durchgreifender der Erfolg.
    Jetzt also muss etwas werden. Ich lebe der festen Überzeugung (das Wort
Glaube wäre mir nicht genug hierfür), dass wir vor dem Tore stehen, das uns
ebensowohl davon trennt, wie uns einführt in das Zeitalter der Vervollkommnung.
Die Klinke mit kraftvoller Hand zu ergreifen, scheint mir die Berufung aller
derer, denen Gott die Fähigkeit dazu gab.
                                              M. v. Egidy, Oberstleutnant a. D.«
Diese unerwartete Botschaft erschütterte mich freudig. Ja, es will und es wird
etwas werden. Nur kräftig an jener Klinke gerüttelt und das Tor geht auf.
 
                                      XIV
Zwei Tage nach dem kleinen Diner traf Sylvia wieder mit Hugo Bresser zusammen.
Diesmal in Martas kleinem Empfangssalon.
    Als sie eintrat, in der Absicht, wie sie es oft tat, ein Vormittagsstündchen
mit ihrer Mutter zu verplaudern, fand sie diese in Gesellschaft Rudolfs und
Hugos. Letzterer sprang auf, um sich vor der Eingetretenen zu verneigen. Es lag
Verwirrung in seiner allzu raschen Gebärde, in seinem blass und rot werdenden
Gesicht. Oder schien es Sylvia nur so - und vielleicht nur darum, weil sie
selber etwas wie Verwirrung empfand? Keine unangenehme - im Gegenteil ...
    Sie umarmte ihre Mutter, schüttelte den beiden jungen Männern die Hand und
setzte sich. Bresser wollte sich nun empfehlen.
    »Nein, nein, warum nicht gar, mein Lieber,« widersetzte sich Baronin
Tilling, »bleiben Sie doch! Wir drei sind oft genug miteinander allein - und
Sylvia wird gewiss auch gern in unser Gespräch eingreifen, gerade da, wo wir es
unterbrochen haben.«
    »So? Wovon spracht Ihr denn?«
    Hugo, indem er sich auf seinen früheren Platz wieder niederliess, antwortete:
    »Wir sprachen vom Dichterhandwerk. Die Herrschaften - - wie das so üblich,
wenn z.B. der Kaiser auf dem Industriellenball Cercle hält - haben leutselig die
Unterhaltung auf mein Fach hinübergelenkt.«
    »Das ist eine falsche Darstellung, Bresser!« rief Marta. »Rudolf sprach ein
Langes und Breites über die Weltlage, über den Drang, den er empfindet, da
handelnd einzugreifen und Sie waren es, der dagegen die Behauptung aufstellte,
dass man die Welt nicht umformen könne, bis sie nicht umgedichtet sei, und damit
war das Gespräch bei der Dichtkunst angelangt.«
    »Das ist ja im Grunde dasselbe Tema,« bemerkte Sylvia, »das von denselben
Streitern an jenem Gewittertage -«
    Sie stockte errötend. Hätte sie von dem Tag reden sollen und zeigen, dass sie
sich so genau erinnerte an alles, was damals getan und gesagt worden? Hätte sie
sich dem Dankesblicke aussetzen sollen, der sie jetzt aus Hugos Augen traf? Sie
zog ihre Hand aus dem Muff und atmete an dem halbwelken Veilchensträusschen, das
darin verborgen gewesen.
    Jetzt nahm Rudolf das Wort:
    »Ich erwiderte, dass die Kunst keine Kultur-Umwälzungen hervorbringen kann.
Eine Gegend wird verwandelt durch vulkanische Erschütterungen, durch
hereinbrechende Fluten - aber nicht durch Blumenzucht.«
    »Blumenzucht!« rief Bresser. »Als ob die Kunst ein so harmlos-heiteres Spiel
wäre - als ob nicht auch sie mitunter so glühend wie Lava aus den Tiefen der
Menschenseele strömte ...«
    Lachend fiel Baronin Tilling ein: »Sie sind doch nicht exaltiert ... Wenn
ich denke, was für ein natürlicher, nüchterner, beinahe trockener Mann mein
alter Freund, Ihr Vater, ist!« - Absichtlich goss sie diesen kleinen Wasserstrahl
auf Hugos feurige Art. Sie hatte beobachtet, wie bewegt ihre Tochter ihn
angeblickt und erinnerte sich der Mitteilung, die ihr Rudolf an Sylvias
Hochzeitstag gemacht: Hugo sei abgereist, weil er Sylvia liebte.
    »Sie finden mich überspannt, gnädigste Baronin? Darf man denn bei meinem
Berufe ganz nüchtern sein? Mein Vater ist Arzt und ich bin - - dass es doch für
unseren Kunstzweig keinen bescheidenern Namen gibt! Es kann einer ohne Anmassung
von sich sagen: ich bin Bildhauer, bin Musiker ... aber ich bin Dichter, klingt
so eingebildet - denn das Wort bedeutet nicht allein die Ausübung, es drückt
schon die sieghafte Bewältigung dieser Kunstgattung aus ... und weil ich davon
so weit, ach so weit bin, darf ich mich wohl nicht Dichter nennen - sagen wir:
Wortziselierer, Traumbändiger - -«
    »Bändiger ist auch ein siegreicher Begriff,« sagte Sylvia.
    »So nehme ich auch diese Bezeichnung zurück. Es ist ja richtig: die Träume
unterwerfen eher mich als ich sie ... Bilder, Gestalten drängen sich mir auf ...
sie rufen nach Ausdruck - sie lassen mich nicht, ehe ich sie aufs Papier gebannt
...«
    »Und so sind Sie denn daran, die Welt umzudichten?«
    »Absichtlich? Planmässig? Nein. Der Genius der Kultur baut die Welt von
selber um - er zwingt nur die Künstler, ein paar Bausteine zuzutragen, ohne dass
sie es wissen.«
    »Von selber geschieht gar nichts,« warf Rudolf ein.
    »Als ich noch Publizist war und plante, eine grosse Zeitung zu redigieren, da
hatte ich auch so etwas im Sinne, wie Sie, Graf Dotzky: auf die Welt
reformierend einzuwirken. Das ist mir, seit ich mich der Dichtkunst, der lyrisch
und dramatisch schaffenden, hingegeben habe, ganz verloren gegangen. Vielleicht
auch deshalb, weil ich das leidige Zeitungslesen aufgegeben habe, mich um die
Tagesereignisse gar nicht kümmere und mich in die Dichterwerke der alten und
neuen Zeit vertiefte. Da hat sich eine ganze Phantasiewelt um mich aufgebaut,
bevölkert von tausend Gestalten: Götter, Helden, Könige, Feen, Heilige. -
Gestalten, die den Köpfen von Homer, Dante, Shakespeare, Corneille, Goete
entstiegen sind. Von den neueren und neuesten gar nicht zu reden - und ich habe
alle Modernen gelesen, auch die Russen und Skandinaven. Und da sind es nicht
allein die erdichteten Geschöpfe, die mich gefangen nehmen - da ist es auch die
technische Seite der Dichtung - der Stil, die Musik der Sprache, das
Virtuosentum auf dem Instrument des Worts ... das ist's, was mich entzückt und
was mir anzueignen mich als leidenschaftlicher Kunstehrgeiz erfüllt. Schönheit,
Schönheit: die erscheint mir als die höchste Offenbarung unseres Genius ... und
was man der Schönheit abzuringen vermag, das bereichert, das veredelt uns selber
und unser ganzes Geschlecht ... Auf diese Art kann auch der einzelne Künstler,
wenn er nur seine liebende Kraft anstrengt, wirklich den Schatz der Kultur
vermehren, wirklich das eigene Gehirn und die Gehirne der Mitwelt feiner modeln
und so an dem Entwicklungswerk des Menschengeistes helfend mitschaffen - besser
als durch alle politischen und ökonomischen und sozialen Spekulationen und
Massregeln. Es ist nicht zu sagen, welche Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen
Verachtung, mich über all das kleinliche Getriebe erfasst hat ... man sehe doch -
in dem sogenannten öffentlichen Leben - die Enge der Interessen, die Flachheit
ihrer Vertretung, die Hässlichkeit und Gemeinheit der Kampfweise. Ästetisch - in
der Politik - wirken höchstens die Gewaltmenschen, daher der Kultus für einen
Napoleon oder einen Bismarck - -«
    Rudolf schlug sich auf die Stirn:
    »Sie haben mir da einen neuen Horizont eröffnet, Bresser ... Politiker und
Künstler geringschätzen sich gegenseitig. Sie verstehen einander nicht. Ihre
Gebiete sind zu getrennt. Ich sehe aber, dass sie sich verschmelzen sollten: als
oberstes Prinzip hat - nicht nur in den Künsten - hat auch in der Lebenskunst,
in der Regierungskunst die Schönheit erkannt zu werden. Und was die Lenker der
Völkergeschicke leiten sollte, das müsste auch Begeisterung - nicht Berechnung
sein.«
    Marta warf ihrem Sohn einen dankbaren Blick zu.
    Jetzt wurde neuer Besuch gemeldet.
    Es war Graf Kolnos. Nachdem er alle begrüsst und sich gesetzt:
    »Ich bin gekommen, um - nein, noch nicht, um Abschied zu nehmen, aber um
mein baldiges Verschwinden anzukündigen. Mich packt wieder einmal meine
Reisewut.«
    »O weh,« rief Marta, »da bleiben Sie uns wieder auf ein, zwei Jahre
verschollen - Sie sind ein so unmässiger Reisender - und ich entbehre Sie schwer
so lange ... Wohin diesmal?«
    »Diesmal nach Indien - dort war ich noch nicht. Vielleicht auch einen
Abstecher nach Japan.«
    Sylvia lachte. »Abstecher ist gut.«
    »Willst Du mitkommen?« wandte er sich an Rudolf. Dieser schüttelte den Kopf.
»Doch warum frage ich? Wenn man Weib und Kind hat und Mutter und Schwester, so
hat man nicht diese exotischen Gelüste, nicht die Fernensehnsucht, die mich
Einsamen alle paar Jahre packt, sogar noch jetzt in meinen alten Tagen. Wenn ich
so recht müde geworden bin von dem hiesigen Einerlei, von dem Tritsch-Tratsch
der Gesellschaft und dem Quitsch-Quatsch der Politik, da muss ich mich erfrischen
in ganz fremder Landschaft, unter Menschen, die nichts von uns wissen, wie ich
nichts von ihnen weiss. Da lese ich keine europäische Zeitung, da gebe ich
niemand meine Adresse, damit man mir von zu Hause ja nicht schreiben könne, was
es Neues gibt.«
    Kolnos blieb nur kurz. Er versprach, am selben Abend zu Marta in
Tete-a-tete speisen zu kommen.
    »Ich muss Sie vor Ihrer Europaflucht noch tüchtig geniessen,« hatte sie ihm
gesagt. »Sie gehören zu den wenigen Menschen, deren Existenz mir eine Wohltat
ist - Ihnen kann ich immer alles sagen, was ich auf der Seele habe.«
    Kaum war Kolnos gegangen, als wieder neuer Besuch eintrat - ein Besuch, der
gleich fünf Mann hoch war: Exzellenz Gräfin Ranegg mit vier Töchtern.
    Diese Gelegenheit benützte Bresser, um sich neuerdings zu empfehlen, und
Marta hielt ihn nicht mehr zurück
    Raneggs gehörten zu den nächsten Gutsnachvaren von Brunnhof und die Familien
verkehrten sehr lebhaft miteinander. Zur Zeit, als Sylvia ihre Hochzeit feierte,
war Gräfin Ranegg mit ihren Töchtern auf einer Italienreise begriffen gewesen,
sonst hätten die vier schönen Schwestern sicherlich als Brautjungfern fungiert.
Diese Mädchen nebeneinander zu sehen, war wirklich ein ästetischer Genuss. Alle
vier von hohem, schlankem Wuchs, von vornehmer und dabei natürlichster Anmut im
ganzen Wesen. Die älteste, Cajetane, dreiundzwanzigjährig, hatte
feingeschnittene regelmässige Züge, dunkles Haar und schwarze Augen; die zweite,
Christine, um drei Jahre jünger, war kastanienbraun mit lebhaft-schalkhafter
Kaprizenphysiognomie, und die beiden jüngsten, die achtzehnjährigen Zwillinge
Ella und Bella, einander zum Verwechseln ähnlich - waren hellblond mit sanften
Blauaugen und Madonnengesichtchen. Die Zwillinge waren immer gleich gekleidet,
die zwei älteren verschiedenartig, alle vier mit höchster Einfachheit.
    Das in hohem gesellschaftlichem Ansehen stehende Paar Ranegg - er bekleidete
eine der ersten Hofchargen, sie war eine geborene Fürstin - besass ausser diesen
reizenden Töchtern noch zwei wohlgeratene Söhne, beide im Militärdienst. Der
ältere, noch nicht ganz dreissig und schon Ulanenrittmeister, der andere, im
vergangenen Sommer ausgemustert, Leutnant bei den Dragonern.
    In Wien sahen sich die beiden Frauen - Marta und Gräfin Ranegg - eigentlich
nur selten, denn während die erste sehr zurückgezogen lebte, machte die andere
ihren Töchtern zuliebe alle Unterhaltungen der grossen Welt mit: Hof- und
Kammerbälle, adelige Picknicks, erzherzogliche und aristokratische »on dansera«,
Amateurteater und Wohltätigkeitsbazare ... desto öfter sah man sich auf dem
Lande. Für Marta war es immer eine Herzensfreude, mit dieser Familie
zusammenzukommen, besonders in deren eignem Heim.
    Das Leben dort bot nach jeder Richtung das Muster glücklichen und
harmonischen Menschenloses. Genügender Reichtum, glänzende soziale Stellung,
gegenseitige Anhänglichkeit, ein heiteres Dahinfliessen der Tage in regelmässigen
Beschäftigungen: musizieren, lesen, sticken, malen, reiten, gemeinsame
Spaziergänge und Spiele. Die Mädchen, so jung sie waren, zogen dieses Landleben
dem Wiener Aufentalt vor. Das Mitmachen der Wintervergnügungen war für die
Schwestern Ranegg mehr die Erfüllung einer Standespflicht, als wirkliches
Vergnügen. Im Mai, wenn die weltliche Nachsaison ihre höchsten Wogen schlug,
waren sie schon immer voll Ungeduld, Wien zu verlassen, um in ihr geliebtes
Raneggsburg zurückzukehren, das sie im Schmuck des Flieders und der blühenden
Kastanien besonders anzog. Und wenn es Winter wurde, schoben sie die
Übersiedlung nach Wien so weit als möglich hinaus. Sie liebten es, auf dem
zugefrorenen Schlossteich Eis zu laufen und die langen Abende um den
Familientisch zu verplaudern, jede mit einer Handarbeit beschäftigt. Vor
Weihnachten wollten sie um keinen Preis fort, das Fest musste in Raneggsburg
gefeiert werden, mit dem grossen Christbaum im Billardsaal, mit Bescherung für
die Dorfkinder und Beschenkung aller Dorfarmen mit selbstgestrickten warmen
Unterkleidern und Tüchern.
    Marta unterhielt sich sehr gern mit Gräfin Ranegg, deren Altersgenossin sie
war. Zwar hatten sich die beiden in ihrer Jugend nur sehr flüchtig, beinahe gar
nicht gekannt - erst durch die Nachbarschaft zwischen Brunnhof und Raneggsburg
waren sie einander seit einigen Jahren so nahe gekommen -, dennoch sprachen sie
mit Vorliebe von alten Zeiten miteinander, von den Begebnissen, Sitten und
Anschauungen, die in der Welt herrschten, als sie jung waren. Gräfin Ranegg war
in ihren Gesinnungen viel konservativer als Marta, wenn gleich sie viel
liberaler dachte, als die Mehrzahl ihrer beiderseitigen Standesgenossinnen. Auf
halbem Wege kamen sie sich entgegen; die etwas kühnen Ideen Martas berührten
die andere sympatisch, und das völlige Gleichgewicht des gediegenen,
toleranten, vornehmen Wesens der Gräfin Ranegg übte trotz der
Grundverschiedenheit der Ansichten auf Marta einen eigenen Reiz; es lag etwas
so Beruhigendes und Harmonisches darin, - wie in allem, was aus einem Gusse und
dabei aus edlem Stoffe ist.
    Mit aufrichtiger Freude ging Marta der Eintretenden entgegen:
    »Ah, sieht man Euch endlich wieder, ihr mondänen Geschöpfe!«
    Die vier Mädchen küssten Marta die Hand.
    »Ja, mondaines sind wir,« seufzte Gräfin Ranegg, »gestern Ball bei
Pallavicini, heute bei Erzherzog Ludwig Viktor, morgen im Ministerium des Äussern
... Es ist eine wahre corvée.«
    »Nun, nun, es macht Euch doch Vergnügen,« sagte Marta, »das heisst den
Kindern ... das Los der Mütter ist auf Bällen freilich kein beneidenswertes.«
    Die Mädchen waren mit Sylvia und Rudolf in eine andere Ecke des Zimmers
gegangen, wo sie sich laut und eifrig unterhielten, sodass die beiden älteren
Damen miteinander sprechen konnten, ohne von den anderen gehört zu werden.
    »Ich kann Dich versichern,« sagte Gräfin Ranegg, »nicht nur für Mütter, auch
für die Töchter ist jetzt in unserer Welt nicht viel Vergnügen zu finden ...«
    »Ja,« bestätigte Marta, »das habe ich an Sylvia auch erfahren ... die
moderne junge Herrenwelt ist gar so, ich weiss nicht wie ich sagen soll ...«
    »Sag' ihr eigenes Lieblingswort: fad. Erinnerst Du Dich zu unserer Zeit,
welch ein Unterschied - wie wurde da den jungen Mädchen der Hof gemacht, was
doch - seien wir aufrichtig, was doch die Würze der weltlichen Vergnügungen ist.
Geflirtet muss werden oder, wie man früher sagte, Passionen müssen entbrennen ...
Das hat alles aufgehört. Unsere jungen Männer verlieben sich nicht mehr -
wenigstens nicht in unsere Mädchen.«
    »Nein, in Bühnenprinzessinnen,« schaltete Marta ein.
    Gräfin Ranegg fuhr fort: »Und zum Tanzen - da muss man die jungen Leute
ordentlich zwingen. dabei sind die meisten, deren man doch habhaft wird, so
uninteressant, so langweilig, so gar nicht bei der Sache ... Sie tanzen ein paar
Touren, weil es sein muss, oder tanzen auch nicht. Und zu den Soiréen sind sie
einfach gar nicht zu haben. Wieviel solche haben wir schon mitgemacht, wo wir
fast nur Frauen waren - ein paar alte Diplomaten und Generäle ausgenommen. Auf
den Bällen gibt es zwar männliche Jugend, aber die wird hinkommandiert - die
Mehrzahl der Tänzer besteht aus den ganz Jungen: Gymnasiasten, Teresianisten.
Väter, Mütter, Töchter und Flaumbärte: das ist das Kontingent unserer Ballsäle.
Auch junge Frauen sieht man da wenig - die haben ihre Diners und Spielpartien -
dort verkehren auch unsere Herren lieber - -«
    »Vielleicht wird die Sitte des Tanzens ganz aussterben,« sagte Marta. »Es
ist schon einmal so - die Welt verändert sich.«
    »Leider!«
    »Ich sage nicht leider. Platz dem Neuen ... Und so langweiligen sich Deine
Töchter?«
    »Langweilen? O nein ... hörst Du, wie sie dort mit Deinen Kindern lachen -
sie sind, Gott sei Dank, stets so guter Laune.«
    »Wie geht es Deiner Mutter?«
    »Danke - nicht gar gut. Sie spürt ihre fünfundachtzig Jahre ... Wir sind
sehr viel bei ihr ... jeden Abend bringt eine oder die andere von den Mädchen
bei ihr zu - und oft streiten sie, welche von ihnen den Vorzug haben kann, statt
auf den Ball, zur Grossmutter zu gehen. Jetzt aber« - Gräfin Ranegg stand auf -
»müssen wir wieder fort ... Kinder, kommt!«
    »Das war ein kurzer Besuch!«
    »Wir haben noch ungefähr siebzehn Visiten zu machen. - Wenn das keine corvée
ist! Nächstens will ich übrigens auf einen ganzen Nachmittag zu Dir kommen - auf
einen ordentlichen Plausch.«
    »Tu' das! Wir hätten uns so viel zu erzählen.«
    Nachdem sich die Tür hinter den Besucherinnen geschlossen hatte:
    »Diese Familie ist mein Kreuz,« rief Rudolf. »Ein wahrer Jammer!«
    »Aber, aber!« machte Marta vorwurfsvoll, »wie kannst Du so etwas sagen? Ich
kenne keine lieberen achtungswerteren Menschen.«
    »Das ist ja eben der Jammer ... Soll ich Dir das erklären?«
    »Ja, da wäre ich neugierig.«
    »Nun denn: Ich erinnere mich, einmal dem Gärtner den Befehl erteilt zu
haben, einen gewissen Baum umzuschlagen, dessen Stamm hohl war. Beim nächsten
Sturm konnte er umfallen und dabei vielleicht Schaden anrichten, also war es
besser, ihn gleich zu fallen. Und während ich das Todesurteil sprach, blickte
ich in die Krone hinauf und sah da ein Vogelnest, aus dem die Jungen die Hälse
streckten und das die Alten umkreisten. Lassen wir's, - sagte ich zum Gärtner -
vielleicht hält der Baum noch den ganzen Sommer aus. - Verstehst Du, was ich
meine? So stehen wir sogenannten Reformatoren auch vor morschen
Gesellschaftsordnungen und meinen, es müsste da die Axt angelegt werden; in dem
Laubwerk aber, das den hohlen Stamm krönt, da haben sich die lieben, glücklichen
Vöglein ihre Nester gebaut. Ihre ganze Existenz ist an die Existenz des Baumes
gebunden - was liegt ihnen an der innern Fäulnis des Holzes, solange die
Blätterfülle ihres Astes grünt? Hier wohnen sie und singen sie und ziehen ihre
Kleinen gross. Und siehst Du - denselben Eindruck macht mir das Bild einer
Familie wie die Raneggs ... ihr ganzes Glück, ihre ganze Würde ruht auf den
Einrichtungen -«
    »Ich verstehe,« ergänzte Marta, »auf den Einrichtungen, die innen morsch
sind und gegen die Du ankämpfen willst -«
    »Ja - und so ist mir dieses Ankämpfen erschwert. Wären schon alle Äste dürr,
wäre statt der lieblichen Singvögel nur mehr ekles Gewürm auf dem Baum, da
brauchte man nicht zu zögern mit dem Fällen ... wäre die Aristokratie durchaus
verderbt und wären die Soldaten wilde Räuberseelen, wie viel leichter wäre es
da, die Adelsprivilegien und den Militarismus abschaffen zu wollen ... Aber wenn
man solche Familien sieht wie diese, deren ganzer Sinn auf den alten Traditionen
ruht - wie das Vogelnest auf dem Ast -, deren Söhne mit Stolz und Freuden
dienen, deren Töchter auch wieder bestimmt sind, auf dem Nebenast zu nisten -
und dabei so holde, so makellose Geschöpfe sind, wie z.B. diese Ranegg-Mädchen
(ich gestehe, wäre ich frei, die Cajetane könnte es mir antun ...) da vergeht
einem die Lust, zerstörend - oder auch nur störend dreinzufahren und -«
    »Und« - fiel Sylvia ein - »man sagt dann dem Gärtner: Lassen wir's noch.
Besonders,« fügte sie hinzu, »wenn man, wie wir eigentlich, zur selben
Vogelgattung gehört.«
 
                                       XV
An diesem Abend ging Sylvia in die Oper. Auf dem Zettel stand »Der Phrophet« und
darin war Antons Flamme nicht beschäftigt. Sylvia pflegte nur die Opern zu
besuchen, in denen jene nicht sang.
    Sie war allein in ihrer Loge; ihr Mann hatte sie nur hergeleitet, dann aber,
eine wichtige Sitzung vorschiebend, das Teater wieder verlassen; für ihn gab es
nichts Langweiligeres als musikalische Aufführungen, die nicht durch die
Gegenwart seiner Schönen belebt waren.
    Sylvia gab sich dem Genusse des von Bühne und Orchester strömenden Wohllauts
hin. Ein schwermütiger Genuss, denn sie fühlte sich zugleich unglücklich -
einfach unglücklich. »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiss, was ich leide«; das war
der Grundton ihrer Stimmung.
    Sehnsucht - wonach? Nach einem grossen Erlebnis, nach - - sie wusste es selber
nicht, aber ihre Existenz war so furchtbar öde ... Für immer gebunden an einen
nicht mehr geliebten Mann, der sie noch dazu in stadtbekannter Weise betrog ...
Warum war es ihr nicht beschieden gewesen, einen Gatten zu finden, mit so weitem
geistigen Horizont, mit so tiefem Gemüt, wie z.B. ihr Bruder - oder begabt mit
einer schöpferischen Feuerseele, wie - ach nein, es ist besser, an Hugo nicht zu
denken. Der Mann könnte ihr gefährlich werden ... Das fehlte noch, dass sie sich
verliebte ...
    Der Vorhang war über dem ersten Akt gefallen. Der Saal erhellte sich. Nach
einer Weile ging die Logentür auf: es war Bresser.
    An einer heissen Beklemmung, die ihr Atem und Stimme raubte, sodass sie die
Begrüssung ihres Besuchers nur mit einer stummen Gebärde erwidern konnte, wurde
Sylvia gewahr, dass die vorhin in Gedanken aufgetauchte Gefahr, dass sie sich
verlieben könnte, schon näher war, als sie geglaubt.
    Mit der Fächerspitze deutete sie auf einen Sessel. Dankend machte Hugo von
der so erteilten Erlaubnis Gebrauch.
    Dass er seinen Blick mit Bewunderung auf sie heftete, bemerkte sie wohl, und
sie hatte das für jedes junge Weib - angenehm anregende Bewusstsein, gerade
besonders vorteilhaft auszusehen - en beauté zu sein, wie die bezeichnende
Redensart lautet. Sie fühlte ihre Wangen glühen und wusste, dass sie hier im
Rahmen der Loge, in ihrem halbausgeschnittenen schwarzen Samtkleid und mit den
blitzenden Diamantsternen im gewellten Haar ein hübsches Bild abgeben musste.
    »Es wundert mich,« sagte sie, »dass Sie nicht vorgezogen haben, ins
Burgteater zu gehen.«
    »Weil ich selber Dramen schreibe, meinen Sie? Um zu lernen?«
    »Um sich Begeisterung, Eingebung für Ihre Kunst zu holen.«
    »Wenn ich das tun will, so gehe ich in die Oper - Musik zaubert mir zehnmal
mehr dichterische Stimmung herbei, als ein Schauspiel. Übrigens bin ich heute
hierher gekommen, weil ich wusste, dass ich Sie da sehen würde ... Von weitem
sehen, denn ich glaubte, Ihre Loge würde so gefüllt sein, dass ich mich nicht
hätte eindrängen wollen - Sie waren aber allein -«
    »Ja - sehr,« antwortete Sylvia mit einem unwillkürlichen Seufzer.
    »Sehr allein?« wiederholte Hugo. »Die beiden Worte führt der Sprachgebrauch
sonst nicht zusammen - ebenso wenig wie sehr tot. Und doch - es ist so richtig -
im Alleinsein gibt es Steigerungen. Nicht in der Einsamkeit - mitten in der
Menge ist man oft am alleinsten. Und das Gegenteil von Alleinsein ist - Zweisein
...«
    »Vorausgesetzt, dass die zwei - eins sind.«
    »Das habe ich sagen wollen.« Eine Pause.
    Dann sprach Sylvia wieder.
    »Ich möchte Sie eines fragen, lieber Bresser. Sind Sie glücklich? Freuen Sie
Ihre Erfolge? Und haben Sie in Berlin solche - Zweisamkeit gefunden?«
    »Das war nicht eine Frage, das sind drei Fragen, Frau Gräfin. Glücklich?
Nein, ich fühle mich nicht glücklich. Erfolge? Mein Gott, es gibt in meinem
Beruf keine Erfolge, auf denen man sich gewissermassen freudig und ruhig ausatmen
könnte ... Es ist, wie wenn man auf einer steilen Leiter hinaufklimmt, man freut
sich nicht der erreichten Staffel, sondern strebt ängstlich nach der nächsten,
von der man ja wieder ganz herabkollern kann. Und die dritte Frage ...«
    »Die nehme ich zurück - sie war indiskret.«
    »Das nicht, aber für Sie ohne Interesse. Ich verantworte sie dennoch: mein
Herz ist nicht in Berlin.«
    Wieder öffnet sich die Logentür: - Minister von Wegemann
    Nachdem er ein paar Worte mit Sylvia getauscht, begrüsst er sehr herablassend
den jungen Bresser:
    »Sieht man Sie wieder einmal zu Hause? Das ist schön ... Jetzt bleiben Sie
doch da ... ein guter Österreicher kann sich doch nicht immer in Preussen
herumtreiben.«
    »Ich bin nur auf kurze Zeit hierher gekommen, Exzellenz.«
    »Deutschland und Österreich sind doch alliiert,« fiel Sylvia ein - »warum
sprechen Sie das Wort Preussen so gehässig aus?«
    »Allerdings - verbündet sind wir; andrerseits habe ich sechsundsechzig
niemals ganz verwunden, und abgesehen von allen politischen Erwägungen, denen
ich ja jetzt fernstehe, ist es mein Privatgefühl, dass man sich nirgends so wohl
fühlen kann, wie in unserem alten Wien, und dass ein Mensch, der nicht im Ausland
leben muss, zu Hause bleiben sollte ... Wie geht's dem Toni, ist er nicht da?«
    »Danke, es geht ihm gut. Er ist in einer Sitzung ...«
    »Ah? Und was macht Rudolf? Sagen Sie mir, Sylvia,« fügte er leiser hinzu,
»könnten Sie nicht ein bisschen ihren schwesterlichen Einfluss geltend machen und
ihm seine Schrullen ausreden? ... Ich meine es ja gut ... er fängt an, bei
vielen Anstoss zu erregen - er kann sich noch ganz unmöglich machen ...«
    »Womit - was meinen Sie?«
    »Mit seinen verschrobenen Ideen ... Neulich, im Kasino, wir waren da lauter
Staatsmänner und Militärs, machte er einen Ausfall gegen die ganze
Gesellschaftsordnung, als ob er ein roter Sozi wär' ... das verstehen Sie nicht
... ich war wie auf Nadeln ... geben Sie ihm einen Wink.« Dann wandte er sich
wieder laut zu Bresser:
    »Sie haben ja ein Stück geschrieben, das in Berlin aufgeführt worden ist -
hat mir neulich Ihr Vater erzählt. Hoffentlich nicht im neuen, naturalistischen
Genre, was? - wie ein gewisser Hauptmann -«
    »Hm,« machte Bresser, »der gewisse Hauptmann hat das Zeug, einer unsrer
grossen Dichter zu werden - ich masse mir nicht an, ihm gleichzukommen.«
    »Trachten Sie unserem Grillparzer gleichzukommen?«
    »Auch das masse ich mir nicht an - ich versuche überhaupt nicht, irgend
jemand nachzuahmen. Mein Glas ist klein, aber ich trinke aus meinem Glase, sage
ich mit Alfred de Musset.«
    Als der Vorhang wieder aufgezogen wurde, entfernte sich Herr von Wegemann.
Hugo, durch ein Zeichen Sylvias aufgemuntert, blieb zurück.
    Sie wandten nun schweigsam ihre Blicke der Bühne zu. In schwellenden Wogen
flutete die Musik durch den Saal. Was der abwechselnd süsse und heroische Gesang,
was die Harfenklänge und die rauschenden Akkorde des Orchesters ausdrückten, das
empfanden die beiden jungen Menschenkinder als die Offenbarung dessen, was sie
einander zu sagen hätten - wie eine Art melodische Gedankenkommunion.
    Beim folgenden Zwischenakt kamen wieder einige Besucher in die Loge, und
diesmal räumte ihnen Hugo den Platz.
    Als er sich von Sylvia empfahl, frug er, ob sie gestatte, dass er morgen
seinen Abschiedsbesuch mache, da er am übernächsten Tag nach Berlin zurückreisen
werde.
    Diese Nachricht versetzte ihr einen leisen Schlag - die Anwesenheit des
jungen Dichters in Wien hatte ihr eine Erhöhung des Lebensinteresses bedeutet.
    »Wie? so bald schon?« rief sie, ihm die Hand schüttelnd. »Also morgen! Um
halb fünf,« fügte sie leiser hinzu - die anderen brauchten es nicht zu hören.
Am folgenden Tag zur bezeichneten Stunde fand Hugo die junge Frau allein.
    Als er ihren kleinen Salon betrat, erhob sie sich vom Klavier, auf dessen
Pult die Partitur des »Propheten« aufgeschlagen war.
    Sie begrüsste ihn mit erzwungen ruhiger Freundlichkeit. Und nachdem sie sich
gesetzt hatten:
    »Also wirklich - Sie wollen sich verabschieden? ... Der Entschluss zu dieser
Rückreise scheint Ihnen plötzlich erst gestern abend gekommen zu sein?«
    »Ja, Gräfin, gestern abend.« Eine Pause.
    »Ihrem Vater wird es leid tun.«
    »Meinem Vater tut es sehr leid.«
    Nach einer abermaligen Pause sagte Sylvia:
    »Mir auch ... Sie stellen doch ein Stück meiner ersten Erinnerungen dar -
als Kinder haben wir oft miteinander gespielt und jetzt - ich gestehe, ich habe
mich sehr gefreut, Sie wiederzusehen ... und so - gewachsen zu sehen. Was Sie
alles von Ihren dichterischen Versuchen und Erfolgen erzählen, interessiert mich
... Der Einblick in einen Künstlergeist ... kurz, es tut mir sehr leid, dass Sie
abreisen ...«
    »Wenn Sie es befehlen, so bleibe ich.«
    »Ah, ich habe nichts über Sie zu befehlen,« antwortete sie rasch.
    Sie war über diese Wendung erschrocken. Vielleicht wäre es besser, wenn er
abreiste ... sie erriet, dass sein Motiv dazu dieselbe Gefahr sei, die auch ihr
vorgeschwebt.
    »Sie haben alles über mich zu befehlen! - Wenn ich Ihnen aber einen Einblick
- nicht in einen Künstlergeist, sondern in ein armes Menschenherz gäbe, Sie
würden mir vielleicht gebieten, nicht nur dass ich jetzt abreise, sondern dass ich
überhaupt nie wieder komme. Sie durchblicken, was ich sagen will ... ich sage es
aber nicht, weil das eine Vermessenheit wäre, zu der ich nicht berechtigt bin
...«
    Sylvia schüttelte unwillig den Kopf.
    »Sie haben es doch gesagt ... Reden wir vernünftig, Herr Bresser. Dass Sie
einmal in mich verbrannt gewesen, das weiss ich ja aus einem närrischen Brief,
den ich an meinem Hochzeitsmorgen erhielt. Darüber sind nun bald drei Jahre
vergangen ... Sie sind in ein ganz neues Leben getreten, haben die alte
Schwärmerei, wenn nicht vergessen, so verwunden - das Kopfschütteln gilt nicht.
Ihre Arbeit und - was weiss ich, ich frage nicht darnach - vielleicht auch neue
Herzensbande füllen Ihre jetzige Existenz aus, also tun wir, ich bitte, als wäre
niemals jener Brief geschrieben, niemals Ihre Andeutung von vorhin gemacht
worden ... ausgelöscht, das Ganze ausgelöscht ... und um mit dem Tema ein- für
allemal fertig zu werden, erkläre ich nun mit aller Entschiedenheit, dass Sie
nichts, nichts, nichts von mir zu hoffen haben - ausser den freundschaftlichen
Verkehr einstiger Jugendgenossenschaft, den in alter Herzlichkeit. Also reisen
Sie nach Berlin, wenn Ihre Geschäfte oder Ihre Neigung Sie dahin rufen ... aber
nur keine Flucht, ich bitte ... das würde mich beleidigen. So, das war das
letzte Wort über diesen Zwischenfall - ich werde ihn nie wieder erwähnen - auch
Ihnen verbiete ich, jemals darauf zurückzukommen. Und jetzt erzählen Sie mir von
Ihrer neuesten Arbeit.«
    Sie hatte sehr schnell gesprochen, über und über rot dabei.
    Hugo hatte nicht versucht, sie zu unterbrechen. Ihre Worte - sie sprach ja
von seiner Liebe - bewegten ihn wonnig, betäubten ihn - fast wie eine
Liebkosung.
    Die Dämmerung war hereingebrochen. Ein Diener brachte die Lampen und schürte
das Kaminfeuer. Dann entfernte er sich wieder. Das Lampenlicht war von grossen,
roten Schirmen gedämpft und auch aus dem Kamin flackerte roter Schein über den
Teppich; - eine unsäglich trauliche Stimmung war in dem prunkvollen, kleinen
Gemach verbreitet.
    Bresser stand auf und lehnte sich an den Kaminsims; dadurch war er der
jungen Frau etwas näher gekommen.
    »Ich werde Ihnen gehorchen, Gräfin Sylvia, in allen Stücken,« sagte er in
sanftem, zärtlichem Ton.
    »Das ist recht.«
    »Einstweilen bleibe ich noch in Wien. Ich kann hier die Arbeit, die ich
begonnen habe und um die Sie mich fragen, mit mehr Musse vollenden als in Berlin,
wo meine vielen Kollegen mir keine Ruhe lassen.«
    »Was ist diese Arbeit?«
    »Ein Märchendrama in Versen. Der erste Akt ist fertig - ich werde Ihnen ihn
vorlesen - und Sie sagen mir, ob ich den richtigen Ton getroffen.«
    »Haben Sie das Manuskript bei sich?«
    »Nein, ich bringe es das nächste Mal, wenn Sie erlauben.«
    »Gut - morgen.«
    »Gut, morgen: wie mir das freundlich klingt - nachdem ich mich schon dazu
verurteilt hatte, morgen über alle Berge zu sein. Als ein Begnadigter fühle ich
mich.«
Und am folgenden Tage kam er. Um dieselbe Dämmerstunde wie gestern.
    Doch diesmal waren die Lampen schon angezündet und Sylvia war nicht allein.
Baronin Tilling sass bei ihr.
    Als Sylvia den jungen Mann eintreten sah, stockte ihr der Atem und sie
fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Sie war froh, nicht allein zu
sein; nur war ihr der forschende Blick etwas peinlich, den ihre Mutter, welche
das plötzliche Farbenwechseln vielleicht bemerkt hatte, nun auf sie heftete.
    »Guten Abend, Herr Bresser,« sagte sie, etwas unsicher. »Haben Sie Ihr
Manuskript mitgebracht?« Sie deutete auf eine Rolle, die er in der Hand hielt.
    »Ja, das ist es.« Er legte die Rolle auf einen Tisch. »Ich lasse es hier -
zur gelegentlichen Durchsicht.« Dann näherte er sich der Baronin Tilling und
küsste ihr ehrerbietig die Hand.
    »Ihr neuestes Werk?« fragte diese.
    Sylvia aber nahm das Manuskript und wollte es ihm zurückgeben.
    »So haben wir nicht gewettet. Sie versprachen mir vorzulesen.«
    »Ich weiss nicht, ob die Baronin ...«
    »O, ich würde unendlich gern etwas von Ihnen hören - wenn Sie meiner Tochter
versprochen haben, eine Ihrer Dichtungen vorzulesen, dann lassen Sie mich an dem
Genusse teilnehmen -«
    So aber hatte er nicht gewettet. Allein mit der angebeteten Frau, ihr mit
seinen Versen seine Seele ausschütten ...: das hatte er von der verheissenen
Stunde erhofft. »Two is company, tree is none« - die Richtigkeit dieses
englischen Sprichworts schien ihm wieder einmal bewährt. Sich jetzt hinsetzen
und den beiden Damen seinen neuesten dramatischen Versuch vortragen, wie um die
eigene Eitelkeit zu befriedigen, oder als ob er sich Kritik und Rat holen
wollte: - nein, das verhielte sich zu der geträumten innigen Geisteskommunion
wie ein Drehorgelstück zu Sphärenmusik - -
    »Ich bin ein schlechter Vorleser,« sagte er. »Die Gräfin wird, wenn sie
einmal Zeit hat, in dem Fragment blättern.«
    »Nur ein Fragment?« fragte Marta.
    »Ja, der erste Akt eines Dramas. Mehr habe ich nicht fertig.«
    »Aber doch den Plan der nächsten Akte?«
    »Der ist noch schwankend.«
    Sylvia nahm die Papierrolle:
    »Wenn Sie nicht vorlesen wollen, so werde ich es tun!«
    Sie setzte sich zurecht und schlug das Manuskript auf.
    Wieder durchzuckte der Anblick von Hugos Schrift sie mit der Erinnerung an
den heissen Liebesbrief, den er ihr damals geschrieben ... Und tot war ja diese
Liebe nicht - das wusste sie - nur zu ewiger Stummheit verdammt. Und doch wieder
nicht: einem Dichter kann der Mund nimmer verschlossen werden. Was er einer in
direkter Anrede nicht sagen durfte, das konnte er ja - allen vernehmlich und nur
einer verständlich - in seinem Gesange aussprechen. Ihr war, als müsste sie nun
in dem aufgeschlagenen Hefte gar manche Stelle finden, die an sie gerichtet war,
die ihr Leidenschaftliches und Süsses ins Ohr flüstern würde ...
    »Gut,« sagte Hugo, »lesen Sie, Gräfin. Meine Verse von Ihnen zu hören, wird
mich ganz eigentümlich berühren und - belehren; ich werde besser beurteilen
können, als wenn ich selber lese, wie die Verse klingen ... Wenn es Sie also
nicht langweilt, Frau Baronin - -«
    »Mich?« rief Marta lebhaft, - »ganz im Gegenteil, ich bin sehr gespannt -
lies, mein Kind.«
    Sylvia rückte näher zur Lampe und begann zu lesen. Hugo lehnte sich in
seinem Fauteuil so zurück, dass sein Kopf im Schatten des Lampenschirmes
verborgen war; sein Blick hing an Sylvias Zügen, deren Spiel bewegt und
ausdrucksvoll den ebenso bewegten und ausdrucksvollen Stimmfall begleitete. Das
melodische Organ war bei manchen Stellen weich und zitternd und erhob sich bei
anderen zu feuriger Kraft, aber beides geschah - nicht in deklamatorischer
Absicht, sondern in unwillkürlicher, deutlich verhaltener Ergriffenheit.
    Mit grossem Interesse lauschte Marta dem Inhalt des Stückes, mit noch
grösserem beobachtete sie ihre Tochter.
    An sie gerichtete Worte, wie sie erwartet hatte, konnte Sylvia in den
vorliegenden Versen nicht finden, denn von Liebe und Liebessachen war nicht die
Rede; aber eine Sprache von solchem Schwung und solcher Schönheit fand sie
darin, wie sie es nicht erwartet hatte.
    Kräftig und klirrend wie Trompetenschall, dann wieder sanft und einlullend
wie das Plätschern einer mondbeschienenen Fontäne, von wilder Fröhlichkeit wie
Mänadentanz und banger Schwermut wie Grabesläuten, so wechselten die Rhytmen,
so reihten sich die Strophen in überraschend neuen Wortverschlingungen
aneinander - im Schmucke ebenso neuer Bilder von tiefglühenden Farben oder
mattschimmerndem Glanz. Und diese ganze Ausdruckspracht als Gewandung erhabener
und lieblicher Gedanken, kühnsten Phantasiefluges und leidenschaftlich
pulsierender Gefühlskraft. Die Leserin überkam eine genussvolle Bewunderung, wie
nur vollendete Kunstwerke sie einzuflössen pflegen; von der Begeisterung, die in
diesen Versen vibrierte, strömte Mitbegeisterung in ihre Seele über - sie war
gehoben und beglückt. Als sie das letzte Wort gelesen und die Hand, die das Heft
hielt, sinken liess, holte sie einen tiefen, zitternden Atemzug: sie liebte einen
Dichter - einen grossen Dichter.
    Auch Marta war hingerissen.
    »Wundervoll!« rief sie. »Sie haben eine grosse Zukunft vor sich, Bresser.
Und, Sylvia, ich muss sagen - Du trägst sehr schön vor.«
    Die beiden anderen blieben stumm. Nach einer Weile ergriff Marta von neuem
das Wort, um von der Handlung des eben gelesenen Dramenfragments zu sprechen und
zu fragen, wie dieselbe sich weiter entwickeln werde.
    »Einen ursprünglichen Plan habe ich verworfen, während dieser Akt entstand -
also kann ich nicht mit Bestimmteit sagen, wie ich die Handlung weiterführe.
Eine ganz neue Wendung hat sich mir - durch die zufällige Eingebung einer
einzigen Reimzeile - aufgedrängt - und das muss nun erst reifen, ehe ich
überhaupt an dem Stücke weiterarbeiten kann.«
    »Das also sind die geheimen Vorgänge des Schaffens?« sagte Marta
nachdenklich.
    »Ich denke,« erwiderte Bresser, »dass diese Vorgänge bei jedem Künstler
andere sind.«
    Sylvia schwieg noch immer. Sie war wie in einen Traumzustand versetzt, aus
dem sie sich nicht durch den Klang der eigenen Stimme reissen wollte. Warm und
beseligend - wenn auch zugleich beängstigend - strömte ihr vom Herzen das
Bewusstsein auf, dass da ein Mensch vor ihr war, dessen Scheitel mit der höchsten
irdischen Krone - mit der des Genius - geschmückt war, und von diesem Menschen
wurde sie geliebt ... ihn wiederzulieben war süssester Zwang. Die Dichtung war
ihr zu Kopf gestiegen, ihre Seele taumelte in Bewunderungsrausch.
    Unerwartet trat Delnitzky herein. Damit war der Bann gelöst. Wie aus einem
Traum erwachend, fuhr Sylvia empor; es war, als hätte ein kalter Luftstrom ihre
Schläfe berührt und den Rausch verscheucht.
    »Grüss Euch Gott alle miteinander ... Küss die Hand, Mama ... ah, Herr Bresser
... freut mich - noch immer in Wien? Ich hab' geglaubt, Sie sind schon nach
Ihrem geliebten Preussen abgedampft ... Du, Sylvia, ich wollte Dir sagen, ich
hab' heute zwei Freunde zum Essen eingeladen ... den Felsegg und den Milovetz.«
    »Gut,« sagte sie.
    Er warf sich in einen Fauteui
    »Bei was habe ich die Herrschaften gestört?«
    »Sylvia las uns aus einem Drama vor - von Herrn Bresser.«
    »So. Da hab' ich was versäumt ... Na, wir werden ja Ihre Stücke vielleicht
einmal in der Burg sehen, was? Das ist mir lieber als vorlesen hören ... Dazu
hab' ich gar kein Talent, oder keine Geduld.«
    Hugo empfahl sich bald. Als er, sich verabschiedend, Sylvias Hand küsste,
sagte er:
    »Sie haben nicht ein Wort des Urteils geäussert, Gräfin - soll ich das als
stummen Tadel auffassen?«
    Mit festem Händedruck und einem geraden Blick in seine Augen antwortete sie:
    »Sie wissen das Gegenteil.«
    Ja, er wusste es. Ein magnetischer Rapport hatte, während des Lesens, sich
zwischen Autor und Leserin hergestellt. Deutlich hatte er empfunden, dass sie auf
den Flügeln seines Gesanges in die gleiche Begeisterungshöhe gehoben worden, die
er in den Stunden der Arbeit erklommen hatte. Eine Kommunion auf dem Gipfel des
Parnasses - ein gleichzeitiges Eintauchen der brennenden Lippen in das kühle
Geriesel des kastalischen Quells ...
    Solche, etwas überspannte Ideen erfüllten und begleiteten ihn, als er nun,
Sylvias Hand verlassend, in raschen Schritten seiner Wohnung zueilte. Er hatte
die Absicht, den Drang, das Bedürfnis - heute noch, den ganzen Abend - zu
schreiben. Den zweiten Akt beginnen unter dem Eindruck, den ihm die Lektüre -
aus solchem Mund in solchem Ton! - die Lektüre des ersten gemacht. Anderes noch
wollte er schreiben: ein Gedicht an - sie. Seine Liebe war - im Bewusstsein
erreichter Gegenliebe - zu höchster Glut angefacht, und da dies unter dem Bann
der Dichtung so gekommen, so wollte, so musste er nun in glühenden Versen seinem
Gefühle Luft machen. Sie besingen - er lechzte darnach, als wäre es eine Art sie
zu liebkosen, sie zu schmücken - statt mit Küssen und Perlen - mit Rhytmen und
Reimen.
Baronin Tilling war bei Delnitzkys zu Tisch geblieben. Bald nach dem Essen
entfernten sich Toni und dessen Freunde, um in den Klub zu gehen, und Mutter und
Tochter blieben allein.
    Sylvia war die ganze Zeit zerstreut und schweigsam gewesen. Auch jetzt, wenn
Marta etwas fragte oder bemerkte, antwortete sie erst, wenn die Frage oder
Bemerkung wiederholt worden war, und da nur ganz kurz und nicht recht zur Sache.
    »Komm, mein Kind - mach es wie in Deinen Mädchenjahren - nimm Dir einen
Schemel und setz' Dich her zu meinen Füssen ...«
    »Ach, Mutter, die Mädchenjahre sind entflohen -«
    »Und ebenso Dein Vertrauen zu mir ...?«
    »Wie meinst Du -?«
    »Ich meine, dass Du mir verschweigst was Dich drückt und was Dich bewegt. Das
war einmal anders ... Du pflegtest mir alles zu sagen - wie Deiner besten
Freundin. Jetzt freilich könnte Dein Mann mich verdrängt haben, er könnte nun
Dein Vertrauter und Berater sein ... dann würde ich mich gern zurückziehen, aber
das ist, leider Gottes, - nicht der Fall.«
    »Nein, es ist nicht der Fall,« murmelte Sylvia bitter.
    
    »Siehst Du - und das sagst Du mir erst heute -«
    »Da Du es durchschaut hast -«
    »Ich durchschaue noch mehr ... Sylvia, komm, tu' mir den Gefallen, setze
Dich ... da und lege Deinen Kopf auf meinen Schoss und sei aufrichtig, ganz
aufrichtig - ich bitte, bitte Dich!«
    Etwas widerwillig, aber doch unwiderstehlich angezogen, gehorchte die junge
Frau.
    »Hier bin ich also ... das alte Plätzchen ... Erinnerst Du Dich - zum
letzten Male sass ich so - am Tage, da ich mich heimlich verlobt hatte ...«
    »Ja, ich erinnere mich - Du legtest mir damals eine Art Beichte ab.«
    »Ja, Beichte. Meine Liebe war nicht sündenfrei -«
    »Das ist sie auch heute nicht, Sylvia -«
    »Ich liebe ihn ja nicht mehr, dem Himmel sei's geklagt. Nun weisst Du es -
ich dachte, Du müsstest es schon längst wissen, doch Dir und mir habe ich das
Peinliche ersparen wollen, das in solcher Aussprache liegt.«
    »Ich hatte Dich damals gewarnt - Du wolltest nicht auf mich hören - warst
leidenschaftsbetört, eine verliebte Natur nennt man das - une grande amoureuse -
wie's in den französischen Romanen heisst. Aber ich wiederhole es, Deine Liebe
ist nicht sündenfrei -«
    »Und ich wiederhole: sie ist ja erloschen.«
    »Für Toni ja - und das verstehe ich. Doch -«
    Sylvia zuckte lebhaft zusammen unter der Hand, die auf ihrem Scheitel lag.
    »Also auch das hast Du erraten?« sagte sie bebend.
    »Auch das ... Ich beschwöre Dich, mein Kind, empfange diesen jungen Mann
nicht mehr ... Du bist Friedrichs Tochter ... nicht anders als in Reinheit
darfst Du durchs Leben gehen.«
    Eine leise Revolte stieg im Innern des jungen Weibes auf: war sie nicht vor
allem sie selbst - und erst in zweiter Linie die Tochter von diesem oder jenem?
Aber auch sie selbst ... wenn sie gleich in Bewunderung zu dem jungen Dichter
erglühte - hatte sie denn je daran gedacht, ihrer Reinheit etwas zu vergeben?
Bresser zum Geliebten -? Der Gedanke stieg ihr da zum ersten Male auf, als etwas
heiss Verwirrendes, Beschämendes, - etwas das zu verjagen war, das man nicht
ausdenken durfte - -
    Marta sprach weiter:
    »Dein Vater ist tot - aber sein Werk lebt fort: wir drei: Rudolf, Du und ich
sind dessen Erben und Hüter. Kein Schatten darf auf die Ehre unseres Namens
fallen, denn solcher Schatten würde auch unsere Sache verdunkeln. Aber nicht der
Sache - auch Deiner selbst willen, Sylvia, beschwöre ich Dich: geh in Reinheit
durchs Leben!«
    »Das will ich ja,« antwortete Sylvia mit erhobenem Haupt.
 
                                      XVI
                             Marta an Graf Kolnos.
                                                     »Brunnhof, Mitte Juni 1893.
    Lieber Freund!
        Zufällig habe ich Ihren jetzigen Aufentalt und Ihre Adresse erfahren.
        Sie sind schon auf dem Rückweg und kommen wohl bald hier an. Nach andert
        halbjähriger Abwesenheit!
        Sie wissen nicht, was inzwischen geschehen. In meinem Hause hat sich
        Trauriges - furchtbar Trauriges zugetragen. Und Sie sollen es zuerst
        durch mich erfahren - daher schreibe ich Ihnen. Sie sind mein Freund und
        Rudolfs Freund - Ihrer Teilnahme bin ich sicher.
        Der Tod ist bei uns eingebrochen. Zweimal. Zuerst mein Enkelkind -
        Friedrich. Zwei Tage nur war der arme Kleine krank. Ein harter Schlag
        für uns alle. Was mit solchen Kindern stirbt, ist nicht nur das
        gegenwärtige liebe herzige Wesen selber - es sind die ganzen Träume, die
        man für die Zukunft geträumt ... Der Erbe des Dotzkyschen Majorats, der
        Nachfolger meines Sohnes, wäre er nicht auch geistig sein Nachfolger
        geworden und hätte das Werk weitergeführt, das Rudolfs Lebensaufgabe
        ist? Und alles das durch ein paar Konvulsionen des kleinen Körperchens
        aus der Zukunft weggewischt!
        Rudolf war sehr unglücklich. Beatrix, die eben einer zweiten Niederkunft
        entgegensah, war ganz verzweifelt. Und jetzt kam der zweite Schlag. Eine
        Fehlgeburt und - auch Beatrix ist tot.
        Sie können sich meines Sohnes Schmerz wohl vorstellen. Er hatte sein
        Weibchen unendlich lieb - sie war auch ein gutes, liebes, hübsches
        Geschöpf ... er beweint sie innig. Diese beiden, so kurz auf einander
        folgenden Verluste haben ihn ganz schwermütig gemacht.
        Er wird sich wieder aufraffen. Sein Alles war ihm Beatrix nicht. Er ist
        jung, ich sehe die Zeit kommen, da er sich eine neue Häuslichkeit
        gründen wird. Aber als ich ihm neulich so etwas sagte, wehrte er heftig
        ab.
        So, nun wissen Sie, mein alter Freund, dass Sie in uns ein paar recht
        gedrückte, traurige Leute wiederfinden. Mein holdes Enkelkind, dass den
        so teueren Namen Friedrich trug - war mir gar fest ans Herz gewachsen
        ... Der Tod, der Tod ... wie wandelt der doch so grausam unter uns herum
        und knickt die Blüten unseres Glücks ... Was mir unter seiner Sense
        gefallen - ich denke immer noch an 1871 - das hat mich eigentlich gegen
        seine Hiebe abgehärtet. Damals war es nicht einmal sein Hieb, nicht er
        hat ausgeholt - menschliche Barbarei hat ihm die Sense geführt. Ist ja
        ein viel zu schwaches, leistungsunfähiges Instrument, diese Sense ...
        einfach nur für Handarbeit zu brauchen; - das menschliche Ingenium hilft
        da auch, mit bei Krupp und Konsorten fabrizierten Mähmaschinen. O über
        die bodenlos wilde Unvernunft, Krieg genannt - die muss niedergekämpft
        werden ... Wieder zu meiner fixen Idee abgeschweift? Das sind Sie ja an
        mir gewohnt, teurer Freund. In den feierlichen Stunden der grossen Freude
        und besonders der grossen Leiden flüchtet jede Seele zu dem, was ihr als
        Höchstes gilt.
        Sie werden bei Ihrer Rückkunft Rudolf nicht antreffen. Er ist auf einer
        vom Arzt verordneten Reise - zur Zerstreuung, zur Ablenkung, sagte
        Doktor Bresser - ach, ich fürchte, er hat seinen Kummer als
        Reisegefährten mitgenommen. Sylvia finden Sie noch in Wien. Auch Sylvia
        macht mir Sorge - das erzähle ich Ihnen mündlich. Ich bin allein in
        Brunnhof. Vielleicht besuchen Sie mich.«
Auf der in einen Garten umgewandelten Terrasse eines Berner Hotels sass Rudolf
Dotzky und blickte nachdenklich auf das von der Abendsonne überstrahlte
Alpenpanorama.
    Um ihn herum war reges Leben. Zahlreiche Hotelgäste sassen um kleine Tische,
andere gingen plaudernd auf und nieder oder lehnten an der Balustrade - eine
bunte Gesellschaft aus aller Herren Länder.
    Rudolf, der seit einer Woche hier weilte, hatte mit niemand Bekanntschaft
angeknüpft. Er war auf Reisen gegangen, um eine Zeitlang einsam zu sein, und
einsam war er auch geblieben. Er hatte nun, eine nach der andern, fast alle
Städte der Schweiz besucht und Bern sollte die letzte Etappe vor seiner
Heimfahrt sein.
    Angeblich war der Zweck seiner Reise Zerstreuung gewesen, aber was er
gefunden hatte, war vielmehr das Gegenteil - war Sammlung. Ein Gedanke, der ihm
den Kopf durchkreuzt an dem Tage, da er die Gruft verliess, in die man die Särge
seiner Frau und seines Sohnes versenkt hatte - dieser Gedanke hatte ihn während
seiner Reise nicht mehr losgelassen und war allmählich zum Entschluss gereift:
dem Majorat entsagen.
    Frei sein, ganz frei sein, nicht mehr zweien Herren dienen müssen, oder gar
dreien: Familie, Ranggenossen und Menschheit. Nein, fortan nur mehr den einen
Dienst: den Menschheitsdienst. Frei für die Zukunft, und frei von den Fesseln
der Veraanaenheit.
    Frei? ... Als ob bei der bestehenden Ordnung irgend ein Mann sich frei
nennen dürfte! Mit dem Worte wird lächerrlich grossgetan. Rudolf wusste ganz gut,
welche Fesseln ihn noch banden und die abzustreifen es überhaupt keine
Möglichkeit gab. Er war ja - wie jeder gesunde Bürger im Militärstaat - Soldat.
Zwar nur achtundzwanzig Tage im Jahre, aber immerhin - Soldat. Und im Kriegsfall
jederzeit verpflichtet, einzurücken. »Verpflichtet« ist da auch nicht der ganz
passende Ausdruck - unter Pflichterfüllung denkt man sich eine als recht
erkannte, freiwillig ausgeübte Tat. »Gezwungen« wäre das richtige Wort. Man hat
ja keine Wahl - man muss. Und mag man den Militärdienst aus was immer für Gründen
hassen - man muss ihn verrichten. Auf Verweigerung steht Gefängnis und Tod. Und
da wagt man, von mehr oder minder ausgedehnten Freiheiten zu reden?
Leibeigenschaft und Sklaverei: das war einstens das Los eines Teils der
Bevölkerungen; heute, in den Ländern der allgemeinen Wehrpflicht, ist es das Los
aller.
    Aber was von Fesseln abzustreifen möglich war, das wollte er tun. Dem
Majorat entsagen. Mit einem Ruck wäre da die ganze Last der Verwaltungs- und
Repräsentations- und sonstiger Pflichten abgewälzt, die ihm seine bisherige
Stellung auferlegt und ihn gehindert hatten, sich ganz seiner grossen
Lebensaufgabe hinzugeben - der Aufgabe nämlich, ein Lehrer, ein Kämpfer, ein
Apostel zu sein. Mit Schrift und Wort wollte er seinen Mitmenschen das neue
Gesellschaftsideal vor die Seele führen. Das, was er schon verstand, wollte er
den anderen verständlich machen und zu dem, was ihm und den anderen noch zu
erforschen blieb, wenigstens den Weg weisen. Man kann nicht gleich gefunden
haben - erst muss man überhaupt suchen lernen.
    Dem Majorat entsagen ... es war kein kleiner Entschluss. Aber er empfand ihn
nicht als etwas Schweres - eher als etwas Erleichterndes. Als abgeworfenen
Ballast zum Höherfliegen. »Unser ganzes Kunststück besteht darin,« sagte Goete,
»dass wir unsere (bornierte) Existenz aufgeben, um (in erhöhter Weise) zu
existieren.«
    Es blieb ihm übrigens genug Vermögen, um sorgenlos leben und bequem reisen
zu können. Die grossen Einkünfte, die das Dotzkysche Majorat abwarfen, die gingen
ohnehin für die mit dem Besitz verbundenen Verwaltungs- und
Repräsentationskosten auf: Der Dienertross, die gefüllten Pferdeställe, die zur
Institution gewordenen gastlichen Veranstaltungen u.s.w. Der Reichtum, dem er
entsagte, hätte doch niemals zur Förderung seiner Zwecke dienen können, im
Gegenteil: ihn nur physisch und moralisch an deren Erreichung gehindert.
Physisch, indem er seine Zeit und Kraft in Anspruch nahm; moralisch, indem es
unmöglich ist, sich für soziale Umwälzungen, für Abschaffung mittelalterlicher
Zustände einzusetzen, wenn man seine eigene Existenz auf eine so feudale
Einrichtung aufbaut, wie der Fideikommissbesitz.
    Hätte Rudolf das gleich grosse Vermögen als frei verfügbares Privateigentum
besessen, dann würde er nicht darauf verzichtet haben, denn dann hätte er es in
einer zu seinen Plänen und Anschauungen passenden Art verwenden können: z.B.
Gründung von Volksbiblioteken, von einem grossen Blatte und ähnlichen Dingen.
Aber ein Vermögen, das unverkürzt und unversehrt für den nächsten Anwärter
erhalten bleiben musste - das konnte ihn in seinem Wirken nicht fördern - nur
hemmen.
    Dass der geplante Schritt in seinen Kreisen Ärgernis geben und bei allen
Standesgenossen - mit Ausnahme des begünstigten Vetters - Tadel erfahren würde,
darauf war er wohl gefasst. Die Bemerkungen konnte er schon hören, die darüber
fallen würden: »Immer ein überspannter Kopf gewesen, dieser Dotzky ... Mir war
er immer unheimlich ... Im Grunde ist es nicht nur zu dumm - es ist ein Verrat
an seinen Standespflichten. - Statt den Platz auszufüllen, auf den ihn sein
Geschick gestellt hat, in die Welt hinauslaufen und revolutionäre Doktrinen
predigen, wie der erste beste Demagogenführer - eine wahre Schande!« und was die
Variationen des alten »Kreuziget ihn!« mehr sind.
    Übrigens: Revolution zu predigen, war gar nicht seine Absicht. Man würde es
nur so deuten - auf falsche Deutungen allentalben war er überhaupt gefasst. Die
einzige Person, bei welcher er überzeugt war, volles Verständnis und Beifall zu
finden, war seine Mutter. Nächster Tage wollte er ihr schreiben.
    Seinen Aufentalt in der Schweiz beabsichtigte er noch zwei oder drei Monate
auszudehnen. Hier konnte er in aller Ruhe und Abgeschiedenheit die Arbeit
vollenden, die er - wie es Egidy - mit seinen »Ernsten Gedanken« getan - in die
Welt schicken wollte, ehe er mit dem gesprochenen Wort, mit eigener Person
hinausginge, das Geschriebene zu vertreten und zu verbreiten.
    Ehrgeiz war es nicht, was ihn trieb - Frömmigkeit war es. Das Bewusstsein,
eine höchste Pflicht erfüllen zu müssen, durch deren Erfüllung man sich selber
heiligt und anderen zum Heile verhilft, das ist es, was alle tieffrommen Seelen
erfüllt, was zum Beispiel einen Franz von Assisi bewegte, aus einem reichen
Lebemann zum Asketen zu werden. Solche Vokationen sind nicht immer natürliche
Anlage; sie erwachen oft - wie dies ja auch beim Stifter des Franziskanerordens
zutraf - nach einem in ganz anderer Richtung geführten Lebenswandel. Rudolf
hatte zwar seit seiner Kindheit die Idee in sich getragen, dass er die von seinem
Stiefvater hinterlassene Aufgabe einst werde übernehmen müssen, aber ganz
durchdrungen davon war er lange nicht gewesen. Er sah die Ausführung immer nur
wie eine Zukunftssache vor sich, während die Gegenwart ihm mit hundert anderen
Interessen ausgefüllt war. Erst nach und nach, infolge gewisser Studien und
durch die Berührung mit gewissen von Aposteltum durchglühten Zeitgenossen,
erfasste auch ihn ein immer heftiger werdender Drang, sich dem ganz hinzugeben,
was ihm zur Religion geworden; hinauszugehen und zu predigen, was sein Glaube
war, und zu bekämpfen, was ihm als verdammenswerte Ketzerei erschien.
Andachtsvoll, hingebend, voll begeisterter Liebe, voll Ehrfurcht für das
Göttliche, das ihm vorschwebte, voll Abscheu gegen das Böse, Gemeine und
Jammervolle, das die Umwelt ihm noch an allen Ecken und Enden zeigte, das war
nunmehr die Verfassung seiner Seele; - dieselbe Verfassung also, die man - wenn
auch mit Bezug auf eine andre Glaubenswelt - mit dem Ausdruck Frömmigkeit zu
bezeichnen pflegt. Dieselbe Frömmigkeit, die auch Martas Seele durchglühte.
In tiefes Rachdenken versunken sass er da. Doch war es kein Denken in klaren
Worten oder deutlichen Bildern, sondern mehr in Empfindungen. Nicht verkettete
Ideen, sondern verkettete Gefühle, aneinander gereihte, ineinander verschlungene
Bewusstseinsphasen.
    Eben war die Table d'hote, an der er niemals teilnahm, zu Ende, und ein
Trupp von Hotelgästen kam aus dem auf die Terrasse mündenden Speisesaal
herausgeflutet. Die meisten liessen sich in einer - dem Platze, wo Rudolf sass,
gegenüberliegenden glasbedeckten Veranda nieder und liessen sich da den schwarzen
Kaffee und Liköre bringen. Eine grosse amerikanische Gesellschaft war darunter,
meist junge Leute beiderlei Geschlechts, und unter diesen ging es ziemlich
lustig und lärmend zu. Aus der offenen Tür des Salons drang glänzendes
Klavierspiel herüber - offenbar war es ein Künstler, der sich ans Instrument
gesetzt. Alles das unterbrach Rudolfs Meditationen, riss ihn aus seiner
Vorstellungswelt heraus. Hier war ein Stückchen wirkliche Welt, ein Stückchen
lebendige Gegenwart, im Gegensatz zu seinen Zukunftsträumen, das heisst zu seinen
Kampfplänen um eine bessere Zukunft. Die Leute da schienen die gegenwärtige
Stunde gut zu finden und kein besseres morgen zu ersehnen. - - Waren sie nicht
vielleicht die Klügeren? Ihrer war die Wirklichkeit, in dieser fanden sie sich
zurecht, in ihr hatten sie sich's wohlig und bequem gemacht ... Alle Pläne und
Kämpfe der Unzufriedenen gehen doch nur dahin, eine Zukunft zu schaffen, in der
Leute leben werden - andere Leute als die, welche heute die Erde bevölkern - und
für die jene ferne Zeit wieder eine Gegenwart - sein wird, in der sie es sich
bequem machen sollen. - -
    Rudolf stand auf. Der Platz war ihm zu lärmend und zu belebt geworden; er
wollte seine Gedanken in der Einsamkeit weiter denken. Wenn sein Sinn nach dem
grossen Ziele: »für die Menschheit wirken« gerichtet war, so störte ihn nichts so
sehr darin, als der Anblick vieler Menschen. Nur in wenigen Exemplaren oder in
der Abstraktion vermochte er die Menschheit zu lieben; wo er eine Menge
versammelt sah, fühlte er sich durch vieles angewidert und abgestossen: die
Mehrzahl der hässlichen Gesichter, der unebenmässigen Gestalten, die kreischenden
Stimmen, die kleinliche Geschäftigkeit, die blöde Unbekümmerteit, die schale
Geschwätzigkeit: - verdiente es diese Menge, dass man ihretwegen sich sorgte und
sich opferte? ... Aber es genügte ihm, von den Leuten wegzuschauen, um wieder in
der Vorstellung den Gesamtbegriff Menschheit und die Bilder einzelner herrlicher
Menschenkinder wachzurufen, und damit zugleich den Wunsch, die Massen von
Unglück und Elend befreit zu sehen und den einzelnen - auch sich selber - ein
immer höher und schöner entfaltetes Leben zu erobern.
    »Graf Dotzky!« rief plötzlich eine bekannte Frauenstimme.
    Rudolf blickte auf. Gräfin Ranegg und ihre Tochter Cajetane standen vor ihm.
    »Oh - meine Damen, welche Überraschung!« rief er. Alle abstrakten Gedanken
und Bilder waren verflogen; die wirkliche Welt, seine Welt, war mit einem Male
wieder vor ihm aufgetaucht.
    »Ich bin nicht überrascht, Sie hier zu treffen,« sagte die Gräfin. »Durch
Ihre Mutter wusste ich, dass Sie in Bern sind.«
    »Und Sie?« ...
    »Wir machen eine kleine Tournee durch die Schweiz ... heute früh sind wir
hier angekommen und wollen heute wieder weiter fahren. Sie bleiben wohl noch
längere Zeit fort von zu Hause? ... Sie haben ja recht ..., ach, es war so
schrecklich -«
    Gräfin Ranegg hatte Dotzky seit seinem Verluste nicht gesehen und sie legte
jetzt in ihren Ton das ganze scheue Beileidsgefühl, das einen überkommt, wenn
man Menschen begegnet, die man zuletzt glücklich gesehen und die seiter von
einem schweren Schlag betroffen worden.
    Cajetane, die stumm blieb, drückte das gleiche Gefühl in Blick und Miene
aus. Ihre schönen schwarzen Augen waren voll und traurig auf Dotzky gerichtet, -
so traurig, dass es beinahe wie zärtlich war. Der junge Mann empfand diesen
Blick, als wäre er ein mildes Streicheln. Er hatte Cajetane immer nur heiter
gesehen, voll des harmlosesten jugendlichen Frohsinns - und dieser völlig neue
Hauch des Schmerzes auf ihren Zügen liess sie ihm noch schöner erscheinen als
sonst.
    Ihre letzten Worte hatte Gräfin Ranegg mit einem Händedruck begleitet und
darauf reichte auch Cajetane die Hand hin, um mit dieser Gebärde und innigem
Druck zu bekräftigen, was ihre Augen sprachen.
    Rudolf war sich bewusst, dass die beiden Frauen sein Unglück für grösser
hielten, als er es empfand; sie glaubten wohl, dass er verloren hatte, was sein
Höchstes und Einzigstes war, dass jetzt kein anderer Gedanke ihn erfüllte, als
der an seine Beraubung.
    Die drei liessen sich nun an dem Tischchen nieder, an dem Rudolf vorhin
gesessen hatte. Gräfin Ranegg sprach in teilnahmsvollem Tone weiter über das
Ereignis, über den Schrecken, den ihr die Nachricht verursacht und fragte um
Einzelheiten. Da sie aber bemerkte, dass Rudolf nur einsilbig und widerstrebend
Antwort gab, so wendete sie das Gespräch auf andere Dinge und erzählte von sich
und den Ihren:
    Schloss Ranegg war augenblicklich verwaist. Christine, die inzwischen
geheiratet hatte, war mit ihrem Mann, einem Gesandtschaftsattaché, gegenwärtig
in Konstantinopel; die Zwillinge, Ella und Bella, waren auf Besuch bei einer
Tante in Böhmen; Ranegg begleitete den Kaiser auf einem Jagdausflug nach Tirol;
die beiden Söhne waren in Wien. Der jüngere besuchte da die Kriegsschule - auch
ihm stand eine rasche, glänzende Karriere bevor. Der ältere hatte sich verlobt
mit der Tochter eines ungarischen Magnaten ... »ein wunderschönes Mädel - und
eine Herrschaft von fünftausend Joch als Mitgift ... das verdirbt nichts - aber
er wird weiter dienen - der Erzherzog ... Sie wissen ja, er ist der Adjutant des
Erzherzogs Wilhelm und sein grosser Liebling - der würde es ihm sehr übel nehmen,
wenn er quittierte; das wollte er auch gar nicht, er ist ja mit Leib und Seele
Soldat.«
    »Eine glückliche Familie,« sagte Dotzky.
    »Eigentlich ja, das sind wir,« gab Gräfin Ranegg zu. »Und umsomehr tut es
mir leid, lieber Dotzky, dass Sie das Schicksal so grausam heimgesucht hat ...
Aber es hat doch jeder seine Sorgen,« fügte sie in weinerlichem Tone hinzu. »So
macht mir das Leiden meiner armen Mutter viel Kummer - und mein Schwager
Hallstein muss jetzt operiert werden - und so verschiedenes andere ...« Es war,
als wollte sie seinen Neid dämpfen.
    Rudolf war aber nicht neidig. Er konnte sich gar nicht mehr in die Lage
jener hineindenken, deren Freuden und Leiden ganz auf die eigenen und
nächstliegenden Schicksale und Verhältnisse beschränkt waren, die nichts wussten
von der grossen Unruhe, der grossen Sehnsucht, den grossen Kämpfen, die eine mit
den Lebensrätseln und sozialen Rätseln ringende Seele bewegen ... Noch am selben
Abend reisten die beiden Damen weiter und Dotzky brachte sie zur Bahn. Cajetane
war die ganze Zeit sehr schweigsam gewesen. Aber wenn sie ein paar Worte gesagt,
so hatte in ihrer Stimme stets verhaltenes Mitgefühl gebebt. Als Mutter und
Tochter vom Waggon aus dem Grafen Dotzky, der grüssend vor dessen Fenstern stand,
Abschied gewinkt und der Zug sich in Bewegung setzte, da sank Cajetane in die
Kissen zurück und brach in Tränen aus.
    Die Gräfin sah sie überrascht an:
    »Was hast Du, Caji? Ich glaube gar, der junge Witwer hat es Dir angetan ...«
 
                                      XVII
Drei Monate später kehrte Rudolf von seiner Reise heim.
    Diese drei Monate hatte er in einem einsamen Häuschen zugebracht, das, von
grünen Weidetriften umgeben, mitten in den Bergen verborgen lag. Dortin war er
dem Anblick von Menschen und dem Umgang mit ihnen entflohen. Und dort hatte er
jene Schrift beendet, die sein Glaubensbekenntnis und sein Tatenprogramm
entielt. Das wollte er in die Welt vorausschicken und dann mit dem gesprochenen
Worte weiter ausführen und verbreiten.
    Er fühlte sich im Besitze einer Heilslehre und daher als verpflichtet, sie
zu verkünden. Die ganze Lehre fasste er in ein Motto: »Miteinander, statt
gegeneinander.« Die Geschichte der Zivilisation, wie er sie auffasste, war ja nur
die Geschichte der wachsenden Gemeinsamkeit - zugleich die Geschichte der
überwundenen Brutalität.
    Wieviel unüberwundene Brutalität heute noch vorherrscht, das gab den Stoff
zum längsten Kapitel des Schriftchens ab. Und in welcher Weise sie überwunden
werden kann, das suchte ein anderes Kapitel zu verkünden: durch den Tatenmut der
Guten, den Wahrheitsmut der Wissenden. Ganz gut ist zwar noch keiner - - alles
weiss noch keiner; aber das, was die Vorgeschrittenen an Edelsinn und Vernunft
besitzen, das müssen sie hervorkehren - im Kampf gegen alles Unedle, das ihnen
begegnet, und sei es in den mächtigsten Sphären vertreten; - gegen alles Dumme,
und sei es hinter den gelehrtesten und heiligsten Masken verborgen.
    Dass der Gang der Zivilisation nur von elementaren, nur von wirtschaftlichen
und technischen Faktoren bestimmt werde; unabhängig von dem Wollen und Wirken
einzelner Menschen - das bestritt er. Ideen und Taten sind eben mit Elemente der
Kultur, sind - nicht die einzigen, sind aber auch die treibenden Kräfte. Gewiss,
Entdeckungen und Erfindungen verwandeln das Getriebe der Welt; aber das
Auftreten mächtiger Charaktere - im Guten und im Bösen - bestimmt es nicht
minder
    Und vor allem: die Summe der Einsicht, die aus der Summe der Kenntnisse
resultiert, regelt die Einrichtungen und Sitten der menschlichen Gesellschaft;
wer also irgend eine klare Einsicht gewonnen - über manche kommt es ja wie eine
Erleuchtung - der soll es hinaustragen, damit jene Summe sich mehre. Rudolfs
klare Einsicht war die: Das Elend - in seinen verschiedenen Formen - kann aus
der Welt geschafft werden und muss daher aus der Welt geschafft werden. Die
Erlangung der Seligkeit für jeden (das haben auch die Religionen so hingestellt)
ist eines jeden Pflicht. Aber wie? Kraft welcher Gebote und auf Grund welcher
Glaubenssätze? Das hat - wenn es um das irdische Heil sich handelt - die
Gesellschaftswissenschaft zu erforschen und zu lehren. Einige der Gebote sind
längst - auch von den alten Religionsstiftern - schon gefunden. Die goldene
Regel zum Beispiel: Was Du nicht willst, dass Dir geschehe, das tue auch einem
anderen nicht; Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht falsches Zeugnis
geben. Was aber die neue Einsicht und die neue Pflicht ist, das ist, dass diese
Regeln ebenso für das politische und internationale Leben zu gelten haben, wie
für die Lebensführung des einzelnen.
    Und welche Dogmen? Das wichtigste Dogma des sozialen Glaubens ist die
Evolution. Wenn man glaubt, - nein, wenn man weiss (die kontrollierbaren
Offenbarungen der Wissenschaft erzeugen »wissen«, nicht »glauben«), dass die Welt
und alles, was in ihr sich entwickelt - trotz Entartung und Vernichtung der
Einzelorganismen - zu immer höheren, feineren und vielfältigeren Formen sich
entfaltet, so wird man diese ewigen Hemmungen und Bekämpfungen aufgeben, mit
denen man jetzt jedes sich entfalten wollende Neue, statt zur Quelle der Freude
und des Gewinns, zur Quelle des Leidens, der Unterdrückung und der Verfolgung
macht. Die Entwicklungsgesetze erkennen und darnach die Gesellschaftsordnung und
das sittliche Verhalten regeln: - das ist der Weg zum Heil
Rudolf hatte während seiner Abwesenheit fast täglich an seine Mutter geschrieben
und ihr von allen seinen Arbeiten und Plänen Mitteilung gemacht. Die Nachricht,
dass er auf das Majorat verzichten wolle, versetzte ihr einen gelinden Schlag.
Welche Mutter wird leichten Herzens erfahren, dass ihr einziger Sohn sich des
Glanzes und des Reichtums begeben will, der sein Besitz ist? Marta hatte der
stillen Hoffnung Raum gegeben, dass Rudolf nach Verlauf einiger Zeit den Verlust
verwinden werde, den er durch den Tod der Seinen erlitten hatte, und sich wieder
verheiraten würde - und vielleicht mit einer Frau, die ihm geistig ebenbürtiger
wäre, als es die arme Beatrix gewesen ... Sein Entschluss aber deutete darauf
hin, dass er nicht daran dachte, sich jemals wieder einen Herd zu gründen,
sondern dass er sich von allen Fesseln - also auch von Familienfesseln -
freimachen wollte, um sich ganz seinem Apostolate hinzugeben.
    Die Grösse dieser Opfertat erfüllte sie nun auch mit stolzer Bewunderung: Ihr
Rudolf war es, der so hingebungs- und entsagungsvoll handeln wollte, im Dienste
dessen, was ihr Friedrich erstrebt und was sein Beispiel und sein Andenken in
des Knaben Seele gepflanzt hatte ...
    Noch vor Rudolfs Rückkunft verliess sie Brunnhof, um ihren ständigen Wohnsitz
auf ihrer ererbten Besitzung, Grumitz in Mähren, zu nehmen. Dortin überführte
sie alle die teuren Andenken an ihren Toten - Bilder, Bücher, Möbel - mit denen
sie sich stets umgab.
    In einer Richtung war es ihr sogar lieb, von Brunnhof wegzugehen. Der Ort
erinnerte zu sehr an den zuletzt durchlebten Kummer, an das Sterben der armen
jungen Frau und ihres lieben kleinen Enkelsohnes. Sie hatte den Knaben so
zärtlich in ihr Herz geschlossen, so schöne Zukunftshoffnungen auf sein Haupt
gesetzt. Er, der im zwanzigsten Jahrhundert jung sein und in voller Kraft in
neueren besseren Zeiten leben würde - der Erbe von Friedrichs und Rudolfs Ideen
- er würde deren Sieg wohl sehen, er würde vollenden, was sein Vater begonnen.
Diese Träume waren verweht, zerstoben ... Jeder Platz im Garten, wo der Kleine
gespielt hatte, jedes Zimmer im Hause, wo sein helles Stimmchen schallte, das
ganze Brunnhof, dessen einstiger Herr er geworden wäre, war ihr der
schmerzlichen Erinnerungen voll und sie verliess es nicht ungern.
Graf Max Dotzky, Rudolfs Vetter und nächster Anwarter auf das Fideikommiss,
diente beim Handelsministerium. Ganz vermögenslos, war er darauf angewiesen, von
seinem Gehalt zu leben, und nur durch peinlichste Sparsamkeit gelang es ihm,
sich von Schulden frei zu halten. Seinen Amtspflichten kam er mit grösstem Eifer
nach, denn es war sein Ehrgeiz, in der Laufbahn rasch vorzurücken, um nach
einigen Jahren einen Rang zu erreichen, dessen Bezüge es ihm ermöglichen würden,
das Mädchen heimzuführen, das er schon seit Jahren liebte. Ihrerseits war
Elsbet von Rels, Tochter des verwitweten Feldzeugmeisters Baron Rels, fest
entschlossen, und wenn es auch zehn Jahre dauern sollte, darauf zu warten, dass
Max zum Sektionschef oder doch zum Hofrat avanciere, um dann seine Frau zu
werden. Unter den jetzigen Umständen war auf die väterliche Einwilligung nicht
zu hoffen, und die jungen Leute sahen selber ein, dass es unmöglich war, sich
einen Herd zu gründen.
    Diesem Vetter galt Rudolfs erster Besuch nach seiner Rückkehr in die Heimat.
Er suchte ihn in seinem Bureau im Handelsministerium auf. Die beiden jungen
Männer kannten sich nur wenig, sie waren höchstens ein halb Dutzendmal flüchtig
zusammengekommen, daher war Max sehr erstaunt, als ihm der Amtsdiener den Besuch
des Majoratsherrn meldete.
    Max war allein im Bureau. Er hatte sich eben müde gearbeitet an der
Durchsicht eines besonders langweiligen Aktenstosses. Aus besonderem Pflichteifer
hatte er dies Jahr auf seinen Sommerurlaub verzichtet und die Hitze der
Stadtluft drückte ihn nieder. Die Arbeit ging nur mühselig vom Fleck. Er war in
trüber, physisch und moralisch unbehaglicher Stimmung.
    Beim Eintritt seines Vetters ging er diesem einige Schritte entgegen.
    »Was verschafft mir die Ehre Deines Besuchs?« fragte er, Rudolf die Hand
reichend.
    Im selben Alter wie Rudolf, sah er jedoch viel älter aus; einige weisse Haare
zeigten sich schon im blonden Spitzbart und an den Schläfen. Die Gesichtszüge,
trotz der augenblicklichen Misslaune, spiegelten grosse Gutmütigkeit - im ganzen
eine sympatische Erscheinung.
    »Eine wichtige Angelegenheit, mein Lieber,« antwortete Rudolf.
    »Bitte, bitte - steh' zu Diensten ... willst Du Dich setzen?«
    Er selber liess sich wieder vor seinem Schreibtisch nieder und schob den
Aktenstoss beiseite.
    »Ich bin ganz Ohr.«
    Dadurch, dass Rudolf seinen Sohn verloren hatte, war nun wieder Max der
nächste Anwärter auf das Majorat ... doch diese Tatsache hatte keinen besonderen
Wert; denn einmal war ja Rudolf nicht älter, zweitens war es nur
allzuwahrscheinlich, dass er wieder heiraten und noch Söhne bekommen würde.
Immerhin eine missliche Einrichtung, diese Majorate, denn nicht immer kann ein
Anwärter beim Anblick des Besitzers den Gedanken abwehren: Wenn Du plötzlich
stürbest, so wäre ich ein reicher Mann ... Nein, an das hatte Max nicht gedacht!
aber doch - nicht ohne leises Neidgefühl - an Brunnhof und die sonstigen
Reichtümer, die der andere sein eigen nannte, während er - -
    Rudolf hatte sich in einen seitlich vom Schreibtisch stehenden Lehnstuhl
bequem zurückgelehnt und ein eigentümliches Lächeln zitterte um seinen Mund.
    »Ich will vom Majorat mit Dir reden,« begann er, als hätte er des Vetters
Gedanken erraten.
    »So? Und was denn?« Max dachte, es handle sich um irgend eine
Geschäftstransaktion, bei der die Einwilligung des Anwärters erforderlich wäre.
    »Du weisst doch, woraus es besteht? Die Herrschaft Brunnhof in
Niederösterreich; die Herrschaft Nagykyral in Ungarn; das Palais in der
Wallnerstrasse, die Sammlungen, der Familienschmuck; - kurz, das Ganze hat einen
Wert von ... nun, Du wirst es wohl wissen ...«
    »Ja, und daneben besitzest Du bedeutendes Privatvermögen und wirst noch ein
reichliches Erbe von Deiner Mutter erhalten ... Du stehst pekuniär nicht
schlecht.«
    »Nein. Und Du?«
    »Ich? Ich besitze meinen Gehalt und - als Erbschaft von meinem Vater - ein
paar tausend Gulden Schulden, die ich mich verpflichtet habe, nach und nach
abzuzahlen.«
    »Das ist schön von Dir. Wie steht es mit Deiner Heiratsabsicht?«
    »Die kann noch zehn Jahre auf Erfüllung warten.«
    »Das ist lang ... Fräulein v. Rels, die jetzt schon achtundzwanzig Jahre alt
sein mag, wird dann etwas verblüht sein ...«
    »Mein lieber Rudolf, Du hast mich noch niemals aufgesucht ... und wenn Du es
nur tust, um mir so unangenehme Dinge zu sagen ... um zu protzen, wie reich Du
bist, und mich zu verhöhnen, wie arm ich bin, so ist das doch -«
    »Verzeih: Protzerei und Hohn sind nicht meine Motive ... aber den Kontrast
rücke ich absichtlich ins Licht - es macht mir Freude ...«
    »Danke schönstens,« murmelte Max.
    »Und wird Dir noch eine grössere machen. Hör' mich an - ich werde Dir etwas
Merkwürdiges sagen ... Ich will -«
    Er hielt inne. Auf den Augenblick, der jetzt kommen sollte, hatte er sich
schon lange gefreut.
    »Also? Was willst Du?«
    »Ich will auf das Majorat verzichten und Du trittst an meine Stelle.«
    Max Dotzky sprang auf und griff mit beiden Händen an seinen Kopf.
    »Bin ich verrückt - oder bist Du's?«
    »Bitt' Dich, setz' Dich nur wieder nieder. Ich bin bei Vernunft und spreche
im Ernst. Und ich geniesse die Situation ... Ich weiss, dass ich Dich unbändig
glücklich mache. Das ist zwar auch nicht das Motiv meiner Tat ... das liegt
tiefer: ich tu's nicht Dir, sondern mir selber - meinem Lebenszweck zu liebe;
aber an Deinem Glück werde ich mich doch ergötzen. Es ist ein gar seltenes und
so grossartiges Schauspiel, ein Mensch in wahnsinniger Freude - Deine erste Idee
war ja, dass Du verrückt geworden - und doppelt angenehm ist dieses Schauspiel,
wenn man dessen Urheber ist ... Zu Deiner Hochzeit lade ich mich als Trauzeuge
ein - natürlich heiratest Du noch in diesem Jahr und ziehst gleich in Brunnhof
ein ... Du bist ja ganz starr und sprichst nichts?«
    Max, der sich wieder auf seinen Sessel geworfen hatte, sass bewegungslos da.
    »Und was mich auch befriedigt,« fuhr Rudolf fort, »ist das Bewusstsein, dass
Du ein braver, ehrenwerter Mensch bist und dass Du dem Hause Dotzky als dessen
Oberhaupt Ehre machen wirst. Wenn Du und Elsbet Rels in Brunnhof regieret, so
werde ich wissen, dass mein einstiger Besitz in gute Hände gelangt ist.«
    Max war es zumute, als hätte er einen Schlag vor die Stirn bekommen. Die
Gedanken wirbelten ihm im Kopf herum, und so sehr er sich mühte, fassen konnte
er das Gehörte - Unerhörte - nicht. Es musste ja, wenn es wahr war, und wenn er
es erst ganz gefasst hatte, ihn ganz unsäglich glücklich machen, das wusste er, -
aber das Glücksgefühl selber konnte nicht das Gefühl des unbändigen, mit
Zweifeln gemischten Staunens verdrängen, das ihn erfüllte. Endlich fand er
Worte:
    »Rudi ... Wundermensch ... reiss' mich aus diesem Traum - schwöre, dass es
Wirklichkeit ist - oder gestehe, dass es ein Spass war, ein verzweifelt schlechter
Spass ...«
    »Du hast recht, der Witz wäre matt. Es ist keiner - es ist die volle
Wahrheit - hier mein Handschlag darauf. Noch einige Formalitäten und der Herr
des Dotzkyschen Fideikommiss' bist Du.«
    »Mein Gott, mein Gott, mein Gott!« rief der andere. Dann vergrub er sein
Gesicht in beide Hände und atmete heftig. Rudolf betrachtete ihn schweigend und
weidete sich an der Tiefe seiner Ergriffenheit. Das war also ein von Freude
überwältigter Mensch! ... Dem Spender dieser Freude war's ein genussreicher
Augenblick; es gewährte ihm - wie ja alles Grosse, Volle, Übergewöhnliche zu
erwecken pflegt - ein ästetisches Entzücken.
 
                                     XVIII
Die gerichtlichen und geschäftlichen Transaktionen der Besitzesübertragung waren
erledigt.
    Zur feierlichen Übergabe veranstaltete Rudolf ein kleines Fest in Brunnhof,
welches zugleich ein Abschiedsfest sein sollte, bei dem er seine Familie und
Freunde zum letzten Male auf dem alten Herrensitze um sich versammelte.
    Die Tafel war im grossen Speisesaal gedeckt. Der Späterbsttag hatte
empfindliche Kälte gebracht und im Monumentalkamin brannten ganze Stämme
knisternden Fichtenholzes. Vom Kronleuchter flutete das Licht von achtundvierzig
Wachskerzen herab, und noch sechs silberne Kandelaber (auch Stücke des zum
Majorat gehörigen Familiensilbers), die zwischen den Aufsätzen auf der Tafel
standen, und zahlreiche Lampen auf den Pfeilertischen vervollständigten die
Beleuchtung. Kostbare alte Gobelins an den Wänden; kunstvoll geschnitzte
Eichenholzmöbel in gotischer Form, der Tafeldienst besorgt von einem
Haushofmeister in Frack und weisser Krawatte, zwei Büchsenspannern mit silbernen
Epauletten und Bandelieren und vier Lakaien in Galalivreen in Schuhen und
Strümpfen. Auf die Menükarten gemalt, auf die Porzellanteller eingebrannt, in
die Bestecke und Gläser graviert, in den Damast des Tischzeugs gewebt: überall
das Dotzkysche Wappen (in gespaltenem Felde drei schräglinke blaue Sterne und
hinten ein zugekehrter silberner Schlüssel. Auf dem gekrönten Helme mit rechts
rotsilberner und links blaugoldener Decke zwei aufwärts geschrägte silberne
Schlüssel vor einem rot mit Pfauenfedern besteckten Spikel zwischen offenem,
vorn silbernen und hinten roten Fluge), - kurz, der ganze Aufwand von Pracht und
Prunk und Eitelkeit, der in den Schlössern reicher und alter Adelsfamilien zu
herrschen pflegt.
    Mehr als vierzig Personen, im Abendanzug, sassen um den Tisch. Marta hatte
den Sitz der Hausfrau, Rudolf den des Hausherrn inne. Rechts von Baronin Tilling
sass Max Dotzky, und zur Rechten Rudolfs - Fräulein Elsbet von Rels. Den
Feldzeugmeister von Rels hatte Marta an ihre linke Seite gesetzt und seine
andere Nachbarin war Sylvia Delnitzky. Die Familie Ranegg war, mit Ausnahme der
in Konstantinopel weilenden Tochter Christine, vollzählig erschienen. Von alten
Freunden des Hauses waren ausserdem anwesend: Minister Wegemann, Graf Kolnos,
Oberst von Schrauffen, der alte Bresser und Pater Protus.
    Das Diner - in acht Gängen - war zu Ende; man knabberte nur noch an den
Süssigkeiten des Nachtischs. Auf ein Zeichen des Herrn füllten die Diener noch
einmal die Champagnerkelche und verliessen dann alle den Saal. Rudolf klopfte mit
dem Messer an sein Glas und die lebhaften laut durcheinander summenden
Tischgespräche verstummten mit einem Schlage.
    Ohne aufzustehen, aber mit erhobener, deutlich vernehmbarer Stimme begann
Rudolf zu reden:
    »Meine lieben Freunde und verehrten Gäste. Sie alle wissen, dass unser
heutiges Beisammensein einem ganz besonderen Anlass gilt ... einem ungewöhnlichen
Anlass. Manche hier sind genau unterrichtet, um was es sich handelt - den anderen
wird es eine Überraschung sein.
    Ehe ich die Sache verkünde, möchte ich einen kurzen Rückblick in die
Vergangenheit werfen - vielleicht findet sich da teilweise eine Erklärung für
das, was Sie nun hören sollen ... Ich erinnere mich - und mehrere unter Ihnen
werden sich auch erinnern - an ein Festmahl, das uns um diese selbe Tafel
versammelt hat - zur Taufe meines armen kleinen Fritz ...«
    Rudolf hielt einen Augenblick bewegt inne und auch durch den Kreis seiner
Hörer ging eine Bewegung, ein leises Beileidsgemurmel.
    Er holte tief Atem und fuhr fort: »Es lebe die Zukunft! toastierten wir
damals. Die Zukunft aber, die mein Sohn verkörpern sollte, die ist ins Grab
gesunken ... Es war ein grosser Schmerz, so gross, dass ihn meine Beatrix nicht
überleben konnte ... Mein ganzer häuslicher Herd ist eingestürzt.« Das
teilnahmsvolle Gemurmel wiederholte sich - einige unter den Frauen führten ihr
Taschentuch an die Augen. »Doch, als ich damals auf die Zukunft trank, hatte ich
nicht die Zukunft meines Hauses - ich hatte die Zukunft unseres ganzen
Geschlechts - des Menschengeschlechts, im Sinn, an der wir alle, bewusst oder
unbewusst, mitarbeiten - an der ich bewusst und in bestimmter Absicht mitarbeiten
will. Und dazu will ich ganz ungebunden sein ... Ohne weitere Umschweife: ich
habe auf das Dotzkysche Majorat verzichtet und dessen nächsten Anwärter, meinen
Vetter Maximilian in meine Rechte eingesetzt.«
    Ein noch lauteres Murmeln - diesmal staunenausdrückendes - erhob sich,
verstummte aber sogleich wieder, als Rudolf aufstand und sein Glas erhebend
weiter sprach:
    »Ich bitte Sie also, in Graf Maximilian Oskar Dotzky von Donaschits, Herrn
auf Brunnhof und Nagykyral, meinen Nachfolger zu sehen und auf sein Wohl, sowie«
- er verneigte sich zu seiner Nachbarin zur Rechten - »auf das Wohl seiner
Braut, Fräulein Elsbet von Rels, mit mir anzustossen.«
    Laute Ausrufe folgten. Alle waren aufgestanden, man stiess mit den
Brautleuten an und wünschte ihnen Glück. Auch mit Rudolf wurde angestossen. dabei
veränderten sich aber die gratulierenden Mienen in halbwegs kondolierende.
    Rudolf war der erste, der sich wieder auf seinen Sessel niederliess und
abermals gab er das Zeichen, dass er sprechen wollte. Da setzten sich auch die
anderen und allgemeines Schweigen war bald hergestellt.
    »Ich will keinen neuen Toast ausbringen, meine Freunde, keine Tischrede
halten; aber sagen will ich Ihnen, was meine Abdankung bedeutet und bezweckt ...
Haben Sie etwas Geduld mit mir. Vorträge zu halten gehört zu meinem
Zukunftsprogramm, und dies soll mein Jungfernvortrag sein -
    Versteht sich, wenn ich einmal auf ein Podium trete und vor versammeltem
Volke spreche, dann werde ich nicht dasselbe Tema wählen, das ich nun vor Ihnen
erörtern will - das Tema meiner Abtrünnigkeit. Gerade diesem Kreise hier -
Verwandte, Jugendfreunde, Standesgenossen - glaube ich, solche Erörterungen
schuldig zu sein ... Der Mensch ist verrückt! - so wird wohl das erste
zusammenfassende Urteil sein, welches von einem Teil der hier Anwesenden, und
von den meisten der nicht anwesenden Angehörigen unserer Gesellschaftskreise
über meinen Entschluss gefällt werden wird - das weiss ich. Nun, so will ich Ihnen
wenigstens gesagt haben, worin die Metode besteht, die in meinem Wahnsinn
steckt.«
    Nach kurzer Sammlung fuhr er fort:
    »Zwei Kräfte sind es, die den Gang der menschlichen Kultur bewegen und
regeln: die vorwärtstreibende und die hemmende Kraft - der Fortschrittsdrang und
der Erhaltungstrieb. In der Politik haben diese beiden die Namen Liberalismus
und Konservatismus angenommen; - aber damit ist nur eine ganz enge Sphäre
bezeichnet, in der diese Kräfte sich betätigen, deren Spiel die ganze Welt -
Natur und Geist - von allem Anfang an geformt hat und in aller Zukunft weiter
formen wird.
    So stark und so bewusst wie in unserer Gegenwart sind - so scheint es mir -
diese Gegensätze noch nie hervorgetreten, und da heisst es: Farbe bekennen. Man
kann ja auch ganz abseits stehen bleiben, sich nicht kümmern um das, was
vorgeht, und nur seinen eigenen, engsten Interessen leben -, das tun auch gar
viele. Aber diese Vielen - ohne es zu wissen - helfen doch der einen der
streitenden Kräfte: eines der wirksamsten Elemente des Beharrungsvermögens ist
ja die Trägheit.«
    Mit dem niemals täuschenden Instinkt, der dem Redner zum Bewusstsein bringt,
was die Zuhörerschaft empfindet, wurde Rudolf gewahr, dass ein leiser Hauch von
Gelangweiltsein, von missmutigem Unverständnis über die Tischgesellschaft wehte.
Dass aber einige da waren, darunter seine Mutter, die ihn ganz verstanden und mit
Spannung an seinen Lippen hingen, das wusste er auch, und für diese sprach er
unbeirrt weiter:
    »Ich bin nicht abseits gestanden. Ich habe hineingelauscht in den Kampflärm
und wurde von dem Drang erfasst, mich mitkämpfend zu beteiligen. Mein Stand,
meine Stellung, meine persönlichen Vorteile und Interessen würden erfordern, dass
ich mich auf seiten derjenigen stelle, die das Bestehende verteidigen. Doch das
kann ich nicht: mein Gefühl, meine Einsicht und (mit einem Blick auf seine
Mutter) eine als Erbe übernommene Mission treiben mich in das andere Lager. Um
also ehrlich und frei zu sein, bleibt mir nichts übrig, als meine Stellung und
mein Interesse aufzugeben - und das habe ich getan. Zu den Dingen der alten
Ordnung, die ich perhorresziere, gehört zum Beispiel auch die Einrichtung der
Majorate - es ist daher ein gerechtfertigter, mehr noch, ein gebotener Schritt,
dass ich dem Majorat entsage - und das habe ich getan.«
    »Bravo!« rief Max. Und Feldzeugmeister von Relz sekundierte. Dieser Zug von
Rudolfs Verrückteit war seinem Besitznachfolger und dem Vater der künftigen
Herrin von Brunnhof jedenfalls sympatisch. Auch Elsbet hätte gern in den
Beifall eingestimmt, doch war sie zu schüchtern dazu. Sie schwamm in traumhafter
Glücksstimmung - war es doch wie ein Traum, dass ihr nun plötzlich alles
zugefallen: der Geliebte, die wunderbare Herrschaft, der umgebende Luxus ... sie
hätte vor Rudolf niederknien mögen, um ihm zu danken. Ein Narr? das ist zuviel
gesagt - ein Schwärmer, ein edler Schwärmer - und Gott sei Dank, dass er nicht
vernünftiger war! ..
    »Ihr Bravo, Exzellenz,« wandte sich Rudolf an Herrn von Rels, »werden Sie
vielleicht zurückziehen, wenn ich sage, dass zu denselben von mir
perhorreszierten Dingen auch - nein, nicht auch: obenan der Militarismus gehört.
Und nicht nur, wie das unsere matten Liberalen hervorkehren, die Auswüchse und
Übertreibungen des militaristischen Systems, sondern das organisierte
Totschlagen als Rechtsmittel überhaupt. Das will ich fortan in aller Offenheit
hinaussagen, ohne Umschweife - auch einem Feldzeugmeister ins Gesicht. Nur der
ist frei, der das sagt, was er denkt. Mit der Abdankungsurkunde habe ich mir ein
Stück Freiheit erkauft. Ich benutze sie.«
    »Bravo!« riefen Kolnos und Bresser.
    Herr von Rels sprang auf: »Verzeihen Sie -« begann er mit erregter Stimme.
    Aber die andern riefen: »Nicht unterbrechen!« und der General liess sich
wieder auf seinen Sessel nieder.
    »Verzeihen Sie mir, Exzellenz,« sagte Rudolf, »ich habe Sie nicht verletzen
wollen. Was man gegen eine Institution spricht, ist nicht persönlich gegen ihre
Vertreter gemünzt. Vergessen Sie nicht, dass alles, was ich gegen den Krieg
vorbringen oder wirken kann, im Geist eines Vermächtnisses geschieht, das mir
von einem tapferen Soldaten - von Friedrich Tilling - zugefallen. Was ich getan
habe, beweist genügend, wie ernst ich meine Aufgabe, meine bevorstehenden Kämpfe
auffasse. Im Kampfe darf man vor der Notwendigkeit nicht zurückschrecken, auf
den Gegner loszuschlagen. Meine Waffe ist ja nur das gesprochene und
geschriebene Wort - die will ich gradaus und ehrlich gebrauchen, das heisst immer
nur das sagen, was ich für wahr halte - das aber ohne Rücksicht, ohne Schonung.
Dass man, wenn man mit seiner Meinung zurückhält, die anderen schonen wolle - das
ist gewöhnlich nur Vorwand; sich selber will man vor Unannehmlichkeiten hüten,
sich schont man dabei: man mag den anderen nicht erzürnen, nicht um ihm den Zorn
zu ersparen, sondern um sich diesem Zorn nicht auszusetzen. Feigheit ist's mit
einem Wort. Eine Feigheit, die ich an mir selber erfahren, als ich ein
Fortschrittsanwalt, zugleich aber kluger Gutsbesitzer, taktvoller Hausherr und
liebenswürdiger Vetter sein wollte. Jetzt will ich nichts anderes sein, als ein
am Entwicklungsgang der Menschheit bewusst und furchtlos mitarbeitender
Mitmensch.
    In solcher Mitarbeit, glauben Sie mir, liegt erhebender Genuss. Vor allem das
Bewusstsein einer erfüllten Pflicht. Nicht allen offenbart sich diese Pflicht:
aber die, welche Einsicht genommen haben in den Kampf der Zeiten, und die die
drohenden Gefahren und winkenden Rettungen sehen, die können nicht anders - die
müssen mittun. Rettenwollen ist ein natürlicher - ein dem Gesellschaftstrieb
anhaftender Instinkt.
    Was ich sehe ist dies:
    Es sind Zaubermächte am Werk, die menschliche Gesellschaft so zu verändern,
dass die Kultur von morgen sich zu der Kultur von gestern verhalten wird, wie der
Schmetterling zur Raupe ... Die Raupe hat sich schon eingepuppt - die Kultur von
heute ist die Chrysalide.«
    »Bravo!« sagte jemand aus der Gesellschaft, der das Wort Chrysalide poetisch
fand, und daher ein Beifallszeichen für angebracht hielt.
    »Die Zaubermächte, die ich meine,« sprach Rudolf weiter, »heissen Technik und
Wissenschaft. Soviel könnende und soviel wissende Wesen, wie die Menschen zu
werden jetzt im Begriffe stehen, müssen auch vernünftige Wesen mit vernünftigen
Einrichtungen werden. Das ist der Zwang des Anpassungsgesetzes. Dass aber unsere
Lebensführung und unsere aus unwissenden Zeiten überkommenen Einrichtungen
vernünftig seien, wird man doch nicht behaupten wollen? Um nur das eine
hervorzuheben, das Unvernünftigste von allem: neun zehntel aller Hilfsquellen
darauf zu verwenden, einander besser totschlagen zu können ... Sich die Heimat
Erde in Beutestücke einzuteilen, um die man sich gegenseitig zerfleischt, statt
sie in gegenseitiger Hilfeleistung in ein Eden umzuwandeln ... Wie murmelten Sie
in den Bart, Freund Wegemann - Sozialistenphrasen? Mein Gott, oft gesagte
Wahrheiten - und solche, auf die sich eine nach Verbreitung strebende Partei
aufbaut, werden immer zu Phrasen ... ich will hier aber nicht in
sozialdemokratischem Parteigeist, sondern im weitern Sinn - in sozialem Geist
gesprochen haben. Dass die soziale Frage in gewaltiger Bedeutung unsere Gegenwart
erfüllt und nach Lösung drängt - das kann doch niemand leugnen? Das Arbeitervolk
ist es müde, zu leiden, und unter uns gibt es solche, die müde sind, es leiden
zu sehen. Ich für mein Teil kann nicht länger müssig zusehen, bei all den
unnützen Schmerzen, Lasten und Gefahren, unter denen meine Mitgeschöpfe stöhnen.
Tat twam asi ...«
    Das indische »das bist Du« veranlasste den poetischen Beifallsspender zu
einem neuerlichen »Bravo!«
    »Ein grosses Erlösungswerk bereitet sich vor - davon wissen gar viele
Zeitgenossen - und wohl auch viele meiner lieben Tischgenossen - nichts. Was sie
allenfalls davon vernehmen, klingt ihnen wie das ferne Rauschen einer drohenden
Sturmflut und sie rufen nach Deichen und Dämmen. Wir aber, die wenigen, die
hingehorcht haben, wir hören das Rauschen einer neuen Zeit der gewaltlosen Zeit,
der elendbefreiten Zeit. Wenn wir sie auch nicht erleben ... übrigens, wer weiss?
- ihr Kommen beschleunigt zu haben, das soll unsere höchste Genugtuung sein. Das
habe ich mir zur Aufgabe erkoren. Nennen Sie solches Beginnen nicht vermessen
und nennen Sie es nicht unnütz. Beugen Sie sich nicht jener bequemen Ansicht,
dass sich die Kulturwandlungen von selber vollziehen. Das ist falsch - nichts
geschieht von selbst. Es fällt doch niemanden ein, zu behaupten, dass sich alle
technischen Fortschritte und Erfindungen von selber eingestellt hätten -
unabhängig vom Studium und der Arbeit der Techniker und Erfinder. Dass studiert
und dass gearbeitet wird, mag auf einen Zwang, der in den Naturvorgängen liegt,
zurückgeführt werden, das will aber nicht besagen, dass die Kulturarbeit von
selbst entsteht. Sie entsteht durch den Willen der Kulturarbeiter ... Diese
Willenskraft mag man auch eine Naturkraft nennen - aber dieser persönliche Wille
wird zum Motor der Entwicklung. Auch unter den Entwicklungsfeinden gibt es
energisch Wollende und es gelingt ihnen gar wohl, den Gang der Kultur zu hemmen,
sogar momentan zurückzuschleudern ... ihn aber gänzlich aufzuhalten, das gelingt
ihnen nicht, denn dass dieser - wenn auch in der Spirallinie - unaufhörlich
vorwärts und aufwärts führt: das ist Naturgesetz. Dies ist mein zuversichtlicher
Glaube. Ein heisser Glaube, der mich oft mit einem Glücksgefühl durchströmt,
mitten unter den Zorngefühlen, die mir die herrschenden Verkehrteiten
einflössen. Wenn ich auch weiss, dass Zorn eine unwissenschaftliche Regung ist -
ärgert sich der Zoologe über Tigerbosheit und Schlangengift? - so ist er doch
auch eine nützliche Regung, denn er rüttelt zur Abwehr auf ... Ohne Leidenschaft
wird nichts Kräftiges vollbracht.
    Das ist's auch, was ich Ihnen sagen wollte - mein Tun ist durch eine in
tiefster Seele lodernde Leidenschaft bestimmt ... Ob ich Kräftiges vollbringen
werde, das ist dahingestellt, aber was ich an Kraft besitze, das ist nun in
meinem Wollen konzentriert.«
    Er hielt einen Augenblick inne. Wieder empfand er es deutlich, dass die
Zuhörerschaft - mit Ausnahme der wenigen - ihm nicht gefolgt war.
    Und er gewahrte auch, dass ihm die Worte nicht zu Gebote standen, mit denen
er gern die Fülle der ihn bewegenden leidenschaftlichen Gefühle und Gedanken
ausgedrückt hätte. Das wäre ihm wohl nur möglich gewesen, wenn von seinem Feuer
etwas auf die Widerstrebenden sich übertragen hätte und aus ihrer Mitte dann ein
Funke der Begeisterung herübergesprungen wäre ... Er hatte die Vision eines
grossen Saales, gefüllt mit Männern und Frauen aus dem Volke; Leute, die in ihren
gramgedrückten Verhältnissen mit Sehnsucht nach Verheissungen besserer Zeiten
aufhorchten: wie würde der Dank und die Hoffnung solcher Lauscher ihn gleichsam
tragen, emporheben ... aber diese hier? - auf der Höhe der Gesellschaft
geborenen, alle Vorteile des Bestehenden geniessenden - die mussten wohl jeden
Gedanken an eine Änderung als ruhegefährdend und glücksbedrohend empfinden -
wenn sie überhaupt zuhörten, wenn das Gesagte nicht vollkommen abprallte an
ihrem Unverständnis und ihrer Kälte.
    Er ward sich bewusst, dass er nicht weiter reden sollte, noch konnte und
suchte nach einem Schluss:
    »Meine Freunde - Ihnen das Ziel meines Wollens ganz klar zu legen, oder gar
meine Überzeugung auf Sie übertragen zu wollen - das konnte nicht der Zweck
meiner Rede sein, die ohnehin schon zu lang geworden ist; ihr kurzer Sinn ist
der: hier stehe ich, weil ich nicht anders kann. Und damit ist die Tafel
aufgehoben - in Brunnhof die letzte Tafel, deren Wirt ich gewesen bin.« Er stand
auf und erhob sein Glas: »Doch - damit wir mit einem Hoch abschliessen können,
trinke ich Dir noch einmal zu, lieber Mar - Dotzky, est mort, vive Dotzky!«
    Die anderen waren froh, die etwas gelangweilte und mitunter peinliche
Stimmung mit neuem Gläseranstossen und Hochrufen verscheuchen zu können.
    Dann begab man sich in den anstossenden Empfangssaal. In den Gruppen, die
sich bildeten, wurde natürlich von dem Ereignis des Tages gesprochen. Das Urteil
über Rudolf lautete zwar nicht, wie er selber vorausgesagt, auf »Verrückteit« -
aber die ganze Skala von Worten, die den selben Sinn umkleiden, hielt dabei her:
Überspannt - Träumer - Irregeleitet - Phantast - hm, ein Original..
 
                                      XIX
Rudolf stahl sich hinaus. Er war nicht aufgelegt, in Privatgesprächen den
Gegenstand weiter auszuführen, über den er soeben eine Rede gehalten. Und ein
eigentümliches Trauergefühl hatte sich seiner bemächtigt - etwas wie
Abschiedsweh, das ihn drängte, sich von der heiteren Gesellschaft zu entfernen,
und in einem einsamen Winkel seinen Gedanken nachzuhängen.
    Er suchte sein einstiges Arbeitszimmer - das Har lekinzimmer - auf. Es war
schon halb ausgeräumt, die ihm persönlich gehörenden Bücher und Bilder in
herumstehenden Kisten verpackt. Der Raum war durch eine Ampel von mattem Glas
nur schwach beleuchtet. Dagegen sah man durch das unverhüllte breite Fenster
hellen Mondenschein. Rudolf trat hin und lehnte die Stirn an die Scheibe. Wie
zauberhaft lag da der Park seines schönen Brunnhof ... Nein, nicht mehr sein
Brunnhof. ... Das war ja der Gedanke, den er ausspinnen wollte, das war das
wehmütige Bewusstsein, das ihn beschlichen hatte: vorbei!
    Zwischen seinem alten Leben, und dem, dem er jetzt entgegenging, war nunmehr
wie ein eiserner Vorhang herabgerollt. Und ein Abgrund war gegraben, zwischen
ihm und den meisten Menschen, mit denen er durch verwandtschaftliche und
gesellschaftliche Bande verbunden gewesen. Vorbei die kameradschaftliche
Gemeinschaft mit seinen Standesgenossen; vorbei die huldreiche
Freundschaftlichkeit der Spitzen des Landes; vorbei die ehrerbietige Hingebung
seiner zahlreichen Beamten- und Dienerschaft; vorbei diese ganze Machtstellung,
die aus dem Chef eines adeligen Majorats einen kleinen Potentaten macht ... dem
allen ein ewiges vale - -
    Aber auch intimeres Abschiedsleid erfasste ihn. In diesen Mauern, die er nun
verliess, hatte sein häuslicher Herd gestanden. Auf dem Plätzchen da unten im
Park unter der grossen Linde, wie oft hatte er - das Bild trat ihm lebhaft vors
innere Auge - wie oft hatte er da die Wiege seines Söhnchens gesehen und darüber
gebeugt, die holdselige Gestalt der jungen Mutter.
    Diesen Besitz freilich, dem hatte er nicht selber entsagt, den hatte ihn der
Räuber Tod entrissen - aber es wäre ihm ja so leicht möglich gewesen, sich auf
demselben Grund einen neuen Herd zu bauen, dem Hause eine neue Herrin zu geben -
dem Stammsitz einen neuen Erben. Diese Möglichkeit war durch seinen Verzicht nun
abgeschnitten.
    Ein schwerer Seufzer hob seine Brust. So deutlich, so fest umrissen, so
wirklich waren die Dinge, denen er entsagte, und so unsicher, so nebelhaft die
Ziele, denen er entgegenstrebte. Nein, nicht die Ziele - die leuchteten ihm klar
in Leitsternlicht, aber die dahin führenden Wege, die waren das unsichere.
    Eine Hand legte sich sanft auf seine Schulter. Er wandte sich um.
    »Du, Mutter?«
    »Ich dachte wohl, dass ich Dich hier finden würde, mein Rudolf. Aber ich
störe Dich vielleicht?«
    »Ach nein ... Dich, gerade Dich jetzt hier zu haben, tut mir wohl. Denn Du
bist die Einzige, die mich ganz verstehen kann ... auch in Anwandlungen der
Verzagteit ... verstehen und aufrichten.«
    »Bist Du verzagt, weil die da unten Dich nicht verstanden haben? Wenn sie
Dich verständen, wäre es da überhaupt nötig, als Lehrer und Kämpfer
hinauszuziehen?«
    »Hinaus, hinaus ins Dunkle, ins Kalte ...«
    »Um in das Dunkel Licht zu tragen ... Aber kalt - ja, da hast Du wohl recht
- unter den Fremden, unter den Massen weht es einen eisig an - und nur eines
kann Wärme und Kraft geben - -«
    »Was ist das eine?« fragte Rudolf, da Marta inne hielt.
    »Man muss das Herz voll Liebe haben ...«
    »Für die Fremden? Für die eisigen Massen?«
    »Nein, für ein nahestehendes, ebenso warm liebendes als geliebtes Wesen.«
    »Das besitze ich an Dir, Mutter.«
    »So meine ich's nicht. Es muss die andere, die zärtlich glühende Liebe sein.
Die gibt auch Kraft ... Das unendliche Glück, das dieses Gefühl im Besitz, die
unendliche Trauer, die es im Verlust einflösst, die lassen einen erkennen, dass
alles, alles daran gesetzt werden muss, den Hass aus der Welt zu schaffen. Glaube
mir: Friedrich und ich haben nur darum so heftig den Drang empfunden, für die
Erlösung der Mitmenschen von der Geissel des Hasses zu wirken, weil wir einander
so übereinstimmend lieb hatten. Du hast Weib und Kind verloren - bist gar so
einsam, mein armer Rudolf ... Und selbst in der Ehe bist Du einsam gewesen ...
Ich weiss ja, dass Beatrix nicht das Wesen war, das Deine Seele ganz ausfüllen
konnte. Wie wünschte ich Dir, dass -«
    »Nein,« unterbrach er, »ich will nicht wieder heiraten. Ich will frei sein,
ganz fessellos -«
    »Um Dich in den Sturm hinauszustürzen? Wieviel besser kann man das, wenn man
weiss, dass man jeden Augenblick in den Hafen zurückkommen kann. Ja, Hort und
Schutz und Panzer - alles das ist die Liebe - die beglückte und die trauernde.
Noch jetzt ist mir der reichste Besitz die Erinnerung an meinen Toten. Dir,
Rudolf, ist das Leben noch solchen Reichtum schuldig ... eine Gefährtin würdest
Du brauchen - eine mitstrebende, dabei angebetete -«
    »Ich denke nicht an mich ... Und gerade jetzt, was mich erfüllt, ist
Verzicht und Entsagungsweh - von Zukunfts- und Glückshoffnungen weiss ich nichts.
Die Liebe, wie Du sie besessen hast, und für mich träumst, was ist das für eine
seltene Zufallsgabe! Ich gehe nicht aus, solche Wunderblumen zu suchen, für
mich. Ich gehe aus, Pflichten zu erfüllen - für andere. Und traurig bin ich -«
    »Ja, das höre ich an Deinem Ton. Mir ist's auch zum Weinen.«
    »Also weine, Mutter, das erleichtert - -«
    Beide verfielen in wehmütiges Schweigen.
    Der Mond verfinsterte sich. Schwarze Wolken zogen über seine Scheibe und es
erhob sich ein klagender Wind, der durch die Rauchfänge pfiff.
    Marta schüttelte sich fröstelnd. »Komm,« sagte sie, »lass uns zu den anderen
zurückgehen. Harre bei Deinen Gästen aus - das letztemal.«
    Rudolf erfüllte den Wunsch seiner Mutter, er begab sich in den Salon zurück.
Man sass und stand in lebhaft sprechenden Gruppen umher. Bei seinem Nahen
verstummten die meisten Unterhaltungen; er hatte den Eindruck, als wäre eben von
ihm die Rede gewesen.
    In einer Ecke sah er Minister »Allerdings«, Pater Protus und Oberst von
Schrauffen bei einander stehen. Auf diese Gruppe ging er zu.
    »Hier sind ja drei meiner nächsten Freunde versammelt - tres faciunt
consilium - gern wollte ich hören, was Ihr gesagt habt.«
    »Ich sagte,« antwortete der Minister, »dass ich den Eisstoss schon lange
kommen gesehen ... Dein Benehmen und Deine Äusserungen in der letzten Zeit liessen
alles Extravagante vorausahnen. So toll habe ich es allerdings nicht erwartet -
seinen Besitz herschenken!«
    »Und Sie, Herr Oberst?«
    »Na, nachdem Sie mich so grad herausfragen und Exzellenz Wegemann sich auch
kein Blatt vorm Mund genommen hat, so rede ich auch grad heraus. Mir kommt die
G'schicht nicht nur stark verruckt, sondern sogar ein biss'l straffällig vor.
Wollen's unter die roten Sozialisten gehen? Haben's ganz vergessen, dass Sie ein
Kavalier - und dass Sie Reserveoffizier sind?«
    »In der Tat, mon Colonel, in diesem Falle habe ich mich nur meines
Menschtums erinnert. Und Sie, mein lieber Pater Protus - werden Sie mich auch
exkommunizieren? Wie ich Sie kenne, fürchte ich das nicht von Ihnen.«
    Der junge Pater blickte Rudolf ernst und mild ins Gesicht:
    »Sie haben recht, Herr Graf - mir liegt jedes Anatema fern ... Nicht einmal
richten und urteilen möchte ich da, wo ich nicht ganz verstehe. Ihre Absichten -
Ihre Gedankenkreise sind mir nicht ganz klar; aber so wie ich Sie kenne, weiss
ich, dass Sie Gutes wollen ... Mir tut es nur in der Seele weh, einen solchen
Patron zu verlieren. Ach, hätte die arme Frau Gräfin und hätte das arme Bubi
gelebt - Sie würden uns dann nicht verlassen haben.«
    Rudolf schob seinen Arm unter den des Paters und zog diesen ein paar
Schritte weiter.
    »Kommen Sie, mein lieber Herr Pfarrer, ich möchte ein paar Worte mit Ihnen
allein reden. Setzen wir uns hier in diesen Winkel, da hört und stört uns
niemand. Den beiden anderen habe ich nicht weiter Rede stehen wollen. Ich habe
mich von ihnen getrennt - abgrundweit, da gibt's kein Verständigen mehr und was
jene von mir denken, muss mir gleichgültig sein. Ihnen gegenüber, Pater Protus,
habe ich das Bedürfnis, mir noch ein bisschen das Herz auszuschütten.«
    »Das klingt ja wie die Einleitung zu einer Beichte.«
    »Ich habe bei Ihnen nie gebeichtet ... und überhaupt, wie Sie wissen, mich
den kirchlichen Zeremonien ferngehalten -«
    »Sie - Herr Graf - wie gar viele - glauben, ohne auszuüben -«
    »Nein ... Sie sollen keine falsche Meinung von mir haben. Ich glaube nicht -
und meinte, dass Sie das wussten -«
    »Ich vermutete es wohl, aber -«
    »Ach, seien wir in dieser letzten Stunde ganz aufrichtig ... ... Wir haben
uns gegenseitig immer geachtet und gegenseitig hinter dem, was wir verschwiegen,
einander auf den Grund der Seele geblickt, nicht wahr? Ich weiss, was Sie Ihrem
Beruf schuldig sind und schätze den Takt sehr, mit dem Sie es verstanden, ein so
pflichttreuer Landpfarrer und ein Mensch von modernem Geist und Wissen zu sein.«
    »Und Sie, Herr Graf, vereinten taktvoll den kritischen Skeptiker mit dem
adeligen Kirchenpatron.«
    »Ich aber, Pater Protus, habe dem Dualismus entsagt. Mit den anderen
Majoratsprärogativen habe ich auch das Patronat niedergelegt - und so kann ich
mich ganz frei geben. Takt - das ist so ein Ding, das diejenigen brauchen, die
einen Widerspruch verbergen, den sie in sich tragen, oder durch den sie sich
lavierend durcharbeiten wollen ... ich habe diese Notwendigkeit abgeschüttelt -
und darum sage ich Ihnen jetzt ganz offen: der Kampf, zu dem ich mich rüste -
der Befreiungskampf gegen alles, was die Menschheit in Fesseln, auch in geistige
Fesseln schlägt - der wendet sich natürlich auch gegen -«
    »Also ist es doch richtig,« unterbrach der Pfarrer, »dass die sogenannten
Friedensfreunde - denn dazu gehören Sie ja - Feinde der Religion sind?«
    »Es ist nicht richtig. Gewiss gibt es unter den Kriegsfeinden viele
Freidenker - aber auch viele Gläubige. Und in dem Kampfe gegen den Krieg
betätigen die Freidenker doch ihre Gesinnung nicht, - sie trachten vielmehr, in
der Kirche eine Verbündete zu finden, denn sie wissen, welche Macht ihr
innewohnt, und wissen, wie sehr die Religionsgebote mit den Friedensgeboten
übereinstimmen. Eben weil die organisierten Verfechter der Friedensidee sich der
Bekämpfung einzelner Richtungen und Einrichtungen - die ich bekämpfen wollte -
entalten, unterlasse ich es, mich ihren Vereinen und Kongressen anzuschliessen.
Ich will nach jeder Richtung hin die neue Weltanschauung vertreten - eine
Weltanschauung, die meiner Überzeugung nach bestimmt ist, wie eine neue Religion
(das Wort heisst ja Band) die kommenden Geschlechter zu verbinden -«
    »Freilich,« unterbrach Pater Protus mit leiser Bitterkeit im Tone, »mit
solchem neuen Glauben muss man dem alten gegenüber als Feind auftreten - nicht
als Patron.«
    »Feind? Im Sinne von Hass und gewalttätigem Verfolgungs- und
Vernichtungseifer? - nein. Loyaler Gegner? - ja. Ach, Pater Protus, Pater Protus
- was sind das doch noch für unklare, traurige Zustände in der Welt ... wie
schmerzlich stossen die Gedanken, die Pflichten, die Leidenschaften aneinander!
dabei sehe ich so deutlich, wo das Heil liegt ... einfach darin: gut sein und
wahr sein - in jeder Lage, unter allen Umständen, niemals Böses zufügen, niemals
behaupten, was falsch ist ... Welche von den bestehenden Institutionen im Staate
verstösst nicht gegen diese zwei Dinge - Güte und Wahrheit?«
    »Was ist Wahrheit? Das hat schon Pontius Pilatus gefragt, Herr Graf.«
    »Was Lüge ist, musste er jedenfalls wissen, denn als er sagte: ich wasche
meine Hände in Unschuld, da hat er gelogen - er wusch sie in Blut. Was Güte ist,
braucht keiner zu fragen, das fühlt jeder - auch der Harte, indem er sie
verlacht ... Aber, lieber Herr Pfarrer, ich habe ja nicht mit Ihnen
philosophieren wollen - nur Lebewohl wollte ich Ihnen sagen, dabei herzhaft Ihre
Hand drücken und - ohne die Punkte auf die i zu setzen - Aug' in Auge Sie
versichern, dass ich Sie verstehe und Sie schätze und mich von Ihnen verstanden
weiss. Auch meinen weiteren Kurs werden Sie nicht verdammen, selbst wenn ich das
nicht mehr bin, was wir vorhin taktvoll nannten.«
    Pater Protus drückte fest die dargereichte Hand und blickte dem anderen ins
Auge: »Ja, wir verstehen uns.«
    Rudolf sah nun, dass Gräfin Ranegg und ihre Tochter Cajetane im Begriffe
waren, sich von seiner Mutter zu verabschieden.
    Er eilte auf die Gruppe zu, denn es drängte ihn, mit diesen lieben
Nachbarinnen noch ein paar Worte zu tauschen.
    »Wie, Sie wollen schon fort? ... Nein, so lasse ich Sie nicht - ich muss
Ihnen noch sagen, dass zu den Dingen, die ich durch den Verlust von Brunnhof am
schmerzlichsten vermissen werde, die Nachbarschaft der Raneggsburg gehört.«
    »Sie gehen ja nicht aus der Welt, lieber Graf Rudi,« sagte die Gräfin
freundlich. »Den Weg nach unserem Hause - hier und in Wien - werden Sie
hoffentlich immer noch finden. Und recht oft.«
    »Danke, Gräfin. Aus dieser liebenswürdigen Aufforderung sehe ich, dass Sie in
mir nicht - wie so viele hier - einen gefährlichen Narren sehen.«
    Cajetane fiel lebhaft ein:
    »Sprechen Sie nicht so ... Sie sind ein -«
    Hier blieb sie stecken. Rudolf schaute sie überrascht an. Ihre Wangen
glühten und ihre grossen schwarzen Augen blickten ihn eigentümlich an.
    Gräfin Ranegg liess sich nicht mehr zurückhalten. Sie verliess den Saal, an
ihrer Seite Marta, die ihr das Geleite gab. Rudolf bot Cajetane den Arm und die
beiden folgten in einiger Entfernung den vorangehenden Müttern. Der Weg zum
Schlosshof, wo der Wagen stand, führte über mehrere lange Korridore, die Treppe
hinab, durch eine lange Halle; man hatte Zeit zu einem Gespräch.
    »Was wollten Sie vorhin sagen, Gräfin Cajetane?« fragte Rudolf. »Sie sind
ein - begannen Sie und brachen ab. Was bin ich?«
    »Ein ungewöhnlicher Mensch.«
    »Das ist sehr milde ausgedrückt.«
    »Sie glauben doch nicht, dass ich mir eine Verurteilung erlaube -«
    »Doch wäre eine solche - von Ihrem Standpunkt - nur zu natürlich. Ich bin
ein aus der Art Geschlagener, während Sie ein Muster - ein Prachtexemplar der
Art sind, aus der ich geschlagen bin. Sie müssen mich daher verurteilen.«
    »Ich tue es nicht. Zwar verstehe ich Sie nicht ganz, aber ich weiss, ich
fühle, dass Sie Grosses und Edles bezwecken -«
    »Und glauben Sie, dass ich es erreiche?«
    »Auch das kann ich nicht wissen. Ich habe ja in das alles keinen Einblick -
bin ganz unwissend. Was Sie getan haben, hat grossen Eindruck auf mich gemacht -
dennoch, wenn ich mir Ihre Worte zurückrufen will, so geht es nicht. Ich weiss
nicht mehr, was Sie gesprochen haben - ich gäbe was drum, wenn ich's noch einmal
hören oder lesen könnte ... ich glaube, ich könnte da etwas lernen, etwas ganz
Neues -«.
    »Flösst Ihnen das Neue keine Furcht ein, Gräfin Cajetane? Ihre ganze
Erziehung fusst auf dem Alten, Ihr ganzes schönes, harmonisches Leben ruht
darauf.«
    Sie schüttelte den Kopf, aber blieb die Antwort schuldig. Sie war zu
zurückhaltend, um über sich zu sprechen, um sich gegen die Meinung zu
verteidigen, dass sie nur am Alten hing, während doch ihr junger, offener Sinn
sich den Ahnungen und Verheissungen nicht verschlossen hatte, mit denen die nach
Neugestaltung auf allen Gebieten ringende Gegenwart erfüllt ist. Und der Mann an
ihrer Seite hatte den Mut, dieser Neugestaltung Phrophet und Mitschöpfer zu
sein, opferte dafür Stellung und Reichtum - wahrlich, »ein ungewöhnlicher
Mensch«. Wie bemerkte er vorhin? »Das war milde ausgedrückt« - nein, schwach
ausgedrückt war's ... sie hätte sagen mögen - aber auch dazu war sie zu
zurückhaltend -: »ein herrlicher Mensch.«
    Nun gingen sie schweigend bis hinunter. Aber Rudolf fühlte, dass dieses
Mädchen - eines jener Vögelchen, die auf den zum Falle bestimmten Bäumen
nisteten - dass dieses Mädchen für ihn und für sein Tun voll Sympatie war.
Unwillkürlich drückte er leise ihren Arm an sich.
 
                                       XX
Der zwischen Hugo Bresser und Sylvia schwebende Liebesroman, der an jenem Abend,
da sie sein Drama vorgelesen, für beide in ein die Herzen tief bewegendes
Stadium getreten war, war seiter zu keinem Abschluss gelangt - weder Bruch noch
Vereinigung - auch nicht einmal zum Geständnis.
    Über ihn war mit der gesteigerten Anbetung Schüchternheit und Scheu gekommen
- er fürchtete, sie zu erzürnen und zu verlieren, wenn er spräche. Und dadurch,
dass er sie zum Gegenstand seiner dichterischen Huldigung machte, war sie ihm in
eine Art Wolkenferne gerückt - in Wolken, die zwar seinem eigenen
Weihrauchkessel entstiegen, die sie aber in Unnahbarkeit hüllten.
    Die ihr gewidmeten und sie besingenden Gedichte gab er ihr nicht zu lesen.
Die sollten zu einem ganzen Bande anwachsen, und erst wenn er unbestrittenen
Ruhm erreicht hätte, sollten sie so überreicht werden. Nur Grosses durfte er ihr
schenken: nichts Geringeres, als für ihren Namen die Unsterblichkeit.
    Und sie? Sie kam ihm nicht entgegen. »Geh in Reinheit durchs Leben.« Dieses
Wort ihrer Mutter hatte sich ihr im Gedächtnis festgesetzt, wie dies manchmal
bei Melodien geschieht, die man nicht los wird, die im Ohre nachklingen, man mag
wollen oder nicht. Auch die Antwort, die sie darauf gegeben, blieb so haften:
»Das will ich ja.« Es war dies ein nicht allein der Mutter, sondern auch sich
selber gegebenes Versprechen.
    Das Bewusstsein, den jungen Dichter zu lieben, erfüllte sie mit einem so
intensiv beseligenden Gefühl, dass sie es wunschlos genoss. Es war eine ganz aus
Bewunderung und Zärtlichkeit zusammengesetzte Empfindung - von keinem Schatten
sinnlichen Verlangens gestreift. Es war die zweite Liebe in ihrem Leben. Welcher
Unterschied mit der ersten! Errötend dachte sie jetzt an den leidenschaftlichen
Taumel zurück, der sie zur Zeit ihrer Verlobung erfasst hatte. Wie sie damals
erglüht für einen Menschen, von dem sie nicht eine wahrhaft liebenswerte
seelische Eigenschaft kannte - während jetzt die Seele allein, die grosse, lichte
Seele eines Künstlers, eines gottbegnadeten Genius es ihr angetan. Die
Ernüchterung, welche durch Tonis brutale Art zu lieben so jäh und schmerzlich
auf ihren Rausch gefolgt war, hatte ihr die sinnliche Seite der Liebe verekelt
und der völlige Mangel an Idealität, den ihr Gatte im ehelichen Verkehr gezeigt,
machte ihr nun die bloss ideale Ekstase ihrer neuen Liebe doppelt wert.
    Dass echte Liebe schliesslich nach beiden Seiten hin nach Vollendung und
Erfüllung drängt, das wusste sie nicht. Sie war, so sehr die Natur sie zur »
grande amoureuse« geschaffen, in Liebesdingen nicht erfahren. So liess sie
sorglos und still beglückt es sich genügen, dass eine reine, von keinem
Leidenschaftssturm gepeitschte ruhige Flamme ihr Herz durchwärmte. Nicht nur im
bildlichen Sinne fühlte sie diese Wärme, sondern fast wie etwas Greifbares,
physisch Vorhandenes. Es stieg in ihrer Brust auf - beim Erwachen, beim
Einschlafen, oft unter Tags, wenn sie an etwas ganz anderes dachte. Wie ein
plötzlicher heisser Strom, der vom Herzen zur Kehle flutete, den Atem beklemmend
- in unnennbarer Süsse ... Nicht Verlangen war das, sondern Besitzesfreude. Als
einen reichen, lebenserhöhenden, sie mit Stolz erfüllenden Besitz empfand sie in
solchen Augenblicken, dass sie liebte - einen herrlichen Menschen liebte, von dem
auch sie - seit langem schon - geliebt war. Und wenn sie so an ihn dachte, da
erschien vor ihrem Innern weder sein Gesicht noch seine Gestalt, sondern nur das
abstrakte Bild seines hochfliegenden Geistes, seiner schönheitsgewaltigen Kunst.
Gegen eine solche Liebe, durch die sie sich nur gehoben und geadelt fühlte,
brauchte sie doch nicht anzukämpfen? ...
    Sie hatte sich alle seine Werke kommen lassen und genoss jede gelungene
Stelle darin, wie ein Durstender eine saftige Frucht geniesst. Der Wohllaut der
Verse, die sie sich laut vorsagte und die sie bald auswendig kannte, wiegte sie
ein wie Musik; jeder neue, schöne Gedanke war ein Rechtstitel mehr auf ihre
stolze Liebe. Nicht nur in Reinheit - nein, in Grösse konnte man da durchs Leben
gehen!
    Äussere Umstände traten hinzu, um die Gefahr hintanzuhalten, dass die so
himmelhoch gespannte - im eigentlichen Sinne des Wortes überspannte Leidenschaft
der Liebenden in eine irdische umschlage. Fast nie trafen sie sich allein.
Notwendige Reisen - Sylvia zu ihrer erkrankten Schwiegermutter, Hugo zur Probe
seiner Schauspiele nach deutschen Städten - und andere Zufälle mehr brachten
lange Trennungen, und so kam es, dass jetzt, nach so langer Zeit, der Roman noch
schwebte - ohne Bruch und ohne Vereinigung.
    Das Verhältnis Delnitzkys mit der schönen Sängerin dauerte fort. Es war ihm
zur Lebensgewohnheit geworden. Da er weder vor der Welt und seinen Verwandten,
noch auch vor seiner Frau - von der er wusste, dass sie davon unterrichtet war -
diese Liaison zu verbergen suchte und da die anderen die Sache schweigend, wie
etwas Selbstverständliches, hinnahmen, so war ihm allmählich zu Mute geworden,
als lebte er da in einer Art zweiter konzessionierter Ehe, und dass er wenigstens
darin als treu und standhaft sich erwies, das rechnete er sich selber zum
Verdienste an.
    Zudem hatte ihm die Geliebte einen Sohn geschenkt und er liebte das kleine
Bürschchen - mit ihm zu spielen, war ihm eine wahre Lust. Der Gedanke an eine
Scheidung von Sylvia war ihm wohl manchmal aufgestiegen - da konnte er die
andere heiraten und dem kleinen Toni seinen Namen geben. Was diesen Gedanken
aber nicht recht aufkommen liess, war die Vorstellung der für einen
österreichischen Aristokraten recht unerquicklichen und umständlichen, zu einer
Scheidung erforderlichen Formalitäten: Religionswechsel, Naturalisierung in
Ungarn und vor allem der »Eklat«. Dieser Begriff hatte für ihn etwas besonders
Abschreckendes. So flösste ihm das, was sein Schwager Dotzky getan, das Aufgeben
seiner Stellung, um unter die Sozis zu gehen - wie er Rudolfs Handlung
bezeichnete - einen an Verachtung grenzenden Widerwillen ein. Natürlich wurde er
im Klub und wo er sonst hinkam, mit allerlei Fragen oder Kritiken über Rudolfs
Vorgehen behelligt. Er sollte den Leuten erklären, wie und warum sein Schwager
so Unerhörtes angestellt und was er noch Unerhörteres vorhatte. Aber er ward des
Auskunftgebens bald müde und sagte nur mehr mit ärgerlichem Achselzucken: »Ach,
bitt' Euch, lasst mich mit dem Querkopf in Ruhe ... mich gehen seine
Extravaganzen nichts an.« - Er versuchte auch, seiner Frau den Umgang mit Rudolf
zu verbieten. Diesen Versuch wies Sylvia jedoch mit aller Entschiedenheit
zurück. Die Zuneigung und Hochschätzung, die sie seit frühester Kindheit für
ihren Stiefbruder hegte, war durch seine so ungewöhnliche Tat noch um vieles
gestiegen. Sie blickte zu ihm auf, voll Stolz auf das, was er getan, und voll
Vertrauen in das, was er sich zu tun vorgesetzt.
    Von der Gesellschaft hatte sich Sylvia allmählich zurückgezogen. Das
Bewusstsein war ihr peinlich, dass sie von ihren Bekannten als die verlassene und
betrogene Frau bedauert wurde. Solche, die wussten, dass sie eigentlich nicht
betrogen war, da sie die Untreue ihres Mannes kannte, die verurteilten sie mit
Strenge: »Das ist unmoralisch von einer Frau, sich solches gefallen zu lassen,
herzlose Gleichgültigkeit, verächtliche Schwäche!« Wie oft hatten vermeintliche
gute Freundinnen mit allerlei vorsichtigen Redewendungen ihr zu hinterbringen
gesucht, dass es heisse ... dass man munkle ... sie möge doch auf ihrer Hut sein
... Und wenn sie auf solche Insinuationen achselzuckend mit einem »Ich weiss ja
alles« antwortete, dann brach die Entrüstung los: »Wie, Du weisst ... und duldest
es? - vergisst Du, was Du Deiner Würde schuldig bist? Deine Rechte als Gattin
musst Du wahren.« Manche sagten auch, sie solle sich einfach rächen ... gleiches
mit gleichem. - Das am allerwenigsten. In Reinheit wollte sie durchs Leben
gehen.
    Länger als ein Jahr war es nun, dass sie Hugo Bresser nicht gesehen. Häufig
jedoch erhielt sie von ihm Briefe und, wenn auch seltener, sie schrieb auch ihm.
Es waren keine Liebesbriefe, aber zwischen den Zeilen pochte, hörbar für den
Empfangenden, das Herz des Schreibenden. Der einzige Gegenstand der
Korrespondenz war die Literatur. Er schrieb von seinen Entwürfen und Erfolgen,
er übersandte ihr Proben der Sachen, die er eben auf der Werkstatt hatte; er
schickte ihr aber auch Bücher anderer Verfasser, die Eindruck auf ihn gemacht,
und dissertierte über deren Inhalt. Sylvia gab ihr Urteil ab, nicht im Tone der
Kritik, sondern einfach, indem sie sagte, was sie bei dieser oder jener Stelle
empfunden
    Seitdem sie einem Dichter ihr Herz geschenkt, war ihr die Beschäftigung mit
Dichterwerken zu einem genussreichen, lebenausfüllenden Studium geworden. In
einem schönen Gedichte - ob es nun von Hugo war, oder nur von ihm angepriesen -
konnte sie schwelgen, wie ein musikliebender Mensch in Melodien schwelgt. Zu
eigenem Schaffen brachte sie es nicht, hätte es auch gar nicht gewollt. Das
Vertiefen in die Werke der anderen gab ihr volle Befriedigung.
    Erst durch die Liebe war diese Passion in ihr geweckt worden. Das gehobene
und geradezu wonnige Entzücken, mit welchem sie an jenem Abend Hugos Dichtung
vorgelesen, hatte in ihr die Leidenschaft für alle Poesie angefacht, und von da
an versenkte sie sich mit Inbrunst in die Werke aller toten und lebenden Meister
des gebundenen Worts. Und ihr Dichter hielt - in ihren Augen - neben den
berühmtesten Literaturhelden Stand. Dass auch er die höchste Stufe seiner Kunst
erreichen werde, war für sie nicht zweifelhaft. Und sie blickte mit einer Art
Ehrerbietung zu ihm auf. Dass sie die grosse Dame, er ein eigentlich noch
unbekannter Literat und gesellschaftlich unbedeutender Mensch war, kam ihr gar
nicht zum Bewusstsein - er war der Gottbegnadete, der Anwärter auf die
Strahlenkrone des Ruhms - sie eine einfache, unbedeutende Frau.
Einige Tage nach dem Abschiedsdiner in Brunnhof erhielt Sylvia von Hugo einen
Brief, worin er seine Ankunft in Wien für den nächsten Tag ansagte.
    Es versetzte ihr einen freudigen und zugleich bangen Schreck. Die lange
briefliche Gemeinschaft war ihr zu teurer Gewohnheit geworden, dass sie beinahe
fürchtete, die persönliche Berührung könnte irgend eine Störung, einen Misston
hineinbringen.
    Dennoch gewann die Empfindung die Oberhand, dass der morgige Tag mit diesem
Wiedersehen ihr ein hohes Fest verhiess. Sie teilte es sich so ein, dass sie um
die Stunde, für die er sich angesagt, allein zu Hause war.
    Es war Nachmittag vier Uhr. Draussen schien eine helle und warme Herbstsonne.
Dennoch brannte im Kamin ein lustig prasselndes kleines Feuer. Und auf einem
Seitentische, über blauen Spiritusflämmchen, brodelte in silbernem Kessel das
Teewasser. Von der Strasse her gedämpfter Wagenlärm. Magnolienduft vom
Blumentisch. Vor diesem steht Sylvia und pflückt eine Blüte ab, die sie an ihre
Taille steckt. Sie trägt ein Strassenkleid aus schwarzem Samt - eben war sie von
einer Ausfahrt heimgekommen - auf ihren Wangen lag frisches Rot und die Augen
funkelten.
    In einer halben Stunde sollte er kommen, doch schon jetzt ertönte die
Klingel.
    Ein Besuch? Nun, die Losung war gegeben, niemand anderer sollte vorgelassen
werden als Bresser - und Anton war von Wien abwesend.
    Die Tür ging auf und der Diener überreichte auf silberner Platte ein
Telegramm.
    Jedenfalls eine Absage von Bresser ... An der bittern, schmerzlichen
Enttäuschung, die ihr dieser Gedanke verursachte, erkannte sie erst, wie sehr
sie sich auf den bevorstehenden Besuch gefreut.
    Die Depesche war aber nicht von Bresser und betraf etwas ganz
Gleichgültiges. Jetzt freute sie sich doppelt und mit vollem Bewusstsein. Die
Furcht, dass das Wiedersehen irgend einen Misston bringen könne, war nun verflogen
- vielmehr eine Erfüllung sollte es werden, ein Löschen des brennenden Durstes
ihrer Seele.
    Sie ging ans Klavier und spielte leise die Sonnenaufgangshymne aus dem
Propheten. Diese Melodie war ihr seit jenem Teaterabend die Zauberformel
geblieben, mit der sie sich jederzeit die Gegenwart ihres Dichters herbei
beschwören konnte, als atmete sie seine Nähe.
    Vom Klavier ging sie in ihre gewohnte Ecke, wo neben der Chaiselongue ein
drehbares Lesetischchen stand. Sie setzte sich und nahm ein Buch zur Hand. Der
Band »Gedichte von Hugo Bresser« öffnete sich von selber auf der Seite, die sie
gewollt. Auch da fand sie eine Beschwörungsformel - eine gewisse Strophe voll
Wohllaut und voll Schwung.
    Aber sie legte das Buch wieder weg. Sie durfte doch nicht bei dieser Lektüre
sich finden lassen - das hätte wie eine plumpe Absichtlichkeit geschienen. Sie
liess die Hände herabfallen und schloss die Augen. Nicht spielen, nicht lesen
wollte sie - nur so dasitzen, das holde Bangen der Erwartung geniessend, dem
eigenen Herzen lauschend, wenn manchmal ein beschleunigter Schlag ihr bis in die
Kehle drang - wie süss das war ...
    Noch war die halbe Stunde nicht verflossen - und wieder ertönte die Klingel.
    Sylvia sprang auf; sie fühlte, dass sie erbleichte.
    Bresser trat über die Schwelle und verneigte sich ehrerbietig; sie blieb -
eine Weile regungslos - auf ihrem Platz stehen.
    Durch den zeremoniellen Gruss und den Ton seiner Stimme »Gnädigste Gräfin«
kam sie zur Besinnung, und - ganz Weltdame, die einen willkommenen fremden Gast
empfängt - ging sie ihm ein paar Schritte entgegen und reichte ihm die Hand zum
Kusse.
    »Wie ich mich freue, Sie wieder zu sehen, Herr Bresser - werden Sie nun eine
Zeitlang in Wien bleiben? Bitte, setzen Sie sich ...« und sie selber liess sich
auf ihren gewohnten Platz neben dem Lesetischchen nieder ... »Sehen Sie« -
lächelnd - »ich habe hier Ihren Gedichtenband - aber Sie dürfen nicht glauben,
dass ich ihn nur im Hinblick auf Ihr Kommen hierher gelegt, ich ...«
    Sie stockte. Denn Bresser ging weder auf ihren förmlichen, noch auf den
scherzenden Ton ein; er blieb stumm und auch den angebotenen Sitz hatte er nicht
angenommen; sein Gesicht zeigte tiefe Bewegung, die Augen hielt er mit
zärtlichem Vorwurf auf sie geheftet - sie fühlte, dass er von ihrem Empfang
enttäuscht war.
    Das war er im Anfang auch gewesen; aber wie sie jetzt so stockte, wie unter
seinem Blicke auch in ihren Augen es zärtlich zu schimmern begann, da verstand
er, dass diese angenommene Gleichgültigkeit nur ein Schleier - ein für ihn jetzt
durchsichtiger Schleier war, den sie über den sonst zu grellen Glanz ihrer
gegenseitigen Wiedersehensfreude geworfen hatte. Eigentlich nach all den
getauschten Gedanken und getauschten Empfindungen, nach der Sehnsucht, die sich
in dem verflossenen Jahr von einem zum andern gesponnen, hätten sie ja einfach
sich in die Arme sinken müssen: - o Du, Du - seh' ich Dich endlich! - Da dies
aber nicht sein konnte, so war diese Art wohl die beste gewesen; sie wussten ja
doch beide, was unter dem Schleier verborgen war.
    So wollte er denn ihrem unausgesprochenen Befehl gehorchen und, indem er
sich setzte, sagte er, einen unbefangenen Ton erzwingend:
    »Ob ich längere Zeit in Wien bleibe, Gräfin? Das hängt von Umständen ab. Der
Direktor des Burgteaters, dem ich mein Drama eingereicht, hat mich zu einer
Unterredung bestellt. Vielleicht handelt es sich um Änderungen - angenommen ist
das Stück - vielleicht auch schon um den Beginn der Proben; da müsste ich
allerdings hier bleiben.«
    »Was - ein Stück an der Burg - und davon hatten Sie mir nichts geschrieben!«
    »Ich wollte es nicht früher sagen, als bis die Annahme sicher war.«
    »Und welches Ihrer Stücke?«
    »Mein letztes, noch nirgends aufgeführtes - von dem Sie den ersten Akt uns
vorgelesen haben -«
    »Ah - Der tote Stern -? Den haben Sie zu Ende geführt - und mir in Ihren
Briefen kein Wort? ...«
    »Meine Ambition war, dass Sie die folgenden Akte nicht im Manuskript, sondern
von der Bühne aus beurteilen sollen.«
    »Ich werde furchtbar zittern bei der Première.«
    »Zittern? Für mich?«
    »Für Sie, für das Stück, für mich - ich könnte es nicht vertragen, wenn das
Publikum keinen Beifall zeigte -«
    »Wenn das Stück durchfiele, meinen Sie? ... Wer weiss, ob es vor Ihnen Gnade
findet? Vielleicht müsste Ihnen dessen Fiasko gerechtfertigt erscheinen.«
    »Werde ich denn überhaupt urteilen können, wenn ich zittere? Nur wenn Sie
mir das Ganze zu lesen gäben, könnte ich mir klar werden, ob ich's schön finde
oder nicht. Erzählen Sie mir doch wenigstens, wie Sie die Handlung weitergeführt
haben -«
    »Nichts erzähle ich, Gräfin Sylvia. Ich habe mich zu lange darauf gefreut,
Ihnen meine Dichtung in fertiger Gestalt und lebendig und neu vor die Augen zu
führen. Ihnen ganz allein wird es vorgespielt werden - das übrige Publikum wird
für mich gar nicht anwesend sein.«
    Sie sprachen dann von dem grossen Ereignis in Sylvias Familie, Rudolfs
Verzicht auf das Majorat. Es tat Sylvia wohl, zu hören, wie gross Hugo die Sache
auffasste, mit welchem weiten Blick er die von ihrem Bruder gewählten Wege und
Ziele umspann.
    »Mich nennen Sie Dichter, Gräfin?« sagte er. »Nun ja, mit geschriebenen
Bildern und Worten dichte ich, aber Rudolf tut es mit Handlungen, mit kühnen
begeisterungsglühenden Taten ... was er unternommen hat, kann zum hinreissendsten
Poem werden.«
    So sprachen sie lange über allerlei Dinge. Aber etwas Unausgesprochenes lag
zwischen ihnen; etwas, woran beide dachten, und wovon jedes wusste, dass es in den
Gedanken des anderen obenauf war. Es zitterte in ihren Stimmen, es blitzte in
ihren Augen auf, es tönte in ihrem Schweigen nach, wenn manchmal die
Unterhaltung stockte.
    In einer solchen Pause geschah es, dass ihre Blicke sich begegneten und wie
liebkosend aneinander hängen blieben. Er war glücklich, sie so schön zu sehen -
und auch sie empfand es wie eine Freude, dass seine Erscheinung so harmonisch zu
seiner Künstlerseele passte: edle Züge, leuchtendes Auge und dabei in Art und
Ton, in Kleidung und Bewegung - tadelloser Weltmann. Diesen Menschen zu lieben,
war man wahrlich entschuldbar ... sie war stolz auf ihn - und fast stolz auf
sich, dass ihr Herz sich einem so Würdigen geschenkt.
    Nach einer kleinen Stunde, die ihnen verflogen war, wie fünf Minuten, musste
er gehen - der Direktor erwartete ihn.
    »Wann darf ich wiederkommen?«
    »Morgen um dieselbe Stunde.«
    Der Abschiedsgruss war ein langer, fester. Stumm sagten sie einander durch
diese warmen, bebenden Hände:
    Herrliche, auf Wiedersehen! - Auf Wiedersehen, Lieber!
 
                                      XXI
Rudolfs Schrift war erschienen; - eine Anklageschrift; der Titel lautete »das
Verbrechen der Kulturmenschheit«. Zugleich gab er eine zweite - eine
Verheissungsschrift heraus: »Das Glücksfüllhorn der menschlichen Kultur«.
    In der ersten war die ganze Schale seines Zornes auf die Heuchelei, den
Blödsinn und die Grausamkeiten ausgegossen, die den herrschenden, sogenannten
Kulturzuständen zugrunde liegen. In der zweiten liess er seiner Begeisterung und
seiner Einbildungskraft freien Lauf, um zu schildern, wie das Erdenleben sich
gestalten müsste, wenn neben den märchenhaften Errungenschaften der technischen
Kultur auch die etische zur Geltung käme, das heisst: wenn Wahrhaftigkeit,
Vernunft und Güte alle gesellschaftlichen Verhältnisse regelten. Absichtlich
hatte er diese beiden Aspekte wie er die Welt sah - und wie er sie sehen wollte,
nicht in eine Arbeit verschmolzen, sondern getrennt, um Zorn und Verheissung mit
gleichem Feuer vertragen zu können - nicht das eine durch das andere gedämpft.
    Das nächste Ergebnis dieser Veröffentlichung war - dass die Broschüren so gut
wie gar nicht gelesen wurden. Sowohl die Anklage blieb ungehört, als auch die
frohe Botschaft. Zwar brachten einige Blätter Notizen; aus Bekanntenkreisen
erhielt er einige anerkennende - auch zwei oder drei tadelnde, von anonymen
Schreibern sogar einige grobe Briefe - aber eine Revolution machten die
Schriften nicht, nicht einmal Lärm. Es war da wieder einmal ein Fingerhut voll
Pulver zum Sprengen einer Gebirgskette angewendet worden.
    Aber gleichviel. Eine kleine Schrift von unberühmter Feder kann die Welt
nicht aufstören. Ihr Zweck war auch ein anderer. Rudolf hatte sich sozusagen das
Programm vom Herzen geschrieben, das er seinem Apostolat zugrunde legen wollte.
Er wusste ja, dass das, was er unternahm, eine langjährige Kampagne werden musste,
um irgendwie durchzudringen - und vorläufig war in den beiden Schriften zu
dieser Kampagne der Plan abgesteckt. Er hatte hineingelegt, was ihm in manchen
Nachtstunden überkam, wenn er zwischen Wachen und Träumen lag und an sein
Lebenswerk dachte - nämlich, tiefgeekelte Entrüstung über obwaltende
Schildbürgereien, Bosheiten und Gemeinheiten und dann wieder frohlockendes
Erfassen der Glücksmöglichkeiten einer schöneren Zukunft und der schon
vorhandenen Ansätze dazu. Er musste sich aber selber sagen, dass seine
Ausführungen, wie sie da auf dem Papiere standen, nur ein ganz matter Abklatsch
jener nächtlich heftigen Gefühlsanwandlungen und grellen Gedankenblitze war, das
kam daher - sagte er sich: zum Schreiben hat man nur Worte, - festgeprägte, an
alte Erkenntnisse geknüpfte Worte, die Gedanken hingegen, vom Gefühle
sekundiert, operieren mit Ahnen und Sehnen, mit inbrünstiger Neuerkenntnis von
Dingen, für die im bestehenden Wortschatz der Ausdruck noch nicht geprägt ist.
»Wenn ich denke,« so erklärte er einmal im Gespräch mit Kolnos diesen Kontrast:
»so bewegt sich mein Geist mit Schwingen und wenn ich schreibe - in Galoschen.«
    Unter den Briefen, die ihm infolge seiner Publikation zugekommen waren, fiel
ihm einer auf in verstellter Frauenhand und ohne Unterschrift. Es waren nur
wenige Zeilen:
    »Die Lektüre Ihrer beiden Schriften - die Titel sind mir zu lang, ich nenne
sie die Hölle und das Paradies - haben mich tief ergriffen und ich muss es Ihnen
sagen. Wenn Sie auch nicht wissen, wer es sagt - ich glaube, es wird Ihnen
immerhin lieb sein, zu erfahren, dass Ihre Worte eine Schwesterseele - die
empfängliche Seele eines jungen Weibes - in gehobenste Mitschwingung versetzt
haben.
    Übrigens nicht um Ihnen angenehm zu sein, schreibe ich dieses, sondern um
meine eigene Sehnsucht zu befriedigen, die Sehnsucht, Ihnen zu sagen, dass mein
Herz in hingebender Bewunderung für Sie schlägt. Das niedergeschrieben zu haben
und mir vorzustellen, dass Sie es lesen werden, das tut diesem Herzen wohl.«
    Rudolf war nicht unempfänglich für den warmen Ton, der aus dem anonymen
Briefchen sprach. Aber nachdem er es beiseite geschoben, und die anderen mit
gleicher Post angelangten Zuschriften las, dachte er nicht mehr daran.
    Was ihm mehr zu denken gab, war ein amtliches Schreiben aus dem
Kriegsministerium, das ihn für den nächsten Vormittag, zehn Uhr, in die Kanzlei
des Ministers beschied.
    Er ahnte wohl, was da kommen würde. Der Gang war ihm ein unangenehmer, aber
er musste getan werden. Am folgenden Tag fand er sich pünktlich zur bestimmten
Stunde am bestimmten Orte ein.
    Der Kriegsminister war ein Vetter vierten Grades seines verstorbenen Vaters
und oft war er mit ihm in befreundeten Häusern zusammengekommen, hatte ihm auch
einmal als Jagdgast in Brunnhof empfangen. Aber diesmal sollte er dem Gestrengen
nicht in verwandtschaftlichem, noch in gesellschaftlichem, sondern in
dienstlichem Verhältnis gegenüber treten, in seiner Eigenschaft als Oberleutnant
der Reserve.
    Der Minister war allein in seinem Kabinett, als Rudolf, von einem
Ordonnanzoffizier gemeldet, dasselbe betrat.
    Der alte Herr, dessen Physiognomie immer eine martialische war, nahm einen
ganz besonders strengen Ausdruck an und mit schnarrender Stimme sagte er:
    »Ah - Herr Oberleutnant Dotzky - kommen Sie nur her.«
    Rudolf, der in einiger Entfernung salutierend stehen geblieben war, trat
näher. Die Ansprache bedeutete nichts gutes. Ausserdienstlich waren die beiden
Männer auf dem Duzfusse. Das unfreundliche »Sie« kehrte den Vorgesetzten heraus.
»Sagen Sie« - er nahm von seinem Arbeitstisch zwei gelbe - Rudolf gar
wohlbekannte Hefte und hielt sie, eins in jeder zitternden Hand - in die Höhe -
»haben Sie diese beiden Wische geschrieben?«
    »Ja, Exzellenz. Ich habe die Schriften ja auch gezeichnet.«
    »Aber Sie Unglücksmensch - wissen Sie, was nun geschehen muss?«
    »Ich kann es mir ungefähr vorstellen. Ich werde aus dem Armeeverband
scheiden müssen.«
    »Und eine solche Schand' - die wollens so gleichmütig hinnehmen?«
    »Ich habe mir das Recht, zu sagen was ich will, schon sehr hoch bezahlt,
indem ich auf das Majorat verzichtet - da kommt es auf einen Verzicht mehr oder
weniger nicht an. Als Schande empfinde ich die Freiheit nicht. Ich werde eines
Ranges für verlustig erklärt, der mich zwingen soll, Dinge mit anzusehen, die
ich verurteile. Diese Verlusterklärung ist berechtigt, aber sie beschämt mich
nicht. Wäre es möglich, einfach seinen Austritt aus der Reserve anzumelden, so
hätte ich es getan, da das aber nicht angeht, so -«
    »Aber Dotzky - bist Du denn ganz verrückt,« unterbrach der Minister, in das
verwandtschaftliche Du zurückfallend - »ist die Geschichte mit dem Majorat
wirklich wahr? Ich hab's nicht glauben wollen.«
    »Ja, ich will ungebunden sein.«
    »Das ist ja niemand auf der Welt. - Jeden binden Pflichten - von unserem
allerhöchsten Kriegsherrn angefangen, an dessen Pflichttreue jeder sich ein
Beispiel nehmen kann.«
    »Gewiss. Aber auch ich habe nur aus Pflichtbewusstsein gehandelt.«
    »Und was in aller Welt willst Du denn mit solchen revolutionären Schriften
erreichen? Ich habe meinen Augen nicht getraut wie ich's durchgeblättert hab'.«
    »Ich bin nicht revolutionär. Ich sage was schlecht ist in unserer Gegenwart
und was gut werden könnte in der Zukunft. Ich sage aber nicht, dass der Weg vom
schlechten Alten zum guten Neuen über die Revolution führt. Von Gewalt will ich
nichts wissen weder von oben, noch von unten. Nicht eine Zeile wird in diesen
Schriften zu finden sein, die zu irgend einer Gewalttätigkeit aufreizen will.«
    »Und ich sage Dir, es ist nicht eine Zeile darin, vom Titel angefangen, die
nicht Auflehnung bedeutet. Verbrechen der Kulturmenschheit. Mein Amt ist auch
ein Stück unserer Kultureinrichtungen ... Bin ich ein Verbrecher? ... Kurz, Sie
haben sich unmöglich gemacht. - Ich hätte Sie für gescheiter gehalten. Wissen
Sie denn nicht, dass ein Soldat nicht offene Kritik üben darf an Dingen wie die
Gesellschaftsordnung oder gar am Militär selber?«
    »Wer darf also Kritik üben - da bei der allgemeinen Wehrpflicht jeder Mann
Soldat sein muss - nur Frauen, Kinder, Greise und Krüppel? Und da faselt man von
Freiheit -«
    »Du hast furchtbar vertrakte Ideen. Aber schliesslich - ich will die Sache zu
applanieren trachten. Es hängt ja in letzter Instanz doch von mir ab. Wenn Du
wirklich nachweisen kannst, dass Du nichts direkt Beleidigendes und nichts zur
Auflehnung Ermunterndes gesagt und gemeint hast, und auch in Zukunft -«
    »Auch in Zukunft werde ich nie zur Gewalt aufmuntern oder zum Hasse
aufhetzen. Diese beiden Dinge sind ja eben das, was ich bekämpfe.«
    »Halte Dich in Zukunft lieber ganz still -«
    »Wenn das die Bedingung Ihrer Nachsicht sein soll, Exzellenz, dann möchte
ich schon bitten, es bei der Strenge bewenden zu lassen - denn zum Schweigen
kann ich mich nicht verpflichten.«
    »Na, wir werden ja sehen, wie Du Dich weiter aufführst. Einstweilen
betrachten Sie sich als gewarnt, Herr Oberleutnant Graf Dotzky.«
    Und damit war Rudolf entlassen.
    Er verliess das Kabinett des Ministers in trüber Stimmung ... Es war ihm, als
fühlte er Kugeln an den Füssen und Handschellen an den Händen. Das ganze
Kriegsgebäude, das er nun durchschritt, mit seinen schmucklosen Sälen, seinen
weiten Gängen, seinen Treppen, über die uniformierte Menschen auf und nieder
eilten, machte ihm den Eindruck eines Gefängnisses. Und vor dem Tor die
schwarzgelbe Barriere, die Schilderhäuschen, der Trupp von Soldaten, die neben
dem Tor auf der Bank sassen - das alles, was er doch so oft gesehen, erschien ihm
heut in ganz neuem Licht ... wie eine Mahnung, dass das Bestehende feststeht, dass
es voll organischen Lebens ist und dass die Versuche, es umzustossen, daran
zerstieben müssen, wie der Schaum einer kleinen Welle am Meeresfelsen.
    Und als er nun ganz herausgegangen und den Platz »am Hof« vor sich sah,
erschien ihm auch diese altbekannte Szenerie in einem ganz besonderen Licht. Es
hatte die ganze Nacht geregnet, das Pflaster glänzte im schwarzen Nass und es
regnete noch immer; zugleich brach aber ein Sonnenstrahl aus den Wolken und
spielte um das Haupt des Radetzky-Denkmals. Der alte Feldmarschall sitzt zu
Pferde, dem Kriegsgebäude kehrt er den Rücken und mit der ausgestreckten Hand
scheint er die zahlreichen Hökerinnen zu segnen, die auf diesem Platze
allmorgendlich Gemüse verkaufen. Auf der andern Seite des Platzes, dem
Kriegsgebäude gegenüber, steht das Palais der Nunziatur - auch so ein ragender
Fels, an dem so manche Wellchen zerschellen ... Es war ein lärmendes Gewimmel,
vor allen Ständen die feilschenden Köchinnen mit ihren Einkaufskörben, auf dem
Strassenpflaster das Gerassel der Fiaker, Einspänner, Omnibusse, Frachtenwagen
und auch - von allen Gefährten das jammervollste - ein Kälberwagen; hin- und
hereilende geschäftige Leute, die mit ihren Regenschirmen aneinander stiessen -
das Ganze ging Rudolf furchtbar an die ohnehin gespannten Nerven. Es überkam ihn
jenes müde und traurige Gefühl, das sich in dem Stossseufzer Luft machte: Ach,
tot sein! ... Und da fielen ihm seine Toten ein. Die liebliche Beatrix, mitten
aus der Jugendfülle und von des Lebens Höhen in die finstere Gruft geschleudert
- und sein armer kleiner Fritz! Was gäbe er darum, wenn er die beiden noch
besässe ... unvergossene Tränen schnürten ihm die Kehle zu.
    Als er aber wieder in seine Wohnung gekommen und an den Schreibtisch trat,
auf dem die unterdessen eingelaufenen Briefe und Blätter und seine angefangenen
Arbeiten lagen, da ward diese Anwandlung mutlosen Trübsinns bald verscheucht.
Die Sorgen, die sein eigenes Los betrafen, mussten verschwinden angesichts der
grossen Sache, der sein Leben nun ganz geweiht war. Die Briefe, die mit der
letzten Post gekommen waren, trugen viel dazu bei, die niedergeschlagenen
Gefühle zu bannen, die ihn beim Verlassen des Kriegsministeriums übermannt
hatten. Dort war er in der so starr und unumstösslich scheinenden alten Welt
gewesen, wo alles wie in enge Eisenreifen eingeklemmt ist; und die Briefe hier
brachten Kunde der verheissungsreichen, sich dehnenden, werdenden Welt. Signale
von Mitkämpfenden, Mitoffenden, Mitwissenden. Es war ihm, als riefen alle diese
ihm zu: Nur Mut, nur Ausdauer - wir sehen schon die gelobte Stadt, wir rütteln
an ihren Toren - hilf mit!
 
                                      XXII
Am nächsten Tag - wie es ihm gestattet worden - und an den nächstnächsten kam
Bresser wieder.
    Fast niemals traf er Sylvia allein; aber wenn auch ein Dutzend Menschen
trennend zwischen ihnen war, die beiden Liebenden wussten sich zu finden, durch
beziehungsvolle Worte, durch stumme Blicke oder auch durch den Kontakt
gleichgestimmter Gedanken und gleichschwingender Wünsche. Im Tete-a-tete waren
sie einander eher ferner, denn da überkam sie beide eine eigene Schüchternheit
und Angst. Und diese Angst zu vertreiben, sprachen sie mit erzwungener Kälte von
gleichgültigen Dingen - so wie gespensterfürchtende Kinder im Finstern laut zu
singen beginnen.
    Hugo wusste sich geliebt. Dieses Bewusstsein erfüllte ihn mit so
überwältigendem Glück, dass er nicht wagen wollte, die angebetete Frau durch
ungestümes Werben zu erschrecken. Die Leidenschaft für Sylvia füllte ihm auch
nicht - eben jetzt - die ganze Seele aus. Die Proben seines Stückes nahmen ihren
Fortgang; dadurch war er in fieberhafte Aufregung versetzt. Vom Schicksal gerade
dieser Dichtung, in die er sein Bestes gelegt, hing so furchtbar viel für ihn
ab. Neben der Frage des Erfolges oder Misserfolges an einer so entscheidenden
Stätte, wie das Wiener Burgteater, stand noch mehr auf dem Spiele: sein ganzes
Selbstvertrauen; denn würde diese Arbeit durchfallen, so musste er an seinem
Talent verzweifeln; und umgekehrt, gefiel sie, so wäre ihm in seiner Kunst der
weitere Siegesaufstieg sicher. Und die aufregendste Alternative von allen: vor
ihr, vor Sylvia, als gefeierter Dichter oder als durchgefallener Autor
dazustehen - sie zu glühender Bewunderung hinzureissen oder zu mitleidiger
Enttäuschung stimmen ... Er wohnte sämtlichen Proben bei und übte strengste
Selbstkritik. Vieles erschien ihm matt und farblos und im Lauf der Proben nahm
er verschiedene Striche und Änderungen vor. Bei Tag und Nacht feilte er noch in
Gedanken an dem Werk.
    Sylvia indessen, die keine solche Ablenkung hatte, war mit ihrer Seele im
Banne ihrer neuen, täglich wachsenden Leidenschaft. Sie wehrte sich umso weniger
gegen deren berauschende Macht, als Hugos ehrfurchtsvolle Zurückhaltung sie in
Sicherheit wiegte. »In Reinheit durchs Leben gehen« - diesem Vorsatz durfte sie
nicht untreu werden, aber da war keine Gefahr; ihr Dichter selber, das war ja
ersichtlich, mischte kein profanes Begehren in seine Herzenshuldigung - auch er
liebte »in Reinheit«.
    »Sylvia, ich möchte ein ernstes Wort mit Dir reden« - damit trat eines
schönen Tages Delnitzky in das Zimmer seiner Frau, die eben beschäftigt war, in
einem Bande Bresserscher Gedichte zu lesen.
    Sie blickte überrascht auf. Der Umgang der beiden Gatten war seit letzter
Zeit ein ganz förmlicher geworden; nur in Anwesenheit anderer sprachen sie mit
einander, unter vier Augen hatten sie sich nichts zu sagen, am allerwenigsten
»ernste Worte«.
    Sie legte das Buch aus der Hand: »Was gibt's?«
    Anton setzte sich neben den Tisch an der Seite ihrer Chaiselongue und
schaute das weggelegte Buch an.
    »Aha, das stimmt,« brummte er.
    »Was stimmt?«
    »Diese Lektüre - mit den Dummheiten, die Du machst.«
    »Ich verstehe nicht.«
    »Du lässt Dir von diesem Skribifax die Cour machen - die ganze Stadt spricht
schon davon, und wie steh' ich da?«
    »Wie Du dastehst? - verzeih, das weiss längst die ganze Stadt, vor der ist es
kein Geheimnis, dass Du -«
    Er liess sie nicht ausreden:
    »Das ist was anderes ... wenn über mich getratscht wird, so hat das weiter
keine Bedeutung - ich bin ein Mann. Aber ich kann nicht dulden, dass meine Frau
Anlass zu übler Nachrede gibt, und ich verbiete einfach -«
    Jetzt sprang Sylvia auf.
    »Du, mir? Dazu hast Du das Recht verwirkt. Ich habe mir nichts vorzuwerfen
und ich lasse mir nichts verbieten.«
    »Na, na, echauffier' Dich nicht so. Dass Du Dir nichts vorzuwerfen hast,
glaube ich ja - ich kenn' Dich als viel zu wohlerzogen, als dass Du - und
besonders mit so jemand - Dir was vergeben würdest. Aber Du kompromittierst Dich
- und damit auch mich ... Ein guter Freund hat mir's gesteckt - und ich denke,
es genügt, wenn ich Dich aufmerksam mache, dass die Leute reden ... da wirst Du
von selber der Sach' ein End' machen und mir dankbar sein, dass ich Dich
rechtzeitig gewarnt hab' ... denn was kann einer Frau teurer sein als ihr guter
Name? Schon Skandal genug in der Familie, dass der Rudi solche Narrheiten macht
und ganz vergisst, was er seinem Rang schuldig ist.«
    »Kein Wort mehr über meinen Bruder!« rief Sylvia zornig.
    »Wenn ich auch nichts reden würde, die übrige Welt nimmt sich kein Blatt vor
den Mund. Man bedauert die arme Baronin Tilling, dass ihr Sohn ihr so wenig Ehre
macht - so soll doch wenigstens die Tochter ... Kurz« - er stand nun auch auf -
»Du verstehst mich schon - das Ganze ist ohnehin peinlich, reden wir nicht mehr
davon ... Verbiete dem preussischen Zigeuner das Haus - das ist ja ganz einfach.«
    Bleich und zitternd stand Sylvia da. Sie rang nach Worten, fand aber keine.
    Er nahm einen gemütlichen Ton an: »Brauchst Dich nicht weiter zu alterieren
- die ganze G'schicht' kann dann vergessen sein« - und er schritt der Tür zu.
    Sie blickte ihm nach, noch immer stumm. Die Klinke in der Hand, drehte er
den Kopf zurück:
    »Also ausgemacht? - Keine Antwort? Mir auch recht.«
    »So, da kommt ohnehin die Mama - küss die Hand, Mama, kommst gerade recht ...
Die Sylvia ist ein bissel aufgeregt, weil ich ihr einen guten Rat gegeben hab'
... sie soll's Dir erzählen ... Wie ich Dich kenne, wirst Du mir recht geben -
ich lass Euch allein. Adieu.«
    Marta erschrak über den Gesichtsausdruck ihrer Tochter. Es lag etwas darin,
was sie vorher niemals an ihr gesehen; die Augen sprühten unheimlich und die
Lippen bebten wie in verhaltenem Zorn. Sie blieb regungslos. Marta ging auf sie
zu und legte ihr die Hand auf die Achsel.
    »Was ist denn geschehen? Habt Ihr einen Auftritt gehabt? Wegen Fräulein
Irma?«
    »Nein, wegen Hugo Bresser.«
    »Ah so« - sagte Marta gedehnt. Sie ging hin und setzte sich. »Und Toni
sagte, ich würde ihm recht geben ... ich gestehe, Sylvia, dass ich heute auch die
Absicht hatte, mit Dir über denselben Gegenstand zu reden.«
    Sylvias Atem ging noch immer kurz. Das Zittern ihrer Lippen hatte nicht
aufgehört. Jetzt liess auch sie sich in einen Fauteuil sinken, der Mutter
gegenüber.
    »Lass hören,« sagte sie.
    »Ich möchte vorher wissen, was zwischen Dir und Deinem Mann vorgefallen -
und aus welchem Anlass ... Du hast Dir doch nichts zu schulden kommen lassen ...
Warum bist Du so verstört?«
    »Weil ich empört bin, empört! Dieser Mensch, der mich seit Jahr und Tag
betrügt - nein nicht einmal betrügt, sondern mir ins Gesicht die Treue bricht -
der wagt es, mir Befehle zu erteilen, auf dass ich mich und ihn nicht
kompromittiere - seine Ehre hängt also nicht von ihm ab, sondern von dem, was
ich tue oder lasse ...«
    »Das ist schon einmal so, liebes Kind - die Untugend eines Gatten gibt der
Frau kein Recht, ihren eigenen Ruf aufs Spiel zu setzen ... Wenn es in der Welt
hiesse, dass dieser junge Bresser -«
    »In der Welt, in der Welt! ... das ist doch nicht das höchste, diese Welt,
in der es heisst - diese blöde, widerspruchsvolle, ungerechte Welt, in deren
Vorurteilsnetzen auch meine sonst so gedankenkühne Mutter gefangen ist - -«
    »Aber Sylvia!«
    »Ja, ja - den Militarismus, so das, worauf unsere ganzen Staaten ruhen, das,
was unserer Fürsten Lieblingsbesitz und unserer Adelsfamilien Existenzgrundlage
ist, das möchtest Du nur so wegblasen. - Die himmelschreiende Ungerechtigkeit
aber in der Gesellschaft, mit Bezug auf die Pflichten von Mann und Frau, die
siehst Du nicht - da soll man sich fügen, da sagst Du, es ist schon einmal so
... Der Mann mag Liebschaften haben, soviel er will - ohne auch nur den Schein
zu wahren, die Frau aber soll alles dulden, muss ihr Herz und ihre Sinne
ersticken, ihrem Glück entsagen - nur damit die famose Welt nicht tuschelt ...
eine Welt noch dazu, die ihre Gesetze nicht einmal einhält, sondern täglich im
Geheimen übertritt - geheim muss es nur sein ... Nein, Mutter, siehst Du nicht
ein, dass da ein Unrecht, eine Knechtschaft herrscht, die mit den andern Formen
von Sklaverei und Unglück sich messen kann, gegen die Du Dich auflehnst, wie es
mein Vater getan und wie Rudolf es tut!«
    Marta war betroffen. In dieser Richtung hatte sie in der Tat niemals einem
auflehnenden Gedanken Raum gegeben. Sie antwortete nichts.
    Da sie ihrer Entrüstung Luft gemacht, fühlte sich Sylvia wieder ruhiger. Sie
stand auf und ging zu ihrer Mutter hin:
    »Im übrigen, Mama,« sagte sie, indem sie den Arm um Martas Schulter legte,
»sei mir nicht böse, und sei nicht besorgt. Ich habe mir wirklich nichts
vorzuwerfen - aber von Anton lasse ich mir nichts befehlen.«
    »Und von mir nichts predigen?«
    »Auch das nicht, liebste Mutter. Ich kann und will allein fertig werden mit
meinem Herzen und meinen Pflichten.«
    »So gibst Du zu, dass Du Pflichten hast?«
    »Die hat jeder - es kommt nur darauf an, gegen wen -«
    »Du meinst, gegen sich selber?«
    »Reden wir jetzt von anderen Dingen, bitte. Was hörst Du von Rudolf?«
    Marta blieb nicht lange. Die Erregung und die Worte ihrer Tochter hatten
sie erschüttert. Über die Sache weiter zu reden, nachdem Sylvia erklärt hatte,
sie wolle allein mit sich fertig werden, ging nicht gut an und von anderen
Dingen zu sprechen, war sie nicht aufgelegt. Also brach sie ihren Besuch
vorzeitig ab.
    Kaum war sie einige Minuten fort, als der Diener meldete:
    »Herr Bresser.«
    Sylvia musste einen Aufschrei unterdrücken. Eine warme Woge schwellte ihr das
Herz. Nach dem Vorgefallenen hätte ihr keine Nähe zugleich verwirrender und
teurer sein können, als die Nähe des jungen Dichters. - Nach drei Seiten
Bretterwände mit Nägeln und Mauern mit Glasscherben und nur eine Seite frei, wo
ein lichtübergossener Pfad hinausführte aus all dem Dunkel und auf diesem Pfad -
bereit, ihr das Geleit zu geben: Hugo Bresser. So empfand sie in dieser Minute.
    Hätte er seine Arme geöffnet - sie wäre hineingesunken und hätte dabei nicht
den geringsten Skrupel gehegt, dass dies etwa nicht in Reinheit geschehen.
    Er aber, förmlich wie immer, verbeugte sich, und die kleine zitternde Hand
führte er respektvoll an seine Lippen. Er bemerkte ihre Blässe und ihren
ungewohnten Ausdruck.
    »Sind Sie nicht ganz wohl, Gräfin?«
    »O ja, ganz wohl. Setzen Sie sich, bitte.«
    Er gehorchte. »Ich täusche mich nicht, Gräfin Sylvia, Sie sind in einer
aussergewöhnlichen Gemütsverfassung ... doch, ich habe keinen Anspruch auf Ihr
Vertrauen.«
    Sie antwortete nichts. Nach einer Weile sagte er leise:
    »Sie sind nicht glücklich ...«
    Und sie noch leiser: »Nein, nein, nein - glücklich bin ich nicht.«
    »Sylvia!«
    Zum ersten Male nannte er sie so. Sie schauerte, doch sie rügte es nicht.
Sie hob nur die Augen und schaute ihn tief und rätselhaft an.
    Unter diesem Blicke erschauerte nun er, und das lang zurückgehaltene
Geständnis drängte sich hervor:
    »Sie wissen doch, nicht wahr, Sie wissen es, dass -«
    Sylvia erriet an seinem Gesichtsausdruck, an dem Ton seiner Stimme, was
jetzt kommen sollte und sie unterbrach ihn mit einer heftig abwehrenden
Handbewegung:
    »Ich weiss, ich weiss - ich will's aber nicht hören ... nicht heute.«
    »Wenn Sie es nur wissen, das genügt mir - heute.«
    Die junge Frau stand auf und ging ans andere Ende des Zimmers bis ans
Fenster und lehnte die Stirn an die Scheiben. Eine schwüle Unruhe war über sie
gekommen. Dazu eine Mischung von zwei ganz heterogenen Gefühlen, die
nebeneinander ihr Sein durchdrangen, obschon sie sich gegenseitig aufheben
sollten: - so unglücklich und so selig ...
    Aber der gefährliche Auftritt sollte nicht verlängert werden; wieder trat
der Diener ein, Besuch anzumelden - die Schwestern Ranegg.
    Hugo nahm seinen Hut und ging - nicht heute war sein Tag. Nicht heute, aber
- - er war nicht die Beute doppelter Gefühle - er war nur selig.
 
                                     XXIII
                             Aus Martas Tagebuch.
Ich habe mir jetzt wieder angewöhnt - wie ich es in meiner Jugendzeit getan -
Tagebuch zu schreiben. Nicht regelmässig, nur wenn etwas mir die Seele bedrückt,
hatte ich so Zwiegespräch mit mir selber.
    Ach, wo sind die Zeiten, da ich Einen hatte, dem ich alles, alles sagen
konnte, dem alles zu sagen mir Lust und Bedürfnis war! Was ich erlebte, ward mir
erst zum Erlebnis, wenn ich es mit ihm geteilt hatte. Jede Freude, jede Sorge,
jeder Zweifel, jede Hoffnung, jedes Urteil kam mir erst ganz zum Bewusstsein,
wenn ich darüber mit ihm gesprochen und seine Meinung darüber erfahren hatte.
Mein erster Gedanke war stets: was wird Friedrich dazu sagen? Ich kannte ihn so
gut, dass ich in den meisten Fällen wohl wusste, was er sagen würde - aber ich
sehnte mich darnach, es zu hören - und dann erst war mein Erlebnis, meine
Stimmung, mein Urteil sanktioniert. Jetzt hab' ich niemand, dem ich mich so ganz
vertrauen kann - als höchstens mich selber. Was ich empfinde, kommt ja doch auch
dem am nächsten, was er empfunden hätte - waren wir ja so sehr eins geworden. So
beschwöre ich mir seinen Geist herbei, wenn ich diese Blätter fülle ...
    Unsere Sylvia macht mir Kummer. Ich sehe sie auf einem gleitenden - in einen
Abgrund gleitenden Pfad. Und Schwindel - d.h. Liebesleidenschaft - hat sie
erfasst. Mein Gott, ich kenne das nicht ... ich habe wohl auch geliebt, aber so
ruhig, so innig, so - gesetzlich, nur den eigenen Gatten, niemals einen anderen,
was weiss ich also von den tollen, betäubenden Gluten verbotener Liebe. Ich kann
nicht urteilen, darf also auch nicht richten ... Und das Predigen, das ich
neulich versuchen wollte, das misslang gar kläglich. Sie lehnte sich auf. dabei
warf sie mir vor, dass ich ja auch eine Auflehnerin sei und ihr Vater ein
Revolutionär gewesen. Ich frage mich: sind nicht alle Stufen der Befreiung von
Jammer, Qual und Fesselung durch Auflehnung erreicht worden? Die ersten Empörer
sind freilich oft die Märtyrer ihrer Kühnheit, aber sie sind es, die den
Nachkommenden ein Stück - ein dann unbestrittenes Stück Freiheit errungen haben.
Mir ist, als hätte Sylvia vor mir einen Vorhang aufgehoben, hinter dem bislang
ein ganzes Stück Welt für mich verborgen lag, eine Kette von Dingen, über die
ich eigentlich nie recht nachgedacht ...
    Neulich hatte ich eine kleine Diskussion mit meiner Freundin Ranegg. »Na ja,
Du,« sagte sie, »Du denkst da ganz anders, Du bist eben eine moderne Frau.«
    Grosser Gott - wie wenig trifft diese Bezeichnung zu! Das fühle ich jetzt
ganz deutlich. Rokoko bin ich zwar nicht, auch der Metternich-Ära bin ich
entwachsen und unter unseren reaktionären kirchen- und militärfrommen Kreisen
gebe ich die neuerungskühnste Aufwieglerin ab - aber der wirklichen Modernität
gegenüber stehe ich da kopfschüttelnd, auffassungslos. Ästeten, Dekadenten -
Übermensch - the new woman ... Ich sehe wohl, dass eine ganz neue Geschmacksflora
(in der sich auch eine absonderliche Typenfauna zu regen beginnt) um mich her
aufspriesst - eine Kunst, neuer Stil, neue Sensationen - aber verstehen, mich
damit identifizieren, das will nicht gehen. Wenigstens nicht so schnell. Ich
versuche es ja, denn mein Entwicklungsglaube schützt mich vor dem bei alten
Leuten gebräuchlichen Widerstand gegen das Neue; dass aber alles Neue auch das
Bessere sein müsse - wie so viele junge Leute meinen - vor diesem Glauben
schützt mich die Erkenntnis, dass so manches, was da auftaucht, nur vergängliche
Mode oder krankhafte Entartung ist. Oder auch eine Übergangsform, aus der - -
    So weit hatte Marta geschrieben, als sie mit der Meldung unterbrochen
wurde, Graf Delnitzky frage, ob die Frau Baronin ihn empfangen könne.
    Marta bejahte, unangenehm überrascht. Toni hatte nicht die Gewohnheit,
seiner Schwiegermutter ohne Anlass Besuche zu machen und unter den obwaltenden
Umständen war der Anlass vermutlich ein unerfreulicher.
    Und richtig. »Ich bin gekommen,« sagte er nach der ersten Begrüssung und
nachdem er sich gesetzt, »um in einer recht peinlichen Angelegenheit -« Er
stockte. Marta kam ihm nicht zu Hilfe. Sie blickte nur fragend auf. »Sylvia
wird Dir ja neulich gesagt haben,« hub er wieder an, »was es zwischen uns für
eine Auseinandersetzung gegeben ... Ich möchte wissen, was sie Dir erzählt hat
und was Du ausgerichtet hast ... Du bist doch gewiss auch dafür, dass dieser Sache
mit dem Herrn Teaterdichter ein Ende gemacht werden soll -«
    »Welcher Sache?«
    »Ach, tu' doch nicht so ... Weisst Du denn nicht, dass die Leute schon reden
-?«
    »Die Leute reden mancherlei. Auch über Dich.«
    »Das hat mir Sylvia auch geantwortet - als ob es dasselbe wäre, was man von
einem Mann erzählt, oder von einer Frau. Das ist doch ein gewaltiger Unterschied
...«
    »Die Ungerechtigkeit dieses Unterschieds fängt mir zu dämmern an.«
    »Es ist schon so.«
    »Ja, mit diesem Satz glaubt man allen Widerspruch abzuschneiden ... ich hab'
ihn auch angewendet. Aber man sollte eher sagen: es ist noch so. Doch, es wird
nicht so bleiben. Der Anspruch der Frau auf die Treue ihres Gatten wird -«
    »Was?« unterbrach Delnitzky, »auch Du? - Du nimmst Dich um die Ansprüche der
Frauen an? - Bist Du unter die Frauenrechtlerinnen gegangen? Von der Seite kenne
ich Dich gar nicht ... Hast Dich, Gott sei Dank, dieser sogenannten Bewegung
immer ferngehalten.«
    »Weil man nicht überall mittun und mitsprechen kann. Du weisst, dass eine
andere sogenannte Bewegung mir Herz und Sinn ausfüllt.«
    »Na ja, die ist aber - weil ganz aussichtslos - auch harmlos, während die
verflixte Frauenfrage schon ganz bedenkliche Dimensionen annimmt - neulich haben
sie sogar schon einen weiblichen Doktor promoviert. Aber das hat ja im Grunde
nichts damit zu tun, was ich mit Dir besprechen wollte, Mama.«
    »Und was war das?«
    »Einfach dies: Du musst mir helfen, den Bresser aus Sylvias Nähe zu
verbannen.« Marta machte eine Bewegung. »Du brauchst nicht zu erschrecken,«
fuhr er fort, »ich glaube ja gar nicht, dass sie in den Menschen verliebt ist,
aber er schwärmt für sie und, wie gesagt: die Leute munkeln - und das kann ich
nicht zugeben.«
    »Und wie, wenn sie ihn liebte?«
    »Aber Mama - um Gotteswillen ...!«
    »Hast Du ihr denn geboten, was eines jungen Weibes Anspruch an das Leben
ist? - Hast Du ihr Liebe gegeben? Und Treue gewahrt? ... Toni, ich habe nie über
diese Dinge mit Dir gesprochen, weil ich finde, dass eine Schwiegermutter sich
solcher Einmengung entalten soll, aber heute warst Du es, der den Gegenstand -
Euer eheliches Verhältnis - zur Sprache gebracht hat, und da kann ich mich nicht
entalten, Dir zu sagen: wenn dieses Verhältnis zerstört und bedroht ist, so
liegt die Schuld an Dir.«
    Delnitzky sprang auf: »Ich sehe schon, an Dir habe ich keine Stütze ... Ich
werd' mit dem sauberen Herrn allein fertig werden müssen. Es wird mir doch nicht
schwer fallen, ihn beim Rockkragen zur Tür hinauszuexpedieren.«
    »Mässige Dich doch! Gerade auf diese Weise würdest Du den Eklat herbeiführen,
den Du zu fürchten scheinst.«
    »Was soll ich also tun? Zuschauen, wie meine Frau einen Liebhaber -«
    »Schweig'! So zu sprechen hast Du kein Recht. Für Sylvias Reinheit stehe ich
ein. Aber sie sollte nicht länger zuschauen, dass Du Deine Geliebte, diese -«
    »Willst Du etwas Beleidigendes sagen?« unterbrach Delnitzky, »vielleicht
weil sie beim Teater ist?«
    »O nein, aber weil sie das Eigentum einer anderen entwendet hat.«
    »Damit meinst Du mich? Glaub' mir, auf dieses Eigentum hat Deine Tochter nie
viel Wert gelegt. Du weisst gar nicht, wie kalt und abstossend sie mit mir war -
gleich nach unserer Hochzeitsreise. Wir passen nicht zusammen.«
    »So geht denn auseinander ...«
    »Scheidung? Wir leben in einem katolischen Land ... Freilich, man könnte
ungarischer Staatsbürger werden ...«
    »Die Idee scheint Dir nicht zu missfallen?«
    »Ach Gott, es sind da tausend Schwierigkeiten und ich hasse Schwierigkeiten
... Du willst also nichts tun, um Sylvia auf den Pfad der Pflicht zu lenken?«
    »Auf den von Dir verlassenen? Ich will überhaupt nichts tun, Anton - weder
für, noch gegen Dich. Wenn Sylvia meinen Rat erbittet, so werde ich ihn erteilen
und sicher in der Richtung, in der ich ihre Ruhe und ihre Ehre gesichert sähe
... aber ungebeten werde ich mich nicht als Sittenpredigerin aufdrängen. Sie ist
der mütterlichen Autorität entwachsen. Ich bin ihre Freundin - mehr nicht.«
    »Meine Freundin bist Du nicht -«
    »In aller Aufrichtigkeit: nein. Du hast mein Kind nicht glücklich gemacht
... Du betrügst sie vor aller Welt - wie soll sie Dir da liebevoll zugetan
sein?«
    »Es ist ja auch nicht nötig, dass Du meinetwegen einschreitest, sondern ihr
zu nutz und frommen. Wenn sie sich kompromittiert, so wird es ihr Schaden - und
wenn sie sich vergeht, ihr Unglück sein. Denn ich lasse mir nichts gefallen.
Mein Name darf nicht in den Schlamm gezerrt werden.«
    Er war dunkelrot im Gesicht und die Stirnadern waren angeschwollen. Marta
empfand etwas wie Furcht: dieser Mann wäre imstande, ihrer Sylvia ein Leid
zuzufügen. Die vorhin angeregte Idee einer Scheidung nahm die Form eines
Wunsches an. Freilich, kein schönes Los, eine geschiedene Frau zu sein. Aber
wenn es gilt, einer Gefahr zu entrinnen, so kann man nicht erst fragen, ob der
Fluchtpfad in eine liebliche Gegend mündet.
    »Ich hätte mir den Besuch bei Dir ersparen können,« fuhr Delnitzky im selben
zornigen Tone fort. »Auf den Einfluss, den Du auf Deine Kinder übst, brauchst Du
Dir wirklich nicht viel einzubilden. Über den Rudi und sein Gebaren wird ja
genug gespottet und geschimpft. Dass es geheissen hat, er würde aus der Reserve
fortgejagt, hast Du wohl erfahren?«
    Marta warf den Kopf zurück. »Du versuchst, mir weh zu tun. Was zwischen
Rudolf und dem Kriegsminister vorgefallen, weiss ich - ich besitze meines Sohnes
volles Vertrauen und ich vertraue auch ihm. Was er tun wird, wird recht getan
sein. Das Gebiet seiner Pflichten liegt höher als Du weisst.«
    »Verrückt ist er einfach - und Ihr alle miteinander.«
    Sie stand auf: »Anton, ich ersuche Dich, mich zu verlassen. Du hast kein
Recht, in meinem Hause mich und meine Kinder zu insultieren.« Sie sagte es mit
ruhiger und gar nicht erhobener Stimme, doch war sie kreidebleich geworden.
    »Oh, ich gehe ja ohnehin,« antwortete der Schwiegersohn.
    Und ohne zu grüssen eilte er zur Türe hinaus und schlug diese heftig hinter
sich zu.
 
                                      XXIV
Sylvia sass in einer Parkettloge des Burgteaters - allein. Sie hielt den Zettel
in der Hand.
                                Zum ersten Male:
                                Der tote Stern.
                  Märchenspiel in 4 Aufzügen von Hugo Bresser.
Am selben Morgen hatte sie eine Sendung des Dichters aus Dresden erhalten, wohin
er sich begeben hatte, um der Generalprobe seines Stückes beizuwohnen. das dort
gleichzeitig mit Wien aufgeführt werden sollte. Doch war ihm die
Burgteater-Première die wichtigere und mit dem Sechsuhrzuge wollte er heute
hier eintreffen.
    In jener Sendung war die Sammlung der Gedichte »An sie« entalten. »Ich
wollte Ihnen diese Lieder erst schicken,« schrieb er dazu, »bis ich zu Weltruhm
gelangt wäre, damit die Huldigung Ihrer würdiger sei. Doch nein - so lange will
ich nicht warten - wer weiss, ob ich je zu Weltruhm gelange ... Und nicht die
Aussenwelt - Sie habe ich mir zum Richter eingesetzt. Was ich in den Augen jener
bin, die ich besinge - das entscheidet. Und diese könnte mich nicht ganz
beurteilen, wenn sie von meinen Dichtungen nicht kennte, was meiner innersten
Seele entrungen, was mit meinem Herzblut geschrieben ist - was ich schreiben
musste.«
    Mehrere Stunden des Tags hatte Sylvia mit lesen und wieder lesen der zwanzig
Gedichte zugebracht, und sie stand von dieser Lektüre auf, so leidenschaftlich
aufgewühlt und süss erschöpft, als wäre diese Stunden über der Dichter selber zu
ihren Füssen gelegen. So geliebt zu sein, so anbetungsvoll, so schmerzlich, so
zärtlich und heiss - das hätte sie sich niemals träumen lassen.
    Das Teater war noch leer - es fehlten beinahe zwanzig Minuten bis zur
angesetzten Anfangszeit. Sylvia hätte um alles in der Welt nicht das erste
Aufziehen des Vorhangs, das erste Stimmen der Orchesterinstrumente versäumen
wollen. Dass dieser Teaterabend zu den wichtigsten, angst- und doch zugleich
genussreichsten ihres Lebens gehören würde, fühlte sie, und so wollte sie ihn
ganz und gar ausnützen, auch die Vorstimmung kosten - auf dem Kampfplatze
selber. Nie noch im Leben - selbst an ihrem Hochzeitstage nicht - war sie so
erregt gewesen, wie an diesem Abend. So muss einst den Rittersfrauen zu Mute
gewesen sein, die von ihrer Galerie auf den Tournierplatz herabsahn, wo der von
ihnen still und heiss Geliebte entweder siegen oder in den Staub fallen sollte
...
    Ein Viertel vor sieben. Das Publikum fängt an, die letzten Parkettreihen und
die höchste Galerie zu füllen. Noch ein paar Minuten und die Musikanten kommen
zum Orchestertürchen herein und setzen sich an ihre Pulte. Die Logen sind noch
leer. Sylvia späht nach der Direktionsloge ... wo mag Hugo sein? Man sieht ihn
nicht ... vermutlich hinter dem Vorhang ... wenn es ihm nur einfiele, jetzt auf
einen Augenblick zu ihr zu kommen - mit einem Händedruck hätte sie ihm Mut
machen wollen und selber ermutigt werden - sie hatte vielleicht grössere Angst
als er ...
    Fünf Minuten vor sieben. Jetzt füllt sich das Parkett, auch in den ersten
Reihen und in den Logen beginnt es, sich zu regen. Die Galerien sind bis auf den
letzten Platz gefüllt und im Stehparterre sind die Zuschauer dicht gedrängt.
    Punkt sieben. Der Kapellmeister gibt das Zeichen und das Orchester setzt
ein. Zwei Erzherzöge nehmen am Rand der Inkognitologe Platz und in der
Kammerherrenloge zeigen sich ein halb Dutzend uniformierte Herren und Hofdamen.
    Erwartungsvolle Spannung scheint über dem ganzen Haus zu schweben -
Premièrenstimmung. Der Vorhang rollt auf. Sylvias Herz pocht und sie atmet
schwer. Den ersten Akt kennt sie ja, hat sie ihn doch selber vorgelesen; sie
weiss noch, wie entzückt sie von der Schönheit der Sprache gewesen - aber würde
das, hier auf der Bühne, so zur Geltung kommen?
    Von der ersten Szene, durch drei oder vier Minuten verstand sie kein Wort.
War es, weil ihr das Blut im Kopfe tobte, oder weil man immer erst eine Zeitlang
an die Stimmen, die von der Bühne dringen, sich gewöhnen muss, bis man die Worte
auffasst und bis man sich überhaupt den Vorgängen dort gefangen gibt? Und die
Leute da herum, die gleichgültigen Leute, und die nörgelnden Rezensenten, diese
ganze, einem Neuling gegenüber instinktiv widerstrebende Menge - wann wird es
dem Dichter gelingen, die mitzureissen, wenn sogar sie, seine glühendste
Bewunderin noch dasass, verständnislos, unaufgetaut? ...
    Aber es währte nicht lange und die Reden und Gegenreden der Schauspieler
drangen deutlich und lebendig ins Haus. Sylvia erkannte einige der Verse, die
ihr bei jener ersten Lektüre aufgefallen waren, und sie hatte die Genugtuung,
dass Stellen, deren Schönheit sie frappierte, auch vom Publikum aufgefasst zu
werden schienen. Nicht etwa durch laute Bravos bekundete sich das, denn damit
halten die kritischen Zuschauer in den Eingangsszenen einer Erstaufführung
zurück; es ist nur wie ein kaum hörbares Aufseufzen - vielleicht ist es nicht
einmal ein Laut, sondern nur ein Zucken jenes elektrischen Rapports, der eine
versammelte Menge den gleichzeitig erweckten Beifall empfinden lässt.
    Mit beruhigtem, immer sicherer werdenden Genuss gibt sich Sylvia jetzt dem
Bühnenspiel gefangen. Zu der Süssigkeit der Versmelodien, zu der Pracht der
hinwogenden Rede, die sie schon beim Lesen so entzückt hatte, war nun auch der
Zauber dargestellten Lebens hinzugekommen. Die Träger der Hauptrollen Fritz
Krastel und Stella Hohenfels - waren die verkörperte Poesie. Das eigentümliche
Silbergeriesel des Hohenfelsschen unvergleichlichen Organs verlieh den Versen
neben ihrem gedanklichen Wert noch den sinnlichen Reiz des Klanges. Und dazu:
was es zu schauen gab! Das Stück war ein Märchenspiel, also waren der Phantasie
des Dichters keine Grenzen gesetzt. In verschwenderischer Üppigkeit boten die
vorgeführten Bilder, was ein Maler nur erträumen kann - an Farbenglut und
Formenpracht. Nach der ersten Verwandlung war der Schauplatz ein Zaubergarten.
Eine Fee, eine wirkliche Fee, hatte der Regie geholfen ein Bild zu schaffen, das
für das Auge ein Rausch war - die Fee Elektrizität. Mit ihren unwahrscheinlichen
Leuchteffekten, ihren violetten, blauen und rosa Feuern, mit ihren
Silberlichtern und Goldgluten und Lavaflammen, tauchte sie die Gestalten und
Dekorationen in immer neue und magische Glanzwogen; eine Flora, wie sie noch
kein irdisches Auge gesehen, wucherte in diesem »Garten des Glücks«, in dessen
Hintergrund ein diamantener Tempel ragte. Die Lust des Schauens beeinträchtigte
aber nicht die Lust des Hörens, denn die Dichtung erlahmte keinen Augenblick.
Auch da glitzerte es von Witz und strahlte in Patos. Als der Vorhang fiel,
brach das Haus in lauten Beifall aus.
    »Bresser, Bresser!« rief man von mehreren Seiten. Aber Bresser erschien
nicht. In seinem Namen dankte der Regisseur
    Sollte er den Zug versäumt haben, oder verschmähte er es, sich zu zeigen?
Sylvia empfand es als eine Erleichterung, dass er dem Hervorruf nicht gefolgt
war. Die Schöpfung war dem Publikum preisgegeben, zu Beifall oder Tadel - nicht
der Schöpfer. Nur sein Geist schwebt über dem Werke, nicht seine Person hat sich
davor zu stellen. Wie kommt er dazu, sich vor jenen zu verbeugen, die er
beschenkt hat, warum soll er dafür danken, dass sie ihm dankbar sind?
    Aus diesen Gedanken wurde Sylvia durch Hugos Vater gerissen, der in die Loge
trat. Sie reichte ihm die Hand:
    »Ich wünsche Ihnen Glück,« sagte sie - »es ist ein Erfolg.«
    »Das kann man noch nicht wissen,« antwortete der alte Herr. »Der erste Akt
ist gut ... aber ein Erfolg entscheidet sich erst am Schluss ... Warum ist die
Baronin Tilling nicht gekommen?«
    »Mama ist unwohl - sonst wäre sie schon hier ... sie hatte sich schon
lebhaft auf diese Vorstellung gefreut.«
    »Und Ihr Gatte?«
    »Ist heute in der Oper.«
    »Ah - ja.« Ein Ausdruck des Ärgers huschte über Doktor Bressers Gesicht.
    »Ihr Sohn sollte heute aus Dresden zurückkommen und nun -«
    »Er ist zurückgekommen und er ist im Teater - ganz im Hintergrund der
Direktionsloge verborgen. Er will sich nicht zeigen.«
    Die Direktionsloge lag der ihrigen schräg gegenüber, also konnte er sie
sehen - der Gedanke berührte sie angenehm. Und dass er, wie sie es vorausgesetzt,
es vorzog, sich dem Applaus zu entziehen - in Bescheidenheit und zugleich in
Stolz - das war ihr auch eine Genugtuung.
    »Sie müssen doch grosse Freude an Ihrem Sohn haben, Doktor Bresser.«
    »Mein Gott, wenn ich ihn glücklich wüsste ... aber das Dichterhandwerk
scheint ihn stark herzunehmen - er ist oft von einer Schwermut ... als ob die
Liebe zu den Musen eine unglückliche Liebe wäre.«
    Sylvia wusste wohl, wer seinen Liebesgram verschuldete. Jene Schwermut war in
einige der zwanzig Sonette gelegt, die sie heute zum erstenmal gelesen, von
denen sie aber schon manche Strophe auswendig wusste.
    Zum zweiten Male hebt sich der Vorhang. Jetzt war Sylvia gespannter wie
zuvor, denn was nun folgen sollte, war ihr neu. Immer hatte Bresser sich
geweigert, ihr mitzuteilen, was die übrigen Akte entielten; und zwar aus dem
Grunde, damit sie einst ganz unbefangen beurteilen könne, wie die Dichtung von
der Bühne herab wirke. Sie hatte das Gefühl, als sollte nun das Stück ihr allein
vorgespielt werden; die anderen waren nur so nebenher zugelassen - als Richterin
war nur sie berufen. Ob ihr »der tote Stern« gefallen werde, ob sie gespannt,
gerührt, erhoben, befriedigt sein würde, das war die Frage, die den in der Loge
drüben verborgenen Verfasser ganz erfüllte - das wusste sie
    Der zweite Akt spielte im »Garten des Schmerzes«. So hell und lieblich die
Bilder des ersten Aufzugs gewesen, so düster und erschütternd waren die
Vorgänge, die sich jetzt abspielten. Die Sprache hielt sich auf gleicher Höhe,
und in dramatischer Steigerung bewegte sich die Handlung weiter. Als der Vorhang
zum zweitenmal fiel, erhob sich wieder lauter, langanhaltender Beifall. Hätte
sich aber auch keine Hand im Saale gerührt, Sylvia hätte doch gewusst, dass dieser
zweite Akt vollendet schön war. Dass aber die Bewunderung der Menge dem geliebten
Manne zuflog, erfüllte sie mit stolzem Hochgefühl. Ja, sie war stolz auf ihn und
- wenn sie an die Widmung seiner zwanzig Lieder dachte - stolz auf sich. Ein
bisher ganz unbekanntes Glücksgefühl durchströmte sie. Der Teatersaal war wie
in einen Festsaal verwandelt und sie fühlte sich als des Festes heimliche
Königin.
    Sie blickte im Hause umher. Nur wenige ihrer Bekannten waren da. Noch waren
viele Mitglieder des Hochadels auf ihren Besitzungen - man schrieb Dezember -
und das Interesse für literarische Ereignisse ist in diesen Kreisen überhaupt
kein so reges, als dass man vom Lande herfahren würde, um der Aufführung eines
neuen Stückes, von einem neuen Autor noch dazu, beizuwohnen. Ja, wenn es »
teâtre paré« gewesen wäre, zu Ehren irgend einer fremden Fürstlichkeit - das
wäre etwas anderes. Dazu kommt man schon hergereist; es ist aber auch gar zu
schön: die vielen Uniformen im Parkett, die Toiletten und der Schmuck in den
Logen und dann am folgenden Tag in allen Blättern die Liste der Anwesenden, bei
der kein glänzender Name, keine offizielle Persönlichkeit fehlt. Da soll man
doch dabei gewesen sein; aber so ein modernes Teaterstück, da muss man erst
abwarten, was die Bekannten dazu sagen, und ob man überhaupt die Komtessen
hineinführen kann ...
    Sylvia richtete ihr Glas von Loge zu Loge. Endlich traf sie auf ein paar
bekannte Gesichter: Gräfin Ranegg mit ihren Töchtern Cajetane und Christine und
bei ihnen - Kolnos. Dieser schaute eben herüber und erkannte sie. Er stand auf
und verabschiedete sich - offenbar wollte er zu ihr kommen. Eine Minute später
trat er auch schon in ihre Loge ein.
    »Ganz allein, Gräfin Sylvia? Und Ihre Mutter?«
    »Sie ist nicht ganz wohl.«
    »Doch nichts Bedeutendes?«
    »Nein, eine leichte Erkältung. Was sagen Sie, Graf Kolnos, ist's nicht
wunderschön?«
    »Ja - er lässt sich sehr gut an. Wer hätte das hinter dem kleinen Bresser
gesucht? ... Ich sehe ihn nämlich immer noch als kleinen Buben vor mir.«
    »Was sagen die anderen? Wie urteilt die Ranegg?«
    »Sie hat nichts über das Stück gesprochen.«
    »Aber Sie haben doch schon Urteile aufgefangen? Der Beifall ist ja gross -
sind die Leute nicht entzückt?«
    »Sind Sie es, liebe Sylvia?«
    »Ja.«
    »Für die anderen ist der Ausdruck zu stark. Entzückt über eine Dichtung -
das kommt bei uns nicht vor. Man schwärmt für einzelne Künstler in gewissen
Rollen - das Stück ist Nebensache. Bewunderung kehrt man höchstens für die
Klassiker hervor, da ist man auf sicherem Boden ... den neuen, noch lebenden
Autoren gegenüber ist man voller Misstrauen.«
    »Gehören Sie auch zu diesen man?«
    »Einigermassen. Ich begeistere mich auch nicht so leicht; ich müsste das Werk
erst lesen - es sind so viele äussere Effekte darin, welche blenden ... beinah
wie in einem Ballett.«
    »Und ist es nicht auch dichterische Kunst, wenn man mit Bildern, mit aus
höchstem Phantasiereichtum geschöpften Bildern die Zuschauer in bezauberte
Stimmung versetzt? ...«
    »Eigentlich ja - aber warten wir erst das Ende ab.«
    »Das Ende wird ebenso schön wie der Anfang - das fühle ich zuversichtlich -
Hugo Bresser ist ein grosser Dichter -«
    »Sylvia, wissen Sie, dass die Leute sagen, dass Hugo Bresser Ihnen nicht
gleichgültig ist? - Oh, erröten Sie nicht und entrüsten Sie sich nicht - ich bin
der Letzte, der daran Anstoss nähme, wenn es wahr wäre. Nur finde ich, dass es die
Leute nichts angeht, dass sie's nicht zu merken brauchten ...«
    »Noch nie war mir dieser Sammelbegriff gleichgültiger als heute.«
    »Welcher Sammelbegriff?«
    »Das, was Sie Leute nannten - Leute, die so freundlich sind, mir ins Herz
schauen zu wollen.«
    »Mein Gott - man muss doch etwas zu reden haben. Besonders so lang etwas nur
vermutet, nur gewittert wird - ist's interessant; weiss man es einmal, so
schweigt man einverständlich dazu. Dass die Gräfin X. ein Verhältnis mit dem
Opernkapellmeister hat; dass Fürst Ypsilon schon seit Jahren der begünstigte
Hausfreund der Baronin Z. ist: das sind alles so landläufige Kenntnisse, über
die man kein Wort mehr verliert; höchstens konstatiert man es - aber nicht in
medisantem Ton - nur um zu zeigen, dass man auf dem Laufenden ist ... Jetzt
verlasse ich Sie, liebe Sylvia, der dritte Akt beginnt.«
    Mit dem Aufrollen des Vorhangs war Sylvia wieder in die Zauberwelt versetzt
- ein befreiender Gegensatz zu dem Stückchen wirklicher Welt, das sich in
Kolnos' satyrischem Berichte gespiegelt hatte.
    Der dritte und letzte Akt überflügelten noch die zwei ersten an dramatischen
Effekten und an poetischer Kraft. Zum Schluss erhob sich ein wahrer
Beifallssturm. Es war ein ganzer, ein grosser Erfolg.
    Sylvia liess sich im Logensalon auf das kleine Sofa fallen und mit
geschlossenen Augen und zurückgelehntem Kopfe sass sie da. Sie fühlte sich so
erschüttert, so berauscht, dass sie um alles in der Welt jetzt nicht da
hinausgehen wollte, in das Gedränge der Korridore und Treppen, wo sie riskierte,
von Bekannten angesprochen zu werden, die, als wäre nichts geschehen, sie mit
einem nüchternen »Guten Abend« angesprochen hätten und dazu: »Wie hat es Ihnen
gefallen - es war ja ganz hübsch«.
    Sie wollte abwarten, dass sich das Publikum ganz verzogen hatte. Wie sie so
dalag, rief sie sich die Bilder zurück, die an ihren geblendeten Augen
vorübergezogen waren und schwelgte in den neuen Sensationen, unter denen sie
erbebte und erglühte. »Grande amoureuse« - wie einmal ihre Mutter sie genannt -
ja, als das fühlte sie sich jetzt. Eine grosse Liebende - das heisst, dass die
Leidenschaft, die sich ihrer bemächtigt hatte, sie nicht schwach, sondern stark
machte, dass das Glück, das zu nehmen und geben in ihrer Macht stand - ein
überwältigendes, erhebendes - mit einem Wort voll Grösse war.
    Ihr Bedienter wartete, wie ihm befohlen worden, geduldig vor der Tür, aber
jetzt trat die Logenschliesserin herein.
    »Ich bitt' Euer Gnaden - es wird schon ausgelöscht.«
    Sylvia erhob sich und trat vor den Spiegel, um sich das Spitzentuch um den
Kopf zu schlingen. Ihr eigener Anblick in dem zurückgestrahlten Bild war ihr
fremd; es lag etwas Verklärtes darin, ein süss-zärtlicher Zug um den Mund, der
dunkler glühte als je, und es durchzuckte sie eine, zwar schon öfter, aber nie
so intensiv empfundene Freude - die Freude, schön zu sein.
    Sie trat hinaus. Der Bediente legte ihr den mit Hermelin gefütterten
Teatermantel um die Schultern. Langsamen Schrittes - sie fühlte sich so eigens
abgeschlagen - - ging sie durch die Gänge und die Treppe hinab, in der Tat als
letzte - es war schon alles leer.
    Nur an dem Pfeiler neben der untersten Stufe lehnte noch ein Mann.
    Als sie herankam, riss er den Hut vom Kopf und trat ihr entgegen: Hugo
Bresser.
    »Also endlich, also doch!« rief er.
    Sie hängte sich schweigend in ihn ein und liess sich zum Ausgang führen. Hier
standen sie nun Arm in Arm, während der Diener den Wagen holte.
    »Nun,« fragte er, »Ihr Urteil? - Ich will Ihr Urteil hören!«
    Ihre Hand drückte schwerer auf seinem Arm:
    »Herrlich!«
    »Das beglückt mich ... Aber noch einen anderen Urteilsspruch erbitte ich mir
... nicht über das Stück, sondern über mich - über Tod und Leben für mich ...
die zwanzig Lieder? ...«
    Wieder ein Druck der weissbehandschuhten Hand auf dem schwarzen Ärmel und in
innigstem Tone:
    »Mein Dichter!«
    Der Diener kam zurück: »So, gräfliche Gnaden, der Wagen.«
    Hugo half der geliebten Frau beim Einsteigen.
    »Darf ich eine Strecke mitfahren?«
    Eine Sekunde zögerte Sylvia, dann aber mit Entschiedenheit:
    »Nein.«
    »Und wann erlauben Sie, dass ich morgen -?«
    »Warten Sie eine Zeile von mir ab. Gute, gute Nacht!«
 
                                      XXV
In derselben Woche hatte es noch eine Sensationspremière in Wien gegeben:
Rudolfs erster öffentlicher Vortrag.
    Es war im grossen Musikvereinssaal und an einem Sonntag Nachmittag, damit -
bei freiem Eintritt - recht viele Leute aus den arbeitenden Klassen kommen
könnten. Für vorherige Bekanntmachung durch die Zeitungen und durch
Anschlagzettel war gesorgt worden, und so geschah es, dass der weite Raum sich
noch als zu klein erwies. Einige vordere Reihen waren für die persönlichen
Bekannten Dotzkys, die ihn hören wollten, reserviert; das übrige Publikum war
aus allen Schichten der Gesellschaft zusammengesetzt.
    Als die Türen geöffnet wurden, gab es ein Drängen und Hasten, und bald war
der Saal bis an die Decke gefüllt. Viele mussten umkehren, ohne Einlass zu finden.
    Rudolf stand vor der ersten Sitzreihe, mit seiner Mutter und Grafen Kolnos
im Gespräch. Das Schwirren und Sausen, welches das Drängen und Niedersetzen all
dieser Leute verursachte, machte ihm keinen anderen Eindruck, als ob er, von
einer Strandterrasse aus, das Branden des Meeres gehört hätte. Ein fremdes,
fernes Element, diese Menschenmenge, weiter nichts.
    Was er sprechen wollte, das galt ja nicht diesem zufällig hier versammelten
Publikum, das galt der Mitwelt, der Öffentlichkeit überhaupt. Eine Handvoll
Samenkörner wollte er ausstreuen, hier und anderswo, heute, und morgen wieder;
allmählich würde doch, an einer Stelle oder der anderen, die Ideensaat
aufspriessen; in einzelne Seelen würde wohl dringen, was die seinige erfüllte,
und Nachfolger und Mitarbeiter würden ihm erstehen; vielleicht auch solche, die
ihn weit überflügelten - desto besser! Von persönlicher Beifallssucht war in dem
heiligen Feuer, das ihn durchglühte, auch nicht ein Funke entalten.
    Eine Zuhörerschaft, die einen Redner beklatscht und ihm zujubelt, die hatte
er in diesem selben Saale vor einigen Wochen gesehen, als anlässlich eines
Katolikentages ein antisemitischer Volksmann eine mit ordinären Witzen gewürzte
Hassrede gegen »Judenliberale und Freimaurer«, gegen »Aufkläricht und
Wissenschaftsdünkel« losgelassen. Und es war ein gar vornehmes Publikum gewesen:
Bischöfe und Minister, Generäle und Aristokraten, Damen aus hohen und höchsten
Kreisen, und daneben, in vielen Exemplaren, auch »der kleine Mann«, dem stets
geholfen werden soll. Noch grösseren Jubel aber hatte er diesen Saal durchbrausen
gehört, wenn auf dem Podium ein geschickter Geiger stand oder eine hübsche Diva
schalkhafte Lieder zum besten gab: nein, um Applaus buhlte Rudolf wahrlich
nicht. Weder als Volksgunstsänger noch als Redekünstler trat er auf, kein
rhetorisches Virtuosenstücklein hatte er zu bieten - nur etwas zu sagen hatte
er.
    Alle Plätze waren besetzt, die anberaumte Stunde war überschritten - es war
Zeit zum Anfangen.
    Rudolf stieg auf das Podium; das Summen der im Saal geführten Gespräche
verstummte, erwartungsvolles Schweigen stellte sich ein.
    »Ich habe Herzklopfen,« flüsterte Marta dem nebensitzenden Kolnos zu.
    Sie war nicht die einzige. In einer der letzten Reihen - sie war vom Hause
entschlüpft und mit einer Freundin hierher gekommen - sass Cajetane Ranegg und
ihr Herz und alle ihre Pulse pochten so heftig, dass ihr beinahe die Besinnung
verging.
    Dotzky selber zitterte nicht. Es war ja nicht das erstemal, dass er zu einer
versammelten Menge sprechen sollte. Während seiner gescheiterten Wahlkampagne
hatte er es häufig getan und dabei seine Fähigkeit erprobt, Stimme und Rede zu
beherrschen. Hier war es freilich etwas anderes, aber etwas, das ihm ein
erhöhtes Gefühl überlegener Sicherheit gab; nicht um etwas von den Versammelten
zu erreichen, stand er da, sondern um ihnen etwas zu geben.
    Er trat an das Pult, das vorn am Podium stand, und stellte sich seitwärts
dazu, mit den Ellenbogen sich daran lehnend. Es lag keinerlei Manuskript auf dem
Pult und er hielt auch keines in der Hand - er wollte frei sprechen.
    Mit lauter, fester Stimme hub er an:
    »Ihr Unzufriedenen! Vorerst nur an diese, an die Unzufriedenen hier im Saale
wende ich mich - Ihnen hab' ich eine Botschaft zu verkünden: es wird besser
werden ... Vielleicht bald, vielleicht noch lange nicht - das hängt von der Zahl
und der Arbeit der Unzufriedenen ab.
    Aber unter denjenigen hier, die diese Ansprache auf sich beziehen können,
muss ich - sollen meine Worte nicht an eine falsche Adresse gehen - genauer
sichten, welche Gattung Unzufriedener ich meine. Jene sicher nicht, die damit
unzufrieden sind, dass man allentalben beginnt, an alten Zuständen zu rütteln;
auch jene nicht, die ihrer Unzufriedenheit durch Schimpf und Gehässigkeit Luft
machen wollen - eine Metode, die von der Hetzrede bis zur geschleuderten Bombe
reicht - und ebensowenig jene, die mit ihrer eigenen zufälligen Privatlage
unzufrieden sind und nun wünschen, dass bloss diese - im Rahmen der bestehenden
Verhältnisse, so viel auch andere davon bedrückt werden - sich zum Besseren
gestalte. Nein, weder zu den Quietisten - im Sinne von quieta non movere -, noch
zu den Anarchisten der Tat, noch zu den einfachen Egoisten rede ich, sondern zu
denen, die ein heiliger Unmut erfüllt gegen das Unglück aller Bedrängten und
Bedrückten - und ein heiliger Wagemut dazu, das Unglück wegschaffen zu wollen -
für sich und für andere.
    Doch einzig mit Mitteln, die eben so rein seien, wie der Zweck.
    Nun will ich die Dinge herzählen, mit denen wir unzufrieden sind und sein
müssen, wenn anders es wirklich besser werden soll.«
    Er machte eine kleine Pause und veränderte seine Stellung. Dann begann er
mit gleichfalls verändertem Ton die angesagte Herzählung.
    Eins nach dem andern liess er die Zustände und Einrichtungen Revue passieren,
die das Ungemach und die Qualen des gegenwärtigen Gesellschaftslebens
verschulden. An jede einzelne seiner Anklagen - denn indem er die Zustände
nannte, klagte er sie an - knüpfte er eine Schilderung, beinahe eine Erzählung.
Es war wie eine Reihe vorgeführter Bilder, fertig und lebensvoll: Arbeiterelend,
Frauenerniedrigung, Soldatenmisshandlung, Konfessions- und Rassenhader, das
Schicksal der Arbeitslosen und was sonst der beklagenswerten Erscheinungen in
der herrschenden Gesellschaftsordnung mehr sind.
    »Eine Gesellschaftsordnung, die auf Privilegien aufgebaut, auf Gewalt
gestützt, und von Ungerechtigkeit und Unwissenheit durchseucht ist. Eine
Gesellschaftsordnung, die zwar alle Tugenden und Gebote kennt und verkündet,
deren Herrschaft und Befolgung allgemeines Glück verbreiten würden - nämlich die
Tugenden: Milde, Grossmut, Nächstenliebe - Feindes liebe sogar; die Gebote: töte
nicht, lüge nicht, neide nicht; die aber alle diese schönen Dinge in die
Moralhandbücher, in die Religionsstunden, eigentlich ins Jenseits verbannt, im
öffentlichen Leben aber ohne Geltung lässt und in ihren staatlichen Institutionen
geradezu ins Gegenteil verkehrt.«
    Etwas wie ein eisiger Hauch wehte den Redner an. Hatte er leises Murren oder
das Räuspern des Polizeiorgans gehört, oder war es nur jener geheimnisvolle
Rapport, der zwischen einem Vortragenden und der ihm lauschenden Menge sich
einstellt? - Kurz, er wurde plötzlich gewahr, dass ein Teil der Zuhörerschaft
tadelnden Widerspruch, wenn auch nicht äusserte, so doch empfand.
    Wenn er jetzt zurückwich, war er verloren. Ein feindseliges Publikum, das
kann nicht besänftigt, das muss gebändigt werden. Er trat einen Schritt vor, mit
verschränkten Armen, mit zurückgeworfenem Kopf.
    »Und jetzt ein Wort an die Zufriedenen hier im Saale. Ihnen habe ich nicht
zu Dank gesprochen. Die Anklagen gegen Bestehendes klingen in Ihren Ohren wie
Aufreizung zum Umsturz - und dabei könnte stürzen, was Ihre Zufriedenheit
bedingt: Stellung, Reichtum, Karriere ... darum Handschellen und Knebel her für
den aufwiegelnden Störenfried!
    Zufriedene, meine Brüder - wir sind ja alle Brüder - Sie vergessen, dass Sie
den Störenfrieden vergangener Tage alles danken, worauf Ihr heutiges Behagen,
Ihre gegenwärtige Sicherheit und Freiheit - so viel oder, meines Erachtens, so
wenig Sie davon haben - mit einem Wort, Ihre ganze Kultur ruht. Hätten alte
Zustände niemals ihre Ankläger, neue niemals ihre Verteidiger gefunden, so wäre
dieses ganze Publikum heute vielleicht bei einem auto da fé versammelt, oder,
wenn man noch weiter zurückgreift, hauste es knochennagend in dunklen Höhlen ...
Nur scheinbar ist der Verlust, wenn eine gewohnte, liebgewordene alte Ordnung
einer moderneren Platz macht; so haben die Ritter ihre Burgen aufgeben müssen,
auf Knappen und Wassergräben verzichten - doch welcher von ihren Nachkommen lebt
jetzt nicht sicherer und besser in den unverteidigten Landhäusern? Welcher kann
nicht bequemer die gebrauchten Waren sich verschaffen, wenn er sie in den
Stadtläden einkauft, als wenn er sie durch Überfall fahrender Kaufleute sich
erbeuten müsste? Es kann kein Übel oder Leiden geben - wenn solches Übel und
Leiden der einen den anderen auch Vorteil und Gewinn bringt -, dessen
Fortschaffung nicht den anderen noch grösseren Gewinn zuführte, als sein Bestehen
ihnen gewährte.
    Darum: nur niemals erlahmen in der Bekämpfung einer als Übel erkannten
Einrichtung! Niemals zurückweichen aus Rücksicht für ihre Träger und Diener;
nicht die Sklaverei bestehen lassen wegen des Profits der Sklavenhändler, oder
die Folter beibehalten wegen des Erwerbs der Folterknechte. Rücksichtslosigkeit?
Die gehört zu jeder Rettungsarbeit. Ertrinkende darf man bei den Haaren aus dem
Wasser ziehen, aus brennenden Häusern mag man die Leute unsanft in die
Rettungsschläuche stossen, und aus sozialen Übelständen soll man die verblendet
Zufriedenen durch rauhe Wahrworte zu befreien trachten. Befreien, erlösen: das
sind nicht Aufgaben, die man erfüllt, indem man aus Füllhörnern Blumen schüttet,
sondern« - der Sprecher trat noch einen Schritt vor und sprach mit lauterer
Stimme - »sondern, indem man mit wuchtigen Hieben Ketten sprengt, mit kühn
geschwungenem Speer Drachen fällt, oder mit zornig geschwungener Peitsche einen
Tempel reinfegt!«
    Lautes Händeklatschen. Da erschrak Rudolf und er fühlte sich erröten. Dieser
Beifall erschien als Quittung für einen plumpen Teatereffekt. Von Hieben,
Drachen und Peitschen hatte er gesprochen, dabei hatte seine Stimme gedröhnt,
und das Publikum dankte ihm dafür, wie einem debütierenden Tenoristen für ein
gut geschmettertes hohes C.
    Es hätte nur noch gefehlt, dass er sich höflichst verbeugte. Das tat er
nicht. Er blieb mit verfinsterter Miene eine Weile regungslos; dann hub er
wieder an, indem er wie ruheheischend die Hand vorstreckte:
    »Es scheint mir, dass ich missverstanden wurde. Axt und Speer und Peitsche,
die mir einen Applaus eingetragen, als hätte ich diese Kraftwerkzeuge
virtuosenhaft durch die Luft sausen lassen, die waren nur bildlich gemeint. Ich
stehe hier, um gegen die rohe Gewalt zu sprechen; aber für das Wort selber,
diese Waffe des Gefühls und der Idee, wollte ich das Recht vindizieren, scharf
und wuchtig zu sein - und kräftig und unerschrocken gebraucht zu werden, wie
einst Axt und Speer und Peitsche gebraucht worden sind. Die Dinge, die ich
bewältigt sehen wollte, waren da auch nur in bildlichem Sinne gedacht. Die
Ketten sind nicht aus Eisen, die Drachen haben keine Schuppen und nicht auf
steinernen Säulen ruhen die Tempel, die ich meine. Ich muss deutlicher werden -«
    Und nun ging er daran, in ruhigem Tone zu erläutern, was in seinen Augen die
Ketten und Fesseln seien, mit welchen wir alle gebunden sind, und wie sie
abzuschütteln wären; was er sich unter dem hehren Tempel denkt, den die Händler
entweihen, und wie man diese zu verjagen hätte; und schliesslich wie der Drache
heisst, der in der Mitwelt so verheerend haust, und woraus die Sankt-Georgs-Tat
bestehen soll, durch die das Ungetüm zu erlegen sei.
    »Jeder Mann wird als Sklave geboren. Er muss dienen, ob er will oder nicht,
er muss ein vorgeschriebenes Lernpensum durchmachen, soll er nicht drei sondern
nur ein Jahr dem Militärzwang unterliegen - und während er dieses Mussjahr dient,
heisst er euphemistisch Freiwilliger. Von Freiwilligkeit und Selbstbestimmung
sieht man im ganzen Gesellschaftsgetriebe nur wenig. Die Leibeigenschaft ist
zwar aufgehoben - aber ist man nicht an die Scholle geklebt, wenn man nicht nach
beliebigem Ziel und auf beliebige Zeit verreisen kann, ohne Deserteur zu heissen,
und ist man etwa bewegungsfrei, wenn man die Galeerenkugel der Armut schleppt?
Wie all diese Ketten zu sprengen seien? Durch die Lösung der sozialen Frage. Dass
er diese Lösung hierher mitgebracht habe, in eine fertige Formel gedrängt: so
viel törichte Vermessenheit würde man ihm hoffentlich nicht zumuten; er habe nur
diese Mahnung zu geben: die soziale Frage muss unablässig, ehrlich,
wissenschaftlich studiert, Experimente müssen gewagt werden, so lange bis man
die Lösung gefunden hat - der hehre Tempel, das ist die Natur, das ist das Leben
selber. Beide so voll der Pracht und der Wunder, der Mysterien und der Schätze.
Das Leben mit seiner angeborenen Lust - die Lebensfreude - und das
Allerheiligste dazu - die Liebe. Die Natur in ihrer Ewigkeit und Unendlichkeit,
in ihrer Allmachtskraft, ihren immerwirkenden Gesetzen und stetem
Entfaltungswandel ... Und wie wird dieser Tempel - Natur und Leben, uns als
Stätte der Andacht und der Seligkeit gegeben - wie wird der geschändet durch den
darin betriebenen Täuschungsschwindel und Lügenschacher! Heraus damit! Zu dieser
Reinigung braucht man nur das eine: Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Mit anderen
Worten: die Offenbarungen der Wissenschaft zum Dogma, - das stete Forschen nach
Erkenntnis und deren mutige Verkündigung zum Kultus - und die unschuldigen
Genüsse des Lebens zum Ritus erhoben. Genüsse, auf die alle den gleichen
Anspruch haben sollen. Das haben die Kirchen gar wohl verstanden, dass auf ihre
Feste und Feiern, auf Gnaden und Verheissungen alle gleich berechtigt sind - auch
die Ärmsten und Niedrigsten - ebenso muss in dem Tempel, den ich meine, jeder
gleichen Anspruch und Anteil an Lebensfreude haben - auch die Ärmsten und
Niedrigsten. Oder vielmehr: Ärmste brauchte es nicht mehr zu geben, die Erde ist
fruchtbar genug, damit keiner darbe - und niedrig darf niemand heissen, der nicht
niedrig denkt ...
    Und nun der Drache -«
    Rudolf machte eine kurze Pause um sich zu sammeln. Jetzt wollte er das
vorbringen, was ihm am tiefsten im Herzen brannte, und von dem er wusste, dass es
einer Auffassung entstammt, die für neun Zehntel aller Gegenwartsmenschen ganz
ferne lag. Ihm erschien als der feindliche Drache was jene als Götzen verehrten.
    Marta befiel eine leise Angst. Sie sah kommen, was ihr Sohn sagen wollte
und sie zitterte, dass dies für manchen Anwesenden verletzend ausfallen könnte.
In den Parkettreihen sah man zahlreiche Uniformen - und war das Ungeheuer, gegen
das der Vortragende jetzt den Georgs-Speer zucken wollte, der Krieg - -
    »Ach Kolnos,« flüsterte sie ihrem Nachbar zu, »mir ist bange.«
    »Ich verstehe Sie,« gab er zurück. »Aber nur unverzagt, Marta Tilling -
dort oben steht ein Kämpfer ... Er tut und sagt, was er muss.«
    »Freunde, Gegner und Gleichgültige hier im Saale, Glückliche und Bedrängte,
Männer und Frauen, Reiche und Arme, Soldaten und Bürger, Aristokraten und
Arbeiter - der Drache den ich meine, das ist nicht nur mein, das ist auch Ihr,
ist unser aller heimtückischer Feind. Und seine Name ist - Gewalt. Aber nicht
als ein zu Bekämpfendes, Verheerendes, Ungeheuerliches - mit einem Worte nicht
als Drache wird von unserer Gesellschaft die Gewalt erkannt, sondern sie gilt
und schaltet als deren legitime hochangesehene Herrscherin. Sie betrachtet man
als Grundlage der Ordnung, als Schutz vor Gefahren; sie ist die Spenderin der
höchsten Ehren, die Vollzieherin des Rechts. Der Glanz und Stolz der Nationen
beruht auf der gewaltgesicherten Macht; Gewalttaten werden Grosstaten genannt;
zur Erlangung von Orden und Würden, zur Betätigung von Pflichttreue und Mut, zur
Verteidigung und Eroberung der höchsten Güter dient als Mittel der Totschlag.
    Und dieses System ist so tief gewurzelt in allen unseren Einrichtungen, in
der Erziehung, im Unbewussten - dass die meisten unter uns im Dienste des Drachen
Gewalt leben und sterben, ohne ihn nur einmal in die bluttriefenden Augen
geschaut zu haben.
    Die wenigen, die das Ungetüm in seiner Entsetzlichkeit erkennen, die werden
von tiefem Schauer durchbebt - Schauer und Schmerz. Töten, töten, töten ... wenn
man sich in den Sinn dieses Wortes versenkt, und dabei die Einbildungskraft (die
ja bei abstrahierten Begriffen so selten mittut) spielen lässt, und sich
vorstellt, wie man das Eisen in die Brust des Bruders bohren, oder unter seinem
Hieb verbluten soll, und wenn man als letzten Schluss der Zivilisation das
Schlachtmesser - ob man es auch hochtrabend Schwert nennt - walten sieht, da
wird man von dem St. Georgsfeuer erfasst: das Scheusal muss überwunden werden.«
    Wieder eine Applaussalve.
    Kopfschüttelnd fuhr Rudolf fort: »Wenn ich im Eifer meines Gefühls mich zu
etwas heftiger Sprache mit gewalttätigen Bildern hinreissen lasse, so lohnt mich
Ihr Beifall. Aber, dass ich's nur gleich sage: Zur Überwindung der Gewalt denke
ich mir keinerlei Gewalttaten. So lange man glaubt, das Böse mit Bösem
vertreiben zu können, wird der Gewaltring nicht gebrochen, der uns umklammert
hält.
    Der Gang der Kultur ist das Zurückweichen der Gewalt vor dem Recht. Noch
sind wir auf diesem Wege nicht weit vorgeschritten; aber jedenfalls wird die
menschliche Gemeinschaft in dieselbe Richtung weiter sich bewegen, bis zum
Eintritt in die gewaltlose Ära, in die kriegslose Zeit - wie dies vom
Versöhnungsapostel Egidy - der selber ein tapferer Soldat war - geprägte Wort
lautet. Was wir tun können, ist die Beschleunigung dieser Entwicklung; - aber
jedes brutale Mittel: Aufruhr, Attentat, Verfolgung - verfehlt den Zweck, und
verzögert den Gang der Kultur.
    Revolution predige ich nicht. Ich rufe auch nicht dem Publikum zu: Gehet hin
und schaffet dieses oder jenes ab, denn ich weiss, dass wir nicht direkt aus
diesem Musiksaal herausgehen können, ein kleines Häuflein Leute, selbst wenn wir
eines Sinnes wären, was wir gewiss nicht sind - um heute abend noch, oder morgen
früh die gleichgültige Masse draussen mitzureissen, die Gegner zu bekehren und
jahrtausend alte Institutionen umzustossen. Ich sage nur dieses, den
Unzufriedenen zum Trost, den Zufriedenen zur Warnung: die Wandlung vollzieht
sich schon.«
    Und so wie er vorhin die Zustände aufgezählt, die mit ihren Qualen und
Lasten die Gegenwart bedrücken, so nannte er jetzt, eine nach der anderen, die
verschiedenen Bewegungen und Organisationen, welche eine glücklichere und
gerechtere Zukunft vorbereiten; und neben den sichtbaren Organisationen auch die
unsichtbaren Stimmungen im Zeitgeist, durch die ein höheres Menschentum und
damit auch eine höhere soziale Ordnung sich ankündigt.
    »Noch etwas zum Schluss. Ich habe von Eintracht, Wohlstand, Friede, Freiheit
gesprochen und gezeigt, wie viele Keime schon spriessen, aus denen der Garten des
kommenden Paradieses hervorblühen wird. Und da bin ich mir des Spottes wohl
bewusst, der aus gar weisen Hirnen auf mich niederträufeln wird. - - Oh, der
naive Tor, wird es heissen - er sieht nicht, wie die praktische Welt auf das
Gegeneinander und nicht auf sein empfohlenes Neben- und Füreinander eingerichtet
ist; er sieht nicht, wie die Interessen überall im Kampfe liegen, er hört nichts
vom Lärm der Parteizwiste, des Klassenhasses, der Rassenverfolgungen; er weiss
nicht, wie die Geister von altem und neuem Aberglauben befangen sind - oh der
blinde, taube Träumer!«
    »Darauf will ich antworten: Alles das sehen und hören wir nur zu deutlich,
wir, die wir eine schönere Zukunft vorhersagen; wir sehen und hören sogar
schärfer als die anderen, denn unter der wuchernden alten Riesenvegetation sehen
wir auch die blassgrünen Hälmchen der künftigen Flora; durch den wüsten Lärm des
Heute vernehmen wir doch schon den noch fernen Heroldsruf des Morgen ...
    Als letztes Wort wiederhole ich also mit tiefster Zuversicht mein erstes: es
wird besser.
    Aber mitelfen müssen wir dabei!«
Der Vortrag war zu Ende. Im Saale wurde geklatscht - nicht übermässig, und das
Publikum strömte den Ausgängen zu.
    Rudolf stand im Künstlerzimmer, wo ihn einige Freunde beglückwünschten. Mit
Kopfschütteln wehrte er die Komplimente ab. Er fühlte sich unbefriedigt und
abgespannt.
 
                                      XXVI
Rudolf war vom Musikvereinssaal direkt nach Hause gefahren, ohne auch nur mit
seiner Mutter gesprochen zu haben. Er sehnte sich danach, allein zu sein und
auszuruhen.
    Die Sache hatte ihn heftiger aufgeregt als er sich's vorgestellt. Beim
Auftreten war er ganz ruhig gewesen; als aber während des Sprechens ihm
zweierlei klar wurde: nämlich, dass ihm die Macht fehlte, alles so zu sagen, wie
er wollte, und dass, was er sagte, teils nicht verstanden, teils mit zwar
schweigendem, aber feindseligem Widerspruch aufgenommen wurde, da hatte sich
seiner eine Aufregung bemächtigt, die peinlich und bitter war - so bitter, dass
ihm davon in der Tat ein bitterer Geschmack im Gaumen blieb.
    Im Bette warf er sich hin und her und konnte keinen Schlaf finden. Er
versuchte, sich zu erinnern, was er gesprochen und korrigierte daran herum: dies
und jenes hätte er sagen sollen. dabei verlor er aber immer wieder den Faden und
musste von vorn anfangen.
    Erst gegen Morgen verfiel er in einen fieberhaften Schlummer und als er um
neun Uhr erwachte, fühlte er heftigen Kopfschmerz. Das gewohnte kalte Bad
erfrischte ihn.
    Auf dem Frühstückstisch fand er die Zeitungen. Natürlich galt sein erster
Blick den Berichten über den gestrigen Abend. Nicht ob Lob oder Tadel darin
entalten war, interessierte ihn, sondern ob der Inhalt seiner Rede in einem
guten Auszuge wiedergegeben, ob sein Gedankengang, wennschon nicht vom Publikum,
so doch von den anwesenden Journalisten richtig aufgefasst worden war.
    Das war nicht der Fall. Einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Phrasen;
mitunter auch ganz entstellte Zitate und als eigenen Kommentar dazu die unter
herablassendem Lob versteckte Andeutung, dass man es mit einem wohlmeinenden,
aber die rauhen Wirklichkeiten des Lebens ignorierenden Idealisten zu tun habe.
In solchen Wendungen hat das Wort Idealismus den Klang von Unvernunft. Die
ernsten Praktiker haben nur ein gerührtes Lächeln dafür.
    Ein einziges Blatt brachte einen richtigen, die wichtigsten Punkte
hervorhebenden Auszug und fügte ein begeistertes »habemus prophetam« hinzu.
    Neben den Zeitungen lag auch ein Briefchen in der gewissen verstellten
Handschrift der Unbekannten. Es war vom vorigen Abend datiert:
    »Ich bin überwältigt. Als Sie das Podium betraten, war mir, als drehe sich
    der Saal um mich herum; alle Lichter tanzten - ich war in eine andere Welt
    entrückt. Da stand ein Mann, der entsagungsund begeisterungsvoll für eine
    edle Sache - die Sache des Menschheitsglücks - seine Person einsetzt ... So
    gibt es also doch noch Grösse in der Welt, - gibt es Menschen, die über die
    Massen der Alltagsleute hinausragen - und dabei so viel Kraft und Zauber
    haben. Rudolf Dotzky, ich danke Ihnen, dass Sie mir geoffenbart haben, was
    dem Leben Wert und Adel gibt, ich danke Ihnen, dass Sie sind, Rudolf Dotzky!«
Das Briefchen war, wie seine Vorgänger, ohne Unterschrift.
    Rudolf war noch kaum mit der eingelangten Post fertig, als seine Mutter bei
ihm eintrat. Er sprang auf und eilte ihr entgegen.
    »Störe ich Dich, liebes Kind? ... Du bist mir gestern entkommen - und ich
muss doch über Deinen Vortrag mit Dir reden.«
    »Es ist wahr - ich habe gestern die Flucht ergriffen - ich war so
unzufrieden mit mir und den anderen ... bitte, setz' Dich ... Hier die Blätter -
die sind auch nicht zufrieden ...«
    »Hab' ich schon gelesen und mich geärgert. Die haben Dich nicht verstanden
-«
    »Und Du - welchen Eindruck hattest Du?«
    »Lach' mich nicht aus, Rudolf, aber ich war so sehr Mutter des Debutanten -
d.h. so von Lampenfieber geschüttelt, dass ich zu gar keinem ruhigen Urteil kam.«
    »Also sogar für Dich war der arme Teufel auf dem Podium - der doch nur im
Dienste einer Sache - Deiner Sache dort oben stand, einfach ein - wie soll ich
sagen? - ein Konzertredner ... Als solcher habe ich allerdings nicht reüssiert,
das fühlte ich gleich.«
    »Nein - kein Konzertredner - ein Kämpfer stand dort oben. So drückte sich
Kolnos aus. Der hat Dich verstanden.«
    »Ja, ja, man wird nur immer von solchen richtig aufgefasst, die ohnehin
gleicher Meinung sind. Aber die anderen hinzureissen - und darauf kommt es doch
an ...«
    »Hinreissen? Ich meine: überzeugen, darauf käme es an. Auch das ist eine
schwere Sache, die nicht mit einem Male gelingen kann. Es ist schon viel getan,
wenn es gelingt, Gleichgesinnte in ihrer Gesinnung zu bestärken. Darum - weisst
Du - ich hätte lieber gesehen, wenn Du Deine Kraft in den Dienst einer
abgegrenzten Bewegung gestellt hättest, dieselbe, die in meinen roten Heften -«
    »Du meinst, wenn ich als Mitarbeiter und Redner mich an den
Friedenskongressen beteiligt hätte?«
    »Allerdings - da hättest Du Gleichgesinnte bestärken und auch nach aussen hin
besser wirken können, auf einem bestimmten Gebiet. Das Allumfassende verliert
sich ins Weite: qui trop embrasse, mal étreint. Du willst doch als Lehrer
auftreten? Also trage den schwachen Schülerköpfen auf einmal doch nur einen
Gegenstand vor; versuche nicht - besonders wenn Analphabeten darunter sind, sie
in einer Unterrichtsstunde zu Enzyklopädisten zu machen.«
    Rudolf wiegte lächelnd den Kopf:
    »Deine Kritik, liebste Mutter, ist noch strenger als die der Herren
Berichterstatter.«
    In den nächsten Tagen erhielt Rudolf wieder Briefe von der anonymen
Anbeterin; dazu noch andere Epistel verschiedener entzückter Zuhörerinnen, die
ihn - ganz wie dies gefeierten Schauspielern und Sängern zu geschehen pflegt -
um Autogramme baten, oder gar zum Stelldichein bestellten. Ferner Anfragen von
auswärtigen Vereinen, ob nicht im Laufe der Wintersaison ein Vortrag zu erlangen
wäre.
    Er antwortete bejahend; er wollte so oft als möglich sprechen. Obwohl ihm
die erste Probe einen so bitteren Nachgeschmack gelassen, so sehnte er sich
darnach, wieder und immer wieder dem lauschenden Volke mitzuteilen, was er als
Heilswahrheit empfand, und durch unermüdlich wiederholte Predigt dahin zu
wirken, dass die Zahl der Einsichtigen sich mehre, welche helfen sollten, den
Eintritt einer lichteren Ära zu beschleunigen. Und wenn es eine Kunst war, durch
das gesprochene Wort die Menge zu überzeugen, zu trösten, aufzurütteln,
mitzuziehen, nun so würde er, durch die beiden unentbehrlichen Gehilfen jeder
Kunst - Fleiss und Übung - vielleicht auch zur Meisterschaft gelangen. Dann ein
Herrscher sein, um besser dienen zu können. Denn einzig um den Dienst der Sache
war ihm zu tun. Und um die Erfüllung des eigenen Gewissensgebots. Auch eine Art
Kampfgier war in ihm erwacht - ein zorniger Drang, aller gleissnerischen
Niedertracht die Maske abzureissen; ein Drang, der Gesellschaft ins Gesicht zu
sagen, wie viel bodenlos Dummes und bodenlos Böses er hinter ihren hochmütigsten
und umschmeicheltesten Leuten und Dingen sah. Freilich ist durch Gesetze dafür
gesorgt, dass niemand alles sagen kann, was er denkt. Gegen Verächtlichmachung
sind manche Dinge und Leute geschützt, denen es nicht verwehrt ist, verächtlich
zu sein und Verächtliches zu tun.
    Rudolfs Auftreten als öffentlicher Redner hatte in Wien nicht das Aufsehen
erregt, das seine Freunde und er selber davon erwartet hatten. Denn abgesehen
von dem, was er gesprochen, wäre es ja doch jedenfalls als ein
Sensationsereignis zu betrachten gewesen, dass ein Mann in seiner Stellung so
auftrat - und man hätte doch - wie es Achtungserfolge gibt - auf einen
Staunenserfolg rechnen können. Neunzig Hundertel der Einwohnerschaft hatten das
Ereignis einfach nicht bemerkt, und jener Bruchteil, der den Vortrag gehört oder
darüber gelesen, war davon nicht erschüttert. Die Anwesenden erzählten wohl
ihren Bekannten, dass sie dabei gewesen, was aber der Inhalt des Vortrags war,
hätten die wenigsten erzählen können und die begnügten sich, ein summarisches
Urteil abzugeben - meist sehr von oben herab.
    Zufällig hatte Rudolf Gelegenheit, ein Gespräch über seinen Vortrag zu
belauschen. Es war in dem von Künstlern und Literaten viel besuchten Kaffeehaus
an der Ecke der Kärtnerstrasse und Wallfischgasse. Er war hineingegangen, um ein
paar ausländische Blätter zu sehen und setzte sich an ein Fenster. Um einem
Nebentisch, dem er den Rücken kehrte, sassen ein paar junge Schriftsteller, die
sich über ihre neuesten ultramodernen Arbeiten unterhielten.
    Nach einer Weile aber stockte das Gespräch. Da liess einer, ein ungefähr
neunzehnjähriger Jüngling mit einer Froschphysiognomie, die Bemerkung fallen:
    »Ich war am vorigen Sonntag im Musikvereinssaal -«
    »Ach ja - der Dotzky,« fiel ein anderer ein. »Nun, wie war's?«
    »Furchtbar vieux jeu, alte Leier - Leitartikelstil - Kanzelgeist im
Journalistendeutsch. Hervorkehrung überwundener Standpunkte. Wichtigtuende
Naivität. Segensgesten mit der Don-Quixote-Lanze, die bekannte Idealmeierei.
Fortschritt, Freiheit, Menschenliebe, allgemeiner Wohlstand - mit einem Wort,
Quatsch. Der gute Mann hat keine Ahnung von der Umwertung der Werte, er weiss
nichts vom Adel des Herrenmenschen, der vor allem dem Gebote folgen muss: Werde
hart. Der wird kein Überwinder sein. Was er eigentlich will, weiss ich nicht -
weiss er vermutlich selbst nicht. Soviel ist sicher: davon weiss er nichts, dass
des modernen Menschen einziges Ziel sein soll: eine Individualität sein und -
sich ausleben.«
    Rudolf zögerte. Sollte er sich umwenden und der Tischgesellschaft sich
vorstellen? Dem überlegenen Individuum - das sich auslebte - eine kleine
Verlegenheit bereiten und dann seinen Standpunkt behaupten?
    Er widerstand der Versuchung und lauschte weiter. Man sprach nicht länger
von ihm, sondern knüpfte an das Gesagte an, um über Nietzsche zu dissertieren,
und langte bald wieder bei den eigenen Angelegenheiten an, der geplanten
Herausgabe einer »ultravioletten Revue«.
    Das interessierte Rudolf weniger. Er zahlte und ging. Er schlenderte über
die Ringstrasse, in Nachdenken versunken. Was er da gehört hatte, summte ihm im
Kopfe nach. Besonders das Wort Überwinder.
    Wodurch wird das Überwinden gar so sehr erschwert? - - Dadurch, dass die
Arbeit derer, die etwas überwinden wollen, lange vor ihrer Vollendung von jenen
unterbrochen wird, die ihrerseits die Überwinder zum Gegenstand der Überwindung
machen wollen. Da bemühte sich z.B. eine junge naturalistische Schule, den
verlogen gewordenen Idealismus zu verdrängen; und noch war sie in voller Gärung,
noch hatte sie ihre Meisterwerke nicht hervorgebracht, so war schon eine neue
romantische Schule daran, den Naturalismus für überwunden zu erklären. Das
erste, was manche Leute von einer neuen wissenschaftlichen Teorie erfahren,
ist, dass man sie schon längst widerlegt und abgetan hat. Verbreitet wird sie
viel später als abgeurteilt. Und nun gar der grosse Kampf, dem Rudolf sich
angeschlossen hatte: die Überwindung der jahrtausendalten Institutionen
menschlicher Unfreiheit, ein Kampf, der kaum erst begonnen hat, und zu seiner
Austragung der rastlosen und kraftvollen Anstrengung mehrerer Generationen
bedürfen wird - der soll auch schon als veraltete Philisterei belächelt werden?
... Wahrlich, Schlagworte wechseln heutzutage schneller als Hutmoden. Man darf
sich ja - in der geistigen jeunesse dorée - gar nicht mehr sehen lassen mit
einem vorjährigen Ideal! Erst dann lässt sich wieder damit hervortreten, wenn es
eine Zeitlang »überwunden« gewesen, und die Reihe an die Überwinder kommt,
ihrerseits »vieux jeu« zu werden. In immer rascherem Tempo spielt sich dieses
Hin und Her ab, dieses Altwerden des Neuen und Wiederneuwerden des Alten - mit
Hinzukommen von wirklich noch nie dagewesenen Begriffen und Dingen. Man müsste
dabei ganz haltlos, schwindlig und rasend werden, wenn es nicht ein paar feste,
ruhige Punkte gäbe, - einiges, das unter all diesem Wirbelnden, Flüchtigen,
Aufblitzenden und Untertauchenden als das Ewigragende erscheint ... Zum Beispiel
- Rudolf suchte nach solchen Ewigkeitsbegriffen - zum Beispiel: Liebe, Güte. Er
musste unwillkürlich lächeln: Da bin ich ja wieder mitten drin in der - wie sagte
doch der hartgesottene Auslebe-Jüngling - alten Idealsmeierei.
    Ein Vorübereilender stiess an ihn an. Da hob er den Kopf und bemerkte, dass er
sich vor dem Tor des von der Familie Ranegg bewohnten Hauses befand.
    Dem Impulse, hier einen Besuch abzustatten, folgte er rasch.
    »Die Frau Gräfin zu Hause?« fragte er den Portier.
    »Zu dienen, gräfliche Gnaden,« antwortete der Mann und gab das
Glockenzeichen.
    Oben liess ihn der Diener ohne vorherige Meldung in den Salon ein. Gräfin
Ranegg und ihre Töchter Cajetane und Christine sassen um einen in einer Salonecke
stehenden runden Tisch, auf dessen Mitte eine schirmbedeckte Lampe brannte, und
der mit Büchern, Arbeitskörben und Schreibmaterial bedeckt war.
    Als Rudolf eintrat, erhoben sich alle drei Stimmen, um ihn zu begrüssen; es
schien ihm, als wäre unter den Ausrufen: »Ah, Sie? - Ah, Graf Dotzky - Das ist
schön!« auch ein leiser Schrei ausgestossen worden. War denn sein Besuch gar so
überraschend? Sonst war er ja ein häufiger Gast in diesem Hause gewesen und
diesen gemütlichen runden Tisch kannte er ganz gut, um welchen die Raneggschen
Damen in den Nachmittagsstunden zu sitzen pflegten, mit Lektüre, Handarbeiten
und Korrespondenz beschäftigt. War er denn, seit seinem Auftreten, ein gar so
exotisches Geschöpf geworden, dass sein Erscheinen erschreckte, wie das des
steinernen Gastes?
    Die Gräfin aber reichte ihm mit sichtlicher Freude die Hand.
    »Setzen Sie sich her zu uns, Graf Rudi ... Es ist wirklich schön von Ihnen,
dass Sie bei Ihren neuen, grossartigen - (sie suchte nach einem passenden
Ausdruck, fand aber keinen) hm, Sachen die alten Freunde nicht vergessen.«
    »Ach, meine grossartigen Sachen,« antwortete Rudolf lächelnd, indem er sich
setzte, »werden wohl viele alte Freunde mir entfremden, nicht mich ihnen.«
    Er blickte Cajetane an und war erstaunt, sie so blass zu sehen, blass bis in
die Lippen.
    »Ich war am Sonntag verhindert, Sie anzuhören,« sagte die Gräfin - »aber die
Caji war dort mit den Blaskowitz' - sie war ganz entzückt.«
    Jetzt war das Gesicht des jungen Mädchens mit Purpur übergossen.
    Rudolf schüttelte den Kopf.
    »Entzückt? Das Wort scheint kaum zu passen. Die Frage ist: waren Sie
einverstanden?«
    Cajetane nickte.
    »Ja,« sagte sie leise und fügte hinzu: »Neue Horizonte haben sich mir
eröffnet ... es war schön.«
    Rudolf ergriff ihre Hand:
    »Danke, Gräfin ... Das ist das erste Beifallswort, das mich erfreut. Ja,
darum handelt es sich: neue Horizonte - die sollen der Gemeinde aufgehen, wenn
der Prediger von einem gelobten Lande spricht.«
    »Prediger?« fiel Christine ein. »Hören Sie, Graf Rudi, so heilig fassen Sie
nicht alle Ihre Zuhörer auf. Ich kenne mehrere, die nennen Sie Agitator.«
    »Beweger? Auch kein schlechter Name. Ich wollte, ich könnte die Menschen
aufrütteln.«
    »Nehmen Sie mir's nicht übel,« sagte die alte Gräfin, »aber vom Rütteln bin
ich keine Freundin.«
    »Das weiss ich, Exzellenzfrau.«
    »Sie wollen sagen, dass ich so konservativ bin, weil ich die Frau eines
Geheimen Rates bin? O nein - sondern überhaupt ... es ist doch nicht gemütlich,
wenn der Boden, auf dem man steht, zum Zittern, die Säulen, an die man sich
lehnt, zum Wanken gebracht werden, nicht wahr?«
    »Wo jetzt der Ring steht, da stand noch vor vierzig Jahren die Bastei. Hätte
niemand an den Basteimauern rütteln dürfen, so wäre hier nicht Ihr schönes Haus
erbaut worden -«
    »Ist das aber ein Grund, um mir mein Haus gutwillig zerstören zu lassen? Das
können Sie doch nicht von mir verlangen?«
    »Nein, das kann ich nicht verlangen. Sehe ich aber wirklich danach aus, als
ob das meine Absicht wäre? Wie man doch immer die stillen Aufbauer, die an
Stelle des Verfallenden neues Material herschaffen wollen, mit gewalttätigen
Zerstörern verwechselt! Was ich bringen wollte, ist ein bisschen Licht, ein
bisschen Liebe -«
    »Verzeihen Sie, lieber Dotzky, das sind doch keine neuen Sachen. Haben wir
nicht Licht genug in der Offenbarung und Liebe genug in unserer schönen
Religion? Wenn die Leute nur wirklich fromm wären, aber leider sind sie's zu
wenig von Natur und werden dann auch noch irre gemacht von allen den sogenannten
Aufklärern.«
    »Womit Sie mich meinen?«
    »Ach, nur nicht streiten!« rief Christine.
    Cajetane seufzte. Ihr war die Wendung, die das Gespräch genommen hatte,
offenbar peinlich und darum beeilte sich Rudolf, es abzulenken, indem er sich um
das Befinden der Söhne Ranegg erkundigte.
    »Oh, es geht ihnen prächtig ... die Kriegsschule glänzend absolviert ...«
Auf dieses Tema gebracht, sprudelte die Rede der Gräfin in vergnügtester Weise
weiter. Von den frohen Nachrichten über die militärischen Erfolge ihrer Söhne
ging sie zum Schicksal ihrer verheirateten Tochter über und da gab's auch nur
Erfreuliches zu berichten: Familienzuwachs, eine Erbschaft, interessante Reisen
- kurz ein rosa in rosa gemaltes Bild des Lebens.
    Und in dieser Art Leben - so flog der Gedanke durch Rudolfs Sinn - hätte ich
meinen Platz bewahren können: Sorgenlosigkeit, Familienfreuden, genussreiche
Erlebnisse ... und statt dessen - -
    »Und hören Sie,« fuhr die Gräfin fort, »ich will Ihnen etwas anvertrauen ...
in wenigen Tagen soll's ja doch offiziell -«
    »Aber Mama!« unterbrach Christine.
    »Schad't nichts - eine Woche lang wird der Rudi schon schweigen. Also: meine
Christine hier ist auch glückliche Braut - Otto Weissenberg -«
    »Der älteste Sohn des Fürsten Franz Weissenberg? - oh, ich gratuliere, das
ist ja eine der glänzendsten Partien des Landes - und dabei ein lieber, hübscher
Mensch - ich freue mich herzlich.« Und er schüttelte Christinens Hand. »Jetzt
aber ist die Reihe an Ihnen, Gräfin Cajetane -«
    »Oh, an der wäre eigentlich zuerst die Reihe gewesen, da sie unsere älteste
ist, aber sie ist ein eigensinniges Mädel.«
    Cajetane machte eine unwillige Bewegung und stand auf.
    Jetzt kamen einige andere Besucher. Es waren zumeist Leute, die Rudolf
kannte. In den allgemeinen Gesprächen, die geführt wurden, vermieden sie jede
Anspielung auf den stattgehabten Vortrag im Musikvereinssaale. Es war wie eine
zarte Rücksicht. Von ihren »faux pas« erwähnt man doch den Leuten nichts.
Allmählich landete die Unterhaltung wieder bei Jagdangelegenheiten und
Gesellschaftstratsch; man versuchte gnädig, Rudolf hineinzuziehen, als ob man
bei ihm das lebhafteste Interesse für diese salonfähigen Gesprächsstoffe
voraussetzte. Wirklich, sie bauten ihm goldene Brücken. Wenn er nur seinen
»Schritt vom Wege« bereuen wollte und wieder vernünftig werden - sie würden ihn
ja wieder als ganz normal behandeln.
    Cajetane hatte sich an das andere Ende des Salons begeben, wo das Klavier
stand. Sie machte sich dort mit Ordnen der Notenhefte zu schaffen.
    Rudolf ging zu ihr hin. Er hielt es in der Mitte der anderen nicht länger
aus. Ein plötzlicher Entschluss war ihm gekommen: in diesem Kreise würde er sich
nicht mehr als Besucher, als kameradschaftlicher Standeskollege bewegen. Streit
und Kampf aufnehmen? Das ja - mit jedem und allerorts - aber höfliche
Gemeinplätze austauschen, harmlos konversieren, als ob nichts vorgefallen wäre,
als ob er sich nicht feierlich von den hier geltenden Anschauungen losgerissen
hätte - sich noch mit einer gewissen Nachsicht patronisieren lassen? Nein, das
nimmermehr. Dies sollte seine letzte Visite im Raneggschen und ähnlichen Salons
sein.
    Doch zu Cajetane zog es ihn. Der musste er noch einmal die Hand drücken. Er
ging zu ihr hin.
    »Was suchen Sie in diesen Noten?«
    Sie hatte ihn nicht kommen gesehen. Jetzt wandte sie sich rasch um; wie ein
Schauer oder wie ein elektrischer Schlag durchschüttelte es ihre Gestalt.
    »Habe ich Sie erschreckt?«
    »Nein, ich ... ich ... oh, Graf Rudolf -«
    »Was denn, Cajetane - was haben Sie? Ich wollte Ihnen nur Adieu sagen - ich
gehe.«
    »Das begreife ich.«
    »Wie meinen Sie?«
    »Ich meine, dass Sie sich dort unmöglich wohl fühlen können.« Und sie deutete
mit dem Kopf nach der Richtung, wo die Gesellschaft sass.
    »Sie haben recht - ich fühle mich dort nicht wohl. Obwohl es ja eigentlich
mein von Geburt auf gewöhntes Milieu ist.«
    »Sie aber sind neugeboren - Sie haben sich ein neues Reich erwählt und das
ist nicht von -« sie wiederholte die Kopfbewegung wie vorhin - »nicht von dieser
Welt.«
    »Sie sind ein merkwürdiges Mädchen, Cajetane. Sollten Sie auch zu einer
anderen Welt gehören?«
    »Gehören noch nicht, aber mich dahin sehnen - ja.«
    »Seit wann?«
    »Seit - seit - Ihrem Abschiedsfest in Brunnhof - und seit Ihren Vorträgen
und Broschüren.«
    »Meine Broschüren haben Sie gelesen? Da möchte ich doch -«
    Das Gespräch wurde durch die Dazwischenkunft Christinens unterbrochen. Da
empfahl sich Rudolf von der Hausfrau und den anderen und ging.
 
                                     XXVII
Nach dem Burgteaterabend verbrachte Sylvia eine ruhelose, aber süss ruhelose
Nacht.
    Ihre Liebe hatte sich, das fühlte sie, zu einer mächtigen Leidenschaft
entfaltet, zu etwas, gegen das es kein Ankämpfen mehr gab. Dem Geliebten hätte
sie vielleicht noch entsagen können - aber ihrer Liebe nicht - ebenso wie man ja
einen Trunk von sich weisen kann, nicht aber den Durst. Der brennt, ob man will
oder nicht.
    Schon lange hatte das Delnitzkysche Paar kein gemeinschaftliches
Schlafzimmer mehr, Sylvia war also allein. Gegen zwei Uhr, da sie durchaus
keinen Schlaf finden konnte, machte sie Licht. Sie warf die Decke von sich und
sprang vom Bette herab. Ein langes, spitzenbesetztes Nachtgewand fiel ihr bis zu
den Knöcheln und die nackten Füsschen verschwanden in dem flockigen Fell, das vor
dem Bette auf dem Teppich lag.
    Sie hüllte sich in einen warmen Schlafrock, nahm das Licht und ging in das
Nebengemach - ihren kleinen Salon.
    Was sie dort suchte, war Hugos Photographie, die unter anderen Bildern in
einer Schatulle auf dem Tisch lag, und das in ihrem Schreibtisch verschlossene
Heft der ihr gewidmeten Gedichte.
    Sie nahm beides und ging damit ins Schlafzimmer zurück. Hier zündete sie die
Kerzen am Toilettetisch und am Ankleidespiegel an. Sie wollte Helle um sich
    Auf dem Toilettetisch erblickte sie die Blumen, die sie am Abend an ihrem
Kleiderausschnitt stecken hatte - nunmehr verwelkte, aber desto stärker duftende
Tuberosen. Sie nahm das Sträusschen auf und sog dessen betäubenden Atem ein - das
brachte ihr die ganze Stimmung des herrlichen Teaterabends zurück.
    Dann setzte sie sich auf den Toilettesessel nieder, ihrem eigenen
zurückgestrahlten Bilde gegenüber. Abwechselnd sah sie auf dieses und auf Hugos
Photographie, blätterte in dem teueren Heftchen und küsste die sterbenden
Tuberosen.
    Was in den glühenden, so oft gelesenen Liedern stand, und was sie als ihr
dargebrachte Huldigung hingenommen und als kunstvolle Poesie bewundert hatte -
das verstand sie jetzt alles und glaubte es ihm. Was er von seiner Liebe sprach,
das war ja auch von dem gleichen Gefühl diktiert, unter dessen Bann sie selber
erglühte. Ebenso sehnsüchtig musste er ihrer gedenken, wie sie seiner; ebenso
tief unglücklich würde er sein, wie sie es wäre im Falle hoffnungsloser
Trennung, ebenso überirdisch selig beide, wenn sie einander angehören ... Sie
hatte Grosses zu vergeben und zu versagen - in ihrer Hand lag das Glück und das
Unglück zweier Menschen. Sie malte sich beides aus, in wonneschwülen und in
schmerzlichen Bildern. Eine Zärtlichkeit überflutete sie, wie sie niemals
ähnliches empfunden.
    Nachdem sie eine Stunde so gesessen, wurden ihre Lider schwer. Süsse
Schlaflust befiel sie. Sie musste sich aufraffen, um nicht auf dem Sessel
einzuschlafen. Sie stand auf, verlöschte die Lichter, liess den Schlafrock fallen
und schlüpfte wieder unter die seidenen Decken.
    Hugos Bild und Gedichte, sowie das Blumensträusschen hatte sie unter das
Kopfkissen geschoben, und es währte kaum fünf Minuten, so lag sie in tiefem -
aber nicht traumlosen Schlaf.
    Um den Stuck-Plafond des Schlafzimmers lief eine durch Rosenguirlanden
verbundene Bande schwebender Amoretten. Als ob diese Rosen entblättert auf die
Schläferin herabschneiten, so lind und so betäubend war der Traum, der sie
umfing.
    Vom Arm des Geliebten weich umschlungen, schaukelt sie in einer Barke auf
saphirblauem See. Längs der Ufer Gärten und Terrassen, Haine voll rieselnder
Blütendolden, Säulen und Statuen, weisse Pfauen und funkelnde Paradiesvögel,
sprühende Fontänen - das Ganze in magische Farben getaucht, bald in Purpur eines
Sonnenuntergangs erglühend, bald in violettem Glanz, als wäre über See und Land
elektrisches Veilchenlicht ergossen; über der Barke ein goldenes Dach und auf
ihrem Boden ein mit sterbenden Tuberosen überstreuter Teppich aus Hermelin.
Kühlfächelnde Lüfte, und von weitem süsse Musikklänge - ein Festesrausch für alle
Sinne; aber jedes andere Entzücken überragend, das leidenschaftliche Vollglück
ihrer Liebe - -
    Vielleicht hatte dieser Traum mit allen seinen Bildern nur eine Sekunde
ausgefüllt, aber im Gedächtnis der Erwachenden war's, als hätte er stundenlang
gedauert. Als sie die Augen öffnete - es war schon Tag - da machte sie die
schnell wieder zu, um sich den Traum zurückzurufen und ihn womöglich weiter zu
träumen. Das Weiterträumen gelang nicht; aber das Zurückversetzen in seine
Stimmung brachte ihr - als wär's ein Erlebnis, eine Offenbarung gewesen - ein
neues Bewusstsein, eine neue Kenntnis, die Kenntnis eines Seligkeitsgrades, von
dem sie bisher nicht geahnt hatte, dass ihr Lebenstermometer ihn erreichen
könnte.
    An diesem Morgen wollte sie nicht mit Anton zusammenkommen. Sie liess sich
die Frühstücksschokolade auf ihr Zimmer bringen, ebenso die Zeitungen. Sie
verschlang die Berichte über die gestrige Erstaufführung. Es waren nur kurze
Notizen in der Teater-und Kunstrubrik - die eigentlichen Besprechungen pflegen
erst in den folgenden Tagen die Feuilletons zu füllen - aber schon heute war in
sämtlichen Blättern der volle Erfolg konstatiert und der Verfasser des toten
Sternes als ein lebendiger, am Dichterhimmel glanzvoll aufgehender Stern
begrüsst.
    Sylvia labte sich an diesen Kritiken. Sie genoss das Lob, als wäre es eine
ihrer Liebe erteilte Sanktion.
    Und was nun? Lange blieb sie in Gedanken vertieft. Das Ergebnis ihres
Nachsinnens war, dass sie ein Billett an Hugo schrieb, des Inhalts:
    »Ich wünsche, ich befehle, dass Sie mir acht Tage fernbleiben. Bald erhalten
Sie Aufschluss.«
    Dann klingelte sie ihrer Jungfer, um sich in Strassentoilette zu werfen, liess
anspannen und fuhr zu ihrer Mutter.
    Baronin Tilling, welche wegen starker Erkältung das Zimmer hüten musste, und
daher gestern verhindert gewesen, der Burgteateraufführung beizuwohnen, war
eben auch damit beschäftigt, in den Blättern die Kritiken zu lesen; es
interessierte sie lebhaft, zu erfahren, ob der Sohn ihres treuen alten
Hausfreundes Erfolg geerntet hatte. Sie sass in einem zum knisternden Ofenfeuer
geschobenen Fauteuil, ein Tischchen mit den Zeitungen neben sich. Ihre Tochter
erblickend, rief sie erfreut:
    »Ah, Du bist's Sylvia - das ist schön von Dir ... Du kommst nachsehen, wie's
mir geht? Nun, wie Du siehst: viel besser - ich habe da gerade über Bressers
Stück gelesen ... Du warst ja drin - erzähle, wie war's? Aber was hast Du - Du
siehst so eigentümlich aus, so feierlich? ...«
    Sylvia hatte hastig Hut und Mantel abgelegt, sie war blass und sichtbar
erregt.
    »Was ich habe? Das wirst Du gleich erfahren ... Und wie das Stück war?
Wundervoll. Hugo ist ein Genius. Ich bete ihn an.«
    »Kind, was redest Du?«
    »Soll man das nicht sagen dürfen? ... Seiner Mutter nicht? Seiner besten
Freundin soll man's verschweigen, wenn ein grosses Gefühl -«
    »Ein verbotenes Gefühl, Sylvia.«
    »Mutter, Mutter, ein solches - solches - Polizeiwort von Dir! Verbotene
Gefühle kann es doch ebenso wenig - noch weniger geben als verbotene Meinungen!
- Nur das Verkünden kann einem untersagt werden von irgend einem Büttel der
offiziellen Ordnung und Moral - aber doch nicht von Marta Tilling!«
    »Also sag', was Du mir zu sagen hast, mein Kind.«
    Sylvia schob einen Schemel herbei und liess sich zu Martas Füssen nieder:
    »Ich will's machen wie in alter Zeit ...«
    Mit dem Rücken an Martas Knie gelehnt, das Gesicht dem Zimmer zugekehrt,
begann die junge Frau zu reden, leise, langsam, eintönig, in längeren und
kürzeren Absätzen.
    »Ich bete ihn an - und will die Seine werden.«
    Marta unterdrückte einen Ausruf.
    »Ich habe mir vorgenommen, Dich nicht zu unterbrechen,« sagte sie. »Sprich
weiter.«
    »Anton hat mir die Treue gebrochen, ich bin frei ... In Reinheit durchs
Leben gehen: Das habe ich Dir geschworen - und auch mir selber ... und ich will
es halten.
    Mit keiner Lüge, keiner Falschheit werde ich mein Tun beschmutzen. Eine
Larve vors Gesicht halten? Nein. Wessen hätte ich mich zu schämen? Im Gegenteil:
stolz bin ich auf meine Liebe und stolz auf die seinige ... Sich verstecken,
verschleiern? Nein. Im Gegenteil: ein Diadem setze ich mir auf.
    O, meine hiesige Welt, mit der werde ich brechen müssen, das weiss ich wohl.
Die würde mir mein stolzes Lieben nicht verzeihen. Ja, wenn ich mich versteckte,
wenn ich meinen Mann und sie alle zu betrügen trachtete, und sie durchschauten
mich - dann wären sie voll Nachsicht ... etwas Geflüster, listiges Augenzwinkern
- eine Nummer mehr auf der amüsanten Liste der chronique scandaleuse doch von
der Besuchs- und Einladungsliste würden sie mich nicht streichen ...
    So aber, wenn ich es verschmähen werde zu lügen - werde ich verpönt sein:
Sie wissen schon? Die Sylvia Dotzky - mit dem jungen Dichter durchgegangen (sie
werden es doch durchgegangen nennen), sollen in Italien leben - abscheulich!
    Warum gerade in Italien? Das erzähle ich Dir später ... ich habe einen Traum
geträumt - da war unserer Liebe solch ein Schauplatz gegeben voll südlicher
Renaissancepracht ... vielleicht finde ich das an irgend einem italienischen See
oder Meeresstrand. Und wie er da arbeiten und schaffen wird - in seiner
Seligkeit die Welt bereichern, mit den Gaben seines Genius ...
    Übrigens, zwei Menschen auf dem Gipfel des Glücks, ist das nicht auch schon
eine Bereicherung der Welt ...
    Ich danke Dir, dass Du mich nicht unterbrichst - aber ich kann mir denken,
was Du nun einwenden wolltest: Wie lange soll der währen, dieser
Glücksparoxismus? Was dann, wenn der Rausch verflogen, die Jugend geschwunden
ist ... was dann? - -
    Nun, nach einem Dann, das hinter dem Ziele meiner und seiner Sehnsucht
liegt, nach dem fragen wir wahrlich nicht. Sollte das Glück, wie ich es mir
denke, nur die Dauer eines einzigen Maimondes haben, das würde hundert solche
Existenzen aufwiegen, wie die, denen ich sonst entgegenvegetiere ...
    Und dann, wer weiss? Für das Alter kann uns auch noch ein schöner Frieden
blühen. Selbst den Satzungen der Welt können wir ihre Tribute entrichten. Ich
kann ja auch Bressers Gattin werden - wie Cosima Bülow die Gattin Wagners
geworden. Ich will mich von Toni scheiden lassen. Es wird hoffentlich nicht
schwer sein; dann kann er seine Geliebte heiraten und seinen Knaben - Du siehst,
ich weiss alles - legitimieren.
    Gibt er mir meine Freiheit nicht - nun dann nehme ich sie mir ... Als mein
Recht. Ich lehne mich auf!
    Dass eine Frau einem Mann, der sie für eine andere verlassen hat, für den sie
selber auch keinen Funken Liebe mehr empfindet - ihre ganze Zukunft opfere,
dabei ihr Herz ersticken muss: dieses abscheuliche Unrecht werde ich nicht
erdulden. Ich lehne mich auf!
    Damit werde ich nicht nur mir, damit werde ich - wie mit jedem Kampf ums
Recht - der abstrakten Gerechtigkeit und meinen Leidensschwestern gedient haben.
    Da wird immer so viel gezetert und gejammert über Ketten und Joche und
Hörigkeiten ... Die Meinen - Du, Mutter, an der Spitze mit Deiner Auflehnung
gegen den Krieg, und Rudolf mit seinem Feldzug gegen jegliche Gewalt ... aber
das Jammern und Zetern hilft nicht: abschütteln muss man. An der Hörigkeit sind
die Hörigen schuld mit ihrer sträflichen Geduld ... Ein gebeugter Nacken: ist
das schön? Nein - schön ist das zurückgeworfene Haupt, das achilleische
Lockenschütteln -
    Mein Gott, Mama, ich rede etwas überspannt ... die Worte kommen mir so ...
Seit Monaten und Monaten lese ich Gedichte und gebundene Sprache - und jetzt, in
der Erregung, verfalle ich in diesen Ton ... Und doch, was ich vorhabe, Du wirst
es gleich hören, ist nichts Überspanntes, Übereiltes - ist ein überlegter,
ruhiger Schritt.
    Ich will mit Toni in Ordnung kommen - ihm alles sagen, meine Freiheit
zurückverlangen, Scheidung anbieten und dann - sollte er sich auch weigern - mir
mein Leben einteilen, wie ich muss - ohne Heuchelei. So lange ich nicht alles
geordnet und geklärt habe, will ich Bresser nicht wiedersehen. Es wäre mir -
nach dem gestrigen Abend, nach dem heute Nacht geträumten Traum unmöglich - ich
versichere Dir, einfach unmöglich - ihm nicht ans Herz zu sinken. Und das will
ich nicht, solang ich's nicht in Reinheit tue, das heisst ohne Hehl wie ohne Reu.
    Siehst Du, ich bin hierher zu Dir gekommen, um meinen Wahrheitsmut auf die
Probe zu stellen, um ihn zu festigen ... Werde ich imstande sein, meiner Mutter
alles zu sagen? Das fragte ich mich noch auf der Stiege ... Ich habe die Probe
bestanden - und jetzt ist mir leicht und licht ums Herz.«
    Sie stand auf und blickte ihrer Mutter ins Gesicht: »Nun möchte ich Deine
Antwort hören.«
    Marta legte den Kopf an die Fauteuillehne zurück und schloss die Augen.
    »Bist Du böse?«
    Ein tiefer Seufzer hob Martas Brust.
    »Meine armen Kinder -« sagte sie leise.
    »Warum arm, Mutter?« Sie kniete wieder neben Marta nieder - »und warum
denkst Du jetzt auch an Rudolf? Was hat sein Schicksal mit dem meinigen gemein?«
    »Dass Ihr beide gleich zu bedauern seid. Beide fühlt Ihr das, was in Eurer
Welt Euch umgibt, als unerträglich. Schranken ... Ihr wollt sie einrennen und
stosset Euch blutig daran.«
    »Mag sein, aber wir bringen sie ins Wanken - desto besser für die, die nach
uns kommen. Ich frage Dich nochmals: bist Du böse?«
    Marta verneinte mit stummen Kopfschütteln. Sylvia küsste sie.
    »Jetzt will ich gehen, Mama. Morgen komme ich wieder. Da wirst Du über alles
nachgedacht haben und mir Antwort geben können. Jetzt bist Du zu erschüttert.
Leb' wohl.«
 
                                     XXVIII
                             Aus Martas Tagebuch.
Ich werde meinem Kinde behilflich sein - nämlich die Ehescheidungssache zu ebnen
trachten. Vielleicht blüht ihr doch noch ein Lebensglück an der Seite des
geliebten Dichters.
    Glück, Glück ... dass wir alle immer nach diesem Phantom haschen; dass wir
immer glauben, wir hätten ein Anrecht darauf, nicht nur für uns selber, sondern
auch für alle, die uns teuer sind ... Für mich habe ich ja schon lange
abgeschlossen - aber in dem Glücke meiner Kinder hätte ich mich noch sonnen
wollen, und wie ist das nun anders gekommen! Beide in Kampf und Sorgen, beide
aus den normalen, gesellschaftlich gesicherten Lebenslagen gerissen, die ja der
solide Untergrund sind, auf den glückliche Existenzen sich aufzubauen pflegen.
    Bin ich nicht mit schuld daran? Ja - ich habe zum Kampfe aufgestachelt. Zu
der Aufgabe, Friedrichs Mission fortzuführen, habe ich meinen Sohn aufgezogen.
Er hat aber den Kampf auf ein Feld hinausgetragen - ein so grosses und fernes -
wo ich ihm nicht mehr folgen kann.
    Und ebenso Sylvia. Ihr trotziges Auflehnen gegen die Urteile der Welt -
wodurch sie zur künftigen Befreiung der Frauen mitgeholfen haben will: auch
dahin vermag ich ihr nicht zu folgen. Sie mag ja recht haben ... Von Rudolf
hätte ich gewünscht, dass er, unter Beibehaltung seiner Stellung und Gründung
eines neuen häuslichen Herdes, sich auf einen Zweig der Kulturarbeit beschränkt
hätte: auf die Bekämpfung des Krieges - wie sie in meinem »Protokoll« von Abbé
de Saint Pierre und Leibnitz und Kant und - Tilling bis zu Frédéric Passy und
Egidy reicht. Da sich einreihen, zu den Kongressen die Kraft seiner
Persönlichkeit mitbringen, das Propagandawerk durch seine pekuniären Mittel
unterstützen, in hohen politischen und höchsten Machtkreisen, bei denen er doch
kraft seiner - nunmehr aufgegebenen! - Stellung Zutritt hatte, Proselyten zu
machen trachten: das war's was ich von ihm erhoffte. Aber er ist weit darüber
hinweggeflogen - zu weit, beinah ins Uferlose. Freilich: alle Übel sind mit
einander verschlungen und ein Geist vermag auch die ganze Verkettung zu
übersehen; aber positiv helfen, wirken, vorwärts bringen, das kann jeder
einzelne nur auf einzelnem Gebiet. So scheint es mir wenigstens.
    Verloren sind darum seine Arbeit und sein Streben nicht; zur allgemeinen
Einsicht, wie der künftige Tempel gebaut sein soll, kann er beitragen und
dadurch zur Inangriffnahme seiner Errichtung anfeuern, aber des Erfolges wird er
sich nicht freuen können, der sich an das tatsächliche Einfügen eines kleinen
Bausteins knüpft ...
    Doch zurück zu meiner armen Sylvia. Man mag noch so grossen Anteil nehmen an
dem Gang der öffentlichen Ereignisse, an den Phasen - den auf- und
niedersteigenden - der Kultur, das Nächstliegende: Freude und Sorge, Glück und
Unglück im eigenen Hause - das drängt sich doch in den Vordergrund des Denkens
und Handelns. Was soll ich nur tun, um da helfend einzugreifen? Mit Delnitzky
reden? Mein letzter Auftritt mit ihm hat zwar eine Schranke zwischen uns
aufgerichtet ... aber wenn ich doch ihn zu bewegen trachtete, Sylvia
freizugeben? Ich wünschte beinah ebenso heftig wie sie selber, die Fesseln
dieser unseligen Ehe gelöst zu sehen.
    Und mein anderer Wunsch wäre, dass Rudolf nicht so herzenseinsam bliebe ...
ach, meine armen Kinder! Egidy hat auch Familienbande - hat eine Häuslichkeit,
die ihn tief beglückt. Das hinderte ihn nicht, der Allgemeinheit eine Kraft zu
weihen, die immer noch im Wachsen begriffen ist. Ich setze einiges von dem
hierher, was er mir erst gestern schrieb. Briefe von solchen Menschen gehören
ins Tagebuch, denn sie sind Erlebnisse:
    »- - An Umsturz braucht zunächst gar nicht gedacht zu werden - nur an den
Einsturz, den Zusammenbruch einer veralteten Weltanschauung.
    Zum Umsturz - d.h. zum Drunter und Drüber, zu einem Schreckenszustand kann
es nur kommen, wenn die Vertreter der bisherigen Ordnung in trauriger
Verblendung, oder gar aus selbstischen Gründen, sich gegen den Zusammenbruch
veralteter Vorstellungen auflehnen, sich gegen den Einsturz unhaltbarer
Gestaltungen anstemmen. Dass sie den Zusammenbruch hindern können - daran ist ja
natürlich nicht zu denken, so wenig sich jemand einbilden darf, dass er diesen
Einsturz veranlasst hat.
    Die Gemeinsamkeit ist ein lebender Organismus, dessen Schäden nur von innen
heraus, nur durch ein neues, reines, warmes Herzblut geheilt werden können.
Keine Empfindelei, kein Sich-verlieren in Betrachtungen, kein klingelndes
Wortgetöse. Sich-entschliessen-Wollen. Jeder in seiner Weise auch tun. Wir wollen
praktische, wollen verwirklichungsvolle Tatidealisten sein.
    Nicht mit einem Male wird alles anders werden, sondern allmählich natürlich;
aber das Tempo entscheidet. Allmählich sagen alle, es kommt nur darauf an, ob
langsamer Schritt - eins - nochmal zurück - eins - nochmal zurück - zwei ...
(Sie kennen doch den Kasernenhof?) oder natürlicher, etwas flotter, meinetwegen
auch mal bisschen Geschwindschritt - braucht ja nicht Sturmschritt mit tambours
battants zu sein. Und es wird. Es muss werden. Der Durchbruch der neuen
Weltanschauung wird - nicht ohne Weh und Ach - aber doch als ein natürlicher
Vorgang, eine Geburt sich vollziehen.
    Sie sprechen von meiner Arbeitskraft, verehrte Baronin. Nun ja, ich habe
Arbeitskraft und Schaffensdrang und wie sehne ich mich danach, beides
unmittelbar zur Geltung zu bringen. Geredet und geschrieben haben schon viele;
wurden sie aber dann vor das Tun gestellt, so versagten sie; sie schlossen
elende Kompromisse mit der seichten Unabänderlichkeit und anderen
Elendsbegriffen ab. Die Ehrlichkeit, die Übereinstimmung, das
In-Übereinstimmung-bringen von Lehre und Leben, darum handelt es sich für mich.
Und darin weiche ich nicht um eine Nagelbreite von meiner Erkenntnis zurück.«
    Wahrlich, ich kenne keinen Menschen, auf den besser als auf Egidy die Worte
passten:
Von Halbheit halte den Pfad rein,
Der ganze Mann setzt ganze Tat ein,
Und wahre Ehre muss ohne Naht sein.
                                                                   (Ernst Ziel.)
Dass solche Menschen leben, wie Moritz von Egidy, und in die Welt hinaustreten,
ihre Lehren zu verkünden, das ist doch ein grosser Trost. Selbst wenn man an die
Macht der Heroen nicht glaubt, wenn man meint, dass die Kulturentwicklung sich
unabhängig vom Einfluss einzelner vollzieht, so kann man diese einzelnen - wenn
nicht als Bildner, so doch als Symptome der Kulturwandlung betrachten. Von der
langsamen, aber stetigen Entfaltung der Anti-Kriegsbewegung - dieser mein
Lieblingsaspekt jener Wandlung - gibt mir mein »Protokoll« fortgesetzt Kunde.
Bei der letzten Konferenz - in Bern - der interparlamentarischen Union sprach
Bundespräsident Schenk die Worte: »Es freut mich, so viele Volksvertreter zu
sehen, die für Friedensjustiz und Abrüstung ihre Stimme erheben; noch mehr würde
es mich freuen, wenn offizielle Vertreter der Regierungen zu einer Konferenz
über denselben Gegenstand zusammenträten. Und eine solche Konferenz wird
kommen.«
    Ob sich diese Wahrsagung erfüllen wird? Die Idee von einer Umkehr in dem
allgemeinen Rüstungswettlauf ist schon in die Kabinette gedrungen, das weiss ich.
Lord Salisbury hat vor kurzem ein vertrauliches Dokument vorbereitet, in welchem
die jährlichen Kosten des Militärs in Europa detailliert aufgestellt waren. Da
zeigte es sich z.B., dass in den Jahren 1882 bis 1886 die Staaten Frankreich,
Deutschland, Österreich-Ungarn, Grossbritannien, Spanien und Italien zusammen
eine Summe von 974715802 £ einzig für Heereszwecke verausgabt hatten. Das
Memorandum war anfänglich ausschliesslich für das englische Ministerium bestimmt,
aber Lord Salisbury teilte es dem Deutschen Kaiser mit, der so frappiert davon
war, dass er privatim seine Absicht kundtat, eine europäische Konferenz
einzuberufen zwecks Erwägung praktischer Massnahmen, den allgemeinen Frieden zu
sichern. Daraufhin erhielt die halboffizielle Presse den Befehl, die Frage
aufzuwerfen - das Jahr 1890, ich erinnere mich, brachte eine förmliche
publizistische Kampagne über diesen Gegenstand. Das Projekt wurde in Frankreich
schlecht aufgenommen, wo man sich auf Elsass-Lotringen als auf ein jeden
Abrüstungsgedanken ausschliessendes Hindernis berief. Der Deutsche Kaiser liess
hierauf die Idee fallen. Solche Ideen pflegen aber nach einer Zeit wieder
aufgenommen zu werden, wenn nicht an derselben Stelle, so an einer anderen.
Ideen sind - Kraft, daher ebenso keimfähig und unvertilgbar wie Stoff.
 
                                      XXIX
Als Rudolf an jenem Nachmittag das Raneggsche Haus verliess, verfolgte ihn
Cajetanes Bild und Stimme. Ihre Worte klangen ihm nach, und was er heraushörte,
erweckte einen Verdacht in ihm: sollte sie etwa die anonyme Briefschreiberin
sein?
    Nun, ein Grund mehr, dieses Haus fortan zu meiden. ... Noch einmal an diese
Kreise durch neue Bande sich fesseln zu lassen, sich abermals mit Leuten von so
verschiedenen Lebensinteressen und Lebensauffassungen verschwägern? - nein, das
wollte er nicht. Cajetane war ein liebes Ding und, wie es schien, etwas
verbrannt in ihn, daher auch das momentane Bewundern seiner Taten und Schriften;
wie bald aber würde, wenn die erste Schwärmerei abgekühlt, wieder das alte
Naturell zum Vorschein kommen, und wie würde sie dann versuchen, geradeso wie es
Beatrix getan, ihn von seinen »Extravaganzen« abzubringen und in den Schoss des
alleinseligmachenden Aristokratismus zurückzuführen.
    Und er selber: der Kampf, den er aufgenommen, füllte seine Seele vollständig
aus. Füllte sie mit Sorgen, Ärger, Sehnsucht, Hoffen, - kurz, mit einer grossen
Leidenschaft. Daneben war nicht Platz für Herzens- oder gar
Heiratsangelegenheiten. Höchstens - er war ja doch ein junger Mann - später
einmal für kleine galante Zerstreuungen; aber auch daran dachte er gegenwärtig
nicht.
    Er schlenderte über den Ring dahin. Der Abend war schon hereingebrochen. In
den Auslagfenstern funkelten die Gas- und elektrischen Flammen. Kunstandlung,
Blumenhandlung, Fahrradhandlung, Schmuckhandlung - eine neben der anderen zeigte
ihre Reichtümer und ihre Lebensgenusslockungen. Vor einem erzherzoglichen Palais,
dessen erste Etage in Licht strahlte, hielt eine Reihe von Equipagen - offenbar
ein grosses Diner ... Aus dem Grand Hotel, an dem er jetzt vorüberging, drang
eine Musikwoge - nun ja, zur Table d'hote spielte ein Orchester -; ein junges
Paar in Reisekostüm kam eben unter dem Tor hervor und schritt - von Portier und
Hoteldirektor begleitet, zu einem mit eleganten Koffern und Taschen bepackten
Wagen: »Zum Orientexpress - Kutscher - schnell -«
    Hier freilich sah die Welt aus, wie die beste aller Welten, hier hatte man
nach Reformen kein Verlangen ... Mit plötzlichem Entschluss winkte Rudolf einem
Fiaker. Er wollte ein ganz verschiedenes Stück des hauptstädtischen Lebens
anschauen - lernen, beobachten, Erfahrung und Anfeuerung suchen zu seiner
Aufgabe.
    »Wohin, Euer Gnaden?« fragte der Kutscher.
    »Weit in die Vorstadt hinaus - irgend eine Vorstadt, nahe bei der Linie - zu
irgend einem Gastaus -«
    »Was für ein Gastaus?«
    »Wo es gerade Volkssänger, oder lieber noch: wo es eben eine Versammlung
gibt oder ähnliches ...«
    »Ich versteh', Euer Gnaden, zufällig is in Margareten draussen, beim
Goldenen Apfel, heut Siegesfeier oder so was politisches. Is das recht?«
    »Ganz recht - fahren wir zum Goldenen Apfel.«
    Nach einer Viertelstunde hielt der Wagen vor dem Wirtshaus, ein
unansehnliches, nur stockhohes Gebäude.
    Der Kutscher öffnete den Schlag:
    »Hier sein mer, Euer Gnaden - da ist der Eingang.« Er zeigte auf eine Tür im
beleuchteten Erdgeschoss.
    »Gut. Warten Sie da.«
    Es war ein mit Bierdunst und Zigarrenrauch gefüllter Raum, den Rudolf jetzt
betrat, ein länglicher, niedriger Saal. Ungefähr zwanzig besetzte kleine Tische
und im Hintergrund eine lange Tafel, um die dichtgedrängt etwa dreissig Männer
sassen. Nur einer davon stand mit hochgehobenem Glase: »In diesem Sinne -« also
der Schluss eines Toastes, und die Tafelrunde brachte ein sogenanntes »donnerndes
Hoch« aus.
    In der Nähe dieses Ehrentisches war an einem kleinen Tischchen noch ein
Platz frei. Hier liess sich Rudolf nieder und bestellte ein »Krügel« Bier.
Erstaunte Blicke - von Gästen und Kellnern - streiften ihn, denn seine
Erscheinung passte wenig zu der gewohnten Kundschaft des Lokals. Diese bestand -
nicht aus Arbeitern, sondern aus allerlei Gewerbtreibenden und »Hausherren« vom
Grund: Pfaidler, Selcher, Fleischer - behäbige Kleinbürger, sich selber
ungeheuer wichtig dünkende Wähler.
    Es war richtig so wie der Fiaker es gesagt: eine politische Siegesfeier. Der
Kandidat der anwesenden Stimmenabgeber war gegen einen »liberalen«
Gegenkandidaten mit grosser Majorität durchgedrungen. Jetzt war der kleine Mann
gerettet und die Korruption überwunden und der Glaube der Väter befestigt und
was die Konsequenzen eines solchen Wahlsieges mehr sind.
    Alles dies hörte Rudolf aus den einzelnen Sätzen heraus, die aus der
allgemeinen Unterhaltung zu ihm herüberdrangen. Das ganze untermengt mit
boshaftgemeinen Brocken und Schmähausrufen, wie: »Na, wir wollen's ihnen
zeigen«, »Blutaussaugerpack«, »Mir sein mir und lassen uns nix g'fallen«, »Aussa
mit die tiafen Tön«.
    An Rudolfs Tischchen sassen zwei junge Männer von widerlichem Aussehen; der
eine fahl und mager, der andere feist und blaurot im Gesicht; gekleidet schienen
sie in »von Herrschaften abgelegte« Anzüge, mit verknitterten Hemden und lose
gebundenen schmutzigen Kravatten. Die beiden unterhielten sich miteinander, aber
nicht über Politik, sondern über verschiedene Malis und Resis und Mizzis, deren
Feschigkeit und »harbe Reize« sie einander rühmten. Sie gehörten aber auch zu
der Gesellschaft der Ehrentafel, denn als der vorige Toast beendet war, hatten
sie mit ihren Krügeln hinübergewunken »Prosit, Spezi«.
    Ein grosser Ekel schnürte Rudolfs Kehle zu. Das also sind die Stoffe, aus
denen die Landesgesetzgebung gebraut wird - Leute von solchem Bildungsgrad, tief
unter Null - von solcher Gesinnungsroheit ... die gehören zum Räderwerk der
Maschine, die eines grossen Reiches Geschicke webt!
    Zu diesem moralischen Ekel gesellte sich der physische. Die Burschen pafften
an Virginia-Stummeln und spukten alle Augenblicke auf den Fussboden; wenn sie
ihre Biergläser zu den Lippen führten, sah man wie ungewaschen ihre Hände und
wie niemals geputzt ihre abgebissenen Nägel waren. - Glückliche Zustände,
menschenwürdiges Dasein für alle? - Jawohl, das ist das Ziel, dazu gehört aber
auch, dass würdige Menschen herangezogen werden - moralisch und physisch reine
Menschen. Anders ausgedrückt: schön hat ein Geschlecht zu sein, das glücklich zu
werden verdient - mehr noch: um glücklich werden zu können ... Aus solchen
Gedanken wurde Rudolf durch ein lautes »Meine Herren« gerissen, das der Mann auf
dem Ehrenplatz der Tafel, offenbar der Gefeierte des Abends, ausstiess, indem er
mit dem Messer an sein Glas klopfte und sich erhob, zum Zeichen, dass er reden
wolle.
    »Bravo, bravo!« riefen die andern und verstummten dann mit erwartungsvollen
Mienen.
    »Meine Herren, oder vielmehr, meine Freunde (Bravo!), meine verehrten
Kampfgenossen! Ich bin mir bewusst, voll und ganz bewusst, welche Pflichten mir
mein Sieg, den ich Ihnen, den ich Ihrer Gesinnungstreue danke ... mein Sieg mir
auferlegt und diese Pflichten, das gelobe ich ... will ich ausführen -
unentwegt, voll und ganz (Bravo!). Ohne Furcht und ohne Scheu werde ich die
Mängel aufdecken ... und die Hallunken entlarven die - die abscheulichen
Hallunken, welche - welche -«
    »Na ja, nieder mit die Juden!« kam einer dem Redner zu Hilfe.
    »Ja - ich werde das Mandat unserer christlichen Bevölkerung hoch halten und
zeigen, dass die verfolgten, zurückgesetzten Christen wieder ihre Rechte geltend
machen ... und dass das urgemütliche, urehrliche und urlustige Wienertum ... das
goldene Wienerherz - kurz unsere alten kaisertreuen, gottesfürchtigen und doch
so kreuzfidelen Gesinnungen sich - wie soll ich sagen - von den Einflüssen der -
oder vielmehr den Aufdringlichkeiten einer spekulativen Rasse von Parasiten mit
voller Kraft - das heisst mit kraftvoller Entschiedenheit stets und immer und
überall schützen, befreien, kurz -«
    »Kurz davonjagen, die Juden,« resümierte wieder die Aushilfsstimme.
    »Davonjagen, davonjagen,« riefen nun alle im Takt und applaudierten
frenetisch.
    Da hielt es Rudolf nicht länger aus. Er sprang auf und trat an den Tisch.
    »Meine Herren« - seine Stimme klang fest - »auch ich bin ein Wiener Wähler
und bin auch schon selber Kandidat gewesen - mein Name ist - doch der Name tut
nichts zur Sache. Wollen Sie mir gestatten, ein Wort zu sagen?«
    »Wer san mer denn?« »A schöner Herr.« - »Hoffentlich a Spezi.« - »No, so
reden S'« tönte es von verschiedenen Seiten.
    »Ich bin kein Spezi, wenn Sie darunter einen Gesinnungsgenossen verstehen.
Aber da Sie« - er wandte sich an den Gefeierten - »im Abgeordnetenhaus auch
Gegner finden werden, so werden Sie es wohl vertragen, dass einer Ihnen hier
entgegentrete.«
    »Also a Liberaler, o je!« rief der Angeredete. »Aber nur heraus mit der
Sprach.« Und er nahm eine parlamentarische Haltung an, indem er die Hand in den
Westenausschnitt schob.
    »Ein Liberaler?« wiederholte Rudolf. »Ich weiss nicht recht, was Sie unter
dieser Bezeichnung verstehen. Einfach als Mensch möchte ich sagen, dass es im
tiefsten Grade traurig ist, wenn eine Parole des Hasses und der Verfolgung den
Ausgangs- und Zielpunkt einer politischen Aktion darstellt -«
    »Oho,« rief jemand. »Se san wohl selber a Jud.«
    »Zufällig nicht -«
    »Nachher a Judenknecht, a bezahlter. Da haben's hier nix zu schaffen, in
einer G'sellschaft von redliche Antisemiten. - Schauen's dass weiter kommen.«
    Rudolf verschränkte die Arme. Er war totenbleich, aber nicht vor Angst,
sondern vor innerer Empörung.
    »Gut,« sagte er, »ich versetze mich einen Augenblick an Ihre Stelle. Sie
sind Antisemiten. Der Titel ist ja sehr gut getragen. Nicht nur unter einfachen
Bürgersleuten wie Sie, auch in hohen und höchsten Kreisen ist die Sorte
vertreten, und auch Gelehrte und Professoren verteidigen diese Anschauung von
allerlei etnographischen und nationalökonomischen Standpunkten, aber Sie, Sie
bringen, wie ich sehe, nur Ihr Temperament mit - nur so ein Stückchen gesunden
Hass und Verachtung - bitte sagen Sie mir also, wie wollen Sie Ihr Programm
ausführen? Was soll denn mit den Juden geschehen?«
    »Was mit ihnen g'schehen soll? Nach Palästina jagen oder umbringen kann
man's leider nit. Aber verhindern kann man's, dass Richter oder Lehrer werd'n -
nix kaufen soll man in die jüdischen G'schäft - und wenn mögli, die Güter von
die Reichen - von die Rotschilds und dergleichen - einziehn. Und kann Umgang mit
ihnen haben - auch mit die Getauften nit -«
    Ein anderer fiel jetzt ein, der Grimmigsten einer:
    »Ich möcht schon mittun, wenn sich a Jüd taufen lässt - so wie der heilige
Johannes es tan hat - ihn ganz einitauchen - dann aber sein Kopf so lang unterm
Wasser tauchen, bis er dersauft.« Das hübsche Scherzwort erregte beifälliges
Gelächter.
    Rudolf hatte sich dem Festtische mit der Absicht genähert gehabt, mit ein
paar aus seiner inneren Bewegung quellenden Worten etwas Aufklärendes über die
Pflichten und Ziele von Volksvertretern zu sagen, - zu demonstrieren, dass durch
Hass und Verfolgung nichts Erspriessliches geleistet werden könne; an Herz und
Vernunft hatte er appellieren wollen und zeigen, wie diese beiden, wenn in den
Dienst der Mitbürger gestellt, diesen zu moralischer und materieller Erhebung
verhelfen können. Aber nach dem, was er jetzt gehört, sah er ein, dass eine
solche Sprache hier ebenso wenig verständlich wäre, wie etwa eine griechische
Ode vor einem Trupp von Irokesen, und er verzichtete auf jeden weiteren Versuch,
mit den Anwesenden zu diskutieren. Nur nach einem Worte suchte er, das seiner
ganzen Entrüstung über den wahrgenommenen barbarischen Tiefstand Luft machte -
aber er fand es nicht.
    »No, is der Herr jetzt paff? Sieht er ein, dass man gegen so stramme
Parteileut' wie wir, nit aufkommen kann - dass wir für unser christliches Volk
einstehen werden, gegen alle Juden und Judenliberalen, sowie gen alle Freimaurer
und Sozi. Unser altes Wien, mit sein' goldenen Herz, mit sein' frommen Sinn,
darf uns von die Eindringlinge und ihre Knecht' nit verschandelt werd'n: No,
sagt der Herr noch immer nix?«
    »Ich sage, dass ich Sie ebenso tief bedauere, als - verachte.«
    Und er wollte sich zum Gehen wenden. Aber da brach ein Sturm los. Alle
sprangen von ihren Sitzen auf, Schimpfworte flogen durcheinander, worunter der
Ruf »Jud, Jud« am häufigsten erscholl, weil er in solcher Mitte als die
gehässigste Beschuldigung gemeint ist. Einer warf seinen Bierkrug nach Rudolfs
Kopf, doch ohne ihn zu treffen. Zwei Leute - die Burschen, an deren Tisch er
vorhin gesessen - packten ihn an den Schultern und, während nunmehr der ganze
Saal in den Schrei: »Aussi, aussi, werft's ihn aussi« ausbrach, wurde der
Überwältigte zum Ausgang gedrängt und so unsanft herausbefördert, dass er auf das
Pflaster fiel. Hinter ihm schlugen die Exzedenten die Tür wieder zu.
    Die Strasse war leer; nur der Fiaker stand da. Erschrocken sprang der
Kutscher herbei und half seinem Fahrgast vom Boden auf.
    »Jessas, Maria und Josef, Euer Gnaden, haben's Ihnen weh tan?«
    »Nichts, nichts ...« wehrte Rudolf ab. »Fahren wir wieder auf den Ring
zurück.« Und er stieg ein. Im Wagen bemerkte er, dass er an einer Stirnwunde
blutete.
    Es war aber nur ein Ritzer. Am folgenden Tage spürte er nichts mehr davon.
Aber eine andere Wunde hatte ihm der Vorfall geschlagen. Eine tiefe Verletzung
seines Glaubens an die Menschheit.
 
                                      XXX
Hugo Bresser erwartete mit Ungeduld das versprochene Wort. Nach zwei Tagen traf
es ein:
    »Ich will Dein sein. Aber ohne Falsch und Hehl. Erst muss ich mich befreien.
Also noch Geduld. Ich schreibe wieder. Bis dahin ist Dir mein Haus verschlossen.
Aber nicht wahr? Das Wort genügt - ich wiederhole es: so wahr ich weiter leben
will und kann - Dein will ich sein.«
    Von diesen Zeilen aufs tiefste erregt, setzte sich Hugo sogleich an seinen
Schreibtisch, um zu antworten. Seine Pulse flogen, ein seliger Rausch erfasste
ihn und mit fliegender Feder schrieb er auf die erste Seite vier glühende
Strophen - ein Triumphlied über das Tema: »Du willst mein sein« vielleicht das
schönste Lied in dem Zyklus »An sie«, - dann fuhr er in Prosa fort:
    »Sylvia, sag' nicht zum Glücke Später! Später kann ja eins von uns zweien
gestorben sein - was wäre das für ein Raub! Du willst Dich frei machen? Bist
Du's denn nicht? Spürst Du nicht, dass in beglückter Liebe eine solche Kraft
liegt, dass sie alle Ketten, Skrupel, Rücksichten spielend über alle Dächer
schleudert?
    Das ist ja wieder ein sklavisches und ängstliches Sichbeugen unter das Joch
des fremden Willens, ein Abhängigsein von fremdem Urteil, dass Du da erst
Scheidungsurkunden und dergleichen brauchst, dass Du erst dem ganzen Kreis von
Tanten und Sippen höfliche Anzeigen machen willst: Meine Verehrtesten, ich liebe
Hugo Bresser und will die Seine werden.
    Wen geht das etwas an? Das ist unsere Welt und eine so grosse, so
freudenhelle, dass sie für uns das ganze übrige in Nichts und ins Dunkel
verdrängt ... Du bist zu stolz, um zu lügen? Vor allem sollten wir zwei zu stolz
sein, unser Glück der kalten Menge blosszulegen ... ein Glück, das um so süsser
wäre, je verschwiegener es bleibt. Nicht ängstlich verschwiegen, nur sorglos,
als wäre die Mitwelt nicht da. Die Liebe hat solche Isolierungsgewalt. Sie
umgibt das selige Paar mit einem undurchsichtigen Netz - aus Flammen gewoben.
Das ist der echte Feuerzauber.
    Ich bin von einem Hochmut! ... Mir ist, als trüge die Erde niemand, der mir
ebenbürtig ist. Der König aller Könige bin ich, denn Du willst mein sein ...
niemand ist würdig, mir die Schuhriemen zu lösen, aber vor Dir lieg' ich im
Staube - Herrin.
    Doch wieder nein: nicht Dein Knecht will ich sein, sondern Dein Schützer -
Kind! Du weisst nicht, welche sanfte, schmelzende Zärtlichkeit ich Dir bereit
halte; ruhen sollst Du an meinem Herzen, Dich in meine Arme schmiegen, im
Bewusstsein voller Sicherheit und Geborgenseins. Du hast ja viel Trübes
durchgemacht - Stunden der Bitterkeit, des Ekels, des Aufruhrs - Trost brauchst
Du und Rast und Stille. Fürchte nicht, dass Dein Geliebter Dich in einen ewigen
Wirbelsturm der Leidenschaft mit sich reissen will - ich will Dir Frieden geben.
Minuten lodernder Extase - aber auch Stunden heiterer Vernünftigkeit. Oder auch
Unvernünftigkeit; wir sind gescheit genug jedes für sich, um miteinander
kindisch sein zu dürfen. Ja, fröhlich wollen wir sein - scherzen und lachen.
Scherz ist der Page der Königin Freude - und diese ist die Gemahlin des Königs
Glück.
    Dann wollen wir auch - in anderen Stunden - ernst sein, dem Leben mit seinen
Rätseln tief ins Auge schauen, wir wollen - -
    Ich breche ab - Ungeduld erfasst mich. Diesen Brief trage ich selbst in Dein
Haus, um ihn Deinem Mädchen in die Hand zu geben, damit er Dir schnell und
sicher zukomme. Und Du: hab' Erbarmen und hab' Mut.«
    Zur selben Zeit war Sylvia gleichfalls mit Schreiben beschäftigt. Es war ein
Brief an ihren Mann.
    »Lieber Anton!
        Es gibt Dinge, die sich leichter schriftlich als mündlich sagen lassen.
        Ich wünsche - und wahrscheinlich komme ich dabei Deinem eigenen Wunsch
        entgegen - eine Trennung unserer Ehe.
        Du liebst seit mehreren Jahren eine schöne Künstlerin, die Dir einen
        Sohn geschenkt hat; Du verbringst mehr als die Hälfte Deiner Zeit in
        ihrem Hause - das Du ihr geschenkt hast; Du versuchst nicht einmal den
        Schein der Treue gegen mich zu wahren - kurz, Du hast tatsächlich unsere
        Ehe schon gelöst.
        Ich war allein und dadurch - frei. Ich aber blieb allein und hielt
        meinen Part in dem von Dir gebrochenen Vertrage aufrecht. Jetzt aber muss
        es anders werden. Ich habe mein Herz verschenkt und will meine Freiheit
        vindizieren. Betrügen will ich nicht. Weder Dich noch die Welt. Ich
        bitte Dich also, übereinstimmend mit mir Schritte zu einer regelrechten
        Scheidung anzubahnen. Von meiner Liebe lasse ich unter keinen Umständen.
        Solltest Du in eine Scheidung nicht willigen, so würde ich einfach
        abreisen - und nicht allein.
        Ich besitze selbständiges Vermögen, das weisst Du, und kann wo immer
        unabhängig leben.
        Die Hauptsache ist jetzt gesagt. Das Übrige kann, wenn Du einverstanden
        bist, mündlich verhandelt oder zwei Rechtsfreunden zur Durchführung
        übergeben werden.
        Nicht ganz ohne Wehmut scheide ich von Dir; denn ich erinnere mich der
        Zeit, da ich glaubte, wir beide würden mit- und durcheinander glücklich
        werden. Es ist anders gekommen. Du warst der erste, der sein Glück fern
        von unserem Herde gesucht und gefunden - die Reihe ist an mir. Nur
        möchte ich -«
Bis hierher hatte sie geschrieben, als die Jungfer eintrat und ihr Hugos Brief
übergab.
    Sylvia erkannte die teuere Schrift, aber sie zerriss nicht sofort den
Umschlag. Erst wollte sie ihr eigenes Schreiben vollenden und an seine
Bestimmung kommen lassen
    »Warte einen Augenblick,« sagte sie und mit vor Erregung zitternder Hand -
der unerbrochene Brief wirkte auf sie wie eine geliebte Nähe - warf sie noch ein
paar Schlusszeilen auf den begonnenen Briefbogen und schob ihn in ein Kuvert.
»So, das trage hinüber zum Herrn Grafen und übergib es ihm selber.«
    »Wissen Frau Gräfin nicht, dass der Herr Graf heute früh abgefahren ist? Der
Kammerdiener hat ihm seinen Koffer gebracht, dann einen Fiaker geholt ... und
der Herr Graf ist auf die Südbahn, und dem Portier hat er gesagt, dass er erst
morgen oder übermorgen zurückkommt - -«
    »Ach so - einerlei ... leg' den Brief auf seinen Schreibtisch.«
    Jetzt war sie allein und vertiefte sich in Hugos Zeilen. Sie las sie einmal
durch, dann ein zweites Mal, Satz für Satz - jeden ein paarmal hintereinander;
einzelne Worte wiederholte sie laut und lauschte ihrem Klang, als wären sie
Musik: »Ein Netz - aus Flammen gewoben ... Dein Schützer, Kind ... schmelzende
Zärtlichkeit ...« Alle Töne, die der Briefschreiber angeschlagen - Leidenschaft,
Wagemut, Ruhesehnsucht, glühende Extase und schäumender Frohsinn, alles das
vibrierte in ihrer Seele nach, und weckte solches Verlangen nach seiner Nähe,
dass sie »aus Erbarmen« mit sich selber mehr noch als mit ihm, ihn am liebsten
gleich gerufen hätte ... Aber sie widerstand der Lockung. Rufen würde sie ihn
nicht, aber wenn er käme ... Bei dem Gedanken fühlte sie eine Beklemmung, von
der sie nicht hätte sagen können, ob sie Schmerz oder Seligkeit war - -
    Gewaltsam raffte sie sich aus dieser Träumerei empor und klingelte ihrer
Jungfer.
    »Schnell, einen Fiaker,« befahl sie. Sie hatte den raschen Entschluss gefasst,
ihre Mutter aufzusuchen und bei ihr den Tag zu verbringen. Sie wollte nicht
allein bleiben - allein mit ihrer gefährlichen Sehnsucht.
    Aber Baronin Tilling war nicht zu Hause. Auch sie war - so sagte der Diener
- diesen Morgen von Wien weggefahren, nach Grumitz, in geschäftlicher
Angelegenheit.
    Den Wagen hatte Sylvia fortgeschickt, also ging sie zu Fuss wieder in die
Richtung des Rings zurück. Bei einer Kreuzung musste sie stehen bleiben, um ein
paar Wagen vorüberfahren zu lassen und plötzlich hörte sie eine Stimme hinter
sich:
    »Sylvia!«
    Sie wandte sich um.
    »Ach!« rief sie - Hugo Bresser stand neben ihr. Er war ebenso bewegt wie
sie, ebenso blass wie sie. Mit weit aufgerissenen Augen, einen fast schmerzlichen
Zug um den zitternden Lippen, blickten sie einander eine Weile starr an.
    Ein eilig Vorübergehender, der ein Paket trug, stiess unsanft an ihnen an; da
kamen sie rasch zur Besinnung und erinnerten sich, dass sie auf belebter Strasse
waren. Sylvia wandte sich zum Gehen und als wäre es selbstverständlich, schritt
Hugo neben ihr.
    »Sie haben meinen Brief -« begann er. Das »Du«, welches er
niedergeschrieben, wollte ihm auf diesem öffentlichen Orte nicht über die Lippen
und auch von dem Briefe zu reden, schien ihm gar nicht am Platze und so
vollendete er nicht den begonnenen Satz und fragte etwas anderes:
    »Woher kommen Sie?«
    Diese Wendung war ihr eine Erleichterung. - »Ich komme von der Wohnung
meiner Mutter - sie ist aber heute nach Grumitz gefahren, ich habe sie nicht
getroffen. Wie sind die weiteren Aufführungen Ihres Stückes ausgefallen?«
    »Ich habe ihnen nicht beigewohnt. Es ist merkwürdig, wie gleichgültig mir
das Stück geworden ist - vielleicht, weil ich jetzt mein eigenes Drama erlebe
...«
    Sie ging schweigend weiter und er blieb an ihrer Seite. Nach einer Weile
sprach er wieder:
    »Ich habe heute morgen den Grafen Delnitzky fahren gesehen - mit einem
Koffer auf dem Bock; ist er abgereist?«
    »Ja, auf ein oder zwei Tage!«
    »So sind Sie allein?«
    Sie verstand den Sinn dieser Frage und antwortete:
    »Ich empfange niemand.«
    Sie kamen an einen Fiakerstand vorbei.
    »Fahr m'r, Eu'r Gnaden?« fragte einer von den Kutschern. Hugo blieb stehen
und blickte Sylvia ins Gesicht:
    »Wie wär's, wenn wir einen Wagen nähmen, und -«
    »Wohin?«
    »Einerlei ... nach Schönbrunn, auf den Kahlenberg - es wäre ja doch nach
Eden.«
    Sie schüttelte den Kopf und ging weiter. Eden war ja auch ihr Ziel. Aber in
Italien sollte es sein - und wenn sie sich ganz frei gemacht. Seine Worte hatten
eine Vision in ihr erweckt, die in Freudenglanz getaucht war. Und überhaupt:
glücklich - einfach glücklich machte sie seine Nähe.
    Nach ein paar Schritten brach Hugo das Schweigen:
    »Es hat mir jemand geschrieben: Ich will Dein sein.«
    Sie machte eine heftige Bewegung mit der Hand, die er als Bitte auffasste, er
möge nicht hier, auf offener Strasse an diesem heiligen Geheimnis rühren - und er
begann von anderen Dingen zu reden: von einer hämischen Kritik, die eine
Wochenschrift über sein Stück gebracht; von Rudolf, dessen Vortrag er leider
nicht gehört - doch in seiner Stimme lag so innige Wärme, als hätte er stets nur
wiederholt: ich liebe Dich - ich liebe Dich in Zeit und Ewigkeit. In ihr
steigerte sich das Verlangen, dieses Wort von seinen Lippen zu hören und es ihm
selber zu sagen, und so waren die einsilbigen, bedeutungslosen Antworten, die
sie ihm gab, gleichfalls von verhaltener Zärtlichkeit durchzittert.
    Manchmal verstummten sie auch ganz und gingen nur so nebeneinander her:
nicht Arm in Arm, doch so nah, dass ihre Arme sich streiften ... Sylvia kam sich
vor, wie in eine nie gekannte Lage versetzt. Alles, was sie umgab, war ihr fremd
und eigentümlich, als hätte sie ähnliches niemals erlebt - das Geklingel der
Trambahn, die Spiegelscheiben der Auslagen, die geschäftigen und die
flanierenden Leute - alles war so unwirklich, es gehörte nicht zu ihr und sie
gehörte nicht hinein. Überhaupt, was sie jetzt durchbebte, war nur Präludium,
Prolog ... das eigentliche Stück sollte erst folgen. Auch ihr ganzes früheres
Leben war wie ausgelöscht, die Gegenwart galt nicht, aber das Kommende ... Sie
wagte nicht, gerade hineinzuschauen in diese Verheissung, gerade so, wie man
nicht in die Sonne schaut - -
    So waren sie vor dem Dotzkyschen Hause angelangt. Sie wollte ihm nun die
Hand reichen und Adieu sagen - aber sie war wie gelähmt und tat es nicht. Sie
konnte nicht einmal stehen bleiben, sondern bewegte sich mechanisch weiter und
trat unters Tor. Er desgleichen. Da fing ihr Herz wild zu pochen an. Sie wollte
gar nicht mehr, dass er sie verlasse.
    Auf der Treppe bot er ihr den Arm und an der Flurtür zog er die Klingel.
Jetzt konnte sie ihn noch immer wegschicken - sie tat es nicht.
    Der Diener öffnete. Sylvia trat über die Vorzimmerschwelle; Hugo
hinterdrein. Der Diener nahm seiner Herrin die Jacke und dem Besucher den
Überrock ab und öffnete dann eine Tür. Sylvia ging voran; ohne sich umzusehen
durchschritt sie die ganze Flucht der Zimmer, bis sie in ihrem kleinen Salon
anlangte. Sie warf ihren Hut auf ein Möbel und wandte sich um. Hugo, der ihr in
dieses Heiligtum gefolgt war, stand mit dem Rücken an die geschlossene Tür
gelehnt und öffnete die Arme. Mit einem halberstickten Schrei sank sie hinein.
    »O mein Geliebter, Geliebter, Geliebter ...« Ihr gesenkter Kopf war an
seiner Brust geborgen. Geborgen: das war das rechte Wort für das, was sie
empfand: das Vollgefühl der Erfüllung.
    Er hob ihren Kopf empor und bog ihn zurück, um ihr tief in die Augen zu
schauen:
    »Mein, mein ...« dann drückte er seinen Mund auf ihre wie küssedurstend
geöffneten Lippen.
    So blieben sie zwei selige Minuten umschlungen. Dann riss Sylvia sich los und
entfernte sich ein paar Schritte.
    Sie liess sich in eine Sofaecke fallen mit einem tiefen zitternden Seufzer.
Er näherte sich.
    »Dort,« sagte sie und wies nach einem seitlich stehenden, etwas entfernten
Fauteuil.
    Er gehorchte. In dieses Zimmer, das wusste er von früher her, konnte jeden
Augenblick jemand hereinkommen. Nur vorhin, als er an den Türflügel gelehnt
gestanden, war man vor Überraschung sicher gewesen.
    »Ich habe nicht geglaubt,« sagte Sylvia, »dass ich so lieben kann.«
    »Wie ich Dich liebe, weiss ich längst ... Schon damals - erinnerst Du Dich -
in Brunnhof, bei dem plötzlichen Gewitter, wie Du mir entgegenliefst und
ausglittest - als ich Dich in meinen Armen auffing, schon damals wusste ich: für
mich kann es nur einen Himmel auf Erden geben - Dich besitzen.«
    »Ja, wir werden glücklich sein, über alle Begriffe glücklich ... Und Du
wirst dabei ein noch grösserer Dichter werden, als Du schon bist.«
    »In dieser Stunde ist mir jeder Ehrgeiz erstorben - höheres kann ich nicht
erreichen, als Dich -«
    »Nicht erstorben, nur betäubt. Mir ist auch so zu Mute ... wie in einem
Taumel - und doch so ruhig, ruhig ... Teurer -«
    Sie streckte die Hand aus. Er rückte mit seinem Fauteuil näher, um diese
Hand ergreifen zu können. Nun sagten sie sich in geflüsterten Worten - Hand in
Hand und Aug' in Auge - die hundert innigen, törichten Dinge, die wie
gesprochene Liebkosungen sind. Und schliesslich, trotz der gefährlich offenen
Tür, fanden sich ihre Lippen wieder in einem langen, weltentrückenden Kuss.
    So entrückend, dass sie nicht hörten, wie jene Tür tatsächlich aufging und
jemand bis in die Mitte des Zimmers kam.
    Erst ein zornig ausgestossener Fluch schreckte sie auseinander. Hugo sprang
auf - ihm gegenüber stand Anton Delnitzky.
    Mit dem Ausruf: »Elender, frecher Schuft!« stürzte dieser nun auf Hugo los
und versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht.
    Sylvia stiess einen Schrei aus und sank zu Boden - besinnungslos
 
                                      XXXI
Während im Delnitzkyschen Hause dieses Drama sich abspielte, war Rudolf im
Begriff, Wien zu verlassen, um einige seiner im Ausland abzuhaltenden Vorträge
zu absolvieren.
    Zwar hätte es nicht gedrängt: bis zum ersten versprochenen Vortrag dauerte
es noch vierzehn Tage, aber der Vorfall im Vorstadtwirtshaus hatte ihm einen
solchen Ekel eingeflösst, dass er das sehnsüchtige Verlangen empfand, so schnell
als möglich eine andre Luft zu atmen und mit ganz neuen Eindrücken den so
peinlichen Eindruck zu verwischen.
    Er hatte solche Eile, dass er nicht einmal von Mutter und Schwester sich
verabschieden wollte. Nur über eines wollte er sich vor seiner Abreise noch
aussprechen, nur eine gewisse Warnung vorzubringen, fühlte er sich verpflichtet.
    Zu diesem Zweck suchte er Herrn von Wegemann auf und traf ihn glücklich zu
Hause. Es war eben dessen Frühstücksstunde.
    »Minister Allerdings« lud Rudolf ein, mit ihm eine Omelette und ein
Beefsteak zu teilen, was dieser bereitwillig annahm, weil er wusste, dass es sich
bei Tisch, und namentlich nach Tisch, bei Kaffee und Zigarre, am besten plaudern
liesse. Er hatte die Absicht, sich über die Sache, die ihm am Herzen lag,
gründlich auszusprechen. Zwar war Herr von Wegemann nicht mehr aktiv an der
Politik beteiligt, aber er war in stetem Verkehr mit den leitenden Männern und
gehörte mit allen seinen Ansichten und Neigungen der herrschenden Partei an.
Dazu war er der intimste Freund desjenigen Staatsmannes, der damals den höchsten
Einfluss besass, und der als ein Mann von aufrichtig kirchlicher Gesinnung, dabei
von universeller Bildung und lauterstem Charakter bekannt und allgemein - auch
von seinen Gegnern - hochgeachtet war.
    Ein gar gemütliches Hagestolzen-Heim war es, in dem Herr von Wegemann
hauste. Alles, was ihn umgab, war gediegen und behaglich. Einige grosse schöne
Frauenporträts an den Wänden liessen annehmen, dass der Minister es verstand, die
sorgenlose, angenehme Gegenwart mit noch angenehmeren Erinnerungen an die
Vergangenheit zu würzen.
    Rudolf empfand eine gewisse leise Anwandlung von Neid, die ihn in letzter
Zeit öfters überkam, wenn er einen Menschen beobachtete, der mit sich, mit
seiner Existenz, seinem Milieu und seiner Zeit in ruhiger, völliger
Übereinstimmung stand; bei dem das ganze Seelenleben - Denken, Wissen, Fühlen -
in eine Art System gebracht war; das alles so schön geordnet und friedlich, dass
man daneben ganz gut auch seine kleinen materiellen Vergnügungen und
Angelegenheiten systematisch betreiben kann, einen geregelten Haushalt haben,
sein solides Vermögen administrieren, von der eigenen Klugheit und Wichtigkeit
durchdrungen sein, kurz, in der Atmosphäre des engbegrenzten Egoismus sich
wohlfühlen, wie der Fisch im Wasser. Während Leute, die wie er nach allen
Richtungen andre Zustände ersehnen, Leute, die das Heimweh der Zukunft in sich
tragen, sich so heimlos fühlen, so losgelöst von den kleinen Interessen der
umgebenden Gegenwart.
    Als die beiden Männer nach beendetem Frühstück sich im Rauchzimmer, wo
Kaffee und Liköre aufgetragen waren, niedergelassen hatten, begann Rudolf:
    »Und nun zum eigentlichen Zweck meines Besuchs. Dass ich mich verabschiede,
weil ich heute abend auf längere Zeit Wien verlassen will, sagte ich schon; was
der Grund ist, der mich forttreibt, das will ich Ihnen jetzt sagen. Ich habe
hier vor kurzem etwas so Revoltierendes erlebt, dass ich eine Zeitlang eine andre
Luft atmen muss ... Aber Ihnen, der Sie dableiben, möchte ich etwas ans Herz
legen. Auf eine Gefahr möchte ich aufmerksam machen, die ich im öffentlichen
Leben aufsteigen sehe.«
    »Allerdings - Gefahren sehe ich auch. Zum Beispiel die überhandnehmende
Glaubenslosigkeit, der wachsende Materialismus - womit natürlich Verrohung Hand
in Hand geht -, die Begehrlichkeit der Massen und dergleichen mehr. Da gilt es
eben, dass die edleren Elemente sich zusammennehmen und alles aufbieten, um die
subversiven Kräfte nicht aufkommen zu lassen -«
    »Bitte,« unterbrach Rudolf, »reden wir nicht in vaguen Allgemeinheiten. Das,
was ich sagen will - die Sache, die mir bedrohlich scheint, ist etwas ganz
Positives. Es will sich hier eine Partei breit machen, die sich auf eine einzige
Idee stützt, nämlich die Idee einer Rassenverfolgung.«
    »Na ja - um auch positiv zu reden - Sie meinen die Antisemiten.«
    »Ja. Ich weiss, dass diese Partei, oder vielmehr diese Gesinnung sich
verbreitet und bis in die hohen und höchsten Kreise heraufdringt, aber sozusagen
incognito - während die Wortführer, die da offen diese Gesinnung als ein
politisches Programm ins Parlament bringen wollen, in ihren Reihen so
bildungslose, oder sich absichtlich roh gebärdende Individuen haben ... Wenn man
das gewähren lässt, so werden diese Leute in das parlamentarische und politische
Leben einen so rohen Ton, ein so niedriges Geistesniveau einführen, dass dabei -
abgesehen von der Verwerflichkeit des Verhetzungsprinzips überhaupt - sämtliche
politische Fragen herabgedrückt werden. Wenn ich Ihnen sagen würde, was ich
neulich aus dem Munde einiger neugewählter, von der Einwohnerschaft bejubelter
Vertreter dieser Partei für Ausdrücke boshaftester, beschränktester Gemeinheit
gehört habe - Sie würden schaudern.«
    »Ich weiss, ich weiss ... Sind ja einfache Vorstadtbürger - die reden, wie
ihnen der Schnabel gewachsen ist - im Abgeordnetenhaus werden sie schon den
parlamentarischen Ton annehmen müssen ... und anderseits muss man bedenken, dass
diese Wahlen doch einen Sieg über viel gefährlichere Kandidaten bedeuten. Von
den Antisemiten weiss man doch, dass sie gläubige Christen sind und dass sie alles
bekämpfen werden, was die Ultraliberalen und Sozialisten und dergleichen
unternehmen wollten, um an den Säulen von Tron und Altar zu rütteln -«
    Rudolf wollte etwas sagen, aber mit beschwichtigender Handbewegung fuhr der
Minister fort:
    »Mein Gott, ich selber habe ja nichts gegen die Juden ... bin ja, wie Sie
wissen, häufiger Gast bei unserer haute finance und kenne einige ganz
ausgezeichnete Leute unter jüdischen Doktoren ... aber wie gesagt, die
Antisemiten, deren Verfolgungsideen man ja durchaus nicht aufkommen zu lassen
braucht - haben ihr Gutes. Und wenn man sie unterstützt, so geschieht das
durchaus nicht, weil man ihre Ziele erreichen oder ihre Mittel anwenden will,
sondern weil sie indirekt dazu beitragen, andre Gegner fernzuhalten.«
    »Sie geben also zu, dass jene Partei von oben protegiert wird? Gehört etwa
Graf -« (er nannte Wegemanns Freund, den leitenden Staatsmann) »zu diesen
Protektoren?«
    »Allerdings -«
    »Ich kenne ihn doch als einen vornehm denkenden Edelmann, als einen milden
Christen, der unfähig wäre, solche Äusserungen zu indossieren, oder solche
Gehässigkeit zu fühlen, wie die antisemitischen Wahl- und Hetzreden zu schüren
trachten - und doch sollte er es opportun finden, diese Partei zu unterstützen?«
    »Mein Freund hat ein starkes katolisches Empfinden. Erst gestern sprachen
wir über die überhandnehmende religiöse Gleichgültigkeit -«
    »Ich bemerke eher, dass die klerikalen Einflüsse überhandnehmen.«
    »In manchen Kreisen allerdings. Anderseits aber -«
    »Also, wie denkt Ihr Freund über die Sache?«
    »Er sagte - ich habe mir seine Worte genau gemerkt -: Je mehr ich diese
Fragen erwäge, desto fester und klarer wird meine Überzeugung, dass sie es ganz
eigentlich sind, von deren Wendung die Zukunft der Geschicke Europas abhängt.
Die Krisis, in der wir leben, liegt in dem Kampf der Revolution gegen die
christlichen Ideen, auf denen seit mehr als tausend Jahren die staatliche
Ordnung Europas und seine Zivilisation beruht. Siegen diese Ideen nicht, dann
wird Europa zugrunde gehen und mit ihm die ganze Ordnung der Dinge. Dann folgt
ein Chaos, das so lange dauern wird, bis die christlichen Ideen wieder, wie in
den Zeiten Karls des Grossen, allmählich die Geister gewinnen und wieder eine
neue christliche Ordnung der Staaten und Völker herstellen - was aber weder wir
noch unsere Kinder erleben werden. Wollen wir sie vor allen Greueln der Anarchie
und der Christenverfolgung bewahren, so müssen wir in Österreich dem Sturm wider
die Kirche Widerstand leisten.«
    Rudolf nickte vor sich hin.
    »Das stimmt zu meiner Auffassung,« sagte er. »Man sieht, man fühlt, dass all
die Dogmen schwanken, von denen man glaubt, dass sie die Grundlagen der
Zivilisation sind - (aber da möchte ich doch zwischen Klammern fragen, ob denn
die heutigen Staaten wirklich nach christlichen Grundsätzen verfahren? ... ich
wollte es wäre so, dann fielen dreiviertel meiner Anklagen weg!) - also, um
dieses hohe Gut, die Zivilisation, zu schützen, muss man kämpfen und im Kampf
gilt das Axiom, dass jede Waffe gut sei - gerade so wie der jesuitische (nicht
christliche) Satz allentalben Geltung behauptet: der Zweck heiligt die Mittel.
An diesem Satze krankt unser ganzes politisches System. Zwecke - über deren
Nützlichkeit man sich täuschen kann, Zukunftsgefahren, die gar nicht existieren,
werden als so gross aufgefasst, dass sofort auch die bösesten Mittel geheiligt
erscheinen, und man protegiert Roheit, Verfolgung und allerlei an sich
Abscheuliches und Niedriges in der Gegenwart, welches helfen soll, ein
vermeintlich Hohes zu erreichen und vermeintlich entsetzliche
Zukunftskalamitäten abzuwenden. Dass aber die geduldete Roheit sicher böse Folgen
nach sich ziehen muss, übersieht man ... Sehen Sie, verehrter Freund, das ist das
ganze Geheimnis, warum sonst gute, wahrhaft tugendhafte Menschen so viel Böses
geschehen lassen - sie glauben dadurch noch Schlimmerem vorzubeugen. So haben
sich bisher noch alle historischen Schandtaten durch edle Motive begründen
lassen und sind mitunter auch aus edlen Motiven verübt worden ... und die
Geschichte wird auch solange eine Kette von Greueln bleiben, solange der
Kulturmensch nicht jene unselige Formel abschwört und nicht erkennt, dass für
keinerlei Zwecke ein Mittel angewendet werden darf, das weniger heilig, weniger
rein ist als der Zweck. Wenn Sie Einfluss auf Ihren Freund haben, liebster Herr
von Wegemann, und den haben Sie ja - ebenso wie auf andere machtaberische
Kreise - dann benutzen sie ihn, um zu warnen ... darum habe ich Sie bitten
wollen ...«
    »Nein, mein lieber Dotzky, ich entalte mich jeder Einmischung in
öffentliche Angelegenheiten - ich nehme meinen Ruhestand ernst. Und ausserdem
teile ich da weder Ihre Befürchtungen noch Ihre Auffassungen. Sie haben von
staatsmännischer Politik keinen rechten Begriff. Da muss man sich wehren, so gut
man kann und die Mittel, die man anwendet, nicht nach ihrem idealen, sondern
praktischen Gehalt prüfen. Der gute Zweck ist doch die Hauptsache. Wenn wir den
monarchischen und den christlichen Gedanken schützen, schützen wir da nicht den
Boden auf dem wir stehen und die Luft die wir atmen? Die anderen, unsere Gegner,
die haben wieder ein Interesse daran, diese Prinzipien zu unterminieren und tun
es mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln - soll man das geschehen lassen?
Sie sind ein ganz vortrefflicher Mensch, mein lieber Rudi, ein liebenswürdiger
Träumer, aber von dem Ernst und den Pflichten des staatsmännischen Berufs haben
Sie keine Ahnung ... Idealismus und Ästetik und dergleichen sind ganz schöne
Dinge, gehören aber auf ein anderes Feld: ins Künstlerhaus, in die Pflegestätten
klassischer Studien, aber doch nicht in die Volksvertretung und
Ministerkabinette - in diesen muss ...«
    Rudolf hatte mit wachsender Ungeduld zugehört:
    »Verzeihen Sie, dass ich widerspreche,« unterbrach er jetzt. »Meine Meinung
ist die: nachdem Volksvertretung und Ministerkabinette die Stätten sind, wo dem
Leben der Völker die Richtung gegeben wird, so obliegt die Pflege des Ideals
gerade diesen; denn dahin strebt doch die Kultur: dass die Schönheitsideale und
Sittlichkeitsnormen das Leben durchdringen. Wir werden uns gegenseitig nicht
überzeugen, sehe ich - es wäre fruchtlos, weiter zu disputieren, dennoch habe
ich bei dieser Unterhaltung gelernt, sie hat mir einen tiefen Eindruck in die
Ursachen der gegenwärtigen Kämpfe und Kampfweisen gewährt ...«
    »Warum sagen Sie gegenwärtig? Es ist ja immer derselbe Kampf, mein Lieber,
wie er seit Erschaffung der Welt getobt hat und wie er in Ewigkeit weiter toben
wird - der Kampf zwischen Gut und Böse.«
    Rudolf schüttelte den Kopf:
    »In Ewigkeit? Das ist wieder eine Verkennung des Entwicklungsgesetzes.
Dieser lange Kampf ist aber nur darum bis heute unentschieden geblieben, weil
das Gute noch nicht versucht hat, sich durch Gutes durchzusetzen, weil immer
noch das Böse als Mittel sanktioniert ward. Ein neues, ganz neues Licht muss die
Geister erhellen - und das wird kommen. Gerade so, wie - auf physischem Gebiet -
das elektrische Licht entdeckt wurde, wird auf geistigem Gebiet eine neue
Erkenntnis erstrahlen, durch die die Macht des sogenannten Bösen - nicht mit
Unrecht Macht der Finsternis genannt - endgültig überwunden wird.«
    Wegemann zuckte lächelnd die Achseln:
    »Schwärmer!«
    »Danke,« sagte Rudolf, indem er aufstand. »Ich nehme diese Bezeichnung als
Ehrentitel an und - nichts für ungut. Ich füge nur hinzu, dass, wenn ich
einigermassen schwärmerisch von der Grösse einer vorhergesehenen Zukunft spreche,
ich dabei die kleinen, tunlichen, praktischen Schrittchen nicht übersehe, die
schon heute nach jener Richtung getan werden können, und die jeder von uns zu
tun sich bemühen soll. Jetzt adieu - und nochmals Dank für die lehrreiche
Unterhaltung.«
    Am selben Abend reiste Rudolf von Wien ab. Sein Ziel war Venedig. Vom
stillen Zauber dieser Stadt, dem er sich durch vierzehn Tage hingeben wollte,
versprach er sich Linderung für sein durch die letzten Vorgänge verwundetes
Gemüt.
 
                                     XXXII
In der Wohnung seines Vaters lag Hugo Bresser. Die Kugel, die ihn verwundet
hatte, war zwar glücklich gefunden und entfernt worden, aber noch schwebte der
Patient zwischen Leben und Tod.
    Im Krankenzimmer herrschte Halbdunkel; die Fenstervorhänge waren zugezogen,
denn Hugo vertrug kein Licht, es tat ihm weh. Am Kopfende des Bettes stand der
alte Vater, und an der Seite sassen zwei Frauen, Sylvia und Marta.
    Nach dem Duell hatte Anton Delnitzky Wien verlassen. Seiner Frau liess er ein
Schreiben zurück, worin er ihr die von ihr verlangte Freiheit gab. Die
»Scheidung soll vollzogen werden« - schrieb er - »den Grund hast Du dazu
gegeben. Deinen Geliebten habe ich natürlich niederschiessen müssen; nach dem was
vorgefallen, hatte weder er noch ich eine andere Wahl, als auf den Kampfplatz zu
gehen. Und Du und ich können miteinander nichts mehr zu tun haben; wir können
uns gegenseitig auch nicht verzeihen, was wir einander angetan. Du hast unsere
Ehre tödlich verletzt - und ebenso verletzte ich Deinen Liebhaber. Da gibt es
keine Verzeihung - weder für Dich noch für mich. Wir sind miteinander fertig.«
    Als Sylvia von der Ohnmacht erwachte, in die sie bei jenem Auftritt gefallen
war, befand sie sich auf ihrem Bette, auf das man sie gebracht hatte. Sie wusste
nicht, wie lange sie bewusstlos gewesen, noch was weiter geschehen war.
    Dass ein Zweikampf folgen würde, wusste sie, und ein fürchterlicher Zorn stieg
in ihr auf über die elenden Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft, die als
Auskunftsmittel für schwierige Lagen den Mord eingesetzt haben. Als ob das Töten
irgend etwas gut machen könnte! Die beiden Männer würden sich schlagen - das war
klar. Ein wildes Verlangen, dieses Duell zu verhindern, erfüllte sie - doch
wusste sie zugleich, dass jeder Versuch scheitern würde. Was konnte sie tun? Sich
dem Gatten zu Füssen werfen? Umsonst! Abzubitten hatte sie ihm nichts - und um
das Leben des anderen flehen: was half's? Der andere würde ja selber - sie
erinnerte sich des Schlages, den er ins Gesicht bekommen - nicht ruhen, ehe er
diese Schmach mit Blut gewaschen. Als ob vergossenes Blut überhaupt etwas
reinigen, etwas Geschehenes ungeschehen machen könnte - - o über den geheiligten
Widersinn, unter dessen Herrschaft die blöde Welt sich gestellt hat! Oder zu
Hugo eilen und ihm sagen: Du gehörst mir, Du hast kein Recht mehr, Dich mir zu
entreissen - fliehen wir ...
    Aber kaum zum Bewusstsein zurückgekehrt, und diese und ähnliche Gedanken in
ihrem gequälten Hirne wälzend, verfiel sie in heftiges Fieber mit Delirium. Und
was die nächsten Tage brachten, das wusste sie nicht. Sie nahm nur dunkel wahr,
dass um sie Frauen bemüht waren, dass ein Mann ihren Puls fühlte, und dass die
Gestalt ihrer Mutter über sie gebeugt war ...
    Erst als das Duell schon vorbei war, hatte sie sich wieder erholt. Jetzt
musste sie alles erfahren. Sie forderte es. Sie schrie nach Auskunft - es war ihr
Recht ... Marta willfahrte ihr
    »Das Duell hat stattgefunden - auf Pistolen - Anton blieb unverletzt und ist
abgereist, und Hugo -«
    »Ist er tot?«
    »Nein, Kind, nicht tot - aber schwer verwundet.«
    Jetzt fand sie keine Ruhe mehr, sie musste zu ihm.
    »Aber Sylvia - Du, zu dem Mann, mit dem sich Dein Gatte geschlagen, was
würde die Welt -«
    »Darnach frage ich nicht - Hugo stirbt vielleicht. Die Welt? - Ihre
Satzungen sind es, die Dir Mutter, Deinen Abgott getötet haben, und die den
Mann, der mich betrogen, zum Mörder meines Geliebten machten.«
    »Dein Geliebter? ... so war er -«
    »Wie soll ich ihn anders nennen? - Ich lieb' ihn ja. Die Welt verachte ich
und verächtlich wäre ich, tät' ich's nicht ... Gehen wir - komm mit, Mutter, und
gehen wir gleich.«
    Jetzt war es am dritten Tag seit dem ersten Krankenbesuch der beiden Frauen.
    Hugo lag mit geschlossenen Augen da und atmete schwer.
    »Schläft er?« fragte Marta im Flüsterton.
    Doktor Bresser schüttelte den Kopf:
    »Ich glaube nicht.«
    Sylvia war blass und verweint. Noch hoffte sie auf Rettung, aber schon die
Möglichkeit - die sogar eine Wahrscheinlichkeit war - dass er verloren sei, und
dazu der Anblick seiner Leiden, verursachten ihr so tiefen Schmerz, dass seit
drei Tagen und Nächten ihre Tränen fast nie versiegten.
    Gestern und vorgestern waren Mutter und Tochter je zwei Vormittags- und zwei
Nachmittagsstunden beim Kranken geblieben und am Abend wurde noch um Nachricht
geschickt. Augenblickliche Gefahr war noch nicht eingetreten gewesen.
    Marta blickte auf die Uhr und stand auf.
    »Komm, Sylvia, jetzt wollen wir gehen.«
    Die junge Frau erhob sich auch.
    »Sollte ihm schlechter werden, so lassen Sie uns rufen,« sagte sie zum
Doktor.
    Aber als die beiden schon nahe der Tür waren, kam ihnen Bresser nach und
sagte bedeutungsvoll:
    »Gehen Sie nicht -«
    Sylvia erbebte. Sie schaute zu Bresser auf, eine entsetzte Frage im Blick.
    Er verstand diese Frage und antwortete:
    »Ich fürchte -«
    Sylvia flog wieder an die Seite des Bettes zurück und kniete da nieder.
Jetzt weinte sie nicht - der Schreck war zu heftig gewesen.
    Hugo lag regungslos; der Atem, der durch seine halboffenen Lippen drang,
hatte einen leise wimmernden Laut.
    Baronin Tilling ergriff die Hand ihres alten Freundes:
    »Was fürchten Sie? - Steht es so schlecht?«
    »Es steht schlecht.«
    Es gab Marta einen Stich. dabei dachte sie weniger an Hugo, als an den
Freund. Der einzige Sohn! - Freude und Stolz seines Alters ... eine so
glanzvolle Zukunft vernichtet ...
    »Ich habe nicht genügend Vertrauen in meine Kunst - auch nicht in die des
Arztes, der ihn jetzt neben mir behandelt - ich habe noch Professor Linden
gerufen.« Er wandte sich an die knieende Sylvia: »Gräfin Sylvia, Doktor Linden
kann jeden Augenblick kommen. Wollen Sie vielleicht unterdessen ins Nebenzimmer?
-«
    Sie hob den Kopf.
    »Das hat ja Zeit, bis er da ist - und wenn er mich fortschickt.«
    »Dann hat er Sie aber schon gesehen.« - Sylvia blickte verständnislos. -
»Ich meine, es könnte dann bekannt werden ... Doktor Linden kommt überall herum
... und nach allem, was man in der Stadt erzählt -«
    »Ist mein Platz nicht hier, meinen Sie?«
    »Mein Gott, die böse Welt -«
    Ein Ausdruck tiefster Geringschätzung flog über Sylvias Züge:
    »Ich bleibe.« Und wieder vergrub sie den Kopf in die Decke am Bettrand.
Bresser hatte sie verstanden: angesichts von Liebe und Tod - diesen beiden
erhabenen Gewalten - war dem jungen Weibe das, was er vorhin die Welt genannt,
zu einem Nichts geschrumpft.
    Der erwartete berühmte Professor kam. Er konnte nur bestätigen, was Doktor
Bresser selber gefunden: die Gefahr war gross. Natürlich hatte er die beiden
Damen erkannt und wohl darüber gestaunt, dass diejenige, deren Gatte - ihretwegen
- den Rivalen verwundet hatte, an diesem Krankenbette weilte, aber er liess davon
nichts merken.
    Er verordnete weiter nichts als eine hohe Dosis Chinin zur Niederschlagung
des Fiebers. Gelänge es nicht, die 40 Grad-Temperatur herabzudrücken, stiege sie
noch über 41, so wäre das das Ende ... aber es war ja möglich, dass ... nun, er
wollte am selben Abend noch einmal nachsehen.
    Im Vorzimmer ging es lebhaft her. Ein Zeitungsreporter reichte dem andern
die Stiegentürklinke. Auch andere Leute in Menge kamen Nachricht zu holen über
den Zustand des Dichters. Bressers Diener gab Auskunft über das Befinden und den
Zeitungsmenschen teilte er die Bulletins mit, welche dann regelmässig in allen
Morgen- und Abendblättern erschienen. Die ganze Stadt war voll Teilnahme und
etwas Skandalsucht mischte sich wohl auch dazu, man erzählte sich in allerlei
Versionen, was die Ursache des Duells gewesen und der abgedroschene Satz »
cherchez la femme« wiederholte sich in allen geistreich sein wollenden
Kommentaren.
    Es wurde Abend. Eine schirmüberschattete Lampe in einer vom Bett entfernten
Ecke verbreitete nur sehr gedämpftes Licht in dem durch dunkle Tapeten und
Holzverkleidungen ohnehin dunkel erscheinenden Raume. Es war sein Studierzimmer,
in das der Doktor den verwundeten Sohn hatte betten lassen - das geräumigste
Gemach der Wohnung.
    Hugo war eingeschlummert. Sylvia sass neben ihm und hielt seine Hand in der
ihren. Auf einem Diwan am anderen Ende des Zimmers sassen Doktor Bresser und
Marta nebeneinander, in mehr oder minder langen Zwischenräumen leise Worte
tauschend.
    »Erinnern Sie sich,« sagte Marta nach einer Pause, »unserer Fahrt auf dem
Karren von Königinhof nach Horowetz am Tage nach der Schlacht?«
    »Ich erinnere mich ... An dem Leichenhaufen vorbei, von dem die Raben
aufflogen. Das war doch noch trauriger.«
    »Nur schauriger - und ebenso überflüssig.«
    »Ja, es ist dieselbe grosse Sünde: Zweikampf oder Hunderttausendkampf -
derselbe Wahn, dass man mit Töten etwas erreichen, etwas beweisen, etwas
gutmachen kann. Es ist alles so traurig, so traurig -«
    »Mein armer Freund ...« Marta seufzte schmerzlich. Es war ihr unendlich weh
zu Mute. Dieser sterbende junge Mann, das verdorbene Schicksal ihrer Sylvia ...
Von Rudolf - der hatte auch gar harte Kämpfe aufgenommen - war sie schon länger
ohne Nachricht. Die ganze Zukunft ihrer Kinder (an sich dachte sie ja nicht)
schien ihr mit einem Male so verrammelt, die ganze Welt so verdüstert. Bilder
aus der Vergangenheit stiegen vor ihrer Erinnerung auf, alle so grausig wie das,
welches sie vorhin wachgerufen: der vom Leichenhaufen an der zerschossenen
Kirchhofsmauer in den von fahlem Mondlicht erhellten Nachtimmel auffliegende
Rabenschwarm ... Sie sah den Novemberregentag auf dem Gräberfeld von Sadowa, da
der junge Kaiser in Tränen ausbrach - die schmucklosen Särge sah sie, in denen
man im Laufe einer einzigen Woche - der Grumitzer Cholerawoche - - ihre drei
blühenden Geschwister hinausgetragen - und, das fürchterlichste Bild von allen:
zusammenstürzend unter dem Feuer des Exekutionspelotons, die geliebte Gestalt
ihres Friedrich - -
    Der Kranke erwachte.
    »Wasser!« bat er leise.
    Der alte Doktor stürzte hinzu, aber Sylvia hatte schon ein Glas gefüllt und
mit erregungszitternder Hand an Hugos Lippen gesetzt. Er trank mühsam, aber
gierig. Dann sank sein Kopf auf das Kissen zurück; er hatte sie wieder nicht
erkannt.
    Seit Sylvia hierhergekommen - jetzt war es schon am dritten Tage - hatte er
noch mit keinem Wort und keinem Blick gezeigt, dass er wusste, wer da neben ihm
war. Sie lechzte danach, von ihm erkannt zu werden. Sie wusste, dass ihre Nähe ihn
beglückt hätte; es war ihr schrecklich, dass er nicht imstande war, dieses Glück
- vielleicht das letzte - noch zu fühlen. Vergebens hatte sie ihm zugeflüstert:
»Hugo, Hugo, ich bin's - sieh mich an - Deine, Deine Sylvia!« Vergebens ihm ins
Auge geschaut, die verzehrendste Leidenschaft, die innigste Zärtlichkeit im
eigenen Blick - seine armen, fieberbrennenden Augen irrten wie hilfesuchend
umher und nicht ein Schein von Verständnis und Bewusstsein. Das war ja gar nicht
Hugo, der da lag, nicht ihr Dichter, von dem sie angebetet wurde, das war nur
ein zuckender, leidender Körper mit zwar noch nicht entflohener, aber abwesender
Seele.
    Gegen zehn Uhr kam der Professor wieder. Er fand - was auch Doktor Bresser
schon konstatiert hatte - dass das Fieber bedeutend nachgelassen.
    »Das ist günstig,« setzte er hinzu.
    Sylvia erbebte. Wie ein seliger Hoffnungsblitz hatte sie dieses Wort
durchfahren.
    Beim Fortgehen gab der berühmte Arzt die Möglichkeit zu, dass der junge Mann
davonkomme. Die folgende Nacht würde er wahrscheinlich ruhig schlafen. Da wäre
viel gewonnen. Und beim nächsten Erwachen - Hugo war wieder eingeschlummert -
würde er wohl bei Bewusstsein sein.
    »Bei Bewusstsein« - auch dieses Wort durchfuhr Sylvia mit sehnsuchtsheisser
Freude - ein Wiedersehen würde das ja sein!
    Marta schlug vor, dass man nach Hause fahre. Sylvia aber weigerte sich.
    »Ich weiche nicht mehr von hinnen, bis er gerettet ist, oder -«
    »Tot« brachte sie nicht über die Lippen. Um keinen Preis hätte sie den
Augenblick versäumen wollen, den der Professor vorher gesagt - den Augenblick
des zurückkehrenden Bewusstseins. Wenn er erwachte, musste sein erster Blick auf
sie fallen - dann würde es ein glückliches Erwachen sein, das wusste sie.
    Als Marta sah, dass ihre Tochter so fest entschlossen war, zu bleiben,
verzichtete auch sie auf das Nachhausegehen. Doktor Bresser stellte ihr sein
Schlafzimmer zur Verfügung - er selber wollte bei seinem Sohne wachen. Auch
Sylvia bot er an, ihr in einem Nebenraum ein Bett aufschlagen zu lassen, sie
aber erklärte, dass sie sich von dem Lehnstuhl an Hugos Seite nicht rühren werde
- sie könne auch da ruhen. Marta nahm des Doktors Antrag an und zog sich
zurück.
    Zwei Stunden später. Hugos Atemzüge gingen regelmässig und ruhig. Bresser lag
angekleidet auf dem Diwan und war eingeschlummert, ebenso die Wärterin, die in
einem Lehnstuhl neben dem Ofen ruhte. Die einzige Wache im Zimmer war Sylvia,
die beim Kopfende des Krankenbettes sass und unverwandten Blickes auf den
Daliegenden schaute, obwohl die geliebten Züge kaum auszunehmen waren, denn die
Lampe am anderen Ende des Zimmers war noch mehr herabgedreht worden und nur ein
ganz schwacher Schein ging davon aus. Die Wanduhr tickte hörbar - vor kurzem
hatte sie ein Uhr geschlagen. Im Ofen knisterten die brennenden Scheiter. Von
der Strasse her, trotz der geschlossenen Läden, dringt von Zeit zu Zeit das
dumpfe Rollen eines vorüberfahrenden Wagens - Leute, die von lustigen Festen
heimfuhren, vermutlich, und die keine Ahnung hatten von dem Bangen hier oben -
ein Bangen, das sich vielleicht bald in wilden Schmerz verwandeln konnte. Der
Gedanke, dass der Geliebte sterben würde, drängte sich ihr immer wieder auf.
Manchmal quälte sie sich absichtlich damit, sich vorzustellen, dass er schon tot
sei - ein Faltenwurf der Decke auf seiner Brust warf einen Schatten, der bei
einiger Einbildung wie ein Kruzifix aussah ...
    So verging noch eine Stunde. Die Uhr holte schnarrend aus, um Zwei zu
schlagen. Zugleich regte sich der Kranke
    Sylvia sprang auf und neigte sich über ihn. Seine Augen waren offen. Es
durchfuhr sie der gleiche selige Hoffnungsstrahl wie bei Professor Lindens Wort:
»bei Bewusstsein«. Vielleicht jetzt ... vielleicht war er - er selber wieder da -
-
    »Hugo, Hugo, kennst Du mich?« rief sie leise, aber inbrünstig.
    Er war in der Tat zum Bewusstsein erwacht. In raschen Erinnerungsblitzen
spielte sich in seinem Geiste das Vorgefallene ab: das Duell, die Verwundung,
der Transport hierher, die Operation und dann ein leeres Nichts. Und jetzt: ihr
Gesicht lag im Schatten, aber die Stimme hatte er erkannt - jetzt, über ihn
gebeugt, das Weib seiner Liebe ...
    »Sylvia, Sylvia, Du! - So hab' ich Dich wieder?«
    »Und auf immer ... bist gerettet - bist genesen ... ein langes Leben liegt
vor Dir, vor uns ... Nichts soll uns trennen. - Wie ist Dir? ... Wie fühlst Du
Dich?«
    »Ich bin glücklich, Sylvia, o so glückl - -«
    Er erhob sich ein wenig, fiel aber mit einem durchdringenden
Schmerzensschrei wieder in die Kissen zurück.
    Da war auch schon Doktor Bresser an der Seite seines Sohnes und beugte sich
über ihn.
    »Er ist zu sich gekommen,« sagte Sylvia, »er hat mich erkannt. Nicht wahr,
Hugo - was ist Dir? ... Hugo, so sprich doch! ...«
    Der alte Mann wehrte ihr ab:
    »Still, er stirbt - -«
 
                                     XXXIII
                         Marta Tilling an Graf Kolnos.
                                                           Grumitz im Juni 1895.
Teuerer Freund.
    Innigsten Dank dafür, dass Sie mir Ihre baldige Rückkunft anzeigen und die
Adresse ihrer letzten Etappe geben. Da kann ich Ihnen wieder, wie schon einmal,
schreiben, was in der langen Zeit Ihrer Abwesenheit in meinen Kreisen
vorgefallen.
    Es war ein Drama, ein erschütterndes Drama. Sie werden ja alles hören, wenn
sie zurückkommen, aber vielleicht mit Übertreibungen und Entstellungen. So
sollen Sie zuerst die ganze Wahrheit von mir erfahren.
    Wenige Tage, nachdem Ihr - wie nennen Sie's doch? - Ihr »periodischer
Reiseraptus« Sie gepackt hatte, Ziel: das Innere Afrikas -, hat sich das Drama
abgespielt. Vielleicht ist doch durch die Zeitungen die Kunde davon zu Ihnen
gedrungen? Aber Sie lesen ja keine Zeitungen in Ihrem Erholungsexil - und so
wissen Sie wohl nichts vom Duell Bresser-Delnitzky. Ja, mein Schwiegersohn hat
den jungen Dichter tödlich verwundet: Bresser war - nein, nicht Sylvias
Geliebter - er war von Sylvia geliebt. So sehr geliebt, dass sie, unbekümmert um
das, was die Welt dazu sagen könnte, an sein Krankenlager eilte - ich mit ihr -
und dass sie bei ihm blieb - ich mit ihr - bis zu seinem letzten Seufzer.
    Was dann folgte, war herzzerreissend. Mein Gott, ich habe ja in meinem
schwergeprüften Leben viele Schauerszenen durchgemacht, die der unbarmherzige
Tragödiendichter Tod zu schaffen weiss: die Agonien in den böhmischen Lazaretten,
die Cholerawoche in Grumitz, die Hinrichtung meines Liebsten ... zuletzt die
Verluste, die meinen Rudolf betroffen - aber ich dachte nicht, dass ich noch
einmal einer Sterbestunde beiwohnen sollte, die mir eine ganz neue Art des
Schmerzes offenbaren würde. Es ist ja nun vorüber, Gott sei Dank - also kann
ich's sagen. In der Stunde, die ihr den Geliebten ihres Herzens entriss, ist
meine arme Sylvia in so wahnsinnige Verzweiflung verfallen - dass die anderen es
kurzweg Wahnsinn nannten; sie musste in eine Nervenheilanstalt gebracht werden,
wo man sie durch sechs Monate unter strengster Bewachung hielt, denn sie
versuchte es mehr als einmal, zum Fenster hinauszuspringen, oder den Kopf an die
Mauer zu schlagen. Nicht als bewussten Selbstmordversuch, sondern in Anfällen von
Fieberdelirium. Nach und nach wich die Umnachtung ihres Geistes und die
Schmerzparoxismen machten einer sanfteren Schwermut Platz; stundenlang weinte
sie an meiner Brust - ich besuchte sie natürlich täglich. Nach weiteren zwei
Monaten konnte die Anstalt sie als geheilt entlassen und seiter lebt sie bei
mir. Immer noch tief melancholisch. - Aber, sie ist ja noch jung, ich rechne auf
die Heilkraft der Zeit; vielleicht bietet ihr das Schicksal doch noch Trost ...
    Die Scheidung ihrer Ehe ist vollzogen. Leider in einer Weise, als hätte nur
sie alle Schuld. Anton hat vor kurzem seine Sängerin zur Gräfin Delnitzky
gemacht. Diese hat das Teater verlassen und die beiden leben in dem Landhaus,
das Anton ihr schon vor Jahren geschenkt.
    Und Rudolf? Diese Frage hätten Sie jetzt sicher an mich gestellt, wenn ich
Ihnen alles obige mündlich erzählt hätte; denn Sie wissen ja, dass in meinen
Gedanken und Sorgen stets meine beiden Kinder den gleichen Platz einnehmen. Sie
lesen überhaupt in meiner Seele, Kolnos, und haben mich immer so gut verstanden,
- selbst damals, als Sie einem kurzen Irrtum sich hingegeben hatten - haben Sie
schnell begriffen, warum es nicht sein konnte ... doch davon reden wir
eigentlich niemals. Verzeihen Sie, dass ich da an einer Erinnerung rührte, die
ihnen vielleicht peinlich ist ... mir gehört sie eben zu den lieben Erinnerungen
...
    Also Rudolf? Er war am Vorabend jenes Duells von Wien abgereist und erfuhr
davon erst nach einigen Tagen durch die Blätter. Vom Zustande Sylvias wusste er
nichts. Ich wollte ihn nicht benachrichtigen, weil ich wusste, das er
eingegangene Verpflichtungen erfüllen musste und ich wollte ihm diese Aufgabe
nicht erschweren. Aber von anderer Seite erhielt er Mitteilung: da löste er
seine Engagements und eilte zu mir. Der Mutter und der Schwester in Unglück und
Bedrängnis beizustehen: das erkannte er als seine nächste Pflicht. - Und
wahrlich, seine Nähe hat mir wohlgetan.
    Noch ein anderes liebes Wesen hat sich um mich bemüht - so viel Trost und
Aufrichtung als möglich zu bringen getrachtet: Cajetane Ranegg. So oft ich
allein war, kam sie zu mir; nur wenn Rudolf mir Gesellschaft leistete, ging sie
fort. Sogar in auffallender Weise; sie mied ihn, so gut sie konnte. Dass sie ihn
lieb hat, weiss ich schon lange ... ich habe es Ihnen ja auch gesagt, und meinen
Wunsch dazu, dass er sie heimführe, aber er will von Wiederverheiratung nichts
hören.
    Als Sylvia vollständig genesen war, übersiedelten wir nach meinem alten
Grumitz, dem ich für Brunnhof untreu geworden war. Ach, wie ist der Ort so
bevölkert von den Gespenstern meiner Jugend ... Rudolf brachte mich hierher und
reiste dann wieder ab - er musste das Versäumte nachholen. Was er tut und denkt
und plant - das erzähle ich Ihnen mündlich. Ich bin ja noch immer mit ganzer
Seele bei den grossen Aufgaben, die mein Gatte hinterlassen und mein Sohn
übernommen hat. So sehr der eigene Kummer - um meine unglückliche Sylvia - mich
auch bedrückt, so sehr ich selber leidend war, alle diese Sachen haben mein Herz
stark hergenommen (Herz nicht im bildlichen Sinne, sondern als Organ), und meine
Gesundheit ist arg erschüttert - so habe ich doch nie aufgehört, für jene Ideale
- die meine Religion sind - zu sinnen und zu sorgen. Im Unglück flüchtet ja
jeder zu seiner Religion.
    Was soll ich Ihnen noch erzählen? Max und Elisabet Dotzky, die
seelenvergnügt auf Brunnhof residieren (ob Rudolf da nicht übereilt gehandelt
hat? ... er wollte Ketten abstreifen, und doch: wie viele schleppt er noch
hinter sich!) also diese beiden glücklichen Leutchen haben - pour comble - auch
noch einen Tronerben bekommen - - Armes, kleines Fritzi ... es war ein gar so
lieber Bub'! Auch etwas, was ich nie recht verschmerzen kann. In der »Kunst,
Grossmutter zu sein«, war ich eine so frohe Künstlerin ...
    Von Lori Griesbach höre ich schon lange nichts. Sie soll eine grosse
Betschwester geworden sein: tägliche Frühmesse, Paramentensticken, Sammlung für
Kirchenbaufonds, Protektion katolischer Vereine, Unterstützung der Missionen,
Verkehr mit dem hohen Klerus u.s.w. Den Tod ihrer Tochter und ihres Enkels
betrachtet sie - so sagte sie neulich einem gemeinsamen Freunde - als ein
göttliches Strafgericht für die Familie Dotzky, weil die Dotzkys nicht von
echter Gläubigkeit durchdrungen sind. Nun ja - es war ein harter Schlag für die
Arme. Möge auch sie in ihrer Religion Trost und Stütze finden ... Vorausgesetzt,
dass dieses fromme Gehaben nicht nur das Mitmachen einer eleganten Mode ist; denn
es wird ja in unseren Kreisen täglich mehr und mehr als bon ton betrachtet, sich
recht kirchlich zu zeigen - nach dem von oben gegebenen Beispiel.
    Hier in Grumitz leben wir drei Frauen äusserst still und freuen uns nur der
sommerlichen Natur - »es ist die Zeit der Rosenpracht«. Wir drei, sagte ich.
Cajetane Ranegg ist nämlich mein Gast. Ich bin ihr unendlich dankbar dafür, denn
ihre Gesellschaft ist für meine traurige Sylvia eine Wohltat, ein wahrer Segen.
Cajetane ist jung - und obwohl sie auch einen Herzenskummer hat - heiterer,
sonniger Gemütsart. Das ist ein Umgang, der für meine Rekonvaleszentin doch viel
erspriesslicher ist, als der einer selber leidenden und wahrlich recht gedrückten
alten Frau.
    Nicht, dass ich mich gar so alt fühlte ... Aber in den Augen junger Leute ...
Es muss ein Naturgesetz sein, dass der Jugend wieder nur Jugend als vollgültig
erscheint. -
    Ob meine Freundin Ranegg damit einverstanden ist, dass ihre Tochter hierher
kam und sich der meinen so sehr angeschlossen hat, weiss ich nicht. Die
Scheidung, die Duellaffäre, die auf Bressers Tod folgende »Nervenkrankheit«:
alles das sind Dinge, die einer so korrekten Frau wie Gräfin Ranegg gewiss
Skrupel einflössen; dagegen ist diese Frau doch auch wieder viel zu weiterzig,
um etwa ihrer Tochter verbieten zu wollen, uns beide mit ihrer lieben Nähe zu
trösten. Auch mir ist Cajetane eine wahre Aufrichtung. Ich liebe sie einfach.
Und sie mich - das fühl' ich genau. Wenn ich auch weiss, dass ich ihr nur per
procura teuer bin, das tut nichts. Im Gegenteil: ich bin ihr dankbar für das,
was sie für meinen Sohn empfindet. Ich kann mit ihr über seine Pläne sprechen -
sie folgt mit liebevollstem Verständnis. Von ihm erscheint ihr alles erhaben und
schön. Vielleicht würde sie, wenn er das Gegenteil von dem verträte, was er
vertritt, dies ebenso bewundern - ich weiss es nicht; aber es tut mir wohl, zu
wissen, dass für meinen einsamen Rudolf ein so liebendes Herz schlägt ... Wer
weiss, wenn ihn einst die Einsamkeit, die Heimlosigkeit drückt, so wird er - -
Lachen Sie mich nicht aus, Kolnos, dass ich mich so als Heiratsstifterin entpuppe
... man kann nicht ungestraft so glücklich in der Ehe gewesen sein, wie ich es
war - genug, dieser Brief ist ungebührlich lang geworden. Auf Wiedersehen - ich
rechne auf Ihren Besuch.
 
                                     XXXIV
Rudolf hatte sich von den Erschütterungen wieder erholt, die er durch den
unliebsamen Wirtshausabend und wenige Tage darauf durch die unglücklichen
Ereignisse im Hause Delnitzky erlitten hatte. Nun war seine Schwester wieder auf
dem Wege der Genesung, und manche erhebende Eindrücke und Erfahrungen auf
sozialem Gebiet hatten die deprimierenden Eindrücke jener Wiener Vorstadtepisode
wett gemacht. Dass in einer Kampf- und Übergangsepoche, wie die, in der er lebte,
zwei Weltanschauungen - mehr noch, zwei Weltordnungen miteinander ringen, an
manchen Orten und durch einige Zeit die rückständige Sache Siege feiert, das
darf einen, der auf der andern Seite kämpft, nicht entmutigen; das darf ihn vor
allem den Blick nicht trüben für die Siegesanzeichen im eigenen Lager. Es kommt
nur darauf an, wohin man den aufmerksamen Blick wendet. Und in letzter Zeit
hatte Rudolf Gelegenheit gesucht und gefunden, die lichtvollen Phasen der
sozialen Entwicklung zu beobachten und sich mit den Dingen und Personen zu
beschäftigen, die dem Eintritt einer neuen Ära vorarbeiten.
    Was auf der anderen Seite noch so stark vorherrscht: das Elend in den
unteren Schichten - Unwissenheit und Lasterhaftigkeit - verteilt in allen
Schichten, - - die aufgestachelten Verfolgungsgelüste der Nationen und Rassen,
die Verherrlichung des Gewaltprinzips in den machtabenden Sphären - das alles
übersah er nicht. Doch er fühlte darüber hinweg den Hauch des neuen Geistes. Des
Geistes, der berufen war, diese Dinge zu überwinden. Sie gelten ja nicht mehr
allgemein als unabänderliche Tatsachen, mit denen man sich abfinden muss, sondern
als zu lösende Probleme und allentalben waren Kräfte an der Arbeit, die
Lösungen herbeizuführen. Bewusste Kräfte neben den unbewussten.
    Der alte Jammer war noch lange nicht gebannt, aber die Kulturmenschheit hat
ihm sozusagen gekündigt, ihm das Dienstverhältnis aufgesagt.
    Was Rudolf am meisten anspornte und in gehobene Stimmung versetzte, war der
persönliche Verkehr mit Gesinnungsgenossen. Darin fand er den positiven Trost,
dass eine ganze Phalanx von Geistern demselben Ziele zusteuert, das er winken
sah; er war also kein vereinzelter Träumer, kein allzuverfrühter Herold. Schon
lange hatte er mit den Führern der verschiedenen fortschreitenden Ideen in
brieflichem Verkehr gestanden; jetzt hatte er sie selber aufgesucht, um im
lebendigem Gedanken- und Gefühlsaustausch mit ihnen die eigene Zuversicht zu
stärken. Er war nach Berlin gefahren, um sich Moritz von Egidy vorzustellen, und
hatte sich dort nicht nur an den öffentlichen - - von einer Zuhörerschaft von
Tausenden bejubelten Vorträgen, sondern auch an dem intimen Umgang des
herrlichen Menschen erlabt.
    Er eilte dann nach England. Das war nicht nur eine Wallfahrt zu Herbert
Spencer, dessen Werke die Grundlagen zu seinem eigenen Denken gebildet, sondern
dieses freieste Land Europas, mit seiner Immunität gegen den festländischen
Militarismus, erschien ihm als der eigentliche Hort des Friedensgedankens, wie
es ja tatsächlich, neben den Vereinigten Staaten Nordamerikas, die Wiege des
Friedensgedankens ist. Wenn auch dort wie überall eine Jingopartei existierte
und die grossen Massen noch nicht von der Idee eines gesicherten Weltfriedens
durchdrungen waren, so bot England damals die sonst nirgends existierende
Tatsache, dass die Regierung - in der Person ihres zum viertenmal als solchen
fungierenden Premier - das Prinzip des Völkerschiedsgerichts vertrat. Dass wenige
Jahre später gerade in diesem Lande der Kriegsgeist am heftigsten aufflackern,
die Gladstones Prinzipien gründlich abgeschworen würden - das sah Rudolf
freilich nicht voraus.
    Auch zu dem »grand old man« wallfahrtete er. Als er ihn besuchte, war ein
Freund des Meisters in dessen Arbeitszimmer anwesend: Unterhausmitglied Philip
Stanhope - jüngerer Bruder Lord Chersterfields - auch ein Friedenskämpfer und
Mitglied der Interparlamentarischen Union. Das Gespräch fiel auf die nächste
Konferenz dieser Union, die in diesem Jahre - 1894 - im Saale der ersten Kammer
der holländischen Generalstaaten zusammen treten sollte.
    »Ich habe meinem Freund Stanhope eine Mission für diese Konferenz gegeben,«
sagte Gladstone. »Schon im Vorjahre,« fügte er hinzu, »habe ich im Parlament es
ausgesprochen - anlässlich des Antrages Cremers und Sir John Lubbocks einen
ständigen Schiedsgerichtsvertrag mit den Vereinigten Staaten abzuschliessen. Ich
habe den Antrag unterstützt; habe aber hinzugesetzt, dass so wertvoll die
abgegebenen Erklärungen zu gunsten der Arbitrage und gegen die übertriebenen
Rüstungen auch seien, es noch ein anderes Mittel gibt, vorzugehen, auf welches
ich einen besonderen Wert lege, das ist: die Gründung eines Tribunals zu
provozieren - eines Zentral-Tribunals Europas, eines hohen Rats der Mächte. Mein
Freund Stanhope wird diese Idee vor der Konferenz weiter ausführen.«
    Im folgenden September wohnte Rudolf im Haag dieser Konferenz bei, nicht als
Teilnehmer, sondern als Zuhörer.
    Zu Punkt drei der Tagesordnung: »Vorbereitung eines Organisationsplanes
eines internationalen Schiedsgerichtstribunals« führte der Referent, Mr.
Stanhope, Gladstones Worte über das »europäische Zentral-Tribunal«, über den
»hohen Rat der Mächte« an und fuhr fort:
    »Unsere Aufgabe ist es nun, diese Forderung mutig vor die Regierungen zu
    bringen. Alles, was bis jetzt an sogenanntem Völkerrechte besteht, ist ohne
    eigentliche Grundlage gewesen, auf Zufälle, auf Präzedenzfälle, auf
    Entscheidungen von Fürsten aufgebaut. Daher ist das Völkerrecht diejenige
    Wissenschaft, welche die wenigsten Fortschritte gemacht - eine
    widerspruchsvolle Anhäufung von vaguen Paperassen. Zwei grosse
    Notwendigkeiten liegen vor den zivilisierten Völkern: Ein internationales
    Tribunal und ein Kodex, der dem modernen Geist entspricht und sich elastisch
    den neuen Fortschritten fügen könnte. Damit wäre der Triumph der Kultur
    erreicht und die verbrecherische Zuflucht zum Massentotschlag abgeschnitten.
    Wie die Dinge heute stehen, werden in jedem Parlament neue Militärkredite
    gefordert und wir werden von der Presse zur Bewilligung gepeitscht. Anders
    wäre es, wenn wir antworten könnten: Die Gefahren, gegen die die verlangten
    Rüstungen uns schützen sollen, würden durch das von uns verlangte Tribunal
    beseitigt. Darum soll ein Projekt ausgearbeitet werden, das wir den
    Regierungen vorlegen könnten.«
Mit grosser Genugtuung hörte Rudolf diesen Worten zu. So war denn die Bewegung
vom Gebiet der Teorie in die Wege der Praxis geleitet. Gespannt folgte er der
an Stanhopes Antrag sich knüpfenden Diskussion. Vorerst der allen grossen
Initiativen gegenüber - wie es scheint - unvermeidliche Hemmversuch: »Es sei für
die Mitglieder der Konferenz nötig,« sagte ein Opponent, »nur greifbare,
ausführbare Anträge zum Beschluss zu erheben, welche in den verschiedenen
Parlamenten mit einiger Wahrscheinlichkeit der Annahme vorgelegt werden könnten;
nun würde aber Herr von Caprivi sicher nie den Vorschlag eines internationalen
Tribunales in Erwägung ziehen, - auch müsse man vermeiden, durch derlei Pläne
den Fluch der Lächerlichkeit auf sich zu ziehen; die Gegner seien nur allzusehr
geneigt, die Konferenzbesucher als Träumer zu verspotten.«
    »Ach,« bemerkte Rudolf halblaut zu seinem Galerienachbar: »Die Rücksicht auf
das Lachen der Toren würde alles Vorschreiten der Weisheit hindern.«
    Dem Opponenten wird aber entgegen getreten. Houseau de Lehaie spricht für
die Vorlage und sagt, dass angesichts so grosser Gesinnungen wie die soeben hier
entwickelten, angesichts der Begründung einer Sache durch Männer wie Stanhope
und Gladstone das Wort »lächerrlich« überhaupt nicht mehr ausgesprochen werden
darf. - Lauter Beifall. - Noch ein zweiter erhebt sich für den Vorschlag: der
ehrwürdige Frederic Passy. »Gegen ein anderes vorhin angewendetes Wort will ich
protestieren,« sagte er - »das Wort nie. Es ist noch gar kein grosser
Fortschritt, gar nichts neues überhaupt zur Geltung gekommen, von dem nicht
anfänglich behauptet worden wäre, es könne nie geschehen. Dass z.B.
Parlamentarier aus allen Ländern zusammentreten, um über Weltfrieden zu
verhandeln, dass sie dies im Sitzungssaale der ersten Kammer eines monarchischen
Staates tun werden ... wie viele hätten auf die Frage, wann solches sich
zutragen könne, nicht geantwortet: Nie!«
    Den Verlauf dieser Verhandlung hatte Rudolf stenographiert und seiner Mutter
geschickt. Er schrieb dazu:
    »Hier hast Du etwas für Dein Protokoll. Hätte Tilling das erlebt! Der Plan
wird ausgearbeitet und an alle Regierungen verschickt werden. Nach und nach
inkarniert sich doch das Wort. Diesmal stammt es ja von einem Regierungsleiter.
Ein Beweis, dass auch schon in den Regionen, wo man kann, der Wille erwacht, der
bisher nur in den Regionen, wo man wünscht, ein dunkles, verlachtes Dasein
führte. - Freilich gerade jetzt tobt im fernen Osten wieder ein grausamer Krieg
(hast Du die haarsträubenden Chroniken aus Port Artur gelesen?) - würde Europa
da doch Einhalt gebieten! ... Aber war es nicht Europa, das den Chinesen und den
Japanern das Kriegshandwerk gelehrt und sie mit den modernsten Waffen
ausgerüstet hat! Das alte System treibt eben überall noch seine Früchte. Doch
das neue bereitet sich unablässig vor - für die Massen unsichtbar, für uns
Kundige sichtbar vor.«
    Die geplante Vortragsreise, die durch das Unglück seiner Schwester, die ihn
nach Wien zurückberufen hatte, unterblieben war, hatte Rudolf später dennoch
ausgeführt. Ob er dadurch viele Adepten gemacht, war ihm zweifelhaft, dass er
sich aber in seinen Ansichten gefestigt und seinen Gedankenhorizont erweitert
hatte, dessen war er sich deutlich bewusst.
    Neben der lebendigen Anregung, die er in der persönlichen Berührung mit den
führenden Geistern unter den Zeitgenossen fand, vertiefte er sich auch in deren
Schriften und verfolgte überhaupt alles, was von neuen wissenschaftlichen und
dichterischen Erscheinungen die Welt bewegte. Dennoch: bei all diesem
leidenschaftlichen Interesse an dem Gang der Welt, bei dem Eifer, mit dem er
selber suchte, zur allgemeinen Kulturarbeit sein Scherflein beizutragen, erfasste
ihn manchmal ein Gefühl von Einsamkeit und Lebensleere. Das waren Anfälle, die
zuerst nur selten sich einstellten und schnell verflogen, dann aber in immer
kürzeren Zwischenräumen wiederkehrten und immer länger anhielten. Es war, wenn
es kam, eine dumpfe, beengte, schwermütige Stimmung - etwas aussichts- und
hoffnungsloses - ganz und gar heimatloses. - Der Anspruch an persönliches Glück,
der sich in jedem Geschöpfe regt (auch beim entsagungsvollsten Asketen, der ja
die ewige Seligkeit erstrebt), der machte sich fühlbar durch unbestimmtes
Sehnen, durch quälende Selbstvorwürfe. Als ob ein zweites Ich in ihm wäre, das
dem andern bitter zurief: Wag gibst Du alles für die undankbare Mitwelt hin -
wie sorgst Du für die ungeborenen Geschlechter, und wie vergissest Du dabei mich
und meine Rechte ... bin ich denn der Garniemand?
    Am besten wurde Rudolf den inneren Nörgler los, wenn er sich unter
Mitstrebende mengte. Und so folgte er gern der Einladung, der
interparlamentarischen Konferenz beizuwohnen, welche im August 1895 in Brüssel
tagte, und wo das Projekt, das in der vorherigen Konferenz angeregt worden,
fertig vorgelegt werden sollte.
    Zum ersten Male war in dieser Körperschaft das Königreich Ungarn vertreten
und zwar, in glänzendster Weise, durch seinen berühmtesten Schriftsteller:
Maurus Jokai und seinen grössten politischen Redner: Graf Albert Apponyi.
    Der Entwurf zur Einsetzung und Organisation eines ständigen internationalen
Schiedsgerichtshofes - - aufgesetzt vom belgischen Senator Chevalier Descamps -
fand die Genehmigung der Konferenz und dessen Versendung an alle Regierungen
ward beschlossen.
    Eben wollte Rudolf dieses Ergebnis, das ihm sehr verheissungsvoll schien,
seiner Mutter schreiben, als er ein Telegramm aus Grumitz erhielt, des Inhalts:
    »Komme sofort. Mutter sehr krank. Sylvia.«
Mit dem nächsten Zuge fuhr er heimwärts. Die Depesche hatte ihm einen
schmerzlichen Schlag versetzt; er argwöhnte, dass das Wort »sehr krank« nur eine
schonende Vorbereitung auf das schon eingetroffene Schlimmste war.
    Wie sehr er an seiner Mutter hing, das empfand er jetzt, da er sie verloren
wähnte, mit doppelter Klarheit. Einsam hatte er sich oft gefühlt, in letzter
Zeit? ... Nun begriff er erst, dass die wahre Vereinsamung erst dann sein Los
sein würde, wenn diese Vertraute, mehr noch, diese Eingeberin seines Strebens
ihm entrissen wäre.
    Wenn er sie nur noch am Leben fände? ... Wenn er ihr doch noch einmal sagen
könnte, wie teuer sie ihm war, und ihr zuschwören, dass er weiter arbeiten wolle
an Tillings Mission ...
    Es war eine traurige, bange Reise. Manchmal klammerte er sich an den
Gedanken, dass sie ja wieder gesund werden und noch lange leben könne; dann aber
sah er sie wieder im Sarge liegen, in die Gruft versenkt - -
Als er in die Endstation einfuhr, von wo noch eine halbstündige Wagenfahrt nach
Grumitz lag, war seine Bangigkeit aufs höchste gesteigert, denn hier musste er
schon erfahren, ob die Schlossherrin noch lebte oder nicht.
    Er sprang aus dem Waggon - da stand schon ein Grumitzer Diener.
    »Wie geht es?« fragte er atemlos.
    »Besser, gräfliche Gnaden, besser ... Vorgestern war's der Frau Baronin
recht schlecht - aber jetzt, sagt der Doktor, ist's wieder viel besser - bitt',
der Wagen ist da.«
    Erleichterten Herzens und voll erneuter Hoffnung, dass dieser Besserung volle
Genesung folgen werde, schwang sich Rudolf auf das bereitstehende
Kutschierwägelchen und nahm selber die Zügel zur Hand.
    Es war ein prächtiger Sommermittag, warm, sonnig und duftig. Der Weg führte
an weiten Feldern vorbei, durch einen hochstämmigen Wald, und hinter diesem kam
das Schloss in Sicht, zu dem eine lange Kastanienallee führte.
    In der Allee kamen zwei Frauengestalten dem Wagen entgegen. Rudolf hielt an,
warf die Zügel dem Diener zu und sprang vom Bock - schon von weitem hatte er die
beiden erkannt: Sylvia und Cajetane.
    Dass letztere in Grumitz sei, hatte er nicht gewusst, und er empfand es als
eine angenehme Überraschung, sie zu sehen.
    Sylvia fiel dem Bruder um den Hals:
    »Gott sei Dank, Rudi - es geht viel, viel besser ... sie ist wieder auf.
Aber vorgestern, als ich telegraphierte, glaubten wir, es sei das Ende - nicht
wahr, Cajetane?«
    Das junge Mädchen nickte bejahend und reichte nun Rudolf die Hand. Es war
eine kühle und bebende Hand.
    »Ja,« sagte sie, »es war eine fürchterliche Stunde.«
    Sie gingen nun eilend zum Schloss. dabei liess Rudolf sich erzählen, was
vorgefallen. Es war ein Herzkrampf gewesen; schon der dritte oder vierte seit
ein paar Monaten, doch während die früheren ganz leichter Art gewesen, hatte
dieser letzte die bedrohliche Form eines Erstickungsanfalles gezeigt.
    »Aber was sagt der Doktor?«
    »Dass man mit einem Herzübel - bei richtiger Schonung und Behandlung -
achtzig Jahre alt werden kann. Das sagte nämlich der Arzt, den wir aus Wien
riefen; der hiesige, der den Anfall gesehen, war sehr erschrocken, und auf seine
Weisung hin habe ich Dir telegraphiert.«
    Sylvia, während sie sprach, hatte sich in Rudolf eingehängt. Jetzt erst
bemerkte er, wie elend die junge Frau aussah, blass und abgemagert, und welch
rührender Schmerzenszug auf ihrem - dabei doch immer - schönen Gesichte lag.
    »Bist Du auch krank, Sylvia?« fragte er teilnahmsvoll.
    »Nein, nur unglücklich.«
    »Kannst Du Dich nicht trösten?«
    »Nie.«
    Rudolf schwieg. Er wollte den banalen Trost nicht vorbringen, dass die Zeit
solche Wunden heilt. Wer einen teuren Gram nährt, empfindet solche Trostversuche
beinah als Beleidigung, das wusste er, da gab es nichts anderes, als in der Tat
die Zeit wirken zu lassen - die grosse Zerstörerin, die ja alles verlöscht - zum
Glück auch das Unglücklichsein.
    »Weisst Du,« sagte Sylvia nach einer Weile, »wer es am besten versteht - ich
will nicht sagen, mich zu trösten, aber mein Leid zu teilen, zu verklaren, oder
gar auf Augenblicke vergessen zu machen? Hier, unsere liebe Caji -«
    Sie waren vor dem Schlosstor angelangt.
    »Komm, jetzt führe ich Dich zu unserer Mutter - sie erwartet Dich.«
 
                                      XXXV
Marta Tilling hatte ihr Ruhebett zur offenen Balkontür schieben lassen, und
hier lag sie, mit Kissen unter dem Kopf und einer Decke über dem Schoss. Von
ihrem letzten Anfalle war ihr eine grosse Mattigkeit geblieben, und trotz der
Sonnenwärme fröstelte es sie.
    Rudolf trat herein und eilte auf das Lager zu:
    »Mutter! Liebste!«
    Er hatte sich neben sie gekniet und sie drückte seinen Kopf an ihre Brust.
    »Mein Rudolf ... wie freu' ich mich, dass Du da bist ... und dass ich - nicht
fort bin.«
    »Du wirst bald wieder ganz gesund sein.«
    »Möglich ... Wollen's hoffen ... obgleich - - nein, fürchterlich wäre es mir
gewesen, wenn ich so plötzlich, ohne Dich noch einmal zu sehen ... das war mir
das Schmerzlichste bei meinem Anfall - wie ich glaubte, dass es schon aus sei und
Du so weit weg ...«
    »Jetzt bleibe ich bei Dir, bis zu Deiner vollen Genesung -«
    »Oder bis zu meinem - nein, denken wir nicht daran ... ich bin so froh, dass
Du gekommen bist. Wir werden uns ja so viel zu erzählen haben.«
    Als Rudolf einige Stunden später sich in seinem Zimmer umgezogen hatte und
in das Speisezimmer zum Diner hinabging, fand er da ausser Sylvia und Cajetane
den Grafen Kolnos, der seit einigen Wochen Martas Gast in Grumitz war. Der
junge Mann empfand eine aufrichtige Freude, den älteren Freund hier zu treffen;
auch wusste er, wie seine Mutter Kolnos schätzte und dass es ihr lieb sein werde,
während ihrer Rekonvaleszenz dessen Gesellschaft zu geniessen. Er war fest
überzeugt, dass sie bald wieder hergestellt sein würde. Die Angst, sie nicht mehr
zu finden, war so schmerzlich gewesen, dass die darauf folgende Freude eine umso
intensivere war und nun keine neue Angst mehr aufkommen liess; - die Nähe des
schönen Mädchens - der Schreiberin der anonymen Briefe, das wusste er längst -
trug auch dazu bei, seine Stimmung zu heben; und in wirklich froher Laune nahm
er an der kleinen Tafelrunde Platz. Vergessen und verscheucht alle seine eigenen
Kampfsorgen - nur ein eigentümliches Gefühl von Herzensbehaglichkeit.
    Dieses Grumitzer Speisezimmer, wie weckte das auch so freundliche
Kindheitserinnerungen in ihm! Es war noch alles so wie vor dreissig Jahren:
dieselben Bilder Frucht und Wildstücke - an den Wänden; dieselbe grosse
silberzeuggeschmückte Kredenz aus geschnitztem Eichenholz - diese unheimlichen
Vögel Greif mit den herabhängenden Flügeln und wie zum Schnappen offenen
Schnäbeln, die hatten ihm stets einen ganz besonderen Eindruck gemacht - und wie
einem manchmal eine schwache Erinnerung an einen Duft, an einen Geschmack
durchzuckt, so durchzuckte ihn jetzt eine Mahnung an jene damals so starke
Vogel-Greif-Sensation; und andere Bilder daneben; wenn der kleine Junge zum
Dessert hereingeführt wurde, da nahm ihn Grosspapa Altaus auf den Schoss und gab
ihm eine Frucht oder ein Bonbon; er sah noch den struppigen weissen Schnurrbart,
den lose aufgeknöpften blauen Generalsrock ...
    Alle diese Vergangenheits-Erinnerungen erhöhten die Behaglichkeit seiner
Stimmung und in heiterem Tone begann er mit den anderen zu plaudern. Aber er
fand keinen Widerhall. Auf ihren Gesichtern lag ein düsterer Schatten. Sie
antworteten ihm einsilbig und in gedämpftem Ton. Von Sylvia wunderte ihn dieses
Gebaren nicht - sie trug ja schwer an ihrer Trauer, aber was bedrückte Kolnos
und Cajetane? Sollte die Gefahr doch nicht behoben sein - wussten sie etwa von
einer hoffnungslosen Prognose des Arztes?
    »Warum seid Ihr so traurig?« fragte er. »Der Zustand unserer Kranken ist
doch nicht mehr furchterregend?«
    Kolnos seufzte: »Die unmittelbare Gefahr scheint gehoben,« antwortete er,
»aber -«
    »Aber was?«
    »Es war ein fürchterlicher Moment vorgestern - und das kann sich wiederholen
- -«
    Jetzt war Rudolfs momentane frohe Laune wieder verflogen. Er war sich
neuerdings bewusst, dass diesem Hause der Engel des Todes schon gar nahe gewesen;
hatte er doch vor wenigen Stunden selber gefürchtet, ihn hier zu finden ...
    Und mit diesem Stimmungswechsel tauchten jetzt auch andere Erinnerungsbilder
aus seiner Grumitzer Kinderzeit in ihm auf ... nichts mehr von Spielen und
Festen, sondern jene Sterbewoche des Kriegsjahres 1866, aus der sich eine Kette
von Angst- und Schreckensszenen in sein Gedächtnis gegraben hatte ...
    Der Rest des Mahles verlief ziemlich schweigsam. Gleich nach dem Essen
entfernte sich Sylvia, um bei der Mutter nachzusehen.
    »Bring' uns Nachricht,« sagte ihr Rudolf, »und frage sie, ob jemand von uns
ihr heute noch Gesellschaft leisten soll.«
    Nach einer Weile kam eine Kammerjungfer und richtete aus:
    »Frau Gräfin Sylvia lässt sagen, dass es der Frau Baronin viel besser ist, dass
sie aber schon zu Bett gegangen und schlafen will - heute also niemand mehr
sehen will. Frau Gräfin Sylvia bleibt bei ihr.«
    Das Mädchen wandte sich zum Gehen. Cajetane rief ihr nach:
    »Sagen Sie der Gräfin Sylvia, dass ich sie in der Nachtwache ablösen werde.«
    »Sehr wohl, Komtess. Ich hab' so schon, wie gestern und vorgestern, im
Nebenzimmer für Komtess ein Bett aufgeschlagen.«
    »Wie gut Sie mit meiner Mutter sind, Cajetane -«
    »Weil ich sie liebe.«
    Nach diesen Worten wurde das junge Mädchen feuerrot; es fiel ihm ein, dass
man beim gesprochenen Wort nicht unterscheiden kann, ob das »sie« mit kleinem
oder grossem Anfangsbuchstaben gedacht sei, und rasch verbesserte es sich: »Weil
ich die Baronin Tilling liebe.«
    Eine Welle von Zärtlichkeit erwärmte Rudolfs Herz. Er richtete einen
dankbaren Blick auf sie und drückte ihr stumm die Hand.
    Sie entfernte sich bald und die beiden Männer blieben allein. »Ein liebes
Geschöpf,« sagte Kolnos, nachdem sich die Tür hinter Cajetane geschlossen. »Ich
weiss, welcher Trost ihre Anwesenheit hier im Hause ist ... Und sie beweist
Charakterstärke, indem sie hier bleibt. Täglich erhält sie Briefe von zu Hause,
wohin man sie zurückruft: die Ihren sind gar nicht damit einverstanden, dass sie
so lange fortbleibt, und so manches andere ... Aber sie lässt sich nicht irre
machen. Komm, ich schlage vor, dass wir unsere Zigarren draussen rauchen; es ist
ja ein gar so wundervoller Abend.«
    Die Fenstertüren des Speisesaals führten auf eine Terrasse, vor welcher das
Blumenparterre des Parkes lag. Kolnos und Rudolf traten hinaus und liessen sich
da in zwei Schaukelstühle nieder. Die Luft war warm; am mondlosen Himmel
wimmelte es von funkelnden Sternen. Ein Duft von Violen und Heliotrop strich
von den Beeten herauf. Allerlei Nachtgeflüster war vernehmbar: raschelndes Laub,
das Tropfen einer Fontäne, ein ferner Unkenchor und nahes Grillenzirpen;
manchmal das Anschlagen eines Hundes vom Dorfe her und aus dem Schloss, dessen
Fenster meist offen standen, hin und wieder die gedämpften Töne verrichteter
Hausarbeit: das Schliessen von Türen, Stimmen, Schritte.
    Aus den Fenstern des oberen Stockes, da, wo Martas Zimmer lagen, drang ein
Schein durch die Jalousien. Kolnos schaute hinauf:
    »Es ist noch Licht bei ihr,« sagte er. Dann nach einer Weile: »Hier auf der
Terrasse sassen wir - sie und ich - vor einigen Tagen noch beisammen, und ich
musste ihr von meiner letzten Reise erzählen. Es war vielleicht meine letzte ...
ich bin schon zu alt, um mich in fremden Zonen herumzutreiben.«
    »Wo bist Du diesmal gewesen?«
    »Ach, lassen wir das ... Mich drängt es, Dir etwas anderes zu erzählen -
etwas, was weiter zurückliegt und was mir in diesen letzten Tagen, am Lager
Deiner Mutter, das ich für ein Sterbelager hielt, wieder vor die Seele getreten
ist, so deutlich und lebendig - so -«
    »Was war es?« fragte Rudolf, da Kolnos bewegt inne hielt.
    »Die Erinnerung an meine letzte tiefe Leidenschaft. Du sollst es wissen,
Rudolf - ich habe Marta Tilling aus ganzer Seele geliebt.«
    »Du? ... Meine Mutter?« rief der junge Mann erschüttert. »Und sie?«
    »Sie? Ach, Du kennst sie ja: sie hat dem Toten die Treue gewahrt. Ich werde
Dir einmal den Brief lesen lassen, worin sie das Angebot meiner Hand
zurückgewiesen hat.«
    »Wann war denn das? Dass ich niemals eine Ahnung hatte ...«
    »In der Mitte der siebziger Jahre - sie war damals fünfunddreissig Jahre alt
- in der Vollentfaltung ihrer Schönheit. Wir hatten eine Zeitlang korrespondiert
anlässlich einer Gedichtsammlung, die ich veröffentlicht hatte und worin sie
einige Strophen gegen den Krieg gefunden. Dann besuchte ich sie ... die
Innigkeit des Kultus, den sie dem verlorenen, auf so tragische Weise verlorenen
Gatten weihte, hielt mich davor zurück, meiner erwachenden Leidenschaft Ausdruck
zu geben. Aber wir verstanden uns in vielen Dingen so gut ... stundenlang
konnten wir miteinander sprechen über Gott und die Welt. Ich fühlte, wie in ihr
Herz eine warme Freundschaft für mich einzog und da - nach einem weiteren Jahre
- wagte ich, sie zu bitten, die Meine zu werden ... Ich hätte es nicht tun
sollen - ich hätte verstehen sollen, dass ich Unmögliches wollte -«
    »Ja - ich kann es mir auch nicht vorstellen, dass meine Mutter ihrem - heute
noch - Betrauerten jemals einen Nachfolger hätte geben können.«
    »Für mich war ihre Antwort - ihr sanftes, wehmütiges aber unverbrüchliches
Nein ein harter Schlag. Damals unternahm ich meine erste grosse überseeische
Reise, die mich drei Jahre von Europa fernhielt.«
    »Und kamst geheilt zurück? Ja, Zeit und Abwesenheit sind souveräne Mittel
gegen Liebesschmerz.«
    »Nicht immer,« versetze Kolnos kopfschüttelnd. »Du siehst es an Deiner
Mutter selber. Ich habe Linderung gefunden. Meine Leidenschaft hat sich in
Freundschaft verwandelt und jetzt - Na, jetzt sind wir ja beide alt - und die
Freundschaft ist auf beiden Seiten echt und treu. Ich kann Dir nicht sagen, wie
ich erschrak, als ihr so schlecht war ... sie zu verlieren, das Unglück wäre -«
    »Reden wir nicht davon,« unterbrach Rudolf. »Ich hoffe fest, dass sie wieder
gesund wird.«
    Die beiden Männer blieben noch länger als eine Stunde im Gespräch; Rudolf
erzählte von seinen jüngsten Unternehmungen und Erfahrungen und daran knüpfend,
besprachen sie übereinstimmend des jungen Mannes weitere Aktionspläne.
    Es war zehn Uhr und Kolnos zog sich auf sein Zimmer zurück. Rudolf blieb
noch eine Weile, in Gedanken versunken, auf der Terrasse sitzen. Dann stieg er
die Treppe zum Garten hinab; er wollte noch einen kurzen Rundgang in den
duftenden Laubgängen machen.
    Unterdessen war Cajetane Ranegg gleichfalls - von einer anderen Seite - in
den Garten gekommen; die herrliche Nacht hatte sie herausgelockt. In ihrem
Zimmer war sie von grosser Unruhe gequält worden. Das Zusammentreffen mit dem so
heftig geliebten Mann hatte sie aufs tiefste erschüttert. Wie sie ihn heute
kennen gelernt - als liebevollen, um das Leben der Mutter so zärtlich besorgten
Sohn - war er ihr noch teurer geworden. Morgen wollte sie abreisen ... Sie musste
ihn fliehen, wenn sie sich nicht verraten sollte. Vielleicht wusste er schon, wie
es um sie stand. Die anonymen Briefe hatte er wohl durchschaut - und dennoch war
er kalt geblieben; sie hatte also nichts zu hoffen und ihr Stolz verbot ihr,
sich dem Verdacht auszusetzen, dass sie ihn doch zu erobern trachtete. - Also
fort von Grumitz.
    Dieser Entschluss verursachte ihr Schmerz - aber sie war das ihrer Würde
schuldig ... Der Violenduft der schönen Sommernacht erschien ihr wie der
Ausdruck ihres Schmerzes. Gerade wie Musik dasselbe zu sagen scheint - nur in
verstärktem Masse - was in der Stimme des bewegten Hörers liegt, so sprechen
mitunter auch Düfte nach, was die Seele des Atmenden erfüllt: Sehnsucht,
Zärtlichkeit, Trauer.
    Um die Biegung eines dunklen Weges stiessen die beiden Lustwandelnden
aneinander.
    »O, Cajetane - - noch auf?«
    Ihr Herz schlug heftig:
    »Ja - ich ... ich - es ist eine so schöne Nacht ...«
    »Wundervoll ...«
    Er schob ihren Arm unter den seinen, als ob es ganz selbstverständlich war,
dass sie nun miteinander weiter promenieren sollten. Ein Glücksschauer
durchrieselte das junge Mädchen, dennoch hielt ihre Wehmut an, denn sie wusste ja
doch, dass sie hoffnungslos liebte.
    Rudolf begann von seiner Mutter zu sprechen. Das war doch die Frage, die ihn
jetzt am meisten erfüllte: würde das Übel überwunden werden oder nicht? Und das
Bewusstsein, dass das Mädchen an seiner Seite von treuer Anhänglichkeit an die
Kranke beseelt war, machte sie ihm lieb und wert - mehr noch als die Kenntnis
ihrer Schwärmerei für ihn. Aber auch diese war ihm süss: geliebt von ihr - zum
ersten Male, seit er Cajetane kannte, ergriff ihn dieser Gedanke mit einer
dankbaren weichen Rührung. Er drückte ihren Arm an sich und blieb stehen.
    »Liebe Cajetane,« sagte er innig. Es war ihm ganz warm ums Herz.
    Aber nein: falsche Hoffnungen durfte er ihr nicht machen. Gewaltsam riss er
sich aus der zärtlichen Stimmung heraus, und wieder weitergehend sagte er in
veränderten Ton:
    »Wir müssen jetzt ins Haus zurück ... ich will noch einmal oben nachfragen.
Und Sie? ... Bleiben Sie noch draussen?«
    Sie liess seinen Arm los.
    »Ja, ich bleibe noch ... Gute Nacht.«
    »Also auf morgen.«
    Er schüttelte ihr die Hand und entfernte sich rasch.
    Cajetane wandte sich um und verlor sich in die dunklen Laubgänge. Der
Violenduft war jetzt noch viel beredter als zuvor. Das kurze Erlebnis hatte die
Stärke ihrer Gefühle verdoppelt: doppelt verliebt und - im Gegensatz zu der
kurzen Seligkeit, die seine plötzliche Wärme erweckt und seine darauf folgende
Kälte so schnell verscheuchte - doppelt unglücklich.
    Marta verbrachte eine gute, ruhige Nacht. Am folgenden Tag fühlte sie sich
so gekräftigt, dass sie ausgehen wollte; das gab aber der Arzt nicht zu; sie
durfte sich nicht anstrengen.
    Um zwei Uhr nahm sie am Mittagessen im Speisezimmer teil; das Mahl wurde
begangen wie eine Genesungsfeier. Cajetane aber fehlte dabei; sie war am selben
Mittag nach Raneggburg zu ihren Eltern zurückgekehrt.
    Als Rudolf von dieser Abreise erfuhr, war er unangenehm betroffen; doch die
Freude über die sichtliche Besserung seiner geliebten Kranken liess die
Missstimmung nicht aufkommen. Die Idee, nächste Tage in Raneggsburg einen Besuch
abzustatten, flog ihm durch den Sinn ... Er fragte:
    »Warum ist sie so plötzlich abgereist? Ist etwas geschehen?«
    »Oh, ihre Mutter begehrte schon lange nach ihr - sie sollte schon vor
einigen Tagen fort und blieb nur wegen meiner Erkrankung ... und da ich jetzt
wieder wohl bin - -« sagte Marta laut, leise fügte sie aber hinzu: »Sie flieht
Dich.«
    Im Laufe des Nachmittags besuchte Rudolf seine Mutter auf ihrem Zimmer. Sie
war allein.
    Wieder lag sie auf der Chaiselongue, denn es hatte sie plötzlich eine grosse
Mattigkeit befallen und ein leiser Schmerz in der Herzgegend hatte sie daran
gemahnt, dass der überstandene Anfall sich über kurz oder lang wiederholen
könnte.
    »Nun, wie geht's?« rief Rudolf eintretend, in munterem Ton.
    »Ach, leidlich ... Schön, dass Du kommst - ich habe Dir viel zu sagen.«
    »Strenge Dich nur nicht an mit Reden.«
    Er schob einen anderen Sessel herbei und setzte sich seitlich zu Füssen der
Chaiselongue.
    »Ich möchte sprechen,« begann Marta, »von dem, was nach meinem Tode -«
    »Nein, nein, das verbitte ich mir,« unterbrach Rudolf ungestüm. »Du bist
wieder gesund - ans Sterben brauchst Du nicht zu denken - und ich will nichts
davon hören.«
    Marta faltete die Hände.
    »Sei doch vernünftig!« bat sie. »Du kannst Dir nicht vorstellen, wie quälend
mir jener Moment war, den ich für das Ende hielt - weil Du nicht an meiner Seite
warst und ich Dir nicht alles sagen und von Dir nicht hören konnte, was wir zwei
uns zum Abschied zu sagen hätten ... damit also solche Qual nicht wiederkomme,
lasse uns die gegenwärtige Stunde benützen, in der Du bei mir bist und in der
ich die Kraft habe, zu sprechen. Du wirst ja wieder von hier abreisen: auch Dir
wird es eine Genugtuung sein - falls mir etwas geschieht - dass wir nicht
auseinander gerissen worden, ohne uns gesagt zu haben, was zu sagen war. Also
reden wir jetzt, als wäre es meine letzte Stunde ... es ist ja nur eine Fiktion
... der Schmerz fällt weg, aber die Feierlichkeit soll bleiben ... Wir sind doch
zwei vernünftige Menschen, Rudolf - wir wissen, dass der Tod, wenn er einmal
angeklopft hat, bald wirklich zu kommen pflegt ... schüttele nicht den Kopf - es
ist so ... Und wir wissen auch, dass sein Kommen oder Wegbleiben nicht dadurch
bestimmt wird, ob man von ihm spricht oder nicht. Wir beiden haben schon
schlimmeren Todesfällen ins Gesicht geschaut, mein armer Sohn, als es der meine
wäre! Ich habe meine Laufbahn vollbracht ... es ist Abend - ich fürchte mich
nicht vor der Nacht.«
    Sie nahm vom nebenstehenden Tischchen ein mit Limonade gefülltes Glas und
tat einen tiefen Zug.
    »So sprich, Mutter, ich höre,« sagte Rudolf ehrerbietig.
    »Ich bitte Dich - es ist meine letzte höchste Bitte - lass niemals nach in
dem Werk, das Du begonnen hast ... Wenn Du viele Enttäuschungen erlebst - wenn
Du auch wahrnimmst, dass der eingeschlagene Weg nicht der richtige war, versuche
einen anderen, nur das Ziel verliere nicht aus den Augen - es handelt sich ja um
so Grosses, so unausdenkbar Grosses, um nichts Geringeres, als das Glück - das
Edelglück - der Welt, an Stelle ihres Elends.«
    »Ich verstehe Dich,« schaltete er ein.
    Bei den letzten Worten, die sie mit vor innerer Erregung bebender Stimme
gesprochen, hatte sie sich ein wenig erhoben. Jetzt lehnte sie sich wieder ganz
zurück und fuhr in ruhigerem Tone fort:
    »Man sollte meinen, wenn man diese Welt verlässt, dass es einem gleichgültig
sein müsste, wie die Zukunft der künftigen Geschlechter sich entwickelt. Das ist
aber nicht der Fall, wenigstens nicht bei mir. Die Sehnsucht nach besseren
Zeiten für unsere Enkel - wenn ich ja auch keine Enkel habe - brennt mir hier
auf meinem Totenbette ...« - Rudolf machte eine Bewegung - »es ist ja nur
Fiktion - brennt mir ebenso heiss auf der Seele, wie in der Zeit jugendlicher
Lebenskraft, da man noch hoffen konnte, jene Zukunft selber zu erleben. Das muss
ein Naturtrieb sein, diese Sorge um ein Jenseits des eigenen Lebens; und auf das
Vorhandensein dieses Triebes stütze ich meinen Unsterblichkeitsglauben.«
    »Das tun die Gläubigen auch, die auf einen Himmel hoffen.«
    »Ja, die erhoffen aber diesen Himmel für ihr eigenes Ich - ausserhalb der
Erde und ausserhalb der Menschen. Solchen ist gewöhnlich auch die Zukunft der
Gesellschaft ganz gleichgültig und sie arbeiten nichts dafür. Ich aber glaube an
ein allgemeines - nicht individuelles - ewiges Leben, ein Leben, an dem wir alle
gleich teilhaftig sind. Stets entält die Welt ein bewusstes, leidendes,
geniessendes, höherstrebendes Ich - gleichviel, ob die einzelnen Erscheinungen
davon hier und dort gestorben oder noch nicht geboren sind ... Aber lassen wir
das - um mich Dir verständlich zu machen, müsste ich lange sprechen, und ich muss
Dir ja anderes sagen.«
    »Ich glaube doch zu wissen, was Du meinst. Zum Beispiel: eine grosse,
lodernde Flamme; die einzelnen Funken zerstieben, andere entzünden sich - es ist
aber dasselbe Feuer und brennt weiter.«
    Marta nickte:
    »Und soll nicht nur weiter brennen, sondern immer lichter und immer heisser,
damit jeder einzelne Funke, der sich neu entzündet, desto fröhlicher sprühen
kann ... Und so wird das kommende Jahrhundert die krieglose, die elendlose Zeit
bringen, und die das herbeiführen helfen, erfüllen das Gesetz ... die allein
sind auf dem richtigen Wege - mögen sich ihnen tausend Hindernisse
entgegenstemmen, mögen sie verkannt, verspottet - vernichtet werden, ihre Arbeit
baut das Kommende auf. Überdauern sie den Ansturm der Gegenkräfte, so können sie
ihren Sieg noch sehen. Dir, Rudolf, kann es beschieden sein, Du bist noch jung.«
    »Ich sehe schon heute, Mutter, dass jener Bau sich zu erheben beginnt, zu dem
ich einzelne - verschwindend kleine - Steinchen trage und so lange ich lebe,
tragen werde. Lass mich die Feierlichkeit dieser Fiktion, dass Du eine Sterbende
seist, benützen, um den unverbrüchlichen Eid zu leisten, dass ich in dem
begonnenen Kampfe niemals erlahmen werde, dass keine Lockungen und keine Trübsale
mich vermögen sollen, von meiner Aufgabe abzulassen. Ich gestehe, dass ich
manchmal verzagte ... in ähnlichen Augenblicken werde ich an die gegenwärtige
Stunde denken, an diese feierliche Erneuerung meines Fahneneides.«
    Bei den Worten: »dass Du eine Sterbende feist« hatte er sich auf ein Knie
herabgleiten lassen und Martas herabhängende Hand erfasst. Zum Schluss drückte er
einen Kuss darauf und setzte sich wieder auf seinen vorigen Platz.
    »Danke, mein Kind. Und noch eins: glaube nicht, dass ich - eine Art
weiblicher Abraham - meinen Sohn einem fremden Wohl opfern will. Ich sehe im
Gegenteil, dass Dir die höchste Genugtuung winkt, wenn Du Dich dem Geist der
wachsenden Kultur verbündest, wenn Du - geschehe was wolle - ausharrst als
Streiter der Güte. Die Zukunft gehört der Güte - das Wort stammt von Tilling -
aber damit die Güte zur Eroberin werde, zur Welteroberin, dazu braucht sie ihre
kraftvollen Helden. Mögest Du ein solcher sein! dabei aber sollst Du nicht - ich
sagte es schon - hingeopfert werden. Die Arbeit am Glück anderer schliesst das
eigene Glück nicht aus.«
    »Tilling war glücklich,« sagte Rudolf nachdenklich.
    »Ja - und auch ich. Weisst Du, Rudolf, Du solltest - - doch nein, ich will
nicht etwa diese Stunde missbrauchen, um Dir etwas aufzuzwingen, wozu Dein
eigenes Herz Dich nicht drängt ... aber wenn Du Dich einmal einsam fühlst ...
Oder, sag' mir's offen: hast Du irgend eine Liebe, die -«
    »Nein, ich bin frei - und ich verstehe, wo Du hinauswillst ... Cajetane ...
Was meintest Du - bei Tisch - als Du sagtest, sie hätte mich geflohen?«
    »Es ist so. Sie ahnt, dass Du von ihrer Liebe weisst, und dabei weiss sie, dass
Du nicht an sie denkst - also meidet sie Deine Nähe, aus Stolz und aus Furcht -
- Sie liebt und bewundert Dich so sehr, dass sie ganz aufgehen würde in Dein Tun
und Streben ... davon ist ihr nichts mehr fremd. Nicht nur, dass sie alles
auswendig weiss, was Du geschrieben und gesprochen - alle Berichte über Deine
Vorträge besitzt sie - sie ist auch durch meine Schule gegangen. Ich habe sie in
unsere Ideale eingeweiht - Du hast auf der ganzen Welt keine verständnisvollere
und begeistertere Anhängerin als sie, Rudolf. Doch genug - ich darf in dieser
Stunde nicht einen Druck auf Deine Entschliessungen über - wenigstens in dieser
Richtung nicht. Da habe ich noch eine andre sterbende Bitte an Dich: Nimm Dich
unserer Sylvia an - sei ihr Stütze! Sie wird sich erholen - aber jetzt darf man
sie ihrem Grübeln nicht überlassen. Nimm Dich ihrer an.«
    »Ich verspreche es.«
    »So und jetzt« - Marta erhob sich wieder in sitzende Lage - »jetzt kehre
ich wieder zu den Lebenden, den vielleicht noch lange Lebenden zurück. Die
Fiktion ist vorüber. Ich will gesund werden.«
    Rudolf umarmte sie:
    »Das hoffe ich zuversichtlich, Mutter!«
Am nächsten Tage, als Mutter und Sohn wieder allein waren, kamen sie auf die
Gegenstände zurück, die gestern in der fiktiven Sterbestunde besprochen worden -
diesmal aber ohne Patos, in familiärem Ton.
    »Ich fühle mich heute wirklich viel besser,« sagte Marta, »vielleicht
wird's noch ganz gut.«
    »Aber gewiss!«
    »Weisst Du, obgleich ich das Sterben nicht fürchte, das Leben ist mir doch
noch lieb. Es ist - abgesehen von seinen Freuden, die ja mit seinen Sorgen
abwechseln - an sich doch so interessant. Wenigstens fünf Jahre wollte ich noch
leben.«
    »Warum gerade fünf?«
    »Weil da ein neues Jahrhundert eintritt, und die Menschen dann vielleicht -«
    »Ach, das hoffe ich nicht,« unterbrach Rudolf kopfschüttelnd. »Die Natur
macht keine Sprünge - die Zivilisation auch nicht. Sag' mir, Mutter, um von
näherliegenden Dingen zu reden: Du wolltest mir keinen bindenden Wunsch
aussprechen inbezug auf - - auf -« Er stockte.
    »Nun?«
    »Auf Cajetane - sag', würdest Du es wünschen? ...« ...«
    »O, wie sehr!«
    »Warum?«
    »Schon, damit sich Dein Adel fortpflanzt -«
    »Mein Adel? Darauf legst Du Wert? Nun aber ich dem Majorat entsagt habe -«
    »Missversteh' mich nicht. Nicht an den gräflich Dotzkyschen Adel denke ich -
sondern an Deinen Rang als Edelmensch. Auch dieses Wort stammt von Tilling,
erinnerst Du Dich? - Und so wie Du den Rang von Tilling übernommen, so könntest
Du ihn einst einem Sohn übertragen. Den Stamm derer fortsetzen, die den Mut
haben, das Rechte, das sie sehen, auch zu ergreifen - Du würdest ja Deine Kinder
danach erziehen.«
    »Schon wieder denkst Du an ferne Generationen? - Einstweilen trachte ich
erziehend auf meine Zeitgenossen zu wirken - die mich hören und die mich lesen,
und vor allem auf mich selber. Ich fühle, dass ich in einemfort mich entwickle
und dass ich noch sehr viel zu lernen und an mir zu formen habe. Man muss
beständig auf seine innere Stimme horchen - man muss trachten, sein inneres Wesen
von allen äusseren Hindernissen zu befreien -«
    »Man darf kein Kompromissmensch sein, willst Du sagen?«
    Die Unterhaltung wurde durch das Hinzukommen von Kolnos und Sylvia
unterbrochen.
    Kolnos überbrachte die eben eingelangten Postsachen und setzte sich damit zu
Marta, um ihr, wie es in den letzten Wochen zur Gewohnheit geworden, aus den
Zeitungen vorzulesen.
    Rudolf benützte das, um seine Schwester in eine andre Ecke des Zimmers zu
führen.
    »Komm, Sylvia, lass uns ein wenig plaudern; wir haben eigentlich garnicht
Gelegenheit gehabt - ich wollte, dass Du mir Dein Herz ausschüttest.«
    Unterdessen sah Marta ihre Briefe durch. Sie gab zwei davon Kolnos.
    »Lesen Sie mir das vor, es wird Sie interessieren.«
    Er las:
                                                     »Krasnoje Poljana, den - -.
    Auf die Gefahr hin, liebe Baronin, Sie zu langweilen, indem ich wiederhole,
    was ich so oft in meinen Schriften, und ich glaube, auch Ihnen schon gesagt
    habe, kann ich mich nicht entalten, es noch einmal auszusprechen: je älter
    ich werde und je mehr ich über die Frage des Krieges nachsinne, desto mehr
    bin ich überzeugt, dass die einzige Lösung der Frage in der Weigerung der
    Bürger läge, Soldaten zu werden. So lange jeder Mann im Alter von 20, 21
    Jahren seine Religion - nicht nur das Christentum, sondern auch das
    mosaische Gebot Du sollst nicht töten - abschwören und versprechen muss, alle
    niederzuschiessen, die sein Chef ihm befiehlt - auch die Brüder und Eltern -,
    solange wird der Krieg dauern und wird immer grausamer werden. Auf dass der
    Krieg verschwinde, tut nur das eine not: Die Wiederherstellung der wahren
    Religion und damit der menschlichen Würde. Man muss den Leuten zeigen, dass
    sie selber es sind, die das Leid des Krieges hervorbringen, indem sie den
    Menschen mehr gehorchen, als Gott.
                                                                   Leo Tolstoi.«
»Was sagen Sie dazu?« fragte Marta, »halten Sie das von Tolstoi angegebene
Mittel wirklich für das einzige?«
    »Ich glaube überhaupt nicht an einzige Mittel,« antwortete Kolnos. »Eine so
tausendfach verschlungene Sache, wie eine alte Institution es ist, die muss auch
von tausend verschiedenen Seiten angegriffen werden, um zu weichen. Und dann,
wer kann den einzelnen - anderen - zwingen hinzugehen und als Märtyrer zu
sterben? - Auch die Sklaverei ist nicht dadurch aufgehoben worden, dass die
Sklaven sich widersetzten ...«
    Darauf las Kolnos den zweiten Brief:
                                                            »Aulestad, Norwegen.
    Sie fragen mich, wie ich mir die Zukunft der Friedenssache denke? Immer im
    Bilde des Sonnenaufgangs. Für uns Nordländer kann der Sonnenaufgang so viel
    mehr bedeuten als für Südländer - bisweilen erwartet und begrüsst wie ein
    Wunder. Die Finsternis war so erdrückend lang, die Stille unheimlich, die
    erste Glut über den Felsenspitzen so trügerisch ... Es dauert und dauert und
    wächst, aber - keine Sonne! Auch wenn der Himmel schon hoffnungsvoll
    erstrahlt - noch immer keine Sonne! Und es ist kalt - eigentlich kälter als
    früher, denn die Phantasie ist ungeduldig geworden.
        Da, auf einmal wie ein Blitz mitten in unsere Betrachtung hinein die so
        lange verkündete Majestät selber! So stark, so bezwingend, dass die Augen
        sie nicht ertragen. Wir wenden den Blick zur Landschaft, die schon lange
        beseelt war, ohne dass wir es merkten, - in die Luft, die schon lange
        erhellt war, ohne dass wir es wahrnahmen. Alles, alles, bis hinab in die
        Tiefen und bis hinauf in die Höhen ist besonnt, klar, vollendet - von
        Wärme erfüllt, von Tönen durchzogen ...
        So, meine ich, geschieht es uns. Wir merken in unserer Sehnsucht nicht,
        was sich vollzieht - wie nahe schon die grosse Sonne des Weltfriedens
        ist. Es kommt etwas, das es bringt, wie ein Wunder. Aber es ist kein
        Wunder, wir sehen nur nicht in unserer Ungeduld, wie alles dafür
        vorbereitet war.
        Ihnen, liebe Frau, viele Grüsse
                                                         Björnstjerne Björnson.«
Unterdessen hatte Rudolf seine Schwester neben sich auf ein kleines Sofa setzen
lassen. Er schaute sie voll besorgter Teilnahme an. Sie war so blass, und die
zarten Züge gar so schmal. -
    »Nun, sag', wirst Du mir nicht wieder aufblühen? Du bist kaum achtundzwanzig
- was kann Dir das Leben noch alles bieten!«
    »Nichts.« Und nach einer kleinen Pause: »Hast Du den toten Stern gelesen,
Rudolf?«
    »Ja. Aber so denke doch nicht immer an den Verlorenen. Ich weiss, dass Dich
ein harter Schlag getroffen hat.«
    »Ach wäre mein Unglück nur reuelos ...«
    »Reulos? Das bist Du nicht?«
    »Das bin ich nicht ...«
    »Meine arme Schwester, also doch?«
    »Was doch?«
    »Du warst seine - seine Gel -«
    Sie unterbrach ihn mit heftiger Gebärde.
    »Nein, nein ... das ist's ja eben - das nie genossene, das nie geschenkte
Glück. Man soll zum Glücke nicht später sagen - später kann eins von uns
gestorben sein - das schrieb er mir in seinem letzten Brief ... Und so kam es
auch - später war er gestorben!«
    Rudolf drückte ihr mitfühlend die Hand.
    »Ach so!« -
    Nach einer Weile versetzte er:
    »Du darfst Dich Deinem Kummer nicht so standhaft hingeben, Sylvia. Nimm Du
Dir nicht als Beispiel die unverbrüchliche Totentreue unserer Mutter. Du hast
kein gleiches Recht dazu. Wenn man jahrelang mit einem geliebten Wesen
verbunden, wenn man mit ihm eins gewesen, Glück und Unglück geteilt, - die
Seelen mit allen Gedanken und Wünschen verflochten, dann nur ist das
lebenslängliche Nachtrauern erlaubt. Aber Du und Hugo? - Glaubst Du, wenn er
Dich verloren hätte, Dich, die er nie besessen - hätte da nicht schon nach
kurzer Zeit eine neue Liebe seinen Dichtersinn erfüllt?«
    »Du tust mir weh, Rudolf.«
    »Verzeih - eine rettende Hand muss manchmal rauh zugreifen -«
    »Mir geht Cajetane ab - die hatte eine gar zarte Art, mit meiner wunden
Seele umzugehen ... Dass sie so plötzlich abgereist ist, macht mich böse - auf
Dich!«
    »Warum auf mich? Hab' ich Deine Freundin verjagt?«
    »O, Du weisst ganz gut ...«
    Ja, er wusste. Und ein Wunsch, dass die Geflohene da wäre, erfasste ihn. Am
liebsten hätte er zu Sylvia gesagt: »Schreib' ihr, dass sie wiederkomme.« Aber er
hielt sich zurück.
 
                                     XXXVI
Mitternacht. Marta war mehrere Tage so wohl und kräftig gewesen, dass sie selber
und auch ihre Umgebung es nicht mehr für nötig befunden, dass jemand bei ihr
wache, und sie war allein in ihrem Schlafzimmer.
    Sie fand aber keinen Schlaf und auch keine Ruhe. Eine eigene Beklemmung
schnürte ihr die Kehle zu und eine eigene Bangigkeit beschlich ihr Gemüt. Sie
machte Licht und setzte sich im Bette auf. Die liegende Stellung hielt sie nicht
aus.
    Sollte sie der nebenan schlafenden Jungfer klingeln? Nein - wozu? - sie
brauchte ja nichts. Nur Luft. Die konnte sie sich selber verschaffen, wenn sie
das Fenster öffnete; würde sie zu diesem Zweck die Jungfer rufen, so gäbe das
gleich Alarm - es hiesse: ein neuer Erstickungsanfall und das ganze Haus liefe
zusammen.
    Sie schlüpfte in ihre Pantoffel und in einen auf dem Sessel neben dem Bett
liegenden weiten, weichen Schlafrock und ging sachten Schrittes zu dem Fenster,
dessen Flügel sie aufschlug.
    Eine frische, nach Sommerregen duftende Luft kam hereingeströmt. Man hörte
das Klatschen der dichtfallenden Tropfen auf das Laub und das Rieseln aus einer
Dachrinne. Marta atmete in tiefen Zügen die feuchte kühle Luft ein und die
Brustbeklemmung wich; die Gemütsbangigkeit aber blieb - verstärkte sich sogar
zur Traurigkeit. Die Dunkelheit, das eintönige Geplätscher und selbst der starke
Regengeruch hatten etwas so melancholisches ... Ach nein, die Melancholische war
sie selber - nicht die feuchte Sommernacht - und jetzt wusste sie auch - woher
ihre Augen sich mit Tränen füllten, was die Ursache ihres Bangens war: der
Gedanke an das Gestorben-, das Begrabensein ...
    Sie machte das Fenster wieder zu, nahm das Licht und ging durch die
offenstehende Tür in ihr anstossendes Schreibzimmer, da wo alle ihre geliebten
Reliquien waren und wo an allen Ecken und Enden die Andenken und Bilder Tillings
standen und hingen. Hier wollte sie nun recht gründlich an den Tod denken - hier
Abschied nehmen von ihren Erinnerungen und Abschied von sich selber.
    Sie warf sich in den Lehnstuhl vor dem Schreibtisch und rückte das Licht so,
dass sein Schein auf die grosse, gemalte Photographie Tillings fiel, die in einem
Rahmen auf dem Tische stand. Das liebe Antlitz schien sie anzublicken.
    »Mein Friedrich!« Langsam und heiss rannen die zwei Tränen, die ihr ins Auge
getreten waren, über die Wangen herab.
    Dann aber weinte sie nicht mehr. Nicht um zu trauern hatte sie sich hierher
gesetzt; denken wollte sie; sich noch einmal vergegenwärtigen, was sie in der
fingierten Todesstunde mit ihrem Sohn gesprochen; ob sie denn auch alles
Wesentliche gesagt! - Nein, lange nicht alles. Was auch immer im Leben sie
gesprochen oder geschrieben über die grosse Sache, die ihr auf dem Herzen lag,
stets war ein Rest geblieben; stets war das am heftigsten Empfundene, das am
klarsten Erkannte nicht ausgedrückt worden.
    Vorhin, im Dunkeln, als sie im Bette lag und ein krampfhaftes Zusammenziehen
ihres Herzens sie aus halbem Schlafe aufgeweckt, da war ihr mit einem einzigen
Gedanken ein volles Verständnis aufgebljetzt für den ganzen Jammer der sich
gegenseitig bedrohenden Menschheit und gleichzeitig für die Erhabenheit des
Ziels, solchen Jammer zu verscheuchen, für die einfache Erreichbarkeit des Ziels
- so intensiv schmerzlich, was den Jammer, so freudig hell, was die Rettung
betrifft - dass sie wähnte, jetzt und jetzt müsse sie auch die Formel finden ...
aber während sie darnach mit den Gedankenfühlern tastete, war der ganze
Bewusstseinszustand entschwunden. Jetzt, wo sie so dasass, versuchte sie, sich ihn
zurückzurufen - vergebens, andere Gedanken drängten sich heran: Sylvia, Cajetane
- und mit aller Gewalt, wie immer, wenn sie so seelisch erregt war, eine Flut
von Erinnerungen an ihren Verlorenen - aneinandergereiht alle die Bilder der an
Glück und Schmerz so reichen Ehezeit ... Würde es sich süsser, leichter sterben,
wenn er noch da wäre? Wenn sie in der letzten Stunde den Kopf an seine Brust
lehnen könnte? Die arme, vor mehr als zwanzig Jahren zerschossene, längst
verweste Brust ... Jetzt war die Reihe des Verwesens an ihr - zurück ins All,
die getrennten Atome. Bei dem Gedanken »All« - es ist ja doch nur ein anderes
Wort für Gott - durchrieselte sie ein Andachtsschauer. So blieb sie versunken;
wenn sie auch um nichts bat - es war ein Beten.
    Dann nahm sie Tillings Bild in die Hand. Dass sie beide einst so glücklich
gewesen, dass sie einander so geliebt, das war eine unvertilgbare Wirklichkeit.
Unvertilgbar auch die Idee, deren Hut er ihr übergeben, und die sie nun in die
Hut ihres Sohnes gelegt. Wieder strengte sie sich an, eine geeignete Wortformel
zu finden, in der sich jene Ideen einkapseln liessen, wie kostbare Tropfen
Lebenselixiers in ein goldenes Fläschchen -
    Draussen regnete es immer heftiger. Es hatte sich nun auch ein Wind erhoben,
der den Guss an die Scheiben peitschte und sich pfeifend in die Kamine warf. Die
klagenden Töne rissen Marta aus ihrem Sinnen heraus und verstärkten ihr
Bangigkeitsgefühl ... Sollte sie doch rufen? Ihre Kinder würden ja herbeieilen,
sie zu beruhigen, zu trösten, ihre lieben, aber ach - so wenig glücklichen
Kinder ... Nein, wozu ihren Schlaf stören, ihnen überflüssig Angst bereiten?
    Die moralische Bangigkeit ging wieder in physische Beklemmung über. Ein
heftiger Schmerz in der Herzgegend steigerte sich zu Atemnot und lautes Stöhnen
entrang sich ihrer Brust.
    Die Jungfer, die durch das Heulen des Windes schon früher erwacht war und
unter der Tür den Lichtschein sah, hörte jetzt dieses Stöhnen und eilte ihrer
Herrin zu Hilfe. Sie fand sie nach Atem ringend und nun geschah, was Marta so
gern vermieden hätte, das Haus ward alarmiert.
    Der Anfall dauerte aber nicht lange; bald lag Marta ganz ruhig atmend und
schmerzbefreit auf ihrem Bett, das ihre Kinder und die anderen umstanden.
    Der herbeigeholte Arzt des Ortes bat, man möge nach dem Wiener Professor
telegraphieren und es wurde ein reitender Bote nach der Station gesprengt.
Ebenso hatte Sylvia - einem gegebenen Versprechen gemäss - sofort an Cajetane
eine Depesche geschickt.
    Nach einer Stunde schlief Marta ein.
    Schlief ein und erwachte nicht wieder. Ein Herzschlag hatte ihrem Leben ein
sanftes Ende gemacht.
Mit demselben Zuge, als der Wiener Arzt, war am folgenden Nachmittag Cajetane
Ranegg in Grumitz angekommen. Schon auf der Station erfuhren beide, dass alles
vorüber sei.
    Schluchzend betrat das junge Mädchen das Sterbezimmer und stürzte auf das
Lager der Toten, an dessen Seite Rudolf kniete. Sylvia sass in einiger
Entfernung, das Gesicht in den Händen vergraben.
    Rudolf stand auf und trat auf Cajetane zu. Ein Strom von Zärtlichkeit
überflutete sein wundes Herz; er umschlang ihre Gestalt und weinte an ihrer
Achsel.
    »Sie hat Dich unendlich lieb gehabt, Cajetane,« sagte er.
    Dass er mit diesem »Du« und mit dieser Umarmung sich verlobte, das fühlte er.
Doch er fühlte es wie einen lindernden Trost, wie die Erreichung eines Hafens. -
-
    Am nächsten Abend - bei der Toten wachten Sylvia und Kolnos - ging das
Brautpaar in denselben Laubgängen auf und nieder, wie neulich am Vorabend von
Cajetanes Abreise.
    Wieder dufteten die Violen so stark, aber diesmal hauchten sie dem jungen
Mädchen ganz andere Dinge zu als neulich. Es mischte sich - was freilich
Halluzination war - der Geruch der Wachskerzen dazu, die zu Häupten und zu Füssen
der Aufgebahrten brannten - und so erzählten die Violen von unverhofftem
Liebesglück und von düsterer Totenklage.
    So wie damals schob er ihren Arm unter den seinen.
    »Wir haben einen Lieblingswunsch der Verlorenen erfüllt, Cajetane,« sagte
er.
    Sie erschrak.
    »Wie? - Vielleicht nur deshalb? ... Nur um ihren letzten Willen zu
erfüllen?«
    Er schüttelte den Kopf.
    »Sie hat nichts befohlen. Sie wusste nur, was mir frommt. Doch: eines hat sie
mir auferlegt und habe ich ihr zugeschworen: meinem Lebenswerke treu zu bleiben.
Bist Du darauf gefasst, Kind, dass es gilt, mir Vertraute, Kameradin zu sein?«
    »Ja, das will ich.«
    »Weisst Du, dass Du da verzichten musst auf Deine ganze gewohnte Umgebung, auf
den Beifall der Deinen, auf die Gemeinschaft mit ihnen?«
    »Ja, das weiss ich.«
    »Du wirst mir folgen müssen in andere Länder - und, wer weiss, nicht nur als
freiwillige Reise - es ist ja alles möglich: vielleicht verkennt und verfolgt
man mich und weist mich aus.«
    »Alles will ich mit Dir teilen: auch die Verbannung, auch das Gefängnis -
selbst den Tod.«
    Er blieb stehen.
    »Vielleicht den Sieg, Geliebte,« sagte er und drückte sie an sein Herz.
                     Harmannsdorf, Jänner 1901 - März 1902.
 
    