
        
                                Paul Scheerbart
                                  Immer mutig!
 Ich hatte mich verstiegen.
    Und das kam mir so selbstverständlich vor.
    So musste es kommen.
    Jetzt konnte ich nicht mehr weiter; rauf ging's nicht mehr und runter auch
nicht.
    Allerdings - runter wär's wohl gegangen - runterkommen kann man immer.
    Aber die Sache hatte einen Haken.
    Neben mir ging's hinunter in die Tiefe - da hätte ich mich kopfüber
hineinstürzen können - doch bei dem Sturz wäre mir wohl der Atem vergangen - und
mein Körper wäre wohl zu Brei geworden.
    Ich befand mich in einem Gebirge, das aus hartem Stein bestand.
    Es tat mir schon leid, dass ich so rücksichtslos immer höher gestiegen war.
    Ich starrte die glatte Felswand vor mir nicht sehr geistreich an; in die
grausige Tiefe wagte ich nicht hinabzublicken, denn ich glaubte, nicht ganz
schwindelfest zu sein.
    Und siehe, da hob sich vor mir in der glatten Felswand eine Platte heraus
und schob sich zur Seite, und ich erblickte in der entstandenen Öffnung ein
kleines Nilpferd, das kaum halb so gross war als ich selbst.
    »Na, Onkelchen,« sagte das Nilpferd, »wohin willst Du?«
    »Ich habe mich verstiegen!« erwiderte ich traurig.
    »Das merkt'n Pferd!« rief da das Nilpferdchen. »Tritt nur näher! Oder -
willst Du abstürzen?«
    »Nein! Nein!« sagte ich schnell.
    Und ich folgte dem kleinen Tier, das eine Lampe anzündete und mich durch
einen Felsengang führte ... Nach ein paar Augenblicken stand ich in einem
sauberen Felsensaal.
    Oben in den hohen, schwarzen Gewölben brannten weisse Ampeln aus Milchglas;
Birnenform hatten die Ampeln - die Stengel hingen unten als dicke Schnüre.
    Jetzt erst bemerkte ich, dass das kleine Nilpferd, das wie ein Mensch auf den
Hinterbeinen ging, einen dunkelblauen Flanellrock anhatte; der liess nur den Kopf
und die vier Füsse frei.
    »Nimm Platz!« sagte das Nilpferd, und es setzte sich auf einen
Schaukelstuhl. Ich setzte mich neben dem grossen grünen Ofen auf eine Holzbank.
    Eine dunkelgraue Plüschdecke war über den ganzen Fussboden gespannt.
    Von Möbeln sah man nicht viel; es schien eine Art Empfangsraum zu sein.
    Es war mir aber ausserordentlich gleichgültig, wo ich mich befand; ich war
müde und abgespannt und durchaus nicht froh über meine Rettung.
    »Dir ist wohl nicht ganz wohl!« sagte das Nilpferdchen nach einer Weile.
    Und ich erwiderte hastig:
    »Wenn das nicht stimmt - dann weiss ich nicht mehr, wie viel drei mal drei
ist.«
    »Die Antwort,« flüsterte mein Retter, »ist von einer geradezu seltsamen
Bestimmteit.«
    Ich starrte den hohen, grünen Ofen an und war stumm wie ein Stockfisch.
    Wir hörten im Hintergrunde langsam eine grosse Uhr ticken und rührten uns
nicht.
    So mochten wir wohl eine gute halbe Stunde gesessen haben, als das
Nilpferdchen leise fragte:
    »Hast Du vielleicht ein Manuskript bei Dir, das recht traurig stimmt? Du
hast doch sonst immer Manuskripte bei Dir.«
    Ich drehte den Kopf langsam um, sah das Nilpferdchen gross an und sagte
unsicher:
    »Woher weisst Du denn, dass ich sonst immer Manuskripte bei mir habe? Ich muss
mich doch wundern.«
    Da sprang das Nilpferdchen von seinem Schaukelstuhl auf und hopste im
Felsensaal herum und rief laut:
    »Er muss sich doch wundern! Er muss sich doch wundern! Dass ein redendes
Nilpferdchen ihn gerettet hat - das wundert ihn nicht. Aber dass das Tierchen so
viel weiss - das wundert ihn.«
    Und dann sprang das kleine Vieh ganz dicht an meine Seite und sprach im
tiefsten Bass:
    »Ich freue mich ganz eklig, dass Du Dich noch wunderst. Leute, die sich noch
wundern können, sind noch nicht ganz tot. Und dass Du noch nicht ganz tot bist,
das ist sehr gut. Denn - wärest Du ganz tot, so hätte ich's bedauern müssen,
Dich gerettet zu haben; Leichen rettet man doch nicht.«
    Ich blickte dem Nilpferdchen ins Gesicht und wunderte mich jetzt, dass es so
gut reden konnte. Und ich fragte leise und höflich:
    »Was soll ich tun?«
    »Gib mir,« antwortete das Tier, »eine Geschichte zu lesen, die recht traurig
stimmt.«
    Da suchte ich denn in meinen Taschen und blätterte in allen meinen Sachen,
schüttelte oft den Kopf und gab dem freundlichen Nilpferd schliesslich eine
Geschichte, die mir in diesem Falle zu passen schien.
    Das kleine Tier setzte sich eine blaue Brille auf, ging mit meinen Blättern
wieder zum Schaukelstuhl, liess sich auf diesem vorsichtig nieder und las:
 
                                  Lichtwunder
Nacht! Nacht!
    Lauter dunkle, schwarze Räume.
    Ich schwebe so dahin und weiss nicht, wo ich bin - aber ich schwebe in der
unendlichen Finsternis ruhig weiter.
    Da zuckt was in der Ferne auf - ein kleines Pünktchen Licht!
    Und nun weiss ich, wo ich mich befinde - ich fliege durch jene grosse
Nachtkugel, die weit hinter dem leeren Raume mitten im grossen Lichtmeere
schwimmt, das in jedem Atome so hell ist wie eine echte Sonne ohne dunklen Kern.
    Es gibt im Lichtmeere viele hohle Nachtkugeln - aber meine Nachtkugel ist
die dunkelste.
    Und doch - es ist nicht Alles so dunkel, wie's aussieht.
    Da drüben der Lichtpunkt wird immer grösser - und jetzt schiessen zwei feine
Lichtkegel, die so schwanken, an mir vorüber.
    Und - in den Lichtkegeln?
    Lichtwunder!
    Da fängt es gleich zu leben an - Milliarden zierliche Flügelchen glitzern
und flimmern - und leben - einen kurzen - aber seligen - Lichttag.
    Und nach dem schwebe ich wieder in der unendlichen Finsternis.
    Es dauert aber nicht lange - und von neuem schiesst aus einem Spalt der
Kugelschale ein linsenförmiger Lichtstreifen - breit wie ein Schwert.
    Und wie vorhin lebt gleich in dem Lichtstrahl was auf - eine wilde
Weltenjagd - unzählige kleine schillernde Blasen - dies Mal sind's lauter Welten
mit edelstem Weltengewürm.
    So ist das Dasein im grossen Reiche der Nacht.
    Es wird immer wieder hell.
    Und die Lichtstrahlen erzeugen mit immer wieder frischer Kraft unzählige
Lichtwunder - Engel und Sterne, Fledermäuse und Paradiesvögel - Diamanten und
Weltgestalten in immer neuer Lichtwunderform.
    Ich weiss: unsre Augen könnten das Lichtmeer draussen nicht ertragen - wir
würden draussen erblinden - daher die schützende Kugelschale.
    Aber unsre Augen sind nicht schlechte Augen - sie sind nur so fein und
empfindlich, dass die dämpfende Nacht die feinen empfindlichen Augen immer wieder
stärken muss - zum Genuss der ewigen Lichtwunder in der Nachtkugel.
    Augen, die draussen das Lichtmeer ohne Schaden ansehen können, sind
schrecklich grob.
Das Nilpferdchen hatte beim Lesen auf jeder der beiden dicken Vorderpfoten eine
Pincette. Und mit den beiden Pincetten konnte das Tier sehr gewandt meine
Blätter halten und umdrehen.
    Nach der Lektüre fächelte sich das Tier vom Strande des heiligen Nil mit
meinen Blättern ein wenig Kühlung zu und sagte leise:
    »Das war so schmerzlich grade nicht, denn der Wert der Dunkelheit wird ja
auch gleich im richtigen Lichte gezeigt. Hast Du nicht eine längere Sache, die
wenigstens schmerzlich endet? Mir scheint - doch davon nachher.«
    Ich suchte wieder in meinen Taschen, und dann liess ich das kluge Nilpferd
dies hier lesen:
 
                                Die wilde Kralle
                              Ein Raketen-Scherzo
Ich kletterte immer höher; es ging ja so leicht.
    Die Astknorren waren nicht zu dick und nicht zu dünn - grade so recht.
    Aber die Spitze der Tanne konnt' ich nicht erreichen, so eifrig ich auch
klettern mochte.
    Es war doch ein schrecklich hoher Baum.
    Er war bedeutend höher, als ich dachte.
    Einmal, als ich runtersah, kam mir's so vor, als wäre die Erde unten längst
unsichtbar geworden.
    So hoch im Weltall zu sein, erschien mir da ein stolzes Vergnügen zu sein.
    Ringsum kein andrer Baum - kein Stück Erde - kein Stück Wasser - nur Himmel
- nichts als Himmel - mit unzähligen seligen Sternen.
    Mit stiller Andacht starrte ich in den grossen Himmel.
    Und der Himmel schien mir plötzlich so eng und begrenzt - wie eine kleine
Dorfkirche.
    Da knisterte was unter mir.
    Ich weiss nicht mehr genau, wie's war - ich sah nur allmählich, vor mir an
der sternbestickten Himmelsdecke eine weiss schimmernde Riesenkralle zitternd
emporsteigen.
    Und die Riesenkralle krallte sich in die sternbestickte Himmelsdecke fest
und riss ein grosses unregelmässiges Loch hinein; die Eckfetzen flatterten steif
ab, als wenn ein starker Wind durch das Loch mich anbliese.
    Und ich schaute durch die flatternden Eckfetzen in eine andre Welt, die
grösser ist als unsre kleine Dorfkirchenwelt.
    Dort hinten - weit hinter unserm Fixsternhimmel - war der Hintergrund
tiefschwarz und unendlich tief.
    Und in der Mitte dieser anderen Unendlichkeit stiegen langsam zwei goldene
Riesenraketen empor, die aus lauter goldenen Sonnen bestanden; sie perlten immer
höher wie langsam aufsteigende Riesenfontänen.
    Aber die Raketen gehen nicht grad in die Höhe, sie biegen sich nach allen
Seiten wie alte Baumstämme, die oft vergeblich nach dem Lichte strebten.
    Und sie werden immer grösser.
    Und sie bekommen wie die Baumstämme Äste.
    Die rechts sich aufreckende Rakete hat keine Ecken; sie biegt sich, wie
Schlangenleiber sich biegen. Die links sich aufreckende Rakete hat jedoch sehr
viele Ecken und Kanten wie knorrige Eichen.
    Es sieht anfänglich alles ganz friedlich aus - leider darf man keinem
Frieden trauen.
    Die goldenen Sonnenraketen biegen sich vor und zurück, als wenn der
Sturmwind an ihnen rüttle. Und bald wird mir's ganz klar: Die Raketen stehen
sich gegenseitig im Wege.
    Ich hatte wohl vorher gedacht, dieses Schwanken, Drängen, Schieben und
Stucksen wäre nur eine Äusserung der Zärtlichkeit. Mir fiel jedoch zur richtigen
Zeit ein, dass ordentlichen Feindschaften ein zärtliches Vorspiel was ganz
Natürliches ist.
Die Atmosphäre scheint mir recht heiss zu werden. Die Schlangenrakete dehnt oft
ganz beängstigend ihren gierigen Sonnenleib. Und die Eichenrakete schwankt und
zittert wie ein wilder Trotzkopf, der gern seine Wutkrone aufsetzt.
    Die beiden Ungeheuer stehen sich im Wege - das ist mir bald völlig klar.
    Und ich nehme Partei für die goldene Eiche, die mir der Schlange an
Schlauheit unterlegen zu sein scheint.
    Der Schlauheit mag ich stets an den Hals.
    »Ich schütze die Dummheit!«
    Also ruf' ich laut. Und ich erschrecke, da mir tausend Echos - der Himmel
mag wissen woher - antworten - höhnend antworten.
Hei! Jetzt kommen die goldenen Sonnen ordentlich in Bewegung! Das Gold glitzert
und zuckt! Die Raketen machen Ernst! Das ist keine Zärtlichkeit mehr! Ich recke
mich auch! Meine sehnigen Muskeln schwellen an wie springende Wildbäche im
Frühling!
    Es zittern die Spitzen der weichen und der knorrigen Äste so stark, dass ich
mitzittern muss.
    Und aus den Spitzen fliegen nun blaue, grüne und rote Lichtblasen heraus -
die brennen in dunklen Farben und werden immer grösser. Und aus den Lichtblasen
schiessen in die Nacht gelbe und weisse Lichtkegel, die wie weite Scheinwerfer
blitzschnell den Himmel durchfliegen - von einem Ende zum andern - wie rasend!
    Eine Lichtschlacht!
    Zwei goldene Milchstrassen liefern sich eine Lichtschlacht - eine lautlose.
    Ich muss mich sehr wundern.
    »Himmel! Wetter!« ruf ich wieder ganz laut, »ist denn da hinten auch alles
so eng, dass nicht mal zwei Sonnenbäumchen Platz haben? Sind denn sämtliche
Weltwinkel zu klein?«
    Über mir hör ich ein heftiges Brummen, und seltsam hüstelnd antwortet mir
eine dunkle Bassstimme:
    »Was weisst Du von Weltwinkeln? Tu doch nicht so, als ob Du kosmische
Grössenverhältnisse besser ausrechnen könntest als unsereins. Die Naseweisheit
steht Dir nicht gut. Verkrieche Dich in der alten Weltpauke! Da ist noch Platz
für dich.«
    Ich ducke mich, obgleich ich Keinen sehe.
    Die Raketen kämpfen weiter.
    Es wird furchtbar lebhaft da hinten.
    Ich möchte noch mehr sehen; das Loch in der Himmelswand erscheint mir zu
klein. Doch da kommt auch schon die weiss schimmernde Riesenkralle wieder höher
und macht das Loch grösser.
    Jetzt kann ich bequemer dem Kampfspiele zuschauen. Die weissen und gelben
Lichtkegel flirren immer heftiger. Die roten, grünen und blauen Gasblasen werden
mordsmässig gross und platzen dann - wie Alles, was zu gross wird. Dafür spritzen
die Spitzen der weichen und der knorrigen Äste immer wieder neue Blasen hervor,
die auch mit weissen und gelben Lichtkegeln herumflirren.
    Die Schlangenrakete wird offenbar noch schlauer; sie bedrängt die Eiche wie
ein unheimliches Krötenweib.
    Ich kann's kaum ansehen; die Schlange wird mit ihren langen Schläuchen, die
ihr immer dicker aus dem Leibe herauswachsen und gar nicht mehr was Astartiges
haben, so aufgedunsen - so scheusslich gross.
    Der Hintergrund, von dem sich die Raketen abheben, ist so bunt wie eine
riesige zitternde Opalfläche; die roten, blauen und grünen Gaskugeln mit den
gelben und weissen Lichtkegeln flattern umher, als wenn sie ein Weltföhn
durchbrause.
    Da kann ich mich nicht mehr halten.
    Die Schlangenrakete wird von oben bis unten gemein.
    Das ist die ewige Niedertracht!
    Ich möchte der Schlange an den Hals.
    »Eine Kralle möcht' ich haben!«
    Das schrei' ich.
    Und im selben Augenblick fühl ich, dass die wilde Kralle, die unsern alten
dösigen Dorfkirchenhimmel aufriss, meine wilde Kralle ist.
    Und mit meiner weiss schimmernden Riesenkralle pack' ich durchs Loch, mitten
in den Schlangenleib rinn.
    »Ich will nicht die Schlauheit siegen lassen!« brüll' ich auf und drück' mit
meiner wilden Kralle zu - den ganzen Leib der Schlangenrakete entzwei.
    Doch dabei muss ich »Au!« schreien.
    Ich habe mich verbrannt.
    Horngeruch - widerlicher - steigt mir betäubend in die Nase.
    Ich sehe nichts mehr.
    Ich reisse die Hand mit der Kralle aus dem Loche raus, um mich auf meiner
Tanne festzuhalten.
    Aber die Hand mit der Kralle tut mir zu weh, und ich kann mich mit der
Linken allein nicht halten.
    Und ich falle mit der Kralle.
Mich ergriff eine namenlose Wut.
    »Die Schlauheit siegt! Sie ist zu kaltblütig!« schrie ich noch.
    dabei fiel ich immer tiefer.
    Ich hielt den Atem an, indessen - ich fiel trotzdem.
    Das Horn roch - brenzlich.
    Es war mir auch so, als ob der Docht einer alten, grossen Wachskerze
verglimmte - in einer Dorfkirche.
    Ich fiel - der Teufel - mochte wissen - wohin.
    Ich glaube, ich fiel in die alte Dorfkirche unserer greulich beschränkten
Fixsternwelt zurück.
    Ich fiel immer tiefer - immer tiefer - immer tiefer!
    Und ich wunderte mich, dass unsre beschränkte Welt so tief sein konnte.
Nach der Lektüre dieser Geschichte sprang das Nilpferd wieder sehr erregt von
seinem Schaukelstuhl auf und stampfte aufrecht auf den Hinterbeinen in der Stube
herum, drehte sich öfters auf dem einen Fusse um sich selbst, wehte mit den
Blättern durch die Luft, stellte sich wieder dicht vor mich hin und hielt mir
mit wunderbarer Geschwindigkeit eine Rede - ohne mir einen Einwurf zu gestatten.
    »Du musst,« sagte es, »nicht gleich so schlecht gelaunt werden, wenn Du Dir
mal die Finger verbrannt hast. Sieh nur unsere Pfoten an, da sind keine Finger
dran - und wir wissen uns doch zu helfen; die Pincetten sind noch viel feiner
als die Finger. Intelligente Leute müssen sich zu helfen wissen. Du darfst Deine
Empfindungen nicht so ernst nehmen. Wenn schon unsre Gliedmassen nicht als
Realitäten von uns genommen werden wollen, so dürfen wir doch die Empfindungen
dieser Gliedmassen erst recht nicht als reale betrachten. Der Schmerz wird erst
dadurch für uns zum Schmerze, dass wir ihn so nennen. Wir können den Schmerz auch
als potenzierte Wollust auffassen. Intelligente Leute müssen sich zu helfen
wissen. Wenn Dir ein Bein abgehauen wird, so bedenke sofort, dass Dir dieses
scheinbare Unglück auch eine grosse Portion sehr angenehmer Augenblicke
verschafft - denn man wird Dich verhätscheln dafür. Glaube mir, es ist nicht
Alles Pech, was schwarz aussieht. Es tut auch nicht alles weh - was sich krümmt.
Intelligente Leute müssen sich zu helfen wissen. Und ich finde, dass Du Dir in
Deinen Geschichten sehr wohl zu helfen weisst, denn beim Runterfallen amüsierst
Du dich gleich wieder über die köstliche Tiefe der Dorfkirchenwelt. Merkwürdig
ist es nur, dass Du Dir in Deinem Leben nicht zu helfen weisst - denn Deine Mienen
lassen nicht den geringsten Grad von Heiterkeit erkennen. Dir scheint die Grütze
sehr stark verhagelt zu sein.«
    Ich wollte was erwidern, aber das Nilpferd liess mich nicht zu Worte kommen;
es wollte bloss noch ein paar »schmerzliche« Manuskripte lesen - es wollte gleich
mehrere haben - und ich gab ihm diese drei:
 
                                  Er hatte ...
                                Eine Nachtscene
Er hatte sehr viel getrunken - das stand fest.
    Und er hatte sehr lange getrunken - so drei bis vier Tage - genau wusste
man's nicht.
    Er hatte sich auch geärgert - natürlich!
    Wer viel und lange trinkt, hat sich immer geärgert. Das ist nun mal so auf
diesem grossen Erdball.
    Und er hatte natürlich keinen Sechser mehr - das sagten Alle, die ihn
umstanden. Und die mussten es wissen, denn sie waren dabeigewesen.
    Er hatte sich ja in ihrer Gegenwart die Gurgel durchgeschnitten und war
dabei umgefallen, obgleich er sich am Laternenpfahl gehalten hatte.
    Jetzt lag er da - in der Gosse.
    Er hatte endlich genug.
    Er hatte in seinem ganzen Leben niemals genug gehabt.
    Blut hatte er noch. Das merkten Alle, die ihn umstanden und nicht wussten,
wie sie ihm helfen sollten. Das Blut floss plätschernd in die Gosse. Die Laterne
leuchtete und blitzte in dem roten Blut.
    Warum hatte er sich die Kehle durchgeschnitten?
    Ja - warum hatte er?
    Er hatte das Leben plötzlich dick bekommen.
    Sich selbst hatte er niemals dick bekommen - wohl aber das Leben.
    »Er hatte Talent!« sagten die Leute.
    Und bei diesen Worten hatte sich ein Arzt vorgedrängt - der hatte natürlich
sein Verbandzeug nicht bei sich.
    Aber die Umstehenden hatten Taschentücher.
    Wer hatte nicht Taschentücher?
    Er hatte Talent.
    Ja - warum hatte er denn Talent?
    Er hatte einen Vogel.
    Er hatte mir's ja gesagt.
    Er hatte nie genug.
    Jetzt erst hatte er genug - mit der durchschnittenen Kehle.
    Ja - die Kehle!
    Die Kehle hatte schuld an Allem.
    Die Kehle!
    Er hatte eine Kehle!
    Er hatte eine Kehle!
    Lautlos wälzte sich eine Wolke die Strasse entlang, und in der Wolke sass ein
Fleischer mit einem ellenlangen Messer.
    Der Fleischer hatte ein Messer, aber keine Kehle dazu.
    Mein Freund hatte eine Kehle.
    Er hatte jetzt genug.
    Aber er hatte trotzdem kein Talent.
    Ich weiss das ganz genau.
    Er hatte ...
    Er hatte wieder zu viel getrunken.
    Er hatte ...
 
                                Der grosse Kampf
                                Ein Dualisticum
Langsam fallen glühende Sonnen in die schwarze Nacht - und machen Alles hell.
    Und dann kommt der Erzengel Michael mit seinem langen Schwert. Mächtige
Eisenmassen rasseln auf seiner Brust, die Beinschienen knacken, und die
Armschienen platzen beinah - so schwellen dem Erzengel die Muskeln an.
    Und dann taucht aus dunklen Wolken der Kopf des Drachensatans heraus. Aber
dessen Augen sind nicht leuchtend wie die des Michael; des Drachensatans Augen
sind so matt.
    »Ich hau' Dich zu Brei!« brüllt der Michael.
    Doch der Satan schüttelt den Kopf und sieht dem Engel traurig ins lachende
Angesicht.
    »Dein Schwert ist zu kurz!« erwidert der müde Satan.
    Michael funkelt mit den Augen, seine Stahlrüstung kreischt, und das lange
Schwert blitzt durch die Wolken.
    Satan zieht den Kopf ein, und seine ungeheuere Körpermasse kommt zum
Vorschein - Millionen weltendicke Schlangenarme winden sich aus den Wolken
heraus.
    Michael schlägt zu und haut unzählige Schlangenarme ab - aber die
abgeschlagenen Glieder verbinden sich wieder mit dem Drachenrumpf.
    Und des Erzengels Arm erlahmt.
    Da kommt des Satans Kopf wieder an die Oberfläche des Rumpfes und grinst den
Engel an wie ein Totenschädel.
    Der Engel will zuschlagen, doch er kann das Schwert nicht mehr heben - seine
Arme zittern.
    Und die Millionen dicker Schlangenarme umhalsen den eisernen Engel, so dass
der schier erstickt wird.
    »Hör auf!« schreit der Engel.
    Der Satan lässt nach, die weichen schlaffen dicken Schlangenarme lösen sich
von dem Engel los.
    Und langsam sinkt der Drachensatan zurück. »Nächstens kämpfen wir wieder von
Neuem!« flüstert höhnisch der müde Teufel.
    Der Engel stöhnt und schwebt mit hängendem Kopfe davon; nur ganz allmählich
kehrt die Kraft in die zitternden Muskeln zurück.
    Bunte Wolken nehmen den Engel auf und erfrischen ihn. Langsam steigen starke
Marmorsäulen in den Himmel empor. Die Säulen steigen immer höher und
verschwinden zwischen den Sternen.
 
                                Die Kummerlotte
Die Morgensonne glühte in die Resedabüsche, die vor Lottens Dachfenster blühten.
    Und sie sass still vor ihrer Nähmaschine und machte ein trauriges Gesicht.
    Die Lotte war sonst immer so glücklich gewesen - früher, als sie so wenig
Geld verdiente und so oft nur Häringe zu Mittag ass.
    Früher war sie eigentlich stets so recht lustig gewesen - so seelenvergnügt.
    Das war jetzt Alles so anders geworden.
    Seit drei Tagen war die Lotte die richtige Kummerlotte geworden. Wie kam
das?
    Die Nähmaschine stand seit drei Tagen still.
    Und das Unglück? Wie sah's denn aus? Oh - es sah merkwürdig gut aus - das
Unglück. Andere Menschen hätten das Unglück ein grosses Glück genannt.
    Die arme Lotte hatte geerbt - zweimal!
    Zweimal geerbt in drei Tagen!
    Von einem alten Grossonkel hatte sie zehntausend Taler geerbt - und von
einer Kusine dreihundert Taler.
    Das war das Unglück!
    So sah Lottens »Unglück« aus!
    Traurig schaute die Kummerlotte ihre Resedabüsche an - ihr traten ganz dicke
Tränen in die Augen.
    Die Leute im Hause schüttelten den Kopf und meinten, bei dem guten Mädchen
sei's da oben nicht ganz richtig.
    »Dumme Trine!« riefen die beiden heiratsfähigen Töchter des Hauswirts.
    »Kummerlotte!« riefen die Gassenjungen.
    Sie aber sagte nichts dazu, sie gab keine Erklärung - sie seufzte und schloss
sich ein.
    Da sass sie nun am Fenster in der Morgensonne und grübelte.
    »Das Geld ist mein Unglück!« flüsterte sie immer wieder.
    »So lange ich kein Geld hatte,« meinte sie so recht vergrämt, »war ich immer
frisch und jung. Doch wie das Geld kam, war meine Jugend fort. Muss ich da nicht
traurig sein? Kann mir das Geld das traurige Gefühl ersticken? Ach ja - es ist
nicht angenehm, wenn man merkt, dass man alt geworden ist. Es kam so plötzlich -
als ich nicht mehr arbeiten brauchte - und über alles nachdachte.«
    Sie nahm ihren Wandspiegel und betrachtete kummervoll ihr Gesicht! Alt sah
sie eigentlich noch nicht aus - und doch - sie fühlte, dass sie's war.
    Niemand verstand die Kummerlotte.
    Sie aber verstand sich.
Und abermals sprang das Nilpferdchen auf, trampelte wild im schwarzen
Felsensaale herum und hielt dann wieder eine Rede. »Onkelchen,« sagte es, »über
die Vorteile, die die Armut bietet, ist schon so viel gesagt worden, dass es bald
wirklich Not tut, die Vorzüge des Reichtums zu verteidigen und ein bisschen in
Schutz zu nehmen; die reichen Leute bedauern sich schon ein wenig zu viel; so
furchtbar schlimm ist der Reichtum doch auch nicht. Wenn die Verherrlichung der
Armut so grosse Dimensionen annimmt, so brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn
sich schliesslich die bedauernswerten Geldbesitzer zusammentun und sich gegen die
protzenhafte. Alles unterdrückende Macht der armen Leute empören. Das gäbe dann
eine nette Bescherung. Das wäre eine schöne Revolution. Wer die Verhältnisse in
Europa so gut kennt wie ich, wird eine solche Revolution gar nicht für unmöglich
halten. Das Ridiküle ist tatsächlich das Modernste. Manche Leute, denen das
Verschleiern und Umdrehen zur Gewohnheit geworden ist, verdrehen die Dinge so
lange - bis sie selber verdreht werden. Die Reichen sind wirklich auf das Glück
der Armen viel neidischer als man glaubt - und demnach ist es wohl geboten, den
Kurs der sozialen Poesie wieder etwas zu ändern. Doch davon brauchen wir
eigentlich nicht so viel zu reden. Wichtiger ist Dein Teufel der
Lebensmüdigkeit, der Gurgeln abschneidet und sich selber nichts abschneiden
lässt.«
    Ich wollte wieder was sagen, doch das kleine Tier fuhr eifrig fort:
    »Bedenke, dass die einfache tierische Luft bloss ein einfacher Lebensreizer
ist, der nur einfachen Lebewesen zum Weiterleben genügenden Anreiz verschafft.
Wer nur ein bisschen höher hinaus will, wird durch die einfachen Lebensreizer -
wie da sind: Schinken, Champagner, Chansonette, Leberwurst und Paprika - nicht
am Leben erhalten. Der höhere wendet sich an Kunstspässe ernster Güte, an
Philosophie und überirdische Herrlichkeit. Diese letzteren Dinge ziehen schon
mehr an. Indessen - Rückfälle in die gewöhnliche Schinkenluft kommen immer
wieder vor. Und wenn diese Rückfälle zu oft vorkommen, so wird der Weg zum
höheren zu mühsam, und das arme Lebewesen steht dann zwischen zwei Bündeln und -
verhungert beinahe. So ungefähr gelangt die Lebensmüdigkeit in unsre
Erscheinungswelt; das Eine genügt nicht, und das Andre ist nicht zu erreichen.
Ich spreche, wie Du merken wirst, ganz wie Deinesgleichen, nicht wahr? Na ja!
Nun muss man aber doch, wenn man ein bisschen vernünftig ist, zugeben, dass man
nicht so ohne Weiteres zwei Herren dienen kann. Entweder - man steigt, so gut
man kann, über die simplen Luftspässe hinweg in die höheren hinein - oder - ja!
da liegt der Hase im Pfeffer! Wenn man mal angefangen hat, über das Simple
hinüberzusteigen, so wird man im Simplen nie wieder die Befriedigung finden, die
Hinz und Kunz darin zu finden vermögen. Ja! Ja! Die Mutter Natur hält es doch
für gut, Leute, die was werden könnten, mit einer kleinen Zwangserziehung zu
beglücken - und wenn's auch weh tun sollte. Was ist also die grosse Müdigkeit?
Sie entsteht, wenn man Spiesserglück will - und doch zu Sternenglück erzogen
werden soll. Es gibt auch höhere Wesen, die sich zu Gunsten noch höherer
Lebensreizer auch das Sternenglück abgewöhnen müssen - u.s.w. - immer höher -
mit Grazie ad infinitum! Rede nicht. Onkelchen. Denke darüber nach.«
    Und ich tat's.
Und dann wollte der Kleine wieder was lesen.
    Und ich fand gar nichts Rechtes; mir genügten meine Sachen plötzlich nicht
mehr, was mir sehr schmerzhaft war.
    Doch schliesslich gab ich zögernd wiederum drei Sachen raus.
 
                                  Noahs Glück
»Die Leute denken immer,« sagte Noah, als er seine Barke vollgepackt hatte, »ich
hätte das Reisen so gern. Das ist aber gar nicht wahr. Es gefällt mir hier
überall nicht - und daher reise ich - das ist die ganze Geschichte.«
    Mit diesen Worten stieg Noah in seine Barke.
    Diesmal war's eine Luftbarke.
    Und mit der Luftbarke fuhr er rasch in den freien Äter hinaus - an Mond und
Sonne vorbei - in die grosse Sternenwelt.
    Und bald war Noah jenseits von unserm Milchstrassensystem.
    Er war also schon recht weit gefahren, und seine Frau wunderte sich schon.
    Doch Noah fuhr noch weiter - er steuerte auf einen grossen Nebelfleck zu, der
aus lauter Pilzsternen bestand - aus sehr vielen bunten und mannigfaltig
geformten Pilzsternen.
    Und Noah fuhr mit seiner Barke hinter den Nebelfleck und begann dann
plötzlich ein lustiges Liedchen zu pfeifen.
    Da kamen Noahs sämtliche Anverwandte aufs Deck hinauf und lachten.
    »Jetzt sind wir endlich so weit!« rief der alte Noah mit seiner hellen
Geisterstimme.
    Und Noahs Frau fragte ihren Mann:
    »Na, bist Du jetzt glücklich?«
    »Jawohl,« rief der alte Noah, »jetzt bin ich vollkommen glücklich. Hier
können wir bleiben - die Pilzsterne sind undurchsichtig - und von dem
Milchstrassensystem, in dem sich die alte Erde dreht, werden wir nimmermehr was
sehen können.«
    »Das ist man gut!« riefen Alle.
    Und Noah pries sein Glück.
    Und Noahs Anverwandte lachten - mitsamt seiner Frau.
    Noah jedoch weinte vor Freude - so gross war sein Glück.
    Und die Pilzsterne blieben undurchsichtig für alle Ewigkeit.
    Und Noahs Luftbarke blieb fest verankert.
    Die Bewohner der Luftbarke sahen woanders hin.
    Und Noah pries sein Glück tagtäglich hundertmal und konnte sich viele
Billionen Jahre gar nicht beruhigen - so sehr freute er sich über die totale
Unsichtbarkeit jenes Milchstrassensystems, in dem sich jener »Erde« genannte
Stern bewegte.
Da kam eines Nachts ein kluger Vogel an der Barke vorbeigeflogen - sah den Noah
und sprach redselig:
    »Noah, das ganze Milchstrassensystem, von dem Du nichts mehr hören und sehen
willst, existiert ja gar nicht mehr. Flieg nur um die Ecke Deines Nebelflecks
herum - da wirst Du Augen machen. «
    Noah löste vorsichtig die Anker und fuhr ganz sachte, ohne dass die Schläfer
und die Schläferinnen unten in den Kajüten was bemerkten, um die Ecke seines
Nebelfleckes rum - und fiel - vor Schreck rücklings aufs Deck.
    Ein kolossaler Weltdrache füllte die ganze Gegend und glotzte den Noah mit
Millionen Augen so eklich an, dass dem Armen ganz plümerant zu Mute wurde.
    Doch der Drache sagte nach einer Weile höchst gemütlich:
    »Lieber Noah, ich habe soeben siebenmalsiebenundsiebzig Tausend
Milchstrassensysteme verspeist - glaubst Du da, dass ich noch Appetit haben
könnte?«
    Und der Drache lächelte sehr blöde und flog empor und liess eine weite Leere
hinter sich.
    »Er hat sich satt gefressen!« rief der kluge Vogel.
    Noah sprang auf, drehte rasch seine Barke um und machte, dass er weg kam, und
befestigte die Anker wieder an den alten Stellen hinter dem Pilzsternnebelfleck.
    Niemand auf der Barke erfuhr was von Noahs nächtlicher Fahrt um die Ecke
rum.
    Noah aber pries nicht mehr sein Glück.
    Es kam dem alten Noah für die Folge sein Leben zeitweise komisch vor, so dass
er oftmals lächeln musste.
    Und er freute sich nun, dass Niemand auf der Barke sein Lächeln verstand; die
Pilzsterne blieben undurchsichtig.
 
                                  Nebelsterne
Sieben Nebelsterne empfanden den Dunst, in dem sie viele Billionen Jahre gelebt
hatten, eines Tages als etwas Unerträgliches.
    Aber der Dunst gehörte zu ihnen; er war ein Teil ihres Körpers. Der Dunst
war die Haut ihres Körpers. Abstreifen konnten sie also ihre Dunstaut nicht so
ohne Weiteres. So was können wohl kriechende Schlangen - aber nicht die
Nebelsterne.
    Die anderen Sternwelten in der Umgegend hatten keine Dunstaut. Und das
ärgerte die Nebelsterne am allermeisten.
    Und das Herz der Nebelsterne ward verbittert, so dass sie ganz gallig wurden
und tückischen Gedanken Raum gaben.
    Die Nebelsterne wollten den anderen Sternwelten auch so gern eine unbequeme
Dunstaut anhängen.
    Und was beschlossen da die Bösen?
    Sie beschlossen, sich so weit aufzublasen, dass ihr Dunst ihrer gesamten
Nachbarschaft zur Empfindung gelangen musste.
    Und die Sieben bliesen sich auf.
    Und der ganzen Nachbarschaft ward unwohl; die anderen Sternwelten, die so
lange so klar die Welt durchleuchtet hatten, verloren ihren Glanz, denn der
Dunst der Nebelsterne umzog Alles wie ein feiner Rauch.
    Da war den sieben Bösen so recht vergnügt zu Mute; jetzt hatten sie nicht
mehr allein unter ihrer Dunstaut zu leiden.
    Aber die anderen Sternwelten wurden ergrimmt und wollten den Dunst
fortblasen. Und bei dem Fortblasen erregten sie sich alle dermassen, dass
allgemach eine kriegerische Stimmung in jener Weltecke die Oberhand gewann.
    Und bald zogen die einstmals hellen Sterne gegen die Nebelsterne zu Felde;
mächtige Weltblöcke flogen wie Kugeln von allen Seiten in die sieben bösen
Nebelsterne hinein, dass denen die Eingeweide platzten und das Mark verbrannte.
    Es war ein schauerlicher Krieg.
    Was aber war die Folge dieses schauerlichen Sternkrieges?
    Die Folge war, dass sich die Körper der sieben Nebelsterne bloss noch
mächtiger aufbliesen, dass ihre ganze Galle überfloss und in die anderen
Sternwelten überging.
    Und die ganze Wut der sieben Nebelsterne erfüllte bald die ganze grosse
Weltecke, so dass sich die einstmals hellen Sterne schliesslich auch gegenseitig
bekämpften wie tolle Hunde. Alle schlugen aufeinander los - ganz gleich, wohin
es traf - so dass es brannte an allen Ecken.
    Es war ein rasender Krieg Aller gegen Alle.
    Wie sie nun so mitten in ihren kriegerischen Aktionen dahinlebten wie die
Verrückten, kam doch einigen älteren Sternen die Besinnung wieder, und die
sprachen mit gewaltiger kosmischer Stimme ungefähr so:
    »Haltet ein, Brüder! So kann das doch nicht fortgehen. Wir gehen ja
schliesslich dabei sämtlich zu Grunde. Wir müssen Frieden schliessen - wie's auch
sei! Den Dunst der Nebelsterne werden wir wohl nicht wieder los. Aber wir wollen
doch versuchen, auch trotz dieses Dunstes wieder froh zu werden. Jedenfalls sind
wir um eine grosse Weisheit reicher geworden: Wenn uns böse Buben angreifen und
belästigen, so sollen wir nicht gleich wütend werden. Mit der Wut richten wir
doch nichts aus. Giftigen Dunst bläst man nicht so leicht fort. Man tut besser,
sich an den giftigen Dunst zu gewöhnen. Hört auf mit dem Herumwerfen der grossen
Weltblöcke! Wenn Ihr nicht aufhört, gehen wir Alle zu Grunde.«
    Da ging ein leises Murren durch die Weltecke. Aber man sah die Nutzlosigkeit
des Kampfes ein und schloss wieder Frieden.
    Alle Sterne suchten danach ihre Wunden, so gut es ging, wieder zu heilen.
    Die Nebelsterne hatten am meisten gelitten. Doch auch sie waren mit der
grossen Friedenserklärung einverstanden; ihre Dunstaut verblieb ja in der ganzen
Weltecke - das liess sich nicht mehr ändern.
    Indessen - die einstmals hellen Sterne gewöhnten sich allmählich an den
giftigen, lästigen Dunst und erklärten ihn schliesslich für ein höchst
interessantes kosmisches Schleiergebilde.
    Und so beruhigte man sich nach und nach.
    Und dann wards wieder still in der Weltecke.
    Das Leben ist eben in jeder Form erträglich; man darf nur nicht ungeduldig
werden.
    Bloss nicht gleich Krieg führen, wenn böse Buben frech werden! Die böse
Sieben! Ja! Ja!
    Also - lieber ein bisschen Dunst ertragen!
    Das Ertragenkönnen ist viel wertvoller als das Losschlagenkönnen. Die Wunden
heilen nicht so schnell. Bilde sich bloss Keiner ein, dass es ein Vergnügen sein
könnte, als interessanter Krüppel zu leben!
    An giftigen Dunst aber gewöhnt man sich - das ist nicht so schlimm!
    »Brüder!« riefen die Sterne, »wenn wir weiter nichts zu ertragen brauchen
als das bisschen Dunst, so können wir immerhin noch ganz glücklich sein.«
    Die sieben Nebelsterne ärgerten sich natürlich über die friedliche Gesinnung
ihrer Nachbarschaft nicht wenig, jedoch dieses Mal half ihnen der Ärger nicht
viel - sie hatten mit dem Zusammenflicken ihrer Glieder für die nächsten Jahre
vollauf zu tun.
    Bösewichter müssen Beschäftigung haben - das ist so furchtbar notwendig.
    O ja!
    Diese verfluchten Hallunken!
    O trag, so viel Du tragen kannst,
    Und sei nie ungemütlich!!
 
                                     Gross!
Sechstausend Ellen lang und fast ebenso breit ist die grosse Kröte, auf der mein
Palast erbaut wurde.
    Vor vielen langen Jahren zog ich ein - in den Palast.
    Und die Kröte wandelt nun mit mir durch die grosse, grosse Welt.
    Ob die Kröte was von mir weiss?
    Ach! Die Kröte ist so gross.
    Ich bin grausam klein dagegen.
    Natürlich ist es eine Schildkröte - die Kröte, von der ich so viel spreche.
    Wenn bloss diese Schildkröte ein wenig schneller gehen wollte.
    Ich möchte so gerne noch heute ans Ende der Welt gelangen - ans Ende!
    Geh schneller, liebe Kröte!
    Ich möchte ja endlich mal die Grösse der ganzen Welt begreifen - oder
verstehen - fassen!
    Aber wie soll ich das?
    Ich kann ja doch nicht ans Ende kommen, denn es gibt ja kein Ende!
    Geh schneller, liebe Kröte!
    Sie will natürlich wieder nicht.
    Was hilft mir da ihre Grösse?
    Alles wird immer grösser - und es hilft uns Alles nichts.
    Es nützt auch nichts, dass unser Durst immer grösser wird!
    Den Weltrand werden wir niemals an unsere Lippen setzen können.
    Ich würde auch den Weltrand zerbeissen.
    Geh schneller, liebe Kröte!
    Nützen zwar tut es nichts - aber mir kommt dann - wenn Du Dich beeilst -
wenigstens die Zeit nicht so masslos gross vor.
    Ach, du »liebe« Zeit!
Kaum hatte das Nilpferd die Lektüre dieser drei Geschichten beendigt, als sich
eine Türe knarrend öffnete und ein zweites Nilpferd aufrecht hereinspazierte.
Dasjenige, welches mich gerettet hatte, verliess eilfertig seinen Schaukelstuhl
und sagte, während es zögernd auf mich zukam: »Die Herren gestatten wohl, dass
ich sie einander vorstelle: Herr König Ramses aus Ägypten - Herr Dichter
Scheerbart aus Europa.«
    Ich verliess meine Ofenbank, verbeugte mich höflich gegen den neuen
Ankömmling und stotterte verlegen: »Majestät - entschuldigen!«
    Doch das kleine Nilpferd lachte und sagte:
    »Lass nur das Ceremoniell! So wie wir jetzt aussehen, passt es nicht mehr
recht für uns. Nenn mich ruhig Du und alter Ramses. Das genügt. Gerne würde ich
Dir die Hand schütteln, aber ich habe ja keine. Übrigens nennen sich die
ägyptischen Könige, die hier wohnen, King - da es uns so vielen Spass macht, dass
die Engländer noch immer unser Vaterland regieren. Behalte nur Platz - und lege
Dir gar keinen Zwang auf.«
    Da fühlte ich mich aber etwas peinlich berührt, denn ich hielt nun meinen
Retter auch für einen ägyptischen King und sprach dem entsprechend.
    Mein Retter lachte jedoch und sprach:
    »Ich bin kein King. Ich bin der Pyramideninspektor Riboddi.« Nun machte ich
denn doch ein sehr erstauntes Gesicht - und da lachten die Nilpferdchen mit
ihren breiten Mäulern so laut, dass es oben in den Gewölben wie Donnergrollen
erschallte.
    »Er wundert sich doch noch!« rief der Pyramideninspektor dazwischen.
    Und ich musste dazu ebenfalls lachen - so wie die beiden alten Ägypter; das
Lachen erschien mir immer die beste Art zu sein - um schnell über eine peinliche
Situation hinwegzukommen.
    Wir setzten uns jetzt alle drei in Schaukelstühle, und der König Ramses
sagte gleich ganz offen:
    »Lieber Scheerbart, Ihren Namen habe ich öfters gehört - aber gelesen habe
ich noch nicht eine einzige Zeile von Ihnen. Würden Sie nicht so freundlich
sein, mir etwas zum Lesen zu geben, damit ich weiss, wie Sie sind? Entschuldige,
dass ich Dich aus Versehen Sie nannte - aber mir ging plötzlich die
Lebensgeschichte eines ägyptischen Priesters durch den Kopf.«
    Die acht Geschichten, die ich dem ersten Nilpferdchen gegeben hatte, waren
von diesem bei Seite gelegt, und es sagte jetzt lächelnd - wobei seine
faustgrossen Vorderzähne leuchteten:
    »Onkelchen, knausere nicht! Greif in Deine Taschen und hole aus jeder ein
neues Manuskript hervor; ich will auch was Neues haben. Aber wähle nicht erst
lange - gib, was Dir zuerst in die Hand kommt.«
    Und da bekamen die Herren das Folgende.
 
                               Platzende Kometen
Was ist das?
    Es wird immer dunkler und so schwül.
    Blitze zucken, aber es donnert nicht.
    Jetzt pfeift es oben - so gellend wie Lokomotiven, die Angst haben vorm
Tunnel.
    Und nun fliegen Hagelstücke runter, grosse Hagelstücke und kleine
Hagelstücke. Sie sind nicht rund, sie sind zackig und kantig wie schlecht
gehauener Zucker.
    Aber Zucker ist das nicht - es schmeckt kühl und herzhaft.
    Und jetzt rauscht es oben in den Wolken.
    Die Wolken jagen blitzschnell vorbei.
    Ein Sturm wirbelt durchs Land.
    Die Bäume brechen ab, die Dachziegel fliegen mit Blumentöpfen, Menschenhüten
und flatternden Krähen weit weg - ins freie Feld.
    Es hagelt dabei und regnet.
    Der Regen schmeckt so kühl und herzhaft wie die Hagelstücke.
    Da steckt was Seltsames drinn in diesem Hagel und in diesem Regen.
    Die Gelehrten fahren mit ihren Galakutschen aufs Rataus und halten dort
lange Reden; alle Gelehrten haben Hagelstücke in der Hand, einige haben noch
Flaschen mit dem neuen Regenwasser.
    Die Gelehrten reden ausgezeichnet, und währenddem hagelt's und regnet's
draussen immer stärker.
    Und der Sturm heult - heult.
    Im Ratause erklären die klugen Gelehrten, dass das kein gewöhnlicher Hagel
sei - auch kein gewöhnlicher Regen.
    Und sie kosten alle von den Hagelstücken und trinken das Regenwasser.
    Und sie sagen, da sei ein neuer Stoff drinn - im Himmel müsse ein Komet
geplatzt sein - es müsse ganz bestimmt ein Komet gewesen sein.
    Kometensalz ist der neue Stoff.
    Er wirkt nur so komisch.
    Wer das neue Salz gekostet hat, dem zieht so was Weiches durch alle Glieder
und die Gedanken werden so einfach.
    Das Kometensalz ist verführerisch wie Alkohol.
    Das Kometensalz brennt aber nicht hinten im Munde und unten im Leibe, reizt
nicht auf - es macht genügsam - still.
    Die Menschen, die das Salz im Magen haben, können bald ihre Gedanken nicht
mehr sammeln. Es ist den Menschen, als ginge Alles fort.
    Und dann bleiben die Menschen stehen und gehen nicht weiter, ihre Glieder
werden steif und hart wie Holz, und der erhobene Arm will nicht mehr runter; die
Hand, die den Hut zum Grüssen zog, bleibt mit dem Hute oben in der Luft.
    Allmählich verhallt der Sturm, und das Wetter wird wieder besser.
    Beim hellen Sonnenschein merkt man aber erst den Umfang der ganzen
Geschichte.
    Zehn nasse Soldaten auf dem Übungsplatze vor der Kaserne stehen auf einem
Beine kerzengerade, doch das andere hochgehobene Bein geht nicht runter. Eine
Bäckersfrau stösst dem einen Soldaten in die Seite, und alle Zehn fallen um wie
hölzerne Soldaten aus einer Spielschachtel.
    Die Luft ist wieder still.
    Und die Menschen lecken an dem Kometensalz, das massenhaft die Erde bedeckt.
Die Tiere lecken auch an dem Kometensalz.
    Und dann bleiben die Menschen und die Tiere nach und nach sämtlich auf der
Strasse und in den Häusern in seltsamen Stellungen stehen - sitzen - oder -
liegen.
    Den Hunden bleibt das Maul offen.
    Die Vögel überschlagen sich in der Luft, fallen mit steifen Flügeln auf die
Salzhaufen und rühren sich nicht mehr.
    Ein Leichenzug steht vor einer Kirche und kann nicht weiter.
    Die Bäume werden ebenfalls starr. Die Trauerbirken und die Trauerweiden
verharren in Windstellung - mit weit weggewehten Ästen - als wütete noch immer
der grosse Sturm.
    Und die Luft ist doch so still.
    Und die Menschen und Tiere sind auch so still, als wüssten sie gar nichts
mehr zu sagen.
    Ein Schutzmann sitzt auf einer Parkbank unbeweglich mit einem Strolch
zusammen - sie sehen sich unablässig an.
    Ein Regiment dekorierter Nachtwächter befindet sich vor dem Ratause in
konstanter Präsentierstellung.
    Die Kinder sind in der Schule nicht mehr zu hören - so ruhig sind sie.
    Und im Ratause sitzen die Gelehrten wie Wachspuppen da.
    Der Bürgermeister, der das Salz nicht anrührte, schleppt sich müde nach
Hause, trinkt im Sorgenstuhl vor seinem Schreibtisch ein Glas Wasser und sieht
am Ofen seine Frau - sie ist unbeweglich wie ein abgeschiedener Geist.
    Der Bürgermeister fasst sich an den Kopf und ruft plötzlich angstvoll:
»Franziska! Das ist die neue Zeit.«
    Aber er kann den Mund nicht mehr zumachen - das Salz hat auch ihn gepackt -
es war im Wasserglase.
    Das furchtbare Kometensalz ist überall!
    In der Residenz sitzt der König auf seinem Trone und hält immerfort das
Scepter - regiert aber nicht - denn alle seine Untertanen sind so steif wie er
selbst.
    Jedoch keinem der Gelähmten geht das Bewusstsein aus; das Gehirn arbeitet
bloss etwas langsamer.
    Die Augen behalten ihre Kraft.
    Die Ohren hören; es ist nur nicht viel zu hören.
    Lauter Salzsäulen an allen Ecken und mitten im Wege!
    Lebende Salzsäulen!
    Sie sitzen, als wenn sie unablässig nachdächten - stehen, als hätten sie was
vergessen - liegen, als wären sie dabei, was Feines zu dichten - und rühren kein
Glied.
    Die Oberfläche der ganzen Erde ist ganz starr geworden.
Und nach sieben Tagen wird's im Himmel abermals finster.
    Und abermals kommt ein Sturm.
    Und der Sturm wirbelt die Tiere und Menschen durcheinander wie welke
Blätter.
    Schornsteinfeger fallen von den Dächern; Arbeiter und Soldaten, Frauen und
Kinder rollen in den Gassen wie Tonnen herum, wobei die Glieder abbrechen, ohne
zu bluten.
Und dann wird's wieder still,
    Und allmählich verändert sich Alles.
    Langsam fallen die Häuser ein.
    Die Äste der Bäume fallen ab wie Eiszapfen.
    Säulen platzen, Denkmäler und Türme brechen krachend entzwei.
    Und dann sickert ein dunkler Staub auf die Erde hernieder.
    Der dunkle Staub bedeckt Alles - auch die Wasser und die Meere.
    Ein andrer Komet muss wohl geplatzt sein.
    Der bestaubte Erdball dreht sich weiter.
 
                                 Das harte Rot
Ich stehe auf einem schwarzen Berge - und ringsum ist Alles schwarz - das ganze
Land und das ganze Meer - schwarz!
    Und der Himmel ist gleichfalls schwarz.
    Und nun gehen überall am Horizonte in gleichen Abständen rote Sonnen auf -
dunkelrote Sonnen!
    Aber das Land bleibt dennoch schwarz - das Meer und der Himmel desgleichen.
    Über mir gehen auch viele rote Sterne auf - dunkelrote Sterne!
    Und die roten Sonnen steigen gleichmässig höher.
    Aber nur die Sonnen und Sterne sind rot.
    Ihr rotes Licht leuchtet nicht - es ist nur für sie - nicht für uns!
    Alles, was nicht Sonne und nicht Stern ist, bleibt schwarz.
    Es wird niemals anders sein.
 
                                    Freunde
Sie winken und grüssen und lachen mich so lustig an, dass ich ganz heiter werde.
    Sie reichen mir auch die Hände und bewegen so zierlich die weissen Finger.
    Ich würde wohl mit denen da drüben gut auskommen - doch sie sind ja so fern
- sie stecken alle in den Wolken - und die Wolken sind hoch.
    Wenn's doch regnen möchte!
    Dann müssen sie ja runterkommen!
    Es regnet aber nicht.
 
                            Der Weg zur Schlachtbank
                               Rede eines Ochsen
»Ich bin ein grosses Tier und ein gutes Tier. Ich weiss, wohin man mich führt. Und
ich habe auch nichts dagegen. Ich bin der wahre Wohltäter der Menschheit. Ihr
gehört mein Herz - ihr gehören auch meine Nieren und meine Schinken - und meine
Knochen mit dem herrlichen Mark! Dass man mich nicht so ehrt wie andere
Wohltäter, macht mir nichts aus. Auf Dank hab' ich nie gerechnet. Dass man mich
aber noch schlägt mit dem Ochsenziemer - halte ich für gemein. Muss ich auch noch
zum Märtyrer werden? Wozu?«
Als nun die beiden Herren mit Lesen fertig waren, ergriff ich zuerst das Wort,
da es mich immer ärgert, wenn ich in Gegenwart Andrer bloss zuhören soll.
    »Wenn ich,« sagte ich mit scharfer Betonung jeder Silbe zum
Pyramideninspektor, »die Erde bloss für eine grosse Erziehungsanstalt halten soll,
so komm' ich mir dabei auch nicht sehr geistreich vor.«
    »Dazu,« versetzte der alte Ramses, »hast Du auch gar keine Veranlassung.«
    Ich wollte sofort erwidern, wurde aber durch ein merkwürdiges Gebimmel daran
verhindert; die Luft in dem schwarzen Felsensaal schien plötzlich zu Musik zu
werden; unsichtbare kleine und grössere Glocken klangen bimmelnd und brummend
durcheinander - höchst melodisch - aber höchst merkwürdig.
    »Das sind unsre unsichtbaren Diener!« sagte der Pyramideninspektor.
    Und dann vernahmen wir eine helle Knabenstimme, die laut aus den Gewölben
oben zu uns hinunter rief:
    »Kommen Sie nur schnell, meine Herren! Das Abendbrot ist fertig - kommen Sie
- kommen Sie - sonst werden die Kartoffeln kalt.«
    Danach verstummten die Glocken.
    Und wir erhoben uns aus unseren Schaukelstühlen.
    Ich war recht ärgerlich und meinte brummig:
    »Diese Erinnerung an das Abendbrot macht mich nicht grade sehr heiter, denn
schön ist es wohl nicht, dass wir unser Leben durch Essen und Trinken erhalten
müssen. Und dass Sie, meine Herren, das auch noch müssen, imponiert mir ganz und
gar nicht.«
    Ramses fragte mich höflich:
    »Sag mal, rauchst du vielleicht gerne?«
    Ich bejahte die Frage, und der Pyramideninspektor meinte drauf ganz trocken:
    »Dann können wir's ja so einrichten, dass Du Deine Mahlzeiten rauchend
einnimmst. In diesem Falle müsstest Du aber vorher ein elektrisches Bad nehmen.
Zeit wäre noch dazu, denn unser Luftknabe behauptet regelmässig, dass das
Abendbrot fertig sei, wenn's noch zwei Stunden hin sind.«
    Ich erklärte mich selbstverständlich sehr gerne bereit, sofort ein
elektrisches Bad zu nehmen.
    »Es ist aber recht schmerzhaft!« erklärte der alte Ramses.
    Ich aber war neugierig und versetzte kühl:
    »Das tut nichts.«
    Und danach gingen wir durch einen schnurgraden erleuchteten Felsengang, in
dessen schwarzen glatten Wänden unsre Gestalten sich deutlich widerspiegelten,
zum Badezimmer.
    Das Badezimmer hatte sehr viele vierkantige Säulen, die auch schwarz waren,
aber nicht spiegelten. Jede Säule war von der nächsten oder der Wand nur zwei
Meter entfernt. Sehr viele gelbe und weisse Metallgeräte standen umher, deren
Bedeutung ich nicht verstand; dieselbe hatte auch kein Interesse für mich.
    Ich wurde hier dem Oberpriester Lapapi vorgestellt, der sich natürlich auch
in der Gestalt eines Nilpferdes zeigte und ebenso wie die beiden andern einen
blauen Flanellrock trug.
    Die Herren baten mich, ihnen während des Bades doch was zu lesen zu geben.
    Und während ich nun mit einer Kühnheit, die mich selber überraschte, ins Bad
stieg, lasen die drei Herren:
 
                                 Das neue Leben
                          Architektonische Apokalypse
Langsam dreht sich der alte Erdball um die alte Sonne, die nicht mehr glüht und
strahlt wie einst.
    Dunkelviolett scheint die alte Sonne, so dass es nie mehr Tag wird - auf
Erden niemals mehr.
    Stille Nacht ist überall.
    Es ist sehr sehr still.
    Der Himmel ist schwarz wie schwarzer Sammet.
    Die Sterne aber funkeln so hell wie sonst - wohl noch heller, da sie grösser
sind.
    Goldene Sterne sind's!
    Der Erdball ist ganz weiss - ganz mit weissem Schnee umhüllt - mit leuchtendem
Schnee!
    Sternklare Winternacht auf den Höhen und im Tal!
    Die tote Erde dreht sich immer langsamer.
    Doch im sammetschwarzen Himmel wird's lebendig.
    Die grossen Erzengel kommen.
    Mit riesig grossen weissen Flügeln flattern sie eiligst herbei. Es rauscht
durch den Himmel.
    Es wird so laut, so voll Trubel die Luft, als wenn viele Millionen grosser
Völkerscharen zu neuem Leben erwachen.
    Aber es kommen nur die Erzengel. Es sind ihrer zwölf. Sie sind so
schrecklich gross. Sechs umflattern die eine Hälfte der Erdkugel und sechs die
andre, so dass man von beiden kaum mehr was sieht.
    Die Engel beugen langsam, Flügel schlagend, die Köpfe herunter. Ihre Füsse
schweben hoch über den beiden Polen der Erde. Die zwölf Köpfe bilden bald mit
ihren flatternden blonden Locken um des Erdballs Mitte einen prächtigen
Haarring.
    Zunächst nimmt jeder Erzengel den grossen Dom, den er im Arme trug, in beide
Hände und setzt ihn auf ein hohes Schneegebirge. Danach ziehen alle Zwölf ihre
dicken Pelzhandschuhe aus und greifen geschwinde mit ihren zarten Fingern in
ihren weltmeergrossen Rucksack.
    Aus ihrem Rucksack holen die Engel viele hundert neue, blitzblank glänzende
Paläste hervor. Und mit den Palästen schmücken sie den grossen Schneeball, der
sich Erde nennt, dass er bunt wird und mächtig funkelt; die Augen der Erzengel
leuchten dabei, als wenn sie für artige Kinder Spielzeug auskramten.
    Nachdem die Rucksäcke geleert sind, flattern die Engel wieder empor und
schweben munter plaudernd in mässiger Entfernung auf und ab in schönen grossen
Kreisbogen.
    Die Erde sieht bunt aus, als wäre sie mit den Flügeln der kostbarsten
Schmetterlinge, erfrorenen Paradiesvögeln und gleissenden Diamanten bestreut.
    Und die Paläste werden hell. Millionen Lampen werden überall drinnen
angesteckt; durch die bunten Glasfenster der hohen Dome und all die vielen
Schlösser strömt gedämpftes Licht tausendfarbig in die violette Schneenacht
hinaus.
    Die violette Sonne wird noch dunkler. Die fernen goldenen Sterne verlieren
auch viel von ihrem Glanz. Der sammetschwarze Himmel rahmt die sanft aufglühende
Erde ringsum prächtig ein.
    Und die grossen Glocken der Dome läuten alle.
    Ein Sehnsuchtsschauer durchrieselt die weiten Schneegefilde; durch die
nagende Schwermut des kalten Erdballs ringt sich ein neues Leben durch - das
ewige Leben!
    Die Toten stehen auf.
    Überall hebt sich die Schneedecke. Und all die Menschen, die einst auf der
Erde lebten und starben, steigen aus ihren Gräbern heraus, schütteln sich den
Schnee ab und sehen sich erstaunt an. Als sie merken, dass sie auferstanden sind,
fallen sie sich gegenseitig um den Hals und sind sehr gerührt.
    Ja! Ja! Wer hätte nicht gern ein neues Leben begonnen!
    Die Erde dreht sich schneller.
    Doch dieser grosse ernste Augenblick ähnelt einem grossen drolligen
Maskenfest, denn alle Menschen haben Kleider an, die denen gleichen, welche sie
zu ihren Lebzeiten am häufigsten trugen. Die Bettler gehen neben den Königen,
die Priester neben den Kriegern, die Handwerker neben den Gelehrten - in all den
vielen Trachten all der vielen Zeiten. Vom Fellschurz bis zum gebügelten
Oberhemd ist alles da.
    Die Auferstandenen steigen die goldenen Stufen zu den Schlössern und Domen
empor. Es wimmelt man so!
    Alle Sprachen der Erde wirbeln durcheinander, dass es mächtig durch den
ganzen Himmel brummt und die Glocken nicht mehr zu hören sind.
    Oben aber vor den Türen der Schlösser und Dome stehen viele tausend Engel,
die nicht grösser als die Menschen sind, in zarten hellgrünen, hellblauen und
hellroten Gewändern und warten.
    Feierliche Begrüssung! Händedrücken und Wangengestreichel! Kopfnicken und
Armgewackel! Viel Gelächter! Und viel lächelnde Behaglichkeit!
    Die grossen Burgen, die aus reinen Riesendiamanten bestehen, sprühen ihren
Farbenbrand so festlich in die Dämmerung. Und die andern Edelsteine der weiten
Säulenhallen glänzen mit den reinen Riesendiamanten um die Wette. Und die
kostbaren Steingewächse, die aus den Domen aufstreben, sind auch so wunderbar.
Die Smaragdkuppeln einzelner Schlösser werden von innen erleuchtet und werfen in
den schwarzen Sanimetimmel weite grüne Lichtkegel, die sich langsam bewegen.
Die Saphirtürme ragen höher empor als die anderen Türme. Und das stille Licht,
das überall durch die tausendfarbigen Glasfenster hinausströmt, das schimmert so
heilig-bunt und verheissungsvoll. Ungeheure Palastgebirge sind mit riesigen
Opalbogen umgittert. Wenn das Auge von Pol zu Pol schweift, so wird es verzückt
bei all der Glanzglut. Der Bauzauber ist so gewaltig, dass man sich verwundert
fragt, wie es kommt, dass die auferstandenen Menschen nicht einfach toll werden.
Aber - so entsetzlich es auch ist, so wahr ist es: die meisten Menschen denken
bloss an das gute Abendbrot, das ihnen nach ihrer Meinung in den Domen und
Palästen von eifrigen Dienern vorgesetzt werden wird.
    Wie verblüfft sind da die Auferstandenen, als sie im Innern all der vielen
Glanzburgen gar kein Abendbrot finden! Männlein und Weiblein sehen sich
verwundert um, entdecken aber nichts. Draussen haben sie schon schmerzlich den
gänzlichen Mangel an Bäumen, Früchten und Gemüsen bemerkt - und jetzt ist auch
drinnen Alles nur unfruchtbarer Stein! Marmor und Rubine, Gold und Silber, bunte
Lampen und bunte Wände, entzückend gegliederte Kuppeln, ein bisschen Sammet und
Seide, mächtige Granatsäulen, glitzernde Glasgrotten und ähnliche Sachen gibt's
ja in unüberschaubarer Menge - doch von Hammelbraten, Schneckensalat und
Feuerwein keine Spur!
    »Engel, wo bleibt das Abendbrot?«
    Also ruft demnach baldigst ziemlich einstimmig das ganze grosse
Menschengeschlecht.
    Die Engel öffnen schweigend im Innern der Paläste und Dome kleine
Seitenpforten, die bis dahin den Blicken der Menschen entzogen waren. Alle
denken natürlich - jetzt gibt's zu essen, zu trinken und zu rauchen. Hei! Wie
sie sich freuen!
    Indessen - diesmal ist die Enttäuschung noch viel grösser.
    Das »alte« Leben grinst die Menschen an.
    Es steht eben »Alles« wieder auf.
    Doch ganz so schlimm wie damals, als die Sonne noch hell schien, ist das
alte Elend nicht anzuschauen. Es ist anders umrahmt! Im Palastgeschmack! Die
Säle und Zimmer, in denen die alte Beschäftigung wieder aufgenommen werden soll,
sind mit so viel feinem Prunk umgeben, dass die »guten« Menschen doch mit grosser
Freude ins alte Fahrwasser hineinspringen, wenn's auch so unappetitlich ist wie
schmutzige Wäsche.
    Ja! Ja! Das alte Leben!
    Der eine muss wieder seine kranke Frau pflegen, die ohn' Unterlass stöhnt und
klagt; er beginnt den Tanz der Qual mit kalter Ruhe wieder von vorn, wie schon
so oft - wirklich ein guter Mensch! Ein andrer guter Mensch fängt wieder an,
grosse Gesellschaften zu besuchen, und klagt dabei wieder über seine nie zu
stillende Sehnsucht nach der ewigen Einsamkeit - genau wie einst. Ein Dritter
ist wieder mit seinem Ruhme nicht zufrieden; er will immer anders berühmt
werden, was ihm natürlich nicht gelingt, da er selber nicht weiss, wie er's haben
möchte. Ein Vierter bekämpft mit altem Mute seine riesige Sinnlichkeit und wird
zum ächten Asketenhäuptling, lässt wieder seine eiserne Willenskraft bewundern,
obgleich er sich in jeder stillen Stunde auslachen muss, da ja alle seine Kraft
nur eine naturgemässe Folge von Ausschweifung und Ekel ist. Ein Fünfter hofft
immer einen Sack mit Gold zu finden - und was findet er? Einen Sack mit giftigen
Witzen!! Ein Sechster muss stets vergeblich »Geld« besorgen - d.h. es gelingt ihm
nie!! Und ein Siebenter muss zu Allem »Ja« und »Amen« sagen, was ihm von je so
schwer fiel. Und die Millionen Andern arbeiten und regieren, befehlen und
gehorchen - auch genau so wie einst. Die Maschinen rasseln wieder, und die
Denkerköpfe rauchen wieder, die Kartoffelfelder tragen wieder ihre mehligen
Früchte, die Säufer saufen ganz im alten Stile weiter, und die Verbrecher
brechen wieder bei den Leuten, die was haben, ein.
    Alles ist wie einst! - Es spielt sich bloss schön umrahmt in herrlichen
Palästen und Domen ab, die so gross sind, dass man gar nicht durchsehen kann.
Sonst ist kein Unterschied.
    Die guten Menschen sind natürlich mit Allem zufrieden - aber die bösen
Menschen sind natürlich mit nichts zufrieden - ihnen genügt nicht die Alles
belebende Sonne der Baukunst - sie wollen Abendbrot mit Austern und starkem
Getränk - ununterbrochenes Vergnügen mit Tingeltangel und Schlittenfahrt.
    Die guten Engel wollen die bösen Menschen besänftigen und trösten, sagen
freundlich: »Kinder, Ihr wisst gar nicht, was Euch frommt! Leid und Freud sind in
jedem Menschenleben ganz gleichmässig verteilt. Diese ist ohne jenes gar nicht
denkbar. Seid vernünftig! Alle Wünsche sind nicht erfüllbar. Ist es nicht genug,
dass wir Euch eine angenehme Umgebung geschaffen haben? Ihr wollt bloss immer
vergnügt sein - und das geht doch nicht.«
    »Warum nicht?« schreien die Bösen.
    »Weil's Euch langweilen würde!« antworten die Engel, und sie gähnen, während
sie an ein ewiges Glück denken.
    Die Bösen aber lachen - so hässlich, dass die guten Engel ernstlich böse
werden.
    »Man sollte Euch eigentlich,« fahren sie in schärferem Tone fort, »piesacken
- mit feurigen Zangen. Die Dummheit muss mit Feuer und Schwert ausgerottet
werden. Ihr werdet's niemals verstehen, dass anständig wohnen besser ist als
anständig leben. Wie die Pflanzen der Erde hauptsächlich nur von Licht und Luft
lebten, so sollt Ihr jetzt auch hauptsächlich von dem leben, was Euch umgibt -
von dem Licht und von der Luft der göttlichen Baukunst, die die wahre Kunst ist.
Ist es Euch tatsächlich nicht genug, in diesen himmlischen Strahlburgen leben zu
können? Wisst Ihr immer noch nicht, was es heisst: in einer Traumwelt daheim zu
sein? Das ist doch die prickelnde Auster der Armut! Was sind dagegen alle
Kaninchen des Reichtums? Eine grosse Quarkerei - nicht mehr! Euer Leben soll nur
ein Akkord in der Sphärenmusik des Alls sein - Euer Schmerzenslaut ist also
nicht zu entbehren - sonst wird ja die Sphärenmusik so weichlich wie Milchreis!
Ihr unglaublichen Nilpferde!«
    Die Bösen schütteln sich vor Lachen und halten sich den Bauch. Die Engel
bleiben aber ganz ernst, sie sagen noch traurig: »Ihr kommt ja sämtlich nicht zu
kurz! Die Qualen des Bettlers werden gleich mit Freuden belohnt, von denen die
armen Könige nichts wissen. Und zu alledem kommt noch diese prunkvolle Traumwelt
Eurer Wunderpaläste.«
    »Die macht uns grade erst recht begehrlich! Wir wollen keinen Selbstbetrug!«
    Also schreien wild durcheinander die dummen Bösewichter, die immer vergnügt
und selig sein wollen.
    »Na, wenn Euch der Selbstbetrug nicht passt,« donnern die Engel los, »so
könnt Ihr ja wieder in Eure Gräber zurück. Eure kannibalische Dummheit soll uns
das neue Leben, das wir Euch in dieser Glanzwelt darboten, nicht verleiden!«
    Und es treten die hellgrünen Engel mit dunkelgrünen Tannenzweigen hervor,
und mit den dunkelgrünen Tannenzweigen berühren sie alle Unzufriedenen.
    Und die Berührten fallen um und sind tot.
    Rasch werden sie hinausgetragen und wieder im Schnee verscharrt.
    Jede Spur der Bösen ist bald verweht.
    Die guten Menschen aber, die schon dankbar sind, wenn sie bloss in einer
glanzseligen Traumwelt leben können, nehmen die Qualen des alten Lebens ruhig
über Alles und wollen nicht mehr.
    Wie die hellgrünen Engel zurückkommen, streicheln sie den guten Menschen
freundlich die klugen Köpfe.
    Durch die bunten Glasscheiben strahlt das neue Glück in die Schneenacht
hinaus, die gar seltsam wird.
    Die Smaragdkugeln leuchten mit ihren grünen Lichtkegeln durchs schwarze
Weltall.
    Die Saphirtürme recken sich noch höher - wie übermütige Gespenster.
    Die riesigen Opalgitter schimmern wie Millionen aufgescheuchter
Schmetterlinge.
    Die vielen kleineren Schlösser sehen auf dem weissen Schneeball, der sich
Erde nennt, wie Glühwürmchen aus.
    Und es ist Alles so rührend-feierlich in der ewigen Dämmerstunde, dass Jeder
ruhig werden kann.
    Die Erzengel beugen sich zum zweiten Male zur Erde herab.
    Die blonden Riesenlocken bilden wie vorhin einen prächtigen Haarring.
    Die unbeschreiblich grossen Engel stecken die festlich erleuchteten Paläste
wieder in ihren Rucksack, ziehen ihre Handschuhe an, nehmen ihre Dome in den Arm
- und flattern davon.
    Bald dreht sich der ganze Erdball so langsam wie vorhin - wie ein grosser
Schneeball, den Kinder rollen, wenn sie einen Schneemann bauen.
    Die violette Sonne glüht in der Ferne wie eine alte Ampel, der das Öl
ausgeht.
    Die goldenen Sterne funken im tiefschwarzen Sammetimmel - wie glückliche
Strahlburgen.
    Und die Nacht ist so still - so grabesstill!
Während nun die drei Herren ihre Freude an meiner Apokalypse hatten und die
Anspielung mit dem Abendbrot sehr wohl verstanden, empfand ich Höllenqualen.
    Ich stand in einem viereckigen Loch, das über zwei Meter in die Tiefe ging.
Und in diesem Loch empfand ich plötzlich von unsichtbaren Händen heftige
Schläge, die über meinen ganzen Körper zuckten. Ich war ganz nackt und schrie
erbärmlich, denn die Massage, die mir unsichtbare Hände angedeihen liessen,
schien mir alle meine Nerven zu zerreissen - ich empfand Schmerzen - als würden
mir überall Zähne ausgezogen. Aber in den Händen eines Zahnziehers hätte ich
paradiesische Wonnen gespürt - dieses elektrische Bad arbeitete vollständig - es
war die höhere Hölle - ich danke schön - die Vergleiche fehlen mir.
    Indessen - genug davon!
    Als ich wieder aus dem Loche rauskam, war mir so unbeschreiblich wohl, dass
die Leiden schnell vergessen wurden.
    Unsichtbare Hände zogen mir wieder die Kleider an, und die drei Nilpferdchen
beglückwünschten mich und führten mich in den herrlichen Speisesaal, allwo sich
noch vier andere Nilpferdchen einfanden.
    Es lebten also in diesem Felsenschloss sieben Nilpferdchen.
    Die mir bereits vorgestellten waren:
    King Ramses
    Pyramideninspektor Riboddi
    Oberpriester Lapapi
    Und die vier Andern, die mir erst im Speisesaal vorgestellt wurden, waren:
    King Amenophis
    King Necho
    King Tutmosis
    General Abdmalik
    Wir setzten uns um einen ovalen Tisch auf bequeme lederne Polstersessel mit
hohen Lehnen; ich hatte auch solchen Sessel.
    Aber auf der Tafel, die aus einer glatten, weissen Steinplatte bestand und
(wie schon gesagt) oval war, konnte ich keine Speisen erblicken - auch kein
Tischzeug - einfach gar nichts.
    Ich wunderte mich und sagte, dass ich das täte.
    Und darüber amüsierten sich die sieben Herren.
    Mir wurde fast unbehaglich zu Mute.
    »Bitte,« sagte King Tutmosis, »geben Sie mir ein paar Manuskripte heraus.«
    King Ramses rief heftig dazwischen:
    »Nenne den Onkel doch Du, mach' doch nicht so viel Umstände.«
    Und nun nannten sie mich alle Du und wollten mich näher kennen lernen.
    Mir blieb demnach einfach nur übrig, dem Verlangen der Herren zu willfahren.
    Und ich legte auf den blanken weissen Tisch nachfolgende drei Geschichten,
die von meinen Nachbarn zur Rechten und Linken mit Begierde ergriffen wurden.
 
                             Wir maken Allens dot!
                                   Clownerie
Hopp!Hopp!Hopp!
    Da is er - zieht Cylinder - verbeugt sich und sagt ernst wie Staatsanwalt:
    » Dramatûschek!«
    Der Andre lächelt, klopft sich auf dickes Bauch, nickt mit kahles Kopp und
sagt schmunzelnd:
    »Seer erfreut, mein Lieber! Ick bin der Kapitálski.«
    Händegeschüttel - Schmunzelei - zwei Stühle - Cylinder vergraben - Männer
rauchen jleich Ziehgarn - bald serr viel Dampf in Luft.
    »Ick bin,« spricht Dramatûschek, »wie Sie woll wissen - ein Schenie!«
    »Weess ick längst!« erwidert Kapitálski.
    »Ick will,« fährt Dramatûschek fort, »bauen jrosses Teater mit neistes
Brimborium and allerscheenstes Humbug (speak: Hömmböck!). Wir maken Allens dot.
Jiebst du Kapital? Speak, Kapitálski!«
    Jast legt rechtes Bein auf linkes Bein, raucht wie Schornstein und kickt
jradaus wie Tatmensch.
    Kapitálski steckt rechtes Hand in sei Rocktasch - zieht aber jleich wieder
Hand raus.
    Dramatûschek kriegt Courage, redet feste:
    »Mensch-jutes! Denk an! Ick hab jrosses Jedank mit jrosses Mond - das schwebt
auf Podium und quiekt: Au!«
    »Jrosses Narr - kei Schenie!« murmelt Kapitálski - Jast seiniges jleich serr
hitzig.
    Dramatûschek, das jrosse Schenie, erhebt sich von Stuhl und hält wildes Red:
    »Du hast kei Ahnung, Kapitálski! Weisst Du, was ick will maken? Ick will
maken jrosses Teater - serr jrosses und auch serr kleines. Da sollen Sterns vons
Himmel auftreten als Aktörs, sollen sein tiefsinnik wie altes Sokrates - noch
meer tiefsinnik. Jrosses Riesendams sollen ooch kommen in schlackerndes Feuer und
buntes Pfaulicht. Tanzen sollen Panters und Kameels, Oxen und Schenies. Janzes
Welt soll werden gekrempelt um. Allens maken wir dot! Siehste, Kapitálski?«
    »Nix seh ick!« schreit der Herr mits Portmonnee.
    »O du stupides Eichkatz!« kreischt nu Dramatûschek, »hast Du kei Fantasie?
Mal Dir aus ein jrosses Kunst mit Blitz und Donner - mit jrosses Krieg - mit
herzzerdrücktes Jejammer und bombastisches Seligkeit. Wir maken Allens dot!«
    »Kei Kunst!« replizieret Kapitálski, »dotmaken kann jedes Mörder. Aechtes
Kunst muss maken jutes Appetit - aber nich dickes Kopp.«
    Dramatûschek flennt wie trauriges Mutter und sagt dazu:
    »Materialiste biste - kei Schenie! Aber jieb Kapital - dann biste
Ober-Schenie - Erz-Schenie - Gold-Schenie - General-Schenie! Jieb Kapital! Sei
Freund.«
    Jutes Mensch janz jerührt - umarmt Kapitálski - derr steckt wieder Hand in
Hosentasch - zieht raus blankes Ding - ächtes deutsches Pfennig - jiebts an
jutes jerührtes Mensch.
    Uih!
    Bumm!
    Dramatûschek springt hoch in die Höh, schreit wie Schwein bei Schlächters -
makt immerzu Saltomortals und packt altes dummes Kapitálski an Gurgel - dreht -
dreht - dreht ab das Kopp.
Wie Kopp in Dramatûscheks langes schmales Hand, steht Kapitálski ohne Blut und
ohne Kopp janz ruhig auf - und - redet Bauch - sagt dunkel:
    »Kapitálski kann leben ohne Kopp - braucht kei Kopp.«
    Kopplos jeht das harte Mensch in sei Stall.
    Dramatûschek heult wie Wolf, schmeisst Kapitálski-Kopp mang Publikus, dass
alle Mächen quietschen - und fällt steif wie trocknes Brett auf sei Nas'.
    Publikums janz dumm.
    Schenie Dramatûschek weint blutijes Trän - Sand wird nass und rot - immer
merr nass - wird rotes Strom - und armes Kerl schwimmt fort - auch in sei Stall
...
    Armes Dramatûschek!
    Armes Kerl!
    Rotes Strom wird rotes Meer!
    Armes Publikus!
 
                                   St. Georg
                                 Laster-Scherzo
Der Rotaarige führte mich schweigend zur Stadt hinaus - an der Windmühle vorbei
- hintern Kirchhof - übers freie Feld.
    Der Vollmond beleuchtete uns und die Gegend.
    Der Rotaarige klatschte in die Hände und versank vor mir in die Erde.
    Ein kalter Wind pfiff mir um die Ohren. Ich stopfte mir eine Pfeife, steckte
den Tabak an, klappte den silbernen Deckel zu und rauchte.
    Da mir die Gegend gefiel, setzte ich mich auf meinen Feldstuhl und blickte
rauchend gradaus - so wie mir's der Rotaarige geraten hatte.
    Und siehe - dort, wo mein edler Freund, der beste Taschenspieler unsrer
Zeit, in die Erde gesunken war, da stieg jetzt langsam eine breite schwarze
Tonne hervor. Die Tonne war gute zwei Meter hoch und wohl andertalb Meter
breit.
    In der Tonne klirrte es und klapperte, und dann brach oben der Deckel
entzwei, und ein eiserner Ritter kletterte wie ein Schornsteinfeger aus der
Tonne raus, band sich von der rechten Wade die Stahlschiene ab, flickte mit ihr
das Deckelloch und stellte sich aufrecht breitbeinig hin. Der Vollmond stand
rechts oben, und das Ganze gab ein vortreffliches Bild; die Stahlrüstung glänzte
mächtig und das zweischneidige Riesenschwert noch mächtiger.
    Ich steckte mir eine zweite Pfeife an, denn bei Mondschein rauche ich immer
sehr schnell.
    Der Ritter packt sein Schwert mit beiden Händen fester und fängt zu kämpfen
an. Es ist aber weder ein Drache noch sonst was zu sehen. Ich denke mir: es wird
wohl ein unsichtbarer Feind sein.
    Und ich habe recht.
    Der Ritter flucht und brüllt:
    »Das ist wieder das verfluchte Weib. Das Biest sitzt mir auf den Schultern
und drückt - drückt immerzu. Die Augen werden mir wieder rot. Ich sehe wieder
ein zerrissenes Laken und dicke wulstige Schweinsbeine.«
    Der Ritter kämpft gegen Gebilde, die nur er sieht.
    Und er wehrt sich, stochert wütend mit seinem Schwert in die obere Luft -
und dann gibt's einen mächtigen Krach - der Ritter bricht durch und fällt in die
Tonne, aus der er kam.
    Ich rauche ganz gemütlich weiter und sehe mir nun die Tonne näher an, aber
sie ist wie alle Tonnen.
    Der Herr Ritter klettert wieder oben raus, macht das Loch im Deckel mit
einem andern Stück seiner Rüstung nochmals ganz - und der Kampf geht von neuem
los.
    Es macht mir grossen Spass - zu sehen wie sich der arme Kerl abquält.
    Er schimpft wieder wie vorhin:
    »Verfluchtes Weib! Saupack! Immer dasselbe unflätig lachende Mopsgesicht!
Drückt nicht so! Wo habt Ihr bloss die Kraft her? Ich breche ja wieder durch!«
    Bumm! Das geschieht auch.
    Dieses nächtliche Kampfspiel im Mondenschein wiederholt sich noch zehn Mal.
    Der Ritter kämpft ohne Unterlass mit den Gebilden, die nur er sieht - es sind
augenscheinlich nette Gebilde.
    Schliesslich sieht es so aus, als wenn der Kerl ganz und gar verrückt wird;
er stöhnt, jammert und kreischt.
    »Mensch!« brüllt er schliesslich, »kannst Du diesen ewigen nutzlosen Kampf so
ruhig mitansehen? Mach doch der Sache ein Ende - sie ist ja so simpel! Meine
ganze Rüstung habe ich schon zum Deckelausflicken aufgebraucht! So im Wams kann
ich doch nicht weiterkämpfen. Es ist unglaublich - aber ich kann mir allein
nicht mehr helfen. Das verfluchte Weib drückt mir wieder die Schweinsbeine in
die Augen. Das Laken reisst noch weiter. Hilfe! Hilfe!«
    Bumm! Schrumm! Da bricht er abermals durch.
    Ich höre zu rauchen auf.
    Wie er nun zum dreizehnten Male raufklettert und nun zum dreizehnten Male
gegen das Weib mit den Schweinsbeinen ankämpfen will, mach' ich aus meinen
Händen zwei Fäuste und renne gegen die Tonne an, dass die gleich umfällt.
    Der Ritter fliegt im Parabelbogen aufs Feld.
    Das Schwert fliegt weiter als der Ritter.
    Ich gehe hin und höre, wie er ausruft:
    »Jetzt hab' ich gesiegt!«
    Ich will den armen Kerl aufheben - aber - der Körper ist ganz schlaff - die
Augen sind verglast - der Atem ist weg.
    Ich schmeisse den toten Körper wieder hin und gehe in tiefen Gedanken durch
die Mondlandschaft nach Hause - am Kirchhof vorüber - neben der Windmühle - in
die Stadt.
    Ich habe meinen rotaarigen Freund seit der Zeit nicht mehr gesehen. Es war
der unheimlichste Mensch, der mir je vorgekommen ist.
    Er konnte oft so drollig sterben, dass man sich beinahe totlachen musste.
    Er hatte sehr viel über das Leben nachgedacht.
 
                                   Der Mönch
Ich war ein Kind und sah ein Bild. Und das Bild zeigte mir einen jungen Mönch,
der am Fenster sass und malte.
    Es war Alles unglaublich still und friedlich. Draussen schien die Sonne über
weite einsame Felder. Und am Fenster sass der Mönch und malte. Sein Gesicht sah
so glücklich aus.
    Da hat's mich gepackt.
    Eine ahnende Empfindung durchschlich mich so sanft wie eine weiche zarte
Hand.
    Und ich wollte auch so malen - wie der Mönch.
    »Solches Malen muss glücklich machen!« dachte ich.
    Und ich wollte so malen - mein ganzes Leben hindurch - am stillen
Klosterfenster - vor dem die weiten Felder der Erde so einsam daliegen - im
Sonnenschein.
Während nun die Herren, aus dem alten Ägypten meine alten Geschichten lasen,
ertönte in der Ferne eine leise, feine Geigenmusik, und in der Luft über dem
Tische entstanden bläuliche Rauchwolken, und aus den Rauchwolken kamen kleine
bunte, schimmernde Kugeln und kleine Krystallkörper in verschiedenen Formen
hervor.
    Und die Kugeln und die Krystallkörper schwebten bald wie Sterne über dem
Tische; sie kreisten in feinen Kurven langsam umeinander, und feine Luftblasen
schwebten dann schneller durch - und diese Blasen hatten Lichtschweife - wie die
Kometen.
    Die Nilpferdchen befestigten Pincetten an ihrer rechten Vorderpfote und
fingen sich einzelne von den schwebenden Sternen, steckten sie in den Mund und
verschluckten sie.
    Das war die Abendmahlzeit meiner Gastgeber, und ich glaubte schon, ich
sollte teilnehmen an diesem astralen Souper. Aber während ich das dachte, wurde
mir eine schwarze Zigarre in den Mund geschoben von einer unsichtbaren Hand.
    Die Zigarre brannte, und ich rauchte.
    Die Rauchwolken meiner Zigarre mischten sich unter die Sterne, und ich
fühlte, dass mein ganzer Körper immer kräftiger wurde.
    Und ich rauchte und musste lächeln, und ich sagte:
    »Meine Herren, ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank für das elektrische
Bad. Ich fühle, dass ich Nahrungsstoffe durch diese Zigarre in mich aufnehme. Ich
freue mich sehr, dass ich mich in einer so einfachen und in keiner Beziehung
lächerlichen Art ernähren kann.«
    Ich verbeugte mich, und die Herren nickten mir mit ihren dicken
Nilpferdköpfen freundlich zu.
    Der Pyramideninspektor sprach aber:
    »Lieber Freund! Du hast in Deinem neuen Leben, das Du uns im Badezimmer zu
lesen gabst, das Wörtchen Nilpferd in einer nicht grade respektvollen Form
gebraucht. Wie gedenkst Du das wieder gut zu machen?«
    »Ich bitte sehr um Verzeihung!« stammelte ich mühsam.
    »Ohe!« riefen da Alle wie aus einem Munde.
    »So einfach,« versetzte der Oberpriester Lapapi, »wirst Du die Sache nicht
gut machen. Wir können beim Abendbrot ganz gut lesen. Die Verdauungstätigkeit
stört unsre Gehirntätigkeit nicht im mindesten.«
    Ich verstand, lächelte und rief:
    »Meine Herren, Sie sind ausserordentlich liebenswürdig!«
    Und nach ein paar Augenblicken lagen neue Manuskripte auf der glatten
Tischplatte.
    Ich rauchte, und die Herren schluckten ihre kleinen Sterne und lasen meine
Geschichten.
 
                                Der tote Palast
                              Ein Architektentraum
Ich wusste, wo ich hin wollte.
    Ich stieg daher unverdrossen die schlecht behauene Felstreppe höher - und
war bald da.
    Und ich stand vor dem markigen Palast, den ich mein ganzes Leben hindurch
haben wollte.
    Aber so deutlich wie damals hab' ich ihn nie gesehen.
    Der Palast sitzt auf der Bergkuppe wie ein zackiger Stachelhelm.
    Ich bin sehr erstaunt.
    Aber - es ist so still.
    Ich habe eine so furchtbare Einöde noch niemals empfunden.
    Und die Rubinsäulen stechen mir ins Auge - und die weiten Säle der
Sonnenglut brennen so stark.
    Das also ist der markige Palast, den ich mein ganzes Leben hindurch haben
wollte!
    Es ist Alles so tot!
    Und eine Stimme spricht zu mir:
    »Die Kunst, die Du erträumtest, ist immer tot. Die Paläste haben kein Leben.
Bäume leben - Tiere leben - aber Paläste leben nicht.«
    »Demnach« versetz' ich, »will ich das Tote!«
    »Jawohl!« hör' ich's rufen - aber ich weiss nicht, wer das sagt.
    »Ich wollte die Ruhe - den Frieden!« schrei' ich wild in grausigem Ekel.
    »Die Ruhe,« hör' ich nun, »wirst Du schon finden - sei doch nicht so
gierig!«
Und ich wusste, was ich wollte - ich wollte die Ruhe - ohne Luft - den Abgang ins
Unendliche!!!
    Der tote Palast zitterte - zitterte!
 
                                Heiliger Klimbim
Die Nachtfröste kamen eines Abends auf dem grossen Kaninchenhof der tiefen
Entrüstung zusammen.
    Der Königsbrunnen plätscherte, und die Orgelpfeifen lamentierten wie junge
Hunde, die ihr Lebtag noch Nichts zu essen bekommen haben. In der Gesindestube
ass man trockenes Brot.
    »Die Erde ist,« begann der stärkste Nachtfrost, »weich wie ein verfaultes
Nachtemd - wir wollen ihr die richtigen Flötentöne schon beibringen. Auf!«
    »Auf!« schrieen nun auch die andern Nachtfröste.
    Und der alten Erde ward bald anders.
 
                               Der grimmige Igel
                                 Weisheitsidyll
»Ja!« sprach der Igel zum Maulwurf, »diese dummen Menschen bilden sich wirklich
was auf ihr Lachen ein. Als wenn das was Besondres wäre!«
    »Längst überwundener Standpunkt!« flüsterte der kluge Maulwurf, »das Lachen
haben wir nicht mehr nötig!«
    Durch den Wald rauschte ein angenehmer Abendwind, und der Igel fuhr fort:
    »Als wenn das Lachen was Besondres wäre! Du lieber Himmel! Nichts als
Zerstörungslust! Nichts als Zerstörungslust!«
    »Jawohl,« flüsterte der kluge Maulwurf, »alles Lachen ist ja eigentlich nur
ein Auslachen. Und wer was auslacht, der möchte das, was er auslacht, gern
vernichten.«
    Da ward der Igel grässlich grimmig, denn er hasste die Zerstörer. »Ich will
den Menschen das Lachen austreiben!« schrie er ganz bleich vor Zorn.
    Und er ging hin und stach einem unschuldigen Arbeitsmann in die Hühneraugen.
    Der Maulwurf musste lachen.
    Den Igel aber schlug der Arbeitsmann mit seiner Axt entzwei.
    »Nichts als Zerstörungslust!« flüsterte der Maulwurf.
    Durch den Wald rauschte ein angenehmer Abendwind ...
 
                                   Weltprotz
Alles sah ich.
Alles weiss ich.
Alles kann ich.
Was also soll ich?
Sag, was Du willst!
Ich sage stets:
»Ich mag nicht!«
 
                               Ein stiller Abend
Ich möchte so gerne fort, aber ich weiss nicht - wohin.
    Ich möchte weit übers Meer und ferne Länder sehen - aber eigentlich liegt
mir auch nichts daran.
    Der Abend ist sehr still.
    Ein stiller Abend!
    Ist das mein stiller Abend?
    Mir ist so, als wollte ich noch einem Menschen herzlich die Hand drücken -
aber ich kenne die Menschen nicht mehr - und sie kennen mich auch nicht.
    Die Luft ist milde und weich.
    Und ich fühle, dass ich allein bin.
    Ich habe mir das Alleinsein immer gewünscht - aber es ist mir doch nicht so
recht.
    Wenn der Abend nicht wäre!
    Es stirbt was in mir - immer wieder stirbt was in mir - und das schmerzt so
sehr.
    Eine Hand! Eine Menschenhand! Nur noch ein Mal!
    Ich fürchte nur, es ist zu spät.
    Die Hand, die ich suche, ist wohl kalt - eine Totenhand.
Nach diesen Geschichten ergriff wieder der Pyramideninspektor Riboddi, der mich
gerettet hatte, das Wort.
    »Gehen wir,« sagte er, »gleich auf den Kern der ganzen Geschichten los. Ich
reizte Dich anfänglich, mir etwas Schmerzliches zum Lesen zu geben. Und dem
entsprechend ist das Meiste, was Du uns bisher gegeben hast, wirklich etwas
Schmerzliches. Es liegt in allen Deinen Sachen, mein liebes Onkelchen, eine
kleine Quantität Schwermut - Unzufriedenheit mit der Welt und mit dem Leben. Und
diese Schwermut und diese Unzufriedenheit wollen wir Dir austreiben, denn sie
erscheinen uns für einen Menschen, der was von der Welt und vom Leben begreifen
möchte, als etwas Unschickliches. Nur Leute, denen es am nötigen Grips mangelt,
können schwermütig und unzufrieden sein.«
    Ich rauchte schweigend weiter und sagte nichts.
    Und der King Tutmosis meinte nun:
    »Liebes Onkelchen! Obgleich ich Dich nicht gerettet habe, musst Du mir schon
erlauben, Dich so zu nennen, wie's der Inspektor tut.«
    Ich verbeugte mich höflich, aber da riefen alle durcheinander:
    »Nu rede mal was!«
    »Was fehlt Dir?«
    »Wir wollen Dir helfen.«
    »Los! Los! Mit Stillschweigen macht man sich hier nicht interessant. «
    Mit diesen und ähnlichen Worten stürmten sie auf mich ein, und ich musste
mich ganz deutlich erklären; ausweichen konnte ich nicht, obschon ich's am
liebsten getan hätte.
    »Wie ich's auch drehen mag,« sagte ich zögernd, »ich komme immer wieder in
eine Gemütsverfassung, in der ich der Welt und dem Leben beim besten Willen
keinen Geschmack abgewinnen kann. Ich sage nicht mit meinem Weltprotz: Ich mag
nicht. Ich sage vielmehr ganz deutlich ohne jedes persönliche Ekelgefühl:
    Mir ist die ganze Geschichte unsympatisch. Ich halte mich eben, da ich doch
existiere, für berechtigt, der ganzen Existenzkomödie kritisch
gegenüberzustehen. Das einfach-persönliche Unbehagen will ich für überwindlich -
wohl auch für protzenhaft-blasiert - und jedenfalls für unberechtigt halten.«
    »Halt!« rief nun der General Abdmalik, »so kommen wir nicht weiter. Gib uns
mal zunächst eine grössere Anzahl von Geschichten her, in denen das persönliche
Stimmungselement mehr im Hintergrunde bleibt.«
    Das setzte mich nun in grosse Verlegenheit, denn ich wusste nicht recht,
welche Geschichten, hier am Platze sein könnten. Ausserdem widerstrebte es mir,
in dieser Form Rede und Antwort zu stehen.
    Aber die Herren, denen ich das auseinandersetzte, wollten in jedem Falle
sieben Manuskripte haben.
    Und so suchte ich denn sieben Sachen, die mir so beinahe unpersönlich zu
sein schienen, zusammen - und gab sie heraus.
    Dann rauchte ich meine nahrhafte Zigarre ruhig weiter, und die sieben Herren
aus dem alten Ägypten schluckten ihre kleinen Sterne - und lasen dazwischen
meine sieben Sachen, die nun hier folgen mögen.
 
                                  Zahlenglück
                               Eine Seephantasie
Wie das brodelt, und wie das zischt, und wie das summt, und wie das rumort!
    Und der Vollmond glitzert und blitzt übers weite Meer.
    Aus dem rauschenden wogenden Meere steigt der Glückskrater heraus; das ist
ein imposanter Felsenkomplex, der Feuer speit - wie ein angestochener Drache.
    Und dampfen tut der Glückskrater - wie ein totgehetztes Rennpferd.
    Der Vollmond glänzt, als wenn er sich aufpusten möchte; er bleibt aber, wie
er ist; voller wird er nicht; es ist ihm das ganz unmöglich.
    Die Dampfwolken des Kraters sind so weiss wie der Kalk an der Wand - wie
Gespensterlaken.
    Und Gespenster stecken auch drinn in den weissen Dampfwolken; Hexen - ganz
verrückte Hexen - machen da einen Mordsradau.
    In den Dampfwolken schimpfen die Hexen - was Zeug und Leder hält. Und das
Geschimpfe klingt mit dem Rumor im Innern des Kraters trefflich zusammen - so
harmonisch - wie Dudelsack und Harmonium zusammen klingen.
    Und die Lawa quillt über den Kraterrand.
    Aber das Feuer des feuerspeienden Berges ist nicht zu sehen; so dick ist
jetz der weisse Dampfwolkenqualm.
    Und die Hexen werden ganz rasend vor geifernder Wut, denn die heisse Lawa ist
keine gewöhnliche Lawa - Zahlenlawa ist diese Lawa - sie besteht aus lauter
glühenden, giftigen Zahlen, die sich drängen und balgen wie Gassenbuben. Da
gibt's kleine Zahlen und grosse Zahlen, und die bilden immer wieder die schönsten
Rechnungen - klappernde Zahlenketten!
    Und die Zahlen sind lebendig wie krabbelnde Fische, die ins Netz gegangen
sind.
    Die Zahlen sind die Kinder der Hexen.
    Eine ganz famose Lawa! Nette, niedliche Kinder sind's - das ist wahr!
    Die Hexen schimpfen, was Zeug und Leder hält, denn den Kindern sieht man
gleich die saubere Rasse an - die machen ihren Müttern alle Ehre. Das aber passt
den werten Eltern nicht; die Kinder sollen sich nicht gleich verraten.
    Und die Hexen holen ihre Ruten vor und hauen die glühenden Zahlen, um sie
äusserlich hübsch zu machen.
    Da werden denn bald die Zahlen so herrlich wie die Schmucksachen in den
Schaufenstern der Juwelierläden - - sie werden zu goldenen Zahlen und zu
Brillantzahlen und zu Emailzahlen und zu feinsten Niellozahlen - und als solche
rutschen sie nun langsam den Berg hinunter ins Meer.
    Und auf der grossen Rutschbahn geben die Mütter ihren Kindern die schönsten
Lehren mit auf den Weg.
    »Ihr müsst immer sehr freundlich tun,« kreischen sie wütend, »sonst könnt Ihr
ja den Menschen nicht den Kopf verdrehen. Ihr müsst den Menschen plausibel
machen, dass Ihr ihnen das einzig wahre Glück bringt - das grosse Zahlenglück! Ihr
dürft Euer Gift erst dann ausspritzen, wenn Ihr Euch an den Menschen festgesogen
habt. Und dann müsst Ihr den Menschen den Kopf dick machen mit Eurem Gift, dass
die Menschen blind werden für Alles und nur Euch lieben - Euch, Hexenzahlen! Ein
anderes Glück als das Zahlenglück darf's für die Menschen nicht geben. Hihihi!«
    Und die Hexen kichern, und die Kinder johlen - und sie schimpfen dazu - und
wie sie schimpfen! - da sind alle Fischweiber der ganzen Welt rein gar nichts
dagegen.
    Und dabei geht die Zahlenlawa gierig hinunter und taucht zischend hinein in
das Wogengewimmel des Meeres.
    Und das Meer glitzert und funkelt, dass der Mond erschrickt und nicht
versteht, woher all der Glanz herkommt; er - der Mond - ist doch immer noch
nicht voller geworden.
    Und die schimmernden Pracht-Zahlen schwimmen zu den Ländern der Erde und
schwimmen da die Flüsse hinaus mit Lachs und Aal Arm in Arm zu den berühmten
Städten der Menschheit.
    Und der Glückskrater dampft wie Millionen Fabrikschornsteine, und immer mehr
Zahlenlawa strömt hinunter ins Meer, dass das vor lauter Glanz brennt.
    Bald wird die Zahlenlawa das ganze Meer von oben bis unten mit Zahlenglück
erfüllen.
    Und die Menschen werden sich alle in das Zahlen-Meer stürzen.
    Und das Gelächter im Glückskrater wird ein grosses Erdbeben erzeugen.
    Und die Köpfe der Menschen werden bei dem Zahlenglück so dick werden, dass
der alte Vollmond bald neidisch werden dürfte, wenn er all die grossen
Wasserköpfe sieht.
    Und der Vollmond wird sich wieder aufpusten wollen - und es wird ihm nicht
gelingen - denn er kennt ja nicht - das menschliche Zahlenglück!!!
 
                                Der Revolutionär
Der Gemeindelehrer Lehmann war ein Menschenfreund; er beklagte täglich - beinahe
stündlich - das grosse Unglück, das durch den Krieg in die Welt kam.
    Und Lehmann beschloss, alle Gemeindelehrer zu Gegnern des Krieges zu machen;
in einem Rundschreiben, das er für sein eigenes Geld drucken liess, bat er alle
seine Kollegen inständigst, der ihnen anvertrauten Jugend selbst von den
Kriegstaten der eigenen Nation fürderhin nicht mehr mit Begeisterung, sondern
nur noch mit dem Ausdrucke herzlichen Bedauerns zu erzählen.
    Dieses Rundschreiben kam den Vorgesetzten des Menschenfreundes zu Gesicht,
und es entstand im Volksschulratsgebäude eine peinliche Stille; die Leiter der
Volksschulangelegenheiten befürchteten sämtlich, dass derartig revolutionäre
Rundschreiben auch in den Kreisen, die der Regierung nahe stehen, gelesen werden
könnten.
    Und man beschloss im Volksschulratsgebäude, gleich ganz energisch vorzugehen.
    Und der Gemeindelehrer Lehmann ward seines Amtes entsetzt, und
Pensionsgelder wurden ihm nicht ausgezahlt.
    Lehmann war schwächlich gebaut und fand keine andere Stellung; es ging ihm
immer schlechter, und seine Frau wurde täglich - beinahe stündlich - immer
erregter.
    Und Lehmanns Frau stürzte sich eines Nachts zum Fenster hinaus und blieb tot
auf der Strasse liegen.
    Lehmann ging wie ein Träumender mit glasigen Augen umher und konnte gar
nicht mehr ordentlich denken.
    Auf einem grossen Platze der Grossstadt, mitten unter unsäglich vielen
geschäftig dahineilenden Menschen fing Lehmann, der Menschenfreund, plötzlich
ganz furchtbar laut an zu lachen.
    »Nein!« rief er dann immer noch lachend, »es kommt doch eigentlich auf ein
Menschenleben mehr oder weniger nicht an. Der Krieg ist eine ganz vortreffliche
Einrichtung.«
    Und er ging lächelnd in die Destillation, die dicht neben dem Hause lag, in
dem sich seine Wohnung befand - und in der Destillation lächelte er immerfort,
dass es den Gästen des Lokals unangenehm auffiel.
    Als die Leiche seiner Frau vorbeigetragen wurde, lächelte er immer noch.
    Der Wirt der Destillation forderte den Menschenfreund auf, das Lokal zu
verlassen.
 
                              Der höfliche Eremit
                                  Ein Menuett
»Guten Tag!« sagte schmunzelnd der höfliche Eremit. Und er schüttelte dabei
seinem Freunde immer wieder höflich die Hand.
    »Sei mir willkommen!« rief begeistert der grosse Einsiedler. Und dabei rückte
er seinen Ledersessel ans Fenster und drückte seinen Freund in den Ledersessel
hinein.
    »Hier hast Du Cigarren!« schrie der allzeit einsame Mann seinem Freunde ins
Ohr. Und gleichzeitig zündete er ein Zündloch an, das er in brennendem Zustande
dem Freunde zierlich hinhielt.
    »Wir trinken Grog!« kreischte der herrliche Wirt seinem Gaste ins Ohr. Und
bald brodelte das kochende Wasser.
    Und dann ward's gemütlich in der Einsiedlerhöhle.
    Der Herr des Hauses sprang und tanzte vor Vergnügen und erzählte dabei in
einem fort.
    Ja - die Höflichkeit!
    »Mein guter Freund!« brüllte der höfliche Mensch. Und dabei nahm er seinen
schönen Revolver von der Wand und schoss einen Spatz, der auf dem Fensterbrette
sass, mausetot.
    Der Freund drückte sich.
    Der höfliche Eremit drückte ihm herzlichst hundertmal die Hand und bat ihn,
ja recht bald wiederzukommen.
    Der Freund drückte sich.
    Der Spatz aber war tot - ganz tot.
 
                                  Parademarsch
                             Verrückte Bein-Vision
Und sie schreiten mächtig aus.
    Die Trompeter - die guten Trompeter - blasen so hell in den Frühling hinein.
    Und die Beine der Soldaten heben sich immer wieder zum Himmel auf.
    Oh - es sind so viele Soldaten.
    Welche Lust muss es sein, so viele Soldatenbeine ganz und gar beherrschen zu
können!
    Und sie schreiten mächtig aus! - Linkes Bein! - Rechtes Bein! - Immer mutig!
- Immer mutig! - Linkes Bein! - Rechtes Bein! - Auf und ab! Auf und ab!
    Beine - Beine - echte Beine sind feine Sachen! Kannibalischfeine!! - Hoch
das Bein! Hoch das Bein! - Hoch das alte Soldatenbein! - Höher! Noch höher!
Immer noch höher! bis in den alten blauen Himmel hinein! So ist es fein!
    Ja - ja - es muss tatsächlich fein sein - Herr vom Soldatenbein sein!
    Beine hoch! Alle Beine hoch! Hurrah!
    Der Frühling lacht dazu - und die Trompeter blasen immer noch - sie blasen
über die grünen Rasen - es sind so viele Trompeter!
Aber oben über den Wolken liegt der Herr der Soldatenbeine, lang ausgestreckt
wie eine lange lange eiserne Maschine, und die sieht so greulich schwer aus -
beängstigend!
    Sollte dieser Herr von Eisen - diese Maschine - diese Beinmaschine - die
Absicht haben, herunterzufallen? Ich danke schön! Mein Schädel ist nicht von
Eisen - andrer Leute Schädel auch nicht. Denen, die sehr viel über Alles
nachdenken, wird schon ganz brägenklietrig! So'n geharnischter Riesenritter -
wenn der aus den Wolken fällt ...
Buh! Huh! Rechtes Bein!
Buh! Huh! Linkes Bein!
Aber - wie? Was ist das? Da kommen ja andre Soldaten - schwarze - ganz schwarze
- grosse Gespenster - zwei Meilen grosse - sehr schlanke - mit schlackrigen
Gliedern und langen, dürren, wackligen Knochenbeinen. Und die Knochenbeine heben
sich genau so wie Soldatenbeine beim Parademarsch - nur noch viel höher - viel
viel höher - wahrhaftig! bis an die Sterne!!
    Und jedes Mal, wenn die Gespenster oben mit den kralligen Zehen einen Stern
berühren - fällt der runter - der Himmel weiss - wohin.
    Und während die Gespenster immerfort in Zickzacklinien durch die andern
Soldaten durchstolzieren, werden allmählich alle Sterne vom Himmel
heruntergerissen - auch Sonne und Mond - so dass es ganz duster wird - ringsum.
    Die Trompeter blasen immer noch in der alten Tonart.
    Die Soldaten und Gespenster marschieren unentwegt weiter - man hört's! - man
hört's! Die Stiebelsohlen klatschen man so. Die Gespenster treten ein bisschen
leiser auf.
    Und jetzt wird's oben über uns plötzlich wieder hell. Der Herr der Beine,
der mit seiner ungeheuren hochfeudalen Stahlrüstung lang ausgestreckt auf den
Wolken liegt wie eine lange Maschine, wird innerlich erleuchtet - wie - weiss ich
nicht. Aber die Stahlgewölbe werden auf Brust und Bauch, Ellenbogen, Knie und
Schienbein überall hell - die Wolken dazwischen ebenfalls.
    Der Herr der Soldaten- und Gespensterbeine, diese eiserne Maschine, die
augenscheinlich jeden Augenblick aus den Wolken fallen möchte wie ein ehrlicher
Nachtwächter - der Herr des Kriegs - der schlägt das Visier auf und schaut hinab
- grinsend - wie ein frecher Gewohnheitsmörder.
    Das Gesicht oben ist jedoch ganz kreidebleich wie ein Angststück - bartlos
natürlich - ich mag's nicht sehen und drücke meine beiden Fäuste in meine
Augenhöhlen.
    Indessen - jetzt muss ich wieder hören - die gleichmässigen Schritte der
Soldaten und Gespenster dröhnen mir in den Ohren. Rechtes Bein! Linkes Bein!
Weiter! Kehrt! Weiter! Kehrt! Feste! Feste!
    Immer mutig! Auf und ab! Immer mutig! Auf und ab! Auf und ab!
    Es ist unheimlich. Ich öffne wieder die Augen und - und sehe nichts - gar
nichts.
Alles ist duster und - merkwürdig! - so ölig - als wenn's Maschinenöl geregnet
hätte.
    Stiebel knarren, trockne Eichen rauschen, Flinten knattern in der Ferne. Und
oben scheuern sich im Marschtakt eiserne ungeheure Beinschienen.
    Und nun prasselt wahrhaftig ein veritabler Oelregen auf mein Haupt
hernieder.
    Das ist mir höchst unangenehm - beinah ekelhaft!
    Alles duster und ölig!
    Und die Trompeter blasen immerzu - ohne Pause.
    Was ist das? Was ist das Alles?
    Dalldorf und Maison de santé?
    Nee!Ih nee!
    Ich weiss schon - bloss Europa und Amerika - selbstverständlich!
    Wat dachten Sie?
    Die Elfenbein-Maschine wird wieder ordentlich eingeölt! Na ja!
    Alles klar!
    Hinter den Kulissen - alten spanischen Wänden - klatscht die Zukunft
fortwährend Bravo - Bravo! - Bravissimo!!
 
                                   Meerglück
                                 Eine Groteske
Das alte Meer tobt.
    Und langsam steigen aus den schäumenden Wogen Geister heraus - masslos
riesige Geister!
    Mit wildem Trotz kommen sie höher und höher.
    Ihre Fäuste sind geballt.
    Sie drohen mit ihren geballten Fäusten.
    Und plötzlich schlagen sie mit ihren Fäusten aufs tobende Meer, dass die
schäumenden Wasser hoch aufspritzen - bis an die Sterne.
    Unergründliche smaragdgrüne Augen starren aus den Geisterköpfen heraus - in
die Welt hinein.
    Verzehrende Wehmut und massloser Zorn kreischt - in diesen grünen Augen.
    Das alte Meer tobt.
    Und langsam tauchen die Geister des Meeres wieder hinab - ins alte kalte
Wogenbett.
    Gurgelnd schliesst sich das Wasser über den haarigen Köpfen, in denen die
smaragdgrünen Augen verlöschen.
    Und wieder tobt das Meer - einsam - einsam - und gross!
 
                               Die drei Denkmäler
Das Denkmal eines Esels, das Denkmal eines Schweines und das Denkmal eines
Fuchses zierten den Platz einer Grossstadt.
    Nachts um die zwölfte Stunde sprachen die Denkmäler miteinander - jedes
Denkmal sagte:
    »Was sich bloss die Menschen dabei gedacht haben, als sie Mir eine solche
Ehre zu Teil werden liessen!«
 
                                  Stille Nacht
Der grosse Lärm ist fort.
    Totentanz.
    Zwei Elefantenrüssel winden sich neben mir, als suchten sie was - einer
rechts und einer links.
    Nachtglück.
    Jetzt hat das grosse Schweigen begonnen, das lautlose Schwärmen bricht an mit
düstren Wolken.
    Totentanz.
    Die Priester bewegen ihre Arme so wie Elefantenrüssel, die heiligen Tiere
schweben empor und sinken zurück, kommen näher und wenden den Kopf mühsam nach
rechts und nach links, als suchten sie was.
    Nachtglück.
    Meine beiden Elefantenrüssel schmiegen sich an mich, schlingen sich um
meinen Leib und drücken - würgen.
    Totentanz.
    Ich schwebe weiter den düstren Wolken zu.
    In der trüben Dämmerung sind die Priester mit den heiligen Tieren.
    Jetzt lösen sich meine beiden Elefantenrüssel von meinem Leibe langsam los.
Die Priester setzen sich auf die heiligen Tiere und reiten davon in die
Finsternis.
    Nachtglück.
    Ich bin allein - Alles verschwindet.
    Die trübe Dämmerung zerfliesst und wird ganz schwarz.
    Die Welt ist dunkel - wie einst.
    Totenglück.
Nun entwickelte sich das folgende Gespräch:
    King Ramses: Wir nehmen zunächst an, dass Du allem Irdischen Realitätenwert
nicht beimessen willst - bemerken aber, dass Du dieses löbliche Wollen sehr
häufig zu vergessen pflegst. Und dieser Vergesslichkeit entspringen Deine
traurigen Stimmungen in erster Linie. Du brauchst Dich nicht zu genieren - auch
die grössten der irdischen Philosophen haben an dieser merkwürdigen
Vergesslichkeit gelitten. Auch das Meer ist eine reale Sache durchaus nicht.
Nichts ist so merkwürdig wie die Vergesslichkeit der Skeptiker. Aber so kommt es,
dass Deine sieben Geschichten über die ganz gewöhnliche Anschauungsart der Dinge
nicht sehr hoch hinausragen. Siehst Du das ein?
    Ich: Ja, ich muss das wohl einsehen - obwohl ich nicht recht weiss, was ich
denn zusammendichten sollte, wenn ich die Eindrücke, die ich von der Welt
empfangen habe, beim Dichten weglassen wollte.
    King Ramses: Das war nicht sehr geistreich erwidert, liebes Onkelchen! Der
radikale Skepticismus, der die Grundlage sämtlicher Philosopheme ist, bedeutet
durchaus nicht die grosse Lehre von der grossen Leere der Welt - vielmehr das
Gegenteil. Wenn die Welt, wie sie den menschlichen Sinnesorganen erscheint, nur
eine einzige Seite des Daseins der Betrachtung darbietet, so wird das Dasein
wohl noch mehr Seiten haben - und wir irren wohl nicht, wenn wir sagen: noch
unendlich viele Seiten! Und wenn Du dieses beim Dichten nie vergessen würdest,
so würde jede Deiner Dichtungen einen kolossalen Hintergrund bekommen - und Du
würdest beispielsweise die scheinbare Tatsache, dass sich eine arme Frau zum
Fenster hinausgestürzt hat, mit einem Weltenhintergrunde ausstatten, der die
scheinbar traurige Tatsache als ein wunderbares, rätselhaftes Phänomen
erscheinen lässt, in dem auch Strahlen des allmächtigen Weltganzen aufsprühen,
die nur dem Dummkopf unsichtbar bleiben.
    Ich: Da muss ich nur fürchten, dass diese Anschauungsart die menschliche
Rohheit noch vergrössern könnte. Die Realität der Empfindungen kann ich doch
nicht so ohne Weiteres leugnen.
    King Tutmosis: Halt! Das geht denn doch zu weit. Wenn Du schon die Realität
der sogenannten Gegenstände und Tatsachen leugnest, so wird Dir doch nichts
Andres übrig bleiben als - auch die Realität Deiner Lust- und
Schmerzempfindungen zu leugnen. Ich möchte bloss wissen, wo bei diesen die
Realität sitzen soll. Die sogenannten seelischen Schmerzen erscheinen uns nicht
einmal als direkt aus einer veritablen Ursache entspringende Empfindungen; man
schneide die Raisonnements ab oder ändere sie um, so ist die Seelenqual nicht
mehr da. Und der »physisch« genannte Schmerz wird in den meisten fällen auch
bloss durch Raisonnements dazu. Wir können Dir sogar verraten, dass alle Schmerzen
nur durch die Raisonnements entstehen - und solchen ganz künstlich entstehenden
Empfindungen willst Du Realität beimessen? Die Schmerzen bekommen gewöhnlich
erst in der Erinnerung Existenzgewänder.
    Ich: So - also: wenn mir ein Bein abgehackt wird, so ist das gar kein
Schmerz?
    King Tutmosis: Zieh nur die Furcht vorher und die Raisonnements für die
Zukunft nachher von dem Schmerze ab, so wird von diesem höchstens ein Etwas
zurückbleiben, das Dir notwendiger Weise unangenehm nicht zu sein braucht.
    Ich: Wie steht es nun aber mit den sogenannten moralischen Raisonnements?
    King Necho: Mir erscheint doch, dass sich die Behandlung dieser Frage auch
ganz von selbst ergibt. Da wir sämtlichen Raisonnements den realen Wert
abstreiten müssen, so haben auch die moralischen keinen realen Wert. Und hieraus
folgt sehr viel!
    Ich: Das glaube ich schon; eine veritable Gemeinheit ist nicht mehr eine
veritable. Die Schurken und die Gewissensbisse werden zu Nebelgebilden, die man
einfach wegblasen kann.
    King Necho: Und es ist nicht mehr nötig, dass Du Dich über einen Parademarsch
allzu sehr entrüstest. Ja - der ganze Entrüstungszauber nimmt
bedenklich-komische Physiognomieen an, wenn man auch die moralischen Qualitäten
der menschlichen Handlungsweise als Gedankenkompositionen hinstellt, die nur im
Banne menschlicher Sinnesorgane ein Daseinsrecht haben. Und höhere Lebewesen
gar, die über Gestirne oder über noch Grösseres gebieten, nach menschlicher Moral
behandeln zu wollen, wirkt einfach komisch.
    Ich: Aber jedenfalls darf man deshalb die Rohheiten nicht für eine göttliche
Sache halten.
    King Amenophis: Wer als Mensch erkannt hat, dass er überall von Dingen
umgeben ist, die reale Bedeutung nicht haben - und wer daher davon überzeugt
ist, dass die Welt in Wahrheit unendlich viele Male bedeutender und grandioser
ist, als sie menschlichen Augen erscheint - der ist gar nicht mehr im Stande,
etwas zu begehen, was andre Menschen roh nennen könnten. Dass eine jede Lehre
auch missverstanden wird, ist doch eine natürliche Folge der unendlich grossen
Vielseitigkeit aller Dinge. Es haben eben unsre gesamten kosmischen
Vorstellungskombinationen gleichfalls keine reale Bedeutung - da die Welt noch
immer unendlich viele Male grandioser ist - als wir durch Worte - anzudeuten
vermögen. Und das muss man behalten - und darf es nie vergessen - dann wird man
nie wieder ein trauriges Gesicht machen, das in keinem Falle geistreich
aussieht.
    Ich: Ja - ich erkenne sehr gerne an, dass die Vergesslichkeit in dieser
Angelegenheit Orgien feiert. Ich glaube schon, dass hier der Kern aller
Sentimentalitäten steckt. Wir müssen viel öfter dran denken, dass unser ganzes
Leben wirklich nur ein plastisches Schattenspiel ist.
    Der Oberpriester Lapapi: Und darum müssen wir auch an der Grandiosität der
Welt niemals zweifeln; es darf uns nie wieder in den Sinn kommen, dass irgend
eine Sache nicht harmonisch in das Weltganze hineinpasst. Wir müssen ganz fest
davon überzeugt sein, dass die Welt, die sich in unendlich vielen
Anschauungsformen allen Lebewesen offenbart, so grossartig ist, dass jeder Zweifel
an dieser Grossartigkeit von selbst verstummen muss. Es muss uns einfach wie etwas
Lächerliches vorkommen, wenn Jemand sagen möchte: dieses ganze Leben ist nicht
einen Dreier wert. So was kann nur ein Ungebildeter sagen - oder Einer, der
wieder mal die wichtigsten Erkenntnisse unsres Lebens »vergessen« hat.
    Ich: Ja - ich sehe ein, wir sollen zu allen Zeiten vor dem Weltganzen knieen
und anbeten.
    Der Oberpriester Lapapi: Das Knieen und Anbeten ist eine Gewohnheit
einfacher Lebewesen - wer weiter in der Erkenntnis gekommen ist, bildet sich
nicht mehr ein, dass er jemals dem Weltganzen näher sein könnte; er glaubt auch
nicht, dass das Weltganze ein Wohlgefallen an knieenden Betern haben könnte - das
wäre denn doch allzu plumper Antropomorphismus.
    Ich: Aber das Bewusstsein sollen wir haben, dass keine Auflehnung dem Ganzen
gegenüber erlaubt ist.
    General Abdmalik: Wir sollen uns bloss gegen die Traurigkeit auflehnen und
auch nie vergessen, dass es dem Weltganzen eigentlich sehr gleichgiltig ist, ob
sich ungebildete Leute gegen das Weltganze auflehnen oder nicht. Wenn Jemand mal
auf die Welt schimpft, so macht er sich nur lächerrlich. Und darum soll man den
Leuten, die nicht immer mutig sind, von Zeit zu Zeit einen derben Puff
versetzen. Es eignet sich übrigens auch die Soldateska des Erdballs sehr wohl
dazu, die Trauerklöpfe des Erdballs ein wenig durch Püffe aufzumuntern. Das soll
man auch nicht vergessen, obschon es nicht so leicht zu begreifen ist. Die
Soldateska hat eben ebenfalls ihre guten Seiten - wie Alles, was dazusein
scheint. Was der physische Schmerz im Leben des Einzelnen bedeutet, das bedeutet
der Krieg im Leben der Völker; Schmerzen und Krieg sind dazu da - zum Leben zu
reizen.
    Ich: Also: man schlägt sich gegenseitig tot, um den Beweis zu führen, dass
das Leben wirklich lebenswert ist - nicht wahr? Der Oberpriester Lapapi: Höher
stehende Lebewesen brauchen natürlich so plumpe Lebensreizer nicht mehr. Aber
ich bitte Dich, nicht zu vergessen, dass auch der Tod eine reale Bedeutung nicht
hat - auch das Sterben ist in unserm Leben - ein Ding, das was Andres ist - als
es zu sein scheint.
    Der Pyramideninspektor Riboddi: Und deshalb sollen wir immer im Geiste
Pyramiden erbauen und in diesen Pyramiden unsre Schmerzen fein einbalsamiert zur
Ruhe bestatten. Unsre Schmerzen haben auch ihre guten Seiten wie Alles, was
dazusein scheint. Schade, dass meine Herren Vorredner schon so viel geredet
haben, sonst hätte ich auch länger reden können. Indessen - die kurzen Reden
haben auch ihre guten Seiten - wie Alles, was dazusein scheint. Und deshalb sind
wir auch so froh, dass wir dazusein scheinen. Denn: da Alles seine guten Seiten
hat - so können wir keine Ausnahme bilden - und haben darum auch unsre guten
Seiten - auf die wir uns jetzt legen wollen.
    Dieses sagt der Inspektor, schluckt noch einen kleinen Kometen runter und
pfeift.
    Und sofort wird Alles ganz dunkel.
    Unsichtbare Hände heben mich auf, tragen mich weit fort und legen mich in
ein grosses Bett, allwo ich sofort einschlafe.
    Und während ich schlafe, nehmen mir unsichtbare Hände ein Manuskript weg,
das ich den Herren aus dem alten Ägypten grade recht feierlich überreichen
wollte -
 
                                Die Nussbaumtorte
Auf der Pyramide des Cekrops, die auch in der Nähe der alten Sphinx zum Himmel
aufragt, flüsterten die Gespenster; sieben durchsichtige Totengräber legten eine
Mumie auf die zehnte Stufe der Pyramide vorsichtig hin.
    Der Mond glänzte.
    Und die sieben Totengräber steckten flüsternd sieben Streichhölzchen an und
erweckten die olle Mumie. Nach dieser geheimnisvollen Tat verschwanden die
sieben Totengräber - wie Zigarrendampf verschwindet, wenn ein grosser Wind kommt.
    Und die Mumie, ein alter ägyptischer Priester, erhob sich und kletterte
behende auf die Spitze der Pyramide, allwo ein europäischer Baumeister mit
untergeschlagenen Beinen wie ein alter Pascha dasass.
    Die Herren begrüssten sich mit verschiedenen Verbeugungen - aber ohne Worte.
    Vor dem Baumeister stand eine hohe Nussbaumtorte - ein Meisterwerk der
höheren Konditorkunst - gearbeitet nach einem alten arabischen Rezept, das zur
Zeit des Chalifen Motawakkil berechtigtes Aufsehen hervorrief.
    Der Priester nahm auf der andern Seite der Nussbaumtorte dem Baumeister
gegenüber Platz, holte sein heiliges Steinmesser aus der Gürteltasche - und
langte zu.
    Die Herren assen zusammen wie alte Bekannte.
    Der Mond glänzte.
    Und der Priester sprach, während er ein grosses Tortenstück kunstgerecht
zerschnitt:
    »Mit dem ganzen Leben ist nicht viel los - darauf kannst Du Dich verlassen.
Ich weiss das ganz genau, denn ich kenne die Erde bereits seit fünftausend
Jahren. Heute feire ich wieder mal meinen Geburtstag. Ich sage Dir: Alles ist
einfach miserabel. Als Geist hat man auch nichts von seinem Leben. Ich freue
mich, Dich hier angetroffen zu haben - aber ich freue mich nur, weil ich jetzt
wieder mal die beste Gelegenheit habe, einen Menschen von der absoluten
Lächerlichkeit des Daseins überzeugen zu können. Nu rede Du, sonst komme ich zu
kurz bei der Torte.«
    Der Baumeister blickte hinab in den Mondenschein, der auch die Wüste Sahara
ganz hell machte, und sagte nach einer Weile: »Meine liebe Mumie! Wenn Du schon
ein Wesen bist, das menschliche Philosophie im Leibe hat, so wird es Dir nicht
gelingen, mich von der Lächerlichkeit des Daseins zu überzeugen.«
    »Köstlich!« rief die Mumie, »warum denn nicht?«
    »Weil Dir,« versetzte der Baumeister, »klar sein muss, dass Du weder die Welt
noch das Leben - weder das kosmische Dasein noch das menschlich-irdische Dasein
- durchschauen kannst. Und weil sich ein anständiger Mensch, der Philosophie im
Leibe hat, nicht ein Urteil über Dinge bildet, die er nicht durchschauen kann.«
    Nun wurde die Mumie mächtig wütend und schrie laut in den afrikanischen
Mondenschein hinein:
    »Mensch aus Europa! Was erlaubst Du Dir? Ich bin ein alter Priester aus dem
alten Ägypten! Nenne mich hinfort nicht mehr Mumie, sondern wie sich's gebührt.
Ich habe fünf Jahrtausende durchlebt - und den grösseren Teil dieser Zeit als
Geist durchlebt. Da werde ich die Welt und das Leben doch wohl kennen gelernt
haben.«
    »Mitnichten,« erwiderte gelassen der Baumeister, »und wenn Du fünf Millionen
Jahre durchlebt hättest, Du wärest ebenfalls noch nicht so weit, um Welt und
Leben ganz durchschauen zu können. Warst Du vielleicht vor zwei Jahrtausenden im
nahen Alexandria?«
    »Selbstverständlich!« brüllte der Priester.
    »Da hast Du wohl auch,« fuhr der Andere fort, »die Skeptiker kennen gelernt,
die da auseinandersetzten, dass wir nur Sinnbilder der Welt - diese selbst aber
nicht zu erkennen vermögen.«
    »Ach, darauf willst Du hinaus!« rief nun wieder lachend die Mumie, »wenn Du
mit so alten philosophischen Scharteken ankommst, so wirst Du mich nicht aus dem
Text bringen. Wenn wir gar nicht raus können aus unsern Sinnbildern, wie's die
Skeptiker behaupten, so ist ja dieses famose Sinnbilderdasein erst recht ein
Jammerdasein - dann können wir doch erst recht kein Loblied auf unser irdisches
Gefängnis singen. Diese schwarze Käseglocke, unter der wir hier sitzen, verdient
es eben nicht, dass wir sie Himmel nennen, nicht wahr? Durch die paar hellen
Löcher, die Ihr da oben Sterne nennt, kommt nicht allzuviel Licht in unser
Dasein hinein, nicht wahr? Ja - ja - es ist kein erhebendes Gefühl, in dieser
leeren Käseglocke wie eine Made dazusitzen und nicht weiter zu können -
eingeklemmt von den inhaltlosen Bildern unsrer Sinne. Nu rede Du, sonst komme
ich zu kurz bei der Torte.«
    Und der alte Priester ass wieder wie ein Scheunendrescher und versuchte
mehrmals zu lächeln, was ihm aber bei dem permanenten Gekaue nicht gelang.
    Der Baumeister klatschte währenddem mehrere Male mit der flachen Rechten auf
die eine Pyramidenseite wie auf einen Pferdeschenkel, dass es lustig durch den
Mondschein schallte, und sprach dann, nachdem er noch ein gutes Stück von seiner
Torte gegessen hatte, folgendermassen:
    »Vieledler Priester aus dem alten Ägypten! Deine Phantasie ist sehr madig -
ich danke! Aber - um in Deinem ägyptischen Bilde vom Himmel zu bleiben, frage
ich Dich: warum sollen wir denn nicht durch die hellen Löcher da oben durch
können? Mit unsern Augen können wir doch die Löcher durchblicken und andre
Welten sehen. Genügt das denn nicht? Haben wir denn nicht ein paar Augen im
Kopf, die überall durchdringen können - und überall Alles sehen können? Und
trotz unsrer herrlichen Augen nennst Du unsre Welt ein Gefängnis? Edler
Priester, es steckt, wie ich gleich geahnt habe, so schrecklich wenig
Philosophie in Deiner trübsinnigen Weltanschauung. Ich kriege beinahe die
Schimpfsucht. Donnerwetter! Mit unsern herrlich leuchtenden Augen kommen wir
eben aus unsrer dunklen Weltglocke raus - in Millionen andrer Welträume hinein -
in denen Alles anders ist - so wie wir's gerade wollen - voll lachender
Herrlichkeit und allmächtiger Grandiosität. Unsre Augen haben einen Weltenwert.
Unser Sinnbilderdasein können wir so reich machen, dass uns die ganze
Unendlichkeit dagegen klein erscheinen kann. Wir können doch mit unsern Augen,
auch wenn sie blind geworden sind, zu allen Zeiten Alles sehen, was wir wollen.
Genügt das denn immer noch nicht? Ein Dasein, in dem wir schlechterdings Alles
haben, was von unsrer Natur empfangen und gehalten werden kann - ein solches
Dasein sollen wir miserabel nennen? Ein herrlicheres Dasein können wir uns ja
gar nicht denken - das gibt's ja gar nicht.«
    Der Baumeister war ganz ausser Atem gekommen. Eulen flogen fauchend an der
Pyramide vorüber. Die Mumie hörte für ein paar Augenblicke mit ihrem Kauen auf
und sagte hüstelnd:
    »Rotbackige Begeisterungsweisheit! Jünglingspoesie! Deinen Reden fehlt ja
das Rückgrat; Dein Augenamüsement bleibt doch nur eine simple Sinnenlust. Wenn
Du mit der Sinnenlust allein zufrieden bist, so weiss man ja, was man von Dir zu
halten hat. Aber bei genügsamen, einfachen Gemütsmenschen wirst Du grossen
Anklang finden - bei denen kannst Du Triumphe feiern!« Der alte Priester ass
jetzt langsam weiter und besah den Rest der Nussbaumtorte mit grösstem Eifer, als
wenn er ihr Rezept - ihre Seele - entdecken wollte.
    Da sagte der Baumeister, alle zehn Finger krallenartig erhebend:
    »Ich übersehe das Witzige in Deiner Randglosse, denn es war nicht sachlich
und nicht korrekt, aber ich verstehe wohl, dass Du von den menschlichen Sinnen
nicht viel halten magst - Du hast ja eingeschrumpfte Sinne - eine
eingeschrumpfte Nase, eingeschrumpfte Augen und Ohren - entschuldige, dass ich
das nicht gleich bemerkte. Aber mit Deinen eingeschrumpften Sinnen darfst Du
Dich hier nicht als Weltweiser aufspielen - das schickt sich nicht für einen
Geist, der Philosophie im Leibe zu haben glaubt.« Der Baumeister reinigte sein
silbernes Kuchenmesser, während der alte Priester aus dem Ägypterlande den
ganzen Rest der Nussbaumtorte mit beiden Händen ergriff und ganz ungeniert
hineinbiss wie ein wildes Tier.
    »Aus einer Ärgerstimmung,« fuhr der Herr aus Europa, während er sein
Kuchenmesser in seinen Überzieher steckte, fort, »macht man keine
Weltanschauung. Es ist doch lächerrlich, wenn man eine gelegentliche, durch
Verdauungsstörung oder sonstwie hervorgerufene Weltverachtung in Permanenz
erklären möchte. Man kann ja nicht einmal eine gelegentliche Weltverulkung in
Permanenz erklären.«
    »Man kann auch,« entgegnete die Mumie, »eine gelegentliche Weltverhimmelung
nicht in Permanenz erklären - das ist ebenfalls lächerrlich.«
    »Aber nicht so dumm wie Deine Trübsinnsphilosophie!« gab der Baumeister
zurück.
    Die Mumie schluckte den letzten Happen von der Torte runter und fragte
höhnisch:
    »Was sagst Du nun?«
    Der Baumeister klatschte wieder mit der Rechten auf seine Pyramide und
blickte hinüber zur grossen Sphinx, die im Mondenschein leuchtete wie ein
Gespenst.
    Und der Herr aus Europa verglich stillschweigend die alte Sphinx mit der
alten Mumie, die vor ihm sass, so dass es dieser unangenehm auffiel.
    »Sage mir doch,« sprach nun langsam der alte Priester, »warum wir Deine
lächerliche Nussbaumtorte aufgegessen haben. Sag mir das, und ich gehe. Sag's mir
doch! Du bist ja so furchtbar schlau.«
    »Das kann ich,« versetzte da der Baumeister, »erst dann Dir sagen, wenn Du
mir gesagt hast, warum Du keine weissen Manschetten trägst.«
    Da schnürte sich die Mumie fester ihre Wickelbänder um - erhob sich - schrie
laut: »Pfui Deiwel!« - und stürzte sich rücklings die Pyramide runter.
    Auf jeder Stufe schlug der Mumienkörper kräftig auf - was sich so anhörte,
als würde ein alter Sack ausgeklopft - ein Lumpensack!
    Viel Staub kam aus dem Sacke raus; der Staub war sehr alt.
    Der heilige Nil glitzerte wie der Gürtel einer alten ägyptischen Prinzessin
- so viel Mondenschein kam von oben runter.
    Der Mond umglänzte auch die Pyramide des Cekrops von allen Seiten, denn das
himmlische Licht stand nun oben grad über der Spitze der Pyramide, in der
Cekrops - oder ein andrer Pharao - seinen langen Schlaf schlief.
    Eulen flogen wieder fauchend an der Pyramide vorüber.
Wilde Träume hatten mich geplagt.
    Ich schwebte immerzu zwischen grossen, papiernen Hampelmännern herum - die
schrieen immer, während unsichtbare Hände unten an ihren Strippen zogen, dass die
papiernen Arme nur so flatterten - ja - die Hampelmänner - die schrieen immer:
    »Wir leben ja gar nicht, aller Lebensschmerz ist pure Einbildung; der
Schmerz ist Öl.«
    Und ich sah, wie Öl von den Hampelmännern heruntertroff- und unten ein
grosses Ölmeer erzeugte - das plötzlich zu brennen anfing.
    Und abermals hoben mich unsichtbare Hände auf und schwebten mit mir durch
festlich strahlende Steingewölbe, in denen die Wände und Säulen funkelten wie
Brillanten.
    »Ist dieses Reich nicht herrlich?«
    Also riefen die Unsichtbaren.
    Und ich sagte:
    »Das habe ich mir Alles schon tausendmal in meinen Träumen zusammengedacht.«
    Nachdem ich dieses gesagt hatte, sass ich wieder einem kleinen Nilpferdchen
gegenüber, und das meinte lächelnd:
    »Jetzt träumst Du nicht mehr! Ich bin der Oberpriester Lapapi und möchte mit
Dir über Deine Nussbaumtorte reden. Wie kommst du nur dazu, einem alten
ägyptischen Priester eine so fadenscheinige Weisheit in den Mund zu legen?«
    Ich war nicht im Stande, was Vernünftiges zu erwidern, und bat nur höflich
um Entschuldigung.
    Und da nickte der Oberpriester und offerierte mir eine dunkle Cigarre.
    »Rauch nur,« flüsterte er lächelnd, wobei seine grossen weissen Zähne mich
anglänzten, »zuerst mal Dein Frühstück auf. Und dann wollen wir weiterreden.«
    Ich tat, wie er mich geheissen.
    Die Cigarre brannte gleich - ohne Schwefelholz.
    Und während ich rauchte, lief Lapapi im Zimmer herum und meinte hüstelnd:
    »Hm! Hm! Wenn ich jetzt was zu lesen hätte!«
    Nun - ich verstand die Anspielung.
    Und es dauerte nicht lange, so hatte der Lapapi was zu lesen.
 
                                Der alte Mörder
                               Ein Gemütsmärchen
Epheu rankte sich über das alte Gemäuer der stillen Ruinenwelt.
    Und es war einmal ein Mörder. Der mordete ohn' Unterlass. So manchem
Menschen-Dasein machte er ohn' Erbarmen ein blutiges Ende. Der Mörder mordete
stets mit seinem langen kostbar ciselierten Patriarchendolch.
    Dunkelgrüne Epheublätter fielen auf den Erdboden.
    Als nun der Grausame nach harter Tagesarbeit wieder einmal des Abends seine
Stammkneipe betrat, brachte ihm der Wirt Wasser zum Abwaschen des vielen
Menschenbluts und Wein zum Ausspülen des Magens. Und während der Wirt seinen
Gast eifrig bediente, fragte er so nebenbei:
    »Sagen Sie mal, lieber Herr Mörder, warum morden Sie stets am Tage? In der
Nacht kann man doch viel gemütlicher morden.«
    Frische hellgrüne Epheublätter schwebten durch die Stube zum Fenster hinaus.
    Und nach einer langen Weile sprach darauf der alte Gewohnheitsmörder
folgendermassen:
    »In meinen Jugendjahren, als ich noch ein Mörderjüngling war, pflegte ich
nur des Nachts zu morden. Da traf es sich mal, dass ich einem alten Wuchrer im
Walde auflauerte. Die Nacht war dunkel, und ich bekam nachher den Jammerkerl zu
packen. Ich schlug ihm gleich mit der Faust so feste unter die Nase, dass ihm
alles Reden verging. Und dann mordete ich, so wie ich's gewohnt bin. Den
Leichnam schmiss ich mitten auf die Strasse, denn Totengräber spiele ich nicht
gern; die vielen Epheublätter wirken nicht angenehm auf mein Gemüt. Was aber
musste ich zwei Tage nach dem Morde hören? Ich musste hören, dass ich aus Versehen
den ärmsten Mann der ganzen Gegend totgestochen hatte - und dass der Wuchrer
entkommen war. Das ergriff mich furchtbar, und ich habe geweint wie ein kleines
Kind. Nein - einen armen Mann töten, ist ein Verbrechen. Einen Wuchrer töten ist
eine gute, brave Tat. Und so morde ich, jetzt nur noch am hellen, lichten Tage.
Man sieht dabei sofort, ob es auch nötig ist, solchen Kerl totzustechen. Mancher
Lump verdient bloss eine tüchtige Tracht Prügel. Ich renke manchmal den Schuften
nur die Arme oder die Beine aus und lass sie dann laufen; die also Bestraften
vergessen die Lektion nicht so leicht und bessern sich gemeinhin.« Der Wirt
nickte freundlich, und die Frau Wirtin brachte dem Herrn Mörder Eisbein mit
Sauerkohl und gutes Lagerbier dazu. Dunkle Epheuranken schwankten vor den
Fenstern der Schänke. Der Mörder sah die Ranken nicht; er trank nach dem
Abendbrot noch eine kleine Weisse mit Kümmel und ging dann hinaus in den
Mondenschein, allwo viele schlechte Menschen spazieren gingen den Berg hinauf -
bis zur stillen Ruinenwelt, wo der dunkle Epheu mächtig wucherte.
    Aber der Mörder beschmutzte seinen Dolch nicht; das nächtliche Morden hatte
er sich ganz abgewöhnt.
    Das war damals, als noch Richter, Staatsanwalt, Henker und Rechtsanwalt dem
Namen nach unbekannt waren auf Erden; die Justizpflege war noch von
patriarchalischer Einfachheit.
    Heute gibt es solche Leute, die mit so viel edlem Anstande wie unser alter
Mörder morden, nicht mehr.
    Grüne Epheublätter fallen auf den Erdboden.
 
                                  Trauermarsch
Langsam schreiten die Gerippe, klappern im Takte mit ihren Knochen, schreiten
schweigend mit Fackeln in der Knöchelhand durch die Strassen der grossen Stadt.
    Es ist Nacht, Alles sehr einsam, und von Zeit zu Zeit erschallt wieherndes
Gelächter.
    Sind's die Gerippe, die so scheusslich lachen? - oder lachen die Menschen,
die aus den Fenstern rausgucken und dem Trauermarsch der Knochenleute so blöde
nachstarren?
    Die Fackeln - die brennenden Fackeln - stecken sich jetzt die Toten in den
Mund - und die ganzen Schädel fangen an zu brennen.
    Wieder wieherndes Gelächter!
Die Toten aber schreiten mit ihren brennenden Hirnschalen ruhig weiter - wie
alte Soldaten.
    Still geht's mit den Fackeln im Munde zur Stadt hinaus.
    Und dann lacht es wieder so schauerlich ...
    Wer lacht denn bloss?
    Lach' ich selbst?
    Ich bin ganz ernst - wie stets!
    Ich glaube: die grosse Stadt lacht.
 
                             Zwei Knaben gingen ...
Zwei junge Leute gingen über Land.
    Da kam ein alter Mann des Wegs und stöhnte sehr.
    Die jungen Leute lachten.
    Da kam ein eleganter Wagen - und der fuhr so schnell, dass der alte Mann
nicht ausbiegen konnte und überfahren wurde.
    Die jungen Leute lachten abermals, während sich der alte Mann auf der
Landstrasse hin und her wand und erbärmlich schrie.
    Dies Alles hatte ein Gendarm gesehen; er eilte herbei und half dem Alten
wieder auf die Beine.
    Und die jungen Leute lachten zum dritten Male - johlend wie Gassenbuben.
    Da die beiden jungen Leute ganz gut gekleidet waren, fragte der Gendarm,
woher sie kämen und wer sie wären.
    »Wir kommen,« sagte der eine, »vom Diner und sind moderne Leute.«
    Da gab der Mann des Gesetzes dem kühnen Redner eine Backpfeife.
    Doch im selben Augenblicke hatte der moralisch Entrüstete einen Messerstich
im Herzen; den hatte ihm der andre junge Mann gegeben.
    Hiernach liefen die beiden jungen Leute davon.
    Aufgegriffen sind sie noch nicht, obschon Unzählige der Tat verdächtig
erschienen.
    Die modernen Leute sagen jetzt nicht mehr, dass sie die modernen Leute sind -
denn sonst machen sie sich gleich verdächtig - zum mindesten kriegen sie
Backpfeifen.
    Es sollen auch schon zwei moderne Leute totgeprügelt sein - das ist aber
bloss ein Gerücht.
    Wahr ist jedoch, dass neulich ein Moderner angespuckt wurde.
»Dir fehlt was an der Galle!« sagte nach der Lektüre der Oberpriester Lapapi.
    Und ich sagte gar nichts dazu.
    Er aber fuhr fort:
    »Es gibt Leute, die da glauben, dass nur eine bitter-ernste Weltanschauung
Anspruch auf Bedeutung haben könnte; diese Leute merken gar nicht, dass sie sich
mit ihrem traurigen Gesicht eigentlich nur blamieren, denn das Gesicht des
Trübsinns ist zugleich das Gesicht der Unbildung; nur ungebildete Menschen sehen
bitterernst aus. Wer ein bisschen weiter sehen kann - wer da gewohnt ist, mit
weitem Bick in die Welt zu schauen - der lässt sich von dem äusseren irdischen
Scheine der Dinge nicht täuschen - der weiss, dass hinter der uns sichtbaren
Erscheinungswelt noch unendlich viele andere Erscheinungswelten stecken - und
dass wir gar kein Recht haben, die Welt zu verachten, weil uns einzelne
Phänomene, die von unsern Sinnen bemerkt werden, unverständlich oder abstossend
vorkommen.«
    Da horchte ich auf und bemerkte hastig:
    »Dann wär's aber doch wohl nötig, auf diese Phänomene einzeln einzugehen.«
    »Damit,« erwiderte der Priester, »bin ich durchaus einverstanden. Frage nur,
und ich will Dir Antwort geben.«
    Ich erklärte nun zunächst, dass mir die Art der menschlichen Körper-Ernährung
durchaus nicht imponieren könnte.
    Und Lapapi antwortete:
    »Zunächst muss doch wohl zugegeben werden, dass das Essen und Trinken den
Menschen durchaus keinen Schmerz bereitet.«
    »Besonders,« warf ich ein, »wird den Menschen dann das Essen und Trinken
keinen Schmerz bereiten, wenn sie nichts zu essen und zu trinken haben.«
    »Ganz richtig,« versetzte der Oberpriester, »aber Du wirst jedenfalls
zugeben, dass eine wahrhaft gute Laune durch Hunger und Durst nicht umgebracht
werden kann. Zum mindesten wird die Phantasie durch Hunger und Durst aufs
angenehmste gesteigert. Und - habe die Todesfurcht mal total überwunden, so
werden Dir die Schmerzen, die Hunger und Durst scheinbar verursachen, nicht sehr
wehe tun. Du kennst ja wohl jenen pessimistischen Philosophen, der das
freiwillige Verhungern für die einzig anständige Selbstmordmanier erklärte. Na
ja! Indessen - kommen wir auf das Essen und Trinken, das dazusein scheint,
wieder zurück! Du willst sagen - ich merke das wohl - dass es Dir nicht
sympatisch ist, wenn man dazu lebende Tiere abtöten muss. Ja - willst Du noch
was Besseres haben? Willst Du gleich Sterne essen, wie wir's tun?«
    »Bitte! Bitte!« unterbrach ich das kleine Nilpferd heftig, »wir wollen doch
ernst bleiben. Ich finde Ihre Bemerkungen frivol.«
    Das Nilpferd machte einen Luftsprung mit doppeltem Saltomortal oben im
Gewölbe; wir befanden uns in einem sehr hohen Bibliotekzimmer.
    »Vergiss nicht,« sagte der alte Herr, als er wieder vor mir sass, »den
Oberpriester Lapapi, der hier vor Dir steht, immer feste mit Du anzureden. Und
gewöhne Dir ein wenig die Feierlichkeit ab - die habe ich am Nil vor vier
Jahrtausenden so gründlich kennen gelernt, dass ich keinen Geschmack mehr daran
finde.«
    Ich wollte nun hören, was zur Sache gehörte, und bat darum.
    Da ward er aber wütend, schmiss drei dicke Folianten auf den Fussboden und
rief:
    »Sollen wir denn hunderttausendmal erklären, dass irdische Visionen keine
Realitäten sind? Weisst Du denn, dass die Tiere gelebt haben? Weisst Du denn, dass
die Tiere, die Du essen darfst, gestorben sind? Man kann doch nicht Dinge
verurteilen, die uns bloss furchtbar zu sein scheinen. Wie oft sollen wir denn
die alte Weisheit wiederholen? Es ist geradezu ermüdend und höchst langweilig,
immerfort dasselbe vorzukauen. Glaubst Du, wir seien als Professoren angestellt?
Glaubst Du, wir hätten wie tellurische Magister die verdammte Pflicht und
Schuldigkeit, immer wieder das einmal behandelte Tema nochmals zu behandeln?«
    Der Oberpriester Lapapi liess mich plötzlich allein.
    Und da sass ich nun mit meinen Manuskripten zwischen den Bücherregalen und
bedauerte, dass ich nicht vorsichtiger vorgegangen war.
    Und ich ordnete die Manuskripte, die ich noch hatte - und wählte drei Stücke
aus, die ich bei der nächsten Gelegenheit den Ägyptern überreichen wollte.
 
                                    Der Wurm
Der Wurm in meiner alten Kommode nagt immerzu - immerzu. Er wird ewig nagen -
niemals wird er aufhören zu nagen. Und ich muss es immerzu hören - immerzu.
    Ob ich das ewig werde aushalten?
    Es ist nicht wahrscheinlich.
 
                                  Herbstmorgen
»Ach ja!« rief er laut in den Morgenwind, und dabei setzte er sich auf eine
Bank. Er hatte so viel getrunken, dass er jetzt nicht mehr weiter trinken mochte
- er hatte die ganze Nacht getrunken.
    »Die Welt ist ziemlich traurig und ganz bestimmt sehr langweilig. Der Sommer
ist jetzt auch kaputt.«
    Mit diesen Worten begrüsste er die Morgensonne, die mit einem alten Leiermann
zusammen um die nächste Strassenecke kam.
    Die Bank in den Anlagen war kühl, der Leiermann kam immer näher und erhielt
von ihm zwei Mark und fünfzig Pfennige. Das Geld bestand aus Sechsern und
Groschen. Für das Geld sollte der Leiermann eine ganze Stunde ohne Aufhören
spielen.
    Die Vergnügungen der Wüstlinge sind immer sehr seltsamer Natur.
    Doch da stieg aus dem Hause, das der alten Bank gegenüberstand, eine feine
Rauchsäule heraus - die ward bald zu dickem Qualm; es brannte in dem alten
Hause.
    Der Leiermann aber musste ruhig weiterspielen.
    Die Feuerwehr kam, Polizisten zu Fuss und zu Pferde eilten nach rechts und
nach links.
    Der Leiermann spielte weiter.
    Da wurden die Polizisten natürlich sehr ärgerlich über das unaufhörliche
Spielen.
    Der Leiermann wird verhaftet und abgeführt.
    Der Mann, der die ganze Nacht immerfort getrunken hatte und jetzt gar nicht
mehr trinken mochte, sitzt ruhig wie ein altes Götzenbild auf seiner alten Bank
in den Anlagen - und hat gar kein Mitleid mit dem alten Leiermann.
    Das Feuer im alten Hause wird gelöscht.
    Die Feuerwehr fährt wieder ab.
    Die Polizisten verschwinden.
    Es ist ein stiller Herbstmorgen.
    »Wozu noch was retten wollen? Der Sommer ist doch tot.«
    Also murmelt der Mann auf der alten Bank.
    Dann denkt er an die Feuerwehr und bedauert, dass er nicht mit den Leuten,
die immer noch was für rettungsfähig und rettungswert halten, mitgefahren ist.
    »Armer Leiermann!« ruft er mit einem Seufzer, steht auf und geht weiter.
 
                                 Menschenliebe
Der Himmel tat sich auf, und ein Engel kam vom Himmel herunter zu den Menschen.
Der Engel reichte allen Menschen freundlich die Hand und wurde von ihnen
gestreichelt - aber mir so viel Zärtlichkeit und Ausdauer, dass dem Engel
schliesslich alle Glieder weh taten.
    Da rannte der Engel davon und setzte sich am Ufer eines Flusses auf einen
weiss angestrichenen Stein.
    Auf diesem Steine dachte der Engel über sein Unglück nach, denn ihm taten
die Glieder ganz gehörig weh.
    Plötzlich aber erinnerte er sich, dass er ja noch himmlisches Öl in seinem
Tornister habe, holte das Öl hervor - und rieb sich alle seine Glieder mit dem
Öle ordentlich ein.
    Da ward dem Engel wieder wohl, und er ging zu den Menschen zurück.
    Indessen die Menschen fingen abermals an, den Engel zu streicheln mit viel
Zärtlichkeit und Ausdauer.
    Da jedoch die Menschen bemerkten, dass sie sich die Hände eklig voll Öl
machten, so wurden die leicht erregbaren Menschen ärgerlich und verhauten den
Engel in nicht grade rücksichtsvoller Art.
    Der Engel rannte abermals davon in einen finsteren Wald hinein. Und da den
Engel jetzt wiederum alle Glieder schmerzten, gebrauchte er zum zweiten Male
sein himmlisches Öl.
    Und bei dieser zweiten Einreibung dachte der gute Engel darüber nach - was
wohl bei den Menschen leichter zu ertragen sei - das Gestreicheltwerden oder das
Verklopptwerden.
    Zurückgegangen zu den Menschen ist der Engel nicht.
Ich mochte wohl mit diesen ausgesuchten drei Geschichten ausgeschlagene drei
Stunden so ruhig dagesessen haben - da kam endlich der General Abdmalik in das
Bibliotekzimmer. Kaum aber hatte er einen Luftsprung mit Saltomortals wie
Lapapi gemacht - so lachte er furchtbar - und rannte davon.
    Ich sass abermals drei ausgeschlagene Stunden mit meinen drei Manuskripten da
und wartete - es liess sich aber kein Nilpferdchen sehen.
    Da ging ich denn in ein Nebenzimmer - und da sassen denn die Herren - lange
Pfeife rauchend - in bequemen Ledersesseln und lasen in grossen Folianten.
    Mein Erscheinen blieb anfänglich ganz unbeachtet.
    Ich hustete jedoch und reichte mit einigen Worten der Entschuldigung meine
drei Manuskripte dem König Tutmosis, der mir zunächst sass.
    Dieser König sah bloss in die Manuskripte hinein - dann sprang er wütend auf,
schmiss seinen Folianten auf den Fussboden und schimpfte sogleich wie ein
Rohrspatz.
    Glaubst Du denn, wir wären toll geworden, dass wir ewig und immer alle Tage
und alle Nächte bloss Deine trübsinnigen Geschichten lesen möchten? Wir haben was
Besseres zu tun. Mit solchem Zeug komm uns nicht wieder.«
    Und dann warf er auch meine Manuskripte auf die Erde, dass sie wie Blätter im
Winde überall herumflogen.
    Mit Mühe sammelte ich sie und steckte sie ein und wollte mich entfernen.
    Da stiess mir aber der Inspektor mit seinem rechten Vorderfuss in den Bauch
und sagte:
    »Gib drei lustige Geschichten für die drei traurigen!«
    Ich wollte erst nicht, aber ich liess mich doch überreden und gab, was man
verlangte, bemerkte aber gleich sehr ernst:
    »Lustigere Geschichten habe ich augenblicklich nicht bei mir. Ich bitte,
nicht wieder zornig zu werden, wenn sie einem der Herren doch noch zu trübsinnig
erscheinen sollten. Ich kann nicht lustiger sein - als ich bin!«
    Nun - die Herren lasen dann ganz ruhig, was ich ihnen gegeben hatte.
 
                              Die gebratene Ameise
                                  Arbeitsspass
Bei den fleissigen Ameisen herrscht eine sonderbare Sitte: Die Ameise, die in
acht Tagen am meisten gearbeitet hat, wird am neunten Tage feierlich gebraten
und von den Ameisen ihres Stammes gemeinschaftlich verspeist.
    Die Ameisen glauben, dass durch dieses Gericht der Arbeitsgeist der
Fleissigsten auf die Essenden übergehe.
    Und es ist für eine Ameise eine ganz ausserordentliche Ehre, feierlich am
neunten Tage gebraten und verspeist zu werden. Aber trotzdem ist es einmal
vorgekommen, dass eine der fleissigsten Ameisen kurz vorm Gebratenwerden noch
folgende kleine Rede hielt:
    »Meine lieben Brüder und Schwestern! Es ist mir ja ungemein angenehm, dass
Ihr mich so ehren wollt! Ich muss Euch aber gestehen, dass es mir noch angenehmer
sein würde, wenn ich nicht die Fleissigste gewesen wäre. Man lebt doch nicht
bloss, um sich totzuschuften!«
    »Wozu denn?« schrieen die Ameisen ihres Stammes - und sie schmissen die
grosse Rednerin schnell in die Bratpfanne - sonst hätte dieses dumme Tier noch
mehr geredet.
 
                                   Die Helden
Wahrlich! Da sassen die Helden mit ihren blanken Schwertern und mit ihren
glänzenden Augen in ihren prächtigen Mänteln auf den schweren Sesseln.
    Die Helden sprachen lange kein Wort. In dem kleinen dunkelgrauen Zimmer
hörte man nur die grosse, alte Uhr langsam hin und her ticken.
    »Wir haben's vorausgesehen!« begann endlich der stille Blonde.
    »Es musste so kommen!« sagte ein Andrer.
    »Wir haben lange genug geschwiegen!« brummte ein Dritter.
    »Unsre Geduld ist gerissen!« rief ein Vierter.
    »Allzugut ist dumm!« flüsterte ein Fünfter.
    Dann erhoben sie sich von ihren Sitzen und schwuren sich ewige Treue - ewige
Treue gegen den alten Feind - den Geschäftsmann.
    Und sie zogen aus mit ihren Mannen und schlugen den Geschäftsmann tot.
    »Das war keine Heldentat!« sagten sie nachher.
    Und es war doch eine Heldentat - sogar ihre grösste Heldentat.
 
                              Schlechtes Publikum!
Auf dem braunen Kameel sass ein kleiner Affe.
    Der Affe hatte ein rotes Röckchen an und blickte neugierig nach tallen
Seiten herum, wie das so Affen zu tun pflegen.
    Aber die beiden Tiere waren auf einer einsamen Landstrasse, wo's keine
Zuschauer gab.
    Da machten sie denn den Krähen ihre Spässe vor.
    Die Krähen flogen in grossen Scharen vorüber und hielten sich nicht auf.
    Wie sich manche Tiere an die Menschen gewöhnen können!
    »Schlechtes Publikum!« brummte das Kameel.
»Das also,« sagte nach einer Viertelstunde der Herr Amenophis, »soll nun lustig
sein!«
    Ich sagte leise:
    »Es fällt mir immer schwerer, die Lebenskomödie anzusehen und als solche zu
empfinden. Mir wächst die irdische Atmosphäre, um es ganz deutlich zu sagen, zum
Halse hinaus. Ich kann nicht mehr.«
    Da standen die Nilpferdchen auf, stellten ihre Folianten in die Regale,
hüpften auf einem Beine und sagten:
    »Hm! Du bist ein interessanter Gast!«
    »Man gut, dass wir Dich am Abhange vom Tode errettet haben.«
    »Du bist es wert, leben zu bleiben.«
    »Aber so wie Du bist, erscheinst Du uns nicht grade sympatisch.«
    »Möchtest Du nicht doch, uns zu gefallen, anders werden?«
    »Wir möchten Dich ja so gerne anders machen.«
    »Das elektrische Bad scheint nicht viel genützt zu haben. Vielleicht bist Du
jetzt ein bisschen anders bloss aus Höflichkeit.«
    Nach diesen Bemerkungen hüpften sie wieder auf einem Beine und pfiffen dazu,
wobei ihr breites Maul spitz wurde und furchtbar komisch aussah.
    Aber mir machte das alles nicht den geringsten Spass, und ich meinte nur
vedriesslich:
    »Schneidet mir die Langeweile aus, wenn Ihr mich anders haben wollt.«
    Da sprach der Pyramideninspektor Riboddi ernst:
    »Wir wollen Dich allein lassen, wenn Du Dich in unsrer Gesellschaft
langweilst.«
    Und sie gingen ohne Gruss davon.
    Und ich blieb lange Zeit allein.
    Und ich wollte über das nachdenken, was die alten Ägypter gesagt hatten -
aber meine Gedanken schweiften ab und fuhren ruhlos umher durch meine Kindheit
und durch die matematische Bedeutung der Kegelschnitte und durch einen stillen
Wald und durch Dinge, die mir immer unsympatisch waren - durch Geschrei und
Gewimmer - Krankenbett und Totenhalle.
    Meine Traurigkeit nahm immer mehr zu, und ich sagte leise:
    »Es ist doch Alles gar nichts.«
    Da fiel ein Glas von einem Schranke herunter und zerbrach.
    Ich sprach dann leise, als wären die alten Ägypter noch da:
    »Das Glas zerbricht so leicht - wie wir selber zerbrechen - und dann sind
bloss noch Scherben da - und die Scherben sind immer ein kläglicher Anblick.
Warum zerbrach das Glas? Es bleibt überall ein schriller Ton von zerbrochenen
Gläsern zurück - und ich finde nicht das mehr in den Scherben, was ich einst im
Glase fand. Ihr sagt, es gäbe ja noch viele Trillionen Gläser. Das mag wahr
sein, aber ich wollte doch, das alte Glas wäre nicht zerbrochen. Ihr sagt, dass
es nicht ewig bestehen könnte - das wäre langweilig, wenn man immer dasselbe
Glas vor sich hätte. Aber ist es nicht auch langweilig, dass man immer wieder
Scherben vor sich hat? Es mag durchaus nicht geistreich sein, wenn man etwas
beklagt. Schon richtig! Aber wollen wir denn immer geistreich sein? Mir ist es
ganz egal, ob mein Gesicht dumm oder klug aussieht. Und wenn Alles bloss ein
Schattenspiel ist - kann man's sehr geistreich nennen, wenn uns die Welt immer
bloss als müssiges Spiel erscheint? Gewiss, es ist nicht nötig, dass Alles immer
ernst aussieht - es sieht ja leider das Meiste schon ernst genug aus - aber was
habe ich, wenn ich das Ernste als Komödie behandle - und die Komödie als eine
bitterernste Sache? Schliesslich ist mir Alles ganz egal. Und das macht nicht
heiter. Das sind, sagt Ihr, bloss Übergangsstadien. Jawohl, es wird ja Alles
wieder anders. Auf Regen folgt Sonnenschein. Bloss hier bei diesen ägyptischen
Herren gibt es weder Sonnenschein noch Regen - die Fenster fehlen ja.«
    Da ward es plötzlich ganz dunkel in dem Bibliotekzimmer, und ich sagte nur
noch:
    »Das ist wahrscheinlich die ägyptische Finsternis. Neugierig bin ich doch -
was jetzt kommt.«
    Und ich sank dabei in die Tiefe.
    Und es ging immer schneller hinunter.
    Und plötzlich ward es wieder ganz hell.
    Und ich war in einem orientalischen Wundergarten, in dem die Früchte an den
Bäumen grosse Edelsteine sind.
    Ich wurde von unsichtbaren Händen durch den Garten getragen und konnte dabei
die Edelsteine ruhig betrachten.
    Es waren viele zierliche Pavillons mit glitzernden schlanken Säulen in dem
grossen Garten - in dem wirkte ein seltsames, blaugrünes Licht so duftig wie ein
feiner Nebel von Wohlgerüchen.
    Und wie ich nun ein paar Topasbirnen genauer ansah, bemerkte ich, dass sich
kleine gelbe Perlen von den Birnen loslösten und wie Seifenblasen in der Luft
herumschwebten und auch wie Seifenblasen grösser wurden. Und dann sah ich auf
diesen gelben Blasen unzählige winzig kleine Kerlchen, die Kanonen auf kleine
Hügel hinaufschleppten und von dort aus auf die anderen gelben Blasen
losschossen. Auf den anderen Blasen krabbelten ebenfalls kleine Kerlchen mit
Kanonen herum. Und ich bemerkte bald, dass sich die Blasen nach zwei Seiten hin
ordneten, und danach flogen die Schüsse immer schneller von Blase zu Blase; es
knisterte in der Luft. Und bei dem Schiessen sah ich, wie jede der winzig kleinen
Kugeln entsetzliche Verheerungen unter den kleinen Leuten anrichtete. Und es
dauerte nicht lange, so zappelten auf den Blasen all die kleinen Wesen mit
zerrissenen Gliedmassen neben den Kanonen herum und starben, wie es schien, unter
grossen Qualen.
    Und dann sah es so aus, als zögen die Topasbirnen all die gelben Blasen
wieder an - und dann verschwanden die Blasen in den Birnen.
    »Das ist,« sagte mir ein Unsichtbarer, »Alles nur ein Entwicklungszauber.
Dieser Garten ist die Wunderküche der Nilpferde, allwo die kleinen Sterne
geschaffen werden, die den Nilpferden, wie Du weisst, zur Nahrung dienen.«
    Ich wurde weiter getragen und sah an einer dunkelblauen Saphirpflaume ein
anderes Schauspiel.
    Da kamen kleine Zwerge mit Allongeperrücken heraus, umschwebten die Pflaumen
und redeten zu ihr. Ich konnte die Worte der winzig kleinen Zwerge deutlich
verstehen:
    »Liebe Pflaume,« sagte der eine Zwerg, »es ist ausserordentlich überflüssig,
dass du so glänzend bist. Du musst jenen zarten, stumpfen Hauch bekommen, der Dir
so gut steht.«
    Und danach klopften alle Zwerge ihre Perrücken aus, sodass ein grosser
Puderstaub entstand, der der Saphirpflaume jenen zarten Hauch verlieh.
    Nach diesem Perrückenausgeklopfe steckten die Zwerge alle ihre Finger in den
Mund und wurden nun immer kleiner - und nach ein paar Augenblicken unsichtbar.
    »Entwicklungszauber!« sagte mein unsichtbarer Begleiter, »nichts als
Entwicklungszauber! An allen Früchten gehen solche kleinen Wunder vor. Wenn die
nicht vorkämen, würden die Nilpferde nichts Ordentliches zu essen haben. Alle
diese Steinfrüchte sind uralt und fühlen sich als grosse Welten; sie müssen sehr
viele Verwandlungen durchmachen, bis sie essbar sind. Hier kannst Du wohl noch
mehr erleben als in den grossen Sternen des Himmels.«
    Ich fühlte, dass mir so leicht wurde.
    Und ich wollte noch mehr von diesen Miniaturwelten sehen und sagte das.
    Man kam meinem Wunsche gleich entgegen, denn aus einem Kirschbaum, dessen
Kirschen Rubine waren, wirbelten plötzlich grosse Scharen kleinster Elfen heraus;
die Elfen kneteten in ihren Händen kleine rote Tropfen. Und unter dem Kneten
entstanden aus diesen roten Tropfen alte Köpfe, die ganz rot vor Zorn waren und
niederträchtig schimpften. Und die Elfen warfen die Zornköpfe in die Höhe und
stiessen mit langen feinen Lanzen in die Köpfe hinein, dass die aufbrüllten vor
Schmerz. Die Elfen stachen grausam öfters durch die Köpfe durch. Und während nun
aus den roten Tropfenköpfen kleine Blutstropfen herunterrieselten, sah es
plötzlich so aus, als wenn die Köpfe leuchteten. Und so war's auch; ich blickte
schärfer hin und bemerkte, dass die Köpfe jetzt rote Sonnen zu sein schienen -
die Augen waren zu Sonnenflecken geworden. Und diese Sonnen schwebten empor und
verschwanden oben. Die Elfen warfen ihre Lanzen den Sonnen nach, klatschten in
die Hände und verschwanden in den Kirschen.
    »Wie leicht sich hier Alles verändert!« sagte ich leise.
    Und die Stimme neben mir erwiderte ebenso leise:
    »Wenn Du nun wüsstest, dass in jeder Stunde überall immer wieder neue
Veränderungen vorkommen, würdest Du nicht sagen müssen, dass hinter diesen
Wunderfrüchten unsäglich viele schöne Dinge stecken?«
    »Das könnt ich,« sagte ich still, »nicht leugnen.«
    »Nun musst Du aber,« fuhr die Stimme fort, »wissen, dass alle Dinge, die Du
auf Erden siehst, ebenfalls solche Wunderfrüchte sind. Hinter jeder
Erscheinungswelt steckt eben eine unendliche Reihe andrer Erscheinungswelten.«
    Ich fühlte nach diesen Worten eine grosse, sehr angenehme Schlaffheit in
allen Gliedern. Und es kam mir so vor, als verstünde ich die ganze Welt. Und ich
begann zu reden - wie im Traum. Was ich redete, erschien mir ausserordentlich
scharfsinnig. So als wären alle Weltgeheimnisse vor mir aufgelöst - so wurde
mir.
    Und ich sah nicht mehr die kostbaren Früchte des Wundergartens.
    Ich schwebte zwischen perlgrauen Wolken und redete ohn Unterlass.
    Aber heute weiss ich leider nicht mehr, was ich redete; das habe ich total
vergessen.
    Ich weiss nur noch, dass ich damals mitten im Reden einschlief und dann weiter
träumte - und mich im Traume auch noch reden hörte - sehr weise kam ich mir vor
- und ich fühlte mich sehr glücklich.
    Und das grosse Glücksgefühl verliess mich lange Zeit nicht; ich muss damals
sehr lange geschlafen haben.
    Mir ist heute noch so, als wenn das, was ich damals im Schlafe fühlte, das
Herrlichste war - von Allem, was ich je erlebte.
    Als ich die Nilpferdchen in einem kleinen weissen Sammetzimmer wiedersah - in
dem Zimmer war Alles von weissem Sammet - da fühlte ich noch immer die ganze
Traumseligkeit wie vorhin.
    Und die alten Ägypter, denen ich davon sehr ruhig, aber auch sehr heiter
erzählte, wollten nun etwas von mir lesen, in dem was vom Traumglück gesagt
wird.
    Ich erinnerte mich, dass ich so was bei mir hatte.
 
                                  Katta-Kottu
                                   Japaneske
»Ja wohl!« sagte der Admiral Tiko, »man kann auf dieser Erde anfangen, was man
will - lange freut man sich doch nicht über seine Taten.«
    Die Sonne ging langsam im Westen unter, und der Waldsee des Königs wurde
bunt wie ein Pfau. Ein paar Frösche quakten. Lebende Libellen flogen überm
Wasser hastig hin und her allmählich den Ufern zu, wo die Fliederbüsche dufteten
und die Ameisen fleissig waren.
    Der Admiral Tiko, eine grosse Persönlichkeit, besah seinen köstlichen
Siegelring, den er immer am rechten Zeigefinger trug, und dachte über das Leben
nach.
    Der Waldsee wurde nun dunkler, aber drüben auf dem hohen Berge funkelte das
Felsenschloss wie eine alte Königskrone. Die Frösche quakten lauter. Die Libellen
verschwanden. Eine schwarze Ameise biss dem grossen Admiral in den linken kleinen
Zeh und starb.
    Der Abendwind zitterte in den Blütenkelchen und wehte ihren Duft vorsichtig
in die Welt hinaus. Es bühten in den Gärten des Königs unzählige Blumen -
Nelken, Tulpen und Narzissen.
    Tiko blickte zum Felsenschloss empor, und seine Gedanken wurden anders.
    Der König hätte das Felsenschloss gerne dem Admiral geschenkt zum Lohne für
seine Taten. Der Tiko liebte das Schloss; es war ein feines Kunstwerk und so
still. Dort oben konnte man das weite blaue Meer überschauen und Ruhe haben bis
ans Ende seines Lebens - wohlige Ruhe.
    Indessen - wollte der Tiko das Geschenk annehmen, so sollte er sein Kommando
niederlegen und die Schiffe des Königs fahren lassen, ohne mitzufahren.
    Das gefiel dem grossen Manne nicht.
    Das Schloss funkelte nicht mehr, denn die Sterne des Himmels fingen zu
funkeln an. Die Farbenpracht der Sonne sank lautlos in die stille Nacht.
    Drüben am andern Ufer des Waldsees klatschten lange Ruder ins Wasser; das
taten die Feuerwerker. Es sollte ein grosses Feuerwerk abgebrannt werden mit
Platzbomben und Diamantraketen. Tikos Gedanken veränderten abermals ihre
Richtung. Die Tochter des Königs, die witzige Prinzessin Katta-Kottu, feierte
ihren Geburtstag, und Tiko sollte sehr bald mit der Prinzessin allein in einem
kleinen Kahn sitzen - und rudern. So hatte es sich die Katta-Kottu gewünscht; es
erschien ihr so nett, sich während des Feuerwerks mit dem Admiral gemütlich zu
unterhalten.
    Die Frösche quakten, und Tiko atmete tief auf. Für die berühmten Männer
schwärmte die Katta-Kottu; das war immer so gewesen. Tiko besah wieder seinen
Siegelring. Der Abendwind säuselte duftig und milde.
    Die Sterne standen am Himmel und strahlten. Die Feuerwerker priesen die
Nacht - sie lag so still da wie des Königs Schatzkammer.
    Der dicke Diener des Admirals meldete die Ankunft der Prinzessin.
    Tiko ging hin und begrüsste die Katta-Kottu voll Ehrfurcht und Bewunderung.
    Die hellblauen Papierlaternen der Hofdamen wackelten, die Kavaliere strichen
sich den Schnurrbart und verbeugten sich.
    Alle waren in hellblauer Seide erschienen, nur Katta-Kottu's Kleider waren
schneeweiss und die des Tiko zinnoberrot.
    Der Admiral stieg mit seiner Prinzessin in den kleinen goldenen Kahn, und
die Kavaliere stiegen mit den Hofdamen in die anderen Kähne, die in Silber
glänzten.
    Und dann ruderte man langsam ein paar Ellen weit auf den See hinaus und
plauderte dabei.
    Tiko sagte befangen:
    »Der Mond scheint heute nicht.«
    Da lachte die Prinzessin und meinte, dass man auch ohne Mond gut träumen
könne.
    »Träumen?« fragt Tiko.
    »Nu ja! was denn sonst?«
    Also erwiderte die witzige Katta-Kottu.
    Der Admiral sah in seinem zinnoberroten Gewände so drollig aus, und die
Prinzessin fand das so nett - so traumhaft.
    »Wenn er bloss nicht so viel schweigen wollte!« dachte sie bei sich.
    Er aber dachte immer nach, bevor er sprach - so auch jetzt. Und er fasste
nach einer Weile seine Gedanken in diese Worte:
    »Prinzessin! Zu träumen pflegt man, wenn man nichts zu tun hat. Wer sein
Leben mit Taten füllt, träumt nicht mehr; die Träume drehen dem Tatendurst das
Genick um. Der Traum macht träge; die Augen sehen nicht mehr klar. Und man ist
bald nicht mehr fähig, eine Tat zu vollbringen - ein müder Mensch. Das ist doch
zu beklagen, da das Tatglück das grösste Glück ist.«
    »Hm!« versetzte die Witzige, »das klingt so klug und ist es gar nicht. Nein!
Wahrhaftig nicht! Ihr könnt mir's glauben! Ich stelle das Traumglück über Alles.
Das Tatglück kann nicht grösser sein. Muss es also nicht kleiner sein? Es muss
doch, nicht wahr?«
    Tiko lächelte überlegen und schüttelte den Kopf.
    Das gefiel aber der Prinzessin nicht, und sie fuhr böse fort:
    »Admiral! Das Leben ist, so wie es ist, doch nicht schön genug. Ist der
Traum daher nicht das schönere Leben? Tatglück kann nur im gewöhnlichen Leben
entstehen, Traumglück aber entsteht im schöneren Leben. Muss also das Traumglück
nicht schöner sein als das Tatglück?«
    Wiederum musste der Admiral lächeln, und er sagte spöttisch:
    »Das ist nicht wahr, Prinzessin! Das Tatglück ist doch mächtiger als das
Traumglück. Der Traum ist immer bald zu Ende, und ich liebe die kurzen Sachen.«
    »So!« rief nun erregt die Katta-Kottu, »es gibt aber auch lange Träume.
Neulich hatte ich einen ganz langen Traum. Hört zu!«
    Sie machte eine Pause und hub dann feierlich zu erzählen an:
    »Die Erde wird ganz dunkel wie schwarze Seide. Ich aber mag die Finsternis
nicht. Ich zünde also meine kleine rote Lampe an und will fort. Und da sehe ich
vor mir eine Treppe - die führt in das Erdinnere. Ich gehe die Treppe hinunter
und komme in einen schwarzen Saal; die Wände sind glatt und spiegeln. Und ich
steige noch eine Treppe tiefer und trete in einen noch grösseren Saal, der auch
schwarz ist wie der vorige; aber hier sind die Wände nicht mehr glatt, einzelne
Teile sind mit wunderlichen Schnitzereien bedeckt - Alles aus schwarzem Stein -
aus spiegelglattem Stein! Und ich steige noch weitere Treppen hinunter und komme
in die tiefer gelegenen Säle; jeder tiefere ist immer grösser und reicher - mit
Galerieen, Kuppeln und herrlichen Grotten. Und die Schnitzereien aus Stein
werden immer drolliger, und es sind so viele, dass man bald nicht mehr die
Empfindung hat, von Wänden umgeben zu sein. Auch die schwarzen Fussböden sind
voll Schnitzerei; die ist natürlich flacher gearbeitet. Ich sehe mir Alles an,
und ich sehe mir Alles sehr lange und gründlich an. Es ist Alles ganz anders als
oben auf der Erde - viel kecker. So viele Tiere und Blumen, die's gar nicht gibt
- und nicht bloss Molchdrachen! Es ist in tausend Jahren nicht zu beschreiben -
so seltsam! Ich bin da unten lange - sehr lange! - ganz allein, so dass ich mich
schliesslich graule. Meine kleine rote Lampe leuchtet mir nicht hell genug. Aber
kaum wird mir das lästig, so springen auch schon sechs schwarze Pudel auf mich
zu. Die Pudel haben milchweisse Augen, und diese Augen sind so hell, dass
plötzlich Alles hell wird. Da seh ich denn, dass das schwarze Gestein von ganz
feinen - haarfeinen! - türkisblauen Linien durchädert ist. Und nun wird's
überall lebendig. Gazellen kommen von den Galerieen herunter und rufen
freundlich Katta-Kottu! Sie sprechen aber so oft meinen Namen aus, dass ich
erstaunt frage: Was wollt Ihr denn von mir? Da öffnet sich eine grosse sehr fein
geschnitzte Pforte, und weissgekleidete Priester tragen in einer Sänfte meinen
toten Bruder herbei. Ich laufe ihm entgegen - und er springt auf - und umarmt
mich. Und während ich ihn weinend küsse, umtanzen uns kleine weisse Elefanten,
rot und grün gestreifte Giraffen, kleine dunkelviolette Schweine und bunt
karrierte Kameele. Ein merkwürdiges Volk! Mein Bruder dreht sich mit mir, und
wir tanzen wie die Tiere. Und dabei verwandelt er sich in einen kleinen Zwerg,
und ich werde noch kleiner - noch viel kleiner - ich werde - es ist wirklich
wahr! - ein - Floh! Drollig - nicht? Ja! Da sah Alles aus - so gross! Nicht zu
sagen! Ich hüpfte meinem Bruder auf die dicke Nase, und - er - ach - er
zerdrückte mich mit seinem Zeigefinger.«
    »O weh!« schrie der gute Tiko.
    Aber die gute Katta-Kottu bemerkte lächelnd, dass im Traume das
Zerdrücktwerden gar nicht so unangenehm sei. Sie plauderte unbeirrt weiter:
    »Ich träume eigentlich zu allen Zeiten - auch mit offenen Augen am hellen
lichten Tage. Sehr oft spiele ich mit den Sternen, klebe dem Monde lange Ohren
an und knipse der Sonne die Nase ab, verspeise ein paar Kometen und reisse die
Milchstrasse entzwei. Ach ja - mit dem Himmel steh ich überhaupt auf sehr
freundschaftlichem Fusse. Und nun soll ich einem berühmten Admiral das Traumglück
noch deutlicher machen? Ach, du guter Himmel, gib mir ein Zeichen, dass ich recht
habe! Bitte! Bitte! Lieber Himmel, sei so gut!«
    Katta-Kottu faltete die Hände, und dabei stieg rauchend die erste Rakete zu
den Sternen empor, und helle bunte Diamanten fielen aus dem Feuerkopfe der
Rakete langsam hernieder.
    Tiko sah das Felsenschloss aufleuchten im Diamantenglanz und sagte dann
hastig:
    »Frauen gegenüber behauptet man immer mehr, als man will - oft das Gegenteil
von dem, was man denkt. Die Träume sind allerdings nicht ihrer Kürze wegen zu
verdammen - umgekehrt! - sie leiden fast alle an erschrecklicher Länge. Ich
hatte das völlig vergessen. Die Träume sind lang und faul: sie ähneln der
Schildkröte, während die Tat flink ist wie ein feuriger Tiger.«
    »Admiral!« entgegnete die Prinzessin gereizt. »Vergleiche sind billig wie
kleine Fische, und lange Schildkröten sind mir unbekannt. Ich könnte auch sagen,
der Traum sei die Blüte des menschlichen Lebens, die uns durch ihren Duft und
durch ihre Farbenpracht entzückt, während die Tat eine dicke Frucht ist, die man
essen kann - essen! Die Frucht ist nützlich - aber sehr plump. Die Blüte gibt
uns doch mehr Glück. Ach Himmel, gib mir ein Zeichen, dass ich recht habe!«
    Tiko lächelt, so wie er's oft zu tun pflegt, rudert ein wenig weiter in die
Mitte des Sees hinein, besieht wieder seinen Siegelring und schildert der
Prinzessin mit gesenktem Blick eine stürmische Meeresnacht, redet von
Kommandobrücke und Sturzwelle, von Sprachrohr und Tauende, von wegfliegenden
Mützen und brechenden Mastbäumen.
    Wie der Admiral wieder schweigt, starrt er der Prinzessin fest ins Auge -
aber siehe! - da wird's plötzlich so furchtbar hell - von oben dringt ein
grelles, hellgrünes Licht hernieder - und im selben Augenblick schlägt dicht vor
dem goldenen Kahn ein grüner Feuerball in die Mitte des Waldsees.
    Der goldene Kahn kippt um - und die Prinzessin wird mit dem Admiral in die
Tiefe gerissen.
    Tiko hat gleich mit der Linken das Kleid der Prinzessin gepackt. Und Beide
werden zusammen von den wilden Wirbeln immer tiefer ins Wasser gezogen - so sehr
sich auch der Admiral mit den Beinen dagegen sträubt.
    Unten fährt er mit dem rechten Arm so tief in den Schlamm, dass er gleich
fühlt, wie auch seine rechte Wange beschmutzt wird.
    Indessen - tatkräftig wie stets - arbeitet er sich bald aus diesem tiefen
Sumpfgebiet raus und schwimmt mit der Prinzessin in der Linken an die Oberfläche
des Sees, wo er mit stürmischen Halloh von den Kavalieren und Hofdamen begrüsst
und mit der Prinzessin rasch ans Ufer gebracht wird.
    Am Ufer wird der Tiko von seinem dicken Diener sofort in ein Zelt getragen,
von seinem roten nassen Gewande befreit, gewaschen und abgetrocknet. Und dann
hilft der Dicke seinem Herrn in die Uniform.
    Nach zehn Minuten erscheint der Admiral in voller Gala wieder im Freien. Die
Hofgesellschaft bereitet dem Retter der Prinzessin eine stürmische Ovation. Er
dankt, indem er militärisch grüsst. Die blauen Ampeln wackeln.
    Man erzählt dem Gefeierten, dass ein hellgrünes Meteor, das wie ein dicker
grader Pinselstrich aussah, vom blauen Himmel runter schräg in den See fuhr. Und
die Wirbel, die durch das plötzliche Einschlagen des glühenden Weltkörpers
entstanden, rissen die Beiden in die Tiefe; sie waren zu zweit in die Mitte des
Sees gerudert. Die andern Boote hatten sich vom Ufer nicht entfernt und kamen so
mit dem Schreck davon.
    Tiko lächelte auch bei diesen Berichten wie sonst, besah wieder seinen Ring
und liess sich zur Prinzessin führen, die soeben aus ihrer Ohnmacht erwacht war.
Man hatte ihr schon, als sich der Admiral ihr ehrfürchtig näherte, die ganze
Geschichte erklärt.
    Die Katta-Kottu rief ihrem Retter gleich lachend zu:
    »Ich habe gesiegt! Das Meteor war ein Zeichen des Himmels! Mein Gebet ward
erhört - nicht wahr? Jetzt werdet Ihr wohl, mein lieber Admiral, überzeugt sein,
dass das Traumglück höher zu stellen ist als das Tatglück.«
    »Mitnichten,« versetze der schneidige Tiko, »der Himmel wollte das Tatglück
preisen. Die gnädigste Prinzessin wäre nicht am Leben geblieben, wenn ihr nicht
das Tatglück des Admirals Tiko treu zur Seite gestanden hätte.«
    »Ah!« sprach nun die Katta-Kottu mit verzogener Unterlippe, »der Herr
Admiral ist rechtaberisch und will für seine Rettung bedankt sein. Ich danke!
Ich danke wirklich! Jedoch - ich muss bei meiner Überzeugung bleiben; ohne
Traumglück wird zudem kein Mensch eine grosse Tat begehen.«
    Tiko räusperte sich vernehmlich und flüsterte:
    »Der Mensch wird nichts vollbringen, wenn er im Traumglück stecken bleibt.
Wer im Sumpfboden des Waldsees stecken bliebe, würde auch nichts mehr
vollbringen.«
    Darauf schrie die Katta-Kottu, dass es dem Tatmenschen in den Ohren gellte:
    »Und dennoch ist das Traumglück das einzig wahre Glück!«
    Tiko entgegnete ruhig:
    »Gnädigste Prinzessin, die menschlichen Zungen sind ungleich; was der einen
Zunge süss, kann der andern bitter schmecken.« Katta-Kottu erwiderte still:
    »Admiral, Ihr habt eine sehr lose Zunge! Ich wollte Euch noch von den
Träumen erzählen, die uns wie alte Erinnerungen und liebe Tote umranken - aber -
ich wünsche Euch eine gute Nacht!«
    Da versetzte Tiko hart und laut:
    »Der Admiral Tiko wünscht der Prinzessin Katta-Kottu die beste Besserung!«
    Er verbeugte sich kurz, machte links um Kehrt und ging davon.
    Vor dem Zelt der Prinzessin trat der König dem tapfern Mann in den Weg,
umarmte seinen treuen Diener und frug:
    »Was willst Du nun haben: das Felsenschloss oder das Oberkommando über die
grosse Flotte, die in die Südsee gehen soll?«
    »Das Oberkommando!« lautete die feste Antwort.
    Der König, ein alter Mann mit weissem Vollbart, erhob seinen rechten
Zeigefinger und frug leise:
    »Ist das weise?«
    »Jawohl!« behauptete ohne Besinnen der starke Tiko. »Weise handelt man
stets, wenn man sich über alle Weisheit lustig macht.«
    Der alte König streichelte seinem treuen Diener die rechte Wange, nickte und
meinte dazu obenhin:
    »Die Katta-Kottu wird sich wohl ebenfalls freuen.«
    Tiko errötete und verbeugte sich ganz tief. Und dann verschwand er hinterm
nächsten Gebüsch, setzte sich lächelnd auf sein wildes Ross, das der dicke Diener
gar nicht mehr halten konnte - und sprengte blitzenden Auges dem Hafen zu.
    Die Sterne funkelten wieder.
    Im grossen Palaste des Königs fiel aus dem linken Auge der Prinzessin
Katta-Kottu eine dicke Träne auf das Kinn der Kammerzofe.
Ich rauchte, während die Herren lasen - und meine Stimmung wurde beim Rauchen
nur noch weicher, so dass ich immer noch zu träumen glaubte.
    Wir sprachen dann Langes und Breites über die verschiedenen Formen des
Schmerzes und besonders über die Leiden, die man seelische zu nennen pflegt.
    »Nimm Dir,« sagte der King Tutmosis, »diese Leiden mal weg, und dann mach
mal was oder werde mal was. Es wird Dir Beides so sauer fallen, dass Du geneigt
sein könntest. Dir die Leiden künstlich zu erzeugen.«
    Danach sprachen wir wieder Vieles über das Nichtreale der
Schmerzempfindungen, und ich bezweifelte, dass viele Menschen diese Weisheit
begreifen könnten.
    Dem begnete jedoch der König Amenophis in sehr heftigen Worten.
    »Wenn erst,« sagte er lebhaft gestikulierend, »der gute Wille da ist, die
Völker in dieser Beziehung aufzuklären - so wird dieser gute Wille schon seine
guten Früchte zeitigen. Aber vorläufig sind allerdings die weisen Herren des
Erdballs eifersüchtig darum bemüht, alle Erkenntnisse, die ihnen mal in den
Schoss gefallen sind, für sich zu behalten und für ihr ganz besonderes Eigentum
zu erklären. Es wird aber anders kommen. Erkenntnisse sind nicht Dukaten, die
man vergraben kann. Es ist sehr töricht, zu glauben, dass die Völker weniger
Begriffsvermögen haben als die Einzelnen. Ich, der ich ein alter ägyptischer
König bin, werde das wohl besser wissen. Nichts ist leichter zu begreifen als
die Lehre von der Unrealität der Erscheinungswelt. Die Völker der Erde haben
schon hundertmal schwierigere Dinge begriffen. Und die Lehre von der Unrealität
der Empfindungswelt ist noch leichter zu begreifen. Diese Lehre ist ein
Anästetikum erster Güte. Schmerzstiller waren immer sehr beliebt - und diese
Lehre vom Wesen (d.h. von der Wesenlosigkeit) des Schmerzes wird ebenso beliebt
werden. Die Leute werden schon begreifen, wenn man ihnen erklärt, dass alle ihre
Schmerzen ihr Dasein bloss der Einbildungskraft verdanken - und dass diese
Schmerzen nur Entwicklungsphasen markieren, die sämmtlich Übergangsstadien sind.
Jeder Schmerz erhöht die Lebenslust. Schmerzen sind Reizmittel und durchaus
notwendig, da viele schwächliche Naturen ohne die sogenannten Schmerzen zu
Grunde gehen würden.«
    Ich kam aus meiner weichen Stimmung durch diese Rede nicht raus und sagte
daher ganz weich:
    »Ich glaube, lieber König, dass Du auf dem richtigen Wege bist.
Schmerzstiller können nur von kranken Naturen gebraucht werden. Und es ist nicht
unmöglich, dass die Kranken die Lehre von der Schmerzlosigkeit der Schmerzen
begreifen könnten. Wie gerne begreift man das, was man sich wünscht. Die
Gesunden werden schon weniger leicht von der Existenzlosigkeit des Schmerzes zu
überzeugen sein.«
    »Hoho!« rief da der König Necho, »in dieser Beziehung habe ich in Ägypten
Erfahrungen gesammelt. Da gab's viele einfache Kraftnaturen, die gar nicht
begreifen konnten, was Schmerz ist. Wenn man an solche Kraftnaturen denkt, wird
man viele Grausamkeiten des Altertums nicht mehr mit so entsetzlich empfindsamen
Worten verurteilen. Fell und Fell ist ein Unterschied.«
    Ich fühlte mich so wohl, und meine Zigarre schmeckte mir so gut, dass ich
sehr geneigt war, auch kritiklos zuzustimmen; das weisse Sammetzimmer trug wohl
viel zu meinem Oppositionsmangel bei.
    »Es gibt,« sagte ich, »Menschen, die den Schmerz suchen - und die, glaub'
ich, brauchen auch den Schmerz. Wer ihn nicht sucht, braucht ihn nicht - kennt
ihn vielleicht gar nicht. Der Schmerz ist wohl bloss ein Kulturprodukt; das wilde
Tier fühlt noch nicht so empfindsam.«
    »Worin,« bemerkte der Oberpriester Lapapi, »stecken denn die Reize der
Tragödie? Doch bloss darin, dass man fühlt, wie aus den grossen Schmerzen die
grössten neuesten Freuden erwachsen.«
    »Und daher,« fuhr nun der General Abdmalik fort, »ist der grosse Tragiker
immer ein grosser Humorist, der nie in Verlegenheit kommt. Als Soldat muss ich die
grossen lustigen Tragiker bewundern; sie haben was Heldenhaftes an sich.«
    Auf dem »an« lag der Ton, und ich musste lachen, da ich allmählich dahinter
zu kommen glaubte, dass ein tüchtiger Redner eigentlich »der Held an sich«
genannt werden müsste.
    Und ich sagte, was ich dachte.
    Und die Nilpferdchen lachen unbändig.
    »Man kann sich und Andern Alles abschwatzen, wenn man's nur versteht.«
    »Einem festen Redner gegenüber hält Keiner Stand - nicht einmal der
Zahnschmerz.«
    »Ein guter Redner erstickt jeden Widerstand im Keime, da er Keinen zu Worte
kommen lässt.«
    »O red - so lang Du reden kannst.«
    So und so ähnlich redeten jetzt die Herren, und ich wusste nicht, ob sie
damit wieder alles Gesagte auflösen wollten.
    Ich wollte wieder eine ernste Stimmung haben, denn ich fühlte noch immer den
Nachklang aus der Wunderküche.
    Und ich wollte mir diese schmerzlose Stimmung erhalten. Und ich bemerkte
einiges über die Vergänglichkeit derartiger Stimmungen.
    Die sieben Herren mit den grossen breiten Mäulern widersprachen mir und
meinten, dass es doch sehr langweilig wäre, wenn man ohne Unterbrechung in
derselben rosigen Laune dahinleben müsste.
    Ich gab den Herren, um mich ihnen deutlicher zu machen, ein Manuskript, das
grade von dieser Vergänglichkeit der grossen Seligkeit handelte.
 
                                   Adlerflug
                                Eine gute Stunde
Endlich - hoch genug!
    Keine Wolke mehr!
    Aller Nebel ist unten - wo die Menschen herumkrabbeln.
    Hier oben krabbeln sie nicht mehr.
    Ich denke nicht mehr wie einst - auch mein Nest liegt tief unter mir.
    Ich schwebe wie ein echter Gott - ohne Flügelschlag - in weiten mächtigen
Kreisen.
    Und Niemand siehts.
    Erdrinde vergessen!
    Überall - die Unendlichkeit!
    Ich fühle das Ganze - das endlose Ganze - bin nicht mehr ein Stück Erde. Ich
bin mehr - Alles!
    Wenn ich's nur halten könnte!
King Amenophis, der mir sehr heftig vorkam, sagte ziemlich gereizt:
    »Manche scheinbar unauflöslichen Ekelzustände sind bloss dazu da, unsern Witz
zu stärken. Und auch die menschlichen Rohheiten sind dazu da. Die Gemeinheit der
Menschen wirkt doch immer bloss wie ein Narrenspass. Wer erlaubt sich denn was
Niederträchtiges gegen seine Mitmenschen? Doch gemeinhin nur der, der infolge
eines weit vorgeschrittenen Intelligenzmangels sich selber höher schätzt als bei
Andern. Und so was erzeugt doch Narrenkomödien. Dass Andre darunter leiden, liegt
zumeist an diesen Andern. Seid nicht so dumm und humorlos wie die Bösewichter -
und Ihr werdet sie sämtlich einfach auslachen.«
    Der Oberpriester Lapapi fügte dem hinzu:
    »Niemand wird bestreiten, dass jeder Gestank eigentlich stets was
Lächerliches hat. Es ist gar nicht möglich, auf die Gemeinheit des Gestankes zu
schimpfen; wer das täte, würde zweifellos auch die dicksten Trauerklöpse zum
hellsten Gelächter bringen. Und so ist es auch mit Rohheit, Gemeinheit und
Grausamkeit. In diesen steckt auch immer etwas Lächerliches. Dasjenige, was wir
so das Schlechte nennen, ist doch nur ein Konglomerat von Grotesken. Der
Bösewicht, der immer gleich Millionen umbringen will, ist immer eine lächerliche
Figur - wie Jeder, der von seiner Wut übermannt wird. Der Teufel ist ein
komischer Herr. Und es gibt nichts, was so komisch wirkt - als wenn jemand mal
so recht den Bösewicht spielen möchte. Dieses komische Element in all den
Dingen, die als verbrecherische Handlungen von den Menschen bestraft werden, muss
doch mit den Gemeinheiten und Rohheiten, die sich lächerliche Menschen
herausnehmen, wieder versöhnen.«
Wenn ich nur so bliebe!
    An der Brust keinen Druck mehr - keine Sehnsucht!
    Nichts stört - kein Lüftchen bewegt sich um mich - nur ich bewege mich -
ganz langsam - schwebe - schwebe - als All!
    Ich sehe ferne Zeiten - dort hinten und da vorn.
    Unzählige Welten rauschen ihr Glück mir zu.
    Es gibt nur ein Glück, wenn man nicht mehr Stück ist.
    Aber es hält nicht lange an.
    Der Atem hält's nicht aus.
    Sternheere, meine Sternheere - lacht durch mich - länger!
    Lacht länger!
    Aber ach - Wolken kommen.
    Langsam geht's wieder hinab.
    Ich aber will's nie vergessen.
    Einen Augenblick Allglück - und - und - Alles geht wieder.
Ich sagte hiernach, dass ich die Lehre von der Unempfindlichkeit der einfachen
Kraftmenschen für sehr gefährlich hielte - die Lehre könnte die Verrohung der
Menschen noch weiter steigern, was doch nicht sehr wünschenswert wäre.
    Das führte nun abermals zu einer lebhaften Auseinandersetzung.
    So redete der Oberpriester weiter, und ich erklärte sehr bald, dass ich
wirklich geneigt sei. Alles, was geschieht, für herrlich und wunderschön zu
halten - die Moralisten erklärte ich dabei auch für komische Figuren - und die
Ägypter gaben mir Recht - ich aber gab ihnen schliesslich meine Mückenphantasie.
 
                                Der Todesrausch
                              Eine Mückenphantasie
»Komm an die Lampe!« schrie selig die kleine Zippa.
    Ihre Flügel flatterten, und zweihundert Mücken vernahmen den Ruf und folgten
der kleinen Zippa - selig - ohne Besinnen.
    Bei der Lampe, die von einem grünseidenen Lampenschirm umhüllt war, sass ein
alter Mann und ass sein Abendbrot.
    Da kam die kleine Zippa mit den zweihundert Mücken - und der Zippa ward ganz
toll zu Mut.
    »Sterben! Sterben ist doch das Süsseste im Leben! Sterben wollen wir jetzt!
Sterben!«
    Und alle Mücken schrieen das der Zippa nach.
    Mit seligem Gelächter flogen sie gegen den heissen Cylinder, und bald lagen
alle zappelnd neben dem Abendbrot des alten Mannes.
    Der wollte die Sterbenden schnell töten, damit sie nicht so lange zu leiden
hätten.
    Aber Zippa rief lachend, während sie sich ihre verbrannten Flügel
abscheuerte:
    »Lass sein! Wir sterben ja so gern! Das Sterben ist ja so schön!«
    Und die sämtlichen sterbenden Mücken schrieen es wieder der Zippa nach.
    Und Alles lachte - und starb.
    Der alte Mann ass weiter.
    Er hatte Hunger.
»Wer weiss,« sagte Lapapi dazu, »ob diese Mücken nicht klüger sind als manche
Menschen. Es wäre aber sehr komisch, wenn man ihren Todesrausch für eine
Lebensverneinung halten möchte.«
    »Es ist mir,« versetzte ich schnell, »sehr bekannt, dass man über
Lebensverneinung und Lebensbejahung so lange reden kann, bis diese beiden Dinge
wahrhaftig nicht mehr von einander zu unterscheiden sind.«
    Nach diesen Bemerkungen lachten die kleinen Nilpferdchen wie die Tollen und
stiessen mich so lange herum, bis mir schliesslich Hören und Sehen verging.
    Und nachdem die alten Herren also ihren Übermut ausgetobt hatten, begaben
wir uns alle zusammen wieder in den Speisesaal, allwo das Sternepicken von Neuem
begann; die Pincetten der Herren funktionierten ausgezeichnet.
    Ich bedauerte, dass ich infolge des elektrischen Bades an diesem Tafelspass
nicht teilnehmen konnte, was, als ich's sagte, abermals grosse Heiterkeit
erregte.
    Es wurde beim Essen viel über die menschliche Dummheit geredet, und der
heftige König Amenophis, der vorhin so lebhaft die Völker für sehr klug gehalten
hatte, sagte lachend:
    »Man mag mich ja für sehr dumm halten, dass ich die Völker für sehr klug
halte - aber ich habe ja nicht behauptet, dass sie gegenwärtig schon alle sehr
klug sind - später, so meinte ich, könnten sie's mal werden. Und - wenn sie's
nicht werden, so schadet das nicht so viel. Denn - wär's ein Vergnügen, klug zu
sein, wenn's keine Unklugen gäbe? Ich denke natürlich nicht an die Schadenfreude
- ich denke: Ist nicht das Hauptvergnügen an der Klugheit die Übertragbarkeit
derselben auf andere Leute? Und - wären alle so klug wie die Klügsten - so
könnte man die Klügsten auch die Dümmsten nennen, denn es gibt immer noch andre
Lebewesen, die klüger sind als die Klügsten. Und dies ist nicht das Dümmste.
Denn auch unsre Vorstellung von aller Klugheit darf Realitätsbewusstsein nicht
beanspruchen. Hinter jedem Klugen - steht Einer, der noch klüger ist - und diese
Reihe geht mit Grazie ad infinitum. Eine Steigerung ist überall noch möglich.
Die Fülle der neuen Erkenntnisse ist auch so, dass sie eine Reihe darstellt, die
ebenfalls, wie Alles, was dazusein scheint, mit Grazie ad infinitum geht.«
    »Und,« sagte danach der Inspektor, »da wir diese unendlichen Reihen nicht
immerzu ansehen können, so ist eine Unterbrechung nötig.«
    Er pfiff, es ward wieder dunkel, und unsichtbare Hände legten mich wieder in
ein Bett, in dem ich wieder sofort fest einschlief und nicht träumte - gar nicht
träumte.
Als ich mich dann wachend im Kreise meiner alten Ägypter wiederfand, fragten
mich alle Sieben so recht besorgt:
    »Wie geht's Dir jetzt?«
    Da musste ich unwillkürlich lächeln, griff in meine Brusttasche und legte als
Antwort das folgende kleine Manuskript auf den Tisch.
 
                                   Gerettet!
Es lehnen sich unzählige Riesen, die gestrandet sind, an eine alte zackige ganz
steile Steinwand. Die messerscharfen Zacken der Wand schneiden in das Fleisch
der Gestrandeten, dass es schmerzt.
    Aber es heisst: stillhalten - oder abstürzen!
    Die wild an die Steinwand anprallenden Meereswogen spritzen den Riesen oft
in die Augen.
    Es heisst: stillhalten!
Nachdem die Sieben das gelesen, erhoben sie sich ernst von ihren Plätzen, und
der König Ramses sprach würdevoll:
    »Wir gatulieren Dir, liebes Onkelchen! Es freut uns, dass Du endlich auftaust
und anfängst, unsre Gesellschaft so zu würdigen - wie sie's verdient. Wir würden
Dir, falls wir noch im Besitze einer Hand wären, mit ihr die Deinige kräftig
schütteln und dann mit Dir lachen und fröhlich sein - nach dem Muster der
biederen und nicht biederen Rauschphilister der Menschheit.«
    »Jetzt kommt,« sagte der Oberpriester Lapapi, »der grosse Rausch!«
    Der König Amenophis aber bemerkte hierzu gleich wieder sehr heftig:
    »Wenn ich diese Reden vom Rausch schon höre, so wird mir immer gleich so
betrunken zu Mute. Meine Herren, vergessen wir nie, dass auch unser Rausch nur
ein Schattenspiel ist - wie unser Kater desgleichen.«
    Und ich versetzte lustig:
    »Warum sollen wir grade beim Rausch daran denken, dass auch er nichts
Wirkliches ist?«
    »Weil das den Rausch noch steigert!« gab da der alte Tutmosis zur Antwort.
    Und dann gingen wir zu einer Nische, die von einem schwarzseidenen Vorhange
abgeschlossen wurde.
    Der Inspektor pfiff, - es erloschen alle Lampen - aber die Ägypter zogen den
schwarzseidenen Vorhang langsam zur Seite.
    Und ich sah draussen den Nachtimmel mit unzähligen funkelnden Sternen.
    Und der alte Tutmosis sagte mit seiner weichen Stimme ganz leise:
»Vergessen wir nie, dass auch dieses Weltbild nur ein Bild ist - und dass auch
hinter dieser grossartigen Weltenpracht noch ein Hintergrund mit unendlich vielen
anderen Erscheinungswelten - lebt.«
    »Lebt!« wiederholten die Ägypter.
    Und ich fühlte, dass nichts so herrlich ist - wie das Leben - wie's auch sei!
    Und die Sterne strahlten.
    Und wir standen ganz still und sahen hinauf und dachten an das, was dahinter
- lebt.
Als der Vorhang vor den Sternen wieder fiel, flammten in dem Saale, der hinter
uns war, unzählige dunkelgrüne Lampen auf - und die machten, dass die Wände und
Säulen und besonders die hohen Kuppelgewölbe ganz geisterhaft leuchteten; feine
Schattenspiele zuckten durch das Geleuchte, und auch die Nilpferdchen neben mir
wirkten in dem grünen Licht wie Schattenspiele aus einer anderen Welt.
    Lautlos wandelten die ägyptischen Herren auf dem Mosaikfussboden auf und ab.
Und dann sprangen sie über einander - und dabei sprangen sie immer höher - bis
in die hohen Kuppelgewölbe hinein, wo die Schattenspiele gleich in noch grössere
Bewegung gerieten, da sich die Nilpferdchen oben sehr fix in unzähligen
Saltomortals überschlugen.
    Ich sah mir das ohne Erregung an.
    Aber plötzlich standen die Herren wie eine Säule vor mir - einer auf des
andern Kopf - alle sieben über einander - was mich an mexikanische und indische
Skulpturen erinnerte.
    King Ramses stand ganz oben und sprach jetzt mit feierlicher
Vorderpfotenbewegung ohne Pincette:
    »Jetzt kannst Du lachen, liebes Onkelchen! Du sollst heiter sein für alle
Ewigkeit. Du hast jetzt begriffen, was überall dahinter ist - wie viel dahinter
ist - dass unendlich viele Erscheinungswelten hinter jeder Sinneswahrnehmung den
grandiosen Weltintergrund bilden.«
    »Ja,« rief ich nun freundlich, »darüber kann ich aber doch nicht immerzu
lachen und hinter sein - das wäre doch langweilig.«
    »Aha!« riefen da die Sieben im Chore.
    »Deine Bemerkung beweist uns,« fuhr der König Ramses fort, »dass Du auf dem
rechten Wege bist. Du siehst ein, dass auch die beste Laune auf die Dauer
unerträglich werden kann. Gut, mein Sohn! Du hast Dich eben auch mit der
schlechten Laune abgefunden und sie als eine Notwendigkeit erkannt. Der
grandiose Weltintergrund ist für Dich nicht mehr ein leeres Spukphantom. Wenn
ich also sagte, Du würdest von jetzt an für alle Ewigkeit ein Lachender sein -
so meinte ich das selbstverständlich bloss figürlich und symbolisch. Ich wollte
sagen: Du wirst nicht mehr das Gleichgewicht verlieren.«
    Da schrieen die Ägypter:
    »Wir verlieren's auch nicht!«
    Und dabei standen sie auf dem rechten Bein, wodurch die Tiersäule fein
gegliedert wurde.
    Und dann schrieen sie:
    »Wir können auch lachen!«
    Und dabei standen sie auf dem linken Bein und lachten, dass es oben nur so
knarrte.
    Und dann machten sie zusammen oben sieben mal sieben Saltomortals - und
standen danach wieder unten auf dem Mosaikfussboden in einer Reihe.
    »Ich hätte,« sagte der König Ramses, »eigentlich in Versen sprechen sollen,
aber der Klangzauber der Verssprache ist der Deutlichkeit nicht immer dienlich.
Und wir sind nun mal die Apostel der Deutlichkeit.«
    »Wir wollen,« fiel da der Herr Oberpriester Lapapi ein, »unserm lieben Gaste
zeigen, dass jetzt auch für ihn die grosse Sonne aufgeht.«
    Der Inspektor pfiff wieder - es ward wieder dunkel - und der seidene Vorhang
wurde zum zweiten Male knisternd nach beiden Seiten auseinandergezogen.
    Und ich sah einen Sonnenaufgang.
    Über weissen Schneegebirgen flammten himbeerrote Wolken in einen dunkelblauen
Himmel hinauf.
    Und grosse goldene Quadrate wurden in den roten Wolken sichtbar und
schaukelten wie Glasscheiben, dass es funkelte.
    Und es rieselten feine Schleiergebilde herunter, in denen seltsame Wesen
staken mit braunen Gesichtern. Und diese Schleierwesen setzten sich auf die
goldenen Platten.
    Hiernach sah's so aus, als wenn Funken aus den himbeerroten Wolken
heraussprjetzten - brandrote Funken, die auf die Schneegebirge fielen.
    Gleichzeitig kamen seltsame Gestalten aus den Schneegebirgen heraus - und
auch aus dem blauen Himmel kamen seltsame Gestalten heraus - und die vereinigten
sich in den roten Wolken und auf den schaukelnden goldenen Platten.
    Und Alles wurde immer heftiger bewegt, und glühende Strahlen flogen wie
Pfeile durch.
    dabei kam die Sonne hervor - ganz glutrot - mit einem Medusenantlitz - das
mich ganz starr machte - so dass ich nichts Andres mehr sehen konnte - als dieses
blutrote Medusenantlitz.
    Und ich hörte, wie der seidene Vorhang von den Ägyptern wieder zugezogen
wurde.
    Jedoch ich sah das blutrote Antlitz trotzdem.
    Dieser Medusenkopf war in allen Teilen rot - doch zeigten sich verschiedene
Rots - das dunkelste in den grossen starren Augen.
    Ich hörte die Ägypter miteinander flüstern und sah das Rot immer noch.
    Mir war, als wenn in weiter Ferne Dinge vor sich gingen, die ich beim besten
Willen nicht verstehen konnte - und das blieb so, wie mir schien, eine lange
Zeit.
Später fühlte ich, dass mich unsichtbare Hände wieder aufhoben - und mir übers
Gesicht strichen - so dass ich das Rote nicht mehr sah.
    Das wirkte wie eine Erlösung.
    Und dabei empfand ich plötzlich einen heftigen Heisshunger.
    Und der Pyramideninspektor Riboddi sagte neben mir, als wenn er meinen
Hunger mitempfände:
    »Wenn Du gestattest, dass ich mir ein Manuskript aus Deiner Tasche nehme, so
sollst Du sofort eine Zigarre haben.«
    Ich war selbstverständlich einverstanden - und obschon ich nichts sah,
fühlte ich doch gleich Riboddis kalte Pincette in meiner rechten Brusttasche.
    Und dann rauchte ich - und sah die brennende Glut meiner Zigarre.
    Aber Riboddi hatte, was er wollte.
 
                            Fritz, der Schweinejunge
                           Eine lehrreiche Geschichte
Das hatte man den grossen Spöttern immer gesagt. Aber sie wollten nicht hören.
Sie wollten an die Gefährlichkeit der Dummheit nicht glauben.
    Die Dummheit wird doch immer noch unterschätzt.
    Wie gewöhnlich sassen die Spötter auch in der Sylvesternacht in der
Prachtgondel ihres Luftballons. Sie waren hoch in den Wolken so recht fidel,
denn die Prachtgondel war natürlich fein säuberlich mit dicken Glasscheiben auf
allen Seiten zugeschlossen.
    Um zwölf Uhr nachts sollte natürlich der Punsch mit den Kalbskotelettes nach
oben geschickt werden.
    Fritz, der Schweinejunge, sollte den Korb hinaufschicken.
    Der Ballon mit der Prachtgondel war mit fünf festen, sehr langen Stricken
unten angebunden.
    Und da es Sylvesternacht war, schien es ganz natürlich, den Schweinejungen
Fritz mit dem Korbe bei den fünf Stricken allein zu lassen.
    Es schlug halb zwölf, und der Fritz sah, dass ihn kein Mensch beaufsichtigte.
    »Ih!« dachte er, »wozu sollen die dummen Spötter da oben so viel Punsch
trinken?«
    Und er nahm eine Flasche aus dem Korbe und trank sie zur Hälfte aus.
    »Ih!« dachte er, »die schmeckt ganz gut. Die andern Flaschen werden nicht
schlechter schmecken - und die Kalbskotelettes?«
    Er sann ein bisschen nach und machte dann die Stricke vorsichtig los und liess
den Luftballon davonfahren. Den Korb versteckte er hinten im Busch. Und dann
rief der dumme Schweinejunge:
    »Hilfe! Hilfe! Hilfe!«
    Und dann kamen die Andern und sahen, dass der Luftballon fort war - die
Andern waren natürlich nicht ganz nüchtern - denn es war ja Sylvesternacht. Und
so schöpfte Keiner Verdacht.
    Und Fritz, der Schweinejunge, ass nach einer kleinen Stunde gemütlich seine
Kalbskotelettes und trank seinen feinen Punsch dazu.
    Die grossen Spötter fuhren durch Schnee und Regen im Mondenschein durch die
herrliche Sylvesternacht - hatten aber nichts zu essen und nichts zu trinken.
    »Verfluchte Zucht!« schrieen sie im Chore. Aber das half nichts. Fritz ass
und trank und lachte die Spötter aus.
    Ein dummer Schweinejunge ist fast immer zugleich auch ein verfluchter
Schweinehund.
    Hei! Da schaukelten die Spötter hoch in der Luft, denn der Luftballon war
mit ihnen durchgegangen. Das kam davon! Die Spötter wollten dem dummen
Schweinejungen niemals die Ehre antun, seine Schweinewege zu verfolgen.
    Da schaukelten sie jetzt oben in der Luft - ohne Speise und ohne Punsch -
daran labte sich der unverschämte Fritz.
    Die Spötter hätten sich gleich um acht Uhr Abends den Punsch und die
Kalbskotelettes hinaufschicken lassen sollen. Dann wäre das Unglück nicht
passiert.
    Man sollte sein Nachtessen nie aus den Augen verlieren - denn Schweinejungen
gibt's überall.
Als ich wieder sehen konnte, sah ich, dass ich mit den alten Ägyptern in einem
ausserordentlich behaglichen Zimmer zusammensass. Die Wände des Zimmers bestanden
aus weissem Sammet mit goldenem Blattornament, das so recht unordentlich
angeordnet zu sein schien.
    Wir sassen in hellblauen weichen Sammetsesseln, und die Tischdecke war
schwarzer Sammet mit blutrotem Medusenkopfornament. Eine silberne sehr grosse
flache Aschschale stand auf dem Tisch. Die andern Herren pickten wieder
schwebende Sterne, die aber diesmal wie Weintrauben zusammenhängend über der
Tafel schwebten.
    Und mir war so, als wenn meine Taschen leichter geworden wären.
    Ich erinnerte mich, dass der Riboddi in meine Tasche gefasst hatte - mit
seiner Pincette - während ich meiner nicht mächtig war.
    Ich erklärte etwas heftig, dass ich mich beunruhigt fühle. Da sagte der King
Amenophis eifrig:
    »Mit dem Verstande überwindet man keine Gefühle - so sagt man - und das
stimmt wohl - da man gewöhnlich nicht sehr viel Verstand besitzt.«
    »Ich weiss nicht,« entgegnete ich gereizt, »was diese Bemerkung hier soll;
ich habe das Gefühl, dass mir Manuskripte weggekommen sind. Und wenn mich nichts
wütend macht - dieses macht es.«
    Mit unerschütterlicher Seelenruhe sagte da der King Tutmosis - sanft wie
stets:
    »Vor die grossen Freuden haben die Götter die kleinen gestellt, die man
überwinden muss - um zu jenen zu gelangen. Aus diesem Grunde muss man den
tierischen Amüsements aus dem Wege gehen, wenn man die komplizierteren möchte,
die nicht bloss mit der Gier nach Existenzverlängerung gebacken sind.«
    Der König Necho sagte danach, während ich meine Tasche nervös von aussen
befühlte:
    »Und vor die grossen Schmerzen haben die Götter wiederum die kleinen
Schmerzen gestellt, die man nicht überwinden kann, wenn man jene flieht. Daher
kommt Onkels Taschenärger.«
    Ich wurde furchtbar wütend, doch die Herren lachten gemütlich und pickten in
ihre Traubensterne.
    Der Oberpriester Lapapi aber brüllte mit furchtbarer Stimme:
    »Kleine Leute, die noch nicht zu leben gelernt haben, mögen wohl als
Künstler die einzelne Erscheinung abgesondert wie ein Meerwunder betrachten und
beurteilen - die Kunst jedoch, die ein bisschen mehr sein will, sollte stets den
grandiosen Hintergrund haben.«
    »Meine Herren,« rief ich da erregt, »ich möchte bloss wissen, wo mehrere von
meinen Manuskripten geblieben sind. Sind die auch im Hintergrunde geblieben?«
    »Nanu!« riefen da Alle durcheinander, »Sie werden uns doch nicht im
Verdachte haben?«
    »Ich,« erklärte ich, »finde unter den Manuskripten, die ich Ihnen noch nicht
gezeigt habe, keine ernsten Manuskripte - die sind fort.«
    »Das ist ja unglaublich,« sagte der General, »zeigen Sie mal her, was Sie
noch da haben.«
    Ich dachte natürlich nicht daran, ihnen meine übrigen Manuskripte
anzuvertrauen.
    Und ich gab ärgerlich bloss vier bis fünf Sachen hin. Doch kaum hatten die
Herren die Sachen in der Hand, so rief der mir sehr verdächtig vorkommende
Pyramideninspektor:
    »Hier haben wir schon was Ernstes!«
    »Was haben Sie denn?« fragte ich böse.
    Er lachte, sagte, dass ich ein sehr vertrauensseliger Onkel sei, und las vor,
was er für sehr ernst zu halten berechtigt zu sein glaubte.
 
                              Zwei Weltenschöpfer
                                     Skizze
Sein Auge leuchtet wie tausend lichtsprühende Sonnen. Er sitzt auf seinem grossen
Weltensessel und träumt.
    Seine Sterne drehen sich zu seiner Rechten und zu seiner Linken, sausen an
seinen Knieen vorüber, gehen in Schraubenlinien um seine Finger, bleiben still
an seinem weissen Barte hängen, wandern langsam in kompliziertesten Kurven in die
grosse Weite und leuchten alle so still - wie Nachtlampen in einer Sommernacht.
Und er freut sich über seine stille ruhige Weltenheerde wie ein guter Hirt.
    Sein helles Auge schweift in die Unendlichkeit.
    Da ist ihm so, als lösten sich dort drüben im dunklen Hintergrunde ein paar
Schleier los; es wird dort immer heller. Und plötzlich sieht er da hinten weit
hinter seinem Weltenraum den Kopf eines alten Freundes, der da drüben auch
Stern-Welten schuf.
    Die Weltenschöpfer grüssen sich.
    Und der alte Freund zieht alle dunklen Schleier fort und zeigt, was er in
den vielen Billionen Sternjahren gemacht hat.
    Aber des Freundes Sternmeere sind nicht so ruhig. Da flackert's und flammt
es. Die Sterne glühen in tausend Farben und zeigen die tollsten Formen -
gleissende rissige Rüsselsterne winden sich zuckend um Diamantgebilde,
Feuersäulen drehen sich wie Pfropfenzieher und flattern wie knallende Peitschen.
    Die beiden Weltenschöpfer sehen sich lange die neuen Welten an; Jeder von
ihnen schaut weit vorgebeugt zum Nachbarn hinüber. Und während der Ruhige still
seine Gedanken in der Vergangenheit spazieren führt, jägt sie der
Leidenschaftliche wild in die fernste Zukunft.
    Sie fühlen, dass sie Beide anders sind, doch sie empfinden das nicht als
etwas Störendes.
    Sie nicken sich lächelnd zu.
    Die Weltenschöpfer haben alle Nichts gemeinsam. Ihre Sterngebilde wissen das
nicht; die Geschöpfes eines Schöpfers ähneln sich wie die Kinder eines Vaters.
    Langsam fallen wieder die dunklen Schleier des Hintergrundes. Und die beiden
Weltenschöpfer sind wieder allein; ihre Augen blitzen, dass ihre Sterne staunend
hineinhorchen in die tiefen Raumgefilde.
    Die Augen der Weltenschöpfer durchstrahlen ihr Reich; sie wissen, dass sie
nicht das ganze unendliche Weltenall durchdringen und umspannen können.
    Auch dieses Wissen stört sie nicht.
    Unantastbar bleibt ihr seliger ewiger Schöpferrausch.
    
    
»Das ist ja viel zu einfach!« sagte hierzu der heftige King Amenophis - und
dabei schlug er mit seinen Vorderpfoten so kräftig auf die schwarze Sammetdecke,
die über der Tischplatte lag, dass diese in allen Fugen knackte und knisterte -
und dass sie silberne Aschschale hoch aufsprang.
    Ich erklärte, dass ich durch eine derartige Tischbearbeitung mein Eigentum
schwerlich wiederbekommen würde.
    Hatte ich aber geglaubt, dass ich durch diese Bemerkung das Gespräch auf
meine verlorengegangenen Manuskripte lenken könnte, so hatte ich mich arg
getäuscht.
    Als wäre gar nichts los, hub nun wieder der Tutmosis zu reden an - mit
seiner lieblichen sanften Stimme sagte er holdselig - lächelnd:
    »Das Leben des Einzelnen muss, wenn er Schöpfer zu sein vorgibt, viel inniger
mit seinen Geschöpfen zusammenhängen. Das Leben des einzelnen ist so ohne
Weiteres als ein unabhängiges für uns gar nicht vorstellbar. Die Welt ist viel
komplizierter und interessanter. Man müsste die unendliche Folge der
Erscheinungswelten in allen schaffenden Existenzen als empfindbar und wirksam
hinstellen; die unendlichen Reihen, die die verschiedenen Erscheinungswelten
darstellen, müssen doch im schaffenden Geiste sehr bald als unendliche Reihen
bewusst werden. Wenn sie das nicht werden, hat man kein Recht, von Weltschöpfern
zu reden, da es doch, wie wir wohl wissen, auch schaffende Geister gibt, die da
schaffen, ohne zu wissen, wohin ihr Schaffen führt; solche Schöpfer stehen aber
nicht auf einer hohen Stufe - auch die Intelligenz der Schöpfer ist nur in einer
unendlichen Reihe für uns zu versinnlichen.«
    »Es lässt sich,« bemerkte dazu der brummige King Necho, »eben nicht so ohne
Weiteres sagen, dass wir gar nichts von der Welt wissen. Da wir unsre
Erscheinungswelt immerhin als eine winzigkleine Teilerscheinung des Alls
betrachten müssen, so wissen wir damit wahrlich schon genug. Aus dieser
winzig-kleinen Erkenntnis von einem Teile geht uns die grosse Erkenntnis von dem
grandiosen, nie zu fassenden Weltenzauber des Ganzen auf. Und Leute, die von
diesem noch keine Ahnung haben, sollten doch das Wort Welt ein wenig
vorsichtiger gebrauchen.«
    »Ich gebe das,« erwiderte ich rasch, »durchaus zu und bitte die Herren
höflichst um Entschuldigung. Ich werde die unendlichen Reihen, die die
Erscheinungsformen darstellen, nicht mehr vergessen. Aber ich muss doch auch
bemerken, dass ich durch diese Erkenntnis wirklich nicht wieder in den Besitz
meiner Manuskripte gelange.«
    Da gab's aber einen Sturm.
    »Mit wem reden wir denn?«
    »Hält hier Jemand in diesem Medusenzimmer seine Manuskripte für
Erscheinungsformen?«
    »Es scheint hier ein guter Onkel immerfort Kopf und Zeh miteinander zu
verwechseln.«
    »Lass uns mal erst lesen, was wir haben.«
    Nach solchen und ähnlichen Redensarten, bei denen mich Keiner von den alten
Herren eines Blickes würdigte, lasen sie - das, was sie hatten.
 
                               Die Welt von Eisen
                               Ein grosses Gebrumm
Grosse Sternvölker brummen plötzlich.
    Es sind grosse hohle eiserne Sterne, die da so brummen.
    Eine Schauermär hat die eisernen Sternvölker grimmig gemacht - darum brummen
sie.
    Sie haben gehört - es ist kaum zu glauben - viele Milliarden grosser
Blickmeilen von ihnen entfernt lebe auf einem kleinen Lehmklümpchen ein kleines
Würmchen, das jetzt tatsächlich das Weltganze erfasst habe - das ganze Weltganze
- von oben bis unten und nach allen Seiten.
    Dies Würmchen auf seinem Lehmklex!
    Die eisernen Sternvölker brummen fürchterlich, dass es kaum anzuhören ist;
die Büffelhorn- und die Schneckensterne sind ganz besonders laut.
    Und so weit weg soll das Würmchen sein.
    Eine Schauermär!
    Eine Blickmeile ist so weit, wie ein Strauss von tausend Muttersonnen für die
scharfsichtigsten Sternaugen sichtbar ist.
    Und das Würmchen ist viele Milliarden solcher Blickmeilen entfernt!
    Die eisernen Sternvölker grunzen vor Wut - sie haben das Weltganze immer
noch nicht erfasst.
    Und das Würmchen soll ihnen über sein?
    Jetzt vernehmen sie - die Trichtersterne flüstern's ihnen zu - dass das
Würmchen zwei kleine Beinchen haben soll und auch mit schier unendlich grossen
Glaslinsen beim besten Willen nicht sichtbar zu machen ist.
    Wie das die eisernen Sterne hören, müssen sie mordsmässig lachen, dass der
ganze Himmel dröhnt - als führten Billionen Glockensterne Krieg miteinander.
    Es gehen doch noch lustige Geschichten in den Sternvölkern um.
    Dieses Würmchen!
    Dieses unsichtbare zweibeinige Würmchen!
    Die eisernen Sternvölker brummen bald nicht mehr. Spässe bebrummt man nicht.
 
                                    Krebsrot
                               Ein Herren-Scherzo
Auf der grossen Freitreppe stand einer - der besann sich plötzlich auf sich
selbst.
    Er betrachtete sich und sah, dass Alles an ihm krebsrot war.
    »Bin ich ein gekochter Krebs?«
    Also kam's dem Besonnenen über die schmunzelnden Lippen.
    »Gut!« fuhr er aber fort, »dann sollen Alle zu gekochten Krebsen werden!«
    Und er ging hinauf in sein hohes Haus und wollte alle seine Freunde
verwandeln.
    Es gelang ihm aber nicht.
 
                                Der Radaubengel
                                 Nihilisten-Ulk
Eben waren die guten Hofmeister vom Tode auferstanden und wünschten sich
gemütlich guten Morgen - da schlug der Blitz in eine gesunde Eiche, und der
Donner schüttelte alle Himmel.
    Das war aber noch gar nichts, denn gleichzeitig stieg der nie besiegte
General Hohnke aus seinem Grabe heraus und fing so fürchterlich über die
Bedeutung der Freiheit zu reden an, dass die guten Hofmeister schleunigst wieder
in ihr altes Grab krochen.
    Hohnke jedoch schlug Alles kurz und klein - auch die sämmtlichen Himmel.
    »Freiheit!« brüllte er kanonenmässig.
    Dies Gebrüll war aber nicht mehr zu hören, denn die Himmel waren mit allem
Zubehör nicht mehr am Leben - Hohnke stand im Nichts.
    Er wunderte sich mächtig - half ihm leider nichts.
    Was weg ist, ist weg!
    Nichts kann so viel zerstören wie das Freiheitsgebrüll - sämmtliche Himmel
mit allem Zubehör bringt es einfach um.
    Die Freiheit will eben weiter nichts als - Nichts.
    Hohnke! Du kannst mir leid tun! Wo bist Du jetzt?
    Hohnke ist wohl auch nicht mehr am Leben.
    O Hohnke! General Hohnke!
 
                                 Mein Grossvater
»Das ist Alles so lächerrlich!« sagte mein Grossvater, als er das sah, was ich
schrieb.
    Ich schaute meinen Grossvater freundlich an und meinte: »Grossvater, das
verstehst Du nicht!«
    Grossvater schwieg, denn er war sehr klug und wusste, dass mit mir nicht zu
spassen sei.
    Schliesslich wusste ich nicht, was ich mit ihm anfangen sollte ...
    Und da fing ich an, mich mit ihm zu prügeln ...
    Er zerbrach mir mein Nasenbein.
Diese vier Stücke schienen den alten Herren zu gefallen; sie lachten, steckten
die Köpfe zusammen und zeigten sich einzelne Stellen.
    Ich bewunderte, wie geschickt sie mit ihren Pincetten umzugehen verstanden.
    Ich sah mir die Blutmedusen auf der schwarzen Sammetdecke genauer an und
sah, dass jede einen ganz anderen Gesichtsausdruck zeigte. Und ich verglich diese
vielen Gesichter mit dem Gesichte der grossen Sonne, die mir die Augen geblendet
hatte. Währenddem sagte der King Tutmosis lächelnd:
    »Unser Scheerbart hat ohne Frage das ernstafte Bestreben, seine verehrte
Nase tiefer in die Weltgeheimnisse zu stecken. Er sucht überall nach grossen
Hintergründen. Das ist schon richtig. Aber die Hauptsache verliert er immer aus
den Augen. Dass diejenige Erscheinungsform der Welt, die uns offenbar wird, in
allen ihren Äusserungen unendlich viele Daseinsmasken vornimmt, das stimmt schon.
Es stimmt auch, dass es in unsrer Erscheinungsform der Welt nach allen Richtungen
kein Ende gibt. Diese gewiss sehr grossartige Tatsache kommt in der Welt von Eisen
gut zum Ausdruck.«
    »Indessen,« fuhr nun der brummige Necho fort, »wenn das auch viel ist, ist's
noch nicht genug. Du darfst nie vergessen, dass alle Sterne mit ihrer
Unendlichkeit - nur eine einzige Erscheinungsform der Welt darstellen - und dass
sich an diese eine einzige Erscheinungsform der Welt noch unendlich viele andere
Erscheinungsformen anreihen, die uns vorläufig noch nicht fassbar sind. Und diese
anderen Erscheinungsformen, deren Zahl eben in keiner Unendlichkeit Platz findet
- machen uns die Welt eben unendlich viele Male grösser, als sie uns bisher
erschien. So kommt es, dass die unendliche Welt, die wir zu sehen vermeinen,
jetzt nur ein Tropfen in einem unendlich viele Male grösseren Meere für uns ist.«
    Mir wurde schwindlig - und ich sagte das.
    Da aber lachten Alle, und der Lapapi sagte freundlich:
    »Lass nur! Das geht vorüber!«
    Der König Ramses sprach darauf sehr feierlich:
    »Vergiss nicht, was ich Dir jetzt sage: Wenn Du in Deinem ganzen Leben nur
dieses Eine von der unendlich grossen Anzahl der Erscheinungsformen der Welt
begriffen hättest - und wenn Du nie danach vergessen würdest, dass hinter jedem
Stück, das Deine Sinne wahrnehmen, noch unendlich viele andre Dinge
dahinterstecken, zu denen Du mit Deinen Sinnen nicht gelangen kannst - - - so
hast Du das Grösste erfasst von Allem, was Du in Deinem armen Leben erfassen
kannst. Dann ist aber Dein Leben nicht mehr arm - wie's auch sei! Und darum
kannst Du, wenn Dein Leben zu Ende geht, ruhig sagen: Ich habe einen Abglanz des
Höchsten empfunden, und mehr kann mit meinem armen Sinnen Niemand empfinden. Und
dann werden Dir Deine armen Sinne wieder reich erscheinen, wenn sie Dich auch
oft scheinbar gequält haben. Und Du wirst ruhig sterben können - einen seligen
Tod - da Du weisst, dass Du die ungeheure, Alles erdrückende, furchtbar erhabene
Gewaltsonne der unendlichen Welt-Tiefe, die in alle Ewigkeiten hinein immerzu
immer noch mehr geben kann, angestarrt hast - und selig wurdest.« Alle
schwiegen.
    Und ich sah mit brennenden Augen auf die schwarze Sammetdecke, auf der die
roten Medusenköpfe zu tanzen schienen.
Nach langer Zeit, in der wir viel gesprochen hatten, baten mich die alten Herren
wieder um ein paar Manuskripte.
    Ich erklärte ihnen feierlich, dass nach meinem Dafürhalten meine Arbeiten für
sie keinen Wert haben könnten.
    Sie aber sagten, dass es sie trotzdem interessiere, wieder mal was von mir zu
lesen, wenn auch der grandiose Hintergrund nicht da sein sollte.
    Und so kam's denn, dass ich wieder was gab - allerdings mit einem Gefühl, das
vom Stolze weiter entfernt war -als der Bauer von der Erkenntnisteorie der
Nilpferde, bei denen ich lebte.
 
                                  Sonnenschein
Die alten Bäume waren so hoch.
    Und der Donner ging ab, hinten hinter die Berge.
    Die Wolken verzogen sich, als würden sie zerpflückt von einer grossen Hand.
    Es regnete nicht mehr, auch das Blitzen liess der gute Himmel sein. Dafür
flog ein Sonnenstrahl durch die zerpflückten Wolken, und andre Sonnenstrahlen
folgten.
    Da traten die alten Leute aus der Tür und gingen durch den Wald zur Lichtung
der Sonne entgegen.
    Die Sonne schob ihre blanke Glatze aus einem dicken Wolkenknäuel heraus -
und die Sonnenglatze glänzte.
    Und dann kam die ganze Sonne wieder in den blauen Himmel hinein - und
blendete - und funkelte auf den nassen Blättern der mächtigen Bäume - glizerte
auf der sommerbunten Wiese - und machte Alles wieder hell und leuchtend.
    Die alten Leute standen unter den alten Bäumen - da wo's rausging aufs Feld.
Den alten Leuten schien die Sonne ins Gesicht, und sie standen da und hatten
sich an die Hand gefasst und schauten so in die frische Glanzwelt hinein.
    Sonnenschein!
 
                          Weisheit aus der Kreidezeit
Es war einmal ein altes Mastodon, das lebte in der Kreidezeit. Und das Mastodon,
das lebte in der Kreidezeit. Und das Mastodon war viel klüger als alle andern
Mastodons - es sagte immer nur:
    »Mein Freund, wie's auch sei und wie's auch werden mag - sei überzeugt: es
ist Alles so gut!«
    Diese Worte waren ausserordentlich trostreich für die ganze Kreidezeit.
Das alte Mastodon gefiel den Nilpferden über alle Massen; sie beglückwünschten
mich zu diesem Opus in einer Weise, die mir heute noch Spass macht.
    »Das ist nicht bloss ein Simplicitätsdokument!« sagte der Oberpriester.
    Und der Inspektor meinte freundlich:
    »Onkelchen, damit wäre eigentlich Alles gesagt! Nun kommt es bloss darauf an,
dass man diese Sache niemals in Zweifel zieht. Leicht ist eine Wahrheit
auszusprechen. Schwer ist es, eine Wahrheit zu behalten, da das menschliche
Gedächtnis sehr mangelhaft ist. Am schwersten ist es aber, einer gewonnenen
Erkenntnis gemäss zu leben.«
    Der General Abdmalik fügte noch hinzu: »Sehr verwerflich ist es, wenn Jemand
sagt: »Ich sage gar nichts mehr. Ein solches Individuum erklärt innerlich alles
Seiende für veritablen Mist. Als wenn des Menschen Nase ein Hauptsinn wäre!
Onkelchen, ich sage Dir: der Mist vernichtet die Mystik keineswegs.«
    Nach diesen Worten gingen plötzlich alle Lampen aus, und wir sassen wieder
mal im Dunkeln.
    Nun hörte ich die Nilpferde mit einander sprechen; es klang so, als wären
sie weit ab - und es hallte dazu. Ich konnte zuweilen die einzelnen Stimmen
nicht mehr ordentlich unterscheiden - und wusste bald nicht mehr, ob da noch die
Nilpferdchen sprachen.
    Die eine Stimme sagte jedenfalls:
    »Die Anzahl der komischen Dinge ist so schrecklich gross. Auch die Laster
sind so komisch.«
    Eine andre Stimme sagte:
    »Der Gram ist auch sehr komisch - besonders, wenn man ihn täglich umdreht,
wie man Brillanten umdreht, die doch auch so komisch sind.«
    Und eine dritte Stimme flüsterte ganz leise:
    »Der Schmierfink ist komischer als alles Andre. Jedes hübsche Bild muss er
beschmieren. Und dabei kommt er sich noch so geistreich vor. O Du komischer
Schmierfink! Du denkst, Du bist ein Philosoph - und führst doch bloss Komödien
auf.«
    Ich dachte an meine verlorenen Manuskripte - aber ich kam nicht weit mit
diesem meinem Denken.
    Ich hörte plötzlich dicht an meinem rechten Ohr die brummige Stimme des
Königs Necho:
    »Ih, Du Schlingel,« sagte er, »kannst Du Dir denn gar nicht Deine
kleinlich-irdischen Gedanken abgewöhnen? Sei doch froh, dass Du Deine traurigen
Geschichten endlich mal verloren hast. Glaubst Du, es sei so unumgänglich
notwendig, gleich Alles zu behalten und Alles auszuführen, was angefangen ist? O
nein! Verschwende auch mal! Die Natur verschwendet ebenfalls! Also: gräme Dich
nicht! Du bist doch jetzt von der Traurigkeit befreit,demnach brauchst Du doch
Deine traurigen Manuskripte nicht mehr wiederzufinden. Gib mal gleich eine
Geschichte her, die so nach Befreiung schmeckt!«
    Und King Necho stand im nächsten Moment mit einer brennenden Laterne vor
mir.
    Ich sass in einem grossen Keller auf einem Fass, suchte, musste lächeln und gab
am Ende dem brummigen König, was er begehrte.
    »Famos!« rief er und las bei Laternenschein:
 
                                 Die Befreiung
                           Eine japanische Novellette
Mu-Schika, die Tochter des grossen Topffabrikanten, sass in ihrem Turmzimmer und
weinte bitterliche Tränen. Eingesperrt war das gute Kind. Der böse Gouverneur
der Nordprovinz, der schlimmste Mädchenräuber seiner Zeit, hatte auch die edle
Mu-Schika in heimtückischer Manier ihren Eltern geraubt. Doch da die Geraubte
ihrem Peiniger mit grösstem Trotz auseinandergesetzt hatte, dass sie niemals sein
Weib werden könne, weil sie frei bleiben wolle zeit ihres Lebens, so hatte der
böse Gouverneur das Mädchen eingesperrt in seinem hohen Turm, den er nur zum
Zwecke der Mädchenzähmung auf dem höchsten Berge der Nordprovinz vor vielen
Jahren erbauen liess.
    Mu-Schika sass und weinte; ihre Tränen flossen wie Gebirgsbäche zur
Frühlingszeit. Und der herrlichen Aussicht, die sich ihr vom Fenster aus darbot,
warf sie nicht einen einzigen Blick zu; ihre Augen waren auch zu verweint. In
jeder Stunde stampfte sie mehrmals mit ihren kleinen Füssen auf den Steinboden
und rief voll stürmischer Leidenschaft:
    »Frei will ich sein! Frei will ich sein! Frei! Frei!«
    Diesen stürmischen Redestrom hörte der Sturmgott Lobu, der gerade die
Nordprovinz einer eingehenden Untersuchung unterzog. Und der Sturmgott Lobu
freute sich über die stürmische Art der Mu-Schika. Und er beschloss, das arme
Mädchen zu befreien.
    Während er sich nun unten vor der eisernen Pforte an die Arbeit machte, trat
ihm der junge Maler Tai-Tai, der die Gefangene gleichfalls liebte, mit bleichem
Antlitz entgegen und rief: »Willst Du die Mu-Schika befreien? Das lass nur
bleiben. Ich befreie sie. Ich bin Tai-Tai!«
    Der Sturmgott gab ihm eine Ohrfeige und rief: »Ich bin Lobu!«
    Und nun fingen sie an, sich mächtig zu zanken. Jeder wollte vor lauter
Eifersucht die Mu-Schika ganz allein befreien. Und während des Zankes prügelten
sie sich öfters, wie das Rivalen zu tun pflegen. Dem Tai-Tai fehlten bald zwei
Backenzähne, und dem Lobu blutete die Nase. Und dazu schien der Vollmond durch
die ganze Nacht. Und durch die ganze Nacht zankten sich und prügelten sich die
Rivalen, so dass es zur Befreiung gar nicht kam. Während oben Mu-Schikas Tränen
in Strömen flossen, floss unten das Blut ihrer Befreier in Strömen.
    Und so dämmerte denn allmählich der Morgen, und vor dem Turmfenster erschien
die Göttin der Morgenröte, die herrliche Ballikâra.
    In einer goldenen Barke sass die Göttin, und kleine Zwerge bekränzten die
Barke mit dunkelroten Rosenketten. Der Himmel war oben tiefblau wie ein Meer.
Und auch die Ballikâra hörte die wilden Freiheitsreden der Mu-Schika. Schnell
riss sich die Göttin ein paar Rosen aus dem schwarzen Haar und warf sie durch das
Turmfenster der Gefangenen in den Schoss. Da sprang das Mädchen erschrocken
empor, starrte die herrliche Ballikâra wie ein Wunder an, fiel auf ein Knie und
flehte weinend:
    »O Ballikâra, nimm mich mit und führe mich zu meinen Eltern zurück, denn ich
will frei sein - frei - frei - frei!« Da nahm die Göttin die Mu-Schika in ihre
goldene Barke und fuhr mit dem verweinten Kinde durch die weissen Morgenwolken zu
dem Hause des grossen Topffabrikanten.
    An der eisernen Pforte des Turmes wischen sich unterdessen die Rivalen die
Blutstropfen aus dem Gesicht und verbinden sich die Handgelenke. Und ihrem
Treiben sieht oben aus dem Turmfenster mit glühenden Wutaugen der böse
Gouverneur zu. Der Gouverneur hat sich durch eine Hintertür in den Turm
geschlichen und hat sehen wollen, ob seine Mu-Schika noch nicht kirre wurde.
»Und nun ist sie fort!« schreit er voll Entsetzen in die Morgenluft hinein.
    Er glaubt, die beiden Kerls da unten an der Pforte hätten seine Mu-Schika
befreit. Er geht hinunter und stellt die Leute zur Rede, wird aber gleich ganz
eklig angelackt. Die beiden Rivalen gehen sofort mit vereinten Kräften auf den
Gouverneur los; der starke Tai-Tai zerbricht ihm die Kinnlade, und Lobu stösst
ihm sein Schwert durch den Bauch, dass der Bösewicht gleich aufbrüllend den Geist
aufgibt.
    Hierauf reicht der Sturmgott dem Maler die Hand und sagt bitter:
    »Junger Mann! Während wir hier um Mu-Schika kämpften, ist das lockere
Mädchen mit einem Andern durchgegangen. Wir wollen dieses Weib vergessen.«
    »Das wollen wir!« ruft Tai-Tai, hackt dem toten Gouverneur den Kopf ab und
erklärt den Sturmgott für seinen besten Freund. Sie schütteln sich lange die
Hände, und bald gehen die ehemaligen Rivalen Arm in Arm dem nächsten Wirtshause
zu.
    Doch die befreite Mu-Schika erzählt ihrem Vater, dem grossen Topffabrikanten,
wie sie von der herrlichen Ballikâra befreit wurde, zeigt jubelnd die
dunkelroten Rosen der Göttin und küsst alle ihre Schwestern und auch ihre Mutter
mit leidenschaftlicher Inbrunst.
    Der alte Vater lacht und erklärt seiner Tochter mit Feiertagsmiene:
    »Meine liebe Mu-Schika! Da Du so mutig gewesen bist, sollst Du auch frei
blieben - zeit Deines Lebens. Und kein Freier soll Dir nahen. Auch den Tai-Tai
werfe ich die Treppe runter, wenn er kommt.«
    Aber Tai-Tai kam nicht, und andre Liebhaber kamen ebenfalls nicht. Mu-Schika
blieb frei bis ans Ende ihrer Tage und ward gefeiert von allen Frauen der
Nordprovinz und lebte glücklich ohne Mann - frei - frei!
Wir befanden uns jetzt in grossen Kellergewölben, die recht dunkel und
geheimnisvoll waren.
    Ich sass auf einer Tonne - aber die Tonne schwamm in einem dunkelgrünen
Wasser, das den ganzen Boden bedeckte und recht tief zu sein schien; ich nahm
einen schweren Stein, der auf meiner Tonne neben mir lag, und warf ihn in das
Wasser und horchte - und erst nach langer Zeit hörte ich den Stein unten dumpf
aufschlagen. Der König Necho hatte währenddem meine Befreiung zu Ende gelesen;
er sass auch auf einer Tonne wie ich und leuchte mir nun mit seiner Laterne ins
Angesicht.
    Da kamen auch die anderen Nilpferde auf Tonnen mit Laternen
herangeschwommen, und es wurde heller durch die vielen Laternen. Ich wunderte
mich über die Grösse dieses Felsenpalastes und sprach auch über die unsichtbaren
Geister, durch deren Dienste die Treppen so überflüssig geworden seien. Und ich
bedauerte, dass die Eindrücke, die ein gewöhnlicher Mensch in seinem gewöhnlichen
Erdenleben hat, so hart und umständlich sind.
    »Man muss,« erhielt ich zur Antwort, »das Eine wie das Andre zu schätzen
wissen; überall sind eben die unendlichen Reihen; die Situationskomödien sind in
der Welt so mannigfaltig wie alles Andre.«
    Der Oberpriester Lapapi sprach vom Schattenspiel des irdischen Lebens und
meinte milde: »Es ist doch nicht zu tadeln, dass gewisse Sinneswelten wie
diejenige, die Du auf der Erde kennen gelernt hast, so viel scheinbar Konstantes
und Kompaktes haben. Dafür hat ja auch der Mensch das Leben im Schlafe. Dass sein
Leben im scheinbar wachen Zustande oft so feste, eckige Formen empfängt,
steigert doch nur die Empfindungsfähigkeit. Wie wäre sonst der Begriff der
Vergänglichkeit zu erzeugen? Und der gehört doch auch ins grosse Dasein hinein.
Alte Lampen können nicht so ohne weiteres als ewige Existenzdokumente auftreten
- alte Manuskripte ebenfalls nicht- und alte Menschen erst recht nicht. Auch in
diesen Vergänglichkeitskomödien bilden sich überall die schon so oft von uns
erwähnten unendlichen Reihen. Sie wirken überall - und bewirken, dass wir über
die Notwendigkeit oder Überflüssigkeit des scheinbar Daseienden nicht reden und
auch nicht denken können. Die unendlichen Reihen des grossartigen Spukreiches,
das wir für Weltleben halten, umketten und umkränzen uns überall. Auch die
Dummheit und die Klugheit zeigt überall die unendlichen Reihen- es kann Keiner
der Dümmste und auch keiner der Klügste sein - drüber und drunter ist immer noch
mehr. Und dieser Unendlichkeitszauber, der überall Alles beherrscht, ist das
Herrlichste von Allem was wir haben.«
    Er sprach so weiter und mir wurde so - betrunken zu Mute; die vielen Tonnen
und der flüssige Boden trugen wohl zu meiner Stimmung bei.
    Wir schwammen jetzt aus einem Gewölbe ins andre - um mächtig dicke Säulen
rum. Und ich bewunderte die Pilzbildungen in den Gewölben und an den Säulen, die
an vielen Stellen weiss wie Schnee und dann wieder dunkelbraun und schwarz waren
- auch mal ganz bunt schillerten - und zuweilen leuchteten - unheimlich- wie
dicke Gespensterbeine.
    Als der Oberpriester Lapapi zu reden aufgehört hatte (seine letzten Worte
hatte ich gar nicht mehr begriffen), sprach ich von meiner Trunkenheit.
    Dazu lachten aber die alten Herren, und der Ramses rief mir laut lachend zu:
    »Da siehst Du nun, dass es auch unendlich viele Arten von Betrunkenheit gibt
- auch in der stecken die unendlichen Reihen.«
    Ich wollte noch viel darüber sagen, den Alkohol für eine Krücke und die
gewöhnlichen menschlichen Rauschzustände für bedauerlich in Folge der
Katerleiden erklären, aber man schnitt mir kurz das Wort ab und behauptete, dass
auch der Kater seine Glanzseiten habe - ich sollte nur mal nachsehen, ob ich
nicht eine Geschichte hätte, die das beweisen könnte.
    Ich fand sehr schnell eine solche.
    Aber ich sollte sie nun vorlesen - wurde von unsichtbaren Händen auf ein
grosses Fass gestellt - und die sieben Herren zogen sich mit ihren sieben Laternen
in die äussersten Winkel zurück.
    Ich wunderte mich jetzt, dass die Tonnen alle so schwammen, wie sie auf dem
Erdboden stehen.
    Und dann las ich.
    Es war sehr unheimlich.
    Meine Stimme schallte oben in den Gewölben so laut, dass mir sehr bald die
Ohren schmerzten.
    Aber ich las trotz meiner Ohrenschmerzen mit fester Stimme meine Geschichte
zu Ende.
 
                          Meine Tinte ist meine Tinte
                               Ein Klexosophicum
Eine sehr stille Sommernacht!
    Matte Dämmerung mit traumschweren Gardinen und sanften säuselnden Winden.
    Ich liege in weichen schneeweissen Betten.
Und die Betten sind so schwer.
    Es plätschert was - tropft.
    Drüben ist es, am Schreibtisch.
    Aber da ist ja so viel Schwarzes auf dem Schreibtisch - so viel Schwarzes.
    Sanft säuselnde Winde draussen.
    Auf dem Schreibtisch tropft es - sollte das meine Tinte sein?
    Meine Tinte ist meine Tinte.
    Aber sie ist so lebendig.
    Sie geht ja aus dem Tintenfasse raus.
    Und es ist viel Tinte, so viel schwarze Tinte.
    Jetzt ist sie bei mir und beugt sich über mein Bett - wie eine kleine
Milchstrasse - wie eine kleine schwarze Milchstrasse.
    Jetzt tropft es wieder, und schwarze Tropfen fallen auf meine weissen Betten.
    Dort in der Ecke über meinem rechten Fusse sitzt ein grosser schwarzer Klex.
    Und der Klex - ein ganz runder ist es - ist der Stil.
    Neben dem runden Klexe entsteht nun ein viereckiger Klex - der heisst Ziel.
    Und zwischen den Beiden bewegt sich ein schwarzer Tropfen wie eine
Quecksilberkugel auf einer Menschenhand - die Kugel ist das Spiel - das grosse
Spiel.
    Bin ich in einer Spielschachtel?
    Woher kenne ich alle die klingenden Namen? Sie klingen so gut zusammen wie
die guten Reime in alten Gedichten. Am Stil ist das Ziel das Spiel, es dreht
sich.
    Im Stil sitzt das Spiel hinterm Ziel.
    Hinterm Ziel!
    Wie stilvoll das Spiel ist!
    Auf dem Stil liegt der alte Nil - ein schwarzer Bindfaden. Jetzt weiss ich:
der Nil ist der schwarze Faden, an dem spielt das Ziel mit dem Kiel und dem
Zuviel - das sind neue Klexe - vieleckige Klexe - mit Raupen.
    Schwarze Raupen kriechen über den Nil - wohl Neger. Meine Tinte ist meine
Tinte - bei der ist Alles möglich. Mein schöner weisser Kopfkissenbezug bekommt
auch was ab - meine Betten sehen aus wie weisse Himmel - mit schwarzen Sternen -
viele Himmel - - bergige Himmel - Schimmel mit Sterngewimmel.
    Es klingt ja so hübsch - ist das Gebimmel von Klexen? Glocken sind's!
    Aber da mittendrin ist ein roter Klex - und der nennt sich Ich. Das ist
keine Tinte, denn ich habe ja rote Tinte gar nicht zu Hause. Ich wollte mir
immer rote Tinte anschaffen. Aber ich hab's vergessen - nur die Namen der Klexe
kenne ich sämtlich - die kenne ich ja schon seit Olims Zeiten.
    An der Bettkante im dicken Wassermann wackeln drei Sterne - sie heissen Welt,
Wild und Wald. Die sind auch so mohrenschwarz und bedrängen jetzt das Ich -
umkreisen das rote Ich.
    Ich muss mich doch geschnitten haben, denn das rote Ich muss ein Blutstropfen
von mir sein. So was kommt wohl mal vor. Jetzt geht der Weltklex über mein Ich
hinüber - dem schadet's aber nicht. Die Klexe Lust, Last und List kommen meinem
Munde sehr nahe.
    Gehen die Klexe in meinen Mund? Sie kommen mit Kuh, Ruh und Schuh auf meinen
Mund los.
    Brr! schmecken die sauer!
    Sanfte Winde wehen - aber die wehen ja die sämtlichen Klexe in meinen Mund.
    Ich kann meinen Mund nicht schliessen.
    Alle meine Klexsterne kullern hinunter in meinen Magen. Wie verschiedenartig
die Klexe schmecken. Meine Tinte muss sehr gemischt sein - wohl mit den Giften
aller Zeiten.
    Welt schmeckt nach Salpeter. Aber ich weiss nicht, wie Salpeter schmeckt -
wahrscheinlich wie Bomben. Sehr gut!
    Ich schliesse die Augen, denn ich kann dieses fortwährende Heranrollen der
schwarzen Sterne nicht vertragen.
    Das Rollen tönt wie Donnern und bricht plötzlich ab.
    Es hört Alles auf - ich muss schon Alles runter haben.
    Ein guter Magen ist ein guter Magen.
    Doch da rollt ja schon wieder was!
    Die Augen kann ich nicht aufmachen.
    Ach so!
    Ich weiss ja!
    Das ist ja mein rotes Ich - das kann ich nicht runterschlucken. Das Ich kann
ich nicht verdauen.
    Sanfte Winde wehen um meine Stirn - da wird's aber nass.
    Ich meine: auf meiner Stirn wird's ganz nass.
    Ist das Angstschweiss?
    Nein - ich fühle jetzt ganz deutlich - es sind nur die schwarzen Sterne, die
allmählich aus meiner Stirne wieder rausperlen - wie Alkohol - wenn man ihn
literweise getrunken hat - aus der Stirne rausperlt - so perlen auch die
schwarzen Sterne aus der Stirne heraus.
    Die Winde draussen vorm Fenster müssen sehr kühl sein - oder sind die Sterne
meiner Stirne so kühl?
    Sind sie so kühl wie eine Birne?
    Mein Ich fällt gleich vom Bette runter.
    Mein Ich fällt und platzt entzwei - auf dem Teppich. Jetzt ist Alles wieder
gut.
    Bloss auf dem Teppich wird ein roter Klex sein.
    Das Schwarze verdunstet.
Nachdem ich das gelesen hatte, umzuckten mich grüne Blitze, und ich hörte einen
furchtbaren Donner.
    »Erschrick nicht,« rief da die Bassstimme des alten Necho, »wir klatschen Dir
nur Beifall - daher die Blitze.«
    Ich war ganz verwirrt und musste sehr lachen, obschon ich nicht wusste, ob das
Hohn oder Huldigung bedeuten sollte. »Wenn wir gut gelaunt sind,« sagte da der
Oberpriester Lapapi, »so kann uns eigentlich die Bedeutung einer Sache ganz
gleichgültig sein. Da Du aber augenscheinlich etwas eitel bist, so kannst du ja
mal den unsichtbaren Geistern was vorlesen. Wir wollen Dich verlassen,
verpflichten Dich aber, mindestens sieben Sachen hinter einander vorzulesen.
Tust Du das nicht, so lassen wir Dich hier für alle Ewigkeit allein.«
    Mir wurde bei diesen Worten so zu Mute - wie einem Menschen in der Hand
eines Zahnziehers zu Mute wird. Ich rief ängstlich:
    »Ich will ja gern Alles tun. Gebt mir bloss eine Lampe; im Dunkeln könnte
mir's schwer fallen, was vorzulesen.«
    »Hast ja,« brummte da der Necho, »bei Deiner Tinte auch keine von unsern
Lampen gebraucht.«
    Ich zog meine Papiere aus der Tasche und sah, dass die Papiere selber
leuchteten.
    »Verzeihen Sie, meine Herren!« rief ich nun lachend, »die Unsichtbaren haben
meine Manuskripte leuchtend gemacht. Das hatte ich gar nicht bemerkt. Das ist ja
riesig schmeichelhaft für mich. Verzeihen Sie, dass ich all die Wunder immer erst
nachher bemerkte. Und verzeihen Sie mir, dass ich noch immer nicht für all die
Wunder gedankt habe. Aber - Worte scheinen mir in allen diesen Fällen nicht zu
genügen. Ich werde gleich lesen. Selbstverständlich! Das tu ich ja so gern.
Verzeihen Sie mir alle meine Taktlosigkeiten - doch ich bin so berauscht - von
all dem Glück.«
    Da blitzte es abermals grünlich vor meinen Augen - zu hören war jedoch
nichts.
    Die alten Ägypter sah ich nicht mehr.
    Und das Blitzen hielt an, so dass ich dabei lesen konnte. »Oho!« sagte ich da
zu mir selbst, »Du hast Dir vorhin eingebildet, Deine Manuskripte hätten
Leuchtkraft - das war wohl wieder bloss eine grosse Einbildung von Dir.« Das
Blitzen hielt an, und ich las bei dem grünlichen Blitzlicht die sieben folgenden
Geschichten.
    Wieder donnerte meine Stimme oben in den Gewölben machtvoll und schauerlich
- aber meine Ohren hatten sich schon daran gewöhnt.
 
                           Die siebzehn Spitzen oder
                           Das Quadrat des Ellipsoids
Ich kutschierte durch die Vergangenheit und traf Napoelon den Ersten, Alexander
den Grossen und Cäsar von Rom.
    Sie machten sich nichts aus mir.
    Das war mir ägerlich.
    Da ich aber in der Wissenschaft viel weiter bin als diese drei Alten, so
holte ich meine siebzehn Ulanen mit ihren siebzehn Lanzen aus meiner
Westentasche hervor und liess ein Quadrat mit den Lanzen bilden. Das sah nun so
aus wie ein Ellipsoid - genau so!
    Ich hatte eben das Quadrat des Ellipsoids ganz ohne Mühe mit Lanzen
erschaffen - erschaffen! Natürlich!
    Ich kann eben Alles - noch viel mehr als Alles! Noch viel mehr!
    Auch viel weniger!
    Gross starrten mich die drei Alten an.
    Ich aber pustete die alten Märchenschweine um.
    Ich puste diejenigen, die mich nicht verstehen, immer um.
    Das Heu roch.
 
                              Das neue Konzertaus
Im Lande der Heibranen, allwo man immer neue Systeme schafft, waren's die
Musiker müde, sich immer nur von einem Dirigenten dirigieren zu lassen - sie
wollten deren zwo zu gleicher Zeit gemeinschaftlich an der Arbeit sehen.
    Und auf einem grossen Musikfeste, das zu Ehren des dicksten Dichters im
Heibranenlande veranstaltet wurde, wurde den Musikern gestattet, sich von zwo
Dirigenten zu gleicher Zeit gemeinschaftlich dirigieren zu lassen.
    Als nun das Spiel begann, brach sofort eine Revolution unter dem Publikum
aus, denn dem Publikum ward plötzlich klar, dass eigentlich überall zwo Leute zu
gleicher Zeit gemeinschaftlich an der Spitze sein müssten - sowohl in den Bureaux
- wie auf andern Orten, allwo Heibranenarbeit verrichtet wird.
    Und seitdem regierten überall immer zwo Herren zu gleicher Zeit
gemeinschaftlich - sowohl in den höchsten wie in den niedrigsten Machtstellen.
    Die Heibranen nannten das neue System den Neozwoismus.
    Und sie befanden sich lange Zeit recht wohl bei diesem neuen System.
 
                                Die Butterblume
Eine grosse gelbe Butterblume wuchs in den blauen Himmel hinein und leuchtete wie
eine grosse gelbe Sonne. Die gelben Blütenblätter glänzten und kräuselten sich.
Und in den Blütenblättern bauten Störche mit langen roten Schnäbeln und langen
roten Beinen ihre Nester. Und die Störche flogen täglich mit ihren langen weiss
und schwarz gefärbten Flügeln um die grosse gelbe Butterblume rum. Die
Butterblume wurde nicht welk, und die Störche wurden nicht krank.
    Im blauen Himmel leuchtete die gelbe glänzende Butterblume wie eine grosse
gelbe Sonne.
    Die Menschen staunten das Wunder an.
    Es war aber gar kein Wunder - es war nur ein lächerliches Symbol.
 
                                  Das Knäblein
»Ich weiss nichts,« sagte das Knäblein in der Badewanne. »Das ist auch gar nicht
nötig!« bemerkte die weise Mama. »Ich will doch aber,« rief das Knäblein, »ein
grosser Mann werden. «
    »Dann brauchst Du,« schrie krächzend das weise Weltweib, »erst recht nichts
zu wissen.«
    »Dolle Welt!« murmelte das Knäblein.
 
                                Mensch und Tier
                                   Mausidyll
Der Kampf war aus.
    Aber wer gesiegt hatte, war nicht offenbar geworden.
    Der Bär hatte sich gewehrt bis zum letzten Moment, und der Indianer, der mit
dem Bären rang, war fürchterlich zerkratzt worden.
    Der Indianer war ein grosser Krieger, und seine Feinde nannten ihn die grosse
Schlange.
    Der Kampf war aus.
    Mensch und Tier waren in der Höhle zusammen zu Boden gestürzt. Das Tier lag
unten, der Mensch auf dem Tiere. Aber Beide waren tot.
    Da lag sie nun - die grosse Schlange.
    Tot lag sie da - auf der Bärenhaut, und kein Mensch kam, den grossen Krieger
zu bedauern. Es hätt' ihm das auch nichts genützt. Zwei kleine Mäuse krochen aus
der einen Ecke der Höhle hervor und sahen sich die Geschichte an.
    Da lag nun die grosse siegreiche Schlange wie ein altes Löschpapier auf der
Bärenhaut ganz still.
    Tote sind immer ganz still.
    Die beiden Mäuse zernagten dem Bären das Zahnfleisch, das ihnen
ausserordentlich gut schmeckte.
    Der Vollmond schien in die Höhle und beleuchtete das stille Bild. In der
Ferne knallte ein Büchsenschuss, und das Echo an den Felsen hallte lange den
Knall nach - so im Zickzack.
    Die Mäuse bekamen Durst.
 
                     Kuddel-Muddel oder die vielen Rosinen
Sie hatten alle sehr viele Rosinen im Kopfe, und so kamen sie in hellen Haufen
auf dem Kapitol der Unternehmungslust zusammen. Und auf dem Kapitol zeigten sie
sich gegenseitig ihre vielen Rosinen - in denen stak alles das, was sie wollten.
    Sie wollten alle mal ergründen, worin der eigentliche Hauptwert des Lebens
und der Kunst zu erblicken sei.
    Und während sie nun immer heftiger all die vielen Hauptwerte ergründeten,
wurden ihre Reden immer verworrener - so dass schliesslich ein grosses
Kuddel-Muddel entstand - nicht bloss in den vielen Hauptwerten und Reden, sondern
auch in den vielen Köpfen und Rosinen.
    Und es ward plötzlich unheimlich still auf dem Kapitol. Aber nach einiger
Zeit hörte man in einer Kapitolsecke ein gemütliches Gelächter, und es sprach
einer, dem nie was klar geworden, da er stets die grössten Rosinen im Kopfe
gehabt hatte:
    »Meine Herrschaften! Wenn uns auch der Witz ausgeht, lachen können wir
trotzdem immer noch! Also: lachen wir über das entzückende Kuddel-Muddel dieser
entzückenden Rosinenwelt!«
    Da mussten sie alle so welterschütternd lachen, dass sogar das Kapitol der
Unternehmungslust in seinen Grundvesten erbebte.
 
                                     Zart!
Eine ganz kleine feine Spinne - die möcht' ich lieben! Aber sie muss ganz klein
und fein sein.
    Und sie muss meine Liebe erwidern - natürlich!
    Wenn sie mir nicht gut ist, schlag' ich sie mit meinem zierlichen Pantoffel
kurz und klein.
    Aber wenn sie mir gut ist - dann wird - Alles - Alles - sein! Ich werde mich
mit meiner Spinne in ein ganz zartes venetianisches Zierglas setzen, wo ausser
uns nichts drinn sein darf.
    Draussen werden die goldig glitzernden Seepferdchen Augen machen!
    Uih! Wird das ein feines Leben sein!
    Spinnchen, komm!
    Na komm, mein kleines feines Spinnchen!
    Die alte Porzellanuhr auf der Bauchkommode tickt bloss wie gewöhnlich!
Erschrick nur nicht!
    Na komm!
    Unsere Welt ist leicht!
Als das zu Ende war, war's im Keller mäuschenstill, nur in der Ferne fiel von
Zeit zu Zeit ein kleiner Tropfen ins Wasser, dass es plätscherte.
    Das grüne Blitzlicht blitzte nicht mehr, es erfüllte die Kellergewölbe ein
grünlich leuchtender Nebel.
    »Alle Verächter der Welt hatten von der Welt keine Ahnung, obschon sie immer
so taten.«
    Also sprach hinter mir eine sanfte Stimme, und ich glaubte, das wäre eine
Geisterstimme.
    »Der Kombinationen und Permutationen sind überall unendlich viele.«
    Diesen Satz fügte die Stimme noch hinzu.
    Ich aber konnte mich nicht bewegen; ich empfand nur eine grosse Starre, mir
war auch so, als hörte mein Herz zu schlagen auf, obwohl meine Augen ganz wach
blieben. Und nun wusste ich nicht, ob ich träumte oder ob das, was ich sah, der
sogenannten Wirklichkeit angehörte.
    Ich sah, dass auch das Wasser rings um meine Tonne ganz starr wurde - es fror
und bildete sehr bald eine glatte Eisfläche, in der sich die Gewölbe entzückend
spiegelten. Und dann kamen unzählige meterhohe, ganz schlanke Gestalten aus
allen Ecken übers Eis gelaufen; sie glitschten oft aus und fielen über einander
- aber sie lachten immerzu; ihr Leib war kaum so dick wie mein Arm, ihre Arme
hatten kaum meine Fingerdicke. Diese spindeldürren Gestalten lachten sehr
übermütig, und ihre faustgrossen Gesichter waren so lustig, dass ich gar nicht
müde ward, ihrem Mienenspiele zuzuschauen.
    Die dünnen Männchen hatten Menschengestalt; ihre Glieder staken in eng
anliegendem Handschuhleder - - von verschossenen Farben.
    Die Herren erinnerten mich immerfort an alte Handschuhe; sie kletterten auf
meine Tonne, lachten mich an und visitierten meine Taschen.
    Und ich konnte mich nicht bewegen.
    Und einer der Dürrsten fand in meinen Taschen ein Manuskript, das er
vorlesen wollte.
    Während ich nun in meinem Starrkrampf ganz ruhig auf meiner Tonne sass, rief
der Dürre mit quiekender Stimme:
    »Ruhe, meine Herren! Ich werde Ihnen eine Geschichte unsres guten Onkels
vorlesen. Bitte, gruppieren Sie sich auf dem Eise in malerischen Stellungen. Ich
werde mir erlauben, mich auf sechs Herren zu setzen, die auf einander stehen.«
    Im Nu sah ich vor mir sechs Herren über einander - wie ein hohes
schwankendes Rohr - und auf den Kopf des Obersten setzte sich der Vorleser und
räusperte sich.
    Währenddem hatten die andern Taumenschen vielverschlungene Rankengruppen auf
dem Eise gebildet - und zwischen diesen Gruppen sah ich nun die sieben kleinen
Nilpferde auf Schlittschuhen zierliche Bogen schneiden.
    Und der Dürre las, während die Nilpferdchen oft auch durch die Rankengruppen
ihre zierlichen Bogen schnitten:
 
                                 Leichte Bilder
Die sieben grossen Seifenblasen tanzen auf dem Wellensee. Und die grossen
Seifenblasen stossen sich nicht, trotzdem sie haushoch sind - turmhoch!
    Sie hüpfen - die Blasen.
Lass die Welten nur fest sein,
Lass die Helden nur stark sein,
So fein kann doch der Quark sein.
Aber der sanfte Abendwind bläst die feinen Blasen entzwei.
    Und die roten Schiffe kommen mit den roten Segeln - die Schiffe schaukeln
auf und ab, schaukeln vorüber, denn was sollen sie hier?
    Die Schiffe sind so ernst und lächerrlich - besonders die roten.
Der Flieder duftet in der Nacht,
Und kleine Katzen schleichen behutsam.
Der Sonnenschein ist ferne -
So ferne wie die Sterne.
Und die Eisberge kommen.
    Sie kommen aber nicht näher - in der Ferne bleiben sie - fürchten sie die
Hitze am Strande des Ulks?
    Welcher Irrtum! Hier ist es gar nicht so heiss - die Spässe sind nicht hitzig
- das sind sie unter keinen Umständen, denn sonst wären's ja keine Spässe mehr.
Die bittern Schnäpse schmecken gut.
Die bittern Schnäpse schmecken gut.
Und die Sorgen kommen - als Riesenratten mit klatschenden Schwänzen - schwimmen
auf dem Wellensee - hüpfen und schaukeln - mögen sie weiterhüpfen und
weiterschaukeln!
Leb wohl, Du Land der stillen Zecher!
Füllt mir die letzten Flaschen ein!
Ich bin ja doch kein armer Schächer,
Ich sitz im Grünen.
Jetzt aber - jetzt kommt eine wilde Gesellschaft - lauter Weltverbesserer -
jetzt wird's beinah übermütig!
    Die Weltverbesserer rennen auf den Strand - ganz nackt. Sind die mager!
    Ich strecke ihnen meine Zunge entgegen.
    Die Kerls wollen die Welt verbessern?
Rosen, sanfte Rosen,
Fallen in die Silberkanne.
Rosendüfte sind so schwül:
Zerpflücke die sanften Rosen.
Die Welt kann ja gar nicht besser werden - sie ist ja das Beste von Allem, was
wir zum Besten haben können.
    Die Sonne geht drüben auf - es ist wohl eine sechseckige Sonne.
    Es wird Alles bunt wie Kolibris.
    Und leichte Gestalten steigen aus dem Wellensee - Duftgestalten mit langen
Armen und ächten Kugelbeinen - mit Gestalten sind ganz durchsichtig - auch die
Kugeln unterm Rumpf - wie Tabaksqualm steigen diese guten Geister empor - in den
blauen Himmel.
Ein wilder Husar
Nimmt das Leben genau?
Au! Au!
Ich liege und sehe den leichten Duftgestalten traurig nach - ach - am Strande
des Ulks wird man so schwer, dass man nicht mehr so leicht aufsteigen kann wie
Tabaksqualm.
    Aber die sechseckige Sonne steigt alle Morgen auf.
    Ich beneide die Ecken-Sonne.
Neidisch bin ich wie ein Geizhals,
Haben möcht ich tausend bunte
Edelsteine.
Und ich möchte friedlich schlafen,
Rechts und links die bunten Edelsteine.
Ich liege und kann nicht auf.
    Schwefelhölzchen mit rotem Kopf tanzen auf dem Wellensee - wie Menschen -
wie stockdumme Menschen, die Nichts zu tun haben.
    Die grossen Ratten kommen wieder - sie fressen die Schwefelhölzchen auf und
platzen entzwei wie Seifenblasen.
    Es knallte - es knallte!
Endlich ist der Mops getötet,
Und die Wellen sind gerötet.
Ärgre Dich, tiefernster Tor,
Über alle krausen Kringel.
Seifenblasen kommen aber nicht noch einmal - und sie sind so wichtig am Strande
des Ulks.
    Bäume wachsen im Wellensee - Wunderbäume - aber ich seh sie nicht - die sind
unten auf'm Meeresboden - ja - warum sind sie unten?
    Ach ja!
    Robinson!
    Ist das Robinson, der da vor mir steht?
    Er ist so alt, wackelt mit dem Kopf, streicht sich den weissen Schnurrbart
nach unten und deutet mit dem Zeigefinger nach oben.
    Oben ist der Himmel offen, und die hellgrünen Engel, die ich so verehre,
machen da oben Musik.
    Die Musik ist so sanft, dass ich die Augen schliesse, um besser hören zu
können.
    Da sagt Einer zu mir:
    »Du bist ein alter Faulpelz!«
    War das Robinson?
    Es klang doch so sanft.
    Ich träume, und sanfte Krokodile schreien:
»Wie schön ist die Welt!«
»Wie schön ist die Welt!«
Ein nasser Leinwandlappen fällt auf mein Haupt.
Nach Beendigung der Vorlesung brüllten alle die dürren Kerle, als wenn ihnen die
Haare einzeln ausgerissen würden; die Dürren hatten sehr lange blonde Haare.
    Und ich hörte aus dem Gebrüll heraus, dass sie »moderne Zeit« spielen
wollten.
    Die Nilpferdchen schnitten ruhig ihre zierlichen Bogen auf dem Eise weiter.
    Aber die Dürren spielten vor mir »moderne Zeit«.
    Es war ein unbeschreiblicher Spass.
    Nicht Alles konnte ich deutlich erkennen. Ich sah nur, dass die Dürren unten
auf dem Eise immer wieder neue Rankengruppen bildeten und die dann immer wieder
mit Gebrülle umwarfen, so dass es viele blutende Nasen gab.
    Doch die blutigen Nasen störten die Heiterkeit durchaus nicht; auch die
Nilpferdchen mit ihrem unermüdlichen Bogenschneiden störten die Heiterkeit
keineswegs.
    Die Gesichter der Dürren bekamen oft einen Ausdruck, der mich an bekannte
Persönlichkeiten erinnerte, die vielleicht heute noch auf der Erdrinde eine
Rolle zu spielen sich einbilden.
    An unglaublichen Hohnspässen fehlte es nicht - und es wurde furchtbar viel
geredet - und ich habe niemals in so kurzer Zeit so viel dummes Zeug gehört.
    »Das charakterisiert!« sagten die Dürren nach jeder dummen Redewendung.
    Es hörte sich an, als wollte sich Jeder bloss blamieren - durch Albernheit,
Unwissenheit und Dünkel.
    »Vortreffliches Bild der modernen Zeit!«
    Das riefen sie wohl hundert Mal dazwischen.
    Während es nun so aussah, als wenn auf dem Eise ein Heer verrückt gewordener
Akrobaten und Schlangenmenschen sich herumbalgte, hörte ich plötzlich wieder die
Stimme des mir schon bekannten Vorlesers.
    »Meine Herren,« rief sie, »hier habe ich ein Manuskript, das die
Bornierteit der modernen Zeit in klassischer Weise symbolisiert.
    Es ist der Monolog des verrückten Mastodons.«
    Die Nilpferdchen standen plötzlich still und waren ganz starr; sie staunten
den Vorleser mit offenem Maule an.
    Ich war empört und rief wütend:
    »Das ist ja eine längst veraltete Geschichte - die zählt nicht mit.«
    Aber die Dürren bildeten wieder im Nu ein paar Dutzend Leibersäulen - und
vereinten sich dann so, dass sie zusammen einer ägyptischen Pyramide glichen.
    Auf diese Pyramide kletterte der Mann mit dem Monologe rauf - und las oben
vor - mit furchtbar ernstem Tonfall:
                        Monolog des verrückten Mastodons
Zépke! Zépke!
    Mekkimápsi - muschibróps.
    Okosni! Mamimûne ...
    Ekakróllu róndima sêka, inti ... windi ... nakki; pakki salône hepperéppe -
hepperéppe!!
    Lakku - Zakku - Wakku - Quakku - - - muschibróps.
    Mamimûne - lesebesebimbera - roxróx - roxróx!!!
Quilliwaûke?
    Lesebesebimbera - surû - huhû ...
Was hierauf folgte, weiss ich nicht mehr.
    Ich weiss nur, dass ich später in einem sehr schönen Schlafzimmer aufwachte.
    Ich lag in einem sauberen Bett, und mit taten alle Glieder weh. Und eine
ganz alte Dame trat in mein Zimmer und sagte freundlich:
    »Dir ist wahrscheinlich so zu Mut, als wenn Du Kater hättest. Nun - da passt
ja wohl das Märchen vom blauen Hund in Deine Stimmung hinein. Gestattest Du, dass
ich die Geschichte den Herren vom Nil bringe?«
    »Ich gestatte!« sagte ich.
    Und die alte Dame ging mit dem Märchen davon. Mir war so wüst im Kopf.
    Und die Herren vom Nil lasen im Nebenzimmer mein altes Manuskript.
 
                          Das Märchen vom blauen Hund
Der Ritter Knut Lemcke von Bullerstein hat endlich ausgeschlafen, hat gleich
sein Panzerhemd angezogen, Stahlhaube auf den Brummschädel gestülpt und sein
Schwert in die Hand genommen.
    Mit dem rechten Fuss stösst er die Tür zum Altan grimmig auf und saugt die
frische Abendluft in langen Zügen schmunzelnd ein.
    Da steht er nun auf seinem Altan. Die Sonne geht drüben über'm
Birkenwäldchen grade unter.
    »Lange geschlafen!« sagt der Knappe und setzt den Morgenimbiss auf den Tisch
- Eier, Schinken, Butter, Brot, sauren Aal und eine Kanne Moselwein.
    Der Ritter isst und trinkt und denkt an die wüste Nacht, die nun auch hinter
ihm liegt.
    Die Sonne geht unter - der Mond geht auf.
    Der Knappe bringt ein gebratenes Huhn nebst rotem Wein und verschwindet
wieder - lautlos wie ein stiller Schatten.
    Knut beugt sich über die Brüstung des Altans und schaut in die tiefen,
bewaldeten Abgründe; er denkt an was, vergisst es aber gleich wieder. Die Spitzen
der Tannen, Fichten, Buchen, Erlen und Eichen sind tief, tief unter Knut. Der
Mond bescheint die welligen Waldberge und auch die stramme Burg.
    Der Ritter beisst ins Huhn und lässt die Wälder das sein, wie sie sind. Doch
plötzlich hört er's bellen da unten.
    »Wetter!« ruft er, »ist das nicht mein toter Hund? Der bellte doch grade
so.«
    Er erhebt sich und brüllt: »Hopsmajor!« - denn so hiess der Hund bei
Lebzeiten.
    Der Vollmond leuchtet unheimlich hell. Hopsmajor bellt - die Echos umhallen
Knutens Ohr.
    Der Hund kriecht langsam an der Burg empor; Knut hört's ganz deutlich. In
den Hecken raschelt's, alte Ziegelsteine rollen ins Tal, und dazwischen bellt
der dumme Köter.
    Dem Ritter Lemcke von Bullerstein sträuben sich sämmtliche Haare, er murmelt
mit grossen Augen: »O Karoline!«
    Jetzt ist der Hund dicht unter der Brüstung, das Gebell wird schrecklich
laut, Lemcke stösst vor Schreck auffahrend mit dem linken Ellenbogen die Kanne
um, und der gute Rotwein übersprudelt die Fliesen des Altans.
    »Knut! Knut!«
    So hört der Ritter rufen unter der Brüstung, und »Hopsmajor!« stösst er
heiser hervor. Und danach sieht der Herr von Bullerstein seines toten Hundes
Antlitz über der Brüstung.
    »Das Tier hat sich doch stark verändert,« denkt sein Herr, »denn es ist ganz
blau, ganz blau - wie Blaubeeren.«
    »Nu?« brüllt der Hund finster, »wunderst Du Dich denn gar nicht, mich heute
Abend im Mondenschein wiederzusehen?«
    Hopsmajor, eine kräftige Dogge, legt die Vorderpfoten auf die Brüstung, der
Ritter stottert: »Ich - ich wun - wundre mich nie!«
    »Denn nich!« erwidert lächelnd die blaue Dogge. »Weisst Du auch, was ich
jetzt vorstelle!«
    »Nee!« versetzt der Lemcke, »nee!«
    Zwei haarfeine Blitze umzucken den Mond - wie Eichenäste sehen sie aus.
    Hopsmajor zieht die Hinterbeine nach und geht auf der Brüstung des Altans
langsam auf und ab. Der Ritter reicht dem Tier den Rest des Huhns, doch der Hund
winkt mit der linken Vorderpfote ab.
    »Aber!« ruft der gute Knut - Hand mit Huhn sinkt in den ritterlichen Schoss.
    Des Hundes rechtes Hinterbein, das auch ganz blau ist wie der ganze Hund,
wird dick - und dicker - und dann immer länger - riesiglang - bis in den Himmel
reicht es bald hinein - bis an die Sterne. Die Krallen kratzen an den Sternen,
und dann wird das Bein wieder so, wie's war.
    »Nu?« fragt der Hund, »weisst Du nu, was ich vorstelle?«
    »Nee!« heisst es wieder.
    Itzo wird der Kopf des Hopsmajors immer grösser und dicker - so gross, dass der
Ritter gar nicht mehr das ganze Tier sehen kann - bloss die grosse Riesenschnauze
sieht er - Nichts als Schnauze! Die Schnauze drückt den Herrn Ritter an die
Wand, dass der »Au!« schreit. Und da wird der Hundskopf wieder, wie er war.
    Der Hund fragt abermals: »Nu?« und abermals heisst es: »Nee!« Indes - alsdann
wird der ganze Rumpf hinter den Vorderpfoten grösser und dicker - so gross und
dick, dass der Leib bald die sämtlichen Täler unterm Altan ausfüllt.
    »Donnerwetter! So blau und so dick!«
    Also Knut.
    Der Hund fragt aber zum dritten Male: »Nu?« und zum dritten Male heisst es:
»Nee!«
    »Ich will's Dir sagen,« brüllt nun ärgerlich der blaue Hopsmajor, dessen
Kopf lächerrlich klein aussieht dem riesigen Sackleibe gegenüber, »ich bin - das
sag ich Dir unter vier Augen - das Symbol des Vornehmen.«
    »Dacht ich mir - scho - schon!« stottert der Knut, »wi - willst Du - Du mir
- wei - weiter Nichts mi - mitteilen?«
    Hopsmajor räuspert sich und bemerkt in distinguiertem Tonfall:
    »Ich werde mich ganz klar aussprechen.«
    Den Mond umzucken wieder zwei haarfeine Blitze. Knut beisst noch mal ins
Huhn, ärgert sich, dass er nichts zu trinken hat, freut sich, dass dem Hunde jetzt
die sämtlichen Tannen, Eichen, Erlen, Buchen und Ahorns in den Bauch picken -
der Hopsmajor aber beginnt so:
    »Mein lieber Freund Knut Lemcke von Bullerstein, Du bist sonst ein ganz
famoser Kerl, dessen vornehme Lebensallüren mir schon während meiner
gewöhnlichen Lebenszeit beträchtliche Genüsse verschafft haben. Du bist unter
allen Umständen zu allen Zeiten ein wahrhaft vornehmer Mann, den man ohne
Weiteres seines Umganges würdigen darf. Nimm zunächst mal eine kleine Prise!«
    Der blaue Hopsmajor nimmt fix eine Schnupftabaksdose aus seiner rechten
Backentasche und reicht sie seinem früheren Hausherrn. Beide schnupfen und
niesen, und der Blaue fährt fort:
    »Nur dann, wenn Du angetrunken bist - die Bauern sagen Sternhagelduhn - dann
bist Du so, dass man Dich nicht für vornehm erklären kann. Mensch, merkst Du
nicht, dass diese Angelegenheit höchst peinlich geworden ist? Du wirst im
angesoffenen Zustande - und in diesem befindest Du Dich doch in jedweder
Gesellschaft - teils zu grob und teils zu liebenswürdig. Du behältst nicht die
Balance. Du drückst die grössten Peter der Menschheit, die selbstverständlich
Peter niemals heissen, in ungebändigter Rührung an Dein edles Ritterherz und
merkst gar nicht, dass diesen Petern Deine Rührung höchst lächerrlich vorkommt, da
sie von der ewigen Sehnsucht der Besoffenheit nicht die blasseste Ahnung haben.
Andrerseits aber geht's wieder folgendermassen: Merkst Du, dass Du Dich mit Deiner
seelischen Entblössung lächerrlich machst, so haust Du dem nächsten Besten - und
das sind immer noch die Leidlichsten - ohne Scham und Mitleid ins lachende
Antlitz. Und aus solchen Wutausbrüchen entstehen dann ganz alberne
Mopsgeschichten, da Du nachher von Nichts mehr die blasseste Ahnung hast und
oftmals in sehr wenig vornehmer Weise grade diejenigen um Entschuldigung
bittest, die Du hättest verhauen sollen. Mensch, höre: Sterne verkratzen, mit
der Schnauze Alles bedrängen und Sich recht breit machen - darin allein steckt
das wahrhaft vornehme Wesen - das zügellose Temperament sollen Andre nicht
sehen!!!
Sauf drum hinfüro ganz allein,
Mein lieber Lemcke von Bullerstein!«
Und es gibt einen fürchterlichen Knall, Knut springt in die Höhe - und sieht die
Täler mit blauen Mondnebeln bedeckt.
    In der Hand hält der Ritter noch immer das Stück Huhn, und der Altan
schwimmt - Alles Rotwein!
    »Stimmt!« sagt Knut Lemcke von Bullerstein.
    »Gäste!« sagt devot der Knappe, der etwas verschlafen aussieht.
    »Achherrjeh!« schreit dazu der arme Knut, »o Karoline!«
    Der Knappe eilt davon, der Herr Ritter folgt ihm, denn die Gäste warten - er
murmelt in seinen krausen Bart:
»Sauf drum hinfüro ganz allein,
Mein lieber Lemcke von Bullerstein!«
Wie der grosse Knut die Treppen runterstolpert - zum Ahnensaal - murmelt er noch:
    »Na - nächstens!«
Als ich glaubte, die Herren vom Nil müssten zu Ende gelesen haben, rieb ich mir
die Augen und - ja - und ich war nicht mehr im Bett - ich sass wieder wie sonst
den alten Herren gegenüber.
    Und der King Tutmosis sprach mit seiner sanften Stimme:
    »Wir haben Deine leichten Bilder und das Märchen vom blauen Hund gelesen und
freuen uns, dass Du jetzt ausgeschlafen hast.«
    Ich sah die Herren etwas verdutzt an - aber sie lächelten - und das sah so
verschmitzt aus - des breiten Mundes wegen. Nun - ich war wohl neugierig, jedoch
ich vergass meine Neugierde, denn mich bewegte plötzlich eine andere Sache.
    »Ich möchte,« sagte ich, »über die Unsichtbaren, die uns hier bedienen, ein
wenig aufgeklärt werden.«
    »Du willst also,« sagte nun der Oberpriester Lapapi, »andre
Erscheinungsformen der Welt kennen lernen.«
    »Das ist,« erwiderte ich, »nicht so ganz richtig, dass Geister, die mit einer
anderen Substanzäusserung zusammenhängen, über ihre Sphäre hinausgehen und in die
unsre hineinragen - und in dieser sogar tätig sind. Diesen Zusammenhang zweier
Sphären möchte ich begreifen lernen. Im gewöhnlichen irdischen Leben habe ich
ein derartiges Zusammenklingen zweier Sphären wohl für möglich gehalten - aber
es war mir doch im Grunde sehr rätselhaft und unwahrscheinlich. In diesem
Felsenpalaste werde ich nun scheinbar eines Besseren belehrt; was mir unmöglich
schien, ist hier ein Alltägliches. Also kurz gesagt: ich möchte wissen, wie die
Erscheinungsformen der Welt sich zu einander verhalten.«
    Dazu sagte der Oberpriester Lapapi:
    »Es wäre doch allzu seltsam, wenn die unzähligen Erscheinungsformen der Welt
nicht zu einander Beziehungen haben sollten. Die unendliche Zahl der
Kombinationen und Permutationen wird auch in den Beziehungen der
Erscheinungsformen unter einander das herrschende Prinzip sein. Also: es wird
Wesen, die in mehreren Sphären zu gleicher Zeit leben, ebenso gut geben, wie
Wesen, die nur in einer Sphäre leben. Es wird auch Wesen geben, die sich
Letzteres bloss einbilden, dieweil sie die anderen Sphären, in denen sie sonst
noch leben, für eine kurze Zeit vergessen haben. Es gibt auch hier die
unendliche Zahl von Komplikationen, die auszudenken uns naturgemäss etwas schwer
fällt. Vielleicht denkst Du mal darüber nach - vergiss es nur nicht!«
    Der Pyramideninspektor Riboddi fragte mich hiernach, ob ich mich mal ans
Fenster setzen möchte, um mir die Gebirge anzusehen.
    Ich war gerne bereit dazu.
    Doch der König Ramses wollte nun noch ein paar Manuskripte von mir haben.
    Das berührte mich plötzlich sehr peinlich - und ich sagte schnell:
    »Es liegt etwas Demütigendes in Ihrem Wunsche, Herr Ramses! Sie wissen, dass
meine Arbeiten Ihnen nichts bieten können. Ich vermisse jetzt selber in meinen
Arbeiten den grossen Hintergrund, und es tut mir daher gar nicht mehr leid, dass
sich einzelne meiner Geschichten verloren haben - den grossen Hintergrund haben
sie ja sämtlich nicht. Kurzum: ich kann nur sagen, dass ich mich eigentlich aller
meiner Geschichten schäme. Ich sehe durchaus ein, dass nur die Poesie einen Wert
hat, die von Leuten hervorgezaubert wird, denen die Grandiosität der Welt in
Fleisch und Blut übergegangen ist - und die niemals vergessen, dass Alles, was
wir mit unsern Sinnen wahrnehmen und durch Komposition der Sinneswahrnehmungen
denken können - nur einer einzigen Sphäre angehört, hinter der unendlich viele
andere Sphären stecken. Nur wer das ganz in sich aufgenommen hat, kann
Kunstwerke schaffen, die der Rede wert sind.«
    Nach dieser Rede erhob sich der König Ramses und sagte zu den andern
Nilpferden:
    »Edelste Pferde vom edelsten Nil! Hebt mich auf den Tisch, denn ich will
eine Rede reden, die der Rede wert ist.«
    Die sechs andern alten Herren taten, wie der Ramses bat - und er sprach nun
mit beweglichen Gesten, während er eine Pincette auf jeder Vorderpfote auf und
zu schnappen liess, auf dem Tisch wie folgt:
    »Edelster Onkel aus Europa! Wenn wir so denken wollten wie Du in Deiner
scheinbar harmlosen Bescheidenheit zu denken beliebst, so würden wir 99% der
Welt für überflüssig erklären - und mit dem letzten grossen Perzent würden wir
auch nicht viel anzufangen wissen. Edelster Onkel, es ist eben durchaus
verkehrt, wenn wir bloss das scheinbar Edelste für wertvoll halten mögen - Alles
hat seinen Wert - mindestens seinen Übergangswert. Das Edelste ist ein solches
nicht, wenn es sich nicht aus einer weniger edlen Masse herausheben kann. Und
ausserdem sind doch die Faktoren der ganzen Wertschätzungsgeschichte nur
Scheinfaktoren, nicht wahr? Was wir Dir beibringen wollen, ist doch
hauptsächlich:
    Schätzung der ganzen Welt. Du sollst Dich daran gewöhnen, in Allem etwas
Edles zu sehen. Oh, wir wissen ja, dass du das stets gewollt hast - aber vom
Wollen bis zum Können ist noch ein weiter Schritt - wohl mehrere weite. Wir
wissen andrerseits sehr genau, dass Du zuweilen Diesem und Jenem aus moralischen
Gründen ins Gesicht schlagen möchtest. Das tut aber doch kein gebildeter Mensch
- für den gibt's eben keine Schurken. Der Gebildete hasst die Dummköpfe in keinem
Falle - er weiss, dass auch Schurken bloss Schurken sind infolge Mangels an
Verstand. Ein wirklich intelligenter Lump wird ein ganz anständiger Kerl sein,
da nur ein Schafsgesicht einen nicht ganz sauberen Gedankengang in sich
entstehen lassen kann. Und darum - entschuldige, dass ich's mit der Logik nicht
sehr genau nehme - sind wir überzeugt, dass an Allen was auszusetzen ist, da es
mit der Verstandeskraft der uns bekannten Lebewesen nicht vollendet aussehen
kann. Denn wäre der Verstand Aller vollendet - so müsste ein Ei dem andern
gleichen - was bekanntlich nicht der Fall ist. Und darum verlangen wir auch in
den Kunstwerken nicht bloss die edelsten Terrassen und Dächer - sondern auch alle
Stufen, die hinaufführen. Und darum - - - sind uns Deine Manuskripte durchaus
nicht so überflüssig. Und Dir soll das Geschreibsel der grössten Rhinozerosse
auch nicht so überflüssig erscheinen. Und darum wollen wir itzo in erster Linie
wieder was von Dir lesen. Hast Du nun wieder Mut? Ja? Na - da siehst Du es.«
    Ich musste lächeln, biss mir auf die Unterlippe, gab drei Sachen und liess mich
auf einen Balkon führen, um die weissen Schneekuppen der Berge zu sehen - blauen
Himmel, Schatten und Sonnenschein -
    Während ich allein auf dem Balkon sass, lasen die Ägypter, was ich ihnen
gegeben hatte.
 
                               Der lachende Wolf
»Guten Morgen!« sagte das gutmütige Trampeltier.
    Der Wolf aber lachte unbändig.
    »Warum,« frug nun ganz ernst das Trampeltier, »musst Du so schrecklich
lachen?«
    Der Wolf lachte noch stärker.
    Das Trampeltier schüttelte den Kopf und konnte sich die Sache nicht
erklären.
    »Klär mich auf!« rief das Tier schliesslich wütend.
    Der Wolf lachte am stärksten und sprach dann:
    »Am besten lacht es sich doch, wenn man gar keinen Grund zum Lachen hat. Das
ist ja das wahre Lachen.«
    Und der Wolf lachte wie hundert glückliche Goldgräber; das ganze Wald- und
Wiesenland lachte mit.
    Das Trampeltier ging verblüfft um die nächste Ecke - da schrie's laut:
    »Dieser Wolf!«
 
                                 Die Roseninsel
                                Ein Klexmärchen
Unter einem dunkelblauen Himmel schwamm eine Insel, die von oben bis unten mit
Rosen bedeckt war - mit weissen, gelben und roten.
    Das war die köstliche Roseninsel!
    Wege gab's auf der Insel nicht, denn es wohnte da Niemand; die Rosen blühten
und dufteten überall, dass die ganze Insel wie ein schwimmender Rosenstrauss
aussah. Aber dieser Strauss war nicht glücklich - denn das Meer, in dem er
schwamm, war pechrabenschwarze Tinte.
    Und wenn's windig wurde, spritzte die pechrabenschwarze Tinte hoch auf, so
dass die meisten Rosen schwarz gesprenkelt wurden. Das machte die Rosen recht
hässlich, und die Hässlichkeit machte die eitlen Blumen unglücklich.
    Es war den Rosen ganz unerträglich, dass Niemand nahte, um sie zu bewundern.
    Indessen - eines Tages segelte ein buckliger Zwerg auf einem Silberschiff
übers grosse Meer - und kam dabei auch in die Tinte - wie schon Manche vor ihm.
    Während aber die Andern immer möglichst schnell aus der Tinte wieder
rauszukommen strebten und sich für die beklexte Roseninsel durchaus nicht
begeistern konnten - fiel es dem buckligen Zwerge gar nicht ein, die Tinte für
ein Übel anzusehen - ganz im Gegenteil!
    Der Bucklige wollte nämlich ein Land entdecken, das anders ist als alle
andern Länder und von allen Menschen seiner Absonderlichkeit wegen gemieden
wird.
    Nun - solch ein Land war eben die Roseninsel - das war die richtige Welt,
die er suchte - die war ganz anders als die gewöhnliche Menschenwelt.
    Und die Rosen gefielen dem Buckligen über alle Massen. »Schwarzgefleckte
Rosen! Wonnige Klexblumen!« rief der kleine Mann schwärmerisch aus, »kommt an
mein edles Herz! Die Welt, die mit Tinte befleckt ist - die Welt ist allein mein
wahres Heimatland - da sieht endlich mal Alles anders aus.«
    Und die Rosen kicherten.
    Aber der Bucklige landete, bahnte sich ein paar Wege bis in die Mitte der
Insel und baute sich dort mit den Planken seines Silberschiffes einen kleinen
Palast, allwo er lebte bis an sein seliges Ende.
    Die Rosen waren glücklich.
    Man kann sich eben auch in der Tinte wohl fühlen.
    Der buckliche Zwerg fühlte sich jedenfalls in der Tinte ausserordentlich wohl
- nur da war er wirklich auf Rosen gebettet.
    O du merkwürdige Rosenwelt!
    O du sonderbare Tinte!
    O du beneidenswerter Zwerg!
 
                                   Silentium!
Sehr merkwürdige Affenpinscher stürmen in die Arena, das Publikum staunt, die
Pauken donnern, und die Fidelbogen flitzen über die süssen Saiten der drolligen
Knackmandel. Hinten rauscht ein altes Seidenkleid, in den Glühlampen zucken
junge Geisterquallen.
    Die Affenpinscher aber halten sich den Mund zu und sagen nichts.
    Was ist passiert?
    Die Erde hat sich eine Schlafmütze über die Ohren gezogen - eine dicke
Schlafmütze!
    Still! Still!
    Jetzt bloss ruhig sein!
    Still! Still!
Während die alten Ägypter drinnen lasen, sass ich draussen auf dem Balkon in einem
sehr bequemen Sessel und rauchte meine nahrhafte Zigarre und schaute zuweilen
über die Balkonbrüstung hinunter in die grausigen Abgründe, in deren Tiefe
Wälder und Dörfer schimmerten.
    Und dann sah ich wieder hinüber zu den weissen Schneekuppen der Berge, die
unter dem blauen Himmel mächtig leuchteten - mächtiger leuchteten als weisses
Papier - da der Schnee doch komplizierter ist.
    Und ich sah Schatten und Sonnenschein - und Alles atmete tiefen Frieden -
die Berge lagen so ruhig da - wie schlafende Kinder. Ich dachte an die
Unsichtbaren und freute mich auf all das Leben, das ich später noch führen würde
- mit andern Geistern zusammen - in mehreren Sphären zu gleicher Zeit. Und ich
nahm mir vor, schon in meinem irdischen Leben so viel wie möglich vom
zukünftigen durch Kombination vorwegzunehmen und zu Poesie zu machen.
    »Ausschöpfen lässt sich ja,« sagte ich zu mir selbst, »die grosse Welt doch
nicht. Je mehr man von ihr kennen lernt, um so grösser wird für uns das, was sie
immer noch ausserdem hat.«
Dann sollte ich noch mehr Geschichten geben.
    Und ich gab - noch vier.
 
                           Ich lass' Dich nicht los!
                                  Ein Zerrbild
»Ich will, was ich will!« schrei ich ihm schrill wie eine Lokomotiven-Pfeife
dicht überm Ohrläppchen ins immer noch nicht ganz taube Ohr.
    Und da hab' ich ihm den Rock zerrissen.
    Und da hab' ich ihm mit dem Zeigefingerknöchel der linken Hand in das
Fleisch gestossen, das ihm überm Herzen sitzt.
    Und dann hab' ich ihm an den Schlund gepackt, dass er die Augen verdrehte -
wobei ihm der Schlips abfiel.
    Ich habe seinen dummen Schlips zertrampelt, und dann habe ich - wild
ausgesehen wie ein Teufel.
    Und da hat er Angst bekommen und sich nicht länger gewehrt.
    »Ich lass' Dich nicht los!«
    Diese Worte sagt ich ihm so klar und deutlich, dass er vollkommen das
Selbstbewusstsein verlor.
    Nun geht er ruhig neben mir - mein Schatten - mein Zerrbild! Er sagt auch zu
mir: »Ich lass' Dich nicht los!« Es klingt mir öfters sehr unheimlich - ich
möchte eigentlich wieder allein sein.
    Diese verdammte Gier!
    Diese verfluchte Sehnsucht!
    Dieses alberne Herrschenwollen!
    Alles dieses lässt uns auch nicht los - Nichts lässt los! Diese Welt ist doch
sehr fest ...
 
                                     Tief!
Glatt und grau liegt vor mir - unter mir - das grosse Wasser, das endlos ist wie
der Unsinn.
    Schönes grosses Wasser, hast Du mich lieb?
    Eine merkwürdige Gestalt kommt hinten aus Dir heraus und geht auf Dir - wie
ein dicker Rentier auf'm Tanzboden geht - nach einer Bierreise!
    »Gestalt, die Du da so unheimlich nahst, bist Du betrunken? Du gleitest ja
immer aus! Geh vorsichtiger! Langsamer! Nicht mit beiden Füssen zugleich! Immer
erst den linken und dann den rechten Fuss - oder umgekehrt!«
    Die merkwürdige Gestalt, die ganz in einen weissen Mantel gehüllt ist, kommt
wirklich näher, obgleich sie fortwährend ausglitscht.
    Es muss ein seltsames Vergnügen sein, auf dem grossen Wasser, das immer grau
ist wie ein alter Sumpf, so mit Anstrengung herumzuglitschen.
    »Mensch,« rief ich, »wenn Du ein Mensch bist und Deutsch verstehst, so sage
mir, warum Du da so beängstigend auf dem grossen Wasser herumschwankst. Betrunken
bist Du nicht - sonst lägst Du längst auf der Nase.«
    »Es ist eben,« versetzt der fortwährend ausgleitende junge Mann, »so
furchtbar schwierig, hier zu gehen.«
    »Na, das merkt ein Pferd!« schrei ich ihm zu, »warum machst Du Dir denn die
Mühe? Warum bist Du nicht zu Hause geblieben?«
    »Ich will,« hüstelt nun der köstliche junge Mann, »unter allen Umständen für
tief gehalten werden.«
    Mir wird ganz eigen zu Mute. Ich verstehe dieses Individuum durchaus nicht.
Die Quälerei soll für tief gehalten werden? Hat man nicht schon genug zu leiden?
Soll man sich noch Extra-Wunden schlagen? Dem Kameel da unten geht's wohl wieder
mal zu gut.
    »Das Schwierigste ist das Tiefste!« flüstert der alberne Geck, »mir kann
nichts schwierig genug sein. Mir gefällt übrigens der schlüpfrige Pfad ganz
ausgezeichnet.«
    »Ach so!« brüll' ich nun, »Dir kommt's nur auf die Schlüpfrigkeit an!
Mensch, Du bist wirklich tief!«
    »Tief! Sehr tief!« stösst heiser - wie stets - das Gespenst hervor und
glitscht weiter, als ginge es auf einem eingeseiften Walross.
    Es ist nicht mehr zum Ansehen.
    Es ist zum Schiessen!
    Gleich muss der dumme Kerl auf der Nase liegen!
    Das soll alles »tief« sein!
    Es ist zum Schreien!
    Schlacht ein Schwein!
    Schlacht Dein zerbrochenes Nasenbein!
    Das ist noch tiefer, da's schmerzhafter ist.
    Ich steige höher - in die hellen Wolken hinein.
    Das ist wahrscheinlich nicht tief!
    Aber ich glaube leider nicht daran, dass man weiterkommt, wenn man
runterkommt.
    Ich bin wohl zu vernünftig ...
    Ich kann's aber nicht ändern!
    Ewig ausgleitendes Gespenst! - Du bist mir schrecklich - wie ein Alb auf der
Brust! Fall doch!
 
                                 Nackte Kultur
                                 Schwarzer Spass
Schwipp! Da flogen die schwarzen Cylinder, die weissen Bäffchen, die Trikots und
Chemisettes, die Frackschösse und die Ärmelröcke, die Strümpfe, Krinolinen und
alle die andern Höllenhüllen auf die grossen Scheiterhaufen rauf.
    Die Flammen loderten majestätisch zum afrikanischen Himmel empor, und die
schwarzen Herren und Damen aus Afrika umtanzten die lodernden Flammen wie die
Besessenen.
    Nackt waren die schwarzen Menschen - splitternackt. Zehn Volksredner aus
Europa hatten es fertig gebracht, ganz Afrika zu revolutionieren.
    »Schwarze Menschen!« hatten die Volksredner gesagt, »Ihr müsst eine neue
Kultur begründen. Lasst Euch von den Europäern nichts weiss machen. Die Europäer
sind mit ihrer unnatürlichen Kultur sehr unzufrieden, da die vielen
Kleidungsstücke den ganzen Menschen beengen. Werdet wieder nackt, wie ihr
einstmals waret - und Ihr werdet plötzlich an der Spitze einer neuen Kultur
stehen - an der Spitze der nackten Kultur - der natürlichen Kultur - die dem
Menschen gestattet, frei zu leben - frei von allem Plunder. Es lebe hoch der
nackte Mensch mit der splitternackten Kultur! Hört Ihr schon was näher kommen?
Hört Ihr's noch nicht? Es sind die Maler und Bildhauer, die da kommen! Sie eilen
aus allen Erdteilen herbei und wollen sich bei Euch niederlassen - da sie im
nackten Menschen das ächte wahre Kulturideal erblicken. Das Fleisch ist der
grosse Trumpf der Natur - die Kulturauster - also - hoch das schwarze
Menschenfleisch! Hoch! Hoch!«
    Und die Schwarzen entkleideten sich allesamt - und standen nun da in ihrer
stolzen Nackteit wie Adam und Eva im Paradiese. Die schwarzen Leute umtanzten
mit ihren schwarzen Weibern die Scheiterhaufen, auf denen all die lächerlichen
Bekleidungsgegenstände endgiltig verbrannten.
    Und dann arrangierten die sämtlichen nackten Völker des heissen schwarzen
Erdteils einen grandiosen Küstenreigen mit Pechfackeln. Die Kinder trugen die
Pechfackeln.
    Die Schwarzen fassten sich alle gegenseitig an die Hände und bildeten so eine
mächtige Riesenkette - und die Riesenkette hatte die Form einer Landkarte von
Afrika - denn diese Menschen-Kette drückte auf die sämtlichen Meeresküsten des
afrikanischen Kontinents. Um die unzähligen Mohrenfüsse plätscherte das
Seewasser. Die Kinder mit den Fackeln jauchzten.
    Also zeigte sich die neue Kulturhorde den zurückgebliebenen Erdteilen in
ihrer stolzen Nackteit.
    Die zehn Volksredner aus Europa standen ganz nackt in dem
Äquatorsonnenschein und gratulierten sich händeschüttelnd - dem hagersten von
den zehn Volksrednern war allerdings die neue Kultur noch lange nicht nackt
genug; und sie beschlossen, in Europa hundert Millionen Rasiermesser anfertigen
zu lassen - alle Haare sollten rasiert werden - sogar die Augenbrauen und die
Wimpern.
    Die Schwarzen aber tanzten auf den Meeresküsten wie die Besessenen; sie
drückten sich dabei immer fester die schwarzen Hände; die schwarzen Seelen
dampften.
    Das war ein Kettentanz! Das war ein Befreiungstanz!
    Das war das erste nackte Kulturfest mit flackernden Pechfackeln und bewegten
Beinen.
    Alle Mannsleute und auch die Weibsleute waren ganz aus dem Häuschen.
    Alle Künstler der Erde klatschten Beifall mit ungeheurem Eifer.
    Durch den kolossalen Schall entstanden viele Gewitter mit Blitz und Donner.
    Die Rasiermesser kamen langsam näher - auf reichbeflaggten
Regierungsdampfern.
    In Timbuktu sollte den schwarzen Leuten das kunstgerechte gegenseitige
Einseifen beigebracht werden; das Rasieren verstanden sie bereits - nur mit dem
Einseifen wollte es immer noch nicht so recht gehen.
    Die Seifensieder freuten sich so - wie Künstler und Barbier.
 
                                   Heisse Luft
»Wie wird mir?« rief der Stern Klixu.
    Ihm wurde so merkwürdig - Alles dehnte sich in ihm, und es ging so'n grosses
Behagen durch seinen Leib.
    Und die ganze Welt schien ihm immer schöner zu werden - so lustig.
    »Wie wird mir?« rief der Stern Klixu.
    Er war in eine andre Weltgegend gekommen - wo die Luft heiss ist.
    Was doch die Luft macht!
Dann war ich wieder mit den Nilpferdchen in einem kolossalen Grottensaal
zusammen.
    In diesem Grottensaal gab's an den Wänden und Säulen und auf den Terrassen
zwischen den feinsten Tropfsteingebilden unzählige blinkende Wasserfälle, die
aber lautlos waren - was recht unheimlich, doch nicht unangenehm wirkte.
    Während wir nun langsam an stillen Teichen mit lautlosen Fontänen
vorüberwandelten und ich mich im Stillen über alle diese Wunderwelten mal
ordentlich auswunderte, fiel mir plötzlich schwer aufs Herz, dass auch diese
herrliche Zeit ein Ende nehmen müsste - und dass ich auch den alten Ägyptern bald
fern sein würde.
    Und mir traten, ohne dass ich's wollte, ein paar dicke Tränen in die Augen -
ich lachte zwar gleich - aber die Ägypter merkten doch, was los war.
    Und wir sprachen vom Abschiednehmen.
    Der General Abdmalik meinte:
    »Als ich noch in Syrien gegen die Chetiter kämpfte und so manchen guten
Kameraden durch den Tod verlor, wurde mir sehr bald klar, dass uns der Gestorbene
oft viel näher ist als der Lebende. Die Leute, die sich bloss mögen, solange sie
sich gegenseitig ins Auge sehen können, sind sich nicht sehr gut. Es gibt
Freundschaften, für die es keine Entfernungen gibt - und auch keine zeitlichen
Unterschiede. Und darum glaube ich, dass auch Du, lieber Onkel, bei uns bleiben
wirst, wenn Du fort bist. Und darum sei nicht traurig. Werde nicht böse! Das
Wort Freundschaft genügt natürlich für derartige Zusammenhänge verschiedener
Lebewesen ganz und gar nicht. Für die besten Dinge hat eben die menschliche
Sprache Worte noch nicht gefunden.«
    »Und darum,« fiel nun der Pyramideninspektor ein, »müssen wir jetzt ganz
besonders lustig sein und uns fest einprägen, dass es lichtlose Situationen nicht
gibt. Wenn wir auch mal scheiden müssen - es ist auch das gut so. Manche Wesen
wurden uns erst dadurch zu ganz ausserordentlichen Wesen, dass wir von ihnen
Abschied nehmen mussten. Das wird Dir auch zuweilen so gegangen sein. Das spielt
bereits ins Geisterhafte hinein. Doch bevor wir Dir mehr von dem ausserräumlichen
Zusammenhange der Kreaturen erzählen - musst Du uns etwas Längeres vorlesen -
eine Geschichte, die uns eine Erinnerung bleibt, die uns verbindet mit Dir, so
dass wir Dir auch helfen können, wenn Du nicht mehr bei uns bist.«
    Ich strich leise über Riboddis Kopf - Funken sprangen in meine Hand - und
ich suchte danach in meinen grossen Taschen lange Zeit.
    Und ich fand, was ich suchte - stieg auf eine Terrasse - und las dort:
 
                                      Lika
                             Eine Künstler-Odyssee
                                       I
Wie lachende Kinder schaukelten die Wellen auf der grossen See.
    Der Himmel war dunkelblau.
    Das Wasser war dunkelblau.
    Lika sass in einer feinen weissen Porzellanschale, deren Rand so kraus war wie
ein Kragen der Maria Stuart.
    Die ziemlich flache runde Schale zeigte im Innern krause Linien -
mattbraune, die sich zierlich verschnörkelten, wie altindische Schrift.
    Und ein orangefarbiger Sonnenschirm schützte die Lika vor den Strahlen der
Sonne.
    Der Schirmstock stak in der Mitte der Porzellanschale. Das orangefarbige
Schirmdach war aus Seide - nicht gebogen, sondern grad und steif wie ein Schirm
aus dem Lande der Chinesen.
    Lika wusste nicht recht, was sie denken sollte.
    Jedoch da tauchte plötzlich neben ihr im blauen Meerwasser ein dicker Triton
empor und fragte, nachdem er sich das Wasser aus den Augen gewischt hatte:
    »Nun, Lika, wohin willst Du?«
    Lika besann sich auf Worte, doch sie merkte, dass sie fast alle Worte
vergessen hatte.
    Nur ein Wort fiel ihr wieder ein - das Wort »Heimat«.
    Und die Lika rief laut:
    »Du, ich möcht' in die Heimat!«
    Der Triton fragte wieder:
    »Was willst Du denn da?«
    »Das Glück!«
    Der Lika war dieses zweite grosse Wort ganz unwillkürlich in den Mund
gesprungen.
    Jetzt merkte sie erst, was sie gesagt hatte, und sie lächelte darüber.
    Der Triton aber meinte:
    »Gut, so wollen wir die Heimat mit Deinem Glück suchen - nicht wahr, Lika?«
    »Ja!« sprach sie.
    Darauf schwamm der Triton - die Porzellanschale mit der Lika vor sich
herschiebend - gradaus.
    Die Lika liess sich das gern gefallen.
                                       II
Als sie nun so eine gute Strecke gefahren waren, sahen sie einen kleinen Turm am
Horizonte.
    Die Lika frug:
    »Was ist denn das da?«
    Und der Triton sagte Wasser prustend:
    »Das ist ein Leuchtturm!«
    Als sie ziemlich nahe daran waren, beugte sich ein riesiges Sprachrohr vom
Turme hinunter, und die beiden Kinder des Meeres hörten eine laute Stimme - die
frug dumpf:
    »Wer bist Du?«
    Der Triton versetzte mit schallendem Gelächter: »Ich bin doch der Triton,
der fidele Triton!«
    »Wen aber hast Du,« kam's nun wieder aus dem Sprachrohr, »in der
Porzellanschale?«
    »Das ist doch,« gab da der Triton zurück, »die kleine Lika - die will
wissen, wo ihre Heimat ist und ihr Glück.«
    »Ist das Kind sehr klug?«
    Also hörten anitzo die Beiden fragen, und die Lika gab zur Antwort:
    »Ich hab's gar nicht nötig, sehr klug zu sein, wenn bloss mein Triton sehr
klug ist.«
    Langes Schweigen.
    Dann aber brummte es im Sprachrohr:
    »Die Lika ist tatsächlich das klügste Kind der Welt. Ihr könnt in den Hafen
fahren.«
    Da klatschte die Lika vernügt in die Hände und tat ganz stolz.
    Der Triton jedoch brüllte laut:
    »Blase die Zwerge zusammen! Blase! Blase!«
    Und es geschah.
    Im nächsten Augenblick fingen tausend Blasen auf den Molen und am Ufer zu
blasen an.
    Das Blasen erschütterte die ganze Luft, sodass sich die Lika ihre beiden
kleinen Ohren mit den Zeigefingern zuhalten musste.
                                      III
Die Zwerge kamen eiligst herbei.
    Die Lika fuhr mit ihrem Triton in den Hafen und ward dort von den Zwergen
herzlichst begrüsst; sie schwenkten mit ihren riesigen gelben Strohhüten fröhlich
in der Luft herum.
    Und dann setzte sich der Triton mit seinen Fischbeinen bei der Feuerschänke
auf den Hafenrand.
    Der fidele Triton trank ein paar Eimer Jammerschnaps und erklärte den Zweck
seines Besuchs - er liess sich dabei gemütlich von den Zwergen das Kreuz reiben.
    Die Zwerge rauchten fast sämtlich gute Cigarren und sahen in ihren
buntdurchwebten Schlafröcken ausserordentlich gutmütig aus, obgleich sie sich
eigentlich nicht wenig einbildeten, denn sie waren Maler - ächte Künstler - und
wussten das sehr genau.
    Wie daher der Triton beim zehnten Eimer fragte: »Wo ist das Glück?« - riefen
alle Zwerge sofort:
    »Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann.«
    Und als der Triton beim zwölften Eimer fragte: »Wo ist die Heimat?« - riefen
die Zwerge abermals:
    »Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann.«
    Die Lika unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm kraulte sich hinter den
Ohren, kniff dem Triton in die Schuppen des linken Fischbeins und sagte:
    »Na, dann wollen wir nur das Land suchen.«
    Die Zwerge taten sehr erstaunt, und ein Dickkopf meinte:
    »Lika, eigentlich hätte ich Dich für klüger gehalten.«
    Der Triton lachte, Lika verstand das aber nicht.
    Und so verabschiedeten sich die beiden Kinder des Meeres, denn die Lika
hatte es furchtbar eilig.
    Die Zwerge bedauerten, dass der Besuch so kurz bemessen gewesen sei, liessen
wieder alle Blasen blasen, dass die Molen bebten - und dabei fuhr die Lika mit
ihrem Triton am Leuchtturm vorbei wieder ins Meer hinaus, allwo es etwas dunkler
wurde.
                                       IV
Es ward Nacht. Die Sterne gingen auf und der grosse Mond.
    Der grosse Mond beleuchtete das grosse Meer, und die Lika freute sich an dem
blitzenden Wellenglanz.
    Der Triton lenkte die Porzellanschale allmählich einem andern Lande zu;
einem grünen Lichte, das nur schwach am Horizonte vorschimmerte, kam er langsam
näher.
    Die Lika machte den Sonnenschirm zu, bog den Stock nach vorn, so dass die
Spitze sich auf den krausen Rand der Schale legte, und schlief ein bisschen ein.
    Als sie wieder erwachte, sah sie vor sich ein grosses schwarzes Gebirge.
    Unten, wo der Fels ins Meer stiess, war ein grosses zackiges Loch - das
schimmerte grün - da fuhr der Triton mit der Lika durch. Und nun schwammen sie
in einem weiten hohen grünen Grottensaal. In herrlichen Nischen standen weisse
Gestalten aus Stein.
    Die Lika sah sich ganz verwundert um.
    Unten war Alles Wasser, doch an den Seiten hinter den Nischen führten weisse
Treppen bis hoch in die grüne Lichtkuppel hinauf. Die weissen Gestalten aus Stein
waren von Menschenhand geschaffen; die beiden Kinder des Meeres waren bei den
Menschen - die kamen jetzt langsam die weissen Treppen hinunter.
    Die ernsten Bildhauer in ihren weissen Gewändern glichen mit ihren langsamen
Bewegungen bösen Gespenstern.
    Die Lika hielt den Atem an; ihr lief's kalt über den Rücken.
    Die Bildhauer - lauter Menschen - kamen langsam immer näher, und das arme
Kind in der Porzellanschale fürchtete sich.
    Der Triton schlug mit der Faust aufs Wasser, dass es hoch aufsprjetzte.
                                       V
Der fidele Triton taucht unter, stösst beim Wiederauftauchen mit dem Kopf unter
die Porzellanschale und hebt sie hoch in die Luft, hält aber noch die Hände an
den krausen Rand.
    Die Bildhauer flüstern was und wenden sich ab - ihren Steingestalten zu.
    Der Triton bringt wieder dieselben Fragen wie bei den Zwergen vor, jedoch
die Antwort bleibt aus - die Bildhauer hämmern an ihren Steingestalten.
    Vorsichtig setzt der Triton die Porzellanschale wieder ins Wasser und sagt
ruhig:
    »Liebe Lika, wundre Dich nicht über die Schweigsamkeit dieser Herren. Sie
wollen Dir mit ihrem Gehammer bloss dieselbe Antwort geben, die Du bei den
Zwergen vernahmst.«
    Die Lika versetzte kleinlaut:
    »Ich weiss noch: Glück und Heimat ist dort, wo man Tag und Nacht Künstler
sein kann. Da müssen wir wohl wieder weiter. Mir wird hier auch so schwül.«
    Der Triton lacht, dass es im grünen Grottensaal unheimlich schallt, und fragt
wild:
    »Kein Modell gefällig?«
    »Wir formen,« brummt darauf ein alter Bildhauer, »jetzt nur noch
Menschenkörper; die verkrüppelten Wesen - namentlich die knielosen - sind nicht
mehr nach unserm Geschmack.«
    Das nimmt der Triton ganz ruhig hin, schwimmt wortlos mit der Lika durch die
nächste Pforte ab - in einen roten Grottensaal, wo lauter Gruppen mit
Schlangenarmen in den Nischen stehen. Es geht noch durch goldene, silberne,
blaue und anders gefärbte Grottensäle.
    Überall - wilde Steingesellen mit lustigen Köpfen und seltsamen Gliedmassen -
abenteuerlich tolle Märchengeister.
    Öfters brummt der Fischbeinige:
    »Krüppel! Feine Krüppel!«
    Die Lika versteht nicht, was er damit sagen will.
                                       VI
Und dann sind die Beiden wieder in der freien Welt - draussen unterm blauen
Himmel.
    Die Morgensonne lacht, und die Lika lacht mit.
    Auf einem stillen Waldsee sind die Beiden, sie freuen sich über die grünen
Bäume, über die Wasserrosen und über die weissen Schwäne, die würdevoll ihr Haupt
umdrehen, um die Lika in ihrer Porzellanschale zu sehen; Lika spannt wieder
ihren orangefarbigen Sonnenschirm auf.
    Am Ufer blühen dicke bunte Blumen, wilde Enten fliegen hin und her, Hirsche
kommen und trinken Wasser, sehen die Lika und laufen fort - in die dunklen
Wälder, durch die Niemand durchblicken kann.
    Es ist still, es bleibt aber nicht still.
    Von einem Birkenhügel klingt ein sanftes Saitenspiel hernieder.
    Und wie sie weiter fahren, ertönen in den Wäldern harte Hörner und dröhnende
Pauken - ganz in der Nähe hinterm hohen Schiff wird eine Flöte geflötet.
    Der Triton sagt:
    »Du, das ist ein Dudelsack!«
    Aber danach hören sie einen glockenhellen Gesang - viele Mädchenstimmen!
    An den Ufern wird's auf allen Seiten immer lauter - Geigengesumm und
Trompetengeschnatter - Trommelgerassel und Harfengeklimper!
    Musik überall!
    Und es klingt so fein zusammen.
    Die Lika lauscht und lächelt und bewegt im Takte die zarten Finger.
    Vorsichtiger bewegt der Triton seine glitzernden Fischbeine, damit man ja
die Lika Alles hören kann - all die vielen Jubelstimmen, die dem Morgen »guten
Morgen« sagen.
                                      VII
Plötzlich - auf allen Bergen ein wüstes Geschrei!
    Alle Instrumente kreischen durcheinander - und es erscheinen die
Bocksbeinigen - tolle Weiblein und noch tollere Männlein.
    Die Musiker sind's!
    Sie begrüssen den fidelen Triton und die drollige Lika mit graulichem
Gejohle.
    »Wo ist die Heimat?« fragt der Triton.
    Da wird's mit einem Male wieder still, und die Bocksbeinigen singen im
grossen Chore:
»Ach, unsre Heimat ist doch überall -
Im blanken Saale und im Stall,
Auf freiem Berge und im engen Tal -
Im grenzenlosen Weltenall!«
Und dann springen die Sänger und Sängerinnen ins Wasser, küssen den Triton und
wollen die Lika aus ihrer Schale herausheben - aber ach! - das geht nicht - die
Lika ist ja mit ihrer Porzellanschale zusammengewachsen - wie die Schnecke mit
ihrem Haus.
    Grosses Entsetzen.
    Aber die Lika macht wieder ihren Sonnenschirm zu, und die Bocksbeinigen
beruhigen sich, tragen ihre beiden Gäste so recht behutsam ans Ufer und spielen
dort zum Tanze auf. An dem können nun die beiden Kinder des Meeres nicht
teilnehmen. Jedoch das stört die Freude nicht.
    Nach dem Tanze wird Wein getrunken und Rauschmusik gemacht; die ganze
Gesellschaft schwimmt in Seligkeit. Alle erklären der Lika, dass das Glück in der
Kehle und in den Instrumenten sitze; ein vernünftiges Wort lässt sich mit diesen
Leuten nicht reden.
    Der Triton sagte bloss:
    »Liebe Lika, glaube mir: auch diese fidele Gesellschaft teilt die Meinung
der Zwerge in jeder Beziehung.«
    Und die Augen der Lika leuchteten verständnisinnig auf - wie zwei neue
Sterne.
                                      VIII
Als das Fest zu Ende war, erklärte die Lika ihrem Begleiter würdevoll: »Mein
Lieber, erlaube mal! Jetzt will ich endlich ans Ziel kommen. Das gesuchte Land
muss denn doch zu finden sein. Wenn Du mich nicht bald hinführst, so muss ich mir
einen andern Führer suchen. So geht's nicht weiter.«
    »Hm!« versetzte der Triton, weckte mit einer dreieckigen Trommel ein paar
schlafende Musiker und bat um einen Wagen.
    Ohne die Andern Musiker in ihren Träumen zu stören - sie schliefen sämtlich
- kamen die Herren bereitwillig der Bitte nach, spannten sechs Hirsche vor ein
Kabriolett - - und bald ging's über Stock und Stein in eine andre Gegend; die
Lika kriegte Angst bei der schnellen Fahrt, denn sie sass in einer Schale von
allerfeinstem dünnstem Porzellan.
    Auf einem grossen runden, mit bunten Fliesen bedeckten Platze blieben die
Hirsche dampfend stehen.
    Und aus dunklen Wolken kam ein aufgeblasener Luftballon herunter.
    Die Lika schlug die Hände überm Kopfe zusammen, aber die Bocksbeinigen
setzten sie mit ihrer Porzellanschale in die Gondel, halfen auch dem Triton
hinein - und fort ging's - hinauf in die dunklen Wolken.
    
    Das war eine Fahrt!
    Die Lika war ganz sprachlos.
    Der Ballon fuhr durch die Wolken durch und kam in den hellen blauen Himmel.
    Drei Bucklige kletterten an den Gondelstricken empor, und drüben stieg ein
riesiges Purpurgebirge so hoch ins Blaue, dass man die roten Spitzen oben nicht
mehr sehen konnte.
    Aber was Andres sahen die Kinder des Meeres - lange Männer mit furchtbar
langen schmalen Flügeln!
    Die Flügelmänner flogen an den Purpurfelsen herum - wie Schwalben vor ihren
Nestern herumfliegen.
    »Was sind denn das für Kerls?« frug die Lika.
    Und die drei Buckligen riefen oben unterm Luftballon:
    »Das sind die grossen Dichter!«
                                       IX
Na - die Dichter waren ganz freundliche Herren; sie empfingen die schnurrigen
Gäste wie alte Bekannte, hoben sie aus der Gondel und brachten sie durch ein
rundes Fenster in ihre Felsenwohnung. Der Triton legte sich gleich auf einen
molligen Divan und stopfte sich einen Tschibuk.
    Die Lika setzte man auf einen fünfeckigen Fenstertisch, von wo aus das gute
Kind eine prächtige Aussicht über kunterbunte Wolkenbündel genoss; keilförmige
Schatten und Sonnenstrahlen huschten vorüber.
    »Also jetzt,« sprach Lika, an ihre Porzellanschale klopfend, »soll mir
endlich der richtige Weg zur Heimat mit dem Glück gezeigt werden. Bitte!
Sprechen Sie, meine verehrten Herren!«
    Die Dichter erkundigten sich tiefernst bei dem Triton nach dem, was das
resolute Kind wissen wollte, und dann hub der Älteste der Dichter also an:
    »Für diejenigen Weltbewohner, die Laien und keine Künstler sind, bedeuten
die Begriffe Heimat und Glück etwas Andres als für uns Künstler. Das Laienvolk
verbindet eben mit den einzelnen Worten völlig andre Geschichten. Das geht uns
natürlich nichts an. Laiensache bleibt Laiensache! Wir Künstler aber nennen die
ganze Welt unsre Heimat und finden überall dort unser Glück, wo wir nach unserm
Geschmack leben können. Das Land, das Du suchst, brauchst Du also nicht mehr zu
suchen, denn Du bist ja schon da. Du willst doch Künstlerin werden, nicht wahr?«
    »Ich möchte, «erwiderte schüchtern die gute Lika, »gern eine Künstlerin
werden.«
    »Das freut mich!« sprach der Dichter, »freut mich sehr! Ich hätte Dich auch
im andern Falle zum Fenster hinausgeworfen.«
    »Aber,« schrie erschrocken die Lika, »meine Porzellanschale wäre dann doch
entzweigegangen!«
    »Wir Dichter sind,« fuhr der alte Herr unbeirrt fort, »ebenfalls Künstler,
ausserdem haben wir noch die Verpflichtung, weise Gedanken zum Ausdruck zu
bringen. Namentlich kommt es uns zu, jegliche Einrichtung der Welt im besten
Lichte zu zeigen und alle Schattenseiten nach Möglichkeit zu erhellen.« Der
Triton lachte leise auf seinem molligen Divan und blies wirbelnde Tabakswolken
in das stille, hochgelegene Dichterzimmer.
                                       X
»Kluge Lika, merkst Du nun bald was?«
    Also der Triton - die Lika sagte:
    »O ja! Ich merke, dass die ganze Reise eigentlich überflüssig war, denn was
ich suchte, ist ja da. Unsre Heimat ist überall. Und das Glück kommt ja beim
Schaffen. So klug, um das Alles zu begreifen, bin ich schon. Wo aber lerne ich
das Schaffen?«
    »Schaf!« versetzte beim Flügelputzen ein jüngerer Dichter, »ordentliche
Künstler lernen überhaupt nichts von Andern, sie probieren einfach und können
dann was.«
    »Ach so!« flüsterte nun die Lika lächelnd, »da werde ich Erinnerungen aus
meinem Leben schreiben, das kann ich bereits.«
    Die Dichter verneigten sich respektvoll und begrüssten in dem
Porzellanmädchen die neue Kollegin, empfahlen ihr aber, zuvörderst ins
Riesenreich zu fahren, allwo für Dichterinnen und Erinnerungskunst sehr viel
Platz vorhanden sei.
    Die Lika sagte nicht »Nein,« und so ging's schnurstracks ins Riesenreich.
    Die höflichen Dichter brachten ihre beiden Gäste schleunigst in die
Hinterzimmer und von dort in eine düstre Höhle, die nur von Fackeln erleuchtet
wurde. Unten plätscherte Wasser - da setzte man die Beiden hinein.
    Und bald schwamm der Triton, die Porzellanschale wieder vor sich
herschiebend, durch einen matt erleuchteten Höhlenfluss.
    Das Wasser rauschte sehr - es rauschte immer stärker, immer schneller schoss
es dahin. Bald merkte die Lika, dass sie sich in einem reissenden Strome befanden.
    »Wir sind in der Wasserrutschbahn!« brummte der Fischbeinige, hob die
Porzellanschale ein bisschen höher - und dann ging's wie eine Pfeil hinab -
rasend rasch - wieder hinaus ins Freie.
    Und durch den spritzenden Wasserschaum sahen sie - das Riesenreich.
                                       XI
Uih!
    Das saust und braust und schäumt und sprüht seinen Wasserstaub, dass
Regenbogen entstehen - hinunter geht's in grader Linie - zum dunkelblauen Meere.
    Und was sieht die Lika?
    Riesen sieht sie drüben auf den Inseln des Meeres. Die Riesenköpfe ragen
hoch in die Wolken - und bauen tun die Riesen - Paläste bauen sie mit blitzenden
Türmen, Erkern und Säulenhallen - Alles funkelt und glüht und zuckt und sticht
in lodernd brennenden Farben - denn alle Bausteine sind natürlich echte
Edelsteine und Diamanten - riesige!
    Die Lika jauchzt, ihre Haare flattern, ihre Kleider flattern - und das
Wasser stürzt polternd, grosse Wogen rauschend - mit dem Triton, der die
Porzellanschale geschickt hoch über seinem Haupte hält, ins blaue Meer.
    »Das war eine feine Fahrt!« ruft die Lika, als sie unten sind. Die
Purpurgebirge liegen schon weit hinter ihnen, denn die Wasserrutschbahn fährt
schnell dahin - wie eine Kanonenkugel.
    »Willst Du nun,« fragt der Triton, »auch die Riesen noch einmal fragen, wo
Deine Heimat mit Deinem Glücke ist?«
    »Das ist wohl,« erwiderte die Lika, »nicht grade nötig, denn ich weiss ja
schon, dass unsre Heimat und unser Glück bloss dort ist, wo wir ungestört Künstler
sein können. Hübsch wär's aber doch, wenn wir frügen. Wie machen wir das?«
    Likas Führer steuert der nächsten Insel zu, wo das ganze Ufer aus hohen
Säulenhallen besteht - dort klingelt er an einem dicken Strick - und bald
erscheint eine kolossale Riesentrompete in der Luft. Wieder werden die alten
Fragen gestellt.
    »Wo ist unsre Heimat?« brüllt der Fidele.
    »Bauen!« tönt's aus der Trompete zurück.
    »Wo ist unser Glück?« fragt er dann.
    Und abermals kommt's aus der Trompete heraus:
    »Bauen!«
    »Siehst Du,« sagt da der kluge Meermann, »die Riesen meinen ganz genau
dasselbe wie die Zwerge. Jetzt weisst Du doch endlich, was Du wissen willst. Es
war nicht leicht, Dir die Geschichte klar zu machen. Deine Heimat hast Du also
gefunden. Nun schreibe Deine Erinnerungen, damit Du auch glücklich wirst.«
    »Ich danke Dir,« sagte freundlich das gute Porzellangeschöpf, »gib mir nur
das nötige Papier und einen Tintenstift. Ich will gleich glücklich sein.«
    Der Triton zieht das Gewünschte aus seinem Rucksack hervor und gibt es hin.
    Der Himmel ist blau.
    Das Meer ist blau.
    Der Triton taucht unter.
    Die Lika schreibt ihre Erinnerungen unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm.
                                      XII
Feierlich türmen die Riesen einen edlen Baustein auf den andern, heften die
grossen Diamanten ordentlich fest, messen und zeichnen und rechnen, bauen Palast
an Palast, dass alle Inseln im Riesenreich immer herrlicher glänzen und glitzern
- wie Kronen - wie ewige Kronen.
    Schiffe kommen und bringen neues Werkzeug, unzählige neue Stoffe, Silber und
Glas für die Kuppelbauten - Gold für die dicken Wetterfahnen.
    Die weiten Säulenhallen, die Terrassen mit ihren spiegelnden Fliesen, die
Treppen mit den offenen Pforten - fassen die hohen Inseln so ein - als wären's
Juwelen. Aus den Turmlaternen leuchtet's wie aus glücklichen Augen. Und alles
scheint weit aufgetan zu sein - frei - sonnendurstig!
    Die Lika sitzt in ihrer Schale - schaukelt im Meerwasser neben einem grossen
siebeneckigen Turm, schreibt aber so emsig an ihren Erinnerungen, dass sie das
Schaukeln gar nicht bemerkt.
    Der Triton bringt ihr einen neuen Tintenstift und meint schmunzelnd:
    »Es ist nur gut, dass Du wie alle ächten Künstler von der Luft leben kannst,
sonst würdest Du vielleicht nicht ganz so glücklich sein.«
    »Doch!« sagt sie, »ganz so glücklich!«
    »Na! Na!« tönt's zurück.
    Möwen schweben vorbei - weisse.
    Das Meer ist blau.
    Der Himmel ist blau.
    Und die Lika schreibt.
    Der Triton plätschert im Wasser herum und spielt mit dicken Lachsen.
                                     Finis!
Hierüber sprachen wir Vieles.
    Die alten Ägypter setzten mit vielem Eifer ihre Kunstanschauungen
auseinander; es würde zu weit führen, hier auf diese näher einzugehen; es liegt
ja wohl auf der Hand, dass sich die Nilpferde auch die Entwicklungsfähigkeit der
irdischen Kunst in unendlichen Reihen dachten - und dem konnte ich nur
zustimmen. Ein unglaubliches Ereignis schnitt darauf mit einem Male das Gespräch
ab - - - ich sah - Millionen weisser Mäuse aus allen Ecken hervorkommen.
    Und die Zahl der weissen Mäuse vermehrte sich derart, dass die Wände, Säulen
und Terrassen, die alle tropfsteinartig gebildet waren, ganz weiss wie Schnee
wurden - was sich zwischen den unzähligen lautlosen Wasserfällen und
Springbrunnen höchst seltsam ausnahm. Lapapi klopfte mir auf die Schulter und
fragte mich:
    »Glaubst Du, dass Dein Wesen durch Deine äussere Erscheinung wesentlich
markiert ist?«
    Ich verneinte das lebhaft.
    »Glaubst Du,« fuhr er nun fort, »dass Du gleichzeitig noch was Andres sein
kannst - Etwas, von dem Du augenblicklich nichts weisst?«
    Ich bejahte das ebenso lebhaft, denn die Nilpferde, die zugleich alte
Ägypter waren, schienen mir allein schon Beweis genug zu sein.
    Lapapi sagte jedoch triumphierend:
    »Siehst Du? So weit wollten wir Dich haben! Wer weiss, was wir ausser dem, was
wir jetzt zu sein scheinen, noch ausserdem sind! Wir sind eben höchst
wahrscheinlich ebenso kompliziert wie die Welt. Und diese Erkenntnis unsrer
selbst ist fast ebenso wichtig als die Erkenntnis der Welt. Und darum kannst Du
wohl annehmen, dass diese weissen Mäuse auch nicht bloss das sind, was sie zu sein
scheinen. Und darum!«
    »Und darum!« tönte es nun aus tausend Mäusekehlen - und ich sah, dass jede
Maus auf den Hinterbeinen sass - was urpossierlich wirkte.
    »Und darum,« schloss nun Lapapi, »gib mir ein paar Deiner Geschichten, die
ich den Mäusen vorlesen möchte.«
    Ich tat natürlich sofort, was er wollte.
    Wir setzten uns auf weisse Pelzsessel, die jetzt neben uns standen, und
Lapapi las den Mäusen vor, während ich in aller Gemütsruhe eine Cigarre rauchte.
 
                                    Flausen
»Lass mich gehen, trauriger Mond!« rief die schwarze Prinzessin, und sie schlug
nach ihm mit ihrem Perlenfächer. Der Mond lächelte, rieb sich mit seinem linken
kleinen Zeh den rechten Nasenflügel und umarmte die Prinzessin.
    Der aber ward die Geschichte lästig, denn der Mond, ein dünnbeiniger
Liebhaber, war das lächerrlichste aller Weltgeschöpfe - wenn er nicht am Himmel
stand und leuchtete. War er oben nicht zu sehen, so war er unten und machte
lauter unnütze Flausen, und dabei lacht er immer so widerlich, obgleich ihm
eigentlich sehr traurig zu sein pflegte.
    Der Mond blies auf seinem Waldhorn ein altes Lied und schlug dazu den Takt
mit seinem dicken Kopfe, indem er mit diesem immer wieder gegen einen alten
Baumstamm stiess - natürlich mit dem Hinterkopfe!
    Der Prinzessin schien das zu dumm; sie rannte schleunigst davon. Und der
Mond lachte, riss sich die Beine mit den Armen aus, indem er diese wie Schlangen
um die untern Gliedmassen rumschlang, biss sich dann die Arme und den Rumpf ab -
und schwebte lachend den nächsten Wolken zu.
    Das Waldhorn blieb im Walde.
 
                             Die neuen Storchnester
                                  Stil-Scherzo
Es war einmal ein gebildeter Mann - dem waren die Storchnester nicht schön
genug.
    Und er begann, neue Storchnester zu konstruieren - aus farbigen Hölzern in
allen möglichen Stilarten.
    Und so setzte er dann in einem schönen Winter die neuen Storchnester auf
seinem Hause und auf denen der Nachbarn an die Stelle der alten Storchnester.
    Im Frühling aber kamen die Störche und suchten ihre alten Storchnester - und
fanden sie nicht. Enttäuscht und in verbitterter Stimmung flogen die Störche
weiter.
    Der gebildete Mann war empört.
    Und seine Nachbarn waren so wütend, dass der Gebildete sofort eine
Erholungsreise antreten musste.
    Diese ungebildeten Störche!
 
                                Die wilde Hummel
                                   Eine Fabel
Eine wilde Hummel wurde jeden Tag älter, und das gefiel ihr nicht.
    Sie wollte jeden Tag jünger werden.
    Als nun der Zaubrer Zappro des Weges kam, bat die wilde Hummel diesen
mächtigen Mann um ein Verjüngungskraut.
    Zappro schmunzelte und gab das, was die Hummel von ihm verlangte.
    Das dumme Tier frass von dem Kraut und wurde nun täglich jünger - aber auch
kleiner - schliesslich so klein wie die Kleinsten - und dann - allmählich - zum
Ei. »Ei! Ei!« schrie da die Wilde, »bin ich jetzt eigentlich besser dran?«
    Zappro lachte und ging weiter.
    »Man soll eben,« murmelte er vergnügt, »nicht zu toll nach der Jugend sein.
Die gibt uns das ewige Leben ganz bestimmt nicht.«
    Die vernünftigen Hummeln umsummten Zappros Kopf und wollten sich gar nicht
von ihm trennen; ein weiser Mann hat sehr viel Anziehungskraft.
Oh, wenn ich den Beifall beschreiben könnte, der mir nach diesen kleinen
Scherzen von den weissen Mäusen zu Teil ward! Sie kicherten und schmunzelten und
klatschten mit ihren Vorderkrallen zusammen, dass es sich anhörte, als würden
alte Felsen mit Sandpapier abgerieben.
    »Na, Onkelchen,« rief mir der König Ramses zu, »jetzt hast Du mal einen
Beifall erlebt. So was muss man auch mal erleben.« Und - nachdem ich unendlich
viele Worte des Entzückens von den Mäusen vernommen hatte, so dass ich schon
unwillkürlich lachen musste, verlangten die Mäuse noch eine Zugabe.
    Es sollte aber eine menschliche Geschichte sein.
    Wer würde wohl glauben, dass ich mich lange bitten liess? Es fiel mir gar
nicht ein, mich lange bitten zu lassen - ich holte was vor und bat den Lapapi,
zuerst einmal die Geschichte anzusehen.
    Als das geschehen war, fragte ich den Lapapi, ob er's nicht für richtig
hielte, dass der General Abdmalik die Geschichte vorläse. Lapapi schmunzelte, gab
dem General die Papierblätter - und der General las nun vor, nachdem er mir noch
eine paar sonderbare Blicke zugeworfen hatte, die ich nicht verstand.
 
                                General von Bax
                                    Luftspass
»Nicht mit dem rechten Zeh den Mond kitzeln!«
    Also donnerte der General von Bax beim Betreten des Exerzierplatzes seine
Mannschaften an.
    »Die Leutnants müssen viel schneidiger an die Luft gesetzt werden!« brummte
er dann in seinen Bart - dabei setzte er sich auf seinen Luftstuhl.
    Das Luft-Regiment war vollzählig mitten in der Arbeit. »Was wollen Sie
mehr?« fragte der General seinen alten Freund, den persischen Oberstleutnant
Nisaraddi.
    Der riss die Augen auf und rief:
    »Teufel! Hagel! Schinkensemmel!«
    Die Adjutanten lachten, denn der Perser pflegte seit Jahr und Tag die
meisten deutschen Worte an der falschen Stelle zu gebrauchen.
    General von Bax klatschte in die Hände, befahl, die Luftballons
runterzuziehen, und liess zunächst mal sein ganzes Regiment in Reih und Glied
antreten.
    Das Regiment nahm einen ganz gehörigen Platz ein, denn die Soldaten des
Herrn von Bax sahen sämtlich dicker aus als der alte Falstaff - zehnmal so dick.
    Die Soldaten sind nicht so dick, weil sie so viel zu essen bekommen - die
Uniform macht es. Eine kugelförmige Korkhülle schützt die Soldaten vor
unliebsamen Zusammenstössen mit dem Erdball; es sieht oftmals recht gefährlich
aus, wenn ein Soldat bei seinen Übungen oben am Luftballon plötzlich runterfällt
- aber Korkmantel und Fallschirm machen das Fallen beinahe zum Vergnügen; nur
bei starkem Sturm ist das Fallen gefährlich.
    Und nach fünfzehn Minuten steht das Luft-Regiment in schneidigster
Paradestellung vor seinem General; die Luftballons bilden den Hintergrund.
    Die kugelrunden Korkmäntel sind so dick. Über ihnen sind die kleinen
Soldatenköpfe zu sehen. Aber über diesen Köpfen ragen die hohen Fallschirme
zusammengeklappt wie riesige Helmspitzen zum Himmel empor. Unter den Korkmänteln
sind nur die Soldatenstiefel zu sehen; die haben breite dicke Korksohlen.
    Marschieren tun die Soldaten niemals; das überlassen sie den Erdregimentern.
Doch mit dem Fallschirm wird exerziert. Der verschwindet zuerst blitzschnell im
Korkmantel; der Soldatenkopf verschwindet dabei ebenfalls im Korkmantel.
Hiernach steigt der Kopf wieder ans Tageslicht, und die Füsse verschwinden.
Sodann erscheint abermals der Fallschirm und spannt sich auf. Ein köstliches
Exerzitium!
    Der persische Oberstleutnant hält sich den Bauch vor Lachen und umarmt den
General von Bax stürmisch, wobei dem Perser unzählige funkelnde Tränen über die
braunen Wangen rollen. v. Bax lächelt wie ein Unsterblicher.
    Indessen treten die zusammengekoppelten Fesselballons in Aktion. Die Ballons
haben das Aussehen grosser Lampions von kurzer Säulenform. Alle zeigen hellgrüne
und gelbe Querstreifen. Im Innern bestehen die Ballons aus vielen separierten
Blasen, so dass durch ein paar Kugellöcher nur sehr wenig Gas entweichen kann.
    Oben im blauen Himmel stehen die hellgrün und gelb gestreiften Ballons
ebenfalls wie Soldaten in Reih und Glied. Ein imponierender Anblick!
    Und dann wird das Regiment an langen Stricken zum Himmel hinaufgezogen -
aber nicht bis dicht unter die Ballons - so weit nicht. Die Soldaten bleiben
zumeist tiefer - sie füllen die ganzen Stricke - sie hängen wie die
Papierschnitzel am Schwanz eines Papierdrachens.
    Und oben wird eine Salve abgegeben - und nach der Salve rasen die
zusammengekoppelten Ballons über den ganzen Exerzierplatz. Und die Soldaten
fliegen dahin wie die Schwalben im Sturm.
    Danach treten die Wolkenmacher in Aktion - und das Regiment wird in dichte
graue Dampfwolken gehüllt. Motorwagen ziehen unten das Regiment kreuz und quer
über den ganzen Exerzierplatz, und währenddem wird aus den Dampfwolken heraus in
verschiedenen Höhen immerfort geschossen - dass es knattert und knallt wie im
veritablen Kriege.
    Zuletzt zieht das Regiment, ganz in Dampfwolken gehüllt, mit feierlicher
Luftmusik beim General von Bax vorbei - den neuen Kasernen zu, wobei Häuser,
Strassen und Kirchen kaum ein bemerkenswertes Hindernis bilden - so hoch kann das
Regiment steigen.
    Und die Marschklänge in den Lüften rauschen nieder wie militärische
Sphärenmusik.
    Ungezählte Volksscharen klatschen Beifall, von Bax und Nisaraddi umarmen
sich wieder und fahren in das beste Frühstücks-Restaurant - umjubelt von
begeisterten Männern, Frauen und Kindern.
    So weit ist nun Alles ganz gut.
    Indessen - jetzt kommt die Katastrophe.
    Der Schah von Persien erscheint, und das Luftregiment soll sich natürlich im
besten Lichte zeigen - in verblüffender Parade-Aktion.
    Und während der Parade wird's plötzlich stürmisch. Ein Orkan rast über's
Paradefeld. Die Motorwagen kippen um. Die Stricke reissen unten ab. Die
Signalpfeifen kreischen alle auf einmal. Und das ganze Regiment verschwindet in
den Orkanwolken auf Nimmerwiedersehen - von Bax und Oberstleutnant Nisaraddi
verschwinden ebenfalls, denn sie machten die Luft-Parade unvorsichtiger Weise
oben in der Luft mit.
    Der Schreck des Volkes, der Regierung und des Schahs von Persien spottet
jeglicher Beschreibung; ein langes Wehgeschrei zittert über die ganze
Erdoberfläche.
    Die Freie Volkszeitung schrieb in ihrem Abendblatte, das natürlich
pechschwarz umrandet war:
    »Wir haben ja gleich gesagt, dass man mit so gefährlichen militaristischen
Experimenten, die dem armen Steuerzahler kaum noch zählbare Millionen kosten,
nicht so leichtfertig hätte vorgehen sollen. Die Tragfähigkeit der Ballons ist
eine so horrende gewesen, dass nicht einmal das stärkste Schnellfeuer auf die
Ballons den Mannschaften etwas nützen konnte; die Ballons blieben eben oben und
wurden mit dem ganzen Armeekorps ins Meer geschleudert. Der tragische Vorfall
dürfte jedenfalls die Regierung zwingen, allen militaristischen Neuerungen eine
erbarmungslose Skepsis gegenüberzustellen. Man sieht ja, wohin die Phantastik
führt.« Der Allgemeine Staatsanzeiger stellte sofort in einem fachmännisch
geschriebenen Artikel fest, dass von einem Schnellfeuer auf die Ballons gar nicht
die Rede sein konnte, da sich ja die Mannschaften durch Feuern nach oben in
eigene Lebensgefahr gebracht haben würden; die Soldaten hätten ja an ihren
Stricken über einander und nicht neben einander gesessen.
    Die Freie Volkszeitung ignorierte diesen Artikel und schrieb am nächsten
Tage mit noch dickerem Trauerrande:
    »Der empörende Leichtsinn unsres Generalstabes hat eine Katastrophe möglich
gemacht, die in der ganzen Kriegsgeschichte niemals ihresgleichen finden dürfte.
Bei dem hohen Seegange ist nicht einmal daran zu denken, die Leichen des
verunglückten Regimentes zu bergen. Der Schah von Persien wird einen netten
Begriff von unserer Kriegstüchtigkeit empfangen haben. Die Katastrophe wird
unvermeidlich eine schwere Erschütterung unsres Staatsorganismus zur Folge
haben. Wir stehen nach der Ansicht alter verdienter Generale vor dem Ausbruche
eines grosses Krieges. Unsre Feinde wissen ganz genau, wie viel wir für das
Luft-Militär geopfert haben.«
    Und der Volkswille schrieb:
    »Es verlautet, dass dem verdienten General von Bax, der einen so tragischen
Tod in den Fluten des Oceans fand und dessen Leiche immer noch nicht geborgen
ist, ein Denkmal gesetzt werden solle. Dieses Denkmal dürfte für die Phantasten
im Generalstabe gleichzeitig ein ganz gehöriger Denkzettel sein.«
    Und das Publikum flatterte vor Aufregung.
Nach drei Tagen aber kehrte der Herr von Bax mit seinem Regiment in die liebe
Heimat zurück - denn er wurde rechtzeitig von einigen Kriegsschiffen »gerettet.«
    Nicht ein einziger Mann hatte sein Leben eingebüsst. Nur etwas nass waren alle
geworden. Die Korkmäntel hatten das Untersinken der Mannschaften unmöglich
gemacht. Und die Ballons waren ebenfalls ganz unbeschädigt geblieben.
    Natürlich - so gross wie am Paradetag das Entsetzen gewesen war - so gross war
jetzt der Jubel - wohl noch grösser.
    Und von Bax hatte jetzt Oberwasser; er konnte plötzlich tun, was er wollte.
    Er war der Herr der Situation.
    Und die Situation auszunützen - das versteht der Herr von Bax meisterhaft.
    Er setzt sofort eine ganze Reihe phantastischer Neuerungen durch.
    Zunächst führt er automatische Gummistelzen für seine Mannschaften ein, so
dass die nötigenfalls mit einer Schnelligkeit marschieren können, die ans
Lokomotivartige grenzt.
    Alsdann lässt er kolossale Kanonenballons bauen, sodass die schwersten
Granaten, von oben geschossen, viel weiter fliegen als bisher.
    Durch Verwendung von gefesselten Luftkugeln, die aber immer nach der Seite
geschossen werden, nach der man hinwill, erleichtert er die schwierigen Aufgaben
der Motorwagen, die auf unebenem Terrain ihre Not hatten.
    Aber alles Das ist dem kühnen General noch nicht genug. Er setzt auch noch
ein Clowns-Bataillon durch.
    Durch die tollsten Kostüme, Spässe und Grimassen, Trapez- und
Akrobaten-Kunststücke soll dieses Bataillon den Feind zum Lachen bringen; die
Offiziere dieses polyformierten Bataillons müssen erprobte Humoristen sein.
    Die Phantasten haben im Generalstabe endgiltig gesiegt - die Erdregimenter
werden einfach abgeschafft.
    Ohne Luftarmee arbeiten wollen, erscheint plötzlich Allen als die höhere
Stieselei.
    Nisaraddi kauft gleich zweihundert Schlangenmenschen für den Schah von
Persien auf - denn » der Clown im Dienste des Militarismus« erscheint dem
lachlustigen Perser die beste Erfindung der Neuzeit zu sein.
    Und die zweite Parade vor dem Schah wird zum grössten Triumph für den General
von Bax.
    Jedesmal, wenn das Clowns-Bataillon in Aktion tritt, wälzt sich das gesamte
Publikum am Erdboden in fürchterlichen Lachkrämpfen.
    Es scheint allen Zuschauern so klar, dass gegen die »komischen« Soldaten kein
Feind ankommen kann, da selbst vergrämte Indianer in Lachkrämpfe verfallen
müssen - und in dem Zustande ohne jede Schwierigkeit wie Seehunde mit Knüppeln
tozuschlagen sind.
    Keiner sagt Baxen, das seien Faxen - dazu ist der Luftgeneral viel zu
berühmt.
    Alle Welt ruft:
    »Bax! Hurrah! Bax!«
    Der aber sagt nur:
    »Das ist der längst entbehrte Humor im Militarismus.« Leider hat der General
in der auf den Paradetag folgenden Nacht sehr bald zu viel Champagner getrunken
und sagt daher schliesslich, während ihm sein Diener Luft zufächeln muss, da
nichts weiter als:
    »Luft! Luft!«
Niemals hätte ich's geglaubt, dass auch diese Geschichte noch mal so viel Beifall
finden würde; die Mäuse tanzten vor Vergnügen - und ich hätte mich beinahe
schief gelacht.
    »Höhere Dammlichkeit,« sagte ein jugendlicher Mauskönig, »Dein Name ist
Mensch. Wie froh sind wir nur, dass wir nicht mehr als Menschen auf der Erde
herumzukrabbeln brauchen.« Und dann folgte eine Schimpferei, die nicht mehr
schön war und die Nilpferde schliesslich ärgerte.
    Lapapi sagte ernst.:
    »Ich finde es nicht richtig, dass die Mäuse sich so rücksichtslos über die
Menschen lustig machen; die Mäuse sollten bedenken, dass ein Lebewesen in
Menschengestalt doch zugegen ist.«
    Die Mäuse waren augenblicklich still.
    Ich aber musste so schrecklich lachen, dass mir die Luft wegblieb und das
Bewusstsein abhanden kam.
    Als ich dann aufwachte, erblickte ich Dinge, die mich in grosse Verwunderung
versetzten - so was hatte ich bei den Ägyptern nicht vermutet.
    Es war das Furchtbarste, was ich jemals sah.
    Ich glaubte, in einem Schlachtause zu sein. Immerfort wurden nackte
Menschen hereingeschleppt von dunkelbraunen Kerls, die wie Schlächter gekleidet
waren. Die brachen den nackten Menschen mit eisernen Stangen die Arme und Beine
entzwei und schlugen ihnen dann mit einem dicken Klumpenbeil ins Gesicht, dass
das Blut nach allen Seiten spritzte. Danach wurden die Leiber zerschnitten,
ausgenommen und in einen grossen Kessel geschmissen.
    Und dieses Treiben ging auch ganz lautlos vor sich.
    Ich wollte die Augen schliessen, da der Anblick gradezu entsetzlich wirkte;
die Wut der Schlächter steigerte sich fortwährend, und immer mehr nackte
Menschen wurden vor meinen Augen verstümmelt und totgeschlagen.
    Und ich konnte meine Augen nicht zumachen und musste das Entsetzliche ruhig
weiter mit ansehen.
    Doch auch das ging vorüber.
    Es gab nach einiger Zeit einen starken Knall - und das schauderhafte
Schlachtbild war weg.
    Wundervolle Düfte strömten in mich ein - und in der Luft schwebten zahllose
Frauengestalten in ganz zarten, dünnen Gewändern, und diese Frauengestalten
zerpflückten blaue, rote und gelbe Blumen und warfen die Stücke der
Blütenblätter in Räucherpfannen aus Silber.
    »Das ist,« sagte da Jemand hinter mir, »ganz genau dasselbe wie das
Fleischerbild - nur eine andre Erscheinungsform. Du hast also gar keinen Grund,
das Schlächterbild zu verurteilen, denn es ist ebensogut bloss eine Chimäre, wie
dieses, was Du jetzt siehst.«
    Es gab dann wieder einen starken Knall - und ich sah plötzlich die weissen
Mäuse in einem wundervollen Garten auf Steinfliesen Menuett tanzen.
    »Das ist,« sagte dieselbe Stimme von vorhin, »auch ganz genau dasselbe wie
das Schlächterbild - nur eine andre Erscheinungsform. Du bist nämlich wieder in
der Wunderküche, allwo die Speisen für die sieben grossen Nilpferde hergestellt
werden. Diese sogenannten Speisen sind schrecklich kompliziert - noch viel
komplizierter, als Du ahnst - denn was Du sahest, war natürlich bloss ein
Gleichnis.«
    Ich wollte was erwidern, doch die Stimme fuhr fort:
    »Du kannst Dir nicht denken, dass der Weltraum, wie er Dir zum Bewusstsein
kommt, dadurch, dass man ihm die grössten Dinge zugibt oder abnimmt, grösser oder
kleiner wird. Und so ist es auch mit der Zeit - eigentlich können wir uns gar
nicht denken, dass sie fortschreitet - alles Vergangene ist uns oft scheinbar
eben so nahe wie das Gegenwärtige - oder wie das Zukünftige. Unbegreiflich -
nicht wahr?Und leugnen kannst Du das Dasein dieser unbegreiflichen Dinge
keineswegs - nicht wahr? Na ja! Aber bedenke: würdest Du Alles begreifen, so
würde die Welt gleich nach dem Begriffensein Dir langweilig vorkommen müssen.
Ah! Freilich! Indessen - damit die Welt nicht langweilig wird, ist uns allzeit
ein beschränkter Verstand gegeben, dessen wir uns nicht zu schämen brauchen.
Eigentlich müssten wir uns über unser beschränktes Begriffsvermögen freuen - denn
nur mit diesem wird uns die Welt erträglich. - Und darum sollten wir auch den
grössten Fragen vom Weltganzen und vom Weltgeist, der ein Allgeist sein will, aus
dem Wege gehen. Wir können doch nicht darauf rechnen, mit einem beschränkten
Begriffsvermögen jemals das Unbeschränkte zu begreifen. Und das schadet auch
nichts. Wenn wir selber schon in unsäglich vielen Erscheinungsformen auftreten
können, so müsste dementsprechend der Allgeist - auch eigentlich ein Geist sein,
der zu gleicher Zeit noch in unendlich vielen anderen Erscheinungsformen
aufgehen kann. Hier hört natürlich unser Verstehen ganz und gar auf - und
vernünftige Leute sagen: glücklicher Weise! Wir können uns nicht einmal einen
unendlichen Raum denken, der doch bloss einer Erscheinungsform angehört - und
danach noch von einem Allgeist reden wollen, geht denn doch nicht an. Das ginge
ein bisschen zu weit - und dürfte nur den Ungebildeten zu verzeihen sein. Seien
wir zufrieden, wenn wir von der Grandiosität der Welt und alles Dessen, was in
der Welt ist, eine Ahnung haben, die uns nicht mehr zweifeln lässt - an der
Grandiosität des Daseienden. «
    Nach diesen Worten gab's zum drittenmal einen Knall - und ich war im
Dunkeln.
    Ich war jetzt so an die höchsten Wunderlichkeiten gewöhnt, dass ich glaubte,
mich könne nichts mehr verblüffen.
    Doch da sah ich plötzlich einen goldenen Trichter vor mir - der leuchtete.
    Und der Trichter kehrte die grosse runde Trichteröffnung mir zu, und aus dem
Trichter tönte eine Stimme heraus - die sprach hastig:
    »Gleich wirf drei Manuskripte in diesen Trichter. Aber schnell, sonst reissen
wir Dir den Kopf ab.«
    Die Stimme kam mir ganz unbekannt vor.
    Ich warf natürlich drei Manuskripte hinein.
 
                                   Narr Nero
                                Eine wüste Nacht
»Steh auf! Steh auf!«
    So gellt es mir in den Ohren, und ich öffne meine Augen und sehe einen alten
dicken Mann neben meinem Bett auf dem Stuhl sitzen, auf dem meine Kleider
liegen. Ich werde furchtbar wütend, denn ich lasse mir nichts gefallen -
besonders nicht von einem alten dicken Mann. Der aber sieht meine Wut und
spricht also:
    »Ich bin der alte Kaiser Nero und als alter Wüterich so ziemlich bekannt.
Jetzt muss ich mir als Geist allnächtlich einen Kumpan zum Saufen holen. Und
dieser Kumpan muss jedesmal der grösste Wüterich seiner Zeit sein. Den ich suche,
hab' ich gefunden. Reich mir Deine Hand.«
    Ich schlage dem Herrn Nero sofort mit der Faust ins Gesicht.
    Indessen - der Schlag geht durch, und mein Nero lächelt. Er steht auf,
reicht mir höflich meine Unterhosen, hilft mir beim Anziehen dieser Unterhosen,
fällt mir lachend um den Hals und schwebt mit mir durch die Zimmerdecke durch in
die Sternennacht hinauf. Unten seh' ich viele Laternen und dazwischen eine
Schlägerei. »Ich bin immer ein Narr gewesen,« raunt mir der Nero ins Ohr, »ich
war ebenso wütend mein ganzes Leben hindurch wie die Leute, die sich da hauen.«
    Wir fliegen weiter und sehen unter uns immerfort wütende Menschen, die sich
hauen.
    Viel Blut fliesst, zerbrochene Glieder bersten, Hunde heulen, Schädel
knacken, und Alles wird plötzlich mit Blut besudelt, dass mir übel wird.
    »Was soll die Narrheit?« frage ich wild.
    »Wie?« schreit da der Kaiser lachend, »merkst Du jetzt schon, dass die Wut
eine Narrheit ist?«
    Ich sage wütend: »Ja!«
    Er schüttelt mich heftig und fliegt dann mit mir in einen Weinkeller.
    Wir trinken natürlich und reden über die Welt und über die Seligkeit.
    Wir trinken, bis wir unter den Tisch fallen.
    Und plötzlich wird der Nero über mir schrecklich gross, und er wird immer
grösser - so gross wie die ganze Welt. Und seine Stimme hör' ich erschallen wie
Posaunen; sie sagt laut und klar:
    »Ich bin der Kaiser der Welt, und alle Menschen sollen so wütend werden wie
ich. Doch ich bin auch ein Narr - und das sollen die Menschen auch werden. Sie
sollen närrisch sein, wenn sie wütend sind.«
    Und der Narr Nero tanzt wie ein Toller - und ich muss lachen.
    Da tanzen wir zusammen.
    Und all die Leute, die sich eben noch geschlagen haben, kommen herbei und
müssen auch furchtbar lachen - denn wir tanzen mit neronischer närrischer Wut.
    Und die wütenden Menschen singen dazu:
Nero! Nero! Du bist unser grosser Nero!
Nero! Nero!
Und Alle tanzen, um auch zu Narren zu werden.
    Man bringt mich dann ganz sanft zu Bett - Narr Nero bringt mich zu Bett.
    Narr Nero bringt auch die Andern ganz sanft zu Bett.
Nero! Nero! Du bist unser grosser Nero!
Nero! Nero!
Das ist das neoneronische Wiegenlied!
    Die wütenden Narren werden immer sanfter.
    Schlummer!
 
                                Der Triumphator
Abdullah rief seinen Leibsklaven herbei und fragte ihn scharf:
    »Warum erstattest Du mir nicht Bericht über meinen Vetter, den
leichtsinnigen Ibrahim?«
    »Herr!« erwiderte der Leibsklave, »ihm ist Alles genommen, was er besass. Ich
war von seinem Anblicke dermassen erschüttert, dass ich mich erst sammeln musste.«
    Abdullah schlug mit der Faust auf ein Teebrett, das vor ihm auf dem
Divantischchen mit Tassen und Schüsseln bepackt war, so dass Tassen und Schüsseln
auf den Teppich flogen.
    »Mit diesem leichtsinnigen Hund,« rief der starke Abdullah, » hast Du noch
Mitleid? Ich sage Dir: mein Vetter Ibrahim verdient kein Mitleid; ihm geschieht
ganz recht, wenn er als Bettler zu Grunde geht.«
    Der Leibsklave fiel zu Boden und küsste vor seinem Herrn den Teppich.
    Der Vetter Ibrahim stand zur selben Zeit auf dem Marktplatz neben den
Bettlern und achtete nicht auf das, was um ihn herum vorging.
    Und nach einer Stunde kam sein Vetter Abdullah hoch zu Ross über den
Marktplatz geritten und schrie dem Ibrahim zornig zu:
    »Was tust Du hier auf dem Marktplatz, Du leichtsinniger Verschwender? Ich
habe mein Geld nicht in leichtsinnigen Spekulationen vergeudet. Ich habe
gespart, und Du bist ein Bettler geworden. Nimm hier diesen Beutel, da sind
hundert Silberlinge drinn. Geh und suche durch redliche Arbeit Dein Leben zu
fristen, Du Bettler!«
    Und Abdullah warf dem Ibrahim den Beutel mit den Silberlingen vor die Füsse
und ritt stolz dahin über den Markt und dann durch die Palaststrasse zu seinem
Freunde, dem reichsten Kaufmann von Bassora.
    Abdullah lächelte stolz; er fühlte sich reich und edel zugleich. Ibrahim
lächelte auch, er hob den Beutel mit den hundert Silberlingen auf und ging in
die krumme Gasse zu dem alten Weinhändler, den er schon so lange kannte.
    Und Ibrahim hielt sich auch für reich und edel zugleich; er nahm es seinem
Vetter gar nicht mehr krumm, dass er seinen geschäftlichen Ruin so schlau zu
stande gebracht hatte.
    »Wahrhaft reiche Menschen sollen nicht stolz sein auf ihren Reichtum!«
flüsterte Ibrahim beim dritten Glase. Und beim siebenten Glase flüsterte der
lustige Ibrahim:
    »Wahrhaft edle Menschen sollen auch nicht stolz sein auf ihren Edelmut.«
    Und beim elften Glase lag Ibrahim unterm Tisch und murmelte:
    »Ich hab's gar nicht nötig - zu triumphieren.«
    Doch Abdullah triumphierte.
 
                            Der galante Räuber oder
                              Die angenehme Manier
                               Ein Garten-Scherzo
»Halt!« rief der Hauptmann.
    Und dreissig blanke Flinten drehten sich der Gesellschaft zu.
    Der Herr Graf liess sein Glas fallen, dass es auf seinem Knie zerschellte und
die gelben Stiefel mit Rotwein besprengte.
    Sechs Damen fielen aufkreischend in Ohnmacht; die Kavaliere erbleichten und
griffen nach ihrem Portemonnaie.
    »Nicht so schnell, meine Herren!« sprach der Hauptmann, »ich verachte Ihr
Geld. Sie irren sich in mir. Knoppke, lege den Herren die Handfesseln an. Herr
von Rabenwitz wird sich die Ehre geben, die ohnmächtigen Damen mit Arabiens
Wohlgerüchen zu besprengen.«
    Der Vollmond stieg dunkelrot hinter dem Schwanenteich aus den Fliederbüschen
heraus, und die beiden Räuber taten, was ihnen ihr Gebieter, der sich eine gute
Cigarre anzündete, befohlen hatte. Als nun die sechs Damen wieder erwachten,
verbeugte sich der grosse Räuberhauptmann artig wie ein Page und sprach sanft wie
eine Taube zur Gräfin:
    »Meine Gnädigste, wir wollen uns die Ehre geben, Ihnen eine kleine
Überraschung zu bereiten. Als Lohn bitte ich nur, mir eine einzige kleine Bitte
zu gewähren. Ist sie gewährt?«
    Die Gräfin neigte höflich bejahend ihr Haupt, denn sie war doch neugierig.
    Und mehrere Räuber verliessen die Gesellschaft, bestiegen den grossen Kahn und
ruderten bis in die Mitte des Schwanenteiches. Die Gesellschaft, die in einer
wild zerklüfteten Felsengrotte unter schwankenden Lampions sass, erholte sich ein
bisschen, denn die übrigen Räuber zogen sich mit ihren Flinten hinter die
Rosenbüsche zurück. Der Herr Hauptmann nahm auf einem Schaukelstuhle Platz.
Lieblich dufteten die Rosen.
    So sah man denn erwartungsvoll in den Teich, der vom roten Monde unheimlich
erleuchtet wurde.
    Da pufft es plötzlich auf dem Teich, und schillernde grosse Gasblasen - grüne
und blaue - steigen langsam in den schwarzen Nachtimmel empor.
    Die runden grossen Gasblasen zittern, die grünen und blauen Wolkenwirbel im
Innern der Blasen ziehen sich, dehnen sich aus, zucken und drängen sich zusammen
- und dann platzen die feinen Luftballons - wie Seifenblasen - - und dicke
sanfte Perlen fallen wie Schnee aus ihnen heraus - langsam in den Teich. Der
Hauptmann bietet der Gräfin den Arm und geht mit ihr ein paar Schritte
seitwärts.
    Der Graf springt auf, rüttelt an seinen Handfesseln, rollt die Augen und ist
wütend für Sechs.
    Aber die Gräfin kommt gleich wieder und lächelt - sie hat allerdings ihr
Perlenkollier, das einen halben Zentner Gold gekostet hat, nicht mehr bei sich.
    Der Graf setzt sich wieder.
    Und der Hauptmann wendet sich nun an die Damen, die schwarzes Haar haben
(zwei sind's nur), und feierlich spricht er:
    »Meine gnädigsten Damen, auch Ihnen wollen wir eine Überraschung bereiten.
Sie werden fühlen, dass ich nur ein kleines Andenken möchte - und mir's nicht
abschlagen - nicht wahr?«
    Die Damen nicken hastig, denn sie sind noch neugieriger als die Gräfin.
    Und zwei Raketen steigen aus dem Schwanenteich, sie teilen sich oben in
sieben Arme, aus deren umgebogenen Spitzen dicke rote Tropfen, die wie
Blutstropfen aussehen, schnell herunterstürzen. Die schwarzen Damen erschrecken,
Herr von Rabenwitz besprengt sie aber mit duftigen Olivenwasser.
    Die Schwarzhaarigen ziehen ihre Ringe vom Finger und machen auch die
Ohrringe los, geben Alles dem guten Hauptmann, der das Empfangene dankend
einsteckt, doch gleichzeitig bemerkt, dass er auch die im schwarzen Haare
befindlichen Haarnadeln als Andenken haben möchte. Er bekommt auch diese
Haarnadeln, an denen unzählige Rubine blitzen.
    »Wollen Sie nicht,« fragt der Graf, »ein Glas Wein trinken? Leider ist meine
Bedienung nicht hier.«
    Der Hauptmann lächelt, zuckt mit den Achseln und sagt leise:
    »Verliebte trinken nicht, Herr Graf! Jetzt kommt die Überraschung für die
drei Blonden.«
    Und da knattern auch schon drei grosse Sonnen los - das funkelt und blitzt -
das knistert und knackt - das poltert und rumort - wie echte Rebellen.
    Die Sonnen drehen sich und schleudern brennende Diamantengarben nach allen
Seiten.
    Der Hauptmann erhält derweil von den drei Blonden alle Pretiosen, die sie
bei sich haben, als Andenken.
    Und er küsst den Damen sämtlich zärtlichst die Hand und blickt ihnen ernst
und traumsüss ins Auge.
    Und dann verschwinden die Räuber - lassen die kleine Gesellschaft wieder
allein.
    »Das war ja entzückend - brillant!« rufen die Kavaliere, denn ihnen hatte
man nichts abgenommen.
    Aber die Damen sind ganz verwirrt.
    Der Graf ruft polternd: »Nun macht uns mal die Fesseln los!
    Man muss immer nur verliebt tun!«
    Die Damen werden noch verwirrter, tun aber trotz ihrer Verwirrung, wie der
Graf gebot.
    Die Damen sind rot wie Rotwein.
    Der Vollmond leuchtet Allen hell ins Angesicht.
Nachdem ich kurze Zeit gewartet hatte, hörte ich abermals den Trichter sprechen
- und zwar in kurzen Absätzen, die ungefähr diesen Wortlaut hatten:
    »Die allzu guten Menschen sind ebensolche Narren wie die allzu bösen.«
    »Manche Leute werden bloss deshalb von andern anmasslich behandelt, damit sich
jene das Kopfhängertum abgewöhnen.«
    »Die Brutalität macht die Brutalisierten immer munter, darum schimpfe man
nicht auf die Brutalität.«
    »Die Komödie des Geldbeutels ist im menschlichen Leben bloss ein
Zwischenaktsscherz.«
    »Gleichheit ist sehr oft Ungerechtigkeit.«
    »Die Lichtphantome der Moral sind ebenso kompliziert wie alle andern Dinge
der Welt.«
    »Es zeugt von wenig Scharfsinn, wenn man den Göttern flucht.«
    »Die Moral der Götter ist immer anders als die Moral der Kreaturen. «
    Und dann kam Verschiedenes, was ich bei den Nilpferdchen schon hundert Mal
gehört hatte.
    Und dann sass ich wieder dem Lapapi gegenüber - in der grossen Bibliotek.
    Er sprach von den geheimnisvollen Kräften, die überall die Hauptsache
hervorbrächten.
    Und im Laufe des Gesprächs kam auch die nachstehende Geschichte zum
Vorschein.
 
                               Die Güter der Erde
                                   Kraftspass
»Lege Dich hier still hin!«
    Das klang weich von ihren Lippen.
    Und sie nahm ihren alten Zauberstaub und berührte mit ihm.
    meine Stirn; die Spitze des Stabes war kalt und prickelnd.
    Ein langes Summen ging durch die Luft, als kämen tausend Bienen an.
    Und dann ward Alles hellblau vor meinen Augen.
    Und aus dem Hellblauen schritt in goldener Rüstung ein schlanker Ritter
heraus, kam auf mich zu, öffnete sein Visir und sprach:
    »Die Güter der Erde ruhen zu Deinen Füssen. Erhebe Dich und streichle, was Du
da siehst.«
    Ich erhob mich und sah, dass ich auf einem hohen Felsen gelegen hatte. Unter
mir in den Abgründen rings umher krochen wilde Drachen herum.
    Und ich wollte meine Hand ausstrecken, um die Tiere zu streicheln; aber das
ging nicht; sie waren zu tief unter mir. »Warum streichelst Du die guten Tiere
nicht?« fragte der Ritter.
    »Ich kann nicht!« gab ich zurück.
    »So blick mich an!« rief der Ritter heftig aus.
    Durch seine Rüstung quollen seine dunkelblauen Adern durch, seine Augen
brannten wie Rubine. Und die dunkelblauen Adern wurden immer dicker, dass ich
glaubte, sie müssten gleich platzen. Und die Muskeln des ganzen Körpers zerbogen
die goldene Rüstung, dass sie klirrte.
    Eine krampfhafte Erregung packte mich; ich hörte, wie meine Zähne
knirschten.
    »Jetzt blick runter!« rief mir der Ritter rauh zu.
    Ich tat's - und die Drachen waren mir ganz nahe.
    Ich streichelte sie, und Alles erglühte in mir, dass ich einen Schrei der
Wonne ausstiess.
    Ich streichelte in den Drachen die Güter der Erde.
    Die Drachen schlugen mit den langen Schwänzen um sich und waren ganz zahm.
Die Geschichte wurde von Herrn Lapapi scharf kritisiert. »Man sehe,« sagte er
zum Schluss, »die Wellen des Meeres an - sie sind jeden Tag anders - und immer
wieder anders - wie die Schachpartieen, die auf der Erde gespielt werden, auch
immer wieder anders sind. Und so sind auch die Güter der Erde immer wieder
anders - und wir dürfen nicht denken, dass wir mal eines schönen Tages alles Gute
und Schöne gemütlich zu unsern Füssen sehen werden. Das wäre ja das Ende vom
Liede. Wenn wir auch öfters das Vergnügen haben, uns einzubilden, dass wir viel -
sehr viel - erreicht haben - Alles werden wir nie haben - und es ist gut, dass es
so ist. Dass wir immer wieder nach einem neuen Ziel jagen - das sollte uns doch
beweisen, dass die Welt unendlich reich ist. Und trotzdem hat es Leute gegeben,
die von dieser letzterwähnten Tatsache auf die Armut der Welt schliessen wollten!
O, es gibt so unendlich viele Komödien! Demnach - immer mutig, liebes
Onkelchen!«
    Und dann sprachen wir vom Abschiednehmen, und dabei las der Lapapi dieses
hier:
 
                                 Die Türklinke
»Franz, mach' die Laden zu!« sagte der alte Tischler Dömpke.
    Und Franz ging heraus und tat das.
    Der Wind heulte durchs Dorf, in der Küche hustete die alte Marie, und die
Laden gingen klappernd draussen zu.
    Franz kam wieder in die warme Stube und sagte: »Die Türklink' ist draussen
kaputt.«
    Der alte Tischler brummte was - Franz ging wieder fort und legte sich
schlafen.
    Die alte Marie tat das auch.
    Und der alte Tischler sass nun wieder ganz allein in der warmen Stube - ganz
allein.
    Der Wind heulte durchs Dorf.
    Der Tisch stand dicht am Ofen, und die Lampe auf dem Tisch brannte trübe.
    Der Alte hatte in einem Reisebuch gelesen - von Afrika, wilden Tieren und
vielen vielen Schwarzen, die immer grinsten und um ein grosses Feuer
herumsprangen. dabei hatte er immer an seine Knabenjahre denken müssen - als
Knabe wollte er Missionar werden - es war aber anders gekommen.
    Jetzt sass der alte Tischler träumend da, nahm die Brille ab und legte sie
auf's Buch, dachte an lange vergangene Zeiten und an die Türklinke.
    Da hörte er's draussen im Flur knarren - es flüsterte was - und dann ging die
Stubentüre auf.
    Und herein trat ein Matrose mit einer Handharmonika unterm Arm. Der Matrose
setzte sich dem alten Tischler gegenüber auf einen Schemel, steckte sich eine
Kalkpfeife an und spielte ein bisschen auf der Handharmonika.
    Als der Matrose zu spielen aufhörte, da ihm die Pfeife ausging, frug der
Alte heiser:
    »Wer bist Du?«
    Der Matrose lächelte und sprach:
    »Das musst Du doch wissen. Wir kannten uns doch - so vor vierzig Jahren -
nicht wahr?«
    Und nun sahen sich die Beiden lange an.
    Und der alte Dömpke nickte - jeder Zug stimmte - so sah er - der alte Dömpke
- vor vierzig Jahren aus.
    Und ihm wurde so merkwürdig still zu Mute.
    Er hatte immer gewünscht, sich noch einmal so zu sehen, wie er einst war,
als er noch zu den Jungen gehörte. Matrose war er allerdings nie gewesen - aber
so wie der da vor ihm - so sah er aus - mit der Kalkpfeife und der
Handharmonika.
    »Willst Du,« fragte der Alte, »etwas trinken?«
    »Ich hab's bei mir!« erwiderte der Junge, und dabei zog er eine Flasche Rum
aus der Tasche.
    Sie tranken, und dann sprach der junge Matrose - mit stiller leiser Stimme:
    »Ich bin der Mensch, der Du einst warst, bin der junge Dömpke - frisch und
lustig! Ich fürchte mich nicht vor dem Tode wie Du. Ich habe keine Angst; ich
lache, rauche, trinke und spiele Handharmonika.«
    Er spielte wieder lustige Lieder, doch die klangen dem Alten alle furchtbar
traurig.
    »Wo wohnst Du?« frug der Alte.
    Der Junge aber lachte und meinte: »Was weiss ich, wo ich wohne! Ich lebe und
frage nicht so viel wie Du. Ich trinke.«
    Und er trank.
    Und dann spielte er wieder.
    Und bei dem Spiel wurde dem Alten so traurig, dass er weinen musste, und
während er weinte, wurde ihm schwarz vor den Augen, dass er nichts mehr sehen
konnte.
    Die Musik klang ihm immer ferner. Alles wurde schwarz. Als am nächsten
Morgen der Franz in die Stube trat - mit Licht, sah er den Alten noch immer auf
dem Stuhle sitzen. Die kleine weisse Katze sass auf dem Tisch.
    Die Lampe war ausgegangen.
    Der Franz erschrak und rief die alte Marie.
    Der alte Dömpke war tot.
Und dann sass ich noch ein Mal rauchend mit den sieben alten Herren am grossen
ovalen Speisetisch - und in der Luft schwebten seltsame Gebilde, die von den
Nilpferdchen mit ihren Pincetten geschickt aufgegriffen und verschluckt wurden.
    Geister waren diese Gebilde; ich sah viele elektrische Funken in der Luft
aufsprühen, und oft kamen bunte Stichflammen vor - und dann glitzerte es wieder
wie bunte Krystalle - und dann ward's weissgrau wie Seenebel - usw.
    Deutlich sehen, wie die Geister gestaltet waren, konnte ich keineswegs -
aber ich wurde deshalb nicht neugierig - wusste ich doch, dass meine Sinne sich
mit denen der alten Ägypter nicht vergleichen liessen.
    Ich sollte - das bezweifelte ich nicht - bald wieder als gewöhnlicher Mensch
unten auf der Erde herumkrabbeln - und das machte mich beinahe traurig.
    Doch als die alten Herren meine Traurigkeit bemerkten, wurden sie ganz
aufgebracht - ich schämte mich denn auch - und bat um Verzeihung - und suchte
lange unter meinen Papieren das, was die Herren noch nicht kannten.
    Und ich fand noch drei Sachen, die ich mit der Versicherung auf den Tisch
legte, dass es mir nie wieder einfallen würde, traurig zu werden.
    Die Herren lachten dazu und drohten mir mit den Pincetten.
    »Wehe Dir, wenn Du nicht Wort halten solltest!« sagte der General Abdmalik.
 
                               Lachende Giraffen
                               Ein Schattenspiel
Es ist sehr dunkel und sehr still in der Wüste.
    Doch das hält nicht lange an.
    Es knistert plötzlich, und hinten wird der Himmel rot - dunkelrot - weinrot!
    Durchsichtig ist der weinrote Himmel - aber hinter ihm ist nichts zu sehen -
gar nichts zu sehen.
    Dagegen sieht man vor dem weinroten Himmel was: von rechts und von links
kommen riesig grosse schwarze Giraffen heran und schreiten gravitätisch - albern
mit dem Kopf nickend - der Mitte zu.
    Und die grossen schwarzen Giraffen lachen furchtbar hochmütig, denn sie
halten sich für das auserwählte Geschlecht - auf Erden ist nicht ihresgleichen.
Sie, die grossen schwarzen Giraffen, kommen mit ihren Köpfen dem Himmel am
nächsten. Auf Erden kann kein Geschöpf den Kopf höher tragen.
    Die Giraffen nicken sich albern zu, lachen und tun grässlich vornehm. Sie
spazieren auf und ab und begrüssen sich immerzu - wie Gigerls auf der Promenade.
    Oh! Diese Giraffen! Nein!
    Die Erde ist schwarz, die Giraffen sind schwarz, und der Himmel ist weinrot.
Die Riesenwespen aber, die jetzt von oben herunterfliegen, sind gelb wie
blühende Butterblumen.
    Die gelben Riesenwespen stechen den Giraffen in die Nasen, die von den
dummen Tieren viel zu hoch getragen werden.
    Oh! Da verändert sich das Promenadenbild.
    Die Giraffen nicken nicht mehr, lassen auch das Lachen sein - sie springen
wie Riesenflöhe hoch in die Höhe - recken die Hälse wie Elefantenrüssel -
hampeln mit den Beinen herum, als wenn sie Pyramiden besteigen wollten -
schnauben Wut - stecken die Köpfe in den Sand wie der Vogel Strauss - springen
dann wieder wie Riesenflöhe - - - kurzum: sie sind wild, verfluchen die Wespen
und recken die Hälse nach allen Seiten. Sie krümmen den Hals, dass man glauben
könnte, sie wollten sich ganz und gar in toll gewordene Schlangenleiber
verwandeln.
    Die Giraffen verrenken ihre Glieder, als wenn sie verrecken möchten.
    Indessen - nur ihr Gelächter verreckt in der Ferne - wie ein sterbender Föhn
- wie ein sterbender Föhn!
    Es wird grausig - das Schattenspiel!
    Der weinrote Himmel leuchtet mächtig auf, als wollte er sagen:
    »Es ist leichter, seine Nase in ein Weinglas zu stecken - als in den
Himmel!«
    Die Giraffen gehen jammernd und geduckt rechts und links ab.
    Die heissen Tränen der grossen Tiere zischen im Wüstensande - wie verprügelte
Klapperschlangen.
 
                                   Zu Hause!
»Wächter! Wächter!«
    »Kabinetsrat! Weltrat! Alter edler Konnofolski!«
    Also schrieen meine beiden Leiblakaien.
    Ich aber brüllte mit meiner unheimlichen Roststimme:
    »Konnofolski! Wird's bald? Mach mal das Tor auf, denn Ich bin da! Hurrah!
Erkennst Du Mich nicht mehr? Ich sitze auf Meinem hellgrünen Nashorn und begrüsse
Dich, Du Faulpelz! Guten Morgen, Konnofolski! Mach beide Torflügel auf - beide!
Bewundere Meine weissen Sammetkleider und rufe begeistert: Ah! Ah! Ah!«
    Und mit meinem beiden Leiblakaien, die zu meinen beiden Seiten auf kleinen
zahmen Eisbären ritten und dabei in blutroter Seide staken, ritt ich nun durch
das dunkle Tor; es hallte an den Wänden.
    Und dann kam ich auf die dunkelblaue Wiese - im gestreckten Galopp - hoch zu
Nashorn!
    Hei! Das war ein Empfang!
    Meine hellblauen Löwen reichten mir prustend die dicken Pfoten. Die vielen
Riesen - ebenfalls sämtlich Mein Eigentum! - brüllten einen Riesen-Choral. Die
weissen Adler umkreisten mein gedankenvolles Haupt und quiekten fortwährend
lustig:
    »Viktoria! Viktoria! Viktoria!«
    Meine guten Freunde sprangen meinem grünen Nashorn über's grüne Nashorn und
jodelten vor Vergnügen - es hörte sich einfach scheusslich an - oh - abscheulich!
    Und Alles - Alles lachte - und sah so doll aus, dass ich - nolens volens! -
mitlachen musste.
    Wir machen uns eben immer überall über Alles lustig - sehr lustig!
    Die abenteuerlichsten Fabeltiere und Fabelgötter umringten Mich und beteten
mich an - Mich - Ihren lächerlichen tranköpfigen Herrn und Meister.
    Und sie gratulierten Mir - denn ich war so glücklich - ich war ja endlich
mal wirklich von den Menschen und von der Erde erlöst - diesen unglücklichsten
Weltspässen, die in jenem Sternenmeer entstanden, das der Vater Knulleke regiert
und sein Eigen nennt. Heil dem grossen Knulleke!
    Er hat mir auch Mein Heim geschaffen - und geschenkt. Und das ist mehr wert
als die Menschenerde. Ich besitze hier alles Mögliche und Unmögliche - Wiesen,
Burgen und Paläste - Gebirge, Meere und Pappelwälder - Cigarren, Rebhühner,
Riesen, Götter, Könige, Billionen Wundertiere und noch viel viel mehr. Und bei
mir zu Hause geht's überall höchst lustig zu - da gibt's keine sentimentalen
Weltverächter, die stets Ach und Oh schreien.
    So was gibt's doch bei mir nicht.
    Ach! Oh! Ihr gemütvollen Dusselköppe des Erdballs - beisst Euch die grossen
Zehen ab!
    »Beisst zu! Es lebe Knulleke!«
    Also schrie ich - und alle Götter, Tiere und Spassonkels brüllten mir nach:
    »Es lebe Knulleke!«
    Mir ist die ganze Welt einfach Wurscht - wenn ich zu Hause bin - bei Mir zu
Hause!
    Zu Hause ist es doch immer am besten - besonders wenn man nach langen
Irrfahrten wieder mal heimkehrt.
    Jetzt bleib ich aber vorläufig hier. Ich hab's ja nicht mehr nötig,
rumzubummeln.
    »Konnofolski, bring Mein hellgrünes Nashorn endgiltig in den Stall!«
    So sprach ich befehlend und stieg die Email-Stufen meiner blitzenden
Spottburg hinan.
    Alles klirrte und klapperte.
    »Knulleke! Hurrah!«
    Der gute Knulleke, der mir dieses drollige Heimatland geschenkt hat, soll
hoch leben - denn Ich lebe jetzt auch wieder hoch - höher - und am höchsten -
alle Tage und alle Nächte - bei Regen und bei Sonnenschein!
    Raset, Riesen!
    Raset, Riesen!
    Vorhang!
 
                                   Kirowátti
Kirowátti, ein mordsmässig grosser Nebelfleck mit fünfzig Centralsonnen, wusste
nie, was er vor langer Weile anfangen sollte. Er hatte über alles genugsam
nachgedacht, hatte Alles gesehen, was in der Welt zu sehen war, und hatte das
Denken und Sehen allmählich dick bekommen.
    »Halt!« rief er da eines Abends, »ich weiss, was ich mache: ich male mir eine
Welt aus, die's noch nicht gibt - das ist ein ausgezeichneter Spass!«
    Und er schuf sich ein Traumreich. Und von seiner Umgebung merkte er bald
nichts mehr. Ein feiner Spass!
Die Herren waren ausserordentlich liebenswürdig zu mir und ermahnten mich, mein
Versprechen nicht zu vergessen.
    »Bedenke stets,« sagte der King Ramses, »dass sich die Welt in unendlich
vielen Erscheinungsformen offenbart.«
    »Bedenke auch immer,« sagte der King Amenophis, »dass alle diese
Erscheinungsformen der Welt zu einander in Beziehung treten können - und Alles
immer noch reicher machen können - immer noch reicher - immer noch reicher!«
    »Bedenke auch,« sagte der King Tutmosis, »dass jedes Lebewesen ebenso
kompliziert ist wie die Welt.«
    »Und bedenke ganz besonders,« fügte der King Necho hinzu, »dass auch die
unendlich vielen Erscheinungsformen des einzelnen Lebewesens unter einander
ebenfalls in Beziehung treten können und dadurch das Leben des Einzelnen auch
immer noch reicher machen können - immer noch reicher.«
    »Überall sind die unendlichen Reihen!« sagte der General. »Und wer die
Grandiosität der Welt,« rief da der Oberpriester, »einmal ordentlich begriffen
hat - der wird an der grandiosen Vernünftigkeit dieser grandiosen Welt nicht
mehr zweifeln.«
    »Er wird,« sprach leise der Pyramideninspektor, »auch in aller Not und im
Angesichte des Todes immer mutig bleiben, da er nicht mehr zweifelt an jener
Welt-Vernünftigkeit, die Alles überragt.«
    Und nach diesen Ermahnungen, die ich wohl Wort für Wort behalten habe,
kam's, dass die Herren noch ein Manuskript lasen.
 
                                Die blaue Blume
                                Ein Hexenmärchen
Feine weisse lange Finger kamen aus den Wolken raus und bewegten sich wie
gefangene Aale.
    Sepu, die junge Hexe, sass in ihrer dunkelgrünen Moosgrotte und ordnete ihre
alten Steinbüchsen, in denen die vielen Zauberkräuter staken. Die Hexe hörte das
Meer rauschen, denn es war ganz in der Nähe und so lebhaft in Bewegung, wie die
langen Finger, die aus den Wolken herauskamen.
    Die Sepu ist eine kluge Hexe - sie hat nur ein einziges Ziel - sie will bloss
die Menschen toll machen - weiter will sie nichts.
    Und es ist so klug, Alles in Einem zu sehen.
    Die Finger in den Wolken werden zu Krallen - zu sehnigen Krallen - sie
zittern und beben - als ströme Lustsucht durch ihre Adern.
    Die Sepu hat verschiedene blaue Blumen unter ihren Kräutern - aber die alten
blauen Blumen sind alle vertrocknet und nicht mehr scharf genug. Mit so
trockenem Kraut ist nicht viel auszurichten - bei den Menschen schon ganz und
gar nicht, denn die haben sich allmählich derart an die verschiedenen Gifte
gewöhnt, dass es den Hexen immer schwerer wird, zum Ziele zu kommen. Die
Krallenfinger werden oben ganz steif.
    »Es gibt trotzdem noch eine gute blaue Blume!« sagt die Hexe zu sich selbst,
»und die hat doch immer die Menschen toll gemacht. Die blaue Blume reizt die
Phantasie der Menschen so schrecklich auf, dass die armen Menschen immer Tolleres
sehen und hören und schliesslich glauben, sie sähen das Unsichtbare und vernähmen
das Unhörbare - das Weltgeheimnis aus dem neuen Reich - das, was hinter Mond und
Sternen in ganz andren Zaubergrotten tront. Mag's kosten, was es will - diese
blaue Blume muss ich finden.«
    Die Sehnenkraft in den Krallenfingern lässt nach.
    Die Hexe weiss: es ist keine Kleinigkeit, die blaue Blume des Jenseits zu
finden. Sie ist ganz dünn wie ein Zwirnsfaden und mit dem blossen Auge nicht zu
entdecken. Die seltsame Blume streut kleine, scharfe Stachelfädchen um sich. Und
wo diese Stachelfädchen sind, da ist sie in der Nähe - tief im Erdreich
verborgen; sie zieht sich tief ins Innre der Erde hinein, wenn was naht - lässt
kaum ein Loch zurück - so schlank ist sie.
    Die Finger in den Wolken werden schlaff.
    Oh, diese schlanke Wunderblume muss die Sepu haben - sie geht gleich suchen -
mit nacktem Leibe - die Stachelfädchen will sie fühlen - wenn's auch weh tun
sollte. Das Tastgefühl des Leibes wird immer feiner. Die Sepu windet sich über
die Dünenhügel und über die Steine am Strande des Meeres wie eine Schlange - und
fühlt - mit dem ganzen Leibe - mit ungeheurer Aufmerksamkeit. Die Sepu sucht
lange Zeit.
    Die Finger in den Wolken sind nicht mehr Krallen, sie sind so wie hängende
tastende Fühlhörner. Die Finger suchen auch nach einem neuen Kitzel wie die
Sepu.
    Die Sepu sucht lange Zeit.
    Plötzlich schreit sie auf - ein Stachelfädchen hat ihr das Knie geritzt - es
tut weh - Blut sickert in den Sand am Meeresstrande.
    Aber die Sepu wird jetzt das Kraut, das den Menschen das Jenseits offenbaren
soll, schon finden.
    In den Wolken sieht die junge Hexe lauter Handteller mit ausgespreizten
langen Fingern.
    Die Sepu gräbt. Sie gräbt immer tiefer und noch tiefer - und - findet die
blaue Blume.
    Die blaue Blume ist wie ein Zwirnsfaden. Wenn sie sorgsam gestreichelt wird,
faltet sie sich langsam auseinander und zeigt Blätter und Blüten - aber sie muss
sehr zart gestreichelt werden.
    Der Himmel ist voller Fäuste.
    Sepu läuft lachend über den Strand mit der blauen Blume des Jenseits.
    Sepus Knie blutet noch immer.
    Die Fäuste in den Wolken tun sich auf und lassen funkelnde Sterne
herunterfallen.
    Die Sterne haben alle nur denkbaren Farben und Formen. Die Sepu sieht's und
nickt.
    Hexengelächter!
    Händegeklatsch!
Und dann kam die Stunde, in der ich Abschied nehmen sollte.
    Der Pyramideninspektor flüsterte mir noch zu:
    »Was jedem Schaf im Schlaf kommt - kann doch nicht so erhebend sein - wie
das, was Andern in wilder Qual kommt.«
    »Verachte Nichts!« sagte mir noch der Oberpriester, »je unwissender und
dümmer Jemand ist - um so mehr steht ihm noch bevor.«
    Und dann standen wir auf.
    Und alle Nilpferdchen umarmten mich.
    Da sie halb so gross als ich waren, kletterten sie alle zu diesem Zweck auf
den Tisch.
    Ich musste lächeln - aber die Aufmerksamkeit gegen mich war doch sehr fein.
    Indessen - ich weiss heute noch nicht, wie's kam - jedenfalls erinnerte ich
mich plötzlich an eine Geheimtasche, in der noch eine Geschichte stak.
    Kurz und gut: ich holte sie vor - und die Herren lasen sie, ohne vom Tische
runterzuklettern.
 
                      Die Fabrik lebenslustiger Kreaturen
                           Kosmische Existenz-Komödie
Nacht war's auf Erden, und der Mond schien hell, und die gelben Butterblumen
blühten auf der Wiese, denn es war sehr warm.
    Und über die Wiese gingen fünf Damen mit fünf Herren, und diese zehn
Personen fanden Europa langweilig - zum Sterben.
    »Es ist überall nichts los,« sagten sie melancholisch, »man kann hinkommen,
wohin man will, überall ertönt die alte Leier des vollendeten Stumpfsinns. Wer
da wüsste, wo was los ist, könnte ein Bombengeschäft machen.«
    Und bei diesen Worten ging die kleinste Gesellschaft, storchartig hoch die
Beine aufhebend, über die Wiese, auf der die gelben Butterblumen im
Mondenscheine blühten - so sorglos blühten, als wäre wirklich nichts los.
    Da sprang ein fremder Herr über den nächsten Chausseegraben und rief laut
und kräftig:
    »Meine Damen und Herren! Verzagen Sie nicht: ich weiss, wo was los ist.«
    Die Gesellschaft blieb erschrocken stehen und starrte den fremden Herrn wie
ein Weltwunder an.
    Der Fremde sah sehr elegant aus - schwarzer Cylinder, gelber langer
Überzieher, Prinzenkrawatte, Lackstiefel - alles höchst elegant. Der Herr trug
allerdings bloss einen Lackstiefel, der andere Fuss stak nur in einem lilafarbigen
Strumpf. Und im Cylinder befand sich vorn ein regelmässiges fünfeckiges Loch, das
mit Goldfäden sauber umsäumt war. Und auf dem Rücken des Überziehers hatte der
Schneider eine weisse Weste aufgenäht - ebenfalls mit Goldfäden.
    Jedoch sonst war alles tadellos - auch der schwarze Spitzbart und die blasse
Gesichtsfarbe.
    »Wollen die Herrschaften,« begann der Fremde, »von meinen
Erleichterungspillen kosten und dann die Augen schliessen, so wird alles mit
grösster Schnelligkeit arrangiert werden.«
    Zögernd entsprach die Gesellschaft den Wünschen des fremden Herrn.
    Und als die Zehn danach die Augen wieder öffneten, hatte der Fremde eine
hohe Leiter in der Hand.
    Die Leiter war aber so hoch, dass sie an den Mond gelehnt werden konnte.
    Als das nun wirklich geschah, rang sich ein Schrei der Bewunderung von den
Lippen der zehn Personen los.
    Der grosse Zauberer ergriff nach diesem Schrei einen grossen schwarzen Kasten,
der neben ihm stand, öffnete ihn, stellte ihn unten vor der Leiter aufrecht hin
und sagte hastig: »Steigen Sie schnell ein, meine Herrschaften, die Leiter ist
eine Drahtseilbahn, und in dem Kasten, der Waggoncharakter besitzt, haben Sie
sämtlich bequem Platz.«
    Zögernd entsprach die Gesellschaft auch diesem Wunsche des fremden Herrn,
der sich schliesslich ebenfalls in den Kasten setzte und dann den Deckel
zumachte.
    Da war's denn sehr dunkel in dem schwarzen Kasten, und es liess sich ein
feines Summen und Pfeifen vernehmen. Und siehe da - nach ein paar Augenblicken
sprang der Kastendeckel wieder auf - und die Gesellschaft befand sich auf dem
Monde.
    Und auf dem Monde standen unzählige andere Leitern, die zu den nächsten
Fixsternen hinaufführten.
    »Jetzt,« sprach lächelnd der Fremde, »können wir hinfahren, wohin wir
wollen. Kennen Sie schon die Fabrik lebenslustiger Kreaturen? Ich seh's Ihnen an
der Nase an, dass Sie noch keine Ahnung von der Fabrik haben. Wenn Sie dahin
wollen, so steigen Sie nochmals in den Kasten.«
    Die Damen und Herren wollten was sagen, doch der Fremde stellte den Kasten
vor die nächste Leiter und bat, erst Platz zu nehmen. Sodann fuhren sie wie
vorhin im dunklen Kasten höher hinauf - in eine ganz entfernte Sternenwelt
hinein; die Fahrt dauerte diesmal viel länger; auch das Gesumme und Gepfeife
machte sich hier so scharf bemerkbar, dass jegliche Unterhaltung unmöglich wurde.
Als der Deckel wieder aufsprang, sprang der fremde Herr sehr vergnügt
gleichfalls auf und sagte, während er den Damen beim Aussteigen behilflich war:
»Es freut mich sehr, meine Damen, dass Sie so herrlich gekleidet sind, auch die
Cylinderhüte der Herren bereiten mir eine wahre Herzensfreude. Sie befinden sich
hier auf dem Dache der Fabrik lebenslustiger Kreaturen, und die Sternenwelt, die
Sie von hier aus sehen, wird Ihnen wohl ganz neu sein.«
    Die Damen lächelten seelenvergnügt und sprachen ihren Dank in den
herzlichsten Worten aus, die Herren glätteten ihre Cylinderhüte und wussten gar
nicht, was sie zu der schnellen Fahrt sagen sollten; die Sterne, die sie sahen,
schienen sich in lebhafter Bewegung zu befinden.
    »Die Fortschritte der modernen Technik ...,« begann der Herr, der eine
goldene Brille trug - doch er kam nicht weiter in seiner Rede; ein grosses Rad
kam auf die Gesellschaft zugelaufen, so dass sie erschrocken auseinanderstob.
    Doch das Rand stand plötzlich still, und da sahen alle, dass es ein Rad gar
nicht war; ein junger Dachdirektor war's - als solcher stellte er sich nämlich
vor.
    Aussehen tat der junge Dachdirektor etwas eigentümlich: der Mann hatte nicht
bloss unten zwei Beine, er hatte auf jeder Schulter auch noch ein Bein, dessen
Fuss sich hoch oben in der Luft zierlich bewegte. Mit diesen vier Beinen konnte
der Herr Direktor ganz bequem wie ein Rad laufen; der Rumpf dieses Radmannes
nahm nicht viel mehr Raum ein als der Kopf, der zwischen den Oberbeinen sass -
fest eingeklemmt.
    Der fremde Herr griff in das fünfeckige Loch seines Cylinders, schwenkte
diesen zur Begrüssung in der Luft herum und sprach feierlich:
    »Herr Dachdirektor, diese fünf Damen und diese fünf Herren sind vom Stern
Erde und dürften Ihnen vielleicht Gelegenheit geben, Ihre Kunst zu erproben.
Wenn ich nicht sehr irre, werden diese Herrschaften sehr gerne bereit sein, die
höhere Lebenslust kennen zu lernen. Es ist wohl nur eine fachmännische Erklärung
dieser kleinen Gesellschaft gegenüber nötig.«
    Der fremde Herr setzte sich wieder seinen Cylinder auf und drehte sich um,
so dass alle die weisse Weste, die auf der Rückseite des gelben Überziehers
aufgenäht war, sehen konnten. Auch der lilafarbige Strumpf wurde im
Sternenlichte deutlich sichtbar.
    Jetzt kamen über das Dach sehr viele andere Räder herangelaufen, und der
Herr mit der goldenen Brille räusperte sich und meinte wohlwollend: »Aha! Da
sind wohl die Kollegen des Herrn Dachdirektors.«
    »Welch ein Irrtum!« rief stolz der Angeredete, »das sind meine Assistenten,
die zum Frühstück eilen. Ich wollte ebenfalls grade mein Frühstück einnehmen,
doch ich bin gerne bereit, Ihnen vordem in aller Eile die gewünschte Erklärung
zu geben. Hören Sie genau zu, denn ich habe nicht viel Zeit zu verlieren: Sie
sehen in diesem dunkelgrünen Himmel unzählige Sterne - teils in roter - teils in
blauer Farbe. Und diese Sterne werden, wie Sie sich durch Augenschein überzeugen
können, immerzu - bald grösser - bald kleiner. Da drüben sehen Sie sechs ganz
dicke hellblaue Sonnen, die gleich zu Punkten werden müssen. Da sind sie's
bereits geworden! Sehen Sie, dass ich Recht hatte? Na ja! Die Sterne in dieser
Weltgegend haben nämlich ganz besondere Fähigkeiten. Das sind eigentlich gar
nicht selbständige Sterne, die Sie hier so als Punkte und Scheiben erblicken;
von denen bilden immer mehrere zusammen ein selbständiges Wesen. Jeder Stern
dieser Weltgegend hat nämlich die Fähigkeit, mit Blitzesschnelligkeit einen oder
mehrere Tropfen von sich abzustossen und jeden Tropfen im Handumdrehen eine ganz
beträchtliche Strecke in den Raum hinauszuschiessen - ohne sich von diesem
Tropfen, der natürlich ganz gewaltige Dimensionen besitzen kann, zu trennen.
Denken Sie an den Syrup der Erde!Wenn Sie von dem was runtertropfen lassen, so
bleibt der Tropfen gewöhnlich an einem dünnen Syrupfaden hängen und wird von dem
so hin-und hergezogen. So auch hier! Nur mit dem Unterschiede, dass beim Syrup
der Erde manchmal wirklich was abfällt - während das bei unsren Sternen nicht
vorkommt. Unsre Sterne, die so syrupartig einzelne Teile ihres Körpers abstossen
- nach allen Richtungen abstossen, da die Schwerkraft bei uns durch ganz andre
Kräfte ersetzt ist - unsre Sterne tun dieses Abstossen - um nicht immer bloss an
einem Punkte leben zu brauchen - sie wollen eben an mehreren Punkten der Welt zu
gleicher Zeit leben. Verschiedene unsrer Sterne können Tausende von Tropfen
abstossen, ohne sich von ihnen zu trennen - d.h. die Sterne können an tausend
Punkten des Weltraumes zu gleicher Zeit sein - überall zu gleicher Zeit dort
auftauchen, wo was los ist. Haben Sie mich verstanden, meine Damen und Herren?«
    Die Damen und Herren nickten gedankenvoll mit den Köpfen; sie hatten
wirklich die Geschichte verstanden. »Wir haben nun,« fuhr der Herr Dachdirektor
fort, »die Erlaubnis erhalten, unter diesen Dächern kleinere Lebewesen zu
fabrizieren, die das im Kleinen sein dürfen, was die Sterne im Grossen sind. Es
ist uns möglich, in unseren Laboratorien kleinere Lebewesen in beliebiger
Gestalt herzustellen, die mit Hilfe feinster Fühlfäden, die nicht viel kürzer
sind als die Fühlfäden der Sterne und für irdische Augen selbstverständlich
niemals sichtbar werden, ihre Persönlichkeit an verschiedene Orte zu gleicher
Zeit zu senden vermögen. Das ist das höhere Doppelgängertum - das bewusste. Unsre
Kreaturen führen ein vielfaches Leben, das viel lustiger ist als das einfache
Leben, das gemeinhin ziemlich langweilig ist, wie Sie wohl wissen. Daher heisst
unsre Fabrik die Fabrik lebenslustiger Kreaturen. Haben Sie mich verstanden?«
    Abermals bejahten die Damen und Herren.
    »Dann,« fuhr der Direktor zum zweiten Male fort, »bin ich bereit, Sie zu
lebenslustigen Kreaturen zu machen. Sie werden als solche ein hundertfach
interessanteres Leben führen als bisher, da Sie infolge der Syrupfühler, die Sie
bald haben sollen, überall, wo was los ist, dabei sein dürfen. Dann werden Sie
auf die herrlichen Momente des Lebens nicht lange zu warten brauchen. Sie
brauchen dann bloss in jenem Turm da drüben den Vergnügungsanzeiger
durchzublättern - und alle Vergnügungen, die in dieser Gegend zu haben sind,
stehen sofort zu Ihrer Verfügung. Wir haben in der Tiefe noch einen
Kunstanzeiger und einen Kriegsanzeiger und auch einen Anzeiger für pikante
Verwirrungen - und noch ein paar Dutzend andere Anzeiger. Ich muss Sie aber
bitten, sich umgehend zu entschliessen, ob Sie sich umwandeln lassen wollen -
oder nicht. Sie brauchen sich bloss da oben im Retortenpalast einstampfen zu
lassen. Die relativ einfache Prozedur kann ohne alle Umstände sofort vor sich
gehen. Aber Sie müssen in den nächsten fünfzig Augenblicken schlüssig sein - ich
muss zum Frühstück - und habe wirklich nicht länger Zeit.«
    Nach diesen Worten ging der Direktor mit dem fremden Herrn im gelben
Überzieher hinter den nächsten Schornstein, nachdem er dem Herrn freundlich mit
der rechten Hand auf die weisse Weste geklopft hatte; der Direktor hatte zwei
Hände wie die Leute vom Stern Erde.
    »Himmel!« rief Kamilla Schmidt, »die Geschichte ist ja lebensgefährlich.
Nicht um Alles in der Welt lasse ich mich einstampfen.«
    Und die kleine Gesellschaft debattierte fünfzig Augenblicke mit Geschrei und
Händeringen.
    Als der Direktor zurückkehrte, redete der Herr mit der goldenen Brille im
Namen Aller folgendermassen:
    »Wir danken Ihnen, Herr Dachdirektor, für Ihr freundliches Anerbieten von
ganzem Herzen, können uns aber leider nicht entschliessen, unser Jawort
abzugeben. Wir wollen doch lieber das einfache Leben behalten, es erscheint uns
sicherer; wir müssen denn doch befürchten, durch das allzu vielfältige Leben
allzu nervös zu werden.«
    »Hasenfüsse!« schrie der Direktor wütend.
    »Rufen Sie den Hausknecht vom Erfrischungspalast!« rief er einem
vorübereilenden Assistenen zu.
    Und dann jagte der Herr Direktor kopfüber als Rad zum Frühstückspalast.
    Der fremde Herr mit dem lilafarbigen Strumpf liess sich nicht blicken.
    Dafür kam der Hausknecht, ein kolossaler Riese mit ungeheurem roten Kopf und
schwarzem Maul und blauen Felsenzähnen, an den Dachrand mit dem Kopfe heran und
sagte schnarrend:
    »Wohin sollen ich denn die kleinen Leute hinpusten? - so was muss mir doch
gesagt werden.«
    Und mehrere Assistenten sagten ihm den Stern, auf dem die Leute zu Hause
waren, und auch die Nummer des Milchstrassensystems.
    Und da pustete der Hausknecht vom Erfrischungspalast die zehn Leute vom
Sterne Erde vom Dache runter, dass ihnen Hören und Sehen verging.
    Als die fünf Damen und die fünf Herren wieder zum Bewusstsein kamen, sahen
sie, dass sie auf einer Wiese lagen, auf der viele gelbe Butterblumen blühten;
die Sonne schien den zehn Personen heiss ins Angesicht.
    Und da schimpften sie plötzlich wie die Rohrspatzen und warfen sich
gegenseitig vor, feige Memmen zu sein; Kamilla Schmidt schimpfte am meisten.
    Nach dem Geschimpfe sprangen sie alle über den Chauseegraben, über den der
fremde Herr gesprungen war.
Danach haben die alten Herren vom Nil herzlich gelacht.
    Der General Abdmalik sagte lachend, während er wie ein Soldat auf dem Tische
marschierte:
    »Na, die Herrschaften waren nicht immer mutig!«
    »Nun müssen wir aber,« sagte der König Ramses, »ein Ende machen.«
    Und der alte Oberpriester Lapapi sprach das Schlusswort:
    »Denk immer, dass jedes Weltstück ebenso gut ein gordischer Knoten ist wie
die Welt selbst - und dass jeder Mensch auch solch ein gordischer Knoten ist.«
    Nach diesen Worten drückten mir unsichtbare Hände die Augen zu - und ich
verfiel in einen langen, langen Schlaf, in dem ich nichts träumte.
    Als ich dann aufwachte, lag ich neben einem Roggenfeld, in dem blaue
Kornblumen und rote Mohnblumen blühten. Nicht weitab graste eine hellbraun und
weiss gefleckte Kuh.
    Der Himmel war dunkelblau.
    Neben mir sass mein Dackel, den ich »schwarzer Deiwel« nannte, da er so von
der Dorfjugend geschimpft wurde. Ich hatte Hunger, griff in meine grossen Taschen
- und siehe - da staken zwischen den Manuskripten bunte seidene Taschentücher,
in denen sehr, sehr viele Knoten waren.
    Und ich erinnerte mich - an Lapapis Schlusswort - nahm meinen schwarzen
Deiwel und band ihm ein blaues Taschentuch um den Hals - und ein gelbes sowie
ein rotes um den schwarzen Leib. Der schwarze Deiwel war ein gutes Vieh und liess
sich das gern gefallen.
    Dann stand ich auf - und sah in der Ferne ein Stück vom dunkelblauen Meer
und links davon einen Park.
    Und dann wusste ich, wo ich war.
    Ich war auf Rügen, der Park war der von Juliusruh, und rechts drüben lag
Breege, wo ich schon seit dem vorigen Jahrhundert wohnte.
    Ich hatte Hunger und sagte zu meinem Hunde: »Weisst Du vielleicht, was meine
Frau heute zu Mittag gekocht hat?« Der schwarze Hund mit den bunten
Knotentüchern bellte. Aber die Antwort verstand ich nicht.
    Ich ging langsam nach Hause, während der Hund über die Felder lief - wie
sonst.
    Schön sah der Deiwel aus.
    Ich sah zum Himmel auf - und da war's mir plötzlich - als ginge der Himmel
auseinander.
    Und ich schaute tief hinein in unglaublich grosse Wunderwelten, dass es mich
durchzuckte - und dass ich laut ausrief:
    »Das ist der niemals erschöpferische Reichtum der Welt!«
    Doch dann sah Alles wieder im Himmel so aus wie sonst.
    Es war nur ein Moment.
    Aber der sass fest in mir.
    Langsam ging ich weiter - nach Hause.
 
    