
        
                                    Karl May
                         Im Reiche des silbernen Löwen
                                    3. Band
                                  Erstes Kapitel
                                        
                                    In Basra
Jedem Leser von »Tausend und eine Nacht« ist der Name Basra bekannt, weil die
ebenso schöne wie kluge Erzählerin Scheherezade einen Teil ihrer Märchen in
dieser einst hochberühmten Stadt spielen liess. Basra, früher auch Bassora oder
Balsora genannt, ist die älteste der am Euphrat und Tigris gelegenen
Khalifenstädte und wurde im Jahre 636 von Omar gegründet, um den Persern die
Verbindung mit dem Meere und so den Seeweg nach Indien abzuschneiden.
    Zu jener Zeit lag an der damaligen, jetzt vollständig vertrockneten Mündung
des Flusses die alte Stadt Teredon oder Diridotis, welche wegen der
Fruchtbarkeit ihrer Gegend Jahrhunderte lang von den Arabern zu den vier
Paradiesen der Moslemin gerechnet wurde. Sie stand seit Nebukadnezar bis zur
Zeit der macedonischen Diadochen in Blüte und ist auch uns besonders dadurch
bekannt, dass Nearchos, der Jugendfreund Alexanders des Grossen, im Herbste des
Jahres 325 mit seiner Flotte vom Indusdelta herüberkam und hier in Teredon
landete. Zwischen diesem Handelsplatze und Basra entstand ein Wettbewerb, aus
welchem die damals noch junge Khalifenstadt als Siegerin hervorging; Teredon
verödete, meist wohl auch infolge der allmählichen, aber unaufhaltsamen
Versandung des Flusses, während Basra als Stapelplatz der nach Bagdad bestimmten
Waren zu solcher Bedeutung gelangte, dass der persische Golf das »Meer von Basra«
genannt wurde.
    In einer wohlangebauten Gegend liegend und unter dem besondern Schutze der
Khalifen stehend, kam diese Stadt nicht nur zu grossem materiellen Reichtum,
sondern auch zu hohem litterarischen Ruhme, weil die hervorragendsten Dichter
und Gelehrten der moslemitischen Welt sich hier zusammenfanden, besonders
nachdem Ibn Risaa, der Gefeierte, da eine der ersten Gelehrtenschulen gegründet
hatte. Die geistige und geistliche Bedeutung dieser Akademie war eine so hohe,
dass Basra durch sie den Ehrennamen Kubbet el Islam, Kuppel des Islam, erhielt.
Diese Herrlichkeit war aber nicht von langer Dauer; die Stadt ging an demselben
Schicksale zu Grunde, welchem ihre einstige Rivalin Teredon erlegen war, der mit
der Zeit unerbittlich fortschreitenden Austrocknung des Flusses, wozu sich auch
höchst ungünstige politische Verhältnisse gesellten. Jetzt besteht die »Kuppel
des Islam« nur aus zwischen Ruinen liegenden armen Hütten und ist, obgleich
Ausgangspunkt der nach Arabien bestimmten Karawanen, fast bedeutungslos. Sogar
den Namen hat es eingebüsst; es wird jetzt Zobeïr genannt, nach einer kleinen
Grabmoschee, welche auf der Stelle steht, wo der gleichnamige Parteigänger von
Muhammeds Witwe Aïscha den Tod gefunden hat. Uebrigens ist das alte Basra auch
dadurch interessant, dass Muhammed als Knabe seinen Oheim Abu Taleb auf einer
Reise hierher begleitete und da mit einem christlichen Mönche Namens
Dscherdschis (Georgius) zusammentraf, der sich viel mit ihm beschäftigte und
dann den Onkel auf die geistigen Anlagen des Neffen aufmerksam machte.
Wahrscheinlich ist hier die Wurzel zu den christlichen Anschauungen zu suchen,
deren Blüten so oft im Kuran zu entdecken sind.
    Basra liegt jetzt ungefähr zwei Meilen nordöstlich von der alten Stadt. Wer
etwa infolge von »Tausend und eine Nacht« in poetisch gehobener Stimmung
ankommt, der sieht sich von einer so unpoetischen Misère umgeben, dass er schon
in der ersten Stunde wünscht, den Schauplatz süsser Märchen so bald wie möglich
wieder verlassen zu können. Zunächst liegt die Stadt leider nicht direkt am
Flusse, sondern eine halbe Stunde davon an einem stagnierenden und darum
übelriechenden Wasser. Der Ort bietet dem Auge des Besuchers nur die Zeichen des
Verfalles; er steht auf versumpftem Grunde, welcher gefährliche Miasmen erzeugt.
Die jahraus, jahrein hier brütenden Fieber sind so berüchtigt, dass z.B. die
Versetzung eines Beamten von Bagdad nach Basra für eine Verurteilung zum sichern
Tode gehalten wird. Kein einheimischer Arzt kennt ein wirksames Mittel gegen
diese Fieber, und da auch unsere Medizinen sich als machtlos erweisen, so kommt
auch der Europäer nur, um schnell wieder zu gehen. Die Bevölkerung, noch in den
zwanziger Jahren auf wenigstens sechzigtausend geschätzt, kann jetzt kaum den
zehnten Teil davon betragen, und wenn es hier nicht den Kut-i-Frengi1 für die
grossen Seedampfer gäbe, welche den Handelsverkehr zwischen Mesopotamien und
Indien vermitteln, so würde Basra an seiner jetzigen Stelle bald vergeblich zu
suchen sein.
    Obgleich ich das alles sehr wohl wusste, war ich doch mit meinem Hadschi
Halef hierhergekommen, um Alt-Basra zu besuchen und dann aber ja nicht zu
verweilen, sondern über den Schatt el Arab und Qarun zu setzen und dann am Ufer
des Dscherrahi oder auch Ab Ergun in die Berge zu reiten, durch deren Pässe dann
ein Weg nach Schiras zu suchen war. Meine Leser wissen, dass ich früher schon
einmal mit Halef in Basra gewesen bin2. Wir hatten schon damals die Absicht,
nach Persien zu gehen, waren aber auf die Pilgerstrasse nach Mekka abgelenkt und
dann ganz verhindert worden, diesen Vorsatz auszuführen. Was wir dabei in
Alt-Basra erlebt hatten, war so interessant, dass wir jetzt diese Gegend nicht
berühren wollten, ohne die Stätte wieder aufzusuchen. Heute waren wir von diesem
Ritte zurückgekehrt und sassen nun unweit der Zollgebäude in dem Kahwe3, welches
neben dem Tore in der Mauer liegt. Wir hatten die Pferde in dem engen,
schmutzigen Hofe stehen und warteten auf den Fährmann, der uns an das linke Ufer
des Schatt el Arab bringen sollte. Der liebe Mann hatte uns abgewiesen und auf
später vertröstet, weil er vorhin jemand hinübergerudert habe und sich nun erst
einmal tüchtig ausruhen müsse. Dieser Zeitverlust um einer so albernen Ursache
willen war ärgerlich, musste aber ruhig hingenommen werden, da der Starrkopf
unsern Einwand, dass wir selbst rudern wollten und er dabei ruhen könne, mit der
Widerrede beantwortete, dass er seine Ruder nur für sich und nicht für andere
Leute habe. Aber wie jede Verdriesslichkeit auch eine gute Seite hat, so sollte
es sich auch in diesem Falle zeigen, dass die Verzögerung nicht ohne freundliche
Folgen für uns sei. Ja, sie brachte uns eine Ueberraschung, wie wir sie uns
grösser und besser gar nicht hätten wünschen können.
    Ich muss bemerken, dass die Wände des Kaffeehauses grad so wie diejenigen der
Zollgebäude aus geflochtenem Rohre bestanden. Es gab zwei Räume, einen grössern
und einen kleinern; wir sassen ganz allein in dem letzteren und konnten durch die
dünne, lückenreiche Scheidewand alles, was in dem ersteren vorging, sehen und
auch alles deutlich hören, was gesprochen wurde. Bis jetzt waren einige Leute
dagewesen, nun aber wieder gegangen. Der Wirt sass faul auf seinem Kissen, hatte
die ausgegangene Tabakspfeife auf den Knieen liegen und sah schläfrig vor sich
hin. Der junge Somali, welcher der Bedienung der Gäste obzuliegen hatte, war
beschäftigt, die Tschibuks, die an der Wand hingen, einen nach dem andern
herabzunehmen, um sie zu stopfen; sie waren für die rauchlustigen Gäste
bestimmt. Es war sehr still hier in den Räumen, auch draussen: nur zuweilen
hörten wir einen lauten Kommandoruf, welcher auf dem Verdecke des englischen
Dampfers erscholl, der gegen Abend die Anker lichten wollte, um nach Karatschi
und Bombay zu gehen. Dann ertönte die begrüssende Stimme einer kräftigen
Schiffspfeife. Es kam ein neuer Dampfer an, ob von oben herab oder von der See
herauf, das wussten wir nicht, weil wir ihn nicht sehen konnten. Dieses Schiff
brachte uns die Ueberraschung, welche ich vorhin erwähnte. Es waren seit dem
Pfeifensignale kaum zehn Minuten vergangen, so hörten wir, dass ein neuer Gast in
das Café trat.
    »Sallam!« grüsste er kurz.
    »Sallam aaleïkum!« antwortete der Wirt in müdem, gleichgültigem Tone.
    Wir hatten gar keinen Grund, uns um die Besucher dieses Hauses zu bekümmern,
aber die Langeweile des Wartens veranlasste uns, durch die Lücken der Scheidewand
einen Blick auf den Eingetretenen zu werfen. Kaum hatten wir das getan, so
wollte Halef aufspringen; er öffnete den Mund zu einem Ausrufe der Verwunderung;
ich aber bedeckte ihm die Lippen schnell mit der Hand, drückte ihn auf sein
Sitzkissen nieder und raunte ihm zu:
    »Still, ganz still, Halef! Das ist eine ausserordentliche Begegnung; auch ich
freue mich so darüber, dass ich laut werden möchte, aber wir wollen warten; er
ist allein und ich möchte gern beobachten, wie er, der weder arabisch noch
türkisch versteht, sich benehmen wird.«
    Der Mann, auf den sich diese meine Worte bezogen, war eine Person, die schon
an jedem Orte des Abendlandes und wie viel mehr hier in diesem Winkel des
Orientes die Aufmerksamkeit auf sich ziehen musste. Seine Gestalt war überaus
lang und knochig. Ein hoher, grauer Cylinderhut sass auf seinem schmal
ausgezogenen Kopfe. Ein unendlich breiter, dünnlippiger Mund legte sich einer
Nase quer in den Weg, die zwar scharf und lang genug war, aber dennoch die
Absicht verriet, sich noch weiter, bis zum Kinn hinab, zu verlängern. Wenn ich
dazu bemerke, dass diese Nase von den Spuren einer einst auf ihr gesessenen
Aleppobeule verschönert wurde, so wird man wohl schon jetzt erraten, wer dieser
Gast des Kaffeehauses war. Der blosse, dürre Hals ragte lang aus einem sehr
breiten, umgelegten und tadellos geplätteten Hemdkragen hervor; dann folgte ein
graukarrierter Schlips, eine graukarrierte Weste, ein graukarrierter Rock,
graukarrierte Beinkleider, graukarrierte Gamaschen und staubgraue
Zugstiefeletten. Um seine Taille ging ein graukarrierter Gürtel, in welchem
mehrere Revolver und Messer steckten. Von der einen Schulter bis zur andern
Hüfte zog sich hinten und vorn eine schmale, graukarrierte Patronenkatze herab.
Auf dem Rücken hing in einem graukarrierten Ueberzuge ein ungewöhnlich grosses
Gewehr, und in der Hand trug er ein kleineres, welches auch in einer
graukarrierten Umhüllung steckte.
    Dieser graukarrierte Mann ging steif und würdevoll auf eines der an den
Wänden liegenden Sitzkissen zu und bog die Kniee ein, um sich in orientalischer
Weise mit untergeschlagenen Beinen auf dasselbe niederzulassen, verlor dabei
aber aus Mangel an Uebung und Überfluss an Ungelenkigkeit das Gleichgewicht und
kam mit weit ausgespreizten Beinen und einem kräftigen Plumpse derart auf das
Kissen nieder, wie ein regelrechter Europäer regelrecht zu sitzen hat.
    »Tunder-storm!« rief er, darob zornig, aus, besann sich aber sogleich eines
Bessern und rief dem Somali in befehlendem Tone das eine Wort zu:
    »Tschibuk!«
    Der ostafrikanische Jüngling nahm eine der Pfeifen, die er gestopft hatte,
schob die Spitze in den Mund, legte ein Stück glühende Holzkohle auf den Tabak,
sog den letzteren in Brand und reichte dann dem Fremden den Tschibuk mit einer
graziösen Bewegung hin.
    »Chanzir4!« fuhr ihn dieser an und schlug ihm die Pfeife aus der Hand, dass
sie dem Wirte vor die Füsse flog.
    Dieser begriff den Grund dieses hier seltsamen Verhaltens und erklärte dem
Nikotin-Ganymed:
    »Der Fremde ist ein Inglis, der den Tschibuk nicht aus deinem Maul haben
will; er brennt sich den Tabak selber an.«
    Infolge dieser Belehrung holte der Somali eine andere Pfeife und andere
Kohle. Der Engländer griff zu und tat einige Züge; da machte seine Nase eine
energische, sich sträubende Bewegung, worauf diese zweite Pfeife hin zur ersten
flog.
    »Was ist's?« fragte der Wirt. »Warum wirfst du auch diesen Tschibuk weg?«
    »Duchan5 miserabel!« antwortete der Gefragte.
    »Du sprichst vom Tabak, aber ich verstehe dich nicht. Was bedeutet das
andere Wort?«
    »Duchan battal!« lautete nun der ganz arabische Bescheid.
    »Ich habe keinen bessern. Wenn es dir bei mir nicht schmeckt, so kannst du
gehen!«
    »Kahwe!« befahl hierauf der Gast, der ruhig sitzen blieb.
    Der Somali ging zum stets brennenden Mangal6, bereitete eine Tasse Kaffee
und brachte sie ihm. Der Inglis roch daran, tat versuchsweise einen kleinen
Schluck, goss dann die Tasse aus und rief mit einer Gebärde des Abscheues:
    »Kahwe battal dschiddan7!«
    »Wenn er dir nicht schmeckt, so kannst du gehen!« meinte der Wirt im
orientalischen Gleichmute, fügte aber vorsichtig hinzu, »nachdem du vorher
bezahlt hast!«
    »Kaddaisch tamano8?« erkundigte sich der Engländer.
    »Ischrin kurusch - - zwanzig Piaster.«
    Das war eigentlich eine Prellerei und sollte eine Strafe für das
beleidigende Verhalten des Gastes sein. Dieser zog gleichmütig ein Geldstück aus
der Tasche und warf es hin; der Somali hob es auf und brachte es dem Wirte. Als
dieser Miene machte, herauszugeben, deutete der Engländer durch eine wegwerfende
Handbewegung an, dass er nichts wiederhaben wolle. Den erstaunten Gesichtern der
beiden andern war deutlich anzusehen, dass der zurückgewiesene Überschuss ein
bedeutender war.
    Ich wunderte mich gar nicht über diese Generosität, die meinem alten, braven
David Lindsay zur zweiten Natur geworden war. Lindsay - - da habe ich nun doch
verraten, wer dieser graukarrierte Fremde war! Ja, man denke sich mein und
Halefs Erstaunen und unsere Freude, Lord Lindsay so unerwartet hier zu sehen!
Ich wusste, dass er jetzt jahrelang nicht in seinem Altengland gewesen war; er
hatte sich immerwährend auf Reisen befunden und mir vor vierzehn Monaten aus der
Kapstadt den letzten Brief geschrieben. Wohin er sich von dort aus wenden wolle,
hatte er nicht erwähnt. Nun kam er heut plötzlich hier hereingestiegen, ganz
genau in demselben eigentümlichen Habitus, in welchem ich ihn damals in Maskat,
und zwar auch in einem Kaffeehause9, zum erstenmal gesehen hatte!
    Und mehr noch als über diese Begegnung an sich, war ich über seine Sprache
erstaunt. Wir waren damals so lange, lange Zeit durch die verschiedensten
Gegenden des Orientes geritten und hatten hier und da so langen Halt gemacht,
dass eine Anbequemung an die betreffenden Sprachen und Sitten doch eigentlich
selbstverständlich gewesen wäre; aber es war dem »veritablen Englishman« nicht
einmal im Traume eingefallen, sich auch nur etwas von den Gewohnheiten und der
Ausdrucksweise der Leute, mit denen wir zu verkehren hatten, anzueignen. Weil er
Engländer war, glaubte er, in jeder Beziehung durchaus nur englisch sein zu
müssen, und gab sich nicht die geringste Mühe, ein türkisches, arabisches,
kurdisches oder persisches Wort im Gedächtnisse zu behalten. Dass er Deutsch
verstand und sprach, wäre ein Wunder zu nennen gewesen, wenn ihm diese Kenntnis
nicht schon während seiner Knabenzeit von einer deutschen Verwandten
mütterlicherseits beigebracht worden wäre. Er hegte die unerschütterliche
Ueberzeugung, sich selbst auf dem fernsten und unbekanntesten Erdenpunkte mit
englischem Wesen und ausschliesslich englischer Sprache leicht und mühelos
bewegen zu können, und war der Ansicht, dass auch das geringste Abweichen von
dieser Gepflogenheit eine Beleidigung seiner Nation bedeute. Diese Einseitigkeit
war uns oft in hohem Grade unbequem geworden. Wenn man sich mit einem Begleiter,
der die Sprache und die Sitten des Landes nicht kennt und versteht, unter
fremden, vielleicht gar nur halb civilisierten Völkerschaften bewegt und dabei
oft das Unglück hat, in gefährliche Lagen zu geraten, so versteht es sich ganz
von selbst, dass die Anwesenheit eines solchen Gefährten, und wenn er sonst der
beste Mensch der Erde wäre, nicht nur hinderlich und störend, sondern unter
Umständen sogar verhängnisvoll werden kann. Das aber hatte Lindsay niemals
einsehen wollen, und so kann man sich mein Erstaunen denken, als ich hier in
Basra auf einmal hörte dass er plötzlich das Arabische nicht nur verstand,
sondern es, freilich noch sehr fehlerhaft, auch sprach!
    Er hatte sich jedenfalls jahrelang und zwar mit grossem Fleisse mit dieser
Sprache beschäftigt, und dass er das getan und die darauf verwendete Mühe nicht
für weggeworfen gehalten hatte, das war es, was mir an ihm vollständig fremd
vorkam und mich mit Verwunderung erfüllte. Hierzu kam ein Umstand, welcher mich
bewog, mich über diese seine mir so überraschende Sprachfertigkeit herzlich zu
freuen: Wenn er mit uns nach Persien ritt, wo man sich ebensosehr der arabischen
wie der Landessprache bedient, war es für uns, und besonders für mich, eine
grosse Erleichterung, nicht jemanden bei uns zu haben, der aus Mangel an
Sprachkenntnis keinen Eingeborenen verstehen konnte und dem ich also, wie das
mit Lindsay früher ja der Fall gewesen war, jedes Gespräch zu übersetzen und
alle nur einigermassen wichtigen Vorkommnisse extra zu erklären hatte. Denn dass
er mit uns reiten würde, das unterlag gar keinem Zweifel. Die Absichten, welche
ihn hierher geführt hatten, und die von ihm getroffenen Dispositionen mochten
sein, welche sie wollten, sobald er uns sah, liess er alles andere liegen, um
sich uns anzuschliessen, davon war ich überzeugt. Er liebte das Ungewöhnliche,
sogar die Gefahr, und hing mit einer so herzlichen, aufrichtigen Zuneigung an
mir, dass er ganz gewiss alle seine jetzigen Reiselaunen fallen liess, um bei uns
sein zu können.
    Wenn ich aufrichtig sein will, muss ich sagen, dass von seiner Begleitung
voraussichtlich gar manche Schwierigkeit für mich zu erwarten war, aber er besass
andererseits auch wieder sehr günstige Eigenschaften, durch welche diese -
Fatalitäten will ich es nennen, mehr als ausgeglichen wurden. Er war ein sehr
mutiger und ausserordentlich kaltblütiger Mann und besass Verbindungen, welche uns
nur Vorteil bringen konnten. Dazu kam sein ausserordentlicher Reichtum. Ich
gehöre nicht, aber auch mit keinem einzigen Aederchen, zu jener Art von
Menschen, welche gern jede Gelegenheit benützen, aus der Wohlhabenheit anderer
Leute Vorteile zu ziehen, aber es ist doch auf alle Fälle angenehmer, einen
Begleiter zu haben, dem jeder materielle Vorteil zur Verfügung steht, als einen,
welcher den Pfennig dreimal umwenden muss, wenn er ihn auszugeben hat und ihn
vielleicht auch dann noch wieder in die Tasche steckt. In dieser Beziehung
hatten wir an Lindsay einen höchst schätzbaren Kameraden gehabt, dessen Noblesse
für einen andern an meiner Stelle sehr wahrscheinlich eine gute Einnahmequelle
gewesen wäre. Und schliesslich war, um auch das nicht zu vergessen, seine
Originalität für uns eine nie versiegende Quelle stiller Heiterkeit gewesen, und
es durfte angenommen werden, dass wir nun wieder aus ihr schöpfen dürften.
    Wir sahen, dass er, obgleich der Wirt ihn schon zweimal zum Gehen
aufgefordert hatte, in aller Behaglichkeit seinen Sitz behielt. Er schien über
etwas nachzudenken, wahrscheinlich darüber, was er noch verlangen und aber auch
verzehren könne, denn ihm, dem personifizierten Gentleman, war es fatal, in
einem öffentlichen Lokale zu sitzen, ohne eine anständige Zeche machen zu
können. Endlich war ihm ein Einfall gekommen:
    »Frank Kahwe!« verlangte er.
    Unter Frank Kahwe oder Frank Kahwesi, fränkischem Kaffee, versteht man
Schokolade.
    »Habe ich nicht,« antwortete der Wirt.
    »Kakao!«
    »Ich weiss nicht, was das ist.«
    »Sherry!«
    »Das verstehe ich nicht.«
    Da öffnete Lindsay den Mund zu einem sperrangelweiten Gähnen. Er fühlte sich
dadurch, dass er nicht bekam, was er verlangte, gelangweilt, und seine Nase
blickte tief in das jetzt unter ihr gähnende, mit kräftigen Zähnen umsäumte
Loch, ob nicht doch vielleicht daraus ein Wunsch erscheinen werde, der zu
erfüllen sei. Und da kam er auch:
    »Scherbet!« erklang das erlösende Wort.
    Der Somali beeilte sich, das verlangte Zuckerwasser mit Fruchtsaft zu
bringen, und bekam dafür ein so reichliches Bakschisch zugeworfen, dass sein
Gesicht vor Freude glänzte und er sich durch eine dreimalige tiefe Verneigung
bedankte.
    Lindsay hob das Getränk zum Munde und versuchte es; es schien ihm zu
schmecken, denn er tat dann noch einen tiefen Zug. Indem er das Gefäss wieder
absetzte, fiel sein Blick hinein. Da wurden seine Augen noch einmal so gross;
sein Gesicht nahm den Ausdruck des Entsetzens an, und seine Nase sträubte sich
vor Schreck empor.
    »All devils!« rief er aus, den Scherbet weit von sich streckend. »Da ist ja
ein - - ein - - - ein - - - wie heisst snail auf arabisch?«
    »Ich weiss wieder nicht, was du meinst,« antwortete der Wirt. »Ist etwas in
dem Scherbet? Zeig her! Ich will sehen, was es ist.«
    Durch die Freigebigkeit Lindsays dienstwillig gemacht, sprang er auf, nahm
ihm das Getränk aus der Hand und sah nun dasselbe, was der Englishman gesehen
hatte. Ohne aber ebenso zu erschrecken, sagte er vielmehr im ruhigsten Tone:
    »Eine Bazzaka, eine ganz kleine Bazzaka10, gar nicht viel länger als mein
Mittelfinger nur! Allah hat sie ebenso geschaffen, wie er uns geschaffen hat;
wer könnte sich da grauen! Es wäre schade, jammerschade um die Süssigkeit. Ich
werde dir einen andern Scherbet bringen lassen.«
    Er nahm die Schnecke heraus, warf sie fort, trank die Limonade bis auf den
letzten Tropfen aus und setzte sich dann wieder auf seinen Platz. Als dann der
Somali Ersatz brachte, deutete ihm Lindsay durch eine sehr entschiedene
Handbewegung an, dass er das Zeug gar nicht sehen, am allerwenigsten aber trinken
möge, worauf der braune Jüngling es für weltgeschichtlich notwendig hielt, das
verschmähte Getränk sich in das eigene Gemüt zu dirigieren. Als er dies
vollbracht hatte, trat er mit seinem nackten Fusse die Schnecke breit und zog
sich dann triumphierend zu seinem Kaffeefeuer zurück. Lindsay aber machte ein
Gesicht, als ob die Qualen aller an unheilbarem Weltschmerz leidenden
Menschenkinder in sein Inneres eingezogen seien, und seine Nase, die bekanntlich
mit ihren Regungen sich zu den Gefühlen ihres Herrn in steter Kongruenz befand,
hing trauernd ihre aus Abscheu vor der Bazzaka ganz weiss gewordene Spitze
nieder. Diese doppelte Betrübnis machte einen so tiefen Eindruck auf den Wirt,
dass er den in seinem Innern vollständig aus dem Gleichgewichte gebrachten
Gentleman fragte:
    »Ist dir etwa übel geworden? Dann rate ich dir, einen Araki zu trinken.«
    »Araki?« fuhr Lindsay auf. »Ja, einen Arak will ich haben, aber klein darf
er nicht sein!«
    »Er wird so gross sein, dass auch ich mit trinken kann.«
    »Ich danke! Wenn du auch trinken willst, so lass einen für dich besonders
kommen!«
    »Auch so gross wie der deinige?«
    »Ja.«
    Da ertönte die Stimme des somalischen Mundschenken:
    »Für mich auch einen?«
    »Meinetwegen!«
    »Auch grad so gross?«
    »Ja!«
    Da holte der Garçon die Branntweinkulle herein, goss drei ziemlich grosse
irdene Näpfe voll und verteilte diese nach der ihm sehr geläufig scheinenden
Regel, »mir einen, dir einen und ihm auch einen«. Lindsay war diesesmal so
vorsichtig, dem Napfe bis auf den Grund zu sehen. Als er nichts Bazzakaähnliches
entdeckte, nahm er einen Schluck, einen zweiten und sogar noch einen dritten.
Seine Wangen glätteten sich; das Herzeleid verschwand aus seinen vorher so
tiefbetrübten Zügen, und seine Stimme hatte einen neubelebten Klang, als er
lobend sagte:
    »Der Araki ist gut, sehr gut!«
    Das war das Zeichen für die Nase, sich auch wieder aufzurichten und ihre
Spitze in holder Farbe frisch erröten zu lassen. Als der Wirt dies sah, trank er
seinen Napf verständnisinnig aus und befahl seinem Untergebenen, ihn wieder voll
zu machen. Dieser kam dem Befehle augenblicklich und über Erwarten nach, indem
er nach seinem Herrn auch sich zum zweitenmal bedachte. Lindsay bemerkte das mit
zufriedenem Lächeln, obgleich er wohl wusste, dass er der Bezahlende sein werde.
Er forderte die beiden auf, soviel zu trinken, wie in ihrem Belieben stehe.
Vielleicht hegte er die rachsüchtige Absicht, sie für die Schnecke in einen ganz
unmuselmännischen Rausch zu versetzen. Der Wirt, welcher die Wirkungen des Raki
eingehend studiert zu haben schien, fühlte sich durch die Güte seines Gastes zu
der vertraulichen Mitteilung veranlasst:
    »Du bist ein Inglis und kennst also die Gesetze des Islam nicht. Vielleicht
weisst du aber, dass uns der Genuss des Weines verboten ist. Doch Raki ist kein
Wein. Raki ist ein Mah es Ssahha11, und daher pflegt man ihn zum steten Wohle
des Gebers auszutrinken. Erlaube also, dass ich sage: Sirreh mahabbehtak - auf
deine Gesundheit!«
    »Sirreh mahabbehtak!« beeilte sich der Somali auch zu sagen und dabei seinen
Napf ebenso zu leeren, wie der Kaffeewirt den seinigen. Dann wurden beide wieder
gefüllt.
    Diese zwei Moslemin hatten Gurgeln wie irländische Vollmatrosen! Ich mag den
Branntwein nicht leiden, und diese hastige Art des Trinkens erst recht nicht,
doch wurde, wie sich später herausstellte, dieser Raki nicht nur zu Lindsays,
sondern auch zu unserm wirklichen Wohle getrunken. dabei unterhielt sich der
Englishman, welcher jetzt nur zuweilen nippte, ganz ausgezeichnet mit den beiden
Trinkern. Er blieb auch im Arabischen, wie er es in seiner Muttersprache gewohnt
war, bei seiner eigenartigen, kurz abgerissenen Sprachweise; sie aber wurden je
länger, desto redseliger und erzählten ihm eine Menge Dinge, die ihn gar nicht
interessieren konnten; er hörte ihnen aber, wohl des Sprachstudiums wegen, ganz
bereitwillig zu. Im Laufe des Gespräches wurden auch die in der Nähe stehenden
Zollgebäude und die in ihnen beschäftigten Beamten erwähnt; dies führte die Rede
auf die Steuern, den Zoll und schliesslich auch auf den Schmuggel. Die Pascherei
ist wohl für jedermann ein interessanter Gesprächsgegenstand; darum wurde
Lindsay jetzt noch aufmerksamer, als er vorher gewesen war. Der Wirt bemerkte
das und erzählte ihm, durch den Raki unvorsichtig gemacht, verschiedene
Heimlichkeiten, aus denen hervorging, dass er über dieses verbotene Gewerbe mehr
wusste, als er eigentlich sagen durfte. Auf den Somali hatte der Branntwein
einschläfernd gewirkt; der Wirt aber war lebhaft geworden; er rühmte sich, sehr
viel sagen und offenbaren zu können, wenn er nur wolle, und fügte sogar, die
Hand ausstreckend, hinzu:
    »Sieh diesen Ring an meinem Finger! Er ist stumm; aber wenn er einen Mund
hätte, könnte er dir Geheimnisse mitteilen, von denen du gar keine Ahnung hast!«
    Es versteht sich von selbst, dass ich bei der Erwähnung des Ringes Ohr war.
Sollte es ein Ring der Sillan sein? Ich hatte nicht auf die Hände dieses Mannes
geachtet. Auch Halef hörte mit grosser Spannung zu. Er schob sich, damit ihm ja
kein Wort entgehen möge, so nahe an die Flechtwand, dass sie sich laut knisternd
bewegte. Lindsay bemerkte das und fragte den Wirt:
    »Ist jemand da draussen? Ich höre ein Geräusch.«
    »Allah 'l Allah!« antwortete der Kawehdschi. »Es sind zwei fremde Männer
draussen, welche Kaffee trinken; das hatte ich ganz vergessen. Ihre Pferde stehen
im Hofe, so kostbare Pferde, wie ich noch keine gesehen habe.«
    »Aber doch nicht Radschi Pack12?«
    »Echtes Radschi Pack! Willst du sie vielleicht sehen?«
    »Sehr gern.«
    »So will ich sie dir zeigen. Komm!«
    Sie standen auf und gingen hinaus. Ein solcher Pferdeliebhaber, wie David
Lindsay war, liess sich den Anblick echter Araber sicher nicht entgehen!
    »Sihdi, was sagst du zu diesem grossen Wunder?« fragte jetzt Halef. »Unser
Inglis ist da! Was für Augen wird der machen, wenn er uns erblickt!«
    Noch ehe ich antworten konnte, ertönte von der Tür her Lindsays erregte
Stimme:
    »Ich muss die Männer sehen, unbedingt sehen! Den einen Sattel kenne ich,
kenne ich ganz genau. In dem Pferde kann ich mich irren; aber es gleicht dem
herrlichen Rih13, einem Hengste, den ich - - -«
    Er stockte mitten im Satze. Er war während dieser seiner Worte mit langen,
eiligen Schritten, den Wirt hinter sich, durch den vorderen Raum gekommen und
sah nun, an der Türöffnung stehend, uns nebeneinander sitzen. Es ist mir
unmöglich, sein Gesicht zu beschreiben, vollständig unmöglich! Er stand vor
Ueberraschung starr vor uns, ohne Bewegung, wie eine Bildsäule. Sein Mund stand
geöffnet; seine Augen waren weit aufgerissen, doch keine Lippe, keine Wimper
zuckte.
    »Sir David,« begrüsste ich ihn, indem ich aufstand; »welkome wieder hier in
der alten, lieben Dschesireh14! Wer hätte das geahnt!«
    »Ja, willkommen, Mister Englishman!« liess sich auch Halef hören, der diese
beiden Ausdrücke glücklich aus seinem Gedächtnisse zusammenbrachte. Und noch
einige hinzufindend, fügte er hinzu: »We are vor Freude, als wir dich kommen
sahen, fast ebenso starr gewesen, wie du jetzt vor uns stehst. Kommst du direkt
aus deinem native country? Oder hat Allah dich aus einem andern Lande zu uns
geführt?«
    Man sah es dem kleinen Hadschi an, dass er unendlich stolz auf diese früher
aufgeschnappten paar englischen Worte war. Jetzt begann Lindsay sich zu bewegen.
Er trat Schritt um Schritt auf mich zu, hob die Arme empor, breitete sie
auseinander und schlang sie dann um mich, ohne dabei aber ein einziges Wort zu
sagen. Ich war von diesem Beweise stummer, weil grösster Freude tief, sehr tief
gerührt und drückte den lieben Menschen fest an mein Herz. Da löste sich der
Bann; er konnte wieder sprechen. Er sagte mit dem weichsten Tone seiner Stimme:
    »Mr. Kara, Ihr seid hier, Ihr?! Ich sage Euch, dieses Wiedersehen ist mir in
alle Glieder geschlagen. Ich möchte am liebsten weinen und bin doch froh, so
froh! Das ist wirklich ein Schulknabenstreich, den mir mein altes Herz macht!«
    »Lasst ihm seinen Willen! Das meinige hat auch nicht übel Lust zu solchen
Streichen. Ich glaube, es möchte am liebsten Rad schlagen.«
    »Das steht ihm aber auch besser an, denn es ist viel jünger als meins, dem
ich eine solche Rührseligkeit gar nicht zugetraut habe. Und da ist auch Halef,
der gewaltige Scheik und Tyrann der Haddedihn! Aber mit dem muss ich arabisch
reden!«
    Jetzt war es eine Lust, das Gesicht des Engländers zu beobachten. Vorhin
hatte seine Nase über dem weit geöffneten Munde vor Erstaunen starr
emporgestanden; nun war auch in sie wieder Leben gekommen. Wie seine Augen
leuchteten, seine Wangen sich belebten und das Spiel seiner Mienen in reichem
Wechsel arbeitete, so bekam auch sie wieder Farbe, und so zeigte auch sie jetzt
eine Munterkeit der Bewegung, welche jeden, der so etwas noch nicht gesehen
hatte, in lachendes Erstaunen setzen musste. Sprach er mit Halef, so neigte auch
sie sich der Seite zu, auf welcher der Hadschi stand; wendete er sich zu mir, so
schwenkte sie auch nach mir herüber. Lachte er, so geriet sie in heitere
Zuckungen, und gab er seiner Freude einen sinnig ernsten Ausdruck, so stand sie
andächtig lauschend still. Der Wirt, welcher dieser Scene beiwohnte, hatte
keinen Blick für uns, sondern seine Augen nur für diese wunderbare Nase, welche
mit den Gedanken und Gefühlen ihres Besitzers stets vollständig übereinstimmte
und nicht, wie andere Nasen, sich erlaubte, zuweilen eigenmächtige Stimmungen
oder gar katarrhalische Besonderheiten zu haben. Nur damals, als sie an der
Aleppobeule laborierte, hatte sie sich gegen seinen Willen eine Extravaganz
erlaubt, die ihr aber auch nicht gut bekommen war und zur Strafe ein für das
ganze Leben bleibendes Andenken zurückgelassen hatte.
    Während der ersten Aufregung des Wiedersehens waren die Eigenheiten des
Lords nicht hervorgetreten, doch sobald er sein inneres Gleichgewicht nur
einigermassen wiedergefunden hatte, machte sich zunächst seine abrupte
Ausdrucksweise geltend. Wir hatten uns noch nicht wieder niedergesetzt, als er
in derselben zu mir sagte:
    »Ist eigentlich ein Festtag, ein grosser Festtag heut. Möchte einen Vorschlag
machen.«
    »Welchen?« fragte ich, nun auch kurz.
    »Müssen ihn feiern, unbedingt feiern.«
    »Wodurch?«
    »Durch einen Willkommentrunk.«
    »Hier? Wo man nichts bekommen kann!«
    »Nichts? Ist grosser Irrtum. Habe einen Gedanken, einen famosen Gedanken!«
    »Den möchte ich hören!«
    »Entweder Grog oder Punsch. Arak ist da, Wasser, Zucker und Feuer auch.
Citronen wird der Wirt dazu schaffen können. Einverstanden?«
    »Ja, doch nur unter der Bedingung, dass wir ihn selber brauen!«
    »Natürlich! Werde den Koch machen. Habe an der einen Bazzaka genug gehabt;
mag keine wieder. Habt es wohl gesehen?«
    »Ja.«
    »Und mich ausgelacht?«
    »Ein wenig.«
    »Pfui! War schauderhaft! Werde lebenslang daran denken. Nun aber der
Punsch!«
    Er wendete sich zu dem Wirte und erfuhr, dass er alle zu dem gewünschten
Getränke nötigen Bestandteile haben könne und auch selbst kochen dürfe. Es war
eigentlich eine kühne Idee, hier im Süden einen Grog brauen zu wollen, aber sie
wurde ausgeführt. Während Lindsay sich als Küchenchef in seiner vollen Glorie
zeigte und der Somali ihm die dabei nötigen Handreichungen leistete, sah der
Wirt, auf seinem Kissen sitzend, ihm mit fachmännischer Neugierde zu. Ich
betrachtete seine Hände und bemerkte da freilich einen Ring. Er war von Silber
und die Platte schien auch wirklich achteckig zu sein; genau konnte ich es aus
der Entfernung nicht erkennen; ich musste auf eine Gelegenheit warten, der Hand
näher zu kommen.
    Als der Grog fertig war, gab es keine Gläser. Da stand der Kahwedschi auf,
um andere passende Gefässe herauszugeben. Er brachte tönerne Becher aus einem
Kasten, und ich trat schnell hin, sie ihm abzunehmen. Ich konnte dabei den Ring
unauffällig betrachten. Ja, die Platte hatte acht Ecken und trug die bekannten
Zeichen, ein Sa mit einem Lam verbunden, worüber das Verdoppelungszeichen stand.
Der Mann gehörte also der geheimen Gesellschaft an; er war ein Sill.
    Das Getränk war dem Lord vortrefflich gelungen; er bot in seiner freigebigen
Weise dem Wirte und dem Somali auch ihr Teil, und als er sah, wie entzückt sie
von dem ihnen bisher unbekannten Labsal waren, erlaubte er ihnen, sich auf seine
Rechnung eine neue Auflage zu bereiten; wie es gemacht wurde, hatten sie ja
gesehen. Wir aber begaben uns, um von etwa jetzt kommenden Gästen nicht gestört
zu werden, wieder in die kleine, abgesonderte Stube. Sobald wir dort beisammen
sassen, tat Lindsay einen tiefen Zug aus seinem Becher und sagte, zu meiner
Genugtuung in arabischer Sprache, doch auch in seiner kurzen Weise, die ich
deutsch wiederzugeben suche:
    »Muss Euch zunächst ein Rätsel aufgeben. Wollt Ihr raten?«
    »Ich nicht,« antwortete Halef schnell.
    »Warum nicht?«
    »Weil Allah mir die Vorzüge meines Geistes und die Vortrefflichkeiten meiner
Seele nicht dazu verliehen hat, erst lange und ganz unnötigerweise nach etwas zu
suchen, was ein anderer schon weiss und mir also doch lieber gleich sagen kann.«
    »Schön! Aber du?«
    Diese Frage war an mich gerichtet. Der Lord nannte mich, da er arabisch
sprach, natürlich du. Ich antwortete:
    »Muss es denn geraten sein? Und warum Rätsel jetzt, wo wir doch wohl Besseres
und Nötigeres zu reden haben?«
    »Rätsel ist auch nötig, wirst es aber wohl nicht lösen können; ist zu
schwer.«
    »Na, da will ich es doch einmal hören!«
    »Gut! Es heisst: Wo komme ich her?«
    »Das ist kein Rätsel, sondern nur eine Frage.«
    »Mir auch recht. Aber kannst du sie beantworten?«
    »Nein, denn ich bin nicht allwissend.«
    »Well! So will ich es sagen: Ich war bei dir.«
    »Bei - - mir - -?« sagte ich erstaunt.
    »Bei dir; das heisst, in deiner Wohnung.«
    »Wann?«
    »Vor kurzem.«
    »So kommst du aus Deutschland?«
    »Yes.«
    »Das ist interessant! Suchtest du mich dort?«
    »Yes.«
    »In bestimmter Absicht?«
    »Natürlich! Wollte mit dir reisen. Letzter Brief von dir wurde mir aus
Capstadt nachgeschickt. Stand drin zu lesen, dass du zu Halef und nach Persien
wolltest. Wünschte auch, Halef wiederzusehen, nach Teheran, Ispahan, Schiras zu
gehen. Kam, als damalige Reise beendet war, nach Deutschland. Wollte dich
abholen; warst aber schon fort.«
    »Ach, nun errate ich! Du bist mir schleunigst nach?«
    »Nicht eigentlich nach. Kannte deinen Weg ja nicht. Dummer Kerl, dein Wirt;
konnte mir nicht sagen, welche Route!«
    »Er ist nicht mein Vertrauter!«
    »Well! Musste also eigenen Weg nehmen: Wien, Triest mit Bahn; Triest, Suez,
Bombay mit Schiff; Bombay, Buschehr, Bagdad wieder mit Schiff, dann Haddedihn
suchen und nach dir fragen.«
    »Das ist ja ein ausserordentlich kühner Plan!«
    »Kühn! Pshaw!« sagte er wegwerfend.
    »Ja, doch kühn! Von Bagdad zu den Haddedihn, deren Weideplätze man erst
suchen muss, ist's ein gefährlicher Weg.«
    »Bin kein Kind!«
    »Das weiss ich; aber ob Mann oder Kind, die Gefahr ist doch da. Es ist auf
alle Fälle ein Glück, dass wir uns hier auf eine so fast wunderbare Weise
getroffen haben!«
    »Well! Dampfer legte für fünf Stunden hier an. Habe Bord verlassen, weil es
dort zu langweilig ist.«
    »Ja, hier im Kahwe ist es bei Raki und Bazzaka kurzweiliger gewesen!«
    »Bitte, still! Mag von Schnecke kein Wort hören. Ihr seid unterwegs?«
    »Ja.«
    »Nach Persien?«
    »Ja.«
    »Well! Ich gehe mit!«
    »Ich denke, du willst nach Bagdad und dann zu den Haddedihn!«
    »Mach keine schlechten Witze! Doch, ah, ich verstehe; habe nicht gefragt, ob
Ihr mich wollt. Werde es also nachholen. Darf ich mit?«
    »Ja,« antwortete ich in der von ihm gewünschten Kürze.
    »Welches die erste persische Stadt?«
    »Schiras.«
    »Wann von hier fort?«
    »Jetzt, nachher, sobald der Fährmann kommt.«
    »Fährmann? Hm! Wartet! Bin gleich wieder da!«
    Er sprang auf und ging so eilig fort, dass ich gar keine Zeit fand, ihn zu
fragen, wohin er wolle. Jedenfalls nach seinem Dampfer, um die Fahrt abzubrechen
und sein Gepäck zu holen.
    »Sihdi, der macht es kurz,« lachte Halef. »Fast hätte er gar nicht erst
gefragt, ob wir ihn gern mitnehmen oder nicht. Wer weiss, ob er, wenn er uns
nicht getroffen hätte, bis zu den Haddedihn gekommen wäre! Er glaubt nicht an
die Gefahren welche zu beiden Seiten dieses Weges lauern. Sag mir aufrichtig, ob
es dir lieb ist, dass wir ihn mitnehmen sollen.«
    »Wenn ich ehrlich sein will, muss ich gestehen, dass ich mich in den Gedanken
eingelebt habe, nur dich allein bei mir zu haben.«
    »Ich danke dir, Effendi! Ich wollte, er wäre in seinem native country
geblieben.«
    »In dieser Weise will ich es doch nicht meinen. Du musst bedenken, er ist ein
sehr vornehmer Herr und seine Freundschaft eine sehr ehrenvolle Auszeichnung.
Auch sind die Vorzüge seines Geistes und seines Herzens hoch anzuschlagen, und
was die Hauptsache ist, ich habe ihn lieb. Ich gebe zu, dass infolge seiner
Begleitung wohl manches anders werden wird, als es sich ohne ihn gestalten
würde. Wir werden oft Rücksicht auf ihn und seine Eigenheiten zu nehmen haben;
aber das wird alles ausgeglichen durch die vortrefflichen Eigenschaften, welche
ihm unsere Achtung und Zuneigung erworben haben. Ich will also, Für und Wider
gegeneinander abgewogen, sagen, dass es sich gleich bleibt, ob wir zu Zweien oder
zu Dreien sind.«
    »Wenn du so sprichst, will ich mich darein finden, nicht dein einziger
Gefährte sein zu dürfen. Horch, Effendi, was Euer Raki mit heissem Zuckerwasser
für eine fromme Wirkung hat!«
    Der Wirt sang draussen in einem fort »Allahhu, Allahhu, Allahhu!« Er ahmte
die heulenden Derwische nach, und der traute Ostafrikaner schrillte in den
höchsten Fisteltönen allerlei dummes Zeug dazu. Es war ohrenzerreissend und
nervenzersägend, aber hier an den vereinigten Wassern des Euphrat und Tigris
schatt-el-arabisch schön!
    Als ich dem Hadschi jetzt mitteilte, dass der Wirt den Ring der Sillan am
Finger trage und also wohl zur geheimen Bruderschaft der »Schatten« gehöre,
sagte er schnell:
    »So erlaube, dass ich meinen Ring auch anstecke und ihn diesem Manne wie
zufällig sehen lasse! Ich möchte sehr gern wissen, was er dann tun oder sagen
wird.«
    »Hm, wir dürfen mit diesen Ringen nicht spielen, lieber Halef!«
    »Das weiss ich gar wohl; aber du hörst ja, dass er betrunken ist; es ist also
gar keine Gefahr dabei, denn wenn er wieder nüchtern geworden ist, wird er
nichts mehr wissen. Vielleicht erfahren wir etwas.«
    »Das ist freilich möglich. Nur darf ich mich nicht für einen Sill ausgeben,
weil er uns vorhin zugehört hat und also wahrscheinlich weiss, dass ich ein
Europäer bin.«
    »Genügt es denn nicht, dass ich mit ihm spreche? Mich kann er für keinen
Franken halten.«
    »Wenn du vorsichtig wärst, ja, dann!«
    »Das werde ich sein, Sihdi. Darf ich?«
    »Gut, ich denke auch, dass die Sache für uns ganz unbedenklich ist, und will
dir den Spass nicht verderben. Er hat einen Rausch und könnte uns auch ohnedies
nichts schaden, weil wir diese Gegend ja heut verlassen und dann über die Grenze
gehen. Aber wenn du sagst, du seist ein Sill, so darf er ja nicht denken, dass
ich oder Lindsay als deine Gefährten etwas davon wissen. Verstanden?«
    »Ja. Ich werde so geheimnisvoll tun, als ob ich in Wirklichkeit ein
Mitglied dieser Verbindung sei. Wann soll ich zu ihm gehen? Jetzt?«
    »Nein, sondern erst dann, wenn Lindsay zurückgekehrt ist. Jetzt würde es
auffallen, dass du mich allein lässest und hinter meinem Rücken mit ihm von
Dingen plauderst, die ich nicht wissen darf.«
    »Hoffentlich kommt der Inglis bald wieder, denn wenn der Fährmann erscheint,
müssen wir bereit sein, sonst bekommt er das Bedürfnis, noch einmal auszuruhen.
Hattest du eine Ahnung, dass Lindsay dich in deiner Heimat aufsuchen werde?«
    »Nein. Er hat mich nicht davon benachrichtigt. Ich schrieb ihm, dass ich die
Absicht hätte, nach Persien zu gehen und dich mitzunehmen. Da ist in ihm der
Wunsch erwacht, sich uns anzuschliessen. Dass wir damit einverstanden sein würden,
hat er für ganz selbstverständlich gehalten. Solche Herren leben ja immer in dem
Glauben, dass alles, was sie sprechen, tun und wollen, von anderen Leuten als
Gesetz betrachtet wird. Er kennt meine Wohnung, die ich behalte, selbst wenn ich
jahrelang auswärts auf Reisen bin, und ist gekommen, um mir ganz einfach zu
sagen, dass er mich begleiten werde. Da ich schon fortgewesen bin, ist er auf dem
kürzesten Wege oder vielmehr mit der schnellsten Gelegenheit hierher gefahren,
um mich aufzusuchen. Sich vorher zu fragen, ob mir das lieb sein werde oder
nicht, das ist ihm gar nicht in den Sinn gekommen. Das gesellschaftliche Leben
aller Länder und Völker wird von einem Paragraphen beherrscht, welcher lautet:
Vornehme Leute stören nie! Wenn du das noch nicht weisst, so merke es dir!«
    »Das habe ich nicht nötig, denn als oberster Scheik der Haddedihn vom grossen
Stamme der Schammar gehöre ich selbst ja auch zu den vornehmsten Personen vom
Aufgang bis zum Niedergang der Sonne, so dass kein englischer Lord sich einbilden
darf, höher zu stehen als ich, der ich ein freier und unumschränkter Beherrscher
freier Männer bin. Ich gehöre also selbst zu denjenigen Personen, welche niemals
stören. Wem Allah die hohe und unschätzbare Gabe verliehen hat, eine so grosse
Menge tapferer Beduinen zu beherrschen, der kann sich getrost an die Seite der
Kaiser, Könige und sonstigen allerhöchsten Regenten stellen, und ich bin der
Ueberzeugung - - -«
    Hier unterbrach ich ihn mit irgend einer Bemerkung, denn wenn er auf dieses
Tema geriet, so musste man ihm den Faden der Rede schnell zerschneiden, sonst
spann er ihn bis in die Unendlichkeit hinein. Er ging zwar über meinen Einwurf
rasch hinweg und griff den Faden wieder auf, aber glücklicherweise kehrte
Lindsay jetzt zurück, wodurch Halef zu seinem Leidwesen gezwungen wurde, vom
Tema seiner unzählbaren Vorzüglichkeiten abzulassen. Da der Lord, einen Mantel
abgerechnet, den er am Arme hängen hatte, gerade so wieder kam, wie er gegangen
war, so fragte ich ihn nach seinem Gepäck.
    »Gepäck?« antwortete er. »Habe keins.«
    »Wirklich keins?«
    »Yes. Bin früher so dumm gewesen, mich mit einer Menge von Sachen zu
schleppen, und habe mich trotzdem für einen tüchtigen Globetrotter gehalten.
Habe aber von dir gesehen, wie man es machen muss. Mache es nun ebenso: Anzug auf
dem Leibe, Mantel, Waffen, Geld, weiter nichts.«
    »Aber wie steht es mit dem Pferde?«
    »Habe keins.«
    »So müssen wir hier eins kaufen.«
    »No!«
    »Nicht? Warum? Basra hat Pferdeausfuhr nach Indien. Es gibt also hier eine
ganz gute Gelegenheit, dem Mangel abzuhelfen.«
    »Mag keins von hier; will persische Rasse; diese einmal versuchen. Werde
also erst kaufen, wenn wir drüben sind.«
    »Das geht aber nicht. Du kannst doch nicht neben uns herlaufen. Und selbst
wenn du dir diese Absonderlichkeit leisten wolltest, würdest du es nicht
aushalten. Der Weg über das Gebirge hinüber ist weit und sehr beschwerlich.«
    »Welches Gebirge?«
    »Ich meine da hier hinüber die Berge von Chusistan.«
    »Chusistan? Haben nichts mit Chusistan zu tun!«
    »Wiefern?«
    »Werden überhaupt nicht reiten!«
    »Wer sagt das?«
    »Ich. Werden fahren.«
    »Fahren? Womit? Hier gibt es keine Postchaisen.«
    »Schlechter Witz! Werden per Schiff fahren.«
    »Ah - - - so?!«
    »Yes. Liegt ja ein Dampfer draussen. Geht gegen Abend ab, nach Bombay. Wird
uns in Buschehr absetzen.«
    »Wer sagt das?« frage ich wieder.
    »Ich - -« antwortete er. »Habe bereits drei Plätze bezahlt. Mit Kapitän
gesprochen. Alles abgemacht!«
    »Wer hat dich dazu beauftragt?«
    »Beauftragt?« fragte er, mit dem Kopfe hoch emporfahrend, die Stirn in
Falten ziehend und mich aus zusammengezogenen Augen erstaunt ansehend. »Denke
nicht, dass es einer besonderen Beauftragung bedurfte, sondern glaubte, es so
ganz richtig zu machen! Wolltet ihr denn nicht per Schiff nach Buschehr
hinunter?«
    »Nein.«
    »Well, hätte das wissen sollen!«
    »Du konntest es erfahren, indem du uns fragtest!«
    »Yes, ist richtig; aber unter Reisegefährten rechnet man nicht so genau. Da
die Plätze bezahlt sind, werden wir fahren.«
    »Ist das wirklich so bestimmt, wie du meinst?«
    »Yes.«
    »Wenn ich nun nicht darauf eingehe?«
    »Ist gar nicht möglich. Würde eine Beleidigung für mich sein. Was sagt Halef
dazu?«
    »Ich tue das, was mein Effendi tut,« antwortete der kleine Hadschi.
    »Well, so fahren wir. Werde doch nicht unnötig bezahlt haben sollen!«
    Da er mich bei diesen Worten fragend ansah, gab ich den Bescheid:
    »Gut, gehen wir also per Dampfer nach Buschehr. Der Weg von dort nach
Schiras ist ja auch ganz interessant. Wenn du mit dem Wirte sprechen willst,
Halef, jetzt ist es Zeit.«
    »Ja, ich gehe jetzt hin,« nickte er, »und werde mich so verhalten, dass ich
deine Zufriedenheit erlange, Sihdi. Du weisst, eine Dummheit sage ich nicht!«
    Ja, das wusste ich freilich. Unüberlegt zu handeln, das fiel ihm gar nicht
schwer, aber im Gebrauche der Zunge besass er eine desto grössere Meisterschaft.
Als er sich entfernt hatte und ich längere Zeit schweigend vor mich hingeblickt
hatte, fragte Lindsay, und zwar in englischer Sprache:
    »Warum redet Ihr nicht? Habt wohl schlechte Laune? Was?«
    »Bitte, Launen habe ich nie!«
    »Woher dann aber dieses Gesicht und diese Augen? Möchte wetten, dass Ihr
etwas gegen mich habt.«
    »Diese Wette würdet Ihr freilich gewinnen. Aber eine Laune ist es nicht. Ich
kann überhaupt launenhafte Menschen nicht leiden. Wenn mich etwas verdriesst,
sage ich es frei und ehrlich vom Herzen herunter, und dann ist es wieder gut.«
    »Well! Also herunter damit! Was ist's?«
    »Diese Frage sollte eigentlich gar nicht notwendig sein. Ihr müsstet auch
ohne jedes Wort von mir wissen, was ich gegen Euch habe.«
    »Kann es mir aber doch nicht denken. Sollte es sein, weil ich die
Schiffsplätze genommen habe?«
    »Natürlich ist es das!«
    »Aber Ihr seid doch darauf eingegangen, ohne darüber zu räsonieren!«
    »Dazu hatte ich zwei Gründe. Erstens waren die Plätze bezahlt; man bekommt
das Geld nicht wieder; es gab also an der Sache nichts zu ändern. Und zweitens
wollte ich Euch nicht vor Halef blamieren.«
    »Blamieren? Oho! Das ist ein sehr kräftiges Wort, Mr. Kara!«
    »Aber das richtige. Ich halte es für notwendig, Klarheit zwischen uns zu
schaffen. Ich liebe es nicht, wenn ohne mein Wissen über mich disponiert wird.
Ich bin weder ein Bedienter, über dessen Person man nach Belieben verfügen kann,
weil man ihn bezahlt, noch eine Puppe, die sich an Fäden ziehen lässt. Ich will
gefragt sein. Das müsst Ihr Euch ein für allemal merken!«
    Da zog er die Brauen hoch empor, welcher Bewegung seine erstaunte Nase
sofort folgte, und sagte:
    »Sollte ich erst hierher laufen, um wie ein Knabe um Erlaubnis zu bitten?«
    »Das sind sehr unpassende Worte, Sir. Ihr kennt meine Art, zu reisen. Ich
bewege mich nicht auf den breitgetretenen, ungefährlichen Wegen Anderer, denn
ich will die Bücher, welche ich schreibe, nicht mit den Resultaten wohlfeiler
Erkundigungen füllen, sondern nur das erzählen, was ich selbst erlebt, geprüft
und gesehen habe. Ich bin keiner der subventionierten Herren, welche unter hohem
Schutze mit grossem, Aufsehen erregendem Trosse bequeme Pfade ziehen und dann,
wieder heimgekehrt, einen Vortrag auswendig lernen, um mit ihm, Stadt für Stadt
abklopfend, Geld zu machen. Ich reise, um allüberall, im Urwalde, in der Steppe,
der Wüste, im Leben der Verachteten und Bedrängten, im Herzen des sogenannten
Wilden die Spuren Gottes, die Wahrzeichen und Beweise der ewigen Liebe und
Gerechtigkeit zu suchen, denn meine Bücher sollen zwar Reisebeschreibungen, aber
in dieser Form Predigten der Gottes- und der Nächstenliebe sein. Darum gehe ich
meine eigenen Wege und bewege mich in meiner eigenen Weise; ich lebe und reise
von meinen eigenen Mitteln, verlasse mich nächst Gottes Schutz auf meine eigene
Kraft und lasse mich von keinem andern Willen als meinem eigenen dirigieren. Wer
sich mir anschliesst, hat sich in diese meine Eigenheit zu finden, sonst kann ich
ihn nicht brauchen. Ich mag nicht das am Zügel gelenkte Pferd, sondern ich will
der Reiter sein, und wer da glaubt, wie vorhin Ihr, mich durch ein Fait accompli
willenlos und ihm gefügig zu machen, der mag diese Probe nicht zum zweitenmal
versuchen; er würde sich in mir täuschen! Ich bin gewohnt, selbständig zu
handeln und werde selbst dem besten Freunde nie gestatten, ohne meine Erlaubnis
über mich zu verfügen.«
    Lindsay machte ein sehr verlegenes Gesicht. Die Falten seiner Stirn bildeten
längst schon keine hohen Bogen mehr; er hatte den Kopf gesenkt und die vorher so
stolz erhobene Nase war tief zerknirscht zusammengesunken.
    »Es war aber ja ganz gut gemeint!« entschuldigte er sich.
    »Das weiss ich wohl; darum habe ich in Halefs Gegenwart geschwiegen und Euch
nun jetzt unter vier Augen meine Meinung gesagt. Ihr habt Euch früher stets nach
mir gerichtet und müsst zugeben, dass dies stets zu Eurem Vorteile war. Seit jener
Zeit seid Ihr als selbständiger Mann gereist und habt Euch angewöhnt, zu
handeln, ohne andere zu fragen. Das ist der leicht erklärliche Grund Eurer
Eigenmächtigkeit, und darum sage ich Euch meine Meinung nicht in zornigen,
sondern in ganz ruhigen Worten. Jetzt aber seid Ihr nicht mehr Euer eigener
Herr; ich bin nicht Euer, sondern Ihr seid mein Begleiter; das gebe ich Euch zu
bedenken.«
    »Soll das heissen, dass ich gar keinen Willen haben darf?«
    »Nein; aber wenn drei Personen eine weite, beschwerliche und wohl auch oft
gefährliche Reise zusammen unternehmen, so versteht es sich ganz von selbst, dass
keiner von ihnen ohne Wissen der andern wichtige Bestimmungen treffen darf; es
muss alles einmütig geschehen; das ist es, was ich wünsche. Ihr sagtet vorhin,
dass man unter Reisegefährten nicht so genau zu rechnen brauche; das ist
grundfalsch; ich halte es vielmehr für sehr notwendig, dass jeder Gefährte die
Rechte der andern sehr genau beachte und auf sie Rücksicht nehme. Ihr behauptet
ferner, es würde eine Beleidigung für Euch sein, wenn wir uns Eurer Anordnung
nicht fügten. Ich sage Euch dagegen, dass es eine Beleidigung für uns war, diese
Anordnung ohne unser Wissen zu treffen!«
    »Well, hm, mag wahr sein! Will es also nur sagen: Ihr solltet nicht zu
zahlen brauchen!«
    »Das weiss ich ja; aber das ist grad der Punkt, wohin ich mein Fragezeichen
setze, weil ich nicht wünsche, dass ein Ausrufezeichen daraus werde. Ihr kennt
mich da von früher her. Ich will vor allem auch in dieser Beziehung mein eigener
Herr sein und teile Euch darum ganz aufrichtig meine Ansicht mit, dass pekuniäre
Unselbständigkeit fast sicher auch andere Arten von Abhängigkeit nach sich
zieht.«
    »Aber, Mr. Kara, ich bin reich, tausendmal reicher als Ihr! Soll ich da
nicht das Vergnügen haben, Euch dann und wann etwas zu ermöglichen oder
wenigstens zu erleichtern, was Euch sonst schwer fallen oder gar unmöglich sein
würde? Es ist das für mich ja eine Kleinigkeit, grad so, wie wenn ein Pferd beim
Füttern einige Körner verliert, die von einem Sperling aufgetippt werden.«
    »Danke herzlich für diesen vortrefflichen Vergleich!« lachte ich.
    »War nicht so, sondern anders gemeint! Sehe ein, dass ich auch ein
aufrichtiges Wort bringen muss. Hört mich ruhig an!«
    »Sehr gern!«
    »Wenn ich in meine volle Tasche greife, um einige armselige Piaster für Euch
auszugeben, so wollt Ihr mir das nicht gestatten. Ich aber soll es mir ruhig
gefallen lassen, dass Ihr in Euern Kopf, in Eure Kenntnisse, in Eure reichen
Erfahrungen greift und für mich mit Eurer geistigen, intellektuellen Münze nur
so um Euch werft! Münze ist Münze; ob aus den Schätzen Eures Verstandes oder aus
unserer Bank von England entnommen, das bleibt sich gleich. Soll ich welche von
Euch einnehmen, so muss auch ich von der meinigen ausgeben dürfen, wenn ich mich
nicht als armer Almosenempfänger fühlen soll; das müsst Ihr doch einsehen! Oder
nicht?«
    »Ich will zugeben, dass das, was Ihr da gesagt habt, nicht ohne einige
Berechtigung ist, und will, so wie ich es früher nicht war, auch jetzt nicht
dagegen sein, dass Ihr zuweilen einmal in Eure wohlgefüllte Tasche greift; aber
Ihr dürft damit nicht die Ansicht verbinden, dass dies ohne unser Wissen
geschehen kann und gar vielleicht Euch die Berechtigung verleiht, uns wie heut,
mit vollendeten Tatsachen, denen wir nicht zugestimmt hätten, zu überraschen.
Für diesesmal sollt Ihr unsere nachträgliche Zustimmung erhalten; bei einer
Wiederholung dieses Falles aber würdet Ihr nur den Erfolg haben, ohne unsere
Gesellschaft auf Eurer Tatsache sitzen zu bleiben. So, nun mag diese heikle
Angelegenheit abgetan sein. Ihr habt es gut gemeint und ich meine es mit meinem
Tadel auch nicht schlecht, denn ich habe ihn nur ausgesprochen, um späteren
Unannehmlichkeiten zu begegnen. Wo habt Ihr denn eigentlich Eure überraschende
Kenntnis der arabischen Sprache her?«
    Da hellte sich sein verdüstertes Gesicht schnell auf; die Nase machte einen
frohen Seitensprung, und er antwortete:
    »Nicht wahr, das hat Euch überrascht?«
    »Ausserordentlich!«
    »Habt mir's gar nicht zugetraut?«
    »Aufrichtig gesagt, nein.«
    »Well! Habe mich auch riesig auf Eure Verwunderung gefreut! Meine Reise
damals mit Euch war die schönste und interessanteste von allen, die ich
unternommen habe. Ist mir nie aus der Erinnerung gekommen. Sehnte mich förmlich,
alle die Orte einmal wiederzusehen. Nahm mir also vor, den ganzen Weg noch
einmal zu machen. Dazu gehörte aber die Sprache, die ich nicht verstand.
Beschloss darum, sie zu erlernen. Wandte mich nach Oxford, Universität;
verschrieb mir einen Lehrer. Musste mich begleiten, auch während der Reise
unterrichten. War ein tüchtiger Kerl und hat sich viel Mühe gegeben. Habe aber
auch gearbeitet wie ein Stier, Tag und Nacht! Wundere mich, dass mein Kopf noch
ganz ist, keine Löcher und Sprünge bekommen hat! Ist eine heidenmässig schwere
Sache, diese arabische Sprache. Bin sehr oft ganz konfus gewesen; habe Flinte
tausendmal wegwerfen und ausreissen wollen. Bin in Wut geraten, ganz verzweifelt
gewesen, habe nicht essen, nicht schlafen können. Riesige Kopfschmerzen,
schlechte Verdauung, Augenflimmern, Ohrensausen; habe mich ganz elend gefühlt,
unendlich jämmerlich. Dachte aber an Euch, an Eure Ausdauer, Energie; malte mir
aus, Ihr sässet bei mir und nicktet mir aufmunternd zu. Das half. Bin mit jedem
Tag arabischer geworden, bis mir sogar einmal träumte, ich sei ein
Beduinenscheik und zähle meinen Schafen und Kamelen das grosse Einmaleins
arabisch vor. Da schriebt Ihr mir, Ihr wolltet hierher. War natürlich sofort
fest entschlossen, mitzumachen, und lernte nun mit doppelter Wut, wie eine
Windmühle im Sturme oder eine Maus, hinter der die Katze ist. War riesenhaft
stolz auf den Erfolg. Habe mir tausendmal Euer Gesicht ausgemalt, wenn Ihr hören
würdet, was ich leiste. Fand Euch leider nicht daheim, bin also hierher. Habe
Euch hier getroffen; aber anstatt mich an Eurem Staunen weiden zu können, habe
ich Vorwürfe zu hören bekommen. Ganze Freude ist in das Wasser gefallen und
total ertrunken! Sehe aber ein, dass ich selbst schuld bin. Hätte Euch erst
fragen sollen, welchen Weg Ihr nehmen wolltet. Wird nicht wieder vorkommen; gebe
Euch mein Wort darauf!«
    Da reichte ich ihm die Hand und sagte:
    »Diese Freude habe ich Euch natürlich nicht verderben wollen. Ich war
ausserordentlich überrascht und wollte meinen Ohren nicht trauen, als ich Euch so
fliessend arabisch sprechen hörte. Ich weiss am besten, wie gross die Mühe gewesen
ist, die Ihr darauf verwendet haben müsst, und es kann mir nicht einfallen, Euch
die wohlverdiente Anerkennung vorzuentalten. Ihr müsst ja geradezu wie ein Pferd
gearbeitet haben!«
    »Pferd? Ist viel zu wenig gesagt!« verbesserte er, indem infolge meines
Lobes sein ganzes Gesicht vor Wonne strahlte und seine Nase eine vergnügt
horchende Lage einnahm. »Habe mit dem Kopfe gearbeitet. Muss also nicht Pferd
sondern Ochse heissen! Darf also annehmen, dass Ihr zufrieden mit mir seid?«
    »Sehr zufrieden!«
    »Gute Leistung von mir?«
    »Grossartige Leistung sogar!«
    »Well! Damit ist alles gut, alles wieder gutgemacht! Wenn Kara Ben Nemsi
meine Leistung grossartig nennt, so ist das die beste Belohnung, die ich finden
kann. Möchte diese Heidenarbeit aber auch nicht zum zweitenmal machen. Würde
ganz gewiss überschnappen! Habe meinen armen Kopf sehr oft für eine alte Pauke
gehalten. Was hat da alles hineingemusst! Sukuhn, Hamza, Teschdid, Madd,
Singular, Dual, äusserer Plural, innerer Plural, ana, inte, huwa, ihna, intu,
huma, wahid, marra, auwal, dreiradikaliges Verbum, vierradikaliges Verbum,
massives Verbum, konkaves Verbum, defektes Verbum - - - wer da den Verstand
nicht verliert, der hat entweder sehr viel oder gar keinen Geist! Fühle mich
aber auch wie neugeboren, dass ich das alles glücklich überwunden habe. Nun sagt
mir doch auch einmal, ob ich gut oder fehlerhaft spreche!«
    »Welcher Meinung war Euer Lehrer über diesen Punkt?«
    »Dummer Kerl! Lachte mich aus!«
    »Ihr habt ihn vorhin aber doch einen sehr tüchtigen Kerl genannt!«
    »War er auch; nur in dieser Beziehung nicht! Sagte immer, ich spräche
englisch mit schlecht gewählten arabischen Worten. Behauptete auch, ich würfe zu
viel englische Partikel hinein. Was soll ich aber denn mit meinen Partikeln
machen, wenn ich sie einmal habe? Das war doch unrecht von ihm. Nicht?«
    »Recht wird wohl der haben, der da weiss, dass kein Meister vom Himmel
gefallen ist. Man darf nicht denken, dass man fertig sei, sondern man muss sich
üben, immerfort weiterüben.«
    »Das tue ich auch! Habe mich sogar heut geübt, mit dem Wirte da draussen.
Wollte einmal hören, wie die Sprache des Arabers klingt, wenn er betrunken ist.«
    »Ausserordentlich löbliches Unternehmen!«
    »Mag sein! Nehmt Ihr es mir übel?«
    »Nein. Vielleicht ist es sogar vorteilhaft für mich, dass Ihr ihm einen
Haarbeutel aufgesetzt habt.«
    »Wieso?«
    »Davon werden wir später sprechen; es gehört eine lange, aber sehr
interessante Erzählung dazu. Wir haben nämlich schon sehr viel erlebt, und zwar
Dinge, welche wahrscheinlich noch gar nicht zu Ende sind. Halef wird Euch alles
berichten, und ich glaube, dass Ihr den Faden dann mit uns weiterspinnen werdet.
Für jetzt ist es notwendig, zu wissen, ob Ihr wirklich die Absicht habt, Euch
erst drüben in Persien ein Pferd anzuschaffen?«
    »Ja; eher nicht.«
    »Wo?«
    »Vielleicht Schiras.«
    »Aber wir müssen doch von Buschehr bis Schiras reiten!«
    »Nehme ein Mietspferd.«
    »Das ist für uns unbequem; aber da Ihr es einmal wollt, müssen wir Euch
Euern Willen lassen.«
    »Wenn ich hier eins kaufte, müsste ich es per Schiff hinübertransportieren
lassen wie Ihr die eurigen. Das kann ich umgehen.«
    »Das ist freilich wahr. Hoffentlich bekommt Ihr dort etwas Preiswürdiges. Da
wir echtes Blut reiten, dürft auch Ihr nicht schlecht beritten sein, sonst kommt
Ihr nicht mit uns fort.«
    »Habt keine Sorge! Kaufe nichts Schlechtes. Geld ist da! Wer ist der Kerl?«
    Diese Frage galt dem Fährmann, welcher jetzt endlich kam, um uns zu
benachrichtigen, dass er nun bereit sei. Wir hatten ihm gesagt, dass er uns im
Kahwe finden werde. Nun brauchten wir ihn nicht. Es war vorauszusehen, dass er in
echt orientalischer Weise eine Entschädigung dafür verlangen werde; darum
antwortete ich, als er seine Aufforderung, jetzt mitzukommen, ausgesprochen
hatte:
    »Hast du dich denn schon ausgeruht?«
    »Ja,« nickte er.
    »Aber wir noch nicht. Wir waren noch viel müder als du und müssen also noch
länger sitzen bleiben.«
    »Aber ich habe grad jetzt Zeit!«
    »Wir noch nicht!«
    »Ihr könnt auf der Fähre ebenso ruhig sitzen wie hier!«
    »Ganz dasselbe haben wir dir vorhin auch gesagt. Wir wollten rudern, und du
solltest dich pflegen; das beliebte dir aber nicht. Jetzt sind wir es, denen es
nicht passt.«
    »Später fahre ich Euch nicht!«
    »So lässest du es bleiben!«
    »Ihr habt mir ein Bakschisch für das Warten zu zahlen!«
    »Sehr gern! Wieviel verlangst du?«
    »Fünf Piaster. Ich denke, dass Ihr das sehr billig finden werdet!«
    »Es ist billig; ich hätte mehr verlangt. Gieb also die fünf Piaster her!«
    »Ich?« fragte er erstaunt.
    »Ja.«
    »Euch?«
    »Natürlich!«
    »Du sprichst ja ganz verkehrt! Wer ist es denn, der zu bezahlen, und wer,
der zu bekommen hat?«
    »Zu bezahlen hast du. Wer sonst?«
    »Doch Ihr!«
    »Wenn du das behauptest, bist du es, der verkehrt redet. Du bist eine
einzelne Person und hast auf uns gewartet. Dafür verlangst du von uns eine
Entschädigung von fünf Piastern?«
    »Ja.«
    »Schön! Wir sind zwei Personen, die du hinüberfahren solltest; wir haben auf
dich gewartet; das macht zehn Piaster; folglich hast du uns fünf
herauszuzahlen.«
    »Allah w'Allah!« rief er erstaunt. »Sollte man so etwas für möglich halten?
Ich höre, dass du mich um mein wohlverdientes Geld betrügen willst!«
    Ich kam nicht dazu, ihm auf diese Worte eine Antwort zu geben, denn Halef
tat dies an meiner Stelle. Seine Unterredung mit dem Wirte war zu Ende. Er war
hinter dem Fährmann hergekommen, stand nun in seinem Rücken an der Tür und
hatte seine Forderung und meine Antwort gehört. Jetzt schob er ihn schnell zur
Seite, trat vor und sprach ihn zornig an:
    »Betrügen? Mensch, wie darfst du es wagen, diesen weltberühmten und
mächtigen Emir einen Betrüger zu nennen! Er ist so gnädig gewesen, mit deinen
armseligen fünf Piastern einverstanden zu sein; er hat dir deutlich und bis zur
vollsten Ueberzeugung bewiesen, dass du dieses Geld für deine Faulheit
herauszugeben hast, und nun du uns darum betrügen willst, bist du so frech, den
Betrug ihm in das Gesicht zu werfen. Ich frage dich, ob du sie sofort bezahlen
willst oder nicht?«
    Er griff mit der Hand nach seiner im Gürtel steckenden Peitsche.
    »Ich habe nicht zu bezahlen, sondern zu bekommen,« behauptete der Mann, der
die Schnellfertigkeit Halefs nicht kannte und also gar nicht ahnte, was für ein
Gewitter drohend über ihm stand.
    »Zu bekommen? Schön! Du sollst erhalten, was du verdienst, und zwar
sogleich! Hier hast du es, hier - - hier - - da - - da und da!«
    Die Peitsche flog heraus und knallte dem Manne so kräftig auf den Rücken,
dass er sich mit einem Schrei des Schmerzes zur Flucht wendete. Halef eilte
hinter ihm drein und versetzte ihm Hieb auf Hieb, bis er ihn zur vorderen Tür
hinausgetrieben hatte; dann kehrte er zu uns zurück und sagte, vor Vergnügen
strahlend:
    »Das ist die einzig richtige Sprache, in welcher man mit solchen Menschen zu
reden hat! Fünf Piaster für seinen Schlaf und unser Warten verlangen und auch
noch vom Betruge sprechen! Sihdi, deine Berechnung war sehr schlau; aber meine
Bezahlung war noch besser!«
    »Wie aber, wenn er sich bei der Behörde über dich beschwert?« warf Lindsay
ein.
    »Bei der Behörde? Wie würde ich mich freuen, wenn sie käme! Sie würde die
Fortsetzung des Anfanges bekommen, den ich ihm zu schmecken gegeben habe. Sihdi,
bist du mit mir einverstanden?«
    »In diesem Falle, ja. Die Hiebe waren ganz gut angebracht.«
    »Hamdulillah! Endlich giebst du dich einmal als wahren Freund meiner
Nilpferdhaut zu erkennen. Das bringt dir den Glanz meiner Achtung und die Fülle
meiner Ehrerbietung ein. Deine Zufriedenheit ist mir eine wahre Wonne!«
    »Hoffentlich brauche ich sie dir auch in Beziehung auf dein Gespräch mit dem
Wirte nicht vorzuentalten?« fragte ich mit gedämpfter Stimme.
    »Du brauchst nicht zu flüstern, sondern kannst so laut sprechen, wie es dir
beliebt, Sihdi.«
    »Wo ist er jetzt?«
    »Er ruht in den Armen des heissen Zuckerwassers und hat den hineingegossenen
Raki als Kissen unter den Kopf genommen.«
    »Und sein Gehilfe, der Somali?«
    »Bei dem ist's umgekehrt: Er liegt im Raki und hat das Zuckerwasser als
Ruhekissen. Ihre Seelen lustwandeln in dem Lande der Träume, und aus ihren
Kehlen erschallt die Musik aller Himmel Muhammeds. Horch!«
    Als wir still waren, hörten wir ein kräftiges, sägeartiges Schnarchen.
    »Das ist der Somali,« erklärte Halef. »Er liegt mit dem Kopfe in der
Holzkohlenasche und schneidet mit dem Minschar15 seines Gaumens Baumstämme
auseinander.«
    »Und der Kahwedschi?«
    »Der ruht am Ufer des Flusses und war um keinen Preis dazu zu bewegen,
herunter in das Wasser zu steigen; dann schlief er ein.«
    »Am Flusse? Er hat das Haus verlassen?«
    »Nein. Er stieg mit mir, um mir dort etwas zu geben, die unter das Dach
führende Leiter hinan. Bei der Rückkehr sank er in Frieden neben der Leiter hin
und sagte, wenn ich ertrinken wolle, möge ich allein hinunterspringen, er aber
werde vorsichtig auf dem Trockenen bleiben. Wenn du ihn sehen willst, will ich
dir ihn zeigen.«
    »Was hat er dir gegeben?«
    »Einen Brief.«
    »An wen?«
    »Das weiss ich nicht.«
    »Wer hat ihn geschrieben?«
    »Auch das ist mir unbekannt.«
    »Ist er nicht mit einer Adresse versehen?«
    »Es stehen die Zeichen des Ringes darauf. Hier ist er.«
    Er zog ein viereckig zusammengefaltetes und mehrfach versiegeltes Papier aus
der Tasche und gab es mir. Man hatte sich eines gewöhnlichen Geldstückes als
Petschaft bedient. Auf der Adressseite sah ich ein mit Tinte geschriebenes Sa,
welches mit einem Lam verbunden war; darüber stand das Verdoppelungszeichen.
    »Er muss dir aber doch gesagt haben, für wen dieser Brief bestimmt ist,«
sagte ich.
    »Das hat er auch getan.«
    »Nun?«
    »Der Mann, der ihn bekommen soll, heisst Ghulam.«
    
    »Was ist er?«
    »Das weiss ich nicht.«
    »Wo wohnt er?«
    »Auch das weiss ich nicht.«
    »Höre, lieber Halef, du scheinst in dieser Angelegenheit nichts weniger als
allwissend zu sein!«
    »Dafür kann ich nicht, Sihdi, sondern das heisse Zuckerwasser mit Raki ist
schuld. Der Kahwedschi wollte mir so sehr viel sagen, konnte sich aber auf
nichts besinnen, weil sein ganzes Gedächtnis in dieser süssen Flüssigkeit
ertrunken war und alle meine Wiederbelebungsversuche nichts mehr fruchteten.«
    »So hast du dich ganz vergeblich bemüht; dieser Brief, der uns vielleicht
von grossem Vorteile sein könnte, wird uns keinen Nutzen bringen. Oder hast du es
daran mangeln lassen, den Kahwedschi in der richtigen Weise auszufragen?«
    »Nein, gewiss nicht, ganz gewiss nicht, Sihdi. Du kennst mich da nur zu wohl
und weisst, dass ich den Mund auf der Stelle habe, wo er sitzen muss, wenn man
jemandem ein Geheimnis abzulocken hat; aber die Geheimnisse dieses Mannes waren
infolge seiner Betrunkenheit so ausserordentlich geheim, dass er sie selbst nicht
mehr kannte. Da war alle meine Mühe umsonst. Wenigstens glaube ich nicht, dass
du, wenn du an meiner Stelle gewesen wärest, mehr als ich erfahren hättest.«
    »Möglich! Erzähle mir richtig der Reihe nach, was du mit ihm gesprochen
hast! Wir sind in Bagdad übereingekommen, dass du einen Ring der Sillan stets bei
dir haben sollst. Ich brauchte dir ihn heut' also nicht erst zu geben. Als du
hier von uns fortgingst, sass der Kahwedschi da draussen im Vorraume auf seinem
Kissen. Der Somali war bei ihm, schnarchte aber schon. Wir haben uns hier
absichtlich laut und angelegentlich unterhalten, als ob wir gar keine Zeit
hätten, zu bemerken, dass du so lange Zeit nicht bei uns warst. Nun weiter!«
    »Weiter, Sihdi? Ich habe ja noch gar nicht angefangen! Ich steckte den Ring
an den Finger und schlenderte hinaus zu dem Kahwedschi hin. Ich war ihm sehr
willkommen, und er fing sofort selbst mit mir an, denn er war sehr neugierig, zu
erfahren, wer Ihr seid.«
    »Jedenfalls hast du da den Mund sehr voll genommen!«
    »Warum soll ich das nicht? Wenn ich einmal etwas in den Mund nehme, so muss
es etwas Ordentliches sein, damit ich auch wirklich einen Genuss davon habe. Ich
gab dich für den ersten Minister des Sultans von Sitschilia16 und Mr. Lindsay
für den obersten Sterndeuter des Kaisers von Antakijeh17 aus. Von mir selbst
sagte ich, dass ich ein Montefik-Beduine bin und von Euch gemietet sei, Euch nach
Buschir und Schiras zu begleiten. Sobald mir dies über die Lippen gegangen war,
glaubte ich, einen Fehler gemacht zu haben, denn der Kahwedschi brauchte doch
nicht zu wissen, wohin wir wollen. Aber es waren mir nicht gleich andere Namen
in den Mund und andere Gegenden in den Kopf gekommen, und es stellte sich
nachher heraus, dass grad diese beiden Städte mir sein Herz geöffnet hatten. Er
lud mich ein, mich zu ihm zu setzen, und als ich das getan hatte, sprachen wir
zunächst von den unendlichen Vorzügen des heissen Zuckerwassers, welches die
eigentliche und richtige Weihe seines Vorhandenseins erst durch einen Zuguss von
Araki bekommt. dabei hielt und bewegte ich die Hand in der Weise, dass er den
Ring sehen musste. Es dauerte das zwar ziemlich lange, denn der Araki hatte die
Zahl seiner Augen so vermehrt, dass er, wie er mir gestand, mich fünfzigmal sah
und meine Hände sogar über zweihundertmal erblickte. Er schien also zweitausend
Finger vor sich zu haben, was ihn so in Anspruch nahm, dass er für den Ring
zunächst keine Spur von Aufmerksamkeit besitzen konnte. Aber als er ihn erst
einmal entdeckt hatte, war der Eindruck, den er von ihm bekam, auch um so
grösser. Er bat mich, ihn betrachten zu dürfen. Natürlich erlaubte ich es ihm. Er
gab mir die Hand und begrüsste mich als Sill, als Schatten, als Verbündeten, als
heimlichen Kameraden. Er hielt mir eine grosse Rede, die aber so wenig Sinn
hatte, dass sie nicht einmal als Unsinn bezeichnet werden kann. Ich konnte von
hundert Worten, welche er sprach, kaum zehn verstehen, denn sein Mund glich
einer mit Riri18 gefüllten Tandschara19, in welcher sich die Zunge wie ein Quirl
bewegte. Er erkundigte sich immer wieder, ob ich wirklich nach Buschehr und
Schiras gehen werde, und als ich dies oft genug bejaht hatte, fragte er mich, ob
ich da wohl der Sill sei, der den Brief abholen solle, welcher an Ghulam
abzugeben sei. Es versteht sich ganz von selbst, dass ich vorgab, dieser Mann zu
sein und die beiden Fremden, den Minister und den Sterndeuter, nur aus dem
Grunde in dieses Kaffeehaus geführt zu haben, um die Gelegenheit zu finden, den
Brief in Empfang zu nehmen.«
    »Das war richtig, lieber Halef. Aber hast du denn nicht herausbringen
können, wer und was dieser Ghulam ist?«
    »Nein. Ich sage dir, ich habe meinen ganzen Scharfsinn zusammengenommen;
aber erstens war der Kahwedschi so betrunken, dass er alles vergessen hatte und
sich auf nichts besinnen konnte, und zweitens musste er doch annehmen, dass ich
diesen Ghulam wenigstens ebenso gut kenne wie er. Eine unvorsichtige Frage hätte
mich verraten; sie wäre das Eingeständnis gewesen, dass ich der Sill nicht sei,
für den ich gelten wollte. Du siehst ein, dass ich mich sehr in acht zu nehmen
hatte und keine Erkundigung, die ihm auffallen musste, aussprechen durfte. Ich
setzte zwar die Worte so, dass sie ihn eigentlich hätten zwingen müssen, sich
über Ghulam auszusprechen, aber der Raki hatte ihm nur den hundertsten Teil
seines an und für sich schon armselig kleinen Verstandes übrig gelassen, und so
redete er alles herüber und hinüber, herunter und hinauf, und brachte aber grad
das nicht, was ich haben wollte.«
    »Das ist fatal!«
    »Vielleicht erfahren wir es unterwegs!«
    »Schwerlich. Die Misslichkeit liegt in dem Umstande, dass Ghulam zwar ein Name
ist, aber auch einen Stand bedeutet. Ghulam kann jeder Mensch heissen; dieses
Wort kommt im Persischen ebenso oft vor wie der Name Halef im Arabischen. Ghulam
ist aber auch ein Diener; besonders werden berittene Diener so genannt, und
unter Ghulam Pätschä versteht man den Pagen, den jungen Leibdiener eines hohen
Herrn. Du siehst also, dass wir uns in einer Ungewissheit befinden, die uns in
Verlegenheiten bringen kann.«
    »Vielleicht könnte uns der Inhalt des Briefes Aufschluss geben?«
    »Möglich!«
    »So öffne ihn doch!«
    »Ich gehöre nicht zu den Leuten, denen das Briefgeheimnis nicht heilig ist.«
    »Briefgeheimnis? Erlaube, Sihdi, dass jeder Brief geschrieben wird, um
gelesen zu werden. Dieser ist an Ghulam gerichtet, der ihn lesen soll. Weil wir
aber nicht wissen, wer, was und wo dieser Ghulam ist, wird er ihn nicht
bekommen, ausser wir öffnen das Schreiben, um zu erfahren, wo und an wen wir es
abzugeben haben. Das Oeffnen des Briefes ist also keine verbotene Handlung,
sondern eine Notwendigkeit, und wenn wir ihr Gehorsam leisten, muss uns Ghulam
dafür dankbar sein.«
    »Wie schön du das zu sagen weisst, lieber Halef! Du bist immer der Schlaue!«
    »Ja, der bin ich! wenn die Länge deines Verstandes nicht ausreicht, so muss
ich dir mit der Breite des meinigen zu Hilfe kommen. Das weisst du doch schon
längst.«
    »Leider aber gilt hier diese ganze Breite mit allen ihren Finessen nichts.
Wenn wir den Adressaten des Briefes nicht kennen, haben wir uns bei dem, der dir
das Schreiben übergeben hat, nach ihm zu erkundigen, also beim Kahwedschi. So
ist die Sache.«
    »Das dürfen wir aber doch nicht!«
    »So müssen wir den Brief zurückgeben.«
    »Das fällt uns gar nicht ein! Sihdi, ich würde den Brief öffnen, ohne zu
denken, dass ich dadurch einen Platz in der Hölle bekomme. Dein Gewissen aber ist
nicht so kräftig wie das meinige, sondern im höchsten Grade tschapuk
kydschyklanyr20, was unter Umständen, wie der jetzige, tief zu beklagen ist.
Gieb mir den Brief wieder! Ich werde ihn aufmachen, und dann kannst du ihn
lesen, ohne dir Vorwürfe darüber machen zu müssen.«
    »Ich halte das noch nicht für notwendig; wir haben ja Zeit zum Ueberlegen.
Erzähle weiter!«
    »Der Kahwedschi war bereit, mir den Brief anzuvertrauen, und da dies aber
niemand sehen sollte, wollte er dies heimlich tun, denn auch der Somali durfte
nichts davon wissen. Er bat mich darum, mit ihm hinauf unter das Dach zu
steigen, wo er ihn versteckt hatte.«
    »Vielleicht befindet sich da oben überhaupt ein Versteck für Dinge, welche
sich auf die geheime Verbrüderung der Sillan beziehen?«
    »Das ist möglich, Sihdi.«
    »Hast du nichts bemerkt?«
    »Nein.«
    »Der Kahwedschi scheint als Postbeamter dieser Verbindung tätig zu sein; da
ist es denkbar, dass man ausser Briefen auch andere Dinge bei ihm niederlegt. Wo
hatte er das Schreiben versteckt?«
    »Das werde ich dir gleich sagen, sobald ich an die betreffende Stelle komme.
Wir gingen in den Hof, wo die Leiter steht. Ich musste ihn führen, denn er wankte
unausgesetzt zwischen dem Orient und dem Occident herüber und hinüber und
knickte bei jedem Schritte zusammen, als ob er zehn übermässige Kamellasten auf
dem Rücken trage. Wie ich mit ihm die vielen Sprossen hinaufgekommen bin, das
kann ich dir gar nicht sagen. Endlich oben angekommen, setzte er sich gleich
nieder und wollte schlafen; er hatte alles, auch den Brief, vollständig
vergessen, und ich musste sehr lange in ihn hineinsprechen, ehe er sich besann,
in welcher Absicht wir so mühsam heraufgeklettert waren.«
    »Wie war der Raum beschaffen?«
    »Er war so lang und breit wie das an vielen Stellen offene Rohrdach, aber so
niedrig, dass man nicht aufrecht stehen konnte. Es lag da überall altes,
wertloses Gerümpel herum, für welches ich nicht einen einzigen Piaster geboten
hätte. Der Brief war in einen Lappen eingeschlagen und steckte in einer Ritze
der Wand.«
    »War diese Ritze gross?«
    »Nein.«
    »Steckte er allein darin?«
    »Ja.«
    »So bildete sie kein Sammelversteck und war bestimmt, nur ihn zu verbergen.
Es ist mir das ein Beweis, dass es da oben überhaupt keine heimliche Stelle
gibt, welche dem Sillan als Aufbewahrungsstätte dient. Es wird also wohl so
sein, dass dem Kahwedschi nur zuweilen ein Brief zur Uebergabe an den Boten
anvertraut wird. Wäre ein geheimes und regelmässig benutztes Versteck vorhanden,
so hätte der Wirt den Brief dahinein und nicht in die Wandritze getan. Was hat
er gesagt, als er dir ihn gab?«
    »Auch wieder allerlei unverständliches Zeug. Als ich ihn eingesteckt hatte
und wir wieder an die Leiter kamen, um herabzusteigen, weigerte er sich, dies zu
tun. Er glaubte plötzlich, am Flusse zu sein; er sah die Wogen fliessen und
hörte ihr Rauschen; darum setzte er sich nieder und war nicht zu bewegen, den
Fuss auf die Leiter zu setzen. Er wolle nicht ersaufen, sagte er; dann fiel er
vollends um und schlief sofort ein. Das ist alles, was ich dir sagen kann.
Weiter habe ich nichts gesehen und nichts erfahren können.«
    »So möchte ich einmal zu ihm gehen.«
    »Versuche, ob du mehr erfährst als ich. Ich glaube aber nicht, dass es dir
gelingt. Soll ich dir zeigen, wo er ist?«
    »Ich finde ihn selbst; zeigen ist also nicht notwendig; aber mitgehen kannst
du doch.«
    Als wir durch den Vorderraum kamen, sah ich den Somali. Es war so, wie Halef
gesagt hatte: Er hatte den Mangal umgerissen und lag mit dem Kopfe in der
Holzkohlenasche. Sein überlautes Schnarchen klang wie das Sägewerk einer im Gang
befindlichen Schneidemühle.
    Draussen im Hofe sah es fürchterlich aus. Gut, dass wir schon getrunken
hatten. Dem Europäer, der nur einen kurzen Blick auf diesen Schmutz warf, war es
gewiss unmöglich, drin im Kahwe auch nur einen einzigen Schluck zu geniessen! Die
Leiter lag an; ich stieg, von Halef gefolgt, hinauf und musste in ein enges Loch
kriechen, an dessen Rande der Wirt lag. Er hatte den Mund weit offen; sein Atem
war unhörbar. Sein Zustand schien mehr Betäubung als Schlaf zu sein. Punsch und
Grog sind eben nur für kalte Länder, nicht für den heissen Orient.
    Ein forschender Blick durch den niedrigen, von Unrat starrenden Raum sagte
mir, dass hier kein Platz zu einem wichtigen Verstecke sei. Ich steckte den
goldenen Ring der Sillan als Erkennungszeichen an den Finger und rüttelte dann
den Mann. Er wollte die Augen öffnen, brachte sie aber bei diesem ersten
Versuche nicht auf. Ich rüttelte ihn stärker.
    »Lass mich in Ruh!« knurrte er und wälzte sich auf die andere Seite, so dass
er durch das Loch hinabgefallen wäre, wenn ich ihn nicht weggeschoben hätte.
    Da nahm ich ihn bei den Schultern, setzte ihn auf und schüttelte ihn so
lange, bis er die Augen vollständig offen hatte. Er starrte mich an, sagte aber
nichts.
    »Bist du wach? Kannst du sprechen?« fragte ich ihn.
    »Spre - - - chen,« wiederholte er mein letztes Wort mechanisch.
    »Kennst du mich?«
    »Du - - mich - - -?«
    »Weisst du, wer du bist?«
    »Du - - bist - - -?«
    Da hielt ich ihm den Ring vor die Augen und forderte ihn im strengsten Tone
auf:
    »Schau diesen Ring an! Er sagt dir, wer und was ich bin.«
    Er richtete sein Auge zunächst gleichgültig auf meine Hand. Sobald er aber
den Ring erblickte, wurde er aufmerksamer. Er fasste die Hand und zog sie näher
an sich, um Gestalt und Schrift des Ringes zu betrachten. Dann ging es wie
Schreck über sein Gesicht. Er versuchte, sich aufzurichten, brachte es aber
nicht fertig.
    »Hazret21 - - Hazret - - Hazret - -!« stammelte er. Weiter brachte er kein
Wort hervor.
    »Wach doch vollends auf, Mensch! Ermanne dich, und nimm dich zusammen! Du
bist betrunken!«
    »Be - - trun - - ken - -?!«
    Die Bedeutung dieses Wortes schien ihm nicht gleich gegenwärtig zu sein; er
sann darüber nach.
    »Ja, betrunken bist du, vollständig betrunken!« wiederholte ich.
    Da kam es wie eine Spur von Erkenntnis in sein Auge. Er schüttelte den Kopf
und antwortete:
    »Nicht - - betrunken - - nicht! Ich kann - - kann - - Die Ungläubigen sagen,
kann - - - sie sagen. Soll - - - soll ich?«
    »Ja, sprich sie mir einmal vor, aber ohne Fehler!« forderte ich ihn auf.
    »Die Ungläubigen«, das ist nämlich die Ueberschrift der hundertneunten Sure
des Kuran. Sie lautet: »Sprich: o ihr Ungläubigen, ich verehre nicht das, was
ihr verehret, und ihr verehret nicht, was ich verehre, und ich werde auch nie
verehren das, was ihr verehret, und ihr werdet nie verehren das, was ich
verehre. Ihr habt eure Religion, und ich habe die meinige.« In der deutschen
Uebersetzung bietet dieser Text ja gar keine Schwierigkeiten; aber um so mehr
muss derjenige aufpassen, der das arabische Original remitieren will. Ein
Betrunkener bringt das gar nicht fertig; darum wird dieses Kurankapitel als Sura
el Imtihan22 bezeichnet und auch sehr oft angewendet. Man fordert den
Betrunkenen, welcher leugnet, betrunken zu sein, auf, diese Sure herzusagen.
Bringt er das fehlerlos fertig, so hat er bewiesen, dass er nüchtern ist;
verspricht er sich aber dabei, so ist sein Zustand zweifellos die Folge
übermässigen Trinkens. Jeder Muhammedaner kennt diese Eigenschaft und diese
Anwendung der hundertneunten Sure, und auch dem Kahwedschi war sie bekannt. Kaum
hatte ich das Wort betrunken ausgesprochen, so bot er mir an, durch diese Sure
zu beweisen, dass er es nicht sei. Nachdem ich ihm meine Zustimmung dazu erteilt
hatte, nahm er sich zusammen und begann:
    »Sprich, o - - - o ihr Un - - Ungläubigen, ich verehre, verehre - - nicht
euch, und ihr was mich, was euch, was mir; ihr verehret mich und ich euch, und
ihr - - - ihr habt - - - habt meine Religion - - - Religion - - ich habe eure -
- - und ich - - - ich verehre - - - verehre mich nicht!«
    »Dazu hast du auch ganz und gar keine Veranlassung!« lachte ich, denn im
Arabischen war die von ihm angerichtete heillose Verwirrung noch viel
lächerlicher als in der deutschen Uebersetzung, welche ich hier gebe. »Du kannst
die Sure nicht richtig sagen und bist also betrunken!«
    »Be - - be - - be - -« stammelte er. »O Hazret - - - der Raki - - Raki - -
und hei - - heisses Zucker - - - Zuckerwasser - - - wasser!«
    »Und nun du betrunken bist, weisst du nicht, was ich bin!« warf ich ihm vor.
    »Was - - was - - - o, ich weiss - - - weiss sehr gut! Hazret bist - - - bist
Sill - - - Sill - - - hoher Sill - - - sehr, sehr hoher Sill!«
    »Das ist dein Glück, dass du wenigstens das noch siehst. Weisst du aber auch,
dass du hier diesem Sill« - ich deutete bei diesen Worten auf Halef - »den Brief
gegeben hast, welchen Ghulam bekommen soll?«
    »Brief - -? Nein - - nein - - - nicht gegeben; habe noch!«
    »Weisst du, von wem er ist, dieser Brief?«
    »Von - - von Esara el - - - el Awar23, der ihn geschrieben und - - - und mir
- - - mir gegeben hat.«
    »Wo ist Esara jetzt?«
    »Nach Kor - - - Korna, wo - - - wo er wohnt.«
    »Und weisst du wirklich ganz gewiss, für wen der Brief bestimmt ist?«
    »Für - - für Ghulam el - - el Multasim24.«
    »Und wo Ghulam sich jetzt befindet?«
    »In - - in - - Strasse nach - - ah - - ah!«
    Da war es mit seiner Beherrschung zu Ende. Er fiel um, schloss die Augen und
lag nun wieder so betäubt wie vorher.
    »Es ist aus, Sihdi,« sagte Halef. »Du wirst nun nichts mehr von ihm
erfahren, denn er hat - - -«
    »Still!« unterbrach ich ihn. »Komm wieder mit hinunter!«
    Wir stiegen die Leiter hinab und kehrten zu Lindsay zurück, welcher sich
erkundigte, ob wir noch etwas erfahren hätten. Halef antwortete:
    »Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass aus dem Betrunkenen noch etwas
herauszubringen sei; dem Effendi ist es aber doch geglückt. Freilich, ich hätte
mir die Fragen nicht getraut, die er ausgesprochen hat.«
    »Warum nicht?« erkundigte ich mich.
    »Weil ich sie für unvorsichtig gehalten hätte. Der Kahwedschi musste doch
hören, dass du nichts wusstest, und daraus schliessen, dass du dich zwar für einen
Sill ausgiebst, aber keiner bist.«
    »Er musste das hören? Musste er das wirklich?«
    »Ja.«
    »Er hat es aber nicht gehört. Und noch viel weniger hat er einen Schluss
gezogen; sein Zustand war ja ein solcher, dass er gar nicht folgerichtig denken
konnte. Er erkannte nicht einmal seinen Gast in mir!«
    »Das weisst du jetzt, wusstest es aber nicht vorher!«
    »Sei gnädig gegen mich, lieber Halef! Ich gönne dir es zwar ganz gern, mir
auch einmal einen Fehler, eine Unvorsichtigkeit nachweisen zu können, aber
dieses Mal befindest du dich im Irrtume. Schon ehe ich den Betrunkenen zu Worte
brachte, sah ich es ihm an, wie weit ich gehen könne. Sodann sprach ich im Tone
eines Vorgesetzten, der hören will, wie weit der Untergebene unterrichtet und ob
er bei Besinnung ist. Meine Fragen hätten den Kahwedschi, selbst wenn er weniger
betrunken gewesen wäre, gewiss nicht auf den Gedanken gebracht, dass ich nicht zu
den Sillan gehöre. Er hatte ja schon vollständig vergessen, dir den Brief
gegeben zu haben. Grad so wird er, wenn er aus seiner jetzigen Betäubung
erwacht, gar nicht mehr wissen, dass ich bei ihm gewesen bin und mit ihm
gesprochen habe. Ich werde meinen Ring, zufrieden mit dem Resultate, jetzt
wieder in die Tasche stecken.«
    »Bist du wirklich zufrieden?«
    »Ja.«
    »Ich aber hätte doch noch sehr gern gehört, wo Ghulam zu finden ist. Es ist
schade, dass er grad dabei wieder in den bewusstlosen Mangel an Besinnung
zurückkehrte, aus welchem du ihn vorher zum mangelhaften Hersagen der Sure der
Ungläubigen aufgeweckt hattest!«
    »Ich verlange nicht mehr, als er geben konnte. Wir haben den Namen und den
Wohnort des Absenders erfahren und wissen sogar, dass er einäugig ist, was uns
unter Umständen von Vorteil sein kann. Und wir wissen nun, dass Ghulam bloss ein
Name und keine Standesbezeichnung ist. Der Mann heisst Ghulam el Multasim.
Multasim bedeutet Pächter im allgemeinen und auch einen Staatsgutspächter im
besonderen. Da in Persien die Zölle verpachtet sind, so ist dieser Ghulam
wahrscheinlich ein Zollpächter.«
    »Ja, Sihdi, wenn du aus seiner verworrenen Rede so bestimmte Schlüsse
ziehst, so können wir, falls diese richtig sind, allerdings zufrieden sein.«
    »Ich bin überzeugt, dass meine Vermutungen mich nicht irre führen. Vielleicht
hat das, was wir hier erfahren haben, gar keine Folgen, keine Bedeutung für uns,
aber da wir einmal schon so tief in die Geheimnisse der Sillan eingedrungen
sind, so wollte ich auch die jetzige Gelegenheit benützen, etwas, und sei es
noch so wenig, zu erfahren. Man weiss nicht, wozu es nützen kann.«
    Da ergriff Lindsay das Wort:
    »Nun redet doch endlich auch einmal eine Silbe mit mir! Sitze da, wie ein
Waisenknabe, um den sich kein Mensch bekümmert, und verstehe nichts von alledem,
was da gesprochen wird.«
    »Sobald wir auf dem Schiffe sind, wird Halef alles erzählen,« tröstete ich
ihn.
    »Well! Bin schrecklich neugierig darauf. Ist übrigens nun Zeit, an Bord zu
gehen. Wollen wir?«
    »Ja. Aber wir müssen bezahlen, und der Wirt wird schwer aufzuwecken und dazu
zu bringen sein, uns richtig zu sagen, was wir ihm schulden.«
    »Ist ganz leicht abzumachen. Schreiben auf einen Zettel, was wir bekommen
haben, schätzen das nach unserer Weise ab, wickeln das Geld in den Zettel und
stecken es ihm in die Tasche. Nicht?«
    »Ich halte das auch für das beste und kürzeste.«
    »Well, werde das also machen. Ich zahle, Ihr nicht!«
    Er riss ein Blatt aus seinem Merkbuche, notierte die Getränke darauf und
wickelte das, was er dafür geben wollte und was jedenfalls nicht zu wenig war,
hinein. Dann gingen wir in den Hof zu unsern Pferden, und er stieg die Leiter
hinan, um dem Wirte den Betrag in die Tasche zu stecken.
    Während er das tat, führten wir beiden andern unsere Pferde vor das Haus,
um uns dann nach dem Dampfer zu begeben, der ein Engländer mit vollständig
englischer Bemannung war. Da traten zwei Männer durch das Mauertor und kamen
auf uns zu. Es war ihnen gleich beim ersten Blicke anzusehen, dass sie echte
Söhne Old Englands seien. Beide hatten sonnverbrannte Gesichter. Den einen hielt
ich sogleich für einen Seemann. Der andre war in neuwaschen glänzendes Weiss
gekleidet, trug einen hellen Tropenhelm mit blauseidenem Schleier auf dem Kopfe,
hellbraune Glacéhandschuhe an den Händen und an einer auffallend starken,
goldenen Kette einen Klemmer auf der Nase. Diesem war die Zufriedenheit mit sich
selbst sofort beim ersten Blicke anzusehen.
    Sie blieben vor unsern Pferden stehen.
    »Herrliche Tiere!« meinte der Seemann.
    »Araber,« sagte der andere. »Unkultiviertes Geschlecht! Nur der Engländer
weiss, was aus edlem Blute zu machen ist.«
    »Sind diese nicht Rasse?«
    »Freilich wohl, doch nicht von wohlüberlegter Zucht. Man sieht und kennt das
ja! Alles Natur, aber eben bloss Natur. Kein Einfluss kennerischen Denkens. Wir
Kavalleristen bemerken das sofort.«
    Sie sprachen selbstverständlich englisch. Halef verstand nicht, was sie
sagten, aber er sah dem weissen Gentleman an, dass seine Worte kein Lob
entielten. Sein Gesicht verfinsterte sich. Da wendete sich dieser kurz und
befehlend in arabischer Sprache an uns:
    »Wer seid ihr?«
    Er erhielt keine Antwort.
    »Wer ihr seid, habe ich gefragt!« wiederholte er, indem seine Brauen sich
zusammenzogen. Und als wir auch jetzt still blieben, wendete er sich direkt an
den kleinen Hadschi:
    »Seid ihr stumm? Alle beide? Wie ist dein Name?«
    Das geschah in so verweisendem Tone, von oben herab und geringschätzig, dass
der Gefragte ihm auch jetzt nicht antwortete, aber zu mir sagte:
    »Ja istiksa - welch eine Neugierde! Wer ist dieser Mensch, der nur den Stolz
aber keinen Gruss auf den Lippen hat?«
    Der Englishman schien das Arabische besser zu verstehen, als er es sprach.
Er trat nahe zu Halef heran, hob die Hand empor und rief:
    »Mensch nennst du mich? Kerl, ich bin General! Soll ich dir meinen Gruss
hinter die Ohren schreiben?«
    »Lerne erst richtig reden, ehe du zu drohen wagst!« antwortete der Hadschi.
    »Kleine, freche Kröte!«
    Da riss Halef die Peitsche aus dem Gürtel, und es hätte wohl eine unangenehme
Scene gegeben, wenn unsere Aufmerksamkeit nicht grad in diesem Augenblicke
abgelenkt worden wäre:
    »Bill! Du, du, Bill, hier in Basra?!« erklang es hinter uns.
    Wir drehten uns um. Da stand Lindsay und starrte den General mit einem
Erstaunen an, welches unmöglich grösser sein konnte, als es sich sowohl in seiner
Haltung als auch in seinem Gesicht aussprach.
    »Ich denke, du bist in Kalkutta!« fügte er hinzu.
    »Davy! Alter Davy!« rief der Offizier. »Ist es möglich? Ich habe geglaubt,
du seist daheim!«
    Sie nannten sich du. Sie waren also bekannte Freunde, vielleicht gar
Verwandte. Wer aber geglaubt hätte, dass nun eine herzliche Begrüssung erfolgen
werde, der wäre ausserordentlich vom Irrtum befangen gewesen. Sie gingen auf
einander zu, reichten sich die Hände, und damit war dem gutgeschulten Herzen
wenigstens des einen volle Genüge geschehen.
    »Du, du also bist der Gentleman!« meinte hierauf der General.
    »Welcher Gentleman?« fragte Lindsay.
    »Der drei Plätze auf dem Steamer des Kapitäns hier genommen hat.«
    »Der bin ich allerdings.«
    »Musst mir zwei abtreten!«
    »Unmöglich, Bill!«
    »Pshaw! Wollte eigentlich alle drei haben. Da du es aber bist, sollst du
einen behalten. Die beiden andern jedoch muss ich unbedingt haben!«
    »Geht nicht!«
    »Muss gehen! Bin zu spät von Kut herabgekommen. Wurde vom Konsul aufgehalten.
Bin in geheimer, wichtiger Mission hier. Wurde dazu gewählt wegen meiner
Erfahrungen und weil ich arabisch sprechen kann. Weisst du: Maskat - - russische
und französische Einflüsse - - Landverbindung zwischen Konstantinopel und Bagdad
bis Schatt el Arab - - Beherrschung des persischen Golfes - - - habe schwierige
Instruktionen - - jede andere Rücksicht muss sich unterordnen - - kam den Tigris
herab - - - war in Bagdad - - muss nach Buschihr - - von da nach Schiras und das
Innere von Persien - - -«
    »Das ist ja auch unsere Route!« unterbrach ihn Lindsay. »Können uns also
zusammenschliessen!«
    »Du? Auch nach Persien? Well! Nehme grad dich unendlich gern mit. Hörte in
Kut von dem englischen Steamer, welcher nach Bischihr geht. Bin sogleich herab;
hörte, dass ein vornehmer Gentleman die drei Kabinen genommen habe. Er sei hier
im Kaffeehause. Habe sie natürlich für mich belegt. Alles muss zurücktreten! Ging
aber, da er als vornehm bezeichnet wurde, hierher, aus Höflichkeit, es ihm
selbst zu sagen. Finde zu meiner Freude, dass du es bist, old Davy. Sollst einen
der drei Plätze behalten dürfen. Werde mich einschränken - - nur dir zu liebe!«
    »Aber, das ist ja unmöglich, lieber Vetter!« behauptete Lindsay im Tone der
Verlegenheit.
    »Warum?«
    »Weil die drei Plätze für mich und diese meine beiden Freunde sind.«
    Er deutete bei diesen Worten auf Halef und mich. Der General hielt es gar
nicht für nötig, uns sein Auge wieder zuzuwenden, und sagte, indem er seine Hand
zum Ausdrucke unendlicher Geringschätzung hinter sich bewegte:
    »Freunde? Jes! Ich kenne dich. Wieder einmal deine alte, wohlbekannte
Humanitätsbetrunkenheit! Hast ganz vergessen, welche Entfernungen zwischen
Mensch im niedern und Mensch in höherm Sinne liegen! Wirst dich daheim noch ganz
unmöglich machen! Wer sind denn diese Leute? Besonders der Kleine, der Knirps,
dem ich soeben eine Ohrfeige geben wollte!«
    »Ohrfeige?« fiel da Lindsay rasch und erschrocken ein. »Daran denke ja
nicht! Das wäre dein Tod!«
    »Tod? Bist du bei Sinnen?!«
    »Sehr! Dieser Araber würde eine solche Beleidigung augenblicklich mit der
Kugel oder dem Messer beantworten!«
    »Pshaw!«
    »Gewiss! Versuche so etwas auf keinen Fall! Er ist Hadschi Halef, der Scheik
der Haddedihn, ein weitberühmter Krieger, der nicht mit sich spassen lässt!«
    »Spassen? Ist mir auch gar nicht in den Sinn gekommen! Wenn ich Ohrfeigen
gebe, so tue ich das im Ernst. Und Scheik? Kann nicht imponieren. Orang bleibt
Orang, auch wenn er der Anführer anderer Orangs ist! Und der zweite Kerl, für
den ich gar nicht vorhanden zu sein scheine? Impertinentes Gesicht!«
    »Ist Hadschi Kara Ben Nemsi.«
    »Araber?«
    »Nein, Deutscher.«
    »Das ist nicht viel anders! Diese Sorte treibt sich überall herum. Ist jedem
wahren Gentleman im Wege!«
    »Bitte! Er spricht und versteht das Englische!«
    »Mir gleichgültig!«
    »Aber mir nicht, lieber Bill! Wiederhole dir, dass diese Männer meine Freunde
sind, mit denen ich nach Persien will. Die beiden Plätze gehören ihnen, und ich
bin überzeugt, dass es ihnen nicht einfällt, sie dir abzutreten.«
    »Gar keine Frage! Das ist abgemacht! Sie mögen sich bei dem Gepäck
unterbringen lassen. Dahin gehören sie, nicht zu uns!«
    »Bringst mich in Verlegenheit! Unendliche Verlegenheit! Wollen doch erst
noch einmal an Bord. Muss gleich nachsehen, ob das nicht noch anders zu
arrangieren ist!«
    »So komm!« Er nahm Lindsay beim Arme und zog ihn fort. Dieser ging eine
kleine Strecke mit, machte sich dann von ihm frei, kam zu uns zurück und sagte:
    »Habt alles mit angehört? Fatale Lage für mich! Ist nahe verwandt mit mir.
Hochbedeutender Mann! Vortrefflicher Offizier und Diplomat! Steht in Indien. Hat
jedenfalls bedeutende Vollmachten. Muss mich fügen. Was sagt ihr dazu?«
    Der gute David tat mir unendlich leid. Der reine Mensch kam in ihm mit dem
Menschen von Old England in Konflikt. Aber ich konnte ihm doch nichts anderes
als nur die Wahrheit sagen:
    »Mag dieser Steamer noch so gross sein, für ihn und uns zu gleicher Zeit
gibt es keinen Platz an Bord. Ein Zusammenstoss wäre gar nicht zu vermeiden.
Orang-Utangs verhalten sich nicht immer so zurückhaltend, wie es jetzt und hier
geschehen ist!«
    »Richtig! Miserabler Ausdruck von ihm! Bin euch dankbar, unendlich dankbar,
dass ihr stillgeblieben seid! Gehe natürlich mit euch viel lieber als mit ihm.
Muss ihm aber doch nach! Werde ihm alles genau sagen und vorstellen. Ihr tretet
die Plätze also nicht ab?«
    »Nein!«
    »Well! Habe ihm das klar zu machen. Wartet hier, bis ich wiederkomme. Werde
es so kurz wie möglich machen!«
    Er eilte den beiden Gentlemen nach.
    »Hast du alles verstanden, Sihdi?« fragte Halef nun.
    »Ja.«
    »Was wurde gesprochen?«
    Ich gab ihm kurze Antwort. Die Beleidigungen verschwieg ich natürlich. Dann
meinte er:
    »Dieser Inglis erhob die Hand gegen mich. Er ahnte nicht, was er dabei
wagte. Du sagst mir, dass er ein Verwandter unsers Freundes sei. Darum will ich
nicht weiter über ihn sprechen, sondern schweigen. Komm, lass uns von hier
fortgehen, durch das Tor, damit wir Lindsay schon von weitem sehen, wenn er
kommt!«
    Wir entfernten uns, die Pferde natürlich mitnehmend, so weit von dem
Kaffeehause, dass wir den Steamer liegen sahen. Dort setzten wir uns auf die
Steine nieder, um zu warten. Es war für den Dampfer noch nicht Zeit, abzugehen,
doch liess er schon nach wenigen Minuten die Pfeife dreimal hören, und wir sahen,
dass er sich in Bewegung setzte.
    »Geht er fort?« fragte Halef.
    »Wie es scheint.«
    »Mit Lindsay. Der hat ihn doch noch nicht verlassen!«
    »Allerdings sonderbar! Komm, lass uns sehen!«
    Wir stiegen auf die Pferde und ritten schnell die kurze Strecke hinab, bis
wir uns dem Steamer gegenüber befanden. Er hatte schon das tiefe Fahrwasser
gewonnen. Am Regeling stand Lindsay, der nach uns ausschaute. Als er uns sah,
rief er uns zu:
    »Kann nicht dafür! Bin überlistet worden! Soll ich in das Wasser springen
und zu euch an das Ufer schwimmen?«
    »Nein,« antwortete ich.
    »Well! Lebt einstweilen wohl! Werde in Schiras auf euch warten. Darf ich?«
    »Wie es Euch beliebt.«
    »Will es tun. Auf Wiedersehn!«
    Da trat der General zu ihm und zog ihn mit sich fort.
    »Ist das Schiff abgegangen?« fragte Halef.
    »Ja. Man hat Lindsay nichts davon gesagt. Nun muss er mit.«
    Da schlug Halef die Hände froh wie ein Kind zusammen und rief aus:
    »Alhamdulillah!25 Ich wollte es nicht gern eingestehen, Sihdi; aber mein
Herz war tief betrübt, dich nicht mehr ganz allein zu haben! Dieser Inglis ist
mir lieb; aber dass ich dich mit ihm zu teilen hatte, das raubte mir die Ruhe
meines Innern. Wie freut es mich, dass du mir nun ganz zurückgegeben bist! Allah
sendet zuweilen Augenblicke des Verzichtes, damit wir sehen und erkennen sollen,
wie hoch der Wert dessen ist, was er uns beschieden hat. - Was aber tun wir
nun? Noch eine Nacht in Basra bleiben?«
    »Nein. Wir müssten am Kanale hin, nach der alten Stadt zurück, um unsere
dumpfe Wohnung aufzusuchen.«
    »Das war ein altes, stinkiges Loch, und doch sollte es die beste Wohnung
sein, die es gab. Es hat mich vor dem Moderduft gegraut und vor dem faulen
Wasser, welches wir zu trinken bekamen. Das Fieber brütet hier an jeder Stelle.
Am liebsten möchte ich weit vom Flusse fort!«
    »Ich bin einverstanden. Fahren wir noch über!«
    »Mit demselben Fährmanne?«
    »Ja. Ich vermute, dass er deine Peitsche noch nicht vergessen hat.«
    »Schau, wie du plötzlich mit ihr einverstanden bist!«
    »Einverstanden ist nicht das richtige Wort, lieber Halef, du wirst mich in
dieser Beziehung schon noch begreifen lernen. Komm!«
    »Ja, komm, Sihdi! Wollen dem Inglis eine gute Reise wünschen; uns aber auch!
Wir waren zwar nur kurze Zeit hier; aber ich habe etwas in mir, was überflüssig
ist. Wie ich es nennen soll, das weiss ich nicht, doch fühle ich ganz deutlich,
dass es da ist. Hoffentlich werde ich diese Empfindung auf den freien, lichten
Höhen des Gebirges wieder los!«
    Wir ritten nach der Fähre. Der Mann sass da und schlief. Seine beiden
Gehilfen lagen in seiner Nähe und - - schliefen auch. Als wir die Schläfer
weckten, wollte der Gebieter des Fahrzeuges grob werden; er hatte die Augen noch
nicht ganz offen. Sobald sie aber geöffnet waren und er uns erkannte, sprang er
auf und war zur Arbeit bereit. Es wurde der Preis ausgemacht, wobei er sich sehr
gefügig zeigte. Als wir ihn dann am andern Ufer bezahlten und er ein kleines
Extrageschenk erhielt, war er des Lobes unserer Güte voll. Halef lächelte über
diesen Erfolg seiner Peitsche still in sich hinein.
    Wir ritten so lange, als es hell blieb, über die jenseitige Ebene. Als es
dunkelte, machten wir bei einem wilden Dattelgestrüpp Halt, um da zu
übernachten, weil es reichlich und gutes Gras für die Pferde gab. Wir befanden
uns zwar auch hier noch auf feuchtem Stromgebiete, doch war die Luft eine andere
als in der dumpfen, arg verpesteten Stadt, und wir taten einen so festen und
ununterbrochenen Schlaf, dass wir erst erwachten, als die Sonne längst schon
aufgegangen war.- - -
 
                                Zweites Kapitel
                                        
                                Ueber die Grenze
»Sihdi, wie denkst du über das Sterben?«
    Wir waren stundenlang schweigsam nebeneinander her geritten, und nun erklang
diese Frage so plötzlich, so unerwartet, so unmotiviert, dass ich den Sprecher
erstaunt ansah und keine Antwort gab. Das arabische Wort Sihdi bedeutet »Herr«.
So pflegte mich Halef noch immer zu nennen, obgleich wir schon längst nicht mehr
Herr und Diener, sondern Freunde waren.
    »Sihdi, wie denkst du über das Sterben?« wiederholte er seine Frage, als ob
er annehme, dass ich ihn nicht verstanden habe.
    »Du kennst ja meine Ansicht über den Tod,« antwortete ich nun. »Er ist für
mich nicht vorhanden.«
    »Für mich auch nicht. Das weisst du wohl. Aber ich habe dich nicht nach dem
Tode, sondern nach dem Sterben gefragt. Dieses ist da, kein Mensch kann es
wegleugnen!«
    »So sage mir zunächst, wie du zu dieser Frage kommst! Mein lieber, heiterer,
stets lebensfroher Hadschi Halef spricht vom Sterben! Hast du etwa einen
besonderen Grund zu dieser deiner Frage?«
    »Nein. Von meiner Seele, meinem Geiste, meinem Verstande wurde sie nicht
ausgesprochen, sondern sie ist mir aus den Gliedern in den Mund gestiegen.«
    Das klang wohl sonderbar; aber ich kannte meinen Halef. Er pflegte mit
dergleichen, für den ersten Augenblick auffälligen Ausdrücken immer den Nagel
auf den Kopf zu treffen. Darum wiederholte ich seine Worte:
    »Aus den Gliedern? Fühlst du dich vielleicht nicht wohl?«
    »Es fehlt mir nichts, Sihdi. Ich bin so gesund und so stark wie immer. Aber
es ist etwas in mich hineingekrochen, was nicht hinein gehört. Es ist etwas
Fremdes, etwas Ueberflüssiges, was ich nicht in mir dulden darf. Es steckt in
meinen Gliedern, in den Armen, in den Beinen, in jeder Gegend meines Körpers.
Ich weiss nicht, wie es heisst und was es will. Und dieses unbekannte, lästige
Ding ist es, welches dich über das Sterben gefragt hat.«
    »So wird es wohl wieder verschwinden, wenn wir es gar nicht beachten, ihm
gar keine Antwort geben.«
    »Meinst du? Gut; wollen das versuchen!«
    Er kehrte nach diesen Worten in sein früheres Schweigen zurück.
    Der liebe, kleine, so gern lustige Hadschi war seit gestern oder wohl schon
seit vorgestern ungewöhnlich ernst und in sich gekehrt gewesen, bei ihm eine
Seltenheit. Ich hatte angenommen, dass ihn irgend ein Gedanke innerlich
beschäftige; nun aber wusste ich, dass dies nicht der Fall gewesen sei. Es war
eine körperliche Indisposition vorhanden, von der ich annahm, dass sie bald
vorübergehen werde.
    Wir waren von Basra über Muhammera und Doraq an den um diese Zeit ziemlich
wasserreichen Dscherrahi gekommen und hatten uns von ihm in die Berge des
südlichen Luristan führen lassen. Nun war der Fluss längst verschwunden, und wir
befanden uns in einem wasserarmen Gebiete, wo der Regen höchst selten und dann
nur als kurzes, aber verheerendes Gewitter aufzutreten pflegt. Die Höhen ragten
schroff und steil empor. Ihre Hänge waren kahl. Man sah keinen Baum, nur hie und
da einen durstigen Strauch. Die Sonne brannte am Tage heiss hernieder; die Nächte
hingegen waren empfindlich kalt, und wo es in den Schluchtentiefen mit Gras
bewachsene Stellen gab, da hatte dieses Grün sein Dasein nur dem Tau der kalten,
wunderbar sternenhellen Nächte zu verdanken.
    Wir glaubten, morgen den obersten Zufluss des Quran zu erreichen. Dort, wo es
Wald und Wasser gab, wollten wir uns ausruhen und unseren Pferden einige Tage
Zeit lassen, sich von der jetzigen Anstrengung zu erholen.
    Jetzt war es Nachmittag. Wir strebten einem Höhenkamm zu, dessen Erklimmen
die Kräfte unserer Pferde so in Anspruch nahm, dass wir, als wir endlich oben
angekommen waren, für einige Zeit anhielten, um sie verschnaufen zu lassen. Tief
unter uns sahen wir das leere, wild zerrissene Bett eines Regenbaches, dem wir
zu folgen hatten, wenn wir den jenseitigen Gebirgszug erreichen wollten. Ich
sprach die Hoffnung aus, dass sich dort ein zum Uebernachten geeigneter Ort
finden lassen werde. Aber Halef ging nicht, wie ich geglaubt hatte, auf diesen
Gedanken ein, sondern er sagte:
    »Sihdi, ich habe es versucht, doch vergeblich. Die Frage kommt immer wieder.
Wie denkst du über das Sterben? Antworte mir; ich bitte dich!«
    »Lieber Halef, meinst du nicht, dass es besser wäre, von etwas anderem zu
sprechen?«
    »Besser oder nicht besser; ich kann jetzt an nichts anderes denken. Es ist,
wie ich schon sagte, nicht der Tod, den ich meine. Den habe auch ich früher für
etwas Wahres gehalten, jetzt aber weiss ich, dass er nichts als Täuschung ist.
Wenn wir von ihm sprechen, so meinen wir eben das Sterben, welches doch kein Tod
ist. Hast du schon darüber nachgedacht?«
    »Natürlich! Jeder ernste Mensch wird das tun. Warum fragst du denn nicht
dich selbst? Du hast doch ebenso wie ich schon Menschen sterben sehen?«
    »Nein, noch keinen!«
    »Wieso? Ich habe doch mit dir vor Sterbenden gestanden!«
    »Allerdings. Aber sterben sehen habe ich trotzdem noch keinen Einzigen. Man
legt sich hin; man schliesst die Augen; man röchelt; man hört auf zu atmen; dann
ist man gestorben. Aber was ist dabei geschehen? Hat etwas aufgehört? Hat etwas
angefangen? Hat sich etwas fortgesetzt, nur in anderer als der bisherigen Weise?
Kannst du mir das sagen?«
    »Nein, das kann ich nicht. Das kann überhaupt kein Lebender. Und wenn die
Gestorbenen wiederkommen und zu uns sprechen könnten, wer weiss, ob sie es
vermöchten, deine Frage zu beantworten. Sie würden vielleicht auch nichts weiter
sagen können, als dass im Sterben die Seele von dem Leib geschieden wird.«
    »Von ihm geschieden! Wo kam sie her? Wurde sie ihm gegeben? Ist sie in ihm
entstanden? Was hat sie in ihm gewollt? Geht sie gern von ihm? Oder tut ihr das
Scheiden von ihm weh?«
    »Lieber Halef, ich bitte dich, von diesem Gegenstande abzubrechen! Was Gott
allein wissen darf, das soll der Mensch nicht wissen wollen!«
    »Woher weisst du, dass nur Allah es wissen darf? Das Sterben ist ein Scheiden.
Ich darf ja wissen, wohin mich dieses Scheiden führen soll, nämlich in Allahs
Himmel. Warum soll es mir verboten sein, zu erfahren, in welcher Weise dieser
Abschied vor sich geht? Höre, Sihdi, während du in der vergangenen Nacht
schliefest, habe ich darüber nachgedacht. Soll ich dir sagen, was mir da in den
Sinn gekommen ist?«
    »Ja. Sprich!«
    »Ich bin der Scheik der Haddedihn, ein in der Dschesireh sehr reich
gewordener Mann. Worin besteht mein Reichtum? In meinen Herden. Da sendet mir
der Sultan einen Boten, durch welchen er mir sagen lässt, dass ich nach drei oder
fünf Jahren in die Gegend von Edreneh ziehen soll, um Rosen zu züchten, welche
mir den Duft ihres Oeles zu geben haben. Was werde ich tun? Kann ich meine
Herden mitnehmen? Nein. Ich werde sie nach und nach aufgeben, um mir an ihrer
Stelle anzueignen, was mir dort in Edreneh von Nutzen ist. Und wenn ich das
getan habe, so kann ich, wenn die Zeit gekommen ist, aus meinem bisherigen
Lande scheiden, ohne mitnehmen zu müssen, was im neuen Lande mir nur hinderlich
sein würde. So ist es auch beim Sterben. Ich wohne in diesem Leben, doch Allah
hat mir seine Boten gesandt, welche mir sagen, dass ich für ein anderes bestimmt
bin. Nun frage ich mich, was ich in jenem anderen Leben brauchen werde. Früher
glaubte ich, es sei nichts weiter nötig, als nur der Kuran und seine
Gerechtigkeit. Aber ich lernte dich kennen und erfuhr, dass diese Gerechtigkeit
bei Allah nicht einen Para Wert besitzt. Ich weiss jetzt, was ich hier hinzugeben
und was ich mir dafür für dort einzutauschen habe. Ich will Liebe anstatt des
Hasses, Güte anstatt der Unduldsamkeit, Menschenfreundlichkeit anstatt des
Stolzes, Versöhnlichkeit anstatt der Rachgier, und so könnte ich dir noch vieles
andere sagen. Weisst du, was das heisst, und was das bedeutet? Ich habe
aufzuhören, zu sein, der ich war, und ich habe anzufangen, ein ganz Anderer zu
werden. Ich habe zu sterben, an jedem Tage und an jeder Stunde, und an jedem
dieser Tage und an jeder dieser Stunden wird dafür etwas Neues und Besseres in
mir geboren werden. Und wenn der letzte Rest des Alten verschwunden ist, so bin
ich völlig neu geworden; ich kann nach Edreneh, nach Allahs Himmel gehen, und
das, was wir das Sterben nennen, wird grad das Gegenteil davon, nämlich das
Aufhören des immerwährenden bisherigen Sterbens sein!«
    Nachdem er dies gesagt hatte, sah er mich erwartungsvoll an. Ich war nicht
nur erstaunt, ich war sogar betroffen. War es denn möglich, dass mein Hadschi
derartige Gedanken hegen und solche Worte sprechen konnte?!
    »Halef, sag mir aufrichtig: Bist du krank?« fragte ich ihn.
    »Krank?« lächelte er. »Du meinst im Kopfe? Ist das, was ich gesagt habe, so
töricht gewesen?«
    »Nein. Unklar zwar, aber so gut, so gut! Ich meine körperlich krank.«
    »Ich sagte dir doch schon, dass ich gesund bin. Ein klein wenig matt bin ich
seit gestern, und heut drückt etwas gegen meine Stirn. Die Sonne schien an
diesen beiden Tagen gar so heiss. Das ist der Grund. Zu sagen hat es nichts.«
    »Und anstatt zu schlafen, hast du deinen Gedanken nachgehangen. Wir werden
heut eher als gewöhnlich Rast machen. Dir ist Ruhe nötig. Komm; reiten wir
weiter!«
    Es ging nur langsam in das Tal hinab, und dann folgten wir dem Regenbette,
dessen Windungen uns wieder aufwärts führten. An einer schmalen Stelle ritt ich
voran, als hinter mir ein lautes, zitterndes »Huh u uh!« erklang.
    »Was war das?« fragte ich, indem ich mich umdrehte.
    »Mich fror ganz plötzlich,« antwortete Halef.
    Ich sagte nichts, aber ich begann, besorgt um ihn zu werden. Der wackere
Hadschi besass eine fast ebenso eiserne Gesundheit wie ich selbst, doch war es
sehr leicht möglich, dass er während unseres Aufentaltes in dem höchst
ungesunden Basra einen Ansteckungsstoff in sich aufgenommen hatte, der nun in
ihm zu wirken begann.
    Als wir höher kamen, erhob sich ein scharfer Wind. Die Nacht versprach sehr
kalt zu werden, und das Gesicht Halefs zeigte eine Entfärbung, die mir nicht
gefiel. Ich wünschte sehr, baldigst an eine vom Zuge freie Stelle zu kommen, wo
wir zur Nacht bleiben konnten. Dieses Verlangen wurde auch sehr bald erfüllt,
wenn auch in anderer Weise, als ich erwartet hatte.
    Wir erreichten das Ende oder vielmehr den Anfang des Regenbaches. Zwei
Bergeshänge stiessen zusammen und bildeten ein Becken, dessen undurchlässiger
Felsengrund das Wasser angesammelt hatte. Es gab infolge der Feuchtigkeit da
allerlei Gesträuch, mit Hilfe dessen man sich ein wärmendes Lagerfeuer gestatten
konnte. Das war uns beiden natürlich sehr willkommen. Weniger erfreulich aber
war, dass wir die Stelle schon besetzt fanden. Es lagen ein Dutzend Männer da,
deren abgesattelte Pferde am Wasser grasten. Die Leute sprangen auf, als sie uns
kommen sahen. Ihre zurücktretenden Stirnen und hohen Hinterköpfe liessen mich
vermuten, dass sie Luren waren. Bewaffnet waren sie nicht besser und nicht
schlechter als alle diese Bergbewohner. Ihre Kleidung war die gewöhnlicher armer
Nomaden, und auch unter ihren Pferden gab es keines, welches einen besonderen
Wert gehabt hätte. Ob wir in ihnen ehrliche oder unehrliche Leute vor uns
hatten, das wussten wir natürlich nicht, doch waren wir gewohnt, vorsichtig zu
sein. Dass sie uns mit neugierigen und unsere Pferde mit bewundernden Blicken
betrachteten, konnte uns nicht auffallen. Und ebensowenig erregte es unser
Bedenken, dass sie unseren Gruss nicht abwarteten, sondern uns in jenem Gemisch
von Arabisch, Persisch und Kurdisch willkommen hiessen, welches man in diesem
Grenzgebiete so oft zu hören bekommt.
    Es gab unweit des Wassers einen alten Mauerrest, der gegen den Wind
schützte; jedenfalls die beste Lagerstelle hier an diesem Platze. Sie wurde uns
sofort und freiwillig angeboten, und wir machten von dieser Zuvorkommenheit
recht gern Gebrauch. Man fragte uns nicht nach Namen, Stand und Herkommen, auch
nicht nach der Religion, was hier, wo Sunniten und Schiiten einander stets
feindlich gegenüberstehen, eine Seltenheit war. Auch gab es keine der
gewöhnlichen Aufdringlichkeiten, denen man bei dem Zusammentreffen mit
derartigen Leuten fast stets ausgesetzt ist. Kurz, wir fanden keinen Grund,
wegen der Anwesenheit dieser Männer um uns besorgt zu sein.
    Selbst als wir unsere Pferde abgesattelt hatten, belästigten sie weder die
Tiere noch gaben sie ihre Urteile über sie in jener lauten lärmenden Weise ab,
welche zudringlich ist. Auch unsere, besonders meine Waffen fielen ihnen auf;
das sahen wir ja, aber sie gestatteten sich nicht, uns nach ihnen zu fragen oder
gar sie zu berühren und zu untersuchen. Wir waren in ihren Augen vornehme
Fremde, denen sie mit Achtung und Rücksicht zu begegnen hatten. Diesen Eindruck
machten sie auf uns.
    Sie gingen nur ein einziges Mal aus ihrer höflichen Zurückhaltung heraus.
Nämlich als Halef Holz zu sammeln begann, um für uns ein Feuer anzuzünden,
leisteten sie ihm bereitwilligst Hilfe; dann aber hielten sie sich wieder so
entfernt von uns wie vorher. Trotz alledem beschloss ich, zu wachen, während der
Hadschi schlafen würde. Die Ruhe tat ihm not.
    Ich nahm von unseren Datteln und ass. Halef versicherte, weder Hunger noch
Appetit zu haben. Das hörte ich nicht gern. Dann sah ich wiederholt, dass er in
sich zusammenschauerte.
    »Friert dich wieder?« fragte ich ihn.
    »Ja,« antwortete er. »Aber es ist wie ein Frieren ohne Kälte. Ich möchte
gern etwas recht Heisses trinken. Meinst du, dass ich diese Leute hier um etwas
Kaffee bitten dürfte?«
    Die Nomaden hatten nämlich auf ihrem Feuer ein grosses Blechgefäss stehen, in
welchem sie Kaffee kochten. Der Geruch dieses Getränkes verfehlte auch auf mich
seine Wirkung nicht. Ich ging also hin zu ihnen und brachte unser Anliegen vor.
Ich sah ganz deutlich, dass man sich herzlich darüber freute, uns diesen Gefallen
erweisen zu können. Der, welcher ihr Anführer zu sein schien, sagte:
    »Herr, Ihr steigt in grosser Güte zu uns nieder. Wir sind arme Leute, und
dieser Kaffee wurde so bereitet, wie er sich für uns ziemt. Ihr aber sollt einen
anderen, viel besseren haben, der Euer würdig ist. Habt nur einige Minuten
Geduld; dann wird er fertig sein.«
    Wir hätten ihn ja auch so genommen, wie sie ihn hatten; aber wenn man an
Stelle des weniger Guten etwas Besseres bekommen kann, so wäre man ein Tor, es
abzulehnen. Uebrigens pflegt man in jenen Gegenden dem Kaffee Gewürz
beizumischen, welches nicht hinein gehört. Der, welchen sie jetzt tranken,
duftete ziemlich stark nach Cardamomen, und das war weder nach meinem noch nach
Halefs Geschmack. Ich erlaubte mir, ihnen dies zu sagen. Der Mann antwortete so
schnell und bereitwillig, dass es mir unter anderen Umständen ganz gewiss
aufgefallen wäre:
    »Wir werden den Eurigen nicht würzen, Herr. Aber unsere Bohnen haben einen
etwas bitteren Beigeschmack, der euch ohne Gewürz mehr auffallen wird. Sie
werden beim Händler in der Nähe einer bitteren Sache gestanden haben. Uns tut
das nichts; Euch aber wird es ungewöhnlich sein.«
    Die Verhältnisse in den Kaufläden des Orients sind so mangelhafte, dass es
gar kein Wunder ist, wenn irgend eine Sache den Geruch oder Geschmack einer
anderen »anzieht«. Dass der Kaffee ein wenig bitter schmecken werde, konnte also
keinen irgend welchen Verdacht in uns erwecken; aber der Eifer, mit dem es mir
gesagt wurde, hätte meine Aufmerksamkeit erregen sollen. Diese Leute hatten, wie
wir später erfuhren, uns schon lange Zeit, bevor wir sie bemerkten, von der
jenseitigen Höhe herabkommen sehen und sich aus ganz bestimmten Gründen bei
unserer Annäherung so gestellt, als ob sie keine Ahnung von uns gehabt hätten.
Zu dem Plane, den sie ausführten, gehörte ganz besonders auch der Kaffee, den
sie uns angeboten hätten, wenn ich nicht von selbst mit meiner Bitte gekommen
wäre.
    Das Frostgefühl Halefs nahm zu. Es schüttelte ihn, und darum war es wohl
begreiflich, dass er, als wir das heisse Getränk bekamen, einen grossen Becher voll
auf einmal leerte und ihn sich auch gleich wieder füllen liess. Ich genoss meinen
Teil langsamer. Er war stark, sehr stark. Ich nahm freilich an, dass die Ursache
dieser Uebertreibung nur darin liege, dass wir für vornehme Leute gehalten
wurden. Bitter war er allerdings auch, aber man hat in den fernen, einsamen
Grenzbergen zwischen Khusistan und Luristan keine Ursache, den Feinschmecker
herauszukehren, und so trank ich nach und nach ebenso viel wie der Hadschi - -
drei grosse Becher voll. Ich tat dies besonders in der Absicht, dadurch zum
Wachen angeregt zu werden. Wir pflegten, abwechselnd zu wachen; heut aber hatte
ich mir im stillen vorgenommen, Halef nicht aus dem Schlafe zu wecken.
    Unsere Pferde grasten ganz in unserer Nähe. Sie waren gewohnt, sich nicht
von uns zu entfernen. Und ebenso gehörte es zu ihrer Eigenart, dass sie sich nur
gezwungener Weise zu anderen Pferden gesellten. Sie hatten ihre »Geheimnisse«.
Was das heisst, habe ich an anderen Orten wiederholt gesagt. Hierzu muss noch
erwähnt werden, dass sie von Halef dressiert worden waren, auf den zweimaligen
Zuruf des Wortes »Litat«26 und einen dazwischen tönenden Pfiff jeden fremden
Reiter abzuwerfen. Der Beduine liebt dergleichen Dinge und hat auch Zeit genug,
sie seinen Pferden beizubringen. Sie können unter Umständen von grossem Nutzen
sein.
    Mein Assil Ben Rih war gewöhnt, dass ich ihm des Abends, ehe ich mich
schlafen legte, die Sure »Abu Laheb« langsam und deutlich in das Ohr sagte. Er
hätte keinem Menschen Gehorsam geleistet, der dies nicht wusste und also
unterliess. Ich tat dies auch heut und streckte mich dann, in meine Decke
gehüllt, neben Halef aus, obwohl es nicht meine Absicht war, einzuschlafen.
    Zunächst machte ich die Bemerkung, dass mich der starke Kaffee nicht nur an-,
sondern sogar aufgeregt hatte. Meine Denkkraft war in die schnellste Bewegung
gesetzt. Es jagte eine Vorstellung die andere; ich konnte keine Idee festalten.
dabei war diese innerliche Ruhelosigkeit keineswegs von der äusseren begleitet.
Ich bewegte mich nicht. Es fiel mir gar nicht ein, auch nur ein Glied zu rühren.
Ich hatte das Gefühl, dass ich mich überhaupt nicht mehr bewegen könne, aber zum
festen, klaren Bewusstsein wurde es mir nicht.
    Zuerst sah ich die sich hetzenden Gedanken trotz ihrer Schnelligkeit
deutlich an und in mir vorüber fliegen. Nach und nach verloren sie ihre
Bestimmteit; sie wurden verschwommen; dann konnte ich sie überhaupt nicht mehr
von einander unterscheiden, und schliesslich wusste ich von ihnen gar nichts mehr;
aber auch ich selbst war mir verschwunden, vollständig verschwunden.
    Später war es mir, als ob ich einigemale halb aufgewacht, aber sofort wieder
eingeschlafen sei. Das wiederholte sich, bis mir irgend ein Etwas in mir
zuflüsterte, dass ich in einem unnatürlich tiefen Schlaf liege, den ich unbedingt
zu besiegen habe. Dieses Etwas war ich selbst; ich hatte mich wiedergefunden.
Und nun begann ein Ringen mit den widerstrebenden Augenlidern und der bleiernen
Gliederschwere, die mich fest und unbeweglich an dem Boden halten wollte.
Dazwischen hinein war es mir, als ob ich das Krachen des Donners höre. Das
Rauschen des Windes und des Regens drang mir wie aus weiter Ferne an das Ohr,
und dann kam es mir vor, als ob ich in kalter Nässe liege, welche den ganzen
Körper durchdrang und ihn aber glücklicherweise auch endlich, endlich wieder
bewegungsfähig machte. Ich strengte meinen ganzen Willen an, und da gelang es
mir, den Oberkörper aufzurichten und die Augen zu öffnen. Was aber sah ich da!
    Der Himmel war verschwunden. Ein fürchterliches Gewitter tobte. Ein Blitz
zuckte nach dem anderen. Der Donner schien keine Pause zu kennen. Es ging Krach
auf Krach und Schlag auf Schlag. Der Regen fiel wie eine kompakte Masse nieder.
Er hatte das Felsenbecken, dessen Boden vorher nur bedeckt gewesen war, fast
ganz bis oben angefüllt. Vor mir sass Halef, mit dem Rücken am Gemäuer lehnend.
Seine Augen waren geschlossen. Er regte sich nicht. Seine Kleidung bestand nur
aus Hose, Weste, Hemd und Stiefel. Der Regen troff von diesen vollständig
durchnässten Stücken. Das lenkte meinen Blick auf mich selbst. Auch ich hatte nur
Hose, Weste, Hemd und Stiefel, ganz so wie Halef, weiter nichts, alles andere
fehlte. Kein Mensch ausser uns beiden ringsumher! Die Nomaden waren fort, mit
ihnen unsere Pferde, unsere Waffen und alles, was wir sonst noch besessen
hatten. Ein Griff in meine Taschen zeigte mir, dass sie vollständig leer waren.
Man hatte uns ausgeraubt, und wir mussten noch froh sein, dass wir nicht
vollständig ausgezogen worden waren.
    Ich kann nicht sagen, dass ich über diese Entdeckung erschrak. Selbst wenn
ich ein schreckhafter Mensch wäre, so würde der Zustand der Betäubung, dem ich
mich doch noch nicht ganz entrungen hatte, eine so energische Regung, wie der
Schreck ist, gar nicht zugelassen haben. Ich rieb mir die Stirn, und es gelang
mir, zwei Gedanken herauszureiben. Der erste war, dass wir in dem Kaffee Opium
oder etwas dem Aehnliches getrunken hatten. Opiate sind ja in Persien, ihrem
Erzeugungslande, von jedermann sehr leicht zu haben. Und zweitens sagte ich mir,
dass uns jetzt nichts so sehr wie ruhige Verlegung geboten sei.
    »Halef!« rief ich dem Gefährten zwischen zwei Donnerschlägen zu.
    Er antwortete nicht. Ich wiederholte seinen Namen und schüttelte ihn am
Arme. Die Wirkung war eine höchst sonderbare:
    »Litaht!« rief er fast überlaut. Dann steckte er, ohne die Augen zu öffnen,
den Zeigefinger krumm in den Mund, brachte einen schrillen Pfiff hervor und
schrie dann das Wort zum zweitenmale.
    Das war das Zeichen für die Pferde, Fremden nicht zu gehorchen, sondern sie
abzuwerfen. Warum jetzt dieses Zeichen? Es war gewiss ein Zusammenhang der Ideen
oder der Umstände, welcher ihn veranlasste, es zu geben. Ich rüttelte ihn stärker
und so lange, bis er die Augen aufschlug. Er starrte mich wie abwesend an.
    »Halef, weisst du wer ich bin?« fragte ich.
    Da trat das Bewusstsein in seinen Blick, und er antwortete:
    »Mein Sihdi bist du. Wer denn sonst?«
    »Wie befindest du dich? Wie ist dir jetzt?«
    »Warm, sehr warm,« lächelte er.
    Wie? Warm? Mich, den Gesunden, durchdrang eine eisige Kälte, und er, dessen
Zustand mir Besorgnis eingeflösst hatte, fühlte sich warm, sogar sehr warm! Wenn
ich richtig vermutet hatte und eine Krankheit bei ihm im Anzuge war, so konnte
die jetzige Durchnässung ihm im höchsten Grade gefährlich werden. Und da fühlte
er sich warm! War es etwa das Fieber, welches hier einmal als Wohltäter auftrat
und ihm das Leben rettete?
    »Weisst du, wo wir sind und was geschehen ist?« fragte ich ihn weiter.
    Er schloss die Augen, wie um nachzusinnen, und antwortete nicht gleich. Dann
öffnete er sie wieder, sprang mit einem einzigen Rucke in die Höhe und rief aus:
    »Sihdi, du bist stets gegen den Gebrauch der Peitsche; aber hier ist sie es,
welche das erste Wort zu sprechen hat! Es waren zwölf Mann. Sobald wir sie
erwischt haben, bekommt ein jeder hundert Hiebe; das macht zusammen zwölfhundert
Hiebe. Welche Seligkeit für mich!«
    Er stand da, stolz und gerade aufgerichtet, als ob ihm nichts, aber auch gar
nichts fehle. Bis auf das Hemd ausgeraubt, vollständig mittellos, sprach er doch
genau so, als ob er der Beherrscher der Situation sei. Darum sagte ich:
    »Rede mit Ueberlegung, lieber Halef! Schau dich und mich an! Wir sind
Bettler; wir sind ganz ohnmächtige Menschen!«
    »Bettler? Ohnmächtig? Was fällt dir ein! Wenn du nicht mein Sihdi wärest, so
würde ich dir sagen, dass du dich schämen solltest, so ohne Selbstvertrauen zu
sein! Kennst du denn dich und mich nicht mehr? Hast du vergessen, was wir alles
erlebt und erzwungen haben? Bettler und ohnmächtig! Du bist der klügste Mann des
Abend- und ich bin der pfiffigste Halef des ganzen Morgenlandes! Grad dass wir
vollständig ausgeraubt und scheinbar ohne Mittel und ohne Hilfe sind, muss uns
willkommen sein! Denn das gibt uns Gelegenheit, zu zeigen, was wir können! Lass
mich nur machen! Ich werde überlegen. Ich habe nicht immer geschlafen; ich bin
auch aufgewacht; aber bewegen konnte ich mich leider nicht. Ich habe gesehen,
und ich habe gehört. Was? Darüber will ich nachdenken.«
    Er setzte sich wieder nieder, obgleich die Stelle nass wie jede andere war.
Den Kopf in die Hände legend, sah er auf die Erde. dabei sagte er, indem er
zwischen den einzelnen Worten oder Sätzen längere oder kürzere Pausen machte:
    »Ich wurde hin und her gewälzt, wachte aber nicht auf. - Ich fühlte fremde
Hände in meinen Taschen, konnte mich aber nicht wehren. - - - Man hatte uns
schon drüben auf dem Bergkamme stehen sehen, wo wir die Pferde ausruhen liessen.
- - - Man beschloss, uns nicht zu überfallen und nicht zu töten, sondern mit
Efjuhn27 wehrlos zu machen. - - - Dann war es Tag geworden. Ich hörte die Hufe
der Pferde und dachte an unsere Hengste. Das gab mir Kraft, die Augen
aufzuschlagen. Ich sah, dass die Diebe fort wollten. Eben schwangen sich zwei auf
unsere Rappen. Der Grimm darüber machte mich sofort gesund, leider nur für einen
Augenblick. Ich rief zweimal das Wort und gab den Pfiff. Die Hengste gehorchten
sofort. Sie gingen in die Luft, und die beiden Kerle flogen in weitem Bogen auf
die Erde nieder. Der eine stand wieder auf. Der andere aber konnte das nicht
tun; er musste aufgehoben werden. Allah gebe, dass er ein Bein gebrochen hat,
noch besser aber alle beide! - - - Dann schlief ich wieder ein, doch nicht auf
lange Zeit, denn ich sah sie fortreiten, da grad hinauf; jenseits verschwanden
sie. Die helle Morgensonne schien. Nun aber kam der tiefste Schlaf, aus welchem
mich der Donner weckte. Ich setzte mich auf und lehnte mich hierher. Mehr zu
tun, hatte ich nicht die Kraft. - - - Ich träumte allerlei, bis ich von dir
aufgerüttelt wurde. - - - Das, Sihdi, ist es, was ich dir sagen kann, weiter
nichts!«
    Wie kam es wohl, dass er nicht so tief wie ich geschlafen hatte? Hatten die
in seinem Körper tätigen Krankheitserreger die Wirkung des Opiums abgeschwächt?
Wohl möglich! Da umzuckte uns ein Blitz, als ob wir mit der Umgebung in einer
einzigen Flamme ständen; es folgte ein betäubender Donnerschlag, und dann gab es
plötzlich keinen Tropfen Regen mehr. Das Wetter war vorüber; die Wolken
verschwanden schnell, und hierauf schien die Sonne erwärmend und trocknend auf
uns hernieder. Ihr Stand sagte uns, dass es Nachmittag gegen drei Uhr sei. Uhren
hatten wir nicht mehr.
    Es war, als ob uns mit der Sonne die volle Lebenskraft zurückgegeben worden
sei. Halef behauptete, er sei vollständig gesund und wohl und fühle nicht das
geringste Unbehagen. Er wurde, wie sich später herausstellte, getäuscht. Ich
hatte Kopfschmerzen und vermisste sowohl die körperliche als auch die geistige
Elastizität. Das konnte mich aber nicht hindern, zu tun, was nötig war. Zu
überlegen gab es nichts. Wir konnten nichts anderes tun, als den Dieben folgen.
Der Regen hatte zwar alle ihre Spuren weggewischt, aber wir wussten doch, nach
welcher Richtung sie sich entfernt hatten. Eigentlich war es lächerrlich, dass wir
ohne alle Waffen und zu Fusse wohlbewaffnete Reiter verfolgen wollten, um ihnen
ihren Raub wieder abzunehmen; aber sie konnten doch nicht wochenlang in einer
Tour fortreiten. Sie mussten einen Ort haben, an welchem sie wohnten, und dieser
konnte nicht wohl jenseits der Grenzen dieser Berge liegen. Wir mussten uns auf
unsern Scharfsinn verlassen und unserem alten, guten Glück Vertrauen schenken.
Die grösste Misslichkeit unserer Lage bestand darin, dass wir ohne Lebensmittel
waren. Aber verhungern konnten wir nicht, denn nur eine Tagesreise von hier gab
es am oberen Quran bewohntes Land, wo wir wohl bekommen würden, was uns nötig
war. Uebrigens trug ich auf der Brust die Brieftasche mit den Geldwerten, welche
mich gegen jeden späteren Mangel sicher stellten. Es fiel mir nicht im
geringsten ein, gleich von vornherein an unserem Erfolge zu verzweifeln. Wenn
Halef munter blieb, konnte sich sehr wohl ein guter Ausgang einstellen. Er
behauptete, bereit zu sein, und so traten wir in dem scheinbar hilflosen
Zustande, in welchem wir uns befanden, an eine Aufgabe heran, zu deren Lösung
mehr, viel mehr gehörte, als uns zur Verfügung stand.
    Das Trocknen unserer höchst mangelhaften Anzüge ganz einfach der Sonne
überlassend, verliessen wir das Wasserbecken und stiegen in der Richtung bergan,
in welcher sich die Nomaden entfernt hatten. Es war eine Art Bergsattel, auf
dessen anderer Seite sie verschwunden waren. Gebahnte Wege gab es natürlich
nicht. Jeder konnte die ihm beliebige Richtung einschlagen; aber es verstand
sich ganz von selbst, dass er sich den bequemsten Ab- oder Aufstieg suchte. Wenn
das Terrain mehrere bequeme Richtungen bot und es keine Spuren gab, so war es
freilich für uns schwer, zu bestimmen, wohin die Gesuchten sich gewendet hatten.
Das war hier oben der Fall. Gegenüber lagen nackte Höhen, hinter denen im Osten
Berge emporstiegen, welche bewaldet oder doch wenigstens mit Gebüsch bestanden
zu sein schienen. Es war anzunehmen, dass die von uns Verfolgten dortin geritten
seien. Gerade vor uns ging ein breiter, sanft geneigter Felsenhang hinab, an
dessen Fusse drei verschiedene, nach Osten gehende Täler mündeten. Welches von
diesen dreien war gewählt worden? Das wussten wir nicht. Jammerschade, dass der
Regen jede Spur verwaschen hatte.
    Wir stiegen hinab und begannen, das Terrain abzusuchen, obgleich wir keine
Hoffnung auf Erfolg hatten. Aber das Glück, von dem ich vorhin sprach, war uns
günstig. Das mittlere dieser Täler war das breiteste und, wie es schien,
bequemste. Darum gingen wir zunächst eine Strecke weit in dasselbe hinein. Da
sahen wir den zwei Finger starken Ast eines Strauches liegen. Er war gewiss erst
heut früh abgeschnitten und gehörte derselben Buschgattung an, welche oben am
Wasser gestanden hatte. Er war an dem einen Ende zersplittert und zwischen
diesen Splittern hingen zwei lange schwarze Pferdehaare. Er lag ganz nahe an
einem hoch und glatt aufragenden Felsenstück, dessen Vorderseite fast ganz
trocken war, weil der Wind den Regen von Süden her gebracht hatte. Es gab da in
fast Manneshöhe eine feuchte, rote Stelle am Gestein, und unten auf dem Erdboden
war ein mehrere Hände grosser Flecken geronnenen Blutes zu sehen, welches der
Regen nicht getroffen und also auch nicht aufgelöst hatte.
    »Ob das ein Beweis ist, dass unsere Spitzbuben hier gewesen sind?« fragte
Halef.
    »Ja. Und zwar ein sicherer Beweis,« antwortete ich. »Um welches von unseren
Pferden es sich handelt, das weiss ich nicht; aber man hat eines von ihnen
hierher an den Felsen gedrängt, um es zu zwingen, sich besteigen zu lassen. Es
hat sich gewehrt und ist dafür mit diesem Aste gezüchtigt worden. Man hat ihn an
dem edlen Tiere in Splitter geschlagen und diesem dabei diese Haare aus dem
Schwanze gerissen. Aber der Hengst hat die Missetat sofort vergolten und den
Betreffenden so getroffen, wahrscheinlich an die Brust, dass aus seiner Lunge ein
Bluterguss erfolgt ist. Sie sind also in diesem Tale aufwärts geritten, und wir
wissen nun, welche Richtung wir einzuschlagen haben, wenn wir ihnen folgen
wollen.«
    »Wie? Was?« fragte Halef zornig. »Unseren Barkh oder unseren Assil Ben Rih
geschlagen? Mit diesem Knüppel hier? Das muss hundertfach gerochen werden! Das
erste Gebot für uns ist, Allah zu lieben; das zweite ist, die Menschen zu
lieben, und das dritte ist, die Tiere und überhaupt alle Geschöpfe zu lieben,
welche uns dienen sollen, weil Allah sie uns anvertraut hat. Wer gegen eines
dieser drei Gebote handelt, der ist ja gar nicht wert, dass sie ihm gegeben
worden sind! Ich will nicht etwa sagen, dass das Schlagen überhaupt verboten sei,
denn warum hätte man sonst die Peitsche erfunden, und wozu wäre da ganz
besonders auch meine eigene Kurbatsch28 vorhanden, welche in diesem Augenblick
allerdings nicht mehr vorhanden ist? Ich hoffe aber, dass ich sie sehr bald
wiederbekomme, um die Hiebe, mit denen die edle Haut unseres Pferdes entweiht
worden ist, mit Zinsen und wieder Zinseszinsen von diesen Zinsen zurückgeben zu
können! Wer ein Pferd schlägt, durch dessen Adern reines Blut und edler Wille
fliesst, der ist ein Schuft, ein Schurke, ein elender Taugenichts, der die grösste
Verachtung verdient. Und wenn er gar das Pferd vorher gestohlen hat und mit dem
Knüppel also eine Stelle bearbeitet, welche gar nicht sein rechtmässiges Eigentum
ist, so - - so - - so fehlen mir überhaupt die Worte, dir zu erklären, wie
unendlich tief der Abgrund der Niederträchtigkeit ist, in dem er diese mir ganz
unbegreifliche Tat begangen hat!«
    Das war so recht die Gesinnung und die Ausdrucksweise meines kleinen
Hadschi. Er stand mit geballten Fäusten vor mir. Seine Augen blitzten, und sein
Gesicht zeigte den Ausdruck des höchsten Zornes. Ein Vollblutpferd mit dem
Stocke zu bestrafen, das ging ihm über alle menschenmöglichen Begriffe. Er riss
mir den Ast aus der Hand und fuhr fort:
    »Gieb ihn mir! Ich sehe den Rücken schon von weitem, auf welchem ich dieses
Werkzeug der Missetat vollends zersplittern werde!«
    »Sei ruhig, Halef,« fiel ich ein. »Schau hier das Blut! Die Tat ist ja
schon gerächt worden, und zwar viel strenger, als du sie rächen könntest.«
    »Meinst du? Hm! Ja! Der Haupttäter hat seinen Lohn bekommen. Aber es waren
elf andere dabei, welche die Misshandlungen geduldet haben. Traust du mir etwa
zu, dass ich sie begnadige?«
    Diese Frage war so ernst gemeint, dass ich über sie lächeln musste.
    »Warum lachst du?« fragte er. »Willst du etwa meinen Grimm vergrössern? Soll
ich nun auch noch auf dich zornig werden?«
    »Nein; das wünsche ich nicht, lieber Halef. Aber schaue dich an, und schenke
auch mir einen Blick! Wie stehen wir da! Wie sehen wir aus! Worin besteht unser
Besitz und unsere Macht? Und da sprichst du von Begnadigung?«
    »Warum soll ich das nicht?« fragte er im Tone des Erstaunens. »Werden wir
etwa so, wie wir jetzt aussehen, hier stehen bleiben? Haben wir nicht soeben die
Spur derer entdeckt, welche wir suchen? Werden wir ihnen denn nicht alles wieder
abnehmen, was sie uns gestohlen haben? Und sind sie dann nicht ganz und gar in
unsere Hände gegeben? O, Sihdi, von dir habe ich gelernt, an mich und dich zu
glauben, und nun bist grad du es selbst, der keinen Glauben hat! Was soll ich
von dir denken! Selbst wenn es aus allen anderen Gründen unmöglich wäre, an
diesen Schurken Vergeltung zu üben, so ist doch diese eine Untat, unser Pferd
geschlagen zu haben, so ungeheuerlich, dass sich das Kismet29 gezwungen sehen
muss, uns diese Kerle auszuliefern! Also zweifle nicht! Ich weiss, was kommen
wird. Pass auf, was ich jetzt tue!«
    Er schleuderte den Ast weit von sich und fügte dann hinzu:
    »So wie ich dieses Werkzeug des Verbrechens wegwerfe, so werde ich alle
meine Güte und Gnade von mir werfen, wenn diese Spitzbuben mich um Schonung
bitten! Sei so gut und komme mir dann ja nicht mit deiner wohlbekannten
Menschenliebe, mit welcher du mir schon so manche unbezahlte Rechnung
ausgestrichen hast! Ich will und werde mich rächen, und zwar so, wie ich mich
noch nie gerächt habe. Jetzt komm! Wir wollen fort von hier! Wir dürfen keine
Zeit versäumen, um Gericht zu halten über alle, die uns beraubt, belogen,
betrogen und beleidigt haben!«
    Wir gingen, um dem Tale zu folgen, in welchem wir uns befanden. Mein
Gesicht schien jetzt einen Ausdruck zu haben, der Halef nicht gefiel, denn
dieser sah mich, während wir neben einander gingen, forschend an und sagte dann:
    »Du lächelst abermals und doch ist es kein Lächeln. Du lächelst zwar sehr
deutlich, aber innerlich. Habe ich recht?«
    »Ja,« nickte ich.
    »So sag: Was kommt dir spasshaft vor?«
    »Deine Ungnade.«
    »Die ist ganz und gar nicht lächerrlich. Ich meine doch, dass du mich kennst,
Sihdi!«
    »Ja, ich kenne dich!«
    »Nun? Weiter? Was willst du sagen?«
    »Dein Grimm will oft die ganze Welt verschlingen. Dann aber schleicht sich
heimlich und leise dein gutes Herz heran, um diese ganze Welt verzeihend zu
umarmen!«
    »So! Also so stark und so schwach bin ich in deinen Augen?«
    »Ja, aber nicht so, wie du es meinst, sondern umgekehrt: schwach im Grimme
und stark in der Güte.«
    »Höre, Sihdi, ich will nicht mit dir streiten. Ich streite ja überhaupt nie
mit dir, weil ich dir sonst zeigen müsste, dass du immer und immer unrecht hast.
Und diese Kränkung will ich dir ersparen, denn ich bin dein wahrer Freund, und
liebe dich. Aber dieses Mal muss ich dir doch sagen, dass du dich in mir
täuschest. Es wird meinem Herzen nicht einfallen, geschlichen zu kommen, um
hinter meinem Rücken meinen Grimm in Liebe zu verwandeln. Du denkst nie so
scharf und empfindest nie so tief wie ich! Ich habe vorhin mit ganz besonderer
Absicht gesagt: beraubt, belogen, betrogen und sogar auch noch beleidigt. Diese
Beleidigung kannst du freilich nicht so ganz unten in der tiefsten Tiefe des
Zornes fühlen wie ich, denn du bist ein Abendländer aus Dschermanistan30, wo man
es für höflich hält, das Heiligtum des Hauptes preiszugeben. Ihr grüsst, indem
ihr dem Kopfe das nehmt, was an jedem Kopfe das Allerwichtigste ist, nämlich die
Bedeckung. Ich aber bin ein Scheik des Morgenlandes aus der Dschesireh31, wo man
es für eine Schande hält, die ehrenvolle Würde des Scheitels zu entblössen. Wer
mich zwingt, unbedeckten Hauptes zu erscheinen, der hat schlimmer an mir
gehandelt, als wenn er mir hundert Ohrfeigen oder tausend Stockhiebe gegeben
hätte. Er hat ein Verbrechen an mir begangen, welches ihm zu verzeihen mir ganz
unmöglich ist. Nun schau mich an! Was siehest du? Oder vielmehr, was siehest du
nicht?«
    »Das Allerwichtigste, was es an deinem Kopfe gibt,« antwortete ich.
    »Halt! Lächle nicht etwa schon wieder! Diese Kerle haben mir nicht nur den
Fez geraubt, sondern auch das Turbantuch, mit welchem man den obersten und
höchsten Teil des Morgenlandes schmückt. Ich bin der hervorragendste Punkt des
berühmten Volkes der Haddedihn vom grossen Stamme der Schammar. Und dieser Punkt
ist unbedeckt, der Luft, der Sonne, dem Regen und jedem Auge preisgegeben!
Verstehest du das? Kannst du mir das nachfühlen, wenn ich mir Mühe gebe, es dir
so deutlich wie möglich vorzuempfinden? Ist es dir möglich, die Grösse der
Schande zu ermessen, welche mir angetan worden ist? Oder ist es nötig, die
Tätigkeit deines Begriffsvermögens durch ein erklärendes Beispiel zu
unterstützen?«
    »Lass mich dieses Beispiel hören!« forderte ich ihn auf, denn wie ich ihn
kannte, war jetzt eine seiner Uebertreibungen, also etwas Drolliges zu erwarten.
    »So höre, was ich dir sage! Ihr entblösst aus Höflichkeit das Haupt, wenn
aber wir höflich sein wollen, so ziehen wir die Pantoffeln aus. Wieviel Menschen
gibt es in eurem Abendlande?«
    »Viele, viele Millionen.«
    »Aber ist auch nur ein einziger Scheik der Haddedihn dabei?«
    »Nein; keiner.«
    »So wirst du einsehen, was für eine seltene und wichtige Person ich bin!
Also vernimm nun den Vergleich: Dass man mir den Fez und das Turbantuch gestohlen
hat, ist eine noch viel grössere Missetat, als wenn allen deinen abendländlichen
Millionen ihre sämtlichen Pantoffeln gestohlen worden wären. Das siehst du doch
wohl ein?«
    »Hm!«
    »Ich will dieses Hm! nicht hören, weil es mich an deiner Einsicht zweifeln
lässt! Ich hoffe, es ist dir nun klar geworden, dass ich die Rache für diese
Beleidigung unmöglich den Händen meines guten Herzens anvertrauen - - - höre,
Sihdi, was hast du schon wieder zu lächeln?« unterbrach er sich.
    »Ich wundere mich über die Hände deines Herzens, lieber Halef.«
    »So! Ah - - hm - - - Hände! Du willst die schöne, geläufig fliessende Sprache
meines Mundes mit Fehlern belasten, dass sie stecken bleiben möge? O, Sihdi,
verdoppele ja nicht meinen Zorn, denn er ist auch ohnedies schon so gross, dass
er, wenn er dich träfe, dich vollständig vernichten würde. Ich will dich aber
schonen und darum werde ich schweigen!«
    Er rückte um einige Schritte von mir ab, um mir zu zeigen, dass er mit mir
schmolle. Das tat er immer, wenn ich es für nötig hielt, gegen seine Eigenart
eine leise Verwahrung einzulegen; doch war seine Indignation nie von langer
Dauer. Er konnte es nicht aushalten, einen trennenden Gedankenstrich zwischen
sich und mir zu wissen.
    Wir waren noch nicht weit vorwärts gekommen, so hatten wir Veranlassung,
wieder stehen zu bleiben. Das Tal stieg hier in fast schnurgerader Richtung
nach oben, und es war uns also ein ziemlich weiter Blick in den vor uns
liegenden Teil desselben gestattet. Da sahen wir eine Schar berittener Männer,
welche uns entgegenkamen und, als sie uns bemerkten, halten blieben, um uns zu
beobachten.
    »Schau, Sihdi, da kommt Rettung!« rief Halef, schnell seinen Groll
vergessend. »Siehst du sie?«
    »Rettung?« fragte ich. »Abwarten!«
    »Da ist gar nichts abzuwarten! Genommen kann uns nichts werden, denn wir
haben ja nichts mehr. Und wer uns nichts Böses tun kann, der muss uns doch Gutes
tun. Es sind acht Personen, aber elf Pferde. Wie fangen wir es an, um zwei von
den ledigen Tieren zu bekommen? Ich weiss es!«
    »Nun, wie?«
    »Auf Kredit. Wenn sie hören, wer ich bin, werden sie bereit sein, uns mit
zwei Pferden auszuhelfen.«
    »Wollen es versuchen. Komm!«
    Wir gingen also weiter. Als die Reiter dies sahen, setzten auch sie sich
wieder in Bewegung. Nach zwei Minuten hielten sie an, und wir standen vor ihnen.
Sie waren schwarzhaarige, dunkelgefärbte Männer mit Gesichtszügen, die an
Kurdistan gemahnten. Bei derartigen Begegnungen richtet man den ersten Blick auf
die Reiter, den zweiten auf die Pferde. Wir sahen, dass wir von diesen Fremden
nicht unfreundlich betrachtet wurden. Ihr Pferdematerial war ein mittelmässiges.
Dem entsprachen auch ihre Anzüge und die Waffen, welche sie trugen. Zwei von den
ledigen Pferden waren zum Reiten gesattelt. Auf dem Packsattel des dritten sahen
wir ein in eine alte, schlechte Decke gewickeltes Bündel festgeschnallt. Der
Anführer, ein stark gebauter, vollbärtiger Mann, wartete nicht, bis wir ihn
grüssten, sondern er hob seine Rechte bis in die Gegend des Herzens und sagte in
höflichem Tone:
    »Ni, vro'l ker!«
    Das war der gewöhnliche, kurdische »Gutentag«-Gruss. Er entielt keine
übertreibende Höflichkeit und klang ebenso aufrichtig, wie er einfach war. Das
gefiel uns. Wenn wir bedachten, wie wir vor diesen Leuten standen, so war gewiss
anzuerkennen, dass ihr Anführer uns den Gruss zuerst gegeben hatte. Wir dankten
ihm mit gleicher Höflichkeit; dann nannte er uns, ohne von uns gefragt worden zu
sein, aus eigenem Antrieb seinen Namen:
    »Ich bin Nafar Ben Schuri, der Scheik der Dinarun. Wir befinden uns auf der
Jagd. Unser Lager ist gegen Osten eine Stunde weit von hier.«
    Wir sahen, dass er nun unsere Antwort erwarte. Ich liess es geschehen, dass
Halef sie gab. Er tat dies natürlich in der ihm geläufigen Weise, auf welche er
grad unter den gegenwärtigen, für uns so misslichen Umständen am allerwenigsten
verzichtet hätte. Was unserer persönlichen Erscheinung mangelte, das musste
unbedingt durch klingende Worte ergänzt werden.
    »Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al
Gossarah, der Scheik der Haddedihn vom Stamme der Schammar. Ich hoffe, dass dir
dieser Name nicht unbekannt ist!«
    Es war allerdings, als der Anführer diesen Namen hörte, wie eine Art von
Leuchten über sein Gesicht gegangen. Nun antwortete er:
    »Ich habe von dir gehört. Einige meiner Leute sind vor mehreren Tagen von
Basra heimgekehrt. Sie haben dich gesehen und mir von dir erzählt.«
    Das war Wasser auf Halefs Mühle. Er reckte seine kleine Gestalt so hoch wie
möglich empor und fiel in stolzem, selbstbewusstem Tone ein:
    »Von meinen Taten auch? In der Sahara? In Aegypten? In Arabien? In
Kurdistan?«
    »Alles nicht, aber vieles,« lächelte Nasar Ben Schuri. »Wenn Allah will,
werde ich noch mehr von dir selbst erfahren.«
    »Er wird es wollen, hoffe ich! Aber sieh hier diesen anderen Mann, meinen
Freund und Begleiter, an! Sein Name ist eigentlich noch viel, viel länger als
der meinige; aber er liebt es nicht, dass derselbe von Anfang bis zum Ende
vorgetragen wird. Darum will ich ihn einstweilen nur Kara Ben Nemsi aus
Dschermanistan nennen. Was ich erlebt habe, hat er fast alles miterlebt. Ich
will dir nur die allerwichtigsten unserer Taten aufzählen, denn wenn ich dir
alle nennen wollte, so - - -«
    Er hielt mitten in der Rede inne, denn ich hob die Hand auf, um ihm Einhalt
zu tun. Grad die sogenannten »grossen Taten« waren es ja, die er mit den
buntesten Blumen auszuschmücken pflegte. Den orientalischen Zuhörern konnte
seine überschwengliche Ausdrucksweise freilich nicht auffallen, weil sie meist
selbst keine andere gewöhnt waren; aber ich liebte sie nicht und suchte sie
darum, so oft dies möglich war, in die richtigen Grenzen zurückzuleiten. So auch
jetzt. Er gehorchte zwar sogleich, warf mir aber die bedauernde Bemerkung zu:
    »Sihdi, winke mir doch nicht immer grad dann zu, wenn ich spreche! Du weisst
ja, dass mich das stört! Winkst du mir, wenn ich schweige, so habe ich ja viel
mehr Zeit, deinen Wink zu beachten. Das wirst du wohl einsehen!« Sich hierauf
dem Anführer wieder zuwendend, fuhr er fort: »Die letzte und allergrösste unserer
Taten geschieht eben jetzt, indem wir dir begegnen. Wir stehen grad im
Begriffe, zwölf Schurken, welche uns ausgeraubt haben, zu verfolgen, zu
ergreifen, zu richten und zu bestrafen!«
    Nafars Gesicht zeigte einen zwar undefinierbaren, aber leicht erklärlichen
Ausdruck, als er hierauf fragte:
    »Man hat euch ausgeraubt?«
    »Ja. Das siehst du doch!«
    »Ihr habt keine Pferde?«
    »Nein. Oder siehst du welche?«
    »Waren die Räuber beritten?«
    »Ja.«
    »Und dennoch wollt ihr sie verfolgen?«
    »Natürlich! Es kann uns doch gar nicht einfallen, sie entkommen zu lassen.«
    »Und ihr glaubt, sie einholen zu können?«
    »Ganz gewiss!«
    »Etwa mit euren Beinen? Auf diesen euren Füssen?«
    »Fällt uns auch nicht ein!«
    »Wie denn?«
    »Ganz selbstverständlich auf den Füssen eurer Pferde!«
    »Maschallah32! Ihr glaubt, dass wir euch helfen werden?«
    »Es wäre uns wohl lieb, wenn ihr es tätet, aber unbedingt notwendig ist es
nicht. Wir brauchen zwei Pferde, zwei Gewehre, zwei Messer, zwei Fez', zwei
Haïks33 und Pulver und Blei. Das kaufen wir euch ab.«
    »Du sprichst sehr kurz und bestimmt. Könnt ihr denn dies alles bezahlen?«
    »Sogleich freilich nicht; aber ich bin Hadschi Halef Omar, der Scheik der
Haddedihn, und wenn ich mein Wort gebe, dass ich sogar den doppelten Preis zahlen
werde, so frage ich: Wer wagt es, zu behaupten, dass ich es nicht halten werde?«
    »Niemand. Ich glaube dir. Aber ich habe euch noch nie gesehen, und ich
besitze keinen Beweis, ob ihr wirklich die berühmten Männer seid, deren Namen du
genannt hast. Es ist also ein ganz besonderer Handel, auf den ich mit dir
eingehen soll. Erlaube uns, o Scheik der Haddedihn, dass wir von unseren Pferden
steigen, um uns von dir erzählen zu lassen, von wem und in welcher Weise der
Raub an euch begangen worden ist!«
    Das klang so vernünftig und so hilfsbereit. Dass er vorher gesprächsweise
prüfen wollte, konnten wir ihm nicht im geringsten übelnehmen. Die Dinarun
stiegen von ihren Tieren und setzten sich, einen Halbkreis bildend, nieder. Wir
nahmen vor ihnen Platz, und dann begann Halef zu erzählen. Er tat dabei alle
mögliche, unsere Unvorsichtigkeit zu entschuldigen und die an uns begangene
Missetat ins grellste Licht zu stellen. Als er geendet hatte, richtete der
Anführer die Frage an ihn:
    »So wisst ihr also nicht genau, wer diese Menschen gewesen sind?«
    »Nein,« antwortete Halef.
    »Auch nicht, wo sie wohnen?«
    »Auch nicht.«
    Da ging ein breites, frohes Lächeln über das dunkle, bärtige Gesicht Nafars,
und er sagte:
    »Wie gut für euch, dass ihr uns begegnet seid! Was ihr nicht wisst, das könnt
ihr von uns erfahren.«
    »Von euch?« fragte Halef schnell. »Wisst ihr denn etwas über diese Halunken?«
    »Ja,« nickte der Anführer.
    »Was und woher?«
    »Wir sind ihnen ja begegnet!«
    »Ihr? Ihnen? Begegnet?« rief Halef aus, indem er aufsprang. »Hamdulillah!
Das ist ja ganz so gut, als ob wir sie schon hätten! Wo und wann ist das
geschehen?«
    »Um die Mittagszeit, im Nordosten von hier. Ich weiss die Stelle ganz genau.
Und da ihr Hadschi Halef und Kara Ben Nemsi seid, so bin ich gern erbötig, euch
die Hilfe unseres ganzen Lagers anzubieten. Ja, es stimmt: Es waren zwölf
Personen, aber zwei von ihnen schienen krank oder verwundet zu sein - - -«
    »Der vom Pferde Abgeworfene und der vom Pferde Geschlagene!« unterbrach ihn
Halef.
    »Eure beiden Rappen wurden an den Zügeln geleitet. Es sass niemand auf ihnen,
und erst jetzt fällt es mir ein, dass sie sehr aufgeregt zu sein schienen.«
    »Habt ihr mit den Leuten gesprochen?«
    »Nein. Sie schienen das nicht zu wünschen und ritten, nur kurz grüssend, an
uns vorüber. Später sahen wir einen zusammengebundenen Gegenstand an der Erde
liegen. Es ist möglich, dass sie ihn verloren haben, aber keineswegs gewiss, denn
wir haben nicht auf ihre Fährten geachtet und wissen also nicht, ob er auf ihren
Spuren lag. Nachdem wir aber euch hier getroffen und erfahren haben, was euch
geschehen ist, so vermute ich, dass die darin befindlichen Sachen euch gehören.
Wir öffneten natürlich das Paket und haben also gesehen, was es entält. Es
scheint alles zu sein, was euch an eurer Kleidung fehlt.«
    Er winkte einem seiner Leute, welcher das Bündel vom Packsattel löste, um es
herbeizubringen, zu öffnen und dann den Inhalt vor uns auszubreiten. Es war zu
unserer gewiss nicht unangenehmen Ueberraschung so, wie er gesagt hatte: Da lagen
unsere Decken, die Haïks, die Fez', die Turbantücher, die Jacken und auch die
kleineren, unwichtigen Gegenstände, welche zu unseren Anzügen gehörten. Es
fehlte nichts; es war, als ob man mit besonderer Aufmerksamkeit darauf bedacht
gewesen sei, gerade diese Kleidungsstücke von den anderen uns geraubten Sachen
in der Weise abzusondern, dass ein glücklicher Umstand sie uns vollständig
zurückzugeben habe. Später sahen wir freilich ein, dass uns dies hätte auffallen
müssen; zunächst aber erregte der willkommene Fund nicht das geringste Bedenken
in uns, zumal die Taschen leer waren und es keinen Grund für uns gab, auf irgend
eine Absichtlichkeit zu schliessen. Das Paket war schlecht festgebunden gewesen.
Man hatte es also während des Rittes verloren und dies nicht sogleich bemerkt.
Freilich lag die Frage nahe, warum man nicht umgekehrt war, es zu suchen, als
man endlich doch gewahrte, dass es abhanden gekommen sei. Das war aber nicht
schwer zu erklären: Wer einen Raub begangen hat, der sucht zunächst, sich
möglichst weit zu entfernen; zur Umkehr müssen wichtige Gründe vorliegen, und
der Wert dieser Kleidungsstücke war doch nicht ein so hoher, dass man ihretwegen
eine Zeit von vielleicht mehreren Stunden hätte versäumen mögen. Dazu kam die
Begegnung der Diebe mit den Dinarun. Die ersteren mussten sich, sobald sie den
Verlust bemerkten, sagen, dass die letzteren das Paket gefunden haben und, wenn
man es von ihnen zurückverlangte, gewiss nach der Berechtigung dazu fragen
würden. Das konnte sehr leicht zu unangenehmen Forschungen und Weiterungen
führen - - - kurz und gut, es war weder für mich noch für Halef unbegreiflich,
dass wir unsere Sachen so hübsch bei einander vor uns liegen sahen. Freilich an
den Umstand, dass es für mich überhaupt keinen Zufall gibt, dachte in diesem
Augenblick keiner von uns beiden. Halef, der stets Schnellerfertige von uns,
rief, als er die Sachen sah, voller Freude aus:
    »Maschallah! Was erblicken meine Augen! Da liegt ja die ganze Ehre unserer
Häupter und die ganze Zierde unserer Glieder vor uns ausgebreitet! Ich sehe
nicht ein einziges Stück, welches sich nicht dabei befindet, sondern es ist
alles, alles da! Sihdi, ich fordere dich auf, im Verein mit meinem Munde zu
erklären, dass das Kismet ehrlicher und gerechter ist, als diese Spitzbuben es
gewesen sind! Das gütige Fatum zeigt uns hier wieder einmal, dass wir in die
vorderste Reihe seiner Lieblinge gehören. Und weisst du, warum es uns zunächst
die geraubte Kleidung zurücksendet?«
    »Nun, warum?« fragte ich.
    »Weil wir sie nötiger als alles andere haben und damit wir hieraus erkennen
sollen, dass wir auch das, was noch fehlt, zurückbekommen werden. Was sitzest du
da und regst dich nicht! Folge doch meinem Beispiele; die Sachen gehören doch
uns!«
    Er war nämlich aufgesprungen und nun eifrig damit beschäftigt, die
Kleidungsstücke so eilig anzulegen, als ob sein ganzes Heil in der vollständigen
Umhüllung seines kleinen, schmächtigen, aber ausserordentlich sehnen- und
nervenstarken Körpers bestehe. Ich folgte nun seinem Beispiele, wenn auch in
langsamerer und bedächtigerer Weise.
    »So!« sagte er, als er fertig war. »Jetzt bin ich wieder Hadschi Halef Omar,
aber weiter nichts. Der berühmte Krieger und Scheik der Haddedihn werde ich erst
dann wieder sein, wenn ich mein Pferd und meine Waffen wieder habe. Aber wehe
dann allen denen, welche fähig gewesen sind, einen solchen Verrat und Bruch der
Gastfreundschaft an uns zu verüben! Ich werde über sie Gericht halten wie der
Erzengel Midschaïl34, dem das Schwert der Rache in die Hand gegeben ist! Ich
werde weder Gnade noch Güte walten lassen! Ich werde so hart sein wie der
Kieselstein am Ufer des Tigris und so unnachgiebig wie der Grimm, der sich im
Magen eines hungrigen Löwen regt. Ich werde sie packen, wie der schwarze Panter
seine Tatzen in das Genick der Kameelstute schlägt, und ich werde sie
festalten, wie das Krokodil seine Beute nie aus den Zähnen lässt! Ihre Qualen
werden grösser sein als die Qualen aller Höllen, die es gibt, und wenn sie vor
Schmerzen stöhnen, wie der Hammel unter der Hand des Schlächters stöhnt, so
werde ich lächelnden Mundes dabeisitzen und mich freuen, dass sie der
wohlverdienten Strafe nicht entgangen sind!«
    Das klang schrecklich genug. Wer ihn nicht kannte, der konnte allerdings
glauben, dass er in voller Ueberzeugung spreche. Die Dinarun warfen einander
heimlich sein sollende Blicke zu. Das war nicht zu verwundern, wenn man unsere
Lage mit den Worten des Hadschi verglich. Nafar blieb ernst, doch hatte seine
Stimme einen ungewöhnlich freundlichen, teilnehmenden Ton, als er jetzt sagte:
    »Ich sehe, dass diese Sachen allerdings euer Eigentum sind. Wir haben sie
gefunden, geben sie euch aber gern. Es freut mich, dass ihr nun als Männer vor
mir steht, denen man ansieht, dass sie gewohnt sind, zu befehlen, nicht aber, zu
gehorchen. Wir sind bereit, euch Hilfe zu erweisen. Ihr könnt einstweilen diese
beiden Pferde, dann aber auch noch bessere bekommen, wenn ihr einwilligt, unsere
Gäste zu sein und uns nach unserem Lager zu begleiten. Auch Gewehre, Messer und
Pulver werden wir euch geben. Und wenn ihr es für nützlich haltet, bin ich sogar
bereit, euch mit einer Anzahl meiner Leute zu begleiten, um den Dieben
nachzueilen und ihnen abzunehmen, was sie euch entwendet haben.«
    Konnten wir willkommenere Worte hören? Gewiss nicht! Ich wollte ihm sagen,
dass ich bereit sei, sein Anerbieten dankbar anzunehmen, doch Halef kam mir
zuvor. Er rief begeistert aus:
    »Wie glücklich ist der Stamm, dem du angehörst, o Nafar Ben Schuri. Die
Weisheit spricht aus deinem Munde, und von deinen Lippen klingen die Töne des
Verstandes! Die Grossväter deiner Ahnen und Urahnen sind die klügsten Leute ihres
Volkes gewesen, und die Urenkel deiner spätesten Nachkommen werden berühmt in
allen Ländern und Gegenden des Erdkreises sein. Wir sind gekommen, das Glück
deines guten Herzens zu erhöhen, indem wir annehmen, was du uns bietest. Wir
werden innige Freundschaft und ein ewiges Bündnis mit dir schliessen. Wir sind
bereit, dich sofort nach deinem Lager zu begleiten, und ich verspreche dir - -
-«
    »Halt!« unterbrach ich ihn, denn er wäre in seiner Freude fähig gewesen,
Zugeständnisse zu machen, denen nachzukommen, uns später nicht möglich war.
    »Was?« fragte er. »Bist du etwa mit dem, was ich sage, nicht einverstanden,
Sihdi?«
    »Darin, dass wir die uns angebotene Hilfe annehmen, stimme ich dir bei,
Halef. Aber nach dem Lager können wir nicht gleich mit.«
    »Warum?«
    »Es ist nur noch kurze Zeit bis zum Untergang der Sonne. Dann werden die
Diebe Halt machen. Ich möchte womöglich erfahren, wo sie die Nacht zubringen.
Gelingt uns das, so können wir bis früh schon wieder im Besitze unserer Pferde
sein. Wir können also nur eins tun, nämlich jetzt sogleich ihren Spuren
folgen.«
    »Das ist wahr!« gab er zu.
    »Ja, das ist richtig!« stimmte auch Nafar bei. »Und damit ihr seht, dass ich
es wirklich freundlich mit euch meine, erkläre ich, dass wir euch begleiten
werden. Ihr werdet aber einsehen, dass ich einen Boten in das Lager senden muss!«
    »Natürlich! Er hat Nachricht zu geben, dass und warum ihr heut nicht
zurückgekehrt,« sagte ich.
    »Noch mehr!«
    »Was?«
    »Wir sind nicht so berühmte Krieger, welche, so wie ihr, ohne Waffen und
fast in der Minderzahl einen Feind verfolgen, der gezeigt hat, dass er zu allem
fähig ist. Ich bin es meinen Leuten schuldig, Vorsicht walten zu lassen, und so
- - -«
    »Vorsicht?« fiel da Halef schnell ein. »Minderzahl? Wir waren nur zwei, und
wie sahen wir aus - - und doch sind wir hinter den Dieben her! Ihr seid acht,
mit uns zehn, genau so viel, wie die Feinde zählen, von denen zwei krank sind!«
    »Aber ihr habt noch keine Waffen!«
    »Die haben wir!«
    »Wo?«
    »Da - - dort - - - bei den Spitzbuben! Die haben ja unsere Gewehre, und die
holen wir uns!«
    Da ging ein eigenartiges Lächeln über das Gesicht des Anführers. Er strich
sich mit der Hand über den dunklen Bart und sagte in bedächtigem Tone:
    »Ja, es ist alles wahr, was ich von Hadschi Halef Omar, dem Scheik der
Haddedihn, vernommen habe. Deine Gedanken haben die Schnelligkeit des Blitzes;
hierauf folgt sofort der Donner deiner Worte, und wie der Regenguss kommt dann
die schnelle Tat. Aber wir wissen zwar, was jetzt ist und wie es ist, doch wie
es sein wird und was noch kommen kann, das wissen wir nicht. Wenn zehn Männer
gegen andere zehn Männer stehen und man aber leicht eine grössere Schar haben
kann, so soll man nicht auf diesen Vorteil verzichten. Habe ich recht oder
nicht, Sihdi?«
    Diese Frage war an mich gerichtet, und so antwortete ich:
    »Ich stimme dir bei, falls dieser Zuwachs an Kriegern nicht mit Verlusten
andererseits verbunden ist.«
    »Welche Verluste könnten das wohl sein?«
    »Ich meine vor allen Dingen die Zeit, welche wir dadurch verlieren könnten.«
    »Wir haben keinen Augenblick zu opfern, Sihdi, denn wir folgen ja sofort der
Spur der Diebe, während sich nur ein einziger Mann von uns trennt, um nach dem
Lager zu reiten und mehr Leute zu holen.«
    »Wie folgen uns diese? Auf unserer Fährte?«
    »Nein. Denn wenn sie dies täten, so müssten sie erst wieder hierher, und
dann kämen sie freilich zu spät. Sie könnten dann unsere Spuren nicht mehr
sehen, weil es inzwischen dunkel werden muss.«
    Er sann einige Augenblicke nach und fuhr dann fort:
    »Die Reiter hatten die Richtung nach dem Dschebel Ma; das ist der Berg des
Wassers, weil es dort eine Quelle gibt. Ich bin überzeugt, dass sie dort in der
Nacht lagern werden. Ich lasse dreissig oder vierzig Krieger holen, welche vor
diesem Berge an einer Stelle, wo wir auf sie warten werden, auf uns zu treffen
haben. Meinst du nicht, dass dies richtig sein wird?«
    Es war ein Glück für uns, diesem Scheik der Dinarun und seinen Leuten
begegnet zu sein. Ich hätte freilich gern eine andere Disposition getroffen,
fühlte mich ihm aber zu Dank verpflichtet und durfte es nicht zu einer
vielleicht möglichen Verstimmung zwischen ihm und mir kommen lassen. Darum
erklärte ich:
    »Wir kennen diese Gegend nicht; euch aber ist sie wohlbekannt; darum bin ich
überzeugt, dass dein Rat der beste ist, der uns gegeben werden kann. Wir werden
ihn befolgen.«
    »Ich danke dir, Sihdi! Du wirst die Erfahrung machen, dass sich niemand
täuscht, der mir vertraut. Wir kehren also mit euch beiden um.«
    Er gab einem seiner Leute die nötigen Befehle, und als dieser im Galopp
fortritt und das ledige Packpferd mitnahm, stiegen wir auf und schlugen die
Richtung ein, aus welcher die Danarun gekommen waren.
    »Brrr!« schüttelte sich Halef, als wir kaum ein Kilometer zurückgelegt
hatten.
    »Friert dich wieder?« fragte ich ihn.
    »Ja. Aber es ist auch noch etwas anderes.«
    »Was?«
    »Mein jetziges Pferd! O, Sihdi, welch eine Wonne des Paradieses ist es, auf
meinem Barkh zu sitzen! Ja, es sind sogar zwei, drei, vier oder fünf solche
Wonnen! Aber so ein Gaul wie dieser! Sihdi, bist du einmal auf einem Ziegenbock
geritten?«
    »Nein.«
    »Ich auch nicht; aber ich leide jetzt dieselben Qualen, die man eigentlich
nur auf dem Rücken einer Ziege suchen darf. Ich weiss nicht, ist das Pferd
schuld, oder gibt es eine andere Ursache: Ich werde schwindelig; mein Herz
klopft überschnell.«
    »Halef, du bist krank, ernstlich krank!« rief ich besorgt aus.
    »Krank? O nein! Wie könnte ich krank sein, wenn es Spitzbuben zu verfolgen
und einzufangen gibt! Du musst doch deinen alten treuen Hadschi kennen!«
    »Irre dich nicht! Denke einmal an jenen Unglücksritt von Bagdad auf den Weg
der persischen Todeskarawane!«
    »An den werde ich denken, so lange ich nur denken kann. Wir ritten der Pest
entgegen, die erst dich, dann mich ergriff.«
    »So erinnere dich genau! Vergleiche deinen damaligen Zustand mit deinem
jetzigen!«
    »Allah! Hast du etwa Grund, jetzt wieder an die Pest zu denken?«
    »Nein, sondern einstweilen nur an das Kranksein im allgemeinen. Dass du
Schwindel hast, macht mich besorgt.«
    »Jetzt ist er wieder weg; aber ich habe Figuren und bunte Fäden vor den
Augen, die mich hindern, deutlich und klar zu sehen.«
    »Hm! Halef, ich wollte, wir hätten unsere Pferde und überhaupt unser
Eigentum wieder und befänden uns an einem stillen, sicheren Orte, an dem wir
bleiben könnten!«
    »Sihdi, lieber Sihdi, mache mir doch nicht Angst mit deiner Sorge um mich!
Ich bin ja ganz gesund! Schau, vorhin fror es mich; jetzt aber ist das völlig
weg; es ist mir sogar heiss, ganz heiss geworden. Habe also keine Angst. Ich bin
so rüstig, wie ich stets gewesen bin und wie ich bleiben werde, bis ich sterbe!«
    Es wäre ein grosser Fehler gewesen, ihm diese gute Meinung zu widerlegen;
darum sagte ich nichts, und da auch er nicht weiter sprach, so ritten wir nun
still nebeneinander her. Nafar Ben Schuri ritt voran; dann folgten wir zwei, und
hinter uns kamen seine Leute. Es war eigentümlich, dass der Anführer sich nicht
zu uns hielt, aber keineswegs unerklärlich. Wir sahen, dass er der Fährte,
welcher wir folgten, grosse Aufmerksamkeit widmete; das hätte er nicht gekonnt,
wenn er gezwungen gewesen wäre, sich mit uns zu unterhalten. Auch lag es für den
Scheik, der überdies die Gegend genau kannte, sehr nahe, sich an der Spitze des
kleinen Zuges zu halten. Vielleicht war er überhaupt ein schweigsamer Mann, der
nur dann sprach, wenn er es für nötig hielt. Oder galt es bei ihm als ein Beweis
der Achtung und Höflichkeit, sich nicht zu uns zu gesellen und uns mit
neugierigen Fragen und überflüssigen Reden zu belästigen? Wahrscheinlich hielt
er sich auch nicht für befähigt oder erfahren genug, auf ein Gespräch mit Leuten
einzugehen, denen er sich nicht geistig gleichgestellt fühlte. Kurz, es gab
Gründe genug, seine Absonderung von uns zu erklären. Nur an eines dachten wir
nicht, nämlich dass ihn das böse Gewissen oder die Vorsicht abhalte, neben uns zu
reiten und sich nach Verhältnissen fragen zu lassen, über welche er nicht
Auskunft geben wollte. Da hätten wir ihn ja für unehrlich halten müssen, ihn,
der doch eigentlich unser Retter war, und dazu fehlte uns, zumal in unserer
gegenwärtigen Lage, die Befähigung. Uebrigens kam es zuweilen vor, dass er uns
eine Bemerkung über den Weg, die Gegend oder über die Spuren, denen wir folgten,
zuwarf, und das genügte uns so vollständig, dass wir gar nicht mehr von ihm
verlangten.
    Mich beschäftigte der Gedanke an Halef ausserordentlich. Mir erschienen seine
Wangen jetzt noch tiefer als vorher eingefallen. Ich sah sie bald sich
entfärben, bald dunkler werden. Oder bildete ich mir das nur ein? Seine Augen
blickten jetzt matt und starr, und gar nicht lange, so schienen sie in
ungewöhnlichem Glanz zu strahlen. Auch hierin konnte ich mich täuschen, doch
nicht darin, dass er zuweilen tief und seufzend Atem holte, was ich bei ihm noch
nie bemerkt hatte. War seine Frage nach dem Sterben einer Vorahnung entsprungen,
dass eine schwere Krankheit die fleischlosen, gierigen Hände nach ihm ausstrecke?
Fast erschrak ich, denn grad als mir dieser Gedanke kam, wendete er mir sein
Gesicht zu und sagte:
    »Sihdi, ich komme mit meiner Frage noch einmal: Wie denkst du über das
Sterben?«
    »Wir haben das ja schon besprochen,« antwortete ich. »Nein, noch nicht!«
    »Wieso?«
    »Du hast mir nicht geantwortet. Du warst so klug, wie du immer bist, wenn du
meinst, dass ich nach etwas frage, was ich noch nicht verstehen kann. Dann
antwortest du mir dadurch, dass du mich selbst antworten lässest. Aber ich wollte
doch nicht hören, was ich denke, sondern wie du denkst.«
    »Lieber Halef, frage nicht jetzt nach solchen Dingen; es ist nicht Zeit
dazu.«
    »Warum?«
    »Muss ich dir das erst erklären? Was weiss der Mensch vom Sterben? Und wenn er
ja darüber nachdenken, oder gar darüber sprechen will, so soll er das in
stiller, geräuschloser Stunde tun, in welcher er nicht von dem Leben abgehalten
wird, seine Gedanken mit dem Sterben zu beschäftigen. Sei gut, lieber Halef, und
lass jetzt diese Frage fallen!«
    »Sei gut, lieber Halef! O, Sihdi, wenn du in dieser Weise zu mir sprichst,
so könnte ich nicht nur vom Sterben sprechen, sondern selbst und wirklich
sterben - - für dich, aus Liebe, ja, aus Liebe! Wenn doch alle, alle Menschen
nur in diesem Tone zu einander sprechen wollten!«
    »Alle?«
    »Ja, Sihdi!«
    »Auch die guten mit den bösen?«
    »Ja, auch; denn dann würden die einen vielleicht durch die anderen gerettet
werden!«
    »Ist das dein Ernst?«
    »Ja.«
    »Hm!«
    »Wieder dieses Hm!. Hinter diesem Brummen steckt stets etwas, was ich
begangen habe. Wahrscheinlich auch jetzt. Ich bitte, es mir nicht vorzubrummen,
sondern deutlich zu sagen!«
    »Denke an den Erzengel Midschaïl, dem das Schwert der Rache in die Hand
gegeben ist! Wer wollte so streng Gericht halten wie er?«
    »Hm!«
    »Ah, wer brummt jetzt? Ich oder du? Wer wollte weder Gnade noch Güte walten
lassen?«
    »Hm!«
    »Wer wollte wie ein Kieselstein oder wie ein hungriger Löwe sein?«
    »Hm!«
    »Ein schwarzer Panter, ein Krokodil? Wer wollte alle Qualen der Hölle
spenden und sich dann lächelnden Mundes über diese Qualen freuen? Kennst du
vielleicht den Mann?«
    »Hm!«
    Er hatte bei jedem »Hm!« den Kopf immer tiefer sinken lassen. Ich fuhr fort:
    »Und jetzt wünscht ganz derselbe Mann, dass alle, alle Menschen nur im Tone
der Liebe zu einander sprechen möchten, auch die guten zu den bösen, weil die
letzteren dadurch vielleicht gerettet werden könnten!«
    Da hob er den Kopf mit einem schnellen Ruck empor, wendete mir das liebe,
liebe Gesicht wieder zu und rief aus, indem ein helles seelengutes Lächeln
darüberflog:
    
    »Vergieb, Sihdi! Dieser Mann, dieser Mensch, dieser Kerl, dieser Dummkopf
ist der grösste Esel, den es nur geben kann! Glaubst du das?«
    »Nein!«
    »So streite ich mich mit dir! Du kennst nämlich deinen Halef nicht!«
    »O doch!«
    »Nein, noch lange nicht! Auch ich habe ihn nicht gekannt, bis - - bis - -
bis ich einmal ganz plötzlich den anderen kennen lernte.«
    »Den anderen?«
    »Ja. Hältst du es für möglich, dass ein Mensch aus zwei Personen bestehe?«
    Ich sah erstaunt zu ihm hinüber. Welch eine Frage!
    »Ja, da schaust du mich gross an!« fuhr er fort. »Verzeihe mir, dass ich dir
bisher die grosse, wichtige Entdeckung verschwieg, welche ich an mir gemacht
habe! Ich bestehe aus zwei ganz ähnlichen und doch unendlich verschiedenen
Wesen. Das eine ist gut, das andere schlimm. Beide zusammen heissen Hadschi
Halef; stehen sie einander aber kämpfend gegenüber, so ist das schlimme der
Hadschi und das gute der Halef. Verstehst du mich?«
    »Ja.«
    Jetzt war er es, der mich prüfend ansah.
    »Du verstehst mich? Sonderbar! Kämpft es etwa auch in dir so wie in mir?«
    »Ja, in jedem Menschen. Aber Millionen schenken diesem inneren Kampfe keine
Aufmerksamkeit, und darum sterben sie, ohne es zum Sieg zu bringen.«
    »Das will ich aber! Ich will siegen, darum kämpfe ich! Kein Mensch bemerkt
das, und selbst du hast es nicht bemerkt. Es lebt einer in mir; der ist, als ob
er von Allahs Himmel stamme, so freundlich, so gütig, so edel, so aufopfernd, so
geduldig. Das ist dein Halef, den du liebst. Und es lebt einer in mir, der nicht
vom Himmel stammt, denn er ist stolz, trotzig, unvorsichtig, alles übertreibend,
prahlerisch, jähzornig, unversöhnlich, rachsüchtig. Das ist der Hadschi, der dir
nicht gefällt und den du meinst, so oft dein Hm! sich hören lässt. Du wirst
vielleicht fragen, warum ich den guten als den Halef und den schlimmen als den
Hadschi bezeichne; aber wenn ich dir sage, dass Halef ein Mann und Hadschi ein
Titel ist, so wirst du mich verstehen.«
    Für diejenigen, welche es noch nicht wissen, diene die Bemerkung, dass der
Anhänger des Islam dann zum Hadschi wird, wenn er eine der heiligen
muhammedanischen Städte als Pilger besucht und dort alle seine religiösen
Obliegenheiten erfüllt hat. Ein Hadschi in vollstem Sinne ist der, welcher in
Mekka, Medina und vielleicht gar noch in Jerusalem zum Besuch der Omarmoschee
gewesen ist. Für den Westafrikaner aber genügt es auch schon, das dort für
heilig geltende Kaïrwan besucht zu haben.
    Halef hatte nach seinen letzten Worten eine kurze Pause gemacht. Dann fuhr
er fort:
    »Als du mich damals in der Sahara kennen lerntest, war ich ein junger
unerfahrener und doch sehr eingebildeter Mensch. Ich nannte mich Hadschi,
obgleich ich kein Recht hatte, diesen Titel zu führen. Du freilich
durchschautest mich und lächeltest über diesen falschen Hadschi, der noch nie an
einem der heiligen Orte gewesen war. Ich nannte sogar meinen Vater und auch
meinen Grossvater Hadschis, obgleich sie noch nicht einmal Kaïrwan im Lande Tunis
gesehen hatten. Das war nicht nur eine Lüge, sondern sogar eine Uebertreibung
der Lüge bis auf meine Vorfahren zurück. Ich war eitel und ruhmsüchtig; ich
prahlte; ich wollte mehr sein, als was ich war, und aus dieser Unwahrheit
entsprangen alle anderen Fehler, welche sich über dein Hm! zu ärgern pflegen.
Darum habe ich den schlimmen Kerl, der in mir steckt und mir so viel zu schaffen
macht, den Hadschi genannt. Begreifst du mich jetzt, Sihdi?«
    »Sehr gut, mein lieber Halef.«
    »Und dieser Hadschi ist dir bekannt?«
    »Wahrscheinlich besser, als du denkst.«
    »So hoffe ich, dass dir auch der andere, der gute Kerl in mir bekannt ist,
den ich mit meinem Namen, also mit Halef bezeichne. Denn dieser hat mir immer
wieder zurückzuholen, was der andere mir von deiner Liebe und deiner Achtung
raubt. Diese beiden so verschiedenen Wesen wohnen in mir und streiten sich
unaufhörlich nicht nur um den Besitz meiner Persönlichkeit, sondern sogar um
jedes meiner Worte und um jede meiner Taten. Wer von ihnen zuerst dagewesen und
wer dann später gekommen ist, der Hadschi oder der Halef, das kann ich nicht
sagen, denn ich habe damals nicht aufgepasst. Seit einiger Zeit aber beobachte
ich sie sehr genau, und da bemerke ich, dass sie eigentlich gar nicht zu einander
gehören und doch unendlich schwer von einander zu unterscheiden sind. Aber
bemerkt habe ich doch, dass der Halef die Wahrheit liebt und von dem andern
nichts, gar nichts wissen will, während aber im Gegenteile der Hadschi sich oft
die grösste Mühe gibt, mich zu belügen und zu betrügen, indem er sich stellt,
als ob er der Halef sei. Darum habe ich diesem Hadschi schon hundertmal die
Gastfreundschaft in mir gekündigt; aber er hat keinen Gehorsam und kein
Ehrgefühl; er bleibt, wo er ist, und wenn ich ihn einmal vorn zur Türe meines
Zeltes hinausgeworfen habe, so ist er im nächsten Augenblicke hinten unter der
Leinwand schon wieder zu mir und in mich hereingekrochen. Sihdi, wenn ich den
Kerl fassen könnte! Leider aber ist mir das nicht möglich! Er hat weder vor mir
noch vor andern Leuten Angst, und es gibt nur einen, vor dem er sich fürchtet.«
    »Wer ist das?«
    »Das bist du. Ja, du! Vor dir scheint er einen ungeheuren Respekt zu haben,
aber weniger vor deiner Gestalt, als vielmehr vor deinen Augen. Erst seitdem ich
dies bemerkt habe, weiss ich, dass es Augen gibt, welche der Warnung, und wieder
andere, welche der Verführung dienen. Ich habe sehr oft schon in Augen gesehen,
bei deren Blick dieser Hadschi sofort zu prahlen und zu übertreiben beginnt.
Aber wenn du mich anschaust, weisst du, so ernst und doch so lächelnd, da kann er
gar nicht anders, da ist er sofort still. Er schämt sich vor dir; ja er flieht
vor dir. Wie das nur kommen mag? Kannst du es mir erklären?«
    »Vielleicht. Er flieht nämlich nicht vor mir, sondern vor dem guten Halef in
dir. Dieser ist es ja, den ich lieb habe, und wenn die Liebe mein Auge auf dich
richtet, ruft sie ihn wach und steht ihm bei, den andern zu besiegen. Das ist
ein Rätsel des menschlichen Seelenlebens, welches du nicht lösen kannst.
Versuche also nicht, ihm nachzuforschen!«
    »Diese Warnung ist gar nicht nötig, denn du weisst ja, dass ich kein Freund
von Rätseln bin. Aber über die beiden in mir wohnenden Wesen möchte ich doch gar
so gern ins Reine kommen. So oft ich über sie nachdenke, muss ich an die beiden
Adamlar35 denken, von denen du zuweilen gesprochen hast. Es ist in deinem Ahd
idsch dschedid36 von ihnen die Rede. Kannst du dich besinnen?«
    »Ja.«
    »Das heilige Buch der Christen spricht von einem alten Adam, den man ablegen
soll, damit ein neuer, gerechterer und besserer an seine Stelle trete. Ob da
wohl der Hadschi und der Halef gemeint sind, welche in mir wohnen?«
    »Ja; natürlich sind sie gemeint.«
    »Aber, Sihdi, da möchte ich doch beinahe sagen, dass das heilige Buch der
Christen das klügste aller Bücher sei! Es schaut in das Innere der Menschen
hinein und spricht von Geheimnissen, welche er selbst nicht kennt! Wenn eine
Religion von mir mehr weiss, als ich selbst, so muss ich vor ihr Respekt haben,
ich mag wollen oder nicht. Wie schade, dass wir von diesem Gespräch abbrechen
müssen! Der Scheik der Dinarun scheint etwas Wichtiges zu sehen!«
    Wir waren nämlich zuletzt durch eine Art von Engpass geritten. Er mündete auf
eine kleine Hochebene, von welcher aus er wiederum zu Tale führte. Der Scheik
hatte seinem Pferde die Sporen gegeben, um uns vorauszukommen. Nun hielt er am
Rande der Ebene und deutete uns durch Zeichen an, dass ihm dort irgend etwas in
die Augen gefallen sei. Als wir uns ihm bis auf Hörweite genähert hatten, rief
er uns zu:
    »Ich sehe die Räuber. Sie lagern da unten am Wasser. Kommt her; aber reitet
nicht bis ganz an den Rand dieses Platzes, damit ihr nicht von ihnen gesehen
werdet! Der Berg da drüben ist der Dschebel Ma.«
    An diesem Berge hatte sich die Natur endlich einmal wenigstens einigermassen
grün gekleidet. Seine Hänge waren ziemlich hoch hinauf mit Gras bewachsen, und
an seinem Fusse zog sich allerlei Buschwerk hin. Es gab da sogar einen kleinen,
schmalen Wasserlauf, an dessen Ufer wir die, welche wir suchten, lagern sahen.
    »Wir müssen von den Pferden steigen, wenn wir sie unbemerkt beobachten
wollen,« meinte der Scheik, indem er aus dem Sattel sprang, welchem Beispiele
wir natürlich folgten. »Ich glaube, dass sie es sind. Oder meint ihr vielleicht,
dass ich mich irre?«
    Er richtete diese Frage an mich und Halef. Der letztere antwortete:
    »Ich sehe gar niemand. Soeben legt sich mir wieder dieser rote Nebel vor die
Augen, den mein Blick nicht durchdringen kann. Sihdi, sag, was du erblickst!«
    Ich sah zwölf Menschen und vierzehn Pferde. Zwei von diesen letzteren
standen von den anderen getrennt. Es waren unsere Rapphengste; ich irrte mich
nicht, denn ich erkannte sie ganz deutlich. Als ich dies Halef sagte, rief er
aus:
    »So wollen wir eilen, schnell hinabzukommen! Diese Schurken sollen keinen
Augenblick zu lange das Vergnügen haben, sich für die Besitzer unseres Eigentums
zu halten!«
    Er wollte sofort wieder in den Sattel steigen.
    »Keine Uebereilung, Halef,« warnte ich. »Wir können nicht anders zu ihnen
kommen, als dass wir die diesseitige Berglehne hinabreiten, und da müssen sie uns
sehen.«
    »Du meinst, dann fliehen sie und entkommen uns?«
    »Nein, ich bin vielmehr der Ansicht, dass sie bleiben würden, um uns
Widerstand zu leisten. Wir wären ohne Deckung; sie aber könnten sich hinter die
Büsche stecken. Hast du Lust, dich erschiessen zu lassen, ohne dich wehren zu
können?«
    »Welche Frage! Ich will auf keinen Fall erschossen sein, gleichviel, ob ich
mich wehren kann oder nicht. Aber können wir denn nicht von einer anderen,
besseren Seite an sie kommen?«
    »Das würde uns zu einem Umwege nötigen, für den uns die Zeit mangelt. In
einer Viertelstunde wird es dunkel sein. Bedenke das!«
    »Was soll ich tun, Sihdi? Denken? Das kann ich nicht! Soeben ist es mir wie
ein leiser Hauch der Wüste durch den Kopf gegangen. Mein Hirn ist heiss, und alle
Gedanken sind aus ihm hinweggeblasen. Was ist das plötzlich nun? Ich muss mich
setzen.«
    Er liess sich auf die Erde nieder und legte den Kopf in die Hände. Ich wollte
mich zu ihm niederbücken; er aber wehrte ab:
    »Sorge dich ja nicht um mich! Das ist gar nicht schlimm, sondern nur die
letzte Wirkung des giftigen Kaffees, den wir gestern getrunken haben. Es wird
schnell vorübergehen. Glaube mir: ich bin so gesund, wie du nur wünschen magst!«
    Er schob mich von sich fort, und ich gab mir den Anschein, dass ich beruhigt
sei. Ich konnte ja nichts Besseres tun, zumal Nafar Ben Schuri mich jetzt in
Anspruch nahm:
    »Was du zum Scheik der Haddedihn sagtest, waren Worte der Vernunft. Wollten
wir so, wie er es wünschte, zum Angriffe schreiten, so würde keiner von uns
lebend an die Feinde kommen. Wir müssen hier warten, bis es dunkel ist.«
    »Dann aber wird der Weg nur schwer zu finden sein,« bemerkte ich.
    »Nein. Wir sind ihn oft geritten und kennen ihn genau.«
    »Aber das Geräusch der Pferdehufe kann uns leicht verraten.«
    »So lassen wir die Pferde hier zurück. Auch verfehlen können wir trotz der
Dunkelheit die Feinde nicht, weil sie wahrscheinlich ein Feuer anzünden werden.
Auch hoffe ich, dass meine Leute kommen, ehe es finster wird.«
    »Wo ist die Stelle, an welcher sie zu uns stossen sollen?«
    »Hier diese ist es. Sie werden durch den Pass kommen, durch den wir soeben
geritten sind. Ich sage dir, dass uns die Leute da unten gar nicht entgehen
können. Erlaube, dass wir uns niedersetzen! Wir können jetzt nichts anderes tun,
als warten.«
    Er hatte recht. In Beziehung auf die Wiedererlangung unseres Eigentums lagen
die Verhältnisse so, dass ich mich beruhigt fühlte. Dagegen war es mir um Halef
bang. Ich setzte mich an seiner Seite nieder und versuchte, ein Gespräch mit ihm
anzuknüpfen. Er gab mir nur ganz kurze Antworten; sein Ton war matt, der Klang
fast widerwillig; darum hielt ich es für besser, zu schweigen.
    Da auch die Dinarun nicht sprachen, so herrschte hier oben bei uns eine
Stille, welche nur durch das jeweilige Schnaufen oder Hufscharren eines Pferdes
unterbrochen wurde. Der Tag ging schnell zu Ende. Der Abend senkte sich
hernieder, aber die erwartete Verstärkung stellte sich nicht ein. Da der Scheik
keine Bemerkung hierüber machte, nahm auch ich diesen Umstand schweigend hin.
Wozu über etwas Worte machen, was man durch sie doch nicht ändern kann! Auch
brannte unten am Wasser jetzt noch kein Feuer, und uns an die Feinde schleichen,
ohne einen solchen Wegweiser zu haben, das wäre doch wohl unvorsichtig gewesen.
    Da fühlte ich Halefs tastende Hand, welche meinen Arm berührte und an
demselben niederglitt. Er ergriff meine Rechte, nahm sie in seine beiden Hände
und lehnte seinen Kopf an meine Seite. So sass er längere Zeit still und
unbeweglich. Mir war es, als ob seine Hände ungewöhnlich warm seien.
    »Sihdi!« erklang es leise.
    »Halef!« antwortete ich ebenso.
    »Siehst du die Sterne dort oben?«
    »Ja.«
    »Man meint, dass das der Himmel sei. Ob euer oder unser Himmel?«
    »Meinst du, es gebe verschiedene Himmel, mein guter Halef?«
    »Nein. Und wenn! Hätte Allah zehn Himmel, und mir wäre der höchste von ihnen
bestimmt. Und hätte der Gott der Christen auch zehn Himmel, und für dich sollte
der unterste sein. Weisst du, was ich täte?«
    »Nun?«
    »Ich verzichtete auf meinen obersten und ginge mit dir in deinen
niedrigsten. Er würde für mich doch der höchste sein, denn wo die Liebe wohnt,
da ist die schönste und beste Seligkeit. Wäre ich dir willkommen, Sihdi?«
    »Kannst du ungewiss hierüber sein, Halef?«
    »Nein. Ich bin wie ein Kind, welches gern den Vater sagen hört, dass er es
liebt!«
    »So sage ich es dir von ganzem Herzen!«
    »Ich danke dir! Ich dachte soeben nach - - - über dich und über mich. Meinst
du, dass wir Freunde seien?«
    »Gewiss! Bessere kann es gar nicht geben!«
    »Ich denke aber anders.«
    »Wie?«
    »Solche Freunde, wie wir sind, kann es ja gar nicht geben. Wir sind mehr,
viel mehr als Freunde. Es gibt kein Wort dafür. Wenn wir uns als Menschen
lieben, welche beide ein gutes und ein nicht gutes Wesen in sich haben, so sind
wir Freunde. Aber wenn wir die Liebe nur der beiden guten Wesen in uns meinen,
so ist das mehr als Freundschaft; das muss doch wohl der Himmel sein! Das ist es,
was ich dachte, und was ich dir sagen wollte. Ich kann dein Gesicht nicht
erkennen; aber sag, lächelst du vielleicht?«
    »Nein. Ich bin sehr ernst, aber glücklich ernst.«
    »Und ich bin so weich. Woher das wohl kommen mag? Sag: Wenn ich dich hier
verlassen müsste, um zu sterben, würde ich dich dann wohl auch noch sehen
können?«
    »Halef! Wie kommst du zu dieser Frage?«
    »Das weiss ich nicht. Sie kam mir auf die Zunge und wollte ausgesprochen
sein; da habe ich es getan. Es spricht jemand in mir vom Tode. Ob es der Halef
oder der Hadschi ist, das weiss ich nicht; aber ich werde - - - Horch!«
    Es gab in diesem Augenblick allerdings etwas zu hören, nämlich ein
plötzliches Geschrei vieler Stimmen, wie es beim Angriffe oder im Kampfe
ausgestossen wird. Die Dinarun sprangen auf, und ihr Scheik rief aus:
    »Allah! Das sind meine Krieger!«
    »Da unten?« fragte ich, indem ich mich auch schnell erhob. »Du sagtest doch,
dass sie hierher kommen würden!«
    »Sie sind direkt zu den Räubern geritten und über sie hergefallen.«
    »Aber sie wussten doch nicht, wo diese sich befanden!«
    »Es wird sie der Zufall oder irgend ein Zeichen zu der Stelle geführt
haben.«
    »Irrst du dich nicht? Weisst du gewiss, dass es deine Leute sind?«
    »Sie sind es. Es ist unser Ruf.«
    »So müssen wir hinab!«
    »Nein. Jetzt noch nicht. Lass nur einige Minuten vergehen, so werden wir
erfahren, wie es steht!«
    Ich war nicht ohne Sorge, zwang mich aber zur Geduld. Halef war auch
aufgesprungen. Es schien alle Schwäche von ihm gewichen zu sein. Seine Stimme
klang sehr energisch, als er den Scheik jetzt fragte:
    »Können deine Krieger denn einen anderen Weg als den ihnen anbefohlenen
eingeschlagen haben?«
    »Ja,« antwortete Nafar Ben Schuri.
    »Warum? Sie haben doch zu gehorchen?«
    »Man kann doch auch grad aus Gehorsam etwas anderes tun, als was befohlen
worden ist.«
    »Nein! Das ist gar nicht möglich, denn ein Befehl wird doch gegeben, dass man
ihn grad so und nicht anders befolge, als er lautet.«
    »Aber wenn der, welcher ihn auszuführen hat, währenddem einsieht, dass er ihn
auf andere Weise viel besser und vollständiger erfüllen kann, so ist es doch
grad die Pflicht des Gehorsams, nicht darauf zu achten, wie der Befehl
ursprünglich geklungen hat!«
    »Damit erkennst du also jedem deiner Leute die Berechtigung zu, deine Gebote
zu deuten und von ihnen abzuweichen oder nicht, je nachdem sie es für nützlich
halten. Meine Haddedihn haben genau nach meinen Worten zu handeln, ohne von
ihnen hinwegzunehmen oder hinzuzufügen. Doch schaut hinab! Man hat ein Feuer
angezündet, und man ruft. Wer ist gemeint?«
    Es leuchtete unten eine Flamme auf, und wir hörten die Worte erklingen:
    »Gahlab, gahlab; ta'al, ta'al, ia Scheik - - Sieg, Sieg; komm, komm, o
Scheik!«
    »Diese Worte gelten mir,« antwortete Nafar Ben Schuri. »Meine Leute wissen
ja, dass ich hier oben bin, und da sie den Feind überwunden haben, so fordern sie
mich auf, zu ihnen hinabzukommen.«
    »Hoffentlich haben sie in ihrem eigenmächtigen Handeln nichts getan, was
uns in Schaden setzt! Wie man etwas tut, das ist oft wichtiger, als dass man es
tut!«
    Die Rufe von unten wiederholten sich, und so stiegen wir auf, um
hinabzureiten. Das geschah in einer langen Einzelreihe, einer hinter dem andern.
Halef und ich machten die letzten und verliessen uns auf unsere Pferde, welche
trotz der Dunkelheit und trotz der Beschwerlichkeit des Weges nur selten einmal
einen Fehltritt taten. So kamen wir ganz gut in das Tal hinab und ritten quer
über dasselbe hinüber, indem wir uns das Feuer als Wegweiser dienen liessen.
dabei wurden Rufe und Gegenrufe gewechselt, und es gab einen Lärm, der immer
grösser wurde, je näher wir kamen. Als wir dann anlangten, befanden wir uns
inmitten von 50 oder 60 Dinarun, welche alle auf das lebhafteste auf uns
einschrieen. Jeder einzelne wollte uns erzählen, durch welche grossen
Heldentaten speziell auch er zum Siege beigetragen habe, und so dauerte es
ziemlich lange, bis wir erfuhren, wie höchst einfach sich die Sache zugetragen
habe.
    Der Bote, welcher von dem Scheik in das Lager gesandt worden war, hatte den
Anführer gemacht. Es war für ihn selbstverständlich gewesen, dass die Diebe am
Wasser des Dschebel Ma nachtlagern würden. Er hatte unterwegs den Entschluss
gefasst, sich mit dem ganzen Ruhme des Sieges zu schmücken und den Ueberfall also
ohne den Scheik und uns zu übernehmen. Darum war er nicht nach dem Stelldichein
geritten, sondern einer anderen Richtung gefolgt, welche ihn unten talabwärts
bis an den Fuss des Berges geführt hatte. Dort angekommen, waren die Pferde unter
der Aufsicht einiger Leute zurückgelassen worden. Dann hatte man sich leise dem
Wasser entlang geschlichen, die Feinde trotz der Dunkelheit entdeckt und sie so
unerwartet und mit Uebermacht überfallen, dass an einen Widerstand gar nicht zu
denken gewesen war. Sonderbarerweise wurde diesem eigenmächtigen Verfahren von
seiten des Scheikes nicht die geringste Rüge erteilt.
    Die Räuber lagen mit Stricken und Riemen gebunden an der Erde. Doch noch ehe
wir uns mit ihnen beschäftigen konnten, geschah etwas, worüber selbst die
pferdekennenden Dinarun in Staunen gerieten. Nämlich kaum war der Schein des
Feuers auf mich und Halef gefallen, und kaum hatten wir einige laute Worte
gesprochen, so ertönte von der Seite her das überlaute, frohe Wiehern zweier
Pferdestimmen, und unsere beiden Rappen drängten sich, ihn gewaltsam
auseinandertreibend, durch den Haufen der Beduinen, um uns zu begrüssen. Barkh
machte vor Freude die drolligsten Ziegenbockkapriolen, die er nur unterbrach, um
seinen Kopf an Halefs Brust zu reiben und ihm in das Gesicht zu schnauben, als
ob er sehr viel und wichtiges mit ihm zu sprechen habe. Mein Assil Ben Rih
benahm sich nicht so laut wie Barkh, aber im höchsten Grade rührend. Er drückte
mir sein Maul fest an die Wange - Pferde gehören bekanntlich zu den wenigen
Tieren, welche küssen - leckte mir hierauf die Hand und legte sich dann zu
meinen Füssen auf die Erde nieder und sah mich an, als ob er sagen wolle: »Du
weisst, was ich meine. Sei so gut, und tu es mir zuliebe, damit ich nicht nur
sehe, sondern auch höre, dass du wieder bei mir bist!« Er wollte nämlich die
gewohnte Sure in das Ohr gesagt haben. Leider durfte ich das nicht tun, weil
ich damit eines der Geheimnisse dieses prächtigen Tieres verraten hätte. Aber
ich kniete zu ihm nieder, steckte den Arm unter seinem Hals hindurch und hob
seinen Kopf empor, um ihn zu streicheln und den Hauch meines Mundes seine
Nüstern berühren zu lassen. Da ging sein Atem so laut und so froh, dass es
geradezu gefühllos gewesen wäre, zu behaupten, dies sei etwas anderes, aber nur
keine Freude.
    »Er hat dich lieb, sehr lieb,« sagte da der Scheik. »Ist es sein Geheimnis,
dass du ihn so anfassest und ihm deinen Atem giebst?«
    »Nein,« antwortete ich kurz, weil es unter den Beduinen als Taktlosigkeit
gilt, nach dem Geheimnisse eines edlen Pferdes zu fragen.
    »Aber er hat eines oder vielleicht gar mehrere?« erkundigte er sich weiter.
    »Allerdings, denn er ist vom echtesten, allerreinsten Blute.«
    »Bestehen diese Geheimnisse in Worten oder in Zeichen?«
    »Diese Geheimnisse bestehen eben in Geheimnissen, von denen nicht gesprochen
wird!«
    Ich sagte das in zurückweisendem Tone; dennoch fuhr er fort:
    »Bitte, lass mich die Probe machen! Ich will seinen Hals umarmen, grad so wie
du, und ihm dann auch in die Nüstern hauchen.«
    Das war eine beispiellose Zudringlichkeit, welche mich leicht bewegen
konnte, meine bisher gute Ansicht über diesen Mann zu ändern. Ich schüttelte
verneinend den Kopf. Trotzdem knieete er neben mir nieder und sagte:
    »Ich habe noch nie ein Tier von dieser Reinheit des Blutes gesehen. Ich muss
es liebkosen. Verweigere mir das nicht!«
    Da stand ich nun allerdings schnell auf, um ihm Platz zu machen, und
antwortete:
    »Du bist dein eigener Herr und darfst natürlich tun, was dir beliebt. Als
deinem Gaste ist es mir verboten, dich zu hindern.«
    Jetzt schob er seinen Arm unter den Hals des Pferdes, welches diese
Berührung zwar duldete, aber mit unwilligem Schnaufen beantwortete. Als er dann
aber Assil anhauchte, schleuderte dieser ihn mit einer kräftigen Bewegung des
Kopfes zur Seite, sprang auf und schlug mit den Hinterhufen nach ihm aus,
glücklicherweise ohne ihn zu treffen, weil Halef schnell hinzugesprungen war und
den Scheik von der gefährlichen Stelle hinweggerissen hatte. Dieser rief,
beschämt von der ihm erteilten Lehre, zornig aus:
    »Allah verdamme das Vieh, welches im Zeichen des Scheitan37 geboren worden
ist! Man wagt ja förmlich sein Leben, wenn man es berührt!«
    »Das tut man allerdings,« antwortete ich. »Warum hörtest du nicht auf mich?
Man soll nie versuchen, mit Gewalt in die Geheimnisse anderer Menschen dringen
zu wollen!«
    »Ist der andere Hengst von derselben Gefährlichkeit?«
    »Der eine ist wie der andere. Sie erkennen nur uns als ihre Herren an. Wer
dieses unser Recht nicht achtet, der hat es zu bereuen. Schau diese beiden
Menschen an! Sie haben sich an unseren Pferden vergriffen und sie bezwingen
wollen. Die Strafe ist der Tat sofort gefolgt.«
    Ich zeigte bei diesen Worten auf die beiden Diebe, deren verbundene
Gliedmassen vermuten liessen, dass sie die zwei Unvorsichtigen seien, die sich an
unseren Pferden vergriffen hatten. Sie waren, wie auch ihre Kameraden,
gefesselt, sagten kein Wort und sahen uns auch nicht an. War das ein Zeichen der
Scham, des Schuldbewusstseins? Oder hatte es auch noch einen anderen Grund? Wir
konnten ihre Züge nicht deutlich sehen, weil das flackernde Feuer keine ruhige
Helle gab.
    Ganz selbstverständlich war es nun unser Erstes, nach den uns geraubten
Gegenständen zu suchen. Das wurde uns sonderbarerweise viel leichter, als es zu
vermuten gewesen war. Wir sahen nämlich unweit des Feuers einen Mantel
ausgebreitet, auf welchem alles lag, was wir vermissten, von den Gewehren an bis
herunter zum kleinsten Büchschen, welches den Phosphor zur Bereitung der
Zündhölzer entielt. Dass nichts, aber auch gar nichts fehlte, hätte uns wohl
auffallen müssen, doch mangelte uns jetzt die Ruhe, diesen Umstand ganz
besonders zu beachten. Die Diebe hatten den Raub wahrscheinlich erst später
teilen wollen. Das genügte vollständig, zu erklären, warum noch jetzt alles so
schön beisammenlag.
    Auch Nafar Ben Schuri äusserte seine Freude darüber, dass es uns mit seiner
Hilfe gelungen sei, ohne den geringsten Verlust und so vollständig wieder zu
unserem Eigentum zu gelangen. Er kauerte sich zu uns hin und nahm ein Stück nach
dem anderen in die Hände, um es zu betrachten und seine Bemerkungen darüber zu
machen. Ganz besonders interessierte er sich für unsere Gewehre, deren
Konstruktion ihm vollständig unbekannt war. Er betrachtete sie mehr als genau,
wollte den Zweck jedes einzelnen Schräubchens wissen und wurde uns mit seinen
vielen Fragen so unbequem, dass Halef ihm endlich im Tone schlechtverhehlten
Unwillens bedeutete:
    »Du siehst, dass diese Gewehre grad so wie unsere Pferde ihre Geheimnisse
haben, welche jeder zu achten hat, dem sie nicht freiwillig mitgeteilt werden!«
    »Verzeih! Aber bei dieser Art von Waffen darf man doch neugierig sein,«
entschuldigte sich der Scheik. »Ihr beide wisst, wie oft und viel von ihnen
gesprochen wird. Man erzählt sich Wunderdinge von ihnen und von eurer Fertigkeit
in ihrem Gebrauche. Diese Gewehre sind den Waffen des ganzen Morgenlandes
überlegen. Ist es da so unbegreiflich, dass ich gern wissen möchte, wie man sie
zu handhaben hat?«
    »Ja, es ist unbegreiflich, weil die Neugierde nur eine Eigenschaft der alten
Weiber ist. Bei dem Scheik und Anführer tapferer Krieger aber darf sie noch viel
weniger als sonst bei einem Mann zu finden sein.«
    Das war deutlich gesprochen, wohl auch ein wenig rücksichtslos, weil wir dem
in dieser Weise Zurückgewiesenen ja so viel verdankten. Aber dass er sich jetzt
wieder, wie vorhin bei den Pferden, so zudringlich zeigte, das legte unserer
Dankbarkeit einen Dämpfer auf, der uns selbst am unangenehmsten berührte. Leider
schien er das nicht zu empfinden, denn er fügte zu den bisherigen Fehlern einen
neuen, indem er im Tone des Vorwurfes sagte:
    »Du scheinst nicht zu wissen, was ihr uns schuldig seid! Wo wäret ihr jetzt,
und was hättet ihr jetzt, wenn wir nicht bereit gewesen wären, euch in unseren
Schutz zu nehmen!«
    Halef war eifrig damit beschäftigt, alles, was ihm gehörte, einzustecken,
ich ebenso. Jetzt hatten wir nur noch die Gewehre an uns zu nehmen. Wir taten
das, und nun, da wir uns sicher und selbständig fühlen durften, antwortete der
Hadschi:
    »Du forderst Dankbarkeit? Weisst du noch nicht, dass der wahre Dank nicht
genommen, sondern nur gegeben werden kann? Du hast zwar von uns gehört, kennst
uns aber nicht. Darum erscheint dir deine Güte zu uns viel grösser als sie
wirklich ist. Wo wir wären und was wir jetzt hätten? Wir hätten auch ohne euch
die Spuren dieser Diebe gefunden. Wir wären ihnen gefolgt und hätten uns noch
während dieser Nacht hierhergeschlichen, um zu bestrafen, was man an uns
verbrochen hat. Euch haben wir weiter nichts, weiter gar nichts zu verdanken,
als dass wir drei oder vier Stunden eher hier eingetroffen sind. Und für diese
paar Stunden sollen wir dir die Geheimnisse unserer Pferde und unserer Waffen
verraten? Denke nach, was du da forderst! Wir haben uns als deine Gäste
betrachtet; aber wenn du uns mit Fragen von dir treibst, so werden wir jetzt auf
unsere Pferde steigen und nach einem Orte reiten, wo man weiss, dass die wahre
Freundschaft sich nicht im Überfluss der Worte zeigt! - - Barkh, ta'ahl38!«
    Als sein Pferd diese beiden Worte hörte, kam es herbei und stellte sich so
vor Halef hin, dass dieser nur den Fuss in den Bügelschuh zu heben brauchte, um
sich in den Sattel zu schwingen. Ich gab dem Freunde innerlich recht, hätte mich
aber an seiner Stelle wohl etwas höflicher ausgedrückt. Wir hatten Rücksicht zu
nehmen. Wie kam es nur, dass der sonst so gern dankbare Kleine hier so schroffe
Ausdrücke fand? Er hob auch wirklich schon den Fuss, um aufzusteigen, da trat der
Scheik schnell zu ihm hin und sagte, indem er ihn am Arme zurückhielt:
    »Hadschi Halef Omar, handle nicht zu schnell! Es war ja nicht meine Absicht,
euch von hier fortzutreiben! Bedenke, was man von uns sagen würde, wenn man
erführe, ihr seiet unsere Gäste gewesen, wäret aber nicht bei uns geblieben!«
    »Für uns würde das wohl keine Schande sein!« antwortete Halef streng.
    »Nein, aber für uns! Darum bitten wir euch, hier zu bleiben und morgen früh
mit nach unserem Lager zu reiten. Ihr könnt diesen Ort wohl auch gar nicht eher
verlassen, als bis ihr über die Diebe Gericht gehalten habt!«
    Das war freilich ein Grund, welcher sofort wirkte:
    »Gericht halten? Allerdings!« antwortete der Kleine. »Wer soll es tun?
Willst du dich mit einer Dschemmah39 deiner Krieger daran beteiligen?«
    »Nein.«
    »Warum nicht?«
    »Weil das Urteil derselben wohl nicht mit dem eurigen übereinstimmen würde.«
    »Wieso?«
    »Jede Dschemmah hat nach dem Gesetze der Wüste zu richten, welches den
Pferderaub mit dem Tode bestraft. Euer Urteil aber wird sich dieser Strenge
wahrscheinlich nicht bedienen.«
    »Nicht?« fragte Halef im Tone der Ueberraschung. »Warum denkst du das?«
    Der Scheik dachte nach, wie er sich am besten auszudrücken habe. Leider
verhinderte mich sein Vollbart, seine Gesichtszüge zu studieren. Sie kamen mir
verlegen und doch auch wieder pfiffig vor. Er wollte unbefangen erscheinen, und
doch hätte ich behaupten mögen, dass er grad jetzt befangen sei. Dann antwortete
er:
    »Man hört von euch, dass ihr ganz anders denkt, als andere Leute denken. Ihr
handelt nach einer Gerechtigkeit, welche lieber verzeiht, als dass sie sich den
Vorwurf der Härte machen lässt. Und hart wäre es doch wohl, wenn diese zwölf
Personen wegen nur zwei Pferden alle sterben müssten!«
    »Nur zwei? Ich sage dir, dass diese zwei Hengste mehr wert sind als hundert,
als tausend andere Pferde! Die Zahl kommt also hier ganz und gar nicht in
Betracht.«
    »So, aber doch der Umstand, dass ihr euch schon wieder in ihrem Besitz
befindet!«
    »Das ist richtig. Wir werden also nicht vom Tode sprechen. Aber eins dieser
edlen Pferde ist geschlagen worden. Das ist etwas, was nicht vergeben werden
kann!«
    »Rechne die zerbrochenen Knochen der beiden Unvorsichtigen ab, welche von
den Hufen getroffen worden sind!«
    »Abrechnen? Wie kommst du mir vor? Ist es deine Absicht, der Dawa wekeli40
dieser Missetäter zu sein und sie zu verteidigen? Wer nicht mit richten will,
hat auch nicht zu beschönigen. Ich werde also mit meinem Sihdi beraten, und was
wir bestimmen, das wird ausgeführt. Jetzt aber - - jetzt - - o, Sihdi, halte
mich! Der Schwindel ist wieder da. Ich sehe nichts und muss mich niedersetzen!«
    Er griff nach dem vor ihm stehenden Pferde, um sich festzuhalten. Ich
schlang den Arm um ihn und führte ihn an das Feuer. Dort liess ich seine Decke
ausbreiten und legte ihn auf dieselbe nieder. War ich erst besorgt gewesen, so
wurde mir nun angst um ihn.
    »Was fehlt dem Scheik der Haddedihn?« erkundigte sich Nafar Ben Schuri. »Hat
er vielleicht den Suchuna41?«
    »Nein,« antwortete ich.
    »Oder die Berdija42?«
    »Nein.«
    »Oder die Chumma mutallati43?«
    »Auch diese nicht. Er hat gestern vergifteten Kaffee getrunken. Davon ist
ihm noch übel. Weiter ist es nichts.«
    Ich wusste, dass ich log; aber die Klugheit verbot mir, die Wahrheit zu sagen.
Ich war jetzt beinahe überzeugt, es mit einer schweren, typhösen Erkrankung zu
tun zu haben, musste dies aber verheimlichen, um mir die Bedingungen einer
wenigstens den Umständen angemessenen guten Krankenpflege zu ermöglichen. Dass es
sich um eine ansteckende Krankheit handle, brauchte jetzt noch niemand zu
wissen. Später freilich hatte ich es unter allen Umständen für meine Pflicht zu
halten, die Dinarun vor Ansteckung zu bewahren.
    Glücklicherweise hatten wir unsere Sachen wieder, auch unsere kleine
Reiseapoteke. Ich beeilte mich also, Halef Chinin zu geben. Dann lag er still
und mit geschlossenen Augen da, als ob er schlafe.
    Die aus dem Lager gekommenen Dinarun waren mit Proviant versehen. Es wurde
gegessen. Die Portion Halefs bot ich ihm nicht an, sondern hob sie auf. Für
unsere beiden Pferde sorgte ich selbst. Dann setzte ich mich zu Halef hin, um
das zu tun, was ich auch in der vorigen Nacht mir vorgenommen aber leider nicht
getan hatte - - zu wachen.
    Für Nafar Ben Schuri war an der anderen Seite des Feuers ein Lager zurecht
gemacht worden. Da sass er, rauchte einen Tschibuk und schien in Nachdenken
versunken zu sein. Mit wem er sich im stillen beschäftigte, das sagten mir die
Blicke, welche er von Zeit zu Zeit zu mir herübersandte. Seine Leute hatten sich
so gelagert, wie es in ihrem Belieben lag. Eine gewisse Ordnung schien dabei
nicht beabsichtigt zu sein. Einmal stand ich auf, um nach den Gefangenen zu
sehen. Ihre Fesseln waren nicht übermässig streng angelegt, doch brauchte ich
nicht besorgt zu sein, dass sie sich losmachen würden, weil sie rings von den
Dinarun umgeben waren und ich ja die Absicht hatte, nicht zu schlafen. Sie lagen
mir so nahe, dass mir nichts entgehen konnte.
    Ich wollte die beiden Verletzten untersuchen, um ihnen, falls möglich, ihre
Schmerzen zu erleichtern; sie duldeten das aber nicht. Dann legte ich dem, den
wir für ihren Anführer gehalten hatten, einige Fragen vor, die er mir
beantworten sollte. Ich wollte ihn durch sie zu der Bitte ermuntern, nicht
streng mit ihm und seinen Leuten zu verfahren; er zog es aber vor, sich in ein
so trotziges Schweigen zu hüllen, dass ich den wohlgemeinten Versuch aufgab und
an meinen Platz zurückkehrte. Da richtete nun der Scheik das Wort an mich:
    »Sihdi, halte es nicht für Herzenshärtigkeit! Es ist die Furcht vor dir, die
diesem Manne die Worte raubt!«
    »Verteidigst du ihn abermals?« antwortete ich.
    »Nein. Nur suche ich mir sein Schweigen zu erklären. Welches Urteil werdet
ihr wohl über ihn und seine Leute fällen?«
    »Das weiss ich nicht. Ich muss darüber mit Hadschi Halef sprechen.«
    »Und wo soll es ausgeführt werden?«
    »Da wo wir uns befinden, wenn es gesprochen wird.«
    »Also daheim in meinem Lager!«
    »Warum dort?«
    »Weil ich euch eingeladen habe, uns dortin zu begleiten. Sag, ob ihr uns
diesen Wunsch erfüllen werdet!«
    »Ich bin bereit dazu, damit ihr seht, dass wir nicht so undankbar sind, wie
du zu denken scheinst.«
    »Verzeih mir das! Wir, die wir hier zwischen den Bergen wohnen, achten nicht
auf die künstlichen Regeln der Städtebewohner, nach denen sich ihre Höflichkeit
richtet. Ihr werdet als unsere willkommenen Gäste alles finden, was euch von
nöten ist. Und das, was ihr bei uns über diese Diebe beschliesset, wird von uns
genau so ausgeführt werden, wie ihr es von uns fordert.«
    »So bist du erbötig, die Ausführung unseres Urteils zu übernehmen?«
    »Ja. Nur möchte ich wissen, worin die Strafe bestehen wird. Etwa im Tode?«
    »Nein, keinesfalls.«
    »Was sonst?«
    »Hiebe!«
    Dieses Wort sagte ich nicht, sondern es klang aus Halefs Munde. Er hatte
also gehört, was von uns gesprochen worden war.
    »Hiebe!« wiederholte er, ohne aber die Lage seines Körpers zu verändern.
    »Wieviel?« fragte der Scheik.
    »Jeder zehntausend!«
    »Allah! Das ist zu viel!«
    »Nein, sondern zu wenig!«
    »Das würde doch schlimmer als der Tod sein. Kein Mensch hält zehntausend
Hiebe aus!«
    »Das soll er auch nicht! Und von den beiden, die sich an unseren Pferden
vergriffen haben, bekommt jeder zwanzigtausend!«
    »Höre ich recht?«
    »Ja. Aber wenn es dir zu wenig ist, so will ich sagen - - dreissigtausend!«
    Er richtete sich halb auf, machte mit dem Arme die Bewegung des Schlagens
und sank dann wieder nieder.
    »Allah beschütze ihn!« sagte der Scheik. »Er ist krank; er hat die Suchuna.
Die Glut des heissen Fiebers fliesst ihm durch die Adern!«
    Ich griff nach Halefs Hand, um nach dem Puls zu fühlen. Ja, er fieberte! Der
Scheik fuhr fort:
    »Hoffentlich spricht er anders, wenn das Fieber vorüber ist. Die Diebe
sollen die ihnen gebührenden Schläge bekommen; aber sie durch die Bastonnade
langsam zu Tode zu martern, könnt ihr doch nicht wollen.«
    Ich durfte weder ja noch nein sagen, weil ich mich zu hüten hatte, Halef
aufzuregen, benutzte aber diese Gelegenheit, eine mir nötig scheinende
Vorbereitung zu treffen:
    »Das Urteil wird gefällt werden, wenn wir bei euch angekommen sind. Ihr habt
doch wohl einen Tachtirwan44 im Lager?«
    »Mehrere. Warum fragst du?«
    »Der beiden Verletzten wegen. Es würde unmenschlich sein, sie reiten zu
lassen.«
    Da fiel der Scheik viel schneller, als ich erwartet hatte, ein:
    »Sie sollen im Tachtirwan nach dem Lager gebracht werden?«
    »Ja.«
    »Meinst du, dass ich einen Boten sende?«
    »Ja.«
    »Sogleich?«
    »Je eher desto besser. Wenn es möglich ist, so lass zwei Sänften kommen!«
    Ich hatte es mit einer dieser Sänften auf Halef abgesehen, welcher unmöglich
in den Sattel konnte, wenn sein Zustand der jetzige blieb. Das wusste der Scheik
nicht, und darum wunderte ich mich nicht über das Lob, welches er mir spendete:
    »Die Güte deines Herzens gedenkt sogar, den Feinden grössere Erleichterung zu
bieten, als eigentlich nötig ist. Ein Tachtirwan genügte wohl für beide, doch da
es dein Wille ist, so will ich nach zweien schicken, und zwar sogleich.«
    Er gab einem seiner Leute den betreffenden Befehl, worauf dieser Mann zu
seinem Pferde ging und von dannen ritt.
    »Ich sprach von deiner Güte, nicht von der meinigen,« knüpfte der Scheik das
unterbrochene Gespräch wieder an. »Und doch hätte ich auch von dieser letzteren
reden können. Weisst du, zu welchem Stamm diese Leute gehören, welche euch
bestohlen haben?«
    »Nein.«
    »Sie sind Dschamikun. Allah verdamme sie in die tiefste Hölle hinab!«
    »Sind die Dschamikun Feinde deines Stammes?«
    »Nicht nur Feinde, sondern Todfeinde! Es ist Blut, unaufhörlich Blut
geflossen zwischen uns und ihnen, seit man die Namen dieser beiden Stämme kennt.
Erst kürzlich wieder ist an uns ein Verbrechen begangen worden, welches zu
Allahs höchstem Himmel schreit. Ich will dir nicht jetzt davon erzählen. Du
wirst davon hören, wenn wir heimkommen. Wenn ich solche Leute im Tachtirwan
transportieren lasse, um ihnen Schmerzen zu ersparen, so ist das eine Güte,
welche sich recht wohl mit der deinen messen kann! Vielleicht darf ich in dieser
Angelegenheit auf deinen Rat, wohl gar auf deine Hilfe rechnen.«
    »Wenn wir dir in irgend einer Weise von Nutzen sein können, so werden wir
natürlich sehr gern tun, was wir vermögen. Warum aber willst du mit deiner
Mitteilung warten, bis wir uns morgen in eurem Lager befinden?«
    »Weil du jetzt wahrscheinlich schlafen willst.«
    »Ich pflege nicht gern etwas aufzuschieben. Was man sogleich erfahren kann,
soll man nicht bis später warten lassen.«
    »Das ist die Energie, die jedem Krieger wohl geziemt. Ich bin in dieser
Beziehung ganz so wie du gesinnt. Darum sollst du schon jetzt hören, was ich dir
erst morgen sagen wollte. Wirst du mir glauben, wenn ich dir noch einmal und
ganz bestimmt versichere, dass die Dschamikun sich auf den Raub und Diebstahl
verlegen?«
    »Ich muss es ja glauben, weil sie es persönlich an uns bewiesen haben.«
    »Nicht nur an euch, sondern auch an uns. Sie haben uns erst kürzlich wieder
im tiefsten Frieden überfallen und einen grossen Teil unserer Herden weggeführt.
Ich war mit den meisten meiner Krieger abwesend, um mit einem befreundeten
Stamme ein Fest zu feiern, zu dem uns dieser geladen hatte. Das war von den
Dschamikun beobachtet worden, und darum gelang ihnen der Raub. Sie haben dabei
fünf unserer Wächter getötet. Nun kennst du unsere Pflicht?«
    »Sie lautet nach euren Gesetzen: Blut um Blut!«
    »Ja, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben, Blut um Blut! Auch wollen
wir unsere Herden wieder haben. Du wirst es also begreiflich finden, dass wir
einen Zug der Vergeltung gegen sie beschlossen haben?«
    »Ich halte das nach euern Gesetzen für ganz selbstverständlich. Wann soll er
unternommen werden?«
    »Wir wollten schon morgen früh aufbrechen.«
    »Ah! Das ist nun wohl nicht möglich?«
    »Nein. Die Gastfreundschaft steht selbst über der Pflicht der Rache. Wir
haben euch eingeladen, zu uns zu kommen, und wir müssen euch also zeigen, dass
wir stolz darauf sind, euch bei uns haben zu können. Die Dinarun haben die
Gastlichkeit niemals verletzt, sondern sie stets höher gehalten, als dies von
den anderen in dieser Gegend wohnenden Stämmen geschieht. Ich hoffe, dass ihr uns
die Ehre erweist, euch in jeder Beziehung als unsere Gäste betrachten zu dürfen.
Welche Antwort giebst du mir?«
    Wer die Gebräuche jener Völker nicht kennt, der erwartet natürlich, dass ich
sofort und mit Vergnügen eingestimmt habe. Es schien ja geradezu als eine
liebevolle Fügung des Schicksals betrachtet werden zu müssen, dass diese
Einladung ausgesprochen wurde. Besonders fiel hier der Umstand ins Gewicht, dass
Halef von einer vielleicht schweren und langwierigen Krankheit bedroht war,
welche eine Unterbrechung unserer Reise erheischte, damit ihm die so notwendige
Ruhe und Pflege geboten werden könne. Aber die Sache hatte noch eine andere
Seite, welche ich als vorsichtiger Mann nicht übersehen durfte.
    Nach den Gepflogenheiten der Beduinen ist der »Gast« nämlich nicht etwa, wie
bei uns, nur ein sogenannter »Besuch«, dem man sich zu widmen und alle mögliche
Aufmerksamkeit zu erweisen hat. Er hat nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten,
denn er ist für die Zeit seines Aufentaltes bei dem betreffenden Stamme ein
vollgültiges Mitglied desselben. Ja, noch mehr: Das Wort »Gast« hebt ihn über
die Mitglieder des Stammes empor, und wie sie ausserordentliche Pflichten gegen
ihn zu erfüllen haben, so wird auch von ihm eine grössere als die gewöhnliche
Hingabe an das Wohl und an die Interessen des Stammes gefordert. Der Gast steht
während seines ganzen Aufentaltes in gewisser Beziehung sogar noch über dem
Scheik und hat nicht weniger als dieser an allen Freuden, doch ebenso auch an
allen Leiden seiner Gastgeber teilzunehmen. Er würde als ehrloser Mensch
betrachtet und behandelt werden, wenn er sich von einer Gefahr zurückzöge,
welche denen droht, die ihn bei sich aufgenommen haben.
    Die Frage Nafars hatte also einen zweifachen Klang, eine doppelte Bedeutung
für uns. Sie lautete: »Wollt ihr zu uns kommen und jede Unterstützung finden,
deren ihr bedürftig seid?« Wenn ich hierauf mit einem Ja antwortete, so war es
mir dann unmöglich, zu dem hierauf folgenden Schlusse ein Nein zu sagen: »Wollt
ihr zu uns kommen, um an dem Rachezuge gegen die Dschamikun teilzunehmen?«
    Diese, wenn auch nur sehr kurze Erwägung war der Grund, dass ich nicht
augenblicklich die erwartete Antwort gab. Darum warf mir der Scheik sofort die
etwas pikiert klingenden Worte hin:
    »Du zögerst, anzunehmen? Hältst du uns für Leute, deren Berührung eure Ehre
beschmutzen würde?«
    Diese Frage würde unter andern Verhältnissen wohl auch eine andere Wirkung
hervorgebracht haben; aber es war auf Halef Rücksicht zu nehmen, und wir hatten
den Scheik ja auch schon daran erinnert, dass wir seine Gäste seien. Das konnten
wir unmöglich zurücknehmen, und darum sagte ich in beruhigendem Tone:
    »Man soll zwar rasch denken, aber nicht zu schnell sprechen, o Scheik! Ihr
habt bisher als Freunde an uns gehandelt, und ich bin überzeugt, dass ihr das
auch weiter tun werdet. Warum sollte ich euch misstrauen? Warum an eurer
Ehrlichkeit zweifeln? Als ich nicht augenblicklich antwortete, hatte das einen
ganz andern Grund.«
    »Welchen?«
    »Ich fragte mich, ob es uns wohl erlaubt sei, euch in der Weise zu
belästigen, wie es geschehen wird, wenn wir darauf eingehen, für längere Zeit
als nur heute eure Gäste zu sein.«
    »Belästigen?« wiederholte er mein Wort.
    »Ja.«
    »Ich weiss, dass du ein Christ bist. Wahrscheinlich kennst du die Forderungen
unseres Kuran nicht?«
    »Ich kenne nicht nur ihn, sondern auch alle seine Auslegungen.«
    »So musst du auch wissen, dass ein Gast niemals belästigen kann! Allah zu
gehorchen, ist das oberste der himmlischen Gesetze und den Gast zu ehren, die
oberste der irdischen Vorschriften. Wir gehorchen Allah, und wir ehren unsere
Gäste. Hoffentlich genügt es dir, dass ich dir dies versichere!«
    Ich muss gestehen: Es lag in dem Wesen, in der Ausdrucksweise und in dem
ganzen Verhalten dieses Mannes etwas, wodurch meine erst für ihn gehegte
Sympatie verringert worden war. Ich konnte dieses Etwas zwar nicht definieren,
aber es war vorhanden und übte eine mich zur Zurückhaltung mahnende Wirkung auf
mich aus. Aber die Umstände verboten mir, dies in Worten auszudrücken. Darum
antwortete ich:
    »Es bedarf dieser Versicherung gar nicht. Aber als Gäste geehrt sein zu
wollen und dazu auch noch ganz besondere Opfer beanspruchen zu wollen, das
schien mir denn doch zu viel von euch verlangt.«
    »Für einen Gast etwas zu tun, kann nie ein Opfer sein. Welche Belästigungen
sind es, die du meinst?«
    »Schau hin zu meinem Hadschi Halef, dem Scheik der Haddedihn! Ich vermute,
dass eine Krankheit sich ihm naht, welche im stande ist, euch ungewöhnliche Sorge
und Arbeit zu bereiten. Meine Gewissenhaftigkeit gebietet mir die Frage, ob es
uns gestattet ist, diese Last auf euch zu legen.«
    »Es ist für uns keine Last; wir werden ihn wie einen Bruder pflegen. Und
wenn die Krankheit, von welcher du sprichst, wirklich käme, so bist ja du gesund
und - - und -«
    Er zögerte, weiter zu sprechen. Wahrscheinlich hatte er einen Gedanken, den
ich nicht erraten sollte, wenigstens jetzt noch nicht. Ich vermutete, dass der
Satz, wenn er ausgesprochen worden wäre, wahrscheinlich folgendermassen gelautet
hätte: »Wir haben zwar auf eure beiderseitige Hilfe gerechnet, aber falls Halef
krank wird, bist ja du noch da, und auf dich rechnen wir dann ganz bestimmt!«
Ich fand nicht Zeit, hierüber weiter nachzudenken oder den Scheik zu
veranlassen, sich vollständiger und deutlicher auszudrücken, denn kaum hatte er
diese Pause eintreten lassen, so begann der bisher bewegungslos daliegende
Hadschi plötzlich sich zu regen, und zwar in höchst energischer Weise. Er
wickelte sich aus seiner Decke heraus, sprang auf, stellte sich vor mich hin und
fragte in einem Tone, der auf nichts weniger als auf Kranksein schliessen liess:
    »Was hast du da gesagt, Sihdi? Ich habe alles gehört! Denkst du wirklich und
im Ernste an die Möglichkeit, dass ich krank sein werde?«
    »Ja,« antwortete ich aufrichtig.
    »Was für eine Krankheit wird das sein? Welchen Namen giebst du ihr?«
    »Ich sehe sie jetzt nur von weitem. Erst wenn sie da ist, kann ich sie
erkennen und dir ihren Namen sagen.«
    »Also von weitem! O Sihdi, wie enttäuschest du mich! Ich habe dich für klug
gehalten, und sehe nun, dass du dies gar nicht bist!«
    »Danke, lieber Halef!«
    »Bitte! Fasse doch diesen deinen Gedanken an; stelle ihn vor dich hin und
schau ihm in das lügnerische Angesicht! Du siehst meine Krankheit jetzt nur von
weitem. Sie ist also noch gar nicht da. Muss ich ihr denn erlauben, vollends
heranzukommen und in meinen Körper einzuziehen, um es sich in demselben wie in
einem festlich geschmückten Zelt bequem zu machen?«
    »Wenn sie will, wird es geschehen!«
    »Will, will, will! Auch ich habe meinen Willen, und was ich will, das pflege
ich durchzusetzen. Jede Krankheit ist Schwäche. Auch die, welche du von weitem
kommen siehst, kann gar nichts anderem gleichen, als einem alten, schwachen,
elenden Weibe, welches keinen Zahn mehr im Munde hat. Und ich, der berühmte,
tapfere Scheik der Haddedihn, der selbst dem Löwen nie den Rücken zeigte, soll
mich vor einem solchen Geschöpf der Schwäche fürchten? Ich sage dir: Ich lasse
diese Krankheit nicht heran! Ich weise sie ab! Ich lache sie aus! Du selbst hast
mich gelehrt, was ein fester Wille kann, und wie fest und unerschütterlich der
meinige ist, das muss ich doch wohl am allerbesten wissen!«
    »Halef, bitte, gieb mir deine Hand!«
    »Warum?«
    »Gieb sie nur!«
    »Wozu? Ist's etwa wegen deines Dass innabd45?«
    »Ja.«
    »Das kann ich selbst!«
    Er legte den Daumen der rechten Hand an die Ader oberhalb des linken
Handgelenkes, hielt beides an das Ohr, lauschte eine kleine Weile und fuhr dann
fort:
    »Ich höre nichts, gar nichts; es ist also alles in der schönsten Ordnung!
Denn wäre etwas Fremdes in der Ader, so müsste es sich doch bemerklich machen!«
    »Man darf nicht hören, sondern fühlen!«
    »Das ist ganz gleich, denn ich habe auch nichts gefühlt. Und dieses Gefühl
müsste ich doch deutlicher haben als jeder andere, der nicht nach seinem, sondern
nach meinem Pulse greift!«
    Ich wollte da eine erklärende Bemerkung machen, doch liess er mich nicht zum
Worte kommen und fügte schnell hinzu:
    »Ich weiss, Sihdi, dass es deine Liebe ist, welche dich so besorgt um mich
macht. Aber ich will dir beweisen, dass deine Gedanken auf einem ganz verkehrten
Wege spazieren gehen. Ich frage dich: Ist das Negris46 eine Krankheit?«
    »Ja.«
    »Wenn dieses Negris in meiner grossen Zehe sitzt, fühlst du es dann etwa in
der deinigen?«
    »Nein.«
    »Ganz recht! Du bist geschlagen! Du bist überführt! Du musst erkennen, dass du
unrecht hast! Das Negris tut nur dem wehe, der es hat, keinem andern. Nur wer
die Schmerzen fühlt, weiss, dass er ihr rechtmässiger Eigentümer und Besitzer ist!
Und ganz genau so ist es auch bei allen übrigen Krankheiten. Ich fühle mich
gesund, vollständig kerngesund! Aber ich bekomme Angst um dich, Sihdi!«
    »Warum?«
    »Weil du es bist, der meine Krankheit fühlt und sieht. Sie ist also nicht
die meinige, sondern die deinige! Darum befürchte ich sehr, dass wir die
Gastfreundschaft dieser guten Dinarun nötig haben, um dich wieder gesund pflegen
zu können!«
    Wer da meinte, diese Worte seien im Fieber oder aus Unverstand gesprochen
worden, der hätte sich geirrt. Ich begriff den lieben, kleinen Kerl sehr wohl.
Er machte den Ernst zum Scherze, um mich zu beruhigen, doch gelang es ihm
freilich nicht, mich zu täuschen.
    »Ihr nehmt es also an, unsere Gäste zu sein?« fiel da der Scheik schnell
ein.
    »Ja,« antwortete Halef. »Denn wir brauchen vielleicht einige Zeit, um dem
alten, zahnlosen Weibe, welches mein Sihdi von weitem kommen sieht, begreiflich
zu machen, dass es sich weder schickt noch ziemt, mit Leuten zu verkehren, wie
wir beide sind. Und während dieser Frist sind wir natürlich gern bereit, euch so
nützlich zu sein, wie es die Pflicht eurer Gäste ist.«
    Das war es, was der Scheik hören wollte. Er zauderte nicht, Halef beim Worte
zu nehmen:
    »Auch gegen die Dschamikun?«
    »Jawohl. Das ist's ja grad, was ich meine!«
    Da war das Wort hinaus, welches auszusprechen ich gezögert hatte! Zwar hätte
ich Halef in die Rede fallen können; aber das wäre auffällig gewesen, und, wie
bereits gesagt, es blieb uns keine Wahl. Die Schnellfertigkeit des Hadschi hatte
in diesem Falle keinen Fehler begangen, sondern nur etwas eher zugestanden, was
ich, der Bedächtigere, später doch auch nicht hätte verweigern können. Das
Versprechen musste dem Scheik wertvoll sein, denn er verbeugte sich gegen uns
beide, hob die Hände bis zur Brust empor und sprach:
    »So ist der Bund zwischen euch und uns geschlossen. Eure Feinde sind auch
unsere Feinde und unsere Freunde sind auch eure Freunde. Wir wollen das Brot
darüber essen!«
    Er zog ein Stückchen dünnen Brotfladen aus der Tasche seines Haïk, brach es
in drei Teile, schob den seinigen in den Mund und gab uns die beiden anderen. Da
war nichts anderes zu tun; wir mussten sie nehmen und essen, worauf wir uns in
jeder Beziehung als Dinarun zu betrachten hatten.
    Halef war nicht nur vollständig damit einverstanden, sondern er freute sich
sogar darüber. Er ging um das Feuer, zu dem Scheike hin, reichte ihm die Hand
und sagte:
    »Ich habe vorhin nicht etwa geschlafen, sondern alles vernommen, was du
erzähltest. Ihr habt uns heut beigestanden, diesen Dschamikun alles, was sie uns
raubten, wieder abzunehmen. Nun werden wir euch beistehen, eure Herden wieder zu
bekommen und den Tod eurer Wächter zu rächen. Zwar sind wir nur zwei Personen,
aber - - -«
    Da unterbach ihn Nafar:
    »Aber ihr zählt für viele. Das wissen wir wohl! Solchen Gewehren, wie ihr
sie besitzt, kann kein Feind widerstehen, und ebensowenig kann, wenn ihr eure
Pferde reitet, ein Fliehender euch entkommen. Vielleicht ist die Krankheit, von
welcher ihr redet, eine Täuschung. In diesem Falle könnten wir schon morgen oder
doch übermorgen aufbrechen, um den Dschamikun die wohlverdiente Strafe zu
erteilen!«
    »Ich bin schon morgen bereit dazu,« erklärte Halef, »und mein Sihdi ganz
gewiss ebenso! Ihr werdet es nicht bereuen, uns getroffen und hierher begleitet
zu haben. Doch ehe wir morgen aufbrechen, muss über diese Diebe hier das Wort des
Gerichtes ausgesprochen werden. Es hat mich gewundert, dein Herz so mild gegen
sie zu sehen, besonders, nachdem du uns gesagt hast, dass sie zu demselben Stamm
gehören, an welchem auch ihr euch zu rächen habt.«
    Halef sprach diese Bemerkung gewiss ganz absichtslos aus, doch schien es mir,
als ob sie dem Scheik nicht recht gelegen komme. Er antwortete nicht. Da hielt
ich es denn für nicht unklug, diesen Eindruck durch die direkt an ihn gerichtete
Frage zu verstärken:
    »Als diese zwölf Männer euch heut begegneten, habt ihr denn nicht mit ihnen
gesprochen?«
    »Nein,« antwortete er. »Das sagte ich euch doch schon.«
    »Warum habt ihr sie denn nicht angehalten?«
    »Weshalb hätten wir dies tun sollen? Wir kannten euch noch nicht, hatten
also noch keinen Bund mit euch geschlossen und wussten ebensowenig, dass ihr von
ihnen beraubt worden waret.«
    »Habt ihr sie denn nicht als Dschamikun erkannt?«
    »Nein!« antwortete er auffällig schnell.
    »Sonderbar! Dieser Stamm hat euer jetziges Lager überfallen?«
    »Ja.«
    »Und hierauf wagten sich zwölf einzelne seiner Leute so nahe an dieses
heran? Diese Dschamikun scheinen nicht nur kühne, sondern sogar verwegene
Krieger zu sein.«
    »Das sind sie allerdings!«
    »Und du wünschest eine so gelinde Strafe für sie! Wenigstens als Geisel
hättest du sie von uns fordern sollen!«
    »Das ist es, was ich noch tun werde. Ihr Schicksal ist ja noch gar nicht
entschieden!«
    Er sah mich forschend an. Er mochte fühlen, dass ich nicht ohne Misstrauen
sei. Dann fuhr er fort:
    »Ich wünschte ja nur deshalb, sie nur leicht von euch bestraft zu sehen,
damit sie mir für eine schwere Sühne übrigbleiben. Freigelassen werden sie auf
keinen Fall!«
    »So können wir befriedigt sein, Sihdi,« meinte Halef, indem er an seinen
Platz zurückkehrte, um sich niederzulegen. »Wir haben wieder, was uns fehlte.
Mit der Strafe brauchen wir ja nicht zu eilen. Damit hat es auch Zeit, bis wir
von dem Zuge gegen die Dschamikun zurückkehren. Und da wir ihn, wie ich denke,
schon morgen antreten werden, so brauchen wir jetzt Ruhe. Wir wollen also
schlafen. Gute Nacht!«
    »Gute Nacht!« sagte auch Nafar Ben Schuri, indem er sich niederlegte.
Vielleicht war es ihm recht lieb, jetzt nicht weitersprechen zu müssen.
    Auch ich streckte mich unter meiner Decke aus, doch nur, um zu tun, als ob
ich schlafen wolle. Selbst wenn es nicht meine Absicht gewesen wäre, die ganze
Nacht wach zu bleiben, hätte ich jetzt doch nicht schlafen können. Sie gaben mir
ja beide mehr als genug zu denken, Halef sowohl wie auch der Scheik der Dinarun.
Ich schrieb das plötzliche Aufspringen des ersteren und seine eifrige Teilnahme
am Gespräche dem Fieber zu. Er hatte, anstatt mich zu beruhigen, meine Sorge um
ihn nur vergrössert. Und diese Sorge wurde nicht geringer, wenn ich an Nafar Ben
Schuri dachte.
    Ich bin von jeher so herzlich gern ein dankbarer Mensch gewesen. Vielleicht
ist es einer meiner grössten Fehler, das Gute, welches mir erwiesen wird, in der
Weise zu vergrössern, dass der, welcher es tat, mich für seinen ewigen Schuldner
halten muss. So zählte ich auch jetzt im stillen alles auf, was wir heut dem
Zusammentreffen mit den Dinarun zu verdanken hatten. Ich verkleinerte nichts und
suchte, möglichst viel zusammenzufinden; aber trotzdem wollte es mir nicht
gelingen, es zu einem klaren, reinen, fest überzeugten Gefühle der Dankbarkeit
zu bringen. Warum das nur? Ich wollte gern lieb und gut über diese Leute denken,
aber ich brachte das nicht fertig. Es gab einzelne Beobachtungen, und es gab
auch Worte, welche an sich vielleicht ganz unverfänglich waren, aber dadurch,
dass ich sie zusammenhielt und miteinander verglich, eine für mich unwillkommene
und unerwünschte Bedeutung bekamen. Ja, wir waren am gestrigen Nachtlager
beraubt worden und hatten die erlittenen Verluste wieder zurückgewonnen. Nun
hätte ich ruhig sein können. Aber ich war es nicht. Es lag ein Ahnen, ein
Fühlen, ein Empfinden in mir, als ob der von uns erlittene Schaden doch noch
nicht ersetzt worden sei, oder als ob uns ein anderer, neuer Nachteil getroffen
habe, der erst später und viel schwerer auszugleichen sei. Solche innere Stimmen
scheinen zunächst undeutlich und unbestimmt zu sprechen, aber dann, wenn ihre
Warnung zur Wahrheit wird, ist man gezwungen, einzusehen, dass man sie bei etwas
grösserem Vertrauen gar wohl verstanden hätte.
    Es war kein Befehl gegeben worden, das Feuer zu unterhalten. Darum ging es
nach und nach aus. Ich tat nichts, dies zu verhindern, denn der Himmel stand
voller Sterne, und der Schein, welchen sie herniedersandten, war hell genug für
mich, die Gefangenen zu beobachten. Es bewegte sich nur selten einmal einer von
ihnen, und dann auch nur, um sich von der einen Seite auf die andere zu wenden.
Des Gedankens, sich von den Fesseln zu befreien und zu fliehen, schien keiner
fähig zu sein.
    Halef schlief. Ja, er schlief wirklich, fest und ruhig. Sein Atem ging
regelmässig. Das machte mir Hoffnung. Vielleicht hatte ich doch zu schwarz
gesehen. Manchmal freilich ging ein Schauer über seinen Körper und dann bewegte
er sich, als ob er im Begriff stehe, aufzuwachen. Das konnte aber auch von der
nächtlichen Kälte sein, weil, wie bereits erwähnt, in Persien die
Wärmeunterschiede zwischen Tag und Nacht ganz bedeutend und viel grösser sind als
bei uns.
    Erst gegen Morgen wachte er auf, und da fror es ihn allerdings so, dass er
sich schüttelte. Es war schon hell, und so sah er, dass ich munter war.
    »Du hast auch schon die Augen offen, Sihdi?« fragte er. »Die Dinarun
schlafen noch, obgleich es Zeit zum Morgengebete ist. Ich werde mich also
waschen gehen.«
    Ich hätte ihn gern gebeten, dies heut nicht zu tun, wusste aber, dass dies
vergeblich sein würde. Er stand auf und ging an dem Wasser entlang, bis er
hinter einigen Büschen verschwand, um dort seine Morgenandacht zu verrichten.
Sein Gang war fest, seine Haltung sicher gewesen. Das beruhigte mich in der
Weise, dass ich die Augen schloss, um schnell noch ein Viertelstündchen Schlaf
hinwegzunehmen. Wie gedacht, so geschehen: Ich schlief wirklich sofort ein und
wachte nicht eher auf, als bis ich von dem Lärm des Aufbruches erweckt wurde.
    Niemand wusste, dass ich die Nacht hindurch gewacht hatte. Darum nahm ich es
dem Scheik nicht übel, als er mich scherzweise einen Langschläfer nannte. Der
abgeschickte Bote war schon mit den beiden Tachtirwans angekommen. Man hatte das
frugale Frühstück eingenommen. Auch ich trank einige Schluck Wasser aus dem
Bache und ass ein paar Datteln, wobei ich meinen Halef beobachtete, welcher still
auf seiner Decke sass, starr vor sich hinblickte und für niemand, auch nicht
einmal für mich ein Auge zu haben schien. War es so schnell anders mit ihm
geworden?
    »Halef!« rief ich ihn.
    Er antwortete nicht.
    »Halef! Hörst du mich?«
    Er nickte nur, sagte aber nichts und drehte sich auch nicht nach mir um.
    »Ist dir nicht wohl?« fragte ich.
    »Lass mich!« bat er jetzt mit gedrückter Stimme. »Sprich nicht auf mich!«
    »Warum nicht?«
    »Ich kann nicht antworten. Ich bin so müde, so matt, so unendlich matt!«
    Da ging ich hin und beugte mich zu ihm nieder. Er legte den Arm um meinen
Hals und sagte:
    »Sihdi, mein lieber, lieber Sihdi, wie denkst du über das Sterben?«
    »Ich denke, dass wir beide noch recht, recht lange darauf warten werden,«
antwortete ich.
    »Meinst du? Mir aber ist, als ob es sofort beginnen solle. So wie mir jetzt
ist, muss es einem sein, der sterben soll!«
    »Denke nicht daran! Es ist nichts als Müdigkeit.«
    »Aber eine so grosse, wie ich sie noch nie empfunden habe! Wenn ich mich
nicht legen soll, so muss ich dich bitten, mich festzuhalten, damit ich nicht
umfalle.«
    Soeben wurden die gefesselten Gefangenen auf ihre Pferde gebracht. Die
beiden Verwundeten wollte man in die Tachtirwans bringen. Da gab ich dem Scheik
die Weisung:
    »Die zwei Gefangenen kommen miteinander in eine Sänfte!«
    »Für wen ist die andere?« fragte er.
    »Für Hadschi Halef.«
    »Für den Scheik der Haddedihn?« gab er verwundert zurück. »Wie kann jemand,
der ein solches Pferd besitzt wie er, auf den Gedanken kommen, wie ein Weib in
eine Sänfte zu steigen!«
    »Er ist krank. Er kann nicht reiten.«
    Da nahm Halef seinen Arm von meinem Halse, sprang mit einem schnellen,
kräftigen Rucke auf, sah mir mit funkelndem Auge in das Gesicht und rief zornig
aus:
    »Sihdi, bist du toll? Hast du plötzlich die Gabe deines Verstandes
verloren?«
    Ein einziger Augenblick hatte genügt, ihn in ein Bild der höchsten Energie
zu verwandeln.
    »Nein,« antwortete ich. »Ich bin sogar sehr bei allen meinen Sinnen.«
    »Das kannst du unmöglich sein, wenn du mir zumutest, nicht zu reiten,
sondern mich tragen zu lassen!«
    »Es muss sein, lieber Halef. Füge dich!«
    »Das fällt mir nicht ein. Soll ich zum Gelächter aller Menschen werden, die
es gegeben hat, die es jetzt gibt und auch die es einst noch geben wird?«
    »Nein. Die Krankheit ist doch nicht etwas, worüber man zu lachen hat!«
    »Aber der Tachtirwan. Uebrigens bin ich ja gar nicht krank!«
    »Und soeben fühltest du dich zum Umfallen schwach!«
    »Jetzt nicht mehr. Das ist vorüber!«
    »Es wird wiederkommen!«
    »Nein! Dein altes Weib, welches keine Zähne mehr hat, werde ich mir vom
Leibe zu halten wissen!«
    Es war die Erregung des Stolzes, die ihm die Kraft gegeben hatte,
aufzuspringen. Er griff mit beiden Händen nach dem Kopfe. Es schwindelte ihm.
    »Sei gut, Halef!« bat ich.
    »Ich bin ja gut! Gegen dich kann ich doch gar nicht anders sein!«
    »Jetzt bist du es nicht. Du weisst, dass ich dich nie um etwas bitte, was
nicht nötig ist.«
    »So machst du gegenwärtig eine Ausnahme. Das, was ich tun soll, ist
vollständig überflüssig!«
    »Streiten wir uns nicht hierüber! Kannst du dich noch besinnen, dass du mir
eines Tages etwas schenken wolltest und doch nichts hattest?«
    »Ja. Das war zu deinem Geburtstage.«
    »Du warst traurig darüber, dass du mir nichts geben konntest. Besinne dich!
Was sagtest du da zu mir?«
    »Ich bat dich, mir es zu sagen, wenn du einmal einen recht, recht grossen
Wunsch haben würdest. Ich versprach, ihn dir zu erfüllen.«
    »Ja, und zwar unbedingt zu erfüllen! Nun, diesen Wunsch habe ich jetzt
ausgesprochen, und ich wiederhole ihn! Steig in den Tachtirwan!«
    »So forderst du das von mir als nachträgliches Geburtstagsgeschenk?«
    »Ich fordere es nicht, sondern ich erbitte es mir. Sei brav; sei willig,
lieber Halef!«
    »O, mein guter, guter Sihdi, wenn du in diesem Tone mit mir redest, kann ich
dir nicht widerstehen! Aber, hast du gehört, was der Scheik sagte?«
    »Denke nicht daran!«
    »Er sagte: Wie ein Weib in die Sänfte steigen! Wenn ich es tue, gebe ich
meine ganze Würde hin!«
    »Nein!«
    »Doch! Die Würde des Mannes, die Würde des Kriegers und die Würde des
Scheikes!«
    »Diese drei Würden werden dir bleiben; aber die Würde meines Freundes würde
verloren gehen, wenn du es nicht tätest.«
    »So tue ich es. Aber mein Gewehr und alles, was zum Manne gehört, muss ich
mitnehmen dürfen!«
    »Selbstverständlich! Ich danke dir!«
    »Und du hebst mich hinein. Es soll mich kein anderer anfassen als nur der
allein, dem zuliebe ich es tue!«
    »Gern. So komm!«
    Ich war ihm behilflich, einzusteigen, und gab ihm dann seine Waffen hinauf.
Als dies geschehen war, kam der Scheik zu mir. Er hatte gespannten Auges
zugesehen und fragte nun:
    »Sihdi, wer wird jetzt das Pferd Halefs reiten?«
    »Niemand,« antwortete ich, von seiner Frage nicht etwa angenehm berührt.
    »Würdest du es mir nicht für diese kurze Zeit erlauben?«
    »Nein.«
    »Sihdi, bedenke, dass wir Brüder sind! Du bist mein Gast!«
    »Das weiss ich. Und eben weil ich es weiss, darf ich dir deinen Wunsch nicht
erfüllen.«
    »Du darfst nicht? Oder willst du nicht?«
    »Ich darf nicht.«
    »Warum?«
    »Das Pferd würde dich abwerfen.«
    »Du brauchst ihm ja nur das Zeichen zu geben, so wird es dies nicht tun!«
    »Aber dieses Zeichen ist ein Geheimnis, und die Geheimnisse eines
Vollblutpferdes werden selbst dem bestem Freunde, dem Bruder, dem Gaste nicht
verraten. Das musst du wissen. Grad weil ich dein Gast bin, ist es deine heilige
Pflicht, nichts von mir zu fordern, was ich dir nicht gewähren kann. Die
Auslegung des Kuran sagt: Wer das Antlitz seines Gastes durch eine unerfüllbare
Bitte schamrot macht, ist nicht wert, Gäste zu haben. Das scheinst du nicht zu
wissen!«
    Nachdem ich ihm diese Lehre, und zwar im ernstesten Tone, erteilt hatte,
wendete ich mich von ihm ab. Es war mir mehr als unangenehm, ja, es machte mich
bedenklich, immer wieder zu bemerken, dass er danach trachtete, die Geheimnisse
unserer Pferde zu erfahren. Ich bestieg meinen Assil und nahm Barkh am Zügel, um
ihn neben mir hergehen zu lassen. Der Scheik musste es hinnehmen, dass ich ihn von
jetzt an nicht mehr beachtete. Ich wagte dabei nichts, denn im Besitze unserer
Hengste und unserer Gewehre hatten wir, so lange wir Vorsicht übten, die ganze
Schar dieser Beduinen nicht zu fürchten. Und dass der Scheik dies wusste, das war
aus seinem Verhalten mit Sicherheit zu schliessen.
    Es war ein schöner, frischer Ritt in den jungen, kühlen Morgen hinein. Dann
später, als die Sonne über den östlichen Bergen erschien, wurde es schnell warm.
Wir hatten nicht unsere gestrige Richtung rückwärts eingeschlagen, sondern wir
ritten den Weg, auf welchem der Bote die von ihm geholte Hilfe gebracht hatte.
Ich achtete aber weniger auf die Gegend als auf Halef, den ich während der
ersten Zeit nicht sah, weil er in dem Grunde der Sänfte lag. Doch später setzte
er sich auf und liess sein Gesicht erscheinen, um nach mir auszuschauen. Als er
mich an seiner Seite sah, nickte er mir lächelnd zu und sagte:
    »Sihdi, das alte Weib ist wieder fort. Ich bin so munter, dass ich gern
aussteigen und lieber reiten möchte.«
    »Ich bitte dich aber, sitzen zu bleiben,« antwortete ich ihm.
    »Meinst du, dass sie wiederkommt?«
    »Ja«.
    »Ich glaube es nicht. Die Schwäche ist heraus!«
    »Nein, sie steckt noch drin. Sie wird vielleicht sogar noch grösser werden.«
    »Du irrst, Sihdi. Ich sehe ja, dass sie heraus ist.«
    »Du siehst es? Wieso?«
    »Ich habe sie jetzt aussen auf der Brust.«
    Diese Worte erschreckten mich, obgleich ich so etwas erwartet hatte. Ich
verstand ihn gleich; ich wusste, was er meinte. Wenn es sich um Petechien
handelte, so hatte ich das Richtige befürchtet: Halef war typhuskrank.
    »Hast du Flecken auf der Brust?« fragte ich.
    »Ja, Sihdi.«
    »Wie sehen sie aus?«
    »Ich war bei Kindern, welche an der Chassba47 litten. Das ist eine
Krankheit, welche die Haut zu färben pflegt. Genau von dieser Farbe sind die
Flecken, die ich jetzt bei mir bemerke.«
    Mit diesen Worten hatte er das Kennzeichen des Petechialtyphus angegeben.
Dass gewisse Beobachtungen, welche ich seit gestern an ihm gemacht hatte, nicht
genau mit den Symptomen dieser Krankheit übereinstimmten, konnte mich nicht
beirren. Jedes Leiden pflegt nebenbei seine individuellen Erscheinungen zu
haben. Ich wusste nun, dass es sich möglicherweise um das Leben Halefs handeln
konnte, dass die grösste Schonung, die sorgfältigste Pflege geboten war und dass
ich selbst im günstigen Falle an eine Genesung vor Ablauf eines Monates nicht
denken durfte. Was das heisst, wenn man sich dabei in fremder Gegend und unter
halbwilden Menschen befindet, kann man sich unschwer denken!
    »Du bist so still! Worüber denkst du nach?« fragte er nach einiger Zeit, in
welcher ich nicht gesprochen hatte.
    »Ich fragte mich nach dem Lager dieser Dinarun. So gute, geräumige und
bequeme Zelte wie unsere Haddedihn werden sie wohl nicht besitzen.«
    »Nein, solche nicht, Sihdi! Die gibt es nur bei uns! Aber das erwarte ich
gar nicht. Wozu auch Zelte? Wir bleiben doch höchstens nur einige Stunden dort,
weil schon heut gegen die Dschamikun aufgebrochen wird.«
    »Das halte ich nicht für so bestimmt wie du.«
    »Es ist bestimmt. Du weisst ja, dass ich es dem Scheik versprochen habe, und
was ich verspreche, das halte ich!«
    »Aber ich? Habe ich es auch versprochen?«
    »Nein. Doch mein Wort gilt natürlich auch als das deinige, und ich hoffe,
dass du mich nicht Lügen strafen lässest!«
    Hierauf sah ich ihn nicht mehr. Er hatte sich wieder niedergelegt. Die
Schwäche war also doch zurückgekehrt!
    Von nun an geschah nichts Erwähnenswertes, als dass einer der Dinarun
voranritt, um unsere Ankunft zu melden. Der Scheik befand sich, wie gestern, an
der Spitze des Zuges, und da er es vermied, zu mir zu kommen, hatte ich noch
viel weniger Veranlassung, ihn da vorn aufzusuchen. Ich konnte mich des
Gedankens nicht erwehren, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn wir ihn
und seine Leute gar nicht getroffen hätten. Es wäre uns wahrscheinlich auch ohne
ihre Hilfe gelungen, wenn auch nicht so schnell und mühelos, unsere Absicht
durchzusetzen.
    Nach einigen Stunden gab es wieder Büsche. Wir befanden uns also nicht mehr
in wasserloser Gegend, wie vom heutigen Aufbruche an, und ich vermutete, dass wir
nun nicht mehr fern dem Ziele seien. Diese Mutmassung bewährte sich als richtig.
Ich sah einen Reitertrupp erscheinen, welcher uns entgegenkam, und nun hielt es
der Scheik endlich für geboten, sein Pferd so lange anzuhalten, bis wir ihn
erreicht hatten. Dann deutete er mit der Hand vorwärts und sagte:
    »Sihdi, da nahen Krieger meines Stammes, um euch willkommen zu heissen. Wirst
du erlauben, dass sie euch mit dem gebräuchlichen Lab el Barud48 empfangen? Eine
Fantasia, die wir euch als so lieben Gästen schuldig sind, wird abgehalten
werden, sobald wir uns im Angesichte des Lagers befinden.«
    Das Lab el Barud besteht gewöhnlich in einer tollen Schiesserei, bei welcher
sehr viel Pulver verschwendet wird. Bei der Fantasia werden allerlei
Reiterkünste gezeigt. Beides hat den Zweck, den Gast zu ehren und ihm zu zeigen,
dass die, welche ihn empfangen, als gute Reiter und Schützen seiner Achtung
würdig sind.
    Ich hätte dem kranken Hadschi diesen Lärm wohl gern erspart, damit aber
wahrscheinlich die Dinarun beleidigt, und da durch die Ausführung dieser
Gebräuche das gegenseitige Gast- und Freundschaftsverhältnis bestätigt wird, so
hielt ich es in Hinsicht auf unsere Sicherheit für geraten, meine Zustimmung zu
erteilen.
    Als ich dies getan hatte, gab er den Nahenden mit dem erhobenen Arme ein
Zeichen, worauf sie im Galopp herangesprengt kamen, uns einige Male im Kreise
umritten und unter wildem Schreien aus ihren langen Flinten wiederholte Salven
und einzelne Schüsse abgaben. Dann sammelten sie sich hinter uns, um sich uns
anzuschliessen.
    »Bist du mit diesem Empfange zufrieden?« fragte mich der Scheik im
Weiterreiten.
    »Ja,« antwortete ich. »Wir danken euch!«
    »Ich glaubte, du habest deine Erwartungen nicht erfüllt gesehen.«
    »Warum?«
    »Weil du mit keinem einzigen Schusse diesen Empfang erwidert hast.«
    Das war ein Vorwurf, der mir nicht gefiel, und dem eine versteckte Absicht
zu Grunde liegen musste. Und diese Absicht konnte sich nur auf die gastliche
Treue beziehen. Das wurde mir von jenem Misstrauen gesagt, welches sich nun
einmal nicht in mir niederdrücken lassen wollte und jetzt wieder seine warnende
Stimme erhob. Darum antwortete ich:
    »Du weisst, o Scheik, dass wir weder Knaben, noch Neulinge, sondern erfahrene
Männer sind. Wir wissen ganz genau, was so ein Lab el Barud zu bedeuten hat. Aus
euren Gewehren hat die Stimme der Gastfreundschaft gesprochen. Diese Schüsse
waren eure Versicherung, ja euer Schwur, dass ihr euch Mühe geben werdet, alle
eure Pflichten gegen uns zu erfüllen.«
    »Weiter nichts?« fragte er.
    »Nein.«
    »Du irrst! Durch diese Schüsse richteten wir auch die Frage an euch, wie es
mit den Pflichten stehe, die ihr gegen uns auf euch genommen habt.«
    Da hielt ich mein Pferd an, fasste den Zügel des seinigen, dass es auch
stehenbleiben musste, richtete mich im Sattel auf, sah ihm grad und forschend in
das Gesicht und sagte:
    »Das würde eine Beleidigung für uns sein!«
    »Nein!« behauptete er.
    »Doch!«
    »So bitte ich dich, es mir zu erklären!«
    »Es sollte dieser Erklärung gar nicht erst bedürfen! Die Gastfreundschaft
ist zwischen euch und uns bereits geschlossen. Ihr habt uns euer Wort gegeben
und dafür das unserige erhalten. Ist das so?«
    »Ja,« gestand er ein.
    »Haltet ihr uns für Lügner?«
    Als ich meinem Blick hierbei einen drohenden Ausdruck gab, senkte er den
seinen und antwortete:
    »Nein. Ich gebe dir die Versicherung, dies ganz und gar nicht gemeint zu
haben!«
    »Das ist es, was ich wissen wollte! Wenn wir unser Wort geben, so halten wir
es unter allen Umständen. Es bedarf bei uns keiner weiteren Versicherung durch
irgend eine Tat oder gar durch ein blosses Spiel, bei welchem wir gezwungen
wären, unsere Munition zu vergeuden, die viel kostbarer als die eure ist.«
    Ich machte eine Pause, um den nächsten Worten eine erhöhte Bedeutung zu
geben, und fuhr dann fort:
    »Oder sollte es dir vielleicht so ausserordentlich wichtig sein, zu sehen,
wie unsere Gewehre beim Schiessen gehandhabt werden müssen? Wir schiessen niemals
im Spiele, sondern stets nur dann, wenn der Ernst uns dazu zwingt, wenn wir uns
verteidigen müssen. Aber dann sitzt jeder Schuss; das kannst du mir gut glauben!
Wenn ihr es für notwendig gehalten habt, euren Worten durch eure Schüsse grössere
Glaubhaftigkeit zu verleihen, so sage ich dir, dass wir so etwas nicht nötig
haben, weil unsere Worte Taten sind, die nicht erst noch besonders bestätigt zu
werden brauchen! Und nun frage ich dich: Sind wir im vollsten Sinne des Wortes
eure Gäste oder nicht?«
    »Ihr seid es,« versicherte er, indem er mir die Hand herüber hielt.
    Es war ihm anzusehen, dass er sich beschämt fühlte. Vielleicht gab es in
seinem Innern auch noch etwas anderes als diese Scham allein. Ich schlug ein,
gab sein Pferd frei und sprach, indem wir nun weiter ritten:
    »Du weisst nun ganz genau, wie wir über die Heiligkeit und Verletzlichkeit
des gegebenen Wortes denken. Fordere also nicht von uns, etwas hinzuzufügen,
denn so ein Wunsch würde eine schwere Beleidigung für uns sein!«
    »Und doch hast du etwas ähnliches von uns gewünscht, ohne dass es mir
eingefallen ist, es dir übelzunehmen!«
    »Was?«
    »Das Lab el Barud und die Fantasia.«
    »Soll ich gezwungen sein, dich, unseren Gastfreund, Lügen zu strafen? Du
hast uns beides angeboten; ich habe es nicht verlangt. Das ist der Unterschied.
Und durch dieses dein Angebot hast du eigentlich gesagt, dass dein Wort erst noch
weiterer Bekräftigung bedarf, bevor man ihm Vertrauen schenken kann.«
    »Das habe ich nicht gewollt! Bei Allah! Wenn du mich in dieser Weise
verstanden hast, so zwingst du mich jetzt, eine Bitte auszusprechen.«
    »Welche?«
    »Auf die Fantasia zu verzichten!«
    »Das tue ich sehr gern!«
    »Sie wird also in Wegfall kommen, damit du nicht ferner annimmst, dass sie
als Bestätigung des euch gegebenen Wortes nötig sei. Wir wissen ebensogut wie
ihr, was so ein Wort bedeutet!«
    Ja, das wusste er wohl ganz gewiss. Aber etwas anderes wusste und fühlte er
wohl nicht, nämlich dass das gegebene Wort seine ganze Heiligkeit verliert, wenn
es Veranlassung gibt, in einer so peinlichen Weise über seine Bedeutung
verhandeln zu müssen.
    Wir ritten jetzt eine langsam ansteigende, sonnige Höhe empor, welche dicht
mit niedrigen Genistenpflanzen bewachsen war. Tausende von weissen
Schmetterlingsblumen sandten uns da ihre köstlichen Düfte zu. Dieser Strauch,
welchen die Hebräer Retom nannten, ist identisch mit dem »Wachholder« des alten
Testamentes, welches von dem Propheten Elias erzählt: Er kam in die Wüste von
Bersaba und setzte sich unter einen Wachholder und wünschte sich den Tod und
sprach: Es genügt mir, Herr. Nimm meine Seele, denn ich bin nicht besser als
meine Väter. Und er legte sich nieder und entschlief im Schatten des
Wachholderbaumes. Und siehe ein Engel des Herrn rührte ihn an und sprach: Steh
auf, und iss!
    Man sah hier und da eine Ziege, welche sich die weichen Spitzen der Zweige
schmecken liess, und Kinder, von denen diese Tiere beaufsichtigt wurden. Das war
ein Zeichen, dass wir uns dem Lager näherten. Zu den Ziegen gesellten sich fett
geschwänzte Schafe mit sonderbar langen, lappigen Hängeohren. Einige magere
Rinder kauten seitwärts im harten, scharfen, schilfähnlichen Grase. Dann kamen
wir an zerstreut weidenden Eseln und Maultieren vorüber, und endlich sahen wir
den Lagerort, nicht oben auf der Höhe, sondern unterhalb derselben sich
seitwärts an der Berglehne hinziehend.
    Die uns dort erwartenden Dinarun waren benachrichtigt worden, dass die
Fantasia zu unterbleiben habe. Dennoch sassen sie alle zu Pferde, weil es für sie
eine Schande gewesen wäre, uns zu Fusse zu empfangen. Sie waren so freundlich,
wie wir es erwarteten, drückten dies aber mehr durch Gesten und Pantomimen als
durch Worte aus. Redselig, wie der Beduine fast immer gegen Gäste ist, zeigten
sie sich nicht. Das genierte mich aber nicht. Es gab vielmehr einige andere
Beobachtungen, durch welche ich mich enttäuscht fühlte. Doch, davon später.
    Es mochten gegen zweihundert Männer hier versammelt sein. Ich überflog den
ganzen Plan mit schnellem Blicke. Zelte gab es nur wenige, und diese waren
ärmlich. Das beste von ihnen wurde uns von dem Scheik als das bezeichnet, in
welchem wir wohnen sollten. Die vorhandenen Pferde waren teils mittel-, teils
auch minderwertiges Material, und es gab höchstens zehn oder fünfzehn, für
welche man etwas mehr als den gewöhnlichen Durchschnittspreis hätte bieten
können.
    Ausser den Zelten gab es nur niedrige Hütten, welche aus Ginsterzweigen
errichtet worden waren. Weiber, Kinder, Maultiere und Esel - man verzeihe, dass
ich dies zusammen nenne - waren nur so viele da, wie zum Transporte der geringen
Habseligkeiten und der mageren Schlachttiere gebraucht wurden.
    Noch ehe wir dieses sogenannte »Lager« erreichten, hatte Halef sich in
seinem Tachtirwan wieder aufgerichtet und mir zugerufen:
    »Sihdi, mein Herz ist voller Wehmut und meine Seele voller Traurigkeit, dass
ich nicht im Sattel sitzen kann. Was werden die stolzen Krieger der Dinarun von
mir denken, dass ich meinen Einzug bei ihnen in einer alten Sänfte halte! Sie
werden mich nicht für Hadschi Halef, den Scheik der Haddedihn, sondern für die
Erzgrosstante aller Urgrossmütter halten. Ich bin wirklich zu schwach, aus diesem
Kasten zu steigen. Aber später werde ich ihnen zeigen, dass dies nur ein
vorübergehender und von mir unverschuldeter Zustand meiner einzelnen
Bestandteile ist, die ich schon wieder zum Gehorsam bringen werde!«
    Er wusste wie ich, dass die Dinarun aus mehreren tausend Familien bestanden,
jede wenigstens fünf Personen zählend, und im Besitze ganz bedeutender Herden
waren. Darum hatte er sich das Lager derselben ganz anders vorgestellt, als wir
es jetzt sahen, und sich unseren Empfang auch ebenso ganz anders gedacht. Diese
Enttäuschung schien aber keineswegs deprimierend, sondern ganz im Gegenteile
sogar kräftigend auf ihn zu wirken, denn als er einen Blick über die ganze rund
umher bemerkbare Aermlichkeit geworfen hatte, begann er mit dem ganzen, lieben
Gesichte zu lächeln und sagte:
    »Wie schön, wie wirklich schön ich es hier finde! Gefällt es dir nicht auch,
Sihdi?«
    »Nein!« antwortete ich.
    Ich konnte das sagen, weil wir in diesem Augenblicke unbeobachtet waren.
    »Nicht? Was bist du doch für ein sonderbarer Mensch! Mir gefällt es
ausserordentlich. Weisst du, warum?«
    »Nun?«
    »Weil ich sehe, dass diese Leute arm sind, so arm, dass es mich erbarmt! Wir
werden gebraucht, Sihdi; wir werden gebraucht! Das macht mich froh! Du weisst,
dass ich tausendmal lieber gebe, als dass ich nehme. Nehmen kann auch der Faule
und der Kranke. Aber wer geben und dem andern nützlich sein will, der muss tätig
sein und sich zusammenraffen. Als ich die Dinarun vorhin für reich hielt, war
ich schwach. Jetzt sehe ich, dass wir ihnen helfen müssen; nun schau, was ich
tue!«
    Er wollte aus der Sänfte heraus, ohne sich unterstützen zu lassen. Ich war
noch nicht abgestiegen, drängte mein Pferd zu ihm hin und warnte:
    »Nicht unvorsichtig, Halef! Du bist - - -«
    »Was bin ich?« fiel er mir in die Rede. »Nicht mehr schwach, sondern stark
bin ich. Da, pass auf! Willst du es etwa hindern?«
    Er wendete sich blitzschnell auf die andere Seite hinüber, stieg über den
Rand der Sänfte, hielt sich am Sattelhorne fest, glitt von dem Kamele herab und
kam zu mir herüber.
    »Nun? Was sagst du jetzt?« fragte er. »Bin ich noch immer krank?«
    »Sogar sehr!« antwortete ich, indem ich mich vom Pferde schwang. »Das, was
du tust, kann man ja nur im Fieber tun!«
    »Fieber? Fällt mir gar nicht ein! Hier hast du meine Adern. Greif hin,
soviel du willst!«
    Ich tat, was er wollte. Sein Puls schlug matt, aber regelmässig - ein wahres
Wunder! Seine Augen glänzten und sein Gesicht strahlte, aber nicht in
Fieberhitze, sondern vor Freude.
    »Nun?« fragte er.
    »Halef, sei vorsichtig!« warnte ich. »Du bist jetzt einen Augenblick frei,
aber es wird - - -«
    »Was wird?« unterbrach er mich. »Du meinst, jenes alte, zahnlose Weib werde
wiederkommen? Mag sie! Sie wird auch wieder gehen müssen! Jetzt aber lass uns
essen und mit dem Scheik der Dinarun verhandeln. Du siehst, dass er sich darauf
vorbereitet hat!«
    Ja, man hatte sich auf unser Kommen eingerichtet. Die Luft trug den Duft
bratenden Hammelfleisches von den Feuern zu uns herüber. Einige Frauen breiteten
Decken aus, auf denen die Speisenden sitzen sollten, und stellten daneben Gefässe
mit Wasser, welches aus einer bergseits hervorfliessenden Quelle geschöpft worden
war. Nafar Ben Schuri kam, um uns zum Essen einzuladen. Halef erklärte sich
sofort bereit und folgte ihm. Mir wurde himmelangst um den kleinen Freund.
Typhus - - - und gebratener Hammel, vielleicht sogar der fürchterlich fette
Schwanz desselben, welcher den Gästen stets geboten wird, weil er als das beste
Stück des Bratens gilt! Das konnte sein Tod sein! Ich nahm mir gar nicht Zeit,
erst unsere Pferde abzusatteln, sondern führte sie hin zur Stelle, wo gegessen
werden sollte, pflockte sie dort an und setzte mich zu dem Scheik und Halef
nieder, welcher gar nicht säumte, die Hände zu falten und mit einem lauten »Be
ism lillahi49!« das Essen einzuleiten.
    Der Scheik legte ihm wirklich das dickste, vom Fette triefende Schwanzstück
vor, und Halef nahm es an. Ich wollte ihn daran hindern; da aber sah er mir
einige Sekunden lang still in das Gesicht. Er sagte kein Wort dazu; aber dieser
Blick bedeutete mehr als alle Worte: Er verbat es sich, als kranker,
unselbständiger Mann behandelt und - - blamiert zu werden. Wie ich ihn kannte,
musste ich nun still sein. Er war jetzt Scheik der Haddedihn und Gast der
Dinarun. Das wollte er sein, und ich hatte mich zu fügen!
    Ich tat dies nur mit Anwendung aller meiner Selbstbeherrschung. Dies macht
mich zum Reden ungeschickt, während Halef sich um so gesprächiger zeigte. Seit
er gesehen hatte, wie arm diese Leute waren, stand sein Entschluss, ihnen zu
helfen, fester als vorher. Das ganze, jetzt von ihm geleitete Gespräch hatte den
Zweck, sich zu informieren. Er warf eine Menge Fragen auf, von denen keine
einzige überflüssig war, und zeigte sich dabei so überlegsam und bedacht, wie
ich ihn nur ganz selten gesehen hatte. Ich wusste nicht, was ich denken sollte,
und wurde fast irr an mir selbst. Er ass mit dem grössten Appetit, doppelt so viel
wie ich, und trank keinen Schluck Wasser dazu. War das Fieber? Die von ihm
gestellten Fragen verrieten zwar eine fast zudringliche Wissbegierde: aber Nafar
Ben Schuri schien sie für ganz selbstverständlich zu halten, nahm sie ihm nicht
im geringsten übel und beantwortete sie mit solcher Bereitwilligkeit, als ob er
nur darauf gewartet habe, dass sie ausgesprochen würden.
    Inzwischen hatten sich die sämtlichen anwesenden Dinarun auch zum Essen
gelagert. Es ging bei den verschiedenen Gruppen, welche sich bildeten, sehr
lebhaft zu, und allerlei zu uns herüberklingende laute Bemerkungen verrieten mir
die allgemeine Ueberzeugung, dass noch heut zum Zuge gegen die Dschamikun
aufgebrochen werden sollte. Als auch Halef eine dieser Interjektionen hörte,
stiess er ein vergnügtes Lachen aus und sagte zu Nafar Ben Schuri:
    »Deine Krieger scheinen sich auf dieses Unternehmen zu freuen, o Scheik der
Dinarun, und das ist ein gutes Zeichen. Denn nur das, was das Herz erfreut, wird
mit dem Arm und mit dem Verstand vortrefflich ausgeführt. Wir sind bereit, dir
beizustehen. Nur darum habe ich dir so viele Fragen vorgelegt. Wir wollen das,
was du mir antwortetest, noch einmal kurz zusammenfassen, damit nicht nur ich,
sondern auch mein Sihdi weiss, was er zu denken hat.«
    Das war wieder einmal einer seiner kleinen diplomatischen Kniffe. Er pflegte
gern den eigenen Wunsch mit fremden Wünschen zu maskieren. Nun fuhr er fort:
    »Also ihr seid nicht etwa der ganze Stamm, sondern nur ein kleiner Abzweig
der Dinarun?«
    »So habe ich gesagt, und so ist es wirklich,« antwortete Nafar.
    »Ihr weidetet hier in der Nähe und wurdet von den Dschamikun überfallen und
derart ausgeraubt, dass von euren Herden und Zelten fast gar nichts übrig
geblieben ist?«
    »Ja.«
    »Ihr wollt sie verfolgen und ihnen das Geraubte wieder abnehmen. Das muss
schnell geschehen, und darum könnt ihr nicht auf die Hilfe eures Stammes
rechnen, weil eure Genossen sich so weit von hier befinden, dass eine lange Zeit
vergehen würde, ehe es ihnen möglich wäre, sich hier zusammenzufinden?«
    »Das ist es, was ich dir sagte. Die Dschamikun zählten vielleicht
zweihundert Mann, als sie unser Lager überfielen. Ich habe euch schon erzählt,
dass wir nicht daheim, sondern auf einem Feste abwesend waren, sonst wäre ihnen
der Raub gewisslich nicht gelungen. Wir können ihnen das uns Gestohlene nur dann
wieder abnehmen, wenn wir ihnen sofort nachjagen, um sie einzuholen, bevor es
ihnen gelungen ist, ihren eigenen, grossen Stamm zu erreichen. Kommen wir zu
spät, so ist alles für uns verloren. Darum wollten wir schon heut früh
aufbrechen. Dies wäre ganz gewiss geschehen, wenn wir nicht gestern euch
getroffen hätten. Dadurch haben wir einen halben Tag verloren. Jetzt aber essen
wir, und dann werden wir aufbrechen. Ich hoffe, ihr seht ein, dass wir nicht
länger warten können.«
    »Natürlich sehen wir das ein, aber ehe ihr diesen Ort verlasst, gibt es noch
mehr zu tun, als bloss zu essen.«
    »Was?«
    »Willst du denn nicht an unsere Gefangenen denken?«
    »Maschallah! Das ist richtig! Die können wir doch unmöglich mit uns
schleppen!«
    »Nein. Sie würden nur hinderlich sein und uns wohl gar entschlüpfen und zu
Verrätern werden. Also essen wir vorerst; dann halten wir Gericht über sie, und
dann wird sofort von hier aufgebrochen!«
    Das klang alles so glatt und selbverständlich, dass ich es für an der Zeit
hielt, nun endlich auch einmal das Wort zu ergreifen.
    »Lieber Halef, erlaubst du, dass auch ich mitsprechen darf?« fragte ich.
    »Was fällt dir ein, Sihdi!« rief er aus. »Seit wann hast du erst um
Erlaubnis zu bitten, bevor du reden darfst?«
    »Seit ich höre, dass du der Pascha dieser ganzen Gegend und aller derer bist,
die sich in ihr befinden!«
    »Ich? Pascha? Fällt mir gar nicht ein! Ich habe nur deshalb so drauflos
bestimmt, weil du deinen Mund nur für den Hammelschwanz, nicht aber für den
Ausdruck deines Verstandes zu haben scheinst. Wer reden will, der muss das Kauen
lassen. Mir ist es überhaupt stets lieber, wenn du sprichst, denn wenn du
schweigst, so steckt etwas dahinter! Du siehst doch gewiss ein, dass wir uns
entschliessen müssen, dass keinen Augenblick gezögert werden darf?«
    »Ich sehe zunächst ein, dass wir uns gar nicht so zu übereilen brauchen, denn
die Worte Nafar Ben Schuris haben gelautet: In diesem Falle können wir schon
morgen oder doch übermorgen aufbrechen. Hat sich vielleicht etwas zugetragen,
wodurch dieses Uebermorgen so vollständig ausgeschlossen ist, dass wir uns jetzt
nicht eimal von dem heutigen Ritte ausruhen dürfen?«
    »Nein. Es ist nichts geschehen. Aber bist du denn so ermüdet? Ich bin es
keineswegs, und von dir ist man solche Schwächen ja auch nicht gewöhnt.«
    »Vorsichtig und bedacht zu sein, ist niemals eine Schwäche, lieber Halef.
Wir wissen über die Dschamikun ja nicht mehr, als wir von ihnen wussten, ehe wir
hier diese unsere Freunde trafen. Oder genügt es dir vielleicht, von ihnen nur
zu wissen, dass wir jetzt ihre Feinde sind und mit gegen sie ziehen wollen?«
    Er sah mich an, nickte dann verständnisvoll vor sich hin und sagte hierauf:
    »Ja, daran habe ich freilich nicht gedacht! Und doch haben wir dieser deiner
Gepflogenheit alles zu verdanken, was wir jemals erreicht haben. Du pflegst
alles auf das reiflichste zu bedenken und mit dem Geiste anzuschauen, ehe du
handelst. Du greifst niemals einen Gegner an, ohne genau zu wissen, wer er ist,
wo er ist und wie stark er ist.«
    »Nun, wissen wir das von den Dschamikun?«
    »Nein.«
    »Und doch bist du bereit, sofort mit aufzubrechen! Dürfen wir es wie kleine
Knaben machen, die aufeinander losschlagen, ohne zu wissen, was es für einen
Ausgang nehmen kann?«
    Er wollte antworten, wurde aber durch das Erscheinen eines Mannes daran
verhindert, welcher langsam den Berg heraufgekommen war und, als er uns sah,
seine Schritte zu uns lenkte und sich ohne Wort und Gruss zu uns setzte. Seinem
Äußern nach war er keineswegs eine Person, von der man hätte sagen mögen, dass
sie zu dem Scheik und zu uns gehöre. Sein Körper war von um ihn herumhängenden
Fetzen nur halb bedeckt. Die hindurchblickenden nackten Stellen hatten ebenso
wie das Gesicht, die Hände und die unbekleideten Füsse einen dicken
Schmutzüberzug. Ein Zeugstück, welches man in Deutschland einen verbrauchten
Hader nennen würde, war um seinen Kopf gewunden. Darunter hingen lange Haare
heraus, welche wahrscheinlich altersgrau waren, aber derart von fettiger
Unreinlichkeit starrten, dass man ihre Farbe unmöglich bestimmen konnte. Trotzdem
waren sein Gang und seine Haltung so würdevoll und selbstbewusst, als ob er über
uns allen hoch erhaben sei. Seine Gesichtszüge waren ausserordentlich regelmässig,
Stirne und Wangen trotz des Alters beinahe ohne Falten. Ich sagte mir, dass er
ein schöner Greis sein werde, sobald er sich gereinigt und anders gekleidet
habe. Geradezu selten schön waren seine grossen, sonderbaren Augen. Es schien,
als ob eine bisher unberührte Gazellenunschuld in ihren dunklen Tiefen wohne.
Und doch konnten aus diesen Tiefen Blitze aufsteigen, als ob sich da unten
plötzlich ein verborgener Krater geöffnet habe. Dann bekam die schwarze Pupille
einen hellen, fast möchte ich sagen, gelben Ueberschein, und die Lider öffneten
sich hoch und weit, als ob alle Ströme und Fluten einer unbekannten seelischen
Welt hervorbrechen wollten. Das sah ich natürlich nicht sofort, im ersten
Augenblicke, sondern ich beobachtete es nur nach und nach, denn dieser Mann
flösste mir ein so ungewöhnliches Interesse ein, dass ich ihn beobachtete, ohne es
mir eigentlich bestimmt vorgenommen zu haben. Es gibt Menschen, zu denen man
innerlich hingezogen wird, obgleich die äusseren Verhältnisse dies gar nicht zu
gestatten scheinen. Ich will aufrichtig gestehen: der Schmutz dieses Fremdlings
wirkte abstossend, und doch war er unter allen Anwesenden der einzige, dem ich
ohne allen Vorbehalt meine Hand hätte geben können. Warum, das wusste ich nicht,
aber ich fühlte so.
    Der Scheik schien es für ganz selbstverständlich zu halten, dass dieser Mann
sich zu uns setzte. Er nickte ihm nicht nur freundlich, sondern mit dem
Ausdrucke der Ehrfurcht zu und sagte dann zu uns:
    »Das ist Sallab, der Fakir. Wohin er kommt, bringt er den Segen Allahs mit.«
    Hierauf kreuzte Sallab die Hände auf der Brust und sprach, nicht etwa mit
der gewöhnlichen, widerlichen Salbung dieser stets für fromm und oft sogar für
heilig gehaltenen Leute, sondern im Tone ruhiger Selbstverständlichkeit:
    »Allah ist ja nur Segen, bloss Segen; er kann gar nichts anderes sein!«
    Hierauf nannte der Scheik ihm unsere beiden Namen. Als dies geschah,
bemerkte ich zum erstenmal den erwähnten Aufschlag und das ebenso schnelle
Niedersinken seiner Augenlider. Es war nur ein Moment, aber in diesem raschen
Blicke lag eine Bedeutung, welche mir erst später klar wurde. Hierauf verhielt
er sich genau so, als ob er diese Namen jetzt zum erstenmal gehört habe.
    Das Wort Fakir erklärte es zur Genüge, dass er sich hatte zu uns setzen
dürfen. Selbst der vornehmste Mann wird es wenigstens öffentlich vermeiden, zu
zeigen, dass er sich für etwas Besseres halte, als so ein »Glaubensheld« für den
Durchschnittsmuhammedaner ist. Damit wir auch in Beziehung auf unsern
Gesprächsgegenstand wüssten, woran wir mit ihm seien, machte der Scheik gegen uns
die Bemerkung:
    »Wir können weitersprechen. Sallab bekümmert sich nicht um die
Angelegenheiten dieser Erde. Er lebt bereits das Leben, welches für andere Leute
erst nach ihrem Tode beginnt.«
    »So erlaube, dass wir uns nach den Dschamikun erkundigen!« sagte Halef.
»Weisst du, wie viel Krieger sie haben?«
    »Ungefähr zweihundert, wie ich ja bereits erwähnt habe,« antwortete Nafar
Ben Schuri.
    »Weisst du auch, wo sie sind?«
    »Ich habe ihnen Kundschafter nachgeschickt. Ihr hört also, dass auch ich
vorsichtig zu sein verstehe. Sie haben die uns geraubten Herden zu treiben und
kommen also nur langsam vorwärts. Aber wenn wir ihnen zuviel Zeit lassen, werden
sie einen solchen Vorsprung gewinnen, dass sie ihren Stamm erreichen, ehe wir sie
einholen, und dann bleibt uns nichts übrig, als unverrichteter Sache umzukehren.
Darum hielt ich es für besser, den Ritt schon heut zu beginnen.«
    »Kennst du die Gegend, durch welche wir ihnen zu folgen haben?«
    »Sehr genau. Ich hatte die Absicht, sie im Daraeh-y-Dschib50 einzuholen. Das
ist ein langes, enges Tal mit hohen, steilen Felswänden, welches kurz vor
seinem Ende von einem sehr schmalen, aber auch sehr tiefen Flussbette quer
durchschnitten wird. Es führt eine uralte, jetzt halb eingefallene Brücke
darüber. Dieses Tal würde eine Falle sein, in welcher wir die Dschamikun fangen
und zur Herausgabe ihres Raubes zwingen könnten, ohne dass ein Kampf
stattzufinden brauchte.«
    »Sie werden sich hüten, in diese Falle zu gehen!«
    »Ich bin überzeugt, dass sie dieses Tal passieren werden, weil sie sonst
einen Umweg machen müssten, welcher für sie fast zwei Tage in Anspruch nehmen
würde. Kämen wir eher hin als sie, so könnten wir die Brücke besetzen. Dann
liessen wir sie hinein, besetzten hinter ihnen auch das andere Ende des
Daraeh-y-Dschib und hätten sie dann so fest im Sacke, dass es ihnen ganz
unmöglich wäre, sich zu bewegen oder gar sich zu verteidigen.«
    Da schaute Halef mich, im ganzen Gesicht lachend, an und fragte:
    »Was sagst du dazu, Sihdi? Das ist ja ganz derselbe Streich, den wir schon
wiederholt den Feinden unserer Freunde gespielt haben! Und zugleich wird dadurch
das vermieden, was man nicht ohne Not tun soll, nämlich das Blut von anderen
Menschen zu vergiessen. Ist dieser Plan des Scheikes der Dinarun nicht
lobenswert?«
    »Er scheint gut zu sein,« antwortete ich. »Wie aber nun, wenn die Dschamikun
ebenso klug sind wie wir und uns fangen, anstatt wir sie?«
    Da lachte Nafar Ben Schuri laut auf und entgegnete:
    »Die uns? Auf einen solchen Gedanken kommen diese Dummköpfe nicht! Und wenn
sie ihn hätten, so könnten sie ihn doch nicht ausführen, weil die Herden ihnen
im Wege wären.«
    »So denke dir die Lage, wie sie sein würde, wenn sie wirklich in die Falle
gingen! Sie würden allerdings in dem engen Tale stecken, und wir befänden uns
am Eingange und am Ausgange desselben. Wir wären also geteilt. Wäre das
vorteilhaft für uns?«
    »Ja, denn wir hätten sie zwischen uns und könnten sie mit unsern Kugeln
zwingen, sich zu ergeben.«
    »Das bezweifle ich. Wir hätten ausserhalb des Tales keine Deckung, und
folglich würden ihre Gewehre uns gefährlicher werden als die unserigen ihnen.«
    »Aber das Tal ist so schmal, dass nur sehr wenige auf uns schiessen könnten!«
    »Wir aber auch auf nur wenige von ihnen!« entgegnete ich.
    »Sie sind aber eingeschlossen und können nicht heraus! Wir haben gar nichts
zu tun, als zu warten, bis sie um Gnade bitten!«
    »Sie können es länger aushalten als wir, denn die euch geraubten Tiere geben
ihnen für längere Zeit Fleisch, als wir haben.«
    »Aber das Wasser fehlt ihnen! Das Flussbett ist vollständig trocken.«
    »So müssen ja auch wir dürsten!«
    Da rief er ungeduldig aus:
    »Sihdi, ich habe geglaubt, du seist ein tapferer Mann, und nun machst du
solche Einwände! Denkst du denn gar nicht auch an eure Gewehre?«
    »Ah - - -! Unsere Gewehre - - -! Du rechnest auf sie?«
    »Natürlich! Ich weiss, dass ihr sehr viele Male schiessen könnt, ohne laden zu
müssen, und dass eure Kugeln wenigstens fünfmal weiter gehen als die unserigen.
Wir können den Dschamikun also so fern bleiben, dass ihr Blei uns gar nicht
erreicht, während sie aber von euch alle nach und nach erschossen werden.«
    Sein Gesicht hatte während dieser Worte den Ausdruck einer Pfiffigkeit
angenommen, welcher mir nicht gefiel. Ich hatte schon das Wort auf den Lippen,
ihm dies verstehen zu geben, aber da kam Halef mir zuvor:
    »Sihdi, erlaube, dass ich dich nicht begreife! Bist du plötzlich undankbar
geworden? Dieser unser Freund Nafar Ben Schuri hat uns einen grossen Dienst
geleistet. Wir sind seine Gäste, seine Brüder. Er rechnet auf die Ueberlegenheit
unserer Gewehre. Weisst du, was uns die Pflicht des Dankes und der
Gastfreundschaft gebietet?«
    »Halef!« warnte ich ihn. »Willst du mich beleidigen?«
    »Nein! Aber du beleidigst mich! Du bist der beste und der tapferste Mann der
ganzen Welt; aber dein Geburtsland ist Dschermanistan und wird es immer bleiben.
Ich aber wurde in der Wüste geboren; ich bin ein echter Ibn el Arab51 und kann
es nicht anhören, dass du plötzlich solche Bedenken trägst, die Gesetze der Wüste
zu befolgen!«
    »Hamdulillah - - Hamdulillah!« rief da der Scheik, indem er aufsprang und
die Hände zustimmend zusammenschlug. »Das ist ein Wort, wie ich es von einem
Manne erwartet habe! Ich höre, dass du Hadschi Halef Omar bist, der berühmte,
unüberwindliche Scheik der Haddedihn vom tapferen Stamme der Schammar!«
    Das wirkte geradezu elektrisierend auf meinen kleinen, ehrgeizigen Hadschi.
Er sprang auch auf und erklärte in seinem bestimmtesten Tone:
    »Ja, der bin ich allerdings, und du wirst sogleich hören, was ich
beschlossen habe: Wir reiten fort, jetzt, gleich! Wir folgen den Dschamikun bis
in das Tal des Sackes und zwingen sie dort, sich uns zu ergeben. Das sage ich,
und mein Sihdi sagt es auch. Darauf gebe ich dir mein Wort, mein Ehrenwort!«
    »Halef!« rief ich ihm zu, indem ich nun auch aufsprang. »Was fällt dir ein!
Gieb deinen Puls! Das Fieber spricht aus dir!«
    Er trat einen Schritt zurück und antwortete:
    »Ob Fieber oder nicht, ich hab's gesagt und werde es auch halten. Mein Puls
ging ruhig, wie er immer geht; aber wenn du zauderst, zu tun, was uns die
Pflicht und die Ehre gebietet, so muss er freilich schneller gehen! Ich bin mit
dir gereist, so weit, so weit! Und ich bin auch bereit, mit dir zu gehen bis an
das Ende der Erde. Du aber willst mir nicht einmal den Gefallen tun, den ich
unsern Freunden, den Dinarun, zu erweisen habe! Darum gab ich so schnell mein
Ehrenwort, um dich zu zwingen. Jetzt tue, was dir beliebt! Ich reite mit,
sogleich! Wirst du mich, deinen Halef, verlassen können?«
    Der Fakir war von uns der einzige, der noch sass. Jetzt stand er auf, ergriff
Halefs Hand und dann die meine, legte beide ineinander und sagte, sich an mich
wendend:
    »Halte deinen Freund und Bruder nicht zurück! Der Tod steht an seiner Seite
und streckt die Hand nach ihm aus; du aber siehst es nicht. Reite gern und
schnell mit ihm nach dem Daraeh-y-Dschieb! Dort wird er Rettung finden; hier
aber müsste er sterben. Glaub es mir! Es ist so gut, als hätte Allah selbst es
dir gesagt!«
    Nach diesen Worten wandte er sich ab und ging von uns weg.
    »Das ist die Wahrheit,« erklärte der Scheik. »Er sieht Dinge, die kein
anderer sehen kann, auch den Tod!«
    »Kennst du diesen Fakir so genau?« fragte ich.
    »Ja.«
    »Seit wann?«
    »Gehört habe ich seit langer Zeit von ihm. Gesehen habe ich ihn erst gestern
früh, als er in unser Lager kam. Er ist bald hier, bald dort.«
    »Wie lange bleibt er bei euch?«
    Der Fakir hatte sich schon so weit von uns entfernt, dass er diese meine
Frage unmöglich gehört haben konnte. Und dennoch blieb er grad in diesem
Augenblicke stehen, drehte sich um und rief uns zu:
    »Sallab kam, und Sallab geht. Er hat weder Brot, noch Fleisch, noch Salz,
noch Wasser hier genossen; er ist keines anderen als nur Allahs Gast. Doch was
er sprach, das war zu eurem Heile!«
    Hierauf ging er weiter, bis er in einer Terrainfalte verschwand.
    Halef hielt meine Hand noch fest. Jetzt zog er sie noch näher an sich und
fragte:
    »Nicht wahr, du reitest mit, Sihdi?«
    »Ja,« antwortete ich.
    »Sogleich?«
    »Ja.«
    Was wollte oder konnte ich anderes sagen, da der Scheik bei uns stand, in
dessen Gegenwart ich doch nicht sprechen konnte, wie ich wollte.
    »Ich danke dir, Sihdi!«
    Bei diesen Worten gab der Hadschi meine Hand wieder frei.
    »Nein, danke nicht mir, sondern dir selbst! Denn du bist die Quelle dieses
meines Entschlusses. Ich wollte erst morgen entscheiden. Du hast es schon jetzt
getan, und so wollen wir wünschen, dass wir es nicht zu bereuen brauchen!«
    »Es ist zu unserm Heile. Der Fakir hat es gesagt, Sihdi! Und da es denn
beschlossen ist, so wollen wir auch nicht lange zögern. Um mich brauchst du
keine Sorge zu haben. Das zahnlose Weib ist für immer fort. Ich bin so gesund
und stark, dass ich mich schäme, in der Sänfte gesessen zu haben wie eine
kraftlose Urahne sämtlicher Grossmütter aller kranken Schwiegereltern. Du hast
dich um nichts zu bekümmern. Ich werde für alles sorgen, auch für Futter für die
Pferde.«
    Als er das sagte, sah er so frisch und munter aus, als ob die Sänfte
vollständig überflüssig gewesen sei. Der Scheik forderte ihn auf, mit ihm in das
Zelt zu gehen; er wolle ihm den Vorrat von Bla ed Dud52 zeigen. Er folgte ihm,
und da ich nun allein war, so schlenderte ich langsam durch das Lager und dann
über dasselbe hinaus, um vollends bis auf die Kuppe des Berges zu steigen. Als
ich da oben angekommen war, sah ich den Fakir über den jenseitigen Abhang
schreiten. Indem ich ihn mit den Augen verfolgte, blieb er stehen, hob den
rechten Arm empor, bewegte ihn, als ob er jemand warnen wolle, und ging dann
weiter. Wem hatte das gegolten? Mir? Geheimnisvoller Mann! Warum hatte er bei
den Dinarun weder gegessen noch getrunken? Und warum hatte er uns noch besonders
hierauf aufmerksam gemacht? Gab es für ihn einen Grund, so vollständig auf die
Gastlichkeit dieser Leute zu verzichten? Fakire sind ja immer sonderbare Leute;
warum sollte grad dieser weniger seltsam gehandelt haben?
    Als ich in das Lager zurückkam, waren die Zurüstungen zum Aufbruche flott im
Gange. Halef hatte die Pferde getränkt und die Futtersäcke mit Bla ed Dud
gefüllt. Er teilte mir mit, dass man in zwei Abteilungen reiten werde. Die
Mehrzahl sollte sich beeilen, die Kundschafter, welche den Dschamikun heimlich
folgten, so bald wie möglich einzuholen. Die übrigen waren dazu bestimmt, mit
den Frauen und Kindern und der Bagage langsamer nachzukommen.
    Der gute Hadschi war ganz Feuer und Flamme, und ich hütete mich wohl, seine
Begeisterung herabzustimmen. Es musste vielmehr nun meine Sorge sein, ihm diesen
seinen Entusiasmus möglichst zu erhalten. »Der Tod steht an seiner Seite und
streckt die Hand nach ihm aus; du aber siehst es nicht!« Diese Worte des Fakirs
wollten mir nicht aus den Ohren. Ich musste mir ja sagen, dass die jetzige
Munterkeit Halefs nicht von langer Dauer sein werde. Der Geist konnte nur
solange Herr des erkrankten Leibes sein, als er anregende Sorge und
Beschäftigung hatte; dann war der Rückschlag sicher zu erwarten. Ich hatte wohl
kaum jemals mich so schweren Herzens in den Sattel gesetzt, wie heute; er aber
ritt heiter und unbefangen neben mir her und brachte es sogar fertig, über meine
Bedachtsamkeit zu scherzen, die ihn zu dem schnellen Entschlusse gebracht hatte,
durch sein Ehrenwort alle meine Weiterungen abzuschneiden.
    Wenn ich mich nicht geirrt hatte, sondern die Krankheit, welche ich
vermutete, wirklich im Anzuge war, so musste ich nun die psychische Kraft
bewundern, welche jetzt so nachdrücklich und so lange die Herrschaft über die
Symptome dieser Krankheit behauptete. Es verging der ganze Nachmittag, ohne dass
sich eine Ermüdung bei ihm zeigte. Wir ritten sogar noch einen Teil des Abends
weiter, um für heut eine möglichst grosse Strecke zurückzulegen, und als wir dann
zur Nachtruhe anhielten, sprang er so munter vom Pferde, als ob er erst vor
kurzem aufgestiegen sei. Ich schrieb diese ausserordentliche Widerstandsfähigkeit
ausser seinem Willen und seinem Entusiasmus auch seinem südlichen Temperamente
zu. Es war Feuer in ihm. Aber wenn es auch wirkte, so lange es möglich war, wenn
es verlöschte, hatte ich meines Erachtens mit einem um so schwereren Rückfall zu
rechnen. Darum legte ich mich, als wir gegessen hatten, nicht ohne Sorgen an
seiner Seite nieder. Glücklicherweise bewahrheiteten sich diese meine
Befürchtungen nicht, wenigstens nicht in dem Masse, wie ich es erwartet hatte. -
- -
 
                                Drittes Kapitel
                                        
                                    Am Tode
Ich schlief infolge des gestrigen Nachtwachens heute sehr rasch ein und wäre
wahrscheinlich die ganze Nacht hindurch nicht aufgewacht, wenn Halef mich nicht
aufgerüttelt hätte.
    »Verzeih, Sihdi, dass ich dich wecke!« sagte er. »Ich glaube, das alte Weib
will wieder kommen.«
    »Spürst du ihr Nahen?« fragte ich.
    »Nicht nur ihr Nahen. Sondern ich bemerke, dass sie schon ganz vor mir
steht.«
    »Halef, du sprichst mit Mühe! Deine Zähne klappern!«
    »Nein; aber es hält mir den Mund halb offen, ganz so, wie einem Menschen,
der sehr friert. Gieb mir von deiner Arznei!«
    Ich folgte dieser Aufforderung. Als er die absichtlich vergrösserte Gabe
genommen hatte, erkundigte er sich:
    »Weisst du, was Zittern ist, Sihdi?«
    »Ja, jedermann weiss das wohl.«
    »Aber hast du selbst schon einmal gezittert?«
    »Ich glaube, nein.«
    »Ich auch nicht, weder aus Angst noch aus irgend einem anderen Grunde. Aber,
denke dir, jetzt zittre ich! Oder vielmehr, nicht ich tue es, sondern das alte,
zahnlose Fieberweib, welches nun doch in mich hineingekrochen ist, zittert in
mir. Ich glaube, aus Furcht, schnell wieder heraus zu müssen. Und sodann ist es
mir, als ob mir ein Gürtel um den Kopf gelegt und übermässig fest zugeschnallt
worden sei. Meine Beine sind mir abhanden gekommen. Ich weiss zwar ganz genau,
dass ich sie noch habe, aber ihr Selbstbewusstsein ist ihnen verloren gegangen.
Sie können sich nicht mehr auf sich selbst besinnen, und darum ist es gar nicht
zu verwundern, dass sie auch mich ganz und gar vergessen haben, obgleich ihnen
das verboten ist. Ich werde einmal versuchen, sie von ihrer Pflichtvergessenheit
zurückzubringen.«
    Er erhob sich langsam und unsicher, blieb aber nur kurze Zeit stehen, liess
sich dann wieder nieder und sagte:
    »Das ist eine ganz eigentümliche Empfindung, die ich dir wohl nicht deutlich
genug machen kann. Es scheint mir, als ob ich da unten keine Knochen, keine
Sehnen und kein Fleisch mehr habe, sondern bloss noch die Haut, und diese ist so
ausserordentlich dünn, dass ich von innen heraus den Stoff der Hose sehen kann!«
    Welch naive und doch bewundernswerte Deutlichkeit, mit welcher er diesen
Schwächezustand seiner Glieder beschrieb! Er war in dieser Beziehung ja schon
überhaupt unübertroffen! Er verstand es, selbst für das unerklärbar Scheinende
Worte zu finden, welche trotz ihrer Sonderbarkeit fast stets das Richtige
trafen.
    Nun war ich fest überzeugt, dass er keinen Augenblick mehr werde schlafen
können. Jeder Arzt hätte das mit der grössten Bestimmteit behauptet. Aber ich
sollte sogleich vom Gegenteile überzeugt werden, denn er wickelte sich in seine
Decke ein und sagte:
    »Der Frost ist weg, ganz plötzlich weg, wohl weil ich aufgestanden bin. Ich
werde wieder warm. Nun bin ich müd, so sehr müd. Ich werde wieder schlafen. Gute
Nacht, mein Sihdi!«
    »Gute Nacht, mein lieber Halef!«
    »Lieber Halef! So sagst du zu mir? Hast du mir verziehen?«
    »Von ganzem Herzen!«
    »Ich danke dir! Wollen ja nicht vergessen, einander ohne alle Unterbrechung
und ohne alles Aufhören recht, recht lieb zu haben! Du hast mir vergeben, aber
ich selbst mir nicht. Ehe ich dich weckte, habe ich über heut nachgedacht. Ich
war nicht gut zu dir, nicht höflich und bescheiden. Das ist zwar nicht dein
guter Halef, sondern jener böse Hadschi gewesen, der immer, immer Fehler macht,
aber da ich diese seine immerwährenden Dummheiten nicht zu dulden habe, muss ich
mich ganz ebenso wie ihn selbst anklagen. Er hat dich beleidigt und gekränkt.
Das war schlecht, nicht bloss von ihm, sondern auch von mir!«
    Nun war er still, der liebe prächtige Kleine. Ich lauschte. Er bewegte sich
nicht mehr, und als ich mich nach einiger Zeit zu ihm hinüberbog, bemerkte ich,
dass er eingeschlafen war. Er wachte zu meiner grossen Freude auch nicht eher auf,
als bis die Dunarun aufstanden und er durch den nun entstandenen Lärm aufgeweckt
wurde. Da stand er auf, ass und trank, war munter wie ein vollständig gesunder
Mann und sagte, als er sah, dass ich ihn beobachtete:
    »Sie ist längst wieder fort, die mich heute nacht besuchte. So alte Klage-
und Jammerweiber halten es bei einem rüstigen Menschen niemals lange aus. Soeben
steigt der Scheik auf das Pferd. Komm, Sihdi, lass uns dasselbe tun!«
    Er schwang sich leicht und frei in den Sattel, so wie ich gewohnt war, es
von ihm zu sehen. Ich wurde vollständig irr an dem Krankheitsbilde, welches mir
in Beziehung auf ihn bisher drohend vorgeschwebt hatte, und fragte mich, ob es
sich vielleicht doch nur um eine morbillöse Infektion handle. Aber dann hätte
unbedingt ein Katarrh der Luftwege und der Augenbindehaut, begleitet von einem
reichlichen Tränengusse, vorhanden sein müssen, und das war keineswegs der
Fall. Mochte nun aber vorliegen, was da wollte, ich musste die Entwickelung ruhig
abwarten. Halef kämpfte jedenfalls mit grösserer Anstrengung, als er mir
eingestehen wollte, gegen dieses Uebel, und ich nahm mir vor, ihm diesen Kampf
nicht törichterweise zu erschweren, dass ich ihn die Grösse meiner Besorgnis
sehen liess.
    Unser Nachtrab hatte uns gegen Mitternacht eingeholt. Er blieb noch hier, um
auszuruhen und uns dann zu folgen. Wir aber ritten weiter.
    Es ist nicht mein Zweck, die Gegenden, durch die wir kamen, zu beschreiben.
Topographische Ausführlichkeiten pflegen wohl für den Fachmann interessant, für
andere aber langweilig zu sein. Es genügt vollständig, nur das zu erwähnen, was
mit dem Zwecke unseres Rittes in Zusammenhang stand.
    Es war noch am Vormittage, als wir über eine Tiefung kamen, auf welche zwei
breitere Täler und mehrere schmale Schluchten mündeten. Es schien, als ob es
hier einst einen tiefen See mit zahlreichen Wasserzuflüssen gegeben habe. Der
Boden bestand aus einem feinen, hellen, fast mehligen Sande, in welchem jede
vorhandene Spur mit ungemeiner Deutlichkeit zu sehen war. Man konnte sogar den
Weg, den eine Maus oder ein kleiner, hüpfender Vogel genommen hatte, ganz genau
erkennen. Die Stelle war rundum von Höhen umgeben, welche die Winde abhielten;
es gab also hier keine Luftbewegungen, durch welche die Spuren ausgewischt und
verweht wurden.
    Daher auch die grosse Deutlichkeit einer Fährte, welche aus einer rechts von
uns liegenden Schlucht herauskam, um links in einer andern zu verschwinden. Sie
führte also quer über unsern Weg. Nafar Ben Schuri, welcher, wie bisher stets,
unserm Zuge voranritt, sah sie zuerst. Er hielt an, um sie zu betrachten. Seine
Leute gruppierten sich sogleich in der Weise um ihn, dass die Fährte unter den
Hufen ihrer Pferde verschwand. Als wir nun hinkamen, hörten wir die Worte des
Scheikes:
    »In dieser einsamen Gegend sollte man keine Spur vermuten. Ich weiss genau,
dass es weder nach rechts noch nach links hin Menschen gibt. Wer mag das wohl
gewesen sein, der hier vorüber gekommen ist?«
    »Du fragst und scheinst es doch aber gar nicht wissen zu wollen,« antwortete
Halef.
    »Wieso?« fragte Nafar verwundert.
    »Wenn ich dir einen Brief schreibe, den ich auf einen schwarzen Schiefer
geschrieben habe, was tust du da?«
    »Ich lese ihn.«
    »Nein! Ich sehe ja, dass du das nicht tust! Du löschst ihn aus und fragst
dich dann verwundert, was auf dem Schiefer wohl gestanden habe.«
    »Traust du mir wirklich keine grössere Klugheit zu?«
    »Wie kannst du mir eine Frage vorlegen, durch deren Beantwortung ich dich
beleidigen würde! Schau diesen Sand! Er ist die Schiefertafel. Der, welcher hier
geritten ist, hat eine Schrift geschrieben, welche zu lesen ist, nämlich seine
Spur. Anstatt sie aber zu lesen, lasst ihr eure Pferde so über die Fährte
trampeln, dass sie nun fast nicht mehr zu sehen ist. Nun sei so gut und
beantworte dir deine Frage selbst!«
    Halef hatte vollständig recht. Wir beide ritten zur Seite, stiegen da, wo
die Spur noch nicht ausgetreten war, von den Pferden und folgten ihr, um die
Eindrücke zu betrachten, so weit, bis ich genug gesehen zu haben glaubte. Der
Scheik war uns langsam gefolgt. Als ich mich jetzt wieder umwandte, fragte er:
    »Nun, was habt ihr gesehen? Der Scheik der Haddedihn wird uns jetzt zeigen,
wie gut er lesen kann!«
    Das klang beinahe ironisch. Halef war sofort mit der richtigen Antwort da:
    »Wir haben nichts, gar nichts gefunden, o Scheik der Dinarun. Darum bitten
wir dich, dein Pferd zu verlassen, um zu versuchen, ob du diese Schriftzeile
besser lesen kannst als wir!«
    »Was liegt daran, zu wissen wer hier war?« entgegnete Nafar ausweichend.
    »Sehr viel liegt daran! Wir befinden uns auf einem Kriegszuge. Es darf uns
nicht gleichgültig sein, wer in derselben Gegend mit uns ist. Es kann uns Verrat
und Gefahr von jeder Seite drohen. Ich hoffe, dass dir dies nicht unbegreiflich
ist!«
    Er gab seiner Stimme einen strengen Klang. Da stieg der Dinari53 vom Pferde
und betrachtete die Fährte. Hierauf schüttelte er den Kopf und sagte:
    »Man sieht, dass zwei Reiter hier vorübergekommen sind, weiter nichts.«
    »Wirklich weiter nichts?«
    »Nein.«
    Wahrscheinlich bemerkte Halef das Lächeln, welches ich um meine Lippen
fühlte. Er hatte mehr gesehen als Nafar und nahm wohl an, dass die Schrift für
mich trotzdem noch verständlicher gewesen sei, als für ihn selbst. Darum fuhr er
fort:
    »Du sprichst von zwei Reitern, von weiter nichts. Was ritten sie für Tiere?«
    »Pferde natürlich!«
    »Was für Pferde waren es?«
    »Wer kann das wissen? Niemand!«
    »So! Dieser Niemand bin ich. Das eine Pferd war ein junger Hengst, das
andere aber eine Stute, welche wenigstens schon fünf- oder sechsmal geboren
hat.«
    Da machte der Dinari die Augen weit auf und fragte:
    »Woran siehst du das?«
    »Das ist auch eines unserer Geheimnisse, welche nicht verraten werden. Es
würde dir auch nichts nützen, wenn ich es dir sagte, denn es gehört viel
Erfahrung und eine lange Uebung dazu, die Zahl der Geburten, also das ungefähre
Alter einer Stute aus ihren Spuren zu erkennen. Wäre der Sand nicht so fein, so
würde selbst ich vergeblich forschen. Glaubst du nun, dass der Scheik der
Haddedihn eine Fährte lesen kann? Und da steht Kara Ben Nemsi, der mein Lehrer
in dieser Kunst gewesen ist. Ich sehe es ihm an, dass diese Spur ihm noch mehr
gesagt hat als mir. Sprich, Sihdi, was hast du gesehen?«
    »Die Stute ist allerreinsten Blutes«, antwortete ich.
    »Ja; das weiss ich auch.«
    »Sie ist einmal infolge eines Fehltrittes lange Zeit fusskrank und
unbrauchbar gewesen.«
    »Maschallah!« rief da der Scheik der Dinarun. »Weisst du, an welchem Fusse?«
    »Links vorn. Es war eine Flechsendehnung, welche nur langsam und durch die
grösste Ruhe zu heilen ist.«
    »Bist du allwissend?«
    »Nein. Ich habe meine Augen geübt. Das ist es, weiter nichts. Du scheinst
verwundert zu sein. Kennst du ein solches Pferd?«
    »Ja. Es ist eine braune Stute. Ihre Haut bekommt in der Sonne dunklen
Kupferglanz; sie hat die drei berühmten Haarwirbel der Pferde des Propheten; sie
trinkt das Wasser mit der Zunge, wie ein Hund; ihr Ohr ist schärfer als das Auge
des Geiers, und wenn sie dich anschaut, glaubst du, dem sanften Blicke einer
Huri zu begegnen.«
    Der Beduine wird stets poetisch, wenn er von einem edlen Pferde spricht. So
auch hier.
    »Wem gehört dieses Pferd?« erkundigte ich mich.
    »Diese wunderbar schnelle Stute heisst Sahm54 und gehört - - dem - - - Ustad
55.«
    Er zögerte so eigentümlich, dieses letzte Wort auszusprechen. Das hatte
jedenfalls einen besonderen Grund, der nicht allein in ihm vorhanden war, denn
als er diesen Namen aussprach, drängten sich die bei uns haltenden Dinarun
sofort noch näher zu uns heran.
    »Wer ist das, der Ustad?« fragte ich.
    »Ein Dschamiki,« antwortete er so kurz, dass ich annahm, er gebe nicht gerne
Auskunft über diesen Mann.
    »Vielleicht der Scheik einer Unterabteilung der Dschamikun?«
    »Nein.«
    »Also ein gewöhnlicher, wenn auch reicher Mann?«
    »Auch nicht!«
    »Weder Scheik noch einfacher Nomade? Was aber denn?«
    »Warum willst du das so durchaus wissen?« sprach er ungeduldig. »Dieser Mann
geht mich und auch dich nichts an!«
    »Dich vielleicht nicht, aber mich! Ich habe keinen Grund, mich vor irgend
einem Menschen oder gar nur vor dem Namen eines Menschen zu scheuen. Wir
verfolgen die Dschamikun; zwei von ihnen sind hier an dieser Stelle gewesen. Das
eine der Pferde ist die Stute des Ustad. Ich muss also unbedingt wissen, wer
dieser Ustad ist und was es mit ihm für eine Bewandtnis hat.«
    »Ich spreche nicht von ihm!« erklärte er in einem Tone, als sei dies nun
sein letztes Wort. Es klang fast wie ein Befehl für mich, still zu sein. Da
regte sich das Misstrauen von neuem in mir. Sein Verhalten war für mich ein
Rätsel, dessen Lösung ich mir unbedingt verschaffen musste.
    »Komm, Halef!«
    Indem ich diese Aufforderung an meinen Hadschi richtete, wendete ich mich
von Nafar Ben Schuri und stieg wieder in den Sattel. Halef tat ebenso. Der
Blick, den er mir zuwarf, sagte mir, dass er mich verstanden hatte und mir recht
gab.
    »Wohin?« fragte er.
    »Dortin!«
    Ich zeigte nach der Schlucht links, nach welcher die Spur führte, und setzte
mein Pferd anstatt in Schritt in schnellen Trab. Da rief der Scheik der Dinarun
hinter uns her:
    »Was fällt euch ein? Warum reitet ihr dortin? Wollt ihr uns verlassen?«
    Wir antworteten nicht, sahen uns auch nicht um und erreichten schnell die
Schlucht, hinter deren Eingangsfelsen wir für die Dinarun verschwanden. Hier lag
derselbe leichte Sand wie draussen. Die Fährte war ebenso deutlich wie dort.
Halef hielt sich neben mir. Er konnte es nicht über das Herz bringen, zu
schweigen!
    »Sihdi, was hast du vor?« fragte er. »Willst du unsere Freunde verlassen?«
    »Nein.«
    »Aber warum entfernst du dich von ihnen?«
    »Erstens um sie zu zwingen, mir Auskunft über diesen Ustad zu geben, und
zweitens um sie darüber zu belehren, dass wir Männer sind, denen man Antwort zu
geben hat, wenn sie fragen!«
    »Das sind wir allerdings! Doch meine ich, dass wir unsere Freunde - - -«
    »Freunde?« unterbrach ich ihn. »Sei vorsichtig mit diesem Worte! Es fällt
mir schwer, das rechte Vertrauen zu dieser Freundschaft zu haben.«
    »Ich aber traue ihnen, Sihdi!«
    »Das weiss ich gar wohl; es wäre aber besser, wenn du zu mir mehr Vertrauen
hättest, als zu ihnen. Es liegt irgend etwas zwischen ihnen und uns. Ich weiss
es, kann es aber nicht finden. Wir werden es aber erfahren und ich hoffe, dass
wir uns nicht zu der Sorte von Menschen zu zählen haben, welche nur durch
Schaden klug werden können! - Schau! Was ist hier?«
    »Da sind die Reiter abgestiegen, um auszuruhen,« antwortete er.
    So war es allerdings. Sie hatten an der rechten Seite der Schlucht Halt
gemacht und sich in den weichen Sand gesetzt. Daneben standen niedrige
Akaziensträuche, deren Spitzen und Blätter von den Pferden abgefressen worden
waren. Die Eindrücke in dem Sande waren da, wo sie gesessen hatten, so scharf,
dass man sogar sah, welche Stellung dabei von ihren Extremitäten eingenommen
worden waren. Kaum hatte ich einen Blick dortin geworfen, so entriss mir die
Ueberraschung den Ausruf:
    »Welche Entdeckung! Oder täusche ich mich?«
    »Was ist's, Sihdi?« fragte Halef.
    »Später! Die Dinarun kommen!«
    Sie waren es nicht alle, sondern nur der Scheik mit einigen von ihnen. Ich
war wieder abgestiegen, um die Eindrücke in dem Sande zu untersuchen. Er blieb,
um die Spuren nicht wieder zu verwischen, in einiger Entfernung von uns halten
und rief uns, halb ärgerlich, halb bittend zu:
    »Ist denn plötzlich irgend ein Scheitan56 in euch gefahren? Warum verlasst
ihr uns? Wollt ihr etwa hier weiterreiten?«
    »Ja,« antwortete ich.
    »Warum?«
    »Wenn ich einen so gefährlichen Weg unternommen habe, wie der unsere ist,
lasse ich nie eine unbeantwortete Frage auf ihm liegen. Ich muss unbedingt
wissen, wen oder was ich vor mir habe.«
    »Du meinst den Ustad?« Er wusste also wohl, warum wir uns entfernt hatten.
»Ist dir dieser Mann denn so sehr wichtig?«
    »Ja.«
    »Warum?«
    »Weil du ihn durch dein Schweigen für mich wichtig gemacht hast. Hättest du
mir nicht die Auskunft verweigert, so wäre er für uns wohl weiter nichts als
jeder andere Mensch.«
    »Und was soll euch diese Fährte nützen?«
    »Sie soll mich zu der Kenntnis führen, welche du uns nicht geben willst. Wir
reiten als eure Freunde mit euch. Es handelt sich hierbei vielleicht um Blut und
Leben. Darum ist die grösste Vorsicht geboten. Ich sehe, dass sich noch andere
Personen in unserer Nähe befunden haben, vielleicht noch befinden. Ich will
wissen, wer sie sind. Ich entdecke, welches Pferd geritten wird. Ich will
Auskunft über den Besitzer desselben. Du kannst sie geben, giebst sie aber
nicht. Das ist gegen die Offenheit, welche ich von dir zu fordern habe! Du hast
Geheimnisse vor uns, die wir mit dir in den Kampf gehen sollen. Das trennt uns
von euch. Wir reiten dieser Fährte nach, bis ich weiss, wer die Männer sind, die
unsere Wege kreuzen!«
    »Du hast einen harten Kopf!« warf er ein.
    »Nicht das, sondern nur einen festen Willen!«
    »Weisst du, was kommen wird, wenn ihr euch von uns trennt?«
    »Was?«
    »Ihr werdet in unbekannter Gegend hilflos sein! Der Hunger wird an euch
nagen, und der Durst wird euch verzehren!«
    Kein Mensch hätte mir jetzt einen grösseren Gefallen erweisen können, als
dieser Mann es mit diesen Worten tat. Halef traute den Dinarun, ich aber nicht.
Das brachte mich in einen zunächst zwar nur innern Zwiespalt mit ihm, der uns
aber äusserlich gefährlich werden konnte. Hatte doch Halef mir schon da oben im
Lager Widerstand geleistet! Ich musste wünschen, dass sein Vertrauen zu diesen
Leuten ihn nicht wieder zu einem solchen Fehler verleite. Wirklich erschüttert
aber musste es nicht von mir, sondern von ihnen selbst werden. Da kam Nafar Ben
Schuri mit seinem Worte »hilflos« mir zur rechten Zeit zur rechten »Hilfe«.
Dieses Wort wirkte auf meinen kleinen Hadschi wie ein feindlicher Pistolenschuss.
Er ritt zu dem Scheik hin, blieb hart vor ihm halten und fuhr ihn zornig an:
    »Wer wird hilflos sein? Wer wird hungern? Und wer wird dürsten? Warum
besteht ihr darauf, dass wir mit euch reiten, wenn ihr uns für junge Schakals
haltet, die sich den eigenen Schwanz abfressen, wenn nicht die Mutter ihren
Hunger stillt? Hast du jemals gehört, dass Hadschi Halef Omar, der Scheik der
Haddedihn, sich nicht zu helfen gewusst habe? Hältst du uns für kleine Buben,
denen du auf ihre Fragen mit der Beleidigung des Schweigens antworten darfst?
Meinst du, dass wir nur dir zuliebe unsere Gewehre mühsam nach dem Tale des
Sackes schleppen, um von dir dann einen Wasserschluck und eine Dattel zu
erhalten, damit wir nicht vor Durst und Hunger uns in die Brühe faulender Gurken
verwandeln? Denkst du, wir lesen dir die schwere Sprache der Fährten zu dem
Zwecke vor, von dir zu erfahren, dass sie unnütz sei? Ob dieses Land uns bekannt
oder unbekannt ist, das ist uns völlig gleich. Jeder Schuss aus unsern Gewehren
wird uns Nahrung bringen, und jeder Busch oder Strauch hat uns zu sagen, wo wir
Wasser finden werden! Du hast uns hilflos genannt. Schau dich an! Weisst du, als
was ich dich jetzt vor mir krumm im Sattel sitzen sehe? Als den
niedergeschmetterten Scheik der Dinarun, dem jetzt, in diesem Augenblicke, um
nichts als nur um unsere Hilfe bange ist! Ich habe gesprochen!«
    Er wendete sein Pferd um und kam wieder her zu mir. Der Scheik antwortete
nicht sogleich. Dass er zornig sei, war ihm wohl anzusehen, doch gebot ihm die
Klugheit, sich zu beherrschen. Seine Leute sprachen leise auf ihn ein.
    »Hast du jemals so etwas gehört, Sihdi?« fragte Halef mit unterdrückter
Stimme. »Hilflose Menschen sollen wir sein! Mit solchen Freunden hat man
freilich nur mit der nötigen Vorsicht umzugehen! Wenn mich ein Freund beleidigt,
so ist das schlimmer, als wenn ein Feind es tut! Ich werde mich in Zukunft
nicht nach meinem Herzen, sondern nach deinem Verstande richten!«
    Da kam Nafar näher und wendete sich an mich:
    »Sihdi, ich konnte nicht ahnen, dass euch mein Schweigen beleidigen werde.
Ich bin Moslem und rede also nicht gern von dem, der ein Feind des Propheten
ist. Ich habe nicht daran gedacht, dass du ein Christ bist. Willst du mir
verzeihen?«
    Ich nickte nur. Da fuhr er fort:
    »Hast du noch den Wunsch, etwas über den Mann zu hören, den sie den Ustad
nennen?«
    »Natürlich!«
    »Er ist ein Dschamiki, wurde aber nicht bei den Dschamikun geboren. Sie
waren arme Teufel, doch treue Anhänger des Propheten, als er aus einer fernen
Gegend zu ihnen kam. Er unterrichtete sie in der Weisheit und Fertigkeit der
Abgefallenen. Sie wurden durch ihn wohlhabend, viele sogar reich, haben sich
aber aus freien Nomaden in unfreie Sklaven der Arbeit verwandelt. Sie züchten
Vieh; sie bebauen Aecker, und sie besitzen Gärten, in welche sie Bäume pflanzen.
Pfui!«
    »Und dennoch sind sie Räuber, die euch eure Herden gestohlen und die Wächter
ermordet haben?« warf ich ein.
    »Ja, das sind sie freilich auch! Der Abfall vom Propheten treibt stets zu
Raub und Mord!«
    »Meinst du?«
    »Ja. Das darf dich nicht beleidigen, denn du bist ja nie ein Moslem gewesen
und also kein Abgefallener.«
    »Sind die Dschamikun Christen?«
    »Das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass sie von Muhammed abgewichen sind.«
    »Wie nennen sie sich?«
    »Nur Dschamikun. Ihrer Religion geben sie keinen Namen. Der Ustad ist ein
alter, alter Mann, aber mit tiefschwarzen Haaren. Man sagt, er sei mehrere
hundert Jahre alt. Ja, einige meinen sogar, dass er nie geboren worden sei und
niemals sterben werde. Das ist gewiss nur Aberglaube. Aber Eins, was man über ihn
sagt, ist richtig. Nämlich, dass man sich hüten muss, bös von ihm zu reden. Wer
das tut, dem folgt die Rache wie ein böser Geist, der nicht eher ruht, als bis
er ihn vernichtet hat. Darum wollte ich deine Frage nicht beantworten. Bist du
nun versöhnt?«
    »Ich will es sein, warne dich aber vor ähnlichen Beleidigungen. Weisst du
vielleicht, ob Sallab, der Fakir, mit den Dschamikun bekannt ist?«
    »Er geht überall hin, wahrscheinlich auch zu ihnen.«
    »Ist er ihnen mehr Freund als euch?«
    »Wer kann das sagen!«
    »Er ist hier gewesen.«
    »Hier? An diesem Orte?« fragte er erstaunt.
    »Ja.«
    »Unmöglich!«
    »Er hat auf der braunen Stute des Ustad gesessen.«
    »Das ist ebenso unmöglich!«
    »Schau her! Hier an dieser Stelle sind die beiden Reiter von den Pferden
gestiegen. Der, welcher den Hengst ritt, hat die Spuren von ledernen Sohlen
hinterlassen. Der andere, welcher von der Stute sprang, ist barfuss gewesen. Nun
komm hierher, wo sie gesessen haben! Hier der barfüssige, und hier der andere.
Hast du vielleicht schon einmal einen Menschen so auffällig sitzen sehen, dass er
nur das eine Bein unterschlägt und auf das Knie desselben die Kniekehle des
andern Beines legt, dessen Ferse also jenseits den Boden berühren muss!«
    »Maschallah! So sitzt nur einer! Auch du hast ihn gesehen!«
    »Wer ist's?«
    »Der Fakir!«
    »Richtig! Diese seine Art zu sitzen oder vielmehr zu hocken ist mir sofort
aufgefallen, als er in eurem Lager sich bei uns niederliess. Der barfüssige Mann
hier hat ganz genau in derselben Weise gesessen.«
    »Kann es nicht einen zweiten geben, welcher auch diese Gewohnheit hat?«
    »Gut, nehmen wir diese Möglichkeit an! Aber hast du dir genau betrachtet,
wie der Fakir gekleidet war?«
    »In Fetzen!«
    »Wodurch wurden diese Fetzen zusammengehalten?«
    »Durch eine Schnur. Die Enden des Knotens hingen hinten herab.«
    »Hast du an diesen beiden Enden etwas bemerkt?«
    »Zwei Cypressenzapfen an jedem.«
    »So sieh hierher! Diese Zapfen haben, als er sass, den Sand hinter ihm
berührt. Er hat sich bewegt und mit sich diese Zapfen. Siehst du diese Striche?
Und da, wo sie stillgelegen haben, die runden Eindrücke in dem Mehle des feinen
Sandes?«
    Er richtete die Augen auf diese Zeichen und dann, gross und weit geöffnet,
auf mich.
    »Sihdi,« sagte er, »das ist nun freilich Spurenlesen! Es ist bewiesen, dass
es wirklich der Fakir war, der hier gesessen hat. Aber an das Pferd des Ustad
glaube ich noch nicht!«
    »Ich habe nur gesagt, was für ein Pferd es war. Mehr kann ich nicht wissen.
Den Ustad hast du selbst genannt. Ist er denn reich genug, der Besitzer eines
solchen Pferdes zu sein?«
    »Ja, man sagt, dass er die Macht über den ganzen Reichtum der Erde besitze.«
    »Man sagt so manches, was man eben bloss sagt. Heut hat für mich nur das
Geltung, was ich hier sehe. Wann denkst du, dass wir das Daraeh-y-Dschib
erreichen werden?«
    »Wir werden schon heut abend in seiner Nähe sein, obgleich wir einen Umweg
eingeschlagen haben, um nicht auf etwaige Nachzügler der Dschamikun zu treffen.«
    »So treffen wir aber doch vielleicht auf eure Späher nicht!«
    »O doch! Wir haben heut den Weg der Feinde zu kreuzen, um ihnen dann
zuvorzukommen. An dieser Kreuzungsstelle haben meine Kundschafter auf uns zu
warten.«
    »So kennen sie die Stelle, an welcher diese Kreuzung stattfindet?«
    »Ja. Ich hoffe, dass euer Vertrauen zu uns nun wieder vollständig
zurückgekehrt ist!«
    Er sah mich an, erwartungsvoll, was für eine Antwort ich nun geben werde. Da
wurde mir so offen, dass er es hörte, von Halef die Frage zugeworfen:
    »Was wirst du ihm sagen, Sihdi? Das Vertrauen ist nicht wie eine Dattel, die
man in der Minute zehnmal hin und her geben kann. Es geht schneller fort, als es
wiederkehrt.«
    »Ich werde ihn nach einer Lücke fragen, die es zwischen ihm und uns gibt,
lieber Halef,« antwortete ich.
    »Eine Lücke? Ich kenne keine.«
    »Und doch ist sie da. Wir haben sie mitgenommen, als wir das Lager der
Dinarun verliessen. Sie wurde um Mitternacht, als uns der Nachtrab erreichte,
grösser als sie vorher war, und nun bin ich neugierig, ob es ihm gelingt, sie
auszufüllen. Ich habe darüber geschwiegen, weil du an die Dinarun glaubtest und
ich dir deine Unbefangenheit gönnte.«
    »Ich verstehe dich nicht!«
    »Du wirst es gleich hören!«
    Und zu dem Scheik gewendet fuhr ich fort:
    »Ist euer Lager jetzt vollständig verlassen?«
    »Ja,« nickte er.
    »Es befindet sich niemand mehr dort?«
    »Kein Mensch mehr!«
    »Es ist also alles mit uns unterwegs? Mit uns hier und dem Nachtrab?«
    »Alles!«
    »Und unsere Gefangenen? Die Dschamikun? Mit denen wir Gericht halten
wollten?«
    Er war schneller mit der Antwort da, als ich erwartet hatte:
    »Ich habe sie nach dem grossen Lager unseres Stammes geschickt. Dort werden
sie bis zu unserer Rückkehr für euch aufbewahrt.«
    »Warum sagtest du uns das nicht?«
    »Habt ihr mich gefragt?«
    »Du hattest es uns auch ohne Frage mitzuteilen. Die Gefangenen gehörten
zunächst uns und dann später dir. Ich sagte nichts über sie, weil ich es für
ganz selbstverständlich hielt, dass sie sich beim Nachtrab befinden würden. Ich
sage dir ganz aufrichtig folgendes: Dass diese wenigen Dschamikun so nahe bei
euch waren, obwohl ihr von ihren Stammesgenossen beraubt worden waret, das
erschien mir unbegreiflich. Dass ihr ihnen begegnet seid, ohne sie als Dschamikun
anzuhalten, hielt ich für höchst sonderbar. Dass sie nun verschwunden sind, ohne
dass du es für nötig gehalten hast, uns ein Wort darüber zu sagen, das kommt mir
sogar bedenklich vor. Darum will ich dir deine Frage nach unserm Vertrauen jetzt
noch nicht beantworten. Du wirst schon ganz von selbst bemerken, ob es
wiederkehrt oder verschwunden bleibt. Jetzt wollen wir den unterbrochenen Weg
fortsetzen.«
    Er sagte nichts, lenkte um und ritt mit seinen Begleitern wieder aus der
Schlucht hinaus. Erst nach einiger Zeit blickte er sich einmal um, damit er
sehe, ob wir ihm folgten. Natürlich taten wir das. Draussen stiessen wir zu dem
Trupp, der auf uns gewartet hatte, und ritten dann mit diesem weiter, indem wir
die beiden Letzten des Zuges waren.
    »Sonderbar, das mit den Gefangenen!« sagte Halef nach einiger Zeit, während
welcher er still an sich niedergesonnen hatte. »Glaubst du, Sihdi, dass ich seit
unserm Aufbruche gar nicht an diese Leute gedacht habe?«
    »Ich bemerkte das.«
    »Und aber du?«
    »Ich sah erst heut früh, dass sie fehlten.«
    »Und hast gegen mich geschwiegen!«
    »Du warst so heiter wie in den letzten Tagen selten. Ich wollte dich nicht
ohne Not bedenklich stimmen.«
    »Weil du mich wegen meiner Krankheit schonen willst; ich weiss es! Glaubst du
noch an sie?«
    »Ja.«
    »So gieb mir jetzt wieder die Arznei!«
    »Halef!« rief ich. »Fühlst du dich wieder unwohl?«
    »Nein. Aber die Alte ist wieder da. Sie hat sich heimlich herangeschlichen.
Sie sitzt hinter mir auf dem Pferde und streicht mir mit eiskalter Hand am
Rücken auf und ab. Sie muss wieder fort. Gieb mir das Mittel!«
    Ich hatte während der letzten Stunden in Beziehung auf das Fieber nicht auf
ihn geachtet. Jetzt sah ich seine Augen glänzen. Sie hatten einen unstäten,
ängstlichen Blick. Ich nahm das Chinin aus der Satteltasche und gab ihm davon.
Er nahm es ein, und dann wurde es für längere Zeit still zwischen uns.
    Dieses Schweigen hatte seinen Grund zunächst in der Besorgnis, welche ich in
Beziehung auf Halef von neuem hegte. Sodann aber war mir auch in Betreff meiner
selbst ein Gedanke gekommen, welcher sehr geeignet war, mich zu beunruhigen.
    Wir hatten in jüngster Zeit ganz bedeutende Fehler begangen, Fehler, welche
eigentlich für uns hätten unmöglich sein sollen. Hierzu kamen, wenn ich
nachdachte, eine ganze Menge kleinere Sonderbarkeiten, die uns eigentlich gar
nicht geläufig waren. Vor allen Dingen fragte ich mich, wie es möglich gewesen
war, dass wir hatten von dem Lager der Dinarun aufbrechen können, ohne vorher
über unsere Gefangenen zu bestimmen. Hierauf fiel mir ein, dass es doch
eigentlich geraten gewesen wäre, uns die Leichen oder die Gräber der beim
Ueberfalle der Herden ermordeten Wächter zeigen zu lassen. Auch das hatten wir
nicht getan. Wie war es für uns alte, erfahrene, doch sonst so scharfsinnige
Leute möglich gewesen, uns solcher Unterlassungssünden schuldig zu machen? Bei
Halef war die Krankheit schuld. Was aber bei mir? War ich plötzlich vergesslich
geworden? Hatte ich die Schärfe meiner Denkkraft eingebüsst? Woher kam auch bei
mir die sonderbare Müdigkeit, die ich gar nicht beachtet hatte, obgleich sie von
Halef schon einige Male erwähnt worden war? Ich befinde mich in dem Besitze
einer Konstitution, wie nur selten ein Mensch sie hat. Meine Gesundheit macht
für mich den Gedanken, krank zu sein, fast zur Unmöglichkeit. Und wenn ich ja
vielleicht einmal unwohl sein sollte, so glaube ich es nicht. Ein Zustand, über
welchen andere klagen und sehr besorgt sein würden, ist für mich eine kleine,
gar nicht beachtenswerte Unpässlichkeit, über die ich kein Wort verliere. Nun
aber jetzt, da mir der erwähnte Gedanke gekommen war, tat ich das, was ich
bisher versäumt hatte: Ich nahm nicht Halef, sondern einmal auch mich selbst
her, um mich auf mein Wohlbefinden hin zu untersuchen, und da - man lache nicht!
- geschah das Unerwartete, dass das »alte, zahnlose Weib« mir in die Ohren
raunte, dass sie auch bei mir zu Gaste sei.
    Der Gedanke an die Möglichkeit brachte die Erkenntnis der Wirklichkeit. Was
ich bisher nicht beachtet, ja fast kaum empfunden hatte, das trat mir jetzt im
Handumwenden deutlich ins Gefühl: Mein Kopf war eingenommen, meine Stimmung
unlustig, mein Geist ermüdet und mein Körper nicht mehr von der gewohnten
Beweglichkeit. Diese Entdeckung machte ich, und kaum hatte ich sie gemacht, so -
- so - - - war es mir, als ob in diesem Augenblicke mein Stirnbein doppelt dick
geworden sei und mir das Gehirn zusammendränge. Unsinn! Ich, und Kopfschmerzen
haben! Geradezu lächerrlich! Die reine Einbildung! Aber ich fühle ihn ja! Ist es
erlaubt, an Autosuggestion zu glauben?
    Ich nahm mich zusammen und gab meinem Pferde ganz absichtslos die Sporen,
dass es einen weiten Satz nach vorwärts tat.
    »Was ist's?« fragte der Hadschi, indem er mir in das Gesicht sah. »Was haben
deine Wangen für eine Farbe? Warum sind sie plötzlich eingefallen? Bist du
krank?«
    »Fällt mir nicht ein!« lachte ich, ohne aber dabei wirklich heiter zu sein.
    »Du, verbirg mir nichts! Meine alte Frau hat dich gegrüsst! Das wäre grad
das, was uns noch fehlt! Mir ist so heiss, so heiss und so innerlich angst. Ich
habe Sehnsucht nach der allergrössten Kälte, die es gibt. Vor meinen Augen
drehen sich feurige Räder. Sihdi, wir müssen den Scheik fragen, ob es nicht
vielleicht hier in der Nähe Wasser gibt.«
    Er trieb sein Pferd an und ritt nach vorn. Ich folgte ihm. Noch ehe wir den
Scheik erreicht hatten, rief er ihm zu:
    »Nafar Ben Schuri, sag, ob es in dieser Gegend irgendwo Wasser gibt!«
    »Zum Trinken?«
    »Ja, auch! Aber noch viel mehr! So viel, dass man hineinspringen und sich
baden kann.«
    Da zeigte ich mit dem ausgestrecktem Arm rechter Hand nach vorn und sagte:
    »Dort ragt ein Berg, ganz dunkel blaugrün. Da gibt es Wald, wahrscheinlich
sogar Laub-, nicht Nadelwald. Kennst du ihn?«
    »Ja« antwortete der Scheik. »Seine Kuppe trägt Nadelbäume. Weiter unten aber
folgen Mürwaran und Dischbudakan57. Wir kommen an seinem Fusse vorbei.«
    »Wo Mürwaran stehen, gibt es unbedingt fliessendes Wasser!«
    »Das gibt es allerdings dort. Es fliesst in einen stehenden Weiher. Ich
kenne ihn. Wir haben dort gefischt. In etwas über zwei Stunden werden wir ihn
erreichen.«
    »So spät?« fragte Halef.
    »Ja. Die Richtung durch die Luft ist nicht halb so weit; aber wir müssen
zweimal tief in Täler hinab und jenseits wieder hinauf. Der Teich liegt an der
westlichen Seite des Berges.«
    »Zwei Stunden warte ich nicht. Kommt uns nach! Wir reiten voraus. Du machst
doch mit, Sihdi?«
    Er berührte, ohne meine Antwort abzuwarten, die Flanken seines Rappen mit
den Sporen. Da schoss das edle Tier mit ihm davon, als ob es von einem Bogen
abgeschnellt worden sei. Mein Assil Ben Rih folgte augenblicklich, ohne einen
Antrieb von mir abzuwarten. Er wusste, dass er mit Barkh zusammengehöre.
    Es ging zunächst über ebenes Terrain, und da war es eine Wonne, so über
dasselbe hinzufliegen, als ob die Hufe den Boden gar nicht berührten. Halef
jauchzte auf. Ich liess ihn voran. Das sollte seinen Ehrgeiz anspornen und seine
Energie beleben. Vielleicht hielt er dann aus! Mit abgespanntem Geiste einen Weg
von über zwei Stunden zurückzulegen, das hätte ihn vielleicht bis zur Niederlage
ermattet. Darum rief ich ihm zu:
    »Zähle nach, Hadschi, in wieviel Minuten ich dich einhole!«
    Da warf er den Arm in die Luft und rief lachend:
    »Nie, nie! Ich zähle nicht. Es wäre eine Ewigkeit!«
    Er legte sich nach vorn. Der Luftzug riss ihm auf der Brust den Burnus auf
und schwellte ihn zum Ballon. Da zog er den Saum unter dem Sitz hervor, um ihn
fliegen zu lassen. Es sah aus, als ob Ross und Reiter beschwingt seien. Der Boden
der Erde schwand förmlich hinter uns. Ich schaute mich um. Die Dinarun hatten
ihre Pferde angehalten, um uns erstaunt nachzublicken. Einen solchen Ritt hatten
sie wohl noch nicht gesehen.
    Schon nach kurzer Zeit war die Ebene zu Ende. Nun ging es im Galopp einen
sanft ansteigenden Hang hinunter, quer über die Tiefe des Tales und drüben
wieder hinauf. Es war eine wahre Wonne, Halef in dieser Weise so leicht, wie von
aller Schwere befreit, dahinfliegen zu sehen. Bei so einem echten Beduinenritt
haben beide, der Reiter und das Pferd, nur einen einzigen Willen und eine
einzige Ehre!
    Der jenseitige Abfall der Höhe war steiler. Es lagen da Felsenbrocken wie
ausgesät, und zwischen ihnen standen vereinzelte Koniferen. Halef musste da den
Rappen zügeln; ich den meinen auch. Mein Assil war ein besserer Kletterer als
Barkh. Das edle Tier wollte nicht zurückbleiben, sondern das andere unbedingt
einholen; aber so oft wir fast herangekommen waren, ging Halef mir wieder davon.
Unten angekommen, griffen die Pferde ganz von selbst wieder in der früheren
Weise aus. Mein Assil liess jenen tiefen, gutturalen Ton hören, welcher ein
Zeichen der Ungeduld war. Er ärgerte sich, dass ich ihn zurückhielt. Da gab ich
ihm die Zügel frei, richtete mich in den Bügeln auf, um mein Gewicht zu
erleichtern, und rief das Wörtchen jallah aus, welches so viel wie »vorwärts«
bedeutet. Das herrliche Geschöpf warf, vor Freude laut wiehernd, den Kopf in die
Höhe, liess ihn wieder sinken, und nun, aber nun war zu sehen, was so ein echtes
Vollblut zu leisten vermag, aus freiem Willen, ohne von dem Reiter angetrieben
zu werden, und nur aus reinem Ehrgefühl. Es mag Leute geben, für welche dieses
Wort zu hoch gegriffen ist. Sie mögen sich ein anderes suchen. Der wahre
Tierfreund aber weiss, woran er ist!
    Die Folge dieses plötzlichen Anlaufes war, dass ich Halef überholte. Da liess
er jenen lauten, scharfen Ton erschallen, welcher sich aus dem »a« und dem »ch«
zusammensetzt. Der Reiter treibt mit ihm sein Tier zur Eile an, und nur eine
arabische Kehle ist im stande, ihn richtig hervorzubringen. Da legte sich Barkh
nun wieder in das Zeug, um Assil einzuholen. Ich hatte gar nicht die Absicht,
voranzubleiben, sondern ich wollte, dass Halef den Weiher vor mir erreichen
sollte. Aber damit war mein Pferd nicht einverstanden. Als ich die Zügel
straffer nahm, begann es, zornig zu schnauben. Ich konnte mich durch eine
falsche Behandlung um sein Vertrauen, um seine Hingebung bringen; darum hielt
ich es für besser, ihm seinen Willen zu lassen.
    Als wir auf der zweiten Höhe ankamen, hatte der Hadschi mich wieder
eingeholt. Sein Gesicht strahlte. Körper, Geist und Seele waren bei ihm in
gleicher Spannung. Das war es ja, was ich gewollt hatte!
    »Sihdi, gieb jetzt zu, dass ich dich besiege!« rief er mir zu.
    »Nein!« antwortete ich.
    »So pass auf!«
    »Du willst doch nicht etwa das Geheimnis anwenden?«
    »Nein. Das tun wir ja nur in grösster Not. Aber pass auf, ich siege doch!«
    Er bog sich so weit wie möglich nach vorn nieder, um in aneiferndem Tone auf
das Pferd einzusprechen:
    »Rascher, rascher, mein Freund! Zeige nun deine Eilfertigkeit, du Edler!
Erweise mir die Liebe, schneller zu sein, du liebster aller Lieblinge! Ich bin
stolz auf dich! Dein Wert ist unvergleichlich, du grösster meiner Schätze! Willst
du zugeben, dass ich mich vor dem Sihdi da neben uns zu schämen habe? Du weisst,
dass mein Ruhm auch dein Ruhm und deine Schande auch meine Schande ist. Erhöre
mich! Meine Liebe wird dir deinen Eifer lohnen. Lauf, o, lauf! Flieg, o, flieg,
du meine Freude, meine Wonne, meine Lust! Ich gebe dir eine ganze Handvoll
Datteln; die besten, die aller-, allerbesten, die ich habe, die suche ich dir
aus! Denke doch, denke doch: Datteln, Datteln, Datteln!«
    Das Pferd verstand natürlich nicht den Sinn der Worte, aber die Bedeutung
derselben. Das Wort Tamr, Datteln, aber war ihm wohlbekannt. Es senkte den Kopf
tiefer und griff noch schärfer aus als bisher. Die Folge war, dass wir genau
nebeneinander blieben.
    Unser Ritt war ein so schneller, dass der Berg, der unser Ziel war, in hoch
emporstrebender Bewegung zu sein schien. Auch seine Breite gewann mit jedem
Augenblick. Bald trennte uns nur noch eine muldenähnliche, grasige Bodensenkung
von ihm. Es ging ventre-à-terre über dieses Gras. Da, rechts, floss Wasser von
der Höhe. Saftiges Gebüsch bezeichnete seinen Lauf, bis, zwischen den Stämmen
hoher Erlen und Eschen hervor, der Spiegel des Weihers uns entgegenglänzte.
    »Wasser, Wasser, Wasser! Endlich, endlich!« rief Halef aus.
    Er gab seinem Rappen heimlich den Sporn der von mir abgelegenen Seite. Ich
merkte das gar wohl an der Bewegung seines Pferdes, sagte aber nichts. Dieser
kleine, etwas unehrliche Kniff mochte ihm immerhin gelingen. Barkh schoss infolge
desselben mit einemmal vor, und ohne dass mein Assil diesen schnell entstandenen
Vorsprung einzuholen vermochte, waren wir am Ziele angelangt. Halef natürlich
zuerst. Er wendete sein Pferd herum und fragte:
    »Nun, Sihdi, wer ist Sieger?«
    »Du!« antwortete ich.
    »Aber du lächelst ja!«
    »Ist die Schande, von dir besiegt worden zu sein, so gross, dass ich weinen
soll?«
    »Du, Sihdi, verbirg dich nicht! Ich verstehe dieses Lächeln. Ich habe Barkh
angetrieben; du aber hast Assil zurückgehalten. Gestehe es! Sei aufrichtig!
Tatest du es?«
    »Ja,« antwortete ich. Ich konnte es ehrlich sagen, weil ich meinen Zweck,
Halef in Spannung zu halten, doch erreicht hatte.
    »Also, ich wäre unterlegen, wenn du gewollt hättest?«
    »Ja. Ich sage dir das so offen, weil es eine Ehre, ein grosses Lob für dich
ist.«
    »Wieso?«
    »Barkh stammt nicht von einem eurer Pferde. Assil ist ihm über, weil er bei
euch geboren und von dir erzogen worden ist. Er ist unvergleichlich, weil Rih,
sein Vater, unvergleichlich war.«
    »Das ist richtig. Deine Worte machen mich stolz, Sihdi. Ich war nicht
ehrlich gegen dich. Du sprachst kein Wort zu deinem Hengste; ich aber habe dem
meinen zuletzt den Sporn gegeben. Verzeihe mir!«
    Wir waren, während wir diese Worte wechselten, abgestiegen. Wie standen
unsere Pferde da! Still, als hätten sie sich schon stundenlang hier befunden.
Ihr Atem ging ruhig. Es gab keine einzige Flocke Schaum und keine einzige
schweissesnasse Stelle ihrer Haut. Wir liebkosten sie. Da fasste Barkh mit den
Zähnen Halefs Aermel und liess ihn nicht wieder los.
    »Weisst du, was er will?« lachte der Hadschi.
    »Die versprochenen Datteln.«
    »Ja. Der Mensch hat auch seinen Tieren Wort zu halten.«
    Er öffnete den Futtersack und tat genau das, was er versprochen hatte: Er
suchte eine Handvoll der besten Datteln aus und gab sie dem gedächtnisstarken
Mahner. Hierauf sattelten wir die Pferde ab, worauf sie ohne unser Zutun
augenblicklich in das Wasser gingen, bei in der Wüste geborenen Pferden eine
Seltenheit!
    Die An- oder Aufregung war mit dem Ritte vorüber. Die Spannkraft liess bei
Halef schnell und sichtlich nach. Als er nach dem Einflusse des Baches ging, um
von dem dort noch klaren und lebendigen Wasser zu trinken, sah ich, dass seine
Schritte unsicher waren. Mich selbst überkam ein eigentümliches Gefühl. Es war
mir, als ob ich von ebenso unsichtbaren wie unfühlbaren Händen langsam
emporgehoben und dann in das Gras gelegt würde. Ich musste mich setzen. Da
begannen die Erlen um mich herum zu tanzen. Mein Kopf kam mir wie eine hohle
Kugel vor, die immer grösser und leerer wurde. Ich schloss die Augen. Sonderbar:
Ich hörte mit den von ihm doch so entfernten beiden Ohren ganz deutlich das
Klopfen meines Herzens. Jemand ergriff meine Hand.
    »Sihdi, Sihdi, was ist mit dir? Die Haut deines Gesichtes sieht wie Erde
aus! Warum hast du die Augen zu?«
    Es kostete Mühe, sie zu öffnen. Halef stand gebückt vor mir. Aus seinem
Blicke sprach die Angst, die auch in seiner Stimme klang. Das half. Ich sprang
auf und antwortete:
    »Es war ein Tanz der Bäume um mich her, den ich vorüberlassen wollte.«
    »Ganz wie jetzt oft bei mir! Die Gegend, durch welche wir kamen, drehte sich
im Kreise; der Kopf schmerzte, und alle Eingeweide meines Innern wollten sich
empören. Es hat mich alle meine Kraft gekostet, dir das zu verbergen und mich
aufrecht zu halten. Allah verderbe dieses alte Weib! Kann sie sich nicht mit mir
zufrieden geben? Bin ich ihr nicht genug, ich, der berühmte Scheik der
Haddedihn, dem Tausende von tapferen Kriegern gehorchen? Muss sie ihre
unbeschnittenen Fingernägel auch nach dir ausstrecken? Sie allein ist schuld,
dass alles um uns tanzt! Wenn ich sie doch sehen und fassen könnte! Es sollte ihr
vergehen, mit solchen Männern sich derartige Scherze zu erlauben. Komm und trink
Wasser! Das kühlt das Blut und ärgert dieses Weib!«
    Er behielt meine Hand zärtlich in der seinen und führte mich dortin, wo er
getrunken hatte. Er, der Kranke, leitete mich! Was sollte daraus werden! Es
galt, mich zusammenzunehmen! Ich trank, trank und trank in langen Zügen. Ich
fühlte förmlich die kühle Woge, die dabei langsam und kräftigend durch meinen
Körper und meine Glieder ging. Als ich mich dann aufrichtete, war mein Auge
wieder klar.
    »Und nun komm, wir müssen baden,« forderte mich Halef auf. »Aber ja nicht
entfernt voneinander. Wir haben beisammen zu bleiben, damit wir einander helfen
können, falls auch das Wasser um uns tanzen sollte.«
    Eine hierzu geeignete Stelle war bald gefunden. Ich stieg zuerst in die für
uns jedenfalls ausserordentlich wohltätige Flut. Sie war am Rande seicht, wurde
aber bald sehr tief. Ich schwamm hinaus. Das war nach dem kaum vorübergegangenen
Schwindelanfalle vielleicht eine Unvorsichtigkeit, aber ich nahm an, dass diese
Bewegung mir nützlich sein werde. Jedoch nicht lange, so kehrte ich um. Ein
Luftzug kräuselte die Oberfläche des Wassers, und dieses Kribbeln und Krabbeln
und Flimmern und Funkeln ging mir durch das Auge ins Gehirn. Ich fühlte mich
unsicher.
    Als ich wieder Grund gewann, musste ich nach Halef suchen. War er denn noch
nicht im Wasser? Da wurde ich durch eine Bewegung aufmerksam gemacht. Ich
näherte mich der betreffenden Stelle. Da lag er, lang ausgestreckt, den Kopf
hintenüber gebeugt, so dass nur Mund und Nase ausserhalb des Wassers waren. Diese
Situation war eine spasshafte; aber das Lachen verging mir, als ich vollends
herankam und den Körper sah. Der ganze Leib war voller Flecken, die eine
livid-dunkle Färbung hatten.
    Typhus! Wirklich und wahrhaftig Typhus!
    War es denn eine Menschenmöglichkeit, dass sich jemand bis zu diesem
vorgeschrittenen Stadium der Krankheit aufrecht halten und zuletzt sogar noch
einen solchen Parforceritt mitmachen konnte?! Ein Kind der sogenannten
»Zivilisation« hätte das gewiss nicht fertig gebracht! Nur der durch und durch
kerngesunde, abgehärtete Körper des entaltsamen Nomaden, der die Laster und
entnervenden Genüsse der »höher stehenden« Intelligenz nicht kennt, kann eine
solche Gegenkraft und Widerstandsfähigkeit zeigen. Neben diesen körperlichen
Eigenschaften hatten auch die seelischen des kleinen Hadschi das Ihrige dazu
beigetragen, dass er nicht schon längst zusammengebrochen war. Vielleicht hatten
auch rein geographische Faktoren mitgewirkt. Aber mochte das sein, wie es
wollte, die Tatsache war jetzt da. Sie lag vor meinen Augen da im Wasser,
bedeckt mit Petechien, deren vorher scharfe Ränder schon begannen, in einander
überzugehen. Als ich das sah, tat mein Kopf mir plötzlich weh, und es ging,
mich schüttelnd, ein Frost durch meine Glieder. Da kam Halefs Kopf schnell ganz
nach oben.
    »Du frierst, Sihdi? Ich sehe es!« sagte er. »Geh du ans Land! Ich werde noch
liegen bleiben.«
    »Das ist schon vorüber,« antwortete ich. »Aber, Freund, wie siehst du aus?«
    »Gefleckt wie ein Leopard! Nicht wahr? Aber, aber - - was sehe ich da?«
    Er erhob sich ganz, zeigte auf meine Brust und fuhr fort:
    »Da ist es auch bei dir! Genau so hat es bei mir angefangen!«
    Ich schaute an mir hernieder. Was ich vorher noch nicht bemerkt hatte, das
sah ich jetzt: auch ich hatte Flecken, allerdings noch klein. Sie lagen
unterhalb der Schlüsselbeine.
    »Bist du erschrocken?« fragte der Hadschi. »Warum schweigst du? Warum sagst
du nichts? Ist es eine Krankheit? Eine schwere oder eine leichte? Kennst du
sie?«
    »Ich kenne sie, Halef,« antwortete ich. »Und damit du keine Fehler machst,
muss ich aufrichtig mit dir sein. Sie ist fast ebenso gefährlich und langwierig
wie die Pest, welche uns damals dem Tode nahe brachte. Von zehn Kranken sterben
zwei - -«
    »Aber warum sollen grad wir diese beiden sein?« unterbrach er mich. »Es
mögen nur erst noch die acht anderen kommen! Eher mitzurechnen, fällt mir gar
nicht ein!«
    »Auch ich hoffe, dass wir dem Schlimmsten entgehen. Wir sind beide in
Beziehung auf unsere Gesundheit keine Durchschnittsmenschen; also können die von
mir erwähnten Ziffern nicht für uns gelten. Glücklicherweise bin ich im Besitze
der besten Gegenmittel, Kampher und Chinin. Kalte Bäder müssen wir haben. Wenn
es mir in den Sinn kommt, bleiben wir gleich hier. Unser Leben muss uns ebenso
teuer sein, wie die Pflicht der Gastlichkeit. Aber wo nehmen wir die Pflege her,
die uns so nötig ist?«
    »Daher, von wo sie uns damals gekommen ist, vom Himmel Allahs, der uns nie
vergessen hat und nie vergessen wird. Mein guter, mein lieber Sihdi, denke doch
daran, dass wir auch damals keinen Menschen hatten, der sich unser annehmen
konnte. Wir lagen in der grössten Einsamkeit, unter uns die pestauchende Erde,
doch über uns das grosse, lichte Zelt, von welchem alle Engel auf uns
niederschauten. Sie kamen mir im Traume, und auch im Wachen dachte ich an sie.
Sind wir nicht gesund geworden ohne alle andere als allein nur ihre Hilfe?«
    »Ja, du Wackerer, du Treuer! Sie haben uns gepflegt, erst dich durch meine
und dann mich durch deine Hand, obgleich diese unsere Hände so schwach, so
hager, so elend waren.«
    »So werden sie es jetzt auch wieder tun! Oder glaubst du das nicht?«
    »Ich glaube es. Aber damals wurde ich erst dann von der Pest ergriffen, als
du bereits wieder am Gesunden warst. Jetzt jedoch werden wir wahrscheinlich zu
gleicher Zeit - -«
    »Zu gleicher Zeit?« unterbrach er mich. »Fällt uns gar nicht ein! Wenn
dieses alte Weib etwa denkt, dass alles genau so zu gehen hat, wie sie es will,
da irrt sie sich! Wir haben doch auch unsern Willen! Und den setzen wir durch!
Es kommt mir gar nicht in den Sinn, dass wir miteinander krank werden! Wenn wir
es nicht nacheinander werden können, so werden wir es lieber gar nicht! So lange
der eine krank ist und der Pflege bedarf, hat der andere gesund zu bleiben! Der
Anfang hierzu ist ja schon ganz richtig eingetreten! Diese Flecken haben sich
bei mir eher eingestellt als bei dir. Die Höhe der Krankheit wird also nicht zu
gleicher Zeit eintreten. Vor dieser Höhe aber lege ich mich nicht nieder! Ehe es
mich nicht mit tausend Armen packt, habe ich den Dinarun Wort zu halten.«
    »Halef - - -!«
    »Sihdi - - -! Ich weiss, was du sagen willst. Morgen aber werden wir im Tale
des Sackes sein, und wir sind nicht derart krank, dass wir hier liegen bleiben
müssen. Uebermorgen ist der Kampf vorbei, und dann werde ich ohne Widerstreben
tun, was du bestimmst. Bleiben wir hier zurück, so ziehen die Dinarun nicht als
unsere Freunde, sondern als unsere Feinde weiter und kommen, sobald wir hilflos
sind, zurück, um sich zu rächen. Hilflos! Das war ja das Wort des Scheiks!
Lassen wir es nicht zur Wahrheit werden, Sihdi!«
    Dieser Beweis hatte Hand und Fuss. Wie freute ich mich darüber, dass seine
Denkkraft sich noch so scharf erwies! War das dem Einflusse des kalten Bades
zuzuschreiben? Ich legte mich zu ihm, denn auch ich emfand, dass das Wasser
wohltätig auf mich wirkte. Unsere Pferde weideten draussen im saftigen Grase,
ein lange entbehrter Genuss für sie. Die Schatten der hohen Eschen deckten uns
so, dass uns der heisse Strahl der Sonne nicht belästigen konnte. Wir fragten
nicht danach, ob ein zu langes Verweilen im Wasser uns schaden könne, und
verliessen es erst dann, als wir anzunehmen hatten, dass die Dinarun nun bald
eintreffen würden. Als sie sich hierauf einstellten, standen wir schon zur
Fortsetzung des Weges bereit.
    Natürlich aber hielten nun auch sie erst Rast, auf welche jedoch nur eine
halbe Stunde verwendet wurde. Dann ging es weiter, wobei wir uns, wie vorher, am
Ende des Zuges hielten.
    Es war während dieses Aufentaltes der Dinarun am Deiche zwischen uns und
dem Scheik kein Wort gesprochen worden. Für seine Leute hatten wir freundliche
Augen und höfliches Benehmen, aber auch keine Reden gehabt. Das höchst fatale
Wort »Misstrauen« verschloss ihm und uns den Mund.
    Wir bemerkten mit Genugtuung, dass wir uns jetzt in einer wasser- und darum
wald- und weidereicheren Höhenzone befanden. Das war ein Umstand, der uns
Beruhigung gewährte. Uebrigens schien die Wirkung des Bades auf uns eine ganz
verschiedene zu sein. Ich fühlte mich gekräftigt, während Halef mir mitteilte,
dass er sehr ermüdet sei. Er war kalte Bäder nicht gewohnt, und das heutige hatte
wohl eine zu lange Dauer für ihn gehabt.
    Später sah ich, dass er sich schüttelte. Die Sonne schien noch warm auf uns
nieder, und darum nahm ich an, dass diese seine Bewegung eine rein zufällige sei.
Als sie sich aber wiederholte, gestand er mir auf meine Frage, dass er von einem
inneren Frost geschüttelt werde, und bat mich wieder um Chinin. Ich hielt es für
geraten, ihm dieses Mittel jetzt vorzuentalten und schlug ihm eine Wiederholung
unseres Wettrennens vor. Sofort richtete er sich munter im Sattel auf und sagte:
    »Ich bin mit Freuden einverstanden, Sihdi. Aber ich mache eine Bedingung.«
    »Welche?«
    »Dass wir die Pferde wechseln!«
    Welch ein kleiner Schlaumüller! Ich erklärte mich selbstverständlich bereit
dazu und gab ihm meinen Assil, während ich seinen Barkh bekam. Am liebsten
hätten wir auf diesem Ritte den Weg eingeschlagen, den wir überhaupt zu nehmen
hatten, wären da aber zu Fragen an den Scheik gezwungen gewesen, der mit uns
schmollte. Wir beschlossen also, eine andere Richtung zu nehmen, und zwar rund
um einen Berg, welcher zur Linken vor uns lag. Wir mussten, wenn wir ihn umritten
hatten, wieder auf die Dinarun, und wenn nicht auf sie selbst, so doch auf ihre
Spuren stossen. Wir riefen also Nafar Ben Schuri zu, was wir beabsichtigten, und
wollten schon die Pferde antreiben, da antwortete er:
    »Bleibt doch hier! Dort, jenseits des von euch erwähnten Berges, liegt ja
der Kreuzungspunkt, auf welchem meine Krieger auf uns warten.«
    »Das ist für uns kein Grund, uns in eure Langsamkeit zu fügen. Ihr kennt ja
nun die Schnelligkeit unserer Pferde. Wahrscheinlich sind wir eher dort als
ihr.«
    »Aber ihr kommt gewiss?«
    »Ja.«
    »Schwöre es mir!«
    »Was fällt dir ein! Einen Schwur gibt es selbst für viel wichtigere Dinge
bei uns nicht. Du hast mein Wort, und das muss dir genügen!«
    Nun ritten wir fort, aber zunächst langsam, denn Halef hatte eine Mitteilung
auf seinem Herzen:
    »Er ist misstrauisch, Sihdi.«
    »Und beleidigend,« fügte ich hinzu.
    »Ja, es war eine Beleidigung, einen Schwur zu verlangen. Wir müssen ihm von
grossem Werte sein.«
    »Das scheint freilich so!«
    »Hast du eine Ahnung, warum?«
    »Ja.«
    »Welche?«
    »Es ist eben nur eine Ahnung, das heisst, etwas Unklares. Von Wert sind wir
ihm als Helfer gegen die Dschamikun. Er weiss, dass er sich auf unsere Erfahrung
und auf unsere Fertigkeit im Schiessen mehr verlassen kann, als auf sich selbst
und alle seine Leute. Das hat er uns ja schon gesagt, ohne es eigentlich sagen
zu wollen. Aber diese Betrachtung genügt mir nicht, verschiedenes zu erklären,
was mir aufgefallen ist.«
    »Was?«
    »Er trachtet so auffallend und eifrig darnach, die Geheimnisse unserer
Waffen und unserer Pferde kennen zu lernen. Warum? Diese Geheimnisse haben doch
nur für den Besitzer Wert. Hat er etwa die Absicht, unser Eigentum an sich zu
reissen!«
    »Sihdi!« rief Halef überrascht.
    »Ist er etwa unser Feind, der nach den Pferden und Gewehren trachtet, die
ihm aber ohne vorherige Aufklärung unnütz sind? Und gibt er nur deshalb vor,
unser Freund zu sein, weil er auf diesem Wege die Geheimnisse zu erfahren hofft?
Wird er dann, sobald er sie kennt, uns sein richtiges Gesicht zeigen - - das
Gesicht eines Räubers und Mörders?«
    »Sihdi! Kann ein Mensch von so bodenloser Schlechtigkeit sein?«
    »Das fragst du und hast doch schon solche Menschen kennen gelernt!«
    »Wie töricht wäre ich gewesen, wenn du recht hättest!«
    »Tröste dich! Auch ich habe keineswegs klug gehandelt. Wir haben die grösste
Vorsicht zu beobachten. Das ist um so schlimmer für uns, als wir von der
Krankheit jeden Augenblick niedergeworfen werden können.«
    »Du, Sihdi, die Krankheit ist nun bei mir Nebensache! Seit du deine
Befürchtung ausgesprochen hast, gibt es für mich nicht eher Zeit, krank zu
sein, als bis wir wissen, woran wir mit diesem Nafar Ben Schuri sind. Ist jetzt
noch etwas zu besprechen?«
    »Nein.«
    »So wollen wir beginnen. Zu gleicher Zeit. Pass auf! Eins - - zwei - - -
drei!«
    Bei »drei!« begann die Jagd nach der Ehre, welche, wie ich wollte, dem
Scheik der Haddedihn zufallen sollte. Leider sollte sie ihm nicht vergönnt sein,
aber auch mir nicht. Es wurde eine ganz andere Jagd daraus.
    Wir hatten uns von den Dinarun auf einem Plateau getrennt, von welchem wir
hinunterritten, um an den Fuss des Berges zu gelangen, den wir halb umkreisen
mussten. Unten angekommen, sahen wir, dass sich das Terrain zunächst so sehr
verengte, dass wir gezwungen waren, langsam zu reiten. Wir hatten uns vorsichtig
durch ein fast unzugängliches Felsengewirr zu winden, wo es aber doch Spuren
davon gab, dass zuweilen Menschen hier vorüberzukommen pflegten. Diese Enge trat
dann mit einem Male weit auseinander, um sich in das Tal zu öffnen, dem wir
rund um den Berg zu folgen hatten. Grad als wir aus ihr hervor wollten, tauchten
kaum zwanzig Schritte entfernt zwei Reiter vor uns auf, welche da
hineintrachteten, wo wir herauskamen. Und wer waren sie?
    Sallab, der Fakir! Er ritt eine braune Stute, die sichtlich ein Pferd
allererster Rasse war, jedenfalls »Sahm«, dem Ustad angehörig. Sein Begleiter,
ein jüngerer Mann, sichtlich auch ein Fakir und ebenso unbewaffnet wie Sallab,
sass auf einem dunkeln, halbedlen Hengste. Beide erschraken, als sie uns
erblickten.
    »Die Dschamikun!« rief Sallab aus.
    »Nein, nur wir!« antwortete ich.
    »Ihr beide allein?«
    »Ja.«
    »Das glaube euch der Scheitan! Komm! Zurück, zurück!«
    Er wendete sein Pferd und jagte fort. Der andere folgte ihm.
    »Sihdi, was ist - - -« rief Halef.
    »Still! Kein unnützes Wort!« unterbrach ich ihn. »Diese beiden Fukara58 sind
die Schlüssel zum Rätsel, welches zu lösen ist. Wir müssen sie unbedingt haben!«
    »Auch mit Gewalt?«
    »Ja, wenn sie sich wehren! Nimm du den andern; ich fasse Sallab. Aber seine
Stute ist pfeilschnell. Gieb mir meinen Assil! Jeder sein Pferd, welches er
kennt. Rasch, rasch!«
    Wir sprangen ab und wechselten die Tiere. Dann ging es vorwärts, hinter den
Fliehenden her.
    »Nimm dich in acht!« rief ich Halef noch zu. »Sie könnten doch verborgene
Waffen bei sich führen!«
    »Keine Sorge, Sihdi! Hamdulillah! Endlich, endlich einmal eine Hetze, eine
wirkliche, wahrhafte Hetze! Wohlan! Jallah, jallah, jallah!«
    Das Umtauschen unserer Pferde hatte keine Minute in Anspruch genommen,
dennoch waren die Fukara schon weit von uns entfernt; Sallab ritt voran. Wie die
Sache lag, durfte ich mich auf keine lange Jagd einlassen. Da der Kreuzungspunkt
jenseits des Berges lag, konnten die Dschamikun in der Nähe sein. Wir mussten die
Flüchtlinge also so bald wie möglich fassen.
    »Assil - - Assil! Ramchchchchch, ramchchchchch!«
    Das war die Aufforderung zum schnellsten Galopp. Ich streichelte ihm den
Hals. Er flog. Die Vorderhufe berührten noch den Boden, so griffen die hinteren
schon vor. Es war eine Lust, dieses Gefühl, als ob man nur den freischwebenden
Sattel und gar kein sich bewegendes Tier unter sich habe! Ich kam den beiden
Fukara schnell näher. Da sah Sallab sich um. Ich hörte, dass er einen Schrei
ausstiess. Er trieb sein Pferd an; es vergrösserte die bisherige Schnelligkeit.
Der andere schlug auf das seine ein, blieb aber zurück. Nach kurzer Zeit hatte
ich ihn erreicht. Indem ich an ihm vorüberflog, tat ich das so nahe, dass ich
ihn erreichen konnte. Er sass halb nach vorn gebeugt. Ich stiess ihm die Faust in
die Seite. Die Kraft meines Stosses wurde durch Assils ungemeine Schnelligkeit
verdoppelt. Der Fakir flog aus dem Sattel, und hinter mir erscholl die Stimme
Halefs:
    »Ich ergreife ihn! Ich halte ihn! Ich bringe ihn Schau nur noch nach dem
andern, Sihdi!«
    Ich sah gar nicht nach dem Hadschi zurück, denn ich wusste ja, dass er tun
werde, was ich erwartete. Aber Sallab schaute sich wieder um, und da er mich in
solcher Nähe hinter sich sah, musste er erkennen, dass ich ihn in einer Minute
eingeholt haben werde. Ich behielt ihn scharf im Auge und sah, dass er dreimal
mit beiden Händen auf beide Halsseiten seines Pferdes schlug und dabei ein Wort
ausrief, welches ich nicht verstehen konnte.
    Sollte dies das Geheimnis der Stute sein? War dieser Fakir ein solcher
Freund und Vertrauter des Ustad, dass dieser es ihm mitgeteilt hatte? Meine Frage
wurde sofort beantwortet: Die Stute lief nicht mehr, sondern sie raste! Es war
das Geheimnis gewesen. Kaum hatte er es gegeben, so war seine Entfernung von mir
schon verdoppelt. Ich musste also auch das meinige anwenden. Indem ich mich weit
vorbog, legte ich Assil die Hand zwischen die Ohren und sagte dreimal seinen
Namen. Dieses Zeichen war gewählt worden, weil es sehr schwer auszuführen ist.
Nur ein Reiter, welcher eines arabischen Renners würdig ist, wird es fertig
bringen, im schärfsten Galoppe die Ohren seines Pferdes mit der Hand zu
erreichen.
    Die Wirkung war eine grossartige. Zunächst schien es für einen Moment, als ob
Assil haltenbleiben wolle. Es ging wie ein Zittern durch seinen ganzen Körper.
Dann liess er ein tiefes, schnaubendes Stöhnen hören, ein Stöhnen dankbarer
Willensfreudigkeit. Und aber nun - - - nun kam es mir vor, als ob die Beine
nicht mehr zu sehen seien, so unglaublich schnell bewegten sie sich. Die Büsche
und Bäume flogen förmlich an mir vorüber. Der Boden des Tales kam wie auf einer
sich drehenden Walze auf mich zugeflossen, um hinter mir zu verschwinden. Die
stehende Luft des Tales wurde in blasenden Wind verwandelt. Meine Bewegung
glich nicht mehr einem Ritte, sondern einem horizontalen Fallen. Ich konnte
nicht anders: ich jauchzte auf, worauf Assil schnaubend frohe Antwort gab.
    Das war ein ganz anderes Wettreiten, als ich mit Halef beabsichtigt hatte!
Die berühmte, pfeilschnelle Stute des Ustad und das beste Blut der Haddedihn im
Kampfe gegen einander! Nicht im Scherz, sondern im Ernste! Beide mit geöffneten
Geheimnissen und sich anstrengend, ihr Bestes, ihr Alles herzugeben! Wer wird
siegen?
    Diese Frage blieb mir höchstens eine Viertelminute lang eine Frage. Sie
verwandelte sich in die Antwort, als ich sah, dass das Geheimnis die Stute
aufgeregt hatte. Das Spiel ihrer Glieder war von wunderbarer Leichtigkeit, aber
nicht regelmässig. Sie zeigte bald die rechte, bald die linke Flanke. Bald sah
ich ihren Kopf auf dieser, bald auf jener Seite. Schon nach kurzer Zeit kam es
mir vor, als ob sie sich nicht immer gleich, sondern in bemerkbaren Pulsen
vorwärts bewege. Wahrscheinlich hatte man sie seit langem nicht mehr geübt, im
Geheimnisse zu rennen, und darum wurde ihr nun jetzt die Lunge kurz und schwer.
Dazu kam, dass der Reiter kein Mann für ein Pferd dieser Gattung war. Ob man
überhaupt gewohnt ist, einen Fakir reiten zu sehen, mag hier Nebensache sein.
Mit Sallab musste es in dieser Beziehung eine ganz besondere Bewandtnis haben.
Aber er sass jetzt während des Geheimnisses nicht anders als bei einem ganz
gewöhnlichen Galopp im Sattel. Ich vermutete, dass er seine eigne Lunge nicht zu
regulieren und dem Pferde überhaupt keine Erleichterung zu geben wisse. Eine
innere Fühlung zwischen ihm und dem Tiere gab es nicht, denn ich sah, dass er, um
Steinen und anderen Hindernissen auszuweichen, die Zügel zu Hilfe nahm. Das tut
man doch nicht, wenn die Energie des Reiters mit der seines Pferdes in guter,
innerlicher Verbindung steht!
    Wie wunderbar glatt und gleich liess dagegen Assil seine Kräfte spielen. Das
war es ja: es glich einem Spiele, keiner Anstrengung. Es war, als ob er nicht
mehr Körper, sondern nur noch Willen sei. Er ging über Löcher und Steine hinweg,
oder er vermied sie, ohne dass seine Rückenlinie sich dabei zu heben oder zu
senken schien. Der Schlag seiner Hufe wettete an Regelmässigkeit mit dem Ticken
einer Uhr. Die Mitte seiner Stirn wich keinen Augenblick lang und keinen Zoll
breit von der Gesamtrichtung seines Körpers ab. Von seinem Atem war kein Hauch
zu spüren. Die Schnelligkeit, von der ich vorhin sprach, war nicht mehr da; an
ihre Stelle war die Unbegreiflichkeit getreten.
    So kam ich dem Fakir näher und immer näher. Er drehte sich immer öfter um
und begann, das Pferd zu schlagen. Ich war kaum zehn Längen hinter ihm, als er
die Unvorsichtigkeit beging, es auch noch mit den Füssen zu bearbeiten.
    »Halt ein!« rief ich ihm zu. »Im Geheimnisse schlägt und stösst man nie ein
Pferd!«
    Kaum hatte ich dies gesagt, so bewahrheitete es sich. Die Stute gab ihre
Windeseile auf, fiel in Galopp, tat einen Seitensprung, einen zweiten wieder
zurück, und - - - der Fakir flog aus dem Sattel! Ich schoss sofort weit über ihn
hinaus, gab aber schnell das Zeichen und nahm mit dem Zurufe Andak!59 das
Geheimnis wieder zurück. Fast noch im Fluge ging Assil einen Bogen, fiel dabei
durch Galopp und Trab in Schritt und blieb da stehen, wo der Fakir von der Erde
aufstand und sich prüfte, ob und wo er vielleicht Schaden genommen habe.
    »Warum bist du vor uns geflohen?« fragte ich ihn, indem ich abstieg.
    »Sihdi, dein Pferd ist kein Pferd, sondern ein Dschinni60!« antwortete er.
    »Ich habe dich nicht nach meinem Pferde gefragt! Bist du verletzt?«
    »Nein. Allah sei Dank!«
    »So hole Sahm herbei!«
    »Sahm?« fragte er erstaunt. »Du kennst den Namen dieser Stute?«
    »Ich weiss noch mehr, mehr als du denkst. Aber eins weiss ich nicht und kann
es nicht begreifen: Warum bist du vor uns erschrocken und hast die Flucht
ergriffen?«
    »Weil - - weil - -«
    Er sprach nicht weiter, sah mir forschend ins Gesicht und senkte dann den
Kopf.
    Da trat ich nahe zu ihm hin und sagte:
    »Du scheinst früher von dem Scheik der Haddedihn und mir gehört zu haben?«
    »Ja.«
    »Gutes oder Böses?«
    »Nur Gutes.«
    »Und hältst uns doch für schlimme Menschen?«
    »Nein.«
    »Doch! Denn gute Menschen flieht man nicht!«
    »So lange sie gut sind, ja!«
    »Sind wir es etwa nicht mehr?«
    »Ist der Mensch noch gut, wenn er sich in den Dienst der Bösen stellt?«
    »Meinst du die Dinarun?«
    »Ja.«
    »Wir stehen nicht in ihrem Dienste!«
    »Aber in ihrer Freundschaft. Und die Freundschaft solcher Leute macht den
besten Ruhm zunichte.«
    »Deine Worte klingen mir unverständlich; aber sie haben grosse Aehnlichkeit
mit der Warnung, die mir meine Ahnung gab. Vor allen Dingen muss ich dir sagen,
dass wir nie beabsichtigt haben, die Freunde böser Menschen zu sein - - -«
    Ich wurde unterbrochen, weil Halef kam. Er ritt neben dem andern Fakir.
Beide unterhielten sich, als ob sie sich im herzlichsten Einverständnisse
miteinander befänden. Sobald er mich erblickte, rief er mir zu:
    »Assil hat gesiegt?«
    »Ja,« antwortete ich.
    »Ich wusste es! Warte, was ich dir zu sagen habe, Sihdi! Es ist von grösster
Wichtigkeit.«
    Er trieb seinen Barkh an, sprang, als er uns erreicht hatte, ab und fuhr
eifrig fort:
    »Hier werden wir uns niedersetzen, um Beratung zu halten. Weisst du, Sihdi,
wer und was unsere Dinarun sind?«
    »Nun?«
    »Wir sind dumm gewesen, ganz unendlich dumm! Sie sind gar keine Dinarun,
sondern Ausgestossene, Ausgestossene aus allen Stämmen, die es in dieser Gegend
gibt. Jeder Mensch, der ein Verbrechen, eine schlechte Tat begangen und sich
mit Schande beladen hat, geht zu ihnen, um sich ihnen anzuschliessen. Sie leben
nur von Diebstahl, von Raub und ähnlichen Unternehmungen. O, Sihdi, wir haben
diesen Leuten ein Vertrauen geschenkt, welches sie gar nicht verdienen. Du bist
zwar ein ganz klein wenig klüger gewesen als ich, aber sehr viel trägt das auch
nicht aus. Ich möchte dir eine Ohrfeige geben, mir selbst aber zehn oder zwanzig
oder auch fünfzig. Aber weil ich dich viel zu sehr achte und liebe, als dass ich
sie dir wirklich geben könnte, so muss ich natürlich auch auf meine fünfzig
verzichten!«
    Sein Aerger war sehr echt, denn ohne diese Echteit wäre es ihm, der so viel
auf seine persönliche Ehre hielt, gar nicht eingefallen, in Gegenwart der beiden
Fukara so despektierlich von sich selbst zu sprechen. Was mich betrifft, so war
es mir willkommen, endlich Klarheit zu erlangen; aber ich wollte vermeiden, eine
begangene Unvorsichtigkeit durch eine zweite, vielleicht noch grössere wieder
gutmachen zu wollen. Darum fragte ich ihn:
    »Weisst du gewiss, dass unsere bisherigen sogenannten Freunde keine Dinarun
sind?«
    »Ja.«
    »Wer hat es dir gesagt?«
    »Dieser Fakir.«
    Er deutete auf ihn.
    »Und du glaubst ihm?«
    »Natürlich! Unter Fukara darf keine Lüge sein!«
    »Das ist erstens nicht ganz richtig, und zweitens muss ich dich fragen:
Könntest du darauf schwören, dass diese beiden Fukara wirkliche Fukara sind?«
    »Maschallah! Welche Frage! Richte sie doch nicht an mich, sondern an sie
selbst!«
    Da wandte ich mich an Sallab:
    »Sei aufrichtig! Meine Frage soll der Prüfstein deiner Ehrlichkeit sein.
Bist du ein Fakir?«
    Da antwortete er:
    »Du bist Kara Ben Nemsi, der Mann aus Dschermanistan, und wir wissen, dass
aus Dschermanistan nie ein böser Mensch zu uns gekommen ist. Darum will ich
ehrlich sein. Ich bin kein Fakir und dieser mein Begleiter ist auch keiner.«
    »So heissest du gar nicht Sallab?«
    »Nein.«
    »Wie denn?«
    »Ich legte mir aus guten Gründen den Namen des bekannten Fakirs bei. Aber
wer ich eigentlich bin, das darf ich dir so lange nicht sagen, als du dich für
verbunden hältst, diesen Räubern Unterstützung zu erweisen.«
    »Haben sie uns belogen, so ist das, was wir ihnen versprochen haben, so gut
wie nicht gesprochen!«
    »Nun, sie haben euch belogen!«
    »Kannst du das beweisen?«
    »Beweisen? Was verlangst du für Beweise?«
    Ich muss gestehen, dass er mich mit dieser Frage in Verlegenheit brachte. Ich
antwortete ihm:
    »Sie haben sich als Dinarun bezeichnet, und du behauptest, dass sie keine
seien. Du selbst aber gestehst ein, dass du als Fakir Sallab eine Lüge seist. Von
dir ist die Unwahrheit erwiesen, von ihnen aber nicht.«
    Wir hatten uns niedergesetzt, alle vier. Der Alte senkte den Kopf, sah
einige Zeit sinnend vor sich nieder, hob ihn dann wieder und fragte:
    »Ihr seid mit denen, die sich Dinarun nennen, gegen die Dschamikun
ausgezogen. Wir sind Dschamikun. Ihr habt uns gefangen. Was werdet ihr mit uns
tun?«
    »Wir lassen euch frei. Ihr könnt reiten, wohin ihr wollt.«
    »Gleich jetzt?«
    »Ja.«
    »Reiten?«
    »Natürlich!«
    »So wollt ihr nicht wenigstens unsere Pferde als Beute behalten?«
    »Nein.«
    »Aber bedenke, was für ein Pferd die Stute ist!«
    »Kein Mann aus Dschermanistan wird jemals in euer Land kommen, um Beute zu
machen!«
    »So segne dich Allah, und so segne er auch alle, welche in deiner Heimat
dieses menschenfreundlichen Gedankens sind! Du hast dich soeben als ein Mann
erwiesen, der das, was er zu sein vorgibt, auch wirklich ist, nämlich ein
Christ. Die Nächstenliebe und Selbstlosigkeit, welche Isa Ben Marryam61 von
allen fordert, die sich nach seinem Namen nennen, ist bei dir nicht bloss ein
leerer Schall, sondern sie leitet dein Leben, dein Reden und dein Tun. Ich aber
kann dir leider jetzt, in diesem Augenblicke, nicht den von dir geforderten
Beweis erbringen, dass das, was ich sage, mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
Erst die Tatsachen des morgenden Tages werden dir zeigen, dass du mir heute
Vertrauen schenken konntest. Wäre dieser Nafar Ben Schuri im gegenwärtigen
Augenblick hier bei uns, so würde er eingestehen müssen, dass ich die Wahrheit
über ihn gesprochen habe. Du sollst von mir erfahren, was diese Wahrheit sagt.«
    Er machte eine kleine Pause und fuhr dann fort:
    »Nafar hat als Oberster der Ausgestossenen unten in Bagdad und Bassora
Späher, von denen er alles für ihn Wichtige erfährt, was dort geschieht. Von
ihnen kam die Kunde von euren herrlichen Pferden, von den unvergleichlichen
Gewehren, welche euch beiden die Stärke eines ganzen Stammes verleihen. Man
teilte ihm mit, dass ihr kommen würdet, und er nahm sich vor, euch diese Schätze
abzunehmen. Er liess euch unterwegs beobachten, ohne dass ihr es bemerktet. So
erfuhr er, wann und wo ihr kamt. Euch offen zu überfallen, das wagte er nicht,
weil er eure Waffen fürchtete. Darum entschloss er sich zur List. Ihr solltet
seine Gäste sein und einen Schurb en Nom62 von ihm bekommen.«
    »Bei ihm? Von ihm?« unterbrach ihn Halef. »Das war doch nicht bei ihm!«
    »Höre mich nur weiter!« antwortete der Alte. »Man hatte am Wasser auf euch
gewartet, weil anzunehmen war, dass ihr dort bleiben würdet. Ihr kamt. Man
stellte sich bescheiden; man hütete sich, euch durch Aufdringlichkeit
misstrauisch zu machen. Darum war man in Verlegenheit, wie man euch den Schurb en
Nom werde beibringen können. Da aber batet ihr selbst um Kaffee. Man tat den
schon bereitgehaltenen Afiun63 hinein und gab euch das Getränk, welches ihr
trotz seiner Bitterkeit bis auf den letzten Tropfen zu euch nahmt. Dann schlieft
ihr ein. Man wollte euch nur berauben, nicht ermorden. Aber selbst als
ausgeraubte Männer hatte man euch zu fürchten, eurer Erfahrung, eurer Klugheit,
eurer Kühnheit wegen. Darum musstet ihr über die, welche euch den Trank der
Schläfrigkeit reichten, im Irrtum sein; also liess sich Nafar Ben Schuri gar
nicht bei euch sehen, und darum lauerte er nicht mit allen seinen Leuten auf
euch, sondern er schickte nur wenige Männer an das Wasser, welche dann nach
vollbrachter Tat leicht verschwinden konnten. - - - Diese Tat gelang, und der
darauffolgende Regen deckte sogar ihre Spuren zu. Aber als man eben begonnen
hatte, des vollbrachten Raubes froh zu werden, musste man die Vergeblichkeit
desselben erkennen. Eure Gewehre gingen von Hand zu Hand, doch niemand konnte
entdecken, auf welche Weise man mit ihnen zu schiessen habe. Sie waren für die
Unwissenheit wertlos. Und eure Pferde liessen keinen Reiter aufsitzen. Man wollte
sie zwingen, doch war die Folge, dass dabei zwei Männer verletzt wurden. Es galt
also, die Geheimnisse der Pferde und der Waffen zu erfahren, und das konnte nur
durch euch erreicht werden.«
    »Allah, wallah, tallah!« rief Halef zornig aus. »Wir werden diesen Schurken
unsere Heimlichkeit derart offenbaren, dass ihnen vollständig unheimlich dabei
werden soll! Sprich weiter!«
    »Nafar Ben Schuri fasste den klugen Plan, als euer Retter aufzutreten. Er war
überzeugt, dass die Dankbarkeit euch verleiten werde, eure Geheimnisse gegen ihn
nicht als Geheimnisse zu betrachten. Man musste euch da zwar alles wiedergeben,
aber doch nur für kurze Zeit. Er schickte also die Täter nach einer bestimmten
Stelle, wo sie sich ruhig überfallen lassen sollten, und ritt euch dann
entgegen, denn er nahm ganz richtig an, dass ihr nicht umkehren, sondern
weitergehen würdet, um nach den Uebeltätern zu suchen. Auf welche Weise er
diesen seinen Plan ausgeführt hat, das wisst ihr besser, als ich es weiss. Ihr
habt ihm ja dabei geholfen!«
    »Ja, das haben wir allerdings!« gestand Halef ein. »Wir haben diesem Manne
geglaubt und ihm vertraut. Wir haben ihm die Gefangenen überlassen und nicht
einmal nach den Leichen und Gräbern derer gefragt, die ihr ihm getötet habt!«
    »Wir? Ihm? Ja, ich weiss gar wohl, welche Fabel euch erzählt worden ist; aber
wo es keine Leichen gibt, kann es auch keine Gräber geben. Es ist ihm kein
einziger Mann getötet oder auch nur verletzt worden.«
    »Was? Wie? So ist auch das eine Lüge?«
    »Ja. Wir töten nicht! Unser Glaube verbietet uns den Angriff gegen das Leben
derer, die selbst dann unsere Brüder sind, wenn sie die Torheit begehen, sich
als unsere Feinde zu betrachten.«
    »Allah! Welch ein Glaube! Welche Friedfertigkeit! So seid ihr also
Christen?«
    »Vielleicht, vielleicht auch nicht! Erst dann, wenn ich Christen kennen
gelernt habe, kann ich dir sagen, ob wir welche sind. Nicht wir haben Blut
vergossen, sondern Nafar Ben Schuri hat es getan. Seine Tat hat mir, grad mir
das Herz so schwer, so tief verwundet. Und dieses Herz, es will laut auf um
Rache schreien, weil ich ein Mensch mit menschlichen Gefühlen bin. Aber da oben,
wo der Himmel in stillen Stunden für mich offen ist, da steht ein lichtes,
grosses Wort geschrieben, welches das irdische Gesetz der Rache überstrahlt. Ed
dem b'ed dem!64 schreit das Menschenherz zum Himmel auf, wenn der Rauch
vergossenen Blutes aufwärts steigt; von droben aber rufen tausend Engel ihr es
Samah!65 nieder, und bei diesem heiligen Gebot muss jede Wunde schweigen!«
    Er war aufgestanden und ging, innerlich erregt, eine kleine Weile hin und
her. Ich sah jetzt nicht den Schmutz, der sein Gesicht entstellte, und nicht die
Lumpen, die ihn hässlich machten. Aber ich sah den tiefen Schmerz, der seine
Augen füllte, und ich sagte mir, dass wir diesem Mann wohl vertrauen dürften. Als
er sich beruhigt und wieder niedergesetzt hatte, sprach er weiter:
    »Ich will annehmen, dass ihr euern Bund mit Nafar Ben Schuri für zerrissen
halten werdet, und betrachte es darum als keinen Fehler, euch schon jetzt zu
sagen, was ihr eigentlich erst später erfahren solltet. Nämlich der Tir66
unseres Stammes, zu welchem ich gehöre, hat sich von den andern Dschamikun
abgesondert, weil wir Muhammed zwar für einen Propheten, seine Lehre aber nicht
für seligmachend halten. Wir sind nicht mehr Nomaden, sondern wohnen in Häusern,
welche wir nur im Sommer mit Zelten vertauschen. Wir haben Gärten und Felder,
welche wir bebauen, und Herden, deren Ertrag wir auf den Markt von Isfahan
liefern. Unsere Ernten sind reich an Galläpfel, Mastix, Mannah, Sesam und Tabak.
Mit dem letzteren versorgen wir fast ganz Chusistan. In Beziehung auf den Ruf,
in dem wir stehen, füge ich hinzu, dass sich unausgesetzt hundert unserer jungen
Leute bei der Leibgarde des Schah-in-Schah befinden, obgleich der Beherrscher
sehr wohl weiss, dass sie ihre Waffen niemals verwenden würden, unschuldiges Blut
zu vergiessen. Ich bin der Scheik und werde nicht bei meinem Namen, sondern Peder
67 genannt. Hoch über mir und allen andern aber steht der Ustad, vor dessen
Ehrwürdigkeit wir uns in Liebe und Gehorsam beugen. Ihr werdet ihn sehen; das
hoffe ich.«
    »Ist er in eurem Stamm geboren?« erkundigte ich mich, indem ich an die
Angabe Nafars dachte.
    »Nein. Wenn du Auskunft über ihn haben willst, so wende dich an ihn selbst.
Er ist für uns ein Bote des Himmels, für den wir keine solchen Fragen haben. Wir
leben in steter Eintracht unter uns und halten Frieden mit allen andern
Menschen. Als wir uns um unseres Glaubens willen von den andern Dschamikun
trennten, wurden wir eine Zeitlang von ihnen heftig angefochten und sehr hart
bedrängt. Nun aber haben sie eingesehen, dass dieser Glaube auch für sie nur Güte
und nur Vorteil hat. Sie sind uns wieder freund geworden. Zu hüten haben wir uns
nur noch vor den Ausgestossenen, welche euch gesagt haben, dass sie Dinarun seien.
Sie leben nur vom Raube, wobei sie selbst den Mord nicht scheuen. Wir aber
nennen sie nur Massaban68, weil unser Chodeh69 nicht will, dass wir diejenigen,
welche uns leid tun, mit einem bösen Wort bezeichnen. Diese Massaban, deren
oberster Anführer Nafar Ben Schuri ist, schwärmen in einzelnen Trupps überall
herum, in der Absicht, zu ernten, wo sie nicht gesäet haben. Aber wenn es einen
grösseren Streich gilt, finden sie sich schnell zusammen. Ein solcher war es, der
uns betroffen hat. Unsere Männer waren fast alle auf einem Fest der Leng-i-Karun
abwesend - - -«
    »Ich denke, Nafar Ben Schuri war auf einem solchen Feste?« fiel Halef ein.
    »Das ist nicht wahr. Er überfiel uns während der Nacht, raubte alles, was er
zusammenraffen konnte, und führte auch einen Teil unserer Herden mit sich fort.
Hierbei wurden von den wenigen Männern, welche daheim geblieben waren, sechs
ermordet. Unter den Toten befand sich mein einziger Nachkomme, mein Enkelsohn,
die Freude meiner Augen, die geliebte Abendröte meiner letzten Lebenstage. Als
wir am andern Tage heimkehrten, sah ich ihn vor mir liegen, blutbefleckt und mit
weit aufgerissenen Augen und im Todesschmerz geballten Händen. In meinem Innern
erklangen zwei Stimmen. Die eine rief mir Ed dem b'ed dem! zu; die andere aber
liess ihr Samah, samah! tönen. Es war ein kurzer, aber schwerer Kampf. Das Samah
unseres gnadenreichen Chodeh siegte. Ich liess alle meine Männer zusammenkommen,
um zu beraten. Der Ustad stieg von seinem hohen Hause nieder und wohnte der
Versammlung bei. Wir sprachen lange hin und her; da gab er seinen Plan und mit
demselben unserm Willen Festigkeit. Es wurde beschlossen, der Plage des Landes,
welche die Massaban bilden, mit einem einzigen kräftigen Streiche ein Ende zu
machen. Wir wollten sie fangen ohne alles Blutvergiessen; keiner sollte entgehen.
Dann sollten sie dem Sipahsalar70 geschickt werden, welcher grad jetzt nach
Soldaten für Farsistan sucht und keine findet, weil kein Angeworbener hinab nach
der ungesunden Grenze gegen Indien will. Wir sandten also einen Boten nach
Isfahan, um diese Nachricht hinzubringen, und machten uns zur Verfolgung der
Massaban auf. Als sie von uns erreicht wurden, bemerkten sie unsere grosse
Ueberzahl und verloren den Mut, sich zu verteidigen. Sie liessen ihren Raub
stehen und liegen und ergriffen die Flucht. Hierauf verwandelte ich mich und
meinen Begleiter hier in Fukara und ritt ihnen mit der Stute des Ustad nach,
weil für meinen Zweck unter Umständen das schnellste unserer Pferde nötig war.
Als sie sich gelagert hatten, liess ich den Begleiter an einem verborgenen Orte
mit den Tieren zurück und ging zu ihnen. Ich gab mich für Sallab aus, dessen
Namen sie kannten. Ein Fakir darf nicht fortgewiesen werden. Man duldete mich.
Auch ist er ein Mann, der sich nur um religiöse Dinge zu bekümmern pflegt. Man
war also in meiner Gegenwart nicht so vorsichtig, wie man es gegen einen andern
gewesen wäre. Ich hörte verschiedenes. Es waren Bruchstücke. Aber wenn ich sie
zusammensetzte, bekam ich ein fast ganz vollständiges Bild. Das veranlasste mich,
abends, als es dunkel war, mich scheinbar zu entfernen. Aber ich kehrte zurück
und belauschte Nafar Ben Schuri, als er mit einigen seiner Leute zusammensass.
Ich hörte, was man gegen euch vorhatte. Gern hätte ich euch gewarnt, aber ich
kannte ja die Oertlichkeiten nicht, und ihr musstet auch schon dort angekommen
sein, wo ihr den Schlaftrunk bekommen solltet. Als ich dann wiederkam und bei
ihnen sass, hörte ich, dass man eure Waffen gegen uns brauchen wollte. Wir sollten
verfolgt werden, denn die Massaban wollten uns ihre verlorene Beute wieder
abnehmen. Das war mein Augenblick, den ich sogleich benutzte. Ich tat, als ob
ich gar nicht aufgepasst und darum auch gar nichts verstanden hätte, und begann,
von dem Tale des Sackes zu sprechen. Dahin wollten wir sie nämlich locken, weil
dies der einzig passende Ort war, sie so einzuschliessen, dass sie sich gar nicht
wehren konnten. Nafar Ben Schuri griff meine Worte sofort auf. Er ahnte meine
Absicht nicht im geringsten. Sein Gehirn begann, an der Falle zu bauen, deren
Entwurf ich ihm hingeschoben hatte, um ihn selbst zu fangen. Um ihn sicher zu
machen, stellte ich mich ganz unwissend und erzählte, dass ich auf meinem Wege
eine Schar von Dschamikun gesehen habe, welche sehr eilig nordwärts geritten
sei.
    Hatten sie Herden? fragte er.
    Nein.
    Wie viele waren es?
    Wohl einige Hundert.
    Er glaubte es und dachte nun, wir hätten uns getrennt, und es seien bei den
Herden, denen er folgen wollte, nur wenige unserer Leute geblieben. Sein
Vorhaben erschien ihm also als sehr leicht ausführbar, und als ich mich dann zum
Schlafen niederlegte, konnte ich es mit dem Bewusstsein tun, dass mein Anschlag
eine gute Statt gefunden habe. Am andern Morgen erfuhr ich dann auch wirklich,
dass beschlossen worden sei, die Dschamikun zu verfolgen und in dem Tale des
Sackes einzuschliessen. Ich hätte nun gehen können, denn meine Absicht war
erreicht; aber der Gedanke an euch hielt mich noch fest. Eure Namen sind
bekannt. Ich wollte wissen, ob der gegen euch gerichtete Anschlag gelungen sei.
Ich wünschte, euch nützen zu können. Da kamen die Massaban, welche euch beraubt
hatten. Sie brachten alles mit, was euch abgenommen worden war. Man jubelte. Da
aber stellte es sich heraus, dass eure Pferde störrisch und eure Gewehre
unbrauchbar seien. Es wurde schnell Rat gehalten und man nahm sich vor, sich
euer scheinbar anzunehmen, bis man die Geheimnisse eurer Tiere und Waffen
erfahren habe. Wie man das ausführte, wisst ihr ja. Ich bekam dadurch Zeit, meine
Dschamikun zu unterrichten. Ich ritt zu ihnen, um ihnen meine Anweisungen zu
erteilen, und als ich am anderen Tage zurückkehrte, setzte ich mich zu euch. Ich
erfuhr, dass ihr die Massaban wirklich für Dinarun hieltet und ihnen gegen uns
helfen wolltet. Nun wusste ich genug und ging. Von der nächsten Anhöhe aus sah
ich Kara Ben Nemsi auf dem Berge stehen und winkte ihm warnend zu. Das war für
so erfahrene Männer, wie ihr seid, hinreichend, zur Vorsicht zu mahnen. Ich
wollte euch helfen. Ich gedachte nicht, euch als unsere Feinde zu betrachten.
Ihr solltet zwar mit gefangen genommen, dann aber sofort wieder freigelassen
werden. Ich hatte gesehen, dass der Scheik der Haddedihn krank sei. Ich kenne
diese Krankheit genau. Sie wird sehr häufig vom Euphrat und vom Tigris zu uns
heraufgeschleppt, und wir kennen ein Mittel, welches ganz unfehlbar wirkt. Ich
machte darum den Hadschi aufmerksam, wo er das Leben gegen den Tod finden werde,
weiss aber nicht, ob ihr mich verstanden habt. Ich wusste alles, auch dass uns
Kundschafter nachgeschickt worden waren. Als ich wieder zu meinen Dschamikun
kam, beeilten wir uns, die Falle so zu stellen, dass die Massaban ganz gewiss
glauben werden, wir seien es, hinter denen sie sich zuzuschliessen habe. Auch wir
haben Kundschafter. Sie haben euch scharf beobachtet. Als ich den Ort eures
letzten Nachtlagers erfuhr, setzte ich mich mit diesem meinem Begleiter zu
Pferde, um euch mit eigenen Augen zu beobachten. Wir dachten nicht an die
Möglichkeit, dass es jemandem von euch einfalle, von euerm Wege abzuweichen. Da
trafen wir auf euch.«
    »Und wendetet sogleich die Pferde, um die Flucht zu ergreifen! Warum tatet
ihr das?« fiel hier Halef ein.
    »Durften wir euch trauen?« fragte der alte Scheik lächelnd.
    »Nein. Du hast recht. Aber wie steht es nun jetzt? Wie denkt ihr nun von
uns?«
    Da stand Peder wieder von seinem Platze auf, stellte sich in feierlicher
Haltung vor uns hin und antwortete:
    »Ihr habt uns gefangen, aber wieder freigegeben. Das war eine Tat des
Vertrauens und der Ehrlichkeit. Ich will nicht minder ehrlich sein als ihr. Ja,
ich bin es schon gewesen! Ich habe euch gesagt, dass wir den Massaban eine Falle
gestellt haben, in welche sie gehen sollen. Wenn ihr ihnen das mitteilt, falls
ihr ihnen mehr glaubt als uns, so ist diese unsere Mühe vergeblich gewesen. Ich
spreche keine Bitte aus. Dieses mein Schweigen mag euch sagen, was ich von euch
denke.«
    Nun sprang auch Halef auf. Ich sah ihm an, dass er seinem schnellen
Temperamente folgen wollte. Er besann sich aber, wendete sich zu mir und fragte:
    »Hörst du es, Sihdi? Der Scheik der Dschamikun gibt sich wehrlos in die
Hände unserer Rechtschaffenheit! Ich wollte ihm sagen, was wir tun werden; aber
sag du es ihm!«
    Ich folgte dieser Aufforderung, indem ich mich erhob und dem Alten die Hand
reichte:
    »Wir glauben dir! Deine Falle wird sich ganz gewiss bewähren, denn wenn die
Massaban zögern sollten, hineinzugehen, werden wir sie hineinführen. Am liebsten
ritte ich jetzt mit dir zu deinen Leuten; aber wir betrachten uns von diesem
Augenblicke an als deine Freunde und Verbündete und wollen nicht der
unverdienten Ruhe pflegen, sondern das unsere dazu beitragen, dass euer Vorhaben
gelinge und diese Landplage unschädlich gemacht werde.«
    »Das, das wollt ihr wirklich tun?« fragte Peder im Tone der Freude.
    »Ja. Darum bitten wir dich, uns das Nötige über die Lage des Daraeh-y-Dschib
mitzuteilen, damit wir keine Fehler machen. Aber tue das schnell und kurz, denn
wir müssen nun zu den Massaban zurückkehren, wenn sie nicht wegen unseres zu
langen Ausbleibens misstrauisch werden sollen.«
    Ich kann diese seine Instruktionen hier übergehen, weil sich ihr Inhalt aus
dem Nachfolgenden ergeben wird. Peder beschrieb die Oertlichkeiten so genau, dass
ich eine hinreichende innere Anschauung von ihnen bekam. Auch über die Falle, in
welche die Massaban geführt werden sollten, sprach er sich in der Weise aus, dass
wir nicht im Zweifel darüber waren, wie wir uns zu verhalten hatten. Dann
trennten wir uns von ihm und seinem Begleiter, und zwar in ganz anderer Weise,
als wir vorhin mit ihnen zusammengetroffen waren. Sprachlich will ich hier noch
bemerken, dass das persische Wort Peder (Vater) nicht etwa wie der deutsche Name
Peter, sondern mit dem Tone auf der letzten Silbe, also Pedehr, ausgesprochen
wird.
    Als wir hierauf nun Seite an Seite um den nördlichen Fuss des Berges
herumritten, sagte Halef zu mir:
    »Jetzt wissen wir nun endlich genau, woran wir mit diesen Lügnern und
Betrügern sind. Wie schwer wird es mir fallen, nun auch Betrüger zu sein!«
    »Betrüger? Wieso?«
    »Weil wir ihnen doch nicht merken lassen dürfen, dass wir alles wissen. Wir
müssen uns verstellen, müssen uns als Freunde gebärden, und das, das fällt mir
ganz entsetzlich schwer, Sihdi! Wenn ich nicht sagen darf, was ich denke, so
sage ich lieber nichts!«
    »Ganz richtig! Ich bitte dich, genau nach diesem Worte zu handeln, doch
nicht nur in Beziehung auf das Sprechen. Auch alles, was du tust, muss
verschwiegen sein. Du darfst durch keine Bewegung, durch keine Miene verraten,
dass du mehr weisst, als du wissen sollst.«
    »Das ist es ja eben, was mir schwer fällt!«
    »Es ist leichter, als du denkst. Man muss sich nur hüten, gesprächig oder gar
geschwätzig zu sein. Wir brauchen uns nur genau so zu verhalten, wie wir es
getan haben, seit wir auf die Spuren getroffen sind. Dann wird es einer grossen
Verstellungskunst gar nicht bedürfen. Auch ich gebe mich nicht gern anders, als
ich bin; aber wenn in diesem gegenwärtigen Falle Klugheit gegen Arglist und
Schweigsamkeit gegen Verstellung gehalten wird, so kann das ganz unmöglich eine
Sünde sein. - Hat dich unser Eilritt angegriffen, Halef?«
    Ich fragte so, weil ich sah, dass er jetzt nicht mehr stramm im Sattel sass.
Da nahm er sich sofort zusammen, richtete sich auf und antwortete:
    »Angegriffen? Mich? Wie kann mich ein Ritt angreifen, der die grösste Wonne
ist, die ich mir zu Pferde vorstellen kann? Sei doch so gut, jetzt ja nicht an
die Krankheit zu denken! Du siehst doch jedenfalls ein, dass der Hauptteil
unseres Erlebnisses mit den Massaban erst jetzt beginnen soll. Meinst du, dass
ich da dem alten Weibe erlauben werde, mich von den Taten, welche geschehen
sollen, auszuschliessen? Wir werden es kurz machen. Wahrscheinlich sind wir schon
morgen mit diesen Leuten fertig. Und so sage ich dir: So lange wir sie nicht in
der Falle haben, so lange würde selbst der Tod nichts über mich vermögen. Und
wenn er mich niederwürfe, ich würde doch wieder aufstehen, um ihnen zu beweisen,
dass sie sich in uns verrechnet haben. Lass uns machen, dass wir schnell zu ihnen
kommen!«
    Nicht lange hierauf hatten wir den Berg umkreist und stiessen auf die Fährte
der Massaban, welcher wir folgten, bis wir den Reiterzug an einer Stelle
einholten, wo von dieser und der nächsten Höhe aus sich ein ebenes Tafelland
nach Osten zog. In diese Ebene ritten wir nun hinaus, ohne dass uns jemand nach
dem Verlauf unserer Reitpartie gefragt hätte. Man verhielt sich still gegen uns,
und das war uns nur lieb.
    Nach einiger Zeit sahen wir auf der Fläche vor uns mehrere Reiter
erscheinen, welche, als sie uns erblickten, schnell auf uns zukamen. Nafar Ben
Schuri ritt ihnen entgegen und sprach längere Zeit mit ihnen. Dann gab er das
Zeichen zum Weiterreiten. Diese neu zu uns gestossenen Massaban machten nun die
Führer.
    »Ob das wohl die erwarteten Kundschafter sind?« fragte Halef.
    »Jedenfalls,« antwortete ich.
    »Warum meldet er uns nicht, was sie ihm berichtet haben?!«
    »Lass ihn! Es ist die Laune des bösen Gewissens. Er spielt den Gekränkten,
freilich ohne zu wissen, dass dieses sein Schmollen uns sehr willkommen ist.«
    »Aber, haben wir es uns gefallen zu lassen? Wir sind nicht seine
Untergebenen, sondern stehen über ihm. Er ist doch der Meinung, dass wir ihm
helfen sollen, und da hat er uns doch unbedingt zu berichten, welche Meldung ihm
gebracht worden ist!«
    »Hätten wir uns noch als seine Helfer zu betrachten, so würde ich mir diese
Zurücksetzung freilich verbitten. Nun aber, da sich die Sache so ganz anders
gestaltet hat, kommt mir sein Schweigen sehr gelegen. Dein Selbstgefühl kann
sich beruhigen, lieber Halef. Du weisst ja doch, dass die Strafe nicht auf sich
warten lassen wird.«
    »Das lässt mich allerdings den Verweis, den ich ihm geben möchte, in den
Abgrund meines Zornes fallen lassen. Dort mag er bis zur Stunde der Vergeltung
liegen bleiben!«
    Das gekränkte Ehrgefühl meines kleinen Hadschi brauchte nicht länger als ein
kleines Viertelstündchen zu warten, um zu Worte kommen zu können. Schon nach
dieser kurzen Zeit stiessen wir auf eine von Süden herüberstreichende breite
Fährte, welche diejenige der Dschamikun mit ihren Herden war. Gleich der erste
Blick belehrte uns, dass diese Pferde- und Wiederkäuerspuren über einen Tag alt
waren, ein ausserordentlich wichtiger Umstand, den aber weder die Kundschafter,
nach Nafar Ben Schuri beachteten. Jetzt hielt er es nun für an der Zeit, einige
Worte an uns zu richten:
    »Das ist der Kreuzungspunkt, von dem ich zu euch sprach. Ihr seht, dass wir
die Dschamikun glücklich eingeholt haben.«
    Eingeholt! Wie er sich irrte! Sie waren ja schon gestern hier
vorübergekommen und hatten also mehr als genug Zeit gehabt, ihre Falle zu
stellen. Seine Kundschafter taugten nichts. Natürlich hüteten wir uns, ihn
darauf aufmerksam zu machen, dass seine Ansicht eine durchaus falsche sei. Er
fuhr fort:
    »Diese Räuber und Mörder machen hier, indem sie weit nach Osten hinaus
abbiegen, den Umweg, der sie in unsere Hände bringen wird. Indem wir ihnen nicht
folgen, sondern geradeaus nach Norden reiten, kommen wir ihnen zuvor und
gewinnen mehr als genug Zeit, das Daraeh-y-Dschib zu besetzen.«
    »Wie weit ist es von hier bis dortin?« erkundigte ich mich.
    »Wir sind schneller gewesen, als wir vorher dachten. Wenn wir uns sputen,
können wir es noch vor dem Eintritt der Dunkelheit erreichen.«
    »Meinst du, dass die Dschamikun dann morgen kommen?«
    »Eher keinesfalls.«
    »Und unser Nachtrab? Wo bleibt der?«
    Diese Frage schien ihm ganz unerwartet zu kommen. Er machte eine verlegene
Miene. Ich hatte sie ausgesprochen, weil mir daran lag, die Massaban alle
zusammen in das Netz zu bekommen. Auch die, welche sich noch hinter uns
befanden, sollten mit dabei sein.
    »An den Nachtrab habe ich gar nicht gedacht, weil es nicht nötig ist,«
erklärte er.
    »Nicht nötig? Willst du haben, dass deine Absicht durch ihn verraten und die
Ausführung desselben dadurch verhindert werde?«
    »Wieso verhindert?«
    »Sonderbare Frage! Wann wird der Nachtrab am Tale des Sackes ankommen?«
    »Morgen.«
    »Und die Dschamikun kommen auch morgen? Sie werden ihn sehen und sofort über
ihn herfallen!«
    »Maschallah! Das ist richtig! Das muss verhütet werden! Sihdi, gieb uns
deinen Rat! Was meinst du, dass wir tun?«
    »Es ist nur eines möglich: Deine Dinarun haben uns zu folgen und sich noch
während der Nacht bei uns im Tale einzustellen.«
    »Im Tale?«
    »Ja.«
    »Nicht an oder bei dem Tale?«
    »Nein. Wenn du fähig wärest, einen so unverzeihlichen Fehler zu begehen,
würde ich mit dem Scheik der Haddedihn sofort umkehren und euch keinesfalls
weiter begleiten, weil wir überzeugt sein würden, dass dein so schön angelegter
Plan dann für uns unheilvoll werden müsste. Wir haben diese Nacht natürlich in
dem Tale, keineswegs aber bei demselben zuzubringen.«
    »Warum?«
    Ich gab mir den Schein der Ungeduld, indem ich antwortete:
    »Denkt ihr denn gar nicht nach? Wenn wir eine ganze Nacht lang in der Nähe
des Tales lagern, so gibt das Spuren, welche noch wochenlang zu sehen sind.
Die Dschamikun müssten doch blind sein, wenn sie diesen unverzeihlichen
Selbstverrat nicht bemerkten! Und nach einer so handgreiflichen Warnung wäre es
nur Wahnsinnigen zuzumuten, in die Falle zu gehen. Der Felsengrund des Tales
aber nimmt keine Spuren an, die zur vorzeitigen Entdeckung führen können.
Ausserdem bieten uns die hohen Steinwände Schutz gegen jede Unbill der Nacht. Und
drittens befinden wir uns, wenn die Entscheidung naht, gleich frühmorgens an Ort
und Stelle und können so wunderbar schön versteckt bleiben, dass bis zum letzten
Augenblicke kein Dschamiki ahnen kann, wie nahe sein Verderben ist.«
    Ich sah ihm an, dass ich ihn überzeugt hatte. Auch auf den Gesichtern seiner
Leute, welche meine Worte gehört hatten, war nichts als Zustimmung zu lesen. Da
sagte er:
    »Ich höre, dass du dir die Sache gut überlegt hast. Auch ich hatte schon so
ähnliche Gedanken. Wir sind bereit, deinen Vorschlag auszuführen. Die
Kundschafter mögen hier bleiben, um den Nachtrab, sobald er ankommt, hinunter
nach dem Daraeh-y-Dschib zu geleiten. Nun aber müssen wir uns beeilen, weil es
im Tale eher finster wird als ausserhalb desselben.«
    Die Späher stiegen von den Pferden und setzten sich nieder. Der Zug ritt
weiter, ich mit Halef hinterdrein. Der letztere sprach, als uns niemand hörte:
    »Sihdi, das hast du pfiffig gemacht! Jede Lüge vermieden und doch unseren
Zweck erreicht! Leider haben diese Menschen keine Ahnung von der Lehre, die du
ihnen jetzt gegeben hast.«
    »Welche Lehre, Halef?«
    »Das fragst du mich? Du selbst, der sie erteilte?«
    »Sprich sie nur aus, damit sie hörbar werde!«
    »Beide können klug sein, der Böse sowohl als auch der Gute. Aber wenn es zum
Schlusse kommt, so stellt sich unbedingt heraus, dass nur der Gute wirklich und
wahrhaft klug gewesen ist.«
    »Was folgt hieraus?«
    »Nichts, als was ich gesagt habe. Das ist doch wohl genug!«
    »Drehe es einmal herum!«
    »O, Sihdi, was mutest du mir zu! Du weisst ja, dass ich nicht gern Rätsel
löse! Und wenn man etwas herumdreht, so wird es verkehrt, und ich werde mich
wohl hüten, etwas Verkehrtes zu sagen! Drehe du doch selbst es um, damit ich
höre, wie es aus deinem Munde klingt!«
    »Jedenfalls nicht verkehrt. Aus deinen Worten geht hervor, dass es die wahre
Klugheit ist, nur gut, nie aber bös zu handeln. Nafar Ben Schuri ist stolz auf
seinen Plan, den er für ungeheuer schlau hält. Von wem aber hat er ihn bekommen?
Von dem Peder!«
    »Ganz recht! Hast du dir die Augen dieses Mannes betrachtet?«
    »Ja.«
    »Ich auch. Droben im Lager der Massaban, als er noch als Fakir galt, habe
ich ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Jetzt aber möchte ich mich fragen, ob
ich wohl schon einmal etwas so Schönes wie diese Augen gesehen habe. Es ist mir
da ein Gedanke gekommen, und ich kann mir nicht helfen, ich muss ihn dir sagen.«
    »Sprich!«
    »Wirst du mich auslachen?«
    »Nein!«
    »Im Herzen des Menschen wohnt entweder der Himmel oder die Hölle, und das
Auge ist das Fenster, durch welches entweder Allah oder der Scheitan seinen
Blick nach aussen richtet. Dieser Peder trägt den Himmel in sich. So oft er
seinen Blick auf mich lenkte, war es mir, als ob Allah mich anschaue. Ich könnte
diesem Manne niemals etwas tun, was ihn betrüben müsste. - - Gieb mir die
Medizin!«
    Diese letzte Aufforderung kam so unerwartet, dass ich ihn betroffen ansah.
    »Habe ich dich erschreckt?« fragte er. »Es ist nichts, wirklich gar nichts!
Du brauchst keine Sorge zu haben. Aber ich fühle plötzlich den Hals nicht mehr.
Es ist mir, als ob der Kopf frei in der Luft schwebe. Und doch wird er mir ganz
plötzlich so schwer, dass ich das Gefühl habe, er werde mir herunterfallen.«
    Das war ein schlimmes Zeichen. Nach der bisherigen Aufregung begann das
Gegenteil nun einzutreten. Auch ich fühlte eine bedenkliche Eingenommenheit des
Kopfes, gab aber doch nur Halef von dem Mittel, obgleich ich es wohl auch hätte
nehmen sollen.
    Unsere bisherige gute Stimmung war plötzlich eine ganz andere geworden. Die
Sonne schien nicht mehr, und nun sie hinter den Bergen verschwunden war,
breitete sich die Dämmerung mit der jenen Gegenden eigenen Schnelligkeit über
das Land. Dieser äussere Vorgang wollte sich auch in unserm Innern fortsetzen.
Kein Mensch, und sei er ein noch so ausgeprägter, kräftiger Charakter, bringt es
fertig, sich den Einflüssen der Natur ganz zu entziehen. Er hat an den Leiden
und den Freuden der Schöpfung teilzunehmen, welche auf ihn, so lange er lebt,
niemals verzichten wird.
    Halef sass jetzt zusammengedrückt im Sattel; er liess den Kopf hängen. Was
mich betrifft, so fühlte ich mich nicht nur ermüdet, sondern matt. Diese
Mattigkeit lag nicht in meiner Natur; sie war mir fremd, war - - Krankheit. Wie
kam es doch, dass ich grad jetzt an das Hammelfleisch denken musste, welches wir
im Lager der sogenannten Dinarun gegessen hatten? Ich fühlte, dass es mir
unmöglich sein würde, gegenwärtig auch nur einen einzigen Bissen davon zu
geniessen. Schon bloss der Gedanke daran schüttelte mich! War das ein Wink von
innen heraus? Wer vermag die dort wohnenden Geheimnisse zu ergründen!
    Unser Weg war jetzt ein unausgesetzt abwärts gehender. Der voranreitende
Nafar Ben Schuri hatte sichtlich Eile. Es ging in schnellem Tempo teils an
Berghängen, teils auch über freie Bodensenkungen hin, bis uns ein kurzes,
schmales Tal aufnahm, dessen Mündung uns an den Rand eines »Warr« brachte,
welches mich an gewisse Gegenden der inneren Sahara erinnerte.
    Unter Warr hat man einen Ort zu verstehen, dessen Boden mit wirr liegenden
Felsentrümmern bedeckt ist. Ein solches Warr im wahrsten Sinne sahen wir hier
vor uns liegen. Als ob vor Jahrtausenden da ein riesiger feuerspeiender Krater
vorhanden gewesen sei, so gerade und steil stieg ringsum das schwarze Gestein
zum Himmel auf. Wo lebten die Giganten, welche die Spitzen der rundum ragenden
Berge abgebrochen und in solche Tiefen geschleudert hatten, dass sie in tausend
Trümmer zerschmettert worden waren? Es sah ganz so aus, als ob von unheilvollen
Urkräften hier einst irgend eine erschreckliche Teufelei ausgeführt worden sei.
Die Zwischenräume der gewaltigen Steinbrocken waren mit Farnen, Dornen und
allerlei Gestrüpp so dicht ausgefüllt, dass es gewiss unmöglich gewesen wäre,
hindurchzukommen, wenn es nicht ein jetzt leeres Wasserbett gegeben hätte,
welches in zwar zahlreichen, aber doch gangbaren Windungen nach der anderen
Seite hinüberführte.
    Wir folgten diesem Wege. Drüben angekommen, trafen wir auf ein zweites, noch
breiteres Wasserbett, welches sich mit dem unserigen vereinigte. Nafar Ben
Schuri deutete in die Richtung desselben zurück und rief uns zu:
    »Das ist der Weg, auf dem die Dschamikun kommen werden. Und da, gerade vor
uns, seht ihr das Tor, durch welches man in das Daraeh-y-Dschib gelangt.«
    Zwei früher senkrecht stehende Felsenwände hatten sich einander zugeneigt,
bis sie hoch oben aufeinander getroffen waren. Sobald uns dieses finstere, aus
gewaltigen Massen bestehende und doch einsturzdrohende Tor aufgenommen hatte,
war es so dunkel um uns her, dass es einiger Zeit bedurfte, bis wir die Augen
hieran gewöhnt hatten und die nächste Umgebung zu unterscheiden vermochten. Da
habe ich mich freilich wohl falsch ausgedrückt, denn es gab nur eine »nächste«
und gar keine weitere Umgebung. Das Tal bestand hier aus dem Wasserbette und
einem nicht viel breiteren Ufer rechter Hand, welches unsere Pferde zu
erklettern hatten. Links gab es keinen solchen Rand, weil das Wasser - nämlich
wenn es welches gab - direkt von der Felsenwand begrenzt wurde. Indem wir nun
langsam und vorsichtig auf diesem einen und auch einzigen Ufer hinritten,
begleitete uns hoch oben ein Himmelsstreifen, welcher nicht breiter als eine
Hand zu sein schien.
    Die Schritte unserer Pferde erregten hier einen wahren Höllenlärm, von den
zurückgeworfenen Schallwellen verzehnfacht, dumpf, hohl, ohne Höhe oder Tiefe,
unbegrenzt, vollständig klang- und wesenlos. Es war ein Spektakel schattenhafter
Geräusche, denen mit dem Inhalte auch das Leben fehlte.
    Später senkte sich das Wasserbett tiefer, und das Ufer wurde breiter. Wir
bekamen mehr Platz. Es gab sogar Büsche solcher Arten, die keiner direkten
Sonnenstrahlen bedürfen. Wir atmeten eine dicke, stehende, feuchtmodrige Luft,
welche die Lungen beschwerte. Das wurde erst besser, als die Felsen oben weiter
auseinander traten und uns vom Ausgange des Tales oder vielmehr der Schlucht
her ein frischer Odem entgegenwehte. Dann gab es plötzlich Raum genug für uns
alle und auch für unsere Pferde. Der »Sack« war zu Ende.
    Eigentlich war der Name »Dschib« nicht zutreffend gewählt für die vorhandene
Oertlichkeit. Sie glich weniger einem Sacke, als vielmehr einer lang- und
dünnhalsigen, weitbauchigen Phiole oder einer jener Flaschen, in welche der
Steinwein abgezogen wird. Der lange, schmale Gang verbreiterte sich mit einem
Male zu einem grossen, halbkreisähnlichen Platze, auf dem wir ganz bequem lagern
konnten. Und doch hatte der Ausdruck Sack, wenigstens im vergleichenden Sinne,
auch seine Richtigkeit, weil der Weg von hier nicht weiter ging. Die Bodenlinie
der Flasche wurde nämlich von einem tiefen Felsenrisse gebildet, dessen Ende wir
nicht ersehen konnten. In diesen Riss mündete unser Wasserlauf. Es musste bei
gefülltem Bette Grauen erregen, die Wassermasse spurlos da unten in der Tiefe
verschwinden zu sehen! Der jenseits des Risses liegende Teil des Berges war
nicht steil gerichtet; er bildete vielmehr eine moosig grüne Böschung, auf
welcher einzelne uralte Eichen und andere Laubhölzer standen. Das lockte
hinüber; aber leider konnten wir nicht, weil der Felsenspalt uns von ihm
trennte!
    Es hatte eine Brücke hinübergeführt, deren Reste wir noch sahen: zwei
Urwaldstämme, darüber Querstämme und dann Steine darauf. Die Steine waren
verschwunden. Von den Querstämmen reichte nur noch einer von oben bis in den
Felsenriss hernieder, wo er sich eingestemmt hatte, um zu verraten, dass die
Brücke nicht von der Natur, sondern durch Menschenhand zerstört worden sei. Die
Dschamikun hatten Stämme und Steine in die Tiefe gestürzt, damit den Massaban
die Flucht von hier aus abgeschnitten sei. Als der Anführer der letzteren die
Vernichtung sah, war er nicht etwa enttäuscht, sondern er rief ganz im Gegenteil
sehr erfreut aus:
    »Die Brücke ist eingestürzt! Welch ein Glück für uns! Wenn die Dschamikun
morgen kommen, können sie nicht hinüber und sind gezwungen, sich uns zu ergeben!
Wir haben nun gar nicht nötig, die Brücke zu besetzen, und können uns also alle
daran beteiligen, die Feinde hier hereinzutreiben!«
    Das gab eine allgemeine Freude, an welcher wir beide uns freilich nicht
beteiligten. Halef war nämlich mehr vom Pferde herabgefallen, als
herabgestiegen. Ich nahm ihn in den Arm und führte ihn zu einer Stelle, welche
ich zum Lagern für die beste am ganzen Platze hielt. Dort legte ich ihn nieder,
holte seinen Sattel zum Kopfkissen und wickelte ihn in seine und in meine Decke
ein, denn ich sah, dass der Frost ihn förmlich schüttelte. Die Zähne schlugen ihm
zusammen. Er schien am Ende seiner Kräfte angekommen zu sein. Noch hatte ich ihn
nicht ganz eingehüllt, so riss er die Decken wieder weg, richtete sich in
sitzende Stellung auf und sagte, indem er mich mit weit aufgerissenen Augen
angstvoll anstarrte:
    »Sihdi, müssen wir hier bleiben?«
    »Ja,« nickte ich.
    »Die ganze, ganze Nacht?«
    »Ja.«
    »Da sterbe ich! Ich fühle, dass ich es hier nicht aushalte, dass ich fort muss,
dass es mein Leben kostet, wenn ich bleibe!«
    »Zurück können wir unmöglich!«
    »Aber vorwärts?«
    »Die Brücke ist weg!«
    »Wir haben die Pferde! Der Spalt ist schmal. Wir springen hinüber!«
    »Halef!« rief ich erschrocken. »Das würde Wahnsinn sein!«
    Da presste er die Lippen zusammen und ballte die Fäuste, als ob er alle seine
Kräfte herbeizwinge. Es gelang ihm, die Schwäche noch einmal zu besiegen. Er
stand ganz auf, ging hin an den Spalt, wo die Brücke gelegen hatte, und mass die
Entfernung der gegenüberliegenden Kante mit scheinbar ruhigem Auge. Dann drehte
er sich zu mir um und sprach:
    »Sihdi, erhöre mich! Es ist vielleicht die letzte, die allerletzte Bitte,
die ich in diesem Leben zu dir sage. Ich habe dich belogen, denn ich wollte dich
nicht beängstigen. Meine Krankheit ist schlimmer, als du denkst. Ich habe mit
allen Kräften gegen sie gekämpft, ohne es dir einzugestehen. Diese Kräfte sind
alle; sie reichen nur noch zu dem letzten Sprunge dort hinüber. Dann breche ich
zusammen, und du sollst mich pflegen. Willst du diesen Sprung mit mir wagen?«
    »Halef, mein lieber, lieber Halef!« antwortete ich kopfschüttelnd, nicht aus
Angst vor dem Wagnis, sondern aus Herzenssorge um ihn.
    »Lass mich nicht viele Worte machen, denn sie rauben mir die Kraft, die ich
nötiger brauche. Durch den Gang können wir nicht zurück. Das erfordert zu viel
Zeit, und die Massaban würden uns auch nicht lassen. Bleiben wir aber hier, so
weiss ich, dass ich verloren bin. Allein aber kann ich unmöglich fort. Sihdi, mein
Sihdi, hast du mich noch lieb?«
    »So lieb, wie noch nie, mein Halef!«
    »So denk an den fürchterlichen Sprung damals, den du auf deinem herrlichen
Rih über die Spalte des Verräters71 tatest. Assil leistet im Springen ganz
dasselbe wie sein Vater Rih, und dieser Riss hier ist ganz gewiss nicht so breit,
wie jene Spalte war!«
    Ich legte ihm beide Hände an die Wangen, küsste ihn auf den Mund und sah ihm
dann in das Gesicht. Es hatte noch nie einen so liebevollen, aber auch noch
niemals einen so entschlossenen Ausdruck gehabt. Es war wirklich sein Leben, um
welches es sich handelte. Es musste gerettet werden!
    »Wirst du denn fest im Sattel sitzen?« fragte ich. »Nur noch zwei Minuten
fest?«
    »Ich schwöre es dir bei Allah zu, Sihdi!«
    »Gut, dann sei es gewagt! Bleib du ruhig stehen. Ich werde die
Vorbereitungen treffen.«
    Die Massaban hatten damit zu tun, ihre Pferde zu versorgen und es sich dann
möglichst bequem zu machen. Sie achteten infolgedessen nicht besonders auf uns.
Ich legte Barkh den Sattel wieder auf, schnallte die Decken an Ort und Stelle
und untersuchte mit ganz besonderer Vorsicht die Lage und die Festigkeit der
Bauchgurte. Während ich das tat, sagte Halef:
    »Sihdi, die Pferde können keinen weiten Anlauf nehmen. Sage ihnen also, um
was es sich handelt! Sie werden dich verstehen.«
    Ich führte die Rappen also ganz hart an die Spalte, so dass sie mit den
Köpfen gegen dieselbe standen.
    »Natt, natt - springen, springen!« sagte ich, indem ich sie streichelte.
    Da hoben sie die Schwänze; ihre Ohren legten sich vor und ihre Nüstern
weiteten sich, tief Atem holend. Sie wussten gar wohl, was das Wörtchen »natt« zu
bedeuten und was hierauf zu erfolgen hatte.
    »Wer zuerst?« fragte Halef.
    »Du. Doch beachte, dass auf der Kante drüben der Felsen unter einer Schicht
von Erde und faulem Holze liegt. Barkh wird abrutschen, wenn er nur mit den
Vorderhufen fasst. Nimm die Peitsche in die Hand, um unglücklichen Falles
nachzuhelfen, und schaue dich ja nicht erschrocken um, wenn ich es für nötig
halte, den rettenden Schwung durch einen Schuss zu unterstützen!«
    »Es wird das alles gar nicht bedürfen. Du kommst gleich hinter mir?«
    »Sobald ich sehe, dass du drüben bist und mir Platz gemacht hast. Eher
nicht.«
    »Kann es losgehen? Jetzt?«
    »Ja.«
    »So sei Allah unsere Hilfe! Ich denke an Hanneh, der ich mein Herz gegeben
habe, und an Kara Ben Halef, meinen Sohn, welcher der Stolz und die Hoffnung
meines irdischen Lebens ist. Sihdi, wir bleiben beisammen, jenseits dieser
Felsenspalte, lebend, lebend hier oder lebend dort. Du warst und bist mein
Freund; ich danke dir! Schaff Platz! Nun soll's beginnen!«
    Im Hintergrunde unseres Lagerplatzes war es vollständig Nacht. Vorn gab es
noch einen letzten, langsam ersterbenden Dämmerungshauch. Ueber dem Felsenrisse
aber stand der offene Himmel, und da reichte die Helle grad noch zu, den
jenseitigen Bord des Abgrundes deutlich zu erkennen, aus welchem uns das
»Sterben« entgegen gähnte, denn »Tod« gibt es ja doch nicht! Sollte uns da
unten in der schauerlichen Spalte vielleicht Halefs Frage: »Sihdi, wie denkst du
über das Sterben?« beantwortet werden?
    Er griff nach seinem Gewehre, um es sich am Riemen über den Rücken zu
hängen; da aber nahm ich es ihm weg und sagte:
    »Halt, du sollst nicht beengt sein. Ich werde es mit zu den meinigen
nehmen.«
    »Aber du hast ja schon zwei!« warf er ein.
    »Tut nichts. Ich bin nicht so krank wie du, und mein Assil Ben Rih springt
besser als dein Barkh. Ich habe dich also zu entlasten.«
    Er wollte es trotzdem nicht zugeben; ich schnitt aber alle weiteren
Einwendungen dadurch ab, dass ich unsere beiden Pferde an den Zügeln nahm und sie
um des Anlaufs willen so weit wie möglich in die Schlucht zurückführte. Als dies
Nafar Ben Schuri sah, fragte er:
    »Warum verlasst ihr eure gute Stelle? Wollt ihr da hinten schlafen, wo die
Luft so schlecht und so schwer zu atmen ist?«
    »Nein,« antwortete ich; »sondern wir wollen euch zeigen, wie ihr es machen
müsst, wenn ihr morgen die Dschamikun fangen wollt.«
    »Uns das zeigen? In welcher Weise?«
    »Wir reiten über die Spalte.«
    »Unmöglich! So einen Sprung bringt kein Pferd fertig. Wer ihn wagte, der
wäre unbedingt wahnsinnig. Er würde nicht nur Allah versuchen, sondern in den
sicheren Tod stürzen!«
    »Wir verlassen uns allerdings auf Allahs Schutz; aber wahnsinnig sind wir
nicht. Was euch mit euren Pferden verderblich sein würde, das dürfen wir den
unseren wohl zutrauen. Macht Platz, und keiner stelle sich etwa in den Weg oder
mache sonst eine Bewegung, uns zu hindern. Wir würden ihn niederreiten!«
    »Aber, Sihdi, ich sage dir, dass ihr unbedingt da hinunter in den Riss - - -«
    »Schweig!« unterbrach ich ihn hart. »Du hast uns gar nichts zu sagen!«
    Ich hatte die Absicht, ihn durch diesen meinen strengen Ton derart zu
verblüffen, dass er jeden Schritt und jeden Griff nach uns unterliess. Und das
gelang. Hatten wir einmal zum Sprunge angesetzt, so konnte jede Störung uns das
Leben kosten. Als kluger Mann hätte er sich nach dem eigentlichen Grunde dieses
unseres Wagnisses fragen müssen, und da wäre er gewiss auf die einzige richtige
Antwort gekommen, dass wir uns von ihm und seinen Leuten trennen wollten; aber
dieses Vorhaben erschien ihm so ungeheuerlich, dass der Schreck darüber ihn zu
gar keiner Ueberlegung kommen liess.
    »Denkt euch, ihr Männer,« schrie er seinen Massaban zu, »unsere Gäste wollen
über den Spalt springen! Das nenne ich eine Verwegenheit, die ganz unglaublich
ist!«
    Sie antworteten in ihrer wirren, lärmenden Weise. Wir achteten nicht darauf.
Halef hatte Barkh bestiegen. Die Peitsche in der Hand, sah er mich mit
zuversichtlichem Lächeln an und sagte:
    »Ich bin bereit. Mein Rappe muss es verzeihen, wenn er in diesem seltenen
Falle einmal einen Schlag von mir bekommt. Es kann dadurch ihm und mir das Leben
gerettet werden. Soll ich jetzt?«
    »Ich will erst vollständig freie Bahn machen und bitte dich noch einmal, ja
nicht zu erschrecken oder dich umzusehen, wenn ich etwa schiesse!«
    Der ganze Vorgang spielte sich natürlich viel schneller ab, als ich ihn
erzählen kann. Ich warf nochmals einen forschenden Blick auf Halef. Seine
Haltung war fest und gut, und sein Gesicht hatte den Ausdruck eines solchen
Selbstvertrauens, als ob an ein Misslingen des Sprunges gar nicht zu denken sei.
Nun warf ich mir zwei Gewehre über den Rücken, machte das dritte schussfertig,
schwang mich in den Sattel und liess Assil derart nach der Spalte courbettieren,
dass die wenigen Massaban, welche noch im Wege standen, zurückweichen mussten.
    »Ileri - vorwärts!« rief ich nun Halef zu.
    »Bi aun illah - mit Gottes Hilfe! Jatib, jatib, ia Barkh - spring, spring, o
Barkh!«
    Indem er diese Worte ausrief, trieb er sein Pferd an, welches nun wohl
wusste, um was es sich handelte. Es flog, nein, es schoss in der Weise vorwärts,
dass mein Ohr die einzelnen Hufschläge nicht voneinander unterscheiden konnte. Es
gab in mir ein Gefühl, welches ich noch nie empfunden hatte und das mich
wahrscheinlich auch jetzt nicht ergriffen hätte, wenn der Hadschi nicht so krank
und matt gewesen wäre. Mein ganzes Wesen schien ein einziger, grosser, lauter
Hilferuf zu sein.
    Da setzte Barkh hüben an - - jede seiner Muskeln war federnde Energie - -
jetzt schwebte er über dem Abgrunde - - nun fasste er drüben Boden - - mit allen
vieren - - schon war es mir, als müsse ich vor Freude jauchzen - - - da gab die
jenseitige Kante unter seinen Hinterhufen nach - - sie rutschten ab - - - Halef
erkannte die fürchterliche Gefahr - - - er hieb mit der Peitsche hinter sich
nach der Weiche des Hengstes - - - dieser wollte empor, brachte es aber nur zu
einem vergeblichen Kratzen des nun von der trügerischen Humusschicht befreiten,
glatten Felsenrandes - - - sie mussten, mussten, mussten abstürzen, beide, Reiter
und Pferd, wenn nicht mein Schuss noch Rettung gab! - - - Ich drückte ab. Der
Krach wurde mit verzehnfachter Stärke von den Felsen zurückgeworfen und schien
von hundert Echos wiederholt zu werden - - - es war, als ob dieser gewaltige
Knall die mechanische Kraft besitze, die Hinterhand des Pferdes emporzuheben - -
- oder war es die bewundernswerte Geistesgegenwart Halefs? - - - Er zog die
Beine empor, legte beide Hände auf die Schulter des Rappen und schleuderte sich
seitwärts am Kopfe desselben vorüber nach vorn, wodurch er glücklich den festen
Boden erreichte - - - das dadurch entlastete und durch den Schuss zur Anspannung
aller Nerven getriebene Tier gewann die felsige Kante, tat einige krampfhafte
Sätze vorwärts und blieb dann, am ganzen Leibe zitternd, zwischen den Bäumen
stehen. Halef folgte ihm wankend - - - drehte sich um - - - erhob den Arm, um
mir zu winken - - - brach dann aber in einer Weise zusammen, als ob ein Schlag
ihn zu Boden geworfen habe.
    Ich glaube nicht, dass ich jemals im Leben so tief, so unendlich tief und
erleichtert aufgeatmet habe, wie in jenem Augenblicke! Die Massaban hatten, wie
vom Schreck gelähmt, vollständig still und unbeweglich gestanden; nun aber
machten sie ihren Gefühlen durch ein Geschrei Luft, welches infolge des Echos
gar nicht aus menschlichen Kehlen zu kommen schien. Sie sprangen hin und her,
schlugen mit den Armen in die Luft und gebärdeten sich so, als ob sie toll
geworden seien.
    »Ruhe! Macht Platz!« brüllte ich sie an, denn nur durch diese allerstärkste
Art des Tones konnte ich mich ihnen hörbar machen.
    »Bleib doch, bleib!« schrie Nafar Ben Schuri. »Hast du denn nicht den
sichersten, schauerlichsten Tod vor deinen Augen gesehen?!«
    »Hast du denn nicht gesehen, dass dieser Tod gar nicht so sicher ist, wie du
sagst?« antwortete ich. »Gebt Raum! Nehmt euch in acht!«
    Indem ich mein Pferd mitten unter sie hineintrieb, zwang ich die Horde, die
Bahn wieder frei zu geben. Dann streichelte ich den schönen, warmen Hals des
Rappen und bat ihn in ruhigem Tone:
    »Jatib, ia Assili, jatib - spring, o mein Assil, spring!«
    Er wusste seinen Freund Barkh drüben, und er verstand diese meine Worte. Da
bedurfte er gar keines Antriebes. Ich hörte, dass er die Brust voll Atem nahm,
und hob mich in den Bügeln. Das gab ihm freie Spannung. Er tat die wenigen
Sammelsprünge in wunderbarer und nervenruhiger Sicherheit, kam ganz genau am
Rande des Abgrundes zum Ansatze und ging leicht, wie ein Gedanke über die Spalte
hinüber. Noch vier, fünf Schritte, dann blieb er drüben, ohne dass ich ihn
anzuhalten brauchte, genau neben Barkh stehen.
    Dies war mit so verblüffender Leichtigkeit vor sich gegangen, dass die
Massaban da hinten dieses Mal ganz still blieben. Ich sprang ab, warf die
Gewehre weg und zog mit beiden Händen den Kopf des herrlichen Tieres an meine
Brust. Assil hatte es verdient, dass ich vor allen Dingen erst ihm einige
dankbare Schmeichelworte sagte; dann aber musste ich nach Halef sehen.
    Er lag am Boden und regte sich nicht. Tot war er natürlich nicht, sondern
nur besinnungslos und zwar nicht etwa vor Schreck oder Angst, sondern infolge
der Ueberanstrengung aller seiner körperlichen und geistigen Kräfte. Der längst
von mir befürchtete Augenblick des endlichen Zusammenbrechens hatte sich nun
eingestellt!
    Was war zu tun? Da - - - horch! War das nicht eine halblaute Stimme, welche
mich rief?
    »Sihdi - - - Sihdi!«
    Das klang hinter einem der starkstämmigen Bäume hervor.
    »Wer ruft?« fragte ich.
    »Ich! Der Scheik der Dschamikun.«
    »Peder?«
    »Ja. Ich darf nicht hinter dem Baume hervor, weil mich die Massaban da
drüben trotz der Dämmerung doch vielleicht sehen würden. Komm her zu mir!«
    Ich ging hin. Ja, da stand er, noch als Fakir, wie wir ihn vorher gesehen
hatten.
    »Wirklich du!« sagte ich. »Wie ist es möglich, dass du schon hier sein
kannst. Wir sind so schnell geritten, und zwar, wie es scheint, den
allerkürzesten Weg!«
    »Wir aber noch schneller, und zwar auf einem Wege, welcher auch nicht länger
als der eure ist. Ich wollte vor euch hier sein, um wo möglich noch heut abend
die Falle schliessen zu können. Ich habe sowohl hier, als auch am Eingange des
Daraeh-y-Dschib meine Wachen stehen, welche mir alles melden, was geschieht. Sie
sahen euch kommen und haben hinter euch das Tal so gut besetzt, dass die
Massaban nur dann wieder heraus können, wenn wir es ihnen erlauben.«
    »So muss ich dir vor allen Dingen sagen, dass noch während dieser Nacht auch
noch der Nachtrab ankommen wird.«
    »Das ist mir wichtig. Ich danke dir und werde meine Vorkehrungen darauf
treffen. Ich postierte mich hierher, um die Enttäuschung der Massaban zu
beobachten, sobald sie sähen, dass die Brücke nicht mehr vorhanden sei. Ich hatte
vergessen, dir zu sagen, dass wir sie zerstört haben. Es war anzunehmen, dass du
mit dem Scheik der Haddedihn bis morgen früh bei ihnen hier im Tale bleiben und
dich dann in unauffälliger Weise von ihnen trennen würdest, um zu kommen. Ihr
habt das aber schon heut und zwar derart getan, dass meiner Bewunderung die
Worte fehlen. Sihdi, habt ihr denn nicht an den Tod gedacht?«
    »O doch! Grad weil wir das taten, wurde der Sprung unternommen. Es galt,
Halef zu retten. Er konnte es unmöglich da drüben bis morgen früh aushalten. Das
Wagnis musste unternommen werden.«
    »Es war mehr, viel mehr als bloss das, was man Wagnis nennt! Ich fühlte mich
bis jetzt so so sehr beschämt, dass ich mit der berühmten Stute des Ustad von dir
auf deinem Rappen eingeholt worden bin; nun ich aber hier gesehen habe, was ihr
euch und euren Pferden zuzumuten versteht, sehe ich ein, dass es keine Schande
ist, von euch übertroffen worden zu sein. Es war auch für mich ein schrecklicher
Augenblick, Hadschi Halef an der Kante über dem Abgrund hängen zu sehen. Sein
kühner Schwung und dein Schuss haben ihn gerettet. Als ich dann sah, dass du
bereit warst, ihm zu folgen, bebte mir das Herz. Der Araber war auf dem Araber
nicht glatt angelangt; so gab es also für den Europäer noch weniger Hoffnung,
auf einem nichtfränkischen Pferde diesen entsetzlichen Sprung mit Glück zu tun.
Wie gern hätte ich dir zugerufen, dies zu unterlassen; aber es war mir ja
verboten, meine Gegenwart zu verraten! Da kamst du angesaust, so leicht, so
glatt, so unbeschreiblich sicher! Du sassest nicht; du standest hoch im Bügel.
Noch nie war das von mir gesehen worden! Das war so ungewohnt, so fremd, so über
mir, und doch kam augenblicklich die Gewissheit über mich, dass für dich nichts zu
fürchten sei. Dein Rappen ging in kühnem, festem Bogen in die Luft. Es war nur
ein Moment, aber doch so hell, so deutlich, was ich sah: du warst es zwar, doch
war's auch ein Gesicht, ein Blick ins ferne Land, das wir die Zukunft nennen: du
warst das Abendland, auf fehlerfreiem, morgenländischem Pferde! Der Abgrund
zwischen hier und dort, er schwand; dein Assil trug das Christentum mir zu. Die
finstere Schlucht dort ist verschwundenes Land. Ich heisse dich, den Westen, hoch
willkommen! Krank liegt der Osten hier zu unsern Füssen, in tiefer Ohnmacht, ganz
wie Halefs Körper. Doch du und ich, wir werden ihn erwecken, und unsere Liebe
soll ihm Rettung sein!«
    Er zog mich an sich und küsste mich. Ich erwiderte diesen Kuss so gern, so
gern, obwohl er noch als Fakir gekleidet und darum in diesem Augenblicke nicht
etwa ein Ideal körperlicher Sauberkeit war. Dann fuhr er fort:
    »Das war das Gesicht, welches über mich kam, für einen einzigen, noch
weniger als kurzen Augenblick; aber dieses Schauen in die Ferne der zukünftigen
Zeit wird von seiner Deutlichkeit nichts verlieren, denn was die Seele unserm
Auge zeigt, das darf von dem Geiste nicht vergessen werden! - - Nun erlaube mir,
für Hadschi Halef zu sorgen. Ich gehe fort, um Befehle zu erteilen, werde aber
schnell zurückkehren.«
    Er entfernte sich. Welch ein sonderbarer Empfang von seiten dieses Mannes!
Es war ein ganz eigentümlicher Eindruck, den er mit seinen Worten auf mich
machte. Dazu die nun hereingebrochene Nacht. Ueber mir die hochragenden Bäume,
durch welche ein schweres, ernstes Rauschen ging. Vor mir ein vollständig
unbekanntes Terrain, mit Menschen, die mir fremd und dennoch Freunde waren.
Hinter mir die durch unsere Entschlossenheit besiegte Tiefe, über welche die
rufenden Stimmen der Massaban herüberklangen. Sie wollten Antwort von mir haben;
ich gab sie ihnen nicht. Mit diesen Leuten wollte ich nichts mehr zu tun haben.
Ich war entschlossen, wenn möglich, keinen von ihnen jemals wiederzusehen. Ich
nahm an, dass wir uns mit ihnen gar nicht mehr zu beschäftigen brauchten; die
Dschamikun hatten jedenfalls Leute genug, mit ihnen fertig zu werden.
    Halef lag noch genau so da, wie er niedergefallen war. Dem Atem fehlte die
Stärke, die Brust zu bewegen, und den Puls konnte ich kaum fühlen. Ich rief
seinen Namen, sogar ganz nahe bei dem Ohre; es machte keinen Eindruck auf ihn.
Seine Hände, seine Arme, seine Glieder waren vollständig schlapp. Es lag vor mir
ein Körper, der weder Kraft noch Willen und kaum noch Leben hatte. Das war der
hochenergische, strotzende und sprühende Hadschi Halef, der sich so gern »den
grössten Helden des Morgenlandes« nannte. Als ich ihn so vor mir liegen sah oder
vielmehr ihn unter meinen Händen fühlte, vergass ich natürlich ganz, auch an mich
selbst zu denken. Dennoch bemerkte ich, dass mir, wenn ich mich bückte, der Kopf
schwer nach vorn fallen wollte. Es war, als ob in meinem Gehirn eine reibende
und darum schmerzende Bewegung vorhanden sei. Die Augenlider wollten nicht
geöffnet bleiben. Es ging durch mich, wohl ebenso geistig wie auch leiblich,
eine Empfindung, welche nur durch die Worte ausgedrückt werden kann: du hast
dich gesträubt, so lange du musstest; jetzt aber sind alle Gefahren vorbei; nun
bist du mein!
    Da kam Peder wieder. Er hatte mehrere seiner Leute bei sich. Ich hatte mich
neben Halef niedergesetzt und stand auf. Das wurde mir schwer, so schwer, dass
ich mich mit den Händen stützen musste. Einige von den Dschamikun nahmen den
Hadschi auf und trugen ihn fort. Andere ergriffen die Zügel unserer Pferde, um
sie zu führen. Der Scheik fasste meine Hand und sagte:
    »Der Ustad lässt euch bitten, bei ihm zu wohnen. Ich habe ihm einen Boten
gesandt; er weiss, dass ihr kommt.«
    »Ist es weit?« fragte ich.
    Fiel ihm nur diese meine Frage oder auch der matte Ton auf, in dem ich sie
ausgesprochen hatte? Er erkundigte sich:
    »Bist du etwa auch krank?«
    »Ganz plötzlich müd, sehr müd!«
    »Hast du Flecken am Körper?«
    »Ja, auf der Brust.«
    »Allah jesellimak - Gott erhalte dich! In diesem Zustande habt ihr einen
solchen Todessprung gewagt! Ganz unbegreiflich, ja eigentlich eine
Menschenunmöglichkeit!«
    Ich versuchte, zu scherzen:
    »Du hast vorhin in mir das Abendland gesehen. Verzeihe mir, dass es so krank
zu euch gekommen ist!«
    Da drückte er mir die Hand, an welcher er mich führte, fester und
antwortete:
    »Ich kenne euer Leiden. Es geht so gern auf die gesunden Andern über. Doch
tragt ihr es uns ja nicht heimlich zu und gebt die Schwäche nicht für Stärke
aus. Wer uns nicht täuscht, der täuscht sich nicht in uns. Komm, lieber Mann,
ich will dir Bruder sein!«
    Es war unter den Bäumen so dunkel, dass ich die Hand vor den Augen nicht
sehen konnte. Der Peder hielt mich fest. Er kannte das Terrain genau und machte
auf jede Eigentümlichkeit desselben aufmerksam. Dennoch wurde mir das Gehen
schwerer, als die Umstände es eigentlich begründeten. Ich stolperte und
schwankte oft. Da schlang er, um mich zu stützen, stets und schnell den Arm um
mich. Am liebsten wäre ich in diesem starken, liebevoll besorgten Arme liegen
geblieben, um mich von ihm weitertragen zu lassen!
    Wie lange wir so, oft auf-, oft abwärts gingen, weiss ich nicht. Das Gefühl
für die Bestimmung der Zeit war mir vollständig abhanden gekommen. Dann war der
Wald zu Ende. Die Sterne standen über uns, und unsere Füsse schritten über ebenen
Boden und auf weichem Grase. Wir hatten bei der Entfernung von der Felsenspalte
den Schluss gemacht, waren also die letzten und beide allein. Von dem Hadschi und
den Pferden sah ich nichts. Als ich nach ihnen fragte, bekam ich die Antwort:
    »Habe keine Sorge! Du wirst deinen Freund beim Ustad finden, eure Pferde
auch und ebenso die Gewehre.«
    Die Gewehre! Da kam noch nachträglich der Schreck über mich. Ich hatte sie
vergessen, vollständig vergessen, gar nicht an sie gedacht, als ich vom Peder
fortgeführt worden war. Erst jetzt fiel mir ein, dass ich sie, als ich nach dem
Sprunge aus dem Sattel stieg, neben mich hingeworfen hatte. Diese im andern
Falle ganz unmögliche Vergesslichkeit brachte mich zu der Ueberzeugung, dass die
Krankheit auch bei mir viel weiter vorgeschritten sei, als ich gedacht hatte.
    Kaum hatte ich diesem Gedanken Raum gegeben, so begann er, mich zu
beherrschen. Ich musste stehen bleiben. Meine Beine zitterten, die Füsse versagten
mir den Dienst.
    »Was ist mit dir?« fragte der Peder, »fällt dir das Gehen schwer?«
    »Nicht schwer, nicht leicht; es gibt eben kein Gehen mehr. Erlaube, dass ich
mich für einen Augenblick setze!«
    Er umfasste mich, um mich langsam niederzulassen. Ja, sitzen! Das war nicht
möglich; ich musste sofort liegen; es fehlte mir die Kraft, den Oberkörper
aufrecht zu halten. Da sanken auch die Lider herab und waren nicht wieder in die
Höhe zu bringen. Was nun mit mir geschah, das weiss ich nicht. Ich war wie ganz
im festen Schlafe, zuweilen auch wie nur im Traume. Ich hörte zuweilen die
gütige, besorgte Stimme des Peder. Er sprach zu mir; er sprach auch zu Andern,
doch klang es wie aus weiter, weiter Ferne. Ich fühlte mich gehoben und
getragen. Ich war so leicht; ich hatte keinen Körper. Ich bestand aus nichts als
nur aus froher Zuversicht und glücklichem Vertrauen, und diese gänzliche
Hingebung lag wie auf Engelsflügeln ausgebreitet.
    Dann war es mir, als schwebe ich durch tausend, tausend selige Ewigkeiten,
unendlich lang und doch so kurz, so kurz! Was für Töne erklangen da? Waren das
die Harfen verklärter Geister? Oder war es der Psalter des alttestamentlichen
Sängers, der da spricht:
    »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt!«
    Und da legte sich eine Hand auf meine Stirn. Es war, als ob von ihr aus eine
gütig reine, immaterielle Kraft durch mein ganzes Wesen gehe. Und eine tiefe,
wohllautende Stimme sprach die letzten Worte ganz desselben Psalms:
    »Der Herr behüte deinen Eingang und deinen Ausgang von nun an bis in
Ewigkeit. Amen!«
    Die Stimme schwieg. Leise Schritte entfernten sich. Tiefe, fromme Stille
herrschte in mir und auch rund umher. Aber ich hatte die Empfindung, dass ich
nicht allein und verlassen sei. Es umwehte mich ein feiner, gottesdienstlicher
Duft, wie von Weihrauch und Myrrhen. Da erklangen hoch über mir zwei Glöcklein.
Sonderbar, dass ihr schönes Harmonieverhältnis mir sofort in die Ohren trat! Die
eine, tiefe, war in die untere Dursexte der oberen gestimmt. Es war gewiss ganz
eigentümlich, dass mir trotz meines Ouinte fehle! Nun wieder tiefe Stille. Dann
hörte ich in kurdischer Sprache ein vierstimmiges, feierliches Lied erklingen,
dessen erste Strophe deutsch zu lauten hätte:
»Herr, ich trete
Im Gebete
Vor dein heilig Angesicht.
Lass dir sagen
Meine Klagen;
Höre, was mein Flehen spricht!«
    Es waren nicht Orgel- sondern Harfentöne, welche dieses Lied begleiteten.
Gab es hier eine Kirche? War ich überhaupt auf der Erde? Träumte oder wachte
ich? Ich hatte keine Macht über meine Augen. Besass ich überhaupt jetzt welche?
War ich jetzt vielleicht nur Geist, nur Seele? Wo war mein Körper geblieben? Ich
fühlte ihn nicht!
    Da gab es neben mir ein leises, leises Rauschen wie von einem feinen, sich
bewegenden Gewande. Zwei warme, weiche Frauenhände ergriffen meine Hand, und
eine innig sprechende Altstimme betete:
»Herr, es treten,
Um zu beten
Zu dir Alle, die du liebst.
Lass den Glauben
Uns nicht rauben,
Dass du nichts als Leben giebst!«
    Meine Hand wurde lange festgehalten. Das merkte ich, obgleich ich den Sinn
für Zeit und Raum kaum noch zu besitzen schien. Dann gab es eine Berührung, als
ob zwei Lippen sich auf diese meine Hand legten. Ich wollte sie zurückziehen,
ohne dass ich diese Bewegung ausführen konnte. Wer war es, der, vor mir knieend,
um mein Leben gebetet hatte? Ich wünschte so dringend, dies zu erfahren, doch
gelang es mir nicht, ein Wort der Frage auszusprechen. Aber ich fühlte, dass
meine Augen sich öffneten; das war so eigenartig, so ganz als ob es nicht meine
leiblichen, sondern die seelischen seien. Da sah ich in ein liebes, ernstes,
reines Frauengesicht. Es war von einer so frommen, edlen Schönheit, wie man
Heilige abzubilden pflegt. Die Augen waren dunkel und trotzdem doch so hell, so
licht, so klar. Es ging von ihnen eine Wärme aus, welche auf mich überfloss. Mir
war, als ob ich dieses Antlitz schon einmal gesehen habe, nicht gleichgültig und
vorübergehend, sondern sorgsam und mit derselben Herzenswärme, welche ich jetzt
zurückempfing. Nun breitete sich ein frohes Lächeln über die so kinderholden und
doch so frauenhaft sinnigen Züge, und die Lippen, welche vorhin meine Hand
berührt hatten, fragten mich:
    »Erkennst du mich, Sihdi? Ich bin Schakara, welche du vom Tode errettet
hast.«
    Ich wollte antworten, konnte aber nicht. Ich hörte nichts, als ein
unverständliches Flüstern, welches aus meinem Munde kam. Da fuhr sie fort:
    »Ich bin das Mädchen, welches damals in Amadijah die Oelim kires72 gegessen
hatte. Deine Hand brachte mir das schon fast entflohene Leben zurück73. Kannst
du dich erinnern?«
    Ich bewegte meine Augenlider, um ihr anzudeuten, dass ich sie verstanden
habe. Zu sprechen war mir nicht möglich. Da legte sie ihre Rechte auf meine
Stirn und sagte:
    »Die Krankheit hat dir das Reden verboten. Aber sei getrost! Chodeh ist die
Barmherzigkeit. Er wird uns nicht das schreckliche Leid antun, dich bei uns
sterben zu lassen. Der Ustad hat für euch gebetet, und die Güte des Himmels wird
ihn ganz gewiss erhören. Schau, da kommt er. Siehst du ihn?«
    Sie fragte mich so, weil mir jetzt die Augen zugefallen waren; ich konnte
sie nicht wieder öffnen. Doch hörte ich Schritte, welche sich näherten.
    »Kam er noch nicht zu sich?« wurde Schakara gefragt.
    Das war dieselbe tiefe, wohllautende Männerstimme, welche ich schon gehört
hatte.
    »Er öffnete die Augen und sah mich an,« antwortete sie. »Sprechen konnte er
nicht.«
    »Hat er dich erkannt?«
    »Ich glaube es.«
    »So liegt er nun wieder in der vorigen Bewusstlosigkeit. Ihn werden wir wohl
retten. Von seinem Gefährten dort aber kann ich das leider nicht auch sagen. Er
steht bereits sehr nahe am Tode.«
    Da hörte ich Halefs Stimme laut und zornig erklingen:
    »Am Tode? Sein Gefährte? Also ich? Ihr glaubtet wohl, ich schlafe? Ich bin
soeben aufgewacht und habe euch gehört. Ich stehe nicht am Tode! Nein, nein,
nein! Ich bin Hadschi Halef Omar, der Haddedihn vom Stamme der Schammar. Mich
kennt man überall; einen Tod aber gibt es nicht! Darum ist das, was ihr sagt,
ganz unmöglich. Ich befinde mich nicht am Tode - - - am Tode - - - nicht, nicht
- - - am - - - - - Tode!« - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich hörte diese Worte meines Hadschi, wusste aber nicht, wo er lag. Es war,
als ob irgend eine Frage nach ihm sich in mir emporringen wolle; sie trat aber
weder in das Bewusstsein noch in den Willen, denn ich hatte die Empfindung, als
ob ich jetzt emporgehoben und weit, weit fortgetragen werde, und wie in
unendlicher Ferne hörte ich die Worte verklingen: »Am Tode - - - am Tode - - -!«
- - -
    Wie lange ich fern von mir gewesen war, oder, durch die gewöhnliche
Redensart ausgedrückt, wie lange ich nun wieder ohne Bewusstsein dagelegen hatte,
das weiss ich nicht. Hierauf schien es, als ob mir Harfenklänge nahten. Es war
aber umgekehrt: ich kam zu ihnen; die Besinnung kehrte mir zurück. Es bedurfte
jetzt keiner Anstrengung für mich, die Augen zu öffnen, doch fühlte ich eine mir
unbekannte Schwere in den Lidern. Ich war ausserordentlich matt. Als ich
versuchte, den Kopf zu bewegen, dauerte es eine ganze Weile, bis es mir gelungen
war, das Gesicht auf die von der Wand abgewendete Seite zu legen. Ich hatte den
Mund offen, und sonderbarerweise war es mir, als ob dies so sein müsse; es fiel
mir gar nicht ein, ihn zu schliessen. Und doch war ich mir zu derselben Zeit
vollständig darüber klar, dass dies zu den Krankheitserscheinungen des
exantematischen Fiebers gehöre.
    Nun sah ich, wo ich mich befand. Es war ein hoher, lichter, weiss getünchter
Raum, dessen Wände augenscheinlich aus starken Mauersteinen bestanden. Die
beiden Seiten waren nicht durchbrochen. In der Hinterwand gab es eine breite
Doppeltür, für die Gegend, in welcher wir uns befanden, eine grosse Seltenheit.
An der Vorderseite standen zwei Säulen, die mit den Mauerwerken drei offene
Bogen bildeten, durch welche Luft und Licht mehr als genugsam Zugang fanden. In
der einen Ecke lag ich, in der andern Halef, mit den Füssen nach der Tür
gekehrt, damit die vorn hereinbrechenden Sonnenstrahlen nicht direkt in unsere
Augen fallen möchten. Längs der ganzen Hinterwand waren blühende Pflanzen
aufgestellt, zur Augenweide für uns, wie ich später hörte. Rechts, wo ich lag,
stand in einer breiten Nische ein tronähnlicher Sessel. Vor ihm lag ein Teppich
ausgebreitet, mit persischen Sitzkissen nach rechts und links. Ich schloss
daraus, dass ich mich nicht in einem Wohnraume befand. In der Folge erfuhr ich,
dass der Ustad hier die Aeltesten des Stammes zu empfangen und mit ihnen zu
beraten pflege. Es war ein kaum genug zu schätzender Vorzug für uns, dass er grad
dieses Gelass für uns bestimmt hatte. Ich sah an den Wänden Sprüche stehen; aber
ich las sie nicht. Selbstdenken konnte ich; aber geschriebene Zeichen in
Gedanken zu verwandeln, das brachte ich nicht fertig.
    Bettstellen gab es natürlich nicht, doch waren unsere Lager von der grössten,
hier zu Lande ganz ungewohnten Reinlichkeit. Man hatte weiche Kissen hoch
aufeinander gerichtet, so breit, dass mehrere Personen hätten nebeneinander
liegen können, und die hellen, saubern Kamelhaardecken waren so fein und leicht,
als ob sie aus Seide gewebt worden seien. Halef lag still, ganz bewegungslos.
Sein Gesicht war ausserordentlich eingefallen; es glich dem einer Leiche.
Seltsamerweise machte mich das nicht im geringsten bange. War das Vertrauen?
Oder war es die Gleichgültigkeit, welche man bei Kranken oft zu beobachten
pflegt?
    Unweit der Tür sass Schakara mitten im Pflanzengrün. Weiss war ihr Gewand.
Sie hatte den Schleier nach hinten geschlagen. Ihr dunkles Haar hing in langen,
schweren Flechten herab. Die schlanken Finger glitten über die Saiten der
Sandurah74. Darf man ein menschliches Wesen mit einem Gedicht vergleichen? Man
sagt ja, dass der Mensch das herrlichste Gedicht der ganzen Schöpfung sei. Wenn
nicht das herrlichste, aber gewiss eines der frömmsten sah ich hier!
    Hätte wohl ein europäischer Arzt erlaubt, in der Nähe so schwerkranker
Personen Musik zu machen? Wahrscheinlich nicht! Es kommt ja wohl auch auf die
Art des Instrumentes an. Der Harfenton ist der am wenigsten künstliche. Er
bietet Klänge der Natur, wohllautend für das Menschenohr gestimmt. Dieser
Wohllaut ist auch für kranke Nerven angenehm. Man darf einer Kurdin nicht
zumuten, Künstlerin zu sein. Schakara griff nur die vorgestimmten Akkorde; sie
wusste nichts von einer chromatischen Veränderung der Töne; aber grad durch diese
diatonische Einfachheit war jede Mittätigkeit des Ohres ausgeschlossen; es
empfing die Töne ebenso leicht und selbstverständlich, wie die Brust die
Luftwellen, von denen sie herbeigetragen wurden, atmete. Daher kam es, dass diese
Klänge die Seele unmittelbar berührten; sie schienen zur Atmosphäre dieses
Hauses zu gehören und einen die Lebenskräfte hebenden, wohltuenden Einfluss
auszuüben. Ich fühlte diesen Einfluss. Es war, als ob es in mir Etwas gebe, was
den Harfentönen verwandt sei, was lange, lange geschwiegen habe und nun endlich,
endlich einmal mit erklingen dürfe. Darum berührte es mich fast wie eine
Entsagung, wie ein Verlust, als Schakara aufhörte und die Harfe auf die Seite
lehnte.
    »Bitte, spiel weiter!« bat ich sie.
    Ich hatte diese Worte ganz unwillkürlich, fast ohne Willen ausgesprochen.
Nun überkam mich eine Art von Verwunderung darüber, dass ich wieder sprechen
konnte. Die Kurdin kam schnell zu mir herüber, liess sich an meiner Seite nieder
und sagte:
    »Suhker Chodeh!75 Ich höre deine Stimme! Siehst du mich, und verstehst du,
was ich sage?«
    »Ja,« antwortete ich.
    »Du befindest dich im hohen Hause des Ustad. Er wünscht, dass ich euch
pflege. Erlaubst du es mir?«
    »Ja.«
    »Hast du einen Befehl für mich?«
    »Nein, nie!«
    »Warum nicht?«
    »Für dich nur Bitte, nie Befehl.«
    Da ergriff sie meine Hand, sah mir mit einem langen, frohen Blick ins
Angesicht und sagte dann:
    »Du bist noch ganz so voller Güte, wie du damals warst. Sag, Effendi,
welcher Wohlgeruch ist dir der liebste?«
    »Benefsesch76.«
    Da küsste sie mir die Hand, stand auf und eilte aus der Stube. Warum hatte
sie mich nach meinem Lieblingsdufte gefragt? Der Grund sollte mir leider nur zu
bald zur Erkenntnis kommen. Er war mir nicht fremd, aber meine Gedanken waren
jetzt zu schwach, ihn augenblicklich zu erraten. Da drüben bei Halef hatte man
eine Menge in Erdkästen gepflanzte Rosen aufgestellt; bei mir hier gab es keine
Blumen, doch fragte ich mich nicht, woher das kommen möge.
    Mich fror ganz plötzlich, durch und durch und so intensiv, als ob ich ganz
in Schnee und Eis begraben sei. Es war ein von starkem Fieber begleiteter
Schüttelfrost, der mich an die Petechien erinnerte, welche ich unterwegs auf
meiner Brust bemerkt hatte. Ich sah nach, die Flecke hatten sich jetzt über den
ganzen Oberleib verbreitet; auch auf den Armen bemerkte ich sie. Diese
Entdeckung liess mir den Kopf heiss erglühen, während der Körper vor Kälte bebte.
    Da sah ich den Peder hereintreten und leisen Schrittes zunächst hin zu Halef
gehen. Er trug natürlich die Fakirlumpen nicht mehr, sondern war ganz weiss in
weite, kurdische Hosen und ein bis auf die Kniee reichendes Obergewand
gekleidet, welches an der Taille von einer blauen Schärpe zusammengehalten
wurde. Da steckten anstatt der Messer und Pistolen einige schön erblühte,
purpurglühende Schirasrosen. Sein langes, seidengrau glänzendes Haar war von
vorn nach hinten zurückgekämmt und hing bis über die Schultern herab. Sein heut
vom gestrigen Schmutze freies, Ehrfurcht erweckendes Angesicht wurde von jenem
Hauche innerer Jugend verschönt, welche aus der Seele auf den Körper überstrahlt
und selbst im höchsten Lebensalter nicht vergeht. Man sah ihm an, dass er mit
vollem Rechte Pedehr genannt wurde, ein Vater, der den Seinen nichts als Liebe
gibt, Liebe mit verständiger Einsicht gepaart, und von ihnen dafür wieder Liebe
erntet.
    Er betrachtete Halef aufmerksam, kniete dann bei ihm nieder und sprach zu
ihm, ohne aber eine Antwort zu erhalten. Hierauf strich er ihm wiederholt über
das Gesicht und ergriff seine Hände, um sie zu bewegen. Auch das war ohne
Erfolg; der kleine, liebe Hadschi gab kein Zeichen, dass er lebe. Da kam der
Pedehr zu mir. Er sah, dass ich die Augen offen hatte, liess sich bei mir nieder
und fragte:
    »Siehst du mich, Sihdi?«
    »Ja,« antwortete ich.
    Nun richtete er seine grossen, klaren Augen auf die meinigen. Es war, als ob
er mit diesem seinem langen Blicke in die Tiefen meines Innern hinabsteige, um
es zu erforschen. Dann fuhr er fort:
    »Schmerzt es deinen Kopf, wenn ich zu dir spreche?«
    »Wenig, aber doch.«
    »So wollen wir nur das sagen, was unbedingt nötig ist. Ich kenne diese
Krankheit und weiss, dass du nicht an ihr sterben wirst, es trete denn eine
unvorhergesehene Ursache zur Verschlimmerung ein. Ihr habt in der verflossenen
Nacht unser Heilmittel wiederholt getrunken, wovon du aber nichts weisst, weil
ihr beide ohne Bewusstsein waret. Es wird gewiss seine Wirkung tun.«
    »Auch bei meinem Halef?«
    Er zögerte mit der Antwort. Da bat ich ihn:
    »Sag die Wahrheit! Ich bin ein Mann und muss, muss, muss sie wissen!«
    Er neigte zustimmend den Kopf und sprach:
    »Ja! Von einem andern würde ich denken, dass ich ihn schonen müsse; dir aber
bin ich die Wahrheit schuldig. Du wirst in einen langen, tiefen, schweren Schlaf
verfallen, und wenn du aus ihm erwachst, wird das, was an deinem Freunde
unsterblich ist, von ihm geschieden sein. Das ist es, was menschliches Ermessen
zu dir aus meinem Munde sagt. Er wird vielleicht noch einigemal für kurze
Augenblicke zu sich kommen, dann aber einschlummern und erst im Verscheiden
wieder erwachen. So denke ich. Aber ich hoffe, dass Chodeh, welcher die
allmächtige Liebe ist, es anders und viel besser weiss. Nun sag auch mir die
Wahrheit! Bist du erschrocken?«
    »Nein. Ich danke dir! Deine Aufrichtigkeit hat mich geehrt. Sie beweist mir,
dass du mich nicht für einen Schwächling hältst. Halef darf nicht sterben. Chodeh
wird helfen.«
    »Ja, wenn wir glauben, wird er uns wohl den Melek esch Schefa77 senden!«
    »Ich bin überzeugt davon. Aber wir dürfen uns nicht untätig auf diesen
Engel verlassen, sondern müssen seiner Hilfe entgegenkommen. Lasst mich
nachdenken!«
    Ich war doch schwächer, als ich gedacht hatte. Nicht nur das Sprechen,
sondern auch das aufmerksame Zuhören, um zu verstehen, griff mich an. Ich schloss
die Augen, um nachzudenken; aber es kamen mir keine Gedanken. Ich fieberte, und
dieses Fieber brachte mir allerlei verworrene, unklare Bilder vor das innere
Angesicht. Es war, als ob sich ein nur halb durchsichtiger, sich unausgesetzt
bewegender Vorhang vor mir befinde, hinter welchem sich Ereignisse abspielten,
die ich nicht deutlich zu erkennen vermochte. Da geschah etwas ganz Sonderbares:
der Vorhang stand plötzlich still; er teilte sich nach rechts und links, und ich
sah eine liebe, liebe Gestalt vor mir erscheinen. Ihr Anblick wurde mir nur für
einen ganz kurzen Moment gewährt, aber das Bild hatte so scharfe Umrisse und so
lebendige Züge und Farben, dass ein Irrtum darüber, wer es sei, ganz
ausgeschlossen war. Es kam ein Reiter, erst in der Ferne klein, doch immer
grösser werdend, in schlankem Galoppe auf mich zugeritten; gerade vor mir
parierte er sein Pferd, senkte die Hand zum Grusse und war dann verschwunden. Der
Vorhang schloss sich und begann, sich wieder zu bewegen wie vorher. Wer war es
gewesen? Unser Kara Ben Halef, meines kranken Freundes Sohn. Sogar das Pferd
hatte ich erkannt. Es war der dunkelbraune, noch nicht vier Jahre alte »Ghalib«
78, den die Haddedihn als Leihgebühr für die Pferdezucht des Stammes der Abu
Hammed-Beduinen gewonnen hatten. Dieser Braune berechtigte zu den schönsten
Hoffnungen und war unsern beiden Schwarzen ebenbürtig. Ich überlegte nicht
lange, sondern fragte, die Augen wieder öffnend, den Pedehr:
    »Willst du den Hadschi retten? Du kannst es!«
    »Wie gern!« versicherte er.
    »Habt ihr einige sehr schnelle, ausdauernde Pferde?«
    »Ja.«
    »Und jemand, der die Gegend am Tigris jenseits von Qalat el Aschig,
gegenüber von Samara, kennt?«
    »Ich habe einen sehr zuverlässigen Mann, der ein guter Reiter und schon
einigemale am Dschebel Sindschar gewesen ist. Er kennt die Gegend, von welcher
du sprichst.«
    »Sende ihn, und gieb ihm einige Begleiter mit. Im Westen von Qalat el Aschig
wird er auf die Haddedihn treffen. Er soll um keinen Preis verraten, dass Halef
krank ist; aber er soll unbedingt den Sohn des Hadschi bringen, welcher Kara Ben
Halef heisst und den Ritt hierher auf dem dunkelbraunen Pferde Ghalib zu machen
hat! Das Denken und das Sprechen fällt mir schwer. Gieb die Befehle so, wie du
sie für nötig hältst!«
    Da erhob er sich, fasste meine Hand und sprach:
    »Ich verstehe dich, Effendi. Wenn Halef erwacht, um zu sterben, soll er
seinen Sohn vor sich sehen. Dadurch wird seine Seele vielleicht festgehalten
werden. In nicht mehr als einer Stunde werden drei vertrauenswerte Männer unser
Urd79 verlassen, um deinen Wunsch so schnell wie möglich auszuführen!«
    Hierauf entfernte er sich. Ich aber fühlte mich in hohem Grade ermattet und
versank in einen letargischen Zustand, der aber nicht Bewusstlosigkeit und auch
nicht Schlaf zu nennen war, denn meine inneren und äusseren Sinne blieben in,
wenn auch nur geringer, Tätigkeit. Ich hörte das leise Rauschen von Schakaras
Gewand wieder, und ich bemerkte, dass ein süsser Veilchenduft in meine Atmosphäre
trat. Und dann - ob gleich hierauf oder später, das weiss ich nicht - war es mir,
als ob ich im Gelobten Lande sei, und zwar in El Chalil80. Ich ritt auf dem
alten Pflasterweg nach dem Haine Mamre hinaus und liess mir im russischen Hospize
dort den Schlüssel zum Aussichtsturme geben. Ich sah die unterhalb desselben
stehende »Eiche Abrahams« so deutlich, wie sie in Wirklichkeit absterbend dort
zu sehen ist, und ritt dann zwischen Weinbergsmauern weiter, die Jerusalemstrasse
hinaus und rechts hinüber nach dem Brunnen Abrahams. Er liegt in der unteren,
rechten Ecke des Mauerfeldes, und die strenggläubigen Bewohner von El Chalil
sehen es nicht gern, wenn ein Christ von seinem Wasser trinkt. Ich schöpfte aber
doch und trank und trank. Hierauf sammelte ich, wie ich schon früher getan, den
Samen der dort massenhaft wachsenden Kompositenblumen, um ihn daheim in meinem
Garten auszusäen. Da erklang eine Stimme hinter mir: »Friede sei mit dir!« Ich
richtete mich auf und wandte mich um. Wer war die hohe, patriarchalische
Gestalt, welche leuchtenden und doch so gütigen Auges vor mir stand? War es der
erste der Erzväter, zu dem zu dritt die Engel kamen, um bei ihm einzukehren? War
es Abraham, Tarahs Sohn, der aus Ur, im Lande der Chaldäer, stammt? Ja, gewiss,
er war es; er musste es sein; aber nicht so alt wie im Haine Mamre und auch nicht
so jung wie in Mesopotamien, und doch beides, alt und jung zugleich! Ich schaute
in ehrerbietigem Staunen zu ihm auf.
    Ja, ich schaute! Ich hatte die Augen wieder geöffnet. Ich war nicht mehr
geistig dort in El Chalil, sondern wirklich hier im kurdisch-persischen Gebirge.
Ich befand mich auf meinem Krankenlager. Es war ringsum mit duftenden Veilchen
geschmückt. Zu meinen Füssen sass Schakara, die Spenderin derselben, und zur Seite
stand - - - Abraham, der Erzvater? Vielleicht hat dieser ein ganz genau solches
einfaches, kamelhaarenes Gewand getragen wie der hochgestaltete, ehrwürdige
Greis, den ich jetzt vor mir sah. Greis? Ja, denn der schneeweisse Bart, welcher
ihm bis herab zur Gürtelschnur reichte, konnte nur eine Gabe des höchsten
Menschenalters sein; aber das Ehrfurcht gebietende Angesicht war hochbetagt und
jugendlich zugleich, und die voll und schwer vom Kopfe herniederhängenden
Haarflechten zeigten eine nicht etwa stumpfe und künstliche, sondern so echte
und lebenswahre Schwärze, wie sie nur den Jünglings- und den kräftigsten
Mannesjahren eigen ist. Ich sah wie vorhin mit geschlossenen, nun mit offenen
Augen staunend zu ihm auf. Da lächelte er mild zu mir hernieder, breitete die
Hand wie segnend über mich und sprach:
    »Friede sei mit dir!«
    Das war dieselbe tiefe, klangvolle Stimme, welche ich vorhin am Brunnen
Abrahams gehört hatte. Es ging ein geheimnisvolles, köstliches Imponderabil von
diesem Manne aus. Es kam zu mir, durchflutete mich, zog mich zu ihm hin. Ich
konnte gar nicht anders, ich durfte ihm nur die eine Antwort geben:
    »Du bringst ihn mir. Mein Dank und Segen sei dein Eigentum!«
    »Die Jugend ist beim Alter, der Sohn beim Vater eingekehrt,« fuhr er fort.
»Die Liebe soll dich hier mit mir vereinen. Vertraue uns, so wirst du bald
gesunden. Ich lege dir die Hand auf das kranke, müde Haupt. Aaleïk essallam u
rahhmet Chodeh - der Friede und die Barmherzigkeit Gottes sei mit dir!«
    Er liess seine Hand fast eine Minute lang auf meiner Stirn liegen. Sie war so
warm und doch so eigen frisch. Ich griff nach ihr und führte sie an meine
Lippen. Er liess das geschehen, hob aber dann den Finger und sprach, indem sein
Mund fast schalkhaft lächelte:
    »Verschweige dies daheim! Wie darf das Abendland die Hand des Morgenlandes
küssen! Man würde dich wohl kaum begreifen können!«
    Hierauf wendete er sich von mir und ging zu Halef hinüber. Das also war der
»Ustad«, der »Meister«! Ich folgte ihm mit meinen Augen, weil es mir unmöglich
war, sie von ihm abzuwenden. Fieberte ich etwa schon wieder? Es kam mir der
sonderbare Gedanke: »Soeben hast du in das Angesicht des Orients geschaut.« So
eine Idee kann doch nur bei einem Kranken möglich sein!
    Er stand einige Zeit am Lager des Hadschi, ohne etwas anderes zu tun, als
ihn zu betrachten; dann legte er auch ihm die Hand auf das Haupt, worauf er sich
sehr ernsten Angesichtes entfernte.
    »Das war er!« sagte Schakara. »Dein Herz wird ihm gewiss bald angehören.
Willst du nun die Harfe hören?«
    Ich nickte. Sie ging nach der Stelle, wo die Sandurah lag, hatte sie aber
noch nicht erreicht, so blieb sie stehen. Der Hadschi hatte sich bewegt.
    »Sihdi - Sihdi - Sihdi!« rief er laut.
    »Hier bin ich, Halef,« antwortete ich.
    »Ich war ganz nahe, ganz nahe!« fuhr er fort, ohne dass er die Augen öffnete.
    »Wo?«
    »Am Sterben, am Sterben! Ich habe sie gesehen, beide, beide, ihn und ihn!«
    »Wen?«
    »Den Hadschi und den Halef! Der Hadschi war ein anderer; der Halef aber, der
war ich! Der Halef lenkte seine Schritte hinauf nach dem Paradiese; der Hadschi
aber hielt ihn fest, um ihn hinab zur Dschehenna81 zu zerren. Es war ein
schwerer Kampf. Der Halef war nicht stark genug, und der Hadschi wollte eben
siegen; da fühlte ich eine Hand auf meiner Stirn und war gerettet. Hamdulillah!«
    Seine Stimme hatte einen eigentümlichen, angstvollen, erschütternden Klang.
    »Warum antwortest du mir nicht?« rief er. »Ich will noch leben; ich darf
noch nicht sterben. Der Halef in mir ist noch nicht geschickt dazu; der Hadschi
würde ihn zur Tiefe reissen. Die Hand, die Hand, sie soll so oft wie möglich
wiederkommen! Sie soll dem Halef helfen - helfen - - hel - - - hel - - - -!«
    Er sprach immer langsamer, langsamer und keiser, bis bei der letzten Silbe
die Bewusstlosigkeit wieder über ihn kam. Schakara griff zur Harfe, deren Akkorde
ich erst deutlich hörte; dann schien es, als ob sie sich entfernten, bis sie
endlich ganz verklangen - - - ich war eingeschlafen.
    Eingeschlafen? Es war mehr als bloss nur Schlaf. Ich erfuhr später, dass ich
fast zwei Tage lang gelegen hatte, ohne mich ein einziges Mal zu bewegen. Ein
ganz entsetzlicher Frost war die Veranlassung, dass ich erwachte. Drüben in der
andern Ecke waren mehrere Männer beschäftigt, Halef mit kaltem Wasser und
Tüchern zu frottieren. Die Luft kam mir verschlechtert vor. Es roch trotz der
frischen Veilchen, welche ich sah, so dumpf, so moderig, fast wie nach Leiche.
Ah! Da kam die Erkenntnis: Ich selbst war es, von dem dieser Geruch ausging, der
ein Symptom des Petechialtyphus ist! Nun wusste ich, dass eine wochenlange
Betäubung sich meiner bemächtigen werde. Also darum die Veilchen! Diese Blumen
hatten bei mir denselben Zweck wie dort bei Halef die Rosen. Es wurde mir
himmelangst, mehr um ihn als um mich. Ich wollte die Männer fragen, brachte aber
kein Wort über die Lippen. Doch dauerte dieser Zustand nicht lange, da mir das
Bewusstsein sehr bald wieder schwand.
    Später erinnerte ich mich, zuweilen kaltes Wasser an meinem Körper gefühlt
und scharfen Salmiak gerochen zu haben. Auch war es mir, als ob Halef mich
gerufen und vom Sterben gesprochen habe. Dann, als ich zwei volle Wochen so
gelegen hatte, stellte sich die erste, deutliche Empfindung bei mir ein: Ich
fühlte die Hand des Ustad auf meiner Stirn.
    »Er lächelt!« sagte er. »Wie todesmatt! Vielleicht schlägt er die Augen
auf!«
    Ich versuchte, es zu tun, doch gelang es mir nur halb. Da beugte sich der
Ustad zu mir nieder und sagte:
    »Ich sehe, dass du mich verstehst. Sei getrost; du bist gerettet! Auch Halef
lebt noch. Er ist noch nicht erwacht. Wenn er es tut, ist es vielleicht zum
Leben!«
    Hierauf schlief ich sogleich wieder ein. Die späteren Erinnerungen erzählten
mir, dass Schakara sehr oft bei mir kniete und mir wie einem Kinde mit einem
Löffel dünne Speise gab. Ich war so schwach, dass ich kaum schlucken konnte.
Hierbei freute ich mich unendlich über die Entdeckung, dass der schlimme Geruch
verschwunden war. Fast noch grössere Freude bereitete mir der Anblick einer vor
meinem Lager errichteten Pyramide, an welcher meine Waffen, meine
Kleidungsstücke und Assils Zaum- und Sattelzeug hingen. Das war ein Zeichen
liebevollster Aufmerksamkeit.
    »Assil!« entfuhr es meinen Lippen. »Ich sehne mich nach ihm.«
    »Willst du ihn sehen?« fragte die Kurdin.
    »Ja.«
    Sie ging nicht, ihn bringen zu lassen, sondern sie trat, nur unter den
Eingangsbogen hin und rief den Namen des Rappen. Er war also da draussen in der
Nähe. Ich hörte seine nahenden Schritte und sein mir so liebes, zutrauliches
Schnauben. Es gab vom Vorplatze aus ein Dutzend Stufen zu ersteigen. Einige
Schmeichelworte von ihr veranlassten den Rappen, heraufzukommen. Daraus erkannte
ich, dass sie sich viel mit ihm beschäftigt hatte. Ich sah neben der Säule, an
der sie stand, seinen charaktervollen, schön gezeichneten Kopf erscheinen, den
sie liebkosend an sich drückte. Er legte seine Lippen an ihre Wange. Das war der
Kuss, mit dem er ausser mir nur noch Halef auszuzeichnen pflegte. Er hatte sich
also mit Schakara ganz ungewöhnlich zusammengefreundet.
    »Assil!« rief ich ihn. Meine schwache Stimme klang allerdings gar nicht laut
dabei. Er stutzte. »Assiil, lihene - hierher!« Da kam er mit einem schnellen,
kurzen Satze vollends herein und schaute sich um. Ich streckte ihm die Hand
entgegen. Er näherte sich, blieb bei mir stehen und sah mich lange zweifelnd an.
    »Er kann dich nicht erkennen, denn du siehst dir nicht mehr ähnlich,« sagte
Schakara.
    »Assil, mein Lieber, mein Braver, mein Treuer, mein Liebling!«
    Da kam er ganz zu mir heran, um mich in nächster Nähe zu beriechen. Er
berührte meine Hände, mein Gesicht. Und nun warf er plötzlich den Kopf hoch
empor und stiess ein drei-, viermal wiederholtes und so eigenartiges Wiehern aus,
wie ich es noch nie von ihm gehört hatte. Hierauf liess er Schwanz und Ohren
spielen und ging unter allerlei drolligen, aber unendlich rührenden Kapriolen
bald vorn, bald hinten in die Luft. Diese seine Bewegungen glichen den freudigen
Sprüngen eines Hundes, der seinen lange entbehrten Herrn wieder vor sich sieht.
Schakara ging hinaus, um einige Handvoll grüner Kischr82 herein zu holen, welche
sie ihm auf meine Decke streute. Sie hatte also entdeckt, dass dies seine
Lieblingsspeise sei. Aber er frass sie nicht; er nahm nicht eine einzige davon,
sondern er scharrte, wie dies vor dem Schlafen seine Weise war, mit den
Vorderhufen den aus Steinfliessen bestehenden Boden und legte sich dann lang und
eng an meinem Bette nieder, so dass ich seinen Kopf mit der linken Hand erreichen
und dankbar streicheln konnte. Jede Kreatur will Liebe haben und gibt sie
doppelt wieder, wenn sie sie empfängt!
    Von jetzt an hatte ich nicht mehr mit der Krankheit, sondern nur noch mit
der allerdings ausserordentlichen Schwäche zu kämpfen, welche ihre Folge war. Ich
bekam kräftige, aber leicht verdauliche Nahrung. Der Ustad und der Pedehr kamen
täglich wiederholt, um nach mir zu sehen, doch taten sie das nur, wenn sie
wussten, dass ich schlief. Sie wollten vermeiden, mich durch das Sprechen mit
ihnen anzustrengen, aber tausend Beweise stiller, liebevoller Aufmerksamkeit
sagten mir, dass sie mit ihren Gedanken immer bei mir und Halef seien. Schakara
war Tag und Nacht unausgesetzt im Raume. Sie verliess ihn nur dann, wenn kräftige
Männerhilfe für uns nötig war.
    Und aber Halef? Der lag nun schon drei Wochen lang in tiefster Betäubung. Er
atmete nur leise; der Schlag seines Herzens war kaum noch zu spüren. Ich liess
mich einmal zu ihm hintragen, um ihn anzusehen. Welch ein Anblick bot sich mir!
Ich konnte die Tränen, welche aus meinen Augen brachen, nicht hinunterkämpfen.
Man ist als Genesender ja überhaupt weicher als sonst gestimmt. Ich hatte ein
Skelett vor mir, dessen Anblick durch die dunkle Petechialhautfarbe doppelt
schmerzlich wirkte. Die Augenlider lagen konkav in ihren Höhlen; die Wangen
hatten sich in Vertiefungen verwandelt, und weil der Hadschi sehr gesunde Zähne
besass, trat die untere Partie des Gesichtes wie bei einem Totenkopfe hervor.
Genau so wie ihn hatte ich im Gizehmuseum bei Kairo die Mumien von Ramses II,
Tutmosis und anderer altägyptischer Herrscher vor mir liegen sehen. Dort die
toten Zeugen einstigen Strebens, den Körper ewig zu erhalten, und hier der kaum
noch atmende Beweis, dass der Leib, sobald die Seele sich von ihm zu lösen
beginnt, der unerbittlichen Zersetzung anheimzufallen hat!
    Der Anblick tat mir wehe; ich liess mich nach meinem Lager zurücktragen.
Dort kam mir der Gedanke, nach einem Spiegel zu fragen. Ja, es gab einen. Man
brachte ihn mir, und ich schaute hinein. Du lieber Himmel, ich sah nicht viel
besser als Halef aus. Es war gar kein Wunder, dass Assil mich nicht erkannt
hatte. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich es sei, so wäre ich wohl kaum auf
den Gedanken gekommen, in diesem dunkeln, hippokratischen Schemen mein eigenes
Bild vor mir zu haben!
    Aber das besserte sich nun von Tag zu Tag. Ich genoss viel Milch, mein
Lieblingsgetränk, und erhielt sehr reichlich ausgepressten Saft von
Hühnerfleisch. Bald konnte ich aufrecht sitzen, ohne gleich wieder umzufallen.
Das Sprechen strengte mich nicht mehr an, und ich machte an mir die bei
Genesenden sehr häufige Beobachtung, dass geistig ganz wertlos scheinende
Kleinigkeiten mir ein ungewöhnliches, wenn auch fast kindliches Interesse
abgewannen.
    Es war an einem dieser Tage. Die Sonne stieg dem Untergange zu. Da trug man
Kissen hinaus ins Freie, und Schakara fragte mich, ob ich nicht einmal draussen
sitzen möge. Der erste Ausflug, zwanzig Schritte weit bis vor die Säulen hin!
Ich stimmte freudig ein. Zwei Männer hoben mich auf und brachten mich hinaus.
Das war keine schwere Arbeit, denn ich war sehr leicht geworden. Nun sah ich zum
erstenmal die Gegend, in welcher wir uns befanden. Sie musste auch jedem, der
nicht Rekonvaleszent war, als ein Paradies erscheinen.
    Von da, wo ich mich befand, führten zwölf Stufen auf eine weite, grasige
Terrasse hinab, auf welcher Assil und Barkh spazieren gingen oder vielmehr
spazieren sprangen. Sie war von Blumenbeeten und blühenden Rosenbäumchen
eingefasst. Mehrere hoch- und breitkronige Dilbiplatanen breiteten schützend ihre
Wipfel über diesen freien Platz, von welchem ein gut unterhaltener Zickzackweg
hinab zur Sohle des Tales führte. Das Haus des Ustad stand hoch auf stolzer
Höhe. Es war auf gewaltigen, altpersischen Mauerresten errichtet und glich mehr
einer Burg als einem Wohngebäude, doch konnte ich das jetzt noch nicht sehen.
Das vor mir liegende Tal hatte eine elliptische Form, an deren westlicher,
schmaler Seite ich hier sass. Es war wohl eine Wegesstunde lang und halb so
breit. In der Mitte flimmerten die vom Windeshauche bewegten Wellen eines Sees,
welcher rundum von saftig grünem Weideland umgeben war. Ich sah da Pferde,
Maultiere, Kamele, Rinder und eine Menge Kleinvieh grasen. Hieran schlossen sich
wohlbebaute Felder, welche bis an die rings emporragenden Berge reichten, an
denen sich Wein-, Maulbeer-, Frucht- und Blumengärten bis da hinaufzogen, wo der
Wald sich seiner Herrschaft nicht berauben liess. Ich sah lebhafte Wasser von den
Höhen fliessen, um ihren Weg zum See zu suchen, auf dem - ein Wunder hier in
Persien! - ein kleines Boot sein helles Segel blähte. Ueberall standen Häuser,
meist mit platten Dächern, aus festen Steinen aufgeführt und freundlich weiss
getüncht. Sie wurden im Winter bewohnt. Für die jetzige Jahreszeit hatte man
luftige Zelte errichtet oder auf den Dächern aus Laub und Stangen Hütten gebaut,
in denen man des Nachts zu schlafen pflegte. Diese Hütten sind auch in andern
Gegenden des Orients gebräuchlich. Man sieht sie z.B. besonders auf den alten,
dumpfigen Gebäuden von Beled esch Schech und El Jadschur, welche an der Strasse
von Haïfa nach Nazaret liegen. Die Berge erreichten hier eine solche Höhe, dass
ihnen der Wald nicht bis ganz hinauf zu folgen vermochte. Die Kuppen bildeten
alpine Weiden, auf denen die dort grasenden Ziegen dem Auge als ganz winzige
Tüpfelchen erschienen.
    Die Mehrzahl der Häuser und der Zelte lag im Vordergrunde, von welchem aus
ein breiter, strassenähnlicher Weg hinauf nach einem Felsenvorsprunge führte, wo
ich ein Bauwerk liegen sah, dessen Stil meine Verwunderung erregte. Es war ein
nach allen Seiten offener Tempelbau, dessen Dach nur von Säulen, nicht von
geschlossenen Wänden getragen wurde. Es gab kein einziges Zeichen, welches
verriet, welcher Art von Verehrung es zu dienen habe. Ich sah nur die Säulen und
das Dach, sonst weiter nichts. Es gab keinen Altar, keinen einzigen Sitz, keinen
Rednerstuhl. Aber an allen Säulen rankten sich blühende Kletterrosen und andere
Schlingpflanzen empor, und der ganze Platz rund um den Tempel bildete einen
sichtlich mit grosser Liebe gepflegten Blumengarten, durch welchen zahlreiche,
mit reinlichem Sand bestreute Wandelgänge führten.
    Noch hing mein bewundernder Blick an dieser Herrlichkeit da drüben, da kam
jemand durch den Raum gegangen und blieb hinter mir am Pfeiler stehen. Ich sah
ihn nicht, aber ich fühlte ganz deutlich, dass es der Ustad war. Es verging
einige Zeit, ohne dass er sich bewegte oder sprach. Auch ich war still. Ich sah
hinauf zu den Bergen. Das Licht hatte begonnen, sich aus dem Tale
zurückzuziehen. Die leise schreitende Dämmerung stieg empor. Als sie den Fuss des
Waldes erreicht hatte, erschienen die freien Höhen wie in flüssiges, leuchtendes
Gold getaucht. Die scheidende Sonne gab ihnen den letzten, glühenden
Abschiedskuss. Das Gold ging in tiefere Orange- und Purpurtöne über, denen ein
kurzer, violetter Schatten folgte; dann schwang sich das Abendrot von den Bergen
himmelwärts, um sich dort für eine andere Welt ins Morgenglühen zu verwandeln.
»Gute Nacht!« klang es mir durch die Seele.
    Ich hatte das bloss gedacht, und doch ertönte sogleich neben mir die tiefe
Stimme des Ustad:
    »Gute Nacht für uns; für andere aber bedeutet es den Morgen! Erlaubst du
mir, Effendi, eine kurze Zeit bei dir zu sein?«
    »Du bist mir, wie kein anderer, hochwillkommen!« antwortete ich ihm.
    Da trat er zu mir heran, legte mir die Rechte auf das Haupt und sprach:
    »Seit du bei mir in meinem Hause bist, ist's heut zum erstenmal, dass deine
Krankheit nicht zwischen meinen Worten und dem Verständnisse derselben steht.
Sie ist gewichen; du kannst nun, ungehindert von ihr, das, was ich sage,
empfangen und begreifen. Ich heisse dich zum zweitenmal willkommen und bitte
dich, bei mir zu bleiben, so lange es dir und deinem höhern Ich, welches ihr
Seele zu nennen pflegt, bei mir und meiner Seele gefällt. Ich habe auf dich
gewartet.«
    »Du? Auf mich?« fragte ich erstaunt.
    »Ja. Schon seit langer, langer Zeit. O, ihr wisst gar nicht, wie lange wir
schon auf euch warten, auf euch, auf euch, auf euch!«
    Er hielt einen Augenblick inne, wie um mir Zeit zu gewähren, über seine
Worte nachzudenken; dann fuhr er weiter fort:
    »Und nun du endlich, endlich gekommen bist, und zwar in einer Weise, wie ich
kaum hoffen konnte, so segne ich dich mit dem besten Segen, den ein Mensch vom
Himmel zu empfangen und einem andern Menschen zu geben vermag. Nimm ihn hin von
mir, diesen Segen, und glaube nicht, dass er in leeren Worten bestehe! Er kommt
nicht von mir sondern von dem, der die einzige Quelle alles Segens ist!«
    Als er das gesagt hatte, trat er von mir weg und setzte sich zu meinen Füssen
auf die erste der hinabführenden Stufen nieder. Das war so bescheiden und
anspruchslos; das war so klein, und doch war es so gross!
    Nun herrschte eine Weile zwischen uns Schweigen. Die schnelle Dämmerung
verwandelte sich in Nacht. Die Häuser waren verschwunden, aber freundliche
Lichter tauchten auf, um uns die Stellen zu bezeichnen, an denen Menschen
wohnten. Am Himmel wurden die Sterne immer sichtbarer. Ihr Schein reichte hin,
uns die erhabenen Gestalten der Berge sichtbar zu machen, um deren baumlose
Häupter lichtere Töne webten, welche mein Auge unausgesetzt auf sich zogen. Da
deutete der Ustad empor und sagte:
    »Ich sehe, dass du hinauf zu unsern Bergen schaust. Wollte das Abendland doch
stets dasselbe tun! Aber es scheint nur unsere Täler kennen zu wollen! Wenn es
von uns redet, so spricht es nur von unsern Tiefen, nicht von unsern Höhen! Von
unserm Alter, nicht von unserer Jugend! Von unserer Vergangenheit, nicht von
unserer Zukunft! Von unserem Tode, nicht von unserm Leben! Von unserer Ohnmacht,
nicht von unserer Stärke! Von unserm Verfall, doch nicht von unsern Hoffnungen!
Ich weiss nur einen einzigen Europäer, der anders und besser von uns denkt, und
dieser Mann bist du, Effendi.«
    »Ich habe noch nicht mit dir hierüber gesprochen. Soltest du mich trotzdem
kennen?« fragte ich.
    »Ja. Wir haben nicht die Mittel des Verkehrs, die ihr besitzt; aber der
Ilahn83 ist ein schneller Reiter. Er eilt von Duar84 zu Duar, um zu verkünden
was er sah und was er hörte. Er hat schon längst, schon längst von dir erzählt.
Du warst wiederholt ein Gast der Haddedihn, und von ihnen bis herauf zu uns ist
gar nicht weit. Du warst schon einigemal in den Bergen Kurdistans. Was da
geschah, das haben wir erfahren. Ich habe geahnt, dass deine Seele dich auch zu
uns führen werde, und darum sagte ich soeben, dass du von uns erwartet worden
seist. Aber es gibt noch eine andere, bessere und zuverlässigere Quelle, aus
deren reinem, klarem Wasser mir dein geistiges Angesicht entgegenblickte. Ahnest
du vielleicht, wer diese Quelle ist?«
    »Nein.«
    »Ihr Name ist Marah Durimeh.«
    »Sie? Meine liebe, liebe Freundin und Beschützerin?« fragte ich da schnell.
»Kennst du sie?«
    »Wahrscheinlich kennt sie keiner so gut, wie ich sie kenne. Doch, schweigen
wir jetzt von ihr! Es gibt noch eine andere Person, an die ich jetzt zu denken
habe. Als ich am Morgen, nachdem man euch zu mir gebracht hatte, eure Waffen
sah, fiel mir ein Chandschar85 auf, der bei dir gefunden worden war.«
    »Kennst du ihn?« fiel ich rasch ein.
    »Ja. Es kennen ihn sehr viele. Ist er ein Geschenk?«
    »Ja.«
    »Wo hast du ihn bekommen?«
    »In Amerika.«
    »Bon wem? Verzeih, dass ich dich frage! Es ist nicht müssige Neugierde, die
mich zu dieser Erkundigung veranlasst.«
    »Von einem Perser, Namens Dschafar.«
    »Mirza Dschafar, der Sohn von Mirza Masuk?«
    »Ja, von ihm.«
    »Er gab dir die Waffe mit der Versicherung, dass derjenige, der ihm diesen
Chandschar vorzeige, sei er, was er sei, darauf rechnen könne, dass er alles für
ihn tun werde?«
    »So ist es. Also auch diese Worte sind dir bekannt!«
    »Nicht nur sie und nicht nur alles, was Mirza Dschafar mit dir erlebte,
sondern auch alles, was er mit dir gesprochen hat. Du siehst also, dass ich dich
besser kenne, als du wohl ahnen konntest. Darum weiss ich ganz genau, wie du über
das Morgenland und sein Verhältnis zum Abendlande denkst. Ich begreife, dass du
näheres über Mirza Dschafar erfahren möchtest, bitte dich aber, mich jetzt nicht
zu fragen. Du gehst ja noch nicht fort von mir, und wir haben also Zeit genug,
über diesen mir so wichtigen Mann zu sprechen. Es liegt ein Geheimnis über ihm,
und ich weiss jetzt noch nicht, ob ich es dir so weit, wie ich es kenne,
entüllen darf.«
    Er schwieg. Auch ich war still. Wie wunderbar die Fäden des menschlichen
Lebens gesponnen werden! So fern die Maschen von einander liegen, es kommt ganz
unerwartet ein Faden, der sie eng vereinigt. Wer sind die Arbeiter, die an
unsern Webstühlen sitzen? Wir selbst? Wer liefert uns das Garn? Wer bringt es
auf die Spule? Wer legt die Kette um den drehenden Rahmen? Wer legt die Muster
auf? Wer lenkt das unermüdliche Schiffchen Tag für Tag, Stunde für Stunde, vom
ersten bis zum letzten Augenblicke unserer Erdenzeit? Immer und immer nur wir
selbst? Wir armen armen, kurzsichtigen Toren!
    Es lag in diesem Gedankengange, dass mein Blick hinüber nach dem Blumentempel
geführt wurde. Ich fragte den Ustad, was das für ein Gebäude sei.
    »Es ist unser Beit-y-Chodeh86«, antwortete er. »Du kannst es auch Beit Allah
nennen. Chodeh und Allah ist ja gleich. Ihr nennt ihn Gott!«
    Da aber wendete er, der mir bisher die Seite zugekehrt hatte, sich plötzlich
ganz zu mir herum und sagte:
    »Gott - Allah - Chodeh - welch eine Todsünde, zu behaupten, dass diese drei
Worte nicht Verschiedenes bedeuten! Ich sah einen englischen Missionar, welcher
seinen Schülern befahl, den Schöpfer und Erhalter aller Dinge nur englisch God
zu nennen; Allah und Chodi seien ganz andere Götter! Als ob der Ewig-Ewig-Eine
von irgend einem sich überhebenden Menschenkinde gezwungen werden könne, für
jede andere Sprache und für jede andere Art, in der die Sterblichen zu ihm
lallen, auch ein anderes Wesen anzunehmen! So ein Tor stellt sich hoch über
Gott, indem er es in seiner Verblendung wagt, zu bestimmen, welches Wort der
einzig richtige Name des Weltenlenkers sei! Hast du als Christ den Mut, Gott
Allah oder Chodeh zu nennen, Effendi?«
    »Wenn ich überhaupt schon den Mut besitze, von Gott oder gar im Gebete mit
Gott zu sprechen, so ist der Mut, den du meinst, wohl selbstverständlich. Ich
besitze nicht die Macht, Gott vorzuschreiben, wie er sich in den verschiedenen
Ländern der Erde nennen zu lassen habe. Und ich bin auch nicht so wahnsinnig, zu
behaupten, dass Gott ein Wesen sei, dessen Namen nur aus Buchstaben des deutschen
Alphabetes zusammengesetzt werden könne.«
    »So denke auch ich. Man gibt ihm in jeder Sprache und in jeder
Anbetungsweise so viele und so verschiedene Namen; aber er ist und bleibt stets
derselbe. Welches Menschenwort könnte ihn umfassen? Von welchem irdischen
Gebäude dürfte man sagen, dass er hier ausschliesslich wohne? Darum haben wir zwar
die Säulenhalle da drüben errichtet, aber wir nennen sie nicht sein Haus,
sondern unser Gotteshaus. Dieses haben wir für uns gebaut, nicht aber zur
Wohnung dessen, der allgegenwärtig ist und sich nicht etwa von einem andern Orte
und von andern Menschen entfernen kann, um, uns zum Vorzuge, bei uns
einzuziehen. Wer einen besondern Ort für Gott bestimmt, der begeht die Sünde,
dem allumfassenden Geiste die Fesseln von Raum und Zeit anlegen zu wollen. - - -
Warum ist es zu allererst Chodeh, von dem ich zu dir spreche? Warum habe ich
nicht mit etwas anderem begonnen? Du solltest vor allen Dingen und zunächst
wissen, wem dieses Haus und dieses kleine Reich gehört, dessen Lichter du da
unten glänzen siehst. Ich wollte dir damit sagen, dass du dich bei Leuten
befindest, welche wissen, wem sie angehören. Und wir sagen nicht bloss, dass wir
ihm dienen, sondern wir sind jederzeit bereit, dieses Wort in Taten zu
verwandeln. Horch! Da hast du gleich Gelegenheit, so eine Tat zu hören.«
    Die beiden Glocken begannen, über uns zu klingen.
    »Warum läutet man?« fragte ich.
    »Um zum Gebete aufzufordern. Irgend ein Bewohner unsers Tales sendet in
diesem Augenblicke seine Seele zu Chodeh empor; er hat das hier gemeldet; die
Glocken klingen, und so weit ihre Stimmen zu hören sind, faltet jedermann die
Hände, und tausende von Herzen beten mit. Ich tue es auch!«
    »Ich ebenso!«
    Es war, als ob diese meine zwei Worte mit Willen begabte Wesen seien, welche
meine Hände fassten, um sie ineinander zu legen. Muss man wissen, um was jemand
bittet, um mit ihm beten zu können? Nein! Der Glaube trägt die Nächstenliebe
himmelan; der Gegenstand des Wunsches braucht nicht genannt zu werden. »Euer
Vater weiss, was ihr bedürfet, noch ehe ihr darum bittet.«
    Giebt es vielleicht ein Dogma oder irgend ein Glaubensbekenntnis, gegen
welches ich gesündigt hätte, indem ich hier als Mensch mit andern guten Menschen
meiner brüderlichen Pflicht gedachte? Ich hoffe: keines! Es sei denn, dass eine
Religion existiere, welche die Verknöcherung des Herzens zur unbedingten Folge
hat! Es war eine ganz eigenartige Atmosphäre, aus welcher ich hier an diesem
Orte und in dieser Stunde körperlich und geistig Odem sog. Da unten in Basra
hatten wir die pest- und fieberschwangern Dünste einer nicht bloss orographischen
Tiefe eingeatmet; hier oben aber umwehte mich, auch nicht bloss äusserlich, eine
Lebensluft, die frei von Keimen zum Erkranken war. Ich hätte behaupten mögen,
dass nie ein Glockengeläut so rein erklungen sei wie dieses hier. Vielleicht
waren die aufsteigenden Fürbitten von eben derselben Lauterkeit, weil niemand
wusste, um wen und um was es sich handelte. Dieser von jeder Aeusserlichkeit
erlöste Gottesdienst wirkte so unmittelbar und siegreich auf das Gemüt, dass eine
Frage nach Knigges »Umgang mit Andersgläubigen« gar nicht aufkommen konnte. Nur
einem vollständig herz-und gemütslosen Menschen wäre es zuzutrauen gewesen, hier
ohne sowohl innere als auch äussere Teilnahme zu bleiben.
    Als der letzte Ton der Glocken zwischen den Bergen verklungen war, verharrte
der Ustad noch einige Zeit im Schweigen; dann wendete er sich mir wieder zu und
sagte:
    »So wie jetzt wurden die Glocken geläutet, mitten in der Nacht, als man dich
und den Scheik der Haddedihn hier bei mir eingebettet hatte. Es gab keinen
einzigen Dschamiki, der sich nicht dem Schlafe entriss, um für euch zu beten. Und
alle, alle, sind auch dann noch mit dieser Fürbitte einverstanden gewesen, als
sie erfuhren, dass ihr unsern Chode Gott und Allah nennet. Wäret ihr beide bei
uns gestorben, so hätten wir euch nicht etwa abseits eingescharrt, sondern ihr
wäret unter Glockenklang und Liedersang auf den Berg getragen worden, wo alle
unsere Brüder und Schwestern liegen, die sich verwandelt haben. Wir hätten euch
gesegnet, wie wir sie gesegnet haben, und euch die schönsten und duftendsten
unserer Rosen auf die Gräber gepflanzt. Denn wir verheimlichen nicht, was wir
wissen und was wir glauben und was kein guter unbefangener Mensch bezweifeln
kann, nämlich dass nicht wir die Richter sind, welche über die Seligkeit oder
Verdammnis der Sterblichen zu bestimmen haben. Sag, würde man auch bei euch
Christen einem Andersgläubigen die Glocken läuten und den Segen geben? Ich frage
dich nicht, um eine Antwort zu erhalten, denn ich weiss, dass du sie mir nicht
geben darfst.«
    Als er jetzt schwieg, blieb ich still. Warum? Bloss wegen meiner körperlichen
Schwäche als Genesender? Oder aus Klugheit, um ein Wortgefecht zu vermeiden?
Warum soll man, wenn man von Achilles redet, grad von seiner Ferse sprechen!
Mein Auge war hinunter auf das Tal gerichtet. Ich sah Lichter, welche sich hin
und her bewegten. Waren das Fackeln? Vereinzelte Stimmen drangen herauf; sie
klangen wie Kommandorufe. Da fragte mich der Ustad:
    »Bemerkst du, dass sich da unten das Dorf belebt?«
    »Ja,« antwortete ich.
    »Fühlst du dich schwach oder wohl?«
    »Wohl. Warum willst du das wissen?«
    »Weil ich eine Mitteilung für dich habe, welche dich wahrscheinlich sehr
bewegen wird.«
    »Sprich sie aus! Ich fürchte nichts für mich.«
    »Sie ist eine doppelte. Das eine klingt nicht froh. Das will ich dir zuerst
sagen, damit das andere dich wieder beruhigen möge. Mein Pedehr vermutet, dass
Hadschi Halef Omar in dieser Nacht erwachen werde.«
    »Zum letzten Male?«
    »Das weiss allein Chodeh. Ich bin überzeugt, dass die Erwartung des Pedehr
sich erfüllen werde, denn er kennt diese Krankheit so genau, wie kein zweiter
sie kennt.«
    »Wo werden die Boten sein, die wir nach den Weideplätzen der Haddedihn
gesandt haben!«
    »Das ist das zweite, was ich dir mitzuteilen habe. Der Gedanke, Kara Ben
Halef holen zu lassen, wurde zwar von dir ausgesprochen, aber er kam nicht von
dir. Dass er dir gegeben wurde, lässt mich für unsern dem Tode so nahen Freund
noch Hoffnung hegen. Unser Können ist erschöpft; es gibt nur noch die
Möglichkeit, dass der unerwartete Anblick seines Sohnes ihn rettet.«
    »Aber der ist nicht hier!«
    »Er kommt.«
    »Wirklich? Gewiss? Noch heut?« fragte ich in freudiger Ueberraschung.
    »Ja; noch heut, noch diesen Abend, noch vor Mitternacht.«
    Ich lehnte mich zurück und holte tief, tief Atem. Es war, als ob der Odem
mir bisher gefehlt und sich nun wieder eingestellt habe. Ich schloss die Augen.
Mein Blick richtete sich nach innen. Da sah ich nun so recht, wie schwer die
Sorge um meinen Halef auf mir gelastet hatte. Jetzt teilte sich die
unheilschwangere Wolke, und ein lichter Strahl gab mir die Hoffnung wieder!
    »Sind die Boten denn schon zurück?« erkundigte ich mich.
    »O nein! Sie sind mit dem jungen Scheik der Haddedihn nur bis zu einem Duar
gekommen, welcher fast drei Tagesritte von hier liegt. Da müssen sie bleiben, um
sich zu erholen. Auch ihre Pferde konnten nicht weiter. Der Sohn, welcher kommt,
um seinen Vater wo möglich noch lebend anzutreffen, hat weder sich noch sie
geschont. Nur die Rücksicht auf sein abgetriebenes, edles Pferd hat ihn
vermocht, eine volle Nacht in jenem Duar zu bleiben, damit es einmal länger
ruhen könne. Aber er hat sogleich nach seiner Ankunft dort zwei Boten
vorausgesandt, von denen ich erfuhr, dass er heut abend sicher kommen werde.«
    »Warum sagst du mir das erst jetzt?«
    »Weil ich es selbst nicht früher wusste. Der Vorsprung, den sie vor ihm
hatten, wird durch die Eile, mit welcher er ihnen folgt, derart ausgeglichen,
dass er nur ganz kurze Zeit nach ihnen hier einzutreffen gedenkt. Nun siehst du
die Lichter, welche sich da unten im Tale bewegen. Es versammelt sich da eine
Schar meiner Dschamikun, um den beiden entgegenzureiten.«
    »Den - - beiden? Sind es zwei?«
    »Ja.«
    »Wer noch, ausser ihm?«
    »Ein Haddedihn, welcher nicht zu Pferde mit ihm kommt, sondern sich zweier
Eilkamele bedient, um mit ihnen wechseln zu können.«
    »Wie heisst er?«
    »Das weiss ich nicht. Die Boten waren über seine Hedschan87 der Bewunderung
voll; sie versicherten, noch nie im Leben so herrliche Tiere gesehen zu haben.«
    »Tragen diese Kamele etwa einen Tachtirwahn88?«
    »Nein. Meinst du, dass der junge Haddedihn eine Frau mitbringe? Es gibt kein
Weib, welches, selbst in der Sänfte, eine solche Anstrengung auszuhalten
vermöchte. Die Boten sagten, der Begleiter Kara Ben Halefs scheine ein vornehmer
Christ zu sein, der zwar wenig, aber sehr gebieterisch spreche. Er trage eine
blaue Brille und darunter noch einen blauen Schleier, um seine Augen zu
schützen. Wahrscheinlich sei er einer der gelehrten Abendländer, welche nach der
Dschesireh kommen, um in den dortigen Ruinen alte Ziegel auszugraben. - - Nun
sag, hat dich diese Nachricht aufgeregt?«
    »Nein. Um aufgeregt sein zu können, bin ich wohl noch zu schwach. Wir stehen
vor einer Entscheidung. Fällt sie ungünstig aus, so trifft sie mich nicht
unvorbereitet, und ich weiss, dass das Leben des Menschen nicht mit dem Tode
aufhört. Selbst wenn Hadschi Halef stürbe, würde er mir unverloren bleiben. Die
Nachricht von der Ankunft seines Sohnes erfüllt mich mit herzlicher Freude. Das
Wiedersehen wird nicht schädlich auf mich wirken.«
    »So bin ich beruhigt. Ich kam, dich vorzubereiten. Ich weiss, dass du wohl
viele Fragen hast, deren Beantwortung du dir wünschest. Mein Pedehr wird das
gern tun. Ich sorge für die Seelen unserer Dschamikun; alles andere ist in
seine Hand gegeben.«
    Er erhob sich, strich mir mit der Hand wie liebkosend über das Haar und
kehrte dann nach dem Innern des Gebäudes zurück. Bei dieser Berührung meines
Hauptes hatte ich wieder das Gefühl, als ob dabei eine gütig reine, nicht
materielle Kraft durch mein ganzes Wesen gehe. Kann man den von einem
wohlwollenden Menschen ausgehenden Segen in dieser Weise fühlen? Oder gibt es
ein uns noch unbekanntes Fluidum, welches in dieser Weise von dem einen auf den
andern übertragen werden kann?
    Nun war ich allein und dachte an Halefs Sohn. Endlich, endlich! Ich hatte
eine Zuversicht in mir, welche an die Gewissheit grenzte, dass er seinen Vater
retten werde. Wer aber war der Fremde, den er mitbrachte? Einen Augenblick lang
hatte ich an seine Mutter gedacht, an Hanneh, die »lieblichste und schönste
unter allen Blumen des Morgenlandes«. Ich war durch die Sänfte zu diesem
Gedanken geführt worden. Aber ich hatte doch angeordnet, dass Hanneh nichts von
Halefs Krankheit erfahren solle, und musste mit der Ansicht des Ustad
einverstanden sein, dass ein weibliches Wesen einen solchen Parforceritt
unmöglich aushalten könne. Zwar war sie eine ausserordentlich resolute Frau; sie
verstand, jedes Pferd nach Männerart zu reiten, und sie hing mit so inniger
Liebe an Halef, dass ihr der Entschluss, jetzt mitzukommen, sehr wohl zugetraut
werden konnte; aber anzunehmen, dass sie diesen Gedanken in Wirklichkeit
ausgeführt habe, das schien mir doch viel zu gewagt zu sein.
    Ein europäischer Gelehrter! Man hielt ihn wohl nur seiner blauen Brille
wegen für einen solchen; er brauchte es ja trotzdem nicht zu sein. Auch ich
hatte solche Brillen bei mir gehabt, um sie aufzusetzen, wenn die Sonnenstrahlen
allzu blendend von den hellen Sand- oder Felsenflächen zurückgeworfen wurden.
Ich war von dem damals noch kleinen Kara gebeten worden, sie ihm zu schenken,
und hatte es getan. Also, die Brille macht noch nicht den Gelehrten; ich habe
nie im Leben die Absicht gehabt, »gelehrt« zu sein, denn es ist mir nie
gelungen, mir dieses Wort sympatisch werden zu lassen. Wer aber war dieser
Mann? Unser David Lindsay jedenfalls nicht. Nur allein diesem, der sich aber
unterwegs nach Schiras befand, konnte die kühne Schrulle beikommen, sich Hals
über Kopf einer solchen Hetzpartie nur aus dem Grunde anzuschliessen, weil es
etwas Ungewöhnliches war. Ich sann hin und her, konnte mir aber ausser ihm
niemand denken, und hielt es darum für das beste, jetzt einmal dem Beispiele
Halefs zu folgen, der, wenn es etwas zu erraten gab, sich stets mit der
Bemerkung aus der Schlinge zu ziehen pflegte, dass er sich mit der Lösung von
Rätseln nicht abzugeben habe.
    Unten im Tale gab es wieder Ruhe; die Schar der Dschamikun, von welcher der
Ustad gesprochen hatte, war fortgeritten. Auf dem freien Platze zu meinen Füssen,
wo sich unsere Pferde befanden, wurden an den dazu vorhandenen
Einfassungsstützen Fackeln aufgesteckt, welche später angebrannt werden sollten.
Dann kam der Pedehr mit einigen Bedienten in den Raum, an dessen Säule ich
sitzend lehnte. Er gab leise Befehle. Dann kam er heraus, setzte sich bei mir
nieder und fragte:
    »Der Ustad hat dir gesagt, wer heut noch kommt?«
    »Ja.«
    »Ich weiss, dass du dich auf das Wiedersehen mit dem Sohne freust, und ich
hoffe, dass der Himmel den Vater dir erhält. Denkst du, stark genug für diesen
vielleicht schweren Abend zu sein?«
    »Wenn ich will, wird der Körper gehorchen.«
    »Ich habe Befehl erteilt, die Kerzen der Beratung hereinzubringen. Sie
werden nur dann angebrannt, wenn die Aeltesten des Stammes sich bei dem Ustad
befinden, um mit ihm wichtige Angelegenheiten zu beraten. Doch soll auch an dem
heutigen Abend der Raum so tageshell erleuchtet sein, wie er es bei diesen
Gelegenheiten ist. Ich habe über das Leben des Kranken zu wachen und brauche
Licht, um die Schrift seines Angesichtes lesen zu können. Was ich verbiete, darf
nicht geschehen. Bist du damit einverstanden, Effendi?«
    
    »Sehr gern!«
    »Wenn er erwacht und aber nicht spricht, so wird er sterben. Findet jedoch
seine Seele den Weg zu seinem Munde noch frei, so kann er uns erhalten bleiben.
Unser Freund kann sich nur durch sich selbst, durch seinen eigenen Willen
retten. Besjetzt er diesen noch, so hoffe ich für ihn. Wenn er einen Wunsch
äussert, so haben wir ihn zu erfüllen, falls dies möglich ist, denn dieser Wunsch
ist die Stütze, an welcher das niedergesunkene Leben sich aufzurichten hat.«
    »Ich bitte dich, mich hineinschaffen zu lassen. Ich möchte, wenn er erwacht,
an seiner Seite oder doch wenigstens in seiner Nähe sein.«
    »Dies wird geschehen, doch warum schon jetzt? Macht dich der Aufentalt im
Freien schwach?«
    »Nein. Warten wir also bis später! Jetzt möchte ich gern wissen, was aus den
Massaban geworden ist. Ich habe noch nichts wieder über sie gehört.«
    »Ich werde dir das morgen oder übermorgen ausführlich erzählen. Heut aber
wird dein Inneres so sehr beschäftigt werden, dass ich dir nur das Eine sagen
will: Es ist uns keiner entgangen. Genügt dir das?«
    »Wenn du willst, ja. Horch! War das nicht ein Schuss? Noch einer! Und noch
einer!«
    »Drei Schüsse. Sie kommen. Viel eher, als ich dachte!«
    »Mit Kara Ben Halef?«
    »Ja. Bist du innerlich gerüstet, Effendi?«
    »Gewiss!«
    »Prüfe dich! Es wird ein Sturm sein, welcher an deiner Seele, an deinem
Leben rüttelt!«
    »Diese Seele ist stark; ich kenne sie.«
    »So sei es denn! Wir wagen viel, sehr viel, doch meine Hoffnung blickt zu
Chodeh auf, der nur allein es ist, dem wir vertrauen müssen. Ich will nach Halef
schauen und dann am Tor die Gäste begrüssen; hierauf kehre ich mit ihnen hierher
zurück zu dir.«
    Er ging hinein, und ich hörte, dass er befahl, die Kerzen anzubrennen. Gleich
hierauf drang eine Fülle des Lichtes durch die offenen Bogen heraus auf den
Vorplatz. Ich sah deutlich unsere zwei Pferde liegen und mehrere Dschamikun
damit beschäftigt, die aufgesteckten Fackeln schnell anzuzünden. Auch die andern
Räume des »hohen Hauses« schienen hell erleuchtet worden zu sein, denn die
Strahlen vereinten sich zu einem glänzenden Lichtstrome, welcher weit hinaus bis
an den See und tief hinunter bis auf die Sohle des Tales flutete. Von dort
klangen laute Stimmen herauf. Ich hörte Pferde wiehern. Eine Fantasia oder gar
ein lärmendes Pulverspiel gab es nicht. Die Nähe des Todes verbietet solche
Dinge.
    Bald hörte ich fernleisen Hufschlag, welcher lauter wurde. Er kam den Berg
herauf. Nun ertönte das langgezogene, ungeduldige »Chchchchchuuuuh« eines
Kameles. Ich kannte diesen Ton. So klagt das Hedschihn der ebenen Wüste, wenn es
gezwungen wird, auf ungewohnten Bergwegen zu schreiten. Von rechts unten her
erklang die laute Stimme des Pedehr. Ich verstand die Worte nicht, doch waren
sie das Willkommen, welches er den Gästen sagte. Hierauf erschienen einige
Dschamikunreiter auf dem Vorplatze. Sie waren die Führer. Hinter ihnen kam, von
den Fackeln genügend beleuchtet, Kara Ben Halef, auf seinem »Ghalib« sitzend.
Ihm folgten zwei aus der edelsten Bischarizucht stammende Eilkamele. Das eine
war ledig; auf dem andern sass der verschleierte Fremde. Seine Waffen hingen am
Sattelknopfe. Er sprach mit dem Pedehr. Er war ebenso wie Kara in den
gewöhnlichen Wüstenanzug gekleidet.
    Kara Ben Halef sprang vom Pferde und trat zu dem Kamele hin, um dessen
Reiter beim Absteigen zu unterstützen. Dieser aber glitt ohne die beabsichtigte
Hilfe schnell aus dem Sattel herab und fragte so laut und pressant, dass ich die
Worte verstehen konnte:
    »Nun sag, wo liegt der Scheik der Haddedihn?!«
    Welch eine Stimme! Die kannte ich ja! Täuschte mich mein Ohr, oder war es
Wirklichkeit?
    »Hier oben in der Halle,« antwortete der Pedehr.
    »So komm!«
    Mit diesen Worten ergriff der Fremde Karas Hand, um mit ihm die Stufen
emporzueilen.
    »Ich ersuche euch, nicht so schnell zu gehen,« bat der Pedehr. »Es ist
notwendig, dass ich vorher - - -«
    Dem Verschleierten aber fiel es gar nicht ein, auf diese Worte zu achten. Er
zog Kara von Stufe zu Stufe in grösster Ungeduld hinter sich her, bis er die
oberste erreicht hatte. Da fiel sein Blick auf mich. Er blieb stehen, um mich zu
betrachten. Seine Gestalt schien plötzlich alle Möglichkeit, sich zu bewegen,
verloren zu haben. Er stand starr, wortlos, eine ganze, ganze Zeit. Dann hob er
langsam die Arme und schlug die Hände laut zusammen.
    »Sihdi?!« rief er aus.
    »Ich bin es,« antwortete ich.
    Da tat er die drei Schritte zu mir her, warf sich vor mir nieder, zog meine
beiden Hände unter seinen Schleier und drückte sein Gesicht hinein. Es waren
glatte, bartlose Wangen, die ich fühlte. Sein Körper bewegte sich konvulsivisch.
Er wollte den Ausbruch des Schmerzes, das Schluchzen unterdrücken und konnte es
doch nicht. Aus seinen Augen floss eine Flut von Tränen über meine Hände. Kara
stand still auf der vorletzten Stufe. Auch er erkannte mich, liess aber dem
Andern das Vorrecht, zuerst mit mir zu reden.
    Da hob dieser Andere den Kopf empor, sah mir noch einmal forschend ins
Gesicht und sagte schluchzend:
    »Das, das ist mein Sihdi! Der einzige Freund meines irdischen Lebens! Der
kluge Berater meines Herzens! Der treue Leiter meiner irrenden Seele! Der
unerschütterliche Fels in jeder Not! Kennst du mich?«
    »Hanneh!«
    Ich konnte dieses kleine Wort kaum über die Lippen bringen, so tief
erschüttert war ich. Meine Augen standen voller Tränen, und meine Stimme bebte.
Da warf sie den Turban vom Kopfe, riss den Schleier herab und rief jammernd aus:
    »Ja, ich bin es! Aber bist du der noch, der du warst?«
    »Ich werde es wieder sein!«
    »Ja, du musst, du musst, du musst es wieder sein! Ich mache dich gesund, ich,
ich, ich! Und ich beginne damit gleich, gleich jetzt, in diesem Augenblick!
Kennst du das Märchen von Chakika89, welche vom Himmel kam und dem Tode
begegnete? Sie küsste ihn; da wurde aus ihm das Leben.«
    »Ich kenne es. Diese lichte, himmlische Chakika ist die herrlichste
Wahrheit, die es gibt.«
    »So lass mich dieses Märchen sein, und zürne mir wegen meiner Kühnheit
nicht!«
    Sie rutschte auf den Knieen ganz zu mir heran, zog meinen Kopf an sich und
küsste mich auf beide Wangen und dann noch auf die Stirn. Dann fuhr sie unter
Tränen fort:
    »Wer war es, der dich jetzt mit den Lippen berührte? Nicht Hanneh, das Weib
von Hadschi Halef Omar, des Scheikes der Haddedihn! Der Kuss dieser Frau könnte
dir nichts nützen trotz aller Liebe und Dankbarkeit, die sie in ihrem Herzen für
dich pflegt. O, mein Sihdi! O, mein Effendi! Ich wusste, dass du uns allen teuer
bist, aber wie, wie, wie teuer, das wusste ich noch nicht! Das habe ich erst
jetzt begriffen, wo du, von Todes Hand noch festgehalten, mit einem Lächeln auf
mich niederblickst, so schwach, so matt und doch so lieb und gut, dass es mir das
Herz zerreissen will! Kara Ben Halef, mein Sohn, tritt herbei, und leg deine
Hände auf das Haupt dieses Mannes, der zu uns kam, um uns allen nichts als nur
Liebe, Liebe, Liebe zu erweisen!«
    Er biss die Zähne zusammen, um nicht lautauf zu weinen; aber seine Lippen
zitterten und seine Augen standen voll Wasser. Er legte mir nicht nur die Hände
sondern auch die Wange auf den Kopf; er hatte mich lieb, so recht von ganzer
Seele lieb. Da faltete seine Mutter ihre Hände und sprach weiter:
    »Sihdi, ich segne dich! Ich segne dich nicht so, wie andere segnen. Ich gebe
dir mehr, als was nur ich dir geben könnte. Ich segne dich durch die Hände
meines Kindes, auf dem der Segen seines Vaters und seiner Mutter liegt. Dreifach
also ist der Segen, der auf dir ruhen soll in alle Ewigkeit!«
    Da erklang die tiefe, klare Stimme des Ustad, der, von uns unbemerkt, hinter
uns an der Säule gestanden hatte:
    »Nicht nur dreifach soll er sein, und nicht nur gesegnet sollst du haben,
sondern auch gesegnet werden!«
    Er trat aus der Halle heraus, breitete seine Hände über sie und fuhr fort:
    »Ich sehe dich heut zum erstenmal, und doch ist es mir, als seist du mir
schon längst, schon längst bekannt. Ich höre, dass du Hanneh bist, unsers Hadschi
Halef Weib; aber für mich und uns bist du in diesem Augenblicke mehr. Du bist
die Seele des weiblichen Geschlechtes, die aus der Höhe niederstieg, um Geist in
Seele zu verwandeln. Wie hast du mich gerührt! Wie ward mein Herz bewegt von
deinem Herzen! Es wallt in mir ein grosses Wünschen auf, für welches ich das
rechte Wort nicht finde. Du, eines Moslem Weib, verurteilt zu des Harems
Einsamkeit, hast einem Nasarah90 gegenüber dies Gesetz gebrochen, um dem höheren
des Herzens zu gehorchen. Wie wert muss doch sein Christentum deines dreifachen
Segens sein! Und so gern, wie es noch nie geschah, will ich für dich zu Chodeh
beten, an dir zur Wahrheit zu machen, dass, wer da segnet, selbst gesegnet wird!«
    Sie schaute zu ihm auf, aus weitgeöffneten Augen, mit einem langen, langen
Blicke.
    »Bist du der Ustad?« fragte sie.
    »Man nennt mich so,« antwortete er.
    »Du sagtest, es sei dir so, als habest du mich schon längst gekannt. Habe
nicht auch ich dich schon gesehen? Doch wo und wann? Ich kann mich nicht
besinnen. In diesen Bergen ist es nicht gewesen. Du hast den Gebieter meines
Stammes und meines Zeltes bei dir aufgenommen. Ich danke dir! Erlaubst du mir,
dass ich jetzt zu ihm gehe?«
    »Ich führe dich,« antwortete er. »Der Pedehr ist bei ihm. Doch, meine
Tochter, bist du stark genug, den Hadschi so zu sehen, wie man nur Leichen
sieht?«
    Da richtete sie sich auf. Ihre Augen blitzten. Sie war ganz
Entschlossenheit.
    »Kennst du das Weib, Ustad?« fragte sie.
    »Ich kenne es,« lächelte er, »und ich sehe, dass du es bist!«
    »Vielleicht erschrecke ich, doch eine Klage wirst du nicht aus meinem Munde
hören. Auch mein Sohn ist stark. Komm, Kara, lass uns zum Vater gehen!«
    Welch eine Frau! Der Ustad ergriff ihre Hand, um sie zu leiten. Sie gab die
andere Kara; so gingen sie hinein. Ich horchte. Sie schritten langsam nach der
Ecke, in welcher Halef lag; dann war es still, kein Wort, kein Laut zu hören.
Wie war sie über mein leidendes Aussehen erschrocken! Halefs Anblick aber war
noch schlimmer. Und doch diese Ruhe hinter mir! Ich wiederhole: Welch eine Frau!
    Ich schaute den Dschamikun zu, welche Karas Dunkelbraunen und die beiden
Kamele abgeschirrt hatten und ihnen nun Wasser und Futter gaben. Aber meine
Gedanken waren natürlich weniger dort als in der Halle am Lager des Freundes.
Erst nach langer Zeit hörte ich wieder Schritte. Der Pedehr kam zu mir.
    »Sie ist eine Heldin und ihr Sohn ein Held,« flüsterte er mir zu. »Sie sind
bei ihm. Auch der Ustad wird bleiben, denn wir vermuten, dass Halef bald erwachen
werde. Ich sah, dass sich die Falten seiner Stirn bewegten.«
    »Und ich? Darf ich hinein?« fragte ich.
    »Ich bitte dich darum. Er darf dich nicht vermissen.«
    Er holte einige Leute, welche mich samt den Kissen hineinbrachten. Hanneh
und Kara sassen zur Seite Halefs, der Ustad zu seinen Füssen. Ich bekam einen
Platz in der Nähe. Der Pedehr hatte sich auf der Ecke des Lagers niedergelassen.
Er beobachtete den Kranken unausgesetzt. Schakara war auch da, und an der Tür
standen zwei Männer, um etwaige Befehle sofort auszuführen.
    Ich konnte das Gesicht Halefs deutlich sehen. Die Halle war von Wachskerzen
hell erleuchtet. Die Bienenzucht der Dschamikun lieferte dieses ausserhalb ihres
Gebietes seltene Material. Ich wiederhole, dass das Gesicht des Hadschi ganz dem
einer Mumie glich. Hanneh bewegte sich nicht. Ihre Züge waren wie aus Stein
geformt. Kara sass so, dass ich die seinigen nicht beobachten konnte. Was mich
betrifft, so gab es in mir eine zwar erwartungsvolle, sonst aber ruhige Stille.
Es war, als ob jedes Wünschen und Wollen verschwunden sei; aber das bedeutete
nicht etwa eine Ergebung in das Unvermeidliche, sondern es war eine Zuversicht,
die ich vor der Ankunft Hannehs und Karas keineswegs empfunden hatte.
    »Sihdi!«
    Was war das? Hatte mich wer gerufen? Ich schaute die Andern fragend an. Sie
blickten ebenso fragend zu mir herüber. Keiner hatte dieses Wort gesprochen,
aber alle hatten es gehört.
    »War es Halef?« erkundigte ich mich.
    Niemand wusste es. Seine uns bekannte Stimme war es nicht gewesen. Auch hatte
man keine Bewegung seiner Lippen gesehen. Nun hingen wir mit unsern Augen an
seinem Munde, welcher ein wenig offen stand.
    »Sihdi - - - Sihdi - - -!«
    Jetzt hörten wir genau, dass Halef es war, obwohl die Stellung seiner Lippen
sich nicht im geringsten verändert hatte. Das war eine ganz eigentümliche
Stimme, nicht laut, nicht leise, ganz ohne allen Ton und Klang und doch so gut
verständlich. Wenn es Schatten oder Schemen gäbe, welche sprechen könnten, so
würden sie es ganz gewiss in dieser Weise tun.
    »Halef, mein lieber Halef!« antwortete ich.
    »Der bin ich nicht!« erwiderte er.
    »Nicht mein Hadschi?«
    »Der bin ich auch nicht!«
    »Also mein Hadschi Halef?«
    »Ich bin es nicht!«
    »Wer bist du denn?«
    »Ich weiss es nicht!«
    »Sag mir deinen Namen!«
    »Ich habe keinen!«
    »Aber du kennst dich doch?«
    »Ich bin ich!«
    »Wo bist du?«
    »Hier!«
    »Wo ist das?«
    »Bei dir, bei meinem Sihdi! Jetzt bei den Haddedihn! Wo ist Hanneh? Sie ist
nicht da! Wo ist Kara, mein Sohn? Er ist auch nicht da. Ich suche sie!«
    »Wo gehst du hin, sie zu finden?«
    Er antwortete nicht. Darum schwieg auch ich.
    Er hatte alle diese kurzen Antworten gegeben, ohne die Lippen zu bewegen.
Darum waren die Labiallaute nicht zu hören gewesen. Das hatte aber nicht
verhindert, ihn zu verstehen.
    »Sihdi - - - Sihdi - - -!« erklang es nach einer längeren Pause wieder.
    »Ja,« sagte ich.
    »Ich bin bei dir.«
    »Wieder?«
    »Ja. Ich habe deine Augen.«
    »Wirklich?«
    »Wirklich! Und was du siehst, das sehe ich auch! Nun habe ich sie gefunden.
Ich sehe sie! Kara und Hanneh, die ich liebe. Ich sehe noch mehr. Ich sehe - - -
wer - - - wer ist das? Das ist der - - - Pe - - - der Pe - - - Pedehr und - - -
und - - - ich muss fort - - - fort von dir! - - - Wer - - - wer - - - wer bin - -
- bin - - - wer bin ich und wer - - - -«
    Da stand der Ustad mit einer unerwartet schnellen Bewegung auf und rief ganz
auffallend laut und deutlich:
    »Du bist Hadschi Halef Omar, der Scheik der Haddedihn! Hörst du? Hadschi
Halef Omar, der Scheik der Haddedihn vom Stamme der Schammar!«
    »Had - - - Hadschi Hal - - - Halef - - - - - - - -«
    Er brachte nur diese Silben zusammen; dann verhauchte seine Stimme und wurde
nicht mehr gehört. Nun liess sich der Ustad wieder nieder, bog sich zu mir
herüber und fragte mich, leise flüsternd:
    »Begreifst du, was ich tat?«
    »Nein.«
    »So denke nach! Ich habe ihn zu sich zurückgeführt.«
    »Ist es denn möglich, eine Seele, welche bereits im Begriffe steht, ihre
Verbindung mit dem Körper zu lösen, durch Worte festzuhalten?«
    »Ja, das hast du jetzt erfahren und wirst den Beweis bald kommen sehen. Für
euch Abendländer ist das freilich ein Rätsel. Eure Seelenlehre ist noch nicht
einmal so weit gekommen, dass sie sagen kann, was und wo die Seele ist. Wer die
sonderbare Ansicht hegt, dass der Offizier im Körper des Soldaten stecke, der
wird alle Bewegungen dieses Soldaten als Regungen des Offiziers erklären; über
die Seele aber Auskunft zu geben, das wird ihm ganz unmöglich sein!«
    Das klang so alt und doch so neu, in jedem Falle aber wahr!
    Nun wieder störte kein Laut die Stille um uns her. Wir konnten nichts tun,
als warten. Es verging wohl über eine halbe Stunde; da sahen wir, dass die
bisherige Starre im Gesicht des Hadschi weichen wollte. Die Mumienähnlichkeit
begann, sich zu verlieren, obgleich von einer eigentlichen Wiederbelebung der
Züge noch nicht gesprochen werden konnte. Jetzt bewegte er die Lippen, doch wir
hörten nichts. Es war zu bemerken, dass seine Augapfel sich unter den
geschlossenen Lidern regten. Es gab in ihm eine Anstrengung, welche vergeblich
nach dem Erfolge rang. Hierauf zuckten seine Arme und Beine unter der Decke; es
ging ein Leben durch seinen ganzen Körper, und fast schreiend erklangen die
Worte:
    »Sihdi - - Sihdi - - bist du bei mir?«
    Ich sage, »fast schreiend«, aber es war doch kein eigentliches Schreien,
nicht einmal ein Rufen, auch nicht das, was man »laut« zu nennen pflegt. Und
doch klang es so deutlich, so heftig, so todesängstlich! Man hörte dieser Stimme
die ausserordentliche Schwäche an, und trotzdem war sie im fernsten Winkel der
Halle zu vernehmen.
    »Ich bin hier,« antwortete ich.
    »Sag, wie heisse ich?«
    »Du bist mein Freund Halef Omar.«
    »Der Scheik der Haddedihn?«
    »Ja.«
    »Ich liege bei den Dschamikun?«
    »Ja.«
    »Bin ich noch krank?«
    »Jetzt noch; bald aber wirst du gesunden.«
    »Du bist Kara Ben Nemsi?«
    »Ja.«
    »So staune! Ich weiss, was sterben heisst!«
    »Sag es mir!«
    »Nicht jetzt. Das Sprechen fällt mir schwer. Sihdi, hast du nicht Glocken
hier gehört?«
    »Ja, die Glocken des Gebetes.«
    »Lasst sie läuten; lasst beten, dass ich leben bleibe. - Ich will zurück zu
Hanneh, meiner Seele. Sie ist - - -«
    Er hielt inne. Sein Gesicht bekam zum erstenmal wieder einen Ausdruck,
nämlich den der Spannung. Er suchte in sich nach. Dann fuhr er fort, so langsam,
als ob er die Worte mühsam aus der Ferne herbeiholen müsse:
    »Wie ist mir denn? - - - habe ich nicht - - - meine Hanneh - - - hier
gesehen? - - - Sass nicht auch - - - - Kara, mein Sohn - - - bei mir - - - an
diesem Lager? - - - Ich hatte nicht - - - meine Augen - - - sondern andere. - -
- Mit diesen Augen - - - sah ich meine - - - - meine eigene Leiche. - - - Bei
ihr sass Hanneh - - - wie ein Mann gekleidet - - - hier, hier - - - zu meiner
rechten Hand - - - - Ich kann den Kopf nicht wenden - - - - die Augen nicht
öffnen - - - sie nicht sehen - - - und doch, und doch - - - Hanneh, Hanneh - - -
mein Glück und meine Retterin - - - ich weiss - - - du bist bei mir!«
    Da war es für einen Augenblick um ihre ganze Selbstbeherrschung geschehen.
Sie stiess einen fast überlauten Schrei aus, sprang empor und rief:
    »Allah, ich danke dir! Fast wäre ich erstickt vor lauter Qual und Herzeleid!
Nun aber kann ich wieder atmen, denn ich weiss, dass mein Geliebter nicht sterben,
sondern leben wird. Du, Allbarmherziger, hast ihn mir zurückgegeben!«
    Wir hatten während dieser ihrer Worte nur auf sie geschaut und nicht auf
Halef gesehen. Nun aber staunten wir über die Wirkung, welche der Klang ihrer
Stimme auf ihn hervorgebracht hatte. Er bewegte den Kopf; seine Züge hatten
Leben bekommen; seine Augen waren geöffnet und mit dem Ausdrucke des Entzückens
auf Hanneh gerichtet. Kara war auch aufgestanden; er trat an die Seite seiner
Mutter. Halef sah ihn neben ihr. Da konnte er plötzlich auch die Hände bewegen.
Er faltete sie und sprach:
    »Auch du bist hier, mein Liebling? Ich bin nicht gestorben und habe doch die
Seligkeit, den ganzen, ganzen Himmel hier bei mir!«
    Hierauf schloss er die Augen. Mutter und Sohn knieten bei ihm nieder. Sie
nahmen seine Hände und sprachen ihre überquellende Liebe in zärtlichen Worten
aus. Er antwortete nicht. Da erklangen über uns die Glocken, denn einer der an
der Tür stehenden Dschamikun war, sobald Halef diesen Wunsch ausgesprochen
hatte, fortgegangen, um ihn zu erfüllen. Der Kranke hörte es und lächelte. Jetzt
beteten Tausende für ihn. Wir hier in der Halle auch. Er schlief indessen ein.
Mit ihm auch noch ein anderer, nämlich ich.
    Das war nach den Anforderungen, welche dieser Abend an mich gestellt hatte,
gar nicht verwunderlich. Ich wurde so plötzlich von einer ganz unwiderstehlichen
Müdigkeit befallen, dass mein aufrecht sitzender Oberkörper den Halt verlor. Ich
fiel um. Man trug mich nach meiner duftenden Veilchenecke, in welcher ich einen
so langen und tiefen Schlaf tat, dass, als ich am nächsten Tag von ihm erwachte,
die Sonne sich fast schon wieder zum Untergange neigte. Ich fühlte sogleich, dass
diese lange Ruhe mich ausserordentlich gekräftigt hatte.
    Wer sass bei mir, als ich die Augen öffnete? Hanneh! Sie hatte einen
mitgebrachten Frauenanzug angelegt. Als sie sah, dass meine Augen offen und auf
sie gerichtet waren, reichte sie mir die Hand und sagte:
    »Ich grüsse dich aus vollem Herzen und mit meiner ganzen Seele, mein Effendi.
Ich wartete auf dein Erwachen. Inzwischen sitzt mein Kara dort bei Halef, um mir
sofort zu melden, wenn ich nötig bin. Jetzt musst du sogleich essen. Ich werde es
Schakara sagen, dass sie dir die Speise bringe.«
    »Weisst du, wo sie ist?«
    »Ja. Sie ist schnell meine Freundin geworden, denn sie besitzt ein
siegreiches Herz, dem niemand widerstehen kann.«
    Hanneh stand auf und eilte hinaus, um bald darauf mit der Kurdin
zurückzukehren. Während die letztere mir beim Essen behilflich war, ging die
erstere zu Kara und Halef, welcher, wie Schakana mir sagte, seit gestern abend
in einem immerwährenden, tiefen und wahrscheinlich wohltätigen Schlafe gelegen
hatte. Hanneh beugte sich über ihn und berührte seine Stirn mit ihren Lippen.
Sie schien ihn dadurch aufgeweckt zu haben, denn er begann, sich zu regen.
Schakara verliess sofort die Halle, um den Pedehr zu holen, welcher das Verlangen
geäussert hatte, bei dem Erwachen des Scheikes gegenwärtig zu sein.
    Ich hörte, dass Halef leise vor sich hin sprach. Zu verstehen war aber
nichts. Auch hatte er die Augen nicht geöffnet. Da kam der Pedehr. Er
beobachtete den Kranken kurze Zeit und winkte dann Hanneh, mit ihm zu reden. Sie
tat es, indem sie laut einige Worte sprach, die seine Kosenamen waren. Da ging
ein Lächeln über sein Angesicht. Er lauschte. Sie wiederholte die Worte und
knüpfte an sie die Frage, wie er sich befinde. Da hörte ich seine
ausserordentlich matte und doch so deutliche Stimme erklingen:
    »Hamdulillah - - - es war - - - kein Traum - - -! Mein Leben - - - ist zu
mir - - - gekommen! Hanneh - - - Hanneh - - - und - und - - und - - -«
    Er schwieg, um nachzusinnen. Da fuhr Kara an seiner Stelle in dem
angefangenen Satze fort:
    »Und ich ebenso, mein Vater! Kara Ben Halef, dein Sohn; ich bin auch bei
dir.«
    »Kara - - - mein - - - mein Sohn - - der junge Held - - - der Haddedihn - -
-?«
    Er bewegte den Kopf; er kehrte das Gesicht dem Sohne zu, doch ohne die Augen
aufzuschlagen. Dann sprach er weiter:
    »Auch hier - - -? Zu mir - - - gekommen? - - - Ich sah ihn schon - - -!
Geritten - - -?«
    »Ja, mein Vater.«
    »Auf - - - auf welchem Pferde?«
    »Auf Ghalib, den du mir schenktest, damit er mich lieben und meinen Willen
verstehen lerne.«
    Da ging ein schneller, energischer Ruck durch Halefs Körper.
    »Steig auf!« sagte er.
    »Auf Ghalib?« fragte Kara.
    »Ja.«
    »Jetzt? Hier?«
    »Ja - - -! Der Stamm der Haddedihn - - - bist du - - -! Ich will - - - die
Tapfern sehen!«
    Dieser Befehl erklang in mattestem Tone und trotzdem so willenskräftig. Kara
sah den Pedehr fragend an.
    Dieser nahm ihn bei der Hand, um ihn von dem Lager weg und hinaus auf den
Vorplatz zu führen. dabei hörte ich, dass er ihm die Unterweisung gab:
    »Der Braune muss so schnell wie möglich gesattelt werden. Du legst alle deine
Waffen an und kommst so, wie man sich in den Kampf begibt, herein und bis zu
deinem Vater hingeritten. Das muss so sein! Dein Anblick gibt ihm neue
Lebenskraft. Beeile dich, mein Sohn!«
    Halef war jetzt still; aber er wartete. Seine zwar nur leisen, aber
ungeduldigen Bewegungen verrieten das. Nach einigen Minuten - es waren wohl kaum
mehr als fünf - erklang seine Stimme wieder:
    »Kara - - - schnell - - - schnell - - -! Ich habe - - - habe - - - keine
Zeit - - -!«
    Der Ton war so ängstlich, dass Hanneh rasch aufstand und an die nächste Säule
trat, um nachzuschauen. Da kam der Pedehr auch schon herein.
    »Es eilt!« sagte sie zu ihm.
    »Er kommt sofort,« antwortete er. »Sei mutig, und sei still! Dieser
Augenblick wird viel entscheiden. Knie hin zu ihm; du wirst ihm nötig sein!«
    Sie folgte dieser Aufforderung soeben, als Halef die nur noch mit Mühe
hervorgebrachten Worte hören liess:
    »Er - - - er kommt nicht - - -! Ich muss - - - muss gehen!«
    Da aber gab es draussen lauten Schlag der Hufe. Treppenstufen zu ersteigen,
das war dem edlen Ghalib ungewohnt; er schien sich zu weigern.
    »Jallah, kawahm, kawahm - vorwärts, schnell, schnell!« erscholl Kara's
aufmunternde Stimme.
    Da nahm der Braune mehrere Stufen auf einmal und kam von der letzten aus in
einem weiten, ärgerlichen Sprung hereingeflogen, um hart an Halefs Lager
angehalten zu werden und dort, wie aus Erz gegossen, still zu stehen. Der junge
Haddedihn hatte das Messer und die Pistolen in den Gürtel gesteckt, die
kunstvoll ausgelegte Beduinenflinte quer über dem Rücken und die lange,
doppelschneidige Lanze in der Hand. Das kraftvoll schöne Bild eines
Beduinenkriegers, so sah er blitzenden Auges auf den kranken Vater nieder.
    Dieser öffnete die Augen und richtete den Blick zu seinem Sohne empor. Er
schien es gar nicht zu bemerken, dass Hanneh ihm die Arme unter Kopf und
Schultern schob, um ihn ein wenig aufzurichten.
    »Ghalib - - - der Unbesiegliche - - -!« sagte er. »Er trägt - - - die
Zukunft - - - meiner Haddedihn - - -! Doch die - - - Vergangenheit - - - stirbt
nicht - - - stirbt nicht - - -! Die bin - - - bin ich - - - mit ihm die - - -
Gegenwart - - -! Ich bleib bei euch - - - bei euch - - -! Ich will - - - ich
will - - - ich will - - -! Kara - - - Hanneh - - - mein Leben - - - kehrt
zurück!«
    Er hielt den frohen Blick noch einige Zeit auf Kara gerichtet; dann schloss
er die Augen. Hanneh bettete ihn wieder bequem in die Kissen. Mir kam es vor,
als ob sein Gesicht jetzt einen ganz, ganz andern Ausdruck habe, nicht mehr den
leichenhaften wie vorher. Kara stieg vom Pferde und führte es so leise wie
möglich hinaus. Hanneh sah den Pedehr ängstlich fragend an. Er nahm sie bei der
Hand, zog sie empor und sagte:
    »Die Hoffnung ist erwacht! Komm mit! Wir wollen ihm einen stärkenden Trank
bereiten. Wenn er ihn zu sich nimmt, so wird er gerettet sein!«
    Als sie miteinander fortgegangen waren, kam Kara wieder herein, erst für
einige Augenblicke zu mir; dann setzte er sich zu seinem Vater, welcher zwar
nicht ganz wach zu sein aber auch nicht zu schlafen schien. Er bewegte bald
dieses und bald jenes Glied in einer Weise, welche darauf schliessen liess, dass es
nicht unwillkürlich sondern absichtlich geschehe.
    Dann kehrte der Pedehr mit Hanneh zurück. Ich vermutete, dass in dem Gefässe,
welches sie trug, von demselben ausgepressten Fleischsaft sei, der auch mich so
gestärkt hatte. Er wurde Halef mit Hilfe des Löffels gegeben; er weigerte sich
nicht, ihn anzunehmen, und fiel dann sogleich in einen ruhigen Schlaf, von dem
der Pedehr sagte, dass er wenigstens bis zum nächsten Morgen dauern werde.
    Hanneh und Kara waren unbeschreiblich glücklich hierüber und stellten, als
ich mich jetzt wieder wie gestern hinaus in das Freie schaffen lassen wollte,
die Bitte an mich, ihnen da draussen zu erzählen, was ich seit unserer Trennung
von den Haddedihn mit Halef erlebt hatte. Dagegen erhob aber der Pedehr ganz
entschieden Einspruch. Er wies sie auf die Anstrengungen ihres eigenen Rittes
hin und machte sie allen Ernstes darauf aufmerksam, dass sie sich jetzt unbedingt
ganz gründlich auszuruhen hätten. Halef bedürfe ihrer heut nicht mehr, da sowohl
er als auch Schakara in bester Weise für ihn sorgen würden. Sie mussten
gehorchen, und so kam es, dass ich dann später ganz allein draussen vor der Halle
sass, um dasselbe Schauspiel des Sonnenunterganges zu geniessen, welches mich
gestern schon so erhoben hatte.
    Wie viele Menschen habe ich schon sagen hören, dass man die Schönheiten der
Natur niemals allein sondern stets in Gesellschaft geniessen müsse. Ich bin da
ganz anderer Meinung. Schon das Wort »geniessen« scheint mir da falsch gebraucht
zu sein. Ich könnte mit ganz demselben Rechte sagen, dass ich eine Predigt, ein
Oratorium, ein Kirchenlied »geniessen« wolle. Auf mich wirkt die Natur erhebend,
und zugleich veranlasst sie mich zur Einkehr in mich selbst. Ich bin ein Teil von
ihr und kann sie nicht schauen, ohne mit ihr auch mich selbst zu betrachten.
Gesellschaft anderer Leute würde mir da nur hinderlich sein. Durch den Wald will
ich allein spazieren, ausser ich bin gesellschaftlich gezwungen, noch jemand
mitzunehmen. Plauderei enteiligt mir die Tat. Denn ein solcher Gang zum
predigenden Walde ist für mich eine Tat, und zwar nicht bloss eine körperliche,
sondern mehr noch eine seelische. Werde ich begleitet, so bringe ich fast nichts
mit heim als nur die Erinnerung an das, was gesprochen worden ist.
    Ganz ebenso ist es mit dem Sonnenauf- und mit dem Sonnenuntergang. Jede
Bemerkung, jede Interjektion, sei sie auch noch so begeistert, muss, falls ich
sie anzuhören habe, die Erhabenheit und Heiligkeit des Augenblickes mindern. Ich
habe menschliche Gesellschaft gern, wie ich überhaupt die ganze Menschheit
herzlich liebe; aber die Natur will ich in ungestörter Einsamkeit auf mich
wirken lassen, und meine schönsten und gewiss auch besten Lebensstunden sind die,
in denen ich in stiller Nacht und ohne einen Plauderer neben mir dem ewig
frommen und ewig treuen Sternenhimmel in seine leuchtend hellen Augen sehe.
    So auch heut, wo ich allein und von höflicher Rücksicht frei vor der Halle
des »hohen Hauses« sass. Ich kenne ein Bild, »Die Genesende« unterzeichnet. Eine
weibliche Gestalt sitzt bleichen Angesichtes in hochgelegener, offener Laube,
von welcher aus einer der herrlichsten Punkte des Rheintales zu überschauen
ist. Soeben dem Tode entronnen, hat sie das Krankenzimmer mit dieser freien, vom
Blumendufte umwehten Stelle vertauscht, um neues, sonniges Leben einzuatmen. Sie
nimmt es mit einem stillen, milden, unendlich dankbaren Lächeln entgegen; aber
die grossen, ernsten Augen sind nicht hinunter auf die glitzernden Fluten des
Stromes oder die grünenden Rebenhänge sondern weit, weit hinaus in die
grenzenlose Ferne gerichtet, die selbst den Horizont unter sich nur als
trügerische Vorspiegelung des Menschenauges kennt. Es ist, als ob diese Augen,
welche nur Unbegrenztes schauen, noch immer nach der unsichtbaren Pforte jener
Geheimnisse suchten, deren Schlüssel in der verschwiegenen Erde des Friedhofes
vergraben liegt. Die Seele, welche sich von dem Körper trennen wollte, hat die
Verbindung mit ihm noch nicht vollständig wieder hergestellt. Sie zieht den
Blick hinaus, dortin, wohin sie heimwärts gehen wollte, dem Taucher gleich, der
nach vollbrachtem Tagewerke sich von der schweren, unbehilflichen Rüstung trennt
und sie am Strande liegen lässt, um, wonnig atmend, wieder frei zu sein. -
    An dieses Bild dachte ich am heutigen Abend, was leicht erklärlich war. Auch
ich stand im Genesen und fühlte jenen weichen, tief empfänglichen Ernst in mir,
dem es ein Bedürfnis ist, über den Horizont der Endlichkeit hinauszuschreiten.
Dort, jenseits dieser Grenze, gibt es dann ebenen Weg; die Zeit der Schlagbäume
ist überstanden, und kein niederes Interesse kann den Blick von jenen Höhen
lenken, in denen nicht einmal die Sterne mehr die Namen tragen, die ihnen von
den Menschen gegeben worden sind. Sie wandeln gross und erhaben über uns, und wer
ihnen mit dem Herzen, nicht mit dem Rohre folgt, dem offenbaren sie viel mehr,
viel mehr, als man durch dieses Rohr über sie erfahren kann. Keine noch so
kunstvoll gearbeitete teleskopische Linse wird jemals an Schärfe das Auge der
Seele erreichen!
    Während ich mich bis fast Mitternacht im Freien befand, sass Schakara bei
Halef. Der Pedehr war bei dem Ustad, in dessen Wohnung heut eine wichtige
Beratung stattfand, welche nicht in der Halle abgehalten werden konnte, weil
diese ja uns überlassen worden war. Der Scheik der Dschamikun kam grad, als ich
mich wieder hinein nach meinem Lager bringen liess. Er teilte mir mit, worüber
verhandelt worden war.
    »Wir haben über das beabsichtigte Fest der fünfzig Jahre gesprochen,« sagte
er.
    Ein persisches Fest dieses Namens war mir nicht bekannt. Darum sah ich ihn
fragend an.
    »Hat dir noch niemand etwas hiervon gesagt?« erkundigte er sich.
    »Nein.«
    »Auch Schakara nicht?«
    »Nein.«
    »Sie hätte gewiss sehr gern davon gesprochen, denn dieses Fest beschäftigt
uns alle schon seit längerer Zeit; wahrscheinlich aber ist ihre Meinung gewesen,
auch in diesem Punkte gehorsam sein zu müssen. Der Ustad hat nämlich befohlen,
euch nicht mit fremden, also auch nicht mit unsern Angelegenheiten zu
behelligen. Ihr musstet unberührt von jeder innern Störung bleiben. Deine
Genesung aber, Effendi, ist so weit vorgeschritten, dass ich nun unbedenklich zu
dir von diesem Feste sprechen kann. Es gab einen Kampf zwischen dem Ustad und
uns, der ein Kampf der Liebe war. Unser Herr wünschte nicht, dass dieses Fest
gefeiert werde. Heut abend aber haben wir ihm die Erlaubnis durch unsere
vereinten Bitten abgerungen. In zwei Wochen nämlich werden es fünfzig Jahre, dass
er zum erstenmal in ein Zelt unseres Stammes trat, und die Dankbarkeit gebietet
uns, diesen Tag feierlich zu begehen. Er hat sich bisher ablehnend verhalten;
heut aber liess er sich überzeugen, dass es ein Herzensbedürfnis für uns sei, und
hat uns die Genehmigung erteilt - nicht seinet- sondern unsertwegen, sagte er.
Ihr seid zu dieser Zeit noch hier bei uns, ein Umstand, über den wir uns alle
freuen - - -«
    »Wird euch diese Freude nicht vielleicht von Hadschi Halef getrübt werden?«
fiel ich ein.
    »Diese Frage war natürlich von dir zu erwarten. Ich möchte dir gern sagen,
was ich denke, befürchte aber, dass du über mich lächeln wirst.«
    »Dann bin ich beruhigt! Wenn es nichts Schlimmeres als nur ein Lächeln ist,
was du von mir erwartest, musst du in Beziehung auf ihn wohl gute Hoffnung
hegen!«
    »Ja, die habe ich. Mein Ausdruck Lächeln aber war anders gemeint. Ich bezog
ihn nicht auf Halefs Genesung, sondern auf deine Gedanken. Ich habe als sein
Arzt Ansichten, welche vielleicht sehr fern von den deinen liegen, das ist es,
was ich meinte.«
    »Du bist der Hekim91; ich aber bin der Laie. Wie könnte es mir beikommen,
über dich zu lächeln!«
    »Und doch! Denn was ich dir sage, wird nicht die Ansicht allein des Hekim
sein. Ich habe es mit einem schwerkranken Menschen zu tun. Wer und was ist das
Wesen dieses Menschen? In welcher Beziehung stehen seine Teile zu einander? Das
muss ich wissen, wenn ich ihn richtig behandeln soll. Ich vermute aber, dass du
über diese Fragen ganz anderer Meinung bist als ich.«
    »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Keinesfalls aber werde ich für deine
Gedanken nichts anderes als ein Lächeln haben. Ich bitte dich, sie
auszusprechen!«
    »So höre!«
    Er sprach zwar diese beiden Worte, doch liess er mich zunächst nichts weiter
als nur sie hören. Er hatte sich an meinem Lager niedergesetzt, das Gesicht mir
voll zugewendet. Jetzt hob er den Kopf und schaute in das stille, bescheidene
Licht der Kerzen, welche in der Nische brannten. Es war, als ob er durch dieses
Emporblicken ein ganz anderes Gesicht bekommen habe. Wie rein, wie edel
erschienen mir die Linien desselben, die bei unserm ersten Zusammentreffen von
hässlichem Schmutz bedeckt gewesen waren! Die Kerzen sandten ihm ihre Flämmchen
als winzig kleine und doch fast strahlend helle Punkte in die schönen Augen. Das
lange, graue Haar gab einen ganz eigenartigen, lebendig wallenden Rahmen zu
diesem Bilde. Da kam eine Erinnerung über mich. Ich sah mich im Atelier eines
Freundes. Er arbeitete an einer Darstellung aus der Offenbarung Johannis. Ich
sah die Studienblätter durch. Eines von ihnen fesselte mich ganz besonders.
Unter einem eingefallenen, nach oben offenen Mauerbogen sass der Seher und
schaute himmelan, nach einer Öffnung in den dunkeln Wolken, aus welcher eine
Fülle jenseitigen Lichtes auf ihn niederstrahlte. Darunter war zu lesen: »Und
ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die
erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr.« Das mit diesen Worten
wunderbar harmonierende Gesicht des Inspirierten hatte einen tiefen Eindruck auf
mich gemacht; es war mir lange, lange geistig gegenwärtig geblieben, bis neue
Regungen es in Vergessenheit hatten geraten lassen. Und nun sah ich es plötzlich
wieder, in mir und auch ausser mir. Denn die Züge des Pedehr glichen in diesem
Augenblicke fast ganz genau denen jener Studie, und es war gewiss nicht zu
verwundern, dass sie auch dieselbe Wirkung auf mich hatten. Es ging etwas durch
mein Inneres, was mich begreifen liess, dass man unter den Trümmern des Veralteten
sitzen könne, um den Blick empor zum Neuen, wirklich Wahren zu erheben.
    Grad so, als ob dieser mein Gedanke für ihn laut und vernehmlich geworden
sei, wendete sich jetzt der Pedehr mir wieder zu und sagte:
    »Es ist für dich wohl ein Neues, was ich dir mitteilen werde. Ich bitte
dich, mir meine Frage zu beantworten: Weisst du, was Geist ist?«
    »Nein.«
    »Weisst du, was Seele ist?«
    »Nein.«
    »Meinst du, dass beides das Gleiche sei?«
    »Nein.«
    »Weisst du, was Körper ist?«
    »Auch nicht.«
    Da ging ein so liebes, kluges Lächeln des Einverständnisses über sein
Gesicht, und er sprach:
    »Ich würde dir das Lob deiner Bescheidenheit nicht versagen, aber du hast es
nicht verdient. Du erwartest, von mir zu hören, was du mir nicht sagen willst.
Und weil dir die Wahrheit dessen, was du mir sagen könntest, als nicht ganz
zweifellos erscheint, so ziehest du vor, diese Zweifel nicht an deine, sondern
lieber an meine Worte legen zu können. Du sollst deinen Willen haben. Wer
Schonung bietet, der darf wohl selbst auch auf sie rechnen.«
    Wie das so klang! Sass da wirklich nur ein ungebildeter Dschamiki vor mir?
Zwar der Scheik des Stammes, aber doch ein Mann, der in Beziehung auf seinen
äussern und auch innern Werdegang allen andern Dschamikun gleichzurechnen war?
Wenn seine geistige Persönlichkeit bedeutend höher stand, als man nach seiner
Lebensstellung schliessen durfte, so konnte das nur eine Folge seines
langjährigen Verkehres mit dem Ustad sein. Hatte ich aber dieses angenommen, so
trat sogleich die weitere Frage an mich heran, in welcher Weise und auf welchem
Wege wohl dieser letztere zu einer so hohen Entwickelung seiner Individualität
gelangt sein könne. Dieser mein Gedankengang wurde durch den Pedehr
unterbrochen, welcher weiter sprach:
    »Hast du Geist, Sihdi?«
    »Ich hoffe es,« antwortete ich.
    »Nein, hoffe es nicht! Du hast zwar dieses Phantom, aber eigentlich hat es
dich: du bist sein Sklave! Hast du Seele?«
    »Meinst du eine Seele oder Seele überhaupt?«
    »Sei nicht der spitzfindige, gelehrte Europäer, sondern antworte mir. Hast
du Seele?«
    »Ja.«
    »Nein, sondern auch sie hat dich; aber sie ist kein Phantom, sondern eine
erhabene, göttliche Wahrheit, der wir unser Anrecht auf die Seligkeit verdanken.
Das sagt ein halbwilder Asiat dem von der Weisheit dieser Welt erzogenen
Abendländer. Ob letzterer es glauben wird, das ist wohl sehr die Frage. Der
Osten hat den Westen schon so manches gelehrt, was entweder nicht geglaubt oder
nicht verstanden worden ist. Und nun der Orient dieser vergeblichen Belehrung
müd geworden ist, behauptet man, dass er alt und schwach geworden sei. Doch, ich
wollte ja nicht vom Ilmi ahwali nefs92, sondern nur als Hekim von der Krankheit
unseres Hadschi Halef zu dir sprechen. Ueber die Seele magst du mit dem Ustad
reden, der von ihr wohl noch mehr weiss, als was in seinen Büchern steht.«
    »Bücher?« fragte ich. »Er hat Bücher?«
    Da schaute mich der Pedehr mit einem Blicke an, der mir die Röte in die
Wangen trieb, und antwortete:
    »Ob - er - Bücher - hat -! Er besitzt sogar vier grosse, grosse Biblioteken!
Die erste besteht im Kitab el mukkades93; die zweite ist sein Herz, in welchem
tausend herrliche Suren stehen; die dritte umfasst alles, was die Schöpfung
seinem Auge lehrt, und die vierte wirst du sehen, wenn du so weit genesen bist,
dass du die Treppe emporsteigen kannst, um ihn in seiner Wohnung aufzusuchen. Da
wirst du viele, viele Bände finden, die in Sprachen geschrieben sind, von denen
ich ein Wort weder lesen noch verstehen kann. Wenn ich ihn nach dem Inhalte
frage, so antwortet er, dass die ganze Summe alles dessen, was geschrieben ist,
nichts anderes als der Ausruf sei, den die Pilger ausstossen, wenn sie nach
langer, mühsamer Wanderung endlich Mekka liegen sehen: Hier bin ich, o mein
Gott! Die noch viel längere und viel schwerere Reise durch diese Bände schliesse
ganz genau mit denselben Worten ab. Ich habe einen grossen Teil meines Lebens da
oben bei ihm und seinen Büchern gesessen, um seinen Worten zu lauschen und sie
in mir nachklingen zu lassen. Dass ich meinen Stamm durch Kampf und Leid zum
Frieden führte, habe ich ihm zu verdanken, und dass man mich als einen guten
Hekim kennt, ist auch eines seiner Werke, für welche ihm die Liebe der
Dschamikun zu danken hat. Grad die Krankheit, welche auch dich und deinen Halef
ergriff, hat früher grosse und schwere Opfer von uns gefordert. Der Ustad aber
hat ihre Macht gebrochen, indem er uns lehrte, wie sie zu behandeln sei. Ahnst
du, warum sie so gefährlich sei, gefährlicher als viele, viele andere?«
    »Sage es mir!«
    »Du weisst es nicht, und eure Aerzte wissen es auch nicht.«
    »Ich vermute, der langen Betäubung wegen, die sie mit sich bringt.«
    »Du triffst das Richtige. Aber sage mir, was der Grund dieser Betäubung
ist!«
    »Die Seele zieht sich vom Körper zurück.«
    »Ja. Aber warum?«
    »Natürlich der Krankheit wegen.«
    »Du wandelst im Kreise, Effendi. Und du kennst die Seele nicht. Hast du
einmal den Ausdruck gute Seele gehört?«
    »Ja.«
    »Böse Seele?«
    »Nein.«
    »Jetzt kommt das Neue, was ich dir sagen wollte. Nämlich es gibt keine böse
Seele. Die Seele scheut alles Böse, sogar schon alles Hässliche. Das Böse und das
Hässliche hat nur darum so grosse Macht über uns, weil die Seele davon abgestossen
wird. Sie zieht sich zurück; dann stehen wir ohne ihren Schutz allein. Der
Mensch soll seine Seele nicht versuchen, sondern alles meiden, was sie, die sich
nicht beflecken will, beleidigen muss. Er soll sie ja nicht zwingen, sich von
ihm, wenn auch nur für die kürzeste Zeit, zu trennen. Hast du schon einmal
gesehen, dass ein Mensch in Ohnmacht fällt?«
    »Schon oft.«
    »So wirst du wissen, dass der Grund fast stets ein böser oder hässlicher war.
Bei bösen Dünsten, bei hässlichen Gerüchen oder gar bei wirklichem Gestank
befindet sich der Mensch nicht wohl; er atmet schwer; er kann sogar das
Bewusstsein verlieren. Die Seele zieht sich von den Sinnen zurück, welche ihr
diese Schmerzen bereiten. Wird dir dein Haus oder Zelt so verunreinigt, dass du
es nicht mehr aushalten kannst, so verlässest du es. Nun denke über deine
Veilchen und über Halefs Rosen nach!«
    »Ah. Ich beginne, zu begreifen!«
    »Diese Krankheit löst gewisse, feine Körperteilchen auf, ohne sie aber
ausscheiden zu können. Der Verwesungsprozess beginnt bei lebendem Leibe. Der
Geruch wird dir das bewiesen haben. Ich fürchte dein Lächeln und will dir
deshalb und einstweilen nur sagen, dass wir die duftenden Rosen und Veilchen
nicht etwa nur darum zu euch gestellt und dein Lager mit ihnen bestreut haben,
um unsere Nerven des Geruches zu schonen. Es ist vorzugsweise aus andern und
tiefern Gründen geschehen. Bin ich ein guter Hekim, so habe ich mein Augenmerk
nicht allein auf den Körper, sondern auch auf die Seele zu richten. Ich muss aus
allen Kräften und mit allen Mitteln dahin wirken, dass sie sich nicht gänzlich
vom Körper loslöse. Du ahnst nicht, wie oft du während deiner langen
Bewusstlosigkeit im reinigenden Wasser gelegen hast. Diese Bäder haben noch ganz
andere Gründe als nur die Säuberung des kranken Körpers! Lächelst du?«
    »Nein.«
    »Es schien mir so! Wenn die Zersetzung des Körpers so weit vorgeschritten
ist, dass die Seele die Sinne nicht mehr berühren kann, dann ist der Kranke
aufzugeben. Darum setzte ich bei Halef meine Hoffnung darauf, dass er noch werde
sehen, hören und sprechen können. Sie hat mich nicht betrogen. Aber die Seele
des Leidenden darf nicht bloss können, sondern sie muss auch wollen. Es war ein
wunderbar glücklicher Gedanke von dir, zu den Haddedihn zu schicken, dass Kara
Ben Halef kommen solle. Und die vortreffliche Wirkung wird dadurch verstärkt,
dass er seine Mutter mitgebracht hat. Der Anblick dieser beiden Lieben hat die
Seele gezwungen, mit dem Körper verbunden bleiben zu wollen. Denn glaube mir,
der Leib hat keine Macht, die Seele zu halten, wenn sie sich nicht halten lassen
will oder halten lassen darf! Gelingt es dem Arzte, dieses seelische Wollen zur
Energie zu steigern, so kann er doppelt frohe Hoffnung hegen. Halef kam mir da
mit seinem Wunsche entgegen, seinen Sohn zu Pferde und als Krieger sehen zu
wollen, und du weisst, wie gern und schnell ich hierauf eingegangen bin. Ich
glaube nun, dass er gerettet ist.«
    »Du glaubst es nur?«
    »Ja.«
    »Wie gern möchte ich hören, dass du überzeugt seist!«
    »Wahrte bis morgen!«
    »Giebt es da eine Entscheidung?«
    »Wahrscheinlich. Halef ist doch, wie ich gesehen habe, ein ausgezeichneter
Reiter?«
    »Nicht nur das. Er ist mit ganzer Seele bei allem, was das Pferd betrifft.«
    »Mit ganzer Seele! Das ist das, was ich wünsche, denn diese seine Seele ist
dadurch zu fassen. Ich denke dabei an den Wettritt zwischen euch beiden und uns.
Du wirst dabei bemerkt haben, dass ich wahrscheinlich ein guter Scheik oder
Hekim, aber kein tadelloser Reiter bin. Der innige Umgang mit dem Ustad hat mir
nicht erlaubt, in der notwendigen, immerwährenden Uebung zu bleiben. Wäre das
nicht, so hätte ich die Stute besser geritten und wäre von dir wenigstens nicht
so schnell eingeholt worden. Ich erinnere mich, dass Halefs Augen leuchteten.
Liebt er solche Anstrengungen der Pferde?«
    »Ein Wettreiten auf edlen Rossen geht ihm über alles!«
    »Wohl! Es wird bei dem geplanten Feste ein solcher Ritt stattfinden - - -«
    »Das ist ja in zwei Wochen schon!« unterbrach ich ihn. »Ich befürchte, dass
er da noch zu schwach ist.«
    »Allerdings. Er soll auch nicht etwa mitreiten. Aber schon das Wort, der
Gedanke wird von guter Wirkung auf ihn sein. Ich vermute, dass er morgen nicht
nur für einige kurze Minuten erwacht. Finde ich, dass ich es wagen darf, so werde
ich ihm über diesen Wettritt eine Bemerkung machen. Wirkt sie so, wie ich
erwarte, so wird das geschehen, was du vorhin wünschtest: Mein Glaube, meine
Vermutung wird sich in Ueberzeugung verwandeln. Aber freilich, kein Mensch und
also auch kein Hekim ist allwissend. Wo wäre ein Sterblicher, der zu sagen
vermöchte, was schon im nächsten Augenblicke mit ihm geschehen kann. Aber nach
menschlichem Ermessen bist du gerettet, Effendi, und ich hoffe, von dem Hadschi
morgen dasselbe sagen zu dürfen.«
    »Das, o Pedehr, haben wir nur euch zu verdanken, eurer Nächstenliebe und der
aufopfernden Pflege, welche - - -«
    »Still, still!« unterbrach er mich. »Sprechen wir lieber von dem Geschenk,
welches ich dir morgen zu machen gedenke!«
    »Ein Geschenk? Auch noch?«
    »Ja.«
    »Darf ich schon heut erfahren, was es ist?«
    »Ja. Denn ich meine, dass man eine Freude nie zu früh bereiten könne.«
    »Nun, so sage es! Was ist es?«
    »Rate einmal, Sihdi!«
    »Unmöglich! Es gibt so vieles, womit du mich in deiner Güte erfreuen und
stützen könntest.«
    »Stützen, stützen! Das ist es ja! Du hast es fast erraten!«
    »Also stützen? Etwa ein Stock?«
    »Ja, ein Stock. Du sollst morgen versuchen, zum erstenmal wieder aufrecht zu
gehen. Und wenn es nur einige Schritte sind, so wird es dich doch stärken.«
    »Stärken! Jetzt bist nun du es, der das richtige Wort getroffen hat.
Stärken! Dass ich daran denken darf, morgen diesen Versuch zu unternehmen, das
lässt schon jetzt mich fühlen, dass es mir gelingen wird. Wie doch schon im
Gedanken eine so grosse Wirkung liegt!«
    »So schlafe dich recht aus! Es ist schon spät geworden. Chodeh behüte dich!«
    Er ging, und ich tat, was er gesagt hatte: Ich schlief bis tief in den
nächsten Vormittag hinein.
    Als ich erwachte, sah ich Hanneh und Kara bei Halef sitzen. Eben kam
Schakara vom Vorplatze herein. Sie sah meine Augen offen, nickte mir still zu
und glitt wortlos hinaus, um mir meinen Morgentrank zu holen. Da sie ihn mir
brachte, wurden die beiden andern auf mich aufmerksam und kamen zu mir herbei.
Ich hörte von ihnen, dass Halef zwar noch schlafe, aber sich zuweilen leise
bewege. Der Pedehr hatte angeordnet, sofort zu ihm zu schicken, sobald der
Kranke die ersten Zeichen gebe, dass er wieder bei sich sei.
    »Wieder bei sich sei!« Diese Worte liessen mich an meine gestrige
Unterhaltung mit dem Genannten denken. »Wieder bei sich!« Wer ist dieser »Sich«?
Dieser »Er« oder diese »Sie?« Dieses Wesen, diese Persönlichkeit?
    Nach der Ansicht des Pedehr ist es die Seele. Der »Geist« ist ihm Phantom.
Er kennt am Menschen nur den Körper und die Seele. Die letztere ist das
eigentliche Wesen. Was nun aber ist der Leib? Die Seele kann sich von ihm
trennen. Unter gewissen Umständen wird aus diesem Können ein Wollen, welches
sich sogar - jedenfalls beim Sterben - zum unbedingten Müssen steigert. Ist sie
die Herrin und der Leib der Diener? Oder ist dieses Verhältnis für ihn
vielleicht ein noch viel niedrigeres? Gleicht er einer, allerdings aus Organen
zusammengesetzten, Maschine, welche im Schlafe zu ruhen hat, während sie zu
dieser Zeit heimkehrt, um für den morgenden Tag neue Aufgaben und neue Kräfte zu
empfangen? Bleibt sie auch während dieses seines Schlafes und während dieser
ihrer Abwesenheit durch geheimnisvolle Fäden oder Beziehungen so mit ihm
verbunden, dass sie bei jeder Störung zu seinem Schutz zurückgerufen wird? Und
wenn es so ist, wo liegt das Heim, zu dem sie einst am Grabe völlig Rückkehr
feiert? Im Leibe keinesfalls! Die chemisch-mechanische Tätigkeit gewisser
Organe in ihm wird selbst durch die tiefste Ohnmacht nicht beendet, denn diese
Kräfte wirken unaufhörlich weiter, bis der dazu nötige Stoff vollständig
aufgezehrt worden ist. Aber das willkürliche Leben ist unterbrochen, und alle
ihm zugehörigen Bewegungen sind eingestellt, bis sie, die Herrin, wiederkehrt,
um den »entseelten« Körper aufs neue zu »beseelen«.
    Was gestern vom Pedehr hierüber gesagt worden war, das hatte so einfach, so
naiv geklungen. Natürlich hatte er unrecht, er, der geistig arme Mann im
unkultivierten Kurdenlande! Mit welch einem unendlich zusammengesetzten und
ebenso imponierenden Apparate behandelt dagegen unsere gelehrte Psychologie
dieses »Seele« genannte, mit hundert Armen und Beinen zappelnde Gliedertier!
Natürlich hat sie recht, diese auf allen Akademien gepflegte und von allen
seelenvollen Menschen anerkannte Wissenschaft! Und Geist? Ein Phantom? Ist es
nicht grad der Geist, dem wir diese tiefeingehende, beglückende Wissenschaft
über die Seele verdanken? Ist nicht er es, der uns mit dem Animismus, dem
Okkultismus, dem Spiritismus, der Pneumatologie und ähnlichen übersinnlichen
Geschenken gesegnet hat? Und dieser Geist, der die Menschen sogar Geister sehen
und mit Geistern sprechen lässt, soll ein Phantom sein? Pedehr, Pedehr, du bist
ein lieber, guter Mensch, bist mein und Halefs Retter, ragst seelisch über
Tausende empor, doch muss ich dir es sagen: Du hast nicht eine einzige Spur von
Geist! -
    Man kann sich denken, dass ich an den Stock dachte, der mir für heut
versprochen worden war. Die liebe Ungeduld verleitete mich zu der Bitte an
Schakara, ihn mir doch recht bald zu bringen. Sie versprach es lächelnd, tat es
aber nicht, wenigstens nicht gleich.
    Es mochte gegen Mittag sein, als Halef die ersten Zeichen gab, dass er
erwache. Kara eilte sofort aus der Halle, um den Pedehr zu holen. Als dieser
kam, hatte er den Stock in der Hand; er gab ihn mir.
    »Ich halte mein Versprechen,« sagte er, »doch warte noch ein wenig. Ich
werde dich hinab zu Assil tragen lassen. Dort wirst du im Schatten der Platanen
bis zum Abend ungestört sein und dich wohlbefinden.«
    Kaum hatte er das gesagt, so liess sich Halefs Stimme hören:
    »Kara, mein Sohn!«
    »Hier, mein Vater,« antwortete der Gerufene, der neben dem Pedehr gestanden
hatte und nun hin zu dem Hadschi eilte.
    »Ich sah dich auf dem Ghalib. Weisst du, wann das war?«
    »Gestern war's.«
    »Wo?«
    »Hier.«
    »Hier? Wo ist das?«
    »In dieser Halle.«
    »Halle? Warte. Ich will sie sehen!«
    Er kehrte seinem Sohne langsam das Gesicht zu und öffnete die Augen. Ihr
Blick ging, soweit er reichen konnte, von Person zu Person, von Stelle zu
Stelle. Als er mich in meiner Ecke sah, fragte er:
    »Wer liegt dort? Ist das nicht mein Sihdi?«
    »Ja, ich bin es, mein Halef,« antwortete ich.
    »O, Sihdi, Sihdi, ich besinne mich. - Ich war sehr krank. - Ich bin es noch.
- Ich starb bereits. - Da rief man mich zurück. - Ich hab sehr viel gesehen. -
Doch weiss ich es nicht mehr. - Vielleicht fällt es mir wieder ein. - Ich will
nicht sterben. - Ob ich wohl noch leben bleibe?«
    Er sprach nur in kurzen Sätzen, leise, aber hörbar. Nach jedem Satze
sammelte er sich und holte tief Atem. Als eine Weile vergangen war, bat er:
    »Hanneh - Kara - - steht auf! - Ich will euch ganz sehen. - Ich liebe euch!«
    Sie taten nach seinem Willen. Da begann sein Auge, sich mehr zu beleben.
    »Mein Weib! Wie danke ich dir! - Mein Sohn! Wie schön warst du auf deinem
Pferde! - War Ghalib sehr ermüdet?«
    »Nur ein einziges Mal,« antwortete Kara.
    »Hast du für ihn gesorgt?«
    »Ja.«
    »Für Barkh auch?«
    »Ja, mein Vater.«
    »Wenn ich sie sehen könnte!«
    Im Nu eilten Hanneh und Kara hinaus, um die Pferde zu holen. Als sie die
beiden brachten, kam Assil aus eigener Machtvollkommenheit hinterher gelaufen.
Er wusste, wo ich lag, und wendete sich zu mir. Die zwei andern wurden hin zu
Halef geführt. Dieser bekam plötzlich Kraft, den Arm erheben zu können.
    »Barkh, mein Liebling! - Komm her zu mir!« sagte er, indem er die Hand nach
dem Rappen ausstreckte.
    Dieser trat ganz zu ihm heran, spielte mit den Ohren und nahm die
dargebotene Hand in die Lippen.
    »Mein Guter! - Mein Treuer! - Du hast dich nach mir gesehnt! - Ich sehe es
dir an!« klagte der Kranke. »Er hat gehungert! - Wie ist's damit? - Sag mir es,
o Pedehr!«
    »Es ist so, wie du sagst,« antwortete der Gefragte. »Wenn sie auch nicht
gehungert haben, so konnte Schakara sie doch oft nur dadurch zum Fressen
bringen, dass sie ihnen ihr grünes Lieblingsfutter gab.«
    »Wenn ich gesund bin - - - wird Barkh wieder fressen - - wie vorher. - -
Aber ob ich nicht - - doch sterben werde?!«
    »Du wirst leben bleiben!«
    »Glaubst du das?«
    »Ja.«
    »Wirklich?«
    »Gewiss! Du wirst von heut an so schnell genesen, dass du wahrscheinlich schon
bei unserm grossen Wettrennen zugegen sein kannst.«
    »Wettrennen?« fiel Halef rasch und hörbar kräftig ein. »Giebt es ein
Rennen?«
    »Ja.«
    »Wo?«
    »Hier. Rund um den See.«
    »Wann?«
    »In zwei Wochen.«
    »So ein kleiner Ritt? - Ganz gewöhnlich und gelegentlich?«
    »O nein! Es wird ein grosses Fest bei uns gefeiert, zu welchem Tausende von
Menschen herbeiströmen werden. Es dauert mehrere Tage, und wir werden vieles
tun, die Gäste zu unterhalten. Das Hauptstück wird ein Wettrennen sein, welches
aus mehreren Abteilungen besteht.«
    »Gross? - Mehrere? - Hanneh, Hanneh! - Gieb mir deinen Arm! - Richte mich
auf! - Das muss ich weiterhören! - Alles, alles will ich hören!«
    Es hatte sich seiner eine Energie bemächtigt, die man vorher für vollständig
unmöglich gehalten hätte. Sein Gesicht, sein Blick, seine Stimme, alles, alles
war im Handumdrehen anders geworden. Es schien, als ob ganz plötzlich die volle
Lebenskraft durch seine Adern pulsiere.
    »Reg dich nicht auf! Schone dich!« warnte der Pedehr.
    »Aufregen? Schonen?« antwortete er. »Ich spreche doch bloss! Ich strenge mich
ja gar nicht an!«
    Er machte jetzt zwischen den Sätzen nicht mehr, wie vorher, eine Pause, um
Atem zu suchen.
    »Sag, was für Pferde werden laufen?« erkundigte er sich.
    »Es werden nicht bloss Pferde sein. Wir lassen alle Arten der Tiere laufen,
die es bei uns gibt, Schafe, Ziegen, Esel, Maultiere, Lastkamele, Reitkamele,
gewöhnliche Pferde, und zum Schlusse wird es mehrere Rennen zwischen Tieren
edelster Rasse geben.«
    »Wem gehören sie?«
    »Das weiss ich noch nicht. Jeder Gast darf sich beteiligen, und es werden
viele kommen, welche gute Renner besitzen.«
    »Allah, wallah, tallah! Darf ich mich mit melden?«
    »Du?«
    »Ja ich!«
    »Verzeihe mir, o Scheik der Haddedihn! Eure drei Pferde werden
wahrscheinlich die besten sein, und ich bin sehr überzeugt, dass du rasch
gesunden wirst; aber die zum Reiten nötige Stärke wirst du in zwei Wochen doch
noch nicht besitzen.«
    »Wer hat das gesagt? Wer wagt es, das zu behaupten?«
    »Jeder Hekim muss das sagen!«
    »Allah verderbe alle Hekims, die es - - - Nein, Allah verzeihe mir! Ich will
nie wieder solche böse Worte sprechen!«
    Hanneh hatte ihn durch Kissen so gestützt, dass er mit dem Oberkörper halb
aufrecht lag. Er machte einen geradezu mehr als bloss Hoffnung erweckenden
Eindruck. Der Pedehr aber liess ihn keinen Augenblick aus dem Auge. Wenn er sich
auch nichts merken liess, so war es für ihn doch selbstverständlich, dass auf die
jetzige An- oder vielmehr Aufregung die unausbleibliche Abspannung folgen werde.
    »Wird mein Sihdi in zwei Wochen wieder hergestellt sein?« erkundigte sich
Halef.
    »Ja; aber wettreiten darf er mir noch nicht!«
    »Du bist grausam. Aber Kara, meinem Sohne wirst du es nicht verbieten? Er
ist nicht krank.«
    »Ich wünsche sogar, dass er sich beteilige.«
    »In drei Rennen? Mit jedem unserer Pferde einmal?«
    »Wenn du es wünschest, gern!«
    »Oh, wüsste ich doch schon jetzt, was für Renner zu besiegen sein werden!«
    »Ich kann dir sagen, dass es feine Perser, vorzügliche Turkmenen und echte
Araber geben wird.«
    »Das ist für heut genug. Kara, mein Sohn, du wirst von jetzt an mit jedem
unserer Pferde täglich einen Eilritt unternehmen! Ueberwache sie beim Füttern
und beim Tränken! Lass sie - - - lass sie biss zur - - - zur Schnelligkeit der
Geheimnisse gehen - - - aber zwinge sie - - - ja zu dieser nicht - - -!«
    Er begann jetzt wieder, Pausen zu machen. Seine Stimme wurde matter.
    »Hanneh, lass mich wieder nieder!« bat er.
    Sie nahm die stützenden Kissen weg. Nun lag er wieder wie vorher. Da fuhr er
langsamer und leiser fort:
    »Ghalib wird siegen - - - ganz gewiss! - - - Barkh überholt jedes - - - jedes
andere Pferd! - - - Assil Ben Rih aber wird - - - sie alle mit Leichtigkeit - -
- mit Wonne in ihre - - - in ihre Schande rennen! Mit dem reinen - - - echten
Blut der Haddedihn - - - ist kein anderes - - - kein anderes zu vergleichen - -
-!«
    Er schloss die Augen. Alle waren still. Nach einiger Zeit hörte ich ihn wie
befehlend sagen:
    »Kara - Kara, der Bügel - - - ist zu scharf - - -!«
    Der Pedehr nickte befriedigt vor sich hin. Was er dann leise zu Hanneh und
ihrem Sohne sagte, konnte ich nicht verstehen. Dann aber kam er her zu mir und
sagte:
    »Ich fürchtete entweder die Gleichgültigkeit oder eine grössere Aufregung.
Nun bin ich doch zufrieden!«
    »Und deine Hoffnung - - -?« fragte ich.
    »Ist zur Gewissheit geworden. Wenn keine unvorherzusehende Störung kommt,
wird er gerettet sein. Das Rennen wird ihn beschäftigen, auch wenn er zu
schlafen scheint. Ja, es wird ihn vielleicht sogar bis in den Traum begleiten.
Er wird, wie du gestern sagtest, mit seiner ganzen Seele ununterbrochen bei
diesem Rennen sein und sich an diesem Gedanken zum neuen Leben stärken. Dich
aber werde ich jetzt hinunter zu den Platanen tragen lassen. Dort magst du den
Stock versuchen, bis er dir später nicht mehr nötig ist.«
    Er ging, und gleich hierauf kamen drei Dschamikun, welche mich hinausbringen
sollten. Sie trieben zunächst Assil hinaus, was Kara Veranlassung gab, auch
Barkh und Ghalib wegzuführen. Hierbei war das laute Geräusch der Hufe nicht zu
vermeiden. Halef bewegte sich. Grad als man mich vom Lager hob, öffnete er die
Augen.
    »Komm her zu mir, Sihdi - - -!« sagte er, »du sollst - - - etwas hören - - -
etwas sehr - - - sehr Wichtiges - - -!«
    Man setzte mich bei ihm nieder.
    »Gieb mir deine Hand!« bat er.
    Ich ergriff die seinige. Er sah mir mit seiner alten Innigkeit in die Augen
und fuhr mit leiser Stimme fort:
    »Sihdi - - - wie denkst du - - - über das Sterben?«
    »Ich denke überhaupt nicht mehr daran,« antwortete ich.
    »Ich auch nicht! - - - Das alte - - - alte Weib - - - ohne Zähne - - -!
Weisst du - - -? Sie ist fort - - -! Sie wollte - - - mich zwingen - - - zum
Sterben - - -! Da erfuhr ich - - - dass auch dieses Sterben - - - eine grosse,
grosse Lüge ist - - - so gross - - - wie es gar keine - - - keine zweite gibt! -
- - Sihdi, leg dein Ohr - - - an meinen Mund - - -!«
    Ich folgte dieser Aufforderung, da flüsterte er mir zu:
    »So lange ich lebte - - - steckte ich im Tabut94 - - - das ist der Leib - -
-! Ich sollte, - - - sollte, nein - - - ich wollte - - - wollte, nein - - - ich
durfte - - - durfte auferstehn! - - - Da rief jemand - - - im Sarg meinen ganzen
- - - ganzen Namen! - - - Das hielt mich in - - - in ihm - - - von neuem in ihm
fest! - - - Ich war - - - war nicht allein - - -! Es standen - - - standen - - -
ich sah - - - Sihdi, ich kann - - - mich nicht besinnen! Es fällt mir - - -
schon noch wieder ein - - - dann sage - - - sage ich es dir!«
    Ich behielt seine Hand in der meinen, während er hierauf längere Zeit ohne
Wort und Bewegung lag. Plötzlich zuckte er zusammen und rief mit erhobener
Stimme aus:
    »Sihdi, es gibt ein grosses Rennen - - -! Ich muss essen - - - muss trinken -
- - muss stark werden - - -! Assil - - - mein Barkh - - - und Ghalib, der
Ueberwinder - - -! Ich bin froh - - - dass ich lebe - - -! Wir werden siegen - -
- siegen - - - siegen - - -! Hamdulillah - - - Hamdulillah - - - Hamdulillah!« -
- -
 
                                Viertes Kapitel
                                        
                                 Ein Bluträcher
Viele meiner Leser sind, wie ich weiss, in Palästina gewesen. Die Meisten von
diesen werden wohl auch, wie einst der Mann im Gleichnisse Christi, von
Jerusalem hinab nach Jericho gegangen sein. Er-Riha wird diese Stadt vom
heutigen Araber genannt. Von ihr aus geht es über eine alte, verfallene Brücke
nach dem fernliegenden »Toten Meere«. Nach der andern Seite führt, an
zerlumpten, niedrigen Beduinenzelten vorüber, ein bequemer Weg nach Aïn es
Sultan95, wo die eingeborenen Bettler gern unter Wasser tauchen, um die für sie
hineingeworfenen Geldstücke herauszuholen. Trinken aber mag man lieber vor als
nach dieser Prozedur!
    Geht man von hier aus noch weiter, so sieht man den imposanten Dschebel
Qarantel vor sich liegen, der sich aus dem Abgrunde wie ein böser Traum aus
tiefem Schlaf erhebt. Seine Einsamkeit hat schon in den frühesten Zeiten
anziehend auf fromme Anachoreten gewirkt. Die Höhlen wurden von ihnen bewohnt.
Zelle gesellte sich zu Zelle. Sie sind hoch am schwindelnd steilen Fall der
Felsen gelegen. Heute wird diese Siedelung als Strafkolonie für
griechisch-katolische Priester gebraucht.
    Warum diese scheinbar unmotivierte Abschweifung nach dem gelobten Lande? Der
Aehnlichkeit der Orte wegen. Ich kann die Lage des von dem Ustad bewohnten,
»hohen Hauses« eigentlich nur Denen deutlich machen, welche den Dschebel
Qarantel gesehen haben. Und doch wie so verschieden sind sie beide von einander.
Bei Jericho jeder Nomade ein geborener Bettler; hier in dem abgelegenen,
kurdischen Orte jeder Bewohner ein Ehrenmann. Dort Einöde, hier das gepflegteste
Tier- und Pflanzenleben. Dort abgrundtiefes Grauen und hier ein herzerfreuender
Blick von der Höhe in die Tiefe. Dort die unerbittlich geballte Faust der
geistlichen Oberbehörde und hier aber die stets gütig geöffnete Hand dessen, der
nur von der Liebe zu seiner dominirenden Würde emporgehoben worden war. Auch in
Jericho habe ich unter freiem Himmel wiederholt ganze Nächte durchgewacht.
Warum? Der Unsauberkeit und des Ungeziefers wegen, welches mich aus der Wohnung
heraus bis an den verwilderten Garten trieb. Da strahlten mir auch die Sterne;
aber die körperliche Qual liess auch nur hässliche geistige Bilder zu. Ich sah am
Tel ed Dem96 den Chan Chadrur vor mir liegen, welcher die Herberge sein soll, in
die der barmherzige Samariter seinen Pflegling brachte. Dort habe ich für eine
Flasche allerschlechtesten Bieres drei Mark bezahlt. Ein Glas widerlich
parfümiertes Wasser kostete einen Frank. Wer aus Sparsamkeit nicht einkehrt, ist
des fernern Weges nicht sicher. Die Verhältnisse sind nach zweitausend Jahren
noch ganz dieselben. Das ist »das gelobte Land«! Wie herrlich weit hat man es
dort gebracht! Damals war der Samariter, der verachtete Ketzer, der Barmherzige.
Wie ist es jetzt? Wenn ich mir diese Frage unter dem Sternenhimmel Jericho's
vorlegte, so stand kein Stern mehr über Betlehem, und keine Schar der Engel
fand sich ein, um ihr »Et in terra pax, hominibus bonae voluntatis« zu singen.
    Vor christlicher Zeit wurde der Jude von Räubern überfallen, beraubt und
fast erschlagen. Jetzt, nach zwanzighundert Jahren, steht es nicht besser um
diese und ähnliche, oft intellektuelle und moralische Wegelagerei. Jetzt fallen
Christen über Christen her. Besonders wer es wagt, nicht den von jedermann
betretenen sondern, seinen eigenen Glaubensweg von oder nach der heiligen Stadt
zu gehen, der kann sehr leicht an sich selbst erfahren, was Lucas 10 Vers 30 zu
lesen ist. Christus wusste gar wohl, weshalb er grad dem Schrift- und
Buchstabenstolz mit seinem Gleichnisse vom barmherzigen Samariter diese ewig
unheilbare Wunde schlug. Auch wir Christen haben unser Jerusalem und unser
Jericho mit dem »Toten Meere« in der Nähe. An dem Wege zwischen beiden liegt das
un- mit dem egogläubigen Strauchrittertum im Hinterhalte. Wo ist die Humanität,
die wahre christliche Liebe und Barmherzigkeit? Soll sie auch noch in der
Gegenwart nur dem ketzerischen Samariter überlassen bleiben? Gehen etwa auch
jetzt noch Priester und Leviten an dem Angefallenen vorüber, ohne sich seiner
anzunehmen? Solche Fragen kamen mir in den Sinn, als ich des Nachts unter den
staubigen Oleandern von Jericho sass und an die göttliche Lehre von der
Nächstenliebe dachte.
    Dagegen hier im christenfernen Kurdistan! Welch eine herrliche Auslegung
hatte da das Gleichnis des Herrn an uns selbst gefunden. Wer und was waren hier
die Barmherzigen? Etwa Christen? Priester und Leviten? Vielleicht auch nur
Ketzer, denn ich hatte ja ihre Glaubenssatzungen noch gar nicht kennen gelernt.
Es war bisher nur von Chodeh, also von Gott gesprochen worden. Gab es bei ihnen
überhaupt Satzungen? Waren sie mir verschwiegen worden, weil man annahm, dass nur
die Liebe, nicht aber die Konfession barmherzig sei. Was für ganz andere, viel
tröstlichere Gedanken waren mir gestern abend unter dem hiesigen Sternenhimmel
gekommen! Hier war ich nicht um meines Dogma willen, sondern als Mensch von
guten Menschen aufgenommen und mit grösster Aufopferung gepflegt worden. Niemand
hatte mich gefragt, wo ich getauft und wo ich konfirmiert oder gefirmt worden
sei. Giebt das der Liebe einen mindern oder höhern Wert? »Wer ist mein
Nächster?« - »Der, welcher die Barmherzigkeit an mir tat!« Wenn aber ein Christ
mir Hass oder Neid anstatt der Liebe gibt, was ist er dann für mich? Mein
Nächster? Oder noch schlimmer als nur fremd? Ist er dann überhaupt ein Christ?
    Wie herrlich war der Nachmittag unter den Platanen, in deren Schatten man
für mich die Kissen zum Sitzen ausgerichtet hatte. Die Sonne brannte, doch
konnten die Strahlen nicht durch die dichten Wipfel dringen. Die Rosen dufteten;
jede Pflanze schien Wohlgeruch auszuatmen. Ich befand mich nicht weit genug vom
Hause entfernt, um es und seine Lage ganz überschauen zu können. Es stand auf
kompaktem Felsengrund, dessen Spalten durch festes Mauerwerk ausgefüllt worden
waren. Sein hinterer Teil nahm die natürlichen Höhlungen des Gesteines ein. Der
vordere Teil ragte frei empor, mehrere Stockwerke hoch und war von ansehnlicher
Breite. Das Dach war glatt, vorn mit einer assyrischen Mauerkrönung; wie man sie
in Dur-Sargon zu sehen bekommt. Doch habe ich ganz ähnliche Krönungen auch in
alten Orten des obern Niles getroffen. Ueber dem Dache gab es in dem Felsen
offene Höhlungen, zu denen schmale Stege emporführten. Das erinnerte mich
lebhaft an den »Stabl Antar« bei Siut, der ganz ebenso zu ersteigen ist. In
einer dieser Höhlen sah ich die beiden Glocken hängen. Sie war halbkugelförmig
ausgebaucht. Die Tonschwingungen konnten nur nach der einen, offenen Seite
fliessen, was ihnen eine erhöhte Stärke und beträchtlich erweiterte Hörbarkeit
verlieh.
    Glocken hier im persischen Kurdistan? So wird wohl mancher fragen. Ich habe
freilich viele, viele Menschen kennen gelernt, welche der falschen Ansicht sind,
dass nur das Christentum Glocken besitze und dass es in früherer Zeit noch keine
gegeben habe. Wenn sogar im Konversationslexikon von Pierer zu lesen ist, dass
die Glocken eine Erfindung der christlichen Kirche seien, so darf man sich nur
wundern. Kleinerer Glöcklein bediente man sich schon im frühesten Altertume;
aber schon im alten China gab es grössere und sogar grosse. Die zu Peking ist über
zwölfhundert Zentner schwer und fast fünf Meter hoch. In Aegypten wurden die
Osirisfeste durch Glockenspiele eingeläutet. Man hat kleine Bronzeglocken in
Assyrien ausgegraben. Im alten Indien wurden die Buddhisten durch grosse,
metallene Glocken zum Gottesdienste zusammengerufen. Bei den Griechen bedienten
die Priester der Kybele und der Persephone ihre Glocken, und Kaiser Augustus
liess eine Glocke vor dem Tempel des Jupiter aufhängen. Glocken indischer oder
assyrischer Form kamen nach Persien. Die griechische Kirche liebte und
verbreitete besonders das Glockenspiel. Im Quellenlande des Euphrat und des
Tigris, wo es heut noch Christen uralten Bekenntnisses gibt, besassen
wohlhabende Gemeinden schon zu frühen Zeiten ihre Glocken. Der Islam verhielt
sich ablehnend, doch geduldete Christen durften ihre Glocken behalten. So war es
also gar kein Wunder, dass auch die Dschamikun zwei besassen, zu denen sie, wie
ich später erfuhr, durch den Ustad auf ganz eigentümliche Weise gekommen waren.
Es führte eine bequeme Treppe zu ihnen hinauf, so dass man also auch des Nachts
ohne Besorgnis emporsteigen konnte.
    Von da aus, wo ich sass, konnte man den Eingang zu dem freien Platze sehen.
Man verschloss ihn durch ein grosses Tor, welches jetzt offen stand. Von diesem
Platze aus stieg man die Stufen zu der Halle empor. Links führte ein Weg nach
einer breiten, hohen Tür, deren starke Steinpfosten gewiss schon seit
Jahrtausenden standen. Rechts ging man nach einem Garten, in welchem zwischen
Obstbäumen Blumen und Gemüse gepflegt wurden. Dortin beschloss ich, meinen
ersten Spaziergang zu machen. Ich griff zum Stocke und stand auf. Die Beine
zitterten zunächst ein wenig, und die Füsse wollten lieber auf dem Kissen liegen
bleiben. Aber sie mussten gehorchen, und als sie sahen, dass ich bei meinem Willen
blieb, fügten sie sich in das Unvermeidliche.
    Ich kam über den ganzen Platz hinüber bis zur Garteneinzäunung, an der ich
aber halten blieb, um auszuruhen. Nachdem ich dies getan hatte, ging es weiter,
in den Garten hinein. Er war sehr gross. Es gab da eine ganze Menge Beete, von
deren Erträgnissen ein grosser Haushalt bestritten werden konnte. Zwischen ihnen
standen viele Bäume, welche Früchte trugen. In leidlicher Entfernung sah ich ein
Weichselgebüsch, an welchem eine Bank stand. Dort wollte ich mich niedersetzen.
Ich ging also hin. Hierbei kam ich an zwei nahe beieinander stehenden,
persischen Erikan97 vorüber, welche so voller Früchte hingen, dass ihrer fast
mehr als Blätter waren. Es war eine frühe, eigrosse, köstlich blaurot gefärbte
Pflaume! Ja, köstlich!!!
    Wenn ich hier erst ein und dann sogar drei Ausrufezeichen mache, so hat das
seinen guten Grund. Obst geht mir über jede andere Speise. Ich esse da gewiss so
viel, wie sogar meine vier Ausrufezeichen schwerlich vermuten lassen. Und
Pflaumen? Gar von dieser geradezu zum Stehlen einladenden Sorte? Man würde
staunen, wenn ich sagen wollte, wieviel ich da essen und aber auch vertragen
kann. Ich sage es also lieber nicht. Das alles gilt aber nur vom Obste. In
Beziehung auf andere Speisen sind die sogenannten Tafelfreuden für mich nichts
als Tafelarbeiten. Ich weiss, und ich schmecke, was gut ist oder nicht; ich kann
sogar auch tadeln; aber ich esse nicht, um zu essen, sondern weil ich leben
bleiben will. Gekünsteltes oder Komplicirtes schiebe ich zurück. Ich will
einfach essen, womöglich nur eine einzige Speise, aber gut. Das Zusammengesetzte
ist keineswegs so zuträglich wie man denkt. Ich habe das an mir und tausend
Andern erfahren. Wenn die Menschen doch wüssten, was die Art und Zubereitung der
Nahrung für einen Einfluss, für eine Wirkung hat! Doch, hierüber könnte man
Bücher schreiben, und es würde doch vergeblich sein. Aber, dass ich jetzt als
Sechzigjähriger mich körperlich und geistig noch genau so jung und
arbeitsfreudig wie ein Zwanzigjähriger fühle, das habe ich wohl vorzugsweise dem
Umstande zu verdanken, dass ich so einfach und so wenig wie nur möglich esse.
Obst aber, so viel ich immer kann, das ganze Jahr hindurch. Nach dem Preise soll
man da nicht fragen. Und Pflaumen! Solche, wie grad hier - - -!
    Da stand ich unter den Bäumen und schaute sehnsüchtig hinauf. Wem gehörten
sie? Wer war der Glückliche, der da pflücken oder gar schütteln konnte, ohne
erst jemand fragen zu müssen? Der Ustad? Der Pedehr? Weder der eine noch der
andere war da. Es gab überhaupt im ganzen Garten keinen Menschen, an den ich
eine Bitte hätte richten können. Was nun tun? Soll ich? Oder soll ich nicht?
Darf ich überhaupt? Adam und Eva im Paradiese wussten wenigstens, dass sie nicht
durften; ich aber wusste nicht einmal das! Doch wozu diese übermässige Zarteit
des Gewissens! Bei solcher Art von Pflaumen! Ich war ja Gast! Und der Garten
gehörte einem Orientalen, nicht einem abendländischen Besitzer, bei dem das
Bäumeschütteln nicht mit zu den unveräusserlichen Rechten des bei ihm
Aufgenommenen gerechnet wird! Ich legte also beide Hände an den einen Stamm und
- - - schüttelte.
    Hei! Was gab das für einen Erfolg! Es regnete förmlich Pflaumen auf mich
nieder! Das freilich hatte ich nicht gewollt! Es hatten nur einige fallen
sollen; aber sie waren beinahe überreif, und in Anbetracht meiner jetzt noch so
geschwächten Kräfte hatte ich mich zu energisch in das Zeug gelegt: Weit über
die Hälfte der Früchte lagen nun jetzt unten. Ich stand da mit wohl demselben
Gefühle wie jener Reiter, der sich links so kräftig auf das Pferd geschwungen
hat, dass er rechts, auf der andern Seite wieder hinuntergefahren ist. Jedes
Zuviel ist eben schädlich! Aber da ich die herabgefallenen Pflaumen doch
unmöglich wieder oben anheften konnte, so füllte ich mir die Taschen, liess die
andern liegen und ging dann nach der erwähnten Bank, um dort zu tun, was nun
das beste war, nämlich meinen Raub geniessen.
    Ich sass nun so, dass ich die beiden Pflaumenbäume nicht mehr sehen konnte.
Das minderte die Kraft der Vorwürfe, welche ich mir zu machen hatte. Ich ass!
Aber, es ist nichts so fein gesponnen, El Aradsch bringt es an die Sonnen. Wer
ist El Aradsch? Das wird man sogleich sehen und sogar auch hören. El Aradsch
heisst: der Lahme.
    »Auch Frenk maidanosu mit, zur Abendsuppe!« rief hinter mir eine
eigentümlich fette Stimme.
    Frenk maidanosu ist ein türkisches Wort und heisst zu deutsch Kerbel. Also
für heute abend stand eine Potage von Kerbel in Aussicht. Das war zwar gut und
auch leicht verdaulich, aber für mich sollte das in meiner gegenwärtigen
Eigenschaft als Pflaumendieb ausserordentlich verhängnisvoll werden. Zunächst
noch ganz ahnungslos, drehte ich mich um, zu sehen, wer gesprochen hatte und wem
die Worte galten. Ich musste mit der Hand das Weichselgezweig auseinander
schieben, um nach dem Hause hinschauen zu können. Ich erblickte zunächst eine
unendlich lange, männliche Gestalt, welche bis über die Kniee hinauf barfuss war.
Von dieser Gegend an war ein blaues, sackähnliches Hemd zu sehen, welches mit
Mühe und Not den Hals erreichte. Dann kam ein unverhältnismässig kleiner Kopf mit
einem Gesicht, welches mir ein Lächeln abnötigte. Dieser Mann war ganz gewiss
nicht unter vierzig Jahre alt, hatte aber so junge, kindlich weiche Züge, dass
der Kontrast zwischen Gesicht und Gestalt allerdings zum Staunen nötigte. Dazu
kam, dass er eine kurdische Ledermütze trug, deren Streifen ihm hinten bis in das
Genick und vorn über die Nase herabhingen. Man denke sich einen aus Leder
geschnittenen Stern, dessen Mitte auf dem Scheitel liegt, während die Strahlen
wie die Beine eines präparierten, monströsen Spinnentieres nach allen Seiten
herunterflattern! Seine Arme schienen noch länger zu sein als seine Beine, von
denen das eine kürzer als das andere war; er hinkte. Er trug einen leeren Korb
in der Hand und ging grad nach der Gegend hin, wo die beiden Pflaumenbäume
standen, der eine noch als Zeuge meiner Ehrlichkeit, der andere aber als Beweis
der Missetat, die ich begangen hatte.
    Das war die Person, welcher die Anweisung zur Kerbelsuppe gegolten hatte.
Wer aber hatte sie gegeben?
    Ich sah eine jetzt geöffnete Tür, welche ich vorher nicht beachtet hatte.
Da stand ein weibliches Wesen, so strahlend weiss wie eine abendländische
Festjungfrau gekleidet. Festjungfräulich waren auch die langen Zöpfe, in welche
sie ihr herabhängendes Haar geflochten hatte. Festlich auch die beiden Rosen,
die rechts und links auf die Ohren niederschauten. Und das Gesicht? Könnte ich
es doch beschreiben! Dieses Gesicht war zwar etwas Ganzes, sogar etwas seltsam
Harmonisches, und aber doch schien es, als ob jeder einzelne seiner Teile sich
bestrebe, herauszutreten und für sich selbst zu bestehen. Jede Wange bildete ein
blühend rotes, nach ganz besonderem Ansehen trachtendes Halbkügelein. Das Kinn
tat sich weiter unten fast noch mehr hervor; es schien auf sein mehr als
neckisches Grübchen ganz besonders stolz zu sein. Das Näschen begann erst da, wo
andere Nasen fast schon zu Ende sind, und schaute zwischen den beiden Wangen so
frohsinnig heraus und in die Welt hinein, als ob seinesgleichen nirgends mehr zu
finden sei. Auch die glatte, faltenlose Stirn trat heiter vor. Und die Aeuglein
unter ihr! Ja, diese Aeuglein! Wer kann überhaupt Augen beschreiben? Und nun gar
so liebe, kleine, gute, ausserordentlich lebendige! Und wie das Gewand, so war
auch dies Gesicht ein Abglanz allergrösster Sauberkeit. Man darf ja nicht denken,
dass es hässlich gewesen sei. O nein! Es war zwar nicht schön, nicht hübsch, nicht
lieblich, nicht - - ja, was noch nicht? Es war überhaupt alles nicht, aber es
war gut, ja wirklich gut! Aber wie alt? Zwanzig? Dreissig? Vierzig? Wer das nur
sagen könnte! Ich wollte genauer hinsehen, da aber drehte sie sich um und
verschwand nach innen. Wenn diese personifizierte Reinlichkeit etwa die
Gebieterin der Küche war, so konnte man von ihr alles, ganz gleich, ob mit oder
ohne Kerbel, mit Vergnügen essen!
    »Maschallah - Wunder Gottes!« hörte ich jetzt von seitwärts her einen Ruf.
    Ich wendete mich zurück und machte nach dortin eine Lücke ins Gezweige. Da
stand der Lahme vor den Pflaumen, so lang, wie er war, vollständig starr und
steif vor Schreck. Hierauf kam einige Bewegung in ihn, aber nicht viel; er
schüttelte den Kopf.
    »Ahija - o wehe!« klagte er.
    Hierauf sah man, dass er eine Anstrengung machte, nachzudenken. Es gelang.
    »Ja charami - o, du Spitzbube!« rief er aus, indem er sich nach allen Seiten
umschaute.
    Es ging ihm also eine Ahnung auf, dass die Pflaumen nicht von selbst
heruntergefallen seien.
    »Jil'an Daknak - verflucht sei dein Bart!« schimpfte er, und als er den
Täter nicht erblickte, fügte er noch viel zorniger hinzu: »Allah jelbisak
borneta - Allah setze dir einen Hut auf!«
    Mit diesem Wunsche leistete er sich die allergrösste Schande für den Dieb.
Wer einen europäischen Hut, vielleicht gar einen hohen Zylinder, occidentalisch
»Angströhre« genannt, aufgewünscht bekommt, mit dessen Ehre ist es nach streng
orientalischen Begriffen ganz gewiss für immer aus! Nun griff der lange Mensch
unter die Mütze und rieb sich die Stirn. Er tat dies einigemal. Wahrscheinlich
wollte er die Antwort auf die Frage, wer der Spitzbube wohl sein könne,
herausreiben. Es gelang ihm aber leider nicht.
    »Allah ja'lam el gheb - Allah kennt das Verborgene!« seufzte er endlich
erleichtert.
    Das war das einzige und, wie es schien, ihn sehr beruhigende Resultat,
welches er sich aus der Stirn frottiert hatte. Dann kniete er nieder, um die
Pflaumen in den Korb zu lesen. dabei betrachtete er jede einzelne mit einem
Blicke, als ob er sie sich ganz besonders vorgemerkt habe. Aber plötzlich fuhr
er halb empor. Er hatte etwas Wichtiges gesehen. Das waren die Fussstapfen,
welche ich in dem weichen Boden zurückgelassen hatte.
    »Men schabar nahl - wer Ausdauer hat, dem gelingt es!« rief er aus.
    Er glaubte wohl, auch jetzt noch immer gerieben und nachgedacht zu haben.
Nun erhob er sich und hinkte den Spuren langsam nach. Sie führten ihn natürlich
her zu mir. Als er um die Ecke des Gebüsches trat, steckte ich soeben eine
Pflaume in den Mund. Zunächst blieb er wie eine Salzsäule vor mir stehen. Er
bewegte kein Glied. Nicht einmal seine Wimper zuckte.
    »Wer bist du?« fragte ich.
    »Du - - du - - du hast die Pflaumen - - - meines Ustad gestoh - - -«
    Weiter kam er nicht. Die Stimme versagte ihm. Also diese Früchte waren für
den Ustad reserviert! Da konnte ich ruhig sein; der gönnte sie mir gewiss. Aber
dieser meiner Ruhe stand ein ebenso schnelles wie gewaltsames Ende bevor, denn
der Lahme bekam plötzlich seine ganze Bewegungsfähigkeit, sogar zehnfach
gesteigert, wieder, und ehe ich nur den Gedanken hätte fassen können, dass so
etwas möglich sei, warf er sich mit aller Macht über mich her, schlang die
überlangen Arme andertalbmal um mich herum und begann, aus Leibeskräften um
Hilfe zu schreien. Nach den Ausdrücken, die aus seinem Munde flossen, war
eigentlich zu schliessen, dass er eine ganze Bande von Dieben, Räubern und Mördern
ergriffen habe. Er war ein ausserordentlich kräftiger Mann, mich aber hatte die
Krankheit so geschwächt, dass ich vergeblich versuchte, von ihm loszukommen.
Glücklicherweise dauerte es nur ganz kurze Zeit, bis mir die von ihm
herbeigerufene Hilfe kam. Wahrscheinlich sah er sie, denn er hörte auf mit
Schreien; statt seiner aber hörte ich die fette Stimme der sich eiligst
nähernden »Festjungfrau«.
    »Wo sind denn die Räuber, die Mörder?« fragte sie.
    »Hier, hier! Komm, komm!« antwortete er.
    »Wen haben sie ermordet?«
    »Die Pflaumen, die Pflaumen des Ustad, die Früchte meines lieben, hohen
Herrn!«
    »Unsinn! Pflaumen werden doch nicht ermordet!«
    »Komm nur; komm, und sieh ihn an!«
    Sie kam; sie stand schon da.
    »Zeig, Tifli!« gebot sie ihm.
    Tifli heisst »mein Kind«, sogar »mein kleines Kind«. Er liess mich los. Ich
hatte im Gefühle meiner Ohnmacht mich ganz passiv verhalten und konnte nun gar
nicht anders, ich musste ihm lachend in das grimmige Kindergesicht sehen. Wenn
dieser Mann ein »kleines Kind« war, welche Länge mussten da die grossen Kinder
wohl hier zu Lande haben! Die »Festjungfrau« war zunächst auch ganz ohne Worte.
Sie schien nicht recht zu wissen, aus wem von uns dreien sie klug zu werden
habe.
    »Das ist er!« sagte er, indem er beide Zeigefinger schnurstracks auf mich
richtete.
    »Wer?« fragte sie.
    »Der Dieb.«
    »Was hat er gestohlen?«
    »Die Pflaumen! Dort liegen noch welche!«
    Er deutete nach den Bäumen. Sie schaute hin, sah die Früchte unten liegen,
schlug die dicken Händchen patschend zusammen und jammerte:
    »Die besten, grad die allerbesten!«
    »Aufgehoben haben wir sie für unsern Herrn!« klagte er mit.
    »Bis zur Stunde der höchsten Reife!« fuhr sie fort.
    »Dann erst isst er sie, seine Lieblinge!« fügte er hinzu.
    »Er hat wohl noch genug!« tröstete ich.
    Da sahen beide mich so erstaunt an, als ob ich etwas ganz Unbegreifliches
gesagt habe. Dann fuhr mich der Lange zornig an:
    »Sie sind alle sein, alle, alle! Wer bist du denn?«
    »Ja, wer bist du? Das wollen wir wissen!« erklärte mir die Besitzerin des
frohsinnigen Näschens.
    »Das wisst ihr nicht?« antwortete ich.
    »Nein,« sagte sie.
    »Ihr habt mich noch nicht gesehen?«
    »Noch nie! Doch, wer du auch seist, wie darfst du es wagen, hier Früchte zu
stehlen! Kein einziger Dschamiki stiehlt. Du musst ein Fremder sein!«
    »Aus der Fremde kam ich allerdings, doch gehöre ich zum Hause. Ich bin des
Ustad Gast.«
    »Gast? Seit heut?«
    »Seit Wochen schon.«
    »Seit Wo - - Wo - - - Wochen - - Wo - - -!«
    Das runde, kleine Mündchen blieb ihr offen stehen, so offen, dass man die
kerngesunden, perlengleichen Zähne sehen konnte. Die Wänglein verloren die
Farben; das Kinn zeigte sich ängstlich gespannt; das Näschen wollte
verschwinden, und die Aeuglein schlossen sich, zwar langsam aber ganz. Hatte sie
etwa einmal von einer Europäerin gesehen, welche Ritterdienste in solchen Fällen
von einer kleinen Ohnmacht zu erwarten sind? Nein! Die Aeuglein öffneten sich
wieder. Sie wurden sogar noch grösser, als sie vorher gewesen waren.
    »Heut - heut - verlässt der - - der fremde Effendi - - zum erstenmal - - das
Haus - - -« stotterte sie.
    »Du hast ihn wirklich noch nicht gesehen?« fragte ich.
    »Nein. Niemand von uns - - durfte die Halle betreten. Bist du - - du etwa
der - - - der Effendi?«
    »Ja, ich bin's.«
    Da fuhr sie vor Entsetzen zwei Schritte zurück. Ihr liebes Gesicht verlor
nun alle, alle Farbe. Der Lange aber schoss in seinem Schreck noch höher empor,
als er eigentlich gewachsen war. Wahrscheinlich wollte er mit der
gedankenreichen Stirn so hoch hinaus, dass ihr meine Rache unmöglich etwas
anhaben konnte. Diese Bewegung brachte ihn auf eine rettende Idee:
    »Ich hole Kerbel!« rief er aus.
    Mit drei Sätzen seiner langen Beine war er bei den beiden Bäumen, raffte den
Korb auf, schüttete die hineingelesenen Pflaumen wieder heraus und rannte fort,
um die fernste Ecke des Gartens zu erreichen. Ich sah ihm lachend nach und hatte
dabei nicht acht auf meine »Festjungfrau«. Da erklang es neben mir:
    »Und ich muss in die Küche!«
    Da drehte ich mich um. Sie war schon weg. Ich schob die Zweige auseinander,
um ihr nachzusehen. Sie schoss in grösster Eile auf einige Hausbedienstete zu,
welche auch von den Hilferufen angelockt worden waren, aber nicht gewagt hatten,
näher zu kommen.
    »Fort! Weg mit euch!« rief sie, indem sie an ihnen vorüberkam. »Das Kind hat
wieder eine Dummheit gemacht. Stört dort den Effendi nicht!«
    Hierauf verschwand sie in ihrem wohltätigen Reiche. Vor mir lag eine ihrer
beiden Rosen, die ihr entfallen war. Ich hob sie auf und steckte sie zu mir. -
    Warum erzähle ich dies eigentlich nichts weniger als bedeutende Ereignis
hier? Weil im Menschenleben oft das, was gleichgültig erscheint, später grössere
Wichtigkeit gewinnt, als man vorher vermuten konnte.
    Nach einiger Zeit kam »das Kind« aus seiner Gartenecke zurück, hütete sich
aber wohl, an mir vorbeizugehen. Es machte vielmehr einen Bogen hinterwärts, um
wieder in die Küche zu gelangen. Hierauf verliess auch ich den Garten, versäumte
aber nicht, mir die Taschen noch einmal mit Pflaumen zu füllen. Noch hatte ich
mich nicht lange niedergesetzt, da kam der Pedehr. Er war in der Küche gewesen
und die Köchin hatte ihm erzählt, was geschehen war. Er fragte mich, ob mir »das
Kind« sehr wehe getan habe. Ich beruhigte ihn mit Vergnügen.
    »Er wird von uns nur Kind genannt,« sagte er. »Andere pflegen ihn El
Aradsch, den Lahmen zu nennen. Es hat mit ihm eine eigene Bewandtnis, welche du
später auch noch kennen lernen wirst. Du liebst das Obst?«
    »Ja. Ich esse es sehr gern, und zwar ungewöhnlich viel.«
    »Tue das, so lange du lebst! Die reine, keusche Lebenskraft ist nicht im
Fleische des ausgewachsenen Tieres vorhanden. Geniesst man welches, so soll es
nur ganz junges sein. Das reife Tier gibt auch dem Menschen, der es geniesst,
tierische Reife. In der Frucht des Baumes aber ist das reinste Leben
aufgespeichert, weil Wurzeln, Stamm und Zweige das Unreine zurückbehalten haben.
Nun weisst du, warum der Ustad uns gelehrt hat, nicht nur Felder, sondern auch
Gärten anzulegen.«
    Hatte der Pedehr Recht? Ich habe mich später an seine Weisung gehalten und
befinde mich sehr wohl dabei!
    Hanneh und Kara kamen abwechselnd zu mir auf den Vorplatz heraus. Ich erfuhr
von ihnen, dass Halef still und ruhig schlafe.
    Später hatte ich das Vergnügen, die Köchin und »das Kind« wiederzusehen. Sie
wollten miteinander hinunter in das Dorf und mussten da an mir vorübergehen. Das
Kind hatte jetzt ein längeres Gewand angelegt, welches fast bis an die Knöchel
reichte. Die Gebieterin der Küche hatte sich mit einem langen, weiten, weissen,
schleierähnlichen Stoff geschmückt, welcher, ihr Gesicht freilassend, von dem
Kopfe aus hinten niederfiel und, nach vorn zusammengerafft, die ganze Gestalt
einhüllte. Es war an ihr überhaupt, jetzt und auch später, nichts als nur Weiss
zu sehen.
    Man sah Beiden an, dass sie sich meinetwegen in Verlegenheit befanden. Sie
näherten sich nur zögernd. Sie sagte ihm etwas und schob ihn dann mit der Hand,
voranzugehen. Da ermannte er sich, tat einige schnelle, lange Schritte bis zu
mir her, verbeugte sich und sagte:
    »Effendi, ich bin Tifl.«
    Das war ganz genau dasselbe, als wenn er in deutscher Sprache gesagt hätte:
»Effendi, ich bin ein kleines Kind.« Ich musste lächeln und nickte ihm zu.
    »Aber ich bin nicht klein!« fuhr er fort.
    Ich nickte wieder.
    »Ich bin ein Mann!« versicherte er.
    Ich nickte abermals.
    »Ich habe Mut, sehr viel Mut! Ich fürchte mich niemals, vor keinem einzigen
Menschen!«
    »Das hast du an mir bewiesen,« bestätigte ich.
    »Ja, an dir! Sogar an dich habe ich mich gewagt! Man hat mich dafür sehr
gescholten; aber ich behaupte, dass ich richtig gehandelt habe. Sage du es
selbst: Hattest du die Pflaumen meines Herrn herabgeworfen?«
    »Ja, das hatte ich.«
    »Und mir aber sind sie anvertraut. Habe ich gegen meine Pflicht gesündigt.«
    »Nein, du bist ein treuer Wächter im Garten deines guten Herrn.«
    Da breitete sich der Ausdruck herzlichster Befriedigung über sein kleines
Gesicht. Er drehte sich zu der Köchin um und sagte:
    »Hast du es gehört, o Pekala?«
    Pekala ist ein türkischer Name und bedeutet »die Köstliche«. Sie machte ein
sehr ernstaftes Gesicht, womit sie aber fast grad das Gegenteil von der
beabsichtigten Wirkung hervorbrachte und antwortete ihm:
    »Ich habe es freilich gehört; aber der Effendi ist gütiger gegen dich, als
du verdienst. Merke dir: Man hat sogar auch Pflaumendiebe höflich zu behandeln,
falls man nicht genau weiss, wer oder was sie sind. Du bist eben unser kleines,
unerfahrenes Kind welches nichts als Fehler macht. Und nun tu, was ich dir
befohlen habe!«
    Er wendete sich mir wieder zu, und zwar mit einer so komisch verlegenen
Miene, dass sein Gesicht jetzt ganz genau demjenigen eines ausgescholtenen
kleinen Knaben glich.
    »Soll ich es wirklich machen, Effendi?« fragte er mich.
    »Was?«
    »Pekala hat mir befohlen, dich um Verzeihung zu bitten.«
    »Wofür?«
    »Dass ich dich als Spitzbube behandelt und festgehalten habe.«
    »Höre, lieber Tifl, das hast du recht gemacht!«
    »Recht?« fragte er in freudiger Ueberraschung.
    »Ja. Pekala meint es gut mit mir. Sie will das Unrecht, welches ich tat,
entschuldigen. Aber ich war wirklich ein Pflaumendieb. Ich habe dir also nichts
zu verzeihen, sondern ich lobe dich, denn du hast deine Pflicht getan.«
    Da nahm sein Gesicht einen frohen, weichen, und doch beinahe männlichen
Ausdruck an.
    »Du tadelst mich also nicht?« fragte er.
    »Nein.«
    »Sondern du hast mich gelobt, wahrhaftig gelobt?«
    »Ja.«
    »Effendi, das werde ich dir nie und nie vergessen! Mein Herz ist dein
Eigentum. Wir gehen jetzt miteinander hinunter in das Dorf. Hast du vielleicht
eine Besorgung? Soll ich dir etwas mitbringen?«
    »Nein, lieber Tifl.«
    »Lieber Tifl! Hast du es gehört, meine gute Pekala? Lieber Tifl hat er
gesagt! Andere Europäer sind ganz anders als er. Er ist grad so wie ich: er ist
nicht stolz. Es bleibt dabei: mein Herz ist sein. Komm!«
    Er griff nach ihrer Hand, um sie fortzuziehen. Aber sie blieb noch stehen.
Ihr Auge war auf meine Brust gerichtet; ich dachte nicht daran, weshalb.
    »Hast du die Rosen lieb, Effendi?« fragte sie mich.
    »Ja, sehr,« antwortete ich. »Jede Blume. Blumen gleichen den Seelen guter
Menschen; sie erfreuen uns, ohne dass diese Freude uns später betrübt. Warum
fragst du mich?«
    »Weil du die Rose aufgehoben hast, welche ich verloren habe. Es ist die Rose
einer niedrigen Dienerin. Erlaubst du mir, dir täglich einige zu pflücken?«
    »Ja. Ich nehme sie sehr gern von dir, o Pekala.«
    »Ich danke dir! Oemürün tschok ola!«
    Das sind türkische Worte. Sie bedeuten den Wunsch: Möge dein Leben lang
sein! War sie etwa osmanischer Abstammung?
    »Allah billingdsche olsun - Gott sei mit dir!« antwortete ich.
    Da schlug sie die kleinen, dicken Hände freudig zusammen und fragte:
    »Du verstehst türkisch?«
    »Ja.«
    »So darf ich in meiner Muttersprache mit dir reden, wenn du zu mir
sprichst?«
    »Das sollst du sogar, damit ich von dir lerne!«
    Da war sie es, die sich stolz mit der Frage an ihren Tifl wendete:
    »Hast du es gehört? Lernen will er von mir! Auch mein Herz ist sein
Eigentum. Jetzt komm!«
    Sie machten mir eine sehr tiefe und darum sehr höfliche Verbeugung, bei
welcher er, der Lange, natürlich weit herablassender verfahren musste als sie.
Dann entfernten sie sich. Wie leicht es doch ist, Menschenherzen zu erfreuen!
Warum tut man das so wenig?
    Kurze Zeit hierauf kam Kara aus der Halle. Er sagte mir, dass sein Vater für
einige Augenblicke aufgewacht sei, und dabei, wie noch halb im Schlafe, mit
leiser Stimme die Worte gesagt habe:
    »Kara muss die Pferde üben!«
    Er hatte darum die Absicht, jetzt, wo die Hitze des Tages vorüber war, bis
zum Abend auszureiten, und zwar mit allen drei Pferden, weil Assil und Barkh so
lange Zeit nicht vom Hause fortgekommen waren. Er sattelte auch sie, weil er es
nicht für vornehm hielt, sie nackt nebenherlaufen zu lassen, setzte sich auf
Ghalib und ritt dann zum Tore hinaus.
    Hierauf mochten kaum zehn Minuten vergangen sein, so hörte ich von der
Gegend dieses Tores her ein lautes, schnaufendes Atemholen. Ich drehte mich um.
Tifl kam wieder, aber wie! Er machte Sprünge, als ob es sich um sein Leben
handle. Seine langen Beine flogen nur so! Um bei dem so eiligen Laufe die Mütze
nicht zu verlieren, hatte er sie abgenommen und trug sie in der Hand.
    »Was ist geschehen?« fragte ich, als er an mir vorüber wollte.
    Er blieb für einen Augenblick stehen.
    »Der junge Hadeddihn!« antwortete er, indem er die Hand mit der ledernen
Spinne durch die Luft schwang.
    »Kara Ben Halef?«
    »Ja.«
    »Der ist soeben fort.«
    »Ich weiss es, Effendi.«
    »Er reitet aus.«
    »Und ich darf mit! Ich habe ihn gefragt! Hamdulillah! Ich bin schnell
heraufgerannt, um das Pferd zu holen!«
    Hierauf rannte er weiter, nach dem Garten hin, hinter dem sich, was ich noch
nicht wusste, eine grasige Weide für Pferde an der Seite des Berges hinzog. Wie
»das Kind« sich freute! Für Kara war es freilich nützlich, jemand, der die
Gegend kannte, mitzunehmen. Aber grad diesen Tifl? Und wer weiss, auf welchen
alten Gaul er sich wagen durfte! Es sollte doch wohl eine Schnelltour mit unsern
edlen Tieren werden!
    So waren meine Gedanken. Ich kannte »das Kind« eben nicht. Man soll sich
stets hüten, vorschnell zu urteilen! Wer kam nach kaum einer Minute im eiligen
Trabe aus dem Garten? Sahm, der Braune des Ustad. Ohne Sattel und Zaum! Nicht
einmal eine Leine um den Hals! Er sprang nach dem Tore zu. Hinter ihm her
rannte »das Kind«, strahlende Wonne im ganzen Gesicht.
    »Den willst du reiten?« rief ich ihm zu. »Er geht dir ja durch!«
    Da lachte er laut auf. Mit zwei, drei weiten Sätzen hatte er das Pferd
erreicht. Ein kühner, wundervoll abgemessener Sprung, und er sass oben. Die
langen Beine legten sich fest an den Leib des Pferdes. Ein Wehen mit der
Kurdenmütze nach mir zurück, dann flog der seltsame Centaur zum Tore hinaus.
Wer hätte denken können, dass dieser so willenlos und unbehilflich erscheinende
Tifl ein solcher Reiter sei! Es war zum Verwundern!
    Wie aber hatte Kara auf den Gedanken kommen können, grad »das Kind« und
keinen andern mitzunehmen? Das war folgendermassen geschehen:
    Als der junge Hadeddihn den Berg hinabritt, hatte er die Absicht, den Weg
einzuschlagen, den er mit seiner Mutter gekommen war. Dies war ja der einzige,
den er kannte, doch auch nicht genau, weil es bei der Ankunft ja nicht mehr Tag,
sondern Abend gewesen war. Als er jetzt nun durch den Duar ritt, sah er die
Köchin und Tifl vor einem Hause stehen, mit dessen Bewohnern sie sprachen. Er
wollte an ihnen vorüber, doch ging das nicht so glatt, wie er gedacht hatte.
Assil und Barkh zeigten nämlich die Absicht, stehen zu bleiben. Sie drängten
nach Pekala und ihren Begleiter hin. »Kennen euch die Pferde?« fragte er.
    »Sehr gut,« antwortete die »Köstliche«. »Sie haben sogar sehr innige
Freundschaft mit uns geschlossen.«
    »Wie ist das gekommen? Ich habe noch nie gesehen, dass sie Fremden eine
solche Zuneigung schenkten.«
    »Wahrscheinlich ist es Dankbarkeit. Sie grämten sich; sie weigerten sich, zu
fressen. Da habe ich ihnen die besten und grünsten Leckerbissen aus der Küche
hinausgetragen oder durch unser Kind geben lassen. Das nahmen sie. So lernten
sie uns kennen. Nun freuen sie sich stets, wenn sie uns sehen.«
    »Ja, Tiere sind für die ihnen erwiesenen Wohltaten oft dankbarer als die
Menschen. Auch ich danke Euch!«
    »Aber diese ihre Dankbarkeit hat die beiden Rappen nicht verleiten können,
ihren Herren ungehorsam zu sein«
    »Wie meinst du das? Was deutest du da an?«
    Da zeigte sie auf Tifl und antwortete, indem sie pfiffig lächelte:
    »Richte deine Frage an diesen hier, au unser Kind! Ich habe es nur gesehen;
er aber hat es gefühlt.«
    Da sprach der Lange in vorwurfsvollem Tone:
    »Warum sprichst du davon, o Pekala? Du solltest es doch nicht verraten! Was
habe ich dir getan, dass du mich so beschämen willst?«
    »Es geschieht zu deiner Erziehung. Kinder müssen erzogen werden. Ich hatte
es dir verboten, und du tatest es aber doch. Da flogst du freilich herab!«
    »Ah, du bist aufgestiegen?« fragte Kara.
    »Ja,« gestand Tifl, indem sein Gesichtchen einen unendlich kläglichen
Ausdruck annahm.
    »Auf welchen? Assil oder Barkh?«
    »Ich habe es mit beiden probirt.«
    »Nun, weiter!«
    Da riss er sich mit der linken Hand die Spinnenmütze vom Kopfe, um mit der
Rechten kratzend in die Haare zu fahren, und antwortete:
    »Ich musste herunter!«
    »Ja, das glaube ich! Wir haben es sie so gelehrt. Du warst kaum oben, so
flogst du wieder herab!«
    Da richtete sich »das Kind« in seiner ganzen Länge auf und rief:
    »Kaum oben? Oho! Ich bin Tifl, der nur dann aus dem Sattel geht, wenn er
will! Es hat mich noch kein Pferd zwingen können, es unfreiwillig zu verlassen!«
    »Aber diese beiden doch!«
    »Ja. Aber ich würde schwören, dass es eine Lüge sei, wenn ich nicht selbst
der heruntergeworfene Tifl wäre! Doch so sehr schnell, wie du meinst, ist es
nicht geschehen. Es gab einen Kampf, einen schweren Kampf, doch, doch - - - doch
- - -«
    Er zögerte mit den Worten; es fiel ihm schwer, seine Niederlage
einzugestehen. Da fiel die Köchin lachend ein:
    »Ich stand dabei; ich sah den Kampf. Tifl glaubte, es erzwingen zu können;
aber die Pferde wollten nun einmal nicht, und so musste das Kind fliegen.«
    »Erst nach längerer Zeit? Nicht gleich?« fragte Kara. »Das ist sonderbar!
Dann müsstest ja du eigentlich ein besserer Reiter sein, als ich je einen gesehen
habe!«
    »Der? Das Kind? Ein Reiter? Bloss eigentlich?« fragte Pekala. »Natürlich ist
er das! Er ist ja Sa'is98 beim Schah-in-Schah gewesen!«
    »Maschallah! Sa'is? Beim Beherrscher von Persien? Warum ist er das nicht
geblieben?«
    »Weil das Kind zu sehr wuchs. Es brauchte mit jeder neuen Woche auch eine
neue Uniform,« scherzte die Köchin. »Darüber wurde es dem Schah-in-Schah
himmelangst; er konnte das nicht aushalten und schickte Tifl also fort. Hier bei
uns kann er wachsen, so hoch er will. Wir haben keine kostbaren Stallungen,
welche er dadurch demoliert, dass er mit dem Kopfe durch die Decken stösst.«
    »O, meine Pekala, was hast du heut wieder einmal für ein böses Herz!« klagte
der Lange. »Ich weiss ja, dass ich dem Schah-in-Schah zu lang, zu dünn und also zu
hässlich wurde; aber grad dieser meiner Länge wegen sitze ich auf dem schlimmsten
Pferde fest, weil meine Beine seinen ganzen Leib umfassen - - -«
    »Und mit den Füssen kannst du unten sogar noch einen besonderen, festen
Knoten knüpfen«, fiel sie ein.
    »Darum bist du der einzige, der unsern Sahm richtig zu reiten versteht.«
    »Wer ist Sahm?« fragte Kara.
    »Das ist die berühmte, echtblütige Stute des Ustad, auf welcher unser Pedehr
von Kara Ben Nemsi eingeholt worden ist. Hätte das Kind auf ihr gesessen, so - -
-«
    Tifl liess sie den begonnenen Satz nicht vollenden; er fiel schnell und
eifrig ein:
    »Ich hätte mich ganz gewiss nicht einholen lassen!«
    »Assil schlägt jedes andere Pferd!« behauptete Kara.
    »Kennst du unsere Stute?« fragte Tifl.
    »Nein.«
    »Hast sie aber gesehen?«
    »Noch nicht.«
    »Soll ich sie holen?«
    »Hierher? Warum holen? Ich darf sie wohl später sehen!«
    »Du reitest aber jetzt spazieren. Mit deinen edlen Pferden. Wohin?«
    »Das weiss ich nicht genau. Ich kenne eure Gegend noch nicht. Ich will unsere
Tiere im Laufen üben. Weisst du, des Wettrennens wegen.«
    »Bei diesem Rennen werde ich Sahm reiten. Erlaube mir, dass ich jetzt mit dir
übe. Ich eile. Ich hole die Stute. Warte hier! In zehn Minuten bin ich wieder
hier.«
    Er rannte fort, ohne die Antwort Karas abzuwarten. Diesem blieb nichts
anderes übrig, als zu verweilen, bis nach noch nicht zehn Minuten Tifl auf
ungezäumtem und ungesatteltem Pferde wieder bei ihm eintraf. Er ritt die Stute,
damit Kara sie beobachten möge, in den verschiedenen Gangarten einigemale hin
und her und fragte ihn dann, was er zu ihr sage. Kara besass zwar viel von der
grossen Lebhaftigkeit seines Vaters, hatte dazu aber von seiner Mutter jene
Bedachtsamkeit geerbt, welche vorschnelles Reden oder Tun vermeidet. Er hütete
sich also, ein Urteil auszusprechen, und lobte ihre sichtbaren Vorzüge, ohne zu
sagen, ob er einen Fehler an ihr entdeckt habe. Dann fragte er Tifl, nach
welcher Gegend man einen Spazierritt, wie der beabsichtigte sei, am besten
machen könne. Der Gefragte antwortete, seinem Namen Kind gar nicht entsprechend,
ausserordentlich sachgemäss:
    »Wir müssen einen grossen, freien Platz zum Galoppieren haben, dann aber auch
steile, beschwerliche Wege, welche uns zeigen, was unsere Pferde auf ihnen zu
leisten vermögen. Von hier aus nach Osten liegt eine weite Ebene, welche erst
grasig und dann nur noch sandig ist. Jenseits von ihr erhebt sich das Gebirge,
über welches zwei Pässe führen, der Boghaz-y-Chärgusch99, welcher so heisst, weil
es dort in den Büschen viele Hasen gibt, und der Boghaz-y-Ghulam100, den man so
nennt, weil dort einmal ein Bote des Beherrschers ermordet worden ist. Wenn wir
einen dieser Pässe hinaufreiten und durch den andern zurückkehren, lernst du die
Gegend kennen, durch welche sich die östliche Grenze unsers Gebietes zieht.«
    »Ist es weit?«
    »Für gewöhnliche Pferde, ja; für unsere aber nicht.«
    »Da mein Vater krank ist, möchte ich nicht erst spät des Nachts heimkehren.«
    »Wir kehren um, sobald du willst.«
    »Ist die Gegend sicher?«
    »Ja.«
    »Du siehst, dass ich nur mein Messer bei mir habe; du aber bist ganz
unbewaffnet. Auf eurem Gebiete duldet ihr wohl keine bösen Menschen, doch kommen
wir ja, wie du sagst, bis an die Grenze desselben. Und die Massaban sind sogar
bis hierher zu euch gedrungen, um euch zu überfallen. Wirklich und unausgesetzt
sicher ist wohl kein Ort hier in den Bergen.«
    »Das ist richtig. Aber wer solche Pferde reitet wie wir, der kann jedem
Uebel schnell und leicht entgehen. Fürchtest du dich vielleicht?«
    Welch eine Frage für Kara! Ob er sich fürchte! Das war bei ihm ein
vollständig unmögliches Gefühl. Er war zu verständig, sich als beleidigt zu
betrachten, und als Gast der Dschamikun hatte er sich zu hüten, selbst
beleidigend zu werden. Darum hielt er es für das beste, so zu tun, als ob diese
Frage ganz ungehört an seinem Ohre vorübergegangen sei.
    »Komm! Vorwärts!« sagte er, indem er seinem Ghalib das Zeichen zum
Weitergehen gab. Assil und Barkh hatten ihren Willen gehabt und folgten ohne
Widerstreben.
    »Kommst du noch vor Nacht zurück?« wurde das Kind von der Köchin gefragt.
    »Sehnst du dich schon jetzt nach mir?« antwortete er lachend.
    »Nicht an dich sondern an Kara Ben Halef denke ich. Ich weiss, dass es weder
Zeit noch Schranken für dich gibt, wenn du auf Sahm sitzest. Er aber hat noch
von der Reise auszuruhen. Ich werde dich sehr streng bestrafen, wenn du dich
verspätest!«
    »Welche Strafe wird das sein?«
    »Du bekommst nichts zu essen!«
    »Das kenne ich! Mit dem Munde entziehst du mir die Kost, aber schon nach
einer Viertelstunde giebst du mir sie mit den Händen doppelt, weil mein Hunger
nicht meinem Magen sondern deinem Herzen wehe tut!«
    »Da sehe ich, wie schlecht ich dich erzogen habe! Die Liebe ist verderblich
für solche Kinder, du sollst aber von jetzt an meine Strenge kennen lernen!«
    »Die gibt es ja gar nicht! Leb wohl, o Pekala. Hast du noch einen Wunsch?«
    »Bring frohe und hungrige Gäste mit!«
    Das ist ein oft gebrauchter, beduinischer Abschiedsgruss. Die Köchin sagte
das wohl nur, um überhaupt etwas zu sagen. Sie ahnte nicht, dass, oder gar in
welcher Weise er in Erfüllung gehen werde.
    Der Ritt ging zunächst des Sees entlang und dann über das ganze Tal
desselben hin, bis es zwischen den Bergen einen tiefen Einschnitt gab, welcher
sich jenseits auf die von Tifl erwähnte Ebene öffnete. Dort wurde den Pferden
erlaubt, zu galoppieren. Tifl erwies sich als ein unübertrefflicher Naturreiter.
Von den feineren, erzieherischen Verhältnissen zwischen Mensch und Tier aber
wusste er wohl nichts. Wer ihn so sicher, so fest, so ganz wie mit dem Pferde
zusammengewachsen, im Sattel sitzen sah, der musste es freilich für fast
unmöglich halten, dass er sowohl von Assil als auch von Barkh abgeworfen worden
sei; aber diese unsere Hengste waren nicht, wie die braune Stute des Ustad,
gewohnt, augenblicklichen Instinkten, sondern einem zielbewussten, sich stets
gleichbleibenden Willen untertan zu sein.
    Das Kind machte verschiedene Versuche, den jetzigen Ritt zu einem Wettrennen
zu gestalten, hatte aber damit bei dem bedachtsamen Kara keinen Erfolg. Dieser
war einerseits viel zu klug, eine Niederlage der Sahm sich wiederholen zu
lassen, während andererseits sein Stolz ihm nicht gestattet hätte, etwa aus
Höflichkeit freiwillig auf den Sieg zu verzichten. Es blieb also bei dem, was er
sich vorgenommen hatte, nämlich bei einem Uebungsreiten, welches keinem
leidenschaftlichen Zweck zu dienen hatte.
    Die Stute hielt, so lange der Boden grasig war, sehr leicht den gleichen
Schritt mit unsern Pferden; aber später im tiefen Sande fiel sie bemerklich ab.
Das konnte ihr aber nicht zur Schande gereichen, weil sie kein Pferd der
sandigen Steppe war. Als dann der Hasenpass erreicht wurde und der langsame
Aufstieg auf steinigem Boden begann, mussten dafür nun unsere Tiere sich
anstrengen, es ihr gleichzutun, worauf Kara von Tifl wiederholt aufmerksam
gemacht wurde.
    Die Gegend war hier felsig und unfruchtbar. Niedriges, trockenes Gestrüpp
überzog die Berge mit schmutzigem Grau, und nur hier oder da gab es einen Baum,
dessen dünn benadelte Zweige keinen Schatten spendeten. Als die Höhe des Passes
erreicht worden war, konnte man darum die Aussicht nach allen Seiten frei
geniessen. Das Kind deutete auf einen der aufgerichteten Steinhaufen und sagte:
    »Das ist das Grenzzeichen. Bis hierher gehört das Land den Dschamikun.«
    »Und wem sodann?« fragte Kara.
    »Allen Menschen.«
    »Giebt es keinen besondern Besitzer?«
    »Das ist der Schah-in-Schah, dem ja da ganze Reich gehört. Die Gegend hier
ist so öd und dürr, dass niemand sie haben will. Wer sie bekäme, müsste Steuern
zahlen; wer aber kann diese hier aus solchen Felsen ziehen? Wenn der Muhassil
kommt, so fragt er nicht, ob der Boden etwas getragen hat, sondern er nimmt
alles mit, was man besitzt.«
    »Wer ist der Muhassil?«
    »Das weisst du nicht?«
    »Nein.«
    »Das ist der unwillkommenste aller Gäste, die es gibt. Jedermann in Persien
soll Steuern zahlen. Auch die freien Stämme werden dazu angehalten. Unser Ustad
hat versprochen, es zu tun, und wir halten Wort. Darum wird kein Muhassil zu
uns kommen. Andere aber zahlen nicht eher, als bis sie dazu gezwungen werden,
denn sie behaupten, ein freier Mann sei auch von Steuern frei. Zu ihnen wird ein
möglichst strenger, vielleicht gar harterziger Offizier oder Beamter gesandt,
der Soldaten mitbringt, die ihm helfen müssen, den Mal-i-Divan101 und den Sadir
Avariz102 mit Gewalt einzutreiben. Sobald er diese Gewalt auszuüben beginnt, hat
man ihn mit dem Titel Muhassil zu ehren. Er nimmt zunächst das, was er für den
Beherrscher haben will. Sodann nimmt er das, was er für sich selbst haben will,
und das ist gewöhnlich alles, was noch da ist.«
    »Leistet man ihm denn da nicht Widerstand?«
    »Widerstand? Er würde nur gehen, um dann mit noch mehr Soldaten
zurückzukehren. Das beste Mittel, ihm zu entrinnen, ist die Flucht. Aber er
kommt meist so unerwartet, dass sie unmöglich ist. So hat er kürzlich auch die
Kalhuran überrascht, welche eigentlich noch gar keine Steuern zu bezahlen
haben.«
    »Wer sind diese Kalhuran?«
    »Ein Nomadenstamm, dessen Land nicht mehr ausreichte, ihn zu ernähren. Eine
Abteilung von ihm bat um neues Land und bekam die Gegend, welche du hier östlich
vor uns liegen siehst. Sie beginnt zwar erst jenseits dieser Felsenberge, ist
aber von so geringer Fruchtbarkeit, dass lange Jahre dazu gehören, den Boden zu
verbessern; darum wurde den Kalhuran gesagt, dass sie erst nach dem zehnten
Sommer Steuern zu bezahlen hätten. Sie sind nun erst vier Jahre hier; dennoch
sandte man ihnen einen Boten, welcher sie benachrichtigte, dass sie jetzt schon
zu bezahlen hätten. Sie weigerten sich. Da stellte sich ganz unversehens ein
Muhassil mit einer ganzen Schar von Soldaten bei ihnen ein. Der hat es sich bei
ihnen so bequem gemacht, als ob er jahrelang bleiben wolle. Er wird so lange an
ihrer Habe saugen, bis sie kein einziges Pferd, kein armes Schaf mehr haben.«
    »Maschallah! Der sollte das einmal bei unsern Hadeddihn versuchen! Weisst du,
welchen Namen dieser Dschady103 hat?«
    »Er heisst Omar Iraki. Der Scheik der Kalhuran ist ein junger Mann, dem der
Ustad eine Tochter unsers Stammes zum Weibe gegeben hat. Sein Name ist Hafis
Aram. Ich kenne ihn, denn er war ja bei uns, als er sie hinüber zu sich holte.
Chodeh beschützte ihn! Vor dem Muhassil aber bewahre er alle Menschen. Grad von
diesem Omar Iraki hat man nur Böses, aber kein einziges gutes Wort gehört. Komm,
reiten wir hinab! Unten wenden wir uns dann nördlich, um durch den Pass des
Couriers heimzukehren.«
    Auf dieser Ostseite fielen die Berge steil zur Tiefe. Der Weg ging in
zahlreichen Windungen hinab, so dass er immer nur für kurze Strecken zu
überschauen war. Umso freier war die Aussicht in die Ferne, über die
steppenähnliche Fläche hinüber, zu welcher die beiden jetzt hinunterritten.
    Als sie die letzte, unterste Krümmung des Weges überwunden hatten und schon
daran dachten, wieder galoppieren zu können, bot sich ihnen plötzlich ein
unvorhergesehenes Hindernis dar. Da standen nämlich, zwischen den Felsblöcken
zerstreut, wohl gegen zwanzig Pferde, deren Reiter an einer versteckten Stelle
plaudernd bei einander sassen. Einer hockte als Wächter auf einem hochgelegenen
Steine, von welchem aus man einen weiten Ausblick in die Steppe hatte. Das waren
persische Soldaten, und zwar Kavalleristen. Eigentliche Uniformen trugen sie
nicht. Auch ihr Anführer war an keinem Rangabzeichen, sondern nur an einem
langen, schweren Schleppsäbel zu erkennen, den er trug. Ihre Waffen taugten
nicht viel; desto besser aber waren ihre Pferde. Die persische Kavallerie ist
überhaupt recht gut beritten. Als sie die beiden Reiter sahen, sprangen sie alle
auf.
    »Sallam!« grüsste Kara kurz, aber in höflichem Tone und indem er ihnen die
Hand entgegensenkte.
    Sie antworteten nicht. Ihre Augen waren bewundernd auf die vier Pferde
gerichtet. Kara hielt nicht an. Er wollte an ihnen vorüber. Da aber stellte sich
ihm der Anführer in den Weg.
    »Halt!« sagte er in befehlendem Tone. »Wer seid Ihr?«
    Man darf nicht vergessen, dass Kara der Sohn meines wackeren Hadschi Halef
war, dem, ausser wenn er wollte, niemand imponieren konnte.
    »Sag vorher, wer bist du?« forderte er den Perser auf.
    »Du siehst, dass ich Soldat bin!« antwortete dieser stolz.
    »Und du siehst, dass ich keiner bin! Ich diene nicht; ich bin ein freier
Mann!«
    »Ein Mann?« lachte der andere. »Schau meinen Bart und greif an den deinen
dann! Ich stehe hier im Namen des Schah-in-Schah und frage dich nochmals, wer du
bist!«
    »Und ich sitze hier in meinem eigenen Namen im Sattel und antworte nur dann,
wenn es mir beliebt! Allah schütze deinen Bart! Zum Fürchten ist er nicht!«
    Als er dies sagte, richtete er seine dunklen Augen mit einem solchen
Ausdrucke auf den Perser, dass dieser die Hand, welche er schon erhoben hatte, um
Ghalib am Zügel zu fassen, wieder sinken liess und von ihm zurücktrat.
    »Ich höre an deiner Sprache, dass du ein Araber bist,« sagte er. »Ich bin
Mülazim ewwel104, des Beherrschers aller Herrscher. Nun weisst du es.«
    »Der Beherrscher aller Herrscher kann nur Allah sein! Ich bin Kara Ben
Hadschi Halef, ein Hadeddihn vom Stamme der Schammar.«
    »Wo kommst du her?«
    »Woher es mir beliebt!«
    »Wo willst du hin?«
    »Wohin es mir behagt!«
    »Maschallah! Denn für ein grosses Wunder Gottes scheinst du dich zu halten!
Ich habe hier zu fragen!«
    »So frage die, welche dir zu antworten haben; zu ihnen aber gehöre doch
nicht ich!«
    Das war keineswegs verwerflicher Hochmut von Kara, sondern das
wohlberechtigte Selbstbewusstsein des freigeborenen Arabers der Dschesireh. Wenn
die Fragen in höflichem Tone und nicht in der Weise eines Verhöres ausgesprochen
worden wären, so hätte er sie wahrscheinlich beantwortet. Auch gefielen ihm die
höhnischen Blicke nicht, mit denen Tifl von den sich herandrängenden Soldaten
betrachtet wurde. Das verächtliche Lächeln dieser Leute forderte ihn heraus,
ihnen zu zeigen, dass zum Lachen gar kein Grund vorhanden sei.
    »Auch du gehörst zu ihnen!« behauptete der Offizier. »Ich stehe an des
Gesetzes Stelle. Ich bin hier Polizei!«
    »Ich auch!«
    Da fuhr der Perser um einige Schritte zurück. Er hatte imponieren wollen und
sah und hörte nun aber, dass ihm dies nicht gelungen sei.
    »Wagst du vielleicht, mit mir zu scherzen?«
    »Sehe ich etwa so spasshaft aus?«
    Sein jugendlich schönes, wie aus dunklem Marmor gemeisseltes Gesicht zeigte
allerdings keine Spur von Lust zum Scherzen. Der Grundzug unseres Kara war ein
steter Ernst, welcher durch einen elegischen Hauch eher erhöht als gemildert
wurde. In seinen Augen, die er von der Mutter hatte, lag etwas, was keine
zudringliche Berührung duldete. Das wirkte auch jetzt. Der Oberlieutenant wagte
es nicht, seinen Zorn hervortreten zu lassen; ja es klang sogar, als ob er sich
entschuldigen wolle, als er nun sprach:
    »Du weisst es nicht; aber ich stehe hier über dir, über jeden, der da kommt.
Ich habe diesen Platz zu bewachen.«
    »Warum?«
    »Weil ich die Mörder des Muhassil fangen will.«
    »Welches Muhassil?«
    »Omar Iraki.«
    »Wallah! Ist er ermordet worden?«
    »Ja.«
    »Von wem?«
    »Von Hafis Aram und seinem Weibe.«
    »Chodeh, Chodeh!« rief da »das Kind« erschrocken aus.
    »Kennst du Hafis Haram?« fuhr der Offizier fort.
    »Nein,« antwortete Kara.
    Dann schwang er sich vom Pferde. Sein Interesse war erwacht. Er gedachte
dessen, was Tifl ihm erzählt hatte, und es stieg eine Ahnung in ihm auf, dass
sich hier ein Ereignis vorbereite, in welches er vielleicht nützlich eingreifen
könne. Und mit der Bedachtsamkeit, die weit über seine Jugend ging, liess er ein
interessiertes Lächeln über seine Züge gleiten und sagte:
    »Eine Mordtat ist begangen worden! An einem Muhassil! Das ist eine
schreckliche Tat! Kann man erfahren, warum und wie sie geschehen ist?«
    »Ja. Ich werde es dir erzählen. Aber vorher musst du mir sagen, woher du
kommst und wohin du willst.«
    »Aus welchem Grunde willst du das wissen?«
    »Weil du von jenseits gekommen bist, aus dem Gebiete der Dschamikun. Ich
sage dir, dass ich es auf sie abgesehen habe! Du aber bist ja kein Dschamiki,
sondern ein Hadeddihn aus der Dschesireh.«
    Da machte Kara eine stolz wegwerfende Handbewegung und fragte:
    »Hafis Aram hat den Muhassil ermordet?«
    »Ja.«
    »Er ist der Scheik der Kalhuran?«
    »Ja.«
    »Sein Weib ist Dschamikeh?«
    »Ja. Sie hat den ersten Schuss auf den Ermordeten getan. Wir stehen also in
Blutrache mit den Dschamikun. Nun sage mir, woher du kommst!«
    Es war ein sehr ruhiges und sehr überlegenes Lächeln, welches sich über
Karas Lippen legte, als er antwortete:
    »Ich sage dir es gern. Hier dieser mein Begleiter kommt mit mir von dem
hohen Hause des Ustad. Er ist ein Dschamiki, und ich bin Gast der Dschamikun.
Sie und ich, wir sind eins. Was sie tun, verantworte auch ich. Eure Blutrache
trifft also auch meine Person!«
    Da trat der Perser noch einen Schritt von ihm zurück und rief erstaunt aus:
    »Kara Ben Halef - so nanntest du dich?«
    »Kara Ben Hadschi Halef, ja!«
    »Also, Kara Ben Hadschi Halef, bist du bei Sinnen?«
    »Warum diese Frage?«
    »Siehst du nicht, dass wir zwanzig Personen gegen euch beide sind? Das genügt
doch wohl!«
    »Aber es ist falsch! Richtiger ist, dass wir zwei Personen gegen nur zwanzig
sind. Das genügt noch besser!«
    »Du bist toll, wirklich toll! Hättest du nicht verschweigen können, dass du
Gastfreund der Dschamikun bist?«
    »Ja, ein anderer hätte das wohl getan.«
    »Warum nicht du?«
    »Aus zwei Gründen: Erstens sage ich niemals eine Lüge, selbst wenn sie mir
das Leben retten könnte. Und zweitens fürchte ich mich nicht vor euch. Wie ihr
von mir denkt und was ihr von mir wollt, das ist für mich von keiner grossen
Wichtigkeit; die Hauptsache ist, dass mich vor mir selbst schämen müsste, wenn ich
euch die Unwahrheit gesagt hätte. Und wenn ein Mensch sich selbst verachten muss,
so ist dies das allerschlimmste, was ihm im Leben geschehen kann.«
    Der Offizier schaute ihn eine ganze Zeitlang an, ohne ein Wort zu sagen.
Dann fragte er:
    »Du sagst niemals eine Lüge?«
    »Nie!«
    »Auch nicht in der Not?«
    »Nein. Es gibt keine Not, welche die Lüge rechtfertigt, denn die Lüge ist
die grösste und entsetzlichste Not, an der die Menschen leiden!«
    »Aber deine Aufrichtigkeit wird euch euer Leben kosten!«
    »Du irrst!«
    »Ich irre? Du bist zweifellos verrückt!«
    Und sich an seine Leute wendend, fuhr er fort:
    »Ihr habt es gehört. Da steht ein Mensch, ein junger Mensch, der niemals
eine Lüge sagt, selbst wenn es ihm das Leben kosten sollte. Was sagt ihr dazu?«
    Ein allgemeines Gelächter war die Antwort.
    »Ich lache ebenso wie ihr,« stimmte er ihnen bei. Dann drehte er sich wieder
nach Kara um: »Ihr seid natürlich unsere Gefangenen. Eure Pferde gehören uns!«
    »Versuche es, sie dein zu nennen!«
    »Ich brauche es nicht zu versuchen, denn ich habe es bereits getan. Wir
bringen hier die grösste Beute heim, die jemals gemacht worden ist! Du, Knabe,
bist der allerdümmste Kerl, den es auf Erden gibt! Dieser deiner Dummheit darf
ich beantworten, was du mich vorhin fragtest. Setze dich!«
    Er deutete auf einen Stein, der neben Kara lag. Dieser liess sich auf ihn
nieder. Dies schien Gehorsam zu sein. Auch Tifl war von seiner Stute gestiegen.
Er trat zu Kara und setzte sich neben ihm auf den Boden nieder. Die Soldaten
umringten die Pferde, um ihre bewundernden Bemerkungen über diese ebenso
unerwartete wie unschätzbare Beute zu machen. Der Offizier aber sprach zu Kara
weiter:
    »Du hast also den Muhassil Omar Iraki nie gesehen?«
    »Nie,« antwortete der Gefragte.
    »Er war ein Herr, der einen starken Willen hatte. Kein Steuerverweigerer
konnte ihm widerstehen. Daher wurde er überall hingesandt, wo Andere vor ihm
nichts erreicht hatten. So kam er auch zu den Kalhuran, den räudigen Hunden,
welche nicht zahlen wollten. Grad hundert Reiter waren bei ihm, welche von den
Verweigerern als teure Gäste aufgenommen und verpflegt werden mussten. Nun waren
nicht nur die Steuern, sondern auch unsere Löhne zu bezahlen. Die Schuld wurde
von Tag zu Tag grösser. Wir nahmen erst nur die Wolle, dann auch die Schafe
selbst. Das reichte nicht. Wir griffen natürlich auch nach den anderen Herden.
Da rotteten sich die Hunde zusammen, um uns zu widerstehen. Der Muhassil liess
den Scheik Hafis Aram ergreifen und zu sich in das Zelt bringen. Dort wurde er
gepackt, niedergeworfen und zu den Füssen des Muhassil festgehalten. Dieser
verlangte Geld. Der Scheik behauptete, keines zu haben. Da drohte der Muhassil
mit der Peische. Hafis Aram aber leugnete fort. Da begann der Muhassil, ihn zu
züchtigen, mit eigener Hand, denn er war ein sehr starker Mann, der die Peitsche
zu führen verstand. Der Scheik wollte sich losreissen, aber acht Hände hielten
ihn am Boden fest. Da war er still. Er nahm die Hiebe auf sich, ohne eine Klage,
einen Laut hören zu lassen. Aber seine Augen waren unheimlich starr auf den
Muhassil gerichtet, ohne dass er diesem auf seine bei jedem Schlag wiederholte
Frage nach dem Gelde eine Antwort gab. Was sagst du zu solcher Hartnäckigkeit,
Kara Ben Hadschi Halef?«
    »Wisst ihr, was es heisst, einen freien Beduinen zu peitschen? Den Scheik
eines ganzes Stammes?« fragte Kara.
    »Was soll es weiter heissen, als dass er eben Prügel bekommt? Auch wir alle,
die wir jetzt in des Beherrschers Diensten stehen, sind von freien Eltern
geboren worden. Haben wir uns etwa dadurch, dass wir den Ungehorsam zwingen, die
Gesetze zu erfüllen, in verächtliche Sklaven verwandelt? Stehen wir nicht im
Gegenteile höher als die Widerspenstigen? Scheik Hafis Aram wäre ganz gewiss von
dem Muhassil erschlagen worden, und zwar mit vollstem Rechte, wenn ihm nicht
eine so ganz unerwartete Hilfe gebracht worden wäre, dass wir alle vor
Ueberraschung versäumten, ihr zu widerstehen. Rate, von wem sie kam!«
    »Ich rate nicht. Sage es!«
    »Sie wurde dem Scheik von seinem Weibe gebracht, der Dschamikeh, welche
Allah verdammen möge! Sie hasste und fürchtete den Muhassil. Als sie, von einem
Gange zurückkehrend, vernahm, dass er ihren Mann habe holen lassen, wurde sie von
ihrer Angst herbeigetrieben. Sie lauschte am Zelte, vor dem kein Wächter stand.
Sie hörte die Streiche, welche fielen. Da trat sie ein. Sie sah, was geschah,
und sprang zum Muhassil hin, um seinen Arm festzuhalten.«
    »Herr, du schlägst einen freien Moslem? schrie sie ihn an. Keinen Hieb
weiter!«
    »Er riss sich von ihrer Hand los, gab ihr selbst einen Schlag und dann dem
Scheik einen zweiten. Da sprang sie zum Sufra105, auf welcher die zwei geladenen
Pistolen des Herrn lagen. In der Kürze eines einzigen Augenblickes hatte sie die
eine ergriffen, gespannt, auf ihn gerichtet und schoss ihm die Kugel in die
Brust. Er war nicht sofort tot, griff, indem er die Peitsche fallen liess, mit
den Händen nach der Wunde und stiess einen Schrei aus. Dann begann er, zu wanken.
Wir eilten zu ihm, um ihn zu halten. Die vier Männer, welche den Scheik
festatten, erschraken ebenso wie wir. Sie liessen ihn los und sprangen auf, nur
für den Muhassil besorgt. Da schnellte sich Hafis Aram empor, riss die zweite
Pistole von der Sufra, jagte dem schon Verwundeten die Kugel in die Stirn und
rief:
    So zahlt man Peitschenhiebe heim!
    Hierauf ergriff er die Hand seines Weibes und riss sie mit sich fort, zum
Zelt hinaus. Der Muhassil glitt in unsern Händen tot zur Erde nieder. Wir hatten
nur Augen für ihn. Darum konnten die beiden so schnell entkommen. Aber ich fasste
mich doch bald und eilte fort, um sie ergreifen zu lassen. Da traf ich den Suari
juzbaschysy106. Einige Worte genügten, ihn zu unterrichten. Wir rannten nach dem
Zelte des Scheikes, kamen aber schon zu spät. Er hatte mit der Frau auf zwei von
seinen Pferden sofort die Flucht ergriffen. Diese Hunde laufen schneller, als
man denkt!«
    Kara war der Erzählung mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Jetzt fragte
er:
    »Habt ihr erfahren, wohin sie sich gewendet haben?«
    »Ja. Die Spuren haben es uns gesagt. Denn keiner der Kalhuran wollte uns
Auskunft geben. Schakale pflegen einander zu helfen. Zum Glücke hatte Hafis Aram
nicht schnell genug gute Pferde erwischen können. Die zwei, welche ihm bequem
gestanden hatten, sind alt und keine ausdauernden Renner. Wir sind besser, viel
besser beritten als er. Darum hätten wir ihn wohl bald eingeholt, wenn er auf
dem geraden Wege geblieben wäre. Aber die Angst vor uns hat ihn zu einem Umwege
über felsigen Boden getrieben, wo seine Spuren nicht mehr zu sehen sind.«
    »So seid ihr ihm dortin nicht gefolgt?«
    »Nein.«
    »Und wisst also nun nicht, wo er sich befindet?«
    »Nicht ganz genau, aber doch so, dass er uns nicht entkommen kann. Er will zu
euch, zu den Dschamikun, weil sein Weib von ihnen stammt und weil er euern
sogenannten Ustad für mächtig genug hält, ihn gegen uns zu beschützen. Dieses
Ziel aber kann er nur durch den Pass der Hasen oder den Pass des Kuriers
erreichen. Darum sind wir schleunigst hierhergeritten und haben beide besetzt.«
    »Weisst du genau, dass es keinen andern Weg gibt?«
    »Einen Weg nicht, aber wenn er jene felsigen Berge gut kennt, ist es
vielleicht möglich, über sie hinweg so weit nach Norden zu entkommen, dass er die
Pässe hier umgehen kann. Dem aber ist der Suari juzbaschysy auch zuvorgekommen,
indem er mit unsern schnellsten Pferden und besten Reitern einen Bogen dortin
schlägt. Sieht er die Flüchtigen, so wird er sie mir hierher entgegentreiben. -
So, das ist es, was ich dir aus Dankbarkeit erzählen wollte.«
    »Dankbarkeit?!« lächelte Kara.
    »Ja.«
    »Wofür?«
    »Zunächst für euch und sodann noch viel mehr für eure Pferde.«
    »Du nennst sie jetzt wieder unsere Pferde. Dies ist richtiger als das, was
du vorhin sagtest!«
    »Lächle nicht! Du tust es doch nur aus Verlegenheit! Ihr seid unsere
Gefangenen. Wenn wir den Scheik und sein Weib nicht ergreifen sollten, so haben
wir doch euch. Ihr werdet die Dijeh107 mit eurem Leben zahlen. Und eure Pferde
sind uns noch viel, viel mehr wert als ihr selbst und der Scheik mit samt seinem
Weibe. Sie gehören uns als rechtmässige Beute. Wir werden sie dem Schah-in-Schah
anbieten, welcher gewiss eine sehr grosse Summe für sie bezahlt, um in den Besitz
solcher Zierden seines Stalles zu kommen.«
    »Herrscher zahlen zuweilen ganz anders als mit Geld!«
    »Das lass getrost nur unsere Sorge sein; dich gehen diese Pferde nichts mehr
an!«
    »Gut! Einverstanden! Nimm sie dir!«
    Kara sagte das so gleichmütig, als ob es sich nur um eine Bagatelle handele.
    »Ja, ich nehme sie. Du hast also eingesehen, dass du dich darein ergeben
musst. Ich werde sofort einmal diesen Rappen da probieren.«
    Er meinte Barkh. Als seine Leute diese Worte hörten, wichen sie von den
Pferden zurück, um ihm Platz zu machen. Sie waren natürlich nicht weniger als er
über den vermeintlichen Fang erfreut, weil auch ihnen ein Teil des Ertrages
zuzufallen hatte. Er ging hin und schwang sich so schnell in den Sattel, dass der
Hengst gar keine Zeit fand, sich zu weigern. Aber schon im nächsten Augenblicke
ging Barkh so rasch hintereinander erst vorn und dann hinten in die Höhe und
bockte hierauf so kräftig zur Seite, dass der Offizier grad da auf die Erde zu
liegen kam, wo das Pferd vorher gestanden hatte. Seine Leute lachten laut. Aber
als er sich erheben wollte und es doch nicht zu können schien, kamen sie von
dieser respektwidrigen Lustigkeit zurück. Er sagte zunächst kein Wort, hielt
ihnen aber die Arme auffordernd hin, ihm behilflich zu sein. Nun richteten sie
ihn auf. Er konnte stehen. Aber als er vorwärtsschreiten wollte, stöhnte er.
    »Hast du Schmerzen?« fragte Kara.
    »Ich bin auf den Säbel gefallen,« lautete die Antwort.
    »Warum bliebst du denn nicht oben?«
    »Schweig!« gebot er in donnerndem Zorne.
    Dann hinkte er unter allerlei Gesichtsverzerrungen nach einem niedrigen
Felsenstück, um sich da niederzusetzen und die schmerzenden Körperstellen
prüfend zu betasten.
    »Gebrochen habe ich nichts. Aber der Säbel ist kaput, und gequetscht hat er
mich. Das werde ich noch lange fühlen.«
    Hierbei erinnerte er sich, dass über ihn gelacht worden war.
    »Sellab!« rief er.
    Der Genannte trat zu ihm.
    »Ihr habt gelacht. Du am meisten. Hinauf auf diesen Hengst, der den Scheitan
im Leibe zu haben scheint! Das sei deine Strafe. Wehe dir, wenn du auch herunter
musst!«
    Der Mann gehorchte. Er kam ganz gut hinauf und wollte sich eben festsetzen,
da sass er aber auch schon wieder unten. Der Oberlieutnant gebot einem andern
Soldaten, den Versuch zu machen; den liess aber Barkh gar nicht heran. Er hatte
die Geduld verloren und schlug nach ihm aus.
    »Eine Bestie!« konstatierte der Offizier. »Sind die andern ebenso?« fragte
er Kara.
    »Das musst du doch wissen?« antwortete dieser.
    »Ich? Wieso?«
    »Es sind ja deine Pferde! Das sagtest du!«
    Der Zurechtgewiesene senkte den Kopf. Er dachte nach. Dann sagte er:
    »Der Stute ist am meisten zu trauen. Wer will es mit ihr versuchen?«
    Ein Mutiger näherte sich und begann damit, dass er sie vorsichtig liebkoste.
Sie tat, als ob er gar nicht vorhanden sei. Kara kannte sie noch nicht und warf
deshalb einen forschenden Blick auf Tifl. Dieser machte ein Auge zu und
blinzelte ihn mit dem anderen lustig an. Das war genug gesagt.
    Der Soldat klopfte die Stute an verschiedenen Stellen. Sie bewegte nicht
einmal die Spitze eines Ohres. Grad diese wartende, lauschende Unbeweglichkeit
hätte ihm verdächtig vorkommen müssen; er aber gewann im Gegenteile durch sie
den Mut, erst einen Vorder- und dann einen Hinterfuss der Sahm aufzuheben, um die
Hufe zu betrachten. Sie liess auch das ruhig geschehen. Das machte ihn sicher. Er
stieg auf. Auch jetzt noch stand sie still; aber sie wendete den Kopf, um ihr
Auge auf das Kind zu richten. Kara war höchst gespannt, welche Mucke man zu
sehen bekommen werde. Der Offizier aber freute sich des scheinbar guten
Erfolges. Er sagte:
    »Es ist also doch wohl nur dieser Rappe, dem man nicht trauen darf. Reite
aber doch einmal vom Fleck!«
    Der Soldat wollte gehorchen, aber damit war für die Sahm die Zeit gekommen.
Sie tat nicht etwa einen Sprung, o nein. Sondern sie fiel einfach um,
blitzschnell, als ob ein Schlag sie getroffen habe, wälzte sich zwei-, dreimal
auf dem Reiter hin und her, sprang auf der andern Seite wieder auf und stand
dann so ruhig und sanftäugig wieder da, als ob sie ganz ausser stande sei, auch
nur das kleinste Wässerlein zu trüben.
    Für Reiter, welche stürzen, lautet im Abendlande der schonende
Sportausdruck: »Er hat sich vom Pferde getrennt.« Hier aber hätte man berichten
müssen: »Madame Sahm hat sich vom Reiter getrennt.« Dieser letztere blieb
zunächst ein ganzes Weilchen vollständig still neben der nun harmlos mit dem
Schwanze wedelnden Stute liegen. Dann begann er, sich mit den tastenden Händen
in der Weise über sämtliche Teile seines Körpers zu fahren, wie man es bei
Stubenfliegen beobachtet, wenn sie mit den Beinen die anhaftenden Lebestäubchen
und Ansteckungsstoffe vom Leibe zusammenstreichen, um sie zum Heile der Menschen
zu verzehren. Sein Gesicht war während dieser anatomischen Untersuchung ein
nichts weniger als fröhliches. Als er zu der Ueberzeugung gekommen war, dass er
trotz der dreifachen Umwälzung noch alles wohl beisammen habe, kam er zu dem
Entschlusse, erhebend auf sich einzuwirken. Er richtete sich vorläufig nach
löblicher Quadrupedenart auf Hände und Füsse auf, schaute sich nach allen Seiten
prüfend um, ob nicht vielleicht ein doch abhanden gekommenes Glied zu sehen sei,
und ging endlich sehr langsam und höchst vorsichtig in jene aufrechte Stellung
über, in welche selbst ein abgeworfener Reiter schliesslich doch zurückzukommen
strebt. Hierauf wankte er wie ein ängstlicher Quartaner, der zum erstenmal
Schlittschuh fahren soll, vom Schauplatze der erlittenen Trennung weg und
verschwand hinter einem Felsenstücke, um sich da, fern von der verständnislosen
Menschheit anzusiedeln. Es darf nämlich nicht verschwiegen werden, dass diese
seine schmerzliche Auferstehung leider von seinen Kameraden mit lautem Gelächter
begleitet wurde. Selbst der Offizier stimmte zunächst mit ein; dann aber fragte
er das Kind in zornigem Tone:
    »Du sassest, als ihr kamt, auf diesem Pferde. Ist es dein?«
    »Nein,« antwortete Tifl.
    »Wem gehört es?«
    »Dem Ustad.«
    »Wusstest du, dass es sich wälzt?«
    »Ja.«
    »Auf welches Zeichen hin tut es das?«
    »Frag das Pferd, nicht mich! Ich habe mich nicht gewälzt!«
    Da sprang der Oberlieutenant auf, ging, obgleich er noch kurze Zeit vorher
solche Schmerzen gehabt hatte, schnell zu ihm hin und fuhr ihn an:
    »Mensch, so spricht man nicht mit mir! Wagst du das noch einmal, so antworte
ich mit der Peitsche!«
    Da richtete sich das Kind in seiner ganzen Länge, ihn weit über Kopfeshöhe
überragend, vor ihm auf und sagte:
    »Denk an den Muhassil! Was hat seine Peitsche ihm gebracht? Mehr sage ich
dir nicht!«
    Wer hätte diesem Tifl wohl ein so männliches Verhalten zugetraut! Seine
Kinderzüge hatten einen so ernsten, ja strengen Ausdruck angenommen, dass der
Ausbruch von Tätlichkeiten nun unvermeidlich zu sein schien. Da aber ertönte
die Stimme des Wächters, welcher von seiner Warte herunterrief:
    »Ich sehe zwei Reiter!«
    »Wo?« fragte der Offizier, der sogleich seine ganze Aufmerksamkeit von Tifl
weg nach oben richtete.
    »Ganz draussen.«
    »Wie weit?«
    »So weit, dass sie nur wie kleine Punkte sind.«
    »Welche Richtung haben sie?«
    »Das sieht man nicht sogleich. Warte!«
    Man kann sich denken, dass nun eine allgemeine Spannung eintrat. Es vergingen
mehrere Minuten, bis der Mann dann meldete:
    »Sie nähern sich, aber nicht gerade.«
    »Wie denn?«
    »Sie sind jetzt schon viel weiter südlich als vorhin.«
    »Da scheuen sie sich vor den beiden Pässen. Sie werden den Suari juzbaschysy
gesehen haben, der sie mit seiner Schar zurückgetrieben hat. Pass auf, ob wohl
noch andere Reiter kommen!«
    »Sie sind schon da!«
    »Wo?«
    »Im Norden, hinter ihnen, aber sehr weit zurück.«
    »Dann ist es so, wie ich sagte. Der Suari juzbaschysy hat sie dort im Norden
nicht durchgelassen. Sie sind umgekehrt, und er folgt ihnen. Sie kommen nicht
hierher; sie hegen Verdacht. Sie versuchen, einen Ausweg nach Süden zu finden.
Den muss ich ihnen verlegen. Zehn Mann mit mir auf die Pferde! Schnell, vorwärts!
Wir treiben sie hierher! Die andern zehn bleiben hier, um sie zu empfangen und
diese beiden Gefangenen zu bewachen!«
    Einige Augenblicke später jagte er mit der Hälfte seiner Leute davon. Dass
die, welche er seine Gefangenen nannte, an Flucht denken könnten, das schien ihm
gar nicht in den Sinn gekommen zu sein. Die zurückbleibenden waren nicht weniger
unbesorgt. Sie eilten zu dem Wächter hinauf, um von dort aus die Jagd besser
sehen zu können. Sogar der Soldat, von welchem sich die Stute in so
unceremonieller Weise getrennt hatte, krabbelte den andern langsam nach, um sich
den Genuss, den sie dort oben suchten, ja nicht entgehen zu lassen. So waren also
Kara und Tifl allein miteinander unten geblieben. Hatten sie sich schon vorher
nicht als Gefangene betrachtet, so konnte es ihnen jetzt erst recht nicht
einfallen, dies zu tun.
    Tifl war sehr ernst. Er hatte sich im höchsten Grade lobenswert benommen.
War er etwa, wie so mancher Mensch von sich behauptet, aus zwei verschiedenen
Naturen zusammengesetzt? Oder besass er die Eigenheit, sich dem über ihn
genährtem Vorurteile gegenüber anders zu zeigen, als er eigentlich war? Er
kletterte auf einen der nahen Felsen, schaute gen Osten und sagte dann:
    »Sie sind es. Du hast alles gehört, o Kara Ben Hadschi Halef. Sag mir, was
du zu tun gedenkst!«
    »Wir müssen ihnen helfen,« antwortete der Hadeddihn.
    »Ja, das müssen wir!«
    »Wie denkst du dir das? Den Mülazim mit seinen Leuten fürchte ich nicht;
aber am Passe des Couriers steht eine zweite Schar, und da draussen kommt der
Suari juzbaschysy mit der seinigen geritten. Wir haben keine Angst; aber der
feigste Mensch kann, wenn er ein Gewehr besitzt, den tapfersten, der wehrlos
ist, mit seiner Kugel oder Lanze töten; ohne selbst nur die geringste Gefahr zu
laufen. Wir müssen uns also fern von diesen ihren Waffen halten. Was siehest du
jetzt?«
    »Die Pferde der Flüchtlinge sind schlecht. Nicht lange, so werden sie
eingeholt sein.«
    »Sie mögen sie stehen lassen. Wir geben ihnen Barkh und Assil dafür. Wie
gut, dass ich diese mitabe! Ist das dir so recht?«
    »O, wie so recht! Chodeh segne dich, o Kara Ben Hadschi Halef! Es ist die
höchste Zeit!«
    »So komm!«
    Tifl kam vom Felsen herab. Beide stiegen in die Sättel und ritten dann in
die Steppe hinaus. Als die Soldaten dies sahen, erhoben sie zwar ein lautes
Geschrei, konnten aber damit nichts an der Tatsache ändern, dass ein Vorteil,
den man nicht festzuhalten versteht, stets nur zum Nachteil wird. Kara und Tifl
galoppirten.
    Weil sie sich nun nicht mehr am höher liegenden Felsen sondern in gleicher
Ebene mit den sich weit draussen bewegenden Reitern befanden, konnten sie
zunächst von diesen gar nichts sehen. Bald aber tauchte die Linie, auf welcher
diese Bewegung vor sich ging, als Horizont vor ihren Augen auf. Da konnten sie
nun zunächst drei verschiedene Gruppen erkennen; die einzelnen Reiter waren noch
nicht von einander zu unterscheiden. Es gab eine mittlere, kleine und rechts und
links von ihr je eine grössere. Das Verhältnis dieser Gruppen zu einander
veränderte sich nur sehr langsam; dennoch aber war nach und nach immer
deutlicher zu erkennen, dass die innere Gruppe von den beiden äusseren am
seitwärtigen Ausbrechen verhindert und auf den Pass des Hasen zugedrängt wurde.
Kara und Tifl hielten sich jetzt eng neben einander. Sie ritten voran, während
Assil und Barkh ledig hinter ihnen folgten, ohne geführt zu werden. Nun sie
einmal im Gange waren, fiel es diesen edlen Tieren nicht ein, auch nur um einen
Schritt zurückzubleiben. Der schlanke Galopp brachte die beiden Reiter so
schnell vorwärts, dass die erwähnten Gruppen sich schon nach Kurzem vor ihren
Augen in Einzelpersonen aufzulösen begannen. Aber sobald dies geschah, war
allerdings auch zu erkennen, dass die allergrösste Eile nötig sei.
    Die beiden Reiter in der Mitte waren jedenfalls Hafis Aram, der Scheik der
Kalhuran mit seiner Frau. Rechts von ihnen sah man den Oberlieutnant mit seinen
zehn Kavalleristen. Diese konnten die grössere Schnelligkeit entwickeln, weil sie
wohlausgeruhte Pferde hatten. Links kam der Rittmeister mit seinen Leuten,
welche gewiss nicht weniger als zwei Dutzend zählten. Die Verfolger waren den
Verfolgten wohl um das Vierfache näher als Kara und Tifl.
    »Müssen wir die Geheimnisse anwenden?« fragte darum der letztere besorgt.
    »Nein,« antwortete der Hadeddihn. »Das tun wir nur im allerschlimmsten
Falle.«
    »Aber es steht doch schlimm!«
    »Noch nicht!«
    »Man wird sie gleich einholen.«
    »Sie kommen ja grad auf uns zu! Mit jedem Sprunge der Pferde wird es
besser.«
    Kaum hatte er das gesagt, so geschah etwas, was dieses Wörtchen besser Lügen
strafen zu wollen schien. Der Scheik der Kalhuran nämlich hatte bisher
angenommen, dass er es nur mit zwei feindlichen Abteilungen zu tun habe; nun
aber sah er auch noch andere Reiter, die sogar genau von vorn grad auf ihn
zukamen. Er musste auch sie für Gegner halten. Die Entfernung war ja noch so
gross, dass vom Erkennen der Gesichter keine Rede sein konnte. Er glaubte sich
also in der allerhöchsten Not und versuchte, noch Rettung dadurch zu finden, dass
er von der bisherigen Richtung schief nach rechts abwich. Er konnte freilich
hoffen, hierdurch an den neuerschienenen Feinden glücklich vorüberzuschneiden,
gab damit aber dem »Rittmeister« eine bedeutend grössere Chance, ihn einzuholen.
    »Das ist falsch!« rief Tifl erregt aus. »Das sollte er nicht tun!«
    »Er weiss doch nicht, wer wir sind, und dass wir ihn retten wollen!«
antwortete Kara. »Giebt es denn nicht vielleicht ein Zeichen, welches er kennt?«
    »Nein!«
    Aber schon nach einigen Augenblicken hatte er sich auf etwas besonnen. Er
fügte hinzu:
    »Doch, aber doch! Ich habe einen Gedanken. Ich werde einen Raum zwischen dir
und mir lassen. Hoffentlich sieht er dann, dass hier die Stute unseres Ustad
läuft. Und meine Mütze, die ich so oft vor ihm vom Kopf genommen habe! Ich zeige
sie ihm. Wenn er scharfe Augen hat, so erkennt er mich an ihr!«
    Er liess zwischen sich und Kara so viel Abstand entstehen, dass die »Sahm« von
Karas Pferden abgesondert zu sehen war. Dann richtete er seine lange, schmale
Figur möglichst hoch empor, nahm die Mütze vom Kopfe und schwang sie in so
auffälliger Weise über sich, dass der Scheik der Kalhuraa ganz besonders auf ihn
aufmerksam werden musste. Zur grossen Freude des »Kindes« liess der Erfolg der
gegebenen Winke auch gar nicht lange auf sich warten; Hafis Aram lenkte wieder
in die vorherige Richtung ein, und man sah trotz der noch grossen Entfernung
deutlich, dass er den Arm in die Höhe hob, um Antwort zu geben.
    Ganz natürlich hatten aber seine Verfolger dieselbe Beobachtung wie er
gemacht. Zwar wusste der »Rittmeister« nichts über Kara und Tifl; aber dafür
musste es dem »Oberleutnant« um so klarer sein, dass und durch wen den
Flüchtlingen jetzt diese Hilfe kam. Es war zu sehen, dass er seine Leute antrieb,
ihre Eile zu vergrössern.
    »Er hat mich verstanden!« jubelte Tifl. »Aber, schau, was ist's mit seinen
Pferden?«
    Diese Frage war sehr gerechtfertigt, denn die Schnelligkeit der Verfolgten
begann jetzt plötzlich, sich zu vermindern. Ihre Pferde konnten nicht mehr
weiter. Sie fielen aus der bisherigen Karriere zunächst in einen kurzen,
stossweise noch erzwungenen Galopp; dann hielt mitten in demselben das eine an,
tat noch einige wankende Schritte vorwärts und brach hierauf, vollständig
erschöpft, zusammen. Es war dasjenige, welches die Frau des Scheiks ritt. Sie
besass Gewandteit genug, während des Sturzes abzuspringen, so dass sie nicht mit
zu Falle kam. Sie liess das Tier liegen und lief, so schnell sie konnte, weiter.
Da stand auch das andere still, Hafis Aram glitt aus dem Sattel, fasste sein
Weib, als es ihn erreichte, bei der Hand und zog es in eiligstem Laufe mit sich
fort.
    Während dies geschah, hatte sich der Abstand zwischen den verschiedenen
Parteien so verringert, dass Kara und Tifl das jubelnde Geschrei der Verfolger
hören konnten. Der erstere mass mit scharfem Auge die verschiedenen Abstände; der
letztere besass diese ruhige Kaltblütigkeit nicht.
    »Das Geheimnis, das Geheimnis!« rief er aus. »Wir kommen sonst zu spät!«
    »Nein,« entgegnete Kara. »Vielleicht nachher, doch nicht jetzt! Wir kommen
grad zur letzten, rechten Zeit!«
    Er hatte ganz richtig geschätzt. Der »Oberleutnant« ritt von allen seinen
Leuten das beste Pferd und befand sich infolgedessen dem Scheik am
allernächsten. Seine Untergebenen waren wohl noch an die hundert Pferdelängen
hinter ihm. Man hörte seine drohend brüllende Stimme. Dreihundert Längen
jenseits, links von ihm, kam der »Rittmeister« herangestürmt. Da fragte Tifl,
natürlich mitten im Jagen:
    »Werden Assil und Barkh sich nicht weigern, den Scheik und seine Frau zu
tragen?«
    »Nein,« antwortete Kara. »Ich sage ihnen ein Wort; das genügt. Ich befürchte
nichts. Nur der Oberleutnant kann uns stören.«
    »Kümmere dich nur um die zu Rettenden, damit sie nicht zögern, aufzusitzen;
ihn aber überlass mir!«
    »Getraust du dich an ihn?«
    Da lachte »das Kind« laut auf und sagte:
    »Getrauen? Hast du mich für feig gehalten? Pass auf! Gleich sind wir da.«
    In diesem Augenblick blieben die Flüchtlinge stehen; sie waren ausser Atem.
Aber sie erkannten Tifl, sahen zwei ledige Pferde und sandten den Rettern
freudige Rufe entgegen. Diese sausten heran. Kara zügelte seinen Ghalib und
hielt mit ihm und den beiden Rappen vor Hafis Aram an.
    »Steigt schnell auf!« sagte er, indem er absprang, um die Hengste zu halten.
    »Das ist edles Blut!« sagte der Scheik. »Werfen sie uns nicht ab?«
    »Nein. Nur schnell hinauf! Ich halte sie!«
    Es geschah das viel schneller, als man erzählen kann. Hafis Aram hob erst
seine Frau empor und schwang dann sich selbst hinauf. dabei entging ihnen das
Zeichen, welches Kara den beiden Pferden gab. Sie wussten nun, dass sie zu
gehorchen hatten.
    Indessen war Tifl eine kleine Strecke weitergeritten, dem »Oberleutnant«
entgegen. Da holte er nach rechts aus, liess seine »Sahm« einen kurzen Bogen
gehen, der ihn im Zurückkehren wieder herüber und an die Seite des Offiziers
führte, welcher Kara wütend zubrüllte, sich nicht an den Flüchtlingen zu
vergreifen. Er achtete nur auf diese, nicht auf Tifl, der bald so eng neben ihm
ritt, dass die beiden Pferde sich berührten. Nun erst nahm er Notiz von ihm.
    »Was willst du, Hund? Fort mit dir!« schrie er ihn an. »Fort, fort!« dabei
erhob er die Faust, um nach Tifl zu schlagen.
    »Nein, nicht fort!« antwortete dieser. »Ich mache dir meinen Besuch.«
    Er hob den einen Fluss auf den Rücken der Stute und schnellte sich von ihr zu
dem Offizier hinüber, so dass er hinter diesem zu sitzen kam. Dann schlang er die
langen Arme um ihn, legte die Beine fest an den Leib des Pferdes und rief aus:
    »Ich tue dir nichts. Ich will nur sehen, wie es mit eurem Atem steht. Pass
auf!«
    Er drückte den Soldaten so an sich, dass diesem die Luft verging, und presste
die Weichen des Pferdes in der Weise zusammen, dass es im Galopp unterbrochen und
nach wenigen langsameren Schritten gezwungen wurde, stillzustehen. Es hielt
gerade da an, wo der Scheik soeben mit seinem Weibe auf die Rappen gestiegen
war. Da sah man den »Rittmeister« gejagt kommen, in jeder Hand eine gespannte
Pistole haltend.
    »Fort! Schnell!« gebot Kara. »Er schiesst; wir aber haben keine Waffen.«
    Er galoppierte mit den beiden Geretteten davon, in der Richtung zurück, aus
welcher er gekommen war. Tifl liess sein nach Atem schnappendes Opfer los, sprang
herab und hinüber zur »Sahm«, welche ganz in der Nähe stehen geblieben war. Er
schwang sich auf. »Halt! Bleib!« schrie der nun nahegekommene »Rittmeister«.
»Ich fange dich!«
    »Tue das!« antwortete der Angerufene.
    »Ich schiesse!«
    »Das kannst du, aber treffen nicht!«
    Um so wenig wie möglich Ziel zu bieten, bog er den Oberkörper tief an den
Hals des Pferdes herab, welchem er mit einem Schnalzen der Zunge das Zeichen zum
schnellsten Laufe gab. Es gehorchte. Da krachten hinter ihm zwei Schüsse, aber
keiner von ihnen traf. Die Kavalleristen, welche ihre Offiziere nun einholten,
schickten ein vielstimmiges Geschrei hinter ihm her.
    »Das hätte meine gute Pekala sehen sollen!« lachte er in sich hinein. »Wie
würde sie sich freuen!«
    Nun keine Kugel mehr zu fürchten war, richtete er sich wieder auf. Er fühlte
sich sicher, wenigstens für jetzt, denn von den Soldatenpferden eingeholt zu
werden, davon konnte ja nicht die Rede sein.
    Nach einiger Zeit schaute Kara sich um. Er sah, dass die beiden
Kavalleristengruppen beisammenhielten. Ihre Offiziere schienen sich zu beraten.
Da parierte auch er seinen Ghalib, um Tifl vollends herankommen zu lassen. Der
Scheik hatte bis jetzt nichts weiter als vorhin seine ersten Worte gesagt. Er
wollte jetzt sprechen, wahrscheinlich von seiner Dankbarkeit. Da aber sagte der
junge Hadeddihn zu ihm:
    »Jetzt keine Worte, o Scheik der Kalhuran! Wir haben uns zunächst zu - -«
    »Wie? Du kennst mich?« unterbrach ihn dieser doch.
    »Ja.«
    »Sag, wer du bist! Ich kenne dich nicht.«
    »Ich bin Kara Ben Hadschi Halef Omar, ein Hadeddihn vom Stamme der
Schammar.«
    »Hadschi Halef Omar? Ist dieser dein Vater Hadschi Halef Omar etwa der
Scheik eures Stammes?«
    »Ja.«
    »Maschallah, und doch auch nicht Maschallah! Es ist ein Wunder, aber dennoch
keines! Ein Wunder Allahs ist es, dass wir errettet worden sind, grad als die
Gefahr für uns am grössten war. Und wiederum ist diese Rettung kein Wunder zu
nennen, weil sie durch den Sohn eines Mannes geschah, dessen Leben aus einer
ununterbrochenen Reihe solcher Ereignisse besteht. Du scheinst der Erbe seiner
Taten zu sein!«
    Jetzt war Tifl herangekommen. Auch er schaute sich um. Als er sah, dass die
Soldaten halten geblieben waren, sagte er zu dem Scheik:
    »Frage jetzt nicht. Wir haben keine Zeit. Wir wissen, was geschehen ist.
Deine Feinde haben es uns erzählt. Auch wir müssen beraten. Lasst uns aber dabei
weiterreiten!«
    Als sie ihre Pferde wieder in Bewegung gesetzt hatten, ergriff der Scheik
abermals das Wort:
    »Ich will also von dem Vergangenen noch schweigen; aber über das, was vor
uns liegt, darf ich doch sprechen. Reiten wir durch den Pass des Hasen?«
    »Nein,« antwortete Kara.
    »Warum nicht?«
    »Weil dort zehn bewaffnete Soldaten stehen. Der grösste Mut ist ohnmächtig,
wenn er keine Waffen hat.«
    »So müssen wir nach dem Passe des Couriers hinüber.«
    »Der ist mit noch mehr Leuten besetzt.«
    »Wisst ihr das genau?«
    »Ja.«
    »So bleibt uns nur der Versuch, nach rechts oder links durchzubrechen. Ich
habe das schon versucht, doch meine Pferde hielten es nicht aus.«
    »Mit diesen hier wird es vielleicht gelingen,« meinte Kara.
    »Nein,« sagte Tifl.
    »Warum nicht?«
    »Sieh hinter dich!«
    Als Kara dieser Aufforderung folgte und sich umschaute, sah er, dass die
Perser einen Entschluss gefasst hatten. Sie unterliessen es, den Flüchtlingen zu
folgen. Sie hatten sich wieder in zwei Abteilungen getrennt, welche in Galopp
die Richtung nach den beiden Pässen einschlugen.
    »Sie trachten darnach, uns die beiden einzigen Wege zu den Dschamikun zu
verlegen,« sagte der Scheik.
    »Aber sie werden uns dabei nicht aus den Augen lassen,« fügte Kara hinzu.
»Wollen wir nach rechts oder links, so sind sie gewiss schnell da. Ich möchte
ihre Kugeln mehr wegen unserer Pferde als wegen uns selbst vermeiden. Soll ich
daheim die Schande erleben, erzählen zu müssen, dass so edles, unersetzliches
Blut durch das Blei solcher Leute zu Grunde gehen musste?«
    »So weiss ich keinen Rat!«
    »Aber ich!« erklärte Tifl.
    »Welchen?«
    »Wir können zwischen den Pässen hinüberkommen.«
    »Hamdulillah!« rief da der Scheik erfreut aus. »Giebt es denn noch einen
Weg?«
    »Einen Weg nicht, aber doch die Möglichkeit, die andere Seite zu erreichen,
ohne dass man zu klettern braucht. Niemand ist so oft in diesen Bergen gewesen
wie ich. Ich suchte da nach heilsamen Kräutern für den Pedehr.«
    »So suchen wir diese Richtung auf!«
    »Aber wir können da nicht reiten, sondern wir müssen gehen. Niemand darf von
einem Pferde mehr fordern, als es leisten kann.«
    »So steigen wir ab, sobald es nötig ist!«
    »Also kommt!«
    Tifl wollte bei diesen Worten seine Stute antreiben, doch forderte Kara ihn
auf:
    »Halt, noch nicht so schnell! Sag uns erst, wie lange es dauert, bis wir die
Höhen hinter uns haben werden!«
    »Das Kind« sah nach dem Stande der Sonne und antwortete sodann:
    »Wir werden noch vor der Dämmerung die jenseitige Ebene erreichen.«
    »Aber wahrscheinlich nicht wir allein.«
    »Wer noch?« fragte der Scheik.
    »Das Militär.«
    »Du denkst, dass man hinter uns hersteigen werde?«
    »Auch das ist möglich, doch meinte ich etwas Anderes. Die Soldaten
beobachten uns. Wenn sie sehen, dass wir versuchen, hier in gerader Richtung über
die Höhen zu kommen, werden sie schnell zu beiden Seiten durch die Pässe reiten,
um uns drüben zu empfangen. Dann bleibt uns weiter nichts übrig, als in die
Felsen zurückzukehren. Dann aber ist es Nacht geworden; wir müssen im Gebirge
bleiben und uns früh am Morgen von neuem jagen lassen.«
    »Da aber käme uns Hilfe von Pedehr.«
    »Meinst du?«
    »Ja. Denn da ich dich in Tifls Begleitung sehe, so vermute ich, dass du jetzt
Gast der Dschamikun bist.«
    »Das ist allerdings der Fall.«
    »So kannst du dich auf die von mir vermutete Hilfe fest verlassen. Weiss man,
wohin ihr geritten seid?«
    »Nicht genau. Aber man hat gesehen, in welcher Richtung wir uns entfernten.«
    »Das ist genug. Wenn ihr nicht nach Hause kommt, wird man euch suchen.«
    »Man wird nicht suchen!« fiel Tifl ein.
    »Doch!« behauptete der Scheik.
    »Nein!« lächelte das Kind.
    »Warum nicht?«
    »Weil wir zur rechten Zeit nach Hause kommen werden.«
    »Bist du überzeugt davon?«
    »Ja.«
    »So schwöre!«
    Das klang im höchsten Grade ernst. Genau so, als ob es sich um Tod oder
Leben handle. Darum schaute Kara den Scheik überrascht an. Dieser aber sah
nichts weniger als ernst, sondern jetzt sogar ganz heiter aus.
    »Du wunderst dich über mich?« fragte er. »Ich sehe, dass du unsern Tifl noch
nicht kennst. Er hat gar manches Geheimnis unter seiner alten Mütze stecken.
Also, Tifl, willst du das, was du sagtest, beschwören?«
    »Nein,« antwortete der Gefragte.
    »Warum nicht?«
    »Weil ich niemals schwöre: Mein guter Ustad sagt, dass es Sünde sei. Es ist
also verboten!«
    Er sagte das so treuherzig bestimmt, so rührend überzeugt, so kindlich
gehorsam, dass der neben ihm reitende Kara ihm die Hand hinstreckte und
beistimmend zu ihm sagte:
    »Ja, es ist verboten! Auch bei uns, den Hadeddihn. Mein Vater weiss von Kara
Ben Nemsi, dass jeder Schwur eine Sünde an Allahs Namen ist.«
    »Aber eine Beteuerung ist erlaubt?« fragte der Scheik, indem er schalkhaft
zu Tifl hinüberlächelte.
    »Ja,« nickte dieser.
    »Nun, so beteuere es!«
    Da nahm Tifl mitten im Reiten und zwar mit einer Bewegung, als ob er
Jemandem eine Ehre zu erweisen habe, die zackige Mütze vom Kopfe und sagte,
indem er den Blick des Scheiks mit heiterem Einverständnisse zurückgab:
    »Wir werden zur rechten Zeit nach Hause kommen. Das versichere ich im Namen
meiner guten Pekala, die, bis wir eintreffen, mit ihrer Kerbelsuppe auf uns
warten wird. Beeilen wir uns also jetzt!«
    »Aber wie willst du das anfangen?« fragte Kara.
    Er erhielt keine Antwort, denn »das Kind« hatte sein Pferd schon bei den
letzten Worten zum vollen Laufe angetrieben und flog so schnell voran, dass man
ihm schleunigst folgen musste. Der Hadeddihn konnte sich den Vorgang nicht ganz
erklären; er sah darum den Scheik fragend an.
    »Du bist erst kurze Zeit bei dem Dschamiku?« erkundigte sich dieser.
    »Ganz kurze.«
    »So kannst du dieses Kind allerdings noch nicht begreifen. Es steckt ein
ganzer, seltener Mann in ihm, der aber daheim verborgen bleibt und nur zum
Vorschein kommt, wenn Tifl zu Pferde sitzt. Dieser Mann ist nicht nur tapfer,
sondern auch so klug, so ungewöhnlich klug, dass man sich ihm unbedingt
anvertrauen darf. Und wenn er gar irgend etwas im Namen seiner geliebten Pekala
verspricht, so weiss er, was und warum er es sagt, und es gibt für jeden, der
ihn kennt, keinen Zweifel, dass es in Erfüllung gehen wird.«
    »Also auch das jetzige Versprechen?«
    »Ganz gewiss!«
    »Aber wie? - Das ist mir rätselhaft.«
    »Frage ihn nicht! Er würde es doch nicht sagen. Wenn er sich so verhält, wie
eben jetzt, liebt er es nicht, ausgefragt zu werden. Er hat einen Gedanken, den
er für gut hält, und wird ihn in der Weise ausführen, dass wir zufrieden sein
können. Folgen wir ihm also, ohne in ihn zu dringen! Das gute Kind ist so
unendlich glücklich, wenn man ihm vertraut!«
    Die vier Pferde flogen jetzt nur so über die Steppe dahin. Die Frau des
Scheik sass fest; sie ritt so sicher wie ein Mann, Tifl schaute sich nicht um;
aber man sah, dass er nach rechts und links die Perser beobachtete. Der Anführer
derselben schien ein umsichtiger Mann zu sein, der seine Bestimmungen für
verschiedene Möglichkeiten vorausgetroffen hatte. Denn jetzt, da es sicher war,
dass die Flüchtigen grad über den Bergeszug wollten, trennten sich von seinen
beiden Abteilungen Leute, welche von hüben und drüben her ganz dieselbe Richtung
einschlugen und jedenfalls den Befehl hatten, den Scheik und seine Retter durch
die Felsen zu verfolgen.
    »Das war es, was du befürchtetest,« sagte Kara zu dem Scheik.
    »Vorhin, aber jetzt nicht mehr!« antwortete dieser.
    »War es vorhin bedenklicher als jetzt?«
    »Nein; aber inzwischen hat uns Tifl sein Versprechen gegeben, und er wird es
halten.«
    »Aber bedenke den Unterschied! Hier auf ebenem Boden sind wir im Vorteile,
weil wir bessere Pferde haben. Da oben aber werden die Soldatengäule den
meinigen im Klettern überlegen sein. Wenn man uns nach oben folgt, wird man uns
wahrscheinlich einholen.«
    »Mag es geschehen!«
    »Aber dann, was tun?«
    »Ich frage nicht, Tifl weiss, was er will!«
    Nun war der Fuss der Höhen erreicht. Es gab da eine zunächst sanft
ansteigende, schuttartige Halde, vor welcher der spinnenmützige Führer nicht vom
Pferde stieg. Er ritt hinauf; die andern folgten. Die Hufspuren waren in dieser
Art von Boden mehr als deutlich zu erkennen. Als man oben angekommen war,
deutete Tifl auf diese Fährte und sagte:
    »Hier habe ich ihnen gesagt, wohin wir wollen. Sie werden uns folgen, weil
sie es glauben.«
    »Wie meinst du das?« fragte Kara. »Sollten sie es vielleicht nicht glauben?«
    »Nein.«
    »Warum nicht?«
    »Weil ... weil ...«
    Er brach mitten in der Antwort ab. Seine Brauen zogen sich zusammen; seine
kindlichen Züge wurden um Jahre älter; sie nahmen einen ernsten, ja abweisenden
Ausdruck an.
    »Bist du hier daheim, oh Kara Ben Hadschi Halef?« fragte er.
    »Nein.«
    »Aber ich kenne diese Gegend. Wären wir bei den Hadeddihn, so folgte ich
dir. Wir befinden uns aber bei den Dschamikun. So folge mir!«
    Er sprang vom Pferde und ging weiter, die Stute hinter ihm. Die andern
stiegen auch ab und schritten hinter ihm her, wobei der Scheik und seine Frau
die Rappen an den Zügeln führten, weil sie ihnen als Fremden wohl nicht so
unbedingt und willig gefolgt wären, wie es nötig war. Es ging eine ziemlich
steile Felsenlehne hinauf. Hier und da stand ein Busch, irgend ein Gestrüpp,
Tifl brach da immer Zweige ab, die er fallen liess, um die Verfolger hinter sich
herzulocken. Man konnte sie nicht sehen, weil hohes Gestein dazwischen lag. Dann
aber kam eine vortretende Stelle. Als die Vier auf sie heraustraten, sahen sie
die Soldaten tief unter sich, welche, ihre Pferde auch führend, den Berg
heraufgestiegen kamen. Einer von ihnen schaute zufällig empor und sah die hoch
oben Stehenden. Er machte seine Kameraden auf sie aufmerksam, worauf sie mit den
geballten Fäusten drohten und zornige Rufe heraufsandten.
    »Sie kommen wirklich!« sagte der Scheik. »Nun bin ich neugierig, was
geschehen wird.«
    »Das geschieht!« antwortete Tifl.
    Er deutete nach rechts und links, wo weit draussen die übrigen Perser zu
sehen waren, welche in grösster Eile auf die Pässe zujagten. Hafis Aram sprach:
    »Sie reiten hinüber, um uns jenseits zu empfangen, und diese hier jagen uns
vorwärts. Wenn wir doch Waffen hätten! Ich fand nicht Zeit, die meinigen zu
holen. Es musste alles nur darauf gerichtet sein, so schnell wie möglich aus dem
Duar zu verschwinden.«
    »Wir brauchen keine Waffen - kommt!«
    Mit diesen Worten wendete Tifl sich zum Berge zurück, um die Flucht
fortzusetzen. Sie führte in ein Gewirr von Felsen hinein, durch welches der
Kurde sonderbarer Weise nicht die gerade Richtung nahm. Er wich vielmehr bald
nach dieser und bald nach jener Seite von ihr ab, so dass der zurückgelegte Weg
beinahe einen Kreis bildete, auf welchem man fast wieder zurück zum ersten
Punkte kam. Hier ging es zwischen zwei eng zusammenstehenden Felsen hinein,
welche eine schmale, oben offene, sich abwärts senkende Höhle bildeten. Das war
ein sehr beschwerlicher Weg, welcher nur höchst langsam zurückgelegt werden
konnte. Warum Tifl gerade diesen Teil des Berges wählte, das war den Andern
unerfindlich; sie sagten aber nichts.
    Als man wieder in das Freie kam, befand man sich an einer Felsenwand, welche
senkrecht nach oben stieg. »Das Kind« blieb lauschend stehen und gab mit der
Hand zum Munde das Zeichen, zu schweigen. Da oben erklangen jetzt Stimmen.
    »Wer ist das?« fragte leise der Scheik.
    »Die Perser sind es,« lächelte Tifl, indem er ebenso leise antwortete.
    »Also über uns?«
    »Ja.«
    »Maschallah!«
    »Das ist der Vorsprung, auf dem wir vorhin standen, als wir sie kommen
sahen. Wartet noch!«
    Als es nach kurzer Zeit oben still geworden war, winkte der Kurde, ihm
weiter zu folgen. Nach einiger Zeit sahen die andern zu ihrem Erstaunen, dass sie
sich oberhalb der früher genannten Felsenlehne befanden, welche sie
heraufgekommen waren. Sie trafen auf ihre eigene Fährte, die inzwischen durch
die Spuren der Verfolger verstärkt worden war.
    »Nun suchen sie da oben nach uns!« lachte Tifl. »Wir gehen wieder hinunter.
Aber nicht hier, sondern dort, wo man auf dem festen Steine keine Eindrücke
machen kann.«
    Er deutete vorwärts, nach einer Stelle, wo das kompakte Gestein jenseits des
weicheren Bodens hart zu Tage trat. Es senkte sich allmählich bis fast an den
Rand der Steppe nieder. Die Pferde rutschten mehr als sie stiegen hinunter, wo
man nur noch ein schmales Randgebüsch zu durchbrechen hatte. Jenseits desselben
wieder auf der Ebene angekommen, wollte Tifl sich auf sein Pferd schwingen; da
ergriff Kara ihn am Arm, sah ihm mit fast bewunderndem Ausdruck in das Gesicht
und fragte:
    »Tifl, sag, wo hast du das her?«
    »Ich? - Was?« lautete die ruhige Antwort.
    »Diese Klugheit, diese Umsicht.«
    »Du meinst, dass ich klug gewesen sei?« erkundigte sich der Kurde, indem er
das allerkindlichste seiner Gesichter zeigte.
    »Ja, ausserordentlich klug! Jetzt erst begreife ich dich. Sag: du hast gar
nicht über die Berge hinüber gewollt?«
    »Nein.«
    »Sondern nur so getan, um die Perser zu betrügen?«
    
    »Ja.«
    »Du wolltest sie veranlassen, durch die beiden Pässe nach der andern Seite
der Höhe zu eilen?«
    »Ja.«
    »Damit wir hier freien Weg bekämen?«
    »So ist es.«
    »Aber was nun? Denkst du, dass wir jetzt über die Seitenberge reiten, von
denen der Scheik wieder zurückgetrieben worden ist?«
    »Nein, das haben wir nicht nötig.«
    »Aber was ist denn deine Absicht?«
    »Wir reiten ganz einfach durch den Pass der Hasen, durch welchen wir gekommen
sind, wieder nach Hause.«
    »Aber da treffen wir doch wieder auf die Perser!«
    »Wo?«
    »Nun, doch entweder noch im Passe selbst oder erst am Ende desselben.«
    »O nein. Wenn du das von ihnen glaubst, so hältst du sie für unbeholfen. Du
hast aber doch gesehen, wie umsichtig ihr Anführer sich alles überlegt hat.
Denke dir grad in der Mitte zwischen den beiden Pässen eine Linie über das
Gebirge. Er glaubt, dass wir dieser Linie folgen und also auch jenseits auf der
Mitte zwischen ihnen eintreffen. Wird er da seine Leute dort bei den Pässen auf
uns warten lassen?«
    »Allerdings nicht,« gestand Kara ein.
    »Sondern wo?«
    »Eben in der Mitte.«
    »Die Pässe werden also für uns frei. Es ist folglich sehr wahrscheinlich,
dass wir heimreiten können, ohne von den Persern überhaupt gesehen zu werden.«
    »Ausser, wenn er in den Pässen Wachen zurücklässt.«
    »Vielleicht tut er das, vielleicht auch nicht.«
    »Und wenn er es tut, was dann?«
    »Es käme darauf an, wie stark diese Wache ist, ob wir uns ihrer mit List
erwehren können, oder ob wir Gewalt anwenden dürfen, ohne vor ihren Waffen
besorgt sein zu müssen. Jetzt suchen uns die Soldaten da oben auf der Höhe; wir
aber reiten nach dem Hasenpass.«
    Man stieg zu Pferde. Der Scheik der Kalhuran tat dies langsam und mit so
vorsichtigen Bewegungen, als ob er sich dabei zu verletzen befürchte. Seine
Frau, welche bisher kein Wort gesagt, sich aber ausserordentlich wacker gehalten
hatte, beobachtete ihn dabei mit liebevoll mitfühlenden Blicken. Während des
Weiterrittes war er sehr still. Zuweilen biss er die Zähne zusammen. Kara,
welcher das alles sah, dachte an die Erzählung des »Oberleutnants« und was im
Zelte des Muhassil mit Hafis Aram geschehen war.
    »Hast du Schmerzen?« fragte er ihn teilnehmend.
    Der Scheik zögerte mit der Antwort. Da aber liess die Frau um erstenmal ihre
Stimme hören:
    »Sagtet ihr nicht, ihr wüsstet, was sich in unserm Duar ereignet hat?«
    »Ja. Der Offizier hat es uns erzählt.«
    »Und da fragst du, ob Hafis Aram Schmerzen leide? Ich sage dir, er ist ein
Held, den ich nicht genug bewundern kann! Du hast gehört, wie scheinbar ohne
Qual er sprach. Du hast ihn sogar heiter lächeln sehen. Und doch ist er am Leibe
so blutig wund, dass es mich grauste, als er mir meine Bitte erfüllte, es mir zu
zeigen. Man hat ihn geschlagen wie einen Hund. Man ist mit ihm -«
    Er unterbrach sie mit einer Handbewegung.
    »Darf ich, dein Weib, welches dich so innig liebt, dir nicht mein Mitleid
zeigen?« fragte sie.
    »Mitleid?« antwortete er. »Ist es eine Ehre für einen Mann, bemitleidet zu
werden?«
    »Aber ich weiss, was für entsetzliche Schmerzen du so still zu tragen und zu
beherrschen hast!«
    »Du fühlst sie mit mir, weil du mich liebst, und dafür danke ich dir. Doch
dass ein Mann, der Scheik eines Stammes, Schläge bekommen habe, das darf er in
Gegenwart anderer selbst nicht aus dem Munde seines Weibes hören. Ich bitte dich
also, jetzt nicht mehr davon zu sprechen.«
    Er reichte ihr seine Hand hinüber. Sie zog sie an ihre Lippen und küsste sie.
Es lag ein so inniges und doch zugleich so stolzes Erbarmen in den Augen, die
sie kaum von ihm lassen konnte. Und sie war keine Europäerin, sondern sie
gehörte einem Volke an, welches man als »halb wild« zu bezeichnen pflegt! Er
aber gab sich nun doppelte Mühe, ihr keine Spur der Schmerzen, welche er als
Mann und Krieger zu verheimlichen hatte, mehr sehen zu lassen.
    Man kam durch den Pass, ohne von etwas Erwähnenswertem gestört zu werden. Als
man sich dem Ausgange desselben näherte, stieg Kara vom Pferde und reichte dem
»Kinde« die Zügel, es zu führen.
    »Warum?« fragte Tifl.
    »Ich will leise vorausgehen.«
    »Du denkst, dass sich Wächter da vorn befinden?«
    »Hast du das nicht selbst für möglich gehalten? Kommt langsam nach! Ist
niemand da, so haben wir nichts als nur eine kurze Zeit verloren. Wird der Pass
aber bewacht, dann könnte uns ein unvorsichtiges Vorwärtsreiten teuer zu stehen
kommen.«
    Er ging voran. Die andern hielten sich so weit hinter ihm, dass er den
Hufschlag ihrer Pferde nicht hören konnte. Der Weg machte einige Windungen,
welche verhinderten, ihm mit den Augen zu folgen. Als man an der zweiten
Krümmung vorübergekommen war, sah man ihn an der dritten stehen. Er deutete
warnend nach vorwärts und winkte mit der Hand, zu ihm zu kommen.
    »Hast du jemand gesehen?« fragte der Scheik, als er ihn erreichte.
    »Ja. Es sind fünf Soldaten hier.«
    »Im Sattel?«
    »Nein. Sie sitzen mitten auf dem Wege an der Erde, und ihre Pferde raufen
zur Seite am Gestrüpp herum.«
    »Ich will sie betrachten,« sagte Tifl.
    Er stieg ab und schlich sich vorsichtig bis zur Krümmung hin. Indem er den
Kopf nur bis zu den Augen vorstreckte, sah er, wer sich jenseits derselben
befand. Dann kam er zurück. Er machte eine beruhigende Handbewegung und sprach:
    »Sie sind ganz ahnungslos und also ungefährlich. Wir reiten über sie hinweg.
Das wird sie so erschrecken, dass wir schon fern von ihnen sind, ehe sie an ihre
Waffen denken können. Darf ich voran?«
    »Ja,« nickte der Scheik. »Wir folgen sofort hinter dir her.«
    Tifl schwang sich wieder auf. Dann schoss er auf seiner Stute hinter der
Krümmung hervor, grad auf die Perser zu und in einem Bogen über sie hinweg. Sie
schrien laut auf und wollten aufspringen, warfen sich aber, als sie noch die
drei andern kommen sahen, statt dessen schnell glatt auf den Boden nieder. So
kam es, dass sie von den Hufen der über sie hinwegspringenden Pferde nicht
berührt wurden. Diese letzteren jagten noch eine ganze Strecke weiter und wurden
erst dann, als man sich sicher fühlte, zu langsamerem Gange gezügelt. Nun
schaute sich Kara nach den Wachen um. Sie hatten sich von ihrer Ueberraschung
erholt, kamen aber nicht etwa hinterdrein, sondern sie galoppierten, den Pass
verlassend, in nördlicher Richtung längs des Höhenzuges dahin.
    »Sie wollen melden, dass wir entkommen sind,« sagte der Scheik.
    »Ja, entkommen!« fügte seine Frau hinzu, indem sie tief und erleichtert Atem
holte. »Chodeh sei Dank! Erst jetzt können wir in Wahrheit sagen, dass wir
gerettet sind. O Tifl, Tifl, wie danke ich dir!«
    Da zeigte »das Kind« die allerverlegenste seiner Mienen und antwortete, auf
den Hadeddihn deutend:
    »Nicht mir gebührt der Dank, sondern diesem klugen Kara Ben Hadschi Halef
Omar. Hätte er nicht zwei ledige Pferde mitgenommen, so wäre es uns unmöglich
gewesen, euch zwischen den Reitern herauszuholen.«
    Da reichte der Scheik Kara seine Hand und sprach:
    »Verzeihe mir, dass ich jetzt keine lange Rede des Dankes halte. Ich bin sehr
müd und möchte bald verbunden werden. Ich werde dich und diese drei herrlichen
Tiere, so lange ich lebe, nicht vergessen. Nur mit solchen Pferden konnten wir
gerettet werden! Dein Dunkelbrauner ist köstlich. Wem aber gehören die beiden
andern?«
    Da kam Tifl dem Hadeddihn, welcher antworten wollte, schnell zuvor:
    »Versuche, es zu erraten, o Scheik der Kalhuran.«
    »Sollten diese Rappen zu dem Braunen gehören?« fragte dieser.
    »Weiter!«
    »Es gab einen schwarzen Hengst der Hadeddihn, der von keinem andern Pferde
jemals besiegt worden ist. Er hiess Rih und wurde von Kara Ben Nemsi geritten, so
oft dieser bei Hadschi Halef Omar war.«
    »So schau den Rappen an, auf welchem die Gebieterin deines Zeltes sitzt! Er
heisst Assil Ben Rih.«
    »So ist er Rihs Sohn? Maschallah! Und der andere Hengst? Der mich jetzt
trägt?«
    »Sein Name ist Barckh. Er hat den berühmten Scheik der Hadeddihn zu uns
gebracht.«
    »Was höre ich! Haschi Halef Omar ist bei euch?«
    »Ja.«
    »Aber zwei Rappen! Wer reitet den andern?«
    »Denke nach!«
    »Sollte - - sollte Kara Ben Nemsi wieder einmal bei seinem Freunde sein?«
    »Ja, auch er ist da. Und noch jemand ist da! Du wirst sie alle sehen. Wir
wollen nicht hier erzählen, denn wir müssen uns nur beeilen, wenn wir heimkommen
wollen, bevor es ganz dunkel wird.«
    Es ging zunächst in nicht zu schnellem Gange über die tiefsandige Ebene
hinüber. Hierbei verstand es sich ganz von selbst, dass zuweilen ein Blick
zurückgeworfen wurde. Da waren nach verhältnismässig kurzer Zeit die
Kavalleristen zu sehen, welche von den Posten am Passe benachrichtigt worden
waren. Sie kamen hinterher. Kara behauptete das; der Scheik aber wollte es nicht
glauben. So blieb man also für einige Augenblicke halten, um sie zu beobachten.
    »Es ist ja ganz unmöglich, dass sie auf den Gedanken gekommen sind, uns noch
weiter zu verfolgen!« liess sich Hafis Aram hören.
    »Sie müssen doch eingesehen haben, dass sie uns auf ihren Gäulen nicht
einholen können!« fügte Kara hinzu.
    »Es ist nicht bloss das. Aber sie dürfen sich doch nicht auf das Gebiet der
Dschamikun wagen!«
    »Ist ihnen das verboten?«
    »Ja. Der Ustad hat vom Schah-in-Schah das Recht erwirkt, kein bewaffnetes
Militär bei sich zu dulden. Diese Soldaten befinden sich aber nicht bloss schon
auf seinem Gebiete, sondern ich sehe es nun allerdings auch ganz deutlich, dass
sie hinter uns dreingeritten kommen. Sind sie etwa so verwegen, uns bis zu den
Wohnungen der Dschamikun zu verfolgen? Fast scheint es so!«
    »So ist also der Ustad hier alleiniger Herr?«
    »Er gehorcht nur dem Beherrscher selbst. Das steht auf einem Pergament
geschrieben und wurde von dem Schah-in-Schah eigenhändig unterzeichnet und
besiegelt. Ich bin zwar seit heut der Blutrache verfallen, weil ich den Muhassil
erschossen habe; aber auf das Gebiet der Dschamikun darf mir kein Rächer folgen.
Hier gibt es ewigen Frieden, der höchstens einmal von den Verachteten und
Ausgestossenen gebrochen werden kann, die keinem Gesetze gehorchen. Wenn diese
Soldaten uns folgen, ohne dort an den Bergen ihre Waffen abgelegt zu haben, hat
der Ustad das Recht, sie alle, vom ersten bis zum letzten niederschliessen zu
lassen! Tifl, sag, was meinst du dazu?«
    »Ich werde es gleich beim ersten Hause melden, damit in der kürzesten Zeit
es alle wissen,« antwortete der Genannte. »So lasst uns also eilen! Vorher aber
sollst du mir sagen, o Scheik der Kalhuran, ob ich mein Versprechen erfüllen
werde. Ich habe im Namen meiner guten Pekala beteuert, dass wir zur rechten Zeit
daheim sein werden.«
    »Du hältst stets dein Wort, besonders aber wenn du es im Namen deiner Pekala
giebst. So auch heut.«
    »Ich danke dir. Nun kommt!«
    Sobald der tiefe Sand dieser Ebene in grasigen Boden überging, konnten die
Pferde weit ausgreifen. Es dauerte dann nur noch kurze Zeit, bis man den See
erreichte und mit ihm das erste Haus, an welchem Tifl anhielt, um die von ihm
erwähnte Meldung abzugeben. Der Bewohner desselben war, so zu sagen, auf dieser
Seite der Pförtner des Duars und hatte den die Sicherheit desselben betreffenden
Nachrichtendienst zu verwalten. Als dies besorgt war, stand es fest, dass die
Soldaten, falls sie wirklich kämen, den ihnen für solche Fälle vorherbestimmten
Empfang finden würden, und Tifl konnte nun mit den drei Andern direkt nach dem
»hohen Hause« reiten. Allen denen, die ihnen begegneten, fiel der ganz
unerwartete Besuch Hafis Arams und seines Weibes auf, zumal er in dieser ganz
seltenen Weise und ohne die imponierende Kamelsänfte geschah, aber es gab
Keinen, der irgend ein Aufheben davon machte. Höchstens, dass hier oder da Einer
stehen blieb, um den Reitern verwundert, aber still nachzuschauen. Das
Gemeindeleben war hier eben ein anderes, geordneteres und darum auch ruhigeres
als in den Dörfern anderer Stämme. - - -
    Das war es, was Kara während seines Rittes erlebt hatte. Er berichtete es
mir später noch ausführlicher, als ich es hier erzählt habe. Dieser sogenannte
Uebungsritt war also noch viel mehr geworden, als er ursprünglich hätte werden
sollen.
    Was mich betrifft, so war mir während dieser Zeit nichts Besonderes
begegnet. Mit der »festjungfräulichen« Köchin gab es ein kurzes Gespräch. Als
sie bei ihrer Rückkehr aus dem Tale an mir vorübergehen wollte, nickte ich ihr
freundlich zu. Dies veranlasste sie, stehen zu bleiben. Sie machte die kleinen
Aeuglein zu, um besser nachdenken zu können, welchen Gegenstand des Gespräches
sie am liebsten wählen könne; dann schlug sie sie wieder auf und fragte mich,
natürlich in türkischer Sprache:
    »Effendi, kennst du Teheran?«
    »Ja,« nickte ich.
    »Hast du dort Hagad, den Aschtschy108 gekannt?«
    »Nein.«
    »Das ist schade, denn er war mein Vater. Hast du aber Machub Suleiman
Effendi gekannt, welcher Sefir109 war?«
    »Nein.«
    »Auch das ist schade, denn er war der Herr meines Vaters. Beide kamen nach
Teheran, der Sefir, weil der Sultan ihn sandte, und mein Vater, um für ihn zu
kochen. Meine Mutter war auch dabei, und als mein Vater ein Jahr lang für Machub
Suleiman Effendi gekocht hatte, wurde ich geboren.«
    »So stammst du also nicht aus der Türkei, sondern aus Persien?«
    »Ich stamme von meinem Vater und von meiner Mutter, und beide waren Osmanen.
Ich habe als Kind meist türkisch mit ihnen gesprochen, und darum liebe ich noch
heute diese meine Muttersprache sehr. Mein Vater kochte auch mit für meine
Mutter, und da ich sein Liebling war, hat er mich alles gelehrt, was er konnte.
Ich half ihm gern und überall, und als meine Mutter gestorben war, liess er sein
Harem für immer leer, und ich blieb mit ihm allein. Als der Sefir nach Stambul
zurückkehrte, blieb mein Vater in Teheran, weil er Koch des Beherrschers wurde.
Aber unsern Tifl kennst du wohl?«
    »Natürlich! Das weist du ja!«
    »Er hiess damals anders; aber ich habe ihn stets Tifl genannt. Manche heissen
ihn El Aradsch, weil er hinkt. Ich glaube, seinen früheren Namen hat er ganz
vergessen. Er kam mit anderen Kindern der Dschamikun nach Teheran, um Reitknecht
des Schah-in-Schah zu werden. Er wohnte also im Ark110, grad so wie ich, und wir
wurden sehr bald und auch sehr gut mit einander bekannt, weil sein steter Hunger
keinen Anfang und kein Ende hatte. Ich fütterte ihn und nannte ihn darum Tifl,
das Kind. Alles, was er von mir bekam, schmeckte ihm köstlich, und weil dieses
Wort in der türkischen Sprache pek ala heisst, so hat er mir den Namen Pekala
gegeben. Daher kommt es, dass wir beide noch heut von jedermann Pekala und Tifl
genannt werden. Mein Tifl war eigentlich nur für die Pferde geboren. Er wusste
und wollte ausser mir nichts anderes als sie. Und wie er sie liebte, so liebten
sie ihn auch. Er war noch sehr klein, da tat es ihm kein anderer Seïs gleich.
Darum waren seine Vorgesetzten ausserordentlich mit ihm zufrieden. Aber das
rührte ihn nicht; er achtete nur auf mich; ein Lob von mir war ihm lieber als
tausend andere. Ich erzog ihn aber auch sehr sorgfältig und erziehe ihn noch
heut! Ein Mann muss nämlich stets erzogen werden! Man darf nur freilich nicht
darauf achten, wenn er sich dagegen sträubt. Sie sind alle, alle fast noch wie
die Kinder!«
    »Auch der Ustad? Oder der Pedehr?« unterbrach ich sie.
    Diese meine Frage brachte sie sichtlich in Verwirrung. Sie sah mich verlegen
an, rieb sich mit dem gebogenen Zeigefinger das kleine, unbedachtsame Näschen
und liess ihre runden Wänglein noch beträchtlich röter werden, als sie so schon
waren. Dann warf sie plötzlich den Kopf zurück und verriet mir durch den
triumphierenden Ausdruck, der sich ihres ganzen Gesichtes bemächtigte, dass sich
unter der Ursprungsstelle ihrer langen Haarflechten ein rettender Gedanke
eingefunden habe.
    »Das sind doch keine Männer!« sagte sie.
    »Was denn?«
    »Herren und Gebieter! Du weisst doch, dass es zweierlei männliche Wesen
gibt!«
    »So?«
    »Ja! Nämlich solche, welche zu gebieten und solche, welche zu gehorchen
haben. Die Herren sind schon erzogen; die anderen aber müssen es sich gefallen
lassen, dass man es mit ihnen tut.«
    »Und dazu seid wohl ihr Frauen da?«
    »Ja! Denn zur Erziehung eines Mannes gehört ausserordentlich viel Liebe,
Geduld und Energie, und diese drei sind nicht bei euch, sondern nur bei uns zu
finden. Wenn du das nicht glaubst, so frage nur mein Kind! Du wirst von ihm
erfahren, was für Mühen und Sorgen mir seine Erziehung bereitet hat und auch
heute noch bereitet. Es ist kein Spass, die Mutter eines Jungen zu sein, der fast
ganz genau so alt ist, wie ich selber bin. Er ist sogar einige Monate älter! Ich
sage dir, Effendi, es hat keinen geringen Kampf gekostet, mich bei ihm in
Respekt zu setzen, denn er glaubte, dass die Pflicht des Gehorsams nach der
Körperlänge zu bestimmen und zu bemessen sei. Er ass für drei oder vier Personen,
und dadurch sammelte sich in seinem Körper jene heimtückische Kraft zum Wachstum
an, welche ihn später so überaus schnell in die Höhe trieb. Es gab eine Zeit, in
der ich, wenn ich genau aufpasste, ihn wachsen sehen konnte. Ich aber blieb
klein. Das kränkte mich. Ich wollte so gern in gleicher Länge mit ihm bleiben.
Darum begann ich, ebenso viel zu essen wie er. Aber die Kraft wirkte bei mir
nicht nach oben hinaus, sondern sie ging in die Breite und rundum im Kreise. Ich
wurde kugelrund, anstatt mir seine schlanke Höhe anzueignen. Er war gezwungen,
auf mich herabzuschauen, und das erweckte in ihm die Einbildung, dass er
überhaupt und in jeder Beziehung über mir erhaben sei. Meine Fülle imponierte
ihm nicht; ja, er belächelte sie sogar. Wie mich das betrübte! Ich musste ja
befürchten, dass er meiner mütterlichen Zuneigung gewiss noch ganz entwachsen
werde. Diese fast täglich zunehmende Körperlänge entfremdete ihn mir mehr und
mehr. Er wurde immer stolzer auf sie. Er sah gar nicht, wie sehr sie ihm
schadete. Ein Pferdejunge hat bei seiner bestimmten Grösse zu bleiben. Er aber
schoss weit über die Achseln seiner Vorgesetzten empor. Das nahmen sie ihm übel.
Seine Hosen waren stets zu kurz; seine Aermel getrauten sich nicht über die
Ellbogen hinaus. Das sah nicht schön, sondern hässlich aus, und darum wurde er
mehr und mehr zurückgesetzt, obwohl er der geschickteste und guterzigste von
allen war. Das ärgerte ihn. Er wurde grob, besonders mit mir. Sein Magen blieb
mir treu, aber sein Herz entfernte sich immer mehr von mir. So wären wir uns
gewiss nach und nach immer fremder geworden, bis wir uns gar nicht mehr gekannt
hätten, da aber trat ein Ereignis ein, durch welches die Verschiedenheit unserer
Gestalten vollständig und für immer ausgeglichen wurde. Weisst du, dass der Islam
den Wein verbietet, Effendi? Der Kuran will es so.«
    »Nein; der Kuran will es anders.«
    »Wieso? Ich verstehe dich nicht.«
    »Die betreffende Stelle lautet: Alles, was betrunken macht, sei untersagt!
Also ist jeder betäubende Trank verboten, nicht aber der Wein besonders, falls
man ihn so geniesst, dass man nüchtern bleibt.«
    »Du magst recht haben. Aber ein kluger Muselmann hütet sich lieber gleich
ganz vor ihm, weil der Betrunkene nicht eher von dieser seiner Betrunkenheit
etwas weiss, als bis er wieder nüchtern ist. Dann macht ihm die Trübsal seines
Jammers nicht nur dieses eine Wort, sondern den ganzen Kuran plötzlich heilig!
Aber der Schah-in-Schah hat zuweilen Gäste, welche nicht Muhammedaner sind. Er
muss ihnen Wein geben, wenn sie bei ihm speisen. Darum gibt es einen Kabu111, in
welchem viele, viele Flaschen aufbewahrt werden, die bis zu den Hälsen herauf
voll von den verschiedenen Betrunkenheiten sind. Der Weg von meiner Küche nach
diesem Kabu war gar nicht weit, und es kam zuweilen vor, dass die Tür zu diesen
Flaschen offen stand. Was glaubst du wohl, Effendi, was nun geschehen wird?«
    »Tifl verläuft sich in den Keller!«
    »Maschallah! Woher weisst du das?«
    »Ich vermute es.«
    »Er hat es dir nicht erzählt?«
    »Nein.«
    »Das würde mich auch wundern, denn er spricht nie davon. Denn seine Scham
über das, was er dort tat, ist grösser, als der ganze Keller ist! Aber so
schnell, wie du denkst, geht das nicht. Ich muss es dir genau der Reihe nach
erzählen. Das Kind hatte am Mittag bei mir gegessen, ich weiss noch ganz genau,
was für Speisen und wieviel. Soll ich es dir sagen?«
    »Nein, ich danke dir.«
    »Ich hatte auch Dattelbrühe gemacht, über den dicken Reis zu giessen. Die war
ihm zu dünn. Er zankte. Ich zankte wieder. Er wurde noch zorniger; ich auch. Er
sass am Boden, und weil er da nicht länger war als ich, so benützte ich das sehr
eilig und geschickt und stülpte ihm den ganzen Topf mitsamt der Dattelbrühe über
den Kopf. Sie lief ihm in die Augen, in die Ohren, in die Nase, in den Mund. Er
begann zu schreien, zu husten, zu niesen. Der Topf passte ihm nur ganz eng auf
den Kopf. Er schob und schob, um ihn zu entfernen; das ging sehr langsam. Sein
Grimm wuchs, und ich bekam Angst. Ich glaubte, er werde sich dann mit dem Topfe
an mir rächen. Ich floh also aus der Küche und versteckte mich. Erst nach
langer, langer Zeit getraute ich mich zurück. Tifl war fort; der Topf lag
zerbrochen am Boden. Ich las die Scherben auf und gelobte mir, die Dattelbrühe
künftig noch viel dünner zu machen, als sie heut gewesen war. Der Nachmittag
verging. Die Zeit zum Abendessen kam, aber Tifl nicht. Da wurde ich traurig und
nahm mir vor, die Brühe doch nicht dünner zu machen. Am nächsten Morgen war Tifl
noch nicht da; am Mittag auch nicht. Da grämte ich mich, denn ich sah ein, dass
die Dattelbrühe viel, viel dicker sein müsse. Als dann am Abend und wieder am
Morgen das Kind immer noch nicht kam, gelobte ich mir, die Brühe noch dicker als
den dicken Reis zu machen. Ich weinte. Aber das half nichts, denn früh fehlte
Tifl immer noch. Nun erkundigte ich mich nach ihm. Niemand hatte ihn gesehen.
Man suchte, aber man fand ihn nicht. Wie ich mich da grämte! Ich suchte die
weggeworfenen Scherben wieder zusammen, sah sie traurig an und kam zu dem
Entschlusse, sobald er wiederkehre, eine so dicke Dattelbrühe zu machen, dass man
sie als Reitsattel auf den Rücken eines Kamels schnallen könne. Das half! Denn
kaum hatte ich das gedacht, so kam der Märd-y-Scharab112 in die Küche gelaufen
und meldete ganz ausser Atem, dass Tifl gefunden worden sei. Er liege jammernd im
Keller und könne nicht herauf, weil er ein Bein gebrochen habe. Weisst du, was
ich tat, Effendi?«
    »Du liefst in den Keller!«
    »Ich lief? O, ich glaube, ich bin geflogen! Ja, mein Tifl lag unten. Er war
grad wieder nüchtern geworden.«
    »Nüchtern? War er denn betrunken gewesen?«
    »Wie kannst du fragen! Wenn ihr Männer zornig seid, tut ihr alles, was
verboten ist! Der Zorn ist ja schon an sich nichts weiter, als eine Art von
Rausch, von Betrunkenheit, und wenn dann so ein vom Zorne berauschtes Kind gar
noch die Tür des Kellers offen findet, so kann man sich denken, dass es nicht
vorübergeht. Tifl war also hinabgestiegen. Du weisst, was er für ein Esser war.
Meinst du, dass er nicht trinken konnte? Es lagen zehn oder zwölf leere Flaschen
neben ihm.«
    »Wie hatte er sie geöffnet?«
    »Die Hälse fehlten. Er hatte sie abgeschlagen. Aber wie er das gemacht
hatte, das wusste er nicht mehr. Er erinnerte sich nur, grossen Durst gehabt und
viel, sehr viel getrunken zu haben. Erst später fiel ihm ein, dass er die vielen
steilen Stufen heraufgestiegen, aber wieder hinabgefallen sei. dabei hatte er
das Bein gebrochen. Es war ihm unmöglich gewesen, aufzustehen. Er glaubte, dass
er dann weitergetrunken habe, bis er eingeschlafen sei. Aber welch ein Schlaf!
Erst dem Märd-y-Scharab war es gelungen, ihn durch fortgesetztes Rütteln
aufzuwecken.«
    »Er wird inzwischen doch zuweilen für kurze Zeit erwacht sein. Stand es
gefährlich mit dem Bein?«
    »Es war unterhalb des Knies gebrochen und so sehr geschwollen, dass der Hekim
113, welcher gerufen wurde, sagte, er könne nicht eher etwas tun, als bis diese
Geschwulst verschwunden sei. Dadurch ist das Bein kürzer geworden. Das Kind
hinkt und wird deshalb von vielen Leuten El Aradsch, der Lahme, genannt. Aber
eine Schwäche ist nicht zurückgeblieben. Tifl springt und reitet ebenso schnell
und ebenso vortrefflich wie vorher, doch Saïs konnte er nun als Hinkender
unmöglich werden.«
    »Ich vermute, du hast ihn gepflegt?«
    »Natürlich! Kein anderer Mensch durfte ihn berühren; ich duldete es nicht.
Ich war ja schuld an seinem Zorne, in dem er tat, was er sonst gewiss
unterlassen hätte. Und - - und - - darf ich dir etwas anvertrauen, Effendi?«
    »Warum nicht?«
    »So will ich dir sagen: Dieser Unfall hat mich mit meinem Tifl für immer so
vereint, dass er mir gehorcht in allen Stücken, ausser - - ausser - - wenn er auf
dem Pferde sitzt. Dann ist er der Herr; dann habe ich nichts zu sagen, ihm
nichts zu befehlen. Er schämt sich noch heute jener Betrunkenheit. Ich brauche
sie nur so von weitem zu erwähnen, so tut er alles, was ich will, nur damit ich
schweige. Ist das im Abendlande, wo man alles, was man will, trinken darf,
ebenso? Ist auch dort der Rausch der Vater und die Betrunkenheit die Mutter so
fortgesetzter Scham?«
    Welche Antwort hätte ich auf diese Frage wohl geben können! Glücklicherweise
wartete Pekala sie gar nicht ab, sondern fuhr in ihrem Eifer sogleich fort:
    »Wie dankbar mein Tifl damals war, und wie dankbar er jetzt noch ist! Er
hasst und verachtet die Undankbarkeit ebenso wie ich. Wir haben beide einander
gesundgepflegt, erst ich ihn und dann er mich.«
    »Auch du wurdest krank?«
    »O, wie sehr! Nicht mein Körper, sondern meine Seele. Kaum konnte Tifl
wieder gehen, so trat der Tod zu uns und nahm mir meinen Vater. Weisst du, was
das heisst? Ich hatte nur diese beiden, den Vater und das Kind, weiter keinen
Menschen. Ich hatte nur für diese zwei gelebt. Als Vater tot war, wollte ich
auch sterben, wollte ihm nach, wollte zu ihm. Ich weinte und jammerte den ganzen
Tag; ich durchwachte alle Nächte. Man lachte über mich; nur Tifl lachte nicht.
Aber er gab mir auch nicht Recht. Er schalt mich aus. Da wollte ich über ihn
zornig werden, tat es aber nicht, denn wir hatten uns mit Hand und Mund
versprochen, nie wieder zu zanken, und das hielten wir. Er dachte über den Tod
ganz anders als ich. Was sagst du von ihm, Effendi?«
    »Es gibt gar keinen Tod,« antwortete ich.
    Da schlug sie die Händchen zusammen und rief im Tone der Verwunderung aus:
    »Auch du? Auch du? Und doch habe ich gehört, dass man im ganzen Abendlande
ebenso fest an den Tod glaube, wie hier bei den muhammedanischen Sunniten und
Schiiten! Der Ustad hat uns gelehrt, dass der Tod für ewig besiegt und überwunden
sei. Ich glaubte, dass nur er dies sagen und beweisen könne, und nun höre ich,
dass du dasselbe denkst! Der Tod war mir ein böser, finstrer Mann, der jeden holt
und keinen wiedergibt. Ich fürchtete mich vor ihm, wünschte aber doch, dass er
komme und mich zu meinem Vater führe, denn ich liebte diesen mehr, viel mehr,
als ich das Sterben fürchtete. War das klug oder töricht, Effendi?«
    »Keines von beiden! Aber du glaubst, damals über den Tod anders gedacht zu
haben als jetzt?«
    »Ja.«
    »Nun, so sag: Was glaubst du jetzt?«
    »Dass es keinen gibt, ganz so wie du.«
    »Und damals?«
    »Dass es einen gibt.«
    »Du irrst. - Du glaubtest schon damals nicht daran.«
    »Nicht? Effendi, das muss doch ich wissen, nicht aber du!«
    »Du hast es doch selbst gesagt!«
    »Wann?«
    »Soeben! Du hast gewünscht, dass der Tod komme und dich zu deinem Vater
führe. Kann es da einen Tod geben? Nämlich in deinen Gedanken!«
    »Gewiss! Ich wünschte ihn ja herbei!«
    »O Pekala, o Pekala!«
    »Du lächelst? - Warum?«
    »Der Tod soll dich zu deinem Vater führen. Wenn er das kann, so gibt es
deinen Vater noch?«
    »Natürlich!«
    »Und wenn er dich zu ihm bringen soll, so bist auch du noch vorhanden?«
    »Ja.«
    »Also ihr beide, du und dein Vater, seid noch da?«
    »Ja. Ich komme zu ihm!«
    »So seid ihr aber doch nicht tot!«
    Da machte sie eine Geberde des Erstaunens und rief aus:
    »Maschallah! Das ist richtig! Du hast mich gefangen!«
    »Nicht dich habe ich gefangen, sondern etwas ganz anderes! Denke weiter!
Wenn ihr nach dem Tode nicht tot seid, gibt es doch gar keinen Tod!«
    »Diesen Gedanken begreife ich. Aber man stirbt doch!«
    »Ist dieses Sterben ein Aufhören, ein vollständiges Vernichtetsein?«
    »Nein. Es bringt vielmehr das wahre, rechte Leben. So sagt der Ustad.«
    »So sage auch ich; so sagst auch du, und so hast du stets gesagt, auch
damals, als du dich nach dem Tode sehntest. Nur dies wollte ich dir beweisen. So
reden Tausende und Abertausende vom Tode, ohne zu wissen, dass sie ihn mit ihren
eigenen Worten aus dem Dasein streichen. Als der Mensch zum erstenmal von dem
Tode sprach, wurde er, der Tod, im Menschengehirn geboren; aber es war das eine
Totgeburt. Und die Gedankenleiche dieses Totgebornen hat man durch Millionen
Gehirne und durch Jahrtausende bis auf den heutigen Tag weitergeschleppt und
wird sie noch durch die folgenden Jahrhunderte zerren, ohne einzusehen, dass man
alle diese lächerliche Furcht und Mühe auf einen Korkuluk114 verwendet!«
    »Korkuluk! So ähnlich sagte damals auch mein Tifl.«
    »Wie? Er, der junge Mensch?«
    »Warum nicht, Effendi? Bedenke doch, dass unser Ustad sich bereits fünfzig
Jahre bei den Dschamikun befindet! Was er glaubte und dachte, davon hat er die
Alten überzeugt, und diese haben es den Jungen, den Kindern, überliefert. Weisst
du, in welcher Weise das geschieht? Ganz so, wie mein Tifl mit mir tat, als ich
ihm sagte, dass ich sterben wolle. Es gibt im ganzen Duar kein einziges Kind,
welches auf einen solchen Wunsch nicht sofort antworten würde, dass er ja gar
nicht in Erfüllung gehen könne. Darf ich dir erzählen, wie Tifl zu mir sprach?«
    »Ja, sage es mir!«
    Da trat sie näher zu mir heran, kauerte sich in orientalischer Weise vor mir
nieder, zog den weissen Schleier so um sich, dass nur ihr liebes Angesicht und die
beiden Händchen aus demselben vorschauten, und begann:
    »Es war am Abend; draussen vor der Küche, wo die Tarfasträucher115 ihre
langen, niedlich blühenden Zweige über mich senkten, als ob sie Erbarmen mit
meiner Trauer hätten, denn ich weinte leise vor mich hin und wünschte mir den
Tod. Da kam Tifl, ebenso leise, leise, denn mein Schluchzen war ihm heilig. Er
lehnte sich neben der Tarfa an die Mauer und sagte lange, lange nichts, kein
Wort. Kein Laut war ringsum zu hören; in mir nur sprach die Sehnsucht nach dem
Tode fort und fort in trostlosen Klagelauten. Da plötzlich ertönte die Stimme
des Kindes neben mir, halblaut, langsam, feierlich. Wie klang sie doch? Ganz
anders als wie sonst! So hoch von oben! Als ob eine gütige Fee aus Alif leïla wa
leïla116 da über den Zweigen schwebe und von ihrer schönen, lichten Heimat zu
mir sprechen wolle. Meine Tränen stockten. Ich lauschte.«
    Pekala machte eine Pause. Ihre Augen suchten das nahe Rosengebüsch. Sie
sann. Welch einen Ausdruck hatte jetzt ihr Gesicht! Als ob die Fee jetzt wieder
bei ihr sei und ihr mit lieber Hand verschönernd und durchgeistigend über die
Wangen gestrichen habe! Dann fuhr sie fort:
»Es kam ein Sonnenstrahl zum Monde nieder
Und hielt mit seinem Glanze bei ihm Rast,
Doch mit der Morgenröte ging er wieder
Und wurde dann der Erde Tagesgast.
Da sprach der Mond: Was soll ich um ihn trauern?
Ein Scheiden gibts im Licht, doch keinen Tod.
Es wird nur wenig, wenig Stunden dauern,
Da kehrt der Freund zurück im Abendrot!«
    Sie schwieg und sah mich eigentümlich fragend an. Ich muss gestehen, dass ich
zögerte, zu sprechen. Das war nicht, wie ich erwartet hatte, ein orientalisches
Märchen, keine heidnische Sage, kein christliches Gleichnis. Wie sollte ich es
nennen, wie rubrizieren? Aber war es denn so ausserordentlich notwendig für mich,
der nun sofort mit irgend einem Schema herbeistürzende Abendländer zu sein? Die
Strophe wirkte ganz genau so, wie es der Dichter beabsichtigt hatte. Wer aber
war dieser Dichter? Sie hatte von der Art und Weise des Ustad gesprochen, auf
seine Leute einzuwirken. Geschah es vielleicht durch solche Gedichte, welche
selbst von der Jugend sehr leicht verstanden und auswendig gelernt werden
konnten?
    »Hast du gehört, was ich gesprochen habe?« fragt sie, als ich so lange still
war und nichts sagte.
    »Jawohl, meine liebe Pekala,« antwortete ich.
    »Und auch verstanden?«
    »Gewiss.«
    »Ich kann es nicht so sagen, wie es damals klang. Man muss die Augen voller
Tränen um einen lieben Abgeschiedenen haben, um es so zu hören, wie es gehört
werden soll. Und es muss mit einer Stimme gesprochen werden, die aus einem so
kindlich gläubigen Herzen klingt, wie dasjenige meines Pfleglings damals war und
heute noch ist und immer bleiben wird. Er fügte nichts hinzu, kein Wort, kein
einziges. Er lehnte noch einige Zeit still an der Mauer und ging dann fort, so
leise, leise wie er gekommen war. Ich aber sass noch lange, lange unter den
überhängenden Tarfazweigen, und es wurde ruhig und immer ruhiger in mir. Meine
Tränen hatten aufgehört, zu fliessen; meine Todessehnsucht schwieg. Ich sah
durch die langen, feinen Blütenrispen hindurch den Mond am Himmel stehen. Der
Sonnenstrahl war bei ihm: ich sah ihn leuchten. Unten bei mir, auf der Erde, war
es dunkel. Aber morgen, morgen wird alles, alles um mich her im Sonnenglanze
strahlen. Auch der Strahl ist dabei, den ich liebe, nach dem ich mich sehne. Oh,
Effendi, Effendi, ob mein Auge dann wohl so geöffnet ist, dass ich im stande bin,
ihn zu erkennen?«
    Ich sah sie an und musste mir Mühe geben, ihr nicht merken zu lassen, dass ich
über sie staunte. War das noch die »festjungfräuliche« Köchin, die mir beinahe
lächerrlich vorgekommen war? In welchem Lichte erschien mir jetzt ihr ewig langer
»Tifl«, den ich für einen Schwachkopf gehalten hatte! Hatten etwa die Bewohner
des »hohen Hauses« alle zwei verschiedene geistige Gestalten? Muss man aus Europa
zu den verachteten Kurden gehen, um Menschenseelen entdecken zu lernen? Sieht
man nicht, so oft man eine solche Entdeckung macht, dass jeder Mensch eigentlich
zu zweien ist? Warum wurde es mir hier so leicht, daheim aber so schwer gemacht,
das zu erkennen, was der Scheik der Haddedihn »nicht den Hadschi, sondern den
Halef« nannte? Ich riss mich von diesen Gedanken los, denn ich sah, dass Pekalas
Augen betrachtend auf mich gerichtet waren.
    »Wo hatte das Kind den Gedanken her, dir grad mit diesem Gedichte den
beabsichtigten Trost bringen zu können?« fragte ich.
    »Die Liebe sagte es ihm, Effendi. Hast du noch nie bemerkt, dass die wahre,
wirkliche Liebe stets das Richtige trifft? Es war nach dem Tode des Vaters nun
zum erstenmal, dass ich ruhig und ununterbrochen bis zum Morgen schlief. Als ich
erwachte, war ich ernst, doch weinte ich nicht mehr. Wenn eine Träne
emporsteigen wollte, dachte ich an den Sonnenstrahl, der nicht stirbt, sondern
strahlend wiederkehrt. Und es geschah auch sehr bald, dass ich keine Zeit mehr
hatte, mich der Trauer hinzugeben. Der Vater war tot; man brauchte mich nicht
mehr. Was sollte ich tun? Wo sollte ich hin? Tifl ging nun lahm. Er konnte
nicht Saïs werden. Man beschloss, ihn als unbrauchbar zu den Dschamikun
zurückzuschicken. Da geschah es, dass unser Pedehr nach Teheran kam, um nach
seinen Leuten zu sehen, welche bei der Leibgarde des Beherrschers standen. Er
schaute auch nach Tifl, und dieser erzählte ihm von mir. Da liess er mich zu sich
kommen. Hast du gesehen, wie schön, wie gut seine Augen sind? Er richtete sie
auf mein Angesicht, als ob er mir durch Leib und Seele schauen wolle. Dann
fragte er mich, ob es mir recht sei, mein Kind zu den Dschamikun zu begleiten
und dort zu bleiben, so lange es mir gefalle. Wie glücklich mich das machte! Ich
nahm sie an, die neue Heimat, die mir so lieb geboten wurde. Ich mag sie nicht
verlassen, so lange, als ich lebe, und da es keinen Tod gibt, ist es mein
allergrösster Wunsch, dann einst wie jener Sonnenstrahl zu sein, der mir gesagt
hat, dass ich niemals sterben werde.«
    Sie schlug den Schleier wieder auseinander und stand auf.
    »Ich habe eine Bitte, Effendi,« sagte sie. »Wirst du sie mir erfüllen?«
    »Gern, wenn ich kann.«
    »Du kannst es, wenn du willst. Sei ein wenig lieb und gut zu meinem Kinde!
Verzeihe ihm seinen heutigen Irrtum! Seine allergrösste Freude ist die
Dankbarkeit, und diese Freude wirst du ihm bereiten, wenn du die Güte hast, ihn
freundlich zu beachten.«
    »Es bedarf dieser deiner Bitte nicht, meine gute Pekala. Wenn ich so weit
gekräftigt bin, dass ich mich wieder in den Sattel setzen darf, werde ich hier
täglich einen Ausflug unternehmen. Er kennt die Gegend und ist, wie ich gesehen
habe, ein vortrefflicher Reiter. Darum soll er mich begleiten. Sage ihm das!«
    »Wie wird er sich darüber freuen! Ich sage dir meinen Dank dafür, ja, den
meinigen, denn ich bin stolz darauf, dass du keinem Andern diesen Vorzug giebst,
als grad dem Kinde, welches ich erzogen habe!«
    Sie legte die Hände auf der Brust zusammen, verbeugte sich und ging. Ich
schaute ihr nach, bis sie jenseits der Gartentür verschwand. Welch ein
eigenartiges, psychologisch höchst interessantes Verhältnis zwischen diesen
beiden Menschenkindern - Pekala und Tifl! Ist unsere sogenannte Psychologie
überhaupt imstande, eine solche seelische Zusammengehörigkeit genügend zu
erklären? Was ist die Seele? Wo ist die Seele? Welcher Art ist ihre Verbindung
mit dem Leibe? In welcher Weise wirkt sie auf unsere körperlichen und geistigen
Organe ein? Wir sprechen täglich, ja stündlich von ihr; aber man zähle doch
einmal alles, alles auf, was man von ihr weiss! Wer darf behaupten, dass er sie
kenne? Wer hat sie begriffen. Wer hat die Tür zum Prüfungssaale geöffnet, sie
in ihrer ganzen, grossen, herrlichen Identität eintreten lassen und gesagt: »Das
ist die Seele des Menschen. Sie steht schon seit Jahrtausenden bereit, euch jede
Auskunft zu erteilen; ihr aber habt eure Erkundigungen nur an euch selbst, doch
nicht an sie gerichtet. Ihr habt in euch selbst hineingesprochen und darum nicht
ihre, sondern nur eure eigene Antwort gehört. Nun bringe ich sie euch. Woher?
Das wisst ihr nicht? Habt ihr den Mut, sie zu fragen, wer sie ist? Dann fragt sie
nicht nach ihr, sondern nur nach euch. Sie hat nur eine einzige Antwort, die sie
gibt, und diese Antwort seid - ihr selbst!« - - -
    Hanneh, welche bei Halef war, liess sich zuweilen unter den Bogen der Halle
sehen, um mir lächelnd zuzunicken. Einmal aber stieg sie die Stufen herab, kam
zu mir her und sagte:
    »Er schläft und nimmt, ohne dabei aufzuwachen, die Nahrung ein, die ich ihm
von Zeit zu Zeit gebe. Ist das gut?«
    »Ja,« antwortete ich. »Er schluckt den dünnen, aber stärkenden Drang ganz
unwillkürlich. Bist du um etwas besorgt, so frage den Pedehr! Seine Auskunft ist
zuverlässiger als die, welche ich dir geben kann.«
    Als die Sonne verschwunden war, versuchte ich, mit Hilfe des Stockes die
Treppe hinaufzusteigen. Es gelang. Ich brachte es sogar fertig, dann noch in die
Halle hinein und bis hin zu Halef zu gehen. Dort setzte ich mich für einige
Augenblicke nieder. Sein Gesicht sah nicht mehr mumienfarbig aus. Es war von
jenem Lebenstone überhaucht, welcher mit Sicherheit darauf schliessen lässt, dass
das vorher stockende Blut seinen Kreislauf wieder begonnen hat. Sonderbar! Liegt
wirklich eine befehlende Kraft im Blicke des menschlichen Auges? Zwei Personen:
die eine schläft; die andere schaut ihr in das Angesicht und denkt dabei, ob sie
wohl erwachen werde. Der Schläfer sieht das nicht. Seine Augen sind geschlossen.
Wer in ihm ist es, der aber doch den Blick bemerkt und auch den Gedanken
versteht? Denn gar nicht lange, so beginnt der Schläfer, sich zu regen. Besitzen
alle Menschen diesen Einfluss? Oder nur einige?
    Halef regte sich. Er wendete mir sein Gesicht langsam zu.
    »Sihdi!« hauchte er.
    Weiter war nichts zu hören. Ein leises, liebes Lächeln spielte um seine
Lippen.
    »Er ahnt, dass du hier bist,« flüsterte Hanneh mir zu. »Oder meinst du, dass
er dich gesehen hat? Seine Augen sind aber doch fest geschlossen!«
    »Hast du nur geahnt, dass er meinen Namen sagte?« fragte ich sie, natürlich
ebenso leise.
    »Geahnt? Nein. Er sagte ihn doch wirklich.«
    »Von ihm aber soll es nur Ahnung sein, dass ich hier bei ihm bin? Er weiss es
wirklich!«
    »Woher? Von wem? Er sah dich nicht!«
    »Kann man nur dann sehen, wenn man die Lider öffnet? Schliess deine Augen,
Hanneh, und versetze dich in das Lager der Haddedihn!«
    »Ich tue es,« nickte sie, indem sie die Augen zumachte.
    »Geh jetzt zu deinem Zelte!«
    »Ich sehe es.«
    »Deutlich?«
    »Ja, ganz genau so, wie es ist. Der Vorhang ist zurückgeschlagen; der helle
Teppich glänzt heraus; mein Hündchen sitzt darauf. Im Nebenzelte bäckt man Brot.
Ich sehe den dünnen Rauch, und ich rieche - - - ja, Sihdi, ich rieche, dass der
Teig sich schon zu bräunen beginnt. Ich rieche es wirklich, gewiss, wahrhaftig!
Ist das nicht sonderbar?«
    »Nein, gar nicht sonderbar! Deine Seele war jetzt dort! Wer das nicht
begreift, der nennt es Phantasie.«
    »So war diese meine Seele jetzt nicht hier bei mir?«
    »Doch!«
    »Und sie soll zu gleicher Zeit auch dort im fernen Lager der Haddedihn
gewesen sein? Das begreife ich nicht!«
    »Ich will es dir erklären. Schau durch den mittlern Bogen, zum See und bis
zum letzten Hause des Duar. Was siehst du dort?«
    »Ein Mann steigt von dem Hause hinunter nach dem Wasser.«
    »Steig mit ihm hinab!«
    »Ich tue es. Jetzt ist er unten. Er wirft das Obergewand ab, um sich zu
waschen.«
    »Wo bist du jetzt, Hanneh?«
    »Hier.«
    »Warst du nicht soeben auch dort bei diesem Mann?«
    »Ja, das war ich, doch aber mit dem Körper nicht. Es war mein Blick.«
    »Nur dein Blick? Hast du nicht zu ganz derselben Zeit gesehen und zugleich
gedacht?«
    »Allerdings!«
    »Wer war es, der sah? Wer war es, der dachte? Wo wurde gesehen? Hier oder am
See? Wo wurde gedacht? Dort oder in dieser Halle? Wer ging mit dem Manne hinab?
Wer zählte vielleicht sogar die Schritte und die Stufen? Wer fühlte es leise
mit, wenn sein Fuss sie berührte?«
    »Ich!«
    »Aber du dachtest doch soeben, dass du nur hier, nicht aber dort gewesen
seist!«
    »Maschallah! Ich war auch dort, wirklich dort! Wenn ich die Augen offen
habe, kann meine Seele nur so weit gehen, wie mein Blick reicht. Aber wenn ich
sie schliesse, so ist sie frei und kann so weit gehen, wie es ihr beliebt. Wie
ist das zu erklären?«
    »Denke selbst darüber nach! Es gibt Dinge, über welche man nur mit sich
selbst fertig zu werden hat. Ich kann dir ebensowenig helfen, sie zu begreifen,
wie ich dir behilflich sein kann, dass sich dein Körper aus den Speisen bilde,
welche du geniessest. So gebe ich dir Nahrung für den Geist und für die Seele;
verdauen aber kannst du sie nur selbst. Du bist eine einsichtsvolle, kluge,
wissbegierige Frau, meine gute Hanneh. Mit einer andern würden ich niemals über
diesen schwierigen Gegenstand sprechen. Und es gibt auch noch einen andern,
viel, viel triftigeren Grund, dass ich es tue.«
    »Welcher ist das, Effendi?«
    »Errätst du ihn nicht?«
    »Nein.«
    »Das wundert mich.«
    »Sage ihn nur!«
    »Denke an das, worüber du mich zuletzt fragtest, ehe ich mit deinem Hadschi
Halef Omar diese Reise antrat!«
    »Erlaube, dass ich mich besinne!«
    Sie dachte nach. Dann blickte sie schnell und überrascht zu mir her und
sagte:
    »Jetzt weiss ich es! Ich war betrübt über die angebliche Seelenlosigkeit der
Frauen und wendete mich mit der Bitte um Auskunft an dich. Ist es das?«
    »Ja.«
    »Halef war trotz seiner Liebe zu mir stets überzeugt, dass die Frauen keine
Seelen haben und also auf die Himmel Allahs verzichten müssen. Das betrübte
mich. Du aber gabst mir Trost. Ich werde dir das nie vergessen!«
    »Damals gab ich dir Trost. Was aber heut?«
    »Mehr, viel mehr, nämlich Ueberzeugung!«
    »Sogar den Beweis!«
    »Ich sagte damals, dass du mir die Seele gegeben habest. Jetzt aber hast du
noch mehr getan: du hast sie mir gezeigt. Ich weiss jetzt, dass sie da ist, in
mir oder ausser mir, vielleicht auch beides. Sie kann mit meinen Augen sehen; sie
kann auch sehen ohne sie. Ich bin diese meine Seele, aber ich bin sie doch nicht
ganz. Und hinwiederum ist diese meine Seele Hanneh, aber sie ist es auch nicht
ganz. Sie ist etwas, was ich bin, und sie ist noch etwas, was ich nicht bin. Was
und wo ist das aber, was sie ohne mich ist? Du siehst mich so verwundert an,
Effendi. Warum?«
    »Wegen dieser deiner Gedanken.«
    »Sind sie falsch?«
    »Oh nein! Aber ich habe solche Worte noch nie aus dem Munde einer Frau
gehört?«
    »Weil euern Frauen nicht gesagt wird, dass sie keine Seelen haben. Sie sind
also nicht gezwungen, sich zu grämen und über diesen angeblichen Mangel
nachzudenken. Mich aber hat die Trauer darüber, dass mir die Seele abgesprochen
wurde, veranlasst, über sie nachzudenken. Und auch dann noch, als du mich
getröstet und beruhigt hattest, habe ich in jeder ungestörten Stunde und gar
manche ganze Nacht hindurch in mir gesucht, ob sie sich wohl offenbaren werde.
Es geschah aber nicht. Dann kam ich hierher. Mein armer, kranker Halef liegt vor
mir, bald wach und bald wieder ohne Bewusstsein. Ich beobachte ihn. Ich suche
nach seiner Seele. Ist sie da, wenn er erwacht? Ist sie da, wenn er in halber
Betäubung leise Worte redet? Wo ist sie, wenn ihm für lange, lange Zeit die
Besinnung fehlt?«
    »Und vor allen Dingen, wo ist die deinige, Hanneh? Wo ist sie jetzt?«
    Da schaute sie mich verwundert an.
    »Doch wohl hier, bei mir, in mir!« antwortete sie. »Oder ist sie es nicht,
die jetzt mit meinem Munde zu dir spricht?«
    »Die Antwort auf diese deine Frage ist doch leicht!«
    »Für mich ist sie so schwer, dass ich sie nicht finden kann.«
    »So bitte ich dich, zu überlegen! Denke dir, dass du eine Freundin suchst,
welche du finden willst! Bist du selbst etwa diese Freundin?«
    »Nein.«
    »Oder ist sie da?«
    »Auch nicht. Denn wäre sie da, so würde ich sie doch nicht suchen, Effendi.«
    »Du sprichst von ihr. Sind das deine oder ihre Worte?«
    »Die meinigen.«
    »Richtig! Nun aber suchst du nach deiner Seele. Du sprichst von ihr mit mir,
eben jetzt, in diesem Augenblick. Kann sie es sein, die mit mir redet?«
    »Nein. Sie ist nicht ich, sondern wir sind ich und sie. Aber wer ist es, der
sich jetzt meiner Lippen bedient, um von ihr zu sprechen?«
    »Das ist Hanneh, die sich nach Allahs Himmel sehnt, der keinem
Menschengeiste offen steht, wenn ihn nicht seine Seele aufwärts leitet. Sie
kennt den Weg, denn sie ist bei Allah daheim. Nicht so der Geist, der nichts
anderes weiss und nichts weiter anerkennt als nur das, was nicht über seine
irdischen Begriffe geht.«
    »So meinst du also, dass Seele und Geist verschiedene - - -«
    Sie hielt inne, denn Schakara kam zur Tür herein. Sie hatte mit ihr zu
sprechen und winkte sie von Halefs Lager zu sich hin. Ich ging hinaus, vor die
Säulen, wohin inzwischen meine Kissen nach dem gewohnten Platz geschafft worden
waren. Dort setzte ich mich nieder.
    Ein Beduinenweib! Wie rührend dieses angstvolle Suchen nach jenem
geheimnisvollen Wesen, dessen Hand uns den Schlüssel zu dem Menschheitsrätsel
bietet, ohne dass wir uns die Mühe geben, seinen Flügelschlägen so zu lauschen,
dass wir den rechten Augenblick erfassen könnten, den Schlüssel zu ergreifen. Der
Orientale besitzt mehr Hinneigung zum Metaphysischen, als der Abendländer. Es
darf darum nicht wunder nehmen, dass Hanneh, die nach unseren Begriffen fast
gänzlich Ungebildete, der aber neben einem ungewöhnlichen Wissensdrange der
leicht und schnell auffassende Scharfsinn verliehen war, ein so lebhaftes
Interesse für Dinge besass, welche jenseits des Bereiches unserer körperlichen
Sinne liegen. Sie hatte schon in äusserer Beziehung Seltenes erlebt, und darum
war auch ihr inneres Leben reich gestaltet. Für eine Frau von ihren
Eigenschaften lag es nahe, sich über die Gesetze dieses Innenreiches klar zu
werden. Und da man Alles, was sich auf dasselbe bezieht, »seelisch« zu nennen
pflegt, so hatte sie eben die »Seele« zum besonderen Gegenstande ihres
Nachdenkens gemacht. Freilich waren ihre Gedankenwege ganz andere, als sie der
nüchterne Occidentale einzuschlagen pflegt, der ja von seinen Zielen und Idealen
verlangt, von gleicher Nüchternheit wie er selbst zu sein, doch pflegt ja wohl
ein Jeder gern zu behaupten, dass nur der von ihm eingeschlagene Weg der einzig
rechte sei. Wohl dem, der vorwärts kommt! Wer aber, weil er den Wald wegen der
vielen Bäume nicht sieht, vor lauter topographischer Gelehrsamkeit im Dickicht
stecken bleibt, dem ist allerdings ein nüchternes Ueberlegen anzuraten, falls er
wirklich wünscht, endlich einmal in das Freie zu gelangen. -
    Um die Kuppen der Berge spielte jener sanfte, abschiednehmende Schimmer,
welcher der kurzen Dämmerung voranzugehen pflegt, weil er der Scheidegruss der
fernen Abendröte ist, da lenkte der Schall von Hufschlag mein Auge dem Tore zu.
Kara und Tifl kehrten zurück. Bei ihnen waren der Scheik der Kalhuran und sein
Weib, die ich nicht kannte. Schakara hatte das Pferdegetrappel auch gehört. Sie
kam aus der Halle. Als sie die Frau Hafis Arams erblickte, stiess sie einen Ruf
der Ueberraschung aus und eilte die Stufen hinunter, um sie zu begrüssen. Der
Scheik fragte, sobald er abgestiegen war, wo der Pedehr zu finden sei, und
wollte sich zu ihm führen lassen. Er kam nach der Halle herauf, erreichte mich
aber nicht ganz, sondern hauchte auf der Mitte der Treppe nieder und schloss die
Augen. Seine Frau kniete mit Schakara erschrocken neben ihm nieder und nahm
seinen Kopf in ihren Arm.
    »Ich kann nicht mehr!« sagte er, ohne dass er die Augen öffnete. »Tragt mich
hinein!«
    Tifl eilte fort und kam sehr schnell mit einigen Kurden zurück, welche den
vor unerträglichem Schmerz fast Ohnmächtigen durch die Halle in das Innere des
Hauses trugen. Die andern gingen mit. Kara allein blieb da. Ich fragte ihn, wer
die Beiden seien, die mit ihm gekommen waren. Er ging zunächst hinein, um nach
seinem Vater zu sehen, und kam dann, mir meine Frage zu beantworten, mit seiner
Mutter wieder heraus. Sie setzten sich zu mir, und dann begann er, sein
interessantes Erlebnis zu erzählen.
    Er berichtete sehr sachgemäss und bescheiden. Es fiel ihm nicht ein, seine
Person hervorzuheben. Wenn es einer besonderen Betonung der Person bedurfte, so
liess er diesen Ton vielmehr nicht auf sich sondern auf Tifl fallen. Freilich
gelang es ihm nicht, in ruhigem Zusammenhange zu sprechen. Zwar ich hörte ihm
zu, ohne ihn zu stören, aber seine Mutter unterbrach ihn mit ungezählten Fragen
und Bemerkungen. Ihr Liebling hatte ja etwas sehr Wichtiges erlebt, etwas, was
Hadschi Halef Omar, wenn er jetzt bei uns gewesen wäre, ganz unvermeidlich eine
»Heldentat« genannt hätte, und diese Tat musste natürlich in mütterlichem
Stolze von allen Seiten auf das Sorgfältigste beleuchtet werden. Als er geendet
hatte, sah sie mich an und fragte:
    »Du hast gehört, oh Sihdi, was er, die Wonne meiner Augen, uns erzählte. Nun
sag, was du an seinem Verhalten auszusetzen hast!«
    »Nichts,« antwortete ich.
    »Wirklich nichts?«
    »Nein.«
    »Glaubst du, dass sein Vater, mein guter Hadschi Halef Omar, derselben
Meinung sein würde?«
    »Ja.«
    »Ich danke dir! Denn das ist eine Anerkennung, welche gar nicht grösser sein
könnte! Bedenke doch, wie jung er ist. Ihr beide aber seid erfahrene Männer.
Wenn er so gehandelt hat, wie ihr selbst gehandelt hättet, und du sagst ihm das,
so ist das ein Lob, zu dem ich nichts hinzuzufügen habe. Für die Sorge aber,
welche die Mutter um ihn hegt, ist er doch wohl etwas zu verwegen gewesen. Man
soll Mut und Tapferkeit besitzen; aber man braucht sich doch nicht so mit aller
Gewalt der Gefahr auszusetzen.«
    »Hat er das getan?«
    »Ja.«
    »Inwiefern?«
    »In sofern, als er so offen gesagt hat, dass er der Gast der Dschamikun sei.
Es wäre besser gewesen, wenn er das verschwiegen hätte. Dann hätten sie ihn
nicht als ihren Gefangenen betrachten dürfen.«
    »Es ist in Wirklichkeit ja gar nicht dazu gekommen, dass man ihn als solchen
behandelt hat.«
    »Aber man hätte es sehr leicht tun können! Man war ja berechtigt, ihn
sofort zu töten, und da er keine anderen Waffen als sein Messer besass, hätte er
sich gar nicht dagegen wehren können.«
    »So schnell geht das nicht!«
    »In der Regel nicht. Jedem Blutgerichte pflegt eine Verhandlung
vorauszugehen. Aber du weisst ja ebenso gut wie ich, dass es keine Regel gibt,
die nicht ihre Ausnahmen hat. Du hast Kara gelobt, und ich stimme in dieses Lob
so gern mit ein; dabei aber habe ich seine allzu grosse Kühnheit zu tadeln, ohne
zu berücksichtigen, ob du dich an diesem Tadel beteiligst oder nicht. Er musste
unbedingt verschweigen, dass er jetzt zu den Dschamikun gehört.«
    »Das hätte, wie er ja selbst ganz richtig gesagt hat, ihn zu Lügen führen
müssen.«
    »Lügen! Giebt es nicht Notlügen?«
    »Für mich nicht.«
    »Freilich gibt es die. Man wird durch die Not dazu getrieben, und darum
sind sie erlaubt!«
    »So sagt man. Aber grad dass es Notlügen gebe, das ist die grösste aller
Lügen. Ich nenne sie anders.«
    »Wie?«
    »Feigheitslügen! Es ist gar nicht schwer, sich bei jeder Lüge, die man
macht, einen zwingenden Grund zu denken, den man dann als Not bezeichnet. Aber
nicht diese grössere oder geringere Not ist es, welche zu der Lüge zwingt,
sondern die Feigheit, mit welcher man vor ihr die Flucht ergreift, verhindert
den furchtsamen Menschen, die Wahrheit offen zu bekennen. Es gibt keine Not,
und wäre es sogar der Tod, die so gross wäre, dass die Folgen der Notlüge nicht
noch weit über sie hinauswachsen könnten. Das hat unser Kara trotz seiner Jugend
eingesehen, und darum ist es zwar sehr tapfer, aber noch vielmehr klug von ihm,
dass er sich so fest vorgenommen hat, niemals, und würde er auch noch so sehr zu
ihr gedrängt, eine Lüge zu sagen.«
    »Aber wenn er sich nun durch sie das Leben retten kann? Sein Leben gehört
doch nicht ihm allein, sondern auch mir und seinem Vater und uns allen. Er hat
alles, alles zu tun, um es sich und uns zu erhalten!«
    »Giebt es irgend eine Lüge, von der er ganz bestimmt voraussagen könnte, dass
sie es ihm retten werde?«
    »Da fragst du mich zu viel, Effendi. Es ist ja bei jeder Lüge möglich, dass
sie sofort erkannt und durchschaut wird.«
    »Sehr richtig! Und wird sie durchschaut, so verschlimmert sie nur die Lage.
Sie verzehnfacht das Misstrauen und verstärkt die Gefahr, die man durch sie
vermeiden will. Das ist aber noch das Geringste, was ich gegen sie zu sagen
habe. Die Lüge, auch die Notlüge, ist eine Mörderin. Sie tötet die
Selbstachtung. Und geradezu fürchterlich ist es, dass der Lügner gar nicht
bemerkt, dass er diesen Selbstmord fortgesetzt an sich begeht. Grad er setzt gern
und stets den höchsten Trumpf auf seine Ehre. In Wirklichkeit aber fühlt er gar
wohl, dass sie ihm vollständig fehlt. Das macht ihn ungewiss und misstrauisch gegen
andere. Der Glaube an sie geht ihm verloren. Er verliert das Vertrauen zur
Menschheit durch seine eigene Schuld, durch seine eigene Lügenhaftigkeit. Er hat
das moralische Band, welches ihn mit Allen vereinigte, freventlich zerrissen und
muss an jedem Augenblicke gewärtig sein, als rechtsloser Mensch, als
Ausgestossener behandelt zu werden.«
    »Wie du das sagst, o Effendi, klingt es schlimm!«
    »Jawohl! Aber auch das ist noch das Schlimmste nicht. Das Allerschlimmste an
der Lüge sind die fliegenden Samen.«
    »Fliegende Samen? - Wie meinst du das?«
    »Es gibt Pflanzen, welche, wenn sie ausgeblüht haben, in ihren Kronen
hunderte von kleinen, leichten Hörnchen erzeugen, die alle mit einem weissen,
federfeinen Schirmchen versehen sind. Ein jeder Luftauch, der so ein Schirmchen
fasst, nimmt den daran befindlichen Samen mit sich fort, und da, wo er ihn fallen
lässt, entsteht eine neue Pflanze. So ein Gewächs kann durch diese Art der
Verbreitung in kurzer Zeit für eine ganze Gegend verderblich werden. Das Unkraut
verbreitet sich so, dass es nur mit der grössten Anstrengung wieder auszurotten
ist.«
    »Und so tut es auch die Lüge?«
    »Ja. Sie ist grad dann am gefährlichsten, wenn sie nicht entdeckt wird, wenn
der Lügner seinen Zweck erreicht hat, wenn die sogenannte Notlüge die Not
scheinbar beseitigt hat. Da gedeiht die Lüge in grösster Heimlichkeit. Niemand
sieht sie stehen. Niemand vernichtet sie. Nur der Lügner kennt sie. Er pflegt
und hegt sie. Er sorgt dafür, dass kein Mensch sie bemerkt. Er sieht darauf und
freut sich darüber, dass alle ihre Folgen und alle ihre Samen sich entwickeln.
Sind diese Folgen reif, so bleiben sie nicht an Ort und Stelle; sie werden
fortgetragen. Oft nicht weit, oft aber auch in grosse Ferne. Dort lassen sie sich
nieder und beginnen zu wachsen und sich zu vermehren. Die Lüge treibt tausend
neue Blüten, die alle, alle wieder Lügen sind, deren Samen dann weitergetragen
werden, hierhin und dortin, in Masse aber besonders auch wieder dortin zurück,
wo die erste stand und so gute Pflege fand. Der Same dieser ersten fiel auch in
die Nähe. Er fand den besten Boden. Er wuchs und wuchs und brachte immer neue
Pflanzen. Der Lügner hat, nachdem ihm die erste Lüge gelang, nicht wieder
nachzusehen. Jetzt kommt er hin und sieht zu seinem Schreck, dass seine
Unwahrheit zum Unkraut geworden ist, welches alles Gute überwuchert. Die
Nachbarn werden laut, die ferner Wohnenden auch. Man fragt; man forscht, und man
entdeckt die Herkunft dieses Uebels. Da ist es nun um ihn für alle Zeit
geschehen. Verstehst du mich, Hanneh?«
    »Beinahe,« antwortete sie.
    »Ja, das Unkraut kann man freilich stehen sehen, die Lüge aber nicht, weil
sie keinen Körper hat. Aber ihr Gift verpestet nicht bloss die Gedanken, sondern
auch die Worte und Taten, und diesen ist es deutlich anzumerken, dass sie bei
Lug und Trug entstanden sind. Man nennt die Lüge einen hässlichen Schandfleck an
dem Menschen; aber sie ist noch mehr: Sie ist die Mutter aller Uebel, die es
gibt. Es gibt wohl keine Missetat, welche nicht durch die Lüge vorbereitet
oder wenigstens begleitet wird. Hanneh, meine Freundin, ich sage dir, dass Kara
recht gehandelt hat, als er die Wahrheit sagte. Oder glaubst du, dass man einer
Lüge geglaubt hätte?«
    »Wahrscheinlich nicht.«
    »Ganz gewiss nicht! Er kam aus der Gegend der Dschamikun. Wäre er so feig
gewesen, sie zu verleugnen, so wäre das Misstrauen der Perser für ihn schädlicher
geworden als die Wahrheit, die er ihnen so offen und ehrlich sagte. Sie nannten
ihn dieses Mutes wegen toll. Sie hielten ihn für einen unbedachtsamen,
leichtsinnigen Menschen, mit dem sie leichtes Spiel zu haben glaubten. Nur darum
unterliessen sie jene Vorsichtsmassregeln, welche sie im andern Falle ganz gewiss
getroffen hätten. Der Scheik der Kalhuran hat es vor allen Dingen der
Wahrheitsliebe Karas zu verdanken, dass er gerettet worden ist. Eine Notlüge aber
hätte diese Rettung höchst wahrscheinlich ganz unmöglich gemacht. Oder meinst
du, hieran noch zweifeln zu müssen, wie du vorhin tatest?«
    »Nein. Du hast mir ja bewiesen, dass ich Unrecht hatte. O, Sihdi, ich bin
keine Lügnerin; gewiss bin ich das nicht; aber so hässlich und so schädlich, wie
du es jetzt beschrieben hast, habe ich mir die Lüge doch nie gedacht. Ich habe
mich stets vor ihr gehütet, denn ich war zu stolz, mich mit ihr abzugeben; nun
aber ist sie für mich ebenso wie für Kara, meinen Sohn, zur Unmöglichkeit
geworden. Man töte mich; aber lügen werde ich nie! Geschlagen, geprügelt ist der
Scheik der Kalhuran worden! Und dann die lange Flucht! Der schnelle Ritt! Die
Sorge, angegriffen zu werden! Die Angst, nicht um sich, aber um sein Weib! Was
muss er ausgestanden haben! - Hat er geklagt?«
    »Nein,« antwortete Kara. »Sein Weib erwähnte einmal seine Schmerzen; da
gebot er ihr aber, zu schweigen. Er hat fürchterlich gelitten. Hier aber brach
er endlich zusammen. Die Menschenkraft war zu Ende. Er ist ein Mann!«
    »Hier findet er die Pflege, die ihm nötig ist. Aber wird er vor der Rache
sicher sein?«
    »Ganz gewiss, so lange er sich hier befindet.«
    »Denkst du, mein Sohn, dass die Soldaten ihm bis hierher folgen werden?«
    »Sie kamen hinter uns über den Sand; dann aber verloren wir sie aus den
Augen. Tifl hat sie unten angemeldet. Wenn sie kommen, werden sie niemand
überraschen. Aber es ist so still im hohen Hause, was wohl nicht der Fall wäre,
wenn man sie hier erwartete.«
    »Du irrst, Kara,« sagte ich. »Siehst du die beiden Männer, welche da unten
die Fackeln an die Pfähle stecken? Man will den Vorplatz erleuchten. Warum? Und
schau! Jetzt schafft man unsere Pferde fort, nach dem Garten, hinter welchem die
Weide liegt. Man braucht also den Platz. Für wen?«
    Kara und Hanneh hatten nicht auf diese Umstände geachtet. Mir aber fielen
sie auf, obwohl es jetzt so dunkel geworden war, dass man die da unten sich
bewegenden Gestalten kaum noch erkennen konnte.
    Da kam der Pedehr mit Tifl durch die Halle. Sie traten heraus zu uns.
    »Also eile hinab, und sage es!«
    Auf diese Worte des Ersteren sprang »das Kind« die Stufen hinunter, um sich
nach dem Dorfe zu begeben. Der Pedehr reichte Kara die Hand und sprach:
    »Ich habe so Gutes über dich gehört. Du hast einen Freund von uns und eine
Tochter unseres Stammes gerettet. Ich danke dir! Der Platz hier vor euch wird
sich in kurzer Zeit sehr beleben. Bleibt hier! Was auch geschehe, ihr könnt ganz
ruhig sein. Der Hass ist bei der Liebe eingedrungen. Er wird sich ihr ergeben
müssen. Sie hat ihn nicht zu fürchten, denn ihre Stärke ist stets grösser als die
seine.«
    Ich fragte ihn nach dem Befinden des Kalhuran.
    »Er bedarf der besten Pflege,« antwortete er. »Sein Unterkleid klebt am
gänzlich wunden Leibe. Er musste mit ihm sogleich in das Bad gelegt werden, damit
es sich von dem aufgesprungenen Fleische löse. Aber er ist stark. Vom Wundfieber
kann ich ihn nicht befreien, doch dann wird er, wie ich hoffe, schnell genesen.«
    »Und sein Weib? Dieser Schreck! Dann die Anstrengung des Rittes! Die
Aufregung wird sie aufrecht gehalten haben. Aber nun? Wie geht es ihr?«
    »Sie ist ein rüstiges Weib: du brauchst keine Sorge um sie zu haben. Aber
unser Ustad war sehr betrübt über sie.«
    »Warum?«
    »Das fragst du mich? Habe ich dir nicht mitgeteilt, dass ein Dschamiki
niemals Menschenblut vergisst? Sie wird bestraft!«
    Ich sah ihn ungläubig an.
    »Ja,« nickte er ernst; »sie wird bestraft! Das Leben des Menschen ist nicht
bloss das, als was es von dem Durchschnittsmanne betrachtet wird. Es ist etwas
ganz Anderes. Es ist mehr, viel mehr als bloss ein Existieren auf der Erde,
welches mit der Geburt seinen Anfang und mit dem Tode sein Ende nimmt. Ja, es
ist sogar auch mehr als bloss ein Irgendwoherkommen zu der Erde und dann ein
Irgendwohingehen von der Erde! Es hat nämlich einen Zweck! Und wenn dieser Zweck
durch irgend einen unglückseligen Umstand, sei es, wie hier, durch eine tötende
Hand, nicht erreicht wird, so wird nicht nur das augenblickliche Leben, die
gegenwärtige Existenz vernichtet, sondern mit ihr auch alles, was seit Anbeginn
bis heut vorhanden war und unter unendlichen Kämpfen sich entwickelte, um
diejenige Form des Daseins zu erreichen, welche nun von der verbrecherischen
Tat zertrümmert worden ist. Muss da nicht selbst die grösste, die höchste Liebe
als strafende Gerechtigkeit eingreifen?«
    Als er dies sagte, stellte ich mir die Scene vor, welche dem Muhassil das
Leben gekostet hatte. Was hätte wohl ich an der Stelle des Gepeitschten getan?
Und seine Frau! Wie musste der Anblick der fürchterlichen Schande, die man ihm
antat, ihre ganze Natur empören! Sie handelte unter der Einwirkung des
Augenblickes, und weil dieser Augenblick ein blutiger war, so sprang auch das,
was sie tat, als Erzeugnis des Momentes blutigrot gefärbt aus ihr hervor.
    »Du sprichst von Strafe,« sagte ich. »Meinst du damit auch Hafis Aram
selbst?«
    »Nein. Er ist ein Kalhur. Ihn haben wir nicht zu richten.«
    »Gehört sein Weib noch zu eurem Stamm?«
    »Ja. Die Dschemma117 der Dschamikun wird zusammentreten, um das Urteil zu
fällen.«
    »Wer wird der Vorsitzende dieser Versammlung sein?«
    »Ich.«
    »Nicht der Ustad?«
    »Nein. Er ist der geistliche Scheik des Stammes. Für weltliche
Angelegenheiten bin ich es.«
    »Darf ich der Dschemma beiwohnen?«
    »Wir werden dich sogar auffordern, es zu tun.«
    »Darf ich mitsprechen?«
    »Ja, denn du bist als unser Gast ein Dschamiki, und wenn wir dich rufen,
beizuwohnen, so haben wir dich damit als würdig anerkannt, das Vorrecht der
Aeltesten mit uns auszuüben.«
    »So bitte ich, die Angeklagte verteidigen zu dürfen!«
    »Du darfst es; jeder von uns darf es, denn welcher gerechte Richter könnte
nur Ankläger und nicht zugleich auch Verteidiger sein? Uebrigens hat sich ein
besonderer Verteidiger bereits gemeldet.«
    »Wer?«
    »Der Ustad.«
    »Von dem du aber sagtest, dass er über die Angeklagte und das, was sie tat,
betrübt sei.«
    »Diese seine Betrübnis wird der Verteidigung nicht den geringsten Eintrag
tun. - Da schau! Sie kommen!«
    Man hörte die Schritte vieler Leute, welche zum Tore hereinkamen. Ich
konnte zwar nicht die einzelnen Gestalten unterscheiden, aber ich sah, dass es
ihrer viele, ja sogar sehr viele waren. Der Pedehr ging zu ihnen hinab. Ich
vernahm aus dem Tone seiner Stimme, dass er ihnen kurze, sehr bestimmte Weisungen
erteilte. Dann zerstreuten sie sich nach allen Seiten; wohin, das war in der
abendlichen Dunkelheit nicht zu erkennen.
    Hierauf wurden die Fackeln angezündet. Nun war der Platz in der Weise
erhellt, dass man deutlich sehen konnte, was auf ihm vorging. Jetzt war er leer.
Nur Tifl allein stand da. Er kam bis an die unterste Stufe herbei und sagte zu
uns herauf:
    »Sie kommen!«
    »Wer?« fragte Kara.
    »Die Soldaten.«
    »Doch nicht etwa alle?«
    »Alle! Man hat sie ruhig durch den Duar reiten lassen. Kein Mann ist ihnen
begegnet. Die Häuser waren verschlossen. In den Zelten gab es nur einige Frauen,
welche ganz genau wussten, wie sie sich zu verhalten und welche Auskunft sie zu
geben hatten. Diese Perser werden sich wundern. Sie glauben, es kurz mit uns
machen zu können; wir aber werden mit ihnen noch viel kürzer sein. Unser Pedehr
hat nachgeschaut, ob alles in Ordnung ist. Da kehrt er zurück.«
    Der Genannte kam von der dem Garten entgegengesetzten Seite des Hauses her,
wo ich das Tor mit den uralten Säulenpfosten gesehen hatte.
    »Ich war im Gefängnisse,« sagte er, indem er die Treppe halb erstieg und
sich dort auf eine der Stufen niedersetzte.
    »Es gibt hier bei euch ein Gefängnis?« fragte ich verwundert.
    »Für uns nicht, denn wir brauchen keins. Aber für Fälle wie den, der sich
jetzt ereignen wird, sind Räume für unwillkommene Gäste vorhanden, deren wir uns
entledigen wollen.«
    »Die Soldaten sollen gefangen genommen werden?«
    »Ja.«
    »Und wenn sie sich wehren?«
    »Dazu finden sie gar nicht Zeit. Ich höre ihre Pferde. Sie sind also schon
in der Nähe und werden sogleich dort an dem Tore erscheinen.«
    Wir schauten hin. Zunächst sahen wir zwei Frauen, welche sich von den
Persern sehr freiwillig hatten zwingen lassen, ihnen den Weg hier herauf zu
zeigen. Sie eilten sofort nach dem Garten, in welchem sie verschwanden. Hierauf
kamen die Offiziere, nämlich der Suari jüzbaschysy118, der Mülazim ewwel119 und
ein Mülazim sani120. Der letztere hatte bei der Jagd auf Hafis Aram den Pass des
Kurirs zu bewachen gehabt, und darum hatten Kara und Tifl ihn noch nicht
gesehen. Hinter diesen Dreien folgten die Kavalleristen, denen die helle
Beleuchtung des Vorplatzes gar nicht aufzufallen schien. Auch wurde es von
keinem von ihnen beachtet, dass, als sie alle herein waren, irgend jemand hinter
ihnen das Tor zumachte. Sie waren, ohne den geringsten Widerstand gefunden zu
haben, durch den ganzen Duar geritten und glaubten nun, hier oben auf dieselbe
Ergebung in das Unvermeidliche zu treffen. Die Dschamikun waren ihnen als Leute
geschildert worden, welche den Frieden liebten und so viel wie möglich jede
Streitigkeit vermieden. Es musste ja leicht sein, so unkriegerischen Menschen
einen solchen Schreck einzujagen, dass sie sich in alles fügten, was man von
ihnen verlangen wollte. Hierzu stimmte der Umstand ganz besonders, dass man nicht
die geringste Vorbereitung zum Widerstande bemerkte, sondern nur einige Personen
sah, welche auf der Treppe sassen und auch ganz ruhig sitzen blieben. Ausserdem
stand nur Tifl noch unten an den Stufen.
    Die Kavalleristen ritten in einer geraden Reihe auf und bildeten dann gegen
die Treppe Front. Die Offiziere kamen bis nahe an dieselben hin und stiegen da
von ihren Pferden. Als hierbei der Oberleutnant »das Kind« erblickte, rief er,
sich an den Rittmeister wendend, aus:
    »Da steht der lange Kerl, der Halunke, der mit dabei war! Soll ich ihm
Fesseln anlegen lassen?«
    Der Angeredete warf einen Blick auf Tifl und auf dessen Umgebung und
antwortete dann in verächtlichem Tone:
    »Fesseln? Wie überflüssig! Wir haben ja das ganze Haus mit allem, was da
wohnt, in unserer Gewalt!«
    »Und da - - da - -« fuhr der Oberleutnant fort, indem er auf Kara zeigte,
»da neben dem Weibe sitzt auch der Andere, der bei dem Langen war!«
    »Lass ihn sitzen! Auch er ist unser. Du siehst ja, dass sich die Kerle vor
Angst gar nicht zu regen wagen. Wenden wir uns zunächst an den Alten da!«
    Er meinte den Pedehr. Er trat bis an die letzte Stufe heran und richtete die
Frage an ihn:
    »Du bist ein Dschamiki?«
    »Ja,« antwortete der Gefragte, ohne aufzustehen.
    »In diesem Hause wohnt der Mann, den ihr den Ustad zu nennen pflegt?«
    »Ja.«
    »Hole ihn!«
    »Das ist unnötig.«
    »Warum?«
    »Er wird nicht kommen.«
    »Ich befehle es ihm!«
    »Du - - - du - - -?«
    Dieser Frage wurde ein so ganz eigenartiger Ton gegeben, dass der Rittmeister
darauf verzichtete, seinem »Befehle« Nachdruck zu verleihen. Er fuhr vielmehr,
sich zu erkundigen, fort:
    »Es gibt hier einen alten Schech el Beled121, welcher Pedehr genannt wird?«
    »Ja. Aber er ist nicht bloss Schech el Beled.«
    »Was noch?«
    »Er lässt sich nur von den Bewohnern dieses Gebietes Pedehr nennen, weil er
sich als den Vater dieser seiner Kinder betrachtet. Für jeden Fremden aber, also
auch für dich, ist er Schir Alamek Ben Abd el Fadl Ibn ilucht Marah Durimeh122,
der Scheik der Dschamikun vom freien Volke der Bachtijaren.«
    Als ich das hörte, erstaunte ich, denn ich hatte nicht ahnen können, dass er
ein Grossneffe meiner herrlichen Marah Durimeh sei. Warum hatte er mir das nicht
gesagt? Auf den Rittmeister machte diese Mitteilung freilich einen ganz andern
Eindruck. Er rief lachend aus:
    »Welch ein Name! Wer kennt Abd el Fadl, und wer kennt diese Marah Durimeh!
Ich kenne nicht einmal diesen Schir Alamek! Kann ein Löwe der Sohn der Güte
sein? Lächerlich!«
    Abd el Fadl heisst nämlich »Diener der Güte«. Schir heisst Löwe und ist in
jenen Gegenden ein Ehrentitel, den man sich durch bewiesene Furchtlosigkeit
erwirbt. Der Offizier fuhr fort:
    »Ich habe mit dem Besitzer dieses langen Namens zu sprechen. Rufe ihn!«
    »Auch das ist unnötig,« antwortete der Pedehr.
    »Warum?«
    »Ich bin es.«
    »Ah! Du?«
    Er betrachtete ihn in zudringlich übelwollender Weise und fügte dann in
befehlendem Tone hinzu:
    »Steh auf! Ich komme im Namen des Schah-in-Schah. Man hat mich nicht sitzend
zu empfangen!«
    »Nimm diesen deinen Wunsch zurück!«
    »Es ist kein Wunsch, sondern ein Befehl!«
    »Hier hat niemand zu befehlen, als nur ich allein! Und so befehle ich dir,
mir zu beweisen, dass du im Namen des Schah-in-Schah zu uns gekommen bist!«
    »Ich bin sein Offizier!«
    »Das ist kein Beweis. Hast du eine Schrift, von der eigenen Hand des
Beherrschers unterzeichnet?«
    Da schlug der Offizier an seinen Degen und rief:
    »Ich brauche keine Schrift von ihm! Ich schreibe meine Befehle selbst, und
dieser Säbel hier ist meine Feder. Pass auf, was gleich geschehen wird!«
    Er drehte sich nach seinen Leuten um und gab ihnen den Befehl zum Absitzen.
Sie gehorchten. Nun liess er sie zu Fuss so weit vorrücken, dass ihre Linie ihn
beinahe erreichte. Es war also zwischen ihnen und ihren Pferden ein Zwischenraum
entstanden. Jetzt wendete er sich dem Pedehr wieder zu und sprach zu ihm weiter:
    »Du siehst, welchen Nachdruck ich meinen Befehlen geben kann. Weisst du,
warum wir kommen?«
    »Ja.«
    »Steh auf, sage ich! Man hat sich zu erheben, wenn ich spreche. Das hörtest
du bereits!«
    »Und du hast bereits gehört, dass ich dich warnte, an diesem Wunsche
festzuhalten!«
    »Eine Warnung? - Warum?«
    »Sobald ich mich erhebe, hast du dich zu erniedrigen!«
    »Du redest irre!«
    »Irre? Wohlan, so sollst du sehen, wer sich irrt. So lange ich noch sitze,
scheinst du der Herr zu sein; sobald ich mich erhebe, bin ich es in der Tat. So
war es verabredet. Du willst es haben. Gut, ich tue es!«
    Er richtete sich auf und gab mit dem emporgehobenen Arm ein Zeichen. Was
hierauf folgte, ist nicht so schnell zu erzählen, wie es geschah. Die bisher
versteckt gewesenen Dschamikun kamen nämlich infolge dieses Winkes von allen
Seiten herbei. Sie füllten im Momente den ganzen Zwischenraum zwischen den
Reitern und den Pferden aus. Sie warfen sich auf die ersteren, um sie zu
entwaffnen. Sie waren ihnen an Zahl so überlegen, dass Widerstand eine Albernheit
gewesen wäre. Auch wirkte die Plötzlichkeit dieses Ueberfalles so verblüffend,
dass den Persern die Waffen entrissen waren, noch ehe sie sich entschlossen
hatten, selbst nach ihnen zu greifen. Und das geschah von Seiten der Dschamikun
ohne allen Lärm, ohne jedes Geschrei, in vorher anbefohlener Schweigsamkeit. Die
Kavalleristen freilich waren nicht ebenso still. Sie brüllten und fluchten; sie
wollten dreinschlagen, um wenigstens mit den Fäusten nun das Versäumte
nachzuholen. Aber bei jedem Einzelnen von ihnen standen mehrere Dschamikun,
welche die ihm entrissenen Waffen drohend auf ihn richteten. Es gab nur noch
eine kleine Weile ein Hin- und Herwogen zusammengedrängter Gestalten, einen
vereinzelten Ruf, eine zornige Verwünschung; dann trat auf dem Vorplatze eine
Ruhe, eine Stille ein, als ob die auf ihm stehende Menge nur aus friedlich
gesinnten Menschen bestehe.
    Auch bei uns an der Treppe spielte sich die Scene mit ausserordentlicher
Schnelligkeit ab. Kaum war der Pedehr aufgestanden, so sprang Tifl zu den
Offizieren heran, riss dem Suari jüzbaschysy und dem neben ihm stehenden Mülazim
sani die Pistolen aus den Gürteln, richtete eine von ihnen auf sie und rief
drohend:
    »Bewegt euch nicht, sonst schiesse ich!«
    Kara war zwar in das, was geschehen sollte, nicht eingeweiht, doch begriff
er augenblicklich, um was es sich handelte. Er schnellte sich von seiner Mutter
weg, die Stufen herunter und auf den Mülazim ewwel, bemächtigte sich seiner
Pistole, hielt sie ihm vor die Brust und sagte:
    »Nicht ihr hattet uns, sondern wir haben euch; ich sagte es dir! Rühre dich
nicht, wenn du nicht willst, dass ich schiesse!«
    Die drei vorher so siegesbewussten Offiziere wagten nicht, zu widerstreben.
Es war eine Ueberraschung sondergleichen, welcher sie und alle ihre Untergebenen
jetzt verfallen waren. Der Pedehr stand hoch aufgerichtet an seinem Platze und
überschaute den Erfolg.
    »Führt sie ab!« gebot er mit lauter Stimme. »Es wird keinem etwas geschehen;
nur der, welcher sich weigert, wird sofort erschossen!«
    Da setzten sich die untenstehenden Gestalten in Bewegung, hin nach dem alten
Tore zu, welches jetzt weit offen stand. Es ging zwar langsam, aber mit
ununterbrochener Regelmässigkeit. Man hatte gehört, dass man an Leib und Leben
nichts zu fürchten habe; das beruhigte jedes etwa noch vorhandene Bedenken; man
fügte sich. Es verschwand ein Perser nach dem andern in dem Raume, welchen der
Pedehr vorhin als Gefängnis bezeichnet hatte. Er sah jetzt die drei Offiziere
lächelnd an.
    »Schnallt eure Säbel ab, und übergebt sie Tifl!« gebot er ihnen, indem er
auf »das Kind« deutete.
    Sie gehorchten, ohne ein Wort zu sagen.
    »So!« sprach er. »Jetzt habt ihr gesehen, was es heisst, wenn man es wagt,
von dem Scheike der Dschamikun zu verlangen, sich vor einem unwillkommenen
Menschen von seinem Sitze zu erheben. Nun steht ihr so vor mir, wie es sich für
solche Leute schickt und ziemt. Ich kann mich also wieder setzen, Kara und Tifl
neben mir. Die Eindringlinge aber bleiben stehen!«
    Er liess sich auf seinen vorigen Sitz nieder. Die beiden Genannten nahmen bei
ihm Platz, der bescheidene Tifl eine Stufe tiefer.
    »Ich stehe nicht, sondern ich gehe!« rief der Rittmeister zornig aus.
    »Wohin?« fragte der Pedehr.
    »Fort!«
    »Wenn du deine Leute im Stiche lassen willst, so kannst du es ja tun. Ich
halte dich nicht, sondern ich erlaube dir, im Namen des Schah-in-Schah feig die
Flucht zu ergreifen. Es werden zwei meiner Dschamikun mitgehen, um dich zum Duar
hinauszuführen. Das Zurückkehren ist dir dann streng verboten!«
    »Mitgehen?«
    »Ja.«
    »Du meinst, mitreiten!«
    »Nein, du wirst laufen.«
    »Fällt mir nicht ein!«
    »Versuche doch, es zu ändern! Wer bewaffnet die Grenze der Dschamikun
überschreitet, ohne unsere Erlaubnis zu besitzen, der ist uns mit allem, was er
bei sich hat, verfallen. Es ist eine Gnade von mir, wenn ich dir die Freiheit
schenke. Pferd und Waffen gehören uns. So lautet der Vertrag, den der
Beherrscher mit unserm Ustad eingegangen ist. Ihr erklärtet unsere vier Pferde
für eure Beute, obwohl euch von ihren Reitern nichts geschehen war. Ihr aber
kamt in schlimmer Absicht zu uns; ihr wagtet es, die Herren zu spielen, mir hier
befehlen zu wollen. Es ist ganz folgerichtig, dass nun wir von Beute sprechen.
Der einzige Unterschied ist, dass alle eure Gäule zusammen nicht so viel wert
sind wie ein einziges von unsern edlen Tieren.«
    »Was wir besitzen, gehört nicht uns, sondern dem Schah-in-Schah!« behauptete
der Rittmeister.
    »Auch alles, was ihr den Kalhuran raubtet? Ihr habt es wieder herzugeben.
Man wird eure Taschen untersuchen, eure Kleider, alles, was ihr bei euch habt.
Ich lasse Kalhuran kommen, welche dies tun. Ihre Herden, die ihr für euer
Eigentum erklärtet, werdet ihr ihnen nun wohl lassen müssen, denn der Muhassil
ist tot, und vor seinen Soldaten, welche, wenn ich sie freigegeben habe, sich
ohne Pferde und Waffen von Mitleid zu Mitleid betteln müssen, braucht sich
niemand mehr zu fürchten!«
    Die Offiziere sahen einander betroffen an. Das hatten sie nicht erwartet!
Und nun, grad jetzt, geschah etwas, aus dem sie erkannten, dass es dem Pedehr
sehr ernst mit seinen Worten war. Nämlich die Dschamikun hatten ihre Gefangenen
untergebracht. Eine bestimmte Anzahl von ihnen war zu deren Bewachung beordert.
Andere verbreiteten sich über den Platz, um zum Dienste des Pedehr bereit zu
sein. Die übrigen aber setzten sich, als ob dies etwas ganz Selbstverständliches
sei, auf die Soldatenpferde und ritten auf oder mit ihnen zum Tore hinaus und
nach dem Dorfe hinunter. Das war natürlich alles vorher so bestimmt worden. Es
bedurfte hierzu weder eines Befehles noch irgend einer Frage. Dennoch aber hatte
der Pedehr bei der Entwerfung seines Verteidigungsplanes einen grossen Fehler,
eine Unterlassungssünde begangen. Er hatte etwas nicht mit in Betracht gezogen,
was von einer andern und zwar höchst wichtigen Person für ungeheuer wesentlich
gehalten wurde. Diese Person war unsere vortreffliche Pekala.
    Eben als der letzte der Dschamikun zum Tore hinausgeritten war, leuchtete
vom Garten her das weisse Gewand der »Festjungfrau« in unseren Augen. Sie nahte
sich der Treppe, langsam, zögernd, jetzt bedachtsam überlegend, ob sie ihre
Absicht ausführen dürfe, dann aber wieder einige sehr energische Schritte
vorwärts machend. Das erregte unser aller Aufmerksamkeit. Tifl stand von seinem
Sitze auf und fragte ihr entgegen:
    »Suchst du vielleicht mich, meine gute Pekala?«
    Da kam sie schnell vollends herbei und antwortete:
    »Nicht nur dich, sondern euch alle.«
    Sich hierauf an den Pedehr besonders wendend, fuhr sie in klagendem Tone
fort:
    »Was habe ich dir getan, o Pedehr, dass du mich heut so ganz vergessen hast?
Ich möchte meine Augen in Tränen baden, ganz so, wie mein Herz in Wehmut und
Jammer gebadet ist!«
    »Warum denn solches Herzeleid?« fragte er lächelnd.
    »Es läuft mir alles über!«
    »So lass doch das Feuer kleiner werden!«
    »Dann wird sie zu dick; sie dämpft mir ein!«
    »Wer?«
    »Die Suppe!«
    »Ah, die Suppe! Liebe Pekala, die ist jetzt Nebensache. Lass das Feuer
ausgehen!«
    Da schlug sie die kleinen, fetten Hände zusammen, dass es nur so klatschte,
liess das Weisse ihrer Aeuglein sehen und rief im Tone fachmännischer Entrüstung
aus:
    »Das Feuer ausgehen! Da erkaltet sie mir doch zu Kleister, den ich durch
keine Hitze wieder geniessbar machen kann! Sie war zur Zeit des Abendessens
fertig, denn ich hatte mir die grösste Mühe gegeben, weil grad der Frenk
maidanosu die allergrösste Pünktlichkeit verlangt. Ich richtete alles mit der
grössten Liebe vor. Ich freute mich auf die Bewunderung meines gelungenen Werkes.
Und nun stehe ich ganz allein in meiner Küche, welche die überflüssigsten
Wasserdämpfe weint, und kein Mensch hat Zeit und Lust, zu geniessen, was ich mit
meiner grössten Kunst für alle, die ich ernähren muss, bereitet habe!«
    »Das ist nicht zu ändern, meine gute Pekala. Wir haben an Wichtigeres als an
deinen Frenk maidanosu zu denken!«
    »Wichtigeres? Du scherzest, o Pedehr! Mein Kerbel wurde gepflückt, noch ehe
an die Soldaten zu denken war; er geht ihnen also vor! Er muss gereinigt,
gewaschen, geschnitten, gewiegt und gekocht werden; sie aber bleiben, wie sie
sind; er geht ihnen also vor! Wenn er zu lange in der Hitze steht, so verdirbt
er, weil er seinen Wohlgeschmack verliert; an den Soldaten aber ist überhaupt
nichts mehr zu verderben; er geht ihnen also vor. Tifl hat gewusst, dass es
Kerbelsuppe gibt; Kara Ben Nemsi hat es gewusst; Kara Ben Halef hat es erfahren;
Hanneh, seiner Mutter, habe ich es sagen lassen; durch das ganze Haus ist diese
beglückende Nachricht gegangen, und nun sie, die heiss Ersehnte und wunderbar
Gelungene fertig ist, bin ich allein anwesend, um ihren Triumph zu feiern,
während ihr die Schande angetan wird, die Verachtung aller Abwesenden zu
erfahren. Ich bin entrüstet, o Pedehr! Ich habe nicht verdient, dass ich grad so
entwaffnet und grad so verächtlich behandelt werde wie diese drei jammervollen
Sklaven des Muhassil, welche so weinerlich vor dir stehen, als ob der letzte
Rest ihres Mutes im Begriffe stehe, vor lauter Herzensangst grad so wie meine
Kerbelsuppe aus dem Topfe herauszulaufen! So! Das war es, was ich dir sagen
wollte. Und nun entscheide du jetzt, wer wichtiger ist, mein Frenk maidanosu
oder sie!«
    Die verächtliche Handbewegung, welche sie den Offizieren hinüberwarf, konnte
gar nicht geringschätzender sein. Sie schickte ihnen noch einen, ihrer Ansicht
nach vollständig vernichtenden Blick zu, liess dann die Augenlider entrüstet
niederfallen und wendete sich hierauf in einer Weise von ihnen ab, als ob diese
Leute gar nicht mehr für sie vorhanden seien.
    Vorhin hatte der Pedehr über Pekala gelächelt; jetzt aber war sein Gesicht
sehr ernst geworden. Hatte er etwa das gleiche Gefühl mit mir?
    Er war jedenfalls geneigt gewesen, die drei Perser als Offiziere zu
behandeln. Grad als Pekala erschien, hatte er im Begriffe gestanden, eine mehr
oder weniger eingehende Aussprache mit ihnen herbeizuführen. Aber waren sie das
wert? Gab es bei ihnen überhaupt eine etische Frage, an welche er anzuknüpfen,
auf welche er einzugehen, die er mit ihnen zu behandeln hatte? Ich gestehe, dass
ich selbst auch ebensowenig wie er hieran gedacht hatte. Da wurde diese geistig
einfache und bescheidene »Festjungfrau« von der Sorge um ihren gefährdeten Frenk
maidanosu herbeigeführt, um uns in ihrer drastischen Weise die »Herren
Offiziere« derart wahrheitsgetreu zu zeichnen, dass wir uns der Wirkung ihrer
Strafrede nicht entziehen konnten. Der Pedehr stand auf und rief einige Namen
über den Platz hinüber. Die genannten Dschamikun kamen herbei.
    »Führt diese drei Männer auch fort!« gebot er ihnen.
    »Wohin?« fragte der Rittmeister.
    »Zu euren Leuten.«
    »Zu ihnen? - Wir sind Offiziere!«
    »Ja; ihnen in allem Bösen voran! Fort mit euch!«
    »Du wolltest uns ja gehen lassen!«
    »Ihr seid aber nicht gegangen. Fort!«
    Um nicht von den Fäusten der Dschamikun zum Gerhorsam gezwungen zu werden,
ergaben sie sich in das Unvermeidliche und schritten unter deren Bedeckung dem
mehrfach erwähnten Tore zu.
    »Nun, Pekala?« fragte der Pedehr, indem sein früheres Lächeln wiederkehrte.
    »O, mein guter, guter Pedehr!« antwortete sie.
    »Bist du zufriedengestellt?«
    »Grad so sehr, wie ich dich und euch alle zufriedenstellen werde. Ich danke
dir! Die Kerbelsuppe wartet nur noch auf den letzten, verklärenden Guss des
kochenden Wassers. Ich eile, ihn ihr beizubringen!«
    Schon wollte sie fort. Da kam ihr ein Gedanke. Sie sprang mehr, als sie
stieg, die Stufen zu mir herauf, neigte sich mir mit wichtiger Miene zu und
fragte:
    »Giebst du mir nun recht, Effendi?«
    »Worin?« fragte ich.
    »Dass die Männer alle noch der Erziehung bedürfen?«
    »Hm!«
    »Sogar - - - aber das sage ich ganz leise, und du verschweigst es ihm - - -
sogar zuweilen auch unser Pedehr?«
    »Hm!«
    »Du sollst nicht bloss brummen, sondern mir eine deutliche Antwort geben!«
    »Wenn dein Frenk maidanosu gut ist, bekommst du sie, sonst aber nicht.«
    »So ist sie mir gewiss. Ich fliege nach meiner Küche!«
    Und sie flog! Ihre helle Gestalt schien den Boden nicht zu berühren, und die
weissen Falten ihres Gewandes wehten wie Flügel hinter ihr.
    »Ihr werdet sie schon noch kennen lernen,« scherzte der Pedehr. »Sie greift
zuweilen derart in die Zügel der Regierung ein, als hätte sich jedermann, vom
Ustad an bis zum kleinsten Pferdehüter herab, als ihren Tifl zu betrachten. Wir
aber sind damit gern einverstanden. Sie hat ein eigenes Gefühl für den rechten
Augenblick.«
    Diese seine letzteren Worte interessierten mich. Auch ich lernte während
unsers Aufentaltes im »hohen Hause« Pekala von dieser Seite kennen. Es gibt
glücklicherweise nicht wenige solcher Leute. Wohl dem Menschen und wohl auch
seiner Umgebung, der, wie der Pedehr sich ausdrückte, »ein eigenes Gefühl für
den rechten Augenblick« besitzt! Aber was heisst das? Sind diese Worte der
richtige, treffende Ausdruck für das, was sie eigentlich sagen sollen? Nein! Man
bedient sich hierfür oft auch des Ausdruckes Instinkt; man sagt, dass derartige
Personen instinktiv handeln. Aber was ist Instinkt? Naturtrieb! Was versteht man
unter Natur? Man spricht auch von einer »geistigen Natur«. Was heisst
»natürlich«? Körperliches, Geistiges, Seelisches kann »natürlich« sein! War es
eine Folge des Instinktes, des Naturtriebes, dass Pekala grad in dem Augenblicke
bei uns erschien und dem Ereignisse eine so unerwartete Wendung gab, an welchem
wir mit den drei Personen auf »dem toten Punkte« standen? Gewiss nicht! Sie
befand sich in ihrer Küche und wusste gar nicht, was hier bei uns getan oder
gesprochen wurde. Mancher bringt die Ahnung mit dem Instinkte in Verbindung.
Hatte Pekala etwas geahnt? Nein! Auch pflegt man instinktiv und unwillkürlich
gleichzustellen. Hatte Pekala die Küche unwillkürlich verlassen? War ihre
Strafrede eine unwillkürliche Mitteilung? Auch nicht! Man beobachte die
Personen, welche jenes »Gefühl für den rechten Augenblick« besitzen! Man wird da
oft von feinem Sinn, von Zartgefühl, von Takt und dergleichen sprechen; man wird
das, was sie tun, ihrer besonderen Einsicht, ihrer Unterscheidungsgabe, ihrer
Scharfsichtigkeit zuschreiben: aber alle diese Ausdrücke sind unzureichend, und
selbst wenn man das, was sie bedeuten, addieren könnte und dann die Summe
prüfte, so würde man finden, dass dieses Exempel ein ganz falsches sei.
    Turenne sagte einst zu einem seiner Generale: »Ihr kommandiert nicht,
sondern ihr werdet kommandiert!« Ist die Ahnung für den »rechten Augenblick«
eine Tätigkeit von mir, oder wird sie mir gegeben? Ist es richtig, zu sagen,
dass ich ahne, oder habe ich zu sagen, dass mir diese Ahnung irgendwoher komme?
Ich handle unwillkürlich, also ohne Willkür, ohne Willen. Der Antrieb kommt
nicht von mir. Von wem sonst? Jedenfalls von einer Seite, auf welcher es grössere
Einsicht gibt, als ich besitze! Und diese ausser mir existierende und auf mich
wirkende grössere Klugheit soll ich als einen in mir verhandenen Naturbetrieb
bezeichnen? Nein! Wer aber ist der Turenne, der mich im »rechten Augenblicke«
vorwärts kommandiert? Wie schaut er aus? Wo ist der erhabene Punkt, von welchem
aus er, was ich denke, will und tue, dirigiert? Ist er jenes für uns leider
noch so ausserordentliche unbekannte Wesen, welches wir die »Seele« nennen? Wenn
diese Seele sowohl in uns als auch ausserhalb von uns in der Weise tätig ist,
dass beide Arten dieser Tätigkeit in innigem Zusammenhange miteinander stehen,
so ist es erklärlich, warum wir die uns von aussen her gegebene »Ahnung« für eine
innere Tätigkeit von uns selbst halten. Und es gilt hierbei, der Wahrheit gemäss
zuzugeben, dass der Turenne da draussen unendlich mehr überschaut, als unser
schwacher, blöder Blick erfassen kann. Das sind nicht etwa metaphysische
Schlüsse, sondern sie gründen sich auf täglich sich wiederholende Vorkommnisse
in Innern meiner vor aller Augen existierenden Persönlichkeit. Wer nicht gelernt
hat, die Vorgänge seines innern Lebens ebenso unausgesetzt wie scharf und
unbefangen zu beobachten und zu vergleichen, dem wird es allerdings bequemlich
sein, sehr vieles, was er nicht zu begreifen versteht, ganz einfach postlagernd
nach dem Reiche des Uebersinnlichen zu adressieren, damit er, der physisch gern
Bequeme, hinter seinem eigenen Schalter ruhig schlafen könne. -
    Als der Pedehr sich entfernt hatte, holte Tifl für Hanneh, Kara und mich ein
niedriges Serir123 und brachte uns dann die von Pekala so energisch verteidigte
Frenk maidanosu-Suppe, welche wir zusammen assen. Dann ging ich schlafen, denn
der heutige lange Aufentalt in der ozonreichen, freien Luft hatte mich ermüdet.
    Als ich am nächsten Morgen erwachte, war Kara schon wieder ausgeritten, doch
ohne Tifl, weil dieser durch verschiedene Besorgungen in Betreff der gefangenen
Soldaten zurückgehalten wurde. Halef war einmal für kurze Zeit aufgewacht. Er
hatte mit Hanneh gesprochen. Es waren zwar nur wenige Worte gewesen, aber so
lieb und klar, dass die Gute sich ganz glücklich über diesen Fortschritt fühlte.
Als Schakara mir das Frühstück brachte und ich mich nach dem kranken Scheik der
Kalhuran erkundigte, antwortete sie:
    »Er befindet sich in guter Pflege, denn seine Frau weicht fast keinen
Augenblick von seiner Seite. Unser Pedehr kennt eine gute Salbe, welche die
Schmerzen der Wunden stillt. Hafis Aram wird wahrscheinlich nur wenige Tage das
Lager zu hüte haben.«
    »Wie steht es mit den Soldaten?«
    »Sie stecken drüben im Gewölbe. Sie wollten uns vorschreiben, wie sie zu
behandeln seien, haben aber zur Antwort bekommen, dass man sich genau so zu ihnen
verhalten werde, wie sie es verdienen. Man wird heut wohl einige von ihnen
laufen lassen.«
    »Einige?«
    »Ja. Gäbe man sie alle zu gleicher Zeit frei, so könnten sie durch ihre
grosse Zahl den zerstreuten Bewohnern des Gebirges schädlich werden. Darum wird
man von Tag zu Tag nur wenige auf einmal freigeben, und auch diese werden zu
Pferde nach so verschiedenen Richtungen über die Grenze gebracht, dass es ihnen
gewiss schwer werden sollte, sich zusammenzufinden. Die Offiziere kommen zuletzt
daran. Auch sind heut früh Boten ausgesandt worden, welche dafür zu sorgen
haben, dass jedermann vor den etwa diebisch Herumstreifenden gewarnt werde. Wen
man entlässt, dem wird vorher alles abgenommen, was ihm nicht zu gehören scheint.
Man hat sie alle ausgesucht und da ausserordentlich viel gefunden, was den
Kalhuran von ihnen abgezwungen worden ist.«
    »Diese sind natürlich auch benachrichtigt worden?«
    »Gewiss! Das war ja das allererste, was getan werden musste! Sie brauchen nur
zuzugreifen. Was man ihnen unter dem Vorwande der Steuern weggenommen hat, das
wird nur von ein paar zurückgebliebenen Soldaten bewacht. Diese wird man einfach
fortjagen. Sie sind fast alle keine Muhammedaner, sondern Armenier aus der
Vorstadt Dschulfa bei Isfahan.«
    »So werden sie dortin gehen und Lärm machen. Dann kommt ein neuer und noch
viel schlimmerer Muhassil zu den Kalhuran!«
    »Schlimmer als dieser Omar Iraki war, kann keiner sein! Auch hat unser Ustad
noch während dieser Nacht einen Bericht geschrieben, welchen sichere Boten zu
dem Beherrscher bringen. Eine Abschrift davon bekommt der Hekim-i-Schera124 von
Isfahan. Du stehst also, dass nichts versäumt worden ist, was uns von der
Vorsicht gebotet wird. Wir haben nichts, gar nichts zu befürchten, denn der
Schah-in-Schah hat unsern Ustad lieb, und wir wissen gar wohl, dass unsere
Gefangenen gar keine eigentlichen Soldaten sind.«
    »Gesindel, welches der Muhassil zusammengetrommelt hat!«
    »Ja. Nicht einer von ihnen trägt eine wirkliche Uniform. Sie können nur froh
sein, dass wir sie nicht allesamt dahin schicken, wohin wir die Massaban
geschickt haben. Wahrscheinlich hätten wir es getan, wenn es nicht zu viele
Mühe machte. Es bedarf dazu einer ganzen Schar von Leuten, welche den Transport
zu führen und zu bewachen haben. Mein Oheim hat also hierauf verzichtet.«
    Oheim! Es war zum erstenmal, dass sie sich einer Bezeichnung der
Verwandtschaft bediente. Ich wusste seit gestern wohl, wen sie jetzt meinte, tat
aber doch, als ob es mir unbekannt sei, und fragte:
    »Du hast einen Oheim hier?«
    »Ja. Weisst du das noch nicht? Habe ich es dir noch nicht gesagt? Ich könnte
sogar von zweien sprechen.«
    »Darf ich erfahren, wer es ist?«
    »Unser Pedehr. Sein Vater Abd el Fadl war der Sohn einer Schwester unserer
Marah Durimeh.«
    »Und der zweite Oheim?«
    »Das ist der Ustad selbst. Auch er ist mit Marah Durimeh verwandt; aber wie,
das weiss ich nicht genau.«
    »Hast du ihn nicht einmal gefragt?«
    »Ich tat es einst. Es war da draussen vor der Halle, da, wo du jetzt des
Abends zu sitzen pflegst. Wir waren allein und sprachen von ihr. Da fragte ich
ihn. Er antwortete nicht sogleich. Er sah so lange und so still hinüber nach
unserm Gotteshause, welches im Mondenscheine wie ein frommes Märchen aus dem
Paradiese lag. Dann legte er mir die Hand auf das Haupt und sagte: Meine
Verwandtschaft mit Mara Durimeh? Was weisst du, liebes Kind, von dem, was
eigentlich Verwandtschaft ist! Sie ist nicht leiblicher Natur. Der Körper,
welcher sich fort und fort erneuert, bleibt nicht derselbe Leib, den uns die
Mutter gegeben hat. Er verändert zwar nicht die Gestalt, doch stets und
ununterbrochen die Stoffe, aus denen er zusammengesetzt ist. Er nimmt sie auf
und gibt sie ab, beides zu gleicher Zeit. Der Körper, in dessen Ohr du heut das
liebe Wörtchen »Vater« rufst, ist durch die Ausscheidung seiner jetzigen und die
Aufnahme neuer, ihm ganz fremder Bestandteile nach zwei Jahren ein vollständig
anderer geworden, und du aber nennst auch diesen gänzlich fremden noch deinen
»Vaters«. Der Stoff also ist es nicht, der uns befreundet. Doch aber aus dem
Mutterherzen floss dem Kinde, bis es geboren wurde, mit jedem Pulse das Leben zu.
Und aus dem Elternherzen strahlte ihm die Liebe, die es nährte, pflegte und
auferzog, um es in dem ebenso täglich und immerfort sich erneuernden
Menschheitskörper Aufnahme finden zu lassen. Ist es nicht diese Liebe, welche
befreundet? Und nimmt also an dieser Verwandtschaft nicht die ganze Menschheit
teil? Der Körper, den heut unsere Marah Durimeh besitzt, ist mir vollkommen
fremd; er hat mit dem meinigen nichts, als die menschliche Form gemein. Und was
verbindet diese beiden Gestalten mit den längst verwesten Körpern unserer Ahnen?
Nichts, nichts und wieder nichts! Das, was ich Verwandtschaft nenne, besteht nur
und allein in der liebenden Zuneigung zwischen Geist und Geist, zwischen Seele
und Seele. Kann ich da aber von Onkel und Tante, von Neffe und Nichte sprechen?
Giebt es da Vater und Mutter, Sohn und Tochter? Wenn ein grosser, hoch
entwickelter Geist einen kleinen, unentwickelten an sich zieht und zu sich
emporhebt, ist der eine dann der Vater und der andere der Sohn? Oder wenn eine
zarte, kindlich schwache Seele sich an eine gottbegnadete, starke schmiegt, um
bei ihr Schutz und Sicherheit zu finden, ist die eine dann die Mutter und die
andere die Tochter? Trachtet dein Geist, den meinen zu begreifen, so wirst du
mir mehr und mehr verwandt, und verbindet deine Seele sich immer inniger und
inniger mit der meinen, so treten wir uns durch diese Freundschaft näher, als
wir durch die körperliche Geburt uns nähern konnten; aber in keiner Sprache der
Menschen gibt es passende Worte, die Grade dieser geistigen und seelischen
Verwandtschaft zu bezeichnen. Ich sage dir ein grosses Geheimnis, mein liebes
Kind: Es kann ein neuer Geist von einem oder einigen anderen geboren werden;
Seelen aber stammen nicht von Menschenseelen, sondern nur allein von Gott, dem
Herrn! Mein Leib und Marah Durimehs Leib gehen einander nichts an, obwohl wir
gleiche Ahnen haben. Unsere Seelen kamen von Chodeh. Aber mein Geist wurde aus
dem ihrigen geboren. Willst du nun noch fragen, ob ich vielleicht ihr Vetter
oder wohl ihr Neffe sei? - - So oder ähnlich antwortete mir der Ustad. Ich habe
viel darüber nachgedacht und endlich es begriffen. Begreifst du es auch,
Effendi?«
    »Ja. Sein Geist verschmäht schon längst die Oberfläche des Lebens; er
schöpft nur aus der Tiefe. Und seine Seele wurde zwar in das Tal gesandt, nun
aber wohnt sie hoch oben auf dem Berge. Wie glücklich seid ihr, in ihm ein
Vorbild zu besitzen, nach welchem ihr, ungestört von andern, streben könnt!«
    »Habt ihr nicht auch Vorbilder? Strebt ihr ihnen nicht nach?«
    »Unser Leben ist unendlich vielgestaltig. Ueber tausend, tausend
Nichtigkeiten stolpert unser Fuss. Der eine beschimpft, was dem andern heilig
ist. Es gibt kein Ideal, welches nicht von feindlicher Seite mit Schmutz
beworfen würde. Jeder hält allein nur sich für klug. Keiner ist nur allein
Mensch, sondern hauptsächlich etwas Anderes. Alle verlangen, dass ihnen vergeben
werde, aber wo ist der, der auch selbst vergeben will? Wer - - -«
    Ich hielt inne. Beinahe erschrak ich über mich selbst. Ich hätte ja
stundenlang in diesem Tone fortfahren können, aber was sollte da Schakara von
unserm schönen, stolzen Abendlande denken! Durfte ich so unvorsichtig sein, von
Dingen zu sprechen, welche ich hier unbedingt zu verschweigen hatte? Die junge,
unverdorbene Kurdin sah mich, als ich so plötzlich schwieg, fragend an. Ich
öffnete schon den Mund, um von etwas Anderem anzufangen, da glitt ein
verständnisvolles Lächeln über ihr Gesicht, und sie sagte:
    »Ich weiss, ich weiss, Effendi! Es ist bei euch nicht alles so, dass wir es
wissen dürfen. Christen gegen Heiden, Christen gegen Juden, Christen gegen
Christen, so sieht es bei euch aus. Und alle, alle, alle diese Feindseligkeit
nur um des wahren Christentumes willen! Wir wissen es; du brauchst es nicht zu
verschweigen. Ein einziges Wort Christi, welches dieser so und jener anders
deutet, kann bei euch die Liebe, welche der Heiland predigte, in den grimmigsten
Hass verwandeln. Wir haben gehört von - - - doch, du hast ja geschwiegen, und da
habe auch ich still zu sein. Wirst du heut wieder hinaus auf den Platz gehen?«
    »Ja, und zwar sogleich.«
    »So werde ich dir die Kissen hinausschaffen lassen. Soll ich dich führen?«
    »Nein. Ich danke dir! Der Stock genügt vollständig.«
    Ich stand auf und ging zunächst zu meinem Hadschi Halef Omar hin. Sein
Gesicht gefiel mir heut mehr als gestern. Hanneh sah, dass ich mich freute. Sie
gab mir froh die Hand. Hierauf begab ich mich hinaus, die Stufen hinunter und
dortin, wo ich gestern gesessen hatte. Noch war ich nicht lange da, so kam
Pekala. Sie hatte in der einen Hand ein Körbchen mit Pflaumen und in der andern
einige Rosen.
    »Ich habe auf dich gewartet, Effendi,« sagte sie. »Unser Ustad sendet dir
diese Früchte, und ich lege diese Rosen hinzu, weil du beide, die Früchte und
die Blumen, liebst.«
    »Sag dem Ustad meinen Dank; dir gebe ich ihn selbst!«
    »Du sollst täglich welche haben, so lange es welche gibt. Erlaubst du mir
nun eine Frage?«
    »Gern. Aber welche?«
    »Ich möchte so gern wissen, ob du gestern abend mit meiner Frenk
maidanosu-Suppe zufrieden gewesen bist.«
    »Sie war gut.«
    »Wirklich?«
    »Ja.«
    »Erinnerst du dich an das, was du mir versprochen hast, falls sie dir
schmecken würde?«
    »Ah! Du meinst die Erziehung?«
    »Ja. Du versichertest, mir eine Antwort zu geben.«
    »Nun wohlan!«
    Ich machte eine sehr ernste Miene und fuhr fort:
    »Ich gebe dir zu, dass du recht hast: Wir Männer bedürfen noch alle der
Erziehung!«
    »Oh, Effendi, wie bist du verständig und einsichtsvoll! Was du sagst, ist
immer richtig! Ihr habt noch viel zu lernen!«
    »Aber wir werden es lernen, damit wir dann auch die Frauen erziehen können.«
    »Wen?« fragte sie rasch.
    »Die Frauen. Oder meinst du, dass es besser für euch sei, unerzogen zu
bleiben?«
    »Effendi, jetzt höre ich, dass das, was du sagst, doch nicht immer richtig
ist!«
    »Das schadet nichts, liebe Pekala. Wir irren alle. Du nicht zuweilen auch?«
    »Ja, zuweilen; aber in Betreff der Erziehung weiss ich, was ich weiss. Da
kommt unser Pedehr. Er scheint zu dir zu wollen. Erlaube, dass ich gehe!«
    Sie entfernte sich, um in ihre Küche zurückzukehren. Der Pedehr kam die
Stufen herunter und zu mir her. Ich bot ihm eines der Kissen an, und er setzte
sich nieder. Er erzählte mir in Beziehung auf die gefangenen Soldaten, was ich
bereits von Schakara erfahren hatte. Da kam »das Kind« von links, wo sie
steckten, herüber und meldete ihm, dass der Suari Jüzbaschysy behaupte, sehr
notwendig mit ihm zu sprechen zu haben. Er erhielt die Weisung, ihn zu holen.
    Als der Rittmeister gebracht wurde, war sein Auftreten keinesweges so
selbstbewusst wie gestern, als er kam. Er hielt den Kopf gesenkt. Der Stolz war
ihm benommen; aber aus seinem Auge sprach der zurückgehaltene Grimm.
    »Was willst du von mir?« fragte der Pedehr.
    »Alles!« antwortete er.
    »Was verstehst du unter diesem Alles?«
    »Alles, was ihr uns abgenommen habt; dazu die Waffen, die Freiheit und die
Pferde!«
    »Wenn du nichts weiter willst als das, so kannst du wieder gehen. Was wir
haben, das behalten wir.«
    »Es gehört aber uns!«
    »Euch?«
    »Ja.«
    »Sagtest du gestern nicht, dass es das Eigentum des Schah-in-Schah sei?«
    »Das war auch richtig. Er hat es uns anvertraut. Wir haben ihm Rechenschaft
darüber abzulegen.«
    »Das ist nun nicht mehr nötig, weil ich ein Verzeichnis aufstellen werde.
Was ihm gehört, wird er dann von mir bekommen. Ich betrüge ihn nicht.«
    »Du - - bist - - sehr unvorsichtig, Pedehr!« knirschte der Rittmeister.
    »Du hast mich Scheik zu nennen, nicht Pedehr. Merke dir das! Ein Vater von
Dieben bin ich nicht!«
    »Diebe? Wir sind Soldaten! Ich bin Offizier!«
    »Wo sind eure Uniformen? Ah, du schweigst?«
    Der Rittmeister hatte vor Zorn die Hände geballt, die rechte halb erhoben.
Da sah ich an ihr einen Ring, der mir auffiel. Er war von weissem Metalle und
hatte eine achteckige Platte. Ich schaute schärfer hin. Der Rittmeister war in
seinem Zorne an den Pedehr herangetreten. Er stand mir noch näher, so nahe, dass
ich die auf der Platte befindlichen Zeichen erkennen konnte. Es war ein sâ mit
einem lâm verbunden und darüber ein Verdoppelungszeichen. Nun wusste ich, was ich
von ihm zu denken hatte. Er war ein »Sill«, ein Mitglied jener geheimen
Verbrüderung, mit der wir ja schon wiederholt in Reibungen geraten waren. Er
trat bei der letzten Frage des Pedehr wieder von ihm zurück und antwortete:
    »Wenn wir zu Beduinen kommandiert sind, können wir uns kleiden, wie wir
wollen!«
    »Wer hat euch zu den Kalhuran kommandiert?«
    »Das ist meine Sache, nicht die deine!«
    »Gut, so ist es auch nicht meine Sache, ob du Offizier bist oder nicht.«
    »Ein Schurke ist er, weiter nichts!« sagte ich jetzt.
    Der Pedehr sah mich erstaunt an.
    »Weisst du das?« fragte er.
    »Sogar ganz genau!«
    »Kennst du ihn?«
    »Ja.«
    »Seinen Namen?«
    »Nein.«
    »Nur seine Person also?«
    »Auch diese nicht. Ich habe ihn gestern abend zum ersten Male gesehen. Aber
dennoch bleibe ich bei meiner Behauptung.«
    »Beweise sie!« brüllte mich der Perser an.
    »Schweig!« befahl ihm der Pedehr. »Dieser Effendi sagt kein Wort, was er
nicht beweisen kann. Ich kenne seine Gründe nicht, werde sie aber wohl erfahren.
Wenn er dich einen Schurken nennt, so bist du einer!«
    »Wer ist der Mann, den du Effendi nennst? Ein Dschamiki ist er nicht; das
sehe ich ihm an. Ein Perser auch nicht. Jedenfalls ein türkischer Sunnit, dem
nur die Hölle offen steht. Ich lache über alles, was er sagt. Ich frage dich
noch einmal: Giebst du uns wieder, was uns gehört?«
    »Nein.«
    »So fürchte die Blutrache!«
    »Die gibt es hier auf meinem Gebiete nicht.«
    »Du kennst den Bluträcher nicht!«
    »Wer wird es sein! Irgend ein Mensch! Ein Verwandter des Getöteten! Ein
freier Beduine jedenfalls nicht!«
    Der Pedehr sagte das in geringschätzendem Tone. Das brachte den Perser noch
mehr auf.
    »Nein, ein Beduine ist er freilich nicht. Er hat es nicht nötig, Brot zu
geniessen, welches auf Kamelmist gebacken worden ist! Weisst du, wie der Muhassil
geheissen hat?«
    Der Pedehr schnippste verächtlich mit dem Finger.
    »Omar Iraki,« sagte er.
    »Kennst du seine Familie?«
    »Sie ist mir gleichgültig. Da er ein Iraki ist, stammt er da unten aus dem
Sand heraus.«
    »Spotte nicht! Sein Vater ist einer der mächtigsten Männer im Reiche des
silbernen Löwen. Er hat die Gewalt, euch alle zu verderben. Es stehen ihm
tausende von Soldaten zur Verfügung, die euer ganzes Gebiet zur Wüste machen
werden!«
    »Sie mögen kommen! Hoffentlich sind sie klüger und vorsichtiger, als ihr
gewesen seid! Aber wie heisst denn dieser grosse Mann, der solche Macht besitzt?
Willst du vielleicht die Gnade haben, mir seinen Namen mitzuteilen?«
    »Er wird Ghulam el Multasim genannt.«
    Als der Perser diesen Namen sagte, sah er uns mit einem triumphierenden
Blicke an. Er schien zu erwarten, dass wir erschrecken würden. Das war aber
keineswegs der Fall. Freilich kann ich nicht behaupten, dass der Name gar keinen
Eindruck auf uns gemacht habe. Seine Wirkung auf den Pedehr und mich war eine
verschiedene. Man wird sich wohl noch des unadressierten Briefes erinnern, den
Halef von unserm Wirte in Basra bekommen hatte. Wir hatten zwar von dem
letzteren erfahren, dass er an einen gewissen Ghulam el Multasim gerichtet sei,
aber nicht, wo dieser Ghulam wohne. Die einzige Auskunft des schwerbetrunkenen
Wirtes hierüber hatte gelautet:
    »In - - - in - - - Strasse nach - - ah - - ah!«
    Ich hatte schon öfters an dieses Schreiben und seinen Adressaten gedacht.
Das Wort »in« deutete an, dass er in einer Stadt wohne, aber in welcher? Das war
die Frage! Sein Haus schien nicht im Innern sondern in einem Aussenteile dieser
Stadt zu liegen. Das war aus den beiden Worten »Strasse nach - -« zu schliessen.
Aber war dieser Ghulam el Multasim derjenige, den der Rittmeister meinte? Ghulam
heisst, wie bereits einmal gesagt, Läufer, Page, auch Courier. So hiess ja der
»Pass des Couriers« auch Boghaz-y-Ghulam. Unter Ghulam versteht man auch die
Leibgarde des Schah. Wenn ein Offizier dieser Leibgarde für besondere Dienste zu
belohnen ist, so kommt es vor, dass er als Muhassil irgendwohin geschickt wird,
um die Steuern einzutreiben. Vielleicht war der Mann, von welchem der
Rittmeister sprach, Offizier der Leibgarde. Dass beide Ghulams, der meinige und
der seinige, identisch seien, war ein Gedanke, dessen Richtigkeit durch den Ring
bestätigt wurde. Der Adressat des Briefes war unbedingt ein Sill. Dass der
Rittmeister auch einer war, bewies sein Ring. Ich freute mich herzlich darüber,
dem unbekannten Adressaten hiermit auf die Spur gekommen zu sein, doch
selbstverständlich fiel es mir nicht ein, durch irgend eine Frage mein
besonderes Interesse für ihn zu verraten. Ich war also still.
    Ganz anders der Pedehr. Kaum hatte er den Namen gehört, so hielt er den
Rittmeister mit einem so erstaunten Blicke fest, dass dieser ganz verlegen wurde.
    »Ghulam el Multasim!« sagte er. »Der Blutsauger! Der Verachtete! Und du
hast, wie es den Anschein hat, geglaubt, dass ich erschrecken werde? Meinst du,
dass dieser Feigling es wagt, mich offen anzugreifen? Ja, nun weiss ich, dass
dieser Effendi Recht hat: du bist kein Offizier, sondern ein Schurke! Du hast
dich als seine Kreatur entpuppt. Ich bin mit dir fertig. Fort, fort!«
    Eine solche Wirkung des genannten Namens hatte der Perser nicht erwartet. Er
fühlte sich entlarvt und sagte kein Wort dagegen, als die beiden Dschamikun,
welche ihn gebracht hatten, ihn nun bei den Armen fassten, um ihn fortzuführen.
Als er hinter dem mehrfach genannten, alten Tore verschwunden war, sagte der
Pedehr zu mir:
    »Nun ist es gewiss, dass diese Menschen keine wirklichen Soldaten sind. Dieser
Multasim war nämlich früher Offizier der Leibgarde, ein nach obenhin
kriechender, nach unten aber grausam rücksichtsloser Mensch. Er wusste sich durch
solche Kriecherei bei dem damaligen Muajir el Memalek125 in der Weise
einzuschmeicheln, dass es ihm gelang, einen langjährigen Pachtbrief für gewisse
Staatseinnahmen ausgestellt zu erhalten, den auch der Sader aazam126 mit
unterschrieb. Als er das erreicht hatte, nahm er seinen Abschied vom Militär, um
nicht mehr gehorchen zu müssen, sondern nun fortan befehlen zu können und dabei
ein reicher Mann zu werden. Er ist giftig wie eine Assaleh127, feig wie eine
alte, zahnlose Hyäne und gefühllos wie ein Stein. Wenn ein einziges Schaf
genügt, die Steuer, welche schuldig geblieben ist, zu decken, so nimmt er eine
ganze Herde. Wohin er kommt, da setzt er sich fest, um Land und Menschen
auszusaugen, und wenn er endlich geht, ist er rund wie ein Maultier, welches von
der fetten Weide kommt. Es gibt Menschen, welche den Raubtieren gleichen, und
wieder andere, die wie das Ungeziefer sind. Wenn man sie und ihre Taten kennen
lernt, möchte man an Chodeh's Güte und Gerechtigkeit zweifeln, falls man nicht
so genau wüsste, dass uns nur zu unserm Heile die Gründe dessen, was geschieht,
verborgen bleiben - -«
    Er war, wie es schien, mit seinem Satze noch nicht zu Ende; aber er hielt
jetzt inne, weil er sah, dass meine Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt wurde. Ich
horchte. Es klangen Töne, die von oben herabkamen. Waren das Menschenstimmen?
War es ein Lied, welches sie sangen? Ich konnte die Worte nicht vernehmen. Die
Melodie lag nicht bloss in der obern Stimme, sondern auch in den unteren. Die
Harmonisierung war eine sehr eigenartige, ganz gegen unsere Generalbassregeln und
aber doch nichts weniger als fehlerhaft. Mehr diese Seltsamkeit als der Gesang
überhaupt war es, die mich frappierte. Der Pedehr lächelte.
    »Ueberrascht dich der Gesang?« fragte er.
    »Ja,« gestand ich ihm.
    »Weil du ihn hier in einer so abgelegenen Gegend hörst? Bei Leuten, von
denen ihr meint, dass sie gar nicht singen können?«
    »Nicht bloss darum. Niemand weiss besser als ich, dass der Orient nicht
unmusikalisch ist.«
    »Aber ihr haltet seine Musik für hässlich?«
    »Wenigstens nicht für schön.«
    »Trifft dieses Urteil auch uns? Wir sind ja hier im Oriente. Also nicht
schön!«
    Ich sah, dass er dies scherzend meinte. Es schaute mich dabei der Schalk aus
seinen lieben, schönen Augen an.
    »Ich bitte dich! So war es nicht gemeint!« antwortete ich schnell. »Man hat
aufgehört. Das Lied ist zu Ende. Schade! Kaum hatte es begonnen, so hörte es
schon wieder auf. Wenn ein fremder Mann nur bloss sehr schnell an dir vorüber
geht, kannst du nicht wissen, wer und was und wie er ist. So auch bei diesem
Liede. Es ist eine mir ganz fremde Gestalt an meinem Ohre vorübergegangen. Sie
trug ein orientalisches Kleid. Es war mir, als ob sie nicht zu den jetzt
Lebenden gehöre, sondern im Grabe der Vergangenheit geschlummert habe und nun
wieder auferstanden sei. Das ist der Eindruck, den dieses Lied auf mich gemacht
hat.«
    »Wie du das so in dieser Weise sagst! Das sollte unser Chodj-y-Dschuna128
hören!«
    »Wie? Es gibt hier einen Lehrer, der besonderen Unterricht im Gesang
erteilt?«
    »Giebt es solche Leute denn nicht bei euch auch?«
    »Allerdings. Aber unsere Verhältnisse sind ja doch ganz andere als die
eurigen.«
    »Ich kenne sie nicht. Und was unsern Gesang betrifft, so liebe ich ihn zwar
sehr, kann dir aber keine gelehrte Auskunft über ihn erteilen. Du wirst den
Chodj-y-Dschuna kennen lernen und von ihm alles erfahren, was du wissen willst.
Er ist eine Quelle der Töne, welche trotz seines hohen Alters hell und reichlich
fliessen.«
    Jetzt sang man wieder. Es wurde öfters abgebrochen und wieder neu begonnen.
Das war Unterricht.
    »Man scheint zu üben?« fragte ich.
    »Ja. Und weisst du, für wen?«
    »Nein.«
    »Für dich!«
    »Für mich? Das klingt so freundlich überraschend!«
    »Freundlich? Ja, weil wir wünschen, dass du es freundlich aufnehmen möchtest.
Und überraschend? Was dich überrascht, ist bei uns ein lieber, alter Brauch. Das
Grab war dir schon geöffnet, doch Chodeh's Hand hat dich ergriffen und wieder in
das Leben zurückgeführt. Was dir geschieht, das geschieht auch uns, denn du bist
unser Gast. Wir sind so froh, und für diese Freude soll heute der Tag des Dankes
sein.«
    Das klang so einfach, so selbstverständlich! Ein Tag des Dankes! Für mich!
Ich gestehe, dass mich das verlegen machte. Diese Verlegenheit war der Grund, dass
ich die ganz überflüssige Frage tat:
    »Warum grad heut?«
    »Weil Sonntag ist, der erste Sonntag, nachdem du das Krankenlager verlassen
hast. Ich möchte dir da eine Bitte sagen, oder vielmehr nicht bloss eine, sondern
zwei, und hoffe, dass du sie mir gewähren wirst!«
    »Wie gern, wenn ich kann!«
    »Du kannst! Die erste ist, dass du uns überhaupt erlaubst, zu tun, was uns
sowohl vom Herzen als auch von der Religion befohlen wird. Wir würden es zwar
auch ohne deine Erlaubnis tun, denn zwischen Chodeh und seinen Menschenkindern
darf kein fremder Wille stehen, der da meint, Befehle erteilen zu können. Das
mag bei den Muhammedanern geschehen; bei uns aber ist es anders. Wir haben
keinen Imam, welcher sich einbildet, als der Eischikkagazi-Baschi129 des
Weltenherrn darüber entscheiden zu können, welchen Besuch Chodeh anzunehmen hat
und welchen nicht. Aber wenn du es nicht gestattetest, so würdest du nicht dabei
sein können, was für uns sehr betrübend wäre. Die zweite Bitte ist, dass du dich
nicht belästigt fühlen mögest. Wir wünschen, dass du dich so frei von allem
Zwange fühlest, als ob das, was wir tun, in gar keiner Beziehung zu dir stehe.
Denke dir, wir hielten Dankestag für einen Menschen, der dir vollständig
unbekannt ist. Willst du das, Effendi?«
    Ich gab ihm, tief gerührt, die Hand und antwortete:
    »Du hast nichts zu fragen, und ich habe nichts zu entscheiden. Wie könnte
ich mich als Imam gebärden, nachdem ich von dir hörte, dass es für euch keinen
gibt! Aber sage mir, in welcher Weise ihr diesen lieben, alten Brauch
auszuführen pflegt!«
    »Du wirst das besser sehen, als jetzt hören. Man wird dich gegen Mittag in
einer Sänfte hinüber nach dem Gotteshause tragen. Dort bleibst du bis zum Abend.
Es wird für alles gesorgt sein, was du brauchst. Unser Tifl ist in deiner Nähe,
um dich zu bedienen. Jeder Dschamiki, der im Duar oder in der Nähe wohnt und
euch als seine Gäste betrachtet, weil ihr die Gäste seines Ustad seid, wird
anwesend sein. Gezwungen wird niemand. Wer kommt, der folgt nur seinem eigenen
Willen. Aber so viele es ihrer sein mögen, es wird dich keiner belästigen. Es
wird so sein, als ob du gar nicht zugegen wärst, doch wenn du mit jemand zu
sprechen wünschest, so genügt ein Wort an Tifl, der ihn zu dir holt. Jetzt
erlaube, dass ich gehe! Man braucht mich, wie es scheint, anderwärts.«
    Schakara stand nämlich oben bei den Säulen und winkte ihm. Er ging.
    Was waren das doch für Gedanken, welche sich nun in mir regten! Ich übergehe
sie. Um aufrichtig zu sein, muss ich sagen, dass die Vorstellung, der Mittelpunkt
einer Feier zu sein, eine unangenehme Empfindung in mir erregte. Es ist
keineswegs ein beglückendes Gefühl, die Aufmerksamkeit Vieler auf sich gelenkt
zu sehen. Man frage einen sogenannten »berühmten« Mann, und wenn er nicht bloss
berühmt, sondern auch verständig ist, so wird man erfahren, wie teuer er diese
Aufmerksamkeit zu bezahlen hat. Er ist durchaus nicht zu beneiden, sondern
vielmehr zu beklagen. Die Oeffentlichkeit ist die Feindin jedes wahren Glückes.
Wohl dem Manne, dem nicht das fürchterliche Los zuerteilt worden ist, die
Aufmerksamkeit von Menschen zu erregen, welche so kurzsichtig und so übelwollend
sind, ihn wegen einer »Berühmteit« zu hassen und zu verfolgen, die schon an
sich nicht leicht zu tragen ist!
    Es war mir also gar nicht lieb, zu wissen, dass ich der Mittelpunkt dessen
sei, was man sich vorgenommen hatte; aber ich konnte doch unmöglich so undankbar
sein, das, was ich empfand, den Gefühlen dieser guten Leute voranzusetzen! Ich
hatte mich zu fügen.
    Einige Zeit, nachdem der Pedehr in das Haus gegangen war, sah ich einen Mann
aus dem Garten kommen, dessen Äußeres meine Augen sofort auf sich zog. Nicht
seine Kleidung ist's, die ich besonders zu beschreiben habe. Sie zeigte nichts,
was mir hätte auffallen können. Sie war so einfach wie die jedes andern
Dschamiki. Aber er selbst, der Mann war es, der gleich beim ersten Blicke mein
ganzes Interesse erwecken musste. Man denke sich Bismarck in orientalischem
Anzuge und mit einem lang herabwallenden weissen Bart, aufrecht, stolz und aber
doch nachdenklich daherschreitend, so hat man ein deutliches Bild von der
Gestalt, die sich mir näherte. Auch das Gesicht von fast frappierender
Aehnlichkeit, die starken, buschigen Brauen nicht ausgenommen. Er blieb kurz vor
mir stehen, hob beide Hände bis zur Brust, verbeugte sich und fragte:
    »Du bist Kara Ben Nemsi Effendi?«
    »Ja,« antwortete ich.
    »Ich komme von unserm Pedehr. Er hat mir gesagt, dass du es mir nicht
übelnehmen werdest, wenn ich dich begrüsse. Ich bin der Chodj-y-Dschuna.«
    »Du bist mir willkommen! Erlaube, dass ich dich bitte, hier bei mir Platz zu
nehmen!«
    Ich schob ihm eines meiner Kissen hin, und er setzte sich. Als er sprach,
sah ich, wie liebenswürdig, ich möchte fast sagen harmonisch, seine vollen,
trotz des Alters noch so frischen Lippen geschwungen waren. Ich hatte das
Gefühl, als könne dieser Mund nur kluge, gütige, nie aber hässliche Worte
sprechen. Er bemerkte wahrscheinlich, dass mein Auge nicht mit einem gewöhnlichen
Blicke auf ihm ruhte, denn er begann das Gespräch mit der Erkundigung:
    »Du schaust mich so eigen an. Bin ich dir vielleicht bereits bekannt?«
    »Nein.«
    »Nicht! Aber du lächelst! Ich vermutete fast, dass du mich schon einmal
gesehen habest.«
    »Das ist allerdings der Fall.«
    »Ich weiss nichts davon. Wo?«
    »Nicht hier, sondern in Dschermanistan130.«
    »Maschallah! Da bin ich nie gewesen!«
    »Das glaube ich dir wohl. Du warst es auch nicht selbst, sondern nur dein
Ebenbild.«
    »Giebt es dort einen Mann, dem ich so ähnlich bin?«
    »Sogar sehr ähnlich! Und er ist kein gewöhnlicher Mann, sondern die rechte
Hand des Schah-in-Schah von Dschermanistan.«
    Er sann einen Augenblick lang nach und fragte dann:
    »Die rechte Hand? Ich weiss nicht, ob ich es erraten werde. Die Faust dieses
weisen Herrschers wird Molaka131 genannt. Seine rechte Hand aber kann wohl nur
Bismarak132 sein. Habe ich es richtig getroffen?«
    »Ja.«
    »Und du findest, dass ich Aehnlichkeit mit diesem auch bei uns bekannten und
berühmten Manne besitze?«
    »Sogar eine ganz auffällige! Deine Gestalt ist wie die seinige, und auch in
Beziehung auf seine Gesichtszüge bist du eine sehr wohlgetroffene, lebendige
Abbildung von ihm.«
    »Also eine zufällige Gleichheit körperlicher Eigenschaften, auf welche man
sich ebenso wenig einzubilden hat, wie man darüber in Trauer zu geraten braucht,
dass man einem nicht beliebten Menschen ähnlich sieht. Nicht durch seine äusseren,
sondern durch seine innern Eigenschaften wird der Wert eines Menschen bestimmt.
Bismarak ist ein grosser, in der ganzen Welt bekannter Mann. Ich bin ein kleiner
Musikadschi133, den man nur hier in dieser Gegend kennt. Und grad darum bin ich
wahrscheinlich glücklicher als mein berühmtes Ebenbild. Ich habe keine Feinde! -
Der Pedehr sagte mir, dass du auf unsern Gesang aufmerksam worden seist. Was du
vernommen hast, war nur eine Uebung, nach welcher du nicht urteilen darfst.«
    »Das tue ich auch nicht. Dennoch hat das, was ich hörte, mich zum
Nachdenken angeregt.«
    »Zum Nachdenken? Also treibst du auch Musik? Denn bei wem dies nicht der
Fall ist, für den pflegt sie nur vorhanden zu sein, um gehört, nicht aber
begriffen zu werden.«
    Ich sah ihn erstaunt an. Ein Kurde brachte die Musik mit dem menschlichen
Begriffsvermögen in Verbindung! Er war also Musikphilosoph! Dieser Gedanke
wollte mich zum Lächeln bringen; ich unterdrückte es aber glücklicherweise. Der
Ort, an dem ich mich befand, hatte mich schon öfters überzeugt, dass europäischer
Hochmut grad hier noch viel weniger als sonst irgendwo berechtigt sei. Auch sah
dieser Mann gar nicht darnach aus, als ob er über einen hohen, ihm unbekannten
Gegenstand in kindischer Ueberhebung schwatzen oder faseln könne. Da ihm meine
Ueberraschung nicht entging, so erkundigte er sich:
    »Du scheinst anderer Meinung zu sein. Habe ich etwas Unüberlegtes gesagt?«
    »Nein. Ich schliesse ganz im Gegenteile aus deinen Worten, dass du sehr wohl
zu überlegen verstehst. Du hast über Musik sehr oft und gründlich nachgedacht?«
    »Nicht nur sehr oft, sondern auch sehr gern, gründlich aber nicht. Kein
Mensch darf sich rühmen, derartigen schweren Fragen bis auf den Grund zu
dringen. Selbst dann, wenn einst unser Geschlecht auf Erden ausgestorben ist,
wird das Reich der Töne unerforscht geblieben sein. Ich habe gehört, dass die
grössten Gelehrten sich mit dieser Forschung befasst haben und auch noch heut
befassen. Es ist vergeblich gewesen. Ich bin kein Gelehrter. Ich baue meinen
Garten und mein Feld und hüte meine Schafe. Ich pflege dabei die Musik ganz aus
demselben Grunde, aus welchem ich esse und trinke, atme, wache und schlafe; es
ist der Befehl der Natur, dem ich gehorchen muss. Das eine beschäftigt meine
Gedanken ganz ebenso wie das andere. Diese Gedanken können nicht gelehrt, nicht
weise sein, denn ich habe keine Schule besucht, in der man lernt, wie man
gelehrt zu denken hat. Sie strengen mich nicht an; ich gebe mir keine Mühe, sie
zu finden; sie kommen mir wie die Luft, indem ich Atem hole; sie sind so leicht,
so einfach, so selbstverständlich. Ich würde wohl mit keinem Gelehrten über
Musik sprechen können, und doch ist es mir ganz so, als ob ich mich dessen, was
ich von ihr denke, nicht zu schämen brauchte. Wenn jemand spricht, wenn er
singt, wenn er musiziert, so hörst du Töne. Was aber ist der Ton? Ist er es
selbst, den du hörst? Oder sind es nur die luftigen Falten seines Gewandes,
welche an dein Ohr schlagen? Was für Töne gibt es wohl? Etwa viele? Oder gibt
es nur einen einzigen, der sich aber nach der Verschiedenheit der Personen und
der Werkzeuge auch verschieden offenbart? So gibt es auch nur eine einzige
Liebe, die sich aber bei jedem Geschöpf und in jedem Augenblicke anders zeigt.
Dieser Ton ist von Chodeh allen Menschen gegeben worden; sie wären ja nicht
Menschen ohne ihn. Er ist ihnen so notwendig wie das Licht, ohne welches sie
nicht leben könnten. Die Natur gibt täglich neue Strahlen und täglich neue
Töne. Sie kommen von dem einen Lichte und von dem einen Tone. Der Mensch besitzt
Organe, beide, die Strahlen und die Töne, in sich aufzunehmen. Und er hat oder
macht sich Werkzeuge, beide hervorzubringen, weil dies für die Fortexistenz der
Menschheit unentbehrlich ist. Werden die Töne in einfacher, natürlicher Weise
hervorgebracht, so bilden sie die Sprache. Erweckt, gebraucht und vereinigt er
sie nach künstlerischen Regeln, so hat er das hervorgebracht, was wir Musik zu
nennen pflegen. Je mehr er sich mit dieser seiner Kunst von der Natur entfernt,
desto schwerer zu begreifen wird ihre Sprache sein. Ja, es kann wahrscheinlich
vorkommen, dass man sie gar nicht mehr zu verstehen vermag. Darum meine ich: Wer
Musik für andere macht, um begriffen zu werden, der soll der Natur so nahe wie
möglich bleiben. Der unmittelbare Nachbar der Natur ist der Gesang, den
jedermann versteht, weil er nicht auf das Wort verzichtet hat. Wir lieben ihn
und pflegen ihn. Er ist ein trauter Freund, der nicht in Rätseln sondern offen
mit uns spricht. Ja, dieser Freund ist sogar mit uns verwandt, ist hier geboren,
ist unser eigenes Kind, denn was wir singen, machen wir uns selbst! Die
Janitscharenmusik, welche in Teheran und Isfahan zu hören ist, bringt uns keinen
einzigen Gedanken, den wir begreifen und liebgewinnen könnten. Ist das auch
Musik, Effendi? Wenn die höchste Stufe der Kunst die ist, auf welcher sie mit
der Natur nichts zu schaffen hat, so musst du zugeben, dass ihr eigentlicher Zweck
nur der sein kann, das Ohr mit unbegreiflichem und blödem Lärm zu füllen.«
    Er hatte langsam und bedächtig gesprochen, aber doch fliessend und in einer
Weise, die mir deutlich sagte, dass er es mit einem Lieblingstema zu tun habe.
Es war ganz eigen, dass er, doch ziemlich ungefragt, mir die Resultate seines
Nachdenkens in so selbstverständlicher Weise dargelegt hatte, als ob er nur aus
diesem Grund zu mir gekommen sei. Ein einfacher, armer Dschamiki, und solche
Gedanken! Ob richtig, ob falsch, es waren Gedanken, und zwar keine gewöhnlichen!
Die Bewohner dieses weltentlegenen Tales mussten mir von Stunde zu Stunde immer
interessanter werden! Als er mich jetzt, auf eine Äusserung wartend, anschaute,
fiel mir der Ausspruch eines neueren deutschen Philosophen ein, welcher die
Musik als »tönende Weltidee« bezeichnet hat. Da neckte mich der Schalk, zu
versuchen, wie weit der Chodj-y-Dschuna mit diesem Worte in Verlegenheit zu
bringen sei. Ich sagte also:
    »Diese Art der Musik ist allerdings keine tönende Weltidee; das gebe ich
zu.«
    Mir geschah ganz recht: Ich hatte mich sofort meiner Hinterlist zu schämen.
Die starken Brauen zogen sich für einen Moment zusammen; ein kurzer,
verweisender Blick zuckte aus den ernsten Augen zu mir herüber, doch unverändert
und freundlich wie bisher klang seine Stimme, als er antwortete:
    »Tönende Weltidee! Das klingt sehr gelehrt. Ist dieses Wort von dir?«
    »Nein. Ich wohne nicht in so hohen Regionen. Es ist einer der grössten
Weltweisen in Dschermanistan, welcher der Musik diesen Namen gegeben hat.«
    »Jeder Weltweise hat seine eigene Sprache. Ich weiss also nicht, was grad
dieser unter Weltidee versteht. Aber auch ich habe mir eine Idee von der Welt
gemacht und ebenso eine von der Musik, und beide stehen in enger Beziehung zu
einander. Sag, Effendi, gibt es nicht gelehrte Leute, welche behaupten, dass
nichts in der Welt verloren gehe?«
    »Ja; die gibt es allerdings.«
    »Ich glaube dasselbe. Kein Mensch, kein Tier, keine Pflanze, kein
Wassertropfen, kein Wort, kein Gedanke kann verloren gehen, kann sich so
vollständig auflösen, dass nichts, gar nichts mehr von ihm vorhanden wäre. Alles
Vorhandene ist dem Wandel unterworfen, kann aber nicht in Nichts zerfallen. Das
Geistige kann körperlich, und das Körperliche kann geistig werden. So haben sich
die Schöpfungsworte Gottes zu Welten verkörpert und zu allem, was sich auf
diesen Welten befindet. Jedes dieser Worte hatte seinen eigenen Ton, und alle
diese Töne sind auf die Verkörperungen der Worte übergegangen. Sie sind hörbar
bei ihnen, oder sie ruhen in ihnen, bis sie hörbar werden, Gott sprach im Blitz
das Wörtlein Donner aus; nun rollen Donner, so oft die Blitze zucken. Die
Verkörperung des Wortes löst sich in demselben Ton auf, in welchem das
Schöpfungswort erklungen ist. Da werden Töne der Freude und des Schmerzes frei,
der Klage und des Trostes, des Zornes und der Vergebung; aber sie alle, alle
vereinen sich zum Klange des einen grossen Wortes, welches vom Munde Chodehs
ausging und wieder zu ihm zurückkehrt. Das ist das Wort der Liebe. Und diese
Liebe ist der Grundton und Urquell jeder wahren Kunst und jeder wahren Musik.
Denn - - -«
    Er konnte nicht weitersprechen, denn jetzt kam Hanneh die Stufen herab, zu
uns her und sagte zu mir:
    »Effendi, mein Halef ist erwacht und hat deinen Namen genannt. Er möchte mit
dir sprechen.«
    Ich entschuldigte mich bei dem Chodj-y-Dschuna und bat ihn, zu warten, bis
ich wiederkäme. Er aber schien es für höflich zu halten, mich freizugeben, indem
er meinte, dass wir das jetzt unterbrochene Gespräch ja zu jeder Zeit wieder
aufnehmen und fortsetzen könnten. Ich liess ihn nicht gern gehen. Mir war, als ob
er die Hauptpunkte erst noch vorzubringen gehabt habe, und so mitteilsame
Augenblicke, wie der jetzige gewesen war, pflegen bei Männern seiner Art nicht
eben häufig zu sein.
    Als er sich von uns gewendet hatte und ich mit Hanneh die Treppe
hinaufstieg, was sie, um mich zu schonen, sehr langsam tat, sagte sie:
    »Ich habe euch gestört; aber du darfst mir nicht zürnen. Halef hatte so
Angst um dich.«
    »Angst? Warum?«
    »Er sagte, du befändest dich in sehr grosser Gefahr.«
    »Ich? Ich sass ja so ruhig dort auf den Kissen! Hast du ihm das nicht
mitgeteilt?«
    »Das tat ich wohl; aber er glaubte es nicht. Er verlangte dringend, dich
sofort zu sehen.«
    Jetzt waren wir oben und traten in die Halle. Halef hatte sein Gesicht dem
Eingange zugekehrt. Sein Auge schaute ängstlich zu uns her. Als er mich sah, gab
ihm die Freude einen sichtbaren Ruck; ein frohes Lächeln ging über sein hageres
Angesicht, und er sagte, so laut er konnte:
    »Sihdi, du bist da, wirklich da! Allah sei Dank! Nun ist alles, alles wieder
gut!«
    Ich ging zu ihm hin, setzte mich auf den Rand seiner Lagerstätte, nahm seine
Hand in die meinige und antwortete:
    »Ja, mein lieber Halef; ich bin da; ich bin bei dir. Ich befinde mich wohl.
Du hast wohl einen schlimmen Traum gehabt, in welchem du mich sahest?«
    »Es war kein Traum. - - - Warte! - - - Ich bin vor Angst um dich so schwach
geworden. - - - Ich muss erst ruhen; - - - muss Kräfte sammeln.«
    Seine Stimme war hierbei leiser und immer leiser geworden. Dann schloss er
die Augen. Hanneh hob den Zeigefinger bekräftigend in die Höhe, zog die Brauen
hoch empor und flüsterte mir zu:
    »Er schlief allerdings nicht; aber es war auch kein Wachen. Ich habe ihn
früher niemals so gesehen. Er bewegte das Gesicht und die Lippen genau so, als
ob er vor Entsetzen schreie; aber es war kein Laut zu hören. Der Schweiss trat
ihm endlich auf die Stirn; den wischte ich weg, und bei dieser Berührung
erwachte er.«
    »Es war aber doch nur Traum!« sagte ich ebenso leise.
    »Nein!« behauptete sie. »Ich habe einmal einen Arifi134 gesehen, der die
Gabe hatte, halb wachend und halb träumend in die Zukunft zu schauen. Genau wie
dieser Mann sah vorhin Halef aus. Warte, was er erzählen wird!«
    Wir befanden uns allein in der Halle. Es war still. Da öffnete Halef die
Augen, richtete einen langen Blick auf mich, als ob er sich überzeugen wolle,
dass ich wirklich bei ihm sei, schloss sie wieder und begann dann, langsam und mit
leiser, aber doch vernehmlicher Stimme zu sprechen:
    »Es war bei dir, fern, sehr ferne von hier, in Dschermanistan. - - - Ich
hörte, dass du sterben müssest, und doch warst du nicht krank, sondern gesund und
stark, rüstiger, viel rüstiger noch als jetzt. - - - Und doch lagst du im
Sterben. - - - Aber du lagst nicht eigentlich, sondern du standest, aufrecht,
ohne Furcht, lächelnd. - - - Und doch wusstest du es, und doch sagtest du es
selbst, dass du jetzt sterben werdest. - - - Nicht schnell, nicht plötzlich,
sondern langsam, sehr langsam. - - - Dein Tod werde nicht Stunden und Tage,
nicht Wochen und Monde, sondern Jahre hindurch dauern! - - -«
    Er machte eine Pause, und so fragte ich ihn:
    »Sprach ich denn mit dir?«
    »Nein. Du sahest mich ja gar nicht. Du sprachst überhaupt kein Wort! Alle,
alle brüllten und schrieen auf dich ein; du jedoch bliebst ohne Worte, ganz als
seist du stumm. - - - Aber alles, was du dachtest, das war genau so, als ob du
mir es sagtest. Ich erfuhr jedes Wort, durch dich, obgleich du keine Silbe
sprachst. - - -«
    »So waren also Andere bei mir?«
    »Viele, sehr viele. - - - An ihren Anzügen sah ich ja, dass ich mich bei dir
im Abendlande befand. Sie waren nicht morgenländisch gekleidet. - - - Es waren
ihrer viele, die um dich herumstanden, lauter Feinde, grimmige Feinde. Sie
riefen; sie schrien; sie brüllten; sie höhnten; sie sagten, du seist der
schlechteste Mensch auf Allahs Erde. Links, weit in das Land hinaus, standen
noch welche; die freuten sich und brüllten mit. - - - Rechts gab es eine grosse,
grosse Menge von Leuten. Diese waren deine Freunde und forderten dich
unaufhörlich auf, dich zu wehren. Das tatest du aber nicht. - - - Von den
Feinden kam einer nach dem andern auf dich zu. Sobald er dich erreichte, verlor
er seine menschliche Gestalt und verwandelte sich in eine hässliche Made, welche
sich tief in dein Fleisch frass. - - - Ich schrie, so oft ein Mensch zum Wurm,
zur Made wurde und sich in deinen Körper bohrte. Du aber hörtest mich nicht, und
ich konnte nicht hin, dich zu beschützen. - - - Deine Augen waren hell und die
Züge deines Angesichts freundlich. Man sah dir an, du freutest dich; du fühltest
keine Schmerzen. Du hattest Mitleid mit den Menschen, welche sich durch ihren
Hass zu Würmern machten, um dich völlig aufzuzehren, wie ein Leichnam im Grabe
von den Maden aufgefressen wird. - - - Aber es sah schrecklich aus! Die
schmutzfarbigen Fresser nagten sich immer höher an dir hinauf; sie wurden immer
dicker und fetter, und wenn sie zum Platzen waren, fielen sie herab und krümmten
sich da unten vor Vergnügen - - -«
    »Ein sonderbarer Traum,« sagte ich kopfschüttelnd, als er jetzt wieder eine
Pause der Erholung machte.
    »Kein Traum! Und auch nicht sonderbar! Er war weit mehr; er war entsetzlich!
- - - Einmal bemerkte ich, dass du plötzlich und zufällig an mich dachtest. Da
wurde ich dir sichtbar. Du sahest mich stehen und vergeblich die Hände ringen. -
- Da riefst du mir zu: Sorge dich nicht um mich! Das alte Fleisch muss herunter!
Das lass ich von den Maden mir besorgen! Weh tut es nicht! Du weisst es ja: der
»Hadschi« hat zu sterben; ich gebe ihn hier den Würmern, die seine Totengräber
sind. Der »Halef« aber bleibt. Dem können sie nichts tun, weil er nicht
sterblich ist. So werde ich schon vor dem Tode frei vom Tode sein! - - - So
sagtest du, und die Feinde hörten es. Da wuchs ihr Grimm in das Masslose. Sie
veränderten nicht mehr einzeln oder zu Zweien ihre menschliche Gestalt, sondern
sie wurden jetzt plötzlich alle, alle fressende Maden und stürzten sich auf
dich. - - - Ich schrie vor Angst, schrie wieder und immer wieder. Da - - da
berührte mich die erlösende Hand meiner Hanneh. Sie wischte mir den Schweiss von
der kalten Stirn, und das war der Anlass, dass ich erwachen durfte! - - -«
    Er hatte zuletzt immer schneller und schneller gesprochen und das, was er
sagte, mit hastigen Armbewegungen begleitet. Das war für seine geschwächte Kraft
zu viel gewesen. Er kroch in sich zusammen und brachte keinen Laut mehr hervor.
Das machte Hanneh Sorge, doch beruhigte ich sie in leisem Tone:
    »Fürchte nichts. Hat er den Traum selbst überstanden, so wird ihm auch die
Erzählung nichts schaden. Es ist keine Gefahr vorhanden, sondern nur gesteigerte
Schwäche. Er wird einschlafen und dann gekräftigt wieder erwachen.«
    So geschah es auch. Schon nach wenigen Minuten hatte ihn der Schlummer uns
entzogen. Wir wechselten noch einige Bemerkungen über das eigentümliche
Vorkommnis, und dann verliess ich die Halle, um mich wieder hinaus auf meinen
Platz zu begeben. Als ich hinauskam, stand eine Sänfte dort, und bei ihr »unser
Kind«, welches mir sagte, dass ich jetzt, wenn es mir recht sei, hinüber nach dem
Gotteshause getragen werden solle. Ich war natürlich einverstanden. Tifl trug
ein, wie es schien, ganz neues Feierkleid, und die Sänfte war reich mit Rosen
und sonstigen Blumen geschmückt. Die »Festjungfrau« stand am Gartentore, und
ihr Nicken und Knixen sagte mir, wessen Hand diese freundliche Ausstattung
besorgt hatte.
    Vor meiner Ankunft drüben auf der jenseitigen Höhe hatte ich vor allen
Dingen zwei Eindrücke zu überwinden, den des Gespräches mit dem Musiklehrer und
den von Halefs Traum. Mit dem Traum war ich schnell fertig. Jeder Mensch trägt
zwei Prinzipe in sich, ein gutes und ein böses. Wenn ich Feinde haben sollte,
die es für ihre Aufgabe halten, das Böse in mir abzutöten und es sich zu ihrem
eigenen Wohlbefinden einzuverleiben, so werde ich mich allerdings mit keinem
einzigen Worte dagegen wehren. Ein Kampf zu dem Zwecke, fehlerhaft zu bleiben,
würde die allergrösste Torheit sein, die ich mir einst vorzuwerfen hätte. Der
menschliche Körper ist, wenn er begraben wird, allerdings für die Würmer
bestimmt. Aber die Seele, der Geist? Giebt es vielleicht auch geistige Maden,
welche in den etischen Fäulnisstoffen prassen, ohne die wir Sterbliche nicht
mehr Menschen sondern Götter wären? Arme, arme Made, wie bist du zu bedauern!
Welcher Ordnung der Lebewesen mag dein Organismus angehören, da er dazu bestimmt
zu sein scheint, sich an moralischen Leichen vollzumästen! Ich hoffe zu deinem
eigenen Heile, dass du nicht in Wirklichkeit, sondern nur in Halefs Traume
vorhanden bist!
    Was den Chodj-y-Dschuna betrifft, so vermutete ich, in ihm eine Quelle
gefunden zu haben, aus welcher mir neue, dem Abendlande fremde Ansichten über
Musik fliessen könnten. Er hatte nur so kurze Zeit gesprochen, und doch besass
schon das Wenige, was mir von ihm gegeben worden war, für mich eine Tiefe, in
welche hinabzusteigen ein hoher und edler geistiger Genuss zu werden versprach.
Dieser Mann hatte Gedanken und Anschauungen, die mir gewiss nur zur Bereicherung
dienen konnten, und ich fühlte meine europäischen Wangen keineswegs bei dem
Vorsatze schamrot werden, von diesem ungelehrten Kurden so viel wie möglich
lernen zu wollen. Der Osten hat uns mehr, viel mehr geistige Schätze geliefert,
als wir in unserm Stolze geneigt sind, zuzugeben. Es liegt für uns noch Manches
dort verborgen, wovon wir keine Ahnung haben, und der Chodj-y-Dschuna kam mir
wie ein abseits vom grossen Wege liegen gebliebener Diamant vor, der es wohl wert
war, dass ich ihm Beachtung schenkte. -
    Diese Gedanken begleiteten mich, als ich den Berg hinabgetragen wurde - -
Schlossberg, hätte ich beinahe gesagt. Der Weg war breit und wohlgepflegt und von
ausgewählten Bäumen, Ziersträuchern und schönblühenden Pflanzen besetzt. Ich
habe daheim so manches Schloss gesehen, welches keinen von so verständiger Hand
angelegten Aufgang hatte. Jede Krümmung war berechnet, einen neuen und immer
wieder schönen Blick über das Tal zu bieten. Wenn der Ustad aus seinem »hohen
Hause« trat, um diesen Weg nach dem Duar hinabzusteigen, wie musste er sich da
seines Werkes freuen! Und jeder, der zu ihm emporzugehen hatte, konnte das nur
mit Dank und Liebe tun!
    Dass dieses letztere der Fall sei, sah ich jedem an, der uns begegnete. Wie
freundlich waren diese Leute und wie gern gaben alle ihre Grüsse! Ich bemerkte
keinen neugierigen, unbescheidenen Blick, und kein einziges güteloses Auge.
Selbst die Kinder winkten mir mit ihren kleinen Händen zutraulich grüssend zu,
und einige Male hörte ich, dass ich von ihnen »Dust-y-Duar«135 genannt wurde.
Dieses allgemeine und ungekünstelte Wohlwollen hätte in mir ganz dasselbe Gefühl
erwecken müssen, wenn es nicht schon vorhanden gewesen wäre. Ich bin gern zu
Vergleichen geneigt. Beim Anblicke der hoch aufstrebenden Berge und des sich
zwischen ihnen hinziehenden Ortes zeigte mir die Erinnerung jene ebenso
gelegenen Gebirgs-und Alpendörfer, in denen man nur von der Habsucht empfangen,
von dem Eigennutz zu Tische geführt und von der Ausbeutung auf Schritt und Tritt
belästigt zu werden pflegt. Du armes, armes Kurdistan, wie fern bist du doch
davon, ein menschlich kultiviertes Land genannt zu werden!
    Tifl ging voran. Man ahnt wohl kaum, was diese drei Worte sagen! Jede seiner
Bewegungen verkündete: Dieser Effendi hinter mir ist meinem Schutze für den
ganzen Tag anvertraut worden! Ich bin zwar nichts, gar nichts weiter, als ihr
alle seid, aber heut muss ich doch bitten, mich als Respektsperson zu betrachten!
Er trug Sandalen und hatte seine Spinnenmütze durch ein buntes, malerisch um den
Kopf geschlungenes Tuch ersetzt. Man grüsste ihn heut anders als wohl sonst.
Warum auch nicht? Dünken nicht auch wir uns, ganz andere Menschen zu sein,
sobald wir unsere Lenden durch den Frack entblösst und unsere gesellschaftliche
Bedeutung in dunkelcylinderhafter Weise »behauptet« haben? Das Festkleid stimmt
den Menschen feierlich, und in feierlicher Weise geschah alles, was »unser Kind«
am heutigen Tage tat.
    Indem wir quer durch das Dorf kamen, sah ich die Bewohner desselben
erwartungsvoll vor den Türen stehen. Sie hatten ihre besten Sachen angelegt und
trugen Blumen in der Hand oder auf der Brust. Jederman hatte Gäste, die von
auswärts angekommen waren. Die Männer waren unbeschäftigt; die Frauen und
Mädchen aber hatten mit allerlei Vorbereitungen zu tun, welche darauf schliessen
liessen, dass man heut nicht hier unten sondern oben auf dem Berge speisen werde.
    Der Weg, welcher jenseits hinaufführte, war ebenso in Serpentinen angelegt
wie der, den wir von unserm Hause herabgekommen waren. Auch seine Einfassung
zeugte von denselben sorgfältig pflegenden Händen. Aber ich achtete weniger auf
ihn selbst, als vielmehr auf die Aussicht, welche er nach der Seite des »hohen
Hauses« bot. Ich sah es heute zum ersten Male liegen. Seine ganze Fronte lag vor
meinen Augen. Sie wuchs immer deutlicher aus dem jenseitigen Berge heraus, je
höher ich auf den diesseitigen hinaufgetragen wurde. Was von da drüben zu mir
herüberschaute, war mir ein Rätsel, ein grosses, grosses baustilistisches Rätsel.
Es zog meine Blicke förmlich zu sich hinüber, und es kostete mich eine Art von
Selbstüberwindung, sie schliesslich davon abzuwenden, weil ich den Anblick nicht
langsam, nach und nach entstehen, sondern plötzlich, auf einmal, in seiner
ganzen Ungeteilteit auf mich wirken lassen wollte. Und sonderbar: Kaum hatte
ich diesen Entschluss gefasst, so drehte der auch jetzt noch immer
voranschreitende Tifl sich um und sagte:
    »Ich bitte dich, Effendi, jetzt nicht zum hohen Hause hinüberzuschauen!«
    »Warum« fragte ich.
    »Unser guter Ustad gebot mir, dich darum zu bitten.«
    »Hat er dir einen Grund mitgeteilt?«
    »Er sagte etwas, was ich nicht verstehe. Er sprach von einer langen, langen
Zeit.«
    »Von welcher Zeit?«
    »Von der, die noch vor der grossen Flut gewesen ist, die einst über die ganze
Erde ging. Seitdem sind viele tausend Jahre vergangen.«
    »Was hat das aber mit deiner Bitte zu tun?«
    »Das ist es ja, was ich nicht begreife. Du sollst diese vielen tausend Jahre
nicht nach und nach mit deinen Augen durchleben, indem du unterwegs unausgesetzt
hinüberschaust. Sondern du sollst warten, bis du oben angekommen bist und unter
unsern Säulen sitzest. Dann wirst du staunend diese ganze, lange Zeit mit einem
Male vor dir liegen sehen und sie vielleicht vom ersten bis zum letzten
Augenblick begreifen.«
    »Ich werde diesem deinem Rate folgen, mein lieber Tifl.«
    »Ja, tue es! Und noch etwas habe ich dir zu sagen. Darf ich gleich jetzt,
damit ich es nicht vergesse?«
    »Gewiss!«
    »Du sollst bemerken, dass der Berg der Vater dieses Hauses ist. Es tritt nur
vorn aus ihm heraus. Die innere Seite liegt in ihm verborgen. Rechts und links
am Berge siehst du die Brüche, aus denen die Steine zum Bau des Hauses stammen.
Sie liegen so verschiedenartig übereinander wie die Stockwerke des Gebäudes.
Unten dunkel, nach oben immer heller werdend. Nie ist ein fremder Stein zu
diesem Bau verwendet worden. Nur die Menschen, welche die verschiedenen
Stockwerke aufeinander gesetzt haben, sind aus fremden Ländern gekommen und nach
ihrer Zeit wieder in der Fremde verschwunden. Unser Ustad sagte, das sei so
Erdenbrauch.«
    Wir waren jetzt an eine Biegung gekommen, welche wie ein Altan aus dem Berge
hervortrat. Hier liess Tifl halten, um mich die sich hier bietende, herrliche
Aussicht geniessen zu lassen. Er hob die Hand gegen das »hohe Haus« und sagte:
    »Ich zeige zwar hinüber, doch schaue nicht hin. Hier, wo wir uns befinden,
stand unser Ustad einst mit einem fremden Mann, welcher gekommen war, uns seine
Religion zu bringen. Er behauptete, die unsere werde uns nicht in den Himmel,
sondern in die Hölle führen. Als er aber einige Zeit bei uns gewohnt hatte,
erkannten wir, dass sein Himmel, wenn alle Seligen darin ihm glichen, für uns
eine Hölle sein würde. Er musste wieder gehen. Am Tage, bevor er uns verliess,
ging der Ustad mit ihm hier herauf. Sie blieben hier, wo wir uns jetzt befinden,
stehen. Der Fremde schüttelte den Kopf über unser hohes Haus. Er meinte, dass es
ein ganz gedankenloses, hässliches Gebäude sei. Sie hatten mich mitgenommen. Ich
befand mich bei ihnen und hörte also, was ihm der Ustad antwortete.«
    »Nun, was?«
    »Das kann ich nicht so schnell sagen. Ich muss in die Erinnerung
hinabsteigen, um es dir heraufzuholen.«
    Er sann eine Weile nach; dann sprach er weiter:
    »Ihr fremden Gäste seid doch sonderbare Leute! Ihr kommt hierher und tretet
mit Forderungen und Aenderungen an uns heran, als ob dies Land nicht uns,
sondern euch gehöre und wir eure Gäste seien. Ein Gast kommt heut, verweilt
einige Zeit und geht dann wieder fort. Er wird Spuren seines kurzen Besuches
zurücklassen; aber wenn er ein verständiger Mann ist, wird er darauf verzichten,
unsere Berge umzustürzen und unsere Täler auszufüllen. Die Erde ist diesem
Tale gleich; der Mensch kommt als ihr Gast. Auch die Völker sind nur Gäste. Sie
lassen Spuren davon zurück, dass sie dagewesen sind; aber die Berge in die Täler
stürzen und die ganze Erde in ein einziges grosses Feld verwandeln, auf dem es
nichts als allgemeine Gleichheit geben würde, das wird kein noch so grosser Mann
und kein noch so mächtiges Volk fertig bringen. Und das ist ein Glück. Durch
diese Ausgleichung würde alles Leben auf der Erde bald vernichtet werden. - So
lautete der eine Gedanke des Ustad.«
    Er dachte wieder nach und fuhr dann fort:
    »Du kommst zu uns, um uns diese Gleichheit aufzuzwingen. Du forderst die
Vernichtung des Bestehenden. Du sprichst von einer anderen, höheren Kultur. Grad
so wie du hat bisher noch jeder Mensch und jedes Volk von der seinigen
gesprochen. Und die nach uns kommen, werden von der ihrigen ganz dasselbe sagen!
Du hast das Bauwerk da drüben als hässlich, als sinnlos bezeichnet; ich aber sage
dir, es hat nicht nur Sinn, und zwar einen tiefen, tiefen Sinn, sondern es ist
eine ganze, ganze Predigt, eine so gewaltige Predigt, wie du mir wohl keine
halten kannst! Wer hat diesen Bau errichtet? Etwa ein einziger Meister? Während
kurzer Lebenszeit? Die Jahrtausende kamen und gingen; die Völker sind gekommen
und gegangen; die Zeit war mit der Menschheit Gast auf Erden, und jeder Gast hat
die Spur von dem zurückgelassen, was er hier in dieser seiner Fremde wollte. Die
Menschen, welche hier erschienen und verschwanden, haben einst, da sie noch
lebten, hörbare Worte gesprochen; ein höherer Wille aber trieb sie an, dem
vergänglich Hörbaren steinerne Gestalt zu verleihen, um es bleibend sichtbar zu
machen. Jeder von ihnen hat geglaubt, dass nur er allein der Weise, der
Erleuchtete sei, dass nur er allein das Richtige getroffen habe. Aber nur einer
von ihnen, der Erste, baute auf den eigentlichen Grund. Auf was aber setzten die
anderen ihre Steine? Auf das, was sie verwarfen! Könntest du es anders machen,
wenn du bei uns bleiben und da drüben bauen wolltest? Die Gedanken wären wohl
vielleicht von einem anderen Orte; die Steine aber müsstest du von diesem unserm
Berge nehmen, und die Arbeit müsste dir von uns geliefert werden. Nun frage ich
dich, welchen Einfluss wohl dieses Material und diese unsere Arbeit auf deine
Gedanken haben würden. Zeige mir in den Stockwerken da drüben einen reinen,
einheitlichen Stil! Er fehlt, und darum hast du dieses Haus hässlich genannt.
Giebt es überhaupt einen allein echten, einen allein wahren Stil? Bist du es,
der ihn bringt? Wird in deiner Heimat ganz ausschliesslich nur nach ihm gebaut?
Du schweigst. Ich will dasselbe tun!«
    Es ist ganz selbstverständlich, dass der gute Tifl nicht so sprach, wie ich
seine Äusserungen hier niederschreibe. Er gab sich alle Mühe, die Ausdrucksweise
seines Herrn nachzuahmen, und es war wohl rührend, zu hören, dass ihm das
Unmögliche so ganz und gar nicht gelingen wollte. Aber ich hatte da wieder einen
hochinteressanten Beweis von dem Einflusse jenes wohltätigen Geistes, der mit
dem geheimnisvollen Herrn des »hohen Hauses« hier bei den Dschamikun eingezogen
war. Ich musste zwar vieles erraten und manches ergänzen, aber die Hauptsache war
doch die, dass Tifl den Ustad verstanden hatte und mit mir nun hierüber sprechen
konnte. Auf diesem bescheidenen Wege hatte wohl manches tiefe und schöne Wort
des greisen, ehrwürdigen Denkers nicht nur im Duar, sondern auch noch weit über
ihn hinaus die beabsichtigte Verbreitung gefunden. Der Mund des »Unmündigen«
spricht oft wirkungsvoller als die Lippe der Gelehrsamkeit.
    Als wir den Weg nun fortsetzten, führte er uns aus den Gärten heraus auf
eine grüne Alm, die sich bis hinauf zu den Blumensäulen des Beit-y-Chodeh
ausbreitete, hinter welchem dann der hohe, von zahlreichen Pfaden durchzogene
Wald begann. Der Tempel selbst war, wie bereits längst gesagt, von einem
umfangreichen Strauch- und Rosenpark umgeben, den des Schattens und der Winde
wegen breitkronige Bäume flankierten. Als wir durch diese Anlage kamen, hätte
ich am liebsten anhalten lassen, um aus der Sänfte zu steigen und bewundernd von
Strauch zu Strauch, von Busch zu Busch zu gehen. Was für herrliche Rosen waren
da zu sehen! Wie verschieden die Sorten, und wie schön jede einzelne in ihrer
Art! Und zwar in dieser Höhe des Gebirges! Welche Mühe und Arbeit, welche Liebe
und Geduld war nötig gewesen, um alle die duftenden Kinder des Tieflandes und
der windesstillen Täler hier oben zu akklimatisieren! Mit welchem Verständnisse
war der Park angelegt, und wie viel fleissige »Blumenhände« gehörten dazu, ihn so
zu erhalten, wie er jetzt vor mir lag! Ich sah, dass man noch bis in die letzten
Stunden mit dem Messer tätig gewesen war, um alles zu entfernen, was sich als
unschön oder auch nur überflüssig zeigte.
    Das Beit-y-Chodeh lag mitten in dieser Herrlichkeit auf einer breiten, weit
hervorstehenden und festgegründeten Felsenplatte; die aus der kompakten Masse
des Berges nur zu dem Zwecke hervorgesprungen zu sein schien, als Trägerin eines
so weit in die Umgegend hinausleuchtenden Gotteshauses dienen zu sollen. Die
abfallende Lage brachte es mit sich, dass die vordern Säulen auf hohem Felsen
fussten, der auf breiten Stufen zu ersteigen war, während die hintere Seite sich
auf der Berührungslinie des Steines mit dem Berge erhob.
    Das Innere des Tempels war mit Platten ausgelegt und, wie schon einmal
erwähnt, vollständig leer. Aber heut hatte man vorn, an der östlichen Säule, von
welcher aus sich die beste Aussicht in die Weite und ein Ueberblick der ganzen
Nähe bot, für mich einen Sitz hergerichtet, nach welchem ich direkt getragen
wurde. Als ich ausgestiegen war, entfernten sich die Leute mit der Sänfte; Tifl
aber sagte:
    »Ich bin dein Diener für den ganzen Tag, Effendi. Ich werde stets dort an
der hintersten Säule sein. Du brauchst mir nur zu winken, wenn ich zu dir kommen
soll. Aber es ist der Wunsch des Ustad und auch des Pedehr, dass niemand dich
belästige. Sie bitten dich, zu denken, du seist zwar hier in unserer Mitte,
aber ganz unsichtbar für Jeden, mit dem du nicht verkehren willst. Hast du jetzt
etwas zu befehlen?«
    »Bleib jetzt noch hier bei mir,« antwortete ich. »Ich bin doch fremd und
werde dich wahrscheinlich zunächst um Auskunft zu bitten haben.«
    Er erwartete wohl, dass ich mich setzen werde; aber dies zu tun war mir
unmöglich. Der Blick, der sich mir von dieser Stelle aus bot, war so köstlich,
so einzig, so unvergleichlich schön, dass er einen Sterbenden hätte zwingen
können, die Augen wieder aufzuschlagen und nach diesem Erdenparadiese
zurückzukehren.
    Die Sonne stand jetzt fast im Scheitelpunkte; also lag das Innere des
Tempels, durch welchen ein reger Luftauch strich, in kühlem Schatten. Ich
lehnte mich an die Aussenseite der Säule und liess mein Auge rundum wandern gehen.
    Im Osten schlossen sich die Berge bis auf jene Lücke, welche den Weg nach
dem Hasen- und Courierpass offen liess. Im Norden ragten himmelhoch die stillen,
ernsten Gipfel, die durch Nadel- und dann Laubwald, immer wilder werdend, zu den
Gärten und mit diesen bis mitten in den Duar hinabstiegen. Im Süden stand ich
hier auf frommer Höhe, und im Westen trat das »hohe Haus,« den Blick gefangen
nehmend, aus dem mächtigen Massiv der schweren Felsenwand hervor.
    Tief unten lag der See. Da die Sonne fast senkrecht über ihm stand, so
strahlte er in jenem köstlichen, adularen Blauweiss, welches den ceilonischen
Mondsteinen eigen war, die mir in den Juwelenläden von Colombo zum Kaufe
angeboten wurden. Auf dem Hauptwege des Duar herrschte reges Leben. Die Bewohner
begannen, ihre Häuser und Zelte zu verlassen, um zum Beit-y-Chodeh
emporzusteigen. Die Frauen und Mädchen trugen in malerischer Weise auf den
Köpfen oder Schultern Tongefässe oder selbstgeflochtene Körbe mit Blumen und den
Speisen, welche mitzunehmen waren. Die sich nicht, wie sonst im Oriente,
absondernden Männer gingen ihnen würdevoll zur Seite. Die Kinder füllten, stets
in lebhafter Bewegung, sämtliche Lücken aus. Das waren nicht die langsamen,
schweren, melancholischen und nur selten eine Miene verziehenden Puppen, als
welche im Morgenlande sich so oft die Kinder zeigen! Auch ein Teil der Tierwelt
war mit in Bewegung, denn man hatte für frische Milch zu sorgen; die deshalb
mitzunehmenden Kühe und Ziegen waren mit grünen Zweigen geschmückt, und manche
von ihnen trugen bunte Sträusse auf den Hörnern. Waffen sah ich nicht. Es war ein
Bild der Eintracht und des Friedens.
    Das alles erfasste ich mit einem kurzen Blicke. Dann lenkte ich meine
Aufmerksamkeit dem »hohen Hause« zu. Was ich in Tifls Manier von dem Gespräche
des Ustad mit dem Fremden über dieses Haus gehört hatte, das sah ich nun vor
meinen Augen liegen. Es war einiges dabei gewesen, was ich nicht verstehen
konnte; nun aber begriff ich es sofort. Ja; der Ustad hatte recht gehabt: ich
sah eine in Stein laut tönende Predigt der Jahrtausende vor mir liegen. War sie
hässlich, war sie schön? Das fragte ich mich nicht. Ich sah und hörte sie zu mir
herüberklingen, in Tönen, die so gewaltig waren, dass für Stilfragen weder Zeit
noch Raum in mir gefunden wurde. Die Wirkung war da; was kümmerte mich der Stil!
    Was sind die altindischen Tempel? Die ägyptischen Pyramiden? Die
mittelamerikanischen Teocalli? Gewaltige Menschenwerke, welche der Zerstörung
bis heutigen Tages trotzten, ja. Doch reden sie zu uns von einer gewissen, ganz
bestimmten Zeit in einem ebenso gewissen, ganz bestimmten Tone. Hier aber lag
ein Bau vor mir, zu dem in unberechenbarer Vorzeit der Grund gelegt worden war;
die später Gekommenen hatten ihn fortgesetzt, und heut sah ich, dass er noch
fortzusetzen war. Also kein Ueberrest aus einer vergangenen, besonderen Epoche,
sondern ein steinernes Kalenderwerk von Anbeginn bis auf die Gegenwart, mit Raum
auch noch für die zukünftige Zeit!
    Von Anbeginn?
    Ja, von Anbeginn! Denn die lange, untere, massive, viele, viele Meter hohe
und bis in das Innere des Berges reichende Mauer hatte kein anderer als nur der
gegründet, der von Anfang war! Waren vielleicht die höheren Teile dann ihm
geweiht gewesen? Wie hiess hierauf der Mensch, der mächtige, dem diese
Riesenmauer noch zu niedrig gewesen war? Vielleicht Olor, der sagenhafte? Oder
war es Hasisadra, von dem man sagt, dass er zur Zeit der Sündflut dort König
gewesen sei? Hatte er das Nahen der Flut geahnt und baute höher, um sich vor ihr
zu schützen? Oder ging der Geist des ersten Brudermordes, Kains Gespenst, im
Lande um? Musste der Mensch sich von den Menschen durch Mauern trennen, die
selbst für Giganten unersteigbar waren? Denn die Riesenquader, welche ich auf
Gottes Fundament an- und übereinandergefügt sah, hatten wenigstens dieselben
Dimensionen, wie die weltberühmten Mauersteine, welche die Umfassungsmauer von
Baalbeck bildeten. Ich selbst bin, um ihn auszuschreiten, dort auf einen Block
gestiegen, den man Chadschar el Hubla nennt, und habe ihn über einundzwanzig
Meter lang, mehr als vier Meter hoch und genau vier Meter breit gefunden. Und
hier am »hohen Hause« zählte ich sechs Lagen solcher Steine. Sie waren nicht
durch Mörtel, sondern durch ihre eigene Schwere miteinander verbunden und hatten
so fein und genau geschliffene Seiten, dass von da aus, wo ich stand, selbst nach
verflossenen Jahrtausenden die Fugen nicht überall deutlich zu erkennen waren.
In gleicher Höhe mit ihnen lagen in den Seiten des Berges die Brüche, denen man
diese Kolosse entnommen hatte. Sie waren dunkel, fast schwarz gefärbt. Welche
Art von Gestein, das konnte ich natürlich von so weit aus nicht bestimmen.
    Was für Innenräume waren durch diese Quader wohl nach aussen abgeschlossen
worden? Es gab in gewissen Zwischenräumen Oeffnungen, um Luft und Licht den
Zutritt zu gestatten. Ich war sehr wissbegierig, zu erfahren, ob man noch heut
von oben da hinuntersteigen könne. Da die Treppe eine spätere Erfindung ist, so
hatte früher wohl ein steinerner Gangweg hinaufgeführt. War ein solcher doch
sogar bis fast auf die Spitze des babylonischen Turmes, natürlich in Spiralen,
angelegt gewesen! Jene Zeit verwendete kolossale Kräfte auf den Gebrauch
kolossaler Mittel. Waren die Zwecke entsprechend gross? Wer will und kann die
Antwort übernehmen?
    Diese Riesenquadermauer erreichte nicht die volle Breite des
Felsenfundamentes. Es war überhaupt jedes folgende Stockwerk schmäler als das
vorhergehende gebaut, dafür aber mehr artikuliert. Je mehr der Geist den Stoff
beherrscht, desto weniger ist von dem letzteren zu gleichem Zwecke nötig. Die
obere Lage der Steine war etwas vorgerückt, vielleicht den sechsten Teil von
ihrer Breite. Dadurch war der Abschluss erreicht worden, der zugleich als
Brüstung für das jedenfalls glatte Dach gedient hatte.
    Welchem Zwecke hatte dieser cyklopische Bau gedient? Der Verehrung des
grossen, einzig-einen El, dessen Name in so vielen Gottesnamen wiederklingt?
Warum ihm, dem »Allanwesenden« und »Nieverschwindenden« diese unzerstörbaren
Felsenblöcke auf unwandelbarer, von der Natur selbst hergestellter Unterlage?
    Wie lange wohl hatte das obere Dach dieses Souterrain, wie ich es nennen
will, das Sonnenlicht geschaut? Wer kann es sagen! Dann waren Andere gekommen
und hatten weitergebaut. Die folgende Etage war, wie bereits erwähnt, schmäler;
auch trat sie etwas zurück, um eine Vorhalle bilden zu können. Auch sie bestand
aus schweren Werkstücken, welche teils dem schon angegebenen, teils den
darüberliegenden Brüchen entnommen waren. Das Material der letzteren hatte
hellere Farbe. Darum schaute die Etage nicht so sehr tiefernst, fast drohend wie
das Erdgeschoss, zu mir herüber. Sie war nicht hoch, zeigte dafür aber schon das
Bestreben der Gliederung und des figurenbildenden Meissels. Die vordere Seite
wurde nicht von einer kompakten Mauer gebildet, sondern von starken, breiten,
ungemein tragfähigen Pfeilern, deren Zwischenräume dem Sonnenlicht direkten
Zutritt gewährten. Der Abschluss über ihnen liess schon den Versuch zur Bogenlinie
sehen. Die beiden Pfeiler, welche den Haupteingang bildeten, fielen mir ganz
besonders auf. Es traten aus ihnen zwei höchst eigenartige Hochreliefs hervor,
welche sitzende Figuren bildeten, an denen die Zeit leider nicht schonend
vorübergegangen war. Doch konnte man noch recht wohl erkennen, dass es sich um
die Darstellung eines Wesens handelte, dessen Personifizierung vier Gesichter
hatte. Durfte ich diese Figuren nur als Andeutung der Himmelsrichtung, der vier
Winde betrachten? Ganz gewiss nicht. Wer wurde mit vier Gesichtern abgebildet?
Brahma. Aber ihm direkt war doch nie ein Tempel geweiht! Und die Reste, welche
von der einstigen Vorhalle noch übrig waren, deuteten auf das alte Persien,
nicht aber nach Indien hin. Sie war von einem auf leichteren Pfeilern ruhenden
Dach überdeckt gewesen. Wahrscheinlich hatte es den Himmel darstellen sollen. Es
war längst eingefallen, und von den Pfeilern standen nur noch zwei, deren Knäufe
menschlichen Köpfen mit Hals und Schultern glichen. Von den letzteren gingen
nach den Seiten Flügel aus, um das Architrav zu bilden. Geflügelte Wesen! Sollte
diese Meisselarbeit auf die Strahlenflügel schlagenden Amschaspands deuten,
welche nach altiranischem Glauben den Himmel bevölkerten und im Sonnenlichte zur
Erde niederschwebten, um die Wünsche der Menschen im Gebete zu Gott
emporzutragen?
    Man darf heutzutage kaum mehr von den Engeln reden, obgleich sogar in der
Bibel zu wiederholten Malen und deutlich genug von ihnen erzählt und gesprochen
wird. Warum? Der Eine versteht unter ihnen wirklich existierende Geschöpfe
Gottes; der Andere lässt sie nur als Personifikationen gewisser Kräfte oder
Eigenschaften gelten. Welcher von Beiden hat recht? Aber wer gab dem Anderen die
Erlaubnis, über den beglückenden Kindesglauben des Einen zu zürnen? Und von wem
wurde diesem Einen der Auftrag, dem Anderen zu verbieten, die Ursachen und
Wirkungen im Bereiche der irdischen Natur zu poetischen Gestalten zu verklären?
Die heilige Schrift bedient sich beider Anschauungsweisen. Sie erzählt von
persönlich auftretenden Engeln, und sie spricht von Winden und Feuerflammen, die
sie Engel nennt. Nur der Mensch allein ist es, der da ewig deutelt!
    Abermals zurücktretend und wieder etwas schmäler folgte nun ein zweietagiges
Geschoss. Es stellte sich, obgleich aus hellerem Material gebaut, nichts weniger
als freundlich dar. Es hatte nur oben Fensteröffnungen, nicht aufrecht stehend,
sondern wagrecht liegend, als solle jeder Blick von aussen her abgewiesen werden.
Wie schmal, wie niedrig sie doch waren! Und unten gab es nur eine ebenso schmale
Tür, deren Oberschwelle von zwei steinernen Tafeln gebildet wurde. Sie hatten
eine Schrift entalten, welche man wahrscheinlich noch jetzt entziffern konnte,
doch sah ich, dass sie durch einen quer darübergehenden Riss wie ausgestrichen
worden war. Sie hatten nicht Festigkeit genug gehabt, den Druck von oben
auszuhalten.
    Dieser Bau sah ganz so aus, als müsse sein Bewohner jeden Augenblick aus der
engen Tür treten, um in alle Welt hinauszurufen: »Dass sich mir niemand nahe!
Ich bin der Auserwählte von Anfang an und werde es ewig bleiben!« Auf dem
Vorhofe sah es wüst aus. Auf Haufen von Schutt und Scherben wucherte dichtes
Unkraut. Besonders vor der Tür waren die Disteln und Stechranken so
undurchdringlich geworden, dass der erwähnte imaginäre Bewohner am besten
drinzubleiben und zu schweigen hatte. Ueppige Dornen wanden sich auch um den
Ueberrest eines steinernen Gebildes, dessen Gestalt ich also nicht erkennen
konnte. Es schien eine Säule zu sein, die sich in sieben Arme geteilt hatte. War
es vielleicht ein Kandelaber gewesen? Aber die Arme hatten einander nicht
gekreuzt gegenübergestanden, sondern ihre noch vorhandenen Stümpfe zeigten, dass
sie nebeneinander, also in gleicher Fläche, emporgerichtet gewesen waren. Wo
gibt oder gab es solche Leuchter? Wem war das siebenfache Licht verlöscht, als
jener Riss dort an der Tür quer über die beiden Tafeln ging? Hatte der
»allanwesende El« da unten im Erdgeschoss nicht Macht genug besessen, die
Leuchter hier oben zu schützen? Oder hatte man sein vergessen gehabt, grad so,
wie man das Vermächtnis dessen vergass, der einst in Chaldäa sein wirklich
Auserwählter gewesen war?
    Jede der bisherigen Etagen hatte, wenn nicht einen besonderen Stil, so doch
wenigstens Einheitlichkeit. Nun aber kam ein Geschoss, welches nur das
Einheitliche besass, dass die Gesamtfassade aus einem und demselben Material
bestand. Dies war ein weisslichgrauer, dichter Kalkstein, vermengt mit den
Ueberresten fossiler Organismen, Schnecken, Muscheln und Korallen. Das Bauwerk
erhielt durch diese hellere Färbung, welche auch die in gleicher Höhe liegenden
Brüche zeigten, ein freundliches, beinahe einladendes Aussehen; leider aber
wurde dieser gute Eindruck fast vollständig dadurch aufgehoben, dass es sich in
allen übrigen Beziehungen als ein architektonisches Quodlibet darstellte. Es gab
Tore und Türen in den verschiedensten Formen und Grössen. Eine imposante
Freitreppe führte zu einem so engen und niedrigen Türchen, dass man nicht
aufrecht passieren konnte; man war gezwungen, zu kriechen. Und vor einem hohen,
breiten, weitgeöffneten Tore lag eine alte, schmale, wackelige, hölzerne
Treppenstiege, der eine ganze Anzahl von Stufen abhanden gekommen waren. Es gab
Eingänge ganz zur ebenen Erde und aber auch solche, die man nur per Leiter
erreichen konnte.
    In so ganz verschiedener Höhe lagen auch die Fenster, bei denen die
Ungleichheit noch viel grösser als bei den Türen war. Keines befand sich in
gleicher Höhe mit dem anderen. Neben breiten, hohen Saal-oder Kirchenfenstern
gab es kleine, arme Gucklöcher, in die kein Mensch den Kopf zu stecken
vermochte. Hier war eines vollständig unbeschützt, dort ein anderes mit einem so
starken Laden versehen, als ob man sich vor ganzen Räuberbanden zu fürchten
habe. Man denke sich hierzu die ebenso unregelmässig und verworren angebrachten,
oft ganz schief gehenden Haupt-, Brüstungs-, Gurt-, Kämpfer- und Sockelgesimse,
die Eckarmierungen und Lisenen, die »Säulen-und Pilasterstellungen«, zwischen
denen es keine einzige verbindende Idee gab, so kann man sich wohl schwerlich
darüber wundern, dass der Fremde, von welchem Tifl mir erzählte, dieses Bauwerk
hässlich genannt hatte. Ein anderer hätte es wohl gar als lächerrlich bezeichnet,
was doch noch schlimmer als nur hässlich ist!
    Und das Dach, oder vielmehr die Dächer? Denn ein einheitliches Dach, das gab
es nicht. Ich sah zwei einander nahestehende, sehr hohe Abteilungen, welche noch
gar nicht ausgebaut waren, von ihnen eingeengt aber, kaum einige Meter breit,
ein winziges Parterregelass, dessen nadeldünne Turmspitze zwischen den beiden
anderen hoch empor und weit über sie hinausragte. Tief unten eine Zwiebelkuppel,
hoch oben über ihr ein Schindeldach! Daneben ein mit Ziegeln gedeckter
Balkenreiter! An dem einen Ende ein runder Quaderturm, stolz für die Ewigkeit
gebaut, und doch schon fast in sich zusammengestürzt, weil auf die
allerschwächste Stelle der Unterlage gesetzt. An dem anderen ein hagerer,
schiefer Campanile, auch noch nicht fertig, weil er beim Weiterführen unbedingt
eingestürzt wäre, denn man hatte ihn zwar absichtlich schief gebaut, aber den
Schwerpunkt falsch berechnet.
    Wer war der Architekt, der dieses Unikum ersann? Oder hat ein solches
Quodlibet gar nicht in seiner Absicht gelegen? Hat er keinen Plan, keine
Zeichnung hinterlassen? Hat er keine Weisungen gegeben? Kein einziges Wort über
die Aufgaben gesagt, die er den Arbeitern zu stellen hatte? Sollte es nicht eine
Wohnung für viele unter einem einzigen Dache werden? Wo sind die hin, welche
anfingen, und dann die, welche aufhörten, hier zu bauen? Warum steht das ganze
Gebäudekonglomerat jetzt leer? Warum haben nicht einmal die Dschamikun sich
entschlossen, es zu bewohnen? Befürchten sie, dass es zusammenbrechen werde? Oder
ist ihnen ihr auf Gottes ebenem Boden und am klaren Wasser liegender Duar lieber
als die fremdartige, untrauliche Baute, die wie die Bergeszellen am Dschebel
Qarantel bei Jericho136 nur unfreiwilligen Anachoreten zur Wohnung dienen
konnte? -
    Abseits von diesen bergan kletternden Etagen und von ihnen durch die schon
wiederholt erwähnte Pferdeweide getrennt, lag in südlicher Richtung ein anderes
Bauwerk, welches nun jetzt mein Auge auf sich zog.
    Der Grundfelsen stieg hier viel weiter als da drüben den Berg empor. Er trug
ganz so wie dort, aber bedeutend höher, die Riesenmauer, von deren kolossalen
Quadern der Garten des Ustad und der Vorplatz gehalten wurde, auf dem ich im
Schatten der Dälbiplatanen gesessen hatte. Die Breite des Vorplatzes und Gartens
freigebend, stand hier nun das gastliche Haus, dessen Bewohnern wir so viel, so
viel zu verdanken hatten.
    Es war mir möglich gewesen, schon einen Teil desselben zu sehen, vom
Vorplatze aus. Aber der lag so nahe am Gebäude, dass ich wohl an ihm
emporschauen, es aber nicht ganz überblicken konnte. Nun sah ich es vollständig
vor mir liegen. Da bemerkte ich denn, dass es aus einem uralten und aus einem
späteren Mauerwerk bestand.
    Zu dem ersteren gehörte das Gewölbe, in welchem jetzt die gefangenen
»Soldaten« steckten. Es stieg dann noch um zwei Stockwerke höher empor und
schien ein altpersischer Wartturm gewesen zu sein, zum Aufentalte für die
Personen bestimmt, welche man in unserer Ritterzeit die Knappen nannte. Das
einstige »Herrenhaus«, um zwei Geschosse höher gebaut, lag etwas davon entfernt.
Sein glattes Dach hatte eine Mauerkrönung nach altassyrischer Weise. Haus und
Wartturm waren später durch den jetzigen Versammlungssaal verbunden worden, in
welchem Halefs und mein Lager sich befanden. Ich sah auf dem Dache dieses Saales
Laubhütten stehen, in denen, wie ich später hörte, Hanneh und Kara schliefen.
    Dass es in dem Kalkfelsen über dem Hause Höhlen gab, habe ich schon erwähnt.
Auch dass in einer von ihnen die Glocken hingen, zu denen ein Weg und eine
bequeme Treppe führte. Nun aber sah ich noch etwas bisher für mich vollständig
Unbekanntes. Nämlich das eigentliche »hohe Haus«.
    Ich hatte bei dieser Bezeichnung stets nur an die Wohnung des Ustad gedacht.
Jetzt glaubte ich, den vorhin beschriebenen Etagenbau so nennen zu müssen. Ich
fragte Tifl, und er sagte mir, dass das wirkliche »hohe Haus« dort auf der
höchsten Höhe stehe, dass man aber nebenbei diese Bezeichnung auch den beiden
anderen Bauwerken gebe, weil auch sie von den Bewohnern des Duar dem Ustad
überlassen worden seien.
    Auf der Spitze des Berges, hoch über der ganzen Umgegend, doch auf bequemen
Pfaden zu erreichen, da wo der klare Himmel sich für das Auge auf die grüne Alpe
legte, stand in andächtiger Erdenstille ein nach vier Seiten offenes,
weitgespanntes, weisses Leinwandzelt. So schien es mir beim ersten Blick. Aber
die vermeintliche Leinwand empfing die Strahlen der über ihr stehenden Sonne
nur, um sie in so wunderbarer Weise in das Tal herniederzubrechen, dass ich mein
Auge mit der Hand beschirmte, um das flimmernde Licht von ihnen abzuhalten. Da
sah ich freilich, dass es nicht Leinen, sondern, man denke, Alabaster war.
Freilich aber ist da nicht der echte Gipsalabaster gemeint, den man z.B. in
Derby und Volterra findet und zur Herstellung teurer Kunstwerke verwendet,
sondern der mit dem Tropfsteine verwandte und häufig vorkommende Kalkalabaster,
den die Kalkhöhlen ihres Berges den Dschamikun geliefert hatten. Tifl bestätigte
mir dieses letztere. Er nannte den Alabaster »weissen Rucham«137 und sagte:
    »Im Innern dieses Berges und auch anderer Berge der Umgegend gibt es sehr
grosse Mengen dieses schönen Steines. Man erkennt sein Vorhandensein an dem
Wasser, wenn es aus dem Gebirge zu Tage tritt. Es löst den Kalk wie Zucker auf
und setzt ihn in den Felsenzwischenräumen als festen Rucham wieder an. Doch
nimmt es noch so viel Kalk mit sich fort, dass man ihn leicht bemerkt.«
    »Wer hat das Zelt da oben gebaut?«
    »Wir.«
    »Giebt es denn Leute bei euch, welche gelernt haben, diesen Stein zu
brechen, zu bearbeiten und zu polieren?«
    »Ja. Der Ustad hat es sie gelehrt. Als er noch jung war, hat er in den
Städten, wo es grosse Plätze für die Toten gibt, überall gern den Kabristan138
besucht, um die Grabdenkmäler zu betrachten. Er verweilte sehr oft in den
Werkstätten der Bildhauer, wo die Türban139 gehauen werden, um mit ihnen darüber
zu sprechen, welche Gestalt und welchen Sinn man ihnen eigentlich geben sollte.
Da hat er nicht bloss zugeschaut, sondern auch mit zugegriffen und also gelernt,
wie Bildnissteine zu behandeln sind. Von dem Zelte da oben hat er eine Zeichnung
gemacht und vorher alles genau berechnet, ehe er mit den Leuten, die er dazu
aussuchte, an die Arbeit ging. Sie waren nicht geübt, und es ist also manches
Stück von ihnen zerbrochen oder verdorben worden. Aber der Ustad hatte Geduld,
und so wurde das Werk, wie du siehst, endlich doch so fertig, wie es von ihm
vorgeschrieben war. Aber es hat viel Zeit gekostet, sehr viel Zeit, weil die
Arbeiter alles erst zu lernen hatten!«
    Das glaubte ich ihm gern. Einem höhern Gedanken zeitlich dauernde Gestalt zu
geben, dabei hat ja die Zeit ganz vorzugsweise mit beteiligt zu sein. Wahre
Kunstwerke werden nicht vom Augenblick vollendet, auch wenn ihm gewandte Hände
und nicht ungeübte Dschamikun zur Verfügung stehen.
    »Gefällt es dir, Effendi?« fuhr Tifl fragend fort.
    »Gefallen? Das ist zu wenig gesagt. Ich möchte täglich hier stehen und zu
ihm aufwärts schauen. Es wohnt ein Wort in diesem Zelte, ein grosses, ernstes,
und unendlich vertrauensvolles Wort. Es fällt mir jetzt nicht ein; ich muss es
aber finden.«
    »Vielleicht weiss ich es und kann es dir sagen.«
    »Du?« fragte ich verwundert und ungläubig.
    »Ja, ich! Freilich bin ich nicht klug genug, hierüber nachzudenken und das
Wort zu finden. Aber wahrscheinlich ist es dasselbe Wort, welches der Ustad
sagte, als das Zelt fertig geworden war. Er bezeichnet es auch oft mit ihm.«
    »Welches Wort ist es?«
    »Amen! Wenn er von dem Zelte spricht, so nennt er es zuweilen unser Amen.
Ich verstehe das nicht; aber du wirst es begreifen.«
    Ja, ich begriff es. Amen! Das war das richtige Wort. Nun ich es hatte,
zeigte mir mein Auge die Bestätigung. Ich hatte bisher nicht auf einen Umstand
geachtet, den ich erst jetzt bemerkte. Die Stelle, an welcher das Zelt stand,
lag nämlich gerade über dem Etagenbau. Indem ich nun den Linien desselben folgte
und sie bis oben weiterführte, sah ich, dass der unten auf der breiten
Felsenbasis ruhende und aufwärts immer schmäler werdende Bau bei einer gedachten
Weiterführung ein gleichschenkeliges Dreieck bilden musste, dessen Spitze ganz
genau das Zelt berühren würde.
    War dies Berechnung vom Ustad? Jedenfalls! Das Tema der vor mir in Stein
erklingenden Predigt hatte mir der Felsengrund im tiefsten Tone heraufzurufen:
»Wo warst denn du, o Mensch, als ich die Berge gründete?
Wo stecktest du, als ich die Sonnen einst entzündete?
Wo sind sie alle hin, die hier zum Berge kamen?
Bau auf mein ew'ges Wort; steig auf zur Sonne. Amen!«
So sprach der Fels, der einst aus der Tiefe stieg, um alles, was da lebt,
emporzuheben. Und nun der Menschenbau? Seine Lippe war längst erstarrt, hohl,
leer und darum stumm sein Mund. Aber seine steinerne Leiche lag vor mir
ausgestreckt in jener wortlosen und doch überwältigenden Beredsamkeit, die jedem
von der Seele verlassenen Leibe eigen ist. Dann kam die leer gebliebene und also
der Zukunft vorbehaltene Baustelle. Was sagte sie? Sie sprach nur Fragen aus.
Wer ist es, der da kommen wird? Vielleicht einer, der niemals starb? Der,
welcher mitten unter ihnen ist, wenn zwei oder drei versammelt sind in seinem
Namen? Aber wenn er es täte, würde er in der bisherigen Weise weiterbauen?
Sprach er nicht immer nur von seines Vaters Hause, in dem es viele Wohnungen
gebe, und dass er hingehe, sie für uns vorzubereiten? Warum also hier Stein auf
Stein türmen, wenn wir gar nicht bleiben können? Warum Häuser neben und über
Häuser bauen, während für unsere kurze Wanderung ja doch ein Zelt genügt?
    Da stand es oben, dieses Zelt, hell leuchtend an der Scheidelinie zwischen
Himmel und Erde! Jahrtausende haben da unten gebaut, stark und fest wie für
endlose Zeiten, und doch und doch vergeblich für die Ewigkeit! Und da kommst du,
o Ustad, du Unbekannter, du, der du dem Auserwählten von Chaldäa gleichst, der
dort sein Zelt abbrach, um es im Haine Mamre wieder aufzuschlagen. So schlugst
auch du dein Zelt da oben auf. Du nennst es das Amen der unter ihm erklingenden
Berg- und Felsenpredigt. Ich habe dich verstanden. Möchten doch auch andere dich
verstehen! - - -
    Ich hätte jetzt noch gern verschiedene Fragen an Tifl gerichtet; aber da
erklangen drüben, ganz unerwartet für mich, die Glocken, und ich sah die
Dschamikun erscheinen. Sie bildeten einen Festzug, welcher mir hinter dem
dichten Grün der Gärten verborgen geblieben war. Nun er die offene Matte
erreichte, musste ich ihn bemerken.
    Voran schritt der Pedehr. Ihm folgte eine Anzahl meist graubärtiger Männer,
welche zusammenzugehören schienen.
    »Das ist die Dschemma140«, sagte Tifl.
    Nach ihnen kamen die Bewohner des Duar mit allen ihren Gästen, wohl
geordnet, doch in beliebiger Reihenfolge, zunächst die männlichen und dann die
weiblichen mit den Kindern und dem wirtschaftlichen Zubehör. Sie zogen heran,
erst über die grünende Weide, dann durch den duftenden Park. Als der Zug den
Tempel erreicht hatte, löste er sich auf. Die Tiere wurden nach dem Waldesrande
geführt, wo eine reichlich fliessende Quelle frisches Wasser gab. Jedermann ging,
wohin es ihm beliebte. Der Pedehr aber kam mit der Dschemma die Stufen
heraufgestiegen. Es waren feierliche Augenblicke. Ich fühlte mich ergriffen von
dem Gefühle ernster und doch froher Erwartung.
    Wo aber war der Ustad? Ich sah ihn nicht. Da bemerkte ich, dass die Männer
der Dschemma ihre Blicke aufwärts nach dem Walde richteten. Ich drehte mich um.
Er kam.
    Sein Gewand war kein anderes als das bescheidene, härene, in welchem ich ihn
schon gesehen hatte. Er trug keinen anderen Schmuck als nur eine halboffene
Rosenknospe an der Brust und eine ebensolche in der Linken. Aber wie er so aus
dem dunklen Walde trat und sinnend mild zu uns herniederstieg, musste ich an das
Wort Jesaias, des Sohnes Amos denken:
    »Wie köstlich sind auf den Bergen die Füsse der Boten, welche den Frieden
predigen, das Gute lehren und das Heil verkündigen! Die da sagen zu Zion: dein
Gott ist der Herrscher!«
    An ihm war nichts, was glänzte und was gleisste. Doch alle, die ihn sahen,
schauten ihm so aufrichtig liebend und ehrfurchtsvoll entgegen, dass ich von dem,
was sie bewegte, auch ergriffen wurde. Als er den Tempel betrat, verneigten sie
sich. Er dankte still und gütig lächelnd mit der Hand und kam dann her zu mir.
Mir die Rose gebend und dabei mit der Rechten mein Haupt berührend, sprach er:
    »Friede sei mit dir und mit uns allen! Die Glocken des Gebetes klingen. Dein
Herz sei wie die Rose hier. Warum ich dieses sage, das wirst du später hören!
Sei heut mit uns ein unbekannter Dschamiki! Wen nur der Himmel kennt, der hat
die rauhe Hand der Erde nicht zu fürchten!«
    Hierauf wendete er sich von mir ab und zu der Dschemma hin. Ich hörte, dass
er sagte:
    »Wir haben noch weitere Gäste zu empfangen. Ich war hoch über den Wald
hinaufgestiegen und schaute in das weite Land hinaus. Da sah ich einen Trupp von
Reitern, welche in grosser Eile aus der Morgengegend kamen. Sie haben den Duar
wohl schon erreicht.«
    »Wahrscheinlich sind es Kalhuran, die sich erkundigen wollen, ob ihr Scheik
wohl bald zurückkehren werde. Man wird ihnen sagen, dass wir oben sind. Doch was
ist das? Warum hat man den Läutenden das Zeichen der Warnung gegeben? Sind nicht
Freunde, sondern Feinde angekommen?« antwortete der Pedehr.
    Das Glockenläuten hatte nämlich plötzlich aufgehört, doch ohne dass die
Glocken schwiegen. Sie sprachen in einzelnen, auseinander gehaltenen Schlägen
weiter, ungefähr so, wie bei uns im Abendlande, wenn von dem Turme Feuer
gemeldet wird. Und jetzt sah man einen Reiter kommen, der sich in grösster Eile
auf das erste, beste ungesattelte Pferd geworfen hatte. Er achtete der
Krümmungen des Weges nicht, sondern trieb das Tier trotz der Steilheit der Matte
in gerader Richtung auf den Tempel zu. Sobald er sich vernehmlich machen konnte,
hörten wir ihn rufen, konnten aber die Worte nicht verstehen. Sie schienen aber
nichts Gutes zu entalten, denn die am untern Park befindlichen Dschamikun, die
sie deutlich vernommen hatten, erhoben ihre Stimmen in zorniger Weise, um die
Botschaft schnell weiter zu geben. Sie ging von Mund zu Mund, bis wir sie
hörten:
    »Ghulam el Multasim, der Bluträcher, ist im Duar!«
    Eine so feindliche Kunde mitten in die Klänge des Friedens hinein! An jedem
andern Orte hätte sie gewiss eine augenblickliche und grosse Verwirrung
hervorgebracht. Hier nicht. Der Ustad trat vor die Säulen hinaus und hob die
Hand empor. Da trat augenblicklich tiefste Stille ein. Hierauf ging er auf die
Dschemma zu und sagte:
    »Bleiben wir ruhig! Wer hat den Türdrücker zum Gewölbe der Gefangenen?«
    »Ich habe ihn hier,« antwortete der Pedehr.
    »So kann der Rächer nicht zu ihnen. Wir haben Zeit. Warten wir, was der Bote
sagt!«
    Dieser war am Blumenpark vom Pferde gesprungen und zu Fusse herbeigeeilt. Er
kam soeben die Stufen herauf und meldete:
    »Ghulam el Multasim ist da! Einige grosse Herren sind bei ihm und auch noch
bewaffnete Leute, zusammen zwölf Personen. Ich stand mit meinem Sohne am
Eingange des Duar, als sie kamen. Sie fragten nach euch.«
    »Sind sie nach dem hohen Hause?« erkundigte sich der Ustad.
    »Nein. Ich wies sie hier herauf und gab ihnen meinen Sohn als Führer mit.
Ich wollte sie vom hohen Hause abhalten, weil es jetzt dort nur wenige Männer
gibt. Dann nahm ich das Pferd und ritt zu euch herauf, gleich quer den Berg
heran, um ihnen zuvorzukommen. Aber die Gärten hinderten mich. Die Perser werden
wohl sofort erscheinen!«
    Ja, sie erschienen. Sie hatten soeben die Matte erreicht und hielten einen
Augenblick an, um das Terrain zu beurteilen. Dann setzten sie sich wieder in
Bewegung. Sie hatten einen Entschluss gefasst; welchen, das sollten wir sogleich
sehen.
    Der Park war ihnen im Wege. Sie wollten nicht absteigen, sondern ihre
Befehle den Dschamikun vom Sattel herab erteilen. Darum ritten sie um ihn herum.
An der hintern Seite angekommen, brachen sie durch die Rosen und kamen zwischen
den Säulen zu uns herein, um ihre Pferde grad vor der Dschemma anzuhalten.
    Ein Dutzend Personen! Niemand fürchtete sie, obgleich sie, wie man zu sagen
pflegt, bis an die Zähne bewaffnet waren. Aber es war nicht nur die Störung des
Festes, auf welches sich jedermann gefreut hatte, zu beklagen, sondern der so
unerwartete Einbruch des Bluträchers konnte auch ausserdem sehr leicht noch
Folgen haben, die jetzt nicht vorauszusehen waren. Ghulam stand im Rufe der
Grausamkeit, und als Grausamer war er feig. Die Feigheit greift sehr gern zur
Hinterlist. Was führte er im Schilde? Von den zwölf Reitern hatten einige das
Aussehen vornehmer Leute. Sie ritten teure Pferde. Wenn sie die Freunde des
Multasim waren und sich seiner Sache annahmen, konnte ihr Einfluss bei Hofe dem
Ustad und seinen Dschamikun wohl schädlich werden. Ich war ausserordentlich
gespannt darauf, zu sehen, wie er sich überhaupt verhalten und was er im
Besondern zu der rohen und rücksichtslosen Entweihung seines Tempels sagen
werde. Konnte irgend eine Gelegenheit geeignet sein, ihn mir so zu zeigen, wie
ich ihn kennen lernen wollte, so war es die gegenwärtige hier.
    Einer von den zwölfen ritt einen hochgebauten turkmenischen Fuchs von, wie
es schien, hochedler Tiukihrasse. Er war ein schöner Mann von gegen sechzig
Jahren, schwarzgrau bebartet, sehr wohlhabend gekleidet und ausser mit
ausgelegten Schiesswaffen mit einem krummen Säbel versehen, dessen von Steinen
blinkende Scheide für sich allein ein kleines Vermögen bedeutete. Ich habe
überhaupt keine besonders grosse Vorliebe für sogenannte schöne Männer, und wenn
sie sich selbst bei gewöhnlichen Gelegenheiten so herausputzen wie dieser hier,
so lasse ich sie am liebsten ihrer Selbstbewunderung über. Die wahre, edle
Schönheit bedarf des Putzes und des Tandes nicht.
    Dieser Mann war Ghulam el Multasim, der sich einbildete, mit zwölf Pferden
den ganzen Widerstand der Dschamikun niederreiten zu können. Er sah sich, sobald
sein Turkmene still stand, im Kreise um, nahm den Ustad scharf in das Auge und
fragte ihn in strengem Tone:
    »Wer bist du?«
    Der Gefragte tat, als ob er ihn weder gehört noch gesehen habe, als ob er
gar nicht vorhanden sei. Er sagte zum Pedehr:
    »Reinige den Tempel! Sobald ich zurückkehre, wird die Feier dieses
Freudentages beginnen.«
    Hierauf ging er langsamen Schrittes hinaus zu seinen Rosen.
    »Der ist taub!« lachte der Multasim. Und sich nun an den Pedehr wendend,
fragte er diesen:
    »Wer war dieser alte Mann, der weder Augen noch Ohren zu haben scheint?«
    Auch der Scheik antwortete nicht, wenigstens nicht durch Worte. Er tat
einige Schritte bis vor die nächste Säule hinaus und wehte mit einer
emporgehobenen Falte seines weissen Oberkleides zum hohen Hause hinüber. Das
Zeichen wurde gesehen; die Glocken verstummten. Hierauf rief er den draussen in
den Gängen des Parkes wartenden Dschamikun einige mir nicht geläufige kurdische
Worte zu. Das war ein Kommando, dem sie augenblicklich gehorchten. Sie besetzten
im Nu und auf allen vier Seiten das Innere des Tempels in der Weise, dass für
keinen Unbewaffneten ein Entkommen möglich gewesen wäre. Dann wendete er sich
wieder zurück, sah dem Perser gross in die Augen und sagte:
    »Der ehrwürdige Mann, der jede Roheit flieht, ist der Schah-in-Schah der
Dschamikun, die ihn ihren Ustad nennen. Ich bin der Scheik desselben Stammes.
Wer bist du?«
    »Man pflegt mich Ghulam el Multasim zu nennen. Du wirst mich kennen!«
    »Wenn du dieser bist, so kenne ich dich besser, als dir lieb sein kann!
Weisst du, wo du dich befindest?«
    »Der Ort ist mir gleichgültig!«
    »Aber uns nicht!«
    »Dieses Haus ist keine Moschee und keine Kirche!«
    »Aber auch kein Pferdestall! Schaut euch um! Hier stehen zweihundert
Dschamikun; da draussen noch weit mehr. Was habt ihr hier zu schaffen!«
    Ghulam wurde unsicher. Er begann, einzusehen, dass sein Einfall einen andern
Ausgang nehmen könne, als er gedacht hatte. Da aber zog einer der Reiter, der
neben ihm hielt, seine Doppelpistole aus dem Gürtel, spannte beide Hähne und
rief:
    »Was sollen Worte! Wir sind Bluträcher. Namen zu nennen ist unnötig; aber
ich bin Mirza141, und hier sind noch zwei andere, die auch Mirza sind. Was aber
seid denn ihr?«
    Der Pedehr sah ihm ruhig lächelnd in das Gesicht und antwortete:
    »Mirza nennt sich heut ein jeder, dessen Urahne verurteilt worden ist, der
spätere Mann eines früheren Weibes in Teheran oder Isfahan zu sein. Die
Dschamikun aber sind ohne Ausnahme alle Prinzen, echte, wirkliche, wahre
Prinzen, nicht einer unrühmlichen Abstammung wegen, sondern zufolge der edlen
Zwecke, für welche sie leben und für welche sie jetzt auch zu handeln wissen
werden!«
    Das waren beleidigende Worte. Die Pistole war gespannt, die andern elf
besassen wahrscheinlich mehr Mut als der Multasim. Es war für sie mit solchen
Pferden und solchen Gewehren sehr wohl möglich, die sich ihnen
entgegenstellenden Dschamikun niederzureiten. Und selbst wenn ihnen dieses nicht
gelingen sollte, so musste es, wenn es einmal zum Schiessen kam, Tote und
Verwundete geben. Da kam mir ein Gedanke. Ich näherte mich der Gruppe, um im
befürchteten Augenblicke der Gefahr entgegentreten zu können.
    »Welch eine Frechheit gegen uns!« rief der vorige Sprecher aus. »Wer hätte
das zu dulden?«
    »Ich nicht - ich nicht - ich nicht - - auch ich nicht!«
    So riefen die andern alle, indem sie die Flinten oder Pistolen schussfertig
machten. In diesem Augenblicke geschah etwas, was uns später oft Veranlassung
zur heitern Erinnerung gegeben hat. Es kam nämlich jemand sehr eilig die Stufen
herauf, drängte sich zwischen den dort stehenden Dschamikun hindurch und blieb
dann für einen Augenblick stehen, um die Situation mit einem Blicke zu
überfliegen. Dieser Jemand war unser Kara Ben Halef. Er hatte sich vollständig
bewaffnet und trug ausserdem meinen Henrystutzen in der Hand. Sein Erscheinen
warf eine kurze Pause in die Scene. Als er mich stehen sah, trat er schnell auf
mich zu, reichte mir den Stutzen und sagte laut so dass es alle hörten:
    »Es kam die Meldung auf das hohe Haus, der Bluträcher sei gekommen und mit
elf andern hierher geritten. Ich wusste, dass ihr ohne Waffen seid, nahm schnell
die meinen und bestieg die Sahm, die am nächsten zu handen war, um dir, Effendi,
so schnell wie möglich dein Gewehr zu bringen. Sechs schiesse ich auf der Stelle
nieder. Die andern sechs nimmst du mit deinem Stutzen, aus welchem du endlos
schiessen kannst, ohne dass du zu laden brauchst. Sag nur ein Wort zu mir, so geht
es los!«
    Er spannte den Revolver seines Vaters, den ich diesem geschenkt hatte, und
richtete ihn auf die Perser. Diese sahen die gefährliche Waffe. Sie sahen auch
den Stutzen, dessen fremdartige Konstruktion sie zur Vorsicht mahnen musste. Der
Multasim gab den andern mit der Hand ein Zeichen, zu warten, und richtete an
Kara die Frage:
    »Du hast einen Revolver! Und ein so gänzlich unbekanntes Gewehr! Bist du ein
Dschamiki?«
    »Nein,« antwortete Kara, indem er ihm herausfordernd in das Gesicht sah.
    »Wer denn?«
    »Ich bin Kara Ben Hadschi Halef Omar, des Scheikes der Hadeddihn vom Stamme
der Schammar.«
    Was war das mit dem Pferde des Multasim? Warum stieg es vorn in die Höhe?
War das die Folge eines unwillkürlichen Schenkeldruckes seines Reiters? War er
erstaunt? Oder gar erschrocken? Kannte er den genannten Namen? Sein Gesicht
hatte den Ausdruck ungewöhnlicher Spannung angenommen, und fast hastig liess er
die Frage hören:
    »Dieser Hadschi Halef Omar ist Scheik der Dschesireh-Hadeddihn?«
    »Ja,« nickte Kara stolz.
    »Ist er jetzt daheim bei seinem Stamme?«
    »Nein.«
    »War er kürzlich in Bagdad?«
    »Ja.«
    »Er ist im Kellek den Tigris hinab?«
    »Ja.«
    »War er auch am Birs Nimrud?«
    »Ja.«
    »Allein?«
    »Nein.«
    »Wer war bei ihm?«
    Der kluge, vorsichtige Jüngling sah ein, dass er hier zu schweigen habe. Er
sprach:
    »Was fragst du mich? Du bist hier fremd, verwegen eingedrungen; ich aber bin
der Gast der Dschamikun. Ich frage dich! Wenn du nicht Antwort giebst, so
schiesse ich dich auf der Stelle nieder! Was hast du hier zu suchen?«
    Da hob der Pedehr die Hand abwehrend empor und sagte:
    »Nicht schiessen! Im Gebiete der Dschamikun wird niemand getötet, ausser
Chodeh tötet ihn! Und hier ist eine Stätte des Friedens, die von keiner Tat des
Hasses je entweiht werden darf!«
    Da liess Kara den Revolver sinken, sah enttäuscht zu mir herüber und fragte
mich:
    »Was ist zu tun, Sihdi? Ich darf nicht, wie ich will!«
    »Du kannst auch nicht,« antwortete ich lächelnd.
    »Warum?«
    »Schau den Revolver genauer an!«
    Er tat es. Da blitzte es lustig über sein Gesicht.
    »Er ist ja gar nicht mehr geladen!« rief er. »Die Patronen sind alle
heraus!«
    »Sollten sie einrosten? Ich selbst hab sie herausgenommen, am Tage, an
welchem ich mein Krankenlager zum erstenmal verliess.«
    »Aber dein Stutzen ist geladen?«
    »Auch nicht!«
    »Maschallah! So lacht man uns ja aus!«
    Die Perser erhoben allerdings ein höhnisches Gelächter. Das störte mich aber
nicht. Ich stand dem Multasim jetzt nahe und sah einen Ring der Sillan an seiner
Hand.
    »Lass sie lachen!« sagte ich. »Wir brauchen keine Gewehre. Tue den Revolver
ruhig weg!«
    »Wenn du es sagst, Effendi, hat es guten Grund!«
    Er schob die Waffe in den Gürtel, und ich gab ihm auch den Henrystutzen
wieder. Da liess der Multasim seinen Turkmenen bis ganz nahe zu mir herangehen
und sagte:
    »Du wirst Sihdi und Effendi genannt. So nannte der Scheik der Hadeddihn
einen Fremden, der sich bei ihm befand. Bist du aus Dschermanistan?«
    »Ja,« antwortete ich.
    »Heissest du Kara Ben Nemsi?«
    »Man nennt mich so.«
    »Du warst mit dem Hadeddihn am Birs Nimrud?«
    »Ja.«
    »So verdamme dich Allah tausendmal! Du wirst die Stelle, an der du stehst,
nicht lebendig verlassen!«
    Ich legte die Hand unter die Mähne seines Pferdes, befühlte die Muskel und
sagte höchst unbefangen:
    »Zu weich! Dieser Fuchs würde keinen langen Galopp aushalten. Du musst ihm
weniger Gerste geben und ihn des Nachts in Decken hüllen, damit er sich das
Fleisch härter schwitze!«
    »Schweig, Hund!«
    Früher hätte ich mir dieses Wort nicht gefallen lassen. Jetzt nahm ich es
ruhig hin und fuhr fort:
    »Die Rippen liegen gut; aber für einen echten Tiukih ist der Hals zu kurz
und der Kopf zu klein. Auch die Hufe müssten grösser sein. Ich glaube, der Vater
war ein voller Turkmene, die Mutter aber eine Araberin nicht allerersten
Ranges.«
    »Bist du verrückt?« fuhr er auf. »Ich will mit dir wegen eurer Taten am
Birs Nimrud abrechnen, und du gebärdest dich, als ob ich als dein Reitknecht dir
Rechenschaft über mein Pferd zu geben habe!«
    »Was kannst du denn von unsern Taten wissen!« lachte ich, um ihn zur
Unvorsichtigkeit zu verleiten.
    »Alles weiss ich, alles!« rühmte er.
    »Was?«
    »Dass ihr die Sill - - - - -.«
    Er hielt schnell und erschrocken inne.
    »Sprich weiter!« forderte ich ihn auf. »Oder fürchtest du dich vielleicht
vor mir?«
    »Allah behüte mich, vor einem Christen Angst zu haben!«
    »Bist du denn Muhammedaner?«
    Ich sah den Augen seiner Gefährten sofort an, dass ich mit dieser Frage eine
schwärende Stelle getroffen hatte. Darum fuhr ich fort:
    »Hättest du nicht eine persische Lammfellmütze auf dem Kopfe, so dürftest du
wohl keinen Turban tragen! Ihr Christen raucht mit Muhammed den Kaliun142, so
lange er euch den guten Tabak liefert, und zwar zu billigem Preise oder gar
umsonst. Sobald ihr aber zahlen sollt, schüttet ihr ihm euer schmutziges
Pfeifenwasser vor die Füsse und kehrt zu Isa und seiner Mutter Marryam zurück!«
    Er wollte mir eine zornige Antwort zuschleudern; aber ich fuhr schnell fort:
    »Du hältst mich für deinen Feind und hast mich Hund genannt. Du solltest
vorsichtiger sein! Du hättest wohl anders, ganz anders zu mir gesprochen, wenn
dir bekannt gewesen wäre, dass ich dich grüssen soll!«
    »Grüssen? Du? Mich?« fragte er erstaunt.
    »Ja.«
    »Von wem?«
    »Wünschest du, dass ich dir hier den Namen sage?«
    »Ja.«
    »Ich tue es nicht.«
    »Warum?«
    »Weil ich dein Bestes will.«
    »Mein Bestes? Glaubst du, etwas sagen zu können, was mir schadet?«
    »Nicht bloss das! Aber es ist nicht nur dein Geheimnis, sondern auch das
meinige. Ich rate dir, vorsichtig zu sein, denn es handelt sich nicht um dich
und mich allein. Du täuschest dich in Personen, die du gar nicht kennst!«
    »Ich verstehe dich nicht!« gestand er verlegen.
    »Das glaube ich wohl! Ich will dich schonen und also vorsichtig sein. Du
hast gefragt, von wem ich dich zu grüssen habe. Höre mich an, und sage mir, wenn
ich innehalten soll, damit ich dir nicht schade! Sind dir die Ufer des Schatt el
Arab bekannt?«
    »Ja,« antwortete er zögernd.
    »Wohnt an ihnen jemand, der mir einen Gruss an dich anvertraut haben könnte?«
    »Nein.«
    »Gut! Gehen wir also weiter aufwärts. Kennst du den Ort, der oberhalb der
Stelle liegt, an welcher der Schatt el Arab aus dem Euphrat und Tigris
entsteht?«
    »Das ist Korna.«
    »Giebt es dort einen Mann, der mir ebenso bekannt sein könnte, wie dir? Der
mich vielleicht sogar lieber hätte, als dich?«
    »Nein.«
    Seine Verlegenheit wuchs. Ich fuhr fort:
    »Ich meine nämlich einen Mann, der nur ein Auge hat!«
    »Allah!« rief er da aus.
    »Der infolgedessen Esara el Awar heisst und -«
    »Schweig, schweig!« unterbrach er mich da schnell. »Effendi, es ist möglich,
dass ich dich verkannt habe; ja, es ist sogar sehr wahrscheinlich! Komm schnell
zur Seite, damit ich mit dir sprechen kann!«
    Er sprang vom Pferde und ergriff meinen Arm. Sein Verhältnis zu dem
Einäugigen musste für ihn eine ausserordentliche Wichtigkeit besitzen. Ich kannte
es nicht, weil ich den von dem Kaffeewirte in Basra bekommenen Brief ja nicht
gelesen hatte. Ich besass ihn aber noch. Der Multasim wollte mich mit sich
fortziehen, während seine Gefährten nun auch von ihren Pferden stiegen; ich
machte mich aber von ihm los und sagte:
    »Höre mich an! Vor Allen, die hier bei uns stehen! Was ich sage, ist wie ein
Schwur. Ich nehme nichts davon und tue nichts dazu!«
    »Was? Sage es!«
    In seinen Augen flimmerte ein ungewisses Licht. Er befand sich in grosser
Aufregung. Er konnte sie kaum beherrschen. Das benutzte ich, indem ich fortfuhr:
    »Es gibt für dich drei mächtige Personen. Die eine bist du selbst; die
andere bin ich, und die dritte ist unser Esara el Awar in Korna. Du musst
wünschen, dass keiner von diesen Dreien der Gegner eines der beiden andern sei.
Nun stelle dich so zu mir, wie es dir gefällt! Ich bin Gast der Dschamikun. Ihr
Feind ist mein Feind. Du kommst als Bluträcher, also als mein Feind! Du hast die
Feindschaft sogar so weit getrieben, diesen Ort hier durch die Hufe eurer Pferde
zu entweihen. Mache das schleunigst wieder gut! Die Blutrache liegt zwischen mir
und dir. Fordre Blut, oder fordre den Preis. Wir werden uns nach dieser deiner
Forderung richten und dir ebenso Blut oder Preis entgegenhalten. Durch eine
Kugel vergossenes Blut ist nicht so teuer wie das Blut, welches an der Peitsche
deines Sohnes hängt. Rache gegen Rache und Gnade gegen Gnade! Die Dschemma der
Dschamikun ist bereit, mit dir zu verhandeln, doch nicht heut. Es ist keine Zeit
dazu. Aber in Beziehung auf mich kann ich dir schon jetzt, in diesem Augenblicke
sagen: Ich werde mit dir kein Wort über Esara el Awar sprechen, als bis du mir
beweisen kannst, dass diese gegenseitige Forderung in Frieden und für immer
ausgeglichen ist. Jetzt bin ich fertig! Ich werde sehen, was du tust!«
    Ich wendete mich ab und ging hinaus, die Stufen hinab und zwischen Rosen
einen Weg entlang, der zu einem kleinen Rasenplatze führte. Dort setzte ich mich
nieder. Das Stehen hatte mich müd gemacht.
    Ueber mir hingen herrliche Paskaleh-Rosen, deren Duft süss wie die Liebe und
erquickend wie die Freundschaft ist, und zwischen ihnen grosse, dunkelrote
Fritillarien-Glocken. Wie ist der Schöpfer dieser Blumenwelt so gütig und so
lieb! Kann er derselbe sein, der auch die Menschenwelt erschuf? Oder ist die
Blume nur deshalb ohne Sünde, weil es ihr, der nur sich Hingebenden, unmöglich
ist, sich einen Unterschied zwischen Für und Gegen, zwischen Mein und Dein zu
konstruieren? Könnte doch der Mensch so wie die Blume sein! Wie hatte vorhin der
Ustad gesagt, indem er mir die Rose gab? War denn er so unendlich glücklich, in
der Selbstüberwindung so weit gekommen zu sein, dass er kein eigenes Ich mehr
kannte? Es stieg in mir das heisse Wünschen auf, doch einmal so sehr, so schwer,
so bitter, so tief gekränkt zu werden, dass jeder, jeder Andere es nicht erdulden
und nicht ertragen könnte. Ich aber möchte dann die Selbstlosigkeit und das
unerschütterliche, beglückende Gottvertrauen besitzen, alles still und heiter
über mich ergehen zu lassen, als ob der Menschenhass nur der naturnotwendige
Schatten der Liebe Gottes sei. Die Sillan, diese Schatten, ruhig in den Ruinen
Babels nach alten Ziegeln und Schriften, nach modernden Beweisen menschlicher
Schwächen wühlen lassen, indem ich hier vom lieben, rosenduftumwobenen
Beit-y-Chodeh hinauf zum herrlichen Alabasterzelte schaue und von unten herauf
die Felsenstimme ertönt: »Steig auf zur Sonne. Amen!«
    Nach einiger Zeit stand ich wieder auf, um nach dem Tempel zurückzukehren.
Ich ging nach der hintern Seite desselben und begegnete auf dem Wege dortin
vielen Frauen und Kindern, von denen einige mir sagten, dass ich von Tifl gesucht
werde. Ich traf ihn schliesslich selbst. Er war überall nach mir herumgelaufen,
ohne mich zu finden.
    »Effendi, du wirst gebraucht,« rief er mir zu, noch ehe er mich erreicht
hatte.
    »Von wem? Wozu?« erkundigte ich mich.
    »Von dem Bluträcher. Er sagte, er habe mit dir zu sprechen.«
    »Aber ich nicht mit ihm. Ich bin mit ihm fertig. Wo ist er?«
    »Sie lagern oben am Waldesrande. Sie haben unseren Pedehr gebeten, dem Feste
zuschauen zu dürfen.«
    »Was? Wirklich? Das wäre ja ein Sieg für uns!«
    »So sagte auch der Pedehr. Ein Sieg, den wir dir verdanken. Er lässt dich
bitten, den Bluträcher ja nicht abzuweisen, denn es sei höchst wahrscheinlich
wirklich wichtig, was er dir zu sagen habe.«
    »So komm!«
    Als wir den Tempelbau erreichten, bemerkte ich zunächst, dass er nicht mehr
von den Männern besetzt war. Sie hatten sich wieder zu ihren Angehörigen in den
Park zurückgezogen. Das war ein Zeichen, dass die Feindseligkeit, wenigstens für
einstweilen, zu ruhen hatte. Wir traten hinten, da, wo die Pferde die Rosen
niedergestampft hatten, hinaus auf die Matte. Da sah ich die Perser im Schatten
der ersten Waldbäume sitzen. Der Multasim bemerkte mich, stand auf und kam
herab; ich ging ihm langsam entgegen. Sein Gesicht war sehr ernst, doch nicht
feindselig. In seinen Augen lag aber etwas Lauerndes. Wir standen nun vor
einander.
    »Ich schickte nach dir,« sagte er.
    »Ich erfuhr es,« antwortete ich.
    »Du hast uns in unserem Tun gestört. Ich habe nachgegeben. Nun möchte ich
wissen, ob ich recht getan habe. Ich kenne euch. Woher, das wirst du wissen;
wenn nicht, so kannst du es ahnen. Deine Vorsicht geht oft über alle List. Aber
eine Lüge machst du nie. Ist das so?«
    »Ja.«
    »Wirst du jetzt lügen?«
    »Nein. Warum fragst du das?«
    »Weil ich die Wahrheit von dir wissen will.«
    »Wenn ich überhaupt spreche, so wirst du nichts anderes von mir hören als
nur sie.«
    »Auch wenn es dein grösster Schade wäre? Wenn es dein Leben kosten könnte?«
    »Auch dann!«
    Es war ein ganz eigenartiger Blick, mit dem er mich nun musterte. Lachte er
innerlich mich aus? Oder zitterte irgend eine gute Saite seiner Seele?
    »Ich glaube es,« nickte er. Dann fuhr er fort: »Ich will wissen, ob du ein
Freund oder ein Feind von mir bist. Sage es!«
    »Ich bin keines Menschen Feind. Ich hasse keinen bösen Menschen; aber das
Böse in ihm kann ich nicht lieben.«
    »Das will ich nicht wissen. Warst du vorhin gegen mich wahr oder listig?«
    »Beides, wahr und listig.«
    »Hast du einen Gruss an mich?«
    »Ja. Aber er wurde nicht mir, sondern einem anderen anvertraut. Ich erfuhr
zufällig von ihm.«
    Das war keine Lüge, denn ich hatte einen Brief, und ein Brief entält doch
wohl noch mehr als bloss einen Gruss.
    »So hast du dich zwischen mich und Asara el Awar eingedrängt?«
    »Ja.«
    »Weiss er davon?«
    »Das verrate ich nicht. Er mag es dir selbst sagen.«
    »Was weisst du alles von ihm und mir?«
    »Hierüber schweige ich.«
    »Bist du unser Verbündeter?«
    »Nein.«
    »Also unser Gegner? Ein Drittes gibt es nicht. Ich verlange die Wahrheit
von dir!«
    »Ich sage sie. Ich habe mit euch nichts zu schaffen. Aber handelt ihr gegen
die Gesetze und berührt meine Person dabei, so bekommt ihr es mit mir zu tun.
Ich rate euch also, mich und meine Freunde in Ruhe zu lassen!«
    Bis jetzt hatte er an sich gehalten. Er beherrschte sich auch noch; aber
seine Augen blitzten; sein Gesicht verzerrte sich vor Hass, und er ballte die
Fäuste.
    »Also - - - Feind!« knirschte er.
    »Ja, wenn du es so nennst - - - Feind!« antwortete ich ruhig.
    »Weisst du, was das für dich bedeutet?«
    »Ich weiss nur, wie gefährlich es für dich ist. Ich habe nichts zu fürchten.«
    »Bin ich etwa nichts? Heut muss ich dir weichen. Heut muss ich verzichten. Du
würdest mich sonst verraten. Aber es kommt eine andere Zeit. Und ich werde dafür
sorgen, dass sie sehr bald kommt. Dann rechne ich mit dir ab. Bestehst du noch
auf dem, was du vorhin sagtest?«
    »Ja.«
    »Dass ich mich zu vergleichen habe?«
    »Unbedingt!«
    Da streckte er mir die Hand hin. Seine Stimme zitterte.
    »Hier nimm meine Hand. Es ist die Hand des ärgsten Feindes, den es für dich
gibt. Du zwingst mich, auf die Blutrache gegen die Kalhuran und Dschamikun zu
verzichten. Aber ich entsage nicht; ich werfe sie auf dich. Nimmst du sie an?«
    Er stand vor mir wie einer, der sich kaum mehr zu beherrschen vermag. Ich
ergriff seine Hand und antwortete:
    »Ja. Ich nehme sie an.«
    »Du weisst also, dass ich der Bluträcher gegen dich bin?«
    »Ja.«
    »So sei von dieser Stunde an gesegnet von allen Teufeln, die in des obersten
Scheitan tiefster Hölle wohnen. Du entgehst mir nicht!«
    »Und du sei geleitet und geführt von den Engeln der Selbsterkenntnis und der
göttlichen Barmherzigkeit. Der, welcher über allen Menschen steht, der steht
auch über dir. Wehre dich, so viel du willst, ihm entgehst du nicht!«
    »Hund!«
    »Mensch!«
    »Ich speie aus vor dir. Lecke es auf! Wenn nicht jetzt, so dann später. Ich
werde dich dazu zwingen!«
    Er spuckte vor mir nieder, warf mir die geballte Faust entgegen, drehte sich
um und ging. Ich hatte Hafis Aram, den Scheik der Kalhuran, und sein Weib von
der Blutrache erlöst. Dafür aber war ich ihr nun selbst verfallen. Diesen
letzteren Umstand aber durften die Dschamikun nicht erfahren. Wer wahrhaft
dankbar ist, wird nie vom Danke sprechen! - - -
 
                                Fünftes Kapitel
                                        
                                 Ahriman Mirza
Eine musikalische Familie. Der Vater spielt die erste Violine, der Onkel das
Cello, der eine Sohn die zweite Violine und der andere die Viola. Für heut sind
alle Freunde eingeladen. Es soll ein Quartett gegeben werden. Kammermusik. Ob
von Mozart, Haydn oder einem anderen, das weiss man nicht. Aber dass man nur
Schönes, Gutes, von den vier Künstlern Durchdachtes und Verstandenes hören
werde, davon ist man überzeugt. Man freut sich also auf den Genuss. Man kommt.
Man weiss, dass man gern gesehen ist. Man nimmt Platz. Die Noten liegen auf den
Pulten. Die Instrumente sind bereit, schon wohlgestimmt. Auch die Zuhörerschaft
befindet sich in jener Stimmung, welche dem Erfolge gern und einsichtsvoll
entgegenkommt. Da sind die Vier. Sie nehmen Platz. Sie greifen nach den
Instrumenten. Durch den Raum geht das Geräusch leise gerückter Stühle; hier ein
erwartungsvolles, kurzes Räuspern, dort das Rauschen bequemgelegter Seide. Dann
tiefe Stille. Jetzt! Die Bogen berühren die Saiten. Die ersten Takte erklingen.
Die Erwartung hat sich in offenruhende Empfänglichkeit verwandelt. Man lauscht.
    Da wird die Tür aufgerissen. Ein Feind der Familie kommt lärmend herein,
rücksichtslos störend, ungeladen. Er erklärt, dass er die Absicht habe, einen
Strafprozess gegen die Familie zu führen, und macht in ganz ungesitteter Weise
die Anwesenden mit dem Inhalte der Anklage bekannt. Man unterbricht ihn. Man
entzieht ihm das Wort. Man sagt ihm, dass er unrecht habe und dass doch jetzt und
hier nicht die rechte Zeit und der rechte Ort zu solchen Dingen sei. Man sei zu
einem Kunstgenuss versammelt, nicht aber, um sich mit dem jus criminale zu
befassen. Da entschliesst er sich, mit zuzuhören, nimmt einen Stuhl und setzt
sich nieder.
    Soll man die unangenehme Scene gewaltsam enden? Ihn hinauswerfen? Nein! Man
entschliesst sich, ihn gewähren zu lassen und das Stück von neuem anzufangen.
Aber in welcher Stimmung befindet man sich nun? Werden die in Geist, Herz und
Gemüt anzuschlagenden Accorde so befriedigend ausklingen, wie es vorher mit
froher Bestimmteit zu erwarten war?
    Das ist ein Bild. Ich bringe es, um begreiflich zu machen, dass auch die
vorhin vom Glockentone berührten Saiten unsers Innern durch den rauhen Gedanken
der Blutrache vollständig zum Schweigen gebracht worden waren. Ob sie wieder so
ungezwungen und rein erklingen würden wie vorher, das war wohl zu bezweifeln. -
    Tifl war, während ich mit dem Multasim sprach, nach dem Tempel gegangen. Als
ich nun zu diesem zurückkehrte, hatte er von meinem Platze ein Kissen geholt und
an eine der beiden Säulen des hintern Ausganges gelegt. Der Chodj-y-Dschuna
stand dabei. Ich sah, dass er mir etwas zu sagen hatte.
    »Wir sollen dich nicht stören, Effendi,« entschuldigte er sich. »Ich bitte
dich aber, für kurze Zeit zunächst hier zu bleiben. Hier ist der beste Platz, zu
hören, wie es klingt, wenn alle Winde zum Gebete kommen. In deiner Ecke dort
würde dich die Harfe stören.«
    Hierauf ging er nach der Mitte des Tempels, wo eine Harfe lag. An der einen
Ecksäule stand Schakara, die ihrige vor sich haltend. Das veranlasste mich, auch
nach den drei andern Ecken zu sehen. Sie waren in ganz gleicher Weise von
Dschamikinnen besetzt. Am Haupteingange hatten sich der Ustad und der Pedehr
einander gegenüber niedergelassen. Zu ihren beiden Seiten sass die Dschemma. Rund
um das Gebäude hatten sich die Bewohner und Bewohnerinnen des Duar aufgestellt.
Es war so still, man sagt, »wie in einer Kirche«.
    Da gab der Ustad mit der Hand ein Zeichen. Der Chodj-y-Dschuna griff einige
einleitende Accorde, um das Metrum anzugeben. Hierauf die vorige Stille wieder.
Ich ahnte, was nun kommen solle, und schloss die Augen.
    Wo gab es die Lüfte, als es Anfang war? Im göttlichen Gedanken! Unendlich
mild, als beginne ein warmer Sonnenstrahl mit leiser Zärtlichkeit dem andern
zuzuflüstern, ward dieser Gedanke jetzt zum ersten Ton. Es war ein
einig-ungeteilter, aber doch kein einzelner Ton. Er erklang nicht hoch, nicht
tief, und doch war er erklungen. War er nach Schwingungen zu messen? Nein! Das
irdische Mass ist ja doch nur ein Notbehelf. Es wird sich immer irren! In diesem
ersten, einen Tone lagen, wie die Strahlen im Lichte, alle die unzählbaren
Klänge der Zeit und Ewigkeit unisono verborgen. So klang er leise, leise, sich
selbst kaum ahnend, hin, noch unberührt vom schöpferischen Willen. Aber da,
plötzlich, als ob der Schöpfer prüfen wolle, wie er dereinst das Licht geprüft,
indem er, bevor die Sonnen waren, die Strahlen alle durch das Weltall blitzte
und dann wieder zu sich rief, - so tat auch dieser erste Ton sich plötzlich
auf, um alle Harmonieen, die es gab und geben wird, aufleuchtend von sich
auszusenden und aber augenblicklich wieder in sich zu vereinen.
    Nun aber begann es, sich in ihm zu regen. Alles was dieser eine Aufblitz in
unendlicher Fülle zeigte, das hatte sich nun langsam, eines aus oder mit dem
andern, harmonisch zu entwickeln. Es teilte sich der Ton und blieb doch
ungeteilt. Er gab sich ganz in tausend andern Tönen hin und hörte doch nicht
auf, zu sein und zu bleiben, was er war. Der Luftauch kam und wiegte ihn, als
ob er mit und von ihm träume, auf und nieder. Da gebar der Traum das erste
Intervall, welchem, ewig stammverwandt, die anderen alle folgten. Sie
umschlangen sich, vereint zur Tonika, und klangen in das Erdenparadies
hernieder, um, wenn der Mensch seiner Seligkeit gedenkt, sich in ihm wieder
aufzulösen, dass er den Stimmen dieser Erde die Klänge des Himmels geben möge.
    Wie aber klingt so himmlische Musik? Die Winde sagen es. Sie lauschen
überall. Und wo ein frommer, heiliger Ton sich hören lässt, da nehmen sie ihn
auf, um ihn zur grossen Harmonie zu tragen, die betend aufwärts steigt, um als
Lob und Dank zu dem zurückzukehren, aus dessen Mund sie einst als erster Ton
erklang.
    Die Harfen schwiegen. Ich schlug die Augen wieder auf. Die vier Spielerinnen
legten ihre Instrumente fort. Der Chodj-y-Dschuna zögerte, dies auch zu tun. Er
schaute mit zagenden Augen zu mir her. Da stand ich auf, ging zu ihm hin und gab
ihm, dem Herzensdrange folgend, meine Rose.
    »Sie ist vom Ustad,« sagte ich. »Ich bin so arm gegen dich, du reicher Mann.
Ich habe nichts Besseres.«
    »Du beschämst mich!« antwortete er. »Ich lehre nichts, als das, was ich
empfangen habe. Auch dass ich es wiedergeben kann, verdanke ich nicht mir. Nimm
du nun meine Rose. Ich bitte dich!«
    Er reichte sie mir. Das war so einfach, so menschlich lieb, dass es mich
herzlich rührte.
    »Sende mir deine Schülerinnen heraus, damit ich auch jeder von ihnen eine
breche,« bat ich ihn.
    Hierauf ging ich hinaus. Die Mädchen kamen. Die Rosen gehörten nicht mir,
sondern ihnen, und doch sah ich ihnen an, dass ich für einen Dank die rechte
Weise getroffen hatte.
    Tifl wartete mein, um mir zu sagen, dass ich nun wieder nach meinem Platze
gehen könne, wenn ich wolle. Ich tat es, voller Erwartung, was nun kommen
werde. Nichts Gewöhnliches, davon war ich überzeugt! Dieser Gesanglehrer besass
mehr als das, was man Talent zu nennen pflegt!
    Es kam jetzt eine Anzahl Dschamikun mit Frauen und Mädchen herein. Sie
stellten sich in der Mitte auf, um zu singen, ohne Leitung; der Chodj-y-Dschuna
war nicht bei ihnen. Was ich hörte, war ein dreistimmiges Lied. Der Text
lautete:
»Ich komm zu dir im Sonnenstrahl
Und lass mir deine Rosen blühen.
In tiefer Andacht liegt das Tal
Vom Morgen- bis zum Abendglühen.
Ich sehe aus der stillen Flut
Die Berge Gottes aufwärts steigen,
Und wo sein Haus auf Säulen ruht,
Soll heut sich mir der Himmel zeigen.
Ich komm zu dir im Sonnenstrahl,
So spricht der Herr und steigt hernieder.
Die Glocken klingen übers Tal,
Und von den Bergen tönt es wieder.
Brich auf, mein Herz, der Rose gleich,
In der sich alle Düfte regen.
Es naht sich dir das Himmelreich;
Brich auf, und dufte ihm entgegen!«
    Ueber diesen Text ist nichts zu sagen, kein Wort. Er spricht ja selbst!
Wovon? Von einer Begegnung im Beit-y-Chodeh. Nun verstand ich die Worte, welche
der Ustad sagte, als er mir die Rose gab. Aber die Tonweise! War das Gesang,
oder war es Sprache? Gesangssprache oder Sprachgesang? Ich meine keineswegs
Recitativ. Mit diesem hatte es nicht die entfernteste Aehnlichkeit. Unser Gesang
ist Kunst; dieser war Natur. Aus unserer Harmonisierung ist jeder einzelne
Akkord zu lösen; hier war das eine Unmöglichkeit. Bei uns pflegt man im
Liedgesange die Melodie einer einzelnen Stimme, den andern die Begleitung zu
geben; hier war alles Melodie, jede Stimme, und doch wurde jede eine von den
andern harmonisch unterstützt. Das war schwer, sehr schwer und klang aber doch
so ausserordentlich natürlich, so ungewollt, so ganz von selbst. Es gab keine
Absicht, irgend einen bestimmten Akkord zu bilden, eine Septe in die Sexte
herabzuleiten. Alles, was ich über Komposition wusste, war hier gleich Null!
    Und aber doch diese Wirkung! Von mir und den Dschamikun selbst will ich in
dieser Beziehung nicht sprechen; aber das Lied hatte sämtliche Perser vom
Waldesrande herabgelockt. Sie hatten ihre Pferde oben gelassen und sich hinten
bei den Säulen hingesetzt. Es war ihnen und ihrem Verhalten anzusehen, welchen
Eindruck das Lied auf sie gemacht hatte. Indem sie miteinander sprachen,
drückten ihre Mienen und Blicke sehr deutlich den Wunsch aus, dass man doch
weitersingen möge.
    Er wurde erfüllt. Die vorigen Sänger hatten sich entfernt. Jetzt kamen vier
Männer und vier Frauen, also acht Personen. Man nennt das bei uns ein
Doppelquartett. Was sie sangen, klang ausserordentlich ernst. Die Worte lauteten:
»Wir knieen hier vor deinem Angesichte
Im Geist vom Geiste, nicht im Staub vom Staube,
Wir flehen um das Licht von deinem Lichte;
Im Dunkel bleibt der falsche Erdenglaube.
Du bist der Vater. Alle sind wir dein.
Lass uns im Lichte deine Kinder sein!
Du schufst die Welt als grösstes Wort der Liebe,
Doch will die Menschheit dieses Wort nicht fassen.
Und wenn sie tausend heilge Bücher schriebe,
Sie würde doch nicht lieben, sondern hassen.
Du bist der Vater. Alle sind wir dein.
Lass uns in Liebe deine Kinder sein!
In ewgem Frieden kreisen deine Sterne.
Ihr Licht umfliesst die ganze, ganze Erde,
O dass sie doch von diesem Lichte lerne
Und endlich, endlich menschenfreundlich werde!
Du bist der Vater. Alle sind wir dein.
Lass uns im Frieden deine Kinder sein!«
    Das war ein Gebet! Und wie wurde es gesungen! Nicht etwa nach einer alten,
wohlbekannten Melodie, der man auch jeden andern Text unterlegen kann. Hier
beteten die Töne noch deutlicher als die Worte. Die Perser waren doch wohl
Leute, welche durch Worte nicht so leicht überwältigt werden konnten; aber als
der letzte Ton jetzt über das Tal hinüber nach den lauschenden Bergen klang, wo
die Hirten still bei ihren Herden standen, da sah ich alle zwölf Köpfe tief
herabgesenkt, und es dauerte längere Zeit, ehe sich die Gesichter wieder sehen
liessen. Worte klingen sehr leicht nur an das Ohr. Waren bei ihnen die Töne
tiefer eingedrungen, um ihnen das erbetene Licht zu der Erkenntnis zu bringen,
dass niemand sich der wahren Liebe rühmen darf, wenn er nicht den Frieden seines
Nächsten achtet. Dann hätte der zum Menschenherzen trachtende Himmelsklang hier,
am Beit-y-Chodeh der Dschamikun, ein Wunder bewirkt, welches den wohlerwogenen
Worten und wohlgesetzten Reimen und Liedern anderer nicht gelingen will!
    Nun kam Tifl zu mir her und sagte, indem er mich von der Seite her pfiffig
anlächelte:
    »Effendi, jetzt ist die Zeit gekommen, in der man essen muss - - wenn man
nämlich etwas hat.«
    »Ich habe aber nichts!« klagte ich.
    »O, mehr als ich! Sogar Pflaumen!«
    »Wo?«
    »Da, wo es im Wald am schönsten ist. Der Ort ist nur für einen einzigen, und
ich soll dich bitten, heut auch einmal dort sein Gast zu sein.«
    »Wer ist's?«
    »Du wirst ihn sehen.«
    »Aber, bin ich nicht zu schwach, da hinaufzusteigen?«
    »Es ist nicht weit von hier. Auch kannst du unterwegs ruhen, so oft du
willst.«
    »So lass uns gehen!«
    Er führte mich an den Persern vorüber, bergan dem Walde zu. Der Stock
erleichterte mir den Weg. Dennoch musste ich schon am Waldesrande anhalten, um
auszuruhen. Man konnte von hier aus den ganzen Park übersehen, durch dessen
vielgewundene Gänge schmale, lebendige Menschenströme wie durch Rosenadern
pulsierten. Der Ustad und der Pedehr waren noch im Tempel. Wer Schatten suchte,
kam herauf zum Walde. Ueberall glänzten freundliche Gesichter. Heiteres Lachen
erscholl. Hier und da erklang schon die abgerissene Zeile eines kleinen
Liedchens. Allerlei sangeslustige, flügellose Lerchen stimmten vorschnell ihre
Kehlen.
    »Man soll jetzt noch nicht singen,« erklärte mir »das Kind«. »O, Sihdi, wir
haben viele schöne Lieder! Für Kinder, für Jünglinge und Jungfrauen und auch für
die Alten.«
    »Singst auch du?«
    Da warf er sich in die Brust, richtete sich hoch auf und antwortete:
    »Höre, was ich dir sage: Ich singe sie alle, alle stumm! Willst du es
hören?«
    »Ja.«
    »So bitte ich dich aber, zu warten. Jetzt darf ich noch nicht.«
    »Warum nicht?«
    »So bald nach den ernsten Gesängen hört der Ustad Liebeslieder nicht gern.«
    »Liebeslieder? Tifl, Tifl! Was höre ich!«
    Der Gute verstand mich gar nicht. Fast schämte ich mich, diesen scherzenden
Vorwurf ausgesprochen zu haben. Man sieht: Die Sittenrichterei kann selbst im
Scherz den Ankläger an Stelle des vermeintlichen Delinquenten schlagen. Wie
gefährlich mag sie da wohl erst im Ernste sein!
    Wir gingen weiter, waldaufwärts. Es führte uns ein Weg zwischen hohen Bäumen
hin. Es war ein sichtbar wenig benutzter Seitenweg.
    »Hier geht nur er,« sagte Tifl.
    »Wer?«
    »Er! Du musst es raten!«
    Selbstverständlich riet ich nun den Ustad. Nach einiger Zeit kamen wir an
einen vor langen Jahren freigemachten Platz, in dessen Mitte ein grosser,
weitästiger Birnbaum stand. Er hing voll schöner, reifer Früchte. Die hohen
Waldbäume gewährten ihm Schutz. Sonst hätte er in dieser Höhe nicht gedeihen
können.
    Unter ihm stand - ich staunte! - ein wohlgedeckter Tisch. Eine Holzplatte
auf in die Erde geschlagenen Beinen, nicht niedrig, wie die orientalischen sind.
Vor ihm zwei hohe Bänke, auf denen man ganz nach europäischer Art sitzen konnte.
Er war mit einem weissen Tuch belegt, auf welchem weissporzellanene Schalen und
Teller, auch eine Weinflasche mit Glas, meiner warteten. Es gab kalte Küche,
fein säuberlich verteilt.
    Und wer stand da bei diesen Herrlichkeiten? In ihrer ganzen blitzblanken
Sauberkeit? Strahlend vor Stolz und Freude? Mit liebevollen Aeuglein und
rotblühenden Rosenwänglein? Natürlich Pekala, die Köstliche, heut meine
Festjungfrau in wahrster Wirklichkeit!
    »Sei willkommen, Effendi!« rief sie mir entgegen. »Ich habe für dich
angerichtet. Auch Pflaumen sind da. Tifl hat sie für dich gepflückt. Der Ustad
gebot es ihm.«
    Ich reichte ihr die Hand.
    »Pekala, was bist du doch gut!« sagte ich.
    »Gut muss man immer sein; das ist ja Pflicht. Und man ist es auch so gern!
Man will ja gar nicht anders sein! Aber euch, euch, Effendi, möchten wir doch
recht, recht glücklich machen! Euch möchten wir die grösste Liebe zeigen, die wir
haben!«
    »Warum grad uns, du Liebe? Es sind so viele Menschen da, und es gibt doch
wohl nur eine einzige Liebe für sie alle!«
    »So sagt auch der Ustad, ganz genau so. Aber ihr macht es uns so leicht, und
andere machen es uns so schwer. Doch, was sagst du zu diesem Tische, Effendi?«
    Sie stemmte die Arme in die Seiten und schaute mich an, als ob ich etwas
ganz Unbegreifliches anzustaunen habe.
    »Wunderbar!« antwortete ich.
    »Ja, es ist auch wirklich wunderbar! Siehst du das herrliche Fakhfuri takymy
143?«
    »Ja. Weiss, wie frischer Schnee!«
    »Das grüne Scharab kardehi144?«
    »Grad wie Smaragd!«
    »Das Sofra bezi145 mit geblümten Mustern?«
    »Sehr schön! Das hast wohl du geplättet?«
    »Ja. Aber wir haben kein Ütü146 hier. Ich habe ein Hackebeil heiss gemacht
und ein Papier dazwischen gelegt. Da ging es auch. Weisst du, wer eine Türkin
ist, der weiss sich stets zu helfen!«
    »Wie schade da, dass ich keine bin!«
    »Effendi, klage nicht! Du bist ja ohnedies auch recht klug. Es kann nicht
jedermann eine Türkin sein. Es muss auch andere Völker geben! Aber siehst du auch
das Jemek takymy147 mit den blankgeputzten Griffen? Habe ich es richtig
hergelegt?«
    »Ja, denn ich nehme es da weg, wo es liegt. Ganz fein aber ist es, wenn das
Messer rechts und die Gabel links liegt.«
    Ich wollte sie doch nicht eines Fehlers zeihen; darum drückte ich mich in
dieser Weise aus. Sie wechselte aber das Besteck schnell um, indem sie sagte:
    »Du bist für mich der feinste Mann, und ich denke, dass du mich auch für eine
feine Dienerin hältst. Machen wir es also nicht wie für gewöhnliche Leute,
sondern fein. Bemerkst du auch den Tapa tschekedscheji148? Du siehst, wir haben
alles. Du sollst die Flasche doch nicht in der Weise öffnen, wie Tifl damals
tat, indem er die Hälse herunterschlug. Dann ist es kein Wunder, wenn man
betrunken wird!«
    Diese Betrachtung lenkte ihre Aufmerksamkeit auf »das Kind«. Sie drehte sich
nach ihm um und sagte:
    »Ich bediene den Effendi selbst. Du kannst gehen!«
    Er tat zwei Schritte, blieb dann aber stehen.
    »Nun, warum nicht?« fragte sie.
    »Weil ich es doch auch einmal sehen möchte.«
    »Was?«
    »Das Tuch und das Porzellan und alle die seltenen Sachen da auf dem Tisch.«
    »Schau dir es nachher an!«
    »Und auch wie der Effendi fränkisch sitzt und isst.«
    »Das würde ihn stören!«
    »Und wie schön und fein du ihn bedienst, nachdem du alles so trefflich
vorbereitet hast.«
    Dieses Lob stimmte sie augenblicklich für ihn um.
    »So bleib,« sagte sie. »Steig auf den Baum und hole die besten Früchte
herab!«
    Er war im Nu hinauf.
    »Es sind Armudlar149, Effendi,« belehrte sie mich.
    »Das meine ich auch,« stimmte ich ihr bei.
    »Sie heissen Gulab-i-Schahi150«, verbesserte Tifl vom Baume herunter, indem
er die Sorte nannte.
    »Würdest du sie auch als Armud kompostusu151 essen, Effendi?« fragte sie
weiter.
    »Wenn man frisches Obst hat, soll man es frisch essen. Aber ich liebe es
auch gekocht.«
    »So sollst du beides bekommen: die frischen Birnen und auch den süssen
Kompostusu152. Nun setze dich aber nieder, und iss! Aber alles! Du musst wieder
rund werden - so, wie ich! Du musst rote, dicke Backen bekommen - so wie meine
hier!«
    »Ich danke dir, liebe Pekala!«
    »Danke mir nicht schon jetzt, sondern dann, wenn du sie hast! Ich habe dich
nur so gesehen, wie du durch die Krankheit geworden bist: unendlich hager und
mit eingefallenen Wangen. Nun aber sollst du wieder so werden, wie es sich für
einen Effendi aus Dschermanistan schickt und gehört. Erlaube mir, dir meine
Gestalt und Fülle als Muster anzubieten, welchem du nachzustreben hast, um es zu
erreichen und wo möglich noch zu übertreffen! Einer der grössten Vorzüge, den wir
Türken haben, ist der, dass wir unserer Seele einen möglichst umfangreichen
Körper bieten. Da hat sie Platz! Da kann sie sich rühren und bewegen! Da fühlt
sie sich nicht eingeengt und kann, wenn sie will, sogar spazieren gehen. Wird
sie aber in der Weise, wie jetzt bei dir, zwischen Haut und Knochen eingedrückt,
so entstehen jene unglückseligen, ezmisch gewordenen Dschanlar153, denen man es
nicht übelnehmen kann, dass sie über das Erdenleben stets nur zu schimpfen und zu
räsonnieren haben. Ein wohlgestalteter, runder Mann hingegen wird immer guter
Laune sein und stets ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen haben. Ich weiss das
ganz genau. Ich sehe es an mir!«
    »Du bist sehr scharffinnig, liebe Pekala!«
    »Nicht wahr? Beinahe eine Kizfeilesuf154! Du musst mir aber auch ansehen, dass
ich gewohnt bin, sehr viel nachzudenken. Ich kann das auch, weil meine Seele
vollständig Platz zum ausgiebigsten Nachdenken hat. Da ist nichts zum
Verwundern. Nun aber iss! Und erlaube mir noch eine Frage, die ich mir trotz
alles Nachdenkens nicht beantworten kann! Gehört etwa noch ein kleiner Tisch
hierher?«
    »Nein.«
    »Nicht? Aber wozu da das andere, kleinere Tuch?«
    »Wo?«
    »Hier.«
    Sie griff in die Innentasche ihres Gewandes und zog eine weisse Serviette
hervor. Ich nahm sie ihr aus der Hand und schlug sie aus den Falten. Sie war
nicht gezeichnet, doch mit winzigen, liebevollen Stichen eingesäumt. Mein
Gesicht fiel, indem ich dieses Leinenstück betrachtete, der Köchin auf.
    »Du staunst, Effendi?« sagte sie. »Du bist verwundert? Sogar sehr?«
    »Ja,« antwortete ich. »Das hätte ich hier nie gesucht!«
    »Nicht? Das freut mich, denn es muss also etwas sehr Feines sein!«
    »Es ist ein Peschkir. Man sagt auch Petschata155.«
    »Das kenne ich nicht. Wozu ist es?«
    »Um beim Essen das Gewand zu schonen. Wenn man etwas verschüttet oder
sonstwie Flecke macht, so werden sie von der Petschata aufgefangen. Wer
vorsichtig isst, der braucht sie nur so herzulegen. Wer aber unschön isst, der
steckt die Ecke da oben herein. Man sieht also an der Petschata, was für einen
Esser man vor sich hat. Schau her!«
    Ich machte es ihr vor. Da schlug sie die Hände zusammen, dass es schallte,
und rief entzückt:
    »Wie mir das doch gefällt! Das ist fein, wirklich fein! Weisst du, Effendi,
ich werde, wenn er sich zu meiner Zufriedenheit beträgt, für unsern Tifl eine
machen!«
    »Zwei!« rief der Genannte vom Baume herunter.
    »Warum?« fragte sie hinauf.
    »Für dich auch eine, falls ich mich nicht über dich zu beklagen habe!«
    »Ich möchte wissen, worüber du dich bei mir beklagen könntest! Ich trage
dich auf allen meinen Händen und sehe dir einen jeden Wunsch von den Augen ab.
Du bist der glücklichste Mensch, den es nur geben kann. Drum pflücke ruhig
weiter, und lass die Petschata Petschata sein!«
    Ich hatte während dieses kleinen, gutgemeinten Wortgefechtes die Serviette
wieder zusammengeschlagen und dann weggelegt. Als Pekala dies nun bemerkte,
fragte sie:
    »Du nimmst sie nicht? Warum? Ich bitte dich!«
    Sie nahm sie vom Tisch und hielt sie mir wieder hin. Ich wehrte ihre Hand
aber ab.
    »Nein, meine gute Pekala! Ich will von diesem Tuche, von diesem Porzellane
und mit diesem Messer und dieser Gabel essen, weil ich dich sonst betrüben würde
- vielleicht auch noch einen Andern. Aber was nicht unbedingt nötig ist, das
werde ich nicht berühren.«
    »So sag mir aber, warum?«
    »Du ahnst es wahrscheinlich nicht; aber diese Sachen sind, ausser für diesen
Andern, wohl eigentlich unberührbar. Ich vermute, dass er sie ausserordentlich
wert, ja heilig hält.«
    Sie sah mich nachdenklich an, trat dann ganz nahe zu mir her und sagte:
    »Das ist wahrscheinlich richtig. Ich will es dir mitteilen, weil mir nicht
verboten wurde, davon zu sprechen. Diese und noch einige andere Sachen sind in
einer kleinen Lade wohl verwahrt. Es gibt einen Tag, einen einzigen Tag im
Jahre, an dem der Ustad diese Lade aufschliesst. Da deckt er sich den Tisch mit
eigener Hand, ganz so, wie ich es hier gemacht habe. Ich bringe ihm die Speisen
selbst hinauf. Ich sehe einen fränkischen Stuhl vor dem fränkischen Tisch; aber
der Ustad sitzt noch nicht. Er steht mit gefalteten Händen am Fenster und schaut
so unverwandt, wie innerlich betend, zu unserem lieben Beit-y-Chodeh hinüber. Er
trägt an diesem Tage ein ganz altes, härenes Gewand, welches auch in dieser Lade
liegt und hinten einen Baschlyk156 hat. Ein ebenso alter Strick schlingt sich um
seine Lenden, und um den Hals hat er eine Perlenschnur, an welcher ein kleines
Bild hängt; was für eines, das weiss ich nicht. Er isst erst dann, wenn ich wieder
gegangen bin. Er ist an diesem Tage noch ernster und noch stiller, als zu jeder
andern Zeit. Niemand darf ihn stören, ausser ich, wenn ich ihm das Essen bringe.
Aber früh, am Morgen, kommt er herab und teilt an alle, die im hohen Hause
wohnen, kleine, freundliche Geschenke aus, die er während des Jahres mit eigenen
Händen für sie gefertigt hat. Begreifst du das?«
    »Wenn du mir den Tag nennen kannst, so ist es möglich, dass ich es verstehe.«
    »Ich habe ihn mir gar wohl gemerkt, und es ist für mich sehr leicht, ihn
nicht zu vergessen, weil er mein Geburtstag ist.«
    »Vielleicht ist es auch der seinige?«
    »O nein. Das weiss ich ganz genau.«
    »Woher?«
    »Er selbst hat es mir gesagt. Ich habe bisher darüber geschwiegen, weil es
so eigen, so geheimnisvoll klang; dir aber möchte ich es erzählen, grad dir.«
    »Warum mir, liebe Pekala?«
    »Weil er heut für dich jene Lade, die er so heilig hält, geöffnet hat. Er
liess mich zu sich kommen. Er hatte alle diese Sachen für dich bereit gelegt und
übergab sie mir mit der Weisung, dich hier mit ihnen zu bedienen, sie aber von
niemandem, höchstens noch von unserm Kinde, berühren zu lassen. Das habe ich
getan. Kein Mensch hat sie gesehen.«
    »Sagte er noch sonst etwas hierüber?«
    »Ja. Fast ganz dasselbe, was er mir damals sagte. Ich will es dir erzählen.
Tifl, steig vom Baume herab. Leg die Birnen her, und geh vor an den Weg! Es soll
uns niemand stören.«
    Er gehorchte gleich, denn er hatte alles gehört und sah also ein, weshalb er
fortgeschickt wurde. Als er gegangen war, berichtete sie:
    »Es war an diesem Tage. Der Ustad hatte mich reicher beschenkt als die
andern, weil er wusste, dass mein Geburtstag sei. Als es gegen Abend dunkelte,
ging ich hinauf zu ihm, um die Reste der Mahlzeiten zu holen. Du wirst gesehen
haben, dass vor seinem Gemache ein Schahnischin157 ist. Da sass er auf dem
fränkischen Stuhle, was er sonst niemals tut, und las in einem Buche, obgleich
es auch da draussen schon fast dunkel war. Als er mich hörte, kam er herein, um
das Licht anzuzünden. Ich hatte mich so sehr gefreut und sagte ihm noch einmal
für die heutigen Geschenke Dank. Da schaute er im Dämmerschein der kleinen Kerze
von so hoch zu mir hernieder, legte mir die Hand auf den Kopf und sprach:
    Der Eine gibt; der Andere nimmt. Der Eine stirbt; der Andere wird geboren.
Wenn die Menschen doch wüssten, dass jeder Geburtstag auch zugleich ein Tag des
Sterbens ist! Mein Sterbetag war heute!«
    Sie schwieg und wendete sich halb von mir ab, indem sie mit der Hand nach
ihren Augen griff. Als sie sich wieder herumdrehte, sah ich die Feuchtigkeit der
Träne noch, die sie hatte entfernen wollen. Dann fuhr sie fort:
    »Ich weiss nicht, wie es kam, ich musste weinen, als ich diese seine Worte
hörte. Und indem ich weinte, sprach er sie noch einmal, als ob ich sie ja nie
vergessen solle:
    Der Eine gibt; der Andere nimmt. Der Eine stirbt; der Andere wird geboren.
Wenn die Menschen doch wüssten, dass jeder Geburtstag auch zugleich ein Tag des
Sterbens ist! Mein Sterbetag war heute!«
    Die gute Pekala hatte diese Wiederholung nur schwer zu Ende gebracht. Jetzt
hob sie die Falten ihres Schleiers zum Gesicht empor, um es darin zu verbergen,
und weinte, leise schluchzend, vor sich hin. Wie kam es doch, dass auch mir die
Augen feucht wurden? Es gibt Worte, welche, mögen sie gesprochen werden, wann
und wo es auch sei, sich so tief in das Herz des fühlenden Menschen senken, dass
er sich ihrer Wirkung nicht entziehen kann.
    »Du hast dir das sehr gut gemerkt, liebe Pekala,« sagte ich, um sie von
ihrem Schmerze abzulenken.
    Sie strich die Tränen fort, liess den Schleier wieder nieder und antwortete:
    »Ich bin dann sogleich draussen vor seiner Tür stehen geblieben und habe die
Worte auswendig gelernt, um sie niemals zu vergessen.«
    »War das alles, was er sagte?«
    »Alles! Aber war das nicht genug, mehr als genug, Effendi? Muss es nicht
fürchterlich für einen Menschen sein, zu wissen, an welchem Tage er sterben
werde?«
    »Noch ganz anders ist es, wenn ein Mensch weiss, dass er gestorben ist!«
    »Das ist unmöglich. Kann er denn leben und doch wissen, dass er tot sei? Aber
dass es Leute gibt, welche ihren Sterbetag voraus wissen, das habe ich schon oft
gehört.«
    »Kein Mensch kann ihn wissen, kein einziger, ausser er will zum Selbstmörder
werden. Gott hat sich die Bestimmung dieses Tages vorbehalten und wird entweder
in seiner Güte oder in seiner Gerechtigkeit die Entscheidung treffen.«
    »Aber der Ustad weiss ja doch den seinen!«
    »Nein, auch er nicht!«
    »Hast du nicht soeben seine eigenen Worte gehört?«
    »Du deutest sie falsch. Du hast das Wörtchen war mit dem Wörtchen ist
verwechselt.«
    »Das verstehe ich nicht, Effendi.«
    »Denke nach, und erinnere dich genau! Hat er gesagt: Mein Sterbetag war
heute. Oder sagte er: Mein Sterbetag ist heute. War oder ist? Hierauf kommt es
an.«
    »Ich weiss es: war heute; so sagte er.«
    »Also hat er nicht ein zukünftiges sondern ein schon vergangenes Sterben
gemeint. Es ist das ein tiefes, tiefes Wort von ihm gewesen, und ich wundere
mich nicht darüber, dass du dich in seiner Deutung irrtest.«
    »Also meinte er, dass er schon gestorben sei?«
    »Ja.«
    »So war sein Wort ein Rätsel!«
    »Allerdings.«
    »Wer kann es lösen? Ich nicht!«
    »Ich auch nicht. Kein anderer Mensch kann es lösen, als nur er allein. Wem
der Tod oder vielmehr das Sterben überhaupt ein Rätsel ist, dem wird der wahre
Todestag, die eigentliche, wirkliche Zeit des Sterbens, ganz gewiss erst recht
verborgen bleiben. Es gibt nur wenige, sehr wenige Menschenkinder, welche
wissen, warum und wo und wie und wann man stirbt. Man kann körperlich leben und
geistig oder seelisch doch gestorben sein. Und wie das Eine möglich ist, so auch
das Andere. Auch Isa Ben Marryam, den wir den Heiland nennen, verlangt vom
Menschen, dass er neu geboren werde. Wer hat da aber zu sterben? Die Bibel
antwortet: Der alte Adam. Wer ist das? Du siehst also, dass die christliche
Religion ein Sterben und Geborenwerden mitten in diesem unsern gegenwärtigen
Leben von uns fordert. Hierin liegt eine der verschiedenen Weisen, in denen das
Rätsel des Ustad gelöst werden kann. Für ihn ist es schon längst kein Rätsel
mehr. Denn wer da weiss, dass er gestorben ist, und sogar den Tag genau kennt, an
welchem es geschah, der schaut nicht mehr in ein trügerisches Dämmerlicht,
sondern vor seinen Augen liegt der helle Tag in seliger Klarheit ausgebreitet.«
    Ich hatte mich an den Tisch gesetzt und zu Messer und Gabel gegriffen; da
erscholl vom Rande der Lichtung her die Stimme »unseres Kindes«:
    »Der Ustad kommt. Ich trete auf die Seite.«
    Er zog sich hinter die Bäume zurück. Ich wollte wieder aufstehen, aber
Pekala bat mich:
    »Tu nicht, als ob du es weisst! Er wird sich gewiss freuen, dich essen zu
sehen.«
    Da begann ich denn, zuzulangen. Tifl hatte ihn gewiss schon von weitem
bemerkt, denn es dauerte längere Zeit, ehe er erschien. Nun, als er auf die
Lichtung trat, legte ich das Besteck natürlich wieder weg. So, wie jetzt er, war
wohl auch Abraham einst einhergeschritten, wenn er im Haine Mamra wandeln ging.
Und seine Gäste hatten ihm in solcher Ehrfurcht entgegengesehen, wie ich sie
fühlte, als dieser Patriarch der Kurden sich mir näherte. Aus seinen Augen
schaute mich die Seelengüte an, und mir war es, als ob ich meine Arme um ihn
schlagen müsse, um ihm zu sagen, dass ich ihn nie, niemals verlassen möchte.
    Ich wollte sprechen, um ihm zu danken. Er sah das und veranlasste mich durch
eine kleine, stille Handbewegung, dies nicht zu tun. Sein Blick überflog den
Tisch und blieb auf der unbenutzten Serviette haften. Dann sah er mich mit einem
lieben, lieben Blicke an. Er hatte mich durchschaut.
    »Es war eine Segenshand, die dieses Speisetuch mit vielen, vielen Stichen
für mich säumte,« sagte er. »Es war am Tage, da ich einstens starb, da schenkte
sie es mir. Nun nehme ich es in die meinige von Jahr zu Jahr, wenn ich das
stumme Gedächtnismahl des eigenen Todes halte. Warum steht heut derselbe Tisch
für dich gedeckt? Ich liebe dich und habe dich erkannt. Du bist derselbe, der
ich einstens war, in jener Zeit, da ich noch suchen ging. Es lebt der Geist in
dir, der damals mich verführte, ihn für den Geist des Weltenalls zu halten. Und
doch ist's nur der Geist der armen, kleinen Erde, der seinen Menschen vorgelogen
hat, er sei der Allmächtige, der den ganzen, unendlich weiten Himmel nur allein
für sie geschaffen habe. Du wirst wie ich aus diesem Himmel herabgerissen
werden, der weder ihm noch dir gehört, wenn du ihm weiterfolgst. Du wirst da
unten liegen, so wie einst ich am Boden lag - - ein stillgewordener Acker
Gottes, über den des Todes Pflugschar gehen muss, damit er zubereitet sei, wenn
der Säemann kommt, den man das Leid der Erde nennt. Da wird der Pflug aus deinem
Herzen reissen, was jener Erdengeist hineingepflanzt. Und wenn er seine letzte,
tiefste Furche zieht und dir die stärkste Wurzel aus dem Herzen zerrt, dann
mache dich bereit: Es naht dein - - - Sterbetag!«
    Sein Auge ruhte nicht auf mir. Er hatte vor sich hin, wie in weite Ferne
geschaut, als ob er das alles sehe, was er sagte. Nun hob er den Blick zu den
Baumkronen empor, deren Zweige und Nadeln im Sonnenstrahle goldgerändert
zitterten. Ein milder Farbenschein, wie durch eine rosig angehauchte Lichtglocke
geworfen, überflutete sein Angesicht.
    »Dann naht der Säemann und gibt den Furchen neues Leben,« fuhr er fort. »Du
wirst ihm stillehalten müssen, so wie auch ich ihm stillehielt. Die Egge
schmerzt; die Stacheln reissen Wunden. Doch darfst du sie nicht achten. So viele
ihrer seien, aus jeder sprosst und grünt es froh zum Himmel auf, damit der
stillgewordene Acker Gottes dereinst zum reichen Erntefelde werde. Das meine
liegt im wilden Kurdistan. Umringt von Feinden, die mich hassen, neiden! Die
Berge tragen meine Einsamkeit; sie sind mit ihr mein Schutz, der nimmer wankt.
Wo aber, fragst du wird das deine liegen?!«
    Jetzt senkte er den Blick zu mir nieder und sah mir lächelnd ins Gesicht.
Seine Hand legte sich auf mein Haupt und glitt dann leise, fast zärtlich an der
Wange nieder. Dann sprach er weiter:
    »Wo es liegt? Du weisst es nicht, und doch hab' ich's von dir erfahren. Ich
stand an deinem Lager. Kein Mensch war da, als ich und meine beiden Kranken. Du
lagst besinnungslos, doch sprachst du mit dir selbst. Da lernte ich dich kennen.
Da hörte ich zwar dich, doch auch den Geist, der einst der meine war. Dann
klangen liebe Worte, die Worte deiner Seele. Du ahnst wohl nicht, wie mächtig
Seelen sind! Sie wird den Geist bezwingen, wie einst der meine ihn bezwang. Was
ich dir sage, das ist, als hätte sie es gesagt! Dein Erntefeld liegt fern von
diesem meinem Lande. Es ist ein anderes, als das meinige. Ich sehe Täler und
ich sehe Berge. Auch dir ist, so wie mir, die Ebene gram. Drum mache es so wie
ich: Such auf den Bergen Schutz, und steige nie zur Fläche nieder, auf der die
dunklen Zelte deiner Feinde stehen. Geh in die hehre Einsamkeit, wie ich, und
sei, wenn dir ein Gegner naht, so stumm, wie ich es heut zu meinen Feinden war.
Auch dir lebt ein Pedehr, der gern es übernimmt, den Feiertag, den du zu leben
hast, vom Schmutz des Werkeltages zu befreien!«
    Er griff jetzt nach der Serviette, gab sie mir und sagte:
    »Du dachtest zart. Ich danke dir dafür. Doch sei mein Gast an meinem
Sterbetag! Nimm dieses Tuch getrost! Es ist für mich ein grosses Heiligtum. Die
mir es gab, sie stand an meiner Seite, als ich im Sterben lag. Die letzte,
tiefste Furche ging durch mich. Da bäumte ich mich auf. Ich wollte meinem Leiden
nicht gehorchen. Sie aber sagte mir ein grosses Wort, ein Wort, so gross, dass es
die ganze Welt umfasst. Da brach ich wieder nieder, um ganz in meiner Kleinheit
zu verschwinden. Und als ich dann, nach langer, langer Zeit, als Auferstandener
kam, um ihr zu danken, da sagte sie, sie habe mir zu danken, weil sie in mir zum
zweiten Male auferstanden sei. Wirst du wohl ihren Namen nun erraten? Er ist
auch dir von Herzen lieb geworden.«
    »Unsere Marah Durimeh!«
    Dieser Name flog förmlich aus meinem Munde. Es konnte ja keine andere sein
als sie!
    »Ja, sie, die Einzige!« sagte er. »Denk, dass sie hier an deiner Seite sitze
und dir erzähle von jemand, dem nichts erspart geblieben ist von allem, was die
Erde Schlimmes bietet, und der nur durch das Schweigen jenen Sieg errang, mit
dem man nicht den Feind allein, nein, auch sich selbst bezwingt. Denn merke
wohl: Dein grösster Feind bist du. Um ihn versammelt sich der andern ganze
Schaar. Sie steht und fällt mit ihm. Er ist's, der fallen muss in deiner
Sterbestunde. Für den, der dann, von dir befreit, das andere Leben lebt, gibt
es dann nur noch Menschen, im schlimmsten Fall beklagenswerte Toren, doch
Feinde, Feinde nie!«
    Hierauf legte er mir die Hand auf die Brust und sprach in warmem, bittendem
Tone:
    »Lass dein Herz so ruhig schlagen, wie das meine schlägt! Wenn es aufbegehren
will, so gebiete ihm Schweigen! Betrachte die Menschen so, als ob du bereits
gestorben seist und von ihnen nicht mehr erreicht werden könntest! Es gehöre
ihnen von allem, was du bist und was du hast, nichts, nichts, als nur allein die
Liebe!«
    Er ging hierauf wieder fort.
    Welch ein Mensch! Solche Charaktere können wohl nur in der Einsamkeit der
Berge reifen! Aber glücklicherweise ragen Berge überall. Warum sollen es immer
nur geographische Höhen sein? Giebt es nicht auch noch andere Alpen, auf denen
man sich ein »hohes Haus« erbauen und ein »Beit-y-Chodeh« errichten kann? Redet
nicht auch die heilige Schrift von solchen Bergen? Sagt nicht der Psalmist, dass
von ihnen seine Hilfe komme? An was für Berge dachte ich wohl, als ich vor
Jahren, im Notizbuche Reiseeindrücke festaltend, auch folgende Zeilen
niederschrieb:
»Schon weicht die Fläche hinter mir;
Die Ebene beginnt, zu steigen.
So naht das Herz, Jehovah, dir,
Wenn hinter ihm die Zweifel weichen.
Mir ist, als ob am Horizont
Ich Bergesspitzen leuchten sähe.
So reinigt, läutert, wärmt und sonnt
Die Seele sich in Himmelsnähe.
Hinauf, hinauf! Ich raste nicht.
Ich will und will nicht unten bleiben.
Mein frömmstes, seligstes Gedicht
Will ich beim Glühn der Alpen schreiben.
Das werde ich dann heimlich, still
In einem Kirchlein niederlegen.
Vielleicht gereicht's, so Gott es will,
Dem, der es findet, einst zum Segen!«
    Unsere gute Pekala hatte sich, als der Ustad kam, bescheiden vom Tische
zurückgezogen. Nun, als er fort war, kam sie wieder, um von neuem ihres Amtes zu
walten. Die Entfernung war allerdings keine grosse gewesen. Darum hatte sie
Verschiedenes von dem, was gesprochen worden war, gehört. Das zeigte sich durch
die Frage, welche sie sogleich an mich richtete:
    »Nicht wahr, ich hatte mit dem Sterbetage recht, Effendi? Er sprach doch
auch mit dir davon.«
    »Ja; aber da wirst du mir eine Bitte zu erfüllen haben, liebe Pekala.«
    »Sehr gern! Welche?«
    »Denke nicht zu oft und zu viel über den deinigen nach! Und sei schweigsam
über das, was du hier vernommen hast! Wenn man von so etwas redet, muss man es
verstanden haben.«
    »Das habe ich freilich nicht. Es war zu schwer für mich.«
    »Trotzdem du dich eine Kizfeilesuf genannt hast?« scherzte ich.
    »Das bin ich auch. Aber es hat jeder Mensch seinen eigenen Feilesufluk158,
den der andere nicht begreift. Der meinige wächst in der Küche und sagt mir
jeden Tag, dass alle Menschen essen müssen. Darum setze dich nun wieder nieder,
und lass mich die Freude erleben, dass es dir schmeckt!«
    »Das wird nun wohl nicht so werden, wie du wünschest. Ich bitte dich, noch
einige Zeit Geduld zu haben.«
    »Warum, Effendi? Willst du nun etwa gar nicht essen?«
    »Nicht sogleich. Ich möchte nachdenken. Geh mit deinem Tifl ein Stündchen
spazieren, und komm dann wieder!«
    »Wie schade! Das ist es ja eben, was mein Feilesufluk nicht begreifen kann!
Wenn gelehrte Männer in den Sattel ihres Geistes steigen, um in seinem Reiche
herumzugaloppieren, da lassen sie ihn hungern. Sie sagen, sie können nicht
essen, wenn sie denken. Was wird er da wohl für Sprünge mit ihnen machen können!
Gieb ihm Futter, Effendi, viel Futter! Wenn du das tust, dann wirst du erst
bemerken und an dir selbst erfahren, was ich, eure Pekala, unter Nachdenken
verstehe! Was soll aus dir werden? Die Seele hat keinen Platz; der Geist muss
darben, und der Körper darf nicht essen. Du gehst mir ja zu Grunde! Wozu bin ich
denn mit meiner schönen, grossen Küche da? Doch dazu, dass alles, was ich mache,
aufgegessen wird! Doch will ich nicht zanken, denn ich sehe, dass es dir wehe
tut. Ich gehe!«
    Wehe tun? Das nun freilich nicht! Sie deutete meine Bemühungen, das Lachen
zu unterdrücken, falsch. Es waren nur wenige Schritte, welche sie tat; dann
blieb sie stehen, sah auf die Erde nieder, kam wieder zurück, ganz nahe an mich
heran und sagte halblaut, damit Tifl, der sich nun wieder auf der Lichtung
befand, es nicht hören möge:
    »Weisst du, was ich mir über unsern Ustad ausgesonnen habe? Während er mit
dir sprach, kam es mir in den Kopf.«
    »Was?«
    »Es liegt ein Geheimnis über ihm, und ich habe etwas davon entdeckt. Er kann
alles; er weiss alles. Er kennt das ganze Morgen- und wohl auch sehr viel vom
Abendlande. Er hat sehr, sehr viele Bücher in abendländischer Schrift. Ich
glaube, dass er früher dort gewesen ist, um alles, was man dort lernen kann, sich
anzueignen. Da hat er auch an solchen Tischen, wie dieser ist, gegessen. Er
kehrte in die Heimat zurück. Dann starb etwas in ihm; denn in dieser Weise meint
er es doch, wenn er von seinem Tode spricht. Das Gedeck hier ist ein Andenken an
diesen seinen Toten, und darum hebt er es so heilig auf und sucht es an jedem
Sterbetag hervor. Was sagst du dazu? Ob ich wohl recht habe?«
    »Pekala, du hast ein kluges Köpfchen!«
    »Nichts weiter? Das habe ich längst gewusst! Aber es freut mich, dass auch du
es nun erfahren hast. Jetzt gehe ich wirklich!«
    Und sie ging auch wirklich; Tifl mit. Ich war allein.
    Ueber mir schlug ein persischer Ispinos159. Er sprang von Zweig zu Zweig,
immer weiter herab. Ich warf ihm Brocken hin, und er kam bis an den Tisch heran,
um sie zu nehmen. Seine hellen Augen waren ohne Furcht auf mich gerichtet. Warum
lässt die sogenannte unvernünftige Kreatur sich von der Güte locken? Warum lacht
nur der Mensch über den, der selbstlos alle liebt? Oder ist das nicht der Mensch
überhaupt, sondern nur der Menschengeist, der raffinierende Teil der
»Schöpfungskrone«? Wie glücklich dann die niederen Geschöpfe, von denen man
behauptet, dass sie keinen »Geist« besitzen! Was versteht das gesellschaftliche
Tier, Mensch genannt, denn eigentlich unter »Liebe«? Wenn die Hassenden sich
zusammenrotten, damit Liga gegen Liga, Konfession gegen Konfession, Fraktion
gegen Fraktion aufeinanderplatze, so behaupten auch sie, in Liebe verbunden zu
sein. Eine Liebe aber, welche hassen kann, gibt es einfach nicht! In ganz
derselben Weise belieb- und zugleich behassäugeln sich die Völker ebenso wie auch
die einzelnen Individuen. Wer aber wahre Liebe bringt oder brachte, die vor
allen Dingen und zunächst nach Frieden strebt, der wurde stets und wird noch
heute an das liebe Kreuz geschlagen. Und dabei behauptet jede Partei, dass sie
allein es sei, die den Frieden wolle! Natürlich aber behält sie sich
stillschweigend vor, dass er nur zu ihrem Vorteil abzuschliessen sei! Ist das denn
Frieden? Nein, sondern neuer Grund zum Kampfe!
    Das Weltmeer kann nicht ruhig sein. Es ist eine den Winden preisgegebene,
willenlose Flüssigkeit. Aber muss denn die Menschheit mit ihren andertalbtausend
Millionen bewusster und denkender Intelligenzen sich ebenso in stetem Wogengange
befinden? Muss der hochbegabte, seiner Verantwortlichkeit sich sehr wohl bewusste
Mensch, sobald sein Nachbar wellt, sofort auch Wellen schlagen und sie
weitergeben? Giebt es keinen Halt auf weiter See? Kein festes Land? Und muss auch
jedes der vorhin gezählten kleinen, winzigen Binnenwässerlein gleich lächerrlich
hohe Brandung schlagen, wenn vom Andern her ein Luftauch es berührt? Kennt denn
niemand jene Wunderhand, die damals, als auf dem See Genezaret der Ruf »Herr,
wir verderben« erscholl, den Elementen sofort Ruhe gab? Weiss man nur in seinem
Namen, aber nicht in seinem Geiste zu handeln? Erheben sich nicht augenblicklich
tausend Wogen ringsumher, wenn es einmal eine freundliche Herzenswelle wagt,
sich von dem allgemeinen Strom zu trennen? Wie manche solche Welle, die nach den
Gärten und Feldern des Ufers fliessen wollte, um sie zu befruchten, ist von den
dunkeln Fluten, auf deren Grund die schwere, stählerne Schlepperkette ruht, mit
fortgerissen worden!
    Aber droben auf den Bergen, da liegen sie, in tiefer Einsamkeit, vom hohen
Forst beschützt, die immer klaren Wasserspiegel. Von unentweihten Quellen
gespeist, fliessen sie über von Heil und Segen für jedermann, der von dem sumpf-
und fieberreichen Strome aufwärts nach seinem Ursprung wandert. Anstatt
Menschenrecht herrscht hier noch Gottesrecht. Die holde Fee der
Menschheitskinderzeit geht liebreich wandeln von Haus zu Haus. Des Edens fromme
Sage wird beim Scheine des brennenden Spanes an jedem Herd erzählt, und wenn die
Ahne im lauschenden Kreise der Enkel eine mit ihr altgewordene Mähr erzählt, so
hebt sie wohl mit den Worten an: »Als wir noch Kinder waren.« Sie weiss ja nicht,
dass sie stets Kind geblieben ist!
    So sitzt nach vollbrachtem Tagewerke oft auch die gute Pekala mit »ihrem
Kind« auf jener Bank im Garten, wo ich von beiden als Pflaumendieb überfallen
wurde. Was mag sie ihm erzählen, die ebenso Kind wie er geblieben ist? Hat doch
der Ustad es erreicht, seine früher unbotmässigen Dschamikun in wohlerzogene,
dankbare Kinder zu verwandeln! Mit welchen Mitteln hat er das fertig gebracht?
Mit Hilfe jener Fee, welche keine Gewalttat kennt und doch alle Menschen
zwingt: sie heisst - - die Güte! Aber mit welchen andern Mächten mag er gerungen
haben, um sie in sich abzutöten, ehe er den Weg nach diesen seinen Bergen fand!
Es sei ihm nichts, gar nichts erspart geblieben, sagte er. Nun aber war es
glücklich überwunden. Warum geben unsere Dichter solchen Lebenskämpfen fast
immer einen tragischen Schluss? Kennen sie unsern Herrgott nicht? Die Erdenbühne,
für welche er seine Gestalten schafft und, wie es scheint, nach freiem Willen
handeln lässt, kennt die Tragik nur als kurze Episode. So ist auch das, was der
befangene Mensch für ein Lustspiel, einen Schwank oder gar für eine Farce hält,
nichts weiter, als eine vom Schauspieler eigenmächtig extemporierte Scene,
welche der unbestechliche Regisseur sehr bald zu rügen weiss. Auf dieser Bühne
geht niemand tragisch unter. Wer in dem einen Akt am Boden zu liegen scheint,
darf sich im nächsten zum neuen Kampf erheben. Und wenn für ihn nach endlich
errungenem Siege die letzte Erdenscene kommt, so hält der Dichter selbst den
Kranz für ihn bereit.
    Ich sass hier - um mich des Bühnenjargon zu bedienen - vor den pietätvoll
aufbewahrten Requisiten mir unbekannter Leidensscenen. Warum war es grad mir
erlaubt, sie zu berühren? Weil ich Marah Durimeh kannte? Weil der Ustad Grund zu
haben glaubte, anzunehmen, dass ich, so wie er, durch die Schule der Leiden zu
gehen haben werde? Es musste noch einen andern, dritten Grund haben, den ich aber
jetzt wohl noch nicht wissen durfte. Ich verzichtete darauf, über ihn
nachzudenken. Wer so weitausschauend ist, den Berg mit jenem Amen sagenden
Alabasterzelt zu krönen, der weiss auch wohl, wann die rechte Zeit, zu sprechen,
gekommen ist.
    War denn schon eine Stunde vorüber? Wohl kaum eine halbe. Aber Pekala hatte
es nicht länger ausgehalten. Sie kam jetzt mit ihrem Tifl wieder und sagte,
jedenfalls um ihre zu schnelle Rückkehr zu entschuldigen:
    »Effendi, du musst nun schnell essen. Kara Ben Halef ritt nach Hause, um beim
Vater zu bleiben, damit seine Mutter zum Beit-y-Chodeh kommen könne. Sie ist da
und fragt nach dir. Sie möchte dich gern bei sich haben.«
    Ich brauchte die dienstfertige »Festjungfrau« eigentlich gar nicht; es lag
ja alles bei der Hand. Aber sie liess es sich nun einmal nicht nehmen, dabei zu
sein. Jetzt griff sie nach der Flasche und dem Korkzieher. Indem sie letzteren
verlegen betrachtete, sagte sie in ihrer vom Ustad jedenfalls nicht gewollten
Offenheit:
    
    »Flaschen sind sehr selten hier bei uns. Ich habe, seit ich hier bin, keine
als nur diese hier gesehen. Ich weiss wirklich nicht, wie man es macht, um die
Tapa160 mit diesem eisernen Dinge herauszuziehen.«
    »Trinkt der Ustad Wein?« fragte ich.
    »Nie. Es ist die einzige Flasche, die er hat. Alles, was gegoren ist, trinkt
er nicht. Und alles, woran Blut war, isst er nicht. Warum, das weiss ich nicht.«
    »So lassen wir den Wein unberührt.«
    »Aber, er ist doch für dich bestimmt.«
    »Es wird schon einmal ein Gast kommen, dem er nötiger ist, als mir. Jetzt
fange ich an!«
    »Die Muhammedaner sagen Bismilla161, wenn sie zu essen beginnen. Das ist ein
gutes Wort. Verzeih, dass ich es vorhin vergessen habe!«
    Nun war es unterhaltend, zu beobachten, wie die beiden zuschauten. Ich
machte mir den Spass, die europäische Art, zu essen, so verwickelt wie möglich
darzustellen. Welche Wonne dieses Hantieren der »Festjungfrau« bereitete! Wie
oft rief sie »dem Kinde« zu: »Du, das ist fein!« Und als ich endlich gar einige
Birnen und Pflaumen schälte, schlug sie die Hände zusammen und sagte: »Das ist
das Allerfeinste. So etwas gibt's in der ganzen Welt gar niemals wieder!«
    Hierauf war es Zeit, mit Tifl zu den Dschamikun zurückzukehren. Als wir aus
dem Walde traten, bot sich mir ein sehr bewegtes, freundliches Bild. Die Perser
sassen, links von uns, hier oben. Am Tempel hatte sich der Pedehr zu Hanneh
gesellt. Den Ustad sah ich nicht. Ueberall gab es sitzende, stehende oder heiter
sich bewegende Menschengruppen. Die jungen Männer unterhielten sich mit
verschiedenartigen Spielen, welche den Zweck hatten, Kraft und Gewandteit zu
verleihen.
    »Soll ich anfangen, Effendi?« fragte mich Tifl.
    »Womit?«
    »Singen. Ich sagte dir doch, dass ich sie alle stumm singen werde. Man wollte
schon längst damit beginnen. Aber der Pedehr hat mir versprechen müssen, dass ich
der erste sein darf.«
    »Du willst es hier tun, gleich hier oben?«
    »Ja. Meine Stimme geht weit, bis dort zum Berg hinüber, und hier sehen mich
auch alle. Pass auf, Effendi, wie still und ruhig alle sein werden, wenn ich
anfange!«
    Ich wurde wirklich neugierig. »Das Kind« als Solosänger! Ich hatte gar kein
so rechtes Vertrauen zu ihm; aber wenn er so singen, wie er reiten konnte, so
war das Selbstvertrauen, welches er zeigte, sehr wohlbegründet.
    »Was wirst du singen?« fragte ich.
    »Was ich dir schon sagte: Ein Liebeslied. Dieses bringe ich von allen am
besten. Pass auf!«
    Er stellte sich in Positur, räusperte sich und begann. Welch eine Stimme!
Fast hätte ich ihn mit »Maschallah« unterbrochen. Das war ja ein Tenor, ein
Heldentenor von unbeschreiblicher Fülle und herrlichster Klangfarbe!
Allwissender Pollini! Von unserm Tifl aber hast du nichts gewusst, sonst wärest
du schon längst hier bei den Dschamikun gewesen, um wo möglich den Besitzer
dieser gradezu phänomenalen Stimme hier auf- und daheim am Alsterbassin wieder
abzuladen! Es war genau so, wie er gesagt hatte: Gleich bei dem ersten Tone
schaute alles herauf zu uns, und noch war kaum die zweite Zeile beendet, so
hatte auf der Graslehne und im Parke jede Bewegung aufgehört. Ich sah zu den
Persern hinüber. Sie waren alle aufgesprungen, wie von der Macht, welche in
Tifls Kehle steckte, elektrisiert. Wie reich begabt war dieses »unser Kind«! Und
welcher Text war es, der dem Liede unterlag? Folgender:
»Die schönste Blume auf der Welt
Stand morgens an des Nachbars Zelt.
Da kam der Tag im goldnen Licht
Und küsste fromm ihr Angesicht.
Kaum glaubte ich dem Sonnenschein:
Das konnte nur ein Märchen sein.
Die schönste Blume auf der Welt
Stand abends an des Nachbars Zelt.
Da kam die Nacht im Mondeslicht
Und küsste fromm ihr Angesicht.
Kaum glaubte ich dem Mondenschein:
Das konnte nur ein Märchen sein.
Die schönste Blume auf der Welt
Steht nun bei mir in meinem Zelt.
Wer kommt nun jetzt mit seinem Licht?
Wer küsst nun fromm ihr Angesicht?
Wer geht bei uns nun aus und ein?
Das muss erst recht das Märchen sein!«
    Das also war ein Liebeslied! Ich lasse es ohne Kommentar, denn es redet
seine eigene Sprache!
    Als der letzte Ton verklungen war, ertönten von allen Seiten laute Achsant-
und Jagadarufe162.
    »Nun, Effendi, kann ich singen?« fragte er.
    »Fast noch besser, als du reiten kannst,« antwortete ich.
    »Und waren nicht gleich alle stumm?«
    »Alle!«
    »Ja; ich singe über alle weg und reite an allen vorbei. Das wirst du sehen,
wenn wir Wettrennen haben. Unsere Stute wird die Siegerin sein. Sie steht dort
an der Tempelecke.«
    »Wie kommt das? Ich denke, Kara ist mit ihr heimgeritten?«
    »Ja; aber seine Mutter ist dann auf ihr herübergekommen. Siehst du, dass sie
dir winkt?«
    Hanneh forderte mich allerdings mit der Hand auf, zu ihr zu kommen. Ich
leistete natürlich Folge und erlöste dadurch den Pedehr von der Verpflichtung,
bei ihr zu bleiben. Sie ging mit mir nach meiner Ecke, wo wir uns neben einander
niedersetzten.
    »Hast du schon einmal so herrlich singen gehört wie heute, Sihdi?« fragte
sie.
    »Wir haben im Abendlande wunderbare Musik und sehr berühmte Sänger und
Sängerinnen,« antwortete ich.
    »Aber wir nicht. Du kennst doch unsere arabische Musik. Ich habe sie bisher
für unvergleichlich gehalten. Aber was ist sie gegen diese hier! Wir schreien,
quieken und jammern; das nennen wir singen. Hier aber habe ich zum ersten Male
in meinem Leben singen gehört!«
    »Wirklich?«
    »Ja.«
    »Besinne dich, Hanneh!«
    »Worauf? Ich weiss nichts.«
    »Ich habe im Lager der Haddedihn einige Male deutsche Lieder gesungen, um
euch zu zeigen, wie sie klingen. Nun sagst du, du habest nie singen gehört!«
    Es machte mir heimlich Spass, sie in Verlegenheit zu bringen. Sie errötete
zwar, war aber doch schnell mit der Antwort da:
    »Das hatte ich vergessen. Auch ist es ein Unterschied, ob nur einer singt
oder mehrere.«
    »Tifl sang auch allein!«
    »O, der! Nimm es mir nicht übel, Effendi, aber an den kommst selbst du noch
lange nicht. Er selbst ist ein so langer, langer Mensch. Aber seine Stimme ist
noch tausendmal länger als er. Sie reicht, soweit das ganze Tal sich dehnt!«
    »Es scheint sehr praktisch zu sein, die Stimme nach ihrer Länge zu
beurteilen!«
    »Natürlich ist das richtig! Tust du das nicht auch? Denke doch, wenn vorhin
die beiden Lieder hier im Tempel gesungen wurden! Sie sind aber so lang, dass ich
sie noch jetzt in meinen Ohren und in meinem Herzen klingen höre.«
    »Wo warst du, als man sang?«
    »Halef schlief fest; da brauchte ich nicht ganz in seiner Nähe zu sein. Ich
setzte mich an deine Säule, wo ich dich bei unserer Ankunft sah. Da war es
plötzlich, als ob sich der Himmel öffne und als ob die heiligen Malaïka163 ihre
Stimmen hören liessen, um Allahs Herrlichkeit zu preisen. Da faltete ich die
Hände, denn es war jemand in mir, der beten wollte. Wer es war, das weiss ich
nicht; aber ich fühlte es, dass er auch vom Himmel ist. - Was haben dort die
Perser mit dem Pferde?«
    »Weisst du, warum sie gekommen sind und wie wir sie empfangen haben?«
    »Ja. Kara erzählte es mir. Jetzt stehen sie dort bei der Sahm des Ustad. Sie
sprechen von ihr. Tifl kommt. Sie reden mit ihm. Er tut so stolz. Jetzt lacht
er über sie. Sie scheinen sich zu ärgern. Er wird das Pferd gelobt haben; sie
aber tadeln es.«
    So schien es allerdings zu sein. Sie waren vom Waldesrande herabgekommen,
denn sie fühlten wohl das Bedürfnis, nicht so allein für sich zu bleiben. Nun
beschäftigten sie sich mit der »Sahm«, deren Verteidiger Tifl machte. Das
dauerte längere Zeit. Sie schienen nicht bloss über das Pferd, sondern auch über
andere Dinge mit ihm zu sprechen. Dann suchten sie den Pedehr auf, mit welchem
sie einige Zeit verhandelten. Es schien wichtig zu sein, denn er schickte einen
Boten zu den Aeltesten, um sie zusammenrufen zu lassen. Dann kam er zu mir.
    »Effendi, die Dschemma wird gebildet. Ich bitte dich, mit beizuwohnen,«
sagte er.
    »In welcher Angelegenheit?«
    »Der Blutrache wegen. Die Perser wollen fort. Das ist uns lieb. Darum bin
ich auf ihren Wunsch, jetzt in Kürze zu verhandeln, eingegangen.«
    »An welchem Orte wird es sein?«
    »Da oben, wo sie gesessen haben. Bring auch unsere Freundin Hanneh mit.«
    »Mich?« fragte sie. »Was hat ein Weib in eurer Dschemma und mit dieser
Blutrache zu schaffen?«
    »Weil ein Weib, die Frau des Scheikes der Kalhuran, mit in sie verstrickt
ist. Wir möchten dich ersuchen, an ihrer Stelle zu sprechen. Kara Ben Nemsi wird
sich ihres Mannes annehmen. Unser Ustad wollte es selbst tun; aber weil die
Beratung so plötzlich kommt und er fortgegangen ist, um erst gegen Abend
wiederzukommen, kann ich ihn nicht damit belästigen.«
    Als er fort war, sagte Hanneh:
    »Ist das nicht sonderbar, Sihdi, dass man mich zu der Versammlung der
Aeltesten ruft?«
    »Es ist noch eine viel grössere Ehre für dich, als für mich, Hanneh; du
kannst stolz auf sie sein!«
    »Ich bin es auch. Was sind diese Dschamikun doch für seltene Menschen! Ich
werde für die Frau des Scheikes sprechen, als ob ich sie selbst sei. Ich habe
sie gesehen und mit ihr gesprochen. Sie heisst Amineh und soll mit meiner
Verteidigung zufrieden sein!«
    »Da will ich dir eine wichtige Mitteilung machen, meine liebe Hanneh. Ich
halte nämlich diesen Bluträcher nicht für einen Moslem. Wahrscheinlich ist auch
sein Sohn keiner gewesen. Es gibt zwei berühmte arabische Rechtslehrer, El
Mohekkik und Minhadj, nach deren Aussprüchen man vorkommenden Falles
entscheidet. Sie haben beide den Satz aufgestellt: Wenn ein Moslem einen
Nichtmoslem tötet, so unterliegt er der Blutrache nicht.«
    »O, das ist gut! Ich danke dir, Sihdi!«
    »Du bist scharfsinnig. Vielleicht gelingt es dir, herauszubringen, ob er
Muhammedaner ist oder nicht.«
    »Lass mich nur machen! Werden seine Gefährten auch dabei sein?«
    »Nein. Das wäre gegen die Regel.«
    »So erlaube, dass ich vorangehe!«
    »Wohin?«
    »Zu ihm.«
    »Aber, Hanneh! Warum?«
    »Das hörst du später. Er kennt mich nicht und weiss nicht, dass ich bei der
Dschemma sein werde.«
    Sie stand auf und ging. dabei zog sie den Burko164 aus ihrem Ueberwurf und
verhüllte mit ihm ihr Gesicht. Ich folgte ihr.
    Ghulam el Multasim befand sich wegen der zu erwartenden Verhandlung in
Unruhe. Er hatte sich von seinen Gefährten getrennt und war allein, um sich das,
was er sagen wollte, zurechtzulegen. Hanneh richtete es so ein, dass sie an ihm
vorüberkam. Ich sah, dass sie ihm ein Wort zuwarf. Er antwortete. Sie blieb
stehen, nur kurze Zeit, um einige Bemerkungen mit ihm zu wechseln. Dann
entfernte sie den Schleier vom Gesicht, nickte ihm zu und entfernte sich. Ich
ahnte, warum: sie hatte gesiegt.
    Nach einiger Zeit waren die Aeltesten beisammen. Sie setzten sich in einem
Kreise nieder, in dessen Mitte der Pedehr sich niederliess. Ich musste an seiner
linken Seite Platz nehmen. Der Bluträcher erschien und stellte sich vor uns auf.
Zuletzt kam Hanneh, unverschleiert. Der Pedehr wies ihr ihren Platz an seiner
rechten Seite an. Als das der Multasim sah, rief er erstaunt aus:
    »Ein Weib? Das kann ich nicht dulden!«
    »Diese Frau ist das Weib von Hadschi Halef Omar, des Scheikes der
Haddedihn,« entgegnete der Pedehr. »Du musst es dir gefallen lassen, dass sie für
Amineh spricht, die deinen Sohn erschoss! Wenn es dir nicht passt, so kannst du
gehen. In diesem Falle aber hast du auf alles zu verzichten. So will es das
Gesetz.«
    »Ich bleibe!«
    »Nun wohl. So sei die Dschemma hiermit eröffnet. Du hast zunächst deine
Anklage mit ihren Beweisen vorzubringen und dann deine Forderungen mit ihren
Begründungen zu stellen. Ehe das geschieht, habe ich dich auf etwas aufmerksam
zu machen, was für dich von grösster Wichtigkeit ist. Wirst du Blut fordern oder
den Preis?«
    »Blut!« antwortete er, indem er mir einen bezeichnenden Blick zuwarf.
    »Du bist persischen Glaubens?«
    »Persischen? Ja!«
    »So wird deine Blutrache nach schiitischen Gesetzen und zwar nach den
Auslegungen des Khalil behandelt werden müssen. Ich hoffe, dass du rechnen
kannst?«
    »Beleidige mich nicht!«
    »Hast du das Blut berechnet?«
    »Blut? Berechnet? Ich verstehe dich nicht.«
    »Wie viele Personen sind getötet worden?«
    »Eine.«
    »Von wie vielen wurde sie getötet?«
    »Von zweien.«
    »Welches Geschlechtes waren diese?«
    »Ein Mann und ein Weib.«
    »Gelten beide in Beziehung auf die Blutrache gleich?«
    »Nein, das Weib halb. Was fragst du mich nach so bekannten Dingen!«
    »Du wirst es gleich hören. Andertalb Personen haben eine Person getötet.
Nach Khalil gehört also jeder der beiden Täter nur zu drei Vierteilen deiner
Rache. Das andere Viertel darfst du nicht berühren. Wenn du es verletzen
solltest, bist du selbst der Rache verfallen. Das ist es, was ich dir vorher zu
sagen hatte.«
    Man sah dem Multasim an, dass ihm diese pfiffige, aber durchaus auf dem
Gesetze beruhende Ausführung das Gleichgewicht störte. Solche Bruchteile lassen
sich nur dann bezahlen, wenn der Preis, nicht aber Blut gefordert wird.
Uebrigens war ich neugierig, ob er unsere unter vier Augen getroffene
Verabredung erwähnen werde. Tat er das, so durfte er sich nicht an den beiden
anderen rächen. Forderte er aber deren Blut, so war ich wieder frei. Seine nun
zu erwartende Anklage musste Licht in diese Sache bringen. Er öffnete bereits den
Mund, um zu beginnen, da ergriff Hanneh vor ihm das Wort:
    »Halt!« sagte sie. »Auch ich habe vorher ein Wort zu sagen. Nämlich nach den
Auslegungen von El Mohekkik und Minhadj gibt es keine - - -«
    »Maschallah!« unterbrach sie der Pedehr erstaunt. »Dass du so gelehrt bist,
das ahnte ich nicht!«
    Sie nickte mir lächelnd zu, antwortete ihm nicht und begann von neuem:
    »Nach den Auslegungen von El Mohekkik und Minhadj gibt es keine Blutrache,
wenn der Getötete kein Muhammedaner ist. Der tote Muhassil aber war ein Christ.«
    »Beweise es!« fuhr der Multasim sie zornig an.
    »Bist du, sein Vater, ein Moslem?«
    »Ja.«
    »Du hast vorhin gesagt, du seist armenischer Christ!«
    »Ich scherzte.«
    »So hast du dein Leben verwirkt!«
    Sie erhob sich, zeigte auf ihn und fuhr im strengsten Tone fort:
    »Ich ging vorhin an diesem Lügner vorüber und würdigte ihn, von meinen
Lippen gegrüsst zu werden. Er dankte. Ich hatte eine Frage. Er antwortete. Da war
ich so höflich, mich zu entschuldigen, dass ich durch den Schleier zu ihm
sprechen müsse, weil er kein Dschamiki, sondern ein Moslem sei. Da sagte er, ich
brauche das nicht zu tun, denn er sei armenischer Christ. Das war die Wahrheit.
Sie entfuhr seiner Unbedachtsamkeit. Als Muhammedaner hat er sich uns jetzt nur
vorgelogen!«
    Und sich nun direkt zu ihm kehrend, fügte sie hinzu:
    »Wähle! Bist du Christ, so gibt es keine Rache. Bist du ein Anhänger des
Propheten, so habe ich dir, weil du mich belogst, mein Angesicht gezeigt, und
diese Schande schreit nach deinem Blute. Du wirst diesen Berg nicht lebend
verlassen. Ich rufe meinen Sohn, der die Ehre seiner Mutter wieder herstellen
und dich niederschiessen wird wie einen Schakal. Also, wähle!«
    Der Multasim war, wie schon einmal gesagt, ein Feigling. Hanneh stand so
ausserordentlich drohend, und er wusste nicht, dass ihr Sohn jetzt gar nicht hier
sei. Die Situation kam ihm bedenklich vor. Das Leben war ihm lieber als die
Ehre, und so antwortete er:
    »Ob ich Christ oder Muhammedaner bin, das ist jetzt gleich. Ich habe dafür
gesorgt, dass mein Sohn gerächt wird. Aber wie ist's? Wäre ich ein Christ, so
hätte ich auf Blut zu verzichten. Ob aber auch auf den Blutpreis? Wer ist so
ehrlich, es zu sagen?«
    »Wir sind alle ehrlich!« erklärte der Pedehr. »Nicht Blut, aber den Preis
hättest du zu bekommen.«
    »Wie hoch?«
    »Das hätten wir hier zu besprechen. Aber bedenke: Die Peitsche deines Sohnes
hat das Blut des Scheikes der Kalhuran vergossen, der ein freier Beduine ist!«
    »Dafür hat er sich das Leben meines Sohnes genommen!«
    »Aber Peitschenhiebe kosten zweimal so viel wie ein Leben, wenn nicht in
Blut bezahlt wird. Wir haben also noch den Preis eines Lebens zu fordern!«
    »So fordert es!« lachte der Perser. »Ich verlange als Blutspreis die Stute
des Ustad. Das ist so billig, dass ihr selbst euch darüber wundern werdet.«
    »Du willst also nicht, dass Leben gegen Leben sich aufhebe?«
    »Nein! Und ich biete euch meinen Turkmenen, den ihr alle gesehen habt, als
Preis für die Schläge an. Ich hörte, dass bei euch nächstens Wettrennen sei. Wenn
wir einig werden, so komme ich. Die beiden Pferde mögen mit einander laufen. Der
Sieger rettet das seine und gewinnt das andere dazu.«
    Das war ein überraschender Vorschlag. Aber ich durchschaute ihn, obgleich
seine Worte friedlich klangen. Er hielt sein Pferd für der Stute überlegen. Er
war überzeugt, dass er diese gewinnen werde. Damit wäre dann die Rache beigelegt
gewesen, und unsere geheime Abmachung hätte nicht zu gelten. Aber dieser Mensch
wollte die Stute haben und auch mich. Das Wettrennen gab ihm Gelegenheit,
wiederzukommen, also in meiner Nähe zu sein. Wer weiss, was er plante. Ich hatte
vorsichtig zu sein.
    Der Pedehr war ein energischer Mann. Er bedachte sich nicht lange. Pferd
gegen Pferd, das elektrisierte auch ihn, wie uns alle. Die Stute »Sahm« war zwar
nicht sein eigentliches Eigentum; aber er kannte den Ustad, und er kannte noch
einen, den er rief. Dieser eine war - - Tifl. Als er kam, fragte ihn der Pedehr:
    »Hast du dort den turkmenischen Fuchs gesehen?«
    »Ja,« antwortete das Kind.
    »Er soll zum Rennen mit unserer Sahm laufen.«
    »Darüber wird meine Pekala lachen!«
    »Meinst du das wirklich?«
    »Ja. Ich lache auch!«
    Da fragte der Multasim in höhnischem Tone:
    »Ist dieser lächerliche Mensch euer Sachverständiger? Wird etwa er die Stute
reiten?«
    »Wer sie reitet, ist gleichgültig. Es geht nicht Reiter gegen Reiter,
sondern Pferd gegen Pferd.«
    Da schien dem Perser ein weiterer Gedanke zu kommen. Er sah eine Weile
sinnend vor sich nieder und sagte dann:
    »Ich setze jedes Pferd, welches ich mitbringe, gegen jedes Pferd, welches
ihr ihm entgegenstellen könnt. Gehst du darauf ein?«
    »Welche Bedingung stellst du da?«
    »Erstens, dass ihr gezwungen seid, mitzumachen. Und wenn ich euch zehn Pferde
brächte, so hättet ihr zehn Pferde gegen sie zu setzen.«
    »Und zweitens?«
    »Und zweitens verlange ich, dass jedes siegende Pferd das besiegte gewinnt.«
    »Du bist sehr kühn!«
    »Das sagst du, weil du dich fürchtest. Ich bin meiner Sache so gewiss, dass
ich sogar fordern möchte, ausser den Pferden auch Kamele stellen zu können.«
    Da ging ein leises Lächeln über das Gesicht des Pedehr. Er streifte mich mit
einem schnellen, fragenden Blicke, den der Perser nicht bemerkte, und fragte
diesen, nachdem ich mit einem ebenso unbemerkten Kopfnicken geantwortet hatte:
    »Hast du vielleicht die gefährliche Absicht, uns um unser ganzes Vollblut zu
bringen?«
    »Ja, die habe ich! Ich werde dafür sorgen, dass euch nie wieder beikommen
kann, euch mit der Kavallerie eines Muhassil zu messen! Wenn ihr Mut habt, so
schlagt in meine Hand! Wo nicht, so seid ihr mir verächtlich!«
    »Deine Verachtung ist dein Eigentum, von welchem dich kein Mensch befreien
wird. Du wirst sie also wohl für dich behalten müssen!«
    »Brülle, wie du willst, alter Löwe; beissen aber kannst du nicht. Nimmst du
die Wette an, so reisse ich dir auch noch die letzten Zähne aus!«
    »Ich warne dich, Unvorsichtiger!«
    »Und ich lache!«
    »So sei es denn! Bring also auch Kamele! Wir halten gegen alles, was du zum
Wettlauf bringst. Aber es bleibe so, wie du gesagt hast: Es ist gleichgültig - -
-«
    »Wem die Tiere gehören!« fiel da der Multasim schnell ein. »Ihr könnt nicht
verlangen, dass ich, der ich in der Stadt wohne und ein einzelner Mann bin, so
viel Vieh besitze wie ihr!«
    Er ahnte gar nicht, wie willkommen diese neue Bedingung dem Pedehr war.
Dieser besass die Klugheit, ein bedenkliches Gesicht zu zeigen; erklärte aber
dann doch:
    »Wenn ich hierauf eingehe, so kannst du ja das Vollblut von ganz Persien
gegen uns zusammentreiben. Aber es sei! Die Besitzer und Reiter sind
gleichgültig. Jedem Tiere, welches ihr bringt, muss von uns ein Gegner gestellt
werden. Pferd gegen Pferd; Kamel gegen Kamel! Jedes kann gegen jedes laufen, so
oft es dir oder uns gefällt. Und zuletzt die Hauptsache: Der Besiegte geht
sofort in den Besitz des Siegers über!«
    Da ging über das Gesicht des Multasim ein so triumphierender Ausdruck, als
ob er eine schwere Schlacht geschlagen und gewonnen habe. Er hielt dem Pedehr
die Hand hin und rief aus:
    »Angenommen! Endlich, endlich habe ich euch! Schlag ein!«
    »Hier ist sie,« sagte der Pedehr, indem er ihm die seine gab. »Du lachst.
Ich lache nicht. Die Sache ist mir ernst. Es steht mehr, viel mehr auf dem
Spiele, als du denkst.«
    »Wo? Doch nur bei euch!«
    »Irre dich nicht! Wir haben zwar nur gesagt Pferd gegen Pferd und Kamel
gegen Kamel; aber wer die sind, die sich eigentlich und in Wahrheit hinter
diesen Tieren gegenüberstehen, das scheinst du nicht zu wissen!«
    »Nicht? Da sage ich dasselbe Wort zu dir: Irre dich nicht! Die Wette ist
fertig, denn du bist der Scheik und hast eingeschlagen. Es kann nichts
rückgängig gemacht werden, und darum habe ich nicht notwendig, vorsichtig zu
schweigen, wenn du mir mit leeren Drohungen und Warnungen, die mich
einschüchtern sollen, kommst. Du sagst, ich wisse nicht, wer sich
gegenübersteht. Ich weiss es nur zu gut; du aber weisst es nicht. Soll ich es dir
etwa sagen?«
    »Du stehst ja hier, um zu sprechen. Selbst wenn ich dir das Wort verbieten
könnte, würde ich es doch nicht tun.«
    »Wohlan; ihr sollt es hören! Aber es genügt mir nicht, es nur euch zu sagen.
Ich möchte, dass es jeder Dschamiki zu hören bekomme!«
    »Das wird geschehen. Was hier gesprochen wird, erfährt der ganze Stamm.«
    »Und ich will, dass meine Gefährten dabei sind, wenn ich spreche. Sie sollen
euch die Wahrheit aller meiner Worte bekräftigen.«
    »So sei dir erlaubt, sie herbeizurufen, obgleich sie in der Dschemma der
Dschamikun nichts zu suchen haben!«
    »Ich rufe sie nicht, sondern ich hole sie!«
    »Auch das sei dir gestattet!«
    »Erlaubt? Gestattet? Du redest ja ausserordentlich hoch herunter! Nimm dich
in acht! Höre erst, was wir dir sagen werden, und dann schau, ob du noch so hoch
da oben stehst!«
    Er entfernte sich. Da sahen wir, dass der Ustad wieder auf dem Festplatze
angekommen war. Er sah uns hier versammelt und kam langsamen Schrittes zu uns
herauf. Der Pedehr berichtete ihm, warum die Dschemma zusammenberufen und was in
ihr gesprochen und beschlossen worden war. Er beendete seinen Bericht mit der
Entschuldigung:
    »Ich hätte dich fragen sollen, ehe ich über die Sahm bestimmte. Wir würden
in ihr unser bestes Pferd verlieren. Aber ich war überzeugt, deiner Zustimmung
gewiss sein zu können.«
    »So erleichtere ich dein Gewissen, indem ich dir sage, dass du recht
gehandelt hast,« erklärte der Ustad.
    »Ich danke dir! Der Multasim wird höchst wahrscheinlich mit den besten
Vollblutpferden kommen, die er nur aufzutreiben vermag. Aber er hat in seinem
kurzsichtigen Eifer nicht an unsere Gäste gedacht. Mit Assil Ben Rih, Barkh,
Ghalib und unserer Sahm müssen wir ja siegen, denn ich zweifle nicht, dass sie
mitlaufen dürfen werden.«
    Er sah mich bei diesen Worten an. - Darum sagte ich:
    »Das versteht sich ganz von selbst. Dschamikun und Hadeddihn, diese beiden
Namen klingen jetzt zusammen wie ein einziges Wort. Mag der Multasim bringen,
was er will; er wird geschlagen werden. Ich kenne unsere Pferde!«
    »Und ich meine zwei Hudschuhn165!« fügte Hanneh rasch hinzu. »Was die
Dschamikun für Kamele besitzen, das weiss ich nicht; aber so schnellfüssig und
ausdauernd sie auch sein mögen, sie wurden hier im Gebirge geboren und
auferzogen und können also unmöglich das leisten, was jedes meiner echten
Bischari-Hudschuhn im Wettlaufe zeigen wird. Ich wette mit ihnen den ganzen
Besitz der Hadeddihn gegen jeden andern Preis!«
    Der Ustad und der Pedehr sahen einander lächelnd an.
    »Da hörst du es ja!« sagte der letztere. »Der Tag des Rennens wird noch
interessanter werden, als wir zu ahnen vermochten. Der Tag deines Kommens! Auch
in dieser Beziehung ein Siegestag für uns! Wir können ruhig sein. Schau hingegen
die Perser dort! Wie erregt sie sind! Was ist in sie gefahren? Warum wünschte
der Multasim überhaupt, dass sie hören, was er sagen will? Der Umstand, dass die
Wette von uns angenommen worden ist, scheint ihn ganz verwandelt zu haben. Man
sollte meinen, dass hinter ihr noch ganz andere, verborgene Absichten stecken!
Vielleicht sind sie so unvorsichtig, sich zu verraten. Wer sich so benimmt, wie
jetzt sie, bei dem ist nichts mehr von Bedachtsamkeit zu suchen.«
    Die Perser zeigten jetzt allerdings ein ziemlich auffälliges Benehmen. Ihre
bisherige Ruhe und Gemessenheit war verschwunden. Die Gruppe, welche sie
bildeten, stand keinen Augenblick still. Die einzelnen Personen sprachen und
quirlten durcheinander, als ob die Geister der Besessenen in sie geraten seien,
von denen das Evangelium erzählt. Es musste ein für sie sehr wichtiger Gedanke
sein, der sie gar nicht daran denken liess, dass der Mensch sich in allen
Lebenslagen zu beherrschen habe. Und ihre jetzige war doch eine solche, dass sie
sich wohl hätten hüten sollen, sich in dieser Weise auffällig zu benehmen. Noch
während sie zu uns kamen, bemerkte man an ihnen nichts von der Besonnenheit, mit
welcher die Beisitzenden der Dschemma ihnen entgegenblickten.
    Der Ustad hatte sich nicht zu uns gesetzt, sondern sich unter einen nahen
Baum gestellt, wo er alles hören konnte. Er schaute in die weite Ferne. Für die
Perser hatte er kein Auge.
    »Hier sind wir!« begann der Multasim. »Wir haben beschlossen, dass ein
anderer euch das sage, was ich euch sagen wollte. Vorher aber habe ich mich nach
den Reitern meines Sohnes zu erkundigen. Wo sie sich befinden, das hörte ich von
dem langen Menschen, der sich Tifl nennt; aber ich konnte ihm das unmöglich
glauben. Darum frage ich jetzt: Wo sind diese Leute?«
    »Drüben im hohen Hause,« antwortete der Pedehr.
    »Als Gäste?«
    »Nein.«
    »Als was sonst?«
    »Als Gefangene.«
    »Wer hat sie gefangen genommen?«
    »Ich!«
    »Mit welchem Rechte?«
    »Mit dem Rechte, welches uns der Schah-in-Schah verlieh: Wer unser Gebiet
mit den Waffen in der Hand betritt, ohne unsere Erlaubnis zu besitzen, ist uns
verfallen.«
    »Wir sind auch bewaffnet!«
    »Ich sehe es. Auch ihr habt das Gebot des Beherrschers übertreten, und ich
könnte mit euch tun, was mir beliebt. Es wird ganz auf euer weiteres Verhalten
und auf meine Entscheidung ankommen, ob ich euch fortreiten oder einsperren
lasse.«
    »Das wagst du nicht!« rief der Perser aus.
    »Ich wage nie etwas, denn es kommt mir niemals bei, irgend etwas
Unüberlegtes zu tun. Ich kann euch alles, was ihr bei euch habt, abnehmen. Auch
eure Pferde sind von dem Augenblicke, an welchem ihr einen der Pässe dort im
Osten hinter euch hattet, unser Eigentum, unsere rechtmässige Beute. Du siehst,
wie gütig wir handelten, indem wir auf die Wette eingingen, durch welche wir uns
selbst genötigt haben, etwas, was uns schon so gehört, noch extra zu gewinnen!«
    »Hiervon sprechen wir jetzt nicht. Ich besitze dein Wort, und das wirst du
nicht brechen!«
    »Gewiss nicht! Aber ihr selbst könnt es sehr leicht durch ein unangemessenes
Verhalten brechen. Ich warne euch!«
    Der Multasim wurde verlegen. Er sah zu seinen Gefährten hinüber, als ob er
sich aus ihren Augen neuen Mut holen wolle, und fuhr dann fort:
    »Wann giebst du diese Leute wieder frei?«
    »Wann es mir gefällt.«
    »Ich fordere eine bestimmte Antwort!«
    Da schaute der Pedehr ihm mit einem grossen, langen Blicke in die Augen und
sagte dann:
    »Du forderst? Und in diesem Tone? Ich warne dich zum zweitenmal! Weisst du,
was das bedeutet? Die dritte Warnung bricht mein Wort. Dann seid auch ihr dem
Rechte verfallen, welches euch so ausserordentlich verhasst zu sein scheint.
Sprich also höflich, sage ich dir! Du bist nicht hier, um Steuern einzutreiben,
sondern wir sind hier versammelt, um euch den Hochmut auszutreiben! Ich behalte
diese Leute nicht in unserm Duar. Ich werde sie freigeben, aber genau zu der
Zeit und in der Art und Weise, wann und wie es uns gefällt.«
    »Und ihr Eigentum?«
    »Sie haben keines.«
    »Es gehört dem Schah!«
    »Das ist nicht wahr. Dein Sohn hat sie ausgerüstet. Sie waren nicht Soldaten
sondern seine feilen Schergen.«
    »So gehörte es ihm und jetzt mir, der ich sein Erbe bin!«
    »Es gehört den armen Menschen, denen er es abgenommen hat. Ich werde nach
ihnen forschen, um es ihnen wiederzugeben. Darauf gebe ich dir auch mein Wort.
Und damit ist diese Angelegenheit erledigt!«
    Damit hätte sich der Multasim gewiss nicht beruhigt, wenn er nicht gezwungen
gewesen wäre, die dritte Warnung zu vermeiden. Er machte eine entschuldigende
Handbewegung zu den andern Personen hin und sagte dann, sich wieder zu dem
Pedehr wendend:
    »Wir beschlossen vorhin, die Gefangenen mit uns zu nehmen, wenn wir
fortreiten. Giebst du sie uns mit?«
    »Nein.«
    »Besinne dich! Giebst du sie uns mit?«
    »Nein!«
    »Denke an die Folgen! Jetzt sage ich: Ich warne dich! Giebst du sie uns
mit?«
    »Zum drittenmal: Nein! Nun gut! Es ist bei den Dschamikun nicht
gebräuchlich, Raubtiere gegen Menschen loszulassen!«
    »So bin ich mit dir fertig. Nun wird ein Anderer sprechen!«
    Er wollte diesem Anderen Platz machen; da aber fiel der Pedehr in
entschiedenem Tone ein:
    »Nicht ohne dass ich es erlaube! Du warst zur Dschemma geladen und durftest
also reden.«
    »Aber du gabst zu, dass ich meine Gefährten holte!«
    »Dass sie zuhören, aber nicht, dass sie sprechen sollten! Ich bin es, der die
Dschemma leitet; ich allein habe also zu bestimmen, wer sprechen darf und wer
nicht. Befehlen lasse ich mir nichts. Einem höflichen Worte aber wird mein Ohr
geöffnet sein.«
    »So bitte ich dich, zu erlauben, dass einer meiner Freunde euch das sage, was
uns eigentlich hierher zu euch geführt hat.«
    »Die Blutrache.«
    »Nein. Sie kam hinzu. Die eigentliche Ursache, dass wir zu euch wollten, ist
eine andere. Unser Weg führte uns durch das Gebiet der Kalhuran. Ich schlug grad
diesen ein, um meinen Sohn mit aufzusuchen. Ich fand nur seine Leiche, wenige
Stunden, nachdem er ermordet worden war. So bin ich also auch als Bluträcher da.
Die eigentliche Ursache werdet ihr von diesem Mirza hören, dessen Worte bei uns
als Befehle gelten.«
    »Wie heisst er?«
    »Ahriman Mirza.«
    »Den kennen wir nicht.«
    »Ich weiss es, aber ihr werdet ihn kennen lernen. Er ist von kaiserlichem
Geblüt, und seine Macht geht über das ganze Reich.«
    »Wie kommt es da, dass wir uns seines Namens nicht erinnern. Seine Abstammung
gilt hier im Lande der Dschamikun nicht mehr, als der Stammbaum jedes anderen
Untertanen des Beherrschers. Er steht nicht höher, als ich stehe und als auch
unser Tifl steht, über den du spottetest. Sein Wort hat keinen grösseren Wert,
als jedes andere Wort, welches von uns in Erwägung gezogen wird. So mag er denn
vortreten und sprechen. Wir werden ihn hören und ihm dann die Antwort geben,
welche wir für die richtige halten.«
    Da trat der Multasim zurück und der Andere vor. Ich hatte bisher nicht auf
die Einzelnen, also auch nicht auf ihn geachtet. Jetzt sah ich ihn genau an.
    Was zunächst seinen Anzug betrifft, so bestand dieser aus roten
Schnürstiefeln mit goldenen Zügen, einer ebenso roten, weiten, persischen Hose,
vorn und an den Seiten mit breiten, auffallend reichen Goldstickereien versehen,
einer roten, mit silbernen Tressen fast ganz bedeckten, langen Weste, einer
braunen Ueberjacke mit eng aneinanderstehenden Knöpfen, deren Brillantsteine
doch ganz unmöglich echt sein konnten, und weit herabfallenden, orientalischen
Schlappärmeln, kostbar rotseiden unterfüttert, und einer Lammfellmütze jener
seltenen Art, welche von ungeborenen, lebendig aus der Mutter geschnittenen
Lämmern stammt. Sie hatte vorn eine Agraffe, deren Diamant, wenn er nicht
Bergkrystall gewesen wäre, gewiss ein Fürstentum gekostet hätte. Waren die
Tressen und Stickereien vielleicht auch nicht echt? Um das bestimmen zu können,
musste man sie genauer betrachten, als jetzt möglich war.
    Dieser Mann hing fast ganz voller Waffen. Es gibt ja Charaktere, welche
schon durch den Anblick einer so überschwenglichen Armierung imponieren wollen.
Ein gebogener Säbel und eine breite, federnde Tigerklinge an der Seite. Im
strotzenden Gürtel ein Messer, einige Dolche und mehrere Pistolen. Querüber von
der linken Schulter nach der rechten Hüfte ein gefüllter Patronengürtel. In der
Hand eine fast übermässig lange, orientalische Flinte mit rotgelb glänzendem
Bronzelauf. Die Schäfte, Griffe und Scheiden dieser Waffen brillierten in
blitzenden Facetten. Selbst der Handknauf der tief in das Fleisch schneidenden,
stahlharten Krokodilhautpeitsche, welche zum handlichen Gebrauche neben dem
Säbel hing, flimmerte blutigrot, als ob er aus lauter dunklen Rubinen
zusammengesetzt sei.
    Und nun die Person selbst:
    Habe ich jemals einen schönen Mann gesehen, so war es dieser hier! Hoch und
schlank gewachsen, doch stark und voll gebaut, liess der edel geformte Körper
ungewöhnliche Kraft und grosse Gewandteit ahnen. Und dieser Kopf! Er kam mir
bekannt vor. Ich besann mich. Ich hatte einmal ein Bild gesehen: Loki mit dem
herrlichen Heimdall um Friggas Halsband kämpfend. Der Künstler hatte es
verstanden, dem Kopfe und den Zügen Lokis jene dämonisch verführende Schönheit
zu geben, welche Seligkeit verspricht und doch aber nur Verderben gibt. Und nun
ich diesen Ahriman Mirza vor mir stehen sah, war es mir, als ob er jenem Maler
als Modell gesessen haben müsse. Ganz besonders deutlich war ihm die
Ueberzeugung anzusehen, dass er ein schöner Mann sei, dem niemand widerstehen
könne. Aber das »Licht« seiner Augen stand nicht gerade, sondern schief; das
willensstarke Kinn zog das Lächeln des Mundes nieder, und die begehrlichen, zum
Hohne geneigten Lippen waren voller und breiter, als sich mit dem übrigen
Gesicht vertrug.
    Und seine Stimme! Kraftvoll und wohllautend, der feinsten Schattierung, der
unwiderstehlichsten Ueberredung fähig. Aber plötzlich zischend scharf, schrill,
widerlich rauh. Es war die Stimme eines Verführers unter zweien, aber auch eines
grausamen Kommandanten unter vielen!
    Als er stolz und hochaufgerichtet vor uns stand und aller Augen auf sich
ruhen sah, zog er einen der Dolche aus dem Gürtel und steckte ihn vor sich in
die Erde. Ich wusste sehr wohl, was das bedeutete, schnellte mich aber doch, der
augenblicklichen Eingebung folgend, hin zu ihm und zog den Dolch wieder heraus,
um ihn zu betrachten. Sofort riss er ein Pistol hervor und richtete es auf mich.
Der Hahn knackte.
    »Du nimmst den Kampf auf?« fragte er drohend.
    »Nein,« antwortete ich.
    Wir sahen einander in die Augen. Es war mir, als ob wir noch öfters so vor
einander stehen würden. In den seinen lag der Hass sprungbereit. Mein Blick war
kalt; er verriet mich nicht. Da liess er die Waffe sinken, nahm die
verächtlichste Miene an, die ich jemals gesehen habe, und sagte:
    »Ich weiss, du bist jener Dschermane, der mit dem Scheik der Hadeddihn im
Orient spionieren geht! Aber du kennst ihn nicht. Du kennst nicht einmal seine
bekanntesten Gebräuche. Wenn ein Feind zum Feinde kommt, um mit ihm zu reden, so
sticht er die Klinge seines Messers in die Erde, um anzudeuten, dass die
Feindschaft ruht, so lange gesprochen wird. Dasselbe meinte auch ich. Du
Unerfahrener hast mich nicht verstanden. Ich konnte dich niederschiessen, wenn
ich wollte. Ich habe dich aber begnadigt. Doch nicht auf lange Zeit. Sofort
wieder in die Erde mit dem Chandschar166! Sonst schiesse ich!«
    Ich bückte mich und steckte ihn genau an seine vorige Stelle. Ich hatte
gesehen, wovon ich mich hatte überzeugen wollen. Dieser Dolch glich auf das Haar
dem Chandschar, den ich in Amerika damals von Mirza Dschafar als Geschenk
bekommen hatte. Beide mussten unbedingt aus der Hand eines und desselben
Waffenschmiedes hervorgegangen sein. Zwischen beiden musste es irgend eine innige
Beziehung geben, die ich aber nicht kannte. Und zwischen meinem Freunde Dschafar
und diesem Ahriman Mirza musste irgend ein Verhältnis liegen, von dem ich jetzt,
in diesem Augenblicke, zu ahnen wagte, dass es für mich von der schwerwiegendsten
Bedeutung sei. Es verstand sich ganz von selbst, dass der Perser nicht erfahren
durfte, weshalb ich nach dem Messer gegriffen hatte. Mochte er mich immerhin für
einen unerfahrenen Menschen halten! Es gewährt ja stets nur Vorteil, vom Feinde
unterschätzt zu werden.
    Als das Messer wieder an seinem Platze war, erklang die Stimme des Persers
höhnisch:
    »Ein Glück für dich, dass du mir gehorchst! Wahrscheinlich wirst du dich noch
oft so voller Angst, wie jetzt, zu fügen haben!«
    Ich gestehe, dass es mich bedeutende Selbstüberwindung kostete, ihm nicht in
das vom Spotte so schnell verunschönte Gesicht zu lachen. Aber um der anwesenden
Dschamikun willen war ich gezwungen, doch wenigstens eine Antwort zu geben, und
so sagte ich in ruhigem Tone:
    »Ich habe nicht dir, sondern dem Gebrauche gehorcht. Ist dieser Chandschar
dein Eigentum?«
    »Wem sollte er sonst gehören!«
    »Und kennst du ihn?«
    »Frag nicht so töricht!«
    »Ist der ein Tor, der an Märchen glaubt?«
    »Wird vielleicht in Tausend und eine Nacht von diesem Chandschar erzählt?«
lachte er übermütig auf.
    »Nein. Aber in Tausend und ein Tag ist von einem ähnlichen die Rede, der
niemals tötet, obgleich jeder Stich durch Leib und Seele geht. Der deinige ist
es nicht. Das habe ich gesehen.«
    »Das glaube ich wohl! Er ist kein Märchendolch. Sieh zu, dass du seine
Schärfe nicht vielleicht einmal kennen lernst!«
    Ich kehrte an meinen Platz zurück. Der ganze Vorgang war den Dschamikun ein
Rätsel. Hanneh sah mich fragend an. Sie kannte mich und ahnte also, dass ich
nicht ohne guten Grund gehandelt hatte. Der Ustad lehnte am Stamme des Baumes
und sah nicht her. Er kannte meinen Chandschar. Hatte er den des Persers
gesehen? Wenn ja, so aber wohl nicht deutlich. Aber er musste sich doch einen
Grund denken, dass ich nach dem Dolche gegriffen hatte! Sein Gesicht war still.
Es verriet kein Wort von dem, was er sich dachte.
    Nun, nachdem diese kleine, unerwartete Scene vorüber war, begann Ahriman
Mirza zu sprechen. Er sah uns dabei nicht an. Auch er schaute hinaus in das
Weite. Giebt es jenseits des Horizontes Punkte, an denen Gedanken
zusammentreffen können oder gar zusammentreffen müssen? In welcher Ferne lag da
wohl die Stelle, an der sich beides zu vereinen hatte: Das, was der Ustad
dachte, und das, was der Mirza sprach? Das letztere klang, als ob er es sich
selbst schon tausendmal vorgesprochen habe und auch noch tausendmal vorsprechen
werde. Er konnte es auswendig, wie die Engel ihr Halleluja singen und die Teufel
ihr Dschehenna brüllen. Er sagte:
    »Unser Reich lag in Frieden. Der Schah-in-Schah herrschte, und wir taten,
was uns beliebte. Der Schah war streng, und wir waren noch strenger als er. Wir
standen uns gut dabei. Das Volk gehorchte uns mehr als ihm, denn es sah uns, ihn
aber nicht. Es wohnten nur Wenige in der Nähe seines Trones. Wir setzten seine
Diener in ihre Aemter und geboten ihnen, wie sie ihm zu dienen hätten. Sie
ehrten ihn in Worten, uns in Werken. dabei dachte das Volk, dass es glücklich
sei. Da kamen fremde Menschen, mit ihrer längst vergessenen, vergrabenen Lehre
von der Liebe. Sie erzählten von Isa Ben Marryam, der zwar gestorben, doch
wieder auferstanden sei. Sie sprachen nichts als nur von Frieden und Versöhnung,
von Gnade und Barmherzigkeit. Sie zogen predigend durch das Land und kamen auch
zu uns, um uns, wie sie sagten, zu bekehren. Schon glaubten wir, dass sie
Propheten seien, die uns durch die Macht ihrer Liebe zwingen würden, den Platz
zu räumen und dem Volke den Weg zum Herrscher freizugeben. Da schauten wir sie
uns an. Wir verglichen ihre Worte mit ihren Werken. Wir sahen, für wen die Worte
und für wen die Werke waren. Wir wurden wieder ruhig, denn sie glichen uns. Sie
hatten nichts in das Land gebracht, als nur einen andern Namen. Sie hatten
unsere Strenge in ihre Liebe umgetauft. Sie sprachen vom Frieden und bekämpften
einander selbst. Sie lehrten die Versöhnlichkeit und entzweiten sich
untereinander doch immer mehr. Sie predigten von der Gnade, verziehen einander
aber nie. Sie verkündeten Barmherzigkeit und versagten einander des allerärmsten
Bettlers Brot. Da sahen wir Strengen einander an, lachten und sagten: Das sind
Leute, die wir brauchen können! Ihre Lehre ist uns ungefährlich. Nach ihren
Worten zwar hat Isa Ben Marryam die Welt erlöst; nach ihren Taten aber kann er
kein Erlöser sein, da er nun schon seit zweitausend Jahren als Heiland bei und
in ihnen lebt, ohne ihren gegenseitigen Hass in Liebe verwandeln zu können! So
sagten wir und liessen sie uns ruhig dienen, wie uns noch niemand gedient hatte.
Unsere Herrschaft war von ihnen nicht erschüttert sondern nur befestigt worden.
Ja, wir konnten nur wünschen, dass diese Religion des in der Liebe versteckten
Hasses ewig dauern möge, denn da war in alle Unendlichkeit hinein der
Schah-in-Schah nur dem Namen nach ein Herrscher, die Macht aber hatten wir!«
    Als Ahriman Mirza so weit gekommen war, hielt er inne. Er schaute zu dem
Ustad hinüber, in dessen Gesicht sich eine auffällige Veränderung vollzogen
hatte. Der Herr des »Hohen Hauses« hatte seinen Blick aus der Ferne zurückkehren
lassen. Seine Hände lagen jetzt gefaltet ineinander. Betete er? Wenn er es tat,
so konnte es nur ein Gebet des Dankes sein, welches er still und unhörbar zum
Himmel sandte, denn seine ehrwürdigen und doch so jugendlichen Züge wurden von
dem Ausdrucke einer Freude verklärt, die sich auf keinen irdischen Gegenstand
beziehen konnte. War ihm dort, wohin er geschaut hatte, ein Blick in jene Welt
geöffnet worden, in welcher tausend Jahre sind wie eine kurze Erdenstunde? War
ihm dort die Erkenntnis aufgegangen, dass in den beiden schnell verflogenen
Erdenstunden, welche seit Christi Kreuzestod verflossen sind, doch auch noch
Anderes geschehen ist, als Ahriman Mirza zu erwähnen für gut befand? Fast schien
es so, denn indem er jetzt seine Hände trennte, hob er erst den einen und dann
den andern Arm empor, breitete beide aus, als ob er das ganze Tal seiner
geliebten, treuen Dschamikun mit allem, was darüber draussen lag, umfassen wolle,
um es segnend an das Herz zu drücken, und sprach:
    »Und doch und doch wird einst die Zeit erscheinen, in der alle irdische
Kreatur erkennen muss, dass Isa Ben Marryam im Geist und in der Wahrheit ihr
Erlöser ist! Er ging voran. Wir haben ihm zu folgen. Ihm war die Nächstenliebe
gleich der Gottesliebe. Wer auch nur einen einzigen Stein aufhebt, um seinen
Bruder mit ihm zu treffen, der steinigt seine eigene Seligkeit und wird
gerichtet werden! Ben Marryam nahm den reuigen Verbrecher vom Pfahl des Kreuzes
weg mit sich in Chodehs Paradies. Nur wer sein Kreuz auf sich genommen hat, um,
was er tat, zu büssen, wird, wenn er stirbt, des Heilandes Worte hören:
Wahrlich, ich sage dir, du wirst noch heute mit mir in meinem Himmel sein! Ben
Marryam war so göttlich gross, dass er sogar die Teufel liebte. Er fuhr zu ihnen
nieder in die Hölle, um sie zum Tore jener Zeit zurückzuführen, in der sie
Chodehs gute Engel waren - - -«
    Bis hierher hatte Ahriman Mirza den Ustad mit seinen Worten kommen lassen.
Jetzt aber glühten seine Blicke zornig auf wie Funken, die aus dunkeln Kohlen
sprühen. Sein diabolisch schönes Gesicht verzerrte sich zur Hässlichkeit, und
kreischend, scharf und schrill klang seine Stimme:
    »Aber die Teufel lachten über ihn und seine selige Zeit! Sein hoher
Schah-in-Schah lebt in der Menschheit Worten, doch nicht in ihren Taten. Wer
ist der wahre Herr der Erdenwelt? Der, den ihr Satan nennt! Das Himmelreich des
Einen wird ihr nur immerfort verheissen; das Reich des Andern aber ist schon da!
Der Eine tront in ewiger Himmelsliebe, die aber hier auf Erden unaufhörlich
hasst. Mit ihrer Ewigkeit ist es also schon längst vorbei. Der Andre tront in
diesem ihrem Hasse, der wahrhaft ewig ist, weil er ja niemals liebt. Sein Reich
wird folglich nie zu Ende gehen! Nun öffne, Ustad, deinen weisen Mund, und sag
mir: Wer vertauscht die mächtige Wirklichkeit mit einem leeren Schein, der
nichts vermag, als Toren zu betrügen? Man sagt von deinem Isa Ben Marryam, es
sei der Teufel einst zu ihm getreten und habe ihn versucht. Was für ein Teufel
ist das wohl gewesen? Der Hölle ist er sicher unbekannt. Wenn sie den Heiland
aller Welt versucht, versucht sie ihn nicht so, wie jeden kleinen Menschen. Sie
lässt sein Evangelium sich zeigen und blättert nach, was es entalten mag. Wenn
sie sodann auf jeder, jeder Seite das gleissnerische Wort der Liebe liest, von
der sie weiss, dass sie kein einziges Menschenkind, viel weniger die ganze Welt
erfüllen kann, wen wird sie da wohl prüfen? Ben Marryam in öder Felsenwüste, wo
es nichts gibt, was ihn verführen könnte? Ben Marryam auf hoher Tempelzinne, wo
ihn der Menschen Bosheit nicht berührt? Ben Marryam auf einsamer Bergesspitze,
von welcher aus sie ihm wohl ihr Reich, doch er nicht ihr das seine zeigen kann?
So töricht ist sie nicht! Aber sie wird alle ihre Teufel senden, um auf Erden
nachzuschauen, ob sich irgendwo ein Mensch befindet, der nicht mit den andern
Schäflein auf des Hasses Weide geht! An diesen wird sie sich, zunächst in ihrer
verführerischesten und dann, wenn dies nichts fruchtet, in ihrer
abschreckendsten Gestalt zu hängen wissen, um ihn entweder zur Herde
zurückzulocken oder durch den Hass zum Gegenhass, zur Rache zu verführen. Wo wäre
der Mensch, der ihr widerstehen könnte? Ich will ihn sehen!«
    Er sah den Ustad auffordernd an, doch dieser antwortete nicht. Da fuhr er
fort:
    »Zeige mir den ganz Unmöglichen, Undenkbaren, den ich als Mensch vernichten
will und der, in diese Vernichtung stürzend, kein Wort des Fluches, sondern
Segen für mich hat! Zeige mir ihn, so sei alles, alles sein, was ich besitze,
und mein Herz mit allem Hass dazu, den er zur Liebe wandeln möge! Zeige mir ihn,
den es nie gegeben hat und niemals geben wird, den aus dem Himmel einst
Verschollenen, der plötzlich, unerwartet, mitten in der Hölle unter Teufeln
sitzt und für die betet, die ihn da hinabgerissen haben! Ich will ihm die Macht
und Gewalt über alle diese Teufel geben, damit er sie bekehre und die Hölle ein
Beit-y-Chodeh werde, unendlich grösser und unendlich herrlicher als das, welches
hier vor unsern Augen steht! Zeige ihn mir, so bin ich dein! Wo nicht, so bist
du aber mir mit allen deinen Dschamikun verfallen!«
    Er trat einige Schritte vor, bis fast an den Ring, den die Aeltesten
bildeten. Die halb geballte Faust emporgehoben, schaute er den Ustad mit einem
so herausfordernden Blicke an, als ob er wirklich über eine Hölle mit allen
ihren Teufeln zu gebieten habe.
    Was hatte ich über diesen Mann zu denken? War er ein Besessener? Oder litt
er an einer Monomanie, die ihn um die Kenntnis seiner selbst gebracht hatte?
Ahriman Mirza! Hiess er wirklich so, oder wurde er nur so genannt? Welcher Vater
gibt seinem Sohne den Namen Ahriman! Wie hatte ich ihn zu nehmen? Ernst oder
lächerrlich? Ich sah die Dschamikun einen nach dem andern an. Auf ihren
Gesichtern war nichts zu lesen. Aber der Ustad?
    Dieser wendete sich dem Perser zu. Sein Gesicht zeigte die mildstrahlende
Güte, in welcher er vorhin zu mir an den Tisch gekommen war. Er sprach zu ihm,
und zwar ganz so herzlich, wie dort zu mir. Und wie erstaunte ich, als er mit
Worten begann, die ich als einen augenblicklichen Einfall von mir, also als mein
geistiges Eigentum betrachten musste! Er sagte:
    »In den Märchen von Tausend und ein Tag wird folgendes erzählt: Es war am
Tag, an welchem die Erlösung suchen ging. Sie klopfte an an allen, allen
Erdenpforten. Doch als sie sagte, wer sie ausgesandt, da fand sie keine Tür,
die ihr geöffnet wurde. Da ging sie trauernd weiter, bis zum tiefsten Schlund,
in welchem die verdammten Geister wohnen. Sie setzte sich an seinem Rande hin
und weinte über Chodehs Menschenkinder. Es floss der Tränen still vergoss'ne
Flut. Wohin? Der Schmerz weint bei geschloss'nen Augen. Sie sah es nicht. Doch
als sie dann die nassen Lider hob, da kam es aus dem Dunkel hell emporgestiegen.
Wer waren sie, die engelslicht und rein an ihr, der Trauernden, vorüberschwebten
und, leuchtend wie der letzte Sonnenstrahl, der Abschied nahm, im Abendrot
verschwanden? Da kam er selbst, von Chodeh einst verbannt, der sich erkühnt, dem
Himmelsherrn zu gleichen! Er stand vor ihr, sah lange stumm sie an und breitete
dann seine starken Schwingen. Gieb mir die Hand! sprach er. Ich trage dich im
Abendrot zurück zur Morgenröte. Was keiner Himmelsliebe möglich war, hast du
erreicht durch deine Erdentränen. Wenn die Erlösung um die Menschen weint, so
muss sogar das Herz der Hölle brechen. Ich war der Erste aller Kreatur. Ich war
der Erste, der den Herrn betrübte. Nun will ich auch der Allererste sein, der
reuig wiederkehrt mit der Erlösung! Er schaute äterwärts. Da kam der
Abendstern. Süss dufteten ringsum die Nachtviolen. Da schloss der Abgrund sich.
Der Himmel tat sich auf. Und mit dem Duft der Blumen schwanden Beide.«
    Ahriman Mirza war Wort für Wort dem Märchen mit immer wachsender Spannung
gefolgt. Jetzt zischte er in sich überstürzender Weise dem Ustad zornig zu:
    »Was soll das sein? Was willst du mir mit diesem Märchen sagen? Wo hast du
es her? Sind es deine eigenen Gedanken? Von diesen Tausend und ein Tag hörte man
noch nichts! Du willst mir entgehen, indem du dich hinter alte, mytenhafte oder
neue, selbstersonnene Lügen versteckst. Gieb mir Antwort auf das, was du von mir
hörtest! Ich sagte: Zeige mir einen solchen Unmöglichen, Undenkbaren, so bin ich
dein. Wo nicht, so bist du aber mir mit allen deinen Dschamikun verfallen! Du
weisst nicht, was euch droht. Ich bin gekommen, euch zu vernichten!«
    Da kam der Ustad langsamen Schrittes herbei, trat in den Kreis, sah
mitleidig auf ihn hernieder und antwortete:
    »Du armer, armer Mann! Deine Macht mag noch so gross sein; die Allmacht aber,
gegen welche du dich aufbäumst, ist doch noch grösser! Hast du nicht zugestanden,
dass du alles, alles geben würdest, selbst dein Herz mit seinem ganzen Hasse,
wenn du einen einzigen wahrhaft Liebenden fändest? Du hast am falschen Ort
gesucht. Suche an der rechten Stelle! Denn dass du überhaupt suchst, das hast du
mit diesen deinen Worten zugegeben. Und man sucht doch nichts, ohne dass man es
begehrt und es zu haben wünscht. Du willst uns vernichten? Wohl durch deinen
Hass? Ich aber sage dir, dass ich es bin, der dich vernichten wird! Und zwar durch
meine Liebe, indem ich dich segne! Du wirst von diesem meinem Segen aufgezehrt
werden, so aufgezehrt, dass nichts mehr von dir übrig bleibt. Und doch zu
gleicher Zeit wirst du in diesem meinem Segen erstehen und wachsen zu einem
neuen, wunderbaren Leben. Ich gebe ihn dir, den Segen, der dich ganz und voll
erneuern wird!«
    Bei diesen Worten legte er ihm die beiden Hände auf die Schultern. Der
Perser aber fuhr vor ihm wie vor einer Natter zurück und rief aus:
    »Ich mag ihn nicht! Ich schüttele ihn ab! Dein Segen ist ein Fluch für
mich!«
    »Ich habe ihn dir gegeben, und er bleibt! Du bist ihm verfallen und der
Liebe, die dich verfolgen wird, bis du vor ihr zusammenbrichst!«
    Da lachte Ahriman Mirza in schallendem Hohne auf und antwortete:
    »Du sprichst so kindisch und zugleich so altersschwach, wie eure sogenannte
Frömmigkeit ja stets zu reden pflegt! Sie ist die alt und schwach gewordene,
lächerliche Tante aller der augenverdrehenden Seelen, welche so gern die Hände
auflegen, um ihre Bettlerarmut und Begehrlichkeit hinter dem nur allzu
durchsichtigen Schleier des sogenannten Segens zu verbergen. Hast du schon
einmal einen Menschen gesehen, der dir seinen Segen umsonst gegeben hat? Was
hast du bezahlen müssen, bevor oder nachdem du ihn bekamst? Wer sind die von
Himmelsgaben strotzenden Millionäre, welche zu segnen wagen? Untersuche ihre
Taschen, um darin noch weniger als nichts zu finden. So stehst auch du vor mir
in deiner ganzen, armseligen Bettelhaftigkeit! Was giebst du mir? Ein leeres
Wort, welches dich nichts kostet! Und was forderst du dafür? Mich selbst mit
allem, was ich bin und was ich habe. Ja, nicht nur das! Du verlangst auch gar
noch das, was ich durch diesen Segen zu werden habe! Du siehst es jetzt an dir:
euer Himmel gibt nur Worte und lässt sie sich mit dem vollen Inhalte einer
ganzen Zeit und Ewigkeit bezahlen. Die Hölle aber gibt, gibt und gibt ohne
Unterlass. Sie teilt die ganze Fülle der Glückseligkeit an den durch euch
verarmten Menschen aus und will nichts, nichts von ihm dafür, als dass er sie
geniesse! Sag, bist du vielleicht schon so tief in eure Lügenhaftigkeit
versunken, dass du es wagen kannst, dies leugnen zu wollen?«
    Da wich die bisherige Milde aus dem Gesichte des Ustad. Sein Gesicht wurde
tiefernst, und sein Auge richtete sich auf den Perser, als ob der Blick
desselben alle Bestandteile seines Leibes und seiner Seele aufzulösen vermöge.
    »Du stehst weit, weit jenseits jener Grenze, an welcher das Geschöpf zum
Teufel wird!« sagte er. »Deine Gedanken besitzen die betrügerische
Geschmeidigkeit der Hölle. Wollte ich dich mit Worten schlagen, so müsste ich mit
ihnen zu dir hinab in die Dschehenna steigen. Aber ich verzichte auf das Wort,
denn ich weiss, dass dich deine eigene Tat zerschmettern wird! Im heiligsten der
Bücher steht geschrieben, dass die Menschen sich von der Weisheit Chodehs nicht
überzeugen und von seiner Gerechtigkeit nicht strafen lassen. Und in den Büchern
der Geschichte ist zu lesen, dass sie seine Güte verachten und keine
Nächstenliebe haben. Sie sind hartnäckiger als die Teufel, welche sich vom
Geiste Chodehs strafen liessen und sich selbst in der Hölle die gegenseitige
Hilfe nicht versagen. Was die nicht tun, die ihr Menschen nennt, das taten
die, welchen ihr den Namen Teufel gebt: Sie nahmen das Kreuz auf sich, welches
die Folge ihres Sündenfalles war. Nun sollen sie auch die Ersten vor allen
Andern sein, die sich der göttlichen Macht der Gnade fügen. Wenn der Himmel über
die Harterzigkeit seiner Erdenkinder weint, werden die Tränen der Erlösung an
ihnen vorüber in die Hölle träufeln. Dann wird aus dieser Tränenflut ein Jubel
sich erheben. Die Tiefe wird zur Höhe, die Dunkelheit zum Lichte, der Fluch zum
Segen aufwärts steigen. Und wer ist der, der dann sich aus dem Abgrund heben
wird, um der Erlösung stumm ins Auge zu schauen? Der ihr dann sagt, dass er in
Reue wiederkehren wolle? Das wirst du sein, Ahriman Mirza, du selbst, der hier
vor meinen Augen steht! Und wenn sich hinter dir die Hölle schliesst und vor und
über dir der ganze Himmel öffnet, so wirst du selbst, du selbst die Antwort
sein, die er dir gibt auf das, was heut die Hölle hier durch deinen Mund
gefragt! - Nun habe ich dir weiter nichts zu sagen. Was du noch vorzubringen
hast, das ist der Andern Sache. Ich überlasse dich dem Scheik der Dschamikun!«
    Er verliess den Kreis, in welchem er mitten unter uns gestanden hatte, und
schritt die grüne Alm hinab, dem Tempel zu. Der Perser verschränkte die Arme
über der Brust, warf den stolzen Kopf zurück und schaute ihm nach, bis er hinter
dem Rosengebüsch verschwunden war. Dann sagte er in schneidender Ironie:
    »Ein alter Mann, der nicht mehr denken kann und darum nur noch lieben will,
weil er sich ohne Liebe hilflos fühlt! Wie stolz könnt ihr auf diesen
Schwächling sein, der für die Faust, die ich gegen euch ballen werde, nicht eine
mutige Antwort, sondern nur die von der Angst geöffnete Hand des Segens hat! Mit
welchem Rechte hat er überhaupt gesprochen? Ist er ein Dschamiki? Bei euch
geboren? Er scheint nicht zur Dschemma zu gehören. Er verwies mich auf den
Scheik. Warum hat er meine Rede unterbrochen? Ich sprach zur Dschemma, aber
nicht für Andere. Ich wollte euch sagen, weshalb wir eigentlich hierher zu euch
gekommen sind.«
    Da antwortete der Pedehr:
    »Was du da fragst, geht keinen Fremden an. Wurdest du unterbrochen, so
sprich jetzt weiter. Aber fasse dich kurz! Es ist nur Gefälligkeit von uns, dass
wir dir überhaupt Gehör schenken!«
    »Welche Güte!« lachte er. »Ich danke euch!«
    Er liess seine Gestalt eine höchst nachlässige, missachtende Haltung annehmen
und fuhr dann fort:
    »Ich erzählte von jenen Anhängern Isa Ben Marryams, welche wir, als sie
kamen, für Feinde hielten und dann aber ganz im Gegenteile als unsere
allerbesten und brauchbarsten Helfer anerkannten. In ihrer inneren Zerrissenheit
sorgen sie ja selbst dafür, dass sie uns nie beherrschen können werden. Der Raum
zwischen dem Schah-in-Schah und seinem Volke wird von uns und ihnen ausgefüllt.
Wer bei dem Herrscher etwas erreichen will, der hat sich an uns zu wenden. So
war es stets, und so muss es immer bleiben! Aber da hörten wir vor einiger Zeit,
dass ein Mann beim Schah-in-Schah gewesen sei, ohne uns vorher zu fragen, und dass
er einen Stamm regiere, dessen Angelegenheiten alle direkt zwischen ihm und dem
Schah-in-Schah entschieden werden, ohne dass man uns Beachtung schenkt. Ja, wir
erfuhren sogar, dass jeder Mensch, der diesem Stamme angehört, sich selbst
persönlich an den Herrscher wenden könne. Wir erkundigten uns. Es war der Stamm
der Dschamikun. Der Mann aber, der sich erdreistet hat, in solcher Weise uns
unserer heilig gewordenen Rechte zu berauben, ist nicht etwa ein Dschamiki,
sondern ein vollständig Landfremder, von dessen Herkommen niemand etwas weiss.
Auch er spricht von Isa Ben Marryam. Auch er redet, ganz wie jene Vorherigen,
von Frieden und Versöhnung, von Gnade und Barmherzigkeit. Darum mussten wir ihn
für ebenso uns nützlich wie die Andern halten, so lange wir nichts näheres
erfuhren. Da aber verbreitete sich das Gerücht, dass die Dschamikun eine grosse
Schar der Massaban gefangen genommen und nach Teheran abgeliefert hätten. Diese
Massaban gehören zu uns. Sie bilden zwar keinen Stamm für sich, stehen aber
unter unserm ganz besondern Schutze. Auf den Vorschlag eures Ustad hat der
Schah-in-Schah, ganz ohne sich vorher bei uns zu erkundigen, diese Massaban nach
den Fiebergegenden verbannt, die einer Hölle gleichen. Da wir übergangen worden
sind, ist es uns nicht möglich gewesen, dies zu verhindern. Durch diese
unerhörte, eigenmächtige Tat eures Ustad habt ihr euch verraten. Wir haben euch
erkannt. Könnt ihr leugnen, dass es wahr ist, was ich erzähle?«
    »Leugnen?« antwortete der Pedehr. »Bei den Dschamikun darf die Lüge nicht
wagen, sich einzuschleichen. Und sollte sie sich etwa offen zeigen, so offen,
wie heut ihr zu uns gekommen seid, so würde sie genau so weichen müssen, wie ihr
am Schlusse des Rennens beschämt abzuziehen haben werdet.«
    »Das Rennen warte ab!« fuhr der Perser auf. »Wir verfügen über Pferde von so
adeligem Blute, wie - - -«
    Da fiel der Pedehr schnell ein:
    »Von so adeligem Blute, wie eure Freunde, die Massaban, besitzen, die
Mörder, Räuber und Diebe sind, von denen wir das Land befreien mussten! Jetzt
sage ich dir, was du uns soeben sagtest: Durch diese Freundschaft habt ihr euch
verraten. Wir haben euch erkannt! Ihr seid noch grössere Massaban als die, welche
der Schah-in-Schah nach der Hölle des Südens schickte! Nehmt euch in acht, dass
ihr ihnen nicht zu folgen habt!«
    »Scheik - - -? Drohst du uns?!« erklang es schnell und giftig.
    »Ja!« antwortete er. »Der Ustad hatte für dich und euch nur Liebe. Er kann
nichts anderes haben. Du lachtest über seine offene Hand des Segens, welche er
deiner Faust entgegenhielt. Du nanntest ihn furchtsam, einen Schwächling. So
wisse denn: Die geballte Faust, die du von ihm erwartet zu haben scheinst, wird
sich dir sicher zeigen, sobald er es für nötig hält! Ich bin diese Faust! Wenn
ich meine Finger, die Tausende von Dschamikun, zusammenziehe, so gibt das einen
Schlag für euch, der euch wohl noch ganz anders treffen würde, als wir jene
unglücklichen Massaban getroffen haben, welche nur die Werkzeuge waren, während
ihr die Täter seid. Du hast gehöhnt, dass der Ustad sich ohne Liebe hilflos
fühle. Er ist nicht ohne Liebe. Wir alle lieben ihn; das ist genug! Und er ist
der Gebieter dieser Faust, auf deren Stärke er sich stets verlassen kann! Ich
habe vorhin den Multasim gewarnt; jetzt warne ich dich: Zwinge mich nicht, mein
Wort zurückzunehmen! Du selbst wirst es mir brechen, sobald du abermals
beleidigend wirst. Hüte dich, so weiter wie jetzt aus deiner eingebildeten Höhe
zu uns herabzusprechen! Tust du das noch einmal, so stecken wir euch zu euren
edlen Kavalleristen, die jedenfalls ebenso adeligen Blutes sind wie die Massaban
und auch ihr!«
    Man sah Ahriman Mirza an, dass diese Rede des Pedehr aufregend auf ihn
wirkte; aber die Sorge, dass dieser seine Drohung wahrscheinlich ausführen werde,
veranlasste ihn, sich zu beherrschen. Er fuhr mit den beiden Daumen hüben und
drüben hinter seinen Gürtel und krallte die übrigen Finger um die in demselben
steckenden Waffen. Dadurch wurde das Gürtelschloss frei, welches ich bis jetzt
entweder nicht gesehen oder nicht beachtet hatte. Nun aber zog es meine
Aufmerksamkeit derart auf sich, dass ich mir Mühe geben musste, sie
geheimzuhalten. Auf dem goldenen oder vergoldeten Grunde dieses Schlosses war
nämlich ein silberner Ring angebracht, der ein Sa und ein Lam umschloss, welche
beiden Buchstaben über sich das Verdoppelungszeichen hatten. Ahriman gehörte
also zu den Sillan, und wie es schien, bekleidete er in dieser geheimen
Verbindung einen hohen Rang, vielleicht gar den allerhöchsten! Ich hatte dieses
Zeichen bisher nur an Fingerringen gesehen. Dass er es so gross und deutlich an
dieser augenfälligen Stelle trug, konnte keinen anderen Grund als den
angegebenen haben.
    Hatte ich ihn bisher schon an sich für einen ungewöhnlichen Mann halten
müssen, so war er nun auch in besonderer Beziehung zu den Sillan zu
distinguieren. Freilich liess er mir nicht Zeit, diesen meinen heimlichen
Betrachtungen nachzuhängen, denn er sprach jetzt weiter, und zwar schnell; in
abgerissenen Sätzen, denen man es anhörte, dass er so rasch wie möglich zu Ende
kommen und nicht gegen die Warnung des Pedehr verstossen wolle.
Eigentümlicherweise gebrauchte er jetzt nicht mehr die erste Person der Mehr-,
sondern der Einzahl. Er verriet hierdurch den Druck, den die Drohung des
Scheikes auf ihn ausübte und gegen den sich sein Selbstbewusstsein so gern
aufgebäumt hätte und aber doch nicht konnte.
    »Ich durfte das nicht länger dulden,« sagte er. »Ich beschloss, selbst
hierher zu gehen. Ich musste diesen fremden Ustad sehen. Ich hatte zu erfahren,
wie es bei euch steht. Ich wollte vor allen Dingen nach eurer Liebe suchen. Ich
brauchte dazu keine lange Zeit. Ein kurzer Besuch genügte. Meine Augen sind
scharf. Es entgeht ihnen nichts! Ich nahm mir vor, euch zu - - -«
    Hier hielt er inne. Er hatte wohl etwas sagen wollen, was er nun mitten im
Satze als eine Unvorsichtigkeit erkannte. Dann sprach er weiter, immer nur im
Ich:
    »Ich kam zu den Kalhuran. Ich hörte, was dort geschehen war. Ich erfuhr, dass
die Mörder zu euch seien. Ich sah eure Boten und sprach mit ihnen. Ich richtete
es so ein, dass wir eher wieder abritten als sie. Ich erfuhr, dass ihr den Mördern
des Muhassil Schutz gewährt. Ihr fürchtet euch nicht, dies zu tun. Ist das die
gewöhnliche Liebe, die kein Opfer bringt? Auf alle Fälle aber war es kühn von
euch! Ich hörte von euren fremden Gästen. Ihr habt sie aufgenommen und
wochenlang gepflegt. Die Krankheit war ansteckend, ausserordentlich gefährlich
für euch. Ist das die Liebe, die kein Opfer bringt? Wir kamen hier an. Ich sah
euer Hohes Haus, euer Beit-y-Chodeh. Ich hörte eure Musik und eure Lieder. Ich
spreche nicht davon. Dieses Geplärr ist mir zuwider! Ich redete mit diesem
lächerlichen Tifl. Das kleine Kind liess mich auf die Erwachsenen schliessen. Was
ich noch sah und hörte, wisst ihr selbst. Es war und ist und bleibt genug für
mich! Und nun - nun - - nun?«
    Er schaute zum Tempel hinab und dann hinüber, rund um das ganze Tal. Seine
Augen leuchteten. War das Wohlgefallen oder Missfallen? Man sah es ihm nicht an.
Hierauf liess er den Blick im Kreise über die ganze Dschemma gehen. Seine Hand
fuhr nach den Augen und legte sich über sie. Kam der tief aufseufzende Atemzug,
den man jetzt hörte, aus seinem Munde? Er hatte einen Rundblick über das
Paradies der Dschamikun gehalten. Tauchte jetzt, bei zugehaltenen Augen, in
seinem Innern das Bild eines anderen, noch herrlicheren auf?
    Als er die Hand nun wieder fallen liess, kam es mir vor, als ob seine Wange
plötzlich eingefallen und bleicher sei. Der dunkle Bart zuckte um seine Lippen,
und seine Stimme zitterte leise, indem er das Wort von neuem ergriff:
    »Wäre euer Ustad hier, so würde ich ihm jetzt auch ein Märchen erzählen,
nicht aus Tausend und eine Nacht, auch nicht aus seinem Tausend und ein Tag,
sondern aus Tausend und eine Qual. - - - Es gibt Einen, den ich glühend,
glühend hasse. Und wahrlich, wahrlich, ich weiss, dass es ihn gibt! Und es gibt
ein Buch, welches ich vernichten möchte, dass kein Blatt, keine Zeile, kein
Buchstabe übrig bliebe! Dieses Buch sagt von diesem Einen: Tausend Jahre sind
vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist. Würde ich einem Menschen
gebieten, ein Buch über mich, mich, mich zu schreiben, so müsste darin zu lesen
sein: Tausend Qualen sind vor dir wie ein Lächeln - - - wenn sie vergangen sind!
Aber diese eine, eine, letzte, die nach den tausend früheren kam, sie ist die
fürchterlichste, die entsetzlichste, die unbeschreiblichste, weil sie niemals,
niemals, niemals enden wird. Sie muss ewig sein, weil jener Eine, Eine ewig ist!«
    Er beugte den Kopf und stand zusammengesunken da, als ob er zusammenbrechen
wolle. Da aber richtete er sich plötzlich wieder auf und sprach in wieder
energischem Tone:
    »Rückblicke, wo doch niemand je zurückkann! Weder der Mensch, noch der
Teufel, noch die Hölle! Ich komme zum Schluss. Ich mache euch einen Vorschlag.
Ihr sollt ihn hören. Anzunehmen braucht ihr ihn heut noch nicht. Ich gebe euch
Zeit bis zum Tage des Wettrennens. Da sollt ihr mir sagen, was ihr beschlossen
habt. Also hört!«
    Unweit von uns sass Tifl mit einigen Männern, mit denen er sich unterhielt.
Pekala, welche jetzt nicht mehr mit Speiseangelegenheiten beschäftigt war, hatte
sich zu ihnen gesellt. »Das Kind« schaute soeben zu uns herüber. Da winkte der
Perser ihm zu, näherzukommen, und setzte dann seine Rede fort:
    »Ihr seht mich heut zum erstenmal. Auch mein Name war euch bisher unbekannt.
Ihr wisst also nicht, wer und was ich bin, werdet es aber erfahren, sobald ihr
meinen Vorschlag angenommen habt. Ich bin der oberste derer, durch welche man
mit dem Schah-in-Schah verkehrt. Meine Freundschaft kann selig machen, und meine
Feindschaft kann verdammen. Das ist mein altes Recht, welches ich mir nicht
nehmen lasse. Wer es antastet, richtet sich zu Grunde. Euer Ustad hat sich an
diesem Rechte vergriffen. Ich sollte ihn wohl eigentlich verderben. Die Macht
dazu ist in meinen Händen. Aber er gefällt mir, und auch ihr habt mir gefallen.
Ich weiss, dass ihr einen vom Beherrscher eigenhändig unterschriebenen Vertrag
besitzet. Ich könnte ihn euch abverlangen. Oder ich könnte den Schah-in-Schah
veranlassen, ihn für nichtig zu erklären. Dann wäre es mit euch aus. Ich würde
mit Militär kommen und euer Gebiet besetzen, um euch zu vertreiben. Viel
mitzunehmen würde euch wohl nicht bleiben. Ihr kennt ja unsere Macht und unsere
Art. Dies alles werde ich tun, ganz unbedingt und sicher, wenn ihr meinen
Vorschlag von euch weiset. Ich bin aber überzeugt, dass ihr zu klug seid, dies zu
tun. Ich möchte euch Freund sein und Freund bleiben. Ihr sollt euern Ustad
behalten, euer Land, euer Eigentum und alle eure Rechte. Es soll bei euch alles
und jedes genau so bleiben, wie es ist. Ich will nichts, gar nichts von euch
haben, sondern ich will euch ganz im Gegenteile etwas geben, etwas so Seltenes
und Köstliches, dass die Grossen des Reiches alle ihre Finger danach lecken. Ihr
hört und seht, wie gut ich es mit euch meine. Ich bin als euer wahrer, als euer
bester Freund zu euch gekommen.«
    Er liess seine Augen wieder im Kreise herumgehen; sie trafen
selbstverständlich auf sehr erwartungsvolle Gesichter. Der Pedehr aber lächelte
still vor sich hin. Niemand sagte ein Wort. Darum fuhr der Perser fort:
    »Macht euch klar, was ich euch bringe! Auf der einen Seite ist euch tiefste
Armut, Vertreibung über die Grenze, wohl gar Vernichtung gewiss. Auf der anderen
Seite behaltet ihr alles: es bleibt alles genau so, wie es ist, und ich bringe
euch dazu noch ein Gnaden-oder auch Ehrengeschenk des Schah-in-Schah, um welches
euch das ganze Land beneiden wird, weil es euch noch inniger mit ihm verbindet.
Sag, was du denkst, o Scheik!«
    »Du scheinst mächtiger und gütiger zu sein, als sogar der Himmel. Selbst
Chodeh gibt nicht mehr, als man besitzt. Wir haben genug. Lass uns das!«
    »Hast du einen Sohn?«
    »Nein.«
    »Ich hörte es. Er ist tot.«
    »Ermordet von deinen Massaban!«
    »Das ist vorüber! Hast du eine Tochter?«
    »Nein.«
    »Wer ist dein Erbe?«
    »Der Stamm wird es sein.«
    »Wer wird nach deinem Tode Scheik?«
    »Der, welchen die Dschemma wählt und unser Ustad bestätigt.«
    »Kann er schon vorher gewählt werden? Also wenn du noch lebst?«
    »Ja. Ich wünsche sogar, dass es geschehe.«
    »Hierauf bezieht sich mein Vorschlag.«
    »Maschallah! Du willst dich in die Wahl meines Nachfolgers mischen?«
    »Nein. Es soll gar nicht gewählt werden. Ich will ihn euch bezeichnen.«
    »Wer soll es sein?«
    »Tifl.«
    Man kann sich die Wirkung dieses einen, kleinen, einsilbigen Wörtchens
denken! Aber niemand sprach. Tiefe Stille herrschte rundum. Auch der Pedehr
schwieg, doch war jetzt sein Lächeln ein ganz anderes als vorher.
    »Also Tifl wird als zukünftiger Scheik gewählt,« setzte der Perser seine
Rede fort, »und der Schah-in-Schah gibt ihm eine Frau.«
    »Das also ist das Gnaden- oder Ehrengeschenk?« fragte der Pedehr.
    »Ja. Ein kostbares Geschenk, denn sie ist die Tochter eines Freundes von
mir, der Prinz ist und also den Titel Mirza hat. Ich sehe, dass ich mich nicht in
euch getäuscht habe. Ihr scheint vor Entzücken über dieses unerwartete Glück
ganz starr zu sein.«
    »Macht das Entzücken starr?«
    »Ich denke es. Die Sprache hat es dir aber nicht geraubt. Was hast du mir zu
sagen?«
    »Ich? Hier kann doch wohl nur der, den es betrifft, zu sprechen haben. Tifl,
komm her!«
    Der Gerufene trat näher. Er lachte am ganzen Gesicht; aber es war ein Lachen
deutlichster Verlegenheit.
    »Hast du gehört, was gesagt worden ist?« fragte ihn der Pedehr.
    »Ja,« antwortete das Kind.
    »Was sollst du werden?«
    »Scheik.«
    »Willst du?«
    »Nein.«
    »Warum nicht?«
    »Ich bin ja viel zu dumm dazu!«
    »Aber das ist ja grad der Grund, weshalb er dich vorgeschlagen hat!«
    »Wenn er so dumm ist, wie er denkt, dass ich bin, so mag er es selber
werden!«
    »Jetzt hältst du dich aber doch wieder für klug!«
    »Auch das ist richtig!«
    »Wieso?«
    »Um Scheik zu sein, dazu bin ich zu dumm. Und um mich zum Scheik machen zu
lassen, bin ich zu klug. Eben weil ich mich für dumm halte, bin ich gescheit.
Bei diesem Perser aber ist es umgekehrt: er hält sich für gescheit und ist
folglich dumm!«
    Das war ein urechtes Tiflwort. Alle lachten, nur Ahriman Mirza nicht.
    »Noch etwas, lieber Tifl!« fuhr der Pedehr fort. »Hast du alles gehört?«
    »Ja.«
    »Auch dass du eine Frau bekommen sollst?«
    »Auch das.«
    »Was meinst du dazu?«
    »Ich mag keine.«
    »Aber sie ist eine Prinzessin!«
    »Umso schlimmer!«
    »Also nicht?«
    »Nein! Wenn ich mir eine Frau nähme, so könnte es doch wohl keine andere
sein als meine Pekala. Die bäckt und kocht. Die kann alles und tut alles. Die
erzieht mich sogar. Eine Prinzessin aber müsste ich erziehen, und das ist mir
nicht einmal bei meiner Pekala eingefallen und kann mir also bei einer Fremden
erst recht nicht einfallen!«
    »Aber du sollst doch von ihr erzogen werden! Das ist es ja eben, was dieser
Ahriman Mirza will! Einen dummen Scheik der Dschamikun mit einer verschmitzten,
arglistigen, ränkevollen Frau, welche ihren Anhang mit allen Fehlern, Gebrechen
und Sünden, an denen wir dann langsam zu Grunde gehen sollen, mit zu uns bringt!
Und das bezeichnet man als ein Gnaden- und Ehrengeschenk des Schah-in-Schah!
Solche Geschenke gibt die Hölle, aber nicht der Beherrscher, der nur das Gute
will! Uebrigens, mein lieber Tifl, will ich dir ein Wort der Wahrheit sagen.
Schau dir den Perser an! Genau!«
    Tifl tat es sehr eingehend.
    »Bist du fertig!« fragte dann der Scheik.
    »Ja.«
    »Gefällt er dir?«
    »Nein!«
    »Uns auch nicht. Auch wir gefallen ihm nicht, obgleich er, um uns zu
überreden, das Gegenteil behauptete. Das war aber von ihm gelogen. Er hat sich
über dich lustig gemacht. Er kennt dich nicht, deinen Mut, deine Gewandteit,
deine Fertigkeiten, deine Treue und Liebe, dein reines Herz, dein tiefes Gemüt
und alle, alle die tausend Himmelsgaben, die dir von Chodeh verliehen worden
sind. Er ist genau und wirklich das, was du vorhin von ihm sagtest: dumm! Wenn
der neue Scheik der Dschamikun jetzt gleich bestimmt werden sollte und wir
hätten die Wahl zwischen dir und ihm, so versichere ich dir, dass wir dich wählen
würden; er aber müsste mit einer Nase abziehen, die gewiss zehnmal grösser wäre als
der Weg von Teheran nach Isfahan! So, das musste ich dir sagen, weil wir dich
lieben und achten und es nicht dulden können, dass ein Fremder glaubt, seine
Prinzessin genüge den Ansprüchen, die unser Tifl machen kann! Mit solchem Köder
fängt man keinen Dschamiki! - - - Ich erkläre die Dschemma für beendet! Die
Versammlung der Aeltesten ist nicht da, um Albernheiten anzuhören! Zugleich aber
erinnere ich noch einmal daran, dass ich diesen Fremden nur so lange Sicherheit
biete, als sie jedes beleidigende Wort vermeiden. Tifl, nimm vierzig Krieger,
die sich bewaffnen mögen, und schaffe die ungeladenen Perser bis jenseits des
Hasenpasses! Ich wähle dich dazu, damit sie sehen, dass selbst der, den sie für
den Allerdümmsten von uns halten, zum Befehlshaber einer ganzen Reiterschar
geeignet ist!«
    »Unser Kind« eilte freudestrahlend fort.
    Einen solchen Ausgang der Verhandlung und eine solche Beantwortung seines
Vorschlages hatte Ahriman Mirza nicht erwartet. Er kochte vor Grimm; das war ihm
anzusehen. Aber er sah ein, dass er, wenigstens für jetzt, seinem Hasse keinen
Ausdruck geben dürfe. Er hatte von seiner raffinierten Intelligenz geglaubt, dass
sie der naiven Klugheit der Dschamikun über sei, und musste sich nun doch als der
von ihr Geschlagene fühlen. Er zwang seine Wut hinunter, aber sie bebte in dem
Klange jedes Wortes, als er, indem die Aeltesten alle aufstanden, laut ausrief:
    »Ich soll niemand beleidigen, werde aber selbst als dumm bezeichnet! Wir
rechnen später hierüber ab! Uebrigens habe ich nicht verlangt, dass ihr euch
schon heut entscheiden sollt!«
    »Wir haben es aber trotzdem getan,« antwortete der Pedehr.
    »Ich nehme es nicht an!«
    »Um deine Niederlage nicht einzugestehen!«
    »Schweig! Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe: Ich gebe euch Zeit bis zum
Tage des Rennens.«
    »Wir werden dann nichts anderes zu sagen haben als heut.«
    »Warte es ab! Man weiss nicht, was inzwischen geschieht. Was die Wette
betrifft, so werden wir dich zwingen, an ihr festzuhalten!«
    »Ich habe keine Ursache, zurückzutreten.«
    »Wir kommen alle, alle Zwölf!«
    »Uns ist das gleich. Aber wisst ihr auch, was ihr damit tut?«
    »Nun - was?«
    »Der Tag des Rennens ist ein Freudentag für alle Dschamikun und ein Ehrentag
für unsern Ustad. Wir feiern ihn seinetwegen. Wenn ihr euch an dieser Feier
beteiligt, so ehrt ihr ihn. Das musste ich euch sagen.«
    Da stiess Ahriman Mirza ein hässliches Lachen aus und antwortete:
    »Die Muhammedaner feiern ihren Freitag und die Christen ihren Sonntag, beide
Allah und Gott zur Ehre. Aber ich sage euch, dass der Teufel, indem er sich an
dieser Feier beteiligt, seine besten Ernten hält. Kein anderer Tag bringt der
Hölle soviel ein, wie solche Feiertage, all denen der Mensch von wem? - von wem?
gezwungen wird, sich aus den schützenden Armen der segenbringenden Arbeit zu
reissen. Hat er sie aus der Hand gelegt, so gehe er, wohin er will, er wird vom
Teufel gepackt und hat keinen anderen Schutz und Schirm als nur sich selbst und
jenes mir verhasste Haus, in welchem er sich doch nicht den ganzen Tag verbergen
kann! Wenn wir kommen, so kommen wir nicht eures Ustad willen, sondern aus ganz
anderen Gründen. Versteckt euch in euer Beit-y-Chodeh oder tut sonst, was ihr
wollt, wir packen euch doch! Der Alte hat mich gesegnet. Nun segne auch ich
euch. Wie ich es meine, und was mein Segen bringt, das werdet ihr erfahren!«
    Er wollte sich abwenden und gehen, da nannte Hanneh seinen Namen:
    »Ahriman Mirza, noch ein Wort!«
    »Was?« fragte er, indem er sie verwundert ansah.
    »Du wirst es gleich sehen. Ich muss dir jemand zeigen.«
    
    Wer sich in der Nähe befand, der schaute wegen der sich auflösenden Dschemma
jetzt her zu uns. So auch Pekala. Darum konnte Hanneh, ohne ihren Namen nennen
zu müssen, ihr winken, herbeizukommen. Pekala gehorchte. Ihre ganze schneeweisse,
rotblühende und wohlgenährte Erscheinung war ein neugieriges Fragezeichen, was
sie wohl bei den Aeltesten und Fremden zu schaffen haben werde. Hanneh nahm sie
bei der Hand, führte sie zu dem Mirza und sagte da zu ihr:
    »Schau dir diesen Irani an! Er verlangte, dass Tifl Scheik der Dschamikun
werde!«
    »Warum nicht?« fragte die Festjungfrau ganz ernstaft. »Er hat ganz das
Geschick dazu! Der Tag der Wahl muss ja früher oder später eintreten. Da schlage
ich ihn vor!«
    Diese Antwort hatte Hanneh freilich nicht erwartet! Sie fuhr fort:
    »Er soll eine persische Prinzessin heiraten!«
    »Welche?«
    »Dieser Irani weiss es. Er will sie ihm bringen.«
    »Warum nicht? Für meinen Tifl ist die Tochter des Schah-in-Schah grad gut
genug! Wenn sie kommt, werde ich sie erziehen. Vor allen Dingen hat sie unserm
Ustad und meinem Tifl zu gehorchen. Andere Gepflogenheiten gelten bei mir nicht.
Er mag sie bringen. Ich werde sie mir ansehen. Passt sie mir nicht, so mag er sie
in seine eigene Küche stecken. Für ihn ist sie dann wohl noch viel zu gut!«
    Jetzt nun erklärte Hanneh dem Perser, indem sie ihm mit ihrem freundlichsten
Lächeln in das Gesicht sah:
    »Das ist Pekala, welche Tifl für besser als deine Prinzessin gehalten hat!
Das mag bei euch wohl anders sein; bei uns aber befassen sich mit dem
Heiratsstiften nur alte Weiber, denen die Zähne zum Regieren ihres Zeltes
ausgefallen sind! Du hast so oft vom Teufel gesprochen. Bei den Dschamikun und
bei den Hadeddihn nehmen die Männer nicht von ihm, sondern aus Allahs Hand ihre
Frauen. Führe deine Prinzessin zu den Massaban. Die glauben vielleicht an das
Gnaden- und an das Ehrengeschenk; wir aber nicht!«
    Der selbstbewusste, überstolze Mann! Sich von Frauen so etwas sagen zu
lassen! Und grad dieser sein Hyperstolz verbot ihm, eine Antwort zu geben! Er
drehte sich um und ging zu seinem Pferde, denn seine Gefährten machten sich auch
schon mit den ihrigen zu schaffen. Sie wollten fortreiten. Als der Multasim
Sattel und Zaum seines Fuchses geordnet hatte, stieg er nicht sogleich auf,
sondern kam zu mir, der ich abseits stand und ihnen zuschaute.
    »Denkst du daran?« fragte er kurz.
    »Ja,« antwortete ich ebenso.
    »Ich habe es als Geheimnis betrachtet.«
    »Ich auch.«
    »Die Wette gilt?«
    »Gewiss!«
    »Aber sie hebt die Blutrache nicht auf!«
    »Eigentlich doch!«
    »Für mich nicht!«
    »Nun, dann auch nicht für mich!«
    »Ich fasse dich!«
    »Oder ich dich!«
    Er sah mich erstaunt an. Er hatte wohl angenommen, dass nur ganz allein er
diese Angelegenheit deuten und behandeln könne, wie es ihm beliebte.
    »Du mich?« fragte er. »Bist denn du der Bluträcher, oder bin ich es?«
    »Eigentlich keiner von uns, nun aber alle beide.«
    »Das verstehe ich nicht!«
    »So bedaure ich dich um dein Gehirn! Du hattest eine Blutrache gegen den
Scheik der Kalhuran, weil er deinen Sohn erschossen hat. Er hatte eine gegen
dich, weil sein Blut durch die Peitsche deines Sohnes vergossen worden ist.
Beides wurde durch die Wette ausgeglichen. Du bestehst im Geheimen trotzdem noch
auf Blut, und zwar auf dem meinigen. Nun wohl, so trete auch ich nicht zurück
und fordere das deinige. Ich habe sogar ein grösseres Recht dazu, denn der Scheik
der Kalhuran war Moslem, dein Sohn ein Christ, und ausserdem ist Kugelblut um
vieles, vieles billiger als Peitschenblut. Du packst mich, und ich packe dich,
wann, wo und wie es uns passt. Du bist vor mir nur auf dem Gebiete der Dschamikun
sicher. Das merke dir!«
    »So gegenseitig habe ich es nicht gemeint,« sagte er, indem er verlegen vor
sich niedersah.
    »Das dachte ich mir, denn ihr hochedeln und vornehmen Beschützer der
Massaban denkt nicht anders als sie, die Räuber und die Mörder. Nun aber weisst
du, woran du bist!«
    Da war seine Verlegenheit weg, und der Trotz trat ihm wieder in die Augen.
    »Es sei, wie du sagst!« zischte er mich an. »Also Blut gegen Blut! Das
meinige und das deinige! Du kennst mich nicht, kannst mich leider auch nicht
kennen lernen, denn der Augenblick, an dem dies möglich wäre, wird der
Augenblick deines Todes sein!«
    »Wie das so fürchterlich klingt!« lachte ich. »Es ist ja gar nicht so! Es
ist im ganzen Land bekannt, dass du der grösste Feigling Persiens bist. Ich werde
dir mit offener Waffe entgegentreten, die aber weder Dolch noch Pistole, sondern
etwas ganz anderes ist. Doch du wirst mir nur mit verborgener Arglist kommen, um
an mir zum verächtlichen Meuchelmörder zu werden. Ich bin darauf gefasst. Das
sage ich dir in aller Ehrlichkeit.«
    
    »Gefasst?!« entfuhr es ihm. »So sei gefasst, dreimal oder tausendmal gefasst;
mein wirst du sicher werden!«
    Sein Benehmen in diesem Augenblick war unvorsichtig. Seine blitzschnelle
Antwort und der versteckt sein sollende Blick seines heimtückischen Auges liessen
mich vermuten, dass er schon einen Plan gefasst habe. Und da stand für mich sehr
fest, dass es ein bald möglichst auszuführender sei.
    Er eilte zu seinem Pferde, denn die Andern waren schon aufgestiegen. Ahriwan
Mirza sass in einem reich geschmückten Schuhsattel, von welchem ebenso wie von
jedem Riemen bunte Fransen und Quasten rund um den Leib des Pferdes
niederhingen. Er spornte es hin zum Pedehr, hielt vor ihm an und sagte:
    »Wir reiten fort, hinüber nach dem Hasenpass, wie du gesagt hast. Aber bevor
wir den Duar verlassen, haben wir mit den Reitern des Multasim zu sprechen. Ihr
gebt sie nicht frei. Dagegen ist nichts zu machen. Aber er hatte diese Leute
seinem Sohne nur geliehen. Er ist ihr Herr und Gebieter und hat sie viel zu
fragen und ihnen viel zu sagen.«
    »Ihr Herr und Gebieter bin jetzt ich,« antwortete der Pedehr. »Es ist,
sobald ihr hier angekommen waret, ein Bote nach dem Hohen Hause geschickt
worden. Sobald ihr euch dort sehen lasst, wird man auf euch schiessen. Mit diesen
Leuten darf nur der sprechen, dem ich es gestatte; euch aber erlaube ich es
nicht. Richtet euch danach!«
    »Du scheinst nicht zu wissen, wie sehr du dich irrst. Hast du sie für
zusammengelaufenes Gesindel gehalten, welches der Muhassil angeworben hat?«
    »Ja. Das sind sie auch!«
    »Nein. Sie sind Milizen, die seinem Vater, dem Multasim, vom Sipahsalar167,
geliefert worden sind. Ihre Uniformen haben sie abgelegt, weil sie einstweilen
aus dem Dienste des Krieges in den der Finanzen traten. Ihre Anführer sind
wirkliche Offiziere, welche dich beim Sipahsalar verklagen werden, und er wird
dich bestrafen lassen. Du hast trotz der Unterschrift des Schah-in-Schah, welche
sich nur auf eure Rechte und auf eure eigene Gerichtsbarkeit bezieht, nicht die
Erlaubnis, dich an Soldaten zu vergreifen, welche von einem ganz Andern zu
richten sind!«
    »Ich richte sie nicht. Ich bestrafe sie nicht. Ich weiss genau, wie weit
meine Rechte gehen. Ich habe diese Menschen eingesperrt, weil es in diesen
meinen Rechten liegt. Dein Multasim mag mir die vom Sipahsalar unterzeichnete
Beglaubigung bringen, dass sie wirklich Soldaten sind! Wir werden mit diesem
Zeugnisse zum Beherrscher gehen und ihn fragen, ob seine Offiziere und Soldaten
etwa vorhanden seien, um gegen friedliche Bewohner seines eigenen Landes Krieg
zu führen, oder ob diese Bewohner nur zu dem Zwecke Soldaten werden, um wie
verachtete Massaban gegen ihre Mituntertanen losgelassen zu werden.«
    »Das wage nicht!«
    »Ich habe dir schon einmal gesagt: ich wage nicht! Die Ausübung heiliger
Rechte ist kein Wagnis!«
    »Die Rechte Ghulams, des Multasim, sind ebenso heilig!«
    »Seine Rechte? Und auch nur vielleicht! Aber wie er sie ausübt, das ist
nichts weniger als heilig! Das hat der Herrscher nicht gewollt, als er sie ihm
verlieh! Oder - - - sind sie ihm etwa gar nicht vom Schah-in-Schah verliehen?
Ich habe gehört, sein Kontrakt sei damals von zwei Ministern unterzeichnet
worden. Befindet sich auch das allerhöchste Siegel dabei?«
    »Das geht dich nichts an!«
    »Es geht jeden an, der hier im Lande wohnt. Und uns geht es gar doppelt an,
weil dieser Multasim es wagt, mit den Waffen in der Hand unser Gebiet zu
betreten, um hier den Herrn zu spielen! Ich bin der Scheik der Dschamikun. Mir
ist ihr Glück und der Frieden ihres Landes anvertraut. Es ist meine Aufgabe, in
diesem Frieden für die Wohlfahrt des Landes, welches ihnen gehört, zu sorgen.
Wir wollen auch mit Andern in demselben Frieden leben. Wir haben es getan. Wir
sind es nicht, die ihn jemals brechen werden. Aber sollten sie das zu tun
wagen, dann wehe ihnen!«
    »Wehe!« lachte der Mirza. »Willst du es nicht gleich dreimal ausrufen? Ein
solches Wehegeheul aus einem Munde, der sich der Friedfertigkeit und der
Nächstenliebe rühmt, muss ja, wenn es zum Himmel eures Chodeh aufgestiegen ist,
von den Lippen aller Seligen, die dort wohnen, lobpreisend widerhallen! Liebe
und Wehe! Hier hast du dich ebenso entlarvt, wie vorhin euer frommer Ustad sich
verriet!«
    »Und du bist ganz derselbe Verdreher der Ursachen und der Folgen gegen mich
wie gegen ihn! Als du dich aufmachtest, um zu uns zu reiten, hattest du
vergessen, die Ueberlegung zu Rate zu ziehen. Und weder unterwegs noch hier an
deinem Ziele bemerktest du, dass du die Vorsicht daheim gelassen hast. Du
behauptetest, so grosse Macht zu besitzen, dass wir uns vor dir zu fürchten
hätten. Bist du denn so töricht gewesen, zu glauben, dass sich diese Macht auch
über uns erstreckt? Hast du angenommen, dass es uns nicht einfallen werde, nach
ihr zu forschen, um sie kennen zu lernen? Du prahlst ebenso wie der Multasim mit
der Gewalt, die euch gegeben worden sei. Wohlan! Wir werden tun, was jeder
Kluge tun würde. Wir schlagen nicht blind auf sie los, sondern ganz so, wie du
zu uns gekommen bist, so werden wir dortin gehen, woher sie zu stammen hat,
wenn sie keine angemasste ist. Und wenn - - -«
    »Also Spione!« unterbrach ihn der Perser.
    »Nein! Ein Spion sagt dem Feinde nicht mit dieser meiner Ehrlichkeit, was er
zu tun beabsichtige. Und grad diese Ehrlichkeit hast du ausser Berechnung
gelassen. Was wird der Schah-in-Schah sagen, wenn er erfährt, dass du dich
rühmst, mächtiger zu sein als er! Was wird er tun, wenn er hört, dass es euer
wohlerworbenes Recht sei, ihn als eine Puppe zu behandeln, der ihr von allem
Reichtume und allen Erzeugnissen des Landes nur den billigen Weihrauch streut,
um alles andere in den eigenen Säckel stecken zu können! Was wird er
beschliessen, falls er vernimmt, dass ihr diejenigen seiner Untertanen mit
Vernichtung bedroht, welche nur allein ihm gehorchen wollen und sich also
weigern, euch als Götzen zu betrachten, vor denen man anbetend niederzusinken
hat! - Diese Folgen deines Rittes hast du nicht bedacht. Du hast dir angemasst,
hierher zu kommen, um uns kennen zu lernen. Es hat uns nur einer zu kennen, der
Schah-in-Schah, vor dem unsere Herzen offen liegen. Aber eure Herzen? Ihr seid
so unvorsichtig gewesen, sie vor uns zu öffnen, während ihr sie gegen ihn
verschlossen hieltet. Nun wird sein Blick in ihre tiefsten Tiefen gehen, und was
sich ihm dann offenbart, das kann nichts anderes als das Wehe sein, welches ich
dir zugerufen habe. Dieses Wehe stammt also nicht von mir; es wohnt in euch
selbst und wird aufsteigen wie ein verzehrendes Feuer und wie ein alles
verschüttender Aschenregen, wenn die Hand des Herrschers niederfährt, um den
Janardagh168 aufzusprengen und auseinander zu reissen. Dann wird das Land von all
den giftig bösen Dünsten frei, die diesem Berge des Unheiles bisher entstiegen,
und wenn der dunkle Rauch, der über Chodehs Erde ging, verschwunden ist, wird
endlich, endlich jedermann den reinen Himmel und den wahren Herrscher schauen! -
Ich bin mit dir zu Ende - - - für heute und jetzt. Reitet fort! Ihr mögt euch
wenden, wohin ihr wollt, es erwartet euch dort nicht dieses, sondern ein noch
ganz anderes Ende!«
    Während die beiden mit einander sprachen, waren auch die andern Perser zu
ihnen herangekommen. Sie hatten den letzten Teil der Rede des Pedehr gehört und
sahen nun den Mirza an, was er tun werde. Er bohrte die Innenspitzen seiner
Schuhbügel in die Flanken des Pferdes, dass dieses vor Schmerzen sich bäumte und
fast überschlug. Dann warf er die Hand verächtlich in die Luft und rief unter
grellem, weitin schmetterndem Lachen aus:
    »Ein noch ganz anderes Ende! Alter Narr! Es gibt ja gar kein Ende! Welch
ein Glück, wenn es so wäre, wie du sagst! Vielleicht aber hast du recht, denn
uns fehlt nichts weiter, als nur das Eine, die Allwissenheit! Versuchen wir es!
Ist es ein Phantom, oder ist es Wirklichkeit? Reiten wir ihm zu, dem von dir
angedrohten, von Anderen aber heiss ersehnten Ende!«
    »Dem Ende - dem Ende!« lachten die Andern ihm nach.
    Sie trieben ihre Pferde an und ritten, das Beit-y-Chodeh jetzt in einem
weiten Bogen vermeidend, die grüne Alm hinab und verschwanden bald hinter dem
Gebüsch der unten liegenden Gärten. Wir schauten ihnen nach, bis wir sie nicht
mehr sahen. Dann wendete sich der Pedehr mir zu, indem er fragte:
    »Sind dir schon einmal derartige Menschen begegnet, Effendi? Sollte man sie
nicht für etwas ganz Anderes halten?«
    »Es ist mir an ihnen vieles rätselhaft,« antwortete ich.
    »Kannst du mir sagen, was?«
    »Wohl kaum! Es gibt Empfindungen, für welche die Sprache keine Worte hat.
Es kommen uns Ahnungen, die wir uns nicht einmal in Gedanken deuten, noch viel
weniger aber in hörbare Laute kleiden können. Es war mir, als ob Ahriman Mirza
zwei verschiedene Leben besitze und zwei verschiedenen Reichen angehöre. Seine
hörbare Rede gehörte dem einen an, dem andern aber der Sinn, der in ihr lag, und
der Geist, der sie ihm diktierte. Ich habe viele, viele Menschen kennen gelernt,
so einen aber noch nicht! Es gab, während er sprach, gewisse Stellen, an denen
ich mir sagte, dass ich mich hüten müsse, an mir selbst irre zu werden. Er riss
mir Gedanken aus der Tiefe, von denen ich niemals eine Ahnung gehabt habe. Und
er wusste sie so zu leiten und zu gestalten, dass es mir schwer wurde, sie als
irrig zu erkennen. Wehe dem denkschwachen, vertrauensvollen Opfer, welches er
sich erwählt! Es muss ihm unbedingt verfallen sein! Da taucht ein Bild vor meinen
Augen auf, ein Bild, widerlich und schön zugleich. Aber es gehört nicht hierher
in Tempelsnähe. Könnte ich es dir zeigen, so würde in ihm wohl wenigstens
einigermassen die Antwort auf die Frage liegen, die du an mich gerichtet hast.«
    »Sprich immerhin! Es gibt kein Bild im Himmel und auf Erden, welches der
Sonnenglanz, der jetzt von unserem Beit-y-Chodeh für heut Abschied nehmen will,
nicht doch verklären könnte.«
    »Du sagst: im Himmel und auf Erden. Und dieses Bild bezieht sich allerdings
auf beide. Ich habe daheim ein liebes altes Buch. Es ist gewiss vierhundert Jahre
alt und von meinen Vorfahren auf mich gekommen. Es entält nur Bilder, keinen
Text, aber die Rückseiten wurden von den Händen der jeweiligen Besitzer fromm
beschrieben. Denn diese Bilder wurden zur Erklärung und Veranschaulichung dessen
gedruckt, was uns das Kitab el mukkadas169 erzählt. Es ist für mich von
unschätzbarem Werte. Ich habe es schon als Kind sehr oft mit meinen kleinen
Händen aufgeschlagen und schaue auch noch jetzt so gern hinein. Es dünkt mich
heut, als sei ich es selbst, dessen Gefühle und Gedanken, dessen Kämpfe,
Niederlagen und Siege auf diesen Blättern abgebildet seien. Die Menschheit in
ihrer Kinderzeit, dem Vater vertrauend und in dankbarer Liebe ihn verehrend. Des
Knaben Trotz und Unbedachtsamkeit, die, wie einst Israel, nicht gehorchen
wollen. Des Jünglings heissgeliebte Ideale, im Harfenton der Psalmen aufwärts
erklingend. Hierauf der eigene Sinn, welcher verlangt, mit den Augen schauen zu
müssen, was das Herz bisher ohne Einwand glaubte. Das immer suchende und nicht
ermüdende Forschen nach Bestätigung. Der Kampf mit andern Völkern, die andere
Götter hatten. Die fürchterliche Gegnerschaft dessen, der einst zu Hiob kam, um
ihn zu vernichten. Das feste Halten an dem Gottesglauben, trotz aller Siege,
denen ich erlag. Der schwere, heisse Kampf des tapferen Judas Makkabäus, sich aus
diesen Niederlagen wieder aufzurichten und, obwohl von seinen eigenen Brüdern
verachtet und verdammt, die Höhe von Moria wieder zu ersteigen und sich die
Liebe seines Volkes zu erringen. Wie war das so schwer, jawohl das aller-,
allerschwerste! Doch glaube ich, ich habe es erreicht!«
    Der Pedehr hatte sich in das Gras niedergelassen. Ich stand aufrecht vor
ihm. Ich hatte von einem Bilde reden wollen, und wovon sprach ich aber nun?
Konnte ich dafür? Warum waren die schönen, mildglänzenden Augen, mit denen er zu
mir aufblickte, so liebreich fragend und so seelengut! Seine Dschamikun nannten
ihn Pedehr, den Vater. Sie liebten ihn; sie ehrten ihn; sie vertrauten ihm. Er
verdiente das, denn er war ihnen im wahrhaftesten Sinn des Wortes und in
vollster Wirklichkeit ein Vater. Wie kam es doch, dass ich jetzt an den meinigen
denken musste! Er war ein einfacher Bürgersmann gewesen, schlicht und recht, wie
arme Leute sind, vor deren Tür die Dürftigkeit am Tage wacht und auch des
Nachts nicht schläft. Er hatte jenes Forschen und Suchen nicht begreifen können.
Die materielle Not ist blind gegen Ideale. Er litt unter meinen äusseren
Niederlagen; an den inneren Siegen aber, zu denen sie mich führten, konnte er
nicht teilnehmen; sie brachten ihm keinen Gewinn. Und als ich endlich, endlich
oben war, aus voller Brust tief Atem holend, weil ich in meinem Glauben an die
Menschheit die Ueberzeugung in mir trug, dass mir vergeben sei, da legte er sich
hin und starb, mich zwingend, meine schöne Hoffnung, alles, alles an ihm gut
machen zu können, nach jenem Lande zu richten, in welchem ein jeder nachzusühnen
hat, was hier auf Erden zu sühnen vergessen worden ist!
    War es der Pedehr, der vor mir sass und mich so still und doch so
erwartungsvoll anschaute? Diese Stirn! Dieser fragende Blick! Auch mein Vater
war so, wie er, trotz seines hohen Alters immer jung gewesen! Was wollte dieses
Auge? Dieser Blick? Was kann ein Vater wollen, wenn der vor ihm sitzende Sohn
von seinen Fehlern spricht. Verzeihen doch, verzeihen! Sang man da unten im
Tempel jetzt wieder das »Rosenlied«? Nein. Es klang mir nur im Innern, und es
bedurfte nur einer geringen Aenderung, so war auch ich gemeint:
»Brich auf, mein Herz, der Rose gleich,
In der sich alle Düfte regen.
Gott ist an Gnade überreich;
Brich auf, und dufte ihm entgegen!«
    »Effendi, was tust du hier?« fragte der Scheik. »Höre ich recht? Stand das
in deinem Bilderbuche? Du beichtest ja dich selbst hinein! Oder nicht?«
    »Ja, Pedehr, ich beichte!« gestand ich ihm. »Das Bilderbuch, von dem ich
spreche, entält die Beichte aller, aller Welt. Wenn ich von dieser
Menschheitsbeichte spreche, so darf auch die nicht fehlen, die ich der
Menschheit schuldig bin! Sie nehme diese Beichte mit in die ihrige auf! Dann
kann ihr nicht vergeben werden, wenn sie nicht mir vergibt!«
    Da fasste er mit seinen beiden Händen die meinigen, zog mich halb zu sich
nieder und sprach:
    »Aber du beichtest hier im fernen Kurdistan! Vor mir allein! Die Menschheit
hört dich nicht!«
    »Sie wird mich hören! Denn sie wird es lesen!«
    »Etwa in einem deiner Bücher?«
    »Ja!«
    »Und genau so ehrlich und so offen, wie du hier zu mir gesprochen hast?«
    »Genau so!«
    »Ef - - - fen - - - di - - -!«
    Er sah mich staunend, fast erschrocken an. Mir aber war so warm, so leicht,
so frei ums Herz. Ich fühlte, dass ein frohes Lächeln um meine Lippen spielte.
    »Weisst du, was du dir da vorgenommen hast? Diese deine Menschheit wird dir
gern verzeihen; aber alle, alle, die ihr Ganzes bilden, werden einzeln
vortreten, um dich zu verdammen!«
    »Ich fürchte mich weder vor der Menschheit noch vor dem Einzelnen! Was hier
geschieht, geschieht auch dort! Ich beichte auch für dort! Vor dem, der jenseits
richtet! Lässt er dann, so wie man hier mit mir getan, die einzelnen vor seine
Stufen treten, so bin ich frei von Schuld!«
    Da zog er mich vollends zu sich nieder, schlang seine Arme um meinen Hals,
küsste mich auf beide Wangen und sprach:
    »Mein lieber, lieber Sohn! Glaubst du, dass ich mit meinen Dschamikun auch
mit zur Menschheit gehöre? Ja? Du nickst! Du bist ergriffen! Ich sehe Tränen!
Weine nicht! Ich sage dir: Unter denen, die aus der Menschheit treten, weil sie
nicht menschlich denken und verzeihen, wird sich kein einziger Dschamiki
befinden! Für die andern aber, die es tun, sei das, was du schreibst, wie nicht
geschrieben, denn du beichtetest der Menschheit, aber nicht denen, die aus ihr
getreten sind!«
    Da stand der Ustad vor den Säulen des Tempels und gab ein Zeichen nach dem
»hohen Hause« hinüber. Man hatte auf dieses Zeichen gewartet, denn die Sonne war
im Untergehen, und sogleich erklangen die Glocken. Der Pedehr erhob sich, zog
mich mit sich empor, behielt mich mit der Linken umarmt und zeigte mit der
Rechten nach dem Alabasterzelt hinauf.
    »Erzähle mir später von deinem Bilde weiter!« sagte er. »Es wird sich jetzt
ein anderes zeigen. Auch aus einem Kitab el mukkadas, aber nicht aus einem
geschriebenen, welches man nach Belieben öffnen und schliessen kann, sondern aus
dem, welches unaufhörlich über die ganze Erde offen ausgebreitet liegt. Wenn du
die Bilder deines Buches recht verstanden hast, so wirst du auch dieses recht
verstehen.«
    Jetzt drehte der Ustad sich nach unserer Seite. Als er uns in Umarmung
stehen sah, nickte er zu uns herauf und verliess den Tempel, um herbeizukommen.
Die Augen aller anwesenden Dschamikun und ihrer Gäste waren hinüber nach dem
höchsten Punkte des Gebirges gerichtet.
    Die Sonne hatte unser Tal verlassen und senkte sich jenseits der Berge
nieder. Während sie diese auf der uns abgelegenen Seite beleuchtete, begann hier
die Dämmerung emporzusteigen. Schon webten um den See dunkle Schatten, die wie
abgeschiedene Seelen über seine Gewässer zu schiffen schienen. So, wie diese
Dämmerung emporstieg, um schliesslich das ganze Tal in Dunkel zu hüllen, so
klettert auch das Leid im Menschenherzen immer höher und höher, um es gänzlich
auszufüllen. Giebt es denn keinen Punkt, den es nicht erreichen kann, den es
niemals ganz zu umnachten vermag? Doch!
    Schon waren die Bergeshäupter im Süden, Osten und Norden in ihr letztes,
tiefstes Violett gefärbt; dann wurden sie von den Strahlen verlassen, die empor
zum Firmamente flüchteten, um sich in dem Glanze der Sterne aufzulösen. Im
Westen aber, wo der Himmel in Flammenglut gestanden hatte, erschien der letzte
Tagesgruss im Abendrot, um sich am Alabasterzelte sterbend auszuleuchten. Es
stand in dieser keuschen Abschiedsglut, als sammele es am Tore der Seligkeit
die hochgestiegenen Pilgerseelen allesamt, die, durch des Lebens Leid und Weh
verklärt, dem höchsten Erdenpunkt entschweben sollen, damit der Felsengrund, auf
dem das »hohe Haus« errichtet wurde, sich als vom Herrn mit eigener Hand gelegt
erweise.
    Der Himmelsstrahl brach sich auf dem halbdurchsichtigen Steine in alle seine
Erdenfarben. Sie schimmerten und blitzten, als sei das ganze Zelt mit den
Schmuckstücken der Herrscher aller Zeiten und aller Welten ausgelegt. Und noch
als diese märchenhafte Herrlichkeit vom abendlichen Dunkel erreicht und unsern
Augen entzogen wurde, war es anzusehen, als ob jeder einzelne der Brillanten
sich weigere, für heut bis morgen ausgelöscht zu werden.
    Ich stand noch längere Zeit und schloss die Augen, um dieses wunderbare Bild
fürs Leben festzuhalten. Man sagt, die Erde könne schon die Hölle sein. Jawohl;
ich glaube es! Doch mit demselben Rechte der Ewigkeit, sich uns schon hier in
der Zeit zu offenbaren, kann uns die Erde auch ein Himmel sein. Wenn der Himmel
nur von Engeln oder Seligen und die Hölle nur von Teufeln oder Verdammten
bevölkert wird, so kommt es ja wohl nur auf die Menschen an, welches von beiden
sie sein und wozu sie die Erde machen wollen!
    Der Pedehr riss mich aus meinem Sinnen.
    »Nun, Effendi,« fragte er, »gleicht dieses Bild dem deinen, von welchem du
sprechen wolltest?«
    Mit einigen kurzen Worten erklärte er dem Ustad, auf was sich diese seine
Frage bezog. Dann antwortete ich:
    »Könnte ich dir deutlich machen, was das ist, was wir im Abendlande ein
Pendant nennen. Sonderbarerweise sind beide Bilder ähnlichen Inhaltes und
einander nahe verwandt. Ich möchte das meinige Vom Himmel nach der Erde und
dieses hier Von der Erde nach dem Himmel unterzeichnen. In meinem alten Buche
fehlen Blätter. Ich habe es versucht, die Lücken durch meine Phantasie zu
ergänzen. Das erste Blatt, welches ich ihm geben möchte, ist das, von dem ich
sprach. Ich dachte folgendes: Ein hoher Punkt in Ahuramazdas lichtem Himmel, der
steil zur Tiefe fällt, in der die Erde liegt. Da oben eine Schar seiner Engel,
die wissbegierig und verlangend nieder in das Unbekannte schauen. Zu ihnen tritt
Ahriman, der Empörer, der sich dünkt, Gott gleich zu sein. Er will hinab, doch
nicht allein. Er sucht sie zu verführen, den Himmel zu verlassen und mit ihm ein
Reich zu gründen, in dem der Herr nichts zu befehlen habe. Um sie dem ewigen
Gebieter abwendig zu machen, spricht er zu ihnen in jener Weise, welche man heut
diabolisch nennt. Er betört sie so mit Aftergründen und trügerischen Schlüssen,
wie heut Ahriman Mirza es mit uns zu tun versuchte. Und erstaunlich ist es
wohl: der Ahriman auf meinem Bilde glich ganz genau dem Mirza, der dort am
Waldesrande vor uns stand. Hat dieselbe Idee auch stets die gleiche Gestalt, mag
sie stammen, woher sie auch sei? Das Böse hat für den ersten, flüchtigen Blick
wohl immer eine verlockende Gestalt. Aber wenn man sie zwingt, den Mund zu
öffnen, so ist das sicherste Erkennungszeichen die Leidenschaft, mit der sie
alles treibt und tut und redet. Der, welcher einst dem Teufel den
Quastenschwanz und Pferdefuss verlieh, hat sicherlich in seinem Dienst gestanden.
Die Hölle ist ein Sumpf, auf dem die Decke üppig grünt und blüht, den irren
Lebenswanderer anzulocken. Der Himmel glänzt, sie aber kann nur gleissen. Ihr
Gold ist falsch, wie ihre Diamanten. Die flimmernden Steine des Mirza sind wohl
auch nicht echt!«
    Die verschiedenen Gruppen der Dschamikun vereinigten sich, um unter dem noch
fortdauernden Glockenläuten nach dem Duar zu ziehen. Meine Sänfte wurde
gebracht. Hanneh stand in der Nähe. Ich lud sie ein, mit einzusteigen. Es war
genügend Platz für zwei Personen da. Sie nahm es an, doch sagte sie:
    »Lass uns noch warten, bis die Sterne leuchten! Ich möchte gern das Zelt da
oben in ihrem Lichte schauen.«
    Das war mir recht. Der Ustad und der Pedehr gingen. Der letztere kam aber
noch einmal zurück zu mir und fragte mich:
    »Effendi, erlaubst du mir, ihm zu sagen, was wir gesprochen haben? Ich kann
kein Geheimnis vor ihm haben und möchte doch auch gern, dass er von deiner
tapfern Beichte erfahre, die weder Menschenfurcht noch sonstige Feigheit kennt.«
    »Ich kenne keinen Grund, es ihm zu verschweigen,« antwortete ich. »Es ist
nichts in mir, was ich ihm verheimlichen möchte.«
    Hierauf führte ich Hanneh quer durch den Tempel. Wir setzten uns an seinen
Stufen nieder. Sie war still, ich auch. Ein jetzt noch matter Schein lag
zwischen hier und dort. Nur der Abendstern stand schon im vollen Glanze. Früh
heisst er Morgenstern. Er ist derselbe; nur die Namen sind verschieden. Nicht so
auch Gott? Zwischen den beiden Namen des Sternes liegt eine Nacht. Welche Nächte
sind es, die zwischen den verschiedenen Namen Gottes liegen? Und wer ist es, von
dem diese Dunkelheiten ausgegangen sind? Von ihm, dem ewigen Lichte, nicht!
    »Ich sehe es,« sagte Hanneh leise, als ob das Alabasterzelt ein Heiligtum
sei, von welchem man nicht in lauten, rauhen Worten sprechen dürfe.
    Auch ich sah es nun. Der Berg, auf dem es lag, erschien uns jetzt als eine
formlose, finstere Masse. Nur in der Höhe hatte er Konturen, welche der Himmel
ihm verlieh. So scheinen auch die Berge des Lebens in der Tiefe ohne Gestalt zu
sein; aber sie tritt um so mehr und um so deutlicher hervor, je näher sie zum
Firmamente steigen. Auch das Zelt selbst erschien noch schattenhaft. Im Innern
war es ohne Licht, doch nahte dies von oben. Als ob der Gedanke, der es erstehen
liess, erst jetzt geboren und sofort zum Körper werde, so tat es sich im heller
werdenden Schein der Sterne vor unsern Augen immer weiter und immer deutlicher
auf, bis es in magischer Schönheit, klar und rein, dem Meister dankte, welcher
die im Gesteine verborgene Bergesseele aus ihrer schwermassigen Gestaltlosigkeit
befreit und ihr im bedeutungsvollen Bildnisse die Erlösung gebracht hatte.
    Wir sassen und schauten, ohne zu sprechen. Was soll man reden, wenn man von
Gefühlen bewegt wird, für die es keine Worte gibt! Nach wohl geraumer Zeit
stand Hanneh auf. Wir gingen zur Sänfte und wurden heimgetragen. Im Duar
herrschte lautes, froh bewegtes Leben. Droben war es still.
    Als wir unsern Saal betraten, fiel es mir auf, dass sich mein Lager nicht
mehr dort befand. Kara sass bei seinem Vater. Der Ustad und der Pedehr standen
dabei. Halef schlief. Aber sein Gesicht hatte nicht die Ausdruckslosigkeit,
welche dem vollständigen Unbewusstsein eigen ist.
    »Er war so froh über seinen Traum,« sagte Kara leise, um ihn nicht etwa zu
wecken.
    »Hat er wieder geträumt?« fragte Hanneh.
    »Ja. Und zwar wieder vom Effendi.«
    »Doch nicht etwa von den fürchterlichen Maden!«
    »Doch! Der erste Traum war wiedergekehrt. Ich weiss, dass so etwas zuweilen
geschieht. Auch schrie er wieder. Bald aber beruhigte er sich. Ich sah ihm sogar
an, dass er sich über etwas freute, und als er dann erwachte, sagte er mir,
worüber. Das machte ihn so glücklich!«
    »Was?«
    »Die Würmer hatten einander schliesslich selbst aufgefressen, bis endlich die
letzte aller Maden so dick geworden war, dass sie an sich selbst zerplatzen
musste. Der Effendi aber stand so heiter und so rüstig da, als ob er gar nicht
von ihnen berührt worden sei. Nachdem der Vater mir dies erzählt hatte, schlief
er wieder ein.«
    »Wie sonderbar! Was sagst du dazu, Sihdi?«
    »Ich bin kein Ruja tschykaran170,« antwortete ich.
    »Eigentümlich ist es freilich, dass der eine Traum so deutlich und so sicher
an den andern knüpfte.«
    »Warum eigentümlich?« fragte der Pedehr. »Ist es nicht mit dem Leben ganz
dasselbe? Knüpft da nicht auch das eine an das andere an? Wenn in dieser
Beziehung etwas sonderbar sein kann, so ist es nur der unbegreifliche Wahn, das
ein von der Seele und von dem Geiste so unendlich reich ausgefülltes Dasein in
dem Leibe von Würmern und von Maden enden könne! Der Traum des Hadschi ist mehr,
als ein Traum, denn er zeigt uns die Wirklichkeit. Wenn alle Menschen, die auf
Erden wohnen, nichts als Würmer oder Maden wären, und nur ein einziger besässe
Geist und Seele, sie würden doch nicht im stande sein, ihn auch nur körperlich,
und noch viel weniger geistig oder seelisch zu vernichten! Der Effendi kann
nicht nur, wenn andere von ihm träumen, sondern auch wenn sie von diesem Traume
erwachen, vollständig ruhig sein!«
    »Nicht nur ruhig!« sagte der Ustad; »sondern sogar glücklich! Komm, Effendi;
geh mit mir!«
    Er nahm mich bei der Hand und führte mich hinaus nach der Stelle, wo ich
abends immer gesessen hatte. Er legte mir seine Rechte aufs Haupt und sprach:
    »Hier war es, wo, grad so wie jetzt, diese meine Hand auf dir ruhte. Kannst
du dich noch besinnen, mit welchen Worten ich dich willkommen hiess?«
    »Ja,« erwiderte ich.
    »Sage sie!«
    »Ich heisse dich zum zweitenmal willkommen und bitte dich, bei mir zu
bleiben, so lange es dir und deinem höheren Ich, welches ihr Seele zu nennen
pflegt, bei mir und meiner Seele gefällt. Ich habe auf dich gewartet!«
    »Ja; so sagte ich. Du hast es dir gemerkt. Und heute wiederhole ich diese
meine Worte. Ich heisse dich zum drittenmale willkommen! Bis jetzt warst du bei
mir. Heut aber hat es sich herausgestellt, dass auch deine Seele bei der meinen
ist. Effendi, weisst du, was das heisst? Noch nicht!«
    Er liess seine Hand von mir herabgleiten, deutete nach dem Tempel, der drüben
hell im Sternenlichte stand, und fuhr fort:
    »Es gibt Welten, von denen du keine Ahnung hast. Wie die Sterne immer
weiter und weiter entfernt von der Erde liegen, so erheben sich diese Welten in
unirdischen Entfernungen über einander. Keine niedere kann die höher liegende
stören. Wer sich in eine höhere emporgerungen hat, der bleibt für die niedere
unerreicht; es sei denn, dass er freiwillig zu ihr niedersteige. In allen diesen
Welten gibt es Bewohner, welche die höhere entweder hassen oder sich nach ihr
sehnen. Die Hassenden sind für sie unschädlich. Die sich Sehnenden werden
emporgehoben. Es liegt eine unermessliche Macht in diesem Sehnen. Sie ist wie die
Gewalt des gläubigen Gebetes, welchem Chodeh nicht widerstehen kann, wenn es
selbstlos ist! Diese Welten sind vor deinem Auge unsichtbar, deiner Seele aber
wohlbekannt. Aber dass sie vorhanden sind, das kannst du fühlen, wenn sich in
deiner Seele Sehnsucht nach einer höheren regt. Diese Sehnsucht ist eine
schmerzliche, weil der Geist, von dem sie sich nicht trennen darf, nicht folgen
will. Er ist das Selbst; sie aber ist die Liebe. Er will nicht auf das
verzichten, was er jetzt besitzt, weil er nicht an das glaubt, was wohl ihr Auge
sieht, aber nicht das seine. - Wie unendlich glücklich bist da du, Effendi! Du
besitzest diesen Glauben; ja, er ist sogar doppelt dein: Was deine Seele glaubt,
glaubt auch dein Geist. Was sie erstrebt, wird auch von ihm ersehnt. Du wirst es
erreichen!«
    Er senkte den Kopf und schwieg eine kleine Weile. Dann sprach er mit
leiserer Stimme weiter:
    »So war es nicht bei mir! Mein Wesen war nicht ein vereintes wie das
deinige; es war geteilt. Der Zwiespalt wohnte zwischen meiner Stirn und meinem
Herzen. Ahnst du wohl, wie er hiess?«
    »Ahriman Mirza?« wagte ich zu raten.
    »Ja; er war es! Er ist's zu jeder Zeit, der sich zwischen Geist und Seele
drängt, um wo möglich beide zu vernichten. Du kennst ihn nicht in dieser
fürchterlichen Tätigkeit, weil bei dir Geist und Seele einig sind. Er konnte
nicht zwischen sie treten. Und aber dennoch solltest du ihn kennen. Er griff bei
dir an anderer Stelle zerstörend ein. Er drängte sich zwischen sie beide und den
Körper! Dein leibliches, dein äusseres Leben war es, welches er vernichten
wollte, um dadurch auch sie bis auf den Tod zu treffen! Nicht innerlich, denn
das vermochte er nicht, sondern in diesem äusseren, leiblichen Leben rang er dich
nieder, und du hattest es nur dem unantastbaren Frieden und der unbesieglichen
Kraft deines Innern zu verdanken, dass es dir gelang, dich aufzuschnellen und
nach langem, schweren Kampfe endlich für immer obzusiegen! Niemand, kein Mensch
hat das gesehen! Doch einer sah es, und der vergisst es nicht. Er hörte auch, was
du da drüben zum Pedehr gesagt. Ich weiss, du wirst es tun; du wirst es halten!
Und noch eines weiss ich darum auch, nämlich dass du der wirklich bist, als den
ich dich bei mir erwartet habe. Bis jetzt stand dir der Raum der Dschemma offen,
weil du der kranke Gast des ganzen Stammes warst. Von heute an wohnst du bei
mir, in meinem stillen, lieben Heim, wo du, vom Alltag nicht gestört, dem Klange
der Glocken näher bist als hier. Du sahest wohl schon, dass deine Lagerstätte hier
in der Halle fehlt. Es ist bei mir schon alles für dich vorbereitet. Gieb mir
die Hand!« - - - - - - -
 
                                    Fussnoten
1 Landeplatz.
2 Siehe: Karl May »Auf fremden Pfaden« pag. 261.
3 Kaffeehaus.
4 Schwein.
5 Tabak.
6 Kohlenbecken.
7 Der Kaffee ist sehr schlecht.
8 Wieviel kostet es?
9 Siehe Karl May »Durch die Wüste« pag. 318.
10 Schnecke.
11 Wasser der Gesundheit.
12 Reinstes Blut.
13 »Wind«.
14 »Insel«, Land zwischen Euphrat und Tigris.
15 Säge.
16 Sicilien.
17 Antiochien.
18 Leim, Kleister.
19 Topf.
20 Kitzlich.
21 Ew. Hochgeboren.
22 Sure der Prüfung.
23 Esara, der Einäugige.
24 Ghulam, der Pächter, Staatspächter.
25 Allah sei Dank.
26 »Herunter!«
27 Opium.
28 Peitsche aus Nilpferdhaut.
29 Schicksal.
30 Deutschland.
31 Gegend zwischen Euphrat und Tigris.
32 Gottes Wunder.
33 Mäntel.
34 Michael.
35 Türkisch: Adam = Mensch, Adamlar = Menschen.
36 Neues Testament.
37 Teufel.
38 »Barkh, komm!«
39 Versammlung der Aeltesten.
40 Advokat.
41 Heisses Fieber.
42 Kaltes Fieber.
43 Wechselfieber.
44 Kamelsänfte.
45 Puls fühlen.
46 Podagra.
47 Masern.
48 Pulverspiel.
49 »Im Namen Gottes!«
50 pers. »Tal des Sackes«, unsere »Sackgasse« gleich.
51 Sohn des Arabers, also = Araber.
52 Wurmstichige Datteln = Pferdefutter.
53 Singular von Dinarun.
54 »Pfeil«.
55 »Meister«.
56 Teufel.
57 Persische Erlen und Eschen.
58 Plural von Fakir.
59 Halt!
60 Geist, überirdisches Wesen.
61 Jesus, Mariens Sohn.
62 Trunk des Schlafens.
63 Opium.
64 »Blut um Blut!«
65 »Verzeihung«, »Gnade!«
66 Unterabteilung.
67 Vater.
68 Die Unglücklichen.
69 Gott.
70 Kriegsminister.
71 Siehe Karl May, »Der Schut«, pag. 499
72 Todeskirsche.
73 Siehe Karl May »Durchs wilde Kurdistan« pag. 205 ff.
74 Orientalische Harfe.
75 Gott sei Dank!
76 Veilchen.
77 Engel der Genesung.
78 »Sieger«, »Ueberwinder«.
79 Lager, Dorf.
80 Hebron.
81 Hölle.
82 Schoten von Erbsen oder Bohnen.
83 Kunde, Bericht, Fama.
84 Lager, Dorf.
85 Dolch.
86 Gotteshaus.
87 Plural von Hedschin-Reitkamel.
88 Kamelsänfte.
89 Die »Wahrheit«.
90 Christ.
91 Arzt.
92 Psychologie.
93 Bibel.
94 Sarg.
95 Sultansquelle.
96 Blutügel.
97 Pflaumenbäume.
98 Pferdejunge.
99 Hasenpass.
100 Courierpass.
101 Grundsteuer.
102 Unregelmässige Steuern.
103 Blutsauger, Vampyr.
104 Oberlieutenant.
105 Niedriges, orientalisches Tischchen.
106 Rittmeister.
107 Blutpreis.
108 Koch.
109 Türkischer Gesandter, Botschafter.
110 Residenz.
111 Keller.
112 Mann des Weines, Kellermeister.
113 Arzt.
114 Popanz, Scheuche. Schemen.
115 Tamarisken.
116 »Tausend und eine Nacht«.
117 Versammlung der Aeltesten.
118 Rittmeister.
119 Oberleutnant.
120 Unterleutnant.
121 Oberhaupt des Dorfes.
122 Schir Alamek, Sohn des Abd el Fadl, des Schwestersohnes von Marah Durimeh.
123 Tischchen.
124 Oberster Richter.
125 Finanzminister.
126 Premierminister.
127 Wüstenschlange.
128 Lehrer des Gesanges.
129 Oberster der Türsteher.
130 Deutschland.
131 Moltke.
132 Bismarck.
133 Musikant.
134 Seher.
135 Freund des Dorfes.
136 Siehe S. 339.
137 Marmor.
138 Friedhof.
139 Grabstein.
140 Versammlung der Aeltesten, Gemeinderat.
141 Prinz.
142 Persische Wasserpfeife.
143 Porzellangeschirr.
144 Weinglas.
145 Tischtuch.
146 Plättglocke.
147 Essbesteck.
148 Korkzieher.
149 Birnen.
150 Kaiserbirnen.
151 Gekochte Birnen.
152 Kompot.
153 Zerquetschten Seelen.
154 Philosophin.
155 Serviette.
156 Kapuze.
157 Söller.
158 Philosophie.
159 Finke.
160 Kork.
161 In Gottes Namen.
162 »Hast du es schön gemacht,« Bravo!
163 Engel.
164 Schleier.
165 Plural von Hedschihn = Reit- oder Eilkamel.
166 Dolch.
167 Kriegsminister.
168 Vulkan.
169 Heiliges Buch, Bibel.
170 Traumdeuter.
 
    