
        
                                  Ilse Frapan
                        Wir Frauen haben kein Vaterland
                           Monologe einer Fledermaus
 An dem studentischen Mittagstisch, wo ich speiste, nachdem ich die Hälfte der
vorhandenen Pensionen durchprobiert, war ich flüchtig mit ihr bekannt geworden.
    Sie hatte einen sehr schlechten Platz an der Ecke der langen schmalen Tafel.
Wollte jemand zu den am Fenster aufgereihten Stühlen, so musste sie aufstehen und
sich an die Wand drücken, nachdem sie ihren Stuhl rasch unter den Tisch gestossen
hatte. Die aufwartenden Mädchen rannten gegen sie, wie gegen eine Klippe,
machten dann beleidigte Gesichter und bedienten sie zu allerletzt. Ich sass drei
Stühle weiter und ass schon Fleisch, während sie noch keine Suppe hatte. Sie
knabberte mit zerstreuter Miene ihr trockenes Brötchen auf, machte zuweilen
einen langen Hals, wenn alle Teller an ihr vorbeigingen, sagte aber nichts. Sie
sah kindlich-schüchtern aus. Eines Mittags goss ihr das Mädchen die Bratensauce
über die dunkelblaue Bluse, in der sie täglich erschien. Sie stiess einen hellen
Schrei aus und wurde dann sehr rot, als alle sie anblickten. Ihr rundes weiches
Gesicht nahm einen Ausdruck tiefer Bestürzung an, während sie an sich
hinuntersah, - dann hörte ich auch ihre Stimme. Sie sagte zu dem Mädchen, das
sie beflissen abwischte: »Oh danke! danke vielmal!« Weiter nichts. Sie sprach
mit niemand, und niemand redete sie an.
    Ganz fremd und einsam sass sie zwischen den übrigen, die sich meistens
lebhaft, aber mit gedämpften Stimmen unterhielten.
    Sie sah so jung aus, als ob sie überhaupt noch nicht hierher gehörte, ein
richtiges naives Kindergesicht. Gewöhnlich sass sie ernst und träumerisch auf
ihrem unbequemen Eckplatz. Zuweilen aber zuckten schelmische Geister um die
vollen roten Lippen, und sie schien mit Mühe ein Lachen zurückzudrängen.
    Ein paarmal begegneten sich unsere Augen, und der lebhafte, funkelnde Blick
der ihrigen, der wenig zu dem naiven Gesichtsschnitt passte, fiel mir wieder und
wieder auf. Es war etwas Sternengleiches, still Feuriges in diesen nicht grossen,
dunklen, stark gewölbten Augen. Das reiche braune Haar war kurz geschnitten,
aber nicht nach Männerart, sondern es legte sich, in der Mitte gescheitelt, in
grossen natürlichen Locken um die Stirn, die Schläfen und die vollen Wangen, die
fast ländlich gesund in ihrer warmen Röte von den bleichen überwachten
Gesichtern der andern weiblichen Tischgäste abstachen.
    Sie gefiel mir, und ich begriff nicht recht, warum sie so allein blieb. Sie
hatte doch ein so einladendes Gesicht, wenn sie auch nicht hübsch war.
Allmählich begann sich zwischen ihr und mir eine freundliche, obschon wortlose
Beziehung zu entwickeln. Wenn ich an den Tisch kam, sah ich nach ihrem Platz,
und wir tauschten ein kurzes erkennendes Lächeln. Dasselbe geschah beim
Aufstehn, und ich hatte bald das Gefühl, als kennte ich sie längst und wüsste
ihre Gedanken.
    Als ob wir in einer uns selbst noch verborgenen Verwandtschaft zu einander
ständen.
    In dem engen Flur, der als Garderobe diente, traf ich sie einmal, da schon
alle weggegangen, wie sie stand und sich den Ellbogen rieb. Mir fiel ein, dass
sie den Mittag wieder arg gestossen worden.
    »Sie haben einen abscheulichen Platz, Fräulein,« sagte ich, während wir
unsere Jacken anzogen.
    Fragend und errötend blickte sie mich an.
    »Da an der Tischecke meine ich; nächstens werden Sie noch umgeworfen.«
    »Das kommt wohl nicht von dem Platz her,« sagte sie lächelnd.
    »Freilich! Sie werden dort jeden Tag gestossen.«
    »Ja, ich werde immer gestossen, - es ist etwas gênant.«
    »Beklagen Sie sich bei der Wirtin, Fräulein.«
    »Ja, aber gerade die Wirtin hat mir diesen Sitz angewiesen.« Sie sah mich
schüchtern an.
    »Warum lassen Sie sich's gefallen? Der Platz sollte wechseln, dann würden
doch mal wir alle der Reihe nach gestossen.«
    »Oh, das möchte ich niemals verlangen; es ist ja auch nichts weiter dabei.«
    »Soll ich morgen mit der Wirtin reden?«
    »Bitte, nein, es ist wirklich nicht wichtig, und - die Frau müht sich so,
neulich hat sie mir's geklagt.«
    »So, also mit der sprechen Sie,« sagte ich.
    »Hie und da schon, - sie quält sich redlich.«
    »Essen Sie schon lang bei ihr?«
    »Im zweiten Semester.«
    »Sie sind aber geduldig.«
    Da riss sie die Augen gross auf.
    »Ich? Geduldig ich?« rief sie erstaunt. Dann schüttelte sie heftig den Kopf
und seufzte. Ein Bekannter trat auf mich zu, und sie blieb scheu zurück, ohne
dass wir uns von einander verabschiedeten.
    Einige Wochen vergingen, bis wir uns wieder sprachen. Ich hatte
Laboratoriumsarbeit unmittelbar nach Tisch, und auch sie schien stets in Eile.
    Eines Mittags aber hatte sie mein Grusslächeln so fröhlich erwiedert, hatte
mich während des Essens so mit halboffenen Lippen angesehen, als ob sie mir
etwas zurufen möchte, dass ich in der Garderobe einen Augenblick wartete.
    »Sie sehn so vergnügt aus heute, ordentlich ansteckend froh!« sagte ich, als
wir zusammen hinabgingen.
    Sie lachte und nickte. »Ja, ich habe heut so etwas Merkwürdiges gehört, und
immer über Mittag musst' ich daran denken.«
    »Ist es ein Geheimnis?« fragte ich, mich an ihrer Fröhlichkeit erheiternd.
    »Behüte, nein! es ist etwas Anatomisches, Morphologisches! Ein Kolleg fiel
aus, und da bin ich in die vergleichende Anatomie gegangen und habe das gehört.
Denken Sie sich, wir hatten in einem gewissen Entwicklungsstadium noch ein
drittes Auge, ein Scheiteloder Parietalauge, - ist das nicht reizend?«
    Sie lachte lebhaft, und ich fiel ein.
    »Und wie schade, dass es uns verloren gegangen ist!« fuhr sie mit klagender
Betonung fort, »wenn wir es doch noch hätten! Denken Sie, man könnte sich dann
auf der Erde beschäftigen, seinen Arbeiten nachgehen, und mit dem dritten Auge
sähe man die ganze Zeit den Himmel und Sonne und Sterne! Ein Auge wäre immer da
oben - was es wohl alles sähe!«
    »Ich fürchte, es würde meistens in den Hut gucken,« scherzte ich.
    Aber lebhaft wehrte sie ab. »Oh nein! das wäre dann alles ganz anders! das
ganze Leben würde ja anders sein.«
    »Man hätte dann keine Hüte, meinen Sie?«
    »Oh, nicht das allein, solche Kleinigkeit - aber auch keine Dächer
vielleicht. -«
    »Oder gläserne,« sagte ich.
    Das gefiel ihr. Sie nickte, immer mit demselben entzückten Gesicht. »Dann
wäre es so gut wie keine! Und die Menschen immer unter dem Einfluss des grossen
Anblicks - oh wie schade! wie schade!«
    »Wann hatten wir denn dieses wundervolle dritte Auge?« sagte ich belustigt.
    Sie seufzte: »Als wir Eidechsen waren, sagte der Professor.«
    »Ja, das ist natürlich schon ziemlich lange her.«
    Sie sah mich an und errötete langsam.
    »Ich bin so unwissend in dieser Richtung, und da war es mir nun heut in
diesem Kolleg, als würde vor mir eine Tür aufgerissen - weit - weit! Alles was
so fest, so selbstverständlich, so natürlich scheint - ist also gar nicht fest
und selbstverständlich und natürlich. Ist das nicht merkwürdig wundervoll? Wir
hätten drei ausgebildete Augen haben können, und dieses dritte hätte vielleicht
eine Sphäre umfasst, die uns nun ewig zugeschlossen ist, und sehn Sie, grade an
der Erkenntnis dieser Sphäre hätte vielleicht das Glück der Menschheit
gehangen.«
    »Das wir nun nicht haben,« fiel ich noch immer halb scherzend ein.
    »Das wir nun nicht haben,« wiederholte sie leise in ernstem Ton. Auch ihr
Gesicht war ganz ernst umschattet.
    »Glauben Sie übrigens, das Glück der Menschheit hänge an einer Erkenntnis?«
fragte ich zweifelnd.
    Sie sah mich schnell an.
    »Ja, ich glaube, dass wir vernunftbegabte Geschöpfe sind und nicht als Tiere
glücklich sein können,« und sie lächelte zuversichtlich, stolz.
    Ich beobachtete ihren stetig wechselnden Gesichtsausdruck, der auf grosse
Erregbarkeit schliessen liess, und ich dachte nach über das sonderbare Gespräch,
das sie angeschlagen.
    »Ihre Phantasie ist sehr beweglich,« sagte ich, fast unwillkürlich, »stört
Sie das nicht im Studium?«
    Sie nickte verwirrt, liess den Kopf hängen.
    »Also - Naturwissenschaften studieren Sie, wie Sie sagen?«
    »Nein, Jus.«
    »Ach, Sie und -!« Es war wieder ein unwillkürlicher Ausruf, den ich gern
zurückgenommen hätte, als ich ihr erschrockenes Gesicht sah.
    »Warum nicht Jus?« fragte sie leise.
    »Weil's so trocken ist, dachte ich.«
    »Oh - trocken - das könnt' ich nicht sagen - aber ich bin leider noch sehr
weit zurück; ich habe noch nicht einmal die Matura.«
    Nun sah sie schon zum Weinen traurig aus. Wieder musste ich lächeln.
    »Aber, Fräulein, Sie sind ja auch noch solch ein -« Baby, wollte ich sagen,
unterdrückte aber das Wort und sagte »Backfisch«.
    »Ich?« rief sie, wieder in höchster Verwunderung, »ich bin alt, ich bin
sechsundzwanzig!«
    Ich staunte: »Wie ist das möglich? Sie sehn aus, als wären Sie siebzehn, und
Ihr ganzes Wesen - -«
    »Ach Gott, mach' ich auch auf Sie diesen grünen Eindruck?« sagte sie
kläglich, »was soll ich nur tun?«
    Ich entschuldigte mich und beruhigte sie. Es war sehr nötig. Die Altersfrage
schien der wunde Punkt zu sein, den ich unabsichtlich gestreift.
    »Ich habe schon viel durchgemacht, und niemand sieht es mir an, niemand
nimmt mich ernst«, klagte sie ratlos, »ist das nicht traurig?«
    Ich sagte ihr, dass es im Gegenteil schön sei und von ihrer Gesundheit und
Jugendkraft Zeugnis ablege, aber sie schüttelte doch den Kopf.
    »Sehen Sie, jetzt hab' ich Eile, immer ist etwas hinter mir, - und ich
möchte so gern auch noch Naturwissenschaften studieren, - ich glaube, das sollte
jeder Mensch, das ist doch die Grundlage von allem.«
    Ich konnte nicht wiedersprechen, und meine Zustimmung regte sie wieder auf.
    »Heut war es das Scheitelauge, und morgen könnt' ich etwas andres
Wundervolles erfahren, das tausend Vorstellungen und Gedanken weckt. Ich glaube,
das ist alles so eingerostet in den Geisteswissenschaften, weil sie sich nicht
um die Natur bekümmern. Wir wären gewiss viel weiter! Und ich sitze hier an der
Quelle, dürste und dürste!« rief sie voll Eifer und Trauer.
    »Können Sie nicht umsatteln?«
    »Nein, das geht nicht. Das ist meine heilige Sache, das Recht; das ist meine
Fahne, die will ich tragen lernen oder sterben!« Sie sprach jetzt so laut und
unbekümmert, dass die Vorübergehenden sie ansahen. Ihr Wesen hätte etwas
Exaltiertes gehabt ohne diese gesunden roten Wangen und das stets bereite
Lächeln. Bei ihr erschien die Erregung als der natürliche Zustand eines
lebensvollen Geschöpfes.
    Ich bat sie, mich zu besuchen, aber sie lehnte zögernd ab.
    »Ich darf mich nicht zerstreuen, und mit Ihnen könnte ich tagelang sprechen.
Ich hab' Ihnen schon gesagt, wie weit zurück ich bin! Da ist diese Matematik,
die mich ganz unglücklich macht, weil ich immer etwas hinter ihr suche, was gar
nicht da ist! Sie scheint mir noch heute wie eine Geheimschrift, lauter Symbole
und so prachtvolle, aber mein Lehrer sagt immer wieder, das sei die Sache
selbst! Ich muss so fleissig sein!«
    »Ja, dann komm auch ich zu Ihnen nicht,« sagte ich bedauernd. »Adieu, also,
träumen Sie von dem dritten Auge.«
    »Ach, nein,« rief sie kopfschüttelnd, »wünschen Sie mir Besseres! Ich darf
nicht träumen. Jeder Augenblick ist kostbar. Lernen! Lernen!«
    Damit lief sie wie gejagt den Weg zurück, den wir schlendernd im Gespräch
gegangen.
    Ich blickte ihr in Gedanken nach, nicht ohne Bedauern. Wie lange würde diese
kindliche Frische noch vorhalten, die sie auszeichnete. Schon hatte sie die
Sprache der Studentinnen, die mir wohl bekannt war, diesen Ton der immer
Unruhigen, immer Gehetzten, Nimmerfertigen, Zweifelnden und Verzweifelnden.
    Der Trupp lustiger blutjunger Studenten mit dem rotweissen Band und Cerevis
der Zofinger, der in lässigem Schritt und mit lautem Lachen mir entgegenkam,
vertiefte die gedrückte Stimmung.
    Die Glücklichen, sagte ich mir, die sich bei aller Arbeit so munter ihrer
Jugend freuen dürfen! Sie haben keine Eile, sie haben keine Anspannung aller
Kräfte von Tag zu Tage, sie gehen behaglich im Schritt. Ihre Promotion, ihre
Aemter und zukünftigen Würden - all das ist ihnen sicher wie der Tod, denn »reif
sein ist alles!« Wann kommt der Tag, wo auch die Studentinnen jung und
unbekümmert wie die dahin leben dürfen, getragen von der Billigung, ja
Bewunderung der Ihrigen daheim! Wo man auch in ihnen die Blüte, die weibliche
Blüte der Intelligenz, den Stolz der Nation sieht. Wo man nicht wie heut in den
Linien eurer Gesichter verfolgen kann, was alles ihr schon gelitten und
durchgekämpft habt! Wo ihr keine Narben des Lebens mehr tragt, und keine
Stacheln, die schnöde Notwehr auf eurer glatten Haut hat wachsen lassen! Wo man
euch rechtzeitig vorbereitet, rechtzeitig euch hinausziehen lässt an die
Hochstätten der Wissenschaft und nicht der Herbstwind eurer unwillig vergeudeten
Jahre hinter euch drein bläst: »Eilt! eilt! schneller! schneller! schneller!«
Nach wie vor sass die kleine rotwangige Studentin mittags auf ihrem schlechten
Platz, wo man sie stiess und vernachlässigte, und wenn wir uns sahen, so grüssten
wir uns mit dem erkennenden Lächeln.
    Aber obwohl das täglich geschah, so schien es mir doch unverkennbar, dass die
Wangenröte verblasste, dass die weiche Rundung des Gesichts abnahm. Oft schien mir
selbst das stille Sternenfunkeln der Augen getrübt.
    Einst, in der Garderobe, berührte ich leicht ihre Schulter.
    »Fräulein, was haben Sie mit sich gemacht? Sie sind blass.«
    Sie zuckte mit ihrem gewohnten liebenswürdigen Lächeln die Achseln.
    »Sie arbeiten zu viel! Kommen Sie mit auf den Zürichberg.«
    »Gehn Sie spazieren?« ein sehnsüchtiger Ausdruck trat in ihre Augen.
    »Kommen Sie mit!« wiederholte ich dringender, »sehn Sie, die Sonne!«
    Sie blickte auf die Uhr: »Ich kann nicht! Wirklich nicht. Ich habe
unmenschlich viel zu tun.«
    »Aber wenn Sie Ihre Gesundheit ruinieren?«
    Sie senkte den Kopf. »Das ist es nicht,« sagte sie leise, »ich bin stark.«
Wir waren nun doch zusammen bis auf die Strasse gekommen, wo die Sonne vom
wolkenlosen Himmel auf eine ganz leichte Schneedecke schien. Die Luft hatte
etwas Balsamisches, Veilchenduftiges, obgleich wir in den letzten Novembertagen
waren. Die schwarzblauen Berge mit den weiss bepuderten Bäumen und Sträuchern
schienen ganz nahe gerückt, die Meisen zwitscherten fröhlich.
    »Was für ein schöner Tag!« rief ich meiner Gefährtin ermunternd zu. Aber sie
sah hier draussen noch bleicher und matter aus, als im Zimmer.
    »Kann ich Ihnen irgendwie helfen, so sagen Sie es mir,« bat ich.
    Ihre Lippen zogen sich zusammen, sie drückte stumm meine Hand.
    »Haben Sie Kummer? Wollen Sie nicht darüber reden?«
    Sie bewegte verneinend den Kopf.
    »Sie sind sehr gütig. Es geht nicht« - wieder drückte sie meine Hand.
    »Sie leben so einsam«, begann ich noch einmal, »das ist nicht gut.«
    »Ja, - ich bin einsam.«
    Und plötzlich senkte sie den Kopf ganz und flüsterte:
    »Sie wissen nicht, wie einsam.«
    Ein tiefes inniges Mitgefühl erfasste mich, so, als hätte ich die Arme
ausbreiten und die Einsame an meine Brust ziehen müssen.
    Da hob sie die klugen Augen wieder empor und lächelte ernstaft:
    »Aber ich fühle mich wohl dabei, ich hab es so gewollt.« Und nun schoss ihr
das Blut in die Backen. »Vielleicht - wenn ich einmal ganz drunten bin - wenn
ich keinen Weg mehr sehe - -«
    »Dann kommen Sie zu mir!« rief ich bittend, und wir drückten uns noch einmal
fest die Hände.
    Seit diesem Gespräch beobachtete ich sie noch aufmerksamer bei Tische, sah
sie von Tag zu Tage mit immer dem gleichen, unachtsamen und doch gespannten
Blick auf ihrem Eckplatz sitzen und sich weniger denn je nach den Mädchen
umsehn, die an sie anstiessen. -
    - Und dann, eines Tages, blieb sie aus. - -
    Der leere Stuhl beunruhigte mich, ich weiss nicht wieso, ich musste immer
dortin sehn.
    Am folgenden Tage ward er weggenommen.
    »Kommt Fräulein Halmschlag nicht mehr?« fragte ich das Mädchen. Sie wusste es
nicht, und auch die Wirtin sagte, sie habe keinen Bericht erhalten. Es scheine
ja fast, dass sie nimmer kommen wolle.
    »Haben Sie ihre Adresse?« fragte ich.
    Die Frau verneinte; damit war die Sache beendet.
    Aber der Platz, der jetzt unbesetzt blieb, erinnerte mich immer von neuem an
die kleine einsame Studentin, an die roten, verbleichenden Wangen.
    Auf der Kanzlei der Universität erfragte ich ihre Adresse und beschloss, sie
demnächst aufzusuchen. Einmal dann stand ich vor jener Haustür. Aber die
Furcht, zu stören, mich belästigend einzudrängen, trieb mich zurück. Vielleicht
war sie gar aus der Pension weggeblieben, um gerade meinen Annäherungsversuchen
zu entgehn, sagte ich mir.
    Es gibt so scheue Vögelchen, die sogar das Nest verlassen, nur weil ein
fremder Blick hineingeschaut hat.
    Ausserdem - wie vielgestaltig ist der Kummer, der die Gesichter bleich macht,
und wie wenig vermag der Dritte über diese verschiedenen Feinde des Lebens.
    Ich tröstete mich! Ein bisschen Liebesweh, vielleicht. Ein krankhafter
Ehrgeiz, der schon zurecht kommen wird mit der Zeit. Examensorgen, zu denen man
lächelt, wenn sie vorüber sind. Oder gar nur irgend ein phantastisches Weh, wie
das, nicht drei Augen zu haben! -
    Da traf ich sie eines Abends auf der Strasse.
    Sie trat aus einem Metzgerladen und trug ein schmales Päckchen in der Hand.
    Sie schrak zusammen, als ich sie anrief, kam aber dann mit dem alten
freundlichen Lächeln auf mich zu. Wir begrüssten uns herzlich.
    »Wo speisen Sie denn jetzt?« fragte ich, »haben Sie's besser getroffen?«
    Sie erwiderte kurz, dass sie sich selber etwas koche und ging nicht weiter
ein auf meine Frage, ob das nicht sehr zeitraubend sei.
    Ich fand sie ziemlich verändert, stiller und magerer; dabei ganz
unzugänglich für alle Erkundigungen nach ihrem Ergehen.
    »Aber Ihr Studium gefällt. Ihnen noch immer?« fragte ich.
    Da lebte sie auf.
    »Wie sollte es mir nicht gefallen? Es gibt nichts Grösseres! Ich lebe nur
dafür, und es entschädigt für alles!« das war ganz der alte Ton.
    »So sind Sie doch glücklich,« sagte ich beruhigt.
    »Ja, wenn -« sie seufzte plötzlich tief, schüttelte meine Hand und war
verschwunden. -
    Ich kannte auch diese Art.
    Es ist die Furcht einer ursprünglich zarten, weichen Seele, die sich mühsam,
unter tausend Kämpfen und Tränen ein Schutzgewand gewebt hat, in die alte
Hülflosigkeit und Verletzbarkeit zurückzufallen beim ersten guten offenen Wort.
Diese Furcht macht abweisend.
    Ich zankte mit mir selbst. Kein lästigeres Gefühl, als das, sich aufgedrängt
zu haben! Du musst sie gehn lassen, sagte ich mir, du siehst, dass sie stark ist,
dass sie ihr Schicksal auf alle Fälle auf sich genommen hat. Lass sie nicht immer
fühlen, dass du sie für schwächer hältst, als sie sich gibt. Sei kein Esel.
    Und ich beschloss, ihr ganz allein das Wort zu überlassen, falls wir uns
wieder begegnen sollten. - -
    Wenige Tage vor Weihnachten führte ein übermütiger Föhn, der durch die
nassen Strassen blies, uns einander fast in die Arme.
    Diesmal hielt ich mir Wort, wir sprachen nichts Persönliches, obgleich ihr
Äußeres mir schmerzlich auffiel. Sie hatte sich immer höchst einfach und dunkel
getragen, wie die übrigen Studentinnen auch, aber heute sah sie fast ärmlich
aus, auch trug sie über der dünnen grauen Bluse keinen Mantel. Wie ich mit den
Blicken ihre zitternden Arme streifte, errötete sie, zog die Brauen abweisend
zusammen und gab verwirrte Antworten.
    Ich fragte abschiednehmend, ob sie über die Ferien in Zürich bleibe.
    »Natürlich!« nickte sie, »es sind ja ohnehin nur drei Wochen.«
    Plötzlich bückte sie sich, um einem vorübergehenden Kinde den Kopf zu
streicheln.
    Und so, in der geneigten Haltung, sagte sie mit heiserer Stimme:
    »Vielleicht - ich habe schon gedacht - dass ich - in diesen Ferien - doch
einmal zu Ihnen komme - -«
    Schwer schienen sich diese Worte von ihr loszuringen, und ich war nicht
einmal in der Lage, ihren Besuch anzunehmen.
    »Das trifft sich leider sehr ungünstig!« rief ich bedauernd, »ich reise
morgen früh nach Hamburg.«
    Sie starrte mich wortlos an.
    »Ach so,« flüsterte sie dann, »ach so, - auf wie lange?«
    »Auf vier Wochen.«
    »Nach Hamburg,« wiederholte sie; - - »aus Hamburg bin ich auch,« setzte sie
nach einer Weile hinzu.
    »Wir sind also Landsleute? Schade, dass Sie nicht mitreisen! Vielleicht kann
ich dort Grüsse von Ihnen ausrichten?«
    »Nein!« sagte sie kurz, mit gekräuselten Lippen, - »ich danke Ihnen! Also
dann - adieu!«
    Und plötzlich legte sie ihren Arm um meinen Hals und küsste mich heftig auf
den Mund. Ihre Augen standen voll Tränen.
    »Adieu! adieu!« wiederholte sie schluchzend.
    »Gehn Sie nicht so! bitte, kommen Sie mit mir hinauf!« bat ich tief
beunruhigt, aber sie schüttelte meine Hand ab und lief davon.
Aus den vier Wochen wurden drei Monate.
    Die alte Heimat hielt mich fest mit vielen Liebes-und Freundesbanden. -
    Sie war auch so gewachsen, die grosse Stadt, die immer schon gross gewesen.
    Und riesenhaft in ihr gewachsen schien mir das Elend.
    Es schaute mich beweglich an aus unzähligen kellerblassen, hohläugigen
Gesichtern von Kindern, die der Hunger daheim in frühen Morgen- und späten
Nachtstunden hinausgetrieben, um dem Erwerb nachzugehn. Kleine Schulkinder, die
vor und nach dem Unterricht in strengen Mägdedienst gespannt waren, ohne
Frische, ohne Lebenslust, altkluge kleine Pfennigjägerinnen, denen die Schule
nur unnötige Zeitvergeudung schien, weil man nichts verdienen konnte, während
man dort sass. Kleine Austräger, die mit Manneslasten auf den Kinderschultern auf
dürren Beinchen über die schmutzigen Strassen wankten, die kein Spiel, keine
Tollheit mehr trieben, wenn sie einen Augenblick frei hatten, sondern matt und
schläfrig an den Hausmauern hockten und teilnahmlos auf den Schnee starrten.
    Bis ein Mann kam und sie anwarb und jedem von ihnen eine Schaufel in die
Hand drückte und sie wieder etwas zu schaffen hatten; - hier die Schaufel und
dort die Bezahlung, und nun vorwärts in Reih' und Glied, wie die Zwangsarbeiter!
Wie die Galeerensträflinge. Das war die Jugend, die Hoffnung der Zukunft, das
Volk von morgen.
    Und ringsum, auf Schritt und Tritt, der rasende Konkurrenzkampf der
Erwachsenen, der Läden mit den Lockmitteln: Farben und Licht, der Bilder und
Schilder und Bildchen und Schildchen, die alle nichts waren als Reklamen ganz
ebenso wie die Riesenschriften auf Schritt und Tritt, die wie Teaterfeerien nun
in Rot, dann in Grün, jetzt in Weiss strahlten. Da wimmelten die Frachtwagen, die
immer neue Güter heranschleppten, auf den schmalen, krummen, hochhäuserigen
Strassen, wie dort, im Hafen, die Schiffe, schnaufend und schwarzen Dampf
ausstossend gleich Unterweltgeistern, ungeheure Lasten von Nötigem und Unnötigem,
über die Stadt ausgossen. Da brüllte die Fondsbörse, deutlicher als sie alle,
ihren wilden Schrei: »Brot! Brot! Brot!« aus heisergeschrienen Kehlen.
    Angezogen und abgestossen, zerrissen von Furcht und Mitleid wie vor einer
Welttragödie, die sich da aufführte, blieb ich drei Monate.
    Und durch die Strassen Zürichs ging lauer Aprilhauch, als ich zurückkam, und
die Sonne, die ich in drei Monaten drei Tage kaum gesehn, begrüsste mich mit
einem warmen siegerischen Lächeln: es sollte einmal wieder Frühling werden in
der Welt.
    Nach einigen Tagen war ich wieder im alten Gleis, freute mich, dass die Berge
noch standen, und dass der blaugraue See nur Vergnügungsdampfer und
Sonntagsruderer trug: ein Gefühl wohligen Ausruhens, nah einer grossen
feierlichen Natur, war über mich gekommen.
    Die Kollegien begannen erst in einigen Wochen, auf den Strassen sah man keine
Studenten, auch keine Fremden, keine Reisenden, die Schweiz schien ganz den
Schweizern zu gehören, und das erhöhte die Stille und Behaglichkeit.
    Ich wusste zwar, auch hinter diesen weissen saubern Mauern ist nicht alles
Frieden; Kampf und Spannung, Gährung und Hetzjagd spielt auch hier hinter den
hellgrünen Fensterläden, aber es vergisst sich leichter unter einem milderen
Himmel, und noch hat der Daseinskampf nicht die brutalen Grossstadtformen
angenommen.
    Hier schien noch Freude möglich.
    Und mit Musik und Blumenkränzen, mit buntem Maskenscherz und Feuerwerk zog
eines schönen Tages im April der echte Zürcher Frühling ein, und alte Männlein
in buntscheckiger, närrischer Verkleidung, und vierjährige Büblein und Armkinder
in schimmernden Schalksröckchen und Engelsflügeln durchwanderten die sonnigen
Strassen, und Zigeuner mit geschwärzten Gesichtern und Nubier auf Kamelen schrien
auf Züridüütsch ihren Lenzgruss hinaus, und am Abend, um sechs Uhr, unter dem
festlichen Geläute aller Glocken ward der Winter verbrannt, der alte Frostriese,
der die Welt für Monate in Eisesbanden gehalten.
    Ich stand mitten unter der fröhlichen, schaulustigen Menge auf der
prächtigen Quaibrücke, wo der rote Schimmer des Sonnenuntergangs den
aufsteigenden Qualm vergoldete und sah, wie die weisse Riesenpuppe auf dem
haushohen Pfahl von den ersten Flammen umzingelt ward, und wie dann zischend
eine Menge glühender Schwärmer, Frösche und Raketen ihrem Kopfe entflogen,
lustig in der blauen Luft zerstiebten und beim Zerkrachen ein lachendes Echo aus
Kindermund weckten.
    Der »Bögg« erbebte. Nun flog ein Arm davon, nun stand die ganze Figur im
Feuer. Zahllose fröhlich emporgewandte Gesichter standen rotbestrahlt, auch die
Erwachsenen in kindlicher Freude.
    Plötzlich aber fiel mein Auge auf ein Antlitz von ganz andrem Ausdruck.
Angst, ja Entsetzen spiegelte sich in diesen weitaufgerissenen Augen, die
Mundwinkel waren hinabgezogen, die Unterlippe fest eingebissen; so starrte sie
wie gebannt auf die brennende Gestalt. Und merkwürdig! - blitzschnell verstand
ich die Vision, die dies Entsetzen hervorgerufen, und ich sah sie auch! Es war
ja ein Scheiterhaufen, auf dem sich die qualvoll gekrümmte Gestalt einer Hexe am
Marterpfahl wand, umjubelt von einer fanatisierten, irregeleiteten Menge. Rote,
schwindelerregende Nebel glitten über meine Augen, ich musste sie schliessen, ich
musste mich festalten. - -
    Als ich mich wiederfand, war ein Name auf meinen Lippen. »Lilie Halmschlag?«
Ja, sie war es gewesen, deren erschrockene Augen ich da vor mir gesehn, die mir
die seltsame Suggestion gegeben hatte. Dann besann ich mich. Nein, - - ich hatte
mich geirrt. Das Gesicht, das mich an Lilie gemahnt, war zwar schon hinter
andern verschwunden, aber soviel hatte ich doch noch von ihm erhascht, dass ich
nun einsah: dieser blosse Kopf, dies schlichte Wollentuch um die Schultern konnte
keiner Studentin gehört haben.
    Eine Aehnlichkeit hatte mich getäuscht, zugleich aber traurig und dringend
an die so lange nicht Gesehene gemahnt. Das fast zärtliche Interesse für das
eigentümliche Mädchen, das ganz in den Hintergrund gedrängt worden durch soviel
laute, grelle, heftige Eindrücke, wachte wieder auf, und schon am Tage nach dem
»Sechseläuten« machte ich mich auf den Weg in ihre Wohnung.
    Eine Mansarde im dritten Stock der Universitätsstrasse - - dort sollte sie
wohnen, laut jener alten Adresse.
    Ich klopfte an viele Türen, - es gab eine ganze Reihe Mansarden in dem
bezeichneten Hause, aber man kannte sie nirgend.
    Von den Hausleuten des zweiten Stocks erfuhr ich endlich, dass einmal ein
Fräulein droben gewohnt habe, schon vor Weihnachten aber ausgezogen sei. Ob der
Name stimme? Sie wussten es nicht. Die Familie, die jenes Dachzimmer vermietet,
hatte auch schon die Wohnung gewechselt.
    Etwas bekümmert kam ich nach Hause und erzählte meiner Wirtin, wie schnell
auch in Zürich über einen Menschen Gras wachsen könne, da sagte sie auf einmal:
ja nun falle es ihr bei, vierzehn Tage nach meiner Abreise sei an einem Abend
spät ein Frauenzimmer hereingekommen und habe mir nachgefragt. Der Name möchte
wohl der gleiche sein. Aus ihrer Beschreibung der Fremden war nichts Sicheres zu
entnehmen; rote Augen habe sie gehabt, wie vom Weinen, und über eine halbe
Stunde habe sie, ohne ein Wort zu reden, auf einem Stuhl im Flur gesessen und
ganz blöd und dumm vor sich hingestarrt.
    »Warum haben Sie mir nicht geschrieben?« sagte ich, tief erschrocken über
den Bericht.
    Die Wirtin meinte achselzuckend, sie habe anderes zu tun, habe auch
gedacht, das Frauenzimmer werde selbst schreiben, wenn es etwas von mir wolle.
Sie hab's ihr auch geraten, soweit sie sich entsinne, aber wer keine Antwort
gegeben, das sei das Frauenzimmer gewesen, und so habe sie denn endlich die
Lampe wieder in die Küche genommen und es im Dunkeln sitzen lassen, bis es
schliesslich weggegangen sei. Sie habe dann nur noch geschwind mit der Lampe
hinter ihr drein »gezündet«, um zu sehen, dass sie nichts mitgenommen! - -
    Ich ging auf die Universitätskanzlei.
    »Fräulein Lilie Halmschlag aus Hamburg?« sagte der Pedell, im Verzeichnis
blätternd, »ja, die ist abgereist; bereits Ende Februar hat sie ihre Schriften
abgeholt.«
    »Ist sie zeitweilig fort oder für immer?«
    »Es scheint, dass sie ganz fort ist, da sie ihre Ausweisschriften
zurückverlangt hat.«
    Ich fragte, ob sie Exmatrikel genommen, der Pedell verneinte.
    »So hat sie nicht gesagt, dass sie an eine andre Universität gehn wolle?« Der
Mann wiederholte, dass er keine Auskunft geben könne.
    »Aber vielleicht hat Fräulein Halmschlag sich persönlich beim Rektor
abgemeldet?«
    Der Beamte schüttelte den Kopf.
    »Eben nicht. Sie hat hier gefragt, ob's notwendig sei, und da's nicht
notwendig war, hat sie's halt unterlassen.«
    
    So erbat ich mir nur noch ihre letzte Adresse.
    »Vogelsangweg siebenzehn,« hiess es, »aber es nutzt Ihnen nicht, sie ist
nimmer da, sie ist fort von Zürich! Heimgereist, so scheint's,« fügte er hinzu
und wandte sich zu einem neuen Frager.
    Ich dankte; niedergeschlagen ging ich.
    Eine Welt von Traurigkeit lag, so schien mir, in der Nachricht, dass Lilie
Halmschlag fort von Zürich, wohl gar heimgereist sei. »Mein Studium, das ist
mein Leben,« klang mir die zarte warme Stimme im Ohr. Und dann wieder, die
letzte Spur, zeigte sie mir verweint und ratlos vor meiner eigenen
verschlossenen Tür sitzend. Das konnte nichts Gutes sein, das konnte nichts
Kleines bedeuten!
    Ich ging nach dem Vogelsangweg Nummer 17.
    Eine einfache, derbe Frau, die mich auf dem Flur abfertigen wollte, da sie
gerade beim Zimmerputzen war, trat mir entgegen.
    »Ich komme wegen der Fräulein Halmschlag, die hier gewohnt hat,« sagte ich.
    »Ach,« rief die Frau, mich gespannt ansehend, »vom Fräulein Halmschlag! Händ
Sie B'richt von ihr?«
    Und eilig die Hände abtrocknend, lud sie mich in die Stube, wo zwei kleine
Kinder auf dem Boden spielten. »'s ischt zum Bedure mit der Fräulein
Halmschlag!« sagte die Frau, sobald ich sie über mein Anliegen verständigt
hatte, »sie ischt gar übel dra gsi.«
    »Ja, wieso denn? war sie krank?«
    »Seb auch! seb' schon auf d'letschte Ziet vor lauter Kummer und Sorg'.
Manche Nacht, wann i erwachet bin, han i's g'hört, wie 's geschraue hat!«
    »Das Fräulein Halmschlag? Ja, aber um Gotteswillen, warum denn?«
    Die Frau begann sich die Augen zu wischen.
    »'s ischt gewisslich wahr, e liebs Fräulein isch es g'si, aber daheim ihre
Eltere hänt nüd von ihr wisse wölle. Ganz grusam hat sie sich 'chränkt.«
    »Worüber denn?« rief ich entsetzt. Die Frau starrte mich in aufrichtigem
Erstaunen an.
    »Ja, wisset Sie's nüd? sind Sie nüd bikannt mit'm Fräulein Halmschlag? Wenn
eins so schüli arm ischt u dabei schtudire Tag und Nacht - 's ischt ja fascht 's
halbi Jahr kei Rappen mehr cho von daheim -«
    Mir wurde eisig kalt und weh ums Herz, kaum konnte ich weiter hören.
    »Wovon hat sie denn gelebt?« flüsterte ich.
    Die Frau zuckte die Achseln.
    »Sie hat so e Charakter g'ha, sie hat nüd chlagt, gar nie und nie. Aber i
han 's g'seh, wie ihre Lippe zitteret hat, wann s' mi g'fraget hat, jede Tag
drümal: kein Brief für mi, Frau Laubi? kein Brief aus Hamburg?«
    Die Frau riss die Tür auf und zeigte in ein enges Kämmerchen mit
weissgetünchten Wänden.
    »Da hat sie g'wohnt, drei Monat, und hat g'litte, was nur e Mensch leide
cha' von Sorg und Aengschten.«
    »Hat Not gelitten?« - Das Sprechen war mir fast unmöglich.
    Wieder zuckte Frau Laubi die Achseln. »I han ihr gebe, wo sie kei Centime
mehr g'ha hat, Brot und Milch alli Tag, und 's Chaffi und auch Eier, wann i's
g'ha han. Aber Sie begriefet schon, i bin halt selber arm, - i han e Mann, aber
er schaffet halt nüd; 's Wirtshus, wisset Sie, 's Wirtshus ischt ihm näher, als
seine Familie; - manche Tag hat 's fascht nüd angerührt, 's Fräulein Halmschlag.
Frau Laubi, hat sie g'sait, ich habe keinen Hunger, nehmen Sie es nur wieder
hinaus. I han 's bittet: Esset Sie nur, Fräulein, i weiss, dass Sie mir's zahlet,
wann Sie emal Geld überkömmet.«
    Ich drückte die hartgearbeitete gute Hand der Frau. Was wäre die Welt ohne
das Mitgefühl der Armen! Frau Laubi nickte ernstaft.
    »I han's ja g'wisst; Fräulein Halmschlag wird mir's zahle, und wenn sie
Schtrümpf und Schuh verkaufe muess, han i zu mi'm Mann g'sait. Und selb isch wahr
gsi, sie ischt mir nüd schuldig blibe; jede Rappe hätt sie bizahlt.«
    Auf meinen fragenden Blick erklärte sie weiter: »I han's nüd wolle verliede,
aber sie hat ebe alles und alles verchauft: ihre gute Chleider und Hüet, und auf
d'letscht' Tag ihre Bücher - no hänt mir aber alli zwei briegget, sie drinne und
i dusse in der Kuchi.«
    Es dauerte eine Weile, bis wir uns wieder gefasst hatten; ich sah's, die Frau
litt noch heut bei der Erinnerung an die traurigen Tage, und ich - von mir will
ich lieber nicht reden.
    »Und niemals kam ein Brief von Hamburg!« sagte ich.
    »Wohl!« unterbrach Frau Laubi, »endlich ischt er cho', der Unglücksbrief, wo
d'letscht' Hoffnung zertrümmeret hat! Er ischt von der Schtadt gsi, Fräulein
Halmschlag hat scheint's an d' Schtadtbihörde g'schriebe. Do ischt d' Antwort
cho': für Frauezimmer chönnt mer nüd mache, 's gäb Schtipendie g'nueg, aber nüd
für Frauezimmer zum Schtudiere. Do hat sie ihre Bücher verchauft... Und ischt
furtgange.« - - - -
    - »Wohin?«
    »I weiss es jo nüd. I han denkt, Sie bringt mir B'richt von dem Fräulein
Halmschlag. De ganz Tag, wo der Unglücksbrief cho' ischt, hät's murmelet:
Brechen! brechen, mit allem brechen, nüd mehr. Sie hat kei Bissen gessen und
ischt fascht nüd bei sich gsi, wisset Sie. Und in der Nacht hat's g'schraue, i
han nüd chönne schlafe, präzis nüd.
    Und am Morge schiebt sie mir de Choffi z'rück und packt mi am Arm, - do! und
sait:
    Frau Laubi, wir Frauen haben kein Vaterland!
    So hat sie g'sait.
    Z'erscht han i's nüd verschtande, no hat sie mir's erklärt, und i han's gut
verschtande.«
    »Wir Frauen haben kein Vaterland!«
    »'s ischt trurig gsi, präzis trurig von so eme Fräulein.« - - -
    - »Und dann?«
    »Und dann ischt sie furt, hat nüd wölle sage.... Und i han d' Angscht
übercho', und min Mann und i und der ältescht' Bub mir hänt's g'suchet - drü
Tag, am See - wisset Sie - sie ischt halt schüli drunte gsi, das gueti liebi
Fräulein.«
    Ich raffte mich mühsam zu der Frage auf, ob sie denn je die Absicht
ausgesprochen, sich -
    Wieder kam das vielsagende Achselzucken.
    »G'sait hät sie 's nüd, aber 's wär nüd zum Verwundere. Sie hat so e
Charakter g'ha, sie hät nüd und Niemert chönne säge. Und manchesmal ischt sie
noch fröhlich gsi und hät mi tröschtet, wenn min Mann - Ja, Herr Gott und Vater!
    Hingege wo ihre Bücher emol furt gsi sind, do ischt sie ganz schtill worde
und bleich und hat kei's Wörtli g'redet. Und so ischt sie furt. - Drü Täg hänt
mir g'suchet, aber nüd g'funde. Do isch mir's in d'Sinn cho', dass sie emol
g'sait hät: Frau Laubi, ich habe zwei Hände! an dem han i mi dann 's bitzli
beruhiget, wisset Sie! - - I hät's nimme denkt, dass es emol de Weg ging mit 'm
Fräulein Halmschlag!«
    - - - - - - - - - - - -
Grausames, grausames Leben!
    Am Tage ging es noch, da trat soviel Gegenwärtiges zwischen mich und die
quälenden Bilder, die der Bericht der Frau heraufbeschworen.
    Aber Nachts glaubte ich immer, wenn ich erwachte, nebenan ein Schluchzen zu
vernehmen, und zuweilen fuhr ich auf, - ich hatte einen grellen Hilfeschrei
gehört.
    Das schreckliche Wort »geschraue« verfolgte mich. - - - -
    Grausames, grausames Leben! - So geht man blöd und hilflos an einander
vorüber.
Und nun liegen vor mir ihre Gedanken! - -
    Gestern ist das Packet gekommen, aber nicht mit der Post. Ein junger Mensch
hat es mir gebracht.
    Sie lebt also. Sie lebt!
    Und hier! Aber er konnte mir nichts von ihr sagen, er kannte die Absenderin
nicht, wusste nicht ihre Adresse. Er solle dies da mir übergeben, in meine Hände,
weiter sprach er nichts
    Vielleicht wollte er nicht. Sein kluges ernstes Gesicht widersprach seiner
Behauptung, dass er »nur einen Botengang« gemacht. Es glühte förmlich auf, als
ich den Namen Fräulein Halmschlag nannte.
    Aber er sagte nein, er kenne sie leider nicht. Leider, sagte er.
    Ich hatte nämlich das Packet vor seinen Augen geöffnet und meiner Freude,
meiner überraschten Freude lauten Ausdruck gegeben, als ich sah, von wem es kam.
    Ich drückte dem jungen Manne fest die Hand, ich war ihm so dankbar! Und
herzhaft erwiederte er den Druck, obgleich er anfangs, seiner beschmutzten
Stiefel und seiner Arbeiterkleidung wegen, nicht ins Zimmer gewollt. An der
Haustür schon hatte er kehrt gemacht. Nun sass er hier drinnen ganz unbefangen,
als kennten wir uns längst.
    »Ich kann Ihnen also keine Antwort mitgeben?« fragte ich.
    Er verneinte, aber diesmal errötete er tief. Seine Lippen bewegten sich, als
ob er etwas sagen müsse. Aber dann, mit einem unwillkürlichen feinen Lächeln
stand er auf und ging.
    Ich begleitete ihn bis an die Treppe; er flösste so viel Vertrauen ein, dass
ich ihm noch einmal sagen musste, wie sehr das unerhoffte Lebenszeichen mich
erfreut hatte.
    Und gleich mit einem Sprung an meinen Schreibtisch zurück, zurück an das
Heft, das er mir gebracht. Oben an der rechten Ecke hatte ich's gesehn: Lilie
Halmschlag, Zürich, Oktober 1887.
    Heute schrieben wir den 20. September 1892; im Winter 1889 war Lilie
Halmschlag verschollen. Ein altes Heft von ihr also!
    Was wollte das alte Heft mir sagen?
    Ich wog es ängstlich in der Hand. Dann, als ich es aufschlagen wollte, fiel
mir ein Briefchen entgegen, ohne Couvert, ohne Datum, aber an meinen Namen. Ich
las:
    »Sie sind mir neulich begegnet und haben mich nicht erkannt. Es ist sehr
natürlich, und doch quält es mich. Nicht wahr, Sie hätten mich gegrüsst, wenn Sie
mich erkannt hätten? Unter allen Umständen? Obgleich ich untergetaucht bin,
untergetaucht in die grosse namenlose Menge?
    Ja, ich bin untergetaucht, aber untergegangen bin ich nicht. Mehr kann ich
Ihnen heut nicht sagen. Vielleicht - vielleicht begegnen wir uns noch einmal -
vielleicht trage ich eine Fahne - - Wollen Sie mich grüssen, welche Fahne ich
auch trage?
    Wollen Sie meine Gedanken lesen? Es sind die Gedanken einer Einsamen: als
ich zehn Jahr alt war, verlor ich meine Mutter, aber ich konnte es niemals
fassen, dass sie tot sei, und ich schrieb ihr Briefe, sagte ihr alles, was mich
quälte und freute. Die Gewohnheit ist mit mir gewachsen. Ich hatte sie, sie,
mein geduldiges Ohr, das liebevolle Ohr der Einsamkeit, was brauchte ich die
Menschen! Sie hörte alles an, was ich ihr sagte, und durch die Jahre alle ist
sie treulich mit mir gewandert und hat sich gewandelt wie ich selbst. Nun werden
Sie verstehn, wer die ist, die ich Mutter nenne.
    Ausserdem hab' ich noch eine Mama; sie ist meine Stiefmutter und kam zu uns
zwei Jahre - später, ich war damals zwölf.
    Dann ist Papa da. - - - -
    Nein, nein, Niemand ist da! Niemand! schon lange, lange nicht mehr. Niemand
ist da, als die Menschheit, und die schwarzen Gewitterwolken, die dicht über ihr
hängen. Ich höre sie donnern.
    Wollen Sie mich grüssen, gleichviel welche Fahne ich trage?«
Welche Fahne? murmelte ich unwillkürlich, indes ich das Briefblatt mit den
schönen schwungvollen Schriftzügen aus der Hand legte, um mit Spannung und
Herzklopfen nach dem Heft zu greifen. Etwas Heisses, Bewegtes quoll mir aus den
knisternden Blättern entgegen, die Tinte schimmerte wie eingetrocknetes Blut.
    Und dann las ich:
    18. Oktober 1887. In Zürich! wahrlich und wahrhaftig in Zürich! Mir sagt es
dieser warme Sonnenschein, die Berge, der See. Mit vollen Zügen trink' ich diese
Luft; ist es nicht die Luft der Freiheit? Alles so heiter, so freundlich, so
verheissungsvoll! Endlich, endlich hab' ich sie, fass' ich sie, die heiss ersehnte
Zukunft! O dass es Wahrheit geworden! Dass solch ein glücklicher Tag noch für mich
aufgehoben war. Ich möchte ihn auftrinken, diesen Sonnenschein, möchte all das
Grau vergessen, all den trüben Nebel, der hinter mir liegt! Ach, sollt es mir
denn nicht glücken? Aber dies ist ja schon Glück!
    19. Oktober. Nein, gestern wusste ich noch nicht, was Glück ist, aber heut'
weiss ich's! Ich war in der Universität. In der Universität! ich! -
    Sie liegt so schön.
    Ueber der Stadt, über dem Rauch der Herde, über dem Dunst der Strassen, über
dem Wagengerassel und dem Arbeitslärm liegt sie ruhig und gross auf einem Berge,
die Burg der Wissenschaft, das denkende Hirn von Zürich! In freudiger Aufregung
bin ich rundum gelaufen, ein paarmal - und dann, dann hab' ich mich schüchternen
Fusses hineingetraut. Es sind noch Ferien, ich durfte ruhig hineingehen über die
breiten Sandsteinstufen. Die Tür war offen, - alles frei und offen auch für
mich! Sogar die offne Tür war mir ein Symbol, das mich entzückte. Hier war ich
einmal kein Frauenzimmer, vor dem man den Schlüssel umdreht, hier war ich ganz
einfach ein Mensch! Ich atmete tief auf vor Freude; ach wie gehoben, wie
gewachsen komm' ich mir vor, seit ich in Zürich bin!
    Und dann ging ich glückselig durch all die langen hallenden Corridore und
Treppen auf und ab. Die Ehrfurcht nahm mir fast den Atem. »Hier wohnt die
Wissenschaft, die lebendige, grüne!« dachte ich die ganze Zeit. Ein paar Türen
standen offen, niemand war in den Hörsälen. Ich ging leise hinein. Es war ganz
schmucklos drinnen und wie ein Schulzimmer, aber über der Tür stand:
»Juristisches Seminar«. Neugierig blickte ich mich um und errötete heiss, als ich
daran dachte, dass ich hier sitzen würde, auf einer dieser Bänke, ein Mensch wie
ein anderer, wie ein Student.
    Mir traten Tränen in die Augen. Aber da standest du neben mir, meine Mutter
und sahest mich gross und freudig an. Ich sah's, du glühtest mit mir vor
Entzücken, du hattest keine Furcht. Da wurde mir auf einmal ganz mutig. Ich ging
auf das Kateder und sah hinunter, und plötzlich war es mir, als hätte ich etwas
zu sagen, viel zu sagen! Und die Bänke füllten sich, und Köpfe blickten mit
emporgewandten Augen nach der Stelle, wo ich stand. Es war wie eine Vision, die
mein Herz fast stillstehn und dann schlagen machte, rasend, zum Zerspringen. - -
-
    Dann bin ich an das grosse Fenster gegangen und hab' hinuntergeblickt auf den
Sonnennebel, in dem die Stadt lag und Berge und See. All das hat mir solch einen
unauslöschlichen Eindruck gemacht. Ich dachte: Dort unten rennt und treibt das
Leben, und wenn sie von dort emporsehn, so steht hier, tronend über allem, die
geistige Arbeit. Und wiederum die Wissenschaft - wohin blickt sie? sie blickt
hinab in das Leben und sucht seine Wege zu ergründen, die sich verschlingen, wie
dort die Strassen vor meinen Augen. Und wie schön war alles von dieser Höhe! Die
Hast, der Kampf, der wilde Drang ausgelöscht durch die Entfernung. Und -
Ausruhpunkte für das Auge - so viele, viele grüne Bäume.
    19. Oktober. Ein Zimmer hab' ich auch gefunden, ein ganz kleines Zimmerchen,
für zwanzig Franken. Eigentlich zu teuer für mich, - vielleicht kann ich später
wechseln. Es ist nur Bett, Waschkommode, Bücherbort, Tisch und Stuhl darin; die
Wirtin sagte mir, mehr als einen Stuhl könne sie mir nicht geben, denn Besuch
dürfe ich nicht annehmen. Ich habe sie mit Lachen beruhigt! Glaubt sie, dass ich
hierhergekommen bin, um meine Zeit mit Besuchen zu vergeuden? Als ich ihr das
sagte, wurde sie freundlicher und erzählte, die Studentinnen seien alle sehr
fleissig. Das glaub ich, sagte ich, wir danken Gott, dass wir endlich arbeiten
dürfen, wozu es uns treibt. »Ja, es gefällt allen hier,« meinte sie und wurde
immer zutraulicher. Sie wird mir auch die Kost geben. Für siebzig Franken. Es
ist fast zuviel für mich, - ich habe ja so nötig zu sparen. Ich habe gerechnet
und gerechnet. Ich werd' es schwer haben; hundert Franken will Mama mir
monatlich zu schicken suchen, - davon müssen auch die Kollegiengelder und die
Bücher bezahlt werden, - neunzig Franken für Zimmer und Kost ist also jedenfalls
zuviel. Warum bin ich nur darauf eingegangen? Ach du grauer Nebel, der du hinter
mir liegst - kommst du mir gleich wieder nachgekrochen, legst dich trüb und
drohend um meinen Horizont? Ich wusst' es ja! ich wusst' es ja gut, dass es schwer
gehn würde. Im besten Fall, also wenn Mama regelmässig schickt, und - darf ich
das hoffen? Und ich hoffe doch!
    Nein, morgen muss ich das rückgängig machen mit der Wirtin; neunzig Franken
sind viel zu viel.
    20. Oktober. Die Wirtin will nicht zurück. Sie besteht darauf, dass ich
wenigstens einen Monat bleibe unter den abgemachten Bedingungen. Ich bin also
gleich wieder kopflos in eine Klemme gerannt. Ich hätte vorher überlegen sollen,
aber das ist so schwer zu lernen! Hast du es gekonnt, Mutter? Ach, warum dann
hast du mir nichts vererbt von deiner Einsicht, deiner Vernunft? Siehst du denn
nicht, dass ich unverbesserlich bin?
    Lieber Gott! ich sollte jetzt reuig über meinen Leichtsinn nachgrübeln, und
statt dessen fühl' ich mich wie auf Flügeln, denn -!
    »Ich bin ja heut beim Rektor gewesen!«
    Mutter, hast du es gehört?
    Hast du es gehört? Ach, was frag' ich viel, ich sah dich ja bei mir stehn,
als ich bei ihm im Zimmer war. Und er so gütig! So einzig freundlich und
ermunternd.
    Er nimmt mich unbesehn!
    Er nimmt mich unbesehn!
    Das heisst vorläufig, auf mein Examenzeugnis als Lehrerin. Im Laufe der
ersten Semester muss ich dann die Matura machen. Und wie gern!
    Als er hörte, dass ich Jus studieren wolle, ward er ein wenig ernstaft. »So,
so! ja, das ist ja vortrefflich! Aber wie steht es denn mit Ihrem Latein?« Als
ich »nicht ganz schlecht« sagte, atmete er auf und wiederholte dasselbe
wohlwollende: »Das ist ja vortrefflich.«
    In zwei Tagen ist die Immatrikulation. Mir ist so feierlich zu Mute, wie
einer armen Seele, die in den Kreis der Unsterblichen geführt werden soll. Der
Rektor hat mir solch einen kleinen Vorschmack von allem gegeben; Tag und Nacht
denke ich nichts andres. Sogar im Spiegel hab' ich mich schon drauf angesehen:
»Du, eine Studentin! eine wirkliche Studentin!« Ich trete gar nicht mehr auf den
Boden, ich bin eigentlich immer da oben, wo es blau ist, zwischen den weissen
Wolken! Da treib' ich mich herum und bin ein kleiner, kleiner Vogel mit
weitausgespannten Flügeln und schwimme, schwimme, stumm vor Freude!
    21. Oktober. Ein Traum. Zu mir in die Stube kommt ein kleines grau und
unscheinbar gekleidetes Mädchen und bittet mich, ob es sich nicht ein bisschen
bei mir ausruhen dürfe. Darauf kauert es am Feuer. »Wer bist du eigentlich?«
frag ich sie, denn sie kommt mir so bekannt vor. Da sagt sie: »Ich bin eine
Lerche.« »Eine Lerche? da kannst du wohl schön singen?« Da wurde sie traurig und
sagte: »Ach nein, das ist es ja gerade!« Und dann flüsterte sie: »Ich bin
gefangen gewesen, hab' lange Jahre im Käfig gesessen. Die Leute hatten mich
gekauft, als sie von der Hochzeitsreise kamen, und ich habe viel Geld gekostet,
aber nachher konnt' ich doch nicht singen.« dabei liefen ihr immer die Tränen
herunter. »Und zuletzt?« fragte ich. Da sagte sie noch leiser: »Zuletzt haben
sie mich absichtlich fliegen lassen, damit ich umkommen soll.« Und ich fühlte,
wie sie sich schämte, dass sie so nichtsnutzig war, und in diesem Augenblicke
erkannte ich mich selbst, mein Gesicht und meine eignen Tränen, - ich wachte
auf, und mein Kissen war nassgeweint. -
    Ich musste mich erst lange besinnen, eh' ich wusste, dass ich in Zürich bin.
    23. Oktober. Die Immatrikulation ist vorüber, ich bin also jetzt akademische
Bürgerin! Sehr feierlich und schön war des Rektors kurze Rede bei der Aufnahme.
Wir mussten versprechen, unsern Studien fleissig obzuliegen, die Satzungen zu
halten, nichts zum Schaden oder zur Unehre der Universität zu unternehmen. Ich
habe mit Begeisterung mein Handgelübde abgelegt. Der Rektor sah mich lächelnd
an, ich glaube, ich habe ihm zu fest die Hand gedrückt. Solche
Ungeschicklichkeiten mach' ich immer. Ich müsste viel, viel ruhiger werden! Die
andern waren es freilich auch nicht: die Studentinnen, die mit mir aufgenommen
wurden, sieben Mädchen, schienen alle aufgeregt. Die Männer sahen ganz
unbefangen und vergnügt aus, - für sie ist es aber auch nicht die grosse Sache,
wie für uns!
    Oh, ich will eine treue Jüngerin der Wissenschaft, eine unerschrockene
Kämpferin für das Recht werden! Ich habe ja dich, meinen unsichtbaren
Schutzgeist, neben mir, dich mit den weissen Rosen im blonden Haar. Immer seh'
ich dich so, nickend, lächelnd, ermutigend, tröstend! Oh, meine geliebte Mutter,
du wirst meine Mitstreiterin sein!
    24. Oktober. Heut bin ich in aller Frühe auf den Zürichberg hinauf. Wie
wonnig es dort war! Ein voller Sommertag. Der Himmel lacht durch die zitternden
Zweige der Birken und in tieferem Blau durch die Lücken der schwärzlichen
Fichten. Der frische Morgenwind schnellt den Tau von den bebenden Halmen, im
Grase leuchten noch Blumen, blasslila Skabiosen, dunkle Prunellen, und dicht die
Brust an den Boden gedrückt, sah ich eine grosse weisse Strahlblume, silberweiss,
eine kleine Sonne auf Erden! So möchte ich an die warme mütterliche Erde
gedrückt daliegen und mein Herz der Sonne öffnen, wie einen goldenen Kelch
........
    Zuweilen fiel ein gelbes Blatt, und wie leises Rieseln stäubten die dürren,
braunen Kätzchenschuppen der Birken. Zwei weisse Schmetterlinge fliegen herbei,
nähern sich einander, suchen sich, haschen sich, nun sind sie ganz nah - - da
fährt ein stärkerer Luftauch von Norden daher und drängt sie auseinander. Ich
sass dort oben und sah so vieles. Das ist nicht mehr die beglückte, stille
Sommerwärme, das tiefe Ruhen und Blühen: ein schärferer Zug geht durch die Welt,
eine Unruhe, eine Bewegung, als sei noch viel zu tun. Kein braunes Grasblütchen
steht still, kein Sonnenfleck, kein Blattschatten bleibt auf der Stelle. »Weile!
weile!« ruft der süsse Sommer, »rege dich! treibe dich!« ruft der heutige Tag!
Und mein Herz klopft und meine Hand zittert, und ich springe auf, als sei auch
für mich gleich viel, viel zu tun! Gedanken - Pläne sausen mir durch den Kopf -
Nein nein! ich bin keine Sonnenblume mehr, die am Boden liegt und träumt - - das
ist vorüber, vorüber.
    28. Oktober. Heut ist also der grosse Tag, heut geh' ich zum erstenmal ins
Kolleg! So früh hat's mich aus dem Bett getrieben - es ist noch dunkel, meine
Lampe brennt, ich bin ganz fertig schon, aber es sind noch fast zwei Stunden.
Schon lange hab' ich am offnen Fenster gesessen, die Luft kam weich und
regenschwer, wie Frühlingshauch herein; der Mond scheint trübe - jetzt hat er
mir eine Fratze geschnitten, es hat mir fast gegraut! - -
    Oh, so andächtig erwartungsvoll war mir noch nie. Immer tönt mir eine Stimme
im Ohr: »Was wir nicht errungen, doch erstrebt, - was uns nicht zu teil geworden
ist« - - Nein, es ist nicht deine Stimme allein, meine Mutter, viele
Frauenstimmen sind es, klagende und triumphierende!
    »Was wir nicht errungen, doch erstrebt - was uns nicht zu teil geworden ist
- -« Aber den Schluss hör' ich nicht, - wie angestrengt ich auch horche. Weiter!
wie geht es weiter? Redet weiter, ihr lieben Schwesterstimmen! Nicht wahr, ihr
wünscht mir Gutes, ihr Abgeschiedenen? Was euch nicht zu teil geworden ist, -
ich soll es - soll es erreichen? Oh, heut ist mein erstes Kolleg! Triumphiert
mit mir, ihr Lebenden, klagen will ich mit euch, ihr Gestorbenen, denen »nichts
zu teil geworden ist« - von dem »was ihr erringen und erstreben gewollt« - -
nein, ich kann nicht klagen, heute nicht! Es wird hell! es wird Morgen! Heute
ist mein erstes Kolleg! -
    30. Oktober. Nach den ersten Kollegien.
    Was ich gelernt, gelesen, gedacht, - all' das zerfliegt wie leere Spreu! Ich
bin so unwissend! ich bin so weit zurück! ich bin so schlecht vorbereitet! Ich
bin so dumm! so kindisch dumm!
    Ich soll mit blossen Füssen auf scharfen Dornen gehn! Harte Tatsachen starren
mir entgegen, wo ich von himmelhohen Gedanken träumte! Ist die Wissenschaft so
etwas Plastisches? Konkretes? Aber das hab' ich ja gar nicht gewusst!
    Im Rechtsleben, hab' ich gedacht, kommen etische Ideen zum Ausdruck, aber
es scheint gar nicht wahr zu sein! Es scheint sich mehr um Gebräuche, als um
Gedanken zu handeln? Ich glaube, die Menschheit als Ganzes denkt, fühlt viel
humaner, als die Gesetze es verlangen. Sie scheinen mir überholt, ausgewachsen,
ihr Wortlaut mittelalterlich roh. Und wenn ich sie mit den Jesusworten
vergleiche, mit dieser unendlichen Zarteit der Empfindung, des Gewissens, die
in jenen Lehren liegt, die vor 1900 Jahren ausgesprochen worden, so finde ich -
-
    Ach, ich bin ein dummes Kind! wen kümmert's, was ich finde!
    Und doch, - es scheint mir, dass auch ich sagen muss - - helfen muss - - -
    20. November. Lange nichts hier eingeschrieben. Ich bin ja zu verwirrt von
all dem Neuen. Dumme Sorgen kommen auch dazu, die dümmsten, elendesten Sorgen,
die der Mensch sich machen kann, die um das nackte Leben! Das heisst, ich mache
sie mir nicht, sie zwingen sich mir auf, leider. Mama schreibt sehr kurz; -
neulich hat sie mit Papa meinetwegen eine heftige Szene gehabt. Er hat sie
gefragt, ob sie wisse, wo ich mich aufhalte. Mit drohender Miene. Sie hat nein
gesagt. Sie tut mir so furchtbar leid! Ich bin es, die sie zu lügen zwingt,
ich, die ich so leidenschaftlich gern ehrlich und wahr durch die Welt gehen
möchte. Es wird ihr sehr schwer, schreibt sie, das Geld für mich unbemerkt
fortzuschicken. Ach, wenn ich es doch nicht brauchte! Manchmal, beim Essen, habe
ich solch ein erstickendes Gefühl im Halse, - das abscheuliche, dumme Essen
kostet am meisten! Wenigstens hab ich ein billigeres Zimmer jetzt, nur sechzehn
Franken! Es liegt sogar freier als das vorige. Zum Mittagessen geh ich fort,
abends genügt ja Brot und Milch vollkommen. Ach, es ist doch viel, was ein
Mensch zum Leben braucht, unglaublich viel. Man ist immer von neuem hungrig, und
doch hätte man das Geld für soviel wichtigere Dinge nötig. Ich müsste mir so
viele Bücher kanfen, ich habe ja so unübersehbar viel zu lernen, nachzuholen!
    Ach, und wenn man doch Zeit kaufen könnte, das wäre noch schöner! Nur ein
paar Jahre nicht vom Flecke gehn, nicht älter werden, bis man ein bisschen klüger
geworden ist. An welcher Stelle wird die zeit vergeben? Wo soll ich darum
bitten?
    Manchmal überläuft's mich ganz heiss, wenn ich denke, wie ich ewig im
Provisorium stecke, und ich sehe mich um, ob es den andern auch so geht. Und
dann scheint mir: ja! Unser Aller Leben ist ein Provisorium.
    Aber soll es so sein? Soll das Leben vergehen, wie etwas Vorläufiges? Immer
bereiten wir uns vor! Wozu? Den Glauben an die Unsterblichkeit haben wir
aufgegeben, aber nun betragen wir uns, als lebten wir ewig auf der Erde! Ich
nicht. Mir ist so angst oft. Aus allen Ecken ruft es: »schaffe so lange es Tag
ist, es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.« Der Ruf raubt mir den Schlaf.
Und ich fahre auf, und - vertiefe mich in meine Bücher! Was hilft es, dass ich's
fast lächerrlich finde, ich kann ja sonst nichts tun. Ich muss ja aufnehmen, nur
immer aufnehmen, ich bin ja nur eine Elementarschülerin, von der hintersten
Schulbank.
    2. Dezember. Tage und Tage schon steht ein milchweisser Nebel über der Stadt
und dem See, - eine reiche Schneesammtdecke überkleidet Wiesen und Weinberge.
Dazu ein milchweisser Himmel, lautlose Stille, balsamduftende Frische. Kein
Sonnenstrahl, kein Wind. Alles ganz wie in meinem Kopfe jetzt. Da ist's auch
nebelig und still. Ein gedämpftes Zuwarten. Aber wenn nicht die Sonne irgendwo
dahinter steckte, so wäre ja der Nebel grau und schwarz wie bei uns in Hamburg!
    Nein, nein! Wohl kommen Stunden, wo ich mich erschrocken umsehe und frage:
wo ist meine grosse Freude geblieben? Aber dann, auf einmal, ein interessantes
Wort im Kolleg, ein weiter Gedanke, der mir ein grosses dunkles Feld mit
flüchtigem Blitzlicht erhellt, und ich erkenne alles, wie es ist. Meine schöne
Freude ist nicht vergangen, sie hat sich nur in viele viele Perlen zerteilt, wie
das Quecksilber, wenn man's ausgiesst. Und die Perlchen verschlüpfen, verkriechen
sich wohl in das einförmige weisse Gewebe des Tags......
    20. Dezember. Jetzt kommen Weihnachtsferien, morgen ist zum letztenmal
Vorlesung, Viele sind schon verreist. Es ist eigentümlich - ich stehe ganz so
isoliert hier, wie ich immer in der Schule stand: Niemand spricht mit mir, und
ich spreche mit niemand. Ich bin scheu, ich geniere mich, ich weiss ja nicht, ob
es jemand gern sähe, wenn ich ihn anredete. Aber die Einsamkeit drückt mich
zuweilen, und wenn ich es wagte, bäte ich wohl einmal jemand um Rat bei meinen
Studien. Wenn ich es wagte! Nein, sie sehn alle so sicher und sorglos aus - es
geht nicht. Und die einzige Studentin, die mit mir hört, ist so eilig immer und
grüsst nie, nicht einmal dazu nimmt sie sich Zeit. Das wäre doch Sünde, die noch
zu stören.
    - Weihnachtabend. Ist es wirklich Weihnachtabend? Kein Zeichen sagt es mir,
ausser dem dunklen Tannenkranz, den ich eben um dein geliebtes Bild gewunden
habe, meine Mutter! -
    Es ist im Hause wie alle Tage. In der Küche rasselt meine Wirtin mit Kesseln
und Deckeln; heute Morgen hat sie mir ihr Herz ausgeschüttet. Ihr Mann hat sich
vor zwei Jahren das Leben genommen und zwar, wie sie sagt, um sie zu ärgern,
denn die Versicherungsgesellschaft hat ihr nichts ausbezahlt, da der Mann durch
Selbstmord geendet. Nun hat sie einen Prozess und möchte von mir Rat wissen. Es
war ein sonderbares Weihnachtsgespräch; so entsetzlich abstossend erschien mir
diese Frau, die kinderlos und nicht ganz arm, mit funkelnden Augen, die
lebendiggewordene Habsucht, von dem »schönen Gelde« und dem »schlechten Manne«
sprach, der sich erhängt hatte, damit sie nichts bekomme. »Sie sagen noch, ich
hätt ihn dazu getrieben, ich hätt ihn nicht gut behandelt,« krächzte sie, und
ihr eigentlich hübsches Gesicht wurde zur Grimasse. Ich wollte, sie hätte mir
das nicht erzählt; sie ist mir ganz zuwider geworden, ich möchte so bald wie
möglich ausziehn. - -
    Und nun sitze ich und lese im römischen Recht und lese vom Erbrecht! Man
kann es ja wohl bewundern, diese Subtilitäten alle, diese feinsten
Ausgestaltungen des Eigentumsbegriffes, aber sich dafür begeistern, es schön und
wünschenswert finden als die Grundlage der menschlichen Beziehungen
untereinander - nein, das scheint mir unmöglich! Ueberall zwischen den Blättern
sehe ich habsüchtig, eigensüchtig funkelnde Augen, und Finger, zum Behalten, zum
Greifen gekrümmt, strecken sich daraus hervor. Jeder Buchstabe krümmt sich zur
Kralle. Ich mag nicht mehr! Heut abend nicht. Ich muss das Buch zuklappen und
meine Gedanken wandern lassen - es sind ja Ferien jetzt! Das Fest der Liebe!
    Ach, wo ist die Liebe?
    »Jeder für sich! Jeder für sich! Jeder für sich!« so hämmert's mir im Kopf.
Jeder für sich! Oh die traurige Welt! Das ist sie ja, die Welt von heute, die
Welt des Egoismus, die Welt der achselzuckenden verbrecherischen
Gleichgiltigkeit, die Welt der gähnenden Langeweile einerseits, die Welt der
Hirn und Blut verspritzenden Frohn auf der andern Seite! Die Welt, wie jene sie
gemacht haben, die bis jetzt regierten durch Benutzung der rohesten tierischen
Triebe.
    »Jeder für den andern!« das wäre die Welt, wie ich sie wünschte! das schöne,
heitere, entusiastische Dasein, wie ich es für eine zukünftige glücklichere
Menschheit träume!
    Es ist so hässlich, für sich selbst zu sorgen, sein Recht verlangen, für sich
selber kämpfen, alle verliehenen und ausgebildeten Kräfte für sich selbst
verwenden, - so abstossend und so langweilig! Es ist so schön, alles das für
andre einzusetzen, es ist so begeisternd, es leiht Riesenkräfte. Und gewiss, ich
fühle es tief hier innen: es ist der einzige Weg zum Glück. -
    25. Dezember. Ein Brief von Mama, aber vom Fest steht wenig darin. Sie
schreibt, ich würde hoffentlich das Glück finden auf meinem selbstgewählten
rauhen Wege. »Es gibt Menschen,« sagt sie, »die dort grade ein Vergnügen
finden, wo die gesunden und nicht verschrobenen Leute, wie zum Beispiel ich, nur
unnütze Erschwerungen und Unannehmlichkeiten sehn.« Dann wünscht sie mir »ein
frohes Fest« und schickt mir ein schwarzes Spitzentuch. »Dein Papa ist in einer
Bärenlaune, und wir haben auf nicht gerade angenehme Feiertage zu hoffen.« Arme
Mama! Ich weiss ja nur zu gut, wie es sein wird. Ein Weihnachtsbaum bis zur Decke
und darunter gelangweilte oder gleichgiltige oder übellaunige Gesichter, - eine
Menge Kuchen, Vormittagsvisite mit Portwein, - Gäste zu Mittag -
Mockturtelsuppe, Gans und Karpfen - viel Rotwein - Toaste auf alle
Familienglieder, - auf die »holden« Damen, - sattes Herumsitzen in den
Schaukelstühlen und Sofaecken und nie ein Wort, ein gutes, frohes Wort, ein
warmes, inniges Wort, das man inwendig weiter spürte!
    Ist es nicht traurig, dass es so wenig warme Plätze gibt in der Welt, und
dass es die meisten von uns beständig in der Seele friert oder doch fröstelt? Die
Familie sollte solch eine warme Stelle sein, aber das ist nicht mehr. Es ist nur
noch ein Ort, wo die Menschen zusammenkommen, um zu essen und zu schlafen. Ihre
Gedanken sind meilenfern von einander; sie leben sich nicht zur Freude, nur zur
Last. Der Herd ist zerschlagen, ist entweiht. Ich bin gegangen, und ich bin
dessen froh, alle Tage. Die Konvention, die Schablone, die Heuchelei hätte mich
dort erstickt.
    Aber so schön glänzt das alles auf den alten Bildern, dass er uns noch
ergötzt, wenn auch nicht mehr erwärmt, der ferne fremde Feuerschein! -
    27. Dezember. Nun hab' ich meinen Weihnachtstag doch noch gehabt. Ich war
dben im Walde im tiefen Schnee. Ach, wie das herrlich war! Geheimnisvoll und
dämmerig am helllichten Tage. An den hohen Fichten, die wie eisgraue feierliche
Wächter am Rande stehn, waren die Reifverbrämungen von Ast zu Ast
zusammengeschmolzen und hingen nun so in grossen, schweren, unbewegten Massen,
ernst, schweigend, nicht das kleinste Lüftchen rührte daran. Scharf abgezirkelt,
wie ein bleicher Vollmond stand eine weissliche Sonne am weissen Himmel, eine
grosse blanke, strahlenlose Scheibe, in die man furchtlos die Augen versenken
konnte. Ich stand am Waldrand und sah das schöne Limmattal im weissen Nebel
verdämmern, Melancholie und Träumerei beherrschten die versteinte Welt.
Unsichtbare Vögel, unsichtbar in den dichtverschneiten Zweigen gaben schwache,
träumerische, verhaltene Laute von sich. Wie starre Korallen standen die
niederen Gesträuche am Bergeshang, und plötzlich war mir, ich gehe auf dem
Grunde des Meeres und sehe sie dort wachsen, abenteuerlich und vielgestaltig,
die Korallen.
    Ich ging und ging und dachte: ja, wie auf dem Grunde des Meeres; so
abgetrennt und verschollen, allein, kaum noch lebend! Wie lange hab' ich mit
niemand gesprochen. Meine eigne Stimme ist mir fremd geworden.
    Der Nebel um mich stieg langsam höher und höher, schon verhüllte er den Weg,
den ich eben gegangen. Aber nun ward das Gefühl der Einsamkeit köstlich, trotz
eines leichten Grauens. Ich spürte heftiges Herzschlagen, und es zog mich wie
mit Armen immer tiefer in den Wald, über den der Nebel ganz heraufrückte, als
gelte es, das Geheimnis zu verhüllen, das zwischen den lautlosen Bäumen lagerte.
    Eine Offenbarung wollte mir werden, ich fühlte es.
    Ich blickte zur Sonne hin, ich suchte sie zwischen dem weissverwirrten
Astwerk, da - plötzlich glühte sie auf wie eine Rose, der weisse Nebeldunst
färbte sich warm, aus der Rose sprühten zuckende Funken, Flammen schlugen über
den Himmel hin, lohten und stiegen empor, verklärt und verklärend, - - eine
unbeschreibliche Glückseligkeit durchdrang mich - - Worte umklangen mich, - -
kühne, unbegreifliche, und so wie aus weiter Ferne, aber mit hellem,
hinreissenden Ton, - - Worte, die ich nun wieder suchen muss, mein ganzes ferneres
Leben lang!
    »Ein neuer Morgen für die Menschheit« - »ein neuer Morgen für die
Menschheit« - - oh, wer dürfte diese Worte vollenden, ohne zu zittern, - oh,
wessen Lippen sind rein genug, sie ohne Zagen auszusprechen!
    1. Januar 1888. Zum erstenmale schreib' ich die neue Zahl. Sie sieht
gutmütig aus, scheint mir. Ach, ich kann es brauchen, ich bin so bekümmert und
so unsicher, was ich tun muss! Diese Begegnung mit Fräulein Bernburg und ihre
Zurechtweisungen alle - ich bin also auf ganz verkehrtem Weg und habe dies
Semester vollständig verloren! Schrecklich! Schrecklich!
    »In den Ferien gedenken Sie sich auf die Matura vorzubereiten? Sie scheinen
also nicht zu wissen, was alles dazu gehört? Können Sie zum Beispiel über das
Nervensystem der Ameisen etwas Zusammenhängendes sagen und die Geschichte auch
an die Tafel zeichnen? Na, und Trigonometrie? Die haben Sie noch nie gehabt? Ja,
was denken Sie denn aber, dass Sie da nur so eins, zwei, drei in den Ferien
hineinspringen können? Sind Sie denn sonst in matematisches Genie? Ich kann
Ihnen nur raten: geben Sie die Vorlesungen auf, die helfen Ihnen noch gar
nichts, nehmen Sie Privatstunden, setzen Sie sich energisch dahinter, und seien
Sie froh, wenn Sie in einem Jahr Ihr Maturitätsexamen machen können, das kommt
Ihnen sonst nur alles durcheinander. Ich weiss, wie's mir geht! Sie sind
immatrikuliert, aber wozu?«
    Sie hat's also auch noch nicht, und trotzdem studiert sie schon. Wenn ich
nur nicht so schüchtern - dumm wäre, hätte ich sie gefragt, warum sie mir so rät
und sich selber anders; aber es ist doch gleichgiltig; mir scheint, ihr Rat ist
vernünftig. Wäre er nur früher gekommen! Zeit und - Geld verloren, und ich habe
so wenig von Beidem! Nein, die Kollegien besuch' ich nach wie vor, es ist keine
Gefahr, dass ich alles wieder vergesse, - ich glaube nicht. Privatstunden kann
ich erst später nehmen, die sind zu teuer! Nein, ich muss mich allein
vorbereiten. Aber ich habe die Sache wirklich zurückgeschoben, vernachlässigt,
und ich hatte doch extra dem Rektor versprochen, die Matura bald zu machen. Wie
ist nur das gekommen? Ich schäme mich so! Nein! vom Nervensystem der Ameisen
weiss ich so gut wie nichts - oh Gott! Aber das kann man ja lesen, das kann man
ja lernen. Es ist ja auch sehr interessant! Aber man wird doch nicht nach den
Ameisen allein gefragt - es gibt ja entsetzlich viele Tiere! Und dann -
Pflanzenphysiologie, sagt sie? Ich habe keine Ahnung! Und alles ginge noch gut,
alles, wenn nur die Matematik nicht wäre. Latein erschreckt mich kein bisschen,
Geschichte geht auch, aber Trigonometrie! Wo soll ich anfangen? Himmel, all die
verlorene Zeit! Und die Nervensysteme aller Tiere? Aller? Es gibt doch so
viele! Nein, wie entsetzlich! Zum Lehrerinnenexamen hat man so wenig
Naturgeschichte gefordert. In unsern dummen Mädchenschulen lernt man ja nichts.
    Ein Jahr! ein ganzes Jahr für diese Vorbereitung! Macht andertalb mit
diesem verlornen Semester! Es ist zum Verzweifeln. Und die gequälte Mama, die
kaum vor Papa verbergen kann, dass sie mir Geld schickt. Einmal wird er es
erfahren, und dann ist's aus! Was ich dann tun soll -? - Nein, noch will ich
nicht daran denken, sonst verliere ich die Energie. Das ist ein trauriger Anfang
für das neue Jahr.
    Ja, warum haben wir eigentlich keine Schulen, wie die Knaben? Warum fertigt
man uns unglücklichen Mädchen ab mit einer Vorbildung, bei der wir weder leben
noch sterben können? All die grossen Gymnasien mit den unzähligen Zimmern, und
kein Plätzchen darin für ein Mädchen, das etwas lernen möchte! All die mächtigen
wissenschaftlichen Anstalten, all die uralten berühmten Universitäten, und
nirgend ein Raum für uns Armen!
    Nur hier! nur hier! Oh wie ich dich liebe, du einziges, teures, gerechtes,
liebes Schweizerland! Ich möchte deinen gastlichen Boden küssen, der auch für
uns arme Mädchen Gastlichkeit kennt! Hier lebe ich! hier darf ich ein wirklicher
Mensch sein! Alle Erfolge der Wissenschaft, alle neuen genialen Entdeckungen und
Erfindungen, die daheim nicht für uns Frauen in Betracht kommen - hier hab' ich
Teil daran, obgleich ich nur ein Mädchen bin. Hier sind mir mitgerechnet. Oh wie
ich dankbar bin!
    Ich hab' es schon als Kind gefühlt, wie ungerecht man uns behandelt. Mit
wieviel Hohn. Unser Aufsatzlehrer hatte diese Phrase: »Frauen sind Kinder, die
lernen doch nichts!« Als ich es zum erstenmale hörte, wurde mir sehr heiss, ich
bekam vor Zorn und Scham Herzklopfen, ich musste tief auf mein Buch sehn, - und
so grenzenlos wunderte ich mich: »Warum sagt er das? Kinder? Ewig Kinder? Wieso
denn? Alle Frauen?« Wir hatten grade Iphigenie gelesen; wo ich ging und stand
sah ich eine herrliche weisse Priesterin vor mir, ganz in Licht, so gross und so
gut. War Iphigenie auch nur so ein Kind, das nichts lernen kann? Und die
Prinzessin im Tasso? Und Dorotea? Beim Mittagessen - ich weiss es wie heute, -
ward Papa böse, weil ich ganz verkehrte Antworten gab. »Schläfst du?« rief er
dicht an meinem Ohr. »Nein,« sagte ich, ganz erschrocken. »Was steckt dir denn
im Kopf? Gleich sag, woran denkst du so vertieft?« »An Iphigenie,« sagte ich
noch erschrockener. Da kopfschüttelte er, warf die Gabel hin und seufzte
schrecklich. Es war ein trauriges Mittagessen. Mama war auch sehr ungehalten,
ich weiss nicht weshalb. Aber ich konnte eigentlich nicht dafür, ich dachte noch
lange vor dem Einschlafen an Doktor Reinsdorf und an Iphigenie. -
    Er sagte den Satz bald wieder. Ich sah sein Gesicht an dabei! Es war ganz
verkniffen, und in seinen Augen spielte eine böse Flamme. Er sagt es, um uns zu
ärgern, dachte ich, er glaubt es selber nicht. Wir waren vierzehn Jahr alt und
konnten uns nicht wehren. Wir sprachen nicht darüber in der Klasse, aber wir
fühlten es wohl alle, wie er uns behandelte.
    Ich träumte davon, dass ich ihm das nächstemal sagen wollte: »Wenn wir nichts
lernen können, warum quälen Sie sich mit uns ab?« Aber ich wäre wohl eher
gestorben, als dass ich es gesagt hätte.
    Dann bekam ich unvermutet von Onkel Wilhelm Geld zu Weihnacht und kaufte mir
heimlich Shakespeare dafür. Papa und Mama durften nichts wissen, nur dir, meine
süsse Mutter, erzählte ich alles, und du schaltest mich nicht. Weisst du, wie ich
dir von Cordelia und Desdemona, von Imogen und Beatrice geschrieben hab? Wie ich
dir gesagt hab, glückselig, frohlockend: »Doktor Reinsdorf weiss gar nichts von
Mädchen, - Goete und Shakespeare, die wissen es!« - Später dann hab' ich
gesehn, dass sehr viele Männer denken und sprechen wie unser Aufsatzlehrer, und
dass ihre Handlungsweise ihren Reden entspricht. Sie wollen alles für sich
behalten und sagen deshalb: »Frauen sind Kinder, lernen doch nichts! Keine
Schulen für sie! keine Universitäten für sie!« Und dabei sind ihre Gesichter
verkniffen, und Bosheit und Hohn blitzt in ihren Augen.
    Ich aber habe nicht aufgehört und will nicht aufhören, mich an denen zu
trösten, die es besser, die es einzig gut wissen: an den grössten Dichtern aller
Zeiten! - -
    Was nützt mir nur mein Lehrerinnenexamen? Ich habe hundertfünfzig
Gesangbuchlieder auswendig gelernt. Ich habe sehr viel Kirchengeschichte gehabt.
Auch sehr viel preussische Geschichte! Vielleicht erlaubt man mir bei der
Maturitätsprüfung statt Differentialrechnung die hundertundfünfzig Gesänge
aufzusagen und statt über das Nervensystem der Ameisen über irgend eine Synode
zu sprechen? Einen Wert müssen die Sachen doch haben, da man sie uns so eifrig
beigebracht hat!
    »Was man nicht hat, das eben brauchte man, Und was man hat, kann man nicht
brauchen!«
12. Januar. In der strahlenden schneeblauen Beleuchtung gehen die Menschen umher
wie kranke, gelbe Schatten, wie Gespenster, so, als ob sie gar nicht
hineingehörten. Es schneit immer noch, aber dabei schleicht langsam die Sonne
über den Schnee. Mir ist so sonderbar schläfrig und gleichgültig, ich möchte
mich unter die weissbehangene Hecke ducken, das Kleid überm Kopf, wie ich es als
Kind so gern tat und schlafen - schlafen - bis wieder die Schneeglöckchen
läuten.
    Wenn wir uns bequemten, zu tun wie die Bären und Fledermäuse, so einen
langen, dauerhaften, ununterbrochenen Winterschlaf hielten - wieviel Spannkraft
könnten wir aufspeichern! Schlafen, schlafen und dann - im ersten Frühlingssturm
wach' ich auf, schüttle mir die dürren Blätter aus dem Haar und den Schlaf aus
den Augen, springe auf die Füsse und - hui - wie der Wirbelwind den Hügel hinab!
Die Beine sind noch etwas starr, die Gelenke eingerostet, die Stimme will nicht
jauchzen, wie sie soll. Denn jauchzen soll sie, laut und gell! und alle grünen
Grasspitzen, die sich aufrichten, küss' ich im Vorüberrennen, und der Sonne werf'
ich Kusshände zu und bin ganz geblendet und närrisch vor Freude!
    Und nun erst die Menschen! Alle alle hab' ich lieb! Alle kenn' ich sie! In
allen schlägt mein eignes Herz! Und alle sind sie wie ich, verwundert, fröhlich
über die Massen, geblendet, närrisch und liebevoll.
    Guten Morgen, guten Morgen, ihr aufgewachten Seelen! Wie fühlt ihr euch?
Gelt, die Welt ist schön? Alles neu, alles wieder geschenkt, und wir alle so
jung! Die Aeltesten von uns gleich jungen Kindern! Da fliegt ein Zitronenfalter,
habt ihr gesehn? Ha, wie die schwarzen Wolken rasen und der Regensturm über das
grüne, spriessende Gras schmettert! Heissa! wie schön! Sengende Sonne und
tiefblauer Himmel, schräger, schimmernder Regenfall, flatterndes, drohendes
Gewölk - alles untereinander, das bin ich! Welt, ich bete dich an! Frühling, du
bist mein Geliebter! Oben tanzen leuchtend die Sterne vor Lust, und drunten
schlingt sich über die Ebenen, über die Hügel der frohe Menschenreihn, der
Frühlingsreihn, das Fest der Auferstehung, das Fest der auferstandenen Kraft und
Liebe!
    Oh so könnte es sein, wenn wir den Winterschlaf hielten, statt in dem
strahlenden Schneeblau herumzuwandern, vermummt und verschnupft, wie kranke,
gelbe Gespenster, und wenn das Fest der Erneuerung kommt, müde und
stubenverhockt und verständnislos das langersehnte Wunder an uns vorüberziehn zu
sehn, das nur die Unmündigen noch bejauchzen und die Narren!
    Ende Januar. Heut Morgen war ich, unbefugter Weise, im botanischen
Laboratorium. Ganz zufällig, aus Neugier bin ich hineingeraten, da die Tür des
Vorzimmers weit und einladend offen stand, und niemand drinnen zu hören war. Es
hat mir so unmenschlich gut gefallen, da drinnen. Ich kam um acht Uhr in die
Universität, kaum recht aufgewacht. Es war so stillkaltes Wetter, Nebel um alle
Berge, nicht einmal der Uetli zu sehn. Die vielen Nadelbäume standen da wie
schwarze Säulen, die dünnen schaudernden Birken sahen aus wie die Schatten ihrer
selbst, eisgrauer, pulvertrockener Schnee lag auf den Rasenplätzen, der
Springbrunnen vor der Universität war eine Fontäne aus Eiszapfen, und die rote,
zierliche, pfeildünne Kirchturmspitze - es ist die Predigerkirche - schwamm
undeutlich im kalten grauen Dunst.
    Ganz verlassen sah die grosse Eingangstreppe aus, denn der Nachtwind hatte
den alten, grauen Schnee auf ihren Stufen hoch aufgehäuft.
    Ich kam in unser Auditorium und fand an der Tür den Zettel vom Professor,
dass er heiser sei. Fröstelnd, unbehaglich und verlassen strich ich auf dem
kalten Korridor umher, wo noch die Hängelampen brannten und die Studierenden
lautlos und gähnend ihre Ueberröcke und Mäntel ablegten. -
    Da sah ich die offene Türe zum Laboratorium, und es schien mir verlockend,
hinein zu gehn. Im Vorraum hing zwar ein dicker Mantel und eine Pelzkappe, aber
im Saal, dessen Glastüren eben so gastlich offen waren, sah ich doch niemand,
zum Glück. Ich ging auf den Zehen hinein. Eben wurde es hier ordentlich hell, es
gab auch grosse Fenster genug, an zwei Seiten. Vor den langen Arbeitstischen an
den Fenstern standen einladend die kleinen, gelben Hocker, - oh wie gern hätte
ich mich dort mit hingesetzt! In der Mitte des Raumes neben einem eisernen
Pfeiler stand ein Arbeitstisch, über dem eine Gasflamme brannte, und auf der
Gasflamme kochte etwas, es brodelte traulich in einem Glasgefäss, das in einem
Topf mit Wasser hin und her wackelte. Ein Hauch von Morgenfrische und Regsamkeit
füllte den ganzen Raum. Auf den Tischen, unter Glasglocken und in Glaskästen vor
den Fenstern wuchs allerlei Grünes, auch Aquarien sah ich von verschiedenen
Grössen, und alles ward grüner im heller werdenden Licht.
    Plötzlich bemerkte ich, dass jemand hereingekommen war, er an einem Schrank
herumschloss und nun mit einer Ladung Mikroskope im Arm von einem Platz zum
andern ging und die Mikroskope verteilte. Er putzte und wischte daran und grüsste
mich stumm, ohne sich zu wundern. Ich wollte mich flüchten, aber da kamen
mehrere Studenten und Studentinnen herein, und auch sie schienen sich nicht zu
wundern, dass ich da war. Ich sah zu, wie der Herr, jedenfalls der Assistent, nun
vor jeden Platz zwei Wassergläser stellte und sie vorsichtig füllte, voll
Selbstvorwurf den Kopf schüttelnd, wenn ein Tropfen nebenbei auf den Tisch fiel:
er wischte ihn auch sofort mit einem Tuche fort. Inzwischen waren schon soviele
Praktikanten da, dass es summte, wie in einem Bienenschwarm; sie liefen umher mit
ihren Schlüsseln, um die Schiebladen zu öffnen und Objektträger und
Präparirnadeln herauszunehmen. Der Professor war auch schon da, nach rechts und
links nickte er, und das buschige Haar bewegte sich dabei um das dunkle,
eigentümliche Gesicht mit den lebensprühenden Augen. Er rauchte noch schnell
eine Zigarre fertig, während er neben der grossen Tafel stand und tüchtig daran
wischte. Eben wollte ich ihn um Erlaubnis bitten, ob ich bleiben dürfe, als auch
die junge Frau Professorin erschien, von der ich schon wusste, dass sie seine
Assistentin sei. Sie sah sehr lieb aus, eine rundliche, kleine, blonde Dame,
rotbackig von der Kälte, mit so freundlich bereitwilligen Augen, dass ich mein
Anliegen gern bei ihr vorbrachte. Sie sagte sogleich ja und wies mir einen Platz
an. Ich hörte und sah sehr viel Interessantes diese Stunde, aber das Ganze war
als Ganzes schön, und einzig gefiel mir die Professorin-Assistentin, die überall
am schnellsten entdeckte, wenn ein Student oder eine Studentin nicht weiter
konnte oder eine besondere Auskunft wünschte. Dann, sofort war sie da, und ihre
immer streng wissenschaftlichen Erklärungen wurden wahrscheinlich mit nicht
geringerem Interesse angehört, weil sie von einem so frischen, jugendlichen,
roten Munde kamen!
    Und so viele, viele Menschen haben keine Ahnung davon, dass dieses Schöne
existiert, und so viele, viele Frauen glauben, es sei etwas Unnatürliches,
Unpassendes, wohl gar Ungehöriges, die Frau im wissenschaftlichen Beruf! Wie
schade für sie selbst! Könnte ich sie doch alle herrufen in das botanische
Laboratorium! -
    »Die Frau gedeiht ausschliesslich in der Familie«, sagen diese. Aber, - ist
sie denn so herrlich gediehen? Ist sie nicht grade in der Familie verkümmert?
zwergwüchsig geworden? Der Mann entzieht sich dem Druck und Zwang der endlosen
Kleinigkeiten, - er muss ja auch draussen auf die Geldjagd gehn, das begreift
selbst die Beschränkteit! - die Frau aber erstarrt darin, nimmt alles
Nebensächliche für die Hauptsache und schätzt das Wesentliche gering. Das Urteil
wird gefangen, der Horizont durch lauter Nichtigkeiten verhängt. Hinaus! Hinaus!
Wir haben so lange »im Familienkreise« gehockt, dass wir kurzsichtig wie die
Schnecken geworden sind, und furchtsam überall unser Dach mitschleppen möchten.
-
    17. Februar. Es gibt hier ein Sprichwort: »Es kann Einer seinem Heu Stroh
sagen«, dass heisst, mit seinem Eigenen nach Gutdünken verfahren.
    Ja, so haben sie mir getan daheim. Sie haben mir nur Stroh gesagt, sie
haben mich wertlos gemacht vor sich selbst, vor mir selbst, vor allen, die mich
kannten.
    Warum?
    Weil ich anders bin als sie!
    Aber heisst denn anders sein immer schlecht, wertlos sein?
    Sie fahren noch jetzt damit fort. Mama schreibt mir heute: »Papa spricht von
dir in Ausdrücken! Und ich selber muss dir sagen, dass ich deine Schrullen niemals
billigen kann. Ich sage absichtlich Schrullen, um dich nicht zu kränken. Aber
geh sie in Gedanken durch, die Mädchen unseres Kreises, deine Schulfreundinnen -
sie alle sind längst gut versorgt, haben schon zum Teil Familie, machen ihren
alten Eltern Freude!« -
    Ja, ja, Mama, du hast recht! Ich bin »unversorgt«, noch immer auf der
Schulbank, lebe von eurem Gelde statt von dem eines Mannes, bin ohne Familie,
mache euch keine Freude, oh nein, nur Kummer, nur Sorge, nur Aerger - -
    Verzeihe mir! Es tut mir ja so leid, aber ich kann doch nun nicht anders!
ich konnte nicht auf diese Weise glücklich sein. Ich musste einen andern, einen
neuen Weg suchen. Hättet Ihr Zutrauen zu mir, du und Papa -
    Oh, nein, Ihr habt nie Zutrauen zu mir gehabt. Ihr habt mir immer »Stroh«
gesagt... Und mir ahnt, dass du mich verlassen wirst, Mama, ganz verlassen, dass
es dir zu schwer werden wird, diese Heimlichkeit und diese Verantwortung vor
Papa. Ich erwarte schon so etwas. Ich bin zu glücklich hier gewesen, das kann
nicht dauern. Eines Tages werde ich ohne Geld sein, ganz ohne Hülfe. Ja, ich
fühle, das kommt noch einmal. Ich träume davon und fahre erschrocken auf. Wenn
ich nicht so leichtsinnig wäre, dächte ich noch öfter daran und ängstigte mich
auch wohl. So ängstige ich mich nur zeitweilig, denn ich muss immer an so viel
anderes denken.
    Meistens denke ich daran, was ich tun kann, wenn ich ausstudiert habe, wie
ich dann den Frauen helfen kann. Denn ich glaube, man wird unbeschreiblich viel
zu tun haben, ich meine zu helfen. Die Frau ist überall als Null behandelt. Und
wenn nicht als Null, dann als böses Prinzip gradezu. Da steht in der Zeitung
eine Notiz, ganz kurz: Ein Vater ist der Verderber seiner eigenen
sechzehnjährigen Tochter geworden. Das Gericht verurteilte den Vater zu zwei
Jahren Zuchtaus, die sechzehnjährige Tochter zu acht Monaten Gefängnis! Ich
würde diese Geschichte niemals glauben, wenn ich sie nicht selbst gesehen hätte.
Ich kann sie nicht los werden. Sie folgt mir auf Schritt und Tritt. Starre,
tränenvolle, verzweifelte, sechzehnjährige Augen sehn mir nach, wo ich stehe
und gehe. Sie sind nicht nur verzweifelt, auch so fragend, so verständnislos
starren sie. Und auch ich verstehe nichts; ich sehe eine fürchterliche
juristische Grausamkeit, die Bestrafung eines Opfers unausdenkbar schrecklicher
Familienverhältnisse, und ich zergrüble mir den Kopf, wie ein Gesetz dieser Art,
das aus einem Opfer einen Mitschuldigen macht, je entstehen konnte, und der
Ausfluss welches Geistes solch ein Gesetz wohl sein mag?
    20. Februar. Einen Traum hab' ich geträumt, geh' noch jetzt herum wie im
Traume.
    Ich sehe einen Gerichtssaal. Vor den Schranken, tief verhüllt, tief gebeugt,
ein blutjunges Weib. Ihre Kleider sind zerissen und beschmutzt, wie durch die
Gosse geschleift, alle haben sich von ihr zurückgezogen, als ginge Ansteckung
von ihr aus, alle, Männer und Frauen.
    Aber oben, vor den Richtern steht noch eine Frau, eine schöne,
schwarzlockige Portia. Ja, sie heisst Portia und ist eine junge Advokatin. Sie
trägt aber kein Männergewand, wie die Portia im Kaufmann von Venedig; nein, ein
schlichtes schwarzsammtenes Frauenkleid. Ihre Augen scheinen ruhig die Welt zu
mustern, die sie umgibt, und doch zugleich in Vergangenheit und Zukunft zu
blicken. Sie beginnt zu reden; ein feines, schalkhaftes Lächeln auf den Lippen,
spricht sie zu den Männern:
    Einmal hat Portia die Freude und die Ehre gehabt, den geliebten Mann zu
verteidigen und ihn durch ihre Beredsamkeit zu retten. Es war ein schöner Tag
für Portia, und ewig wird sie sein in Freude gedenken.
    Heut ist ein andrer Tag.
    Heut ist ein andrer Schrei an Portias Ohr gedrungen, ein dumpfer,
halberstickter Verzweiflungsschrei aus zu lang von ihr selbst übersehenen, nicht
gekannten Tiefen.
    Ihr Gesicht verwandelt sich plötzlich. Das feine Lächeln verschwindet, ein
frommer, begeisterter Glanz verbreitet sich über ihre Züge, sie erstrahlen in
überirdischer Verzückung. Auch ihre Stimme ist verwandelt, warm und bebend; so
beginnt sie:
    Divide et impera! Teile und herrsche! So hat bis jetzt das Losungswort der
Männer gelautet, gegenüber uns Frauen. Der einen Hälfte öffentliche Achtung, der
andern öffentliche Verachtung, und beiden gemeinsam »Liebe« und -
Geringschätzung!
    Wohlan, ahmen wir nach, nur mit besserem Grund, nur mit logischer
Konsequenz!
    Divide et impera! Da fliegt mein Handschuh! Den guten Männern
unerschütterliche, dankbare Freundschaft, - den Feinden unseres Geschlechtes
Herausforderung, Kampf und Vernichtung!
    Wer aber sind die Feinde unseres Geschlechts? Nun, alle Diejenigen, die im
Weibe nur ein Genussmittel für den Mann erblicken, und die uns in Folge davon
unser Menschenrecht, das Recht der freien Entwicklung unserer Individualität
noch heute verkümmern oder gar abschneiden wollen.
    Wohl verstehen wir, was historisch geworden, was sich als unabsichtliche
Folge darstellt, aber wer den Namen eines Lebendigen tragen will, der komme uns
nicht mehr mit verschimmelter Mumienweisheit, sondern stärke und kläre seine
Augen am Licht des heutigen, des gegenwärtigen Tags! »Wir, wir leben! Unser sind
die Stunden. Und der Lebende hat recht.«
    Ihr aber, unsere Freunde, ihr wissenden Männer, die ihr so tief eingedrungen
seid in die Kräfte und Schwächen der Menschennatur, ihr weisen Männer, die ihr
dieser schwachen, kaum aus der Tierheit erwachten Natur alle guten und grossen
Einrichtungen abgerungen habt, die das Zusammenleben erst möglich machen, ihr
starken Männer, die ihr mit mächtigem Willen, euch selber zu bekämpfen, das, was
einem andern Wesen schädlich, in euch zu bekämpfen vermögt, die ihr das Raubtier
in euch unterjocht und gebändigt habt, seht einmal her auf die unzählbaren
Scharen meiner verachteten, gefallenen, mit Schmach und Hohn bedeckten
Schwestern, von denen eine hier vor euch steht!
    Wer hat sie, die einmal rein waren, wie eure eigenen Schwestern, in den
Staub gezogen? Wer hat sie einen Augenblick ans wankelmütige Herz gepresst und
sie im nächsten mitleidlos zerfleischt? Hört es, das leise Aechzen, das
jammervolle Stöhnen der Verachteten, der mit Schande Bedeckten, hört es und
verkündet es laut und deutlich:
    »Das alte Dogma des Sündenfalles mit der kläglichen Entschuldigung Adams:
das Weib hat mich verführt, erscheint unserm reiferen Verstande als unwürdig und
feig.
    Ja, feig! feig! feig!
    Unsäglich schwach und verächtlich ist uns der Mensch, der seine Schuld auf
einen andern abwälzen möchte, noch dazu auf einen, dessen Schwachheit und
Machtlosigkeit er in jedem andern Augenblick als zweites Dogma verkündet!
    Unsäglich feig ist uns der starke Mann, der das schwache Weib beschuldigt.
Wir brechen mit diesem Dogma. Wir wollen von heute an ehrlich und offen mit euch
Frauen verfahren.«
    Hat es euch, meine Freunde, nicht schon lange geekelt vor dieser Feigheit?
Seht, da ist ein starker, grosser Junge, übermütig und der Herr der Welt, aber,
wenn er unartig gewesen ist und die Strafe auf sich nehmen soll, dann fängt er
an zu heulen und zu klagen: »das kleine Mädchen hat mich verführt, das dumme,
schwache Ding, das ich für eine Null ansehe, hat mich verführt! sie muss die
Schuld, sie muss die Strafe tragen!«
    Und er geht straflos aus, sie aber trägt die Strafe.
    Seht hin, wie sie sie trägt! Seht, wie sie mit zerrissenen Kleidern im
Staube sich schleppt! Unglückliche Eva, warum warst du so lieblich? Warum
blühten deine Lippen wie reife Früchte? Sie schämen sich ihrer selbst, und darum
nennen sie dich die Sünde. »Eva ist die Sünde.« »Eva ist das böse Prinzip!« Ihr,
meine Freunde, ihr starken und weisen Männer, zu denen wir ewig aufsehen werden,
brecht offen mit diesem feigen Dogma, und eine andere, bessere, gerechtere Zeit
wird kommen! Dies Dogma steht im Wege. Nach diesem Dogma wird die »Gefallene«
mit Hohn und Schande bedeckt!
    Es ist Zeit, sich zu erinnern, dass wir Menschen sind, alle miteinander, dass
Natur mächtig ist in uns allen, und dass dieses Recht des Stärkeren, zu
verachten, was er vernichtet, überlebt, dass es für uns heute kein Recht, sondern
ein Unrecht ist!
    Es ist Zeit, offen zu bekennen, dass es unschuldige Leiden gibt, und dass
dort, wo Eva die Rolle der lockenden Frucht gespielt hat, unschuldiges Leiden
ist. Wir haben aufgehört, Krankheit und Armut als Himmelsstrafen anzusehen, hört
auch auf, Unglück als eine Strafe begangener Sünden zu betrachten.
    Müsst ihr aber doch verachten, müsst ihr Unglück strafen und verachten, gut -
so verachtet auch mich! Denn jene »Gefallene« und ich, wir sind Schwestern, und
es ist nur mein Glück, dass ich nicht an ihrer Stelle stehe!
    So will ich von diesem bevorzugten Platze heruntersteigen und die Wohltat
eurer Achtung dankend ablehnen!
    Verachtet mich auch!
    Lasst mich mit ihr gehen, mit der Gefallenen, der Geschlagenen, denn sie ist
meine Schwester, und in ihrer Brust klopft mein eigenes Herz. Sie verstehe ich!
Euch versteh' ich nicht!
    Nur mein Glück ist es, nur mein Glück, nicht mein Verdienst, dass ich nicht
an ihrer Stelle bin! - - -
    Schweissgebadet, mit wildem Herzklopfen bin ich aufgewacht! Lange konnte ich
mich nicht besinnen, - immer horchte ich auf Töne, auf Rufe aus jener plötzlich
meinen Sinnen entzogenen Welt. »Freigesprochen?« »In liebevolle Arme
geschlossen?« Wer hat das gesagt? Ging die eine hinab? Oder durfte die andre
hinaufsteigen? Den ganzen Tag summt mir diese Frage im Ohr, ich höre garnichts
andres. Die schöne Portia glich dir, meine geliebte Mutter! dir, ganz allein
dir! Sie war so kraftvoll und so voll Liebe.
    Mir glich sie gar nicht. Ich bin schüchtern wie eine Fledermaus und rede nur
in Monologen. Aber der Traum hat mich so beglückt. Ich fühle - er ist Wahrheit.
Einmal wird er Wahrheit werden! Einmal wird sie kommen, die schöne Portia, die
lauter Kraft und Liebe ist, und ob sie dann hinabsteigt zu der verachteten
Schwester, oder ob sie sie emporhebt - das wird das Gleiche sein. Die Hauptsache
ist, dass sie sie anerkennt, dass sie, die schöne Portia, die lauter Kraft und
Liebe ist, die Verachtete, Gefallene als ihre Schwester anerkennt. Sofort wird
der Makel der Verachtung von ihr abfallen. Im selben Augenblick wird jeder
sonnenklar erkennen, dass jene nur deshalb verachtet wurden, weil wir, die
Glücklichen, das Geschenk der unverdienten, grundlosen Achtung nicht dankend
ablehnten!
    Ja, das ist ein Traum! der wird mir noch viele frohe Tage machen!
Unbeschreiblich glücklich ist mir heute, ich möchte laut jubeln: Gefunden!
Gefunden!
    22. Februar. Ein merkwürdig schönes Ding, das Leben! Was für ein Reichtum in
mir und um mich. Man hat kaum Zeit zu schlafen, es ist fast schade darum. Die
Nächte sind auch so herrlich jetzt! Grosse leuchtende Sterne, treibende Wolken,
dann wieder ganz klarer Mondschein, der über den stillen See seine Lichtbrücke
wirft. Spiegelglatt scheint er von hier oben, der stille See, wie ein Bild in
meinem Fensterrahmen, - die Wolke überm Mond wie ein finsteres Augenlid.
    Leben! ich liebe dich! ich fühle dich so heftig und bewegt in mir. Ich
möchte jemand etwas Liebes tun, jetzt, auf der Stelle! Ich möchte streiten,
kämpfen für jemand Bedrängtes, so, mit beiden Armen! Ich möchte die ganze Welt,
die ganze Menschheit küssen mit Dank und Innigkeit! Freude! - - -
    2. März. Also jetzt gibt's Ferien. Das Wort stachelt mich auf. Ich fühle
mich wie gejagt, Tag und Nacht. Was hab' ich gelernt in diesem Semester? Was? Um
Gotteswillen, was?
    Sollte dies Ehrgeiz sein? dies mich stachelnde, hetzende Gefühl? Ich hoffe
nein! Nein, es ist etwas andres, deutlich fühle ich, was es ist: ehrgeizig bin
ich nicht, aber ich träume von einem Leben mit grossem Inhalt! Ist das verboten?
Ist das schlecht?
    Mit grossem! mit grossem Inhalt!
    Ach Träume und immer nur Träume! Die Monologe einer Fledermaus! »Was geht
dort für ein Zwerglein in einer Königstracht?« So ist es! so ist es! ein
kümmerliches, ein lächerliches Zwerglein! Es ist zum Lachen. Und mehr noch zum
Weinen! Ja ja ja zum Weinen!
    7. März. Die Sache ist - ich ängstige mich! Ich bange mich um das Geld. Um
das Geld von Mama. Pfui, ist das erniedrigend, sich nach schmutzigem Geld zu
sehnen. Und doch sehne ich mich danach. Ich fürchte mich so sehr, zum
Mittagessen zu gehen, weil ich noch nicht bezahlt habe. Und heut ist schon der
siebente! Mir kommt es vor, als würde ich sehr erstaunt und erwartungsvoll
angeguckt. Heute ist es ganz bestimmt so gewesen. Ich werde dann so rot, so
verwirrt, so heiss - es ist entsetzlich. Ach, ich bin ja in der Fremde.
    Und daheim? Wo bin ich daheim?
    Nirgend. - - -
    Wenn das Geld auch morgen nicht kommt, geh ich vorläufig nicht zu Tisch. Ich
getraue mich nicht. Man muss sich ja fürchterlich schämen! Für aufgegessenes
Essen!
    11. März. Es ist gekommen! Wie gut! »Immer schwerer wird es mir,« schreibt
Mama, aber sie schickt doch. Und so wird sie fortfahren zu schicken, gewiss! Sie
lässt mich nicht im Stich. Drei Tage bin ich nicht zum Essen gegangen. Ich hatte
auch wirklich keinen Appetit. Gestern ging ich auf die Gemüsebrücke. Es sah
seltsam aus. Eisig kalt fuhr der Wind herum, und in der hochgestiegenen Limmat
besahen sich die Häuser mit weissen Dächern! Es hatte ordentlich geschneit. Und
dann hörte ich das schrille, wilde Kreischen der Möwen, die zahm wie Tauben und
dicht wie Schneeflocken um die Leute herumwirbelten. Man streute ihnen Brot aus
den Fenstern an der Schipfe, und sie fingen es im Fluge, indes eine es der
andern wegschnappte.
    So schreit der Hunger!
    Ich sah und sah, bis mir schwindelig wurde, dies Quirlen und Schreien und
Flügelschlagen und Schnappen, all die gierig aufgerissenen gelben Schnäbel und
die kleinen blitzenden, hungrigen Augen - es war fast beängstigend. Ja, nun
verstehe ich den Hungerschrei, musste ich denken, ich habe also doch etwas
gelernt in diesem Semester. Und es ist wohl auch was wert, dass ich ihn jetzt
verstehe! Jede Kenntnis ist gut und notwendig, dachte ich, und ich konnte ganz
ruhig dabei sein und lachen. Als ich nach Hause kam, war der Geldbriefträger
dagewesen. Nun, so ernstaft war die Hungersnot noch nicht! - Nun habe ich also
wieder mein Stückchen Brot aufgeschnappt. Grade wie so eine Möwe. Gekreischt
habe ich jedoch nicht. Weder vor Hunger noch vor Freude über die Erlösung. Ich
hasse das Geld. Ich halte es für die Quelle alles Uebels. Und es ist gradezu
abscheulich, dass man sich über die Ankunft von etwas so Schmierigem, Schmutzigem
freuen muss. Nein, ich freue mich nicht. Die Begleitbriefe machen es auch immer
schwerer, sich zu freuen. Immerhin - für zwei Monate bin ich wieder gerettet.
Dann fängt von neuem die Sorge an.
    18. März. Oh, der tiefe Friede des strahlenden Frühlingstages! Auf einmal
Frühling! Die steile Strasse hinab rinnen in glänzenden Adern viele neue Bächlein
- das ist der geschmolzene Schnee! Die Welt erneut sich. Wenn ich in Einklang
kommen könnte mit der hoffnungsvollen Heiterkeit ringsum! Einzelne schöne
Frühlingstage der Vergangenheit tauchen auf, und die Erinnerung beleuchtet sie,
dass sie schimmern, wie die neuen Bächlein auf der steilen Strasse. - -
    Aber so schön es ist - mein Ohr ist zu scharf geworden für die widerwärtigen
Geräusche der Welt, und das Peitschenknallen und Steineabladen und der zornige
Zuruf an die gequälten Zugpferde verdeckt mir, verscheucht mir den lieblichen
Amselgesang!
    Gequälte Quäler, wohin ich sehe!
    20. März. Nein, wozu haben wir denn unsere Kräfte? Haben wir sie zum
Grübeln, zum Winseln, zum Jammern? Das ist doch ganz dumm und elend! Das muss
nicht sein. Damit kommt man nicht einen Schritt weiter. Jetzt wird studiert! auf
die Matura los! geochst, gepflügt, und nicht umgeguckt! Ich habe jetzt einen
Matematiklehrer, ich fange von vorn an. Es ist ein deutscher Flüchtling, hat
eine grosse Familie, glaube ich; er ist ziemlich wohlbeleibt und sehr ruhig. Als
Lehrer soll er vortrefflich sein. Besonders freut mich seine Ruhe; die hat er
nötig, meiner Dummheit gegenüber!
    3. April. Ja, unzweifelhaft wird es sehr, sehr viel zu tun für uns geben.
Grade innerhalb unseres eigenen Geschlechts. Es gibt so und so viele Frauen
mehr als Männer in fast allen Kulturstaaten, und ich bin weit davon entfernt,
das traurig zu finden.
    Im Gegenteil!
    Eben davon hoffe ich viel!
    Wir brauchen ein Plus der Lebensleistung, und von wem soll dieses Plus
geleistet werden?
    Die Familienleute haben keine Zeit. »Ein geplagter Familienvater,« »eine
geplagte Familienmutter und Hausfrau« - nein, von denen darf man keine
Extraleistungen erwarten. Fortwährend appellieren sie an das allgemeine Mitleid,
entschuldigen sich mit »Geschäften, Frau und Kindern,« mit »Haushalt, Mann und
Kindern.«
    Aber da sind ja wir alle! die unverheirateten Frauen! Freie Menschen sind
wir! Wenn wir für unsere eigenen Bedürfnisse gesorgt haben, dann haben wir Kopf
und Herz frei für die Andern. So dürfen wir die Hände regen für die Andern! Oh,
auf uns muss man rechnen, auf die künftigen Heere von Amazonen des Geistes und
der Begeisterung, der Kunst, der Menschenliebe! Wir haben Zeit. Nicht ewig die
Kette am Fuss, die sich Familie nennt, nicht ewig die Augen gerichtet auf das
Heim und seine Tyrannei! Oh, von diesen ist viel zu hoffen, vielleicht alles!
Wie gute, starke, heitre, freie Geister werden sie zwischen den eingekapselten
Familienleuten dahin schreiten, überall ratend, helfend, rettend, das Ideal
hochhaltend, hochhaltend die Liebe!
    Denn wenn sie auch nicht heiraten, lieben werden sie ja doch! Aber nicht wie
jene, berechnend, vorsichtig, zwei, drei, vier ihrer Allerallernächsten, sondern
mit glühender Hingabe, mit schrankenloser Seele, freie Spenderinnen und
Empfängerinnen gegenüber allen, allen Menschen!
    In den Familien wird nach wie vor Zwang, Druck, Heuchelei,
Autoritätsglauben, Bequemlichkeit und Platteit zu finden sein - die Rute und
der Schlafrock! Unter ihnen wird freies Wort und freie Liebe, frohe Kraft,
Wahrheit und Mut eine Stätte finden. Vor allem aber werden sie voll Liebe für
alle sein. Nichts werden sie für sich begehren, nichts als Raum für ihre Arme,
und Licht für ihre Augen. Alle Vorwände, die Menschen veranlassen können, ihre
Seele dem Gelde zu verschreiben, alle diese Vorwände werden den Verheirateten
verbleiben, und in bedürfnisloser Einfachheit werden diese Frauen lächelnd
blicken auf die Zusammenscharrer und Schacherer, auf die Banquiers in allen
Professionen.
    Dann wird sich zum Segen für das Weib und für die Gesamteit wenden, was so
lange der Fluch unseres Geschlechts gewesen ist: das heisse, leidenschaftliche
Gefühl! Dieser freie Überschuss, der nicht einem Einzelnen, sondern der
Menschheit gilt, er wird die ganze Erde umfassen, ein warmer, sanfter Golfstrom,
wird er die kalte Erde heizen von Pol zu Pol, und behaglich wird den Menschen
werden und wohl zu leben unter dem tröstenden Hauch reich ergossener Liebe. Das
ist Eure Mission, Ihr Unvermählten, das ist unsere Mission, Ihr meine
Schwestern! Mit der Liebe, die Ihr nicht auf Lebenszeit dem Manne und leiblichen
Kindern zuwendet, mit dieser Liebe sollt Ihr dienend retten!
    Uns bindet kein Vaterland, denn sie wollen uns nirgends, - wider ihren
Willen werdet Ihr sie retten! Wir sind keines Landes Bürgerinnen, wir haben
keine Bürgerrechte, die Gesetze beschäftigen sich mit uns nur, um uns zu
verurteilen. Die Gesetze kennen uns sonst nicht, sie übergehn uns, sie übersehn
uns, wohlan, so haben wir nur auf die Gesetze unserer eigenen Brust zu horchen.
Und dieses uns von der Natur gegebene Gesetz heisst Liebe! Die Geschlechtsliebe
ist eine Erfindung des Mannes. Erst mit der Mutterliebe kam die höhere Liebe in
die Welt: die duldende, nichts fordernde, still selige, unerschöpfliche
Seelenliebe. Die Liebe, von der Christus redet, die Liebe, die nimmer aufhört.
Sie will nicht Genuss, sie will Opfer. Ihr ist sich opfern Genuss. Diese Liebe hat
die Natur der Frau in's Herz geschrieben, der Mann bemüht sich, sie zu lernen,
denn ihm gab die Natur diese Liebe nicht. Nur wenige Männer besitzen sie, diese
aber strahlen wie Sterne. Wir wollen nicht strahlen, nur sanft und warm die
kalte Erde heizen, das wollen wir, jede ein stilles, unverlöschliches, stetiges
Flämmchen der Liebe.
    11. April. Uebrigens werden wir nur unsere Pflicht und Schuldigkeit tun,
wenn wir unsere Liebe der Menschheit weihen. Und nicht ein bisschen mehr wird es
sein, als was die Verheirateten tun. Auch sie geben ja Liebe, auch sie opfern
sich ja für einander, nur sind die Formen und die Grenzen andre. Nein, wir
würden sogar tief, tief unter den Verheirateten stehn, wenn wir nicht an die
Menschheit hinzugeben versuchten, was jene dem Manne, den Kindern geben. In
solchem Falle wären sie sogar berechtigt, uns zu verachten. Jedenfalls zu
verachten. Das wäre dann entschiedene Verkümmerung. Unmöglich, aber ganz, ganz
unmöglich kann doch der Zweck, das Ziel von allem sein, dass wir Unverheirateten
wirtschaftlich selbständig werden! Nein, damit wäre ja noch gar nichts geschehn!
Wenn wir nur das erreichten, dass wir für unser eigenes Futter sorgen und unser
eigenes Ställchen haben könnten, dann sagte ich auch: »Taugenichtse! alle
miteinander!« Dann wären wir wirklich taube Blüten. Nein, dies Bestreben ist nur
der Anfang. Der Zweck ist, die Hände frei zu bekommen, um der Menschheit dienen
zu können, mit allen Kräften, mit allen wohlausgebildeten Kräften und mit
unbegrenzter Liebe!
    Das sagt man nur nicht. Leider sagt es niemand! Aber ich glaube, alle, die
es angeht, wissen es, oder sie fühlen es tief innerlich im Herzen. Es ist eine
Art Freimaurerei unter allen, die es angeht, und der Grund davon kann ja
unmöglich das eigene Futter und das eigene Ställchen sein. Darin kann das
verbindende Geheimnis nicht beschlossen sein, das ist undenkbar.
    Ich, wenn ich reden könnte, wie die beredte Portia - -! Ach, das war es ja,
was ich sagen wollte zu den emporgewandten Hörern damals am ersten Tage im
leeren Auditorium in der Universität. Zu den unsichtbaren Hörerinnen. »Der
Mensch lebt nicht vom Brot allein!« Und er lebt auch nicht, um des
Brotverdienens halber. Nun, es ist gut, dass mich kein Mensch gehört hat! Es sind
so selbstverständliche Dinge, dass man sich schämen muss!
    Aber vielleicht wäre es doch gut, wenn es zuweilen eine von uns offen
ausspräche, wozu wir auf der Welt sind. Unsere Gegner würden uns zwar noch
heftiger auslachen, aber - - Ja, mit unsern schlimmsten Gegnern, - das ist nun
überhaupt merkwürdig!
    Nietzsche - wahnsinnig.
    Guy de Maupassant - wahnsinnig.
    Strindberg - wahnsinnig.
    Ich will nicht sagen, dass es ein Symptom ist - aber - vielleicht ist es doch
ein Symptom! Wenigstens insofern, als es kaum lohnen dürfte, sich gegen uns auf
Jene zu berufen, scheint mir.
    16. April. Gestern sah ich zum erstenmale eine Gaskraftmaschine arbeiten,
die zum Betriebe einer Druckerei dient. Die Explosionen werden zum Treiben
benutzt. Das ist ein so grosser Triumph über des »Feuers furchtbare
Himmelskraft,« dass ich fast Bedauern mit ihm bekam. Der gefesselte Riese, der
ins Joch gespannt, niedere Knechtsdienste tun muss. So hat man auch unsere
Kräfte, unsere gottverliehenen Kräfte in den niedersten Dienst gespannt. Indem
man uns alle freie Bewegung versagte, hat man uns klein gemacht und uns dann
höhnend vorgehalten: des Hauses enge Grenzen, das sei unsere ganze Welt. Und die
Schuld der Unterdrücker ist die Mitschuld der Unterdrückten geworden. Indem
wir's uns so lang haben gefallen lassen, sind wir schlaff, träg, kleinlich,
kurzsichtig, oberflächlich und listig geworden. Wir haben unsere Ketten sogar
lieb gewonnen, wir finden uns anmutig in unserer Unselbständigkeit. Wir sind
eitel auf Dinge, die man im Laden kauft. Nein, nein, so wie wir da sind, taugen
wir gewiss nicht viel. Aber wir werden uns aufraffen! Wir werden uns auf uns
selber besinnen. Unserer gottverliehenen Kräfte werden wir gedenken, und die
Ketten werden wir abstreifen. Dann wird der Himmelsfunke hell hervorlodern. So
und so viele Intelligenzen mehr, so und so viele Menschen mit gutem Willen mehr
- das ist doch wertvoll! Das muss doch etwas ausmachen. Das muss man doch
ernstlich in Betracht ziehn! Ist denn bis jetzt solch ein Überschuss an gutem
Willen in der Gesellschaft vorhanden, dass man uns alle nicht mehr nötig hat?
Nein, es gibt unendlich viel zu helfen, und die Helferinnen werden wir sein!
    Ach, verschmäht doch unsere Mitarbeit nicht! verschmäht unsern guten Willen
nicht!
    20. April. Ich bin ganz zufrieden jetzt und vergnügt. Wir tun Kulturarbeit,
gradezu in ausgeprägtem Masse Kulturarbeit, indem wir uns selbst zu kultivieren
suchen. Und wir Frauen müssen diese unsere eigenste Sache in unsere eigenen
Hände nehmen, denn unsere Männer haben zuviel mit der Kultivierung der Schwarzen
und Braunen zu tun. Schulen für deutsche Mädchen sind ihnen weniger wichtig,
als Schulen für deutsche Neger. Wie innig gerührt würde man höheren Orts sein,
wenn die Kameruner sich ein Gymnasium ausbäten! Gewiss käme man diesem
fortschrittlichen Streben mit Huld und Bereitwilligkeit entgegen. Unseren
schwarzen Brüdern würde man auf's Wort glauben, dass »ein Bedürfnis nach höherer
Bildung bei ihnen entstanden ist«, unsere weissen Schwestern fertigt man mit
schlechten Witzen ab!
    Oh, ich bin sehr froh und vergnügt jetzt, ich bin jetzt vollkommen
überzeugt, dass die höhere Kulturstufe auch für uns noch errungen werden kann.
Wir sind ja in Bezug auf die Gleichberechtigung der Frau doch schon ziemlich
viel weiter als zum Beispiel die Samojeden. Bei den Samojeden gilt die Frau für
ein unreines Wesen und darf in Gegenwart des Mannes nicht essen. Bei allen rohen
Völkern, deren höchstes Gut Körperkraft ist, sehn wir das Gleiche oder doch
Aehnliches. Wir sind nicht mehr auf der Samojedenstufe, aber so schrecklich weit
über sie hinaus sind wir auch noch nicht. In einem Soldatenlande kann die Frau
nicht als gleichberechtigt angesehen werden, einfach deshalb, weil sie nicht
einmal Gemeine wird! Wir haben sehr viele Soldatenländer jetzt, darum ist zum
Beispiel bei uns so wenig Verständnis für die Frauenbewegung. Die
Militärherrschaft ist ein Zurücksinken auf die Samojedenstufe, und sie hat
Samojedengefühle verbreitet.
    Nein, immer wird es nicht so fortgehn. Oh nein!
    1. Mai. Ein wunderschöner Morgen!
    Es hat über Nacht geregnet nach langer staubiger Dürre, und nun ist alles so
erfrischt! Das nasse Gras blinkt, es blinkt das weiche, saftige, milchige Grün
an den Bäumen. Noch sind Millionen von Knospen unerschlossen, aber sie harren -
sie warten - -
    Nur die kleinsten Obstbäume und die Spaliere blühn; die Apfelspaliere ziehen
blühende, rosige Guirlanden, Vorläufer der Rosen. Auf den Wiesen leuchtet's von
Sonnentupfen, vom goldgelben Löwenzahn. Leichter, bläulicher Nebel, lauter süsse
Verheissung umflort die Ferne, den Horizontrand nehmen zarte, weisse Wolken ein.
Sanft blau ist der Himmel, holdes Gezwitscher auf allen Zweigen. Und der feuchte
Duft, der vom Boden aufsteigt!
    Ein solcher Morgen müsste es sein - solch ein lächelnd heraufgezogener
Morgen! Oh, ich sehe sie kommen, in blonden Flechten und braunen Locken maigrüne
Kränze, rosige Wangen, brennend, voll Eifer, voll Lebensglut, Augen, aus denen
es strahlt von gutem, heiterem Willen! In weissen Kleidern die Jungen und die
Alten, Rosengewinde tragen sie und Geigen und Flöten, und mit frohen Lauten
singen sie das Lied: »Wir sind erwacht! erwacht! Wir sind eins, alle
miteinander, selige Schwestern. Gebt uns freie Bahn! Wir wollen unsern
Menschenanteil an Eurer Pflicht und an Eurem Recht!« -
    »Was wollt Ihr?« ruft es uns entgegen, »wir verstehn Euch nicht!« -
    »Was wir wollen? wir schreiten an die Wahl, zur ersten Wahl, zur ersten Wahl
schreiten wir, - Ihr begreift, dass dieser Tag ein Fest für uns ist!« -
    »Das ist Unordnung! das ist Aufruhr!« ruft die Polizei.
    »Nein, das ist Frühling! das ist ein Fest!« rufen wir, und wir schreiten
vorwärts.
    Auch Soldaten kommen, auch Soldaten! »Wir werden auf Euch schiessen,« sagen
sie, »geht heim, oder wir schiessen!«
    Wir schwenken die Rosengewinde und werfen nach ihnen mit grünen Zweigen,
unablässig tönen die Flöten und Geigen, unerschrocken strahlen die Augen, die
rosigen Wangen. Der gute Wille strahlt!
    »Ihr werdet nicht schiessen, wir sind ja Eure Schwestern! Und hier sind Eure
Frauen, Eure Töchter, Eure Mütter sogar sind mit uns herausgezogen! Dies ist
kein Aufruhr, dies ist ein Fest!«
    Sie blicken einander an, - sie zaudern, - sie staunen - sie sehn, da sind
ihre Schwestern, ihre Töchter, ihre Frauen, ihre Bräute - sie fangen an zu
lächeln. »Was ist das? was ist das?«
    Und langsam lassen sie die Waffen sinken und zielen nicht auf die Wehrlosen,
die mit den grünen Zweigen winken! - Nein, sie schiessen nicht. Ich weiss es, ich
sehe alles so gross und klar und deutlich vor mir.
    Schon erhebt da und dort einer die Stimme, um mitzusingen. Aus dem Gliede
ist er herausgetreten, um der Braut die Hand zu drücken. So schön hat er sie nie
vorher gesehn!
    »Meine süsse Rebellin!« ruft er, und ergreift das Rosengewinde, das lässig
nachschleift.
    Hand in Hand gehn sie schon, immer mehr treten aus dem Gliede, folgen dem
Beispiel des Ersten. »Mutter? auch du?« ruft ein liebevoller Sohn, zögernd,
zweifelnd. - -
    Liebevoll trifft ihn der Blick aus Mutteraugen: »Geleite mich!« - »Nun in
Gottes Namen! wenn du dabei bist, kann es nichts Schlechtes, nchts Törichtes
sein, ich geleite dich, Mutter!« - -
    Oh, schöner, oh wunderschöner Zukunftsmorgen! Ich jubele und weine und falte
die Hände und bete, dass es geschehe und dass ich's noch sehe! Achtzigjährig und
auf Krücken, mit wackelndem Kopf - meinetwegen! Ich würde dennoch jauchzen,
jauchzend meine Krücken schwingen und vor dem ewigen Einschlafen mitsingen das
Lied: »Wir sind erwacht! erwacht! Wir sind eins, alle miteinander, selige
Schwestern!«
    4. Juni. So lang nichts aufgeschrieben hier! Es geht ja nicht, man muss seine
Gedanken straff und stät auf die Arbeit richten. Es geht vorwärts, mir gehn
immer mehr Lichter auf. Das eilige Fräulein fragte mich neulich in scharfem Ton,
wie mir schien, weshalb ich ihren Rat nicht befolge und mich ausschliesslich an
die Vorbereitung zur Matura halte. Ich konnte ihr die Versicherung geben, dass
ich trotzdem noch Zeit habe, einige Kollegien zu besuchen. »Sie haben also
jedenfalls viel Arbeitskraft,« sagte sie achselzuckend. Sie schien mir
beleidigt, weil ich ihren Rat nicht genau befolgt. Hoffentlich wird sie mir
wieder gut, wenn ich bald ein ordentliches Examen mache. Sie sagte mir, sie
halte keine Studentin für voll, bevor sie nicht die Matura gemacht, ja sie halte
diese, ohne Matura, sogar für gefährlich, für schädlich, gemeinschädlich. »Die
Professoren scheren uns dann alle über einen Kamm, halten uns alle für gleich
schlecht vorbereitet,« meinte sie. Das schien mir nun überängstlich. Ich möchte
sie gern fragen, ob man denn für die abgelegte Prüfung eine Kokarde bekommt, die
man sichtbar an sich trägt, aber ich weiss gewiss, ich werde diese Frage nicht
tun, sie könnte beleidigend wirken. Doch glaube ich, sie verfällt in denselben
Fehler, wie die Männer.
    »Niemand sollte zum Studium zugelassen werden, der nicht das Reifezeugnis
besitzt,« sagen diese Männer. -
    »Gut, so gebt uns Schulen, gebt uns Gymnasien, wo wir dies Zeugnis erwerben
können,« sagen wir. -
    »Nein, dafür ist kein Bedürfnis vorhanden,« erwidern sie behaglich, »das
weibliche Geschlecht besitzt keine Anlage zur Logik, folglich wird es uns
niemals gleich werden.«
    »Ist diese Antwort logisch?« fragen wir bestürzt.
    »Nach männlichen Begriffen ist sie es,« erwidert man würdevoll.
    »Nun, ich habe trotzdem, trotz aller Schwierigkeiten die nötigen Kenntnisse
erlangt,« sagen jene Studentinnen mit der Kokarde, »jetzt wird man mich
hoffentlich zulassen?«
    »Eine so erlangte Kokarde bedeutet nichts, ist nur Dressur,« heisst die
Antwort, »wer nicht in Sexta mit Latein begonnen hat, dessen Latein ist nicht
das echte, eingewurzelte, allein zum Studium befähigende und berechtigende; die
Mädchen aber waren niemals Sextaner und werden niemals Sextaner sein - wie wäre
es also für sie möglich, jemals die echte und unverfälschte Kokarde zu
erringen?«
    »Gut, so gebt uns Schulen, gebt uns Gymnasien,« wiederholen wir, »damit wir
echte Sextanerinnen bekommen.«
    »Nein, dafür ist kein Bedürfnis vorhanden,« schmunzelt es wieder, »es wäre
sehr gefährlich, Mädchen so früh schon zum Studium zu bestimmen. Ihr Beruf ist,
Gattin und Mutter zu werden.«
    »Ist es denn nicht gefährlich, Mädchen so früh schon zum Gattinnen- und
Mutterberuf zu bestimmen? Wo bleibt da Ihre Logik?«
    »Logik, meine Damen, ist Männersache, bitte, missbrauchen Sie dieses Wort
nicht.«
    »Nein, nein, wir werden uns an diesem männlichen Privilegium nicht
vergreifen, aber wie - ich bitte, bekommen wir doch diese verwünschte Kokarde?«
    »Streben Sie! streben Sie!«
    »Aber Sie selber haben doch eben gesagt, dass Streben unnütz sei!«
    »So streben Sie nicht! besser ist es jedenfalls, ja besser ist es ohne
Frage, Sie geben diese, wie Sie selber sagen, unerreichbare, verwünschte Kokarde
auf! Besser ist es, Sie verheiraten sich, viel besser!«
    »Vielleicht aber möchte ich beides? Sehr viele studierte Frauen sind
verheiratet.«
    Bei diesem Punkt angekommen, verzerrt sich angstvoll das männliche Antlitz.
Zwei zitternde Hände falten sich, und eine kläglich bebende Stimme fragt: »Um
Gotteswillen! und wer stopft die Strümpfe?«
    5. Juni. Ja, manchmal tut ein Wort doch viel! Das Wort Kokarde hat mich zum
Beispiel gänzlich von der Matura-Angst befreit! Es wäre doch auch gar zu
lächerrlich, sich vor der Erwerbung einer Kokarde zu ängstigen. Man erwirbt sie
eben und genug. Freilich - tragen werde ich sie niemals, die Kokarde, weder auf
der Brust noch im Gesicht, wo sie so manche tragen.
    20. Juni. Nein, diese abscheulichen Chinesen! Was die auch ausgedacht haben!
Und nicht etwa jetzt, sondern vor Gott weiss wievielen tausend Jahren, als sie
ihre abscheuliche Schrift erfanden! Für jedes Wort ein Zeichen, das sieht diesen
fetten, glatten, gelben Schlitzaugen ähnlich! Ein Zeichen, oder vielmehr ein
Bild, und das Bild für Zank, Zwist, wie stellten sie es dar? Durch zwei
einandergegenüberstehende Frauen!
    Ist das nicht eine heillose Unverschämteit? Ja, ja, so ist Männerwitz mit
den Frauen umgesprungen, seit die Erde Menschen trägt!
    Ist Zank und Zwist denn nur Frauensache? Wer hat den Zweikampf bis heut mit
einer falschen Gloriole umkleidet? Wer erfand und pries die
Massenschlächtereien, die Kriege? Etwa die Frauen? Ha, wenn sie uns nur
beschimpfen können! Wieviele Bände könnte man füllen mit falschen Anklagen gegen
die Frauen aus den Litteraturen aller Völker! Da war kein Kirchenvater zu fromm,
kein Philosoph zu weise, er musste ein Witzchen oder ein Zötchen reissen, wenn er
auf die Frauen zu sprechen kam! Die bösen Frauen! ihre Verbrechen, ihre Laster,
ihre Unvollkommenheiten schreien zum Himmel! Und was taten sie auf alle
Beschimpfungen, auf alle Bedrückungen?
    Sie fuhren fort, den Mann zu lieben und für ihn und durch ihn zu leiden!
    Auseinandergefallen wäre alles, aufgefressen hätten sie sich wie wilde
Tiere, wären die Frauen den Männern gleich gewesen, - so sehe ich die Sache an!
    Oh, Ihr gelben und weissen Chinesen, schämen solltet Ihr Euch!
    21. Juni. Nein, es ist nicht wahr, dass die Frauen einander feindlich sind!
Nie werd' ich es glauben. Zu oft hab' ich das Gegenteil gesehn, erlebt. Das kann
nur der oberflächlichste Beobachter annehmen in irgend einem Ausnahmefall, wo
zum Beispiel Eifersucht eintritt.
    Die französischen Erzähler, die alle andern Völker in der Kunst übertreffen,
ihre Frauen schlecht zu machen, wählen mit Vorliebe Situationen dieser Art. Die
Frauen unter sich wissen von solcher Feindschaft nichts. Sie helfen sich, sie
stehn einander bei, sie verstehn sich, sie möchten, dass all ihre Schwestern gut
und glücklich wären! Viele von ihnen verstehn heut das Glücklichsein nur noch
innerhalb der engsten Grenzen, aber wir werden sie belehren, wir werden ihre
Blicke erweitern. Sie sind dankbar für jede gut und ehrlich gemeinte Aufklärung.
Sie stärken sich an einander, sie freuen sich an einander! Wenn einer von uns
etwas gelingt, so sind alle stolz darauf. Es gibt Kleinliche, es gibt
Aengstliche in beiden Geschlechtern, aber ich habe ein unbegrenztes Zutrauen zu
dem Schwester gefühl einer Frau für die andere, das sich stärken wird in dem
Masse, wie wir alle freier und selbständiger werden!
    28. Juni. Wie das dumm ist und fade und kleinlich und weibisch, sich einen
Tag, einen ganzen, schönen, freien Sonntag, an dem sogar die Sonne scheint, und
die Schneeberge vom Fusse bis zum Gipfel leuchten, zu verderben durch eine Laune,
nicht meine eigene, sondern die schlechte Laune eines anderen, und wäre es
selbst die Papa's! Und so schwach ist es! Ich kann also nicht gegen dieses
flüchtige Ding, das sich schlechte Laune nennt, ankämpfen, ich lasse sie über
mich Herr werden und mir den Tag, der ein Tag der Arbeit, der Heiterkeit, des
Lebensgenusses sein sollte, einfach stehlen. Es ist zu toll! Aber man ist so
widerstandslos, wenn so etwas einen im Bett schon überfällt. Es kommt
wahrscheinlich, weil man nichts an hat, oder doch beinahe nichts. Die Kleider
geben doch immer eine Art Schutz ab, so etwas wie eine abstumpfende Watteschicht
über das gar zu empfindliche Fell der Seele. Und noch dazu geht es mir sonst so
gut, ich arbeite leicht und komme vorwärts. Es ist nicht, dass Mama schreibt,
»das Geld kommt erst später,« das gehört schon so zu meiner Existenz. Ich kann
dann, nach dem Ersten, nicht zum Mittagessen gehen, aber ich habe noch zehn
Franken; es geht schon ohne Mittagessen, jetzt, wo die Eier so billig sind.
Nein, das ist es nicht. Aber Papa hat wieder zu wissen verlangt, wo »ich mich
herumtreibe« und »auf wessen Kosten«, schreibt Mama. »Er hat mir gedroht,«
schreibt sie, »und das hat er noch nie getan.« Diese Worte hab' ich den ganzen
Tag nicht loswerden können. Und dabei glaube ich, dass es im Grunde Worte ohne
Bedeutung sind, heut ausgesprochen und morgen vergessen. -
    Vielleicht ist es das Gewitter, das mir in den Gliedern liegt. Schön sieht's
aus, der schwarzgraue Himmel mit der grellen, weissen Sonne, die Bäume wie lohend
in grünlichem Feuer, mit wehenden Zweigen, das Gras vergoldet - - ich wollte, es
käm' eine Entladung, es grollt zu lange schon. - - -
    10. Juli. Wenn es wochenlang geregnet hat und dabei kalt geworden ist, dann
ist so ein Tag, wo wieder die warme Sonne scheint, wie ein allgemeiner Festtag!
Meine Wirtin sagt: »Das tut Einem ganz das Leben erquicken!« und sie hat
wirklich recht. Alles glänzt und strahlt. Man sieht: die Bäume sind im vollsten
Grün, die Blumen blühen plötzlich überall wieder auf, das Gras steht üppig und
dicht, und es sind Freuden da in Menge zu geniessen, wo wochenlang die Hälfte
aller menschlichen Arbeiten wie unnütz erschien. Wie jetzt die Gärtner wieder
aufleben, und die armen, braunen Runzelweiber hinter ihren Blumenständern auf
der Gemüsebrücke! Dort steh' ich gern und denke an mein altes, fernes Hamburg! -
- -
    24. Juli. Beschlossene Sache jetzt - im Herbst mach' ich die Matura. Mein
Matematiklehrer sagt, dass es geht. Ich machte einen Luftsprung in seiner Stube,
so dass all die Zeitungen, mit denen sein Tisch statt der Serviette bedeckt ist,
hoch aufflatterten. Er lachte mich mit offenem Munde an und sagte: »Sie sind
noch sehr jung.« Nun war ich es, die lachte!
    Ach, wenn nur das Geld nicht wäre, wie glücklich könnte man sein! Man, zum
Beispiel ich!
    Aber kaum freu' ich mich auf die Kokarde, gleich fällt mir wieder das Geld
ein, das sie kostet. Ich muss es Mama bei Zeiten schreiben, wieviel ich dafür
brauche, und ich zittere vor ihrer Antwort. Nun - ich muss hoffen, man kann ja
nicht mehr, als arbeiten! Mein Einsiedlerleben hat also doch gute Früchte
getragen. Zuweilen kommt mir meine eigene Stimme so unbekannt vor, dass ich davor
erschrecke wie vor einer fremden. So, in dieser Weise werd' ich leben, bis ich
auch mein juristisches Examen abgelegt habe.
    Und dann in die Welt, um zu helfen! Das wird schön sein! Mir gefällt das
Wort »Fürsprech« so gut. Es klingt so viel traulicher, gutwilliger,
hilfbereiter, als das durch tausend schlimme ironische Witze und Schnurren
entstellte, verzerrte Wort »Advokat«. Hier sagt man »Fürsprech«. Ja, ein
Fürsprech möcht' ich werden für meine Schwestern!
    Aber du - kannst du denn sprechen, schüchterne Fledermaus? Oft, nachts,
wach' ich auf, zitternd, eiskalt, mit rasendem Herzklopfen; dann - langsam -
entsinn' ich mich des schweren, immer wiederkehrenden Traumes: ich soll reden,
ich will reden, und das Wort, das Wort ist nicht da! Ich sehe Augen, die
erwartungsvoll auf mich blicken, Lippen, die sich öffnen, wie um mir zu helfen,
der Boden schwankt, - ich drücke die Hand an die Stirn - gleich, gleich! im
Augenblick wird es mir einfallen! Wartet! Wartet! bitte, bitte, wartet! Aber sie
warten nicht sie schütteln die Köpfe, sie - -
    Oh, das ist ein entsetzlicher Traum, und er kommt so oft! Und immer,
hinterdrein, den ganzen Tag, sagt mir eine Stimme ins Ohr: »Es wartet etwas
Schreckliches auf dich, gieb nur acht!«
    Aber heute, heute bin ich keine Fledermaus! Heute bin ich ganz lerchenleicht
und fliege mit den weissen Wolken, den schnellen, schmalen, weissen Windsegeln
durch einen göttlich blauen Sommerhimmel.
    Schöne Welt, - geliebtes Land, - Gefühl der Kraft, - übervolles Herz - wer
kann glücklicher sein, als ich heute!
    Die Grossen sehn mich verwundert, spöttisch an, aber alle Kinder grüssen mich,
reichen die Händchen, und ich halte sie so gern, diese kleine Hände, die einmal
die Zügel führen werden, die Zügel der Zukunft! Liebe Kinderchen, auch euch will
ich helfen, auch euer Fürsprech will ich sein! Bitten, flehen, raten, mahnen,
dass eure Herzen warm und rein bleiben, dass eure lieben Augen keine Tränen der
Kränkung, des Jähzorns, der Selbstsucht, des Elends trüb machen sollen!
    Oh, nur Kraft! Kraft! endlose, unermüdliche Kraft! damit ich euch helfen
kann - das ist's, um was ich mit gefalteten Händen bitte!
    26. Juli. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen, - buchstäblich so, als ob
ein Vorhang weggezogen würde: es ist nie, aber auch nie der geringste Versuch
gemacht worden, unser Rechtsleben auf das Christentum aufzubauen! - Das
rechtliche Verhältnis von Mensch zu Mensch ist einfach rein heidnisch geblieben.
    Ist das nicht eine ungeheure Tatsache? Erklärt sie nicht sehr vieles,
vielleicht alles?
    Was bedeutet das in dürren, groben Worten?
    Es bedeutet, dass wir das Christentum überhaupt niemals wirklich, sondern nur
nominell angenommen haben, dass es niemals in das Bewusstsein eingedrungen ist,
als eine Richtschnur unseres Handelns hier auf Erden, dass wir vom Christentum
überhaupt nichts anderes in unser Vorstellungsgebiet hereingezogen haben, als
was wir ohne Beeinträchtigung unseres Egoismus hereinziehen durften: das heisst,
die Hoffnung auf das Jenseits, und namentlich die Vertröstung der Armen und
Gedrückten auf diese Hoffnung. Das ist alles, was von dieser herrlichsten und
erhabensten Lehre berücksichtigt worden ist, als ein staats- und
ordnungerhaltendes Mittel, das in den Händen von Gewalterrschern dazu dient,
dem Schrei der Hungrigen zu steuern, und den Gedrückten willig und geduldig zu
erhalten: »Für euch den Himmel, für uns die Erde.«
    So konnte der zweite ungeheure Irrtum entstehen, verhängnisvoller fast als
der erste, dass man nämlich das so verstümmelte und seiner positiven Wirkung auf
das Diesseits ganz entledigte Christentum eben dieses vermeintlichen Mangels
wegen, als bedeutungslos für die Wirklichkeit, ja wohl gar als schädlich und
entwicklungshemmend darstellte, und dieses Zerrbild mit dem vergessenen Original
verwechselnd, die Religion der Liebe als Feindin bekämpfte!
    Trauriger hat sich wohl nie ein Mensch verirrt, als diese sich verirrten!
    Man brauchte nur die Evangelien aufzuschlagen, um zu finden, aber man schlug
nicht auf, man suchte nicht, sondern man verachtete und bekämpfte.
    Ein Rechtsleben, gestützt auf das Christentum und seine Lehre von der
Bruderliebe, von der schrankenlosen Vergebung, von der gegenseitigen
Verantwortlichkeit - oh, es ist gar nicht abzusehen, nicht auszudenken, wo wir
heute stünden, wenn wir wirklich Christen geworden wären, statt, auf heidnisches
Recht pochend, nach wie vor in heidnischem Egoismus dem Eigentum als dem
alleinigen Gott dieser Welt zu dienen und es anzubeten, und ihm, dem goldenen
Kalbe, blutige Menschenopfer zu bringen und das Opfer alles dessen, was uns über
das Tier und seine Begierden hinaushebt! - - -
    Ganz fröhlich macht mich der Gedanke, dass ich nun weiss, warum alles so
verrenkt und verbogen, so ungerecht und traurig ist, so roh und blutig und
gemein! Wir haben heute noch kein Christentum, aber es steht da vor uns, das
unantastbare Ideal, und alle, alle müssen inne werden, dass wir darnach zu
streben haben, als nach dem einzigen Mittel der Erlösung.
    10. August. Kein Brief von Mama, kein Geld. Seit zehn Tagen kein warmes
Mittagessen. Aber das schadet jetzt wenig, denn es ist heiss, man hat keinen
Hunger, am wenigsten auf Fleisch. Meine Wirtin ist so gut, - ich gehe regelmässig
fort zur Mittagszeit, auch wenn ich nur ein paar Brötchen und Eier kaufe, sonst
merkt sie etwas und fragt. Sie wollte mir schon gestern Suppe bringen.
    16. August. Kein Brief, kein Geld! Was jetzt? Heute habe ich fast nichts
arbeiten können. Wer weiss, was dort geschehen ist. Ich sorge mich auch so sehr
um Mama. Was jetzt?
    20. August. Ich habe meine Uhr versetzt. Es fiel mir noch zu rechter Zeit
ein. Jetzt, in den Ferien kann ich sie recht gut entbehren. Für Uhr und Kette
hab' ich achtundvierzig Franken bekommen, das ist etwas; achtunddreissig fürs
Mittagessen, vorigen Monat, hab' ich wenigstens bezahlen können; diesen Monat
geh' ich keinenfalls mehr hin; Brot, Eier, Milch, etwas Obst - man wird sehr gut
satt davon. Wenn ich nur wüsste, was zu Hause passiert ist! Zweimal hab' ich
geschrieben, jetzt wag' ich's nicht mehr......
    1. September. Mama hat endlich geschrieben! Ich habe geweint, als der Brief
da war, ich hatte mich sehr um sie geängstigt. Sie war wirklich krank gewesen,
hatte das Geld nicht abschicken können. Jetzt hab' ich für zwei Monate bekommen!
Ausgezeichnet, dass ich im August so wenig verbraucht habe. Ich brauche dringend
Bücher jetzt. In Bezug auf das Examengeld für die Matura schreibt Mama nichts.
Vielleicht hat sie die Stelle in meinem Brief übersehen? Es sind überhaupt nur
wenige Worte, ihr Brief. Ach, hätt' ich einmal ausstudiert! - -
    Ich sollte doch eigentlich schon abgehärtet sein, aber ich bin noch etwas
schwach von der erlittenen Angst. Nachträglich scheint es mir geradezu
erbärmlich und unwürdig, dass ich fast nichts gearbeitet habe diese ganzen
Wochen. Woran hab' ich denn nur beständig gedacht? denken müssen? dass ich kein
Geld habe? dass die Leute auf der Strasse es mir ansehn? dass meine Wirtin mich
bemitleidet?
    Nein, nein, nicht den ganzen Tag hab' ich mich mit diesen kleinlichen Nöten
beschäftigt, es ist nicht wahr. Ich habe geträumt und gedacht, nur leider nicht
an meine Arbeit! -
    So reizende Witze hat uns die Natur vorgemacht, so geistvolle Vorbilder
schafft uns das Tierreich - - warum machen wir nicht die Nutzanwendung auf die
Menschheit? Wie verstehen es diese klugen Ameisen, zum Beispiel die Talente der
Einzelnen für die Gesamteit zu verwerten! Da gibt es eine Art in Kolumbia,
glaub' ich, aber vielleicht ist es auch nicht in Kolumbia, die füttern einige
besonders fressgierige Mitbrüder, bis sich ihr kleiner Vormagen rundet und
rundet, zu Traubengrösse anschwillt, und das honiggefüllte Tierchen selbst, eine
lebendige Speisekammer, wird für Volkshungersnöte sorgsam aufgehoben und
bewacht. Tritt die schlimme Zeit ein, dann entlockt man dem stumpfsinnig
Hockenden sanft streichelnd den ganzen Vorrat; das Volk wird satt, das Unglück
ist abgewendet. Der gefrässige Mitbruder, wieder regsam und schlank, ist der
einzig Betrübte, aber nicht lang, denn alsbald erhält er Auftrag, eine neue
Million zu sammeln! Ja, an die Millionäre unter uns Menschen dacht' ich sofort.
Auch sie sind einseitig begabt, und diese Begabung sollte aus einem Schaden für
die übrige Menschheit in Segen verwandelt werden, ganz wie bei den Ameisen. Der
habsüchtige, skrupellose Millionenjäger wird von der Gesellschaft in Dienst
genommen. Er saugt und pumpt seinen Vormagen oder seinen Geldschrank voll;
sofort danach nimmt man ihm, ebenfalls sanft streichelnd, das gesammelte
Milliönchen weg und verwendet es für alle. Ihn aber überlässt man getrost seinem
Instinkt, eine neue zu sammeln und braucht nur die Vorsicht, seine Zelle unter
guter Bewachung zu halten; kann man sich etwas Einfacheres und Netteres denken?
Er ist zufrieden, denn er darf zusammenscharren, die Gesellschaft ist zufrieden,
denn sie hat stets gefüllte Speisekammern! Gehet hin zur Ameise, ihr
Volksführer, und lernet!
    
    Nein aber, so geht das nicht! Muss wieder studieren, und die Allotria bei
Seite lassen.
    23. September. Heut noch einmal an Mama geschrieben wegen des
Examenhonorars. Es ist Zeit, ich muss mich bald zur Maturitätsprüfung anmelden.
    26. September. Was jetzt? was jetzt? Ich bin zerschmettert, zerdrückt! Oh,
was kann ich tun? Es ist also alles aus? Alles, alles aus? Papa hat entdeckt,
dass Mama mir Geld schickt, er leidet's von jetzt an nicht mehr - »keinen
Pfennig!« Was ist denn? was soll ich tun? Da steht es und starrt mich an: »der
entlaufenen ungeratenen Tochter keinen Pfennig.«
    Nein, nein, ich bin ganz ruhig, ich habe das ja fast einmal erwartet! Aber
noch nicht jetzt! noch nicht jetzt! Es ist hart, hart, hart.
    Pfui - weinen? Nein, warum denn weinen? Weinen nimmt das Mark aus den
Knochen, weinen macht schwächlich. Ich muss nun erst gar nicht schwächlich sein,
ich muss stark sein! - -
    Ach, so allein! So furchtbar allein! Niemand hab' ich als dich, meine tote
Mutter, und du bist ja tot! Du bist so fern - ich kann dich nicht finden, ich
kann dich heut nicht mit den Augen finden! Gerade heut nicht. Pfui, die dummen
Tränen! Wie ein hülfloses Kind. Schäm' dich vor dir selber und sei stark! Mache
Pläne, gleich! vernünftige Pläne. Du bist ja ein erwachsener Mensch.
    »Wenn sie nach Hause kommt und sich weiblich und bescheiden verhält, soll
alles vergessen sein; im Elternhause soll sie stets eine Stütze und eine
Zuflucht finden, sag ihr das!« Soll alles vergessen sein! ja vergessen, ja
vergessen! Vergessen meine Wünsche, vergessen meine Sehnsucht, vergessen meinen
schmerzlich heissen Lebens-Freiheits-Hülfedrang! Wie gut du bist, Papa,
wahrhaftig väterlich!
    Nein, nein, nein, nein, nein! Ehe ich das tue, ehe ich das vergesse,
verlasse, verläugne, was mir mehr ist, als das Leben, - eher sterbe ich! Wenn
ich ein Boot nehme, jetzt gleich, wo die volle, liebe Sommersonne auf dem blauen
See liegt und alles in Blumen steht, - und ich fahre hinaus, rudre hinein in die
Mitte, weit fort, - und dann steh' ich auf, - seh' noch einmal auf zu den
leuchtenden, weissen Firnen und - ein rascher Sprung - - -
    Ja, das kann ich tun, das steht mir frei, - aber heimkehren, unterkriechen
- - nein.
    »Die mich als Vater lächerrlich macht, die meinen Namen vor aller Welt
blamiert« - - Ach, könnt' ich ihn nicht ablegen, den Namen, dem ich Unehre
mache? So etwas muss doch möglich sein, so etwas muss man doch gestatten, einem
beleidigten Vater zur Genugtuung!
    Nein, ich will nicht sterben, ich kann so nicht sterben! Nicht einmal die
Matura gemacht und soll schon sterben? Noch keinem Menschen auf dem Erdenrund
geholfen, und soll schon sterben? Nein, es geht nicht, ich darf nicht. Ich bin
auch berufen! »Geh und hilf deinen Schwestern,« so klang der Ruf. Ich liebe alle
Menschen, ich kann so nicht von ihnen gehen! Die kleinen Kinder auf der Strasse,
die mir die Händchen hingestreckt, - sollen sie vergebens die Händchen nach mir
strecken?
    Mein Gott, mein Gott, ist es möglich, dass ich so verzweifelt bin um Geld? um
schmutziges, verabscheutes Geld? Oh, wie ich es verachte! oh, wie ich es hasse!
mit Ekel, mit Ekel halt' ich es in meiner Hand! Alles Böse, alles Teuflische,
alles Verderben ist für mich verkörpert in diesen schmutzigen, schmierigen
Plättchen und Lappen, für die die Welt feil ist. schafft es ab, um Gotteswillen,
schafft es ab! es klebt von Schweiss und Blut und Kot! Es labt keinen Sinn, es
stillt keinen Hunger, keinen Durst, es vergiftet die Liebe und tötet die Seele!
    Und ich weine um Geld? Ach, Vater, alles will ich dir verzeihen, nur das
nicht, nur die tiefe Erniedrigung nicht, in die ich vor mir selber verfallen
bin!
    Ja, weinen, das ist alles, was du kannst! Erbärmliche Kreatur, flügellahme
Fledermaus! und du willst andern helfen? haha! so etwas Lächerliches, so etwas
Absurdes und Verrücktes, wie diese abgestürzte Fledermaus! Du hast ja keine
Flügel! Du hast ja keine Flügel! Hast du denn das nicht gewusst? Musst es so derb
erst fühlen? - Beiss doch die Zähne zusammen, du dummes Geschöpf und blick in die
Zukunft mit deinen zugekniffenen Nachtaugen. Man muss es versuchen - man muss
Pläne machen. Nein, das hab ich doch nicht geglaubt, und das ist mein Unrecht,
denn musste ich nicht auf alles gefasst sein? Ich habe auf mein Glück vertraut,
auf günstige Zufälligkeiten - all das war verkehrt. - - -
    Aber doch wieder und wieder frag' ich mich: »was soll man denn tun?« Nackt
und hülflos werden wir geboren, stürben ja sogleich, wenn man uns nicht wärmte
und tränkte. Und wie es weiter geht - immer müssen da die Helfer um uns sein;
ohne sie kein Lernen, kein Emporwachsen aus der Unwissenheit.
    Uebermittelung, das ist alles Leben.
    Sie schleudern dir die Lebensfackel zu, damit du sie weiter giebst; hinter
dir bleibt der Tod und das Dunkel, vor dir die unabsehbaren Reihen der Fackel
schwinger, und über dir das Lichtmeer, der zusammengeflossene Glanz, die
Gegenwart.
    Aber mit der Fackel gibt mir der hinter mir Stehende doch nicht allein das
nackte Leben, - gibt er mir nur das, so gibt er mir zu wenig! Mach' mich
fähig, mein Leben voll auszunützen, das muss ich von dir fordern, von dir, der du
hinter mir stehst! Nur dann kann ich eine helle, glänzende Fackel
weiterschleudern, nur dann. Wohl, ich habe Anspruch auf die Hilfe der andern!
Jeder Mensch muss auf diesem Recht bestehen. Gegenseitige Hülfeleistung, darauf
ist alles aufgebaut. - Ach, sie sind nicht gut mit mir verfahren!
    Stundenlang bin ich so drunten, so drunten - - Auch ganz verstört. Ich
möchte alle Leute fragen! hab' ich das Recht auf Hülfe, oder bild' ich mir dies
Recht nur ein? Es ist manchmal wie ein wüster Traum. Ich kann es nicht glauben.
Ich nehme den Brief wieder vor, auf den es keine Antwort gibt. Ich lese die
Worte, die Zeilen und verstehe sie nicht. Ich weiss sie alle auswendig und
verstehe sie nicht. Es scheint, dass sie mich verhungern lassen wollen? Es
scheint so. Es scheint, dass Papa diesen Ausgang für etwas Natürliches und Gutes
hält? Er hasst mich also. Er möchte meinen Untergang. Oh, Papa, der Wunsch kann
dir erfüllt werden, bald! Wenn ich das Boot nehme - -
    Den ganzen Tag seh' ich das Boot vor mir. Schwarz wie die Gondeln in Venedig
schwimmt es auf dem wogenden graugrünen Wasser, und die blauschwarzen
Gewitterwolken hangen tief darüber ......
    Aber dann wieder - »wenn sie nach Hause kommt - - Asyl im Elternhaus« - -
Was heisst das? Sein Hass ist also nur relativ? Wenn ich mich feig und
charakterlos zeige, dann hasst er mich nicht? Wenn ich mein Bestes vergesse und
leugne, um ein »Asyl«, eine »Stütze« zu haben, dann hasst er mich nicht? Aber,
Papa, begreifst du denn nicht, dass ich ein freier Mensch bin, und dass ich selbst
über mein Leben bestimmen muss? Es ist ja mein Leben, nicht das deine! Das Gesetz
meines Daseins ruht ja in mir, kann in keinem anderm ruhen! Was hülfe es dir,
wenn dir ein Leichnam ins Haus käme, - wenn ein Automat dir gehorchte? - -
    30. September. Gut, das ist fertig, ab und aus. Die Familie lässt mich
fallen. Innerlich hatten sie mich längst ausgestossen, nun stossen sie mich auch
öffentlich von sich. So lebt denn wohl! Ach, dieser Brief, der mich verfolgt!
»Für dergleichen hirnverbrannte, kostspielige Experimente ist mir mein Geld zu
schade,« schreibt Papa. Aber, wenn ich nun geheiratet hätte, nach seinem Willen
und Geschmack natürlich, da hätt' er mir doch eine Mitgift gegeben! Ist denn
eine Heirat nicht auch ein unsicheres Experiment? hundertmal unsichrer, als die
Hingabe an einen selbstgewählten Beruf? das alles weiss er nicht, das alles kommt
ihm nicht nah! das heisst, wenn ich ein Sohn wäre, statt ein Mädchen zu sein,
dann wüsste er das alles, dann verstände er mein Streben. Es gibt freilich auch
Söhne, die man verlässt und verleugnet, aber doch nicht aus solchen Gründen, wie
bei mir! - -
    Lebt wohl! lebt wohl!
    Es tut mir weh, doch ihr verlasst mich, nicht ich hab' euch verlassen! -
    5. Oktober. Aber ich bin ja nicht nur das Kind meines Vaters. Ich gehöre ja
noch einer grösseren Gemeinschaft an, ich habe ja einen Heimatschein, der besagt,
dass ich in Hamburg Heimatsrecht habe. Dämmert mir nicht da eine Hoffnung? ein
Licht?
    Wenn man so lange schlaflos liegt, alle Abend, da wirbeln und quirlen die
Gedanken, die Pläne. Und alles scheint möglich, alles greifbar nah, auch das
Abenteuerlichste. Jeden Abend, wenn ich endlich Schlaf finde, sind alle Fragen
gelöst, die Sorgen verschwunden, etwas Ausgezeichnetes ist mir eingefallen, ich
atme tief auf, wie befreit für immer.
    Und am Morgen, noch eh' ich wach bin, liegt es mir wie ein Felsstück auf der
Brust, drohend schwer, mit unerbittlicher Wucht drückt es meine Glieder. »Wozu
erwachst du?« flüstert es um mich, »weisst du nicht? weisst du nicht?« ein
schreckliches Flüstern und Zischeln erhebt sich, - eine Starrheit kommt über
mich, - »glaubst du, sie wird untergehen? glaubst du's? warum nicht? wer kümmert
sich darum? wieviel gehen unter jeden Tag?« Jemand zuckt die Achseln, pfeift und
lacht höhnisch. Jemand, ein Fremder, ich kenn' ihn nicht, aber er ist mein
Feind, sein kalter Atem ist's, der mich in der starren, quälenden
Unbeweglichkeit erhält. Hundert verzerrte Fratzengesichter umdrängen mich, eins
wächst hervor aus dem andern, alle pfeifen und lachen und grinsen und recken die
Zungen gegen mich. Atemlos, keuchend, in Schweiss gebadet, mit ungeheurer Mühe
gelingt es mir zuletzt, mich zu bewegen, - wie zerbrochen richt' ich mich auf,
mit zugeschnürter Kehle, eiskalt und zitternd. So beginnt für mich der Tag. Ich
kann nicht essen. Jeder Bissen presst mich, würgt mich, - meine Wirtin sagt: »Sie
sind krank.« Nein, das ertrag ich nicht länger, das ist dumm, einfach dumm. Man
muss einen Versuch machen, man muss einen der Nachtpläne zu verwirklichen suchen.
- -
    Ich habe schon versucht, aber es scheint, dass all meine Federn nicht
schreiben. Sie gleiten ab, schreiben unbrauchbares Gekritzel, - - Bestimmte
Worte wollen sie nicht schreiben, ich merk' es ganz deutlich, woher ihr Sperren
kommt! Ich glaube, sie sind zu hochmütig zur Bitte. Man muss sich schämen, so
hochmütige Federn zu haben. Das deutet auf - - Ach nein, es ist ja nicht wahr,
ich bin nicht hochmütig! Ich bin nur ungeschickt. Ich sollte eine Bitte an die
Behörde schreiben, an irgend einen Senator bei uns und ihn fragen, ob es nicht
irgend eine Staatshülfe für mich gibt. Dazu werde ich doch nicht zu dumm sein?
Es ist ja das Einfachste von der Welt! Man nimmt einen Bogen Papier und
schreibt. Schreibt was? ......
    Ja, mir bleibt kein andrer Weg. Bin ich nicht ein Hamburger Kind? Giebt es
nicht Stipendien für arme Studierende? Bin ich nicht arm genug? Ich werde ihnen
alles schildern und alles beilegen: meine Studienausweise, mein Aufnahmezeugnis
an der Zürcher Universität, die Zeugnisse über meine Befähigung zur Matura. Und
ich werde herzlich bitten: »Verhelfen Sie mir zur Matura, zur Vollendung meiner
Studien, zur Promotion. Ich werde alles zurückzahlen, wenn es mir möglich ist.
Ich habe den dringenden Wunsch, etwas Nützliches zu leisten, ich werde meiner
Vaterstadt keine Unehre machen, ich fühle die Kräfte in mir, etwas für andere zu
sein.«
    Ist das zu stolz gesprochen? darf ich mir das nicht getrauen? Ist die Bitte
unbescheiden? Die Stadt ist ja reich, voller Wohltätigkeitsanstalten, voller
Stiftungen. »Leben und leben lassen«, das ist der Hamburger Wahlspruch. Eine
grosse hülfbereite Gutmütigkeit geht durch alle Klassen. Humor blüht überall, auf
den Strassen sogar, im dichten Menschengewühl. Wir sind ja auch eine Republik,
der einzelne Bürger steht nicht so weit vom Zentrum wie in den monarchischen
Staaten.
    Freilich, ich, - bin ich eine Bürgerin? Gehöre ich irgend wohin? Dumme
Frage! Laut Heimatschein ist meine engere Heimat Hamburg, meine weitere das
deutsche Reich.
    Das mächtige deutsche Reich ist mein Vaterland.
    Wenn meine Familie mir die Mittel versagt, meinem erwählten Beruf zu folgen,
dann kann ich mich an meine Heimat wenden, an mein engeres Vaterland, und wenn
nicht gleichzeitig zu viele Petenten da sind, so wird man mir ein Stipendium
gewähren - das ist doch klar wie der Tag! Nicht wahr?
    Wann werd' ich schreiben?
    10. Oktober. Der Brief ist fort! Mir ist so leicht und froh. So
hoffnungsvoll. Etwas erstaunt werden sie vielleicht sein, weil Papa fast für
wohlhabend gilt, aber ich habe ihnen ja alles gründlich auseinander gesetzt. Ich
habe gesagt: »Die Heimat, das ist meine einzige Hoffnung.« Sie müssen es ja
einsehen. Ich kann wieder essen. Ich habe ohne schwere Träume geschlafen, heute
Nacht. Noch atme ich beklemmt, aber das wird vorübergehen. Es wird ja nun alles
gut werden! Von der Heimatsbehörde Geld zu bekommen, anzunehmen, das ist doch
nichts Ehrenrühriges. Im Gegenteil! Es wird mich erheben, mich beglücken, solch
ein Vertrauenszeichen zu empfangen! Und ich will mich dessen würdig zeigen, ich
werde mein Leben dem Recht und der Gerechtigkeit weihen. Auch die Geringste kann
ja etwas tun. Ein schurkischer Advokat, der das Recht beugt, verunglimpft es in
so vielen Augen, warum sollte nicht das gute Wollen zehnmal mehr Kraft haben? Es
wird gut werden!
    Und eines Tages werde ich vor Papa und Mama hintreten und ihnen sagen:
»Verzeiht mir! ich habe erreicht, was ich erstrebt, - seid mir nicht böse, dass
es mit Hülfe anderer Mächte geschah.« Und ich fühl's, sie werden mir verzeihen!
    Das ist doch schön im alten Bluntschli: »Der Staatswille ist etwas Höheres
als der blosse Durchschnittswille aller zum Volke gehörenden Individuen«. Ja,
gewiss. Der ganze Fortschritt der Menschheit beruht auf dieser Hoffnung, dass beim
Zusammengehen Vieler die fördernden aufsteigenden Kräfte triumphieren über die
hemmenden atavistischen oder dekadenten Erscheinungen in den Einzelnen. Hätte
sonst je die Sklaverei, die Leibeigenschaft abgeschafft werden können? Gewiss,
dieser höheren Einsicht darf man getrost vertrauen! Sie wird ja nicht durch
Kleinlichkeiten, durch Einzelerwägungen getrübt; sie muss ja sehen, dass ausser den
Männern auch Frauen den Staat ausmachen, dass sie sogar die grössere Zahl aller
Individuen bilden, dass sie, zur Menschlichkeit erwacht, mächtig um ihre
Menschenrechte ringen, und aus der Tiefe, in der man sie jahrtausendelang
künstlich gehalten, nach höherer Kultur und höheren Pflichten schreien! Wir
Deutschen haben doch einen Kulturstaat; welche Kulturaufgabe kann ihm näher
liegen, als die Unterstützung der Frau in ihrem berechtigten Freiheitskampf?
    Ich bin ganz ruhig jetzt! Der Einzelne kann seine Zeit missverstehen, kann
die tiefen reissenden Strömungen misskennen, kann sich ihnen entgegenzustemmen
versuchen in blinder Ueberschätzung seiner Macht. Aber der Gesamtwille, der
höher ist und weiter, er wird die Zeichen zu deuten wissen, und was nützlich,
fördersam, menschlich, gerecht ist, das wird er nicht bekämpfen, sondern
unterstützen! Ich habe solch ein volles, gläubiges Zutrauen! -
    18. Oktober. Und doch in Angst und Zagen auf und zu Bett. Fast versteh' ich
nicht warum, die Vernunft redet mir zu, vernünftig, wie sie's gewohnt ist, dass
ich hoffen und vertrauen soll. Aber - -
    30. Oktober. Ich zwinge mich zum Arbeiten, es ist aber schwierig. Die
Gedanken schweifen ab, mehr denn je. Immer denk' ich an die Antwort. Wie wird
sie ausfallen? Und das ist unrecht! seit den letzten Tagen fang' ich schon an,
auf sie zu warten. Mit Spannung lauf' ich nach Hause, frage die Wirtin - - Sie
sieht mich so besonders an, sie hat viel Mitgefühl. Ich muss fortziehn, irgend
eine billigere Mansarde suchen. Mehr als zwölf, dreizehn Franken darf ich nicht
ausgeben. Es geht ja schon auf die Neige, und die Aussicht auf neues - -
    Es war gewiss verrückt, dass ich dies Semester doch wieder belegt habe. Wer
kann wissen, was mit mir geschieht? Ich tat es in der frohen Zeit, kurz nach
Absendung des Briefes. Das kommt mir jetzt schon so lang her vor.
    Manchmal werd' ich ganz unruhig, sage mir: worauf wartest du denn
eigentlich? Aber es muss doch einmal eine Antwort kommen, und es muss eine gute
sein! Ich war immer unverbesserlich im Hoffen, ich weiss schon. Masslos, wie in
allen Dingen! ja!
    Vielleicht ist es unrecht, dass ich immer noch zu dem Mittagstisch gehe. Nur
- es ist so früh kalt geworden dieses Jahr, und ich werde den ganzen Tag nicht
warm, ohne solch eine warme Mahlzeit. Und dann - dies Sklaventum der Gewohnheit!
Es hält einen fest. Uebrigens glaube ich, dass die lange Sorge auch träge macht.
Stumpfsinnig. Ich kann sitzen und vor mich hinstarren, stundenlang, und nichts
denken, als die ewige Frage: was werden sie antworten? Eigentlich empörend,
kostbare Lebensstunden so zu vergeuden!
    Nur in den Kollegien, da vergess ich alles. Ich höre auch hier und da etwas
Physiologie; wenn es kalt ist, in einer Zwischenstunde, braucht man dann nicht
nach Haus. Es ist auch wundervoll interessant, ich verstehe freilich nicht
alles.
    12. November. Ich habe mit der Wirtin gesprochen, - - sie hat mir etwas
Schreckliches gesagt! Sie hat gesagt: »Nein, das täten wir nicht, - die
Gemeinde in Anspruch nehmen! Da heisst's hinterdrein, man sei almosengenössig.«
    Sie meinte es nicht böse, sie sagte nur ihre Meinung. Ich habe ihr zu
erklären versucht, dass ein Stipendium nur geliehenes Geld und kein Almosen sei,
aber sie verstand davon nichts. Sie sagte immer wieder: »Und doch wird's dafür
angesehen, und wer almosengenössig ist, - oh weh, den achtet man nimmer!« Als
ich ihr sagte, es sei aber ein Menschenrecht, Hülfe von andern in Anspruch zu
nehmen, um dann später wieder zu helfen, schüttelte sie den Kopf und sagte: »Wir
Arbeiter kommen nicht auf solche Gedanken; - die Leut', wo Geld haben, oder
gehabt haben, die meinen immer, sie hätten ein Recht in der Welt, - wir wissen's
gut: wer almosengenössig ist, den verachtet die ganze Gemeinde, vom ersten bis
zum letzten, - das wär' mir das Aergste, die Gemeinde in Anspruch zu nehmen.«
    Noch seh' ich vor mir ihr erschrockenes Gesicht und höre sie ausrufen:
»Hätten Sie mich gefragt! Ich hätt' Ihnen entschieden abgeraten.«
    Hat sie Recht? Hab' ich Recht? Mir ist so schwer und müde, zum Sterben.
    Ganz wie im Traum, wo ich mich durch das Wattenmeer geschleppt habe, heut
Nacht. Der weiche, nachgiebige Boden, aus dem das Wasser springt, die zahllosen
Rinnsale, verwirrend wie Wege, die nirgend hinführen, und so fern, so fern das
feste Land, wo der Leuchtturm steht! Und schneller, immer schneller wächst und
steigt um mich die Flut! Sie gurgelt und rauscht heran, sie hebt meine Füsse vom
Boden auf, sie wird mich mitreissen, - -
    Also, almosengenössig nennt man das?
    25. November. Zum vierten Mal umgezogen.
    Jetzt sitz' ich im Vogelsangweg.
    Aber kein Vogel singt.
    Es ist alles im Eisreif erstarrt.
    Auf meinem Tische flattern die Papiere, so undicht ist das Fenster.
    Die Frau sieht gutartig aus, die Kinder haben mir schon die Händchen
gegeben.
    Ach, ein Gefühl der Verzweiflung hat sich meiner bemächtigt, seit ich in
diese kalte Kammer eingezogen bin! Mit ihren weissen Wänden starrt sie mich an
wie eine Totenkammer. Ist dies die letzte Station meines Leidens, oder ist dies
meine letzte Leidensstation? Mir ist, als müsst ich mich hinlegen,
langausgestreckt und still, die Hände gekreuzt, die Augen geschlossen, und
einschlafen, einschlafen für immer.
    Der Brief kommt nicht, sie haben mir nichts zu antworten. - - -
    10. Dezember. Ich habe meine Landsmännin wieder getroffen, auf der Strasse, -
sie hat mich oft so freundlich angesehen, als wir noch am gleichen Tische
speisten. Doch bin ich geschwind weggerannt; ich fürchtete, schwach zu werden,
ihr von meiner Lage sprechen zu müssen. Wie von einem innern Zwange bin ich
geflohn. - -
    Aber einmal, wenn ich ganz am Ende mit allem bin, am allerletzten Ende, und
so schwach und mürb, dass ich nach einer menschlichen Hand fassen muss, dann ist
sie die Einzige, zu der ich Vertrauen haben werde.
    Ach, bin ich nicht schon am Ende? Wozu die lange Qual?
    Soll ich nicht doch das Boot nehmen und hinausfahren in das unbekannte Land?
-
    22. Dezember. Sie reist fort! Ich bin fast umgefallen, als sie es mir sagte.
So ruhig sagte sie's, so ganz nur mit der eigenen Absicht, dem eigenen Plan
beschäftigt. - - Wie sollte sie auch anders gegen mich sein? Stecken wir nicht
alle tief in der Konvention, die - -
    Oh, was soll ich anfangen? Was soll ich tun!? Hier die Hände im Schoss, die
Augen verbrannt von Tränen, abgeschnitten, allein, so sitzen und auf mein
Schicksal warten? Unerträglich!
    Ich habe keine Gedanken mehr, nur Visionen kommen mir noch, um mich zu
verspotten! Einen schwarzen Himmel sah ich, darunter wehende Weiden; - plötzlich
zerriss der Wolkenvorhang, und Sterne drängten hervor, zahllose, leuchtende
Sterne. »Ein neuer Morgen für die Menschheit, herausgeboren aus dem Herzen der
begeisterten Frau!« so tönte Engelssang! Ach, ihr süssen hohen Träume, kommt ihr
noch wieder? sucht ihr mich noch in meiner Erniedrigung? Seht, hier lieg' ich am
Boden, wund und einsam und schwach geworden, - - nichts werd' ich erreichen,
nichts kann ich tun, euch wahr zu machen, ihr meine stolzen, hohen Träume! Wund
und einsam und schwach geworden - aber nicht untreu. Das kann ich nicht, auch
wenn ich's wollte. Ich kann das Boot nehmen, - - aber ich kann nicht
zurückkehren und mich selbst verleugnen. Lieber noch langsam verhungern. - -
    2. Januar 89. Der Brief ist da.
    Für studierende Frauen gibt es weder private noch staatliche Stipendien in
Hamburg.
    Wir Frauen haben kein Vaterland.
Im Februar.
    Frau Laubi hat mir geholfen, die Sachen sind verkauft.
    Brechen mit allem und mit allen: Hinunter in das Namenlose, zu den
Rechtlosen, zu den Enterbten.
    Dortin gehör' ich ja, ich und alle Frauen, Heimatlose, Vaterlandslose. - -
-
    Warum hab' ich mich so spät darauf besonnen, dass ich zwei Arme habe?
Anerzogner, angeerbter Hochmut.
    Man muss sehn, ob in dieser Kartonnagenfabrik, - - die Kleine sagt bestimmt,
dass dort fortwährend Arbeiterinnen gesucht werden......
    Bei den Rechtlosen, bei den Heimatlosen, bei den Vaterlandslosen - - sei es
drum. - - - -
    - Meine Bücher! meine geliebten Bücher! -
    Nein, nein, wir brauchen neue Bücher, Bücher, in denen auch wir Menschen
sind, nicht nur Frauen.
    Ich will die alten Bücher nicht mehr, sie lügen, sie verleumden uns! Sie
sind von Leuten geschrieben, die uns nicht kennen!
    Unsere Kräfte nicht, unsern glühenden Lichtunger nicht, unsere Verzweiflung
nicht!
    Lebt wohl, ihr alten Bücher! - - - - - - - - - - -
 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
24. Juli 1891.
                               An die Leidenden.
                              Gedicht von Nadson.
               Aus dem Russischen übersetzt von Lilie Halmschlag.
Freund, Bruder, mein Bruder in Mühsal und Leid,
Wer du seist, lass nicht sinken den Mut!
Herrscht allmächtig auch Lüge und Bosheit noch heut
Auf der Erde, gebadet in Blut,
Liegt zerschlagen der Menschheit geweiht Ideal,
Sind von Tränen die Ströme geschwellt,
Glaub: es kommt eine Zeit, da stürzet der Baal,
Und die Liebe kehrt heim in die Welt.
Nicht im Dornenkranz, nicht im Bettlerkleid,
Nicht in Ketten, ans Kreuz gespannt,
In die Welt wird sie kommen voll Herrlichkeit,
Leuchtfackel des Glücks in der Hand!
Und kein Weinen wird fürder, kein Hassen mehr sein,
Kein ungeweiht' Grab auf der Erd';
Nicht dumpf lichtloser Not herzbrechendes Schrein,
Und kein Sklave, nicht Schandpfahl, nicht Schwert!
Kein Traum, oh, mein Freund, ist das leuchtende Bild,
Keine Hoffnung nur, eitel und leer.
Blick um dich: zu hart presst das Böse, zu wild,
Die Nacht ist zu finster, zu schwer.
Blutsatt ist die Erde! Die Qual war zu heiss,
In sinnlosen Kämpfen zu stehn; -
Und zur Liebe gewandt, die von Schranken nichts weiss,
Sind die Augen in gramvollem Flehn! .....
Wir Frauen haben kein Vaterland, uns binden keine Ländergrenzen, uns bindet kein
Fahnen-, kein Bürgereid.
    Aber heimatlos sind wir nicht. Unsere Heimat ist die Erde, unser Volk ist
die Menschheit.
    Nationale Arbeit hat man uns verwehrt; - leisten wir denn, was höher ist,
als sie, leisten wir Menschheitsarbeit!
    Beten wir, dass bald die Zeit komme, wo die Grenzen aufhören, die Volk von
Volk scheiden, wo die Kriege aufhören, die den Mann auf die Stufe des
blutdürstigen Tieres degradieren; wo das schmutzige Geld nicht mehr über die
verkaufte Erde rollt; wo es weder Kapitalisten noch Proletarier mehr gibt,
sondern nur Menschenbrüder, und wo der Mann auch im Weibe die gleichstrebende
Schwester erkennt und achtet! Beten und - handeln wir! Handeln wir!
 
    