
        
                                 Carl Spitteler
                              Conrad der Leutnant
                           Vorbemerkung des Verfassers
Unter Darstellung verstehe ich eine besondere Kunstform der Prosa-Erzählung mit
eigentümlichem Ziel und mit besondern Stilgesetzen, welche diesem Ziel als
Mittel dienen. Das Ziel heisst: denkbar innigstes Miterleben der Handlung. Die
Mittel dazu lauten: Einheit der Person, Einheit der Perspektive, Stetigkeit des
zeitlichen Fortschrittes. Also diejenigen Gesetze, unter welchen wir in der
Wirklichkeit leben.
    Mit erläuternden Worten: Die Hauptperson wird gleich mit dem ersten Satz
eingeführt und hinfort nie mehr verlassen. Es wird ferner nur mitgeteilt, was
jene wahrnimmt, und das so mitgeteilt, wie es sich in ihrer Wahrnehmung
spiegelt. Endlich wird die Handlung lebensgetreu Stunde für Stunde begleitet, so
dass der Erzähler sich nicht gestattet, irgendeinen Zeitabschnitt als angeblich
unwichtig zu überspringen. Aus dem letzten Gesetz ergibt sich wiederum die
Notwendigkeit, die Handlung binnen wenigen Stunden verlaufen zu lassen.
    Selbstverständlich eignet sich nicht jeder Stoff zur Darstellung, im
Gegenteil, von Fragmenten abgesehen und Irrtum vorbehalten, bloss eine einzige
Gattung von Stoffen, nämlich die gedrängten und geschlossenen (dramatischen). Ja
sogar unter ihnen nur solche, die es erlauben, auf ungezwungene Weise sämtliche
wichtigen Motive unmittelbar vor der Entscheidung vorzuführen. Der Faden wird
dann kurz vor der Entscheidung angefasst und nach dem Willen der Wahrheit
gesponnen. Erweist sich bei dunklen (tragischen) Stoffen mit grosser Personenzahl
nach dem Tode der Hauptperson noch ein abschliessender Anhang als notwendig, um
die Handlung von allen Seiten ausklingen zu lassen, so wird der abschliessende
Anhang aus der Perspektive einer überlebenden zweiten Hauptperson nach den
nämlichen Gesetzen gearbeitet.
 
Der junge Conrad Reber aus dem Pfauen in Herrlisdorf, der Leutnant, strich durch
den Stall, hinter den Gäulen vorbei, welche bei seiner Ankunft den Hals
emporschleuderten und sich polternd zurechtstellten. Aber die rote Lissi,
zuhinterst in der Ecke, schaute sich zutraulich um, hob den Schweif und spreizte
die Schenkel.
    »Was ist, Lissi?« machte der Leutnant. »Sags, was möchtest mir klagen? Gelt,
möchtest auch lieber auf dem Frauenfelder Exerzierplatz galoppieren, morgens
früh um fünf, wenn die Trompeten schmettern, und Fensterparade am Sonntag
vormittag und am Abend schöne Fräulein, die dir die Mähne streicheln, dir ein
Zückerchen und mir ein Küsschen, als daheim Mist auf den Acker fahren und Zank
und Schelten und saure Gesichter den langen Tag! Kehr dich links, kehr dich
rechts, bück dich, streck dich, geschimpft wird auf jeden Fall. Hört das
Schimpfen auf, so fängt das Seufzen an. Allein was meinst, Lissi? meinst nicht
auch selber: wenns zuviel ist, so ists zuviel, und wenns zu lange währt, so muss
es ein Ende nehmen. So oder so, hinter sich oder für sich, in Güte oder in
Krieg.« Hiermit klatschte er dem Rösslein mit der Flachhand aufs Kreuz, dass es
vor Mut strampelte.
    Und da eben der Scheck und der Bläss einander futterneidisch anfletschten,
jauchzend vor Hass, raffte er die Geissel vom Fenster und zog ihnen ein paar
sausende Streiche unter dem Bauch durch, dass sie aufjuckten wie die Forellen
beim Gewitter.
    »Friede in des heiligen Dreiteufels Namen!« herrschte er. »Muss denn in
diesem zänkischen Hause sogar das vierfüssige Vieh hadern?«
    Und nachdem er ihnen nachträglich noch ein paar feine Zwicker um die Knie
verabreicht, zum Vorrat für später, verblieb er mit ausholendem Arm, bis die
Aufregung sich gelegt hatte und ein gleichmässiges Mampfen aus sämtlichen Krippen
knusperte. Hierauf schob er sich mit unhörbaren Schritten nach der Fensternische
und hängte die Geissel an den Nagel, behielt jedoch den Griff in der Hand, die er
erst nach geraumer Zeit verstohlen an sich zog. Hernach verharrte er regungslos,
an den Sims gelehnt.
    Ein weisser Lichtstab zuckte in gebrochenen Winkeln durch die Stalltür, zwei
Schwalben aufscheuchend, welche blitzschnell über die Türspalte flüchteten; und
eine Hand nestelte schwächlich am Verschlusskettchen. »Conrad, bist dus?«
heischte vertraulich eine Frauenstimme von draussen. Dann bat sie dringender:
»Mach auf, Conrad, ich bins, Anna, die Schwester.«
    »Die Stalltür bleibt zu«, versetzte er bestimmt. »Hingegen das
Scheunenpförtchen ist offen.« Einige Sekunden später tastete, vom Stalldunkel
geblendet, die Schwester behutsam zwischen Mauer und Gosse herbei, die Kleider
zusammenfassend.
    »Guten Tag, Anna«, grüsste er ihr entgegen, um ihr den Weg zu weisen.
    »Was versteckst du dich den lieben langen Vormittag, dass dich kein Mensch
findet?« schmälte sie mit freundschaftlichem Ton.
    »Bin ja doch überall im Wege.«
    »Gleichviel. An einem Maisonntag, wo jeder Bahnzug ein halbes Hundert Gäste
bringen kann, gehört der Meister ins Haus und nicht in den Stall.«
    »Wer? Der Meister? Ich der Meister? Als ob es vom Keller bis zum Estrich
eine Seele gäbe, die weniger zu sagen hätte als ich! Der Sündenbock, das bin
ich; die Zielscheibe für jedermanns üble Laune! Meister! Ich der Meister!«
    Sie lehnte sich besänftigend an ihn. »Du solltest mit dem Vater ein bisschen
mehr Geduld haben, Conrad«, schmeichelte sie.
    Da brauste er auf: »Wenn ich nicht Geduld hätte, viel Geduld, sehr, sehr
viel Geduld, meinst, ich wäre nicht längst schon dreingefahren? Und wie!
Übrigens handelt es sich keineswegs bloss um Geduld oder nicht Geduld. Ich bin
vierundzwanzigjährig, stimmfähig, Militär und sogar Offizier, ausserdem
Kommandant der Feuerwehr. Meine Kameraden haben ihre Freiheit, ihren Willen,
ihre selbständige Tätigkeit, einige sogar Amt und Familie. Ich dagegen werde von
meinem Alten wie ein Bube geschurigelt. Wer aber im eigenen Hause nichts gilt,
der ist auch in der Gemeinde nichts wert. Das ists, was mich wurmt, das ists,
was ich nicht verwinde.«
    Sie schwieg ein Weilchen, die Augen niederschlagend, während sie zerstreut
mit den Schellen eines Pferdekumts tändelte. Endlich, nach langem Zögern, warf
sie halblaut hin:
    »Wer weiss denn, wie lange er überhaupt noch lebt.«
    Conrad schaute betroffen auf, wie damals, als er in der Rekrutenschule zum
ersten Male den teuflischen Pfiff einer Pikrinrakete vernommen hatte. Dann
runzelte er die Stirn: »Du, Anna, hör einmal, ob ich mich schon nicht aufs
Vermitteln verstehe wie du, einen solchen ruchlosen Gedanken, weisst du, hätte
ich mir doch nie erlaubt, nicht einmal im Traum.«
    Sie senkte den Kopf und starrte durch das Fenstergitter über die ziegelroten
Dorfdächer, dortin, von wo aus unsichtbarer Waldeshöhe der Kuckuck sang, so
laut und innig, als ob er den Himmel noch blauer singen wollte; dann plötzlich
warf sie sich mit elendiglichem Schluchzen über den staubigen Sims, den Kopf
zwischen den Armen verbergend, auf welche die Tränen niederströmten,
überjährige, reife Geburtstagstränen, in stillen Nächten gesammelt und im
verschwiegenen Herzen gezeitigt.
    Und abermals erstaunte er, zwischen Mitleid und Andacht, als ob er, über ein
gedecktes Brunnenloch schreitend, durch die Bretterfugen tief unten im finstern
Wasser etwas Lebendiges sich regen sähe. Teilnehmend bückte er sich und
liebkoste tröstend ihren Scheitel. »Anna«, beschwichtigte er.
    »Meinst du denn, einzig nur du allein habest Schweres zu tragen?« stiess sie
hervor.
    »Was ist? Wollen sie dir deinen Doktor nicht geben?«
    »Der Vater schon, hingegen die Mutter nicht.«
    »Ich habe den Vater, und du hast die Mutter«, urteilte er finster.
    Sie aber, da draussen Stimmen laut wurden, sprang hurtig auf und schüttelte
den Jammer vom Herzen. »Sieht man mirs an?« fragte sie frisch, die Augen
wischend und das Kleid glättend. Dann mahnte sie überlegen: »Komm also jetzt, es
ist Essenszeit; wir speisen nämlich heute eine Stunde früher.« Und vertraulich
raunte sie ihm zu: »Der Vater isst besonders, ich habe ihm in der Wohnstube
gedeckt. Auch die Mutter kommt wahrscheinlich nicht zu Tisch herunter.«
    »Warum?« fragte er besorgt, »sie ist doch hoffentlich nicht krank?«
    »Nein, bloss Migräne. Vor Aufregung und Angst.«
    »Angst?«
    »Nun ja. Vor allem, was es heute könnte zu tun geben. Du weisst ja.«
    Erleichtert atmete er auf. »So kann man doch wenigstens einmal ausnahmsweise
im Frieden zu Mittag essen.«
    »Gewiss. - Das heisst, die Base ist zwar zur Aushilfe da.«
    »Was für eine?« forschte er misstrauisch.
    Sie brachte die Antwort kaum zum Vorschein. »Beide«, gestand sie endlich
kleinlaut, »die Rosinenbase und die Hexenbase.«
    »Warum nicht gleich ein ganzer Hühnerhof voll?« höhnte er.
    »Nur auf einen halben Tag«, entschuldigte sie. »Vor einer Stunde angekommen
und am Abend wieder fort. Das wird, denk' ich, auszuhalten sein!« Und
klugerweise, damit er den Bissen besser verdaue, goss sie drei Tröpfchen Humor
nach: »Ich wollte, du hättest sie sehen können, wie sie miteinander anrückten,
Arm in Arm, unter einem urweltlichen Regenschirm, wackelig wie die liebe alte
Zeit und ausgelassen wie jährige Osterhäslein. Den Vater haben sie vor lauter
Übermut an der Nase gezupft, stell dir das einmal vor! Gegenwärtig zanken sie
sich weidlich in der Küche herum. In aller Wohlmeinenheit natürlich.«
    Wirklich brachte sie ihn zum Lächeln. Nicht über den Humor des Bildes, da er
als Willensmensch wenig Empfänglichkeit für Humor besass, sondern über dessen
Freundlichkeit. Denn sieben Kinderjahre grüssten ihn aus ihren Runzeln. »Wenn nur
die Hexenbase nicht eine so scheussliche Zunge hätte«, wandte er nachgiebig ein,
halbwegs umgestimmt. »Wenn ich sie reden höre, ist mir immer, als hätte sie
allen Sprachunrat des Kantons von der Landstrasse aufgelesen.«
    »Sie meints ja seelengottengut. - Und kocht Nummer eins.«
    »Ich sage nicht nein. Aber ein Maulkorb gehörte ihr von Rechts wegen, auf
Beschluss des Regierungsrates, in feierlicher ausserordentlicher Sitzung.«
    Die Schwester erachtete Weiterungen für überflüssig, verzichtete auf
Widerspruch, fasste die Röcke zusammen und trippelte auf den Zehen umsichtig
davon. »Also du kommst jetzt zum Essen«, schloss sie bestimmt, ohne sich nur nach
ihm umzusehen, und liess das Scheunenpförtchen offen.
    Sollte er wirklich? Musste ers durchaus? Fort aus dem sichern Verlies in den
Hass und Hader? Doch das offene Pförtchen mahnte ihn fortwährend, mit der Stimme
der Schwester, und Appetit spürte er, ehrlich gestanden, auch. Zögernd,
widerwillig folgte er. »Einmal Herr und Meister sein!« stöhnte er grimmig vor
sich hin, »gebieten können, strafen und belohnen dürfen, Achtung erfahren,
Frieden haben, keine ungerechten Vorwürfe einstecken müssen - und wäre es auch
nur auf eine einzige Stunde - oder eine halbe!«
Draussen auf dem weiten Dorfplatze im grellen Vormittagssonnenschein unterhielten
sich Gruppen steifgekleideter Sonntagsbauern, das Kirchengesangbuch in der Hand.
Ohne sich zu rühren, glotzten sie ihn an. »Prächtiges Kirschenwetter heute«,
rief Conrad im Vorübergehen leutselig. Antwort erhielt er keine. Da runzelte er
die Stirn. »Mach dich gemein, lass dich herab, sei freundlich und zuvorkommend,
sofort lassen sie dichs büssen.«
    An der Hausecke des Pfauen, gegen die Terrasse, balgten sich unter
wieherndem Gelächter der Portier und Benedikt, der Kutscher. Der Portier, die
Mütze schief auf dem Hinterkopf, schlenkerte das Bein gegen Benedikt, das dieser
zu packen trachtete. Beim Anblick des jungen Meisters trat der Kutscher grüssend
zur Seite, der Portier dagegen, nachdem er erst unwillkürlich nach seiner Mütze
gegriffen, besann sich anders, behielt sie auf dem Kopf und setzte das rohe
Spiel fort.
    Der Leutnant bedachte ihn mit einem scharfen Blick, dann schwenkte er nach
dem Seitenpförtchen neben der Küche ins Haus.
    Vor der Schwelle stockte er mit einem Ausruf der Entrüstung. Nämlich
Taubenfedern lagen herum, und einige rote sternförmige Tropfen Blutes bedeckten
die oberste Stufe.
    »Hat da wieder einmal so ein armes unschuldiges Täubchen sein junges Leben
lassen müssen, damit irgendein verwöhnter Lecker seinen schalen Gaumen mit dem
magern Bissen kitzle!«
    Ehe er eintrat, schöpfte er, rund um sich blickend, einen grossen Atemzug
freie Luft. »Mut!« murmelte er, während ihn Ekel durchschauderte.
    Hernach schritt er leise über die Schwelle in den Hausgang, wo er
argwöhnisch lauschte wie auf Feindesboden. Nichts Verdächtiges in der Nähe;
Leere ringsum und Stille in den Räumen. Das Unheil schlief also irgendwo in
einem entlegenen Versteck, unter einem Strohwisch. Nur von der Küche, aus
verwinkelter Ferne drang der Zank der Basen an sein Ohr.
    Aber wenn das einen wohlmeinenden Zank bedeutete, wie lautete dann ein
übelmeinender? Ein Duett, als ob zwei tropfnasse Katzen mit verknoteten
Schwänzen durch einen Affenkäfig gepeitscht würden.
    Belustigt, mit der Wonne des Gemassregelten, wenn seine Zuchtmeister
aneinander geraten, weidete er sich an dem Konzert. »Jetzt lasst sehen, wer wird
Meister? die Hexenbase oder die Rosinenbase?«, und er liess mit erhobenen Händen
die Zeigefinger gegeneinander fechten, wie das Krokodil und der Teufel im
Kasperleteater.
    
    Darüber flog die Küchentür auf, und Flucht und Verfolgung tanzten in den
Korridor. Den erläuternden Text gewährte die grölende Stimme der Hexenbase:
»Pack dich! drück dich! hüpp! alehoppla, marsch!«
    »Wart nur«, drohte es zurück, im greinenden Ton eines gesteinigten
Propheten, »wart nur ganz ruhig, bis der Conrad einmal Meister wird. So jagt er
dich aus dem Hause, wie du mich heute aus dem Hause jagst.«
    »Amen, es geschehe!« betete Conrad und begab sich ins Speisezimmer.
    Es war noch menschenleer. Ein Gemisch von kühlem Frühling und warmem
Sonnenstrahlenbad - »frappierter Sommer«, dachte er - zog durch das saubere,
wohnliche Gelass aus und ein. Freundliche Reinheit um und um. Auf den gedeckten
Tischen funkelten die Gläser und Wasserflaschen wie Nebensonnen. Ein kleiner
Tisch für die Familie, ein langer, etwas getrennt davon, für das Gesinde der
Aufwärterinnen. Beide mit Fliedersträussen geschmückt und das Besteck so
regelrecht geordnet wie mit dem Zollstab abgemessen.
    Da überkam ihn eine Pulswelle Lebenslust, dass er anfing, eine muntere
Marschweise vor sich hin zu pfeifen. Wie er indessen an der Wohnstube
vorübergeriet, zuckte er zusammen, verstummte und schlich sich verstohlen ans
nächste Fenster hinüber. Er hatte durch die klaffende Lücke der nur zu
Dreivierteln geschlossenen Tür die Gestalt des Vaters wahrgenommen, der drinnen
in der Wohnstube im Lehnstuhl sass. Nur einen Augenblick, allein es hatte ihn wie
ein Faustschlag getroffen. Und nun schwebte ihm das verhasste Bild, von der
Phantasie vergrössert, in ungeheuerlichen Umrissen nach, riesenhaft und schwarz.
dabei drehte sich etwas in ihm um, feindselige Gefühle an die Oberfläche
fördernd; und mit klopfenden Pulsen, die Stirn an eine Fensterscheibe gedrückt,
starrte er auf die Terrasse hinab.
    Da, während er also ziellos hinbrütete, tauchte unversehens der frevelhafte
Spruch seiner Schwester in seinem Gedächtnis auf. »Wer weiss denn, wie lange er
überhaupt noch lebt!« Ob er das Wort noch so heftig verbannte, es kam wieder und
hüpfte unablässig in seinem Ohr. Gewiss nicht als Wunsch und Hoffnung - pfui! -
sondern einfach als eine Frage. Und schliesslich, im Grunde, warum sollte er sie
nicht beantworten? Eine unbezwingbare Neugierde wuchs in ihm heran, so dass er
sich eine Schrittlänge seitwärts am Fenster zurückstahl, bis sein Blick durch
die Türspalte den Vater streifend erreichte, die rechte Seite des Körpers und,
je nachdem jener sich bewegte, auch den Kopf. Und nun begann er ihn verhaltenen
Atems zu beobachten, wie er ihn noch nie beobachtet hatte, mit dem lauernden
Blicke des Spions, welcher nach des Feindes Schwächen späht. Im einzelnen prüfte
er ihn, von oben bis unten, um es schliesslich zusammenzurechnen: das
schreckliche Antlitz, glatt und bartlos, mit braunen Flecken schauerlich
getigert, die fürchterlichen, rot unterlaufenen Doggenaugen, den gedunsenen
Leib, der unter keuchenden Atemzügen seitwärts wogte, wie der Busen eines
Weibes, die unförmlichen Klumpenbeine, welche trotz der sommerlichen Wärme in
Pelzstulpen steckten. Und heimlich zählend, überflog er sein Alter:
vierundsechzig im Herbst. Jedesmal, wenn zufällig sein Blick den des Vaters
kreuzte, schnellte er den seinigen erblassend zurück, während der Vater
geräuschvoll schnurfelnd ausspuckte.
    »Männlein, was sinnst?« rannte ihm die Schwester ins Ohr.
    Da fuhr er wie ein bleichsüchtiges Mädchen schreckhaft zusammen, dass ihm das
Herz stille stand.
    Sie aber beschrieb mit ihren seelenvollen Händen eine wischende Bewegung vor
seiner Stirn, wie der Zauberkünstler, wenn er etwas verschwinden lässt.
»Infernalibus«, flüsterte sie. Dann erhob sie drohend den Zeigefinger:
»Männlein, sei lieb«, mahnte sie. »Wenn du lieb bist, aber sehr, sehr lieb, will
ich dir etwas Schönes zeigen.« Das sagte sie in einem Ton, als ob sie ein
Geschenk hinter dem Rücken verborgen hielte.
    »Was?« fragte er zerstreut, noch vom Schreck verstört.
    Sie wies neckisch nach der Landschaft, dass ihr Finger seine Nase streifte.
»Zum Beispiel der rosarot gesprenkelte Apfelblust dort unten in der Matte, ist
der etwa nicht schön?«
    Hiernach huschte sie fröhlich nach dem Esstisch hinüber, unterwegs die
Wohnstubentür unauffällig schliessend, und machte sich mit dem Besteck zu
schaffen, indem sie nachträglich Kuchenmesser auflegte, sowohl für das Gesinde
wie für die Herrschaft. Und während er nach wie vor in finsterer Verbohrteit
zum Fenster hinausstierte, sang sie hinter seinem Rücken über der Arbeit ein
Liedchen, bald leise summend, bald mit nachdrücklicher Betonung, je nachdem der
Wortlaut oder ihre Willkür es begehrte:
»Weisst, was der Kucker im Frühling singt?
Kein Mensch weiss, was ihm der Sommer bringt.
Der Sommer, der schläft hinterm Gitzlisberg.
Gar vieles kommt anders und überzwerch,
Doch manches wieder kommt plötzlich gut,
Wenns niemand erwartet und hoffen tut.
Januar und Februar:
Gotts Segen ins Jahr.
Im März und April
Gibts Wetter, wies will.
Im Maien der Schnee
Tut der Apfelkammer weh.
Brachmonat, August -
Trag willig, was musst.
Im Herbst wächst die Nacht,
Bis es Winter macht.
Der Ofen tut not,
Die Blümlein sind tot.
Die Blümlein, die sind halt den Frost nicht gewohnt.
Wenns nur meinen Liebsten, meinen Einzigen verschont.«
Statt Einzigen aber setzte sie Conrad, indem sie jedesmal bei diesem Namen einen
herzinnigen Blick dem Bruder zuschickte, glückzufrieden, unbekümmert, ob er es
bemerke.
    Jetzt bimmelte die Essglocke, und nach einer kleinen Schicklichkeitspause
rauschten die Kellnerinnen ins Zimmer, einzeln und gruppenweise. Beim Eintritt
wünschte eine jede dem jungen Meister ein treuherziges Gutentag, nicht
ehrfürchtig, vielmehr kameradschaftlich und vertraulich, wofür er jedesmal mit
lauter Stimme dankte, übrigens ohne sich umzuwenden.
    Ein anmutiges Summen flüsternder, schwatzender, trällernder Mädchenstimmen
bewegte sich hinter ihm hin und her. Mit der Zeit schob sich in seine Hände, die
er hinter dem Rücken verschränkt hielt, ein Blumenstengel. Weil aber ein
Fensterflügel spiegelte, erkannte er die Täterinnen. »Josephine«, urteilte er,
»das errät man an der Narretei.«
    Dann kreiste ihm eine Hand übers Gesicht. »Solch eine vorsintflutliche
Patsche hat einzig in der Welt Brigitte«, erklärte er.
    »Betrug!« verkündete ein empörter Ausruf. »Er sieht uns im Fenster.« Und
sofort zerstreute sich der Schwarm. Dagegen erschien jetzt seine Schwester neben
ihm.
    »Nun denn, was sagst du jetzt dazu?« forschte sie.
    »Wozu?«
    »So sperr doch endlich deine Guckaugen auf, Tolpatsch!«
    Er drehte sich nachlässig um, und wie sein Blick über den Mädchenhaufen
glitt, bunt und fröhlich wie ein Junimorgen im Garten, entdeckte er unter den
Kellnerinnen eine neue: hochgewachsen, stattlich und bolzgerade aufrecht, in
reichster Bernertracht, lötig Silber und Samt und Seide, steifgewölbtes Vorhemd,
panzerhartes Mieder, gestickte Halbhandschuhe, alles genau bis ins einzelste,
wie in einem Trachtenbilde für die Fremden hinter einem Schaufenster von
Interlaken.
    
    »Aus was für einer Spielschachtel hast du die bezogen?« bemerkte er
beifällig, doch gleichgültig.
    »Gelt?« lachte sie. »Oder habe ich dir denn nicht versprochen, etwas Schönes
zu zeigen? - Aber nichts da von Spielschachtel, loses Menschenkind! Potztausend,
damit wird nicht gespielt, hörst du? Nur zum Ansehen. Und sorgfältig mit
umgehen, wohlgemerkt, denn das ist eine kostbare Präsidententochter, spröd und
stolz. Übrigens für sie ist mir nicht bange, denn sie hat drei Reihen Nadeln auf
der Zunge wie ein Hecht - um so mehr für dich - wehe deinem Herzen! armer
Conrad!« Hiermit hüpfte sie triumphierend von ihm weg, singend in jauchzenden
Oktaven.
    Er aber behielt die Bernerin im Auge, und jählings von übermütigem
Selbstgefühl gepackt, manövrierte er sich angriffslustig zu ihr hinüber.
    »Also wahrscheinlich Bäbeli oder Marianneli«, machte er plötzlich, indem er
unvermutet vor sie hintrat, so nahe, dass seine Stirn beinahe die ihrige
berührte, damit sie ihm weiche.
    Sie hielt ihm jedoch trotzig Stand, mit zusammengezogenen Brauen. »Weder
Bäbeli noch Marianneli, sondern Catri«, erwiderte sie barsch und wich ihm nicht
um Zolles Breite.
    »Von Langnau oder von Signau?« stocherte er weiter.
    »Ich an Eurer Stelle«, rief sie hitzig, »wenn ich mich aufs Raten nicht
besser verstände, liesse es bleiben. Von Melchdorf bin ich.«
    »Melchdorf? Von Melchdorf? Wo ist doch Melchdorf? Übrigens wo von Melchdorf?
Aus der Säge oder aus der Mühle? Nämlich Melchdorf, müsst Ihr wissen, Melchdorf
ist gross.«
    »Jetzt sagt Ihr eine Dummheit; denn Melchdorf ist klein. Besjetzt auch
überhaupt weder eine Säge noch eine Mühle. Übrigens, wenn Ihr denn so
wundergierig seid, es ist kein Geheimnis, man darfs wissen: im Taubenhof bin ich
daheim.«
    »Im Taubenhof? Ach so, im Taubenhof. Im Taubenhof also. Keine fehlgeratenen
Täubchen, fürwahr, in jenem Taubenhof.« Und indem er sie vom Kopf bis zu den
Füssen musterte, auf und ab: »Hat er noch mehr dergleichen saubere, milchweisse
Riesenvögelein, Euer Vater, der Präsident, in seinem Taubenschlag, von dieser
Höhe?«
    Freudiger Stolz erhellte ihr Antlitz: »Unser sechs Geschwister sind wir,
immer eins bäumiger als das andere. Mag leicht sein, unser Ältester, der Hans,
ist noch einen halben Kopf grösser als Ihr.«
    Conrad kniff zweifelnd ein Auge zu.
    »Es steht jedem frei zu blinzeln, der blöde Augen hat«, bemerkte sie zornig.
»Ich aber behaupte, was ich weiss und was Tatsache ist. Unser Hans schaut mir
bequem über den Scheitel. Hiernach könnt Ihrs selber ausrechnen, wenn Ihr
rechnen gelernt habt.«
    »Oder abmessen?« meinte er.
    »Meinetwegen.«
    Und beide streckten sich herausfordernd auf den Zehen, halb im Spass, halb im
Ernst.
    »Nicht so«, schalt Josephine, »sondern rechtschaffen, Rücken an Rücken, wie
es Brauch ist.« Hiermit drehte sie keckerhand die beiden um, drängte sie an die
Wand und stiess sie rücklings zusammen. »Einen Schemel, ein Lineal und einen
Bleistift her!« befahl sie. »Schnell!«
    Allein Anna unterbrach das Spiel. »Zur Suppe«, mahnte sie, mit einladender,
singender Stimme, einen Blick mütterlicher Huld auf das Paar hinübersendend.
»Zur Suppe«, wiederholten lustig die Mädchen, indem sie den ziehenden Ton in der
Nachahmung überboten. Und hurtig schwärmte das junge Völklein nach dem
Gesindetisch. Mit ihnen Catri, worüber sich Conrad bass verwunderte, wie über
etwas Ungebührliches.
    Er überlegte. Sollte ers wagen, sie eigenmächtig an den Familientisch zu
befördern?
    Allein sie hatte schon gravitätisch die Serviette über den Schoss gebreitet
und lachte ihm von weitem zu, belustigt über sein Erstaunen. »Ich sitze hier
vortrefflich«, versicherte sie.
    Während er zögernd seinem Platz zusteuerte, traf ihn ein Rippenstoss, und
zwar ein recht knochiger. »Und mich«, belferte eine kurzatmige Stimme, »mich,
gelt, mich grüsst man, versteht sich, nicht? unsereinen, natürlich, übersieht
man? Freilich, kann dir leider nicht mit einem glatten Frätzchen aufwarten, bin
halt nur die alte Ursula oder die Hexenbase, wie du mich getauft hast, vor
Zeiten, weisst du noch? als du meintest, wenn ich dagewesen sei, gebe es nachher
immer ein Unglück. Weil du per se jedesmal etwas Dummes angerichtet hattest und
dafür die Rute bekamst; das eine Mal aufs Dach geklettert und die Ziegel
verschimpfiert, das andere Mal dir das Gesicht verpülvert, das dritte Mal die
Pferde in Heinis Garten gelassen und so weiter, was weiss ich. Aber so sind die
Menschen. Wenn einer einen Unsinn gemacht hat und nachher löffeln muss, was er
eingebrockt hat - -«
    »Guten Tag, Base«, hemmte er den Erguss. »Übrigens hatte ich heute bereits
das Vergnügen, wenn auch nur aus der Ferne. Alle Achtung, das muss man dir
lassen: du bist eine tapfere Base, ein wahrer St. Georg. Nur so mir nichts, dir
nichts aus dem Hause gejagt? eins, zwei, drei? die arme Rosinenbase? was?«
    Sie schickte einen bösen Blick in die Luft, an die Adresse der Rosinenbase,
und klappte die Kiefer zusammen, wie der Dachshund, wenn er eine Ratte
verschluckt hat: »Es kann nur einer im Hause regieren, nicht zwei«, posaunte
sie.
    Er verbeugte sich förmlich. »Meinen untertänigsten Gehorsam der
Alleinherrscherin im Hause.« Dann bot er ihr nachträglich die Hand zum Gruss.
    Doch sie zog geziert beide Hände weg und hüpfte rückwärts. »Du musst
keineswegs, wenn du nicht magst. Zwingen will ich dich nicht.«
    »Und ich dich ebenfalls nicht«, erwiderte er, liess sie hüpfen und setzte
sich. »Anna, kommt eigentlich die Mutter zum Essen?«
    »Ich glaube ja; aber später. Sie zieht sich eben an.«
    »Und du? issest du denn nicht mit?«
    »Nein, ich bediene den Vater.«
    »O weh!« stöhnte er.
Die dampfende Suppe wirkte Behagen und weckte die Gesprächslust.
    »Woher kommen nur alle die herrlichen Lilasträusse?« fragte Conrad zu der
Base gewandt, indem er eine Blume herausholte und an die Nase führte.
    Keine Antwort.
    »Eine Staatssuppe«, urteilte er nach einer Weile. »Alle Achtung vor dem, der
sie gekocht hat.«
    Die Base betrachtete ihn hämisch von der Seite und meckerte vor sich hin.
Endlich versetzte sie: »Aber, gelt, nicht wahr, wenn du gewusst hättest, ich habe
sie gekocht, so hättest du sie schlecht befunden?«
    Nach einigem Abwarten versuchte ers zum drittenmal.
    »Ein Prachtwetter heute, kein Wölklein am Himmel.«
    »Ja, das Wetter wäre schon recht«, keifte die Base, »wenn nur auch die
Menschen recht wären.«
    Jetzt hatte er genug, tat sich Gewalt an und verdrückte die Redelust, indem
er zugleich geflissentlich den Blick von der sauertöpfischen Base abzog. Hierbei
bekam er zufällig die Kellnerinnen zu Gesicht.
    Und siehe da, es war ein ergötzlicher Anblick. Nein, wirklich, im Ernst, sie
sahen verdammt nett aus, in ihren neuen, leichten Sommerröckchen, deren Farben
die unmöglichsten Sprünge verübten, ohne einander auf die Zehen zu treten. Man
wusste wirklich nicht, welcher den Vorzug geben, ob der Berta mit ihrem
seidenweichen wenigen Kastanienhaar, angetan mit einem weiss und meergrün
gestreiften Gewändchen - hatte er nun etwa nicht recht mit seiner Vorliebe für
meergrün? - oder der durchsichtigen, gerstenblonden Helene, das weisse Kleid mit
den rosafarbenen Schleifen aufgeputzt, wie ein Albumschäfchen, das ein Engel am
Bande führt - oder der rotkrausen Josephine - ja aber trägt man denn Schwarz im
Sommer? Nun, das muss Josephine besser wissen als er, item, es stand ihr
abgefeimt gut. Bloss Brigitte, natürlich, versteht sich, das faule Mammut, musste
in einem plumpen, braunen Werktagsrock kommen. Dazwischen tronte Catri steif
und starr in ihrer majestätischen Vollkommenheit, in ihrer harten weiss und
schwarzen Wappentracht, fast hätte er gesagt Uniform. Man brauchte ihr bloss
statt Messer und Gabel einen Schild und Lanze zu reichen, so war sie die
vollendetste Helvetia auf einem silbernen Fünffrankentaler oder eine geflügelte
Allegorienfigur auf dem Reklamezettel einer Landesausstellung. Ackerbau und
Volksfleiss, so etwas. Schaute man sich nicht unwillkürlich nach dem Alpenglühen
um, wenn man sie sah?
    So unterhielt er seine Blicke. Die Mädchen ihrerseits guckten zu ihm
herüber, und so entwickelte sich ein munteres Augenspiel hin und her mit
Blinkern und Zwinkern. Darüber juckte ihn die Zunge und kitzelte ihn der
Übermut.
    »Aufs Wohl, Brigitte«, begann er, das Glas erst hebend, »habt Ihr auch schon
einmal nikotinfreien Wein versucht?«
    Brigitte verwahrte sich entrüstet. »Äh, Wäh, Ch«, schnurrte sie verächtlich
und wischte sich angeekelt die Lippen, »nikotinfreier Wein, das wäre ja wie
zuckerfreier Honig.« dabei schaute sie sich triumphierend um, ob man auch
allseits das Salz ihres Witzes schmecke.
    Und da jetzt ein Spottgelächter um sie herfiel, mit mühseligen Belehrungen -
denn sie wollte schlechterdings nichts begreifen -, machte er sich an Josephine,
welche auf Brigitte so eifrig einredete, als ob sie sie zum Islam bekehren
wollte.
    »Ihr, Josephine, da Ihr Euch doch gar so über die Massen gescheit dünkt,
könnt Ihr folgendes Rätsel lösen? Wer nimmt was womit?«
    Josephine dachte aus Leibeskräften ... »Wer nimmt was womit?« wiederholte
sie murmelnd, indem sie mit den Augen die Zimmerdecke absuchte. Plötzlich
erklärte sie zuversichtlich: »Der Herr Reber nimmt nur eine mit viel Geld.«
    »Sehr gut«, belobte Conrad, »schade, dass es nicht wahr ist. Sondern:
Achtung. Es nimmt ein Ende mit Schrecken.«
    Es erfolgte eine grosse Chor-Pantomime des Mitleids, welche mit
ausdrucksvollem Gebärdenspiel den Hinscheid seines Geistes beklagte.
    Aber Catri hatte die Zunge geläufiger als die Gebärde: »Das ist einer vom
Exerzierplatz«, urteilte sie wegwerfend.
    »Wohl, dann will ich Euch mit Eurem Kanton Bern aufwarten. Ich fürchte nur
eines: es könnte Euch ein wenig zu hoch sein, denn jetzt geht es die obersten
Stufen der Bildungstreppe steil bergan. Also: Welche Rose gedeiht im Kanton Bern
am besten?«
    »Die Rose der Liebe«, flötete geschwind Helene.
    »Der unumwundenen Offenheit und Lauterkeit«, verbesserte Catri
selbstgefällig, indem sie sich vor Rassebewusstsein ordentlich brüstete und
blähte.
    Conrad aber, von ihrem kantonalen Dünkel gereizt, übergoss sie mit einem
Blick rückhaltlosen Hohnes. »Rose der unumwundenen Offenheit«, spottete er:
»Unumwunden, also jedenfalls keine Schlingrose. Offenheit, mitin keine Knospe.
- Nein, nicht Rose der oder Rose des, sondern einfach Rose: die
Phosphornekrose.«
    Ein Beifallssturm billigte die kleine Bosheit, während die gedemütigte
Catri, puterrot vor Scham und Zorn, ihm einen wütenden Blick zujagte.
    Allein Josephine erklärte sich mit dem Gespräch überhaupt nicht
einverstanden. »Was ist denn nur heute mit unserm gestrengen Herrn und Meister«,
schalt sie, »dass er uns hartnäckig Kirchhofrätsel auftischt. Ein Ende mit
Schrecken, Nekrose, Nekrolog. Puh, man könnte wahrhaftig glauben, Ihr wolltet
Euer Testament machen. - Sondern jetzt will ich Euch ein Rätsel spendieren -
Achtung, stille, aufgepasst! spitzt die Ohren: Was geht auf zwei Beinen und ist
doch kein Huhn? und warum?«
    »Benedikt, der Kutscher«, meinte Berta aufgeräumt.
    Josephine zog eine weise Schullehrermiene: »Berta, du bist unlogisch. Denn
erstens geht Benedikt nicht, sondern er stolpert; zweitens, wenn es kein Huhn
ist, so kann es doch kein Mann sein, denn sonst wäre es ja kein Hahn; drittens
könnte man bei Benedikt unmöglich fragen: Warum? Man braucht ihn ja bloss
anzusehen, um zu wissen, warum. Sondern Brigitte, weil sie eine Gans ist.«
    Brigitte, um den Empfang zu bescheinigen, verübte eine Grimasse, zischte
Josephine an, gab die Zunge aus dem Munde und blökte.
    Jetzt aber ertrug die Base nicht mehr länger diese nichtsnutzigen Spässe.
Schon öfters hatte sie geräuschvolle Zeichen des Missfallens kundgegeben,
geknurrt, gebrummt, gehustet, mit den Füssen gescharrt, den Stuhl geschoben, die
Löffel und Teller geschmissen; jetzt riss ihr die Geduld:
    »Seit wann sitzt denn der Portier nicht mehr bei Tisch?« fuhr sie den
gegenübersitzenden Conrad grob an, mit dröhnender Stimme wie aus einem
zersprungenen Kochhafen. »Doch ich verstehe, der ist wohl dem Herrn Leutnant
nicht mehr vornehm genug.«
    »Es handelt sich nicht um vornehm oder nicht vornehm«, entgegnete Conrad
ruhig, »sondern darum, dass der Portier ein frecher Flegel ist, mit welchem ich
nächstens ein Wörtchen reden werde.«
    »Ich weiss nicht«, fuhr sie seufzend fort, die Augen wie eine Märtyrerin
verdrehend, »aber seit dem verwünschten Militärdienst bist du wie ein
umgekehrter Handschuh.«
    »Das wäre ja lauter Gewinn«, erwiderte er, »genoss doch der Handschuh niemals
das Glück deines Beifalls.«
    »Überhaupt«, knurrte sie, »wozu das dumme unnütze Soldäteln? Wenn die Völker
Frieden halten wollten, wenn die Fürsten Europas in ihrem nimmersatten,
ländergierigen Ehrgeiz -«
    Conrad fiel ihr in die Phrase: »Jetzunder, ihr Völker und Fürsten Europas,
beisst die Zähne zusammen, allerhöchst die Base Ursula von Hutzlisbühl liest euch
den Text.«
    Gelächter vom Kellnerinnentisch her unterstützte die Abfertigung, und nun
hatte die Base ihrerseits den Verleider.
    Stumm und verdrossen schlich nunmehr die Mahlzeit voran, mit heftigem
Schlingen und endlosen, unausstehlichen Pausen. Draussen aber in der Wiese pfiff
ein Vogel unaufhörlich einen nämlichen sägenden Doppelton des Jubels, tüitü, als
könnte er des Maienglücks nicht genug erzählen.
    Die Köchin, die alte treue Lisabet, nachdem sie das Gemüse aufgetragen,
blieb bei der Base hangen, zischelnd, mit gehässigen Blicken nach der Bernerin.
    Die Base wulstete die Lippen. »Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen«, grölte
sie überlaut, indem sie nach Catri schielte: »Es scheint, es gibt Gäste, die
lieben das.«
    »Was?« fragte Conrad drohend.
    »Nun«, lautete die Antwort, »wenn eine Kellnerin sich herausdonnert wie ein
Schaf zum Auskegeln und die blossen Arme feilhält, dass einem davon übel wird, und
die Augen unverschämt aussperrt wie eine Ich-weiss-nicht-was.«
    Conrad suchte nach einer gepfefferten Zurechtweisung. Allein schon war
Catri leidenschaftlich aufgefahren und warf mit schneidender Stimme herüber:
    »Die Tracht, die ich trage, ist eine ehrbare Landestracht. Und an blossen
Armen kann höchstens ein ausgeschämter, abgelebter Wüstling Anstoss nehmen oder
aber eine neidische alte Vogelscheuche. Und wenn ich die Augen aufsperre, so
geschieht das, weil ich nicht wüsste, weswegen und vor wem ich sie
niederzuschlagen brauchte. Übrigens, falls ich etwa hier jemandem im Wege bin,
so hat er sich bloss zu melden. Ich habe mich nicht aufgedrängt, sondern bin
einzig deswegen hier, weil mich die Jungfer Anna Reber persönlich im Kurbad
aufgesucht und mit Bitten und Beten zur Aushilfe gedungen hat.«
    »Catri«, sprach Conrad nachdrücklich, »wenn ihr von meiner Schwester
gedungen seid, so gilt das genau so viel, als wäret Ihr von Vater und Mutter
gedungen. Ich ersuche Euch daher in ihrem Namen höflich, zu bleiben und Euch
durch keine Schnödigkeiten Unberufener irre machen zu lassen.«
    Da setzte sie sich gelassen nieder. »Steht es so«, sagte sie, »dann steht es
gut. Ihr seid der Meister, an Euer Wort halte ich mich. Was andere dagegen
reden, das schätze ich weniger als das Klappern einer Mühle.«
    Die Base jedoch vermochte ihre Niederlage nicht zu verwinden. Nach öfteren
unartikulierten Anläufen platzte sie gegen Conrad los: »Du gehörst scheints auch
zu den vielen, es braucht bloss ein paar ziegelrote Bäcklein, so verdrehen sie
schon verliebt die Augen, wie das Huhn vor einem Mistkäfer. Nach dem innern Wert
natürlich, nach der Tugend, darnach frägt keiner.«
    Jetzt brauste Conrad auf. »Und du«, erwiderte er, »du gehörst auch zu den
vielen, die da meinen, die Tugend einer Frau beweise sich durch einen Kropf.«
    Die unbändige Lachsalve, die diesem Ausspruch folgte, und die feuchten Augen
der Base belehrten ihn, dass er genauer getroffen, als er gezielt hatte, und
gerne hätte er das grausame Wort zurückgeholt. Wirklich, er hatte es nicht
bedacht, dass die Base selber einen dicken Hals hatte, und jetzt tat ihm sein
Ausfall bitter leid. Eifrig suchte er nach einem Mittel, ihn wieder gutzumachen.
Inzwischen hatte sie das Schnupftuch hervorgekrabbelt, und während sie sich die
Augen wischte, stammelte sie: »Schweig nur, schweig, Conrad. Es gab eine Zeit,
da war ich dir nicht zu hässlich, mitsamt meinem Kropf.«
    »Die Zeit ist noch lange nicht vorüber«, beteuerte er herzlich, »du bist mir
auch jetzt durchaus nicht zu hässlich.«
    Doch ohne auf diese Brücke einzulenken, klagte sie opferleidig weiter:
»Waren das schöne Zeiten, damals, als du noch ein kleines Büblein warst.«
    »Liebste, beste Base, was kann denn ich dafür, dass ich kein kleines Büblein
mehr bin? Übrigens in dieser Beziehung hältst du es genau wie meine Mutter.
Beständig spielt man mirs wie einen Verrat ins Gesicht, dass ich nachgerade ein
Mann geworden bin. Zum Teufel, ich kann doch nicht euch zu Gefallen zeitlebens
mit einer Saugflasche umherwandeln; oder was verlangt ihr denn eigentlich von
mir?«
    Als hätte er nichts gesagt, spann sie ihren grauen Faden fort, mit
beschuldigendem Seufzen: »Du lieber Gott, wie manches Mal bist du mir auf dem
Schoss gesessen.«
    Dieser unaufhaltsame Quark von Dummheit und Ungerechtigkeit reizte ihn
wieder.
    »Wenns nur daran fehlt«, erwiderte er ärgerlich, »dem wäre ja abzuhelfen,
das heisst, wofern es wirklich im Ernst dein Wunsch ist, dass ich mich auf deinen
Schoss setze.«
    Diesmal blieb jedoch das Lachen der Mädchen aus, welche vielmehr ernst und
verlegen vor sich niederschauten, und als er sich verwundert nach der Ursache
umsah, erblickte er neben sich die Mutter am Tisch sitzend, krankenbleich und
schwach, den Kopf in Tücher gehüllt.
    Er erblasste, darauf ermannte er sich. »Guten Tag, Mutter, wie geht es dir?«
fragte er teilnehmend, mit kleinlauter Stimme.
    Ein schmerzliches Zucken um ihre blutleeren Lippen und ein anklagender Blick
waren die Antwort.
    »Wie es dir gehe, habe ich dich gefragt«, wiederholte er empfindlich.
    Kaum hörbar hauchte sie, das Gesicht wegwendend: »Es geht, wie es gehen
kann.«
    »Es kann verschiedentlich gehen«, entgegnete er. »Aber wie es gegenwärtig
dir gehe, hätte ich gerne erfahren mögen.« Seine Stimme bebte, denn es empörte
sich etwas in ihm, das er mühsam niederkämpfte.
    Und abermals drückte Schweigen über der Mahlzeit, doch diesmal nicht mehr
das Schweigen des Verdrusses, sondern der Bangigkeit. Bloss die Mutter und die
Base tauschten ab und zu kurze Bemerkungen, mit Ausschluss der übrigen, als
speisten sie allein.
    »Wie die Grillen lärmen«, lispelte die Mutter, schmerzhaft die Stirnmuskeln
runzelnd und die Tücher ängstlich übers Ohr ziehend mit ihren dünnen, bleichen
Leidensfingern.
    Die Base ergänzte zustimmend: »Die Amseln in Hutzlisbühl haben auch bereits
schon um vier Uhr morgens wüst getan.«
    Conrad biss sich auf die Lippen und starrte mit grossen Augen nach der
Zimmerdecke. »Die Amseln wüst getan«, wiederholte er mechanisch, »Amseln, die
wüst getan haben. Amsel - und wüst tun.« Plötzlich übermannte ihn ein unbändiges
Gelächter, das seinen ganzen Körper schüttelte.
    Da griff die Base wieder zum Schnupftuch, die Mutter aber mass ihren Sohn mit
einem langen Blick des Kummers und der Verzweiflung.
    Dieser Blick schlug sein Lachen nieder, statt dessen meldete sich in seinem
Herzen ein finsterer Grimm.
    Eine beträchtliche Weile hielt er noch an sich, endlich aber, wie sich immer
und ewig kein Laut mehr hervorwagte, weder an diesem noch an jenem Tisch,
überschäumte er.
    »Man sollte meinen, man befände sich an einem Leichenschmaus«, knirschte er,
Messer und Gabel wegwerfend.
    »Nicht jedermann ist beständig zum Lachen und Gaukeln aufgelegt wie du«,
bemerkte die Mutter strafend.
    Ob diesem Vorwurf verlor er vollends die Selbstbeherrschung.
    Mit schallender Stimme rief er durchs Zimmer, wie der Pfarrer durch die
Kirche:
    »Und ich meinesteils behaupte, es ist nicht recht, es ist nicht erlaubt, es
ist eine unverzeihliche Frivolität, wenn das Unglück ein Haus verschont, wenn
man nichts Wichtiges zu klagen hat, wenn einem nichts Ernstliches fehlt, wenn
alle am Leben und soweit gesund sind, und keine Sorgen, und zu essen genug - und
man gebärdet sich, als ob der Tod eingeschlagen hätte. Das ist nicht recht, das
ist ein Undank, das heisst die Schonung, die einem das Schicksal gewährt, nicht
verdienen!«
    Da war Anna hinter ihm, er wusste nicht wie, und rüttelte ihm heftig den Arm.
»Conrad«, schalt sie gedämpft, »bist du von Sinnen?«
    »Nein, ich bin nicht von Sinnen«, rief er noch lauter, »sondern ich sage
eine vernünftige ernste Wahrheit und sage sie noch einmal. Das Glück besitzen
und die Maske des Unglücks vorlegen, aus eitler Jammersucht und Wehwichtigkeit,
das ist nicht recht, das ist ein Frevel, das ist eine Vermessenheit, das heisst
geradezu das Unglück herausfordern.«
    Jetzt erhob sich die Mutter, die Hände auf den Tisch stützend, und wankte
zur Tür hinaus.
    Die Base aber meinte die Erbschaft ihres Kummers antreten zu sollen und
übersetzte das in ihre griesgrämige Art, indem sie mit scheelen Blicken jede
frohe Regung totschoss. Und da die Mädchen, allmählich entschüchtert, leise zu
plaudern begannen: »Maul halten!« bellte sie. Und später, als Lisabet einen
gewaltigen Braten an den Gesindetisch hinübertrug, fuchtelte sie entsetzt mit
den Händen: »Behüt uns Gott im Himmel«, begegnete sie sich, »was für ein
unmenschlicher Kalbsbraten! Zu meiner Zeit, da war das Gesindevolk
pudelnarrenfroh, wenn es ein mageres Stückchen Suppenfleisch gab.«
    Als hätte eine Bombe eingeschlagen, schnellten die Aufwärterinnen von ihren
Sitzen, die Teller: wegstossend, krebsrot vor Zorn, pustend, pfupfend,
aufbegehrend. »Wenns Euch reut«, plärrte Brigitte, »wenn Ihrs uns missgönnt, so
fressts selber, wir rühren nichts an.«
    Bei diesem Anblick überlief der Base die Galle. »Abhocken«, grölte sie. Und
dem Befehl gab sie durch das Beispiel Nachdruck, indem sie den Rumpf vom Stuhl
erhob und hart niederfallen liess. Gleichzeitig klopfte sie mit dem Messerheft
wie mit einem Hammer auf den Tisch.
    Unwillkürlich gehorchten die Mädchen, obschon zögernd und murrend. Den
Braten jedoch berührten sie gleichwohl nicht, sondern steckten die Hände
meuterisch unter die Schürze.
    Da humpelte ihnen die Base entgegen, packte die Bratenschüssel und gab ihr
einen schleudernden Ruck. »Fressen!« schnob sie, »nachdems doch einmal da ist!
bevors kalt wird.«
    Böse Blicke aus glühenden Gesichtern flammten ihr zurück. Josephine zischte
Verwünschungen; Brigitte fletschte die Zähne; Helene und Berta weinten vor
Ärger. Keine rührte einen Finger. Ausser Catri, die überhaupt gemächlich sitzen
geblieben war. »Was mich betrifft«, erklärte sie trocken, »ich esse ruhig.«
    Der Base versagte der Witz. Schlagen, das sah sie immerhin ein, schlagen
konnte sie die kräftig ausgewachsenen Jüngferchen nicht wohl, war es ja auch
nicht gewohnt, ein lebendiges Geschöpf zu schlagen. Und doch schien ihr das der
einzige richtige Trumpf. Einen anderen fand sie nicht. Ohnmächtig, ratlos stand
sie da, und ihre boshaft schillernden Blicke trübte der Jammer; gleich einer
ausgelebten Viper, die zum ersten Male ihr Gift wirkungslos sieht. Wie hatte sie
vormalen Zucht im Pfauen geübt! Wenn eine Magd gedrillt werden sollte, wenn eine
Köchin nicht parieren wollte, wenn man unbändige Gäste voraussah, flugs holte
man die Base Ursula von Hutzlisbühl. - Und jetzt musste sie sich von diesen
Rotznasen offene Auflehnung bieten lassen! Die Bresten des Alters kannte sie
längst und überwand sie heldenmütig, jetzt aber spürte sie zum ersten Male des
Alters Elend.
    Als sie schliesslich wieder ihrem Platz entgegenhinkte, war es der Rückzug
nach einer verlorenen Entscheidungsschlacht. Sie spürte: ihr Regiment war aus.
Und da sie sich mit dieser Tatsache nicht vertragen konnte, strebte sie fort,
fort nach Hause, je eher, desto lieber, zu ihren drei Katzen, zu ihrem
Zichorienkaffee, zu ihrem gefügigen Waisenmädchen.
    Conrad empfing sie mit einer wohlvorbereiteten Rüge, nicht zu scharf und
nicht zu stumpf, kühl und gemessen:
    »Du, Base«, sagte er, »unsere Verwandtschaft in Ehren und allen schuldigen
Dank für deine uneigennützige Hilfe - aber dass du uns die bewährtesten, wägsten
Kellnerinnen mir nichts, dir nichts vergelsterst, ohne den mindesten Grund und
Anlass, das ist wohl schwerlich die Meinung meiner Eltern!«
    »So geh doch! geh nur!« kollerte sie, »geh, geh, nimm sie um den Hals und
schmatze sie ab, deine lieben, lieben Kellnerinnen. Geh! worauf wartest du? Ich
will dich nicht hindern. Ich räume das Feld. Bin doch ohnehin längst schon
überflüssig, seit der gnädige Herr Leutnant, wie es scheint, jetzt hier im Hause
kommandiert.«
    »Ich verlange keineswegs, dass du das Feld räumest«, erklärte er, »im
Gegenteil, wir sind dir dankbar, dass du uns mit deiner Erfahrung zur Hand gehst,
und wissen deine wertvolle Unterstützung zu schätzen. Nur sehe ich die
Notwendigkeit nicht ein, warum du uns deswegen die Kellnerinnen verunglimpfen
müsstest.«
    Doch sie steifte sich störrisch auf ihren Einfall. »Ich gehe ja, ich gehe.
Brauchst dich nicht zu ereifern. Ich gehe ja bereits. Meine kleine Reisetasche
ist bald gepackt.«
    Wirklich, wahrhaftig, sie wackelte nach der Tür. Da ward ihm jählings angst,
ihm, dem erwachsenen, starken Manne, dem selbstbewussten stimmfähigen Bürger und
Soldaten, angst vor der kleinen, krummen, baufälligen Base, schrecklich,
fürchterlich angst, wie einem armen Schulbuben, wenn sich der Lehrer aufmacht,
um ihn bei den Eltern zu verzeigen.
    Er stand auf und ging ihr verschüchtert nach: »Base«, bettelte er demütig.
    »Ach was«, kläffte sie, »Entenhörner und Schneckenflügel! Der Ulihansjakob
hat zum Sonntag gesagt: wo ist der Samstag?« Und unaufhaltsam zottelte sie aus
dem Zimmer, mit überstürzter Hast, als ob sie verfolgt würde.
    Die Mädchen aber erteilten ihr einen üblen Abschied: »Glück zur Abreise!
komm niemals wieder!« - »Boshafte Hexe.« - »Erlöse uns von allem Bösen« und
dergleichen mehr.
    Doch Conrad verwies ihnen das mit einer kurzen Handbewegung. Er hatte sie
halt trotz allem doch lieb, die Hexenbase, denn sie war vor Zeiten sehr, sehr
gut gegen ihn gewesen.
Noch zitterte die Türklinke, und aller Augen hafteten an der Wand, hinter
welcher die Base verschwunden war, da brach mit wuchtigem Elefantentritt die
schreckliche Riesengestalt des alten Pfauenwirts herein, doch nicht aus der
Wohnstube, sondern gegenüber, von der Terrasse. Mit einem fürchterlichen Blick
die Kellnerinnen musternd, brüllte er sie an: »Fressen, saufen, zanken, liebeln,
das verstehen sie. Hingegen die Gäste bedienen, daran denkt keine.«
    Wie ein Hühnervolk, vom Hunde aufgescheucht, stoben die Mädchen in wilder
Flucht vom Tisch, der nächsten Tür zu.
    Aber der Alte vertrat ihnen den Weg. Dazu wollte er gewohnheitshalber mit
der Ferse stampfen, zur nachdrücklichen Betonung seines Willens, indessen führte
er das nur halbwegs aus, da ihn das Bein beim festen Auftritt schmerzte.
»Diesmal bediene ich schon selber«, wehrte er, seinen Schmerz verbeissend,
»nachdem ich einmal die Bestellung angenommen. Schaut zu, dass ihr künftig auf
dem Posten seid.«
    Da verzogen sie sich kleinlaut und missmutig, indessen hinter ihrem Rücken
ein leckerer Kuchen auf den verlassenen Tisch marschierte.
    Catri, nachdem sie sich erst mit den übrigen aufgemacht, besann sich
anders, kehrte zurück und spazierte mit Storchenschritten im Zimmer auf und ab.
    Der Alte drang auf sie ein: »Und Ihr«, knurrte er, »Ihr dünkt Euch offenbar
zu vornehm, mit Euren hoffärtigen Kettelein und verwöhnten Fingerchen.«
    Sie wies durchs Fenster. »Neun Kellnerinnen auf ein einziges schmächtiges,
schäbiges Bäuerlein, das ist schon mehr als genug.« Und da er ihr einen
entsetzlichen Blick zuschleuderte, schüttelte sie lachend die Hände vor seinen
Augen.
    »Herr Reber, ob Ihr schon ein Unflat seid, mir macht Ihr keineswegs bange.
Nämlich ich habe zu Hause einen Vater, gegen den seid Ihr ein harmloses Kind.«
    Er betrachtete sie eine geraume Weile, mehr und mehr besänftigt, brummte
allerlei unverständliche Worte vor sich hin, grunzte schliesslich beifällig und
entfernte sich, eine Flasche Wein und ein Glas zwischen den Fingern,
schwerfällig nach der Terrasse.
    Conrad sass noch, wo er gesessen hatte. Abseits in einiger Entfernung liess
sich Catri an einem Fenster nieder und trommelte mit den Fingern auf dem Sims.
    Zu ihnen gesellte sich Anna. Leise, mit traurigem Ton, schmälte sie den
Bruder.
    »Conrad«, klagte sie wehmütig, »du böser, böser, böser Mensch, was hast du
wieder angerichtet! Und zu allem sitzt noch die Base bei der Mutter und hetzt
sie und will mit Gewalt heim. Du hättest sie fortgejagt, behauptet sie.«
    »Behauptet sie fälschlich«, versetzte Conrad.
    »Lügt sie«, bekräftigte Catri.
    »Und das arme Täubchen«, bedauerte Anna, »das die Mutter eigens für dich hat
herrichten lassen.«
    »Was für ein Täubchen? Für mich? Von der Mutter? Wo?«
    Sie zeigte auf eine Platte vor ihm. »Ja, jetzt ist es zu spät, jetzt ist es
kalt.«
    »Ich hatte halt anderes zu tun bei der Mahlzeit, als aufs Essen acht zu
geben«, versetzte er trübe. Darauf zog er das Täubchen an sich und begann es
gewissenhaft zu verzehren, der Mutter zu Gefallen, ohne zu schmecken, was er
schluckte.
    Unterdessen wandelte Anna mit Catri kameradschaftlich im Zimmer auf und ab,
Hand in Hand und einen Arm um die Hüfte der andern geschlungen, wie die Kinder,
wenn sie Offizierschritt spielen. So oft sie an Conrad vorbeikamen, tauschten
sie verstohlene Blicke, flüsterten und kicherten ausgelassen. Endlich hielten
sie an und küssten einander.
    »Gelt, möchtest gerne mitalten?« neckte Anna, indem sie sich schelmisch die
Lippen leckte. Dann machte sie sich an ihn heran, lehnte sich über seine
Schulter und rannte ihm zu: »Spürst dus? Tuts weh? Schadet nichts, geschieht dir
recht. Tust oft genug auch andern weh. - Aber wohlverstanden, nicht etwa zum
Heiraten!«
    »Daran denkt kein Mensch im Traum«, antwortete er laut. »Übrigens, gesetzt
den Fall, weshalb nicht?«
    Sie hielt ihm den Mund zu, beugte sich über seine andere Schulter und
zischelte ihm ins Ohr: »Sie hat kein Herz.« Hiermit eilte sie davon.
    Unter der Tür drehte sie sich um und rief. »Jetzt sollte ich in der Küche
sein, im Keller sein, den Vater gaumen, die Base besänftigen, die Mutter
versöhnen und habe doch nur zwei Beine, zwei Augen und einen Mund. Wenn nur
jemand wenigstens der Mutter ein gutes Wort gönnte!«
    Somit blieben Conrad und Catri abermals allein, dieses Mal stumm und
verlegen, ohne zu wissen, was mit sich und dem andern anzufangen. Doch nur einen
kurzen Augenblick. Denn schon kehrte der Alte mit der leeren Weinflasche zurück,
die er auf den schafft stellte. Nachher drehte er sich um und betrachtete den
Sohn. »Du bist, wie mir scheint, heute an den Tisch angewachsen. Es würde dir
wohl auch nicht schaden, den Tanzsaal ausräumen zu helfen, statt in alle
Ewigkeit wie angenagelt beim Essen zu sitzen.«
    »Den Tanzsaal ausräumen? Wie kann ich denn wissen, dass heute getanzt wird,
wenn niemand sich die Mühe nimmt, mirs mitzuteilen?«
    »Sollte man etwa zuvor den gnädigen Herrn Leutnant untertänig um Erlaubnis
angehen? Selbstverständlich wird heute getanzt, wie jedes Jahr. Oder hast du
vielleicht etwas dagegen einzuwenden?«
    »Das würde ich mir niemals getrauen.«
    Der Vater rückte ihm näher. »Niemals getrauen? Getrau dich, es frisst dich
niemand auf.«
    Catri verliess unauffällig das Zimmer.
    »Sags doch«, heischte der Alte dringender, »sags nur, wenn du etwas
Vernünftiges zu sagen hast.«
    »Man muss wissen, was man will. Entweder man will eine Bauernwirtschaft oder
man will einen Gastof.«
    Jetzt nahm der Vater den Ton höher und kräftiger: »Es ist bisher immer so
gehalten worden, und ich bin nicht gesonnen, es deinetwegen anders zu halten.
Später, wenn ich einmal unter dem Boden liege und dir dann meine
Bauernwirtschaft nicht mehr vornehm genug ist, magst dus halten, wie es dir
beliebt. Einstweilen aber bin ich noch Herr und Meister.«
    Hiermit dachte er ihn abgefertigt zu haben. Allein Conrad, nach einem
flüchtigen Blick nach dem Himmel, bemerkte: »Wer wird denn überhaupt bei dem
schönen Wetter tanzen!?«
    »Dafür ist bereits gesorgt. Wenn wir uns schon nicht so viel einbilden wie
die jungen Naseweise, verstehen wir immerhin noch unser Geschäft. Die Wagginger
haben bereits zugesagt, und zwar schriftlich, nur damit dus weisst. Und noch dazu
beide Wagginger, die oberen und die unteren.«
    Da erhob Conrad grossen Auges den Kopf. »Die Oberwagginger und die
Niederwagginger zusammen? Am selben Tag? Im nämlichen Tanzsaal? Acht Tage nach
den Wahlen?« fragte er bedenklich und liess das Messer spielend auf dem Tisch
tanzen.
    »Es ist durchaus kein Anlass, solch eine überlegene Miene aufzusetzen«,
drohte der Pfauenwirt. »So gescheit sind wir natürlich auch noch, um zu wissen,
dass Oberwagginger und Niederwagginger nicht zusammen passen, dass die einen
konservativ sind und die andern liberal. Und dass es niemand eingefallen ist, sie
gleichzeitig einzuladen, soviel Hirnschmalz könntest du mir immerhin auch noch
zutrauen, ob ich schon nicht Leutnant bin, sondern bloss Wachtmeister. Zuerst hat
man natürlich bei den Oberwaggingern angefragt, die haben abgesagt, dann haben
die Niederwagginger zugesagt und gestern die Oberwagginger nachträglich
ebenfalls. So ists gegangen.«
    Conrad erwiderte nichts, sondern spielte, nach der Zimmerdecke starrend, mit
dem Messer.
    »Es scheint, das zu begreifen ist eine schwierige Aufgabe für deinen
Verstand, dass du kein Wort darauf zu sagen weisst.«
    »O nein«, erwiderte Conrad, »ich begreife nur zu gut: das gibt eine
mordsmässige Keilerei.«
    »Sie werden einander nicht den Kopf abbeissen!«
    »Schlacht ist Schlacht, ob nun mit Säbeln und Bajonetten oder mit Knütteln
und Fäusten. Womit aber eine Schlacht endet, kann niemand voraussagen. Denn der
Hass hat kein Bedenken und die Waffe kein Gewissen. - Übrigens, ganz abgesehen
hiervon, ob eine Bauernprügelei im Tanzsaal nach dem Geschmacke deiner Gäste
sein möchte, zumal der Gäste aus der Stadt, darunter Frauen und Kinder, das
möchte ich sehr bezweifeln.«
    »Ich bin auch noch da«, rief der Alte ungeduldig. »Habe ich bisher
verstanden, Ordnung zu schaffen, so werde ichs wohl heute auch noch verstehen.
Oder hältst du mich schon für vollends invalid? Einstweilen besitze ich gottlob
noch meine ganzen Glieder, um meine Autorität zu wahren, und zwar sowohl nach
innen wie nach aussen.«
    »Bis du einen Hieb abbekommst.«
    »Ich bin schon mit stärkeren Leuten fertig geworden als mit den Waggingern.«
    »Zugegeben. Allein die Wagginger sind schlimmer als stark, nämlich feige,
das heisst tückisch. Gränzer Falschlenzer.«
    Jetzt verlor aber der Pfauenwirt die Geduld.
    »Stehe ich denn eigentlich vor dem Staatsanwalt«, schäumte er, »dass ich mich
von dir verhören lassen muss wie ein Angeklagter? Kurz, ich habe beschlossen, dass
getanzt wird, und darum wird getanzt, mit oder ohne deine Erlaubnis. Das scheint
mir klar und einfach. Oder hast dus etwa noch nicht begriffen?«
    »Ich habe es vollkommen begriffen.«
    »Gut, so schweig und halts Maul!«
    »Du brauchst mir das nicht so brutal zu sagen, nachdem du mich doch selber
zum Reden aufgefordert hast.«
    »Ich werde hoffentlich noch kein Komplimentierbuch nötig haben, um mit dem
Herrn Leutnant zu sprechen. Bist du jetzt endlich einmal fertig, oder hast du
vielleicht noch etwas zu bemerken?«
    Nun rührte sich auch bei ihm der Ärger. »Wohl«, versetzte er, »da wir doch
einmal daran sind, ja. Ja, allerdings habe ich noch etwas zu bemerken. Ich habe
nämlich zu bemerken, dass es mir lieber wäre, du würdest in Gegenwart anderer
manierlicher mit mir sprechen. Das habe ich zu bemerken.«
    »In Gegenwart anderer? Ist es etwa mein Fehler, wenn man dein benedeites
Antlitz jeweilen nur da zu erblicken das Glück hat, wo irgendeine Schürze in der
Nähe ist?«
    »Vater«, brauste er auf, mit wilder Stimme. »Vater! sich dich vor!
Beschimpfen, beschimpfen lasse ich mich nicht!«
    »Beschimpfen? Ist es etwa nicht die buchstäbliche Wahrheit? Habe ich dich
denn nicht soeben mit der Bernerin getroffen, allein in einem Zimmer?«
    »Was der Bock weiss, traut er der Geiss«, entschlüpfte es Conrad halblaut.
    »Was war das? Was meinst du? Sags laut, wenn dus wagst! Gelt, du wagst es
nicht?«
    »Doch, ich wags. Ich meine: allein in einem Zimmer, es kommt alles darauf
an, wie und wann, und wo mit wem.« dabei schaute er dem Vater bedeutsam ins
Auge.
    »Wie meinst du das?« keuchte dieser mit erstickter Stimme, indem sein
Gesicht sich schwarzrot verfärbte.
    »Ich meine«, entgegnete der Junge, »mit mir darf jedes Mädchen ohne Furcht
allein in einem Zimmer weilen.«
    Jetzt wankte der Pfauenwirt mit schwerem Tritt, dass der Boden bebte, an den
Tisch, der die beiden trennte.
    »Aber mit wem etwa nicht?« heischte er. »Drücke dich deutlicher aus.«
    »Deutlicher ausgedrückt: dem Anschein nach zu urteilen wärest du vielleicht
lieber selber mit Catri allein in einem Zimmer geblieben.«
    Der Vater holte einen tiefen Atemzug, dann brach er los, mit donnernder
Stimme und rollenden Augäpfeln: »Es gibt in Tun ein Gässchen - verstehst du? mit
den Fenstern nach der Aare - verstehst du? und in jenem Gässchen steht ein
Häuschen - verstehst du? und zu dem Häuschen steigen drei Stapfeln. - Battet
das? oder muss ich dirs noch genauer bezeichnen?«
    Conrad schnellte vom Stuhl: »Und in Bern gibt es ein Brücklein, verstehst
du? und hinter dem Brücklein ein Inselein, verstehst du? Und in dem Inselein an
einem Fenster ist mit dem Messer ein Datum eingekratzt und neben dem Datum der
Name eines Dragonerwachtmeisters, verstehst du? Und der Name fängt mit einem R
an und hört mit einem r auf. Genügt das? oder begehrst du Einlässlicheres?«
    Sie schleuderten das einander ins Gesicht, über den Tisch gebeugt, bebend
vor Wut. Und die feindliche Rede ergänzten hasserfüllte Blicke. Aber als nun von
draussen aus dem Gange lebhaftes Händeklatschen laut ward und unterdrücktes
Beifallrufen weiblicher Stimmen Conrads Sieg markierte, schwenkte der Alte
unversehens in die Wohnstube, ohne ein abschliessendes Drohwort, mit unheimlichem
Schweigen.
    Conrad aber, augenblicklich ernüchtert, blieb tief erschrocken stehen. Was
hatte er nur getan! Er, der, soweit seine Erinnerung reichte, niemals gewagt
hatte, seinem Vater zu widersprechen, geschweige denn sich gegen seinen Willen
aufzulehnen, hatte ihm jetzt getrotzt, Mann gegen Mann und Feind gegen Feind,
und ihm dabei seinen angesammelten Abscheu verraten, mit Blicken und Tönen, die
man einem nie mehr verzeiht. Beabsichtigt hatte er es nicht, es war ihm nur so
entwischt, in der Hitze der Empörung. Allein geschehen war es nun doch. Und mit
zagendem Geiste sah er eine furchtbare Woge Unheil sich heranwälzen, wogegen der
bisherige Zustand, der ihm unleidlich geschienen, sich nun wie die schöne alte
Zeit ausnahm, so dass er sich gar nicht mit der Vorstellung daranwagte. Da, in
der Not, tat er einen verzweifelten Gedankensprung in die Zukunft. Er sah den
Alten, vom Schlage gerührt, auf dem Todbette röcheln und sich daneben stehen,
erschüttert, trauernd und vergebend. Und dieses Bild erweckte nun nicht mehr
seinen Abscheu, sondern er sehnte es andächtig herbei, nicht aus Hass, sondern
aus hoffnungsloser Bedrängnis des Herzens, als den einzigen Weg der Versöhnung,
als einen tröstlichen Schutzgeist, zur Verhütung von Schlimmerem.
»Kommt Ihr nicht auch lieber ein bisschen ins Freie, Herr Reber? statt im dumpfen
Zimmer zu bleiben?« mahnte Catri, auf der Schwelle erscheinend.
    »Warum nicht?« antwortete er zerstreut und schickte sich an, ihr zu folgen.
Doch unterwegs änderte er den Sinn. »Geht nur voran«, rief er, »ich komme
später«, kehrte um und machte sich in der entgegengesetzten Richtung auf, den
oberen Stock hinan, nach der Schlafstube der Mutter. Er gedachte ihr ein gutes
Wort zu bieten, eingedenk der Mahnung seiner Schwester.
    Im Treppenhaus trat eben der Vater zufällig aus der Wohnstube. Sie prallten
vor einander weg, wie zwei Bären, die sich unvermutet im Zwinger begegnen. Der
Vater schoss in die Stube zurück, der Sohn zog still fürbass, die Treppe hinan.
    Die Schlafstube der Mutter war stockfinster, weil dicht mit Vorhängen
verhüllt.
    »Seht, da ist es ihn ja selber«, empfing ihn eine grölende Stimme aus dem
Dunkel, die Stimme der Base. Und den Satz begleitete ein hässliches Lachen, das
ihm höhnisch klang. Wie er mit tastenden Armen dem Bett entgegentappte, fiel er
strauchelnd über einen Sessel, der im Wege stand. Und im Fall schlug er sich
empfindlich an die Bettlade, während irgend etwas Tönernes mit vielfältigem,
nicht endenwollendem Lärm auf dem Boden zerschellte.
    »Kann er denn immer bloss Schaden und Unheil stiften, der Ungeratene«,
stöhnte die Stimme der Mutter.
    Da drehte er sich heftig um, verliess die Stube und stieg wieder die Treppe
hinab. »Das habe ich nicht verdient!« knirschte er. »Ungeraten; man ist nicht
ungeraten, wenn man ehrlich und fleissig und unbescholten ist! Obschon man auch
seine Fehler haben mag wie jeder andere.« Und immer wieder klaubte er an dem
Wörtchen »ungeraten« wie an einem Widerhaken im Fleische. »Wer eine
Rettungsmedaille in der Schublade liegen hat, wer von seinem Obersten vor
versammelter Front als das Muster eines Offiziers zum Vorbild hingestellt worden
ist, der ist kein Ungeratener. Die Ungeratenen, die sitzen in der Kneipe oder je
nach Umständen im Zuchtaus.«
    Unterhalb der Treppe hinter dem Granatbusch hielt er an und blickte durchs
Fenster. Auf der Terrasse räumte das Gesinde den Tanzsaal; daneben sass Catri
giltstmirgleich auf einem Tisch im Schatten eines Oleanders und pendelte mit den
Füssen. Doch er war nicht bei seinen Augen; er war bei seinem Zorn, so dass er hin
und wieder die Faust ballte. »Artillerieleutnant, das kann man noch nicht
ungeraten nennen«, murrte er finster. Und nach einer Weile: »Wer weiss, es wäre
wohl manch eine Mutter froh, ihr Sohn wäre, was ich bin und wie ich bin.«
Hierüber blieb er am Fenster kleben, nicht weil er hier bleiben wollte, sondern
weil er doch irgendwo sein musste und anderswohin nicht eher gehörte als hierhin.
    Während dessen stapfte die Base die Treppe herunter, in Hut und Schal, eine
Ledertasche in der Hand.
    »So, jetzt gehe ich denn«, krähte sie, als sie ihn gewahrte. »Bist du nun
zufrieden?«
    Er überwand sich. »Nein, ich bin nicht zufrieden. Im Gegenteil, es würde
mich freuen, wenn du bliebest. Ich hatte es nicht böse gemeint.«
    »Ei was, Schneegänse im Sommer«, belferte sie. »Verstell dich nur nicht, es
ist heute nicht Fastnacht. Hast ja doch einzig nur noch Augen für deinen Zaupf.«
    »Zaupf? Was heisst das auf deutsch?«
    »Oder meinetwegen Gof oder wie dus am liebsten nennen magst. Ich verstehe
mich halt leider nicht so gebildet auszudrücken wie der Herr Leutnant. Übrigens,
für die hergelaufene Truschel wird die Bezeichnung wohl noch ehrerbietig genug
sein.«
    »Wen nennst du eine hergelaufene Truschel?«
    »Nun, wen sonst? Diejenige, die einzig noch für dich auf der Welt zu sein
scheint, diejenige, nach der du dir die Augen ausguckst, die hochmütige,
pompatzige Bernerin, mit einem Wort. Siehst du, wie du strahlst, wie du
schmunzelst, wenn man bloss ihren Namen ausspricht. Mach doch nicht Augen, als ob
du mich verschlucken wolltest wie der Wolf das Rotkäppchen. Nur ruhig, ich gehe
ja, ich laufe, ich springe, ich fürchte mich. Nichts für ungut, dass ich gewagt
habe, ihren erlauchten Namen in meinen alten zahnlosen Mund zu nehmen. Leb wohl!
Kannst ja viel ungestörter um sie herumschwänzeln, nachdem ich fort bin. Sei
doch nicht so grausam, lass sie doch nicht so lange auf dich warten. Sie
verzappelt ja vor Ungeduld. Also leb wohl denn, leb wohl! nichts für ungut. Und
hoffentlich gibts dasmal kein Unglück, weil die Hexenbase da war. Verdient
hättest dus zwar. Also leb wohl denn, du siehst mich wahrscheinlich im Leben zum
letztenmal.«
    Da liess er sie ziehen.
    Aber nach einigen Schritten drehte sie sich um: »Ich hatte dir eigentlich
auch ein Krämlein mitgebracht; es liegt bei der Mutter, sie soll dirs morgen
geben, wenn du wieder artiger bist. - Übrigens, du magst mir zuleid tun, soviel
du willst, ich bleibe doch immer deine alte hässliche Hexenbase, die dich
vorzeiten auf dem Schoss geschaukelt hat, weisst du noch? Leb wohl, Conrad. Leb
dennoch wohl!«
    Hiermit trollte sie sich.
    Er aber begab sich zu Catri auf die Terrasse.
»Ihr habt also gleichfalls einen bösen Vater?« begann er trübselig.
    »Euer Vater ist von Holz, meiner von Stein.«
    »Ich begreife nur nicht«, bemerkte er, »wie jemand das Bedürfnis verspüren
kann, seinem Nächsten das Leben zu versauern.«
    Sie zuckte die Schultern. »Wer weiss, wie wir uns dereinst aufführen werden,
wenn wir einmal alt sind. Ihr zum Beispiel scheint mir ebenfalls nicht einer von
den Gelindesten.«
    »Wieso? Glaubt Ihr denn, das hange mit dem Alter zusammen?«
    »Eine einfältige Frage. Mit dem Alter oder mit der Brestaftigkeit, es kommt
auf eins heraus. Oder meint Ihr etwa, Euer Vater wäre zeitlebens so gewesen? Er
hätte niemals Maien auf den Hut gesteckt und Jauchzer losgelassen? Ich kann mirs
nicht anders zurechtlegen, als es sitzt den Alten ein Skorpion in der Leber, der
sie beständig zwackt, so dass sie gallig werden und keinem Menschen mehr ein
gutes Wort geben können, ob sies noch so gerne möchten.«
    Conrad verfiel ins Nachsinnen. »Sonderbar, das ist mir nie eingefallen.
Überhaupt, mir ist, wenn Ihr immer bei mir wäret, ich würde manches leichter
ertragen.« Und da sie ob diesem Wort ein wenig rot wurde, berichtigte er
angelegentlich: »Verzeiht, ich hatte es nicht so gemeint.« Nachträglich indessen
errötete er mehr als sie.
    »Und ich habe es auch durchaus nicht so aufgefasst«, beruhigte sie.
    Darauf stockte die Unterhaltung.
    Anna nahte. »Die Schlüssel zum Stall verlangt der Benedikt«, sagte sie
gleichgültig, die Hand ausstreckend. Nachdem sie die Schlüssel behändigt hatte,
warf sie wie beiläufig die Bemerkung hin: »Ihr solltet doch besser vermeiden, so
lange beisammenzustehen. Es könnte auffallen.«
    »Und wenn?« entgegnete Conrad. »Das heisst, vorausgesetzt, dass es Catri
nicht verdriesst.«
    »Mich?« lachte diese verächtlich. »Ich, wofern ich nichts Böses tue, so
ficht mich nicht soviel an, aber auch nicht soviel, was die Leute schwatzen
mögen.«
    »Ach so?« erwiderte Anna spitzig, »seid Ihr schon so weit miteinander
gediehen? In diesem Falle masse ich mir freilich nicht an, mich einzumischen.«
Und sie verliess mit empfindlicher Miene das Paar, als wäre ihr ein Unrecht
widerfahren.
    Conrad aber suchte dem Gespräch wieder auf die Beine zu helfen. »Ihr habt
Euchs doch nicht etwa zu Herzen genommen, hoffentlich?« begann er auf
Geratewohl, »die Schnödigkeiten der Base?«
    Catri lachte. »Warum nicht gar? Dergleichen dringt mir nicht einmal durch
die Haut, geschweige denn ins Herz. Du lieber Himmel, da habe ich schon andere
Dinge geschluckt, daheim, vom Vater. Überhaupt, wehe tun einem ja nur die
Eigenen. Ein ganzer Suppenlöffel voll Gift von fremden Leuten brennt weniger als
ein Tropfen daheim. Darum bin ich draus, aus und davon, aus dem Feuer. Und seit
ich fort bin, ist mir wohl, ob es schon nicht lauter Rosen sind, was mir die
Menschen streuen, wenn man das Geld selber verdienen muss, Fränklein um
Fränklein, während man daheim im Dorf die reiche Catri hiess und die Erste war
und des Präsidenten Tochter.«
    Sie hatte das mehr für sich gesprochen, in sich hineinschauend; doch Conrad
fühlte es mit, so dass er andächtig schwieg, nachdem sie geendigt hatte. Dafür
gönnte sie ihm nun ihrerseits etwas Teilnahme, und zum ersten Male klang ihre
Stimme nicht völlig frostig, sondern beinahe freundlich, als sie jetzt das Wort
an ihn richtete:
    »Ihr solltet auch ein wenig fort, Herr Reber«, riet sie gnädig. »Und wäre es
meinetwegen nur auf einen Tag oder einen halben. Das beständige Daheimkleben ist
für einen jungen Mann nicht natürlich, das macht Euch böses Blut, darum seid Ihr
so gereizt und unwirsch. Den Hut auf den Kopf, den Stock in die Hand und hinaus
in die reine Frühlingsluft.«
    Conrad schaute gierig in die Weite. »Zum Beispiel mit dem Offiziersverein
auf die Hochburg? mit dem Zweiuhrzwanzig-Zug?« entfuhr es ihm mit einem tiefen
Seufzer. Hiermit zog er die Uhr aus der Tasche und schaute eine lange Weile,
sich vergessend, auf das Zifferblatt.
    »Ja, oder einfach ein Stündchen ins nächste beste Dorf. Nur damit Ihr neue
Gesichter seht und frische Eindrücke empfangt.«
    Wieder blickte er sehnsüchtig in die Runde, dann liess er den Kopf hangen und
steckte die Uhr in die Tasche. »Ich kann nicht, ich darf nicht«, murmelte er
niedergeschlagen, »heute am allerwenigsten.«
    »Warum nicht?«
    Er wurde ärgerlich: »Warum nicht? Ihr seid doch sonst nicht so schwerfällig
von Begriffen. Warum nicht? Darum nicht, weil heute Sonntag ist, weil wir am
Nachmittag das Haus voll Gäste haben werden, weil am Abend getanzt wird, kurz,
weil ich nicht kann. Oder meint Ihr, wir hätten umsonst ein halbes Dutzend
Kellnerinnen mehr aufgeboten?«
    »Ja, ist es denn besser, Ihr zankt Euch mit dem Vater und der Mutter und der
Base und womit weiss ich noch herum? Es tut heute nicht geheuer im Pfauen von
Herrlisdorf. Es sitzt ein Teufel auf dem Dach. Glaubt mirs, Herr Reber, ich
verstehe mich auf derlei Zeichen, ich habe das von klein auf studiert.«
    »Seid Ihr etwa abergläubisch?« spöttelte er.
    Sie liess sichs nicht anfechten. »Das weiss ich nicht«, antwortete sie fest.
»Übrigens ist wohl jeder mehr oder minder abergläubisch, der einmal die rote
Hahnenfeder des Todes in der Nähe gesehen hat oder die schwarze Schnauze des
Unglücks. Oder, was meint Ihr, wenn man den eigenen Bruder am Morgen gesund und
frisch hat in den Wald ziehen sehen, und zum Mittagessen bringen sie ihn auf der
Bahre, und er einem beim Weggehen zugejauchzt: Catri, so glücklich wie heute
war ich meiner Lebtag nicht, ich meine, ich sei im Himmel, und der Vater ihm
nachgerufen: Dass du mir vor elf nach Hause kommst, du Aas, oder nie mehr, was
meint Ihr, könnte man da abergläubisch werden oder nicht? Er kam freilich vor
elf nach Hause, der arme Baschi, genau vier Minuten vor elf, aber tot; nicht als
Aas, aber als Leichnam. Doch um darauf zurückzukommen, abergläubisch oder nicht
abergläubisch, Ihr mögts nun auslegen, wie Ihr wollt, es tut heute nicht geheuer
im Pfauen, es droht ein Wetter, es ist Krieg in der Luft.«
    »O, was das betrifft«, versetzte er bitter, »Krieg ist bei uns immer in der
Luft.«
    »Schon recht«, entgegnete sie, »aber es ist nicht bloss das. Es ist wie
verschworen, wie mit einer Salbe angestrichen. Jeder von euch sagt etwas
anderes, als er möchte; keines von allen meint es mit dem andern bös, und jedes
treibt dem andern spitzige Nägel ins Herz. Das beweist doch, dass der Teufel oder
etwas Ähnliches auf dem Dach sitzt? oder nicht?«
    Erst spielte noch ein Lächeln um seine Lippen, dann ward ihm allmählich
ernst und schwer. Lange Zeit blickte er sinnend auf seine Füsse, während er mit
der Schuhspitze im Kies wühlte. »Was denn tun?« fragte er gedämpft, ohne den
Kopf zu erheben.
    »Fort!« antwortete sie. »Dem Teufel aus dem Kreis.«
    Plötzlich schaute er sie an: »Kämt Ihr mit?« fragte er einladend.
    »Herr Reber, jetzt schwatzt Ihr Unsinn«, rief sie ärgerlich und protzte von
dannen.
Wiederholte Male während dieser Unterredung hatte Conrad beiseite treten müssen,
um nicht von den Tischen gestossen zu werden, welche das Gesinde aus dem Tanzsaal
beförderte, ausgelassen schäkernd, unachtsam und rücksichtslos. »Platz für
sieben Mann, es kommt ein halber«, pflegten sie lachend zu befehlen, und
jedermann ohne Unterschied musste weichen. Daran hatte er zwar zunächst kein
Ärgernis genommen, da das Gespräch seine Aufmerksamkeit abzog, aber jetzt stiess
es ihm nachträglich auf. Und als er vollends den Portier gewahr wurde, wie er
Brigitte mit Kies bewarf, nahm er den aufs Korn.
    »Portier«, befahl er schroff, »tragt diesen Stuhl da ins Esszimmer.« Und da
ihm weder Gehorsam noch Antwort zuteil wurde, verstärkte er den Ton: »Habt Ihr
mich verstanden oder nicht?«
    »Es wird wohl nicht so gewaltig pressieren«, maulte der Portier, indem er
neuerdings eine Handvoll vom Boden raffte.
    Da wetterte ihm Conrad wie der Sturmwind entgegen: »Wenn ich etwas befehle,
so pressiert es immer«, erklärte er. Damit packte er ihn mit grausamen Fingern
am Ohrläppchen wie mit einer Zange und zerrte ihn schonungslos an den Stuhl, dass
ihm die prahlerische Mütze vom Kopfe taumelte. »Meinst, ich werde dich
pressieren lehren? meinst, ich bringe es zustande?«
    Jetzt gehorchte der Portier greinend. Doch unter der Haustüre angelangt,
warf er den Stuhl von sich, fing an zu plärren und drehte sich mit einer
rachedrohenden Grimasse nach dem Meister um, ehe er verschwand.
    »Recht so«, rief Catri, vergnügt mit den Händen klatschend, »genau wie
unser Hans.« Die Kellnerinnen indessen starrten Conrad scheu an, als sähen sie
ihn zum ersten Male. Eine Weile standen sie wie festgebannt, dann flüchteten sie
jählings auseinander, bis sie allmählich neugierig zurückkehrten, um sich
heuchlerisch etwas zu schaffen zu machen, wobei sie bald ängstlich nach dem
Hause lauerten, bald verstohlen den Blick zu Conrad erhoben. So oft eine bei ihm
vorbei musste, wich sie ihm in einem grossen Bogen aus.
    »Jetzt aber beisst die Zähne zusammen, Herr Reber«, warnte Catri aufgeräumt,
»Ihr könnt Euch auf ein Donnerwetter gefasst machen.«
    Zuerst hatte es nicht den Anschein, als ob sich die Weissagung erfüllen
sollte, so dass die Kellnerinnen nach und nach Mut schöpften und, ihre Furcht
abstreitend, das Erlebnis ins Komische kehrten.
    »Es hat ihm gehört, dem pressierts ein andermal schneller.«
    Josephine hob die Portiermütze vom Boden, schlug sie vom Staub rein, stülpte
sie sich als Siegeszeichen auf den Kopf und parodierte damit herum.
    Da klappte das Wohnstubenfenster auf, und der Kopf des Vaters erschien
darin, nach Conrad gerichtet. »Es scheint, du verlangst, dass man dir noch die
Rute verabfolge wie einem kleinen Kinde«, schrie er.
    Conrad schnellte auf den Absätzen herum. »Es soll das ein einziger Mensch
auf der ganzen Welt versuchen«, schrie er zurück, mit einer Stimme, die über die
Dächer schallte.
    Siehe, da bewegten sich in der Schlafstube der Mutter die Vorhänge. Das
wirkte auf ihn wie ein Mirakel, so dass er sich augenblicklich bezwang. Der Vater
seinerseits, nachdem er umsonst auf eine Herausforderung gewartet hatte, zog
endlich langsam den Kopf wieder einwärts. Das Klappfenster schloss sich
geräuschvoll, dann ward alles wieder stumm.
    Catri aber machte sich an Conrad heran. »Im Ernst, Herr Reber«, redete sie
ihm zu, »ich wiederhole es zum drittenmal: flieht!«
    »Jetzt nicht mehr«, knirschte er. »Jetzt erst recht nicht. Fliehen? Nein,
fliehen, das ist nicht meine Art.«
    Helene warf ihm im Vorübergehen heimlich das Wort zu: »Herr Reber, der
Kutscher lässt Euch melden, ob Ihr auch wüsstet, dass er die Lissi für den Herrn
Regierungsrat Lauterbach anspannen müsse? Aber Ihr möchtet ihn doch ja um Gottes
willen nicht verraten, dass ers Euch verraten hat.«
    »Was? Die Lissi?« brauste er auf. »Ich glaube, Ihr redet im Fieber. Es hat
bisher noch niemand gewagt, über die Lissi ohne meine ausdrückliche Einwilligung
zu verfügen.«
    »So schaut selber nach«, erwiderte sie gedämpft. »Sie steht vor dem Haus,
schüttelt den Kopf und scharrt mit den Füssen.«
    »Das möchte ich denn doch erst mit meinen eigenen Augen bewahrheiten, ehe
ich es glaube«, rief er mit rollenden Augen und machte sich eilends auf, trotzig
und entschlossen.
Richtig, da stand sein Rösslein leibhaftig zwischen den Landern, vor dem
Einspänner, munter und wohlgemut, mit den Füssen scharrend und die Gebissstange
kauend, dass der Schaum spritzte, und glotzte ihn unverschämt an, die treulose,
als wäre alles richtig und in Ordnung.
    »Benedikt«, forschte er strenge, »wer hat Euch geheissen, die Lissi
anspannen?«
    »Euer Vater, der Pfauenwirt selber.«
    »Gut. So spannt das Rösslein wieder aus und sattelt es. Ich will ausreiten.«
    »Euer Vater ist mein Meister, und Ihr seid ebenfalls mein Meister. Ich habe
nichts als einfach zu gehorchen. Befiehlt man mir anzuspannen, so spanne ich an,
befiehlt man mir wieder auszuspannen, so spanne ich wieder aus. Aber
wohlverstanden: die Verantwortung übernehme ich nicht, ich berufe mich auf
Euch.«
    »Selbstverständlich. Also ich gehe jetzt die Sporen und Reitosen anziehen.
Ihr sorgt dafür, dass gesattelt ist, wenn ich zurückkomme.«
    »Das wird bald richtig sein - vorausgesetzt, dass kein Hindernis
dazwischentritt.«
    Conrad fasste ihn scharf ins Auge: »Wenn ich etwas befohlen habe«, bedeutete
er nachdrücklich, »so tritt kein Hindernis dazwischen. Die Lissi ist mein. Ich
habe sie gekauft, aus meinen langjährigen Ersparnissen; deshalb habe ich über
sie zu verfügen und niemand anders.« Dann liebkoste er einen Augenblick seinen
Gaul, gewohnheitshalber, ihm die Nase klemmend. Hierauf begab er sich ins Haus.
    Im Hausgang versperrte ihm der Vater den Weg mit seinem massigen Körper, der
zu beiden Seiten beinahe die Wand berührte.
    »Verzeih, Vater«, heischte Conrad höflich, doch bestimmt, »sei so gut und
lass mich durch.« Damit drückte er sich behutsam an ihm vorüber.
    »Wohin?« schnob ihn der Alte an, als er vorbei war.
    »Ausreiten!«
    »Du reitest nicht aus!« brüllte er ihm nach.
    »Ich reite aus.« Und eilte die Treppe hinauf nach dem zweiten Stock in seine
Mansardenkammer, verriegelte die Tür und zog sich gemächlich um, ohne sich im
mindesten zu sputen. Knappe Lederhosen, gespornte Wadenstiefel, Samtwams und
eine dunkelblaue Halsbinde, die er kunstgerecht zu einer losen Schleife
schürzte. Hierauf prüfte er sich oberflächlich im Spiegel, ob er bestehe, ob
nichts mangle und nichts gebreche, ringelte sein kleines Schnäuzchen, damit es
keck in die Welt schaue, und stolzierte dann mit schallendem Gesang über die
Schwelle. Denn der flotte, saubere Reiterstaat hatte ihm Leibesmut und
Lebenslust aufgefrischt.
    Vor der Mansardentür empfing ihn seine Schwester mit Schmeicheln und Bitten.
»Conrad«, flehte sie, »treibs nicht zum Äussersten. Tus mir zuliebe. Was
verschlägt es dir, ob du heute ausreitest oder ein anderes Mal?«
    »Mich wunderts im Gegenteil«, entgegnete er hitzig, »dass ichs von jemand
anderen als von dir erfahren muss, wenn man mir heimtückisch die Lissi entzieht.
Oder hältst dus vielleicht jetzt auch schon mit dem Vater?« Und während er
sprach, schob er sie mit schonender Hand hurtig beiseite.
    »Und der Herr Regierungsrat, der auf die Lissi wartet und dem man sie
versprochen hat!« wandte sie vorwurfsvoll ein.
    »Versprochen? Es kommt darauf an, wer. Ich nicht. Übrigens tut der Bläss oder
der Scheck oder der Kohli genau denselben Dienst. Man braucht nicht aus lauter
Bosheit, eigens mir zuleide, gerade die Lissi zu wählen.«
    »Gelt!« versetzte sie beleidigt, »wenn dich Catri darum gebeten hätte, du
hättest gleich nachgegeben!«
    »Und die Handschuhe!« rief sie ihm nach, »die Handschuhe! Du wirst doch
nicht ohne Handschuhe ausreiten wollen!«
    Im mittleren Stock zitterte die Mutter unter der Schlafstubentür: »Willst du
mich vollends unter die Erde bringen?« hauchte sie.
    »O nein«, erwiderte er kalt, indem er vorüberschritt, »bloss selber ein
bisschen leben, nachdem ich doch einmal auf der Welt bin, und nicht durch meine
Schuld. Das heisst, vorausgesetzt, dass man das überhaupt noch ein Leben nennen
kann, wenn man einem jede Lebenslust verleidet, jede Freude verdirbt, jedes
Lachen, jede freie Bewegung, jedes harmlose Wort zum Verbrechen stempelt.«
    Auf dem Weg nach dem Telephonstübchen, wo er die Reitpeitsche hangen hatte,
hörte er den Vater in der Wohnstube toben. »Ich bring' ihn um. Ich schlage ihn
tot wie einen tollen Hund.«
    »Das gäbe eine Beschäftigung für den Staatsanwalt«, rief Conrad.
    Ob er schon wusste, dass der Vater das Wort nicht vernehmen konnte, gewährte
es ihm doch Genugtuung, es laut zu rufen.
    Wie er nach Behändigung der Reitpeitsche sporenklirrend auf den Platz trat,
der Lissi entgegen, welche, vom Kutscher gehalten, gesattelt und gezäumt
bereitstand, folgten ihm unbeholfene, schlurfende Schritte, ein Schatten
überholte ihn, er hörte einen mühseligen Atem röcheln, und mit einem schnellen
Seitenblick erkannte er den Vater, mit einer Geissel bewaffnet, aber verkehrt,
den Griff nach oben, die Faust um die Mitte des Stockes geklammert.
    Da musterte er mit absichtlicher Umständlichkeit Zügel und Bügel,
untersuchte das Gebiss und prüfte mit untergeschobener Flachhand den Sattelgurt,
beobachtete jedoch bei alledem jede Bewegung des Vaters. »Den Sattelriemen eine
Nummer fester schnallen, Benedikt; er schlottert.«
    Und während der Kutscher dem Gebot nachkam, sprach er der Lissi
freundschaftlich zu, welche aufmerksam die Ohren spitzte und sie hierauf eines
nach dem andern zurücklegte.
    Einiges Volk hatte sich auf dem Platz gesammelt, um das zierliche, schmuck
aufgezäumte Tierchen zu begaffen. Vom Hause her aber drang unterdrücktes Flehen
jammernder Frauenstimmen.
    »Vater, versündige dich nicht! Denk an Gott und den Heiland!«
    »Conrad, wie kannst du das vor uns und deinem Gewissen verantworten!«
    Ratlose Gestalten, in sinnloser Angst die Hände verwerfend, huschten
unentschlossen vorwärts und rückwärts, mit dem schüchternen Bestreben, sich
zwischen Vater und Sohn einzuschieben. Darob wurde jedoch die Lissi unruhig,
begann zu tanzen und machte Miene, zu steigen und auszuschlagen.
    »Weg von dem Rösslein, in des Teufels Namen, mit dem verfluchten Weibervolk«,
schnauzte der Kutscher in seiner Not, da er das Tierchen kaum mehr bemeisterte.
    In dem Augenblick, als Conrad sich anschickte, dem Kutscher die Zügel
abzunehmen, stellte sich der Alte mit gespreizten Beinen fester, holte mit
weitem Arm aus und hob den Geisselstock. Halb erstickte Schreckensschreie
ertönten, das Pferdchen entsetzte sich mit jähem Sprung im Halbbogen um seine
Achse; der Kutscher, die Füsse stemmend, fluchte den ganzen Kalender herunter,
Conrad aber bohrte dem Vater einen feindseligen Blick in die wutentzündeten
Augen.
    Da trat Catri ruhig mit langen Schritten vor und legte die Hand auf den Arm
des Pfauenwirts. »Herr Reber«, sprach sie gelassen, mit lautem, nachdrücklichem
Ton, »der Gaul verträgt die Peitsche nicht. Der ist ohnehin feurig genug. Gebt
die Geissel lieber mir.« Und nahm ihm den Geisselstock sanft aus der Hand, einfach
und zuversichtlich, als verstände sich das von selber.
    Der Alte aber war so verblüfft, dass es geschehen war, ehe er mit sich eins
geworden, ob er es dulde oder wehre.
    Unterdessen hatte sich Conrad behend und leicht in den Sattel geschwungen,
trotz seiner Grösse, und ritt nun, Catri einen militärischen Gruss mit
verbindlichem Lächeln bietend, in förderndem Schritt von dannen.
    Hinter sich aber vernahm er den empörten Ruf seiner Schwester: »Es sieht
nachgerade schon völlig danach aus, als ob Catri im Pfauen regierte.«
Er lenkte zum Dorf hinaus, planlos dem Weg folgend, den Rain hinab durch die
Kirschenallee nach der Eisenbahn, wo er den Schienenübergang gesperrt fand. »Ihr
mögt noch bequem hinüber, Herr Reber«, knurrte freundlich der Bahnwärter und hob
die Schranken. Jenseits des Geleises aber kam ihm Conrad zuvor, indem er mit dem
Pferde schlank über den Balken setzte, in zwiefältigem Ruck, jäh in die Höhe,
zurückhaltend hinab.
    Dann strebte er weiter, zwischen Station und Stations-Pintenwirtschaft
hindurch. Von rechts her warf ihm der Stationsvorsteher einen launigen Gruss
nach, den er im selben Stil erwiderte: »Glückliche Reise, Herr
Batteriekommandant.« »Viel Vergnügen, Herr Betriebsdirektor.«
    Gegenüber, zur Linken, vor der Pinte, stand die Neuberin, die Schankwirtin,
ein Büblein auf dem Arm, das ihn mit übermässigen Augen bewundernd anstarrte.
    »Hast dus gesehen?« lachte sie dem Kinde in die Augen, das sie wie ein
Spreuerkissen schüttelte, um seinen Geist aufzurütteln: »Hast dus gesehen, das
Rösslein, wie er mit ihm über den Balken sprang, der Herr Pfauenwirt?«
    »Hü! hü!« lallte das Büblein, aufjuckend, dann liess es ein widerspenstiges
Geschrei los, denn die Neuberin frass ihm vor Wonne das Gesicht. Hinter dem
Gartenhag aber, unter dem blühenden Kastanienbaum, lungerte die Jucunde, die
sogenannte Nichte der Neuberin, mit ihrem unsinnigen Strubel, endlos, weglos und
verirrlich wie ein Urwald. Sie machte Augen wie Pflugrädlein, rührte sich jedoch
nicht, ausser dass sie an den Fingernägeln kaute. Einen brandzündigroten Rock trug
sie heute zur Schau, aber natürlich wie immer ohne Gestalt noch Gürtel, sondern
bauschig wie ein Schlafrock. Es fehlten zur Hauderin nur die blossen Füsse.
    Er vermied geflissentlich, die eine oder die andere zu grüssen, sondern trieb
abgewandten Blickes vorüber. Endlich vorn auf der Landstrasse angekommen, in
welche sein Weg mündete, schlug er einen Trab an, in der Richtung nach dem
Kurbad. Bald indessen verkürzte er die Zügel. Denn seine Gedanken waren daheim
geblieben, und die holten ihn nun wie mit langen Hacken ein. Wozu auch vorwärts
trotten? Irgendwohin begehrte er nicht; und nachdem er bewiesen, dass über die
Lissi er allein zu verfügen habe, war sein Zweck erfüllt. Die Hauptsache aber
war: die Gefahr, die seiner zu Hause wartete, zog ihn an. Er spürte: was ein
rechter Mann ist, schiebt die Schwierigkeiten nicht in die Zukunft und weicht
dem Kampf nicht aus, sondern stellt ihn. Er kehrte also um, den zurückgelegten
Weg eilends wieder auflesend, so dass er in wenigen Minuten abermals den
Bahnübergang erreichte. Diesmal war soeben ein Zug eingefahren, ein zweiter von
unübersehbarer Länge hielt auf der Talseite vor der Signalstange, auf das
Zeichen zur Einfahrt harrend. Da schöpfte er einen ansehnlichen Vorrat Geduld,
verlängerte die Zügel und wartete vor dem Schlagbaum, wobei die Lissi mit
schmunzelnden Nüstern neugierig nach dem Wagenfenster schnupperte, als wollte
sie sagen: Kann mir vielleicht einer von euch ein Schnupftuch leihen? Es war ein
Wagen zweiter Klasse. Gelangweilte Gesichter stierten ihm daraus entgegen, stumm
und mürrisch, als ob sie nächstens bellen wollten. Nein, ganz unparteiisch, die
Lissi hatte entschieden ein menschlicheres Gesicht. Nebenan aus der dritten
Klasse lärmte Fussstampfen, Gejohl und Blechmusik. Köpfe bockten durch die
Fenster aus und ein, mit heftigen, überschüssigen, unzweckmässigen Bewegungen;
verdutzte Rudel schossen die Treppe auf und nieder, wobei sich Zusammenstösse
ergaben. Allmählich aber hefteten sich alle Blicke auf ihn, den einsam ragenden
Reiter, um die zehntausendjährige Neuigkeit zu bestaunen, dass ein Zweibein auf
einem Vierbein sitzt. Da er jedoch nicht aufgelegt war, sich von dem müssigen
Reisevolk wie ein Jahrmarktswunder anglotzen zu lassen, drehte er sein Pferd um,
das Hinterteil dem Wagen zugekehrt.
    »Conrad«, rief ihn eine bekannte Stimme aus einem der hintersten Wagen an:
»Bist du heute abend gegen sechs Uhr daheim?«
    Es war Leutolf, der Leutnant der Waldishofer Feuerwehr. Sein silberner Helm
mit dem purpurroten Haarbusch glitzerte weitin; neben ihm kamen messingene
Helme in grosser Zahl zum Vorschein.
    »Warum?« fragte Conrad zurück.
    »Wir machen nämlich einen Ausflug nach Rubistal, zu Ehren der
Spritzenmusterung, und denken auf dem Rückweg im Pfauen einzukehren.«
    »Ja«, beschied er nach einigem Zögern, da er keinen vernünftigen Grund
hatte, nein zu sagen. Auch mochte er die Waldishofer als wackere, pflichttreue
Leute besonders wohl leiden.
    Aus der vorderen Hälfte des Zuges, nahe der Lokomotive, winkte unablässig
ein Taschentuch, bis ihm endlich die Ahnung aufdämmerte, das flatternde Fähnchen
könnte möglicherweise ihm gelten. Wie er dann Front danach machte, erkannte er
die Base.
    »Leb wohl, Conrad!« schrie sie ihm zu, mit überschnappender Stimme. »Mach
dich lustig! Und bessere dich! - Du nimmst dich gut aus auf deinem Rösslein. -
Ja, reiten und soldäteln und dergleichen brotlose Künste, das muss man dir
lassen, die verstehst du aus dem ff. Hingegen mit dem Pflug zu Acker fahren,
gelt, das ist dir zu gemein, zu schmutzig?«
    So von weitem erschien ihm jetzt die Base lieblich und traut, so dass ihm
ganz heimatlich ums Herz ward. Und da sich eben der Zug mühsam in Bewegung
setzte, rief er zurück, mit der Hand winkend:
    »Komm bald wieder. Ich zähle darauf«
    »Zählen macht Kopfweh!« grölte sie.
    Der Zug geriet inzwischen ins Laufen. »Also du kommst?« schloss er ab: »Du
hast mirs versprochen?«
    »Wir wollen dann sehen, wenns finster ist«, gackerte sie aus Leibeskräften.
Und mit äusserster Anstrengung, den Oberkörper aus dem Fenster biegend, schrie
sie:
    »Pass jetzt nur auf, dass es diesmal nicht wieder ein Unglück gibt.«
    Dann reichten ihre Stimmen nicht mehr. Nun winkten sie sich zu, solange sie
einander zu unterscheiden vermochten, sogar noch ein Weilchen länger, ledig der
Richtung nach. Allmählich verschwand die Base mit dem enteilenden Zug in den
verschwimmenden Wagen, einen freundlichen Schimmer zurücklassend, wie ein
Sternchen, dessen Namen man kennt.
    Allein nun auch den andern Zug geduldig abzuwarten, der jetzt umständlich
herbeischlich, mit einer Miene, als wollte er sich auf ewig vor der Station
niederlassen, nein, soweit reichte seine Langmut nicht. Er begab sich daher
einige Pferdelängen von dem Bahngeleise weg, um die Zeit durch Bewegung zu
betrügen.
    Plötzlich, wie er neben dem Pintengärtchen anlangte, beim Anblick der roten
Kastaniensträusse über der bräunlichen Tujahecke, beizte ihm die grossäugige
Jucunde, die er hier geschaut hatte, wie gewürzter Speisebrodem in die
Vorstellung. Zwar, man mied sonst die Stationswirtschaft, der Jucunde wegen; und
er nicht minder als jeder andere, ebenfalls der Jucunde wegen. Doch heute
beherrschte ihn einmal der Trotz, so dass er, was sich ihm als verboten
aufspielte, um so nachdrücklicher tun musste.
    Er schwenkte also vor die Schenke mit dem bestimmten Vorsatz, jeden, der ihm
das später aufmutzen wollte, derb abzufertigen, sprang ab und übergab das Pferd
dem beflissen herbeistoffelnden Knecht: »Führt das Tierchen in den Stall«, gebot
er; »und dass Ihrs keinem andern Menschen ausliefert, wer es auch sei.
Verstanden?«
Schmunzelnd trippelte die Neuberin herbei, mit überschwenglichen
Freudenbezeugungen ihn bewillkommnend, ein breitspuriges Gerede von unverhoffter
Ehre anhebend.
    »Und so weiter, trallala!« unterbrach er sie.
    »Jucunde!« belferte sie freudig in den Hausgang, »Jucunde, rate einmal, wer
uns die Ehre schenkt! - Die wird die Augen aufsperren! Wenn Ihr nur wüsstet, wie
sie Euch nachschaut im geheimen, jedesmal, wenn Ihr vorbereitet! Das einfältige
Affending, als ob das jemals zusammenpasste, der stolze Herrensohn aus dem Pfauen
und die verachtete Jucunde von der Station! Jucunde! Jucunde! Wo hast du nur
deine Ohren?!« Einstweilen nahm sie das Büblein vom Boden auf, das ihr an der
Schürze hing. »Siehst du, das ist jetzt der schöne Herr, der mit dem Rösslein
über den Balken sprang. Betrachte ihn genau, denn wer weiss, wie lange es währt,
bis du wieder einmal das Glück hast, ihn von so nahem zu sehen. - Er heisst auch
Conrad, wie Ihr«, fügte sie zu seiner Empfehlung hinzu.
    »Ein hübsches Büblein«, geruhte er leutselig. »Und was für prächtige
Samtaugen es hat! Wem gehört es? Es gleicht fast ein wenig der Jucunde.
    Die Wirtin verzog ein Schalksgesicht, verlegen, pfiffig und belustigt. »Es
gleicht ihr leider nur allzusehr«, platzte sie endlich lachend heraus.
    Inzwischen bequemte sich Jucunde selber heran, weich und schwer, mit
berufsmässiger Wohldienermiene. Sobald sie aber den Pfauenwirtssohn erkannte,
blieb sie mit sperroffenem Munde stehen, und zwei grosse Tränen rollten ihr über
die Backen.
    »So sei doch manierlich, du alberne Wachtel«, schalt die Neuberin. »So grüss
doch den Herrn Reber, so führ ihn ins Gärtchen und zeig ihm den Weg.«
    Jetzt strahlte Jucunde mit der ganzen Breite ihres gutmütigen Gesichts und
schritt voraus ins Gärtchen, beständig sich umschauend, ob er auch wirklich
leibhaft folge. Und da ihr immer neue Tränen nachrieselten, wischte sie lachend
den Arm über Mund und Nase.
    »Ihr müsst nichts für ungut nehmen, Herr Reber«, entschuldigte sie sich, »ich
bin halt ein gar unglaublich einfältiges Geschöpf. Wollt Ihr im Hüttchen Platz
nehmen? oder in der Laube? oder vielleicht dort in der Ecke unter dem
Kastanienbaum?« dabei scheuchte sie händeklatschend ein Huhn weg, das auf einem
der Tische lustwandelte.
    Er wählte die freie Mitte, wo der Kastanienbaum noch knapp mit seinem
Schatten reichte und wo er zugleich den Pfauen im Auge hatte, der vom Hügel
herunterschaute wie eine Burg von einer Schanze.
    »Roten oder Weissen?« fragte Jucunde glückselig. »Roten wahrscheinlich.«
    Und da er gleichgültig nickte, eilte sie dienstfertig von hinnen.
    Er aber dehnte die Glieder und führte die Augen spazieren:
    Etliche Gäste, Stück sieben oder acht ungefähr, kauerten gelangweilt im
Gärtchen. Neue sickerten herbei, teils vom Gartenpförtchen, teils vom Hausgang.
Das Bahngeleise war geräumt. Demnach musste der zweite Zug mittlerweile
gleichfalls ausgefahren sein. Von der Station wallte in dichten Scharen
Stadtvolk und Landvolk ameisengleich den Rain hinauf, dem Pfauen entgegen,
offenbar den beiden Zügen entstiegen. Die Mehrzahl steuerte zur Linken die
Kirschenallee hinan, andere quer durch die Wiese, auf dem Fusspfad, vereinzelte
wenige auch rechts auf dem Karrenweg längs dem Rebberg. Eine Musikbande war
darunter, die Instrumente, sorgsam in grüne Zeugfutterale gehüllt, unter dem
Arm.
    Wirklich, eine vorteilhaftere Aussicht auf den Pfauen liess sich nicht
denken. Wie auf einem Teller lag er vor ihm, majestätisch auf vorragender Höhe,
stattlich in seiner weitläufigen Breite: links der Gastof, in der Mitte die
gemauerte Terrasse mit den kugelrunden Akazienbäumchen in Reih und Glied, die
freilich um diese Jahreszeit noch gar dürftig belaubt waren, hinter der Terrasse
der Tanzsaal, endlich zur Rechten, wo die Terrassenmauer auslief, der
Holzschuppen und die Kegelbahn. Den luftigen Zwischenraum kreuzten Schwalben,
steigend und fallend wie Steinwürfe, hoch oben in der Himmelskrone schwammen
leichte Flockenwölklein.
    Allein das alles sah er nur so beiläufig, weil er es schlechterdings nicht
übersehen konnte. Etwas anderes suchte sein Blick dort oben, jemand, nach
welchem sein Hass begehrte, und da der Blick nicht reichte - denn der Abstand war
zu weit -, erreichten ihn seine Gedanken.
    Also wirklich schlagen, mit dem Peitschenstock über den Kopf schlagen hatte
er ihn wollen, der Unhold!
    Bei dieser Erinnerung stiess seine Faust den Tisch heftig von sich, dass er
torkelte. Beschämt rückte er ihn wieder zur Stelle. Nein, verbesserte er sich,
vergriffen, an dem Vater vergriffen hätte er sich doch nicht; trotz allem;
soweit kannte er sich immerhin noch selber. - Freilich, zur Notwehr, im Jähzorn,
wenn der Schimpf brannte und die Wunde biss! - Und wofür? Bitte wofür? Was hatte
er denn verbrochen? Es sollte doch ein einziger Mensch kommen und ihm sagen, was
er Unrechtes getan hatte!
    Seine Augen rollten, und seine Finger krampften sich, während er einen
Falkenblick nach dem Gastof schickte. Mit gekniffenen Brauen brütete er dann
eine Weile geistesabwesend vor sich hin. »Mörder!« knirschte er unversehens. Und
wie berauscht von dem blutigen Klang wiederholte er das Wort immer von neuem,
zuerst in längern, dann in kürzeren Pausen. Endlich, beim sechsten Male,
sprangen alle Fesseln der Gedanken. Unbedenklich stiess er jetzt mit glühendem
Wunsche den Vater in die Grube wie mit einem Dolche. - Darauf seufzte er
erleichtert. Welche Erlösung! Kein Zank, kein Verdruss mehr. Herr in Haus und Hof
und Feld, geachtet und geehrt, geschätzt und gefürchtet. Niemand, der sich
fortan unterstehen wird, ihm einen Verweis zu erteilen. Was ihm belieben wird,
wird er befehlen, und was er befehlen wird, wird geschehen!
    Und gierig ergriffen nun seine Blicke Besitz von dem väterlichen Eigentum,
Stück um Stück, Acker für Acker, Baum für Baum, jubelnd und grimmig, wie der
Habicht, der die Faust um die Lerche krallt.
    Aber von dem Anschauen des farbenstrotzenden Hügels geriet er allmählich ins
Sinnen und vom Sinnen ins Träumen. Ein Bild stieg vor ihm auf. Eine Festütte
unten am Hügel in der Au, worin er die gesamte Mannschaft seiner Batterie
freihielt, Offiziere und Gemeine, und zwar grossartig, mit einem ausgesuchten
Essen, wie man noch keines im Lande erlebte, mit der Konstanzer Musik dazu und
Überraschungen für die Offiziere beim Nachtisch und Geschenken für die Soldaten,
dass es für jeden einzelnen zeitlebens eine Erinnerung bleiben sollte.
    Das Bild bestand längere Zeit, deutlich und klar. Dann begann es zu
schwanken, und ein anderes trat hervor:
    An der Stelle, wo gegenwärtig der alte hässliche Tanzsaal sich breitmachte,
baute er ein Häuschen, nur ganz bescheiden in Riegelfachwerk, kein Stil und
Balkone und Badezimmer und Zentralheizung, aber freundlich und wohnlich, mit
frohmütigen Zimmern, mindestens drei Meter hoch, und einer geräumigen taghellen
Küche, und Wandschränken, soviel nur angingen, und einer breiten, bequemen
Laube, damit man im Freien essen kann. Maurer standen auf den Gerüsten,
anstellige Welsche aus dem untern Tessin, singend wie die Lerchen, vom Morgen
bis zum Abend. Unten hantierten die Maler an den grünen Fensterläden,
Wasserdeutsche aus dem Norden in Jägersamt und Schlapphüten, - er meinte, er
röche die Farbe. Anna guckte ihm über die linke Schulter, der Doktor über die
rechte. Was in aller Welt baust du denn eigentlich da? knurrte der Doktor in
seiner überlegenen Besserwisserei. Denn, seine Wissenschaft in Ehren, und
durchaus nicht das mindeste gegen den zukünftigen Schwager, aber sonderlich
begabt war er nun einmal nicht, der Doktor, das hätte er selber zugestehen
müssen, wenn er nicht ein bisschen zu beschränkt dazu gewesen wäre. Und die
Schwester antwortete aus ihren schönen klugen Augen: Jedenfalls etwas
Unpraktisches. Man ist ja immer unpraktisch, im Urteil der Weiber. Er aber zog
gelassen eine Urkunde aus der Tasche und reichte sie den beiden hin. Da
rieselten der Schwester die Freudentränen in den offenen Mund, so dass sie ihm
nicht einmal gleich zu danken vermochte. Und der Doktor drückte ihm unaufhörlich
die Hand: Aber Conrad, Conrad, was denkst du auch? Das können wir ja unmöglich
annehmen.
    Ein Maikäfer purzelte kopfüber auf den Tisch, zappelnd, um sich
aufzurichten. Nachdem er ihn gewissenshalber, wiewohl widerstrebend, vernichtet,
knüpften seine Gedanken wieder vorne an. Eigentlich, grübelte er, in gewisser
Hinsicht war es beinahe schade, dass Catri einsprang. Er hätte doch erfahren
mögen, ob der Alte den Hieb übers Gewissen brachte. Zwar, an sich betrachtet,
eine Staatsleistung war es, so ruhig und einfach, mit dieser überlegenen
Sicherheit, dem wahnsinnigen Wüterich gegenüber, der zu allem fähig war, während
Schwester und Mutter mit ohnmächtigem Flennen tatenlos zuschauten. Und der Ton,
mit dem sie das gesagt hatte! Überhaupt ihre Stimme! Zwar nicht eigentlich, was
man eine sympatische Stimme nennt, obschon ja der Ton dem Ohr äusserst
wohlgefällig klang: hart und kalt, als ob man einen Degen aus einer Samtscheide
zückte. Indessen, eine Stimme, die einem Rettung in der Not gebracht, die hat
halt einen besondern Kern! Ihm ward zumute, als hätte er in jenem Augenblick mit
Catri eine Verwandtschaft eingegangen, und zwar eine innige. Oder nein, nicht
Verwandtschaft, denn was sind Verwandte? Menschen, die einem das Leben
verbittern, mit dem Anspruch, das als einen Beweis der Liebe zu verdanken.
Freundschaft vielmehr. Beim Kuckuck, warum auch sollte man nicht mit jemand, der
einem zusagt und der einem Gutes getan, plötzlich Freundschaft schliessen?
Freundschaft ist doch kein Mostapfel, dass sie nur allmählich reifte! Plötzlich
lächelte er vor sich hin, als ob er in etwas Leckeres gebissen hätte. Es war ihm
nämlich eingefallen, dass Catri eine ledige Jungfrau war und er ein
heiratsfähiger Bursch, woraus sich verlockende Möglichkeitsbilder entwickelten,
denen er träumerisch nachhing.
    Jucunde erschien mit dem Wein, in einem Atem sich lästerlich anklagend und
angelegentlich entschuldigend wegen der sträflichen Vernachlässigung, während
sie ihm übereifrig einschenkte. Ehe sie wieder davoneilte, wand sie ihm hastig
den Arm ums Gesicht, wie ein Naschwerk, um ihn zu vertrösten.
    Er aber stiess angeekelt das fremde Fleisch beiseite und fuhr unbehindert in
seinen lieblichen Träumereien fort, denn er hatte sich durch die Störung nur
oberflächlich wecken lassen. Freilich, gesetzt den Fall, zum Beispiel, er möchte
und sie willigte ein, so würde er natürlich Feuer und Flamme dagegen speien, der
alte Drache, daran war nicht der mindeste Zweifel. Nun, um so besser, dann
gerade erst recht! Hiermit war er wieder da angelangt, wohin er stets im Kreis
zurückkehrte: bei ihm, dem Unvermeidlichen, dem Unausstehlichen, dem Feind
seiner Beschaffenheit und Eigentümlichkeit, Feind seiner Wünsche, Pläne und
Hoffnungen, Feind in allem und jedem, überall und immer.
    Neuerdings packte ihn der Groll und krampfte sich seine Hand, aber diesmal
um das Weinglas, das er mit einem einzigen Zuge leerte, trotz dem sauren
gepanschten Krätzer. Darob wandelte sich der Groll in Zorn, und der Zorn
stiftete ihn wieder zum Trinken an. Bald verwirrte sich sein Geist. Ein Taumel
betäubte ihn, durch welchen er bloss noch das Hämmern des Blutes gegen die
Schläfen spürte, verbunden mit dem leidenschaftlichen Gelüsten, irgend etwas
Gewaltsames zu vollführen, und zwar lieber früher als später, am liebsten auf
der Stelle.
Ein roher Lärm tobte durch den Hausgang, untermischt mit festlichen Jauchzern,
und gleich einem Feuerläufer kam der Knecht aufgeregt um die Ecke gesprungen:
»Die Niederwagginger sind da«, meldete er mit wichtiger Miene.
    »Jucunde, schnell! Flaschen und Gläser, soviel da sind!« gellte die
Neuberin, hüpfend vor Freuden.
    Zu spät. Schon ward das Gärtchen von einer Rotte ungeschlachten Volkes
erobert, das sich stürmisch auf die Stühle warf, im Nu jedes Plätzchen
besetzend. Der Rest wirbelte hin und her, nach Bedienung lärmend und Wein
begehrend. Sessel wurden als Beute aus den Zimmern herbeigeschleppt, hoch über
die Köpfe erhoben, Weinflaschen reihenweise nach Dachdeckerart von Hand zu Hand
vermittelt, alles so tumultuarisch wie möglich, aber in Frieden und Eintracht.
»Heute gehts den Oberwaggingern an den Kragen!« triumphierte eine Stimme. »Der
Tanz im Pfauen wird wohl heute schwerlich bis Mitternacht währen«, höhnte ein
anderer. Beifallsgelächter erscholl, Fäuste wurden prahlerisch geballt,
gespannte Muskeln vorgewiesen, Stöcke geschwungen. Hinter den Burschen aber
erschien nachträglich ein verschämter Weibertrupp, das Getümmel vermehrend,
festlich geputzte Jüngferchen, Feldblumensträusse vor dem flachen Busen.
Schüchtern schoben sie sich in die Lücken des aufgeregten Mannsvolkes,
glückselig inmitten der Püffe und Tritte. Keine Bedienung vermochte das
menschliche Dickicht zu durchdringen. Wo immer die Neuberin oder Jucunde sich
hervorwagten, ward ihnen mit handgreiflicher Zärtlichkeit dermassen zugesetzt,
dass sie schleunigst die Flucht ergriffen. dabei hieben sie weidlich mit den
Fäusten drein, die eine wie die andere, unter entrüstetem Quietschen und
Belfern, übrigens mit dem vergnügtesten Gesichte der Welt. Sie genasen
augenscheinlich in dem Höllenbreugel.
    Conrad hatte keine Zeit gefunden, sich vor dem ungestümen Menschenschwall
zurückzuziehen; infolgedessen sah er sich auf seinem Platz festgepresst, so dass
ihm nichts übrig blieb, als sich so schmal wie möglich zu zwängen. Das ertrug er
zwar ergeben, wie man ein Naturereignis erträgt, allein in der übelsten Laune.
Plötzlich juckte er auf und sträusste die Ohren. Nämlich die Worte Pfauen,
Kellnerinnen, karessieren hatten ihn getroffen. Und wie er den Kopf danach
wandte, gewahrte er einen langen Lümmel mit einem schiefen Karpfenmaul und
abstehenden Ohren, schlüpfrig wie ein Regenwurm, dem ers etwa zutraute. In der
Tat, der verdrehte zischelnd die lüsternen Augen. Schon wollte er sich
angewidert abwenden, da glaubte er zu hören: die schöne Anna vom Pfauen. Nein
wahrhaftig, da sagte ers noch einmal, ganz deutlich, der Wicht: die schöne Anna
vom Pfauen.
    »Ihr dort! Nehmt den Namen meiner Schwester nicht in Euer schmutziges Maul«,
herrschte Conrad hochfahrend, so rauh und beleidigend, dass er selbst davor
erstaunte; ein Ton wie eine Ohrfeige.
    Der Regenwurm kehrte sich zögernd herum, nicht einmal sonderlich verwundert,
betrachtete den Gegner geraume Weile mit lauerndem Blick, dann erwiderte er mit
flauer Stimme: »Man sagt ja durchaus nichts Schlimmes von Euerer Schwester,
nicht im mindesten, im Gegenteil.«
    Hiermit wähnte Conrad den Fall erledigt. Indessen der andere liess ihn mit
seinem tückischen Blicke nicht mehr los:
    »Es darf ja einer sogar den Namen Gottes aussprechen«, munkelte er, »da wird
der Name der Jungfer Reber wohl auch noch erlaubt sein. Schliesslich ist sie ja
doch nur ein Mensch wie wir. Oder was denn sonst?«
    Und immer von neuem setzte er verbissen an, während Conrad sich verächtlich
abkehrte, aber doch heimlich hinhorchte, wie ein Tiger, der gereizt wird und
sich einstweilen noch beherrscht.
    »Ein Maul braucht deshalb noch lange nicht schmutzig zu sein, weil es
Schwarzbrot isst statt Weissbrot. Es gibt Mäuler, die Hühnchen fressen und sind
doch schmutzig.« Und ferner: »Wenn einer schon reich ist und ein Rösslein im
Stall hat und eine Uniform im Schrank, so hat er deswegen nicht nötig, solch
einen hochmütigen Ton mit dem Volke anzuschlagen wie mit einem unsinnigen Stück
Vieh.« Dann wieder nach einer Weile: »Er kommandiert auch nicht immer so laut,
der Herr Leutnant. Daheim im Pfauen, dem Vater gegenüber, redet er einen
sanfteren Violinschlüssel, vorausgesetzt, dass er überhaupt zu reden wagt.«
    Ein höllischer Pfiff durch die Finger schrillte Alarm. »die Oberwagginger!«
scholl es wie Kriegsruf.
    »Wo?« brüllten Dutzende von weinheisern Kehlen.
    »Haraus!« krächzten andere, und wie ein Rudel Hirsche brach die vollzählige
Dorfmacht durch den Hag, um des Feindes ansichtig zu werden. Was im Wege stand,
wurde rücksichtslos zu Boden gerannt, Tische mitsamt dem Geräte, Stühle zugleich
mit den daraufsitzenden Zechern, einerlei wer oder was.
    Solange Conrad nur zufällig Stösse mit abbekam, hielt er an sich. Höchstens,
wenn sie ihm über die Füsse stampften, warf er die nächsten kurzerhand über den
Haufen, verteidigungshalber, was diese auch keineswegs wichtig krumm nahmen,
sondern sich gleichmütig wieder auflasen, als wären sie über einen Schemel
gestrauchelt. Höchstens dass ihm einer oder der andere flüchtig die Faust wies.
Einer entschuldigte sich sogar:
    »Ja so! Uha! Nichts für ungut, Herr«, stammelte er verträglich, mit
linkischem Gruss.
    Ein Hieb jedoch traf ihn so spitzig, so ausdrucksvoll, so beredt in den
Rücken, dass er Absichtlichkeit witterte, und wie er sich blitzschnell herumwarf,
überraschte er hinter sich den Regenwurm, der keine Frist mehr hatte, eine
harmlose Miene zurechtzulegen, sondern, sich ertappt fühlend, die Flucht
ergriff, im Gewühl untertauchend, die Arme zum Schutz über den Kopf gekreuzt wie
ein Schulbube. Er flugs ihm nach, mitten durch den Haufen, den er gewaltsam
teilte. Am Gartenpförtchen hatte er ihn, packte ihn am Kragen und schmiss ihn mit
einem Fusstritt auf die Strasse. Es war sonst nicht seine Gewohnheit, der
Fusstritt. Allein diesmal überkam es ihn wie eine Offenbarung; diesem musste er
einen Fusstritt verabfolgen, seiner Schwester zu Ehren und dem schiefen Maul
zuliebe. Nachher spürte er sofort eine wohltuende Zufriedenheit, so dass er ruhig
den Aufmarsch der feindlichen Bauernheere besichtigen mochte, als Zuschauer.
    Die Niederwagginger waren bereits sämtlich draussen auf der Strasse, gefolgt
von dem Weibertrupp, der teils abmahnend, teils mit neugieriger Abenteuerlust
sich anhängte, alle ohne Ausnahme mit erhöhtem Respekt vor den gewalttätigen
Knaben. Erst hielten diese Kriegsrat. »Punkt sechs schlagen wir los, nicht
früher und nicht später«, lief es durch die Reihen. Dann nahmen sie die Jungfern
in die Mitte und schlossen die Glieder; hierauf drückten sie die Hüte tief über
die Stirn und schritten mit geducktem Kopf scheinheilig fürbass, dem Dorfe
entgegen. Vor ihnen her in geraumer Entfernung, seitwärts im Kornfeld zur Linken
der Kirschenallee, zog die Oberwagginger Dorfschaft mit ihren Weibern, ebenfalls
in scheinfrommer Verfassung. Beide Haufen beobachteten einander, sorgsam darüber
wachend, dass der Abstand zwischen ihnen sich weder erweitere noch verkürze. Von
Zeit zu Zeit schnellte ein Kopf aus der Nachhut empor, wie ein Hahn, der krähen
will, schickte rasch dem Feind ein fistelndes »Haraus« entgegen und versteckte
sich hurtig wieder im Knäuel. So rückten die beiden Truppen allgemach vor, den
Rain hinan, dem Pfauen entgegen.
    Conrad triumphierte; nämlich die Nuss entielt für ihn einen süssen Kern.
Hatte er denn nicht dem Vater wohlmeinend vom Tanz abgeraten? Und was für einen
Lohn hatte er für seinen guten Rat geerntet? Wohl denn, so möge ers haben. Und
ein dämonischer Wunsch nistete sich in sein Herz, der Wunsch, dass Blut fliessen
möge, der Wunsch des misshandelten Propheten.
Wie er durch das verwüstete und vereinsamte Gärtchen, wo Bruch und Brocken
umherlagen, nach seinem Platze zurücksteuerte, seufzte ihm Jucunde entgegen und
warf sich erschöpft neben ihn auf einen Stuhl. Wie sie aussah! Zerzaust und
zerrissen, mit Wein übergossen, die Lippen hängend, das Auge glanzlos, und der
Schweiss troff ihr von der Stirne.
    Das war nun also die verführerische Jucunde, welche das Gerücht wie die
leibhaftige Todsünde ausmalte! Eine klägliche Todsünde! Das wenigste, was man
von einer Todsünde verlangen kann - nicht wahr? - ist doch, dass sie zum
mindesten appetitlich sei. Pfui, wie sie sich von jedes Waggingers knotigen
Armen hatte herumzerren lassen! Freilich, man wusste ja ohnehin, dass sie keine
Mutter Gottes war, allein wissen und mit eigenen Augen wahrnehmen ist mitunter
zweierlei. Entschieden, hier war kein Aufentalt für ihn. Was für ein Bock hatte
ihn nur gestossen, sich freiwillig in diese Spelunke zu begeben?
    Er sah nach seinem Hut. Siehe, der war zerdrückt, zerknittert, überstäubt.
»Eine Bürste«, befahl er hochfahrend.
    
    Bestürzt schaute ihn Jucunde an, schlich kleinmütig ins Haus und brachte die
Bürste.
    Er säuberte Hut und Kleid, ohne dass sie wagte, ihm das Geschäft abzunehmen,
so strenge gebärdete er sich. Endlich stammelte sie mit demütiger Stimme:
    »Oh, seid doch nicht ungehalten, Herr Reber! oh, seid mir nicht böse! Ich
bitte Euch tausendmal um Verzeihung. Aber warum musstet Ihr auch gerade einen
Sonntag wählen? Gibt es doch Tage in der Woche genug, ach Gott, wo wir
stundenlang hätten zusammensitzen können, ohne gestört zu werden. - Was muss ich
nur tun, damit Ihr mir nicht mehr gram seid?«
    »Was bin ich schuldig?« heischte er kalt und wollte sich erheben.
    Da fiel sie laut aufjammernd über ihn her und drückte ihn nieder: »Nein,
nein, nein«, wehklagte sie erbärmlich, indem sie ihn verzweifelt umklammerte,
»nein, jetzt geht Ihr nicht schon wieder fort. Jetzt, wo wir endlich allein
sind, jetzt, wo ich Euch zum ersten Mal in meinem Leben habe.«
    Es schrie so viel wahrhaftige Herzensnot aus ihrer Stimme, aus ihren Augen,
aus ihren Mienen, dass es ihn erweichte. Schliesslich, nach Hause kam er immer
noch reichlich früh genug für das, was ihn Liebliches dort erwartete.
    Er lehnte sich also wieder zur Ruhe.
    Da leuchteten zwei Sternchen der Dankbarkeit aus ihren guten Augen; sie
setzte sich neben ihn, schlug jedoch misstrauisch die Hand über seinen Arm, als
ob sie besorgte, er könnte ihr unversehens entschlüpfen, wie ein frisch
zugelaufener Jagdhund, der noch nicht vertraut ist. Und um ihm die
Abschiedsgedanken zu vertören, überschwemmte sie ihn mit Geschwätz. Zunächst mit
vorrätigen Redensarten, dann allmählich, als sie inne ward, dass keine Hinterlist
in ihm sei, mit echtem Geplauder aus dem eigenen Seelengrunde.
    »Es macht schönes Wetter heute«, warf sie ihm als ersten Brocken hin. »Und
wüchsiges. Das Gras steht so hoch und saftig wie selten im Maien. Und den
Kirschen hat die letzte Woche ebenfalls gutgetan; wenn nur nicht wieder der
Regen alles verdirbt. - Wie es grumselt von allen Seiten, schwarz von Volk, dem
Pfauen zu! Ja, Ihr seid reich, Ihr seid glücklich, Euch winkt das Leben. Wie
kommt es übrigens, dass Ihr an einem solchen Tage nicht daheim seid? Habt Ihr
vielleicht wieder einen kleinen Verdruss gehabt mit dem Vater? Es heisst, er sei
böse gegen Euch. Ich kann nicht begreifen, wie es jemand übers Herz bringen
kann, böse gegen Euch zu sein. Nun, es kommt mir zugute; ich hätte nie zu hoffen
gewagt, dass Ihr jemals zu uns kämet, so ein stolzer Herr zu so geringem Volk.«
Mit einem Male jedoch trübte sich ihr Auge, und sie sah ihn vorwurfsvoll an, als
ob er ihr etwas gestohlen hätte. »Das ist wohl eine Freundin Eurer Schwester,
die Bernerin, die heute zur Aushilfe gekommen ist? Schön ist sie, das ist wahr,
sehr schön sogar; so Schöne gibt es hierzulande keine ausser höchstens Eure
Schwester. Und einen prächtigen Staat hat sie ebenfalls. Ist sie denn reich?
Aber wenn sie reich ist, warum dient sie denn? Man sagt, sie sei sonst für den
Sommer im Kurbad, als Büfettdame. Ich kann es begreifen. So ein Paradiesvogel
zieht natürlich alle Männer an. Es heisst, sie lasse sich vom Badewirt selber den
Hof machen. Freilich, er ist ja seit zwei Jahren Witwer. Aber den wird sie doch
hoffentlich nicht nehmen! So viele Körbe, wie der schon erhalten hat, trotz all
seinem Vermögen. Puh, der Greuel. Übrigens, so schön sie ist, wenn ich ein Mann
wäre und die Wahl hätte: ich fände Euere Schwester doch noch schöner. Es kommt
ja nicht einzig alles auf die Regelmässigkeit an, sondern auch ein wenig auf den
Ausdruck, wie man bei uns daheim sagt. Sie hat so etwas Liebliches um die Augen
und den Mund; ich muss immer an Euch denken, wenn ich sie sehe. Nun, dafür ist
sie ja auch Euere Schwester.«
    Sie hielt an und schwieg. Nach einer Weile fuhr sie fort, mit einem kleinen
Seufzer:
    »Ich kanns begreifen, dass Ihr nur ein rechtschaffnes Mädchen nehmen wollt.
Und dass Euch keine absagt, davor seid Ihr sicher. - Es würde noch manche andere
gerne in den Pfauen hineinsitzen, in das fürstliche Heimwesen!«
    Empfindlich kehrte sie sich von ihm ab und blickte mit verschränkten Armen
düster zu Boden. Einsmals aber schaute sie ihn wieder freundlich an: »Übrigens
will ich dankbar sein, dass Ihr überhaupt gekommen seid. Wenn Ihr wüsstet, wie
wohl mir das tut, wie wohl; ich kann Euch gar nicht sagen, wie wohl. - Aber
schämt Ihr Euch denn nicht, am hellen Tage neben der Jucunde zu sitzen, so offen
vor aller Welt?«
    Er errötete. In der Tat, sie sassen wie in einem Schaufenster. Allein Furcht
vor den Leuten war nicht seine Schwäche. Nach kurzem Bedenken rückte er vielmehr
noch etwas näher an sie heran. Da strahlte sie wie ein Sommermorgen.
    »Wie mich das freut«, hauchte sie, »in die innerste Seele hinein freut, dass
Ihr Euch meiner nicht schämt.« Und jeder Vorübergehende frischte ihren Blick
auf.
    Hierauf sagte sie nichts mehr, sondern stemmte beide Ellenbogen auf den
Tisch, legte den Kopf in die Hände und schaute ihm mit ihren übergrossen Rehaugen
unverwandt ins Gesicht, um seine Gegenwart gründlich auszukosten.
    Auch er begann sich an seinem Plätzchen anzuheimeln. Seine Glieder, noch
etwas vom Wein beschwert, gerieten in höckrige Stimmung, sein Wille
entschlummerte, und das einfältige Geschöpf an seiner Seite, aus dessen treuem
Herzen ihn Liebe in warmen Strömen wie Märzensonnenschein überflutete, tat ihm
trotz allem auch wohl, sehr wohl sogar, offen gestanden. Mein Gott, sie sahen
ihn anders an, zu Hause, der Vater und die Mutter. Und um seine ursprüngliche
Härte wettzumachen, reichte er ihr gütig die Hand hin.
    Gierig ergriff sie dieselbe und liebkoste sie unaufhörlich mit
schmeichelnden Wangen, glückselig, ihn berühren zu dürfen, wie ein Hund sich an
seinem Herrn zu reiben liebt.
    Also beharrten sie hinfort voreinander, schweigsam und zufrieden, vergessend
und genesend. Sie in seinem Anblick schwelgend, er vor dem Bilde Catris
feiernd, das unbehindert von Jucundens Gegenwart ruhig und deutlich in seinem
Gedächtnis leuchtete.
    Die Natur tat das Ihrige, um Unruhe zu stillen und Unrast zu bannen. Die
Kunst des Lenzes, zu prangen, ohne zu blenden, entfaltete sich nach der langen
Regenzeit mit besonderer Kraft. Allüberall strotzte verhaltene Fülle, aus
welcher Glut und Schatten gleicherweise Düfte lockten, nur andere. Man roch es
wachsen. Eine hochschwebende, schneeweisse Schönwetterwolke schwamm herbei, um
gleich einer Insel die Sonne wegzutragen, die Scheibe verhüllend, bloss an den
Rändern einen blitzenden Strahlenkranz erlaubend. Darunter sassen sie nun wie
unter einem Baldachin oder einem mit farbigen Gazen gedämpften Kronleuchter,
kurz, unter etwas Grossem, Hohem und Holdem, das sie vereinte und segnete. Sie
urteilte offenbar nicht so strenge über die Jucunde wie die Menschen, die Sonne.
    Ein paar Dutzend grosse silberne Tropfen sprühten aus der Wolke herab in
weiten Zwischenständen wie durch ein Sieb. Obgleich sie augenblicklich
verdunsteten, so dass sie kaum die Erde erreichten, wurden sie doch von
sämtlichen Amseln des Tales mit einer verzückten Symphonie empfangen. Mit
Wohlgefallen schaute sich Jucunde um: »Jetzt kann man bald mähen.«
    »Herr Reber, Ihr verliert ja Euere Sporen!« belehrte der Knecht, der in
Gemeinschaft mit der Neuberin aufräumte.
    Das erwies sich als richtig. Der rechte Sporn war weg, vermutlich von den
Bauern abgetreten; der linke, schiefgedrückt und über die Hälfte eingerissen,
hing schlaff über den Absatz. Conrad bückte sich, um ihn vollends abzuknappen.
Doch Jucunde kam ihm zuvor, indem sie wie ein Wiesel glittlings unter den Tisch
schlüpfte. Oder vielmehr wie ein Murmeltier, denn für ein Wiesel war sie zu
fett.
    »Halt, das ist meine Sache«, wehrte sie unter dem Tisch hervor, »dazu bin
ich auf der Welt, Euch zu bedienen.«
    
    Mit einem einzigen Ruck hatte sie den Sporn los, aber in ihrem Handballen
klaffte eine hässliche Risswunde, aus welcher Blut quoll. Erschrocken fuhr er auf
und griff nach ihrem Arm. Sie aber entwand sich ihm lachend:
    »Oh, das ist gar nichts, das heilt in zwei Tagen«, scherzte sie, »wenn man
nur gesundes Blut hat!« Und da er immer noch bedenklich auf die Wunde starrte,
deutete sie auf seinen Stuhl, dass er sich niedersetze. Er gehorchte, wenn auch
zögernd. Hernach war alles wieder beim alten, ausser dass sie von Zeit zu Zeit mit
innigem Entzücken die verletzte Hand betrachtete, als wollte sie rufen: »Das
hab' ich von Euch, als Geschenk, zum Andenken, wenn Ihr nicht mehr da seid«, und
dass er mitunter einen bedauernden Blick zu ihr hinübersandte, wobei sie jedesmal
von erneutem Glück aufleuchtete, heiter und lustig.
Benedikt, der Kutscher von daheim aus dem »Pfauen«, guckte über den Hag, sich
räuspernd.
    »Was gibts schon wieder?« fragte Conrad unwillig.
    Benedikt hüstelte: »Ich soll Euch ersuchen«, munkelte er, »ob Ihr nicht
vielleicht so gut wäret, die Lissi dem Herrn Regierungsrat abzulassen,
ausnahmsweise für heute, aus Gefälligkeit. Er hätte schon dreimal am Telephon
danach gefragt. Man habe es ihm halt doch eigentlich sozusagen versprochen, wenn
auch vielleicht mit Unrecht.«
    »Wenn man in anständigem Ton mit mir redet, wenn man mich anfrägt, wenn man
mich manierlich darum ersucht, so ist das anderlei«, erklärte Conrad. »Wer hat
Euch geschickt?«
    »Euere Schwester, die Jungfer Reber.«
    »So nimm das Rösslein, es steht im Stall. Aber er soll gemach fahren, der
Regierungsrat, damit er die Lissi nicht in Schweiss jagt.«
    »Ich fahre selber.«
    »Dann ists gut.«
    Doch Benedikt rührte sich nicht. »Und noch eins lässt Euch Eure Schwester
sagen«, meldete er, mit dem Lachen kämpfend. »Ob es nämlich durchaus nötig wäre,
dass Ihr mit der Jucunde auf dem Sperrsitz sässet, damit Euch ja die ganze Welt
bewundere, oder ob Ihr Euch nicht lieber in eine Galerie zurückziehen möchtet.«
    »Durchaus nötig ists nicht«, erwiderte er trocken, »aber angenehm. Übrigens
hat der Platz den Vorteil, dass er jeden Vorwand nimmt, auszustreuen, wir täten
etwas Heimliches im Verborgenen. Sagt das meiner Schwester und einen
freundlichen Gruss dazu. - Wie stehts im Pfauen? Viele Gäste auf der Terrasse,
wie es scheint?«
    »Es wimmelt! Man vermisst Euch schmerzlich an allen Ecken. Ja, und dass ich es
nicht vergesse, Euer Vater hat darum herumgeredet, es würde Euch wahrscheinlich
auch nicht das Leben kosten, wenn Ihr heimkämet und ein bisschen bei der Aufsicht
behilflich wäret. Er habe bis dato keinen Menschen aufgefressen und hätte es
auch heute nicht im Sinne. Es wäre ja Platz genug vorhanden für zwei.«
    »Das hat er gesagt? Der Vater? Zu Euch? Das klingt ja beinahe glimpflich,
das heisst, ich meine verhältnismässig, an ihm selber gemessen.«
    »Zu mir, so wie ich dastehe. Die Neue, die Bernerin, die Catri oder wie sie
heisst, hat ihn herumgebracht. Eine Viertelstunde lang hat sie ihm zugesetzt und
ihm alle Schimpf und Schande ins Gesicht gesagt, dass unsereiner vor Angst sich
hätte verkriechen mögen. Aber er hat alles geduldig über sich ergehen lassen wie
ein Schulkind, das der Lehrer abkanzelt. Nur so vor sich hin gemökt dann und
wann, wenn es allzu grob hagelte. Bis er sich zuletzt zu dem Versprechen
herbeiliess, Euch ein gutes Wort zu geben.«
    »Und das soll nun vermutlich das gute Wort vorstellen, die Versicherung,
mich nicht auffressen zu wollen?«
    Benedikt lachte mit breitem Maul. »Ja, er spendiert sie nicht mit dem
Scheffelmass, Euer Vater, die guten Worte! Er ringts mühsamer zum Vorschein, ein
gutes Wort, als der Armenverein einen Dublonen. Man sollte fast meinen, es
erstickt ihn.«
    Conrad schwieg nachdenklich. Ihm war, als wäre er die längste Zeit von Hause
fort und es müsste inzwischen in seiner Abwesenheit eine Unmenge der wichtigsten
Dinge vorgefallen sein, von denen er Nachricht wünschte. »Wisst Ihr zufällig
etwas von der Mutter, wie es ihr geht? Ist sie immer noch oben, in der
Schlafstube?«
    »Man hat sie ins Dorf zur Grossmutter getan, damit sie aus dem Geschäft
herauskomme, wo sie sich doch nur unnütz selber aufregt und andern Leuten
hinderlich ist. Die Bernerin, die Catri, hat darauf gedrungen.«
    »Ein gescheiter Einfall das, der von der Catri. Wenn etwas Vernünftiges
geschieht, so hat doch gewiss sie es angeraten.«
    Der Kutscher lachte beifällig. »Ja, das ist eine Resolute. An der ist ein
Mannsbild verlorengegangen. Soll ich auch sagen, was sie mir aufgetragen hat?
Ich übernehme keine Verantwortlichkeit dafür, ich melde einfach, was ein jeder
mir aufträgt. Der eine sagt blau, der andere grün. Ihr sollt Euch lustig machen,
lässt sie Euch sagen, und nicht zu früh heimkehren. Es gehe geradesogut ohne Euch
und sogar noch viel besser. Jetzt müsst Ihr selber wissen, was Ihr zu tun habt.
Mich geht das nichts an, ich mische mich nicht hinein. Also wie steht es jetzt
eigentlich? was muss ich daheim ausrichten? kommt Ihr oder kommt Ihr nicht?«
    »Ich komme, wenns Zeit ist«, erklärte Conrad ausweichend.
    »Und ich gehe denn jetzt also und nehme das Rösslein. Ist es recht so?«
    »Es ist recht.« - »Nicht zu früh heimkommen«, wiederholte er verstimmt bei
sich, nachdem der Kutscher abgetreten war. »Ja, ist ihr persönlich denn gar
nichts daran gelegen, ob und wann ich heimkehre?« Und verletzt biss er sich auf
die Lippen.
    Als er wieder ausschaute, begegnete er den mutlosen Blicken der Jucunde.
»Und jetzt geht Ihr also wieder heim?« murmelte sie niedergeschlagen.
    Er erstaunte. Wer hatte denn von Heimgehen gesprochen? Sie tat ihm leid.
»Nein, ich bleibe noch ein wenig«, tröstete er.
    Sie aber schüttelte traurig den Kopf. »Ihr geht jetzt heim«, wiederholte sie
trübsinnig. »Ich spüre es. Und kommt dann nie, nie mehr zu mir. Das ist das
erste und letztemal gewesen.«
    »Niemand kann voraus wissen, ob etwas das letztemal gewesen ist.«
    »Doch, das kann man voraus wissen. Ich weiss, es ist das erste und letztemal
gewesen. Sonst wäret Ihr nicht aus blossem Versehen zu mir gekommen, aus eitel
Trotz und Widerspruchsgeist, weil es zufällig daheim Verdruss gegeben hatte. Das
weiss ich jetzt, denn ich habe es gehört.«
    Dann plötzlich wurde sie wieder weich. »Nehmt mirs nicht übel«, bat sie
flehentlich, »dass es mir weh tut, wenn Ihr mich verlasst! Ich danke Euch
gleichwohl. - Also, Ihr bleibt noch ein klein, klein wenig?«
    Conrad blieb, aber nur noch mit dem Körper. Sie hatte recht. Es wollte ihn
etwas heim. Irgend etwas Mannigfaches liess ihm keine Ruhe mehr. Die Neugierde,
was daheim geschehe, das bewegte Leben auf der Terrasse vor seinen Augen, das
Bedürfnis mitzutun und mitzuhelfen, das Gelüsten, wieder mit Catri zu
verkehren. Das und noch manches Derartige, was ihm nicht völlig ins Bewusstsein
trat, regte sich in ihm, während Jucunde ängstlich jede seiner Mienen bewachte.
    Horch, jetzt ging oben im Pfauen am hellen Nachmittag der erste Tanz los,
eine aufgeregte Polka, aber noch ohne Überzeugung, schwächlich und freudlos im
leeren Saale hallend. Sofort begann Jucunde mit näselnder Stimme mitzuträllern,
automatisch, aus Schlappheit, nach Art hirnloser Dirnen, so dass er ihre
Dummheit, von welcher er bisher bloss reden gehört, selber ermessen konnte.
    Im Gärtchen hatte sich mittlerweilen wieder eine Anzahl Leute eingefunden,
deren Blicke beim ersten Geigenbogenstrich sich sämtlich nach den Fenstern
richteten, von woher der Schall kam. Dadurch stockten die Gespräche, und nur
abgebrochene Sätze wurden laut, gedämpften Tones, als fürchteten sie, die Musik
zu beeinträchtigen. Bis allmählich, bei längerer Weile und Wiederholung des
Rhytmus, die Unterhaltung wieder aufwachte. Aber die Gedanken blieben an den
musikalischen Tanzboden gebunden, so dass sich jede Rede an langer Leine um den
Pfauen drehte wie ein Pferd in der Reitschule.
    Eine bedächtige Bauernstimme sagte in lehrhaftem Ton: »Wenn man überdenkt,
wenn man vergleicht, was der Pfauen vor zwanzig, dreissig Jahren war, ehe ihn der
alte Reber übernahm, und was er jetzt ist! Und alles ganz aus sich selber, ohne
Unterstützung, ohne Geld, nichts als zwei fleissige Hände, ein aufgeweckter Kopf
und eine ehrliche Leber. Acker für Acker einzeln erworben, heuer ein Feld und
übers Jahr eine Wiese, aus den Ersparnissen, je nachdem das Geschäft günstig
war, und die Wirtschaft allmählich vergrössert.«
    »Gehört die Matte unterhalb der Terrasse auch dazu?«
    »Alles von oben bis unten, von der Terrasse bis an die Bahnlinie, der Rain
und der Anger und noch ein Stück vom Rebberg dazu.«
    »Was ist denn eigentlich mit der Pfauenwirtin? War sie immer so?«
    »Die Pfauenwirtin? Die Frau Reber? Die Pfauenwirtin von Herrlisdorf? Ich
sag' Euch, das war zu meiner Zeit die jovialste, lebenslustigste Frau im ganzen
Kanton. Immer freundlich, munter und wohlauf. Und fleissig und tätig! Ja, der hat
der Alte viel zu verdanken.«
    »Lebenslustig? Wer? Die Pfauenwirtin Reber? Lebenslustig? Was ist denn da
gegangen?«
    »Ach, sie ist schwermütig geworden, seit dem Kindbett ihres Sohnes, Conrad,
glaube ich, heisst er. Zuerst hat man sie in einer Anstalt versorgt, hernach, wie
es etwas besser ging, hat man sie ein paar Jahr lang in den Bädern
herumgeschleppt. Jetzt lebt sie, soviel ich weiss, seit Jahr und Tag daheim im
Hause. Aber mit der Schwermut ist es immer noch beim alten, seufzt den ganzen
Tag, schafft sich Sorgen über jede Kleinigkeit, macht sich und der Umgebung das
Leben zur Qual und redet beständig von nichts als vom Sterben. Gütiger Himmel,
wenn man einem das vorausgesagt hätte, vor dreissig Jahren! So kann sich der
Mensch ändern! Ein Glück, dass der Alte so geduldig mit ihr ist, so ein Wüterich,
als er sonst sein mag. Es ist geradezu rührend, wie sanft er mit ihr umgeht, alt
und krank, wie er selber ist.«
    Conrad erbleichte, in ernste Gedanken versunken, indem er sich vornüber
lehnte, um kein Wort zu verlieren. Das weckte Jucundens Eifersucht. »Wollen wir
nicht lieber einen andern Platz aufsuchen, wo man ungestört ist?« schlug sie
übellaunig vor.
    Er gebot ihr ärgerlich mit der Hand Stillschweigen. Die zweite Stimme setzte
wieder an: »Und der Junge? der Sohn? Was hört man von dem? Ist etwas hinter
ihm?«
    »Man weiss noch nicht recht, wo es mit dem hinaus will. Zwar von seinem
Militärdienst verlautet nur Gutes, es hat ihn alles gerne, seine Vorgesetzten
wie seine Untergebenen. Dagegen daheim -«
    Jetzt verlor Jucunde die Fassung: »Schweigt doch, ihr albernen Menschen«,
platzte sie mit ungezügeltem Ärger heraus. »Seht ihr denn nicht, dass er selber
dasitzt?«
    Da ward eine gewaltsame Stille der Verlegenheit im Gärtchen.
    »So, jetzt kann man doch wenigstens wieder sein eigenes Wort verstehen«,
murrte Jucunde.
    Allein Conrad hörte sie nicht mehr; eine peinliche Ungeduld, heimzukehren
und vor allem loszukommen, hatte sich seiner bemeistert.
    »Ich werde nun auch aufbrechen müssen«, sagte er schonend, indem er
gleichzeitig aufstand. »Also denn, Jucunde, was ist meine Schuldigkeit?«
    Sie verzog den Mund und warf feindselige Blicke auf die Geldbörse, die er
hervorkramte.
    »Ich habe Euch noch etwas Wichtiges mitzuteilen«, entgegnete sie ernst, mit
rätselhaftem Ton, »aber Ihr müsst Euch erst setzen.«
    Hierauf, nachdem er sich widerstrebend niedergelassen, wandte sie ihm
plötzlich ihr Gesicht zu, mit riesengrossen Augen, die ihn drohend anstarrten,
wie die Mündung eines gewaltigen Doppelgeschützes, in dessen Innerem Feuer und
Schwefel wohnt. Und während er betroffen herumriet, was das bedeute, schob sich
hinterlistig ein Bein über das seinige. »Bleibt diesen Abend bei mir«, flüsterte
sie.
    Sein Blut geriet in Aufruhr. Doch tat er sich Gewalt an, blickte weg und
nickte ein verneinendes Zeichen.
    »Ich will aber, dass Ihr bleibt. Ich will es einfach«, zischelte sie
dringender und schmiegte sich ihm noch enger an. Nun begann er zu kämpfen. Und
seine eigenen Sinne wollten ihn in dem Kampfe verraten. Da gedachte er des
Jawortes, das er der Feuerwehrmannschaft gegeben, und blitzschnell warf er sie
mit beiden Armen brutal von sich, denn er wusste sich ihrer nicht anders zu
erwehren.
    Jetzt änderte sie handkehrum ihre Haltung, erhob sich ruhig, setzte eine
harmlose Miene auf, als wäre nichts gewesen, und geschäftsmässig, mit einem
verblüffenden Sprung über all die Verwirrung weg, die sie angestiftet,
verkündete sie kühl:
    »Ein Fränklein und vierzig Rappen.«
    Er beglich das und tat ein angemessenes Trinkgeld hinzu, für welches sie
bescheiden dankte. Dann schritten sie miteinander davon, ziemlich eilig, denn
ihm war schwül, und er lechzte nach Erlösung. Entschieden, hätte er ahnen
können, wessen er sich von Jucunde zu versehen hatte, er wäre nie in der Station
eingekehrt. Beim Hause angelangt, überfiel sie ihn nochmals, unbekümmert um die
Anwesenden. »Kommt einmal des Abends, wenns dunkel ist, zwischen zehn und elf
Uhr, nach dem letzten Zug. Zum Beispiel morgen.«
    Aber wieder schüttelte er verneinend den Kopf.
    Nun gab sie alle Hoffnung endgültig auf und fügte sich: »So nützt denn
alles, alles nichts?« schmollte sie verzweifelt. »So muss ich Euch denn wirklich
ziehen lassen? Immerhin, es hat mich innig, innig gefreut. Daran werde ich nun
noch lange, lange zehren, wochenlang, monatelang, vielleicht noch länger.«
Hiermit ergriff sie mit beiden Händen seine Rechte und drückte sie zärtlich,
aber fest an ihr Herz, liess sie auch nicht mehr los.
    So zogen sie durch den Hausgang, unbequem, weil eines des andern Schritte
hemmte, bis vor die Haustür.
    »Leb wohl, Jucunde«, grüsste er. Sie erteilte ihm keine Antwort, gab ihn auch
nicht frei.
    »Leb wohl«, wiederholte er bittend und etwas gereizt.
    »Lass mich los, sonst muss ich dir weh tun, denk an deine Wunde.«
    Allein es war, als hätte er gegen ein unvernünftiges Tier hingeredet, so dass
sich schliesslich ein förmlicher Kampf entwickelte, zwischen ihm, der seine Hand
schonend aus ihrer Umklammerung zu befreien trachtete, und ihr, die ihn mit
verzweifelter Anstrengung halten wollte. Als er sich endlich durch einen
unvorhergesehenen Ruck befreit hatte, schwenkte sie beleidigt ab und verschwand
im Hausgang; kam auch nicht wieder zum Vorschein, ob er schon ihr zu Gefallen
noch ein wenig vor der Schenke verharrte.
    So entfernte er sich denn, aufgeregt und betroffen. Es lag ihm etwas nicht
recht. Einesteils war er ja froh, diesen wollust-peinlichen Anfechtungen
glücklich entronnen zu sein, aber andrerseits tat es ihm doch auch leid, von dem
wunderlichen Geschöpf mit dem treuen Herzen unter den abgefeimten Buhlkünsten so
ohne Gruss und Abschied davongezogen zu sein, flüchtlings, beinahe im Streit. Sie
mochte sein, was sie wollte, sie hatte ihn halt doch lieb, auf ihre Art. Und der
weite, reine Frühling um ihn her kam ihm jetzt, wie soll ich sagen, nüchtern,
gewissermassen herzlos vor, so dass ihn beinahe sein Sieg gereuen wollte.
    In der Tat zauderte er, vor der Eisenbahnlinie angekommen, indem er nach
hinten schielte, ob sie nicht vielleicht nachträglich unter der Haustür stände.
    Sie stand nicht dort. Und wie gesagt, er hatte ja den Waldishofern sein Wort
verpfändet.
    Da raffte er sich auf und schlich niedergeschlagen über das Geleise, als ob
er einen wertvollen Gegenstand verloren hätte.
    Jenseits der Schienen tauchte Jucunde in die Vergangenheit, und der Pfauen
rückte aus der Zukunft in die Gegenwart.
    Einen Gewinn aber trug er doch aus der Pinte mit heim: den Entschluss, nun
seinerseits dem Vater ein freundliches Wort zu gönnen, dafür, was er an der
Mutter Gutes getan hatte und etwa noch tun würde.
Er wählte den Pfad durch die Matte, um abzukürzen, dann auf halbem Wege
verlangsamte er den Schritt, um später einzutreffen. Denn man sollte nicht etwa
meinen, er hätte Eile, sich auf Befehl einzustellen.
    »Hier muss mir eine Hecke hin«, murmelte er stirnrunzelnd, als er das Gras
neben dem Weg zertreten sah.
    Schliesslich langte er trotz allem Zögern doch an, beinahe gegen seinen
Willen.
    Ein paar abenteuerlich geschniegelte Radler, von Catri bedient, hatten sich
unterhalb der Mauerbrüstung in die Wiese vorgeschoben, von wo sie eine
schallende Fröhlichkeit von sich gaben, um die Aufmerksamkeit an sich zu ziehen.
    Sonderbar, fast ungehörig mutete es ihn an, dass er von allen Menschen gerade
Catri zuerst wieder sah. Er hatte, einfältigerweise, angenommen, sie würde
zuletzt erscheinen wie die Hauptspielerin im Teaterstück. Mit leichtem
Kopfnicken schritt er, an der Gruppe vorüber, seines Weges weiter nach dem Ende
der Mauer hinan. dabei widerfuhr ihm aber, dass er dem Vater ins Gesicht blickte,
der, kaum zehn Meter in der Luftlinie entfernt, zufällig von der Mauerbrüstung
herunterschaute. Der Alte schloss mit bösem Seitenblicke die Augen wie eine Eule
am Mittag. Da verspürte er wieder den gewohnten feindseligen Schlag, eine Art
Rückstoss, wie von einem schweren Geschütz. Weg war mit einem Mal sein löblicher
Vorsatz. Es ging nicht; es ging einfach nicht.
    Also kehrte er um und schlug sich in die Nähe der Radler, ständlings und
ohne sich anzulehnen, unter einen mächtigen Birnbaum. Dort winkte er der
Bernerin ein Zeichen mit dem Kinn.
    Diensteifrig eilte sie herbei:
    »Ihr habt Euch keine langen Ferien gegönnt, Herr Reber«, grüsste sie ihm
entgegen.
    Er ging auf diese Bemerkung nicht ein. »Catri, wir sind Euch alle zu grossem
Dank verpflichtet«, begann er feierlich und ein wenig befangen.
    »Wofür?«
    »Nun, heute morgen. Ihr wisst ja. - Zwischen mir und dem Vater. - Tut doch
nicht, als ob Ihr nichts wüsstet! - Mit dem Peitschenstock. - Ihr habt uns
möglicherweise vor einem schweren Unglück bewahrt.«
    »Ach so? Das?« lachte sie gleichgültig. »Ein Idyll aus der Schweizerfamilie
war es freilich nicht.«
    »Wirklich, ich habe Euren Mut bewundert.«
    Sie lachte wieder. »Man muss es halt mit den Männern halten wie mit den
bissigen Hunden: nur ja keine Furcht vor ihnen zeigen.«
    Er aber blieb ernst. »Ihr mögt Euere Tat verkleinern«, versetzte er, »ich
aber betrachte Euch von jenem Augenblick an als meinen guten Geist.«
    »Geist hat mir bisher noch niemand nachgesagt«, scherzte sie ausweichend.
Aber sein Spruch schien sie doch zu freuen.
    Helene schwebte heran. »Catri, die Jungfer Reber lässt Euch sagen, Ihr
müsstet in den Tanzsaal; Josephine bediene von nun an in der Wiese.«
    Die beiden sahen befremdet auf
    »Warum?« fragten sie fast gleichzeitig, wie zwei Kutschenpferdchen, wo eins
höchstens um Zollbreite dem andern voraus ist.
    Helene zuckte die Achseln. »So ist mir halt befohlen worden; mehr weiss ich
nicht.« Aber ihre schwärmerischen Augen schillerten schadenfroh.
    Da schauten Catri und Conrad einander verständnisvoll an, mit einem
ausdrucksvollen Doppelblick, welcher sagte: Ich begreife, und du? - Ich
ebenfalls. - Es soll ihr aber doch nicht gelingen, uns zu entzweien, gelt? - Im
Gegenteil, jetzt halten wir um so fester zusammen. So vereinigte sie der
Trennungsbefehl enger, als wenn sie einen langen Winter sämtliche Hochzeiten des
Kantons miteinander durchgetanzt hätten. Hierauf begab sich Catri vergnügt nach
dem Tanzsaal.
    Helene jedoch zauderte, als ob ihr nachträglich etwas einfiele: »War das
vielleicht Euere Braut, Herr Reber?« heuchelte sie, »die Jungfrau, mit welcher
Ihr im Stationsgärtchen zusammensasset?«
    Allein er war vorbereitet. »Was jene ist, geht Euch nichts an. Hingegen, was
Ihr seid, das will ich Euch sagen! Eine recht mittelmässige Kellnerin seid Ihr.
Ja, guckt mich nur an, das seid Ihr. Eine gute Kellnerin erkennt man daran, dass
sie sechs Augen und vier Ohren hat. Dort ruft man nach Senf, und keine zwei
Schritte von uns winkt Euch einer verzweifelte Zeichen, wie ein Ertrinkender,
und Ihr merkt von alledem nichts.«
    »Das geht mich nichts an«, erwiderte sie ungehalten, »ich bediene oben,
nicht hier.«
    »Ihr könnt von Glück sagen, dass nicht ich im Pfauen regiere, sondern
einstweilen noch der Vater. Denn wenn ich einmal Meister bin und eine Kellnerin
entschuldigt sich damit, dass sie an einem andern Platz bediene, so gebe ich ihr
den Lohn.«
    Verblüfft schlich sie von dannen.
    »Das war Nummer eins«, zählte er.
    Nun trippelte Josephine herbei, schnippisch und fürwitzig. Die Äuglein
glänzend vor schelmischer Spitzbüberei. Allein, wie sie die abgetakelte Miene
Helenens gewahrte, erachtete sie den Boden nicht für geheuer, rüstete
schleunigst ab und drückte sich neben Conrad vorbei an ihren Arbeitsposten, ohne
ihre kleine Weiberbosheit abzuschiessen.
    »Wo bleibt Nummer zwei?« dachte er und wartete. Allein er wartete
vergeblich; wenigstens einstweilen.
Über ihm, jenseits der Mauerkrone der Terrasse, ging es zu wie in einer
Volksszene auf dem Teater. Eine grüne Bühne voll Menschen und kein Leben. Eine
Menge von Köpfen, behutete und barhäuptige, bärtige und glatte, männliche und
weibliche, lugten über die Rampe, wie abgeschnitten und zum Verkauf ausgestellt.
Und alle, ohne Unterschied, Stadtvolk wie Landvolk, schnitten wichtige
Gesichter, um für bedeutend zu gelten. Es fehlte zur vollendeten Stumpfheit bloss
noch ein Jägerchor. Obgleich sie sämtlich zu schweigen schienen, erhob sich doch
aus ihrer Mitte ein Getöse wie von hundert schwatzenden Stimmen. Dazwischen
schossen die Kellnerinnen unwirsch kreuz und quer, verfolgt von den grimmigen
Blicken des Alten, der ihnen, wenn er ihnen nahekam, was freilich bei seiner
Schwerfälligkeit nur durch Wegelagerei gelang, verstohlen einen schimpflichen
Ausputzer zuraunte, zwischen zwei süsslichen Lächeln an die Gäste. Die einen von
ihnen wischten sich hastig die Augen, ehe sie ihre Ballettänzerfreundlichkeit
wieder gewannen, andere maulten wütend vor sich hin. Helene drückte jedesmal
beim Vorbeigehen einen neidischen Blick wegen der Radler gegen Josephine ab.
Anna, welche im Gewühl besonnen der Ordnung wartete, sah oft zu ihm herunter,
tat aber, als ob sie ihn nicht erkennte. Neben ihr auf einer Bank kauerte ihr
Doktor in blauer Militäruniform, der sie unverwandt anstarrte. - Sooft die
Tanzmusik anhob, mit quiekenden Klarinetten, kreischend und hustend, hefteten
sich sofort alle Blicke an die Fenster des Tanzsaales, ausdruckslos und träge.
Beim Schmettern der Trompete verhielten sich die Stadtfrauen die Ohren.
    Ob sie nicht ebenfalls lieber in die Matte herunterkommen wollten, riefen
die Radler ihren Bekannten zu, mit übermässigen Gebärden. Es sitze sich hier im
saftigen Grase angenehmer und man werde weniger von dem Tanz-Gedudel belästigt.
    Jene gehorchten geräuschvoll der Einladung, und als ob das ein massgebendes
Beispiel gewesen wäre, brach allsofort ein weiteres Häufchen von der Terrasse
auf, um sich unten niederzulassen. Andere folgten wieder ihrem Vorbild, so dass
der Umzug allmählich in eine förmliche Auswanderung ausartete. Ein Tisch nach
dem anderen mit Dutzenden von Stühlen musste in die Matte geschleppt, eine
zweite, hierauf eine dritte Kellnerin Josephine zur Aushilfe beigeordnet werden.
    Die Durchbrechung der hergebrachten Platzregel aber, mit ihrer Unordnung,
mit ihren Zwischenfällen, wie sie Unvorhergesehenheit und Ratlosigkeit im
Gefolge zu haben pflegen, bewirkte eine knabenhafte Ferienstimmung, so dass die
Gesellschaft ihre lästige Leichenfeierlichkeit verabschiedete und sich freier
Fröhlichkeit hingab. Während das Landvolk diese hauptsächlich durch steiferen
Trunk betätigte, hielten sich die stubenmüden Städter mehr an die Geschenke der
Natur. Vor allem die unscheinbare Quelle, die aus der Matte rieselte,
beschäftigte die kleinen und grossen Stadtkinder. Als ob das ein Jungbrunnen
wäre, umstanden sie sehnsüchtig das flüssige Wunder, sinnend und träumend. Von
den vielen Luftgebilden, die da von Herz und Hoffnung in den Frühling gebaut
wurden, entstand eine ganze Phantasiestadt.
    So geriet Conrad ohne sein Zutun an die Spitze einer Geschäftsherrschaft. Es
bildeten sich zwei Lager, ein oberes, wo der Vater schaltete, und ein niederes,
dem Sohn untertan. Dort liess sich vorwiegend das behäbigere Alter nieder, hier
die laute Jugend. Da aber die frischen Ankömmlinge mit Vorliebe nach der Wiese
abschwenkten, teils der Abwechslung und Ausnahme wegen, teils weil dort
bewegteres Leben winkte, schwoll das untere Lager stetig an, während das obere
schwand. »Wie ein Vorzeichen«, dachte Conrad.
    Missgünstig beobachtete der Alte den Zuwachs des gegnerischen Regiments, und
bei jedem neuen Platztausch rollten seine Augen: »Man sollte fast meinen, es
verzapfe einer unten bessern Wein als oben«, brüllte er, »und stammt doch aus
dem nämlichen Fass.« »Es angelt ja niemand nach ihnen«, rief Conrad zurück, »und
mit Gewalt kann ich sie doch nicht zurücktreiben.«
    Bei alledem machte jedoch keiner dem andern sein Volk abspenstig; dazu waren
sie beide zu geschult und zu klug. Im Gegenteil, sie halfen sich aus und
spielten sich in die Hände. Mit der Zeit, als der Raum unten allmählich anfing
knapp zu werden, füllte sichs auch oben wieder, so dass schliesslich ein
ebenmässiger Ausgleich stattfand.
    Wie sie nun so gemeinschaftlich einheitlicher Arbeit pflogen, jeder auf
seinem Posten, rückte der innere Herzensgegensatz bis auf weiteres in den
Hintergrund. Eine Art Achtung voreinander gewann die Oberhand. Mitunter, nachdem
der Alte einen prüfenden Blick in die Matte geschickt hatte, grunzte er
unverständliche Worte vor sich hin, was bei ihm Zufriedenheit besagen wollte.
Conrad seinerseits musste zugeben, dass des Vaters fürchterliche Blicke
musterhafte Ordnung hielten.
    Hierüber regte sich sein Gewissen. »Josephine«, befahl er, »Josephine, seid
so gut und geht zum Vater. Ich liesse ihm sagen, es setze heut abend Streit im
Tanzsaal, ich wisse es ganz bestimmt.«
    Josephine ging und kam zurück.
    »Was hat er geantwortet?«
    »Nichts, nur so geschnarcht.«
    »So geht noch einmal; ich lasse ihn eindringlich ersuchen, meine Warnung
nicht auf die leichte Achsel zu nehmen. Es sei eine abgekartete Sache; ich hätte
es von den Waggingern selber gehört.«
    Abermals ging und kam Josephine.
    »Es sei gut«, berichtete sie, »er habe es bereits das erstemal begriffen.
Man brauche ihm etwas nicht zweimal zu sagen, da er gottlob weder taub noch
töricht wäre.«
    »Dann basta! Fertig! Zum drittenmal sage ich ihms nicht.«
    Doch nach einer Weile beunruhigte ihn seine Verantwortlichkeit gleichwohl
wieder: »Josephine«, bat er, »sagt dem Vater, es tue mir aufrichtig leid, zum
drittenmal darauf zurückzukommen; allein es lasse mir in Gottes Namen keine
Ruhe. Um sechs Uhr gehe es los. Nach meiner Meinung müsste man für ein paar
Dutzend handfester Burschen sorgen.«
    Diesmal kehrte Josephine laut schluchzend zurück. »Euer Vater ist ein
Ungeheuer. So lasse ich mich nicht behandeln!«
    »Was hat er gesagt?«
    »Ein ausgeschämtes, niederträchtiges Mensch hat er mich genannt!«
    »Das habt Ihr allerdings nicht verdient, Ihr am allerwenigsten. Nehmt meine
Entschuldigung statt der seinigen. Es tut mir also leid. Aber ich meine, was er
Euch für einen Bescheid für mich mitgegeben hat?«
    Heftig platzte sie heraus:
    »Ihr brauchtet Euch nicht um umgelegte Eier zu kümmern. Er wisse schon
selber, was ihm zu tun obliege, und brauche keinen Lehrmeister. Übrigens, wenn
Ihr denn so ein Hasenfuss wäret, so könntet Ihr Euch ja unter Jucundens Unterrock
verstecken.«
    »Oho!« knirschte Conrad, vom Boden aufjuckend und die Fäuste ballend. Darauf
stampfte er zornig auf und ab. »Tod und Teufel sollen mich holen«, schwur er,
»wenn ich heute abend einen Finger rühre.« Dieser Schwur schaffte ihm zunächst
wieder Frieden, aber einen finstern Höllenfrieden.
Derweilen schnurrte oben Catri zu Anna heran, rot wie eine Klatschrose. »Im
Tanzsaal bediene ich länger nicht«, rief sie, die Arme schmeissend.
    »Warum?« schien Anna zu fragen, denn hören konnte man ihre leise Frage von
unten nicht.
    »Darum!« wetterte Catri. Hernach entfuhr es ihr: »Weil es Schweine sind!«
    Der Pfauenwirt, der dabeistand, lüpfte verächtlich die Schultern, Helene, in
der Nähe wirtschaftend, rümpfte spöttisch den Mund, und Anna mass die Bernerin
misstrauisch von oben bis unten. »Es wird wohl noch ein anderer Grund dabei
sein«, entgegnete sie anzüglich, mit erhobener, langsamer Stimme, damit es der
Bruder höre: »Ihr bedientet wohl lieber an einem andern Ort.« Damit blinzelte
sie zu ihm herunter.
    »Zwingen kannst du sie nicht«, vermittelte Conrad, an die Mauer tretend.
    »Wie soll ich dann einer andern zumuten, was sie verweigert«, rief sie
gereizt zurück. »So übernimm doch du das Servieren im Tanzsaal!«
    Nun ward er unwillig.
    »Im Tanzsaal serviere ich höchstens mit dem Stock oder mit der
Reitpeitsche«, rief er.
    Bei diesem unbedachten Spruch rückte der Alte herbei, hart an die Mauer,
zornbeladen, mit blutunterlaufenen Augen.
    Die Kellnerinnen ihrerseits hatten sich in die Nähe gezogen, um die
Verhandlung aufzufangen, die sie alle anging. Darüber wurden die Gäste
aufmerksam, von denen die nächsten sich gierig erhoben, damit sie keine kostbare
Silbe des Wortwechsels verlören. Es drohte ein Auflauf, ja, falls der Alte den
Mund erschloss, Schimpf und Schande. Denn an seinen Augen konnte man ablesen, was
ihm ungefähr unter der Zunge kochte. Gleichzeitig lärmte vom Tanzsaal ein
Aufruhr wegen der mangelnden Bedienung. Kurz, es entzündete sich.
    »Wozu ist denn die Brigitte auf der Welt, dass keiner an sie denkt?« schmälte
Josephine ablehnend. »Die nimmt es doch, wenns sein muss, mit dem heiligen
Antonius in Person auf, mitsamt seinem Schwein.«
    Kaum vernahm Brigitte die trauten Töne ihres Namens, so begriff sie sofort,
dass sie damit gemeint sei, denn sie verstand ihren Namen und ihre Person
geschickt aufeinander zu beziehen.
    »Was!« plärrte sie aufgebracht. Es dauerte eine Weile, bis man ihr
beigestossen, worum es sich handle. Dann zuckte sie überlegen die Schultern:
    »Die Wagginger sind so gut Menschen wie andere Leute«, erklärte sie
entrüstet, mit einem anzüglichen Blick auf Catri. »Deswegen sind sie noch lange
keine Schweine, weil sie zufällig zwei Beine haben, statt vier, wie mancher
andere.« Und ohne weiteres stürmte sie mit unternehmender Gebärde die vier
Stufen des Treppchens hinan in den Tanzsaal.
    So löste sich die Verwicklung und verteilte sich die Entzündung, indem jedes
friedlich auf seinen Platz zurückkehrte, ein bisschen ungern, denn wenn man
einmal den Hahn gespannt hat, ist es mühsamer, ihn wieder abzuspannen als ihn
loszuschnappen.
    Catri aber stattete Conrad von ferne eine scherzhafte Verbeugung ab zum
Dank für seine Unterstützung. Und sooft ihre Arbeit sie längs der Mauer
vorbeiführte, erteilte sie ihm ein unauffälliges Zeichen des Einverständnisses
mit Blick oder Gebärde, oder auch einfach durch Räuspern, das sie mittels der
vorschützenden Hand in ein kleines, schüchternes, verstohlenes Kusshändchen
auszumünden wusste.
»Anna!« begehrte Conrad, »wir bedürfen noch einer vierten.«
    Da rief Anna mit scharfer Stimme nach hinten: »Catri, mein Bruder verlangt
sehnsüchtig nach Euch.«
    Catri erschien mit einem leuchtenden Gesicht des Wiedersehns. Ihr auf dem
Fuss, doch mit verschiedenem Takt und Schritt, folgte die Schwester.
    Verdrossen machte sich diese zu ihrem Bruder heran, mit abgewandtem Blick:
    »Man geht nicht in die Pinte«, verwies sie strenge, »man sitzt nicht neben
der Jucunde.«
    Conrad fuhr auf. »Du«, erwiderte er, »du tätest auch besser, auf dich selber
zu achten, als meinen Pestalozzi zu spielen. Der blaue Doktor verschlingt dich
ja mit den Augen, dass sogar ein Blinder es bemerken muss. Solange ihr noch nicht
öffentlich verlobt seid, solltet ihr soviel Takt besitzen, euch weniger
auffällig zu benehmen. Nimm mirs nicht übel.«
    Anna schluckte und verstummte.
    »Bah«, warf Catri nachlässig hin, »einem jungen, unverheirateten Burschen
ist alles erlaubt.«
    Anna drehte sich nach ihr um wie von einer Wespe gestochen:
    »Nette Grundsätze das, fürwahr, bei Euch zu Hause«, höhnte sie.
    Catri warf den Kopf in den Nacken, flink und schlagfertig:
    »Wir werden wohl bei uns zu Hause genau soviel taugen wie ihr hierzulande,
nicht mehr und nicht weniger.«
    Anna würgte nach einem niederschmetternden Gegenhieb, fand aber keinen. Da
rümpfte sie die Nase, wie wenn sie etwas Ekelhaftes röche, und räumte
leidenschaftlich das Feld, eine Wolke von Erbitterung in jeder Bewegung
verbreitend.
    »Wohl«, murmelte Conrad, »jetzt fängt das Weibervolk ebenfalls an!«
    Sich einzumischen fiel ihm nicht von ferne ein, denn vom Weiberstreit hält
ein kluger Mann den Finger, das hatte er von Jugend auf als oberste Weisheit
gelernt, worin alles Volk ohne Unterschied des Standes und der Partei
übereinstimmte.
    Aber als nun Catri im Siegestriumph sich ihm traulich nähern wollte, trat
er zurück und erteilte ihr einen Verweis.
    »Ihr solltet immerhin meiner Schwester in höflicherem Tone begegnen«, rügte
er.
    Da schoss sie zornschnaubend von dannen wie ein angeschweisster Eber. Er aber
rief sie gebieterisch zurück, zu dreien Malen, und jedesmal drohender, bis sie
sich endlich herbeifügte.
    »Ihr habt Euch für heute bei uns in Dienst verpflichtet«, erklärte er,
»folglich seid Ihr uns nicht bloss Gehorsam, sondern auch Untergebenheit und
Bescheidenheit schuldig, mir und meiner Schwester. Morgen könnt Ihr dann wieder
grob sein, wenn Ihr wollt.«
    Und da sie vor Zorn ungeduldig zappelte, als ob der Boden unter ihr brennte,
stellte er sie geflissentlich noch länger:
    »Beiläufig«, hub er an, »was ich Euch fragen wollte: Ihr habt also oben im
Tanzsaal aufgewartet. Was erhieltet Ihr dort für einen Eindruck?«
    »Dass es Schweine sind.«
    »Unbestritten«, antwortete er, und konnte das Lachen kaum verbeissen. »Doch
das haben wir bereits vernommen. Ich meine, ob Ihr nicht etwas wie - wie soll
ich sagen? - wie feindselige Veranstaltungen bemerkt habt?«
    »Gott gebe, dass sie sich gegenseitig auffressen!«
    »Ein Menschenfressergebet!«
    Sie sah ihn patzig an und blickte scharf und gescheit: »Ihr werdet wohl auch
manchmal eine Bitte zum Himmel gesandt haben, die nicht im Vaterunser steht.«
    Da errötete er heiss und ward ernst und nachdenklich.
    »Ihr könnt jetzt gehen«, erlaubte er zerstreut. Sie ging, er aber war nicht
mit dem Erfolg zufrieden. Er hatte sie mit den Türmen mattsetzen wollen, und
jetzt war er rams. Seine geheime Rechnung war: beuge sie, übertrumpfe sie, so
wird sie dich lieb haben. Statt dessen war nun sie ungebeugt, er aber, da er ihr
jetzt trotz ihrer Störrigkeit mit Wohlgefallen nachsah, spürte, dass er sie lieb
hatte. Gewiss, ein bisschen weniger gesalzen - das war sicher - dürfte sie ohne
Schaden sein, bedeutend weniger gesalzen sogar. Und die harten blassblauen
Gläslein, die ihr als Augen dienten, hätte er ebenfalls anders gewünscht, wenns
einmal ans Wünschen ginge. Zwei Augen, so kalt und nüchtern, als ob man durch
lauteres Quellwasser den hölzernen Brunnentrog sähe.
    Aber sie war nun einmal wie ein Stück von ihm, seit heute morgen. Und wenn
sie frostig war, ein Grund nicht, ihr ein Büschel Strahlen aus seinem Herzen
hinüberzusenden, um sie zu wärmen. Übrigens: Mängel, Fehler, was schadet das?
Seine eigenen Fehler darf man doch lieb haben, nicht wahr? Warum also nicht auch
die Fehler derer, die zu einem gehören?
    Übrigens hatte er Gesellschaft bei seinem Wohlgefallen. Wohin Catri trat,
erregte sie Aufsehen. Die Unterhaltung verstummte, der Bissen zum Munde blieb
unterwegs, man starrte ihr sprachlos nach. Die Formvollkommenheit ihrer Gestalt
und ihres Antlitzes war ihm nicht so ausserordentlich aufgefallen heute
vormittags zu Hause unter den Frauenzimmern, sie hatte ihn einfach befriedigt,
jetzt aber lieh ihm die Höhe und Allgemeinheit der Bewunderung das Mass.
    Selbstbewusste, gewichtige Männer, wie der Gasdirektor Wyniger, erröteten,
wenn ihr Arm im Vorbeieilen sie streifte, eingebildete Manschettengecken, wie
der junge Vonderheiden, der Grasaff, welcher mit höhnischem Grinsen die
Menschheit anödete, die Beine unter dem Stuhl des Nachbars, schlugen vor ihrem
Blick befangen die Augen nieder und setzten sich hastig zurecht. Entglitt ihren
Händen ein Gegenstand, so bückte man sich rundum im Wettstreit wie vor einer
vornehmen Dame.
    Herrschaft! Würde das eine Pfauenwirtin abgeben! Und was für ein gesegnetes
Nest rotbackiger Sprösslinge! Rauflustige Kletterbuben, welche ein halbes Dutzend
zu Boden schlügen, oder dralle Dirnchen, bolzgerade aufrecht, mit Zöpfen bis in
die Kniekehle, jedes zwei Grübchen im Gesicht, eins im Kinn und eins in der
rechten Wange, oder noch besser, beiderlei Nachkommenschaft zusammen.
    Und tüchtig, weiss Gott, war sie auch. Wie sie bediente! In dieser Beziehung
hätte ihr selbst die grämliche Hexenbase die Anerkennung nicht versagen können.
Ruhig und selbstbewusst in der heftigsten Bedrängnis wie ein geschulter Soldat im
Feuer. Nichts von dem kopflosen Umherstürmen der andern, jammernd und scheltend,
als ob man ihnen die Jungen geraubt hätte. Und was er ganz besonders schätzte:
sie bediente vollkommen unparteiisch. Nicht wie die empfindsame Josephine,
welche bei jedem fleischprotzigen Turner hangen blieb, oder wie die ideale
Helene, welche Hören und Sehen vergass, wenn ein Männerchor anstimmte, mit
säuselnden Bässen und himmelnden Tenören, oder wie die läppische Brigitte,
welche auf den Tod die Alten nicht ausstehen konnte, so dass sie den
ehrwürdigsten Nationalrat verdriesslich aufsuchte, als besorgte sie einen
Heiratsantrag von ihm. Catri bediente jedermann gleich, sei er alt oder jung,
hübsch oder hässlich, vornehm oder gering, verzog auch nicht schnippisch den
Mund, wenn einer bloss Zuckerwasser bestellte; Auftrag und Ausführung galten ihr
alles, die Menschen waren ihr gleichgültig. Zu gleichgültig sogar. Denn sie
benahm sich gegen die Gäste stolz, hochfahrend, um nicht zu sagen beleidigend.
Nein, eigentlich beleidigend war es nicht; denn wenn nun einer sich über sie
beklagte und Rede stehen sollte, so wusste er nichts Bestimmtes anzuführen. Aber,
wie soll ich sagen? abweisend, feindselig. Ja, feindselig.
    Die Bestellung empfing sie mit einem Gesicht wie ein Erzengel, der von einem
sündenbeschmutzten niedern Menschenkind eine Bitte anhört; Trank und Speise
setzte sie herablassend wie eine unverdiente Gnade vor. Und wehe dem, der sich
die mindeste Hofmacherei erdreistete, sei es nun in Worten oder Mienen! Den
behandelte sie fortan mit unverhohlenem Abscheu, wie einen übelriechenden Käfer,
war auch schlechterdings nicht mehr zu versöhnen, weder durch süsse Reden noch
durch Trinkgelder. Nur das beschimpfende Wort, das ihr auf der Zunge schwebte,
verbiss sie, solange sie bediente, mit unfehlbarer Selbstüberwindung.
    Offen gestanden, ihre masslose Sprödigkeit missfiel ihm nicht durchaus. Es
kehrte ein Geist ehrerbietigster Zurückhaltung ein, der ihre jeweilige Umgebung
vornehm stempelte.
    Während er so seinen Betrachtungen nachhing, stupfte ein fremder Ellenbogen
den seinigen. »Herr Reber, schlaft Ihr? oder studiert Ihr über einen
Feldzugsplan?« Und wie er nachschaute, war es Catri selber gewesen, die lachend
enteilte.
    »Die verflixten Weiber!« murmelte er belustigt, »ist es nicht, als ob sie
einem alle Gedanken an der Stirne abläsen?«
    Der Portier torkelte im Zickzack heran, wie ein erratischer Block, unterwegs
die Gäste anrempelnd, ohne sich zu entschuldigen, nicht absichtlich, sondern aus
naturwüchsiger Ruppigkeit. »Herr Reber, Euer Vater lässt Euch sagen, der Oberst
Allegri von Mendrisio habe schon dreimal nach Euch gefragt. Ihr möchtet endlich
Euer benedeites Antlitz blicken lassen, meint der Vater, oder ob Ihr Euch etwa
einbildet, der Herr Oberst müsse Euch nachlaufen, mit heraushängender Zunge wie
ein Jagdhund.«
    Er zauderte und zweifelte; der unglimpflichen Aufforderung des Alten hätte
er selbstverständlich zuwidergehandelt, dem Obersten Allegri jedoch, der ihm
stets väterliche Gewogenheit bewiesen, mochte er unbedingt seine Ehrerbietung
abstatten.
    »Ist der Vater dabei?« fragte er.
    »Ja«, lautete die Antwort.
    »Ich komme«, brummte er finster und machte sich auf.
    »Haltet Euch gut«, rief ihm Catri nach, spottend, aber doch in ernstafter
Meinung. »Nehmt Euch zusammen, dass Ihr nicht wieder die Erbsen verschüttet, denn
ich komme nicht zum zweiten Mal am hellen Tage das gute Gespenst spielen.«
    »Haltet mir den Daumen«, spasste er mit verzweifeltem Humor.
    Auf der Terrasse angelangt, sah er unter dem Volk einen Tisch voll Uniformen
glänzen. Bei diesem Anblick ward ihm wohl ums Herz, innig und dankbar wohl, als
ob ihn jemand aus einem tiefen Nebelsumpf, in dem er bis zum Halse steckte, in
trockenen Sonnenschein gehoben hätte. Ehre, Ansehen und Freundschaft grüssten ihn
aus den goldenen Knöpfen, aus den blinkenden Säbeln, und darüber wölbte sich wie
ein verklärter Himmel ein grosser, schwungvoller Gedankenbogen, der von Genf bis
Schaffhausen und von Basel bis Chiasso reichte.
    Während er so mit leuchtenden Augen frei und stramm auf den Offizierstisch
zusteuerte, stiefelte ihm der Oberst lebhaft entgegen, ein mächtiges
Freudenhallo anstimmend, umarmte ihn und tappte ihm auf die Schultern. Da er die
übrigen Offiziere nicht kannte, erfolgte eine förmliche Vorstellung. Man
tauschte militärische Grüsse, hierauf einen biedern Handschlag, und auf das
ausdrückliche Geheiss des Obersten nahm Conrad an seiner Seite Platz.
    Der Pfauenwirt hatte sich inzwischen beiseite gedrückt, doch der Oberst
forderte ihn mit kordialem Spektakel zur Stelle. »Heda, alter Brummbär«, lachte
er, »was soll denn das bedeuten, dass Ihr auskneift wie ein pulverscheuer
Rekrutengaul? Seid Ihr vielleicht zu stolz, um mit unserer Gesellschaft vorlieb
zu nehmen? Freilich, wenn einer solch einen Prachtkerl zum Sohn hat, darf er
schon stolz sein! Geht doch mir selber das Herz auf, wenn ich ihn sehe.« Hiermit
patschte er Conrad auf die Knie wie ein verliebter Onkel.
    Der Alte, beschämt durch die begeisterte Belobung des verworfenen Sohnes,
schnupfte und knurrte, schliesslich schleppte er sich gleichwohl zögernd herbei.
    »Was glotzt ihr denn einander an wie zwei Dächse um einen Knochen? Auf!«
befahl der Oberst. »Vorwärts! stellt euch beide nebeneinander.«
    Da half nichts. Sie mussten friedlich nebeneinander stehen, den Abscheu
niederzwängend und die Stirn glättend. Kaum, dass sie vermieden, sich zu
berühren. Aber den Blick richteten sie nach verschiedenen Seiten.
    Der Oberst verglich die beiden, vergnügt und beifällig. »Nun, was meint ihr,
Kinder?« wandte er sich zu den Kameraden, »wenn wir lauter Mannschaften von
diesem Schlage hätten? Donnerwetter, das gäbe eine Truppe! Hm? Was meint ihr? Da
lernt mans glauben, dass sie die Pferde mitsamt den Reitern kopfüber schmissen,
die alten Eidgenossen!«
    Hierauf nahm er den Alten besonders vor. »Ja, ja, mein Teuerster, die Söhne,
die Söhne, die Söhne! Das ist unsere Zukunft, das sind unsere Totengräber.«
    Bei diesen Worten nahm er die goldberänderte Mütze vom Kopf und strich
fröhlich mit der Hand über seinen weissen Schädel.
    Der Pfauenwirt, ob dieser Todesmahnung, wechselte die Farbe, vom Blau bis
zum Violett, Conrad aber, er konnte nicht anders, spürte Mitleid mit dem Vater.
    »Mit dem Begraben, Herr Oberst«, wandte er ein, »hat es noch gute Weile,
sowohl mit Ihnen wie mit meinem Vater.«
    »Ta, ta, ta!« machte der Oberst. »Patati, patata! In unserm Alter, mein
Lieber, muss jeder stündlich darauf gefasst sein, das Gewehr abzugeben! Nicht
wahr, Herr Pfauenwirt? - Nun, die Hauptsache ist, dass man wenigstens jemand auf
der Welt hat, der einem die Augen zudrückt, der einem ein wohlwollendes Andenken
bewahrt, der einem die Altersbresten mit dankbarer Liebe und Anhänglichkeit
verwinden hilft.«
    Nun war die Reihe, sich zu schämen, an dem Sohne. Er errötete, senkte den
Kopf und schwieg.
    Jetzt aber sprang ihm der Vater bei:
    »Es gibt ja freilich mitunter kleine Missverständnisse«, brummte er
ausweichend.
    So suchten sie beide nach aussen den Schein des Friedens zu retten, der Ehre
und dem Ansehen der Familie zuliebe. Allein auf die Länge war die Stellung nicht
haltbar. Auf der einen Seite der Oberst, der sie in seiner Einfalt
zusammenschweisste, auf der andern ihre krampfhaften Bemühungen, sich weder zu
berühren noch anzublicken, und herum die beobachtenden Offiziere. Deshalb
spähten sie bänglich nach einem erlösenden Zwischenfall.
    Conrad entdeckte ihn: »Verzeihen Sie, Herr Oberst«, ersuchte er höflich,
»ich sehe die Feuerwehr von Waldishofen anrücken, zwanzig Mann hoch, und ich als
der Herrlisdörfer Feuerhauptmann -«
    »Versteht sich, versteht sich, mein Lieber«, erlaubte der Oberst. »Ohnehin
müssen wir ja unsererseits ebenfalls auf den Heimweg bedacht sein. Die Pferde
sind längst gesattelt, wir haben einzig Ihretwegen noch ein wenig verzogen. -
Und diese Messe stammt auch nicht von Cherubini«, fügte er lachend hinzu, nach
dem Tanzsaal deutend, wo eben ein infernales Gejohl anging.
    Es folgte ein kurzer Abschied, mit Sporenklirren und Absatzzusammenklappen;
die Offiziere brachen auf, der Vater verzog sich, und Conrad schickte sich an,
seine Feuermänner zu empfangen, welche schon, vom Anblick der stattlichen Catri
angelockt, nach der Matte abbogen.
    Unterwegs jedoch holte ihn Anna eifrig ein, mit geschäftiger Eile und
geheimnisvoller Miene. Redselig meldete sie:
    »Ein wunderhübsches Fräulein steht im Hausgang mit ihrer Mama und frägt nach
dir. Sie haben deine Bekanntschaft in Frauenfeld gemacht, an einem Ball. Sie
hätten sich leider auf ihrem Ausflug verspätet und müssten auf den Zug, sonst
würden sie dich nicht so unhöflich in den Hausgang bestellen; aber so, ohne
wenigstens einen flüchtigen Gruss am Pfauen vorbeizugehen, hätten sie doch nicht
übers Herz gebracht, und sie hofften, du werdest sie entschuldigen.«
    Über Conrads Gesicht flog ein Strahl der Freude. »Ah, ich weiss!« rief er
lebhaft und wollte mit der Schwester aufbrechen, die Damen zu begrüssen.
    Da gewahrte er Catri jenseits des Mäuerleins, kaum drei Meter entfernt,
steif wie eine Säule und die funkelnden Augen drohend auf ihn gerichtet. Ohne
Zweifel hatte sie den Bericht der Schwester mitangehört und erriet, was auf dem
Spiele stand.
    »Ich glaube fast, sie zählen ein wenig darauf, dass du sie an den Bahnhof
begleitest«, fuhr Anna fort, im Begriff, ihn mitzunehmen.
    Allein er war stehen geblieben. Eigentlich wäre er zwar gerne zu den Damen
gegangen und mit ihnen an den Bahnhof - denn liebliche Erinnerungen wachten mit
klaren, schönen Morgenaugen auf -, allein Catris strenge Miene sprach zu ihm:
Jetzt wird sichs erweisen; jetzt hast dus in der Hand. Je nachdem du
entschliessest, werde ich beschliessen.
    Während er noch zweifelte, zwischen Furcht und Gelüsten, teufelte drinnen im
Tanzsaal ein Charivari wie am Jahrmarkt, wenn eine Menagerie brennt.
    Da gesellte sich zur Furcht die Scham. Wie stand er nun da, vor dem
wählerischen Geschmack seiner feinfühligen Tänzerin, die ihn als schmucken
Offizier kennengelernt hatte! Einfach als Bauernwirt, ja klipp und klar
Bauernwirt, sonst nichts. Das andere, der ritterliche Soldatenrock, nahm sich
dagegen wie eine zeitweilige Verkleidung aus. Eine heisse, peinliche Röte
überlief ihn.
    Nein, in den Pfauen von Herrlisdorf führt man kein zartsinniges,
wohlerzogenes Stadtfräulein heim, dazu war sie ihm zu gut, zu wert. Und da eben
jetzt auch die Offiziere sich entfernten, deutete seine Entmutigung das wie eine
Bestätigung seiner Erniedrigung. Ein Bauer war er, ein Bauer blieb er, dieser
Wahrheit galt es sich zu fügen. Und rasch entschlossen wie immer traf er die
Wahl: »Es tut mir leid«, entschied er, »allein ich muss durchaus meine
Waldishofer in Empfang nehmen.«
    »Jedenfalls wirst du ihnen wenigstens schnell einen guten Abend wünschen,
selbstverständlich«, warf die Schwester hitzig ein, mit erhobener Stimme.
    Er schüttelte verneinend den Kopf und entfernte sich mit beschleunigtem
Schritt, als besorge er, es möchte ihn gereuen. Und unwillkürlich nahm er dabei
einen nachlässigeren Gang an als gewöhnlich.
    »Aber das ist ja geradezu eine Unhöflichkeit, eine Beleidigung«, rief sie
ihm empört nach. Doch er verschloss die Ohren.
    Catri erwartete ihn an der Mauerecke. Ihr Auge schillerte falsch und noch
etwas feindselig, im Nachklang der ausgestandenen Eifersucht. »Warum seid Ihr
denn nicht gegangen, das feine Stadtfräulein zu begrüssen?« tadelte sie verdreht,
mit heuchlerischem Vorwurf.
    »Des Menschen Seele ist doch ein verwickeltes Ding«, dachte er. Nämlich auf
der Oberfläche fand er Unbefangenheit genug, um sich über diese kleine weibliche
Verlogenheit in Catris Mund zu wundern, denn er hatte gemeint, Grobheit wäre
eine Bürgschaft für Wahrhaftigkeit; während er gleichzeitig inwendig die Brust
voll Wärme spürte, ohne Vorbehalt noch Abzug. »Weil ich vorziehe, mich mit
meinem guten Geiste zu unterhalten«, antwortete er, mit bebendem Tone, denn die
Notwendigkeit der Wahl hatte ihn ergriffen.
    Da schenkte sie ihm einen sonnigen Freundschaftsblick: »Ich danke«, bemerkte
sie schlicht. Sie blieb noch ein Weilchen nachdenklich vor ihm stehen, hin und
wieder zu ihm emporschauend, halb prüfend, halb liebend. Und als sie ihn
verliess, berührte sie verstohlen seine Hand.
    Kaum war sie fort, so schlenderte eben das Fräulein mit ihrer Mama dicht
hinter ihm vorüber, dem Rebberg zu, begleitet von Anna. Obschon er ihr zufällig
den Rücken kehrte, hatte ihn doch der unbestimmte Schein ihrer geschmeidigen
Gestalt und ihres leichten Schrittes flüchtig getroffen, zugleich mit dem
farbigen Eindruck ihrer Kleidung, hell und fröhlich, aber weich und gedämpft wie
ein Mollakkord.
    Das übrige ergänzte seine aufgeregte Erinnerung. Gewaltsam beharrte er auf
dem Fleck und hütete sich, dass er sich nicht rührte, damit er sie nicht sehe.
Erst nachdem er vollkommen sicher war, dass sie sich weit entfernt hatte, atmete
er auf, mit dem erhebenden Gefühl, auf etwas verzichtet zu haben, worauf er sich
keinen Anspruch erlauben sollte und durfte.
    Endlich, als er Anna einsam zurückkommen sah, nahte er erleichtert seinen
Waldishofern.
Sie empfingen ihn mit ehrerbietiger Vertraulichkeit, zwar sich erhebend, aber
zugleich die Hand vorstreckend und das Glas zum Willkomm darbietend. Er tat
manchem Bescheid und drückte jedem die Hand, sorgsam darauf bedacht, dass er auch
nicht einen einzigen übergehe. Als aber die Reihe an den Wachtmeister gelangte,
war es mit seiner Freiheit vorbei. Denn der nahm ihn mit seiner gewalttätigen
Herzlichkeit für sich allein in Beschlag und gab ihn nicht mehr los, umarmte
ihn, presste ihn an die Brust, paukte ihn auf den Rücken und fiel ihn
unersättlich von neuem an, während er ihm seinen pechschwarzen Zimmermannsbart,
der ihm von den Wangen bis ans Zwerchfell reichte, um das Gesicht rieb.
»Conrad«, gurgelte er unaufhörlich, indem er die wilden Augäpfel verdrehte wie
ein schmachtender Grislybär.
    Leutolf, der Feuerleutnant, erlöste ihn endlich, nicht ohne Mühe, von dem
Freundschaftswüterich. »Was für ein geheimes Liebchen hattest du denn eigentlich
heute nachmittag im Zuge sitzen, dass du Hören und Sehen vergassest? Wir riefen
uns im Vorbeifahren beinahe die Lunge nach dir aus, allein du hattest Augen und
Aufmerksamkeit offenbar an einen wichtigeren Gegenstand zu vergeben.«
    »Das geheime Liebchen hat weisse Haare und ist zweiundsiebzigjährig«,
belehrte Conrad, und ein gutes Lächeln schlich ihm über Herz und Mund, als er
der Hexenbase gedachte.
    Leutolf hatte sich inzwischen in seinen Arm gehängt und drehte ihn jetzt mit
sich in halber Wendung um:
    »Was für eine unmenschliche Masse Volkes wieder einmal bei euch im Pfauen
ist!« rief er bewundernd, mit Augenzwinkern.
    »Und was für ein wundervoller Abend«, ergänzte Conrad ablenkend.
    »Glückspilz!« fuhr Leutolf fort, Conrads Arm schüttelnd, »wenns bei dir
einmal ans Erben geht!« dabei pfiff er mit den Lippen.
    »Pfui!« wehrte Conrad, aufrichtig beleidigt.
    »Erben ist keine Sünde«, versetzte der Feuerleutnant unbeirrt. »Und dem
Anschein nach spinnt er keinen langen Faden mehr, dein Alter. - Hast du denn
aber auch für ein appetitliches Frauchen gesorgt?« Und da eben Catri
vorübereilte, mit Flaschen und Gläsern beladen, stupfte er den Freund mit der
Schulter:
    »Ist das etwa diejenige, welche?« munkelte er.
    Conrad überlegte; die Frage schien ihm ungehörig, die Antwort schwierig.
»Ich bin selber noch unschlüssig«, erklärte er endlich missmutig.
    »Verdammt schön ist sie, unverantwortlich schön, unmöglich schön sogar«,
meinte der Waldishofer. »Aber hat sie denn auch Bildung?«
    »Ich habe ja ebenfalls keine.«
    »Du und keine Bildung? Artillerieoffizier und ehemaliger Industrieschüler
und immer mit den ersten Preisen! Faxen! - Also ist es diejenige, welche, da du
dich bereits über solch einen Hauptmangel hinwegsetzest. - Ich hatte erst einen
Augenblick eine andere im Verdacht, eine, die besser zu dir passte und die sich
auffallend nach dir umsah. Aber, da du ihr so beharrlich den Rücken kehrtest,
fällt meine Vermutung dahin.« Dann nach dem wüsten Gejohl im Tanzsaal horchend:
»Was hast du denn da für einen absonderlichen Harmonieverein aufgelesen? Soll
das etwa den Furienchor aus dem Orpheus vorstellen? Die singen ja wie kastrierte
Lämmergeier.«
    »Oder wie mondsüchtige Seehunde«, meinte der Wachtmeister. Und indem jeder,
des Beifalls zum voraus sicher, einen neuen Vergleich aus dem zoologischen
Garten zum besten gab, lauschten sie belustigt dem schauerlichen Geheul.
    »Den heisern Fistelstimmen nach zu urteilen, sollte man fast glauben, es
wären die Wagginger«, riet eine Stimme.
    Und da Conrad nickte, erhob sich die Frage: »Die Oberwagginger oder die
Niederwagginger?«
    »Beide«, gestand Conrad verstimmt. Der Feuerleutnant schaute ihn bedenklich
an:
    »Die Ober- und Niederwagginger zusammen? Acht Tage nach den Wahlen? Das
könnte schief ablaufen.«
    »Wohl möglich«, bestätigte Conrad.
    Der Wachtmeister aber klemmte ihm den Arm: »Nun, wenns etwa dazu kommen
sollte, gesetzt den Fall«, erläuterte er, »so weisst du, dass du auf uns zählen
kannst.« Und um dem Versprechen Nachdruck zu erteilen, liess er einige Püffe in
die Nieren folgen.
    »Selbstverständlich!« bekräftigte die Schar.
    In diesem Augenblick klapperte feines Hufgetrampel, und als er sich nach dem
Geräusch umsah, gewahrte er seine Offiziere, den Obersten Allegri an der Spitze,
wie sie zuhauf das Kirschensträsschen hinabzogen, zu drei und drei hintereinander
im tänzelnden Trabschritt, leicht und lebhaft. Mit Kennerblicken schaute er
ihnen wohlgefällig nach. Die Pferde bogen, meisterhaft hinter den Zügeln
versammelt, den Hals und das Kreuz in anmutigen Wellenlinien, die Reiter sassen
knapp und stramm. Ein Baumpaar nach dem andern legten sie zurück im pochenden
Takt der Hufe, welche die trockene Bahn mit melodischem Holzton hämmerten,
während ab und zu ein Säbel, vom flachen Abendsonnenstrahl getroffen, jäh
aufleuchtend wie ein Blendspiegel Flammenbündel entsandte.
    Eine treue Seele, Papa Allegri, dachte Conrad. Harmlos wie ein Kind. War das
ein gehörnter Einfall, ihn und den Vater zusammenzuflechten, ohne die
entfernteste Ahnung, wie schlimm es zwischen ihnen stand! Welch eine unmögliche
Lage! Er bemühte sich, dieselbe nachträglich possierlich zu finden, doch tief
innen bewegte ihn Rührung. Eine geraume Weile friedlich neben dem Vater
gestanden zu haben, ohne etwas Böses von ihm zu erleiden, sich gegenseitig
unterstützt, einander entschuldigt, vor den Fremden gedeckt zu haben, - ein
unerhörtes Vorkommnis. Gewiss, es war ja bloss im Zwange der Not geschehen, nach
aussen hin, der Leute wegen. Gleichviel, es ergriff ihn dennoch. Beinahe hätte er
seinen Vater darum liebhaben können. Und wie wenig, wie wenig brauchte es doch,
damit er es wirklich vermochte! Ein halbwegs freundliches Benehmen, ein Ton, der
ihn nicht durch seine Roheit reizte, eine Anrede, die ihn nicht beleidigte. Mehr
nicht. Und sollte denn das so unendlich schwierig sein?
    Er seufzte tief, und sein Gesicht verfinsterte sich. Immerhin sah er nun
wieder einen blassen, winzigen Hoffnungsschimmer. Es dünkte ihn hinfort nicht
mehr so gänzlich unmöglich, dass sich alles noch leidlich fügen könnte, auch ohne
die entsetzliche Mitilfe des Todes, einfach durch die Macht der Vernunft, mit
Zusatz von einem magern, mikroskopischen Rest von Güte.
    »Was ist Euch nur über die Leber gekrochen, Herr Reber?« erkundigte sich
Catri, von seinem rätselhaften Ernst beunruhigt. »Ihr seid ja auf einmal ganz
traurig.«
    Conrad schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht traurig«, entgegnete er
schwermütig, »nur glücklich.«
    »He, was ist mit dir, Conrad, ich glaube fast gar, du dichtest?« spottete
der Feuerleutnant. Da schämte er sich und gesellte sich zu seinen Kameraden.
    Bei der Wendung aber sah er unten im Tal die Offiziere ehrerbietig vor
jemand aufgestellt in respektvoller Entfernung, die Hand an der Mütze, wie zur
Manöverkritik. Und in dem jemand erkannte er sein Fräulein, seine Tänzerin, mit
ihrer Mama.
    Der Anschein traf ihn wie ein Wespenstachel in die Augen, so dass er sich
geschwind abkehrte, den Schmerz verbeissend.
Das weinselige Geheul im Saal hatte sich mittlerweile von den Pausen in die
Tänze hinübergeschleppt, die Musik lähmend und bald auch stillestellend, nicht
durch die Macht der Stimmen, sondern durch die Zähigkeit des Missklangs, die
allmählich jeden Rhytmus entmutigte. Statt der wackelnden Paare taumelten jetzt
krakeelende Häuflein über die Bildfläche, welche, um ihre träge flackernde
Kühnheit anzumachen, die Fäuste durch die Fenster wiesen oder das Publikum
hänselten oder mit heiserem Haraus die Welt in die Schranken forderten. Nachdem
der Umzug sich eine Weile vergnügt hatte, beliebte eine Abwechslung: die
lebenden Bilder verschwanden, dafür kamen aus dem unsichtbaren Innern
Speisebrocken geflogen: Käserinden, Schinkenfett, Wurstzipfel, zuerst spärlich,
gleichsam zur Andeutung, später aber als üppiger Mannaregen, endlich mitsamt den
Tellern, welche unten klirrend zerschellten.
    Missbilligende Rufe, klägliche wie entrüstete, protestierten gegen solchen
schmutzigen Proviant, man flüchtete insgemein aus dem Bereich der klebrigen
Geschosse; worauf der Alte, zornig die Hände verwerfend, nach dem Saal
emporeiferte, jedoch ohne Frucht und Nutzen.
    Unvermutet stockte das Gejohle. Über einem babylonischen Wirrwarr
schnatternder Stimmen ward ein Redegefecht laut, gemischt mit bellenden Flüchen,
dann folgte ein Getöse stampfender Tritte. Durch eines der Fenster gewahrte man
einen schwankenden Klumpen von Körpern, in einer Dunstwolke von Atem und
Schweiss. Faustbewehrte Arme fuchtelten in der Luft, wurden vom Ziel abgedrängt,
strebten hartnäckig zurück, bis sie endlich den begehrten Feindeskopf
erreichten, welchen sie dann überzeugt droschen, übrigens, dem Anscheine nach,
ohne sonderliche Wirkung. Schier verwunderlich aber dünkte es Conrad, an welchem
Merkmal der einzelne in dem Gewimmel einen liberalen Schädel von einem
konservativen auseinanderzulesen vermochte. - Der Klumpen kam und ging und
kehrte wieder, verweilte, häufte und türmte sich. Gleichzeitig klaffte die Tür,
den schwarzen Schlund öffnend, aus welchem kreischende Jungfern flüchteten, mit
den Händen in der Luft kletternd und Helfio zeternd. Doch kaum draussen, zwängten
sie sich wieder hinein, mit ihrem Gellen den Lärm vermehrend.
    »Da hast du die Bescherung!« höhnte Conrad dem Vater zu.
    »Bemühe nur du dich keineswegs«, fauchte dieser, ausser sich vor Ärger, dass
die Wahrheit sich unterfing, ihm unrecht zu geben. »Lass du dich nicht im
mindesten bei deiner Jucunde stören.«
    Da steckte Conrad wohlgemut die Hände in die Hosen, zum Zeichen seiner
Teilnahmlosigkeit.
    »Hier täte eine Feuerspritze gut«, spasste der Wachtmeister. »Mit dem vollen
Strahl mitten hinein«, und lachte schallend ob dem ergötzlichen Gedankenbild.
    »Ich danke für die Überschwemmung«, entgegnete Conrad. »Feuerwehr auf dem
Damm, im Balken der Schwamm.«
    »Dein Alter ist der Lage nicht gewachsen«, bemerkte Leutolf, »er verliert ja
vollständig den Kopf. Mag er noch so hirnwütig von einem Fenster zum andern
tanzen, das kümmert die keinen Flohstich.«
    Conrad nickte. »Mir kanns nur recht sein, wenn sein massloser Allmachtsdünkel
einmal ein tüchtiges Loch bekommt.«
    »Da wird halt nichts anderes übrigbleiben, als du musst auf den Posten.«
    »Erst muss er mich darum bitten: diese Genugtuung ist er mir schuldig.«
    »Wie du meinst. Nur dass dus weisst, wir sind bei der Hand. Also wenns Zeit
ist, so gib uns einen Merks. - Den Helm ab! den Rock aus! und die Hemdärmel
herauf!« befahl er vertraulich seiner Mannschaft. Bei diesem Anblick eilten von
da und dort kampfesmutige Burschen herbei, die Feuerwehr zu verstärken, junge
Bauern aus dem Dorf, auch von den Gästen dieser und jener, so dass sich Conrad an
der Spitze eines erlesenen Gewaltaufens sah, der sich zwar einstweilen
entielt, aber die Ungeduld einzugreifen nur mühsam zügelte.
    Links und rechts hatten die Neugierigsten sich auf die Tische gepflanzt, um
über das Mäuerlein hinweg besser zu sehen. Sie genossen das Schauspiel
schweigend, ausser Catri, welche gleich einem Kampfrichter ihr Urteil öffentlich
kundgab. »Gott du meine Güte«, klagte sie verächtlich, »was für eine gefehlte
Bauersame! Weder Stimme noch Mark noch Muskel! Und auch nicht ein einziger
rundum im Dorf, der sich erbarmt und herzhaft dazwischenfährt. Gott du meine
Liebe! wenn unser Hans da wäre! Wie der den Saal ausfegte!« dabei lachte sie
hellauf vor Vergnügen.
    »Maul zu!« schnauzte Conrad. Und nach einer Pause fügte er stirnrunzelnd,
mit Nachdruck, bei:
    »Es gibt hierzulande Leute, die taugen so viel wie Euer Hans und vielleicht
mehr!«
    Auch auf der Terrasse verfolgte das Volk gespannt den Verlauf des Streites,
indessen wegen der bedrohlicheren Nähe vorsichtig nach beiden Seiten sich
zurückziehend, so dass die Mitte leer blieb. Was sie hauptsächlich auf den
gefährlichen Platz bannte, war die geheime Hoffnung auf eine kleine Dosis
Schadenfreude, nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel. Allein wie nun der wüste
Lärm ohne sichtbare Entscheidung gleichmässig fortlief, meldete sich bald der
Überdruss und mit dem Überdruss die Entrüstung: »Zahlen!« heischte ein
Familienvater, umringt von nasenrümpfenden Frauenzimmern. Und wie ein Lauffeuer
ertönte es nun von allen Seiten: »Zahlen, zahlen!«
    »Sitzen bleiben! Wozu habt ihr sonst das Gesäss?« donnerte der Alte, ausser
sich über den drohenden Verlust, und während die Kellnerinnen wie von Sinnen
umherrannten, um die Ausreissenden zum Bleiben zu beschwören, machte er Miene,
das Treppchen zum Tanzsaal zu erklimmen, woran er jedoch von Anna und dem Doktor
gehindert wurde, teils durch Zureden, teils mit sanfter Gewalt.
    In der Tat hatte die Mehrzahl der Gäste sich erweichen lassen; sie standen
zwar, den Hut auf dem Kopf, zum endgültigen Abzug bereit, beglichen auch
vorläufig die Zeche, räumten jedoch nicht die Terrasse. Nur wenn der Tanzboden
unheimlicher knackte, wenn die wankenden Wände sich gar zu unnatürlich bogen,
krebsten sie hurtig ein paar Ellen weiter.
Plötzlich entleerte sich der Tanzsaal des gesamten Weibervolkes, welches atemlos
vor Angst von dannen hastete, als folgte ihnen der Wolf auf den Fersen.
Unmittelbar hinter ihnen brach eine ungeheuere Sturzwelle von Kämpfern mit
krachendem Gepolter das Treppchen hinunter, sich überwälzend und augenblicklich
in stürmischem Schwalle die weite Terrasse überflutend. Hiervon zerstob alles
Volk in jäher Flucht, die Nächsten stumm vor Schreck, die Entfernteren mit
kurzen Ausrufen der Bedrängnis; die meisten in der Richtung nach dem Dorfe, der
Rest über das Mäuerlein. Die Vögel aber allzumal in den Bäumen, Finken und
Meisen, den Lärm missdeutend, sangen einen jauchzenden Wettstreit, dass ihnen fast
die Kehle sprang.
    Eins, zwei, drei war alles weitin zersprengt wie eine Schachtel Nähnadeln,
so dass, als die Besinnung wiederkehrte, jeder sich an einer andern Stelle
befand, als er vermutete. Man las sich zusammen, orientierte sich, man entdeckte
sich neue Nachbarn. Hierauf erfolgte eine Sichtung: der zimperliche Teil der
Gäste, darunter die Mehrzahl des Stadtvolkes und fast sämtliche Frauenzimmer,
zogen ab, friedlicheren Wohnstätten zu, die übrigen, die standhielten, nahmen
hinfort gemütlichen Anteil, als ob sie zur Sippe des Pfauen gehörten.
    Bloss die unten in der Wiese hatten nicht gewankt. Doch jetzt schnellte
Conrad mit weit geöffneten Armen vor. Nämlich Anna, vom Trieb der
Selbstbewahrung überrascht, hatte ihren Vater kopflos preisgegeben und kam nun
von der Mauer herab auf einen Tisch gesprungen, auf welchem sie flink wie ein
Eichhörnchen bis zum Ende huschte, mit zusammengerafften Kleidern, übrigens ohne
ein Gerät umzustossen, dank ihren kleinen Füssen und feinen Augen. An der
jenseitigen Kante des Tisches von des Bruders Armen aufgefangen, sah sie sich um
und lachte nervös. Von oben schaute ihr der Doktor besorgt nach, ob sie nicht
Schaden genommen.
    Der Alte, nunmehr der Hindernisse ledig, gedachte seine Freiheit zu nützen,
um mit seiner oft bewährten Leibeskraft sein Ansehen und seine Herrschaft
herzustellen. Doch kaum hatte er sich in das Getümmel gestürzt, so rollte er
schon, vom zufälligen Widerprall geworfen, schwerfällig auf den Boden, richtete
sich unbeholfen wieder auf, verschwand abermals im Gewühl und kollerte zum
zweiten Mal dahin.
    »Jesus, der Vater! Helft dem Vater!« kreischte Anna, und schon hatte sie die
Mauer übersetzt mit Schwung und Sprung, man sah nicht, wie.
    »Meine Flinte!« hörte man den Alten in ohnmächtiger Wut keuchen. »Portier,
die Jagdflinte, dass ich sie zusammenknalle wie Kramsvögel.«
    Jetzt musterte Conrad seine Gesellen:
    »Gilts?« fragte er, und seine Augen flammten.
    »Los!« brauste die Antwort, und mutig stürmte die junge Schar um die Mauer,
in Reih und Rotte wie beim Turnlauf. Conrad, den Seinigen voraus, warf ihnen im
Lauf Ermahnungen und Verhaltungsmassregeln zu:
    »Immer mehrere zugleich einen einzelnen besonders aufs Korn nehmen,
abtrennen und aus dem Haufen fördern, nicht wildlings jeder auf eigene Faust.
Wir kommen ja nicht als Feinde, sondern als überlegene Friedensstifter, und dazu
brauchen wir Ordnung und Besonnenheit. Was am Boden liegt, nicht anrühren! und
vor allem keinen Streich, der nicht unbedingt nötig ist.«
    Wie sie am Holzschopfe vorbeikamen, griff der Wachtmeister heimlich nach
einem Sparren. Doch Catri überholte ihn in fieberhafter Hast:
    »Nichts da«, wehrte sie, sich an seinen Arm hängend, mit der Autorität der
Vernunft: »Holz im Stolz, der Teufel wollts.«
    Conrad wandte sich um:
    »Keine Knüttel«, verbot er strafend, »bist du verrückt?«
    »Keine Knüttel«, scholl die Losung.
    Dann, am Ziel angelangt: »Erst heim mit dem Vater«, mahnte Conrad. »Fort,
aus dem Krieg mit ihm, ins Haus, die Türe verrammelt!«
    Und während die Hauptmacht ungesäumt in den Streit schwenkte, jagte er mit
der Vorhut dem Alten entgegen.
    Ihm warf sich Anna in den Weg, mit schützenden Armen, wie Schulteiss Wengi,
denn sie missdeutete den hitzigen Ansturm.
    »Ei, ei!« machte Conrad, »solche Satansabsichten leihst du mir?«
    Da gab sie demütig Raum, beschämt und zerknirscht.
    Conrad bemächtigte sich indessen des Alten, schonend, aber fest: »Komm heim,
Vater«, mahnte er begütigend, »solcherlei Hantierung taugt nichts mehr für
dich«, und suchte ihn wegzuschieben. Allein der Alte, wie er die gewaltsame Hand
spürte, sträubte sich und widerstemmte, als ob er zur Hinrichtung geschleppt
würde. »Also geht man mit mir um!« stöhnte er. »Könnt ihr denn nicht warten, bis
ich vollends auf dem Schragen liege? Wollt ihr mich bei lebendigem Leibe
begraben?«
    »Auf die Schultern!« verfügte Conrad. Da hoben sie ihn auf und trugen ihn
geschwind in den Hausgang. »Anna, hüt ihn, dass er keinen Unfug stiftet«, rief
er, »schaff die Flinte weg; lass ihn nicht durchs Fenster.« Hiermit schupfte er
die Schwester nach, schmetterte die Türe zu und schickte sich an, sie zu
verriegeln. Allein die Türe schloss von innen. Da pflanzte er zwei Mann als
Wachen davor, zu denen der Doktor eilte. »Ich könnte nötig werden«, murmelte er
kopfschüttelnd. »Aussen oder innen; niemand weiss, wo und wem.«
    Als Conrad sich nach seinen Kameraden umblickte, hatte sich die Szene
verwandelt. Wo eben noch eine hitzige Faustschlacht gewütet hatte, herrschte
jetzt ein ungefährliches Zungengefecht; statt einer gärenden Gesamtmasse
brodelten viele vereinzelte Grüppchen, von denen jedes mit keifenden oder
abwehrenden Jüngferchen umringt war, die sich um den Frieden abmühten wie die
Engel um eine arme Seele. Reservemannschaft, die sich weiss Gott wie und woher
eingefunden, stand ihnen werktätig bei, die Unbändigen überwältigend, die
Zurückstrebenden abhaltend, die Zweifelnden aus dem Feld stossend. Die Feuerleute
waren verschwunden. Wohin? Ohne Zweifel in den Saal, denn dort tobte der Kampf
wie der Teufel im Weihwasser.
    Richtig, da kamen schon die Wagginger, von unsichtbaren Händen geschleudert,
das Treppchen herabgeflogen, einer um den andern, in rascher Folge wie Päckchen
auf der Frachtpostniederlage. Die drei ersten purzelten und standen wieder auf,
der vierte kugelte kopfüber, ohne Schaden zu nehmen, der fünfte aber blieb
ächzend liegen, so dass der Doktor mit langen Sprüngen zur Stelle eilte.
    Da übermannte Conrad der Zorn, der gerechte Zorn der Entrüstung über die
unnötige Roheit, und nachdem er blitzschnell den Platz gekreuzt, stemmte er mit
grimmiger Kraft seinen Leib als Mauer entgegen, die Überwältigten im Sturz
aufhaltend und als Sturmböcke gegen die Sieger zurückrammend. Dadurch stockte
zunächst die Bewegung, indem die Bauern, von drinnen geworfen und draussen an
Conrad brandend, zwischen zwei Kräften litten, so dass sie von dem Hin-und
Widerprall wie von einem Hebel gehoben wurden; aber sobald es Conrad gelungen
war, den rechten Türpfosten zu fassen, gewann sein Widerstand stetig die
Obermacht, und wie er den linken Pfosten ebenfalls hatte, wälzte er mit
plötzlichem Ruck und Druck die Menschenlawine vor sich hin, einwärts in den Saal
zurück.
    Der Wachtmeister war der erste, den er erhaschte. Den packte er an der
Gurgel und schüttelte ihn, um ihn Gesittung zu lehren. Jener liess das lammsfromm
geschehen, die Augen in verliebter Freundschaft rollend und das bärtige Gesicht
in stummer Dulderklage gegen den Hauptmann kehrend.
    Darauf jedoch, als Conrad eben die Hand ausstreckte, um einen zweiten
Wüterich zu fassen, traf ihn der Anblick der fremden Horde, die in dem schmucken
Tanzsaal randalierte, wie Hornvieh im Stall, achtlos die Möbel umstürzend,
Scheiben und Spiegel zerschmeissend. Jählings machte der Unwille über den
Übergriff des Freundes der Erbitterung gegen den Eindringling Platz, der
Erbitterung des Eigentümers über den frechen Hausfriedensbruch. Denn hier
zwischen den heimatlichen Wänden fühlte er sich als Stellvertreter seines
Vaters, mit edler Hintansetzung ihres sonstigen Zerwürfnisses.
    »Ruhe!« befahl er mit angestrengter Lungenkraft in den Lärm hinein. »Der
Pfauen von Herrlisdorf ist keine Kneipe; hier wird nicht gerauft!« Und da die
Schlacht unentwegt weiter wirbelte, als hätte irgendein verschüchtertes
Gemeindenachtwächterlein gemökt und nicht er, der Pfauenwirtssohn selber, Ruhe
befohlen, ergriff ihn eine wilde Wut, wobei ihm ein unartikulierter Schrei
entfuhr, welcher in dem Lärm ungehört unterging. Der Lärm aber war so
bestialisch, dermassen ohr- und vernunftbeleidigend, dass seine Wut in Raserei
ausartete. Wie ein wildes Tier brüllte er zunächst den wüsten Schlachtaufen an,
teils um ihn zu überschreien, teils um nicht zu ersticken.
    In diesem Augenblick klingelte der Kronleuchter, getroffen, zersplittert von
klobigen Holzwaffen, der neue, kostbare Kronleuchter, den der Vater im Dezember
um schweres Geld angeschafft, zu Ehren des Offiziersvereinsballes, - der klare
Glaston durchzuckte seine Nerven wie die Zündnadel die Granate, und der
entfesselte Hass schnellte seine Gelenke zum federnden Angriff; sprang dem
Kronleuchter zu, rücksichtslos mitten durch das Gemengsel, Freund und Feind
gleicherweise überrennend. Den ersten, den er ein Stuhlbein schwingen sah,
unterlief er mit geducktem Nacken, und indem er ihm beim Überfall gleichzeitig
die gespreizte Hand übers Gesicht schlug, den Daumen in den Mund und die Finger
in die Augenhöhlen, wie er das vorzeiten seinem Vater abgesehen hatte,
schmetterte er ihn durch die Wucht des jähen Anpralls nieder, dass jener im Sturz
wie eine gefällte Tanne seine Hintermänner mit zu Boden riss. Hierauf, ohne sich
weiter um diesen zu kümmern, schoss er sofort gegen einen andern, welcher mit
einem zerbrochenen Musikpult fuchtelnd eben wieder einen Regen von Glassplittern
vom Leuchter hieb. Diesem umschnürte er den Leib, hob ihn vom Boden, drückte
ihn, mit der einen Hand die Brust und mit der andern den Hosenbund packend,
gestreckten Arms in die Luft, wo er ihn mit radförmiger Bewegung windschief über
dem Kopf schwenkte. Hierbei überraschte das blaue Himmelslicht, das aus dem
offenen Fenster hereinflutete, sein Auge, und mit plötzlicher Eingebung
beförderte er seinen Gegner kopfüber ins Freie samt dem Rahmen, an welchen jener
sich gekrampft hatte.
    »Röcke, Decken und Kissen herbei!« gellte draussen eine Stimme, die Stimme
Catris.
    Einmal im Zuge, schickte Conrad einen zweiten durch die nämliche Öffnung,
und später, von Leutolf und dem Wachtmeister unterstützt, einen dritten, vierten
und fünften. Hernach aber geriet der Sieg ins Stocken, und es entbrannte ein
erbitterter Strauss. Denn die Wagginger, von der Überraschung sich erholend, vom
Anblick der Waldishofer ernüchtert und von der Gefahr der verwegenen Würfe
geschreckt, sperrten sich verzweifelt, Front gegen den gemeinsamen Gegner. Keine
unnützen Verwünschungen mehr; nichts als das Keuchen der Lungen, das Strampeln
der Füsse, das Klopfen der Fäuste.
    Plötzlich juckte Leutolf, während er eben Conrad gegen einen Seitenhieb
deckte, heftig rückwärts und befühlte seine Wange. Unmittelbar darauf krachten
zwei Revolverschüsse, donnerten einzeln durch den Saal und rollten gemeinsam
längs den brüllenden Wänden dahin, bis sie endlich in den Winkeln verhallten.
    Da war es wie eine abgestellte Mühle, und bleiches Entsetzen vereinte Freund
und Feind.
    »Wer schiesst da?« kam es endlich zaghaft aus dem Bauernheer.
    »Ich«, bekannte wutgrinsend der Wachtmeister, worauf ihm Leutolf
gebieterisch den Revolver entrang.
    »Man schiesst nicht auf das Volk wie auf Rebhühner«, protestierten die
Wagginger.
    »Man sticht nicht mit dem Messer«, schäumte der Wachtmeister.
    »Wir haben nicht gestochen.«
    »Freilich habt ihr gestochen«, versicherte der Wachtmeister und deutete auf
Leutolfs Wange, die von einer haarscharfen roten Linie vom Auge bis zum Kinn
gezeichnet war und reichlich blutete.
    »Es ist nichts«, beruhigte Leutolf lachend, als Conrad erschrocken nach dem
Blute sah; »bloss die Haut geritzt. Aber am bösen Willen hats nicht gefehlt! Und
zwar auf dich wars gemünzt.«
    Von draussen aber schrillte anhaltendes Angstgeschrei in den höchsten Tönen:
    »Wer ist getroffen? Ist jemand tot?«
    »Wer ist getroffen?« wiederholten mehrere gleichzeitig im Saale.
    Aller Blicke wanderten fragend im Kreise und begegneten allerorten andern
fragenden Blicken.
    »Niemand«, versuchte schliesslich ein schüchterner Ruf. »Niemand«, bestätigte
man von allen Seiten.
    »Niemand«, lautete die bestimmte Antwort nach aussen. Da verstummte das
Angstgeschrei, und ein frohlockendes Echo vertrieb die tröstliche Botschaft in
die Ferne. Aber mancherlei Köpfe tauchten jetzt an den Fenstern auf, um den
weitern Verlauf den Untenstehenden zu berichten.
    Eine Weile verharrte noch die Menge im Saale betäubt. Endlich rückte der
Oberwagginger Fürsprech in die Mitte, rundlich und süss, mit populärem
Schmunzeln. Nachdem er sich verlegen die Hände gerieben, begann er salbungsvoll:
    »Da uns hiermit Gottes barmherziger Finger ersichtlich vor einem
unabsehbaren Unglück bewahrt hat, sollte das nicht ein Wink sein, Frieden zu
schliessen? Ohnehin haben wir ja nicht den mindesten Span mit dem ehrenwerten
Herrn Reber. Alles, was wir begehren, ist, dass man uns ruhig abziehen lässt, wie
wir gekommen sind.«
    »Und das Messer?« knirschte der Wachtmeister.
    »Die Gesamteit für die beklagenswerte Tat eines einzelnen haftbar machen zu
wollen, wäre doch entschieden ein unbilliges Ansinnen.«
    »So liefert uns den Messerstecher aus, nachher lassen wir euch laufen.«
    »Da könnten wir mit ebensoviel Recht den Revolverschützen von euch
verlangen.«
    Die Waldishofer lachten spöttisch.
    »Versuchts!« rief einer. Ein anderer: »Das ist anderlei, der Schuss war bloss
die Antwort auf den Stich.«
    Doch Conrad gebot Stille. »Es soll ihm kein Leid geschehen«, beteuerte er,
»vorausgesetzt, dass er sich freiwillig meldet.«
    Der Fürsprech sah sich fragend um, doch keiner muckte.
    »Die Taschen untersuchen«, meinte ein Feuerwehrmann. Kaum hatte er das
ausgesprochen, so glitten zahlreiche Stellmesser auf den Boden.
    Hohnlachend schnellte Conrad empor.
    »Da seht sie, die scheinheiligen Heuchler«, schäumte er, auf die glitzernden
Klingen deutend. »Auf denn! Waffen gegen Waffen! Behändige jeder, was er findet.
Und dann drauf, diesmal ohne Erbarmen.«
    Ein tumultuarisches Scharren unzähliger Tritte erfolgte, indem die beiden
Heere sich hastig zur Sammlung zurückzogen, die Bauern, um den Angriff
geschlossen zu erwarten, denn sie fühlten sich als die Schwächern, ob auch an
Zahl ungefähr gleich, die Waldishofer, um sich zu bewehren und um einen
überrennenden Ansturm zu gewinnen.
    Da tönte von draussen die weiche, seelenvolle Stimme Annas.
    »Conrad, denke an unsere Mutter! Vergiesse kein Blut und schone das deinige.«
    Der Ton drang in den Aufruhr wie Orgelklang in eine zerrissene Seele.
    »Conrad, sei gut«, mahnte wiederum die Schwester.
    Conrad war erschüttert. »Leutolf, entscheide du«, sagte er dumpf, »du bist
der Verwundete.«
    Doch Leutolf schob ihm die Entscheidung zurück.
    »Dir galt der Stich, dir gebührt das Urteil.«
    Conrad überlegte.
    »Wohlan«, verkündete er, »ich entbiete Frieden, unter der Bedingung, dass
jeder einzelne klar und vernehmbar den Spruch hersagt: Wer mit dem Messer
sticht, ist ein feiger Schurke. Jetzt könnt ihrs nehmen oder lassen.«
    Die Wagginger murrten, wussten jedoch keine triftige Einrede. Und da die
Furcht ihnen überzeugend zusprach, nahmen sie endlich stillschweigend den
schimpflichen Vertrag an.
    »Es darf sich ja jeder, der sich unschuldig weiss, herzhaft zu dem Spruch
bekennen«, ermutigte der Fürsprech.
    Die Waldishofer bildeten nun eine Gasse nach der Türe wie zum
Spiessrutenlaufen, durch welche die Wagginger einzeln dem Ausgang zuzogen, den
verlangten Spruch stammelnd, mit erhobenen Händen auf ausdrückliches Geheiss. Wer
sich übereilte, ward angehalten, wer unverständlich munkelte, musste die
unliebsamen Worte wiederholen. Sie maulten, als gingen sie unter dem Joch,
während die Waldishofer sich mehr und mehr zu übermütigem Spott hinreissen
liessen.
    Plötzlich erscholl ein fröhliches Gelächter. Brigitte, von Amor betört,
erschien hinter einem jungen bäurischen Schönbold, den sie am Rockschoss
festielt, um ihn ja nicht zu verlieren.
    »Ei, seht die Verräterin!« drohte Conrad belustigt. Sie aber streckte
fuchswütend die Zunge heraus, so ziemlich die einzige Art, sich ihrer zu
bedienen, die ihr zu Gebote stand.
    Als der Regenwurm sich vorbeidrückte, der letzten einer, las Conrad in
seinen auskneifenden Blicken die Schuld.
    »Sieh mir ins Auge, du Wicht, wenn dus wagst«, befahl er verächtlich. Als
jedoch der andere, ohne auszuschauen, den schleichenden Schritt beschleunigte,
liess er ihn gleichwohl ziehen. Jetzt aber fuhr der Wachtmeister dem Regenwurm an
die Gurgel:
    »Soll mich der Teufel holen«, schrie er, »oder der Messerhalunke, den ich
aufs Korn nahm, bist du!«
    Allein Conrad wehrte energisch ab. »Habe ich allen Frieden entboten, so habe
ich auch jedem einzelnen die Sicherheit verbürgt.« Und vereint mit Leutolf riss
er den Wachtmeister zurück. Da war der Regenwurm gerettet, ob auch ein Igel von
Fäusten ihn umstarrte, so dass er nur langsam tappend vorwärts gelangte und bei
jeder Bewegung an einen harten Knöchel stiess; den Spruch der Selbstverdammung
musste er freilich zur Busse immer von neuem bekennen und sich daneben unrühmliche
Titel, Personalschilderungen sowie Anleihen aus seinem Lebenslauf gefallen
lassen.
    »Es ist der Mattiesen-Michel von Niederwaggingen, mehr braucht man nicht zu
sagen, damit jedermann sofort weiss, es ist von allen schlechten Hunden der
schlechteste Hund.«
    »Er hat bereits ein Menschenleben auf dem Gewissen; wäre er damals nicht zu
jung gewesen, er sässe jetzt auf Lebenszeit im Zuchtaus.«
    »Das ist noch nicht einmal das Schlimmste! Das Geld, das er seiner Mutter
mit dem Messer abzwang!«
    »Das Erbteilchen, um das er seine hilflose, blödsinnige Schwester betrogen
hat!«
    »Genug!« schloss Conrad und geleitete den Mattiesen-Michel an die Türe,
indem er den Schlotternden unter dem Arm fasste und mit seinem Körper deckte.
    Hernach wurde den wenigen übrigen der Spruch erlassen.
    »Hält sich etwa noch einer verborgen?« meinte Conrad, im Saal umherspähend.
    Da krabbelte der kleine Oberwagginger Schullehrer unter der Bühne hervor und
setzte, ein klägliches Notgeschrei anstimmend, recta über den Fenstersims.
    »Und wir?« fragten die Musikanten mit säuerlichem Humor. »Müssen wir
ebenfalls beichten?« Conrad lächelte, worauf sie mit ihren Instrumenten hurtig
abzottelten, wumselnd wie die Heinzelmännchen.
    »Nach!« mahnte Leutolf. »Sprengt sie ins Tal!« Und frohlockend schoss das
Rudel der Sieger ins Freie.
Conrad aber blieb zurück, um die Verwüstung zu prüfen, wie er sich weismachte,
in Wahrheit deshalb, weil er das eroberte Schlachtfeld noch nicht verlassen
mochte. Hier hatte er endlich geherrscht, hier zum ersten Male seines Lebens die
häusliche Gewalt ausgeübt. Nun war leider sein Reich zu Ende. Schade! so früh!
ehe es nur recht begonnen.
    Überhaupt, er war noch nicht satt, der Hauptschlag fehlte, der Kampf war in
den Frieden gekrochen wie der Rhein in den Sand. Freilich, sie hatte es ja
herzlich gut gemeint, seine Schwester, und vernünftiger war es jedenfalls; nein,
ganz gewiss. Und richtiger auch. Wo nicht, so befleckte ihn vielleicht
gegenwärtig die Schuld und zerfleischte ihn die Reue. - Immerhin, es hätte ihm
gut getan, nochmals gründlicher drauf. Das tapfere Handwerk löste ihm den Zorn,
wusch ihm die Galle.
    Himmel, wie sah es um ihn aus! Die Bühne zertrümmert, die Bänke geborsten,
der Kronleuchter in Stücken, sogar den Ofen hatten sie geschändet! Wie die
Wildschweine hatten sie gehaust! Gut, hatte er das nicht früher gesehen! Wer
weiss, ob er ihnen so leicht Gnade gewährte!
    Sehnsucht und Hoffnung lockten ihn ans Fenster, ob vielleicht noch ein
Nachsatz anzubringen wäre. Doch Flucht und Verfolgung wälzten sich bereits tief
den Rain hinab, unten in einen harmlosen Wettlauf ausartend. Nebenher im Gefilde
ein dünner Schwarm Abgesprengter und töricht Umherrennender; oben am Rain unter
einem Birnbaum ein verstecktes Nest, nach geriebener Hasenschlauheit die
Verfolgung von hinten geniessend - jenseits bei den Reben der Wagginger
Fürsprech, harmlos dahinschreitend und leutselig grüssend, als ginge ihn die
Geschichte nichts an, dann plötzlich mit riesigen Sekundanten-Sprüngen im
Weinberg verschwindend - im Grase den steilsten Hang hinab das Lehrerlein, flink
wie ein Gummiball, die Ellbogen gleich Schwingen rührend und mörderlich
trompetend vor Freuden über sein neugewonnenes, junges, grünes Leben. Da war
nichts mehr zu holen.
    Während er also im Saal verzog, aufgewühlt und unbefriedigt, gleich der
Dogge, der man die Schüssel vorzeitig weggenommen, traf das lamentierende
Spektakeln des Vaters sein Ohr, fern, doch unverkennbar. Als ob eine Mine unter
ihm geplatzt wäre, fuhr er in die Höhe. Und bei jedem neuen Laut der väterlichen
Stimme, der zu ihm drang, juckte er empor.
    »Jetzt entweder oder«, knirschte er, »jetzt muss sichs entscheiden«, und
leidenschaftlich die Arme verwerfend, jagte er mit Gewaltsätzen ins Freie.
    Ein rotgoldener Lichtjubel blendete sein Auge, jauchzendes Beifallrufen sein
Ohr. Aber haarscharf, wie in Metall gebosselt, ragte aus dem Glanze Catris
Büste, als stände sie unmittelbar vor ihm. Er tat einen Seitensprung und
schüttelte die Arme:
    »Heran nun mit Eurem Hans, wenn er es wagt!«
    Diesmal entfloh sie, die Augen voll Schrecken, obgleich eine mehrfache
Menschenwand sie vor ihm schützte. Doch das war nur so nebenbei. Auf das Haus
jagte er nun zu, die Lippen geöffnet und die Sprache entfesselt, denn keine
Überlegung drückte mehr auf den Kehldeckel.
    »Und nun, Vater, habe ich mit dir ein Wörtchen zu reden. Lange genug habe
ich geschwiegen, jetzt aber muss es heraus, und zwar so, dass es alle Welt
vernimmt. Das Leben, sag' ich dir, das Leben, wie ich es bisher ausgestanden,
hat von heute an ein Ende. Ich will nicht länger den unmündigen Buben
vorstellen, den man schilt, zankt, abkanzelt, den misshandelten Knecht, an dem
man seine üblen Launen auslässt; ich begehre eine Stellung im Hause, wie sie dem
Sohne gebührt, einen Winkel im Heimwesen, wo ich frei nach eigenem Ermessen
schalte, wo mir niemand dazwischenredet, wo ich keinem Menschen Rechenschaft
schuldig bin, kurz, wo ich befehle.«
    »Befiehl, befiehl«, eiferte der Alte, »du bist ja jetzt der Herr, wie es
scheint, ich bin längst abgesetzt.«
    »Entweder du behältst das Geschäft und ich baure, oder ich übernehme die
Wirtschaft und du das Land.«
    »Nimms doch, nimms«, flennte der Alte, »wenn du doch meinen Tod nicht
abwarten kannst. Nimms alles.«
    »Ich verlange keineswegs alles, ich will bloss meinen billigen Teil, damit
man mir mit Achtung begegne, damit ich Frieden habe, damit ich meines Lebens
froh sein und lachen kann, damit ich nicht meine Mahlzeit mit Ärger
hinunterwürgen muss. Entweder du ziehst mit der Mutter in den oberen Stock und
ich wohne unten, oder umgekehrt, du unten und ich oben.«
    »Ich kann ja meinetwegen mit der Mutter im Stall bei den Pferden wohnen, das
kommt dich billiger zu stehen. Ohnehin brauchen wir ja nichts weiter mehr als
ein Bündel Stroh zum Sterben.«
    »Mit solchen schändlichen, lästerlichen Redensarten ist mir nicht gedient.
Ich heische einen vernünftigen, verpflichtenden Bescheid. Und zwar einen
sofortigen. Willst du, oder willst du nicht?«
    Ein beistimmendes Gemurmel der Menge unterstützte seine Forderung, so dass
der Alte sich einer einhelligen öffentlichen Meinung gegenüber sah. Er jagte
einen giftigen Blick unter das Volk, fletschte knurrend die violetten Lippen,
spuckte mehrmals aus und verzog sich dann ohne Antwort ins Innere der Stube.
    Da verrückte dem Jungen wahnsinnige Leidenschaft den Verstand. »Gut denn«,
schleuderte er dem Vater nach, »so geh' ich fort von heim, und niemand erblickt
mich wieder. Und zwar augenblicklich, nur dass ich keine Stunde länger in diesem
ungerechten, lieblosen Hause verbleiben muss.«
    Ein empörter Aufruhr missbilligte den Bescheid. Einige suchten ihn zu
begütigen, andere traten ins Haus, um dem Vater zuzureden. Anna, welche der
bedrohliche Auftritt herbeigezogen hatte, fiel dem Bruder weinend an die Brust.
»Conrad!« flehte sie.
    Er riss sich los. »Leb wohl, Vater«, rief er dröhnend, »du siehst mich nie
mehr. Grüss mir die Mutter.«
    
    Wieder brauste die Entrüstung. Wohin er sich auch wandte, ward er
freundschaftlich gehemmt, umringt, zurückgedrängt.
    Da, unversehens, stürzte der Vater wie ein wildes Tier ans Fenster. »Ja, ja,
ja, ja denn!« brüllte er, mit Gebärden, als ob er etwas hinschmisse.
    Wie Erlösung seufzte es aufatmend durch die Reihen, denn die aufregenden
Ereignisse hatten alle Anwesenden der Familie angegliedert.
    Nun näherte sich Conrad festen Schrittes dem Vater: »So ists also dein
wahrer, ernstafter Wille?«
    »Ja, ja, ja«, wiederholte der Alte gereizt, den Nacken schüttelnd.
    »Reicht euch die Hände«, rief es aus dem Volke.
    »Es sei«, genehmigte Conrad, »gib mir die Hand darauf«, und reichte die
seinige dar. Der Alte sperrte sich, als ob er in ein Schlangennest greifen
sollte. Endlich gewann er sichs doch ab, mit einem heftigen Ruck, der die
dargebotene Rechte wegstiess, nachdem er sie kaum gepackt hatte.
    »Die Landwirtschaft oder das Geschäft?«
    Der Alte keuchte; schliesslich, mit einer letzten krampfhaften Überwindung,
warf er die Hände über den Kopf.
    »Alles!« presste er polternd hervor und verschwand erschöpft.
    »Ihr habts vernommen, ihr seid Zeugen«, sprach Conrad, nach dem Volke
gewandt. Hierauf lehnte er sich mit beiden Armen auf den Sims und sprach in das
Zimmer hinein: »Vater«, sagte er feierlich, »Ihr sollt es nicht bereuen; das
gelobe ich Euch mit heiligem Schwur. Ihr sollt von nun an einen treuen,
dankbaren Sohn an mir haben, der es Euch und der Mutter an nichts wird fehlen
lassen. Und so Gott will, wird fortan Friede und Frohsinn im Pfauen walten.«
    Jetzt spürte er sich von seiner Schwester innig umarmt, die er tiefbewegt
küsste.
    Hernach blieb sein Geist gelähmt. Der nachträgliche Schreck über seine
Vermessenheit liess das Bewusstsein seines Erfolges noch nicht aufkommen. Auch die
Umstehenden verharrten betäubt. Verlegenheit herrschte um und um, die
Verlegenheit der Gedankenunzulänglichkeit angesichts einer plötzlichen
folgenreichen Schicksalswendung. Gewohnheitshalber räumte das Gesinde den
Erdboden vom überflüssigen Zeug, Matratzen, Kissen, Kleiderfetzen, Hüte und
Scherben und was sonst noch nicht da her Gehörendes umherlag, in zweckmässiger,
doch unbewusster Arbeit. Unterwürfig, Dank und Glückwunsch im Auge, näherten sich
die Musikanten, liessen jedoch, was sie sagen wollten, unausgesprochen. Die
Waldishofer, die eben jetzt geräuschvoll von der Verfolgung zurückmarschierten,
singend und prahlend, verstummten vor dem geheimnisvollen Schweigen.
    »Conrad, was ist gegangen?« flüsterte Leutolf. Conrad gab keine Antwort, und
da er den Doktor mit der abgespannten Miene eines von der Arbeit Ausruhenden um
die Ecke biegen sah, eilte er diesem eifrig entgegen.
    »Wie stehts?« erkundigte er sich besorgt. »Doch hoffentlich keine ernsten
Verletzungen?«
    Der Doktor kniff ein Auge zu und blinzelte mit dem andern herüber, ehe er
geruhte, sich zu äussern. »Du kannst Gott danken, dass es so abgelaufen ist, oder
vielmehr der Bernerin, dass sie Decken herbeibefahl. Es wäre sonst möglicherweise
nicht so gnädig abgelaufen. Denen, die zum Fenster herauszogen, hats keinem
etwas getan, es gibt zum Glück manchmal solche Wunder; dagegen von den ersten,
welche das Treppchen herabkamen, liegt einer in Behandlung.«
    Dann verschluckte er die Stimme: »Ein gutartiger Oberschenkelbruch«,
munkelte er undeutlich mit geiziger Betonung.
    Conrad war nicht im reinen, ob er sich nun über die Gutartigkeit Glück
wünschen oder über den Oberschenkelbruch härmen solle.
    »Wo liegt er?« fragte er einstweilen.
    »Wir haben ihn vorläufig in der Scheune verbunden.«
    »Wer pflegt ihn?«
    »Die Lisabet und die Brigitte.« Hiermit entfernte sich der Doktor, der
Haustüre zu.
    Danach ward es wieder stille, so stille, dass der Stundenschlag der
Kirchturmsglocke, der jetzt zufällig tönte, wie ein wichtiges Ereignis wirkte.
Automatisch zählte ein jeder nach: Eins - zwei - - »sieben Uhr«, lautete der
Schluss. »Wie? schon sieben Uhr?« lief es erstaunt durch die Menge, obschon
niemand wusste, warum er erstaunte.
    Jedermann empfand, es müsse noch etwas dazu geschehen, sei es nun, um das
Ergebnis zu ergänzen, sei es, um es wieder umzustossen.
    Da polterte des Pfauenwirts Stimme scheltend aus dem Innern der Stube: »Was
steht ihr da und guckt die Backen hinab wie die Schafböcke! So lass doch
wenigstens deinen Leuten einen Trunk aufwarten. Sie habens wahrlich verdient.«
    Conrad atmete auf. »Von welchem Wein?« fragte er in gehorsamem Ton.
    »Was fragst du mich, Dilldapp? Du hast ja jetzt zu verfügen.« Und ein Bund
Schlüssel flog Conrad vor die Füsse.
Hiermit war der Bann gehoben und die Spannung gelöst.
    Alles drängte sich zu Conrad heran, um ihm zu der erlangten Herrschaft Glück
zu wünschen.
    »Also, von nun an Pfauenwirt! Ich wünsche Euch Gesundheit und langes Leben,
und dass es Euch wohl ergehe.« »Und ich eine brave Frau ins Haus.« »Und ich
erlaube mir denn doch auch, Ihnen von Herzen zu gratulieren.« Eine Unzahl Hände
schob sich vor, Hände von jeder Grösse und Beschaffenheit, er wusste gar nicht,
wohin zunächst greifen. Die eine schüttelte, die andere drückte und quetschte
seine Rechte, einige zerrten ihm vor Freude beinahe die Schulter aus dem
Gelenke, manche wieder legten nur schüchtern die Finger auf, die Gewährung des
Grusses von ihm erwartend. Der Wachtmeister aber prügelte ihn vor Begeisterung.
    »Meister«, lächelten die Kellnerinnen, halb furchtsam, halb vertraulich, und
ihr Auge bat um Verzeihung für Vergangenes, um Nachsicht für Zukünftiges.
    Was tat Conrad? Er umarmte eine jede. Wahrhaftig, er umarmte sie. Und
schämte sich nicht und es reute ihn nicht.
    Josephine aber, im Begriff, ihm die Hand zu reichen, strahlend und lächelnd,
warf sich plötzlich auf einen Stuhl und weinte wie ein Bächlein. »Ich mags Euch
halt so von Herzen gönnen«, klagte sie und war gar nicht zu trösten.
    Von allen Seiten jubelte in endloser Wiederholung, wie das Halleluja am
kantonalen Gesangfest, sein Name; jenes Eigenwort, das von allen Wörtern der
Sprache dem Menschen am süssesten klingt, wenn es aus dem Munde der Freundschaft
tönt. Und sie waren ihm wirklich Freund, alle, ohne Unterschied, die ihn jetzt
umzingelten, Bekannte wie Unbekannte; das las er am guten Klang, am warmen
Blick. Woher kam ihm, dem gestern noch so Vereinsamten, nun plötzlich die viele
Gunst? Wie ein glitzernder Komet mit einem leuchtenden Schweife flimmerte ihm
die Ahnung auf, dass der Erfolg Ansehen schafft und dass der Ruhm Freunde hinter
jedem Haselbusch zeugt.
    Bewegt erwiderte er jede einzelne Huldigung, ohne Unterschied des Standes
oder der Person.
    Er war glücklich, was man so sagt, glücklich. Unwillkürlich strotzten seine
Muskeln kräftiger. Ein Hochgefühl von überquellender Jugend und Gesundheit
beseligte ihn, nicht anders, als ob die gestrenge Natur in Person ihn liebkoste.
Wenn aber einer mit der Natur im Einklange steht, so steht es gut mit ihm. Er
hätte in diesem Augenblick Tod und Teufel herausfordern mögen.
    »Anna«, raunte er der Schwester zu, ihr den Schlüsselbund überreichend, »lass
vom allerbesten bringen, Chianti, du weisst. Und zwar für alle den nämlichen. Und
ja nicht damit geizen!«
    »Herr und Meister«, murmelte er, um sich schauend, um sich der Wirklichkeit
zu versichern. Mehr vermochte er einstweilen nicht mit dem Geiste zu begreifen;
denn die Bewegung war zu stark; aussen tanzte die Welt, und inwendig hüpfte seine
Seele.
    Als Anna zurückkehrte, mit einem Gefolge von Kellnerinnen, welche Fässchen
und Flaschen schleppten, zog er sie vertraulich beiseite. »Ich lasse den Vater
aufs höflichste ersuchen, ob er uns die Ehre antun wolle, mit uns anzustossen.«
    Anna willfahrte mit zweifelnder Miene. In der Tat lautete der Bescheid
abschlägig, wenn schon nicht unfreundlich. Der Vater lasse danken, meldete sie,
allein er sei für heut zu müde und angegriffen. »In diesem Zustande jedoch
darfst du dich nicht länger blicken lassen«, fügte sie eifrig bei. »Schnell geh
und wasch dich und kleide dich um.«
    »Bah!« machte er gleichgültig. »Kriegszustand ist auch ein Zustand. Ich sehe
genau so aus wie meine Kameraden. Keiner hat Anlass, sich vor den andern zu
schämen.«
    »Mit Verlaub«, entgegnete sie, »so sehen sie denn doch nicht aus, deine
Kameraden«, und zeigte auf seinen rechten Ärmel, der nur noch an einem Fetzen
baumelte.
    Er lachte: »So bring mir meinetwegen einen alten Waffenrock, der deckt alle
Mängel. - Was macht die Mutter? Ist sie noch nicht heim? Weiss sie etwas? Was
wird sie wohl dazu sagen? Trachte, dass du es bist, die es ihr zuerst mitteilt;
du verstehst ja, es so vorzubringen, dass es nicht falsch aufgefasst wird. Sag
ihr, sie brauche sich nicht zu betrüben. Sie solle es bei mir gut haben, sowohl
sie wie der Vater, so gut wie der König und die Königin am Schluss eines
Märchens, inwendig und auswendig. Sag ihr das.«
Bald klangen die Becher und rauschte das Bankett. Gläser wurden angestossen,
Gesundheiten ausgerufen, Spässe zum besten gegeben und, um den ruhmreichen Sieg
wieder zu kosten, einzelne Vorfälle aus dem Tanzsaal geschildert, welche, durch
den Festjubel geschaut, sämtlich komisch wirkten. Conrad schritt still von einem
zum andern, nippte aus manchem Glas, pochte auf manche Schulter, drückte jedem
seiner Waldishofer nochmals die Hand, diesmal von sich aus, ausser Leutolf und
dem Wachtmeister, die ohnehin zu ihm gehörten wie sein eigener Leib. »Heda, ihr
Musikanten, setzt euch zu uns! Wer heute nicht mit mir hält, beleidigt mich.«
    »Sie sollen uns doch etwas aufspielen«, meinte Josephine keck. Ihr Einfall
fand allgemeine Unterstützung, worauf die Musikanten umständlich ihre
Kratzwaffen hervorkramten, bei deren blossem Anblick schon die Feststimmung um
eine Oktave höher stieg, im Vorgefühl des zu erwartenden Taktlärms.
»Nun, Catri, wo ist denn der Teufel hingekommen, der auf dem Dache sass?« hatte
Conrad auf der Zunge und wandte sich nach ihr um. Sie war nirgends in seiner
Umgebung. Da erst fiel ihm auf, dass sie ihm schon seit geraumer Stunde abhanden
gekommen war, ja sogar beim Glückwunsch gefehlt hatte. Verwundert suchte sie
sein Blick, in beständig weiteren Kreisen. Endlich entdeckte er sie unter der
Halle der Kegelbahn, regungslos mit angelehntem Rücken auf einer Bank sitzend,
wie zum Photographieren, die Hände im Schoss und die Augen fest auf ihn
gerichtet, wie ein Schuss aufs Ziel. Als er sie ansah, flüchtete sie schnell den
Blick zur Seite, aber wie er wieder hinsah, hatte sie ihn von neuem angestarrt.
Etwas Mildes, das ihrer bisherigen steinernen Härte widersprach, durchgeistigte
ihre Gestalt, und er begriff, dass das Milde ihm gelte, ihm besonders, ihm ganz
allein. Wie eine Rakete schoss es ihm da vom Herzen in den Kopf. Erst jagte er
ein Glas Wein durch die Kehle, dann steuerte er stracks zu ihr hinüber.
    Mancherlei Anreden luden ihn unterwegs ein; er liess sich nicht aufhalten.
    Doch der Portier hängte sich zudringlich an seine Fersen, katzbucklig, die
Mütze zwischen den Fingern: »Herr Pfauenwirt«, zischelte er, »sie sammeln sich
wieder, unten im Rebberg.«
    »Wer?«
    »Die Wagginger.«
    Conrad zuckte wegwerfend die Achseln und schritt fürbass. Aber der Portier
klebte: »Herr Leutnant, sie haben Frieden geschlossen und sich vereinigt, die
Oberwagginger mit den Niederwaggingern. Sie wollen Euch überrumpeln.«
    »Es ist noch Tag, und unsichtbar sind sie schwerlich.«
    »Nichts für ungut, Herr Meister; sie lesen Steine im Rebberg zusammen, sie
haben Euch Rache geschworen, Euch ganz besonders. Ich darf gar nicht
wiederholen, was sie Euch angedroht haben -«
    »Ja, wenns auf den bösen Willen allein ankäme, so hätten sie mich längst aus
der Welt geschafft. Aber wenns mir gilt, so bin ich auch dabei. Genug davon.«
    »Also muss ich denn jetzt wahrscheinlich meinen Platz im Pfauen verlieren,
nachdem Ihr der Herr seid? Oder wolltet Ihrs vielleicht noch ein Wöchlein mit
mir versuchen? Ich würde mir alle erdenkliche Mühe geben.«
    »Davon ist morgen noch Zeit zu reden«, antwortete Conrad und winkte ihm ab.
    Catri verharrte wie eine Bildsäule, während er ihr unternehmend
entgegeneilte. »Nun also, Catri«, scherzte er, »wo ist der Teufel hingekommen,
der heute morgen auf dem Dache sass? Der ist wahrscheinlich durch den
Blitzableiter in die Hölle gefahren, wohin er auch gehört. Mut und Mann, seht
Ihr, das ist immer die beste Arzenei gegen den Teufel. Um ihm jedoch auf ewig
die Wiederkehr zu verleiden, will ich jetzt einen guten Geist ins Haus führen,
einen guten Geist; wisst Ihr, wen ich damit meine?« Und da ihr Atem flatterte wie
eine Möwe über dem stürmischen See, streckte er ihr bieder die Rechte dar.
    »Topp, Catri, heute ist aller guten Dinge Hochzeit! Wollen wirs gleich
binden und siegeln?«
    Errötend wand und krümmte sie sich. »Was würde Eure Schwester und Eure
Mutter von mir denken?« stammelte sie ausweichend, indem sie sich erhob und
mühsam abwendete.
    »Was sie mögen!« entgegnete er lachend. »Bin ich doch jetzt selbständig und
keinem Menschen mehr Rechenschaft schuldig.« Und mit schnellem Sprung ihren Arm
ergreifend:
    »Ein guter Gedanke: Kommt, was meint Ihr, Catri, ich stelle Euch ohne
weiteres dem versammelten Volk als meine Braut vor?«
    Ein Glücksschauer durchzuckte sie, dass sie verwirrt den Kopf senkte, dann
widerstrebte sie unsicher: »Nicht so, nicht jetzt, am ersten Tag, dass wir uns
kennen. Was denkt Ihr auch? Später vielleicht. Nur nicht heute. Ihr seid zu
aufgeregt. Ihr spürt den Wein. Ihr wisst nicht, was Ihr tut. Es könnte Euch
morgen wieder gereuen.«
    »Gereuen? Mich? Morgen? Ich wüsste nicht, was ich tue? Wohlan, so will ich es
Euch morgen noch einmal förmlicher sagen. Morgen vormittag zwischen zehn und elf
Uhr im Kurbad. Stimmt die Zeit? Oder soll ich lieber später kommen?« Und da sie
wortlos seufzte, fuhr er fort:
    »Also bleibts dabei. Morgen um halb elf Uhr spätestens komme ich mit der
Lissi ins Kurbad. Bis dahin auf Wiedersehen.« Sprachs und warf ihr einen Blick
voll neckischer Freundschaft hin, drehte sich auf dem Absatz und entfernte sich,
flott und keck. Die Sache war im Blei.
    Da erschien sie an seiner Seite und stupfte seine Hand. »Habt Ihr mich denn
ein wenig lieb?« schmollte sie, die Augen voll Sonnenschein.
    »Die Antwort will ich Euch morgen offenbaren«, scherzte er, »heute ist das
noch ein strenges Geheimnis«, und zog sie an der Hand näher an sich, so dass ihre
Körper sich beim Gehen behinderten.
    Die Strecke von der Kegelbahn bis zur Terrasse mass höchstens dreissig
Schritt, doch kam sie ihm jetzt so unendlich überschwenglich und reich vor wie
damals der Raum vor der Front bis zum Brigadestab, als ihn der Oberst Allegri
mit Namen hervorrief, um ihn vor der versammelten Truppe zu beloben.
    »Catri«, sagte er lächelnd, mit den Wimpern nach dem First des Gastofes
blinzelnd, »rate einmal, wer sitzt jetzt auf dem Dach? Es ist einer mit weissen
Fittichen und einem goldenen Gürtel und hält einen Palmenzweig in der Hand. Mir
ist, ich spürs, wie er mit den Flügeln wedelt. Spürst du nichts? Ich spürs.«
    Da schnappte sie einigemal ungestüm nach seinem Schnurrbärtchen, was, wie er
mutmasste, in ihrer heftigen Art einen Kuss bedeuten mochte. Plötzlich aber hielt
sie ihn an und sah ihm drohend ins Auge.
    »Hingegen, wohlverstanden«, sprach sie nachdrucksvoll, »Treue verlange ich
von nun an. Treue ohne Gnade und Ausnahme. Ich bin nämlich wie ein Hummer, wenn
ich einmal jemand in mein Herz eingelassen habe, so halte ich ihn wie mit Zangen
fest. Dafür muss er aber auch an mir festalten. Siehst du, wenn ich die Wahl
hätte, entweder erfahren zu müssen, dass du jemals eine andere lieber hättest,
und wäre es auch nur deine Schwester oder Mutter, oder dich tot zu wissen,
tausendmal lieber wüsste ich dich tot. So bin ich. Ich sage dirs offen und
unverhohlen.«
    »Brr«, machte er lachend und schauderte zum Scherz. Eigentlich befremdete es
ihn doch ein wenig, dass sie so leichtin seinen Tod in die Waagschale warf. Er
hatte sich Frauenliebe umgekehrt gedacht, alles andere eher, sogar das Opfer
seiner selbst, als den Tod dessen, den man lieb hat. Doch das war nur so ein
flüchtiger Gedankenschatten, welcher, kaum dass er ihn gestreift hatte, auch
schon vorüber war. Catri aber, indem sie den unterbrochenen Wandel wieder
aufnahm, setzte zur Teorie das Exempel: »Ich habe es sogar dem Hans auch nie
verziehen, dass er seine Braut vor mir bevorzugte.« Damit erachtete sie ihren
Standpunkt für bewiesen und schloss die Verwarnung mit einem huldvollen Lächeln.
Wie sie auf der Terrasse anlangten, brach eben die Musik an, verstärkt von
hundertstimmigem, dröhnendem Gesange. Sie kannten des Liedes Worte und Weise,
und da der Text zufällig ihr eigenes Gefühl nicht übel auslegte, fielen sie
frisch und frei mit Mund und Fuss in den Takt: »Wenn Kraft und Mut in tapfern
Seelen flammen.« Zugleich schlenkerten sie die verschlungenen Hände zum Schwung
wie die Sennen beim Tanz. dabei schaute Conrad seiner Gefährtin ins Antlitz,
Catri dagegen blickte vor sich hin, gänzlich im Singen befangen.
    Dass ihre Bahn sie mitten durchs Volk führte, kümmerte sie nicht, denn sie
wussten sämtliche Gegenwärtigen durch gemeinsames Empfinden auf die hohe Note der
Güte gestimmt; auch steuerten sie der roten Sonnenscheibe entgegen, so dass sie
vor Glut und Glanz keinen Körper unterschieden.
    Als sie aber unversehens auf Anna stiessen, die mit dem Waffenrock auf den
Bruder harrte, prallten sie auseinander wie zwei auf einem Ehebruch Betroffene.
    Anna sah eins um das andere mit einem nämlichen Blick unsäglichen Leidens
an, dann hielt sie stumm und ergeben dem Bruder den Waffenrock dar, während
dieser sich des zerfetzten Wamses entledigte. Da sie jedoch aus Unaufmerksamkeit
den linken Ärmel des Waffenrockes zur Erde hangen liess, ergriff den jetzt Catri
hinterlistig, als ob sie der Jungfer Reber behilflich sein wollte.
    »Ja, wer bedient jetzt eigentlich meinen Bruder? ich oder jemand anders?«
fragte Anna tonlos und biss sich auf die Lippen.
    »Herr Reber, wählt, wer soll Euch bedienen?« nahm Catri die Frage mit
fröhlichem Lachen auf, als ob es sich um einen belanglosen Scherzstreit
handelte.
    Aber beider Frauen Blicke, die sich wie giftige Dolche kreuzten, verrieten
ihm ihren Hass, so dass er sich wohlweislich in einem grossen Bogen um die begehrte
Entscheidung drückte. »Beide«, antwortete er, sich zum Schmunzeln zwingend, und
dünkte sich wunder was für einen Salomo. Doch wie er nun arglos den linken Arm
in den Rockärmel schob, liess Anna beleidigt den rechten Ärmel fahren und trat
zurück, der Gegnerin den Platz räumend.
    Sie hatte auch eine Halsbinde und einen Hut mitgebracht, die sie jetzt
mechanisch zur Hand nahm. Beides holte ihr nun Catri mit unglaublicher
Dreistigkeit aus den Händen, nicht anders, als ob Catri die Herrin und Anna
ihre aufwartende Magd gewesen wäre. Anna liess zwar alles widerstandslos
geschehen, schaute auch ergeben zu, wie die Fremde sich vielweserig um den
Bruder zu schaffen machte. Aber so erniedrigt, so trübselig sah sie drein, so
völlig des Mutes und der Hoffnung bar, als ob sie sich in die nächste Waldhöhle
verkriechen möchte, um dort zu verenden. Endlich, als Catri mit vernichtender
Siegermiene von dannen geschritten war, die Stirne sprühend von bräutlichem
Stolz, die Schultern gehoben vom Vorgefühl der nahen häuslichen Allmacht im
»Pfauen«, und gravitätisch den Nacken hintenüberwerfend, als ob sie einen
Herrschermantel nachschleppte, öffnete Anna die bleichen Lippen, die ein
krampfhaftes Zittern umzuckte, ehe sie das Wort zu gestalten vermochten:
    »Und ich?« sagte sie mit entfärbtem Klang, »ich bin nun abgesetzt?«
    »Du hast ja deinen Doktor«, tröstete er zwischen Scherz und Ernst.
    Und da sie ihm traurig und vorwurfsvoll in die Augen schaute wie ein
frierender Bettler, dem ein Geiziger statt eines warmen Kittels einen kupfernen
Batzen gespendet hat, umschlang er sie zärtlich: »Sei kein Kindskopf«, schmälte
er. Er hatte ihr eigentlich etwas ganz besonders Liebreiches zugedacht, etwas,
das ihrem kranken Herzen Balsam wäre, denn sie beelendete ihn wie damals die
sterbende Johanna vom Schulmeister, als sie ihm die magern Knöchlein um den Hals
wand und flüsterte: »Weisst du noch, Conrad, damals vor zehn Jahren?« - Allein er
fand das gewünschte Wort nicht, und je länger er suchte, desto weiter floh es
ihn. Zum Ersatz dafür presste er sie an seine Brust. Sie liess einige Augenblicke
schweigend den Trost seiner Umarmung auf sich wirken, wobei sie ein klein wenig
auflebte; hernach sagte sie etwas gefasster: »Ich habe denn also nach der Mutter
geschickt; sie werde gleich kommen.«
    »Hat sie schon etwas erfahren?«
    Sie antwortete nicht, wich ihm auch mit den Augen aus. Da wurde er ernst,
schwieg und sann:
    »Wusstest du eigentlich«, fragte er, »dass die Mutter vor Zeiten schwermütig
war?«
    »Ja; warum?«
    »Nichts, es schoss mir nur so durch den Kopf.«
    Das Gespräch stockte.
    »Ich muss nun wieder hinauf in die Schlafstube, um nach dem Vater zu sehen«,
ermahnte sie sich. dabei seufzte sie, indem sie eine Meldung unterdrückte, die
ohne ihre Erlaubnis über die Zunge gleiten wollte. Endlich nach mehrfachem
Wechsel zwischen Seufzen und Verstummen überquoll ihr die Stimme. »Er macht mir
Sorge«, klagte sie.
    »Sorge? wieso?« fragte er erstaunt.
    Sie zauderte mit der Antwort. Doch nachdem sie einmal einen Zipfel der
Wahrheit abgedeckt, musste sie sie auch hervorziehen.
    »Es ist nicht recht mit ihm«, gestand sie. »Es reut ihn wieder zur Hälfte.
Er beschwert sich über dich, er nimmt dirs nachträglich übel, was er dir
versprochen hat. Du habest ihn an die Wand gedrückt und ihm das Messer an die
Gurgel gesetzt.«
    »Das ist nicht wahr«, rief er hitzig, doch sofort sich mässigend: »Nun, er
wird bald selber einsehen, dass es für alle und auch für ihn das Beste gewesen
ist«, sagte er zu seiner eigenen Beruhigung.
    »Wir wollens hoffen«, bemerkte Anna und wandte sich zum Gehen. Doch
plötzlich kehrte sie um und stürzte ihm, bitterlich weinend, an die Brust:
»Verzeih, dass ich heute nichts tue als dir vorweinen; es ist ja sonst wahrhaftig
nicht meine Art, aber ich weiss nicht mehr, wo aus und wo ein. Ich fange fast an
zu fürchten, es könne nie mehr gut werden.«
    »Aber es ist ja gut, liebes Närrchen.«
    Sie schüttelte den Kopf »O nein, o nein, es ist nicht gut, es ist schlimm,
entsetzlich schlimm, schlimmer als je«, und weinte noch bitterlicher.
    Während er umsonst herumriet, was sie wohl so betrüben könnte, ward sein
Augenmerk von einem absonderlichen Getöse angezogen, das aus der Schlafstube
herunterdrang, dem übermütigen Bankett zum Trotze. Von einer unsichtbaren Faust
eingestossen, klirrten die Fensterscheiben vom mittleren Stockwerk auf die Erde,
eine um die andere, einen Regen von scharfen Splittern durch die Luft sendend.
Aus dem Innern der Stube aber drangen tierische Töne, bald kläglich, wie das
Blöken eines Kalbes, bald zornig, wie das jauchzende Brüllen des Stieres, wenn
er die Hörner senkt.
    »Was ist das?« fragte Conrad stirnrunzelnd, mit rollenden Augen, die aus den
Höhlen strebten.
    »Er verflucht dich«, jammerte Anna in wildem Schmerz, der Überlegung
verlustig.
    Conrad erbleichte und bebte. »Wenn er mich verflucht«, presste er mit eisiger
Stimme hervor, »so verfluche ich ihn auch. Ich will doch sehen, ob der gerechte
Fluch eines gemarterten Sohnes durch die Gewölbe der Hölle nicht lauter donnert
als der ungerechte Fluch eines grausamen Vaters.«
    »Nein, nein«, flehte Anna, die Finger um seine Schulter krampfend, »nein,
das wirst du nicht tun, du wirst bedenken, dass er ein alter, kranker Mann ist,
der nicht weiss, was er tut, du wirst nicht vergessen, dass er trotz allem halt
dein Vater bleibt und meiner.«
    Ein Kampf schüttelte ihn. »Du hast recht«, schloss er mit dunkler Stimme,
»ich will ihm doch nicht fluchen.«
    »Bau auf mich«, versetzte sie dankbar, »ich besänftige ihn; gewiss, ich
besänftige ihn«, und eilte, so geschwind sie vermochte, ins Haus.
    Er aber begab sich zu den Zechern, die, befangen in selbsteigener
Lustigkeit, betäubt vom Lärm, den sie verübten, und betört vom Wein, von dem
Kampf der guten und bösen Geister hinter ihrem Rücken nichts vernommen hatten.
Doch ob er sich auch in die dichteste Gruppe mischte, er kam sich nunmehr vor
wie eine einsame, finstere Stückkugel in einem Blumengärtchen. Er hörte nicht,
was man sprach, sah nicht, was seine Augen erblickten, nur eins schaute er,
dieses aber beständig: einen unförmlichen, schwarzen Fleck, der vor ihm in der
Luft schwebte, unten in der Nähe seiner Füsse. Und wohin er sich auch wandte,
tanzte der Fleck ihm nach.
    Bald fiel sein Benehmen auf.
    »Conrad, was ist denn mit dir«, rief Leutolf, »du bist ja wie
geistesabwesend?«
    »Er spürt den Wein«, verlautete eine Stimme mit dem feinen Ton des
Verständnisses. »Der Chianti ist ein starker Mann.«
    »Oder denkt an seine schöne Bernerin«, meinte Berta.
    Indessen, Beobachtung und Seelenkunde entsprachen nicht dem Bedürfnis der
Stunde. Man umjauchzte, umschrie ihn, zerrte ihn von einem Tisch zum andern,
überhäufte ihn mit gewaltsamen Ehren- und Freundschaftsbeteuerungen.
    »Du bist der Held, dir gehört der Helm«, sprach Leutolf, nahm ihm den Hut ab
und pflanzte ihm seinen Helm auf den Kopf; der Wachtmeister staffierte ihn mit
einer Schärpe aus, die Kellnerinnen spickten seinen Rock mit Schleifen und
Blumen als Ordenszeichen. »Ritter des blauen Pfauen«, nannte ihn Josephine,
indem sie ein Vergissmeinnicht anbrachte; »nein, des weissen Sternes«, verbesserte
Berta, mit einem Sträusschen Waldmeister anrückend. In Kürze sah er aus wie ein
geschmücktes Opferlamm.
    Geduldig liess er alles mit sich geschehen, denn er war zu traurig, um
irgendeinen Spass übelzunehmen. Dagegen, als Catri mit Blicken geheimen
Einverständnisses ihn an den Fingern zupfte, wandte er sich unwillig ab, er
wusste selber nicht, weshalb.
Unversehens prasselte ein Steinhagel in die Obstbäume, Blätter und Blüten
rasierend, Zweige knickend und das Holzgerippe schändend.
    »Feiglinge! Heimtückische!« schnob der Aufruhr, und flink wie die Alpenjäger
stiess ein kleines Hundert rachedurstiger Männer ab, den Überfall zu ahnden.
Ihnen kamen die Herrlisdorfer Bauern zuvor, welche abseits vom Bankett und näher
dem Talgrund auf der Strasse als Zuschauer sich aufgepflanzt hatten und nun
begierig die Gelegenheit aufgriffen, nachzuholen, was sie im Tanzsaal versäumt
hatten.
    Wie aus der Kanone geschossen, rasten sie die Halde hinab, den Feind zu
züchtigen, der jedoch in toller Flucht sich über die Felder ergoss. Kaum dass sie
ein halbes Dutzend Nachzügler erhaschten, die sie mit wuchtigen Hieben zu Boden
streckten. Eins, zwei, drei war alles erledigt. Hierauf kehrten sie in ruhigem
Marsch zurück, nachdem sie erst, soldatisch geschult, wie sie waren, eine
Handvoll Wachtposten um die Wurzel des Hügels gestreut.
    Ein schallendes Bravo der Waldishofer belohnte die prompte Leistung. »Glatte
Arbeit«, rühmte Leutolf. Man lud die Herrlishofer herbei und empfing sie mit
erhobenem Glase unter kordialen Lobpreisungen. »Musik!« heischte der
Wachtmeister, »aber etwas, das Feuer und Pulver hat, nicht solch eine
erbärmliche, lahme, kopfhängerische Jeremiade!« Da setzte ein lustiger Galopp
ein, Leib und Seele elektrisierend, so dass die Lebenslust aus allen Poren
prickelte.
    Conrad hatte sich verspätet aus den fernen Abgründen seiner düstern Gedanken
zurückgeholt. Als sein Geist wieder in der Wirklichkeit eintraf, fand er sich
untätig dastehend, die Sache erledigt. Dagegen gewahrte er jetzt die Verwüstung
und überschlug ingrimmig den Schaden. Ein nicht eben beträchtlicher, aber
unverschmerzlicher Teil der Obsternte war dahin, einige Prachtbäume zu Krüppeln
verunstaltet, ein edler Pfirsichsprössling unheilbar verwundet. Nicht der
rechnungsmässige Sachverlust war es, was ihn am meisten wurmte, sondern die
Beeinträchtigung des wonnigen Anblicks, die Verletzung der vielen, zarten,
feinfühligen Pflanzengefüge, die böswillige Vernichtung des Segens, den die
Natur einem zum Lohne für geduldige, sorgsame Pflege zugedacht hatte.
    Während sein Zorn Stufe für Stufe emporstieg, ohne noch völlig den
Höhengleichwert des verübten Frevels erreicht zu haben, kam nachträglich noch
ein Stein geflogen, hierauf nach einer Pause ein zweiter und später ein dritter.
Jeder zeichnete ungefähr die nämliche Flugbahn, so dass augenscheinlich ein
einzelner Schütze irgendwoher aus einem entlegenen Versteck zielte, wo er sich
für geborgen hielt.
    Und er selber, Conrad, schien das Ziel vorzustellen, der gesondert am Rande
der Mauer sich bewegte, denn wohin er auch treten mochte, so hatte er immer die
Fluglinie in derselben Verkürzung vor sich, obschon das Geschoss bedeutend
unterhalb seines Standortes in den Rasen aufschlug: offenbar mangelte dem
Schützen jegliche Kraft, aus dem unsicheren Pendeln der Kiesel zu schliessen.
    Geraume Zeit wollte ihm nicht gelingen, den Urheber zu erspüren,
hauptsächlich weil der glänzende Abendschein sein Auge blendete. Überhaupt, man
meinte, es wäre noch Tag, und es war doch nicht mehr das ganze Licht. Die
Niederung hatte sich schon getrübt; die Gruppen der Dinge vereinigten sich zur
Masse, welche einen gemeinschaftlichen scharfen Linienriss zeichnete; um die
Dächer wisperte eine verfrühte Fledermaus.
    Endlich hatte er ihn doch, und zwar nicht unter sich, sondern seitwärts,
hinter der Kirschenallee, bei des Schreiners Hansjörgens Scheune, unter den
Nussbäumen. Wenn man ihn fassen wollte, so war die einzige Möglichkeit, ihn von
hinten zu nehmen, vom Ackerfeld her, um ihm die Fluchtlinie abzuschneiden.
Allein lohnte sichs überhaupt? Eigentlich ja schon; lohnt es sich doch immer,
einen Übeltäter abzustrafen; aber seine Glieder waren, offen gestanden, ein
wenig tatenmüde, und seine Seele zog ihn nach einer anderen Richtung, nach einem
Krieg, der ihm näherging und von wo ihm ärgeres Unheil drohte als Sachschaden.
    Da wollte es der Zufall, dass ein erneuter Wurf, noch schwächlicher als die
früheren, in die Quelle geriet. Der Stein im seichten Wasser klatschte
beleidigend wie eine Maulschelle. Oder war es die Verunreinigung des klaren,
trinkbaren Wassers oder die Verunehrung des segensprechenden Bergmundes, was ihn
aufbrachte? Kurz, der Petsch bestimmte seinen Willen. Jetzt mochte er ihn
züchtigen.
    Möglichst unauffällig, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, als ob er
spazierenshalber sich erginge, schlenderte er zum Hause hinüber und drückte sich
hart an der Mauer entlang, wie der Jäger, der ein Wild beschleicht.
    Die Steinwürfe folgten noch der ursprünglichen Richtung, sein Verschwinden
war demnach dem Feinde unbemerkt geblieben.
    Anna guckte aus dem Speisezimmer.
    »Was schlägts?« fragte er nachlässig, nur um etwas zu sagen, als eben die
Kirchenglocke schlug.
    »Acht Uhr«, erwiderte sie.
    »Rüste mir etwas zu essen.« Hiermit war er bei ihr angelangt. Sie blickte
getroster.
    »Er ist jetzt wieder vernünftiger«, raunte sie ihm zu, indem sie zum ersten
Male seit langen Stunden wieder lächelte. »ich habe ihn bei mir unten in der
Wohnstube zusammen mit dem Doktor.«
    Da, eben, als er vorbeischreiten wollte, hörte er durch das Esszimmer
hindurch aus der Wohnstube den Vater greinen wie ein von Chirurgen gemartertes
Kind. Nun hielt er den Fuss und den Atem an, und seine Seele verfinsterte sich.
Was sollte nun das wieder bedeuten? Galt das etwa ebenfalls ihm? Und wieso denn?
    Zunächst vermochte er keine Worte zu unterscheiden, denn der Doktor redete
gleichzeitig auf den Alten ein, so dass die Silben beider, einander deckend, sich
in seinem Ohr verwirrten. Endlich lamentierte der Alte einen Augenblick allein.
»Den Todesstoss versetzt«, vernahm er. Nichts als diesen Brocken eines Satzes;
doch wie ein Blitzstrahl erleuchtete und vernichtete ihn dieses Bruchstück.
    Also, so war es von nun an gemeint? Märtyrermienen und anklagende Seufzer,
Blicke, Gebärden, Anspielungen bis ans Ende der Tage? Hernach ein Grabstein, auf
dem mit ewiger, unauslöschlicher Schrift geschrieben stand: Du, mein eigener
Sohn, du bist mein Mörder! Und wie sollte er dem begegnen? Misshandlungen kann
man dulden oder sich dagegen auflehnen, Reden widersprechen, aber vor stummen
Vorwürfen gibt es keine Rettung. Er schauderte, und schwarze Verzweiflung
umnachtete seinen Geist. »Ich verfluche ihn doch«, schrie es in ihm, und seine
Hände griffen wild umher, erschlafften aber sofort und sanken mutlos längs dem
Körper dahin. Er wusste nicht mehr, was er tat und was er vorhatte. Aber der
Wille, der ihn dahergetrieben, stiess ihn auf der vorbestimmten Bahn fort wie
eine Maschine auf dem Geleise.
    
    »Conrad, lass es gut sein, du hast für heute genug getan«, rief ihm die
Schwester nach, die aus seinem schleichenden Gehaben seine ursprüngliche Absicht
erraten hatte, während ihr seine Umstimmung verhohlen blieb, weil ihr sein
Gesicht entging. Doch Catri widerhielt ihr:
    »Der Herr Reber wird schon selbst am besten wissen, was er zu tun hat«,
entgegnete sie mit impertinentem Tone.
    Also zog er seines krummen Weges und verschwand um die Hausecke.
Mittlerweile waren die Feuermänner, welche Conrad vermissten, von Catri über den
mutmasslichen Grund seines Verschwindens verständigt worden, so dass sie die Köpfe
streckten, um sich an der Abstrafung zu weiden; leichtsinnig gespannt, wie wer
einem ergötzlichen Schauspiel entgegensieht. Da der Abend schon merklich
düsterte, benutzte Leutolf den Feldstecher, um besser zu beobachten. Um aber den
Vorteil seiner bevorzugten Gesichtsbedingungen nicht plumperweise allein zu
geniessen, teilte er das Ergebnis seiner Beobachtungen mit: »Dort, hinter dem
Nussbaum bei der Scheune steckt er - er hat den Arm voll Kieslinge. Aber er ist
unsicher, er sucht das Ziel. - Ein langer, schlottriger Schlingel, hat eine
Schnauze wie eine Schnecke und Ohren wie ein Elefant. Ich müsste mich sehr
täuschen, oder es ist der nämliche Halunke.« - »Der Messerstecher?« »Der
Mattiesen-Michel?« fragten empörte Stimmen.
    »Zeig, gib her«, heischte der Wachtmeister und nahm ihm den Feldstecher weg.
»Das ist ja genau der nämliche glatte, schlüpfrige, bartlose Schuft!« schäumte
er, mit den Füssen stampfend. Und zornig das Fernglas wegwerfend, fuhr er Leutolf
aufgebracht an: »Da habt Ihrs jetzt mit Eurer diplomatischen Mässigung. Was habt
Ihr nun davon? Hätte man mich machen lassen - er stände jetzt nicht unter dem
Nussbaum mit Kieselsteinen, er läge irgendwo, und es fehlte ihm etwas an den
Knochen, dass ihn der Doktor wieder zusammenlöten müsste.«
    »Er verliert nichts mit dem Warten«, entgegnete Leutolf gelassen, »der Reber
Conrad wird ihm schon verabfolgen, was er ihm schuldig ist; er zahlt ihms jetzt
gleich alles miteinander.«
    Der Wachtmeister verwarf ärgerlich die Arme. »Ach was!« schalt er, »der
Conrad ist nicht, was er sein könnte und wie ich ihn haben möchte. Muskeln wie
ein Leu, Nerven wie Sprengpulver und ein Herz wie ein Jüngferchen. Im ersten
Augenblick meint man, er wolle die ganze Welt windelweich schlagen, und kaum dass
er die Obmacht hat, lässt er sie laufen. Solch eine heimtückische, boshafte Hyäne
verdient keine Gnade; da ist Grossmut nichts als Schwäche.«
    Damit wandte er sich missmutig um und verliess grollend die Kameraden, um
abseits einsam hin und her zu stiefeln, mit unwilligem Maulen.
    Inzwischen machte der Feldstecher die Runde; einzig Catri lehnte ihn
hochmütig ab. Sie brauche keine Augenkrücken, behauptete sie geringschätzig, sie
sähe ohnehin in der Welt mehr, als ihr lieb wäre. Plötzlich frohlockte sie wie
über ein fröhliches Wiedersehen:
    »Dem hab ich im Tanzsaal zweimal die Hand ums Maul geschlagen«, prahlte sie
mit Genugtuung. »Es reut mich nur die Seife; hätte ichs vorausgesehen, ich hätte
Handschuhe dazu angezogen.«
    »Hurra! da kommt er, der Conrad«,jubelte eine Stimme, »seht ihn, im
Saatfeld, wie er um die Scheune schleicht.«
    »Er will ihn von hinten fassen.« - »Bravo, Conrad!« - »Jetzt kann er ihm
nicht mehr aus den Händen.« - »Stille doch! ruhig! zum Teufel! Absitzen! Von den
Tischen herunter! Ihr verratet ja sonst den Braten!« - »Jetzt, jetzt, Conrad,
drauf, pack ihn an der Gurgel!« - »Worauf wartet er nur?« »Er hält an - es ist
unbegreiflich.« »Er fuchtelt mit den Armen, als ob er mit jemandem disputierte,
und ist doch allein. Hat er denn plötzlich den Verstand verloren?« »Er war schon
hier so wunderlich.« - »Es muss ihm jemand Missgünstiger etwas Dummes ins Ohr
geschwatzt haben, das an ihm frisst«, urteilte Catri mit hartem Ton,
stirnrunzelnd und einen feindseligen Blick nach der Essstube sendend.
    »Ja, natürlich, jetzt ist es zu spät! Jetzt hat ihn der andere entdeckt. -
Er lässt den Stein fahren. Es ist zum Rasendwerden.« »Warum steckt ihr aber auch
alle die Köpfe zusammen wie eine Schafherde?« »Gleichviel! Entrinnen kann er ihm
doch nicht.« »Endlich, endlich, Gott sei Dank! Hurra! Er hat ihn.« »Hau ihn!
streck ihn zu Boden!« »Halt, was ist das? Er verliert den Helm.« »Aber der
andere purzelt auf den Boden.« »Ja, aber er steht wieder auf« »Warum lässt er ihn
denn wieder aufstehn?« »Wahrhaftig, nein, es ist nicht zum Ansehn! Weiss Gott, er
lässt ihn laufen!« »Punktum! Fertig! eine gefehlte Geschichte.«
    »Was hab' ich gesagt?« polterte der Wachtmeister. »Hab' ich jetzt recht
gehabt oder nicht?«
    Und ärgerlich, als ob sie übervorteilt worden wären, setzten sie sich wieder
zum Trunke, geräuschvoll anstossend, um zu vergessen und zu verwinden.
    Catri aber blieb aufmerksam beobachtend auf dem Flecke stehen. Nach einer
Weile bemerkte sie: »Es gefällt mir etwas nicht.«
    »Warum? Wieso? Er kommt ja zurück! Er ist ja bereits auf der Strasse.«
    »Ja, aber, er hält sich so sonderbar.«
    »Ihr habt ja selbst gesagt, es plage ihn etwas inwendig?«
    »Es ist nicht das. Wenn er nur nicht am Ende einen bösen Hieb oder etwas
dergleichen abbekommen hat!«
    »Warum nicht gar! Dazu hätte er im Tanzsaal bessere Gelegenheit gehabt! Der
starke Conrad Reber, und einen bösen Hieb! von einem einzigen! und noch dazu von
was für einem! Übrigens, das wird er uns alles gleich selber am besten erklären,
seht, da ist er ja schon an der Hausecke.«
    »Jesus, Gott und Vater«, schrie Catri, »wo habt ihr eure Augen? Er ist ja
bleich wie ein Leintuch!« Und die Vorstehenden gewaltsam beiseite stossend,
hastete sie ihm mit Riesensprüngen entgegen.
    In diesem Augenblick schaute Anna aus dem Esszimmer, warf einen Blick auf
Catri, einen zweiten nach dem Bruder, erblasste und schwang sich mit einem
einzigen Sprung auf die Erde:
    »Conrad, was fehlt dir?« jammerte sie, ihn angstvoll umklammernd. »Sags,
sags mir, der Schwester.« Zugleich stiess sie die herbeieilende Bernerin
beiseite.
    Conrads Lippen zitterten: »Ich bin gestochen«, flüsterte er. Da entfuhr ihr
ein markerschütternder Schrei, der alles Volk aufschreckte. Nur die Musik
dudelte weiter.
    Er fuhr fort: »Ich habe den Helm verloren. Er liegt unter dem Nussbaum. Er
gehört dem Leutolf. Ich mag jetzt doch nicht essen, ich habe keinen Appetit
mehr. Wo bleibt denn nur die Mutter? Ich wusste ja nicht, dass sie gemütskrank
war. Sag ihr das. Der Vater ist ein Ungeheuer, ein herzloses, wildes Tier, ja,
das ist er. So holt doch den Helm, er ist ja nicht mein, er gehört dem Leutolf.
Ich konnte ihn leider nicht selber aufheben.«
    »Herr Reber«, grüsste Catri weinerlich.
    Er wandte den Kopf nach ihr, aber sein verstörter Blick irrte über ihr
Gesicht wie über einen leblosen, fremden Gegenstand. Und abermals von Anna
weggestossen, trat sie beiseite, an die Mauer, beschämt, gekränkt, beleidigt.
    Indessen war eine entsetzte Menschenmenge herbeigesprungen, unter ihnen,
ausser Atem, der Doktor: »Wo?« fragte er, indem er mit tastenden Händen über
Conrads Körper reiste. Und sich zurückbiegend: »Musik aufhören!« zürnte er.
»Musik aufhören!« tönte ein vielstufiges Echo.
    »Weshalb aufhören?« beklagte sich Conrad leise. »Warum sind überhaupt so
viele Menschen da? - Warum starren sie mir alle ins Gesicht? - Was will man denn
eigentlich von mir? Der Doktor soll doch weg, er tut mir weh. Anna, komm, wir
wollen zusammen ins Haus, ich möchte allein sein.«
    Kaum hatte er das gesagt, so wurde er erdfahl und brach in sich zusammen,
unter des Doktors Händen weg, wie ein Holzstoss über dem Feuer, erst in den
Gelenken, dann platt auf den Boden.
    Anna warf sich über ihn, unaufhörlich seinen Namen rufend, in den süssesten
Schmelzlauten, flötend, lallend, gurrend, auf und ab, durch alle Tonlagen der
Kehle und aus allen Kammern des Herzens.
    Andächtig verstummte das Volk vor dem schauerlichen Wohlgesang.
    Der Doktor aber fiel auf die Knie, riss sein Besteck aus der Tasche, das er
auf die Erde breitete, prüfte dann aufmerksam den Puls, erst am Handgelenk,
hierauf, Anna wegschiebend, auch am Herzen. Allmählich zog er eine bedenkliche
Miene. Endlich stand er, seine Instrumente einsteckend, langsam auf. Und während
alle Augen an seinem Munde hingen, murmelte er gedämpft, als ob er für sich
allein spräche: »Hier wird wohl wenig mehr zu operieren sein.«
    Anna hatte das Wort vernommen und verstanden. Ihr Gesicht ward schlaff, und
lautlos sank sie hin. Doch ehe noch jemand sie zu stützen vermochte, war sie
wieder aufgesprungen, die geisterhaften Augen nach dem Hause emporgerichtet.
    »Habt Ihr jetzt, was Ihr wollt? Seid Ihr nun zufrieden?« gellte sie, als
hätte sies durch die Mauer schreien mögen. »Jetzt bereitet er Euch keinen Kummer
mehr! jetzt gibt er niemand mehr den mindesten Anlass zur Klage! jetzt ist er
nicht mehr zu vornehm! jetzt will er nicht mehr alles besser wissen, jetzt lacht
er nie mehr zur Unzeit, Euer vielgeschmähter Conrad, der arme, arme Conrad!« Und
wieder fiel sie über den Leichnam, diesmal mit wildem Röcheln, wie ein junger
Jaguar.
    Eine einzige Silbe wandelte feierlich durch das Volk: »Tot.« Flüsternd in
den vorderen Reihen, gedämpft im Hintergrund, jenseits mit empörten Protestrufen
des Unglaubens.
    »Was?« »Wo?« »Wer?« »Der Pfauenwirt?« »Nicht der Alte, sondern der Junge,
der Conrad, der Leutnant.« »Warum nicht gar!« »Das ist nicht möglich; das kann
ja nicht sein.« »Das hat ja keinen Sinn.«
    Und von atemlos herbeirennenden Leuten füllte sich die Terrasse bis ins
Dorf. Die Kellnerinnen standen leise weinend im vordersten Kreise, die
gefalteten Hände vor dem Gesicht, als ob sie die Augen schützen wollten, damit
sie die schreckliche Wahrheit nicht sähen. »Was das nicht ist!« »Ists auch
möglich?« »Wenn ich nur das nie hätte erleben müssen!« »Der arme Meister! Und so
gut! So herzensgut! Jesus, Jesus!« »Und wenn jetzt der Vater und die Mutter das
sehen!«
    Catri, abseits an der Mauer, starrte geistesabwesend ins Leere, mit
gerötetem Gesicht und bebenden Lippen.
    »Oh, der Elende, der Schurke! - Der beste, bravste, gutmütigste Tropf auf
Gottes Erdboden! - Und von solch einem elenden Wicht!«
    Während sie sprach, stupfte sie unablässig mit dem Fuss an die Mauer, immer
heftiger, in steigender Empörung. Und ihre Finger nestelten krampfhaft am
Schürzenband, bis es entzweiriss.
    In ihrer Nähe, ebenfalls an der Mauer, und von dem übrigen Volk gesondert,
standen die Waldishofer gruppiert, in deren Mitte der Wachtmeister gedämpften
Tones eifrig redete. Sooft Zuzügler sich herbei machten, wurde ihnen etwas
zugeflüstert, dann tauschten sie finstere Blicke und einen kräftigen Handschlag
wie zu einem Eide.
    Offenbar bildete sich hier eine Verschwörung.
    Eine Bewegung entstand, eine Gasse tat sich auf. Von bedauernden, mahnenden,
zusprechenden Menschen gehemmt, die sich ihm in den Weg stellten, ihn hinderten,
zurückhielten, wankte der alte Pfauenwirt ruckweise daher, wie eine von Ameisen
überfallene Raupe, welche die Last ihrer Peiniger mit sich schleppt.
    »Lasst mich«, keuchte er, »lasst mich zu meinem Sohn! ich will zu meinem
Sohn.«
    Dazwischen lärmte er gegen den Tod, wie gegen ein Obergerichtsurteil, seine
gerechte Sache bekräftigend, seine versöhnliche Gemütsart beteuernd.
    »Ich begehre ja nichts mehr für mich! Er hat ja jetzt alles, was er will!«
Als er aber durch die Menschengasse seiner Tochter über dem Leichnam ansichtig
wurde, schüttelte er den Kopf wie ein Stier. »Muss er mir denn ewig und ewig
nichts als Kummer verursachen!« brüllte er.
    Da wandte ihm Anna langsam ihr Schmerzensantlitz zu, das welt- und
toddurchdringende Liebestreue mit überirdischer Schönheit verklärte:
    »Sieh, Vater, das ist jetzt unser Conrad«, sang sie mit sanftem Dulderton,
während ihr Mund fürchterlich zuckte.
    Jetzt zerrte er sich gewaltsam los und humpelte dem Leichnam zu. Er wollte
sich niederwerfen; allein seine geschwollenen Gelenke versagten dem Willen. Nun
tanzte er auf seinen dicken Klumpenbeinen vor dem Leichnam auf und ab wie ein
angeschossener Elefant. Plötzlich stiess er den Doktor wütend vor die Brust.
»Lebendig machen! Wieder lebendig machen!« grölte er.
    Der Doktor hielt ihm eine priesterliche Miene entgegen. »Lebendig machen«,
sprach er feierlich, »das steht leider nicht in unserer Macht.«
    Von der Mauer aber warf Catri in schneidendem Ton herüber: »Ja, lebendig
machen, das ist jetzt zu spät! Hättet Ihrs benutzt, als es Zeit war!«
    Anna schnellte auf und zuckte gegen Catri einen Blick, scharf wie eine
Lanze.
    Während man sich umsonst bemühte, den Alten von hinnen zu schaffen, wandelte
sich sein Toben jählings zum wehklagenden Wimmern. Er hatte seine Frau, die
Pfauenwirtin, bemerkt, die von der Dorfseite um die Hausecke mit geknickten
Knien mehr rutschend als gehend sich an der Wand entlang tastete. »Ists denn
wirklich wahr?« flehte die Angst aus ihren erloschenen Augen.
    Hierauf, wie ihr das unzweideutige Bild: die Ansammlung des Volkes um eine
nämliche unsichtbare böse Stelle, der Schatten des Unheils, der von dorter
jedes Antlitz verdüsterte, die entsetzliche Wahrheit bestätigte, krampfte sie
die Finger in das Gestein, um nicht zu fallen.
    Anna flog ihr entgegen, ihr nach bewegte sich schwerfällig der Alte,
überholt von mitleidigem Gesinde und Nachbarvolk.
    Sie fiel, aber in befreundete Arme. »Conrad«, winselte sie, »warum hast du
mir das angetan?«
    Betroffen tauschten die Herumstehenden Blicke. Und Berta wandte sich zu
Catri um: »Es ist, als ob sie glaubte, er habe sich selber ein Leid zugefügt«,
flüsterte sie.
    »Das böse Gewissen«, versetzte Catri bitter.
    Und das sagte sie in ihrer rückhaltslosen Weise mit lauter Stimme. Abermals
drückte Anna einen Blick gegen sie ab, diesmal einen drohenden.
    Der Alte aber entschuldigte sich ehrfurchtsam vor dem mütterlichen Schmerze.
    »Ich hatte ihm ja alles gewährt, was er nur verlangte. Ich kann nicht
begreifen. Er hatte durchaus nicht die mindeste Ursache. Es muss ihn im
Streitandel ein Stich getroffen haben, wie man erzählt.«
    Der Doktor, der Feuerleutnant, nebst andern, welche Freundschaft oder Gemüt
oder auch der Zufall der Nähe dazu berief, nahmen die Pfauenwirtin auf und
förderten sie halb schiebend, halb tragend an dem Leichnam des Sohnes vorbei,
den sie angelegentlich mit ihren Leibern verdeckten, der Haustüre entgegen. Der
Vater hinkte greifend nach, Anna wachte zur Seite über beide. Es war wie ein
Leichenzug.
    »Ich muss doch Abschied von ihm nehmen; ich muss ihn doch um Verzeihung
bitten«, jammerte die Pfauenwirtin.
    »Ja, jetzt hat sie Grund zum Jammern und Seufzen«, rief Catri
unwillkürlich, im Drange der Wahrheit.
    Nun aber riss sich Anna los und stürzte ihr entgegen:
    »Mensch ohne Gemüt, Weib ohne Herz!« schrie sie ihr ins Gesicht. »Egoistin!
härter als Stein und Eisen! Ihr, Ihr, und niemand anders, habt ihn auf dem
Gewissen! Statt ihn zurückzuhalten, habt Ihr ihn noch angestachelt!«
    Catri mass die Gegnerin kaltblütig mit hasserfülltem Blick.
    »Immer noch besser«, entgegnete sie, »ein Unglück im Hause als ein
Verbrechen.«
    »Wie meint Ihr das?« kreischte Anna ausser sich.
    »Ich meine«, erwiderte Catri fest, »wenn es doch einmal geschehen musste,
immer noch besser von fremder Hand als ...« Hier stockte sie.
    »Als?« verlangte Anna. »Als?« Dann plötzlich, ohne die Ergänzung abzuwarten:
    »Fort von hier! Heuchlerin! Intrigantin! Mannsschleicherin! Fort! Fort noch
in dieser Stunde! Ich, als Tochter des Hauses, befehle Euch, Euch, der Dienerin:
Fort aus dem Pfauen, und zwar augenblicklich!«
    Catri richtete sich hoch auf: »Ich verwahre mich ausdrücklich dagegen«,
sprach sie, »dass man mich Knall und Fall von hinnen jagt, wie eine ungetreue
Magd, mit Schimpf und Schande, als ob ich gestohlen hätte. Es ist nicht wahr,
dass ich irgendwelche eigennützige Absicht hierher trug. Und vor dem letzten Zuge
mich zu entlassen, dazu hat niemand das Recht, nachdem man mich bis zum letzten
Zuge gedungen hat. Übrigens, meinetwegen, ich habe nichts dagegen, jawohl, ich
gehe. Aber nicht etwa, weil Ihr mirs befehlt, denn Ihr habt kein Recht dazu,
sondern freiwillig, weil mir vor diesem gottverlassenen Hause des Hasses und des
Haders ekelt, weil ich lieber bei bettelarmen Leuten in der geringsten
Strohhütte dienen möchte, wo der Friede wohnt, als hier unter dem protzigen
Ziegeldach im Unfrieden. Verzehrt Euch in Reue! Schiebt einander gegenseitig die
Verantwortlichkeit zu! Ich ziehe meiner Wege. Das aber sag' ich: Eure Schuld
ists, Eure Schuld und einzig Eure Schuld, nicht meine. Hätte ihm nicht jemand
Gift eingegeben, dass er inwendig zu tun hatte, niemand hätte ihm das mindeste
anhaben können. Übrigens, es ist gekommen, wie es kommen musste. Geschah es heute
nicht, so wäre es morgen oder übermorgen geschehen, wenn nicht auf diese Art,
auf jene und möglicherweise noch schlimmere.«
    Damit warf sie trotzig den Kopf in den Nacken und stolzierte ins Haus nach
dem Portierstübchen, schleuderte dort das Geldtäschchen weg, setzte den Strohhut
auf, rückte ihn vor dem Spiegel zurecht und wandte sich abzuziehen.
    Allein die Köchin, die alte treue Lisabet, vertrat ihr den Weg.
    »Euer Lohn«, mahnte sie mit eisiger Stimme, indem sie ihr so beleidigend als
möglich ein Goldstück entgegenhielt.
    Catri brauste in heller Empörung auf, bereit, die Hand wegzustossen. Doch
sofort besann sie sich: »Ich habe den Lohn redlich mit fleissiger Arbeit
verdient«, sprach sie, »ich brauche mich seiner nicht zu schämen. Es ist kein
Geschenk, was ich annehme.« Sie nahm also das Goldstück und steckte es ein.
Hernach schritt sie in aufrechter Haltung zur Türe hinaus auf die Terrasse.
    Vor dem Volke angelangt, verkündete sie mit lauter Stimme: »Ich rufe Gott
und mein Gewissen zu Zeugen an, dass man mir unrecht tut, dass ich diese
schmähliche Behandlung nicht verdient habe.«
    In diesem Augenblick trugen sie Conrads Leichnam ins Haus, an ihrer Seite
vorbei. Zwar den Rumpf verdeckten die Träger; auch wandte sie sich unwillkürlich
ab, von Schmerz und Schauder überwältigt; nichtsdestoweniger streifte ihr
widerwilliger Blick den Stiefel des linken Beins, dessen herabhängendes Ende auf
dem Boden schleifte, und jählings trat ihr bei diesem Anblick das Bild ihres
Baschi vor Augen, wie sie ihn auf der Bahre heimbrachten. Also von doppeltem
Leid gleichzeitig überfallen, zersprang ihre starke Fassung, so dass ihr das
übermässige Elend in heulendem Tonschwall aus dem Herzen stürzte. Und also
heulend schritt sie mitten durch die Menge, in der Richtung nach dem Rebberg, wo
der Verkehr am spärlichsten war, stolz und bolzaufrecht wie immer, und ohne
jemandem einen Blick oder Gruss zu verabfolgen.
    Erschüttert machte das Volk ihr Platz, mit gemischten Gefühlen, zugleich
bewundernd und grausend, teilnehmend und verdammend. Es war anzuschauen wie ein
Strafgericht und doch wieder wie jemand, der in überlegener Unschuld, unberührt
von dem Urteil der Menschen, geraden Weges einherwandelt.
    Josephine und Berta eilten ihr nach. »Ihr müsst das nicht so wörtlich
auffassen«, tröstete Josephine, »es ist nicht so buchstäblich gemeint.«
    »Ihr dürft nicht einen so strengen Massstab anlegen«, mahnte Berta, »Ihr
müsst dem Schmerze der Schwester auch etwas zugute halten.«
    Die übrigen Kellnerinnen schauten kühl und fremd.
Catri strebte unaufhaltsam vorwärts. Beim Holzschuppen trat sie in die
Einsamkeit. Sie war kalt, die Einsamkeit, trostlos kalt; und weit, endlos weit;
und leer, zum Verzweifeln leer, als hätte sie sich irgendwo in der Ewigkeit
verloren.
    Bei der Kegelbahn begegneten ihr zwei schwebende Gestalten, vereint zum
Paar, die Hände verschlungen, die traumschönen Häupter strahlend vor Glück und
Hoffnung: sie und Conrad. Vor diesem Bilde schmolz ihre Seele, dass sie meinte,
das überquellende, ungebärdige Weh wolle sie zu Boden werfen, auf das geweihte
Fleckchen Erde, wo sie vor einer kurzen Stunde zusammen einen Bundesbaum
gepflanzt, mit lustigen Wimpeln und Fähnchen. Wie mit hundert starken Armen der
Natur zog es sie nieder, damit sie dort auf der heiligen Stelle ihr Leid
ausweine, demütig, sehnsüchtig und inbrünstig. Aber der Stolz hielt sie
aufrecht, und der Trotz stiess sie von hinnen. Sie verbarg das Gesicht in den Arm
und weinte in den Ellbogen.
    »Und gerade in einem solchen Augenblick«, schluchzte sie, »wo man meint - wo
man glaubt, - wo man das Glück -«
    Dann tauchte sie in die Dämmerung, längs dem Rebberg hinab in gleichmässigem
Geschwindschritte, den Abend mit dem tiefen, sonoren Wohlklang ihres
Trauergeheuls erfüllend. Bald aber entstieg dem Schmerze der Zorn. »Warum kommt
man denn«, meuterte sie, »und sucht mich auf und bittet und bettelt himmelhoch,
dass ich die Gefälligkeit haben möchte? Ich war ja im Kurbad vortrefflich
aufgehoben. Dort ehrt man mich und weiss mich zu schätzen. Ja, wenn ich wollte,
wenn ich nur im mindesten ein Zeichen gäbe!« - »Intrigantin! -
Mannsschleicherin! Wer? Ich? Ich bin nicht darauf angewiesen, Herrschaft zu
erschleichen; ich könnte sie auf dem Teller haben und noch dazu eine vornehmere
als den Pfauen - und habe auch nicht nötig, einen Mann zu erschnappen; sie
bieten sich mir ja alle an! Aber ist denn das meine Schuld? Ich bin wahrlich
nicht diejenige, die ihnen entgegenkommt. Ich begehre nur einen einzigen, den
ich gern habe und den ich achten kann; und dazu habe ich das heilige Recht, so
gut wie jede andere. - Es ist wahr, sie hat die Vollmacht, sie hat die
gesetzliche Befugnis und Berechtigung, sie kann mir das Haus verbieten, obschon,
obschon - es kostete mich ja bloss ein Wörtchen, und er stellte mich öffentlich
als seine Braut vor, er hatte ja die Absicht! Ich hätte dann sehen mögen, wer
mir meinen gebührenden Platz an der Leiche meines Bräutigams verwehrt hätte! Ihn
nicht einmal mehr sehen und anrühren zu dürfen! nicht einmal einen Kuss auf seine
bleichen Lippen zu drücken! - den ersten und letzten! - Doch verlobt oder nicht
verlobt, gleichviel, es gibt eine Wahrheit und eine Treue. Ein Wort ist ein
Wort, ob nun öffentlich gesprochen oder unter vier Augen. Und wenn einmal zwei
Worte sich gekreuzt haben, unter rechtschaffenen Menschen, so gilt es, auch ohne
Ring und Zeugen oder Pfarrer und Zivilpfarrer. Mir hat er das Versprechen
gegeben, das heisst, auf ehrlich, er gehört mir, mir allein, in alle Ewigkeit,
tot oder lebendig, und keiner anderen, mag sie noch so sehr einen lächerlichen
Abgott aus ihm machen! Dass er mich zuletzt nicht wiedererkannte, das beweist
nichts, gar nichts, nicht das mindeste, denn das begreift sich doch: wer mit dem
Tode zu kämpfen hat, der hat genug zu tun, er kann nicht den Geist auswärts
beschäftigen.«
    Dann kam ein neuer Schub von Jammer, so dass sie laut aufstöhnte; in das
Stöhnen aber mischte der Zorn bellende Laute. Plötzlich hielt sie an und drehte
sich um, das Gesicht nach dem Pfauen emporgerichtet.
    »Übrigens, ist sie denn verlobt?« Sie schloss gewaltsam die Lippen und
zerdrückte ein böses Wort zweimal und dreimal. Endlich konnte sie sichs doch
nicht versagen:
    »Wenn eine Gewisse wüsste«, entfuhr es ihr, »was ein gewisser Doktor mir für
Augen gemacht hat.« - Hernach reiste sie weiter. - »Ich gehe einfach wieder ins
Kurbad«, schloss sie ab.
    Unten im Rank, wo die Herrlisdörferreben sich nach den Rubistaler Flühen
zurückziehen, folgte ihr ein kicherndes Hohngelächter aus dem Weinberg.
    Kein Zweifel, es waren die Wagginger, denn nur der Feind triumphiert über
ein Weh. Flugs machte sie Front und wetterte mit mähenden Armen wie der Pfarrer
in der Kirche eine Buss- und Karfreitagspredigt in den Weinberg:
    »Fluch und Schande über euch gottvergessene Mordbuben! Möge jedem von euch
dereinst in der Sterbestunde das Gewissen in die Gurgel steigen, dass euch die
Hölle, der ihr sicher nicht entrinnt, schon auf dieser Welt den Borst sengt und
brenselt. Ich bete nicht, der Donner des Himmels möge euch erschlagen, denn
unseres Herrgotts gesunder, reinlicher Blitz ist viel zu sauber für schmutzige
Wiedehopfe eurer Gattung. Er würde ja zeitlebens stinken, der Blitz, wenn er
euch anrührte! - Männer will das vorstellen? Männer, dieses krumme, missgeborene
Bastardgezücht, diese siechen Hämlinge ohne Mut, ohne Kraft, ohne Muskel, ohne
Stimme? Aber getrost. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie er ihn
gestochen hat und wer ihn gestochen hat, und mit mir hundert andere. Man kennt
ihn, und man kann ihn nennen. Der Mattiesen-Michel von Niederwaggingen ists und
niemand sonst. Ich habe ihm im Tanzsaal die Hand übers Maul geschlagen, ich
werde ihm im Gerichtssaal den Zeigefinger in die Augen stecken und sagen: Du
bists, und ich mache mich anheischig, es eidlich zu beschwören. Und wenn -
gesetzt der Fall - die eigene Familie nicht klagen will, so klage ich und gehe
zum Staatsanwalt und lasse nicht nach und verlange Recht und Sühne. Und wenn er
nicht will, so zwinge ich ihn mit seiner Pflicht und seinem Beruf und mit dem
Regierungsrat und mit der Zeitung, bis er muss.«
    Und als jetzt zur Warnung ein Kieselsteinchen an ihr vorbeitänzelte,
ersprang sie über zwei Stapfeln das Mäuerlein, riss einen Stecken von den Reben
und wies ihn drohend vor, wie man einem Hunde droht. »Eia, ich bin nur eine
schwache Jungfrau«, rief sie, »aber mit einem halben Dutzend eures Gelichters
wollt' ich mirs im Notfall noch getrauen aufzunehmen.« Dann, nachdem sie eine
Weile in der herausfordernden Stellung verharrt, schleuderte sie mit
verächtlicher Gebärde den Stecken fort und zog ihres Weges, der
Eisenbahnböschung entlang, dem Bahnhof zu.
    Schlurpende Schritte hasteten ihr nach, und jemand tippte ihr auf die
Schulter. Trotz der Dunkelheit erkannte sie den Oberwagginger Fürsprech.
    »Ihr, Catri, oder wie Ihr heisst, seid Ihr Euch denn aber auch der
Verantwortlichkeit bewusst, was das sagen will, sein Gewissen mit einem Eide
belasten?« munkelte er.
    »Jawohl«, antwortete sie höhnisch, ohne den Schritt zu verkürzen. Der
Fürsprech zupfte sie am Rock.
    »Ihr habt ja doch auch ein fühlendes Herz; Ihr werdet gewiss nicht
unnötigerweise einen Menschen ins Unglück bringen wollen, der vielleicht mehr
aus jugendlichem Übermut« - zugleich liess er ein grosses weisses Fünffrankenstück
schimmern. Da versetzte sie ihm mit dem Ellenbogen einen Stoss in den Magen, dass
das Geldstück auf dem Weggestein klimperte, wonach der Fürsprech schimpfend
zurückblieb, um seinen Fünfliber zu fischen.
    Beim Stationsübergang überstieg sie schlankweg die geschlossene Barriere.
»Heda, he! halt, halt!« wehrte aufgebracht der Wächter, »es kommt ein Zug.«
»Meinetwegen«, erwiderte sie kurz und war schon über dem Geleise.
    Eine ziemliche Menge Volkes war vor der Station versammelt, in feierlicher
Haltung, wie zu einem Begräbnis, gedämpft sprechend, ereignisschaudernd und
neuigkeitslüstern. Obschon der Pfauen von hier aus nur stückweise sichtbar war
und das sichtbare Stück überdies in der Dämmerung versank, schaute doch alle
Welt nach dem Gastof empor, auf der äussersten Kante der Wartehalle stehend,
Belehrungen über die Ortsverhältnisse, wo sich das Ereignis begeben hatte,
austauschend. Catris Ankunft weckte ein Flüstern, und während aller Augen sich
nach ihr richteten, machte man ihr ehrerbietig Platz.
    Der Vorstand nahm höflich grüssend die Mütze ab. »Ist es denn wirklich wahr?«
wagte er schonend.
    Catri erhob die Stimme:
    »Wahr ist«, rief sie, »dass auf dieser Welt die Besten unterliegen und die
Schlechtesten obenauf sind.«
    Die Neuberin, die Pintenwirtin, ergriff sachte ihren Arm. »Wolltet Ihr nicht
lieber ein bisschen aus dem Gedränge, bis Euer Zug kommt? Es dauert noch
reichlich eine Viertelstunde.«
    »Der Zug Nummer zwölf hat überdies zweiundzwanzig Minuten Verspätung«,
ergänzte der Vorstand verbindlich.
    »Kommt«, drängte die Neuberin. »Sitzt ein wenig ab, Ihr habt Ruhe nötig.«
    Da liess sie sich wegführen, über die Strasse ins Gärtchen, ins Läubchen.
»Hier seid Ihr vollkommen ungestört«, tröstete die Neuberin einladend; »Ihr müsst
freilich sehr, sehr vorlieb nehmen«, entschuldigte sie, »es ist halt alles gar
entsetzlich einfach bei uns, im Vergleich mit Euch im vornehmen Kurbad.«
    Aber Catri stutzte und rümpfte die Nase. Ein unordentliches Weibsbild in
schlampigem Rock mit ungekämmten Haaren lag drinnen auf den Knien, die Arme auf
die Bank gelegt, den Strubelkopf zwischen den Armen verborgen, und schluchzte,
als hätte sie die ewige Seligkeit verwirkt. Die Neuberin puffte, rüttelte,
schüttelte die Daliegende hin und her, stupfte auch nachhelfend mit dem Fuss.
»Jucunde, so steh doch endlich auf«, belferte sie ärgerlich, »du machst ihn ja
doch nicht wieder lebendig mit deinem unsinnigen Gebaren.«
    Jucunde liess sich schütteln, dass ihr Rumpf hin und her wackelte, gab jedoch
kein anderes Lebenszeichen, als dass ihr Schluchzen in Wehgeschrei überging.
    Die Neuberin, ihre Ohnmacht einsehend, gab weitere Versuche auf.
    »Ihr müsst Euch nicht daran kehren«, bat sie seufzend, »es ist halt in Gottes
Namen die Jucunde. Ein unvernünftiges Tier hat mehr Verstand.«
    Da liess sich Catri auf das äusserste Ende der Bank nieder, einen
misstrauischen Blick nach Jucunde werfend, als fürchtete sie, ihre Augen mit dem
Anblick zu verunreinigen.
    »Darf ich Euch vielleicht ein Gläschen Wein aufwarten?« schmeichelte die
Neuberin.
    »Nein, ich danke.«
    »Oder etwa eine Kerze? Es nachtet zusehends.«
    Catri verneinte.
    Die Neuberin aber beharrte mit verschränkten Armen auf dem Platze,
schweigend, nur ab und zu einen Seufzer entladend.
    »Das ist ein böser Sonntag«, ächzte sie. »Von dem wird man wohl noch
jahrelang reden, und nicht nur in Herrlisdorf, sondern im ganzen Bezirke.«
    Dann hub sie an zu förscheln: »Wie ist es denn eigentlich gekommen?« wagte
sie gedämpft und vertraulich.
    »Das wird sich vor Gericht erweisen!« erwiderte Catri barsch, den Fragemut
vorabschneidend.
    Die Neuberin kratzte sich, um Zeit zu gewinnen. Darauf setzte sie wieder an:
»Was wohl der Vater, der alte Pfauenwirt, dazu gesagt haben mag? Und erst die
Pfauenwirtin! die ohnehin schon alles schwarz sieht?! Und die Schwester, die
schöne Anna, die nicht höher geschworen hat als auf ihren Conrad! - Das wird
jetzt wohl auch im weiten Feld sein, das mit dem Doktor Inderwyler, die
Verlobung -«
    Da indessen Catri auf keine dieser Angeln anbiss, wandte sie sich ein wenig
um, als ob sie sich entfernen wollte. Allein sie brachte es doch nicht übers
Herz, den Auskunftsposten zu verlassen. Und als der kleine Conrad, das Büblein,
auf unsichern Beinchen durch das Gärtchen pendelte, lud sie ihn auf den Arm und
zeigte gegen den Pfauen: »Denk, Büblein«, bedauerte sie, »der schöne Reiter, der
heute mittag über den Balken sprang - weisst du noch? - der ist jetzt tot.«
    Bei diesen Worten schrie Jucunde in den höchsten Tönen, wie ein Ferkel, das
von der Köchin abgestochen wird, während ihr Catri einen feindseligen Blick in
den Nacken bohrte. Das Büblein aber juckte auf dem Arm: »Hü, hü«, lallte es.
    Endlich verzog sich die Neuberin doch, obschon ungerne. »Ich komme Euch dann
mahnen, wenn Euer Zug einfährt.«
    Kaum spürte sich Jucunde mit Catri allein, so reckte sie, ohne den Kopf zu
erheben, ihre Hand mit gespreizten Fingern aus, Catris Arm suchend, den sie
krampfhaft drückte. So wie Verwandte an der Leiche eines Angehörigen zu tun
pflegen, um die Gemeinsamkeit des Schmerzes zu bekunden, wenn die Worte
versagen. Allein Jucundens Finger waren nass von Schleim und Tränen. Catri riss
sich unwillig los, stand auf, und indem sie mit dem Taschentuch angelegentlich
die Stellen wischte, wo Jucundens Finger sie beschmutzt hatten: »Ich verbitte
mir dergleichen!« erklärte sie empört.
    Hierauf setzte sie sich wiederum, indessen noch weiter am äussersten Rand der
Bank, so dass sie nur auf dem linken Schenkel ruhte. Um aber ähnlichen
Vertraulichkeiten vorzubeugen, bemerkte sie strenge mit nachdrücklicher
Betonung: »Ich liebe nicht Zudringlichkeiten von fremden Personen.«
    Jucunde verübelte ihr die kränkende Abfertigung nicht, sondern demütig ihr
nasses Antlitz erhebend: »Euch also hat er lieb gehabt«, bewunderte sie mit dem
Ton ehrerbietigster Unterwürfigkeit.
    »Das geht Euch nichts an!« herrschte Catri.
    Jucunde liess ihren Kopf wieder auf den Arm sinken.
    »Dort an jenem Tisch, an jenem Tisch, dort ist er gesessen«, erzählte sie
zwischen herzbrechendem Weinen. Hernach wies sie ihre wunde Hand vor, war aber
vor Tränen nicht imstande, die Erklärung hinzuzufügen.
    »Oh, hätte ich ihn doch nicht ziehen lassen!« schluchzte sie. »Warum war ich
nur so kalt! So keusch! So zurückhaltend! Warum lief ich ihm nicht nach und
holte ihn ein und warf mich ihm in den Weg und hielt ihn an den Knien fest! Er
sässe jetzt hier im Garten, gesund und lebendig. - Und ohne Abschied, ohne Gruss!
Oh!« - Sie schlug den Kopf auf die Arme. »Und er schaute sich noch nach mir um,
und ich zeigte mich nicht! Oh!« Sie raufte sich die Haare und tat wie
wahnsinnig.
    Von nun an sprach sie nichts mehr, sondern weinte beständig. Es schien
unmöglich, dass ein Geschöpf erbärmlicher weinen könnte. Und doch, wenn sie von
Zeit zu Zeit den verstörten Blick nach dem Pfauen richtete, dessen weisse Mauern
noch durch die Spätdämmerung schimmerten, so barsten immer wieder frische
Schleusen ihres Leides, dass die Tränen und Schluchzer sich jählings
verdoppelten. Und unwillkürlich strebten immer von neuem ihre breiten, plumpen
Finger nach Catris Arm, wie ein verstümmeltes Tierchen, das den Stummel
vorstreckt, aber ängstlich wieder zurückzieht, weil es erfahren hat, dass es dort
aussen wehtut.
    Die Neuberin wuselte wichtig heran:
    »Habt Ihrs gehört?« meldete sie ausser Atem. »Sie sind noch einmal aneinander
geraten, die Wagginger und die Waldishofer, hinter den Reben in den Rubistaler
Flühen. Die Waldishofer seien durch den Wald und hätten ihnen den Weg
abgeschnitten. Sie sollen ganz unvernünftig gehaust haben, die Waldishofer, wie
die wilden Tiere, nicht wie Menschen, besonders der Christian, der Wachtmeister.
Das ist doch wahrhaftig auch nicht recht. Es sind ja schliesslich doch auch
Menschen, die Wagginger; wenn auch vielleicht ein bisschen lustig und übermütig.
Sie sind halt jung. Wir wenigstens, so oft sie bei uns einkehrten, haben uns
niemals über sie zu beklagen gehabt. - Es seien ein paar im Rebberg
liegengeblieben; den Fürsprech von Oberwaggingen haben sie auf dem Fuhrwerk
heimgetan, und den Mattiesen-Michel hat man nach Herrlisdorf tragen müssen; er
werde schwerlich mehr aufkommen.«
    »Das ist recht, das freut mich«, bemerkte Catri.
    Da zitterte die Luft und bebte die Erde, elektrische Signale tingelten,
durch die Finsternis rollte unter Zischen und Brausen eine unförmliche, schwarze
Masse mit roten Augen daher, jählings ins Riesenhafte wachsend, wie aus dem
Boden steigend.
    »So, das ist jetzt Euer Zug«, mahnte die Neuberin. Catri machte sich hastig
auf, einen kurzen Dank zurückwerfend.
    »So wollt also Ihr mich auch verlassen!« jammerte Jucunde, »so habe ich denn
niemand auf der ganzen Welt mehr, der mich ein klein wenig versteht und mich ein
bisschen tröstet!«
In dem Augenblick, da Catri über die Strasse eilte, fuhr ein Chaisechen flink
auf leisen Rädern heran, mit klingenden Schellen und trippelndem Rösslein.
    »Ist der Conrad noch in der Pinte, oder ist er wieder daheim?« rief ihr
Benedikt wohlgemut entgegen.
    Sie hielt sich indessen nicht mit einer Antwort auf, sondern gewann die
Station, wo eben der Zug bremste.
    Noch hatten die Räder sich nicht vollends beruhigt, so flogen bereits
aufgeregte Rufe hin und her.
    »Wisst ihrs schon?« »Was?« »Wo?« »Wann?« »Nicht möglich!«
    Allein der Vorstand wetterte:
    »Wir haben jetzt keine Zeit zu vermischten Nachrichten. Der Zug hat mehr als
eine halbe Stunde Verspätung. Heraus, wer heraus will, und hinein, was hinein
gehört!« Dazu strapazierte er wie besessen die Stationsglocke.
    Es folgte eine kopflose Verwirrung von kreuz- und querstürmenden Menschen.
    »Dritte Klasse«, heischte Catri.
    »Dritte Klasse hinten einsteigen«, verwies der Schaffner grob. »Aber
schneller ein wenig!«
    »Dritte Klasse«, wiederholte sie, als sie aufgeregten Atems hinten anlangte.
Der Schaffner fuhr sie wütend an:
    »Dritte Klasse vorn einsteigen«, brüllte er.
    »In einem Schweinestall herrscht mehr Ordnung und Manier«, rief Catri
aufgebracht.
    Darob entspann sich ein Schimpfgefecht zwischen den beiden Schaffnern,
während Catri gebieterisch nach dem Zugführer verlangte.
    Ausser sich über die Verzögerung, eilte der Vorstand herbei. Sowie er Catri
erkannte, grüsste er verbindlich und geleitete sie persönlich in eine Abteilung
erster Klasse.
    »Fertig, fort!« schnarrte er.
    »Wijüh!« bestätigte die Pfeife des Zugführers.
    Und mit mächtigem Stampfen setzte sich der schwere Zug in Bewegung,
begleitet von Grillengezirp und Sternengeflimmer, hart an der Lissi vorbei, die
ihre heimatgierigen Nüstern ungeduldig über den Hemmbalken vorschob, und an der
Pinte vorüber, wo Jucundens trostloses Wehklagen weitin durch die schwarze
Nacht zitterte, - dem Kurbade entgegen.
 
    