
        
                                Jakob Wassermann
                             Die Juden von Zirndorf
                            Dem Andenken meines Vaters
 
                                    Vorspiel
Gemächlich schwebt die Zeit hin über die Länder und über die Geschlechter, und
wenn sie auch Städte zertritt und Wälder zerstampft und neue Städte und neue
Wälder hinwirft mit gleichgültiger Gebärde, so vermag sie doch dem heimatlichen
Boden niemals seine Lieblichkeit zu rauben oder seine Rauheit, kurz jene Gestalt
und jenes Antlitz, womit die Heimat ihren Sohn erfüllt, indem sie ihn gleichsam
als ihr Eigentum in Anspruch nimmt und ihm auf den Weg seines Lebens die Worte
ins Herz sät: aus meinem Ton bist du gemacht.
    Die süsse und einschmeichelnde Linie des Horizonts, die von den Mauern
Nürnbergs über Altenberg nach der Kadolzburg zieht, hat sicherlich im Lauf der
Jahrhunderte keinerlei Veränderung erlitten; es sei denn, dass ein
gewitterreicher Sommer eine einsame Pappel gefällt, oder dass eine ungestüme
Überschwemmung einen stillen Fichtenhain mit fortgerissen hätte. Dort, wo
Rednitz und Pegnitz zusammenfliessen, haben freilich die letzten zweihundert
Jahre den Flor der Wälder vernichtet, aber weiter hinüber, jenseits der alten
Veste mit ihren Steinbrüchen und ihren dunklen Tannen, dehnt sich der fränkische
Gau seit Urandenken als eine weite, breite, friedliche, fruchtbare Ebene, wo das
Korn gedeiht und die Kartoffel gedeiht und der Mohn blüht und die weisse Rübe
reist.
    Aber in jenem Winkel zwischen den beiden Strömen haben die Kriege des
siebzehnten Säkulums dem natürlichen Schmuck des Bodens gar sehr Abbruch getan.
In den dreissiger Jahren befand sich hier das grosse Lager der Schweden, und der
geängstigte Bauer fand seine Äcker mit Blut gedüngt. Schnellfüssig hastete der
Kriegsschrecken durch Franken, und die kurfürstlich Onolzbachischen und die
Nürnbergischen sahen sich gleicherweise gedrängt, Mut und Gottvertrauen nicht
fahren zu lassen. Lange Jahre gingen hin, bis die zertretenen Felder wieder zu
ihrer natürlichen Fruchtbarkeit erstarkten, und selbst nach dem Friedensschluss
lag noch manches Stück Land verödet. Überall zeigten sich Spuren frecher
Feindeshände. Unweit der Kapelle Karls des Grossen, die am Schiessanger in Fürt
steht, ragt ein mächtiger Steinhaufen in die Höhe, und man sagt, die Schweden
hätten ihn aufgerichtet als ein Wahrzeichen ihrer Siege: nämlich jeder Stein
bedeutet ein geplündertes Haus. Langsam entfaltete sich der Frieden wieder;
schüchtern wuchs er heran und sah mit ungläubigen Augen ins ebene Land der
Regnitz hinauf. Das Volk begann zu vergessen, und es kam die Zeit, wo schon die
Väter und die alten Veteranen von den Schrecken der Schlacht erzählten, und sie
liessen sich die Mühe nicht verdriessen, die erlittenen Fährlichkeiten
phantasievoll auszuschmücken, und was sie an Heldentaten von andern vernommen,
sich selbst zuzuschreiben. So war es Kriegerbrauch seit Kriege bestehen, und
auch die von Franken waren mit ihrer Zunge mehr Helden als mit ihrem Arm. Der
Krieg gewinnt an Bunteit und an Froheit, wenn ihn die Jahre fortgetragen haben,
und gar mancher erzählt schmunzelnd von denselben Gräueln, die ihn einst
erzittern liessen bis in seine tiefste Seele.
    Auf jenem Schwedenstein bei der Kapelle befand sich unter vielem andern
Gemäuer ein gut zubehauener Granitblock, welcher mit seltsamen und
fremdländischen Lettern bemalt war. Es war eine jüdische Inschrift auf einem
Grabmonument; die Schweden hatten ihn vom Gottesacker der Juden gestohlen und
ihn mitten unter die Steine rechtgläubiger Christen geworfen. Kein Christ wagte
es aber, den Stein zu entfernen, denn ein grosses Befremden ging von seinen
verschnörkelten Lettern aus und sie hatten Furcht, dass sie dem Bann eines
Zauberspruchs verfallen möchten, wenn ihre Hand den verruchten Judenblock
berührte. Mehr als drei Jahrzehnte lag der Grabstein so; wollte man seine
Inschrift in die Sprache jener Zeit übersetzen, so lautete sie: »Der schöne
Joseph, den man nur gern angesehen, unsere Augen-Lust ist nicht mehr vorhanden.
Jetzt sind ihm Gabriel und Michael als Hüter zu seiner rechten und linken Hand
zugegeben worden. Die Jahre seines Lebens waren wenig und boess. Er brachte sie
nicht höher als auf siebzig. Er war ein solcher Regent, der wie Barak und
Deborah das Volk mit grossem Ruhm regieret. Er suchte seine Lust in dem
Studieren, sein Sterben war wie seine Geburt, nämlich ohne Sünde. Als seine
Seele am fünften Tag in der Woche von ihm geschieden, hörte man Heulen und
Weinen. In Bamberg ist er freudig gestorben, den achtundzwanzigsten Tag des
Sivans. Jetzt ist dies die Zeit, da wir vor Jammer und Herzeleid unsere Kleider
zerreissen und unserer Augen Tränen fliessen lassen. Nach seinem Abscheiden hat
man ihn zu Fürt zur Grabesruhe gebracht. Seine Seele soll gebunden sein in das
Bündelein der Lebendigen mit der Seele Abrahams, Isaaks und Jakobs und der
Sara.«
    Lange Zeit hindurch war es der Kummer der Juden, einen Stein aus ihrem
Heiligtum solcher Entweihung preisgegeben zu wissen. Sie glaubten, die Seele des
schönen Joseph, des Naphtali Sohn, hätte keine Ruhe und wandle allnächtlich
klagend zum Schwedenstein. Denn auch sie wagten nicht, den Stein zu entfernen,
weil der Schwedenstein als eine Art von Friedens-Symbol galt, und jede
Beschädigung einer Vorbedeutung neuen Krieges gleichgeachtet wurde. Schwer trug
der Bürger und der Bauer noch an Kriegeslasten, und viele liessen vom Pfaffen ein
Bittgebet um langen Frieden sprechen.
    So stand also das Grabmal der Juden unter ungleichartigen Genossen wie ein
Fremdling aus weiter Ferne. Es sprach eine unbekannte Sprache und seine edlere
Form liess es zu besserem Dienst berechtigt erscheinen. Es blickte nicht hinaus
auf die Ebene, sondern sah herein gegen die niederen Häuser und in die krummen,
winkeligen Gassen von Fürt. Unfern rauschte der Fluss hinunter ins Bistum
Bamberg, und wenn er im Herbst die gelben Fluten zum Uferrand und noch weit
darüber hinauswälzte, so mussten bisweilen einige Linden am Schiessanger ihr Leben
lassen. Das Wasser brach sie wie dürre Zweiglein und trieb sie ins Mainland
hinab, innig gesellt mit Balken und Astwerk und Hausgeräten und allerlei
spasshaften Dingen, die der wildgewordene Strom aus der Stadt Nürnberg mit sich
führte.
    Wenn der Stein des schönen Joseph an Gottesfrieden verlor, so gewann er
hingegen an Weltweisheit und Kenntnis der Dinge und Menschen. Ernst besah er
sich das Treiben der Leute, die um ihn herumwandelten wie Sperlinge um einen
gedeckten Tisch; Gewitter und Schneegestöber, Regen und Sonnenhitze, er hielt
sie mit gleicher Geduldigkeit aus, und wenn die sanfte Nacht seine graue Stirn
beschattete, so schien darauf noch ein süsser Abglanz der letzten purpurnen
Sonnenröte zu haften oder ein Vorglanz des kommenden Morgenrots. Denn die Sonne
strahlt diesem Erdstrich beim Aufgang und beim Niedergang mit einer unerhörten
Glut, was die Gelehrten dem Dünstereichtum des Landes zuschreiben.
    Fest, Tanz und Kirmesspiel waren von jeher üblich bei den Fränkischen, die
einen leichten Sinn haben und ihre Pfennige gern zum Schenkwirt tragen. An einem
Kirchweihtag im Oktober, siebzehn Jahre nach dem grossen Friedenspakt, - das Volk
jubelte auf dem Schiessanger, zum Tanze schwangen sich die Mädchen und lustige
Weisen spielten die Zigeuner und Spielleute - ging ein alter Mann, nachdem er
lange Zeit nachdenklich vor der jüdischen Inschrift am Schwedenstein gestanden,
gegen den Anger zu. Der Abend sank schon herab und der Himmel war von einem
matten Rot getränkt. Blaue Schatten fielen auf den rauschenden Fluss,
Schmiedehämmer tönten von fernen Gassen her, und der schrille Laut verklang erst
weit draussen in den Wiesen. Dann setzte wieder die Musik ein: Orgel und
Fiedelbögen, die Maultrommel und die Wasserpfeife. Die Buben lachten und
sprangen wild um die alten Bäume, und die Mädchen hatten glänzendere Augen an
diesem festlichen Tag. Die Nürnberger Kaufleute boten niegesehene Waren aus, und
Seiltänzer, Taschenspieler und Zigeuner versprachen Wunder ihrer Kunst zu
bieten. Als die Dämmerung herabsank, wurden Pechfackeln an die Stämme und die
fahrenden Häuser der Komödianten befestigt, und der schwere braune Rauch erhob
sich in weiten Wellungen, zog hinüber gegen den Strom, zog über die Wiesen hin,
und einzelne Funken sprangen knisternd in die Lindenäste. Die dumpfe Glut gab
den Gesichtern der Menschen ein abenteuerliches Farbenspiel und die Sterne am
Himmel verblassten für jeden, der sich in dem trüben Lichtkreis befand. Der alte
Jude hielt die rechte Hand wie einen Schirm über die Augen und blickte finster
und forschend in das heitere Getümmel. Sein Gesicht war von grünlich-weisser
Färbung und ein roter Bart floss mager um Wangen und Kinn, so dass er nur
eigentlich eine Art von Rahmen bildete und dem Gesicht etwas Fremdes, etwas
erschreckend Deutliches verlieh. Die braunen Sterne seiner Augen irrten unruhig
in dem geröteten Weiss umher, und bisweilen erweiterten sich die Pupillen rasch
wie die eines Raubtieres. Es waren Judenaugen: voll Hast, voll Unfrieden, voll
von unbestimmtem Flehen, von einer gedrückten Innigkeit, bald in Leidenschaft
flackernd, bald in Schwermut alle Glut verlierend, die Augen des gehetzten
Tieres, das angstvoll und kraftlos die Blicke dem Verfolger zuwendet, oder in
bebender Sehnsucht hinausstarrt in das ferne Land der Freiheit. »Das Volk ist
wild,« murmelte er, »da tanzen sie und blasen Schalmeien und morgen schon wird
Gott ein Gericht halten.« Er blieb stehen, verbeugte sich tief nach Osten und
lispelte ein kurzes Gebet durch die schmalen Lippen.
    Unter den Linden des Angers tanzte ein Zigeunermädchen einen wunderlichen
Tanz und zwei Burschen spielten die Geige dazu. Eine Menge von Zuschauern hatte
sich im weiten Kreis versammelt und alle waren atemlos vor Schaubegierde. So war
es immer in den Tagen Remigius, Leodegar und Lukretia in Fürt; die Menschen
erwachten aus dem drückenden Traum ihrer Sorgen und dünkten sich freigeboren und
glückbestimmt einmal im Jahr.
    Nach der Zigeunerin kam ein junges Mädchen von grosser Schönheit langsam in
die Mitte des Kreises. Sonderbar irrten schmale Schatten auf ihren bleichen
Wangen und auf ihrer Stirn, und sie war schlank wie jene Frauen, die man zu
Florenz malte. Ein langes Gewand floss an ihrem Leib herab, und sie begann, ohne
die Arme zu bewegen, ohne die Augen vom Boden zu erheben, mit klagender Stimme
ein Rezitativ:
Ich weiss nicht, wo's Vögelein ist,
ich weiss nicht, wo's pfeift.
Hinterm kleinen Lädelein,
Schätzlein, wo leist?
Es sitzt ja das Vögelein
nicht alleweil im Nest,
schwingt seine Flügelein,
hüpft auf die Äst'.
Wo ich gelegen bin,
darf ich wohl sagen.
Hinterm grün Nägeleinstock
zwischen zwei Knaben.
    Doch sang sie diese Worte leise und melancholisch. Ihre Lippen zitterten und
sie senkte den Kopf tief gegen die Brust. Der Harlekin kam und äffte sie, aber
sie blieb starr wie eine Bildsäule; er begann an ihr herumzuschnuppern und
erklärte endlich grinsend, das sei ein feines Aschenputtel für sein Ehegespons.
Er wollte sie umfassen und davontragen, da kam ein Ritter in glänzender Rüstung,
um sie zu befreien. Der Hanswurst verwandelte sich und stand nun in seiner
wahren Gestalt da: als der Teufel. Er kämpfte mit dem Ritter und als er nahe
daran war, zu siegen, zog jener ein elfenbeinernes Kruzifix heraus und hielt es
dem Bösen hin. Der Satan stiess ein schreckliches Geheul aus und sprang in grossen
Sätzen davon.
    Da trat aus einer Lücke in dem Kreis der Zuschauer der alte Jude, stieg über
die niedrige Planke hinweg und sein langer Kaftan flatterte im Abendwind, als er
auf das blasse Mädchen zuschritt. Sie schlug ihre Augen zu ihm auf und
schüttelte sich plötzlich wie im Fieberfrost; seine Blicke bohrten sich gleich
Nadeln in sie ein und sie las etwas in dem flackernden Feuer dieser Augen, das
lange schon ihre Seele mit grüblerischer Furcht erfüllt hatte. Es war, als ob
ihre Seele auf einmal von frühen Erinnerungen der Kindheit ergriffen würde und
darüber erschüttert wäre. Der rotbärtige Jude hatte seine Finger um ihren Arm
gelegt, dass sie wie Spangen sich schlossen, und er blickte sie unverwandt an,
als ob er einen Wunsch, einen unwiderstehlichen Befehl tief in ihr Herz zu
senken wisse, so dass kein Wesen daran zu rühren vermochte. Die Musik schwieg,
der Lärm in der nahen Runde dämpfte sich zum Gemurmel, viele empfanden ein
zielloses Grauen, viele nur Neugier und Erwartung. Den Fluss hörte man rauschen,
der Wind strich durch die Bäume; er warf gelbe Blätter herab und eine leichte
Kühlnis ging herbstahnend über den Anger. Der Jude beugte sich nieder und
murmelte in des Mädchens Ohr: »Gedenkst du noch an den Feuerbrand in deiner
Heimat, Zirle? An den Vater, an die Mutter, an die Brüder und an alle andern,
die tot sind? Zirle, denkst dus noch?« Tränen flossen über des Mädchens Wangen
und es schaute völlig verloren in eine vergangene Nacht. Und der Alte fuhr fort:
»Um die Mitternacht des nächsten Vollmondes musst du zu mir kommen; du wirst
Zacharias Naar zufinden wissen, wo es auch sei. Den Messias verkündige ich, dem
die geheimnisvollen Tiefen der Wesenheiten offenbar geworden sind.«
    Ein unwilliges Murren erhob sich über die Störung des Festes und der
Fröhlichkeit. Zacharias Naar wandte sich ab von dem Mädchen und schritt bald
darauf langsam dem Ausgang des Angers zu. Niemand kannte ihn, alle wichen ihm
aus und schnell lief ein Wort von Mund zu Mund: Ahasverus. »Ja ja, er laufft
umher wie der tolle Judt,« sagte ein verschrumpftes Weiblein und schnüffelte mit
der dünnen Nase in der Luft umher. Sie wisse einen Spruch, erzählte sie mit
klirrender Stimme den jungen Leuten, die sie umstanden:
Der Jud' Ahasverus weit und breit
vor alters und vor dieser Zeit
bekannt, geht nun durch alle Welt,
red't alle Sprachen, veracht' das Geld
Was er von Christo reden tut,
kannst hören hie, doch mit Unmut.
Veracht' ihn nicht, lasst wandern ihn,
weil Gott ihm geben solchen Sinn:
dass er von Christo, seinem Sohn,
red't alles Guts und ohne Hohn
Ihn zehret ungemessne Pein,
es ängstet ihn der Sonnenschein,
dein Urtel, wie es auch mag sein,
lass Gott, der kennt das Herz allein.
    Zacharias Naar schritt durch die dunklen Strassen des Orts zum Tempel der
Juden. Dort war noch Gottesdienst, denn es war der Vorabend des
Versöhnungsfestes. Bald stand er unbeachtet unter der Menge der Gebete
Murmelnden, den Tallis um die Schultern, und starrte mit glühenden Augen gegen
den Altar. Keine friedliche Feststimmung herrschte in diesem Raum. Jeder schien
seinem Gott für sich zu dienen, und bisweilen entstand ein unbestimmter Lärm, in
dem sich eine schreiende oder keifende Stimme abhob. Ein dumpfer Höhlengeruch
erfüllte das Gotteshaus; es roch nach altem Leder, nach alten Gewändern, nach
Rauch und faulem Holz. Kinder standen umher und glotzten mit stumpfsinniger
Andacht in Bücher mit gebräunten Blättern. Der Raum glich einem unterirdischen
Gemach für Verschwörer, einer Büsserklause für Asketen; nichts von Lebensfreude
und nichts von Gottesfreude war hier zu finden. Die Lichter qualmten und wer aus
freier Luft hereinkam, glaubte alsbald in eine schwül-qualmende Schlucht zu
versinken.
    Das letzte Kaddisch war beendet; alle rüsteten sich zum Aufbruch. Da schritt
Zacharias Naar dem Altar zu und erhob die Hand: ein Zeichen, dass er zu reden
wünsche. Es wurde still und aller Augen wandten sich dem Fremdling zu. Der
begann, - nicht laut und scheinbar mehr für sich selbst. Er sprach zuerst in
hastig hingeworfenen Worten von der Niedrigkeit und Erbärmlichkeit des jüdischen
Volkes; von der Unterdrückung, die es erlitten, und von der Zerstreuung in alle
Teile der Welt. Dann, als er gewiss war, dass alle aufmerksam lauschten, wurde
seine Stimme lauter, sie verlor den belanglosen Ton und seine Augen begannen zu
blitzen. Er rief den alten Gott der Juden an, der Verheissung auf Verheissung
gehäuft und die Armut über sein erwähltes Volk geschüttet habe und die Qualen
der Heimsuchung, ärger als zur Zeit der ägyptischen Plagen. Es wurde totenstill.
Selbst die Mauern schienen zu lauschen und die Worte mit Begierde einzusaugen.
Der Redner fuhr fort: »Der Zorn des Herrn ist entbrannt wider sein Volk, und er
streckt seine Hand aus und er schlägt es, so dass die Berge erzittern und ihre
Leichen wie Kehricht auf den Strassen liegen. Haben sie uns nicht beschuldigt:
ihr vergiftet unsere Brunnen? haben sie nicht unsere Brüder hingeschlachtet zu
Tausenden? Haben sie nicht geschrien: ihr nehmt das Blut unserer Kinder zum
Opfer beim Passahfeste? Ihr nehmt das Blut und braucht es für euere schwangeren
Weiber? haben sie uns nicht ausgewiesen aus ihren Städten und unsere Häuser
verbrannt? und unsere Güter geraubt? Müssen wir nicht vogelfrei dahinwandern und
viele finden keine Hütte, wie Kain, der seinen Bruder erschlug? Haben sie uns
nicht aufs Rad geflochten und den Henkern im Land preisgegeben wie krankes Vieh?
nicht unsere Kinder verbrannt, nicht unsere Weiber geschändet und als die Pest
kam, nicht schlimmer unter uns gewütet, denn die Pest? Bei alledem hat sich der
Zorn des Herrn nicht gewandt. Doch jetzt, jetzt wird er ein Panier aufrichten
dem Heidenvolk aus der Ferne und wird ihm pfeifen vom Ende der Erde und siehe,
eilends, flugs kommt es. Keilt Matter und kein Strauchelnder ist darunter; nicht
gibt es sich dem Schlummer noch dem Schlafe hin; auch springt nicht der Gurt
seiner Lenden, noch zerreisst der Riemen seiner Schuhe. Die Hufe seiner Rosse
sind wie Kiesel zu achten und seine Räder wie der Sturmwind. Gebrüll hats wie
die Löwin und brüllt wie die jungen Löwen und knurrt und packt den Raub und
trägt ihn davon und niemand vermag zu retten. Und es wird über Juda dröhnen wie
Meeresdröhnen und blickt er auf das Land hin, siehe da ist angsterregende
Finsternis und das Licht ward dunkel in dem Gewölbe darüber. Nahet euch, ihr
Heiden, um zu hören, und ihr Völker, merket auf! Es höret die Erde, was sie
erfüllet, der Weltkreis, und alles, was ihm entsprosst. Denn einen Groll hat der
Herr auf alle Heiden, er hat sie bestimmt für die Schlachtung und ihre
Erschlagenen werden hingeworfen, und ihre Leichen, - aufsteigen soll ihr
Gestank, und es sollen die Berge zerfliessen von ihrem Blut. Die Sterne sollen
zerbröckeln und wie ein Pergamentum soll der Himmel zusammengerollt werden. Aber
unsere Trift soll lustig sein, frohlocken soll unsere Steppe und blühen wie die
Narzisse. Sie soll blühen, ja blühen und frohlocken, frohlocken und jubeln! Die
Herrlichkeit des Libanon wird ihr geschenkt und die Pracht des Karmel. Stärkt
die erschlafften Glieder und die wankenden Knie macht fest! Sagt zu denen, die
bekümmerten Herzens sind: seid stark! Aufgetan werden die Augen der Blinden und
die Ohren der Tauben geöffnet! Dann wird wie ein Hirsch der Lahme springen und
jubeln die Zunge des Stummen. Denn seht: ein Mann ist aufgestanden in der
kleinasiatischen Stadt Smyrna, das ist der wahre Messias und das Himmelreich ist
nah! Ja, ich sehe eure Blicke leuchten und eure Hände beben! Habt ihr ihn nicht
rufen hören von den Gestaden des Mittelmeers? Ein neues Erlösungswerk geht ihm
voran und Olam ha Tikkun wird erstehn. Das göttliche Wesen hat er allein
erkannt, er, Sabbatai Zewi! Sammelt euch, Brüder, richtet euch empor, richtet
eure Weiber empor, lehrt eure Kinder seinen Namen aussprechen und eure Waisen
tröstet mit seinem Wort! Im Jahre fünftausendvierhundertundacht der Welt begann
die Erlösungszeit zu tagen, und in diesem Jahre hat sich Sabbatai Zewi uns
offenbart. Wunder über Wunder hat er verrichtet und die Juden des Morgenlandes
jauchzen ihm zu.«
    Ein furchtbarer Tumult unterbrach den Redner. Lange schon war die Kunde von
dem Ereignis nach Franken gedrungen, aber stets waren es nur dunkle Laute
gewesen, geheimnisvolle Andeutungen: von wandernden Mönchen, von wandernden
Juden oder von Zigeunern hergetragen. Es war nur das dumpfe Geräusch eines sehr
fernen Wetters gewesen, das die Gemüter wohl in nächtlicher Stille und Träumerei
zu ergreifen vermag, aber das Licht des Tages machte zweifeln und ungläubig. Zum
ersten Male nun war es wie ein Trompetenstoss in die Ohren der Juden gefahren,
wie ein heller, schmetternder Schlachtruf, wie ein Klirren von tausend Schildern
und Schwertern, ein Auferstehungsschrei. Es wurde leuchtend um ihre Augen, rings
herum ward es Tag, das bange Los der Unterdrückung schien dem Ende nahe: Sonne,
Freiheit, göttliches Auserwähltsein zu grossen Dingen, Glanz und Freudigkeit und
verzückte Sehnsucht, - eine wundervolle Erfüllung tausendjähriger
Glaubensdienste. In ihre bedrückten Seelen fuhr es wie der Aufruf zu einer neuen
Weltordnung; Knaben sahen sich zu Männern geworden, Männer ballten ihre Fäuste
und es rieselte ihnen kalt und heiss über den Rücken. Und als der erste Taumel
sich gelegt, drängten sie sich um den Fremden, bestürmten ihn um Einzelheiten
und lauschten, lauschten. Vergessen war die Stunde der Heimkehr, vergessen die
Gebote des Fasttags; die Weiber drängten sich aus ihren Verschlägen und hörten
mit erhitzen Wangen zu. Sie sahen ihn in ihrer Phantasie lebendig werden, den
geheimnisvollen Propheten von Smyrna, der am hellen Tag der Geschichte wie ein
glühendes Meteor hinwandelte und, ergriffen von lurjanischer Mystik, das Ende
der Zeitalter herbeizuführen glaubte. Zacharias Naar erzählte, versunken und
hingegeben gleich einem Träumenden: wie Sabbatai seinen Leib kasteite und Sommer
und Winter, bei Tag oder bei Nacht im Meer badete. Wie sein Leib vom Wasser des
Ozeans einen Wohlgeruch erhielt und sein Auge klar davon wurde. Niemals hatte er
ein Weib berührt und obwohl er zwei Frauen vermählt worden war, mied er sie und
verstiess sie bald. Ernst und einsam war sein Wesen, und er hatte eine schöne
Stimme, mit der er die kabbalistischen Verse oder seine eigenen Poesien sang.
Das Jahr sechszehnhundertsechsundsechzig bezeichnete er als das messianische
Jahr; den Juden sollte es eine neue Herrlichkeit bringen und sie sollten nach
Jerusalem zurückkehren. Seine Seele ergab sich jauchzend dem süssen Rausch des
Gottesbewusstseins. Man hatte ihn von Smyrna verjagt, aber da brach das glimmende
Feuer zur verheerenden Flamme aus: seine Demütigung war seine Grösse geworden und
seine Verklärung. Er liess zu Salonichi ein Fest bereiten und vermählte sich in
Gegenwart seiner Freunde feierlich mit der heiligen Schrift: Tora, die
Himmelstochter, ward mit dem Sohn des Himmels in unzertrennlichem Bund
vereinigt. Fünfzig Talmudisten speisten an seiner Tafel und kein Armer ging
hungrig von seiner Türe. Er vergoss Ströme von Tränen beim Gebet, und nächtelang
sang er bei hellem Kerzenlicht die Psalmen. Er sang auch Liebeslieder. Er sang
das Lied von der schönen Kaisertochter Melliselde:
Aufsteigend auf einen Berg
und niederschreitend in ein Tal,
kam ich zur schönen Melliselde
in des Kaisers Krönungssaal.
Mild kam sie einher
mit flutendem Haar
und ihr Antlitz milde,
süss ihre Stimme war;
ihr Antlitz glänzte wie ein Degen,
ihr Augenlid wie ein Bogen von Stahl,
ihre Lippen waren Korallen,
ihr Fleisch wie Milch so fahl.
    Die Kinder folgten ihm auf den Strassen, indes die Mütter seinen Namen
lobpriesen. Er liess verkünden, dass er vom Flusse Sabbation aus die zehn Stämme
nach dem heiligen Lande führen werde: auf einem Löwen reitend, der einen
siebenköpfigen Drachen werde im Maule haben ...
    Wie von einem ergreifenden Zauber umschlungen, wanderten die Juden nach
Hause. Das Fieber der Erwartung hatte sie gepackt, das von Land zu Land floss wie
ein berauschender Strom. In dieser Nacht konnte keiner schlafen.
    Man sagte damals, der Herr der Welten öffne seine Tore, den Propheten zu
empfangen, oder er pflücke die Sterne vom Himmel, als wären es Trauben am
Rebstock, das Volk sähe ein edles Licht, und die Todesschatten verschwänden
neben ihm; hinabgestürzt sei die Pracht der Könige und das Rauschen ihrer
Harfen; der Prophet steige zum Himmel empor und oberhalb der Gestirne errichte
er seinen Tron; viele Stimmen schrien zu ihm empor: Wächter, wie weit ists in
der Nacht? Da verkündete er schon das Morgenrot. In seiner Nähe gab es nichts
alltägliches mehr, der Fürst schien dem Bauer gleich, der Bettler dem Richter,
keine liebende Hand streckte sich dem Kranken hin, und es war erhaben, alle Pein
der Kasteiung zu erdulden und der aufgehenden Gnadensonne zerknirscht
entgegenzuwinseln. Die Schule der Kabbalisten glaubte die Verkündigung klarer zu
verstehen. Aus dem göttlichen Schoss hatte sich die neue göttliche Person
entfaltet, der wahre König, der Messias, der Erlöser und Befreier der Welt und
die Herrschaft des Metatron ist zu Ende. Es steht aber im Buche Sohar, sagten
sie: Metatron ist das erste der Geschöpfe, der Abglanz Gottes; er ist die
mittelste Säule, die das Himmlische vollkommen macht; er ist das Vereinigende in
der Mitte. Denn der wahre Messias ist der verkörperte Urmensch, der Adam Kadmon
der Schrift, ein Teil der Gotteit.
    Der Tag brach an, ein trüber und dunstiger Herbstmorgen. Kühler trockner
Wind ging durch die Gassen. Die christlichen Einwohner waren verwundert über das
aufgeregte Wesen der Juden. Der Rabbi Bärmann rannte bleich von einem Haus ins
andere. Der Rabbi Salman Klef stand, ein vergilbtes Pergament lesend,
stundenlang vor seinem Haus. Salman Ulman Käsbauer rief mit lebhafter Stimme
nach dem Fremdling von gestern. Hutzel Davidla hinkte nachdenklich umher und
Boruchs Klöss wurde nicht müde, an den heiligen Fasttag zu erinnern und dass man
zur Schul gehen müsse. Gegen neun Uhr kam ein staubbedeckter Bote aus der
Richtung der Stadt Nürnberg. Er brachte ein Sendschreiben. Michel Chased, der
Chassan, nahm es entgegen und die Juden, Männer, Weiber und Kinder in stets
wachsender Anzahl, sammelten sich um ihn, als er mit lauter Stimme vorlas. Das
Schreiben kam von dem berühmten Samuel Primo, einem Jünger des Sabbatai, und
lautete: »Der einzige und erstgeborene Sohn Gottes, Sabbatai Zewi, Messias und
Erlöser des jüdischen Volkes, bietet allen Söhnen Israels Frieden. Nachdem ihr
gewürdigt worden seid, den grossen Tag und die Erfüllung des Gotteswortes durch
den Propheten zu sehen, so müssen eure Klagen und Seufzer in Freude und eure
Fasten in frohe Tage umgewandelt werden. Denn ihr werdet nicht mehr weinen.
Freut euch mit Gesang und Lied und verwandelt den Tag der Betrübnis und der
Trauer in einen Tag des Jubels, weil ich erschienen bin.«
    Ein Todesschweigen folgte diesen Worten. Die Zumutung des Propheten war für
dies Volk, das mit unerschütterlichem Fanatismus am Hergebrachten, am
überlieferten Gesetz hing, etwas Furchtbares und Unerhörtes. Wolf Käsbauer wurde
weiss wie Schnee und stotterte ein hebräisches Gebet. Viele andere, besonders
Frauen, beteten ihm nach. Aber es waren doch auch solche da, die von Mut erfüllt
waren für die neue und grosse Sache. Sie riefen Hallelujah und ihre Augen
leuchteten dem Kommenden froh entgegen. Der Messias, weil er so fern war, wuchs
ins Unermessliche vor ihren Augen, sein Haupt stand golden in den Morgenwolken,
ihre Seele war ausgefüllt von ihm, weil der Druck niederer Dienstbarkeit auf
ihnen lastete, die Verachtung eines ganzen Volkes, einer ganzen Welt. Tagelang
wohnte eine dumpfe Angst über den Juden in Fürt; sie wagten nicht aus ihren
Häusern zu gehen, sie ergaben sich ganz den Gefühlen der Zerknirschung oder der
Erbitterung oder der Reue oder der Hoffnung.
    Da kam am zweiten Tage nach dem Fest die Kunde aus Norden, der berühmte
Hamburger Jude Manoel Texeira, der Vertraute der Königin Christine von Schweden,
habe sich öffentlich in der Synagoge für den Messias erklärt. Aus Amsterdam, aus
London, aus Prag, aus Mainz, aus Frankfurt und aus Wien gingen Huldigungen an
den Propheten ab, und seltsame Zeichen am Himmel machten auch den Christen das
Herz schwer. Der Jude Wassertrüdinger in Fürt, genannt Weiber-Lambden, der bei
schwangeren Weibern herumging und mit lauter Stimme Gebete las, sah nämlich am
Samstag Abend, dem ersten des Monats Tibet, einen grossen anwachsenden
Feuerschein am nördlichen Himmel. Seine Augen wurden nass vor Grauen und mit
seinem Hinkbein lief er, so schnell es ging, in die Häuser der Juden und schrie
mit halberstickter Stimme, dass Gott ein Zeichen gegeben habe. Viel Volk sammelte
sich schweigend an den Ufern der Regnitz und Pegnitz, und Christen und Juden
standen in gleicher Furcht, in gleicher mystischer Andacht Schulter an Schulter.
Zacharias Naar tauchte auf, fiel am Schilf des Flusses nieder und wandte sein
gelbes Gesicht mit den weiten Augen dem himmlischen Feuer zu. Er begann ein
flehendes Gebet zu singen, eine klagenvolle Anrufung des Gottessohnes zu Smyrna
und die Gemeinde fiel im Chorus beim letzten Vers mit ein. Einsilbig rauschte
der Fluss durchs Land und die erblassende Röte des Firmaments beleuchtete
unsicher die dunklen Talare der in süsser Verzückung heimkehrenden Juden.
    In derselben Nacht erhob sich ein gewaltiger Sturm, riss das heilige Kreuz
von der katolischen Kirche herab, und als die Juden in der Morgenfrühe zum
Gebet gingen, sahen sie über dem niederen Portal der Synagoge die
Anfangsbuchstaben vom Namen des Sabbatai Zewi in goldenen Lettern stehen.
    Nun lebte ein Mann in Fürt, den man Maier Knöcker nannte; er hiess auch
Maier Natan und bei den Christen Maier Satan. Er hatte einen offenen Mund und
eine hässliche Nase und war wegen seines Schacherns verhasst. Knöckern heisst bei
den Juden stammeln und ein Stammler war Maier Knöcker, der Natan. Er sah mit
scheelen Augen in das erregte Treiben seiner Glaubensbrüder, und inmitten des
allgemeinen Rausches blieb er nüchtern und kalt. Er war nur besorgt, dass er von
seinem Geld nichts verliere und beriet sich oft mit seiner Frau, wie man die
Kasse am besten verwahren solle. Er wohnte in einem alten Haus mit vielen
Löchern und Winkeln und jeden Tag in der Woche brachte er sein Geld in ein
anderes Versteck. Sobald eine Nachricht von auswärts kam über irgend einen
bedeutsamen Vorfall, irgend ein unerklärliches Ereignis, begann Maier Knöcker zu
zittern und lief in sein Haus, um seine Schätze nachzusehen. Und als die Flut
der Ereignisse schwoll und sich ausbreitete und die Länder bedeckte, wuchs auch
in der Seele des Knöckers die Furcht vor dem Verluste seines Vermögens, und er
konnte keinen ruhigen Schlaf mehr finden und musste seine Bissen bei den
Mahlzeiten in Unfrieden hinunterwürgen. Er betete sogar weniger, um seinem Hab
und Gut ein besserer Wächter sein zu können. Er verdammte diese unruhigen Zeiten
und es gab Tage, wo er sich nicht mehr über die Gasse wagte und die Türen
versperrte, um einen geheimnisvollen Feind abzuhalten.
    Aber es war noch eine andere Furcht in diesem schiefen und winkelreichen
Haus, das in jeder Stunde einzufallen schien und das beim hellen Mondschein der
Herbstnächte einer Ruine glich. Der Maier Knöcker hatte eine Tochter. Sie war
nicht gerade schön, aber sie hatte die üppigen Formen und die äusserliche
Leidenschaft der jüdischen Weiber, und in ihren Augen war etwas dumpf
Sinnliches, das die Männer zu ihr trieb. Rahel hatte nun vor langem ein
Liebesverhältnis mit einem christlichen Studiosus aus Erlangen angeknüpft und
war in dessen Armen gefallen. Seit Monaten fühlte sie ein junges Leben in ihrem
Leib, und so oft sie daran dachte, was Vater und Mutter sagen würden, wenn sie
es entdeckten, wurde ihr das Herz wund. Ratlosigkeit und Traurigkeit
verdunkelten ihr Dasein und machten ihre Jugend finster und bereuenswert. Aber
als die Woge der Messiasbegeisterung in den stillen Hofmarkt stürzte, sah das
gequälte Mädchen darin eine Art Erlösung. Sie fand es leichter als sonst, ihren
leiblichen und seelischen Zustand geheim zu halten, denn die Erregung der
Gemüter wandte sich nichts Einzelnem mehr zu. Trotzdem rückte die Zeit immer
näher, wo nichts mehr zu verbergen war, wo sie, ohne zu reden, ihr Geheimnis
offenbar werden lassen musste. Sie sann und sann in schlaflosen Nächten und
endlich fand sie durch angeborene Schlauheit einen verwegenen Ausweg aus ihrer
Bedrängnis, und sie beschloss, ihren Geliebten um Hilfe zu bitten.
    Maier Knöcker war von der Abendschul nach Hause gekommen und erzählte
finster, dass er mit vier andern unverrichteter Sache wieder gegangen sei. Die
Juden vergässen, sich zum Gebet zu versammeln; er sah darin ein schreckliches
Zeichen. Beklommenen Herzens lugte er hinaus auf die Strasse, als erwarte er
Stunde für Stunde den unerbittlichen Gegner des häuslichen Friedens von
Angesicht zu Angesicht zu schauen. Da läutete die Hausglocke und Itzig
Gänsshenker kam und berichtete atemlos, dass sich ein wahrhaftes Gotteswunder
begeben habe. An der Küste von Nordschottland habe sich nämlich ein Schiff
gezeigt mit seidenen Segeln und seidenen Tauen und die Schiffsleute, die es
führten, hätten hebräisch gesprochen und die Flagge habe die Inschrift getragen:
die zwölf Stämme oder die Geschlechter Israels. Dies Schiff sei für die Braut
des Messias bestimmt.
    Sie sprachen nun von vielen Dingen, auch Telsela, das Weib des Knöckers,
mischte sich in die Unterhaltung, bis Boruchs Klöss kam und man im Talmud lesen
wollte. Auch Klöss wusste von dem geheimnisvollen Schiff und alle, alle draussen
wussten es schon. Es kam nicht zum Studium des Talmuds, da Boruchs Klöss manche
neue Seltsamkeiten zu berichten wusste: wie ein jüdischer Schneider zu Mailand in
einen Zustand der Raserei gefallen sei und sich seitdem in prophetischen
Verzückungen winde; stundenlang liege er am Boden und spreche bald lachend, bald
weinend von der nahen Erlösung und von Sabbatais Macht im Himmel und auf Erden.
Ferner erzählte er, dass sein Oheim aus der Türkei nach Hause zurückgekehrt sei
und gänzlich betäubt sei von dem Grossen und Wundervollen, das er dort gesehen.
Das Volk von Smyrna sei wie im Wahnsinn und jauchze dem Befreier zu, der in
Prozessionen von nie gesehener Pracht durch die Strassen ziehe. Die Ungläubigen,
die Chofrim, seien ihres Lebens nicht sicher; Chajim Peña sei vom Volk fast
zerfleischt worden, als er gegen Sabbatai aufgetreten war; des Peña eigne
Tochter habe mit verzückten Sinnen das Heil des Erlösers ausgerufen, habe
geweissagt und sei wie berauscht gewesen. Da gaben sie Chajim Peña frei, und er
wurde später zum Jünger. So wurde erzählt und Boruchs Klöss wusste immer noch
erstaunlichere Dinge als Itzig Gänsshenker. Maier Knöcker aber schwieg mit
schwerem Herzen. Ringsum sah er den wilden Tanz sich gestalten; seine Klugheit
warnte ihn davor, zu widerstehen, um so mehr, als noch in derselben Nacht das
Gerücht laut wurde, Zacharias Naar stehe in Verbindung mit dem Propheten selbst.
Er erhielt dadurch eine förmliche Weihe; er ging in die Häuser der Juden,
überzeugte die Zweifler und entstammte die Hoffenden. Überall schritt er umher,
überall fand man ihn, oft hob er sich gegen den dunklen Himmel der Felder ab,
einsam im Abend.
    Die Glocke verkündete die Mitternacht. Ein junger Mensch schlich über den
Lilienplatz in die Wassergass zum Haus des Knöckers. Er hatte ein langes Rohr
unter seinem Mantel verborgen, und sein Kopf war sorglich in eine Kapuze
gehüllt. Der rote Mond senkte sich gegen Westen und schien ein zauberhaftes
Blühen auf die Dächer zu breiten. Gelbe Blüten, zarte Nebelschleier, er hauchte
sie hin, dass es keiner sah, und die Steine waren nicht mehr Steine, sondern
Knospen von Mondblüten und jeder Zaunpfahl erwachte aus einem traumlosen Schlaf
und guckte schwermütig in die Welt. Die windschiefen Häuser sahen unbekleidet,
hilflos und gottverlassen aus; manche erschienen rührend in ihrer trostlosen
Verfallenheit, während ihre Fenster traurigen Augen glichen, die in die dunstige
Glasglocke des Himmels hineinstarrten, als ob sie geblendet wären von dem
sanften natürlichen Licht.
    Der junge Mensch überkletterte einen niederen Zaun und erstieg eine schmale
morsche Treppe, von wo er auf ein Dach kam, und dort schritt er auf den Zehen
weiter. Vor einem grünen Fensterladen stand er still und steckte sein Rohr durch
einen schmalen Spalt. Nun rief er mit dumpfer und verstellter Stimme in das
Sprachrohr: »Boruch ado adonai elohim! O ihr gerechten und gottliebenden
Eheleute Maier Natan und Telsela! freuet euch, denn eure Tochter, die eine
Jungfrau ist, hat eine Tochter in ihrem Leib empfangen, die wird die Braut sein
dem Erlöser des Volkes Israel, dem Messias zu Smyrna.«
    Der Knöcker, der vergebens seine Kissen um Schlaf zerwühlt hatte, und dessen
Phantasie in wilder Bewegung war, weckte sein Weib. »O meine Liebste,« flüsterte
er beklommen, »hast du die himmlische Stimme gehört? Es ist ein Engel dagewesen;
stehe auf, wir wollen beten, dass du die himmlische Stimme auch zu hören
gewürdigt werdest.« Zitterndes Leibes erhob sich die Frau; sie lauschte in die
Nacht hinaus, legte die vermagerte Hand auf die klopfende Brust und kniete
nieder. Da ertönte die Stimme von neuem: »Ihr sollt eure Tochter in hohen Ehren
halten und grossen Fleiss anwenden, dass sie wohl versorgt werde. Denn aus ihrem
jungfräulichen Leib wird die Messiasbraut geboren werden.«
    Da packte Telsela ihren Mann und zog ihn hinüber in das Zimmer, wo die
Tochter schlief. Sie schien ruhig zu schlummern, sah abgehärmt aus und ihre
Lider zuckten ein wenig. Als die Mutter ihr die Decke vom Körper ziehen wollte,
stiess sie einen heiseren Schrei aus und krampfte die Hände von tödlicher Angst
erfasst, in den Stoff. Doch der Knöcker streichelte ihr die Wangen und stotterte
unverständliche Zärtlichkeiten, während Telsela den Leib des Mädchens befühlte,
ernst nickte und von Andachtsschauern durchrieselt wurde. Eine grosse Freude
hatte den Maier Natan befallen: sein Haus war zu solch vorzüglichen Dingen
auserwählt worden, dass er in diesen Stunden sogar der Sorge um sein Geld vergass
und mit seinem Weib am Lager der Tochter sitzen blieb, um ungeduldig den Anbruch
des Tages zu erwarten. Über Nahels Wangen flossen bittere Tränen. Mit
weitgeöffneten Augen sah sie beständig auf einen Punkt. Böse Gesichte schienen
sie zu foltern; das Licht tat ihr weh, jede Tröstung schmerzte sie.
    Der Maier Natan indessen, dem eine ganz neue Welt aufgegangen war, sah sich
schon als den Patriarchen der Gemeinde, gepriesen als den Vater eines unerhörten
Glückes. Er nahm sein Weib bei der Hand, führte sie in das Schlafgemach zurück,
stammelte trunken, fuhr sich in die Haare, lachte, tänzelte und ging endlich
fort, um zuerst seinen Freund Boruchs Klöss und dann den Chassan aufzusuchen.
    Der Morgen war nahe. Eine drückende Öde lag auf den Gassen. Fern in der
Ebene rauschte der Fluss, und bisweilen klang es herein wie das Klappern eines
Mühlenrades oder das Geläute von Kuhglocken. Den Zenit belagerten grosse Wolken.
Wie Raubtiere lagen sie und schienen bereit, sich auf das Land zu stürzen.
    Fast in allen Judenhäusern war Licht. Wo auch Maier Knöcker das neugierige
Ohr an einen Türverschluss oder an eine dünne Mauerwand legte, hörte er Gebete
murmeln, Klagen, Anrufungen und Lobpreisungen.
    Als der helle Tag angebrochen war, kam wunderbare Kunde. Es hiess nämlich,
die Juden in dem Städtchen Avricourt rüsteten sich, nach Jerusalem zu ziehen.
Dann hiess es auch, Jakob Sasportas, der wütende Feind des Zewi, sei plötzlich
zum glühenden Anhänger geworden, und mit der heiligen Schrift im Arm tanze er
verzückt durch die Strassen von Worms. Ferner kam die Nachricht, Manoel Texeira
sei mit zehn Ältesten nach Smyrna gepilgert und habe sich dem Messias zu Füssen
geworfen. Ein gewisser Natan Ghazati war von Sabbatai zum König von
Griechenland und Elisa Levi, ein Bettler, zum Kaiser von Afrika bestimmt worden.
Die Palästiner, die durch Jakob Zemach eine Huldigung an den neuen König der
Juden abgeschickt hatten, schmückten ihren Tempel und zogen psalmensingend und
blumenstreuend durch die Städte, als ob Davids Zeiten sich erneuert hätten. Der
berühmte Sabbatai Raphael in Polen und Matatia Bloch seien vom heiligen Geist
erfasst, so dass sie wahrsagten auf offenem Markt in Warschau und in Torn.
    So kommt der Föhn im Frühjahr über das deutsche Hochland wie all diese
Botschaften nach Fürt. Selbst die Christen wurden miterregt von der Wucht der
fremdartigen Ereignisse. Ein Taumel ging durch Europa; die alte Welt schien
aufzuwachen aus einem Schlaf. Der Bedrücker fürchtete den Bedrückten, der Knecht
träumte von Freiheit. Kein Tag verging, an dem nicht Kunde von Ausserordentlichem
eintraf, wäre es nur auch ein geheimnisvolles, deutungsreiches Wort des Messias
gewesen. Er steht auf einer Terrasse am Meer, streckt seine Hand aus und
spricht: Seht, ich gebe euch heute das Leben und den Tod. So wurde von
wandernden Juden berichtet. Sendschreiben liefen durch die Städte; wunderliche
Dinge lagen in der Luft.
    Maier Knöcker, der Natan, der das unerwartete Glück, dessen er teilhaftig
geworden, voll Entzücken weitergetragen hatte, traf zuerst auf Misstrauen, dann
auf Verwunderung, dann auf blinden Glauben. Er fand einen begeisterten Apostel
in Boruchs Klöss und dieser beredsame Mann erwies sich in der Tat als der beste
Anwalt einer so begnadeten Sache. Die Ältesten der Gemeinde kamen zu Rahel, um
sie durch Gebete heilig zu sprechen. Am gleichen Abend wurde ein grosses Festmahl
unter dem Vorsitz des Ober-Rabbis abgehalten, und das Haus des Stammlers wurde
als eine fromme Zuflucht erklärt. Aber Rahel selbst blieb finster und
verschlossen. Sie wich jedermann aus und hatte es verlernt, Vater und Mutter
gerade ins Gesicht zu sehen. Wenn einer länger mit ihr redete, begann sie zu
zittern. Ihre Hände waren feucht, ihre Lippen trocken und aufgesprungen, ihre
Augen gerötet. Sie konnte in keiner Nacht mehr schlafen; die Finsternis nahm
eine purpurne Färbung an, so dass es wie ein Vorhang vor ihren Blicken lag,
undurchdringlich und beängstigend. Oft bevor noch der Tag anbrach, erhob sie
sich vom Lager und schleppte sich hinauf in die Bodenkammer, um an irgend einer
Luke zu kauern und starren Blickes stundenlang zu brüten. Sie freute sich, wenn
sie fror; sie wünschte zu frieren, wünschte zu leiden, ein äusserer Schmerz
verlieh dem inneren Milderung. Am Sabbat nach der Schul kamen die Weiber zu ihr;
aber sie war so bedrückt, dass sie vor den Besucherinnen in lautes Weinen
ausbrach. Sie rang die Hände, stöhnte, warf sich zu Boden, fletschte die Zähne,
und murmelte Worte ohne Sinn und Klang. Das war ein sehenswertes Schauspiel,
eine Bestätigung des Wunders, das mit dieser Jungfrau vorgegangen. Sie brachten
Geschenke, doch das Mädchen warf sie ihnen vor die Füsse und schalt und drohte
fassungslos. Auch viele Männer kamen: Turatara, Wolf Batsch Seligman Schrenz,
Seligman Rumpel, Hirsch und Herz, die Rumpeln, Wolf Bieresel, Joel und David,
die Bieresel, Maier Anschel und Itzig Gänsshenker, ja sogar Moses Bock aus
Würzburg und Michael bar Abraham aus Markt Erlbach. So schnell hatte sich die
Kunde im Lande verbreitet Alle brachten sie Geschenke: Güldene Schleier oder
Sternlein oder durchgezogene Sternlein oder Umhänge von Drapd'or oder gestickte
von Gold, von goldenen oder silbernen Blumen, Kleider von Samt mit einer
Blumenbordüre, einen Mantel von Damast, Schuhe oder Pantoffeln mit gutem oder
schlechtem Gold verbrämt, Bänder von schwarzem oder gefärbtem Leder,
Kartelsteine oder andere Gehänge, auch Hand- und Leibschnallen, güldene Gürtel
und einen Gürtel von Gold, der mit Diamanten besetzt war, Ringe und Ohrgehänge,
Handschuhe von Pelz und Halstücher bis auf zwei Gülden Wert.
    Das waren festliche Tage für Maier Knöcker, den Natan. Mit zitternden
Händen tastete er über den Reichtum; nahm die Tücher, faltete sie wieder
zusammen, liebkoste die Schuhe und Ringe, legte die Gehänge um seinen Hals und
stolzierte im Zimmer damit auf und ab; auch stellte er sich damit vor einen
Spiegel, machte Bücklinge, schnitt lächerliche Grimassen und ging dem finsteren
Schicksal mit kindischer Heiterkeit entgegen.
    Am Tag Dionysius war die Luft so klar, dass man die Kirchenglocken von
Nürnberg vernahm. Ein gelber Schimmer lag auf den Wiesen und der Himmel war mit
weissen, feinen, runden Wölkchen marmoriert. Ein Zug jüdischer Spielleute, die
von der Domprobster Bamberg verwiesen worden waren, brachte die Nachricht der
Messias sei von Smyrna aufgebrochen und käme nach Deutschland, die Gläubigen um
sich zu versammeln und an ihrer Spitze ins heilige Land zu ziehen.
    Als Rahel dies vernahm, erwachte sie aus ihrer langen Apatie. In ihr war
nur ein Gedanke: dass sie fort sollte aus dem Land, wo der Geliebte wohnte; denn
in ihrer heissen und erregten Phantasie war ein Gerücht schon einem Geschehnis
gleich. Mit glühenden Augen eilte sie auf die Gassen; niemand beachtete sie
heute. Viele schienen in einer Tollheit befangen, wie eine Schar
Verschmachtender, denen man feurigen Wein gegeben hat. Kein Ritus wurde mehr
beachtet, weder das Abend- noch das Morgenminjan, weder der Socher, noch der
Bund der Beschneidung. Über den Lilienplatz lief ein junger Mensch mit nacktem
Oberkörper; er hatte sich auf die Brust die Worte gemalt: wir empfahen was
unsere Taten wert sind, wir leiden Pein in heissen Flammen. Der Schmuel, der
Richter der Gemeinde, ein Mann von siebzig Jahren, der sonst Tag und Nacht den
Talmud studiert, hatte sich im Schulhof bis an den Hals in Erde eingegraben, und
sein Leib war beinahe erstarrt. In hebräischen Worten schrie er leidenschaftlich
das Lob des Messias und viele Menschen standen bleich und andächtig um ihn her.
Rahel eilte hinaus zum Schiessanger, wo noch von der Kirchweih die Wagen der
Zigeuner standen, und dann lief sie hinüber zum Schwedenstein, wo sie kraftlos
ins Gras sank. Sie hörte die Zigeuner schreien in ihrem Rotwälsch und sah sie
gestikulieren, trotz des Nebels, der über der Landschaft lag. Der Schulklopfer
und der Totengräber liefen an der Kapelle vorbei, aber sie nahm es nicht wahr.
Ihr war zu Mut, als läge sie schon tagelang hier, ohne Sinn für die Flucht der
Zeit, und als müsse sie noch tagelang und wochenlang hier kauern, unfähig zu
begreifen, was in ihr vorging. Der Himmel bedeckte sich mit Wolken und ein
feiner Perlenregen fiel. Eine dieser Wolken, die heraufzogen vom Vestner-Wald,
hatte die Gestalt und die Züge des jungen Studenten, den sie liebte. Sie sah es
genau: die Wolke trug einen schwarzen Bart, der zierlich um Kinn und Wangen
stand und kokett zugespitzt war. Sie sah auch den kleinen Mund und die kleine
Nase und die unsteten Augen. Und dann stand er plötzlich bei ihr, Tomas Peter
Hummel, und ihr war, als könne sie seine Hand fassen. Er sprach ihr zu, fein und
schnell und geschickt und wenn er überzeugte, war es nicht in dem, was er sagte,
sondern in seiner Stimme, in seiner gewandten, schlangenhaften Art, in seiner
heiteren Geschwätzigkeit. Er wählte seine Worte wie ein scharfer Politiker und
spielte taschenspielerhaft mit den Gefühlen. Aber wie es in der Welt geht, sie
liebte ihn.
    Ein Mann und ein Weib kamen vom Anger her. Ihr gemächlicher Schritt zeigte,
dass sie den Regen nicht achteten. Rahel erkannte Zacharias Naar und jenes
schlanke Mädchen, das sie bei den Schaustellungen am Schiessanger gesehen hatte.
Sie war schön. Man muss die Augen zumachen, wenn man sie sieht, dachte Rahel. Sie
war blass und krank, wie verzehrt von einer geheimen Sehnsucht. Jede Linie an
ihrem Körper hatte etwas Leidendes und die Form ihres Mundes verriet Geduld und
Lieblichkeit. Dennoch war etwas an ihr, das all dies Lügen strafte, vielleicht
in der Heftigkeit und dem Trotz ihrer Augen. Bald verschwanden sie an der
Biegung des Wiesenwegs. Rahel blickte starr in die leise dämmernde Landschaft
hinein und war froh, dass sie nicht gesehen worden war. Sie fühlte nicht Kraft
genug, wieder nach Hause zu gehen und fürchtete, die einbrechende Nacht könne
sie noch immer hier finden. Sie erschien sich ausgestossen und verfolgt;
verurteilt, für sich allein Schmach, Bedrückung, Ruhelosigkeit und
Heimatlosigkeit zu ertragen; sie wollte nicht mehr heimkehren. Sie hasste Vater
und Mutter, hasste die bleichen, gebetseifrigen, jüdischen Männer, ihre
gefrässigen, schwatzhaften Weiber, die altklugen Knaben, die frühreifen Mädchen,
die kindischen, fanatischen Greise: alle schienen ihr verächtlich und unrein.
Doch wohin sollte sie gehen, wenn nicht nach Hause; sie dachte: endlos ist die
Welt und für ein Judenmädchen gibt es kein Erbarmen, keine Unterkunft, selbst
ein Räuber darf sie stossen mit seinen Füssen. Schliesslich stechen sie einem die
Augen aus, wenn sie es für gut finden, und dann musst du verhungern. Sie glaubte
nicht an diesen Messias, sie glaubte nicht an seine Prophezeiungen, vielleicht
nur deshalb, weil es ihr gelungen war, durch einen plumpen Betrug alle, die um
sie herum waren, im Namen desselben Messias zu täuschen.
    Während sie so sann und dabei in den westlichen Himmel sah, teilten sich
dort die Wolken, und auf einmal warf die untergehende Sonne eine Flut
schwefelgelben Lichtes über das Firmament. Bäume, Steine, Wiesen, das Wasser,
der Wald, die Häuser in der Ferne, die Kirchtürme, ja die Luft selbst schien
lebendiger Körper zu werden. Da lächelte Rahel und die Spannung ihrer Seele
löste sich. Tiefer Frieden erfüllte sie, und sie schloss träumend die Augen.
    Ein Bauer kam von Ronhof her über das Feld geschritten, der seinen Kopf mit
einem Sack verhüllt hatte. Er sah das Judenmädchen am Boden kauern und war so
erschrocken über den Anblick, den sie bot, dass er sich bekreuzigte und
spornstreichs gegen die Häuser des Orts rannte. Eine Schar von Juden kam ihm
entgegen, die zum Schwedenstein wollte, um das Grabmal des schönen Joseph mit
Gewalt fortzunehmen, nachdem die Familie beim Schulteiss und beim
Friedensrichter mit ihren Bitten abgewiesen worden war. Der Bauer, dessen eines
Auge erblindet war, machte den Juden die Mitteilung, dass er eine Hexe am
Schwedenstein gesehen habe. Aber jene erkannten schon von weitem die Tochter des
Knöckers, und einer lief zurück, um Maier Natan zu holen. Der Ronhofer Bauer
hatte schnell erhorcht, dass die Juden den Schwedenstein berauben wollten; er
schwang drohend den Arm, lief fort und alarmierte einen Hornmacher, einen
Schneider, einen Goldplätter und zwei Metzger- oder Schlächterburschen, die in
der Nähe des Schiessangers ihre Verrichtung hatten. Als Maier Knöcker bleich und
atemlos aus der Fischergasse kam, stürzten sich Hornschuch, der Kammacher und
Federlein, der Schneider, voll Wut auf ihn, während ein paar alte Weiber aus dem
Erdgeschoss eines grünen Hauses herauskeiften und ihren Hass gegen das
Judengesindel nicht zu zügeln vermochten. Die andern Helden rannten mit dem
Ronhofer Bauern zum Schwedenstein und freuten sich bass auf die bevorstehende
Prügelei; im Laufen verteilten sie die Opfer unter sich und rechneten aus, dass
jeder etwa drei Juden zum Prügeln bekommen würde.
    Es war dunkel geworden: ein milder Abend. Die Sterne blinkten unter den
Wolkentüchern hervor; auch der volle Mond stieg im Osten herauf, gerade über den
Türmen Nürnbergs. Ein olivenfarbenes Licht ging von ihm aus, während im Westen
das finstere Not und das bronzene Gold allmählich verblassten. Wer sich
niederliess auf die Knie oder sich platt auf den Leib legte und aufmerksam
hineinsah in das ebene Land, konnte glauben, dass die Erde Atem schöpfe wie ein
Mensch, dass das melancholische Frankenland gleichsam die Brust der Erde sei, die
sich auf und nieder bewegte in ruhigem Traumschlaf.
    Kaum waren die händelsüchtigen Burschen am Schwedenstein angekommen, als sie
erstaunt und bestürzt stillstanden. Der Schelomo Schneiors, der Bürgermeister
der Juden, hatte sich seiner Kleider entledigt, und mit einer kurzen Geissel
schlug er wütend auf seinen Körper los. Sein Gesicht war so verzerrt, dass es
einen widerlichen Anblick bot, und seine dicken, blutroten Lippen schoben sich,
Gebete murmelnd, hin und her. Sein Körper zuckte vor Schmerz, und die Rippen
quollen heraus unter der magern, verwundeten Haut. Die andern Juden standen
totenbleich um ihn her wie Scharwächter und beugten taktmässig das Knie. Behrman
der Levit rief mit einer Stimme, die schrill und unheimlich hinausscholl in den
friedlichen Abend der Felder, eine kabbalistische Anrufung: Der König Messias
wird erscheinen, und ein auf der Morgenseite befindlicher Stern wird sieben
Sterne von der Mitternachtsseite verschlingen, und eine schwarze Feuersäule wird
vom Himmel herabhangen sechzig Tage lang. Alsdann werden alle Völker
zusammentreten gegen die Sprösslinge Jakobs, und eine grosse Finsternis wird in
der Welt sein, fünfzehn Tage lang.
    Mit einem irren Schrei stürzte Maier Natan, den seine Feinde endlich
losgelassen hatten, in den Kreis, ergriff Rahels Kopf mit beiden Händen,
streichelte sie und fragte mit Todesangst in der Stimme, warum sie fort sei und
ob sie krank sei. Rahel schüttelte den Kopf.
    Der Schneider Federlein und der Hornmacher hatten ihren Mut eingebüsst und
unverrichteter Sache zogen sie mit den andern davon; sie schickten den Ronhofer
Bauern zu Herrn Pfarrer Wagenseil, damit er Bericht gebe und sie wegen des
Schwedensteins keinerlei Verschulden treffe. Die beiden Schlächterburschen und
der Goldplätter, die alle drei sehr gedrückt schienen, wünschten alsbald eine
geruhsame Nacht und der Schneider und Herr Hornschuch gingen allein weiter. Am
Gänsgraben kam ihnen ein Leiterwagen entgegen, dessen Fuhrmann dem Hornmacher
bekannt war, und nun teilte jeder dem andern seine Gedanken mit. Der Fuhrmann
wusste befremdliche Dinge zu sagen von Himmelszeichen und vom nahen Ende der
Welt. Es sei gut, meinte er, dass es in Nürnberg keine Juden gäbe, denn dort
seien die Bürgersleute noch halbwegs zu vernünftigen Dingen zu gebrauchen. Er
erzählte beiläufig, dass er am Juden-Bühel in Nürnberg einen grossen Stein gesehen
habe mit der Inschrift:
Der Stein ist nach den Juden blieben
Als sie von Nürnberg wurden vertrieben
in Wolfgang Eysen Haus, das ist wahr
im vierzehnhundertneunundneunzigsten Jahr.
    Allmählich wurden die Gassen mondhell. Herüber von den Wäldern der Veste
wogten herbstliche Dünste. Die Blätter der Bäume, ein wenig regenfeucht,
schimmerten silbern und zitterten im Abendwind.
    Fast alle Fenster in den Häusern waren erleuchtet. Die Juden schienen
dreifaches Licht zu brennen, und die Christen hatten den unbestimmten Trieb,
wachsam zu sein. Uralte Prophezeiungen waren auf dem Wege der Erfüllung, und die
Schwülnis, die vom Morgenland herüberkam, war so drückend wie einst vor
sechzehnhundert Jahren, als man Jesus Christus gekreuzigt hatte.
    Junge jüdische Mädchen liefen in den Gassen umher mit aufgelösten Haaren;
manche hatten die Brust entblösst und ihre Augen glänzten wie von übermässigem
Weingenuss. Knaben sassen in Gruppen vor den Türen und sangen Psalmen und Hymnen
an den Messias. In den Zimmern hatten sich die Greise versammelt und gaben sich
mit tiefer Inbrunst dem Studium der Kabbala hin. Es erhob sich in einem Haus am
Kohlenmarkt der neunzigjährige Chajim Chaim Rappaport und sprach: »Wäre er es
nicht, der die Schmerzen von Israel über sich nähme, wahrlich kein Mensch wäre
es zu erdulden imstande. Unsere Krankheiten wird er tragen und alle Übel und
Schmerzen nimmt er ab von der Welt.« Dann verkündete er, Zabbatai Zewi habe den
vierbuchstabigen Gottesnamen auszusprechen gewagt und der Türke Murad Effendi
sei dadurch bekehrt worden.
    Im Hause des Ober-Rabbi waren fünfzig Männer und Frauen zu einem Mahl
vereinigt. Je weiter der Abend vorschritt, je ungezügelter wurde der
Freudenrausch, je heisser wurden die Köpfe vom Wein, vom Spiel, von Erregungen
seltsamer Art. Viele warfen die silbernen Becher in die Luft und viele knieten
hin und schrien mit heiserer Stimme Gebete. Der Rabbi selbst war es, der zuerst
die Kleider von sich warf und dann der schönen Ester Fränkel das Gewand vom
Leibe zerrte. Ihre Lippen küssten sich, wie zwei Ertrinkende hielten sie sich
umschlungen und nahezu nackt schwangen sie sich in einem orgiastischen Tanz
umher. Andere folgten bald dem Beispiel; überall erhoben sich bleiche Gesichter
von der Tafel, glühende Augen starrten fassungslos in die kommende Welt der
Erlösungen: wie wenn ein scheuer Sklave plötzlich die Freiheit empfängt und in
wilder Zügellosigkeit sich selbst zerfleischt und seine eigene Habe zerstört.
Männer, die schon an der Schwelle des Greisentums standen, gebärdeten sich wie
Faune. Weiber mit grauen Haaren gaben sich beklagenswerter Verirrung hin. Die
Telsela Knöcker trank fast ohne auszusetzen schweren Burgunderwein, lallte mit
kindischer Stimme hebräische Worte von der Messiasbraut, bis sie besinnungslos
zu Boden sank. Es waren junge Mädchen da, die sich einer rasenden Liebesgier
überliessen, als wollten sie damit die Jahre der Entbehrungen in ihrem Gedächtnis
verwischen. Manche sahen aus wie Furien, die lechzend von Lust zu Lust wankten
und sich schamlos in finstern Lastern begruben. Geschrei, Ächzen und schrilles
Johlen herrschte und eine scheussliche Musik wurde ausgeübt von fünf betrunkenen
Spielleuten. Dazwischen erhob sich ein düsterer Gebetskanon, den drei oder vier
Männer in einer dunklen Ecke hersagten, oder ein fanatischer Schrei um Erlösung,
der von einem Haus in einer fernen Gasse erwidert wurde. Michel Chased, der
Chassan, hatte die Gesetzrolle von der Schul geholt und tanzte damit umher wie
mit einer Geliebten; er trieb eine lächerliche und furchtbare Unzucht, und als
er keuchend, die andern gleichsam um Atem bettelnd, hinstürzte, bohrte er eine
stählerne Nadel tief in den Oberarm, dass dunkelrotes Blut auf die Gesetzrolle
und auf den Boden rann. Boruchs Klöss, Wolf Batsch und die Rumpeln knieten hin
und leckten und schlürften winselnd das halbgeronnene Blut, indes der Chassan
stumm und steif in die Arme seines Sohnes sank. Zwei junge Leute sahen den
bleichen Zacharias Naar durch den Raum gehen, beschwörend die Hände heben und
wieder verschwinden. Auch der alte Turatara, dessen gerötete Augen stets wie
aus einem dünnen Spalt hervorblinzten, hatte die Erscheinung wahrgenommen und
behauptete, jener habe ein wunderschönes blasses Kind auf den Armen getragen und
lächelnd und heiter habe das goldlockige Geschöpf in das schreckliche Treiben
geschaut. Der alte Seligman Schrenz wollte die Blösse seiner Tochter bedecken,
wollte sie mit seinem Mantel umhüllen; aber jauchzend, mit halbgeöffneten Lippen
lief die schwarze Noemi davon, warf sich in die Arme ihrer Freundin, der
Schwester des Schulklopfers, und die beiden Mädchen küssten sich, warfen sich zu
Boden und drückten ihre fieberheissen Körper aneinander.
    Ein Haus weiter lag der Maier Lambden mit seiner Familie auf den Dielen;
denn sie schliefen nicht mehr in Betten. Bei Tage hüllten sie sich in Tücher von
grobem Stoff und hörten nicht auf, zu beten. Es gab Männer, die sich des
Schlafes gänzlich entielten und sich Tag und Nacht mit dem Studium des Gesetzes
befassten, denn durch die Tikkunim in der Mitternachtsstunde wurden die Sünden
verwischt. Maier Wolf, genannt der Fünkler, und sein Bruder Samuel Fünkler
gingen des Morgens bei dem kühlen Herbstwetter hinaus und badeten im Fluss, um
ihren Leib zu reinigen. So stieg und stieg die Erregung der Gemüter, und es war
bald ein gewöhnlicher Anblick, wenn einer nackend durch die Gassen taumelte und
sich geisselte, bis sein Körper über und über mit Blut bedeckt war.
    Als am Freitag Serapion die Glocke die zehnte Abendstunde schlug, kam die
Familie des schönen Joseph auf dem Lilienplatz zusammen und vier junge Männer
trugen den Grabstein vom Schwedendenkmal hinweg. Es war eine Menge Menschen
dabei: Frauen und Kinder, die sich mit farbigen Tüchern geschmückt hatten und
Freudengebete sangen. Auch viele Männer hatten sich eingefunden. Im langsamen,
schmalen Zug schritten sie dem Gottesacker zu, an der Spitze die vier mit dem
Stein, der mit goldbestickter Samtschärpe umwunden war. Der Mond lugte über das
Dach der Michaeliskirche und es war, als müsse man überall erst die feinen Nebel
zerreissen, bevor man hineingehen konnte in die blaue Nacht. Über dem Fluss, weit
hinunter bis an ferne Waldgrenzen lag der Dunst gleich einem weissen Gewölbe oder
wie die lange Säulenhalle eines Schlosses. Rote, dumpfe Flecken, wachte dort und
da ein rätselhaftes Licht. Das Wasser rauschte und nichts Bewegtes war zu sehen,
ausser den lichten, fast blendenden Wolken am Himmel und dem jüdischen Zug an der
Strasse.
    Da sie sich den Mauern des Bes Chajim näherten, kam aus dem weitgeöffneten
Tor ein Weib mit aufgelösten Haaren gelaufen und stammelte, oft unterbrochen
durch staunende, erschreckte Ausrufe der Zuhörer, ein Geist schwebe über die
Gräber und singe wunderbare Weisen und rufe: Messias, o Messias, o Sabbatai,
Stern der Höhe! Alle blickten angestrengt hinüber. Der Gräberort lag
ausgebreitet an einer Hügelsenkung und die zahllosen Grabsteine gaben ihm ein
phantastisch zerklüftetes Aussehen. Darüber hinaus die nebelschimmernde Ebene,
baumlos, häuserlos, einem Meer ähnlich, darin einsame Dörfer wie Toteninseln
lagen.
    Die Juden bemerkten nichts von dem gemeldeten Geist, überwanden ihre
natürliche Furchtsamkeit und schritten ängstlich und zaudernd durch das Tor.
Vorsichtig zogen sie den breiten Hauptweg entlang, immer spähend, zum Grab des
schönen Joseph. Am mutigsten waren die Knaben; sie sangen ein Lied vom Stolze
Zions, und ihre köstlichen frischen Stimmen erfüllten weitin die Nacht.
    Das Grab lag an der westlichen Mauer, die hart an den Schindanger der
Christen stiess, und wo auch die verurteilten Verbrecher hingerichtet wurden.
Deutlich war die alte Veste mit ihrem düsteren Wald sichtbar und ein flötender
Hornruf klang herein. Der Totengräber kam und Obadia Änsel Steinblaser trat als
Vorbeter heraus, um die im Schulchan Aruch vorgeschriebenen Gebete zu sagen.
Aber er fing nicht an; Minuten vergingen und weil die hinten Stehenden sein
Gesicht nicht sehen konnten, drängten sie sich gierig vor. Einige verwünschten
schon die Furcht vor den Christen, die sie veranlasst hatte, die Zeremonie zur
Nachtzeit vorzunehmen, und viele Weiber schlossen die Augen, um nichts sehen zu
müssen. Als aber Obadia Änsel noch immer keinen Laut von sich gab, näherten sie
sich ihm so dicht sie konnten, und nun sahen sie, dass er mit aufgerissenen Augen
und leichenfahlem Gesicht beständig nach einem Punkt starrte. Sie folgten seinem
Blick und sahen eine weibliche Gestalt bei einem Weidenbusch mitten unter den
Steinen stehen. Die Stille tödlichen Schreckens entstand, als ob alle auf einmal
zu atmen aufgehört hätten; leise und eindringlich erscholl eine Mädchenstimme
von dorter, eine Melodie in einem fremden Rhytmus und einer fremden Sprache.
Der Totengräber und der Rabbi Seligman in der Clauss waren die mutigsten, und da
es doch eine menschliche Stimme war, die sie vernahmen, so folgten schliesslich
auch die andern Männer, dann die Kinder und zuletzt die Frauen.
    Niemand erkannte Zirle in dem jungen Mädchen. Nur mit einem Hemd bekleidet
stand sie da und schien doch nicht zu frieren. Wer sie so gewahrte, musste im
Innern jedes Leiden mitfühlen, das sie bedrückte. Aber es war etwas Listiges in
ihrem Schmerz und etwas Begehrliches in ihren klagenden Augen.
    »Was willst du hier? liegt wer von den Deinigen hier begraben?« fragte Änsel
Steinblaser flüsternd.
    Ein junges Weib bot ihr ein wollenes Tuch an, aber Zirle wies es schweigend
zurück.
    »Hört, was ich euch erzählen will,« sagte das Mädchen und flüchtige Schauer
überliefen sie, während sich alle dicht herandrängten.
    »Ich bin im Kloster gewesen und Nonnen haben mich gelehrt, an Jesus Christus
zu glauben. Aber als Kind war ich Jüdin und meine Heimat war im Polenland. Eines
Tages sind die Christen über uns hergefallen und unsere Betten schwammen in
Blut. Vater, Mutter, Brüder und Schwestern sind aufs grausamste erschlagen
worden. Die Häuser brannten, Frauen und Mädchen wurden in den Tempel gesperrt
und kamen in den Flammen um. Ich hörte ihr Röcheln und Wimmern, als ich in einem
Stalle versteckt lag. Die Zeit verging. Und wenn ich gleich Christengebete unter
Christen sagte, ich vergass nichts, ein Jude vergisst nichts! Wieder eines Tags
entlief ich und Zigeuner nahmen mich auf. Ich lebte bei ihnen wie in einem bösen
Traum und von Stimmen umgeben, die mich riefen in der Nacht. Der Bräutigam
wartet, riefen sie, er breitet seine Arme aus und wartet; er ist mehr als Jesus
Christus, er ist selber Gott.«
    »Und gestern war es, gen Morgengrauen, da kam mein Vater zu mir im Schlaf.
Der Herr der Heerscharen hat dich zur Braut des Sabbatai bestimmt, sagte er. Du
sollst ihm entgegengehen, denn er ist der Stern, der aufgegangen ist aus Jakob,
wie es in der Bibel steht. Den ganzen Tag war ich voll Angst und konnte nicht
Ruhe finden. Und heute lag ich, da kam wieder der Geist meines Vaters und fasste
mich mit seinen Händen an und trug mich hierher.«
    Sie streifte das Hemd zurück und zeigte Nägelspuren an ihrem Leib, wo die
Hand des Vaters sie gepackt hatte. Oberhalb der rechten Brust und an der linken
Hüfte waren blutige Schrammen.
    Ein langes Schweigen entstand. Sonderbare Scheu hielt jeden ab, das junge
Mädchen anzureden. Stille Schwärmerei, fanatische Gläubigkeit, geheimnisvolle
Extase und die Taumel der Bacchanterei, das alles hatten sie gesehen oder
gefühlt. Aber das offenbare Wunder, so dicht vor ihren Augen, machte sie
verdutzt und erfüllte sie mit Angst.
    Eine schwarze Menge tauchte in der Richtung des Tores auf und kam mit
dumpf-unruhigem Gemurmel näher. Am Leichenhaus zündeten sie Fackeln an, die
einen blutigen Glanz über die Gesichter warfen, und deren Rauch die Mondscheibe
verdüsterte. Von der Senkung des Hügels kam Zacharias Naar herauf, nahm Zirle
bei der Hand und sagte laut und vernehmlich: »Führe sie, Tochter Zions! Alle,
die da kommen, werden sich dir beugen.«
    In den Gassen des Hofmarkts war die Nacht zum Tag geworden. Überall standen
aufgeregte Leute. Von Ottensoos, Schnaittach, Unterfarrnbach und Hüttenbach
waren die Juden hereingekommen. Niemand wusste, wie sich das Gerücht so schnell
verbreitet hatte, zu Fürt habe sich Ausserordentliches auf dem Gottesacker
begeben, jede Stunde sei unerschöpflich an neuen Geschehnissen. Zwei Juden,
Samuel Ermreuter und Nachman Sandel Mahler, markgräfischer Schulklopfer, hatten
grosse kostbare Teppiche auf der Strasse ausgebreitet und sie mit Blumen bestreut:
Rosen, Nelken und Orchideen aus dem Treibhaus einer vornehmen Gärtnerei.
Girlanden hingen an den Fenstern, und goldene und silberne Leuchter standen auf
den Simsen. Höher und höher, sturmflutgleich, stieg der Aufruhr der Gemüter. Da
war ein kluger und vielgereister Jude, namens David Tischbeck, ein Bruderssohn
des Wolf Bieresel; er erzählte, dass überall in deutschen, österreichischen,
italienischen und spanischen Landen ein so wüster Taumel, eine so entsetzliche
Verwirrung herrsche, dass niemand wisse, ob nicht sein Nachbar, sein Weib oder
sein Kind in Wahnsinn verfallen sei. Es war, als sei die Luft selbst zu
betäubendem Wein geworden, und wer da atmete, wurde auch trunken. Könige
begannen für ihren Tron zu zittern.
    Im ersten Schein des Frührots ging Zacharias Naar am Haus des Ober-Rabbi
vorbei, wo noch die Lichter brannten. Erstickte, gequälte Rufe, wilde Schreie,
leidenschaftliche Gebete, schmerzliches Stöhnen drangen heraus. Naar ging
versonnen seinen Weg weiter, hinaus gegen Westen, wo die Häuser bald im
Morgendunst verschwanden. Der hagere Mann mit seinem spitzen, dütenförmigen Hut,
der nach der Vorschrift jener Zeit orangegelb mit weissem Rand war, schritt unter
den tiefhängenden Ästen der Bäume dahin und die braungewordenen Blätter gerieten
in leise Bewegung, wenn der Judenhut sie streifte. Zacharias Naar liess sich
unter einem Apfelbaum nieder und starrte ins Morgenrot. Die Ebene schien sich zu
recken und zu dehnen, und der Schlaf flog auf von ihr in Gestalt der Raben und
Krähen. Der Wanderer zog eine schwarze Tafel und einen Stift aus dem Gewand und
mit träumerisch zaudernden Fingern formte er Buchstaben und Worte immer
bestimmter und rascher. »Mein Mund ist schwer wie der Mund eines Mörders. Mein
Geist schreit nach dir. Der blasse Morgen drückt deine zitternden Lider zu, da
du kommst. Du liegst schon schlafen, und ich küsse im grünlichen Schein der
Nachtwende dein Gewand. Kraft, Kühnheit, Stolz und Genugtuung sind nichts mehr
vor dir. Soll ich lächelnd an den kommenden Morgen denken, wenn du enteilst? Die
Liebe schreitet jauchzend der Finsternis zu und verachtet den Regentag. Was ist
im Himmel und auf Erden, ausser der Liebe, Leib der Leiber und Schoss aller
Schosse! Die heimliche Glut der Erdbrust wohnt in dir. Ich gehe durch die
Dämmerung, wo die Wetter schlummern, in die jahrlose Einsamkeit der grossen
Ewigkeiten hinab. Ich gehe, Gott zu suchen.« Hastig fuhr der Stift wieder über
das Geschriebene und machte es unleserlich. Dann wischte Naar alles mit feuchten
Gräsern wieder weg und schaute bitteren Mundes hinaus ins Land, über dem die
Sonne kam. Zum zweitenmal nahm er den Stift und schrieb bedächtig, bei jedem Zug
den Stift gleichsam in die Tafel eingrabend: »Ist ein Gott in diesem leeren All?
Ich will ihm schreien, ich will ihm die Glut meiner Seele opfern. Ist ein Gott,
dass er die Unbill räche, die Kränkung des Stolzes, dass er den Höfling demütige?
Ist ein barmherziger Vater, der das Feuer stillt, wenn es des Armen Dach
beleckt? Der den Schläfer auf nackter Erde bewahrt, dem frierenden Hund eine
Hütte gibt? Ich rufe dich, Ewiger und deine Welten verneinen dich, deine Sonnen
verleugnen dich. Ich suchte dich und nirgends fand ich dich. Die Himmel sind
echolos, wenn ich dich rufe, schweigend starren die Wälder. Allein bin ich
gegangen im Angesicht der Nacht und die Dunkelheit war mein Mantel und meines
Kummers Kleid; breit ist das Meer und tief, und masslos dehnen sich die Himmel,
aber du bist nicht. Jahrtausende verschwinden wie ein Lächeln und wer gut ist
verdirbt und die Falschen und Treulosen werden zu Propheten. Aber lass es laufen,
das Volk, lass es springen zu den Kammern des Todes. Wo bist du Gott? Bist du, wo
das Jahr zeitlos ist, und die Unendlichkeiten zusammenschrumpfen wie Leichname?
Bist du, wo die Sonne aus dem Westen steigt und der Mond aus Brunnen strahlt?
Bist du beim Gastmahl der Toten und hast du den neuen Morgen der Welten
verschlafen? Ach wo lauf ich hin? Der Himmel ist nur in mir. Wo ist Raum für
meine Seele?«
    Als er fertig war, zerschmetterte Zacharias Naar die Tafel am Baumstamm und
streute die Trümmer in alle Winde. Dann erhob er sich und ging den Häusern zu.
    Im Schindelhof begegnete ihm ein Zug jüdischer Männer und Frauen mit Kerzen
in den Händen. Vier Jungfrauen trugen einen Purpurbaldachin, unter dem ein Knabe
und ein Mädchen trippelten, beide noch Kinder. Sie sollten einander vermählt
werden, denn es war der Glaube jener Zeit, dadurch den Rest der noch ungeborenen
Seelen in die Leiblichkeit eingehen zu lassen und so das letzte Hindernis zum
Eintreffen des Gottesreiches zu beseitigen. Die Kinder, deren Namen Benjamin und
Eva waren, hielten sich fest an den Händen, und ihre Augen standen voll Tränen;
wenn sie sich einander anschauten, so geschah es gleichzeitig, und sie lächelten
dabei schwermütig wie Menschen, denen eine Strafe bevorsteht, der sie nicht
entrinnen können und die sie auch nicht verdient haben. Plötzlich bedeckte sich
Evas Gesicht mit einer glühenden Röte. Die schwarze Noemi kam mit ihrer Freundin
nackt die Gasse heruntergelaufen und trotz der frischen Herbstmorgenluft
schienen ihre Körper heiss zu sein von Tanz und Ausschweifungen. Schier
besinnungslos, doch graziös wie Gazellen liefen sie dahin und in jedem Laut
ihres Mundes war etwas Bacchantisches. Die kleine Eva wusste sich nicht zu helfen
vor Scham; in heller Verzweiflung schlang sie einen Arm um den Hals des Knaben,
und mit der freien Hand bedeckte sie seine Augen.
    Der sonderbare Brautzug kam in ein buntes Gewühle. Über den Gärtnerplatz
ging eine Kinderprozession und jedes Kind trug einen Teller südländischer
Früchte, oder Schalen mit Wein oder Backwerk. In diesen Tagen des Wahnsinns ging
auch kein Christ im weiten Umkreis seinen Geschäften nach, und keiner, wie
mächtig er auch sein mochte, versuchte den leidenschaftlichen Brand, der unter
dem verachteten und verhassen Judenvolk ausgebrochen war, zu dämpfen, oder gar zu
verspotten. Fremde Musikanten kamen des Wegs, (es wusste niemand woher), und
spielten auf Instrumenten, die man vorher niemals gehört. Alles war zauberisch,
überirdisch, aufregend und bestürzend.
    Unerhörtes begab sich auf dem Platz vor dem Pfarrhof. Dort nahm ein junges
und schönes Mädchen die symbolische Handlung vor, deren Deutung war, dass auch
die Tiere eingehen sollten in das messianische Reich. Die Zeremonie geschah mit
einem mächtigen Hunde und das junge Mädchen sang dabei wilde Lieder und schrie
verzückt. Die Zuschauer waren wohl entsetzt oder erschüttert oder verwundert,
aber sie empfanden es gleichwohl als einen religiösen Vorgang von tiefer Feier.
Mit bleichen Wangen standen sie umher und zitterten vor Grauen. In der Synagoge
blies man das Schofar, und es klang wie ein einsamer Weckruf in alle Gassen,
hinweg über alle Häuser, - wie ein Ruf aus den dunklen Tiefen der Kabbala. Eine
Krone auf dem Haar, kam Zirle einher, mit einem Gefolge wie eine Fürstin. Wer
sie sah, glaubte an sie wie an den Erlöser selbst. Ein junger Christ namens
Wagenseil, der Sohn des Pfarrers, folgte ihr wie behext auf Tritt und Schritt.
Schliesslich sang er das Lob des Sabbatai fast in dichterischen Worten und Zirle
erhörte ihn, noch ehe der Tag zur Neige ging. Ihr Wesen war ohne Schüchternheit;
sie hatte etwas Glänzendes in jeder Gebärde. Die Männer verloren alle Vernunft,
wenn sie vor ihnen stand, und die Glorie der Messiasbraut gab ihrem Wort ein
unwiderstehliches Gepräge. Sie kam zu den Fastenden und Betenden und richtete
sie auf. Denn manche wälzten sich tagelang wie Würmer auf der Erde, entielten
sich jeglicher Nahrung, oder sie hockten regungslos in den feuchten Winkeln
unterirdischer Gewölbe, hatten Visionen, »strahlende Nächte«, wie sie sagten,
fromme Gesichte, widerstanden so den Verlockungen des Satans und erfüllten zur
Nachtzeit die Luft mit ihren Klageliedern. Ohne zu erlahmen studierten sie alle
Bücher der Kabbala, alle Seiten des Talmud nach neuen und wunderbaren Deutungen;
ihre Weiber, wenn sie nicht zu den Orgien gingen, ergaben sich einem
grenzenlosen Fanatismus, stellten sich auf den Markt unter viele Leute,
stachelten zu nutzlosen Grausamkeiten und nutzlosen Versündigungen auf und
fluchten den Christen bitter. Die Kinder waren sich selbst überlassen, Säuglinge
schrien umsonst nach der Mutterbrust und starben bald. Hunger und Überfluss,
Prunk und Erbärmlichkeit reichten einander die Hände. Es fand kein regelmässiger
Gottesdienst mehr statt, und wenn man gemeinsam vor dem Altar betete, schrie,
forderte, triumphierte, war es einer Schändung des alten Gottes gleich. Zigeuner
zogen umher und vermehrten das Unheimliche und die Verwirrung. Der Papst und der
Kaiser schickten wie in alle Städte auch hierher Beamte und Abgesandte, die
unverrichteter Sache wieder ziehen mussten. Die freie Stadt Nürnberg entbot einen
Hauptmann und fünfzig Reiter, aber den Hauptmann samt seinen Reitern sah man
noch am selben Abend wüst johlend durch die Gassen taumeln. Am Fluss oben, gegen
Buch zu, wohnte ein ehrwürdiger christlicher Mann von bedeutender Gelehrsamkeit.
Er kannte gründlich die klassischen Sprachen und befasste sich auch mit
Astrologie und Alchymie. Die Leute behaupteten, er habe den Stein der Weisen
gefunden und ihn für einen unermesslichen Schatz an den Grosstürken abgegeben. Er
wurde befragt, was er von all dem Sturm und Aufruhr halte, und da sagte er: »Der
Jüd ist ein tolles Tier. So ihr ihn aus dem Käfig lasst, frisst er euch auf mit
Stumpf und Stiel. So er aber im Käfig bleibt, ist er zahm wie ein Hund. Viel
Verstand hat der Jüd und er ist wie ein Blindschleich. So du ihn entzwei hackst,
kriechen zweie hinweg.«
    Niemals stand die Anarchie drohender über den Völkern, als zu dieser Zeit
der Dämonie und der Ekstase. Da die Nachricht eintraf, die Juden von Frankfurt,
Worms und Mainz rüsteten sich zum Aufbruch nach Zion, entstand eine Erregung,
die mit einer langen, inbrünstigen Andacht zu vergleichen war. Alle Sehnsucht
hatte nun ein Ziel bekommen, und jeder einzelne beschloss, dem Rufe des Propheten
zu folgen.
    An demselben Tage, es war Allerseelen, lag Rahel auf ihrem Bette und starrte
stumpf-gleichgültig durch das Fenster in den Abendhimmel. Das Haus war leer; die
Schritte mochten darin nachhallen, denn die Dielen knisterten oft von selbst.
Rahel hatte die Mutter schon seit zwei Tagen nicht gesehen, der Vater war seit
dem Morgen fort. Niemand hatte sich in der letzten Zeit um sie gekümmert, und
keine der jüdischen Frauen kam mehr, um stundenlang bei ihr zu sitzen. Aber
darüber dachte sie nicht nach. Sie war froh, dass wieder die Nacht kam.
    Als es dunkel war, trat Maier Natan ins Zimmer. Sein Wesen war verstört,
und bisweilen brach er in kurzes meckerndes Lachen aus. Beim Schein eines
Öllichts zählte er sein Geld nach und vergrub später einen Kasten mit Perlen und
Schmucksachen im Hofe neben dem Brunnen. Erhjetzt von der Arbeit, schnaufend und
pustend kam er zurück und setzte sich neben seine Tochter, das Kinn auf den
Griff des Spatens gestützt. Er seufzte, fuhr mit den Fingern in die Haare,
schnitt Grimassen, sprang endlich auf, warf den Spaten heftig von sich, focht
mit den Armen in der Luft umher und brach in ein glucksendes Weinen aus. Rahel
rührte sich nicht. Sie war daran gewöhnt, seit Zirle erschienen war. »Schadai,
Schadai voller Gnade!« rief der Knöcker aus. »Ich habe die himmlische Stimme
gehört, ich hab sie doch sicherlich gehört mit meinen Ohren. Gott soll mich
strafen, aber mein Rahelchen ist doch keine Hur!« Er kniete vor Rahel hin,
streichelte mit der Hand ihre Haare und stammelte: »Mein Rahelchen, mein gutes
Jelet, mein Engelchen. Mise meschinne über die Narren, dass sie an die falsche
Braut glauben. Sterben sollen sie den Tod durch Aussatz.« Und er erhob sich und
rannte wie gepeitscht davon.
    Die Nacht war stürmisch. Die Winde kamen von Süden, und draussen in der Ebene
gurgelte es wie in einem Strudel. Der Mond grinste fahl durch geborstene Wolken,
und es war, als ob er selbst sie zerrissen hätte und sie aufgelöst vor sich her
triebe. Gegen Mitternacht kam ein Herbstgewitter. Flatternde, schwere,
lichtsaugende Nebel fielen nieder, und die Blitze fuhren hinein mit einem
süssgelben Leuchten. Rahel sah zu, und ihr wurde bitter in der Kehle vor Grauen;
in der Ferne heulten die Hunde.
    Rahel war müde. Was da draussen vorging in der Welt, sie kümmerte sich nicht
darum. An nichts glaubte sie, mitten in einem Haufen von Wahnsinnigen blieb sie
ruhig und nachdenklich. Doch hatte sie Furcht vor der Zukunft. Was soll aus dem
Kind werden? dachte sie, und was aus mir, wenn sie alles erfahren? Gegen zwei
Uhr, das Gewitter hatte sich verzogen, rief das Schofar die Juden in den
Tempelhof. Zacharias Naar verlas einen Brief des Sabbatai an seine Braut Zirle,
die er Zilla nannte. Es war ein feuriges und sinnlich überschwengliches
Liebesgedicht, und es hiess zum Schluss, dass er sie samt ihrem Volk, den Lebenden
und denen, welche von den Toten auferstehen würden, am siebzehnten Tag des
Monats Tamuz zu Salonichi empfangen würde. Darauf stellte Zacharias Naar drei
Fragen an die schweigende Gemeinde: Ob sie mit Gut und Blut sich dem Messias
ergeben wollten? ob sie die Mühen und Beschwerden der langen Wanderung nicht
scheuen wollten? ob sie ohne Murren und Weigern die Göttlichkeit der
Messiasbraut anerkennen und ihren Befehlen folgen wollten? Ein bebendes Ja aus
vielen hundert Kehlen antwortete. Nun trat Zirle in die Mitte des Kreises, hob
ihre Arme verzückt zum Himmel, und ihr leidenschaftliches Gebet liess die Zuhörer
erglühen vor Sehnsucht und Begierde nach dem Neuen, Grossen, Wundervollen, das
für sie bereit war. Noch wussten sie nichts, was ihnen Sicherheit gab, aber mehr
war es, zu glauben und dem Kommenden begeistert entgegen zu leben. Jauchzend
wollten sie ein Land verlassen, das nur Verachtung und unmenschliche Grausamkeit
für sie gehabt hatte. Es schien leicht, alles hinter sich zu werfen, wenn im
Osten die Triften der ererbten Wohnsitze lockten, wenn ein königlicher Prophet
sie zum unverbrüchlichen Bunde rief. Hier war kein Vaterland für sie und konnte
es niemals werden, wie sich auch die Zeiten wandeln mochten.
    Die Ältesten der Gemeinde erklärten sich zum Aufbruch bereit; bei Anbruch
des Tages sollte mit den Vorbereitungen begonnen werden. Plötzlich sprang Maier
Knöcker, der Natan, schreiend auf Zirle zu, packte sie bei den Haaren und riss
sie zu Boden. Die andern Juden hätten ihn sicherlich in Stücke zerrissen, wenn
nicht sein Weib, die Telsela und die tugendsame Treinla, des Rabbi Man
Ehewirtin, sich über ihn geworfen und flehentlich um sein Leben gebeten hätten.
    Gleich fernem Brandschein zeigte sich der erste Streifen des Morgenrots und
hoch in der Luft zogen Vögel mit zirpenden Schreien dahin.
    Als Maier Knöcker nach Haus kam, fand er seine Tochter schlafend. Aber es
bedurfte nur einer leisen Berührung und sie erwachte. Ihr Blick war scheu,
verstört und furchtsam. »Gebenscht, ich hab se zugericht,« sagte der Natan mit
stumpfsinnigem Frohlocken. »Unbeschrien ich hab'r die Haare ausgerissen, der
falschen Braut.« Er sah seine Tochter durchdringend an, schüttelte bekümmert den
Kopf und fragte die Telsela, wie lang es noch dauern könne bis zu Rahels
Niederkunft. Geistesabwesend erwiderte das arme Weib, sie wisse das nicht;
jedenfalls aber noch vier bis sechs Wochen. Gegen Mittag kam der Ober-Rabbi mit
finsterem Gesicht und fünf Älteste begleiteten ihn. In harten Worten stellte er
den Knöcker zur Rede und gab schliesslich Zweifel darüber zu erkennen, dass Maier
Natan die himmlische Stimme gehört habe. Der Knöcker begann zu weinen. Sein
leidenschaftlicher Protest und die schwermütige Bestätigung der Tatsache durch
die Telsela stimmten den Rabbi milder und Chajim Chaim Rappaport meinte in
seiner wohlwollenden Art, man könne ja doch das Ende der Schwangerschaft
abwarten; auch sei es nicht ausgeschlossen, dass dem Messias zwei Bräute bestimmt
seien, obwohl Zacharias Naar ein Gegner solchen Glaubens sei.
    Wenn Maier Knöcker sich auf den Gassen blicken liess, sah er sich mit
Misstrauen beobachtet, und seine ehemaligen Freunde gingen ihm aus dem Weg. Nur
die ameisenhafte Geschäftigkeit, die überall herrschte, schützte ihn vor
Schlimmerem. Doch hatte er nirgends Rast. Ein wühlender Schmerz über die
ungeordneten Zustände bedrückte ihn. Er suchte nach der Reihe seine Schuldner
auf und keifte überall und drohte mit dem Landrichter. Dann eilte er wieder
schnellen Laufs nach Hause, in die Kammern, zu seinen Kostbarkeiten und
Pfandpapieren. Da er sich von allen verachtet fand, nahm die Liebe zu den
Schätzen zu, wie auch ein gewisses trotziges Vertrauen in die Mission seiner
Tochter, und mit zorniger Ungeduld erwartete er die Ankunft der gottgeweihten
Enkelin, überzeugt, dass es dabei an himmlischen und weit erkennbaren Zeichen
nicht fehlen werde.
    Änsel Obadja und Hutzel Davidla standen am Abend des vierten November
tuschelnd unter einem Haustor und gaben ihren Sorgen Ausdruck über die
Vernachlässigung jeglichen Gottesdienstes. »Wenn es sich zuträgt, dass viele
trinken werden,« sagte Hutzel Davidla zitternd und seine Mausaugen schauten
glitzernd gegen Himmel, »dann hat unser Herrgott uns strafen gewollt.« Davidla
gebrauchte das Wort trinken und meinte damit den Tod, denn die Juden reden
ungern vom Sterben, und schon im Talmud Ketubot steht die Redensart vom
Trinken. Ein gelehrter Chronist, der zu Fürt lebte, schreibt: Man frage nicht,
warum sich dieses Volk allezeit so sehr für dem Tod entsetzet? Dies macht es:
sie wissen nicht, wie sie dem künftigen Zorn entfliehen sollen. Das Sterben der
Juden ist daher allezeit mit Furcht und Schrecken umgeben. Alle, alle müssen mit
Entsetzen für den Dingen, die da kommen, aus der Welt scheiden.
    Das Laubhüttenfest war unbeachtet herangekommen und sah nun in den Taumel
und Wirrwarr der kommenden grossen Wanderung. Breite Lastwagen, die von Bauern
draussen oder von Christen im Markt erkauft worden waren, rumpelten
ununterbrochen vor die Häuser der Juden. Die streitenden Stimmen der Fuhrleute
mengten sich mit dem Gekeife der Weiber; Pferde, Esel und Rinder wurden mit
vielem Lärm erhandelt; die Gassen lagen voll von zerbrochenem Hausrat, leeren
Kisten, Kleider- und Leinwandfetzen, Stroh, Pergamenten und Spänen. Wenn
Christen vorbeikamen, hatten sie ein finsteres und drohendes Gesicht und sahen
aus, als ob sie die Mittel überlegten, um diese Anstalten zu nichte zu machen.
    Auf einer Kiste sass sinnend der kleine Benjamin und pendelte mit den
Beinchen hin und her. Ihm war unwohnlich. Durch die hohlen Fensterlöcher schaute
er in das Haus des Maier Lambden; er sah Kasten auf Kasten getürmt, sah die
Weiber mit weissen Tüchern um den Kopf hin- und hereilen, wie sie die Schränke
leerten und das Geschirr verpackten, und er hörte das Silberzeug klirren und den
Lärm von Hammer und Meissel. Daneben stand das Haus von Samuel Ermreuter, der
von seinen Söhnen das Dach abtragen liess, denn nichts sollte den Gojim
verbleiben von seinem Gut und Eigentum. Bei Itzig Gensshenker hatten sich viele
junge Mädchen zusammengefunden und nähten emsig Wagendecken und Reisegewänder
und sangen alte Gesänge. Stunde für Stunde zogen arme Juden aus fremden
Ortschaften durch die Hauptstrasse, und in der frischen Glut ihrer Begeisterung
vermochten sie nicht länger Rast zu machen, als es nötig ist, um ein Gebet zu
sagen. Dann eilten sie weiter in ihren Lumpen und mit ihrer jämmerlichen Habe.
    Betrübt ging Benjamin an den Häusern entlang. Er blickte in die Gärten, in
denen alle Blüten verwelkt waren und dürre Blätter den Boden bedeckten. Einmal
sah er Eva, seine Verlobte, über die Gasse eilen, und er ging zu ihr hin. Aber
das Kind, mit aufgestreiften Ärmeln und geröteten Wangen, schüttelte den Kopf
und sagte, sie habe zu viel zu tun, um plaudern zu können. Benjamin hatte
Hunger, und weil man ihm daheim nicht zu essen gab, ging er hinaus an den Fluss,
wo er Haselstauden wusste und wo er sich sättigen wollte. Die Ereignisse, von
seiner melancholischen Stimmung in farbige Dämmerung gehüllt, gaben ihm viel zu
denken und er träumte sich mit klopfendem Herzen das Land der Verheissung, wo es
keine Christen gab und keinen Stadtvogt und keine Daumenschrauben und kein
Spiessrutenlaufen. Wie klar und furchtbar erinnerte er sich des Tages, wo sein
Vater wegen einer angeblich gestohlenen Sanduhr gefoltert worden war. Seinen
Oheim hatten sie aus Nürnberg hinausgepeitscht, weil er dort übernachtet hatte.
Oft hatte die Mutter erzählt, dass ihre Muhme als Hexe verbrannt worden war,
obwohl sie eine fromme und sanfte Frau gewesen war. Dies alles machte ihn
ungeduldig nach Macht und Grösse.
    Ein Jubelgesang scholl von den Häusern herüber. Er hörte eine Weile zu und
fragte sich, warum eigentlich die Juden so verachtet seien. Er kam zu keinem
Schluss. Im Grunde schmerzte es ihn, von diesen Feldern fort zu müssen, wer weiss
wie weit. Es war so schön hier! Wie breit und ruhig lag das Land da! Ein
glanzloser Nebel kroch über die Äcker und drüben lag Nürnberg mit seiner
kaiserlichen Burg, mit seinen starken Mauern, mit seinen schmalen, stolzen
Türmen. Die Häuser waren vielleicht aus Marmor gebaut, und die Stoffe und das
viele Gold und die herrlichen Rosse, die Kampfspiele, der Jahrmarkt auf der
Schüttinsel, der Metzgersprung, - wie bunt und wechselvoll, wie freudig und
schimmernd alles!
    Die Welt versank allmählich in der Dämmerung. Er ging heimwärts. Die dumpfe,
drohende Geschäftigkeit, die überall herrschte und die immer mehr anschwoll,
erweckte eine unbestimmte Angst in ihm. Bei einer Gartentür lag ein Stein und er
liess sich ermüdet nieder. Samson Weinschenk und die Seinen hatten schon zwei
Wagen vollbepackt und sassen nun zwischen leeren Wänden. Auch David Tischbeck und
Samuel Schrenz und Hutzel Davidla und Löw Wassertrüdinger und Moses Käsbauer und
Maier Wolf: alle waren sie schon fertig und bereit, das fremde Land für immer zu
verlassen. Der Knabe fühlte gleichsam schwere Schicksale voraus, darum war er
traurig, und es war, als ob von irgendwoher eine schmerzlich schöne Musik
erschalle und durch die kümmerlichen Gassen des Judenviertels fliesse.
    Er blickte empor und sah Rahel Natan mit plumpen, aber hastigen Schritten
daherkommen. Sie wollte vorbei, aber Benjamin rief sie an. Da fuhr sie zusammen,
winkte mit beiden Armen ab und wollte schnell weitergehen, - gegen die Häuser
der Christen hinüber. Doch besann sie sich eines andern und setzte sich neben
den Knaben auf den Stein. »Morgen soll es fortgehen, weisst du das, Junge?«
fragte sie. Er bejahte, aber sie redete nicht mehr, es war, als ob sie sich ganz
in sich selbst verkröche. Der Knabe sah, dass sie mit ihren Händen das Gesicht
bedeckt hatte, und die Ellbogen waren durch das niedere Sitzen tief in den Schoss
vergraben. Es fiel ihm ein, dass es im Gesetz verboten sei, so niedrig zu sitzen;
nur die Leidtragenden dürfen es um ihre Verstorbenen. Da stand er rasch auf.
Aber ehe er sich dessen versah, hatte ihn das Mädchen heftig bei den Armen
gepackt, zog ihn an sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und
drückte die glühendheissen trockenen Lippen leidenschaftlich auf seinen Mund.
Benjamin glaubte zu versinken, auf seiner Stirn perlte feiner Schweiss, der ihn
gleich Nadeln verwundete. Er hörte Rahels Herz wie einen dumpfen Hammer pochen,
die Wärme ihres Körpers strömte auf ihn über, ihre aufgelösten Haare umhüllten
seinen Kopf. Und nun fielen nasse Tropfen auf seine Wangen nieder, und erst
durch das laute Schluchzen des jungen Mädchens ward er schaudernd inne, dass es
Tränen waren. Auf einmal stand sie auf, stiess den Knaben rauh von sich und eilte
davon.
    In der Rosengass stand ein kleines grünangestrichenes Haus, darin wohnte der
Studiosus Tomas Peter Hummel. Rahel tastete sich mühsam durch die Finsternis
des Flurs. Plötzlich fiel ihr, sie wusste nicht warum, ein Vers aus dem Talmud
Taanit ein: Und ich mache allen ihren Jubel still, ihre Feste, Monden und
Sabbate. Heiserer Gesang scholl aus einem Raum im Hintergrund, dann kam ein
wüstes Lärmen und Durcheinanderreden, Gläserklirren und Zurufe und auf einmal
war es wieder ganz still. Eine weiche, schmiegsame Mittelstimme begann ein Lied
zu singen; Rahel kannte die Stimme, die so verführerisch war und von der sie
meinte, dass niemand ihr widerstehen könne. »Es ist ein' Ros' entsprungen aus
einer grossen Zahl,« - ein altes Lied voll Trauer und Sehnsucht. Wer es sang,
musste gewiss um der Liebe willen leiden. Es war, wie wenn ein Vogel gefangen
sitzt, von dem man weiss, dass er nur durch Freiheit leben kann, und er sitzt in
einem finstern Käfig und flattert sich die Flügel wund. Das Lied war schon lange
zu Ende, aber Rahel stand immer noch regungslos da, und ein schmaler
Lichtstreifen aus der Türspalte fiel auf ihre Stirn. Plötzlich wurde die Tür
aufgerissen und lachend, in der einen Hand den Weinkrug, mit der andern der
Schar von Studenten am Tisch in der übertriebenen Lustigkeit, die ihm eigen war,
zuwinkend, trat Tomas Peter Hummel heraus. Das Zimmer war von Rauch erfüllt,
denn die jungen Leute sassen alle mit Pfeifen im Mund und pafften fleissig drauf
los. Hummel schloss die Tür und setzte mit einem Feuerstein ein Öllicht in Brand,
um in den Keller zu gehen. Als er sich mit dem Lämpchen in der Hand umdrehte,
gewahrte er Rahel. Er erbleichte. Sein kleiner Mund kniff sich zusammen, die
Pupillen erweiterten sich wie bei einer Katze, und endlich stiess er einen
dumpfen, fragenden Laut hervor. »Wir gehn fort von hier,« murmelte Rahel, und
ihr Kinn sank gegen die Brust. Der Student lächelte schnell unter seinem
schwarzen, koketten Bart hervor und sagte, in eine Stube könne er sie nicht
führen, sie sollte mit ihm in den Keller kommen, und Rahel folgte ihm in den
feuchten Keller hinab. Hummel liess sie auf ein leeres Fässchen setzen, nahm ihre
Hand und begann zu sprechen. Das war seine Kunst, zu sprechen. Da vergass er sich
selbst und den andern, wusste hundert Gründe oder Dinge, an die kein Mensch
dachte oder denken konnte, geriet vom zehnten ins zwanzigste und von da noch
weiter, unterbrach niemals den freien Fluss der Rede, setzte, wo es anging, ein
gelehrtes Zitat statt eigener Meinung oder brachte füglich eine bedeutsame
Geschichte von spannender Erfindung an, kurz, er wusste das Wort so vollkommen zu
gebrauchen, dass er es in knapper Zeit vermochte, ein grosses Unglück höchst
winzig erscheinen zu lassen und war im ganzen ein glänzendes Beispiel für den
Ausspruch des alten Cicero über die Beredsamkeit. dabei war seine Stimme leise
und berückend, eindringlich und gleichsam erziehend. Seine Gesten waren rund und
gefällig, gemessen und wohlwollend, besonders wenn er Daumen und Zeigefinger mit
den Spitzen zusammendrückte und den Arm pendelartig auf- und abbewegte. Er
schien nichts als Liebe und Uneigennützigkeit zu empfinden und alles, was er
sagte, hatte Klang und Vernunft, sozusagen Hut und Schuh, und er vermochte einen
Menschen zu trösten, dass er all seine Schmerzen vergass und sich so vollgeredet
fand, als habe er am Tisch des Grossmoguls die köstlichsten Speisen gespeist.
    Nach geraumer Weile und als von oben das ungeduldige Fussgetrampel der andern
Studenten hörbar wurde, erhob sich Rahel und ging wieder. Draussen in der Nacht
erinnerte sie sich dunkel, dass Tomas Peter ihr empfohlen hatte, die Juden zu
warnen, es sei etwas im Werk; aber es liess sie kühl. Sie fühlte sich wie das
tote Werkzeug in einer fremden Hand. Sie dachte an den Geliebten, von dem sie
eben auf so seltsame Weise ewigen Abschied genommen, und ein Schauer zog ihr die
Brust zusammen und ihr Herz lag wie Blei im Körper. Jenes Haus, das so Teures
für sie beherbergt hatte, konnte nicht mehr das Bild ihrer Träume verschönen.
Stand doch schon über seinem Eingang ein roher Landsknechtspruch, neu hingemalt:
Wer so fährt wie ich, fährt boess.
Meines Vaters Guett hab' ich versoffen,
Bis auff einen alten Filzhuett.
Der leit da.
Den ofen wer ich aach ball versaufen.
    Die Nacht war kalt. Die Wolken am Himmel hatten in ihrem gelben Leuchten und
ihren kargen Umrissen etwas Wesenhaftes und Persönliches. Vor manchen Haustüren
der Christen standen Männer im Schein düsterer Lichter und berieten über die
Vorgänge im Judenviertel. Sie schienen besorgt, denn wie auch dies Volk verhasst
bei ihnen war, so beleidigten doch all diese Dinge ihr Herrischkeitsgefühl, und
sie glaubten, es nicht zugeben zu dürfen, dass sich der Knecht so leichterdings
frei mache und davonziehe. Nur die zu Wucherzins Verpflichteten rieben sich
insgeheim die Hände und beglückwünschten sich zu den so mühelos errungenen
Kapitalien.
    Rahel wagte sich nicht heim. Sie wusste nicht, was sie davon abhielt, aber
ihre Seele verging in Furcht. Sie wanderte dahin, ohne über ein Ziel
nachzudenken. Sie lebte völlig in einer dunklen Innenwelt und die Blicke, die
sie in die erleuchteten Fenster der Wohnungen warf, hatten etwas Irres. Wie so
oft, ging sie in das Haus des frommen Elieser Rappaport, der ihr Verwandter war.
Die ganze Familie sass um den grossen Tisch herum; die Wände waren kahl, die
Schränke fortgeschaft, Geschirr, Betten, Wäsche und Gewänder auf den Wagen
verpackt. Es war unheimlich zu sehen, wie die Menschen um das trübe, rauchende
Licht herumhockten, mit blassen, erwartungsvollen Gesichtern oder mit milden
Gesichtern, in denen gleichsam nur noch eine entfernte, eine fliehende
Sehnsucht, ein schüchternes Hoffen leuchtete, und wie sie dem Vorlesen des
Elieser lauschten. Draussen fauchte der Wind und überall klimperte und klirrte es
und oft blökten ängstliche Rinder oder wieherten die Pferde.
    Rahel setzte sich in eine Ecke des Raumes, wo ein Balken aus der Wand
hervortrat. Niemand achtete ihrer. Elieser las aus dem Buch Simchas Chamefesch,
der »Seelenfreude«, welches zu Frankfurt und zu Sulzbach deutsch gedruckt worden
war. Mit bebender Stimme las der alte Mann die Parabel, die von der Stärke des
Glaubens handelt. »Einer hat drei gute Freund; einer is sein Leibfreund, der
ander is aach ein guter Freund, un der dritter, den hat er vor gar nix geacht.
Urbizling schickt der Melech, der König, einen Boten nach den Mensch, er soll
geschwind zum Melech kommen. Der Mensch derschreckt sehr, denkt, was muss das
bedeuten, als der Melech nach mer schickt und fercht sich sehr un geht zu sein
Leibfreund, der soll mit ihm gehn zum Melech, der will aber nit mit ihn gehn. Da
geht er zu den andern Freund, er soll mit ihn gehn zum Melech, da spricht er,
ich will dich begleiten bis an das Schloss, aber weiter will ich nit gehn. Da
geht er zu den dritten Freund, den er vor gar nix geacht hat. Da spricht er, ich
will mit dir gehn zum Melech un will dich beschermen. Un is mit ihm gangen zum
Melech un hat ihm beschermt. Aso aach die drei Freund; einer das is Geld, der
ander, das is sein Weib un Kind, der dritt Freund, den er vor nix hat gehalten,
das is die Tora, die Gebote, die guten Taten, das acht der Mensch vor nix. Der
Melech das is Got, der Bote das is der Tod, den schickt Got urbizling, soll dem
Menschen seine Seel nehmen. Der beste Freund das is das Geld, das bleibt
derheim, wenn er gleich noch aso viel hat, kann er doch nix mitnehmen. Der ander
Freund, das is sein Weib un Kinder, gehn mit ihn bis ans Grab, schreien un
weinen, kennen ihm nit helfen. Der dritt Freund den acht der Mensch vor nix, der
geht mit zum Melech.«
    Die Stimme verklang wie in einer Höhle. Es befand sich aber noch ein Rabe im
Zimmer, der vom alten Elieser aufgezogen worden war und der, lauernd auf einer
Stange hockend, sein düstres Krächzen in die gelehrtesten Disputationen zu
werfen pflegte. Rahel sah den Vogel beständig an, denn ihr war, als sei ein
menschliches Wesen in ihm verborgen, ja sie dachte: so ist mein Volk wie dieser
Rabe. Doppelt schwarz und doppelt unruhig sah er aus im Gegensatz zu den
glutgeröteten Mauern; mitten im Dunkel sass er wie auf einer Insel in einem Ozean
von Finsternis.
    Gebete und Fasten füllten allentalben die Nacht aus. Es gab freilich
manche, die wieder zaghaft geworden waren und die am liebsten zurückgeblieben
wären, aber zu ihnen kam Zacharias Naar. Es war, als ob er die Schwächlinge und
Feiglinge am Blick zu erkennen vermöchte. Es war erstaunlich, wenn er zu ihnen
sprach und sie folgsam wurden wie Hunde, wenn er seine Augen auf sie heftete und
in geheimnisvoller Weise ihre Entschlüsse formte wie Ton.
    Der Zug der wandernden Juden nahm nicht ab. Im Osten häuften sich Ereignisse
verwirrender Art. Es kam die Kunde, Sabbatai sei zum Sultan der Türkei zu Gast
geladen worden und reise nun in Begleitung seiner zwölf Jünger und einer grossen
Schar von gelehrten Talmudisten zu Schiffe nach Salonichi. Eine ganze Flottille
von Smyrnaer Schiffen sei in seinem Gefolge, Ehefrauen hätten ihre Männer
verlassen um seinetwillen, Mütter ihre Kinder, Jungfrauen und Knaben das
elterliche Heim. Gold und Geschmeide flösse ihm zu aus unerschöpflichen Bornen,
und die Khalifen der Bucharei, die Fürsten Afghanistans und die Rajahs von
Indien schickten Perlen und Geschmeide, Gesandte, Speisen für seine Festmahle,
Gewänder von Purpur und Seide und Samt. Dergleichen war wie ein Rausch für das
ganze Judenvolk der Erde. Ihre Erwartung hielt kaum Schritt mit ihrer Freude,
eine sinnlose Vergötterung für den Menschengott erfüllte sie und der Jude, der
so leicht der Raserei in jeglicher Gestalt zugänglich ist, vergass sein irdisches
Gut und die irdischen Dinge. Engel bliesen auf Sturmschalmeien und der finstere
Gott der Juden, der Moses erhoben und Pharao gezüchtigt hatte, kam selbst, um
dem Messias entgegenzuschreiten. Darum war es kein Wunder, wenn Zirle sich
alsbald zu ungeahnter Höhe emporgerissen fand. Ihre Seele, im Beginn dieser
Mission ein wenig fremd, entstammte sich im Angesicht des Mysteriums. Ihr Wesen
war nicht keusch, wer ihr gefiel, dem ergab sie sich, oft mehr aus Mitleid als
aus Begierde, denn sie sah die Männer vor sich zerschmelzen wie Wachs. Dennoch
blickte sie mit Schauern hinüber in jenes heilige Land, wo der Sohn des Himmels
ihrer harrte, der so schön sein sollte, dass niemand ihn anzuschauen vermochte
ohne geblendet zu werden. Sie empfing auf rätselhafte Art Briefe von ihm, deren
Inhalt ihrem Träumen und Wachen eine Fülle von Glückseligkeit verlieh.
    Einst ging sie am Haus des Knöckers vorbei und sah Rahel unter der Türe
sitzen. Etwas in dem Gesicht des Mädchens zog sie an, vielleicht die hilflosen
Augen oder der bleiche Mund. Sie trat näher, stellte sich vor Rahel hin, nahm
ihre Hand und drückte sie sanft. Rahel schüttelte befremdet den Kopf und
lächelte störrisch. Aber plötzlich konnte sie sich nicht mehr zurückhalten: es
war, wie wenn etwas in ihr zerbrochen wäre: sie fiel auf die Knie und drückte
ihr Gesicht schluchzend in den Schoss Zirles, die sich schmerzlich unzufrieden
fand. Auf der Gasse stand Wagen an Wagen, vollbepackt zur langen, schweren
Reise. Darin, und in den Mienen der alten Männer, die so besorgt waren, und doch
eine freudige Zuversicht glauben liessen, lag etwas Erschütterndes für Zirle.
    Der Maier Natan wurde mit jedem Tag unruhiger, fragte seine Tochter, wann
sie denn glaube, dass das Grosse sich ereignen würde, und holte den Rat der Frau
Pesla ein, einer erfahrenen Wehmutter, von der noch in alten Chroniken zu lesen
ist: dass sie mit frühem Morgen jedesmal nach dem Tempel geeilet sei, dass sie
viele Jahre weder Fleisch noch Wein genossen und ohne Betten auf der Erde lag.
Wenn der Natan sein Weib betrachtete, die sich einer stillen Schwermut so
ergeben hatte, dass sie oft stundenlang mit geschlossenen Augen kauerte, so wurde
ihm bang in seiner Seele und seine letzte Zuflucht waren seine Kostbarkeiten.
Auch tat er alles, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und dies um so mehr,
je stärker er die Verachtung empfand, mit der man ihm begegnete. So errichtete
er in einer Nacht einen grossen Scheiterhaufen hinter seinem Haus, setzte ihn in
Brand, stand davor wie vor einem Altar und betete, als das Feuer lohend gegen
Himmel stieg. Entsetzt kamen Männer herbeigelaufen, ihn zu fragen, was dies zu
bedeuten habe. »Ich hab' Flachs hineingeworfen,« sagte der Natan, doch kein
Mensch konnte es begreifen. »Ich faste,« fuhr er fort, »wegen eines bösen
Traums, und Rabbi bar Mechasja sagt: Fasten ist dem Traum, wie Feuer dem
Flachs.« Alle schüttelten spöttisch die Köpfe und gingen. Die Gerüchte, die über
Rahel umliefen, wurden hässlich und abenteuerlich und bald galt sie für unrein;
und doch wandelte sie umher wie im Schlaf, dachte der Wochen, wo noch die Liebe
ihren Gang verschönt hatte, wo keine Nacht saumselig genug war für den frischen
Trunk des Glücks - das aber war vorbei.
    Am Samstag Kreszenz, den achtundzwanzigsten November, sollte der Aufbruch
stattfinden. Frühe des Morgens, lang ehe der Osten sich rötete, versammelte sich
die Gemeinde in der Synagoge. Die heilige Schrift wurde aus der Lade genommen
und der Älteste trug sie mit gesenktem Kopf demütig und bleich hinaus, während
die Gemeinde Mann hinter Mann betend folgte und der Schammes oder Schuldiener
die Lichter verlöschte, die Türe fest versperrte und den grossen, hohlen
Schlüssel an einem sicheren Ort neben der Klauss vergrub. Dann hörte man weinen
hinter vielen Wänden: es galt den Abschied vom Ort der Fron und der Verachtung.
    Unsern der Mauer des Gottesackers kamen die Wagen zusammen. Regen wälzte
sich her im grauenden Tag und der Sturmwind pfiff durch die Wagenzelte. Doppelt
öde lagen die weiten Felder in der Dämmerung und die verlassenen Häuser schienen
zu rufen, ihre leeren Fenster hatten etwas Ziehendes und Warnendes. Frauen
kreischten auf dem feuchten Plan, Hunde bellten, Kinder wimmerten, die Männer
riefen nach ihren Angehörigen und die Rinder brüllten. Zigeuner gesellten sich
dem Zug bei und sie wurden geduldet, weil sie als Wegweiser dienen konnten; ihre
Weiber riefen sich ihr gellendes Rotwelsch durch den brausenden Wind zu und aus
einem verschlossenen Zigeunerwagen tönte in seltsamer Unbekümmerteit eine Geige
in langen Mollakkorden. Es kam ein Bote und meldete, die freie Reichsstadt gebe
den Durchzug durch ihr Gebiet nicht frei. Das nächste Ziel der Wanderung war
daher die Schwedenveste im Süden. Die Besorgnis wurde laut, die Nürnberger
möchten Soldaten aufbieten, um die Juden zum Bleiben zu zwingen. Manchen schien
es, als ob Geschehnisse sich wiederholten von vieltausendjährigem Alter. Der
Himmel gab ihnen recht; vor allen Plagen schien die Plage der Finsternis sich
vorzudrängen. Der Tag war angebrochen und doch war es noch Nacht. Die Wege waren
durchweicht und die Wagenräder standen tief im Kot. Zirle, der man eine Art
vornehmer Karosse gegeben hatte, lehnte bleich im Rücksitz. Im strömenden Regen
stand der junge Wagenseil vor dem Gefährt. Unter grosser Feierlichkeit hatte er
gestern den christlichen Glauben abgeschworen und war zum Jünger des Messias
geworden; nun wollte er mit fortziehen, wollte alle Bande der Heimat
zerschneiden, nur um unverwandt in Zirles Antlitz schauen zu können. Nicht
beachtenswert erschien es ihm, dass sie die Braut des Sabbatai war; darin war so
viel Überirdisches und Unsinnliches, dass ihn nichts bei diesem Gedanken
beunruhigte. Er wusste nicht, dass er der Urheber des Verderbens für die
Auswanderer war. Die stille Gärung unter den Christen des Hofmarkts war vom
alten Pfarrer Wagenseil zur offenen Flamme geschürt worden, und noch im Lauf des
Tages entstand ein Einverständnis mit den Nürnbergischen zur raschen Tat. Nur
die Furcht vor dem Gloriosen und Erhabenen, die in der Stimmung dieser Tage lag,
hatte bisher den feindseligen Arm gelähmt.
    Um den Gottesacker vor frevlerischen Händen zu sichern, wurde das Tor mit
fünffachem heiligem Siegel verschlossen. Gegen acht Uhr wurde endlich, mitten in
der grössten Verwirrung durch ein dreimaliges Hornsignal das Zeichen zum Aufbruch
gegeben. Die Zigeuner hatten sich bereits an die mit Lebensmitteln gefüllten
Wagen gemacht und rauften um Fleisch und Brot wie die Wölfe. Keiner verstand den
anderen im Tumult; Ermahnungen und Ermunterungen verhallten fruchtlos. In
manchen Augen tauchte jene geheimnisvolle Verzweiflung auf, die durch einen
unsicheren und brennenden Glanz den Schein von Mut erhält und sich durch
rastlose Geschäftigkeit unkenntlich macht. Der Lärm und das Geschrei erscholl
weit hinaus, scheuchte die Krähen aus den kahlen Feldern empor und die Peitschen
der Kärrner schallten durchdringend bis an den Wald hinüber und klangen zurück
als ein schüchternes Echo. Die Wolken sahen aus wie zerzauste Leinwand und der
ganze Himmel glich einer grauen Wüste. Am Kreuzweg nach Unterfarrnbach stiess die
kleine Judengemeinde dieses Dorfes zum grossen Hauptzug. Bald flatterten schlecht
befestigte Zelttücher im Wind und allerlei leichte Gegenstände flogen in der
Luft herum. Was half das Beten der Frommen und das fromme Deuten der
Talmudisten? Was half der Glaube und die Begeisterung? Der finstere Judengott
liess nicht mit sich spassen und streckte seine grausame Hand herab, dass sie wie
eine Mauer vor jenen süssen und verlockenden Zielen stand, die eine
morgenländische Phantasie herausgezaubert hatte. Oft sass ein Gefährt fest im
dicken Kot und fünfzig und mehr Männer mussten es unter Anspannung aller Kräfte
herausschieben. Ein Wagen diente als Betzelt, und in ihm war auch die heilige
Lade in kostbarem Putz aufbewahrt. Der Ober-Rabbi, der Chassan, die Rumpeln und
Wolf Batsch sassen herum und sangen Lieder des Sabbatai. Boruchs Klöss in seinem
Wagen hielt sein Weib umschlungen; das Mittagessen, eine fettige Mehlspeise,
stand in einer zinnernen Schüssel vor ihnen, aber sie assen nicht, sondern sahen
beide stumpfsinnig in die erkaltende Speise. Dumpfe Schreie schallten in ihre
erbärmliche Behausung; manche hatten ihre Hauskatzen mitgenommen, und die Tiere
miauten unaufhörlich aus unauffindbaren Verstecken. Dann wurde wieder das Ächzen
des Windes laut; an den spärlichen Baumalleen der Strasse flogen die braunen,
nassen Blätter in geisterhaftem Tanz umher, und die Äste bogen sich knarrend.
Der Regen prasselte und trommelte auf die dünnen Dächer, die Achsen wimmerten,
an vielen Gespannen standen die Tiere störrisch still und waren nicht
fortzubringen, man mochte sie quälen oder ihnen gütlich zureden. Im Gefährt des
Maier Knöcker war es ruhig, denn die Telsela kauerte teilnahmslos in einem
Winkel und in einem anderen Winkel kauerte Rahel. Nur der Natan selbst schien
froh bewegt. Aus irgend einem Grunde schien er glücklich zu sein; er zwinkerte
oft freundlich mit den Augen und fragte: »Rahelchen, wann kommt das güldene
Mädchen? das himmlische Töchterchen?«
    Nach drei Stunden erreichte die Karawane den Wald, der eine Viertelmeile
entfernt lag. In sanfter Steigung sollte es nun bergan gehen, aber vorher wurde
eine Stunde Rast gehalten. Der Wald war finster, die Zweige trieften vom Regen,
der Boden war schwarz und schlammig. Ein eigentümlich klirrendes Geräusch lief
wie eine Welle durch die Baumkronen. Zwischen den Stämmen in der Tiefe lagerte
aufdringlich die Nacht und bisweilen war der ferne Schrei eines Wildes
vernehmbar oder ein Laut wie das Schlagen einer Axt. Der Himmel war
verschwunden, die Ebene war nicht mehr zu sehen, und Regenschleier und
Nebelschleier machten den Pfad zu einem unsicheren Bilde. Ein Vogel flog auf und
huschte scheu und hastig ins tiefere Gehölz. Über dem sumpfigen Grund lag der
Tod. Fern fühlten sich alle schon der Heimat, ihren Gärten, ihren Häusern, dem
Bereich ihrer Kinderspiele, dem Schauplatz ihrer Sorgen. Rahel lehnte, mit einem
dicken Wolltuch geschützt, stumpf in ihrer Ecke. Dennoch fühlte sie etwas in
sich, das sie von allen unterschied; sie fühlte sich edler und besser durch die
vergangene Leidenschaft. Auch empfand sie schaudernd das junge Leben in sich,
täglich mehr, täglich erschreckender, gleichwohl war es so märchenhaft und
unglaubwürdig, dies zu tragen, dass die Seele stark wurde und sich aufrichtete,
als sei sie selbst etwas Körperliches.
    Es ging zur Höhe, wo die Veste stand. Männer und Weiber waren ausgestiegen
und schleppten sich zu Fuss. Die Kärrner, die für schweres Geld gemietet worden
waren, weil die meisten jüdischen jungen Leute nicht mit Pferden zu hantieren
verstanden, und die an der nächsten Grenze durch andere abgelöst werden mussten,
machten bissige und feindselige Bemerkungen. Viele Frauen trugen ihre Kinder auf
dem Rücken, in Tücher eingehüllt. Langsam und mühevoll ging es hinan. Das
Geschrei der Fuhrleute erfüllte die Luft, die Zigeuner heulten durcheinander,
dass es rings widerhallte wie in einem Kessel, und als einmal eine Wildsau über
den Weg rannte, kreischten die furchtsamen Weiber durchdringend auf, auch Männer
wurden blass und starrten fassungslos vor sich hin. In halber Höhe begannen die
Steinbrüche, die nach dem grossen Frieden von Nürnberger Bürgern gekauft und
ausgebeutet worden waren. Jetzt galt es, Gestrüpp und überhangende Äste aus dem
Wege zu räumen, und man musste vorsichtig sein, damit kein Rad dem Abgrund eines
Bruches zu nahe kam. Drunten lagerte schwarzes Wasser und schien brunnentief zu
sein. Der Regen bildete enge Ringe und der Himmel spiegelte sich darin mit
düsterer Stirn. Schutt, Geröll und unbehauene Steine lagen umher; allentalben
gab es Löcher und tückische Schluchten, Heidekraut und Brennnessel wuchsen an
den Hängen. Die Brüche glichen zerstörten Häusern von Riesen und hatten etwas so
frisch Verlassenes, dass man oft aus einem Abgrund den ungeheuern Leib des
Bewohners auftauchen zu sehen glaubte.
    Es ward Abend. Dicke Pfützen von Regenwasser standen in den Höhlungen des
Weges, die Räder fuhren hinein und das Wasser spritzte hoch auf. Erstaunlich war
es, dass noch keiner an eine Rückkehr dachte, da doch nur Peinigungen und Mühsale
zu erwarten standen. Sie blickten unerschüttert in die mysteriösen Weiten, und
es war eine dumpfe Ergebung, die sie hinauswandeln hiess, verstummt vor dem
unhörbaren Gebot eines Hüters in der Ferne. Wühlten Zweifel in ihrer Seele?
Waren sie zu müde, mit ihren Zweifeln sich abzufinden? Zu stoisch oder zu
sklavisch, den Willen der Idee zu brechen? Zu feige, um sich blosszustellen durch
Ahnungen? Ein geduldiger Fatalismus war über sie gekommen. Als es finster wurde,
erhob sich ein ungestümer Sturm. Die Stämme erzitterten, die Pechfackeln
verlöschten.
    Auf einmal, es mochte um die sechste Nachmittagsstunde sein, erschallten von
vier Seiten im Dickicht des Waldes gleichzeitig Trompetensignale. Der ganze
Wagenzug hielt fast mit einem Ruck still. Ein furchtbares Schweigen, eine wahre
Totenstille entstand im Nu. Alle wussten, was nun kommen würde. Da oder dort, in
einer Lücke des Gehölzes erschien ein Reiter in der Tracht der Nürnbergischen
Bürgersoldaten, beleuchtet von den Fackeln, die sie am Bug des Pferdes befestigt
hatten. Mit höhnischem Lächeln betrachteten sie den erstarrten Zug der
Auswanderer; sie verachteten die kriegerische Aufgabe, die ihnen zu teil
geworden war. Die Stimme des jungen Wagenseil erschallte: zu den Waffen, zu den
Waffen! Ein heiserer Schrei, erstickt durch die Erkenntnis der
Hoffnungslosigkeit und des Fehltritts. Da krachte donnernd eine Flinte; der
greise Rabbi Elieser sank, ohne einen Laut von sich zu geben, ins schwammige
Erdreich, und sein altes Blut floss ungehemmt dahin und mischte sich mit dem
Regen. Jetzt wurden die Gemüter aufgerüttelt. Viele waren plötzlich wie
betrunken. Sie stürzten zu den Wagen, packten, was sie gerade fanden: ein
Küchengerät, einen Strick, eine Latte, einen Eisenstab, einen Besen, eine
Flasche, ein altes Türschloss, Lenkriemen für die Pferde, Steine, Stöcke und
Baumäste, das alles sollte Schutz geben gegen die Waffen geübter Landsknechte.
Nur zehn oder zwölf hatten Flinten aufzufinden vermocht, aber da sie nicht mit
der Hantierung vertraut waren, ergriffen sie sie vorn am Lauf und schwangen die
Kolben drohend in der Luft. Doch schon knallten die Nürnberger von allen Seiten
ihre Gewehre los und ein Knabe und zwei Frauen folgten dem Elieser in den Tod.
Die Weiber begannen ein herzzerreissendes Weinen; ihr Wehklagen muss tief in den
Schoss der Erde gedrungen sein, denn noch heute hört man es zur Nachtzeit dort in
den Wäldern. Die Zigeuner allein verstanden zu schiessen, aber sie hatten kein
Ziel, denn die Pferde der Angreifer waren überaus unruhig und sprangen gequält
von Baum zu Baum, während sie im Fackelfeuer ihre eigenen Schatten vor sich
tanzen sahen. Viele alte Männer hockten mit fanatisch glänzenden Augen im Wagen,
wo sich die Bundeslade befand, küssten die Schrift mit bebenden Lippen, beteten
und sangen Psalmen. Die Kinder verkrochen sich unter die Räder, betäubt vor
Schreck. Einer der Angreifer schrie auf seinem hockenden Gaul etwas von Ergeben
und Umkehren, aber seine Worte verhallten, worauf er Befehl zu neuem Feuern gab.
Nun mussten Boruchs Klöss und Wolf Bieresel an den Tod glauben und fielen hin und
streckten sich aus. Mit ihren lächerlichen Waffen liefen die Juden auf ihre
grausamen Feinde zu und fürchteten weder Sterben noch Wunden. Sie sahen nicht
mehr, hörten nicht mehr, sie schrien hebräische Worte und ihre wunderliche
Kleidung gab ihnen etwas Gespensterhaftes. Ein Teil stürzte zu Boden über
Knorren und Wurzeln, denn das Erdreich war glatt und schlüpfrig, die nassen
Zweige schlugen ihnen ins Gesicht, und dann lagen sie da und wälzten sich in
konvulsivischen Zuckungen. Nichts mehr schien zu helfen, eine blutige Nacht
schien im Nahen zu sein, da gellte plötzlich eine wie toll kreischende Stimme:
Feuer! der Wald brennt! Und: der Wald brennt! der Wald brennt! lief es weiter in
der Kette. Die Tannenstämme am zweiten Steinbruch waren wie von innen
erleuchtet, in der Tiefe des Forstes stieg ein breiter Lichtkegel empor, ruhig
und blendend. Die Luft war durchdrungen vom Purpur der Flammen, die nassen
Blätter glänzten, das nasse Moos flimmerte. Schlängelnde Flammen spiegelten sich
jäh im nachtschwarzen Moorwasser. Aufsteigend und aufsteigend wie aus einem
unerschöpflichen Schlund vermehrte sich die Kraft der Feuersbrunst. Das feuchte
Holz prasselte und knatterte, die Flammen leckten gierig von Baum zu Baum,
angetrieben durch den sausenden Sturm, der von den Feldern herauffegte. Es wurde
drückend heiss; als ob sie aus den Wolken hervorgetreten wären, erschienen die
Ruinen der Schwedenveste zwischen den Feuern. Schrei auf Schrei erschallte,
Schreie grässlicher Angst, wie sie der Wald niemals vorher und niemals nachher
vernommen hat. Die Gäule der Landsknechte heulten mit Tönen, die stundenweit ins
Land dringen und rannten unaufhaltsam den Abhang hinunter durch Gestrüpp und
über Felsen. Ein junger Reiter, der Sohn des Nürnberger Stadtschreibers, blieb
mit seinen langen Haaren an einem Ast hängen, während das tolle Ross weitersauste
zur Tiefe. Hilflos, mit stets schwächer werdenden Rufen hing er wie einst
Absalom und musste die Flammen heranschleichen sehen, die ihn beleckten bei
lebendigem Leib. Unter den Juden war die Verwirrung so gross geworden, dass viele
geradewegs in das Feuer hineinflüchten wollten; die mit Pferden bespannten Wagen
rollten hinter den entsetzt fliehenden Tieren davon und wurden halb
zerschmettert; schmerzliches Stöhnen drang aus allen Ecken und die Zigeuner
machten sich den Wirrwarr zu nutze und stahlen, was ihnen unter die Faust kam.
In der grössten Ratlosigkeit erschien Zacharias Naar. Er stellte sich vor die
Fliehenden, erhob die Arme und vermochte ihren Lauf zu hemmen. Er führte sie so
sicher durch die Flammen, als ob ihm diese aus Ehrfurcht den Weg frei gäben und
alle folgten ihm wie Lämmer dem Hirten, und ruhig zogen die Fuhrleute die Wagen
nach.
    Im Wagen des Maier Knöcker lag ein neugeborenes Wesen auf der blossen Diele.
Rahel, durch die Häufung von Schrecknissen erschüttert, war mit einer Frühgeburt
niedergekommen. Sie lag regungslos auf nacktem Stroh, während draussen der grosse
Tumult wie Laute aus einer fernen Welt zu ihr kam. Sie hörte, wie die beiden
Ochsen vor dem Gefährt angstvoll blökten; ein feiner Lichtschein, der stärker
und stärker wurde, fiel in den Raum, aber auch das vermehrte ihr Wohlbehagen. Es
war ihr, als stünde der Geliebte neben ihrem Lager und streichle sie, und sie
sah einen alten, gepressten Lederdeckel vor sich schweben, den sie oft in seiner
Wohnung gesehen hatte, und der etwas Fremdes und Liebliches, etwas Märchenhaftes
an sich hatte. Tomas Peter hatte sie oft zum Heiland bekehren wollen, aber was
war ihr der Heiland und was war ihr selbst der Gott ihrer Väter neben der Liebe,
die sie empfunden! In ihr sang und klang es stolz von alten Liedern mit einem
süssen, hallenden Kehrreim, da der Abend im Mai kommt und die Blüten zart
umhaucht und die stille Nacht von Erwartung schwer ist.
    Holpernd rollte der Wagen gleich den andern unter der Leitung von Zacharias
Naar ins Tal. Wortlos kniete Maier Knöcker vor dem Neugeborenen und achtete
nicht das durchdringende Quietschen des Wurms. Er war völlig zusammengebogen,
der Natan, und schien nur noch ein Haufen von Kleidern. Er hatte die Fäuste
geballt wie zum Schlag und bisweilen zitterte er am ganzen Körper. Das Wesen,
das vor ihm sich wand, war ein Knabe. Sonst vermochte er nichts zu denken. In
seinem Innern war ein Loch und um ihn herum war es kalt und finster. Ihm
gegenüber sass sein Weib. Sie hatte Hilfe geleistet bei der Geburt. Sie war durch
nichts bewegt worden. Es schien, als könne sie durch nichts mehr in der Welt
überrascht werden, nicht durch Reichtum und Kleinodien, nicht durch Schmerzen
und die Wandlungen des blinden Schicksals.
    Die Bauern standen auf den Feldern und sahen hinauf in die brennende Höhe
und in den glühenden Himmel. Scheu wichen sie zurück vor den Juden, die sich
langsam zu sammeln begannen. Aus allen Richtungen kamen die Verstreuten und
fanden sich mit Freudenrufen ein. Für die Nacht wurde ein Lager bereitet; die
Zigeuner, deren Hilfe jetzt nötig gewesen wäre, waren spurlos verschwunden.
Zacharias Naar stand sinnend an einem Ginsterstrauch und lächelte trüb seinem
Werk zu, dem brennenden Wald.
    Noch in der Nacht kam eine grosse Menge von Bauern, mit Sensen, Beilen und
Knüppeln bewaffnet und sie konnten nur mit Mühe und unter grossen Opfern an Gold
und Silber auf friedlichem Weg zum Abzug bestimmt werden. Am Mittag des nächsten
Tages wollte man aufbrechen und den Marsch beschleunigen, um den
Feindseligkeiten der Nürnberger zu entgehen und sich zum Weiterzug in den Schutz
der Markgrafen von Onolzbach zu begeben. Der Morgen sollte der Bestattung der
Toten gewidmet werden. Das Kind des Wolf Batsch und die Frau des Samuel
Ermreuter waren in der Eile im Wald liegen geblieben und ihre Leichen waren
verbrannt. Die Familie des Elieser war die ganze Nacht an der Leiche des Greises
gesessen, während die Frauen an den Sterbekleidern näheten. Auch in den andern
Wagen, in denen es Verstorbene gab, blieb das Licht brennen zu den aufrichtigen
Tränen der Trauernden. Oft klang der Schrei des Wildes aus der Höhe des Waldes
herab, wo sich das Feuer beruhigt hatte; über der Ruine lag eine Rauchkrone, und
die noch glimmenden Stamme leuchteten herrlich in die weite Ebene hinein.
    Der Morgen kam. Die Gräber waren rasch gegraben, denn das geschieht bei den
Juden mit Hingebung, weil sie alles für ein gutes Werk ansehen, was für einen
Verstorbenen geschieht. Die Weiber mussten in der Behausung bleiben, sie durften
nicht mitgehen bei Begräbnissen, ausser den nächsten Blutsverwandtinnen, und
denen durfte sich während dieser Zeit kein Mann nähern, weil es hiess, der Engel
des Todes tanze mit dem blossen Schwert vor den Weibern her. Bevor der Körper in
den Sarg gebettet wurde, begoss man ihn dreimal mit Wasser, und ein alter
Chronist sagt schon, dass dies etwas anderes bedeute, als eine äusserliche
Reinigung. Feierlich erklingen dazu die Worte des Propheten: ich will rein
Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet von eurer Unreinigkeit, und von
all euren Götzen will ich euch reinigen. Und als die Begiessung geschehen, fasste
der Chassan den Körper bei der grossen Zehe an und kündigte ihn der Gesellschaft
der Menschen völlig auf. Dann wurde der Leichnam mit weissen Kleidern angetan,
sein Haupt wurde mit dem Gebetstuch bedeckt und so wurde er in den Sarg gelegt.
Und weil die Juden alle Erde ausser der Erde Kanaans für unrein achten, so
bedeckten sie die Augen des Toten mit einer weissen Erde, die aus dem heiligen
Land sein soll, und auf die Erde legten sie zerbrochene Scherben von Töpfen.
Dann wurde der Sarg zum Grab getragen, und es war üblich, ihn auf diesem Weg
dreimal niederzusetzen. Und jeder Freund warf drei Schaufeln Erde in das Grab,
und der nächste Blutsverwandte zerriss seine Kleider. Der Totengräber nahm dabei
sein Messer und schnitt oben einen Riss in das Kleid dieses Leidtragenden, der
dann den Riss mit der Hand vollendete.
    Die Sonne brach hervor aus den Nebeln, und leuchtend lag das Land. Langsam
schritten die Leidtragenden zurück, wuschen dreimal ihre Hände, weil sie sich
mit dem Tod verunreinigt haben und rissen dreimal Gras aus, um es rückwärts
hinter sich zu werfen.
    Die Zurückkehrenden wurden mit der Nachricht empfangen, dass Maier Knöcker,
der Natan, in Wahnsinn verfallen sei. Der Eindruck dieser Kunde war nicht tief,
um so weniger, als Zacharias Naar vor dem Aufbruch in Worten von eindringlicher
Kraft den Mut und die Zuversicht schwellte wie der Sturm das schlaffe Segel. Sie
vergassen Not und Mühen wieder und weihten sich von neuem dem Glauben an die
grosse Zukunft, an die Macht und Unumstösslichkeit des Langgehofften,
Langentbehrten. In solchen Stunden des Vertrauens wirkte jede Herbstzeitlose,
die kümmerlich aus den Feldern grüsste, als ein Freudezeichen, jeder Sonnenstrahl
hatte etwas Liebenswürdiges und Ergreifendes. Der eine Mensch macht den andern
gut und froh; es ist ein stummes Zureden unter ihnen, ein wortloses
Sichbestärken. Es ist, als ob das Unglück sie nun geweiht hätte zum Dienst des
Glücks.
    Mit gutem Mut zogen also die Juden im Schein der Herbstsonne ins Tal der
Rednitz hinunter. Drei Wagen, - die des Obadja Änsel, des Hutzel Davidla, des
Simon Fränkel, - waren schon früher aufgebrochen und bildeten die Vorhut. Sie
fuhren nicht mehr so langsam wie am vorhergehenden Tag. Die weissen Wagendecken
leuchteten freundlich in der Landschaft, der Wald stand in seinem matten Grün
wie eine niedere Wand am Horizont, der Himmel war klar und lichtbegossen, und
die Helligkeit strömte verschwenderisch über die Gefilde. Weit drüben lag die
alte Kadozburg und auf der andern Seite, kaum noch als zarter Umriss erkennbar,
das Kaiserschloss von Nürnberg.
    Da sah der Hauptzug, wie die Vorhut im Gelände stille hielt. Maier Lambden
hielt die Hand über die Augen und sagte, er sehe eine Anzahl fremder Wagen, die
aus einem Gehölz herausgefahren kämen. Jetzt stiegen mehrere auf die Kutschböcke
und sahen aufmerksam hinaus. Den meisten schlug das Herz in der Brust; sie
fürchteten einen neuen Überfall. Der junge Wagenseil, der vortreffliche Augen
hatte, sagte, es seien Leute in fremdländischer Kleidung, aber er hielte sie für
Juden. Dann sagte er, Obadja Änsel ginge den Vordersten der unbekannten Karawane
entgegen. Dann sahen alle, wie sie sich trafen, und wie sie kurze Zeit
miteinander redeten. Und dann sahen sie, wie der Obadja Änsel die Arme
ausbreitete wie ein Ertrinkender und hinfiel wie ein Stock. Und dann liefen zwei
nach und redeten ebenfalls und schienen in Weinen auszubrechen und gebärdeten
sich wie Verrückte. Zirle stand und schaute unablässig in die Ferne, wo diese
Bilder spielten und plötzlich stiess sie einen markerschütternden Schrei aus, als
ob sie alles durch die Lüfte vernommen hätte und sank vom Wagen herab. Die
vordersten Wagen kehrten um, kehrten zurück und in kurzer Zeit hatte sich ein
tötender Bann von wildem Schmerz um die vorher so wanderungslustigen Menschen
gelegt.
    Sabbatai Zewi war zum Islam übergetreten.
    Der Prophet, der seine Zeit beunruhigt hatte wie eine seltene
Himmelserscheinung, hat bei Zeitgenossen und Nachwelt nur den Schatten des
Geheimnisvollen hinterlassen. Wenn nicht seine ausserordentliche Schönheit die
Welt trunken gemacht, so war es doch der Zauber seines Geistes, die Grösse seiner
Seele oder das Hinreissende seiner Worte. Oder wäre es nichts dergleichen
gewesen? Es gibt Stimmen aus jener Zeit, die ihn dem Teufel gleich erachten oder
einem schlechten Schauspieler oder einem Würfelspieler oder einem Lüsternen oder
einem Charlatan. Aber wer kann den Beweggrund seiner Handlungen kennen? Die
Geschichte, wie ein leichtgläubiges Frauenzimmer, lässt sich betören von der
Fabel und von der Fama und das ist gut, denn wie sollte der Nachgeborene die
Fülle erdrückender Wahrheit ertragen, die sie ihm sonst nicht vorentalten
könnte?
    Der fremde Zug, der den Weg der Fürter Juden so jäh gehemmt hatte, war ein
kleiner Teil der Wiener Juden, die um diese Zeit von Kaiser Leopold des Landes
verwiesen worden waren. Die Verzweiflung der Juden war gross. Es war, wie wenn
ein hoffnungsvoller Sohn plötzlich hinstirbt, auf den man alles gesetzt, von dem
man alles erwartet, und der nun geht. Doch es war schlimmer. Es war mehr als der
Tod, schrecklicher als der Tod, etwas, das die ganze Haltlosigkeit des Lebens in
einem grellen Blitz zeigte. Die Juden sind ein starkes und störrisches Volk;
doch sind sie nur gross, wenn ein wenig Gelingen bei ihnen wohnt, und sie sind
nicht lange gross, denn sie brechen leicht in dem Erstaunen über ihre eigne
Grösse. Auch Sabbatai Zewi war ein Jude, vielleicht das klarste Bild des Juden,
ein Stück Judenschicksal.
    Viele zogen wieder nach Fürt zurück. Einige Familien der österreichischen
Vertriebenen, die grosse Not litten und furchtbare Entbehrungen hinter sich
hatten, siedelten sich nebst einigen jungen Leuten aus Fürt in dem stillen Tale
an. Bei ihnen blieb Telsela, das Weib des blödsinnigen Maier Natan, mit ihrer
Tochter und ihrem Enkel, der der Stammvater jenes denkwürdigen Menschen wurde,
von dem in den folgenden Blättern die Rede ist. Die Telsela war zu müde
geworden, nach der stiefmütterlichen Heimat zurückzukehren, an der Seite der
Christen zu leben und stets durch den Ort, wo sie gelitten, an die Reihe ihrer
Leiden erinnert zu werden. Sie verkaufte ihr Haus und baute dort drüben ein
neues. Sie wollte nichts mehr vom Leben; sie trug ihre Tage knechtisch und trug
still.
    Jener Ort, der mit Erlaubnis des freundlichen Herrn von Onolzbach gegründet
wurde, hiess zuerst Zionsdorf, welcher Name dann durch die einwandernden Christen
in Zirndorf umgewandelt wurde. Er gedieh, die Felder um ihn herum waren
fruchtbar und gern bereit, die anvertraute Saat zehnfach zurückzugeben.
    Zacharias Naar und Zirle blieben für immer verschwunden. Ihr Leben verlor
sich in eine Folge von Sagen und schliesslich wurden auch ihre Taten sagenhaft.
Geschlecht auf Geschlecht erstand und verblühte, und eine neue Zeit kam. Und das
Kommende war immer grösser, freier und vollendeter, als das Vergangene, und der
Jude, anfänglich nur Knecht, wert genug, den Fusstritt des übelgelaunten Herrn zu
empfangen, tat seine Augen auf und erspähte die Schwächen und erriet die
Geheimnisse dieses Herrn. Da griff er alsbald mit seinen Händen hinein in die
Maschinerie der Völker und ihrer Gerichte und ihrer Kriege und oft verrichtete
er ungesehen kaiserliche Dinge, wenn die Monarchen schliefen und die Minister
schwach waren. Sabbatai wurde ein Moslem, und manche sagen zum Schein. Der Jude
wurde ein Kulturmensch und manche sagen zum Schein. Manche sagen, der Verderber
und der Verführer sitze in ihm und er verstünde die Bühne dieser Welt besser als
ihre Erbauer. Dies ist sicher: ein Schauspieler oder ein wahrer Mensch; der
Schönheit fähig und doch hässlich; lüstern und asketisch, ein Charlatan oder ein
Würfelspieler, ein Fanatiker oder ein feiger Sklave, alles das ist der Jude. Hat
ihn die Zeit dazu gemacht, die Geschichte, der Schmerz oder der Erfolg? Gott
allein weiss es. Vor den Blicken tut sich ein unermessliches Bild auf, denn das
Wesen eines Volkes ist wie das Wesen einer einzelnen Person: sein Charakter ist
sein Schicksal.
 
                                 Erstes Kapitel
Im Jahre achtzehnhundertfünfundachtzig fing es in den Ebenen der Rednitz und
Pegnitz einige Tage nach Maria Himmelfahrt an zu regnen, und es regnete fast
unaufhörlich bis Mitte August. Die Saaten gingen zugrunde und alles Land war ein
einziger See. Bis ins Tal der Zenn hinein erstreckte sich die Überflutung und
nach Norden in die Erlanger und Bayersdorfer Gegend. Graugelb und gurgelnd
schlug das Wasser gegen die Eisenbahndämme; die Fussstege waren weggerissen, die
Hütten am Ufer zerstört; tagelang sah man Bretter und Balken und Fetzen von
Schindeldächern mit der Strömung hinuntertreiben. In der Fischergasse und am
Schiessanger in Fürt beleckte das Wasser die Häuser, füllte die Keller und
schlug drohend an die Schwelle kleiner Krämereien oder an die Wohnungen der
Goldschläger, deren Gehämmer sonst mit anziehender Taktmässigkeit das ganze
Viertel erfüllte.
    Wie eine geheimnisvolle Berginsel sah der Vestnerwald mit seinem viereckigen
Turm in das überschwemmte Land. Wenn man von dort aus gegen Zirndorf
hinunterblickte, ragten nur ein paar Pappeln oder die Bäume einer
Obstanpflanzung oder quer durcheinander geschichtete Hopfenstangen oder der
Pfahl, worauf bei Schützenfesten der bemalte Adler befestigt wird, aus dem
Wasser hervor, das gelbschimmernd dalag, ohne sonderliche Bewegung wie ein
matter Spiegel. Das Dorf selbst war zum grössten Teil verschont geblieben, weil
es etwas höher lag. Kein Rauch stieg aus den Schloten der Ziegelei am Eingang
der Hauptstrasse. Die roten Dächer sahen ergeben in das helle Grau des Himmels,
und die Krähen, die mit unruhigerem Flügelschlag als sonst auf-und abflogen,
stiessen schmerzlich-gellende Schreie aus.
    Den Wirten im Dorf ging es schlecht bei diesen feuchten Zeiten, besonders
Sürich Sperling, dem Sebalderwirt und Herrn Ambrunn, der die »gläserne Burg«
besass. Das Turnerfest war auf den nächsten Sommer verschoben worden und die
Fürter Kirchweih stand vor der Tür, wo ohnehin wieder alles Geld in die Stadt
wandern würde. Als der Burgwirt keinen andern Ausweg sah, schickte er bei den
Juden herum und liess sagen, dass er koscheres Fleisch zum Aushacken bringen
werde. Der Bauer litt gleichfalls schwer unter der Wassersflut und mancher, dem
bislang eine selige Talerfülle im Beutel geklappert, schlich nunmehr gebückt und
finster ins Wirtshaus, um seinen Groll zu vergessen.
    Zwischen Altenberg und Zirndorf wurde der Verkehr durch Boote vermittelt,
und an einem Donnerstag fuhren zwei Kähne ungefähr gleichzeitig, der eine von
Zirndorf, der andere von Altenberg ab und befanden sich einander in Sehweite,
noch ehe jeder hundert Meter zurückgelegt hatte. Der Wind strich übers Wasser
und warf lautlose Wellen auf. In kleinen Entfernungen erhoben sich die
Chausseebäume aus der Flut, und das dünne Zweigwerk hing trauernd nieder und
wurde vom Wasser bespült. Die Bäume zeichneten den Weg vor und die Boote
näherten sich einander rasch; das von Zirndorf kommende, in dem Sürich Sperling,
seine zwei Knechte, der Milchmeier von Altenberg, der Metzger Frühwald von Fürt
und ein fremd aussehender junger Mann sassen, glitt schneller dahin als das
andere. Sie waren sich auf zehn Schritte nahe gekommen, und Sürich Sperling
schrie eine Warnung hinüber; doch es lag etwas Gehässiges in seiner Stimme, und
es hatte den Anschein, als suchte er das kleinere Boot zu kentern. Die Bedrohten
wichen furchtsam aus, aber Sürich Sperling, der das aus einer alten
Kohlenschaufel verfertigte Steuer handhabte, richtete die Spitze des Kahns gegen
die Breitseite des andern Fahrzeugs, und dieses stiess daher ziemlich heftig an
einen Baumstamm. Gleichzeitig ertönte ein entsetzlicher Schrei aus fünf oder
sechs Kehlen, und ein junger Mensch von etwa siebzehn Jahren stürzte kopfüber
ins Wasser. »Lasst das Judenpack ersaufen,« sagte Sürich Sperling, und die zwei
Knechte und Herr Frühwald begannen zu lachen, während sie hastig davonruderten.
Selbst der schwarzbärtige junge Mann lächelte, offenbar nur um seinen
Reisegefährten gefällig zu sein. Dann warf er stirnrunzelnd den Rest einer
Zigarre ins Wasser und sah mit angestrengten Blicken nach der Stelle des Unfalls
zurück. Etwas Düsteres und Drohendes glomm in seinen Augen, als er die Anstalten
beobachtete, unter welchen die jüdischen Männer den Verunglückten aus dem Wasser
zu ziehen suchten.
    Dort herrschte grosse Ratlosigkeit, der Kahn wurde vom anschwellenden Wind
und von einer leichten Strömung fortgetragen, und die Köpfe waren so verwirrt,
dass der eine Ruderer das Fahrzeug dahin und der andere dortin lenkte. Keiner
konnte schwimmen. Wasser war ihnen das unfehlbar totbringende Element; und als
Elkan Geier in heller Angst um seinen Sohn den Rock von sich warf, um in die
Flut zu springen, hielten ihn sechs Arme zurück, wobei das Boot fast zum Kippen
gekommen wäre. Plötzlich stiess Bärman Schrot einen Freudenschrei aus. Agaton
tauchte empor, erfasste den weit überhängenden Ast eines Birnbaumes, dann
schnellte er aus dem Wasser und kletterte mit erstaunlicher Behendigkeit ins
Gezweig des Baumes. Als er oben sass, streckte er seinen Kopf wie aus einem
Korbgeflecht heraus und sah spöttisch ins Boot. »Komm, Agaton!« rief Elkan
Geier mit der schüchternen Zärtlichkeit eines Schuldbewussten.
    »Mag nicht!« schallte es kurz zurück.
    »Aber komm doch!« bat Elkan erschrocken. Er kannte den wunderlichen
Starrsinn seines Sohnes.
    »Ich will nicht. Ich will nicht mehr in euer Boot.«
    »Aber Agaton, deine Kleider sind nass, du wirst totkrank werden.«
    »Gut, so will ich totkrank werden.«
    »Hopp, mein Junge, hopp!« rief Isidor Rosenau entschlossen und befehlend.
    »Ich will euch etwas sagen,« rief Agaton ernst. »Ich werde warten, bis
Sürich Sperling zurückkommt und wenn es Nacht wird, und wenn es morgen wird. Ich
will ihm sagen, dass er ein Hund ist, ich will ihm sagen, dass er es büssen muss.
Ihr lasst euch ja alles gefallen. Wenn sie euch die Ohren abreissen, küsst ihr
ihnen noch die Hand. Zu Hause könnt ihr dann schimpfen.«
    »Aber Agaton, komm doch,« flehte Elkan Geier. »Du kannst doch nicht droben
sitzen bleiben bis in die Nacht, Gott behüte.«
    »Ich bleibe sitzen,« beharrte Agaton und seine Augen funkelten.
    »So eine Verrückteit!« rief Isidor Rosenau entrüstet. Er packte sein Ruder
und stiess den Kahn vom Baum. Elkan Geier schlug jammernd die Hände zusammen und
bat die Ruderer umzukehren, aber diese lachten ihn aus.
    Der Kahn flog rasch gegen das Dorf und Elkan Geier wartete ungeduldig auf
die Landung, um allein wieder zurückfahren zu können. Den Kopf in die Hand
gestützt, sah er verträumt hinaus gegen den Horizont, wo ein trübes Rot die
Wolken zu säumen begann und sich auch im Wasser spiegelte mit einem seltsam
schwanken Schein. Es war überhaupt etwas Verträumtes in Elkans Wesen; in seinem
Blick lag flehende Hilflosigkeit; sein frühergrautes Haar war Zeuge davon, dass
er alles zu Herzen nahm, woran andere nicht lange tragen. Ja, wenn es andere
fortwarfen, hob es Elkan Geier erst auf, und er wusste seine Angelegenheit immer
von einer Seite anzugreifen, von wo sie misslingen musste.
    Agaton fror auf seinem Baum erbärmlich. Aber er verzog keine Miene, wenn
ihn auch schauderte in den nassen Kleidern; er machte ein Gesicht, als gelte es,
sich vor den eigenen Leiden zu verstecken. Friedlich gluckste das Wasser; bei
langem Hinlauschen war es, als plauderte es immer in demselben müden Tonfall mit
hellen, wiederkommenden Lauten.
    In diesem Augenblick hatte er eine wunderliche Erscheinung. Aus dem Wasser
hob sich ein Körper, die Arme breit in die Luft gestreckt, das Gesicht
sehnsüchtig nach oben gerichtet. Lautlos wuchs die Gestalt herauf und ihre
Muskeln schwollen wie unter einer gewaltigen Anstrengung. Daneben zeigte sich
ein kleines Männchen, spitz, winzig, mit einem gefälligen Grinsen auf den Zügen,
in beständigen Verbeugungen begriffen, und es reichte der grossen Gestalt die
Hand. Aber als diese die Hand nahm, sank sie tief und tiefer ins Wasser, wich
angstvoll zurück, strauchelte und verflüchtigte sich im Dunst, der in der Ferne
über dem Wasserspiegel lag. Mit vorgestrecktem Hals starrte Agaton hin und
atmete tief auf, da er nichts weiter sah als die glatte Fläche und kein Geräusch
vernahm als das klagende Glucksen des Wassers.
    Als es zu dämmern anfing, wurde ein Ruderschlag hörbar. Elkan Geier kam.
Agaton zögerte nicht mehr und liess sich ins Boot hinab. Sie fuhren heim auf der
stillen Fläche, über die es langsam hindunkelte, und sprachen kein Wort
miteinander. Die Krähen flogen ums Boot, lautlos und geängstigt, und bisweilen
war das Wasser von einer Schicht gelber Blätter bedeckt. Die Röte am westlichen
Himmel glich einer schmalen Schleife und wurde zusehends trüber und einige
Wolken lagerten dort, die sensenschwingenden Männern glichen. Am Kirchhof
landeten die beiden, schritten die kotige Strasse des Dorfes hinauf und traten in
ein kleines, grüngestrichenes Haus, das dem Verfall keinen Widerstand mehr bot
und in jeder Stunde zusammenzubrechen schien. Das Dach drückte schwer auf Giebel
und Mauern, und die unregelmässigen Fenster glichen schielenden Augen. Elkan
Geier schritt durch einen finstern Gang mit brüchigen Ziegelsteinfliessen, an
vielen Türen vorbei in die Kammer, wo Obstvorräte und Spezereien für den
Kramladen aufgestapelt lagen. Eine sonderbare Mischung von Gerüchen herrschte:
es roch nach frischen Äpfeln und alten Stoffen, nach schlechter Schokolade, nach
eingemachten Früchten, nach Essig und Konserven, nach geräuchertem Fleisch und
Kaffee. Dazu lag feiner Mehlstaub in der Luft, und dunkelgrünes Tuch war über
grosse Kasten gebreitet.
    Agaton war seinem Vater gefolgt, der den Kerzenstumpf anzündete und
bekümmert in das dürftige Flämmchen schaute. Mit seiner müden Stimme begann er
zu reden: dass ihm wohl sein Ältester das Leben leichter machen könne, als er es
täte, und wie er, Agaton, sich eigentlich die Zukunft vorstelle? Daran läge
jetzt alles, mehr als alles; es sei bitter ernst und er, Elkan, werde jetzt alt
und es werde ihm schon schwer, das viele Schulgeld aufzubringen. Auch dürfe er
sich nicht schlecht benehmen gegen Sürich Sperling, denn er, Elkan, sei tief
verschuldet bei diesem Mann, so dass er sich keinen Rat mehr wisse. Niemand wolle
helfen, auch nicht Enoch Pohl, der es doch wahrscheinlich vermöchte. Elkan Geier
sagte mehr, als er beabsichtigte; er sah endlich, wie Agatons Glieder
zitterten, vielleicht nicht nur der nassen Kleider wegen. Schnell gebot er ihm,
sich umzukleiden, aber er solle es so anstellen, dass die Mutter nichts merke.
    Gedankenvoll ging Elkan hinaus in den kleinen Hof, der zwischen Haus und
Gemüsegarten lag, und trotzdem es schon ziemlich dunkel war, traf er seinen
Schwiegervater noch bei der Arbeit. Enoch Pohl war zweiundachtzig Jahre alt,
aber er übte noch immer sein Handwerk als Seiler aus. Er wanderte noch täglich
den langen Weg nach Fürt, doch zu keiner Zeit hatte er eine Nacht unter fremdem
Dach geschlafen, niemals hatte er für länger als zehn Stunden das Dorf
verlassen. Er kannte keine Sehnsucht als die nach dem Gold, und Gefühlen anderer
Art war er verschlossen. Die Welt, in der er lebte, veraltete ihm nicht, und er
dachte auch nicht an den Tod. Er war fromm, d.h. er ging allmorgendlich und
allabendlich zum Gottesdienst, um das Gebetstuch, das er seit neunundsechzig
Jahren um die Schultern legte, von neuem zu küssen und das halbzerfetzte Buch
mit den braungewordenen Blättern von neuem aufzuschlagen.
    Einige Sterne zuckten unter schnellen Wolken auf. Die Luft war satt von
Feuchtigkeit und hatte etwas Durchdringendes. Das Laub des wilden Weins war
blutrot und leuchtete durch die Dunkelheit. Von der »gläsernen Burg« herüber
schallte das Geschrei der Zecher, und einer sang mit simpler Geduld und in
flennenden Tönen immerfort dieselbe Melodie: spinn' spinne Töchterlein. Die
Abendglocken begannen zu läuten; bald klang es fern, bald klang es nah.
    Enoch Pohl hatte eine kleine, verrostete und verbogene Laterne angezündet,
holte eine Wanne herbei, die mit Schafsdärmen angefüllt war und bedeckte sie mit
einem tellerartigen Holzsturz, den er zur Beendigung seines Tagewerks mit Fugen
für die Henkel des Bottichs versehen hatte.
    »Nun, Vater,« flüsterte Elkan Geier und sah ängstlich auf die Hände des
Alten, die mit braunen Flecken und langen Haaren bedeckt waren.
    Enoch schwieg.
    »Und wenns Jette erfährt?« murmelte Elkan. »Schliesslich ist sie doch dein
Kind.«
    »Sie waass ja nix,« erwiderte Enoch mürrisch.
    »Sie wirds bald wissen. Sürich Sperling ist ein Halsabschneider.«
    »Wärst nit leichtsinnig gewesen. Mer hätten keine Scheuer zu bauen
gebraucht. Ich kann der nit helfen. Ich ha ka Geld.«
    Elkan rang stumm die Hände. Dann sagte er: »Du hast so vielen das Messer an
die Gurgel gesetzt, Vater. Und jetzt bist du erbarmungslos gegen die eigenen
Kinder.«
    Enoch richtete sich langsam auf und machte eine abwehrende Armbewegung.
Gleich darauf ging er ins Haus. Die Laterne zitterte in seiner Hand und sein
Schatten schwankte hinter ihm auf dem schwarzen Erdreich.
    Im Wohnzimmer rauchten die Kartoffeln auf dem Tisch, und zwei Heringe lagen
in gelber Brühe auf einer Schüssel.
    Die Kinder hatten blecherne Teller vor sich, die alt waren und unappetitlich
aussahen. In der Ofennische brodelte der Kaffee und sein Geruch vermischte sich
mit dem übergelaufener und verbrannter Milch. Der Raum war niedrig und schwül,
und eine von Tagen aufgehäufte Unordnung herrschte. Die Möbel standen krumm und
schief, die Dielen waren rissig, und durch die gardinenlosen Fenster schaute
unbehindert die schwarze Nacht und wer sonst noch wollte herein. Dennoch zeugte
alles von der Hand einer bemühten Hausfrau, die nur zu schwach war, ihren
Bereich zu regieren. Sie beherrschte auch ihre Kinder nicht, das sah man schon
an den Gesichtern der Kinder, die so unbekümmert dasassen, als ob sie niemals zu
gehorchen brauchten. Sie griffen gierig in die Schüsseln und wenn eines ein
grösseres Stück Hering erwischte, erhob das andere ein neidisches Zetergeschrei.
Eine Katze schlich unter dem Tisch herum, rieb sich an den Stuhlbeinen und stiess
bisweilen ein begehrliches Miauen aus, woraus die dicke Bauernmagd schadenfroh
kicherte. »Wo ist denn Agaton?« fragte der Knabe, ein lockiger Pausback von
fünf Jahren. Frau Jettes Mund verzog sich ärgerlich. »Red nicht, wenn dus Mund
voll hast!« schrie sie. Wie alle Frauen, die von ihren Kindern tyrannisiert
werden, suchte sie durch grundlose Heftigkeit ihre Schwäche zu bemänteln. Enoch
Pohl kam mit müd-tappenden Schritten herein, pustete sein Laternchen aus und
stellte es in den Eckschrank, der zugleich als Waschbehälter diente, wusch sich
die Hände und sprach das übliche Gebet. Niemand beachtete ihn. Da er den Tisch
besetzt fand, liess er sich in die Ecke des Ledersofas fallen, seufzte und sah
mit glanzlosen Augen in das Ofenloch, aus dem der purpurne Feuerschein zitterte.
»Warum singt denn der Mann immer, Grosspapa?« fragte der Pausbäckige. Enoch
murrte und schüttelte den Kopf. »Was singt er denn, Grosspapa?« - »Sei still!«
schrie Frau Jette wieder und klopfte mit der Faust auf den Tisch, dass alles
klapperte. »Spinn', spinne Töchterlein, singt er,« flüsterte dem Pausbäckigen
schüchtern die ältere Schwester Mirjam zu, ein Kind von grosser Schönheit.
Plötzlich sprang Enoch auf, ergriff mit einem Satz das Kätzchen bei seinem
aufgerichteten Schwanz, öffnete die Tür und warf das quietschende Geschöpf an
die gegenüberliegende Flurwand. Da trat Elkan Geier auf die Schwelle und warf
dem Alten einen schmerzlichen Blick zu.
    Eine Fensterscheibe klirrte leise. Aller Blicke wandten sich hin. Mirjam
stiess einen Schrei aus, Frau Jette blieb der Bissen im Mund stecken. »Sürich
Sperling,« murmelte Enoch. In der Tat war es das rote Gesicht des Wirts, das zu
einer breiten Fratze verzerrt, augenlos und mit plattgedrückter Nase
hereinstierte. Elkan Geier wurde totenbleich und machte einen Schritt gegen das
Fenster, doch da war Sürich Sperling schon wieder verschwunden. Mirjam lief dem
Vater in die Arme, der das Kind aufhob und es küsste. Enoch rückte sich in seinem
Sofawinkel zurecht, um geduldig zu warten, bis am Tisch ein Platz für ihn frei
würde.
    »Wo ist Agaton?« fragte jetzt auch Frau Jette und blickte ihren Mann
forschend an. Elkan Geier sah sich erstaunt um, stellte das Kind auf die Erde,
und ein Schatten von Besorgnis ging über seine Stirn. Er öffnete die Tür und
rief Agatons Namen in den Flur; keine Antwort. Frau Jette wollte hinausgehen,
aber Elkan hielt sie zurück, schlug die Tür zu und setzte sich an den Tisch, um
zu essen.
    Er machte ein verdriessliches Gesicht, als vor dem Haus Lärm ertönte und
gleich darauf die Rosenaus Mädchen hereinstürmten, die sich stets aus irgend
einem Grunde atemlos und erhitzt gebärdeten. Ihnen folgte ihr Bruder Isidor:
würdig, ernst, gemessen. Er trug einen steifen englischen Hut, Krawatten nach
der neuesten Mode, umgestülpte Hosen und hellgelbe kotbedeckte Schuhe. Seine
Finger waren mit Ringen bedeckt und seine Uhrkette war schwer von goldenem
Behängsel. Er hatte etwas Impertinentes in seinem Wesen wie ein Mensch, dem
nichts in der Welt mehr neu ist; er ging in der Stadt am liebsten dortin, wo
man ihn nicht kannte, und nichts beglückte ihn mehr, als wenn man ihn für einen
Christen hielt. Klara Rosenau berichtete hastig die neueste Neuigkeit: ein
junger Mann wohne seit gestern im Dorf mit der Absicht, über den Kauf der
Ziegelei zu verhandeln. Er sei sehr schön und heisse Stefan Gudstikker, doch
niemand wisse, was es sonst für eine Bewandtnis mit ihm habe. Bei der Nennung
des Namens begann Frau Jette zu zittern, lehnte sich kraftlos zurück und schloss
die Augen.
    Elkan Geier und Isidor standen beim Ofen und flüsterten miteinander. Der
schwächliche und furchtsame Elkan schien von wilder Beredsamkeit ergriffen, aber
Isidor zuckte fortwährend die Achseln, und sein Gesicht wurde grausam und kalt.
    »Und wenn er mir das Haus wegnimmt und das letzte Stück Brot, was soll ich
tun?« jammerte Elkan, »wer wird helfen?«
    Isidor nickte mit schaler Teilnahme und klimperte mit den Talern in seiner
Tasche. Und Elkan Geier fuhr fort: »Der Sürich ist nicht wie Gläubiger sonst,
das muss man nicht glauben. Es ist ein eigner Geist in ihm. Er kommt herein und
in seinen Augen funkelts vor Hass. Er kommt herein, streckt seinen Hals, lacht,
knipst mit den Fingern, er ist unheimlich, jawohl, aber er hat etwas Edles an
sich wie ein Löwe. Man müsste einmal von Herzen mit ihm sprechen, vielleicht will
er gar nicht das Böse.«
    Die Frauen und die Kinder unterhielten sich abseits. Nur Enoch blickte starr
auf die beiden Männer und sein gelbes Gesicht mit dem struppigen Bartrand schien
versteinert. Er grämte sich, dass man ihm nichts zu essen gab und weil alle
seiner vergassen wie eines abgebrauchten Hausrats. »Sie lauern auf meinen Tod,«
dachte er, »aber ich werde noch lange nicht sterben.« Das Kätzchen miaute vor
der Tür. Er hörte es nicht; in dunklen Bildern stieg Vergangenes herauf und
mischte sich mit Bildern der Gegenwart.
    »Ach ja, euern Agaton hab ich gesehen!« rief plötzlich Helene Rosenau. Und
sie schilderte nun einen sonderbaren Auftritt, dessen Zeugin sie gewesen und der
die Zuhörer mit stummer Erregung erfüllte. Da sie merkte, dass das Vorgefallene
am Ende wichtiger war als sie geahnt, suchte sie durch teatralisches Gebaren
ihr langes Schweigen vergessen zu machen.
    Sürich Sperling war vor seinem Haus am Kirchenplatz gestanden und sein
Gesicht war gerötet vom Feuer der Schmiede gegenüber. Da ging Lämelchen Erdmann,
ein kleines altes Jüdchen vorüber und sein Köpfchen wackelte betrübt hin und
her. Sürich Sperling rief, es solle zu ihm kommen. Und als Lämelchen sich
furchtsam aus dem Staube machen wollte, ging Sürich hin und zog es bei den Ohren
zu seiner Treppe. Er stierte dem Kleinen lange in die Augen, und sein Mund
begann zu lächeln. »Hin ist hin,« sagte er und machte mit dem Arm eine
unbestimmte weite Gebärde. »Ich bin ein Mann, mit dem's die Welt verdorben hat.
Wenn ich einen Juden seh', kocht mein Blut. Ich kann die Juden riechen, wie der
Hund das Wild. Schmied komm mal rüber, leg' den Kerl da unter deinen Amboss.« Der
Schmied trat ins Freie und nickte Sürich freundlich zu, der den Kopf des
Lämelchen niederzog, dass das Männchen zu schreien anfing. Plötzlich trat Agaton
Geier aus dem Schatten des Brunnens, stürzte auf den Wirt zu und spie ihm ins
Gesicht. Sürich Sperling liess sein Opfer los, packte Agaton, nahm ihn wie ein
Paket und verschwand mit ihm im Haus. Der Schmied lachte, die Mägde am Brunnen
lachten; alle fanden den Sebalderwirt höchst spasshaft.
    Und war er denn nicht ein prächtiges Menschen-Exemplar? »Er ist ein Germane,
das Urbild des Germanen,« sagte Professor Brünotte in Fürt, der Philologe.
Sürich Sperling hasste die Juden unbeschreiblich; jede Gebärde, jede Stimme, jede
Handlung eines Juden regte ihn auf wie Wein. Es war unerhört und wunderlich;
keines Menschen Erfahrung wies einen ähnlichen Fall auf. Er war ein Tier: wild,
stolz, unbezähmbar, keinem Vernunftgrund der Welt zugänglich. Niemals hatte er
vor einem Herrn den Nacken gebeugt; nie war er wie andere junge Leute seiner
Abkunft Knecht gewesen. Es gab Leute, die sich fürchteten, wenn jemand von der
Regierung ins Dorf kam; sie fürchteten ein Unglück für den Regierungsmann und
für den Wirt. Denn Sürich Sperling verachtete den Adel, verachtete das Gesetz,
verachtete den Pfaffen und verachtete die Obrigkeit. Er war ein Sohn der grossen
Natur rings umher, der grossen Ebene, die sich riesenleibig dehnt. Doch war sein
Gemüt kindlich, und er war leicht zu lenken. Oft war er rätselhaft in seinem
Wesen, schrie und tobte und war innerlich traurig. Sein Vater soll ein Riese
gewesen sein, und von seiner Mutter erzählte man sich seltsame Dinge wie von
einer Messalina. Sürich Sperling passte nicht in das enge Dorf. »Das Urbild des
Germanen« fand hier kein Bett, worin es bequem ruhen konnte.
 
                                Zweites Kapitel
Kaum hatte Helene Rosenau berichtet, was sie gesehen, als Elkan Geier seinen Hut
vom Nagel riss und hinausrannte. Die Kinder begriffen nicht, worum es sich
handelte und blickten scheu und fragend umher. Isidor stand leise und verlegen
trällernd am heissen Ofen und tippte mit den Fingern an die Kacheln. Der alte
Enoch war still; sein Blick hatte sich umschleiert; es war, als ob die
beängstigende Stimmung von ihm ausflösse.
    Elkan eilte die Gasse hinunter. Am Brunnen standen noch immer schwatzende
Jungfern. Das Wasser lief plätschernd in den Trog, und der dünne Strahl war
blutrot im Widerschein des Schmiedefeuers. Sürich Sperling hockte vor seinem
Haus auf den Steinfliessen, hatte das Gesicht zwischen die Hände geklemmt und
starrte unverwandt hinüber in die Esse, vor deren Glut die Gesellen schwarz hin-
und hereilten. Elkan Geier ging hin zu ihm und fragte: »Was haben Sie mit meinem
Sohn gemacht? Reden Sie!« Sürich Sperling schwieg, er erhob nicht einmal die
Augen. Elkan wiederholte seine Frage, aber der andere öffnete den Mund nicht,
machte keine Bewegung, blieb starr wie im Schlaf. Sein Gesicht hatte den
Ausdruck eines Menschen, der in tiefem Nachdenken begriffen ist oder eines
Kranken, dem man den Tag seines Todes vorhergesagt hat. Was ist mit ihm
vorgegangen? dachte Elkan und er wagte es, diesen Feind an der Schulter zu
rütteln. Er hätte nicht den Mut dazu gehabt, wenn ihn nicht Furcht und
Verzweiflung getrieben hätten. Da richtete sich Sürich Sperling auf und ging
schweigend ins Haus. Elkan, der sich nicht getraute, ihm zu folgen, zitterte vor
Besorgnis. Er ging hinüber zu den Mägden. Sie sagten, dass Agaton kurz zuvor
Sürich Sperlings Haus verlassen hätte. Erleichterten Herzens aufseufzend, kehrte
Elkan den finstern und schmutzigen Weg zurück.
    Frau Jette kam ihm im Flur entgegen; ihre Augen fragten angstvoll, ihr Mund
nicht. Die Rosenaus hatten sich mit Trostsprüchen entfernt; wenn es nicht mehr
munter und witzig herging, wurde es ihnen unbehaglich. »Ist er nicht da?« stiess
Elkan heftig hervor, indem er in die Stube trat und sich unruhig umsah. Niemand
antwortete. Aber kaum hatte Frau Jette die Türe hinter sich geschlossen, als sie
leise wieder aufging und Agaton hereintrat. Sofort gewahrten alle, dass in
seinem Gesicht etwas war, das sie vorher nicht darin gesehen hatten. Er schlich
mehr, als dass er ging, sagte weder guten Abend, noch sonst eine Silbe, setzte
sich neben seine Schwester Mirjam, der er flüchtig schmeichelnd übers Haar
strich, nahm einen der erkalteten Erdäpfel von der Platte, schälte ihn und
begann zu essen. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, aber er schien nichts
davon zu bemerken. Mit bleiernem und glanzlosem Blick guckte er auf seinen
Teller und ass anscheinend mit Ekel und Überwindung. An seinem Hals war eine
blutige Schramme.
    »Wo warst du?« fragte Elkan Geier mit richterlicher Würde und trat an den
Tisch. Seine Stimme bebte. Agaton sah seinen Vater ausdruckslos an und fuhr
fort zu kauen. Frau Jette hatte sich, den Kopf auf den Arm gestützt, weit über
den Tisch gelegt und sah ihren Sohn durchdringend an.
    »Woher hast du die Schramme?« fragte Elkan Geier weiter und stützte beide
Fäuste auf den Tisch. Seine weichen, guten Augen begannen zu funkeln. Auch Enoch
trat jetzt herzu, schob den Kopf Agatons mit der Hand so weit zurück, dass ihm
das Gesicht aufwärts zugewandt war und blickte ihn finster an. Agaton schlug
die Augen nieder. »Woher hast die Schramme?« brach Frau Jette mit ihrer
kreischenden Stimme aus. - »Vom Baum,« murmelte Agaton. Elkan Geier verfärbte
sich und sprach plötzlich zum Erstaunen der andern von den Erfolgen seiner Fahrt
nach Altenberg.
    Agaton erhob sich und verliess das Zimmer. »Sag' mir um Gotteswillen, was
der Junge hat!« klagte Frau Jette. Elkan stand am Fenster. Ihm war, als sähe er
den Wasserspiegel in der Ferne oder spüre den feuchten Hauch der Flut. Sein Herz
wurde eng.
    Er folgte Agaton, denn der Gedanke an ihn bedrückte seine Sinne. Er öffnete
eine Tür des finstern Flurs und kam in eine kalte, kahle Kammer, wo auf einem
hochbeinigen Holztisch eine Kerze stand. Agaton war über ein dickes Buch
gekrümmt, die Finger in den Haaren verwühlt. Es war das Neue Testament. Kaum
hatte Elkan das Buch angesehen, als er es mit einer wütenden Bewegung packte, es
unter den Armen Agatons hervorzerrte, die einzelnen Blätter zerfetzte und den
Band in eine Ecke warf. »Das tust du! Das tust du mir!« flüsterte er atemlos.
Agaton schwieg, wandte die Augen nicht von denen seines Vaters und veränderte
nicht seine kauernde Stellung. Elkan empfand plötzlich eine unerklärliche Furcht
vor ihm, setzte sich auf den Bettrand und fragte schüchtern: »Was hat er mit dir
gemacht der Sürich?«
    Agatons Augen funkelten. Er schüttelte den Kopf und sah begierig in den
schmalen Spiegel an der Wand, als ob er jede Veränderung seines Gesichts
studieren wolle.
    »Kannst du's nicht sagen? Deinem Vater?«
    »Nein.«
    »Ja, aber -!«
    »Nein. Warum hast du denn das Buch zerrissen?«
    »Weil es Sünde ist, es zu lesen, Sünde gegen den Gott Israels. Woher hast
dus?«
    »Sünde? Was Millionen gläubig wissen, kann doch nicht für irgend einen Sünde
sein. Du sagst, Israel ist Gottes Lieblingsvolk? Er beschützt es vor allen
andern?«
    »Ja.«
    »Das ist Unsinn und Lüge.«
    »Agaton!«
    »Ja! Alle Völker hassen uns und ich glaube, Gott hasst uns ebenfalls.«
    »Was für Reden!«
    »Wir haben Jesus gekreuzigt und -«
    »Wir -! nicht wir Agaton.«
    »- aber wenn wir es nicht getan hätten, wäre er nicht Jesus Christus. Sie
haben uns also Jesus Christus zu verdanken.«
    »Natürlich.«
    »Trotzdem fluchen sie uns,« fuhr Agaton fort, »und wir haben kein
Vaterland.«
    »Warum nicht? Hier ist unser Vaterland! Deutschland! Uns beschützt der
Kaiser und das Gesetz.«
    »Kaiser und Gesetz sind nicht Deutschland, Vater. Und wo man beschützt
werden muss, ist man nicht daheim.«
    »Du bist ein Klügler. Das Leben ist einfacher, als die Klugheit eines
Knaben.«
    »Ich bin kein Knabe mehr, Vater. Wenn uns das Volk lieb hätte, wären wir
nicht so wie wir sind. Wir sind Unebenbürtige in diesem Land und wir sind doch
mehr als sie, stärker als sie!« Wieder funkelten seine Augen und es lief ein
Zittern durch seinen Körper; er stand da, sein schmales Gesicht war verzerrt,
seine Hände waren ineinander gekrampft, und er stiess einen Laut des Grauens aus.
Elkan blickte verstört umher, aber er gewahrte nichts. Er packte Agaton bei den
Armen, schüttelte ihn und begegnete seinem ausdruckslosen, starrenden Blick.
    Die Türe knarrte, und Frau Jette kam herein. Sie sagte, ein armer Gast sei
gekommen und wolle für die Nacht Unterkunft. Fast willenlos verliess Elkan das
Zimmer. Als er wieder den Flur entlang schritt, überfiel ihn beklemmend das
Gefühl seiner Not. Morgen würde ihn Sürich Sperling pfänden lassen, und selbst
die kleine Krämerei, die den Bedarf für den Tag deckte, würde verloren gehen.
Hätte er nur seiner Kinder Geld bei Löwengard bekommen können! Er überlegte, wie
er dies anstellen könne.
    Der Fremde stand im Zimmer und murmelte Gebete; seine Augen flogen gierig
über die schmutzigen Blätter des Buches und sein Gesicht hatte einen
übertriebeninbrünstigen Ausdruck. Als er fertig war, wurden seine Mienen finster
und feindselig; er beantwortete alle Fragen so kurz als möglich, schaute keinem
ins Gesicht und als die Magd mit den aufgewärmten Kartoffeln kam, wandte er sich
ab und bedeckte das Gesicht mit den Händen, um nicht durch den Anblick einer
Christin verunreinigt zu werden. Sein Hut, den er während des Essens aufbehielt,
war alt und zerlöchert.
    Alle gingen zur Ruhe, auch der Fremde, der in der oberen Kammer am Giebel
eine Bettstätte bekam. Immer klang es wie Wasserrauschen und Wellengeplätscher
herein ins Dorf; Regen strömte herab, dann war es wieder still, dann kam ein
summender Wind, dann trat wieder der Mond aus den Wolken, und seine Strahlen
legten sich scheu auf die Dächer. Frau Jette sagte am Morgen, sie habe zweimal
die Haustüre gehört, aber alle lachten sie aus. Frisches, warmes Brot stand auf
dem Tisch und Kaffeedampf erfüllte die Stube. Die Männer kamen mit ihren
Gebetsriemen, um das Morgengebet zu verrichten, denn sie konnten nicht zur
Synagoge gehen, weil der alte Vorbeter durch Zwistigkeiten, wie sie stets unter
den Juden des Dorfes herrschten, daran verhindert wurde, sein Amt auszuüben.
    Agaton rüstete sich zum Aufbruch; er musste um acht Uhr zum Schulbeginn in
Fürt sein, und es war eine Stunde Wegs, die er täglich zweimal zurücklegen
musste. Mittags hatte er Freitische bei reichen Juden in der Stadt. Er steckte
die Bücher in seinen Träger und schien dabei weniger entschlossen und überlegt
als sonst. Oft besann er sich lange, drückte die Augen zusammen, schaute fremd
auf die Geschwister und die Mutter. Elkan Geier war schon aufgebrochen; er ging
über Land, wie er sagte wegen der Geschäfte, in Wahrheit aus Angst vor Sürich
Sperling.
    Während Frau Jette einen Scherz erzählte und Enoch mit grossem Geräusch
Kaffee schlürfte, erschallte auf der Strasse ein gellender, durchdringender
Schrei, wie wenn einer, die Finger zwischen den Zähnen, in der Art des
Metzgerpfiffs aus aller Kraft pfiffe. Dann lief der Bauer Jochen Wässerlein
vorbei und überstürzte sich fast vor Eile. Dann kam Pavlowsky, der Gendarm; er
lief zwar nicht, aber er ging so schnell, wie noch niemand im Dorf ihn hatte
gehen sehen. Sein Körper wurde bei jedem Schritt förmlich durchschüttelt.
Agaton stand mitten im Zimmer, weiss wie ein Hemd, und ein irrsinniges oder
triumphierendes Lächeln spielte um seine Lippen. Frau Jette hatte das Fenster
aufgerissen und sich weit hinausgebeugt; sie sah am Kirchenplatz viele Menschen
stehen; auch vor Martin Ambrunns Wirtschaft standen Leute.
    Die Magd Katrin stürzte herein. Der Ausdruck ihres Gesichts war nicht mehr
Schrecken zu nennen; es war ein Krampf. Sie liess die Unterkiefer herabhängen,
dass der Mund weit offen stand und machte bloss Versuche, den Arm zu heben. »Was
ist geschehen?« fragte Frau Jette mit starrendem Herzen. Katrin brachte kein
Wort hervor. Alle umstanden sie und endlich flüsterte das Mädchen: »Der
Sebalderwirt ist tot; sie hab'n ihn umgebracht, heisst's.« Alle schwiegen.
Joelsohn und Enoch Pohl murmelten ein Gebet. Die Kinder eilten auf die Strasse
und standen vor der Tür furchtsam still.
    Auf Agatons Antlitz malte sich von neuem jenes irre und frohlockende
Lächeln und auch er legte wie die beiden Alten betend die Hände aneinander, doch
was ihn erfüllte, war nicht Andacht, sondern unendliche Lust und
grenzenlosglückselige Genugtuung.
    »Dank, Dank, Dank,« flüsterten seine Lippen, als er den Weg nach der Stadt
antrat und er schritt dahin wie beflügelt.
    Er verfolgte zuerst den aufsteigenden Weg nach der Veste, und von dort aus
ging er den Kamm der Hügel entlang über Dambach und die äussere
Schlachtausbrücke. Er wanderte im Halbkreis um das überflutete Gelände; überall
rauschte und brandete das Wasser, und wenn sich die Morgennebel hoben,
entstanden phantastische Städtebilder. Am Schlachtaus war der Anprall des
Wassers gewaltig; das Gerassel der Wagen auf der Brücke wurde verschlungen vom
Dröhnen der Brandung.
    Hier traf Agaton seit den acht Tagen, da er diesen Weg gehen musste,
jedesmal um dieselbe Zeit und an derselben Stelle eine Frau, die leise murmelnd
daherkam, eigentlich mehr kroch, als ging. Erst hatte sie Agaton wenig
beachtet, dann war sie ihm aufgefallen durch den hartnäckigen, bösen und
trotzigen Ausdruck, mit dem sie ihren Korb schleppte. Dann begann er sie aus
einem geheimnisvollen Grund zu hassen; wenn sie seinen Weg kreuzte, funkelten
seine Augen; als er ihr einmal ausweichen wollte, begann sein Herz zu klopfen
und trieb ihn ihr entgegen und dann war ihm, als müsse alles, was er an diesem
Tag unternahm, zerbrechen und fehlschlagen.
    Heute kam sie nicht. Er blieb am Brückenpfeiler stehen und sah sich um. Sie
kam nicht. Er selbst, der den ganzen Weg wie im Traum zurückgelegt, begann
dadurch gleichsam aufzuwachen und er fuhr mit der Hand über die Augen. Sein
Blick ging forschend durch die aufsteigenden Gassen des Uferviertels.
    Sonst wenig geneigt zu Gesprächen redete er am Obstmarkt einen
Schulkameraden an, einen kleinen, unbeholfenen Jungen, der sehr jüdisch aussah.
Die beiden gingen eine zeitlang wortlos, endlich sagte der Kleine, gedrückt von
dem schweigenden Wesen Agatons: »Wie sonderbar es hier riecht?«
    »Nach Kohl,« entgegnete Agaton sarkastisch.
    »Au!« schrie der Kleine entusiastisch. Er war wie erlöst durch diesen
anscheinenden Witz. »Hast du die salischen Kaiser gelernt?« fragte er dann.
    »Ich lerne nicht. Ich kann nicht lernen,« murmelte Agaton. »Ich kann nicht
Zahlen einpauken und Namen und Regeln, was weiss ich. Das quält mich. Wenn
Bojesen nicht wäre, ich könnte nichts arbeiten, nichts denken in all den
Stunden. Das ist alles tot.«
    Der Kleine schien sehr erstaunt und betreten. Agaton wurde immer bleicher,
je näher sie dem Schulhaus kamen. In allen Gassen wurden die Läden geöffnet und
die Kaufleute und Gehilfen, meist Juden, standen frisiert und frisch gewaschen
vor den Türen und Auslagefenstern, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben.
    Schon von weitem sah man die Schar der Schüler vor dem Schulgebäude. Viele
standen um eine Litfasssäule, wo eine Göttin der Vernunft auf einem grünen Plakat
ein gelbes Stück Seife emporhielt als wäre es eine Brandfackel. Die Schüler
machten ihre unangenehmen Zoten über die Nackteit der Seifengöttin. Kaum waren
Agaton und sein Begleiter, der jetzt seinerseits in Schweigen versunken war und
nur bisweilen einen schelen Seitenblick auf den Mitschüler warf, hinzugekommen,
als eine Anzahl von Agatons Klassenkameraden auf ihn zustürzte, ihn an
Schultern und Armen packte und in ihn hineinschrien: es sei doch einer ermordet
worden in Zirndorf, ob er ihn gesehen habe, er solle erzählen, wie es zugegangen
sei und so weiter. Die Schüler der unteren Klassen machten respektvoll Platz und
begnügten sich damit, am Rande des Kreises ihre Ohren zu spitzen, um etwas zu
erlauschen. Agaton sah sich dicht umstellt, und der Kleine schaute in naiver
Furcht zu ihm auf und sagte: »Warum hast du das mir nicht gesagt?«
    Herr Pedell Dunkelschott erschien pustend auf der Schwelle des Schulhauses,
und die Schar strömte laut lärmend in die hallenden Korridore. Agaton sass bald
auf dem kleinen Klappstuhl, steif und still - und hörte nichts von dem Toben um
sich. Ein süsses Wohlbehagen kam über ihn; der Ofen summte an seiner Seite, und
draussen lag durchsichtig der lichte Herbstnebel. Er sah die Landkarten und es
öffneten sich die fernen Länder, den Globus und er fühlte sich weit über der
Erde. Er fühlte sich edler und älter, wie ein Mensch, der seine schlummernden
Leidenschaften kennen gelernt hat.
    Der Unterricht begann. Professor Schachno spazierte mit seinen kurzen
Veinchen geziert umher und schien bisweilen im Gehen zu schlummern oder er
summte behäbig eine stille Weise vor sich, gleichsam einen Hymnus an jene sanfte
Milde, mit der er die Welt betrachtete. Seine Haupttätigkeit bestand im
Zudiktieren von Strafarbeiten, welche ihm das Ideal der Pädagogik zu sein
schienen. Ein vergessenes Heft, ein schlecht gelernter Vers, ein Tintenfleck,
ein unzeitgemässes Lachen, ein unanständiges Rülpsen, das alles waren Fehler,
einzig und allein ausrottbar durch das Universal Strafarbeit. Er dozierte
deutsche Literatur und sprach über Goete so, als ob Goete froh sein müsste,
einen Schachno als Nachgeborenen gefunden zu haben. Er summte gerade wieder und
schlummerte zugleich ein wenig, als sich Agaton Geier schwankend erhob und mit
erloschenem Blick vor sich hindeutete. In seinem Gesicht lag ein tierisches
Entsetzen. Die Schüler erhoben sich bang und flüsternd. Agaton stürzte zum
Podium, fiel in die Knie, machte eine Armbewegung, als ob er die Füsse eines
Menschen umklammerte und sah mit brechenden Augen hinauf in das Gesicht dieser
unsichtbaren Gestalt, Sürich Sperlings.
 
                                Drittes Kapitel
Niemals sinkt der Abend so still herab, als wenn die Kirchenglocken läuten;
Nebel fällt wie ein Gespinst über die Dächer, gleitet an den Häuserwänden herab,
umhüllt flatternd die Laternen, liegt unbeweglich still in den Gärten und gibt
ihnen das Ansehen eines Sees. Die Schritte scheinen leiser zu werden wie auf
Teppichen.
    Agaton stand auf dem nassen Pflaster und schaute in eine glänzend
erleuchtete Etage hinauf. Er dachte etwas verwundert nach über die Pracht und
den Reichtum dieses Judenhauses, ging dann weiter und begegnete den Juden, die,
aus dem Abendgottesdienst kommend, laut feilschten und handelten. Als er sie
sah, fühlte Agaton, dass die Judenreligion etwas Totes sei, etwas nicht mehr zu
Erweckendes, Steinernes, Gespensterhaftes. Er wandte seine Augen ab von den
hässlichen Gesichtern voll Schachereifers und Glaubensheuchelei.
    Die Kirchweihbuden füllten die Königstrasse bis zur protestantischen Kirche
hinauf. Die Ausrufer der Schaubuden schrien sich heiser und verdrehten den
Körper, als ob sie Leibschmerzen hätten; mit gesträubten Haaren schrien sie die
Vorzüge ihrer Sehenswürdigkeiten aus. Wirr und schrill klangen die Orgeln,
Pfeifen und Trompeten und das Gebrüll der Tiere drang aus der Menagerie.
Trompeten, Pfeifen und Ratschen erschallten, ein wüstes Summen, Surren und
Johlen. Kinder mit vor Neugier bleichen Gesichtern machten sich keuchend Bahn.
In den Wirtschaften gröhlten die Zecher. Aus den engen Gässchen zog der
übelriechende Rauch der Heringsbratereien. An der Glückshalle stand Kopf an Kopf
eine bewegungslose Menge. Daneben lief ein grosses Karussel auf Schienen; es
wurde durch einen sinnreichen Mechanismus in rasende Schnelligkeit versetzt. Man
sah dann nur schattenhafte Gestalten, verzerrte Gesichter und bacchantische
Schreie. Unter den Leinwanddecken des Zeltes brannten Pechfackeln; es sah aus
wie ein ungeheures, von schwarzem, schwälendem Rauch durchzogenes Feuerloch.
    Agaton schob sich durch die Massen, während seine Seele warm und gerührt
wurde. Ein beglücktes Heimatsgefühl erfasste ihn; er hatte freudige Augen für
das, was rings geschah und sah die vielen Gegenstände, die allentalben zur
Schau geboten wurden, mit zärtlichen Blicken an. Er blieb vor dem Kasperlteater
stehen und schaute zu; ein alter Arbeiter mit grauem Lockenhaar stand neben ihm
und wollte schier sterben vor Lachen. Die Kirchenglocke begann wieder zu läuten.
Bestürzt blickte Agaton am Turm empor.
    Der Ausrufer des Wachsfigurenkabinetts strengte sich mehr an, als seine
Kameraden. »Hier kann man sehen die Passion Christi, unseres Heilands, in
siebzehn Stationen, - grossartig, meine Damen und Herren, grossartig!« schrie er,
heiser vor Begeisterung.
    Wie von einer Faust gestossen, bestieg Agaton das Podium, zahlte zwanzig
Pfennige, das einzige Geldstück, das er besass, und verschwand hastig hinter dem
braunen Vorhang.
    Tiefaufatmend stand er in der dumpfen Luft des Innenraumes. Nur eine
Bauernfamilie ging mit scheuen Schritten umher. Gegen eine scharlachrote Wand
hoben sich die Gruppen der Leidensstationen ab. Das gleichmässige und beruhigende
Licht milderte das Starre der Wachsgebilde. Es war etwas Erhabenes und Heiliges
über den Gestalten, ferne Zeiten stiegen langsam herauf, und es war, als ob die
Schicksalsgöttin selbst träumend die Augen aufschlüge. Das ist also der Heiland,
dachte Agaton befremdet, als er vor dem Bild der Kreuzabnahme stand. Er presste
die Hände zusammen und dachte nach. Freunde und Eltern kamen wie eine Reihe
vorbereiteter Wandelfiguren an ihm vorbei und die toten Gebilde vor ihm wurden
mitlebendig. Er lächelte traurig und begriff, dass er um etwas betrogen worden
war, ohne dass er es hatte hindern können.
    Draussen war der Nebel dichter geworden. Agaton liess sich stossen und
schieben, bis er in dunkle, unbelebte Gassen kam. Er ging eiliger und seine
Gedanken wurden quälender. Unversehens stand er vor der Claussschule, wo sich nur
die frömmsten der Juden zum Abendgebet versammelten. Ein Lächeln, dessen
Bedeutung er selbst nicht begriff, glitt über seine Züge, und er trat in das
düstere und niedrige Gemach. Der Vorbeter an seinem kleinen Pult lallte mit
zitterigem Stimmchen das Schlussgebet. Nachdenklich blickte Agaton in die
verbissenen, steinernen Gesichter, die voll waren von einer jahrhundertalten
Grausamkeit, voll Hass, Erbitterung und zelotischem Glaubenseifer. Zum erstenmal
in seinem Leben wurde ihm klar, dass Jude sein eine Ausnahme sein heisse; zum
erstenmal hörte er die hebräischen Formeln mit Unsicherheit und Groll und er
glaubte sich in einer verderblichen Abgeschiedenheit, wo Verschwörungen
gestiftet werden.
    Als er auf die Strasse trat, prallte er erschrocken zurück. Jener städtisch
gekleidete Mensch, der in Sürich Sperlings Boot gesessen war, stand dicht vor
ihm und schaute angestrengt gegen ein erleuchtetes Fenster hinauf. Die Gasse war
sehr eng, daher musste er den Kopf weit zurückbiegen. Indem er noch seitwärts
gegen die Mauer schritt, stiess er plötzlich an den regungslos dastehenden
Agaton, bat um Verzeihung und griff geschmeidig an den Hutrand.
    »Ach, Sie sind der junge Mann von gestern,« sagte er überrascht. »Sind Sie
nicht gestern bei der Kahnpartie -« Er schmunzelte und die schwarzen Augen
hinter den Gläsern leuchteten flüchtig, fast drohend auf. »Haben Sie vielleicht
ein Streichholz bei sich?«
    In diesem Augenblick kam ein Arbeiter mit brennender Zigarre aus dem Tor.
Der Schwarzbärtige bat ihn mit etwas übertriebener Höflichkeit um Feuer, dann
ging er an Agatons Seite weiter. »Was meinen Sie denn zu der geheimnisvollen
Geschichte da mit dem Mord?« sagte er, den Rauch mit geblähten Nasenflügeln in
die nebelerfüllte Luft blasend.
    »Ich weiss nicht.«
    »Es interessiert Sie wohl gar nicht? Im übrigen, es ist ganz und gar
Legende. Es ist durch nichts erwiesen, dass ein Mord vorliegt. Die
Gerichtskommission hat alle Türen, alle Fenster versperrt und keinerlei
Verdachtsmerkmale gefunden. Das einzige, was zu denken gab, war ein
unerklärlicher roter Fleck auf der Brust des Leichnams und dann der jähe Tod
selbst.«
    »Ein roter Fleck?« hauchte Agaton; sein Hals schnürte sich wie unter einer
Faust zusammen.
    »Ja, aber lassen wir das. Ich liebe nicht derlei krasse Furchtbarkeiten.
Wohin gehen Sie?«
    »Zu Löwengards.«
    »Baron Löwengard? Was wollen Sie denn dort?«
    »Ich esse dort zu abend,« erwiderte Agaton. »Dienstag und Freitag
Übernacht' ich auch dort, weil Mittwoch und Samstag die Schule schon um sieben
beginnt.«
    »Die Genauigkeit Ihrer Auskunft lässt nichts zu wünschen übrig. Das alles
dürfen Sie? Sogar übernachten? Sagen Sie mal, - Ihre Eltern sind wohl sehr arm?«
    »Ja.«
    »Wie alt sind Sie denn? Achtzehn?«
    »Siebzehn.«
    »Na, um so besser. So kennen wir uns also. Ich heisse Gudstikker. Rufname:
Stefan. Geboren zwölften Mai achtzehnhundertsechzig. Verrichtung unbekannt. Aber
nun erzählen Sie einmal, was hat eigentlich Sürich Sperling gestern mit Ihnen
angestellt? Er nahm Sie unter den Arm und ging mit Ihnen ins Haus. Sie rührten
sich nicht. Andere hätten gezappelt wie ein Fisch, aber Sie waren bloss stumm wie
ein Fisch. Ich habe alles gesehen vom oberen Stock. Ich wohnte ja im
Sebalderhaus.«
    Agaton blieb stehen und lehnte sich schweigend an einen Laternenpfahl.
    »Reden Sie doch,« fuhr Gudstikker fort und stellte den Kragen seines Mantels
in die Höhe. »Ich kenne den Sürich Sperling schon lange. Er war kein
gewöhnliches Exemplar der Spezies Mensch. Er konnte lumpen durch sieben Nächte,
ohne Schlaf zu suchen. Wenn er müde wurde, setzte er sich in einen Stuhl, schloss
für zwanzig Minuten die Augen und wusste von sich und der Welt nichts mehr. Erhob
er sich wieder, so war er frisch wie vor den sieben Tagen. Einmal, als er
melancholisch war, ging er auf den Speicher und zertrümmerte mit der nackten
Faust Kisten und Kasten und Bretter. Seinen Hund schlug er halbtot, wenn er
unfolgsam war, und danach konnte er sich hinsetzen und heulen wie ein kleines
Mädchen. Bis vor sechs Jahren hatte er überhaupt keine Frau berührt und als er
die erste nahm, wäre das arme Weib ihm fast in den Armen gestorben. Das war ein
Mensch!«
    Es entstand ein langes Schweigen. Agaton wurde durch das ganze Wesen
Gudstikkers verwundet. Seine Geschwätzigkeit beunruhigte und jede Geste
erschreckte ihn.
    »Wie heissen Sie denn eigentlich?« fragte Gudstikker.
    »Agaton. Agaton Geier.«
    »A - ga - ton -?«
    »Ja.«
    »Seltsam. Wie kommen Sie zu dem Namen. Agaton ... So hiess mein Vater.«
Wieder eine Pause. Dann wurde Gudstikkers Stimme gütig. »Sie gefallen mir,«
sagte er. »Ich weiss kaum warum, aber vielleicht steckt etwas in Ihnen, was mir
imponiert. Bei euch Juden gibt es manchmal Individuen von wunderlicher Kraft.
Besonders in Ihrem Alter. Daran mag es liegen. Wenn sie so jung sind, ist ihre
Seele von unbeschmutztem Feuer erfüllt. Sie sind starke Träumer, möchten die
Welt aus den Angeln heben und wissen doch nichts von der Welt. Wenn sie es nur
wüssten! Gehen Sie hin, Agaton, wecken Sie Ihr Volk auf. Sagen Sie, wach auf
mein Volk, wie der Prophet in der Wüste. Na gleichviel, was scheren mich denn
die Propheten. Glauben Sie, dass es heut Nacht regnen wird?«
    »Ich weiss nicht. Vielleicht. Vielleicht schneit es. Vielleicht auch nicht.«
    »Ah, Sie sind boshaft. Na gleichviel. Ich muss Ihnen sagen, es ist nicht
Neugierde, wenn ich Sie vorhin fragte, was Sürich Sperling mit Ihnen gemacht
hat. Auch nicht Teilnahme. Nun, werden Sie nur nicht wieder ungeduldig. Stellen
Sie sich die ganze Situation vor. Später kommt Sürich in mein Zimmer, bleich,
erregt, und redet von gleichgültigen Sachen. Er spricht von der Ziegelei, die
der Vater meiner Braut jetzt gekauft, und plötzlich legt er sich auf mein Bett
und verstummt.«
    »Verstummt?« fragte Agaton mechanisch.
    »Verstummt. Nach fünf Minuten stand er auf, ging vors Haus und dort sass er
dann wieder zwei geschlagene Stunden, ohne sich zu rühren. Um neun Uhr ging der
Schmied heim und rief ihn an. Wer aber nicht antwortete, war Sürich. Und wer um
zehn Uhr in sein Zimmer stolperte, ohne sich um die Wirtschaft zu kümmern, war
Sürich. Nun, am Morgen war er tot. Es wäre immerhin interessant, die Ursache zu
erfahren. Vielleicht hat er selbst - nun, nun, was gibt's?«
    Agaton hatte mit den Händen Gudstikkers Arm umklammert und schwankte, als
ob er zu Boden sinken wolle. Gudstikker schüttelte den Kopf und warf den
Zigarettenstumpf weit über die Gasse. Agaton blickte ihn gespannt an beim
matten Schein des Strassenlichts, als ob er sein Gesicht nie wieder vergessen
wollte und ging dann weg, ohne ein Wort zu sagen, dem Löwengardschen Palast an
der nächsten Ecke zu. Scheu betrat er das breite, lichtgebadete, mit Teppichen
belegte Vestibül. Der Plafond und die Wände waren von Künstlerhand mit
Darstellungen aus der antiken Mytologie geschmückt. Vor ihm stand wie eine
lebende Gestalt Kassandra, den Arm gegen das brennende Troja erhoben. Sie war
fast nackt, die Brüste waren geschwellt von Hass. Stets musste Agaton die Augen
vor dem Bild niederschlagen. Die dem Juden angeborene Scham vor dem Nackten ging
bei ihm bis zu physischem Schmerz. Auch wurden seine Sinne erregt, wenn er in
der Nacht sich des Bildes erinnerte.
    Stefan Gudstikker wandte sich gegen den Lilienplatz, lauschte mit gesenktem
Kopf auf das Stimmengewirr aus den Gastäusern, das mit dem Wimmern der Geigen
und dem Fistelgesang der Harfendamen vermischt war. Schweigend zogen Musikanten
an ihm vorbei und der Älteste zählte die Tageseinnahme. Gudstikker sah das alles
mit den Augen des Beobachters, der sich freut, dass ihm nichts von den kleinsten
Dingen des Lebens entgeht und den die Gewohnheit des Scharfsehens dazu verführt
hat, den vielgestaltigen Bau der Welt mit Sprüchen der Weisheit zu beleuchten.
    Der kalte Glanz des Mondes brach hervor. Gudstikker ging am Rand der Anlage
auf und ab und spähte gegen die Strassenflüchte. Die Turmuhren schlugen acht,
kreischend fielen die Rolläden herab, die kleinen Ladnerinnen eilten von dannen,
und die Kontoristen drehten die gesunkenen Schnurrbartspitzen wieder empor.
    Endlich kam Käte Estrich. Mit schwachem Lächeln hing sie sich an den Arm
ihres Verlobten. »Ich musste mich fortstehlen,« sagte sie, »der Vater hat
geschimpft über dich. Er nannte dich Müssiggänger. Sie plagen mich mit dir und
quälen mich. Bist du bös? Nicht bös sein! Ich hab' ja nur dich, nur dich
allein.«
    »Ich bin nicht bös, aber du darfst nicht so dumm reden. Wie geht's dir?«
    »Schlecht.«
    »Warst du beim Arzt?«
    »Nein.«
    »Nein! - Wenn dein Herr Vater sich besser um dich gekümmert hätte, das wäre
eine grössere Heldentat, als meine Lebensführung zu kritisieren.«
    »Ach, Stefan, ich möchte sterben, - mit dir.«
    »Sterben! ja, wenn sonst nichts wäre, als sterben. Das bleibt einem jeden.
Es ist das Sicherste und soll das letzte sein.«
    »Du bist so kalt!« flüsterte Käte und schauerte zusammen, als ob diese
Kälte sie frösteln mache. »Ich muss wieder heim,« fuhr sie mit derselben leisen
Stimme fort; »ich wollte dich nur sehen.« Gudstikker musste sie fast tragen. Als
sie am Ziel waren, küsste er sie flüchtig auf die Wange und ging.
    Unter dem Portal des jüdischen Waisenhauses, wo er vorbeikam, stand ein
Knabe und blickte mit ängstlichen Augen in das erleuchtete Treppenhaus. »Wie
heisst du?« fragte Gudstikker und beugte sich herab zu dem Kind, das seine Finger
in den Mund steckte und verlegen zu Boden sah. »Wie heisst du?« wiederholte er
streng.
    »Weiss nicht.«
    »Wem gehörst du denn?«
    »Weiss nicht.«
    »Wo ist denn deine Mutter?«
    »Tot.«
    »Und dein Vater?«
    »Auch tot,« sagte der Knabe, drückte sich scheu an ihn und fragte bang:
»Bist du der Herr Jesus?«
    Da erschallte ein herzzerreissendes Schreien im Innern des Waisenhauses.
»Hörst? Hörst?« machte der Knabe und, begann leise zu schluchzen.
    Gudstikker nahm das Kind bei der Hand und stieg mit ihm die Treppen hinan.
 
                                Viertes Kapitel
Agaton ging in die Küche und ass, was man ihm an Überbleibseln und für die Tafel
Unbrauchbarem gab. Dann stieg er in die Bodenkammer, wo er die Nacht verbringen
durfte. Von unten klang Musik herauf, Gläserklingen, dumpfe Rufe der
Fröhlichkeit, das Schlürfen des Tanzschrittes und das wogende Murmeln der
Gespräche.
    Er wälzte sich lange Zeit schlaflos und ein bitteres Gefühl erfüllte sein
Herz, dass er im Haus des reichen Verwandten auf Stroh unter dem Dach schlafen
musste; denn dass der Baron ein Vetter seiner Mutter war, hatte er Stefan
Gudstikker stolz verschwiegen. Sem geschärftes Ohr vernahm durchdringender den
Lärm des Festes und es war, als ob ihn eine Stimme riefe. Dunkle Sehnsucht liess
ihn zittern vor Ungeduld; er sprang aus dem Bett, warf sich wieder in die
Kleider und, die Augen noch umschleiert von der Finsternis, stieg er die Treppe
hinab mit dem Bewusstsein einer Schuld. Es war ihm gleich, wohin er kam; er
öffnete im zweiten Stock eine Tür (deutlicher hörte er Musik und Tanz von unten)
und befand sich in einem grossen Salon, der noch warm war von erloschenem
Kaminfeuer. Er lächelte, die Musik unter ihm liess die Dunkelheit rings gleichsam
erbeben.
    Da hörte er vom Nebenzimmer ein Geräusch, wie wenn jemand weint und will es
nicht hören lassen. Agaton ging hin, öffnete die Tür und stand nun verlegen und
bestürzt vor seiner Base, zu deren Verlobung das prunkvolle Fest im Hause
gefeiert wurde. Sie sass vor einer Kerze und schluchzte in ihr Taschentuch.
    Jeanette blickte auf, und vor Erstaunen brachte sie kein Wort hervor.
Endlich fragte sie heiser, was er hier zu suchen habe.
    Agaton zuckte die Achseln. »Nichts,« antwortete er. »Ich habe dich weinen
hören.«
    »Von oben? Von deiner Kammer?«
    Agaton wurde bleich und liess den Blick verächtlich durch den geschmückten
Raum schweifen. »Nein,« sagte er, »nicht von meiner Kammer«.
    »Nun?«
    Agaton schwieg. Die grossen, von Tränen nassen Augen des Mädchens erweckten
ein Gefühl von Niedrigkeit in ihm. Jeanette nahm ihn bei der Hand. »Nun gestehe.
Weshalb bist du gekommen? Hast du Hunger? Dann soll man dir geben, was du
willst. Auch Wein sollst du haben. Ich will es dem Diener sagen. Oder willst du
Geld? Hier ist meine Börse.« Sie lächelte bitter und wollte aufstehen. Doch
Agaton nahm ihre Hand und drückte sie mit grosser Kraft so fest zusammen, dass
das Mädchen ihn mit einem überraschten Ausdruck des Schmerzes ansah. »Ich bin
nicht, was du meinst,« sagte Agaton.
    »So?« Ein unsicherer Spott trat auf Jeanettens Gesicht.
    »Ich bin nicht hungrig,« sagte Agaton leise. »Ich brauche auch kein Geld.
Also nimm dein Geld hier weg, sonst muss ich es zum Fenster hinauswerfen.«
    Jeanette sah lange in Agatons erregtes Gesicht, dann fasste sie ihn
plötzlich an beiden Händen, zog ihn zu sich und sagte herzlich: »Nun sprich!«
    Agaton schüttelte den Kopf. »Ich glaubte, du hast etwas zu sagen. Ich habe
ja nicht geweint. Freilich, woher sollst du Vertrauen zu einem so schlecht
gekleideten Menschen haben.« Er lächelte wieder, wandte das Gesicht ab und
starrte ins Dunkle. Die Wände schienen sich aufzutun vor seinen Blicken, und aus
zahllosen Augen schauten ihn die Sorgen an, unter denen die Menschen Schätze
zusammentragen, um sie wieder von Sorgen bewachen zu lassen.
    »Agaton!« flüsterte Jeanette. Sie liess seine Hand nicht mehr los, und er
fühlte, wie heiss ihre Hand war. »Ich habe dich stets übersehen wie einen
Schatten. Du hast dich auch so schmal gemacht wie ein Schatten, du wunderlicher
Agaton.«
    Agaton antwortete nicht.
    »Sprich, Agaton, hast du schon viel Böses getan? Warum zitterst du? was ist
dir?«
    »Böses, fragst du? Was ich getan, war nicht böse. Es war auch nicht gut. Es
wäre schlechter gewesen, wenn ich einem Vogel die Flügel genommen hätte. Oder
kann es böse sein, wenn es dich erhebt, glücklich macht? Oder gut, wenn es das
ganze finstere Leben erkennen lässt und was man versäumt hat und was andere
versäumt haben -?«
    Jeanette, tief erregt durch das Wesen des jungen Menschen, flüsterte
stockend: »Setz dich zu mir. So. Und nun hör mich an. Sieh, ich soll einen
Menschen heiraten, den ich noch nicht zweimal im Leben gesehen habe. Er ist
nicht jung, er ist nicht alt, er ist nicht edel, er ist nicht gemein, ich kenne
ihn nicht, ich weiss nichts von ihm, aber ich soll ihn heiraten, der
Geschäftsverbindung wegen. Ich werde verkauft und soll mich ruhig verkaufen
lassen in das Bett eines Schweins. Erröte nicht, Agaton, jetzt ist nicht die
Stunde zum Erröten; bei uns werden alle Mädchen verschachert wie Häuser und
Grundstücke, aber du wirst doch zugeben, dass man bisweilen auch aus andern
Gründen heiraten kann. Wie? Aus Liebe zum Beispiel, wie?«
    »Aus Liebe, ja,« wiederholte Agaton und zuckte zusammen.
    »Sieh her, sieh her,« sagte das Mädchen und ihre roten Haare fielen wild in
die Stirn, und sie zog Agaton dichter neben sich. »Hab ich nicht die feinste
Haut, die du dir denken kannst? Rühr mich nur an! hab ich nicht einen weichen
Mund? siehst du, ich küsse dich damit, und liebe ich nicht alles, was schön ist,
zum Beispiel deine Augen? Und wenn du mich liebst, siehst du, dann ist es dir
gleich, ab ich in Gold und Ehren lebe oder ob ich verstossen und verachtet bin,
ein Frauenzimmer der Gasse, es ist dir gleich, du nimmst mich, wenn du mich
liebst, verstehst du? Ja, du freust dich sogar, wenn du zeigen kannst, wie hoch
der Preis ist, den du für mich zahlst. Und doch gibt es einen Mann, an den ich
geglaubt hatte, und der anders gehandelt hat, einzig und allein deswegen, weil
er leiden wollte um mich, weil er mich mehr zu lieben wähnt, wenn er mich
entbehren muss. Ist das nicht närrisch? Ich sitze da mit meinem Herzen voll
Leben, dass es nur so brennt und soll das Schwein heiraten, und ich habe Ja
gesagt aus Rache gegen den Leidenssüchtigen, der mich liebt und verschmäht, den
ich lieben und verachten muss.«
    Agaton starrte fassungslos in diese zigeunerhaften, leidenschaftlichen
Züge. Jeanette sprang auf und rief: »Du musst mit mir kommen! Du musst sie sehen,
die da drunten. Kannst du tanzen? Gut, wir wollen ihnen Schrecken einjagen,
indem wir tanzen.« Sie nahm Agaton bei der Hand und zog den Erstaunten und
Willenlosen, der nicht begriff, was mit ihm vorging, durch das dunkle Zimmer zur
Treppe, über die Stufen hinab, bis sie mit ihm unter der Saaltür stand, die der
Diener mit einem Gemisch von Respekt und Verdutzteit eifrig aufstiess. Mit
blitzenden Augen sah Jeanette in das bunte Treiben der Gäste. Nicht einmal die
Haare hatte sie geordnet.
    Der Baron kam rasch und fragte mit einem finstern Blick auf Agaton, wo sie
so lange bleibe und was der Unfug bedeute. Herren und Damen standen alsbald
lauernd im Halbkreis um das junge Mädchen. Es war eine ziemlich ungemischte
Gesellschaft: jüdische Kaufleute, Journalisten, Ärzte und Advokaten. Alle
Gesichter verrieten Intelligenz, aber nur jene Intelligenz des Augenblicks, die
von den verborgenen Werten der Dinge nichts weiss, die an der Stunde klebt, mit
der Stunde rechnet und die Augen schliesst, wenn die Nacht kommt. Alle Gesichter
hatten etwas Überlebtes, etwas von dem Abgeglühtsein, wie es das gemeine Leben
mit sich bringt; das Edlere war verwischt von der Freude an flüchtigen Genüssen,
von der Verachtung des wahren Ernstes und der Sucht, den Tag leicht zu nehmen.
Ihre Macht war der greifbare Besitz und sie waren wie Sklaven, die heuchlerisch
ihre in der Dunkelheit gesammelten Kräfte verstecken und sich auf die Stunde
freuen, wo sie die Fäuste zeigen dürfen. Agaton blickte in den Lichterglanz an
der Decke und plötzlich musste er an die arme, niedere Stube zu Haus denken, und
das gelbe Gesicht seiner Mutter stieg wie aus einem Schattengewühle auf. Und er
verlor sich selbst: aus diesen Schatten erhoben sich Generationen: Greise und
Greisinnen, die mit müdem Kopfschütteln vorbeigingen.
    »Herr Salomon Hecht!« rief nun Jeanette und ihre Augen leuchteten grün.
    Ein elegant gekleideter, ziemlich fetter Mann trat vor und verbeugte sich
ironisch. Er hatte ein süssliches Lächeln auf den Lippen, aber in seinen Augen
war die stumpfsinnige Traurigkeit eines Tieres.
    »Was hast du vor?« knirschte Baron Löwengard und trat, schneebleich vor Wut,
an die Seite seiner Tochter. »Was soll dieses Benehmen? Was soll der Junge hier?
Wenn du nicht Vernunft annimmst, werde ich dich aus dem Haus peitschen lassen.«
    »Ja, lass mich nur peitschen,« erwiderte Jeanette zum Entsetzen ihres Vaters
beinahe schreiend. »Was ich vorhabe? Ich will einen Mann haben und keinen
Getreidesack und keinen Geldschrank und keine zehnprozentigen Aktien. Verstehst
du das nicht? Was soll ich denn anfangen mit Herrn Hecht in der Nacht, wenn ich
von Männern träume, die nicht ein paar Nachtlichter im Kopf haben, sondern
Augen, Augen, Augen -? Wenn ihr nur das wollt, was ihr wollt, dann schachert!
Verschachert euern letzten Flederwisch im Kehrichtfass, und für das andere geb
ich mich nicht her wie eure hochmütigen Weiber, die mich jetzt anglotzen wie
eine Hexe. Da! da habt ihr und mich lasst zufrieden! da! da! da!« Und sie ging
hin, weiss wie Kalk, warf die kostbare Broche ins Kaminfeuer, die Armreife, die
Ringe an den Fingern, riss die Spitzen über der Brust entzwei und öffnete mit
einem Ruck die Knöpfe der Taille. Da stürzte Löwengard mit unartikuliertem
Schreien auf seine Tochter, nahm sie in die Arme und wollte sie hinaustragen.
Sie wehrte sich wie von Sinnen, die Damen eilten jammernd herbei, Salomon Hecht
suchte aus dem Kaminfeuer erst mit entblösstem Arm, dann mit der Schaufel die
Kostbarkeiten herauszuholen, viele wandten sich feig und finster nach der Tür,
der Diener sah mit eigentümlichem Lächeln in den von schwüler Luft erfüllten
Raum, und auf einmal blieben alle regungslos stehen.
    Der jetzt hereintrat, ohne dass der Türsteher versucht hätte, ihn abzuhalten,
war ein Greis von mehr als neunzig Jahren. Er hatte etwas wie eine seltsame
Ruine; etwas gleichsam Unvergängliches war in seinem Gesicht, ein Schimmer von
wandelloser Milde und Güte. An Gliedern riesenhaft, in den Augen jenes Funkeln,
das man zuweilen bei alten Männern sieht, die die Jugend müde hinwanken sehen
und selber niemals müde zu werden scheinen, so kam er herein und Agaton
lächelte wie ein Kind, das an den Wendepunkt eines Märchens gelangt ist, wo die
wohlbekannte gute Fee kommt, um die Verwicklung zu lösen. Jedermann auf den
Dörfern kannte den Gedalja Löwengard aus Rot.
    Der Alte ging ohne weiteres auf seinen Sohn zu, stutzte aber, als er dessen
Gesicht sah, liess die halbausgestreckte Hand wieder sinken, nahm ruhig Platz und
schaute grüblerisch lächelnd vor sich hin. Der Baron, der sich der armseligen
Erscheinung seines Vaters schämte, trat mit verlegener Miene zu seinen Gästen,
die sich wie eine Phalanx vor ihm aufgepflanzt hatten. Jeanette liess sich vor
dem Greis auf die Knie nieder, streichelte seine Hände und fragte: »Grossvater,
was ist geschehen? Warum kommst du so spät noch zu uns?« Mit einer scheuen und
entsetzten Geste wandte sie sich nun zu den andern und sagte: »Er weint.«
    Der alte Gedalja packte schnell ihre Hand und lispelte ihr zu: »Sag's ihnen
nicht. Sie wollen nicht sein gestört. Mein Sohn hat vergessen, dass ich nicht
habe zu kaufen einen Frack. Hat vergessen, dass ich bin arm. Heut abend ist
abgebrannt ganz Rot. Der Herr hat mich wollen gedenken lassen, dass es mir
gegangen is zu gut im Leben. Mei Haus, mei Hof, mei bisla Vieh, alles is hin.«
    Die Gesellschaft schickte sich zum Aufbruch an. Baron Löwengard verfluchte
sich und seine Tochter und vermochte kaum einen oberflächlichen Anteil an dem
Unglück seines Vaters zu nehmen, dem er ein Zimmer zum Schlafen anweisen liess.
Dann forderte er Jeanette auf, ihm zu folgen. Agaton hörte ihn mit heiserer
Stimme schreien ... Der Diener suchte ein vertrauliches Gespräch mit Agaton
anzuknüpfen; seine Worte klangen widerlich zurück von den Wänden des verödeten
Saales. Agaton schlich beschämt in seine Kammer, warf sich angekleidet aufs
Lager und fiel sofort in schweren Schlaf.
    Am Morgen hörte er vom Hausgesinde, dass Jeanette verschwunden sei. Er fühlte
sich darüber glücklich, ohne zu wissen warum. Die Luft war kühl und gleichsam
gereinigt, als er zur Schule ging. Die Welt schien neu. Am Morgen hat alles nur
ein Auge nach dem Licht hin; alles hat Zweck, Bedeutung, Form und Rundung, alles
ist mit Frieden gesättigt, die Dächer glänzen, die Sonne taucht langsam auf mit
kupferigem Glanz, der Rauch erhebt sich kerzengerade, jeder Schornstein ist ein
Bild des Emporstrebens. Die Mägde haben weisse Schürzen, die Bäckerbuben pfeifen,
über die grosse Brücke rollt der Schnellzug, aus dem rätselhafte, übernächtige
Gesichter in die überschwemmte Ebene schauen; die Schranke am Dambacher Weg ist
geschlossen, ganze Reihen von Ochsen stehen da und warten gutmütig. Und zwischen
den Häusern verschwindet der Zug, rasselnd, polternd, pustend, und Agaton hört,
wie er mit schrillem Pfiff am Bahnhof hält, und seine Sehnsucht eilt hin und
steigt ein, um in ihr geheimnisvolles Vaterland zu fahren. Er geht gerade am
Haus des Abraham Porkes vorbei, der Millionen besitzt und als edler
Menschenfreund bekannt ist; über eine halbe Million hat er für das Waisenhaus
vermacht. Es gibt viele Dinge, die Agaton bewundert, und er liebt die Menschen.
Die Wandlung, die er seit kurzem durchgemacht, kommt ihm merkwürdig vor. Er
weiss, dass es neu ist, was er fühlt, aber er will sich nicht durchforschen. Es
ist, als ob man in seinem Herzen etwas baue, und er will warten bis es fertig
ist. Er denkt an jenes Bild der Stationen, wo der nackte Jüngling mit einer
Zange dem Heiland die Dornen von der Dornenkrone nimmt. Und während er daran
denkt, erschrickt er, bleibt stehen und lauscht. Aber es pfeifen nur die
Bäckerjungen in ihrem monotonen Diskant.
    In der Schule hörte er nichts von dem, was gelehrt wurde, hatte nicht
memoriert, eine wichtige Lektion nicht geschrieben und kam in den Strafbogen. Er
begriff nicht, warum er all das Tote in sich aufnehmen solle, da es doch auf
jedem Schritt des Lebens genug gab. Er begriff die Verachtung, in der die
meisten Lehrer bei den Schülern stehen; sie galt nicht der Person, sondern dem
Amt. Es galt der Handwerkerart, die feierlichen Dinge der Geschichte mit dem
Gedächtnis feilschend herabzuwürdigen, erlauchte Namen so zu nennen, als ob es
gälte, ein Adressbuch durchzulesen. Alt diesem Morgen begann Agaton zu sehen,
wie wenn ein Brett von den Augen seiner Seele genommen wäre und dies erregte ihn
so, dass seine Wangen ab und zu erbleichten. Nur ein Lehrer war es, an dem er mit
abgöttischer Verehrung hing, an den er mit keinem Hauch von Kritik zu rühren
wagte. Dieser Lehrer, Erich Bojesen, hatte sich von Anfang an durch die Art
empfohlen, wie er die Wissenschaft der Chemie vor den Schülern zerlegte, so dass
auch der Blöde und der Boshafte aufmerksam wurden. Er griff gleichsam mit
lebendiger Hand in die Nacht der Natur oder in die Feuer der Natur und holte
ihre Rätsel hervor, die er trotz aller Erläuterungen Rätsel und Wunder bleiben
liess. Er tat nicht wichtig mit der Wissenschaft und spielte nie mit ihr, machte
auch nichts »Interessantes« daraus, sondern er stand hinter seinen Retorten und
Röhren wie einer, der im Tempel steht und im Begriff ist, einen Gott zu
predigen, dessen ganze Schönheit und Grösse nur er selbst kennt. Er glich einem
jungen Priester, der die gedruckten Gebetbücher verachtet und sein eigenes Gebet
haben will und hat.
 
                                Fünftes Kapitel
Als Stefan Gudstikker mit dem kleinen Knaben das Innere des hallenden Gebäudes
betreten hatte, hörte das Schreien wieder auf. Dennoch beschloss er, der Sache
auf den Grund zu gehen. Er stieg die Treppe hinan, wurde nachdenklich gestimmt
durch die düstere Stille des Hauses, schüttelte den Kopf über die mangelhafte
Beleuchtung und betrachtete ein bemaltes Glasfenster, das den Propheten Jephta
mit seiner Tochter zeigte. Er öffnete eine Türe, wobei sich das Bürschchen
ungeduldig zwischen seine Beine drängte, und hatte einen weissgetünchten, fast
finsteren Saal vor sich, in welchem Bett an Bett stand, dreissig oder vierzig wie
in einer Kaserne, und über jedem der weissen Tücher schaute ein kaum weniger
weisses Knabengesicht hervor, mit geschlossenen Augen, geschlossenen Lippen,
angestrengten Lippen, die sich zu bemühen schienen, Seufzer zurückzuhalten. Eine
dumpfe Luft schlug heraus und Gudstikker schloss schnell wieder zu, stand ratlos
da und sah die Augen des zerlumpten Knaben verehrungsvoll und flehend auf sich
ruhen. Da ertönte wieder das Schreien: lauter und eindringlicher. Der Kleine
rang stumm die Hände und das Verzweifelte in der Gebärde trieb Gudstikker mehr
an als Worte.
    In einem schmalen Raum sass der Schuldiener mit einer blauen Brille,
riesenhaften Filzschuhen und einer Art Kaftan und nickte schläfrig; wenn ihn
sein Gegenüber, der Vorsteher, anredete, fuhr er auf, machte ein devotes Gesicht
und schlug mit einem spanischen Rohr klatschend auf den Rücken eines etwa
dreizehnjährigen Knaben, der mit Riemen auf ein Brett festgeschnallt war. Der
Knabe öffnete dann den Mund zu einem Schrei, der lang hinhallte und langsam
erstarb, worauf er in eine schmerzliche Starrheit verfiel. Dies alles hatte
etwas Gespensterhaftes und Stefan Gudstikker hätte lachen müssen, wenn er nicht
das Gesicht des Knaben gesehen hätte, ein altjunges Gesicht mit der Erfahrenheit
früher Schmerzen und bohrend-unruhigen Augen, Knabenaugen, die manchem Mann zu
denken geben konnten. Kaum sah der Bursche an Stefans Seite das Unglück seines
Freundes, als er auf ihn zustürzte und bitterlich zu weinen anfing.
    »Ruhig! was ist hier los?« rief der Vorsteher erstaunt.
    »Was ist hier los?« wiederholte getreulich der mit den Filzschuhen und
zeigte einen wahren Schwertfischzahn, der wie eine Schaufel aus der Unterlippe
hervorragte.
    »Wo kommt ihr her?« fragte der Vorsteher und schaute seine dicken Finger an,
als wären sie durch die Erscheinung der Fremden beschmutzt.
    »Wo kommt ihr her?« fragte auch der Blaubebrillte und versteckte seinen
Zahn, so gut es ging.
    Stefan Gudstikker erwiderte nichts, nahm sein Messer, durchschnitt die
Riemen und hob den Knaben herab.
    »Was soll das bedeuten? Was erlauben Sie sich, junger Mann?« donnerte der
Vorsteher und suchte die Angst seines schlechten Gewissens vergeblich zu
bemänteln.
    »Was berechtigt Sie zu einer so grausamen Folter?« fragte Gudstikker
finster.
    »Er huldigt der Unzucht, verstehen Sie, und das muss bestraft werden. Da alle
andern Mittel vergebens sind, muss er bestraft werden. Seine Mutter selbst hat
ihn hergebracht, mir allein steht es zu, über seine Bestrafung zu entscheiden.
Was haben Sie hier zu suchen und dieser nichtsnutzige Bengel, wessen erfrecht er
sich?«
    »Wollen Sie mir den Knaben für einige Tage überlassen?« fragte Gudstikker
nach einigem Nachdenken. »Ich werde ihn heilen. Ich habe mich wissenschaftlich
mit solchen Dingen beschäftigt.«
    »Sind Sie Jude?«
    »Nein.«
    »Dann bedaure ich. Bedaure lebhaft.«
    »Aber Herr Direktor,« erwiderte Gudstikker sanft. »Bei Ihrer Vernunft und
Bildung müssen Sie doch einsehen, dass hier die Frage der Konfession von geringer
Wichtigkeit ist. Ich bin wohlbekannt in der Stadt. Ich bringe den Knaben zu
meiner Mutter, Frau Elise Gudstikker, und sobald Sie ihn zurückverlangen, können
Sie ihn haben.«
    »Ja, wenn Sie glauben,« meinte der Vorsteher unentschieden. »Gut«, sagte er
dann, »auf acht Tage; vorausgesetzt, dass nichts geschieht, was die Religion
beleidigt. Du kannst mit diesem braven Mann gehen, Sema Hellmut. Marsch! Troll
dich', Ungeratener.«
    Gudstikker ging mit den zwei Knaben. Er lachte in sich hinein. Er wusste, dass
der Vorsteher froh war, den Knaben los zu sein.
    Zu Hause fand er die Mutter unpässlich. Sie lag auf dem Sofa, sah etwas
bekümmert aus, forderte ihn aber gar nicht auf, zu erklären, wie er zu den
Kindern komme. Sie kannte sein jäh und abenteuerlich handelndes Wesen gut genug.
Sie kannte auch seine redselige und mitteilsüchtige Natur zu sehr, um sich
neugierig zu zeigen. Sie hatte eine eigentümliche Strenge im Gesicht, einen
Blick, von dem man glaubte, dass er den Körper wie Glas durchdringe. Den
jüdischen Knaben sah sie an, lachte leise und hart, betrachtete seine langen,
dünnen Finger, das abgesetzte Handgelenk, nickte Stefan zu, legte sich ruhig
wieder hin und sah mit spöttischem Lächeln in die Lampe.
    »Können sie hier schlafen, Mutter?« fragte Gudstikker.
    Der Judenknabe schien alles tief in sich aufzunehmen, was er sah und hörte,
dem Spiel seiner Augen nach zu schliessen. Die einfache und gemütliche Stube mit
dem weissen Kachelofen, der leise in sich hineinbrummte, die Nacht draussen mit
dem einförmigen Flussgerausche, die stille Lampe, die alten Bilder an den Wänden,
er besah es mit scheinbar verächtlicher Gelassenheit, doch mit einer gewissen
inneren Unruhe. Er schien wenig empfänglich für die unaufhörlichen Liebkosungen
seines Freundes, doch tauchte bisweilen sein Blick angstvoll in den des kleinen
Zerlumpten.
    »Nun, das ist doch jüdische Degeneration, wie sie im Buch steht,« sagte
Gudstikker zu seiner Mutter.
    »Ich weiss nicht, was im Buch steht,« entgegnete sie lakonisch. »Eigentlich
sind die Juden viel bessere Menschen als wir, edlere Menschen. Sie trinken
nicht, sie betrinken sich nicht, sie stehen besser da in der Welt als wir. Wenn
bei uns nicht alles aus dem Leim geht, haben wirs den Juden zu danken.«
    »Im Gegenteil. Sie sind ein Geschlecht von Zerstörern. Ich bin der Ansicht,
dass unsere ganze Kulturkrankheit Judentum heisst.«
    »Wer weiss, vielleicht heisst sie auch anders«, entgegnete Frau Gudstikker mit
feinem Lächeln. »Das sind so Worte, mein Lieber. Ich bin zu dumm dazu!«
    Gudstikker schwieg und verfolgte ein wunderliches Schauspiel zu seinen
Füssen. Der grosse Bernhardinerhund erhob sich aus der Ofenecke, tappte zu den
zwei Knaben, beschnüffelte den kleinen Zerlumpten, brummte, (er war kein Freund
der Kinder), beschnüffelte Sema, und statt wieder zu brummen, leckte er die Hand
des Knaben, liess sich neben ihm nieder und blickte gespannt in dessen Gesicht,
als ob er einen Befehl erwarte.
    Am andern Tag gegen Mittag, kurz nachdem er aufgestanden war, bat Gudstikker
seine Mutter um Geld. Sie erwiderte, dass sie schwer etwas entbehren könne, er
möge einstweilen seine Uhr versetzen.
    »Mutter,« erwiderte er ernst, »du weisst, dass das gegen meine Natur geht.
Willst du aushelfen oder willst du nicht?«
    Sie gab, was sie konnte. »Wie lange wird es noch dauern, bis deine grossen
Ideen verwirklicht sind,« sagte sie sarkastisch seufzend. »Dein Wahn ist nicht
billig.«
    Gudstikker lachte verächtlich und ging. Nach dem Essen begab er sich ins
Cafehaus, vergrub sich in Zeitungen, saugte alle belletristischen, politischen
und vermischten Neuigkeiten in sich auf wie ein trockener Schwamm das Wasser,
zahlte erst als es dämmerte, dann ging er zu einem Trödler, versetzte sein Uhr
und machte sich auf den Weg nach Zirndorf, um die Nacht in der Ziegelei zu
verbringen.
    Die Flut war nun so weit zurückgetreten, dass die gewöhnlichen Wege gangbar
waren. Bei Dambach war ein Notsteg errichtet und schwankte hin und her wie eine
Schaukel. Abenddunst huschte schattenhaft über das Wasser, das rauschend
dahinschoss. Dann trat der Mond heraus, kalt, klar, eine halbe Scheibe. Aus der
öden Ebene wurde ein Nebelreich, die ferne Stadt schien eine alte Festung, aus
Rauch und Staub erbaut, der Wald schien zu hüpfen, oder sich zu verschieben wie
eine Kulisse. Der Mond war tausendmal in tausend Wellen zu sehen, auch in dem
ruhigen breiten Wasser, womit die Wiesen überschwemmt waren. Lichter schauten
aus einem Weiler, flimmerlos, matte Punkte wie Leuchtkäfer; ein Bauer schrie,
ein Hund bellte, dann fingen plötzlich die Glocken von der Stadt
herüberzuläuten, eine unendliche Melodie, die langsam strömte wie dunkler Wein
aus grünem Glas.
    Gudstikker sah eine Gestalt vor sich. Sie wanderte müssig dahin, griff nach
Stauden am Weg, nach Halmen, warf Steine ins Wasser. Es war Agaton. Gudstikker
griff aus und wünschte guten Abend. Agaton erschrak.
    »Was denken Sie so den langen Weg ins Dorf?« fragte Gudstikker.
    »An vieles. Oder an nichts.«
    »Mir scheint, mir scheint, Sie sind ein Träumer, ein heimtückischer Träumer,
ein versteckt kochendes Wasser. Niemand ahnt, dass es kocht, auf einmal fliegt
der Deckel herunter -!«
    Agaton lächelte überlegen. »Warum glauben Sie das?« fragte er sanft. »Sie
kennen mich doch kaum. Sie wollen mir nur imponieren.«
    Gudstikker schüttelte melancholisch den Kopf. Dann schnupperte er die Luft
durch die Nase und rief: »Was für ein Abend! Zum Sterben schön. Aber dafür haben
Sie ja keinen Sinn. Juden haben keinen Natursinn. Übrigens muss ich Ihnen etwas
erzählen. Ich hatte gestern ein merkwürdiges Abenteuer. Als ich am jüdischen
Waisenhaus vorbeiging, hörte ich furchtbares Schreien. Die Strasse menschenleer,
ein kleiner Junge stürzt auf mich zu, nennt mich Herr Jesus, zerrt mich die
Stiege hinauf, durch drei, vier Schlafsäle, durch ein ödes Schulzimmer, durch
eine Art Betsal und ich höre wieder schreien.«
    »Im Haus?«
    »Im Haus. Ich öffne eine Tür, zwei grosse Kerle, in schwarzem Talar stehen
da, der eine betet und der andre schlägt mit einer Hundspeitsche auf den Knaben
los. Ich, wie toll, schlage den einen zu Boden, drücke den anderen an die Wand,
nehme den Knaben ab und gehe mit ihm fort. Die beiden Zuchtmeister mir nach, auf
der Gasse entsteht ein Auflauf und schliesslich hab' ich noch Mühe, die Elenden
vor der Wut des Volkes zu retten.« Gudstikker ward bleich bei dem Bericht; es
war, als sähe er alles mit doppelter Deutlichkeit vor sich.
    Agaton sah seinen Begleiter mit leisem Misstrauen von der Seite an. »Weshalb
hatten sie ihn denn so gegezüchtigt?« fragte er.
    Gudstikker sagte etwas, wobei Agaton die Hände zusammenschlug.
    »Ja, es ist eine schmutzige Welt, in der wir leben,« seufzte der andere.
»Wir waten durch den Kot, in dem sich die Sterne spiegeln. Wir sind zu gebildet,
um noch brauchbare Menschen zu sein. Wir wissen zu viel, wir schnüffeln zu viel
in uns selber herum. Die Psychologie hat lauter Hamlets aus uns gemacht. Sürich
Sperling, der war kein Hamlet, der war ein Fortinbras.«
    »Warum reden Sie immer wieder von Sürich Sperling!« sagte Agaton gequält.
    Gudstikker blieb stehen, heftete seine Blicke durchdringend auf den
Gefährten und seine Augen sahen gross und feurig aus im Licht des Mondes. Sie
waren auf dem Hügelkamm angelangt. Die Waldnacht starrte sie an, in der Tiefe
schimmerten die Lichter von Zirndorf. Agaton lehnte sich an einen Baumstamm;
sein Gesicht hatte einen visionären Ausdruck. »Ich sehe ihn,« sagte er.
    Gudstikker wich scheu zurück.
    »Hören Sie,« fuhr Agaton fort, »mir ist, als könnte ich auch die Zukunft
sehen. Einer hat mich so weit hinaufgehoben, dass ich sie sehen kann: Sürich
Sperling. Nicht weil er gelebt hat, sondern weil er tot ist. Aber fragen Sie
nicht.«
    Sie gingen weiter. Gudstikker kaute an einer erloschenen Zigarette. Über den
Mond zogen flaumige Wolken, ohne dass sie seinen Glanz zu mindern vermochten.
    »Was ist eigentlich Ihr Beruf?« fragte Agaton.
    Gudstikker errötete. »Ich schreibe,« sagte er, bemüht, sich selbst zu
verspotten. »Ich mache in Kunst. Vielleicht wird man bald von mir hören.«
    »Aber nicht lange,« fügte Agaton versunken hinzu. »Sie haben bloss Funken,
keine Flamme.« Er brach erschrocken ab, als er bemerkte, wie Gudstikkers Gesicht
sich verzerrte.
    An der Ziegelei trennten sie sich. Agaton ging heim. Es war Vorabendfeier
des Laubhüttenfestes. Zum erstenmal hatte Elkan Geier keine Hütte gebaut. Doch
fromme Liebe übergoldete die Ärmlichkeit. Aus nichtigen Dingen war unter den
Händen Frau Jettes Poesie entstanden; Äpfel, Nüsse, Trauben lagerten auf
blendend weissen Decken, Dielen und Fenster waren gescheuert, eine kupferne Ampel
brannte über dem Tisch.
    Enoch Pohl starrte im Sofawinkel. Der fremde Gast war wieder da und las
Gebete. Elkan Geiers Gesicht war wie durchpflügt von Unglück. So ging er seit
dem Mord herum, keine Silbe war aus ihm herauszubringen. Die verschuldete Summe
hatte er im letzten Augenblick noch aufgetrieben und dem Bruder des Toten
eingehändigt. Frau Jette siechte hin. Es war oft, als ringe sie mit einer
unsichtbaren Macht und sei nicht stark genug, die Arme frei zu bekommen. Daher
leuchtete es bisweilen dämonisch auf in ihren Augen, wie von der Gewissheit der
Niederlage erfüllt und doch voll trotziger Widerstandslust. Die Sorge um die
Kinder beschäftigte sie am meisten, und sie glaubte Ruhe zu haben, wenn nur
Elkan endlich die streitige Vorbeterstelle erhielte.
    Um neun Uhr wurden die Kleinen ins Bett geschickt. Alles war still. Der Gast
las die Zeitung für das Judentum und sah plötzlich empor.
    »Es steht schlimm mit Jisroel,« sagte er. »Habt ihr gelesen von Russland? Is
der Jüd ein Verbrecher, dass er sich soll steinigen lassen von die Gojim? Es wird
ein böses End nehmen, ein End mit Schrecken.«
    Sie sprachen dann vom Brand in Rot und vom Bankrott einiger Nürnberger
Bankfirmen. Frau Jette sagte, dass Isidor Rosenau entschlossen sei, sein Geld
beim Baron Löwengard zu erheben. Das sei lächerrlich, warf Enoch hin; Löwengard
sei sicher wie Rotschild. Der Gast hörte es nicht; er redete sich in eine
flammende Hitze gegen die Christen und wurde schliesslich phantastisch in seinen
Anklagen. Er ist um ein paar Jahrhunderte verspätet, dachte Agaton. Er kannte
viele solcher Juden; das Gebet ging ihnen über alles, über Gott selbst und wer
nicht betete, war der Feind, der Christ; etwas Unreines, Übelriechendes lag über
diesen Eiferern wie über abgestandener Speise.
    »Ja,« sagte Elkan Geier müde, »das ist ja ganz recht, aber schliesslich sind
wir doch nur Geduldete. Wir speisen an einer fremden Tafel und bei einem fremden
Volk. Was können wir fordern? Nichts. Erobert haben wir ja genug, die einen
viel, die andern wenig.«
    »Und wenn der Messias kommt, wird alles unser sein,« murmelte der Gast und
drückte die Augen zusammen.
    Elkan bog den Kopf leicht vor und seine beiden Mundwinkel zuckten. Darin lag
schmerzlicher Zweifel. Agaton liebte in diesem Augenblick den Vater sehr.
    Bald sagte er gute Nacht. Ihm war wunderlich zu Mut. Er hatte ein Gefühl von
Macht und Freiheit; ihm war, als könne er die bunten Verwicklungen des Lebens
lösen, wenn er nur die Hand erhob. Er wollte noch nicht schlafen, darum ging er
in den Hof und schlürfte die Nacht in sich ein, die so still war, spätsommerlich
lau, trotzdem der Oktober schon weit vorgerückt war. Der zerbrochene Zaun, der
verwilderte Gemüsegarten, in der Ferne die Felder, die niederen Häuser, alles
zitterte in der sanften Bronzierung des sinkenden Mondes. Er hörte etwas
murmeln, ging ohne Furcht den Lauten nach, öffnete das Scheunentor und wurde
bleich vor Bestürzung, als er auf einem Strohlager den alten Gedalja gewahrte,
der in einen Kerzenstumpf blickte und Agaton eifrig zu sich herwinkte, als er
ihn gewahrte.
    »Psch! nix reden!« rief er mit unterdrückter Stimme. »Mausstill sein, sonst
schneid' ich d'r ab die Ohren. Setz' dich her zu mir, und ich will d'r sagen was
Guts für dein Leben. Hör zu, Jung. Ob de bist reich, ob de bist arm, 's is ganz
egal; ob de bist gottesfürchtig, ob de bist nit gottesfürchtig, 's is aach egal.
Müsst ich sonst sitzen auf Stroh in der Scheune wie Hiob, und unterm Gras wie
Nebukodnezor? Ich will dir geben en guten Rat un sollst'n nit vergessen in
deinem Leben. Sag' niemals, un wenn de wirst siebzig Jahr, sag' niemals, dass de
hast einen Menschen, wozu de haben kannst Vertrauen. Gott im Himmel, bin ich
geworden neunzig Jahr, un meine Kinder schämen sich meiner. Hab' ich gehabt e
Gut, e Haus un e Viech un e Frau, un es Unglück is gekommen un hat aufgesperrt
seinen Rachen, dass ich jetzt sein muss heimlich in der Scheune meines Vetters,
bis er wird sein willig, mir zu geben e Kammer für die Nacht. Glauben is kaaner
mehr in der Welt, ich spürs am eignen Fleisch, Gott hat die Zeit verloren, sie
is ihm gefallen aus der Hand, nebbich. Du hörst se schreien von Juden un
Christen, aber was se meinen is das Geld un was se nicht meinen, is die
Frommheit. Was is Gott? Is das Gott, wenn ich mach e Kreuz, wenn ich bet in der
Tora? Is das Papier Gott? Is das Holz Gott? Is Gott der Himmel, is Gott der
Mond? Nix is Gott; Gott is meine Gutwilligkeit un mein Armsein. Ich bin Gott, du
bist Gott, e Gespenst is Gott, e Stück Armut und Elend.«
    Er hatte die Hände erhoben und seine Augen standen voll Tränen. Zerrissen
mit sich und der Welt lag er da. Agaton war versteinert. Dann begann der Alte
wieder, leiser und ruhiger: »Jetzt gehste wieder hin, wo de bist hergekommen,
legst dich schlafen un bist still. Du bist e gescheiter Mensch un wirst
schweigen. Ich muss sein allein. Ich kann nit sehn vor mir e menschliches
Gesicht.«
    Agaton wandte sich, verschloss die Tür, ging ins Haus, in sein Zimmer,
kleidete sich aus, - alles wie bewusstlos. Dann legte er sich ins Bett und dachte
nach, weit über Mitternacht hinaus.
 
                                Sechstes Kapitel
Er stand auf, spürte die Nacht um sich her mit den Fingern, kleidete sich an,
ging hinab, und obwohl er sich nicht bemühte, leise zu gehen, schwebte er nur so
hin über die Treppe und den Flur. Aus der Strasse war es zauberhaft still:
Häuser, Gärten, Brunnen gefroren in Ruhe. Er schlich um das Sebalderwirtshaus
herum, erkletterte das Weinlaubgerüst, stand oben vor einem vergitterten
Fenster, presste sich mit seltsamer Geschicklichkeit durch und hüpfte durch die
geöffneten Fenster in Sürich Sperlings Schlafgemach. Es war vollkommen finster,
doch sah er jeden Gegenstand, auch den verstecktesten, mit brennender
Deutlichkeit. Sürich Sperling lag nicht im Bett, sondern sass auf einem Stuhl,
starrte in den leeren Ofen und sagte: »Mich friert.« - »Soll ich einschüren?«
fragte Agaton sanft. Er kniete hin und heizte. Das Material, das er dazu
gebrauchte, fühlte sich an wie Wolle, und schliesslich wurde es nass und er sah,
dass er mit Blut geheizt hatte. Dann öffnete sich die Tür und von den flackernden
Flammen beleuchtet, kam Stefan Gudstikker herein. Er führte an einer Leine zwei
Hunde, zwei Katzen und zwei weisse Mäuse, die alle gehorsam hinter ihm
herschritten. Er ging auf Agaton zu und reichte ihm einen Brief, über den
Agaton in grosse Bestürzung geriet und dann sah er plötzlich seine Mutter, die
mit rollenden Augen etwas Unverständliches sagte. Jetzt stand Sürich Sperling
auf und sagte: »Es lebe das Kapital. Es lebe die Schnaps- und Fuselbrennerei. Es
lebe die Bürgerschaft, die überm Pulverfass schnarcht. Es lebe die Revolution.
Ich bin Robespierre. Ich bin der ewige Jude. Es lebe der Tod.« Plötzlich wurde
es hell im Zimmer, Agaton wusste nicht, ob durch die Flammen im Ofen oder durch
ein Feuer von draussen. Da begann das Kruzifix an der Wand lebendig zu werden,
Agaton sah ein Männergesicht von erhabener Schönheit und kniete nieder. Doch
als er wieder emporblickte, sah er statt dessen eine nackte Frau. Es war
Jeanette. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Sie nahm ihn bei der Hand und
führte ihn fort, durch das leere Dorf, durch die Stadt, durch Wiesen und Wälder
und Felder, dann kam eine öde Strecke, dann eine Brücke, die über einen
grauenhaften Schlund hinwegführte, und endlich kam ein Garten auf einem Hügel,
und in der Tiefe erwachte der Morgen, die Sonne: rot, schwer und langsam. Alles
war zerstoben, glänzend kam der Tag.
    Frau Jette blieb, als die Männer zur Synagoge gingen, im Bett. Die
Morgenzeitung brachte die Nachricht von dem Bankrott einer grossen Nürnberger
Firma. Darüber war alles erregt im Dorf. Aber der Putz, in dem die Weiber zum
Gottesdienst eilten, war darum nicht weniger prächtig. In Samt und Seide, mit
kostbaren Hüten und gelben Schuhen tänzelten sie an den Düngerhaufen vorüber
durch das schmutzige Dorf. Ernster und stiller betrugen sich die jungen Mädchen.
Es waren Mädchen mit schönen zarten Gesichtern dabei, voll jener grundlosen
Schwermut, die nur den Juden eigen ist, mit jenen schwarzen Augen, die keine
Tiefe haben, mit den zartleuchtenden Stirnen alter Geschlechter.
    Die Männer schalten und disputierten lauter als je. Sie gingen in Haufen und
kamen kaum vorwärts. Alle redeten mit den Händen und fochten mit den Armen; man
danke für die Ehre, einen halben Goij zum Vorbeter zu haben; man möge überlegen,
dass Elkan Geier nicht einmal geborener Zirndorfer sei. Das sei gleichgültig?
wenn er nur ein guter Jüd sei? Er sei aber kein guter Jüd. Schicke er nicht
seinen Sohn in die Christenschule nach Fürt? Das täten andere auch? dann seien
andere auch Schweine, Goijem, Schabbesgoijem. Kämme er sich nicht am heiligen
Schabbes mit einem Kamm?
    Die schwarzen Zylinder fuhren ruh- und ratlos hin und her.
    Weit hinter ihnen schritt Agaton, unschlüssig, ob er dem Gottesdienst
beiwohnen solle. Da gesellte sich ein junges Mädchen von etwa sechzehn Jahren zu
ihm. Es war Monika Olifat, die Tochter einer jüngst aus Polen eingewanderten
Frau. Sie kam aus freien Stücken zu ihm, und er errötete vor ihrer Schönheit und
vor ihrer Unbefangenheit.
    »Sie sind Agaton Geier?« redete sie ihn in reinem Deutsch an, mit einer
glockenhellen, melodischen Stimme.
    Er nickte langsam.
    »Ich habe von Ihnen gehört. Ihr Vater will Vorbeter werden?«
    Er nickte wieder.
    »Aber warum wollen es die Leute nicht?«
    »Ich weiss nicht. Sie sind neidische, erbärmliche Menschen.«
    »Braucht ihr es denn so nötig?«
    »Ja, meine Eltern sind sehr arm. Wenn sie nicht die Zinsen von dem Geld
hätten, das für uns Kinder beim Bankier Löwengard deponiert ist, hätten wir kaum
Brot genug.« Er sprach etwas stockend und war schliesslich geärgert über seine
ungewohnte Mitteilfreude.
    »Wissen Sie was,« sagte Monika Olifat, »wir wollen Freunde werden.
Vorausgesetzt, dass es Ihnen nicht langweilig ist.« Agaton sah sie an und jetzt
errötete sie. »Ich suche einen Freund,« fuhr sie verwirrt und wie entschuldigend
fort. »Also wollen Sie?« Sie hielt ihm schüchtern die Hand entgegen und
schüchtern legte er die seine hinein.
    »Freunde sind Verbündete,« sagte Monika Olifat. »Sie dürfen einander nicht
verraten und nichts voreinander verschweigen. Und jetzt sagen wir uns Du.« Sie
nickte ihm vertraulich zu und verschwand in dem für die Frauen bestimmten
Aufgang der Synagoge.
    Der Tempel war ein kahler Raum mit hohen, farblosen Fenstern, alten
Gebetspulten und voll moderiger Luft. Während des ganzen Gottesdienstes
herrschte derselbe Lärm wie vorher auf der Strasse. Erst als ein Rabbiner aus
Fürt die Kanzel betrat, um zu predigen, wurde es ruhig. Diese Predigt war
anfangs mit gelehrten und biblischen Zitaten geschmückt, erging sich dann in
patetischen Verwünschungen der Heiden, befasste sich des weiteren mit der
Untersuchung eines spitzfindigen Satzes aus der Mischna, empfahl die Fahne des
Glaubens hochzuhalten und schloss mit einem Preis des Vaterlandes und des
Kaisers. Da erschallte ein erschreckendes Gelächter im Hintergrund. Alles wandte
sich mit aufgerissenen Augen um, und man sah einen alten Mann sich krümmen und
verbeugen wie eine Katze und einem unsichtbaren Etwas in der Luft zugrinsen. Es
war Gedalja; Enoch Pohl ging hin, um ihn hinauszuführen. Tuschelnd verliess die
Gemeinde das Haus.
    Als Agaton nach Haus kam, sass Gedalja fröstelnd am Ofen, und neben ihm
stand Enoch in finsterem Schweigen. Elkan Geier hockte auf der Bank am Tisch und
hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Der pausbäckige Knabe trippelte auf
dem Polster eines Stuhls herum und leckte behaglich summend an der
Zinneinfassung der Fensterscheibe. Der Himmel war grau und regnerisch.
    »Es nützt nix, Enoch,« sagte Gedalja. »Ich waass, dass de hast vergraben dein
Geld im Garten oder im Hof, viel Geld. Aber mir brauchste ja nix zu geben
dervon.«
    »Schweig still, du versündigst dich,« erwiderte Enoch durch die Zähne.
    Der andere Greis schien es nicht zu hören. »Es nützt nix,« sagte er eintönig
und bekümmert. »Wucher treibste aach und ich seh dich noch kommen ins Zuchtaus
mit aller deiner Frommheit. Ich seh dich noch kommen ins Zuchtaus, so wahr ich
leb un so wahr ich da sitz.«
    »Du versündigst dich,« murmelte Elkan Geier gequält.
    »Was soll ich tun? Kann ich mer helfen? Er kann helfen. Wenn er ausleiht
Geld zu fufzig Prozent, soll ich halten mei Maul? Ich hab's gehört von en
redlichen Mann, von en bedauernswerten Mann, Enoch, den de hast gericht zu
grund. Soll kommen sein Wohlstand über dich. Soll kommen sein Ansehn über dich.
Aber haste zu grund gericht den Bäcker, wirste aach zu grund richten den
Schuster. Un endlich wird kommen der Zugrundrichter über dich un werd haben kein
Erbarmen, wie du hast gehabt kein Erbarmen, Enoch. Dann is geschändet dein Name
un deine Familie un is geschändet der Jud. Haste nicht mir geliehen dreissig
Taler, Enoch, voriges Jahr Ostern zu gutem un ich hab d'r zurückgegeben fufzig
Taler um Pfingsten? Die Welt is gross un dreht sich, ich waass un mancher
verschlupft in en Winkel vor der Vergeltung, aber manchen packt's auch un er muss
lassen Ruh un Frieden for sein Alter. Ich hab gesprochen und bin stumm.«
    Isidor Rosenau kam und wurde sehr lau begrüsst. Er, der bisweilen
ateistische Anwandlungen verspürte, begann einen etwas umständlichen Vortrag
über Widersprüche in der Bibel zu halten. Er hatte irgend etwas irgendwo
aufgeschnappt und glaubte damit die ganze Schöpfungsgeschichte um ihre Vernunft
gebracht zu haben. »Wenn Adam und Eva und Kain und Abel allein in der Welt waren
und Abel ging hin und nahm sich ein Weib aus der Fremde, so waren sie doch nicht
allein gewesen!« So rief er triumphierend.
    Erst antwortete ihm niemand, dann sagte Gedalja mit einer Geste, deren Stolz
und Vornehmheit Agaton unvergleichlich schienen: »Junger Mann, die Schrift is
nit geschrieben, dass se wird gelesen mit die leiblichen Augen, sondern mit die
geistigen. Sie soll nicht werden studiert, sondern sie soll werden getrunken wie
Wein. Sie hat Symbole, dass wir können messen daran unseres eigenes Leben. Un wir
sollen nicht messen daran mit der Schneiderelle, sondern mit unserm Gewissen.«
    Agaton fühlte seine Augen feucht werden. Er erhob sich, ging zu dem Greis
und küsste ihm rasch und errötend die Hand.
    Doktor Schreigemut kam, um nach Frau Jette zu sehen. Er brachte eine
Gemütlichkeit zum Krankenlager, als sei der Tod eine eitle Schrulle, und sein
weinrotes Gesicht glänzte, als ob Kranksein den erstrebenswertesten Zustand
bedeute. Er schrieb ein »Rezeptchen«, wie er sich ausdrückte, verbreitete sich
eingehend über die politische Lage, kniff Mirjam in die Wange und entfernte sich
befriedigt. Die Ladenglocke läutete und ein Bauer verlangte Tabak zu kaufen.
Elkan Geier rief hinaus, heute sei Feiertag und der Laden geschlossen. Er schlug
die Tür zu, gleich darauf verliess er aber das Zimmer. Agaton wusste, dass er in
die Küche ging, um die Magd zu bitten, dass sie den Tabak verkaufe.
    Der Tag ging hin. Aber diese Herbsttage sind gar nicht; sie sterben langsam,
sind bloss ein Vergehen. Sie fallen kraftlos in die Arme der heraufsteigenden
Nacht, und die Nacht nimmt sie auf den Arm wie die Mutter ein Kind nimmt und es
einlullt mit gesummten Liedern. Am Nachmittag half Agaton ein Zimmer für
Gedalja instand setzen; für die nächsten Wochen war dem Alten eine elende Kammer
zwischen Hof und Hühnerstall überlassen worden. Dann ging er spazieren. Über
sein Tun und Denken war eine leidenschaftliche Unruhe gebreitet. Der Weg führte
ihn vor das Haus, wo Monika Olifat wohnte. Sie sah aus dem Fenster und winkte
ihn freudig hinauf. Sie war allein; die Mutter und die kleinere Schwester
machten Besuche.
    »Ich freue mich, dass du gekommen bist,« sagte Monika sanft, als er in das
hübsche Zimmer trat. Sie redeten eine Weile verlegen hin und her, dann brachte
Monika ein Buch, woraus sie ihm polnische Gedichte vorlas. Er hatte sie darum
gebeten, obwohl er die Sprache nicht verstand. Es war ihm genug, ihre Stimme zu
hören, die rein und hell dahinfloss, ein ungetrübter Strom. Die Stimme machte
alles heiter um ihn, und er hatte ein unbezwingliches Verlangen nach Heiterkeit
und Freude in sich, ein Verlangen, das täglich wuchs und ungestümer wurde. So
kam es ihm vor, dass in diesen mysteriös klingenden Versen das Herrlichste und
Sonnigste entalten sei, das je ein menschliches Ohr vernommen, und dass man sie
nur zu verstehen brauchte, um von allen Sorgen erlöst zu sein.
    Sie klappte das Buch zu und sagte entschieden: »So, jetzt wollen wir uns
unterhalten.«
    Das war nun wohl gesagt, aber dabei blieb es. Denn Agaton war still und
Monika auch. Denn wer konnte reden, wenn es draussen dämmerte! Der müde Himmel
schien herunterzusinken, die Bäume bogen sich, verschwammen, schienen in die
Erde zu fallen. Das Wasser auf den Wiesen spiegelte den Himmel wider, stets
matter und matter, wie Glas, das überhaucht wird. Agaton sah nur noch die
zarten Linien eines Profils, eine leicht gebogene Nase, eine schmale Stirnlinie,
zuckende Lider, hinter denen dunkle Augen gleich lebenden Kugeln strahlten und
ein Kinn, das ihn an eine Puppe erinnerte.
    »Du sprichst ja nichts,« flüsterte Monika befangen.
    »Lass uns nicht sprechen,« erwiderte Agaton mit bebender Stimme.
    »Was soll man auch sagen,« gab Monika zu. Sie ergriff seine Hand und
streichelte sie vorsichtig. »Warum zitterst du denn, Agaton?«
    Agaton sprang auf, nahm seinen Hut und rannte fort, - hinaus, und ging erst
wieder langsam, als er in der Hauptstrasse des Dorfes war. Er lächelte voll Scham
und Neue.
    Den Kopf voll marternder Gedanken, ging er zu Hause vom Flur in den Hof, vom
Hof in den Flur. Dann stieg er die Treppe hinauf, wie unwillkürlich aus dem
Bedürfnis nach der Höhe. An ihrer Kammertür stand die Magd, nur mit einem
Unterrock und einem Hemd bekleidet. Ihr Haar war lose, ihre festen Schultern und
die Hälfte der Brust waren nackt. So stand sie vor der halboffenen Tür,
schwankend beleuchtet von dem Kerzenlicht in der Kammer, und lächelte halb
blöde, halb begehrlich Agaton zu. Seine Zähne schlugen aneinander, er wollte
nach einem Halt greifen, er wollte etwas sagen, doch sogleich legte es sich wie
eine Kette um seinen Hals und es wurde ihm so unerträglich heiss, dass er den
ganzen Körper feucht werden fühlte. Mit einem dumpfen Schrei floh er.
    Noch besinnungslos stürzte er in die Kammer des alten Gedalja, kniete vor
ihm nieder, nahm dessen Hand und flüsterte wirr, bleichen Gesichts. Der Greis
fragte und konnte nichts herausbringen, doch bald bekam er auf Umwegen Klarheit.
Er nickte ein paarmal wissend vor sich hin. »Setz dich her, mein Jung, und ich
will dir sagen was for dein Herz un wie de sollst sein gegen die Weiber. Bin ich
worn gestraft un hab gehabt zwaa Weiber nebbich un war kein Glück und kein Segen
dabei. Das Weib is gut für die Stund, wenn se hat keine Sanfteit for den Mann.
Sie mag sein aufgeklärt, sie mag haben Geld, sie mag sein sparsam, sie mag sein
gottesfürchtig; wenn se nicht is weich wie lehmige Erd, dass de kannst formen das
Bild wo de willst, taugt se nix for dich. Und wenn de hast eine grosse Begehr,
dann gehste hin, sonst wird verstopft dein Geist un dein Gemüt un du siehst
Gespenster beim helllichten Tag. Lass d'r nit einjagen Angst durch die falschen
Lehren: es is kein Unglück un kein Verbrechen, es is menschlich un du sollst
bloss schweigen davon. Un wenn de eines Tages fühlst mehr und dein Herz werd sein
voll Liebe, dann gehste hin und siehst, ob se gefällt deinen Sinnen. Un wenn se
gefällt deinen Sinnen, gefällt se aach deinem Haus un deine Kinder. Das wirste
nit verstehn heut, aber de wirst es verstehn bald un wirst gedenken an meine
Worte.«
    Agaton war nicht beruhigt. Im Gegenteil, er war noch erregter als vorher.
Es wurde Abend und er fühlte sich gefangen in einem verworrenen Knäuel von
Rätseln. Er stand in dem schmalen Vorplatz, der zur Kirche führte und wo es
stockfinster war. Er drückte sich krampfhaft an die Holzplatten der Rückwand und
sah in das winzige Lämpchen, das auf dem Anricht in der Küche stand. Er hörte
nahende Schritte und erschrak wie ein Verbrecher. Es waren trippelnde, tastende,
gleichsam spionierende Schritte und endlich kam die geduckte, spähende Gestalt
Enoch Pohls zum Vorschein. Er lispelte unhörbar, seine Augen stierten in die
matt erhellte Küche, es war, als ob sie ihm vorauseilten, um die Küche
abzusuchen, dann tappte er hastig auf den Blechkorb am Vorhang zu, wo das
Hausbrot aufbewahrt wurde, nahm das Brot, riss die Anrichteschublade auf, packte
mit schlotternden Händen ein Messer und schnitt ein grosses Stück Brot herab,
immer angstvoll lauernd in die Richtung des Flurs blickend. Dann klappte er den
Blechkorb vorsichtig zu, legte das Messer wieder an seinen Platz, biss hungrig in
das erbeutete Stück Brot hinein und schluckte den Bissen gierig hinunter. Das
andere verbarg er in seinem Wams. Schleichend wie er gekommen, entfernte er sich
wieder.
    Agaton hatte alles gesehen. Er wankte und mit einem Aufschrei brach er
zusammen. Lange kauerte er so, und niemals war in seiner Seele das inbrünstige
Verlangen so stark gewesen, dieser dunklen Welt um sich her Freude zu bringen.
Als er aufsah und sich entfernen wollte, erblickte er seinen Vater, der
unbeweglich vor ihm stand und die Hand schwer auf seine Schulter legte.
 
                               Siebentes Kapitel
Als Frau Gudstikker am Morgen das Frühstück bereitete, musste sie zum Brunnen,
und als sie zurückkam, waren die beiden Knaben Sema und Wendelin verschwunden.
Sie hatte nun wieder Grund zu jenen stoischen und schwarzsichtigen
Betrachtungen, die ihr ein hartes Leben und ihre stolze Natur nahe legten. Ihre
Gedanken nahmen stets einen erbarmungslosen Gang und dabei schonte sie nicht,
was ihr teuer war. Als Stefan spät nachmittags nach Hause kam, fragte sie ihn,
wo er herumgestreunt sei.
    »Du weisst, ich streune nicht, Mutter,« entgegnete er mit blitzenden Augen,
den Kopf hoch aufrichtend.
    »Ja, ich weiss es,« entgegnete sie wie nachdenklich und blickte ironisch auf
seine staubbedeckten Stiefel.
    »Wo sind die Knaben?«
    »Fort.«
    »Wie?«
    »Ich habe sie heimgeschickt.«
    »Was heisst das? Du weisst doch, dass ich den Burschen brauchte! Es war ein
interessanter Fall. Wie konntest du sie fortschicken?«
    »Es ist nicht nötig, dass du mit Menschen spielst. Spiele mit deinen Ideen.
Darüber bist du Herr.«
    Gudstikker atmete schwer. »Mutter, ich betrete dein Haus nicht mehr,« presste
er endlich hervor und stürzte fort. Sie lächelte gutmütig hinter ihm her,
öffnete das Fenster und schaute ihm lange Zeit nach.
    Stefan Gudstikker ging zum Friseur, wo er über eine halbe Stunde sass, um
sich Haar und Bart verschönen zu lassen, und bei Anbruch der Dämmerung erwartete
er vor den Anlagen seine Verlobte.
    »Sie haben mich fast geschlagen,« waren Kätes erste Worte. »Ich sei
heimlich mit dir zusammengetroffen. Du sollst zu uns ins Haus kommen.«
    »So.« Er nahm hastig ihren Arm und schritt weiter.
    »Nein, nein,« wehrte sie angstvoll. »Nicht jetzt. Du darfst sie nicht
herausfordern.«
    »Ich schlag alles kurz und klein.« Er machte eine verzweifelte Gebärde der
Auflehnung.
    »Ach Stefan, warum ist das alles so! Warum hast du nicht viel Geld! Bei
deinem Genie! Warum ist alles so traurig um uns!«
    »Es wird anders, Liebchen, es wird anders! Ich werde Geld haben, Macht
haben, alles was du willst. Ich werde die Welt aus den Angeln heben! Ich habe
ein grosses Werk vor! Du wirst sehen.«
    »Ich glaube ja gern daran. Nur ist die Zeit so lang. Jeder Tag ein Jahr.«
    »Nur Geduld. Du wirst sehen. Kann ich bei euch essen?«
    »Willst du kommen? Wirklich? Und ohne Zorn? Wie herrlich!«
    »Mach um Gotteswillen nicht so viel Ausrufezeichen in deine Rede! Das macht
mich nervös! Ich hasse alle Ausrufezeichen!«
    »Was hast du denn? Du bist so verbissen seit einigen Tagen.«
    »Verbissen? Nein. Nachdenklich, ja. Ich verkehre da mit einem jungen
Menschen, Agaton Geier, einem Juden. Ich bin nicht sentimental, aber, - na, du
müsstest ihn sehen. Er sieht aus wie, es klingt lappisch, aber ich muss immer an
Aladdin mit der Wunderlampe denken. Und was am sonderbarsten ist, unter den
Papieren meines Vaters, der ja auch Agaton hiess, hab ich Briefe von seiner
Mutter gefunden. Sie sind mit Jette Pohl unterzeichnet. Sie war noch Mädchen
damals. Schön, gescheit, liebenswürdig vielleicht. Etwas Merkwürdiges liegt in
den Briefen, dasselbe was in Agatons Augen liegt. Aber du schläfst ja?«
    »Nein, ich bin nur müde.«
    Familie Estrich war sehr liebenswürdig gegen Gudstikker und Gudstikker war
ebenfalls liebenswürdig gegen die Familie Estrich. Er küsste seine künftige
Schwiegermutter auf die Wange, fragte Herrn Estrich nach dem Gang der
Ziegelei-Angelegenheit, sang nach dem Abendessen zur Guitarre, Volkslieder, die
von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um seinen Herd. Um elf Uhr
ging er. Auf der Strasse wurde sein Gesicht finster, herb und verzerrt. Er schlug
sich an die Stirn und sprach zu sich selbst.
    Er suchte ein Cafe auf, und in dem Augenblick, wo er den Raum betrat,
erhielt sein Gesicht wieder den aufmerksamen und übertrieben stolzen Ausdruck.
Er begrüsste den Lehrer Bojesen, setzte sich zu ihm an den Tisch, rieb sich
fröhlich die Hände und erzählte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und
einem Fuhrmann, die er erfunden hatte, aber so darstellte, als ob er sie eben
erlebt hätte. »Also wie geht es Ihnen, lieber Bojesen?« fragte er darauf und
rieb sich wieder die Hände. »Gut?«
    »Wenns nicht geht, so zwingt mans eben!«
    »Sie sind immer allein. Ich habe Sie noch nicht anders als allein gesehen.
Wie kommt das?«
    »Nun, das ist so Gelehrtenart,« erwiderte Bojesen mit einer sanften
Selbstironie. »Ich muss Ihnen sagen, diese Stadt, diese Menschen hier, sie liegen
nicht innerhalb der Welt. Es ist etwas Verlorenes und Verkommenes, ein Sumpf.«
    »Kein Wunder,« sagte Gudstikker, »wie leben wir denn! Sternenlos! Und unsre
jüdischen Mitbürger sorgen dafür, dass uns der Himmel holder Ideale noch weiter
fortrückt. Eigentlich wundre ich mich immer, wenn ich einen anständig
gekleideten Menschen treffe, der kein Jude ist.«
    »Freilich, das ist ein Kardinaltema,« gab Bojesen leicht errötend zu. »Und
das ganze Land ist in dieser Beziehung, was unsre Stadt im kleinen ist. Die
Juden bringen ja das geistige Leben der Nation in Bewegung, es ist wahr; schon
deswegen weil die Presse in ihren Händen ist. Vielleicht ist das ein Unglück,
vielleicht auch nicht. Vielleicht sind da diese scharfen Reagentien, diese
Gewandteit und Schlüpfrigkeit am Platz. Vielleicht hat ihre wirtschaftliche
Unternehmungslust mehr Aufschwung im Gefolge, als unsrer Bedächtigkeit
erreichbar wäre. Aber für das Hauptunglück halte ich, dass sie sich nun und von
allen Seiten her auch in die Kunst eindrängen.«
    »Ich verstehe; Sie haben recht,« murmelte Gudstikker, den die Beredsamkeit
eines andern ungeduldig machte. »Aber schliesslich, Kunst ist Kunst. Man kann ja
Gold legieren, aber reines Gold kommt dabei nicht um den Wert.«
    »Gewiss. Trotzdem ist eine Gefahr. Sehen Sie mal, früher hatten die Juden
genug zu tun, sich die Gebiete zu erobern, die ihnen nahe standen. Plötzlich
nahmen sie teil an der reichen Kultur, die sie selbst mitschaffen halfen und
wuchsen in die Kunst hinein. Es war eine unausbleibliche Verbindung. Jetzt sehen
Sie überall jüdische Künstler, erschreckend viele, erschreckend gute. Ich
spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten, das ist keine Frage mehr;
sie haben meist mit der Kunst, wie ich sie meine, nichts zu tun. Von den
heutigen will ich reden. Sie sind Künstler, echte Künstler, daran ist nicht zu
zweifeln. Aber sie richten uns zugrunde. Alles, was wir erworben haben, lang und
mühselig, damit können sie hantieren; alles, wonach wir ringen, das haben sie
und wenn wir unser Blut hingeben für eine Sache, stecken sie dieselbe Sache
schon lachend in ihre Tasche. Es fliesst ihnen so zu, sie haben keinerlei Kampf
damit zu bestehen. Und ich will Ihnen sagen, woran es liegt: sie haben keine
Tiefe. Nur in die Breite gehen sie und wenn sie tief scheinen, ist es eine Lüge.
Sie kommen ja aus dem Schoss eines wunderbaren Volkes. Welche Verfolgungen!
welche Unterdrückungen! Aber wie ein Wurm krümmt sich dieser Volkskörper durch
die Zeiten, unerschöpflich an Lebenskraft. Aber jetzt naht die Krisis. Sie
nehmen uns die Wahrheit und die Aufrichtigkeit in der Kunst, das ist wichtiger
als alles andere. Sie ersetzen es unbewusst mit dem Schein von Wahrheit, dem
Schein von Aufrichtigkeit; sie bringen uns eine neue Art von Sentimentalität,
die sich als Naivetät gibt und mit grüblerischer Wehmut nach den Gründen der
Dinge schreit. Ich schwöre Ihnen, mein Lieber, das ist eines von den Dingen, die
das Schicksal und das Leben ganzer Jahrhunderte verdüstern. Darin liegt die
Judenfrage, wie man das Ding läppisch nennt. Darum müssten die Juden fort und
tausendmal fort. Was ist alles andere, eine lokale Sache. Religion! Was ist uns
Religion! wir haben keine Religion mehr im kirchlichen Sinn. Sie sollen sich ein
Land suchen, wo es auch immer sei, sie sollen einen König über sich setzen wie
in den alten Zeiten, sollen ihren Weizen bauen und ihr Gras mähen und ihre
Häuser aufrichten, sagen wir, in Australien, nur nicht bei uns. Sonst geht der
Verfall weiter und wir werden sitzen, wie der Frosch an der Mergelgrube. Das
Christentum hätte schon längst ausgeatmet, wenn das Judentum nicht wäre,
abgesehen davon, dass es garnicht gekommen wäre und die germanischen Völker sich
einen Gott nach ihrem Blut geschaffen hätten.«
    Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehört, und er war so voll von
Zweifeln und Einwänden, dass er zuletzt kein Wort herausbrachte und ein
missmutiges Gesicht schnitt. Bojesen lächelte schwermütig. »Ich bin abgeschweift
von meinem Tema,« bemerkte er mit einer Miene, die um Verzeihung bat für das
Feuer und die Leidenschaft seiner Worte. »Ich meinte, wie man hier lebt, darin
sei etwas Unwürdiges, etwas Zeitloses und Teilnahmloses für die Zeit. Hier wird
man entweder zum Fanatiker oder zum Dummkopf. Man kann nicht einmal Einfluss
haben auf die Jugend, selbst das ist unmöglich. Es ist erstaunlich, aber es ist
so, Sie dürfen mir glauben. Mein Gott, was ist das für eine Jugend! Sie hat
nichts, als was man ihr schenkt. Sie ist so arm und man macht sie noch ärmer
dadurch, wie man den Unterricht betreibt. Doch davon darf ich gar nicht reden.«
    »Sie haben wohl Schlimmes hinter sich?« fragte Gudstikker, der sich völlig
bewusst war, eine Allerweltsfrage zu tun. Aber er empfand deutlich, dass ihm
dieser Mann heute nichts geheimhalten würde, dass er sich betäubte durch
Mitteilung, und dass er sich jedem Fremden ebenso eröffnet hätte.
    »Schlimmes? Nein. Es ist so gewöhnlich, zu gewöhnlich, um Aufhebens davon zu
machen. Mein Vater war reich und hat mich enterbt, weil ich zur Wissenschaft
ging. Ich sollte Soldat werden. Dann hat mich auch die Wissenschaft verstossen,
und da bin ich Lehrer geworden. Ich hätte schon ausgeharrt, aber es traf mich
das Unglück, dass ich mich verliebte.«
    Bojesen schwieg und sah sich mit träumenden Augen rings um. Der Raum leerte
sich; die Kellner säuberten die Tische, viele Lichter wurden verlöscht, die
weissen Marmorplatten starrten grell aus den dunklen Teilen des Saales. Die Uhr
schien stillzustehn; die Zeit schien stillzustehn.
    »Und nun wundern Sie sich jedenfalls, dass ich hier sitze,« begann Lehrer
Bojesen wieder mit gedämpfter Stimme, »und nicht daheim bei dieser Frau, in die
ich mich verliebt habe? Jeden Abend bin ich hier zu treffen im Kreis meiner
sublimen Gedanken, denen ich Audienz gebe. Ich weiss nicht, welcher Geist uns
immer noch mit der Ehe foltert, uns, die wir mit frischgewaschenen Manschetten
ins zwanzigste Jahrhundert treten sollen. An die Harmonie der Flitterwochen bin
ich ja bereit zu glauben, vielleicht noch ein Jahr länger, aber dann? Sagen Sie
mir, lieber Freund, was soll man tun mit einer Frau, die so schön ist, wie sie
jung ist, wie sie anmutig ist, und die nicht hungrig wird an ihrem Körper?
Verstehen Sie mich? Sie hat kein Verlangen, liebt seelisch und wie die schönen
Dinge alle heissen, nennt es Schmutz, wenn sich die Leiber vereinigen, wie es die
Natur sanktioniert hat. Vielleicht ist das auch eine Zeitkrankheit, eine
Frauenkrankheit, aber was soll man tun mit einem solchen Weib? Man kann ihr
nichts mehr geben, nichts. Sie wird einem zum Stein!«
    Gudstikker nickte und spielte peinlich berührt mit einem Streichholz.
    »Ja,« fuhr Bojesen mit einer offenbaren und immer steigenden Lust, sich
selbst zu zerfleischen und preiszugeben, fort, »wenn sonst etwas wäre. Ich
wünsche Ihnen niemals, Lehrer zu sein. Was sind das für Herren, auf deren guten
Willen man angewiesen ist! Doch lassen Sie mich aufhören zu reden, erzählen Sie
mir etwas.«
    Gudstikker fragte Bojesen, ob er Agaton Geier kenne, und Bojesen bejahte.
Er scheine ihm ein ziemlich talentloser Schüler zu sein, wie alle. Er meine,
Talent im höheren Sinn, wobei das Bewusstsein eines Zieles sei, ein um der Sache
willen Schaffen. Das könne er bei keinem dieser Schüler finden, die die ganze
Schule als eine Art Strafarbeit oder Hindernisrennen betrachten. »Das kommt von
oben und geht durch bis zum Pedell. Arbeitergeist. In wessen Augen ein
Evangelium glänzt, der ist gebrandmarkt. Das Beste wird von Strebern geleistet.
Nun malen Sie sich das aus.«
    Die beiden Männer zahlten ihre Zeche. Wie Wellen schwankten die Nebel auf
der Strasse. Am Bahnhof verabschiedete sich Gudstikker.
    Bojesen empfand jenes Grauen vor den eigenen vier Wänden, das den
energielosen Naturen oft eigen ist, und er fürchtete die stumme Sprache seiner
Bücher, seiner Spiegel, seiner Kerze. Ein warmer Wind erhob sich, der allmählich
zum Sturm anwuchs, und seinen Hut mit beiden Händen festaltend, schritt er
langsam dahin, froh des Kampfes mit dem Element. Er achtete nicht des Weges, den
er schritt, er war froh, allein zu sein, ihm war, als ob es völlig einsam wäre
auf dem Erdball. In dem bergigen Viertel am Fluss kam er an ein Haus, dessen
erleuchtete Fenster mit den Worten geschmückt waren: »Zum siebenten Himmel«.
    Bojesen ging hinein. Vor dichtem Rauch sah er zuerst überhaupt nichts. Ein
säuerlicher Geruch von abgestandenem Bier drang auf ihn ein. Dann sah er im
Hintergrund neben dem Büffet das Podium mit einem verwahrlosten Vorhang. Die
Tische starrten von verschütteten Getränken und Speiseresten. Die Stühle lagen
teils auf der Erde, teils standen sie auf einem Haufen; einer stand auf dem
Tisch. In einer Nische befand sich die Ruine eines Billards und die Ruine eines
Klaviers. Eine verblühte Dame stellte eine Flasche Wein vor den Ankömmling hin
und erklärte, dass die heutige Galavorstellung unterblieben sei, weil das
Publikum sich geprügelt habe. Bojesen starrte in die Höhe, in irgend eine
sonnige Ferne und murmelte: »Geliebt und verloren.« So sass er eine Stunde lang,
ohne sich zu rühren. Plötzlich schob sich der Vorhang über dem Podium zur Seite,
und der Kopf eines jungen Weibes mit nackten Schultern guckte heraus. Das
Gesicht war leuchtend bleich, mit einer niederen Stirn, mit Augen von einem
ruhigen, leidenschaftlichen Feuer, mit einem trotzigen Mund. »Holla Luisina! Es
lebe das Proletariat!« rief eine heisere, aber jugendliche Stimme. Bojesen
schaute hin, sah jedoch niemand. Das junge Mädchen nickte lächelnd zurück,
prüfte Bojesen mit flüchtigem Blick und verschwand. Bojesen vergass niemals den
bösen Ausdruck des Gesichts in jener Sekunde, da sie ihn angeschaut. Wieder sass
er lange, ohne zu wissen, was er tun oder denken sollte. Dann stand er auf, ging
zum Podium, schlug den Vorhang zurück, und sah eine armselige Bühne vor sich,
mit zerrissenen Kulissen an der Seite. In einer Ecke sass Luisina und lächelte
ihn spöttisch an, als er auf sie zukam. »Wollen Sie spionieren?« fragte sie
schroff. »Es steht Ihnen nichts im Weg. Mein Name ist Luisina Stellamare. Sie
halten es für unwahrscheinlich? Sie glauben, dass ich Barbara Müller heisse?
Möglich. Aber sobald es Ihr Amt erlaubt, bitte ich, mich des verdriesslichen
Anblickes Ihrer Person zu enteben.«
    »Es lebe die Anarchie!« rief die exaltierte Stimme wieder. »Morgenröte!
Fackeltanz! Meine Seele ist wie ein Lamm am Ostertag. Es lebe der Messias!«
    »Das ist der Glühende,« sagte Luisina, Bojesen zunickend. »Er ist meine
Fanfare.« Sie lachte, und dies Lachen klang, wie wenn Glasscheiben klirren. Dann
wurde sie wieder ernst, drohend und verächtlich ernst. »Ja,« sagte sie mit einem
Wesen, als erachte sie ihre Worte als zu wertvoll, um gesprochen zu werden, »ich
bin aus der Art geschlagen, ungeraten, landflüchtig. Ich lebe nun das Leben, wie
ich es will, auf eigene Faust, auf eigene Taler, mit der Erlaubnis zu jauchzen,
wenn ich will und zu lieben, wenn ich will. Wollen Sie noch mehr wissen? Meine
Biographie ist erst nach meinem Tod zu haben.«
    »Ich bin der tanzende Stern des Chaos!« erschallte die Stimme des Glühenden;
eine fette Stimme brummte befriedigt bravo.
    Bojesen hatte sich an eine Kulisse gelehnt und sah Luisina mit
halbgeschlossenen Lidern unverwandt an. »Glauben Sie an Zufälle?« fragte er
endlich. »Ich bin hier hereingekommen mit dem Bewusstsein, dass ich Ihnen begegnen
würde. Meine Seele wusste davon. Ich kenne Sie nicht, wer Sie auch sein mögen,
ich will Sie nicht kennen. Nur wünschte ich einen anderen Nahmen für dies Bild.«
    »Ach!« Luisina sprang überrascht und stirnrunzelnd auf. In ihrem Wesen war
etwas so Fischhaftes, beunruhigend Lebendiges, dass Bojesen auf jedes ihrer
Worte, jede ihrer Gebärden harrte. Sie kam auf ihn zu, lauernd wie ein Tiger,
bohrte den Blick ihrer blauen Augen fest in den seinen und sagte: »Kommen Sie
hierher, um den müden Mann zu spielen? Sprechen von Seele? Hier gibts keine
Seele! Hier wird gelacht, getanzt, gesungen und getrunken, und wer hier
eintritt, lasse seine Seele fahren. Ihre Dienerin, Monsieur.« Damit ging sie
graziös und schnell.
    Und Bojesen ging auch, legte sein Geld auf den Tisch und ging. Er verlor
sich selbst in der Nacht. Er zählte die Laternen in den Strassen. Dann stand er
auf der Brücke und starrte in den Fluss und dachte nach, woher all das Wasser
kam, wohin es ging; warum fliesst es in weiten Streifen und Falten dahin, nicht
glatt wie ein Glas? dachte er. Was rauscht es leise, was schlägt es an die
steinernen Pfeiler?
Es fliesst der Fluss und stehet nicht
Und Gott ist und vergehet nicht
murmelte er vor sich hin. Er suchte ein kleines Gastaus auf, wo er in einem
harten Bett, in feuchter Kammer den Rest der Nacht schlaflos zubrachte, von
einem Bild gepeinigt, das die wachen Glieder zittern liess, bis der Leib unwillig
zurückkehrte in die Finsternis der Kammer mit dem Lichtfleck von Fenster.
    Als er am Morgen dem Schulhaus zuschritt, dachte er an seine Frau daheim.
Aber sie rückte ihm noch ferner in diesen Gedanken, als da er ihrer vergessen
hatte; sie verschwand in dem Nebel, der die Gassen nässte und emporstieg zum
Himmel, um selber während des Tages Himmel zu sein.
    Im Laboratorium lärmten schon die Schüler. Bei seinem Eintritt wurde es
still, und alle erhoben sich. Die Bänke waren amphiteatralisch aufgebaut,
Schränke mit Mineralien klebten an den Wänden. Auf dem langen Tisch standen und
lagen Retorten, Brennapparate, Röhren, Schmelztiegel, Drahtnetze, Flaschen und
Schachteln. Bald nach Beginn des Unterrichts kam der Rektor; er übergab Bojesen
ein kleines Schreibheft und sagte ernst: »Sie sind Ordinarius von Agaton Geier.
Lesen Sie dies und kommen Sie in einer Stunde aufs Rektorat.« Gnädig nickend
verschwand er.
    Bojesen suchte sein Privatzimmer auf, wo ein starker Chlorgeruch herrschte.
Auf dem Heft stand: Deutsche Aufsätze von Agaton Geier. Bojesen blätterte bis
zu dem letzten, vom Rektor signierten Tema: Was soll uns die Schule sein? und
las zuerst ziemlich gleichgültig. Die Schrift war schlecht, schattenhaft,
fieberhaft; die Buchstaben schienen aufeinander loszustürzen, besinnungslos
hinzutaumeln, dann schien irgend einer plötzlich steif zu stehen, Halt zu
gebieten, aber nichts konnte die allgemeine Verwirrung hemmen. Bojesen las mit
wachsendem Erstaunen, erst kopfschüttelnd, dann errötend, dann erblassend, und
als er am Schluss angelangt war, stützte er den Kopf in die Hand, nickte trostlos
vor sich hin und begann das Stück des Schülers noch einmal zu lesen, bedächtiger
und immer mehr verwundert, welch klare und fast dichterische Form die glühende
Seele des Unmündigen gefunden hatte.
    Die Schule, so lautete der Aufsatz, sollte uns das Tor zum Leben aufmachen.
Sie sollte uns erwachsen machen, mutig und gefahrenkundig. Sie sollte uns zu
tüchtigen, edlen Menschen machen. Sie sollte uns die Lehrer lieben lehren und
die Lehrer sollten uns lehren, das Leben zu lieben, den künftigen Beruf, die
Menschen, die grossen Männer der Vergangenheit, die grossen Ideen, die Freude an
der Freundschaft, an der Natur. Sie sollten uns überlegen sein. Sie sollten uns
liebevoll entgegenkommen, damit wir froh würden. Aber ist das alles wahr?
Bereitet uns die Schule für den Beruf vor? Wenn wir sie verlassen, wissen wir
vielleicht, was wir werden sollen, aber nicht, was wir sind. Die Schule
speichert Kenntnisse in uns auf, die tot bleiben. Wir werden in unserer Seele
nicht harmonisch. Die Natur bleibt uns tot wie das Leben. Niemals werden wir
ihre Sprache verstehen. Daran seid ihr schuld und ich muss euch anklagen. Warum
kümmern sich die Lehrer nicht um die Seele der Schüler, sondern bloss um das, was
sie gelernt haben? Warum bleiben wir die Stopfgänse, die ihr ausschimpft, wenn
sie nicht beständig fressen wollen? Warum fürchtet man den Lehrer oder verachtet
ihn, statt ihn zu lieben? Ihr seid die Feinde der Schüler, darum spionieren sie
nach euren Schwächen; ihr sitzt auf dem Pult und seid wie ein Buch, statt wie
ein Mensch. Was ihr sagt, ist euch leblos geworden, wes es euch langweilt. Warum
seid ihr so hochmütig? seht auf uns herunter von einem Turm, so dass wir ganz
klein sind? zu hochmütig sogar, um uns über das Wichtigste des Lebens
aufzuklären? Warum eröffnet ihr uns nicht dass Geheimnis der Geburt? Warum tut
das die Schule nicht, trotzdem sich so oft Gelegenheit bietet? Wie viel reiner
bliebe dann die Phantasie der Knaben. Jetzt machen sie ellen Schmutz daraus und
kichern, blinzeln, erröten bei jedem Gedicht eines Dichters, durchsuchen sogar
die Bibel nach jenen Stellen, haben immerfort schmierige Heimlichkeiten. Ist das
nicht schrecklich? Sie haben deshalb keine Ehrfurcht; vor keinem Menschen und
keinem Ding und die ganze Welt ist ihnen etwas Klebrig-Unanständiges. Sie
treiben Dinge, an die man nicht denken darf, ohne verrückt zu werden. Warum
bemerken das die Lehrer nicht? Warum verhindern es die Lehrer nicht? Warum?
Warum sitzt ihr auf eurem Pult und seid durch eine Mauer von uns getrennt?
Niemals können eure Schüler glückliche Menschen werden, und daran seid ihr
schuld mit eurem kalten, eisigen Herzen. Jeder, der ins Leben tritt, muss erst
euch und eure Schule und eure Lieblosigkeit vergessen; vielleicht kann er dann
Festigkeit erlangen. Aber glücklich wird er nie. Was ich geschrieben habe, musste
ich schreiben und jetzt ist um leicht. Eine unwiderstehliche Stimme im Innern
hat mir befohlen.
    Bojesens Lippen zitterten und seine Arme; sein Leib zitterte. Es war etwas
aufgewühlt in ihm, dessen er sich schämte: der Neid um diesen grossen und
ahnungslosen Wahrheitsmut. Er war so tief erschüttert, dass er den Raum, in dem
er sich befand, nur wie durch Schleier sehen konnte. Im Treppenhaus läutete die
Zehnuhrglocke, und er ging, seine Schüler zu entlassen. Dann schritt er selbst
hinaus, durch die Korridore, trat an das hohe Fenster und sah in den Hof hinab,
der auf allen Seiten von Mauern und Häusern eingeschlossen war. Er sah ins
Gewühl der Knaben, die mit wildem Geschrei umhertollten, aber darin war nichts
von Freiheitsgefühl und frischer Jugendlichkeit. Ja, er sah es mit seinen
eigenen Augen: dies war das Jauchzen des Sträflings, dem die Kette gelockert
wird, das krampfhafte, unwahrscheinliche Jauchzen des Rekruten am Sonntag, wenn
er Heimat und Heimweh und Kaserne vergisst. Das war keine Jugend für den Gebrauch
der kommenden Zeit, diese Jugend mit den umränderten Augen und hervorstehenden
Backenknochen, dem zynischen brutalen schreiähnlichen freudlosen Lachen, den
hässlichen Bewegungen und dem lichtlosen Blick. Das war eine vergängliche Sorte
von Menschen, er sah es selbst.
    Und als er weiterging, erblickte er Agaton, an einen Pfeiler gelehnt,
allein. Als er den Lehrer gewahrte, wandte sich Agaton langsam und schritt in
das Klassenzimmer. Bojesen folgte ihm (der Saal war leer) und machte die Tür zu.
Agaton wurde leichenblass und schloss wie im Schmerz die Augen. Bojesen nahm
seine Hand, legte seine rechte Hand auf Agatons Schulter und sah ihn
durchdringend an. Dann strich er mit der Hand über Agatons Haar, schmeichelnd
und liebkosend, und niemals zuvor oder nachher hatte dieser ein solches
Glücksgefühl gehabt, so unirdisch, grenzenlos und heiter. Der Kampf des Lebens
lag vor ihm wie ein leicht lösbares Rätsel, dies Haus, diese Schulbänke schienen
mit Glück verbrämt. Er verstand seinen Lehrer; er wusste, was die Berührung
seiner Hand zu bedeuten hatte.
    Eine Viertelstunde später wurde er zum Rektor gerufen.
 
                                 Achtes Kapitel
Die Lehrer der Anstalt waren in dem grossen, fünfeckigen Raum versammelt. Alle
hatten ein feierliches Gesicht, und ihr Wesen war das von Leuten, die sich ihres
Amtes und ihrer Verantwortung bewusst sind. Sie starrten Agaton an mit
höhnischen oder vorwurfsvollen oder hochmütigen oder verwunderten Augen. Der
jüdische Kantor zeigte eine so finstere und empörte Miene, dass man ihn nicht
ansehen konnte, ohne sich als Verbrecher zu fühlen.
    Der Rektor wandte sich auf seinem Drehsessel langsam um und bohrte den
kalten Blick seiner tiefliegenden Augen in die Agatons. »Wie sind Sie dazu
gekommen, Geier, diesen - sagen wir impertinenten Artikel zu schreiben, dieses
Pamphlet, wenn ich mich so ausdrücken darf?«
    Der Kantor wollte reden, doch der Rektor winkte vornehm ab und fuhr mit
erhöhter Stimme fort: »Ich frage, wie Sie dazu gekommen sind, die schuldige
Ehrfurcht gegen Ihre Lehrer in so ungeheurer Weise zu verletzen? Ich glaube,
meine Herren, wir haben hier einen Fall von geradezu typischer Bosheit vor uns.
Dieser junge Mensch befindet sich auf der abschüssigen Bahn des Lasters. Er ist
das bedauerliche Beispiel für das sittliche Niveau, auf dem unsere Jugend steht,
und in einem solchen Falle muss mit aller verfügbaren Strenge vorgegangen werden;
ein solcher Fall muss geradezu exemplarisch bestraft werden.«
    Der Rektor hatte sich erhoben; seine schmetternde Stimme liess den Raum
erbeben; Agaton war es, als dringe sie durch Mauern, in alle Häuser der Stadt.
    Wieder wollte der Kantor reden und abermals winkte ihm der Rektor zu, zu
schweigen und fuhr fort: »Ich gestehe, dass mir ein ähnlicher Fall von
Verworfenheit überhaupt noch nicht vorgekommen ist, und, hoffen wir zur Ehre
unserer Anstalt, auch nicht mehr vorkommen wird. Geier, wann haben Sie Ihr
niedriges Skriptum verfasst?«
    »Gestern, Herr Rektor.«
    »Lauter!«
    Agaton schwieg.
    »Lauter!«
    »Gestern. Ich habe es laut gesagt, Herr Rektor.«
    »In welcher Absicht?« fragte der Rektor, fast berstend vor Wut.
    »In der Absicht, die Schüler glücklicher und besser zu machen.«
    »Das ist eine infame Lüge!« schrie der Rektor wie ausser sich.
    »Es ist wahr,« erwiderte Agaton ruhig.
    »Kreatur!« knirschte der Rektor, in dessen Mund das Wort eine zermalmende
Bedeutung hatte.
    Nun konnte sich der Kantor nicht länger bezähmen. Er trat vor, kreuzte die
Arme über der Brust, beugte sich zurück und den Oberkörper beständig schaukelnd,
sagte er mit scharfer, salbungsvoller Stimme: »Wer bist du? Hast du den Namen
Gottes vergessen? Hast du die Ehre deines frommen Vaters vergessen? Bist du dir
nicht selbst zur Last? Bist du Jude oder bist du's nicht? Ich verwerfe dich,
stosse dich aus der Gemeinschaft der Guten hinaus, breche den Stab über dir.«
    »Nein, ich bin kein Jude mehr,« sagte Agaton mit seltsamem Lächeln, ohne
die klare Ruhe zu verlieren, die ihn bis jetzt erfüllt hatte. Die Lehrer sahen
auf: bestürzt und kopfschüttelnd. Bojesens Gesicht war tief niedergebeugt. Er
hatte sich gesetzt; die blassen Hände lagen regungslos auf den Knien.
    »Nun haben Sie den vollgültigen Beweis seiner Bösartigkeit und
Gefährlichkeit, meine Herren,« sagte der Rektor verächtlich. »Eine verstockte,
gottlose, pietätlose Natur. Sie können gehen, Geier.«
    Agaton ging. Draussen überfiel ihn plötzlich grosse Schwäche und er sank auf
die Treppe. Er hörte eine leise, aber feste Stimme in dem Raum, wo man Gericht
über ihn hielt, - Bojesens Stimme. Lange redete diese Stimme, bis auf einmal der
Rektor zu schreien anfing, wilder als ihn Agaton je gehört. Gleich darauf
öffnete sich die Türe and Bojesen kam allein heraus. Er sah Agaton und
bedeutete ihm, dass er ihm folgen möge.
    Als sie im Privatzimmer des Chemikers angelangt waren, verschloss Bojesen die
Türe. »Ich verstehe Ihren Antrieb,« sagte er etwas gequält, »ich kann ihn
menschlich würdigen, mag er so nutzlos sein als er eben ist. Aber wie sind Sie
dazu gekommen? Es gehört doch ein Entschluss dazu, die eigene Zukunft so mit
Füssen zu zertreten.«
    Agaton sass auf dem Rand eines Stuhls und fror. Er blickte ins Kohlenfeuer,
wo sich wunderliche Ruinen türmten aus der scharlachroten Glut. Dann fing er
fast willenlos an zu sprechen, nicht ohne Furcht vor den eigenen Worten: »Ich
weiss eigentlich nicht. Es ist schon lange her, dass ich daran dachte. Ich meinte,
viele Menschen könnten leicht zu dem gelangen, was ihnen zum Glück fehlt. Ich
habe nie die jüdische Religion geliebt. Ost war mir, als müsse ich allen Juden
ein Wort sagen, das sie befreien könnte. Aber das war mehr wie ein Traum, bis
die Geschichte mit Sürich Sperling kam.«
    »Und was war das?«
    »Sürich Sperling hiess der Sebalderwirt bei uns im Dorf. Mein Vater fürchtete
ihn so, dass er schon zitterte, wenn er seinen Namen hörte. Er hatte einen
Schuldschein meines Vaters an sich gebracht und damit quälte er ihn. Als wir
einmal bei der Überschwemmung nach Altenberg fuhren, kam er in einem anderen
Boot, stiess mit Absicht an unseres und ich stürzte ins Wasser. Da dachte ich
mir, es könne keine Sünde sein, ihn zu töten. Am selben Abend sah ich zu, wie er
ein altes Männchen misshandelte, da ging ich hin und spie ihm ins Gesicht. Er
schleppte mich in sein Zimmer, nahm einen Strick und band mich an ein schwarzes,
Kreuz an der Wand und schlug mich. Alles das sag ich nur Ihnen, weil ich weiss,
dass Sie verschwiegen sind.«
    Agaton schlug die Hände vors Gesicht und Erich Bojesen hörte mit
aufgerissenen Augen zu. Agaton fuhr fort, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen.
»Da sagte ich zu ihm: Sürich Sperling, das ist Ihr Tod. Da lachte er und sagte:
sprich, du Aas, habt ihr nicht den Heiland gekreuzigt?
    Da war mir, als ob die Tür aufginge und Lämelchen Erdmann hereinkäme, eben
jener Alte, den Sürich Sperling beschimpft hatte; und es war mir, als ob er sich
niedersetzte und nickte und lächelte, und es war sein Gesicht, das ich kannte
und wars auch wieder nicht. O, Sürich Sperling, sagt er, das ist eine Handlung
voll Bedeutung, denn von jetzt an sind die Juden frei. Nimmer die Milde wird
regieren, sondern die Kraft. Wir werden hassen unsere Feinde, hassen, hassen!
Der ewige Jud ist erlöst und du, Sürich Sperling, wirst werden der ewige Christ.
Denn die Welt wird neu, sie wird sich häuten gleich einer Schlange, dann wirst
du sein der ewige Christ und du wirst verurteilt sein all das Blut zu sühnen,
das der Christ unschuldig hat fliessen lassen. Plötzlich verschwand die
Erscheinung, Sürich Sperling band mich los, er war totenbleich, zitternd hiess er
mich gehen, und seine Augen blickten auf mich voll Angst und Entsetzen.«
    Bojesen blickte durch die Fenster auf die Strasse, wo die Menschen wanderten,
einzeln oder zu zweien und mit Schirmen, denn es begann zu regnen. Ihm kam alles
unwirklich vor; als ob das ganze Leben nur ein flüchtiges Bild sei, der Traum
eines Traumes in uns selbst, wobei man nah ist, zu erwachen, es wünscht oder
fürchtet. Er ging hin, nahm Agatons Kopf zwischen beide Hände, richtete ihn mit
einem Ruck empor, schaute ihm in die Augen und machte die Wahrnehmung, dass es
die seltsamsten Augen waren, die er je gesehen: schwarz und tief, von einem
mühlos lodernden, und doch verhaltenen Feuer, voll von der Gabe der Vision. Wenn
sie ihn anblickten, war es, als ob der Blick aus weiter Ferne besinnend
zurückkehrte und erst lange zaudernd Klarheit und Festigkeit gewänne. Dann stand
Agaton auf (er war etwas grösser als Bojesen), und sein Gesicht hatte sich mit
schrecklicher Blässe bedeckt. Er deutete vor sich hin, sank auf die Knie und
blieb so einige Sekunden.
    »Was ist? was haben Sie?« fragte Bojesen bestürzt.
    Agaton schüttelte den Kopf, und sein Gesicht verzog sich wie zum Weinen.
    »Und was geschah dann weiter?« fragte Bojesen flüsternd, gegen seinen Willen
und seine Vernunft ergriffen von der Sonderbarkeit des jungen Menschen.
    »Das kann ich jetzt nicht sagen,« erwiderte Agaton. »Sürich Sperling starb
in derselben Nacht.«
    »In derselben Nacht?«
    »Ja. Ich lag - und lag - und wünschte den Tod in sein Herz.«
    Ungläubig und staunend schaute Bojesen in das erschütterte Gesicht des
Jünglings. Er schloss die Augen; ihm schwindelte. Als Agaton mit leisem Gruss das
Zimmer verlassen hatte, schritt er tief erregt auf und ab.
    Agaton irrte planlos durch die Gassen und als er am Löwengardschen Haus
vorbeikam, sah er Flur und Vestibül voll von Menschen, die sich aufgeregt
gebärdeten; auch vor dem Haus standen Leute, darunter viele Arbeiter mit
drohender Miene.
    Er machte sich auf den Heimweg, ohne dass er all diese Dinge eines besonderen
Nachdenkens gewürdigt hätte. Sie bereicherten nur seine Seele um das wunderliche
Gefühl, dass etwas Entscheidendes in der Welt vorging und dass er selbst die
Ursache und berufen sei, die Umwandlung herbeizuführen. Wahrend des ganzen Weges
hatte er die bestimmte Vorempfindung von etwas Schönem und Angenehmem, und wie
wenn er einen lange vermissten Freund aufsuchte, schritt er gegen das Dorf hinab.
Wirklich stand Monika Olifat am Weg und begrüsste ihn, indem sie ihm beide Hände
entgegenstreckte. »Wie geht es dir, Agaton? Warum bist du denn fortgerannt
neulich? Du bist so eigen, Agaton. Wie das lautet: Agaton!« sagte sie
nachdenklich, lächelte froh und sah ihm in die Augen.
    »Es ist ein griechischer Name und bedeutet: der Gute,« entgegnete Agaton
mit demselben innerlich frohen Lächeln.
    »Bist du denn auch gut?«
    »Ich weiss es nicht. Niemand kann es von sich wissen und wer es weiss, ist es
nicht mehr.«
    »Ich muss dir erzählen,« plauderte das Mädchen, »erstens, dass ich eine neue
Freundin habe, Käte Estrich. Sie ist hübsch und lieb; ihre Eltern ziehen
hierher, sie haben die Ziegelei gekauft.«
    »Zweitens?«
    »Zweitens ist sie verlobt und ich kenne auch ihren Verlobten. Ein
interessanter Mann«
    »Stefan Gudstikker?«
    »Du kennst ihn? Er hat mir ein Gedicht gezeigt, das er gemacht hat. Eine
Stelle weiss ich auswendig:
Es ist so still, dass alle Wandrer staunen.
Wenn solche wundervolle Nacht aufziehet,
Hört man die Wolken und die Blumen raunen.
Dir Wünsche schlafen und kein Feuer glühet,
Du spürst nicht Duft von Myrten und Cypressen;
Die Welle ruht im Strom kein Vogel fliehet.«
    »Das ist schön!« rief Agaton aus, blieb stehen und erblasste.
    »Ach Agaton, ich mag dich so gern leiden,« sagte nach einer Pause Monika
erglühend. »Du bist so still und sein und was du sagst, ist so warm! Ich glaube,
dich könnt ich nicht weinen sehen.«
    »Ich hab auch noch nie geweint,« erwiderte Agaton, den Kopf senkend.
    Monika nahm seine bebende Hand und küsste sie. Dann gingen sie weiter wie
zwei Schlafwandler.
    Auch im Dorf sah Agaton viele erregte, finstere, zornige Gesichter. Er
wurde unruhig. Als er die Schwelle des Hauses überschritt, überfiel ihn ein
stechender Schrecken; er sah jene Frau im Flur stehen, die ihm einige Zeit
allmorgendlich begegnet war. Da er sie fassungslos anstarrte, klärte sie ihn
auf: »Ich bin die Frau Hellmut und bin zur Pflege Ihrer Mutter da, junger Herr.
Sie ist sehr krank. Sei ruhig, Sema!« herrschte sie den Knaben an, der zu ihr
reden wollte und schlug mit dem Knöchel eines Fingers roy gegen die Schläfe des
Knaben, so dass dieser zu heulen anfing
    Als Agaton ins Zimmer kam, fiel ihm auf, dass seine beiden Geschwister wie
Wachspuppen auf der Bank sassen und sich nicht rührten. Elkan Geier starrte mit
roten Augen vor sich hin. Bisweilen erwachte er wie aus einer Betäubung und rang
stumm die Hände. Enoch sass schweigend am Ofen. Agaton wollte nicht fragen. Voll
Besorgnis schritt er die Stufen hinauf, die vom Wohn- ins Schlafzimmer führten
und fand seine Mutter allein. Ihr Gesicht war von einem grauenhaften Gelb. Sie
lächelte so matt und gezwungen, dass Agaton nach einer geflüsterten Frage, die
Frau Jette nur mit einem Zudrücken ihrer Augenlider beantwortete, wieder
hinausging.
    Plötzlich kam Bärman Schrot mit der blauen Schürze, mit schmutzigen Händen -
geradewegs von seinem Acker. Er deutete mit ängstlichen Bewegungen hinter sich:
der Schuster Garneelen, sowie der Schmied folgten ihm auf dem Fuss. Sie kamen
herein, der Schmied mit einem Hammer, der Schuster mit aufgestreiften Ärmeln,
beide mit Gesichtern, die wie von Trunkenheit gerötet waren, und der Schmied
schlug mit dem Hammer auf die Lehne eines Stuhls, dass sie krachend zerbrach. Mit
schrillen Schreien flüchteten die zwei Kinder in das Zimmer der Mutter, und
gleich darauf erschien Frau Jette im Bettgewand auf der Schwelle, einer Leiche
gleich und musste sich am Pfosten aufrecht halten. Der Schuster schrie, dass ihm
seine Ersparnisse gestohlen seien, und er werde dafür sorgen, dass in drei Tagen
kein Jud mehr lebe im Dorf, dafür werde er sorgen, man könne sich darauf
verlassen. Der Schmied heulte mehr, als er redete, schlug mit dem Hammer blind
um sich, wollte seine zweitausend Mark haben, oder er haue alles zusammen vom
Dach bis zum Keller. Auf ein paar Jahre Zuchtaus käme es ihm nicht an, ihm
nicht. So schrien sie beide. Auf der Gasse sammelten sich die Menschen, drückten
die Gesichter an die Fensterscheiben, drängten sich in den Flur, standen unter
der Türe, und endlich entschlossen sich ein paar ältere Männer, den zwei
Wütenden zuzureden und sie langsam und durch Übermacht hinauszuschieben. Sie
taten es jedoch sichtlich mit Widerwillen, nur aus Mitleid mit dem entsetzlichen
Bild der Frau, die steif und regungslos an der Schwelle ihres Krankenzimmers
stand, hinter sich zwei zitternde Kinder.
    Als der Raum wieder leer von Menschen war, versperrte Agaton die Tür und
sah seinen Vater prüfend an, der in sich zusammengesunken, mit blauen Lippen
hockte und ein Gebet murmelte. Enoch Pohl sagte nichts; seine Züge waren
unbewegt. Er brachte seine Tochter ins Bett zurück, puffte die Kinder die Stufen
hinunter und stellte sich dann mit dem Rücken gegen den Ofen.
    Es klopfte an die Türe, erst leiser, dann stärker. Agaton fragte, wer da
sei; Gedalja war es. Agaton ging hinaus, schloss den Laden ab und rief der Magd
zu, sie solle den Arzt zur Mutter holen. Aber die Stimme der Frau Hellmut, die
sich mit der Magd eingeschlossen hatte, antwortete, sie mache nicht auf, sie
könne nicht ihr Leben riskieren bei diesen Zuständen.
    »Ich hab's vorausgesehen,« sagte Gedalja, beständig nickend, während er
redete. »Werd ihn Gott beglücken dafor, den Herrn Baron Löwengard. Sin user
fufzig Leit im Dorf, die um alles Geld kommen. Werd wachsen die Feindschaft, dass
mer nit habn e friedliche Stund. Mich dauert nor sein Kind, nebbich. Is as wie e
Rose zwischen die Dorner, die sticht sich stets un bleibt dennoch in ihrer Farb.
Elkan, du dauerst mich aach. Hast dich abgeschunden 's ganze Leben, hast
gesammelt en übrigen Heller für die Kinder un jetz is es weg. Du bist der beste
Mensch, den ich kenn, aber Mark haste kaans in die Knochen. Da sjetzte jetz un
starrst. Zu was? Bin ich worn gestraft un hab verloren alles, was der Mensch
nötig hat for sein Alter. Sitz ich da un starr? Müsst ich nit starren und
erstarren, wenn mein eigen Fleisch und Blut is geworn zum Bösewicht? Ball is es
aus, das Töpsche Leben, ausgeleert un ausgeschütt, nachher gitts nix mehr zum
Starren.«
    Am Nachmittag kam Pavlovsky der Gendarm und ein Gerichtsschreiber. Alle
erschraken. »Enoch Pohl!« rief der dicke Pavlovsky und erhob die Augen nicht von
dem Papier in seiner Hand. Ein Todesschweigen folgte, worauf der Gendarm einen
Verhaftsbefehl wegen betrügerischen Wuchers verlas. Pavlovsky war noch nicht zu
Ende, als Elkan Geier von seinem Sitz auf die Erde sank und, wie ein Wurm sich
windend, hilflos zu schluchzen begann. Agaton konnte es nicht sehen und wandte
sich ab. Seine Geschwister stürzten sich über den Vater und begannen jämmerlich
zu heulen; Frau Hellmut kam herein und schrie laut auf, Sema faltete stumm die
Hände und seine Augen waren für einige Sekunden förmlich gebrochen. »Mutter,«
murmelte Agaton verstört, als er vom Krankenzimmer her ein beängstigendes
Stöhnen vernahm. Er sah hinaus auf die Gasse, wie ein gefangenes Tier in den
Wald sieht; er sah den grauen, wolkenvollen Himmel und die Häuser, die
unbeweglich standen und wunderte sich, dass die Welt noch dasselbe Bild der Ruhe
und Herbstlichkeit bot. Pavlovsky hatte die Blicke noch nicht von seinem
Dokument erhoben; der Gerichtsschreiber nahm seine grosse Brille ab und musterte
Raum und Menschen mit grossen, verwunderten, wässerigen Augen.
    Gedalja, der sich so zusammengekrümmt hatte, dass sein Kinn die Knie
berührte, richtete sich plötzlich straff empor und rief: »Hab ich's nicht
gesehen kommen? Elkan, hab ich's nicht gesagt zum voraus? Hab ich nicht gesagt,
der Zugrundrichter werd kommen über ihn? Nu is geschändet Gemeinde un Haus un
Hof; un die Kinder wern habn zu tragen an deiner Guttat, Enoch. Was is Vernunft,
dass se könnt bestehn vorm schlechten Gemüt? Haste abgestreift die Ehrfurcht wo
d'r habn deine grauen Haare gegeben un musst hinwandeln in Sünd und Schand. O
Enoch, Enoch, hättste gehabt Erbarmen mit andere, hätteste aach gehabt Erbarmen
mit dir selber.«
    Der Gendarm führte Enoch ab. Agaton sah, dass er keine Miene verzog. Etwas
Starkes lag im Wesen dieses Alten, das die Furcht nicht kannte.
    Die Dämmerung brach herein. Agaton ging auf die Strasse und wollte gegen den
Wald hinauf, als er Gudstikker begegnete. Dieser zog ihn in den Schein einer
Hauslaterne und gab ihm einen Brief mit der stummen Aufforderung, ihn zu lesen.
Agaton erbleichte und legte die Hand vor die Augen: das hatte er schon irgend
einmal erlebt, dass ihm dieser Mann einen Brief gab, vielleicht in einem
vergangenen Leben, vielleicht in einem Traum.
    Langsam entfaltete er das vergilbte Papier und las beim Scheine des
armseligen Lichtes: »Mein Liebster, das kann ich nicht, was du von mir forderst.
Ich bin keine freie Frau, kein freies Mädchen. Ich bin nicht geboren, dass ich so
hoch fliegen kann, bis zu dir. Aber meine Liebe ist in mir und will nicht
vergessen, dich nie vergessen. Doch muss ich dich lassen, denn ich kann nicht
tun, was du willst. Ich weiss nicht, welches Leben noch vor mir liegt, aber kann
es nicht sein, dass das Kind, dessen Seele noch in meinem Leib schläft, mich
deshalb anklagen würde? Darum leb wohl und werde glücklich. Deine Jette Pohl.«
    Agaton wusste zuerst nichts anzufangen mit diesen Worten. Dann zuckte er
zusammen wie unter einem Schlag und flüsterte: »Meine Mutter?«
    Gudstikker nickte und erwiderte: »An meinen Vater.«
    »Und warum zeigen Sie mir das!« rief Agaton voll Kummer.
    »Warum? Das weiss ich selbst nicht. Vielleicht nur, um Ihnen zu zeigen, wie
das Leben ist. Wie im Schauspiel geht alles. Ein Kobold hält uns an einem Faden
und lässt uns genau so weit tanzen, wie er will.«
    Agaton sah verloren in die breite Mauer der aufgeschichteten Ziegelsteine,
die sich für seine Blicke öffnete wie ein Sesam und ihn Jahre und Jahrzehnte
zurückschauen liess. Das war seine Mutter! Und wozu hatte sie das Leben gemacht!
Hatte seine Mutter das empfinden können? Und wo war es nun hingeschwunden, das
alles, wohin? Er begriff es nicht.
    »Ich weiss, was Sie denken,« sagte Gudstikker und fuhr mit seiner Lust an
Weisheiten fort: »Es gibt nur zwei Wege für einen Menschen, - aus den Berg oder
ins Tal. Droben ist er allein und vergeht, wenn ihn seine Seele im Stich lässt,
unten wird er gemein. Doch reden wir von etwas anderem. Wissen Sie, dass das
Gericht noch immer Nachforschungen hält wegen des plötzlichen Todes von Sürich
Sperling? Eine Zeitlang glaubte man an Vergiftung. Sogar Ihr Vater kam in
vorübergehenden Verdacht. Ein gewisser Rosenau hat den Untersuchungsrichter
darauf geführt.«
    »Was -?« schrie Agaton und schlug die Hände zusammen.
    »Ihr Vater ist sogar einvernommen worden. Wissen Sie das nicht? Natürlich
konnte er sich glänzend rechtfertigen, aber irgendwer sagte mir gestern, dass er
seitdem von Furcht gepeinigt würde. Er ängstigt sich vor allen Gedanken, die er
früher einmal gegen Sürich Sperling hatte.«
    »Mein Vater? Das sagen Sie wirklich? Und das ist wahr?«
    »Ob es wahr ist, weiss ich nicht. Ich glaube, derselbe Rosenau erzählte es
spöttisch im Wirtshaus.«
    »Nein, nein, es ist nicht möglich.«
    »Weshalb regen Sie sich auf? Ich habe einen ziemlich sonderbaren Fall
erlebt. In einer Familie kam ein Ring abhanden. Ich kenne die Familie, es sind
Juden. Ein Verwandter, den ich auch kenne, Eduard Nieberding, war zu Gast. Als
nun alle den Ring suchten, wurde Niederding wie gelähmt. Denn er war vorher
allein in dem Zimmer gewesen, wo der Ring aufbewahrt war. Beachten Sie wohl, es
konnte nicht der Schatten eines Verdachtes auf ihn fallen, er ist selbst ein
reicher Mann, aber er beteiligte sich nicht am Suchen, damit man nicht glaube,
er suche nur deshalb, um zu zeigen, dass er den Ring nicht habe. Er wähnte sich
beargwohnt, und er bildete sich schliesslich so fest ein, jeder vermute ihn als
den Dieb, dass er fürchtete, man könne den Ring in seiner Tasche finden, wenn man
nur hineingreife. Schliesslich ergab es sich, dass die Katze den Ring
fortgeschleppt hatte. Aber Sie sehen daraus, wie verwickelt alles ist. Unsere
Seele, sie glaubt oft nicht, was die Hand tut.«
    Als Agaton sich von Gudstikker verabschiedet hatte und dem Haus zuschritt,
sah er auf einmal Sema Hellmut neben sich gehen. Er sah des Knaben fragende
Augen mit einem Blick voll Ergebenheit und Hingabe auf sich gerichtet.
    Agaton wunderte sich über das bedürftige Anschmiegen des Knaben. Aber er
dachte daran nur halb. Der andere Teil seines Nachdenkens war der Ringgeschichte
gewidmet, seinem Vater, seiner Mutter, dem Schicksal, das über ihm hing wie die
Wolken und alles dunkel machte, gleichwie die sich mehrende Finsternis des
Abends von den Wolken auszufliessen schien.
    Daheim fand Agaton eine friedlichere Stimmung. Müssig wandelte er in den
Garten. Ein kalter, feuchter Wind ging. Er hörte es rascheln wie vom Graben
eines Spatens. Plötzlich sah er seinen Vater schaufeln. Elkan keuchte und grub
ruhelos, bald hier, bald dort, - ein Schatzgräber. Es war unheimlich anzusehen.
»Was tust du, Vater?« fragte Agaton.
    Elkan liess den Spaten sinken, stützte sich darauf und Agaton sah trotz der
Dunkelheit sein fahles Gesicht leuchten. »Agaton, Gott hat seine Hand abgezogen
von uns und sein Antlitz verhüllt. Aber wir dürfen nicht murren. Gepriesen seist
du, Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst.« Elkan betete ein Lobgebet.
    »Vater,« sagte Agaton, »ich darf nicht mehr in die Schule. Ich bin
davongejagt worden, obwohl ich nichts Schlechtes getan habe.«
    Elkan Geier warf den Spaten weg und lehnte sich an den Zaun. Nach einem
langen Schweigen tappte er ins Haus. Agaton blieb, nahm die Mütze ab und gab
das Haar den Winden preis. Die Nacht öffnete ihm ihre dunklen Wunder,
unvorhanden für andachtlose Augen. Er glaubte in einem Tempel zu sein, doch
erkannte er den Gott nicht.
    Gegen acht Uhr kam Doktor Schreigemut und sein Gesicht war sorgenvoller als
sonst. Agaton sah die Augen Semas beständig auf sich gerichtet; sie folgten
jeder seiner Bewegungen.
    »Gepriesen seist du Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst,« murmelte
Elkan.
    »Die Welt ist gar gross und hat viele Sterne und viele Erden, Elkan,« sagte
Gedalja. »Worum soll er nit vergessen an den Gedalja, nit vergessen an den
Elkan? Elkan is brav, aber worum soll er nit vergessen an die Braven, wenn er
hat so viel zu bessern an die Sünder? Wenn de tot bist, waasst de nix dervon und
in deiner Sterbestund kannst de dir ausdenken, du hättst gelebt e grosses Leben,
e reiches Leben un nit e Elkanleben. Gehängt is gehängt, mit'n Strick oder mit'n
Goldfaden hat mei seliger Onkel g'sagt. E weiser Mann.«
    Agaton schlief nicht in der Nacht. Seine Seele war heiter, und erregt sah
er in die Finsternis. Er hatte ein Gefühl, wie oft, wenn er ein Geschenk
erwarten durfte und ungeduldig war, es zu sehen. Die Nacht war unbewegt, nur
selten gestört durch das Heulen eines Hundes. Als es drei Uhr schlug, kam der
Mond und warf ruhige Lichtflecke in den Raum. Mit diesen Strahlen wurden die
Figuren in Agatons Sinnen lebendiger und verklärter. Sie brachten ihm
Reichtümer, von denen er nicht begriff, dass er sie je hatte entbehren können, er
fühlte sich wachsen und es war, als hörte er einen Ruf über die Felder
hinschallen, der ihm galt: lang und eindringlich.
    Am folgenden Vormittag brachte der Pedell Dunkelschott ein Schreiben des
Rektorats und des Kantors der Schule für Elkan Geier. Er verlangte den Weglohn
und trollte ins nächste Wirtshaus. Elkan setzte sich an den Tisch und las. Kaum
war er damit zu Ende, als er aufschrie wie ein Gefolterter. Gedalja ging zu ihm,
aber Elkan liess sich nicht halten, sein Gesicht wurde blaurot, er fiel über
Agaton her, presste die Hände um seinen Hals und hätte ihn erdrosselt, wenn
nicht ein furchtbarer Angstruf aus dem Krankenzimmer ihn zur Besinnung gebracht
hätte. »Aus meinem Haus, du Christ!« röchelte er und stieg schwankend die Stufen
zum Schlafgemach hinauf.
    Gedalja strich langsam und nachdenklich über Agatons Haar. »Was haste
getan?« murmelte er. »Der sanfte Mann, der sanfte Elkan is geworden e wildes
Tier. Die Welt is nimmer ganz. Es is was los in der Welt un mer stehn da wie die
hilflosen Kinder.« Er nickte; Agaton lehnte die Stirn an seine Schulter.
    »Zum Doktor! Zum Doktor!« kreischte plötzlich die Pflegerin und rannte fort.
Elkan stand gebrochen auf der Schwelle und sagte: »Sie stirbt. Schemaa Jisroel
adonai elohim adonai echot.«
    Agaton richtete sich auf. Sein bleiches Gesicht war plötzlich von einem
überirdischen Feuer erfüllt, das alle mit Bestürzung und Scheu gewahrten. Die
heulenden Kinder sahen ihn an und waren auf einmal ruhig. Er ging ins Zimmer der
Mutter, an Elkan vorbei, der sich zusammenduckte wie vor einem Pestkranken, und
trat an das Lager der Mutter. Sie röchelte. Ihre Augen blickten matt, leblos,
stumpf, suchten gleichsam den Tod. Agaton sah nicht dies Bild. Er sah die
jüngere Mutter, die entsagt hatte, geliebt, verloren hatte und nun unter der
schweren Bürde der Tage erlegen war. Er nahm ihre Hand und begegnete ihren
Augen. Er legte seine Hand auf ihre verfallene Brust, gegen die das Herz
verlöschend klopfte. Er wünschte, das Fenster möge offen sein und da öffnete es
jemand, als ob es eine unsichtbare Hand wäre. Seine Brust war zum Springen voll,
er wusste nicht ob vor Schmerz oder vor verhaltenem Jauchzen. »Werde gesund,
Mutter, wache, Mutter, du bist nicht krank, du darfst nicht sterben.« Er kannte
seine Stimme nicht mehr, sie war ihm etwas Neues; die Kraft, die seinen Körper
aufatmen und sich aufrichten liess, als wäre eine unerhörte Last von ihm
genommen, erhellte seine Augen mit einem himmlischen Glanz. Und das Feuer schien
in den Körper der Kranken überzuströmen; sie lächelte plötzlich unter seiner
bebenden Hand, sie seufzte erleichtert auf, sie drückte mit den schwachen,
fleischlosen Fingern seine Hand und rief seinen Namen. Und je länger er die
erloschenen Züge ansah, je mehr belebten sie sich in einer geheimnisvollen
Weise, - bis sie frei, mild und hoffnungsvoll schienen. Und als der Arzt kam,
hereingeleitet von der Pflegerin, richtete sich Frau Jette zu dessen Erstaunen
empor, legte den Kopf auf den aufgestützten Arm und lächelte dem Doktor und
ihren Kindern mit dem inbrünstig strahlenden Lächeln einer Genesenden zu.
 
                                Neuntes Kapitel
Novemberstürme!
    Bojesen schritt durch die leeren Gassen und der Umhang seines Mantels wehte
hoch empor. Sein Hut flog vom Kopf, rollte hin über die Steine und blieb vor dem
Eingang zum »siebenten Himmel« ruhig liegen, wie ein Pferd, das seine Station
kennt. Bojesen hob ihn gemächlich auf und trat in das Lokal, das voll Menschen
war. Er nahm Platz, bestellte Bier und wandte bald keinen Blick mehr von der
Bühne. Über eine nächtige Landschaft schien ein kunstloser Mond; ein Ritter
wandelte an einem primitiven Wasser und streckte bisweilen den Arm aus. Da
öffneten sich die unglaubwürdigen Wolken und eine Erscheinung stand zwischen
ihnen: Luisina. Der Ritter verzweifelte, diesem geliebten Bilde jemals nahe zu
kommen, warf sich auf die Erde und gab vor, zu weinen. Da erhob sich ein
Zauberer aus einer mangelhaften Versenkung, oder es war Satan selbst, wies ein
Pergamentum vor und befahl dem Ritter, ihm seine Seele zu verschreiben. Das tat
der Ritter, darauf schwebte die schöne Luisiana aus den Wolken herab, die Nacht
war beendet, Wasser und Mond verschwunden, Mädchen mit wilden Haaren stürzten
auf die Szene und zerrten junge Männer hinter sich nach. Nun begann das Publikum
mitzuspielen. Ein langhaariger Mensch sass am Klavier und entlockte dem
unwilligen Instrumente eine Folge von schrillen Harpeggien im Walzertempo. Der
Glühende erschien mit emporgehobenen Armen und ekstatischen
Begeisterungsausbrüchen, die Köchin kam und schrie, sie könne das Wasser zum
Punsch nicht kochen, denn der Wind fahre stets in den Schlot und lösche das
Feuer aus. »Nimm das Feuer meiner Brust, Aglaia!« heulte der Glühende. Ein Mann
mit langem Hauptaar war da, den man Barbin nannte und der sich ängstlich
gebärdete, obwohl er zugleich den Übermütigen zu spielen versuchte. Sein Äusseres
wie sein Wesen deuteten auf eine jener zwecklosen Existenzen, wie sie die Städte
hervorbringen, eines jener unglücklichen Geschöpfe, für die die Zeit eine
käufliche Dirne ist, da sie ihnen ohne Münze nichts gibt, womit sie ihr Leben
verkürzen können. Dieser Barbin wandte sich bisweilen an den Glühenden, als
flehe er ihn um Schutz an, und suchte dies durch ironische Worte zu bemänteln,
die aber von dem tollen Jauchzen auf der Bühne verschlungen wurden.
    Plötzlich sah Bojesen sich gegenüber Luisina sitzen. »Nun, da sind Sie ja
wieder,« redete sie ihn spöttisch an. »Was wissen Sie Neues? Warum sind Sie so
finster, nachdenklich, schwermütig? Wer sind Sie? Was wollen Sie?«
    »Verzeihen Sie, dass ich Frage mit Frage beantworte: warum würdigen Sie mich
Ihrer Beachtung, Madame?«
    »Das will ich Ihnen erklären. Mir ist, als spräche ich in Ihrer Person zur
ganzen sogenannten guten Gesellschaft. Ich habe auch dazu gehört und kenne
Blicke und Gesichter. Aber so war es um mich bestellt, dass ich gezwungen war,
hier, wo sonst das Niedrigste und Schmutzigste zu treffen ist, mich selbst zu
suchen und zu finden. Was soll ein armes Weib tun in eurem Kreis von schalen
Vergnügungen, von ekeln und zehnmal wiedergekäuten Genüssen? Was soll sie tun,
da sie erst anfängt, unter Menschen zu zählen, wenn sie heiratet? Was kann sie
dafür, wenn sie in einer Welt lebt, wo jeder darauf stolz ist, wenn er ein wenig
unglücklich ist? wo die Lebensfreude beim Verlust der bürgerlichen Ehre anfängt?
Sagen Sie selbst! reden Sie doch! Ach, Sie haben ein Gesicht, dem ich eigentlich
vertrauen könnte. Glauben Sie mir, nicht die Not allein ist schuld an dem Fall
so vieler Frauen, sondern die Sehnsucht, ja, die Sehnsucht.«
    Sie schwieg. Sie stützte den Kopf in die Hand und sah lächelnd hinein in den
Qualm. Der Glühende sprach nur noch in Versen, Barbin hieb wie besessen auf das
Instrument ein und gab seinem Körper einen erschreckenden Ruck, wenn er vom
Fortissimo in ein effektvolles Piano heruntersprang. Einige Paare tanzten,
plötzlich wurden die Gaslichter zu halber Höhe herabgedreht, Barbin hörte auf zu
spielen, die Tanzenden blieben stehen und flüsterten: »Die Dämonen«.
    Auf der Bühne erschienen in einem matten, grünen Licht vier Männer mit
grünen Gesichtern und düstergrünen Gewändern, so enganschliessend, dass sie wie
nackt aussahen, und begannen ein phantastisches, unheimliches Spiel. Wie Fische
im Wasser, so bewegten sie sich in der Luft; ihre Füsse schienen des festen
Grundes nicht zu bedürfen, ihre Glieder schienen an kein anatomisches Gesetz
gebunden. Bald schienen sie alle ein einziger Leib zu sein, der sich in
entsetzlichen Krümmungen wand, bald war der eine einem leblosen Klumpen gleich,
wurde von unsichtbaren Händen in die Luft geschleudert und fiel krachend auf die
Bretter zurück. Bald waren sie wie eine Meute von Hunden, denen der Jäger aus
der Ferne pfeift, bald glichen sie Würmern und krochen auf unbegreifliche Art an
den Kulissen empor. Als Bojesen den Blick abwandte, sah er in geringer
Entfernung, im Dämmerlicht, Luisina stehen. Sie schien ihn lange beobachtet zu
haben. Nun winkte sie ihm zu und wandte sich dann nach der Türe, als sie sah,
dass er ihr folgen würde. Sie hatte einen Pelzmantel umgeworfen und ein
blauseidenes Tuch um den Kopf geschlungen und ihre grossen Augen sahen mit einem
ungewissen Glanz, doch voll Entschlossenheit in eine weite Ferne.
    »Man hat mir verraten, dass Sie der Lehrer Bojesen sind,« sagte sie, als sie
auf der Strasse waren; »ich habe oft von Ihnen gehört, ich kenne Ihre
pädagogischen Schriften und bin froh, dass meine Sympatie nicht grundlos war.
Wundern Sie sich nicht über das, was ich jetzt vorhabe. Ich brauche einen
Zeugen, ein Urteil, eine Stimme, einen Blick, der mich billigt, ein Ohr, das
sich nicht böswillig verschliesst; denn noch Einmal heute will ich tun, was mein
Herz fordert, und sehen, ob ich das Tor zu eurer Welt für ewig hinter mir
zuschlagen muss.«
    Welch eine Nacht! dachte Bojesen. Es herrschte nicht eigentlich Dunkelheit
und auch nicht Helligkeit, es war eine jener seltsamen Herbstnächte, in denen
sich alles Leben der Natur verinnerlicht zu haben scheint. Es fehlten auch jene
Stimmen, jenes unbestimmte Geräusch, das wie ein aufbewahrtes fernes Echo des
Tages ist. Der Wind hatte sich gelegt. Der Mond, eine unvollendete Scheibe, lag
in einem graugelb schimmernden Flaum von Wolken und sah verquollen aus, wie
Farbe auf seinem Fliespapier. Das Leben war von den Strassen wie fortgeblasen.
Die Häuser mit den dunklen Fenstern und den weissen Gardinen sahen aus, als ob
sie schliefen; Bojesen konnte die Strasse entlang blicken bis an die Grenzen des
Horizonts, und diese unbewegte Linie hatte etwas Beruhigendes.
    Luisina schritt rasch dahin, hastig atmend, offenbar noch mit ihren
Entschlüssen ringend. An einem vornehmen Haus jenseits des Bahndammes machte sie
endlich Halt, drückte dreimal wie in verabredeten Pausen auf den elektrischen
Knopf und eilte dann die teppichbelegte Steintreppe empor. Aus einer Türe kam
ein junges Mädchen, dessen Gesicht alsbald das grösste Erstaunen ausdrückte.
»Jeanette!« rief sie aus. »Ist Nieberding zu Hause?« fragte Jeanette-Luisina
bebend. - »Nein, Eduard ist noch nicht da,« entgegnete das Mädchen bestürzt und
schüchtern und blickte furchtsam auf Bojesen, der nichts zu sagen, ja nicht
einmal sich zu bewegen wusste.
    »Ach Cornely!« rief Jeanette und fasste mit beiden Händen nach der
dargebotenen Hand des Mädchens.
    »Komm doch herein, Jeanette. Willst du auf Eduard warten? Es ist alles so
sonderbar, was du tust,« sagte Cornely mit einer leisen, kindlichen Stimme. Sie
hatte stets ein schwaches und undeutbares Lächeln auf den Lippen; aber hätte man
ein Tuch über den Mund gebreitet, so wäre ein Ausdruck von Schwermut, mehr als
Schwermut geblieben. Sie machte den Eindruck eines Geschöpfs, das durch einen
Zustand vollständig betäubt ist und sich nur bestrebt, die Gedanken geheim zu
halten.
    Bald sassen sie im Salon, bei mattem Licht, das durch gelbrote Seidenschirme
schimmerte und in den Ecken zu verfliessen oder zu der allgemeinen Nacht draussen
zu streben schien.
    Bojesen befand sich in einem Zustand fast zorniger Erwartung. Er konnte sich
dem vibrierenden Wesen Jeanettes nicht entziehen. Er dachte wieder an sein
eignes Weib, das, er wusste es, zu Hause in kurzen Zwischenräumen zur Treppe
lief, mit der kleinen Lampe hinunterleuchtete, von jedem Schritt auf der Gasse
aufgescheucht wurde wie ein Vögelchen und auf ihn wartete, wartete.
    Als Jeanette den Mantel abwarf, weil es ihr zu heiss wurde, stand sie da im
Teaterkostüm, sah ins Kaminfeuer und ihre Nasenflügel blähten sich gierig.
Cornely stiess einen dumpfen Schrei aus und faltete die Hände.
    »Wie lange willst du noch so bleiben, meine arme, kleine Cornely?« sagte
Jeanette. »Soll ich recht behalten von damals her, als ich dich beim
Pfänderspiel zur alten Jungfer machte?« Etwas Triumphierendes lag in ihrem
Gesicht.
    »Selbstüberwindung ist die grösste Freiheit,« erwiderte die Bleiche mit ihrem
sanften Lächeln.
    Die Haustüre wurde zugeworfen, schlürfende Schritte wurden laut, und Bojesen
glaubte eine wallende Erregung in Jeanette mitzufühlen. Ein junger Mann trat ins
Zimmer und blieb versteinert stehen, weiss wie Leinwand. Er war schlank, gross und
bartlos, hatte dicke Lippen und eine dicke Nase, tiefliegende, etwas gerötete
Augen und einen eigenen Zug von Adel und Feinheit im Gesicht. Das feinste waren
seine Hände, sie waren lang- und zartlinig wie gotische Bögen. Cornely schlich
geräuschlos davon.
    »Du bist erstaunt, wie ich sehe,« flüsterte Jeanette. »Dieser Herr, Herr
Bojesen, du kennst ihn vielleicht, ein Freund von mir, hatte die Güte, mich zu
begleiten. Er ist von allem unterrichtet. Ich will, dass er bleibt, und ich will,
dass du so bist, als ob er nicht da wäre.«
    Eduard Nieberding senkte den Kopf. »Rede! Was willst du? Ich begreife nichts
von alledem.«
    »Wie solltest du auch begreifen!« erwiderte Jeanette leidenschaftlich. »Du,
der eher begreift, was auf dem Mond vorgeht, als in der Seele einer Frau! Du!
Bist du es nicht, der das erfunden hat von der keuschen Liebe? Der diese eisigen
Dinge von Resignation und kühler Anbetung und von der unsinnlichen Macht des
Schönen oder wie du es nennst im Munde führt! Rede du! Rede! Hast du mich nicht
irre gemacht an allem, was strahlt in der Welt und was warm ist?«
    »Verschone mich, Jeanette! Wie töricht von dir! Warum in der Gegenwart eines
Fremden? Was tust du!«
    »Ich will es dir sagen. Hier ist ein Mann. Ich glaube, Bojesen, Sie sind ein
Mann. Ich frage Sie nun, - und dazu sind Sie hier, dass Sie mir auf Ihr Gewissen
antworten, ich frage Sie: kann ein Mann ein Weib lieben, wenn er sie bittet,
gehe fort von mir, damit meine Liebe grösser und mein Gefühl reiner wird? Der sie
bittet, küsse mich nicht, denn sonst begehre ich dich und das würde meine Liebe
verringern -? Ich will von dir träumen, so spricht er, ich will von dir träumen,
aber ich will dich nicht besitzen, denn der Besitz macht arm ... Liebt ein
solcher Mann?«
    »Jeanette!«
    »Was sagen Sie dazu, wenn ein Mann der Frau, die er zu lieben beteuert, den
Rat gibt, einen andern Mann zu heiraten, nur damit sie ihm begehrenswerter
erscheine? Reden Sie, Bojesen, reden Sie! Vielleicht finden Sie ein Wort der
Erklärung oder der Entschuldigung, damit ich Ihnen danken kann.«
    Eine lange Pause entstand.
    »Wenn ich nun reden muss, und wenn dies alles vorgefallen ist,« sagte Bojesen
langsam und betrachtete mit Trauer die schwammigen, nervösen Züge des jungen
Mannes, »dann ist es gewiss erstaunlich, aber es liegt in der Zeit. Ja, es liegt
in der Zeit. Mit welchem Wort Sie es nennen wollen, ist gleichgültig. Es ist all
dies Mystische und Schwächliche, das über uns gekommen ist wie eine Krankheit,
dass wir nicht mehr wissen, was Kraft oder Roheit oder wahrhafte Scham oder
Unnatur ist. Sie sind Jude, Herr Niederding, wie? Nun, Ihr Volk ist es, das uns
dies Geschenk gemacht hat, Ihr arbeitsames, intelligentes, stets an Extremen
bauendes Volk. Sie lieben nicht das Weib, sondern Sie lieben die Liebe, nicht
die Selbstbetrachtung und Selbstvervollkommnung, sondern das Quälerische,
Zerstörende, Erniedrigende, alles, was Sie zum Märtyrer macht. Es gibt viele von
Ihrer Art. Flagellanten, unsere Flagellanten, und der Gott, vor dem sie sich
geisseln, ist das wohlbekannte Ich, diese Phrase von der Individualität, vor der
jetzt alles auf den Knien rutscht. Und wenn ich sage, die Juden sind schuld, so
ist es keine gedankenlose Anschuldigung. Nicht jene alten Juden, die noch fromm
sind, sie sind entweder ehrwürdig oder komisch; nein, die sogenannten modernen
Juden, die vollgesogen sind mit dem ganzen Geist und der Überkultur des
Jahrhunderts, sie sind es, die mit ihrer menschlichen Düsterkeit und geistigen
Schärfe ein Pseudochristentum aufrichten mit Gefühlskasteiungen, fleckenloser
Liebe und dergleichen. Ich weiss es nur zu gut, es ist ein altes Erbe Ihres
Volks.«
    Nieberding erhob sich zitternd, trat auf Bojesen zu und flüsterte: »Herr -!«
    Bojesen hielt seinen Blick ruhig aus und schwieg.
    »Ich habe ihn geliebt,« sagte Jeanette leise und sah gedankenvoll vor sich
hin. »Weisst du, wozu ich nun geworden bin?« fragte sie laut und fest.
    Nieberding, der jetzt am Fenster stand und unbeweglich hinaussah, wandte
sich um und sagte: »Jeanette, du hast niemals eine Schätzung gehabt für das edle
Gestein und für seltene Menschen. Aber dass du zu solchen Mitteln greifen musst!
Wie überflüssig und teatralisch! Seine einleuchtenden Erläuterungen mag sich
dieser Herr für den Horsaal sparen. Mag ich sein, was ich will, ein Flagellant
oder ein Bacchus, damit die Ausdrucksweise des Herrn zu Ehren kommt, du hattest
gegen meine Gefühle gewisse Pflichten, mehr will ich nicht sagen. Ich trinke das
Leben aus den Tiefen, wo andere Leute nur Finsternis gewahren, ich finde
Genüsse, wo andere nur Narrheiten sehen, - gut, lass mich so sein. Geh' jetzt
fort und lass mich allein.«
    Jeanette hatte kein Auge von ihm gewandt. Nun ging sie hin, legte ihren Mund
auf den seinen, und so blieben sie minutenlang. »Und nun leb wohl,« sagte
Jeanette, »wer weiss, wo wir uns wieder finden.«
    »Im Kot oder bei den Sternen,« entgegnete Nieberding trübe lächelnd.
    An der Treppe stand Cornely. »Was war es?« fragte sie hastig mit einem
scheuen Seitenblick auf Bojesen.
    Jeanette schüttelte den Kopf; ihre Augen standen voll Tränen, zugleich
lächelte sie in einem wunderlichen, frauenhaften Trotz. »Du weisst alles, was
geschehen ist, gute Cornely. Du ahnst es. Du weisst, was mein Vater getan hat,
dass er zahllose Familien um ihr Brot gebracht hat. Nun sollte ich eigentlich
ehrlos sein. Aber ich habe mich losgerissen von meinem Namen und von meiner
Familie, und was ihr Niedrigkeit nennt, nenne ich vielleicht Ehre, und was dir
Selbstüberwindung ist, ist mir Feigheit und Furcht. Gute Nacht, Liebe.«
    Bojesen folgte ihr und ihm war, wie wenn er durch die Luft hinschwebte, wie
wenn nichts mehr an der Erde wäre, was ihn festalten könnte.
    Es schneite. Grosse Flocken fielen hernieder. Ein friedliches Fallen, ein
lautloses Herabgleiten schimmernder Kristalle. Plötzlich sagte Jeanette, indem
sie ihre Schritte hemmte: »Wissen Sie, woran ich denke? An die grünen Dämonen
vom siebenten Himmel. So ist die Welt, so sind die Menschen; ein zielloses
Hin-und Hergleiten, man fürchtet, jeder könne den Hals brechen und jeder wird
doch wieder durch den andern getragen und beschützt. Und dann, was ich nicht so
recht ausdrücken kann: dies Spielen auf die Wirkung oder so ...«
    »Ja, eigentlich ist das ganze Leben bloss ein Symbol, und wir können nichts
anderes tun, als alles, was uns zustösst, symbolisch zu betrachten. Darum sind
auch die Dichter am grössten, die das Leben möglichst vereinfachen.«
    Wieder entstand ein Schweigen. »Ach, die Dichter,« sagte Jeanette dann
nachdenklich und traurig. »Sehn Sie, ich habe so viele kennen gelernt von den
berühmten, denn ich war mit meinem Vater in Berlin und mein Vater war versessen
auf die berühmten Leute. Da Hab ich Dichter kennen gelernt und manchen, bei dem
mir vorher das Herz geklopft hat. Aber wie schrecklich bin ich immer enttäuscht
worden! Ich habe mich immer gefragt: du lieber Gott, wie konnten die Leute das
oder das schreiben! In den Büchern so grosse Gefühle, ein so kompliziertes Leben,
und als Menschen genau wie andere Menschen und so leicht durchschaubar, so
eitel, so abgemessen, so sparsam mit ihrem Herzen, so vorsichtig mit ihren
Worten. Ehrfurcht will ich haben vor einem Dichter, ob er nun jung oder alt ist,
Ehrfurcht will ich haben.«
    Bojesen ging still dahin und lauschte mit glänzenden Augen.
    »Sie wundern sich vielleicht über mich,« fuhr sie fort und schlug den Mantel
fröstelnd zusammen. »Ich auch. Ich habe stets geglaubt, wahnsinnig zu werden bei
dem Gedanken an das Gewöhnliche. Nur nicht gewöhnlich werden! nur nicht irgendwo
unten stecken bleiben! Nur nicht immer Anläufe nehmen und dann beschämt
zugestehen, dass man zu viel gewollt hat. Nur fort, fort, von Ziel zu Ziel,
selbst um den Preis der Ruhe, der Ehre, der Gesundheit, des Lebens! Auch ich
will ein Symbol sein.« Bojesen sah sie lächeln. Er fragte, ob sie nicht seinen
Arm nehmen wolle und wo er sie hinführen solle.
    Sie nahm den Arm. »Wohin? Ach, irgend wohin. Sagen Sie, Bojesen, sind Sie
nicht ein wenig Dichter?«
    »Ich? Nein, ganz und gar nicht. Ich bin ein Mann der Wissenschaft.«
    »Wie pedantisch! Kann man dabei nicht auch Dichter sein? Ist nicht jeder ein
Dichter, der eine Empfindung in sich zur Gestalt machen kann?«
    Sie waren an einer Allee, beschneite Bäume und beschneite Wege blickten
ihnen entgegen. An einem zerstörten Staket lagen Steine, Mörtelbehälter,
Schaufeln, aufgeschichtete Ziegel und dahinter stand ein unfertiger Bau mit
schwarzen Fensterhöhlen. Nur im Erdgeschoss brannte ein Trockenofen und düstere
Röte strahlte durch die Fensterscheiben, fiel auf die blätterlosen Sträucher und
Baume bis über die Strasse. Die beiden gingen an den Fenstern vorbei, schauten
zufällig hinein und sahen vier Knaben um den Glühofen kauern und mit den
geröteten Gesichtern emporschauen zu einem jungen Menschen, der mit dem Rücken
gegen das Fenster stand und zu ihnen redete. »Agaton Geier!« flüsterte Bojesen
erschrocken und auch Jeanette war aufs höchste erstaunt. Bojesen hatte ihn
sofort erkannt an Gestalt und Bewegung. Als Agaton ein wenig seitwärts trat,
konnten sie beide sein Profil sehen; gedankenvoll und entschlossen sah er ins
Feuer. Die Knaben schienen Agatons Worte zu trinken, und es lag etwas Gläubiges
und Ergebenes in ihren Gesichtern; der Älteste, der etwa sechzehn Jahr alt war,
trug die Kappe der Waisenhauszöglinge.
    »Wir wollen gehen,« sagte Bojesen leise, »es ist kalt.« Jeanette riss sich
los und sagte im Weitergehen langsam: »Es ist etwas Ausserordentliches in ihm.«
    »Sie kennen ihn?« fragte Bojesen betroffen.
    Jeanette nickte. Eine Viertelstunde darauf standen sie wieder vor dem
siebenten Himmel. Jeanette schaute hilflos umher und schien nachzusinnen.
    In diesem Augenblick ging eine in einen dicken Pelz vermummte Gestalt
vorüber. Nur die Augen waren sichtbar, die boshaft funkelnd denen Bojesens
begegneten. Bojesen kannte diese Augen und wusste, was er von der Begegnung zu
halten habe. Er lächelte ergeben. Sie traten ein. Barbin schlief auf dem
Villard; die jungen Männer in Trikot schliefen auf dem Podium, Liebespaare sassen
flüsternd oder stumfsinnig in finstern Ecken, der Glühende allem war noch wach.
Er hockte an der Rampe mit weit von sich gestreckten Beinen, die Stirn
nachlässig in die gerundete Hand gestützt, den Blick mit stillem Triumph in die
Ferne sendend. Eine Schnapsflasche stand vor ihm auf dem Boden.
    »Was sinnst du, Liebling der Götter?« fragte Jeanette, seine Schulter leicht
mit den Fingern berührend, und jener deklamierte:
»Wenn ich doch auf einem Felsen stünde,
weit im Meer,
und erlöst von meinen Träumen wär'!«
    Dann zog er eine Mundharmonika aus der Tasche und begann ein Menuett zu
spielen. Jeanette erhob sich, fasste den Rock mit den Fingerspitzen beider Hände
und tanzte: lächelnd, berückend. Bojesen stand auf, ging hinab vom Podium in die
Dämmerung des übrigen Raumes und stellte sich unter die Schläfer. In ihm
erwachte eine heisse Leidenschaft und das Menuett, wie er es jetzt vernahm, fast
wie hinter Mauern, hätte ihn beinahe aufschluchzen lassen. Er glaubte kaum, dass
ihn mit solchen Gefühlen der Erdboden würde tragen können, so schwer war seine
Seele von ihnen.
    Er wandte zufällig den Kopf nach rückwärts und sah Jeanette hinter sich
stehen. Sie blickte ihn verträumt und selbstvergessen an; ihre Augen waren jetzt
von einem dunklen, undurchdringlichen Grün, und die roten Lippen gaben dem
überaus bleichen Gesicht etwas von dem Wesen einer Fabelwelt. Langsam nahm sie
ihn bei der Hand und zog ihn fort, hinaus in den finstern Gang und weiter.
 
                                Zehntes Kapitel
Die strahlende Mittagssonne leuchtete, als Agaton von der Höhe herabstieg ins
Dorf. Zu beiden Seiten des Wegs standen die Bäume im Schnee, spärlich behangen
mit braunroten Blättern. Weitin leuchtete die Schneedecke und bisweilen lag ein
dunkles, mürbes Blatt gleich einem grossen Blutstropfen darauf. Als Agaton
durchs Dorf ging, grüssten ihn viele Leute mit scheuem Gruss. Rasch hatte sich die
Kunde verbreitet, dass Frau Jette durch seine wunderbare Berührung gesundet war,
und alle suchten in seinem Gesicht, an seinem Wesen nach einem äusseren Zeichen
der inneren Kraft. Er fühlte sich Herr über diese Kraft, gehoben und
emporgetragen; alles was rein in ihm war, hatte sich mit diesen Gefühlen
vereinigt, und alles Düstere und Kleinliche seiner Seele war abgestreift wie
verbrauchtes Gewand. Er hatte ein altes Buch aufgefunden und darin die
Geschichte des Sabbatai Zewi entdeckt. Mit durstigen Augen las er sie. Wie wusste
er gut zu scheiden unter dem Wahren und Erlogenen, dem Phantastischen und
Tiefsinnigen! Wie sah er durch die Person des falschen Propheten in die Seele
der Menschen, die nicht dem beharrlichen Ernst sich beugen, nicht der
beweglichen Stimme des mitleidenden Beraters, sondern dem prunk- und
goldstrotzenden Wortelden, dem Halboffenbarer, dem, der mit ihrer Begeisterung
spielt und dann achtlos über ihre Leichen schreitet. Aber noch fehlte all diesen
Dingen der tiefere Bezug auf sein eigenes Tun, und er fand sich in der Welt mit
einer Binde vor den Augen, des gütigen Lösers harrend. Es war nichts von
Prophetentum oder Prophetenwollen in ihm. Das reiche innere Leben verlieh seinen
Zügen etwas Leuchtendes, doch er fand sich klein neben einem geträumten Bilde
von sich selbst. Mehr als sonst waren seine Nächte belebt von schwülen Bildern:
nackte Frauen, die ihn neckten, die ihn zu sich zogen, ihn umarmten, ihn
verlachten. Wie oft sprang er auf vom Bett und trat aus Fenster, um durch die
Kälte sein Blut zur Ruhe zu bringen. Wie oft schaute er bittend in den schwarzen
Nachtimmel mit den klaren Wintersternen und erwartete, dass das Gewölbe sich zu
einer freundlichen Vision öffne. Dann suchte er seine Gedanken abzulenken,
dachte an die grosse Welt und an die Bunteit der Ereignisse in ihr, die nur wie
ferner Marktlärm hereinklangen in das kleine Leben, das er lebte.
    Es gab zwei Wesen im Hause, die ihn oft und viel beschäftigten. Das eine war
Frau Hellmut, das andere Sema. Jene hatte das Schreckhafte, das sie anfangs für
ihn gehabt, verloren. Doch ihre ganze Art hatte etwas von einem Irrlicht.
Ruhelos, beständig redend, beständig geschäftig ging sie umher, obwohl schon
lange nichts mehr für sie zu tun war, obwohl sie nicht bezahlt wurde und auch
kein Geld dazu dagewesen wäre. Bevor sie nicht zu anderen Leuten gerufen wurde,
lebte sie hier billig und »ein Maul mehr macht den Tisch nicht leer«, sagte
Gedalja. Ost sass sie dann wieder und sprach kein Wort; ihre Augen quollen unter
den entzündeten Lidern hervor, sie lächelte in wahnsinniger Weise vor sich hin,
nickte und atmete wie beglückt tief auf. Agaton pflegte sie bei solchen
Gelegenheiten genau anzublicken, und es wollte ihm scheinen, als ob diese Frau
einmal sehr schön gewesen wäre: vielleicht nur einen Tag lang schön, in der
Seele und am Körper, um sich dann wegzuwerfen für eine vorüberrauschende Stunde.
So dachte er oft über die Menschen, indem er sie in der Vergangenheit wirken,
oder in einer bestimmten, von ihm selbst erfundenen Situation handeln sah.
    Mit Sema wusste er nichts anzufangen. Voll ängstlicher Fürsorge achtete der
Knabe auf alles, was Agaton tat, suchte ihm jeden Wunsch von den Augen
abzulesen, schleppte einen Stuhl herbei, wenn Agaton stand, brachte ihm den
Löffel, der bei der Suppe fehlte, schlich in eine Ecke, um zu weinen, wenn ihm
jener etwas abschlug, und als Gedalja und Frau Jette einmal in Agatons
Abwesenheit ernstlich über seinen Lebensberuf Rat hielten, hörte Sema zu und
fing auf einmal an zu schluchzen. Es war mehr als eifersüchtige Verliebteit in
ihm, es war Anbetung, ein Sichverlieren und Sichauflösen, der Wunsch, nichts zu
sein vor dem vergötterten Freund.
    Einmal wanderten beide von der Stadt nach Hause, als sie einem der
Waisenhauszöglinge begegneten, einem etwas verwachsenen Knaben mit äusserst
abgehärmtem Gesicht. Er blieb eine Weile bei Sema und Agaton stehen, betrug
sich aber sehr einsilbig und schrak ein paarmal grundlos zusammen. Später
erzählte Sema, dass dieser Knabe oft gezüchtigt werde, weil er die Gebete nicht
auswendig behalten könne; dabei erfuhr Agaton erst, dass Sema einige Wochen im
Waisenhaus zugebracht habe und dass es ihm dort schlimm ergangen sei.
    »Sind viele Knaben dort?« fragte Agaton.
    »Vielleicht dreissig.«
    »Und sehen alle so unglücklich aus wie der, den du eben gesprochen hast?«
    »Fast alle.«
    »Werden sie denn hart bestraft?«
    »Das nicht, aber sie müssen beständig beten und beten. Im Winter sind die
Zimmer kalt. Zu essen gibt es nicht viel, die Lehrer sind lieblos und das
Schrecklichste ist, dass man schon um sechs Uhr früh aufstehen muss.«
    Agaton schwieg lange. Dann sagte er mit vertieftem Ausdruck des Gesichts:
»Man müsste mit den Knaben sprechen. Man müsste ihnen gute Bücher geben. Man müsste
sie mit Hoffnung füllen. Worte sind mächtig. Man müsste ihnen beweisen, wie
herrlich das Leben ist. Kennst du den Ältesten der Knaben?«
    »Ja.«
    »Könntest du es möglich machen, dass er und vielleicht ein zweiter in der
Nacht mit uns kommen, wenn alle schlafen?«
    »Ist das nicht gefährlich, Agaton?«
    »Gefährlich? Gewiss. Alles ist gefährlich, wobei man sich ein bisschen opfern
muss. Bei Tag werden doch wahrscheinlich die Knaben überwacht?«
    »Ja, sie müssen über jede Stunde Rechenschaft ablegen.«
    »Willst du mir also helfen?«
    »Ja, Agaton.«
    »Ich weiss ein leeres Haus am Engelhardtspark, wo seit einiger Zeit ein
Trockenofen gebrannt wird. Dort wollen wir uns treffen. Du müsstest die Knaben
verständigen und sie hinführen.«
    »Ich tue, was du willst,« sagte Sema, beugte sich herab, suchte Agatons
Hand und drückte sie an seine Wange. Agaton erschrak.
    Als sie durch das Dorf gingen, sah er seinen Vater im Wirtshaus sitzen und
mit Schmerz dachte er des üblen Geredes, das über den Vater an sein Ohr
gedrungen war. Ja, man sprach Schlimmes über Elkan Geier, nicht nur wegen des
verhafteten Enoch, nicht nur wegen des heidnischen Agaton; Elkan musste eine
unheimliche Schuld in der Brust tragen, dass er halbe Tage lang in der Kneipe
hockte, sein Geschäft vernachlässigte, der Frau alle Sorgen aufbürdete und
dunkle Worte und Klagen verlauten liess.
    Zu Hause fand Agaton seine Mutter in gewaltiger Erregung. Keines Wortes
mächtig, zeigte sie nach dem Garten und er ging hinaus. Auf dem Nebengrundstück
befand sich die Estrichsche Ziegelei, die der neue Besitzer vergrössern liess. Es
sollten Trockenschuppen gebaut werden, die Erde wurde ausgegraben und die
Arbeiter nahmen keine Rücksicht auf den Geierschen Garten, beschädigten den Zaun
und warfen Steine herüber. Frau Jette war schimpfend unter sie gefahren, wurde
aber verhöhnt und nun geschah, was anfangs Achtlosigkeit gewesen, in böswilligem
Trotz. Als Agaton hinaustrat, schleuderte gerade ein junger Bursche lachend
einen Ziegelstein herüber. Ohne sich zu besinnen, trat er durch eine Bresche des
zerbrochenen Zaunes zu dem jungen Menschen, und fragte: »Hast du eine Mutter
daheim?« Das Du und Agatons fester Blick verwirrte den andern, der unter den
Lärmendsten gewesen war. Er schlug die Augen nieder und sagte nichts. »Rede
nur«, drängte ihn Agaton, »gib Antwort«! Der Bursche lachte und wusste nicht,
wohin er den Blick wenden solle. Endlich schüttelte er in unbestimmter Weise den
Kopf. »Aber wenn du eine hättest, würdest du sie beschimpfen lassen?« fragte
Agaton eindringlich; »nimm mal an, du hast daheim einen Garten, und der Garten
ist fast alles, was ihr habt, und es kommen Leute, die sich ein Vergnügen daraus
machen, den Garten zu ruinieren, den Zaun umzureissen, die Beete mit Steinen zu
bewerfen, auf denen ihr im Sommer euer Gemüs' wachsen lasst, ich glaube, du
nähmst die erste beste Flinte und schössest die Kerle zu Boden. Oder nicht?
Sähst du vielleicht zu und bedanktest dich? Und wenn es Juden wären, dächtest
du: es sind rechtgläubige Juden, man muss kuschen -?« Der Bursche zeigte betreten
die Zähne und spielte mit einigen Zweigen des verdorrten Buschwerks. Die andern
hatten alles gehört und waren nach und nach still geworden. Eine Stunde später
waren die Steine aus dem Garten verschwunden.
    Frau Jette lehnte im Flur, als Agaton zurückkam und blickte ihn starr an.
Sie standen in einer dunklen Ecke und ehe sich Agaton dessen versah, war die
Mutter auf einen Holzblock gesunken und schluchzte herzbrechend. Er schwieg und
blickte trüb herunter auf ihre kümmerliche Gestalt; er fühlte wohl, was sie
beweinte, und dass es sich nicht auf diesen Tag und nicht allein auf die
letztvergangenen Tage bezog.
    Gegen Abend, bei klarem Himmel und hindämmerndem Untergangsrot der Sonne
ging Agaton fort. Als er in die Nähe von Frau Olifats Haus kam, sah er Stefan
Gudstikker aus der Gartentüre kommen, hastig über die Strasse eilen und mit
schnellen Schritten in der Richtung der Ziegelei verschwinden. Agaton stutzte,
und obwohl er sonst nicht unaufgefordert zu Monika kam, entschloss er sich heute
doch dazu. Er klopfte an und auf ein leises Herein öffnete er die Tür und sah
sie allein im Zimmer, am Fenster sitzen. Ihre Mutter und Schwester waren wie
gewöhnlich um diese Zeit in der Stadt. Monika erwiderte freundlich Agatons Gruss
und drückte seine Hand.
    »Ist dir's nicht recht, dass ich gekommen bin?« fragte Agaton beklommen.
    »Ich? nein, ich freue mich. Ich bin froh, dich zu sehen, Agaton.«
    »Wirklich?«
    Monika nickte ernst, dann sah sie wieder in verlorener Träumerei auf die
Felder. »Ich muss dir etwas vorlesen,« sagte sie nach einer Weile. Sie zog ein
Papier aus der Tasche, entfaltete es und las:
»Wir küssen uns bei Kerzenlicht,
sonst sehn wir uns vor Tränen nicht.
Sonst ist uns gar zu still die Stund',
zu schweigsam der beklommene Mund.
Wir küssen uns in finsterer Nacht,
weil sie die Zukunft schöner macht.
Wir sehn das goldne Haus am Meer
von Schätzen voll, von Sorgen leer.
Was spricht der Vogel Zeitvorbei?
Dass alles dies vergänglich sei?
Was spricht die Mutter Zweifelschwer?
Ein Schattenbild das Haus am Meer?
Der Vogel hat die Nackt vertrieben,
die Mutter ist bei uns geblieben.
Den blassen Traum an dunkler Wand
hat sie verblasen und verbrannt.«
    Es entstand eine lange Pause.
    »Wie konntest du denn lesen,« fragte Agaton endlich bedrückt, »da es doch
schon dunkel ist?«
    »Ich kenne es auswendig,« flüsterte Monika, in sich versunken. »Es ist
schön, es ist schöner als schön.«
    »Aber weshalb nimmst du denn das Papier, wenn du es auswendig weisst? O wie
rot wirst du, Monika! Du bist glühend rot.« Agatons Stimme zitterte. »Monika!«
rief er dann.
    »Was?«
    »Es ist ein unwahres Gedicht. Es ist schön, aber unwahr. Alles was darin
steht ist schön, und nur, weil es schön ist, stehts da, aber es ist erlogen. Ich
weiss, wer es gemacht hat. Aber er ist kein wahrhaftiger Mensch. Nur ein
wahrhafter Mensch kann ein Kunstwerk machen. Ich meine nicht, dass er im Leben
nicht lügen darf, aber mit seiner Seele darf er nicht spielen. Er aber spielt,
Monika.«
    Monika hatte den Freund noch nie so erregt gesehen, und es war auch, als ob
ein anderer, ein offenbarender Mund ihr das zugerufen hatte. Als er fort war,
sass sie im Finstern bis ihre Mutter kam.
    Agaton traf Stefan Gudstikker, wie schon einmal, unter einem Laternchen am
Ziegeleigebäude stehend. Nach einigem Hin- und Herreden lud er Agaton ein, mit
ihm ins Haus zu kommen. Agaton folgte ihm. Der alte Estrich, brummig und
knurrig, wenn er liebenswürdig war, beinahe komisch, erfüllte das Zimmer mit dem
Rauch seiner Pfeife und ging bald fort. Käte erschien still, scheu und
gedrückt. Sie hatte bisweilen ein ergebenes Lächeln für ihren Verlobten, jedes
Stirnrunzeln von ihm beeinflusste sie, jedem halben Wort sann sie nach.
Gudstikker strich ihr oft über die Haare; er schien sich der grenzenlosen Macht
über das einfache Kind zu freuen; ja, er schien damit zu prahlen. Oft wenn sie
etwas sagte, lachte Gudstikker und Agaton dachte wie in einer Erleuchtung: er
hat ihr den Glauben geraubt; was hat er ihr dafür gegeben? nicht mehr als ein
Stück seiner eigenen Person. Jeder Tag lehrte Agaton mit unabweisbarer Stimme
das Leben wie es wirklich war, wie es nicht aus einem göttlichen Wesen floss,
sondern aus dunklen, unterirdischen Quellen, vielgestaltig, mit Trübsand
vermischt, nur selten Gold im Grunde führend, selten im geraden Strom, klar und
kraftvoll rauschend.
    Plötzlich schallte von draussen das ängstliche und fortgesetzte Miauen einer
Katze herein. Alle lauschten. Gudstikker und Agaton gingen hinaus.
    Der Mond stand hoch und rein am Himmel. Der Schnee blitzte und funkelte weit
umher. Auf den Feldern lag der Rauhreif, schimmernd wie Silberstaub. Vor dem Tor
lag ein Kätzchen in seinem Blut. Gudstikker kniete hin, streichelte das Tier
zärtlich und redete ihm zu wie einem Kind. Dann gebärdete er sich wie rasend,
drohte den Kerl zu erdrosseln, der diese Schandtat vollbracht und konnte sich
kaum beruhigen. Agaton wollte ihn trösten, obwohl er etwas Gekünsteltes in
diesem Zorn fühlte, als er einen Schatten gewahrte und Käte neben sich sah. Sie
hatte ein Tuch um den Kopf, ihre Lippen, deren Rot durch eine scharfe und runde
Linie von der blassen Haut abgegrenzt war, waren ein wenig geöffnet. »Ist das
Kätzchen tot?« fragte sie.
    Gudstikker nickte.
    »Wer hat es getan? Vielleicht der Vater, er stellt immer den Katzen nach.«
    »Dein Vater, sagst du!« fuhr Gudstikker auf. »Weisst du, dass es mir jetzt zu
bunt wird? Weisst dus nicht? Ja, es wird mir zu bunt. Ich Hab euch auch satt,
dich und deine ganze Familie.«
    Wieder fühlte Agaton das Künstliche des Wutausbruches und fragte sich
vergeblich nach Gründen.
    »Stefan,« flüsterte Käte und legte zitternd ihre beiden Hände um seinen
Arm, »Stefan!«
    Es entstand eine peinliche Pause. »Es ist kalt, Herzchen«, erwiderte
Gudstikker endlich und streichelte tröstend ihre Hand. »Geh nur und leg dich
schlafen. Du wirst ja krank!«
    Als er heimging, hatte Agaton eine seltsame Sinnestäuschung. Aus einem
dunklen Torweg trat Käte Estrich auf ihn zu und hob flehend die Hände. Als er
weiterging und sich die Erscheinung vor seinen Blicken in den Winternebel
auflöste, dachte er mit hilfsbereitem Herzen an sie. Wie gross war sein Erstaunen
und sein Schrecken, als er sie auf einmal wirklich sah! Raschen Schrittes kam
sie und lächelte matt, als sie vor ihm stehen blieb. Sie wolle zu Stefan, sagte
sie.
    »Was wollen Sie denn bei ihm?«
    »Ich weiss nicht. Ich will ihn nur sehen. Wenn ich noch einmal in sein
Gesicht sehe, weiss ich alles.«
    »Was? Was denn?« Agaton erbebte vor Mitgefühl.
    »Ach, - nichts.«
    In diesem Augenblick ging viel vor in Agatons Seele. Er sah dieses zarte
Geschöpf vor sich, wie sie in jeder Stunde mehr hinwelkte. Er sah die kleinen,
mondlichtübergossenen Häuser, die dunkle Unendlichkeit des Nachtimmels, zage
Sterne, glänzende Fensterscheiben, - dies alles im Gegensatz zu der wunderlichen
Unruhe der Menschen, ihrer Lust an der Lüge, ihrer Furcht vor dem Kämpf, und zum
erstenmal sprach heute die Natur ein unüberhörbares Wort zu ihm, und er konnte
die gärende Inbrunst seiner Seele nicht mehr missverstehen. Da stand nun dies
stille, wortkarge Geschöpf vor ihm mit dem treuherzigen Blick, dem hilflosen
Zucken um die Lippen und sie sah ihn ratlos an, als Agaton wie erleuchtet
lächelte.
    »Sie sind immer so traurig, Fräulein Käte,« sagte er.
    Sie nickte
    »Sie müssen sich einmal recht von Herzen freuen.«
    »Aber wie kann ich das,« erwiderte sie seufzend.
    »Nur einmal, eine Stunde lang, sollen Sie froh werden! Vertrauen Sie mir!«
    »Sie sind so merkwürdig, Agaton. Man muss Ihnen vertrauen, auch wenn man
nicht will.«
    »Und Sie wollen tun, was ich verlange?«
    »Was verlangen Sie denn?«
    »In unserem Hof steht ein Schlitten. Da sollen Sie sich hineinsetzen. Ich
fahre Sie.«
    »Jetzt? Um Gotteswillen, jetzt! Ich kann nicht. Meine Mutter lässt mich nicht
fort.«
    »Ihrer Mutter dürfen Sie alles gestehen, wenn wir zurückkommen. Ich ziehe
meine Schlittschuhe an und wir fahren bis zum See bei Weinzierlein.«
    »Bis zum See? Nein Agaton, das ist zu weit.«
    »Jetzt dürfen Sie nicht kleinlich und furchtsam sein. Ich hab' auch noch ein
dickeres Tuch für Sie und einen Mantel meiner Mutter.«
    Käte zögerte noch immer, aber Agatons Blick und Wesen, in dem etwas
Triumphierendes und Flammendes lag, überredeten sie unwiderstehlich.
    Eine Viertelstunde später flog der Schlitten auf der Landstrasse dahin und
Agaton auf Stahlschuhen hinterher. Rechts lag der Wald, dann lag er links; das
Mondlicht wohnte in ihm, die braunen Blatter glänzten silbern, die Birkenrinde
strahlte wie Gold, der Schnee lag wie ein faltenloses Gewand und der Himmel
wölbte sich in mattem, kalten Licht.
    »Sehen Sie die Nebelelfen?« fragte Agaton.
    »Ja. Und Irrlichter zeigen den Weg.«
    »Ist Ihnen warm?«
    »Ja.«
    »Das ist gut. Das nächste Mal nehmen wir Mirjam mit.«
    »Wer ist Mirjam?«
    »Meine Schwester.«
    »Sonderbarer Name.«
    »Er ist hebräisch und heisst: die Widerspenstige.«
    »Ist sie widerspenstig?«
    »Ganz und gar nicht.«
    Dies wurde in vollstem Lauf, auf klirrender Schneebahn hin- und hergerufen.
Endlich kam der See. Zauberhaft! Glattgefroren die weite Flache; Schimmer auf
Schimmer, golden, silbern; Millionen blitzender Funken; und Agaton flog hin wie
ein Pfeil!
    Vom Ufer erhob sich eine Gnomenschar, lachend, echoend und tanzte mit weiten
Sprüngen um das Gefährt. Käte schlug voll Entzücken die Hände zusammen, denn
die Landschaft war zum Zauberreich geworden. Man sah Lichter wie in einem Saal;
bisweilen tönte es aus der Ferne wie Gesang von Mädchenstimmen, bisweilen wie
Glockenklang; Ritter und Knappen und edle Damen stiegen aus der Tiefe zum Tanz
gekleidet: hier war einst eine mächtige Burg versunken. Kätes Blut floss rasch
und stürmisch. Sie erinnerte sich nicht, je so glücklich gewesen zu sein, sie
war wie berauscht und Agaton lächelte sie an, seltsam, träumerisch. Wie ein
Sturm fuhr die Sehnsucht -in seine Brust, ein ganzes Land, ein ganzes Volk so
zum Glücke zu verwandeln, selber hinzufliegen in freudig-schauernder Bewegung,
in der Hand die stammende Fackel einer neuen Zeit ...
    Aber Käte erinnerte daran, dass es zehn Uhr sein müsse, und der Schlitten
musste umkehren.
 
                                 Elftes Kapitel
In heiterer Stimmung verliess Bojesen seine Wohnung und der neblige
Dezembermorgen trübte nicht die Klarheit seines Innern. Da begegnete ihm der
Postbote und händigte ihm ein Schreiben ein. Er riss den Brief auf und las:
    Kommen Sie nicht wieder. Lassen Sie mir die Freiheit ganz, die ich einmal
erwählt habe. Ich könnte ja fordern, aber ich bitte nur. Fragen Sie nicht,
warum. Haben Sie nie bemerkt, dass, wenn zwei Schicksale sich verketten, der Weg
doppelt so schmal wird? Das Leben ist zu klein und kann nicht durch einen grossen
Sinn regiert werden. Können Sie sich denken, dass man nicht mehr an all die
schönen Worte glaubt, von Freiheit, Liebe, Seele und so weiter, sondern nur an
das taube, blinde Ungefähr -? Der eine sucht sein Schicksal, den andern findet
es. Kommen Sie nicht wieder!
    Bojesen war nicht genug Frauenkenner, um die matte Energie des gequälten
Schreibens zu durchschauen. Er nahm sich den Brief zu Herzen, kehrte hastig in
seine Wohnung zurück, setzte sich an den Schreibtisch, kaute einige Zeit
beklommen am Federhalter und begann:
    Ich dachte eine starke Frau zu finden und fand eine schwache. Oder wie ist
es? Was soll ich davon denken? Bedeutet das die Schrankenlosigkeit der
Leidenschaft, von der du geträumt hast? Ist es die gewöhnliche, banale
Romanreue? Sind die Flügel schon zerbrochen, ehe man sich über das Dach des
nächsten Philisterhauses erhoben hat? Das Schicksal ist ungewöhnlich mit uns
verfahren, und wir müssen uns ungewöhnlich an ihm revanchieren. Ich sehe dich
noch in deiner Glut, in deinem Lächeln, in deiner Hinreissendheit. Und nun?
    So weit war er gekommen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.
Zurückschauend gewahrte er seine Gattin und zuckte zusammen. »Erich, du
schreibst an eine Frau,« sagte sie langsam und betont.
    Sie war leichenblass und hatte mit der Hand krampfhaft die Stuhllehne gefasst.
    In einem solchen Fall erfindet ein Mann entweder eine zärtliche Lüge oder er
wird brutal. Bojesen lachte, schlug das angefangene Schreiben zusammen und
zerfetzte es. Dann setzte er seinen Hut auf, um zu gehen.
    »Erich, ich kenne sie nicht, diese Frau, aber sie wird dich zu Grund
richten. Ich will mich nicht vor dich hinstellen mit Verzweiflungsausbrüchen.
Ich bin dir nicht gut genug zur Offenheit, obwohl ich zu vielen Dingen nicht zu
gut war, wie das schon so geht.«
    »Aber du phantasierst ja, du träumst,« rief Bojesen, erschrocken und
gespannt.
    »Wir liegen immer noch Bett an Bett und auch du träumst.«
    »Was soll das heissen?«
    »Ich kann oft nachts nicht schlafen, und ich höre und sehe deine Träume. Die
Ampel bescheint dein Gesicht und mit diesem Gesicht bist du dann bei ihr,
verstehst du?«
    Bojesen nagte an seinen Lippen. Er ging und war beschämt. Er kaufte Zigarren
und begann zu rauchen, was er sonst des Vormittags nie zu tun pflegte. In den
düsteren Korridoren des Schulgebäudes traf er die Herren, die, das akademische
Viertel benutzend, gravitätisch oder tiefsinnig umherstolzierten, die Hand aus
dem Rücken oder zwischen dem zweiten und dritten Knopf der Rockbrust.
    Bojesen sah die finsteren Mienen seiner Kollegen nicht, oder gab vor, sie
nicht zu sehen. Doch fühlte er wohl, dass etwas in der Luft lag. Nach Ablauf der
Stunde kam der Pedell und bat ihn zum Rektor. Bojesen lächelte, entliess seine
Schüler, schritt bedächtig die Stufen hinan und stand alsbald vor dem Herrscher
des Schulreiches und fünf der ältesten Herren, die seine Garde bildeten.
    »Herr Bojesen,« begann der Rektor feierlich mit einer fast unmerklichen
Mischung von Sarkasmus und Schadenfreude, »Sie sind uns als Kollege lieb gewesen
und als Lehrer wertvoll. Wir konnten uns täglich von der strengen Tatkraft
überzeugen, mit der Sie Ihr Pensum durchführten. Wir glaubten, in Ihnen dereinst
eine stolze Säule unserer Anstalt zu besitzen, einen verehrten und geachteten
Mitbürger, einen tadellosen Erzieher. Vaterlandsliebe, einwandsfreier,
sittlicher Wandel, Religiosität, das sind Tugenden, die die Brust eines Beraters
der Jugend mehr schmücken als königliche Orden. Wir müssen bekennen, dass wir uns
in Ihnen getäuscht haben.«
    Ein undefinierbares Murmeln der Garde folgte dieser Ansprache.
    »Was wollen Sie damit sagen, Herr Rektor?« entgegnete Bojesen ruhig.
    »Damit soll gesagt sein, dass Sie, wie unsere gewissenhaften Nachforschungen
zweifellos ergeben haben, in bezug auf Ihre moralische Führung nicht geeignet
sind, einen günstigen Einfluss auf die Schüler zu üben, Herr Bojesen, - kurz, dass
Sie sich auf Abwegen befinden. Als Mensch kommt es mir lediglich zu, Sie zu
warnen, Sie kraft meines Alters aus tiefstem Herzen zu warnen. Als Vorstand
dieses Instituts dagegen ist es meine Pflicht, Sie zu bitten, von Ihrer
Lehrtätigkeit Abstand nehmen zu wollen, bis wir die Sachlage an das Ministerium
berichtet und weiteren Bescheid empfangen haben.«
    Bojesens Wangen und Stirn röteten sich und seine Hand zitterte. Doch der
Rektor richtete sich straff empor und fuhr fort:
    »Verteidigen Sie sich nicht. Suchen Sie uns nicht zu überzeugen, wovon es
auch sei. Wir waren vorsichtig in bezug auf unsere Schritte. Sie verkehren in
einer verrufenen Spelunke mit verrufenen Subjekten und verrufenen Frauenzimmern.
Es ist schändlich und für mich als Haupt einer Anstalt, an deren Ruf kein
Flecken haftet, deren pädagogischer Ruhm weit über die Grenzen unseres engeren
Vaterlandes gedrungen ist, ich sage, es ist beschämend für mich, einen solchen
Vorfall konstatieren zu müssen. Ihr unverzeihlicher Fehltritt fällt um so
schwerer ins Gewicht, als Sie verehelicht sind lind trotzdem nicht Ehrgefühl
genug besassen, Ihren Hang zu zügeln. Aber nicht einmal das allein war massgebend
für mich. Nur aus wenigen Andeutungen, die sich scharf in den Geist jugendlicher
Zuhörer graben können, das werden Sie selbst gut genug wissen, ist erwiesen, dass
Sie es im Unterricht nicht verschmähten, skeptische Worte fallen zu lassen, die
die Religiosität der Schüler gefährden konnten, und dass Sie so auf dem
verbrecherischen Wege sind, die scheussliche Zeitkrankheit des Ateismus und der
Pietätlosigkeit mitverbreiten zu helfen. Wir wissen, dass Sie sich mit dem
dimittierten Schüler Agaton Geier auch nach seinem Vergehen noch liebevoll
befasst haben, und jetzt wird mir auch vieles von der unerhörten Tat dieses
irregeleiteten Jünglings klar. Ich hoffe, Sie bereuen und werden ein besserer
Mensch. Für die unschuldigen Blüten, die man Ihnen anvertraut hat, ist ein
anderer Gärtner von nöten. Und jetzt bitte ich Sie, uns zu verlassen. Oder haben
Sie noch etwas einzuwenden? Ich mache Sie aufmerksam, dass unsere Zeit kurz
bemessen ist.«
    Bojesen rührte sich nicht. Seine Augen schauten unverwandt ins Weite, als
suchten sie sich mit den kommenden Stunden der Entbehrung und der Brotlosigkeit
schon jetzt vertraut zu machen. Um seine Lippen spielte ein halb mitleidiges,
halb trauriges Lächeln. Der Rektor blickte ratlos die fünf Gardeherren der Reihe
nach an, die dann in derselben Reihenfolge schweigend die Köpfe schüttelten.
Endlich sagte Bojesen: »Meine Verbrechen sind Verbrechen. Für Sie müssen es
solche sein, natürlich. Ich kann also nichts dagegen einwenden. Aber was die
unschuldigen Blüten betrifft, darüber möchte ich noch ein paar Worte sagen. Das
was ich anstrebte, war, die Schüler von selbst zum Denken zu bringen, aus
Andeutungen und aus Anschauungen ein Gesetz zu konstruieren. Ich habe ihnen aus
der Wissenschaft immer ein schmackhaftes Stück Brot gemacht, nicht ein Pensum
für das Gedächtnis. Aber was Sie, meine Herren, unternehmen, ist aussichtslos.
Sie machen aus der Schule eine Verdummungsanstalt, und kein munter fliessendes
Wasser wird aus diesem Sumpf herauskommen. Alle bleiben unglückselige
Marionetten, oder wie Sie es nennen, faule Schüler. Aber faul sind nur Ihre
Einrichtungen. Wer dem Geist der Jugend etwas nahe bringen will, muss es mit dem
Herzen tun, nicht mit dem Vocabularium. Ich möchte sagen, er muss ein wenig
spielen dabei, Sie müssten beinahe ein wenig Künstler sein. Hat mein verehrter
Kollege, - verzeihen Sie: Exkollege, Lehrer der Geschichte, jemals daran
gedacht, den Schüler mit den grossen, menschlichen Dingen der Geschichte vertraut
zu machen? jemals den Geist des grandiosen Zusammenhangs zu erklären versucht?
jemals ein farbenreiches Bild daraus gemacht, und das wäre von höherem,
sittlichem Wert als hunderttausend Jahreszahlen und Dynastiennamen. Und was
Religiosität betrifft, Herr Rektor, so haben Sie keine Angst um mich. Beide
zeigen sich nicht im Götzendienst. Was Sie mit diesen schönen Worten meinen, ist
Duckmäuserei und Frömmelei. Vielleicht kommt die Zeit selbst für Sie noch, der
Sie graue Haare haben, wo Sie mit Kummer an das denken werden, was ich Ihnen
eben gesagt habe. Ich empfehle mich den Herren.«
    Er eilte hinaus und liess die sechs würdigen Schulmänner in unbeschreiblicher
Verblüffung zurück. »Gehen Sie hinunter, Schachno, und verhindern Sie, dass er
mit den Schülern spricht,« sagte der Rektor erregt.
    
    Daran dachte Bojesen nicht. Er hatte bereits das Schulhaus verlassen und
ging bis die Häuser zu Ende waren, bis die Ebene vor ihm lag. Und wie er weiter
und immer weiter ging, vergass er auch mehr und mehr seinen persönlichen Schmerz,
und das Drückende und Gedrücktsein, das in ihm war, löste sich auf in allgemeine
Wehmut um etwas unbestimmtes Verlorenes, in eine wie hingehauchte Trauer um
vergebliches Ringen. Er empfand jene Müdigkeit zu denken, die zu vagen, aber
tröstlichen Bildern führt, bis an die Pforte der Melancholie, wo sie sich mit
liebevoller Innigkeit an alle Gegenstände der Natur hängt und auch dem
zufälligen Flug eines Vogels eine tiefe, vorbedeutungsvolle Wichtigkeit
verleiht.
    Still und neblig, wie erfroren, lag da oder dort ein Dorf. Gleich einer Wand
von Schleiern erhob sich bisweilen ein Gehölz. Der Himmel war unbeweglich; keine
einzelne Wolke war zu sehen, nur eine schwerhingezogene Decke. Dornenhecken
standen am Weg und vermehrten das Grüblerische, Insichgekehrte dieser
Landschaft. Raben flogen lautlos über die Äcker, setzten sich majestätisch auf
schwarze Erdschollen, die aus dem Schnee ragten und guckten furchtlos mit
schlauen und boshaften Augen auf den Wanderer.
    Als es dunkelte, kam er zurück in die Stadt, und es war ihm, als ob er ein
Jahr lang fortgewesen wäre. In langsamem Gleichmut als wäre es die Folge eines
weit zurückliegenden Entschlusses, wanderte er nach der Richtung von Jeanettens
Wohnung und fand sie zu Hause.
    Sie war nicht erstaunt, ihn zu sehen und reichte ihm ruhig die Hand.
    »Man weiss natürlich schon in der ganzen Stadt, wo ich bin und was ich
treibe,« sagte sie im Lauf des Gesprächs verächtlich. »Die Herren der
Gesellschaft werden zum siebenten Himmel kommen, und ich werde die Sensation
sein, der Stadtklatsch. Das ist mir widerlich. Wenn ich mit meinen Vorübungen
fertig bin, geh ich nach Paris. Ich brauche anderes Leben. Es wird auch ein
anderer Tod sein, wenn es so kommt.« Sie lachte.
    »Fort gehst du? Und was für Vorbereitungen meinst du?«
    »Tanz! Die menschlichen Leidenschaften im Tanz. Der Tanz soll wieder Kunst
werden. Ich denke zum Beispiel an einen Tanz der Liebe. Alles ist Feuer,
hinneigende und verborgene Glut. Jede Linie andächtig und verzückt und
schliesslich die unterdrückte Erregteit. Dann der Hass. Offene Glut, wildes
Gebärdenspiel, wildes Spiel aller Linien. Dann viele andere. Ich denk es mir
wundervoll. Eure andern Künste haben abgewirtschaftet. Sie beruhen auf der
Eitelkeit. Es gibt nur noch Wissenschaft und Tanz in der Zukunft.«
    Bojesen sah hilflos vor sich hin. Redensarten, dachte er.
    Jeanette begann jetzt wieder zu tanzen: auf den Zehen, den Körper in
wellenhaften Bewegungen vor-und zurückbiegend und mit schwärmerischem Gesicht
und weitgeöffneten Augen in den Spiegel schauend. Dann holte sie Wein, dessen
Purpur in den dunklen Gläsern und in der beginnenden Dämmerung schwarz erschien.
    Währenddem öffnete sich die Tür und Bojesen sah einen alten, sehr gebückten
Mann mit einem Hausierkasten sich mühselig hereinschleppen. Es war Gedalja, den
Jeanette vor einiger Zeit auf der Strasse getroffen hatte und der nun fast
täglich zu ihr kam. Er setzte keuchend den Kasten am Ofen nieder und trocknete
sich die Stirn mit dem Rockärmel. Bojesen schaute Jeanette an, begriff und
wollte gehen. Aber sie befahl ihm durch einen Blick, zu bleiben und zündete die
Lampe an. »Hast du was verkauft, Grossvaterle?« fragte sie, die Hand in die des
Alten legend.
    Gedalja verneinte. »Se welln nix haben. Se sind alle versehen. Se welln bloss
ihren Spass haben mit em alten Juden. Ich will nit klagen, Enkelin, nit klagen.
Aber was for Gesichter wer ich sehn, wenn ich sterb'? Wer wird reden zu mir in
die lange Nächte? Hast de schon gesehn en alten Mann über neunzig, wo hat kein
Haus un kein Hof und kein Bett? Bin ich nit gewesen e Vieh, dass ich nit gewesen
bin e Wucherer un e Betrüger? Wo soll ich haben en neuen Rock, wenn der wird
sein zu Fetzen? Wo sin meine Kinder, dass se sitzen zu meine Füsse und lauschen
meine Worte? O Enkelin, es is gut, zu nehmen e Schwert und zu zerreissen sein
eignes Herz.«
    Bojesen blickte nicht vom Boden empor. Gedalja begann wieder: »Ich waass nit,
was de hast getan un was de hast vor im Leben, Jeanette. Aber ich seh d'rs an an
deine Stirn und deine Augen, dass de willst hoch naus, dass de hast überspannte
Gedanken vom Leben un von die Menschen. Es gibt im Jüdischen e Sprichwort un
haasst: wenn Schabbes-Nachme afn Mittwoch fallt, kriegt die Schmue Vernunft. So
is es mit deine Pläne. Schabbes-Nachme fallt alleweil afn Schabbes,
natürlicherweis. Sei vernünftig vorher! Sei immer bei dir un hab gut acht auf
deine Handlungen. Schlaf nit ein in der Nacht, wenn de nit hast ausgelöscht 's
Licht; nor die Toren scheuen den Schlaf beim Finstern. Bleib' e gute Jüdin, wenn
de aach nit glaubst, denn wir sin e grosses Volk mit bedeutende Gelehrte. Merk
d'r was ich hab' gesagt. Haste vielleicht was z'essen? Hab Hunger. Bin in ganzen
Tag rumgeloffen, bis nach Burgfarrnbach nüber.«
    Bojesen, dem es schwer ums Herz war, schickte sich zum Aufbruch an. Jeanette
begleitete ihn liebenswürdig hinaus, sagte aber nichts. Er hasste diese
Liebenswürdigkeit an ihr, die undurchdringlich war wie ein Panzer.
    Er irrte lange Zeit durch die Strassen, ass gegen sieben Uhr irgendwo zu
Nacht, setzte seine ruhelose Wanderung fort und kam endlich wieder vor
Jeanettens Wohnung an, wo immer noch die Fenster erleuchtet waren. Am
gegenüberliegenden Haus sah er einen jungen Mann im Schnee stehen. Er glaubte,
diese blassen, unbestimmten Züge zu erkennen, ging hinüber und stand vor
Nieberding, der den Blick nicht von Jeanettens Fenstern wandte. Bojesen lächelte
ironisch. Der andere gewahrte ihn, und eine Zeitlang standen sie Auge in Auge,
ohne eine Bewegung. »Wie lange stehen Sie schon?« fragte endlich Bojesen mit
schlecht verhehltem Spott. Aber Nieberding überraschte ihn, indem er ihm die
Hand bot und sagte: »Weshalb wollen Sie mich verhöhnen? Was würden Sie sagen,
wenn ich bissige Reden führte, weil ich Sie etwa am Grab Ihres Vaters sähe? Ich
stehe am Grab meiner Liebe. Es ist mehr als eine Phrase.« Er schob seinen Arm
unter den Bojesens und zog ihn mit sich fort.
    »Aber sind Sie jetzt nicht glücklich?« fragte Bojesen noch immer
sarkastisch.
    »Glücklich? weil ich leide? Allerdings in gewissem Sinn.«
    »Sie sind Arzt?«
    »Verzeihen Sie, - ein Wort: kommen Sie eben von ihr?«
    »Nein.«
    »Ob ich Arzt bin? Nein. Ich war es.«
    »Ein schöner Beruf.«
    »J - Ja!«
    »Aber er macht hart, grausam.«
    »Im Gegenteil. Aber Sie spotten immer noch.«
    »Im Gegenteil -?«
    »Er hebt uns. Macht weich, bereichert die Gefühle.«
    »Das sind Worte. Es gibt solche und solche Ärzte.«
    »Allerdings.«
    Darauf schwiegen sie. »Verzeihen Sie,« sagte Nieberding, »darf ich Sie zu
einem Abendessen einladen?«
    »Danke, ich habe schon gegessen.«
    »Aber dann kommen Sie auf ein Glas Wein zu mir.«
    »Wenn es Ihnen nicht unbequem ist -.« Nieberdings offene Herzlichkeit und
seine kindlich-schüchterne Art, zu fragen, beschämten Bojesen ein wenig. Bald
sassen sie in Nieberdings kleinem Salon, wo ein behagliches Feuer brannte.
Bojesen sah hier Jeanettens Schatten weilen und empfand eine nagende Unruhe.
Cornely kam mit ihrem rätselhaften Lächeln und für Bojesen war es seltsam zu
sehen, wie sie den Bruder verehrungsvoll küsste und wieder ging.
    Nach einem schier endlosen Schweigen fragte Nieberding hastig: »Was halten
Sie von Jeanette Löwengard?«
    Bojesen schwieg und zuckte die Achseln. »Sie ist ein feines Tier,« sagte er
endlich leise mit einem lauernden Zucken der Mundwinkel.
    Nieberding blickte verletzt auf. Aber im Nu unterwarf er sich Bojesen
wieder.
    »Und Sie,« fuhr Bojesen fort, »welche Art von Frauen lieben Sie eigentlich?
Sagen Sie nicht, dass es Jeanette sei, das steht Ihnen fern. Sie lieben die
schlanken, überzarten Formen, Sie lieben Frauen, die grösser sind als Sie, die
präraphaelitischen Gestalten, hab' ich nicht recht?«
    Nieberding blickte furchtsam sein Gegenüber an. Er wagte nicht zu
widersprechen. Bojesens weit aufgerissene Augen schienen etwas anderes zu sagen,
als was er jetzt sprach. Sein Mund war ein wenig geöffnet, und seine Haltung
glich der einer Katze. Er war wie verwandelt.
    Nach einer Weile begann Eduard Nieberding: »Sie haben neulich beliebt, mich
als den Typus des modernen Verfallsjuden hinzustellen. So war es doch, nicht?
Ich habe viel darüber nachgedacht. Wenn etwas von Ihren Anschauungen begründet
ist, ist es dies: wir wirklich modernen Juden haben ausgehört, Juden zu sein.
Wir sind in unserer Seele Christen geworden. Nicht Christen nach der Form,
sondern nach dem Geist.«
    Bojesen nickte halb verächtlich, halb bekümmert. »Das ist es ja,« sagte er.
»Das ist es, was uns ins Unglück stürzen wird. Ja, Sie werden das Christentum
aufbauen! Wir sollen wieder Mumien werden, da wir angefangen haben, die Fenster
zu öffnen und die Moderluft zu vertreiben. Sind wir nicht ein krankes Geschlecht
bis ins Mark? Sehen Sie mich an, was ich bin! Heute bin ich neunundzwanzig! Was
werde ich mit vierzig sein! Das geistige Christentum! Und wie belieben Sie das
andere zu nennen, das unsere säftereiche Nasse aufgelöst und vernichtet hat
binnen sechzehnhundert oder weniger Jahren. Was ist schuld, wenn wir den
natürlichsten Vorgang des Lebens zu einem Akt der Lüsternheit machen? Wenn wir
in den Schulen Maschinen züchten, statt Menschen? Wenn tausende von grossen
Weibern auf der Gasse und in Spezialitätenteatern lungern und eine anämische
Herde tummelt sich im Salon? Wenn wir nicht hinauskommen über die niedrigen
Begriffe von Ehre und Nächstenliebe, wenn unsere Dichter Hysterie für Tragik
nehmen? Sie, moderner Jude, sind daran schuld mit Ihrem Mystizismus und Ihrem
asketischen Verlangen, der Sie im Schnee stehen und Ihre Geliebte nur seelisch
begehren, der Sie das frevelhafte Wort von der Selbstüberwindung neuprägen. Ja,
ja! richten Sie nur das Christentum wieder auf! Hauen Sie nur die Renaissance,
von der grosse Menschen geträumt haben, in Stücke, bevor sie geboren ist! Nur
zu!«
    »Mit all dem sagen Sie eigentlich nichts Neues,« erwiderte Nieberding
traurig und mit gesenkter Stimme. »Aber das ist ja gleich, wenn Sie es fühlen.
Ist es denn so schlimm? Wieviel Poesie und Verklarung hat uns nur allein die
katolische Kirche gegeben.«
    »Lassen Sie uns hier nicht von Poesie reden. Lassen wir die Poesie beiseite,
samt der Verklärung, ich bitte Sie. Das sind triste Dinge, zu deren Verteidigung
die Poesie der katolischen Kirche nötig ist. Und reden Sie niemals per uns,
wenn Sie so etwas sagen, das ist ein wenig komisch. Sie sind ein Emigrant, und
es gibt kein Bindeglied zwischen Ihnen und uns. Beachten Sie die Zeichen der
Zeit. Rekrutieren Sie sich, seien Sie nicht blind.«
    »Warum denn? warum?« rief Nieberding und sprang mit verzweifelter Gebärde
empor. »Haben wir denn noch nicht genug bezahlt? mit Leib und Leben und Seele
und Freiheit bezahlt? Ist es denn unmöglich, euch zu befriedigen? Seit
Jahrhunderten dienen wir euch, unsere Besten haben so viel Gutes gewirkt, dass
ihr es heute noch nicht einmal ermessen könnt, wir lieben eure Sprache, wir
haben unser Blut für euer Vaterland vergossen, keine Werbung war uns zu
demütigend, im stillen sassen wir und harrten auf das Licht der Erlösung und als
ihr uns das schenktet, wofür ein eingesperrt gewesener Hund euch nicht einmal
die Finger lecken würde, da dankten wir euch durch einen ungemessenen
Überschwall von Kräften und Talenten, - und trotz alledem, wenn heute ein
beschnittener Kerl bankrott macht, so wendet sich euer unverborgener Hass nicht
gegen ihn, sondern gegen uns und die verlogenste von allen verlogenen Phrasen
muss aufmarschieren, um euch einen Schein von Grund und Recht zu geben: ihr
sprecht von Rassenhass und Nassenkluft, wo es besser wäre, von dem Neid und dem
Geifer des Stumpfsinns zu reden, und als ob nickt ein Pommer und ein Franke von
verschiedenerem Blut und Geist wären als ein Jude und ein sogenannter Germane.
Rekrutieren sollen wir uns? Was heisst das? Sollen wir ein Land kaufen und einen
Staat gründen? Das hiesse uns vernichten. Wir sind stark als Einzelne, das ist
eben das Geniale an uns, wenn Sie das kühne Wort verzeihen wollen; als Nation
wären wir das Gespött der ganzen Welt. Wir sind stark als Helfer, als Diener des
Geistes, wir sind gross als Priester, aber wir sind nicht ein Volk, das zu
politischen Taten aufgelegt ist.«
    Bojesen blickte überrascht in das Gesicht des jungen Mannes, das durch die
Erregung beinahe schön war. »Sie haben Recht,« erwiderte er ernst. »Und doch
kann nicht geleugnet werden, dass wir viel schneller dem Abgrund zurollen, seit
die Juden emanzipiert sind, wie das prächtige Wort nun einmal heisst. Ich kenne
so viele gebildete Juden, wirkliche Menschen, Künstler oder Männer der
Wissenschaft oder auch Kaufleute, aber ich muss sagen, so sympatisch und lieb
mir die meisten sind, sie haben alle einen seelischen Defekt, einen sittlichen
Krankheitsstoff, der ihre andersblütige Umgebung alsbald ansteckt. Worin das
besteht, ist mir ein Rätsel. Aber sie sind es, die mich immer am schmerzlichstes
empfinden lassen, dass wir im Begriff sind, eine Nation vom Säufern, Strebern und
Phlegmatikern zu werden. Ihr seid eben Dämmerungskinder, Propheten der
Dämmerung, manchmal vielleicht der Morgendämmerung, diesmal aber sicher der
Abenddämmerung. Tragt ihr nicht einen grossen Teil der Schuld, wenn unsre Reichen
und Vornehmen Geist und Ohren mit Musik verstopfen? Niemals war ein blödsinniger
Musikkultus zu solchen Ehren gelangt. Es mutet mich so kindisch an, wenn in
Paris die Gräfin Rotschild ihre Hündin mit dem Hund eines Marquis oder Lords
öffentlich und feierlich verlobt und unter grossem Gepränge Hochzeit halten lässt.
In Rom war das alles seinerzeit viel grossartiger. Wir können nicht einmal eine
anständige Dekadenze inszenieren. Unsere gute Gesellschaft ist ausschliesslich
auf das Vertreiben der Langeweile angewiesen und die Kunst hat keine
Lebensnotwendigkeit, sondern sie verrichtet Hofnarrendienste oder gefallt sich
in volksfremder Unnahbarkeit oder wird zum weltflüchtigen Traum. Betrachten Sie
nur einmal eine Erscheinung wie Richard Wagner. Wie aufgedonnert, wie asketisch,
wie mönchisch, wie schmerztrunken, wie jüdisch! Daher auch sein rasender Hass
gegen das Judentum.«
    Eine Zeitlang war es still im Zimmer. Beide schauten finster sinnend in ihre
Gläser. Dann begann Bojesen von neuem:
    »Und doch! und doch! Ich weiss nicht, welcher Dämon mir diesen Gedanken
eingegeben hat: es ist mir, als müsse gerade aus den Juden noch einmal ein
grosser Prophet aufstehen, der alles wieder zusammenleimt. Es ist selten, aber
bisweilen trifft man einen Juden, der das herrlichste Menschenexemplar ist, was
man finden kann. Alle reinen Glieder der Rasse scheinen sich vereinigt zu haben,
ihn hervorzubringen, ihn mit allen köstlichen Eigenschaften auszustatten, die
die Nation je besessen hat: Kraft und Tiefe, sittliche Grösse und Freiheit, kurz,
alles und alles, ausgenommen vielleicht den Humor. In seinem Kopf sitzen ein
paar Augen voll Mildheit und Güte, man möchte sagen Frommheit in einem neuen
Sinn, feurig und doch wieder schüchtern, phantasievoll und nach keiner Seite hin
borniert, - kurz, wundervoll.«
    Nieberding spielte mit einer Aschenschale, die in Form einer Ampel an einem
Traggestell hing. Er drehte das mattbraune Gefäss um die eigene Achse, wobei die
Kettchen klapperten. »Es ist sonderbar,« sagte er, »wie alles, auch das
Bedeutende und Wichtige, gering erscheint, wenn man es mit dem eigentlichen Sinn
des Lebens vergleicht.«
    »Ja aber was ist der eigentliche Sinn? Hoffentlich antworten Sie nicht wie
der gelehrte Mann, den ich einmal fragte, was er selbst für einen Zweck habe, da
er die Welt schrecklich vernünftig fand. Ich bin eine Verdichtungsmaschine,
sagte er patetisch.«
    »Ach, ich meine nur alles zusammengenommen gegen das Unendliche betrachtet.
Symbol, Symbol, alles nur Symbol. Kennen Sie dieses Experiment der Fakire: sie
bezeichnen einen Kreis im Zimmer, dessen Peripherie niemand überschreiten darf.
Dann schauen sie, es ist helllichter Tag, fest auf eine Kerze und plötzlich, der
Fakir selbst steht am andern Ende des Zimmers, plötzlich brennt die Kerze, ohne
dass jemand daran gerührt. Nun ist aber das Seltsame, sowie einer die
vorgeschriebene Kreislinie überschreitet, ist das Licht für ihn verschwunden.
Das entält für mich ein Stück Lösung des ganzen Lebensrätsels.«
    »Ich muss gehn,« sagte Bojesen, »es ist spät.«
    »Wieviel Uhr ist es?«
    »Zwölf.«
    »Schon! Darf ich Sie begleiten?«
    Sie gingen. Kalt und klar war die Nacht, bis an die fernsten Grenzen
lichtlos und still. Nieberding murmelte:
»Mühsam ist der Pfad und lang,
kein geschmückter Priester schreit
ein versöhnliches Gebenedeit,
wenn dein Fuss im Finstern vorwärts drang.«
    »Von wem ist das?« fragte Bojesen.
    »Von Gudstikker. Er hat ein Buch sehr schöner Verse veröffentlicht. Ich muss
ihn aufsuchen, muss mit ihm sprechen. Ein grosses Talent.«
    »Kein Charakter, doch ein Genie,« sagte Bojesen bitter
    »Was meinen Sie damit?«
    »Nun, dieses grosse Talent, - ich kenne es genau und schon lange. Eine
Intrigantenseele, ein verwickelter Lügenkomplex. Was soll man dazu sagen. Die
Kunst eines solchen Menschen ist vergänglich, selbst wenn sie für den Augenblick
noch so sehr blendet.«
    Sie gingen vorbei an Bojesens Wohnung und wanderten weiter in die Stadt
hinein. Ihr Schweigen war nicht das von vertrauten Menschen, sondern ein
beunruhigtes und misstrauisches. Selten waren noch Fenster erleuchtet. Der Turm
einer Kirche erhob sich plötzlich auf einem Platz und dies gab der ganzen
Umgebung einen solchen Ausdruck stummer Majestät, dass Bojesen glaubte, mit
verschärften Ohren könne man die Orgel klingen hören. Auf der Königsstrasse
blieben sie vor einem kleinen Wirtshaus stehen. Durch die grünverhängten Fenster
drang die Fistelstimme einer Soubrette, die ein laszives Lied mit entschiedener
Betonung zum besten gab. Die Stimme war so, dass man die Haltung des Körpers
darnach beurteilen konnte; ja, man glaubte, die falsch lächelnden Lippen und die
gezierten Gesten zu sehen. Wütendes Händeklatschen belohnte die Leistung, und
der Klavierspieler gab einen Tusch. Da sah Bojesen, wie sich Nieberding an den
Kopf schlug, auflachte und wieder auflachte und dann davonstürzte. Bojesen sah
ihm kopfschüttelnd nach und setzte seinen Weg allein fort.
    Auf einmal sah er eine Schar von zehn bis zwölf Knaben auf der Strasse
stehen, sich lautlos um einen Mittelpunkt scharen, sich lautlos ordnen und dann
ebenso geheimnisvoll die Strasse hinausmarschieren. Sie trugen die schwarze Mütze
der Waisenhauszöglinge bis auf zwei, die an der Spitze gingen. In dem einen
erkannte Bojesen sofort Agaton Geier.
    Bojesen, zu erstaunt, um nach Gründen zu raten, beschloss, dem Zug zu folgen.
Er empfand eine unerklärliche Scheu, die ihn hinderte, Agaton kurzweg
anzureden. Die Wanderung ging über die schlechten und winkeligen Gassen des
Altstadtviertels und über den Schiessanger und Bojesen wurde so begierig, zu
erfahren, was all dies bedeute, dass er seine Vorsicht vergass und sich den Knaben
zu sehr näherte. Einige standen still und wandten sich ihm zu. Agaton kam,
stutzte, erkannte ihn, liess den Kopf sinken und schwieg. Der Himmel schien von
einem weit entfernten Licht innerlich erleuchtet und Bojesen konnte jeden Zug in
Agatons Gesicht erkennen.
    »Tun Sie es nicht! Folgen Sie uns nicht!« sagte Agaton endlich stehend.
    »Was geschieht hier, Agaton?« fragte Bojesen, und er war seltsam bewegt,
aus einem Grund, der ihm später zu denken gab. Er war matt und feig geworden
diesem jungen Menschen gegenüber.
    »Nichts Unrechtes, Herr Bojesen,« entgegnete Agaton, heftete den Blick fest
in den des Lehrers und lächelte so, dass Bojesen ihm die Hand hinstreckte. Er
machte sich auf den Rückweg, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen. »Wie
romantisch,« murmelte er und suchte sich im Innern über Agaton zu stellen; aber
sein Herz war beklommen.
    Am andern Tag, als er über die Wiesen spazieren ging, sah er Agaton von
ferne. Er hatte nicht das Verlangen, ihn anzureden; er empfand ein Vertrauen zu
ihm, das ihm Neugierde als etwas Verächtliches erscheinen liess. Agaton ging
langsam, mit in sich gekehrtem Blick; seine Kleider waren etwas beschmutzt. Noch
nie hatte Bojesen den Ausdruck einer solch gespannten Erwartung, eines fast
atemlosen Lauschens in einem Gesicht erblickt. Am Eingang des Nadelwäldchens
entschwand er seinen Blicken.
    Gegen drei Uhr kam Agaton ins Dorf zurück. Er begegnete Frau Olifat, die
aus ihrem Haus kam. Sie bemerkte seinen Gruss nicht. Auf ihrem Gesicht lag etwas
so finster Drohendes neben einer bangen Ratlosigkeit, ja Verzweiflung, dass
Agaton ihr erschreckt nachsah, dann eilends ins Haus ging und am Wohnzimmer
pochte. Das kleine Mädchen öffnete, legte den Zeigefinger auf die Lippen und
deutete dann wortlos auf das Sofa, wo Monika lag. Agaton schlich auf den
Fussspitzen hin. Sie schien zu schlafen. Ihre Wangen glühten. Durch die
geschlossenen Lider und die langen Wimpern schimmerte es wie von aufbewahrten
Tränen. Der Körper lag in einer gequälten Lage, der Kopf und die Beine nach
rückwärts gebogen. Die Finger waren in den Stoff des Polsters eingekrampft, die
Lippen waren in leiser Bewegung. Agaton ging es wie ein Stich von der Stirn bis
zum Knie. Nicht nur Angst und Schrecken waren es, sondern er hatte plötzlich die
unwiderstehliche Begierde, diese unhörbar flüsternden Lippen zu küssen. Die
wogende Brust des Mädchens, die leidenschaftliche Glut, in der sie lag, hilflos
einer Wucht von Träumen überliefert, der schwach geöffnete Mund mit den
begehrlich blitzenden Zahnen, - das liess Agaten schaudern, und er verdeckte die
Augen mit der Hand. Aber noch deutlicher sah er so das Bild, und er seufzte
schwer, streichelte flüchtig, wie huschend, das glatte Haar der kleinen Ester
und verliess das Zimmer. Alles Klare, Gute, Getröstete seines Innern war wie
verblasen. Er ging heim, es dunkelte schon, und er war so erregt, dass er wie
blind umhertappte. Das Haus war wie ausgestorben; doch als er in den Flur trat,
um in seine Kammer zu gehen, stand wieder wie damals die Magd unter ihrer Türe.
Wieder wie damals stand sie breit und gleichsam wartend vor dem düstern
Kerzenschein. Ein trotziges und sinnliches Lächeln umspielte ihre dicken Lippen
und Agaton starrte sie furchtsam an, wie ein Schicksal, dem er nicht entrinnen
konnte. Sie sprach ihn an, aber er hörte es nicht; sie tätschelte seine Hand,
und er fühlte es nicht. Sie nahm sein Gesicht mit grober Zärtlichkeit zwischen
Daumen und Zeigefinger ihrer Linken und lachte; er war wie versteinert.
Begierde, Trotz und Scham wollten fast seine Brust sprengen. Endlich machte er
sich keuchend los und stürzte mit drei Sätzen die morsche Treppe hinab.
    Die Finsternis des Hofes empfing ihn, - es wurde ihm zu eng. Er eilte
hinaus, bis in die Felder und über den Kirchhof und wusste nicht, wieviel Zeit
verronnen war, als er wieder vor Frau Olifats Haus stand und hinaufschaute. Da
öffnete sich die Gartentür; Monika war es. Sie blickte hinauf und hinunter, und
als sie Agaton gewahrte, erschrak sie, kam schnell auf ihn zu, stockte, machte
wieder ein paar Schritte, stockte wieder und fiel endlich nieder, umklammerte
fest Agatons Knie und begann klagend und kummervoll zu schluchzen.
    Agaton wurde bis in die Lippen bleich. »Was ist denn nur!« stammelte er.
Aber sie antwortete nicht, er sah ihre Schultern zucken, und ihr Weinen wurde
immer verstörter und fassungsloser. Es schien aus einer Tiefe zu kommen, wohin
sonst nicht leicht ein menschlicher Schmerz gelangt. Agaton wollte sie
emporziehen, doch sie wehrte ihm heftig, fast zornig. Endlich und ganz
unerwartet war sie still geworden, hielt die Schläfe mit beiden Händen und sah
zu ihm auf mit einem gebrochenen Blick, in dem etwas Böses und Schuldiges war
und der von einer Andern zu kommen schien als jener Monika, die Agaton bisher
gekannt. Er wagte nichts zu sagen.
    »Ach, Agaton,« flüsterte endlich Monika mit einer weitentfernten Stimme,
»ich hab dich erwartet, so lange, so lange. Denke nicht schlecht von mir, tu's
nicht. Höre mich an, wenn du kannst und verstoss mich nicht. Es hat Gott gewollt,
dass ich hier so werden sollte, wie ich bin. O Agaton! Agaton!« Und sie blickte
mit dem Ausdruck tierischer Verzweiflung in sein Gesicht. Da stieg in Agaton
eine Angst vor ihr auf, wie sie in einer finstern Landschaft kommen mag, wenn
uns vor einem unsichtbaren Begleiter graut. Er machte sich los von ihr; aus
irgend einem Grunde erschien sie ihm niedrig, er drückte ihr unentschlossen die
Hand und sagte beklommen gute Nacht. Kaum war er fort, so bereute er tief, was
er getan, doch die Stimme des Lämelchen Erdmann schreckte ihn empor aus seinem
Brüten. Lämelchen Erdmann stand vor dem Wirtshaus, focht mit den Armen durch die
Luft und schrie Agaton zu, den er im Schein des Laternenlichts erkannte:
    »Hel Agaton! schnell! Dein Vater! Dein Vater!«
 
                                Zwölftes Kapitel
In dem dumpferhellten Vorflur der Schenke standen mit aufgerissenen Augen ein
paar jüdische Händler, die um diese Zeit zu einem Glas Bier zu gehen pflegten,
ausserdem zwei Bauern: Jochen Gensfleisch und Jochen Wässerlein, dann Lämelchen
Erdmann, der Gendarm Pavlovsky, wie immer schnaufend und wild um sich blickend,
als wünsche er einen Widersetzlichen zu zermalmen und der Wirt selbst mit dem
Gesicht eines alten Komödianten.
    Gegen neun Uhr war Lämelchen Erdmann in die Schenke gekommen und die beiden
Bauern hatten ihren Spass mit ihm zu treiben und ihn zu zwingen versucht, die
gelbe Katze des Wirts beim Schwanz zu fassen und emporzuheben.
    Lämelchen blickte, bebend am ganzen Körper, um sich. Alle wussten, dass er
einen namenlosen Abscheu vor Katzen hatte. Er wich jeder Katze in weitem Bogen
aus und wenn die Katzen des Nachts vor seinem Hause schrien, verstopfte er sich
die Ohren und lag dennoch voll fiebernder Furcht in seinem Bett.
    Die jüdischen Händler, die schwatzend an einem Tisch beisammen sassen, wagten
dem bedrängten Alten nicht beizustehen; sie runzelten die Stirn und sahen halb
furchtsam, halb entrüstet hinüber. Der Wirt suchte sich ins Mittel zu legen,
aber jetzt kamen der Doktor, der Schmied und der Apoteker herein und lachten,
als sie sahen, dass Jochen Wässerlein die Katze nahm und sie wie einen Pelz
Lämelchen Erdmann um den Nacken legte und wie der Unglückliche dann dastand mit
einem Gesicht, das nicht mehr Angst, nicht mehr Schrecken ausdrückte, sondern
etwas, das jenseits aller menschlichen Empfindungen lag. Das Kätzchen, das nicht
scheu war, blieb faul sitzen, blinzelte, schloss die Augen und fuhr behaglich
fort zu schnurren.
    Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Elkan Geier taumelte herein. Kopf,
Gesicht, Hände und Kleider waren mit Kot besudelt, was um so sonderbarer war,
als draussen überall Schnee lag und alles im Umkreis gefroren war. Seine Haare
hingen steif, in drei oder vier Strähne verteilt, auf die Augenbrauen herab, den
Hut schien er verloren zu haben. Sein Gesicht war weiss wie Kalk, eingefallen und
verzerrt, in seinen Augen flackerte ein unstetes und beängstigendes Feuer, sein
Mund war nicht geschlossen. Er machte eine weitausholende Gebärde wie ein
Betrunkener, stützte sich mit beiden Händen auf eine Stuhllehne und sein Kopf
sank tief zwischen seine Schultern.
    »Allmächtiger Gott, was haste denn, Elkan?« raunte ihm einer der Händler zu.
»Biste schikker?«
    »Ich weiss gar nicht, was mit mir ist,« sagte Elkan langsam, legte die Hand
über die Augen und sah dann alle, die sich um ihn herumgestellt hatten, mit
leerem Ausdruck an. »Ich war beim Sürich Sperling in der Nacht,« murmelte er,
dicht an den Apoteker herantretend. »Und wie alles still war, rief er nach mir,
dass ich an sein Bett kommen sollte, und er fing an, im Zimmer Gesichter zu
sehen, die von Hause kamen.«
    »Ruf mir meinen Sohn!« schrie er auf einmal, streckte beide Hände vor sich
aus und drehte sich ganz um sich selbst. Er fiel hin wie ein Stock, sein
Hinterkopf stiess mit einem dumpfen Krach an das Tischeck und alle wandten sich
schaudernd ab. Der Wirt schrie nach Wasser. Pavlovsky kam, Lämelchen lief fort
und traf Agaton zufällig auf der Strasse, der Doktor drängte die müssigen
Zuschauer in den Flur und ging dann selbst ratlos hinaus, da der Unglückliche
sich von niemand berühren liess.
    Als Agaton zu seinem Vater trat, nahm ihn der mit beiden Händen beim Kopf,
zog ihn zu sich herunter und flüsterte: »Agaton, ich will dir was sagen, aber
sei still in die Ewigkeit. Ich habe Sürich Sperling durch mein Wünschen in den
Tod gebracht. Ich bin herumgegangen wie ein Geschlagener vor dem Herrn und hab's
auf meinem Herzen lasten gefühlt, dass ich sterben muss, weil mein schuldiges Herz
befleckt ist. Sag nichts, bin ich tot, so Hab ich gebüsst und der jüdische Name
braucht nicht verunreinigt zu werden. Ich wollte mir das Leben nehmen und Hab
mich hinuntergestürzt in den Steinbruch, dass es aussehen sollte wie ein Unglück.
Aber die Decke vom gefrorenen Wasser ist durchbrochen und da Hab ich mich ins
Dorf geschleppt. Was schaust du so? Ich atme schwer und rede schwer. Hol
jüdische Männer, dass sie mich heimtragen.«
    Während Agaton hinter dem Handwagen herschritt, womit der Vater nach Haus
gefahren wurde, während er angstvoll nach einer Aufklärung suchte, die ihm seine
Vernunft verweigerte, stieg seine innere Erregung mehr und mehr. Allmählich kam
ein Nachdenken über ihn, so wie es selten einem Menschen vergönnt ist, in sich
die Dinge der Welt zu sehen. Er war plötzlich nicht mehr jung; Einsicht und
Inspiration überflügelten seine Jahre. Er hatte etwas begangen, wofür ein
anderer sühnte und litt. Er jedoch hatte sich gereinigt und erhoben gefühlt
dadurch; es war ihm danach geschehen, als hätte man seine Hände entfesselt zu
freiem Gebrauch. Er war sehend geworden und alles um ihn herum, Menschen und
Dinge und Fügungen, hatten einen Bund geschlossen, ihn zu schützen. Er hatte
sich keiner irdischen Macht unterworfen gefühlt, doch auch keiner göttlichen.
Eine Stimme in ihm, die aber fremd war und ihn schaudern liess, so oft er sie
vernahm, rief ihn hinaus, rief ihn fort von den Seinen und er ahnte, zu welchem
Krieg sie ihn befehligte.
    Daheim sah er bestürzte und erschrockene Gesichter. Die Kartoffeln standen
unberührt und erkaltet auf dem Tisch. Die Petroleumlampe war ausgelöscht worden,
und die Talgkerze stand auf dem Kommode-Eck in einem mit Grünspan überzogenen
Leuchter. Mirjam sass auf der Bank und hielt den Kopf in den Händen.
    Vor seines Vaters Bett in der Kammer stehend, rief Agaton den bleich, mit
geschlossenen Augen Daliegenden an. Elkan öffnete die Lider mit einem entsetzten
Starrblick. Tiefe Furchen liefen auf beiden Seiten seines Gesichts bis zu den
Mundwinkeln herab und erinnerten an die übertriebenen Falten eines grotesken
Schnitzwerks.
    Agaton stiess mit einer ungeschickten Bewegung an das wackelige Tischchen
vor dem Bett, der Leuchter fiel um und es war finster. Unwillkürlich atmete er
auf, als ob er gewünscht hätte, es möge finster sein. Doch erblickte er an der
Wand, die nur durch einen Bretterverschlag gebildet wurde und einen ursprünglich
grösseren Raum in zwei erbärmliche Löcher teilte, ein glühendes Schimmern, und
als er näher trat, sah er im andern Gemach seine Mutter sitzen, die den
Oberkörper über den Tisch gelegt hatte. Das Gesicht war verdeckt durch die
verschränkten Arme. Vor ihr sass der Gast von damals mit seinem Asketengesicht,
dm dünnen Lippen, den kaltfunkelnden Augen, den hageren Mönchsfingern. Finster
starrte er vor sich hin, als ob er in ein Grab schaute. Und er schaute in ein
Grab. Er selbst hatte es gegraben mit seinesgleichen um darin alles zu
verscharren, was frei und schön ist. Desungeachtet betete er die Worte der
Schrift: Sochrenu lachajim melech chofes bachajim; gedenke unser, o Herr, zum
Leben, der du Wohlgefallen hast am Leben.
    »Vater!« flüsterte Agaton leidenschaftlich. »Vater, hör mich an.«
    »Licht, Licht!« erwiderte Elkan dumpf.
    »Hör mich erst, Vater. Es ist nicht wahr, dass du Sürich Sperling getötet
hast. Ich hab's getan.«
    »Nein, Agaton, du willst eine Wohltat an mir verrichten, aber es ist
umsonst.«
    »Weisst du denn noch, wie es war?«
    »Sobald er nur ins Haus kam, Hab ich ihm das Böseste gewünscht, was malt
einem Menschen zudenken kann. Ich bin auf den Knien vor ihm gelegen und Hab
geschluchzt wie ein Kind, aber er hat kein Erbarmen mit mir und meinen Kindern
gehabt. Wie ein Narr bin ich nach Geld gelaufen und ging über Land und dachte
mir, wenn er doch tot wäre. Und immer war der Gedanke in mir, bis der Tag kam,
wo er dich ins Wasser stiess, und in der Nacht darauf lag ich da und mein
glühender Wunsch war wie ein Engel mit feurigem Schwert, wie auf einer
Feuerkugel schwebte er aus meiner Brust heraus und ging hin und öffnete das Tor
und mein Auge begleitete seine Rachegestalt und sah, wie er aus Bett des Elenden
trat und das finstere Herz durchbohrte und ich lag da und jubelte. Später
freilich bäumte sich meine Seele dagegen auf und das ganze Leben war mir ein
schwarzes Gewand.«
    Atemlos staunend hatte Agaton gelauscht: all das war sein Erlebnis, sein
Gesicht, nur hatte ihn das Schicksal dann nicht verworfen, sondern erhöht.
    »Es war ein Traum, Vater,« sagte er mit seltsamer Freudigkeit und jene
hinreissende Inspiration kam wieder über ihn. »Ich war es, ich hab es getan, mein
Engel schwebte hinüber, meine Rache hat ihn getötet. Ich bin kein Jude mehr und
auch kein Christ mehr und meine Tat ist über dich gekommen, weil du ein Jude
bist und ich von deinem Blut. Weil dein Haus, deine Wände, deine Kleider, deine
Messer und dein Gebet es nicht dulden dürfen, und sie mussten alles das an dich
heften, wovon ich frei war und frei sein musste. Denn ich weiss, was bevorsteht,
Vater, und meine Hände sind schon ausgestreckt für das Werk. Mir ist, als ob mit
Sürich Sperling die ganze christliche Religion gestorben wäre, oder vielleicht
nur der böse Geist in diesem Volk, durch den es hassen musste und Blut vergiessen
und wusste nicht warum und war selber gequält dadurch. Nimm dein Leben wieder,
trag es froher, press es an die Brust, glaube mir, dass du schuldlos bist!«
    Elkan Geier hatte sich erschrocken aufgerichtet und ihm war, als sähe er
seines Sohnes Gesicht in der Dunkelheit leuchten. Dann ächzte er plötzlich
schwach auf und verlor das Bewusstsein. Agaton rief nach Licht.
    In ruhigem Fall sank der Schnee, bisweilen glitzernd und gleissend im
Lichtstrom eines Fensters, als Agaton am späten Abend noch umherwanderte. Er
begegnete Stefan Gudstikker in der Nähe der Ziegelei und wich ihm aus. Er hatte
keine Sympatien mehr für Gudstikker, der zu den Menschen gehörte, die bei ihren
Versicherungen stets die Hand auf das Herz legen. Auch hatte er die Gewohnheit,
wenn er mit einem Menschen in Streit gelegen, dem andern einen langen Brief zu
schreiben, voll von advokatischen Wendungen und rätselhaften Andeutungen auf
Ewiges, Zukünftiges und Unveränderliches, - Lügenworte, Verlegenheitsworte. Er
liebte die eigene Melancholie, prahlte gern vor Unkundigen, verriet die Pläne zu
seinen Arbeiten jedermann in überschwenglichen Schilderungen und Prophezeiungen,
schimpfte über alles Grosse und Anerkannte, sofern es von Lebenden ausging,
erhorchte aber dabei stets des Zuhörers Meinung vorher, der er entweder, wenn es
sein Vorteil heischte, beipflichtete, oder sie in einem hinterlistigen Feldzug
besiegte. All das wusste Agaton, wenn er auch neben diesem Neid, dieser
Verbitterung und Grossmannssucht einen hohen Zug gewahrte, durch den Gudstikker
fähig war, das wirklich Grosse zu verstehen und sich ihm hinzugeben.
    Als Agaton am Haus der Frau Olifat vorbeiging, sah er einen helleren
Lichtschimmer als sonst aus den Fenstern strahlen. Er stieg auf einen an der
Strasse liegenden Quaderstein und erblickte ein Bild voll Frieden. Monika sass am
Klavier in einem alten, blauen Kleid, das die Arme entblösst liess, und sie
spielte in einer schweren, langsamen, tragen Art, das Gesicht nach oben
gewendet, wie wenn sie einer oft gehörten und nun vergessenen Melodie nachhinge.
Ihre sonst so geschwätzige Mutter schien stumm und sah aus, als ob sie ihr
ganzes Leben an sich vorbeiziehen liesse. Agaton wandte sich ab und blickte in
die finstere Landschaft. Er war bewegt. Ziellos ging er weiter, - zur Höhe. In
der Luft hing eine Fülle feinen Schneestaubs. Bald kamen die Tannen und eine
furchtbare Finsternis brütete zwischen ihnen. Fern im Norden sah er den
Lichtschein über Nürnberg. Als er dann wieder umkehrte, gewahrte er den
Kirchturm des Dorfes wie eine drohende Nachtgestalt.
    Wieder ging Agaton vor das Olifatsche Haus, wieder starrte er nachdenklich
zu den Fenstern empor und entschloss sich endlich, trotzdem es schon elf Uhr
geschlagen hatte, hinauszugehen.
    Frau Olifat, eine unansehnliche Dame, die beständig etwas einfältig lächelte
und von ihrer grossen Vergangenheit zu erzählen liebte, lag auf dem Sofa und las.
Monika spielte mit ihrer kleinen Schwester Ball. Sie sass auf einem Schemel, fing
den Ball auf oder warf ihn fort, beides mit gleichgültiger Gebärde und ohne die
Richtung ihres in der Ferne weilenden Blickes zu ändern.
    Agaton setzte sich zu ihr auf einen zweiten Schemel, stützte den Kopf in
die Hand und den Arm aufs Knie und betrachtete Monikas Hände, die weiss und sein
waren, mit schlanken Fingern und blassen Nägeln. An der Linken trug sie einen
spiralförmig gewundenen Ring, der nur locker sass, und den sie bei jeder Bewegung
mechanisch zurückschob. Jede Bewegung selbst schien nur mechanisch, oft sanken
die Hände matt in den Schoss und blieben müssig liegen, selbst wenn der Ball schon
durch die Luft flog; dann legte sie den Kopf zur Seite und liess ihn an sich
vorbeisausen. »Ester muss jetzt zu Bett, il est tard,« rief Frau Olifat, aber
die Mädchen achteten nicht darauf und begannen ein anderes Spiel. Monika setzte
sich auf die Erde und legte zwanzig Spielkarten rund um sich herum. Nun sollte
Ester mit verbundenen Augen die Herz-Dame suchen. Ein seltsames Spiel, um so
mehr, als Monika dabei fortwährend lächelte und gespannt auf die Karten sah; ihr
Lächeln hatte etwas von dem einer Wahnsinnigen.
    »Warum bist du so eifrig beim Spiel, Monika?« fragte Agaton, eigentümlich
bewegt.
    Sie richtete ihre Augen trotzig und verwundert auf ihn. Dann sagte sie:
»Wenn du die Dame erwischst, darfst du mich schlagen, Ester.«
    Sie legte sich mit dem ganzen Körper auf die Dielen, streckte die Arme über
sich hinaus und schloss die Augen.
    Als Agaton sich verabschiedete, folgte ihm Monika mit einem kleinen
Lämpchen in den Flur. Doch ein starker Zugwind schlug ihnen entgegen und löschte
das Licht aus. Eine kurze Zeitlang standen sie unschlüssig im Dunkeln, noch
geblendet vom Licht des Zimmers, dann konnten sie einander sehen und fanden, dass
es gar nicht finster sei. Indes Agaton an der Treppe gute Nacht sagen wollte,
lehnte sich Monika weit über die Brüstung und er sah ihre wilden Augen leuchten.
Er streckte beide Hände nach ihr aus und wusste nicht, wie er sie plötzlich ganz
in den Armen hielt und seine Lippen behutsam und voll Innigkeit auf ihre beiden
Augen drückte. Sie lag wie eine leblose Masse an seiner Brust, und obwohl sie
weder weinte noch sprach, zuckten ihre Lippen unaufhörlich.
    Dann stand Agaton vor dem Gartentor und träumte, sah über das weite,
nachtdunkle, schneeblaue Land, und fühlte gleichsam in seinen Augen, wie sehr er
dies Land liebte, das ihm Heimat war.
    Als er am nächsten Morgen, es war der erste Weihnachtstag, an Estrichs Zaun
vorbeikam, hörte er grimmiges Schelten im Hause. Er lauschte. Es war die
wetternde, böse Stimme des Alten. Er traf dann Gudstikker, der ihm mit grosser
Erzählerfreude den Grund des Streites berichtete. Der Bruder des Alten sei ein
heruntergekommener Mensch, der nichts mehr besitze, als ein ererbtes
Patrizierhaus in Nürnberg, das er nicht verkaufen dürfe. Er sei ein höchst
sonderbarer Kumpan, Alchymist, suche schon seit zwanzig Jahren den Stein der
Weisen und habe dabei ein grosses Vermögen verschwendet. Nun sei er zum Bruder
betteln gekommen. Merkwürdig sei dabei nur, dass Käte an diesem verrückten Onkel
Goldmacher mit überschwenglicher Zärtlichkeit hänge. Onkel Baldewin komme bei
ihr gleich neben der Bibel. »Wie glücklich sich doch manches trifft in der
Welt,« schloss er in philosophischer Art seine Ausführungen, »dass solch ein
närrischer Karpfen auch noch Baldewin heissen muss. Zu dumm!« Er schüttelte sich
vor Lachen, schaute auf seine Uhr, die er dann aus Ohr legte und eilte davon.
    Daheim angelangt, sah Agaton einen Postboten, der für den Feiertagsgang von
Frau Jette ein Trinkgeld erbat. Er hatte die Zeugenvorladung für die Verhandlung
gegen Enoch Pohl gebracht. Frau Jette vermochte kaum ihren Namen unter den
Empfangszettel zu setzen. Elkan Geier würde Zeugnis ablegen - im Himmel. Er lag
in Krämpfen und Fieberträumen und Frau Jette hatte niemand, der ihr beistehen
konnte. Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt, sie konnte das fremde
Maul nicht mehr füttern, sie, die jeden Pfennig bewachen musste.
    Gegen die Mittagszeit entstand ein Schreien und Durcheinanderreden vor den
Fenstern. Agaton blickte hinaus. Die Rosenaus Mädchen verkündeten mit roten
Gesichtern irgend einen aufregenden Vorfall. Agaton hätte es kaum beachtet, da
die beiden zum Zeitvertreib alles zur Katastrophe aufbauschten, aber als Isidor
ihm winkte, hinauszukommen, folgte er und erfuhr, dass sich eine von den
vertriebenen, russischen Judenfamilien auf der Altenberger Landstrasse befinde
und vor Elend und Hunger nicht weiter könne.
    Die Unglücksstätte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt, und als
Agaten dort war, bot sich ihm ein schrecklicher Anblick. Ein Mann, oder nur
noch der Schatten eines Mannes, lag auf der Erde, und seine erloschenen Blicke
irrten stier durch die Luft. Die Frau, ein Weib von etwa dreissig Jahren, das
vielleicht noch vor Wochen schön gewesen war, jetzt aber das Aussehen einer
Greisin hatte, kniete vor ihm und wimmerte wie ein geschlagener Hund. Ihre
Finger schienen erfroren. Sie trug in Tüchern ein Kind auf dem Rücken, ein
zweites, noch Säugling, lag im Schnee, ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren
stand zusammengekrümmt, mit verweintem, schmierigen Gesicht neben ihr, klammerte
sich, schlotternd vor Frost, an ihren Rock und richtete zuweilen in
fremdländischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine Mutter.
    Agaton, nicht geneigt zu träumen, unterbrach das Fragen und Gassen der
andern, schickte Mirjam, die mitgelaufen war, zurück um einen Wagen zu holen,
und da sich die Rosenaus zur Beherbergung der Unglücklichen erboten, waren seine
Dienste bald überflüssig. Erst in der Nacht, die nun folgte, kamen die Gedanken.
Er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit mit seinem Volk, und doch hasste er
dies Volk, - jetzt mehr als je. Er hasste die Frommen und hasste die, die sich des
religiösen Gewands entäussert hatten und wie Trümmer eines grossen Baues verloren
auf dem Ozean des Lebens trieben, verachtet oder mächtig, doch auf jeden Fall
Schmarotzer aus einem fremden Stamm. Inmitten fremden Lebens ein fremdes Volk,
voll gezwungener Fröhlichkeit, in einem unsichtbaren Ghetto. Der alte
Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren zweitausendjährigen
Elends am Leibe spielen sie die Herren und bedecken ihre Wunden, ihre
Unzulänglichkeit, die Schmach der Unterdrückung mit einem Mantel von Gold. Und
er hasste auch die andern, diese ungrossmütigen Gastgeber mit ihrem Munde voll
Lügen und Phrasen und falschen Versicherungen, mit ihren trügerischen Gesetzen
und scheinheiligen Göttern. Und er hasste die Zeit, die sinnlos hinrollende,
atemlose Zeit, die Hoffnung gibt, um sie nur mit dem Tode einzulösen und die
Glieder mit Krankheit schlägt, wenn der Geist den Körper überwinden will.
    Gleichwohl erfüllte ihn die ungeheuerste Sehnsucht nach dem Leben irgendwo
da draussen und er beschloss, auszugehen wie einst David, der sich ein Königreich
gewann. Halb im Traum gewann sein Vorsatz Kraft und Unumstösslichkeit.
    Am andern Vormittag packte er ein schmales Bündel und reichte seiner Mutter
die Hand zum Abschied. Frau Jette war so erschrocken, dass sie sich nicht fassen
konnte. Sie konnte den Entschluss des Sohnes nicht missbilligen, nur fragte sie,
weshalb er gerade jetzt fort wolle, da der Vater auf den Tod krank sei.
    Agaton schüttelte den Kopf. Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein Band
mehr sein. Gewaltsam und unerbittlich drängte es ihn fort, und er liess sich
durch nichts bestimmen, zu sagen, wohin er sich wenden würde. Er nahm auch die
paar Groschen, die ihm die Mutter bot, nicht an, sondern versicherte lächelnd,
dass er kein Geld brauche. Er steckte ein Dutzend Äpfel in das Bündel, Käse und
Brot, küsste die Mutter und die Geschwister und ging in den kalten Wintertag
hinein.
 
                              Dreizehntes Kapitel
An Bojesen konnte man jenen leise fortschreitenden Verfall gewahren, der sich in
einer mehr und mehr glänzenden Rocknaht offenbart; in jener Vernachlässigung des
Äusseren, die sich bis zum Trotz steigert; in der Verringerung des Trinkgeldes
für Kellner und Oberkellner: in der beflisseneren Art, vornehme, wenn auch sonst
gehasste Personen zu grüssen; in der erkünstelten Ruhe, womit man in den Läden
nach dem Preis der Waren fragt, - kurz, in all jenen Dingen, die so tief gehen,
wie sie unbedeutend scheinen und mehr verwunden, als das offene Geständnis der
Not. Die Behaglichkeit gesicherter Zustände ist dann das einzig Wünschens- und
Ersehnenswerte, und wenn es zu Hause kalt ist, träumt man von einem offenen
Kaminfeuer mit fallenden Glutkohlen, so wie man sonst die Gedanken in alle
Tiefen der Metaphysik sandte.
    Er war verlassen, und er überredete sich, dass er in seiner Verlassenheit
glücklich sei. Eine befremdliche Ruhelosigkeit war über ihn gekommen, die ihn
von Rast zu Rast und von Arbeit zu Arbeit trieb; aber die Rast war ohne Frieden
und die Arbeit ohne Frucht. Die Häuser, die eingefrorenen Parkanlagen vor seinem
Haus, die vorbeisausenden Züge der Eisenbahn, Menschen, Hunde und Steine, alles
hatte sich verändert, hatte in seinen Augen etwas Flüssiges erhalten und schien
durch die unlösbare Kette der Teilnahmlosigkeit, die alles und alle umfangen
hielt, verächtlich. Ost wenn der Sturm bei Nacht um die Mauern fuhr, dass es
schien, als koche die Atmosphäre, kam sich Bojesen als ein unermesslich einsames
Wesen vor im weiten Universum, das sich im Zustand des Wartens befand auf irgend
einen magischen Befehl jener Dame, die die Lebensfäden so kühn und unberechenbar
ineinanderstickt. Wie leer erfand sich schliesslich die Wissenschaft vor seinem
Nachdenken. Selbst die Lampe auf seinem Tisch, die Stühle, die Bücher im Regal,
- sie hatten etwas Wesenloses für ihn.
    Um Geld zu verdienen, suchte er Stunden zu geben. Es gelang ihm, die zwei
Söhne des Witwers Samuel Binsheim zum Privatunterricht zu bekommen. Dieser Herr
Binsheim setzte einen eigenen Ehrgeiz darein, mit Bojesen gelehrte Gespräche zu
führen. Er übersiel ihn also oft auf der Strasse und versicherte ihm stets von
neuem, dass er ein Materialist sei, ein Freidenker, Freigeist, ein Ateist und
machte ihn mit seinem Plan bekannt, einen Ateistenverein zu gründen. Er sah
darin die höchste Vollkommenheit des Geistes; jeder Ateist war im Voraus sein
Freund, er suchte Disziplin in die Ateisten zu bringen und wollte sie
organisieren.
    Herr Binsheim war es auch, der ihm erzählte, Stefan Gudstikker habe ein Buch
veröffentlicht, worin die Leiden eines tragisch endenden Schulknaben so
meisterhaft geschildert seien, dass das Werk in kurzer Zeit das grösste Aufsehen
erregt habe. Bojesen bat Herrn Binsheim um das Buch, doch als er es lesen
wollte, fand sich, dass Herr Binsheim die Blattränder dazu benutzt hatte, um
seine Feder in kritischen Anmerkungen schwelgen zu lassen. Daher konnte sich
Bojesen lange Zeit nicht zur Lektüre entschliessen, denn ihm war, als solle er
sich in ein Bett legen, das noch warm war vom Schlaf eines Fremden. Schliesslich
las er es doch und fand viel Gewandteit der Darstellung in dem Buch, viele
blendende Einzelheiten; er fand viel Wollen, das nicht zur Kraft entwickelt war
und jenes wunderbare Spiel mit Natürlichkeit, jene leicht überspannte Romantik
der Gefühle, die sich um einfache Wirkungen herumlügt, weil sie des Einfachen
nicht fähig ist.
    Ost wenn Bojesen nach Hause gekommen war und sich in seinem Zimmer
eingeschlossen hatte, wurde vor der Türe ein schwaches Knistern hörbar. Dies
Knistern stammte von einem Kleide, und die dies Kleid trug, war Fanny Bojesen.
Fanny Bojesen schlich über die sich krümmenden Dielen dahin, schreckte bei jedem
Laut zusammen und legte ihr Ohr an die Türe des Gemachs, hinter dem sich der
einsame Mann verschanzt hatte vor dem Leben und vor der Liebe. Sie wurde nicht
müde, zu lauern und zu lauschen, und nicht einmal ein Seufzen von drinnen
belohnte ihre Qual. Oft nach solch fruchtlosem Spionieren setzte sie sich in
ihrem Zimmer an den Tisch und schrieb, schrieb, schrieb ... die lange, klagende
Epistel des unglücklichen Weibes, und am folgenden Morgen verbrannte sie was sie
geschrieben. Wenn Bojesen ausging, versteckte sie sich; wenn er kam, versteckte
sie sich; aber nie war ihr Gehör seiner und wachsamer gewesen für jedes
Berausch, das auf sein Kommen oder Gehen deutete; wenn sie sich zufällig
begegneten, wusste sie ihr Gesicht von Gleichgültigkeit förmlich strotzen zu
lassen, und war sie dann allein, so weinte sie stundenlang. Als später das
Dienstmädchen abgeschafft wurde, war es an ihr, ihm die nicht allzu reichlichen
Mahlzeiten zu servieren. Keine Regung ihres Innern war dann auf ihrem Antlitz zu
gewahren, kein Erblassen, kein Zittern ihrer Hand zu sehen. Trotzdem schluckte
Bojesen in dieser Zeit manche Träne ahnungslos mit hinunter, die ohne sein
Wissen die Speisen gewürzt hatte.
    Er ergab sich jetzt den stillen Studien, die an der Grenze der Wissenschaft
liegen und den Ausblick gestatten auf ein unermessliches Reich von Hypotesen,
auf die schrankenlose Nutzniessung phantastischer Probleme. Es schien ihm oft,
als ob sein Verstand dabei in die Brüche gehen müsse, aber dies gefährliche
Tappen im Reich unumstösslicher Gesetze entzog ihn der Welt und seinen eigenen
Sorgen, und wenn er spät, spät in der Nacht in irgend einer ungeheuerlichen
Formel den Boden neuer Entdeckungen zu sehen glaubte, konnte er in eine erhitzte
Wonne geraten, wie ein Wirt über das Bier, das er selbst gebraut und konnte
vergessen, wie nahe ihm die Forderung praktischer und lohnender Arbeit gerückt
sei.
    Eines Tages, der Schnee war im Schmelzen und laue Winde kamen, fühlte er
sich gänzlich abgespannt, fühlte er sich alt. Es war ein wunderlich wissender
Zustand, durch den er über sich selbst hinausspähen konnte und zugleich das
Gefühl von Wichtigkeit verlor, das die Quelle nützlicher Leistungen ist. Da
wurde ein Brief in sein Zimmer geworfelt, der den Poststempel Paris trug und so
lautete:
    »Eines Wortes bist du noch wert. Ich erfülle deine Bitte: hier hast du ein
Lebenszeichen. Ich kann es dir mit Recht senden, denn ich lebe hier. Hier hört
man das Herz der Menschheit schlagen. Hier bin ich, die ich stets gewesen bin,
nur unentdeckt gewesen bin, hier trinkst du dich wahnsinnig am immergefüllten
Becher. Tausende purzeln, Hunderte steigen, Tausende jubeln und sterben
zugleich. Aber es ist vielleicht nicht das Echte; nicht Nektar, sondern
Haschich. Nichts für deinesgleichen! Nichts für gute Charaktere, für euch Perlen
am alternden Hals Europas. Ich komme vielleicht zurück, weil es mich reizt, euch
dort ein wenig toll zu machen. Ich habe erst hier von einem König gehört, der
bei euch leben soll, - ein Heliogabal, jammervoll misskannt, ein Sohn der Sonne.
Und nun leb wohl, Erich, löse dich aus dem Niedrigen, das dich umfängt und denke
ohne Groll an deine Jeanette.«
    Bojesen warf den Brief in eine Ecke, hob ihn jedoch wieder auf, legte ihn
mit feierlichen Gebärden zusammen und zerriss ihn dann in lauter kleine
Stückchen. In diesem Augenblick kam ihm alles, was er trieb, so erbärmlich vor,
und alles, was er wusste, so oberflächlich, dass er in einer schmerzlichen Apatie
die Augen schloss. Dann nahm er eine Feder zur Hand und schrieb auf das nächste
Stück Papier: Wissenschaft.
Es war ein Mann, ich weiss nicht, wie er hiess,
Den das Geschick im tiefen Schoss der Erde
Vor langer Zeit zum Leben kommen liess,
Und Finsternis war Mutter, die ihn nährte.
    Doch er vermochte nicht zu reimen; auch fühlte er, dass sein Gedanke dabei
die Klarheit verlor. Deshalb fuhr er in Prosa fort: Schweigen erfüllte sein
Leben und nichts störte die Ruhe um ihn her, als ein beständiges dumpfes Summen
und Dröhnen über ihm. Der Unterirdische setzte jedoch alle Geisteskräfte daran,
den Grund des ewigen, drohenden, geheimnisvollen Dröhnens zu erforschen. Er
glaubte nicht an ein Wunder; er teilte auch den Glauben von dem göttlichen
Ursprung des Dröhnens nicht, wie er in überlieferten Dokumenten las, sondern
forschte, erfand Messapparate und andere Instrumente, stellte Gesetze und Regeln
auf, berechnete die Stärke des Dröhnens und die Zeit, die verging, bis der
Schall an sein Ohr kam und viele andere Dinge mehr, die ihn zu gigantischen
Spekulationen führten. Und nach langer, langer Zeit begann er zu graben,
emporzugraben, und je mehr er grub, je vernehmlicher wurde das Dröhnen, bis
endlich die letzte Schicht Erde fiel und der Sohn der Finsternis geblendet in
die Höhe starrte, - ins Licht! Da kehrte er zurück in seinen unterirdischen
Wohnsitz und war beglückt, als er sah, dass das Licht die Ursache des Dröhnens
war. Doch wie andere Dinge hatte er sehen können, wenn er noch hundert Meter
höher gekrochen wäre! Wie hatte das Surren und Brausen von tausend irdischen
Dampfmaschinen sein einsamkeitgewöhntes Ohr betäubt! Wie wäre er entsetzt
gewesen von dem endlosen Krieg, der über ihm tobte, von den Schicksalen, die in
das Stampfen der Motore verwoben waren! dabei hatte er vielleicht nicht einmal
das wirkliche Licht erblickt, sondern nur das künstliche einer Maschinenhalle.
    Enttäuscht und gelangweilt legte Bojesen das beschriebene Blatt Papier in
eine Schublade. Jetzt erst empfand er den nagenden Schmerz, den ihm jener Brief
zugefügt hatte. Jeanettens Bild stieg heraus. Nun wusste er auch sein ruheloses
Forschen zu deuten, und er blickte im Zimmer umher, als ob er sich vor den
Möbeln schäme, dass er sie je getäuscht und hintergangen durch sein nächtliches
Wachen. Er sah Jeanette unbeweglich stehen, wohin er auch blicken mochte, er sah
sie in einem dunkelgrünen Kleid, das rote Haar gelöst, in den Augen eine
schwermütige Ruhe, die er in Wirklichkeit nie bei ihr bemerkt. Er ging im Zimmer
umher und dachte an nichts anderes, als wie er sie wieder gewinnen könne, und
der törichteste Ausweg erschien ihm schliesslich als der beste. Er schickte sich
an, zu Baron Löwengard zu gehen. Sein wahnsinniges Verlangen redete ihm ein, dass
Jeanettes Vater vielleicht Macht über sie besass, oder dass es mit dessen Hilfe
gelingen könne, Jeanette durch eine List zur Rückkehr zu bewegen. Er wusste kaum,
was er tat.
    Eine Viertelstunde später trat er ins Löwengardsche Haus. Noch immer trugen
die Karyatiden geduldig die Last des Balkons, noch immer besann sich Merkur auf
dem Dache, ob er stiegen solle oder nicht. Ausserdem tropfte das Schneewasser von
den Rinnen und Brüstungen, so dass die Riesen zu schwitzen schienen, und eine
ahnungsvolle Sonne vergoldete die Fassade. Auch im Innern des Hauses hatte sich
nichts verändert. Die alte Pracht bestand noch; nicht, als ob der Besitzer
dieser Reichtümer kürzlich zu Fall gekommen wäre und Hunderte in Not gerissen
hätte, sondern als ob irgend ein hochgeborener Gast die Ursache der vornehmen
Stille sei.
    Bojesen wurde angemeldet und vorgelassen. Mit zusammengepressten Lippen stand
er vor dem Kaufmann, der ihn einige Zeit unbekümmert musterte, ehe er sich
entschloss, ihm einen Sitz anzubieten.
    »Ich komme wegen Ihrer Tochter,« sagte Bojesen mit stockender Stimme.
    Das Gesicht des Bankiers veränderte sich im Nu. Er richtete sich straff
empor, schob seine Hand in die Rockbrust und sein Gesicht wurde steinern, als er
antwortete: »Meine Tochter hat mit der Firma Löwengard nichts zu tun. Wenn dies
also der Zweck Ihrer Anwesenheit ist, muss ich bedauern. Wenn meine Tochter in
Not ist, hat die Firma keinen Grund, diesem Umstand Aufmerksamkeit zu schenken.«
    »Ihre Tochter ist nicht in Not,« entgegnete Bojesen stirnrunzelnd. »Ich
wollte nur fragen, ob Sie nicht Auskunft über ihren gegenwärtigen Aufentalt
wünschen oder ob Sie sie vielleicht zurückrufen wollen. In diesem Fall wäre ich
bereit -«
    »Verehrter Herr, ich sagte Ihnen schon, dass meine Tochter mit den
Angelegenheiten der Firma nichts zu schaffen hat. Sie ist tot für das Haus
Löwengard. Ich sehe deshalb keinen Anlass, dies Gespräch fortzusetzen.«
    Das war ein deutlicher Wink; aber Bojesen blieb ruhig sitzen und folgte mit
finsterem Blick dem Auf-und Abgehen des Bankiers, der die Hände auf dem Rücken
hielt und mit den Fingern ein Geräusch machte, wie wenn man den Pfropfen aus
einer Flasche reisst. »Vatergefühle und dergleichen kennen Sie wohl nicht?« sagte
er, empfand jedoch zugleich das Selbstsüchtige seiner Bitterkeit und errötete
flüchtig.
    »Vatergefühle setzen Tochtergefühle voraus,« erwiderte der Bankier kalt.
    »Und Sohnesgefühle!« fügte Bojesen verächtlich hinzu, indem er an Gedaljas
Schicksal dachte.
    »Herr!« rief der Bankier, feig werdend. Seine tückischen Augen blickten
unsicher nach der Türe.
    Als Bojesen ging, war die Sonne im Sinken und ergoss Ströme purpurroten
Lichts auf die tauenden Schneeflächen. Der Himmel, einem Teppich gleich, war mit
seltsam regulären Wolkenmustern besät, und in der Tiefe des westlichen Horizonts
stand ein Rest der Sonne als glühendes Segment und war bald verschwunden, eine
gleichmässig-brennende Röte hinter sich lassend. Bojesen schritt vorbei an den
Schreibzimmern der Firma Löwengard, wo seit einigen Tagen wieder gearbeitet
wurde, und sah durch die mit grünen Gittern versehenen Fenster. Pult an Pult;
Kommis neben Kommis: bleiche, langnasige Menschen mit trüben Augen, mit
Augengläsern, mit beschäftigten, sorgenvollen Mienen, freudlose Rechenmaschinen.
Staub!
    Die Landschaft breitete sich flach und trostlos aus, nicht anziehender
geworden durch die blendenden Abendgluten. Eisenbahnremisen, ein abgebrochener
Zaun, durcheinanderlaufende Schienen, rötlich schimmernd im Widerschein des
westlichen Feuers, einzelne Güterwagen, eine Lokomotive, stumm und kalt, ein
Lastwagen, Bahnwärter- und Signalhäuschen, Telegraphenstangen, Güterhallen und
weit drüben ein schüchternes Etwas von Wald, mit letztem Schnee behangen, und
das erste oder vielleicht vorjährige blasse Grün einer Wiese. Und all das weckte
in Bojesen auf wunderbare Art Erinnerungen an die Kindheit, liess Bilder der
Heimat in ihm wachsen, und er hatte Heimweh.
    Gleichwohl sehnte er sich nach Gesellschaft, und da er nicht weit von
Nieberdings Villa entfernt war, wandte er sich dortin. Er schritt an den
feuchten Hängen hin, zwischen Gesträuchern; zur Rechten war die Mauer des
Kirchhofs, tief unten schimmerte das Wasser des Flusses und drüben lag das ebene
Tal, das vom Horizont verschlungen wurde.
    Er fand das Tor der Villa offen, schritt die Treppe hinauf und pochte, da er
niemand sah, an die nächste Tür und als niemand antwortete, ging er hinein. Das
Zimmer war leer: er ging weiter, öffnete eine zweite Tür und stand betroffen
still.
    An einem Sessel kniete, ganz zusammengeschrumpft und gekauert, Cornely
Nieberding und richtete sich erst auf, als sich Bojesen verlegen räusperte. Sie
warf mit einem energischen Schütteln das Haar zurück und rief angstvoll: »Was
ist? Ist er tot?«
    Als Bojesen sie erschreckt anstarrte, trat sie auf ihn zu, bot ihm
schüchtern die Hand und flehte: »Helfen Sie mir! Seit zwei Tagen ist Eduard
nicht nach Hause gekommen, hat keine Nachricht hinterlassen, keine Zeile
geschrieben. Ich habe meine Leute auf die Polizei und zu allen Bekannten
geschickt, helfen Sie mir!«
    Bojesen sah gespannt in ihr blasses Gesicht, das unaufhörlichen Zuckungen
unterworfen war und durch Schlaflosigkeit und Sorgen gealtert erschien. Als sie
sich so schweigend betrachtet sah, liess sie den Kopf sinken und ihre Ohren
wurden glühend rot, während Stirn und Wangen bleich blieben.
    Bojesen suchte nach Worten.
    »Er ist ja mein Stiefbruder,« sagte Cornely mit einer krankhaften
Versunkenheit und lächelte so schuldbewusst, dass es Bojesen wie ein Stich traf.
    »Er wird zurückkehren, Fräulein,« tröstete er mit gesellschaftlicher
Liebenswürdigkeit. »Vielleicht beschäftigt ihn ein kleines Abenteuer.« Doch
sogleich empfand er das Ungehörige seiner Worte, denn Cornely schaute ihn
erschreckt und fremd an. Um den Fehler wieder gut zu machen und da ihr Schmerz
etwas so Wühlendes und Gepresstes hatte, dass er fast ungeduldig wurde, ihr
beizustehen, fragte er, wodurch er ihr helfen könne.
    Sie dankte ihm durch einen Händedruck und teilte ihm mit (zögernd, als ob
sie durch das Versprechen des Schweigens gebunden sei), dass Nieberding seit
einigen Wochen mit einem gewissen Baldewin Estrich in Nürnberg viel verkehre; es
sei ihr nicht bekannt, wo der Mann wohne, aber sie träfen sich stets in dem
Kaffeehaus an der Frauenkirche. Wenn Bojesen sich ihr freundlich erweisen wolle,
möge er nach Nürnberg fahren und dort Erkundigungen einziehen.
    Ohne viel Worte zu machen, entfernte sich Bojesen, war eine halbe Stunde
darauf in Nürnberg und fragte in dem angegebenen Kaffeehaus nach Nieberding, -
umsonst. Darauf nannte er den Namen Baldewin Estrich, den er von Cornely
vernommen, und dieser Name war den Leuten bekannt; es wurde Umschau gehalten und
man schien erstaunt, den Herrn gerade heute zu vermissen, der seit Jahr und Tag
um diese Stunde hier zu finden war.
    Als Bojesen durch die winklig-schiefen Gassen wieder zum Bahnhof eilte, -
denn die Wohnung jenes Estrich hatte er nicht zu erfragen vermocht, - stutzte er
plötzlich beim Anblick einer rasch vorübereilenden Frau, blieb dann wie
angewurzelt stehen und lehnte sich an einen Laternenpfahl. Er hatte Jeanettes
Züge zu erkennen geglaubt. Er war sich der Täuschung bewusst und doch zitterte er
an Armen und Beinen.
    Spät am Abend kam er wieder in Nieberdings Haus und erfuhr von Cornely, dass
ihr Bruder gekommen sei. Sie dankte ihm mit scheuer Herzlichkeit, führte ihn
aber nicht ins Zimmer und sagte, Eduard sei krank und unbegreiflich erregt.
    Wieder schloss sich Bojesen tagelang mit seinen Büchern ein, brütete,
grübelte, träumte; draussen herrschten Frühjahrsstürme. Es pfiff und jauchzte und
heulte und wühlte um die Mauern wie bei einem Wrack, das hilflos auf Felsenboden
sitzt. Es sang und brummte und brodelte in den Lüften, und der ganze Himmel mit
Wolken glich einer hurtig fahrenden Maschinerie, indes der Mond in der Nacht
schreckhaft und fahl von Wolkenloch zu Wolkenloch stürzte.
    An einem solchen Abend ging Bojesen aus. Er fühlte sich erschüttert im Sturm
und sein Herz wurde weit. Er sah Blitze leuchten im Osten und hörte den
entfernten Donner eines Februargewitters. Als er in die Gegend des Marktes kam,
hörte er eine Stimme hinter sich, die den Wind laut übertönte. Er glaubte diese
Stimme zu kennen, verzögerte seinen Schritt und lauschte.
    »No sag' selber, hab' ich geschlafen sitter ach Täg? Haste geschlossen
gesehn meine Augen? Bin ich gewesen in schlechter Gesellschaft, dass se mer
gemacht hat e schlechtes Gewissen? Haste schon emol son Sturmwind derlebt? Hu -
uch! wirbel wirbel bl bll bll -!«
    Bojesen war so entsetzt, dass er keinen Schritt mehr machen konnte.
    »Holla! aach e Mann, den ich kenn!« rief Gedalja und lachte unbändig. »Komm
mit, Mann, komm mitle! Ich, - ich kenn die Welt, ich kenn' se in- un auswendig
kenn' ich se, oben un unten kenn' ich se, hinten un vorn kenn' ich se.«
    Bojesen wich zurück und packte die Frau, die den Greis begleitete, fest beim
Arm. Es war Frau Hellmut. »Ist er betrunken?« flüsterte er ihr zu.
    Sie schüttelte den Kopf. »Mein Sema hat ihn gebracht, so wie er ist.«
    »Und warum führen Sie ihn denn herum?«
    »Er ist uns fortgerannt. He, halt! halt!« Und sie rannte dem alten Mann, in
die Hände schlagend, nach, während er in der Mitte der Strasse umhertanzte. Der
Mond beschien ihn kalt und unheimlich. Bojesen empfand einen kühlen Schauder.
    Auf einmal wurde der Greis still und liess sich führen wie ein Kind. Bojesen
ging an Frau Hellmuts Seite, die sich in seiner Gesellschaft unbehaglich fühlte
und ihm zweifelnde Seitenblicke zuwarf.
    »Ich kenne ihn,« sagte Bojesen. »Es erschreckt mich sehr, das alles.«
    »Wer sind Sie denn?«
    »Bojesen.«
    »So? Der Lehrer?«
    »Gewesen, ja.«
    Als sie vor Frau Hellmuts Wohnung angelangt waren, ging Bojesen mit hinauf.
Nach kurzer Weile kam auch Sema. Gedalja hockte auf einem Schemel, äffte den
Wind und lachte.
    »Jeanetterl, kumm her! kumm her, Jeanetterl! Ich muss d'r was sagn!«
flüsterte er kaum hörbar. »Ich hab' d'rs ja gleich g'sagt. Geld will ich kaans.
Ich pfeif d'r af dei Geld.« Plötzlich fuhr er wie toll auf und stiess Sema, der
ihn beruhigen wollte, mit voller Kraft weit von sich, dass der Knabe gegen den
Ofen taumelte. »Dei Geld? Na! Dei Geld? Da klebt Schweiss draa un Blut, lieber
Sohn! Es rollt - tief! Komm herla, Eisenhäärla! Chomezfresserla! Chuzpeponim!
Ach, was haste gemacht mit en alten Mann!«
    »Warum bringen Sie ihn nicht fort?« fragte Bojesen erschüttert.
    »Morgen früh kommt er in die Anstalt, Herr Bojesen.« Bei dem Namen blickte
Sema hastig empor und schaute Bojesen an. Dann stand er auf, trat zu Bojesen und
fragte stehend: »Wo ist Agaton?«
    Bojesen war erstaunt. Er schüttelte den Kopf, nahm Semas Hand und
streichelte sie. Eine Zeitlang war es still. Bojesen war versunken in den
Anblick des langsam einschlummernden Greises, dessen Rücken steif an die Wand
gepresst war. Sema sass vor Gedalja auf der Erde.
    Als Bojesen die finsteren Treppen hinabsteigen wollte, eilte ihm Sema nach.
»Herr Bojesen,« rief er leise, »die Schüler!« In abgerissenen Worten, atemlos,
von dem Bestreben beseelt, ein Unglück abzuwenden, erzählte er, dass viele
Schüler der obersten Klasse morgen Nacht den Rektor überfallen wollten, wenn er
vom Wirtshaus heimging; es sei eine Verschwörung, sie wollten sich auch
verkleiden; einer habe einen Aufruf geschrieben, worin die Rückkehr Bojesens
gefordert sei, auch hätte eine Geldsammlung stattgefunden, um Bojesen ein
Ehrengeschenk überreichen zu können. Er, Sema, sei von all dem durch einen guten
Freund unterrichtet und er fürchte, dass es den Schülern schlecht ergehen werde.
    Bojesen sah nachdenklich ins Finstere. Er legte seine Hand beschwichtigend
auf Semas Haupt, drückte ihm dann schweigend die Hand und ging, während ihm der
Knabe hilflos nachschaute. Nebenan wohnte ein Firmenmaler, der in nächtlichen
Mussestunden klassische Monologe einübte, und Sema hörte ihn brüllen, während er
bang in die Nacht sah.
    Indes wurde Bojesen nicht müde, gegen den Sturm anzukämpfen. Er ging über
die Felder; die Landschaft schien zu wogen wie aufgewühlte See, der Fluss stürzte
rauschend einher und war bis zum Rand angeschwollen. Bojesen empfand ein Grauen
davor, heimzukehren und sann darüber nach, wo er den Rest der Nacht verbringen
solle. Er kehrte um und stand alsbald unschlüssig vor dem Eingang zum siebenten
Himmel. Während er noch überlegte, kam der Glühende heraus, begrüsste ihn und
fragte, ob Bojesen nichts von den sonderbaren Ereignissen gehört habe, die sich
heute Abend in Nürnberg abgespielt. Ein halbwahnsinniger Mensch, ein Goldmacher,
habe das Volk aufgewiegelt, ein junger Mensch habe die Lorenzerkirche in Brand
gesteckt und die ganze Stadt sei wie von Sinnen. Er gehe jetzt, um sich die
Geschichte anzuschauen.
    Bojesen vernahm das alles wie im Traum. Schliesslich verging die Nacht und
verbrauste mit ihrem Sturm; eine Nacht für alle und dann den Tod in den Wellen
sterben, dachte er. War es nicht auch ein Traum gewesen, dass einst ein weisser
Arm schmeichlerisch seinen Hals umschlungen hatte? oder war dies vor langen
Jahren geschehen, in einer entlegenen Zeit der Geschichte?
    Am Morgen verliess er früh das Haus. Die Strassen waren vom Sturm reingeleckt.
Ob er geschlafen oder nicht geschlafen, wusste er nicht. Einem Entschluss folgend,
den er schon gestern bis in die Einzelheiten gefasst und erwogen und der ihn
jetzt von selber vorwärts trieb, ging er ins Schulhaus, um die Schüler zur
Vernunft zu bringen und von törichten Streichen abzuhalten, die ihm und ihnen
schaden mussten. Er tat es widerwillig, denn er hatte sich gesagt: lass diese
Jugend einmal sich empören.
    Es schlug acht Uhr, als Bojesen die Klasse betrat. Sobald die Knaben ihn
gewahrten, entstand ein feierliches Schweigen. Plötzlich kam ein junger Mensch
mit offenem, liebenswürdigem Gesicht, das ein wenig an die Züge Agatons
erinnerte, auf Bojesen zu und reichte ihm die Hand. Dann erhoben sich auf einmal
alle in sorgloser Erregung, in mühsam verhaltenem Jubel, mit erstickten
Ausrufen, stürmten auf den verstossenen Lehrer ein, drückten und schüttelten
seine Hände, sahen mit leuchtenden Augen zu ihm auf und die Boshaften, die
Dummen und Launischen verloren alles, was sie abstossend machte. Bojesen, in
seiner Ergriffenheit, vermochte anfangs nicht zu reden; doch bald bemerkten sie
seine Absicht und schwiegen bereitwillig still. Er sagte ihnen, was er sagen
wollte: ernst, verständlich und verständig, und sie schienen beschämt. In ihren
Blicken war das offene Versprechen des Gehorsams zu lesen.
    In diesem Augenblick wurde die Türe aufgerissen und der Rektor trat ein. Bei
dem Anblick, der sich ihm bot, ging eine förmliche Versteinerung mit ihm vor. Er
lallte, und seine Brille fiel von der Stirn auf die Nase. Er liess einen eisigen
Blick auf Bojesen fallen und einen finsterdrohenden auf die Schüler, die trotzig
stehen blieben. Bojesen wollte nichts zu einer teatralischen Auseinandersetzung
beitragen. Er fühlte sich zu froh und zu bewegt. Er entfernte sich mit einer
sarkastischen Verbeugung gegen den Rektor.
    Stunden vergingen für Bojesen in einer Reihe lustiger und beglückender
Visionen: von einer neuen Zeit; von dem Wachsen verborgener Keime, von denen die
Welt ein paradieshaftes Blühen erwarten konnte. Doch als der Abend kam, wurde es
wieder dunkel in ihm. Er ging über den Kohlmarkt nach der Wohnung, die Jeanette
innegehabt und die noch leer stand. Die alte Dame, die hier wohnte, liess Bojesen
ungehindert eintreten. Durch ihr Lächeln leuchtete ein menschliches Verstehen,
als sie ihn allein liess in Jeanettens Zimmer.
    So blieb er, warf sich auf einen Sessel und liess den gefürchteten Schatten
kommen. Er dachte, dass er sie küssen könne, doch sie ging hastig, ohne zu sehen
oder zu hören, an ihm vorbei. Dann kamen andere, - geschwätzige Gestalten. Alle
hatten etwas zu erzählen, wobei sie auf den Zehen leicht dahinhuschten, sich ein
Tuch umnahmen, es wieder liegen liessen und sie sahen aus, als hätten sie dreissig
Tage lang unter der Erde gelegen.
    Es war sehr spät, als er ging. Die Gassen waren leer und still. Er wusste
nicht, wie er heim gelangte. In seiner Wohnung war alles finster. Lange stand er
auf dem Korridor in quälerischem Besinnen, dann begab er sich vorsichtig und
leise in das Zimmer, wo Fanny seit Wochen allein schlief, zündete eine Kerze an
und setzte sich auf den Rand ihres Bettes. Er sah sie friedlich schlummern und
nahm ihre rundliche Hand. Die Kerze warf tiefe Schatten auf eine Seite ihres
Gesichts. Plötzlich erwachte sie. Sie fuhr jäh empor und schrie auf, streckte
die Hände aus und schlug sie dann vor das Gesicht. Bojesen hielt den Blick auf
die Dielen geheftet und atmete tief auf.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Im kleinen Schustergässchen in Nürnberg, welches vom grossen Schustergässchen aus
zur Burg führt, stand ein altes, düsteres Haus. Selten wurde zur Tageszeit das
Tor von schwerem Eichenholz geöffnet, selten waren die vor Staub und Bejahrteit
blinden Fenster abends erleuchtet.
    Das Haus war von Baldewin Estrich bewohnt, und zwar nicht in allen seinen
Räumen, sondern Herr Estrich hauste vornehmlich in einer grossen, mit Steinen
gepflasterten Küche, die ein Fenster nach dem einsamen Hof hatte mit seinen
Holzgalerien und wunderlichen Säulen und Schnitzwerken. Hier verbrachte Baldewin
Estrich seine Tage und einen grossen Teil der Nächte, um zu experimentieren, zu
analysieren, in Retorten dickliche Flüssigkeiten zu kochen, auf seltsamfarbenen
Flammen noch seltsamere Körper bis zur Weissglut zu erhitzen, und was er auf
diese Art suchte und erfinden wollte, war nichts mehr und nichts weniger als die
Kunst des »Goldmachens«.
    Doch nicht aus gemeiner Habsucht oder nur aus dem Drang, reich zu sein,
frönte Baldewin Estrich dieser Leidenschaft. Auch war er weit davon entfernt,
der Wissenschaft einen Dienst leisten zu wollen. Ja, er war sogar davon
überzeugt, dass sein Weg von dem der Wissenschaft weitab lag, und dass er selbst
ein Gespött der Fachgelehrten bilden müsse, als ein Mensch aus vergangenen
Jahrhunderten, wo Wunder und Traktätchen, Zauberei und Hexenkunst die Brücke
zwischen Sehnsucht und Besitz schlagen sollten. Auch war er nicht betört durch
jene uralten Bücher der schwarzen Kunst, jene dunklen und verschwommenen
Nachrichten über rätselhafte Magier und über den verlorenen Schlüssel zu dem
grossen Geheimnis. Er war mit der Wissenschaft der Zeit gegangen, eifrig und
unermüdet, hatte in ihre verstecktesten Winkel geschaut, ihre zahllosen
Dokumente durchstöbert, war an ihr verzweifelt und in dieser Verzweiflung
zusammengebrochen wie ein Kind. Denn was sie ihm bot, war nicht das, was er
darin suchte: ein Mittel, die Menschheit glücklicher zu machen. Dann begann er
aus eigenem Antrieb hinauszubauen über das Vorhandene, stellte ungeheuerliche
und gefährliche Experimente an, um den chemischen Urstoff zu finden, jenes vage
Etwas, Äter oder sonstwie genannt, an das er mit allen Sinnen glaubte, weil ihm
das Element, sei es nun Gold oder Eisen, Schwefel oder Chlor, nicht mehr ein
untrennbares Eins bedeutete. Freilich wollte er mit der Praktik nichts gemein
haben, und so baute er weiter, kühn und mutig, wie ein Munn, der in der Wüste
wohnt und dort Städte gründet für die späten Geschlechter, die da wohnen werden,
wenn das Meer von Sand fruchtbares Erdreich geworden sein wird. Durch nichts
glaubte er die Menschen sicherer glücklich zu machen, als durch Gold; er glaubte
ihnen den Frieden zu bringen, wenn er die heisseste Begierde stillen konnte, die
sie erfüllte, oder vielmehr, wenn er ihnen so viel des Begehrten gab, dass sie
der Überfluss gleichgültig machte. Die Überzeugung durchdrang mit Glut sein
ganzes Innere, gab seinen Augen einen prophetischen Glanz und seinem Wesen das
Gepräge der Versunkenheit. Nur wenigen war er bekannt als der Auffinder aller
Höhlen des Elends in der Stadt; er wusste Bescheid in jenen anrüchigen Kneipen,
in denen der Verbrecher Unterschlupf findet, in jenen Herbergen, wo der reisende
Bettler sein Nachtquartier hat, in den Schlupfwinkeln unter Brückenbögen, in den
abgelegenen Gassen der Vorstadt, in den Remisen der Eisenbahn, an Kirchenmauern,
in Kellern und übelberufenen Höfen, - kurz, an jenen Orten, wo sich das
menschliche Elend beständig oder vorübergehend ein trauriges Asyl sichert, und
es war, als ob er sich durch den Anblick von Schmutz und Verkommenheit in seinem
Vorsatz und Eifer stärken wolle.
    Er lebte ganz allein. Das weite düstere Haus, das ihm selbst nicht einmal in
allen Winkeln bekannt war, sah nur zwei Besucher von Zeit zu Zeit: seine Nichte
Käte und Frau Gudstikker. Diese kam nur, um den Kopf zu schütteln, und alles,
was Estrich tat oder sagte, unbegreiflich zu finden; Käte lauschte begeistert
den dürftigen Reden des Oheims und gab ihm zu erkennen, dass sie an ihn und sein
Werk glaube.
    Im Laufe von neunundzwanzig Jahren hatte er sein ganzes Vermögen an seine
Träume gesetzt. Nun war er arm und litt darunter tief. Er konnte einen, wie er
glaubte, letzten und entscheidenden Versuch nicht ausführen, weil ihm das
Kapital zur Anschaffung eines seltenen und teuren Apparates fehlte. Alles, was
er an barem aufbringen konnte, betrug nicht mehr als zweitausend Mark. Er wandte
sich an seinen Bruder, im voraus überzeugt von der Fruchtlosigkeit dieses
Schrittes, denn dieser Mann, der ihn verachtete und verspottete, würde eher eine
Hand hingegeben haben, als Geld zu solchen Zwecken. Da trug es sich zu, dass
Baldewin Estrich mit Nieberding bekannt wurde.
    Es war in der Nacht ziemlich weit draussen in der Vorstadt. Schmerzlich
grübelnd, gleichgültig gegen Menschen und Dinge, schritt Estrich seines Weges,
als mehrere durchdringende Schreie hörbar wurden. Am hohen Bahndamm zog ein
offenbar betrunkener Kerl ein Frauenzimmer an den Haaren nach sich. Sie lag auf
der Erde und so schleifte er sie weiter wie ein Bündel Holz und erwiderte jeden
ihrer Schreie mit einem Schlag seines dicken Spazierstocks. Fast in demselben
Augenblick, als Estrich dies gewahrte, sprang ein Mann hinzu, stellte sich
erregt vor den Burschen und forderte ihn auf, das Frauenzimmer los zu lassen,
worauf ihm jener eine Flut von Beschimpfungen zubrüllte. Nieberding (dies war
der junge Mann) wiederholte seine etwas patetische Aufforderung. Der Bursche
schlug ihn mit dem Ende seines Prügels vor die Brust, dass er zurücktaumelte.
Jetzt mischte sich Estrich darein. Sein grauer Bart, eine gewisse Feierlichkeit
seines Wesens und der Zorn, der seine Stimme vibrieren liess, mochten Eindruck
auf den Burschen machen, denn er befahl der Dirne, aufzustehen und sie gingen
weiter, er fluchend, sie heulend.
    Nieberding und Estrich blieben die ganze Nacht zusammen. Nieberding lauschte
gierig den Ideen des Greises. Seine an Idealen so armen und ihrer so bedürftigen
Sinne berauschten sich an der willkürlichen Umwertung der Materie, an dem alten
und nun wieder neu gewordenen Glauben vom Urstoff. Die
mittelalterlich-romantische Welt der Versuchsküche, das überzeugte und
überzeugende Wesen des alten Mannes, der wie ein Magier sich inmitten seines
Reiches bewegte, um beim leisesten Wunsch die Geister der Luft zu bannen, dass
sie den leblosen Stoff durchdrangen und beseelten, all dies machte Nieberding
zum Spielball einer aufregenden Vision. Und dann kam er Tag für Tag, blieb oft
eine Nacht und einmal sogar zwei Nächte hindurch in dem düstern Bau, wo er in
einem riesengrossen, halbvermoderten Patrizierzimmer übernachtete. Und nach zehn
Tagen kam er und brachte Baldewin Estrich fünftausend Mark zum Ankauf eines
elektrischen Apparats. Mit feierlichem Schweigen nahm der Greis das Geld, dann
bat er den jungen Mann, ihn allein zu lassen.
    Baldewin Estrich sass wie im Fieber vor seinem Versuchstisch, die fünf
braunen Banknoten neben der Hand. Er konnte die ersehnten Apparate anschaffen
und die Mischung, die jetzt im Tongefäss vor ihm stand, musste ihm zeigen, ob sein
Leben ein phantastisches Irrwandeln oder ein Schicksalspfad war. Sein Arm
zitterte, als er die Hand vor die Augen legte; gleich Feuerkugeln perlte es hin
vor den verfinsterten Blicken. Tiefes Schweigen herrschte in dem verödeten Haus.
Die Galerien des Hofes versanken in die Dämmerung und eine blitzende Scheibe sah
bisweilen aus dem Grund der Wandelgänge. Ein Kater, Estrichs einziger Gefährte
während der langen, schweigenden Nächte, sass schnurrend an der heissen Glut des
Kamins.
    Plötzlich schreckte der Alte auf, machte Licht, - eine hektische Röte war
auf seine Wangen getreten, - nahm das Tongefäss, betrachtete die weiss-schillernde
Mischung, entzündete ein Drumondsches Kalklicht, hielt den Topf darüber und
schüttete eine Säure in die kochende Masse, bis übelriechender Qualm den Raum
erfüllte und den Chemiker in einer Wolke verhüllte. Dann nahm er eine
pulverisierte Masse von violetter Färbung und schüttete eine Messerspitze voll
in das Gefäss, das er hermetisch verschloss. Hierauf verlöschte er die Flamme,
stellte den Topf ins Wasser, um ihn einem plötzlichen Erkaltungsprozess
auszusetzen und schritt unruhig, mit zusammengepressten Lippen auf und ab. Als er
nach einer Viertelstunde das Gefäss zertrümmerte und den erstarrten Inhalt
prüfte, fand er ihn unverändert, ausser dass die Farbe statt des reinen Weiss in
bräunliches Gelb spielte. Mutlos liess er die Arme sinken. Schliesslich ist die
ungeheure Hitze, die ich durch den elektrischen Apparat erzeugen will, gar nicht
nötig, dachte er. Aber auch so sah er kein Ziel mehr. All die Säuren und Vasen,
Metalle und Metalloide nahmen für ihn das Wesen von persönlichen Feinden an, mit
einer ausdauernden Bösartigkeit begabt. Er zündete die Lampe an und sah in ihrem
Schein das Zimmer noch erfüllt von dem unerträglichen Dunst. Er nahm ein
Fläschchen vom Sims, das eine blauschwarze Flüssigkeit entielt, die beim Licht
herrliche Reflexe warf. Er öffnete das Glas, ging zum offenen Kohlenfeuer (immer
noch hielt er fast krampfhaft das erkaltete Metall in der Hand) und wollte
einige Tropfen auf die hochrot glühenden Kohlen giessen, um den schlechten Geruch
zu vertreiben, als die Masse samt dem Glas seiner bebenden Hand entsank; auf den
Kohlen zersprang das Glas und erschrocken bebte Estrich zurück, ging ans
Fenster, öffnete es, und die milde Luft des Februarabends floss herein und
streifte seine heisse Stirn. In tiefen Gedanken sass er am Fenster, fast zwei
Stunden lang. Dann stand er schwerfällig und leise stöhnend auf um die Lampe zu
füllen, die heruntergebrannt war. Seine Blick hefteten sich auf die
halbverglommenen Kohlen im Kamin und unter den schwarzgewordenen oder noch
düsterroten Stücken erblickte er einen grossen, schwach glänzenden Gegenstand.
Und je mehr er hinschaute, je mehr nahm der Glanz dieses Gegenstands zu. Seiner
Wahrnehmung misstrauisch gesinnt, hörte er nicht auf, starr in den Kamin zu
blicken, bis ihn plötzliche Ungeduld und Erwartung näher treten liessen. Er
zündete eine Kerze an, holte das gleissende Stück mit dem Feuerhaken heraus, nahm
es in die Hand, schrie laut und durchdringend auf, so dass es in allen Teilen des
Hauses widerhallte und sank vor Schwäche auf die Knie ...
    Gold!
    Er hielt Gold in den Händen.
    Es konnte ihn nicht täuschen in Form und Farbe. Er wog es in der Hand, und
es war schwer. Er hielt es zitternd, mit überquellenden Augen zum Licht und sein
Glanz schien den ganzen Raum zu füllen.
    Gold!
    Die Sehnsucht des Mittelalters war gestillt. Der Traum des modernen
Forschers in Erfüllung gegangen durch die Hand eines Blinden, der nun auf dem
Tron der Welt sass und die Menschheit seinen Knecht nannte. Der jeglichen Hunger
enden, jeden Durst befriedigen konnte; für den es nichts Unerreichbares mehr gab
im Reich der Träume. Welcher Zufall hatte es ihm geschenkt, das edle Geheimnis?
Ein langsam glühender Kohlenhaufen, eine harmlose Tinktur, - bedeuteten sie mehr
als ein Leben der Einsamkeit und des Nachdenkens?
    Baldewin Estrich sank zusammen und weinte. Dann hielt es ihn nicht länger in
dem öden Haus. Er nahm Hut und Mantel und stürzte fort. Schon war er durch viele
Gassen geeilt, als er innehielt, die Hand an die Stirn legte, zurückkehrte, die
eiserne Truhe aufschloss und alles, was er noch an barem Geld besass, in Gold und
in Banknoten, zu sich steckte. Damit eilte er den Stadtteilen des Elends zu, den
Herbergen für Handwerksburschen, den dachlosen Nachtquartieren im Norden. Und
keine Stunde war verstrichen, als er zurückkehrte, - nicht allein. Eine Armee
schreiender Männer und Frauen waren um ihn und hinter ihm, verkommene Gestalten,
die den Tod auf den Wangen trugen oder das Verbrechen auf der Stirn, Gesellen in
Lumpen, barfuss, mit blosser Brust, keifende Weiber aller Lebensalter und aller
Abstufungen des Lasters, Kinder mit den frühblassen Wangen der Not, - und diese
entfesselte Schar schwoll und schwoll. Wo Baldewin Estrich die ersten
aufgetrieben hatte, wusste er nicht, denn er handelte in einer Trunkenheit, die
nach Taten verlangte. Er hatte Gold, Gold unter sie verteilt, immer mehr, und
die Kunde davon eilte wie ein Lauffeuer von Strasse zu Strasse, so dass der Haufen
zuletzt die ganze Breitegasse ausfüllte. In den Häusern wurden die Fenster
aufgerissen, und lachende oder furchtsame Menschen schauten herab; die Polizei
erschien in den Nebengassen und schickte sich an, das Militär zu alarmieren,
aber das Ungestüm des Pöbels stieg ums hundertfache und war durch nichts mehr zu
ersticken.
    Am weissen Turm tauchte eine Abteilung des Reiterregiments mit blankgezogenen
Säbeln auf, aber eher hätte sie eine Felsenmauer durchbrechen können als die
dichtgestaute Volksmenge, die Kopf an Kopf stand, über die es hinwogte von
Schreien und Zurufen und Hilferufen und Anfeuerungen und heiseren Lauten der
Begierde. Alle drängten nach oben, wo Baldewin Estrich totenbleich in einem
engen Kreis finsterer Burschen stand, die ihm näher und näher rückten,
tobsüchtig gemacht durch den Geruch des Goldes. Mit den wildesten Drohungen
drangen sie auf den Greis ein, der kein Glied zu rühren vermochte. Es war, als
könne er nicht glauben, was um ihn her vorging. Ihm war, als seien es
fürchterliche Traumbilder, diese von den scheusslichsten Trieben bewegte Masse,
die um ihn wogte, ihn hasserfüllt anstierte, den kleinen Kreis um ihn verengerte
und verengerte, als ob sie ihn erdrücken und ersticken wollte, die nach Geld
schrie und heulte, nach Geld und nach sonst nichts. Ein stürmischer und
geheimnisvoller Schmerz erfüllte seine Brust, und er erschien sich wie ins grosse
Meer verschlagen, schiffbrüchig, dem Tod geweiht. Da nahm er sämtliche Banknoten
in seiner Tasche mit einer leidenschaftlich verächtlichen Bewegung und
schleuderte sie fort, hinein in das brodelnde Meer, den ausgestreckten Händen,
den funkelnden Augen entgegen. Wahnsinnige Schreie erschallten, er fühlte sich
fortgerissen wie in einem Strudel, dahingeschleudert, dortingeschleudert,
fühlte Stoss auf Stoss an seiner Brust, sah hundert Arme hoffnungslos
ausgestreckt, und wieder andre, die mehr Geld wollten, mehr, da schwanden ihm
die Sinne. Er erhielt einen schrecklichen Schlag an die Stirn, sank hin, wurde
mit Füssen getreten, fühlte Blut an sich herabströmen, und doch schlossen sich
seine Augen nicht, als wolle seine Seele gewaltsam wach bleiben und alles sehend
erdulden.
    Und der Strom, der nun einmal in Bewegung geraten war, wälzte sich weiter.
Diejenigen, die Gold erhalten hatten, waren noch unersättlicher, als die andern.
Ihr Geist befand sich in Raserei, und diese Raserei war ansteckend. Viele
zertrümmerten die Fensterscheiben der Bürgerhäuser, Steine flogen in die
Stockwerke hinauf; die Weiber benutzten ihre Schuhe als Wurfgeschosse. Die Rufe:
Blut! Rache! Tod! Nieder! donnerten oder kreischten durch die Luft. Die
Verkaufsläden wurden eingeschlagen und mit dem Schrei: nieder die Juden!
erstürmten entfesselte Scharen die verschlossenen Räume, demolierten Tische,
Fenster, Verkaufsgegenstände und manche reizten zu Brandlegung und Plünderung.
An vielen Punkten gelang es dem Militär durchzudringen; einzelne Schüsse wurden
abgefeuert, denen höhnisches Gebrüll folgte.
    Während dieser Vorgänge war ein eigentümlich schwüler Wind durch die Gassen
gefahren; erschreckend schwarze Wolken waren herausgezogen und hatten sich im
Norden getürmt, indes ihnen gegenüber ein Stück reinen Himmels lag, auf dem der
klare Mond schwamm. Dann zuckten Blitze aus dieser Wolkenwand, deren
beängstigendes Dunkel die Firste der Häuser seltsam bleich erscheinen liess,
leiser Donner rollte über die Dächer hin, allmählich anschwellend; die Blitze
wurden fahler, zackiger, breiter, schneidender und tiefer, der Donner weniger
schwerfällig, und das Februargewitter hatte sich drohend angesammelt, ohne dass
in dem Tumult irgend jemand darauf geachtet hätte.
    Die Soldaten begannen erregte Massen von Männern und Weibern vor sich her zu
treiben. Ein vor Hass wütender Haufe von Männern stellte sich gegen eine ganze
Kompagnie; die Leute an den Fenstern stiessen Angstrufe aus; Steine flogen unter
die Soldaten, aufgestellte Messer, Glasscherben von eingedrückten Fenstern, ja
ganze Holzklötze, bis endlich der Kommandant der Abteilung zum Angriff überging.
Alles wandte sich zur Flucht; ein panischer Schrecken verbreitete sich; nur noch
verzerrte Gesichter waren zu erblicken; die Weiber stürzten hin und waren vor
Entsetzen gelähmt, die Männer nahmen Kinder unter den Arm und eilten davon wie
gejagt. Aus den ferner liegenden Strassen kamen Zuschauer herbei und,
mitergriffen von dem furchtbaren Schauspiel schrien sie so laut sie konnten,
ergriffen nach dieser oder jener Seite hin Partei, folgten entflammt den immer
noch tätlich vorgehenden Soldaten, wurden jedoch von der nachkommenden
Reiterkolonne in die Seitenstrassen vertrieben. Währenddem floh der geängstigte
Volkshaufen in immer grösserer Verwirrung und gelangte auf den Lorenzerplatz, wo
die Türen der Kirche weit offen standen. Aus dem Innern, wie aus einer dunklen
Höhle schimmerte das glührote ewige Licht, und die von den Soldaten wie Hühner
vorwärts getriebene Menge flüchtete sich in die Kirche, drängte sich unter
heiseren Schreien hinein, zum Teil mit emporgehobenen Händen, als ob sie beten
wollten, was jedoch nur deshalb geschah, weil das unbeschreibliche Gedränge sie
dazu nötigte. Zornige Rufe erschallten aus dem seitab sich schiebenden Publikum;
Polizisten und Gendarmen versuchten umsonst sich Bahn zu machen. Die Soldaten
schienen wie trunken von blödsinniger Kampf- und Verfolgungsbegier und hörten
die Befehle ihrer Vorgesetzten nicht mehr. Die ersten Reihen wollten eben durch
das Tor des Domes eindringen, als eine Gestalt vor ihnen in Wahrheit förmlich
aufwuchs. Die Soldaten blieben stehen. Sie sahen finster staunend in das Gesicht
dieses Menschen.
    Es war Agaton.
    Wie eine Mauer stand er da.
    Auf einmal fuhr ein entsetzlicher Blitz herab, der den ganzen Himmel in
Stücke zu zerreissen schien. Ein fürchterlicher Schlag folgte. Und darauf
Totenstille. Plötzlich erschallte von draussen aus einer engen Nebengasse ein
langgezogener Schrei. Mehrere Schreie folgten. Die Leute an den Fenster deuteten
angstvoll in die Höhe und wandten die Blicke von dem Schauspiel auf der Gasse
ab. Zugleich mit dem Blitz waren die elektrischen Bogenlampen an der
Strassenkreuzung erloschen, so dass einen Augenblick lang eine drückende Dämmerung
den Platz füllte, die durch den Wind auf- und abbewegt zu werden schien. Dann
fiel eine schmale Feuergarbe aus der Höhe herab, ähnlich dem Aufflackern eines
Strohfeuers, nur dunkler, purpurner, und zugleich wurde das Wächterhorn auf dem
Henkerturm hörbar; die Menschen fingen an zu heulen, mit den Händen zu deuten,
liefen dahin, dortin, die Offiziere schrien, die Pferde der ausgerückten
Eskadron begannen scheu zu werden. Eine grauenhafte Verwirrung entstand. Im
Innern der Kirche hatte sich ein Knäuel von Menschen um den Altar gedrängt und
starrte empor. Der Blitz war durch die Kirche gefahren und mehrere leblose
Körper lagen auf den Steinfliessen ausgestreckt. Das mystische Halbdunkel des
Raumes begann allmählich einer satten Helligkeit zu weichen mit unruhigen,
gespenstisch flackernden Schatten. dabei blieben die bemalten Glasfenster
dunkel, hinter ihnen lag graue Nacht, denn die Brandflut kam aus der Höhe. Viele
zwängten sich mit Schreien und Rufen herein, riefen nach der Feuerwehr; dazu
tönte schauerlich die Glocke vom brennenden Turm; es schien, dass der Glöckner,
der keinen Ausweg sah, dessen Weg nach unten in Flammen stand, es schien, dass er
mit der Anstrengung der Todesangst am Glockenstrang riss, während rote und trübe
Flammen, Rauch und Funken um ihn emporschlugen.
    Agaton stand totenbleich. Er streckte die Hände empor und von den mageren
Armen glitt der Rockärmel zurück. Die am Altar gestanden, scharten sich bang um
ihn, und jetzt kamen drohende oder warnende Stimmen, die Zurück und Hinaus
riefen, auch hörte man das Gerassel der auffahrenden Spritzen, während die
Glocke im Turm rasend wurde und lauter hell gellende Hilfeschreie von sich gab.
Agaton blickte in das versteinerte Gesicht eines der Leblosen unter ihm und der
Kampf der vergangenen Wochen wurde ihm in diesem Augenblick leuchtend
gegenwärtig. Wie er in Winkeln und Verstecken die Nächte hingebracht; wie er
einsam auf den Landstrassen geirrt, trank- und speiselos; wie er die stürmischen
Tage an sich hatte vorbeisausen lassen; wie trotzdem mit unbezähmbarer Kraft
seine Liebe zum Leben gewachsen war; wie seine Vergangenheit stimmenlos
versunken war, ein Nichts; wie sein Auge schärfer wurde für die Zeit und für die
Menschen; wie er überall Geduckteit und Unfrohheit gewahrte, Unoffenheit,
Duckmäuserei, geheime Empörungslust. Und je einsamer er ward da draussen, je
feuriger wurden seine Phantasien von einer gewaltsamen Wandlung, und er dachte,
dass nicht nur das Alte stürzen müsse, damit das Neue komme, sondern dass es
gestürzt werden müsse. Er dachte, dass die Städte zerstört, niedergerissen
werden, verlassen werden müssten, damit der Mensch wieder sich selbst finde. Er
schwelgte in glühenden Traumen, sein jugendlicher Geist saugte sich fest an den
Brüsten des Lebens. Und wie er sich Herr über die Kräfte der Natur fühlte,
empfand er auch Macht über die Menschen. Er dachte, als er jetzt eine bebende
Menge sich um ihn drängen sah, daran, wie die Kinder aus den Dörfern ihm
gefolgt, als wären sie durch einen Zauberruf angelockt, wie ihm die Bauern Essen
und Trank gegeben, ohne dass er darum gebeten. So, voll von sich selbst, berührte
er mit der Hand den Körper eines der vom Blitz Hingestreckten, während die
Kommandorufe der Feuerwehrleute erschallten, das Militär dem Zudrang Neugieriger
Einhalt tat, das Dach eines benachbarten Hauses vom Feuer ergriffen wurde, die
Glocke des Turmes schwächer, gleichsam hinsterbend erschallte, die Dämmerung in
der Kirche einer hellen Brunst wich und ein junger Priester in die Flammen
stürzte, die auf den Altar herabgefallen waren, um das Allerheiligste zu retten.
In diesem Moment bewegte der leblos Daliegende die Hand; Agaton, selbst
bestürzt, wich zurück, Rufe wurden laut, die Kirche müsse geräumt werden.
Gebrause und Zischen der Spritzen erschallte; da stieg Agaton auf eine Bank und
gellte hinaus in den Raum mit einer Stimme, als ob es gälte, über den ganzen
Erdkreis hinzuschreien:
    »Lasst sie brennen, die Kirche!«
    Er sah viele Gesichter unter sich verzerrt und lauernd zu ihm aufblicken,
elende, sorgenvolle Stirnen, Munde mit kriechendem, fast flehentlichem Ausdruck,
sogar Kinder, deren kranke Glieder er zu empfinden glaubte, und es war, als
könne er durch das ganze Elend der Welt hindurchblicken, den verknoteten Knäuel
des Daseins entwirren und er schrie noch einmal: »Lasst sie brennen, die Kirche!«
Er hatte das Gefühl, als schauten alle Menschen sterbend nach ihm, und er dünkte
sich wie der Vater eines neuen, freien, Gott-losen Geschlechts. Der fanatische
Priester stürzte auf ihn zu und wollte ihn herunterreissen; seine fahlen Wangen
zitterten vor Zier, aber die Menge schützte Agaton. Die Gefahr nahm zu; Agaton
riss eine brennende Leiste vom Altar, hielt sie hoch wie eine Fackel und wandte
sich dem Tore zu, gefolgt und umringt von einem erregten Schwarm.
    Die Glocke hatte aufgehört zu läuten.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Agaton verschwand bald unter der Menge. Obwohl viele ihm nachstürzten, obwohl
ein Offizier mit dem Säbel nach ihm deutete und ein berittener Gendarm das Pferd
nach ihm lenkte, verlor er sich in fernere Gassen und war in Sicherheit. Sinnend
ging er weiter, den Blick ins Unbestimmte geheftet, wie von einem Räderwerk
fortbewegt, durch Gassen, die er nicht kannte, die leer waren, in denen die
Schritte hallten, an Häusern vorbei, die zu zucken schienen, sich zu besinnen
schienen, ob sie ihm den Weg versperren sollten. Der Himmel war licht geworden;
flimmerlose Sterne waren angeheftet wie Perlen, die Milchstrasse war wie der
Rauch aus einem Bäckerschlot, die Bäume der Alleen standen wie Lanzen am Weg,
erleuchtete Fenster im Weiten waren wie grosse Blutstropfen, durch die ganze
Natur ging es wie ein Recken, Sichaufrichten. Dann lag die Stadt im Rücken, ein
vielverzacktes Schattenbild, ein Knäuel Unglück, schwarz, ungeheuerlich starr,
still, greifbar deutlich, in der Mitte ein glühender Fleck, eine beginnende
Säule: der Brand, der im Verlöschen war, da oder dort ein Loch, da oder dort ein
Fabrikschlot wie ein riesenhafter Finger. Dann nahm ihn der Wald auf; gross,
dicht, leer von allen Geräuschen der Welt, eine drückende, zentnerschwere
Finsternis. Hier atmete Agaton auf. Er legte sich aufs Geradewohl hin; obwohl
es kühl und feucht war, verfiel er sofort in einen bleiernen Schlaf, schlief
weiter, als der Tag graute, weiter als es Abend wurde und wiederum Nacht und tat
erst die Augen auf, als ein klares, kleines Stück Mond im Herabsinken begriffen
war. Er presste die Hände gegen die Schläfen und meinte, vierzehn Jahre lang
geschlafen zu haben, fühlte sich freier, mutiger, reicher an Hilfskräften, an
Vertrauen, an Überzeugung. Er starrte eine Weile hinein in den Wald, empfand
dann Hunger, erhob sich, erblickte bald das freie Feld, sah den Schmausenbuk
unweit im bläulichen Nachtdunst und die Burg sich erheben über der Stadt.
    Er hatte kein Geld, um in einer Schenke etwas zu sich nehmen zu können. Er
hatte auch bisher kein Geld gehabt. Die Leute hatten ihm gegeben, mehr als er
gebraucht, um satt zu werden. Sie wurden durch seine Person und sein Wesen in
hohem Grade für ihn eingenommen. Er hatte eine ausserordentliche Milde, zu
lächeln. Er war schön und gross. Auch der einfachste Mann konnte seine tiefen
Leidenschaften, sein mächtiges Herz, seinen überlegenen Mut, die Wildheit seiner
Wünsche ahnen. Nie grübelte er, sondern träumte nur. Sein Blick hatte etwas von
dem unbestimmten Blick eines Pferdes edler Rasse.
    Er kam in die Stadt zurück. Wieder leere Gassen, dunkle Fenster und eine
kaum wahrnehmbare Traurigkeit gleich feinem Reif über allem. Säulen mit
Plakaten, verschlafene Schutzleute, hallende Stundenschläge, hallende Schritte.
Eine Stadt ohne König, ohne Wille, ohne Kraft, ohne Leben, dachte Agaton, und
er fühlte sich einsam. Er dachte an die Menschen hinter all den Fenstern, an die
Art ihres Schlafes, ihrer Träume, an die Stärke ihrer Todesfurcht, an ihre
Krankheiten, ihre Sorgen. Er kam in eine breite Strasse ausserhalb des
Weichbildes, wo in einem Erdgeschoss drei Fenster erleuchtet waren. Gegenüber
befand sich eine Allee, und am Wege war eine Bank. Agaton setzte sich, müde vom
Schlaf, hungrig, durstig und doch erwartungsvoll, als ob er jetzt in ein neues
Leben träte nach dem vierzehnjährigen Schlaf. Der gelbe Vorhang des einen
erleuchteten Fensters färbte sich mit Bildern, schwankend und gleitend, die
dahinglitten wie Wolken am blauen Himmel. Nebenan hinter dem Busch rieselte das
Wasser eines Brunnens vertraulich und leise. Plötzlich erschien unter den
unwirklichen, hingeträumten Bildern des Vorhanges ein Schatten, dann wurde der
Vorhang aufgezogen, das Fenster geöffnet, und eine weibliche Gestalt trat in
seinen Rahmen. Dann knirschte das Tor, die Gartentüre kreischte und ein sehr
schlanker Herr, fest umhüllt mit dem Mantel, schritt über die Strasse. Agaton
hatte sofort die Gestalt am Fenster erkannt.
    Die Luft war lau und unbewegt. Sie verkündete den Frühling. Sie schien
aufzusteigen aus dem Erdboden wie ein warmer Brodem, umwand Baum und Stein,
kroch an Häusermauern empor bis zum Mond. Agaton ging hinüber gegen das
Fenster, das bei seinem Nahen geschlossen wurde, - langsamer als es geöffnet
worden war. In diesem Augenblick fühlte er sich verlassen. Das Schliessen des
Fensters glich für ihn einer höhnischen Zurückweisung. Er blickte an seinen
Kleidern herab, sie waren in schlechtem Stand; seine Stiefel waren zerrissen.
    Er ging weiter und die Nacht erschien ihm tot, so dass selbst das Bellen der
Hunde nicht mehr in ihr widerhallte. Nach einer Stunde kam er wieder an dasselbe
vornehme Haus, vor dasselbe Fenster, und wieder war das Fenster geöffnet und
Jeanette lehnte weit heraus, den Kopf auf beide Hände gestützt, spähte hinein
ins Finstere, war unbeweglich, und ihr Gesicht erschien bleicher als die bleiche
Mauer des Hauses. Agaton blieb stehen und grüsste hinauf. Sie fuhr zusammen,
veränderte ihre sphinxhafte Haltung und stiess einen Schrei aus. Dann schlug sie
die Hände zusammen und rief Agatons Namen.
    Einige Minuten später war er im Zimmer. Sie selbst hatte ihm geöffnet und
sass nun vor ihm, während er stand, seine Blicke in einen Spiegel geheftet hielt
und über sein eigenes Gesicht erstaunt war. Jeanette blickte ihn forschend,
überrascht, beinahe unterwürfig an.
    »Wie geht es dir, Agaton!« fragte sie. »Was hast du getrieben? Grosser Gott,
wie siehst du aus! Wo kommst du her? Was hast du erlebt? Erzähle doch!«
    Und Agaton erzählte. Er erzählte von sich und seinem Zigeunerleben und von
dem Brand der Kirche so kühl und so gleichmütig, als ob er ein paar Seiten aus
einer alten Chronik vorläse. Gerade dadurch vielleicht machte es auf Jeanette
einen erschütternden Eindruck. Sie sah ihn an, ihre Augen flammten, ihr Antlitz
wurde reiner und stiller. Als er fertig war, klagte er über Hunger und sie
brachte ihm zu essen und zu trinken. Plötzlich erblasste Agaton unter der Glut
ihrer Blicke und liess das Glas wieder sinken, das er an die Lippen führen
wollte. Dies schien sie aufzurütteln. Sie lachte und erzählte von ihrem Leben in
Paris; erzählte, dass sie in die Residenz gehen würde, weil der König sie zu
sehen wünsche; dass sie inzwischen zu Ruf und Ruhm gekommen sei; erzählte
Episoden, schien begeistert von dem heiteren, bunten Leben, das sie führte, das
sich ihr täglich in neuen vergnüglichen Bissen darbot. Es war zuletzt, als ob
sie phantasiere, so geriet sie in Hitze über das freudig Schäumende,
Wohlschmeckende dieses Daseins. Dann ging sie plötzlich zum Klavier und begann
zu spielen, leicht, duftig, aber auch leichtfertig, endigte mit Misstönen, die
klangen, als ob sich jemand auf die Tasten werfe, schlug krachend den Deckel zu
und lachte mit ihrem knirschenden Lachen, nachdem sie sich auf dem Sessel
umgedreht hatte. Plötzlich erschien sie wie eine abgehetzte Läuferin. Ihr Kopf
war nach hinten gebeugt, ihre Lippen ein wenig geöffnet, die Adern des Halses
klopften stürmisch, so lehnte sie gegen das mattglänzende Ebenholz des Klaviers,
die Ellbogen nach rückwärts gestemmt und sah in die Höhe. »Bist du müd?« wandte
sie sich zu Agaton. »Wenn du müd bist, kannst du in dein Zimmer gehen.« Sie
schaute ihm fremd und befangen ins Gesicht. Agaton musste aufstehen. Sein Herz
wurde weit und weiter, hatte nicht Raum mehr.
    »Ich liebe nämlich die Nacht,« sagte Jeanette. »So sitzt man da und denkt
aller seiner Sünden. Liebst du nicht deine Sünden, Agaton?« Wieder traf ihn ein
Blick, der gleichsam aus ihrer geöffneten und stammenden Seele zu kommen schien.
»Weisst du, ich möchte dumm sein,« fuhr sie fort. »So dumm, dass ich nicht wüsste,
wie man lügt; so dumm, dass ich Respekt vor den Männern hatte, so dumm, dass ich
fromm wäre. Dann würde ich beten. Ich würde beten ... na, das ist gleich. Nun
will ich tanzen. Setz' dich dort in die Ecke. So.«
    Sie tanzte, indem sie leise dazu sang oder vielmehr summte. Sie tanzte mit
schwermütigen Bewegungen, die an das Hingleiten eines Körpers auf ruhigem
Wasserspiegel erinnerten. Aller Spott war aus ihrem Gesicht gewichen, die Augen
waren halbgeschlossen, beschattet durch die langen, roten Wimpern, die Arme
hatten das Kleid gefasst. Agaton schaute hin und ihm war, als müsse das Blut aus
ihrer Brust sickern bei dem schmerzlichen und düsteren Ringen ihres Körpers.
Plötzlich, der Übergang war so grell wie der von der Dunkelheit zur Feuerhelle,
reckte sie sich auf; ihr Gesicht erhielt ein frivoles Leben und nun tanzte sie
den Goignade, einen altfranzösischen Tanz voll wollüstiger Extase. Agaton biss
die Lippen zusammen, ihn schwindelte. Als sie fertig war, lächelte sie flüchtig,
nickte und sagte kühl, Agaton solle in das Zimmer nebenan, wo er schlafen
könne. Damit ging sie. Agaton wartete, aber sie kam nicht wieder. Er betrat das
Nebenzimmer, liess jedoch die Türe offen, damit er das Licht sehen konnte, legte
sich in den Kleidern aufs Bett, faltete die Hände unter dem Hinterhaupt und
verblieb so mit offenen Augen, bis der Morgen anbrach.
    Dann erhob er sich und trat zum Fenster. Er war beunruhigt, und mit dem
Wachsen des Tages nahm seine Unruhe zu. Er gefiel sich nicht in den kostbar
ausgestatteten Räumen; es schien ihm, als sei seine Seele zusammengeschrumpft.
Als Jeanette spät am Vormittag erschien, erstaunte er über die Veränderung an
ihr. Sie war müde; die Haut ihrer Wangen war schlaff, der Blick hart, ihre
Bewegung mühsam, ihre Worte kalt. Bisweilen brach die Erstarrung in einer
heftigen Geste, in einem circenhaften Blick. »Hast du geschlafen?« fragte sie.
    »Wessen Blut steckt eigentlich in dir?« fuhr sie unvermittelt fort. »Ich
kenne keinen von den Leuten, bei denen du aufgewachsen bist, der mit dir zu
vergleichen wäre. Und auch sonst -«. Sie stand auf, stellte sich hinter seinen
Stuhl, legte beide Hände auf seine Schultern, so dass er den Kopf zurückbog, um
sie zu sehen, und sie fragte lächelnd, indem sie ihre Augen tief in die seinen
bohrte: »Hast du die Kirche in Brand gesteckt, Agaton?«
    Agaton machte sich los und entgegnete, ebenfalls lächelnd: »Wolltest du,
dass ich es getan hätte?«
    Sie schwieg finster. »Es ist wahrscheinlich, dass es der Blitz getan hat,«
sagte sie dann mit einem seltsam boshaften Ausdruck. Sie standen sich eine Weile
stumm gegenüber, endlich meinte sie spöttisch lächelnd: »Aber du musst andere
Kleider bekommen, trotz alledem. Bist du zornig?« fügte sie erschrocken und
demütig hinzu, als sie die Röte auf seiner Stirn gewahrte. »Oder kränkt dich der
Tag so wie mich? Dann werde ich die Türen zusperren, meine Dienstboten
fortschicken, die Rollläden schliessen und Nacht sein lassen.« Alles dies sagte
sie fast kühl, hinwerfend. Agaton konnte nicht klug aus ihr werden.
    »Dass wir beide Juden sein müssen!« rief sie aus, als sie sich in einen
Winkel gesetzt hatte. »Ich fühle das ganze Alter des Judentums auf meinen
Schultern und alle seine Verbrechen, alle seine Leiden. Ich habe alle seine
Fehler in mir; ich bin der pure Verstand und die pure Schwäche. Ich bin
grüblerisch und scheu, feig und frech, ich liebe die Nacht und das Orgelspiel
und bin gern geistreich, wie du siehst. Und du, was bist du eigentlich? Wie
kommst du zu uns mit deiner reinen Stirn?«
    Plötzlich ging sie, nahm Agatons Kopf zwischen beide Hände, zog ihn mit
einem gewaltsamen Ruck herab und küsste ihn auf die Lippen. Fast zugleich aber
liess sie ihn wieder los und starrte ihn an, bleich, mit weiten Augen. »Diese
Lippen!« flüsterte sie bewegt. »Du hast noch nie ein Weib geküsst?« Langsam
ergriff sie seine Hand, beugte sich und küsste auch sie. Agaton dachte an
Monika, die einst ein gleiches getan. Warum?
    »Was bist du? Was willst du?« fragte sie ihn nach einem langen Schweigen.
    »Was ich will, das ist zu schwer für Worte. Was ich will ... Den Menschen
den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben, Jeanette, das ist es, was ich will.
Freilich, viele haben schon die Erde, aber nur die Erde ohne den Himmel, sie
wissen, dass der Himmel fehlt. Verstehst du? Sie müssen die reine Erde haben,
ohne Kreuz, ohne Abfall, ohne Verzicht, ohne Abrechnung mit einem Droben. Sie
haben bloss Genüsse und Schmerzen. Aber es ist wie mit dem Vogel im Käfig. Er hat
keine Freude, auch beim schönsten Futter nicht und wenn es der bequemste,
vergoldetste, mildeste Käfig von der Welt ist. So ist der Himmel ein Käfig für
die Menschheit geworden. Und so lange schon, dass sie gar nicht mehr das Gitter
gewahren und meinen, sie könnten fliegen. Aber solange ein einziges Gebet auf
der Welt ist, können sie nicht fliegen. Ich will die Stäbe zerbrechen, Jeanette,
oder nur einen, ein anderer nach mir zerbricht vielleicht mehr. Und wenn auch
dann das Dach herunterstürzen und viele zermalmen wird, das schadet nichts. Nur
die Grossen, die Unterdrücker werden dann zermalmt, Simson der Täter und die
Philister werden zermalmt, aber die Gefangenen werden frei und werden ein neues
Geschlecht gründen. Freude wird sein.«
    Sein bleiches Gesicht spiegelte sich strahlend in den Bewegungen der Seele.
Jeanette sah ihn an und vergass seine Jugend, wie alle, die mit ihm sprachen. Ein
reiner Strom umfloss sie, der Strom reiner Gefühle. »Und was willst du tun für
diese Idee?« fragte sie, mühsam lächelnd. »Sterben natürlich, wie alle diese
Schwärmer.«
    »Sterben? Nein, leben.«
    Ihre Augen trafen sich. Agaton wandte sich ab vor ihrem Blick.
    »Schwärmer! Schwärmer! Gütiger Himmel, wohin träumst du? Aber ich liebe
dich, Agaton, ich liebe dich seltsam. Und was denkst du dir unter dieser Freude
da? Auch so ein Wort, wie viele Worte. Nicht?«
    »Es müsste ein Glanz sein, der von einem zum andern strahlt. Man dürfte
nichts mehr verehren, nicht mehr die Natur, weil man selbst die Natur, selbst
ein Stück Wald, ein Stück Meer ist, der Lehrer müsste Freund sein und vieles
andere. Alles ohne Trunkenheit, verstehst du, Jeanette, ohne Gelehrsamkeit,
jedes Ding eine Welt und die Welt ein Ding. Alle Juden müssten ausgerottet
werden, nicht der Körper, aber der Geist, denn aller Glaube ist Judentum. Immer
werden die Juden, auch die Christen sind Juden, immer werden sie neue Götter
bringen. Immer werden sie eine neue Art von Heiland bringen. Warum lächelst du?
Jetzt könnte die Menschheit ihre Kinderschuhe verlassen und könnte Gott eine
andere Erde grosssäugen. Dann ist das Leben nicht mehr wie ein unverdientes
Geschenk oder wie eine unverdiente Strafe. Dann gibt es keine Todesfurcht mehr,
kein Verbrechen mehr, dann wird alles grösser, unermesslich grösser. Aber ich kann
nicht das Eigentliche sagen, ich kann dir nicht das Bild schenken, Jeanette.«
    Ein langes Schweigen entstand.
    »Du meinst vielleicht, es ist Ateismus,« begann Agaton wieder. »Nein, das
wäre borniert. Die Ateisten sind bloss ungezogene Kinder und sie wollen selber
Papa spielen, wenn der Vater ausgegangen ist. Aber siehst du, Jeanette,« fügte
Agaton etwas schüchtern hinzu und leiser als bisher, »etwas quält mich und ich
weiss nicht was es ist. Es macht mich unruhig in der Nacht und quält mich bei Tag
und es ist mir, als stünde ich vor einer Mauer.«
    Jeanette lag mit aufgestütztem Ellbogen auf dem Sofa, während ihre Füsse den
Boden berührten. Die Linien der Beine zeichneten sich durch den Stoff hindurch
ab, und Agaton blickte wie gebannt auf diese etwas gewaltsam geschwungene
Kurve, während ihn Jeanette mit einem heissen, träumerischen Blick gleichsam
suchte.
    Am Nachmittag wurden Kleider gebracht für Agaton, sowie ein Domino, denn
Jeanette wollte, dass er abends mit ihr zu einem Karnevalsfest ginge. Er wunderte
sich über ihr Wesen, das jetzt an Grellheit abgenommen hatte, über ihren Gang,
der etwas Wiegendes, Zögerndes, Erwartendes hatte, über ihre Worte, die bald
kühn, bald zaghaft, bald heftig, bald gedrückt waren.
    Der Festsaal war gross. Die Galerien und Wandelgänge waren durch Glühlampen
erleuchtet und glichen einem breiten Feuerband, das um eine milde Dämmerung
geschlungen war, in der die Säulen silbern glänzten, die Guirlanden wie aus dem
schwülen Duft herausgewachsen schienen, die künstlichen Rosen wie Blut
schimmerten und der goldverbrämte Plafond einem glühenden Abendhimmel glich. Das
bunte Treiben erweckte Agaton den Eindruck des Geräuschlosen,
Zauberspielhaften; alle Farben flossen in ein Bild, alle Töne in einen Ton, alle
Heiterkeit hatte ein Ziel, und dies wogende Murmeln war wie das ferne Branden
eines Meeres, über dem der Tag aufgehen will.
    Aber plötzlich, ganz mit einem Male und auf einen Anstoss wurde Agaton
sehend. Und zwar in solchem Mass, dass er vor Grauen, Scham und Beleidigung wie
verwundet war. Er schritt durch einen etwas abseits gelegenen Wandelgang, als er
einen alten und ziemlich zerlumpten Mann an der Tür stehen sah. Der Alte spähte
lauernd und unruhig in den Saal, legte die Hand wie einen Schirm gegen die Augen
und murmelte. Bald darauf kam ein junges Mädchen, deren Bewegungen graziös und
übertrieben kindlich waren, auf den Alten zu, und ihr Mund unter der Maske
verlor sein Lächeln. Sie reichte dem Alten Geld; mit unbeschreiblicher Gier riss
er ihr die Münzen aus der Hand und flüsterte ihr etwas zu, wobei seine Augen
fast aus den Höhlen traten. Das Mädchen nickte und der Alte humpelte hinaus. Das
Mädchen setzte sich auf eine Bank, drückte beide Hände gegen die Brust und
atmete auf, dann warf sie beide Arme in die Luft, als wolle sie den Wirbelwind
von Gedanken beschwichtigen und sprang wieder mit dem übertrieben-kindlichen
Gebaren davon. Agaton suchte ihr zu folgen, verlor sie aber aus den Augen. Er
sah statt ihrer einen befrackten Herrn, der zu Komplimenten verbogen war wie ein
Fragezeichen, einen andern, der übernächtig fahl, von Säule zu Säule schlich in
der Art eines Gewürms, lichtscheu, träg, voll Verachtung, Müdigkeit,
Hinfälligkeit; einen dritten, dessen Lachen wie ein Schuss war, der abgefeuert
wird, um eine nahende, nagende Angst oder das fletschende Gespenst der Sorgen zu
verscheuchen; einen vierten, der, künstlich und aufgeregt, geschäftig herumeilte
und dessen Züge durch eine Aufgabe von eingebildeter Wichtigkeit bis zur wilden
Erregung zerwühlt waren; einen fünften der grinsend und nickend durch die Reihen
strolchte, der Zynismus in Person, mit einem von Lastern aufgepflügten, vom
Unglück mit Narben gezeichneten Gesicht; einen sechsten, der voll Anstand,
Schüchternheit und Zuvorkommenheit sich allentalben überflüssig schien, um
dessen Mund eine wachsende Bitterkeit lag, während in seinen Augen fast greifbar
der Entschluss zu einem Verbrechen zu lesen war; ein Weib, das kichernd, sich
drehend, mit erlogenem Lächeln, mit erstohlener Anmut, von einem Chor befrackter
Bettler bezaubernd genannt wurde; ein zweites, das mit allen Kräften heimisch zu
werden suchte in diesem Haus zusammengetragener Lustbarkeit; ein drittes, das
mit geheimer Angst die Maskengarderobe aus dem Gewölbe des Verleihers einer
öfteren Musterung unterzog und heftige Bewegungen zu vermeiden suchte; ein
viertes, das mit erhitzen Blicken und eisiger Seele dasass, während die Sorge um
die Haltbarkeit der Schminke sie im Innern beschäftigte. Und hinter der Bunteit
der Gewänder, der Höflichkeit der Worte, hinter den ziehenden Blicken, den vom
Wein geröteten Stirnen und benetzten Lippen, was lag da? Agaton sah es. Hundert
Schicksale öffneten sich ihm wie auf einen Schlag; auf einen Schlag wurde der
Vorhang von hundert Bühnen, von hundert Augenpaaren gezogen, dass es vor seinen
Blicken dalag wie ein schwärender Knäuel Jammer, ein ungesichtet
zusammengeworfener Haufen Schmerzen, ein Mischmasch von Betrübnissen,
Verbrechen, Betrug und Lügen. Jener dicke Herr mit dem gütigen, ehrenhaften
Gesicht hält das Glück von Hunderten wie an einer Schnur, und er wird all dies
Glück, das ihm anvertraut ist, morgen getrost an der Börse verspielen; den
ungünstigen Fall erwägend, hat er bereits eine Schiffskarte bei sich. Dieser
unwiderstehliche Stutzer, der so diskret lächelt, ist ein Arzt, der durch
schmutzige Geschäfte in seiner eigenen Meinung längst der Schatten eines
anständigen Menschen ist. Jene bleiche Dame mit dem schwermütigen Blick lebt
nur, sich zu amüsieren, und es amüsiert sie, die Schwermütige zu sein; ihr Haus
ist ein finsteres Bild der Verkommenheit, der Vernachlässigung, der
Sittenlosigkeit, des geraubten, erborgten Prunkes, des versteckten Hungers;
jener wohlwollende Graubart ist ein unentdeckter Bankdieb; jene pastorenhafte
Gestalt schachert mit jungen Mädchen; jener imposante Schwarzbärtige ist ein
nichtswürdiger Wucherer; jener behäbige und joviale Greis ist ein gefürchteter
Verläumder ... Und hinter ihnen, welch ein Chaos: verödete Stuben, tränennasse
Betten, von Lastern besteckte Hände, das wahnsinnige Geheul Unterliegender und
Gefesselter, das verschwiegene Lächeln der Sieger, die erheuchelte Trauer, der
verstellte Hochmut, der Hunger, die Schande, die Raserei der Liebe, Krankheit
und Tod, eine Armee bis zur Tollheit verzerrter Gesichter, die im
Geschwindmarsch dem Abgrund zueilten, eine ganze fallende, stürzende,
vermorschte Gesellschaft und darüber, darunter - nichts.
    Es war Agaton, als ob sein Körper durch die zermalmende Wucht der Visionen
zusammengepresst würde. Es war ihm, als dränge sich die gärende Masse des
Unglücks, ein schreiender Haufen Verfolgter an ihn, erflehe Hilfe, Rettung, und
gepeinigt floh er, erreichte die Strasse, eilte weiter, ohne sich umzublicken und
wusste kaum, wie er in Jeanettens Wohnung kam. Er hatte sie selbst, seit beide
den Saal betreten hatten, nicht wieder gesehen. Das Dienstmädchen öffnete ihm,
wollte Licht machen, aber er bat sie, ihn im Finstern zu lassen, fiel wie
vernichtet aufs Sofa und krampfte sich zusammen wie ein Sterbender.
    Lange mochte er so gelegen sein, als er einen Hauch an seiner Stirn
verspürte. Er schlug die Augen auf; die Nacht kam ihm doppelt finster vor.
Hierauf bemerkte er einen schwarzen Schatten, der sich nah an seinem Körper
gegen das unsicher verfliessende Licht des Fensters abhob. Erschrocken tastete er
mit den Händen vor sich und tastete in knisterndes Haar. »Jeanette,« flüsterte
er dumpf. Sie kniete bei ihm. Er glaubte, ihre Augen flammen zu sehen; es
entstand eine Hitze um ihn, die aus diesen Augen zu kommen schien. Er wurde
starr am Körper und seine Sinne badeten sich in einer Erregung, die seine Brust
zusammenschnürte gleich einem Strick. »Jeanette,« flüsterte er, »sie brauchen
doch einen Heiland.«
    Jeanette zündete eine Kerze an und legte eine blutrote Orange neben den
Leuchter. Ihr Gesicht war um vieles bleicher als sonst, aber von zitterndem
Leben erfüllt. Sie stand an der mit purpurfarbenem Tuch verhangenen Wand und das
meergrüne Kleid, das sie trug, warf Strahlen gegen diese dunkle Farbe. Ihr Hals,
entblösst, leuchtete im Rahmen der Haare, und ihre Brust hob sich schwer. Einer
warmen Welle gleich lief es von ihr zu Agaton. Er sass und blickte sie
unverwandt an und glaubte, eine Stimme zu hören, welche ihn rief: wo bist du,
Agaton?
    Jeanette lächelte und trat an den Tisch. Er setzte sich zu ihr, so nahe, dass
ihre Körper sich streiften, und Agaton wurde völlig ausgefüllt von dem
Bewusstsein dieser grossen, und wie ihm vorkam, unverdienten Nähe; die Welt rückte
dadurch in eine masslose Ferne, versank in einen Abgrund. Jeanette schälte und
zerlegte die Orange und Agaton erlebte jede ihrer Bewegungen mit, ja, es war
ihm, als ob er selbst die Frucht zerteilte. Dann reichte sie ihm ein Stück und
er ass. Er fühlte nicht die Süssigkeit der Frucht, es wurde ihm kaum bewusst, dass
er ass. Sie beschäftigten sich damit, das Öl der saftreichen Schale in die Flamme
zu spritzen; es knallte und zischte, beide lächelten. Agaton lächelte aber wie
über etwas in einem andern Leben Erlebtes, er lächelte Jeanettens Lächeln mit,
vielleicht aus Furcht, dass sie aufhören könne zu lächeln. Plötzlich machte
Jeanette eine halbe Drehung gegen ihn; ihr Gesicht wurde beinahe steinern, ihr
Blick verschlingend gross, unbarmherzig wild, und er sah ihre Zähne schimmern.
Sie stand auf.
    Die Kerze war erloschen. Agaton fühlte zwei Arme um sich geschlungen und an
seinem Halse die feuchte Berührung eines Mundes. Seine Sinne schmerzten, dass er
glaubte, es müsse mit ihm zu Ende gehen, dass er die Nacht verwünschte. Was er
dann empfand, war eine sich ausbreitende Angst, das Gefühl, als ob das Zimmer
luftleer sei, und endlich eine verzweifelte, brennende Begierde.
    »Was zitterst du so?« fragte Jeanette leise. Dann knisterten wieder ihre
Kleider; es fielen ihre Haare herab und hüllten seine Hände ein. Er lag mit
offenen Augen, die wie erblindet waren und fühlte die warme Haut ihres Körpers,
und ihn schauerte bis ins innerste Mark seiner Knochen. Sie küsste ihn; er
dachte, dass sie ihn besser hätte nicht küssen sollen, denn er glaubte zu
ertrinken in einer heissen Gischt, sein ganzer Leib war ein zuckender Schmerz,
der alles in einen übermässigen Rausch versetzte, dann kam ein bewusstloses
Versinken; das anfänglich blendende Licht verlor sich, und plötzlich fiel er wie
zerschmettert nieder auf Steine und blieb liegen, voll von einem grenzenlosen,
vorher nie erfassten, noch geahnten Jammer.
    Er wusste nicht mehr, wie er sich erhob, in die Kleider kam, wie er das
Zimmer verliess, auf der Strasse stand, die sich breit hindehnte in einen mühsam
aufquellenden Morgennebel. Er sah einen Garten vor sich und sah das Tor offen;
er streckte sich hin auf den Sockel eines Brunnens, der noch mit Stroh umwunden
war; er streckte sich hin und legte den Kopf auf die Arme und begann bitterlich
zu weinen.
    Als er aufsah, war die Sonne emporgegangen aus der Umarmung riesenhafter
Wolken. Ein Hahn krähte. Kräftige Frische lag in der Luft.
    Jeanette schlief noch, als er zurückkehrte. Ihr Gesicht hatte etwas so
Eisiges und Totes, als ob das Leben nie wieder die Züge bewegen könne. Auf den
geschlossenen Lidern lag eine Müdigkeit, die an den vollen Tafeln des Lebens
entstanden und genährt worden war. Durch die Spalten der Gardinen fiel ein
schmales Sonnenband auf ihre schneeweisse Brust.
    Als sie zusammen frühstückten, blickte ihn Jeanette scharf an und sagte:
»Nun siehst du wohl, dass die Welt aus Schmutz besteht.«
    Agaton schwieg.
    »Du siehst, was ich bin,« fuhr sie fort. »Und du kommst und verlangst, dass
wir nicht mehr glauben sollen. Das ist ja ohnehin unsere Krankheit, das
Nichtglauben, jetzt ist deine Mauer gefallen, Agaton, und du hast dich
überzeugt, dass sie dir nur einen Haufen Schmutz vorentalten hatte. «
    »Ist es nicht vielleicht deswegen Schmutz, weil wir es so wollen? Weil du es
willst?« fragte Agaton. »Weil du dich der Stunde schämst, in der du dich
hergegeben hast? Liegt nicht in der Vereinigung von Mann und Weib
Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit? Und nur darin? Warum sollte das Schmutz
sein, was so erhaben sein kann?«
    »Wirklich? Kann es das? Kann es so erhaben sein? Köstlich. Ihr Männer seid
unverbesserliche Trunkenbolde.«
    Dann fuhr sie mit starrem Blick fort: »Auch du, auch du, Agaton, musstest
fallen. Aber es ist mir klar, wozu es dich treibt. Du willst die Sinnlichkeit
wieder auf den Tron setzen, den sie seit zweitausend Jahren verlassen hat. Das
liegt in dir, spricht aus deinen Worten, strahlt aus deinen Augen. Aber eher
kannst du dein Hirn verbrennen, oder du musst neue Menschen formen. Das ist alles
unanständig, was du willst, verstehst du, unanständig; das ist das Wort, das
dich erdrosselt. Wenn du es aus der Welt schaffst, dann glaube ich an dich. Ist
es nicht unanständig, wenn wir die Kleider abnehmen und uns sehen? Ist es nicht
unanständig, Kleider zu haben und an Liebe zu denken? Ach, nur die Kleider sind
schuld, dass wir so krank lieben. Und dann bedenke, eine Religion, die nicht die
Sinnlichkeit erstickt, schleudert die Könige vom Tron.«
    Eine Zeitlang schwieg sie, dann stand sie so heftig auf, dass der Stuhl
hinter ihr auf den Teppich zurückfiel. »Nun sollst du alles wissen. Damit
wenigstens ein Mensch weiss, was ich leide. Nicht mich ruft der König, sondern
ich habe alles daran gesetzt, um zu ihm zu kommen. Keinen Schleichweg, keine
Hinterlist habe ich gescheut. Er soll mein letztes Medikament sein. Vielleicht
finde ich dort Heilung. Es geht ein Stolz und eine Hoheit von ihm aus wie ein
Sturm übers ganze Land. Denn siehst du, ich langweile mich. Ich langweile mich,
seit ich auf der Welt bin. Ich langweile mich bei Putz und Schmuck, beim
herrlichsten Sonnenaufgang und beim schönsten Gemälde. Versteh mich recht, es
ist mehr als die Langeweile, aus der müssige Frauen Ehebruch begehen, Dummköpfe
zu Verbrechern werden, aus der die Hälfte alles Übels in der Welt geschieht.
Nein, ich habe noch keinen einzigen Menschen kennen gelernt. Ich war in Paris am
Herzen der Erde gelegen und habe gezittert mit den Pulsschlägen der Nacht, ich
habe den vornehmsten Pöbel rasend gemacht durch den Tanz, ich habe jubelnd
sämtliche Tugend zum Teufel gehen lassen, - aber ich habe mich gelangweilt. Ich
habe mich in den Betten gewälzt, die Kissen zernagt und jeden Tag verflucht; ich
habe um Krieg gebetet und ein grauenhaftes Kanonenmodell konstruiert, ich bin in
die Berge gegangen und einsam geblieben; ich habe die berühmten Männer
aufgesucht und fand sie so öde, dass mir war, als müsste ich sie in den Arm
zwicken, damit sie wenigstens einmal schreien möchten, - alles war umsonst. Und
was willst du, armer Agaton, hier! Geh fort, auch ich packe heut mein Bündel
und fahre.« Sie ging zum Fenster, riss es auf und sog mit geblähten Nasenflügeln
die Luft ein. Als Agaton ruhig blieb und sie beobachtete, stampfte sie mit dem
Fuss auf und knirschte mit den Zähnen wie ein bösartiger Hund.
    Ein leises, aber bald anschwellendes, helles Gemurmel wurde hörbar. Eine
Prozession von Kindern zog die Strasse herab. Die zuerst Kommenden beteten,
wodurch das silbrige monoton gleitende Murmeln entstand; die letzte Schar sang.
Alle Gesichter hatten eine so abenteuerliche Gleichgültigkeit, eine solch dumme
und gequälte Feierlichkeit, dass es zugleich lächerrlich und schrecklich war. Den
Nachtrab bildeten sechs Ministranten in weissen Gewändern, einer trug ein grosses,
schwarzes Kreuz. Jeanette sah darauf, und ihr Blick war fasziniert. Sie
schauderte.
    Agaton wich zurück vor ihr und ging. Ihm war, als ob er eine Tote verliess,
deren Seele man da draussen schon zum Grab geleitete.
    Auf der Strasse folgte er dem Leichenzug in der Nähe des Sargs. Es war ein
Kindersarg, ein blasses und gebrechliches Häuschen und der Tod hockte mit einem
Kranze darauf und sang im Chor. Agaton dachte den Tod um die Zukunft zu fragen,
da das Leben so schweigsam war.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Nach dem unerwarteten Erfolg seines Buches hatte sich Stefan Gudstikker beeilt,
eine vornehme Wohnung zu mieten. Er betrieb eine eigene Art von Leutseligkeit
gegen seine Bekannten, die darin bestand, dass er seinen berühmten Namen, auf
Visitenkarten gedruckt, häufig in ihre Briefkasten schob; er liess das Haar ein
wenig länger wachsen, den Bart ein wenig imposanter stutzen, liess sich
photographieren, und zwar in einem Gesellschaftsrock, mit einer Kravatte von
durchbrochenem Rips, den Zylinder in der Hand, mit fest nach vorwärts
gerichtetem, gleichsam unparteiischem Blick und etwas mitleidig verzogenem Mund.
Nach solchen Vorbereitungen beschloss er, sich seinen Kollegen in der Hauptstadt
zu zeigen und sprach gegen seine vertrauten Freunde stirnrunzelnd von den
Kniffen, die er werde anwenden müssen, um gewissen Festlichkeiten zu entgehen.
    Kisten und Koffer waren gepackt. Die Fenster standen offen, und ein würziger
Strom Vorfrühlingsluft floss herein. Gudstikker war beschäftigt, seine
Reiselektüre zu sichten, als sich die Türe öffnete und Monika Olifat hereinkam.
Sie öffnete die Türe nur wenig und schob sich furchtsam durch den Spalt.
Gudstikker war nicht angenehm überrascht, doch nahm er sich zusammen, ging hin
und bot ihr die Hand.
    Monika sah nicht, dass er ihr die Hand gab. Sie setzte sich oder sie sank
vielmehr auf einen der herumstehenden Koffer, liess den Blick unsicher
umherschweifen und murmelte: »Du gehst fort, Stefan?«
    »Aber natürlich, Närrchen, ich muss doch,« erwiderte Gudstikker. »Begreifst
du denn nicht, dass ich muss? Willst du dich nicht lieber auf den Stuhl setzen?«
    »Also du gehst fort,« wiederholte Monika mechanisch. »Du gehst fort.« Und
sie wollte die Hand an die Stirn heben, liess sie aber im Schoss ruhen. Beide
Hände lagen da, schwer, aneinandergepresst.
    Gudstikker lächelte schnell unter seinem schwarzen, koketten Bart hervor.
Dann nahm er ihre Hand und sagte: »Liebes Kind, die Pflicht ruft. Dagegen ist
nichts auszurichten. Wer aber sagt denn, dass ich nicht wieder komme, nicht
wieder zu dir komme? Angenommen auch, wir könnten uns nicht wieder treffen,
selbst diesen Fall angenommen, bliebe uns nicht die köstliche Erinnerung übrig,
dir und mir? Flammen in der Vergangenheit wärmen selbst die Zukunft, sagt
irgendwo ein grosser Dichter. Ist es denn ein so grosses Unglück, einmal vom
vollen Becher des Lebens getrunken zu haben? Die Hauptsache ist, dass man einmal
sich sättigt. Ich behandle ein solches Tema in meiner neuen Arbeit. Es ist
ausserordentlich interessant, sie werden Gift und Galle spritzen, die Herren
Kritiker, aber das macht Spass. Ich habe den Plan meiner Mutter erzählt; sie
meint sogar, dass es ein ungewöhnlicher Vorwurf ist. Sie hat ihr eigenes Urteil
in derlei Sachen, weisst du. Mein Gott, was hat sie aber auch durchgemacht! Bei
solchen Leiden kommt man zur Philosophie, ohne es zu wollen. Nach dem Tod meines
Vaters ist es ihr so schlecht gegangen, dass sie ihr Brautkleid, das Teuerste,
was sie an Erinnerungen besitzt, ins Pfandhaus tragen musste. Seit einiger Zeit
kränkelt sie übrigens. Und nun, was ich dir anempfehlen will, Liebste, das ist:
Ruhe, innere und äussere Ruhe. Du musst solche Ruhe bewahren, dass unser Kind einst
der Abglanz unserer besten und tiefsten Stunden sein wird. Nur dadurch können
wir uns vor dem Schicksal rechtfertigen.«
    Monika hatte sich erhoben und starrte hinaus gegen den Himmel, in eine lange
Linie rosenroter Wölkchen. »Nun ja,« sagte sie gepresst. Das war alles. Ihre
beiden einst so frohen, einst so frischen Augen glänzten verräterisch, und als
sie mit kurzem Nicken sich zum Gehen wandte, perlte Träne auf Träne herab, ohne
dass sie es zu hindern vermochte. Im Treppengang lehnte sie sich an einen Pfeiler
und hielt ihre Stirn mit beiden Händen.
    Es zeigt sich, dass zweihundert Jahre das Gemüt der Menschen nicht verändern,
dass dies nur eine winzige Phase ist im Prozess der Umwandlungen. Es scheint, als
ob Charaktere oder Seelen über Jahrhunderte hinweg in einer neuen Kette von
Erscheinungen und Ereignissen zu neuem Dasein erwachen müssen. Es ist dann
gleichgültig, ob dieser Wiedergekehrte Tomas Peter Hummel oder Stefan
Gudstikker heisst.
    Als Gudstikker das Haus verliess, stiess er so heftig mit einem die Strasse
heraufeilenden Menschen zusammen, dass ihm der Hut vom Kopfe flog. Zornig blickte
er auf, da war es Eduard Nieberding, zu dem er in letzter Zeit in
freundschaftliche Beziehung getreten war. Sie wechselten ein paar verlegene
Redensarten. Nieberding schien nicht allein zerstreut und abwesend, sondern auf
seinem Gesicht spiegelten sich auch die Bilder aufregender Sorgen und um seinen
Mund lag jener leise Ekel, in den sich bei schwachen Naturen so schnell jede
Missstimmung verwandelt. »Ich muss nach Hause,« sagte er und rannte davon.
    Er war in fieberhafter Ungeduld, eine Nachricht, die er vernommen, der
Schwester mitzuteilen. Er klopfte an ihre Türe, doch sie antwortete nicht. Er
drückte auf die Klinke, doch die Türe war versperrt. Er pochte stärker und rief
ihren Namen, umsonst. Er ging wieder in sein Zimmer und schritt unruhig umher.
Seine matten Augen lagen tiefer als sonst; seine Hände schienen ein eigenes
Leben für sich zu führen, schienen stets miteinander im Kampf zu liegen, sich
gegenseitig aufzureiben, worauf sie wieder lange Zeit bewegungslos und müde
herabhingen. Sie schienen begierig danach, sich im Gebet zu falten, begierig
nach einem Leiden.
    Nieberding hatte seltsame Gerüchte vernommen über Jeanette, die sich in
einem der königlichen Schlösser aufhalten sollte. Überall im Volk gärte die
Erregung über das Schicksal des Königs, eine Unruhe, die täglich zunahm, ein
wachsender Hass gegen die Minister, gegen den Hof, gegen die Familie des Fürsten,
denn das Volk liebte diesen Herrscher. Leute, die den König einmal gesehen,
konnten ihn nie wieder vergessen. Der Eindruck seiner Person war so tief, dass,
wer ihn sah, selbst ein Stück Adel in seiner Seele davontrug. Er stand so
ausserhalb des Gewöhnlichen und Menschlich-Alltäglichen, dass der Nimbus, der
seine Handlungen umgab, ihn unantastbar machte für Kritik.
    Als Cornely noch immer nicht kam, rief Nieberding die beiden Dienstboten.
Sie wussten nichts. Da pochte Nieberding, von einer schmerzlichen Ahnung erfasst,
noch einmal so heftig er konnte an die Türe. Er lauschte und glaubte ein Seufzen
zu vernehmen, das wie durch Tücher gedämpft herausklang.
    Mit übermenschlicher Angst und Kraft stemmte er sich gegen die Türe und sie
sprang auf.
    Cornely lag mit nacktem Oberkörper ohnmächtig da, und Brust und Schultern
waren mit Striemen bedeckt. Ihr Gesicht war entstellt, die Lippen zu einer
schmalen Linie verzogen, die Brauen bogen sich angestrengt über den Lidern.
Nieberding kniete nieder zu ihr, hob sie empor und legte sie aufs Bett. Bebend
starrte er sie an, während sein Herz langsamer schlug.
    »Cornely,« flüsterte er an ihrem Ohr.
    Sie schlug die Augen auf. Dann zog sie voll Schrecken die Decke bis an den
Hals.
    »Was hast du getan, Cornely?« sagte Nieberding, in dessen Gesicht eine
zunehmende Furcht sichtbar war.
    Cornely richtete sich verstört empor und griff nach der Hand des Bruders.
»Ich kann nicht mehr schweigen,« stammelte sie. »Ich habe dich geliebt, liebe
dich, Eduard, es ist entsetzlich. Ich habe mein Blut gezüchtigt, den Leib
gepeinigt, die Zunge wund gebissen, umsonst.«
    »Schwester!« rief Nieberding und wich zurück.
    »Warum mir ein solches Geschick?« fuhr sie fort. »Warum weiss ich es und kann
es denken? Es gibt keine Rettung. Der Geist hat keine Gewalt, nur auf den Tod
ist Hoffnung.«
    Vermehrte Furcht malte sich in Nieberdings Gesicht. Er nahm Cornelys Hand
und tröstete sie, aber seine Worte waren so gewicht- und überzeugungslos wie die
eines Menschen, der weder an sich selbst noch an die Zukunft, noch an das Leben
überhaupt Hoffnungen zu knüpfen vermag. Deshalb atmete er erleichtert auf, als
das Dienstmädchen eintrat und sagte, Herr Bojesen sei da und wünsche ihn
dringend zu sprechen. Er ging rasch hinaus und stand alsbald vor Bojesen, dessen
Kleidung solche Spuren geheimer und mühselig verborgener Vernachlässigung
aufwies, dass, wer ihn früher gekannt, nunmehr Mitleid fühlte und noch mehr als
das.
    »Sie wissen nicht, wo Agaton Geier ist?« begann Bojesen ohne weitere
Einleitung als einen flüchtigen Gruss.
    Nieberding antwortete verwundert, er kenne Agaton Geier gar nicht. Er wurde
immer mehr verwundert durch Bojesens ruhlos zuckendes Wesen. Zahllose Male fuhr
Bojesen mit der flachen Hand über die Stirn und lächelte verstört in sich
hinein.
    »Ich habe ja nicht gefragt, ob Sie ihn kennen,« sagte Bojesen und blickte
sich mit leeren Augen um.
    »Aber was gibt es denn? Was haben Sie?«
    »Entschuldigen Sie, dass ich komme,« murmelte Bojesen. »Entschuldigen Sie.
Natürlich können Sie nichts wissen. Aber seit heute morgen renne ich bei allen
möglichen Leuten herum, hier und in Nürnberg. Deshalb komme ich auch zu Ihnen.
Kennen Sie die Schrift?« Er hatte einen verschlossenen Brief aus der Brusttasche
gezogen, dessen Adresse er Nieberding hinhielt.
    Nieberding erbleichte. »Es ist Jeanettens Hand. «
    »Jeanettens Hand, sehr richtig,« erwiderte Bojesen mit einem hämischen
Zucken der Mundwinkel. »Jeanettens Hand, die in meinem Haushalt das unterste zu
oberst wirft. Ich glaubte schon Ruhe zu haben vor Jeanettens Hand. Aber das
braucht Sie nicht zu interessieren. Es ist nur ein Fingerzeig für meinen
Biographen. Er kann meiner Lebensbeschreibung den Titel geben: Jeanettens Hand.«
    Nieberding, der feige vor den Herzensqualen seiner Schwester zurückgewichen
war, sah sich hier einer neuen Verwicklung von Schmerzen gegenüber. Auch ihn
hatte der Gedanke an Jeanette erregt, doch Bojesen erschien ihm so überlegen an
Leidenschaft, dass er Angst hatte, ihn zu einem gewaltsamen Ausbruch zu reizen.
»Und was will sie? Weshalb schreibt sie an diesen Agaton?« wagte er endlich zu
forschen.
    »Sie bittet mich bei allem, was mir heilig ist, als obs dergleichen noch
gäbe, ich solle Agaton suchen und ihm den Brief geben. Sie wisse niemand, an
den sie sonst schreiben könne. Ich solle keinen Schritt scheuen, ihn zu finden.
Der Brief ist auf schwarzes Papier mit grüner Tinte in Eile hingekritzelt. Der
Poststempel ist von einem Dorf im Hochgebirg. Gehen Sie mit mir nach Zirndorf.
Ich kann jetzt nicht allein sein. Es sind so öde Strecken. Oder wir wollen einen
Wagen nehmen. Bezahlen müssen Sie.«
    Wie gebannt starrte Nieberding in das Gesicht des Lehrers. Fast willenlos
nahm er den Hut und ging, sich von der Schwester zu verabschieden. Er fand sie
am Fenster stehend. Befangen und schuldbewusst reichte er ihr die Hand und sagte,
er komme bald wieder.
    Sie schien zuerst nicht verstehen zu können. Dann nickte sie. Ihr Blick
wandte sich fremd auf die dunkle Landschaft. Als Nieberding fort war, nahm sie
ein Tuch, hüllte den Kopf damit ein, schlug mit einer krampfhaften Gebärde die
Hände zusammen, dann legte sie einen Schlüsselbund und ihre Geldbörse auf das
Bett und kurze Zeit darauf stand sie unter den noch kahlen Bäumen der
abschüssigen Wasseranlagen. Sie beschleunigte ihren Schritt nicht. Sie ging
immer langsamer, oft mit geschlossenen Lidern, mit einem Ausdruck im Gesicht,
der ein Gemisch von Erwartung und Horchen war. Sie glich einer verwelkten
Pflanze.
    Sie hatte geglaubt, als sie von Hause ging, sie suche den Tod; aber jetzt
bemerkte sie, dass es nicht der Tod war, den sie suchte. Das wurde ihr so jähe
klar, dass sie fröstelnd stillstand und überlegte. Auf der Strasse befand sich ein
Lastwagen, und auf ihm waren trotz der Abendstunde, noch Leute damit
beschäftigt, massive Eisenschienen auf Strohbolzen herabfallen zu lassen. Es gab
ein hallendes Getöse, ein schrill-wuchtiges Klingen, das dem Geschrei einer
fernen Volksmenge glich; in einer andern Strasse spielten Kinder, als ob die
Nacht gar keine Unterbrechung für ihr Spiel bringen würde; in einer andern
Strasse rauften zwei Dienstmänner und brachten ein Droschkenpferd zum Durchgehen.
Das war gewöhnlich, aber für Cornely war es Leben. Sie kannte solches Leben
nicht; jetzt jedoch sah sie das Leben über die Schürzen der Mädchen huschen, die
über das Pflaster liefen; sie sah es tropfen von den Balkonen, wo man die
Zimmerpalmen begoss; es kletterte in Gestalt einer Katze über die Zäune, es
bellte als Hund, es läutete als Abendgeläut.
    Mit jedem Schritt klammerte sie sich fester an diese neuen Vorstellungen.
Sie dachte an Jeanette, an die Spiele, die sie als Kind mit ihr gespielt, und
bekam plötzlich Sehnsucht, Jeanette zu sehen. Sie vergass, dass Jahre seitdem
hingegangen waren, und es kam ihr vor, als könne sie Jeanette treffen wie
damals, wenn sie nur das Löwengardsche Haus betrete. Als sie aber wirklich vor
dem Gebäude stand, schämte sie sich und kehrte seufzend um.
    Sie kehrte um, nach Hause, setzte sich in Eduards Zimmer und dachte nach.
Sie grübelte über sich selbst und durch welche Umstände und Fügungen sie zu dem
geworden, was sie eben war. Es schien ihr, als ruhte die Lügenlast von
Jahrhunderten auf ihr und drücke sie nieder, ersticke jede Freiheit, jeden
Willen zur Freiheit. Unter all diesen Gedanken war auch einer, der sie zittern
liess. Zittern vor dem Reichtum, vor der Fülle, die sie jetzt umgaben. Ihr Vater
war Sklavenhändler in Amerika gewesen. Dies war genug für sie, dass sie die
Seelen Hingepeitschter in den Polstern versteckt sah, dass die Luft um sie herum
erfüllt schien von aufbewahrten Rufen des Jammers und des Schreckens.
Unwillkürlich erhob sie sich, als fürchte sie die Berührung mit dem Stoff des
Sessels könne sie beschmutzen und ihre Bedrückteit stieg bis zu einem kaum
erträglichen Grad. Von einem Abgrund zum andern getrieben, haltlos, voll
mystischer Sehnsucht und sinnlicher Begierde, glaubte sie, das Herz springe ihr
unter dem wachsenden Druck entzwei. Fast mechanisch, wie ein Fallender nach
einem Halt greift, nahm sie ein altes Buch aus dem Regal, schlug die Blätter um
und ihr Blick fiel auf ein Gedicht. Es lautete:
Sag' mir an, du trübes Gespenst,
was du Wissen und Leiden nennst?
Sag' mir, du ruhige Finsternis,
warum Gott seinen Sohn verliess?
Sprich, du Himmel ohne Gnaden,
weshalb hat mich der Freund verraten?
O sprich, du lange Einsamkeit,
was ist Tod und was ist Zeit?
Da begann das trübe Gespenst:
Was du Wissen und Leiden nennst,
das ist kraft eines deutlichen Traumes;
das ist Spiel eines bunten Saumes,
Saum vom Kleide der Ewigkeit,
Kraft eines langerloschenen Lichts,
dies ist Wissen, dies ist Leid
und sonst nichts.
Sprach die ruhige Finsternis:
Warum Gott seinen Sohn verliess,
das ist kraft seiner Lust zur Freude;
es ist Kampfspiel, das stets erneute
Hangen und Bangen am Lebensbaum.
Gott wünschte einen Sohn des Lichts;
seine Vaterliebe ist nur ein Traum
und sonst nichts.
Sprach der Himmel ohne Gnaden:
Mit Recht hat dich der Freund verraten.
Freundschaft ist zärtliches Betrügen,
Kopfnicken und Rückenbiegen.
Umklammert deine Faust das Schwert
dann freu dich du des Verrätergerichts;
entbehren ist, was dich der Freund gelehrt
und sonst nichts.
Sprach die lange Einsamkeit:
Frage nicht, was Tod und Zeit.
Tod bist du und Zeit bist du,
Rast und Flucht und Kampf und Ruh.
Aus dem Knäuel der Wirklichkeiten
wirst du am Tag des grossen Verzichts
hin vor meine Füsse gleiten,
und sonst nichts.
    Als Cornely dies gelesen, schaute sie geraume Zeit mit staunenden Augen ins
Lampenlicht. Dann ging sie in ihr Schlafgemach und begann sich mit träumerischer
Ruhe zu entkleiden. Sie entfernte auch das Hemd vom Körper und trat vor den
Spiegel, um sich mit dem gleichen verträumten, etwas staunenden und verlorenen
Blick zu betrachten. Diese Empfindung des Losgelöstseins und der Leichtigkeit
hatte sie wünschen lassen, nackt zu sein. Doch sah sie nicht den eigenen Körper,
sondern freundliche Gestalten umschwebten sie, deren Nähe ihr beglückend dünkte.
 
                              Siebzehntes Kapitel
Der flüchtige Traum von Frühling war schon wieder vorbei, als Agaton an einem
kalten Spätnachmittag nach Fürt kam. Er war ziemlich lange umhergewandert, ohne
dass er sich entschliessen konnte, jemand von den Menschen aufzusuchen, die er
kannte. Es dunkelte schon, als er aus dem ersten Stock eines kleinen Hauses zu
seinem Erstaunen den wolligen Kopf der Frau Olifat gewahrte. Im Nu hatte die
lebhafte Dame auch ihn erkannt und winkte ihm zu, er solle hinauskommen.
    Monika sass in einem Lehnstuhl und schaute mit einem hasserfüllten Blick auf
ihn, als er eintrat. Sie wehrte ihre Mutter von sich ab, die mit
schmeichlerischer Geschwätzigkeit auf polnisch in sie hineinredete, darauf
wandte sich Frau Olifat an Agaton und setzte ihm mit grosser Zungengeläufigkeit,
halb deutsch, halb französisch die Gründe auseinander, weshalb sie in die Stadt
gezogen sei. Dann klagte sie über Monika, die den ganzen Tag dasitze, ohne zu
sprechen, ohne zu essen, ohne zu lachen. Und wieder ergriff sie Monikas Hände
und redete auf sie ein. Doch das Mädchen drehte mit einer bösartigen
Gleichgültigkeit, als sei sie taub, das Gesicht nach einer anderen Richtung. Die
gequälte Mutter wurde zornig; unerschöpflich entfloss ein Strom von Schmähungen
ihren Lippen, und sie erhob den Arm wie zum Schlag. Dann richtete sie sich
gravitätisch auf, schritt zur Tür und warf sie dröhnend hinter sich zu.
    Agaton sah sich mit Monika allein. Wieder fühlte er eine atemraubende
Beklemmung ihr gegenüber. Er vermochte nichts zu reden. Ihre Wangen hatten sich,
kaum dass die Mutter das Zimmer verlassen, mit einem brennenden Rot bedeckt, und
ihre Augen glänzten feucht, - vor Scham und Verzweiflung. »Ich kann ja gehen,
Agaton, wenn Sie nicht mit mir allein sein wollen,« sagte sie mit einer
eigentümlich brüchigen Stimme, und um ihre Lippen spielte ein sinnloses Lächeln.
    Gern hätte Agaton ihre Hand ergriffen, um sie zu bitten, sie möge wieder du
sagen. Aber er konnte nicht. Unüberwindliche Scheu fesselte ihn an den Platz, wo
er war. »Was hast du nun eigentlich, Monika?« fragte er ruhig.
    Ihre Blicke begegneten sich zum erstenmal. Agaton hatte dabei das Gefühl,
als schaue er in einen Raum mit kahlen Wänden.
    »Ich weiss es, du hast Gudstikker geliebt,« sagte Agaton, »aber deshalb musst
du noch nicht am Leben verzweifeln, Monika. Du hast ja den Kopf immer hoch
getragen. Und jetzt? Was ist mit dir? Ist denn das Leben für dich weniger gross
und gut geworden? Viele haben geliebt und entbehren müssen, Monika. Nun kommt
bald der Frühling, und du wirst dich freuen, wenn die warme Sonne auf dich
scheint, und du wirst mit Ester in den Wald gehen und deine Wangen werden
wieder rot sein. Und wenn der Herbst kommt, wirst du alles vergessen haben,
Monika, diesen ganzen elenden Winter wirst du vergessen haben.«
    Da richtete sich Monika auf, und über ihre Züge ging eine zuckende Bewegung.
»O Agaton,« rief sie aus, »nie mehr können meine Wangen rot werden, nie mehr,
nie mehr. Nie mehr kann ich in den Wald und die Sonne sehen, nie mehr kann ich
vergessen, Agaton, nie mehr, nie mehr.«
    Agaton näherte sich ihr, beugte sich herab, ergriff ihre Hand und schaute
sie an. »Was hast du getan, Monika? Warum schweigst du? Warum verschweigst du
mirs?«
    Monika erhob beide Arme und legte die Hände um Agatons Nacken. So sah sie
zu ihm empor mit einem feierlichen Blick, der etwas Drohendes in der Ferne zu
erblicken schien und sagte, jede Silbe betonend: »Er hat mich betrogen. Geh hin
und räche mich. «
    »Monika!« flüsterte Agaton und machte sich los von ihr.
    »Es ist so finster,« sagte Monika verstört und schauerte zusammen. »Es wird
schon Nacht. Ja, ich habe mich ihm hingegeben, ganz und gar. Aber denke nicht
schlecht von mir, Agaton, was wusste ich denn von solchen Künsten, wie er sie
besitzt. Gehst du, Agaton? Jetzt willst du gehen? Bleib doch -!«
    Als die Türe sich hinter Agaton geschlossen hatte, warf sie sich jammernd
zu Boden. Aber bald darauf kam er wieder und fragte sie, die hilflos vor ihm
lag. »Wo wohnt er?«
    Monika, das Gesicht gegen die Dielen gewandt, nannte die Strasse und das
Haus.
    Gudstikker war daheim, als Agaton bei ihm anklopfte. Er hatte seine Abreise
verschoben. Er zeigte ein überraschtes und freudiges Gesicht bei Agatons
Anblick und ging mit ausgestreckten Händen auf ihn zu, blieb aber auf halbem
Wege wie angewurzelt stehen. »Was machen Sie denn für ein Gesicht,
Verehrungswürdiger,« sagte er erblassend, halb scherzhaft, halb trotzig.
    Agaton stand ihm gegenüber, und er fühlte plötzlich all seine Kraft wie
verblasen. Voll von brennendem Zorn, der sein Herz zusammenzog, war er noch die
Treppe heraufgekommen, aber sobald er in dies lügnerische Gesicht geblickt, war
er entwaffnet. Es war die Lüge selbst, die ihm entgegentrat. »Ich komme wegen
Monika,« das war alles, was er herausbrachte und Gudstikker nickte vor sich hin,
als ob es ihn traurig mache, diesen Namen zu hören. Er ist eine jüdische Natur,
dachte Agaton plötzlich, indem er das Wort in seinem hässlichsten Sinn fasste;
Gudstikker schien ihm der jüdischste Mensch, den er je getroffen.
    »Monika! Ein schöner Name, ein herrliches Mädchen,« begann Gudstikker, wie
in Erinnerungen verloren und schritt langsam auf und ab. »Wir haben zusammen den
Lenz des Lebens genossen. Sie hat mich über eine wüste Strecke meines Daseins
mit Flügeln hinweggetragen. Ich danke ihr viel und meinem Herzen bleibt sie, was
sie war. Sie würde es nicht bleiben, wenn ich kleinlich sein und unsere
Schicksale auch weiterhin verketten wollte. Nach bürgerlichen Begriffen hätte
ich vielleicht die Pflicht, es zu tun, aber meine Aufgabe ist es jetzt, mit den
bürgerlichen Begriffen zu brechen, ja sogar sie als das zu zeigen, was sie sind,
nämlich Gespenster, die den holden Tag des Glückes verfinstern. Der schaffende
Geist muss frei sein. Was allen andern rücksichtslos erscheint, ist für ihn ein
Naturgesetz und die einzige Möglichkeit der Selbsterhaltung.«
    Erstaunt blickte Agaton auf diese redseligen Lippen. Er schwieg.
    »Ja, eine gewisse Grausamkeit ist nötig, das wird mir immer klarer,« fuhr
Gudstikker fort; »sie ist nötig, um die widerwilligen Dämonen des eigenen Lebens
gehorsam zu machen. Nicht um schlechtin tugendhaft zu sein, sind wir da,
sondern um aus unseren Gaben Tugenden zu machen. Sie, Agaton, sind ein wenig
allzusehr reiner Idealist. Es fehlt Ihnen an Kenntnis des Lebens. Ich mache
Ihnen einen Vorschlag: seien Sie einmal eine Nacht lang mein Begleiter. Lassen
Sie mich von jetzt an bis zum Morgengrauen Ihren diable boiteux sein. Haben Sie
schon zu Abend gegessen? Vortrefflich, dann kommen Sie.«
    Wie gebannt folgte Agaton jeder Bewegung, jeder Geste Gudstikkers. Zugleich
empfand er ein unheimliches Grauen vor seiner Zunge, die bisweilen hinter dem
schwarzen Schnurrbart hervorbljetzte wie ein Flämmchen. Er suchte sich all diesem
zu entziehen, aber umsonst. Er folgte Gudstikker, der mehrmals kurz vor sich
hinlachte, ins Freie,
    Der Weg führte sie durch dunkle Gassen in die Vorstadt, wo verrufene Häuser
standen, wo wenige Laternen ein dürftiges Licht spendeten, und wo Schutzleute zu
zweien und dreien gingen, streng, finster, sorgsam spähend.
    Sie kamen zunächst an ein einstöckiges Häuschen, über dessen Portal eine
grüne Lampe brannte. Die Fenster waren dicht verhängt.
    Als Gudstikker das Tor geöffnet hatte und in einen mit verblichener,
gleichsam abgesessener Pracht ausgestatteten Raum getreten war, kam den beiden
eine Schar von geschminkten Mädchen entgegen, die mit Gudstikker sehr vertraut
taten, sich an seinen Arm hingen, lachten, trällerten, scherzten, nach Wein
riefen und sich auf jede Weise geräuschvoll gebärdeten. Sie waren mit nichts
bekleidet als mit einem Hemd und langen Strümpfen; ihre Augen glänzten
krankhaft, oder schienen müde, ihre Bewegungen waren geziert, ihr Lachen
übertrieben, ihre Scherze zynisch. Ihr Gang hatte etwas Schwankendes, das Spiel
ihrer Hände und Finger etwas Gieriges und Abenteuerliches. Seltsamerweise
beachteten sie Agaton gar nicht: manche blickten scheu nach ihm hin, aber taten
dann wieder, als sähen sie ihn nicht. Bisweilen erschien eine ältere Dame und
führte Reden, die etwas Anfeuerndes haben sollten; bisweilen auch läutete eine
Glocke, dann verschwand eines der Mädchen lächelnd und die andern sahen
teilnahmlos ins Leere, immer dieselbe auffordernde Miene beibehaltend.
    Gudstikker benahm sich wie zu Hause. Gönnerhaft verabreichte er seine Worte,
lehnte sich breit und behaglich auf den verschabten Polstern zurück, klatschte
leutselig auf nackte Arme, schlug ein paar Takte auf einem schrillklingenden
Klavier an, lächelte nachsichtig, wenn ihn die Mädchen neckten und den schwarzen
Doktor nannten, doch bei alledem schwand eine gewisse ernste Falte nicht von
seinem Gesicht und ein stechender Blick nicht aus seinen Augen. Bald ging er
weiter mit Agaton in ein daneben befindliches Gebäude, und Agaton folgte,
betäubt durch eine beengende Erwartung, die er nicht deuten konnte. Wiederum sah
er den verkommenen Putz erbärmlicher Prunkstuben, halberblindete Spiegel, von
Staub zerfressene Goldrahmen; wieder sah er die für den Gebrauch der Nacht
überschminkten Frauengesichter, in denen jedes Leiden, jeder Schmerz, jedes
Nachdenken, jede Erinnerung, jede Feinheit verschwunden war, wiederum roch er
die abgelagerte Luft von gestern, atmete den Rauch der Zigaretten, den Dunst der
Weine und wurde behandelt wie einer, der nicht da ist oder den man nicht sieht.
Er sah in dunkle Nebenkammern, wie man auf einer längstverödeten Strasse
Wagenspuren verfolgt; das heimische Laster hatte seine Spuren selbst in die
Finsternis gegraben. Er sah in andern Stuben junge Männer lungern und sich
erhitzen um einen Kuss, von dem sie vergessen wollten, wie feil er war und wie
jedem er gewährt worden war. Er sah Spielkarten fliegen und hörte rohe Scherze
durch die Wände dringen, Pfropfen knallen, Goldstücke rollen und glaubte zu
erkennen, wie mancher seine Ohren verschloss gegen die Stimmen, die er nicht
hören wollte, nie hören durfte, ohne den Verstand zu verlieren. Er erblickte die
Kammern dieser Frauen und Mädchen, die von unsinnigem Zierat starrten, worin sie
sich bei Tag einem bleiernen Schlaf überliessen, worin ein rotes oder grünes
Licht künstliche Schwülnis hervorbrachte und selbst den abgeschabten Stellen der
Tapete etwas Schmückendes verlieh, gleich dem Märchen von der ersten Sünde und
der poetischen Verführung, das die Bewohnerin in seinem matten Schein ersinnt
und dem empfindsam gewordenen Besucher verabreicht. Er sah die verschnörkelten,
steilen Treppen, auf denen die Mädchen hinauf- und hinabeilten und dabei
berechneten, wieviel sie noch verdienen müssten, um sich bezahlt zu machen dafür,
dass sie hier in Hemd und Strümpfen sich mästen durften, ohne dass man mehr von
ihnen verlangte, als dass sie lachten, lachten, immer lachten. Mochten sie fett
oder mager sein, blond oder schwarz, alt oder jung, sie hatten keine Aufgabe,
als die, zu lachen. Und jedes neue Läuten der Glocke brachte einen neuen Gast in
diese Krämerei, wo lebendiges Fleisch verhandelt wurde: Junge Menschen, die mit
zitternden Lippen und studiertem Gleichmut unter der Schwelle standen, um zu
warten, was man mit ihnen beginnen würde; schiefe Greise, die einen letzten
Funken ihres vergehenden Lebens anzufachen bemüht waren; Männer, von Langeweile
und Gewohnheit hergetrieben, Knaben sogar mit den erschreckenden Zeichen
vorzeitiger Fehltritte in den Augen, die sie wissend einem alles verschlingenden
Abgrund zueilen liessen, Bräutigame, die ein Mittel suchten, die ideale
Schwärmerei des Brautstandes zu überdauern, geachtete Bürger, die liebenswürdige
und gute Frauen besassen, Lehrer, Beamte, Studenten, Handwerker ... Wie um
Erbarmen stehend, suchten Agatons Augen diejenigen Gudstikkers und diese
antworteten: Hier gibt es kein Erbarmen. Und Agaton verlor Ruhe, Kraft und
Besinnung und Bild auf Bild in stummer Reihenfolge bedrängte ihn. Oft war es
auch ein leidendes Gesicht, das er gewahrte, das mit hineingerissen wurde in den
Strudel und versank. Erschüttert wollte er fliehen, doch schon war Gudstikker
neben ihm, der ihn führte, - durch die menschenleeren Gassen der Stadt.
    Warum, warum ist das alles? fragte Agaton flüsternd. Aber nichts gab ihm
Antwort, während Gudstikkers Nähe mehr und mehr beklemmend auf ihn wirkte. Und
er sah durch die Mauern der Häuser, armer und reicher Häuser; er hörte
Angstrufe, Hilfeschreie einer versinkenden Gesellschaft, einer Welt, die wie ein
Schiff sich langsam mit Wasser füllt, um unrettbar in den Abgrund zu tauchen.
Bis jetzt war es nur das offene Spiel gewesen, das lediglich zum Schein den
Stempel der Heimlichkeit trägt, und um jenen Anstand zu wahren, der noch die
letzte Klammer der berstenden Wände bildet. Er sah, dass jedes Haus eine Wunde
hatte, die unheilbar war; dass jede Tür eines jeden Zimmers mit unverlöschlichen
Lettern das Gedächtnis eines schweren Makels aufbewahrte; dass jedes Glas eines
jeden Fensters auf Dinge geschaut, die besser in dichtem Dunkel begangen worden
wären; dass kein Schläfer unter allen so ruhig schlief, dass selbst seine reinsten
Träume nicht durch den Nachhauch eines begangenen Frevels getrübt wurden, dass
die Bereitwilligkeit, sich zu verkaufen, in keinem verschlossenen Haus geringer
war, als in jenen öffentlichen; dass das Glück und die Ruhe aus den Zügen des
Lebens verwischt waren und dass der Weinende wie der Lachende eine Maske trägt;
dass die Händler des Fleisches und die Händler des Geistes bei Tag und Nacht,
jahraus, jahrein durch die Gassen gehen und harmlos scherzend Gift säen; dass die
Kaserne und das Spital, der Palast und das Gefängnis, die Kirche und das
Wirtshaus, das Teater und die Schule von einem Schmerz gepeinigt, von einer
Lüge erhalten, von einer Hoffnung betrogen werden. Und Agaton sah das Ziel in
der Ferne zerstäuben zu nichts, die Fackel, die seinen Weg erleuchtet, langsam
vergehen und erkannte, dass er gegen die gigantische Masse des Elends nichts war
als ein Kind, das mit seinen Händchen Gebirge abtragen will. Und Jude oder
Christ, was bedeutete ihm das noch gegenüber diesem heimlichen und lautlosen
Kampf, der hier zwischen schlafenden Mauern geführt wurde? Jude und Christ
hatten in gleicher Weise dazu beigetragen, das Jahrhundert dortin zu führen, wo
es stand, und ihre Todeszeugen fielen einander grinsend in die Arme und
schlossen Bruderschaft.
    »Gute Nacht, Bester, « sagte Gudstikker jovial, als sie vor seinem Haus
standen. »Ich denke, meine Dienste haben Ihnen gut getan. Die Welt ist viel
grösser, als Sie glauben. Setzen Sie sich auseinander mit ihr, gute Nacht.«
    Agaton nahm den Gruss verständnislos hin und blieb, als er sich allein sah,
lange Zeit an derselben Stelle stehen. Mit dem Verschwinden Gudstikkers waren
die Bilder und Gesichte vorbei. Agaton hatte kein Bett, keinen Zufluchtsort,
begehrte keinen Zufluchtsort, begehrte keine Ruhe. Betrunkene taumelten an ihm
vorbei, gröhlend oder still, begeistert oder trübsinnig. Alles was noch lebendig
war auf den Strassen, wurde durch den Geist der Besoffenheit bewegt, der einen
übelriechenden Dunst erzeugte. Dieser Geruch wird auch morgen das öffentliche
Leben durchdringen und die Seelen der Besseren unmutig machen; er wird jede
Frau, die schlaflos an dem Lager ihrer Kinder brütet, den Mann und die Liebe
verachten lassen und wird alle Gefühle der Anmut und Frische zerstören, jede
Vereinigung von Kräften unterwühlen.
    Agaton war im tiefsten Herzen verzweifelt.
    Vielleicht gab es noch eines, was ihn aufrichten konnte. Die Gestalt
Bojesens erhob sich plötzlich aus der Vergangenheit, von einem übertriebenen
Nimbus verklärt. Agaton blickte auf sie hin, wie auf eine tröstende Gestalt.
Ehe er es überlegte, befand er sich schon vor dem Haus, in dem der Lehrer
wohnte. Da das Tor bei der späten Stunde schon geschlossen war, liess sich
Agaton kraftlos auf die feuchten Steinfliessen nieder, umschloss die Knie mit den
Armen und wartete. Er wartete ohne Empfindung für das Vorbeifliessen der Zeit. Im
dritten Stock, wo Bojesen wohnte, öffnete sich bisweilen ein Fenster. Die Uhren
schlugen eins, zwei, schlugen drei. Die Finsternis der Gasse schien klebriger
und körperlicher zu werden.
    Aber war das nicht Bojesen, der vor ihm stand? Diese etwas zusammengekrümmte
Figur, die den Hut schief auf dem Kopf sitzen, die Hände tief in den Taschen
vergraben hatte? Waren das nicht Bojesens Züge? Agaton musste unwillkürlich
lächeln, dass dies seltsam abstossende Bild eines Menschen, diese schwankende
Nachtgestalt solche Ähnlichkeit aufwies. Aber warum starrte nun der
Schein-Bojesen so? suchte in seinen Taschen nach Schlüsseln -? brummte, als er
sie nicht fand -?
    Es erwies sich, dass es mehr als eine blosse Ähnlichkeit gab zwischen dem
falschen Bojesen und dem Bojesen in Agatons Erwartung. Schliesslich erhob
Agaton in stechendem Schrecken die Hände und öffnete den Mund zu einem Schrei,
den seine Kehle ihm nicht bewilligte. Dann fuhr Bojesen, der seine Schlüssel
noch immer nicht hatte finden können, zurück und lehnte sich stammelnd an den
Laternenpfahl. »Ich - suchte - Sie - sch - schon - l - lange genug - Ag -
Agaton,« sagte er.
    Agaton stand auf und trat dicht vor ihn hin.
    Bojesen zog mit einer mechanischen Bewegung den Brief aus seiner
Brusttasche. »Da lesen Sie ihn gleich,« sagte er und war plötzlich wieder im
Besitz seiner Sprache. »Sagen Sie mir, was es ist. Sagen Sie es mir. Ich vergehe
sonst. Ja, ja, ich liebe dieses Weib, kann mich nicht losreissen, verbrenne mir
das Herz dabei, verliere mein Seelenheil, mein Geistesheil, alles, alles. Ich
bin hin, eine Null, ein hohler Stamm, ein mürbes Blatt, ausgeblasen, bankrott.
Was weichen Sie zurück vor mir? Agaton, haben Sie Mitleid! Oder sind Sie die
Tugend selbst, dass Sie mich verachten dürfen? Was weichen Sie zurück mit
entsetzten Augen?«
    Agaton wich zurück vor dem Schnapsgeruch, der aus Bojesens Munde kam.
Bojesen hatte wie ein Fiebernder geredet, mit überstürzten Sätzen, purzelnden
Worten und teatralischen Armbewegungen.
    »Nein, nein, ich bin nicht betrunken,« fuhr er fort und ballte die Fäuste;
»nur ein paar Gläser Grog, das ist alles für einen Bankrotteur. Agaton lesen
Sie den Brief (seine Stimme wurde heiser) und seien Sie aufrichtig mit Ihrem
Freund -«
    Da wandte sich Agaton, nachdem er den Brief an sich genommen und ging fort,
so schnell er immer konnte. Und hinter sich hörte er den verzweifelten,
ersterbenden Ruf in die Nacht verhallen: Agaton! Agaton! Als er die
Wasseralleen erreicht hatte und den Fluss neben sich rauschen hörte, vernahm er
es immer noch, dies: Agaton, als ob es aus dem Bett des Stromes käme.
    Der Tag war für ihn beschlossen und das Jahr. Und viele Bauten, die unlängst
noch prächtige Pforten vor ihm aufgetan hatten, schlossen diese Pforten von
selbst wieder. Über der schier mit Händen zu greifenden Finsternis der Allee sah
er eine brennende Stadt, ein brennendes Land. Erst brannte es sichtbar und
lichterloh, dann war das Feuer unterirdisch und man hörte keinen Hilferuf.
    Er kam an die Stelle, wo die Neubauten waren. Das Haus, in dem damals der
Trockenofen gebrannt, war schon bewohnt. Aber daneben war noch ein anderer
Neubau und heute brannte in diesem der Trockenofen und verbreitete seine düstere
Röte in dem Gebäude und in dem Buschwerk der Umgebung. Nach einiger Mühe gelang
es Agaton, sich durch das verrammelte Tor zu zwängen. Er legte sich vor den
Ofen und bemerkte, dass seine Knie vor Kälte schlotterten. Doch er empfand es
kaum. Sein bleiches Gesicht zuckte nur bisweilen unter der ungeheueren Bewegung
seines Innern.
    Schliesslich, Stunden mochten verronnen sein, und die Hähne begannen schon zu
krähen, erinnerte er sich des Briefes. Er sah ihn an und erkannte Jeanettens
Schriftzüge. Er riss ihn auf und eine Banknote fiel heraus. Auf dem Papier stand
mit gleichsam entsetzten und befehlenden Lettern nichts als eine Adresse der
Hauptstadt und die Worte: Komme sogleich hierher.
 
                              Achtzehntes Kapitel
Bevor noch der Morgen graute, stand Agaton auf dem Bahnhof und erfragte die
Abfahrtszeit des nächsten Zuges nach der Residenz. Um ein Viertel nach acht Uhr
sah er sich durch die Ebenen Frankens rasen, über denen ein milder Nebel lag,
sah Flüsse unter sich und neben sich verschwinden, tauchte den Blick in die
Nacht raschverfliegender Wälder, suchte das Bild von Dörfern festzuhalten, die
sich ängstlich an sanft ansteigende Höhen klammerten, von Städten, die erst
aufzuwachen schienen, und er glaubte, dies alles sei vorher gar nicht dagewesen,
sondern sei um dieses einen Tages willen eigens für ihn gemacht. Dann kamen
Mittelgebirgsländer mit der idyllischen Ruhe dicht-zusammenliegender
Marktflecken, mit alten Steinbrüchen, tiefen Tälern, kahlen Hügelketten,
vergoldet von der Morgensonne, die sich schlaftrunken aus umlagernden Wolken
löste, dann ein Strom, breit und grün, dann wieder eine endlose, dürre Ebene,
über der es zu regnen anfing, alles eine Folge von sich jagenden Bildern wie in
einem Scheindasein.
    In der Residenz angelangt, suchte er sogleich die Strasse, die ihm Jeanette
angegeben. Betäubt von Lärm und Getöse, aber ganz ohne Aufnahmefähigkeit für die
Dinge um sich her, gelangte er endlich vor das Haus. Eine alte Frau öffnete ihm.
Auf sein Fragen wies sie ihn ohne weiteres in ein längliches, etwas dumpfes
Zimmer und bedeutete ihn, er möge warten.
    So wartete er. Er hatte sich auf einen niedrigen Sessel gesetzt und blickte
mit unbewegtem Gesicht vor sich hin. Er konnte kaum begreifen, wie er hierher
gelangt war. Seine Wangen waren fahl, seine Augen erloschen, seine Haltung
zeugte von einem sich verkriechenden Schmerz.
    Plötzlich ging die Tür auf. Herein trat Jeanette. Sie warf Hut und Mantel
achtlos in eine Ecke. Sie schien ausser Atem, ihr Blick abgehetzt wie so oft und
von trügerischem Feuer erfüllt. Sie hatte Agaton kaum begrüsst, als sie auf den
nächsten Sitz sank, die Hände vor das Gesicht schlug und laut aufstöhnte.
    »Warum bist du nicht früher gekommen, Agaton?« murmelte sie nach einer
Weile. »Ich habe dich erwartet. Ich brauchte einen Menschen, ich brauchte dich,
ein einziges Herz in dieser Wüste, ich wollte dich sehen, dein zuhörendes Auge
sehen, den Rat hören, der in deinem Schweigen liegt, denn du bist klüger als du
ahnst.«
    Agaton stand auf und trat zu ihr. Als er sie berührte, sah sie zu ihm
empor. Seine Berührung schien sie zu trösten. Sie drückte ihm die Hand. »Ich
glaubte, ich hätte den Verstand verloren,« sagte sie und strich sich über die
Stirn. »Setz dich zu mir, Agaton, ich will dir erzählen. Wie köstlich, wie gut,
dass du da bist und ich zu dir reden kann!«
    Und sie erzählte.
    Sie war, wie schon vorher verabredet, auf eines der königlichen Schlösser
gebracht worden, in dem sich der Fürst gerade aufhielt. Es war ein unerhörter
Glanz, der sie mitten im Hochwald empfing. Sie hatte den Eindruck, als verfolge
man mit ihrer Person irgend eine Absicht bei dem Monarchen, der seit Jahren sich
von allen Frauen ferngehalten. Sie sah also den König. Jene Leidenschaft, deren
Gefäss sie von da ab war, erfüllte sie sogleich beim ersten Anblick. Er war von
ziemlich fetter, aber zugleich riesenhafter Gestalt. Seine Schultern waren so
breit und mächtig, dass sie für jeden, über den sie sich beugten, etwas
Zermalmendes hatten. Sein Gesicht war aussergewöhnlich bleich, sein Haar
glanzlos, tiefschwarz und stand so dicht wie das Gras vor dem Mähen. Doch all
das wurde belanglos durch die Augen. Tiefblau wie die Gebirgsseen, waren sie von
einem hinreissenden Ausdruck, von einem heftigen Feuer erfüllt. Es schien, dass
ihnen keine Qual erspart geblieben, dass sie keine Schönheit unwiderstrahlt
gelassen. Niemand konnte ertragen, furchtlos in sie zu schauen. Seine Kleidung
war die eines einfachen Bürgers. In seinem Wesen war wenig von Majestät.
Ruhelosigkeit, die Angst des Verfolgten, machtloser Zorn, tiefe Bitterkeit
beherrschten ihn.
    »Es schien etwas Schreckliches im Werk zu sein,« fuhr Jeanette fort. »Das
ganze Schloss, die Dienerschaft, die Offiziere, alles war in Bewegung, in Hast,
in Erwartung. In der Nacht fuhr der König in sechsspänniger Karosse in die
Residenz und Vorreiter mit Fackeln beleuchteten den Weg. Er verschmäht es die
Bahn zu benutzen. Am Morgen, ich hatte nicht schlafen können, sondern war am
Fenster gelegen und hatte in den Wald gestiert, am Morgen kam er wieder und die
Unruhe, die ich an ihm bemerkt, hatte sich verzehnfacht. Ich beobachtete ihn vom
Fenster aus und sah, wie sein gewaltiger Körper sich fröstelnd schüttelte, als
er den Wagen verliess. Einen Augenblick lang kam es mir vor, als wolle er
zusammenbrechen unter einer Last. Die Diener gingen hin und her, ich glaube, sie
wussten nicht warum. Bald nach seiner Ankunft führte mich der Adjutant, der sein
Freund und Vertrauter war, zu ihm, und liess mich mit ihm allein.«
    Jeanette schwieg lange. Dann begann sie mit etwas erhobener Stimme wieder.
»Ich werde mein Lebelang diese Stunde nicht vergessen, Agaton, und wenn ich so
alt würde, wie die Erde selbst. Als ich hineintrat in den Saal, der von Licht
und Gold strahlte, wusste ich, dass meine Seele diesem Mann unwiderruflich
angehöre, und ich küsste in Gedanken die geheimnisvolle Hand des Schicksals, die
mich zu ihm geführt. Ich wusste, dass ich für ihn sterben könnte und sterben würde
und sterben müsste und dass Sterben nichts bedeute gegenüber dem Glück seine
Sklavin zu sein. Wer hat dich hereingelassen? fragte er mich. Ich fand keine
Antwort. Meine Zunge gehorchte mir nicht. Indem ich ihn anschaute, zitterte ich
am ganzen Körper. Du bist Tänzerin? - Ja, Majestät. - Dann tanze. Er stand auf
und drückte auf einen elektrischen Knopf, und eine Musik ertönte, ebenso
zauberhaft wie die Art, durch die sie hervorgebracht war. Es war, wie wenn ein
ganzer Wald mit seinen Mysterien sich in die Höhe hebt und zu singen und zu
jauchzen anfängt. Ich tanzte also. Anfangs kam es mir vor, als wenn ich mein
Bewusstsein verloren hätte und leblos hinschwebte, aber dann ging eine
ausserordentliche Verwandlung mit mir vor. Ich spürte den Boden nicht mehr und
nicht mehr die Luft, und obwohl es eine Musik war, nach der vielleicht niemand
in der Welt sonst zu tanzen vermocht hätte, fühlte ich doch, dass alles was Nerv
und Bewegung heisst, gerade in ihr lag. Der König schien überrascht. Das
Höhnische, Verächtliche und Finstere verschwand von seinem Gesicht; zuletzt
versank er in tiefes Träumen und seine Augen schauten schmerzlich in die weite
Ferne. Als die Musik schwieg, stand er auf und reichte mir die Hand, die ich
küsste. Wer bist du? fragte er. Alles was Majestät aus mir machen will, erwiderte
ich. Er zuckte zusammen. Majestät, Majestät, murmelte er. Bald nicht mehr
Majestät. Bald nur noch Hund vor dem Tor, bettelnder Hund. Majestät! Jedes Glied
einzeln gebunden, jeden Finger verschnürt, jedes Wort beschmutzt, jede Tat
bekläfft, das nennst du Majestät. Anfangs hab' ich dem Volk vertraut. Aber die
Seele des Volkes ist so tief, dass man sie auf den Knien suchen muss. Ich habe mir
den Kopf zerschunden an den Mauern dieses Landes. Alle diese Hände, die du um
mich siehst, haben die Zeit wohl benutzt, mich zu verunreinigen. Um Land und
Volk und Freund bin ich betrogen worden und muss schweigen und darf nicht einmal
Frieden haben in der Einsamkeit. Ich bin um meine Würde betrogen worden und du
nennst mich Majestät. Was ist Majestät heute, dass sie sich beugen muss vor einem
Krämer, der in einer guten Stunde unter Beihilfe seiner Schwäger und Tanten
Minister wurde und zufrieden das christliche Hausbrot isst? Eine schöne Majestät,
die sich der Kirche opfern soll und keine Hand rühren darf ohne den Pfaffen.
Wäre ich doch jung gestorben, damals als ich noch glaubte, König zu sein, ein
Volk zu besitzen. Wäre ich doch gestorben! Geh' fort, Weib, verlasse mich. Das
waren seine Worte, Agaton. Zuletzt war seine Stimme heiser geworden vor Zorn
und Scham. Seine Augen hatten sich noch vergrössert und die Brust arbeitete so
heftig wie unter anstürmendem Wind. Ich konnte nicht mehr hören, nicht mehr
sehen, ich folgte seinem Wink und eilte hinaus.
    Ich sah im Saal, der gegen den linken Flügel führte und als Audienzraum
benutzt wurde, sechs bis acht vornehme Herren mit feierlichen Gesichtern, auch
einige Offiziere. Sie betrachteten mich voll Staunen. Es war die Deputation des
Adels, die Abgesandten vom Hof. Sie wollten den König zur Vernunft bringen,
Agaton. Bald darauf geschah etwas Schreckliches. Der Adjutant erhielt den
Befehl, niemand vorzulassen und stand mit gezogenem Seitengewehr vor der
Flügeltür. Er verweigerte der Deputation den Eintritt. Mitten in dem heftigen
Hin- und Herreden erschien der König unter der Türe. Er hatte die Schlosswache
und die Diener herbeigerufen. Ein Diener sagte mir, dass der Ausdruck seines
Gesichts so schrecklich gewesen sei, dass niemand mehr zu atmen, geschweige denn
zu sprechen gewagt habe. Mit vernehmlichen Worten befahl der König den Soldaten,
die Abgesandten zu binden und ihnen die Augen auszustechen. Noch bin ich der
König! rief er aus und erhob die Hand. Die Abgesandten wurden von
unbeschreiblicher Furcht gepackt. Die Soldaten wagten sich dem Befehl nicht zu
widersetzen und wagten nicht zu gehorchen. Der König war seiner nicht mehr
mächtig. Er lief auf und ab wie ein wildes Tier, erhitzt und schnaufend, ballte
die Fäuste, rollte die Augen, bis es seinem Adjutanten gelang, ihn in eines der
Seitengemächer zu führen. Aber der König liess die drei Saaltüren versperren und
vor jeder Türe zwei Posten mit aufgepflanztem Bajonett patrouillieren. Die
Deputierten schwebten in Todesangst.
    Nun verstoss der ganze Nachmittag, ohne dass irgend etwas sich ereignete. Man
sagte mir, der König liege wie gebrochen auf einem Ruhebett. Am Abend kam eine
berittene militärische Abteilung mit einem Oberst. Er hatte ein Dekret, das ihm
Zugang zum König verschaffen musste. Ein Arzt begleitete ihn. Die Abgesandten
wurden befreit. Kurze Zeit darauf bestieg der König den Wagen, und in Begleitung
der Berittenen wurde er als Gefangener nach Schloss Berg am Starnberger See
gebracht. So ist es zugegangen, Agaton. Ich bin nicht mehr, was ich gewesen
bin, ich habe mich verloren. Ich weiss nicht mehr, was ich denken soll, was ich
tun soll, mein Hirn ist wie zerfressen. Dass dieser Mann verbluten soll, werde
ich nie verwinden können. Er war zur Grösse und zum Licht und zur Schönheit
geboren und alle Dämonen der Finsternis haben sich geeinigt, ihn in den Schmutz
zu zerren.«
    Agaton starrte in das dunkler werdende Zimmer. Auf einmal trat er einen
Schritt zurück, streckte die Hände aus und lispelte verstört. So stand er und
seine Gestalt schwankte. Er sah den König mit dem düster flehenden Blick eines
gehetzten Tieres vor sich stehen und erkannte ihn, obwohl er ihn noch nie
gesehen, ausser auf schlechten Bildern. Agaton wollte reden, doch er kam nicht
dazu. Jeanette stürzte auf ihn los, packte seine Hände, erhaschte seinen Blick
und wie durch ein wunderbares Zeichen verstand sie alles, sah selber hin und ihr
war, als würde sie gerufen; mit fieberhafter Eile schlug sie den Mantel um und
stürzte fort.
    Agaton fasste sich, seufzte tief auf und ging. Auf der Strasse standen
überall Gruppen und flüsterten und beratschlagten. Vor den Zeitungsredaktionen
warteten Hunderte auf Nachrichten und achteten nicht den Regen, der sie
durchnässte. Viele Tausende drängten sich vor der Residenz und keiner wich nur
eine Sekunde lang von seinem mühsam eroberten Platz. dabei wussten alle, dass der
König nicht in der Stadt war. Die Behörde hatte bekannt gemacht, der König habe
seines Amtes entkleidet werden müssen, da er bedeutsame und zweifellose Symptome
der Geistesstörung gezeigt habe. Aber das Volk glaubte es nicht. Agaton erfuhr
bald alles, und ein wilder und phantastischer Entschluss erwachte in ihm. Er liess
sich von Arbeitern den Weg erklären, der zu jenem See hinausführte und machte
sich ohne Zögern, obwohl er an diesem Tag noch keinen Bissen Nahrung zu sich
genommen hatte, auf die Wanderung. Er dachte nicht daran, die Eisenbahn zu
benutzen oder ein anderes Beförderungsmittel. Er hatte das Gefühl, als müssten
ihn seine Füsse viel schneller dortintragen, als jede Dampfmaschine es vermocht
hätte. Ausserhalb der Stadt fragte er noch Handwerksburschen oder Bauern um die
Wegrichtung und obgleich die Dunkelheit schon angebrochen war, erschrak er nicht
vor der Nachricht, dass es mehr als fünf Stunden zu gehen seien. Das Mühsame des
Marsches kam ihm nicht zu Bewusstsein, er wurde nicht müde. Die Glut seiner
Sehnsucht war auf eine Tat gerichtet. An der Grenze alles Denkens und der
Überlegung angelangt, beherrschten ihn nur noch Gefühle, dumpfe, doch gewaltige
Regungen. Er wollte die Bauern führen am Morgen und den König befreien; nie
zuvor hatte er zweifelloser die Fähigkeit empfunden, alle, die sich ihm nahten,
von einem Trieb entflammen zu lassen.
    Die dunkle Nacht ringsum nährte seine Phantasien. Nirgends war ein Licht.
Die Landstrasse war nur durch einen schwachen Schein kenntlich. Der Regen
plätscherte unaufhörlich herab. Schweigend lagen Felder und Wälder. Oft gelangte
er an einen Kreuzweg, aber kühn und unbesorgt schritt er weiter. Er wusste, dass
er nicht fehlgehen würde. Stundenlang wanderte er durch einen Wildpark, wo oft
ein geheimnisvolles Murren und Rascheln hörbar wurde, aber nichts konnte ihn
ablenken oder ängstigen.
    Endlich tauchte in der Tiefe ein oft unterbrochener Kranz von Lichtern auf;
es waren die Seeufer. Agatons Augen wurden nass vor Freude. In kurzer Zeit war
er im Tal angelangt. Alle Bewohner des Dorfes, das er betrat, waren in Bewegung.
In jedem Haus brannte noch Licht. Er betrat die nächste Schenke, die voll war
von leidenschaftlich disputierenden Bauern, während Weiber und sogar Kinder auf
der Strasse standen. Beim Anblick der vielen Menschen, der sich anscheinend
zwecklos drehenden und windenden Körper, des Rauches, der aus Pfeifen quoll, der
von der Zeit gleichsam gerösteten Bilder und Wände, fühlte Agaton plötzlich die
Übermüdung seines Körpers in einer schrecklichen Weise. Es war ihm, als ob sich
seine Haut löste. dabei glaubte er fortwährend zu sinken, durch zahllose
Wiederholungen desselben Raumes zu fallen.
    Die Bauern wurden aufmerksam. Sein totenbleiches Gesicht übte auf sie den
Zauber einer Erscheinung. Sie standen alsbald um ihn her, und einige, die
höhnisch gelächelt hatten, lächelten nicht mehr, als er zu sprechen begann.
Seine hohle und erschöpfte Stimme klang gedämpft und füllte trotzdem den Raum,
sie hatte etwas Klingendes und Messerscharfes. Seine Rede schien von einem
unsichtbaren Wesen zu kommen, das ihn umfangen hielt, denn er blieb so
bewegungslos, als ob seine Glieder gefesselt seien. Es war der Schmerz und der
Zorn des Königs selbst, der in geheimnisvollem Bündnis mit dem Redner zu stehen
schien, dieses Königs, der ein Märtyrer seines Amtes und dessen Geist nicht,
aber dessen Herz wahnsinnig geworden war.
    Die Wirkung von Agatons Worten, die für ihn selbst einem Fiebertraum
glichen, war auf die Bauern eine wahrhaft beängstigende. Sie schrien, tobten,
stiegen auf Tische und Bänke, fuchtelten mit den Händen umher, zerbrachen Gläser
und Fensterscheiben, hoben Agaton auf ihre Schultern, dass sein Kopf an die
Decke stiess, schlugen den Wirt nieder, der sie besänftigen wollte, und in kurzer
Zeit hatte sich die Furie eines tierischen Rausches durch das ganze Dorf
verbreitet. Ein alter Bauer, dessen eines Auge verklebt war, fluchte und heulte
beständig, eine Art Hausierer oder Kärrner schwang eine Sense, versammelte die
jungen Leute um sich und wollte mit ihnen über den See nach dem Schloss fahren.
Agaton, nicht mehr fähig, zu gehen, zu sprechen oder zu handeln, war dem Gewühl
entflohen und sass mit leeren Augen in einem Winkel der Schenke. Er war
verwundert und hatte fast Angst wegen dieser grundlosen Verwunderung. Er starrte
hinüber ans andere Ufer, das weit entfernt war und von dem spärliche Lichter
durch den allmählich aufdämmernden Morgen flimmerten. Er sah auch Lichter, die
in beständiger Bewegung von Punkt zu Punkt huschten wie Fackeln, die man hin und
her trägt. Da erschallten im Innern des Dorfes durchdringende Schreie, die sich
wiederholten und fortpflanzten und an Stärke zunahmen. »Der König ist tot!«
gellte plötzlich eine Stimme dicht vor dem Fenster, an dem Agaton sass. »Er ist
ertrunken!« schrie eine andere, und »im See ertrunken!« eine dritte Stimme.
Agaton erhob sich, fiel aber gleich darauf wie ein Stock zu Boden.
    Der angebrochene Morgen sah das Landvolk in hellen Scharen gegen das
königliche Schloss ziehen, und man erfuhr, dass die Leiche des Königs erst vor
einer Stunde im See aufgefunden worden war. In allen Dörfern der Umgegend
läuteten die Glocken. Tausende von Bauern standen am Ufer und vor dem
Schlosspark. Viele schrien um Einlass, und als niemand erschien, erbrachen sie das
Tor. Eine furchtbare Erregung hatte die Gemüter ergriffen; mit Sensen, Knütteln,
Schaufeln und Hacken organisierten sich ganze Haufen, um nach der Hauptstadt zu
ziehen und die Residenz zu stürmen. Am Mittag rückten einige Regimenter
Infanterie aus der Stadt, um die Ordnung herzustellen. Ein hünenhaft gebauter
Kerl, der sich auf unerklärliche Weise den Wortlaut einer Proklamation
verschafft hatte, die des Königs letzte Niederschrift war, lief damit von Dorf
zu Dorf, von Weiler zu Weiler, von einem Wirtshaus ins andere, und wurde nicht
müde, sie aus der Abschrift immer wieder in einer rührenden und schlichten Weise
vorzulesen. Diese Proklamation war das Glänzendste und Bewegteste, was jemals
die verzweifelte Seele eines Fürsten geschaffen. Sie ist unbekannt geblieben,
und es gab Gründe, ihre Verbreitung nicht zu wünschen. Ihre Sprache war einfach
und klar, jedes Wort ein Bekenntnis, eine Klage, eine Anklage. Sie war von einer
bitteren Ruhe diktiert, und ein kraftvoll gebändigtes Feuer war in ihr und
niemals ward dem Tron ein besserer Dienst geleistet, als durch die
Verheimlichung dieses gefährlichen Dokuments, das auf dem Tron entstanden war.
    In der Stadt waren alle Beziehungen der Gewerbe und des Handels gelöst.
Kaufhäuser und Schulen, Krämereien und Fabriken waren geschlossen. Trauerfahnen
wehten, vierundzwanzig Stunden lang tönten ununterbrochen die Glocken in einem
niederdrückenden Konzert. Aufgeregte Menschenmassen füllten Plätze und Strassen
und Kirchen; an den Fenstern sah man heulende Weiber; aber auch Männer schämten
sich nicht zu weinen. Der König, der seit fünfzehn Jahren sich nicht mehr
öffentlich gezeigt, dessen Leben für alle ein Geheimnis war, dessen Stolz bis
zur Schroffheit ging, dessen Menschenverachtung am Hof gefürchtet war, er hatte
die Liebe seines Volkes in unvergleichlichem Masse genossen.
    Agaton ging durch die Strassen der Stadt, einsam und verlassen. Er fühlte
sich krank und wund. Ihm schien es vergeblich, zu leben, zu fühlen, zu wollen
wie er gelebt, gefühlt, gewollt. Ihm war, als trage er sein Herz ausgebrannt in
der dunklen Brust und in einem andern, zermalmenderen Sinne nahm er an der
Trauer des Volkes teil.
    Da ging er an einem Haus vorbei, in dessen Erdgeschoss ein Fenster offen
stand. Verdrossen und trotzig blieb er stehen, und nach einer Weile blickte er
hinein in ein ärmliches Zimmer. Drei Kinder sassen darin und spielten, drei
schöne Kinder. Sie spielten ein gewöhnliches Spiel und waren allein. Aber wie
sie sich dabei benahmen, wie sie nicht etwa jauchzten, sondern innig froh waren,
wie ihre Augen glänzten, wie sie miteinander und mit sich selbst zufrieden und
befriedigt waren von dem Gang des Spiels, das sich doch wenig unterschied von
allen Spielen aller andern Kinder, darin lag etwas so Warmes, Gutes und
Befreiendes, es stand in so leuchtendem Gegensatz zu der Welt da aussen, dass es
wie ein Stück Zukunft in der Gegenwart berührte.
    Daher atmete Agaton tief und lange auf; sein Körper begann zu zittern wie
unter Wellenschlägen neuen Lebens, und lächelnd setzte er seinen Weg fort.
 
                              Neunzehntes Kapitel
Sommer und Sommerwinde! Blüten an allen Ecken der Welt! Ein tiefes Grün auf den
Feldern, die schmeichlerische Stille der Wohnlichkeit unter den Bäumen des
Waldes! Flockige Wolken, die wie Schiffe über den strahlenden Himmel ziehen, und
Rosen an den Gärten und Wicken in den Hecken!
    »Ich wusste, dass Sema Hellmut dem Tod verfallen war,« sagte Agaton zu
Monika, als sie vom Vestnerwald herab gegen Zirndorf wanderten. »Er ist mit dem
frühen Tod geboren worden.«
    »Mit dem Tod geboren?« fragte Monika, leise staunend.
    »Ja. Er war schon zu alt, als er geboren wurde. Seine Seele hat Jahrtausende
gelebt, eine echte müde Judenseele.«
    Sie schwiegen lange. An einer einsamen Stelle im Feld blieb Monika stehen,
umarmte Agaton mit leidenschaftlicher Bewegung und stammelte: »Wie dank ich
dir, dass du mich liebst. Du hast mir das Leben wiedergeschenkt, Agaton. Du hast
es nicht geachtet, dass ich gesündigt habe, du bist gross und mutig, Agaton.«
    »Es ist kein Zufall, dass alles so gekommen ist, Monika. Nun bist du eine
Kämpferin geworden. Die Zeit geht nicht mehr über dich hinweg, sondern du gehst
vor der Zeit einher.«
    »Und was willst du tun jetzt, Agaton?«
    »Warten. Ich will den Acker meines Vaters bestellen. Für mich und dich wird
es Brot geben. Und die Mutter hat ja das Vermögen des alten Enoch.«
    »Warten, Agaton? Worauf?«
    Agaton schüttelte lächelnd den Kopf.
    Als es Abend war, standen sie im Garten und bewunderten die farbigen Gluten
des Himmels. Monika stand unter einem Apfelbaum und wiegte ihr Kind im Arm.
Ester sass singend mit Mirjam vor dem Tor, Frau Olifat und Frau Jette
unterhielten sich flüsternd auf einer morschen Gartenbank nahe der Laube.
    Monika blickte hinauf in den Baum, wo die Äpfel hingen, purpurn bestrahlt
von der Sonne. Sie kniff die Augen zusammen und sagte begehrlich: »Ich möchte
gern einen haben, Agaton, einen Apfel von da droben.«
    »Du musst warten, Monika.«
    »Immer warten! Worauf denn?«
    »Sie sind noch nicht reif, Liebste.«
    »Das dauert aber noch lange ...«
    »O nein, zwei gute Sommerwochen und sie sind reif. Lass sie erst reif sein,
Monika.«
    Und Agaton küsste die junge Mutter auf die Stirn.
                                      Ende
 
    