
        
                              Friedrich Spielhagen
                                Zum Zeitvertreib
                                  Erstes Kapitel
Jetzt nur noch die Speisekammer, rief Adele, von der Küche aus eine schmale,
niedrige Tür nach einem winzigen Gelass öffnend, das durch ein viereckiges,
vergittertes Fensterchen spärlich erhellt wurde.
    Bewunderungswürdig, sagte Klotilde mit einem gelangweilten Blick über die
Schulter der Freundin.
    Nicht wahr? erwiderte Adele, sich so schnell wendend, dass Klotilde eben nur
noch ihr Gähnen verbergen konnte. Zwölf Fuss im Quadrat - nicht mehr - Elimar hat
es ausgemessen. Und alles darin untergebracht - selbst die zwanzig
Einmachebüchsen, die mir die gute Mama gestern geschickt hat! Aber Eure Berliner
Baumeister habe ich doch auf dem Strich. Alles für den äusseren Schein: Keine
Spur von einem Verständnis für das, was eine Hausfrau braucht. Na! nun wollen
wir wieder nach vorn gehen. Das heisst, erst musst Du mein Kleid für heute abend
sehen. Bei der Gelegenheit kann ich Dir gleich auch noch unser Schlafzimmer
zeigen. Elimar mag das zwar nicht. Er findet es undelikat. Ich weiss nicht,
warum. dabei ist doch nichts Schlimmes. Meinst Du nicht auch?
    Gewiss nicht, sagte Klotilde, honni soit qui mal y pense.
    Nicht wahr? Besonders wenn wir Frauen unter uns sind. Und nun gar wir beide!
Lieber Gott, wir haben doch keine Geheimnisse vor einander! Ach, Klotilde, wenn
ich Dich nicht hier hätte in diesem grässlichen Berlin! Freust Du Dich nicht
auch, dass wir nun wieder beisammen sind?
    Ob ich mich freue! Also das ist Euer Schlafzimmer?
    Das ist unser Schlafzimmer! Klein, aber furchtbar nett. Findest Du nicht?
Und Morgensonne, sagt der Wirt, haben wir auch. Na, in den acht Tagen, dass wir
hier sind, hat noch keine geschienen; und Elimar ist zweifelhaft, ob sie, wenn
sie mal scheint, bis zu uns kommt - im Hochsommer, meint er, wäre es möglich.
Abwarten, sage ich. Na, wie findest Du es? Das Kleid, meine ich.
    Dein Brautkleid!
    Also doch!
    Also was?
    Ich dachte, Du würdest es nicht wiedererkennen. Ich habe es nämlich während
der zwei Jahre schon sechsmal angehabt - zuletzt auf dem Kommandanturball - und
jedesmal ein bisschen verändert. Das heisst: diesmal nicht - ich hatte keine Zeit.
Meinst Du, dass es noch geht?
    Die Damen standen vor dem Bett, über welches das Kleid gebreitet war.
    Das heisst: es muss gehen, fuhr Adele eifrig fort, während Klotilde hier und
da einen Zipfel musternd aufhob; ich habe kein anderes.
    Dann ist die Sache ja erledigt, sagte Klotilde lächelnd.
    Ganz meine Ansicht! rief Adele. Mein Gott, von einer armen Hauptmannsfrau
kann man doch nicht verlangen, dass sie wie eine Prinzessin ausstaffiert ist,
besonders wenn man eben einen kostspieligen Umzug durchgemacht hat. Ich deutete
so etwas gegen Frau Sudenburg an, und weisst Du, was sie erwiderte: Die Tochter
meiner besten Freundin ist mir in jedem Kleide willkommen. War das nicht
furchtbar nett von ihr. Was wirst Du denn anziehen?
    Meine Auswahl ist nicht viel grösser, als Deine: arme Hauptmanns- und arme
Assessorenfrauen - c'est toute la même chose.
    Ich denke, Dein Viktor steht dicht vor dem Regierungsrat?
    Dann haben wir was Rechtes. Aber Kind, es ist Zeit, dass ich nach Hause
komme.
    Eile doch nicht so! Ich habe mich die ganzen grässlichen acht Tage auf diese
Stunde gefreut. Und bin Dir so dankbar, dass Du gleich heute morgen angetreten
bist, nach der langen Nachtfahrt.
    Es war nicht so schlimm, bloss schauderhaft langweilig.
    Habt Ihr Euch gut amüsiert?
    Amüsiert? In dem miserablen Ostseenest? Vier Wochen lang dieselben
Alltagsgesichter: shopkeepers, Weiber aus Berlin O., und, wenn es hoch kam, eine
pommersche oder mecklenburgische dicke Gutsbesitzerfrau.
    Das wird für Viktor auch nicht gerade etwas gewesen sein.
    Viktor? Er hat mich bloss hingebracht und wieder abgeholt. Die ganze übrige
Zeit in Kopenhagen, Stockholm, und ich weiss nicht wo. Du kennst ihn doch. Die
Rosinen in dem Kuchen kommen immer auf sein Teil.
    Aber den Kindern ist es doch gut bekommen?
    Hoffentlich.
    Ich freue mich so furchtbar darauf, sie endlich einmal zu sehen. Nach den
Photographien, die Du mir geschickt hast, müssen es wahre Engel sein.
    Ich kann es nicht finden. Du wirst Dich ja morgen überzeugen. Ich muss jetzt
wirklich fort. Viktor kommt um vier Uhr aus dem Amt.
    Elimar schon um Drei. Er muss gleich hier sein. Er wird mir es nicht
vergeben, wenn ich Dich fortgelassen habe - seine alte Flamme!
    Warum hat er dann Dich geheiratet?
    Du hattest es gar so eilig, unter die Haube zu kommen. Weisst Du übrigens,
dass Kurt Platow nun doch die Comtesse Gardewitz heiraten wird?
    Ich wüsste nichts, was mir gleichgültiger wäre.
    Hast recht, Schatz! Schwamm drüber! Ganz meine Maxime. Wenn mir irgend was
gegen den Strich gegangen ist - Schwamm drüber! Das konserviert die gute Laune.
    Und die glänzenden Augen und die rosigen Backen. Sieh mich einmal an!
Wahrhaftig, ich sehe zehn Jahre älter aus als Du.
    Sie standen vor dem hohen Stellspiegel - dem einzigen, einigermassen
prunkhaften Möbel in dem sonst bis zur Nüchternheit bescheidenen Gemach - und
betrachteten prüfend ihre Bilder: Klotilde ernst, mit einem Fältchen zwischen
den dunklen, scharf gezeichneten Brauen; Adele lachend, dass die weissen Zähne
durch die vollen, roten Lippen blitzten.
    Zehnmal vornehmer, ja! rief sie. Kunststück! Du mit Deiner hohen, schlanken
Gestalt! Ich glaube, Du bist in der Ehe noch gewachsen! Beinahe einen Kopf
grösser als ich! Sag' mal, Schatz! Du richtest wohl jetzt noch fürchterlichere
Verwüstungen in der Männerwelt an, als schon damals?
    Du bist nicht gescheit! sagte Klotilde, den Arm, welchen die andere um ihre
schlanke Taille gelegt hatte, zurückschiebend.
    Ich habe es nicht bös gemeint.
    Und ich es Dir nicht übelgenommen. Komm! Meine Sachen liegen, glaube ich, in
Deinem Zimmer.
    Die Damen waren nach Adelens Zimmer zurückgekehrt; Adele half Klotilden in
den Paletot.
    Es ist kalt draussen?
    Für den ersten Oktober schauderhaft. Zieh' Dich nur heute abend warm an!
    Weisst Du, Klotilde, ich fürchte mich ordentlich vor heute abend. Du nicht
noch zur rechten Zeit gekommen wärest, ich glaube, ich hätte noch in der letzten
Stunde abgesagt.
    Als ob es die erste Gesellschaft wäre, die Du mitmachst!
    Aber die erste in Berlin!
    Wo es genau so ist, wie in Magdeburg und überall: Assessoren,
Regierungsräte, Geheimräte und so weiter; Lieutenants, Hauptleute, Obristen und
so weiter - immer dieselben stereotypen Gesichter; immer dieselben stereotypen
Redensarten. Es ist zum Verrücktwerden. Was machst Du so ein kleines, dümmliches
Gesicht?
    Dass ich Dich so reden höre! Und ich denke, Du schwimmst hier in Glück!
    Um Klotildens feine Lippen zuckte ein bittres Lächeln.
    Sei Du erst vier Jahre verheiratet, sagte sie, Adelens volle Wange leicht
berührend, dann wollen wir uns wieder sprechen.
    Und wenn wir hundert Jahre verheiratet wären, würden wir höchstens noch
hundertmal glücklicher sein; bloss dass es nicht möglich ist.
    Ja, Du und Dein Elimar!
    Du meinst, wir könnten nicht die Ansprüche machen?
    Das habe ich weder gesagt, noch gedacht. Es wäre auch sehr dumm, wenn ich es
gedacht hätte. Ich wüsste nicht, welche Ansprüche ich vor Dir voraus geltend
machen könnte, oder Viktor vor Deinem Manne; besonders jetzt, wo er in das
Kriegsministerium berufen ist und zweifellos eine glänzende Carriere machen
wird.
    Die Damen standen in der geöffneten Tür, Klotilde bereits halb auf dem
schmalen, dunklen Flur. Aber sie machte keine Anstalt zum Gehen, sondern blieb
unbeweglich, nachdenklich vor sich nieder blickend. In Adelens Herzen regte sich
eine peinliche Empfindung. Sie hatte nie anders geglaubt, als dass ihre Cousine
in der glücklichsten Ehe lebte. Aber ihre letzten Worte klangen nicht danach;
ihre düstre Miene war nicht danach - schon während des ganzen Besuches und nun
eben jetzt!
    Nicht, als ob wir, Elimar und ich, immer d'accord wären, sagte sie gutmütig
schnell. Gar nicht! Wir zanken uns oft ganz fürchterlich. Das ist in der Ehe mal
so. Nicht wahr?
    Je nachdem, erwiderte Klotilde mit demselben starren, nachdenklichen Blick.
Viktor und ich zanken uns nie.
    Na, da siehst Du es! rief Adele triumphierend.
    Aus einem sehr triftigen Grunde, fuhr Klotilde fort, die Augen langsam
erhebend, aber an Adele vorüber in das Zimmer sehend: er geht seinen Weg; ich
gehe den meinen. Da ist denn dafür gesorgt, dass wir nicht karambolieren.
    Das ist doch nicht Dein Ernst, sagte Adele ganz verblüfft.
    Weshalb nicht? erwiderte Klotilde. Du glaubst gar nicht, wie gut es sich
lebt, wenn jeder seine Interessen verfolgt. Was ja nicht ausschliesst, dass die
Interessen gelegentlich zusammenfallen. Im Gegenteil! Ich habe zum Beispiel ein
grosses Interesse daran, dass Viktor in seiner Carriere schnell vorwärts kommt,
und helfe ihm dabei, wo und wie ich kann.
    Aber was kann man dabei gross helfen? fragte Adele verwundert.
    Klotilde wurde die Antwort erspart. In der Flurtür wurde ein Schlüssel
gedreht; eine hohe männliche Gestalt trat schnell herein und kam mit langen
Schritten auf die Damen zu.
    Elimar! rief Adele, ihrem Gatten entgegenlaufend. Rate, wer mich besucht!
    Da ist nicht gross zu raten, Närrchen; erwiderte Elimar, an Klotilden
herantretend und die Hand, die sie ihm reichte, küssend. Aber blieb, sehr lieb
ist es von Ihnen, dass Sie so schnell gekommen sind, sich meiner Kleinen in ihren
tausend Nöten anzunehmen. Wollen wir nicht in das Zimmer treten? Die wichtigen
Dinge, welche die Damen zwischen Tür und Angel zu erledigen pflegen, müssten da
freilich vertagt werden.
    Nur einen Augenblick, sagte Klotilde; nur um mich zu überzeugen, ob es wahr
ist, dass der Mensch mit seinen grössern Zwecken wächst.
    Das sollte mir bei meinen sechs Fuss und darüber doch schwer werden,
erwiderte der Hauptmann lächelnd.
    Aber Klotilde ist noch gewachsen, rief Adele. Jetzt sehe ich er erst recht,
wo Ihr nebeneinander steht. Findest Du nicht auch?
    Ich finde Deine Cousine nur so schön und schlank und elegant wie immer,
seitdem ich das Glück habe, sie zu kennen.
    Mit welchem Kompliment ich mich denn ganz gehorsamst verabschieden will,
sagte Klotilde, sich ironisch tief verbeugend. Also, adieu, Schatz, bis heute
abend! Au revoir, Herr Hauptmann! Und, wenn ich Ihnen raten darf, gehen Sie
heute abend mit Ihren Galanterien etwas sparsamer um: die Konkurrenz ist zu
gross.
    Wenn alle Damen mir durch ihre Liebenswürdigkeit die Galanterie so leicht
machten!
    Adele, Dein Mann ist positiv gemeingefährlich. Du musst ihn kürzer in den
Zügel nehmen!
    Ist schlechterdings unmöglich, gnädige Frau.
    So sagt Ihr Männer stets. Übrigens das »gnädige Frau« darf ich mir wohl
verbitten. Ich denke, wir nennen uns einfach bei unsern Vornamen, wenn wir unter
uns, und meinetwegen: lieber Cousin und liebe Cousine, wenn wir unter Leuten
sind.
    Seien Sie versichert, dass ich diese Erlaubnis wie einen höchsten Orden
tragen werde.
    Nun mach aber, dass Du fortkommst! rief Adele, Du verdrehst mir ihm ja völlig
den Kopf.
    Aber Schatz, von Zeit zu Zeit einem Manne den Kopf zu verdrehen, das ist
doch noch der einzige Spass, den wir im Leben haben.
    Sie war zur Flurtür hinausgeschlüpft, Adele hatte sich in den Arm ihres
Gatten gehängt, während sie über den dunklen Korridor nach dem Wohnzimmer
gingen.
    Sie meint es gewiss nicht so, sagte Adele, den untergefassten Arm zärtlich
drückend.
    Ich weiss nicht, erwiderte Elimar; ihre Augen schienen mir das Programm zu
bestätigen.
    Ja, was ist das nur mit ihren Augen? rief Adele. Es ist mir auch
aufgefallen. Die sind gar nicht mehr wie vor vier Jahren. Hast Du nicht auch die
Empfindung, dass sie in ihrer Ehe nicht glücklich ist?
    Möglich wäre es schon. In der Ehe, wie überall, stossen gleichnamige Pole
einander ab.
    Was heisst das: gleichnamige Pole?
    Das heisst erstens, dass Du mein höchst ungleichnamiger Pol bist; und
zweitens, dass ich in Ohnmacht falle, wenn nicht in fünf Minuten die Suppe auf
dem Tisch steht.
    Mit Dir ist doch kein vernünftiges Wort zu sprechen, Du Ungeheuer! Wenn ich
nur wüsste, weshalb ich Schaf das Ungeheuer so lieb habe!
    Sie hatte, sich auf die Zehen stellend, Elimar ein paar herzhafte Küsse auf
die Lippen gedrückt und war zu Tür hinaus.
    Elimar war aus dem Wohnzimmer in sein kleines Arbeitskabinett nebenan
getreten, legte die Mütze und eine dünne schwarze Mappe, die er noch immer unter
dem linken Arme geklemmt hielt, auf den Tisch, schnallte seinen Säbel ab, den er
in die Ecke stellte, und begann, langsam die Handschuhe ausziehend, nachdenklich
auf und ab zu gehen.
    Ja, ich habe sie sehr geliebt, das schöne, schlanke, braunäugige Mädchen.
Und sie hat es gewusst! Wann wüsste ein Mädchen das nicht! Aber damals spielte die
Geschichte mit Baron Platow, der dann abschnappte. Und dann heiratet man Hals
über Kopf den ersten Besten, der einem in den Weg läuft und macht sich Zeit
seines Lebens unglücklich. - Pah!
    Er warf die ausgezogenen Handschuhe in die Mütze.
    Unglücklich! Wer ist denn glücklich? Wer zu resignieren gelernt hat. Niemand
sonst!
    Elimar! rief Adelens helle Stimme aus dem Speisezimmerchen neben der
Wohnstube.
    Ich komme, Kind! rief Elimar zurück.
 
                                Zweites Kapitel
Klotilde schritt die Mauerstrasse, in welcher die Wohnung der Meerheims lag, nach
der Leipziger Strasse zu. In dem Putzladen an der Ecke hatte sie nach einem
Fächer zu fragen, der repariert werden sollte. Der Fächer war noch nicht fertig.
Während sie vor dem Ladentische wartend sass und eine der Verkäuferinnen die
gnädige Frau zu unterhalten sich bemühte, dachte sie an Adelens Kleid für heute
abend. Sie hätte ihr doch eigentlich sagen sollen, dass das Kleid für die grosse
Gesellschaft unmöglich war. Sie wird darum doch riesig gefallen. Ich kenne das.
Eine neue Erscheinung - danach schnappen sie alle. Und die lachenden Augen, die
weissen Zähne, die frischen, roten Lippen - Furore wird sie machen. Dass in dem
kleinen, hohlen Schädel auch nicht ein einziger Gedanke steckt - was tut denn
das? Wer fragt danach?
    Der Fächer wurde gebracht. Klotilde griff nach dem Portemonnaie.
    Aber gnädige Frau, lassen Sie doch! sagte die Verkäuferin. Wir schreiben es
zu dem übrigen.
    Wie Sie wollen.
    Der Pferdebahnwagen nach dem Lützowplatz kam nicht gleich. An der Ecke
standen nur Droschken zweiter Klasse, die sie grundsätzlich nicht benutzte. So
fing sie an, die Leipziger Strasse hinabzugehen, die im Laden angesponnene
Gedankenkette weiter spinnend.
    Wie er sie nur hat heiraten können! Ein so geistvoller Mensch! Darüber ist
doch nur eine Stimme. Sie hätten ihn auch sicher sonst nicht in das
Kriegsministerium genommen! Und dieses Gänschen! Diese richtige Gans! Ihre paar
Groschen können es auch nicht gewesen sein - die hätte er bei mir ebenfalls
gehabt. Und was kann ihm der Schwiegerpapa-Oberst a.D. für seine Carriere
nützen? Also das hübsche Mäskchen und die Langweile - die grauenhafte
Magdeburger Langeweile! Ein bisschen amüsanter ist es hier doch. Doch wenigstens
die Möglichkeit einer interessanten Begegnung, eines pikanten Zufalls.
    Klotilde war bis zur nächsten Haltestelle, gekommen, gerade als der
erwartete Wagen sie einholte. Sie stieg ein. Der Wagen war nur mässig besetzt,
was sie durchaus in der Ordnung fand: ein sehr gefüllter erschien ihr stets als
eine persönliche Beleidigung. Wer mag denn mit Kreti und Pleti in dem engen
Kasten eingepfercht sein!
    Nichtsdestoweniger musterten ihre scharfen Augen gewohnheitsmässig die
Insassen und blieben auf einem Herrn in der entferntesten Ecke der
gegenüberstehenden Bank haften. Da war ja so etwas von einem pikanten Zufall!
Wenigstens begegnete einem ein so hübscher Mann nicht alle Tage. Man hätte ihn
vielleicht sogar schön nennen können, mit seiner geraden Nase und dem offenbar
sorgfältig gepflegten, rötlichen Vollbart. Ein Offizier in Civil? Möglich! Nur
dass der Anzug dafür vielleicht zu elegant war und vor allem zu gut sass. Auch
pflegen Offiziere unterwegs nicht in einem Buche zu lesen. Wenn er doch mit dem
dummen Lesen aufhören wollte, dass man wenigstens seine Augen sehen könnte!
    In dem Momente senkte der Herr das zusammengeklappte Buch zwischen den
behandschuhten Händen auf die Kniee; steckte es dann in die Seitentasche seines
Paletots; liess seine Blicke durch den Wagen schweifen und sah mit der Miene
eines, der sich tödlich langweilt, seitwärts zum Wagenfenster hinaus auf die
Strasse.
    Klotilde war empört. Sie hatte, als der Herr sie erhob, seine Augen sehr
deutlich gesehen: ganz ungewöhnlich grosse, ausdrucksvolle, blaue Augen; und
förmlich körperlich gefühlt, dass diese Augen, im Vorüberstreifen des Blicks, ein
paar Sekunden auf ihr geruht hatten. Und konnten jetzt durch das Fenster nach
der wimmelnden Menge auf dem Trottoir starren, als ob es hier im Wagen
schlechterdings nichts zu sehen gäbe!
    Ich habe mich geirrt, sagte sie bei sich; er gehört nicht zur Gesellschaft.
    Während der Wagen in vollem Fahren war, hatte sich ein Herr auf den
Hinterperron geschwungen, einen Blick in den Wagen geworfen, mit freudig
erregter Miene vor Klotilde tief den Hut gezogen und stand jetzt, die Tür eilig
aufschiebend, vor ihr, auf den leeren Sitz neben ihr deutend.
    Darf ich, gnädige Frau?
    Aber, lieber Fernau, was könnte mir angenehmer sein?
    Sie sind die Güte selbst, rief der junge Mann, Klotildens dargebotene Hand
feurig drückend, während er ihr zur Seite Platz nahm. Seitdem ich weiss, dass
gnädige Frau Pferdebahn fahren, werde ich mich nie eines andern, als dieses mir
so verhassten Vehikels bedienen.
    Ja, lieber Freund, wir armen Assessorenfrauen -
    Wer denkt an arme Assessorenfrauen, wenn er Sie sieht! Wer kann Sie sich
anders vorstellen, als in einem goldnen, von Tauben gezogenen Wagen!
    Den ich mir sofort anschaffen werde, sobald ich Ihnen in einem Muschelkahn
begegnet bin, vor den ein Schwan gespannt ist.
    Gnädige Frau waren gestern im Lohengrin?
    Ich habe mit Bedauern bemerkt, dass Sie fehlten.
    Sehr gütig! Aber, offen gestanden, seit ich im Sommer in Baireut die
Musteraufführung gesehen habe, kann ich mich nicht entschliessen, mir den
kolossalen Eindruck durch unsern landläufigen Schlendrian hier zu verleiden.
    Aber ein Schwanenritter im seidenen Wams, das denke ich mir schrecklich.
    Ich versichere, gnädige Frau - das heisst: ich war auch stupéfait; aber nur
im ersten Augenblick. Dann ging mir sofort das rechte Licht auf. Und nun gar
Sie, mit Ihrer für alles Grossartige so empfänglichen Seele - Sie würden entzückt
sein.
    Klotilde hatte das leise Gespräch mit ihrem Bewunderer eifriger geführt, als
sie es sonst vielleicht getan hätte; aber ihre Absicht, die Aufmerksamkeit des
Herrn da drüben zu erwecken, erreichte sie nicht: er blickte jetzt zwar nicht
mehr zum Fenster hinaus, aber gerade vor sich nieder, nach dem ernsten Ausdruck
seiner Miene in wenig erfreuliche Gedanken versunken.
    Kennen Sie den Herrn dort? fragte Klotilde, ihren eifrigen Begleiter mitten
in einem angefangenen Satze unterbrechend.
    Welchen Herrn?
    Klotilde winkte mit den Augen nach dem Nachdenklichen in der Ecke.
    Legationsrat von Fernau klemmte das Lorgnon in das Auge, blickte in die von
der Dame angedeutete Richtung und erwiderte:
    Nein. Warum?
    Wofür halten Sie den Herrn?
    Das Lorgnon, welches bereits fallen gelassen war, musste abermals seine
Dienste tun, diesmal länger als das erste Mal.
    Nun?
    Für einen Plebejer, der sich furchtbare Mühe gibt, wie ein Gentleman zu
erscheinen.
    Der pure Brotneid!
    Aber gnädige Frau, Sie können doch unmöglich anderer Meinung sein!
    Vielleicht doch!
    Dann werde ich mir von morgen an einen Vollbart stehen lassen und mir Mühe
geben, wie ein Schulmeister auszusehen.
    Und das wäre kein Brotneid?
    Ja, bei Gott, er ist es; furchtbarer Neid auf jeden, der nur an den Saum
Ihres Kleides rührt; nur in Ihre Nähe kommt; nur -
    Bitte, halten! sagte Klotilde zu dem Schaffner, der eben gerade durch den
Wagen ging.
    Gleich, meine Dame, sagte der Schaffner.
    Klotilde sass in ihre Ecke zurückgelehnt; ihr Gesicht war lebhaft gerötet.
Fernau erschrak; offenbar war er zu weit gegangen und hatte die schöne Frau
ernstaft beleidigt.
    Aber das war es nicht. Es war nur, dass gerade in dem Moment, als der junge
Mann, soweit es die Schicklichkeit irgend erlaubte, sich zu ihr hinabbeugend,
leidenschaftlich hastig die letzten Worte flüsterte, der Herr drüben den Kopf
gewandt und sie, wie ihr schien, scharf ins Auge gefasst hatte. Sie sagte sich
sofort, dass es nur zufällig gewesen sein könne; überdies hatte sie vom ersten
Augenblick etwas der Art gewünscht, die kleine Komödie wesentlich deshalb
gespielt und fühlte sich jetzt beschämt wie ein Schulmädchen, das der Lehrer an
der Strassenecke im têtê-à-tête mit dem hübschen Primaner ertappt.
    Sie zürnen mir, gnädige Frau, sagte der junge Mann bedrückt.
    Ach, lieber Freund, da hätte man viel zu tun, wenn man Euch Kindern so oft
zürnen wollte, wie Ihr es verdient. Wir sehen uns doch heute abend bei
Sudenburgs?
    Gewiss, gnädige Frau.
    Dann also au revoir!
    Darf ich bitten, mich dem Herrn Gemahl zu empfehlen?
    Wenn ich's nicht vergesse!
    Der Wagen hielt. Fernau wäre für sein Leben gern mit der schönen Frau
ausgestiegen; aber er wagte es nicht. Dafür warf er, während der Wagen weiter
fuhr, dem Herrn in der Ecke mehr als einen wütenden Blick zu, welchen dieser,
der wieder vor sich nieder sah, glücklicherweise nicht bemerkte.
    Das ist doch seltsam, sagte Klotilde bei sich, während sie in der Querstrasse
auf ihre Wohnung zuschritt. Was war das nur eigentlich mit dem Herrn? Er war
nicht einmal so schön wie Fernau; und Fernau hatte recht: trotz seiner Eleganz
sah er doch eigentlich wie ein Spiessbürger aus. Dennoch - wunderlich! ich glaube
wahrhaftig, das Herz hat mir ordentlich geschlagen. Es ist nur die wahnsinnige
Langweile. Es ist nur, weil -
    Sie brach ihr Selbstgespräch jäh ab. Auf der andern Seite der Strasse, um ein
weniges ihr voraus, ging ihr Mann. Sie hätte ihn mit ein paar Schritten
einholen, auf der fast menschenleeren Strasse leichtlich mit einem halblauten:
Viktor! abrufen können. Wozu? Er würde sich nicht freuen, sie zu sehen; und sie
brannte nicht darauf, sein gleichgültiges: Ach, sieh da, Klotilde! zu hören.
Wenn ihr doch ein Mensch sagen könnte, weshalb sie diesen, gerade diesen
geheiratet hatte! Und weshalb Menschen, die sich nicht mehr lieben, vielleicht
einander nie geliebt haben, nun so miteinander weiter leben müssen!
    Ein bittres Lächeln zuckte um ihre Lippen. Wie hatte sie zu Adele gesagt: er
geht seinen Weg, ich den meinen! Nun ja: da ging er; und sie ging hier!
    Viktor war an dem Hause angelangt. Er hatte geschellt, blickte, auf das
Öffnen der Tür wartend, sich zufällig um und sah seine Frau über den
Strassendamm kommen.
    Ach, sieh da, Klotilde! Aus der Stadt?
    Ja. Ich muss an Dir vorübergefahren sein.
 
                                Drittes Kapitel
Die schönen Räume der Wohnung des Ministerialdirektors Sudenburg hatten seit
einer halben Stunde angefangen, sich mit den eingeladenen Gästen zu füllen. Die
ersten waren, wie stets, die jungen, unverheirateten Offiziere gewesen, die mit
dem Glockenschlage acht sich einfanden - Kameraden, zumeist der beiden älteren
Söhne des Hauses, Fritz und Franz, Sekondelieutenants: Fritz in der Artillerie,
Franz in der Infanterie. Zum Glück für Stephanie, die kaum noch wusste, was sie
mit dem uniformierten, wenig ausgiebigen Schwarm beginnen sollte, waren dann
auch bald, beinahe gleichzeitig, ihre liebste Freundin Klotilde mit Viktor, und
Adele mit ihrem Gatten gekommen, und sie musste vorerst einmal Adele, welche ganz
neu in diesen Kreis trat, »ein wenig lancieren«. Adele hatte es ihr nicht schwer
gemacht. Von der Furcht, die sie heute vormittag angesichts ihres Debüts in der
Berliner Gesellschaft gehabt haben wollte, war schlechterdings nichts zu
bemerken. Jeder der ihr Vorgestellten, gleichviel, ob Herr oder Dame, schien für
sie eine intime Bekanntschaft zu sein, deren Anfang bis in ihre Kinderjahre
zurück datierte. Eine entzückende kleine Person, sagte Hauptmann von Luckow zu
ein paar jüngeren Kameraden. Diese lachenden, blauen Augen, diese lustig
blitzenden, weissen Zähne, dies fröhliche Geplauder - wahrhaftig, das wirkt wie
eine Oase auf den verschmachtenden Wanderer in der Wüste.
    Das Wort machte die Runde. Es dauerte nicht lange, bis - mindestens unter
den jüngeren Herren - keiner von Adele anders, als von der »Oase« sprach.
    Inzwischen hatte sich Elimar ebenfalls sein Terrain erobert, ohne dass man
von ihm, so wenig wie von Adele, sagen konnte, er habe es darauf abgesehen
gehabt. Aber seine gehaltene, gegen Höher- und Niedrigerstehende gleich
liebenswürdige Freundlichkeit; seine grosse Unterhaltungsgabe, der jedes Tema
genehm, und die doch niemals nach Beifall und Bewunderung zu haschen schien; die
Melodie selbst seiner immer nur halblauten und immer gleich verständlichen
Stimme - es wäre nicht erst nötig gewesen, dass der Kriegsminister, der eben
erschienen war, ihn, sobald er nur erst die Wirte begrüsst, sofort durch ein
längeres, augenscheinlich sehr intimes Gespräch auszeichnete, um die
Gesellschaft von der Bedeutenheit des Mannes zu überzeugen.
    Die Gesellschaft war jetzt beinahe vollzählig; es schien sogar ein wenig an
Raum zu fehlen, aber nur, weil in der langen Flucht der Zimmer einige so gut wie
leer blieben, während die Herrschaften sich in einigen wenigen zusammendrängten.
    Mama hat gut reden, sagte Fritz zu Franz, sich heimlich den Schweiss von der
Stirn wischend; ich kann sie nicht auseinander bringen; sie stehen wie die
Mauern.
    Wenn man die kleine Meerheim da loseisen könnte! Es laufen dann gleich ein
Dutzend nach.
    Wird sich kaum noch der Mühe verlohnen. Endlich müssen wir doch einmal zum
Souper kommen. Bist Du mit der Tischordnung fertig?
    Hat sich was mit Tischordnung, wenn Stephanie mir die ganze Geschichte
wieder umkrempelt. Sagt, ich hätte lauter dummes Zeug gemacht!
    Wirst Du auch, alter Sohn!
    Meinetwegen. Ich bekümmere mich nicht mehr darum. -
    An einen Schwarm von Herren, der Klotilde umringte, trat Viktor eilfertig
heran.
    Verzeihung, Ihr Herren! Ich möchte meiner Frau -
    Bitte! bitte!
    Was gibt's? fragte Klotilde.
    Hast Du mit Excellenz schon gesprochen?
    Welcher? Es sind ein halbes Dutzend hier.
    Mein Gott, mit unsrer natürlich.
    Ich weiss noch gar nicht, dass sie hier sind.
    Schon seit einer Viertelstunde. Er ist allein da und hat mich schon nach Dir
gefragt. Bitte, komm' gleich mit!
    Er hatte ihr den Arm geboten, den sie ihm willig reichte. Excellenz war
einer ihrer wärmsten Verehrer, und von Excellenz allein hing es ab, ob Viktors
Ernennung zum Regierungsrat bereits zu Neujahr, oder erst zu Ostern erfolgte.
    Du kannst ihm auch sagen, flüsterte Viktor, während sie sich durch die Menge
drängten, dass ich die halben Nächte über den Akten sitze.
    Lass mich nur machen, flüsterte Klotilde zurück, und bei sich sagte sie:
meinetwegen die ganzen.
    Es musste für diesmal bei ihrem guten Willen bleiben. Als sie endlich bis in
die Nähe des allmächtigen Mannes gelangten, fanden sie ihn in einer, wie es
schien, sehr eifrigen Unterhaltung mit dem Kollegen vom Kriegsministerium, einem
andern hohen Offizier und dem Wirt des Hauses. Für den Augenblick war an eine
Annäherung nicht zu denken.
    Dann aber unter allen Umständen nach Tisch, sagte Viktor ärgerlich. Wirst Du
tanzen?
    Sonderbare Frage!
    Ich wollte nur sagen: richte es so ein, dass Du für einen, oder ein paar
Tänze frei bleibst. Nach Tisch ist er immer am zugänglichsten.
    Nachgerade weiss ich wirklich, was ich zu tun habe.
    Ich wäre der Letzte, der daran zweifelte.
    Also! - Wollten Sie etwas von mir, liebe Stephanie?
    
    Etwas sehr Dringendes. Bitte, Herr von Sorbitz!
    Viktor war mit einer Verbeugung zurückgetreten; Stephanie hatte die Freundin
unter den Arm gefasst und ein paar Schritte seitwärts aus dem Schwarm in eine
leere Fensternische geführt.
    Um was handelt es sich? fragte Klotilde.
    Liebes Herz, Du kannst mir aus einer grossen Verlegenheit helfen. Wie ich
eben die Tische revidiere, sehe ich, dass Franz neben anderm Unsinn - man kann
dem Jungen wirklich nichts überlassen - einen Gast, den wir heute zum erstenmale
hier haben, ganz falsch placiert hat.
    Meinen Cousin Meerheim?
    Den habe ich für mich genommen. Nein! Aber Klotilde, nun kannst Du einmal
wirklich zeigen, dass Du mich lieb hast.
    Mein Gott, das klingt ja ganz feierlich.
    Feierliches ist nun schon gar nicht dabei. Aber Franz hatte Dir Fernau
gegeben, und ich weiss, dass Du ihn gern hast.
    In allen Ehren.
    Aber, Schatz, das versteht sich doch von selbst! Er soll jetzt Deine Cousine
führen. Ich habe eben Franz zu ihm geschickt: er habe Euch beide verwechselt.
    Fernau wird entzückt sein.
    Das gerade nicht, obgleich die kleine Dame wirklich ganz allerliebst ist,
trotz ihres mindestens dreimal neu garnierten Kleides. Für Dich nur, Du armes
Opferlamm -
    Ich bin auf alles gefasst.
    Das heisst: so schrecklich ist er gar nicht - im Gegenteil! ich kann mir
denken, dass es Damen gibt, die für ihn schwärmen, ebenso wie seine Jungen. Gott
sei Dank! nun ist es heraus! Es ist also der Ordinarius von Oskars Klasse, der
sich Oskars sehr annimmt. Und Papa, der sehr grosse Stücke auf ihn hält - was Du
ja schon daraus sehen kannst, dass er heute abend eingeladen ist - hat mir auf
die Seele gebunden, ihn auf irgend eine Weise auszuzeichnen. Nun, Schatz, wie
könnte ich das besser, als wenn Du die kolossale Liebenswürdigkeit hättest -
    Ich habe die kolossale Liebenswürdigkeit. Her mit dem Mann! Wo ist er?
    Er ist eben erst gekommen - diese Leute denken, es ist vornehm, wenn man
spät kommt - und spricht - oder sprach vorhin nebenan mit Mama. Ich hole ihn
Dir.
    Noch eins! Wie heisst er?
    Winter. Doktor Winter, oder Professor. Ich weiss nicht. Finde ich Dich hier
wieder?
    Stephanie war davongeeilt.
    Adieu! the quitter c'est mourir, sagte hinter Klotilde, nicht eben weit von
ihrem Ohr, eine leise Stimme.
    
    Aber es muss doch nicht gleich sein, rief Klotilde, sich lachend wendend.
    Auf der Stelle, erwiderte Fernau. Hélas, madame!
    - un présage terrible
    Doit livrer mon coeur à l'effroi:
    J'ai cru voir dans un songe horrible
    Un échafaud dressé pour moi.
    Sollte das nicht etwas zu spät kommen? Mir scheint, Sie haben Ihren Kopf
bereits verloren.
    Wer ihn über gewisse Dinge nicht verliert, hat keinen zu verlieren. Also:
    Adieu, charmant pays de France!
    Adieu, Sie Unverbesserlicher! Sie -
    Klotilde kam nicht weiter; die Stimme versagte ihr und das Blut schoss ihr in
die Wangen: neben ihr stand Stephanie mit einem Herrn, der sich eben tief
verbeugte, und in welchem sie trotz der veränderten Kleidung und der andern
Beleuchtung sofort jenen Passagier in der entgegengesetzten Ecke des
Pferdebahnwagens erkannte.
    Hier, liebe Klotilde, bringe ich Dir Herrn Professor Albrecht Winter, der
glücklich ist, Deine Bekanntschaft zu machen. Herr Professor Winter - Herr
Legationsrat von Fernau.
    Ich habe die Reisebriefe des Herrn Legationsrats durch die südlichen
Provinzen Frankreichs mit Entzücken gelesen, sagte Albrecht verbindlich.
    Sehr obligiert, Herr Professor. Die Tage des seligen Tümnel mit ihrem
sentimentalen Postornschall und lustigem Peitschenknall sind leider vorüber.
    Was wir an Sentimentalität und Humor verloren, haben wir an der scharfen
Beobachtung von Land und Leuten reichlich gewonnen.
    Und so weiter - nach Tisch! rief Stephanie. Herr Professor, Sie wissen, dass
Ihnen das grosse Los zugefallen ist, die gnädige Frau zu führen. Da kommen die
älteren Herrschaften schon. Schliessen Sie sich, bitte, hernach an! Machen Sie,
dass Sie zu Ihrer Dame gelangen, Herr von Fernau! Ich muss auch nach meinem Herrn
sehen.
    Stephanie hatte Fernau mit sich genommen.
    Da das grosse Los nun einmal auf mich Unwürdigen gefallen - sagte Albrecht,
Klotilde den Arm bietend.
    Ich glaube, ich bin verrückt, sagte Klotilde bei sich, als sie fühlte, dass
die Hand, die sie auf ihres Begleiters Arm legte, zitterte.
    Sie hörte auch kaum etwas von dem, was der Professor sagte, während sie so
auf den Moment warteten, wo sie sich dem paarweisen Zuge, der aus den
Nebenzimmern nach dem Speisesaale strömte, anschliessen konnten. Das Geschwirr
der Stimmen, welches vorhin die Räume sinnverwirrend erfüllt hatte, konnte nicht
schuld daran sein: es herrschte eben jetzt eine fast lautlose Stille. Aber auf
ihrer Seele lag es wie eine Betäubung, die ihr sonst völlig fremd war, und für
die sie vergebens nach einer Erklärung suchte. Diese so unerwartete
Wiederbegegnung noch an demselben Tage war ja überraschend, nur dass sie für
Überraschungen eine grosse Vorliebe hatte; und die verblüffte Miene von Fernau
bei der Vorstellung dessen, der ihn aus dem »charmant pays« verdrängte - das war
eigentlich furchtbar komisch gewesen. Weshalb dann also dies alberne Herzklopfen
und diese bängliche Empfindung, wie vor einer hereindrohenden Gefahr? Es war
positiv lächerrlich, und der Herr Professor musste wirklich glauben, sie sei ein
Gänschen von Buchenau, das zum erstenmal von Sterne und sentimental yournei
reden hörte. Sie wollte, wenn sie erst einmal sassen, schnell ein Glas Sekt
trinken. Das würde ihr den Kopf schon wieder in Ordnung bringen.
    Als die letzten der jüngeren Herrschaften, zu denen Klotilde und ihr
Begleiter gehörten, den Speisesaal betraten, hatten die älteren bereits in
dessen kleinerem, nur durch ein paar Säulen von dem grösseren vorderen getrennten
Teil ihre Plätze eingenommen. Der gewaltige, von dem blendenden Licht der
Kronenleuchter und der zahlreichen Wandkandelaber durchflutete Raum bot einen
zauberhaften Anblick, zumal als alle nun in ihren schmucken Uniformen,
tadellosen Gesellschaftstoiletten, lichten Gewändern, um die vielen, reich
servierten, blumengeschmückten Tische gruppiert, lachend und plaudernd sassen,
und die Menge der Diener in schmuckhaften Livreen lautlos geschäftig die
Schüsseln präsentierte und die Gläser füllte.
    Albrechts Herz schwoll. Da war doch einmal einer seiner Träume zur
Wirklichkeit geworden! Er in diesem fürstlichen Saal, inmitten der besten
Gesellschaft der Residenz, an der Seite einer schönen Frau! Da würden ja
vielleicht auch die andern nicht immer Träume bleiben! sich ihm die Pforten des
königlichen Schauspielhauses öffnen, an die er nun bereits seit zwei Jahren
vergebens ungeduldig pochte! Und die kaiserliche Loge, in die ihn der
General-Intendant führte, huldreiche Worte über sein gelungenes Werk aus
allerhöchstem Munde zu vernehmen! Evoe, Bakche! evoe! rief es in ihm, während er
den Schaum von seinem Champagnerglase schlürfte und dabei in die prachtvollen
Augen seiner reizenden Nachbarin blickte.
 
                                Viertes Kapitel
Klotilde hatte gefürchtet, sie würde mit dem Herrn Professor ein schauderhaft
gelehrtes Gespräch zu führen haben, und sah sich aufs angenehmste überrascht,
als ihr diese Pein durchaus erspart blieb. Nicht, dass von den Lippen des Herrn
nicht hin und wieder eine Anspielung auf irgend einen wissenschaftlichen
Gegenstand, oder etwas, das ihr wenigstens so erschien, gekommen wäre! Aber
immer doch nur eine Anspielung, die seiner Unterhaltung sogar einen gewissen
originellen Reiz gab und ihr schmeichelte, da er doch jedenfalls annahm, dass sie
für diese Winke nach höheren Regionen das volle Verständnis besass. Im übrigen
war, was er vorbrachte - und er brachte viel, sehr viel vor - er schien
unerschöpflich - doch nur eine Plauderei, die ihr allerdings um einen
beträchtlichen Grad geistreicher schien als die, an welche sie in ihrer
Gesellschaft gewöhnt war. Zu der er, wollte sie ihn nur nach seinen Manieren und
seinem Äusseren beurteilen, am Ende auch gehörte. Einer eleganteren Toilette
konnte sich keiner der Herren in Civil rühmen; Frack und Weste waren nach dem
neuesten Schnitt, das feine Vorhemd von blendender Weisse, die Krawatte sass
tadellos. War ihr doch schon heute nachmittag in dem Pferdebahnwagen die
Sorgfalt, mit der er sich kleidete, aufgefallen! Und jetzt in seiner
unmittelbaren Nähe konnte sie sich überzeugen, dass sie auch sonst seine
Erscheinung richtig taxiert hatte. Mit seinen regelmässigen Zügen, der
feingewölbten Stirn, den grossen, ausdrucksvollen blauen Augen, dem prächtigen
blonden Vollbart, der stattlichen, breitschulterigen, hochbrustigen Figur, musste
sie ihn wirklich für einen schönen Mann gelten lassen, trotzdem sie eigentlich
an Blondins nicht leicht Geschmack fand, und in Fernau mit seinem blauschwarzen
Haar und Bart und dem südlichen Oliventeint ihr Ideal sah. Das Einzige, was ihr
an dem schönen Manne unangenehm auffiel, waren seine grossen, knochigen, allzu
roten Hände. In den Augen der Dame aus uralt freiherrlichem Geschlecht durfte
ein Mann, den sie als ihresgleichen nehmen sollte, solche Hände nicht haben.
    Las der Mann in ihren heimlichen Gedanken?
    Sie waren auf die landwirtschaftlichen Reize der deutschen Mittelgebirge,
zuletzt auf die des Harzes zu sprechen gekommen.
    Aber Sie kennen den Harz wohl nicht? sagte sie, als sie bemerkte, dass er
stiller geworden war und sie schliesslich nur noch allein sprach.
    Meine Heimat! erwiderte er mit einem melancholischen Lächeln.
    Da wären wir ja Landsleute! rief Klotilde und nannte das Städtchen am Fuss
eines der Ausläufer des Gebirges, in dessen Nähe das Stammgut ihrer Familie lag.
    Ich bin in der Wahl meines Geburtsortes weniger vorsichtig gewesen, sagte er
mit demselben trüben Ausdruck. Es ist ein armseliges, hoch oben zwischen kahlen
Bergen eingeklemmtes Dorf. Meine Eltern waren blutarme Bergleute. Der Vater
wurde, als ich sechs Jahre zählte, in einem zusammenstürzenden Schacht
verschüttet; meine Mutter starb ein Jahr darauf. Die Gemeinde, der ich zur Last
gefallen war, machte mich zu ihrem Gänsejungen, von dem ich zum Schafhirten
avancierte; und ich hätte es sicher bei meiner entschiedenen Veranlagung zu dem
Berufe noch zum Kuhhirten gebracht, nur dass sich der alte, kinderlose Pastor
unseres Dorfes meiner annahm. Er hatte in der Konfirmationsstunde Wohlgefallen
an mir gefunden; glaubte ein zukünftiges Kirchenlicht entdeckt zu haben; liess
mich studieren, adoptierte mich später sogar und vermachte mir, als er starb,
sein bisschen Hab und Gut. Nun, ich Undankbarer habe die Hoffnungen des guten
Mannes nicht erfüllt; es nicht einmal über den Schafhirten hinausgebracht, als
der sich so ein armseliger Schulmeister, wenn die Jungen einmal wieder durchaus
nichts begreifen können, oft genug vorkommt.
    Die kleine, in halb elegischem, halb satirischen Ton vorgetragene
Geschichte, hatte einen starken Eindruck auf Klotilde gemacht; und während der
Professor mit seinem Gegenüber, dem Hauptmann von Luckow, in ein Gespräch
geraten war, hatte sie Musse, sich diesen Eindruck zurecht zu legen. Ein
Gänsejunge da oben auf den Bergen, der es immerhin so weit bringt - das war doch
einmal etwas anderes als das ewige Einerlei der Offizier- und Beamtencarriere;
das war doch sehr interessant, sehr romantisch! Und wie hübsch von ihm, dass er
sich frank und frei zu seiner plebejischen Herkunft bekannte, die Leute der Art
sonst nach Möglichkeit zu verschleiern suchen! Und je tiefer er geboren war, um
so grossartiger war es doch von ihr, wenn sie sich zu ihm herabliess! Adieu,
plaisant pays de France! Maria Stuart und Rizzio! Gewiss war Rizzio auch ein
armer Junge gewesen, der sich von den sonnigen Gassen irgend einer italienischen
Stadt bis nach Schottland und in die königlichen Hallen und in das Herz der
schönen Königin gesungen hatte. Mein Gott, so ein bisschen unschuldige Liebelei
muss doch einer gelangweilten Königin erlaubt sein, wenn auch Graf Boswell-Fernau
drüben am dritten Tische fortwährend wütende Blicke herüberschleudert. Das macht
die Geschichte nur pikanter. Welche denn? Eine Episode, die ein paar
Abendstunden währt und dann definitiv zu Ende geht, ist doch noch lange keine
Geschichte, wie sie das Verhältnis mit Fernau allerdings bereits zu werden
drohte. Hier war nach keiner Seite auch nur die mindeste Gefahr.
    Und während diese Gedanken durch ihr erregtes Gehirn zuckten, überlegte sie
schon, wie es wohl aufzufangen sein möchte, dass die Episode keine Episode
bliebe; wie der interessante Mann wohl in ihren Kreis einzuführen, in ihrem
Kreise festzuhalten wäre. Viktor mit seiner hochmütigen Verachtung alles
Plebejischen und aller Plebejer musste schon aus der Rechnung fallen. Aber das
wäre nicht das erste Mal gewesen! Adele! sie war so grundgutmütig und hing an
ihrer Schleppe. Es würde ihr ein Leichtes sein, Adele für den Professor zu
begeistern. Und Elimar - natürlich! Er war ein halber Gelehrter. Wie sollte der
nicht Geschmack an ihm finden! Und Luckow da drüben, der eben in seiner
Eigenschaft als Lehrer an der Kadettenschule ihn seinen Kollegen nannte! Der
Hauptmann war freilich Junggesell, aber, als Intimer des Kreises, immerhin ein
Stein mehr im Brett. Hier im Hause erschien der Professor, so wie so, völlig
akkreditiert. Die Sache würde sich machen, musste sich machen. Sie hatte schon
schwierigere Dinge siegreich zustande gebracht.
    Da, in dem Moment, als der Professor sich aus der Unterhaltung mit Luckow
wieder zu ihr wandte, wurde die Tafel aufgehoben. Bereits kamen die Excellenzen
und andere Hochwürdenträger mit ihren Damen durch den Saal; die jüngeren
Herrschaften standen nur noch an ihren Plätzen, jene vorüberzulassen und sich
ihnen dann anzuschliessen. Der Professor hatte ihr wieder den Arm gereicht. Ihre
Hand zitterte jetzt nicht mehr; eine freudig sieghafte Empfindung füllte ihr
Herz und liess sie mit einem ihrer vollen Blicke, deren Gewalt über Männerherzen
sie nun schon so oft erprobt hatte, zu ihrem Begleiter aufschauen und die Lider
nicht senken vor dem Feuer der Bewunderung, das aus seinen grossen Augen auf sie
herabflammte.
    Gott segne Sie, gnädige Frau, für die selige Stunde, die Sie einem
Unglücklichen bereitet haben; sagte er so leise, dass nur eben sie es verstehen
konnte.
    Es war eben auch für mich eine liebe Stunde, gab sie ebenso leise zurück.
Und Sie tun unrecht, mir die freundliche Erinnerung durch solche schmerzlichen
Worte zu trüben.
    Wenn ich das Glück hätte, näher von Ihnen gekannt zu sein, würden Sie in
Ihrem schönen Herzen nicht mehr den Mut finden, mir den Titel eines
Unglücklichen zu bestreiten.
    Es klang in dem Flüstertone so herzbeklemmend - Klotilde musste nun doch die
Wimpern niederschlagen, aber nur, weil sie fühlte, dass ihre Augen brannten, und
fürchtete, sie könnte die unsägliche Torheit begehen und in Tränen ausbrechen.
    Ich bin positiv verrückt, sagte sie bei sich.
    Man war in die Vorderzimmer gelangt. Er hatte sich mit einer tiefen
Verbeugung von ihr verabschiedet und war alsbald in dem Gedränge verschwunden,
das jetzt noch grösser war als vor Tisch. In dem Lärm der durcheinander
schwirrenden, weinlauten Stimmen konnte man das eigene Wort kaum noch verstehen.
Klotilde kam es gelegen; sie war sich bewusst, zu den Herren, die sie umringten
und alle zugleich auf sie einsprachen, ganz tolles Zeug zu reden. Denn
urplötzlich hatte sie im stärksten Grade eine jener übermütigen Launen gepackt,
die man an ihr kannte und in diesen Kreisen entzückend fand. In witzigen und
neckischen Wendungen verteidigte sie gegen den Ansturm von einem halben Dutzend
Aspiranten die beiden freien Tänze, die sie noch auf ihrer Karte hatte. Sie
habe, während man diese Tänze tanze, eine hohe diplomatische Mission zu
erfüllen; sie müsse unterdessen den Staat retten. dabei war ihre freudige
Hoffnung, die »Courschneiderei« bei Excellenz, zu der sie ihr Mann verpflichtet,
werde nur ein paar Minuten dauern und sie so wenigstens einen Tanz für den
Professor herausbringen, der ja unmittelbar vor dem Souper gekommen war, und
sich sicher in diesem ihm fremden Kreise nicht engagiert hatte. Vorausgesetzt,
dass er überhaupt tanzte. Aber warum sollte er nicht? Er tanzte sogar zweifellos
vorzüglich.
    Ein lustiges Wort, das sie eben dem Hauptmann von Luckow erwidern wollte,
erstarb ihr auf den Lippen. Sie sah den Professor auf sich zukommen mit einer
Dame am Arm, die sie nicht kannte - einer kleinen untersetzten Dame, deren
unmodische Frisur und einfache dunkle Toilette so gar nicht in diesen Kreis
passten, dass ihr erster Gedanke war: »wie um Himmelswillen kommt denn die
hierher?« Zu einem zweiten Gedanken blieb ihr keine Zeit, denn jetzt war,
während die anderen Herren etwas zurückwichen, der Professor an sie
herangetreten und sagte, die Dame vom Arm lassend:
    Ich wollte nicht aus der Gesellschaft scheiden, ohne der gnädigen Frau meine
Frau vorgestellt zu haben.
    Klotilde war aufs heftigste erschrocken; kaum dass sie die etwas linkische
Verneigung der Frau Professor mit dem nötigen gesellschaftlichen Anstand
erwidern konnte. Das Blut musste ihr aus den Wangen geschwunden sein - sie fühlte
es deutlich, und wie es im nächsten Moment gewaltsam zurückschoss. Dann aber
hatte sie die angewohnte Selbstbeherrschung zurückgewonnen.
    Aber wie unrecht, gnädige Frau, sagte sie mit einem Lächeln, das vielleicht
noch etwas gewaltsam war; so spät kommen und die Gesellschaft dann, wenn ich
Ihren Herrn Gemahl recht verstanden habe, so früh verlassen wollen!
    Ich habe drei Kinder zu Haus, erwiderte die Dame, und das jüngste ist erst
acht Wochen alt. Da hat man nicht viel Zeit für Gesellschaften übrig.
    Nein, gewiss nicht, sagte Klotilde höflich.
    Besonders wenn man selbst stillt, fügte die Dame hinzu.
    Dann besonders nicht, sagte Klotilde.
    Ihr Blick hatte unwillkürlich den Professor gestreift; sie hätte beinahe
laut aufgelacht. Welch ein verlegen albernes Gesicht der Mann machte!
    Er mochte es selber empfinden, denn er sagte mit hörbarer Ungeduld:
    Wir dürfen die gnädige Frau der Gesellschaft nicht länger entziehen, liebe
Klara. Gnädige Frau, meine gehorsamste Empfehlung.
    Es hat mich sehr gefreut, sagte Klotilde, der Frau Professor die Hand
reichend, während der Professor sich mit einem gnädigen Kpofnicken begnügen
musste. Dann hatte sie sich schnell zu den andern Herren gewandt, die sofort
wieder herangetreten waren, die meisten mit lächelnden Mienen.
    Um Himmelswillen, gnädige Frau, rief der Lieutenant von Sperber; wer war
denn diese höchst eigentümliche Erscheinung?
    Darüber kann ich genaue Auskunft geben, erwiderte anstatt Klotildes der
Assessor von Visselbach. Mir ward die völlig unverdiente Ehre, die Dame zu Tisch
zu führen. Bei Gott! nach zehn Minuten hätte ich glauben können, mich in einer
Kleinkinderbewahranstalt zu befinden.
    Schade! sagte der Hauptmann von Luckow. Der Professor ist wirklich ein sehr
unterrichteter, sehr charmanter Mann. Habe ich nicht recht, gnädige Frau?
    Klotilde brauchte nicht zu antworten: Viktor kam, sie zu seinem hohen Chef
zu führen, der aufbrechen wollte. Es war keine Minute zu verlieren.
    Sie hätte nicht sagen können, was sie dann mit seiner Excellenz gesprochen.
Aber sie musste wohl das Rechte getroffen haben; Excellenz waren die
Liebenswürdigkeit und Güte selbst gewesen; Viktor, der in decenter Nähe dabei
gestanden, hatte wiederholt zufrieden gelächelt und sagte, als die Unterredung
zu Ende war, ihren Arm in den seinen nehmend und ordentlich zärtlich drückend:
Das hast Du einmal wieder superb gedeichselt, Klotilde! In so etwas ist Dir doch
keine über. - Und in allem andern auch nicht, hatte er mit schneller Höflichkeit
hinzugefügt.
    Frau Ministerial-Direktor war gewohnt, dass man ihre Gesellschaften reizend
fand. So oft wie an diesem Abend war es ihr noch nicht gesagt worden. Es war nur
eine Stimme darüber. Und ebenso über das zweite, dass die Königin des Festes die
entzückende Frau von Sorbitz sei. Einige wollten freilich die Fahne der neuesten
Acquisition aufwerfen; aber wenn auch jetzt noch »die Oase« nicht nur gelten
liess, sondern sie »ganz charmant« fand, und dass sie »ein fideler Kamerad« und
ein »höllisch netter Käfer« sei, - gegen ihre prachtvolle Cousine komme sie doch
nicht auf, und sie ihr gar vorziehen wollen, sei »einfach lachhaft«.
    Er wurde für Klotilde in ihrem an Triumphen derart nicht armen Leben der
glänzendste, den sie bis jetzt gefeiert hatte. Unter der Menge der Bettler um
eine Extratour kam es manchmal fast zu unliebsamen Scenen; in dem Blumenwalzer
häuften sich die Bouquets um sie zu Bergen. Und mit vollen Zügen sog sie den
berauschenden Duft dieser Huldigungen ein. Ihre grossen, blaugrauen Augen
strahlten, während um die halbgeöffneten feinen Lippen beständig ein Lächeln
schwebte, das, wie zauberhaft immer, doch stolz, ja hochmütig war und sagen zu
wollen schien: dies alles kommt mir von rechtswegen zu! mir, eurer Königin!
    Als die unermüdlichen Wirte ihre Intimen, die sie nach dem Balle noch zu
einem Plauderstündchen beisammen behalten hatten, endlich entliessen und Viktor
mit Klotilden nach Hause fahren konnte, war es drei Uhr geworden. Viktor war
über den Sieg seiner Gattin so entzückt, als hätte er ihn selbst erfochten. Mit
leuchtenden Farben malte er sich ihre beiderseitige Zukunft aus.
    Mit einer solchen Frau zur Seite, rief er, in einer Aufwallung von Stolz und
Zärtlichkeit den Arm um ihre Schulter legend.
    Und wenn man selbst so Hervorragendes leistet, sekundierte Klotilde
gefällig.
    Müsste es doch sonderbar zugehen -
    Brächte man es nicht zum Minister.
    Seit manchen Wochen war die Einigkeit zwischen den beiden Gatten nicht so
gross gewesen.
 
                                Fünftes Kapitel
Für Albrecht Winter rollten die nächsten Tage in dem gewohnten ausgefahrenen
Geleise eben so fort. Lektionen abhalten, griechische, lateinische Exercitia,
deutsche Aufsätze korrigieren, sich von seinen Sekundanern anstaunen lassen, mit
den Kollegen in den Zwischenviertelstunden und in den Konferenzen »fachsimpeln«
- die alte Leier, deren hohler Ton ihn manchmal zur Verzweiflung bringen wollte,
mochte er andern noch so wohlgefällig in das anspruchslose Ohr klingen!
    An den Abend bei dem Ministerial-Direktor dachte er mit sehr gemischten
Gefühlen. Wenn er es recht überlegte, waren die Hoffnungen, in denen er sich
während jener paar Stunden gewiegt, bunte Seifenblasen gewesen. Weshalb hatte
man ihn eingeladen? Doch um seiner selbst willen wahrhaftig nicht. Doch nur,
damit er sich des faulen Schlingels, des Oskar Sudenburg, annehme, der, die
richtige Berliner Treibhauspflanze, eines Mentors freilich auch sehr dringend
bedurfte. Man würde ihn sich in derselben Absicht noch ein- oder zweimal kommen
lassen - natürlich nur zu den grossen routs, wo er in der Menge verschwinden
konnte - bis er den Jungen nach Prima gelotst hatte, wo denn anstatt seiner der
Kollege in Prima an die Reihe kam. Was war man denn diesen Aristokraten anderes
als ein Werkzeug! Hatte es seinen Dienst getan, warf man es zu dem alten Eisen.
Die Socialdemokraten hatten ganz recht: jedes Zugeständnis, das sie unsereinem
machen, wird ihnen durch die Not und die Furcht abgepresst. Ganz vergebene Mühe,
ihnen zu schmeicheln, um ihre Gunst zu buhlen! Den Fuss muss man ihnen auf den
steifen Nacken setzen; ihre Herrlichkeit vor die Füsse werfen - ihre freche,
zusammengelogene und gestohlene, brutale Herrlichkeit! Ah, ein Luter! ein
Luter! Nicht der Reformator der Kirche, die doch zerbröckelt und an der nichts
mehr zu halten ist! Nein, der die eisernen Fessel sprengt, mit denen die Junker
und ihre Spiessgesellen ein mündig gewordenes Volk noch immer einzwängen! die
schandbaren Fessel, an welchen sie in den Bauernkriegen schon gerüttelt haben,
die Armen und Elenden - meine Ahnen! Deren Söhnen einzig und allein noch
frisches, kraftvolles Blut durch die Adern rollt! einzig und allein noch der
Funke der Freiheit die Herzen erglühen macht!
    Und während Albrecht so in der Phantasie die Welt in Trümmer schlug, raunte
ihm eine leise Stimme ins Ohr: möchte sie doch bestehen und bleiben, wie sie
ist, könntest Du einmal, nur einmal von ihren Lippen die Worte hören: ich liebe
Dich!
    Er durfte sich sagen, und sagte es sich diese Tage wieder und wieder, dass er
es für seine Verhältnisse erfreulich weit in seinem Berufe gebracht habe, und
nach menschlicher Berechnung noch ein gut Stück weiter bringen werde. Und hatte
sich auch der Lorbeer des Dichters noch immer nicht auf seine Stirn senken
wollen, über kurz oder lang musste es doch geschehen: nannte man die besten
Namen, würde man auch den seinen nennen. Aber die Anerkennung des Gelehrten, den
Ruhm des Dichters und alles hätte er freudig hingegeben für die Erfüllung des
grossen Traumes seines Lebens: geliebt zu werden von einer Frau, wie - wie - nun
ja, beim Himmel! wie die, an deren Seite er an jenem Abend gesessen hatte! Das
wäre sein Adelsdiplom gewesen! Die Bürgschaft dafür, dass er, der arme
Bergmannssohn, ebenbürtig war den Hoch- und Höchstgeborenen! Dass nicht, was er
mit andern teilte: sein bisschen Wissen und Können, ihm zum Siege verholfen bei
des Lebens olympischen Spielen, sondern das Beste, was der Mensch ist und hat
und das er mit niemand teilen kann und worauf er für sein Teil deshalb von jeher
den höchsten, ja, einzig und allein Wert gelegt hatte: seine Persönlichkeit.
    Eine Stunde lang hatte er sich in diesem holden Traum gewiegt. Sein Ideal,
das nur immer, eine goldene Morgen- und Abendwolke, in unerreichbarer Ferne vor
seines Geistes Aug' dahingeschwebt war - hier hatte es in wonnesamster
Leibhaftigkeit vor ihm gestanden: die hohe, schlanke Gestalt, die feinen,
aristokratischen Züge, die grossen, stolzen Augen, das reiche, weiche, dunkle
Haar, der königliche Anstand, die lässige Anmut jeder, auch der kleinsten
Bewegung, die etwas tiefe, metallische Stimme selbst - er hatte sich in jener
seligen Stunde immer wieder gefragt: ist es denn möglich? kann es denn sein? hat
denn wirklich endlich der Himmel Barmherzigkeit geübt und will den brennenden
Durst löschen des Verschmachtenden in der Wüste?
    Und er hatte an dem labenden Quell getrunken mit vollen, gierigen Zügen! ihr
holdseliges Wesen in sich gesogen mit dem süssen Duft, der von ihrem Haar
auszuströmen schien und sie umwitterte wie eine köstliche Sommergartenblume! ihr
hoheitsvolles Bild eingegraben in sein Gedächtnis, dass es dastand in leuchtender
Schöne, wie von eines Raphael, eines Tizian Hand gemalt, tagsüber, wo er ging
und stand, im Dunkel der Nacht selbst, wenn er das schlummerlose tief in die
Kissen drückte, damit Klara, die nebenan mit den Kindern schlief, sein
verzweifeltes Stöhnen nicht hörte!
    Die gute Klara, die nicht ahnte, was Furchtbares das unselige Weib in seinem
Herzen angerichtet hatte! Und dass, wenn er sich von dem Graus lösen konnte - und
er war jetzt sicher, er zu können - er es ihr und ihr allein verdankte! Denn an
dem Empfang, den die hochmütige Aristokratin seiner Gattin zu bereiten gewagt
hatte, war er zur Besinnung gekommen. Ah! dies verächtliche Zucken der
Nasenflügel! Dies hohnvolle Lächeln! Diese demütigende Herablassung, mit der sie
der Ärmsten dann schliesslich doch die Hand gereicht - oder waren es nur ein paar
Finger? - Wenn er ihr das vergass - und dass er selbst in dem Moment für sie Luft
gewesen - verflucht wollte er sein in diesem Leben und in jenem, wenn es eines
gab!
    Nun ja, er hätte die Vorstellung unterlassen können. Wenn er es nicht
getan, die sich Sträubende fast zu dem Schritt gezwungen hatte, so war es doch
aus einem Gefühl heraus gewesen, dessen er sich nicht zu schämen brauchte. Er
wollte durch diese Gesellschaft nicht als ein Komödiant gegangen sein, der, mit
einer Frau hinter sich, die Rolle des flotten Junggesellen spielt. Und ihr, der
er gesagt hatte, dass er ärmster Bergleute Sohn sei, weshalb ihr die
Dorfschulmeistertochter unterschlagen, mit der er da oben auf den Bergen
gespielt und Vogelnester gesucht und sich verlobt, als er auf die Universität
ging; und der er Treue bewahrt die langen, langen Jahre unendlicher Arbeit durch
Hunger und Kummer, bis er sie endlich als sein eheliches Weib heimführen konnte.
    Hatte er es denn je zu bereuen gehabt?
    Nein, und tausendmal nein!
    Wie einfach und unscheinbar sie sein mochte, - das war für ihn Axiom: es gab
keine bravere Frau, keine sorgsamere Mutter; keine, die ihn inniger liebte, es
so treu und ehrlich mit ihm meinte, wenn auch manchmal ihre Formen zu wünschen
liessen und ihre Rede hätte gewählter sein können. Was brauchte sie, der es stets
ernst war mit dem, was sie sagte, Worten nachzujagen? Traf sie darum nicht doch
immer den Nagel auf den Kopf? Hatte sie es nicht wieder diesmal getan, als sie
für sich die Einladung zu dem Ball nicht annehmen wollte und sagte: wenn Du es
den Leuten schuldig zu sein glaubst und Du Dir etwas von dem Verkehr in dem
Hause versprichst, - obgleich ich nicht recht sehen kann, was, und mit grossen
Herren ein für allemal schlecht Kirchen pflücken ist - nun, so gehe in Gottes
Namen hin; aber mich lass zu Haus! Ich passe nicht dahin. Wenn Du eine Frau
wolltest, mit der Du Staat machen konntest, hättest Du eine andere heiraten
müssen. Ich gehöre ins Haus und in die Kinderstube. Unter all den feinen und
geputzten Leuten werde ich eine traurige Rolle spielen und Dir nur im Wege
stehen, wenn Du auch meinst, Du könntest mich so mit durchschleppen, und man
würde mich Dir Deinetalben abnehmen.
    Ja, das hatte er gemeint, wenn er sich auch weislich gehütet hatte, es zu
sagen. Er hatte gemeint: man wird es Dir in den Kreisen zur Ehre anrechnen, dass
Du, der Du zu ganz andern Ansprüchen berechtigt bist, treu zu der kleinen,
unscheinbaren Frau hältst. Es ist wahr: während der Stunde bei Tisch hatte er
sie in dem Taumel seines Entzückens vergessen, bis die Rede auf seine Abstammung
kam, er vielmehr die Rede darauf brachte, um nun von seinem bescheidenen
Lehrerhaushalt zu sprechen und dem Vivitur parvo bene des Horaz und seiner
guten, kleinen Frau. Und gerade da musste die Tafel aufgehoben werden! Gerade in
dem Moment, als das aristokratische Eisen zu glühen begann, es nur vielleicht
noch eines geschickten Schlages bedurft hätte, dass der Funke heraussprang: ich
muss Ihre Frau kennen lernen! Die Frau eines Mannes, wie Sie, kann nicht anders
als eine Elite-Natur sein, die ich zu meiner Freundin machen, die ich lieben
werde!
    O, des Toren, der er gewesen war! des jämmerlichen Toren, der sich eine
volle Stunde lang am Narrenseil hatte führen lassen, um - dahin geschickt zu
werden, wohin die Narren gehören!
    Gut! es war ihm eine Lehre gewesen, die er nicht wieder vergessen würde. Von
Stund an wollte er nur seinem Berufe leben.
    Und wenn er auch das Träumen nicht würde lassen können - wer kann dem
Seidenwurm verbieten zu spinnen! - er wollte fürder nie wieder in diese Schwäche
verfallen; sich immer bewusst bleiben, dass die Wirklichkeit Wirklichkeit ist und
die Träume Träume sind! Und nur ein unklarer Kopf beide durcheinander mischt!
    Er war kein unklarer Kopf - er nicht! -
    Es war inmitten eines solcher Selbstgespräche, die Albrecht in diesen Tagen
endlos hielt, dass Auguste, der Familie Mädchen für alles, ihm ein Briefchen
brachte, dessen Aufschrift von unbekannter, offenbar weiblicher Hand sein Herz
schlagen machte. Bereute sie die kalte Grausamkeit, mit der sie ihn
verabschiedet hatte? wollte sie Abbitte leisten? Sollte er ihr verzeihen?
    Mit bebenden Händen erbrach er das Billet, hastig nach der Unterschrift
blickend: Stephanie Sudenburg!
    Also nur eine neue Einladung! Mit Dank abgelehnt! Selbstverständlich!
    Nur dass der Brief für eine blosse Einladung ein wenig lang war!
    Was also will man von mir?
                          Hochgeehrter Herr Professor!
Darf eine Gesellschaft junger Leute, die eben in strengster Heimlichkeit unter
meinem Vorsitz bei uns tagt, sich in ihrer Rat- und Hilflosigkeit an Ihre
bewährte Güte wenden und Sie bitten, Ihren Geist über ihr leuchten zu lassen!
Ich will Sie und mich nicht lange mit der Vorrede aufhalten und gleich zur Sache
kommen.
    Heute über vierzehn Tage ist Papas - nebenbei sechzigster - Geburtstag. Es
ist der lebhafteste Wunsch von uns Kindern und unsern Freunden, den Tag durch
eine Festlichkeit zu feiern, von der wir annehmen dürfen, dass sie Papa ein
Vergnügen bereiten wird. So weit sind wir alle einig; aber es scheint, wir
kommen ohne die Beihilfe eines superioren Geistes darüber nicht hinaus. Deshalb
unser - wiederum einmütiger und einstimmiger - Appell an Sie. Raten Sie, helfen
Sie uns! Dass Sie es können, wissen wir alle; dass Sie es wollen, daran zweifelt
niemand. Wir geben uns ganz in Ihre Hand; Sie werden an uns eine willige,
gehorsame Gefolgschaft finden.
    Noch eines! Da der liebe Papa in seiner grenzenlosen Bescheidenheit
dergleiche Ovationen - so sehr er sich nachträglich daran freut - grundsätzlich
ablehnt, sind wir willens, vielmehr gezwungen, wenigstens so lange als möglich
unser Vorhaben vor ihm geheim zu halten. Ein häufiges Zusammenkommen der
Verschworenen - das doch jedenfalls nötig sein wird, und ja auch eigentlich der
Hauptspass bei der Sache ist - würde ihm zweifellos auffallen. In dieser
Verlegenheit hat sich Frau Hauptmann von Meerheim (Mauerstrasse 8 part.)
freundlichst erboten, uns bei sich aufzunehmen. Wie ich von der liebenswürdigen
Dame erfahre, haben Sie, hochgeehrter Herr Professor, sowohl ihre als auch des
Herrn Hauptmanns, wenn auch nur flüchtige, Bekanntschaft neulich auf unserm rout
gemacht. Sie beide freuen sich sehr, Sie bei sich zu sehen und bitten mich,
Ihnen ausdrücklich zu sagen, dass Sie von einer vorhergehenden Visite dispensiert
sind. Wie hochwillkommen uns Ihre verehrte Frau Gemahlin wäre, im Falle sie an
unsern Kindereien Geschmack fände, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung.
    Unsere nächste Zusammenkunft ist auf morgen (Sonnabend), 8 Uhr, abends
anberaumt.
    Wir hoffen zuversichtlich auf Ihr gütiges Erscheinen; speciell bitte ich um
eine möglich umgehende Zeile, die uns unsere Zuversicht bestätigt.
    Die ich mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung und Bitte um
Empfehlung an Ihre verehrte Frau Gemahlin bin
                                      Ihre
                                   ergebenste
                              Stephanie Sudenburg.
P.S. Frau von Sorbitz, die mir fortwährend über die Schulter sieht, verlangt die
Hinzufügung, dass sie mit dem Inhalt dieser Kritzelei nicht nur völlig
einverstanden sei, sondern das Verdienst beansprucht, als die erste in unserer
Versammlung Ihren Namen genannt uns auf die absolute Notwendigkeit, uns Ihrer
Hilfe zu versichern, hingewiesen zu haben. Als ob das nötig gewesen wäre!
Indessen will ich hiermit der Schmeichlerin, da sie gar so schön bittet, den
Gefallen getan haben.
                                                                            D.O.
Albrecht hatte den in einer zierlichen Handschrift geschriebenen Brief in
atemloser Hast durchflogen, bei dem Postskript hatten die Hände, die den Brief
hielten, heftig gezittert.
    Also doch!
    Er liess das Blatt auf den Odyssee-Kommentar fallen, in welchem er, als das
Mädchen eintrat, eine Notiz für die Lektion heute gesucht hatte; sprang auf;
fing an, mit grossen Schritten in dem kleinen Zimmer hin und her zu gehen; blieb
vor dem Spiegel stehen, um ein paar Momente höchst aufmerksam sein Gesicht zu
betrachten und dann abermals seine Wanderung zu beginnen.
    Also doch! Keine bunten Seifenblasen! keine täuschenden Träume! Was er in
den grossen stolzen Augen zu sehen geglaubt hatte, es war wirklich der
Wiederschein des Feuers gewesen, das in seiner Seele brannte! Denn von ihr
allein ging dies aus - die Nachschrift, die köstliche Nachschrift bewies es ja
deutlich! Nicht für ein Königreich hätte er diese Nachschrift hingegeben! Kein
Mensch würde an ihn gedacht haben; aber sie, sie hatte mit ihrer schönen,
kühlen, weissen Hand die Gelegenheit bei der Stirnlocke ergriffen - die
Gelegenheit, mit ihm wieder zusammen zu kommen, mit ihm wieder beisammen zu
sein, nicht einmal! wiederholt, eine vorläufig unabsehbare Reihe von Malen - man
weiss ja, wie es bei dergleichen herzugehen pflegt! wie unersättlich die Leute
nach Proben und immer wieder Proben sind!
    Eine kleine, weinende Stimme, die aus dem zweiten Zimmer neben dem seinen
kam, liess ihn den schon erhobenen Fuss wieder niedersetzen und verstört um sich
blicken.
    Klara! Wie sollte er ihr das beibringen? plausibel machen! Sie würde ihn
auslachen! Nein, auslachen nicht! Sie nahm ja alles ernstaft - Gott sei es
geklagt! Aber um so schlimmer! Die gründliche Beweisführung, dass er ein Narr
sei, wenn er sich darauf einliess, und den vornehmen Herrschaften abermals nach
der Pfeife tanzte! Er konnte ihr doch nicht sagen: nein, Schatz, diesmal liegt
die Sache anders. Diesmal handelt es sich um - ja, grosser Gott, um was denn?
    Ja, um das! Um das einzig und allein!
    Darum, mir den Beweis zu führen, dass ich kein törichter Knabe bin, der sich
durch ein paar heuchlerisch gütige Blicke aus schönen Augen, ein paar
schmeichelhafte Worte von Sirenenlippen um sein bisschen Verstand bringen lässt.
Ja, Du tapferer Griechenheld, Du sollst mein Vorbild sein! Würden die Menschen
noch heute von Dir singen und sagen, wärest Du daheim in Deinem kleinen Itaka
geblieben, mit dem Vater Laertes Reben planzend und dem göttlichen Sauhirten
Wirtschaftsfragen erörternd, anstatt Dich durch die Welt zu schlagen, vieler
Menschen Städte und Sinn kennen lernend, ja, und auch viele Leiden erduldend in
Deiner Seele? Die vor allem! Ohne Leiden keine Leidenschaft! Ohne Leidenschaft
keine Grösse! keine Erfolge! kein Ruhm bei dem kommenden Geschlecht! Jacta est
alea!
    Er setzte sich an den Arbeitstisch, schob den Odyssee-Kommentar auf die
Seite und schrieb mit fliegender Feder an Stephanie, dass er es sich zur Ehre
schätze, dem verehrten Sudenburgschen Hause seine schwache Kraft zur Verfügung
zu stellen. Zu der auf morgen abend anberaumten Zusammenkunft werde er sich
pünktlich einfinden.
    Sollte er Klara gleich jetzt von der Sache benachrichtigen? Es war besser,
wenn er ihr mit einem fait accompli gegenüber trat. Mochte sie dann ihre
Philippika halten; an der Sache war nichts mehr zu ändern.
    Er musste in die Schule. Angezogen war er bereits - nur noch den Überzieher
und Hut und Handschuh. Noch heute morgen hatte er sich in seiner zerknirschten
Stimmung gesagt, dass mit dem neuen Leben, welches er beginnen wolle, auch der
Kleiderluxus - der einzige freilich, dessen er sich schuldig machte - aufhören
müsse. Nun kam ihm doch die gewohnte Sorgfalt seiner Toilette zu statten. Er
konnte nach dem Schluss der Schule um zwei Uhr, wie er ging und stand, seinen
Besuch bei den Meerheims machen. Der Besuch war ihm freilich erlassen. Aber
diesen Aristokraten gegenüber muss man in der Beobachtung der Form lieber ein
wenig zu viel tun als zu wenig.
    Als er das Haus verliess, sah er, noch einmal emporblickend, Klara mit dem
Baby am Fenster stehen. Er winkte mit der Hand hinauf; Klara liess zur Antwort
Baby auf dem Arm tanzen.
 
                                Sechstes Kapitel
Ich komme Dir zu früh, sagte Klotilde, als sie in der Dämmerstunde des nächsten
Abends bei Adele eintrat.
    Niemals, rief Adele, ihrer Cousine Hut und Mantel abnehmend. Gott, Herz, was
für ein reizendes Kleid! natürlich funkelnagelneu!
    Funkelnagelneu aus einem Ausverkauf bei Gerson.
    Und wie das sitzt! rief Adele, Klotilden wie eine Modellpuppe herumdrehend.
Ja, wer so gewachsen ist! Kunststück! Du, was hat denn das gekostet?
    Wenn ich es Dir sage, ist es mit Deiner Bewunderung vorbei. So lächerrlich
billig! Aber kann ich Dir nicht helfen? Ich bin eigens deshalb gekommen.
    In dem Kleide? das fehlte noch! Übrigens bin ich gleich fertig. Viel
Umstände werden bei uns nicht gemacht, weisst Du.
    Das war die Bedingung. Was ich fragen wollte: wird die Frau Professor Winter
auch kommen? Er hat in seiner Antwort an Stephanie nur von sich gesprochen.
    Hier ist sein Brief, sagte Adele, an ihren kleinen Schreibtisch laufend und
in einem Kasten kramend. Er hat uns gestern mittag doch seinen Besuch gemacht.
Elimar war zufällig zu Hause. Die Herren führten eine schauderhaft gelehrte
Unterhaltung, von der ich kein Wort verstanden habe. Er sagte, er könne noch
nichts über seine Frau bestimmen; wollte heute - na, wo ist denn - da! Lies
selbst! das heisst: ich kann es Dir in drei Worten sagen: sie kommt nicht - die
Kinder nehmen sie zu sehr in Anspruch - und so weiter!
    Sie hatte den Brief wieder in den offen gebliebenen Kasten geworfen und sich
zu Klotilden gewandt.
    Na, ehrlich gestanden, ich habe die Frau Professor nur ganz flüchtig gesehen
- würde sie auf der Strasse nicht einmal wieder kennen - aber ich glaube, viel
verlieren wir nicht an ihr. Oder, glaubst Du?
    Nein, keineswegs. Aber es wäre vielleicht doch gut gewesen - um des
Professors willen.
    Ach, weisst Du, der sieht mir gar nicht so aus, als ob er an der Schürze
seiner Frau besonders fest hängt.
    Er gefällt Dir nicht?
    Nicht besonders. Ich mag diese geschniegelten Männer nicht. Nur -
    Nur was?
    Warum hast Du eigentlich darauf bestanden, dass er eingeladen wurde? Wir
wissen doch noch gar nicht, was wir wollen.
    Das soll er uns eben sagen.
    Aber dazu hatten wir doch schon die beiden Künstler.
    Gott sei es geklagt. Was haben sie denn bisher getan, als sich zanken? Das
werden sie heute wieder tun. Damit kommen wir nicht weiter.
    Meinetwegen. Mir ist alles recht. Aber Herz, nun musst Du mich wirklich für
ein paar Minuten entschuldigen. Du siehst, ich bin noch in der Küchenschürze.
Nur ein paar Minuten! Mach' es Dir unterdessen bequem!
    Hab' keine Sorge! Und übereile Dich nicht!
    Adele war aus dem Zimmer; Klotilde hatte sich in einen Fauteuil sinken
lassen und richtete sich wieder auf, als Adele den Kopf zur Tür hereinsteckte.
    Du, kommt Viktor nicht?
    Nein. Er bittet um Entschuldigung. Hat zu viel zu tun.
    Diese Männer sind schrecklich.
    Die Tür wurde abermals geschlossen; Klotilde lehnte sich wieder zurück,
richtete sich von neuem auf, horchte nach dem Geräusch, welches über den Flur
von der Küche her zu kommen schien, erhob sich und war mit ein paar schnellen
Schritten an Adelens Schreibtisch.
    Ich muss doch sehen, wie er schreibt, murmelte sie. Sie hatte den Brief aus
dem Kasten genommen; auf dem Schreibtisch brannten bereits die beiden Lichter;
sie konnte bequem lesen.
    Es gab nicht viel zu lesen: fünf Zeilen. Und es stand auch nichts darin, als
was sie durch Adele bereits wusste. Dennoch starrte sie mit zusammengezogenen
Brauen auf das Blatt, als gäbe es da ein Geheimnis zu entziffern. Die Hand, in
der sie es hielt, fing an zu zittern. Ärgerlich liess sie es in den Kasten
fallen.
    Ich weiss nicht, was das ist, murmelte sie. Das ist mir im Leben noch nicht
begegnet. Im Leben hat mich noch nicht nach einem Menschen so gedürstet. Es ist
positiv lächerrlich.
    Aber sie lachte nicht. Die Brauen zogen sich nur noch düsterer zusammen,
während sie, den Blick auf den Teppich geheftet, in dem Zimmer hin und wieder zu
gehen begann.
    Und ich glaubte ihn mir ganz aus dem Sinne geschlagen zu haben - hatte es
auch - drei oder vier Tage lang - da kam es wieder - mir tat es so leid, dass
ich ihn vor seiner Frau brüskiert hatte - die Frau selbst - eine grundehrliche
Person, wie es schien, mit dem breiten Munde und der Stumpfnase - die reine
Köchin - glaub's, dass er sich bei der unglücklich fühlt - seine Hände freilich -
die stimmen zu der Köchin. Wenn der Mensch nur nicht so wunderschöne Augen
hätte! O, mon dieu, diese Augen! Es ist ein Glanz drin, ein Feuer! Eine
Liebesglut - eine verhaltene! Eine, die noch nie hat herauslodern können! - Das
ist gerade das Anziehende! Diese anderen - Fernau - - Viktor - wie oft hat das
da schon gebrannt! - alles Asche! - Und das quält sich denn ab, uns glauben zu
machen, es brenne lichterloh! pah! - Aber so eine taufrische, jungfräuliche
Liebe - ach! ihn nur einmal, ein einziges Mal -
    Sie hatte es, immer hastiger schreitend, bald leiser, bald lauter vor sich
hingemurmelt und blieb jetzt erschrocken stehen vor einem Geräusch aus dem
Nebenzimmer. Elimars! Er konnte doch nichts gehört haben?
    Die Tür tat sich auf, Elimar stand auf der Schwelle.
    Ach, gnädige Frau - Verzeihung! ich sollte mich ja einer vertraulicheren
Anrede bedienen. Ich hörte vorhin sprechen, konnte aber die Stimme nicht
erkennen. Wo ist denn Adele?
    Sie macht Toilette.
    Das pflegt bei ihr nicht lange zu dauern. Nun, und wir wollen heute abend
endlich die Quadratur des Zirkels finden?
    Ich setze meine Hoffnung auf den Professor Winter.
    Wenigstens scheint es, dass wir mit unserem Latein zu Ende sind. Ich glaube,
es war ein Fehler von Fräulein Stephanie, zwei Kunstlöwen auf einmal in die
Schranken zu fordern. Man hätte voraussehen können, dass sie sich einander
auffressen würden.
    Ich habe mich halb tot gelacht.
    Es war lächerrlich genug, obgleich doch im Grunde dieser völlig blinde Hass
hinüber und herüber im Interesse der Kunst tief bedauerlich ist.
    Daran denkt unsereine nicht.
    Als ob Sie so, mir nichts, dir nichts, »unsereine« wären!
    Was denn sonst?
    Der Hauptmann zuckte lächelnd die Achseln.
    Bitte, bitte! so kommen Sie nicht fort! Ich will wissen, wie ich in Ihren
Augen dastehe; wofür Sie mich eigentlich halten?
    Elimar war einen Schritt näher getreten und blickte aus seiner Höhe lächelnd
auf sie hinab.
    Wie Sie in meinen Augen dastehen? Nun, ich glaube einen lebhaften Sinn für
Frauenschönheit zu haben; da würde es vielleicht Ihre Bescheidenheit verletzen,
wenn ich es sagte. Und wofür ich Sie halte? Wollen Sie es wirklich wissen?
    Ich bestehe darauf.
    Nun denn! Für eine Frau, die mit ihren herrlichen Gaben des Geistes und auch
des Herzens eine für Menschen ganz seltene Anwartschaft auf Glücklichsein hätte,
wenn ihr nicht eines fehlte -
    Das ist?
    Genügsamkeit.
    Was verstehen Sie darunter?
    Die Einsicht, dass uns Menschen Vollkommenes nun einmal nicht wird und werden
kann; wir überall und zu jeder Zeit auf einen mehr oder weniger peinlichen
Erdenrest gefasst sein müssen und auf Kompromisse, die wir machen dürfen, ohne
unserer Würde etwas zu vergeben.
    Das sagen Sie, weil Sie alles besitzen, was Sie wünschen.
    Umgekehrt: ich besitze alles, weil ich nichts wünsche.
    Auch nicht, in noch sehr absehbarer Zeit es bis zur Excellenz zu bringen?
    Um ihre Lippen spielte ein so malitiöses Lächeln, aus den halb zugekniffenen
Augen, die zu ihm aufblinzelten, flimmerte ein so drolliger Ausdruck - Elimar
musste lächeln, wie ernst es ihm auch zu Sinn war.
    Sie unverbesserliches Weltkind, Sie! sagte er. Wer kann Ihnen bös sein!
    Die Tür wurde aufgerissen; Adele stürzte herein.
    Kinder, es hat geklingelt! Gott sei Dank, dass ich noch fertig geworden bin!
    Bis auf die Schleife, die entschieden an eine andere Stelle gehört, sagte
Klotilde, an ihrem Anzug nestelnd.
    Meinst Du? Na, stecke sie hin, wo Du willst!
    Der Hauptmann von Luckow und der Landschafter Christian Wollberg waren
zugleich gekommen; dann erschien Stephanie in Begleitung ihrer beiden Brüder;
nach einer kleinen Weile der Legationsrat von Fernau mit dem Historienmaler
Professor Hederich; als der letzte, Albrecht. Klotilde war so in ein Gespräch
mit dem Legationsrat vertieft - Adele musste sie erst auf den Nachzügler
aufmerksam machen.
    Ah, sagte sie, ihm die Hand reichend, wie lieb von Ihnen, dass Sie gekommen
sind!
    Haben Sie daran gezweifelt, gnädige Frau?
    Offen gestanden: ich fürchtete, wir würden einen Korb bekommen.
    Weshalb?
    Mein Gott, ein ernster Mann, wie Sie! und solche Allotria!
    Wir sind hier alles ernste Männer, gnädige Frau, sagte der Legationsrat. -
Ich weiss nicht, Herr Professor, ob ich noch die Ehre -
    Schulmeister müssen ex officio ein gutes physiognomisches Gedächtnis haben.
Gewisse Erscheinungen nicht zu vergessen, dazu gehört freilich weder Übung noch
Kunst.
    Die beiden Herren waren gegeneinander von ausgesuchter Höflichkeit. Aber
Klotilde hatte, als sie sich zu Albrecht wandte, in Fernaus dunklen Augen einen
eigentümlich lauernd aufmerksamen Blick bemerkt.
    Ich werde sehr vorsichtig sein müssen, sagte sie bei sich.
    Wir sind alle zur Stelle, gnädige Frau, meldete Fritz Sudenburg Adelen in
militärischer Haltung, die Hacken zusammenschlagend.
    Elimar! rief Adele mit hilfeheischender Stimme.
    Meine Frau hat gemeint, es verschwört sich besser bei einer Tasse Tee. Darf
ich die Herrschaften ersuchen, hier einzutreten, wo wir es nebenbei auch ein
klein wenig weniger eng haben.
    Elimar hatte die Flügeltüren zu dem grösseren dritten und letzten Gemach
geöffnet, das in dem bescheidenen Haushalt für etwaige gesellschaftliche Zwecke
reserviert war, und wo jetzt ein länglicher, sauber gedeckter, mit den nötigen
Teesachen, Kuchen und belegten Brötchen besetzter Tisch für die Gäste bereit
stand.
 
                               Siebentes Kapitel
Man hatte nach einigem Hinundherkomplimentieren Platz genommen; Klotilde hatte
es so einzurichten gewusst, dass sie Albrecht schräg gegenüber, zwischen Elimar
auf der einen, Stephanie auf der andern Seite zu sitzen kam. Auch dass die beiden
Künstler durch die Länge des Tisches voneinander getrennt waren, mochte kein
Zufall sein. Adele hinter ihrer Teemaschine füllte die Tassen, welche Elimars
Bursche, ein gewandter, heute abend in einfacher, kleidsamer Livree steckender
junger Mensch herumreichte. Bald hatte sich um den Tisch herum eine lebhafte
Konversation angesponnen über alles Mögliche, nur nicht über das, was der
Gegenstand des Abends sein sollte, bis der junge Maler Wollberg, von einem
Konvolut Radierungen und Zeichnungen, in welchem er emsig gewühlt hatte, sein
struppiges Haupt erhebend, mit einer lauten Stimme in wenig verbindlichem Tone
sagte:
    Ich dächte, meine Herrschaften, wir kämen endlich zur Sache. Viel Zeit habe
ich so wie so nicht. Ich muss nachher noch in den Künstlerverein.
    Sofort war eine halb komische, halb peinliche Stille entstanden. Fast aller
Blicke hatten sich, wie instinktiv, auf Elimar gerichtet. Adele setzte die
Tasse, die sie eben auf Johanns Präsentierteller stellen wollte, wieder auf den
Tisch und faltete mit niedergeschlagenen Augen die Hände in dem Schoss.
    Meine verehrten Damen und Herren, begann Elimar lächelnd -
    Hört! hört! rief Hans von Luckow, sich in seinen Stuhl zurücklehnend.
    Ich weiss wirklich nicht, wie ich zu der Ehre komme, fuhr Elimar fort. Es
wäre denn, dass es schliesslich einer von uns sein muss, der die Diskussion - nicht
leitet, wozu ich keineswegs den Beruf in mir fühle - aber doch einleitet, was
mit sehr wenigen Worten geschehen kann. Wir haben in unsrer letzten und bis
jetzt einzigen Zusammenkunft - ich konstatiere das besonders im Interesse des
Herrn Professor Winter, der nicht zugegen war - uns nach längerer Debatte dahin
verständigt, dass das Stellen von einer Reihe sogenannter lebender Bilder unsern
Zwecken am meisten und besten entsprechen würde, um so mehr, als wir uns bei
diesem Vorhaben auf den massgeblichen Rat und die sachkundige Führung zweier,
gleich ausgezeichneter, dem verehrten Sudenburgschen Hause gleich wohlgesinnter
und befreundeter Künstler verlassen können. Die Notwendigkeit, uns neben diesem
künstlerischen Beirat auch eines literarisch-poetischen zu versichern, wurde
allgemein empfunden, und auf einen Antrag von geschätzter Seite dem Mangel
abgeholfen durch Hinzuziehung einer Kraft, die uns jeder Sorge nach der beregten
Seite überhebt. Doch wollen wir, wenn es den Herrschaften genehm ist, diesen
Teil unsres Temas vorläufig in suspenso lassen und dafür die Herren Künstler
ersuchen, uns die Vorschläge, über welche sie sich bis heute einigen wollten -
    Ein dumpfes Oho! ertönte von dem Ende des Tisches, wo Herr Wollberg jetzt
wieder seinen struppigen Kopf über die Kunstblätter gebeugt hatte, während von
dem andern, wo Herr Professor Hederich in einem grossen Album blätterte, ein sehr
vernehmliches Räuspern kam.
    So wenigstens habe ich die Herren verstanden, sagte Elimar, von einem zum
andern blickend. Es sollte mir leid tun, wenn -
    Darf ich um das Wort bitten, sagte mit sanfter Stimme der Professor
Hederich, ohne die Augen von seinem Album zu erheben.
    Ich ebenfalls! rief Herr Wollberg, den Kopf noch tiefer auf seine Blätter
senkend.
    Also Herr Professor! forderte Elimar freundlich den Akademiker auf.
    Ich wollte nur bemerken, begann dieser, sich mit seiner langen, dürren
Gestalt vom Sitze erhebend, dass der Herr Hauptmann, was mich betrifft, durchaus
richtig verstanden hat. Ich hatte und habe den aufrichtigen Wunsch, in dieser
Sache mit dem verehrten Kollegen Hand in zu gehen. Leider ist ein zweimaliger
Versuch, ihn in seinem Atelier anzutreffen, resultatlos geblieben; und da der
Herr Kollege seinerseits den analogen Versuch, der nebenbei keinesfalls
resultatlos geblieben sein würde, anzustellen unterlassen hat -
    Wüsste nicht, was dabei hätte herauskommen sollen! brummte Herr Wollberg.
    Vielleicht eben die von der Gesellschaft gewünschte Einigung, bemerkte
Elimar in versöhnlichem Ton.
    An die im Leben nicht zu denken ist, rief Herr Wollberg. Mir deucht, das
hätte den verehrten Herrschaften schon neulich einleuchten müssen. Ich stelle
den Antrag, dass Herr Professor Hederich seine Vorschläge macht; ich werde dann
meine Vorschläge machen.
    Die wir doch aber, wenn es angeht - und es wird gewiss angehen - kombinieren
dürfen? schaltete Elimar ein.
    Auch dagegen muss ich auf das entschiedenste protestieren! rief Herr
Wollberg. Ein solches Durcheinanderrühren der Stile ist schon das
Kunstwidrigste, was es gibt. Jeder für sich und Gott für uns alle. Die
Gesellschaft kann ja dann ihre Wahl treffen.
    Und wer die Wahl hat, hat die Qual, sagte Elimar. Indessen, Herr Wollberg,
ich hoffe, dass dies noch nicht Ihr letztes Wort ist. Nun aber, meine
Herrschaften, werden wir, um weiter zu kommen, wohl oder übel auf den Antrag des
Herrn Wollberg eingehen müssen. Wollen Sie also, Herr Professor, die Güte haben,
uns Ihre Vorschläge mitzuteilen!
    Ich möchte denn doch gehorsamst bitten, sagte der Professor, sich abermals
erhebend, diese Aufforderung zuerst an den zu richten, von dem der Antrag
ausgegangen ist.
    Also, Herr Wollberg, bat Elimar.
    Ich werde mich hüten, mir zuerst die Finger zu verbrennen, murrte Herr
Wollberg.
    Ja, aber, meine Herren, sagte Elimar, sie werden mir zugeben, dass wir so
nicht von der Stelle kommen.
    Na, meinetwegen! rief Herr Wollberg. Man soll wenigstens nicht sagen können,
ich bin ein Spielverderber, wenn ich auch zum voraus weiss, dass - na, es wird
sich ja gleich zeigen. Also, meine Herrschaften, ich habe hier einen ganzen
Packen Blätter, wie Sie sehen - alles Reproduktionen von Gemälden aus unsern
letzten Kunstausstellungen. Die habe ich gewählt, weil sie noch in Erinnerung
von aller Welt sind, oder doch sein sollten. Und ich habe immer gefunden, die
Leute sind nicht dankbarer, als wenn man ihnen Sachen zeigt, die sie kennen.
Darin sind sie wie die Kinder. Ich werde die Blätter, eines nach dem andern,
herumgehen lassen; die Herrschaften können sich dann selbst überzeugen. Also!
Hier ist zuerst die Blinde von Piglhein. Ein Wort zum Lobe dieses
ausgezeichneten Bildes zu sagen, ist wohl überflüssig. Ich darf also annehmen,
dass die Blinde acceptiert ist.
    Hier erhob sich Professor Hederich:
    Mir scheint die Annahme denn doch etwas gewagt. Der Herr Kollege selbst hat
eben erst jedes Kompromiss von der Hand gewiesen und der Gesellschaft nur die
Wahl zwischen ihm und mir gelassen.
    Zwischen meinen und Ihren Vorschlägen, wollen Sie sagen! rief Herr Wollberg
höhnisch.
    Das dürfte auf dasselbe herauskommen, erwiderte der Professor, jetzt schon
sichtlich gereizt. Übrigens unterbreche ich Sie nicht, wenn Sie das Wort haben,
und darf mir wohl vice versa dasselbe von Ihnen erbitten. - Nun ist es aber ohne
weiteres klar, es kann unter diesen Umständen von der Annahme eines einzelnen
Bildes nicht die Rede sein, sondern nur von der ganzen Serie; notabene, nachdem
ich vorher ebenso meine Vorschläge gemacht habe und der Gesellschaft das ganze
beiderseitige Material unterbreitet ist. Was speciell das Piglheinsche Bild
betrifft, darf ich denn doch die Bemerkung nicht unterdrücken, dass es mir für
unsere Zwecke völlig ungeeignet scheint.
    Nun hört aber verschiedenes auf! rief Herr Wollberg.
    Denn, meine Herrschaften, fuhr der Professor fort, diesmal ohne auf die
Unterbrechung zu achten; der - nebenbei für meinen Geschmack stark gesuchte und
raffinierte - Reiz des Bildes liegt in der die Nerven des Beschauers pickelnden,
respektive auf seine Tränendrüsen berechneten Grausamkeit, mit welcher hier die
hilflose Blindheit in schärfsten Gegensatz gebracht ist zu einer in allen Farben
prangenden Welt um sie her. Nehmen Sie ein Glied des Gegensatzes weg, so ist es
mit der Wirkung vorbei. Ich möchte aber wissen, wie Herr Wollberg es zustande
bringen will, in seinem lebenden Bilde die Gestalt mit der hier völlig
unentbehrlichen Landschaft zu umgeben.
    Das würde ja dann wohl meine Sache sein, sagte Herr Wollberg höhnisch.
    Meine gewiss nicht, gab der Professor nicht minder höhnisch zurück.
    Wir dürfen wohl annehmen, fiel hier Elimar begütigend ein, dass Herr Wollberg
sich seine Vorschläge, auch hinsichtlich ihrer Ausführbarkeit, reiflich überlegt
hat. Ich möchte ihn also bitten, fortzufahren.
    Schön! sagte Herr Wollberg. Die beiden nächsten Blätter also, welche während
der Rede des Herrn Professors Zeit genug gehabt haben, die Runde zu machen, sind
die beiden pietá von Klinger und Stuck. Die Damen haben eine verwunderte Miene
gemacht; einige Herren die Köpfe geschüttelt, einige, offenbar nur aus
Höflichkeit nicht gelacht. Ich habe es nicht anders erwartet. Die grosse Kunst
ist eben noch nicht salonfähig, aber sie muss es werden; die Welt will zur
Anerkennung des wahrhaft Schönen allemal gezwungen sein. Gott sei Dank werden
die Bänke, auf denen die Spötter sitzen, schon mit jedem Tage kürzer. Übrigens
will ich zur Beruhigung der zarten Seelen doch bemerken, dass ich mir in dem
lebenden Bilde den Leichnam des Herrn gemalt denke. Bis wir uns so weit
aufgeschwungen haben, in dem in dem lebendigen, nackten Menschenleib ein für
allemal das Meisterwerk der Schöpfung zu sehen und zu bewundern, wird wohl noch
viel Wasser bergab fliessen müssen.
    Nach dem Wagnis mit den beiden pietá hatte der junge Künstler für seine
übrigen Vorschläge freie Bahn. Toma's Versuchung Christi, Looschen's Luna und
Abendstern, Skarbina's die Mansardentreppe hinabsteigender Blusenmann, Uhde's
Schauspieler - man liess die Blätter cirkulieren, ohne seinen Empfindungen,
welcher Art sie auch waren, durch Worte oder Mienen einen Ausdruck zu geben. Es
kam die Reihe an den Professor Hederich, nun seinerseits die Gesellschaft mit
seinen Vorschlägen bekannt zu machen.
    Wie immer, wenn er sprechen wollte, erhob er sich von seinem Sitz, diesmal
mit besonders langsamer Feierlichkeit.
    Meine verehrten Damen und Herren! Was ich Ihnen ohne jede Anmasslichkeit der
Unfehlbarkeit zu proponieren die Ehre habe, wird sich Ihnen vielleicht durch
seine grosse Einfachheit einigermassen empfehlen. Sie alle wissen - und die hier
anwesenden Kinder der Familie werden es mir bestätigen - dass unser
hochverehrter, zu feiernder Freund und Gönner, wie alle Männer von wahrhaft
klassischer Bildung, ein entusiastischer Bewunderer des Genius unseres grössten
Dichters ist; wir infolgedessen ihm, seiner Gemahlin und ihren im Geist des
Hauses sympatisch mitlebenden Gästen nicht leicht eine grössere Freude bereiten
können, als wenn wir die Vorwürfe zu den lebenden Bildern aus der Wunderwelt
selbst unsers Dichterheroen entnehmen. Wenn Sie, wie ich mir schmeichle, so weit
mit mir eines Sinnes sind, ahnen Sie auch bereits, dass ich in meinen Händen hier
ein Exemplar der Prachtausgabe des Bruckmannschen Albums der Goeteschen
Frauengestalten meines unsterblichen Meisters und Lehrers Wilhelm von Kaulbach -
    Hier wurde der Redner durch ein seltsam unheimliches Geräusch unterbrochen,
das wie ein mühsam unterdrücktes, krampfhaftes Lachen klang und von dem andern
Ende des Tisches kam, wo Herr Wollberg sein sommersprossiges Gesicht so tief in
seine Blätter begraben hatte, dass man nur den massiven Schädel mit der üppigen
Fülle seiner verwirrten krausen, roten Haare sah. Die Gesellschaft wollte
offenbar nichts gehört haben; nur Fritz Sudenburg musste schnell sein Taschentuch
ziehen und sich dessen mit einigem Geräusch bedienen, für welche Indiskretion er
von seinem Bruder Franz, der neben ihm sass, unter dem Tisch mit einem gelinden
Fusstritt bestraft wurde. Der Professor, dessen immer blutarmes Gesicht der Zorn
völlig fahl gemacht hatte, fuhr mit bebender Stimme fort:
    Dass meinem Vorschlag von einer gewissen Seite, auf der Pietät und Rücksicht
sinnlose Worte sind, mit Spott und Hohn begegnen würde, habe ich vorausgesehen.
Es lässt mich völlig kalt. Darf ich doch überzeugt sein: eine Gesellschaft, wie
diese - eine Gesellschaft feinfühliger, edler Damen, grossgesinnter,
hochgebildeter Männer - hält mit mir die heilige Fahne des Idealismus hoch gegen
den wüsten Ansturm von des Gassenvolkes Windsbraut; will mit mir lieber silberne
Früchte aus goldenen Schalen nehmen, als sich an widerwärtigen, von Sudelköchen
bereiteten Speisen Hand und Seele beschmutzen; sich gern mit mir erheben in
Regionen, in denen aus gottbegnadeter Dichter-Künstlerphantasie entsprossene,
gesteigerte Gestalten ihr unsterbliches Leben führen; wird mit Freuden -
    Der Redner kam nicht weiter; an dem entgegengesetzten Ende des Tisches war
Herr Wollberg aufgesprungen, hatte mit geballter Faust auf seine Kunstblätter
geschlagen und rief:
    Ich will mich nicht länger beleidigen lassen von jemand, dem ich jedes
Verständnis für die wahre Kunst abspreche! Und dazu muss ich erklären: bei aller
schuldigen Achtung vor den Damen und - mit einer einzigen Ausnahme - der ganzen
hier versammelten Gesellschaft - wenn Sie es fertig bringen, einen Vorschlag
ruhig anzuhören, bei dem unsereinem die Haare zu Berge stehen; nur einen
Augenblick daran denken können, die affenschändlichen Produkte eines durch und
durch manierierten, durch und durch verlogenen, eitlen Windmachers und
Charlatans, wie dieser Kaulbach, ernstaft zu nehmen - dann muss ich gestehen,
bin ich hier vollständig überflüssig. Und glaube es mir schuldig zu sein und
Ihnen einen Gefallen zu erweisen, wenn ich Sie von meiner nutzlosen Gegenwart
befreie. Ich habe die Ehre, mich den Herrschaften ganz gehorsamst zu empfehlen.
    Der junge Mann hatte seine Blätter zusammengerafft und war zur Tür hinaus,
während der Gesellschaft der Schrecken über den wilden Ausbruch noch lähmend in
den Gliedern lag, und bevor selbst Elimar, der in der Nähe des Wütenden sass,
eine Bewegung, ihn zurückzuhalten, hatte ausführen können. Die Damen hatten
bleiche, starre Gesichter, die Herren blickten einander kopfschüttelnd an; nur
der Akademiker lächelte verächtlich, in den Stuhl zurückgelehnt, mit seiner
goldenen Uhrkette spielend.
 
                                 Achtes Kapitel
Nach einer kleinen Weile hatte sich die Spannung denn doch gelöst. Der
Brausekopf! Nun ja, sein Betragen war in unerhörter Weise unschicklich gewesen;
aber, mein Gott, er war eben ein Künstler! einer von den jungen, die,
extravagant zu sein, als ihr gutes Recht betrachteten! Und, wenn man billig sein
wollte: der Professor hatte ihn schwer gereizt. Gassenvolk - Sudelköche - das
waren am Ende keine schmeichelhaften Ausdrücke, deren sich gerade der ältere
Mann hätte entalten sollen. Und dann: die peinliche Scene hatte denn doch ihr
sehr Drolliges gehabt! Nachträglich musste man doch darüber lachen!
    Und man lachte ganz ungeniert zum Entsetzen des Akademikers, der sich durch
das frivole Betragen einer sonst so formvollen Gesellschaft aufs tiefste
beleidigt fühlte. Anstatt, wie es in der Ordnung gewesen wäre, ihn zu bedauern,
dass er sich den Insulten dieses Grünschnabels, dieses Frechlings ohne jegliche,
weder grosse, noch kleine, goldene Medaille hatte aussetzen müssen, Zweifel an
der Korrekteit seines Betragens! ja, offenbare Parteinahme für den Frechling!
Und hatte er denn seine fulminante Rede in die leere Luft gehalten? Es schien
sich ja kein Mensch mehr um ihn und seinen genialen Vorschlag zu kümmern!
    In der Tat hatte man sich, nach der tragi-komischen Scene einer Aussprache
bedürftig, von dem Teetisch erhoben und stand, in kleinen Gruppen eifrig
plaudernd, so herum; fing bereits auch an, durch die kleinen Gemächer zu
promenieren bis in das dritte, kleinste: das Arbeitskabinett des Hauptmanns.
Hier aber hatten die Gebrüder Sudenburg ein Tischchen mit Cigarren- und
Cigaretten- Kästen und -Kästchen entdeckt und der Versuchung, sich für die
endlosen Kunstdebatten durch ein paar kräftige Züge zu entschädigen, nicht
widerstehen können - selbstverständlich nach pflichtschuldigem: wenn der Herr
Hauptmann es gütigst verstatten! Die Damen würden nichts dagegen haben. Im
Gegenteil! Stephanie beehre sie zu Hause nicht selten auf ihren Zimmern, nur um
mit ihnen in der Wette zu rauchen, und Frau von Sorbitz habe gar nichts gegen
eine gelegentliche Cigarette; die Frau Gemahlin werde ja auch wohl Gnade für
Recht ergehen lassen!
    Elimar verliess die Rauchlustigen, zu denen sich nun auch noch der
Legationsrat gesellt hatte, um in den Salon nebenan zu gehen, wo inzwischen an
dem runden Tisch unter der Hängelampe ein Teil der Gesellschaft sich um den
Professor Hederich versammelt hatte, der, das Kaulbach-Album vor sich, eifrig
Blatt um Blatt wendend, seine Absichten des näheren auseinandersetzte.
    Sie sehen, meine Herrschaften, wir haben eine überreiche Auswahl. Von dem
Titelbilde will ich Abstand nehmen: der schwebende »Genius der Wahrheit« mit der
Dichtung Schleier in der einen, dem Lorbeerkranz des Siegers in der andern Hand,
dürfte in der Darstellung seine Schwierigkeit haben. - Auch von dem folgenden:
dem köstlichen »Lotte-Bild« - wir möchten am Ende so viele Kinder nicht
zusammenbringen. - »Dorotea und die Auswanderer« überschlage ich - das
Ochsengespann, der Wagen mit der - ehem! das geht natürlich in einem lebenden
Bilde nicht, so wundervoll es auch hier im Original ist. - »Gretchen vor der
mater dolorosa« - ich muss mich immer der Tränen erwehren, so oft ist das
herrliche Blatt ansehe. Indessen - der Gegenstand - ich fürchte, meine
Herrschaften, wir müssen darauf verzichten. - Ebenso wie auch die sich
umfangenden »Faust und Helena«. Wagner hat uns ja allerdings in Lohengrin und
gar in Tristan und Isolde - indessen - und dann der Euphorion, der doch
notwendig dazu gehört und der sich in seiner kühnen Stellung - eine Wolke, die
in der Luft verflattert - mit einem Worte: ich fürchte, es geht nicht. - Bei
»Mädchen im Walde« bin ich zweifelhaft. Die Gestalt des getreuen Eckart -
wunderbar! die Gruppe der sich ängstlich zusammendrängenden Mädchen -
zauberhaft! Aber Frau Holle da hinten mit ihrem Gefolge! Der Meister ist da
etwas stark ins Dämonische geraten. Da blieben wir doch am Ende zu weit hinter
dem Urbilde zurück.
    Verzeihen Sie, Herr Professor, sagte der Hauptmann von Luckow, der eifrig
dem Vortrage gefolgt war, ich möchte mir die gehorsamste Bemerkung verstatten -
wenn das so fort geht, werden wir für unsere Zwecke verzweifelt wenig übrig
behalten. Denn nun kommt noch »Lili's Park«, mit dem wegen der Unmasse von
gackernden Hühnern und schnatternden Gänsen - honni soit qui mal y pense! - gar
nichts anzufangen ist, so wenig wie mit dem »Heidenröslein«, wo sich wieder
niemand zu den blökenden Schafen und meckernden Böcken wird hergeben wollen. -
Für den schlittschuhlaufenden jungen »Wolfgang« finden wir vielleicht unter den
jüngeren Herren einen besonders schneidigen Turner mit der Devise: »Nur Mut, es
wird schon schief gehen!« was man auch der lieben »Ottilie« mit dem ertrunkenen
Kinde auf dem Schoss in ihrem Kippelkahn zurufen möchte. Und damit sind wir,
glaube ich, am Ende angelangt.
    Am Ende! rief der Akademiker, dessen Gesicht bei der lustigen Rede des
Hauptmanns immer länger geworden war. Ja, aber, verehrtester Herr Hauptmann,
meine geschätzten Damen, wir fangen ja erst an! Wir werden anfangen mit dem
herrlichen »Tasso, der Prinzessin sein Opus überreichend«, das heisst: einem
entzückenden Tabeleau von sechs interessanten Frauengestalten und der des
Dichterjünglings. Das wird auf unser empfängliches Publikum einen ungeheuren
Eindruck machen. Wir werden folgen lassen das grossartige »Klärchen, die Bürger
zum Kampf aufrufend«, und mit ihr, ebenso wie mit der »sich zum Ball
schmückenden Eugenie« einen rasenden Beifall erzielen. Wir werden -
    Und der Professor, sich immer mehr in Eifer sprechend, fuhr fort, sein
Projekt anzupreisen, dessen Ausführbarkeit er nach allen Seiten bis ins kleinste
durchdacht habe, und von dessen ganz immensen Erfolg er überzeugt sei.
    Aber so laut der Mann auch seine dünne Stimme erhob, zwei in der ihn
umgebenden Gruppe vernahmen kein Wort von seiner begeisterten Rede: Klotilde und
Albrecht.
    Sie hatten nach den ersten begrüssenden Worten keine Silbe miteinander
gewechselt. Auch war, da man sich alsbald in das Teezimmer begeben und an dem
Tisch Platz genommen hatte, keine Zeit dazu gewesen. Aber auch als man sich
jetzt bereits seit einer halben Stunde zwanglos durch die Zimmer bewegen konnte,
hatte zwischen ihnen nicht einmal der Versuch einer Annäherung stattgefunden.
Klotilde konversierte aufs eifrigste, erst mit dem Legationsrat, dann mit
Stephanie und Adele; Albrecht war mit Elimar in ein lebhaftes Gespräch geraten,
das erst abgebrochen wurde, als dieser sich in das Rauchzimmer begab, dort nach
dem Rechten zu sehen. Albrecht blieb allein, sich nicht zum erstenmal an diesem
Abend unmutig fragend: was er hier eigentlich solle, wo niemand seiner zu
bedürfen schien, und die Hindeutung auf den litterarischen Beirat, den man von
ihm erwarte, ganz augenscheinlich eine leere Phrase gewesen war und bleiben
würde. Warum da nicht lieber seinen Hut nehmen und gehen? Er gehörte nun einmal
nicht in diese Gesellschaft, so wenig wie der junge Künstler, der ihr mutig den
Stuhl vor die Tür gesetzt hatte. Und auf ihre ganz besondere Veranlassung
sollte er eingeladen sein, die über den Tisch herüber bei den endlosen Debatten
nicht einen Blick für ihn gehabt, und für die er jetzt abermals Luft war?
Welcher Lug war dies nun wieder? zu welchem Zweck? Sich so weiter über ihn
lustig zu machen? Nein, meine Gnädigste! dazu gibt man sich in seiner Dummheit
wohl einmal her; zu einem zweiten Male nicht.
    Er suchte mit den Augen nach seinem Hut, ohne ihn entdecken zu können.
Wahrscheinlich hatte ihn der Diener auf den Flur getragen. Er hatte sich mit dem
Hut in der Hand seine Abschiedsverbeugung vor der Gesellschaft machen sehen; so,
ohne Hut, musste er auf eine andere Attitüde denken.
    Und dann stand er in seiner Unentschlossenheit bei der kleinen Gruppe,
welche dem am Tisch sitzenden, mit nervösen Fingern in dem Album bald vorwärts,
bald zurück blätternden Professor über die Schultern sah.
    So, den Kopf vornübergebeugt, mochte er eine halbe Minute lang verharrt
haben, als er an seiner linken Schulter eine andere Schulter fühlte. Er wollte
mit einem Pardon! seitwärts zucken und blieb, von freudigem Schrecken gelähmt,
im Bann der äterischen Wolke süssen Duftes, die zu ihm aufstieg - desselben
süssen Duftes, in dessen Erinnerung sein Herz alle diese Tage wild geschlagen
hatte. Wild, wie es jetzt wieder schlug, als wollte es ihm die Brust
zersprengen. Denn dies war kein Zufall, konnte keiner sein. Hier war Raum genug,
sich einer ungewollten Berührung sofort wieder zu entziehen. Aber der leichte
Druck blieb, wurde nur noch stärker, wärmer, inniger. Und er stand regungslos
mit dem rasenden Herzen in der atemlosen Brust, nur des einen Gedankens mächtig:
so sterben! sterben im Vollgefühl dieser unaussprechlichen, götterhaften Wonne!
    Da war der holde Druck von seiner Schulter geschwunden, der wonnige Traum
ausgeträumt. Der Akademiker hatte sein Album zugeklappt, die Gruppe sich gelöst.
Albrecht suchte ihren Blick und fand ihn nicht. Die langen, dunklen Wimpern
waren tief gesenkt; aber um ihre feinen Lippen spielte ein Lächeln, als habe
auch sie einen köstlichen Traum geträumt, den sie noch ein paar Sekunden
festalten wollte.
    Nun, sind die Herrschaften einig? fragte Elimar, der jetzt herantrat.
    Der Akademiker erhob sich von seinem Stuhl und sagte erbost:
    Da ist schwer zu einer Einigung zu gelangen, wenn die eine Hälfte der
Gesellschaft umherpromeniert und ich von der andern, anstatt der freudigen
Zustimmung, auf die ich gerechnet, nur Widerspruch zu befahren habe. Jetzt eben
noch den letzten von seiten des Herrn Hauptmanns von Luckow: wie ich auf meinem
Schlusstableau: »Goetes Huldigung im Park von Ettersburg« für die bartlosen
Männer des vorigen Jahrhunderts: Carl August, Goete selbst, Herder, Musäus,
Merck - unter unsern bärtigen Herrn die Repräsentanten finden will! Ja, meine
Herrschaften, auf derartige Einwände, die denn doch, es mild auszudrücken, recht
lieblos sind - will sagen: wenig Liebe zur Sache zeigen - die Herren brauchten
sich ja nur die Bärte abschneiden zu lassen - bin ich allerdings nicht gefasst
gewesen.
    Der aufgeregte Herr hatte seine dünne Stimme bis zu den höchsten Fisteltönen
hinaufgeschraubt, dass selbst die Herren aus dem Rauchzimmer herbeigelockt waren
und jetzt in der Tür standen, leider mit lachenden Gesichtern, die den nur noch
mühsam, verhaltenen Grimm des Beleidigten zum Überfliessen brachten. Er raffte
sein Album vom Tisch, presste es unter den linken Arm, erhob gegen Elimar und
Adele, die sich ihm in den Weg stellen wollten, abwehrend die Rechte, und hatte
im nächsten Augenblick das Zimmer verlassen.
    Die Zurückgebliebenen blickten einander betreten an.
    Sie haben uns da eine nette Suppe eingebrockt, sagte der Lagationsrat leise
zu Herrn von Luckow.
    Was wollen Sie! erwiderte dieser laut. Danken wir Gott, dass wir endlich
unter uns sind. »Nur unter dem Streben der eigenen Hand erblühet des Glückes
vollendeter Stand«.
    Er hatte es mit so drolligem Patos gesagt; alle lachten, so wenig
lächerrlich auch den meisten zu Mute war.
    Nun sind wir uns aber schuldig, etwas ganz besonders Hübsches zustande zu
bringen, sagte Elimar.
    Indessen schien das leichter gesagt, als getan. Man riet hin und her, bis
Klotilde plötzlich rief:
    Ich hab's! Komödie müssen wir spielen.
    Sie sprechen ein grosses Wort gelassen aus, gnädige Frau; sagte Luckow.
    Was sollte daran so Grosses sein, sagte Klotilde. Ich bin überzeugt, der Herr
Professor hier kann uns sofort ein passendes Stück vorschlagen, wenn er nicht
selbst eines in petto hat.
    Das wäre herrlich, Herr Professor, wandte sich Elimar zu Albrecht. Das würde
denn freilich den Prolog und den verbindenden Text, die wir uns von Ihrer Güte
erbitten wollten, noch weit übertreffen.
    Albrecht empfand nichts mehr von der trüben Stimmung, in die seine Seele den
ganzen hindurch bis zu jenem köstlichen Augenblick eingesponnen gewesen war wie
in einen grauen Schleier. Als hätte eine göttliche Macht ihn angehaucht, fühlte
er sein Herz von Mut geschwellt; mit einer Welt würde er es aufgenommen haben.
Er erwiderte, ohne sich eine Sekunde zu besinnen:
    In der Tat liegen bei mir zu Hause im Kasten ein paar Versuche, die sich
bereits seit mehreren Jahren nach dem Lampenlicht sehnen. Ob sie es werden
aushalten können, ist freilich eine andere Frage; jedenfalls steht Ihnen meine
schwache Kunst von ganzem Herzen zu Diensten.
    Ich hoffe, dass eine Rolle für mich abfällt; sagte Lieutenant Franz.
    Und für mich, rief Lieutenant Fritz.
    Und für mich! und für mich! erschallte es rings aus der Gesellschaft.
    Ich denke, es sollen sämtliche Herrschaften zufrieden sein, erwiderte
Albrecht. Nötigenfalls lassen wir einem etwas längeren Einakter, den ich im Sinn
habe, einen ganz kurzen, nur aus ein paar Scenen bestehenden folgen oder
vorangehen. Aber eine Bedingung, meine Herrschaften! Sie dürfen mir meine Ware
nicht abnehmen, ohne sie vorher geprüft zu haben! Sie müssen mir erlauben, Ihnen
die Sächelchen, die natürlich noch nicht gedruckt sind, vorzulesen!
    Darüber dürfte zu viel Zeit verloren gehen, wandte von Luckow ein. Ich
schlage vor, der Herr Professor lässt die Rollen sogleich ausschreiben und
verteilt sie nach seinem Ermessen. Wir können dann sofort an die Leseprobe
gehen.
    Ich würde damit eine Verantwortung auf mich nehmen, die zu tragen ich nicht
imstande bin, erklärte Albrecht entschieden.
    Ich möchte mir einen Kompromissvorschlag erlauben, sagte Elimar. Der Herr
Professor hat die Güte, uns die beiden Stücke in den Umrissen zu skizzieren und
sich so unserer - für mich und Sie alle bereits jetzt zweifellosen - Zustimmung
zu versichern. Ich bin überzeugt, dass er dann dem Vorschlag Herrn von Luckow's
gern Folge geben wird.
    Ja, bitte, erzählen Sie uns die Stücke!
    Der Ruf war von verschiedenen Seiten gekommen - von Klotilde nicht. Aber in
ihren grossen Augen, die er fest auf sich gerichtet sah, glänzte ein Lächeln, das
zu sagen schien: mir zuliebe! Was hätte er für dies Lächeln nicht getan!
                                Neuntes Kapitel
Während die Gesellschaft sich auf Sofa, Stühlen und Sesseln um ihn gruppiert
hatte, war er stehen geblieben, den rechten Arm auf ein niedriges Schränkchen
ihm zur Seite stützend, mit der freien Hand während des Sprechens den blonden
Vollbart gelegentlich sinnend streichelnd:
    Was ich den werten Damen und Herren jetzt zu skizzieren versuchen werde, ist
die Dramatisierung einer Novelle, die ich vor ein paar Jahren veröffentlichte,
und von der ich nicht sagen kann, dass sie ein grosses Publikum gefunden hat.
Seltsamerweise aber ist der Stoff schon wiederholt Bühnenschriftstellern
anziehend genug erschienen, den Versuch zu wagen, ihn zu einem Drama
umzugestalten. Diese Versuche sind leider sämtlich missglückt. Ich glaubte, zu
sehen, weshalb sie missglücken mussten, und traute mir das Geschick zu, den
dramatischen Kern rein aus der novellistischen Hülle herausschälen zu können und
so die Klippe zu vermeiden, an der meine Vorgänger gescheitert waren.
    Nun gab er in kecken Umrissen kein kleines Drama, in welchem es sich um die
bittere Verlegenheit eines jungen, eben mit der Gattin von der Hochzeitsreise
heimgekehrten Mannes handelt, der nicht den Mut gehabt hat, den vornehmen
Schwiegereltern und der Braut rechtzeitig einzugestehen, dass er in seinem
reichen Kaufmannshause nebenbei einen durch die Tradition seiner Vorfahren und
testamentarische Bestimmungen geheiligten, offenen Laden hält. Indem er seine
kindische Geheimniskrämerei hartnäckig weiter treibt und ein humoristischer
Freund durch krauses Eingreifen die einfache Sache immer mehr verwickelt, gerät
er zuletzt sogar in den Verdacht, ein Verbrechen begangen zu haben, bis sich
alles in der harmlosesten Weise aufklärt; der Polizeichef, welcher seine Beute
bereits sicher zu haben glaubte, beschämt davonschleicht, und über dem reuigen
Sünder, dem die mutige, junge Frau gern verzeiht, und den jubelnden
Glückwünschen der Angestellten des Hauses der Vorhang fällt.
    Albrecht hatte, ohne zu stocken, in dem anmutig leichten Erzählerton
gesprochen, für den er bei seinen Schülern und selbst unter den Kollegen berühmt
war. Nun erscholl es: bravo! bravissimo! aus der Gesellschaft; die Damen
klatschten in die Hände; Albrecht, den Arm von dem Schränkchen nehmend,
verbeugte sich.
    Klotilde, Sie müssen die junge Frau spielen! rief Stephanie. Die Rolle ist
wie für Sie geschrieben.
    Und ich habe während der ganzen Zeit nur immer Sie vor mir gesehen,
erwiderte Klotilde. Da sind mitunter ganz patetische Töne anzuschlagen. Das ist
nicht mein Fall.
    Ich dachte, meine Damen, sagte Elimar, wir wollten die Verteilung der Rollen
dem Dichter anheimstellen. Oder, wenn er dazu zu bescheiden ist, werden wir uns
doch bei der Leseprobe leicht einigen. Wichtiger scheint mir die Frage, ob
unsere kleine Gesellschaft zur Besetzung sämtlicher Rollen ausreichen wird.
    Es passt ausgezeichnet, rief Luckow. Ich habe genau gezählt, es sind neun
Rollen, drei Damen- und sechs Herrenrollen. Wir sind hier ebenfalls neun in
genau derselben Verteilung: drei Damen, sechs Herren.
    Und die grosse Komparserie des schliesslich erscheinenden Geschäftspersonals?
warf Elimar ein.
    Die kriegen wir schon! rief Franz. Ich stelle ein halbes Dutzend Kameraden.
    Ich trommle eben so viele zusammen! rief Fritz.
    Darf ich mir noch ein Bedenken zu äussern erlauben, Herr Professor? fragte
Fernau.
    Aber ich bitte Sie, Herr Legationsrat, wenn ich selbst so schwere Bedenken
habe! erwiderte Albrecht höflich.
    Ich wollte nur dies bemerkten, sagte Fernau. Das vortreffliche Stück weist
eine einzige jugendliche Damenrolle auf: die junge Frau. Wer von unsern Damen
sie auch spielen wird - es ist mir ein schmerzlicher Gedanke, die Huldgestalten
der beiden anderen in den Masken der alten Haushälterin und der Schwiegermama -
welche letztere ich mir nebenbei etwas korpulent vorstellte - verschwinden zu
sehen.
    Darüber muss man erhaben sein, wenn man Komödie spielen will; rief Klotilde
patetisch.
    Du hast gut reden, sagte Adele treuherzig; Du kriegst sie ja doch.
    Nein, Stephanie! rief Klotilde.
    Nein, Sie! rief Stephanie.
    Meine Damen, sagte Elimar lächelnd; erneuern wir nicht den Streit um das
prächtige Bärenfell! Überdies, der Herr Professor hatte von einem zweiten,
kleineren Stücke gesprochen. Vielleicht, dass uns das noch eine oder die andere
jugendliche Damenrolle bringt.
    Ach, ja! das zweite Stück! bitte, bitte, das zweite Stück!
    Herzlich gern, meine Damen; sagte Albrecht, wenn Ihre Geduld denn wirklich
noch nicht erschöpft ist. Ich muss aber befürworten: es kann von einem
eigentlichen Stück diesmal noch weniger die Rede sein, keinesfalls von einem
Lustspiel; höchstens von einem Schwank, einer Farce -
    Desto besser! rief Luckow.
    Nun denn! sagte Albrecht.
    Er hatte sich nicht wieder an den Vertikow gestellt, sondern auf einem
Sessel Platz genommen, von dem aus er, wie vorhin, Klotilde im Auge behalten
konnte, sich an ihrem glänzenden Blick und freudig zustimmenden Lächeln immer
neuen Mut für seine Erzähleraufgabe zu trinken.
    Ein schönes, junges Mädchen aus bester Familie - nennen wir sie Erna -
erwartet ihren Verlobten, einen jungen Offizier -
    Bravo! rief Fritz Sudenburg. Wie heisst er?
    Sagen wir: Udo - zu der gewohnten Besuchsstunde. Da der Erwartete für ihre
sehnende Ungeduld zu lange ausbleibt, tritt sie an das Fenster und sieht ihn
über den Platz auf das Haus zukommen, zu ihrem masslosen Erstaunen in Begleitung
einer ihr völlig unbekannten, jungen, sehr eleganten Dame. Sie sieht weiter, wie
Udo sich an der Haustür von der Dame verabschiedet, nicht ohne ihr, wie es
scheint, verschiedenes Wichtige mitzuteilen, worauf er sich langsam über den
Platz entfernt. Während sie vergebens nach der Erklärung eines so seltsamen
Vorganges sucht und sich, trotzdem sie wohl die Torheit empfindet, einer Regung
von Eifersucht nicht erwehren kann, bringt der Diener eine Karte: Miss Jane
Stephenson! Es ist eine junge Amerikanerin, die Tochter einer der Mutter eng
befreundeten Familie, welche nach Berlin gekommen ist, ihre musikalischen
Studien zu vollenden. Sie kann haute erst eingetroffen sein; als man sich
gestern in dem vorausbestimmten Hotel nach ihr erkundigte, erwartete man ihre
Ankunft stündlich. Erna geht der Fremden entgegen; natürlich ist es dieselbe,
die ihr Verlobter bis an die Haustür begleitet hat.
    Das ist was für Sie, Stephanie, flüsterte Klotilde halblaut der Freundin zu;
Sie sprechen so wundervoll englisch.
    Ich nehme allerdings an, dass Miss Jane das Deutsche nur unvollkommen spricht
und auch wohl versteht; sagte Albrecht. Doch ist hier für die Darstellerin ein
weiter Spielraum gelassen.
    Bitte, bitte, fortfahren!
    Erna, immer noch unter dem Druck ihrer eifersüchtigen Regung, empfängt die
Dame mit einiger Reserve, erhält aber alsbald eine Lösung des Rätsels. Miss Jane,
als echte Amerikanerin, hat sich zugetraut, bewaffnet mit einem Plan der Stadt,
die ja doch nur ein Dorf im Vergleich zu Newyork sei, allein den Weg von dem
Hotel zu dem gesuchten Hause zu finden. Auf dem Platz, nachdem sie sich, um sich
zu orientieren, ein paarmal umgedreht, sei sie, kurz vor ihrem Ziele, denn doch
aus der Richtung gekommen. In ihrem Reisehandbuch habe sie gelesen, dass man sich
in einem solchen Falle vertrauensvoll an einen »Constable« zu wenden habe, die
auf jedem Platze, an jeder Strassenecke zu finden, an ihrer Uniform, Helm und
Säbel leicht erkenntlich und die Zuvorkommenheit und Liebenswürdigkeit selbst
seien. Gerade in dem Moment sei einer an ihr vorübergegangen, der natürlich
sofort die Fremde in ihr erkannt habe, dann er habe sie sehr scharf fixiert; sei
auch auf ihren Anruf: heigh, Constable! sogleich stehen geblieben. Nun müsse sie
sagen: ihr Grundsatz sei, sich über nichts in der Welt zu wundern; aber, wie
gross auch ihre Erwartungen von der Dienstwilligkeit der Berliner Konstabler
gewesen - der hübsche, junge Mann habe sie weit übertroffen. Mit der grössten
Courtoisie habe er sich sofort erboten, sie bis zu dem gesuchten Hause, das
übrigens ganz in der Nähe sei, zu begleiten, was er denn nun getan, während der
ganzen Zeit ein perfektes Englisch fliessend sprechend. Sie würde, hätte sie dies
nicht selbst erlebt, es für unmöglich gehalten haben. Ein gewöhnlicher
Constabel, der durch seinen feinen Anstand, seine ritterliche Höflichkeit die
most accomplished gentlemen ihres Heimatlandes beschäme!
    Erna, die einen ausgeprägten Sinn für Humor besitzt, hat bei dieser völlig
ernstaft vorgetragenen Erzählung tausend Mühe gehabt, nicht in Lachen
auszubrechen. Die Erklärung liegt ja auf der Hand: Udo hat die Dame nur bis an
das Haus, nicht in das Haus begleitet, um seiner improvisierten Schutzmannsrolle
treu zu bleiben. Natürlich wird er alsbald in Person erscheinen. Sie findet den
Spass zu gut, als dass sie nicht wünschen sollte, ihn noch ein wenig fortzusetzen.
Die Berliner Konstabler, die man übrigens im Deutschen sehr bezeichnend
»Schutzmänner« nenne, seien allerdings ein Elitecorps, alle ohne Ausnahme
feingebildete, gentlemanlike Leute. Das sei aber freilich auch höchst nötig,
denn die Unsicherheit in Berlin sei so gross; jede anständige Familie in Berlin
habe ihren Hauskonstabler, vulgo Schutzmann, der als ein Glied der Familie
betrachtet werde und auf diesem Fusse ungeniert mit ihr verkehre. Das kommt nun
doch der Miss, die erklärt hat, sich über nichts in der Welt zu wundern, ein
wenig wunderbar vor; sie deutet an, dass die neue Freundin hier ihrer Unkenntnis
von Land und Leuten spotten wolle. Eine derartige Insinuation weist Erna, als
fast beleidigend, zurück. Miss Jane müsse ihr verstatten, den Beweis ihrer
Wahrhaftigkeit sofort führen und den Privat-Schutzmann der Familie herbeiholen
zu dürfen. In diesem Moment öffnet sich die Tür und Erna's Bruder, ein Kamerad
Udo's von demselben Regiment, tritt, zum Ausgehen gerüstet, ein, den Säbel an
der Seite, auf dem Kopfe den Helm, den er beim Erblicken der schönen Fremden
bestürzt abnimmt!
    Hier ist er! ruft Erna und läuft davon, unter dem Vorwand, die Mutter
benachrichtigen zu müssen, nachdem sie zuvor den Namen der Fremden genannt, auf
deren Kommen übrigens der junge Offizier, ebenso wie die anderen Mitglieder der
Familie, vorbereitet ist.
    Also, Sie sind der Schutzmann der Familie, beginnt Miss Jane die
Unterhaltung. Arnulf - kann er so heissen?
    Warum nicht! rief Franz Sudenburg. Wir haben drei Arnulfs im Re'ment.
    Arnulf ist über den »Schutzmann« ein wenig verwundert; aber warum sollte
Erna ihn, als einzigen Haussohn und Vertreter des verstorbenen Vaters, der Dame
nicht als Beschützer der Familie bezeichnet haben, woraus denn diese in ihrer
mangelhaften Kenntnis der Sprache einen Schutzmann gemacht hat? Nun entwickelt
sich zwischen den beiden eine drollige Unterhaltung, in welcher die Fremde den
»Schutzmann« buchstäblich und Arnulf allegorisch nimmt, bis die Widersprüche und
Unmöglichkeiten sich so häufen, dass eine Erklärung stattfinden muss. Miss Jane ist
empört, so arg gehänselt worden zu sein; Arnulf, der sich mit jeder Minute
heftiger in das junge Mädchen verliebt -
    Die Rolle spiele ich! rief Fritz.
    - hält dafür, sie müsse eine eklatante Revanche nehmen. Miss Jane, in ihrer
Erregung auf und ab gehend, ist an das Fenster getreten und sieht den Offizier,
der sich ihr vorhin für einen Schutzmann ausgegeben und so die ganze lächerliche
Geschichte eingefädelt hat, auf das Haus zukommen. Arnulf, der ihr gefolgt ist
und über die Schulter blickt, ruft: das ist mein zukünftiger Schwager, der
Verlobte meiner Schwester! Er wird sogleich hier sein, ebenso wie meine
Schwester, nebenbei ohne die Mama, die gar nicht zu Haus ist. Hätten Sie Mut zu
einem tollen Scherz, Miss Jane?
    Ich habe Mut für alles, erklärt Miss Jane entschieden.
    Geben wir uns den beiden Verlobten ebenfalls für Verlobte aus!
    Was ist geben aus? fragt Miss Jane.
    Stellen wir uns ihnen als Verlobte vor!
    Dann wir werden tun müssen wie Verlobte, sagt Miss Jane nachdenklich.
    Da Sie Mut für alles haben -
    Well, wir werden tun wie Verlobte, sagt Miss Jane.
    Sie nehmen vorn auf dem Sofa Platz in einer Vertraulichkeit, die man
Verlobten gern gestattet. -
    Du, Fritz, sagt hier Franz Sudenburg, den Kameraden überlässt Du mir!
    Ich habe zuerst auf ihn abonniert, entgegnete Fritz.
    Es tritt sofort noch der zweite auf, fuhr Albrecht lächelnd fort: Udo, dem
Erna aus der Tür, durch welche sie vorhin verschwunden, entgegeneilt. Udo küsst
seiner Braut zärtlich die Hand -
    Na, Franz, fragte hier Fritz.
    Abwarten, alter Sohn! entgegnete Franz.
    Jetzt muss ich die beiden Ruhestörer aber wirklich zur Ordnung rufen, sagte
Elimar mit freundlichem Ernst.
    Die beiden jungen Offiziere verbeugten sich und Albrecht fuhr fort:
    - küsst also seiner Braut die Hand, was Arnulf sofort auch bei Miss Jane tut,
die diese Huldigung als etwas scheinbar Selbstverständliches hinnimmt und auch
sonst in dieser Scene ihrem Wort von dem »Mut für alles« volle Rechnung trägt.
Auf den Gesichtern Udo's und Erna's prägt sich tiefstes Erstaunen aus über das,
was sie sehen müssen; sie treten an die beiden auf dem Sofa, die in eine, wie es
scheint, intimste Unterhaltung versunken, gar keine Notiz von ihnen nehmen,
heran, und Erna stellt Udo als ihren Verlobten vor, der sich ungemein freue, die
auf der Strasse angeknüpfte Bekanntschaft fortsetzen zu können, und für den
kleinen Scherz, den er sich erlaubt habe, um Verzeihung bitte.
    Miss Jane, ohne Arnulfs Hand zu lassen, erklärt: sie wisse nicht, was der
»Herr Constable« unter dem Scherz, den er sich erlaubt haben wolle, verstehe;
freue sich aber, ihm und seiner Braut mitteilen zu können, dass sie sich eben mit
seinem »comrade« dem »private constable of the family«, verlobt habe. Was dann
Udo durch feurige Küsse auf ihre Hand bestätigt.
    
    Aber, Miss Jane, ruft Erna, die ihren Sinnen kaum noch traut; es ist ja mein
Bruder!
    Haben Sie etwas dagegen, dass ich Ihren Bruder heirate?
    Und ein Constabel schon gar nicht, sondern Offizier! ruft Erna.
    Wie Ihr Verlobter?
    Wie mein Verlobter.
    Da können wir uns beide nur gegenseitig gratulieren. Wenn bei Euch zu Lande
die Schutzleute so liebenswürdig sind, wie sehr müssen es dann die Offiziere
sein.
    Bravo! riefen hier Fritz und Franz wie aus einem Munde.
    Nun, und? und? fragten die Damen.
    Der Rest versteht sich von selbst, meine Damen, sagte Albrecht. Miss Jane
beweist, dass sie unter anderm den Mut hat, aus einem Scherz veritablen Ernst zu
machen; die Mama kommt hinzu und segnet einen Bund, durch den ihr Sohn zum
glücklichen Gatten einer nicht nur reizenden, sondern auch - wie sie sehr wohl
weiss - steinreichen Frau wird. -
    Und damit, meine Damen und Herren, schloss Albrecht, bin ich mit meiner
schwachen Kunst zu Ende. Wenn Sie glauben, dass die harmlosen Scherze Ihren
Zwecken genügen -
    Aber daran kann doch gar kein Zweifel sein, sagte Elimar. Das ist ja gerade,
was wir brauchen. Ich bin überzeugt, dies im Namen der ganzen Gesellschaft
auszusprechen.
    Der ganzen Gesellschaft! - Freilich! - Selbstverständlich! kam es von allen
Seiten.
    So werde ich die Rollen sogleich ausschreiben lassen, sagte Albrecht. Das
kann in zwei Tagen spätestens geschehen sein. Wir müssten dann sofort an die
Leseprobe und die Verteilung der Rollen gehen.
    Man war mit allem einverstanden. Auch wollte man vorläufig mit dem
Heranziehen anderer Kräfte warten, bis sich herausgestellt haben würde, wie weit
man mit den vorhandenen auskommen werde.
    Inzwischen war es spät geworden; man durfte die Nachsicht der
liebenswürdigen Wirte nicht länger in Anspruch nehmen. Doch ging der Aufbruch
nicht so schnell von statten. Man war von dem Gehörten zu aufgeregt; es gab für
die nächsten Tage noch so vieles zu erwägen, festzustellen. Dass die eigentlichen
Proben in den etwas engen Meerheim'schen Räumen nicht würden abgehalten werden
können, leuchtete allen ein. Stephanie schlug vor, in das elterliche Haus
überzusiedeln; es komme am Ende nicht darauf an, ob der Papa ein wenig früher
oder später von ihrem Vorhaben Kenntnis erhalte. Man gab das zu; aber die
Leseprobe, verlangte Adele, müsse jedenfalls noch bei ihr stattfinden.
    Das alles wurde auf dem engen Flur verhandelt, während die Damen ihre Mäntel
umgelegt bekamen und die Herren sich ihre Paletots und Überröcke anzogen, wobei
es denn ohne einige Verwirrung und die obligaten: »Pardon!« nicht abging.
Albrecht sah sich in seiner Hoffnung, noch ein Wort mit Klotilde wechseln zu
können, getäuscht. Sie sollte von den Sudenburgs, deren Equipage bereits seit
einer Stunde vor der Tür hielt, nach Hause gebracht werden; die beiden
Lieutenants wichen ihr nicht von der Seite; er musste sich mit einem: Gute Nacht,
Herr Professor! und einem Händedruck begnügen, der ihm eine wenig flüchtig
deuchte.
    Dann stand er mit den Herren von Fernau und von Luckow auf der Strasse.
Fernau, der noch auf einen Ball musste - er war am Abend in voller
Gesellschaftstoilette mit einem Ordensband im Knopfloch erschienen - rief eine
vorüberfahrende Droschke an; der Hauptmann, der für eine Strecke denselben Weg
hatte, stieg mit ein; man trennte sich mit den höflichsten Grüssen und seitens
des Hauptmanns der Versicherung, dass er dem Herrn Professor einen ganz
ungewöhnlich genussreichen Abend verdanke.
    Dafür hatte sich denn die Wagentür kaum hinter den Eingestiegenen
geschlossen, als Fernau in erregtem Tone rief:
    Aber, bester Luckow, wie können Sie so dem albernen Menschen noch mehr den
Kopf verdrehen, als es unsere Damen, Gott sei es geklagt, schon getan haben!
Das kann doch gar nicht Ihre wahre Meinung sein! Das war ja positiver Blödsinn,
was der Mensch da vorgebracht hat! Bei Gott, ich habe mich ordentlich geschämt,
aus purer Höflichkeit den Nonsens über mich ergehen lassen zu müssen!
    Sollte hier nicht etwas wie Eifersucht mit im Spiel sein? fragte lächelnd
Luckow, der die Leidenschaft Fernaus für Klotilde wohl kannte.
    Der Legationsrat brauste auf:
    Nehmen Sie mir es nicht übel, Luckow, das ist beinahe eine Beleidigung. Ich
eifersüchtig auf den Menschen! Da könnte ich mit mehr Recht sagen: Sie
protegieren ihn nur, weil Ihnen die Gelegenheit, mit Fräulein Stephanie
möglichst oft zusammenzukommen, zu verführerisch erscheint.
    Was ich gar nicht in Abrede stelle, erwiderte der Hauptmann trocken.
    Aber weshalb dazu diesen Menschen in unsere Gesellschaft ziehen, der nun
einmal schlechterdings nicht dahin gehört! Diesen aufgeblasenen, geckenhaften,
vor Eitelkeit schier übergeschnappten Plebejer! Es ist heute das letzte Mal
gewesen, dass ich mich zu dieser lächerlichen Farce hergegeben habe.
    Der Hauptmann drückte auf den Gummiknopf im Wagen:
    Ich muss hier aussteigen. Gute Nacht. Ich denke, Fernau, Sie überlegen sich
die Sache noch einmal. -
    Unterdessen war Albrecht durch die Strassen gestürmt, achtlos des sprühenden,
kalten Regens, der eingesetzt hatte. An Nachhausegehen dachte er nicht. Was
sollte er in seinem engen Hause bei seiner guten kleinen, langweiligen Frau mit
diesem Sturm der Gefühle im Herzen! mit dem Bilde der Zauberin im Herzen! Ja,
sie war eine Zauberin, die aus den Menschen machen konnte, was sie wollte: aus
einem armseligen Schulmeister, der, in der elenden Frohnde seines Berufes
hinkeuchend, sein Dasein so oft verwünscht hatte, einen Göttersohn! Die letzte
Berührung der kleinen Hand! Nun ja, sie hätte von ihrer Seite wärmer sein
können, länger währen können! Aber dann die Späherblicke rings umher! Dieser
Legationsrat mit den stechendem schwarzen Kalmückenaugen, dem bei all seiner
glatten Höflichkeit nicht über den Weg zu trauen war! Und hatte ihn auch die
Hand nur flüchtig berührt - eine Frau, eine Dame der feinsten Gesellschaft, die
- ach, er konnte nicht zweifeln: sie liebte ihn!
    Und: sie liebt mich! sie liebt mich! verzückt vor sich hinmurmelnd, rannte
er weiter durch die leeren, dunklen, verregneten Strassen. -
    Als die Flurtür sich hinter ihren Gästen geschlossen hatte und sie sich
wieder im Wohnzimmer befanden, war Elimar, seine längst vermisste Cigarre
rauchend, schweigend auf und ab gegangen, während Adele, in die Sofaecke
gelehnt, die Ereignisse des Abends rekapitulierend, jetzt zu der Verteilung der
Rollen gelangt war, mit der sie nicht zurecht kommen konnte, da sie die Personen
der beiden Stücke beständig durcheinander mischte. Aber darüber sei sie mit sich
im reinen, dass sie die Haushälterin in dem zweiten - nein, in dem ersten - Stück
spielen müsse, mit einer ungeheuren Haube auf dem Kopfe und einem kolossalen
Schlüsselbunde am Gürtel. Ob Elimar nicht auch meine, sie werde sich so ganz
vorzüglich ausnehmen?
    Was soll ich meinen? fragte Elimar, stehen bleibend.
    Mein Gott, Eli, wie zerstreut Du bist! Was hast Du nur?
    Mir geht die fatale Sache mit den beiden Künstlern durch den Kopf, sagte
Elimar. Es ist recht unangenehm, dass das gerade bei uns passieren musste.
    Ja, aber was können denn wir dafür! rief Adele. Dafür ist doch Fräulein
Stephanie verantwortlich, die sich die beiden Zankhähne ausgesucht und uns ins
Haus geschickt hat. Meinst Du nicht auch?
    Freilich, sagte Elimar.
    Er hatte gar nicht an die närrischen Künstler gedacht, sondern an Klotilde
und den Professor. Als er, aus dem Rauchzimmer kommend, an die Gruppe trat,
welche am Tisch um den Akademiker herumstand, hatte er zu seinem masslosen
Erstaunen die beiden gesehen, Schulter eng an Schulter geschmiegt. Er hätte sich
einreden können, das Opfer einer Sinnestäuschung gewesen zu sein, denn in der
Tat hatte seine seltsame Beobachtung, da sich die Gruppe alsbald löste, nur ein
paar Sekunden gewährt. Aber, die beiden im weiteren Verlauf des Abends scharf
beobachtend, waren ihm die höchst verdächtigen Blicke nicht entgangen, welche
sie wiederholt in Momenten, die sie für sicher halten mochten, miteinander
austauschten. Handelte es sich noch nicht um Liebe, so zweifellos um eine
bereits recht vorgeschrittene Liebelei, die ihm schwere Sorge machte! Kannte er
doch Klotildens lebhaftes Temperament! ihre Neigung, mit Männerherzen zu
spielen! die Leere, welche ihr eine sicher nicht sehr beglückte Ehe im eigenen
Herzen liess, auf diese gefährliche Weise auszufüllen! Hatte er das alles doch
vor fünf Jahren an sich selbst erfahren und seine ganze Festigkeit und Klugheit
aufbieten müssen, sich aus der Gefahr zu retten!
    Und diese Festigkeit und Klugheit - dem Professor mit seinen grossen,
lebenshungrigen Augen traute er sie schon gar nicht zu. Dergleichen Leute,
besonders wenn sie aus niedern Kreisen stammen, sind in den weissen Händen einer
gefallsüchtigen, keineswegs übrig gewissenhaften aristokratischen Dame weiches
Wachs. Sie würde das Wachs schon zu kneten wissen! sie! Der arme Teufel mochte
an das Heil seiner Seele denken! Und an das seines Leibes dazu! Viktor liess
seine Frau frei gewähren - zu frei vielleicht. Aber an seine Ehre durfte man dem
alten Korpsburschen und Reservelieutenant nicht rühren! und mit dem Schulmeister
würde er verzweifelt kurzen Prozess machen!
    Vielleicht waren das alles nur kassandrische, schwarze Träume.
    Nur wäre es nicht das erste Mal gewesen, dass sein böses Geträume sich
erfüllt hätte!
    Jedenfalls wollte er die Augen offen behalten. Wenn Klotilde auf einen
Menschen hörte, durfte er sich schmeicheln, dass er es sei.
 
                                Zehntes Kapitel
In seinem Gymnasium war man gewohnt, Albrecht Winter mit stolz erhobenem Haupt
und erfolgbewusst leuchtenden Augen zu sehen, offen bewundert von seinen für ihn
schwärmenden Schülern, heimlich sogar von denen seiner Kollegen, welche ihm sein
stattlichschönes Äussere, die Vielseitigkeit seines Wissens, den leichten Fluss
der Rede und die Erfolge in seinen verhältnismässig jungen Jahren beneideten.
Aber seit einiger Zeit schien er nicht mehr derselbe. In den Lehrstunden war er
nicht selten zerstreut; vergebens harrten die jungen Leute auf eine jener
begeisterten Improvisationen, mit denen er sie sonst wohl entzückte, gerade wenn
die trockensten Gegenstände behandelt wurden; und er, dem früher niemals ein
hartes Wort entschlüpfte, konnte bei geringfügigen Veranlassungen heftig und
unduldsam werden. Die Kollegen sahen den freundlich gesprächigen Mann in einen
Kopfhänger verwandelt, der sein Schweigen nur unterbrach, um eine bitter
sarkastische Bemerkung in die Debatte zu werfen. Dann wieder eines Morgens
erschien »Siegfried«, wie ihn der Schulwitz getauft hatte, strahlender als je,
um bereits am nächsten Tage abermals die Beute seiner seltsamen Missstimmung und
Melancholie zu sein.
    Niemand wusste sich diese Wunderlichkeiten zu erklären; er selbst freilich
musste sich heimlich eingestehen, dass seine Seele nur noch der Spielball der
Leidenschaft war, die ihn für die schöne Frau von Sorbitz mit einer Gewalt
ergriffen hatte, gegen welche er in sich keinen Widerstand fand. Das ganze
Dasein drehte sich für ihn um die Frage: erwidert sie meine Liebe? Glaubte er
sie mit ja beantworten zu dürfen, schien ihm der herbstlich graue Himmel von
rosigem Licht verklärt. Musste er - und das war der weitaus häufigere Fall - an
ihrer Gegenliebe zweifeln, sah er sich am sonnigsten Tag umgeben von den
Schrecken des arktischen Eises unter einem Himmel, von dem der letzte
Hoffnungsstern verschwunden war.
    Unterdessen hatten die teatralischen Angelegenheiten den erfreulichsten
Fortgang genommen. Die Rollen der beiden Stücke, welche jetzt offiziell: »Das
Schild« und »Der Schutzmann« genannt wurden, waren in kürzester Frist
ausgeschrieben worden und bei der nächsten Zusammenkunft in Adeles kleinem Salon
zur Verteilung gekommen. Hier hatte Albrecht eine erste schmerzliche
Enttäuschung erfahren. Ein wie reiches Lob er auch für seine dichterische
Leistung einerntete, und mit welcher Einhelligkeit man ihm die Rolle des Helden
im »Schild« zuerkannte, seine stille Hoffnung, die angebetete Frau dann zur
Partnerin zu haben, ging nicht in Erfüllung. Klotilde, die sein bittendes
Augenspiel nicht zu verstehen, oder verstehen zu wollen schien, erklärte mit
aller Entschiedenheit, eine Rolle nicht übernehmen zu können, bei der die
Darstellerin auch tragische Töne in der Gewalt haben müsse. Das sei Stephanies
Sache. Dagegen glaube sie, mit der resoluten Miss Jane des zweiten Stücks wohl
fertig zu werden, wenn sie auch keine so perfekte Engländerin wie Stephanie sei,
die mit ihren grossen, dunklen, feuchtschimmernden Augen als geängstete junge
Kaufmannsfrau brillieren werde. Und da Stephanie, der es vor allem um das
Zustandekommen des Unternehmens zu tun war, sich damit einverstanden erklärte,
wurde Klotildens Vorschlag zum Beschluss erhoben, zur besonderen Freude Luckows,
der den ärztlichen Freund des Helden im »Schild« übernehmen sollte und sich so
mit dem Gegenstand seiner stillen Verehrung in dem Rahmen eines und desselben
Stückes umschlossen sah.
    Ein paar andere Rollen fanden leicht ihre Liebhaber. Für den Mann der
Polizei schien der Legationsrat, der Luckows Rat, »sich die Sache noch einmal zu
überlegen«, beherzigt hatte und am zweiten Abend pünktlich erschienen war, mit
seinem Oliventeint und dem durchbohrenden Blick ganz der geeignete Repräsentant.
Adele schwärmte für die Haushälterin; Elimar erklärte, dass seine Schauspielkunst
über den alten Diener Baltasar, der nur wenige Worte zu sprechen hatte, nicht
hinausreiche. Für das kommerzienrätliche Elternpaar sollten zwei Befreundete des
Sudenburg'schen Hauses: ein älteres, behagliches, von aller Welt Tante Julie
genanntes Fräulein, und ein jovialer Rittmeister von den zweiten Dragonern, Herr
von Rotenburg, engagiert werden. Den durchtriebenen Ladenjüngling Fridolin zu
übernehmen, erklärte sich der behende Lieutenant von Sperber gern bereit, zum
grossen Trost für Fritz und Franz Sudenburg, die als Offiziere im »Schutzmann« zu
glänzen hofften und deren Hünengestalten sich für den windigen Schalk auch wenig
schickten. Schwester Erna in der kleinen Posse würde bei Fräulein von
Breitenbach, einem schönen, sanften Mädchen, vortrefflich aufgehoben sein. Zu
der Komparserie in der Schlussscene des »Schilds« war der Andrang der Kameraden
so gross, dass Fritz und Franz nur abzuwehren hatten.
    Dies alles war entweder schon auf der Leseprobe bei Meerheims festgestellt
worden, oder, was man da noch nicht endgiltig machen konnte, auf der folgenden,
welche bereits in der grossen Sudenburg'schen Wohnung stattfand, nachdem der
Direktor erklärt hatte, gegen das Treiben der jungen Leute blind und taub sein
zu wollen.
    Was denn freilich beides recht wünschenswert schien in Anbetracht des
fortwährenden Kommens und Gehens der Teaterleute, welches die folgenden Tage
brachten, und des nicht unbedeutenden Lärmens, den sie bei ihren Proben
vollführten. Wollte doch des fröhlichen Lachens und lustigen Schwätzens kein
Ende nehmen - Albrecht musste nicht selten seine ganze Autorität aufbieten, den
Übermut zu zügeln und die Herrschaften daran zu erinnern, dass man ja wohl
zusammengekommen sei, um Komödie zu spielen.
    Das Amt eines Regisseurs war ihm als etwas Selbstverständliches zugefallen.
Einmal schien es dem Dichter zu gebühren, und dann stellte sich auch bald
heraus, dass er von teatralischen Dingen ein gut Teil mehr verstand als die
übrigen Herrschaften, die nur immer von ihren Logenplätzen aus den Schaum des
Trankes abgeschlürft hatten. Schon dem Studenten war das Teater eine
Leidenschaft gewesen; der Traum, dermaleinst als Schauspieler oder Dichter von
der Bühne herab zu glänzen, hatte ihn unablässig verfolgt. Weit lieber, als mit
seinen Kommilitonen, hatte er mit Schauspielern verkehrt und in ihrem Umgang die
rauhen Manieren des Bergmannssohnes abzuschleifen versucht mit einem Erfolg, der
für naivere Augen und Gemüter ein vollkommener war. Wie oft hatte er, als ein
gern gesehener Zaungast, hinter den Coulissen gestanden, mit brennenden Augen
und gespannten Ohren die Darstellung irgend einer Paraderolle irgend eines
berühmten Mimen einsaugend, so dass er jeden Ton und jede Geste des Wundermannes
mit verblüffender Treue kopieren konnte! Wie oft hatte er mit der Vorführung
solcher Künste der Heiterkeit eines Studentengelages, einer kollegialischen
Tischgesellschaft erhöht!
    Das alles kam ihm jetzt herrlich zu statten und liess ihn unter diesen
Dilettanten als ein durchgebildeter Künstler erscheinen, dessen Anordnungen man
sich willig fügte, dessen Kritik und Korrekturen man sich gern gefallen liess.
Verehrter Herr Professor, kann ich das so machen? - Lieber Herr Professor,
meinen Sie, dass es so geht? kamen die Fragen von allen Seiten; und der Herr
Professor war nie um eine entscheidende Antwort verlegen, wusste sofort die
nötige Wendung, die obligate Stellung anzugeben; sprach die betreffenden Worte
in richtigem Ton und Tonfall mit so überzeugender Wahrheit, dass man
schlechterdings nichts Besseres tun konnte, als ihm, so gut es gehen wollte,
nachzuahmen.
    Das waren denn freilich Stunden, die seinem Selbstgefühl schmeicheln mussten
und ihm ungemischte Freude gebracht hätten, nur dass den Sonnenglanz eine dunkle
Wolke trübte, nur dass in seiner erregten Seele die eine Frage unbeantwortet
blieb, von deren Lösung, mochte sie nun gut, oder schlimm sein, - das war seine
Überzeugung - das Glück oder Unglück seines Lebens abhing.
    Er fühlte, dass seine Nerven es nicht lange mehr ertrügen; er wollte
Gewissheit um jeden Preis, und wenn sie ihn zerschmetterte, wie den Jüngling von
Sais der Anblick der unverschleierten Göttin. Und es gab Momente, wo sich der
Schleier heben zu wollen und ihm der Glanz der höchsten Himmel entgegen zu
schimmern schien: ein wärmerer und immer verstohlener Blick aus ihren mächtigen
Augen; ein herzlicheres und immer geflüstertes Wort; ein festerer und immer
schnell wieder gelöster Druck der schlanken, kühlen Hand. Was aber verbürgte
ihm, dass dies alles nicht Zufall, gesellschaftliche Höflichkeit, salonläufige
Koketterie war, wenn dann wieder Tage kamen, an denen er sich auch nicht des
geringsten Vorzugs vor den anderen Herren rühmen durfte, ja, er zu bemerken
glaubte, dass sie ihn kühler behandelte als jene und einmal wieder die vornehme
Dame herauskehrte, die den Abstand zwischen sich und dem Roturier nur zu
vergessen schien, wenn ihr die Laune danach stand, oder es in ihre Absichten
passte?
    In solchen verzweifelten Momenten hätte er das schöne Weib, das so zum
Zeitvertreib ihre Circekünste an ihm übte, an dem weissen Hals packen und
erwürgen, dieser vornehmen Gesellschaft, die in ihm nur ihren Tanzmeister sah,
sein Regiebuch vor die Füsse schleudern mögen.
    Und hatte er sich dann aus dieser Gesellschaft verabschiedet, verbindlich
lächelnd die ihm von allen Seiten entgegengebrachten Danksagungen für seine
Nachsicht und Geduld bescheiden ablehnend, stürmte er durch die nächtlichen
Strassen nach Hause, in sich hinein wütend, mit allen heiligsten Eiden sich
gelobend, diesen Tanz um das goldene Kalb der Eitelkeit zum letztenmale getanzt
zu haben.
    Ein Trost blieb ihm, und er wiederholte ihn sich beständig: in all dem Sturm
und Drang seiner Leidenschaft, in diesem Chaos durcheinander wirbelnder, sich
wild befehdender Empfindungen - von seinen Berufs- und häuslichen Pflichten
hatte er keine einzige verletzt. Mochten seine Schüler den gütigen Lehrer ungern
vermissen, der strengere war ihnen vielleicht der bessere; und seine Gattin,
seine Kinder, so verstört ihm auch oft der Kopf, und wie weh es ihm ums Herz
war, sie sollten noch das erste unfreundliche Wort aus seinem Munde hören. Ja,
es dünkte ihm seltsam und ein psychologisches Rätsel, dass er sich, mit der
wahnsinnigen Liebe für die andere im Herzen, von Klara nicht entfremdet fühlte,
ja, mehr noch denn sonst zu ihr hingezogen als zu einer befreundeten Seele, von
der er Rat in seiner Ratlosigkeit, Hilfe in seiner Hilflosigkeit mit Sicherheit
erwarten durfte. Sollte er vor ihr hinknieen, den Kopf in ihren Schoss drücken
und der Treuen, Guten, Verständigen alles, alles sagen? Mehr als einmal stand er
vor dem Entschlusse so nah, dass nur noch eines Haares Breite fehlte. Dann
fädelte sie gerade eine Nadel ein, oder aus ihrem Munde kam ein Alltagswort:
über Karlchen, der wieder sein Höschen zerrissen hatte, über Frau Doktor Müller,
bei der morgen das sechste Dienstmädchen binnen Jahresfrist anzog - und der
mutige Entschluss kroch feig zum Herzen zurück. Nein! sie würde ihn nicht
verstehen! Und wie konnte sie ihm verzeihen, wenn sie ihn nicht verstand!
    Ihn, der sonst, als ein gesunder Mann, sich eines soliden Schlafes alle Zeit
erfreut hatte, plagte jetzt eine hartnäckige Schlaflosigkeit. Klara über den
wahren Grund seines Leidens wegzutäuschen und sich selbst die qualvollen Stunden
zu verkürzen, studierte und schrieb er die halben Nächte hindurch an einer
grossen gelehrten Arbeit, die ihn schon seit längerer Zeit beschäftigt hatte und
auf deren Fertigstellung der Verleger jetzt dringe. Klara, die ihr Leben dafür
gelassen haben würde, dass kein unwahres Wort aus seinem Munde gehen könne, hatte
dessen kein Arg. Wie aber ein verständiger Mensch, wenn ihm das Feuer auf die
Nägel brenne, es über sich gewinne, vier, fünf Abende in der Woche mit diesem
albernen Komödienspiel zu vertrödeln, gehe über ihren Horizont. Und wenn er
glaube, sich, weil er sich für sie opfere, den Dank dieser vornehmen
Herrschaften zu verdienen, irre er gewaltig. Die Sorte habe es an sich, den
Leuten Komplimente zu machen, solange sie sie brauchten, und sie dann
wegzuwerfen, wie ausgequetschte Citronen.
    Worauf denn Albrecht etwas murmelte von der Notwendigkeit, B zu sagen,
nachdem man die Torheit begangen, sich auf das A einzulassen; und dass ja, Gott
sei Dank, der leidige Spass nun bald ein Ende haben werde.
    Versprich mir wenigstens, Albrecht, sagte Klara, dass er dann auch wirklich
ein Ende hat!
    Aber wie sollte er denn nicht? entgegnete Albrecht.
    Ich weiss nicht, sagte Klara. Ich habe nur immer gefunden: wenn man erst mal
Unordnung in seine Wirtschaft kommen lässt, hernach ist es schwer, sie wieder
hinauszubringen. Du bist doch sonst ein so ordentlicher Mann.
    Und Du eine verständige Frau, die nicht gleich in jedem Schatten an der Wand
ein Gespenst sieht. Geh zu Bett, Kind! Ich werde heute nicht so lange
aufbleiben!
 
                                 Elftes Kapitel
Wenn Albrecht nicht wusste, ob Klotilde ihn liebe, Klotilde selbst hätte es ihm
nicht sagen können.
    Es war da etwas Sonderbares, für das sie keine Erklärung fand.
    Fern von ihm konnte sie an ihn denken, sich seine Erscheinung in allen
Einzelheiten ausmalen, ohne die geringste Wallung in ihrem Herzen zu verspüren.
Mehr noch! sie sah dann mit unheimlicher Klarheit seine Schwächen: seine
Eitelkeit und Selbstgefälligkeit; seine pompöse Weise, zu gehen und zu stehen,
durch die doch immer der pedantische Schulmeister blickte; sein krampfhaftes
Bemühen, durch nichts an seine plebejische Abkunft zu erinnern, um gerade das
Gegenteil von dem hervorzubringen, was er erzielte. War es nicht beschämend,
geschmacklos und grenzenlos lächerrlich, sich für einen solchen Mann zu
interessieren? zu entusiasmieren sogar? Würde nicht die seine Stephanie, würden
nicht, wenn sie es wüssten, ihre sämtlichen Bekanntinnen sie auslachen? Mit Fug
und Recht sie eine sentimentale Närrin nennen, die schleunigst in ihre Pension
zurückkehren möge, für den Litteraturlehrer so weiter zu schwärmen?
    Sie hätte sich die Ohren zuhalten mögen, so deutlich hörte sie das höhnische
Gelächter.
    Und dann brauchte sie nur wieder in seine Nähe zu kommen, um von neuem zu
spüren, wie ein Zittern durch ihre Nerven rieselte; das Blut sich ihr zum Herzen
drängte, atemraubend; zum Kopf, ihr das Gehirn umnebelnd; wie ihr der Mund
trocken wurde und ihr die Lippen brannten nach einem Kuss von seinen Lippen!
    In solchen Momenten hatte sie auch Empfindung und Verständnis für seine
geistige Bedeutenheit, in der er die andern Männer ihres Kreises um Haupteslänge
zu überragen schien. Mit einziger Ausnahme Elimars! Aber Elimar war ihr stets
inkommensurabel und ein Gegenstand geheimer Furcht gewesen in dem
unerschütterlichen Gleichmass seines Temperaments und der krystallenen Klarheit
seines Denkens. So hatte sie auch damals seiner stillen Werbung keinerlei
Vorschub geleistet und wunderte sich jetzt auch nicht mehr darüber, dass er ihre
unbedeutende Cousine geheiratet hatte. Von seiner Höhe aus gesehen, welch grosser
Unterschied konnte da zwischen den Weibern sein! Aber die Menge der Übrigen!
dieser Herdentiere, die sich zum Verwechseln ähnlich sahen; alle dieselben
Manieren hatten! dieselben abgebrauchten Phrasen gedankenlos herunterplapperten!
und von denen keiner einen Schritt wagte, es wäre denn irgend ein Leitammel
vorausgesprungen, worauf sie sämtlich in stupider Hast nach derselben Seite
drängten!
    Selbst Fernau, den sie in letzter Zeit ziemlich stark bevorzugt hatte, weil
er unter diesen Nullen noch der einzige Zähler schien, wie weit blieb er hinter
Albrecht Winter zurück! Sie hatte seine »Reisebriefe« wieder hervorgesucht. In
ihren Kreisen galt das Buch als ein Wunder von Geschmack, Geist und Witz; ihr
selbst war es noch vor einem Jahr so erschienen. Wo aber hatte sie dann ihre
Augen, ihren Verstand gehabt! Wie trocken, trival, hausbacken war dies alles!
Und wenn der Mann sich einmal zu etwas aufschwingen wollte, was er vermutlich
für poetisch hielt, - wie musste er sich recken und strecken, wütend die Flanken
peitschen, und wie kläglich war das Resultat!
    Albrecht Winter! Wie leicht und anmutig floss die Rede von seinen Lippen! wie
hatte er für alles den rechten, den treffenden Ausdruck, ohne dass er jemals
danach zu suchen brauchte! Und sie hatte doch auch ihre Mädchenträume gehabt und
ihren Geibel, ihren Heine mit Herzklopfen in holden Stunden gelesen, die längst
verklungen waren! Und jetzt wieder herangeschwebt kamen, wenn sie nur den Ton
seiner Stimme hörte und in seine Augen blickte, die verklärt schienen von dem
Licht, das ihr Leben einmal ahnungsvoll gestreift hatte!
    Ein schöner Traum, der kam, sobald er in die Tür trat, und gegangen war,
wenn sie sich hinter ihm schloss. Dann war sie wieder, die sie gewesen: die
Weltdame, »die sich mit ihrem faible für den Schulmeister einfach ridikül
vorkam.«
    Und sich weiter so vorkommen würde, wollte sie das Leben nicht nehmen,
leicht, wie alle Welt um sie herum es nahm. Man brauchte ja deshalb nicht die
Kappe über die Dächer zu werfen! Hatte sie es denn je getan? Dass sie ihren Mann
nicht liebte, dafür konnte sie doch nichts. Wenn man mit neunzehn Jahren
heiratet aus Ärger, dass einem die einzig wünschenswerte Partie entgangen ist,
man sie sich in seiner Dummheit hat entgehen lassen - mein Gott, der Ärger macht
blind! Und so ganz vorbeigegriffen hatte sie in ihrer Blindheit doch auch nicht.
Viktor war nicht schlechter und nicht besser, als die übrigen. Eher noch ein
bisschen besser. Jedenfalls hatte er sich die Hörner vorher abgelaufen - was man
nicht von allen sagen konnte - und wenn er ein wütender Aktentiger und
rücksichtsloser Streber war, so trug das zu seiner Unterhaltsamkeit nicht gerade
bei, aber es waren doch die rechten Eigenschaften für den Sohn eines armen
Generals a.D., welcher die Tochter eines Gutsbesitzers geheiratet hatte, der
beständig erklärte, nicht zu wissen, wie er sich, Frau und sechs Kinder weiter
so durch die Welt bringen sollte.
    Nein! sie hatte die Kappe nicht über die Dächer geworfen. Flirtations! Nun
ja! Wer unter den ihr bekannten Damen hätte denn keine gehabt? Auch sie, die
keineswegs jung und nichts weniger als schön waren! Und bei denen es nicht
einmal immer mit der Flirtation als abgetan galt in den Augen derer, die es
besser wussten! Konnte in diesem Kreise mit der wunderbaren Akustik und seinen
hundert gierigen Späheraugen jemand gegen sie auftreten und ihr nachsagen, sie
sei zu weit gegangen? War in dem Techtelmechtel mit Fernau einer zu weit
gegangen, so war es Fernau, nicht sie. Hatte Viktor an dem Manne einen Narren
gefressen, schien er ohne ihn nicht mehr leben zu können und riss alle Türen
seines Hauses geschäftig für ihn auf - sollte sie ihm den Staar stechen! Er sah
doch sonst, wenn man ihm glaubte, durch die dicksten Wände und hörte das Gras
wachsen! Und hatte sie nicht ein Übriges getan und Fernau zu verstehen gegeben,
dass sie seine Avancen kompromittierend fände für eine ehrbare Frau, und er sich
in Zukunft eines gesetzteren Vertragens befleissigen möge?
    Vielleicht war das eine Dummheit gewesen. Ist es doch vielmehr ein Gebot der
Klugheit, die alten Liebhaber nicht vor den Kopf zu stossen, will man sich des
neuen in Sicherheit erfreuen. Und es bedurfte keines besonderen Scharfblicks, um
zu sehen, dass Fernau vor Eifersucht auf den Professor beinahe toll war. Trotzdem
sie sich doch wahrlich von Anfang an die erdenklichste Mühe gegeben hatte und
bis zu diesem Augenblicke gab, ihre närrische Leidenschaft für den Schulmeister
vor aller Welt zu verbergen. Aber freilich, Leidenschaft versteht sich auf
Leidenschaft, kennt all ihre Winkelzüge und Schleichwege, ihren Augenaufschlag,
den leisesten Ton ihrer Stimme. Es war kein Zweifel: Fernau hatte mehr gehört
und gesehen, als er hätte hören und sehen dürfen.
    Und er war Viktors Intimus!
    Hier musste einer drohenden Gefahr kühn die Spitze abgebrochen werden.
    So fragte sie denn am Morgen, als Viktor im Begriff stand, auf sein Bureau
zu gehen, in lässigem Tone:
    Du kommst heut nicht so spät nach Haus?
    Warum?
    Ich habe den Professor Winter gebeten, Dir einen Besuch zu machen, und
möchte natürlich gern, dass er Dich zu Haus fände.
    Viktor liess den Türgriff, den er bereits in der Hand hielt, wieder los.
    Du hast den Mann gebeten, mir einen Besuch zu machen?
    »Uns« wäre richtiger gewesen, obgleich mir hauptsächlich daran gelegen ist,
dass Du ihn empfängst. Ich sehe ihn ja beinahe alle Tage.
    Ich beneide Dich nicht darum; aber was soll ich mit dem Menschen?
    Viktor war zu ihr an den Kaffeetisch zurück gekommen mit dem finstern Blick,
wenn ihm etwas gegen den Willen ging, und den sie in diesem Falle erwartet
hatte.
    So sah sie denn freundlich von ihrer Tasse zu ihm empor und sagte ruhig,
trotzdem ihr das Herz heftig schlug:
    Ich kann Dich versichern, ich hätte es sehr viel lieber nicht getan. Aber -
setz' Dich doch noch ein wenig hin! es ist gut, wenn wir uns darüber aussprechen
- es ging nicht anders. Ich bin mit dem Mann bei Sudenburgs jetzt so oft
zusammen; er ist wirklich für einen Menschen seines Standes so übel nicht; und
wenn ich mit meiner Rolle reüssiere - woran Dir denn doch auch gelegen ist -
verdanke ich es nur, oder doch beinahe nur ihm. Wir verdanken ihm alle viel und
geben uns natürlich Mühe, höflich und artig gegen ihn zu sein. Bei Sudenburgs
geht er aus und ein; während der ersten Proben ist er zweimal bei Meerheims
gewesen; und Frau von Breitenbach - ich sagte Dir ja wohl schon, dass Lotte
Breitenbach in dem zweiten Stück mitspielt - hat ihn sofort gebeten, einen
Besuch bei ihnen zu machen; und Du weisst, dass gerade Breitenbachs sehr
wählerisch sind. Nur bei uns ist er noch nicht gewesen, und gerade da wäre es am
nötigsten, weil Du an unsern Abenden nicht zugegen bist.
    Ich habe auch wahrhaftig Besseres zu tun.
    Gewiss! und so bin ich nicht weiter in Dich gedrungen, was mich nachträglich
sehr gereut, denn Du hättest es doch wohl mir zuliebe getan, und ich wäre aus
der Verlegenheit. Es ist und bleibt eine für eine Dame, wenn sie dergleichen
Geschichten mitmacht, ohne von ihrem Mann, oder wenigstens einem Bruder, einer
Schwester oder Mutter begleitet zu sein. Alle die andern sind in der glücklichen
Lage: Stephanie, Adele, Lotte Breitenbach, alle, nur ich nicht. Es sieht immer
so aus, als ob man seinem Manne weggelaufen und unter die Komödianten gegangen
ist. Das mag ich nicht.
    Wenn ich nur einsehen könnte, was dadurch besser wird, dass der Mann mich,
meinetwegen uns besucht!
    Du bist doch sonst in solchen Dingen so feinfühlig! Dadurch, dass Du ihn in
Deinem Hause empfängt, giebst Du mir die Legitimation, mit ihm in andern Häusern
zu verkehren, die ich ohne das nicht habe.
    Aber der Mensch ist mir gründlich fatal!
    Du hast ihn ja nur einmal gesehen.
    Mir war das gerade genug. Und was ich von Fernau über ihn gehört habe -
    Was kannst Du gehört haben?
    Was ich lieber nicht wiederhole.
    Und gerade deshalb muss ich darauf bestehen, dass Du es sagst. Übrigens, wenn
Du nicht willst - ich kann es Dir sagen: der Professor erdreistet sich, mich
schön zu finden.
    Etwas der Art.
    Worüber sich lustig zu machen, Fernau doch zu allerletzt ein Recht hätte.
Wer in einem Glashause wohnt, soll nicht mit Steinen werfen.
    Fernau ist mein bester Freund.
    Als ob es nicht immer die besten Freunde wären, über deren Betragen die
Ehemänner am sorgfältigsten wachen sollten!
    Du willst doch nicht sagen -
    Genau nicht mehr, als ich gesagt habe. Nur noch dies, da wir einmal bei dem
Tema sind: gerade Fernaus wegen wünsche ich und muss ich wünschen, dass Du Herrn
Professor Winter empfängst.
    Du bist völlig lächerrlich mit Deiner Furcht vor Fernau.
    Ich fürchte mich vor Fernau nicht; aber ich habe ein Recht, von Dir zu
verlangen, dass Du mich gegen seine Spöttereien und hämischen Insinuationen in
Schutz nimmst. Du kannst es in diesem Falle leicht, wenn Du mir meine Bitte
gewährst.
    Schön! ich werde den Herrn empfangen.
    Ich danke Dir im voraus.
    Unter der Bedingung, dass die Sache keine weiteren Konsequenzen hat.
    Ich wüsste nicht, welche. Mit seinem Besuche und einer Karte, die Du
hinterher bei ihm abgiebst -
    Auch das noch! Na, meinetwegen. Wann, hast Du ihm gesagt, dass ich zu Hause
bin?
    Vier Uhr - Deine gewöhnliche Zeit.
    Also, adieu!
    Adieu!
 
                                Zwölftes Kapitel
Es fehlten nur noch wenige Minuten an vier, und er würde gewiss pünktlich kommen,
während Viktor nicht wohl vor ein viertel fünf da sein konnte.
    Sie sass in einem Fauteuil ihres Salons, auf dem Tischchen neben sich ein
geöffnetes Buch, das sie in dem Augenblicke, wo es draussen klingelte, ergreifen
konnte.
    Noch kurz vorher war das Arrangement ein anderes gewesen. Sie hatte eine
Näharbeit in der Hand gehabt, und vor ihr auf dem Teppich hatte Liesbet, ihr
»Zeigekind« gespielt. Aber sie fürchtete, man könnte die Absicht merken; oder
die Bonne würde im ungeeigneten Moment hereinplatzen, Liesbet zu holen; oder
die Kleine möchte anfangen zu weinen - es war doch besser, wenn sie die Idylle
fallen liess und ihm ganz als Salondame erschien. So war Liesbet in die
Kinderstube zu Brüderchen zurückgeschickt worden.
    Bereits mehrmals im Laufe des Vormittags hatte sie im Gedächtnis die Scene
mit Viktor heute morgen rekapituliert und eben war sie wieder dabei. Es wollte
ihr doch jetzt dünken, als habe sie ein sehr gewagtes Spiel gespielt, indem sie
um des Professors willen Fernau so gut wie preisgab. Es war nicht ihre Absicht
gewesen. Sie hatte, als sie Albrecht zu dem Besuche aufforderte, Fernau zeigen
wollen: Sie sehen, dass ich ganz unbefangen bin; wäre ich es nicht, würde ich
mich wohl hüten, Viktor in mein Spiel blicken zu lassen, sondern es ruhig für
mich weiter spielen. Nun hatte ein Wort das andere gegeben und zuletzt war eine
richtige Anklage daraus geworden gegen den einzigen ihrer Kurmacher, mit dem
sich eine Flirtation verlohnte. Das Sprichwort von dem unreinen Wasser, das man
nicht voreilig weggiessen solle, fiel ihr ein. Über den blinden Eifer! Um das
eine zu tun, brauchte man doch das andere nicht zu lassen! Oder den andern! Und
Viktor würde nun nichts eiliger haben, als »seinen besten Freund« zur Rede zu
stellen; und er, der hinter jedem Busch gestanden hatte, würde in ein höhnisches
Gelächter ausbrechen: siehst Du denn nicht, Verehrtester, dass Dir Deine Frau ein
X für ein U macht! Sand in die Augen, lieber Sohn! Den Sack schlägt man, und den
Esel meint man! Ich hätte Dich für klüger gehalten!
    Und wozu das alles? Wenn ich wenigstens wüsste, ob ich den Menschen liebte!
Aber davon ist doch gar keine Rede. Es ist doch nur -
    Auf dem Flur ertönte die Klingel. Klotilde zuckte zusammen, griff mit
nervöser Hast nach dem Buch und lehnte sich scheinbar lässig in den Fauteuil
zurück, während ihr das Herz gewaltsam klopfte.
    Es war ihr nichts Neues mehr: sie hatte es jetzt jedesmal durchzumachen,
wenn sich die Tür öffnete, durch die er eintreten sollte.
    Das eben ergriffene Buch lag in ihrem Schoss; sie hatte dem Eintretenden
gütig entgegengelächelt und, ohne sich zu erheben, ihn mit einer Handbewegung
aufgefordert, auf einem Faulteil vor ihr Platz zu nehmen. Nun erst streckte sie
ihm, sich vorüberbeugend, die Hand hin und sagte mit einer Stimme, deren leises
Zittern ihm hoffentlich entging:
    Wie lieb von Ihnen! Ich denke, mein Mann wird jeden Augenblick nach Hause
kommen.
    Und inzwischen habe ich Sie in Ihrer Lektüre gestört!
    Sie wundern sich, dass unsereine auch mal ein Buch zur Hand nimmt.
    Wenn ich dergleichen blasphemische Gedanken je gehegt hätte - was nicht der
Fall gewesen ist - diese letzten Abende, in denen ich an den Damen Ihres Kreises
ebensoviele Repräsentantinnen der feinsten Bildung, des exquisitesten
Kunstsinnes bewundern durfte, hätten mich eines Besseren belehrt.
    Sehr gütig! Und doch kann ich den Verdacht nicht los werden, dass Sie in uns
ohne Ausnahme besten Falls nur dressierte Puppen sehen.
    Welches Recht hätte ich zu einem so herben Urteil, der ich auf dem
identischen Standpunkt der übrigen Herrschaften stehe: dem des Dilettanten.
    Was versteht man eigentlich unter einem Dilettanten?
    Ich glaube: jemand, der lebhafte Freude an der Kunst hat, sich auch wohl in
ihr übt und es bis zu einem gewissen Grade der Fertigkeit bringt, ohne doch
Künstler zu sein.
    Und wie wird man Künstler?
    Wenn man dazu geboren ist.
    Das ist sehr bequem.
    Nicht so ganz. Es gehört dazu, dass man von diesem seinem Geburtsrecht den
rechten Gebrauch macht und den Nachweis seiner Legitimität führt.
    Wodurch?
    Durch unablässigen, unerschöpflichen Fleiss, dessen der geborene Dilettant
niemals fähig ist.
    Mein Gott, wie ist das schön!
    Was, gnädige Frau?
    Von einem klugen Manne sich so belehren zu lassen!
    Es war ihr keine Phrase gewesen. Albrecht hatte das wohl herausgehört und
sah es an dem Glanz ihrer grossen Augen, der ihm bis ins tiefste Herz leuchtete.
Noch nie war ihm die schöne Frau so schön erschienen; noch nie glaubte er, sie
so geliebt zu haben. Aber auch bei Klotilde wirkte der Zauber, den die Gegenwart
des Mannes stets auf sie übte, mit voller Kraft. Wie ertappte Verbrecher hatten
sie beide gleichzeitig die flammenden Augen niedergeschlagen.
    Klotilde hatte in ihrer Erregung das Buch von ihrem Schoss auf den Teppich
gleiten lassen; Albrecht hob es auf. Indem sie unwillkürlich dieselbe Bewegung
ausführte, hatten sich die greifenden Hände für einen Moment flüchtig berührt.
Es war so unverfänglich! Keiner hatte die Absicht gehabt! Dennoch waren beide
tief errötet; Klotilde strich über eine Falte ihres Kleides; Albrecht blätterte
verlegen in dem Buch.
    Verzeihen Sie die Indiskretion! Es ist so die leidige Gewohnheit von uns
Büchermenschen, nach dem Titel zu sehen!
    Das hätten Sie nun wirklich nicht bei mir gesucht.
    Aufrichtig, gnädige Frau, nein! Aber ich freue mich, es hier gefunden zu
haben.
    Sie schwärmen für unsere neueste Litteratur?
    Ich interessiere mich sehr für sie, wie für allen kühnen Experimente auf
welchem Gebiete immer, von denen ich hoffen darf, die wenigstens die Möglichkeit
gewähren, dass die Menschheit einen Schritt weiter kommt.
    Mein Mann findet diese Sachen entsetzlich.
    Ihr Herr Gemahl gehört zu der höchst ehrwürdigen Klasse von Staatsbürgern,
denen es obliegt, das Bestehende zu konservieren und unsere fin-de-siècle
-Menschen vor den Orgien einer kopf- und ziellosen Revolution zu bewahren.
    Klotilde lachte.
    Nein, wahrhaftig, rief sie, mein Mann ist kein Revolutionär. Aber ich
fürchte, Sie sind einer.
    Nein, gnädige Frau. Ich bin nur ein Mensch, der nichts dagegen hätte, wenn
eines schönen Tages die vierte Dimension entdeckt würde; und, weil er weiss, sie
wird nun und nimmer entdeckt werden, von Herzen dankbar ist für jede, auch die
kleinste Erweiterung der drei, innerhalb derer wir Erdgeborenen uns in alle
Ewigkeit zu bewegen haben.
    Worin finden Sie eine derartige Erweiterung?
    In jeder Entdeckung - Amerikas zum Beispiel, oder der Buchdruckerkunst,
heutzutage der Dampfkraft, der Elektricität -
    Des Koch'schen Komma-Bacillus und so weiter. Ich will zugeben, unser Leben
wird durch diese und andere schöne Dinge erweitert, wie Sie es nennen. Bleibt es
deshalb weniger langweilig?
    Ich langweilte mich nie, gnädige Frau.
    Ich immer - furchtbar. Es bringt mich oft an den Rand der Verzweiflung. Ich
könnte ein Verbrechen begehen, wenn ich sicher wäre, es rettete mich auf ein
paar Tage, ein paar Stunden nur aus diesem Sumpf, in dem ich ersticke. Ihr
Männer freilich! O ja, ich glaube schon, dass Ihr Euch nicht langweilt! Da ist
Euer Beruf, da ist der Sport, das Spiel, la femme! Da sind die Dummheiten, die
Ihr ungestraft begehen könnt, oder meinetwegen auch gestraft, und die dann
jedenfalls noch viel interessanter und pikanter werden. Aber wir! Puppen habe
ich vorhin gesagt; und dabei bleibe ich: dressierte Puppen; dressiert von Euch
und für Euch, die Ihr mit uns spielt und uns in den Winkel werft, wenn Ihr Euch
satt gespielt habt.
    Sie hatte sich in den Fauteuil zurückgelehnt; ihre sonst bleichen Wangen
waren gerötet, die grossen Augen halb geschlossen und wie gebrochen; durch die
leise geöffneten Lippen blitzten die weissen Zähne. Albrecht sass da,
vorübergebeugt, starren Blickes, in einem Rausch wahnsinnigen Entzückens. Ja, da
war sie, die er sich geträumt hatte in seinen schönsten, kühnsten Träumen: das
Weib, das empfand, wie er; dachte, wie er; diese schnöde Welt mit einer Spitze
ihres Fusses verächtlich von sich stiess, wie er! Und die, wenn er sie fand, er
lieben würde, lieben müsste, und kostete es ihm Leben und Seligkeit.
    Ich höre aus dem allen nur eines heraus, sagte er mit dumpfer Stimme.
    Was? fragte sie, ohne ihre Stellung zu verändern.
    Dass Sie nie von Grund des Herzens aus geliebt haben.
    Sie lachte ein kurzes, hohnvolles Lachen.
    Das fehlte mir noch!
    Ja! rief Albrecht, das fehlt Ihnen; und weil es Ihnen fehlt, sind Sie, was
Sie sind: die unglückliche Frau, die mit allen ihren wundersamen Reizen des
Leibes und der Seele, ihren herrlichen Eigenschaften des Herzens und Geistes
tantalische Qualen duldet. Aus denen Wonnen werden würden, götterhafte Wonnen
bei dem ersten Strahl wahrhafter Liebe, der Ihr Herz träfe. O, gnädige Frau, ich
spreche aus Erfahrung! Auch ich bin durch eine steinige Wüste gewandert. Und der
Himmel war ehern über mir. Und die Zunge dorrte mir im Munde, und das Herz
verzagte mir in der Brust. Und ich verfluchte mein Dasein und bat den Dämon der
Wüste, er möchte seinen glühendsten Samum schicken und eine Sandwelle häufen zum
Grabhügel eines Verzweifelten! Und da, gnädige Frau - kein Dämon der Wüste, der
Herr der Welten nahte sich mir; nicht im heulenden Sturm, sondern im Säuseln des
Windes - im sanften und doch allgewaltigen Anhauch der Liebe. Denn siehe, er
hatte mir Dich gesandt, Du schönste, herrlichste aller Frauen! Und mir gesagt:
liebe sie von ganzer Seele! mit jeder Kraft Deines Herzens! mit jedem Tropfen
Deines Blutes! mit jeder Fiber Deines Leibes! Und bete sie an, wie Du mich
anbeten würdest!
    Er war von dem Sessel hinabgeglitten zu ihren Füssen, die glühende Stirn auf
ihre Kniee drückend.
    In demselben Moment wurde, laut und schrill, die Flurglocke gezogen.
Klotilde fuhr mit den Händen, die sie eben auf sein Haupt hatte legen wollen,
zurück.
    
    Um Gottes willen -
    Er war bereits aufgesprungen und hatte mit einer Geistesgegenwart, die sie
ihm nicht zugetraut, raschen Griffs seinen Hut von dem Teppich neben seinem
Stuhle aufgerafft.
    Da betrat auch schon der junge Diener, der ihn vorhin angemeldet hatte, das
Zimmer.
    Eine Depesche, gnädige Frau!
    Klotilde hatte von der ihr präsentierten Schale das Blatt genommen und
erbrochen.
    Ist vielleicht Rückantwort, gnädige Frau? Der Bote wartet noch.
    Einen Augenblick! Nein, es ist keine Rückantwort. Der Herr kann erst um
sechs zu Tisch kommen - sagen Sie es in der Küche!
    Zu Befehl, gnädige Frau!
    Der junge Diener war gegangen, während von der anderen Seite die Bonne mit
Liesbet kam. Liesbet hatte das Klingeln gehört; gemeint, es sei der Papa; sich
nicht halten lassen.
    Gieb dem Herrn ein Händchen, Liesbet! sagte Klotilde.
    Die hübsche Kleine kam dreist auf ihn zugelaufen; er hob sie in die Höhe,
küsste sie und sagte, indem er sie wieder niedersetzte:
    Ich darf Sie nicht länger aufhalten, gnädige Frau. Wollen Sie die Güte
haben, mich Ihrem Herrn Gemahl zu empfehlen.
    Er wird sehr bedauern. Diese leidigen Plenarsitzungen, die alle Augenblicke
unverhofft kommen! Haben wir heute Probe? Sei artig, Liesbet!
    Nein, aber morgen: die Generalprobe.
    Das ist der Anfang des Endes.
    Sie hatte es lachend gesagt und er hatte gelacht. Aber als er draussen war
und die Treppe hinabstieg, lachte er nicht mehr. Seine Stirn war gefurcht und er
murmelte durch die Zähne:
    Oder war es schon das Ende selbst?
    Klotilde sass wieder in ihrem Fauteuil; Liesbet spielte zu ihren Füssen auf
dem Teppich, ganz wie in der projektierten, hernach verworfenen Idylle.
    Schade! Wir waren so gut im Zuge! Glaube wahrhaftig, ich hätte ihm im
nächsten Augenblick einen Kuss gegeben. Die dumme Depesche! Aber so ist es immer!
 
                              Dreizehntes Kapitel
In dem grossen Freundes- und Bekanntenkreise des Sudenburg'schen Hauses war seit
vierzehn Tagen beinahe nur von den teatralischen Aufführungen gesprochen, durch
welche das sechzigjährige Geburtstagsfest des Direktors am fünfzehnten November
gefeiert werden sollte. Zwar hatten die zunächst Beteiligten einander zugesagt,
der profanen Menge nichts von ihren Künsten zu verraten. Aber von einzelnen
mochte die Zusage nicht streng gehalten worden sein, oder die ab- und zugehenden
Dienstboten hatten geplaudert - lange vor dem bestimmten Tage hatte sich ein
Mytennebel um das kommende Ereignis gelagert. Es sollten ein paar ganz tolle
Possen zur Aufführung gelangen, in deren einer über die shopkeepers, in der
anderen gar über die Offiziere die blutigste Geissel der Satire geschwungen
würde. Die Verständigeren widersprachen: eine derartige Ausschreitung sei in dem
Hause eines Ministerialdirektors unmöglich, der genau wisse, welche Rücksichten
er auf seine Stellung zu nehmen habe, von denen, welche er seiner Gattin,
bekanntlich einer reichen Bankiertochter, und den Portepees seiner beiden Söhne
schuldig sei, zu schweigen. Auch pflegten sich Gymnasialprofessoren - und der
Verfasser der Stücke sei einer - auf dergleichen Extravaganzen nicht
einzulassen. Viel eher stehe bei einer solchen Autorschaft zu fürchten, es werde
sich um steifstellige, akademische, hochgradig langweilige dramatische
Stilübungen handeln, und man tue gut, sich darauf gefasst zu machen.
    Wie immer dies Gerede hinüber und herüber sich zu der Wirklichkeit verhielt,
die Erwartungen waren allerseits hochgespannt und man zeigte einander die
erhaltenen Einladungskarten als einen Schatz, den man um vieles nicht weggegeben
hätte.
    Nun war der vielbesprochene Abend da. Vor dem Portal des Hauses, in welchem
die Dienstwohnung des Direktors lag, war ein mächtiges Zelt errichtet;
Teppichläufer erstreckten sich aus dem hellerleuchteten Flur über das breite
Trottoir bis zu dem Fahrdamm. Auf welchem jetzt Wagen auf Wagen heranrollte,
deren geputzte Insassen, nachdem der stattliche Portier den Schlag aufgerissen,
eilig dem Hause zuschritten zwischen dem dichten Spalier sämtlicher
Portierkinder der Strasse und der sonst zusammengelaufenen Neugierigen. Dass die
Damen so dicht verhüllt waren, und man nur eben ihre frisierten,
blumengeschmückten Köpfe bewundern konnte, war freilich ein Jammer. Dafür
entschädigte einigermassen der Glanz der Orden, den die Mäntel und Paletots der
Herren nicht immer verhüllten. Von den Herren, die zu Fuss kamen und sich nicht
selten erst mit Hilfe der beiden Schutzmänner durch die Menge winden konnten,
wurden höchstens noch die Offiziere beachtet.
    Die höfliche Bitte der Einladungskarten um möglichst pünktliches Erscheinen
wäre wohl kaum nötig gewesen: verstand es sich doch von selbst, dass man an einem
solchen Abend die Wirte nicht warten lassen dürfe. So hatte sich denn auch
binnen kaum einer halben Stunde die ganze Gesellschaft versammelt und den
prächtigen Festsaal bis auf den letzten der aufgestellten dreihundert Stühle
gefüllt, während in dem Nebensalon, den eine breite Schiebetür mit dem Saal
verband, noch Kopf an Kopf eine beträchtliche Menge stand, der man beim besten
Willen zu einem Sitzplatz nicht mehr verhelfen konnte. Glücklicherweise hatten
die zwei Kameraden, welche an Stelle der verhinderten Haussöhne als Arrangeurs
fungierten, noch sämtliche Damen im Saale selbst unterbringen können und baten
nur den Himmel, dass jetzt keine mehr kommen möchten. Hatte es doch schon
entsetzliche Mühe gekostet, die ersten Sesselreihen für die Minister und ihre
Gemahlinnen frei zu halten, in deren Mitte auf Ehrensesseln der Gefeierte selbst
und seine Gattin unmittelbar vor dem rotseidenen, golddurchwirkten Vorhang
sassen, der, von der einen der Seitensäulen bis zur anderen ausgespannt, die in
der kleineren Abteilung des Saales aufgebaute Bühne verdeckte.
    Und das summte, schwirrte, wirrte nun in der grossen erwartungsvollen, eifrig
konversierenden Gesellschaft, dass es das Publikum der Première eines neuen
Stückes aus der Feder des meistumworbenen, bestgehassten Modeautors nicht anders
zustande gebracht hätte.
    Albrecht machte diese Bemerkung zu Elimar, mit dem er hinter dem Vorhang auf
der noch leeren Bühne stand.
    Glücklicherweise sind diese Herrschaften ein gut Teil naiver als das
Premièrepublikum unserer Modeteater, entgegnete Elimar.
    Glauben Sie?
    Ganz gewiss. Schon deshalb, weil sie aus sehr triftigen ökonomischen
Rücksichten die Teater sehr selten besuchen. Ich möchte darauf wetten, dass die
meisten von ihnen überhaupt niemals einer Première beigewohnt haben.
    Dann dürfte man wohl sagen: Iliacos intra muros et extra: wir hier auf der
Bühne leisten doch auch an Naivetät das Menschenmögliche und taumeln sorglos an
klaffenden Abgründen hin.
    Das mag für uns gelten, nicht für Sie.
    Ich prätendiere nicht, eine Ausnahme zu sein, und fühle mich in Rom ganz
Römer: schliesse die Augen und lasse es gehen, wie's Gott gefällt.
    Ich habe immer gemeint: es gefällt Gott am besten, wenn sie, denen er Augen
zum Sehen gab, sie möglichst weit auftun. Glauben Sie mir, lieber Herr
Professor, in einer Welt voll von Gebärdenspähern und Geschichtenträgern ist das
dringend nötig.
    Elimar hatte sich zu Adele gewandt, die aus dem Ankleideraum der Damen auf
die Bühne gestürzt kam, sich in ihrer Haushälterinnen-Maske zu präsentieren. Und
ob die Geschichte noch immer nicht losgehe?
    Mit dem Glockenschlage neun, gnädige Frau, sagte Albrecht, die Uhr in der
Hand. Es fehlen noch volle fünf Minuten.
    Nun kam auch Stephanie in der vorgeschriebenen Reisetoilette. Die vier in
der ersten Scene auftretenden Personen waren zur Stelle. Der Inspicient - ein
wirklicher Schauspieler, den man zu diesem Zweck engagiert hatte - überzeugte
sich, dass von den Requisiten keines fehle; der Souffleur - ebenfalls ein Mann
von Fach - sass auf seinem Posten hinter der Säule, in dem Buche blätternd - man
konnte jeden Augenblick beginnen und plauderte sich die bangen fünf Minuten weg,
ohne recht zu wissen, was man sagte.
    Jedenfalls wusste es Albrecht nicht.
    Die letzten Worte Elimars klangen ihm im Ohr. Und die klugen Augen des
Mannes hatten dabei einen so seltsamen Ausdruck gehabt. Gewiss! es war das eine
Warnung gewesen! Vor wem? Hatte er nicht von Anfang an mit peinlicher Sorge über
seine Mienen, seine Augen gewacht? nicht jedes in Gegenwart anderer gesprochene
Worte genau abgewogen? Und dann! die Warnung kam zu spät. Seit vorgestern - seit
der Scene bei ihr im Salon - war ja alles vorbei. Er hatte ihr seine Liebe
gestanden, und sie - nun der Diener mit der Depesche, und Kind und Bonne, die
hereinplatzten, hatten sie der Antwort überhoben. Die Antwort, die sie ihm
gestern auf der Generalprobe und heute, als sie sich vorhin auf der Bühne
trafen, dann doch gegeben: in ihrer souveränen Gleichmütigkeit, für die ein
armer Erdenwurm, wie er, nicht existierte, oder dem man doch seine knabenhafte
Schwärmerei mit königlicher Milde nachsehen wollte! Ach, er hatte vor einer
Stunde beim Abschied seine gute Klara nicht umsonst so innig ans Herz gedrückt!
Es hatte ein stummer Schwur sein sollen, den er halten wollte: ein Schwur der
Absage dieser unsinnigen, entwürdigenden Leidenschaft und der erneuten Treue und
Liebe für sie, die Lilie auf dem Felde, in ihrer keuschen Bescheidenheit
herrlicher als die hoffärtigste Prunkblume mit ihrem Patschuliduft modischer
Verderbteit!
    Herr Professor, wir müssen anfangen! Bitte, noch einen Schritt näher nach
der Tür! Es muss aussehen, als ob Sie eben mit der Gnädigen eingetreten sind.
So! - Vorhang auf!
    Der Vorhang rauschte auseinander vor einem Publikum, in welchem das zuletzt
fast betäubende Geschwirr der Stimmen urplötzlich einer lautlosen Stille
gewichen war, die denn auch, während das Spiel vor sich ging, durch ein Kichern
hier, durch ein schnell unterdrücktes Lachen dort selten unterbrochen wurde. Auf
die beifallsbedürftigen Seelen einer wirklichen Künstlerschar hätte diese Stille
sicher lähmend gewirkt. Hier war das nicht der Fall. Den Darstellern selbst
bereitete ihr Treiben ein viel zu grosses Vergnügen, und, wie Albrecht gesagt,
von den Abgründen, an denen sie in ihrer dilettantischen Naivetät sorglos
dahintaumelten, hatten sie keine Ahnung. An seinem Text fehlte keinem ein Wort -
das war doch jedenfalls weitaus die Hauptsache. Höchstens fürchtete man noch,
nicht laut genug zu sprechen. Nur in den ersten Minuten. Dann hatte man sich
auch dieser Sorge entschlagen und sprach und spielte, im Frohgefühl seiner guten
Absicht, munter darauf los, ohne viel zu fragen, ob die Zuschauer sich dabei
langweilten, oder nicht.
    Sie hatten sich nicht gelangweilt. Der Vorhang war zusammengerauscht über
den jungen Gatten, die sich nun endgültig gefunden hatten, ihren teilnahmvollen
Freunden und dem Geschäftspersonal - zwölf jungen Offizieren in nicht
durchgängig modischen Fracks, aber tadellosen weissen Handschuhen und Krawatten,
alle aus voller Brust das Festlied nach der Melodie: »Wem Gott will rechte Gunst
erweisen« unisono schmetternd. Nun für ein paar Augenblicke die vorherige
Stille. Dann aber brauchten nur auf den ersten Reihen die Hände von ein paar
Excellenzen und Excellenzdamen sich zu rühren, und das Klatschen pflanzte sich,
immer kräftiger, lauter, durch den ganzen Saal fort bis zu den Stehplätzen des
Nebensaales, wo es seinen Höhegrad erreichte. Und nun, da man zu seiner
freudigen Überraschung entdeckt hatte, dass man nicht nur eine Meinung, sondern
den Mut seiner Meinung habe, musste die rotseidene Gardine sich wieder und wieder
lüften und die glückliche Künstlerschar sich dankend verneigen.
    Dann, als der Beifallssturm sich endlich gelegt hatte, wagte man sich, erst
schüchtern, dann dreister an die Kritik, wobei eine überaus seltene erfreuliche
Einhelligkeit des Urteils an den Tag zu treten schien. Das Stück war
allerliebst, sehr unterhaltend, durchaus nicht böswillig, wie einige hatten
wissen wollen; und die Herrschaften hatten ausnahmslos ganz überraschend famos
gespielt. Der Preis gebührte natürlich Fräulein Stephanie, die jeden Augenblick
die unvergessliche Klara Meyer ersetzen könne, der sie nebenbei auch merkwürdig
ähnlich gesehen habe. Ganz überaus charmant war auch Frau von Meerheim als
Haushälterin Dörte gewesen, so unglaublich drollig! Und welche
Selbstüberwindung, sich aus der anmutigen jungen Frau in die alte Hausunke zu
travestieren! Das hätte die selige Frieb nicht besser machen können, oder jetzt
die immer urkomische Schramm! Aber auch die Herren - alle Achtung! Der Herr
Professor hatte sich in diesem ihm fremden Kreise wohl befangen gefühlt und war
ein wenig steif und hölzern gewesen - natürlich! Herr von Meerheim, als alter
Diener, - schade, dass seine Rolle nur aus ein paar Worten bestand! Dafür dann
der Doktor Herrn von Luckows, der Polizeikommissar Herrn von Fernaus -
vortrefflich! ich versichere Sie, Schönfeld und Reicher auf dem Lessingteater
bringen das nicht besser heraus! Und Herr von Sperber als Fridolin - das war ja
der leibhaftige Vollmar vom königlichen Schauspielhause gewesen - geradezu
stupend!
    Man war noch im besten Zuge des Kritisierens, als der Vorhang wieder
auseinander schwirrte: Fräulein Lotte von Breitenbach steht als Erna am Fenster
des mütterlichen Salons, den Liebsten erwartend, der, zu ihrem grossen Erstaunen,
mit einer ihr unbekannten, eleganten jungen Dame über den Platz kommt, um sich
von dieser an der Haustür zu verabschieden nach einem augenscheinlich wichtigen
Zwiegespräch. Die Fremde - Frau von Sorbitz - als schneidige amerikanische Miss,
wird von dem Bedienten eingeführt - die kleine Komödie der Irrungen beginnt.
    Von der Zaghaftigkeit des Publikums während des ersten Stückes war jetzt
nichts mehr zu spüren. Man war nun einmal in der Gebelaune und gab mit vollen
Händen. Jede drolligere Situation, jede witzigere Wendung, jede kühnere Pose -
alles wurde belacht, beklatscht, bejubelt. Es kamen Momente, wo die Spieler auf
der Bühne pausieren mussten, weil sie von dem Beifallslärm, der ihnen
entgegenschallte, ihre eigenen Worte nicht mehr verstanden. Das steigerte dann
wieder den guten Mut, mit dem sie an ihre Aufgabe gegangen waren, zum Übermut;
und hatten sie im Anfang manchmal vor dem Lachen der Zuhörer nicht weiter
sprechen können, wurde es ihnen jetzt von Minute zu Minute schwerer, ihre
Ernstaftigkeit zu bewahren.
    In solchen kritischen Momenten war es jedesmal die Geistesgegenwart
Klotildens, die der drohenden Gefahr, das Ganze aus den Fugen gehen zu sehen,
die Spitze abbrach, indem sie durch ihr geistreiches stummes Spiel, eine mit
besonderer Verve vorgebrachte Phrase, im äussersten Falle durch eine kühne
Improvisation die Aufmerksamkeit von den andern auf sich zu lenken wusste. Zur
Bewunderung und zum Entzücken Albrechts, der neben dem Souffleur hinter der
deckenden Säule stand und nun die Rettung seines, durch den Leichtsinn der
andern bedrohten Stückes in der Hand der Frau sah, die er liebte. Die den
Widerstrebenden immer wieder zur Liebe, zur Anbetung zwang. Mochte sie zuerst
für ihre Person nach dem Beifall des Publikums die verlangenden schönen Hände
strecken - sein Herz flüsterte ihm zu: sie hat dabei doch Dein nicht vergessen,
trägt mit vorsichtiger Kraft dein Werk, wie ein kostbares Gefäss, durch den
Wirrwar, in dem es zu zerschellen droht; und kann sie dich nicht von Herzen
lieben um deiner selbst willen, hat sie doch Achtung vor deinem Talent. Ist das
nicht viel? ist es nicht mehr als du verlangen kannst? Man liebt die Götter ja
nicht, weil sie uns wieder lieben, sondern, weil sie so gross und herrlich sind,
dass unsre Kniee sich beugen müssen, sie mögen nun wollen oder nicht. Wie meine
Kniee sich beugen vor dir, du schönste, du einzige Frau!
    Im Stück war die heimgekehrte Mama aufgetreten, hatte den so schnell
geschlossenen Bund der jungen Herzen gesegnet; die seidene Gardine rauschte
zusammen, und wieder und wieder auseinander und zusammen bei dem nicht
endenwollenden Beifallsjubel der elektrisierten Gesellschaft.
    Und jetzt hatten erst einzelne, dann viele Stimmen auf einmal energisch nach
dem »Dichter« gerufen; Fräulein von Breitenbach und Frau von Sorbitz kamen zu
der Stelle gelaufen, wo er, nun doch mit freudig klopfendem Herzen, stand, und
zerrten und führten ihn auf die Bühne, wo er dann, die beiden Damen krampfhaft
an den Händen haltend, seine Verbeugung machte.
    Und - nun ohne Begleitung der Damen - noch wiederholt machen musste, bis er
sich endlich zu ein paar Worten entschloss, in welchen er die freundliche
Anerkennung seiner schwachen Leistungen auf die Darsteller übertragen zu wollen
bat, als auf das Licht, das, von innen seines armseligen Kirchleins heraus
leuchtend, die verworrenen Farben der Fenster in so anmutendem Schein hätte
erglänzen machen.
    Laute Bravos, die noch andauerten, als der Vorhang nun wirklich zum
letztenmal sich geschlossen hatte, kamen ihm aus dem Publikum zurück. Auf der
Bühne schüttelten die von ihrem Erfolg berauschten Darsteller einander die Hände
und stoben nach allen Seiten davon, als jetzt die geschlossene Coulisse förmlich
auseinanderbrach vor den eifrigen Händen der Arbeiter unter Führung ihres
Meisters. Binnen zehn Minuten müsse alles abgeräumt sein, sonst sehe es um das
Abendessen der Herrschaften übel aus.
    Vorgesehen! Vorgesehen!
    Um Himmelswillen! rief Klotilde.
    Ein paar Arbeiter, die ein grosses Versatzstück schleppten, hätten sie
beinahe umgerannt. Seitwärts springend, war sie in einen Winkel geraten, den
zwei aneinander geschobene Coulissen bildeten, und in den sich Albrecht einen
Moment vorher ebenso geflüchtet hatte. Plötzlich war die nach der Bühne zu freie
Seite auch geschlossen: die Arbeiter hatten das Versatzstück vor die Öffnung
geschoben, achtlos der beiden so Gefangenen, die in dem engen Raum Schulter an
Schulter gedrängt standen.
    Gnädige Frau! stammelte Albrecht.
    Du liebster Mann! flüsterte Klotilde, ihn mit beiden Armen umschlingend und
einen heissen Kuss auf seine Lippen drückend. In der nächsten Sekunde klaffte die
Öffnung nach der Bühne wieder; Klotilde war davongeschlüpft, langsamer folgte
Albrecht, betäubt von seinem ungeheuren Glück und der rasenden Kühnheit, mit
welcher die geliebte Frau ihm ihre Gunst gewährt auf die Gefahr hin
augenblicklicher fürchterlichster Entdeckung. War doch alles - ihr
beiderseitiges Verschwinden, das Vorschieben, das Wegschieben des Versatzstückes
- so blitzschnell vor sich gegangen - niemand hatte von der wundersamen Episode
das mindeste bemerkt. Er sah es an der unbefangenen Miene der geschäftigen
Arbeiter und der paar Damen und Herren, die noch auf der Bühne miteinander
scherzten, um sich nun auch eiligst von der Trümmerstätte in die sicheren
Garderobezimmer zu retten.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Als Albrecht eine Viertelstunde später mit Luckow und ein paar andern
»Künstlern« in die überfüllten vorderen Gesellschaftsräume trat, kam alsbald der
Wirt des Hauses auf ihn zu mit ausgestreckter Hand:
    Lieber Herr Professor, Sie haben meine Frau und mich zu so grosser
Dankbarkeit verpflichtet! Wir sind ja ganz beschämt. Welcher Welt von Arbeit
haben Sie sich unseretwillen entzogen! Aber wie herrlich ist auch alles
gelungen! Nun müssen Sie zuerst mit zu meiner Frau und sich ihren Dank holen.
    Albrecht wollte abwehren; der liebenswürdige Mann liess ihn kaum zu Worte
kommen und zog ihn mit sich durch die Menge fort in das nächste Gemach, wo sie
die Frau Direktor fanden im Gespräch mit einem hochgewachsenen, sehr eleganten,
ordengeschmückten Herrn, in welchem Albrecht, nicht ohne eine gelinde Empfindung
von Schrecken, den General-Intendanten der königlichen Schauspiele erkannte. Die
gütige Frau hatte ihren ehrlich gemeinten Dank hergesagt, um dann sofort von
ihren anderweitigen wirtlichen Pflichten in Anspruch genommen zu werden, nicht
ohne vorher »unsern trefflichen Hausdichter« Seiner Excellenz vorgestellt zu
haben.
    Excellenz hatte dem Vorgestellten höflich seine schlanke Hand gereicht.
    Ich habe auch ein Haus, an welchem der treffliche Dichter wohl schon einmal
hätte anklopfen sollen, sagte er mit verbindlichem Lächeln.
    Ich tat es - bereits vor zwei Jahren, erwiderte Albrecht mit schneller
Entschlossenheit. Es wurde mir leider nicht aufgetan.
    O! sagte Excellenz; ich erinnere mich nicht.
    Ein so unbedeutender Fall wird schwerlich zur Kognition von Excellenz
gelangt sein.
    Um was handelte es sich?
    Albrecht berichtete in kurzen Worten, dass er vor zwei Jahren ein
historisches fünfaktiges Trauerspiel eingereicht, aber mit dem Bescheid
zurückerhalten habe, man glaube es zur Aufführung bringen zu können, falls sich
der Verfasser entschlösse, gewisse, näher bezeichnete Änderungen vorzunehmen. Er
habe diese Änderungen vorgenommen; harre aber seitdem, seit andertalb Jahren -
vergebens auf Antwort.
    Das tut mir ja recht leid, sagte Excellenz. Indessen, meine Herren sind
wirklich über die Massen beschäftigt - die vielen eingesandten Manuskripte - man
macht sich draussen davon gar keine Vorstellung - und dann ein Trauerspiel - ein
historisches - fünfaktiges - das ruft so viele Bedenken wach - schon was den
Inhalt betrifft - und nun erst das D'rum und D'ran - neue Coulissen, - neue
Kostüme sehr wahrscheinlich - eine grosse Komparserie jedenfalls - warum haben
Sie es nicht mit den allerliebsten Sächelchen von heute abend versucht?
    Ich habe es nicht gewagt, Excellenz.
    Sehr mit Unrecht, mein Bester! Gerade so was will das Publikum - harmlos -
ohne leidige Tendenz - dabei doch von kräftiger, drastischer Komik -
    Excellenz sind zu gütig!
    Ich habe wirklich ein paarmal herzlich lachen müssen - die Idee in dem
ersten Stück mit dem geheimnisvollen Schrank - das ist sehr gut - ganz originell
- auch die zweite Bluette - allerdings der Titel! - es schmeckt doch ein wenig
nach Persiflage - der Polizeipräsident -
    Vielleicht eine Änderung des Titels, Excellenz?
    Würde allerdings zu überlegen sein. Und dann die beiden Offiziere in Uniform
- hier im Privatkreise - als Söhne des Hauses - zum Wiegenfest des Vaters - à la
bonne heure! Aber auf der königlichen Bühne - völlig unmöglich!
    Wenn man fremdländische Uniformen nähme, Excellenz? Obgleich dann freilich
der Humor -
    Freilich, der Humor! Das ist wichtig - bin ein grosser Freund von Humor. Nun,
wir werden sehen. Jedenfalls bitte ich um die Manuskripte. Und - was ich sagen
wollte- schicken Sie sei mir direkt - persönlich - es könnte sonst leicht wieder
-
    Wie Excellenz befehlen.
    Also abgemacht! Hat mich sehr gut gefreut -
    Albrecht war mit einem nochmaligen sanften Druck der schlanken Hand und
obligatem verbindlichem Lächeln entlassen und hatte kaum seine Verbeugung
gemacht, als der Direktor abermals eilig an ihn herantrat und ihm zuflüsterte:
    Muss Sie nun auch unserer Excellenz vom Kultus vorstellen. Er wünscht, Sie zu
sprechen.
    Die Unterredung mit der zweiten Excellenz war kürzer als die erste, aber für
Albrecht nicht minder schmeichelhaft und erfreulich. Excellenz sah es gern, wenn
die Herren neben ihren Berufsarbeiten, die freilich vorgingen, eine freie Stunde
für die Musen erübrigen könnten. Der schöne Bund von Dichtung und Gelehrsamkeit,
wie er in der Goete-Schiller-Zeit bestand und eifrig gepflegt wurde, sei
freilich heute, wo eine konsequente Arbeitsteilung die conditio sine qua non,
nicht länger aufrecht zu erhalten. Als Regel! Aber keine Regel - das wisst Ihr
Schulmänner am besten - ohne Ausnahmen. Und ich für meinen Teil lasse die
Ausnahmen gern gelten als eine freundliche Reminiscenz der klassischen Tage von
Weimar und Jena. Sie, lieber Herr Professor, haben mich durch Wachrufen dieser
Erinnerung heute abend zu Dank verpflichtet. Es soll mir lieb sein, wenn Sie mir
Gelegenheit geben, diesen Dank durch die Tat zu beweisen.
    
    So huldvoll verabschiedet, tauchte Albrecht wieder in das Gewühl zurück, das
Herz geschwellt von einem Frohgefühl - er hätte hineinjauchzen mögen in diese
geschminkte Maskerade der oberen Zehntausend, wie er es in der Einsamkeit seiner
Berge als Junge getan hatte, wenn die Welt hell sonnig um ihn wogte, unter ihm
sich breitete. War er denn wirklich der arme Schulmeister von gestern, von heute
vormittag noch, der sich in seiner Verzweiflung Odysee-Exemplar nicht an die
hohlen Köpfe zu werfen! Aber »aus den Wolken muss es fallen, aus der Götter Schoss
das Glück!« Und spenden sie einmal, die Unsterblichen, so tun sie es mit vollen
Händen: den Kuss von den süssen Lippen der angebeteten Frau! die Gunst und Huld
der Mächtigen dieser Erde, die den Schlüssel führen zu der Halle des Ruhms!
Liebe und Ruhm! die beiden höchsten Sterne, an denen der sehnsuchtsvolle Blick
des Knaben schon gehangen! Nun nicht mehr unerreichbar in unermesslicher Höhe!
Als holde Genien niedergeschwebt zu ihm, die glänzenden Fittige um ihn breitend,
die finstere Gruft zum lichten Wolkenbette wandelnd, auf dem er gehoben wurde
aufwärts zum Olymp, fortan zu speisen mit den Seligen von Ambrosia und Nektar!
    So flutete es in mächtigen Wogen durch seine Seele, während er mit
unzähligen Menschen sprach, Herren und Damen, die er nicht kannte, die ihm auch
völlig gleichgültig waren, und die er doch, wie sie sich um ihn drängten und ihm
huldigten, mit geistreichen Worten und Erwiderungen zu bezaubern nicht
verschmähte. Mein Gott, ein Alexander auf seinem Eroberungszug, er annektiert
auch die dürren Provinzen, steht ein königliches Herz gleich nach Indien mit
seinen Lotosblumen und Palmenwäldern! Wie mein Herz nach dir, du Königin der
Frauen! nach dem Moment, wo wir uns wieder Aug' in Auge blicken dürfen!
    Er konnte sie nicht entdecken, so gierig seine Blicke auch in der wühlenden
Menge nach ihr spähten. Aber das würde ja nicht lange mehr währen. Der Moment,
wo man zu Tisch ging, musste sie wieder vereinigen. Fräulein Stephanie hatte
durch ihre Adjutanten herumsagen lassen, dass die »Künstler« auf dem Schauplatz
ihrer Triumphe eine besondere Tafel bereit finden sollten. Sich von der
erlauchten Runde auszuschliessen, sei bei Strafe ihrer allerhöchsten Ungnade
verboten.
    Albrecht wusste: Klotilde würde sich nicht ausschliessen.
    Wie sie überzeugt war, dass er kommen würde.
    In einem der anderen Gemächer, von einer dichten Schar Herren in Uniform und
Civil umgeben, war sie inzwischen der Gegenstand ausschweifender Huldigungen
gewesen. Hundertmal hatte sie zu hören bekommen, dass sie grossartig, superb,
magnifique gespielt habe, von ihrer Erscheinung, der kein Ausdruck gerecht
werden könne, zu schweigen. Die Bernhardt und die Duse! Kunststück, wenn man
jeden Abend, den Gott werden liesse, auf den Brettern stände! Aber so - aus dem
Stegreif - aus dem Handgelenk - es sei einfach stupend!
    Lächerliche Übertreibung! niemand wusste das besser als sie selbst, die beide
grosse Künstlerinnen wiederholt gesehen und, nicht ohne ein starkes Gefühl des
Neides, bewundert hatte. Aber sie war in der Stimmung, auch grösseren Unsinn zu
goutieren. Und dann fragte es sich noch sehr, ob die Teaterdamen auf dem
Parkett des Salons das leisten könnten, was sie unter anderm heute abend fertig
gebracht. Endlich einmal in der Welt, in der man sich langweilt, ein pikantes
Abenteuer! Und das sie sich ganz allein verdankte! Der schüchterne Mensch! Wie
lange sie wohl hätte warten müssen, bis er sich den Mut fasste! Und die Keckheit,
mit der sie es ausgeführt! Ein Stück Tapete, das bloss umzufallen brauchte, und
sie hielt vor aller Welt den heimlich Geliebten in den Armen! Es war unglaublich
lächerrlich!
    Und Klotilde lachte und scherzte, tollte und neckte sich mit den jungen
Herren und wünschte von Elimar, der eben herangetreten war, zu wissen, weshalb
er unter all den fröhlichen Leuten ein so ernstes Gesicht mache wie der
steinerne Gast im Don Juan?
    Tue ich das? sagte Elimar. Es wäre freilich das möglichst Unpassende von
einem, der mit der grossen Bitte kommt, Sie zu Tisch führen zu dürfen.
    Lieber Freund, da kommen Sie freilich zu spät, rief Klotilde. Ich habe meine
arme Seele bereits unserm Dichter verschrieben; besser verschreiben müssen - auf
Stephanies Befehl.
    Das tut mir aufrichtig leid, sagte Elimar. Ich wäre für Sie ein gewiss
weniger geistreicher, aber, ich glaube, weniger gefährlicher Nachbar gewesen.
    Sie waren so weit von den andern weggetreten, dass es als ein Gespräch unter
vier Augen gelten konnte.
    Jetzt sich nichts merken lassen, sagte Klotilde bei sich und erwiderte
lachend:
    Sehr freundschaftlich-ritterlich! Aber ich gebe Ihnen mein Wort: der
Professor ist der letzte, der mir gefährlich werden würde.
    Was ja nicht ausschliesst, dass Sie es ihm bereits geworden sind.
    Das grosse Unglück!
    Noch ist es, denke ich, keins. Aber aus einem kleinen Brande entwickelt sich
leicht ein grosser. Liebe Klotilde, ich will ohne Umschweif sprechen. Was mir
aufgefallen ist, kann auch andern aufgefallen sein, die es aus diesem oder jenem
Grunde weniger ruhig nehmen und entschuldbar finden als ich. Mir würde es leid,
sehr leid tun, sollten Ihnen daraus Ungelegenheiten erwachsen. Es ist eine
undankbare Rolle, den treuen Eckart zu spielen - ich weiss es wohl. Aber um
jemandes willen, den man aufrichtig lieb hat, übernimmt man auch einmal eine
solche Rolle. Sollte ich Sie heute abend nicht wiedersehen, leben Sie wohl!
    Aber Sie müssen ja mit an den Künstlertisch.
    Meine Excellenz hat mir befohlen, wenn ich mich frei machen könnte, mich zu
ihm zu setzen. Da ich nun frei bin -
    Auf Klotildens Lippen schwebte das Wort: Elimar, führen Sie mich! Aber
bereits hatte sich der Freund gewandt, und in demselben Augenblick kam Stephanie
mit ihrer Schar, in der sich auch Albrecht befand, und rief:
    Klotilde, wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Sonst kommen wir durch
das Gedränge nicht mehr zu unsern Plätzen!
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Das rauschende Fest hatte bis zwei Uhr gewährt und war dann, programmmässig
pünktlich, wie es angefangen, beschlossen worden. Vor dem Portale hatte es, da
Dutzende von Dienerstimmen zugleich nach den Equipagen ihrer Herrschaften
riefen, ein starkes Gedränge gegeben, durch welches die zu Fuss Erschienenen
nicht leicht zu den auf der anderen Seite der Strasse haltenden Droschken kommen
konnten; indessen war alles ohne Unfall abgegangen und auch das Sorbitzsche
Ehepaar rechtzeitig zu seinem Mietwagen gelangt.
    In dessen Ecke gedrückt sie nun den langen Weg zu ihrer Wohnung machten,
ohne dass ein Wort zwischen ihnen gewechselt wäre.
    Sie hatten mit den eignen Gedanken genug zu tun.
    Die Viktors waren schwarz wie die Novembernacht. Welch ein Dummkopf war er
gewesen, als er - nach der Aufführung - dem Menschen in dem Gedränge begegnend,
ihm ein lobendes Wort gegönnt hatte! So völlig gegen seine Überzeugung! Diese
kläglichen Farcen! Die reinen Schülerarbeiten! Und sein Bedauern ausgesprochen
hatte, ihn neulich bei seinem Besuche verfehlt zu haben! Er sollte sich nur
wieder sehen lassen! Fernau hatte ganz recht: die Reitpeitsche für den Gecken,
den aufgeblasenen Narren! Aber Fernau mochte auch der Teufel holen! Wenn er es
schon neulich bei Tisch bemerkt haben wollte, um es bei jeder der Proben
abermals und in verstärktem Masse bestätigt zu finden - weshalb da vierzehn Tage
warten, bis man zu einem Freund kommt und sagt: Hör' mal! so und so! Erst heute
abend mit der Sprache herausrücken, und auch nur, nachdem man ihn zur Rede
gestellt, ihm das Messer an die Kehle gesetzt hat! Aber der Sache sollte bald
ein Ende gemacht werden! Klotilde würde sich wundern!
    In Klotildens Seele klang die Melodie von dem Walzer, nach dessen Takt sie
in seinen Armen, an seiner Brust durch den Saal geflogen war. Des geliebten
Mannes, der so gut walzen wie Komödienstücke schreiben konnte! Und dessen
schönes Haupt sie an dem Künstlertisch mit dem Lorbeerkranz hatte schmücken
dürfen, den Stephanie bereit gehalten! Die liebe Stephanie, die an Luckows Seite
so glücklich gewesen war, wie sie an der ihres Albrechts! Ein grässlicher Name!
Er sagt, sie nennen ihn in der Schule Siegfried! Der eitle Mensch! Der herzige
Narr! Die prächtigen Augen! Wie sie leuchteten, als er seine kleine Dankrede
hielt - mit halber Stimme, damit sie es an den andern Tischen nicht hörten -
vive la joie! vive l'amour! - lalala - lalala -la - la - la!
    Und wieder summte durch ihren Kopf die Melodie des Straussschen Walzers.
    Da hielt der Wagen! Schade! Es hatte sich so nett in der Ecke geträumt. Nun
war noch das obligate Nach-Gesellschaftsgespräch durchzustehen mit den
interessanten stereotypen, liebevollen Glossen über die grässliche Toilette von
der, der unglaublichen Frisur von der. Sie würde es heute kurz machen.
    Es scheint, Du willst noch länger aufbleiben, sagte sie, als man oben
angekommen war und das Mädchen auf dem Flur ihr Kapuze und Mantel abgenommen
hatte. Ich werde zu Bett gehen. Ich bin schrecklich müde.
    Wie nach Deiner Gesprächigkeit im Wagen zu vermuten stand.
    Ich wüsste nicht, dass Du mitteilsamer gewesen wärest.
    Vielleicht nicht, dass Du mitteilsamer gewesen wärest.
    Vielleicht wünschte ich für die Mitteilungen, die ich Dir zu machen habe,
eine geeignetere Zeit.
    Dann ist diese gewiss die ungeeignetste. Also, gute Nacht!
    Sie hatte aus dem Salon, in den sie eingetreten waren, die Wendung nach der
Tür gemacht, durch die man in das Speisezimmer und weiter zu ihrem Schlafgemach
gelangte. Er war ihr in den Weg getreten.
    
    Dennoch muss ich bitten, dass Du mir noch einige Minuten schenkst.
    Damit ich mich hier auf den Tod erkälte?
    Ich werde Dich nicht lange in Anspruch nehmen. Ich wollte Dir nur sagen, dass
ich Dein Benehmen heute abend - besonders bei Tisch - ich habe Dich von meinem
Platze aus sehr gut beobachten können - unter der Kritik finde.
    Dann würde ich es an Deiner Stelle nicht kritisieren.
    Und ich den Herrn Professor, hätte er die Frechheit, sich hier wieder sehen
zu lassen -
    Wenn er meinen Geschmack teilt, wird er sich hüten.
    - die Treppe hinunterwerfen werde.
    Du bist ganz sicher, dass Du heute abend nicht zu viel getrunken hast?
    Ich verbitte mir eine so anzügliche Bemerkung.
    Ich wüsste nicht, dass sie für einen Mann anzüglicher wäre, als die Du eben
Deiner Frau zu machen beliebt hast.
    Wenn ich sie allein gemacht hätte!
    Freilich! Herr von Fernau!
    Und andre.
    Die Du die Güte haben wirst, mir zu nennen.
    Da müsste ich die halbe Gesellschaft herzählen. Ich habe keine Lust, zu
warten, bis die andre Hälfte auch kommt.
    Also, worauf sollen alle diese Liebenswürdigkeiten hinaus?
    Ich habe es Dir bereits gesagt: darauf, dass ich eine Änderung, eine totale
Änderung Deines Benehmens in der Gesellschaft wünsche.
    Auch Deinem Herrn Minister gegenüber?
    Ich weiss nicht, was das hier zu tun hat.
    So will ich es Dir sagen: mein Benehmen in der Gesellschaft gefällt Dir
ausnehmend, wenn es Dir für Deine Absichten förderlich scheint. Die
einflussreichen Leute - und Du findest sie bekanntlich mit absoluter Sicherheit
heraus - dürfen mir den Kopf machen, Deinetwegen bis zur Unverschämteit. Dazu
die guten Freunde, gegen die man ein für allemal blind ist. Wagt ein andrer,
mich nicht zu übersehen, spielt man sich als Otello auf.
    Ich dächte, ich hätte Dir jede Freiheit gelassen.
    Ich danke für diese Sorte Freiheit, die weiter nichts ist als Sklavenarbeit
im Dienst des klugen Herrn, der recht gut weiss, was in unsrer Gesellschaft eine
junge Frau gilt, welche die Leute schön finden, und deren alter Adel für seinen
von gestern so treffliches Relief abgibt.
    Von gestern?
    Nun denn: von vor acht Jahren, als Dein Vater die Division bekam. Es hat
nicht gehindert, dass er heute a.D. ist. Alte Generäle, besonders, wenn sie nicht
reich sind, pflegen wenig Einfluss mehr zu haben.
    Ich wüsste nicht, was ich Deiner Familie zu verdanken hätte. Es müsste denn
sein, dass Du in ihr auf einem Fuss zu leben gelernt hast, der unsere Mittel weit
übersteigt.
    Ich bin Dir ja nie gut genug angezogen. Glaubst Du, dass Gerson mir meine
Toiletten um meiner schönen Augen willen liefert?
    Jedenfalls werde ich mir erlauben, auf seine Rechnungen und die Deiner
andern Lieferanten ein schärferes Auge zu haben als bisher.
    Das kann dann ja allerliebst werden. Ich möchte Dir einen andern Vorschlag
machen. Wir haben jetzt über vier Jahre Zeit gehabt, einzusehen, dass wir
schlechterdings nicht zu einander passen. Ich dächte, Du liessest mich meiner
Wege gehen und versuchtest es mit einer, die für Deine Liebenswürdigkeiten
empfänglicher ist.
    Die entsprechende Wahl Deinerseits hättest Du wohl bald getroffen.
    Da würde ja meine Sache sein.
    Auf deutsch: Du wünschst eine Scheidung?
    Ich glaube, mich deutlich genug ausgedrückt zu haben.
    Und das ist kein schlechter Scherz?
    Ich hielte ihn dann mindestens für einen sehr guten.
    Schlecht, oder gut - ich würde mich unter keinen Umständen auf ihn
einlassen. Ich habe keine Lust, meinen Namen, wenn er auch nicht so alt ist, wie
der Deine, durch die Gerichte gezerrt zu sehen und mich zum Gespräche der Stadt
zu machen.
    Es könnte Dir in der Carriere schaden?
    Deine Schnödeleien lassen mich völlig unberührt. Ich weiss, was ich mir
schuldig bin. Und nebenbei unsern Kindern, an die Du gar nicht zu denken
scheinst.
    »Nebenbei« ist ausgezeichnet. Ich denke nebenbei, dass Kinder von Eltern, die
ehrlich und mutig genug waren, sich zu trennen, als gegenseitige Abneigung ihnen
ein anständiges Zusammenleben unmöglich gemacht hatte, besser daran sind, als
von solchen, die sich nicht schämen, die miserable Lüge fortzusetzen. Wenn ich
ein Mann wäre, ich brächte es nicht fertig, eine Frau zurückzuhalten, die ihm so
deutlich gesagt hat, dass sie von ihm befreit sein will.
    Als ob die Frauen immer wüssten, was sie in ihrer Heftigkeit so herausreden!
    Ich bin durchaus nicht heftig, im Gegenteil vollkommen kühl. Ich habe es
sogar empfindlich kalt und muss dringend bitten, dieser lieblichen Unterredung
ein Ende zu machen.
    Du wirst morgen ganz anders denken und reden.
    Das werden wir ja sehen.
    Sie war von dem kleinen Sofa, auf welchem sie gesessen hatte, aufgestanden
und, die lange Schleppe ihres Kleides zusammenraffend, mit ein paar grossen
Schritten bereits an der Tür, die nach dem Flur führte.
    Wo willst Du hin? rief er.
    Sie wandte ihm ihr Gesicht zu. Es war bleich bis in die Lippen, mit dunklen
Rändern unter den starren, hohnvoll blickenden Augen.
    Du glaubst doch nicht, dass dieser Streit dasselbe erbärmliche Ende nehmen
soll, wie schon so mancher?
    Sie war zur Tür hinaus. Er hörte ihren Schritt über den Flur nach dem
kleinen Zimmer neben der Flurtür, in welchem sie ihre häufigen Logierbesuche
unterzubringen pflegten und das immer zum Empfang der Gäste bereit stand. Sollte
er ihr nachrennen? sie mit Gewalt zurückhalten? Aber sie würde vor keiner
schlimmsten Scene zurückschrecken; und es war auch schon zu spät: da ging die
Tür und der Schlüssel wurde umgedreht.
    Er begann im Salon auf und ab zu schreiten, in seiner ratlosen Wut sich an
den Möbeln vergreifend.
    So weit hatte es nicht kommen sollen; keinen Augenblick hatte er gedacht,
dass es so weit kommen könne. Sich scheiden lassen! Sie musste verrückt sein! Wenn
sich alle Leute scheiden lassen wollten, weil sie sich einmal gezankt haben oder
sich öfter zanken - und gerade in diesem Augenblick, wo ihm alles darauf
ankommen musste, dass sein Name nicht im Gerede war. Überhaupt, ein solcher
Unsinn! ein solcher haarsträubender Blödsinn! Fernau hatte recht; jetzt war es
sonnenklar, dass er recht hatte. Wenn es noch Fernau selbst wäre, oder irgend
einer von den andern - es liesse sich doch zur Not begreifen. Aber dieser
Schulfuchs! dieser lächerliche Pedant! Eine so grauenhafte Geschmacksverwirrung!
Es ist ja rein zum Lachen!
    Und Viktor lachte laut auf. Es klang ihm selbst hässlich; er biss die Zähne
aufeinander.
    Gut, Madame, gut! Man wird Ihnen ein paar Tage Bedenkzeit geben. Wenn Sie
sich dann nicht besonnen haben, wird man aus einem andern Tone mit Ihnen
sprechen. Mit Ihnen und Ihrem Schulmeister!
 
                              Sechzehntes Kapitel
Wie er zu Fuss gekommen, hatte Albrecht das festliche Haus verlassen, zusammen
mit einigen jüngeren Herren: Referendaren, Assessoren und zwei oder drei
Offizieren. Da man sich einmal zusammengefunden, wolle man auch zusammenbleiben.
Was solle man mit der angebrochenen Nacht! Unter den Linden werde schon noch ein
Café auf sein. Der Herr Professor müsse mit. Mitgefangen, mitgehangen!
    Die geplante Expedition führte Albrecht weit von seiner Wohnung in eine der
westlichsten Strassen. Aber sie hatten recht: was solle man mit der angebrochenen
Nacht, wenn einem das Herz so voll ist!
    Das Café des Linden-Teaters, zu dem man zuerst gelangte, war noch nicht
geschlossen, wenn auch, wie man sich überzeugte, als man eingetreten, in dieser
späten Stunde nur mässig besucht. Desto besser; so konnte man in respektvoller
Distanz von dem süssen Pöbel um so behaglicher plaudern. Es ging doch nach einer
solchen Strapaze nichts über ein vernünftiges Wort bei einer Tasse Kaffee mit
Cognac, oder auch einem Sherry-Cobbler, oder Glühpunsch und einer guten Cigarre!
    Ein famoser Abend das! Ein bisschen sehr eng und das Souper nicht ganz auf
der Höhe der Situation, aber, alles in allem, first rate! Man könne doch in der
Wahl seiner Frau nicht vorsichtig genug sein. Beispiel: der Direktor! Lieber
Gott, mit seinen Fähigkeiten - das sei auch nur so, so! la, la! aber wenn einer
einen Schwiegervater in der haute finance habe, und der mit seinen Millionen so
klug zu klimpern wisse, könne man es leicht zum Ministerialdirektor bringen und
solche routs geben. Nun schon der zweite in der kaum angefangenen Saison! Woran
es nur eigentlich mit der Verlobung von Fräulein Stephanie und Hauptmann von
Luckow hapre? Alle Welt habe geglaubt, sie werde heute proklamiert werden.
    An Luckow liegt es gewiss nicht, sagte ein Referendar. Barkis is willing.
    Einige lachten. Was heisst das? fragte ein blutjunger Lieutenant.
    Aber, Leisegang, Sie werden doch den Copperfield gelesen haben!
    Habe ich.
    Nur, wie es scheint, nicht englisch.
    Liegt ganz aus unsrer Schusslinie. Büffle jetzt furchtbar russisch. Verdammt
schwere Sprache.
    Keine gelehrten Unterhaltungen, Ihr Herren! rief ein Dritter. Um auf
Fräulein Stephanie zurückzukommen: sah heute grossartig aus.
    Die Sorbitz ist ihr doch über.
    Sie haben nun einmal ein faible für die Sorbitz.
    Sie etwa nicht?
    Wer keins für sie hat, hebe die Hand hoch! Da kein Widerspruch erfolgt,
erkläre ich Frau von Sorbitz für die Krone der Weiber.
    Und Fernau für den Beneidenswertesten der Sterblichen.
    Wenigstens gibt er sich die erdenklichste Mühe, es zu werden.
    Mir scheint, er hat in letzter Zeit merklich an Terrain verloren.
    Oder das Rennen aufgegeben.
    Sorbitz versteht in gewissen Dingen keinen Spass.
    Versteht er überhaupt welchen?
    Ich lasse nichts auf ihn kommen.
    Weil er Ihr Corpsbruder war!
    Allerdings. Und der Stolz des ganzen Corps. Er hat mindestens zwanzig
Mensuren gehabt, wobei ich noch zwei auf Pistolen nicht einmal mitrechne.
    Niemand zweifelt an seiner Bravour.
    Würde dem Zweifler auch schlecht bekommen. Er hat die Gewohnheit, seinen
Gegner mit ein paar Blutigen abzuführen.
    Was nicht hindert, dass er die Courmacher seiner Frau ein bisschen sehr frei
laufen lässt.
    Que voulez-vous? Er ist eben ein Mann von Welt.
    Na! jeder nach seinem Geschmack. Meiner wäre es nicht.
    Seien Sie überzeugt, dass Sorbitz verdammt genau weiss, wie weit er gehen
kann.
    Oder sie gehen lassen.
    Was in diesem Falle auf dasselbe hinauskommen dürfte.
    Haben Sie Monselet: »Les femmes« gelesen?
    Nein, warum?
    Es ist da eine reizende Geschichte: »Ma femme m'ennuie«, in welcher der
betreffende Unglückliche aus Langeweile auf die verrücktesten Einfälle kommt,
zuletzt auf den, einen Hühneraugenoperateur, der ihn in die Zehe geschnitten
hat, tot zu schiessen. Vor die Assisen gestellt, weiss er kein Wort zu seiner
Verteidigung vorzubringen, als: »Ma femme m'ennuie.«
    Was soll das hier?
    Man kann die Geschichte auch umkehren und »Mon mari m'ennuie« überschreiben.
Wo dann die aus Langeweile begangenen Tollheiten auf die Seite der Frau fallen.
    Der Sorbitz kann niemand etwas nachsagen.
    Was ich auch himmelweit entfernt bin, nur habe andeuten zu wollen.
    Was wollten Sie denn?
    Mit meiner Belesenheit Parade machen. Was sonst!
    Ich sage noch einmal: kein gelehrtes Gespräch, Ihr Herren!
    Es war in der Tat kein gelehrtes Gespräch, was nun folgte. Man war einmal
bei dem Kapitel der Frauen, und zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht muss da
unter jungen Leuten ein freies Wort erlaubt sein. Man machte von dieser Freiheit
sattsamen Gebrauch. Was den Herren an Reife der Jahre etwa fehlte, schienen sie
durch die Vielseitigkeit ihrer Erfahrung mehr als gutgemacht zu haben. Die
bedenklichsten Geschichten wurden erzählt; die ungeheuerlichsten Behauptungen
aufgestellt. Wenn man den Herren glaubte, musste man die Existenz einer ehrbaren
Frau für eine Fabel halten. Und doch sind dies Leute, sagte sich Albrecht, denen
man Geist und Verstand und Bildung nicht absprechen kann, und die doch auch
Mütter und Schwestern haben.
    Er sagte es sich aber bereits auf dem Heimweg, nachdem er bis drei Uhr
ausgehalten und sich dann unter dem Vorwand, dass er morgen zu früher Zeit in
seine Schule müsse, verabschiedet. Weshalb er nur mitgetrottet war? Was ging ihn
diese Gesellschaft an? So wenig, wie er sie. Nicht mit einer Wendung hatte man
seine dramatischen Leistungen von heute abend auch nur gestreift; nicht ein Wort
war über Litteratur und Kunst gesprochen worden! Dagegen musste er die
Zusammenkünfte mit seinen Kollegen, die wahrhaftig keine Lichter waren,
Festmahle des Geistes nennen.
    Und sie! sie gehörte denn doch auch in diesen Kreis blaublütiger Junker und
ihnen ebenbürtiger Weiber. Die hochnasige Verachtung der bürgerlichen Plebs, die
Überzeugung von ihrem adligen Gottesgnadentum, die Verrannteit in ihre
engherzigen Vorurteile, die Wichtigtuerei mit ihren Kirchturminteressen - es
war ja doch die Atmosphäre, in der sie aufgewachsen war! Und dass man sie völlig
zu der Clique rechnete, hatte die Impertinenz bewiesen, mit der man von ihr
sprach: »die Sorbitz!« Himmel und Hölle! Als es zuerst sein Ohr traf, er glaubte
sich verhört zu haben. Und dann wieder und wieder: »die Sorbitz!« Als ob man von
der ersten besten Komödiantin spräche! Sie waren alle halb betrunken gewesen!
Ich auch. Ich hätte sonst diese Blasphemien nicht so geduldig mit angehört;
hätte diese Burschen - wo bin ich denn eigentlich?
    Er stand still. Die Strasse, in der er sich befand, kam ihm ganz fremd vor.
Dann entzifferte er in dem Flackerlicht einer Laterne an der Ecke mühsam den
Namen. Es war nicht so schlimm: nur ein geringfügiger Umweg. Aber seine Uhr
hatte auf beinahe vier gewiesen. Wenn Klara doch aufgeblieben wäre! Er hatte sie
so dringend gebeten, diesmal von ihrer Gewohnheit abzuweichen: er sei gewiss, es
werde sehr spät werden. Dennoch -
    Richtig! Da oben in den Fenstern seines Arbeitszimmers noch Licht! Und vor
der Haustür eine Droschke!
    Jäher Schreck durchrieselte ihn.
    Wen haben Sie gefahren?
    Der Kutscher raffte sich mühsam aus seinem Halbschlaf auf.
    Weiss nicht. Wird wohl ein Doktor sein. Ich soll warten.
    Wo haben Sie ihn abgeholt?
    Gar nicht. Er hat mich auf der Strasse angerufen. Ein Mädchen war bei ihm.
    Albrecht hatte genug gehört. Sein Rausch war völlig verflogen. Im ganzen
Hause war kein Licht, ausser bei ihm.
    Hastig schloss er auf. Ein Glück, dass er jede Stufe seiner drei Treppen so
genau kannte: die kleine Lampe, die ihn sonst erwartete, war nicht da, und in
dem Hause war es grabfinster. Die Tür zu seinem Flur brauchte er nicht
aufzuschliessen, sie stand offen und auf dem Tischchen unter dem Spiegel die
unten vermisste Lampe. Er warf den zusammengedrückten chapeau claque auf das
Tischchen - Paletot und Galoschen auszuziehen liess er sich keine Zeit - und
stürzte in sein Zimmer. An dem Schreibtisch beim Schein der Studierlampe sass
einer und schrieb - sein Hausarzt.
    Der wandte jetzt den Kopf, blickte dann wieder auf das Papier und erhob
sich.
    Guten Abend, oder vielmehr guten Morgen, lieber Professor! Wir haben hier
inzwischen eine böse Zeit gehabt. Glücklicherweise ist es nicht ganz so schlimm,
wie Ihre Frau fürchtete.
    Baby?
    Nein, Helenchen. Ihre Frau glaubte: Diphteritis. Ich, offen gestanden, im
ersten Moment auch. Aber wir werden wohl mit einer gründlichen Halsentzündung
davonkommen.
    Klara war plötzlich im Zimmer, Albrecht hatte sie nicht eintreten hören.
    Bist Du endlich da? - Kann das Mädchen gehen?
    Ich habe meine Droschke noch unten; muss so wie so an der Apoteke vorüber
und nehme am besten Auguste, so heisst sie ja wohl? - gleich mit. Sie soll dann
selbstverständlich auf das Rezept warten und die Droschke zur Rückfahrt
benutzen. Es liegt mir daran, dass Helenchen die Medizin möglichst schnell
bekommt.
    Aber dann müssten Sie gehen.
    Das tut nichts; ist auch nicht so weit. Vorläufig wollen wir noch mal nach
der Kleinen sehen.
    Man ging nach dem Kinderzimmer, in welchem jetzt auch Klara mit Baby
schlief. Das Bettchen von Fritz und die Wiege waren entfernt.
    Es ist in solchen Fällen immer gut, wenn man vorsichtig ist, sagte der
Doktor im Flüsterton.
    Er hatte sich über die kleine Kranke gebeugt und richtete sich nach einer
halben Minute wieder auf.
    So! Es bleibt also dabei, Frau Professor. Und was ich sagen wollte -
    Er gab noch einige Verhaltungsmassregeln und ging dann, während Klara bei dem
Kinde blieb, mit Albrecht über den engen Korridor in das Vorderzimmer zurück.
    Liegt Gefahr vor, Doktor?
    Lieber Freund, Gefahr - das ist für uns Ärzte ein weites Wort.
    Ich meine: müssen wir uns auf das Schlimmste gefasst machen?
    Nach meiner Philosophie sollte man das eigentlich immer. In diesem
speciellen Falle brauchen wir nicht ganz so stoisch zu sein. Ist das Mädchen da?
Na, also gute Nacht. Ich komme morgen, oder heute früh, wahrscheinlich schon um
neun. Noch eins! Sie haben eine verständige, tapfere kleine Frau. Bringen Sie
mir sie nicht aus dem Text! - Das war wohl heute ein grosser Zauber?
    Ich mag nicht daran denken.
    Ja, das Leben gefällt sich in Kontrasten. Auf Wiedersehen morgen!
    Doktor Ribbeck stieg mit dem Mädchen die Treppen hinab; Albrecht war wieder
im Studierzimmer. Er griff sich mit beiden Händen an den brennenden Kopf: O,
Gott, Gott, straf' mich nicht so hart! Nimm mir meinen Liebling nicht!
    Er entledigte sich jetzt der Galoschen; den Paletot behielt er an. Ihn
fröstelte. Wer setzt sich auch im Ballanzuge an das Bettchen seines todkranken
Kindes? und seine Hauskleider befanden sich in dem Zimmer, in welchem jetzt die
beiden andern Kinder schliefen. So geräuschlos er konnte, schlich er in das
Krankenzimmer zurück. Klara sass an dem Bettchen; er nahm den Stuhl, auf dem der
Doktor vorhin gesessen hatte. Von dem Licht der verhüllten Lampe auf dem
Tischchen zwischen den Fenstern kam nur ein schwacher Schein, aber hell genug,
dass er sehen konnte, wie die Bäckchen des Kindes brannten. Es warf sich unruhig
im Halbschlaf hin und her und murmelte von Zeit zu Zeit abgerissene,
unverständliche Worte.
    Wann hat es angefangen? fragte er flüsternd.
    So um halb elf. Ich machte zuerst nichts daraus. Schien auch besser zu
werden. Aber um zwei -
    Das Kind hatte plötzlich laut aufgeschrieen; Klara legte ihm eine frische
Kompresse auf das Köpfchen. Albrecht hatte für einen Moment seine Hand auf eins
der winzigen heissen Händchen gelegt. Nun sassen sie sich wieder gegenüber. Klara,
nur Ohr und Auge für das Kind, fuhr in ihrem Bericht nicht fort; er mochte nicht
weiter fragen.
    Um halb elf! Da musste es gewesen sein, als sie sich hinter der
vorgeschobenen Coulisse küssten! Um zwei! da war er, trunken von Liebe und Wein,
auf die Strasse getreten, um mit den angezechten jungen Gesellen in die Kneipe zu
gehen, anstatt nach Hause zu seinem kranken Kinde zu eilen. Mein Gott, er hatte
ja nicht gewusst, dass es krank war; es nicht wissen können, und - das Leben
gefällt sich in Kontrasten! Aber, wenn dieser hier so ein schauerliches Gesicht
zeigte, es war doch seine Schuld!
    Und hätte er wenigstens seine Schuld ehrlich bereut; aber, was er als das
wahrhaft Grässliche deutlich empfand, war, dass er es nicht konnte! Dass die
Erinnerung der süssen, sündigen Stunden sich nicht bannen liess! Dass er das Bild
der schönen verführerischen Frau, die er in seinen Armen gehalten, deren Busen
an seiner Brust geklopft, vergleichen musste mit ihr, die da vor ihm sass,
bleichen, unschönen, in der Sorge versteinerten Gesichtes, das schlichte,
glanzlose blonde Haar verwirrt um den viereckigen Kopf, in ihrem abgetragenen,
schief geknöpften Schlafrock, an den grossen Füssen die ausgetretenen
Morgenschuhe!
    Es half nicht, dass er die Augen schloss: dann sah er sie beide erst recht
deutlich nebeneinander; den schlanken Hals sogar von der andern und die
feingerundeten aristokratischen Schultern und den Busen, dessen Schönheit der
weite Ausschnitt des Ballkleides mehr als ahnen liess.
    Du bist todmüde und hier helfen kannst Du mir doch nicht, sagte Klara.
Morgen ist überdies Dein früher Schultag.
    Lass mich wenigstens Augusten abwarten!
    Ich hab' ihr schon gesagt, dass sie Dir auf Deinem Sofa ein Bett zurecht
machen soll, so gut es geht.
    Das Mädchen kam mit der Medizin, die Klara dem Kinde eingab. Nicht ohne
grosse Mühe: das Kind wollte den Trank nicht nehmen; Albrecht machte einen
ungeschickten Versuch, ihr zu helfen; Klara wurde ungeduldig.
    Tu' mir den Gefallen und geh'! Du stehst hier wirklich nur im Wege.
    Er ging, von ihrem rauhen Wort beleidigt. Es war immer dasselbe; sie hatte
eben keine Formen, keine Spur von Anmut, keine Ahnung davon, dass der Ton die
Musik macht.
    Und so ins Unabsehbare weiter leben müssen, an der Seite einer anmutlosen
Frau, mit den ewigen Kindersorgen, Schulsorgen, Nahrungssorgen - dem Raubzeug,
das dem Prometeus das Herz ausfrisst, während er verzweifelt an den
unzerreissbaren Ketten zerrt!
    Und Prometeus ist ein Gott und hat an den goldenen Tischen mit den andern
Göttern geschwelgt in Ambrosia und Nektar! -
    Er stand am Fenster und starrte hinaus. Über den hohen Dächern der
gegenüberliegenden Häuser dämmerte bereits der Morgen herauf.
    Der Morgen, der nichts besser machen würde - nichts!
 
                              Siebzehntes Kapitel
In seiner Hoffnung, Klotilde werde an dem nächsten Tage anderen Sinnes sein, sah
Viktor sich getäuscht. Auch die folgenden brachten keine Besserung des
Verhältnisses. Zwar die Zankscene der Nacht wiederholte sich nicht; es war auch
keine Veranlassung dazu: Klotilde hüllte sich in eisiges Schweigen; er
seinerseits hütete sich, einen Streit von neuem zu beginnen, in welchem er
keineswegs sicher war, nicht den Kürzeren zu ziehen. Und doch hätten sie gerade
in diesen Tagen, die zufällig keine Gesellschaften brachten, reichlich Zeit zu
einer Aussprache gehabt. Dafür wechselten sie bei Tisch ein paar gleichgültige
Worte, und auch die nur, solange die Dienstboten ab- und zugingen. Nach Tisch
zog sich Klotilde in ihren Salon zurück, den sie für den Abend nicht wieder
verliess, um sich, meistens sehr zeitig, in ihr improvisiertes Schlafgemach zu
begeben, das sie inzwischen mit den nötigen Toilettengegenständen ausgestattet
hatte. Wie Viktor auf seine diskrete Nachfrage erfuhr, war den Dienstboten das
neue Regime dahin erklärt worden, das »die gnädige Frau an einem bösen
nächtlichen Husten leide und den Herrn um den Schlaf bringe, welchen er, bei
besonders schwerer Arbeit, gerade jetzt notwendig brauche.« - So hatte sie doch
wenigstens den Leuten gegenüber den Schein zu bewahren gesucht!
    Aber welches waren ihre wirklichen Absichten?
    Darüber zerbrach sich Viktor den Kopf, und je länger und eifriger er des
Rätsels Lösung zu finden suchte, desto dunkler wurde es ihm. Mein Gott, ja! sie
waren von Anfang an recht oft sehr verschiedener Meinung gewesen und hatten
daraus nie ein Hehl gemacht. Im übrigen war doch ihre Ehe nicht besser und nicht
schlechter, nicht behaglicher oder unbehaglicher als die aller seiner Kollegen
und sonstigen näheren Bekannten. Eher noch ein wenig, wenn nicht inniger, so
doch einiger hinsichtlich alles dessen, was ihm in seiner Carriere förderlich
sein konnte, wo es Klotilde nie an sehr verständigen Ratschlägen und
tatkräftiger Unterstützung hatte fehlen lassen. Dass die relative Enge ihrer
ökonomischen Verhältnisse sie manchmal ungeduldig machte, ja, lieber Himmel, er
hätte auch gern die Ellbogen freier gehabt! Schliesslich hatte sie doch gewusst,
dass er kein reicher Mann war, es auch nie werden konnte; und die Zuschüsse, die
sie von seinem Vater erhielten, waren um ein namhaftes reichlicher und liefen
vor allem sehr viel regelmässiger ein, als die ihres Vaters, der die unangenehme
Gewohnheit hatte, die Quartalsdaten zu vergessen.
    Schliesslich blieb nur ein Erklärungsgrund ihrer Tollheit, ein völlig
ungeheuerlicher freilich. Aber wie hätte er sich nicht immer wieder herzudrängen
sollen, wenn alle andern etwa möglichen sich bei nur einigermassen genauerer
Prüfung als hinfällig erwiesen?
    Viktor hatte diese Zweifelssorgen drei Tage lang mannhaft still getragen,
immer bei sich erwägend, ob er nicht Elimar ins Vertrauen ziehen sollte. Elimar
war klug und die Diskretion selbst. Aber Viktor glaubte mit Sicherheit zu
wissen, es habe seiner Zeit nur wenig gefehlt, so hätte Klotilde jenen und nicht
ihn geheiratet. Da war denn auf ein unbefangenes Urteil bei dem Manne in dieser
Sache nicht zu rechnen. Fernau? Sonst wäre Fernau sicher der Rechte gewesen,
aber seit der unerquicklichen Scene zwischen ihnen neulich an dem Abend bei
Sudenburgs - Und wiederum, hatte der Freund, wie Klotilde behauptete, seine
Courmacherei zu weit getrieben, so war es ein seiner diplomatischer Zug, den
Nebenbuhler gegen den Nebenbuhler auszuspielen. Unbefangen würde seine
Auffassung der Sachlage wohl noch weniger sein, als die Elimars; aber weshalb
nicht von der Scharfrichtigkeit des Hasses profitieren?
    Und da wollte der Zufall, dass er am vierten Tage mit Fernau zusammentraf,
als sie nach den Bureaustunden das Amt, in welchem beide gemeinschaftlich, wenn
auch in verschiedenen Abteilungen, arbeiteten, zu gleicher Zeit verliessen.
    Sie hatten, sich erblickend, beide einen Moment gestutzt, waren dann aber,
ein etwas gezwungenes Lächeln um die Lippen, mit ausgestreckten Händen
aufeinander zugegangen.
    Sieh' da, mon brave! sagte Fernau. Haben uns ja in einer Ewigkeit nicht
gesehen! Wie geht's?
    Nicht zum besten, erwiderte Viktor.
    Etwas mit dem Alten?
    Auch das. Er kann sich noch immer in den neuen Kurs nicht finden.
    Der Ihnen doch auch gegen den Strich geht.
    Man laviert eben. Aber das macht mir weiter keine Schmerzen.
    Was sonst?
    Sie waren aus der Wilhelmstrasse in die Vossstrasse gebogen.
    Werden Sie fahren? fragte Viktor, mit einem Blick nach dem Droschkenstande.
    Ich hatte nicht die Absicht. Aber wenn Sie wollen -
    Gar nicht.
    Also: andiamo!
    Der lange Weg nach Hause war bis auf ein kleines für beide derselbe. Fernau
hatte durchaus das Gefühl, dass Viktor eine Fortsetzung ihrer letzten
Auseinandersetzung wünsche. Ihm kam es gelegen; war ihm die Sache während dieser
letzten Tage doch ebenfalls sehr durch den Kopf gegangen!
    Hören Sie, Sorbitz, sagte er, nachdem sie eine Minute schweigend
nebeneinander hingeschritten waren; es ist zwischen uns nicht alles so klar, wie
es zwischen guten Freunden sein sollte. Ich kann Ihnen nur auf Ehrenwort
wiederholen, was ich Ihnen neulich abends bereits gesagt habe, dass -
    Sie brauchen nicht weiter zu sprechen, unterbrach ihn Viktor. Ich habe mich
längst überzeugt, dass man mich geflissentlich auf Sie gehetzt hat, um -
    Sie auf eine falsche Fährte zu bringen. Ganz meine Meinung.
    Aber, um Gottes willen, Fernau, das ist doch ganz unbegreiflich, total
verrückt! Was kann sie an dem Menschen finden?
    Lieber Sorbitz, wer lernt diese fin-de-siècle-Frauen aus? Es ist da alles
Nerven, Idiosynkrasien, Illusionen perdues oder à perdre, falsche Appetite - was
weiss ich. Nehmen wir an, man hat sich an Kuchen übergessen und schwelgt in dem
Gedanken, wie himmlisch es sein müsste, wenn man die weissen Zähne so einmal in
Schwarzbrot vergraben könnte. Solche Anfälle gehen vorüber - glauben Sie mir!
    Sie haben gut reden. Sie sind nicht verheiratet. Sie wissen nicht, wie
unsereinem ein solcher Anfall zu Haus und Hof kommt, besonders wenn er so
lächerrlich akut ist, wie dieser.
    Also erzählen Sie mir, was ist geschehen! Ich brauche Sie nicht zu
versichern, dass Sie sich auf meine Diskretion unbedingt verlassen können.
    Würde ich sonst von der vertrackten Geschichte angefangen haben! Die Sache
ist aber die -
    Und Viktor berichtete ziemlich getreu seinen Zank mit Klotilde in der
Ballnacht, und wie sich die ehelichen Verhältnisse seitdem gestaltet hatten. Nur
von einem gewissen Arrangement zu sprechen, das Klotilde zu treffen beliebt,
fand er nicht den Mut und wollte die ziemlich deutliche Anspielung Fernaus auf
die nicht ganz ungewöhnliche Metode der Herbeiführung einer Verständigung in so
verzweifelten Fällen lieber nicht verstehen.
    Man war bis zum Potsdamer Platz gelangt.
    Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Sorbitz, sagte Fernau. Da steht ein
Dienstmann. Schreiben Sie Ihrer Frau auf einer Karte: Sie können heute nicht zu
Mittag kommen. Basta! Und lassen Sie uns im Palast-Hotel dinieren. Ich selbst
bin noch nicht dagewesen; aber es soll sehr gut sein.
    Wozu dann noch die Karte?
    Bitte sehr! Immer die Form bewahren! Darin liegt eine ungeheure Macht. Die
Weglassung jedes Entschuldigungsgrundes wird die Demonstration für Ihre Frau
verständlich genug machen.
    Der Dienstmann war mit der Karte seines Weges geschickt; die Herren waren in
das Hotel getreten und hatten in dem Restaurant bald die ihnen zusagenden Plätze
entdeckt. Fernau, als vielerfahrener Junggesell, übernahm die Zusammenstellung
des Menü und die Auswahl der Weine. Er war in der behaglichsten Stimmung. Je
länger er Zeit gehabt hatte, über die Angelegenheit nachzudenken, desto schwerer
war es ihm geworden, den »Schulmeister« ernstaft zu nehmen. Die Sache hatte
entschieden keine tiefere Bedeutung als die eine, ihm sehr genehme: das
Verhältnis zwischen den beiden Gatten war wirklich so schlecht, wie er es sich
nur immer wünschen konnte und wünschen musste, sollte seiner Liebe Müh nicht
vergeblich gewesen sein. Wer konnte sogar wissen, ob die kluge Frau das
Techtelmechtel mit dem Schulmeister nicht arrangiert hatte, Viktor von der
richtigen Fährte abzubringen! Und den schlimmsten Fall gesetzt: sie hatte
wirklich ein momentanes Faible für den Menschen, das müsste doch sonderbar
zugehen, wenn ihm es nicht gelänge, sie zur Raison zu bringen, über ihre
Verblendung lachen zu machen - in seinen Armen natürlich!
    Aber er hütete sich wohl, Viktor von diesen seinen wirklichen Empfindungen
und Gedanken auch nur das mindeste merken zu lassen; ein Bruder konnte um den
Bruder nicht besorgter sein, als er es um den Freund war. Dergleichen könne peu
à peu zu ganz ungeheuerlichen Konsequenzen führen, wenn man nicht rechtzeitig
vorbeuge. Hier heisse es durchaus: principiis obsta! Und Viktor möge die
schrankenlose Freiheit bedenken, in der seine Frau aufgewachsen sei! Ein Mädchen
auf dem Lande, in den breiten Verhältnissen, an der Seite von ein paar
leichtsinnigen Brüdern und einem Vater, der noch jeden Augenblick geneigt sei,
von vorn anzufangen! Mein Gott, man kenne doch diese jungen Damen! Sie seien
überall dieselben: hinten in Ostpreussen, wie in Pommern, oder Hannover. Tags
über im Sattel; Nacht für Nacht in Gesellschaft auf diesem oder jenem Gute zehn
Meilen in der Runde. Und hernach die Pension, wo sie lernten, was sie etwa
wirklich noch nicht wüssten! Aus dem allen mache er ja keiner einzelnen einen
Vorwurf - Gott bewahre! Aber man müsse die lieben Dinger nun einmal nehmen, wie
sie seien!
    Habe ich das etwa nicht getan? rief Viktor, der, ohne es zu merken, den
Wein beinahe allein trank. Habe ich meiner Frau nicht jede Freiheit gelassen?
Ich glaube, liberaler als ich gewesen bin, kann man nicht sein.
    Ja, lieber Freund, erwiderte Fernau, die Augenbrauen in die Höhe ziehend,
nun kommen wir zu der anderen Seite der Medaille. Sie haben ihr zu viel Freiheit
gelassen, viel zu viel. Ein Vollblutfüllen - Sie verzeihen mir den Vergleich! -
will eben anders behandelt sein als ein gewöhnliches. Es will leicht geführt
sein; dann aber muss es auch gegebenen Falles fühlen, dass sein Reiter eine Faust
von Eisen hat.
    Sprechen wir nicht in Bildern! bleiben wir bei der Wirklichkeit! Sie werden
nun gewiss sagen: ich solle das ihr bis jetzt gewährte Mass der Freiheit
einschränken. Das ist leichter gesagt als getan. So ist sie nach wie vor des
Morgens stundenlang in der Stadt; ich habe keine Ahnung, wo, obgleich es mir
sehr unbehaglich ist. Ich kann sie doch nicht einsperren, wie ein Schulmädchen,
das nicht gut tun will!
    Das können Sie freilich nicht; aber vielleicht diese Ausflüge ein wenig
kontrollieren.
    Wie das, wenn ich gerade während dieser Zeit auf dem Amt festsitze?
    Auf Ihre Leute haben Sie keinen Verlass?
    Ich traue keinem über den Weg. Meine Frau hat sie alle an ihrer Schleppe.
Und wenn auch nicht - ich kann sie nicht hinter ihr herschicken!
    Fernau nippte bedächtig an seinem Sekt.
    Da bleibt nur noch ein Detektive.
    Viktor hatte längst über Gebühr getrunken; das Wort machte ihn doch stutzig.
    Sie sind nicht recht gescheit, Fernau, sagte er nach einer Pause, während
der er sein Gegenüber zornig angestiert hatte.
    Einen Privat-Detektive selbstverständlich, fuhr Fernau ruhig fort. Lieber
Himmel, wir Deutsche sind so schwerfällig - verzeihen Sie mir, lieber Sorbitz!
Aber ein Londoner oder Pariser in dem analogen Fall brauchte nicht erst durch
einen Freund an dieses nächstliegende und unverfänglichste Hilfsmittel erinnert
zu werden. Ich will Ihnen nur gestehen, dass ich mich seiner bereits wiederholt
und mit bestem Erfolge bedient habe. Nach ein paar Tagen wusste ich stets, was
ich zu wissen wünschte. Die Leute sind treu wie Gold und verschwiegen wie das
Grab. Auch brauchten Sie gar nicht ins Spiel zu kommen: ich nehme das Ganze auf
mich.
    Viktor schenkte sich ein Glas voll und trank es auf einen Zug leer. Er war
offenbar schon halb gewonnen.
    Und dann sehen Sie, Sorbitz, ich würde Ihnen den Rat nicht geben, wenn ich
glaubte, der Mann würde entdecken, was Sie in der exceptionellen Stimmung, in
der Sie nun einmal sind, fürchten. Ich bin wie von meinem Leben überzeugt, dass
er nichts entdecken wird. Nun, und dann haben Sie Ihre Ruhe wieder. Mir deucht,
bei Gott, ein solcher Gewinn ist die lumpigen paar hundert Mark wert. Was sagen
Sie zu meiner Idee?
    Sie könnten den Mann besorgen?
    Einen absolut sichern Menschen.
    Und instruieren?
    Ich übernehme alles und jede Garantie dazu.
    Und Sie werden mich hinterher nicht auslachen? denn, offen gestanden, ich
komme mir doch bei der Geschichte ein wenig sehr -
    Lieber Freund, das ist mir das erste Mal genau so gegangen: ich kam mir auch
»sehr« vor. Hinterher macht man sich ein Kompliment über seinen Verstand zur
rechten Zeit. Also abgemacht?
    Meinetwegen.
    Bravo! Und nun lassen Sie uns noch eine -
    Keinen Tropfen mehr!
    Wie Sie wollen. Also: den Mokka, Kellner, und Ihren besten Hennesi!
 
                              Achtzehntes Kapitel
Um dieselbe Zeit, als Fernau und Viktor sich vor ihrem Amte in der Wilhelmstrasse
trafen, war Klotilde in der Mauerstrasse bei Adele vorgefahren. Sie wusste, dass
Elimar an diesem Tage - einem Mittwoch - stets erst um sechs Uhr nach Hause kam.
So war sie sicher, Adele allein zu finden.
    Sie hatte die Klingel gezogen und stand wartend mit einer finsteren Miene,
die sich jäh in ein graziöses Lächeln verwandelte: Adele selbst war es, welche
die Tür geöffnet hatte.
    Klotilde, Du! Um diese Stunde? Es ist ja Eure Essenszeit!
    Ich habe mich heute bei Sudenburgs zu Tisch gebeten.
    Und Dein Mann?
    Muss einmal allein essen. Ich denke, es wird ihm darum nicht weniger gut
schmecken.
    Na, ja! Du hast eine perfekte Köchin, wie sie es hier nennen. Ich - Du
siehst, ich bin in der Küchenschürze.
    Ich störe Dich?
    Ganz und gar nicht. Wir essen heute »Verklebtes« - echt magdeburgisch, weisst
Du. Das kocht sich allein. Und bei Sudenburgs hast Du Dich angemeldet?
    Die Damen waren in das Wohnzimmer getreten; Adele hatte Klotilde den Mantel
abgenommen und sich zu ihr auf das Sofa gesetzt.
    Du weisst natürlich nichts von dem grossen Ereignis: Stephanie hat sich mit
Luckow verlobt.
    Adele legte beide Hände auf Klotildes Kniee:
    Ist es möglich!
    Hast du nichts davon gewusst?
    Doch, doch! alle Welt sprach ja davon, am Sonnabend schon. Aber es sollte ja
noch in weitem Felde liegen.
    Nur bis Luckow Hauptmann erster Klasse wurde. Gestern hat er das Patent
erhalten. Stephanie meldete es mir vor einer Stunde per Rohrpost. Du begreifst,
dass ich, als ihre beste Freundin, heute bei dem Verlobungsdiner nicht fehlen
darf.
    Freilich! selbstverständlich! sagte Adele, im stillen verwundert, weshalb
sich dann Klotilde erst hatte zu Tisch bitten müssen, anstatt gebeten zu werden.
Aber in Berlin war alles anders als in Magdeburg.
    Warum sie nur so lange gewartet haben? fragte sie; ich denke, Sudenburgs
sind so reich?
    Aber Luckow will nicht direkt abhängig sein, was ich ihm nebenbei nicht
verdenken kann. Diese Abhängigkeit ist im Grunde schauderhaft. Und dann: reich!
Ja, Kind, das ist ein sehr relativer Begriff. Wenn man, wie Sudenburgs, zwei
Söhne hat, die Offiziere sind - davon weiss mein Papa ein Lied zu singen! Er
klagt Gott und die Not, was ihn Ernst und Otto in Bonn und Düsseldorf kosten.
Und ich, armes Wurm, muss natürlich warten und warten, bis die Reihe auch mal an
mich kommt. Ach, Kind, es ist ein grosses Ding, reich zu sein - steinreich!
    Ich weiss nicht, sagte Adele; ich denke es mir eigentlich schrecklich. Und
Elimar auch. Die armen Reichen, sagt er immer. Aber Du hattest es doch in der
Hand, reich und sogar steinreich zu sein. Warum hast Du damals Kurt Platow nicht
genommen?
    Klotilde lachte.
    Lieber Schatz, wenn Du es durchaus wissen willst: er war so fürchterlich
dumm. Ich abominiere dumme Menschen. Und seine Dummheit hätte ich ihm vielleicht
noch verziehen; aber seine antediluvianischen Westen und gestreiften
Beinkleider, die konnte ich ihm nicht verzeihen. Es war wirklich au fond eine
Kleiderfrage. Und da er durchaus seinen Schneider nicht wechseln wollte, was
konnte ich tun, als ihn zu Klarisse Gardewitz schicken, die in diesen Dingen
vielleicht weniger difficil war?
    Der arme Mensch! Er hat vier Jahre gebraucht, ehe er Dich soweit vergessen
konnte, sagte Adele kopfschüttelnd.
    Giebt es einen stärkeren Beweis für seine Dummheit?
    Klotilde, versündige Dich nicht! Danke lieber Gott, dass Du bei Deiner Art zu
denken, noch einen so guten Mann bekommen hast.
    Da wären wir ja endlich so weit, sprach Klotilde bei sich.
    Sie richtete sich aus ihrer Sofaecke auf, blickte ihre Cousine scheinbar
forschend an und sagte in einem andern Ton der Stimme, als sie bis jetzt
gesprochen:
    Das ist wirklich Dein Ernst?
    Was?
    Das mit dem »guten Mann«?
    Ist er das etwa nicht?
    Und Du glaubst auch, was ich Dir neulich gesagt habe? dass wir uns niemals
zanken?
    Ja, tut Ihr es denn?
    Klotilde lachte höhnisch auf, wurde aber sofort wieder ernst. Es war eine
falsche Note gewesen. Wenn sie ihre Absicht erreichen wollte, durfte Adele nur
die Hälfte von der Wahrheit erfahren.
    Liebes Kind, sagte sie, wie konntest Du meine Prahlerei nur einen Augenblick
ernst nehmen! Viktor ist wirklich ein guter Mann in seiner Weise; aber darum
zanken wir uns gelegentlich doch, gerade wie andere Leute. Wir haben uns sogar
am Sonnabend nach dem Ball ganz fürchterlich verzankt, so, dass wir heute noch
auf dem Kriegsfuss gegeneinander stehen.
    Ist es möglich? aber warum denn?
    Elimar ist nicht eifersüchtig?
    Nicht die Spur. Ich gebe ihm aber auch keine Veranlassung dazu.
    Das klingt, als ob Du sagen wolltest: natürlich! Du giebst Deinem Mann
welche.
    Fällt mir gar nicht ein. Ich habe nur sagen wollen: ich bin ein so einfaches
Menschenkind; in mich vergafft sich so leicht keiner.
    Du weisst, wie man Dich in dem Sudenburg'schen Kreise getauft hat?
    Keine Ahnung!
    Die Oase.
    Adele blickte ihre Cousine stumm mit verwunderten Augen an.
    Du weisst doch, was eine Oase ist: die Stellen in der Wüste, wo Wasser quillt
und alles grünt und blüht und duftet und die Vögel singen. So, als eine solche
grüne Insel in dem Sandmeer, erscheinst Du unsern - - Kamelen, hätte ich beinahe
gesagt.
    Adele lachte herzlich.
    Das ist ja reizend!
    Nicht wahr? Aber wenn Du nun mit Deinem Mann nach Hause kommst, und er
schlägt die Arme übereinander, misst Dich von oben nach unten mit einem Blick,
wie ein Grossinquisitor, und sagt mit eisiger Kälte: Ich habe gehört, Madame, man
nennt Sie in der Gesellschaft »Oase«. Ich verbitte mir das. Wenn es noch einmal
passiert, lasse ich mich von Ihnen scheiden.
    Das hätte Viktor gesagt?
    Närrchen, ich bin doch nicht die Oase! Ich bin eine ganz simple Frau, die
schön zu finden hier und da mal einer dumm genug ist.
    Aber, Herz, alle Männer finden Dich schön. Darüber ist doch nur eine Stimme.
Am Sonnabend, im zweiten Walzer - Du tanztest den ersten mit ihm, wenn Du Dich
erinnerst - hat Professor Winter zu mir gesagt: Ist sie nicht wunderbar schön?
Ist sie nicht wie eine - - kann er Ballade gesagt haben?
    Klotilde fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Er hatte es ihr
selbst gesagt: traumhaft schöne Ballade! Der liebe Mensch! Und nun durfte sie ja
auch zur Sache kommen.
    Sieh, sieh, mein kleines Professorchen, das sein Herz so auf dem
Präsentierteller trägt! Ja, Liebchen, da wird mir freilich klar, wie Viktor auf
die absurde Idee hat kommen können.
    Er glaubt doch nicht etwa -
    Ja, mein Schatz, er glaubt allen Ernstes, dass der Professor in mich verliebt
ist - was ich ja nebenbei gar nicht in Abrede stellen will - wir armen Frauen
können doch nichts gegen die Verliebteit der Männer! - Und wenn Viktor dabei
stehen bliebe; aber - es ist wirklich zu albern.
    Er glaubt, dass Du -
    Er glaubt, dass ich - sprich es nur aus!
    Dass Du - nun ja, wunderbar schöne grosse Augen hat er.
    Mein Gott, fängst Du auch noch an!
    Klotilde war vom Sofa aufgesprungen, ging, wie in grosser Erregung, zum
Fenster, blickte ein paar Momente auf die Strasse, wandte sich und sagte:
    Das geht so nicht länger. Dem muss ein Ende gemacht werden. Und Du musst mir
dabei helfen.
    Sie hatte sich wieder zu Adelen gesetzt und deren beide Hände in die ihren
genommen.
    Ich? stammelte Adele, noch voller Schrecken über Klotildens Heftigkeit. Mit
dem grössten Vergnügen. Aber worin? wobei? Ich weiss ja gar nicht -
    Die Sache ist einfach die: Wie der Professor Dir sein Herz ausgeschüttet
hat, so hat er es zweifellos auch mit andern gemacht und mich in das schönste
Gerede gebracht. Ich brauche Dich nicht zu versichern, dass ich daran absolut
unschuldig bin. Aber die Welt ist so grundschlecht, und auf mich haben es die
schlechten Menschen - Gott mag wissen, warum - noch besonders abgesehen. Der
Professor muss entweder aus unsrer Gesellschaft verschwinden; oder, da das seine
Schwierigkeit hat - er ist bei zu vielen schon eingeführt, jetzt auch bei
Breitenbachs - sein Betragen vollständig ändern, seine Augen beherrschen lernen,
seine Zunge im Zaum zu halten.
    Aber Klotilde, das kostet Dich doch nur ein Wort!
    O ja, wenn der Professor ein Mann von Welt wäre! Die verstehen einen, mit
denen verständigt man sich à demi mot. Solchem Schulgelehrten muss man alles
umständlich auseinandersetzen, sonst begreift er's nicht.
    Und das soll ich unternehmen?
    Dir würde er nicht glauben; meinen, Du seist von irgend einem angestiftet -
sagen wir: Fernau, der es wohl imstande wäre; und der gute Professor weiss ja
nicht - kann ja auch nicht wissen - dass Du Dich zu dergleichen niemals hergeben
würdest. Nein, das kann ich allein.
    So tu's doch!
    Wo? wann? in der Gesellschaft? Ich wiederhole Dir, dazu brauche ich eine
Stunde - eine halbe mindestens. Während der wir in der Ecke stehen und die Köpfe
zusammenstecken, damit die liebe Gesellschaft die ihren zusammensteckt: haben
wir es nicht gesagt? Da sieht man es ja!
    Nun weiss ich aber wirklich keinen Rat, sagte Adele ganz verzweifelt.
    Klotilde rückte dicht an sie heran und sagte, abermals ihre beiden Hände
nehmend:
    Der doch so leicht gefunden wäre, wenn Du - sieh, Kind, ich denke mir es so:
Du schreibst an den Professor und bittest ihn, Dich auf eine halbe Stunde zu
besuchen natürlich zu einer Zeit, in der Dein Mann nicht zu Hause ist. Er kommt
selbstverständlich. Du empfängst ihn freundlich, aber ernst, und sagst ihm in
demselben freundlich ernsten Ton: Du habest gehört, dass sein Benehmen gegen mich
in der Gesellschaft aufgefallen sei -
    Aber ich habe es ja gar nicht gehört.
    So sagst Du es dennoch. Und dass Du, als meine Cousine und intimste Freundin,
Dir die Freiheit nähmest, ihn darauf aufmerksam zu machen -
    Aber Du hast ja noch eben erst versichert, auf mich würde er nicht hören!
    Ganz richtig. In diesem Moment klingelt es und ich erscheine.
    Du?
    Ganz zufällig. Lass mich nur machen! So was bringe ich in all meiner Dummheit
doch ganz gut fertig. Er ist natürlich verlegen, Du bist verlegen, wir alle sind
verlegen. Nun erinnerst Du Dich, dass Du vergessen hast, dem Mädchen, oder dem
Burschen einen notwendigen Auftrag zu geben, verschwindest, und vergisst für eine
halbe Stunde wiederzukommen. Wenn Du wiederkommst, ist der Herr Professor
kuriert. Das versichere ich Dich. Nun, Schatz, willst Du?
    Adele war in der bittersten Verlegenheit. Die Rolle, die ihr Klotilde da
zugeteilt hatte, deuchte ihr entsetzlich. Und wenn sie auch Klotilden das
ungeheure Opfer bringen wollte -
    Guter Gott, rief sie, ich bin ja bereit - das heisst: ich würde es ja
versuchen, obgleich bei meinem grenzenlosen Ungeschick - aber, was würde Elimar
dazu sagen?
    Elimar? Der bleibt doch ganz aus dem Spiel.
    Aber nachher müsste ich es ihm sagen.
    Warum?
    Ich muss Elimar alles sagen. Ich kann nicht anders.
    Sie hatte die Hände gefaltet und sah ihre Cousine mit flehenden Blicken an.
    Ja so! sagte Klotilde gedehnt.
    Sie begriff sofort, dass sie das Spiel verloren geben musste. An dieses
Übermass von Einfalt hatte sie nicht gedacht. Der kluge Elimar! der im Nu heraus
haben würde, dass man sein Gänschen düpiert und sich, mit ihrer Küchenschürze als
Deckmantel, ein Rendezvous gegeben hatte!
    Nun bist Du mir bös, sagte Adele traurig, als Klotilde aufstand und
schweigend nach ihrem Mantel ging.
    Gar nicht, erwiderte Klotilde, bereits im Begriff den Mantel umzunehmen. Du
hast ganz recht: Deinem Manne müsstest Du es sagen, und das geht aus vielen
Gründen nicht. Ich weiss freilich nicht, ob Du ihm dann nicht auch wirst sagen
müssen, was ich Dir eben -
    Aber Klotilde, das ist doch ganz was ander's! Auf so was hat Elimar
natürlich kein Recht. Das bleibt unter uns.
    Dann ist ja alles gut. Und ich danke Dir aufrichtig für Deinen guten Willen.
Soll ich Stephanie vorläufig Deinen Glückwunsch bringen?
    Wenn Du so freundlich sein wolltest! Aber wie willst Du es denn nun machen?
    Ich weiss noch nicht. Das wird sich finden.
    Und Du bist mir wirklich nicht bös?
    Keine Spur!
    Sie hatten sich umarmt und geküsst, was sie an der Flurtür noch einmal
taten. Dann war Klotilde gegangen.
    Langsam schritt sie die Mauerstrasse hinab nach der Leipziger Strasse zu.
    Sollte sie es aufgeben? Es war am Ende das Vernünftige. Was konnte dabei
herauskommen? Wenn sie es recht überlegte: der Streit mit Viktor drehte sich
doch darum, ob er in ihr Tun und Lassen von jetzt an solle hineinreden dürfen,
oder nicht. Der Professor war nur eine Gelegenheitsursache, wie die Ärzte sagen.
Eine freilich, die für sie etwas seltsam Reizendes hatte, etwas Morphiumartiges,
Sinnbetäubendes. Nun ja! sie würde schon darüber wegkommen - natürlich! Aber
einmal noch von ihm hören: traumhaft schöne Ballade, Du! Einmal noch -
    Da war sie ganz nahe an dem Briefkasten, den sie, während sie die Strasse
heraufkam, immer im Auge gehabt hatte. Ihre Rechte glitt aus dem Muff in ihre
Manteltasche nach dem Brief, den sie geschrieben für den doch möglichen Fall,
dass das Rendezvous bei Adele nicht zustande kam. Es war nicht ihre Schuld, wenn
Adele so unglaublich philiströs war. Adele hatte es zu verantworten.
    Ihr Schritt war immer langsamer geworden. Nun hatte sie doch den Kasten
erreicht. Ein paar schnelle, scharfe Blicke nach rechts und links und über die
Strasse hinüber. Dann hatte sie den Brief aus der Tasche genommen und durch den
Spalt geschoben. Die beweglichen Stifte am Spalt machten ein hässliches Geräusch,
wie Zähne eines Rachens, der zusammenschnappt.
    Pah, sagte sie, das sind die Nerven. Man ist so lächerrlich gewissenhaft.
    Eine Droschke erster Klasse kam im Schritt an ihr vorüber. Sie rief den
Kutscher an, gab ihm die nötige Weisung und stieg ein.
    Der Kutscher fuhr im schlanken Trab davon. Er war ein lustiger Gesell und
liess den Braunen immer schlanken Trab laufen, wenn er eine schöne, elegante Dame
fahren durfte.
                              Neunzehntes Kapitel
Die Diagnose des treuen Hausarztes hatte sich als richtig erwiesen: nicht der
Würgengel Diphteritis hatte klein Helenchen mit seinem mitleidlosen Schwert
berührt; über die Schwelle der Kinderstube war nur einer seiner minderen
Gesellen geschlichen, der sich den Künsten des Doktors nicht gewachsen zeigte.
    Böse Tage, angstvolle Stunden hatte es darum doch genug gegeben. Eine
völlige Absperrung der beiden andern Kinder war in der engen Wohnung schon
deshalb eine Unmöglichkeit, weil Klara, während sie die Kranke pflegte, Baby
immer in ihrer Nähe haben musste. So blieb die Gefahr der Ansteckung, auch als am
dritten Tage in dem Befinden der Kranken eine entschiedene Besserung eingetreten
war; und mit der Gefahr die Sorge, die auf unhörbaren Sohlen durch die Wohnung
schlich, jegliches Behagen aus ihr verscheuchend.
    Klara schien nichts davon zu empfinden: sie hatte mehr zu tun; desto
drückender empfand es Albrecht. In wie musterhafter Ordnung Klara auch ihre
Wirtschaft hielt, es war unvermeidlich, dass in diesen Tagen nicht alles so glatt
ging wie sonst. Wenn Baby schrie, konnte sie mit ihm nicht hinten bleiben, wo
vielleicht gerade Helenchen eingeschlafen war; Fritzchen musste jetzt manche
Stunde vorn in Papas Zimmer spielen, das auch sonst gelegentlich zu Zwecken
herangezogen wurde, welche mit seiner wirklichen Bestimmung in grellem Kontrast
standen: fand Albrecht doch einmal sogar, als er aus der Schule heimkehrte, von
dem Ofen in der Ecke bis zum Fenster, quer über seinen Arbeitstisch, eine Leine
gespannt, an der noch die feuchte Kinderwäsche hing. Der Gegenstand des Anstosses
wurde in wenigen Minuten entfernt; dafür war dann das Mittagessen, das man eine
halbe Stunde später in dem kleinen Berliner Zimmer einnahm, noch bedenklicher
als gestern: Klara, die sonst auch die Küche zum grössten Teil besorgte, musste
sie jetzt ganz Augusten überlassen, und Auguste konnte unter ihren übrigen
löblichen Qualitäten die einer guten Köchin nicht zählen.
    Doch das waren Vorkommnisse, welche in einem so beschränkten Haushalt wohl
verzeihlich erschienen, und die Albrecht in den Familien seiner Kollegen unter
ähnlichen misslichen Umständen in ganz anders abstossender Gestalt oft genug
beobachtet hatte. Und was dort nicht selten der dunklere Hintergrund des dunklen
Bildes war: die Not um das materielle Dasein, davon konnte hier keine Rede sein,
für den Augenblick wenigstens sicher nicht. Seine jetzt vollendete Arbeit hatte
ihm ein für seine Verhältnisse ansehnliches Honorar gebracht und für die
geringen Ansprüche, die Klara und er an das Leben stellten, genügten auch sonst
seine laufenden Einnahmen.
    Er sagte sich das alles in Momenten ruhiger Überlegung, aber deren hatte er
jetzt wenige. Wie ein weidwunder Hirsch durch den Wald, schleppte er sich durch
das Dasein, todmüde, den Schlaf herbeisehnend, der nicht kommen wollte vor dem
brennenden, bohrenden Schmerz in der frischen Wunde. Sonst hatte er in trüben
Stunden nur seinen Homer oder Sophokles, seinen Horaz oder Virgil aufzuschlagen
brauchen und sich in eine Welt entrückt gefühlt, unter der die gemeine
Wirklichkeit in wesenlosem Scheine lag. Nun wollte die Heilquelle nicht mehr
fliessen und der Balsam hatte seine Kraft verloren. Er, der früher nur ein
verächtliches Lächeln gehabt hatte für die Klagen der Alltagsseelen über
Alltagsleiden, musste jetzt seinen ganzen Stolz zusammennehmen, um nicht in den
Chor einzustimmen; er spürte eine beständige Neigung zum Weinen, und manchmal
fehlte nur ein Geringes und er wäre mitten in seiner Lehrstunde oder im Gespräch
mit den Kollegen in Tränen ausgebrochen.
    Dann raffte er sich wohl gewaltsam zusammen, schalt sich einen Undankbaren,
einen Feigling, einen Weiberknecht; aber die heroische Wallung war nur zu bald
verflogen. Wieder stand es vor seines Geistes Auge in erschreckender Klarheit,
das Bild der Zauberin; wieder fühlte er auf seinen Lippen ihren Kuss; wieder
fluchte er den Göttern, die mit dem Menschen ihren schnöden Spass treiben und ihm
ein Glück vorgaukeln, das ihm ewig unerreichbar bleibt.
    Weshalb in seine Brust die Leidenschaft der Schönheit pflanzen, wenn sie sie
nicht stillen wollten? Weshalb ihm das herrliche Weib an die Brust drücken, um
es sofort in eine Ixion-Wolke zu wandeln?
    Aus der nur noch ein leises, ironisches Kirchen schallte: Weisst Du jetzt,
wie weich einer Göttin Arme sind und ihre Küsse brennen, du armseliges,
gefopptes Menschenkind?
    Ja, er war gefoppt, genasführt; sein übermütiges, frivoles Spiel hatte man
mit ihm getrieben; und war dann unbekümmert um ihn, der sich verzweifelt am
Boden rang, auf- und davongeflogen in höhere Regionen.
    Wären es doch wirklich höhere gewesen!
    Konnte er die so nennen, in welchen die Herren von Fernau und Genossen
Sterne erster Ordnung waren? die jungen Herren, mit denen er nach der Ballnacht
in dem Café gewesen war, das grosse Wort führten? Und sie »die Sorbitz« nannten?
und von ihr sprachen, wie von einer Balletteuse?
    Den abscheulichen Eindruck, den diese Reden auf ihn gemacht hatten, konnte
er nicht los werden, wie den Nachgeschmack einer widerlichen Medizin. Und er
hatte die Empfindung, als sei gerade von ihr in einem besonders leichtfertigen
Ton gesprochen worden. Es konnte doch wohl nur sein, weil alles, was über sie
gesagt wurde, ihn so viel schmerzlicher berührt hatte; und doch, mochte er
dagegen ankämpfen, wie er wollte, der Zweifel an ihr schlich sich in seine Seele
und verdoppelte seine Qual. Sein gutes Weib zu verraten, war schlimm; sie
verraten zu haben um eine, die von der Courtisane nur der gesellschaftliche Rang
trennte, schien unerträglich.
    Die Flurschelle wurde gezogen; er war es jetzt schon gewohnt, selbst zu
öffnen. Der Postbote brachte zwei Briefe; der eine von einem Studienfreund in
Petersburg mit dem er gelegentlich korrespondierte; die Handschrift auf dem
Couvert des andern, eines Stadtbriefes, kannte er nicht. Als er sie bei dem
helleren Licht in seinem Zimmer genauer ansah, sagte er sich sofort, dass es eine
weibliche, und im nächsten Augenblick, dass sie verstellt sei. Ein Zittern
überfiel ihn; in dem Berliner Zimmer bewegte es sich; er liess den Brief zwischen
ein paar Bücher gleiten, die auf dem Schreibtisch standen. Es war Klara, die mit
einer Frage kam, auf welche er eine kurze, verwirrte Antwort gab.
    Du bist sehr beschäftigt? sagte Klara.
    Ich habe noch ein paar Hefte zu korrigieren und möchte dann eine Stunde in
den Strassen herumlaufen; mein Kopf ist heute nicht besonders.
    Du kommst auch jetzt so wenig heraus. Wer schreibt Dir denn da?
    Professor Möller. Warum?
    Ich frage nur so. Zieh Dich hernach warm an. Doktor Ribbeck sagte vorhin, es
sei ein hässlicher Nordost. Helenchen hustet auch heute abend wieder mehr.
    Klara war aus dem Zimmer, um Albrechts Lippen zuckte ein unschönes Lächeln.
Wie klug von ihm, dass er den andern Brief hatte verschwinden lassen! und auf
alle Fälle gesagt hatte, er wolle noch ausgehen! Es war doch möglich, der Brief
war von ihr, und dann -
    Der Brief war von ihr, konnte nur von ihr sein, wenn er auch keine
Unterschrift hatte.
    Über seine Schulhefte gebückt, zwischen deren Blättern das teure Blatt in
jedem Moment einen sichern Versteck finden konnte, las er mit wild klopfendem
Herzen:
    Ich bin heute abend bei S. bis neun Uhr. Da ich weiss, dass Du zu derselben
Zeit in der Nähe bist, rechne ich darauf, dass wir eine Strecke zusammen fahren.
Ich werde zu diesem Zweck an der Ecke der Behren-und Wilhelmstrasse die Droschke
(I. Klasse) eine Minute halten lassen. Ich kenne ja Deine Pünktlichkeit. Also au
revoir!
    Der Brief mit dem Couvert stak in der inneren Tasche seines Rockes. Er sass
und korrigierte seine Hefte, ganz mechanisch die Fehler anstreichend, eine
elegantere Wendung an den Rand, seine Censur unter die Arbeit schreibend,
während seine Gedanken in wildem Aufruhr durcheinander stürmten und die Hand ihm
wiederholt so zitterte, dass er die Feder mit der roten Tinte niederlegen musste.
Welchen Mut hatte sie! Und wie musste sie ihn lieben, um diesen Mut zu haben! Wie
kläglich nahm sich, damit verglichen, die Kleingläubigkeit aus, mit der er alle
diese Tage an ihrer Liebe gezweifelt hatte! Und wie klug war der Brief! wie
scheinbar unverfänglich! Jeder gute Freund konnte ihn geschrieben haben! Mit ihr
beisammen in der Enge des Wagens! Hand in Hand! Es war nicht auszudenken!
    Er sprang auf, ging mit hastigen, leisen Schritten ein paarmal durch das
Zimmer und setzte sich wieder zu seinen Heften.
    Der Brief war um sieben Uhr mit der letzten Post gekommen. Er hatte
reichlich Zeit. Aber wie die Zeit hinbringen! Zu lange durfte er auch nicht vom
Hause wegbleiben. Er wollte bis um acht zu arbeiten scheinen; erklären, er könne
es nicht mehr aushalten, und mit der Weisung an Auguste oder der Bitte an Klara,
ihm sein Abendbrot aufzuheben, davonstürzen.
    Es war alles nach seinem Wunsch gegangen; zehn Minuten vor neun stand er an
der bezeichneten Ecke. Auf der einen Seite war ein Droschkenhalteplatz; es
handelte sich also allein um die andere. Ein kleiner Vorteil nur; aber in der
Liebe, wie im Kriege, gelten alle, auch die kleinsten. Das Sudenburg'sche Haus
lag eine ziemliche Strecke weiter die Behrenstrasse hinauf auf der Seite des
Halteplatzes; ein Wagen, der von dort kam, musste also, um zu seiner Ecke zu
gelangen, über die Strasse herüberbiegen und sich so kenntlich machen. Wiederum
ein Vorteil. Fortes fortuna adjuvat! Der Mut der Geliebten war voll in ihn
übergeströmt; in seinen Adern pulste fröhlich das Blut; seine Wangen brannten;
ein schneidend kalter Wind wehte die Strasse herauf; er fühlte ihn nicht und
lachte der Passanten, welche die Kragen ihrer Röcke und Mäntel ängstlich in die
Höhe geschlagen hatten. Er fühlte nur, was er in dem Masse Jahre und Jahre lang
nicht gefühlt, dass er jung und stark war, und dass es noch Blütenträume gab, die
köstlich reiften.
    Dennoch spürte er, wie jede Minute Wartens mehr an seinen Nerven grausamer
nagte. Es wurde neun, zehn Minuten darüber. Und plötzlich überfiel ihn die
Furcht, sie würde nicht kommen; sei vielleicht schon in einem der vielen Wagen,
welche von der Friedrichstrasse her seine Ecke passiert hatten, an ihm vorbei
gefahren, ohne ihn zu sehen, oder ihn sehen zu wollen; und alles laufe auf einen
schlechten Spass hinaus, den sie, oder eine andere, sich mit ihm gemacht. Noch
fünf Minuten wollte er warten; wenn dann nicht -
    In seiner zornigen Angst hätte er fast die Droschke nicht bemerkt, die eben
von der anderen Seite über die Strasse gebogen war und jetzt, fünf Schritte von
ihm, still hielt. Mit einem Sprunge war er an der Wagentür, deren Fenster
heruntergelassen war. In die andere Ecke geschmiegt, so dass der Sitz auf seiner
Seite frei blieb, sass eine Dame, die jetzt, als er die Tür aufriss, ihm die Hand
entgegenstreckte. Er war hineingesprungen und hatte die Tür hinter sich
zugeschlagen. In demselben Moment setzte sich auch die Droschke wieder in
Bewegung. Er hatte die Hand ergriffen und leidenschaftlich an seine Lippen
gedrückt. Die Hand wurde ihm schnell entzogen.
    Erst das Fenster schliessen, sagte ihre Stimme. Nun -
    Sie hatte ihm statt der Hand den Mund geboten. Und wenn die Erde sich unter
ihnen aufgetan hätte, sie zu verschlingen, er würde den letzten Moment als den
seligsten seines Lebens gepriesen haben.
    Auch Klotilde war glücklich. Hatte sie sich in diesen verdriesslichen Tagen
doch sehr ernstlich nach einem solchen Moment und seinem Kusse gesehnt! Aber das
Glück, sich den lieben Menschen nun doch erobert zu haben, aller Welt zum Trotz,
ohne Adelens schwächliche Güte in Anspruch nehmen zu müssen, raubte ihr nicht
die Besonnenheit. Nach dem ersten Erguss stürmischer Zärtlichkeit hinüber und
herüber, sagte sie, ihn sanft von sich wehrend:
    Nun einen Augenblick vernünftig sein! Wir fahren durch das Brandenburger
Tor, die Charlottenburger Chaussee, die Siegesalle hinauf, Tiergartenstrasse und
so weiter bis zur Landsbergerstrasse. Dort steige ich aus und du fährst sofort
weiter. Bis dahin ist der Kutscher genau instruiert. Für den Rest musst Du
sorgen. Und wenn wir an Laternen vorüberkommen, bieg Dich in Deine Ecke zurück!
Es wird uns so leicht keiner erkennen. Aber man kann nicht vorsichtig genug
sein. So, jetzt darfst Du mir noch einen Kuss geben.
    Es blieb auch nicht bei diesem zweiten. Küsse, in die sich von seiner Seite
kaum ein Tropfen von Sinnlichkeit mischte. Es wäre denn eine Sinnlichkeit
gewesen, wie sie Götter empfinden mögen, in deren Adern statt des Blutes Ichor
fliesst. Der sanfte Druck ihrer schlanken Hand, von der sie den Handschuh
gestreift; die Berührung des weichen Pelzes, mit dem ihr Sammetmantel besetzt
war; der süsse Duft, der aus ihrem Haar zu wallen schien; der Blick in ihre
grossen, im Licht einer vorübergleitenden Strassenlaterne erglänzenden Augen; ihr
kurzes, lustiges Lachen; der tiefe, metallene Klang ihrer Stimme, die so
deutlich war, obgleich sie immer nur halblaut und hastig sprach - es umspann
ihn, wie die Maschen eines Zaubernetzes, gewoben von Feenhänden.
    Ach! nur leider nicht auch unzerreissbar!
    Der Kanal war passiert; Klotilde rückte an ihrem Hut, nestelte an ihrem
Mantel und sagte:
    Jetzt aufgepasst, mein Herr! Wir müssen uns schreiben. Ich habe alles schon
überlegt: selbstverständlich poste restante, Du unter der Chiffre: Ballade; ich:
Siegfried. Das Postamt darf keines sein, wo man uns kennt. Mir am gelegensten
ist Nummer - sie nannte eine Ziffer, die sie wiederholte. Kannst Du mir eines
für Deine Briefe angeben?
    Albrecht konnte es nach kurzem Besinnen.
    Du bist mein kluger Junge, sagte sie, und zur Belohnung für Deine Klugheit
will ich auch den ersten Brief schreiben. Du antwortest natürlich umgehend. -
Der Wagen wird in einer Minute halten. Wenn ich aussteige, rufst Du dem Kutscher
irgend eine Strasse zu, nur nicht Deine! Sorge Dich nicht um mich! ich habe, wie
Du weisst, zu Fuss nur noch eine kurze Strecke. Und nun, leb' wohl!
    Der Wagen stand. Ein letzter, flüchtiger Kuss. Sie hatte den Schleier über
das Gesicht gezogen und war, kaum herausgeschlüpft, hinter der Droschke
verschwunden. Albrecht hatte dem Kutscher eine der seinen benachbarte Strasse
zugerufen. Der Mann trieb das Pferd wieder an. Albrecht starrte auf den leeren
Platz, wo sie gesessen hatte. War denn dies alles nur ein seliger Traum gewesen?
                              Zwanzigstes Kapitel
Nein! kein Traum! - Traumgeister schreiben keine Briefe.
    Und da hielt er ihn nun in der Hand, ihren ersten wirklichen Brief.
    Nach dem er auf dem von ihm angegebenen Postamt mit einer Stimme, die sich
vergeblich bemühte, möglichst unbefangen zu klingen, gefragt, und der ihm von
dem Beamten mit einem schnellen, prüfenden Blick ausgeliefert war.
    Der köstliche Brief! Er war nicht eben lang, und besonders Geistreiches
stand nicht darin. Aber das hatte Albrecht auch nicht erwartet. Der Brief war
gerade so, wie er ihn sich gewünscht, entielt gerade das, was ihn zu hören
verlangt hatte: die Versicherung ihrer Liebe, ein paar anmutige Scherze über das
gelungene Abenteuer; die Bitte, ihr möglichst umgehend und möglichst ausführlich
zu antworten und ihr in der Misère ihres Lebens eine andere glückliche Stunde zu
bereiten.
    Er hatte den Brief auf dem Wege in seine Schule abgeholt und schrieb auch
dort nach dem Schluss der Lektionen in dem Konferenzzimmer, das nun niemand mehr
betreten würde, die Antwort.
    Sie war ein gut Teil länger als ihr Brief und aus einer andern, innigeren,
freudigeren Tonart, die anzuschlagen ihn keine Mühe kostete, die im Gegenteil
nicht zu hoch zu schrauben, sein guter Geschmack ihn mahnte. Mein Gott, konnte
er auch jetzt nicht mehr den leisesten Zweifel daran hegen, dass sie ihn liebe -
sie war eine Weltdame, gewohnt, ihre Rede zu mässigen, selbst im Affekt sich vor
scharfen Accenten zu hüten! Er musste ihr zeigen, dass seit seiner Primanerzeit
Jahre verflossen waren, die er nicht unbenutzt gelassen hatte; ein Mann jetzt
vor ihr stand, der das Leben kannte. Nur dass sich ihm jetzt eine neue Region
erschlossen, die bisher nur in dämmernden Umrissen ahnungsvoll durch seine
Träume geglitten sei, bis eine geliebte Hand ihm die Pforten zu dem Paradiese
erschloss, in welchem er jetzt wandle durch selige Gefilde in einem ambrosischen
Licht, das, nachdem es einmal sich über ihm erhoben, nie, nie wieder untergehen
könne.
    Diese Hyperbel war die einzige, die er wagte.
    Dann sagte er, wie schmerzlich ihre Klage über die Misère ihres Lebens ihn
berührt habe - die Klage, welche in seiner Brust ein so schwermutvolles Echo
finde. Aus dieser beiderseitigen Misère ein Glück zu schaffen - er sehe sehr
wohl die tausend Hindernisse, die sich ihnen entgegenstemmten. Aber wo ein Wille
sei, da sei ja auch ein Weg. Er für seine Person schrecke vor keiner Gefahr
zurück. Aber freilich, ein Mann, dessen Metier es sei, Gefahren zu trotzen, habe
da leicht reden; und nicht nur, um zu wissen, was sich zieme, müsse man bei den
Frauen anfragen; auch um das, was in dieser Welt der Unnatur und Verlogenheit
freie Geister und tapfere Herzen noch zu hoffen wagen dürften.
    Klotildens zweiter Brief liess nicht auf sich warten; bereits der folgende
Tag brachte ihn. Wie er länger war, als der erste, so hatte sich auch seine
Temperatur erhöht: er entielt Ausdrücke der Leidenschaft von einer Glut,
Koseworte von einer Zärtlichkeit, die Albrecht entzückten, berauschten. Aber
auch die Klage ertönte diesmal lauter; es blieb immer noch die Sprache einer
Weltdame, aber Mignons Seufzer: »Nur wer die Sehnsucht kennt« tönte hindurch.
Wie herrlich er auch zu schreiben wisse, sein gesprochenes Wort klänge doch
süsser, und das »Glück der Entfernung« könne das der geliebten Nähe nicht
ersetzen. Der Geliebte solle seinen klugen Kopf anstrengen und darüber
nachdenken, wie ein Wiedersehen zu ermöglichen sei. Zwar die Verlobung
Stephanies mit Herrn von Luckow eröffne eine Perspektive von Festlichkeiten in
dem Sudenburg'schen Hause, bei denen der »verehrte Dichter« sicher nicht fehlen
werde. Aber so lange liesse sich ihre Ungeduld nicht zügeln. Ihr wolle durchaus
kein guter Einfall kommen. Er habe hier wie überall, seine Superiorität zu
erweisen.
    Die schöne Frau hätte seine Begierde, sie wieder zu sehen, nicht noch zu
schüren brauchen. Er wälzte Tag und Nacht die Möglichkeiten eines zweiten
Rendezvous in seiner Seele. Auf seinen einsamen Spaziergängen, die er jetzt bei
Einbruch der Nacht über die gewohnten Grenzen seiner nächsten Nachbarschaft
hinaus zu machen pflegte, war er in Charlottenburg, den brennenden Durst zu
stillen, in ein Restaurant getreten, das, wie verödet es auch jetzt schien,
Spuren ehemaligen Glanzes aufwies. Sein Bier trinkend, hatte er sich mit dem
einzigen Kellner, der sich blicken liess, einem älteren Mann, in ein Gespräch
eingelassen und seine Vermutung bestätigen hören. Das Lokal sei früher ein sehr
besuchtes gewesen; jetzt hätten andere, dem Tiergartenbahnhof näher, es tot
gemacht. Nicht ganz, Gott sei Dank! Ein so renommiertes Restaurant verliere den
alten guten Ruf nicht so leicht. Es kämen immer noch Herrschaften, alte Kunden
zuweist, die wüssten, dass in der Küche gerade noch so schmackhaft gekocht werde
und in dem Keller die feinen Marken nicht ausgegangen seien. Da gebe es denn
manchmal noch ein kleines Dinerchen oder Souperchen hier im Saal unten, oder
oben, oder in separaten Kabinetten, die bei ihnen ebenso komfortabel zu finden
wären, wie bei Hiller Unter den Linden, oder einem sonstigen sogenannten
eleganten Restaurant.
    Zum Beweis, dass er die lautere Wahrheit spreche, hatte er den einsamen Gast
in ein oder zwei Kabinette blicken lassen, auch die Gasflammen entzündet, um ihn
die verblichene Pracht bewundern zu lassen.
    An dies Lokal, das seine Phantasie eigentümlich berührt hatte, als sei es
aus einem Dickens'schen Roman herausgewachsen, dachte Albrecht. Es war nicht,
oder so gut wie nicht besucht; abgelegen und doch unschwer zu erreichen. Aber er
wagte nicht, es Klotilden in Vorschlag zu bringen: es hätte ihren
aristokratischen Gewohnheiten allzu wenig entsprochen.
    Vor einer andern Idee, die ihm ebenfalls kam, bebte er gar zurück.
    Er hatte wohl von Chambres garnies gehört, die für einzelne Tage, ja für
Stunden zu mieten wären, und die Ankündigungen oft genug auf den betreffenden
Schildern gelesen. Und weiter gehört, in welcher Absicht diese Zimmer nicht
selten gemietet würden. Wenn es ihm undenkbar war, dass er jemals ein solches
Haus betreten könne, wie hätte ihr Fuss die unsaubere Schwelle überschreiten
dürfen! Es war eine Versündigung, es nur zu denken.
    Aber was nun? Sie sagte, dass sie sich nach seinem Anblick, nach dem Ton
seiner Stimme sehne; und seine Seele lechzte nach ihr, wie die Lippen des auf
dem Schlachtfeld an seinen Wunden Verblutenden nach einem Tropfen Wasser.
Nochmals eine Wagenexpedition? Aber wenn ihr die ausführbar erschienen wäre,
hätte sie selbst wohl daran gedacht. Oder wahrscheinlicher, sie fühlte wie er:
dass eine solche Situation bei aller Süssigkeit des Augenblicks im Nachgeschmack
etwas Plebejisches habe.
    Bis ihm ein besserer Einfall kam: ein neutraler Ort, der nichts Anstössiges
hatte und wo man sich wenigstens sehen und, wenn das Glück gut war, ein paar
Worte wechseln könnte.
    Die grosse Ausstellung war leider längst geschlossen; Schulte's Salon wäre
gewiss unverfänglich gewesen, nur dass man dort gar zu leicht auf Bekannte treffen
konnte. Eines der Museen? Sie waren der gesuchte Rendezvousplatz für sämtliche
verliebten Studenten und Grisetten in Berlin. Höchstens das National-Museum.
    Und da fiel ihm ein, dass dort in den oberen Räumen gerade eine jener
Ausstellungen der hinterlassenen Werke von ein paar Künstlern stattfand, die
nicht eben zu den Koryphäen gehört hatten und deren Namen sicher wenig
Anziehungskraft auf das Publikum ausüben würden. Nur ein pis aller freilich. In
seiner Verlegenheit machte er ihr doch den Vorschlag, und dass er am nächsten
Tage um zwei Uhr sich auf alle Fälle da einfinden werde.
    Es war ein dunkler, regnerischer Tag, der nächste, möglichst wenig für die
Besichtigung von Kunstgegenständen geeignet. Was konnten sie sich Besseres
wünschen?
    Mit klopfendem Herzen hatte er die hohen Treppen erstiegen; wie er es
erwartet, fand er die unfreundlichen Räume bis auf einige wenige Personen völlig
leer. In der Tat war auch nur in dem grösseren Oberlichtsaal mit einiger
Deutlichkeit zu erkennen was in sauberster Ordnung an den Wänden herumhing:
grössere Landschaften, Farbenskizzen, Zeichnungen -; in den kleinen hintern
Kammern herrschte beinahe völliges Dunkel. Er war einmal rasch durch sämtliche
Räume geschritten, und hatte dann in dem Oberlichtsaal Posto gefasst. Die Sachen
hätten ihn sonst wohl lebhaft interessiert; besonders der eine der beiden
Künstler, ein allzu früh verstorbener junger Mann, zeigte bei aller tastenden
Unsicherheit ein bedeutsames, freilich ganz im Bann der jüngsten Schule
stehendes Talent. Er hatte den Brausekopf sogar gekannt und im Café Bauer ein
und das andre interessante Gespräch mit ihm geführt.
    Was war ihm das alles jetzt, wo seine Seele nur den einen Gedanken hatte,
sein Herz nur der eine Wunsch erfüllte!
    Immer verzehrender, als nun Minute um Minute schwand, ohne dass sie kam.
    Anstatt ihrer erschien der Professor Hederich, um glücklicherweise wieder zu
verschwinden, nachdem er kaum einen flüchtigen Blick auf die Bilder geworfen und
ein vernehmliches Pfui Teufel! durch die Zähne gemurmelt.
    Endlich!
    Sie war von Kopf bis zu Fuss in dunkler Kleidung, dennoch schien ihm
plötzlich der ganze Raum mit Sonnenlicht gefüllt. Er trat auf sie zu und
begrüsste sie formvoll, obgleich im Moment nur noch ein einziger schlichter Mann,
ein höherer Handwerker, wie es schien, zugegen war, der unmittelbar nach ihr
gekommen sein musste. Doch stand der Mann in einer entfernteren Ecke, wo ihn ein
paar Zeichnungen besonders interessieren mochten; sie konnten in der andern
lächelnde Blicke und geflüsterte Liebesworte austauschen.
    Wie habe ich mich nach Dir gesehnt!
    Und ich mich nach Dir!
    Bist Du noch meine wonnige Ballade?
    Und Du mein mutiger Siegfried? Hast Du schon lange auf mich gewartet?
    Eine Ewigkeit, wenn ich sie nach meiner Sehnsucht berechne.
    Ich konnte beim besten Willen nicht eher. Und nun leb' wohl, herztausiger
Schatz!
    Um Gottes willen, Du wolltest schon wieder fort? Wir haben noch eine gute
halbe Stunde.
    Von der jede Minute uns einen Bekannten, das heisst: eine Gefahr bringen
kann. Ich bin unten an Herrn Wollberg vorübergestreift. Er stand vor einem
Farbendruck nach Gustav Richter und wollte sich tot lachen.
    Sie selbst lachte übermütig. Wenn sie lachte, drang ein eigentümlich
girrender und doch klangvoller Ton aus ihrer Kehle; in der linken Wange zeigte
sich ein tiefes Grübchen und durch die Lippen schimmerten die Spitzen der weissen
Zähne. Niemals schien sie ihm entzückender als in solchen Momenten.
    In einem der nächsten Kabinette ist ein schöner Frauenkopf, den ich Dir
zeigen möchte.
    Ich muss wirklich fort.
    Es sind nur drei Schritte. Bitte, komm'!
    Aber Du närrischer Mensch, hier kann man ja nicht die Hand vor Augen sehen!
    Er hatte sie mit dem einen Arm umfasst und ihr einen Kuss auf den Mund
gedrückt.
    Bist Du toll? So! da hast Du ihn wieder! Und nun adieu!
    Sie befanden sich in dem letzten der Kabinette. Als Klotilde sich wandte,
hörten sie Stimmen und Schritte in dem nächsten. Sofort hatten sie ihre
Gesichter nach dem Frauenkopf gekehrt, vor dem sie wirklich standen und in
dessen Betrachtung sie versunken schienen.
    Es hätte keine Sekunde später sein dürfen; die Schritte waren unmittelbar
hinter ihnen.
    Wenn sie sich doch wenigstens zu elektrischem Licht aufschwingen wollten!
    Klotilde und Albrecht durchzuckte es: Herrn von Luckows Stimme!
    Und nun Stephanies:
    Sind Sie es wirklich, Klotilde! Und Herr Professor! Welch angenehme
Überraschung!
    Nicht wahr? sagte Klotilde, während man sich allerseits die Hände reichte.
Da will ich nun eine meiner vielen müssigen Stunden totschlagen und muss hier den
Herrn Professor finden, der dann freilich von der Kunst ein wenig mehr versteht
als ich armer Wurm. Eben hatte er mich auf diesen Kopf aufmerksam gemacht.
Findest Du ihn nicht auch wundervoll?
    Wenn man nur etwas sehen könnte! rief Stephanie.
    Ich dächte, es ginge noch, sagte Klotilde.
    Sie sind aber wirklich anspruchslos, gnädige Frau, sagte Luckow lachend. Die
reine ägyptische Finsternis! Ich habe Stephanie gewarnt; sie wollte durchaus
her.
    Ich muss den Barbaren doch ein wenig zu bilden suchen, rief Stephanie.
    Man lachte und scherzte. Für Albrechts Ohr klang alles recht gezwungen, und
Klotilde war der schnelle, verwunderte Blick nicht entgangen, den das Brautpaar
in dem ersten Moment der Begegnung gewechselt hatte. Sie fürchtete, Albrecht
würde die Taktlosigkeit begehen und sich empfehlen; aber Albrecht fühlte nicht
weniger deutlich, dass hier nur die grösste anscheinende Unbefangenheit retten
könne. Er brachte sein Bedauern vor, Stephanies verehrte Eltern und Stephanie
selbst bei seinem vorgestrigen Versuch, zu der Verlobung zu gratulieren, nicht
angetroffen zu haben, und kam dann mit einer geschickten Wendung wieder auf den
jungen, talentreichen Künstler zu sprechen, aus dessen wirrem Leben er
Interessantes zu berichten wusste.
    Glücklicherweise kam nun auch noch der Maler Wollberg dazu. Er hatte sich
unten an den »alten braunen Schwarten« wieder einmal satt geärgert und wollte
sich hier oben, wo denn doch, Gott sei Dank, eine andere Luft wehe, für ein paar
Augenblicke die Seele ausweiten. Ja, der hier war ein Künstler! Wenn der nur mit
einem Fuss auftrat, fingen sämtliche Zöpfe der Akademie an zu wackeln. Für eine
Radierung, wie diese, gebe er den ganzen Kunstquark hin von Albrecht Dürer bis
Menzel!
    Was stellt es eigentlich vor? fragte Stephanie.
    Ich weiss es nicht, rief der Künstler. Darauf kommt es auch gar nicht an.
Aber sehen Sie diese grandiosen Linien, diese fulminante Verteilung von Licht
und Schatten! Dass der Künstler seine Seele gibt, nackt gibt, mein gnädiges
Fräulein, splitternackt, das ist die Sache. Wo nichts ist, freilich, hat der
Kaiser sein Recht verloren. Waren ja ganz nette Sächelchen, Herr Professor, die
Sie uns bei dem Fest neulich vorgegaukelt haben. Ein bisschen aus dem Handgelenk?
wie? Na, immer noch besser, als der Kaulbach'sche Schund, den uns der alte Esel
von - na, de mortuis nil nisi bene, heisst es ja wohl. Und diese ganze Sippe ist
tot, toter als tot.
    Das Glöckchen des Saaldieners mahnte die Herrschaften daran, dass die von ihm
ersehnte Stunde endlich geschlagen habe: die Herrschaften und den kleinen
handwerkermässigen Mann, der noch immer an den Zeichnungen sich nicht satt
gesehen hatte, nun mit ihnen den Saal verliess und hinter ihnen die Treppen
hinunterstieg.
    Unten vor dem Portal hielt die Sudenburg'sche Equipage und in einiger
Entfernung eine einzelne Droschke.
    Wir bringen Sie natürlich nach Hause, Klotilde, sagte Stephanie.
    Wird mit Dank angenommen, sagte Klotilde, nach einem freundlichen Kopfnicken
gegen Albrecht und den Maler, zuerst in den Wagen schlüpfend.
    Die Equipage mit Klotilde und dem Brautpaar war davon gerollt. Zu gleicher
Zeit hatte sich auch die Droschke in Bewegung gesetzt.
    Nun hat der verfluchte kleine Kerl, der hinter uns her zottelte, auch noch
die einzige Droschke genommen, rief der Künstler ärgerlich. Bei dem Hundewetter!
    Sie finden bald eine andere.
    Wollen Sie gehen?
    Nur bis zur Leipziger Strasse. Ich nehme dort die Pferdebahn.
    Na, denn adieu! Ich muss machen, dass ich zu der Kommerzienrätin Rosenstock
komme. Grässliches Weib mit ihrem geschwollenen Kunstentusiasmus. Aber ihre
Diners sind gut, und sie kauft meine Bilder.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Hatte sich schon in den Nachgeschmack des ersten Rendezvous ein Tropfen Wermut
gemischt, der des zweiten war bitterer.
    Und wurde nicht versüsst durch Klotildens nächsten Brief.
    Sie wolle ihrem geliebten Siegfried keine Vorwürfe machen; eher sich selber,
die den Verstand für beide hätte haben voraussehen sollen, wie gefährlich ein
Stelldichein an einem so exponierten Orte sei. Nun hätten sie den schwer wieder
gut zu machenden Schaden. Stephanie habe ihr ins Gesicht gesagt, wie im höchsten
Grade verdächtig ihr ein so merkwürdiges Rencontre vorkomme, wenn die
Betreffenden der Gesellschaft auch sonst schon recht unzweideutige Zeichen eines
starken gegenseitigen Interesses gegeben hätten; und dass ihr Bräutigam diese
Empfindung durchaus teile. Bei ihm und ihr dürfe sie freilich sicher sein, dass
sie reinen Mund halten würden. Aber wer stehe für dieselbe Diskretion auch nur
bei dem schwatzhaften, völlig taktlosen Künstler? Es bleibe nichts anderes
übrig, als zu erklären, dass ihr - Klotildens und des Brautpaars -
Zusammentreffen in der Galerie die Folge einer gemeinsamen Verabredung gewesen
sei. Aber sie müsse ihr in die Hand versprechen, in Zukunft besser auf ihren
guten Ruf achten zu wollen.
    Ich habe ihr den Handschlag verweigert, fuhr der Brief fort; denn damit
hätte ich ja die Berechtigung des mir gemachten Vorwurfs eingestanden, und das
werde ich nun und nimmermehr. Aber Du siehst, in welcher prekären Lage ich bin
gegenüber einer Gesellschaft, die tausend Augen hat und keinen Pardon kennt.
dabei will ich von meinem Manne noch gar nicht einmal sprechen, obgleich wir auf
einem Kriegsfusse miteinander stehen - bereits seit acht Tagen - wo jede Blösse,
die ich mir gebe, verhängnisvoll für mich werden muss.
    Wenn Du aber glaubst, dass ich deshalb von Dir lasse, so hast Du keine Ahnung
von der Stärke meiner Liebe. Nur muss unsre nächste Zusammenkunft - und ich habe
Dir tausend Dinge zu sagen, die ich auch einem poste-restante-Brief nicht
anzuvertrauen wage - absolut sicher sein. Ich weiss, dass Deine erfinderische
Liebe das Rechte zu treffen nicht verfehlen wird. Also auf Wiedersehen,
Einziggeliebter!
    Der Brief war für Albrecht unsäglich peinlich. Die geliebte Frau machte ihm
keine Vorwürfe; wozu auch, wenn er sich selber nicht verzeihen konnte, dass er
sie durch seine Voraussichtslosigkeit in eine so schlimme Lage gebracht! Nein,
so ging es länger nicht; aber wie sollte es anders und besser? wie sollte es gut
werden?
    Doch nur durch eines.
    Und das Eine wagte er zu denken als Entgelt für des Schicksals Gnade, die
ihm seinen Liebling erhalten hatte, der nun wieder in seinem Bettchen mit der
neuen Puppe spielen durfte, und, wenn der Papa in das Zimmer kam, ihm beide
Ärmchen entgegenstreckte? für den Heroismus, mit dem die kleine tapfere Frau
diese Leidenstage wieder einmal durchgefochten, ohne auch nur für einen
Augenblick zu ermüden; ohne dass nur ein leisestes Wort der Klage über ihre
bleichen Lippen gekommen wäre?
    Dachte die Geliebte an das Eine? Keine Andeutung sprach dafür, es hätte denn
die sein müssen, dass es sehr schlecht zwischen ihr und ihrem Gatten stehe, und
sie ihm Mitteilungen zu machen habe, die sie einem Briefe nicht anvertrauen
könne. Aber war es denn nicht Wahnsinn, zu hoffen, sie werde ihre bevorzugte
gesellschaftliche Stellung aufgeben, sein dunkles Los mit ihm zu teilen? Das
doch auch in ihren stolzen Augen gewiss kaum ein wenig heller wurde, wenn er das
Ziel seines Ehrgeizes wirklich erreichte und es zum Universitäts-Professor
brachte!
    Vorläufig hatte er noch die Kläglichkeiten seines Lehreramts über sich
ergehen zu lassen.
    Am Tage nach dem gestörten Rendezvous in der Nationalgalerie liess ihn sein
Direktor rufen und empfing ihn mit einer unfreundlichen Miene:
    Er habe bei der Durchsicht der Aufsatz-Hefte seiner Klasse einiges gefunden,
das er monieren müsse. Mit der Wahl des letzten Temas sei er nicht
einverstanden. Ob die Prinzessin Tasso liebe oder nicht, sei eine
Kontroversfrage, mit deren Beantwortung man die leichten Gehirne von Sekundanern
nicht beschweren dürfe.
    Und wollten Sie einmal - ich nehme an: nach vorhergegangener gründlicher
Durchsprechung und Einschränkung auf das sittlich-ästetische Gebiet - eine
solche Aufgabe stellen, so durfte man gewiss annehmen, Sie würden auf die
Korrektur die peinlichste Sorgfalt verwenden. Und gerade die habe ich
schmerzlich vermisst. Ihre Urteile stimmen mit dem Inhalt der Arbeiten oft so
wenig überein, dass ich mich kaum überwinden kann zu glauben, Sie hätten das
krause Zeug, welches sich dieser und jener geleistet hat, wirklich gelesen. Es
tut mir weh, einem Kollegen, dessen gewissenhaften Fleiss ich bis jetzt nur zu
rühmen hatte, dergleichen Vorhaltungen machen zu müssen.
    Albrecht murmelte etwas von den Störungen, welche die schwere Erkrankung
eines seiner Kinder in den letzten Tagen ihm während seiner Arbeitsstunden
gebracht habe.
    Das entschuldigt freilich manches, sagte der Direktor. Und dann, lieber Herr
Kollege, die gesellschaftlichen Zerstreuungen! So höre ich, dass Sie kürzlich in
dem Hause eines hochgestellten Beamten - den Namen hat man mir nicht genannt -
er tut auch nichts zur Sache - der maître de plaisir gewesen sind. Dulce est
desipere in loco - freilich! Aber derselbe Dichter rühmt auch, wie Sie wissen,
die aequa mens, die man nicht bewahren kann, wenn man sich unmässiger Lust
hingibt.
    Es war der erste ernstafte Vorwurf, den Albrecht sich während seiner ganzen
Lehrerlaufbahn zugezogen, und sein Stolz litt darunter um so fürchterlicher, als
er sich sagen musste, dass es ein verdienter sei.
    Nicht minder empfindlich traf ihn ein zweiter Schlag, der von einer Seite
kam, nach der all diese Zeit hindurch hoffnungsvoll sehnender Blick gerichtet
gewesen war.
    Wieder am nächsten Tage empfing er einen Brief und ein Paket, beide mit dem
Stempel: »Königliche Angelegenheiten« versehen. Das Paket entielt die
Manuskripte der beiden kleinen Stücke, welche er dem Generalintendanten auf
dessen ausdrücklichen Wunsch zugeschickt hatte; der Brief war von der Hand eines
Intendanturrates und benachrichtigte ihn, dass Seine Excellenz nach genauerer
Einsicht in die ihm übersandten, übrigens vielfach trefflichen Arbeiten sich
denn doch nicht zu einer Aufführung entschliessen könne, von der vorauszusehen
sei, dass sie an einer gewissen Stelle und gewissen Kreisen, denen eine
königliche Schaubühne immer Rechnung tragen müsse, Anstoss erregen würden.
    Das waren Kalamitäten, die er bei einer ruhigeren Stimmung des Gemütes
immerhin mit einigem Gleichmut hätte über sich ergehen lassen. In der jetzigen
Verstörung seiner Seele sah er rings um sich her Glück auf Glück scheitern und
keine Rettung, als in seiner Liebe. Brach auch dieser letzte Anker, so mochten
die Wogen über ihm zusammenschlagen und er zum Abgrund sinken.
    Hier musste er Gewissheit haben. Sie musste ihm sagen, was sie für ihre Liebe
zu tun entschlossen sei.
    Und Aug' in Auge musste sie es ihm sagen; aus ihrem Munde musste er es hören.
    Er schrieb ihr, welchen neuen Plan für eine abermalige Zusammenkunft er
ersonnen habe. Nach menschlicher Voraussicht seien sie in dem Restaurant, das er
entdeckt hatte und ihr nun ausführlich schilderte, absolut sicher. Es komme nur
darauf an, dass sie sich für ein paar Abendstunden völlig frei machen könne.
    Sie antwortete umgehend: der Plan gefalle ihr nicht in allen Punkten. Aber
sie wisse nichts anderes und besseres; und darin habe er sicher recht:
aussprechen müssten sie sich. Ein glücklicher Zufall wolle, dass ihr bereits der
nächste Sonnabend - es waren noch zwei Tage bis dahin - die gewünschte Freiheit
bringe.
    Es folgte dann noch die Angabe der Stunde und die Aufstellung einer Reihe
von Vorsichtsmassregeln, deren Notwendigkeit Albrecht anerkennen musste.
    So sollte ihm denn der nächste Sonnabend die Entscheidung bringen, mochte
sie nun Sieg lauten oder Tod.
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
Bereits am Mittwoch auf dem Nachhausewege von dem Junggesellendiner im
Palast-Hotel hatte Viktor es bereut, Fernau eine so weitgehende Vollmacht
gegeben zu haben. Fernau war gar zu beflissen gewesen, gar zu geschäftig! Wenn
auf Seite Klotildens doch alles nur auf eine, für ihn freilich sehr beleidigende
Rechtaberei, auf Trotz, Caprice, Gott weiss auf welche Weiberschrulle
hinauslief; schlimmsten Falles es sich um eine ganz gewöhnliche Flirtation mit
dem Schulmeister handelte, der ja wirklich ein verdammt hübscher Kerl war; und
Klotilde recht hatte, wenn sie behauptete, Fernaus Hetzereien hätten keinen
anderen Zweck, als ihn auf eine falsche Fährte zu locken!
    Je mehr sein Rausch in der kalten Abendluft verflog, umsomehr befestigte er
sich in diesen Gedanken und beschleunigte zuletzt sogar unwillkürlich seine
Schritte, um schneller nach Hause zu kommen und ein vernünftiges Wort mit
Klotilden zu reden, an dem er es doch wohl hatte fehlen lassen, und auf das sie
gewiss nur wartete. Dann war die dumme Geschichte aus der Welt; er hatte wieder
Frieden im Hause und den Kopf frei für die wichtige Arbeit, die ihn schon seit
Wochen in Atem hielt, und an der Excellenz ein so lebhaftes Interesse nahm.
    Anstatt Klotildens fand er im Salon auf dem Tisch neben seiner Karte, durch
welche er ihr sein Ausbleiben gemeldet hatte, einen Zettel: »Ich werde heute
auswärts speisen.« Weiter nichts; nicht einmal eine Unterschrift.
    Er war wütend; der kaum verflogene Rausch kam zurück; die lichten Farben, in
denen er eben noch Gegenwart und Zukunft erblickt, waren ausgelöscht; zu einer
schwarzen Tafel geworden, auf der mit Flammenlettern nur das eine Wort stand:
Rache! Dass seine Rücksichtslosigkeit der ihren völlig gleich kam; er sie hatte
brüskieren wollen, wie sie ihn, und sie ihren Zweck durch dasselbe Mittel zu
erreichen gesucht hatte, wie er den seinen, daran dachte er nicht. Jetzt war es
völlig klar: sie wollte es zu einem Bruch treiben. Gut! Sie sollte ihn haben.
Aber die Trümpfe sollten in seiner Hand sein; und sie sollte das Spiel
verlieren! schmachvoll verlieren!
    Nun scheute er vor Fernaus Plan, der ihm anfangs so widerwärtig erschienen
war, zu dem er seine Einwilligung mit so grossem innerlichen Sträuben gegeben
hatte, nicht mehr zurück; nur die Ausführung durfte so nicht sein: Fernau musste
daraus fortbleiben; er selbst den Detektiv engagieren, instruieren. Fernau hatte
ihm die genaue Adresse des Mannes gegeben; er machte sich stehenden Fusses auf
den Weg; der Zufall wollte, dass er den Vielbeschäftigten in dem Augenblicke
traf, als dieser seine Wohnung zu einem seiner Kommissionsgänge verlassen
wollte.
    Sich mit Herrn Krüger zu verständigen, bedurfte es nicht vieler Worte: der
Mann verstand die leiseste Andeutung. Bereits nach fünf Minuten sagte er:
    Ich weiss jetzt alles, Herr Assessor, was ich zu wissen brauche. Natürlich
kann ich nicht an zwei Orten zu gleicher Zeit sein und auch über den Herrn die
Kontrolle übernehmen. Ist auch nicht nötig. Die Hauptfrage bleibt in solchen
Fällen immer: was treibt die Dame? Man schlägt da stets zwei Fliegen mit einer
Klappe. Nur noch eines: Wie ist das Verhältnis der Dame zu ihren Dienstboten?
    Ich vermute, sie stehen auf ihrer Seite.
    Das müssen Sie zu ändern suchen und so bald wie möglich. Ein paar Zehn- oder
Zwanzigmarkstücke - je nachdem können da Wunder tun.
    Es liegt das ganz ausser meinen Gewohnheiten; für mich sind die Dienstboten
eben Dienstboten.
    Sehr löblich. Aber im Kriege, Herr Assessor, verschmähen auch sehr
christliche Feldherrn die Spionage nicht. Ich selbst bin doch nichts anderes als
ein Spion, sozusagen.
    Aber es ist Ihr Metier.
    Leider. Es gibt deren, welche weniger Mühe machen und besser rentieren.
Und, Herr Assessor, da wir einmal bei dem Tema sind -
    Hier stellte der Mann seine Forderung, die von Viktor ohne Markten bewilligt
wurde.
    Seitdem war er, wie Herr Krüger es ausdrückte, »auf dem Laufenden« erhalten
worden. Sie trafen sich nach Viktors Amtsstunden in dem Café des Kaiserhofs zu
einiger Verwunderung der Kellner, die nicht wohl begreifen konnten, wie der
vornehme Herr zu dem sonderbaren Verkehr kam. Die Zusammenkünfte dauerten nicht
lange, obgleich Herr Krüger stets etwas Wichtiges zu berichten hatte.
    Zuerst: die Dame - Herr Krüger bediente sich nie eines anderen Ausdrucks -
holte sich regelmässig eine halbe Stunde, nachdem der Herr Assessor die Wohnung
verlassen, Briefe von dem Postamt Nr. 10 - poste restante, selbstverständlich.
Er hatte zweimal in ihrer Nähe am Schalter gestanden, ihr einmal sogar über die
Schulter gesehen, als ihr der Brief ausgehändigt wurde, leider aber die Chiffre
nicht völlig herausbringen können. Es war nur ein Wort, dessen erste Silbe Ball
war - Ballnacht vielleicht oder Ballabend - wahrscheinlich das letztere. Dann
nach Hause, den Brief zu beantworten; dann zu dem Briefkasten an der Ecke der
Nachbarstrasse. Dann Kommissionswege in die Stadt - unverdächtige, wie er zugeben
müsse; heute freilich eine mehr als verdächtige Affaire.
    Hier folgte eine genaue Schilderung von dem Rendezvous in der
Nationalgalerie. Die Sache würde entscheidend sein ohne das Hinzukommen eines
Paares: - junge Dame und Offizier, zweifellos Braut und Bräutigam -
augenscheinlich so befreundet und vertraulich mit der Dame und dem Herrn, dass
eine vorhergegangene gemeinschaftliche Verabredung, sich in der Galerie zu
treffen, mindestens nicht ausgeschlossen sei.
    Viktor, der aus der sehr genauen Schilderung in dem hinzugekommen Paar
sofort Stephanie und Herrn von Luckow erkannt hatte, war unter dem Vorwande, des
Hauptmanns Verwendung für einen empfohlenen verwandten Kadetten in Anspruch zu
nehmen, zu diesem gefahren, offenbar aber schon zu spät gekommen: Herr von
Luckow, als er - wie zufällig - das Gespräch auf diese bewusste Begegnung
brachte, hatte - gewiss auf vorhergegangene Verständigung mit seiner Braut - sich
so diplomatisch ausgedrückt, - man konnte, wenn man wollte, auf ein Rendezvous
zu vieren schliessen. Aus Furcht, Luckow, den er jetzt auf Klotildens Seite
glaubte, tiefer in seine Karten blicken zu lassen, war er von dem heiklen Tema
alsbald auf ein anderes, unverfängliches übergegangen.
    Das war vorgestern.
    Der achttägige Kampf mit einem so entschlossenen Gegner, wie Klotilde, hatte
Viktors Nerven doch mehr angegriffen, als sein Stolz zugeben wollte. Unter nur
einigermassen annehmbaren Bedingungen hätte er auch jetzt noch Frieden
geschlossen; die Gleichförmigkeit der zum grösseren Teil indifferenten
Nachrichten, welche Herr Krüger ihm täglich mitteilte, diente eher dazu, seine
Streitlust einzuschläfern.
    Da kam der Sonnabend, auf den zufällig einer der in regelmässigen Intervallen
stattfindenden Kneipabende der alten Herren seines Bonner Corps fiel. Für ihn
immer eine besondere Freude. Die Studentenzeit galt ihm als das Paradies seiner
Erinnerungen. Auch hatten diese Zusammenkünfte eine praktische Seite, deren Wert
er völlig zu schätzen wusste. Unter den Corpsbrüdern befanden sich hoch- und
höchstgestellte Beamte, mit denen sich von Zeit zu Zeit zu begegnen und ein
behaglich-freimütiges Wort auszutauschen, ebenso angenehm, wie vorteilhaft war.
Sein specieller hoher Chef fehlte selten bei diesen Symposien, und gestern
vormittag hatte er im Vorübergehen mit freundlichem Kopfnicken zu ihm gesagt:
Nun, lieber Sorbitz, wir sehen uns doch morgen abend; und er, sich verbeugend,
geantwortet: Gewiss, Excellenz.
    Wäre es auch nur gewesen, in lebhaftem Gespräch mit geistesverwandten oder
doch gesinnungsgleichen Kollegen über dem Glase diesen schlimmen Hader mir
seiner Frau für ein paar Stunden vergessen zu können, - die Aussicht auf den
Abend würde ihm willkommen gewesen sein.
    Am Nachmittage in der Konferenz mit Herrn Krüger erwähnte er zufällig seiner
Absichten für den Abend. Der Detektive rieb sich das Kinn.
    Die Dame weiss, was Sie vorhaben? fragte er.
    Ja. Weshalb?
    Und diese Sitzungen pflegen lange zu dauern?
    Ich komme selten vor zwei Uhr nach Hause. Manchmal auch später.
    Herr Krüger blickte starr vor sich hin.
    Ich bin überzeugt, heute abend passiert etwas, sagte er langsam.
    Viktor stieg das Blut in die Stirn.
    Sie haben dafür einen besonderen Anhalt? fragte er fast heftig.
    Nein, erwiderte Herr Krüger; es ist das auch gar nicht nötig. Der Herr und
die Dame haben sich seit vier Tagen nicht gesehen; das ist sicher. Mir ist nicht
weniger sicher, dass sie dazu heute abend die Gelegenheit suchen werden; vielmehr
bereits verabredet haben. Wozu auch sonst die restanten Briefe?
    Ich habe mich zu fest engagiert, sagte Viktor ärgerlich; ich kann nicht zu
Hause bleiben.
    Würde auch zu nichts dienen, entgegnete der Detektive. Im Gegenteil! Wir
wollen doch ein Resultat. Ich kann nur wiederholen: ich bin überzeugt, der Abend
bringt uns eines.
    In Viktors Seele begann ein wunderlicher Kampf. Der Gedanke, dass
Befürchtungen, gegen die er sich aus allen Kräften wehrte, in denen er, schien
ihm einmal die Lebenssonne ein wenig heller, nur Nachtgespenster seiner
verstörten Phantasie sah, Wirklichkeit werden könnten, war ihm schauderhaft. Auf
der andern Seite: der Mann hatte recht: dies musste zu einem Resultat kommen.
Seine Nerven hielten es nicht länger aus. Und seine Devise war immer der
Wahlspruch Teodor Körners gewesen: »Durch!« War das Wort doch, weil er es in
jedes Stammbuch der Freunde schrieb, auf der Universität sein Spitzname
geworden!
    Was also wollen Sie, dass ich tun soll? fragte er nach einer dumpfen Pause.
    Ruhig in Ihre Gesellschaft gehen, erwiderte Herr Krüger, und mir nur
gefälligst sagen, wo das ist, damit ich Sie eintretenden Falles dort aufsuchen -
ich meine: herausrufen lassen kann.
    Viktor hätte den Mann am liebsten mit der Faust in das bleiche Gesicht
geschlagen. Statt dessen nannte er mit leidlich gut gespielter Ruhe das Lokal,
in welchem er zu finden sein würde, und sagte, seinen Hut nehmend:
    Es wird vergebliche Mühe sein; aber ich will hernach nicht von Ihnen hören,
ich sei schuld daran gewesen, dass wir zu keinem Resultat gekommen sind. -
    Am Schluss des heute, wie jetzt immer, schweigsamen Mittagmahles fragte er
Klotilde:
    Hast Du für den Abend etwas vor?
    Ich weiss nicht, erwiderte sie; vielleicht fahre ich auf eine Stunde zu
Stephanie.
    Er wollte antworten: ich wünsche, ich befehle, dass Du zu Hause bleibst; aber
was galten ihr jetzt noch seine Wünsche? und einem Befehl gegenüber würde sie
ihm ins Gesicht gelacht haben.
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Albrechts nächste Sorge war gewesen, sich in dem Restaurant eines separaten
Kabinetts zu versichern. Es hätte so grosser Eile nicht bedurft: sämtliche vier,
derer sich das Lokal rühmte, standen zu seiner Verfügung. Einen behaglichen
Aufentalt versprach freilich keines: die Tapeten zeigten hässliche, wie es
schien, von Feuchtigkeit herrührende Flecke; die Überzüge der alten, unschönen
Möbel bedenkliche Risse, in den abgeschabten Teppichen klafften grosse Löcher;
die Versicherung des schäbigen, vermauserten Kellners, - ein zweiter liess sich
auch diesmal nicht blicken - dass sich bei voller Beleuchtung alles viel besser
und wunderschön ausnehme, klang nicht sehr glaubwürdig.
    Und dann, sagte der Mann, wir legen auf die Ausstattung weniger Wert; unser
Ruhm sind unsere Küche und unser Keller.
    Ein schwacher Trost für Albrecht, dem der Sinn wahrlich nicht nach Essen und
Trinken stand, und der nun doch ein Langes und Breites mit dem umständlichen
Alten über das Souper verhandeln musste. War doch das Souper der Rechtstitel, auf
den hin er sich den Aufentalt in dem fürchterlichen Kabinett erkaufte!
Klotildens Rat folgend, bestellte er drei Couverts: für sich, seine Braut und
deren Bruder. Er werde einige Minuten vor neun kommen, sich zu versichern, dass
alles in gewünschter Ordnung sei. Der Alte beteuerte, der Herr Graf werde seine
Erwartungen übertroffen sehen.
    Um sich Klara gegenüber für sein Ausbleiben am Abend zu entschuldigen, hatte
er eine gesellige Zusammenkunft mit ein paar Kollegen vorgeschützt. Er erschrak
aufs heftigste, als am Sonnabend vormittag der Direktor durch den Schuldiener
herumsagen liess: er müsse die für heute nach dem Schluss der Stunden anberaumte
Konferenz auf den Abend verlegen und bitte die Herren Kollegen um pünktliches
Erscheinen, da sehr wichtige Dinge zur Beratung, resp. zur Entscheidung ständen,
und die Sitzung voraussichtlich geraume Zeit in Anspruch nehmen werde.
    Albrecht kannte nur zu gut eines dieser wichtigen Dinge.
    Der seiner besonderen Sorge empfohlene und anvertraute jüngste Sohn des
Sudenburg'schen Hauses war, nachdem er sich längere Zeit gut gehalten, in seine
angewohnte Liederlichkeit zurückgefallen und hatte sich Vergehen gegen die
Schuldisciplin zu schulden kommen lassen, die nicht ungeahndet bleiben durften.
Die Wage schwankte nur noch zwischen der Relegation und dem consilium abeundi.
Albrecht hatte sich darauf vorbereitet, heute mittag für das mildere Urteil zu
plaidieren, so hoffend, dem würdigen Manne, in dessen Hause er als Freund der
Familie verkehrte, das Äusserste ersparen zu können. In diesem Sinne hatte er mit
dem über den neuen Schlag ganz gebeugten Vater gesprochen und war von ihm des
innigsten Dankes im voraus versichert worden.
    Was nun beginnen? Der Konferenz fern bleiben, schien unmöglich; die
Verabredung mit Klotilde war nicht rückgängig zu machen, da sie heute keinen
Brief mehr erwartete, also auch auf dem Postamt nicht nachfragen würde, und,
direkt an sie zu schreiben, das teure Geheimnis jedem blöden Zufall preisgeben
hiess. In seiner verzweifelten Ratlosigkeit dachte er einen Augenblick daran,
Adeles oder Stephanies Vermittelung anzurufen; aber Klotilde hatte ihm
geschrieben, wie kläglich ihr Versuch, die erstere in ihr Interesse zu ziehen,
abgelaufen sei; und ihre Klage über die Strafpredigt, die ihr Stephanie
gehalten, war noch bei ihm in zu frischer Erinnerung. Wiederum eine
Entschuldigung, welche immer sie sei, würde, ja - wie er sich selbst eingestand
- konnte der Direktor in diesem Falle nicht gelten lassen. Er riskierte, blieb
er der Konferenz fern, nicht weniger als eine Disciplinar-Untersuchung,
vielleicht Schlimmeres.
    Dennoch, hier war keine Wahl. Er wollte, in der letzten Stunde, ein Billet
an den Direktor schreiben und ein plötzlich eingetretenes, heftiges Unwohlsein
vorschützen.
    Um acht Uhr sollte die Konferenz beginnen; um acht Uhr verliess er seine
Wohnung, sich nach dem Restaurant auf den Weg zu machen. Klotildens Rat folgend,
hatte er eine Droschke auf Zeit genommen, in der sie auch die gemeinschaftliche
Rückfahrt antreten wollten, während sie die, mit der sie selbst kommen würde,
ablohnte.
    Der dunkle Abend war windig und kalt. Ein früher Schnee stöberte in der
Luft, bildete auch hier und da auf dem schwarzen, nassen Boden weissliche
Streifen. Die Chaussee schien ausgestorben; selten einmal, dass ein verspätetes
Lastfuhrwerk oder ein Pferdebahnwagen vorüberrasselte. Die Lichter in den
Laternen an den Wegseiten flackerten trübselig; in ihrem matten Schein standen
die kahlen Bäume des Tiergartens rechts und links wie undurchdringliche Mauern.
Als die Droschke den Bogen der Stadtbahn passierte, donnerte gerade ein externer
Zug darüber weg, in Albrechts beklommenem Herzen den seufzenden Wunsch
erweckend: er sässe in dem Zuge mit ihr, und sie flöhen hinaus in die weite,
weite Welt auf Nimmerwiederkehr. Nun ein lebhafteres Treiben auf der Strasse,
Lichter aus den Fenstern und Läden der Häuser zu beiden Seiten, und da hielt die
Droschke vor dem Restaurant. Der Kutscher hatte jämmerlich gefahren und Albrecht
würde ihn gern entlassen haben, wagte aber nicht gegen die Verabredung zu
handeln.
    In dem unwohnlichen, schlecht erleuchteten Saal des Restaurant spielten in
einer Ecke drei Männer Karten; in einer anderen sass ein junges Pärchen, eifrig
sprechend, die Köpfe dicht zusammengedrängt. Es mochte ein Student mit seiner
Grisette sein, oder ein Handlungscommis mit seiner Flamme. Albrecht hatte sich
nicht anders gedacht, als dass er das Lokal leer finden werden, wie die beiden
ersten Male. Es war das zweifellos eine ganz willkürliche Annahme gewesen;
dennoch ärgerte ihn die Anwesenheit dieser Menschen, an denen nun auch Klotilde,
wenn sie kam, vorüber musste; zu den Kabinetten konnte man nur durch den Saal
gelangen.
    Der Kellner schlurfte ihm entgegen in demselben, vom langen Gebrauch
unheimlich glänzenden Frack, mit demselben selbstzufriedenen Lächeln auf dem
schlecht rasierten, dicken, dumm-pfiffigen Gesicht: zum Empfang der Herrschaften
sei alles bereit.
    Eine Behauptung, die sich nicht wohl rechtfertigen liess, da in dem Kabinett
noch nicht einmal die Gasflamme brannte und der runde Tisch vor dem Sofa
ungedeckt stand, überhaupt alles in dem unheimlichen, dumpfigen Gemach war, wie
es Albrecht bei seiner ersten Besichtigung gefunden hatte. Er liess deswegen den
Mann heftig an, den das aber keineswegs aus seinem Phlegma brachte; Albrecht
musste froh sein, als der Mann nun wirklich Tischtuch, Servietten, Teller,
Gläser, Messer, Gabel, Löffel - eines nach dem andern - langsam herbeitrug und
eine nichts weniger als elegant ausgestattete, kaum völlig saubere Tafel endlich
zu stande kam.
    Es war verabredet, dass er Klotilden vor der Tür des Hauses erwarten sollte.
So ging er denn hinaus, nachdem er die Weine bezeichnet, die man bereit zu
halten habe. Die Auswahl war nicht gross gewesen, aber der lächerliche
Widerspruch, in welchem die Dürftigkeit der Karte mit der Prahlerei des Kellners
von dem berühmten Gross-Weinlager des Restaurant stand, fiel ihm bereits nicht
mehr auf.
    Nun ging er vor der Tür auf und ab, fröstelnd in dem eisigen Zugwind,
während ihm der Kopf brannte. Neulich an der Strassenecke hatte er nichts von der
Kälte gespürt. Neulich! konnte das wirklich vor nur vier Tagen gewesen sein?
Aber wie voller Sorgen und Qualen waren diese Tage gewesen! wie schlaflos die
Nächte! Und jetzt der Direktor sein Billet erhalten, und er sah, wie sich die
hohe Stirn des Mannes vor Zorn rötete. Und dann fiel ihm ein, woran er mit
keinem Gedanken gedacht hatte: der Entrüstete könne den Schuldiener in seine
Wohnung schicken, ihm sagen zu lassen: in einem Falle von solcher Dringlichkeit
dürfe man nicht krank sein, und er müsse unter allen Umständen kommen. Wenn er
stehenden Fusses in die Stadt zurück führe, Klotilden ein Billet hinterlassend,
in welchem er ihr kurz die Sachlage auseinandersetzte und sie bat, ihm zu
verzeihen?
    Er sah nach der Uhr: es fehlten nur noch ein paar Minuten an neun. Die
Konferenz hatte bereits eine Stunde gewährt; bis er die Schule erreichte, auch
wenn er von der Tiergartenstation aus die Stadtbahn benutzte, musste mindestens
wieder eine Stunde vergehen. Es hatte keinen Sinn; und da kam auch schon
Klotilde.
    Er hob die Dichtverschleierte aus dem Wagen und führte sie an seinem Arm
durch den Saal des Restaurant nach dem Kabinett. Es ging so schnell; er durfte
hoffen, dass sie die Gruppe der Spieler und das kosende Pärchen im Saal nicht
bemerkt hatte. Auch machte sie, als er ihr in dem Kabinett Hut und Mantel
ablegen half, nur die Bemerkung; Na, Schatz, in einem Feenpalast sind wir hier
gerade nicht; aber, offen gestanden, das habe ich auch nicht erwartet.
    Es war so lieb von ihr, und sie sah in dem eleganten, schwarzen Kleide, mit
den von der Kälte rosig überhauchten Wangen entzückend aus; aber der Kuss, den
sie ihm dann gab, deuchte ihm seltsam kühl. Es blieb auch bei dem einen, da der
Kellner jetzt hereintrat und fragte, ob auf die dritte Herrschaft gewartet
werden sollte? Klotilde brachte das Märchen von dem Bruder, der in dem letzten
Augenblick verhindert worden sei, aber jedenfalls nachkommen werde, mit solcher
Ruhe vor, dass Albrecht ein wenig von der Fassung wieder gewann, die er fast ganz
verloren hatte. Sie hatten Platz genommen: Klotilde auf dem verschlissenen Sofa,
er ihr zur Seite auf einem der brüchigen Stühle, und das Mahl konnte seinen
Anfang nehmen.
    Ein Mahl, das einen Gourmand hätte zur Verzweiflung treiben müssen. Die
Gerichte, welche der Mann im fettglänzenden Frack, eine unsaubere Serviette
unter dem Arm, mit bedächtiger Langsamkeit in endlosen Zwischenräumen auftrug,
erwiesen sich als ungeniessbar, die Weine waren von der schlechtesten Sorte. Aber
die beiden am Tisch hatten wichtigeres zu tun, als auf Speise und Trank zu
achten: der Kellner mochte nach den ersten Gängen die unberührten Schüsseln nur
wieder hinaustragen, was seinen Gleichmut keineswegs zu erschüttern schien.
    Klotilde machte diese Bemerkung lachend; es war das erste Mal an diesem
Abend, dass sie eine Spur von Heiterkeit zeigte. Wie sollte sie auch wohl heiter
sein, wenn sie an ihre Lage denke, die mit jedem Tage prekärer werde! Seit der
bekannten Scene der verunglückten Rekognoscierung habe Adele die kurioseste
Miene angenommen: halb unheilschwanende Kassandra, halb barmherzige Samariterin;
zu Stephanie wage sie schon gar nicht mehr zu gehen, aus Furcht, es könne zu
einer neuen Handschlagsforderung kommen; Bekannte habe sie seit acht Tagen keine
gesehen, da ihr Mann sich weigere, Gesellschaften mit ihr zu besuchen, und sie
keine Lust habe, ihr Strohwitwentum durch die Welt spazieren zu führen. Auch
müsse es binnen kurzem in dem Verhältnisse mit ihrem Manne zu einer Katastrophe
kommen; dass es so bleibe, wie jetzt, sei einfach eine Unmöglichkeit. Sie trage
sich seit zwei Tagen mit dem Plane, unter irgend einem Vorwande ihre Eltern auf
dem Gute zu besuchen, und wäre es auch nur, den Beobachtungen zu entgehen, denen
sie in Berlin ausgesetzt sei, wo ihre Bekannten nach Hunderten zählten, die
jetzt jedenfalls nichts eifriger hätten, als das Zerwürfnis mit ihrem Gatten zu
kommentieren. Und wäre es nur das! aber sie habe die feste Überzeugung, dass sie
bewacht werde. Gestern bereits zum zweitenmale, als sie ihren Brief von der Post
holte, habe sie dicht hinter sich jenes Individium bemerkt, das in der
Nationalgalerie so eifrig die Zeichnungen studierte. Dann sei sie zu Gerson
gefahren und wahrhaftig, als sie nach einer halben Stunde das Geschäft
verlassen, da stehe der Mensch wieder an einem der Schaufenster, scheinbar in
Betrachtung der dort ausgestellten Roben-Stoffe versunken. Das könne kein Zufall
sein. Und zu allem Unglück müsse sie nun noch seinen letzten Brief - den, in
welchem er ihr die Einzelheiten der heutigen Zusammenkunft mitgeteilt -
verlieren. Gestern abend habe sie ihn noch gehabt, das wisse sie bestimmt. Eine
Stunde später, als sie ihn vor dem Zubettgehen verbrennen wollte - wie sie es
mit allen seinen Briefen getan - sei er verschwunden gewesen und geblieben,
trotzdem sie die halbe Nacht nach ihm gesucht. Es sei ihr völlig rätselhaft. Sie
zittere vor der Möglichkeit, er könne doch wieder auftauchen und in die Hände
ihrer Kammerjungfer fallen, der sie gar nicht mehr traue. Sie traue überhaupt
keinem Menschen mehr.
    Das alles kam über ihre Lippen so gewandt und zierlich, - die graziöse Form
hätte Albrecht entzücken können, wäre der Inhalt nicht so unerfreulich gewesen.
Und dann, in seiner Erwartung, sie werde schliesslich auf das eine, was sie als
endgültige Befreiung aus diesem Elend ersehne, wenigstens hindeuten, fand er
sich getäuscht. Sie nippte, als sie ihr Klagelied beendet, an dem miserablen
Sekt, der längst das letzte seiner spärlichen Schaumbläschen hatte aufsteigen
lassen, und erklärte, nach Hause zu müssen.
    Das konnte Albrecht nicht zugeben. Hatte sie ihm ihr Leid geklagt, er durfte
erwarten, dass er das seine, wahrlich nicht minder grosse, ihr klagen durfte: die
Ruhelosigkeit, die ihn peinigte im Bunde mit der fürchterlichen Sehnsucht; die
mehr als menschliche Aufgabe, das Herz übervoll von solchen Empfindungen, den
Kopf zerwüstet von so verzweifelten Gedanken, ruhig erscheinen zu müssen, als
sei nichts geschehen; scheinbar harmlos dahinleben zu müssen an der Seite seiner
verratenen, ungeliebten, aber in ihrer Bravheit verehrungswürdigen Frau,
zwischen den ihn umspielenden ahnungslosen Kindern. Und an bösesten Zufällen
fehle es auch ihm nicht: eben zu dieser Stunde sei etwas geschehen, habe er
etwas geschehen lassen müssen, das ihn aller Wahrscheinlichkeit nach um Amt und
Brot bringen werde.
    Er hatte innig bewegt, zuletzt leidenschaftlich, mit Tränen in den Augen,
gesprochen; aber den Eindruck, den seine Rede auf die geliebte Frau machen
sollte, hatte er entschieden verfehlt. Ihr Ausdruck war immer düsterer geworden;
immer finsterer hatten sich die Brauen über den gesenkten Lidern einander
genähert; immer ungeduldiger hatte es um die zusammengepressten Lippen gezuckt.
    Und nun, als er geendet, brach es mit einer Heftigkeit hervor, die ihn um so
mehr erschreckte, als sie sich augenscheinlich Mühe gab, die vornehme Dame nicht
zu vergessen.
    Ja, mein Bester, das alles hättest Du doch voraussehen können, als Du mir
die Ehre erwiesest, mich zu lieben; hättest an Deine brave Frau und die
ahnungslosen Kinder denken sollen, bevor Du Dich in eine Leidenschaft stürztest,
die Dir jetzt, wie es scheint, über dem Kopf zusammenschlägt. Jedenfalls, meine
ich, bin ich die letzte, der Du mit Deinen Klagen kommen durftest. Ich leide
ohnehin schon genug und meine, ich hätte es Dir deutlich genug zu verstehen
gegeben. Ja, mein Lieber, da bleibt uns doch wohl nur eines übrig, und je eher
wir uns dazu entschliessen, desto besser ist es für uns beide.
    Mehr noch, als der Mangel an Logik, den er ihr freilich auch nicht zugetraut
hätte, empörte Albrecht die Lieblosigkeit, welche jedes ihrer Worte, ihn bis ins
Herz erkältend, aushauchte. Aber die zornige Antwort blieb ihm auf der Zunge.
Der Kellner, diesmal, wie auch sonst, keine Zeit mit Anpochen verlierend, trat
ein, zu melden, dass der Kutscher im Saal sei und anfrage, wann die Herrschaften
zu fahren gedächten.
    Sogleich! sagte Klotilde.
    Der Kellner war gegangen; die beiden standen einander gegenüber mit
funkelnden Augen, bleich bis in die Lippen. Um die Klotildens zuckte ein
gequältes Lächeln:
    Wir haben uns in eine kindische Aufregung hineingeredet. Das ist so, wenn
man bei schlechter Laune ist und sie nun an dem andern auslässt. Komm, lass uns
wieder Frieden schliessen!
    Sie streckte ihm die Hand hin, die er stumm an seine Lippen führte.
    Nun bitte, hilf mir den Mantel um - Gott, welch ein elender Spiegel! - man
sieht wie eine Vogelscheuche aus - und weisst Du: ich möchte doch lieber allein
fahren. Du wirst hier noch mit dem Kellner abzurechnen haben, und mir ist jede
Minute kostbar. Du kannst ja dann die Pferdebahn nehmen.
    Albrecht erwiderte nichts. So herzkränkend dies alles war - dem langen
Tête-à-tête im Wagen mit ihr entoben zu sein, dünkte ihm doch eine Wohltat.
    Er geleitete sie zu dem Wagen. Du schreibst mir morgen, sagte sie im
Einsteigen. Er verneigte sich wortlos; das Fuhrwerk setzte sich schwerfällig in
Bewegung; er kehrte in das Restaurant zurück, mit dem Kellner die Rechnung zu
begleichen, über deren unverschämte Höhe er keine Bemerkung machte. In dem jähen
Zusammenbruch seines Glücks spielte eine Handvoll Mark, die er zum Fenster
hinauswarf, keine Rolle.
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Klotildens Verzweiflung war minder gross, aber ihr war doch übel genug zu Mute,
während sie in der Ecke ihres Wagens sass, sich gegen den Zug, der durch die
Ritzen ging, möglichst dicht in ihren Pelzmantel hüllend. Sie hatte, als sie
kam, nicht die Absicht gehabt, mit ihm zu brechen; nun mochte es sein. Dass dies
ein Bruch war, ein vollständiger, darüber konnte man sich doch nicht täuschen.
Und Gott sei Dank, dass er es war! Die Sache hatte ja schon angefangen,
lächerrlich zu werden. Und das eben war doch der Gipfel der Lächerlichkeit: über
dies Souper in der hässlichen Spelunke mit dem komischen Kellner ging es nicht.
Und der Mensch hatte offenbar den Humor von der Situation gehabt: sie hatte
deutlich sein Grinsen gesehen, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Mein Himmel,
in welche kuriose Lagen gerät man, wenn man sich mal ein bisschen amüsieren will!
Weiter hatte es doch keinen Zweck gehabt. Und wäre es noch amüsant gewesen! Aber
dies Laufen nach seinen überschwenglichen Briefen! dies Warten an dem Schalter,
während der Beamte in dem Haufen herumsucht und einem endlich den Brief
hinreicht mit einem Blick, als wolle er sagen: Meine Gnädige, lassen Sie das! Es
führt zu nichts Gutem. Glauben Sie mir: ich spreche aus alter Erfahrung! - Der
Mann hat ja so recht: zu nichts Gutem; aber möglicherweise zu was ganz
Schlimmen. Viktor steht auf dem Punkt, mir den Stuhl vor die Tür zu setzen.
Kann's ihm auch nicht verdenken: keiner liesse sich das gefallen. Ich muss mich
nur wundern, dass er mit seiner Empfindlichkeit es so lange ausgehalten hat. Aber
ich werde heute abend Frieden mit ihm machen. Es wird nicht so schwer sein: ein
grosses Donnern und Blitzen seinerseits; ein paar Tränchen meinerseits - und das
Gewitter ist passé. Er kommt von solchen Abenden, so wie so, immer etwas
angeheitert nach Hause. Allerdings muss er mich dann da finden, wo er mich diese
acht Tage hoffentlich schmerzlich vermisst hat.
    Sie sah bei dem Schein einer vorübergleitenden Laterne nach der Uhr und
erschrak aufs heftigste: beinahe elf! sie hatte gemeint, es könne noch nicht
zehn sein. Viktor pflegte von seiner Corpskneipe freilich immer sehr spät
heimzukehren. In seiner jetzigen Stimmung, wer konnte wissen, ob ihm die
Kneiperei Spass machte, ihn nicht die Sehnsucht nach Hause trieb, oder - mein
Gott! - am Ende gar ein unbestimmter Verdacht! Der nun bestätigt wurde, wenn er
kam und fand sie nicht!
    Sie wollte dem Kutscher zurufen, er solle schneller fahren, doch das
verquollene Fenster liess sich so bald nicht öffnen; erst nach unsäglicher Mühe
kam sie damit zu stande. Sie rief es dem Kutscher hinaus, der etwas antwortete,
wovon sie nur das Wort »Glatteis« verstand. Und auch das nicht verstanden haben
würde, hätte sie nicht bereits seit einiger Zeit bemerkt, dass der Wagen auf
bedenkliche Weise hin- und herrutschte. Als Landkind wusste sie wohl, was eine
solche Kalamität zu bedeuten hat, besonders auf chaussierten Wegen, und wenn
noch gar das Pferd schlecht beschlagen ist. Was hier entschieden der Fall war:
mehrere andere Wagen hatten sie überholt, die jetzt wo möglich schon in der
Stadt waren, während sie eben erst den Grossen Stern passierten. Freilich, wenn
der Mensch jetzt sogar auf längere Strecken Schritt fuhr! Sie wollte anhalten
lassen, aussteigen und einen vorüberkommenden Pferdebahnwagen anrufen. Aber es
würde jetzt um halb zwölf Uhr keiner mehr kommen, oder sie die Haltestelle nicht
finden und so hier in der rabenschwarzen Nacht auf der einsamen Chaussee
umherlaufen, jedem Strolch, der des Weges kam, schutzlos ausgeliefert. Sie wusste
sich nicht zu raten, zu helfen, und vor Frost und Angst an allen Gliedern
bebend, brach sie in krampfhaftes Weinen aus.
    Endlich war die Kleine-Stern-Allee erreicht und der Kutscher bog wenigstens
in diese ein, nachdem er die Korsoallee überschlagen und so einen Umweg von
mindestens einer dreiviertel Stunde gemacht hatte, jedenfalls nicht, weil es
sich, wie er behauptete, auf der Charlottenburger Chaussee doch noch immer
besser fuhr, sondern um eine möglichst lange Zeit gefahren zu sein.
    Klotilde hatte längst den Kampf aufgegeben; in der Stumpfheit der Seele, die
sie befallen, liess sie sich die Allee, die Tiergartenstrasse hinauf und weiter
die endlosen Strassen schleppen, bis der Wagen mit einem jähen Ruck vor ihrer
Wohnung hielt und der Kutscher, den Schlag aufreissend, mit heiserer Stimme
sagte: er könne die Nummer nicht erkennen; aber es werde schon richtig sein.
    Sie zahlte dem Mann seine ganz unverschämte Forderung und gab ihm eine Mark
dazu, - hatte sie die Hoffnung, überhaupt noch anzukommen, doch schon beinahe
aufgegeben! Der Kutscher, der plötzlich sehr gemütlich geworden war, schloss ihr
sogar die Haustür auf, da sie mit ihren ungeübten, völlig erstarrten Fingern
nicht damit zustande kommen konnte.
    Die Treppe war dunkel - jedenfalls eine Chikane des Dieners, der mit de
Kammerjungfer gemeinschaftliche Sache machte. Sie standen jetzt auf Viktors
Seite. Wenn sie sich heute abend mit Viktor ausgesöhnt, würde morgen früh den
beiden gekündigt.
    Sie hatte ihren Flur erreicht; durch die schmalen Fenster der Flurtür kam
der Schein eines Lichtes, das sich bewegte. Man hatte wohl ihren Schritt auf der
Treppe gehört und wollte die Unbotmässigkeit wieder gutmachen. Es würde ihnen
nichts helfen.
    Die Tür wurde von innen geöffnet. Klotilde prallte zurück: vor ihr, mit
einer Lampe in der Hand, stand Viktor.
    Bitte doch, einzutreten! sagte er, die Lampe auf eine Konsole an der Wand
stellend.
    Sein Überzieher hing neben seinem Hut auf dem Regal neben der Konsole;
augenscheinlich war er bereits längere Zeit zu Hause.
    Sie standen jetzt auf dem Korridor einander gegenüber im Licht der Lampe,
das scharf auf die bleichen, hier in Schreck, dort in Zorn verzerrten Gesichter
fiel.
    Ich habe Dich bereits seit einer Stunde erwartet, sagte Viktor, mit einer
rauhen Stimme, die offenbar ruhig gelassen klingen sollte; aber freilich nicht
bedacht, dass der Weg von Charlottenburg etwas weit und heute nacht vermutlich
nicht besonders ist. Dieser Herr hier, der denselben Weg machen musste, hat Dich
um eine volle Stunde überholt. Kommen Sie doch mal heran, Herr Krüger! Wir haben
hier keine Geheimnisse voreinander.
    Aus dem Schatten des grossen, prächtigen Schrankes, den sie von dem
elterlichen Gute mitgebracht hatte, trat ein kleiner, bleicher Mann - der Mann,
der in dem National-Museum hinter ihnen die Treppe hinabgestiegen war, und den
sie seitdem nun schon so oft hinter sich, neben sich, immer in unheimlicher Nähe
bemerkt hatte.
    Dies ist die Dame, die Sie um neun Uhr am Arm des Ihnen bekannten Herrn in
das Restaurant haben treten sehen?
    Jawohl, Herr Assessor.
    Und die mit ihm in dem cabinet séparé verschwand?
    Jawohl, Herr Assessor.
    Und mit ihm dann eine Unterredung hatte, die Sie Wort für Wort von dem
nächsten Kabinett aus gehört haben?
    Jawohl, Herr Assessor.
    Es ist gut. Sie können hinausgehen. Erwarten Sie mich auf dem Treppenabsatz!
    Herr Krüger hatte die Flurtür hinter sich zugemacht.
    Nur noch ein paar Worte, sagte Viktor, während er sich den Überzieher anzog
und den Hut herabnahm: Ich kann die Frau, die unglücklicherweise die Mutter
meiner Kinder ist, nicht um zwölf Uhr nachts auf die Strasse werfen, wohin sie
gehört. Aber noch eine Nacht unter demselben Dache mit ihr zu verbringen,
verbietet sich von selbst. Ich räume Dir also das Feld. Morgen vormittag um zehn
werde ich wieder hier sein; wir werden dann das weitere miteinander besprechen.
Gute Nacht! - Friedrich!
    Die nur angelehnte Tür zum Speisezimmer wurde schnell aufgemacht und der
junge Diener trat heraus, ein Licht in der Hand.
    Leuchte uns hinab! sagte Viktor; Du kannst dann zu Bett gehen.
    Er war mit Friedrich aus der Flurtür; Klotilde hörte die drei die Treppe
hinabsteigen. Sie stand noch auf derselben Stelle, unbeweglich. Nur einmal hatte
sie die Regung gehabt, Viktor zu Füssen zu fallen: seine vornehme Ruhe hatte ihr
so imponiert. Es wäre dann alles gut geworden - ganz gewiss! Aber in Gegenwart
jenes grässlichen, bleichen, kleinen Menschen, und nun gar Friedrichs -
unmöglich! Und nun war alles aus!
    Hätte es doch noch einen Sinn, murmelte sie. Um eine solche Geschichte! eine
so alberne Geschichte!
    Sie wollte in Lachen ausbrechen; aber aus ihrer Kehle kamen nur ein paar
rauhe, hässliche Töne, vor denen sie erschrak.
    Von der Konsole nahm sie die Lampe und ging in ihr improvisiertes
Schlafzimmer, dessen Tür sie hinter sich verschloss.
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
Viktor hatte den Rest der Nacht im Palast-Hotel ruhig verbracht; jetzt, da die
Entscheidung gefallen war, konnte er schlafen.
    Zur bestimmten Stunde, um zehn Uhr, war er vor seiner Wohnung; Friedrich
öffnete ihm die Flurtür.
    Ist die gnädige Frau aufgestanden?
    Die gnädige Frau ist vor einer halben Stunde ausgegangen; ich habe eine
Droschke holen müssen.
    Viktors erster Gedanke war: sie ist zu ihren Eltern gereist. Dahin hatte
auch er sie schicken wollen; freilich, nachdem man sich über verschiedene, denn
doch sehr wichtige Dinge auseinandergesetzt. Indessen, das liess sich auch
schriftlich machen und vielleicht besser, und man ersparte sich eine immerhin
peinliche Scene.
    Die gnädige Frau hatte einen Koffer bei sich?
    Nein, gnädiger Herr.
    Wie denn? auch keine Reisetasche?
    Nein, gnädiger Herr. Die gnädige Frau ist so ausgegangen, wie immer.
    Sie hat nicht hinterlassen, wann sie wiederkommt?
    Mir hat sie nichts gesagt. Vielleicht, dass Julie -
    Julie soll kommen!
    Klotildens hübsche Kammerzofe wusste auch nichts: die gnädige Frau hatte sich
ohne sie angezogen.
    Haben Sie noch sonst etwas? fragte Viktor, als das Mädchen an der Tür
zögerte.
    Als die gnädige Frau fort war, habe ich das Bett gemacht. Und dabei habe ich
diesen Brief gefunden. Er war zwischen die Kissen gerutscht!
    An mich?
    Ich lese keine fremden Briefe, gnädiger Herr. Nicht einmal die Adresse.
    Geben Sie! Sie können gehen.
    Das Mädchen war gegangen, froh, dass sie aus dem Zimmer kam: sie hatte sich
das Lachen kaum noch verbeissen können.
    Der Brief steckte noch im Couvert! Die Adresse entielt nur das Postamt,
dessen Nummer Viktor schon kannte; die Bezeichnung poste restante und die
Chiffre: Ballade.
    Man sollte so was nur mit der Zange anfassen, zischte Viktor durch die
Zähne.
    Mit einem Laut der Verachtung und des Widerwillens warf er den Brief auf den
Tisch und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Aber gelesen musste der Wisch
doch werden. Es war ein Stück Belastungsmaterial mehr, das in dem Prozess eine
entscheidende Rolle spielen konnte. Und vielleicht stand etwas darin von den
Zukunftsplänen des sauberen Paares. Wer konnte wissen, ob sie nicht eben jetzt
zu ihm gelaufen war, gemeinschaftlich mit ihm durchzubrennen, und er hatte die
Blamage ohne die Revanche!
    Der Brief entielt nichts von Zukunftsplänen, nur die Verabredung zu dem
Rendesvouz gestern abend; ausserdem zwei enggeschriebene Seiten greulichen,
sentimentalen Gewäsches.
    Viktor hatte den Brief wieder in das Couvert getan und sein Pult
geschlossen. Möglich, aber nicht wahrscheinlich, dass ihr Schreibtisch noch mehr
dergleichen entielt. Sie hatte jedenfalls das Zeug immer verbrannt und
vermutlich nach diesem lange genug vergeblich gesucht. Mit ihrem Willen war er
sicher nicht zwischen die Kissen geraten, jedenfalls nicht da liegen geblieben.
    Die Flurklingel ertönte.
    Sollte sie den Mut haben?
    Friedrich brachte einen Rohrpostbrief herein: von Elimar.
    Verehrter Cousin! Wollen Sie mir die Freundlichkeit erweisen, mich um halb
zwölf Uhr in Ihrer Wohnung zu erwarten? Ich habe Ihnen Mitteilungen von
äusserster Wichtigkeit zu machen. Ich würde anstatt dieser Zeilen kommen; aber
der Kriegsminister hat mich zu einer Audienz befohlen.
    Nun wusste Viktor, wohin Klotilde sich gewandt hatte: die gutmütige Adele und
Don Quixote Elimar sollten vermitteln, wo nichts mehr zu vermitteln war! Aber
Sie irren sich, Madame! Übrigens bin ich Ihnen dankbar, dass Sie nicht, mit Ihrem
Herrn Galan an der Schleppe, davongelaufen sind, und ich meine Rache jetzt
sicher habe.
    Abermals klingelte es: es würde Fernau sein; er hatte noch vom Hotel aus
einen Kommissionär an ihn gesandt und ihn gebeten, alles liegen zu lassen und
spätestens um elf bei ihm vorzusprechen.
    Es war Fernau mit einem sehr übernächtigen Gesicht, aber, wie immer, in
tadelloser Toilette.
    Lieber Freund, sagte Fernau, sich, wie gebrochen, in einen Lehnsessel fallen
lassend, mich aufzujagen, nachdem ich kaum zwei Stunden geschlafen hatte, das
möge Ihnen der Himmel verzeihen.
    Er hat mir schlimmere Dinge zu verzeihen, erwiderte Viktor; unter anderm das
Unrecht, das ich Ihnen getan, als ich fürchtete, Sie hätten mich an den
ehrenwerten Herrn Krüger aus nicht völlig lauteren Absichten empfohlen. Bitte,
lesen Sie diesen Brief!
    Der eben eingeschlossene Brief wurde wieder hervorgeholt. Fernau besah ihn
von allen Seiten:
    Ich wittre Morgenluft, sagte er, zu Viktor aufblinzelnd und, während die
Linke den Brief hielt, mit dem kleinen Finger der Rechten sanft die Oberlippe
zwischen dem Schnurrbart reibend.
    Bitte, lesen Sie!
    Viktor hatte sich nach dem Fenster gewandt und blickte auf die Strasse. Es
dauerte eine Zeit, die ihm unendlich dünkte, bis Fernau mit der Lektüre zu Ende
war. Diesmals schloss er den Brief nicht wieder weg: er würde Elimar gegenüber
abermals seine Dienste tun müssen.
    Und die Sache ist zu stande gekommen? fragte Fernau
    Völlig programmmässig, erwiderte Viktor; ich war inzwischen auf unserer
Corpskneipe, wo Sie wieder einmal geschwänzt haben. Krüger liess mich
herausrufen. Es war hinter ihnen her und mit ihnen in Charlottenburg gewesen.
    Und so teilte er dem Freunde weiter alles mit, was jener wissen musste,
sollte er in dem Drama die Rolle übernehmen können, die er ihm zugedacht hatte.
    Nun wissen Sie, lieber Fernau, schloss er, welchen Dienst ich von Ihnen
erwarte.
    Sollte ich wohl ganz die geeignete Persönlichkeit sein? fragte Fernau.
    Viktor blickte ihn verwundert, fast erschrocken an.
    Denn sehen Sie, fuhr Fernau fort, ich bin wirklich ein bisschen zu sehr
Partei in der Sache, um die Pflichten eines Sekundanten regelrecht erfüllen zu
können. Ein Sekundant muss bis zu einem gewissen Grade unparteiisch sein, zum
wenigsten ein Ohr für die etwaigen Gründe der andern Partei haben. Das habe ich
nicht. Ich habe den Menschen von dem ersten Augenblick, als ich ihn im
Pferdebahnwagen sah - ich habe Ihnen die Episode nie erzählt - sie tut auch
nichts Wesentliches zur Sache - gründlich in Aversion genommen; und, so oft ich
ihn wiedersah, fühlte ich ein Kribbeln in den Fingerspitzen, den Kerl zu
reitpeitschen. Wenn die Gelegenheit günstiger gewesen wäre, ich glaube, ich
hätte einen Grund vom Zaun gebrochen und ein Rencontre mit ihm provoziert. Das
ist das eine. Sodann, ich habe mit Ihrer Frau Gemahlin bis dahin immer so gut
gestanden; sie - ich brauche Ihnen das nicht zu sagen - aufrichtig und herzlich
verehrt. Was sie jetzt getan hat, ist unverzeihlich, schauderhaft - gewiss! Aber
schliesslich hat sie es doch nicht mir getan. Sie werden begreifen, dass meine
Empfindungen nicht so lebhaft sein können, wie die Ihren; und es mir
schmerzlich, sehr schmerzlich und peinlich ist, zu ihrer Bestrafung, wenn ich
mich so ausdrücken darf, die Hand bieten zu sollen.
    Viktor war die Zornröte in die Stirn gestiegen.
    Ich danke Ihnen also für Ihre Offenherzigkeit, sagte er, und werde mich nach
jemand umsehen, der weniger bedenklich ist, als Sie.
    Fernau gereute bereits, was er gesagt hatte. Er war auf dem besten Wege,
Viktors Misstrauen von neuem zu erregen; ja, er hatte es bereits getan. Das
durfte nicht sein; er musste es wieder gutzumachen suchen. Und schliesslich,
Klotilde war ihm nun doch verloren. Nach der Affaire mit dem Schulmeister war
sie für die Gesellschaft tot. Folglich auch für ihn.
    Aber wo denken Sie hin, lieber Freund! rief er, aus dem Sessel in die Höhe
fahrend. Mir fällt doch nicht im Traum ein, Ihnen meine Dienste zu verweigern,
wenn Sie ihrer zu bedürfen glauben. Man sagt so etwas heraus, um die Seele
hernach um so freier zu haben. Also wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen - Sie
sehen mich bereit. Aber ist denn der Mensch satisfaktionsfähig?
    Ich wüsste nicht, weshalb nicht; erwiderte Viktor, wieder halb beruhigt.
Macht man diese Leute doch jetzt sogar zu Reserveoffizieren!
    Gott sei es geklagt!
    Vielleicht ist der Mensch selber einer.
    Heutzutage ist alles möglich.
    Jedenfalls hat man ihn in unsere Gesellschaft aufgenommen.
    Leider! Nächstens werden wir noch unsere Schneider mit Einladungen beehren.
    Und nicht bloss aufgenommen: man hat dem Kerl ja förmlich den Hof gemacht;
fand es höchst ehrenwert, dass er es von einem Bergmannsjungen so weit gebracht.
Ipsissima verba des Herrn Ministerialdirektors.
    Man sollte in solche Stellungen Bürgerliche nie gelangen lassen.
    Und da nun auch meine Frau die Geschmacklosigkeit hatte, so tief aus ihrer
Sphäre herabzusteigen -
    Werden Sie ihr wohl auf das Terrain folgen müssen. Ja, ja; es ist sehr
notwendig, dass da mal ein Exempel statuiert und die Rotüre in ihre Schranken
zurückgewiesen wird. Zeichnen Sie den Kerl nur ordentlich!
    Ich habe durchaus diese löbliche Absicht.
    Zwischen den Freunden wurden nun die Einzelheiten der Forderung
durchgesprochen und festgestellt. Fernau hatte auf die schärfsten Bedingungen zu
dringen und sollte sich nichts abhandeln lassen. Einen besonderen Wert legte
Viktor darauf, dass keine Zeit verloren gehen dürfe, und das Rencontre, wenn es
sich irgend machen liess, bereits morgen in der Tagesfrühe stattfinde. Fernau
wollte den Gegner sofort aufsuchen und ihm die Forderung überbringen.
    Er hatte sich kaum verabschiedet, als Elimar angemeldet wurde. Die Herren
mussten sich noch auf der Treppe begegnet sein.
    Hol' ihn der Teufel, fluchte Viktor bei sich. Aber -
    Ich lasse den Herrn Hauptmann bitten, näher zu treten.
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
Elimar und er sassen einander gegenüber nach einer kurzen, auf beiden Seiten
etwas verlegenen Begrüssung.
    Sie wissen, weshalb ich komme, begann Elimar.
    Ich ahne es wenigstens.
    Das erleichtert mir meine Mission, wenn ich etwas so nennen darf, wozu mich
auch die eigene Empfindung gedrängt haben würde.
    Ich meine, dass die Empfindung in solchen Fällen ein sehr trügerisches
Leitmotiv ist.
    Mag sein; aber als Erstes, Spontanes verdient sie doch wohl einige
Berücksichtigung.
    Dann kann ich nur sagen: ich würde es tief beklagen, wenn ein Mann, wie Sie,
keine Empfindung hätte für die furchtbare Beleidigung, mit der man mich
heimgesucht hat.
    Der in Ihren Worten versteckte Vorwurf trifft mich nicht. Im Gegenteil: ich
glaube, es gibt niemand, der diese Beleidigung tiefer mitfühlt.
Nichtsdestoweniger -
    Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche: was wissen Sie von diesem ganzen
Handel?
    Alles.
    Aus dem Munde meiner Frau?
    Ja.
    Dürfte dann Ihre Behauptung nicht etwas gewagt sein? Wir Juristen haben den
Grundsatz: Audiatur et altera pars.
    Ich weiss es. Und gerade deshalb habe ich mir erlaubt, Sie aufzusuchen.
Leider, wie ich fürchten muss, zu spät: ich traf in Ihrer Haustür mit Herrn von
Fernau zusammen. Ich habe nicht gewagt, ihn zurückzuhalten; er würde sich auch
schwerlich haben zurückhalten lassen. Aber die einem Kartellträger gegebenen
Instruktionen sind ja nicht unwiderruflich, sind jedenfalls modificierbar; und
ich hege die stille Hoffnung, Ihr gerechter Unwille wird nach unserer
Unterredung weniger - etwas weniger heftig sein.
    Ich teile zu meinem Bedauern Ihre Hoffnung nicht, Indessen, bitte, sagen Sie
mir, was Sie mir sagen zu müssen glauben. Ich muss dabei freilich bemerken, dass
meine Zeit gerade heute nicht sehr reichlich bemessen ist, da ich noch eine
Menge wichtiger Dinge zu erledigen habe.
    Ich will mich bemühen, möglichst kurz zu sein. Ihre Frau kam heute morgen um
zehn zu meiner Frau, ich darf wohl sagen: zu meiner Frau und mir, denn meine
Gegenwart hinderte sie in nichts an der Offenherzigkeit und Vollständigkeit
ihrer Beichte. Einer tief traurigen Beichte. Sie bereut aufs tiefste, sich von
einem Gefühl haben hinreissen zu lassen, welches sie selbst jetzt als ein
schiefes, oberflächliches, ihr durchaus unwürdiges anerkennen muss. Sie räumt
willig ein, sich an Ihnen, an Ihren Kindern in einer Weise vergangen zu haben,
die es schwer, sehr schwer macht, ihr zu verzeihen. Ich wiederhole: sehr schwer.
Und doch wohl nicht unmöglich: sie hat uns geschworen: es sei nichts geschehen,
was zu verzeihen den Menschen allerdings selten gelingt, wenngleich des Menschen
Sohn uns mit seinem erhabenen Beispiel vorangegangen ist.
    Warum der Mann nur nicht Pastor geworden ist, dachte Viktor, der diese ganze
Auseinandersetzung im Grunde beleidigend fand, und laut sagte er:
    Nehmen wir an, meine Frau ist in ihrer Beichte, um mich Ihres Ausdrucks zu
bedienen, streng bei der Wahrheit geblieben, obgleich das in solchen Fällen sehr
schwer sein soll. Hat sie Ihnen zum Beispiel auch ihre saubere Aventüren von
gestern abend gebeichtet? Wo nicht, würde Ihnen dieser Brief -
    Den sie verloren hat, sagte Elimar. Bemühen Sie sich nicht! Ich weiss durch
sie, was der Brief entält und was gestern abend geschehen ist, vielleicht
besser und ausführlicher, als Sie es aus dem Bericht Ihres Beauftragten erfahren
haben.
    Viktor richtete sich in den Hüften auf.
    Ich erwarte jetzt nur noch, sagte er mit schneidender Ironie, dass Sie mir
Vorwürfe machen über die Massregeln, die ich treffen zu müssen glaubte, um hinter
die Schliche der Dame zu kommen.
    Er hatte unwillkürlich das Wort gebraucht, welches ihm aus den Berichten
Herrn Krügers so geläufig war.
    Um Gottes willen, rief Elimar, ihm die Hand auf das Knie legend, erhitzen
wir uns nicht in einem Augenblick, wo ich den Himmel anflehe, uns seinen Frieden
zu geben!
    Ich bin völlig kaltblütig, entgegnete Viktor. Und so, ganz kaltblütig, frage
ich Sie: würden Sie, der Hauptmann von Meerheim, wenn Ihnen begegnet wäre, was
mir begegnet ist; Sie beleidigt wären, wie ich beleidigt worden bin; in Ihrer
Ehre gekränkt, vor der Gesellschaft, in der Sie leben, blossgestellt wären, wie
ich es bin: würden Sie - ja, könnten Sie anders handeln, als ich zu handeln
gedenke? Würden Sie und könnten Sie unterlassen, den Buben, der gewagt hat, mit
seinen schmutzigen Fingern an Ihr blankes Wappenschild, an Ihren reinen Namen zu
tasten, vor die Mündung Ihrer Pistole zu stellen?
    Die Worte hatten Elimar schwer getroffen. Da klaffte wieder einmal der tiefe
Spalt zwischen dem, was sein Herz und sein Verstand ihm gesagt und geboten
hatten, lange bevor es ihm seine geliebten Denker und Dichter bestätigten, und
jenem andern, in dessen engem Bann er nun schon so viele Jahre gelebt hatte in
schmerzlicher Resignation einer besseren Ordnung der menschlichen Dinge, die
herbeizuführen dem einzelnen Menschen nicht gegeben war. Hatte er nie die Kraft
in sich gefunden, Fesseln zu sprengen, die ihm ins Fleisch schnitten, wie durfte
er es erwarten und verlangen von einem, den sie nicht einmal drückten, der sie
im Gegenteil als einen höchsten Schmuck trug?
    Er fühlte peinlich, dass er eine Position verteidigte, die er nicht würde
behaupten können; aber ohne einen letzten Versuch wollte er sie nicht aufgeben.
    Es gibt zweierlei Ehre, sagte er, die gesellschaftliche und die
individuelle. Die erstere trägt ihre Gesetze nicht sowohl in sich, als sie ihr
vielmehr von dem Milieu diktiert werden, in welchem wir leben. Die Vernunft
dieses Milieu braucht nicht die unsre zu sein; ich kann mir sogar denken, dass
wir in ihr die bare Unvernunft sehen. Aber freilich, solange das Milieu das
unsre ist; ich meine: solange wir aus diesem oder jenem Grunde den Schwerpunkt
unserer äusserlichen Existenz darein verlegt haben, müssen wir in Rom wie die
Römer tun. Quaeritur: ist in unserm Falle diese Milieu-Ehre beleidigt? Sind Sie
es der Gesellschaft schuldig, ihre in Ihnen beleidigte Ehre zu rächen? Ich
glaube: nein. Die ganze unglückselige Angelegenheit ist für den Ihnen
befreundeten und bekannten Kreis tiefes Geheimnis; ich nehme meine Frau und mich
aus, von denen wir hier wohl absehen dürfen.
    Pardon! erwiderte Viktor; ich urteile darin anders und, ich glaube,
richtiger als Sie. Es ist mir nicht gleichgültig, wie Herr von Fernau, der in
die ganze Sache eingeweiht werden musste, über mich denkt: ob er mich für einen
Mann von Principien hält, oder für einen, der seine Principien, ich weiss nicht
welcher sentimentalen Wallung wegen, aufgibt. Herr von Fernau spielt in meinem
speciellen Kreise eine grosse, und, ich darf sagen, verdiente Rolle. Es handelt
sich aber keineswegs um ihn allein. Herr von Luckow und Fräulein Stephanie
Sudenburg hegen den schlimmsten Verdacht: davon habe ich mich überzeugen müssen,
als ich vorgestern eine sehr vorsichtige Rekognoscierung nach dieser Seite
anstellte. Niemand steht mir dafür, dass die Genannten ihre Wissenschaft für sich
behalten; bei der grossen Solidarität der Gedanken und Interessen, die in der
Sudenburg'schen Familie herrscht, ist es sogar mehr als unwahrscheinlich. Ich
kann also Fritz und Franz Sudenburg nicht mehr in die Augen sehen. Und wem noch
sonst nicht? Ich habe in dieser Gesellschaft Blicke aufgefangen, Anspielungen
hören müssen, auf welche die einzig richtige Antwort eine Forderung gewesen
wäre. Das alles ist schon mehr als genug. Soll ich noch von meinen Dienstboten
sprechen, die seit zehn Tagen Zeugen des schlimmsten ehelichen Zerwürfnisses
sind? und die nun hingehen und meine Schande durch die ganze Stadt tragen
werden?
    Viktor war aufgesprungen und mass mit heftigen Schritten das Zimmer auf und
ab.
    Das wäre die gesellschaftliche Ehre, die mit Füssen getreten ist. Nun die
individuelle - so nannten Sie sie ja wohl? Ja, mein Bester, jeder ist seines
Glückes Schmied, und die Ehre, die jeder in sich trägt, kann niemand in ihrem
Wert taxieren, als er selbst. Mir nun gilt meine Ehre so hoch, dass, wenn ich sie
angegriffen sehe, mein Leben mir nicht einen Strohhalm wert ist. Sie können
nicht verlangen, dass ich das des Angreifers für heilig halte.
    Elimars Stirn war auf die Hände gebeugt, die er über den Knauf des Säbels
zwischen seinen Knieen gestaltet hatte. Ein leises Stöhnen kam aus seiner Brust.
Nun richtete es das bleiche Gesicht in die Höhe und sagte schmerzlich:
    Mein Gott, in welcher Welt der schauderhaften Widersprüche leben wir! Da ist
eine Gesellschaft, vor der wir innerlich keinen Respekt haben, und die ihn auch,
konfus, zerfahren, unlogisch, oberflächlich, nur nach dem äusseren Schein
urteilend, wie sie ist, wahrlich nicht verdient! Da sind wir Männer, die wir uns
nicht sündlos fühlen und bei dem Leben, das wir, und wären wir die besten,
geführt haben, fühlen können; und wir heben den Stein auf gegen ein Weib, das
aus der Erziehung, die es gehabt, aus dem Leben, in das es unvorbereitet trat,
keine Kraft des Widerstandes schöpfen konnte gegen die Versuchung, von der es
doch nicht verschont bleiben sollte! Ein Weib, das der Mann, der trotzdem den
Stein aufhebt, geliebt hat! Und das so liebenswert ist!
    Die letzten Worte fand Viktor empörend. Wie durfte ihn der Mann daran
erinnern, dass auch er zu den Liebhabern Klotildens gehört und, wie die Rede
ging, es nur an ihm und nicht an Klotilde gelegen hatte, wenn sie nicht seine
Frau geworden war!
    Gewiss! sagte er, mit kaum noch verhehlter Wut: sehr liebenswert! zu
liebenswert! Es mag das der Geschmack anderer Leute sein - meiner ist es nicht.
    Elimar erhob sich aus dem Sessel und ergriff seinen Helm, der neben ihm auf
einem Tischchen stand.
    Ich bin umsonst hier gewesen, sagte er traurig, aber ohne Bitterkeit; ich
hätte es voraussehen können. Verzeihen Sie einem alten Idealisten seine
unbefugte Einmischung in den Lauf dieser realen Welt!
    Er hatte die Hand ausgestreckt, die Viktor an den Fingerspitzen ergriff, um
dann den unwillkommenen Gast mit der grössten Höflichkeit zur Tür hinaus zu
begleiten.
    Dann schellte er Friedrich und hiess ihn, seine Uniform in das Ankleidezimmer
zu bringen; auch die Schärpe nicht zu vergessen.
    Er musste zu dem Commandeur seines Regiments, der ihm besonders gewogen war,
und dem er zu seinem Geburtstag heute gratulieren wollte. Der Commandeur war ein
schneidiger Herr, der in Ehrensachen keinen Spass verstand. Dem sollte Elimar mit
seinem sentimentalen Wischiwaschi gekommen sein! Wie die struppigen Augenbrauen
in die Höhe gefahren wären! Nach der Friedensapostel-Physiognomie Elimars schon
der Anblick des alten Haudegens, bei Gott! eine willkommene Erquickung! Er hatte
eine Stunde Zeit. Früher konnte Fernau nicht zurück sein. Und vorher konnte er
die Anzeige an den Präses des Ehrenrats mit der Angabe von Zeit und Ort des
Rencontre und dem Namen des Unparteiischen nicht machen. Und dann: vielleicht
kniff der Schulmeister. Und es musste bei der Reitpeitsche sein Bewenden haben.
    Er war wieder in seinem Zimmer, sich die Handschuhe aus dem Kasten zu
nehmen. Die Bonne kam, anzufragen, ob sie die Kinder heute herausbringen dürfe?
Es sei nur, weil die gnädige Frau nicht gesagt habe, wann sie wiederkommen
würde.
    Viktor hatte auf der Zunge: sie wird niemals wiederkommen; statt dessen
sagte er heftig:
    Wozu sind Sie Bonne, wenn Sie nicht wissen, was man mit Kindern zu tun hat!
    Die Bonne, ein braves, nicht ungebildetes Mädchen, ging traurig davon: die
armen Kinder! Seit acht Tagen hatte sich die gnädige Frau kaum einmal flüchtig
nach ihnen umgesehen; und dem Herrn waren sie ja offenbar auch nur eine Last!
    Viktor warf die ergriffenen Handschuhe wütend auf den Tisch.
    Das hat man davon! Und das soll nun so weiter gehen! - Liebenswert! Die
liebenswert, diese - wie heisst es doch? - irgendwo in Maria Stuart -
Meinetwegen! Aber diesen Mortimer will ich zeichnen, dass alle andern daran
denken sollen!
    Er setzte vor dem Spiegel den Helm auf, zupfte die Schärpe zurecht, strich
mit der Taschenbürste den Schnurrbart rechts und links aufwärts und stieg, die
Handschuhe anziehend, die Treppe hinab.
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
Es war später Abend geworden, für Albrecht nach dem fürchterlichsten der Tage.
    Als er gestern nach Hause kam, ein in seinem stolzen Selbstgefühl für immer
gebrochener Mann, war geschehen, was er erwartet: der Direktor hatte geschickt:
er müsse unbedingt in der Konferenz erscheinen. Die ratlose Klara hatte bei
allen Bekannten herumfragen lassen: niemand hatte ihr Auskunft geben können; es
gab keine andre Erklärung, als die entsetzliche, dass ihm ein Unglück zugestossen
sei.
    Es war ihm eines zugestossen; sie sah es dann aus der tiefen Verstörung
seiner bleichen Miene, nur dass er trotz ihres flehentlichen Bittens nicht sagen
wollte, welches. Er werde ihr später alles erklären; für jetzt möge sie ihm nur
die eine Liebe tun und ihn in Ruhe lassen. Gehorsam, wortlos, tränenlos war
sie zu den Kindern gegangen, in der Tür noch einmal die schreckenstarren Augen
mit stummer Frage und Klage auf ihn wendend.
    Und heute morgen hatte er sie wieder auf später vertrösten müssen. Dann
hatte sie nicht mehr gefragt, nicht mehr geklagt. Setzte sie doch ein
unbedingtes Vertrauen in seine Redlichkeit, seine Ehrenhaftigkeit! Auch nicht
der leiseste Schatten des Verdachtes, dass hier eine Frau im Spiel sein müsse,
stieg in ihrer reinen Seele auf. Zweifellos hatte Albrecht mit dem Direktor, der
ihm auch sonst wenig gewogen war, einen bösen Streit gehabt; und seine Stellung
an der Schule war in Gefahr, vielleicht verloren, wenn auch zweifellos das Recht
auf seiner Seite stand. Er würde seine gute Sache mannhaft durchfechten, dessen
war sie gewiss; und wenn für den Augenblick das Amtsgeheimnis ihm die Zunge band,
so musste sie sich in Geduld fassen, durfte ihm die Ruhe und Sammlung, die er
sicher jetzt hochnötig brauchte, nicht nach Weiberart durch Ein- und Dreinreden
stören und rauben.
    Ihre Vermutung wurde zur Gewissheit, als im Laufe des Vormittags der
Schuldiener »ein amtliches Schreiben von dem Herrn Direktor« brachte, und kurz
darauf ein sehr eleganter Herr, wie Auguste sagte, seine Karte hereinschickte -
ein Herr Rat, sagte Auguste, mit einem »von« vor dem Namen - jedenfalls ein
Beamter aus dem Kultusministerium, der mit Albrecht die Sache besprechen sollte,
in dem für Albrecht günstigsten Sinne natürlich. Der Herr Direktor mochte sich
vorsehen! Albrecht hatte da oben hohe Gönner, die mit einem Herrn
Gymnasialdirektor nicht viel Federlesens machten! Das waren gewiss keine leeren
Worte gewesen, die der Herr Minister neulich abends zu Albrecht gesprochen
hatte: er hoffe bald Gelegenheit zu haben, ihm seine Dankbarkeit für den
gehabten Genuss durch die Tat zu beweisen! Hier war nun die Gelegenheit! Der
Herr Direktor würde sich wundern!
    Der Herr aus dem Kultusministerium war nur kurze Zeit geblieben; aber die
Unterredung musste von der grössten Wichtigkeit gewesen sein: er und Albrecht
hatten so leise gesprochen; kaum ein Laut, geschweige denn ein verständliches
Wort war durch die Tür, die doch schlecht genug schloss, aus seinem
Arbeitszimmer in das Berliner Zimmer gedrungen!
    Dann war Albrecht ausgegangen, um nach einer Stunde wiederzukommen. Abermals
nach einer Stunde hatte sich sein Freund, Doktor Rodeck von der Universität,
melden lassen zu einer Besprechung, die sehr lange währte, und bei der er ebenso
geheimnisvoll zuging, wie bei der mit dem Herrn vom Kultus. Diesmal handelte es
sich fraglos um die Berufung Albrechts zum Universitätslehrer. Es war nur noch
nicht entschieden, ob ausserordentlicher, oder ordentlicher. Wenn Albrecht sich
nur nicht zu billig verkaufte! Er war in solchen Fällen so lächerrlich
bescheiden! hatte gar keine Ahnung davon, wie weit er die andern Leute
überragte! Hätte sie doch nur bei den Verhandlungen zugegen sein dürfen! Galt es
für Albrecht zu sprechen, hatte es ihr im Leben noch nicht an den rechten Worten
gefehlt! Aber das ging doch nun nicht. Und Albrecht würde, wenn nicht an sich,
doch an Frau und Kinder denken und seine Bedingungen nicht zu niedrig stellen.
So ein kluger, klarer Kopf, sobald er sich einmal die Mühe gab, etwas ordentlich
zu überlegen! Dann traf er ja immer das Richtige!
    Das alles stimmte Klara so heiter, wie sie sich seit langer Zeit, sie
meinte, nie gefühlt. Sie musste beinahe lachen, wenn sie an ihre Angst gestern
abend dachte und an die gewiss ganz verrückte Miene, mit der sie ihren armen
geplagten Albrecht empfangen hatte.
    Natürlich kam Doktor Rodeck noch einmal: irgend ein wichtiger Punkt war
vergessen worden. Ja, verehrter Herr Doktor, unter dem Ordentlichen tun wir es
nicht! Und da beisst kein Mäuslein ein Fädlein ab!
    Auguste traute ihren Ohren nicht, als sie Frau Professor in der Kinderstube
lachen und tollen und zuletzt gar singen hörte. Sie war nun schon fünf Jahre bei
Professors. Das war ihr noch nicht passiert.
    Über all dem Kommen und Gehen war es drei Stunden später als sonst mit dem
Mittagstisch geworden. Das hätte unter normalen Umständen Klaras Geduld auf eine
harte Probe gestellt. Heute fand sie es ganz in der Ordnung. Helenchen, die
jetzt wieder ganz munter auf den kleinen Füssen durch alle Zimmer lief, und
Fritzchen hatten vorher essen müssen; aber der Papa verlangte nach ihnen, und so
durften sie mit bei Tisch sitzen und bekamen jedes eine halbe Birne und einen
Schluck aus Papas Glase. Der arme Papa hatte es sich gestern und heute so sauer
werden lassen; da musste eine von den sechs Flaschen, die sie für die nächste
Gesellschaft in der Speiseklammer verwahrt hielt, »springen«. Und die Kinder
waren glücklich, und sie war glückselig; und Albrecht, obgleich er von all den
Anstrengungen und Aufregungen noch ein wenig bleich aussah, war so freundlich,
so liebevoll zu ihr und den Kindern, erzählte nach Tisch den Kleinen so reizende
Geschichtchen, die er sich immer selbst ausdachte; sprach mit ihr so herzlich -
obgleich von der grossen Angelegenheit natürlich nicht die Rede war. Und als es
spät geworden und er sagte, er sei zwar rechtschaffen müde, aber das helfe nun
nicht: er müsse noch drei oder vier wichtige Briefe schreiben und morgen zu
einer nochmaligen Besprechung mit Doktor Rodeck sehr früh ausgehen - da sagte
sie nichts, als: dann gute Nacht, Du liebster, bester Mann! Und sie hatte ihn
geküsst und er sie, wie sie sich seit den Tagen ihres Brautstandes nicht wieder
geküsst.
    Nun war er in seinem Zimmer allein. Allein mit dem grauenhaften Bewusstsein
seiner Schuld, die er morgen früh mit dem Leben bezahlen sollte. Nicht einen
Moment hatte er daran gezweifelt, dass er auf dem Platze bleiben würde. Von
Doktor Rodeck wusste er, dass seinem Gegner schon von der Universität der Ruf
eines unfehlbar sichern Schützen gefolgt war; er hatte seinem Sekundanten nicht
eingestehen mögen, dass er kaum je eine Pistole in der Hand gehabt und ganz gewiss
keine abgeschossen hatte. War er doch sogar auf Grund eines Herzfehlers, den die
Ärzte herausgefunden haben wollten, vom Militärdienst befreit gewesen! Und heute
vormittag, als die Herausforderung kam, hatte er bei sich gesagt: Gott sei Dank!
so kommst du doch auf eine honette Art aus einem Leben, in dem du nur in Scham
und Schande so weiter vegetieren könntest; jetzt -
    Aber jetzt hatte er erst seine Briefe zu schreiben. Die Augen brannten und
der Kopf schmerzte und das Herz hing ihm in der Brust wie ein schwerer Stein -
geschrieben mussten die Briefe werden.
    Zuerst an den Direktor, den er um Verzeihung bat für das Ärgernis, das er
ihm gestern gegeben, und dem er morgen ein noch viel schlimmeres folgen lassen
müsse. An seine Tür klopfte nun der Tod, den er in seines Sinnes Torheit
selbst heraufbeschworen; und hinter dem Tod würde sich die Schattengestalt der
Not hereinschleichen, sein Weib und seine Kinder mit ihrem grauen Gespinst
umstrickend. Ihm gewähre es in diesen seinen letzten trüben Stunden einen Trost,
zu wissen, dass der Direktor, in welchem er stets den ausgezeichneten Philologen
verehrt habe, ein eben solcher Christ sei, eingedenk der Christenpflicht gegen
Witwen und Waisen. Sollte, wie er fürchten müsse, die Art seines Scheidens aus
dem Leben die Pensionsberechtigung seiner Frau kompromittieren, der Freund der
Verlassenen werde es an einer warmen Befürwortung bei den höheren Instanzen
nicht fehlen lassen.
    Nun ein Brief an den Kultusminister, ihn an sein neuliches Wort bescheiden
erinnernd und auf die Gelegenheit, die ihm jetzt geboten werde, sein Wort
einzulösen, mit schwermutvollen, tiefernsten Worten deutend.
    Nun an den General-Intendanten: dem Lebenden sei das Schicksal seines
Trauerspiels, das schon so lange in den Händen der Intendanz ruhe, vorentalten
geblieben. Möchte es ein freundliches sein für sie, denen er nach seinem Tode
nichts hinterlasse als etwa den Anspruch auf den bescheidenen Nachruhm, den er
sich durch nimmermüdes Mühen um die Gunst der dramatischen Muse erworben zu
haben glaube.
    An seinen Verleger jetzt, ihm nochmals dankend für das letztin übersandte
reichliche Honorar und unter Bedingungen, die jener selbst stellen möge, den
Verlag übertragend der mehrere Bände füllenden Arbeiten in Versen und Prosa, die
sich in seinem Nachlasse vorfinden würden.
    Auch an den Ministerial-Direktor musste geschrieben werden, der sich heute
brieflich über die nun ausgesprochene Relegation seines Otto bitter beklagt,
aber daran den Wunsch geknüpft hatte, dass die leidige Sache, an deren Ausgang
Albrecht sicher keine Schuld trage, in den für ihn und seine Familie so
erfreulichen angenehmen Beziehungen zu dem geistreichen Hausdichter keinerlei
Störung veranlassen werde.
    Der gute Mann, von dem er stets nur Liebes erfahren, hatte das Recht, zu
verlangen, dass er nicht aus dem Leben ging, ohne Abschied von ihm genommen zu
haben.
    Es war zwei Uhr, als Albrecht diese Briefe beendet hatte. Sie waren ihm
nicht leicht geworden; aber vor dem, der ihm noch zu schreiben blieb, dem
letzten, krampfte sich sein Herz in Jammer und Schmerz zusammen, und er betete,
ob dieser bitterste Kelch nicht an ihm vorübergehen könne, wissend, dass er ihn
werde leeren müssen bis auf die Neige.
    Ein langer, langer Brief. Während er ihn, jetzt zögernd, jetzt mit
fliegender Feder schrieb, verdunkelten sich wiederholt seine Augen von den
hervorbrechenden Tränen und mehr als eine fiel auf das Papier. Seit seinen
frühesten Knabenjahren hatte kein körperlicher oder seelischer Schmerz ihm
Tränen erpressen können. Dieser schämte er sich nicht. Er hätte sich totweinen
mögen, musste er sich den unendlichen Jammer, das furchtbare Herzeleid ausmalen,
das er nun der Guten, Lieben, Braven bereiten sollte für die abgöttische Liebe,
mit der sie ihn geliebt hatte. Zu seiner eigenen Verwunderung bedrückte ihn
dabei, was andern wohl als das Schrecklichste erschienen wäre: das Bekenntnis
seiner Schuld am wenigsten. War er doch überzeugt, sie würde ihm aufs Wort
glauben, wenn er ihr schrieb: es war eine von den Torheiten meiner Phantasie,
die Du ja kennst und für die Du immer ein Verständnis gehabt hast, wenn Du Dir
auch oft den Anschein des Gegenteils gabst. Du Gute mochtest ahnen, welche
Gefahr auf diesem Wege liegt, und es da einen Punkt gibt, über den hinaus die
Torheit zum Verbrechen wird. Aber bei dem, was uns das Teuerste auf Erden ist:
bei dem Leben und den Häuptern unsrer Kinder schwöre ich Dir: verbrecherisch,
wie das ist, dessen ich mich zeihe, es war doch nur ein Rausch der Phantasie,
der meine Sinne kaum gestreift hat. Ich glaubte die Schönheit, nach der meine
Seele lechzt, verkörpert zu sehen, bis der Wahn zerstob und ich inne wurde, dass
alles, was das scheinbare Götterwerk über alles Irdische hinauszurücken schien,
nichts war als der Glanz, mit dem ich selbst es ausgestattet hatte, und wieder
einmal ein törichter Pygmalion vor seiner Galatea kniete. Hunderte von Poeten
vor mir sind in denselben Wahn verfallen; hunderte werden es nach mir tun. Die
Busse blieb keinem aus, wird keinem ausbleiben. Dass die meine so schwer sein soll
- ich habe noch stets die Folgen meiner Schwächen und Irrtümer willig auf mich
genommen. Ich würde es mit diesen, so grausam sie sind, und in welchem
schreienden Missverhältnis sie mit meiner Verschuldung stehen, nicht anders
halten, wäre es nicht um Dich, mein teures Weib. Ich spreche nicht von den
Kindern. Sie werden mich leicht vergessen, unschwer entbehren; und Kinder, die
eine Mutter haben, wie sie, können selbst in dieser mitleidslosen Welt nicht
untergehen. Aber Du! Du! die Du mich nie vergessen, nie mich entbehren lernen
wirst! Und nun den Kampf mit der Welt so weiter kämpfen musst ohne ihn, um dessen
willen Du Dein Kreuz willig auf Dich nahmst; ohne Freude, als die, welche Dir -
es ist mein letztes, innigstes Gebet - aus unsern Kindern erblühen möge! Lebe
wohl, Du Einzige! Beste! Und zum letztenmal: lebe wohl!
    Er hatte den Brief gesiegelt und zu den andern in den Umschlag getan, der,
ebenfalls versiegelt, den Vermerk trug: Nach meinem Tode zu eröffnen.
    Nun stand er am Fenster, gegen dessen kalte Scheiben er die fiebernde Stirn
drückte. Vier Uhr war schon vorüber; um sieben pünktlich wollte Doktor Rodeck
ihn abholen. Der Freund hatte ihn dringend gebeten, sich während der Nacht Ruhe
zu gönnen: es komme alles darauf an, dass er sich morgen frisch fühle, ein klares
Auge und eine sichere Hand habe. Und er war müde, so müde! Er wollte sich auf
das Sofa legen und stand doch immerfort am Fenster, in die Finsternis
hineinstarrend, während allerhand Bilder, die er nicht rief und nicht bannen
konnte, durch seine Seele zogen. Keine aus den letzten Tagen, die ausgelöscht
schienen, als wären sie nie gewesen; alle aus der ferneren, aus der fernsten
Vergangenheit. Er war wieder der kleine Knabe, der mit einer langen Weidenrute
seine Gänse vor sich her durch die magern Stoppeln trieb, nach Hause, nach dem
Dorf da unten, aus dessen Schornsteinen die abendlichen Rauchwolken kerzengrade
in die bläuliche Nebelluft stiegen. Oder er sass auf einem Felsblock, der aber
ein Tron war, von dem aus er, der Prinz, seine Getreuen musterte, die wie
Schafe aussahen, aber tapfere Ritter waren, mit denen er in den Krieg gegen
Heiden und Mohren ziehen wollte, welche die schöne Prinzessin in dem stählernen
Turm gefangen hielten. - Dann sagte ein Stimmchen: das ist ja alles dummes Zeug.
Ich bin keine Prinzessin, und gefangen bin ich auch nicht. Komm herunter! Du
wolltest mir schon gestern das Finkennest aus der Buche holen. Die kleinen Vögel
sind alle ausgeflogen, und ich habe das Nest so nötig für meine Puppe, die kein
Kopfkissen hat. - Wozu braucht sie das? sagte er; sie hat ja keinen Kopf. - Den
siehst Du nur nicht, weil Du ein Junge bist, sagte sie; wenn Du ein Mädchen
wärst, könntest Du ihn ganz gut sehen. Nun mach', das Du herab kommst, oder ich
gehe nach Haus und dann kannst Du lange suchen, ehe Du eine findest, die Deine
dummen Geschichten mit anhören will. - Dann lag er im dürren Laube auf dem
Rücken und sein Kopf auf ihrem Schoss. Der Kopf tat ihm weh, und sie hatte ein
blasses, verheultes Gesichtchen und sagte: er sei, als er schon dicht an dem
Nest war, auf einen morschen Ast getreten und so hoch heruntergestürzt, und sie
habe gemeint, er sei tot. Sie habe eine so grässliche Angst gehabt; das Blut aus
dem grossen Loch in der Stirn habe gar nicht stehen wollen, trotzdem sie ihre
Schürze in zwei Stücke gerissen und ihm immer eines auf die Wunde gedrückt habe,
während das andre da im Bach liege und auskühle.
    Er fuhr jäh aus seinen halbwachen Träumen auf. Ganz deutlich hatte er
diesmal nicht einen Knaben, sondern einen Mann gesehen, der war er gewesen; und
sein Kopf, aus dessen Stirn das Blut in schwarzen Tropfen rann, hatte auf dem
Schosse einer Frau gelegen - ihrem Schosse. Und plötzlich hatte sie die Hände über
ihm zusammengekrampft und vor sich hinstierend ganz leise und doch mit
fürchterliches Deutlichkeit gesagt: er ist tot!
    In wilder Verstörung blickte er um sich. Sie war nicht da. Er selbst musste
es gesagt haben. Stand er auf dem Punkte, verrückt zu werden?
    Um Gottes Barmherzigkeit nur das nicht! nicht das! Sie würden sagen: er ist
es aus Furcht geworden! Die Schmach sollen sie mir nicht antun dürfen, die
hochmütigen Junker. Ich habe mich aus dem Heer der Armen und Elenden in ihre
Reihen gedrängt, Gott sei's geklagt! und trage die Strafe für meine Felonie.
Damit sei es genug!
    Ein wilder Trotz war über ihn gekommen. Er hatte sich auf das Sofa geworfen,
die Arme über die Brust verschränkt, eine schwere Falte zwischen den
zusammengezogenen Brauen über den geschlossenen Augen.
    Abgerissene, wirre Worte kamen gemurmelt über seine Lippen:
    Er konnte nicht schlafen - und hatte kein Frau, keine Kinder - das ist ja
nichts - Frau und Kinder, da liegt's - und wusste, dass er für die Menschheit
starb, für eine grosse, heilige Idee - wofür sterbe ich? - einen Wahn, eine
Seifenblase - und hatte das Paradies vor sich - ich das Nichts - das öde, leere
Nichts -
    Und kann doch schlafen - schlafen -
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
Am nächsten Morgen, kurz nach neun, kam durch den Nebel, der über der Stadt lag
und mit jeder Minute dicker zu werden schien, von Westen her ein geschlossener
Wagen langsam die Lützowstrasse heraufgefahren, bog durch das Gittertor des
Elisabet-Krankenhauses und hielt vor dem Portale. Ein Schwerverwundeter wurde
ausgeladen und in ein Zimmer geschafft, das Dr. Herbert - einer von den zwei
Herren, die den Verwundeten begleiteten - tags zuvor den ihm befreundeten
Assistenzarzt der Anstalt auf alle Fälle bereit zu halten gebeten hatte. Dr.
Rodeck, der andere der beiden Begleiter, blieb in dem Vorraum, während die
beiden jungen Ärzte mit dem Oberarzt, der sich alsbald eingefunden, ihre
Untersuchung anstellten. Dr. Rodeck war an das breite Fenster getreten und
starrte auf die entlaubten Bäume des Gartens, durch deren Gespensterarme der
Nebel in grauen Schwaden zog. Das Furchtbare, das er während dieser letzten
Stunden erlebt, wollte ihm das Herz abdrücken; und nicht minder Furchtbares, ja,
das Furchtbarste von allem, erwartete ihn. Er seufzte tief auf und wandte sich
zu Dr. Herbert um, der aus dem Untersuchungszimmer zu ihm trat.
    Es ist, wie ich diagnosierte, sagte er leise: die Kugel hat über dem
Jochbein rechts an der innern Schädelwand ihren Weg genommen und steckt hinten
an einer Stelle, die sich nicht mit Bestimmteit ermitteln liess. Es kommt auch
wenig darauf an.
    Also keine Hoffnung?
    Gar keine. Er hat keine zwei Stunden mehr zu leben.
    Und wird nicht wieder zum Bewusstsein kommen?
    Unmöglich.
    O, mein Gott! mein Gott! murmelte Dr. Rodeck.
    Ja, lieber Freund, es ist ein saurer Gang; aber das hilft doch nun nicht.
Die arme Frau muss es jetzt erfahren. Kennen Sie sie?
    Ganz oberflächlich.
    Na, wie gesagt: Das hilft nun nicht. Ich will wieder zu dem Patienten. Es
ist ein interessanter Fall.
    Der junge Arzt war gegangen; Dr. Rodeck stand noch eine kleine Weile
versunken im Nachdenken über die ersten Worte, mit denen er die Ärmste auf das
Grässliche vorbereiten sollte; schüttelte verzweifelt den Kopf; fühlte in der
Tasche nach den Schlüsseln, die ihm Albrecht, bevor er sich aufstellte, gegeben
hatte; seufzte noch einmal; drückte mit einem jähen Entschluss den Hut fester in
die Stirn und verliess den Vorraum. -
    Ein paar Stunden später - es ging bereits auf Mittag - sass Adele in der
Wohnstube, mit einer Näharbeit beschäftigt, und wartete auf Klotilde, die aus
dem Logierzimmerchen noch immer nicht zum Vorschein gekommen war. Wahrscheinlich
kramte sie in den Sachen, die sie sich gestern abend spät aus ihrer Wohnung
hatte holen lassen.
    Wie sie für so was noch Sinn haben kann - in einem solchen Augenblick -
unbegreiflich; sagte Adele bei sich.
    Was sollte daraus werden? Klotilde schien sich darüber kaum Gedanken,
geschweige denn Sorge zu machen, trotzdem der Brief, den sie gestern auf
Andringen, man konnte sagen: auf Befehl Elimars an Viktor geschrieben hatte, bis
zur Stunde unbeantwortet geblieben war. Den Brief hatte sie weder ihr noch
Elimar zeigen wollen. Ihr werdet doch nicht damit zufrieden sein, hatte sie sich
entschuldigt. Ihr nehmt so was immer gleich tragisch. Das ist Unsinn. Ich kenne
Viktor. Sinn für Humor hat er freilich auch nicht. Aber Sentimentalität und
dergleichen kann er noch weniger leiden. Wenn man vernünftig mit ihm spricht,
nimmt er auch Vernunft an.
    Ich habe mich davon heute nicht überzeugen können, sagte Elimar.
    Ja, worüber habt Ihr eigentlich verhandelt? rief Klotilde.
    Ich muss bitten, darüber vorläufig schweigen zu dürfen; erwiderte Elimar. Nur
so viel: die Sache steht nicht gut für Sie, liebe Klotilde; nicht für Sie und
für keinen der Beteiligten. Ich rate Ihnen sehr ernstlich, sich auf Schlimmeres
gefasst zu machen.
    Darüber war denn doch Klotilde für einen Augenblick stutzig geworden -
Elimar hatte es in einem so eigenen Ton gesagt, ordentlich feierlich - dann aber
hatte sie gleich wieder den Kopf geschüttelt und gemeint: Ihr wollt mir nur
bange machen. Wirklich, Ihr kennt Viktor nicht. Er sollte einer solchen
nichtigen Farce willen - lächerrlich!
    Sie will nicht hören; so wird sie denn wohl leider fühlen müssen, hatte
Elimar, als Klotilde aus dem Zimmer war, vor sich hingemurmelt.
    Weiter war er aber auch ihr gegenüber mit seinen Mitteilungen nicht
gegangen, und sie hatte nicht mehr gefragt. Wenn Elimar schwieg, hatte er seine
guten Gründe. Das musste sie doch wissen.
    Aber er war gestern den ganzen Tag sichtbar verstimmt geblieben und hatte,
was Adele auffiel, Klotilde möglichst vermieden. Heute morgen hatte er sogar
noch ernster drein geblickt, fast kein Wort gesprochen und nur, als er auf sein
Bureau ging, kurz gesagt: Wenn etwas Besonders vorfallen sollte, kannst Du Karl
nach mir schicken. Er soll mich herausrufen lassen.
    Das war doch genug, um eine arme Frau in tausend Ängste zu jagen! Und
Klotilde konnte währenddessen an ihren albernen Garderobekram denken!
    Endlich!
    Klotilde kam herein in einem prachtvollen resedagrünen Schlafrock mit sehr
vielen Bändern und Schleifen.
    Verzeihung, Herz, ich habe heute lange gebraucht und Dich warten lassen. Die
dumme Person von Julie hat mir lauter falsche Sachen geschickt, trotzdem ich
ihr, wie Du weisst, jedes Stück einzeln aufgeschrieben habe. Ich merke, ich bin
schon zu lange von Hause weg. Was siehst Du mich so wunderlich an? Du meinst:
und schon zu lange hier!
    Wie magst Du nur so sprechen!
    Lieber Schatz, ich bin Euch lästig. Das würde mittlerweile auch eine andre
herausgebracht haben, die weniger scharfe Augen hätte, als ich. Elimar behandelt
mich miserabel; und freundlichere Gesichter, als Du eben eins machst, habe ich
auch schon gesehen.
    Wie willst Du, dass wir andere machen, wenn wir uns so um Dich ängstigen!
    Aber, um Gottes willen, weshalb? Ich weiss ja ganz gut, was Deinem Manne -
und natürlich auch Dir - Ihr seid ja ein Herz und eine Seele - im Kopfe
herumgeht: dass Viktor den Mann fordert. Ich habe es mir überlegt und bin zu dem
Resultat gekommen: Viktor wird sich hüten. Was hätte er davon? An seiner
Schneidigkeit zweifelt kein Mensch - von der hat er zu viele Beweise gegeben.
Nun, und grosse Ehre ist doch nicht bei einem Duell zu holen, bei dem der andre
auf einer so viel tieferen gesellschaftlichen Stufe steht. Weiter! Viktor kennt
die Welt in seiner Weise recht gut und weiss ganz genau: man kann ihr keinen
grösseren Gefallen tun, als wenn man ihr Stoff zum Skandal gibt. Er wird sich
hüten in einem Augenblicke, wo er vor dem Regierungsrat hält, wenn er nicht
einen Landratsposten vorzieht, zu dem ich dringend geraten habe. Er soll mich
nur gewähren lassen. Nur noch ein bisschen etwas dreistere Flirtation mit
Excellenz - et le tour est fait.
    Klotilde machte ein paar triumphierende Schritte durch das Zimmer, blieb
dann wieder vor Adele stehen und fuhr fort:
    Und angenommen - das heisst: ich nehme es nicht an - es käme zum Duell. Was
wäre denn dabei so Ausserordentliches? Die Herren fordern einander um ein
unüberlegtes Wort; schon wenn einer den andern fixiert, wie sie es nennen.
Viktor renommiert mit den vielen Duellen, die er gehabt hat. Er sagt zwanzig. Es
ist möglich - ich bin nicht dabei gewesen. So viel ist gewiss: er wird nicht den
kürzeren ziehen.
    Aber der Professor!
    Sehr wahrscheinlich.
    Und Klotilde begann wieder ihre Wanderung durch das Zimmer.
    Adele blickte ratlos vor sich hin; Klotilde wurde ihr immer rätselhafter.
    Aber Du musst den Mann doch geliebt haben! rief sie ganz verzweifelt.
    Keinen Moment! sagte Klotilde.
    Sie war, Adele den Rücken wendend, an eine Etagère getreten uns schob die
dort aufgestellten Nippes durcheinander.
    Das heisst - offen gestanden - ich bin gar nicht sicher, ob ich genau weiss,
was Liebe ist. Giebt es überhaupt welche und ist nicht alles bloss eine façon de
parler? Nach meinen Beobachtungen wenigstens reden sich die Leute so was immer
nur ein, um es sich nach einiger Zeit, wenn sie davon genug, wieder auszureden.
So viel glaube ich aber davon zu verstehen, dass man einen Mann nicht lieben
kann, der so grosse rote Hände hat.
    Mein Gott, ich habe auch rote Hände, rief Adele kläglich.
    Aber sie sind nicht gross, sagte Klotilde, zu ihr zurückkommend und sich vor
ihr auf einen Sessel setzend. Zeig mal her! Sie sind wirklich ein bisschen rot.
Aber wie kannst Du es anders verlangen, wenn Du so in der Wirtschaft aufgehst,
wie ich es gestern und heute zu meinem Entsetzen beobachtet habe. Du spielst ja
Deine eigene Jungfer! und Köchin dazu! Ganz unnötigerweise, meine ich: man
erzieht sich damit nur faule Leute. Aber, wenn Du es durchaus nicht lassen
kannst, so trage wenigstens in der Nacht Handschuhe, nachdem Du vorher die Hände
- nur ganz leicht - mit crême Simon -
    Sie brach plötzlich ab: an der Schelle der Flurtür war heftig gerissen
worden. Dann auf dem Flur eine fremde Stimme, der das Mädchen etwas erwiderte.
Dann hastige Schritte nach dem Salon zu. Die Tür flog auf und herein stürzte
eine kleine, untersetzte Frau in wenig modischer Kleidung, bei deren Anblick
Adele einen Schrei ausstiess und Klotilde, vom Sessel emporschnellend,
erbleichte.
    Sie hatten Klara nur einmal auf dem Balle bei Sudenburgs gesehen; aber auch
ohne das hätten sie gewusst, wer es war.
    Fürchten Sie nichts, sagte Klara zu Adele mit seltsam heiseren Ton; ich hab'
es nur mit der da zu tun.
    Sie schritt auf Klotilde zu.
    Was wollen Sie von mir? murmelte Klotilde, zurückweichend.
    Meinen Mann will ich! schrie Klara mit jetzt gellender Stimme. Meinen Mann,
den Sie mir gemordet haben!
    Du grundgütiger Gott! stöhnte Adele, ihr Gesicht in die Hände drückend.
Klotilde hatte instinktiv eine Bewegung nach der Tür des Speisezimmers gemacht;
Klara war ihr in den Weg getreten.
    O ja! Unglück anrichten, das kann man! dem Unglück, das man angerichtet hat,
ins Gesicht sehen, das kann man nicht!
    Liebe, beste Frau Professor, sagte Adele; ich -
    Schweigen Sie doch! rief Klara. Mit Ihnen habe ich ja nichts zu schaffen. Zu
Ihnen wäre ich nicht gekommen, wenn man mir nicht gesagt hätte, dass ich diese
hier finden würde - diese elende Person!
    Hüten Sie Ihre Zunge! sagte Klotilde mit einem gewaltsamen Versuch, die
vornehme Dame herauszukehren.
    Hüten Sie Ihre hochmütige Fratze! schrie Klara, mit funkelnden Augen und
gespreizten Händen vor sie hintretend, so dass sie abermals erschrocken
zurückwich. Sehen Sie mich nicht an, als wäre ich verrückt! Danken Sie Gott, dass
ich es nicht bin! Oder ich schlüge Ihnen meine Nägel in Ihre geschminkten Backen
und zeichnete Sie, wie Sie es verdienen!
    Genug! sagte Klotilde, jetzt mit Entschlossenheit auf die Tür zugehend.
Aber sie hatte noch nicht zwei Schritte gemacht, als sie von Klara am Handgelenk
gepackt und mit solcher Kraft zurückgeschleudert wurde, dass sie, vor Schmerz
stöhnend, auf dem Sofa zusammenknickte.
    Aber auch Klaras tobende Wut schien gebrochen. Sie fuhr sich mit beiden
Händen an den Kopf, auf dem unter dem verdrückten Hut das gelbblonde, krause
Haar in wirren Strähnen hervorquoll, und murmelte: Was habe ich nur gewollt? was
habe ich nur gewollt?
    Plötzlich liess sie die Hände wieder fallen. Ihr vorher gerötetes Gesicht war
todbleich; ihre tief in die Höhlen zurückgesunkenen Augen hatten einen gläsern
starren Ausdruck, und ihre Stimme, als sie nun wieder zu sprechen anhub, klang
unheimlich ruhig:
    Das war's! Meinen Mann, dem ich vor einer Stunde die Augen zugedrückt habe,
konnten Sie mir nicht wiedergeben; unseren verwaisten Kindern nicht ihren Vater.
Aber ohne meinen Fluch sollen Sie doch nicht weiter leben. Kokettieren und
grimassieren und buhlen Sie nur so weiter - seien Sie sicher, mein Fluch
begleitet Sie auf Tritt und Schritt! Und der blutige Schatten des, dem Sie sein
frühes Grab gegraben haben. Ja, verflucht, tausendmal verflucht sei fortan Ihr
Leben! Es müsste keinen Gott im Himmel geben, bliebe das ungehört.
    Sie hatte sich zu Adele gewandt:
    Man sagte mir, dass Sie eine gute Frau sind, Sie würden auch sonst nicht so
weinen. Dann jagen Sie die da von Ihrer Schwelle! Die gehört in kein reines
Haus. - Leben Sie wohl!
    Erlauben Sie, gnädige Frau, dass ich Sie begleite!
    Elimar stand in dem Zimmer, in Uniform, den Säbel an der Seite, die Mütze in
der Hand, wie er vor einer Minute in sein Arbeitskabinett vom Flur aus getreten
war. Niemand hatte ihn komme hören.
    Wer sind Sie! sagte Klara, einen irren Blick auf ihn heftend.
    Ein Freund, erwiderte Elimar, den sie nicht zurückweisen werden. Sie
bedürfen jetzt eines Freundes. Bitte, nehmen Sie meinen Arm!
    Es war ein so herzlicher Klang in seiner tiefen Stimme. Klara schaute zu der
hohen Gestalt hinauf - nicht mehr irr: mit grossen Augen, aus denen plötzlich die
Tränen stromweis stürzten. Sie hatte seine Hand ergriffen und wollte sie an
ihren Mund drücken.
    Nicht doch! nicht doch! sagte er abwehrend. Kommen Sie!
    Er hatte ihren Arm in den seinen gelegt und mit ihr das Zimmer verlassen,
Adelen mit den Augen winkend. Für Klotilde hatte er keinen Blick gehabt.
    Die Flurtür war gegangen, auf dem Korridor war es wieder still. Adele,
unfähig zu sprechen, hatte sich über ihren Nähkorb gebeugt, in den von ihren
Wimpern Tropfen um Tropfen fiel.
    Plötzlich schreckte sie auf bei einem seltsamen Schrei, der hinter ihr
erscholl und halb wie lautes Schluchzen, halb wie gellendes Lachen klang.
    Klotilde lag vor dem Sofa auf den Knieen; das Gesicht in die flachen Hände
pressend, während der schlanke Leib in krampfhaftem Weinen zuckte.
 
    