
        
                                Paul Scheerbart
                         Tarub, Bagdads berühmte Köchin
                          Ein arabischer Kultur-Roman
                                  Erstes Kapitel
Helles Gelächter scholl durch ganz Bagdad. Der Prinz Ali war aus Ägypten
zurückgekehrt. Und er war gekommen hoch zu Ross mit stolzem Gefolge. Doch das
Ross, auf dem der Prinz sass, war ein Schimmel gewesen. Und diesen Schimmel hatte
der Prinz grün färben lassen. Da musste natürlich ganz Bagdad hell auflachen.
Alis grüner Schimmel war ein Ereignis.
    Es hatte sich wieder einmal gezeigt, wie gut es der Prinz verstand, von sich
reden zu machen. Kein Mensch wurde klug aus diesem Ali. War er durch sein
Selbstbewusstsein wirklich geschmacklos geworden? Oder gab er sich nur so
geschmacklos aus Berechnung? Wäre der Schimmel nach alter Sitte mit Henna rot
gefärbt gewesen, dann würde Niemand gelacht haben - doch grün? Nein, das ging
übern Spass.
    Man konnte sich ja erklären, was sich der Prinz gedacht hatte - er wollte
die neue Farbe der Abbassiden zu höheren Ehren bringen. Einst glänzte das Haus
Abbas unter der schwarzen Flagge. Diese schwarze Flagge vertauschte man später
mit der grünen. Das gefiel nun dem jungen Ali so gut, dass er die neue Farbe
seines Hauses überall sehen wollte. Und so musste denn schliesslich auch der
Schimmel - grün werden.
    Unglaublich!
    Unzählige Sterne glänzen aus dem tiefblauen Himmel auf Bagdad hinab; sie
spiegeln sich in den lauen Fluten des Tigris, und an den bunten Kacheln der
Minarette, der Palast- und Moscheekuppeln werden auch die Glanzlichter der
Sternenwelt glitzernd umhergestrahlt. Die Chalifenburg mit ihren prächtigen
Türmen, Kiosken und Galerieen hebt sich hoch heraus aus dem Häusergewirr der
grossen Stadt, aus der ein Nebeldunst - magisch leuchtend - aufsteigt. Und am
Tigris entlang leuchten die weissen Mauern der Landhäuser; in deren Gärten
schwanken die ruhigen Palmen im Abendwinde ...
    Aber aus den Strassen und Gassen der herrlichen Stadt schallt helles
Gelächter zu den ewigen Sternen empor. Jetzt endlich in der stillen Nacht kann
ganz Bagdad lachen nach Herzenslust, denn der Prinz Ali hört das Lachen nicht;
der ruht schon wieder in den weiten kühlen Prunkgemächern der Chalifenburg von
seinen vielen Reisen aus. Der Chalif Mutadid hat seinen Sohn wohlwollend
empfangen, und die Sklaven eilen in den Palästen auf den Zehen umher, um die
Ruhe des gefeierten Prinzen nicht zu stören.
    Wie Ali am frühen Morgen auf seinem grünen Schimmel durch das grosse Tor im
Westen stolz hineinritt in die festlich geschmückte Stadt, da mussten seine
Kammerdiener Goldmünzen unter die Menge streuen. Dadurch entstand ein wüstes
Geschrei. Kein Araber war zu stolz. Alle balgten sich um die Goldstücke, sodass
es viele blutige Köpfe gab.
    Durch die langen breiten Strassen, die zur Chalifenburg führen, zog der lange
Zug des stattlichen Gefolges auf Pferden und Kamelen unter betäubendem Lärm
dahin. Das Volk jubelte wie rasend dem freigebigen Prinzen zu. Es wurde beim
Herumschwirren der Goldstücke gejohlt und gelacht - als hätte sich der blaue
Himmel aufgetan, wie wenn sich die Huris aus dem Paradiese zur Erde
niederbeugten.
    Jetzt ist es Nacht, und die Araber freuen sich über das blanke Gold. Sie
werfen jetzt die Münzen ebenso verschwenderisch wie die Prinzen auf die Strasse.
Die guten Araber geben das gute Gold den dicken Weinhändlern, guten Freunden und
lustig lachenden Mädchen. dabei fällt ihnen aber der grüne Schimmel öfters
wieder ein - und über den freuen sich Alle schliesslich noch viel mehr als über
das Gold.
    Der Prinz Ali ist ein guter Mensch, aber die Bürger Bagdads lachen ihn doch
von ganzem Herzen aus. Und wenn er noch viel viel besser wäre, sie würden ihn
trotzdem auslachen. In dieser Nacht tragen die reichen Jünglinge Bagdads ihre
Säbel an grünen Schärpen, um das Volk an Ali zu erinnern. Das Volk versteht den
Scherz und lacht darüber immer wieder von Neuem - immer wieder von Neuem.
    Ausgelassene Spottlieder, wüste Zechgesänge, mekkanische und persische
Liebesweisentolle wilde Jubelstürme brausen und wogen durch die Strassen und
Gassen der herrlichen Chalifenstadt. In allen Weinkneipen, in den Buden, in
denen getanzt wird, in den Häusern, in denen reizende Sängerinnen mit feiner
Kunst zu singen verstehen - überall wird geprasst und gezecht.
    Eine sehr lustige Nacht!
    Abseits in einem kleinen Gässchen steht vor seiner Haustür ein christlicher
Weinhändler mit einem alten Parsenpriester im Gespräch. Sie schütteln sich beide
Hände zum Abschied. Doch der Wirt redet noch immer, obgleich der Priester Eile
zu haben scheint. Der christliche Wirt sagt:
    »Bedenkt nur das Eine! 892 Jahre, man schreibe und sage:
achtundertundzweiundneunzig Jahre - die sind nun schon vergangen, seit Christus
geboren ward, und seine Lehren sind hier noch immer verachtet. Man lässt wohl uns
Christen in Ruh, lässt uns auch unsern Glauben - aber das beweist doch nur, dass
sich diese Araber garnicht um religiöse Dinge kümmern, ihnen ist die Religion
überhaupt ganz gleichgültig - selbst ihre eigene. In Bagdad gibt es gar keine
Religion mehr.«
    Der Christ schüttelt traurig den Kopf.
    Der Parse versetzt aber hastig:
    »Verzeiht! Ihr übertreibt! In nächster Woche hol ich Euch ab. Die Parsen -
die sollt Ihr kennenlernen - die haben noch Religion.«
    Der Parse entfernt sich schnell, als wenn er wirklich Eile hat.
    Währenddem hört man auch hier wieder heisre Zecherstimmen erschallen. Im
Keller des Weinhändlers ruft man laut und herrisch nach dem christlichen Wein.
Indes - der Wirt zögert noch; auf der andren Seite der Gasse sieht er zwei
bekannte Dichter vorüberwandeln, die grüsst er erst noch - recht freundlich. Dann
jedoch verschwindet der Christ; er darf seine Gäste nicht warten lassen.
    Die beiden arabischen Dichter haben den Gruss des Christen garnicht erwidert.
Sie sind mit ihren eigenen Gedanken so sehr beschäftigt, dass sie den allgemeinen
Jubel nicht mehr mitempfinden.
    Suleiman, der ältere Dichter, träumte so im Gehen, er wäre der Chalif Harun
und neben ihm plauderten indische Märchenerzählerinnen von den Tempeln ihrer
Götter am fernen Ganges. Der alte Dichter glaubte zu hören, wie neben ihm die
nackten Füsse der Mädchen sich weich und gelenkig in den feuchten Sand schmiegten
und wie unter den gekrallten kleinen Zehen die Steinchen knirschten. Dann dachte
der Alte an die schlanken Tänzerinnen, die er gestern abend unter einem jener
rotseidenen Zelte auf dem Karawanenplatze bewundert hatte. Die Tänzerinnen sahen
sehr schön und prächtig aus. Er aber - ach! - er hatte sich unter jenem
rotseidenen Zelte seines alten geflickten Ehrenkleides geschämt - eine sehr
peinliche Erinnerung! Dieses Ehrenkleid war ein Geschenk des Chalifen
Motawakkil. Doch der lag längst im Grabe. Suleiman seufzte, nickte mit dem Kopfe
so vor sich hin und murmelte was.
    Safur, der den Suleiman begleitete, hörte das Murmeln und erriet gleich den
Gedankengang des alten Freundes, denn sie gingen an einem seltsamen Hause
vorüber. Über dessen Eingangspforte befanden sich kleine Fenster mit eisernen
Stäben. Hinter den Stäben sassen Schneider bei hellem Lampenlicht und nähten
fleissig. Sie nähten unzählige kostbare Gewänder für die Chalifenburg. Und diese
kostbaren Gewänder blieben nicht in der Burg; sie wanderten als Geschenke, als
»Ehrenkleider« aus den grossen Palästen hinaus in die weite Welt nach allen
Himmelsrichtungen bis nach Ägypten und Persien, bis nach Indien und Afrika, ja -
bis nach China und Spanien. Der Chalif hatte sehr sehr viel - zu verschenken.
    Safur, der jüngere Dichter, wusste das Alles, lächelte und fragte den älteren
Dichter listig:
    »Nun? Denkst Du an Dein Ehrenkleid?«
    Suleiman, unter dessen braunem Gesicht ein gut gepflegter weisser Spitzbart
glänzte, blickte traurig auf sein Gewand. Das war einst gute Seide gewesen -
ledergelb mit grossen lilafarbigen persischen Blumen. Auf dem Rücken des
Ehrenkleides sah man noch das grosse Wappen des Chalifen - schwarze schwungvolle
Schriftzüge. Die helleren Farben des Kaftans waren nicht mehr ganz reinlich, an
vielen Stellen etwas blank und fettig, und an den Ärmeln und unter den Knieen
zeigten sich kleine Löcher und grosse Flicken.
    Suleiman gürtete seinen alten lilafarbigen Seidengurt fester um die Lenden
und schaute unter seinem nicht sehr reinen weissen Leinenturban dem jungen Safur
lange nachdenklich ins Gesicht.
    Safur ging in Beduinentracht. Sein langes, hellblau und braun gestreiftes
Gewand, das aus dünner Baumwolle bestand, hing ihm faltig ins Gesicht. Ein alter
Lederriemen schnallte das Tuch um Stirn und Hinterkopf zusammen. Die hellblauen
und braunen Streifen des feinen Kleides schlotterten lässig mitgezogen in
unregelmässigen Falten um Körper und Beine herum - was sehr reizvoll aussah - was
Safur wusste.
    Die nächste Gasse ist leider sehr schmutzig, und die Sandalen der Dichter
werden nass, ihre braunen Füsse desgleichen. Safur flucht, hebt sein Kleid
vorsichtig mit den braunen hagren Fingern höher und ärgert sich - über die
Pfützen und über manches Andre.
    »Jetzt«, ruft er wütend, »macht ein grüner Schimmel ein grösseres Aufsehen
als die beste Kasside. Gute Verse werden heute schon schlechter bezahlt als rote
Pantoffeln, die allerdings in den Pfützen Bagdads sehr wertvoll sind ...«
    Der gutmütige Suleiman hat seine Not mit dem Ärgerlichen, versteht es aber -
zu trösten, sagt so ganz ruhig:
    »Sieh, Safur! Der Schmutz der Gasse ist noch nicht das Schlimmste auf dieser
schlimmen Welt. Was Besondres haben wir ja nicht vor. Unsre Sandalen werden
schon wieder trocken werden. Nebenbei - wundern muss ich mich denn doch, dass Du
Dich gleichzeitig über den geringen Preis ärgerst, den man heute für gute Verse
zu erhalten pflegt. Warum machst Du nicht ein Lobgedicht auf unsern alten
Geizhals Said ibn Selm? Der ist doch für Lobgedichte immer zu haben, würde sich
über Safurs Verse sehr freuen und sie sehr gut bezahlen.«
    »Das Lobgedicht kannst Du machen«, versetzt ingrimmig der jüngere Dichter.
    Und Suleiman meint drauf lächelnd: »Oh! Oh! Das will ich mir gesagt sein
lassen. Hast Recht! Ein alter Dichter braucht auch viel eher einen reichen
Freund als ein junger Mensch, wie Du einer bist.«
    Die nächste Gasse ist wieder trockner, und Safur wird wieder freundlich. Er
legt seinen rechten Unterarm auf den linken des alten Suleiman und plaudert -
von Tarub.
    Dem Alten wird ein bisschen neidisch zu Mute, er spricht bitter: »Ja! Wer
eine Tarub hat, der kann stolz sein! Der hats nicht nötig, einen Said ibn Selm
zu loben. Aber erzähl mir nicht mehr von ihr! Erzähl mir lieber, was Du jetzt
als Dichter vorhast!«
    Der zart empfindende Safur hört auch gleich von der Tarub auf und teilt
seinem alten Freunde - fast zitternd vor Erregung - mit, dass er unter die
Beduinen gehen möchte. Er habe kürzlich wieder die Antarsage gelesen und sei
ganz toll geworden, schwärme nur noch für die blauäugigen Dschinnen, jene wilden
schwarzen Wüstengeister, die auf feurigen Hengsten nachts durch die Wüste jagen,
um die Karawanen zu verfolgen. An die Tarub dachte plötzlich der leicht
erregbare Dichter ganz und gar nicht mehr; aber vom König Saiduk, jenem
Geisterkönig, der nur die Dschinnen - niemals einen Menschen sehen durfte,
konnte Safur nicht genug erzählen. »Mir geht es«, fuhr er mit brennenden Augen
fort, »fast genauso wie dem König Saiduk. Mir ist immer so, als müsst ich wie
Saiduk beim Anblick eines Menschen sterben. Nur die Dschinnen kann ich ohne
Furcht sehen. Die Gespenster sind meine Freunde; die erregen mein Blut. Oh, ich
liebe die Dschinnen und möchte nur Verse machen, in denen heiss und toll die
rasenden Wüstengeister herumsprengen auf ihren feurigen Hengsten. Meine Verse
müssen so heftig werden, dass Jeder, der sie hört, zittern soll vor Erregung. Das
ganze Gespensterreich der Wüste möcht ich nach Bagdad bringen, damit Bagdads
faule Dickbäuche mal aufgerüttelt werden. Aber wie die Geschichten anfangen und
enden sollen, das ist mir leider noch ganz unklar. Das ist hässlich! Das macht
mich recht besorgt. Wer weiss, ob ich was fertigbringe! Eigentlich bin ich ja
noch niemals zu was gekommen. Jeden Tag will ich was Andres, denn jeden Tag soll
und muss ich auch was Andres. Ich hör jetzt allerdings jeden Abend ein so
seltsames Gesumm, als wenn die Dschinnen in der Nähe sind.«
    Und er horcht aufmerksam in die Nachtluft hinein, in der Käfer zirpen und
Nachtfalter herumflattern. Der alte Suleiman wird ganz still; er fühlt, dass er
dem jüngeren Freunde nicht zu folgen vermag. Er lebte zu allen Zeiten in der
Märchenwelt, die vor achtzig Jahren unter Haruns Regierung die Dichter
beschäftigte. Suleiman liebt das Liebliche; er träumt nicht gern von
Gespenstern; Märchenprinzen und lustige Zaubrer sind ihm viel angenehmer. Die
Wüstengeister sind dem alten Dichter ganz fremde Wesen, die er nicht leiden
kann, da sie ihn erschrecken. Das Jähe, Stürmische, Gespensterhafte ist nichts
für Suleiman; dessen Träume sind still und sanft.
    Doch jetzt kommen die Beiden in die breiteren Strassen; da ist es lauter. Man
hört überall Singen, Lachen und Lärmen. Lustige Zecher schwanken Arm in Arm wie
vom Winde verwehte Papyrusrollen in Zickzacklinien vorüber.
    Vor der grossen Moschee prügeln sich ein paar betrunkne Kameltreiber - ihre
Kamele sehen verwundert zu, alte Frauen schreien, und das Volk, das gemächlich
daneben steht, lacht.
    Safur und Suleiman biegen rechts ab in einen schmalen Gang, der Erstere
voran. Sie gehn hintereinander schweigend einher an einem niedrigen Bretterzaun
entlang, über den sie hinüberblicken können. Es liegt ein grosser Garten hinter
dem Bretterzaun. Neben den mit bunten spiegelglatten Fliesen gepflasterten
Fusswegen des Gartens sind über den Erdboden kurz geschorene Rasen gebettet, auf
denen einzeln grosse rote Tulpen blühen. Weiterhin plätschern kleine
Springbrunnen in grossen Teichen, die vom Sternenlicht durchstrahlt mit ihren
kleinen Wellen glitzern und funkeln wie ein Heer arabischer Krieger mit blanken
Helmen und blitzenden Damascenerklingen.
    Lorbeeralleen verdunkeln die weiter hinten gelegenen Parkanlagen. Neben den
Teichen ragen hohe Palmen in den Sternenhimmel hinauf. Die Dichter gehen noch an
Myrtengebüschen vorbei und gelangen dann durch eine offne Tür in den grossen
Park. Still wandeln sie hier auf den bunten Fliesen der Fusspfade weiter. Safur
denkt an seine Wüstengeister, und Suleiman sucht nach einem feinen Ausdruck für
tiefe Gartenstille, in den Vers soll sich gleich Erwartungsstimmung mit
hineinweben.
    In der Mitte des Parks steht ein leicht gebautes Sommerhaus mit weiten
indischen Galerieen; in deren zierlichen Spitzbögen schaukeln sich
Papier-Ampeln, die ganz mit grellbunten Vögeln bemalt sind. Vor der grossen
Hallenpforte kauern verdrossen ein paar nubische Sklaven mit krausem Wollhaar.
    Der alte Suleiman sagt zu einem der jüngeren Nubier:
    »Geh hinein und sage dem dicken Kodama, er möchte hinauskommen, wir müssten
zur Sternwarte, der Mond wär schon aufgegangen, und die Mondfinsternis wär auch
bald da. Geh schnell!« Und der Dichter zeigt dem Nubier den Halbmond, der jetzt
über die dunklen Lorbeeralleen im Osten in den Garten schaut. Der Sklave rennt
eilig von dannen.
    Aus den inneren Gemächern des leicht gebauten Sommerhauses dringen jetzt
reine volle Saitentöne heraus. Weiche Frauenstimmen schallen hell und wonnig
dazwischen. Die Töne schwellen an und säuseln dann wieder, dann hüpfen sie,
trällern, locken und girren wie Tauben, klagen auch sehnenvoll wie verlassene
Geliebte, murren und necken, reizen und beruhigen ...
    Es sind die Sängerinnen der alten Dschellabany. Die singen vor den reichen
Jünglingen Bagdads und trinken mit ihnen feurigen Wein. Ein wildes indisches
Freudenlied jubelt durch die üppigen Säle.
    Die Dichter warten draussen.
    Plötzlich wirds still.
    Und von zwei Fackelträgern grell beleuchtet, schreitet eilig eine stattliche
schöne Negerin durch die mit herrlich durchbrochenen Zierleisten umrahmte
Hallenpforte hindurch. Die schwarze Schöne streckt den beiden Dichtern die
vollen schwarzen Arme entgegen. Ihre goldenen Armspangen glühen im grellen
Fackelschein. Ein Perlendiadem schmückt ihr schwarzes Haar. Ihre Brust hebt sich
in raschen Atemzügen unter schneeweissem Linnenzeug.
    Die Schwarze bittet die Dichter, sehr erregt mit den Armen herumfuchtelnd,
ihr zu folgen; sie meint, Kodama komme ja sofort mit und bis zur Sternwarte seis
doch nicht so weit. Sie deutet dabei auf ihren breiten grünen Lendengurt, der an
Alis grünen Schimmel gemahnen soll.
    Das Grün des seidenen faltigen Gürtels unter dem weissen lockeren Busentuche
hebt sich prächtig von den weiten rotseidenen Beinkleidern ab, die unten am
schwarzen Fussknöchel zusammengeschnürt sind, sodass die rote Seide in bauschigen
Falten überhängt und fast die Steinfliesen streift.
    Jedoch die Dichter wollen nicht mitkommen. - Safur sagt: »Das kennen wir
schon! Wenn wir zu Euch hineingehen, so gehen wir nicht sobald wieder hinaus!«
    Die stattliche Negerin nestelt verlegen an ihrer dicken Perlenschnur, die
ihren starken Nacken umkränzt - muss dann aber mit ihren Fackelträgern ohne die
beiden Dichter - abgehen.
    Wieder klingen die Saitentöne und die hellen hallenden Frauenstimmen durch
das Sommerhaus der alten Dschellabany, vor deren gastlicher Tür Safur und
Suleiman geduldig warten und den Halbmond betrachten.
    Und nach einer guten Weile kommt dann der Kodama, Bagdads dickster
Gelehrter, auch endlich zum Vorschein. Er ruft ärgerlich: »Na, ein Glas Wein
hättet Ihr doch noch trinken können!« Indes die Dichter zeigen lächelnd auf den
Halbmond und erklären dem Kodama, dass die Mondfinsternis sehr bald eintreten
müsse.
    Die Drei begeben sich daher ohne weiteren Verzug zusammen zur Sternwarte,
die einst der gebildete Chalif Mamun für die Astronomen mit grossen Kosten
erbauen liess.
    Das weite Himmelszelt mit seinen Sternen funkelt.
    Der Halbmond steht drüben im Osten über den Lorbeeralleen.
    Der Garten ist still, nur die Springbrunnen plätschern.
    
    Die roten Tulpen auf den geschorenen Rasen leuchten wie kleine rote Flammen.
    Im lauen Nachtwind schaukeln langsam die ruhigen Palmen.
    Aus der Ferne ganz leise dringt von den Gartenmauern hernieder der Lärm der
grossen Stadt.
    Die Drei wandeln schweigend zur Sternwarte.
    Bagdads Lachen verhallt.
 
                                Zweites Kapitel
Hoch oben auf dem Mittelturm der Sternwarte schaut der Sterndeuter Abu Maschar
durch ein dreieckiges Blechrohr zum schwarzen Saturn.
    In seinem weissen Beduinengewande steht Abu Maschar da oben unter den Sternen
wie ein Gespenst. Ein pechschwarzer Vollbart wallt ihm bis auf den ledernen
Leibgurt hinab. Zur Rechten und zur Linken des Sterndeuters stehen hohe
wunderliche Messgeräte. Auf dem alten, sehr breiten Holzgeländer sind lange
Papierstreifen - mit Bleistücken beschwert - ausgebreitet. Und uralte vergilbte
Bücherrollen liegen am Boden.
    Abu Maschar murmelt was in seinen schwarzen Bart, er murmelt in einer
unverständlichen Sprache, die wohl nur die Bürger Alt-Babylons verstanden
hätten. Er schreibt dabei Zahlen auf einen der langen Papierstreifen und blickt
dann stolz nach allen Seiten umher - in die grosse funkelnde Sternenwelt. In
seinem braunen Antlitz leuchten die grossen schwarzen Augen unheimlich auf, sie
starren in das tiefe Himmelsblau, als wenn sie Geister sähen ... Abu Maschar
steht still - gebannt - wie eine Bildsäule.
    Die Sternwarte war eigentlich eine Ruine.
    Bald nach Mamuns Tode hatten sich Räuber der Sternwarte bemächtigt, da nach
Mamuns Tode fast Niemand mehr Geld für die Himmelskunde erübrigen wollte.
    Als man nun später dahinterkam, dass sich in den fünf Türmen, auf denen sonst
nur gelehrte Männer emsig arbeiteten, Räuber verborgen hielten, ward das
prächtige Bauwerk von den Soldaten eines arabischen Hauptmanns gestürmt. Und bei
diesem Sturm stürzten zwei Türme um und begruben viele Räuber und Soldaten unter
ihren Trümmern. Auf dem Schutt wächst jetzt Gras mit wilden Blumen.
    Die Türme hatten einen Halbkreis gebildet und waren durch vier schwere
Holzbrücken miteinander verbunden;
    von diesen überlebten nur zwei den Sturm des Hauptmanns.
    Vom Mittelpunkte der durch die fünf Türme gegebenen Kreislinie aus hatte
eine mit Backsteinen erbaute feste Treppe fast bis zur Spitze des Mittelturmes
geführt. Diese Treppe war bei dem Kampf mit den Räubern auch über den Haufen
geworfen worden.
    Über den Trümmern der Treppe wächst nun gleichfalls Gras.
    Nur das oberste Stück der Treppe hängt noch wie ein Widerhaken oben am
Mittelturm, auf dem Abu Maschar wie eine Bildsäule dasteht.
    Die beiden andern Türme erreichen nicht dieselbe Höhe wie der, welcher einst
der mittlere gewesen; der diesem zunächst gelegene sieht sogar recht niedrig aus
- dafür geht er allerdings mehr in die Breite, befindet sich doch in seiner
Spitze der grosse Empfangssaal, in dem die Astronomen einst von Mamun die
fürstlichen Geschenke empfingen.
    Auf dem grossen fünfeckigen Altan, der vor dem Empfangssaal hoch über den
Palmen in den Garten hinausragt, spricht der berühmte Astronom Al Battany mit
Jakuby, dem grossen Weltreisenden, über die Wissenschaft ...
    Al Battany hat die Sternwarte wieder bewohnbar gemacht. Mit seinen
wissenschaftlichen Instrumenten sitzt er oft im dritten der drei noch übrig
gebliebenen Türme. Im Empfangssaal pflegt er seine Freunde zu empfangen, die
dort gern aus- und eingehen und besonders gern auf dem fünfeckigen Altane
weilen, der sich auf der Aussenseite des durch die drei Türme beschriebenen
Kreisabschnittes befindet.
    Der Empfangssaal mit dem Altan wird von den bedeutendsten Männern Bagdads
besucht. Die Freunde des reichen Battany, der sich, wenn er allein sein will, in
sein nicht weitab am Tigris gelegenes Landhaus begibt, sind zum grössten Teil
nicht sehr wohlhabend - das aber beeinträchtigt ihre Bedeutung nicht im
Geringsten ...
    In der Tiefe des Gartens unterm Altan und zwischen den Trümmern reiten zwei
Mongolen mit langen Lanzen auf schäumenden Rossen langsam, fast schleichend auf
und ab. Die gelben Mongolen mit ihren blanken Helmen wachen in jeder Nacht, auf
dass kein Unberufener feindselig nahe. Die Mongolen stehen im Solde des reichen
Al Battany, der auch ein Dutzend schwarzer Sklaven in den unteren Gelassen der
Türme verteilte. Hunde sind aber nicht da.
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    Tiefernst ist das Gespräch zwischen dem grossen Astronomen und dem grossen
Weltreisenden, der Jakuby heisst. Die Beiden ergründen oben auf dem fünfeckigen
Altan die Bedeutung der arabischen Literatur.
    Der Battany schliesst eine längere Auseinandersetzung über Bagdads
Gelehrtenwelt mit den folgenden heftigen Worten:
    »Überhaupt - was weisst Du von unsren wissenschaftlichen Bestrebungen? Du
pilgerst durch alle Länder und schreibst Dir alles auf, was Du hörst und was Dir
grade zufällig dicht vor die Nase geführt wird. Was verstehst Du von Bagdader
Zuständen und Verhältnissen? Garnichts - mehr als garnichts, denn Du pflegst
alles falsch aufzufassen. Der berühmte Geograph Jakuby denkt natürlich garnicht
daran, dass er sich jemals irren könnte - ih, wo wird er denn! Du bist
beneidenswert!«
    Und bei diesen Worten hob der Astronom bald den rechten, bald den linken
Arm, bald beide Arme zugleich höchst malerisch - wenn auch etwas zu schnell - in
die Höhe. Malerisch sah das aus, weil bei dieser Armbewegung eine dunkelblaue
Sammettoga mit dicker Goldstickerei prächtige, weit aufschweifende Falten warf.
Der Astronom verehrte sehr die alten Griechen; er hatte sich ganz abenteuerliche
Vorstellungen von dem wissenschaftlichen Geist des Aristoteles gebildet, sodass
er schliesslich nicht umhin konnte, eine dunkelblaue Sammettoga mit dicker
Goldstickerei zu tragen. Den Aristoteles kannte der Gelehrte natürlich nur vom
Hörensagen - er verstand nicht einmal so viel Syrisch, um den alten Griechen in
syrischen Übersetzungen zu lesen - geschweige denn im Urtext ...
    Daher durfte man sich auch nicht wundern, dass der berühmteste Astronom
Bagdads gleichzeitig eine indische, ganz mit Gold überstickte Kappe, die so rund
und klein wie ein flacher Suppentopf war, auf dem Kopfe trug.
    Battanys Kopf - ja - der hatte so was vom Neger und was vom Inder; sehr fein
sah er nicht aus, aber trotzig straff - die Nase dick und klein, die Augen
heftig und nicht gross, der Mund voll und die Ohren abstehend ... neben der
dicken braunen Nase gingen tiefe Falten zu den Backenknochen hinunter, die
dunkelbraune Stirn schien sehr hoch, da die indische Kappe fast im Nacken sass.
    Viel freundlicher schaute dagegen der Jakuby in die Welt. Dessen Gesicht
lächelte unter einem helllila Seidenturban. Spitz ragte die braune Nase unter
diesem Turban hervor. Ein kleines graues Spitzbärtchen zierte das Kinn. Der Bart
auf der Oberlippe und auf den Backen war sorgfältig abrasiert, sodass die braune
schon vielfaltige Gesichtshaut zur Geltung gelangte.
    Jakuby hatte was Eigenes, das durch seinen sauberen schwarzen Seidenkaftan
noch erhöht wurde.
    Der kleine, zierlich gebaute Gelehrte erwiderte nach sehr langer Pause mit
feiner heller Stimme in jener überlegenen Art, die in den Moscheen beim
gelehrten Gespräch üblich zu sein pflegte:
    »Oh, mein lieber Freund! Deinem heftigen persönlichen Angriffe will ich aus
dem Wege gehen. Doch hör nur dieses:
    Wir Araber haben nun bald die ganze Welt erobert, erobert mit der scharfen
Damascenerklinge. Jetzt, dünkt mich, ist es an der Zeit, die Welt auch in andrer
Weise zu erobern. Nicht dürfen wir mehr mit den Augen der Krieger, die Alles nur
besitzen wollen, die Welt durchstreifen. Wir müssen mit wissensdurstigen Augen
durch die Länder wandeln und Alles kennenlernen - Alles, was da kreucht und
fleucht. Auch der gelehrte Mann kann erobern - erobern, indem er sein Wissen
bereichert. Deshalb habe ich mit meinen schwächlichen Gliedern meine grossen
Reisen unternommen - einerseits durch Ägypten und Afrika bis nach Spanien,
andererseits durch Persien und Indien bis nach China. Und Jedermann weiss, dass
mein Buch der Länder, das ich im vorigen Jahre herausgab, wirklich ein Werk
wurde, das auch den, der niemals über die Mauern Bagdads hinauskam, mit allen
Ländern der Erde bekannt machen muss. Das Buch der Länder weist ja noch viele
Lücken auf, aber es ist doch in diesem Werke eine unvergleichliche Sammlung von
Wissensschätzen angehäuft ...«
    Nun aber kann sich der heftige Astronom nicht mehr halten, er unterbricht
den redseligen Freund mit hoch erhobenen Armen: »Sammlung?« schreit er, »hab
ichs nicht gleich gesagt, dass Du keine Ahnung von unsren wissenschaftlichen
Bestrebungen hast? Jawohl - sehr richtig! Unsre Zeit leistet was in
Sammelwerken. Wir sammeln alle unsre Kenntnisse, als hätten wir nichts Andres zu
tun. Und ein einziges Buch soll immer Alles umfassen - natürlich! An
Selbstbewusstsein fehlt es unsern gelehrten Sammlern nicht. Wir tun so, als
hätten wir garnicht mehr nötig - noch fürderhin zu forschen, zu ergründen oder
klarzustellen - ih wo! Jeder Gelehrte glaubt, wir hätten bereits Alles begriffen
und vollkommen erklärt - - - und es wäre heute nichts Anderes nötig als Sammeln
- Sammeln - Sammeln!«
    »Lass nur den Spott!« gibt da Jakuby lächelnd zurück, »hör nur dieses: Sind
nicht die Geographen und Astronomen die Hauptgelehrten unsrer Zeit? Die Einen
erforschen die Erde, die Andern den Himmel. Ist es nicht so?«
    Battany nickt und wird milder.
    Jakuby aber fährt jetzt mit stolz erhobener Nase fort:
    »So, mein Freund! Wer hat nun Recht? Wenn somit die Geographen und
Astronomen die ganze Welt kennen lernen wollen - müssen sie da nicht sammeln?
Müssen sie nicht? Müssen wir nicht Sammelwerke schreiben? Mein Buch der Länder
nenne ich mit Stolz ein Buch, das alles Wissenswerte der Erde zusammenfasst.«
    Battany wird unwillig; es kommt ihm so vor, als sei er plötzlich in die Enge
getrieben. Er hustet verlegen, stützt sich mit dem rechten Unterarm auf das
Geländer des Altans, blickt in den Garten hinunter, in dem die Mongolen langsam
herumreiten, hustet wieder, um den Jakuby am Weitersprechen zu hindern, sammelt
sich und sagt dann hastig:
    »Nein - so ist es nicht. Umgekehrt ist es. Weil die Araber eigentlich
überhaupt nur Sammelwerke schreiben, deswegen spielen die Geographen und
Astronomen, deren Tätigkeit am meisten zum Sammeln verleitet, eine so grosse
Rolle unter uns. Aber wir haben noch gar kein Recht zum Sammeln. Ans Sammeln
darf man erst denken, wenn man eine Unmenge erforscht, entdeckt und begriffen
hat. Wir haben aber noch lange nicht so viel wissenschaftlich feststehende
Tatsachen erkannt, um die jetzt schon sammeln zu können. Du fragtest mich vorhin
nach der Mondfinsternis. Siehst Du sie schon? Sie müsste nach meinen Berechnungen
da sein - und sie ist noch nicht da. Ich habe genau gerechnet - und die
Mondfinsternis ist doch nicht da. Ich stehe als Astronom immer vor unzähligen
Fragen, die ich nicht beantworten kann - und trotzdem soll ich sammeln? Was
denn? Etwa meine Fragen?«
    Und unter den kräftigen Armbewegungen zitterte der ganze Leib des
Astronomen.
    Der Halbmond stand unglaublich ruhig da, ohne sich zu verfinstern. Nur der
grosse Al Battany verfinsterte sich.
    Jakuby allerdings glich eher in seiner Ruhe dem Halbmonde, wenn auch sein
spitzes Gesicht durchaus nichts Mondartiges an sich hatte. Mit dem Gleichmut
eines unüberwindlichen Siegers bemerkte er mit seiner hellen Fistelstimme so von
oben herab:
    »Du magst sagen, was Du willst! Die Geographen und Astronomen sind dennoch
die grössten Gelehrten, die man sich denken kann. Wir wollen eine ganze Welt
kennenlernen, eine ganze Welt wissenschaftlich in uns aufnehmen. Wir stehen vor
der grössten Aufgabe, die man sich denken kann. Und wir werden diese Aufgabe
überwältigen - wir haben sie bereits zum grössten Teil überwältigt. Ich erinnere
Dich nur an mein Buch der Länder ...«
    »Hör auf!« schreit Battany dazwischen, »Du bist und bleibst beneidenswert.
Aber Du bist auch ein Kind. Du weisst garnicht, was in der Welt vorgeht. Du hast
von der Welt keine Ahnung. Du willst eine Welt begreifen? Lächerlich! Albern!
Was man nicht Alles wollen kann! Ein Prahlhans bist Du mit Deinem Wollen. Du
erinnerst mich an einen Vielfrass, den unser Dichter Safur sehr schöne Verse
sprechen liess. Pass mal auf! Der Vielfrass sagt, als er hungrig zwar, doch so
prahlerisch wie ein echter arabischer Gelehrter in eine grosse Gesellschaft
kommt, die mit der Mahlzeit beinahe fertig ist, also:
Weiss Allah, wann Ich mich mal verschnauf!
Ich ass heut schon hundert Hammel auf,
Verdaute sie gleich im Dauerlauf
Und löschte den Durst mit dem ganzen Nil;
Mir stak mang den Zähnen manch Krokodil;
Ihr nennt das doch hoffentlich nicht zuviel -
Mehr kann ich trotzdem noch essen.«
Und der Astronom steht breitbeinig da und brummt.
    Jakuby macht ein verblüfftes Gesicht und versteht nicht, was Battany sagen
will. Der indessen erklärt gleich, indem er fortfährt: »Du musst eben nicht
vergessen, dass unserm Können denn doch so manche Grenzen gezogen sind. Dass wir
uns oft verrechnen - das ist noch nicht das Schlimmste. Du willst die ganze Welt
kennenlernen. Nun sag aber mal - ganz leise - unter uns! Ist Dir das auch von
unserm Chalifen ausdrücklich erlaubt? Darfst Du das? Wir hier in Bagdad wissen
sehr genau, dass der Chalif uns garnicht erlauben will, der Wissenschaft so
obzuliegen, wie wir möchten; denken und schreiben sollen wir eigentlich nicht.
Wenn wir aber das nicht mal sollen, sind wir dann noch die grössten Gelehrten?«
    Und nun streiten die Beiden nicht mehr über Sammeln und Forschen - sie
flüstern nur noch ganz leise, zischeln sich immer wieder was ins Ohr - was von
der Chalifenburg, von der Verfolgung der freien Wissenschaft und ähnlichen, halb
heiteren, halb traurigen Dingen.
    Der Schreiber Osman sitzt währenddem im Empfangssaal auf einem grossen
persischen Teppich mit untergeschlagenen Beinen finster brütend wie ein
chinesischer Bonze da. Seine dünnen braunen baumwollenen Beinkleider hängen
schlaff um die wulstigen Kniegelenke. Wie eine dicke Tonne steht der breite
Fettleib des Schreibers auf dem Teppich. Ein ganz kurzes braunes Jäckchen ohne
Ärmel umspannt des Schreibers breite Brust, auf der ein schneeweisses Leinenhemd
vorschimmert. Die weiten Ärmel des Hemdes sind auch sehr sauber - der weisse
Leinenturban ebenfalls. Das glatte braune Gesicht mit den dicken Pustbacken ist
rund und voll. Die kleinen Augen starren auf die roten und blauen Muster des
Teppichs, der geheimnisvoll wie ein Sterndeuterbuch aussieht und fast den ganzen
Boden bedeckt. Osmans Stirn zeigt dicke Falten.
    Der Empfangssaal ist eine offene Halle. Unter den zackig geschwungenen
Säulenbogen sieht man den dunkelblauen Himmel mit den Sternen. Durch die offenen
Säulenbogen geht es zum fünfeckigen Altan hinaus, auf dem Battany und Jakuby
eifrig flüstern. Ein grosser Himmelsglobus aus Kupfer tront vorn an der einen
Seite des Saales. Hinten in den beiden Ecknischen der mit roten und silbernen
Querstreifen bemalten Wände brennt in zwei Kohlenbecken duftiges arabisches
Räucherwerk. Die leichten wirbelnden Rauchwolken schweben durch das ganze Gemach
in langen bläulichen Fäden dahin. Osman sitzt mitten auf dem Teppich mit der
Stirn dem Himmel zu und grübelt ...
    Neben dem dicken Schreiber Osman rechts auf einem kleinen fünfeckigen
Ebenholztische dampft heisser chinesischer Tee in feiner Porzellanschale. Der
Schreiber Osman ist kein gewöhnlicher Schreiber, er lässt seine Gehilfen
schreiben; er handelt nur mit den Büchern der grossen Gelehrten, die ihre
Schriften ihm zur Vervielfältigung und Verbreitung übergeben. Der Buchhändler
hat schwere geschäftliche Sorgen, er sitzt und rechnet und brütet und nickt
dabei zuweilen mit dem dicken Kopf langsam bedächtig wie ein Bonze beim Chalifen
von Peking.
    Bücherrollen liegen auf dem Teppich kreuz und quer. Dem Globus gegenüber in
einer Alabasternische funkelt ein kupfernes Waschbecken - fein getriebene
Arbeit; das Gestell besteht aus drei schweren reich verzierten Eisenfüssen, die
sich unten auf dem schwarzen Fliesenboden schneckenartig umkrümmen ...
    Von der zierlichen Decke oben, über die sich geometrische Figuren in blauen
und grünen Linien auf goldnem Grunde durcheinander spinnen, hängen an eisernen
Ketten bunte maurische Lampen hernieder. Sie beleuchten das braune Fettgesicht
des dicken Schreibers und lassen auch eine indische sitzende Götterfigur mitten
im Hintergrunde sichtbar werden. Der Götze sitzt aber höher als der Schreiber
...
    Im Empfangssaal ist es ganz still. Nur die glühenden Kohlen knistern ein
bisschen. Die duftigen blauen Räucherwolken wirbeln zur zierlichen Decke, ziehen
in langen Fäden langsam durch die Säulenbogen in die Mondnacht hinaus.
    Zu Osman in die Empfangshalle kommen nun mit dem gelehrten Kodama die beiden
Dichter Suleiman und Safur. Kodamas wohltönende Stimme wird von Osman schon von
fern, als die Drei noch unten auf der Treppe waren, gehört. Kodama ist auch ein
Geograph, aber er lässt sich nicht gern so nennen, weil er nicht gern reisen mag
... er ist zu dick.
    Osman blickt die Kommenden traurig an.
    Kodama schmunzelt so recht inniglich vergnügt, er ist fast ebenso dick wie
der dicke Schreiber.
    Osmans Mondgesicht glänzt, des Geographen Mondgesicht glänzt auch. Dessen
gelbseidener Turban ist sehr schön. Ach - Kodamas kurzer schwarzer Sammetrock
ist auch sehr schön, und gar seine breiten schwarzseidenen Hosen - die sind die
schönsten Pluderhosen in ganz Bagdad.
    »Aber Osman, warum bist Du denn so traurig?« ruft der Geograph, und er
schüttelt sich vor Lachen, dass ihm die hellen Tränen über die rasierten braunen
Wangen rollen.
    Osman schweigt, und seine Miene wird noch kummervoller.
    Safur betrachtet das indische Götzenbild. Suleiman wärmt sich die Hände vor
dem einen Kohlenbecken. Kodama streichelt den runden kupfernen Himmelsglobus und
wendet sich plötzlich ganz ernst zum jungen Safur und sagt sehr wohltönend:
»Sieh nur, mein Teurer, hier kannst Du was lernen. So rund wie diese Kugel ist
auch unsre Erde - ja! ja! Hast Du denn schon meine kleine Schrift über die
Kugelgestalt der Erde zu Ende gelesen? Nein? Ich kann Dir nur raten - lies, was
ich da geschrieben. Das könnte Dich auch dichterisch anregen. Glaubst Du nicht,
dass der Mensch auch so rund wie eine Kugel werden könnte? Ich sage Dir: möglich
ist das. Zum mindesten sollten wir immer bestrebt sein, runder zu werden. Dürfte
nicht mein Leib noch schöner aussehen, wenn er noch runder würde? Bist Du auch
rund? Nein? Warum nicht?«
    Safur lacht laut auf und geht hinaus auf den Altan, wendet sich aber gleich
zur Linken und schreitet eilig über die Brücke zum Mittelturm; seinen Freund Abu
Maschar, der noch immer oben auf dem Turme wie eine Bildsäule dasteht, will er
besuchen.
    Indessen - Kodama setzt sich behaglich neben Osman auf den persischen
Teppich und fragt den traurigen Schreiber;
    »Na, was hast Du denn?«
    Kodama bekommt leider keine Antwort.
    Battany und Jakuby treten grade - immer noch flüsternd - mit mürrischen
Gesichtern in den Empfangssaal. Sie sehen Bagdads dickste Freunde merkwürdig
steif auf dem Teppich sitzen. Suleiman wärmt sich noch immer die Hände an dem
einen Kohlenbecken.
    Man begrüsst sich, indem man schweigend leicht das Haupt nach vorne beugt,
was sehr drollig aussieht ...
    Es ist einen Augenblick wieder still.
    Dann jedoch knarren die Treppenstufen, und herein stürmt wie ein Wilder der
grosse Philosoph Abu Hischam.
    Malerisch schlottert ihm sein alter Kittel um die dürren Beine, die
armenische Pelzmütze sitzt ihm schief auf den lockigen braunen Haaren, sein
zottiger Bart zittert ihm, und die grossen braunen Augen rollen ihm im Kopfe.
    Abu Hischam haut mit der Faust auf den Globus und stampft mit dem rechten
Fuss auf den Boden.
    Kodama springt empor. Suleiman, Battany und Jakuby kommen erschrocken näher.
    »Was ist denn los?« schreit der dicke Kodama.
    Doch der Philosoph reckt die Faust zum Himmel auf und fragt heiser: »Wisst
Ihr noch nichts?«
    »Ich weiss Alles!« ruft traurig der dicke Schreiber.
    Die Andern aber wollen nun wissen, was los ist. Und Abu Hischam erzählt wirr
und erregt: »Was wir immer gefürchtet, ist geschehn. Der Chalif Mutadid - dieser
Hund - er hats gewagt - er hat ein neues Gesetz erlassen. Er hat verboten - man
höre nur! - Bücher herauszugeben, die einen philosophischen oder politischen
Inhalt haben. Das heisst: wir dürfen überhaupt keine Bücher mehr herausgeben. Ist
das nicht stark? Weder Philosophisches noch Politisches soll ins Volk dringen -
das heisst: wissenschaftliche Bücher sollen nicht mehr geschrieben werden. Was
sagt Ihr nun? Er hats gewagt! Der Hund! Der Hund! Dieses verfluchte Aas!«
    Und alle Sechs werden fürchterlich wütend - sie schreien gellend
durcheinander.
    Battanys Toga fliegt umher wie ein Segel im Sturm. Jakuby fuchtelt mit dem
rechten Zeigefinger vor seiner Nase herum. Kodama schlägt sich immerfort mit den
Fäusten vor die Brust. Suleiman ringt die Hände. Osman stöhnt.
    Der Philosoph Abu Hischam brüllt wie ein Stier, schimpft wie ein
Kameltreiber und hält, wie sich der Lärm ein wenig gelegt, eine Rede:
    »Freunde!« ruft er, »was ich schon immer empfahl, das empfehle ich jetzt
noch einmal - das muss jetzt endlich zur Tat werden. Wir müssen einen Geheimbund
gründen und unsre Bücher unter uns herausgeben - nicht fürs Volk. Was haben wir
davon, wenn unsre Bücher gekauft und gelesen werden von Leuten, die uns garnicht
verstehen können? Bilden wir lieber endlich eine abgeschlossene gelehrte
Gesellschaft, die ihre Bücher nur unter ihre Mitglieder verteilt. Wir Gelehrte
schreiben doch nur für die andren Gelehrten - lasst uns drum einen Bund
schliessen, wie ichs schon öfters empfohlen habe. Wir brauchen unsre Bücher
garnicht öffentlich herauszugeben. Fürs Volk schreiben wir ja doch nicht. Wir
versenden unsre Bücher nur an die einzelnen Mitglieder des zu uns gehörenden
Gelehrtenbundes und pfeifen dann auf die Gesetze des dummen Mutadid, der besser
täte, wenn er in den Wallgräben Bagdads die Schweine hütete.«
    Nach dieser unerwarteten Rede springt auch endlich der Schreiber Osman auf,
der bis dahin still auf dem persischen Teppich sass und chinesischen Tee trank.
Osman erhob sich furchtbar schnell, was so aussah, als wenn ein Gummiball einen
Klaps bekommen.
    »Ihr habt ja kein Geld!« schreit der Schreiber, »wollt Ihr Eure Bücher
verschenken?«
    Und es entsteht ein neuer Lärm - der ist noch wüster als der erste. Jakuby
bemüht sich vergeblich, das Gespräch auf die bevorstehende Mondfinsternis, die
garnicht erscheinen will, zu lenken.
    Schliesslich reden Alle zugleich, sie schreien die Worte mit versengendem
Glutblick einander zu. Niemand versteht, was sie so heftig sagen ...
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Safur aber oben auf dem Mittelturm schwärmt dem grossen Sterndeuter Abu
Maschar von Himmelsgeistern und herrlichen Huris, von den alten Göttern und von
den alten Gespenstern begeistert etwas vor - er sagt:
    »Wenn ich so im tiefen unendlichen Blau die strahlenden Himmelsblüten
schaue, dann fühlt sich meine Seele oft so mächtig bewegt, und ich träume mir
dann da oben eine Welt zusammen, in der Götter hausen, übermenschliche Wesen,
die noch viel feiner empfinden können als die besten Dichter der Erde. Oh, Abu
Maschar, muss es nicht dort oben in den freien Weltalllüften viel wundervoller
sein als hier bei uns?«
    Abu Maschar erwidert mit ganz leiser Stimme:
    »Kein Ort der Erde ist wirklich schöner als der andre. Wir können überall
glücklich sein. Die Zustände sind überall gleich gut und gleich schlecht, wie
man gerade sagen will. Und in andren Welten kanns eigentlich auch nicht anders
sein. Sieh, Safur, das ist eigentlich das Geheimnis meiner Prophetengabe, dass
ich nirgendwo und auch nirgendwann einen besseren Zustand vermute als den,
welchen ich grad in den einzelnen Augenblicken meines Lebens empfinde. Die
Zukunft ist für uns kein verschlossenes Buch. Zu allen Zeiten war es im Grunde
genauso gut und genauso schlecht um die Menschen bestellt als zu unsrer Zeit
hier in Bagdad. Dass ich fest daran glaube, die Welt wird weder besser noch
schlechter, eine wirklich wesentliche Weiterentwicklung der Menschen gibt es
garnicht - dieser Glaube hält mich grade, macht mich sicher, stolz, fest und
bewusst - das macht mich zum Propheten ... wie mich die Gelehrten in der Moschee
spöttisch nennen. Ja, Safur, ich bin ein Prophet; wenn ich in die Sterne schaue,
so sehe ich die Zukunft - - - unsre Welt ist ebensowenig veränderlich wie der
Sternenhimmel. Scheinbar nur bietet sich uns ein ewiger Wechsel dar. Die Zukunft
wird ebenso aussehen wie die Gegenwart. Dieses Wort vergiss nicht, Safur! Was ich
sonst noch prophezeie, ist im Grunde leerer bedeutungsloser Scherz. Die Welt
bleibt - wie sie ist. Werde so ruhig wie dieser Sternenhimmel und hoffe nicht
auf andre oder bessere Zeiten.«
Ein duftender Blütenwind weht durch Abu Maschars weisses Beduinengewand. Safur
schaut mit trunkenen Blicken zum schwarzen Saturn ... Der Dichter versteht den
Propheten.
    Der Lärm in der Empfangshalle dringt jetzt schwächer zum Mittelturm empor.
    Ruhig steht der Halbmond - glänzend - ohne jeden Schatten über der alten
Sternwarte, die einst der gebildete Chalif Mamun für seine Himmelsfreunde
erbauen liess.
    Safur und Abu Maschar schauen schweigend in die Sterne, die verblassen, da
der Mond zu hell ist.
    Doch jetzt klopft es leise.
    Ein schwarzer Sklave steigt langsam die letzten Stufen der Treppe hinauf und
sagt ganz behutsam, um nicht zu stören:
    »Der Herr Battany will aufm Boot im Tigris hin-und herfahren - lässt bitten,
mitzukommen.«
    »Eine Kahnfahrt?« ruft Safur.
    »Was gibt die Veranlassung?« fragt Abu Maschar.
    »Der Mond scheint dem Herrn Battany zu hell«, erwidert ernst der schwarze
Sklave.
    Die beiden Freunde schauen sich an und - lächeln. Schmunzelnd folgen sie dem
Schwarzen, der hurtig die Treppe hinunterstolpert.
    Unten zügeln die beiden Mongolen ihre schäumenden Rosse.
    Die Sklaven rennen treppauf und treppab.
    Alles ist in Bewegung - auf der Sternwarte.
    Der Halbmond steht ruhig am Himmel - und glänzt.
 
                                Drittes Kapitel
Lange feine Lichtfäden glitzern auf den lustigen kleinen Wellen des Tigris; das
Licht von vielen Booten und das Licht von den helleren Sternen spiegelt sich in
der lauen Flut.
    Battany steht auf der äussersten Spitze des grossen Bretterstegs, an dem die
Lustbarken Bagdads zu landen pflegen, und starrt hinein in den grossen breiten
Strom, auf dessen Wellen die langen Lichtfäden glitzern.
    Der Astronom atmet tief auf.
    Er ist einen Augenblick allein.
    Die kleinen Wellen plätschern um den Brettersteg.
    Ein kühler Wind weht sacht übers Wasser dahin.
    Der Tigris ist gross und breit.
    Die Rechte hat Battany fest aufs Herz gepresst. Sein Hals reckt sich sehnig
nach vorn. Seine Stirn ist von tiefen Falten durchfurcht. Und seine Augen
brennen.
    Er murmelt:
    »Jakuby ist beneidenswert! Jakuby ist beneidenswert!«
    Dem grossen Gelehrten treten Wuttränen ins Auge.
    Er stöhnt laut - erschrickt dann und spricht zu sich selbst - leise - mit
knirschenden Zähnen:
    »Jetzt werden sie kommen und mich höhnen! Der Mond ist hell - er steht
hinter mir - hinter den Bäumen und lacht! Bei Allah! Ich verstehs nicht! Ich
versteh nichts! Wir können - garnichts! Nur die Esel bilden sich ein, was zu
können! Wenn ich nur Etwas vollbracht hätte - nur Etwas! Aber - mir ward es
versagt! Ich habe gearbeitet wie ein Steinträger und nichts dafür errungen -
nichts! Ich bin nur einsam geworden. Kein Freund tröstet mich - kein Freund! Ich
hab allein meine Qual zu tragen - allein!«
    Und er stöhnt wieder und atmet hastig - mit der Linken fährt er sich über
die nassen Augen.
    Er blickt nach rechts - er wartet auf seine Barke.
    Doch die Barke kommt nicht.
    »Heute kommt garnichts«, murmelt er Zähne knirschend.
    Seine schwarzen Sklaven stehen mit Pechfackeln am Strande.
    Das Schilf wird grell beleuchtet.
    Von der Seite, von der Battanys Barke kommen soll, kommt nichts. Aber auf
der andren Seite werden nun vier grüne Lampen sichtbar - es nahen sehr rasch
vier grosse Boote, auf denen sehr laut gelärmt wird.
    Battany horcht und will zum Ufer zurück - er kennt die Stimmen, die da in
den vier Booten lärmen.
    Die Tofailys nahen.
    Doch Battany besinnt sich und bleibt trotzig stehen.
    Die Tofailys sind tolles Volk - sie bilden Bagdads berüchtigte Prassergilde.
Schlemmer sind die Tofailys. Aber sie schlemmen nicht auf eigene Kosten - sie
lassen sich immer einladen. Geld besitzen die Tofailys fast niemals - aber
betrunken sind die Tofailys fast immer - auch jetzt.
    Battany stampft zornig mit dem Fuss auf, dass der Brettersteg poltert und
wackelt, denn am Ufer erscheinen grade seine sieben Freunde - Kodama und Abu
Maschar an der Spitze.
    Ein Zusammenstoss mit den Tofailys ist unvermeidlich.
    Auf dem grössten der vier Boote steht der alte bucklige Dichter Al Rumy - der
hat den Al Battany schon gesehen, ruft ihm gleich höhnisch zu:
    »Mondprophet! Die Halbmonde wollen ja nicht so, wie Du willst! Lass den Glanz
Deiner Goldstücke heller strahlen, dann werden die Halbmonde sich eher
verdunkeln lassen! Halbmondprophet! Du Lichtfeind!«
    Da - im Handumdrehen - blitzt Battanys krummer Säbel drohend über seiner
indischen Mütze.
    Und - wie natürlich - blitzen auf den Booten der Tofailys sofort ebenfalls
die Säbel.
    Der bucklige Al Rumy holt sein grades Schwert langsam und lachend hervor und
deutet mit der Spitze des graden Schwertes tückisch auf den Astronomen.
    Die Tofailys sind nur noch wenige Schritte vom Brettersteg entfernt.
    Die Zahl der auf den vier Booten aufleuchtenden Klingen ist nicht allzu
gross; die meisten Tofailys haben ihre Säbel in den Weinkneipen der Stadt als
Pfand hinterlassen - versetzt - was in Bagdad sehr häufig vorzukommen pflegt.
    Indes - Battany ist fast allein.
    Die schwarzen Sklaven mit ihren Pechfackeln schreien nur, sind nicht sehr
tapfer.
    Battanys Freunde sind gleichfalls ihrer Tapferkeit wegen nicht berühmt - nur
Safur läuft auf den Steg, zieht seinen langen Dolch und hält diesen wie einen
kleinen Speer wurfbereit.
    Der Kampf erscheint unvermeidlich.
    Doch da - plötzlich - spritzt das Wasser am Ufer hoch auf. Unverständliche
Flüche schallen durch die Luft - und zwei schnaubende schwarze Hengste schäumen
in den Tigris hinein. Auf den Hengsten sitzen die beiden Mongolen; wild funkeln
ihre Augen. Die Spitzen der langen Lanzen blitzen im grellen Fackellicht - ganz
hoch in der Luft.
    Und im selben Nu verschwinden die Säbel der Tofailys.
    Die betrunkenen Prasser springen danach lachend, als wenn garnichts los
wäre, aus den Booten raus, patschen durchs Wasser zum Ufer - oder klettern auf
den Brettersteg.
    Torkelnd und johlend ziehen die Betrunknen die Kähne ans Land.
    Die Mongolen senken die Lanzen und sehen zu - reiten dann gemächlich an den
Strand zurück.
    Die Tofailys sind nicht Bagdads Dummköpfe - im Gegenteil - Gelehrte und
Dichter sinds zumeist.
    Der junge Geograph Hamadany ist zum Beispiel ein sehr gescheiter Mann - und
dennoch hat er wieder viel zuviel getrunken; bewusstlos liegt er in dem einen
Kahn, sein Kopf hängt laut schnarchend hintenüber. Die Schiffer haben grosse
Mühe, die schlaffen Glieder des Trunkenbolds ans Land zu schleppen.
    Die Weinschläuche der Tofailys sind fast sämtlich leer. Ein paar jüngere
Weinhändler zanken sich deshalb - denn sie wollen voneinander erfahren, wer von
ihnen die fernerhin noch für die Gesellschaft nötigen Schläuche beschaffen wird.
Ein derartiger Zank dauert immer sehr lange.
    Währenddem höhnt ein Krämer den Safur, meint so leichtin: »Na, Freundchen!
Hat Dir auch Deine Tarub, Bagdads berühmte Köchin, wieder ein paar Pasteten in
die Tasche gesteckt? Gib mir was ab! Ich hab Hunger!«
    Safur dreht sich um - nach der andren Seite.
    Battanys Barke ist endlich angekommen.
    Osman und Kodama sind die Ersten, die in den schönen langen Kahn steigen.
    Jakuby und Suleiman folgen gleich dem Beispiel der Dicken - sind aber nicht
so sicher wie diese in den Arm- und Beinbewegungen.
    Abu Hischam und Abu Maschar sprechen so eifrig, dass sie erst von Safur zum
Einsteigen aufgefordert werden müssen.
    Wie diese letzten Drei im Kahne Platz gefunden, überreichen die schwarzen
Sklaven die Fackeln den Ruderern, heben den Battany sehr gewandt auch ins Boot
und stossen das Fahrzeug in den Strom hinein.
    Die Tofailys lärmen wieder lauter.
    Der Dichter Buchtury rennt jetzt mit einem halben Dutzend verrufener
Tänzerinnen auf den Brettersteg und ruft den Abfahrenden noch einige Bosheiten
nach - die versteht man aber nicht mehr.
    Battanys Barke wird sacht in die Mitte des Stroms hineingerudert - dort
stösst heftig der Wind in die Segel.
    Und fort gehts stromabwärts.
    Die Pechfackeln knistern, flammen, lodern und werfen lange rote
Farbenbündel, die immerfort wackeln, ins Wasser.
    Die Wellen klingen plätschernd um die Planken der langen Barke ... sie
brodeln und murmeln vorn um den weissen Holzschwan, der die Spitze des Schiffes
verziert ...
    Die eine Pechfackel hängt - vorn an einer Stange befestigt - hoch über dem
langen Schwanenhals, ragt aber noch weiter vor als dieser ... in den
dunkelblauen Himmel hinein.
    Hinter dem Schwan sitzt Abu Maschar in seinem weissen Beduinengewande und
streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen langen schwarzen Bart.
    Neben dem Propheten sitzt Safur. Der steckt jetzt seine rechte Hand
vorsichtig in die laue Flut, und die Wasser wirbeln schäumend um seine braunen
Finger.
    Der Dichter fühlt, wie der Tigris wohlig um seine Handfläche strudelt,
wieder und wieder durch die Finger gleitet und so weich die Gedanken belebt -
auch so voll sich anpackt wie flüssiger Schlamm.
    Kitzelnd spülen die Wogen um die Fingerspitzen des Dichters.
    Jasminduft weht vom Strande herüber. Battany und seine Freunde heben
lächelnd die Nasen höher - Suleiman besonders - der spricht dabei zu Jakuby von
Narzissen und Lilien, von Wasserrosen und Riesenveilchen ...
    Die Gärten Bagdads liegen an den Ufern des Tigris wie schlafende Jungfrauen,
und ihre überreiche Blütenpracht schwellt vollen Wohlgeruch auf den breiten
Strom hinaus ...
    Prachtvoll ist die Nacht.
    Die Sterne funkeln, die Fackeln flackern, und die Wellen klingen plätschernd
gegen die Barke an.
    Der Astronom ist leider noch immer nicht heiter - in dieser herrlichen
Nacht, in der selbst Indiens verwöhnte Götter selig lächeln würden.
    Die Stimmung ist auf der Barke ein bisschen gedrückt.
    Osman - der Schreiber - ist entschieden der Traurigste.
    Kodama unter seinem gelben Turban scheint am lustigsten zu sein.
    Von den Fackeln werden grell beleuchtet - die Dichter, die Gelehrten und die
Sklaven.
    Dem Philosophen Abu Hischam wird die Pelzmütze zu warm, er nimmt sie ab.
Battany wundert sich darüber - - - er sieht den Osman unter dem weissen neben
Kodama unter dem gelben Turban, Jakuby unter dem lila gefärbten neben Suleiman
unter dem schmutzigen Turban ganz schweigend dasitzen. Auch Safur und Abu
Maschar in ihren Beduinengewändern sitzen vorn ganz schweigend da ...
    Und der Astronom erinnert sich plötzlich, dass er seine Freunde zu einer
»Vergnügungsfahrt« einlud.
    Und er flüstert einem älteren Sklaven einen kurzen Befehl zu.
    Und gleich darauf packen die gehorsamen Diener geschäftig die Wein- und
Esskörbe aus.
    Das verbessert die Stimmung.
    Der grosse Goldpokal wird mit Scherbett, dem berühmten würzigen Eiswein,
gefüllt.
    Bald geht der Pokal von Hand zu Hand.
    Alle trinken schmunzelnd mit der Zunge schnalzend das eiskalte duftende
Getränk ...
    Alsdann werden Datteln und Bananen, Feigen und Kirschen, Äpfel und Mandeln,
Weintrauben, Pfirsiche, Nüsse, Oliven, Erdbeeren und kleine ovale Honigkuchen in
fein getriebenen Metallschalen herumgereicht ...
    Kodama knackt eine Nuss und fragt den Safur, der in der Linken den Pokal und
die Rechte noch immer im Wasser hält: »Sage mal, lieber Freund, Du siehst so
träumerisch mich an - denkst Du an Deine Tarub? Wie geht es denn Deiner
berühmten Köchin? Wird sie nicht bald wieder eine neue Torte backen? - mit
Zucker, Citronen und - und frischen Kräutern oder so was weich Zerfliessendes?
Hm?«
    »Frag sie doch selber«, gibt Safur zurück, »warum soll ich jetzt an die
Tarub denken? Die Nacht ist so prächtig, und ich fühle nur, wie wohlig sich das
Wasser anfassen lässt. Die Empfindungen der Hand scheinen mir augenblicklich noch
viel feinsinniger als dieser Eiswein. Trink Du, Abu Maschar! Und wenn Du mir
einen Apfel schälen wolltest, würd ich Dir dankbar sein. Hier ist mein Dolch.«
    Abu Maschar nickt, nimmt den Dolch und schält den Apfel.
    Kodama wendet sich an Osman und versucht, ihn wieder zu trösten.
    Osman lächelt schwach und meint:
    »Die Luft ist sehr erquickend. Wenn jetzt ein Dichter Obstverse vortrüge,
würd ich mich sehr freuen.«
    dabei lächelt der Dicke schon ganz behaglich, isst eine rote Kirsche nach der
andern - und fühlt sich allmählich immer wohler - vergisst sein Geschäft und
seine Sorgen.
    Die Kirschen sind gut.
    Safur, der sonst für jede Speise, für alles Süsse und für alles Saure
prickelnde Vierzeiler aus seinem Beduinengewande herauszuschütteln pflegt,
schweigt - schweigt hartnäckig.
    Suleiman, der am Maste sitzt, beugt sich daher bedächtig zu den beiden
Dicken hinüber und spricht laut mit emporgezogenen Augenbrauen:
    »Ich sah im Traume eine Apfelkrone,
    Und die stülpt ich mir behutsam auf den kahlen Kopf.
    Doch Osman schenkte stöhnend mir zum Hohne
    Einen Kirschenszepter, tragen sollt ich den als Zopf.« Alle lachen nun sehr
laut. Suleiman muss seine Verse wiederholen. Selbst Battany muss lachen.
    Nur Osman lacht nicht. Der nimmt behutsam seinen weissen reinen Turban ab und
reicht ihn dem alten Dichter, der kopfnickend für den neuen seinen alten gibt.
    Jetzt wirds gemütlich.
    Wieder geht der Goldpokal mit dem köstlichen Scherbett von Hand zu Hand. Der
Wind bläst noch kräftiger in die Segel. Die Wellen klingen hell plätschernd um
die Planken. Die Sterne funkeln. Die Barke schaukelt.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Abu Hischam spielte mit seiner Pelzmütze. Bald gab er ihr einen Puff mit der
Faust, bald streichelte er das schwarze Fell. Er knillte die Mütz und presste
sie, hielt sie mit zwei Fingern an ein paar Haaren fest und liess sie baumeln.
Dann warf er sie ein wenig empor, fing sie geschickt wieder auf, schlug sie, wie
man ein Kind schlägt, versuchte sie auch auszuwringen, wies die Wäscherinnen mit
schmutziger Wäsche zu tun pflegen ... schliesslich fuhr er sich mit der rechten
Hand durch die wüst ins Gesicht hängenden Haare und klopfte gleich darauf dem
Battany aufs Knie. Da ihm Jakuby gleichzeitig den Goldpokal reichte, so setzte
er rasch seine Pelzmütz wieder auf den Kopf und trank hastig ... aber alsdann
sprach er:
    »Battany, hör mal! Du, Suleiman, pass auch auf! Sagt doch! Noch einmal! Auf
der Sternwarte liesset Ihr mich nicht ordentlich ausreden. Warum sollen wir denn
nicht? Ist es denn nicht wirklich an der Zeit, einen grossen Gelehrtenbund zu
gründen? Alle Gelehrten müssen, wie ichs schon öfters empfahl, diesem
Gelehrtenbunde angehören. Wir könnten uns vielleicht die aufrichtigen Brüder
nennen - oder - oder - die lauteren Brüder ... Wie denkt Ihr darüber? Könnten
wir nicht einmal ganz in Ruhe die Sache überlegen? Was? Ein Gelehrtenbund muss es
sein, und alle Gelehrten müssen dem Bunde angehören. Niemand darf fehlen. Auch
die Tofailys dürfen nicht vernachlässigt werden. Werde nicht gleich wütend,
Battany! Schufte sind es zwar, doch trotzdem sind sehr viele feine Köpfe unter
diesen Tofailys. Eigentlich müssen wir uns doch auch zu den Tofailys zählen.
Gewiss, Battany! Rede nicht! Glaubs mir! Boshaft sind ja die Schurken, wir sinds
aber auch. Du kennst mich ja, Battany. Du wirst mich nicht missverstehen. Was
sagst Du, Jakuby?«
    Jakuby versetzte mit seiner Fistelstimme:
    »Ich bin der Ansicht, dass eine so gänzlich abgeschlossene Stellung der
Gelehrtenwelt dieser nicht zum Vorteile gereichen kann.«
    »Und ich«, warf Battany, verächtlich die Mundwinkel runterziehend,
dazwischen, »habe mich niemals zu den Tofailys gerechnet. Ich pflege in andrer
Weise die Genüsse der Erde durchzukosten - niemals in bezechter
Bewusstlosigkeit.«
    Weiche feine Saitenklänge dringen aus den Gärten, die am Ufer liegen, auf
den breiten Tigrisstrom hinaus.
    Auch eine Flöte ist zu hören.
    Abu Hischam fängt nach kurzer Pause wieder an - heftig - also:
    »Aber Prasser sind wir dennoch! Jeder prasst nur in seiner eigenen Art. Ich
mache mir auch nichts aus feinen Fressereien. Was gehts mich an, wie eine Torte
schmeckt ... ich bin froh, wenn ich meinen Hunger stillen kann. Doch - geniessen
- prassen - will ich auch. Ich bin nur derber als Ihr. Wenn wir auch nicht so
reich sind wie Du, lieber Battany, so bist Du doch nicht mehr als wir. Du bist
ein Astronom, und ich bin ein Philosoph. Das heisst: wir sind zwei Gelehrte. Wir
sind sämtlich Gelehrte.«
    »Ausser Osman«, ruft Safur von der Spitze der Barke nach hinten hinüber.
    »Ganz recht, Safur«, sagt der Philosoph, »dass hier Niemand etwas vor dem
Andern voraus hat - das ist also klar.«
    »Ja! Ja!« meint nun Jakuby liebenswürdig, »Dein Buch Der Zweifler scheint
mir sogar sehr - höchst bedeutsam zu sein. Zwar - ich habe nicht alles
verstanden ...«
    »Ich auch nicht«, schreit lustig Kodama, klopft dabei dem noch immer nicht
so recht vergnügten Osman herzhaft auf die Schulter.
    Alle müssen lachen.
    Abu Hischam spielt wieder mit seiner Pelzmütz und schwenkt sie schliesslich
überm Kopf, damit die Andern wieder auf ihn aufmerksam werden.
    Kodama jedoch reicht dem Philosophen den Goldpokal; der Philosoph soll erst
wieder trinken. Nach dem Trunk lässt der sich aber nicht mehr behindern, er redet
wieder - folgendermassen:
    »Kommen wir also zum Schluss! Sagt! Seid Ihr jetzt nicht mit mir der
Überzeugung, dass wir gezwungen sind, uns zusammenzutun? Das Verbot des dummen
Chalifen sagt doch genug. Die Nacht ist sehr schön. Die Möven krächzen. Wie
segeln einer grossen Zukunft entgegen. Der entscheidende Augenblick ist gekommen.
Demnach! Brüder! Hört! Wollen wir jetzt nicht gleich unsern Bund, den Bund der
lauteren Brüder, in aller Form begründen? Jetzt gleich muss es geschehen. Warum
sollen wirs denn aufschieben?«
    »Ihr wollt wohl eine neue Prassergilde schaffen?« stösst nun aufgeregt der
dicke Osman hervor.
    »Nein, wir wollen«, entgegnet Abu Hischam klug, »der Prassergilde eine
Gelehrtengilde gegenüberstellen. Nicht wahr, Battany? Bist Du nicht auf meiner
Seite, wenn wir eine Gelehrtengilde gründen, die im vollen bewussten Gegensatz
zur Prassergilde der Tofailys steht?«
    »Du willst wohl nur«, wirft da höhnisch Kodama ein, »dass wir uns aufregen
und demgemäss rascher zechen als sonst. Nimm! Hier hast Du den Krug! Keiner wehrt
Dir heute mehr zu trinken als sonst. Ich trink auch immer mehr - immer mehr!«
    Abu Hischam lacht und trinkt.
    Battany pfeift dazu.
    Jakuby räuspert sich - so verständnisinnig.
    Osman bricht aber in ein schallendes Hohngelächter aus, sodass sich selbst
der gutmütige Suleiman unwillig umwendet.
    Eine andere Barke, auch von Pechfackeln erleuchtet -
    wird dabei vorübergerudert - stromaufwärts.
    Eine tiefe Frauenstimme tönt dunkel und tieftraurig aus dieser Barke hervor;
ein südarabisches Totenlied hallt unheimlich übers Wasser hin.
    Battany und seine Freunde lauschen.
    Abu Maschar, dem vorn allmählich zu häufig die Wellen über Bord spritzen,
geht jetzt in die Mitte des Kahnes und setzt sich dem Abu Hischam gegenüber.
    Kodama gibt einem Sklaven, der nicht schnell genug dem Sterndeuter Platz
macht, einen sanften Klaps auf den Hinterkopf.
    Wie das südarabische Totenlied in der Ferne verhallt, ergreift Abu Maschar,
der bisher ganz still war, etwas feierlich das Wort. Er spricht leise, fast
flüsternd:
    
    »Warum sollen wir eigentlich einen neuen Geheimbund gründen? Wir Gelehrten
bilden doch bereits in der Menschenwelt eine so abgeschlossene Gesellschaft, dass
wir diese auch schon einen Geheimbund nennen könnten. Sind nicht die alten
Gesellschaftsformen, so wie sie sind, für unser Gesellschaftsbedürfnis vollauf
genug? Wer wüst prassen und zechen will, kann sich jederzeit unter die Tofailys
begeben. Wer feinere Gesellschaftsgenüsse verlangt, findet sie bei unsrem
gastfreien Battany auf schaukelnden Barken und auf unsrer Sternwarte. Sind nicht
schon in den Verhältnissen, in denen wir jetzt grade leben, eigentlich sämtliche
Glückserreger, die uns in den verschiedenen Augenblicken unsres Lebens
unentbehrlich erscheinen, entalten? Was wir bedürfen, verlangen und wünschen,
das können wir unter den augenblicklich obwaltenden Verhältnissen ebenso leicht
und bequem erreichen wie in den erhofften anderen Zuständen, die wir immer erst
schaffen müssen. Jedoch - wir haben garnicht nötig, etwas Neues zu schaffen.
Alles, was wir wirklich brauchen, ist bereits da. Glaubt Ihr, die Welt könnte
noch besser werden? Glaubt Ihr, ein Geheimbund könnte jemals irgend etwas besser
machen? Die Welt ist, wie sie war - und - wird - so - bleiben. Wir haben keine
Ursache, die sogenannte Entwicklung der Menschheit irgendwie zu fördern. Eine
Entwicklung gibt es ja garnicht. Wir werden nicht klüger werden, als wir sind.
Die Menschen werden nach tausend Jahren grade so klug und grade so dumm sein -
wie wirs heute sind.«
    Abu Maschar hielt inne, seine Augen glänzten im grellen Fackellicht -
wunderbar schön.
    Alle hatten aufmerksam zugehört.
    Safur und Suleiman sahen - - bewundernd den grossen Propheten an; den
Dichtern passte die Weisheit des grossen Sterndeuters.
    Jakuby jedoch und auch Battany sträubten sich gegen diese Weisheit, hätten
gerne gleich erwidert ... wenn sie nur gewusst hätten - wie - und was.
    Osman und Kodama fühlten sich auch nicht angenehm berührt. Kodama mochte
nicht allzu viel nachdenken, liebte die längeren, umständlichen Erörterungen
ganz und gar nicht - liebte die bequeme Kürze, den gedrungenen Witz, das
abschneidende Schlagwort ...
    Und Osman - ja - der wusste nicht recht, ob Abu Maschar die richtige
Persönlichkeit sein würde, den Abu Hischam mit seinem dummen Gelehrtenbunde
mundtot zu machen. Der dicke Schreiber kannte den leicht erregbaren Philosophen
sehr genau - so leicht war der nicht tot zu kriegen.
    Und richtig - es dauerte auch garnicht lange, und der Philosoph machte durch
deutliche Hand- und Armbewegungen der Gesellschaft verständlich, dass er bereit
wäre, dem Propheten mit kräftiger Lunge Bescheid zu sagen. Abu Hischam rief
gellend - zornig mit den Fäusten gen Himmel drohend:
    »Prophet! Der Unsinn, den Du uns da auftischen willst, schreit zum Himmel
wie Abels Blut!«
    Die Gesellschaft wird erregt.
    Die Sklaven blicken scheu zur Seite.
    Doch Battany wird plötzlich auch lebhaft.
    »Halt!« stösst er heftig vor, »jetzt haben wir, dächt ich, für heute genug
reden gehört. Sehr schöne Reden warens - sie waren nur leider zu schön. So was
strengt an. Ich möchte was vorschlagen. Wir sind morgen abend bei Said ibn Selm
zum Abendessen geladen. Wir könnten also morgen abend weiter reden. Überlegen
wir uns bis dahin, wie wir dem weisen Abu Maschar am besten antworten könnten!
Seid Ihr einverstanden? Ja? Ich bin müde!«
    Lautes »Ja!« in den verschiedensten Formen tönt von allen Lippen ...
erleichtert fühlen sich Battanys Freunde. Nur Abu Hischam murrt ein bisschen.
    Doch das geht vorüber.
    Die Sklaven verteilen schon die Wolldecken.
    Und Alle freuen sich auf den Schlaf.
    Die Fackeln werden ins Wasser geworfen.
    Die Sterne werden blasser und blasser.
    Die Sklaven ziehen die Segel ein.
    Der Steuermann dreht um.
    Und die langen Riemen heben plätschernd die Barke immer wieder höher,
bringen sie langsam stromaufwärts - langsam.
    Dicht am Uferschilf rudern die Sklaven.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Auf Battanys Barke ist es mäuschenstill. Safur liegt in seiner Wolldecke auf
dem Rücken und betastet mit den Fingern das Holz auf seiner rechten Seite.
    Er blickt zu den verblassenden Sternen hinauf und träumt von seiner Tarub.
    Das Boot schaukelt so wohlig, und die Augenlider fallen auch dem jungen
Dichter zu. Er tastet im Traum überall umher. Bald befasst er die Sterne, bald
die Kochtöpfe. Dann träumt er, der Chalif hätte ihm befohlen, aller Menschen
Nasen zu befühlen. Und er atmet sehr schwer, denn die Aufgabe dünkt ihn nicht
leicht.
    Suleiman denkt an sein stilles Zimmer bei seinem alten Gärtner. Dort duften
feine Reseden auf dem Tischchen neben der alten breiten Matratze. Und Rosenduft
weht hernieder. Und junge Märchenprinzen beugen sich über das Lager des alten
Suleiman - und der Rosenduft entströmt den kostbaren Kleidern der jungen
Prinzen. Suleiman sinkt zurück - ihm ist, als läge sein Haupt mit seinem reinen
weissen Turban in einem duftigen - Veilchenbeet.
    Laut schnarchen jetzt die Schläfer, die langsam - behutsam - fast lautlos
nach Hause gerudert werden.
    Es wird Tag.
    Bagdad - die Stadt - erwacht.
    Der glühende Sonnenball taucht im Osten hinter der Stadt brennend empor.
    Hellauf glänzt die hohe Chalifenburg im strahlenden Tageslicht.
    An den Ufern des Tigris - in den Gärten der - Reichen wirds lebendig.
    Hübsche junge Sklavinnen baden hinterm Schilf - kichernd.
    Und der Tau blitzt auf allen bunten Blumen im Sonnenschein.
    Ein Morgenwind umsäuselt die ruhigen Palmen, die Schläfer und die kichernden
Mädchen, die im Tigris - baden.
 
                                Viertes Kapitel
Und Safur lehnt an Tarubs Küchentür, er ruft mit seitwärts geschobenem Kopf:
    »Ich stünde nimmer ganz allein,
    Wenn ich ewig könnte bei Dir sein.«
    Doch die Tarub stemmt die Fäuste in die Seiten und sagt zornig:
    »Jetzt kommst Du erst? Ist jetzt Morgen? Die Sonne geht ja bald wieder
unter. Ich lass mir das nicht mehr gefallen!«
    »Tarub!« erwidert wehmütig der Dichter, »sei nicht so böse! Battany lud uns
zu einer Kahnfahrt ein. Wir sind eben erst zurückgekehrt. Ärgre Dich nicht!
Nein?«
    Tarub - schnell besänftigt - sagt rasch:
    »Na ja! Ausreden hast Du immer - daran fehlt es Dir nicht!«
    Bei diesen Worten hebt sie schon wieder geschäftig einen Kochtopf vom Feuer
runter, stellt ihn auf die Platte und holt mit einem Blechlöffel vorsichtig das
Fleisch aus dem Topfe heraus. Das Feuer schlägt lodernd in den russigen
Schornstein empor.
    In der Küche des reichen Said ibn Selm schaltet die Tarub wie eine Herrin.
Sie wird fast rot vor Eifer.
    Der Dichter flüstert ihr ins Ohr:
    »Ja, ja! sei nur schön ernst - das steht Dir gut - ich weiss ja.«
    Und da lacht Tarub über das ganze Gesicht. Safur aber greift nach ihrer
Hand, die noch immer den Blechlöffel hält, berührt sehr demütig mit den Lippen
die braunen Finger und sieht dann mit hoch emporgezogenen Augenbrauen unter
seinem braun und blau gestreiften Beduinengewande zur lachenden Köchin auf.
    Tarub schüttelt vergnügt den Kopf, schreit aber plötzlich:
    »Nein - wie Du wieder aussiehst!«
    Indes das kümmert den Dichter, der nie an seiner Schönheit zweifelt, sehr
wenig, denn er schliesst seiner braunen Köchin den Mund mit einem Kuss.
    Safur wandelt alsdann in der mit roten Mauersteinen gepflasterten Küche
langsam auf und nieder. Er schaut immer wieder Tarubs grünen Wollrock an, der
wie ein Sack in steifen Falten den Körper umschliesst.
    Der grüne Rock hängt an roten Lederriemen, die über die Schulter gehen und
hinten sich kreuzen.
    Das weisse Leinenhemd, das den Oberkörper faltig umschliesst, sieht auch
sackartig aus. Ganz kurz sind die Ärmel des Hemdes, das so bläulich-weiss
aussieht wie Kuhmilch, die verwässert wurde.
    Die kräftigen braunen Arme wirtschaften am Herde so eifrig herum, dass der
für gewöhnlich nicht sehr lebhafte Dichter ganz überrascht ist durch diese
flinken braunen Arme ...
    Die Tarub ist fest gebaut wie aus Erz. Ihr schwarzer Zopf fliegt bei jeder
Bewegung bald nach rechts - bald nach links.
    Jetzt wendet sie das breite Gesicht zu ihrem Dichter. Ihre grossen schwarzen
Augen glänzen unter buschigen Brauen. Sie zeigt ihm ihre weissen Zähne, schüttelt
sich das schwarze strähnige Haar aus der niedrigen Stirn und fragt leise:
    »Was ist Dir denn wieder in die Krone gefahren?«
    Safur blickt seine Köchin nachdenklich an und sagt ernst:
    »Ich habe Hunger, Tarub!«
    »Pfui!« ruft sie da, »schämst Du Dich nicht? Ein solcher Feinschmecker wie
Du hat Hunger?«
    Safur versetzt ernst:
    »Ein wahrer Feinschmecker ist niemals satt.«
    Tarub ärgert sich über diese Worte, sagt schnippisch:
    »Warum kamst Du denn nicht früher? Jetzt, wo ich soviel zu tun habe, bist Du
hier. Zieh doch den Vorhang fort!«
    Safur zieht den safrangelben Vorhang vom breiten Fenster zurück und schaut
in Saids grellbunten Garten hinein.
    Die Sonne scheint dem Dichter von links oben ein bisschen auf den Kopf und
auch auf die rechts gelegene weisse Küchenwand, an der eine lange Reihe starker
Messer mit prächtigen Griffen glänzend aufbljetzt.
    Tarub geht dann mit ihrem Blechlöffel zu dem sinnenden Dichter, dreht ihn um
und blickt ihn an, steht breitbeinig da und wackelt mit dem ganzen Körper lustig
von rechts nach links und von links nach rechts - wie ein Bär.
    Und indem sie die Augenbrauen so hochzieht wie vorhin der Safur, fragt sie
schmeichelnd:
    »Nu? Na? Was möchtest Du jetzt wohl essen? Nu? Na? Sag! Ja?«
    »Alles!« ruft da lachend der Dichter.
    Drob freut sich die Tarub, wackelt wie ein Bär durch die ganze Küche und
spricht darauf sehr ernst, indem sie die Hände faltet:
    »Oh! Oh! musst Du aber hungrig sein! Setz Dich gleich da drüben auf die
Bastdecke - schnell! Ich werde vor Dir auch ein weisses Tuch auf die Erde
breiten. Setz Dich!«
    Safur setzt sich denn auch mit untergeschlagenen Beinen und zufriedenen
Gesichtszügen auf die Bastdecke. Und Tarub breitet das weisse Linnenzeug auf den
roten Ziegeln mit rasch bewegten Händen vor ihm aus.
    Danach bringt sie ihm das Essen.
    Sie erklärt:
    »Hier hast Du hartgesottene Steppeneier mit gelber Sonnentunke. Der
Holzteller, auf dem die Eier ruhen, ist ganz neu und von einem ganz alten
Beduinen am Rande geschnitzt. Und hier hast Du auf dunkelblauem Porzellan sauren
Waldsalat ... Nachher gibts Bratfisch. Willst Du noch die Ölflasche?«
    Safur bittet um die braune mit dem langen Halse.
    Und auf einem Wandbrett unter alten Kruken und Gläsern, Bechern und Näpfen
findet die Tarub nach längerem Suchen auch diese braune Ölflasche mit dem langen
Halse ...
    Safur freut sich drüber.
    Tarub auch - sie hebt die Lederriemen, an denen das grüne Wollkleid hängt,
höher. Sie spannt die Sehnen des gedrungenen braunen Halses kräftig an, stösst
das Kinn und die Unterlippe vor und sieht zu, wie ihr Dichter isst. Sie hofft,
Safur werde ihr so recht was Nettes über die gelbe Sonnentunke sagen. Der hört
aber gleich wieder mit dem Essen auf und redet jetzt, die Finger der braunen
Rechten gross ausspreizend, mit weicher Stimme:
    »Ich fühle mich so sehr wohl. Ein grosses Wohlbehagen empfand ich soeben. Ich
empfinde das jetzt noch. Kennst Du das auch? Es war mir in meinem ganzen Körper
so unbeschreiblich wohlig. Es überkam mich so plötzlich eine ganz selige
Stimmung. Ich dachte nichts, ich fühlte nur. Mein ganzer Körper fühlte. Nur ein
paar Augenblicke hielt es an. Aber es war nicht eine einfache Sinnesempfindung.
Ich schmeckte nichts und sah nichts - ich fühlte auch nicht nur in den Fingern -
alles fühlte an mir und in mir. Ob eine so allgemeine körperliche
Gesamtempfindung nur eine Magenstimmung ist? Ich habe noch garnicht Lust zum
Essen. Ich fühle mich so sehr wohl. Jetzt merke ich etwas über dem Magen - unter
der Brust ...«
    Besorgt fragt die Tarub:
    »Hast Du Leibschmerzen?«
    Safur schüttelt den Kopf und zerteilt wieder mit dem zierlichen kleinen
Spatenmesser die Steppeneier, tut Sonnentunke mit einem Porzellanstäbchen hinauf
- und isst wieder - langsam - bedächtig - schmeckend.
    Der Dichter will dann Kamelsmilch.
    Und in einer feinen Tonschale, die mit krausen Blumen bemalt ist, reicht
Bagdads berühmte Köchin die Milch ihm hin. Und er trinkt in langen Zügen -
schlürfend - mit der Zunge schnalzend - lächelnd.
    Die Tarub pökert währenddem mit der Feuerzange in den glühenden Holzkohlen
herum, rückt den Dreifuss zurecht, setzt eine Bratpfanne hinauf und schmilzt Fett
darin. Sie legt sodann einen grossen Windfisch ins Fett und brät den Fisch.
    »Mir ist behaglich zu Mute«, sagt der Dichter.
    Er kaut den frischen sauren Waldsalat, und dabei schweift sein Blick über
die langen Reihen buntfarbiger irdener Kruken und Krüge, die auf den
Wandbrettern stehen und sich prächtig von der weissen Kalkwand abheben. Viele
Schüsseln stehen auch ringsum an den Wänden.
    Neben der Wassertonne liegt gehacktes Holz und brauner Torf.
    Auf einem gebeizten schwarzen Holzgestell tronen feierlich Porzellanschalen
und Tassen - mit Blumen und seltsamen Figuren bemalt. Das Porzellan ward aus dem
fernen China auf Dschunken nach Bagdad gebracht. An diesem Porzellan bleiben
Safurs Blicke hängen, und er meint lachend:
    »Du, Tarub! Jetzt habe ich bald aus allen jenen Schalen und Tassen, die dort
auf dem schwarzen Gestell stehen, gegessen und getrunken, nicht?«
    »Ei ja!« erwidert das braune Mädchen, »aber sage mal:
    schmeckt es Dir denn auch? Du sagst heute nichts!«
    »Wie sollte mir«, ruft der oftmals überschwängliche Dichter, »das, was Du
kochst, jemals nicht schmecken? Ist doch unmöglich. Ich habe ja schon alles
aufgegessen. Tarub, Niemand kocht wie Du - glaubs mir! Gib mir Brot und den
Salzbottel.«
    Tarub nickt vergnügt, als wär ihr was geschenkt.
    Der Windfisch ist gebraten - ganz knusprig. Die grosse Köchin kostet ihn und
sagt: »Hm!«
    Danach stellt sie Brot, Salz und Fisch vor ihren lieben Dichter und sagt:
»Nun?«
    Er streichelt ihre Hand und will noch eine Citrone - bekommt sie auch
gleich.
    Der braun gebratene knusprige Windfisch liegt auf einem silberblanken
Zinnteller.
    Tarub kauert sich Safur gegenüber an die Erde, betrachtet ihn - - - freut
sich, dass es ihm schmeckt.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Weisst Du, Tarub!« hebt nun der Dichter lachend an, wie er sich die letzten
Gräten des Windfisches aus den Zähnen zieht, »während ich so ass, hatte ich einen
prächtigen Traum, denn der Windfisch schmeckte vortrefflich
    - den lieb ich - besonders gebraten. Ich träumte - mir war so, als wäre ich
ein Riese und sässe vor dem grossen Meer - und mir kamen die einzelnen Fischteile
wie wunderliche kleine Inseln vor. Verstehst Du nicht? Ich glaubte, kleine
Inseln zu essen und das Meer brausen zu hören, in dem die Windfische
herumspringen.«
    »Was Du auch Alles glaubst!« ruft da erstaunt die Tarub.
    Safur aber fährt fort:
    »Man muss noch viel mehr beim Essen denken. Ich verstehe nur das Eine nicht:
denke Dir nur - der grosse Weltreisende Jakuby, doch sonst ein wirklich
feingebildeter Mann, versteht vom Essen nichts - wahrhaftig - nichts;
    er hält die Genüsse der Zunge für ganz niedrige - für tierisch.«
    Entrüstet ruft die braune Köchin:
    »Ist es möglich?«
    Der Dichter spricht nun weiter:
    »Ich versuchte den grossen Gelehrten, der doch fast alle Länder der Erde
kennt - China, Arabien, Spanien, Afrika - zu widerlegen. Ich sagte: warum soll
ich mich für eine köstlich schmeckende Speise nicht ebenso herzlich begeistern
wie für eine neue Stadt oder für ein neues Buch? Warum nicht? Ich empfinde doch
beim Essen ebenso leicht was wie beim Lesen und Reisen. Doch er verstand mich
nicht. Und der alte Querkopf Abu Hischam - den Philosophen meine ich - der stand
dem Jakuby noch bei.«
    »Weisst Du«, erklärt eifrig die Tarub, »vom Essen verstehen eigentlich die
meisten Menschen nichts. Dieser dicke Vielfrass, der Schreiber Osman! ich sage
nichts - aber ich habe sehr oft das Gefühl, als wärs ihm ganz gleichgültig, was
er isst - wenns nur viel ist.«
    Safur schiebt die Schuld an dieser Vielesserei den Tofailys in die Schuhe -
diese Schlemmer müssten Alles unmässig treiben, anders wäre ihnen nicht wohl ...
    Jetzt plaudern die Beiden, erzählen sich was.
    Der Tarub fällt dabei was Neues ein.
    »Bei Allah!« fängt sie erschrocken an, »ich vergass ja - hast Du denn noch
nichts von dem Morde heute Morgen gehört? Nein?«
    Safur hält diesen Mord nicht für besonders merkwürdig, ist der Meinung, dass
so was alle Tage in Bagdad vorkommt.
    Das bringt aber die Tarub ganz aus der Fassung, sie redet ihrem Dichter ins
Gewissen:
    »Safur!« sagt sie eindringlich mahnend wie eine Mutter, »wie kannst Du so
sprechen? Es ist doch schrecklich, einen Menschen zu morden. Über den Tod darfst
Du nicht so leichtfertig denken. Sieh, diese wüsten Tofailys haben den Mord
begangen - einen alten Wollkrempler haben sie totgestochen. Du solltest doch
nicht mehr mit den Tofailys verkehren - sonst stechen sie Dich auch noch tot!
Versprichs mir!«
    »Hier hast Du meine Hand!« ruft feierlich der Dichter aus, »ich will mich um
Deinetwillen niemals totstechen lassen.«
    Die Tarub springt ärgerlich auf, sie ist bös - immer, wenn sie ernst wird,
ist er spöttisch - so recht nichtswürdig kann er sein.
    Safur tröstet seine ärgerliche Köchin in ganz eigener Art, sagt:
    »Höre, liebe Tarub! Mord ist Mord - Mord bleibt auch Mord - ob Du darüber
traurig oder vergnügt bist, wird aus dem Morde nicht etwas Andres machen -
Tatsachen sind und bleiben unveranderlich. Du kannst Dich über alles grämen,
über alles kannst Du Dich ärgern - kannst Dich aber auch über alles freuen -
über alles lachen, alles verspotten - darfst auch alles beweinen. Wie man sich
nach einer Tat - oder einer festen Tatsache gegenüber benimmt, das ist grausig
gleichgültig.«
    Diese weisheitsvollen Worte versteht die Tarub natürlich nicht - das ist ihr
viel zu schwer.
    Sie wird aber immer ruhig, wenn sie das Gefühl hat, dass er doch eigentlich
schrecklich klug ist ... das weiss natürlich der schlaue Dichter.
    Er bekommt jetzt Durst, und sie - vergisst den Mord - reicht ihm in einer
Muschel knieend ein paar duftende Oliven dar.
    Er beisst in eine Olive hinein und umarmt dann seine Tarub, küsst ihr die
Stirn und die Augen, die Wangen und den Hals, die kleinen kalten Ohren und die
heissen Lippen.
    Wie er die Tarub loslässt, eilt sie an den Pumpenschwengel und pumpt einen
hohen Silberbecher halb voll Wasser, giesst Wein aus einer kleinen Kanne hinzu
und reicht es ihrem geliebten Dichter mit der Linken, lächelt ihn innig an. Der
schwarze Zopf liegt ihr dabei auf der linken Brust.
    Safur zieht die gute Tarub zu sich nieder - und sie trinken Beide ...
    Jedoch - leichtfertig hat sie ihn genannt. Das vergisst er nicht so schnell,
er mutzt ihr das auf.
    »Leichtfertig«, spricht er spitz, »leichtfertig hast Du mich genannt. Das
bin ich ja noch gar nicht. Ich möcht es ganz gern werden. Aber:
O! glaube mir, es ist nicht leicht,
Das ganze Leben leicht zu nehmen. «
Pause ...
    Sie trinken.
    Die Tarub bewundert des Dichters weiche Stimme, die jetzt wieder recht
nachdenklich durch die Küche hallt - folgendermassen:
    »Ja das Leben! Ich glaube, ich nehme das Leben viel zu ernst. Zwar - ich
will nur geniessen. Doch ich kann nie fein genug geniessen. Ich möchte den Genuss
so fein machen wie einen Geist - wie ein Frauenhaar. Man muss so mit allen
Fingerspitzen geniessen - die feinste Reizung der Haut muss empfunden werden. In
jedem Augenblicke müsste man anders erregt und bewegt werden - und zwar bewusst.
Man muss die Bewegung jedes fallenden Blattes mitfühlen. Da ich so viel Neues in
jedem Augenblicke geniessen will - so bin ich auch immer wieder ein Andrer. Jeden
Tag will ich auch was Andres.
Was ich gestern war,
Bin ich heute nicht.
Jeder neue Morgen
Zeigt ein neu Gesicht.«
Wieder Pause.
    Die kleine Tarub denkt - er hat ne Andre.
    Er muss sie beruhigen.
    Er streichelt sie, ist sehr zärtlich.
    Er flüstert ihr Schmeichelnamen ins Ohr, nennt sie »lieber Bär« ... »protter
Bär« ... »Busselbär« ...
    Sie lachen und essen Oliven und trinken Wein aus Bassora dazu - der schmeckt
sehr schön.
    »Bär«, fragt er, »wie lange ist es schon her, dass ich zu Dir in die Küche
komme?«
    Bär weiss nicht, denkt, es sei schon schrecklich lange. Doch das glaubt er
nicht, er meint:
    »Nicht doch! Mir ist, als wenn es erst ganz kurze Zeit wär. Oh! Der Genuss
der Menschen ist so flüchtig. Man geniesst eigentlich immer nur den einzelnen
Augenblick. Ich glaube, ein ständiges unveränderliches Glück gibt es garnicht.
Wirklich! Wir kennen nur Augenblicksgenüsse. Darum darf man sich nicht darauf
beschränken, bloss grosse noch erhabene Gefühle zu suchen und zu pflegen - die
kann man doch nicht immer haben. Man muss auch an allem, was klein ist, sich
ergötzen. Sonst wird man sehr oft unbefriedigt und unglücklich sein. Da drüben
die blanken Messingkessel und die bunten irdenen Tiegel - die sind mir auch
allmählich lieb und wert geworden. Ich suche an jeder Kleinigkeit etwas zu
finden. Deshalb esse ich auch so bedächtig - mit Verstand, wie Du zu sagen
pflegst. Man muss sich an den Augenblicksgenüssen festklammern, als wären sie
alles, was wir jemals erreichen könnten. Die grossen erhabenen Stimmungen sind
eigentlich auch nur für den Augenblick da. Ja - immer kann man sich nicht für
grosse Dinge und für grosse Empfindungen - für das stark und heftig Erregende -
begeistern - oder man lügt sich was vor - oder das Grosse ist nicht mehr gross.«
    »Ich möchte noch viel öfter«, bemerkt zaghaft die kleine Tarub, »mit Dir
zusammen sein. Du musst mir noch Vieles erklären. Ich verstehe Dich zuweilen
nicht so rasch. Willst Du noch Wein, Safur?«
    »Gutes Kind!« entgegnet er freundlich, »ach ja! ein wenig!«
    Safur sitzt da in seinem braun und blau gestreiften Beduinengewande - wie
ein hockendes Zebra.
    Er stützt den Kopf in die Hand. Das feine schmale Gesicht mit dem ganz
schmalen feinen Nasenrücken sieht nachdenklich auf die schimmernde grosse
Muschel, in der noch wie eine grosse grüne Perle eine Olive ruht.
    Aus Saids Garten weht ein starker Blumenduft in die Küche. Vom Feuer her
riecht man jetzt das kochende Fleisch - ganz schön ist das.
    Im russigen Schornstein hängen geräucherte Lammrippen.
    Der rote Ziegelboden ist sauber gescheuert. Neben dem Herde steht noch der
schmutzige Scheuereimer.
    Und die Tarub in ihrem grünen Wollrock wirtschaftet in ihrer Küche so eifrig
herum, dass Safur ganz erstaunt ist - der versteht niemals, wie man das
Wirtschaften so wichtig nehmen kann.
    Wieder bringt sie Wein - aber sie hat ihn diesmal gewürzt mit alten
getrockneten Kräutern, die sie aus alten Büchsen und Dosen hervorkramte.
    Der Wein duftet nun noch schöner als das Fleisch im Kochtopf - fast schöner
als Saids Blumen.
    Safur und Tarub trinken.
    Der Wein macht den Dichter ganz tiefsinnig.
    »Der Mensch«, flüstert er - so als wenn er allein wäre, »kann nicht in einem
fort lachen, kann auch nicht fortwährend weinen, kann nicht immer traurig sein
und auch nicht ewig sich selig fühlen. Dieses glaube ich. Daher muss man die
einzelnen Augenblicke des Lebens gesondert geniessen und vor allem nicht immer
geneigt sein, jeden Augenblick zu verlängern. Jede Lust währt ihre Zeit - wenn
sie vorbei ist - dann ist sie vorbei. Daran muss man sich gewöhnen. An jedem Tage
- in jeder Stunde sieht unser Wohlbehagen und unsre Erregung ganz anders aus.
Oft ist uns auch die Unruhe und das Unbehagen nötig. Die schmerzlichen
Empfindungen sind auch von manchen Genüssen garnicht zu trennen ...«
    Das alles ist nun nichts für die Tarub - die will ihn daher auf andre
Gedanken bringen, er soll nicht soviel denken - sie erzählt ihm:
    »Du, Dichter! Hör bloss! Die Abla steht jetzt den ganzen Tag vor ihrem neuen
Spiegel. Schrecklich! Nicht?«
    »Das verleidet ihr«, entgegnet der Dichter, »den Genuss. An einer und
derselben Sache kann man nicht stets das nämliche Wohlgefallen empfinden. Der
Genuss lässt sich nicht wie ein Gummiband verlängern. Wir müssen immer wieder neue
Reize suchen - sonst stumpfen wir ab. Selbst gebratenen Windfisch kann man nicht
alle Tage essen.«
    Der Dichter, der sich jetzt sehr weise vorkommt, erhebt sich, bewundert die
Sauberkeit der Küche, vergleicht Tarubs Küche mit einigen andren, sehr
schmutzigen Küchen und schaut dann nachdenklich in eine tiefe Holzwanne, in der
sich ein paar dicke Aale wild herumtummeln; sie winden sich durcheinander und
hauen sich mit den Schwanzspitzen ...
    Tarub rührt Teig - aus dem dunkle Kronenklösse gemacht werden sollen - hurtig
zurecht. Alles geht sehr flink ...
    Und beim Teigrühren erzählt die Tarub, dass sie des Morgens jene schöne gelbe
Schüssel, aus der Safur zum ersten Male in ihrer Küche gegessen - und zwar junge
Hühner in altmekkanischer Brühe - fallen gelassen habe und dass die schöne gelbe
Schüssel zerschlagen sei.
    Diese Nachricht stimmt den Dichter sehr sehr traurig, er umarmt seinen Bären
und wird ganz gerührt.
    Und die Tarub beginnt nun, in alten Erinnerungen zu kramen; das Kramen mag
sie für ihr Leben gern.
    »Safur«, hebt sie an, »weisst Du auch, dass Du mir damals noch die schöne
Zuckerbüchse mit Deinem alten Säbelknauf verbeultest?«
    »Ich weiss«, sagt der Dichter.
    Er berührt gleichzeitig mit den Fingerspitzen ein paar dicke blutige
Rindskeulen, die an kräftigen Eisenhaken vor der weissen Kalkwand hängen.
    »Oh!« fährt aber der Bär fort, »weisst Du auch noch, wie Du da drüben an der
Wand auf den weissen Mehlsäcken sassest, mit den Füssen strampeltest und mir Dein
erstes Gedicht an Deine Tarub vorlasest? Weisst Du noch? Mir waren gerade die
Speckstücke ins Feuer gefallen.«
    »Ich weiss«, ruft lachend der Dichter.
    Er schiebt einen leeren Weinschlauch mit dem rechten Fusse an die Wand, nimmt
das Beil vom Nagel und hackt seiner braunen Köchin ein bisschen Holz klein.
    Das Kochgeschirr aus blankem Messing, das neben dem Herde hängt, blitzt und
funkelt. Die grün und blau gesprenkelten Honiggläser glitzern hinter dem
Pumpenschwengel.
    Die grosse Stahlschaufel lehnt am Türpfosten.
    Die blau und rot gestickten Leinentücher baumeln - etwas schmutzig sind sie
- über dem Kehrichteimer.
    In den Eiseimern taut das Eis.
    Es ist so schrecklich ruhig in der grossen Küche des reichen Said.
    Eier quirlen soll der Dichter schliesslich.
    Er tut es und denkt daran, wie er die kleine Öllampe mit dem langen Docht an
der Schnauze zum ersten Mal in einer dunklen Nacht hier in der Küche brennen sah
- er half da der Tarub noch die vielen Löffel putzen.
    Als er mit dem Quirlen fertig ist, will er die kleine Öllampe, die zwischen
kleinen lila gefärbten Näpfchen steht, anstecken.
    Aber da kommt er schön an.
    »Bist Du verrückt?« schreit die Tarub, »jetzt am hellen Tage willst Du die
Lamp anstecken? Du fängst ja wieder gut an. Solche Dummheiten kann ich nicht
leiden.«
    »Sei doch nicht gleich so!« spricht milde der Dichter, dem die rauhen Worte
wie Faustschläge vorkamen, »diese Heftigkeit ist mir schrecklich - mir wird
gleich ganz heiss, wenn Du in so roher grober Weise redest.«
    Doch die Tarub geht an den hölzernen Pumpenschwengel und pumpt, dass das
Wasser überschäumt und den blank gescheuerten Ziegelboden nass macht ... sie
lacht darüber aus vollem Halse; ihr Lachen schallt in den Garten hinaus.
    »Da hättest Du bald das Wasser in die Milch gesprjetzt - die grossen
Milchschalen könnten auch mal bedeckt werden.«
    Also der Dichter.
    Doch seine dralle Köchin sagt rauh:
    »Wasch Dir doch die Hände!«
    »Nein - sei nicht so rücksichtslos!« sagt er.
    Doch gleich darauf wäscht er sich wirklich die Hände;
    sie waren ja tatsächlich sehr sauber nicht.
    Wie die Hände sauber sind, ist Safur wieder ruhiger - er lächelt sogar,
lächelt über seinen protten Bären, der ihn immer wieder verletzt - immer wieder.
    Die Erinnerungen an alte Zeiten machen den Dichter wieder friedlich - er
freut sich über die vielen Kiepen mit Pfirsichen, Birnen, Gurken, Waldbeeren und
Kirschen. Am Fenster in einer Ecke liegen auch ein paar Dutzend Tauben - in
einer Reihe - ihre toten Köpfchen hängen trübselig auf der Seite.
    Tarub geht hinaus, sie muss nach der eitlen Abla sehen, ob die auch mit ihrer
Zuckerbäckerei fertig wird - Saids Abendessen soll fürstlich werden.
    »Sollst doch nicht so die Stirn krausen!« ruft sie noch, als sie schon
beinahe draussen ist, ihrem Dichter freundlich zu.
    Der Safur nickt und befühlt mit seinen reinen Händen die fein getriebene
Arbeit des grossen kupfernen Eiskübels, in dem künstlich Eis erzeugt wird.
    Er denkt - spricht dabei zuweilen ganz laut:
    »Wie seltsam alle diese Küchengeräte auf mich einwirken. Ich erinnere mich
heute fast an meine halbe Vergangenheit. Als Tarub Kopfschmerzen hatte und ich
ihr Eisumschläge machte, da war sie so dankbar - so weich und zärtlich. Dieses
Aufbrausen berührt mich so entsetzlich roh. - - - Aber die Erinnerung verschärft
doch die Genüsse. Wenn ich aus einem alten, mir vertrauten Kochtopf esse - so
empfinde ich die früher genossenen Speisen noch einmal auf der Zunge - nur so
halb - aber sie würzen doch das neue Gericht. Mit solcher Wiederholung eines
Genusses kann man wohl eine sehr verfeinerte, verschärfte Empfindung erzielen
... Wenn man nur alle Arten der Genussverschärfung genauer kennen würde!
...Verschärfen lässt sich ein Genuss, aber nicht verlängern - das ist wichtig ...
Zum Beispiel: eine Liebesstimmung soll man auch nicht länger machen wollen - als
sie ist - sie ist auch kein Gummiband ... Jedenfalls ist mir nun das Eine klar:
man muss in jedem Augenblick einen neuen Genuss oder einen verschärften Genuss zu
empfinden trachten - man darf nicht kleben bleiben an der einzelnen
Lustempfindung. Der verschärfte Genuss ist nur eine besondre Art von den neuen
Genüssen ... die Erinnerung spielt hier die Rolle eines feinen Gewürzes. - - -
Und dann darf man nie vergessen, dass man einen andauernden Glückszustand nicht
in sich erzeugen kann. Man muss immer im Auge behalten, dass der einzelne Genuss
nicht allzu lange geniessbar ist - man darf sich daher nicht bloss einer besondren
Gattung von Genüssen zuwenden - man muss alle - alle - alle Genüsse durchkosten
wollen - immer wieder andre - immer wieder neue feine vergeistigte Gefühle - aus
dem trockenen Brot muss man ebensoviel Genusserreger rausziehen können - wie aus
der rasendsten tollsten glühendsten Liebesleidenschaft. Das höchste Lebensglück
besteht in dem Leben, das da aufweisen kann: die grösste Zahl von glücklichen
Augenblicken - die man nicht verlängern soll - die man auch nicht verlängern
kann - die man nur zuweilen durch Erinnerungen und lustige Verse verschärfen
darf. Verlieben darf man sich nicht in die einzelnen Genüsse - kleben bleiben
darf man nicht an den einzelnen Augenblicken. Man muss ohne Schmerz
weiterspringen - wenn die eine Wiese ein bisschen abgegrast ist. Nur nicht
traurig werden! Mit geballten Fäusten oder anders will ich unermüdlich danach
streben, die grösste Zahl fein verzückter Augenblicke zu durchkosten. Ich will
der glücklichste Mensch sein. Nichts soll mir zu klein und nichts zu gross sein.
Geniessen will ich - geniessen!«
    Ein durchdringender Blütenwind strömt aus dem Garten kühl in die Küche.
    Safur fröstelt. Er dreht sich um.
    Die Küchentür steht splarweit offen.
    Und Tarub, Bagdads berühmte Köchin, kniet dort auf der Schwelle - faltet die
Hände - tut so, als ob sie ihren Dichter anbetet ...
 
                                Fünftes Kapitel
Piepsend schiessen Schwalben vorüber - vorüber an dem reichen Said ibn Selm, der
unter seinem kostbaren Zeltdache steht und eine lange Küchenrechnung liest.
    Und er murmelt in seinen rechteckigen Bart:
    »Die Gewürze werden zu teuer - viel zu teuer; die Tarub verbraucht zu viel -
viel zuviel. Alles viel zu teuer - viel zuviel!«
    Saids ältester Sklave, der Hausmeister, wagt es, mit dem Kopfe zu schütteln.
    Said fragt erstaunt:
    »Oh, mein Hausmeister, warum schüttelst Du mit dem Kopf?«
    »Oh, Herr!« antwortet der alte Sklave treuherzig, »die Tarub ist die
sparsamste Köchin, die ich jemals sah.«
    »Das glaubst Du selbst nicht!« ruft zornig der Herr des Hauses - er wendet
sich und geht ab.
    Der Hausmeister steht einen Augenblick allein und denkt nach.
    Dann klatscht er in die Hände, und es erscheinen hübsche junge Knaben mit
Räuchergefässen und kupfernen Waschbecken, mit prachtvollen Teppichen und grossen
gurkenförmigen Papierampeln, die ganz dunkelrot sind.
    Unter dem kostbaren Zeltdache, das schräg von der Hauswand in den Garten
hinuntergeht - wie ein schlaffes Segeltuch - auf Saids berühmter Estrade - soll
gleich das üppige Abendessen eingenommen werden, zu dem Battany und seine
Freunde feierlich geladen wurden.
    Die viereckige sehr geräumige Estrade ist vorn offen und führt da in den
Garten - rechts, links und hinten wird sie durch Teppiche abgeschlossen, die man
zurückziehen oder leicht an die Seite schlagen kann, wenn Jemand durch will ...
    Die Knaben hängen flink vorn am Zelttuch die Ampeln auf, stellen die
Räucher- und Waschgeräte in die Ecken, breiten die Teppiche, die sie
mitbrachten, auf den Boden und verschwinden dann wieder - fast geräuschlos.
    Der Hausmeister ist abermals allein.
    Der Springbrunnen im Garten plätschert sehr laut und sehr lustig.
    Es wird allmählich dunkler.
    Und wies nun so dämmerig ist, schiebt sich vorsichtig rechts durch die
Teppiche ein reizendes weisses Gesicht durch - mit feuerroten Haaren, in denen
weisse Rosen stecken - das ist die eitle Abla.
    Und links erscheint ein gelbes Gesicht mit grossen braunen Augen und
schwarzen Haaren, in denen blaue Veilchen stecken - das ist die Sailóndula - ein
Mädchen aus dem fernen Indien.
    »St!« macht das Mädchen rechts.
    »St!« macht das Mädchen links.
    Und dann kommen sie Beide vor und umarmen den Hausmeister.
    Der schaut erstaunt erst die Abla an - die so reizend aussieht in ihren
Beinkleidern aus hellblauer Seide - ihr Oberkörper ist nur mit einem zarten,
ganz dünnen, weissen Spitzenhemd umhüllt. Dann schaut er ebenso erstaunt die
Sailóndula an, die einen weingrünen Seidenrock trägt, der nur bis zum Knie
reicht. Die schlanken Beine des gelben Mädchens sind vom Knie ab unverhüllt.
    »Kinder!« bemerkt dann bedächtig der Hausmeister, »wo habt Ihr denn die
schönen Kleider her?«
    »Die hat uns Said«, erwidert die weisse Abla, »beim Schneider Dschemil
gekauft. Weisst Du auch warum?« »Ach, wie soll ich das wissen?« versetzt der
Alte.
    Und nun erklären die beiden Mädchen flüsternd und hastig, dass sie zu den
Gästen fürchterlich liebenswürdig sein sollen, damit die Gäste nicht zuviel
essen ...
    Und kichernd erzählen auch die Beiden, dass sie einen Plan ausgeheckt haben:
sie wollen dem Said, dem alten Geizhals, beim letzten Gericht einen Schlaftrunk
geben ... das heisst: der gute Hausmeister soll dem Said den Schlaftrunk geben.
Die Mädchen küssen den Alten - und er weiss sich nicht zu helfen - er verspricht
alles zu tun, was man von ihm verlangt ...
    Jetzt ist es aber ganz dunkel geworden.
    Die Knaben stecken die Öllämpchen in den gurkenförmigen roten Ampeln an ...
    Wie die brennen - erscheint die Tarub.
    Sie hat dunkelrote Rosen im schwarzen Haar, der Zopf liegt ihr auf der
Brust. Ein gelbseidener Rock umhüllt ihren braunen breiten Körper bis zum Knie,
und schwarzseidene Beinkleider umhüllen bauschig ihre dicken Beine.
    Die sechs Arme der Mädchen sind ganz unbekleidet, doch die sechs Füsse
stecken in kleinen roten Lederpantoffeln.
    Was jedoch tut die Tarub?
    Oh - die schimpft gleich wieder.
    Die muss immer schimpfen, sonst kann sie nicht leben.
    Sie schimpft, dass das Räucherwerk noch nicht brennt.
    Na - die Knaben beeilen sich, Myrrhen, Weihrauch, Sandarakholz und andre
wohlriechende Stoffe vorsichtig anzuzünden.
    Die Rauchwolken wirbeln empor.
    Und die Gäste erscheinen.
    Es kommen immer zwei zugleich, Arm in Arm - aber schweigend.
    Abu Maschar kommt mit Abu Hischam.
    Battany kommt mit Jakuby.
    Osman naht am Arm des Kodama.
    Die Mädchen kichern, wie diese beiden Dickbäuche feierlich eintreten.
    Zuletzt erscheint Safur mit Suleiman.
    Der Letztere hält eine Rolle in der Hand.
    Die acht Freunde begrüssen die lachenden Mädchen - die Tarub mit ganz
besondrer Hochachtung - die benimmt sich daher auch ganz königlich - die ist so
glücklich und so stolz.
    Die acht Freunde warten alsdann.
    Said pflegt immer - seine Freunde warten zu lassen. Das ist so Sitte in
seinem Hause.
    Nach einer guten Weile aber kommt der Hausherr endlich zum Vorschein - er
trägt einen schwarzen Seidenkaftan und einen schwarzen Seidenturban.
    Zwei schwarze Knaben fächeln dem Hausherrn mit indischen axtförmigen Fächern
Kühlung zu.
    Die Gäste verbeugen sich.
    Said lächelt.
    Dann treten Alle zur Seite, und Suleiman geht dem grössten Geizhals von ganz
Bagdad - diesem unglaublichen Said ibn Selm - mit einer Ehrfurcht entgegen, mit
der man in Bagdad gewöhnlich nur dem verrückten Chalifen zu nahen pflegt.
    Suleiman hebt dabei seine Rolle hoch empor und spricht:
»Said ibn Selm, wir grüssen
Feierlich Dein festlich Nahn.
Said ibn Selm, wir lächeln
Selig, dass Du endlich kamst.
Deine Augen, Said, grüssen
Alle, die Dich heute sahen,
Wie zwei stille Märchenblüten
In der Hand des Bräutigams.
Immer kann man nicht verliebt sein,
Ewig währt kein einz'ger Wahn,
Aber heut muss ich Dich preisen -
So wie Du 's noch nie vernahmst.
Said, milder Freund, wir ahnen,
Was wir heut von Dir empfahn.
Du verbreitest märchentrunken
Ach - die Lust des Bräutigams.
Wenn im Abenddunkel träumend
Deinen Garten wir durchschaut,
Konnte nichts uns mehr beglücken
Als ein stiller Mondenschein.
Said, kannst Du darum zürnen,
Wenn ich überseltsam kühn
Dich mit Mondenschein vergleiche?
Ach - ich bin in Dich verliebt!
Said, sieh! in Deiner Nähe
Müssen wir vor Freude glänzen,
Denn wir fühlen vor Dir - horch nur!
Einen neuen Mondesglanz.
Alle Blumen schliessen schamhaft
Ihrer Kelche zarte Ohren,
Denn die Winde flüstern lüstern
Ach - von wilden Liebespaaren.
Tolles Jauchzen tönt nun selig
Durch des Gartens Blumenpracht -
Das sind lustverzückte Verse -
Die durchsprühn die Mondesnacht -
Und wir stehen träumend stumm,
Hör'n ein himmlisches Gedicht.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Ging der Mond schon auf? - Oh nein!
Said - wir - gedachten - Dein!«
Leise klagend flötet eine Nachtigall in Saids Blumengarten.
    Said empfängt gerührt die Rolle, in die das Lobgedicht fein säuberlich
hineingeschrieben.
    Darauf setzt man sich im Halbkreis auf die Teppiche - der Hausherr in der
Mitte mit dem Gesicht zum dunklen Sternenhimmel, vor dem die roten Ampeln
schaukeln.
    Links von Said sitzen vier Gäste.
    Rechts von Said ebenfalls.
    Feine weisse Tücher mit Fransen breiten flink die Knaben
    vor den Gästen aus.
    Die Tarub erteilt leise die Befehle.
    Alles gehorcht der Tarub.
    Zuerst gibts Tigriskrebse in buttergelben Porzellanschüsseln.
    Wie die roten Schalen knacken und knistern, ertönt im Garten in der Ferne
wunderbare Flötenmusik - denn ein Gastmahl bei Said ist ohne Flötenspieler nicht
denkbar.
    Und die Nachtigallen schlagen zuweilen ganz verständig dazwischen.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der zweite Gang ist saurer Aal in Pantertunke - Al Battanys Leibgericht.
    Der Springbrunnen plätschert.
    Die Flöten verstummen.
    Und die drei Mädchen überreichen jedem Gast einen Becher mit Wein.
    Feierlich heben alle die Becher empor, und dann wird getrunken.
    Alten Wein aus Bassora trinkt man.
    Verständnisinnig trinkt man den alten Wein.
    Und dann gibts indische Schnecken.
    Die Gesichter der Gäste glänzen.
    Das Gespräch beginnt.
    Battany setzt dem Abu Maschar in wohlgesetzter Rede auseinander, dass eine
Fortentwicklung der Welt und der Menschen durchaus nicht zu leugnen sei - das
sähe man schon an der grossen Stadt Bagdad, die einst ein armseliger Marktflecken
gewesen - das sähe man an den indischen Schnecken, die in dieser Zubereitung
sicherlich in früheren Zeiten nicht gegessen worden wären ...
    Said lächelt stolz, dass son gelehrtes Zeug bei ihm geredet wird - er
versteht natürlich kein einziges Wort von dem ganzen Gespräch, an dem sich ausser
Abu Maschar und Al Battany auch Abu Hischam und Jakuby beteiligen. Man erhitzt
sich beinah ... deswegen lässt der Hausherr kälteren Wein bringen.
    Und die Flötenspieler flöten immerfort. Man isst Antilopenschinken mit
gefrorenem Wurzelsalat - und zwar nicht wenig.
    Die Liebenswürdigkeit der drei Mädchen dringt nicht durch.
    Als aber Kamelsgehirn gebacken aufgetragen wird auf flachen silbernen
Tellern - da kann sich Safur nicht mehr halten.
    »Freunde«, ruft er laut, »Ihr esst nicht mit der nötigen Andacht. Oh dieses
Kamelsgehirn - entzückend - wir müssen auf Tarubs Wohl trinken - auf Tarubs ...«
    Alle trinken auf ihr Wohl.
    Und dann essen Alle Kamelsgehirn und danach - Schildkröten gesotten.
    Safur vergeht fast vor Seligkeit. Er isst mit so grossem Entzücken, dass Alle
lachen müssen. Seine Augen leuchten wie dicke grosse Glühwürmer. Und der Said
sagt schmunzelnd zum Safur:
    »Junger Freund! Gib Verse zum Besten!«
    Der junge Freund lässt sich diesmal nicht lange bitten, spricht mit dem
Messer drohend:
»Glaubt mir! Den Hund ich töte,
Der mir die schöne Kröte
Zu rauben wagen sollte.
Der Ampeln dunkle Röte
Durchglühet meine Kröte,
Als wenn sie brennen wollte.
Weh dem, der mir verböte,
Die wunderbare Kröte
Zu speisen und zu preisen!
O Kröte! Schöne Kröte!«
Und des Dichters Messer funkelt hell.
    Saids Gäste lachen und trinken.
    Das Gespräch über die Entwicklungsfähigkeit von Welt und Menschen kommt ganz
ins Stocken. Battany kann nur noch dem Abu Hischam versichern, dass der Plan,
einen geheimen Gelehrtenbund zu gründen, durchaus nicht übel sei und später wohl
zur Ausführung kommen könne.
    Abu Hischam reibt sich drob vergnügt die Hände.
    Jetzt wird aber armenische Rübenpastete aufgetragen - und die macht den
Philosophen noch vergnügter, denn die Rübenpastete ist sein Leibgericht.
    »Donnerwetter!« brüllt er stürmisch, »Said, Du bist ja fürchterlich
aufmerksam gewesen.«
    Den andern Gästen schmeckt allerdings die armenische Rübenpastete ganz und
gar nicht.
    Sie verziehen die Gesichter.
    Said lächelt.
    Erst wie die gebratenen Tauben vom Demawand erscheinen, wird die Stimmung
wieder gemütlicher.
    Wie die Knöchlein der Tauben knacken und knistern, wird dem Safur, der schon
sehr viel Wein getrunken, so gereizt zu Mute.
    Die Flötenspieler flöten wieder.
    Und die drei Mädchen sind so aufdringlich.
    Allerdings - das rührt die Gäste sehr wenig.
    Dem Battany ist die Liebenswürdigkeit der Mädchen sehr unangenehm - er ist
daran gewöhnt, dass die Frauen bescheiden in der Ecke stehen und kaum zu atmen
wagen.
    Kodama und Osman essen, als wenn sie vierzehn Tage gehungert hätten.
    Said ärgert sich - ärgert sich, dass er den Mädchen ganz zwecklos die neuen
Kleider kaufte.
    Safur aber sieht auch mit Unwillen auf die beiden Dicken - sie essen ihm
wieder zu schnell.
    »Langsam«, fängt er an, »essen diejenigen Menschen, die das Essen
verstehen.«
    Said wirft dem Dichter einen dankbaren Blick zu, und der Dichter fährt fort:
    »Unbegreiflich erscheint mir doch Manches. Wir haben eigentlich sämtlich
hier in Bagdad die beste Gelegenheit, unsre Gaumen auszubilden - wer aber bildet
seinen Gaumen wirklich aus? Ich glaube - ich tu das nur allein. Wer nicht zu
essen versteht, versteht auch nicht zu geniessen. Wir müssen doch, wenn wir das
Leben geniessen wollen, alle unsre Sinne ausbilden - den Geschmackssinn dürfen
wir nicht vernachlässigen. Wer. sich immer den Magen überlädt - wie Osman und
Kodama - der ist doch eigentlich nur ein ganz gewöhnlicher Tofaily.«
    Osman und Kodama grinsen.
    Die Andern schweigen und essen bedächtiger.
    Said macht ein sehr schlaues Gesicht.
    Abu Hischam räuspert sich, er will reden.
    Die chinesischen Fasanen, die ihm die Sailóndula anbietet, weist er barsch
zurück und beginnt nun - bedächtiger als sonst:
    »Lieber Safur! Du wirst uns bei allen Gelegenheiten umständlich
auseinandersetzen wollen, dass Du Deine Sinne ständig verfeinerst - so als wenn
darin die einzige Aufgabe Deines Lebens besteht. Du denkst eben, etwas Feineres
als verfeinerte Sinne gäbs garnicht. Es gibt aber doch noch feinere Genüsse, die
mit der Verfeinerung der Sinne ganz und garnichts zu tun haben. Wenn ich an der
Weiterentwicklung der Welt arbeite oder über die wichtigsten philosophischen
Fragen nachdenke, so empfinde ich doch mehr als bei Deiner Fresserei.«
    Alles lacht.
    Kodama sagt mit wohltönender Stimme, während er drohend ein chinesisches
Fasanenbein schwingt:
    »Oh, Abu Hischam, um die Verfeinerung der Sprache wirst Du Dir auch keine
Verdienste erwerben. Redet aber nur ruhig weiter, es isst sich dabei ganz gut.«
    Doch nun reden Alle durcheinander.
    Die Süssigkeiten werden herumgereicht.
    Abla verteilt ihr Zuckergebäck und eine grosse ZobaïdaTorte.
    Sailóndula bietet ihren mit Mandeln und Bananen gefüllten Kataïf, der in
Nussöl schwimmt, so zärtlich bittend an, dass ihr Niemand einen Korb gibt.
    Zwar - Abu Hischam will nur noch altmekkanischen Kirschenpudding essen, den
die Knaben auch schon herbeigeschleppt haben.
    Abla gibt ihm den Pudding, läuft dann aber in den Garten - und singt - sie
singt ihr berühmtes Gazellenlied, das sie schon öfters gesungen und das die
Gäste schon kennen.
    Safur wendet sich während des Gesanges flüsternd an den Philosophen und
fragt spöttisch:
    »Ei, Abu Hischam, über welche philosophischen Fragen denkst Du denn so
eifrig nach?«
    »Aber Safur«, erwidert leise der Philosoph, »Du musst ja nicht das Eine
vergessen: wir leben nur in einer Scheinwelt. Du glaubst immer nur, dass Du Dich
an die greifbaren Genüsse halten müsstest - und doch - Du musst nicht vergessen,
dass ich in Indien war und auch einmal ein Buch Der Zweifler schrieb. Es gibt
wirklich noch eine andere Welt als die, die wir mit unseren Sinnen begreifen
können.«
    Doch was ist das?
    Said fallen die Augen zu, der Kopf fällt ihm auf die Brust und nun - nein -
hätte ihn nicht der Hausmeister aufgefangen, der Herr des Hauses wäre mit der
Nase in den Kirschenpudding gefallen ...
    Die Gäste springen erschrocken empor.
    Aber die Tarub und die Sailóndula kichern - und tanzen vor Vergnügen.
    »Er hat ja ein Schlafpulver bekommen«, sagt die Sailóndula, »denn wir wollen
mit Euch auf der Sternwarte Wein trinken. Beruhigt Euch!«
    Battany und seine Freunde müssen nun so laut lachen, dass Said, den der
Hausmeister vorsichtig auf die Seite legte, beinahe wieder aufgewacht wäre ...
    Ablas Gazellenlied verhallt - sie eilt auf die Estrade und wird vom dicken
Kodama stürmisch geküsst.
    Die Gäste waschen sich alsdann in bester Laune die Hände - und wandeln davon
- zur nahen Sternwarte - die drei Mädchen - und die Sklaven mit den
Weinschläuchen folgen - die Flötenspieler ebenfalls.
    Auf der Estrade bleibt nur der schlafende Said - der schnarcht.
    Die roten Papierampeln schaukeln ein bisschen.
    Der Springbrunnen plätschert.
    Die Blumen duften stark.
    Das Räucherwerk duftet noch stärker.
    Wie verwüstete Dörfer liegen die Überreste der Torte und des Puddings auf
den kostbaren Teppichen umher - - -
    Die sauberen weissen Tücher mit den Fransen sind zerknillt und
durcheinandergeworfen.
    Die Estrade gleicht jetzt einem verlassenen Schlachtfelde.
    Der Halbmond steht schief über der Gartenmauer.
    Die Sterne sind wieder sehr hell.
    Die roten Ampeln verlöschen allmählich.
    Die Nachtigallen flöten wunderbar.
    Und Said schnarcht ...
 
                                Sechstes Kapitel
Die Mongolen reiten langsam um die Sternwarte rum und spitzen die Ohren - sie
hören was.
    Sie zügeln ihre schwarzen Rosse und horchen, weit über den Kopf der Pferde
gebeugt, in das Dunkel hinein.
    Dann erkennen sie die Stimmen, reiten rasch an den Turm, der oben den
Empfangssaal trägt, und wecken die Schwarzen.
    Nach ein paar Augenblicken sind die zwölf schwarzen Sklaven mit zwölf
Fackeln draussen.
    Die Sklaven eilen mit den Fackeln dem Herrn Battany, der mit seinen
Freunden, den Mädchen, den Flötenspielern und Weinschläuchen langsam näher
kommt, diensteifrig entgegen.
    Die Fackeln erleuchten den Pfad.
    Die Mongolen sitzen auf ihren Pferden ganz stramm.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Und bald sind Alle oben im Empfangssaal.
    Nur die Mongolen sind unten geblieben.
    Der Herr Battany ist guter Dinge und schickt gleich die Flötenspieler in den
dritten Turm, in dem er gewöhnlich zu arbeiten pflegt.
    Die Sklaven mit den Fackeln werden auf den Galerieen, den beiden anderen
Türmen und auf dem Altane verteilt.
    Auf dem fünfeckigen Altan leuchten jetzt fünf Fackeln in fünf schwarzen
Fäusten.
    Die drei Mädchen schenken den Wein in die grossen Becher.
    Und Alle trinken die grossen Becher in einem Zuge aus.
    Und dann küssen die drei Mädchen den Battany und seine sieben Freunde so
stürmisch, dass Allen ganz schwindlig wird.
    Jetzt wirds sehr laut.
    Alles lacht und schreit.
    Der Wein berauscht.
    Und Abla will singen - doch sie will nur singen auf Abu Maschars hohem Turm
- Abu Maschar soll mitkommen.
    Der Prophet geht schliesslich lächelnd mit der weissen Abla auf seinen Turm.
    Und Abla singt oben den neuesten Gassenhauer - die berühmten
Sareppa-Strophen, die im Jahre 892 nach Christi Geburt in allen Schenken Bagdads
gesungen wurden.
    Die Strophen waren von einem unbekannten Sänger der berüchtigten Sareppa
gewidmet.
    Die Sareppa ist eine schlitzäugige Mongolin, die besser reiten kann als die
Beduinen.
    Die Abla singt:
»Warum bist Du bös auf mich,
Wilder brauner Wüstensohn?
Warum bist Du ärgerlich?
Ist das meiner Liebe Lohn?
Schenk mir Dein Ross -
Und schenke mir Rosen!
Liebst mich heute ganz allein -
Morgen muss es anders sein.
Komm wieder rein!
Ich schenk Dir Wein!
Willst Du eifersüchtig sein?
Ach, Du bist es nicht allein -
Hör doch meine Freunde schrein -
Jeder will mich heut schon frein -
Schenk mir Dein Ross!
Komm wieder rein!
Willst Du meine Freunde schlagen,
Steigst Du noch in meiner Gunst.
Musst Dein Leben für mich wagen,
Sonst ist Lieben keine Kunst.
Schenk mir Dein Ross -
Und schenke mir Rosen!
Liebst mich heute ganz allein -
Morgen muss es anders sein.«
Alle lauschten - die Strophen klangen weich und voll durch die Nacht.
    Die Fackeln flammten unheimlich in den Sternenhimmel hinauf.
    Unten flüsterten die Mongolen - oh - die kannten die Sareppa.
    Die Abla hatte nicht so gesungen, wie man die Sareppa-Strophen in den
Schenken zu singen pflegt - Manches hatte so schwermütig geklungen.
    Im Empfangssaal hätten die Männer beinah das Trinken vergessen ...
    Doch die Menschen werden so anders, wenn sie beim Trinken sind.
    Jakuby wackelt immer mit dem Kopf und mit seinem lila Turban - redet
fortwährend zu Osman von Byzanz und von Damaskus, setzt dem dicken Schreiber
auseinander, dass er in diesen beiden Städten jede einzelne Sängerin gehört habe.
Osman will das garnicht glauben.
    Battany ist zur Sailóndula sehr höflich, ist entzückt von ihren kleinen
Füssen, ihren Veilchen und ihren Augen - nur ihr weingrünes Gewand will ihm nicht
gefallen.
    Kodama streichelt der Tarub die braunen Wangen und raubt ihr eine dunkelrote
Rose.
    Suleiman sitzt auf dem grossen Teppich, trinkt und lacht, wundert sich, dass
die Andern nicht auch sitzen und lachen. Die Andern lächeln nur.
    Abu Hischam und Safur stehen auf dem fünfeckigen Altan und reden mit einem
fürchterlichen Eifer über die Welt und über den Genuss. Die Schwarzen mit den
Fackeln staunen.
    Kodama singt:
»Schenk mir Dein Ross -
Und schenke mir Rosen!«
Und der Dicke trinkt mit der Tarub - er ist schon recht heiter.
    Sailóndula schaut zuweilen scheu zu dem indischen Götzenbild hinüber.
    In Battanys Arbeitszimmer flöten die Flötenspieler - sie haben auch Wein zu
trinken bekommen.
    Abu Hischam sagt:
    »Lieber Safur, wir täuschen uns ja so oft. Wenn wir träumen, denken wir doch
immer - wir wachen. Müssen wir deswegen nicht auch in unseren wachen
Augenblicken - an unserm Wachsein zweifeln? Wenn wir aber erst zweifeln, dass
dieser Altan ein Altan ist, so wird uns doch der Boden unter den Füssen
fortgezogen - dann schwankt alles - ja, Safur, dann schwankt Alles!«
    Und der Philosoph schwankte wirklich, worüber Safur sehr lachen musste.
    Sie tranken wieder - Saids Diener schenkten diensteifrig immer von Neuem die
grossen Becher voll - der erste Weinschlauch lag schon schlaff hinter dem
kupfernen Himmelsglobus.
    Abu Hischam spricht weiter:
    »Ja, Safur, Du hältst Dich für einen grossen Schlaukopf. Du willst immer mit
Deinen Sinnen geniessen - ei, wenn Deine Sinne garnicht da sind - was dann? Das
Zweifeln musst Du lernen, das Zweifeln hast Du noch nicht raus. Leben heisst
zweifeln. Geniessen heisst auch nur zweifeln. Immer schwanken muss man. Die grossen
Weisen schwanken und zweifeln immer. Trotzdem kann man ganz vernünftig sein -
man braucht deswegen nicht zum Gewohnheitssäufer zu werden. Man kann trotzdem
das Grosse wollen - die Welt kann noch alle Tage besser werden - für die
Entwicklung der Welt müssen wir sogar kämpfen. Das ist ja der Hauptgenuss - wer
an der Verbesserung der Welt arbeitet - - - der pfeift auf das Fressen und
Saufen - der pfeift!«
    Der grosse Philosoph schwankt und pfeift.
    Die Flötenspieler flöten.
    Safur legt ernst seine Hand auf Abu Hischams Schulter und redet nun also:
    »Du irrst Dich, wenn Du glaubst, dass ich nur mit meinen fünf Sinnen geniessen
will. Ich will geniessen in allen Formen - in jeder Weise - wie - wo - was - das
ist mir ganz gleich. Aber Alles will ich geniessen - und daher will ich auch mit
meinen fünf Sinnen geniessen. Immer will ich geniessen - daher will ich auch
geniessen, wenn ich esse. Allerdings - Du sagtest, es gäbe noch eine
übersinnliche Welt. Ich glaube ja an diese übersinnliche Welt. Die soll drum
auch für mich da sein. Indessen - nur übersinnlichen Genüssen nachgehen - das
scheint mir sehr unsinnig. Das kriegen wir ja garnicht fertig. Ich kann doch
nicht immerfort an Wüstengeister denken. Allerdings - Du hast Recht. Zu grosse
Bedeutung darf ich den Genüssen der Zunge nicht beimessen.«
    Safur denkt nach. Abu Hischam trinkt.
    Abu Hischam sieht so furchtbar altbacken aus - nüchtern ist er auch nicht
mehr.
    Und Ablas Stimme ist nun auf der Galerie nebenbei zu hören, sie singt leise
zu Abu Maschar:
»Komm wieder rein!
Ich schenk Dir Wein!«
Das singt sie öfters.
    Der Prophet ist gutmütig freundlich zu ihr wie ein milder Vater.
    Die Beiden betreten jetzt den Altan.
    Safur begrüsst sie sehr freundlich, Abu Hischam sehr spöttisch.
    Abu Maschar ist milde wie gewöhnlich.
    Die Drei trinken zusammen und reden.
    Sie reden aber Dinge, die so schwer verständlich sind, dass sich die weisse
Abla traurig abwendet.
    Den Schwarzen macht das Fackelhalten wenig Spass - die Sache ist auch nicht
grade leicht.
    Abla sieht in den Empfangssaal.
    Da brennen oben die maurischen Lampen.
    Rechts neben dem kupfernen Waschbecken liegen die vollen - links die leeren
Weinschläuche. Im Hintergrunde stehen Saids Diener. In der Mitte des
Hintergrundes unter der indischen Götzenfigur liegt der alte Dichter Suleiman
und schläft - er ist abgefallen.
    Battany wandelt in seiner blauen Sammettoga mit der Sailóndula auf dem
grossen Teppich umher - so vertraut und gemütlich.
    Ungefähr in der Mitte des Teppichs sitzt Kodama neben einem Weinschlauch -
im Arme des dicken Geographen befindet sich die Tarub, die sich von dem Dicken
lachend küssen lässt und ihm fleissig Wein einschenkt.
    Die Flötenspieler spielen nicht - man hört nur reden, lachen und flüstern.
    Die beiden Säulen, die zwischen Altan und Empfangssaal die drei Spitzbogen
tragen, sind nur dünn und können das Durchsehen nicht hindern ...
    Die Abla sieht alles.
    Und sie ärgert sich über Kodama und auch über die Tarub, singt spöttisch
sehr laut und hell:
    »Liebst mich morgen ganz allein -
    Heute muss es anders sein.«
    Und das singt sie immer wieder, bis das der leichtsinnige Kodama versteht.
    Gleichzeitig sieht aber auch der Safur seine Tarub in Kodamas Arm.
    Donnerwetter - da wird er wütend.
    Der Dicke lässt sich aber nicht leicht aus der Fassung bringen, ruft dem
Dichter mit wohltönender Stimme zu:
    »Du schlauer Safur - wir sind ja gute Freunde. Unter Freunden nimmt man sich
so was doch nicht übel. Ich wollte nur die kleine Abla ein bisschen eifersüchtig
machen! Sei wieder gut!«
    Safur aber knirscht mit den Zähnen, dass es Alle hören.
    Alle sind jedoch ziemlich berauscht, sodass man diesen knirschenden Wutlauten
nicht zu grosse Bedeutung beimisst.
    Nur Battany merkt, dass die Lustigkeit der Zecherei gestört werden könnte,
und schreit daher mit donnernder befehlender Stimme:
    »Sailóndula wird hier auf unsrem Teppich tanzen. Kodama, steh auf! Safur,
sei vernünftig! Trink, Bruder! Sailóndula, tanz! Alle Sklaven sollen mit den
Fackeln in den Saal kommen!«
    Die Rede wirkt.
    Man holt die Flötenspieler. Die zwölf Schwarzen kommen mit den Fackeln in
den Saal.
    Kodama und Tarub stehen auf.
    Suleiman wird an die Seite gelegt.
    Auch Jakuby erscheint jetzt wieder, er fällt immer hin und fuchtelt mit dem
Zeigefinger durch die Luft, was sich sehr albern ausnimmt.
    Der dicke Osman kommt auch mit den Flötenspielern zusammen herein, er ist
schrecklich lustig und kneift den Schwarzen in die Backen.
    Die Schwarzen grinsen.
    Sie sehen drollig aus.
    Dann aber bittet der grosse Al Battany seine Freunde auf den jetzt dunkeln
Altan hinaus - die Tarub und die Abla werden von ihm ganz besonders höflich
gebeten.
    Tarub schimpft auf den Safur.
    Abla singt dazu:
»Eifersüchtig willst Du sein?
Ach, Du bist es nicht allein!«
Safur lacht und küsst die Abla.
    Man trinkt wieder - noch hastiger als bisher.
    Wenn Sailóndula tanzt - dann hat das was zu bedeuten.
    Schade nur, dass der Suleiman schläft; der sieht so gern tanzen.
    Abu Hischam, der kaum stehen kann, will jetzt wieder lallend vom Bunde der
lauteren Brüder reden, man hält ihm aber den Mund zu und bittet ihn, sich
hinzusetzen.
    Ach - die Menschen werden so anders, wenn sie getrunken haben.
    Im Empfangssaal tront die indische Götzenfigur - rechts und links neben ihr
stehen die Flötenspieler mit den Flöten.
    Die Sailóndula im weingrünen Kleide geht in die Mitte des Teppichs und
blickt noch einmal scheu zum indischen Götzen hinauf.
    Vier Schwarze stellen sich an die hintere Seite des Teppichs - vier rechts
und vier links.
    Die Fackeln flammen hoch auf.
    An der Decke wirbeln die Rauchwolken.
    Der indische Götze leuchtet und glänzt.
    Auch der kupferne Himmelsglobus wirft das Fackellicht zurück, das kupferne
Waschbecken gleichfalls.
    Battany sitzt mit Tarub und Abla hinter dem Mittelbogen, die Andern sitzen
und stehen hinter und neben dem Astronomen.
    Und Sailóndula tanzt.
    Die Flötenspieler spielen ein altes indisches Lied - das klingt so weich und
getragen.
    Langsam bewegt die Sailóndula die Arme durch die Luft und biegt dabei den
Körper nach allen Seiten.
    Ihre gelben Finger recken sich, und die Arme drehen sich, und die Füsse heben
sich dabei - nur wenig - nur so zaghaft.
    Die Muskeln der Beine spannen sich, und dann dreht sich der ganze Körper der
Tänzerin.
    Die gelben Glieder drehen sich und beugen sich und krümmen sich - sie
bewegen sich - wie sich die Weisen der Flöten bewegen - wie sich Bäume bewegen
im Abendwinde - wie sich Schlingpflanzen ranken - wie sich kleine Quellen durch
die Wiesen winden.
    Und die Fackeln qualmen, dass man das indische Götzenbild kaum mehr sieht.
    Man sieht nicht mehr die Decke mit ihren blauen und grünen Mustern auf dem
prächtigen Goldgrunde.
    Aber man sieht noch die silbernen und roten Querstreifen auf den Wänden, die
blitzen oft auf im Fackelschein.
    Die Schwarzen stehen tiefernst; mit beiden Fäusten halten sie die Fackeln;
ihre orangefarbigen Lendentücher leuchten.
    Die zwölf roten Flammen knistern.
    Die Flöten ziehen in weichen Tönen durchs Gemach.
    Die indische Sailóndula tanzt.
    Doch jetzt wollen Alle, dass Sailóndula nackt tanze.
    Sie besinnt sich.
    Und Battany legt sich aufs Bitten.
    Abla bittet den Kodama um die roten Rosen, die er der Tarub geraubt, singt
leise:
»Schenk mir Dein Ross -
Und schenke mir Rosen!«
Doch dann tanzt Sailóndula nackt, ihr weingrünes Gewand fliegt hastig an die
Seite.
    Die Flötenspieler spielen ein wildes Jagdlied.
    Hei - wie sich die gelben wunderschönen Glieder jetzt bewegen.
    Nicht mehr ruhig ist der Tanz.
    Ein wildes tolles verzerrtes Springen und Stampfen geht los.
    Der Körper des Mädchens zittert.
    Sailóndulas Muskeln schwellen an, dass sie fast so stark erscheinen wie die
Muskeln der schwarzen Fackelträger.
    Aber jetzt - plötzlich - da weiten sich die Augen der nackten Tänzerin.
    Sie sieht was - ein alter indischer Tempel steigt vor ihr auf - mit
herrlichen Pforten und reizend durchbrochenen Türmen, die wie Filigrangebilde
sich aufrecken - wie Elfenbeinschnitzereien ...
    Und neben dem Tempel fliesst der heilige Ganges im Fackelschein.
    Und ein Jüngling kommt aus dem Tempel raus und starrt die Sailóndula an.
    Mit einem gellenden Schrei bricht das Mädchen zusammen.
    »Mein Kleid! Mein Kleid!« ruft es angstvoll.
    Battany und seine Freunde eilen auf die gelbe Tänzerin zu; sie wissen nicht,
was ihr fehlt.
    Sie aber reisst sich mit den Nägeln den Busen blutig, dass das Blut ihren
gelben Leib hinunterrieselt.
    Und dann brechen ihr die Tränen hervor.
    »Meine Heimat!« schluchzt sie.
    Und dann weint die Sailóndula wie ein Kind - wie ein ganz kleines Kind.
    Battany gibt ihr Wein.
    Doch sie schlägt ihm den Becher aus der Hand.
    Sie weint furchtbar und windet sich dann in Krämpfen.
 
                               Siebentes Kapitel
»Endlich!« schreit Kodama in den frischen Morgenwind hinein, »endlich sind wir
die dummen Frauenzimmer wieder los. Die Tarub schnauzt, die Sailóndula heult,
und die Abla will immerfort Rosen haben. Freunde, wir sind frei - darum wollen
wir jetzt auf dem Karawanenplatz Tee trinken. Kommt!«
    Und der dicke Geograph geht breitbeinig voran - die beiden Dichter Suleiman
und Safur folgen - der Philosoph Abu Hischam desgleichen.
    Diese vier Leute hatten die drei Frauen nach Hause gebracht - mit Mühe - wie
sich ja denken lässt - denn nüchtern war Niemand.
    Äusserlich machten jetzt die Vier einen sehr friedlichen Eindruck.
    Das war aber alles nur Schein.
    Der Wein hatte die Gemüter ganz gehörig aufgeregt.
    Gereizt wandte sich Safur an den dicken Kodama und verlangte Aufklärung in
Betreff der Tarub - den Dichter plagte heisse Eifersucht. Ein Wort gab das andre
- der sonst so gemütliche Geograph mit den herrlichen seidenen Hosen hatte seine
ganze wohltönende Beredsamkeit aufzubieten, um den Dichter davon zu überzeugen,
dass eine Umarmung doch nur eine Umarmung und ein Kuss doch nur ein Kuss sein
könnte.
    Der gemütliche Dicke trat währenddem in die Bude eines alten Wunderdoktors
und liess sich in vier zierlichen Näpfchen ein schwarzbraunes dickflüssiges
Getränk verabreichen, das Wunder tun sollte gegen den Kater.
    Alle tranken das schwarzbraune Zeug und fühlten sich gleich beruhigt - auch
Safur.
    Leichtgläubig wie alle Dichter liess auch dieser leicht sich was einreden.
    Das schwergläubige Misstrauen schien dem Safur ohnehin eine recht lästige
Sache.
    Die Hitze ist auch schon recht lästig.
    Grelles Sonnenlicht flutet durch ganz Bagdad, obgleich es noch immer Morgen
ist.
    Auf dem Karawanenplatz sieht es sehr bunt aus - der Platz ist so bunt wie
ein Opal.
    Die hellen Zelte, auf denen die Sonne brennt, geben dem grossen
Karawanenplatz das Ansehen eines grossen Lagers.
    Die mächtigen Blätter der Bananen und die riesigen Palmen ragen in den
hellblauen Himmel so beruhigend hinauf - so beruhigend wie das Grün der Oasen.
    Links zeigt ein indischer Schlangenbändiger seine Künste.
    Suleiman soll bezahlen und tuts.
    Suleiman denkt nur an den Schneider Dschemil, denn Said hat dem Dichter eine
dicke Goldrolle geschenkt - zum Lohne für das Lobgedicht.
    Das Gold hat den Alten schrecklich glücklich gemacht - er benimmt sich
zuweilen ganz närrisch.
    Neben ruhenden Kamelen liegen prächtige bunte Teppiche aus Smyrna und
Damaskus.
    Gelbe Chinesen stehen feierlich neben grellfarbigen Seidenstoffen.
    Braune Araber handeln mit Wollenzeug, Baumwolle und Leinen - die Stoffe
zeigen auch alle Farben - rote, blaue, gelbe, braune und andere.
    Alte Ägypter verkaufen Rosenöl und Räucherwerk.
    Perser mit langen schwarzen Bärten bieten lustigen braunen Mädchen
himmelblauen Türkisenschmuck an. -
    Und betrunkne Tofailys kommen jetzt torkelnd und johlend immer näher - sie
sehen Kodama, brüllen ihm was zu - und dabei fällt der eine Tofaily wie ein
abgehackter Baum auf die eine Seite mitten in ein grosses Lager irdener Töpfe und
Kruken, die ein alter Mann aus Kufa neben sich auf der Erde fein säuberlich
aufgestellt.
    Mörderliches Geschrei! Das Geschirr klirrt und klappert.
    Ein frecher nackter Junge reitet auf einem kleinen grauen Elephanten heran -
und das Tier zerschlägt auch noch ein paar Töpfe.
    Höllenlärm!
    Die Tofailys lachen, sind aber in grosser Not - die Kaufleute auf dem
Karawanenplatz verstehen im Entzweischlagen keinen Spass.
    Kodama bezahlt schliesslich die zerbrochenen Gefässe - widerwillig zwar - doch
mit Anstand.
    Die Tofailys sind drob natürlich ganz ausser sich vor Vergnügen.
    Kodama wird von den Betrunkenen bestürmt - wie von arabischen Kriegern eine
Burg bestürmt wird.
    Die Vier sind im Nu umringt.
    Und Alle wandeln lachend in die nächste Teebude. -
    Schlitzäugige chinesische Mädchen bringen das heisse Getränk in blau bemalten
Porzellanschalen herbei.
    »Wie gehts Deinem Bären?« fragt man den Safur - höhnisch - denn Safur wird
beneidet. Sein Bär, Bagdads berühmte Köchin, leuchtet sehr hell an dem trüben
Himmel, der Bagdads berühmte Männer überwölbt.
    Abu Hischam muss gleich wieder vom Bunde der lauteren Brüder sprechen.
    Doch es wird heiss.
    Auch unter den hellen Leinendächern der Zelte und Marktbuden nimmt die Hitze
ganz beträchtlich zu.
    Die Augen kann man garnicht mehr ordentlich offen halten - die Sonne
blendet.
    Tiefblau sind die Schatten der Palmen und Bananen. Vor den Teezelten liegt
die grosse Moschee. Und rechts von der Moschee ragen die hohen, auf einem Hügel
gelegenen Paläste der Chalifenburg mit vielen vielen Türmen und bunten Galerieen
in den glühenden Himmel hinauf.
    Träge zieht eine Karawane an den Teetrinkern vorüber. Die Kamele nicken
einförmig mit den drolligen Köpfen, die Pferde suchen mit der Schnauze den
heissen Erdboden zu erreichen. Die Kameltreiber schwitzen und fluchen.
    Träge zieht die Karawane vorüber - ein Bild tiefster Erschöpfung - ein Bild
lähmender Schlaffheit.
    Das Gespräch unter den Teezelten verstummt - man verabredet noch eine
Zusammenkunft abends auf der Tigristerrasse - und trennt sich.
    Abu Hischam, Kodama, Suleiman und Safur wenden sich nach rechts, gehen an
einer grossen Bude, die ganz mit kleinen indischen Götterfigürchen gefüllt ist,
vorüber - in die Stadt.
    In den Strassen ist es leer und heiss.
    Die blauen Schatten der niedrigen zumeist fensterlosen Hausmauern und die
blauen Schatten der Palmen und Bananen - verkleinern sich - die Sonne steht
schon hoch.
    Der dicke Kodama gähnt und will zur Sareppa, die Andern wollen mit, und man
geht hin.
    Der weisse Strassenstaub durchsengt die Sandalen.
    Donnerwetter! Die Hitze ist stärker als tausend Löwen.
    Die Vier nehmen erst noch ein Bad.
    Das erfrischt ein bisschen.
    Dann gehts zur Sareppa.
    Da knallen die Peitschen.
    Da fliegen die Speere und die Pfeile.
    Da wiehern und stampfen die prächtigsten Hengste - denn die Sareppa handelt
mit Pferden, und ihre Hengste sind berühmt.
    Auf einem freien Platze, der nur von ein paar Palmen beschattet wird, jagen
junge nackte Mongolen auf schäumenden Hengsten im Kreise herum. Die Mongolen
werfen dabei mit kurzen Lanzen nach einer Holzpuppe, die hoch oben unter den
Blättern einer Palme hängt. Die Lanzen sausen oft in weitem Bogen fast bis auf
die Strasse hinaus, dass man sich in Acht nehmen muss.
    Die beiden Gelehrten und die beiden Dichter gehen daher schleunigst unter
ein Holzdach, unter dem Gras wächst - da grasen die Pferde der Sareppa, und -
Beduinen bewundern die Pferde.
    Manche Beduinen kaufen sich ein Pferd unter diesem Holzdache - doch die
meisten Beduinen kommen hierher, um ihre Pferde zu verkaufen - und dann bettelnd
herumzulungern.
    Bagdad, diese üppige Stadt, bricht manchem Wüstensohn den Hals.
    Und Safur spricht mit den Beduinen.
    Er spricht von den blauäugigen Dschinnen und will mehr von diesen wilden
Wüstengeistern wissen, die nachts auf schwarzen Rossen über den heissen Sand
sprengen und die Menschen - töten wollen.
    Die Beduinen erzählen viel von den Dschinnen. Und vor Safur, der träumend
zuhört, erscheint ein wildes Weib mit schwarzem Gesicht und hellblauen Augen;
die Haare hängen dem Weibe lang und strähnig an den Schläfen nieder. Die Stirn
des schwarzen Weibes zeigt senkrechte dicke Furchen. Die Mundwinkel des
bläulich-blassen Mundes hängen tief runter - ein dunkler Gespensterkopf vor
einem leuchtenden Nachtimmel!
    Safur erschrickt.
    Und er liebt das Gesicht.
    Aber plötzlich ist es wieder weg. Er sieht nur noch die Beduinen vor sich,
sieht die Pferde der Sareppa grasen und den alten Suleiman drüben an dem einen
Holzpfahl Kirschen essen.
    Safur hört nicht mehr, was ihm die Beduinen erzählen. Er versucht wieder,
das Dschinnengesicht zu sehen - kriegt es aber nicht fertig. Ganz verstört kommt
er später zu seinen Freunden zurück und isst schweigend mit ihnen Kirschen,
trinkt auch Wein mit ihnen; der Kodama ist in bester Laune, hat an jeder Hand
ein Mongolenmädchen und erzählt Schnurren, dass die Mädchen sich krümmen vor
Lachen.
    Die Sareppa badet, die ist heute nicht zu sehen.
    Die Beduinen werden aber bald aufdringlich, die Obstjungens auch, sodass man
sich nach einiger Zeit entschliesst, weiterzuwallen.
    Kodama übernimmt die Führung und bringt seine Freunde in ein berüchtigtes
Haus.
    Man geht in den grossen Badegarten, wos sehr laut ist. Beduinen und ein paar
reiche Jünglinge aus Bagdads besten Familien zechen dort mit weissen
Armenierinnen.
    Das eine Mädchen singt mit gellender Stimme, während sie ihren Jüngling an
die Ohren packt:
»Willst Du meine Freunde töten,
Steigst Du noch in meiner Gunst!
Blutig muss Dein Dolch erröten!
Sonst ist Lieben eitel Dunst!«
Und das Unerwartete geschah.
    Blitzschnell zog der Jüngling seinen Dolch und stiess ihn einem jungen
Beduinen bis ans Heft in den Leib.
    Aber im nächsten Augenblick hatte der Jüngling einen furchtbaren Säbelhieb.
    Der Säbel ging ihm durch die linke Stirnseite, durchschnitt das Auge und
blieb im Kopfe stecken.
    Lautlos brach der Heissblütige zusammen.
    Das dunkelrote Blut zweier Nebenbuhler besudelte den feinen bunten
Fliesenboden.
    Entsetzt wandten sich die beiden Gelehrten und die beiden Dichter ab und
schritten eilig an den Rosengebüschen und an den Gummibäumen - an dem reizenden
grossen Badeteich, in dem Lotosblumen blühten, vorbei - hinaus - ins Freie.
    Drinnen schrieen die Weiber wie die Wahnsinnigen, als wenn das berüchtigte
Haus ein Tollhaus geworden wäre.
    »Siehst Du!« sagte draussen der dicke Geograph zum Safur, »da siehst Du
wieder, wohin die Leidenschaften führen. Hüte Dich vor der Eifersucht!«
    Und im Sturmschritt rannte der Dicke seinen drei Freunden voran zur
Tigristerrasse.
    In Schweiss gebadet kamen die Vier dort an.
    Die Tofailys waren schon da.
    Die Sonne ging blutrot unter.
    Hastig erzählten die Vier ihr Abenteuer.
    Aber die Tofailys rührte das nicht allzu sehr. Sie waren ja des Morgens von
einem Leichenschmaus gekommen - von dem Leichenschmaus, den die hübsche Witwe
des alten Wollkremplers gegeben, den die Tofailys in jener grünen Schimmelnacht
in der Betrunkenheit erstochen haben sollten.
    Es ward Nacht.
    Man ass und trank.
    Abu Hischam sprach wieder vom Bunde der lauteren Brüder.
    Und als Alle recht viel getrunken hatten, nahm Abu Hischam feierlich alle
Anwesenden in seinen Bund auf.
    Suleiman riet vergeblich zur Mässigung. Er erinnerte vergeblich an die
Empfindlichkeit des reichen Battany.
    Abu Hischam nahm sämtliche anwesenden Tofailys sehr förmlich in den Bund der
lauteren Brüder auf.
    Und darauf trank man - bis Alles betrunken war. -
    Die Tofailys lagen schliesslich auf der Tigristerrasse umher wie die Scherben
einer zerbrochenen Waschschüssel.
    Safur dachte an seine Dschinne und an seine Tarub.
    An seine Tarub dacht er mit Ingrimm, denn er wusste, dass sie ihm wieder
Vorwürfe seiner wüsten Sauferei wegen machen würde.
    Der Tigris glitzerte im Mondenschein.
    Die lauteren Brüder verstummten und begannen zu schnarchen; der Kopf ward
ihnen so schwer wie ein Henkerbeil.
    Safur dachte an seine blauäugige schwarze Dschinne.
    Jetzt sah er sie wieder hoch oben im Himmel - übermenschlich gross - von
funkelnden Sternen umstrahlt.
 
                                 Achtes Kapitel
Und als es abermals Morgen ward, schien die Sonne so, als wenn garnichts los
wäre.
    Jedoch - die lauteren Brüder, die allmählich erwachten, hatten gleich das
Gefühl, dass in ihren Köpfen was los war - oder was losgehen wollte ...
    Durch die persischen Eichen, die auf der Tigristerrasse mächtig aufwuchsen,
wehte ein sanfter Wind, der leider garnicht kühl werden wollte.
    Safur erwachte unter einem blühenden Oleanderbaum.
    Der Dichter Buchtury erwachte neben grossen weissen Lilien, die das eirunde,
rot und weiss gemusterte Fliesengetäfel in der Mitte der Terrasse umzäunten.
    Buchtury sah die Lilien, den Safur und eine hohe Leiter. Er hob diese Leiter
auf, stellte sie senkrecht auf das rot und weiss gemusterte Fliesengetäfel und
bat ein paar Freunde, die gerade nicht wussten, was sie anfangen sollten, die
Leiter festzuhalten.
    Und dann kletterte der Dichter auf die Leiter rauf, sodass sein Kopf die
grünen Blätter einer sehr hochgewachsenen persischen Eiche berührte.
    Und in dieser Höhe begann der berühmte Tofaily, der nichtswürdige Prasser -
zu krähen.
    Mit krächzenden Lauten schrie er drauf in den Morgenwind seine Leib- und
Magenverse hinein.
    Von seiner Leiter starrte Buchtury auf die Terrasse runter wie ein müdes
Pferd.
    Des Dichters Augen waren verglast.
    Den Safur sah er ganz blöde an und schrie:
»Ihr, die Ihr so viel dichtet,
Ihr habt die Kunst vernichtet!
Die schönste Kunst des Lebens -
Die lerntet Ihr vergebens!
Ihr habt ja ganz vergessen,
Euch gründlich satt zu essen.
Den Magen vollzuschlagen,
Ist doch das Hauptbehagen.
Das ist die schönste Kunst,
Das Andre ist nur Dunst!
Beim Hahnenkampf und Hochzeitsschmaus,
Bei alten Bettlern seid zu Haus!
Wo Kinder geboren, Leichen begraben,
Ist allzeit auch was zum Essen zu haben.
In Keller und Küch', beim Würfelspiel,
Oh, Kinder, da gibts zu essen viel.
Gut essen, Freunde, ist immer fein -
Ihr müsstet nur eifrig dahinter sein!
lhr schaut viel zuviel nach den Sternen,
Ihr müsst erst das Essen erlernen.
Salbet den Magen an jedem Morgen -
Lasst Euch die Salbe vom Krämer borgen!
Lasst Euch kneten den vollen Leib -
Lustig ist dieser Zeitvertreib!
Vergesst nicht täglich öfters zu baden,
Oh - baden - baden - nie kann das schaden!
Tut überall nur, als wärt Ihr zu Haus!
Seid auch nicht ärgerlich, lacht man Euch aus!
Schlägt man die Tür Euch zu vor der Nas -
Tut so, als wärs ein lustiger Spass!
Klettert durch den Schornstein herein!
Mutig muss der Hungrige sein!
Ich hab oft schon Prügel empfangen -
Oft mit dicken eisernen Stangen.
Das war mir alles ein lustiger Spass -
Wenn nur erst da war ein leckerer Frass.
Dann gabs nicht mehr Geschwätz und Getu -
Sofort war fort die freundliche Ruh.
Mit den Fäusten packt ich die Keulen an -
Mit zween Fingern hab ich das nie getan.
Wie kleine Mädchen zierlich zu speisen -
Das überliess ich schwächlichen Greisen.
Den Nachbarn hab ich nie angeschaut.
Beim Essen sprach ich nicht einen Laut.
Wie gerne mocht ich riechen
Gebratne Federviehchen!
Einst konnt ich wie ein Löwe fressen -
Doch die Zeit hab ich längst vergessen.
Täglich ass ich ein Rind und zehn Tauben -
Heute will mir das Keiner mehr glauben.
Ich könnt so Manches noch sagen
Von meinem Magenbehagen.
Bei Allah! Wie wetzt ich die stahlharten Zähne!
So wie in der Wüste die böse Hyäne -
Ich leckte, kaute, kratzte, frass -
Ganz unbezahlbar war der Spass!
Nun leider wollen die Glieder nicht mehr -
Sie sind zu trocken, sie sind auch zu schwer.
Doch was fletscht Ihr mit Eurem Nilpferdgebiss?
Die Geduld mir bei Eurem Anstande riss!
Was? Faul, alt und gebrechlich tut Ihr?
Was? Mit knurrendem Magen ruht Ihr?
Auf! In die Welt! Den Würsten entgegen!
Kinder! Hier habt Ihr gleich meinen Segen!«
Und Buchtury steht hoch oben auf der Leiter unter der persischen Eiche mit hoch
erhobenen Armen wie ein Schornsteinfeger da.
    Indessen - der junge Safur wird jetzt sehr ärgerlich. Er ist ja der grösste
Feind der Vielesserei.
    Buchtury wollte den Safur nur höhnen.
    Dieser ruft daher sämtliche Tofailys zusammen und setzt ihnen auseinander,
dass das Sattsein durchaus nicht anständig sei.
    Diese Rede wurde mit sehr drolligem Beifall aufgenommen, das ja die Tofailys
gewöhnlich garnicht zum Sattessen hatten.
    Daran hatte der kluge Safur garnicht gedacht.
    Die Tofailys aber verlangten nun von Safur einige Leckereien, sie hielten es
nach der Rede über die Unanständigkeit des satten Magens für notwendig, sich in
der Entaltsamkeit zu üben.
    Und dem armen Safur half nichts - er musste ein Frühstück besorgen.
    Da er kein Geld besass, musste er mit schwerem Herzen seinen Dolch versetzen.
    Suleiman und Kodama hatten sich fortgestohlen.
    Abu Hischam besass nie was.
    Die Tofailys liessen sich demnach auf Safurs Kosten ein herrliches Frühstück
geben - frische Fische aus dem Tigris.
    Safur sprach mit sehr saurer Miene über die Vorzüge dieser frischen Fische
und bestellte noch, da er ja den Dolch doch nicht mehr retten konnte, einen
dicken Schlauch mit Wein.
    Demzufolge war die Gesellschaft sehr bald wieder betrunken - - -
    Der Tigris plätscherte unten am Ufer spöttisch lächelnd vorbei, umspülte die
Rosengebüsche, die Granatbäume, ein paar stille Palmen und die persischen Eichen
- floss dann nach Bassora und dann ins grosse Meer.
    Safur, Abu Hischam und die Tofailys tranken unheimlich.
    Und ein toller ausgelassener Geist kam in die Gesellschaft.
    Der jüdische Weinwirt schüttelte bedenklich das lockige Haupt.
    Buchtury fiel über die Lilien den Abhang hinunter - in den Tigris.
    Der jüdische Weinwirt rettete den Betrunkenen, was nicht ganz gefahrlos
erschien.
    Nach diesem Unfall brachen die Zecher auf und wohnten in der Nähe der
Terrasse in der Sattelgasse einem Hahnenkampfe bei.
    Safurn kam, als er die wütenden Hähne mit ihren scharfen Sporen aufeinander
loshacken sah - eine grässliche Erinnerung.
    Er dachte plötzlich an seine Tarub - - - beim Barte des Propheten! - die
Erinnerung war peinlich!
    Tarub pflegte, wenn Safur betrunken ohne Dolch nach Hause kam, ebenfalls wie
ein Hahn auf den betrunkenen Dichter loszuhacken.
    Safur ward daher ingrimmig und rannte davon.
    Aber er ging noch nicht zur Tarub zurück.
    Er trank sich erst in einigen Weinkellern - Mut.
    Und dann ging er in die Moschee und zankte sich mit einigen Koranstudenten.
    Und dann ging er zu den Sängerinnen der alten Dschellabany und klagte den
Mädchen sein Leid.
    Er liess sich ruhig auslachen, lachte sich selber aus - wurde jedoch immer
betrunkner und immer gereizter.
    Er fluchte auf die Tarub, als wenn sie an seinem Rausch die Schuld trüge.
    Wies Nacht geworden und die Sterne funkelten, stand der Dichter vor Saids
Gartenmauer und wusste nicht, wie er da hingekommen. Er knirschte fürchterlich
mit den Zähnen.
    Der sonst so kluge Dichter konnte sich nicht gerade halten - schwankte wie
ein Rohr im Winde.
    Schlotternd hing dem Wüstlinge das braun und blau gestreifte Beduinengewand
um die Glieder rum.
    Und die Welt war so schrecklich heiss.
    Und Safurs Kopf war so schwer wie Blei.
    Und des Dichters Herz klopfte wie ein Schmiedehammer.
    Und des Dichters Hände zitterten wie die Blätter der Pappeln, wenn der Wind
hindurchfährt.
    Ach - schliesslich kletterte Safur über die Gartenmauer, fiel in eine
Dornenhecke, zertrampelte ein Tulpenbeet, stiess sich den Kopf an einem
Birnenbaum und stieg darauf etwas blutend und voll Schmutz durch das
Küchenfenster in Tarubs Küche.
    Tarub sieht ihn, erschrickt, wird aber gleich furchtbar wütend und wirft
ihrem Geliebten einen braunen Milchtopf mit Milch an den Kopf, dass dem armen
Dichter die weisse Milch übers braune Gesicht rinnt.
    Dann schreit die Tarub wie eine Verrückte und haut ihrem Geliebten mit einem
Schrubber auf den Kopf.
    Safurn wird die Sache zu toll. Er packt seine berühmte Köchin an die Gurgel.
    Aber ach! - in dieser wüsten Nacht ist er schwächer als seine berühmte
Köchin.
    Sie verprügelt ihren Geliebten und wirft ihn durchs Fenster in den Garten.
    Töpfe, Flaschen, Kruken, Holzstücke, Gläser, Eimer voll Wasser - und alte
Fleischstücke - greulich! - alles dieses fliegt dem fein gebildeten
Feinschmecker, dem grossen Dichter - an den Schädel.
    Und der betrunkene Dichter flieht.
    Und die Tarub, Bagdads berühmte Köchin, wütet in ihrer Küche wie eine toll
gewordne Dschinne auf dem Demawand.
    Niemand wagt es mehr, in Tarubs Küche zu steigen - in dieser Nacht ist es
ganz unheimlich in Saids Hause.
    Die Tarub wütet und schlägt manchen schönen Topf kurz und klein.
    Der Dichter flieht - aus dem Garten raus - weit fort - er flucht jetzt auf
die Tarub - wie ein Kameltreiber.
    Hässliche Schimpfworte schreit er in die Nacht hinaus und knirscht dazu mit
den Zähnen.
    In der Ferne blitzt es - greulich grell.
    Unheimlich ist diese Nacht!
 
                                Neuntes Kapitel
Wie nun wiederum der Morgen graute, stand der Dichter Safur am Tigris und
starrte nach Osten.
    Berauscht sah der Dichter Safur nicht aus - aber - ein wenig verwüstet und
ein wenig verkommen; das dünne Gewand war seltsamerweise nicht zerrissen - ganz
wars geblieben - indessen - schrecklich schmutzig wars geworden - Blut, Wein,
Milch, Staub, Blumensaft und Strassenpfützen hatten die braun und blau gestreifte
Baumwolle höchst unregelmässig gemustert.
    Und Safur starrt - halb blöde, halb verträumt - nach Osten. Da wirds über
den breiten spiegelhellen Wassern des Tigris immer bunter.
    Die Sonne geht auf.
    Langsam hebt sich die brennendrote Scheibe aus den Fluten des Tigris raus.
    Und der Tigris glänzt jetzt auch brennendrot.
    Safur starrt in die heisse Farbenpracht und sieht plötzlich über der roten
Sonne in den glühenden Wolken ein schwarzes Gesicht - das schwarze
Dschinnengesicht, das er bei der Sareppa sah, als ihm dort die Beduinen von den
Schrecken der Wüste berichteten ...
    Purpurne und goldene Wolken umrahmen wunderlich das schwarze Gesicht, das
nun die grossen blauen Augen weit aufreisst.
    Der Blick der Dschinne ist furchtbar.
    Safur taumelt zurück.
    dabei bemerkt er aber, dass rechts von der Sonne noch zwei Dschinnengesichter
vorkommen und links von der Sonne gleichfalls.
    Die neuen Gesichter sind etwas zur Seite gelehnt, dass alle fünf Gesichter
wie ein Kranz die Sonne einschliessen.
    Und die Gesichter sehen ganz gleich aus.
    Ihre blassbläulichen schmalen Lippen öffnen sich ein wenig und zeigen weisse,
fest zusammengepresste, kleine Zähne.
    Safur traut kaum seinen Augen, blickt in den höher gelegenen Himmel hinauf -
    Doch da beginnt er zu zittern, dort höher oben zeigt sich ein zweiter
Gesichterkranz; die Gesichter sind nur viel grösser und viel schrecklicher.
    Und über dem zweiten zeigt sich ein dritter Gesichterkranz - der ist noch
grösser - fast noch einmal so gross.
    Der ganze Himmel füllt sich mit schwarzen Dschinnengesichtern, die langsam
aus dem dunklen Himmelsblau herauskommen und auf den Safur zuzustreben scheinen.
    Ganz oben am Himmel sind die Gesichter riesengross - die schwarzen Haare
flattern wild um die schwarzen Ohren und um die schwarzen Stirnen - - - doch so
wie die Haare an dem einen Gesichte flattern - genauso flattern sie auch an dem
andern.
    Und den Dichter packt die Angst. Ihm schlottern die Kniee. Er sieht
plötzlich nichts mehr. Ihm wird schwindlig. und er bricht bewusstlos zusammen.
    Nach einer Weile hört er dann ein gellendes Pfeifen, als wenn ein schneller
Wind vorübersause. Gleichzeitig wird vor seinen Augen alles rot ...
    Der Dichter will die Augen öffnen, kanns aber nicht - er glaubt, er sei
blind geworden.
    Er ringt die Hände und schreit.
    Dadurch kommt er wieder zu sich, seine Augen öffnen sich, und - Bagdad mit
dem Tigris liegt vor ihm. Drüben am Ufer erhebt sich der Garten des reichen
Battany.
    Safur befindet sich auf einer Anhöhe und kann weit herumblicken.
    Der Himmel ist tiefblau.
    Die schwarzen Gesichter sind fort.
    Safur aber hat die Gesichter nicht vergessen, er springt auf, blickt sich
scheu um und rennt wie ein Rasender nach Battanys Landhaus.
    Er klopft dort heftig an die kleine Gartentür - und die wird auch gleich
geöffnet - der Hausmeister öffnet selbst - kriegt jedoch beim Anblick des
Dichters ein so erschrockenes Gesicht, dass das seine dem der grossen Dschinne
nicht unähnlich sieht.
    Der Hausmeister hört garnicht mehr, was der Dichter sagt, lässt ihn hinein
und geht mit grossen Schritten davon - zu seinem Herrn.
    Battany steht in seinem - Harem - und - grübelt.
    Seine Frauen liegen in prächtigen bunten Seidengewändern auf den Teppichen
und langweilen sich.
    Eine Perserin spielt eintönig auf einem langen Saiteninstrument, das mit
blitzenden Diamanten verziert ist.
    Eine kleine Ägypterin schlägt dazu ein paar glockenförmige Cymbeln von Zeit
zu Zeit leise aneinander.
    Grün schillernde Fliegen summen durch das grosse Gemach.
    Die Frauen wehren mit ihren Fächern die Fliegen von sich ab.
    In grossen kupfernen Eiskübeln taut laut tropfend das Eis.
    Oben an den bunt bemalten Holzwänden bewegen sich leise kleine
Sonnenlichter, die durch die grossen zierlich geschnitzten Windlöcher sich
hineinstehlen in den grossen stillen Harem des reichen Al Battany, dessen Frauen
sich immer langweilen.
    Der Harem ist ganz mit grossen Granatbäumen umgeben, damits nicht zu heiss
wird in den üppigen Gemächern.
    Und der Hausmeister kommt an.
    Er stürzt seinem Herrn zu Füssen.
    Die Frauen richten sich auf.
    Der Hausmeister sagt ängstlich:
    »O Herr, der Dichter Safur ist da. Aber ich glaube, er ist wahnsinnig
geworden.«
    Die Frauen schreien.
    Battany lässt sich in seiner Sänfte in den Garten tragen.
    Zwei schwarze Sklaven halten von hinten hoch über Battanys indischer
Goldmütze einen grossen roten Sonnenschirm.
    Sehr langsam wird Battany getragen.
    In seinem Landhause geht alles langsam zu; laufen darf dort Niemand - auch
die Sklaven dürfen nicht laufen.
    In seinem kleinen, leicht gebauten Bücherkioske will der Astronom den
Dichter empfangen.
    Safur kommt rasch durch die Olivenallee näher.
    Der Bücherkiosk liegt da so ruhig wie eine Krone auf einer kostbaren
Stickerei.
    Die kostbare Stickerei besteht hier aus ganz kurz geschornen grünen Rasen,
die von bunten Schnörkeln zierlich durchzogen sind.
    Die Schnörkel - teilweise indische Buchstaben - werden von kleinen Tulpen
gebildet.
    Es wurden aber nur drei verschieden gefärbte Tulpenarten verwandt.
    Die einen sind rotlila, die andern weissgelb und die dritten graublau.
    Diese drei Farben heben sich wunderbar vom dunklen Rasengrün ab.
    Und da, wo auf dem Grünen keine Tulpen wachsen - da sitzen rote, blau und
grün, gelb und schwarz, weiss und grau gefleckte Papageien fürchterlich steif auf
glatt geschnittenen dünnen Holzästen, die alle mit weissem Silber beschlagen
sind.
    Die bunten Papageien machen einen - so gelehrten Eindruck - scheinen alle
sehr belesen - sehr belesen - denn sie sind ja vor dem Bücherkioske angekettet.
    Sehr saubre orange farbige, nicht gemusterte Fliesenwege durchziehen in
weichen Linien die kurz geschorenen Rasen, auf denen die Tulpen blühen und die
Papageien angekettet sind.
    Riesige Bananen umschliessen im genau abgezirkelten Kreise das glatte,
peinlich saubre Gartenkunststück.
    Und hierhin stürmt mit raschen Schritten der wilde Dichter Safur.
    Oh! Oh! Wie Battany zusammenschrickt!
    Der riecht gleich, was los ist.
    Säuferwahnsinn hat den Dichter gepackt - Säuferwahnsinn!
    Die Sklaven müssen sich entfernen.
    Battany und Safur wandeln zusammen über die orange farbigen, nicht
gemusterten Fliesenwege - doch nur dort, wo das weit ausladende Dach des
Bücherkioskes noch Schatten spendet. Safur erzählt wütend von der Tarub und von
der Dschinne - wild durcheinander.
    Battany hört nur, dass Safur Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht und
wieder Tag und Nacht getrunken und sich schliesslich mit seiner Tarub erzürnte.
    Der reiche Astronom ist daher auch sehr erzürnt, wirft dem leichtsinnigen
Dichter seinen höchst liederlichen Lebenswandel vor und sagt ihm am Ende:
    »Mein lieber Safur! Mit Dir ist wirklich nichts mehr anzufangen. Du kannst
das Trinken nicht mehr lassen. Du wirst noch ganz und gar verkommen. Ich
verstehe Dich nicht. Du kannst nie aufhören. Du bist eben ein Gewohnheitssäufer
geworden. Kannst Du Dich denn nicht daran gewöhnen, mit den Andern nach Hause zu
gehen? Musst Du immer so lange trinken, bis Du im Rinnstein liegst? Du hast das
doch garnicht nötig!«
    Dem Safur brummt der Kopf, ihm zittern die Glieder, Battanys laute Stimme
ist ihm schrecklich ...
    Kleinlaut versetzt der Dichter:
    »Sieh mal, Battany, Du hast nicht das durchzumachen, was ich durchzumachen
habe. Glaubst Du, es sei so leicht, mit einem Weibe auszukommen, von dem man
abhängt. Du weisst - wenn ich die Tarub nicht hätte - könnt ich nicht mehr leben.
Zum Betteln bin ich zu stolz. Aber wenn ichs recht bedenke, müsst ich auch zu
stolz sein, bei dieser Tarub zu leben. Ich kann mit der Tarub nur dann weiter
leben, wenn ich ihr Herr bin und sie meine Sklavin ist. Kannst Du nicht,
Battany, diesem Said die Tarub abkaufen - - - und - und mir schenken? Tus doch!
Sei mein Freund!«
    Battany lächelt verächtlich.
    Er setzt dem Safur dann, ohne auf seinen Vorschlag einzugehen, auseinander,
dass er des Abends eine grosse Tigrisfahrt unternehmen möchte. Der Said, die Abla
und die Sailóndula und auch die Tarub sollen mitkommen.
    Battany will zwischen Safur und Tarub vermitteln.
    Dem Safur schmerzt der Kopf.
    Ihm ist alles recht.
    Innerlich ist ihm ganz klar, warum er trank.
    Dass er von der Tarub so ganz und gar abhängt - das hat ihn nach seiner
Meinung zum Säufer gemacht.
    Also denkt der Dichter gewöhnlich, wenn er seinen Dolch versetzt und viel
zuviel getrunken hat.
    Er pflegt dann auch seinen Freunden vorzuwerfen, dass sie sein Verhältnis zur
Tarub nur deshalb für ganz gut hielten, damit er nicht seinen lieben Freunden
zur Last zu fallen brauche.
    Diese Vorwürfe spricht der Dichter, der immer sehr vorsichtig ist, natürlich
nicht laut aus.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Und Safur soll baden.
    Er tuts - in Battanys wunderbarem Teiche, der in einem kleinen Talkessel
liegt.
    In dem Teiche blühen blaue Lotosblumen.
    Die grossen Lotosblätter schwimmen auf dem Teiche wie riesige Topfdeckel.
    Die Sklaven reinigen des Dichters Kleid.
    Und nach dem Bade wird der Dichter von den Sklaven mit wohlriechenden Ölen
gesalbt.
    Die Baumwolle reinigen die Sklaven mit wohlriechender Seife.
    Safurn wird ein bisschen besser.
    Er bekommt auch was zu essen.
    Und dann steigt er in eine Sänfte und wird sanft mit Battany aus dem Garten
raus - zum Said und zu seiner Tarub getragen.
    Unter den beiden roten Sonnenschirmen, die gross, rund und steif sind, wird
die Haut der beiden Männer auf den Sänften auch ganz rot.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In Battanys Harem wirds wieder lebhafter: der Hausmeister muss erzählen - von
Safur und von der alten Dschellabany.
    Die Frauen sind schrecklich neugierig.
    Und dann baden die Frauen in demselben Teiche, in dem Safur badete - wo die
blauen Lotosblumen blühen und die grossen Lotosblätter herumschwimmen.
    Die Frauen baden unter hellgelben und hellblauen seidenen Sonnenschirmen -
die Schirme sind riesig gross.
    Und die nasse Haut der gelben Inderinnen spiegelt das Grün der Lotosblätter
und auch die blauen und gelben Töne der Sonnenschirme, dass die Haut so bunt
schillert - wie entzückende Perlmutterschalen.
    Wunderbarer noch spielen die verschiedenen Lichtfarben auf den Leibern der
weissen Armenierinnen.
    Und die Leiber der schwarzen Frauen werden ebenfalls ganz bunt.
    Doch - Battanys üppige Haremsfrauen langweilen sich auch im Bade - sie sehen
die Farbenpracht der Lichtspiele nicht auf ihrer schön gepflegten Haut.
    Und wie die nassen Glieder der Frauen müde unter den blauen und gelben
Sonnenschirmen am Ufer liegen - im Grase - da spielen die Lichtfarben noch viel
grossartiger auf den prächtigen üppigen Leibern, die sich räkeln mit Arm und Bein
- - - dadurch werden die Glieder noch immer reizvoller - unbeschreiblich!
 
                                Zehntes Kapitel
Der Wind bläst in die Segel, und die Barken schiessen stromauf.
    Die Wellen schaukeln.
    Es ist angenehm kühl auf dem Tigris.
    Es ist Nacht.
    Der Mond steht fast voll hoch am Himmel.
    Suleiman hat ein Märchen erzählt.
    Nun soll Safur eine wahre Geschichte erzählen.
    Sie sitzen in Saids grosser Barke - hinten - hinter dem grossen Segel.
    Battany und seine sieben Freunde sinds, die in Saids grosser Barke sitzen.
    Said mit seinen drei Köchinnen ist auch in der Barke.
    Die Tarub zerschneidet vorne eine grosse Nusstorte und kümmert sich nicht um
die Gesellschaft.
    Und Safur, der sehr ernst dreinschaut, erzählt:
    »Ein junger Beduine sass bei der alten Dschellabany und trank mit ihren
hübschen Sängerinnen - Wein. Das Trinken war sehr gemütlich, denn die Sonne
stand noch sehr hoch. - - - Die Mädchen sind ein bisschen faul, und der Beduine
spasst nicht mehr mit ihnen, sondern erzählt ihnen was von seiner Geliebten, die
ihm alle Tage zu essen und zu trinken gibt. Die Mädchen lachen und schauen sich
den Beduinen sehr genau an. Der aber erzählt weiter, dass er seinen schönen Dolch
versetzt und nun grosse Furcht vor seiner Geliebten habe. Da müssen die Mädchen
noch mehr lachen - und sie trinken, als wenns garnichts kostet. Mit leeren
Taschen geht daher später im Sternenschein der junge Beduine von dannen - nicht
grade - das kann er nicht - aber schwankend und mit schlotternden Gliedern. Er
klettert über einen Zaun in einen Garten. Die Blumen duften da paradiesisch -
und goldene Äpfel fallen dem Beduinen auf die Nase. Der Himmel wird ganz
dunkelblau. Ein paar Sterne fallen aus dem dunkelblauen Himmel - auch herunter
in den Garten, in dem die Blumen leuchten und duften wie im Paradies. Der
Beduine schwankt weiter und will sich in ein Fenster schwingen, hinter dem seine
Geliebte wohnt. Ein Duft von gebratenen - Hasen weht ihm aus dem Fenster
entgegen. Doch plötzlich fühlt er was Nasses auf seinem Kopf und sieht nichts
mehr. Ein grosser Eimer ist ihm übern Kopf gestülpt, und frische Kuhmilch rieselt
ihm über seinen ganzen Leibfrische Kuhmilch!«
    Safur lacht, und die Andern lachen auch.
    Dann fährt er fort:
    »Kaum hat der Beduine den Eimer vom Kopf gerissen, so klatscht ihm eine
dicke Rindskeule an die rechte Wange. Der Beduine wird wütend, springt ins
Fenster hinein und packt - packt seine Geliebte. Die reisst sich aber los und
schlägt ihm mit einem Stück Holz übern Kopf. Der Beduine wird immer wütender.
Doch seine Geliebte schlägt ihm mit einem Wasserkrug um die Ohren, dass der Krug
in tausend Stücke zerbricht. Dann wirft sie nach ihm mit Eisstücken und
gläsernen Flaschen, mit Schutt und Müll, mit Fischköpfen und faulem Obst, mit
Bratpfannen und schmutzigen Lappen - dass der arme Beduine zurücktaumelt zum
Fenster. Wie er aber am Fenster ist, hat sie ihn rasch an den Beinen gepackt und
ihn kopfüber in den Garten geworfen -«
    Jetzt kommt Safur nicht weiter, denn Alles lacht, dass die Barke bedenklich
ins Schaukeln gerät.
    Safur lacht jetzt aber nicht.
    Die Tarub bringt die Nusstorte und wird mit einem Höllenlärm empfangen.
    Der Scherbettbecher geht wieder von Hand zu Hand.
    Es wird fast wüst.
    Die Mädchen werden gekniffen und geküsst.
    Safur kümmert sich aber nicht um den Lärm.
    Er blickt hinaus in den Urwald am Ufer und beachtet nicht, dass man seine
gute Laune preist und ihn einen echten Dichter nennt, der das Leben von der
lustigen Seite zu fassen vermag.
    Safur blickt in die Waldespracht, die sich am Ufer hinzieht im vollen
Mondenschein.
    Die blauen grossen Lotosblumen leuchten am Ufer - wie Dschinnenaugen.
    Und der Dichter muss wieder an seine Dschinne denken und an die
Wüstengeister.
    Und er leidet - leidet, wie ein Beduine leidet, der in der Wüste verdursten
muss.
    Aus dem Waldesdickicht am Ufer tönt zuweilen das Geheul wilder Tiere heraus.
Die fliehen aber, denn neben und hinter der grossen Barke segeln drei kleinere,
die dem Battany gehören.
    In diesen kleineren Barken sitzen Battanys Bogenschützen, die die wilden
Tiere mit giftigen Pfeilen verscheuchen.
    Safur sieht wieder vor sich das Dschinnengesicht - das er bei der Sareppa
sah.
    Diesmal sieht er das Gesicht im Wasser neben weissen Wasserrosen - das
Gesicht scheint im Wasser unterzugehen, sieht so qualvoll aus.
    Und Safur liebt dieses Gesicht.
    Und er seufzt, dass es kein lebendes Wesen ist, dass es kein Weib ist.
    Der Leidende sehnt sich nach der Leidenden.
    Und er liebt seine Dschinne und vergisst alles - was um ihn vorgeht.
    Da stösst ihm die Tarub derb in die Seite.
    Und er schrickt zusammen.
    Die blauen Blumen am Ufer leuchten unter den grossen Bananen - unter den
dicken Stämmen der hohen Sagopalmen - wie die blauen Dschinnenaugen der Wüste.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Battany flüstert mit Abu Hischam.
    Und wie der Mond in voller Pracht erglänzt, landet man am Ufer.
    Man will das Grab des Abu Nuwâs besuchen - jenes grossen Dichters, der noch
zu Haruns Zeiten lebte und blutarm starb wie ein Lump - und der dann sehr
berühmt wurde, sodass seine Verse bald in Jedermanns Munde waren.
    Das Grab des Abu Nuwâs ist ganz mit gelben Rosen bedeckt - ganz mit gelben
Rosen.
    Gelb ist die Farbe des Königs - in Persien und in andern Ländern, die von
Bagdad nicht weitab liegen.
    »Abu Nuwâs!« murmeln jetzt die Männer, die des grossen Dichters Grab
besuchen.
    »Abu Nuwâs!« murmeln auch die drei Frauen.
    Die Pechfackeln der schwarzen Sklaven knistern und flammen hoch auf.
    Die Gesellschaft ist plötzlich ganz ernst und ganz still geworden.
    Suleiman liest mit leiser Stimme die Grabschrift, die auf einem kleinen
Alabasterblock mitten unter den gelben Rosen in zierlichen Schriftzügen zu lesen
ist.
    Abu Nuwâs hat sich die Grabschrift, die Suleiman leise liest, selbst
gedichtet.
»Leb doch, wies Dir grade passt!
Machst Dich nur dadurch verhasst!
Hast Du alles mal verprasst,
Kannst Du wirklich nichts mehr erben -
Darfst Du doch noch friedlich sterben:
Stirb nur! Selbst die Dichter sterben!«
Kodama räuspert sich und will was sagen, Battany kommt ihm aber zuvor.
    Battany sagt zum Safur, der wieder sehr ernst dreinschaut:
    »Lieber Freund, kannst Du uns nicht auch ein paar Verse zu hören geben? Du
bist heute so ernst - lass Dich nicht lange bitten.«
    Safur nickt und spricht nach einer Weile, in der nur die Fackeln knisterten:
»Du ruhst nun unter Rosen aus -
Oh, der Tod hat Dich befreit!
Und milder wird mein Schmerz um Dich,
Da ich weiss, Du fühlst kein Leid.«
Und Safur empfindet eine so gequälte Stimmung.
    Ihm ist, als täten ihm die Fingerspitzen weh. Sein ganzer Körper empfindet
so fein, dass er jeden Luftzug zu spüren glaubt.
    Er hört den Tigris leise rauschen.
    Und er hört in der Ferne wilde Tiere heulen.
    Und er sehnt sich nach einem Wesen, dem er mitteilen kann, wie er eigentlich
immer leidet - etwas Unerklärliches leidet, das die andern Menschen nicht
kennen.
    Ihm ist oft so, als sehne er sich nach einem Weibe, das er lieben kann.
    Aber er weiss, dass es solches Weib nicht gibt. Bei diesen Gedanken sieht er
drüben neben Said seine Tarub stehen - drollig ernst ... Und Safur muss lächeln.
Doch Battany spricht jetzt - auch sehr ernst:
    »Freunde! Ihr wisst, der grosse Philosoph Abu Hischam, der unter uns weilt,
wollte einen Gelehrtenbund gründen. Ich glaube, dieser Augenblick am Grabe des
grössten arabischen Dichters ist so schön und feierlich, dass wir dem Abu Hischam,
der ein kluger, tatkräftiger Mann ist, wohl eine Freude bereiten, wenn wir uns
hier am Grabe die Hand reichen und die Gesellschaft, die wir bilden, die
Gesellschaft der lauteren Brüder nennen. Ich hoffe, unser Kreis wird bald grösser
werden.«
    Und Alle reichten sich die Hände, sodass sie einen Ring um das Grab bildeten.
    Sehr drollig sahs zwar aus, dass auch die drei Frauen und der dumme Said im
Ringe waren.
    Doch die Gesellschaft machte trotzdem einen sehr feierlichen Eindruck.
    Den Mond umkränzten rötliche Wolken - In der Ferne am andern Ufer zuckte ein
bläuliches Licht auf - es blitzte -
    Die Fackeln knisterten und flackerten hell.
    Als sich die Hände der lauteren Brüder voneinander lösten, warf Abu Hischam
seine armenische Pelzmütze hoch in die Luft, worüber Alle lachten.
 
                                 Elftes Kapitel
Am nächsten Morgen segelten die Barken des Battany und des Said weiter stromauf
- zu den Eremiten.
    Man wollte auf Abu Hischams Wunsch zunächst den Eremiten die grosse Kunde vom
Bunde der lauteren Brüder überbringen.
    Abu Hischam schwamm in Seligkeit.
    Sein Herzenswunsch war erfüllt.
    Das Frühstück mundete den lauteren Brüdern sehr - sehr gut.
    Es gab Fleischpasteten und kalten Bratfisch, Pfirsiche, Oliven und
Weintrauben, afrikanische Schotentorte und Marzipan.
    Und man trank roten Kufa-Wein.
    Beim Wein erhitzen sich die Gemüter.
    Die lauteren Brüder waren nahe daran, sich zu zanken - zankten sich
wirklich.
    Sie zankten sich über ein paar Verse des Abu Nuwâs, was in der guten
Gesellschaft Bagdads zu jenen Zeiten durchaus nicht selten vorzukommen pflegte.
    Die Verse des Abu Nuwâs, die den Zankapfel bildeten, lauteten:
»Ich sagte einst zu einer kleinen Süssen,
In deren Hand ein Bündel von Narzissen:
Von Dir zu scheiden ist das Schändlichste der Welt!
Und sie: Viel schändlicher zu lieben ohne Geld!«
Die Stimmung ward sehr übermütig - derbsinnlich - zotig - nicht grade sehr zart
- im Gegenteil.
    Es hagelten die bösen Witze so dicht wie die Pfeile in einer Schlacht gegen
die Christenhunde und die anderen Ungläubigen.
    Die drei Weiber taten zuweilen so, als hielten sie sich die Ohren zu.
    Die Tarub bekam am meisten zu hören.
    Safur musste seinen ganzen Witz zusammennehmen, um sie zu schützen.
    Die beiden Dicken - Kodama und Osman - lachten, dass ihnen die dicken
Schweisstropfen über die dicken braunen Pustbacken rollten, die immer glänzender
zu werden schienen.
    Der alte Jakuby unter seinem helllila Turban kicherte wie ein verschämtes
Mädchen.
    Battanys Unterlippe wurde sehr dick.
    Said tat immer so, als verstände er alles - was einen sehr drolligen
Eindruck machte, wenn die Witze sich gegen ihn selber richteten.
    Ich will dieses Morgengespräch nicht näher beleuchten.
    Die Sonne stand sehr hoch.
    Der Prophet Abu Maschar achtete nicht auf das Gelächter der Andern, er hörte
sich mit dem alten Suleiman - mehr vorn in der Barke - die begeisterten
Erörterungen des Abu Hischam an, der wie gewöhnlich nicht müde wurde, über die
Ziele und Pläne des grossen Geheimbundes zu reden.
    Immer wieder klangen von des Philosophen Lippen die beiden Worte:
»Lautere Brüder!«
»Lautere Brüder!«
Währenddem sang die weisse Abla, die sich mit einem grossen weissen Federfächer
sorgsam vor den Strahlen der Sonne schützte, eine südarabische Volksweise, die
so recht in die angeheiterte Laune der »lauteren« Brüder hineinpasste.
    Abla sang mit heisser hoher Stimme:
»Wenn Du mich nicht mehr lieben willst,
So geh ich zum Kuppelweibe!
Wenn Du mich nicht mehr lieben willst,
So will ich Dich vergessen -
In wilder toller Brunst -
Bei Wein und Saitenkunst -
Da lieb ich, was ich finde -
Verschwinde nur! Verschwinde -
Wenn Du mich nicht mehr lieben willst.«
Und diese Verse hörten am Ufer auch ein paar Eremiten, die nur in die Einsamkeit
gezogen waren, um ihre Sinnlichkeit zu töten.
    Die lauteren Brüder landeten dann wieder, um den Eremiten »guten Tag« zu
sagen.
    Abu Hischam erzählte den Eremiten vom Bunde, denn die Eremiten waren fast
sämtlich grosse Gelehrte.
    Die alten gelehrten Einsiedler machten sehr grosse Augen, als sie die neue
Kunde vernahmen.
    Die Gesellschaft wurde gleich grösser.
    Und unter Battanys grossen Zelten gings wieder mal sehr hoch her.
    Als die Einsiedler, die nicht weitab wohnten, in ihren ärmlichen schmutzigen
Hütten den Lärm vernahmen, kamen sie gleich näher - und waren bei den lauteren
Brüdern ganz guter Dinge.
    Sie liessen sich gern in die neue Gesellschaft aufnehmen.
    Äusserlich sagten die Eremiten immer sehr gern »Ja!«.
    Was sie innerlich dachten, pflegten sie für sich zu behalten.
    Wenns nichts kostete, waren sie stets ohne Umstände für alles Mögliche zu
haben.
    Das wusste Abu Hischam - daher hatte dieser kluge Philosoph auch gleich zu
den Eremiten gewollt - - - er verstärkte durch die Eremiten seine Stellung.
    Es musste natürlich in der Absicht des schlauen Bundgründers liegen, die
Machtstellung des Battany nach Möglichkeit zu beschränken.
    Übrigens - Osmans Widerstand war sehr bald gebrochen, der Buchhändler wurde
der Geschäftsführer der Gesellschaft - und machte schliesslich ein ganz
vergnügtes Gesicht - zu verlieren war ja bei dieser gelehrten Gesellschaft
eigentlich garnichts.
    Ja - Osman und Abu Hischam lagen sich sogar sehr bald brüderlich in den
Armen und schwuren sich ewige Treue.
    Abu Hischam hatte allen Grund, mehr zu trinken als je - was er denn auch
sehr gründlich besorgte.
    Als der Vollmond über dem Tigris aufging, lag der grosse Philosoph Abu
Hischam, der grosse Gründer des Bundes der lauteren Brüder - wie ein Brett im
Grase - und trank nicht mehr - da er fest - sehr fest - schlief.
    Safur aber schlief nicht - der plauderte mit den Eremiten über die Freuden
des einsamen Lebens - und ihn überkams.
    Er wollte auch Eremit werden - er beneidete bereits seine neuen Freunde.
    Als er hörte, wie einfach die Mahlzeiten der Eremiten gewöhnlich zu sein
pflegten, verzogen sich allerdings seine Gesichtszüge und bekamen einen
verdrossenen Ausdruck.
    Nein - so weit war Safur noch nicht, dass er um des einsamen Lebens willen
auf ein verständiges Essen und Trinken hätte verzichten wollen - aber vielleicht
liess sich Beides vereinen.
    Und über dieses »Vereinen« dachte Safur sehr angestrengt nach.
    So schmutzig und zerrissen - wie die anderen Eremiten - wollte Safur auch
nicht herumgehen.
    So weit war er noch nicht, dass er sich um des einsamen Lebens willen im
Schmutz und Unrat hätte herumsielen wollen.
    Auch der Gedanke an das viele Ungeziefer der alten Einsiedler ward dem im
Äusseren sehr peinlichen Dichter - ein bisschen ekelhaft - eigentlich grässlich.
    Nein - Ungeziefer mochte er nicht.
    Da stiess ihm wieder die Tarub in die Seite - nicht derb - aber vernehmlich.
    Sie wollte ihn sprechen - allein.
    Und er entschuldigte sich bei den Einsiedlern, empfahl ihnen, sich neuen
Kufa-Wein zu holen - und - und folgte der Tarub - recht unlustig.
    Hinter blühendem Oleander ward die Tarub zu ihrem Dichter zärtlich.
    Der benahm sich jedoch anders als sonst - ganz anders.
    
    Und - und - wies immer zu sein pflegt - die Sprödigkeit reizte nur - stiess
durchaus nicht ab.
    Bagdads berühmte Köchin bat ihren berühmten Dichter fussfällig um Verzeihung
- sie flehte ihn an - weinte dabei.
    Was die Tarub nie getan - das tat sie jetzt - sie bettelte um seine Liebe -
und erzwang sie sich schliesslich - nicht grade gewaltsam - aber so ähnlich.
    Safurn überliefs wie kaltes Wasser.
    Er musste an Saids Mehlsäcke denken, die einst in Tarubs Küche einen so
drolligen Reiz in ihm erweckt ...
    Der Vollmond schien seiner Tarub hell ins Gesicht.
    Die Oleanderbäume dufteten.
    Man hörte dann Stimmen in der Nähe.
    Und die Tarub eilte hurtig davon.
    Und dem Safur war so zu Mute - wie einem Weibe zu Mute ist, dem ein Fremder
Gewalt antat.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Safur lag unter den Oleanderbäumen, starrte in den Vollmond und träumte -
von tiefer Einsamkeit - von einem Weibe, das nirgendwo lebt, das er sich nur
denkt - von einer andern Welt, in ders andre Frauen gibt als hier auf der Erde.
    Safur will auch einsam leben - ganz einsam - ganz allein - er will auf alles
verzichten und nur allein sein - alle seine Freunde kränken ihn nur; er ist es
müde, mit ihnen zu spassen - er will sie nicht mehr sehen.
    Und er ringt die Hände und stöhnt.
    Er möcht am liebsten gleich hier bleiben - in der Einsiedlerwelt -
    Da raschelt was neben ihm.
    Safur fährt auf und sieht eine grosse - Schlange.
    Die Augen der Schlange leuchten wie zwei Rubine.
    Der Leib der Schlange glitzert klebrig.
    Safur sieht - es ist eine giftige Schlange - und er springt an die Seite,
sieht im nächsten Augenblicke rechts neben den Oleanderbäumen in der Tiefe den
Tigris - und springt runter in die Flut. -
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Safur ist gerettet - er schwimmt langsam und sicher dortin, wo die Barken
liegen und die Lagerfeuer vor den Zelten brennen.
    Die Flammen der Lagerfeuer qualmen mächtige Rauchwolken in den Abendhimmel
hinein.
    Die glühenden Augen der Schlange starren aber unverwandt in die grosse gelbe
Mondscheibe.
    Die Schlange richtet ihren Oberkörper hoch auf und starrt mit ihren
glühenden Rubinaugen in den Mond - als wolle sie den vergiften.
 
                                Zwölftes Kapitel
Und nach vier Wochen stand der Vollmond über dem Mondtempel zu Hauran.
    Und im Mondtempel weilten Abu Maschar und Safur, Abu Hischam und Battany,
Suleiman und Jakuby.
    Die anderen lauteren Brüder waren auf Saids Barke mit den drei Frauen nach
Bagdad zurückgekehrt.
    Den beiden Dicken, Kodama und Osman, war die Reise nach Hauran zu
beschwerlich gewesen.
    Auch mochten sie einem »Fastenfest« nicht beiwohnen - ein Fest ohne Essen
nannten sie nicht ein Fest.
    Ein »Fastenfest« ward aber trotzdem in Hauran gefeiert.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Mondtempel ist ein Tempel der Ssabier.
    Die Ssabier sind nach der Meinung des Volkes Götzenanbeter - Heiden.
    Doch die Meinungen des Volkes sind ja niemals massgebend.
    Die Ssabier sind mehr, als sie scheinen.
    Ihre Religion ist ein Abglanz altbabylonischer und altassyrischer Kulte.
    Der Mondtempel zu Hauran ist Jahrtausende alt - eine alte träumende Ruine,
die wie eine sterbende Greisin von alter, alter Zeit erzählt - und Wunderdinge
weiss.
    Der Mondtempel wird hell vom Vollmond erleuchtet.
    Und in das Mondlicht flammen aus eisernen Schalen mächtig lodernde
Opferfeuer hinauf.
    Wohlriechendes Holz - zumeist Sandarakholz - wird in den eisernen Schalen
verbrannt, sodass der ganze Tempel und die ganze Umgegend des Tempels wundersam
duftet - wie die Nähe eines Gottes.
    Man fastet drei Tage und drei Nächte.
    Zu bestimmten Stunden erklingt an den Mauern und auf den Terrassen des
einsam und hoch gelegenen Tempels Musik - von Cymbeln, Flöten und
Saiteninstrumenten.
    Abu Maschar hat die lauteren Brüder hierher geführt, er spricht jetzt mit
einem grossen Priester, dessen langer schwarzer Bart nach assyrischer Sitte
sorgsam gekräuselt ist, sodass es aussieht, als bestände er aus lauter kleinen
runden Löckchen.
    Der lange weisse Kaftan ist mit goldenen Sternen übersät, die mit Goldfäden
hineingestickt sind.
    Über dem dunkelbraunen Gesicht des Priesters erhebt sich ein mächtiger
hellblauer Seidenturban mit sieben silbernen Vollmonden vorn über der Stirn. Die
mit Silberfäden gestickten Monde sind von verschiedener Grösse.
    Nur Männer, Jünglinge und Knaben weilen im Tempel - ein Weib darf den Tempel
nicht betreten.
    Und ein eintöniger Gesang tönt durch die Mondnacht.
    Die Gläubigen sitzen oder stehen - einzeln - nicht in Gruppen - sie dürfen
nicht miteinander sprechen - nur mit den sieben grossen Priestern dürfen sie
sprechen.
    Die sieben grossen Priester sehen sich im Äussern fast gleich - tragen
sämtlich den assyrischen Bart, den Sternenkaftan und den hellblauen Mondturban.
    Jakuby macht sich fortwährend Notizen.
    Suleiman und Battany hocken in einer grossen Grotte, die der Mond nur zur
Hälfte erleuchtet.
    Abu Hischam wandelt vor der grossen Tempelpforte auf dem grossen Opferplatze
unruhig umher und erzählt jetzt dem einen der grossen Priester von dem
Geheimbunde der lauteren Brüder.
    Der Priester hört ernst zu und sagt dann mit grossen Augen:
    »Euren Bund nennt Ihr einen Geheimbund? Und Ihr sprecht doch zu allen
Menschen von diesem Geheimbund? Ihr wisst ja noch garnicht, was ein Geheimbund
ist.«
    Unwillig wendet sich der Priester ab.
    Abu Hischam sieht ihm verblüfft nach.
    Der Gesang verhallt, es wird ganz still - nur die Opferfeuer knistern.
    Unheimlich still ist es.
    Auf einer der höchsten Terrassen, die den grossen Mondtempel umkränzen, neben
einem uralten Götzenbilde spricht der allgewaltige Oberpriester Tschirsabâl mit
dem Dichter Safur.
    In der Tiefe an der Umfassungsmauer entlang zieht langsam eine feierliche
Prozession vorüber, der ein offener leerer Sarg vorangetragen wird.
    Fackeln beleuchten die Prozession, und Tempeldiener schwingen die alten
Räuchergefässe an langen Stangen.
    An vielen alten Götzenbildern zieht die Prozession vorüber - die alten
starren Steingesichter der Götzen scheinen sich zu beleben, wenn der leere Sarg
langsam vorüberzieht.
    Und Safur schaut von der Tempelterrasse in die mondbeglänzte arabische
Wüste, in der die wilden Dschinnen hausen.
    Tschirsabâl, ein Riese, der fast zwei Köpfe grösser ist als der durchaus
nicht kleine Dichter, sagt zu diesem, während er mit seiner mächtigen breiten
Brust tief aufatmet:
    »Atmest Du noch immer die schwüle Pestluft der Sinnlichkeit? Woran dachtest
Du?«
    Safur erschrickt, besinnt sich einen Augenblick und spricht dann hastig:
    »Nein - nein - ich glaube - ich atme nicht mehr die schwüle Pestluft der
Sinnlichkeit. Ich sehnte mich nur. Ich sehnte mich allerdings - nach einem
Weibe. Aber diese Sehnsucht hatte nach meiner Meinung nichts mit Sinnlichkeit zu
tun - wirklich nichts. Denn, versteh mich nur, das Weib, nach dem ich mich
sehne, lebt noch nicht, ist noch nicht geboren, wird wahrscheinlich nie geboren
werden. Sieh, ich sah so lange da in die Wüste hinein und glaubte zuletzt eine
wilde Dschinne zu sehen mit schwarzem Gesicht und blauen Augen. Ich bilde mir
jetzt fast schon ein, dass diese Dschinne wirklich irgendwo lebt - und ich liebe
diese Dschinne - lieben will ich nicht sagen - das Wort lieben ist zu oft
missbraucht - es sagt mir zu wenig - doch Du verstehst mich ja - atme ich
Pestluft?«
    Tschirsabâl schüttelt den Kopf und erwidert sanft:
    »Nur die gewöhnliche Sinnlichkeit der tierisch lebenden Menschen erzeugt
Pestluft. Wir müssen anders als die Tiere leben. Nicht ein Weib darf das Ziel
unsrer Sehnsucht sein. Die Gotteit müssen wir lieben.«
    »Die Gotteit?« fragt Safur.
    »Ja - den einzigen grossen wahren Gott«, versetzt der Priester, »den müssen
wir lieben. Die Götter und Götzen der Erde sind nur die Vermittler zwischen dem
Menschen und dem Einzigen, dessen Namen wir nicht unnütz aussprechen sollen.
Aber -« und hier wird die Stimme des Priesters etwas heiser, »wir sollen den
grossen Gott, der die ganze Welt umschliesst, wirklich lieben - mit allen Nerven
und mit allen Muskeln, die wir haben. Und wisse - - - der Allgott offenbart sich
in unsrem besten Freunde - und - ja - im Freunde - sollen - wir - den - Gott -
lieben - noch mehr - anders als menschlich lieben. Ja - Du hast Recht - das Wort
lieben genügt nicht, wenn wir die wahre grosse Leidenschaft bezeichnen wollen, in
der Alles untergeht, die Alles verschlingt - die nur die ewige Vereinigung mit
dem Geliebten will - die daher auch nur ihre ganze Befriedigung - im Tode - im
Letzten - finden kann. Die grossen Priester der Erde dürfen nicht lieben wie die
gewöhnlichen Menschen, sie dürfen nur den grossen Gott lieben - und ihn sollen
sie lieben im besten Freunde! Safur, versteh mich! Vielleicht hörst Du meine
Worte nicht noch einmal. Vielleicht sterbe ich in der nächsten Stunde, und
Niemand sagt Dir mehr, was es heisst - Sehnsucht nach der ewigen Vereinigung mit
dem grossen Gott haben und sterben - sterben wollen - sterben müssen, weil man
nur lebt, um sich ganz auflösen zu können in dem, den man mehr liebt als Alles!
Denk nach, ob Du nicht auch so sterben willst! Denk nach! Safur! Nur im Tode
wirst Du selig werden. Nur der Sterbende hat Alles - und mehr als Alles!«
    Und der gewaltige Riese zittert am ganzen Körper, seine Augen glühen, sein
Atem keucht wie der Atem eines blutdürstigen Tieres, das sein Opfer sieht ...
    Tschirsabâl stürmt mit grossen Schritten davon und verschwindet in einem
dunklen Gange.
    Safur bleibt fast starr zurück.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In der Tiefe des Tempels - ganz tief - tief unter den Grabkammern - da
befindet sich ein stiller Saal - der Opfersaal.
    Da ist es sehr kalt.
    Den Boden bedecken feine Alabasterplatten, in die viele alte Zeichen und
Figuren hineingegraben sind. Einzelne Stellen des Alabasterbodens in den Ecken
des Saales sind mit Keilschrift bedeckt.
    Und die Wände des Opfersaales bestehen aus blauem Lapis lazuli.
    Auch die Wände sind mit alten Bildern und mit Buchstaben bedeckt - die
letzteren sind schweres Gold.
    Die Decke ist ganz von Silber.
    Ganz mit Silber beschlagen sind auch die grossen breiten Tragbalken der
Decke.
    Das Silber ist aber nicht blank, an manchen Stellen ist es sogar ganz
schwarz.
    Sehr kalt und sehr leer sieht der Saal aus.
    Und schrecklich still ist es da unten.
    Und da unten kommen jetzt die sieben grossen Priester zusammen.
    Die blauen Turbane werfen die Priester hastig in die eine Ecke des
viereckigen Saals.
    Das Haar der Priester ist auch nach assyrischer Sitte gekräuselt - nicht
kurz geschoren - wie das Hauptaar der Araber in Bagdad ...
    Dann aber betreten den Saal sieben Knaben - mit langen, nicht gekräuselten
Locken - und in gelben Seidengewändern.
    Die Knaben sind gross und schlank.
    Ihre Haltung ist schlaff.
    Ihre schwarzen grossen Augen glühen aber, als wenn sie Entsetzliches sähen.
    Ihr Gesicht sieht so wächsern aus, als hätten sie schon lange nicht mehr das
Tageslicht erblickt.
    Der Opfersaal wird nur spärlich von kleinen grünen Flämmchen erleuchtet, die
an den Wänden in kleinen Ölschalen brennen.
    Das grüne Licht macht den Saal noch unheimlicher.
    Den Knaben sträuben sich zuweilen die Haare.
    In der Mitte des Saales steht auf einem eisernen Gestell eine längliche, mit
himmelblauen Türkisen verzierte Wanne, in der auch ein sehr grosser Mensch
vollauf Platz haben würde.
    In der Wanne ruhen vierzehn grosse Perlen, die sich in der Form ganz gleichen
- nur in der Farbe verschieden sind.
    Die eine Perle ist schwarz.
    Das ist die Todesperle.
    Die vierzehn im Opfersaal versammelten Menschen treten an die Wanne und
greifen langsam gleichzeitig hinein und nehmen behutsam, ohne hinzusehen, eine
Perle heraus.
    Dann heben sie die Perle empor.
    Die schwarze Perle ist in den Fingern des grössten Knaben, der viel schöner
aussieht als die andern.
    Ein grässlicher Schrei schallt durch den stillen Raum.
    Tschirsabâl schrie - - - der Knabe, den er am meisten liebt, der sein bester
Freund ist, der Knabe hat die Todesperle in den Fingern - der muss sterben.
    Und der Oberpriester heult - wie ein wildes Tier.
    Die andern Priester zittern.
    Die Knaben weinen leise, ihre Augen werden noch grösser.
    Die sieben grossen Priester des Mondtempels zu Hauran haben sich nach uralter
Sitte einen furchtbaren Schwur geleistet - sie wollen sterben, wenn sie die
schwarze Todesperle in die Finger genommen haben.
    Und die sieben Knaben, die zum Teil schon älter sind, haben denselben Schwur
geleistet wie die Priester.
    Doch die Knaben dürfen, wenn sie den Schwur geleistet, nie wieder mit andern
Menschen zusammenkommen. Nur mit den sieben grossen Priestern dürfen sie
zusammenkommen.
    Das Menschenopfer ist ein alter heiliger Brauch. Der Vierzehnte wird immer
geopfert.
    Ausser denen, die den Schwur leisteten, weiss kaum ein einziger Mensch, dass im
Tempel zu Hauran Menschen geopfert werden. Mit grösster Vorsicht wird jeder
Neugewählte eingeweiht. Nur diejenigen, die den Tod ernstaft suchen, werden
gewählt.
    Die Priester wissen, dass die Macht der Ssabier gebrochen ist, und sind darum
schon stets bereit, sich opfern zu lassen.
    Ja - die vierzehn Menschen, die da unten im Opfersaal versammelt sind, haben
sämtlich eine wahnsinnige Lust am Opfer - sie sehnen sich nach dem Tode - - -
aus übergrosser Liebessehnsucht ward die Todessehnsucht geboren.
    Die furchtbarsten Lustgefühle durchrasen jetzt - diese vierzehn Menschen da
unten, die im besten Freunde den Gott sehen und mit ihm zusammen in den Tod
gehen wollen.
    Doch es bereitet ihnen eine grausame grässliche Wollust, dass sie nicht zu
gleicher Zeit sterben, dass sie nacheinander sterben und über jeden gestorbenen
Freund mit wahnsinnigen Qualen - herfallen - wie die Hyänen über die Leichen
herfallen.
    Die feinsten gebildetsten Menschen sind die Priester, sie fühlen die
feinsten Dinge - sie wissen so Vieles, das Niemand je geahnt.
    Und die Knaben sind womöglich noch feiner.
    Aber diese feinen Nerven sind ein Fluch für die feinen gebildeten Menschen.
Sie »leiden« - durch diese feinen Nerven - und müssen sich daher immer nach dem
Tode sehnen, im Tode den Erlöser sehen - müssen sich noch mehr quälen - das
Grässlichste und Entsetzlichste ist für die feinen Nerven eine Art Beruhigung.
Der ungeheuer grosse Schmerz soll die kleinen Schmerzen vernichten.
    Die Vierzehn wollen immer ihren besten Freund töten, weil sie ihn lieben.
Und sie wollen sich auch von ihrem besten Freunde töten lassen aus Liebe. Das
ist verrückte Liebe - ein grossartiger Wahnsinn!
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Eines hätte die Armen von der Todessehnsucht erlöst - ein unaufhörliches
grosses Kunstschaffen, das immer wieder auf Riesenwerke sinnt.
    Doch das lag ihnen natürlich meilenfern.
    Und so schlachteten sie sich gegenseitig ab.
    Und - ja - wer beschreibt, was da unten im Opfersaal vorgeht?
    Mit wahnsinniger Verzückung lässt sich der dem Tode verfallene Knabe die
Adern öffnen, und die Andern füllen ihre goldenen Becher mit dem Blut des Knaben
und trinken das Blut.
    Und dann küssen Alle den blutenden Knaben - mit einer wahnsinnigen Gier, dass
dem Knaben der Atem ausgeht - dass der Knabe erstickt wird.
    Und dann stösst der Riese Tschirsabâl seinem besten Freunde das heilige
Steinmesser in die Brust und kreischt, kreischt - grässlich ist das Gekreisch.
    Und dann legen sie den Toten in die Wanne, machen ein Feuer unter der Wanne
und schneiden aus dem Körper des Knaben grosse Fleischstücke mit ihren heiligen
Messern heraus - und dann verschlingen sie die Fleischstücke - mit wahnsinniger
Verzückung.
    Sie glauben, sie nähmen die Gotteit in sich auf.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Und nach dem Mahl schleichen Alle davon, und ihre Augen strahlen Fieberglut
aus.
    Wenn sich die Priester dem Volke wieder zeigen - dann erschrickt das Volk -
es weiss sich die furchtbaren Gesichter der grossen Priester nicht zu erklären.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Auf der Terrasse und in den Grotten des Tempels verteilen jetzt Tempeldiener
Brot und roten Wein.
    Das Brot hat die Form eines Menschenkindes.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Tschirsabâl erscheint wieder oben auf der Terrasse, auf der Safur weilt.
Safur empfängt eben den Wein und das Brot - trinkt - trinkt - isst - isst - und
sieht dann den Priester.
    Der Dichter sieht das entsetzte Gesicht des Riesen, denkt aber gleich, dass
er ihn froh begrüssen muss - der Priester lebt ja noch.
    Und Safur will stürmisch den Priester umarmen, schreit laut und lachend:
    »Nun wollen wir leben! leben!«
    Doch der Riese taumelt zurück und ruft dem lebenslustigen Dichter mit
furchtbarer Stimme ein einziges Wort zu - »Esel« heisst das einzige Wort.
    Und dann verschwindet Tschirsabâl hinter dem nächsten Gebüsch - er starrt
entsetzt in den Mond und flüstert:
    »Mond, sei mein bester Freund! Menschen find ich nicht mehr! Töte mich! Töte
mich! Ich halts nicht mehr aus!«
    Und er schlägt lang hin.
    Und der blaue Turban fällt in ein Myrtengebüsch.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Indes - als nun abermals vier Wochen ins Land gegangen sind, spielt sich wieder
in Tarubs Küche was ab.
    Die Tarub steht vor dem Herde und starrt ins Feuer - ihr braunes Gesicht ist
ganz rot - und ihre schwarzen Augen flackern noch heftiger als die Flammen des
Herdfeuers.
    Der berühmten Köchin rollen über die geröteten Wangen ein paar grosse dicke
Tränen.
    Die harte Tarub ist jetzt ganz weich.
    Safur blieb acht volle Wochen fort ...
    Das war eine lange lange Zeit.
    Jetzt aber soll Safur wiederkommen - er hats geschrieben - noch heute kommt
er.
    Bei Allah - die Tarub freut sich.
    Sie löst sich vor Rührung fast auf.
    Sie wäscht sich schon zum fünften Mal Hände und Gesicht, obwohl sie
eigentlich den ganzen Tag nichts tat.
    Und sie trocknet sich ab mit einem Handtuch, in das sie einst ein paar Verse
hineinstickte - Verse, die ihr lieber Safur ganz besonders für sie gedichtet
hatte.
    Auf dem Handtuch steht:
»So hell und rein wie Gold und Wein
So ganz voll Glanz
Muss Küche, Herd und alles sein.«
Die Tarub liest das wieder - sehr andächtig, blickt dann in der Küche rum und
sieht, ob alles in Ordnung.
    Sie schmunzelt - alles ist gut.
    In den Kruken und Töpfen stecken duftende dunkelrote Rosen.
    An die hundert dunkelrote Rosen hat die Tarub in ihrer Küche verteilt.
    Die Messingkessel funkeln.
    Der rote Ziegelboden blitzt beinah - so sauber ist er gescheuert.
    In den kupfernen Eiskübeln taut das Eis - tropfend.
    Der Pumpenschwengel ist mit frischem Lorbeer bekränzt.
    Und es will Abend werden.
    Tarub dreht sich langsam um und sieht - ihren Dichter endlich wieder.
    Stürmisch fällt sie ihm um den Hals - und weint.
    Sie weinen Beide zusammen.
    Zwischen den Beiden scheint wieder alles - so gut zu sein - so gut!
    Jetzt merkt ihnen Keiner an, dass sie sich mal zankten - dass sie ihn mal
kränkte mit Milch und er mal ihre Liebe verschmähen wollte.
    Dichter und Köchin sind wieder ganz ein Herz und eine Seele - - -
    Wies dunkel geworden, zündet die Tarub acht kleine Öllämpchen an - zur
Erinnerung an die acht Wochen der Trennung.
    Na - Safur ist auch gerührt -
    Sie essen Beide.
    Sie trinken Beide.
    Wies ihnen schmeckt - nein - das ist kaum zu sagen - fast zu schön.
    Beide wieder - ein Herz und eine Seele.
    Nun gehts ans Erzählen.
    Er erzählt ihr Alles.
    Und er schildert ihr das Fastenfest.
    Die Tarub schauert zusammen - was Fürchterlicheres als »hungern« kennt sie
nicht.
    Wie Jemand freiwillig hungern kann, vermag sie nicht zu verstehen.
    Und als nun Safur von dem grossen Oberpriester Tschirsabâl erzählt, wird sein
Ton immer heftiger.
    »Denk Dir, Tarub«, ruft er zornbebend, »weisst Du, wie mich der Esel nannte?«
    »Nein, ich weiss nicht!« erwidert die Tarub.
    Doch gleich darauf schreit der Dichter:
    »Esel hat er mich genannt - Esel!«
    Die Erregung der Beiden ist anitzo nicht von Pappe.
    Safur vermag sich garnicht über den frechen Kerl zu beruhigen, der es wagte,
den feinsten Kopf von ganz Bagdad, den geistreichsten Dichter der Araber, einen
Esel zu schelten.
    »Hätt ich nur meinen alten Dolch gehabt!« sagt leiser der kluge Safur, »ich
hätte ihm schon bewiesen, wie man in Bagdad frechen Hunden zu begegnen weiss.
Aber der Kerl war ja zwei Köpfe grösser als ich. Mit blossen Händen konnt ich doch
nichts gegen ihn machen.«
    »Siehst Du!« versetzt da so recht ernst die Tarub, »warum trinkst Du immer
soviel? hättest Du nicht soviel getrunken, so hättest Du damals nicht den Dolch
versetzt und hättest Dir das von diesem alten Priester nicht gefallen lassen
brauchen!«
    Diese Bemerkung beruhigt den Safur grade nicht - Ermahnungen sind ihm sehr
sehr lästig.
    Er zieht daher verächtlich lächelnd seinen neuen Dolch hervor, der noch
schöner und noch länger ist als der alte.
    Den neuen Dolch hat ihm der Battany geschenkt.
    Safur schimpft dann auf die Priester im Allgemeinen, während die Tarub den
Dolch bewundert.
    Er nennt das Fastenfest einen lächerlichen Schwindel, eine grosse Albernheit,
eine Narretei, hinter der nichts - garnichts dahinter sei.
    Er ist wütend über das Wichtigtun der ssabisschen Priester - über ihre
albernen Geheimnisse, in denen alles, was unklar und verschwommen ist, eine
Heimstätte fand.
    Dem aufgeklärten Bagdader Dichter ist die Religion eigentlich in jeder Form
verhasst.
    Er hat eine Abneigung gegen alles Halbverstandene und Verschwommene im
Gefühlsleben.
    Er will das Gefühlsleben immer ganz klar durchschauen - jede Schwelgerei im
Unklaren ist ihm unangenehm.
    Er lehnt sich in längeren Reden gegen die Unklarheit und gegen das
Verwaschene auf - sodass der Tarub, die natürlich nichts von alledem versteht,
die Geschichte schon langweilig zu werden beginnt - was sie ihm denn auch gleich
ein bisschen zu verstehen gibt.
    Na - das gefällt ihm wieder nicht - nein - das verwundet ihn sogar - er ist
verletzt und verstummt -
    Eine ganze Masse von Empfindungen stürmt auf ihn ein - sodass er garnicht
weiss, was alles erregend auf ihn einwirkt.
    Er hat eine aus sehr vielen Empfindungen zusammengesetzte Stimmung, die er
nicht klar durchschauen kann.
    Dass er trotz seiner langen Rede über das Ungebildete im Unklaren wieder mal
selber nicht klar sehen kann und sich demnach auch ungebildet vorkommt - das
ärgert ihn noch mehr.
    Er merkt, dass er sich mit der Verdammung der verschwommenen und verwaschenen
Empfindungen eigentlich selber ins Fleisch schnitt.
    »Eigentlich«, sagt er daher still zu sich, »ist es ein bisschen unsinnig, die
Empfindungen, die wir nicht gleich ganz scharf zu durchschauen und zu
zergliedern vermögen, zu verdammen. Bei den Priestern zu Hauran spielen
sicherlich sehr viele geschlechtliche Geschichten mit, ohne dass sich die
Andächtigen bewusst werden, dass sie in ihrem andächtigen Getue hauptsächlich
wieder vom Geschlechtstriebe bewegt werden, dessen unerbittliches protzenhaftes
Sichbreitmachen sie grade vernichten wollen. Aber - so unklar die Empfindungen
der Andächtigen auch sein mögen - die Empfindungen sind doch sehr stark. Ja -
ich muss sogar zugeben, dass alle klar zu zergliedernden Stimmungen nie eine so
grosse Kraft besitzen - fast gar keine Kraft dagegen besitzen. Die kräftig auf
uns einwirkenden, die überwältigenden Empfindungen sind niemals klar zu
durchschauen. Die Verdammung des Unklaren schliesst auch eine Verdammung der
grossen, mächtigen Stimmungen in sich - - - Und das geht denn doch nicht - - -
Das Grosse darf man nicht verdammen. Ob das Grosse durch Mitwirkung
geschlechtlicher oder halbkranker Geschichten entsteht - - oder nur durch grosse,
edel genannte Geschichten entsteht - das ist ja ganz gleich.«
    »Was ist gleich?« fragt nun gereizt die Tarub, die nur Safurs letzte fünf
Worte vernommen, da der Dichter das übrige nicht laut ausgesprochen hatte.
    Und ihre Frage bringt ihn aus dem Text.
    Zum dritten Mal wirkt die Tarub unangenehm auf ihn - an einem Abend dreimal
unangenehm - das ist unerhört.
    Und er schaut sein Weib an - nicht freundlich, aber doch forschend -
aufmerksam.
    So gern möcht er wissen, was ihm eigentlich an seiner Köchin so unangenehm
ist, wieder ne unklare Sache!
    Doch bald nickt er mit dem Kopfe.
    Er weiss. Ihr fehlt die geistige Regsamkeit, die Fähigkeit, etwas Geistiges,
Gedankliches zu verstehen - ihr fehlt, was nach seiner Meinung allen Weibern
fehlt.
    Der Geist fehlt seiner Tarub - darum ist sie ihm unangenehm.
    Darum kann er sie nicht lieben, wie er sie lieben möchte.
    Er empfindet plötzlich ganz klar, dass er ein Weib überhaupt nicht lieben
könnte.
    Die Weiber reizen ihn nur zum Lachen oder zur Wollust - zur Liebe nie.
    Das ist grade keine sehr erquickende Erkenntnis.
    Er denkt wieder an die Dschinne, die ihm an jenem Morgen über der
Morgensonne erschien.
    Und er sehnt sich nach Liebe.
    Und nun wird die Tarub noch wieder zärtlich.
    Manche Augenblicke der Lust sind doch sehr merkwürdig - sehr merkwürdig.
    Safur kommt sich später noch unklarer vor - muss erst weinen über sich und
dann wieder lachen.
    Die Tarub merkt von seinen Gemütsbewegungen nichts - glaubt, ihm sei nicht
wohl.
    Er aber - er - der grosse Dichter - ihm fällt plötzlich ein, dass er ja noch
in Tarubs Küche weilt, in der dunkelrote Rosen duften und acht Öllämpchen
brennen.
    Und in der Küche gibts ja noch so viel zu essen.
    Und drum will er wieder essen -
    Drob freut sich Bagdads berühmte Köchin - sie gibt ihm eine grosse Aalpastete
und Wein aus Bassora.
    Er isst und trinkt.
    Er zerschneidet die Pastete mit dem Dolch, steckt die Dolchspitze immer in
ein kleines Stück und führts so zierlich zum Munde.
    Die Tarub sieht ihm freundlich zu.
    Er denkt an die grossen unklaren Stimmungen, die so eng verbunden sind mit
Leid und Liebe - mit allen möglichen ewigen Qualen - mit den Qualen der
Empfindlichkeit.
    Aber die Empfindlichkeit kommt vom vielen Empfindenwollen.
    Safur denkt an alles dieses - und kaut.
    Und beim Kauen werden ihm seine Gedanken verworren.
    Er will schliesslich seine Gedanken los sein.
    Er trinkt und kaut - kaut Aalpastete - kaut - kaut.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Die Sterne verblassen.
    Es wird Morgen.
    Die lauteren Brüder schlafen und träumen.
    Aber sie sind nicht zu Hause oder - wo sie sonst des Nachts zu sein pflegen.
    In Saids Garten liegen die lauteren Brüder.
    Da schlafen sie - da träumen sie.
    Denn Said will ein Morgenfest geben.
    Und ein Morgenfest beginnt in Bagdad immer mit Schlaf und Traum.
    Die Gäste kommen nachts in das Haus des Gastgebers, legen sich schweigend
auf breite Sänften, schlafen da schnell ein - und werden dann behutsam in den
Garten hinausgetragen - wo sie bis zum Aufgang der Sonne weiterschlafen.
    Nachts werden sehr viel Umstände gemacht.
    Die Sklaven schleichen mit kleinen Lämpchen im Garten herum und passen auf,
dass die Schläfer nicht - von Schlangen, Fröschen, Kröten, Regenwürmern und
andrem menschenfeindlichem Gewürm belästigt werden.
    Selbstverständlich wird in solcher Nacht auch sehr viel Räucherwerk
verbrannt.
    Der Araber hat eine sehr fein gebildete Nase -
    Und wenn schlafende Araber was Feines riechen, kriegen sie feine Träume.
    Battany mit seinen sieben Freunden, Said selbst und der junge, als Trunken -
und Witzbold berühmt gewordene Geograph Hamadany - das sind die lauteren Brüder,
die nun in Saids Garten träumen - man will die glückliche Rückkunft derer, die
den Mondtempel zu Hauran besuchten, feiern.
    Kodama und Osman haben deshalb ein halbes Schock berüchtigter Sängerinnen
mitgebracht - natürlich, ohne dem geizigen Said was davon zu sagen.
    Die Sonne geht wieder überm Tigris auf - sehr dunkelrot - mit vielen
dunkelroten Wolken ...
    Sie ist aber kaum mit dem vierten Teil ihrer Scheibe sichtbar geworden, so
erhebt sich in Saids Garten ein ohrzerreissender Gesang - die Sängerinnen tun
ihre Schuldigkeit.
    Ein keusches Lied singen sie freilich nicht - was sie singen, wird für
gewöhnlich nur in den schmutzigsten Gassen von Alt-Bagdad gesungen - in jenen
Gassen, in denen man mehr seine Börse als sein Herz in Acht nehmen muss - - -
    Doch Osman und Kodama lachen aus vollem Halse - als sie das - Lied hören.
    Nicht so lustig wie die Dicken erwachen die Andern.
    Namentlich Said - der weiss vor Schreck nicht, was er sagen soll.
    Die Andern wissen zuerst nicht, wo sie sind - sie schaun sich ängstlich um.
    Wie sie ganz wach sind, verstehen sie bald ihre Lage.
    Battany findet zuerst die Sprache wieder - er verwünscht das Geheul der
Weiber - in den kräftigsten Ausdrücken.
    Die Dicken lachen aber.
    Safur hat Magenschmerzen und ist daher auch sehr ärgerlich - ausserdem ist er
noch müde.
    Die Andern haben eigentlich auch noch nicht ordentlich ausgeschlafen.
    Das Morgenfest fängt schön an.
    Auch in Bagdad ist es nicht allemal ein Vergnügen, ein üppiges Fest
mitzumachen.
    Dem Said bereitet der Gesang das allergrösste Missbehagen - er weiss: die
dreissig Sängerinnen werden ihn mehrere Weinschläuche kosten - - - und er hoffte
diesmal grade so recht billig wegzukommen.
    Said verzweifelt.
    Er weiss sich nicht zu helfen.
    Es mag kommen, wies will - er muss immer mehr zahlen, als er wollte.
    Die Unverschämteit der beiden Dicken grenzt in seinen Augen ans
Grenzenlose.
    Said beneidet seine Gäste, die alles umsonst haben, während er für das
kleinste Vergnügen immer gleich ein Vermögen opfern muss.
    Saids Gäste waschen sich mit Saids kostbarsten Seifen und salben Haupt und
Brust mit Saids kostbarsten Ölen.
    Und dann werden die Weinbecher bis zum Rande mit Wein gefüllt - und jeder
Gast giesst seinen ganzen vollen Becher in den Garten - begrüsst dabei die Sonne
und spricht ein paar persische Worte, die er selber nicht versteht ...
    Das ist das Sonnenopfer!
    Den Said wurmt das - aber es ist nun mal Sitte - und Sitte bleibt Sitte.
    Die Perser haben in Bagdad noch immer sehr viel zu sagen.
    Ja - die reichen Leute - die verstehens - sich zu ärgern - die armen Hunde
ärgern sich nicht halb soviel wie die reichen - Gastgeber.
    Doch die Sonne! - bei Allah! - die ist so herrlich - so göttlich - so gross -
dass der Ärger der lauteren Brüder bald verdunstet wie der Nebel auf den Blumen
und auf den Blättern der Bäume, auf den Rasen und auf dem bunten Fliesengetäfel
der Fusswege ...
    Wie die Mädchen verstummen, wird in goldenen Gefässen seltenes kostbares
Zuckergebäck herumgereicht.
    Und darauf gibts Fleisch in würfelförmig geschnittenen Stücken - teils
gebraten - teils gekocht - Hammel, Rind und Hühner ... aber viele viele Pfunde.
    Man isst mit dem Dolch.
    Und man trinkt dazu den Wein in grossen Zügen - ein Morgenfest soll immer in
grossen Zügen gefeiert werden.
    Aber - die Stimmung lässt sich denn doch nicht zwingen.
    Wohl verdunstete der Ärger der Meisten, doch die gute Laune kam darum noch
nicht auf.
    Die Sonne der Heiterkeit wollte nicht aufgehen - wollte nicht.
    Das hatte so seine Gründe.
    Da war zuerst das schiefe Gesicht der beiden Reichen - des Battany und des
Said ibn Selm - deren Gesicht wirkte ansteckend.
    Als reiche Leute dachten Beide wie alle reichen Leute - die da meinen, sie
müssten überall geniessen und schwelgen, weil sie doch was »besitzen« - - - als
wenn der Besitz ein unbeschränktes »Recht« auf den Genuss gäbe ...
    Fühlten sich die Beiden als Gastgeber - und als solche fühlten sie sich
eigentlich stets - so glaubten sie, sie müssten noch viel mehr geniessen können -
viel mehr als ihre Gäste - die waren doch nur ihretwegen da.
    Die guten reichen Leute taten so, als müsste ihre Gutmütigkeit ihre
Genussfähigkeit erhöhen - was doch reiner Unsinn ist, da bekanntlich nur grosse
Bildung genussfähig macht.
    So - oder so ähnlich dachte Safur, als er grade mit den beiden reichen
Leuten vernünftig reden wollte.
    Am Reden ward er leider durch seine Magenschmerzen verhindert - er hatte
doch in der Nacht allzu viel Aalpastete gegessen.
    Das Fastenfest mochte auch Schuld an den Magenschmerzen haben.
    Ja - das Fastenfest!
    Jakuby konnte sich über den Muiullempel zu Hauran garnicht beruhigen - er
erzählte den beiden Dicken von den Priestern und den Götzen so viel, dass bald
Alle dem alten Geographen zuhörten - auch die dreissig Sängerinnen und Saids drei
Köchinnen - der junge Hamadany ebenfalls, da er noch nüchtern war.
    Jakuby schilderte besonders eingehend die Selbstgeisselung einiger Jünglinge,
die sich mit schweren Ketten den Rücken zerschlugen und sich mit Steinmessern
grässlich verwundeten und so fürchterlich schrieen und sich die fürchterlichsten
Brandwunden beibrachten. Der eine Jüngling hielt sich, als er auf einem Fusse
stand, die brennende Fackel unter der Sohle des andern Fusses ...
    Die dreiunddreissig Frauen kreischten bei diesen Erzählungen so entsetzlich,
dass mans geradezu als Erholung empfand, wie sie wieder ein paar abgedroschene
Lieder sangen.
    Osman und Kodama freuten sich auch jetzt wieder - sie waren in so gereizter
Stimmung, dass ihnen der Ärger der Andern das einzige Vergnügen zu bereiten
schien.
    Ganz Bagdad schien sich in gereizter Stimmung zu befinden.
    Es lag so was vom wilden Tier in der Luft - so was Grausames.
    In den acht Wochen, in denen Battany mit Safur, Suleiman, Abu Hischam, Abu
Maschar und Jakuby nach Hauran reiste - hoch zu Kamel mit seinen Mongolen und
seinen Schwarzen - in diesen acht Wochen hatte sich manches Unangenehme in
Bagdad begeben.
    In der Chalifenburg hatte man sich mit dem Bunde der lauteren Brüder in sehr
gereizter Stimmung beschäftigt.
    Der Chalif tobte wie ein toller Hund, als er von dem Geheimbunde hörte.
    Ach - mit dem Chalifen Mutadid wars schon damals nicht ganz richtig, er litt
am Verfolgungswahn - in der Nacht erschien ihm immer ein weissgekleideter Geist
mit einem langen weissen Bart und einem langen weissen Dolch.
    Wenn der Geist dem Chalifen erschien - dann konnten sich seine Diener die
Hände schütteln - einem von ihnen gings dann an den Kragen.
    Der Chalif verstand keinen Spass - er liess gleich den Henker holen - seinen
dicken Henker, der immer stolz in roter Seide durch die Paläste der Chalifenburg
wandelte und mit rollenden Augen um sich schaute.
    Der Chalif sagte in letzter Zeit nicht mehr, warum er Jemanden köpfen liess.
    Er liess nur seine sämtlichen Hofleute zusammentreten, deutete mit dem linken
kleinen Finger auf den, dessen Haupt ihm am besten gefiel - und danach konnten
die Andern abtreten.
    Die Henkersknechte banden den Auserwählten mit festen Stricken, drückten ihn
auf einem Lederkissen auf die Kniee, der dicke Henker in der roten Seide holte
weit mit seinem krummen Säbel aus - und ein blutiger Kopf rollte über den
Teppich ...
    Nach diesem Schauspiel ging der Chalif ganz beruhigt wieder schlafen.
    Aber diese nächtlichen geheimen Schauspiele, bei denen eigentlich nur der
verrückte Chalif unbeteiligter Zuschauer war, wirkten doch auf die Hofbeamten
sehr aufregend.
    Und die Aufregung der Hofleute übertrug sich bald auf die ganze Stadt.
    Man veranlasste den Chalifen, alle möglichen neuen Gesetze zu erlassen, um
seine Aufmerksamkeit von seiner nächsten Umgebung abzulenken.
    Es konnte ja wirklich garnicht mehr ein Vergnügen genannt werden, ein Diener
am Hofe des allmächtigen Chalifen Mutadid zu sein.
    Bagdads Chalifenburg war damals die gefährlichste Gegend von ganz Bagdad.
    Wohl dem, der da nichts zu tun hatte.
    Diese Zustände in der Chalifenburg und ihr Einfluss auf den Bund der lauteren
Brüder bildeten den Mittelpunkt des Gesprächs in Saids Garten.
    Man trank langsamer.
    Die Sängerinnen und Köchinnen wurden vernachlässigt und dadurch auch
gereizt.
    Safur, der sonst so vorzüglich zu vergessen versteht, kann heute seine
Magenschmerzen nicht vergessen.
    Said vergisst den Dicken die Sängerinnen nicht, die obendrein noch sehr
anmasslich tun und die ganze Gesellschaft wahrlich nicht für die geistige Krone
Bagdads halten.
    Der junge Hamadany erzählt nun noch von dem schlechten Eindruck, den die
lauteren Brüder auf die Tofailys machen.
    Und das schlägt dem Fass den Boden aus.
    Abu Hischam kriegt einen Hustenanfall - so laut hat er gleich auf die
Tofailys geschimpft.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das ist ein so recht missglücktes Fest.
    Stimmung kommt überhaupt nicht mehr auf.
    Und doch duften die Rosen so wunderbar.
    Und die Riesenveilchen duften noch mehr.
    Und der Wein ist so vortrefflich.
    Das hilft aber alles nichts.
    Der Chalif wird immer verrückter.
    Und selbst den Reichsten kann es schlimm ergehen.
    Mutadids Henker spasst nicht.
    Die lauteren Brüder werden betrunken, sie küssen die Sängerinnen und machen
dadurch die drei Köchinnen eifersüchtig.
    Was ist der Schluss?
    Die Weiber fangen an, sich zu prügeln.
    Man kann sie kaum trennen.
    Die Sklaven müssen die Sängerinnen mit Gewalt zurücktreiben.
    Die drei Köchinnen sind in grösster Gefahr gewesen.
    Die Sailóndula hat eine breite Kratzwunde über der Stirn.
    Der Abla hat man das hellblaue Beinkleid ganz mit Wein begossen.
    Und der Tarub blutet der ganze Kopf.
    Das ist ein sehr erquickendes Morgenfest!
    Die beiden Dicken können lachen.
    Alle haben sich gründlich geärgert.
    In den grellsten Misstönen schliesst das Fest.
    Man geht in der denkbar schlechtesten Stimmung auseinander.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Nach einigen Tagen ist wieder alles anders.
    Plötzlich ist wieder zu viel Stimmung in der Gesellschaft der lauteren
Brüder.
    Die meisten Brüder wollen Bagdad verlassen - da man sich in der Nähe der
Chalifenburg nicht mehr sicher fühlt.
    Es liegt auf einmal sehr viel Reisefieber in der Luft.
    Auf dem Karawanenplatz geht es ungemein lebhaft zu.
    Dort ist jetzt der eigentliche Mittelpunkt von Bagdad.
    Vor Osmans Bücherbuden, die sich auf der nördlichen Seite des
Karawanenplatzes befinden, stehen fast immer Neugierige, die was von den Büchern
der lauteren Brüder sehen - und auch kaufen möchten.
    Osman macht vortreffliche Geschäfte.
    Kodamas Buch »Über die Kugelgestalt der Erde« wird sehr viel gekauft.
    Auch Abu Hischams »Zweifler« findet einige Käufer. Jakubys »Buch der Länder«
findet viele Leser, wird aber seltener gekauft, das zu umfangreich und demnach
zu teuer ist.
    Die Gebildeten Bagdads - namentlich die Koranstudenten - - sprechen mit
grosser Hochachtung von dem Bunde der lauteren Brüder, obschon die Tofailys ihr
Mögliches tun, dem Bunde zu schaden.
    Der nichtswürdige AI Rumy hat bereits eine Schmähschrift über die lauteren
Brüder geschrieben, in der diesen die ekelhaftesten Geschichten nachgeredet
werden.
    In einzelnen Weinkneipen, in denen die Tofailys das grosse Wort führen,
erregte die Schmähschrift grosses Aufsehen.
    Gerüchte über eine bevorstehende Verfolgung der Brüder trugen aber dazu bei,
dass man von dem neuen Gelehrtenbunde mit viel mehr Achtung sprach, als den
Tofailys lieb sein konnte, die natürlich nur giftig waren, weil sie nicht an der
Spitze des Unternehmens standen.
    Buchtury hatte daher auch den Versuch gemacht, einen »Bund der treuen
Männer« zu gründen. Doch von diesem Bunde hörte nach seiner Gründung kein Mensch
wieder was.
    Osman zeigte ein sehr vergnügtes Gesicht. Alles ging ihm nach Wunsch.
    Er stand sehr bald an der Spitze des Bundes der lauteren Brüder, und das kam
vornehmlich seinem dicken Freunde Kodama zu Gute, der täglich berühmter wurde
und eine grosse Gespreizteit in seinem Wesen zur Schau trug.
    Osman wohnte in der Nähe der Chalifenburg in einem alten, sehr gut
eingerichteten Hause.
    An einem sehr heissen Morgen steht der dicke Schreiber zu Hause zwischen
Kisten und Kasten, die mit allerhand Arten Papier gefüllt sind und spricht
lebhaft mit zwei Chinesen.
    Die Chinesen in fein mit Blumen gemusterten, braunroten Seidengewändern
zeigen dem Schreiber neues chinesisches Papier und erläutern die Vorzüge
desselben.
    Osman ist entzückt, er wird immer erregter und setzt dabei den Chinesen
auseinander, wie wichtig für den gesamten Buchhandel die Herstellung eines
billigeren Papiers sei - er brauche zu viel Papier!
    Man plaudert auch über die Vorzüge und Mängel der »Rollenform«, in der die
Bücher herausgegeben werden.
    Der eine Chinese ist der Meinung, dass man die langen Papierstreifen auch
kneifen und in eine »Lattenform« bringen könnte - diese Bücher in »Lattenform«
würden sogar handlicher sein.
    Und dann zeigen die Chinesen dem arabischen Schreiber ein paar bunte
Zeichnungen, die sie aus ihrer Heimat mitbrachten - Drachen, Tempel, krause
Wolken und viele Krieger mit grossen Schwertern und buschigen Augenbrauen.
    Die beiden chinesischen Kaufleute wirken in ihren ruhigen bedächtigen
Bewegungen so angenehm auf den dicken bequemen Osman, dass der die chinesischen
Zeichnungen für drei recht schwere Goldstücke ankauft.
    Ausserdem erklärt er den fremden Herren mit den schief geschlitzten Augen,
dass er sie gerne öfters sprechen würde, lädt sie ein, erzählt vom Bunde der
lauteren Brüder, vom Chalifen und von den »dünneren« Papierarten - von diesen
letzteren bestellt er gleich eine ganze grosse Kiste, denn er weiss, dass die
Chinesen, die auf Dschunken nach Bagdad kommen, viel billiger das Papier liefern
können als die Perser, die das Papier auf dem Landwege über Indien beziehen.
    Osman bemerkt garnicht, dass die Chinesen Eile zu haben scheinen, er erzählt
ihnen noch so viel von den neuen Lederkapseln, in denen die besten seiner Bücher
aufbewahrt werden, zeigt ihnen noch so viele neue Bücher über Sternkunde, über
Alaun, Vitriol, Salmiak und andre Stoffe, dass den gelben Herren ganz schwindlig
wird.
    Mit grösster Hochachtung vor der Bildung der Araber entfernen sich die beiden
Herren mit den schief geschlitzten Augen - höflich sagen sie noch dem überaus
liebenswürdigen Schreiber, dass sie beim Chalifen von Peking nie so huldvoll
aufgenommen seien wie beim grössten Schreiber von Bagdad.
    Wie die gelben Chinesen weg sind, fängt der dicke Osman an, ganz ernstaft
über die Zukunft des Papiers nachzudenken.
    Währenddem schreiben im grossen Schreibersaale Osmans Schreiber mit
verdoppelter Sorgfalt - denn Jakuby, Kodama und Safur sehen ihnen zu.
    Weit über dreissig Schreiber beschäftigt der dicke Osman.
    Sie schreiben mit langen feinen Haarpinseln auf vortrefflichem
Baumwollpapier.
    Sie tauchen die Pinsel immer sehr vorsichtig in kleine weisse Kruken, in
denen sich dünnflüssige chinesische Tusche befindet.
    Osmans Bücher sind sämtlich mit köstlicher Sorgfalt geschrieben.
    Die Buchstaben verbinden sich in geschmackvollster Art - mit feinen
Schnörkeln.
    Die Schreiber sind die reinen Künstler - sie malen mehr, als sie schreiben.
    Das wissen sie, sie sind drum auch ganz gehörig stolz und sehr sauber
gekleidet - fast so sauber wie Osman, der in seinen braunen baumwollenen
Beinkleidern und mit seinem braunen baumwollenen Jäckchen und mit seinem weissen
Leinenzeuge auf der Brust und auf dem Kopf so fein wirkt wie ein schön
geschriebenes Buch ...
    In Osmans Hause herrscht musterhafte Sauberkeit, auf keinem der vielen
Bücher ist ein Stäubchen zu sehen.
    Und Niemand staunt über diese musterhafte Reinlichkeit so wie Safur - der
ist nahe daran, im Reinemachen den Zweck des ganzen Lebens zu sehen.
    Safurs Stimmung wird bei Osman immer saubrer.
    Kodama sieht unter seinem gelben Turban aufmerksam einem jüngeren Schreiber
auf die Finger.
    Jakuby hat seinen lila farbigen Turban abgenommen und streichelt seinen
glatt rasierten braunen Schädel mit der linken Hand - der Schädel sieht auch
riesig sauber aus.
    Im Schreibersaal ist es sehr ruhig.
    Lauter gehts im Hofraum zu, der auf allen vier Seiten von verdeckten
Wandelgängen eingerahmt wird, die auf der Mauerseite in hohen Spinden unzählig
viele Bücherrollen zeigen. Die Spinde sind in verschieden grosse Fächer geteilt.
    Nach dem Hofraum zu, dessen Boden ganz mit bunten Fliesen bedeckt ist - in
deren Mitte ein kleiner Springbrunnen plätschert - sind die Wandelgänge offen.
    Ein paar leichte geschnitzte Holzsäulen dienen den Dächern als Stütze. Neben
der einen Holzsäule, an ders schattig ist, auf einem Teppich sitzt Abu Hischam
und spielt wieder mit seiner armenischen Pelzmütze.
    Der junge Geograph Hamadany und der junge Geschichtsschreiber Abu Hanifa -
Beide mit weissen Turbanen auf dem Kopf - und mit schwarzseidenen Kaftanen
bekleidet - sitzen dem Philosophen gegenüber.
    Der junge Abu Hanifa hat »Die Geschichte des Chalifen Motawakkil« von
Baladory, der vor einigen Wochen starb, auf dem Schosse und verbreitet sich
eingehend über die Vorzüge des alten Baladory, der als Historiker jedenfalls die
erste Stelle in Bagdad einnahm.
    Aus Abu Hanifas wohlgesetzter Rede geht deutlich hervor, dass er jetzt der
erste Historiker Bagdads werden möchte - er will auch über die Chalifen
schreiben - aber über alle - und dabei durchblicken lassen, dass eigentlich alle
Abbassiden - mit Ausnahme Mamuns - nicht ganz bei Verstande waren, sodass man
sich über den blödsinnigen Mutadid garnicht zu wundern brauche.
    Die Rede findet bei Abu Hischam sehr viel Anklang, er unterbricht sie mit
den derbsten Witzen - der Chalif hätte den Philosophen sofort köpfen lassen,
wenn er ihn hätte reden hören.
    Doch Hamadany setzt dann etwas auseinander, das dem Philosophen mit der
Pelzmütze weniger behagt.
    Hamadany hat ein Buch von Abu Hodail Hallâf auf dem Schoss und beweist dem
Abu Hischam, indem er verschiedene Stellen wörtlich vorliest, dass Abu Hodail
Hallâf vor fünfzig oder sechzig Jahren bereits alles das geschrieben hat, was
Abu Hischam in seinem Buch »Der Zweifler« vor drei oder vier Jahren schrieb.
    Der Philosoph wird daher sehr wütend.
    Aber Hamadany ist unerbittlich in seiner Beweisführung.
    Die Unterhaltung wird natürlich sehr laut geführt.
    Hamadany lässt es an boshaften Bemerkungen nicht fehlen, weist auch auf den
Titel hin, den Abu Hodail Hallâf für seine Arbeit wählte - die nannte nämlich
der alte Schriftsteller »Der Zweifel« - die merkwürdige Verwandtschaft mit dem
Titel, den Abu Hischam für seine Arbeit wählte, der dieselbe »Der Zweifler«
nannte, reizt den jungen Hamadany zu nichtswürdigen Betrachtungen, über die
natürlich Abu Hischam fast aus der Haut fahren will.
    Indes - gefolgt von Said und Suleiman, betreten nun Abu Maschar und Al
Battany den Hof. Der Letztere sagt sehr laut, sodass Abu Hischam und Hamadany ihr
unerquickliches Gespräch gleich abbrechen:
    »Lieber Abu Maschar! Du scheinst die Verhältnisse in der Chalifenburg
durchaus nicht zu kennen. Wir werden tatsächlich verfolgt und sind nicht unsres
Lebens sicher. Du kennst doch meinen Freund, den allmächtigen Ssabier Tabit ibn
Quorrah, der in der Chalifenburg mehr zu sagen hat als der Vezier - und weisst
Du, was mir Tabit schreibt - da lies! Er schreibt, er könne uns nicht mehr
schützen und bäte uns, in drei Tagen Bagdad zu verlassen und nicht vor
Jahresfrist wiederzukommen!«
    Abu Maschar liest und schüttelt den Kopf und meint ganz ruhig:
    »Ein Ort ist genauso sicher wie der andre. Ich bleib hier. Mir wird Niemand
was tun.«
    Battany zuckt die Achseln.
    Auch Kodama, Jakuby, Safur und Osman sind auf den Hof gekommen.
    Alle lesen den Brief des allmächtigen Tabit ibn Quorrah.
    Und Alle kriegen nun das Reisefieber in heftigster Form.
    Nur Osman will dableiben, er hält sein Leben nicht für gefährdet, da er zu
viel einflussreiche Freunde in der Chalifenburg zu haben glaubt.
    Said und Suleiman wollen auch in Bagdad bleiben - der Erstere, weil er seine
Güter nicht im Stich lassen möchte - der Letztere, weil er unter allen Umständen
auf Saids Kosten leben möchte.
    Abu Maschar bleibt natürlich aus reiner Halsstarrigkeit, er sagt:
    »Ich kann ebenso leicht auf der Reise getötet werden wie in Bagdad. Wir
können überall sterben. Dem Tode werden wir doch nicht fortlaufen können. Und
einmal müssen wir doch Alle sterben. Die Furcht vor dem Tode ist lächerrlich.«
    »Und Du ebenfalls!« brüllt ihm Battany zu, der schon gereizt wird, wenn er
den Propheten bloss ein Wort sagen hört.
    Der Prophet schweigt nun.
    Die Andern aber, die Bagdad verlassen wollen, entwickeln ihre Reisepläne -
ihnen kommt der Brief des Tabit ibn Quorrah im Grunde genommen garnicht
ungelegen - der Brief ist ihnen eigentlich höchst angenehm.
    Das Reisefieber liegt ja grade in der Luft -
    Es ist auch wieder mal eine entsetzliche Seuche im westlichen Stadtviertel,
wo die armen Leute wohnen, ausgebrochen ...
    Battany will nach Indien.
    Abu Hischam gedenkt, nach Persien zu wandern.
    Safur sehnt sich plötzlich nach Ägypten.
    Hamadany wäre gern in Byzanz.
    Kodama wählt die bequeme Karawanenstrasse nach Mekka und beabsichtigt, dort
längere Zeit zu bleiben.
    Jakuby geht nach Nordafrika.
    Abu Hanifa möchte nach Südarabien.
    Alle wollen in der Welt vom Bunde der lauteren Brüder erzählen - der Bund
soll ein Weltbund werden!
    Osman streckt dem Safur und dem Abu Hischam bereitwillig Geld vor.
    Eine prächtige Zukunft leuchtet vor Aller Augen auf. Safur ist froh, für
einige Monate von der Tarub befreit zu sein.
    Das Reisefieber lässt die lauteren Brüder nicht mehr los.
    Jetzt gehts in die grosse Welt - in die grosse Welt - man weiss sich vor
Seligkeit garnicht zu lassen.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Die indischen Teppiche sind so weich - der Fuss versinkt darin wie in einer
grünen Wiese.
    Und Al Battanys Fuss versinkt auch in diesen indischen Teppichen.
    Diese Teppiche ruhen aber in dem Palaste eines indischen Nabobs, der in der
Nähe von Benares wohnt.
    Schon achtmal hat sich der Mond gerundet - und achtmal ward er wieder
verdunkelt - seit die lauteren Brüder Bagdad verliessen.
    Die Christen schreiben bereits das Jahr 894.
    Die Zeit eilt.
    Der Astronom Al Battany ist ganz betäubt von den gewaltigen Eindrücken
seiner Reise.
    Ihm ist zu Mut, als hätt er zum ersten Mal das Hochgebirge - oder als hätt
er zum ersten Mal das ewige unermessliche Meer geschaut.
    Indien ist viel reicher, grösser und tiefer - als er je gedacht.
    Ihn erdrückt fast der Reichtum, der ihn umgibt. Und er fühlt es jetzt erst -
wieviel die Araber den Indern verdanken - - - Bagdad wäre ohne Indien nur ein
ganz gewöhnliches Wüstendorf. Der Astronom vergisst beinahe vollständig das, was
die Araber von den andern, auch höher entwickelten Völkern haben.
    Indien wird dem Al Battany zum Paradies.
    Und der Blick des Gelehrten wird immer stolzer - ihm ward so viel Ehre
zuteil.
    Indische Gelehrte und indische Fürsten haben den grossen Astronomen mit einer
Ehrfurcht begrüsst, als wenn er als Feldherr Alle besiegt hätte - nicht als käme
er als einfacher Mann zum heiligen Ganges.
    Battany wäre noch viel glücklicher gewesen, wenn er das schäumende Wasser
seiner Eitelkeit mehr eingedämmt hätte ...
    Aber - er hatte auch zu viel Triumphe gefeiert.
    Eine Gesandtschaft aus Peking war sogar gekommen, um Bagdads grössten
Gelehrten zu begrüssen - vor dem hatte sich ein Dutzend vornehmster Chinesen so
schrecklich tief verbeugt.
    Die Chinesen teilten dem Battany mit, dass bereits der Chalif von Peking vom
Bunde der lauteren Brüder gehört habe und dass Er - der Sohn der Sonne - der
gelehrten Gesellschaft die herzlichsten Glückwünsche übersende.
    Und die chinesische Gesandtschaft überreichte dem Araber eine mit
Edelsteinen besetzte Kassette, in der sich viele kleine Kunstwerke aus
Elfenbein, Ebenholz und Perlmutter befanden.
    Und die Glückwünsche des Chalifen von Peking hatte Battany sofort mit den
Brieftauben, die ihm Osman übergeben, nach Bagdad gesandt; Osman konnte
gleichfalls sehr vergnügt sein.
    Und wie sich Battany ein wenig heimisch fühlt, speist er zur Nacht bei
seinem fürstlichen Freunde mit dreihundert andren Gästen in einem riesengrossen
Saale.
    Die andren Gäste sind Araber aus Benares, Brahminen und indische Gelehrte.
    Ein paar tausend Sklaven bedienen.
    Die Zahl der Gerichte ist nicht zu zählen.
    Battany ist nun ganz und gar geblendet durch diese fürstliche Pracht.
    Er denkt an Saids Abendgesellschaften und muss lächeln.
    Nach dem Mahle geht man hinaus auf die hoch gelegene Parkterrasse.
    Und dort bietet sich den Gästen ein wirklich berückender Anblick dar, der
jedes Auge berauschen muss.
    Der grosse Park ist erleuchtet - aber wie!
    Tausend und aber tausend bunte Papierampeln glühen und brennen zwischen den
Blumen - durch das Grün der Bäume.
    Wie Diamanten glühen und brennen die Ampeln - wie Rubine, Saphire, Smaragde.
    Der Nabob gibt ein grosses Garten- und Lampenfest. Blumenmädchen - ganz mit
bunten Blütenketten umhüllt - wandeln langsam hintereinander mit knisternden
Pechfackeln in wohl berechneten Kurven über den Kies der Gartenwege.
    Und im Hintergrunde flackern riesige Flammen empor - rote und grüne -
bengalische Flammen.
    Und neben den Springbrunnen puffen von Zeit zu Zeit mächtige Pulverhaufen in
die Luft - die Pulverflammen schlagen blitzschnell - unheimlich - wie
Geisterfäuste - in den dunklen Sternenhimmel hinein.
    Der Mond steht über den Kuppeln und Türmen von Benares wie eine grosse
Riesenkirsche.
    Der funkelnde Glanz der Sterne wird fast verdunkelt von der indischen -
Lichtkunst.
    Battany und die arabischen Hauptleute sind nun tatsächlich geblendet.
    Ein indischer Nabob ist doch zu reich - er kann mehr bieten als Bagdads
Chalifenburg.
    Ein junger indischer Gelehrter wendet sich jetzt lächelnd an den gefeierten
arabischen Gelehrten.
    Verschmjetzt sieht der gelbe Inder in Battanys braunes Gesicht, dreht immer
seinen langen schwarzen Schnurrbart und erklärt umständlich, dass ihm die
Bedeutung der ganzen Astronomie sehr unverständlich sei - »denn« - so sagt er
zum Schluss - »wir sehen die Sterne doch nur mit unsrem Auge, und mit den Fingern
können wir sie nicht greifen. Was wir aber nur mit unsrem Auge sehen, das ist
zunächst nur wirklich für unser Auge da - obs ausserhalb unsres Auges was
Daseiendes ist, können wir gar nicht wissen. Dass die Sterne da oben grosse Welten
sein sollen, vermag ich daher nicht zu glauben - ich glaube - da oben gibt ein
junger Gott seinen Freunden ein Lampenfest - das Fest wird bald zu Ende sein -
denn einzelne Sterne verlöschen bereits. Bedenke nur! Für einen jungen Gott sind
hunderttausend irdische Nächte - eine einzige himmlische Nacht. Die Wandelsterne
sind Blumenmädchen mit Fackeln ...«
    Der Inder blickt den Battany forschend an - der aber steht so steif da, dass
der Araber einem fast leid tun könnte - er hat ja nichts verstanden.
    Schnurrbartdrehend wendet sich der indische Gelehrte schliesslich ab - ärgert
sich natürlich nicht wenig, dass er seinen Witz vor einem dummen eingebildeten
Araber verschwendete.
    Hierauf spricht ein alter Brahmine mit dem Astronomen - - - Der nimmt sich
jetzt furchtbar zusammen, er will nicht wieder nachher - vergeblich nach Worten
suchen.
    Eine wunderbare Musik tönt aus dem erleuchteten Garten in die Sternennacht
empor.
    Der Brahmine spricht von den Ssabiern, das bekannt geworden, dass Battany
auch ein Ssabier ist - was sein Ansehen sehr erhöht.
    Und der Araber kann antworten - er erzählt von Hauran - von Tabit ibn
Quorrah und von Tschirsabâl.
    Auch andre Brahminen hören zu und sprechen mit.
    Man redet bald über die Religion im Allgemeinen.
    Die in arabischer Sprache geführte Unterhaltung wird sehr lebhaft.
    Ein sehr alter Brahmine, dessen weisser Bart fast bis zur Erde reicht, ist
der Meinung, dass die Lehre Mohammeds den grossen Religionen nicht beizuzählen
sei, da diese Lehre die Aufklärung und die Freigeisterei in gefährlicher Weise
fördere - Mohammed habe nur eine Ketzerreligion geschaffen - ihre einfachen,
viel zu verständigen Formen seien nicht fürs Volk - das Volk wisse nur mit
»vielen« Göttern und mit einem umständlichen Kulte was anzufangen.
    Battany staunt und muss dem zustimmen - erklärt dabei, dass man sich in Bagdad
um Mohammeds Lehre selbstverständlich sehr wenig kümmere.
    »Das weiss ich«, erwidert drauf der alte Priester, »ich habe die Erfolge und
Misserfolge der verschiedenen Religionen durch ein langes Leben mit sehr
aufmerksamem Auge verfolgt. Die Lehre Christi hat schon viel mehr für sich als
die Lehre Mohammeds. Die christlichen Priester haben eben viel mehr gelernt und
viel mehr den älteren Religionen entnommen - die christlichen Priester haben
nicht den grossen Allgott in die Mitte ihrer Lehren gestellt - sie haben auch den
Nebengöttern und den tieferen Gedanken der älteren Religionen eine Bedeutung
eingeräumt. Natürlich - - verstanden hat ja kein einziger Christ - die älteren
Religionen - - - doch merks nur! - das schadet nicht allzuviel - die neuen
Religionen entstehen immer nur dadurch, dass einzelne Menschen, die das religiöse
Feuer in den Adern haben, die älteren Religionen missverstehen. Nur das
rücksichtslose Nichtverstehenwollen oder das harmlosere Nichtverstehenkönnen -
verwerflich. Missverständnisse aber - die schaden ist nicht so sehr. Religionen
sind ja nicht dazu da, von den Menschen verstanden zu werden ... Und der Erfolg!
- Oh, glaube mir! Das Klarverständliche und das Vernünftige - das hat immer nur
einen sehr geringen Erfolg. Man darf doch nicht vergessen, dass die Menschen viel
viel häufiger unvernünftig und unverständig denken - als vernünftig und
verständig. Das Vernünftige ist den Menschen garnicht das Natürliche - das
Unvernünftige viel mehr. Warum hat Mani nicht denselben Erfolg wie Christus -
warum hat Mazdak nicht denselben Erfolg wie Christus gehabt? Ich glaube - nur
weil die Jünger dieser Beiden zu gebildet waren - Christi Jünger hatten ihren
Meister viel mehr missverstanden, sie waren keine klaren Köpfe, weil sie soviel
religiöses Feuer in sich hatten. Dieses allein hat ihnen aber nicht den Erfolg
verschafft - sondern ihre Fähigkeit, alles so misszuverstehen und so unklar zu
sagen, dass es dem Fassungsvermögen des gemeinen Volkes nicht fremd erschien -
das hat den Jüngern Christi den Erfolg verschafft. Ja - ja - ich weiss das
alles!«
    Der Inder streichelt zärtlich seinen langen, weissen, fast die Erde
berührenden Bart und lächelt - lächelt - wie ein Greis lächelt.
    Al Battany will nun wissen, was die Religion eigentlich will. Der Alte wird
ernst und spricht weiter - wie für sich - so dumpf und so verächtlich:
    »Aufklärung willst Du! Aufklärung! Ein echter Schüler Mohammeds bist Du! Ein
Mann der aufgeklärten Wissenschaft - ein Feind der Religion! Kennst Du Buddha? -
nein, Du kennst ihn nicht. Er war auch ein Ketzer - aber nicht ein so schlimmer
Ketzer wie Du. Ich wundre mich, dass Du Dich Ssabier nennst. Die ssabisschen
Priester haben Dir wohl nur den Eintritt in ihren ersten Vorhof gestattet - wo
das Volk verweilen muss. Hör doch, Battany! Das Denken führt doch nie zur vollen
Klarheit - führt doch überhaupt nie zur Klarheit - - - wenn Du gründlich denkst,
wird Dir das Klarste unklar werden. Du aber denkst nicht gründlich. Das Denken
führt nicht zur Klarheit - das war nie so. Aufs Verstandenwerden müssen daher
die weisen Priester verzichten - selbstverständlich! Man kann doch höchstens nur
- missverstanden werden. Mit dem Missverstandensein muss man zufrieden sein. Ja -
ja - ich weiss das alles!«
    Der Brahmine murmelt danach unverständliches Zeug und geht fort - die Inder
machen ihm Platz und verbeugen sich vor dem Greise - sehr tief verbeugen sie
sich.
    Battany wird unwillig und will nun von einem Andern wissen, was die Religion
eigentlich will.
    Wie da die Inder überlegen lächeln!
    Doch ein sehr fein gekleideter Inder, der dem Gespräch bisher schweigend
zugehört, antwortet dem Battany folgendermassen:
    »Gelehrter Freund! Ich verstehe Deine Neugierde. Lass mich Dir antworten! Du
wirst mich ja ebenfalls nur missverstehen - doch vielleicht sag ich Dir, was Dir
näher kommt! Ich bin kein Priester und denke daher anders. Bist Du nicht der
Meinung, dass die gebildetsten Menschen der Erde grade infolge ihrer Bildung
schliesslich eine übergrosse Empfindlichkeit in sich zur Ausbildung kommen lassen?
Oh, ja - ja! Und wenn sich diese Empfindlichkeit steigert, wird sie zur grössten
Qual - erzeugt einen Zustand, der immer unerträglicher wird und zuletzt nach
entsetzlichen Beängstigungen, grauenhaften Träumen und wilden Wutausbrüchen -
einen Abscheu vor dem Leben gebiert. Oh, ja - ja! Um die Empfindlichkeit und die
darauf folgenden Qualen zu vernichten - dazu sind die Religionen da - das wollen
die Religionen den Gebildeten sein - wir haben sie drum auch nötig. Dem Volke
soll aber die Religion nur ein Mittel sein, das von ganz gemeinen Leiden erlöst
- die Religion fürs Volk kann daher aussehen, wie sie will - sie darf sich nur
nicht so trocken wie die Lehre Mohammeds geben. Jedes Mittel zur Vernichtung der
durch die verfeinerte Bildung erzeugten Seelenqual - gehört ins Gebiet der
Religion. Ob man betet oder dichtet, ob man Tempel baut oder Bilder meisselt -
das ist im Grunde ziemlich gleich - doch - es ist schlimm - Du verstehst mich
wohl auch nicht - nein?«
    Battany schüttelt betrübt den Kopf.
    Er - der grosse Astronom - steht plötzlich vor so vielen neuen Rätseln und
Fragen, dass er fast heftig werden möchte.
    Als wenns nicht am Sternenhimmel genug der Rätsel gäbe.
    Er sagt daher sehr kurz, dass er durchaus nicht geneigt sei, alle Rätsel der
Erde aufzulösen - er klammre sich zunächst nur an die für ihn begreifbaren Dinge
- die ferner liegende, »grössere« Rätselwelt müsse für ihn noch unsichtbar
bleiben - er wolle sich nicht verwirren lassen.
    Währenddem tanzen aber dicht unter der Terrasse hundert der schönsten
Bajaderen den langsam bewegten Schneckentanz.
    Die Bajaderen sind ganz nackt.
    Ihre gelben, wunderbar schlanken Glieder biegen sich in entzückenden Kurven,
roter Fackelschein macht sie bunt.
    Die Blumenmädchen stehen mit ihren Fackeln im Kreise rum und beleuchten den
Tanz.
    Battany ist ganz starr.
    Der Tanz ist berauschend.
    Wein wird herumgereicht.
    Ein Sufy setzt dem arabischen Astronomen auseinander, wie viele Millionen
von Käfern und Schmetterlingen bei solchem Lampenfest einen qualvollen Tod
finden - wie viele kleine feine Flügel dabei verbrannt werden.
    »Ein ewiges Sterben«, meint der Sufy, »geht durch die Natur. Der Tod ist
überall da. Und man wird nur geboren, um qualvoll leidend den Tod zu finden -
man stirbt eigentlich vom ersten Augenblick seiner Geburt an. Deshalb sollen wir
keine Kinder zeugen, die Frauen nie berühren. Das Heiligste, was wir tun können,
ist das, was die Menschen, dies nicht kennen, das Unnatürliche nennen - während
dieses Unnatürliche doch grade den feiner entwickelten Menschen als Pflicht von
der leidenden Natur auferlegt wird. Hier hast Du den Kernpunkt aller Religionen.
Erinnre Dich nur an die Ssabier!«
    Battany hört nicht hin.
    Er ist berauscht von den Bajaderen, die verwirren ihn.
    Und in ganz ausserordentlicher Erregung wandelt er, nachdem der Tanz vorüber,
mit den andern Gästen des indischen Nabobs zu dem Schauspielhause, in dem ein
Schauspiel von dem fein gekleideten Inder aufgeführt wird, der so fein von der
Empfindlichkeit und der Qual aller Gebildeten zu sprechen wusste - und den
Battany auch nicht verstand ...
    Den Gästen wird mit Riesenfächern kühle Luft zugewedelt.
    Ein Festzug bewegt sich zum Schauspielhause hin - prächtige dicke Elephanten
schreiten würdevoll voran.
    Und die goldenen und silbernen Gewänder der Inder glitzern im Fackelschein.
    Die Waffen der Araber glitzern ebenfalls.
    Ein fürstlicher Kleiderprunk macht sich protzig breit.
    Die Blumenmädchen leuchten mit ihren Fackeln.
    Die Sängerinnen singen.
    Der Vollmond steht am Himmel in trüben Dunstwolken dicht über Benares, in
dem die Pest wütet, der stündlich Hunderte von Menschen zum Opfer fallen.
    Der heilige Ganges fliesst langsam und träge auch an den Gärten des grossen
Nabobs vorbei, in dessen Reich die Pest nicht eindringt.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Kodama jedoch - der sitzt in Mekka und freut sich anders seines Lebens als
der Battany.
    Kodama isst Mekkas beste Rindskeulen auf und trinkt roten Wein dazu -
eimerweise.
    Dem dicken Geographen ist in Mekka so recht behaglich zu Mute. In jedem
Weinkeller ist der Dicke Stammgast.
    Und es gibt sehr viele Weinkeller in Mekka.
    Die christlichen und jüdischen Weinwirte sprechen von Kodama mit einer
Hochachtung - fast mit derselben, mit der Battany vom griechischen Dionysos
spricht.
    Der gemütliche Dicke geht auch gern auf Abenteuer aus - denn den ganzen Tag
und die ganze Nacht nichts Anderes tun als Trinken, Schlafen und Essen - das
geht ja nicht.
    Und wenn der grosse Herr aus Bagdad mit den schönen schwarzen Pluderhosen,
mit dem kurzen Sammetrock und dem gelben Turban - mit seinem ganzen schweren
Leibe und mit dem glänzenden braunen Mondgesicht auf Abenteuer ausgehen will, so
wendet er sich zunächst in die grosse Moschee, in der einst der Prophet so gern
zu weilen beliebte.
    In der Moschee befinden sich nämlich stets einige hübsche Mädchen, die vor
Liebesgram vergehen möchten. Diese Mädchen liebt der dicke Kodama.
    Er mag sie nämlich so gern trösten.
    Um das zu können, nimmt er sie mit in den tiefen Weinkeller, der nicht
allzuweit ab von der Kaaba liegt.
    Und beim Weine müssen ihm die Mädchen alle ihre Liebesgeschichten erzählen -
wie sie verführt, verraten, belogen, betrogen und verlassen wurden - Alles ganz
genau.
    Diese Geschichten sammelt der Dicke.
    Bei Allah - das macht ihm Spass - darüber kann er ordentlich lachen.
    Siegelringe und bunte Glasfläschchen sammelt der Dicke auch.
    Der verstehts, sich die Zeit zu vertreiben.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der alte Jakuby sammelt natürlich auf seinen Reisen derartige Nichtigkeiten
durchaus nicht - der macht sich nur überall Notizen über die wichtigeren
Zustände und Angelegenheiten der Länder und Städte, durch die ihn sein Pfad
führt. -
    Bereits ist der Alte wieder durch ganz Nordafrika gewandert bis zu den
Ruinen von Cartago.
    Er hat diesmal verschiedene Kriegszüge mitgemacht - und dabei auch mit
grosser Unerschrockenheit seine Notizen niedergeschrieben - mitten im Krachen der
Damascenerklingen beim Wiehern der Rosse und beim Fluchen der arabischen
Hauptleute, die mit den störrischen Wüstensöhnen Nordafrikas sehr grausam
umgingen.
    Doch das Blutfliessensehen ist der alte Geograph nun müde geworden. Er segelt
mit einem Seeräuberschiff nach Sizilien. Vorzüglich hat ers verstanden, vor den
Seeräubern arm und gebrechlich zu erscheinen.
    Jakuby ist ein kühner und gewandter Mann.
    Er begibt sich gleich nach Palermo, schliesst Freundschaft mit den dort
lebenden arabischen Gelehrten, denen er von Bagdad wie von einem Weltwunder
erzählt und - beobachtet dann mit seinen neuen Freunden den Ätna-Ausbruch, der
stattfand, als die Christen das Jahr 894 schrieben.
    Von der Gesellschaft der lauteren Brüder erzählt Jakuby natürlich so viel,
dass sich verschiedene seiner Freunde schliesslich auch als lautere Brüder
betrachten.
    Jakuby ist ein ganz vorzüglicher Apostel, wenn auch zuweilen seine
Einzelheiten recht lächerrlich wirken.
    Er weiss immer alles schnell zu erklären.
    Aber was er sagt - ist fast immer falsch - oft reiner Unsinn.
    »Hör nur dieses!« meint an einem Abend einer seiner neuen Freunde, als
wieder ein gewaltiger dunkelroter Feuerstrom wie eine Riesensäule in den Himmel
hinaufsprjetzt, »hör nur dieses, Jakuby! Wo kommt all das Feuer her?«
    Und auf diese Frage weiss Jakuby zunächst gar keine Antwort zu finden,
zuletzt behauptet er, dass sich im Innern des Kraters Wasserdampf mit Schwefel
mische und sich dadurch entzünde ...
    Diese Behauptung fördert natürlich gleich einen kräftigen gelehrten Zank zu
Tage - denn die Gelehrten von Palermo kennen die Stoffe der Erde viel besser als
Jakuby.
    Der Alte ärgert sich, dass man ihn widerlegt und ganz unverhohlen zu
verspotten wagt.
    Ja - Jeder hat so sein Leid zu tragen.
    Und der feuerspeiende Ätna war doch so berauschend grossartig - die Erde
zitterte, der Himmel füllte sich mit mächtigen Rauchwolken, glühende Felsen
stürzten aus dem Himmel heraus ins Meer und versanken dort mit fürchterlichem
Gezisch.
    Die Feuersäule des Kraters erleuchtete ganz Sizilien - Funkenasche fiel
dabei langsam herunter.
    Zum Donner in der Tiefe gesellte sich der Donner in den Lüften, die von
grellen Blitzen fortwährend durchzuckt wurden.
    Die Rauchwolken verdunkelten zuweilen die Feuersäule - die kam jedoch immer
wieder zum Vorschein - was sehr unheimlich wirkte, da sonst nur Blitze die
Gegend erhellten.
    Jakuby machte sich viele Notizen - er ging dem feuerspeienden Berge so nahe
auf den Leib, dass ihn seine Freunde verliessen.
    Gegen Morgen schlug ein brennender Stein, der blitzschnell zur Erde
niederfiel, dem kühnen Gelehrten zwei Finger von der linken Hand ab.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Abu Hanifa, der in einem Dorfe Südarabiens weilte, kam auch mit harten
Steinen in nähere Berührung.
    Indes - das war freiwillig und schmerzlos.
    Der junge Abu Hanifa war nämlich nicht bloss Historiker, er beschäftigte sich
auch mit allen andern Wissenschaften - besonders gern mochte er die
verschiedenen Steinarten der Wüste untersuchen - deshalb reiste er auch in
Südarabien - und kam dort mit harten Steinen in nähere, allerdings schmerzlose
Berührung. -
    Osman ist über diese Sammelei nicht sehr froh, da in Südarabien nur wenig
Menschen leben, die für den Weltbund der lauteren Brüder in Frage kommen - von
Steinen versteht Osman nichts.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Trunkenbold Hamadany lebt in Byzanz und vertrinkt dort den Rest seines
väterlichen Erbteils.
    Hamadany zecht in Byzanz immer allein.
    Das versteht der ganz vortrefflich.
    Er mietet sich abends eine Gondel und lässt sich hinausfahren aufs Meer -
aber nicht zu weit fort - sodass er immer noch die grosse Stadt mit ihren Hügeln
und Tempeln sehen kann.
    Und wenn er dann so allein in seiner Gondel liegt, dann trinkt er und blickt
in die Sterne, in den Mond, aufs Wasser, auf die herrliche Stadt und - und -
arbeitet.
    Er arbeitet allerdings in eigentümlicher Art.
    Er ist ein sonderbarer Geograph.
    Er will aus der äusseren Form eines Landes die Schicksale dieses Landes
herauslesen.
    Die Landschaft sagt ihm alles.
    Die Menschen sagen ihm nichts - denn die hasst er.
    Wenn die Sonne aufgeht, ist Hamadany immer berauscht, und er redet sich ein,
dass er in diesem Morgenrausch das mächtige Byzanz besser kennenlerne als alle
andern Geographen.
    Morgens flutet gewöhnlich ein weiches rötliches Licht über die alte Stadt;
ihre Tempel sind umhüllt von weichen Nebeln, die in zarten matten Farben -
hellblauen, rosatönigen und gelblichen leuchten. -
    Dem Hamadany kommt Byzanz des Morgens wie ein verlockendes Märchenland vor,
in dem Wunderlampen brennen und verwünschte Prinzen wohnen - feine Feenpaläste
ringsum.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Indes - der grosse Philosoph Abu Hischam wanderte zu Fuss durch ganz Persien.
    Als er aber nach Samarkand gekommen, blieb er in Samarkand viel länger, als
ers nötig hatte.
    In Samarkand traf er nämlich gute alte Jugendfreunde, und die tranken sehr
gern.
    Da nun Abu Hischam eine lustige Gesellschaft über alles liebte - so blieb er
in dieser lustigen Gesellschaft.
    Die Stadt gehörte ja seit mehr als sechzig Jahren den Arabern, und es fehlte
da an nichts.
    Namentlich an einer Sache war kein Mangel - an Wein fehlte es nicht.
    Und die Frauen von Samarkand fühlten sich sehr verlassen, da alle Männer
beim Weine Weib und Kind in rücksichtsloser Weise vergassen.
    So durfte man sich nicht wundern, dass Abu Hischam allabendlich seine
Zecherei durch einen Gesang einleitete, der in Samarkand seit Jahr und Tag bis
zur Erschöpfung gesungen wurde - in den jeder Mann mit Begeisterung einstimmte,
sobald er Wein vor sich hatte.
    Es war »der freie Rundgesang« von Samarkand, den Abu Hischam so sehr liebte
- so sehr, dass er niemals trinken konnte, wenn er diesen freien Rundgesang nicht
beim ersten Becher gesungen - die Strophen gingen nämlich also:
»Wohl dem, der frei von Weib und Kindern
Sein Leben froh vertrinken kann -
Der muss der Menschheit Leiden lindern -
Der ist ein guter freier Mann -
Der lebt im Sturm und Sonnenschein
Gemütlich in den Tag hinein -
Der hat verjubelt alle Pein
Und darf auf Erden selig sein.«
Der dicke Osman hörte davon glücklicherweise nichts - sonst wäre er sehr böse
gewesen.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Im Mondtempel zu Hauran wird jedoch ein Brief des Tabit ibn Quorrah
abgegeben.
    Der Brief, der in Bagdad in der Chalifenburg geschrieben ist, hat folgenden
Wortlaut:
Meine heissgeliebten Freunde!
    Ihr denkt schlecht von mir und glaubt, ich möchte Euch schaden. Das will ich
aber nicht. Ich will Euch nur warnen. Die Priester im Mondtempel zu Hauran haben
nicht mehr dieselbe Macht wie einst, als unsre Vorfahren noch in Babylon lebten.
Babylon zerfiel, und unsre Zeiten sind andre. Vor ein paar hundert Jahren
durften sich Haurans Priester noch anders schützen als jetzt. Wie der römische
Chalif Caracalla nach Hauran wollte, haben ihn Haurans Priester in der Wüste
ermordet. Heute dürfen Haurans Priester nicht mehr morden - vergesst das nicht!
In Bagdad ist man misstrauisch. Hütet Euch drum vor neuen Freunden! Hütet Euch
vor den lauteren Brüdern! Der Dichter Safur weilt in Ägypten. Er gehört auch zu
den lauteren Brüdern. Warnt die Ägypter! Warnt die Ägypter! Safur ist neugierig
und schwatzt gern.
    Mit den glühenden Küssen der Freundschaft
                                                             Tabit ibn Quorrah.
Die sieben Priester der Ssabier sind bestürzt - Tschirsabâl besonders.
    Man spricht aber nicht weiter über den Brief, sondern sendet Boten nach
Ägypten, die den Safur suchen und beobachten sollen.
    Und dann gehen die Priester wieder an ihre Arbeit - sie bereiten ein grosses
Fest vor, bei dem im Tempel ein Schauspiel vorgeführt werden soll - eins mit
Falltüren, verdeckten Lichtern und verdeckten Spiegeln - mit Geistern und
Wundertaten - mit Tod und Schrecken - mit Donner und Blitz.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Dichter Safur klettert während dieser Zeit auf eine grosse ägyptische
Pyramide, die nicht weitab von Cairo wie eine Riesenburg daliegt, von deren
Spitze aus Safur in die grosse afrikanische Wüste hineinschauen kann.
    Safur hat toll gelebt und alles Mögliche mitgemacht.
    Er genoss das Leben in vollen Zügen - aber nicht so wie Kodama - anders - mit
der steten Sucht, den einzelnen Genuss zu verfeinern.
    Er betete mit schwärmerischen ägyptischen Heiden die Engel an, die in den
Pyramiden wohnen sollten.
    Nachts wurden die Engel angebetet.
    Er lebte mit diesen Ägyptern fast immer zusammen, denn er wollte von ihnen
wissen, ob er nicht mal die Engel der Pyramiden mit eigenen Augen schauen könnte
- so wie man seine Mitmenschen mit eigenen Augen schaut.
    Er unterhielt sich mit den Ägyptern nur von der Geisterwelt.
    Und die Ägypter machten dem Dichter klar, dass die Geister nur in den uralten
Denkmälern der Vorzeit hausen könnten - in den alten grossen Pyramiden.
    »Einen Geist«, sagten die Ägypter, »kannst Du allerdings mit eigenen Augen
schauen - der Geist ist aber versteinert - die grosse Sphinx - die kannst Du
schauen, mit Deinen Augen anbeten.«
    Und mit weisen Ägyptern und mit vielem Volk geht Safur in einer Mondnacht
hinaus zur Sphinx und betet die Sphinx an.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Andächtigen liegen vor der grossen Sphinx auf den Knieen.
    Fackeln und Lagerfeuer flackern ringsum zum Himmel auf.
    Safur geniesst den grossen Augenblick in tollster Verzückung, er starrt in das
riesenhaft in den Sternenhimmel hinaufragende Sphinxhaupt mit glühender Inbrunst
hinein.
    Und er betet die Sphinx an - lange - länger als die Andern - sieht nichts
von den Prozessionen - hört nichts von den Gesängen der Priester, die in stiller
Mondnacht heimlich hier ihren - Götzendienst verrichten.
    Safur betet und geniesst seine Seligkeit wie feurigen Wein, ihm ist, als
könne er sich dem überirdischen Wesen körperlich nähern.
    Er will die Sphinx umarmen - denn er will den Genuss - immer wieder den Genuss
- den höchsten - jeden!
    Er sagt sich:
    »Wozu wollen die Menschen mehr als den Genuss? Wozu? Immer wollen sie drüber
hinaus, und sie können doch nicht - ich auch nicht - darum lieb ich die Sphinx!
ich liebe die grosse Sphinx, als wär sie ein Weib - auch wenn sie noch viel
grösser wäre - ich säh in ihr das Weib doch!«
    Und Safur breitet die Arme aus und starrt in das steinerne Antlitz, in dem
alle Rätsel der Welt ihre Spuren hinterliessen.
    Und Safur sieht plötzlich - wie der Sphinx zwei schwarze riesige Flügel
wachsen - wie sie davonfliegt - hinweg - in den Himmel hinein.
    Und Safur schreit auf, denn er hat plötzlich das Gesicht der Sphinx - anders
gesehen - - - die Sphinx ist seine Dschinne - die Dschinne, die er zuerst bei
der Sareppa sah.
    Dem Dichter schwindet das Bewusstsein.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Als er wieder erwacht, liegt die riesige Sphinx so ruhig da wie vor tausend
Jahren - rührt sich nicht.
    Aber die Sphinx ist nun doch dem Dichter eine steinerne Dschinne geworden -
das grosse Wüstenweib, dessen Leib zusammenwuchs und eins ward mit dem Löwen, auf
dem das Wüstenweib einst als wilde Dschinne durch die Wüste ritt - durch die
heisse grosse Wüste.
    Die Lagerfeuer flammen flackernd höher, als erwachten auch sie wieder.
    Safur betet an - das Weib, das er lieben kann - das er lieben will - das er
lieben muss - die grosse steinerne Dschinne - seine Dschinne.
 
                              Siebzehntes Kapitel
Als die lauteren Brüder nach und nach wieder in Bagdad zusammenkamen - hatte
sich Vieles verändert.
    Die Christen schrieben schon das Jahr 895.
    Abu Maschar, der sehr einsam auf dem Mittelturm der alten Sternwarte lebte,
sagte wohl noch immer: »In dieser Welt verändert sich nichts, alles wird nach
tausend Jahren genau so gut und genau so schlecht sein - wie heute.«
    Aber trotzdem - Vieles hatte sich in Bagdad doch verändert.
    Besonders der alte Geizhals Said ibn Selm war ein ganz Andrer geworden.
    Er war nämlich ein - Bettler geworden.
    Und da konnt er nicht mehr geizig sein - nein - nein.
    Der arme Said!
    Nun war er wirklich arm.
    Das kam so:
    Wie die lauteren Brüder in die Welt zogen, befand sich die Chalifenburg in
heftigster Aufregung - den Hofleuten wackelte der Kopf - und sie wussten nicht,
was sie vor Angst machen sollten.
    Der Zorn des verrückten Chalifen musste unter allen Umständen auf eine Sache
abgelenkt werden, die mit den Hofleuten nichts zu tun hatte.
    Die plötzliche Flucht der Brüder berührte daher bei Hofe sehr peinlich - und
- und man sann auf Rache.
    Hätte man dem Abu Maschar an den Kragen gekonnt - man hätts gleich getan.
    Doch den grossen Propheten liebte und schützte das Volk - die arabischen
Hauptleute und ihre Untergebenen waren nicht zu bewegen, in die Sternwarte zu
dringen.
    Um den Koran kümmerte man sich sehr wenig, eine Moschee hätte keinen
Heiligen vor den Soldaten geschützt - doch die Sternwarte flösste viel mehr
Achtung ein - dem grossen Abu Maschar wich das Volk scheu aus - die Soldaten erst
recht - die hatten sogar eine höchst abergläubische Furcht vor den Sterndeutern.
    Der alte Suleiman war keine Persönlichkeit, die nach was aussah.
    Und Osman hatte viel zuviel Freunde in der Burg - er verschafte den
Hofleuten so manchen Vorteil und pflegte stets sehr freigebig zu sein.
    Daher blieb nur der alte Geizkragen Said ibn Selm, an dem man sein Mütchen
kühlen konnte.
    Das geschah natürlich - Said hatte Alles auszubaden.
    Fünf Hauptleute mit hundert bis an die Zähne bewaffneten Soldaten drangen in
Saids Haus, verwüsteten alles und raubten, was sie konnten.
    Nur die Tarub behandelte man glimpflich.
    Man erlaubte ihr, alle Küchengeräte mitzunehmen - und auch ihre Ersparnisse
durfte sie mitnehmen.
    Suleiman hatte vorher sein Schäfchen ins Trockne gebracht - er hatte dem
Said sämtliche Schmucksachen gestohlen.
    Die Soldaten steckten schliesslich alles, was sie nicht mitnehmen konnten, in
Brand und hätten auch den Said verbrannt, wenn der nicht so schrecklich
geschrieen hätte.
    Man liess Said laufen - allerdings - splitternackt.
    Mitleidige alte Leute schenkten dem alten Geizhalse ein paar alte Lumpen,
mit denen er sich notdürftig bekleiden konnte.
    So gings einem der reichsten Männer von ganz Bagdad.
    Die fünf Hauptleute mit ihren hundert Soldaten füllten ihre Taschen mit
blankem Golde - bis zum Rande.
    Und der Chalif freute sich sehr, als er das hörte - die Hofleute gleichfalls
- denn die wussten, die Soldaten würden schon dankbar sein, wenns nötig sein
sollte.
    Die Abla und die Sailóndula wurden von Osman aufgenommen; der freute sich
auch.
    Die Tarub mietete sich eine Küche in der langen Strasse.
    Die Küche lag in einem kleinen Gartenhause, das von dem Besitzer nicht
benutzt wurde; hinter grossen Bananen lags.
    Als Safur nach Bagdad zurückkehrte, ward ihm die Tarub feierlich von Osman
geschenkt.
    Safur wollte ja die Tarub schon immer so gern geschenkt haben.
    Jetzt hatte er sie - und er war ihr Herr - und sie war seine Sklavin.
    Die Sache hatte natürlich manchen Haken.
    Der Dichter konnte sich nicht gleich in seine neue Lage finden.
    Es hatte sich in Bagdad doch recht viel verändert.
    Es war so, als wenn überall was zerrissen wäre - überall so was Zerrissenes!
    Die Fäden, mit denen die Menschen aneinander gebunden sind, sind viel
dünner, als man gemeinhin denkt - zerreissen so leicht und sind so schwer wieder
zusammenzuknüpfen.
    Es ist daher auch garnicht verwunderlich, dass - als sich bei Osman der
Kodama, der Safur und der Hamadany wieder mal nach fast zwei Jahren »guten Tag«
sagen - die Einigkeit dieser vier lauteren Brüder eine bemerkenswerte Störung
schon in der ersten Stunde des neuen Zusammenseins erleidet.
    Safur spricht von Ägypten - vom Lande der Pyramiden - vom Lande der Sphinx.
    Und er spricht auch von dem, was die ägyptischen Heiden von der Weltseele
lehren.
    Er teilt dem Osman die Namen von mehreren ägyptischen Gelehrten mit, die
grössere philosophische Werke geschrieben haben.
    Osman ist darüber sehr erfreut und schreibt sich die Namen sorgfältig auf;
er will sich sofort mit den Ägyptern in Verbindung setzen.
    Osman kann garnicht genug Bücher herausgeben.
    Safur aber spricht weiter von der Weltseele - von der Viereinigkeit und von
der Dreieinigkeit - von Raum und Zeit - von Geist und Stoff - von Plato - und
von Pytagoras - von der Zahlenmystik - und vom Überirdischen.
    Hamadany und Kodama hören eifrig zu.
    Indessen - sie können bald nicht mehr dem Dichter folgen - von der Weltseele
verstehen sie sowieso nichts.
    Es ist daher ganz erklärlich, dass sie bald dem begeisterten Safur erklären,
er würde unklar.
    Der Dichter, der von Dingen sprach, die er selbst nicht mal ordentlich
begriffen hatte, ist natürlich höchst empört, dass man ihm Unklarheit vorwirft -
er ist wütend.
    Er merkt jedoch noch rechtzeitig, dass der Vorwurf seiner Freunde nicht ganz
ungerechtfertigt genannt werden könne - und legt demnach sehr geschickt
folgendermassen los:
    »Freilich! Klar soll ich sein! Natürlich! Die Dinge, von denen ich rede,
sind ja auch so einfach und klar, dass es gar keine Mühe macht - klar - klar über
diese Dinge zu reden! Freilich! Natürlich! Ein Hammelbraten ist immer was Klares
für Euch - die Weltseele und der viereinige Gott muss deshalb auch klar für Euch
werden.
    Bei Allah, merkt Ihr denn nicht - wisst Ihr denn nicht, dass die Leute, die
immer nur das Nächstliegende - das Erreichbare - im Auge haben, ohne grosse
Umstände klar sein können? - dass diese einfachen Leute, diese bäurischen Tölpel,
sich immer klar werden müssen? Und wisst Ihr nicht, dass andrerseits diejenigen,
die in die tiefsten Tiefen der Welträtsel dringen möchten, sehr selten klar sein
können? In jedem feineren Kopfe, der stets zu denken gewohnt ist, ist die ganz
abgeschlossene Klarheit nicht so was Alltägliches. Die Tarub allerdings wird
immer ganz klar sprechen, weil sie nur das Nächstliegende - Erreichbare - haben
will. Safur, der dem Unerreichbaren nachjagt, kann leider nicht immer so klar
sein. Aber - bei Allah - seid Ihr nicht mehr als Tarub? Warum nennt Ihr Euch
denn nicht Tarub? Warum nicht? Dummköpfe sind sich immer klar. Das Rhinoceros,
das im Nile zu baden pflegt, hat ohne Zweifel den klarsten Kopf - weils das
dümmste Tier der Welt ist. Das Rhinoceros denkt über die Weltseele nicht nach -
Tarub wird das auch nicht tun. - Warum werft Ihr mir denn mit solcher
Erbitterung fortwährend immer wieder und wieder von Neuem Unklarheit vor -
warum? warum? Soll ich auch Tarub werden wie Ihr? Ich wills nicht!«
    Oh - Safur ist furchtbar böse, seine Stirn zeigt fast tiefere Falten als das
Fell des ältesten Nilpferdes.
    Und dabei zittert der ganze Dichter - wie eine Pappel, durch die der Wind
fährt.
    Osman lächelt und sagt milde:
    »Lieber Safur, sei nur nicht so grob! Es widerspricht Dir ja Niemand. Du
musst nicht immer gleich so aufbrausen!«
    Zu den Andern aber sagt der dicke Schreiber: »In dem Safur steckt was! Was
er sagt, klingt gewöhnlich ganz toll - aber etwas Wahres pflegt doch dahinter zu
sein.«
    Durch diese Äusserung fühlt sich der Dichter sehr geschmeichelt und wird
ruhiger.
    Wie das der dicke Kodama merkt, fordert er die drei Brüder auf mitzukommen -
in den nächsten Weinkeller.
    Hamadany und Safur folgen dem Dicken.
    Osman bleibt jedoch nachdenklich zurück - auf seinem kühlen, mit Fliesen
gepflasterten Hof - neben dem plätschernden Springbrunnen.
    Unter den Arkaden an den vier Seiten des Hofes liegen die besten Bücher, die
je mit arabischen Worten geschrieben wurden, fein säuberlich in ihren Rollen -
in ihren Schubfächern - übereinander - so wie in Ägypten die Mumien der toten
Könige übereinander liegen ...
    Inzwischen will Kodama im Weinkeller hören, welche Liebesabenteuer der Safur
in Ägypten erlebte.
    Die drei lauteren Brüder sitzen auf weichen Ziegenfellen mit einem
Parsenpriester zusammen um einen dicken Weinschlauch rum - der christliche Wirt
schenkt fleissig immer wieder die Becher voll.
    Safur hört nicht auf den dicken Kodama, sondern redet noch immer von der
Bedeutung des Unerreichbaren, Hamadany stimmt ihm jetzt eifrig bei und
behauptet, dass er auch nur das Unerreichbare erreichen möchte.
    Kodaman wird natürlich die Geschichte langweilig.
    Der Parsenpriester schweigt wien Alter.
    Der dicke Geograph ruft endlich sehr laut mit seiner vollen wohltönenden
Stimme:
    »Safur, nun erzähl uns: Welches Weib liebtest Du in Ägypten? Welches Weib?«
    »Die Sphinx«, erwidert der Dichter.
    »Sehr gut, mein Sohn«, sagt da lachend der Dicke.
    Und der Dichter erzählt von der Sphinx, erzählt, dass er nur ein
unerreichbares Weib lieben könnte - ein überirdisches - einen Wüstengeist - eine
wilde Dschinne - seine Sphinx-Dschinne.
    Kodama freut sich wie ein kleiner Trutahn - solche Art von Liebe ist ihm
noch garnicht vorgekommen.
    »Sphinx-Dschinne!« ruft er immer wieder - trinkt dabei - und lacht, als wenn
er sich totlachen möchte.
    Hamadany glaubt den Dichter zu verstehen.
    Kodama erklärt zwar den Safur für verrückt - man verträgt sich aber
trotzdem.
    Die Zecherei wird sehr lustig.
    Der Parsenpriester geht ernst fort.
    Der Hamadany lallt noch was von Byzanz und schläft dann selig ein.
    Der Dicke und der Dichter schwanken, wie sie nicht mehr trinken mögen, in
sehr redseliger Stimmung nach Hause durch die lange Strasse.
    Safur redet fortwährend von der Dschinne, die nicht lebt und die er trotzdem
liebt - immer dasselbe.
    Kodama lacht ohn Unterlass, dass die lange Strasse dröhnt und zittert.
    Ein Cinaede, der früher zu den Tofailys gehörte, hat das Gespräch gehört -
und versperrt nun plötzlich den beiden lauteren Brüdern den Weg.
    Die Brüder stutzen und denken, der Cinaede will Geld haben. Doch der hält
eine wohlgesetzte Rede.
    »Ihr gelehrten Männer«, sagt er in bestem Arabisch, »Ihr glaubt immer so
schrecklich klug zu sein. Aber in manchen Dingen seid Ihr unerfahrener als ein
unschuldiges Mädchen. Das Nächstliegende seht Ihr nicht. Immer nach dem Fernen -
nach dem Unerreichbaren strebt Ihr. Dschinnen wollt Ihr lieben, und Ihr wisst
nicht einmal, weshalb Ihr die Dschinnen lieben wollt. Ihr habt noch viel zu
wenig Weiber kennen gelernt, daher wollt Ihr solche Weiber haben, die keine
Weiber sind. Ihr habt Euch, wenn Ihr verliebt waret, viel zu oft nur die Weiber
vorgestellt - statt Ihnen ordentlich nachzustellen. Ihr glaubtet zu oft, auf die
Weiber verzichten zu können - und seid drum zu Narren geworden. Mit der Kraft
seiner Schenkel - nicht mit der Kraft seines Gehirns soll der Mann lieben. Das
Gehirn ist zum Lieben viel zu schade. Das ist der Grund, weshalb Ihr das
Unerreichbare wollt - weshalb Ihr nach Weibern lüstern seid, dies niemals gab
und niemals geben wird. Liebt die Weiber, die auf Erden leben, sonst werdet Ihr
verrückt. Seid nicht so geizig wie Said ibn Selm. Gute Nacht!«
    Und der Cinaede bog in die nächste Seitengasse - schwankend.
    In der nächsten Seitengasse gingen im Schatten der Mauer andre Cinaeden mit
ihren Dirnen in den dunkelsten Stadtteil, in dem man mehr seine Börse als sein
Herz in Acht nehmen musste.
    Kodama lachte nicht mehr, meinte nur väterlich mahnend zu Safur:
    »Sieh, lieber Freund, der Cinaede hatte garnicht so ganz unrecht.
Verstandest Du ihn? Er war einst nicht ungebildet!«
    »Ich verstand ihn«, versetzte Safur.
    Schwankend gingen die Beiden weiter.
    Sie schwiegen.
    Durch die lange Strasse kamen Tofailys näher - die trugen auf einer Bahre
einen toten Ochsen - auf der Brust eines jeden Tofaily leuchtete eine kleine
grüne Lampe.
    Die Tofailys wurden immer üppiger, sie verspotteten die Religion, die Welt
und alles andre.
    Sie feierten in dieser Nacht ihr Ochsenfest.
    Feierlich trugen sie durch die lange Strasse - einen toten Ochsen.
 
                              Achtzehntes Kapitel
Viele viele weisse Störche flogen langsam über den Karawanenplatz - die lange
Strasse hinunter - über den Tigris - nach Norden.
    Und Safur stand mitten auf dem Karawanenplatz und sprach mit Said ibn Selm -
dem alten verlumpten Bettler.
    Said redete wirres Zeug - von grossen Geschäften - von Geldverdienen -
Ehrlichkeit - Treue - von goldenen Sternen und von goldenen Pferden - von
goldenen Herzen und von goldenen Kleidern.
    Den Dichter schmerzte das wirre Gerede.
    Er wandte sich ab und dachte an seine Tarub.
    Ja - jetzt hatte er sie. Seine Sklavin war sie, und er war ihr Herr.
    Er seufzte tief - wenn er nur gewusst hätte, was er jetzt mit seiner Tarub
anfangen sollte!
    Ihm ward die grosse Köchin »geschenkt« - aber was hatte er davon?
    Jetzt hatte er nichts mehr davon - nur Ärger, Zank und - und - es war kaum
zum Aushalten!
    »Wohl dem, der nie ein Weib geschaut -
    Der fährt niemals aus seiner Haut!«
    Also reimte schwach lächelnd der grosse Dichter, ders jetzt täglich
verwünschte, dass er aus Ägypten zurückkehrte nach Bagdad, der Stadt der Qual ...
    Safur war für Bagdad jetzt wirklich ein - »grosser« Dichter, da man Grosses
von ihm »erwartete«.
    Osman hatte ihm ganz ernstaft mitgeteilt, dass er fünf neue Schreiber
anstellen würde, wenn er was von Safur herausgeben könnte.
    Doch Safur schrieb weniger denn je.
    Er redete nur von einem grossen Dschinnengedicht, das er mal in
vierundzwanzig grossen Gesängen feierlichst der Welt überreichen wollte.
    Aber es wurde nichts draus - wie gewöhnlich.
    Safur dachte immer erst ans Geniessen.
    Eine anstrengende Tätigkeit hatte nur dann für ihn einen Reiz, wenn er genau
wusste, dass aus dieser anstrengenden Tätigkeit ein grosser kräftiger Genuss
herauswachsen würde.
    Wusst er das nicht vorher, so ging er der Anstrengung aus dem Wege - denn für
ihn gabs nur ein einziges Endziel des Lebens - und das Endziel hiess: Genuss.
    Leider wurde das Leben in Bagdad immer ärmer an Genüssen.
    Der Chalif Mutadid war längst tot, doch unter seinen Nachfolgern wurde
nichts besser.
    Der rasch in kaum zweihundert Jahren erworbene - eroberte - Reichtum ging
ebenso schnell - noch schneller - wieder zu Grunde.
    »Nur was alt wird - hat Lebenskraft. Und alt wird nicht, was gleich am
Anfange mit wüstem Ungestüm auftritt.«
    Also sprach der weise Philosoph Abu Hischam, als er vor Safur sich
verteidigte.
    Der Philosoph hatte grade in dem Augenblicke den Dichter getroffen, als
dieser mitten auf dem Karawanenplatze die Fäuste zitternd gen Himmel hob und
laut ausrief:
    »Tarub, erbarme Dich!«
    Das sah und hörte sich natürlich sehr putzig an.
    Deshalb gingen auch die Beiden schleunigst in die grosse Teestube zu den
chinesischen Teemädchen, allwo auch Hamadany und Abu Hanifa weilten.
    Als Abu Hischam zum Tee auch einen vorzüglichen südkaukasischen
Kräuterschnaps bestellte, da nahm das der Dichter garnicht gut auf, warf
vielmehr dem lustigen Philosophen liederlichen Lebenswandel und Lauheit in
Betreff des Bundes vor.
    Und dagegen verteidigte sich der Abu Hischam mit den vorhin angeführten und
ähnlich klingenden Sätzen - in Samarkand war der grosse Apostel mit der
armenischen Pelzmütze gemütlich geworden - urgemütlich. Zumeist dacht er nur ans
Festefeiern - am liebsten hätt er jeden Tag die Gründung der Gesellschaft von
Bagdads lauteren Brüdern mit Mut und Durst von Neuem gefeiert.
    Was doch aus mancher Gesellschaft werden kann - man sollt es kaum für
möglich halten.
    Und wie die vier Brüder wieder zuviel getrunken haben, klagen sie wieder
über die entsetzliche Geldklemme, in der sie sich befinden.
    Es ist zum Erbarmen.
    Ein Teemädchen will den Abu Hischam mitleidig ans Herz drücken, doch der
wills nicht dulden, er singt brüllend »das Abschiedslied des Beduinen«, das im
Jahre 895 in allen Bagdader Tingeltangeln gesungen wurde - natürlich bis zur
Erschöpfung - so:
»Mein Herz gehört der Welt,
Kein Weib mir mehr gefällt.
Ich lieb nicht mal das Geld!
Ich liebe nur die Welt!
Mein Herz gehört der Welt,
Kein Weib mir mehr gefällt!«
Und das immer wieder noch mal.
    dabei gelangten die Vier allmählich in die lange Strasse, in der man an
Gesang schon gewöhnt war.
    Wie Safur zur Tarub kommt, gibts selbstverständlich wieder einen Höllenlärm.
    Töpfe fliegen dem Dichter nicht an den Kopf, denn sie sind der Tarub jetzt
zu kostbar - aber Schimpfworte hagelts - unglaubliche Schimpfworte.
    Der Dichter ist erst geknickt durch die Rohheit - durch die Gemeinheit
seiner berühmten Köchin - dann jedoch packt ihn der Grimm.
    Und er fasst seine Tarub fest an, umklammert wütend ihren Hals, rollt mit den
Augen, knirscht mit den Zähnen, keucht und stöhnt.
    Indes die Tarub schimpft nun erst recht.
    Da kann er sich nicht mehr beherrschen.
    Er würgt sie plötzlich mit aller Kraft.
    Sie will sich frei machen.
    Und dabei stürzen Beide hin.
    Tarub schlägt sich ein Loch in den Kopf.
    Das fliessende Blut bringt den Dichter wieder zur Besinnung - und er möchte
sich gleich selber den Kopf einrennen.
    Er schreit vor Angst, wäscht ihr die Wunde mit Wasser aus, weint und
zittert, bittet seine Tarub um Verzeihung, fleht wie ein Kind, kniet vor ihr,
küsst ihr die Hände, den Mund, die Augen, die Stirn, bittet in herzzerreissender
Weise, nennt sie wieder »Bärchen! Liebes Bärchen! Mein guter Bär!«
    Na - und dann wird wieder alles gut.
    Sie sagt nur zuletzt weinend:
    »Nein, lange halt ichs nicht mehr aus. So gehts nicht weiter. Es muss anders
werden.«
    Er sagt: »Ja, ja - es wird schon anders werden.«
    Doch das ist nur so hingeredet.
    Die Verhältnisse werden noch immer schlechter.
    Tarubs Ersparnisse gehen zur Neige.
    Und daran hat nicht bloss der Safur Schuld.
    Abu Hischam, Abu Hanifa und Hamadany sind auch sehr oft bei Bagdads
berühmter Köchin.
    Und die ist sehr gutmütig, sie gibt Jedem zu essen, soviel er will. Sie ist
so daran gewöhnt, für Viele zu kochen, dass sie garnicht bemerkt, wie unklug ihr
verschwenderischer Haushalt ist.
    Safur sagt natürlich nie ein Wort.
    Er hört nur jeden Tag geduldig an, wie sie auf die ganze Welt schimpft.
    Sie weiss nie, wo das Geld bleibt - und Safur muss immer neues Geld
auftreiben.
    Das tut er auch - aber wie?
    Sie gibt ihm jeden zweiten Tag ein paar Tassen, ein paar Messer oder ein
paar Töpfe - und mit diesen Dingen muss der Dichter zum Trödler wandern.
    Manchmal bringt Abu Hanifa ein paar Gänse mit, Hamadany bringt Fische, Abu
Hischam Wein.
    Doch wenn diese Leute mal was mitgebracht haben, so gehts auch gleich hoch
her, und schliesslich setzt die Tarub doch immer zu.
    Der geizige Kodama kommt auch zuweilen - und bezahlt dann alles, was
gegessen und getrunken wird - doch bares Geld gibt er nicht - er hält das nicht
für richtig, seinen Freunden bares Geld zu geben - die verstehen nach seiner
Meinung nicht, mit barem Geld umzugehen - es ist kostbar!
    An einem Tage gibts Pasteten - am andern trocknes Brot - manchmal nicht mal
das.
    Safur soll Geld verdienen - das sagt ihm sein Bär jeden Tag. Der Dichter
verzweifelt.
    Er soll zu den Tofailys gehen - ist aber nicht dazu zu bewegen - lieber lässt
er sich jeden Tag von seinem Bären die Ohren wundreden.
    Er ist denn doch fürchterlich vornehm.
    Höchstens geht er mit altem Geschirr zum Trödler.
    Den Osman mag er nicht mehr sehen, weil der stets nach dem grossen
Dschinnengedicht fragt.
    Wenn Safur in diesem Jammerleben an die Dschinnen denkt, wird ihm ganz wüst
im Kopf.
    Diese täglichen groben Rohheiten des gewöhnlichen Lebens vertragen sich
nicht mit seiner Sehnsucht nach feinstem vergeistigtem Genuss.
    Überhaupt - der Genuss!
    Wer kann noch an den Genuss denken, wo das Leben auf dem Spiele steht.
    Leben - leben - wollen sie Alle - das ist die Hauptsache - an den Genuss
können sie Alle vor lauter Sorge garnicht denken.
    Aber das hindert Niemand, jede Gelegenheit zum Trinken fleissig wahrzunehmen.
    Es geht Allen schrecklich schlecht, doch - betrunken sind sie Alle - so
beinahe jeden zweiten Tag.
    Oft ruft Safur, wenn er den teuersten Wein aus Bassora vor sich stehen hat:
    »Freunde, eigentlich könnten wir doch gewöhnlichen Landwein trinken - wozu
immer den teuren Wein aus Bassora?«
    Indessen - wenn der Dichter so redet, macht man ihn darauf aufmerksam, dass
er doch der grösste Feinschmecker sei und - und - dann trinkt er natürlich Alles,
was man ihm vorsetzt.
    Das Jammerleben hat sehr viele drollige Seiten - sehr viele.
    Schliesslich leiden selbst diejenigen, die eigentlich gar keine Veranlassung
zum Leiden haben.
    Auch der dicke Kodama bekommt ein leidendes Aussehen. Er hat die weisse Abla
als Köchin in sein Haus genommen - und die Abla ist ihm davongelaufen.
    Die Abla liebt die Veränderung und lebt jetzt bei der alten Dschellabany,
die immer älter wird. Dort bezaubert sie mit ihrem Gesange jeden Tag einen
anderen Jüngling.
    Ihre Worte sind süss wie Honig - sie zerschmelzen auch so leicht wie der süsse
Honig. Was sie am einen Tage sagt und schwört, hat sie am andern vollständig
vergessen - manchen Jüngling hat sie zum trüben Kopfhänger gemacht.
    Die Sailóndula hats beim dicken Osman ebenfalls nicht aushalten können - sie
tanzt jetzt auf dem Karawanenplatz unter jenen rotseidenen Zeltdächern, die sich
so prächtig von dem tiefblauen Himmel abheben, der so voll und gross Bagdad
überwölbt.
    Der Sailóndula liegen die dunklen Augen sehr tief im Kopf - man sieht die
indische Tänzerin oft mit dem alten Sünder Suleiman zusammen, der immer
schleunigst davonschleicht, wenn er einen lauteren Bruder erblickt.
    Suleiman tut so, als wenn er ärmer wäre denn je zuvor - er will sein Geld
für sich behalten. Nur dem Said schenkt er zuweilen ein paar Kupfermünzen -
heimlich, dass es Niemand bemerkt.
    Kommt der alte Said zur Tarub, so gibt die auch immer was - ein bisschen
Fleisch und ein bisschen Brot, einen Schluck Wein und ein Silberstück.
    Said ist bescheiden und kommt nur einmal in der Woche, redet dann von
goldenen Sternen und goldenen Pferden, von goldenen Herzen und goldenen Kleidern
- in seinen Augen flackert ein seltsamer Glanz - wie ein Abglanz seines
einstigen Reichtums.
    Armer Said ibn Selm!
    Die Tarub wird stets sehr gerührt, wenn sie ihn sieht - die Kinder der
Nachbarschaft, die sich scheu hinter den Bananen, die vor Tarubs Küche wachsen,
verstecken, bekommen dann auch gleich was ab - was Süsses - Mandeln, Feigen und
Rosinen.
    Die weichen Stimmungen werden jedoch immer seltener.
    Die Wogen des Jammers gehen zu hoch.
    Sogar der sonst so vergnügte Osman ist schlecht gelaunt - er ist wütend, dass
die neuen Bücher im Grunde allesamt nicht viel taugen, und möchte am liebsten
nur die guten alten Bücher abschreiben lassen. Er ist wütend auf Abu Hischam -
wütend auf Safur - und auch auf Kodama - beinah auf alle Welt. Geld gibt er
daher keinem Menschen mehr - den lauteren Brüdern am allerwenigsten.
    In Bagdad floss der Wein nicht mehr in Strömen - die Gelehrten und Dichter
wurden magrer mit jedem Tag.
    Sogar die Tofailys - diese Prasser - sahen sich oftmals vergeblich nach
guten Braten und dicken Weinschläuchen um - viel öfter vergeblich als früher.
    Manche Freuden haben ja noch die Tofailys - sie freuen sich, dass die
»Gesellschaft der lauteren Brüder« wieder Ruf und Wert verlor; sobald man einen
Bruder sieht, höhnt man ihn in nichtswürdigster Art.
    Das in Bagdad nicht mehr soviel zu essen und zu trinken gibt, so dringen die
»sinnlichen« Vergnügungen mehr in den Vordergrund; die Zahl der Tingeltangel
mehrt sich unheimlich - die alte Dschellabany ärgert sich darüber sehr.
    Die Frauen werden eifersüchtig auf die schönen Knaben.
    Die Diebe stehlen mit Vorliebe kleine Kinder, was manchen Vätern nicht
unangenehm ist.
    Hamadany und Abu Hanifa haben gleichzeitig das Glück, von ihren Vaterfreuden
in dieser angenehmen Form entbunden zu werden, was unter den Tofailys ein
höllisches Gelächter hervorruft.
    Kodama beschäftigt sich eingehend mit den Empfindungen der Entmannten und
kommt hinter das Geheimnis der Sphinx; er behauptet, um Safur zu ärgern, dass
eine Sphinx dasjenige Weib ist, das nicht zur Hälfte einen Löwenkörper, sondern
einen Manneskörper besitzt - nach Kodamas Meinung unterscheiden sich die beiden
Geschlechter nicht so scharf, wies den Anschein hat; alle diejenigen, deren
Geschlecht nicht ganz männlich oder nicht ganz weiblich ausgebildet ist,
besitzen nach des dicken Geographen Ansicht - Sphinxnatur.
    Osman sagt seinem dicken Freunde, er möchte doch lieber ein Buch über die
Kugelgestalt der Sonne schreiben.
    Kodamas Lehre findet mehr Anklang bei den Sufys, die sich eifrig bemühen, in
Bagdad ausschweifende religiöse Kulte einzuführen.
    Safur kümmert sich um keinen Menschen, da er sie sämtlich für zu dumm und zu
einfach hält; spricht mal Jemand längere Zeit mit dem Dichter, so wird der zum
Schluss gewöhnlich sehr grob und schreit dann:
    »Mein Freund! Tarub bist Du, Tarub warst Du, Tarub wirst Du bleiben. Die
Familie Tarub ist unsterblich - unsterblich!«
    Das verstehen freilich die Meisten nicht - daraus macht sich aber der grosse
Dichter ganz und gar nichts.
    Die Tarub, die mit Müh und Not noch täglich für den Dichter was zu essen
kocht, redet nur noch von »Geld« und ringt täglich die Hände zum Himmel, dass sie
Safur jemals kennenlernte, der sie nur um all ihr Hab und Gut gebracht habe ...
    Und Safur wird, wenn er das Wort »Geld« hört, beinah verrückt, er schreit
dabei wie ein wildes Tier, wirft sich auf die Erde und weint zuletzt.
    Das ist schon eine Zucht bei der Tarub.
    Wenn der gutmütige ehrliche Abu Hanifa kommt, atmet Safur erleichtert auf -
dem kann der Bär sein Herz ausschütten, was zu beruhigen pflegt.
    Den Abu Hischam mag der Bär nicht - den Kodama und den Hamadany begrüsst er
dagegen jedesmal freundlicher.
    Safur wird von diesen Beiden mit seiner Sphinx gefoppt, was die Tarub ganz
gern hat.
    Kodama behauptet, dass eine Sphinx garnicht leicht zur Liebe zu bewegen ist,
weil die Liebe in der Sphinx eine ganz andere Empfindung erzeuge, als in den
anderen Weibern.
    Safur hält das für Hohn und sucht Beruhigung im Weinschlauch.
    Der gutmütige Abu Hanifa ist stets bereit, seine letzten Silberlinge mit dem
Dichter zu vertrinken.
    Beim Weine beklagt man vornehmlich, dass der reiche Al Battany immer noch
nicht aus Indien zurückkehren will. Abu Maschar, der ganz einsam auf der
Sternwarte wohnt, wollte Nachricht geben, wenn er was von Battanys Rückkehr
erfahren sollte. Doch der Prophet lässt nichts von sich hören.
    Jakuby ist auch noch nicht in Bagdad. Die Tarub wird immer aufgebrachter.
    Wie Safur in einer Nacht ganz betrunken in die Küche stolpert und behauptet,
dass ihn seine Dschinne als Gespenst verfolge, wird die Tarub so erregt, dass sie
ihrem Dichter sagt:
    »Jetzt kann ichs nicht mehr aushalten. Ich kanns nicht. Du darfst meine
Küche nicht mehr betreten, wenn Du jetzt nicht endlich Geld schaffst. Ich muss
jetzt mein Geld wiederhaben - mein Geld! Ohne Geld darfst Du nicht
zurückkehren!«
    Safur sagt nichts und geht fort - in die Nacht hinaus - die Tarub wird ihm
auch zum Gespenst.
 
                              Neunzehntes Kapitel
Wie die Sonne aufgeht, sitzt Safur neben Abu Maschar auf der alten Sternwarte im
Empfangssaal.
    Da ist es still.
    Das Licht der Sonne ist rot.
    Rote Wolkenstreifen durchqueren den klaren, blauen Morgenhimmel.
    Das indische Götzenbild im Hintergrunde des Saales wird auch rot.
    Rot funkeln gleichzeitig die silbernen Querstreifen der Wände und der
Goldgrund der Decke.
    Die maurischen Ampeln, die noch immer an ihren langen Ketten hängen, zeigen
auch rot glänzende Ecken und Flächen.
    Am heftigsten wirkt das Licht auf dem kupfernen Himmelsglobus und auf dem
kupfernen Waschbecken in der Alabasternische.
    Der Prophet und der Dichter sind ebenfalls rot geworden - von oben bis
unten.
    Die Sternwarte ist auf der Ostseite ganz übergossen vom Morgenrot.
    Die beiden Männer, die auf dem alten Teppich sitzen, haben in der Nacht
nicht geschlafen.
    Doch sie sind drum nicht müde.
    Safur ist sogar heiter, denn er hat eben gehört, dass Battany bereits aus
Indien zurückgekehrt ist - unten wiehern schon wieder die Rosse der Mongolen wie
einst ...
    Der Dichter will sich am Tigris ein kleines altes Landhaus kaufen, das dort
liegt, wo die Eremiten hausen. Er will auch Eremit werden, und Battany soll bloss
so viel Geld hergeben, dass er das kleine alte Landhaus, das eigentlich nur eine
alte Lehmkate ist, kaufen kann.
    Und Safur erzählt von seiner Reise nach Ägypten, von der Wüste - und von
seiner Dschinne.
    Er setzt dem grossen Sterndeuter eifrig auseinander, dass er seine Dschinne
liebe. Er wisse sehr wohl, dass sie nicht lebe - und doch glaube er, dass sie ihn
verfolge überall - oft sei ihm so, als berühre sie ihn an der Schulter mit ihren
Fingerspitzen.
    Leidenschaftlich sagt er:
    »Sieh, ich weiss, die Dschinne ist für mich unerreichbar - aber ich kann das
Plumpe, das Rohe, das Körperliche nicht mehr ausstehen. Ich muss nach einem
Geistigen streben, das nicht von dieser Welt ist. Ich will überall jetzt das
Unerreichbare haben - in jene Welt - in die andere will ich hinein. Ich sehne
mich nach einem Weibe, das so fein und zart ist, wie irdische Weiber nie sein
können. Mein Streben mag töricht, meine Liebe mag eine tolle Liebe sein - doch
ich kann nicht mehr anders. Ich muss daher in die Einsamkeit. Sieh, Abu Maschar,
ich bin ein Genussmensch. Ich will mit meiner Dschinne zusammenkommen. Vielleicht
gehts doch. Man kann ja nicht wissen - und wenn ich mir dabei den Schädel
einrennen sollte - was schadets? Die Genüsse dieser irdischen Welt befriedigen
meine Lustgier doch nicht mehr. Oh - verstehst Du mich? Sprich doch!«
    Abu Maschar streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen langen
schwarzen Bart und spricht langsam in wohlerwogenen Sätzen:
    »Ich hörte schon von Deiner seltsamen Liebe. Und ich bin nicht überrascht
durch Deine Worte. Du gehörst zu den Menschen, die in Allem feiner empfinden als
die Andern. Dein Denken ist nicht einfach. Du bist an verwickelte Gedanken
gewöhnt. Die Andern verstehen Dich daher nicht und verletzen Dich. So gehts
allen denen, die mehr sind oder mehr sein wollen als das einfache Volk. Und so
kams, dass Du Dir in Deinem Gehirn ein Idol schufest, das Du lieben und anbeten
wolltest. Und diesem Idol rennst Du nun im wirklichen Leben nach. Du bist auf
der Jagd nach dem Idol. Das schadet nichts, wenn Du stets im Auge behältst, dass
dieses Idol für Dich unerreichbar bleiben muss. Jeder feinere Kopf befindet sich
sein ganzes Leben hindurch auf der Jagd nach dem Idol - die Jagd ist was ganz
Gewöhnliches. Dieselbe ist auch nicht schädlich, wenn man ihre Nutzlosigkeit
einsieht. Du strebst nach dem Unerreichbaren, wie Du sagst, überall. Ja, ich
verstehe, Du hast eben viele Idole. Die einfachen Menschen finden ihre Idole
verkörpert hier auf der Erde vor, die feineren Menschen finden ihre Idole nicht
auf der Erde verkörpert vor - die sind ja dort - hinter den Sternen. Darum ist
es nur natürlich, dass Du in jene Welt hinein möchtest. Ich möchte das auch,
daher bin ich Sterndeuter und Prophet. Battany und viele Andre lachen, dass ich
mich mit so abergläubischen Sachen befasse. Aber will Battany nicht auch bloss
wissen, was hinter jener blauen Himmelswand liegt? Und ist etwa die Art, in der
er was Tieferes erfahren will, so sehr viel klüger als die meine? O nein! Wir
unterscheiden uns nur dadurch, dass er stets glaubt, etwas erreichen zu können,
und ich nie glaubte und nie glauben werde, ich könnte je in jene Welt hinein.
Ich rechne nicht, um was zu wissen - sondern ich will mich durch das ewige
Rechnen nur betäuben. Wir bleiben, wie wir sind. Wir werden später auch nicht
mehr wissen, als wir jetzt wissen. Die Welt ist starr und unveränderlich. Es
gibt in der Welt keine wesentliche Weiterentwicklung. Und der Einzelne wird sich
erst recht nicht weiterentwickeln. Ist man ein feiner Mensch, so bleibt man ein
solcher. Ist man einfach, so bleibt man einfach. Geh also nur mit Deiner
übersinnlichen Liebe in die Einsamkeit. Geh nur! Battany wird Dir schon helfen.
Wenn Du aber glaubst. Du könntest in die andere Welt, in die Welt der Geister,
hinein, so wirst Du Dir den Kopf einrennen. Liebe nur Deine Dschinne, aber
verlang nicht von ihr, dass sie Dir körperlich erscheine. Du willst doch nach dem
Unerreichbaren überall streben. Würdest Du also einmal Deine Dschinne umarmen
können wie ein gewöhnliches Erdenweib - so würde Deine Dschinne jeden Reiz durch
die Umarmung verlieren.«
    Und der Prophet lächelt, streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen
langen schwarzen Bart und sieht dem Dichter lange ins Gesicht.
    Wie sich die Beiden trennen, lächelt Abu Maschar nicht mehr; er ist besorgt
um Safur - dessen Leidenschaft kommt dem weisen Sterndeuter bedenklich vor.
    Der Dichter aber geht zum reichen Al Battany durch den Palmenhain über die
hohen Hügel am Ufer des Tigris an den Feigenbäumen vorbei bis zur Landstrasse,
auf der er einst vor Jahren am Himmel das schwarze Gesicht des Weibes sah, das
nicht lebt und ihn doch verfolgt.
    Er denkt an jenen Morgen, an dem er auch in Fieberstimmung zum Astronomen
kam - um der Tarub willen. Jetzt kommt er wieder in fieberhafter Aufregung zum
Astronomen - wieder Tarubs wegen.
    Und wie damals - sitzt ihm auch jetzt - eigentlich die Dschinne mehr auf den
Fersen als die berühmte Köchin. Er blickt über die Stadt hin, die nun in der
heissen Sonne mit den hohen Palmen und den weissen Häusern, mit der hoch gelegenen
bunten Chalifenburg, mit den bunten Moscheen und den schlanken Minaretten wie
ein zartes feines Feenland daliegt - wie eine wirkliche Stadt des Heils.
    Blau fliesst der Tigris zur Linken des Dichters - in der Tiefe - und drüben
wohnt Al Battany.
    Safur ist bald wieder in der alten Olivenallee und dann im Bücherkioske, den
die bunten Tulpen umblühen ...
    Auf den kurz geschorenen Rasen krächzen die alten Papageien.
    Auf den orangefarbigen, nicht gemusterten Fliesengängen kommen dem Dichter
zwei Inder entgegen, die grade im Bücherkioske Schach gespielt haben.
    Die Inder kommen dem Safur noch steifer und stolzer vor als die andren
Menschen. Der Bücherkiosk, der wie eine Krone daliegt, wirkt den Indern
gegenüber ganz einfach und bescheiden wie ein Fischerhäuschen.
    Safur wirft den Kopf in den Nacken zurück und mustert die Inder, sein braun
und blau gestreiftes Beduinengewand zieht er dabei geschickt in schwungvolle
Falten.
    Die Inder lächeln - ihre goldgestickten Kleider sind viel schöner.
    Al Battany lässt sich entschuldigen - er wird gleich kommen.
    Und Safur muss sich dazu bequemen, die Zeit des Wartens mit den Indern
zusammen zuzubringen; der ältere von diesen entfernt sich bald.
    Der Zurückbleibende ist jener Schauspieldichter, der in Benares vor Battany
so fein von der Empfindlichkeit und von der Qual aller Gebildeten zu sprechen
wusste - der diese Empfindlichkeit und die daraus entspringende Qual durch die
Religion oder durch die Kunst auflösen - überwinden wollte ...
    Das Gespräch zwischen dem indischen und arabischen Dichter wird somit
naturgemäss nach einiger Zeit recht lebhaft.
    Allerdings die frostige Förmlichkeit wird auf beiden Seiten nicht durch
allzu grosse Liebenswürdigkeit verdrängt - man will sich nichts vergeben.
    Safur spielt sich als Genussmensch auf, behauptet, dass jeder Augenblick des
Lebens, der nicht einen Genuss biete, ein überflüssiger Augenblick sei.
    Der Inder will den leidenschaftlichen Ton des Arabers sanfter stimmen -
erreicht aber nur das Gegenteil.
    Die Laune des Safur ist so gereizt, dass er sich sofort in gewagten
Behauptungen verhaspelt und immer kühner wird - statt sanfter.
    »Sieh«, sagt er, »es liegt mir nicht bloss daran, alles das zu geniessen, was
das einfache Volk auch geniessen kann. Früher suchte ich meine Zunge und meine
Fingerspitzen auszubilden und glaubte damit was Besondres zu tun. Heute will ich
viel mehr. Ich will das Unsinnige, das Tolle, das Unverständliche, das
Unbegreifliche, das Übersinnliche, - geniessen. Versteh mich recht: ich will
nicht bloss all das verstehen - das Verstehen scheint mir nicht so wichtig -
geniessen will ich das alles. Ich will in die Welt der Geister dringen, und ich
will geniessen, was nur die Geister geniessen können.«
    Der Inder meint, dass das sehr schwer sei und die Ausbildung ganz besondrer
Nervenkräfte verlange. Er glaube auch, dass derartige Anstrengungen den Körper
und den Geist zerrütten müssen.
    Aber da lässt sich der Araber nicht bange machen - weist allerdings die
Anstrengungen vornehm ab - anstrengen will er sich durchaus nicht.
    Das findet nun der Inder wieder sehr drollig. Lächelnd - etwas sehr
überlegen - erwidert er folgendermassen:
    »Die Araber sind doch sehr merkwürdig. Sie kommen aus ihrer Wüste mit ihren
Schwertern und Lanzen wie ein Heuschreckenschwarm heraus und bilden sich ein,
dass sie alles gleich mit Beschlag belegen können - nur weil sie kräftige Arm -
und Beinmuskeln besitzen. Ihr wollt überall nur geniessen - Alles - Alles! Ihr
wollt nicht bloss essen und trinken, ihr wollt auch gleich alle Religionen
geniessen, auch alle Künste - selbst das Unverständliche und das Unverständige.
Ihr traut doch Eurem guten Magen ein bisschen zuviel zu. Lieber Safur, von Dir
hat mir Battany viel erzählt. Du bist ohne Frage ein sehr gebildeter Mensch -
gereizter denn Viele. Dass Du aber jeder Anstrengung, jeder Müh und Arbeit streng
aus dem Wege gehen willst - das wird Dein Untergang - Du müsstest in grossen und
langen Gedichten Deine Gereizteit zu lösen trachten - das tust Du natürlich
nicht - Du bist ja ein viel zu vornehmer Araber, der nur geniessen will, der nur
den Genuss für berechtigt hält - - - als wenn der Genuss einem Dichter wie eine
reife Frucht in den Schoss fiele.«
    Der Inder muss herzhaft lachen.
    Er spricht noch in lässigem Tone über religiöse Übungen, Fasten, Rosenkranz,
Selbstgeisselung, Gebet und geschlechtliche Entaltsamkeit - wird dann aber
schweigsam, da Safur verächtlich die Mundwinkel runterzieht. -
    Die Beiden können sich nicht mehr verständigen. Safurn kommts so vor, als
wär er bei Osman, der immerfort das Dschinnengedicht von ihm verlangt - und er
empfindet eine heftige Abneigung gegen den indischen Dichter. Es trennen sich
die Beiden, wie Battany naht, noch viel frostiger, als sie sich begrüssten.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Safur erlangt bei Battany sehr rasch das, was er wollte. Höchst vergnügt und
stolz wallt er mit drei dicken Goldrollen davon - zu seiner Tarub.
    Draussen auf der Landstrasse hört er noch ein paar Adler auf einer Palme so
zitternd pfeifen, als hätten auch sie Gold bekommen - Gold ...
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Inder aber erklärt dem Battany unumwunden, dass er von Safur garnichts
halte - aus dem hätte mal was werden können, wenn er mal zu den Füssen eines
Meisters gesessen hätte - jedoch jetzt würde aus ihm garnichts mehr - dem Safur
fehle sowohl der religiöse wie der künstlerische Ernst - er hätte als Nabob
geboren werden müssen.
    Der Inder wird ganz aufgebracht, sagt dem Battany ganz derb über das
Arabertum seine Meinung und schliesst erregt:
    »Lieber Battany! In Safurs Genusswut liegt eine gewisse Frechheit. Es ist
unverschämt, dort mühelos geniessen zu wollen, wo Andre nur im sauren Schweiss
ihres Angesichts kärglich Früchte sammeln dürfen. Safur wird noch für seine
Frechheit bestraft werden - seine Art, sich zu benehmen, ist übrigens empörend!«
    Nun - Battany ist durch diese Eröffnungen nicht sehr entzückt - lädt aber,
ohne zu erwidern, alle Inder, die er mitgebracht hat, zum Abend auf die
Sternwarte.
    Er prophezeit eine Mondfinsternis.
    Stolz ruft er:
    »Heute bin ich ein Prophet!«
    Und feuriger Wein muss die schlechte Laune des indischen Schauspieldichters
rasch fortschwemmen.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am Abend stehen die Inder mit Battany auf dem fünfeckigen Altane der
Sternwarte und schauen in den Vollmond.
    Abu Maschar ist auch auf dem Altane.
    Und der Mond verfinstert sich wirklich.
    Die Inder verneigen sich vor dem arabischen Astronomen.
    Abu Maschar steht steif wie ein Stock.
    Battany ist empört darüber.
    Der Sterndeuter sagt aber leise flüsternd:
    »Lieber Freund, was hast Du nun erreicht? Du weisst wieder etwas, das des
Wissens nicht würdig ist. Ob der Mond hell oder dunkel ist, bleibt sich so
schrecklich gleich, dass ich über Deine Freude lachen muss.« -
    Und der Sterndeuter geht langsam davon auf seinen Mittelturm, will wieder
rechnen.
    Battany sieht dem alten Kräkler wütend nach.
    Dann aber blickt der grosse Astronom starr in den immer dunkler werdenden
Mond und wird stolzer - immer stolzer - er ballt die Fäuste - seine Augen
funkeln - - - - - - seine Rechnungen stimmen!
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Die Lehmkate am Tigrisstrande ist sehr hübsch.
    Da lebt die Tarub mit ihrem Safur anfänglich viel friedlicher als in Bagdad.
    Der Tigris ist da so breit und gross.
    Wenn man vor der Türe der Kate steht, die auf einem Hügel erbaut ist, so
überblickt man eine grosse dunkelblaue Wasserfläche.
    Die Palmen am gegenüberliegenden Ufer erscheinen ganz klein, so breit ist
der Strom.
    In Bagdad lassen die vielen reich bewaldeten Inseln den Tigris viel kleiner
erscheinen.
    Safur steht vor seiner Tür und blickt hinaus in die grosse Wasserwelt, über
die ein frischer Wind hinstreicht, sodass kleine weisse Schaumkämme das dunkle
Blau der Flut durchstreifen.
    Unten am Ufer plätscherts und gurgelts - was sich sehr lustig anhört.
    In die Aussenwände der gelbbraunen Lehmkate sind rote Tonplatten eingelegt,
in die einst unförmliche altertümliche Figuren eingeknetet wurden; was die
Bilder darstellen sollen, kann man nicht mehr ordentlich erkennen. Auf dem Dach
des Hauses ragt wie eine kleine Pyramide ein dunkelbraunes Zelt in den blauen
Himmel.
    Ein paar riesige Palmen stehen rechts, links und hinten auf dem Hügel; Adler
nisten in den Kronen der Palmen.
    Vor dem Hause ist ein grosser viereckiger Platz ganz mit roten Ziegelsteinen
ausgelegt, die schon recht ausgetreten sind.
    Unten am Ufer wächst hohes Schilf.
    Mächtige rosa blühende Oleanderbüsche und weiss blühende Myrtenbüsche
umwuchern den ganzen Hügel.
    Und oben rings um die alte Kate blühen unzählige weisse Rosen, die duften
wunderbar.
    Safur schaut hinaus in die blaue Wasserwelt - die weissen Schaumkämme und die
weissen Möven ziehen sanft über die Flut - wie Geisterhände.
    In den Kronen der Palmen pfeifen leise die jungen Adler; der Dichter glaubt,
es seien Töne aus einer andren Welt.
    Er denkt dabei an seine grossen Wüstenreisen - an Damascus und Cairo. In
seinen Gedanken reitet er wieder hoch zu Ross neben den Kamelen der Karawane
durch die einsame Wüste wie ein Beduine - mit suchendem Auge und horchendem Ohr
- wieder geht das Gesumm und Gesurr durch die Luft; die Sterne funkeln, die
Dschinnen locken und rufen, in der Ferne klingen hell die blitzenden
Damaszenerklingen, die Rosse wiehern, der heisse Sand knirscht - und überall
summts und surrts von Käfern und Nachtfaltern - und die Dschinnen reiten
schneller - Safur schrickt zusammen und hält die Hand vor den Augen.
    Von der blauen Pracht des grossen Stromes, der unten rauschend vorüberzieht,
sieht und hört der Dichter nichts mehr.
    An das Wasser ist das Auge des Arabers nicht gewöhnt; das Auge des Arabers
ist nur gewöhnt, von Wüsten und von Palästen - zu träumen, in die wirkliche Welt
blickt es nicht gern hinein - als wenns sich vor der blendenden hellen Sonne
fürchten müsse.
    Drum wirkt der grosse Tigris auf den Safur garnicht befreiend - garnicht
gross.
    Anfänglich ist der Dichter in viel besserer Stimmung - es ist ihm so Vieles
am Ufer des Tigris neu.
    Die Tarub ist auch viel verträglicher.
    Safur wird sogar wieder ein bisschen lustig und neckt seine Köchin, dass sie
lachen muss.
    Er neckt sie aber so oft, dass sie sich eines Tags drüber ärgert und zornig
sagt:
    »Ach, hab Dich nicht immer so albern!«
    Na - da ist es denn wieder mit der Neckerei zu Ende; Safur ist wieder
verletzt.
    Aber - es geht noch.
    Safur zieht morgens gewöhnlich mit einem langen Speer, mit Pfeil und Bogen,
mit Schwert und Dolch auf die Jagd.
    Abends angelt der Dichter.
    So kommts, dass die Beiden nicht Mangel leiden.
    Datteln, Bananen und Feigen gibts auch in der Umgegend.
    Und Battany schickt in jeder Woche Brot und Wein.
    Der Tarub ist nur das Leben ein bisschen zu einsam.
    Safur ist auch so schweigsam und in sich gekehrt, dass sie sich ihm nicht
gern nähern mag.
    Sie scheuert daher ihre neue Küche mit grossem Eifer, putzt ihre Töpfe,
Tassen und Krüge, wischt den Ziegelboden täglich mit Wasser ordentlich auf,
vernichtet das Ungeziefer, wo sies nur findet, kocht und näht, singt und wäscht,
klopft die Teppiche, die sie sich in Bagdad kauften, mit grösstem Geräusch jeden
Morgen aus, pflanzt Bohnen und Salat, begiesst die weissen Rosen und melkt ihre
Ziege - die berühmte Köchin ist geschäftiger denn je - steht nie still.
    Allerdings - ihre Küche kommt ihr recht klein und ärmlich vor - mit stillen
Tränen denkt sie oft an Saids grosse Küche, in der so bequem die Pumpe gleich bei
der Hand war - denkt auch an ihre Küche in der langen Strasse mit Wehmut.
    Indessen - den Safur lässt sie davon nichts merken.
    Ja - die Einsamkeit!
    Der Tarub ist oft so zu Mute, als wäre sie in ein Gefängnis eingesperrt
worden - obwohl es doch am Tigris so frei und lustig ist wie selten wo - aber
der Natur bringt die berühmte Köchin nicht eine besondre Liebe entgegen - es ist
ihr zu still in der Einsamkeit.
    Dem Safur ist dagegen das Leben in der Natur beinahe zu laut - überall
glaubt er Geisterstimmen zu hören - er spricht oft zu sich selbst - und schrickt
zuweilen heftig zusammen - seine Augen blicken nicht mehr kühn gradaus - sie
haben eher was Scheues.
    Als daher nach einigen Wochen auf flinkem Segelboot die beiden Geographen
Kodama und Hamadany der Lehmkate einen Besuch abstatten, werden sie ganz
freundlich empfangen.
    Bei einem guten Becher Weins lenkt Kodama, der eigentlich in Osmans Auftrage
gekommen ist, das Gespräch vorsichtig auf die alte Sphinx der Ägypter.
    Indes - Safur will von der Sphinx nichts mehr wissen, der Dicke hat sie ihm
verleidet; das Zwitterhafte in der Sphinx, das der Dichter anfänglich garnicht
sah, berührte ihn sehr unangenehm, als ers bemerkte. Seine Dschinne hat mit der
Zeit wieder ein andres Gesicht bekommen - das ähnelt jetzt eher dem einer
ägyptischen Prinzessin, deren Seele verdammt ist, immerfort auf der Erde
herumzuwandern und um einen verlorenen Ring zu klagen - Safurn ists oft schon so
gewesen, als habe sie ihn gebeten, den Ring zu suchen - was er dann auch tat -
sehr zum Ärger der Tarub - denn wenn er den Ring suchte, pflegte er nie ein
Stück Wild heimzubringen ...
    Der dicke Kodama hört also nichts Besondres, wie er von der Sphinx spricht,
wird demnach allmählich deutlicher, will was von der Antarsage wissen und kommt
so schliesslich zu Safurs Dschinnengedicht.
    Seltsamerweise ist da der Safur gleich Feuer und Fett, die Flammen der
Begeisterung lodern hoch empor, und der Dichter redet mit einem Eifer von dem
Gedicht, dass der ziemlich vertrauensselige Kodama gleich glaubt, Safur habe
wirklich angefangen, das grosse Gedicht zu schreiben.
    Dem ist natürlich durchaus nicht so.
    Safur redet nur über das Dichten im Allgemeinen, führt aus, dass eine
wahrhaft treffliche dichterische Arbeit so wirken müsse wie ein feines
Brokatgewand, das von jedem andren Standpunkt aus ein andres Gesicht - eine
andre Farbenstimmung - zeige - - - das sei auch der Grund, weswegen ihm jetzt so
oft seine Dschinne mit einem ganz andren Kopfe, mit ganz andren Händen - ganz
anders gekleidet erschienen sei.
    Kodama ist bald der Meinung, dass Safur ein schier unendliches Gedicht
geschrieben habe, und fährt höchst befriedigt nach Bagdad zurück, um dem Osman
diese freudige Botschaft mitzuteilen.
    Hamadany bleibt als Gast in der Lehmkate noch über acht Tage, und als auch
er nach Bagdad zurück will - kommt grade der Abu Hischam mit dem Abu Hanifa an,
und die Beiden verhindern natürlich den Hamadany, nach Hause zu fahren.
    Der alte Philosoph Abu Hischam ist in so prächtiger Laune, dass es bald
wieder hoch hergeht - wie früher zu Bagdad in der langen Strasse.
    Alles, was in der Kate essbar und trinkbar ist, wird an zwei Tagen vertilgt -
und dann ist wieder - die Not da.
    Diesmal hat aber die Not einen recht lustigen Anstrich.
    Wie am dritten Tage die Tarub den drei Gästen und ihrem Dichter -
Ziegenmilch, Bananen, Feigen, sieben Möveneier und weiter nichts vorsetzt -
verschwindet das alles furchtbar schnell - Safur isst nur ein einziges Ei, sieht
sich verwundert nach mehr um - sagt aber nichts.
    Jedoch die Tarub fragt mit ganz ernstem Gesicht: »Nun, seid Ihr schon satt?«
    Da werden die Gesichter der vier Männer ganz anders - und - und - nach einer
Pause brechen plötzlich alle Vier in ein so fürchterliches Gelächter aus, dass
sie Magenschmerzen bekommen - nur vom Lachen.
    Es wird wieder gemütlich bei der Tarub.
    Die drei Gäste gehen nicht fort, sie gehen mit Safur auf die Jagd - und des
Abends hocken sie vor der Tür auf den roten Ziegelsteinen, essen und trinken,
was da ist - reden tiefsinniges Zeug!
    Das Gespräch wird stets von den jüngeren Gelehrten - von Hamadany und Abu
Hanifa - in Fluss gebracht. Die Tarub redet oft altklug mit; die jungen Leute
wollen so Manches wissen, was die Tarub weiss.
    Safur ist gemeinhin sehr einsilbig.
    Abu Hischam ist zumeist zu lachlustig. Trotzdem spricht er zuweilen noch
über die schwierigsten Fragen.
    Er erklärt den jungen Gelehrten, dass diese Welt garnicht wirklich da sei,
dass kein Mensch wirklich da sei, dass nichts da sei, dass Alles nur Trug und
Schein sei, und empfiehlt, diese Weisheit immer im Kopfe zu behalten - besonders
dürfe man diese Weisheit nicht vergessen, wenns einem mal schlecht gehe - denn
sage man sich in solchen schlechten Zeiten, dass man eigentlich garnicht lebe,
dass die Welt nur ein leeres Nichts, dass demnach die schlechte Zeit auch nur ein
leeres Nichts sei - so werde man bald über die Not schrecklich lachen müssen.
    »Lachen«, sagt Abu Hischam, »lachen muss der Mensch zu allen Zeiten, und
trinken muss der Mensch, wo er nur kann. Lachen und trinken ist die Hauptsache.«
    Zuweilen wurde der Philosoph von den jungen Gelehrten veranlasst, einige
Worte über die Entwicklung zu reden - und dabei pflegte dann der lachlustige
Zecher ernster zu werden - er erinnerte sich an die vielen Gespräche, die einst
auf Battanys langer Barke so heftig die Gemüter erregt hatten - das war schon
fast vier Jahre her - - - und die Erinnerung stimmte den alten Philosophen sehr
ernst.
    Er wars ja gewesen, der einst den »Bund der lauteren Brüder« feierlich
gründete, aus dem jetzt so ganz was Andres wurde - die Inder hatten sich
reingemischt und die Ägypter ebenfalls - und an den Gründer des Bundes dachte
kein Mensch mehr.
    Wie schnell sich die Zeiten ändern!
    Abu Hischam schimpfte oft auf den Abu Maschar, der immer behauptete, dass die
Welt unveränderlich sei ...
    Safur wird immer schweigsamer, er sieht so leidend aus - - -
    Man besucht öfters die in der Nähe wohnenden Eremiten - und Abu Hischam
redet dort wieder so vom Bunde, als wenn er bei der ganzen Geschichte noch was
zu sagen hätte.
    Abu Hanifa, der sehr boshaft ist, bittet dann immer den Philosophen, ja
keine Geheimnisse mitzuteilen - er, Abu Hanifa, könne beim besten Willen weder
schweigen noch lügen - - -
    Dafür fragt dann gewöhnlich der Philosoph den Safur, ob der ihm nicht sagen
könne, wie indische Pfauenpastete schmecke - er, als Feinschmecker, müsse das
doch wissen.
    So wird Safur, der Feinschmecker, zur Zielscheibe des Spottes -
    Der Dichter ärgert sich drüber - nicht bloss, weil er seiner Armut wegen
verspottet wird - sondern weil er an die Zeiten, in denen er sich als
»Feinschmecker« wohlfühlte, nicht gern erinnert sein mag.
    Das Feinschmeckertum kommt ihm jetzt so schrecklich roh und dumm vor - er
ist ja schon an ganz andre Genüsse gewöhnt - er verkehrt mit Geistern, mit Wesen
aus einer anderen Welt; und dieser Verkehr ist denn doch für ihn so genussreich,
dass dagegen alle Pasteten und alle Weine der Erde nichts sind.
    Der Besuch der drei Brüder ist dem Dichter recht lästig. Nachts, wenn die
Sterne glitzern und funkeln, stiehlt er sich oft heimlich aus der Kate fort und
fährt mit seinem Nachen auf den Strom hinaus.
    Und in der Dunkelheit auf den plätschernden Wellen des Tigris sieht der
Dichter wunderliche feine Gestalten vorüberschweben - und er hört Stimmen -
laute und leise - die locken und rufen - die Möven krächzen dazu - die Wellen
des Tigris plätschern und gurgeln - es ist so Vieles zu hören!
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Und eines Morgens kommt langsam Battanys lange Barke den Tigris hinauf und
landet ebenfalls in der Nähe der Lehmkate.
    Osman, Kodama, Abu Maschar und der alte Jakuby - entsteigen - der langen
Barke.
    Tarub freut sich natürlich schrecklich über den neuen Besuch - Safur
schneidet ein sauer und süsses Gesicht - das hilft ihm aber nicht.
    Er hat nun sieben lautere Brüder als Gäste in seinem Hause - die vier
zuletzt angekommenen bringen so viel zu essen und zu trinken mit, dass sich die
Tarub garnicht zu lassen weiss vor Aufregung und Freude.
    Osman hat auch ein paar chinesische seidene Fenstervorhänge mitgebracht, die
ganz mit bunten Blumen und noch bunteren Vögeln bestickt sind.
    Die Tarub hatte nämlich dem Kodama über die eisernen Kraten vor den Fenstern
geklagt, hatte ihm gesagt, dass die Kraten, die der wilden Tiere wegen notwendig
waren, in ihr stets ein unbehagliches Gefühl aufkommen liessen - als wenn sie
sich im Gefängnis befände.
    Daher - Osmans seidne Vorhänge!
    Osman ist immer schrecklich aufmerksam.
    Tarub freut sich - wien Kind.
    Und der alte Jakuby hat fünf eiserne Flammenschalen mitgebracht - nebst fünf
eisernen Dreifüssen - der alte Geograph ist der Meinung, dass man nur bei der
richtigen Beleuchtung gemütliche Feste feiern kann - welcher Meinung Alle
bereitwilligst beipflichten.
    Die Stimmung ist bald eine recht gehobene.
    Und abends steht der Vollmond über dem Tigris und glänzt - glänzt festlich.
    Vor der Lehmkate flackern fünf mächtige Flammen.
    Safur und Tarub sitzen vor ihrer Tür auf dem viereckigen, mit roten Ziegeln
gepflasterten Platze, von dem aus man den breiten, im Mondlicht glitzernden
Strom wohl überschauen kann. Und dort sitzen auch die sieben Gäste ...
    Die Gesellschaft bildet einen wohl abgezirkelten Kreis. Man isst mekkanische
Hühner, indische Schnecken, Antilopenschinken und Bagdader Marzipan und trinkt
wieder den köstlichen Wein aus Bassora dazu.
    Und man gedenkt der Abende bei Said ibn Selm, wird ein bisschen wehmütig,
bleibt aber trotzdem guter Dinge.
    Dass Al Battany, der all die ess- und trinkbaren Herrlichkeiten hersandte,
selber nicht mitmacht und daheim bei seinen Indern blieb, vermag die Stimmung
nicht zu verschlechtern.
    Die Abwesenheit des alten Suleiman, der sich in so auffälliger Weise ganz
von den lauteren Brüdern zurückzog, wird schon, eher mit schmerzlichem Gefühl
empfunden.
    Der Wein macht natürlich die Gesellschaft sehr lebhaft - Alle reden und
erzählen und haben sich so Vieles zu sagen ...
    Nur Safur bleibt schweigsam - er trinkt auch nicht.
    Und da kommt denn der Augenblick, in dem Osman nach Safurs Gedicht fragt.
    Drauf erst tiefes Schweigen in der Runde.
    Als Safur ruhig sagt, dass er augenblicklich noch nichts geschrieben habe, in
einigen Wochen aber »vielleicht« anfangen könne - da wirds so still, dass man
sogar die Adler oben in den Palmen leise pfeifen hören kann.
    Die hiernach folgenden Auseinandersetzungen sind nicht grade sehr
erquicklich.
    Kodama sagt höchst ärgerlich:
    »Da hört sich doch alles auf!«
    Abu Maschar und Jakuby schütteln bedenklich den Kopf.
    Osman ist empört und recht grob, erklärt die Unfruchtbarkeit eines begabten
Dichters für das grösste Übel der Welt.
    Abu Hischam redet sehr altklug mit, salbungsvoll bemerkt er:
    »Nichts ist so gefährlich wie die Nichtstuerei - sie allein hemmt die
Entwicklung der Menschheit. Durch Nichtstun kommen wir nicht weiter, das prägte
mir bereits meine liebe Grossmutter in frühester Jugend ein. Die Faulheit ist ein
Laster. Nur das unermüdliche Weiterstreben kann der menschlichen Gesellschaft
förderlich und nützlich sein. Meine Freunde, ich erinnere Euch an die
Gesellschaft der lauteren Brüder, der wir doch Alle angehören - wäre die
Gesellschaft, die nun bald vier Jahre besteht, wirklich imstande gewesen, in die
Entwicklung der grossen Gesellschaft, die wir die Menschheit nennen, mit Erfolg
tatkräftig eingreifen zu können - wenn wir nichts getan hätten? - Nie und
nimmer, meine Freunde. Die Nichtstuerei ist daher ein schändliches
nichtswürdiges Laster, das wir mit allen Kräften, die uns zu Gebote stehen,
bekämpfen und unterdrücken müssen.«
    Schallendes Gelächter belohnt diese köstliche Rede.
    Und Osman ruft ärgerlich:
    »Na, Du sei doch man still!«
    Und Abu Hischam ist es - er trinkt - trinkt lange.
    Safur jedoch, der sich das Lachen augenscheinlich abgewöhnt hat - denn er
lachte wieder mal nicht - erwidert dem Abu Hischam mit ganz ernster Miene:
    »Lieber Abu Hischam, Du bist vollkommen im Irrtum, wenn Du glaubst, dass
diejenigen Menschen, die immer was tun müssen, um sich die Zeit zu vertreiben,
die Entwicklung der Menschheit fördern. Arbeiten kann schliesslich Jeder - das
ist nichts Besondres. Du glaubst wohl, Dichten sei auch nur Arbeiten, nicht
wahr? Nein, Dichten und Arbeiten sind zwei ganz verschiedene Dinge. Wer wirklich
was hervorbringen will, das die Menschheit fördern kann - der muss einem fernen
unerreichbaren Ziele zustreben. Wer das nicht tut, wird nichts Besondres tun.
Wenn ich bloss ein Gedicht schreiben wollte, wies jeder dumme Tofaily
fertigbringen kann, so dürft ich mich nur gleich begraben lassen. Ich will mehr
- ich will das Unmögliche, das Unbeschreibliche, das Grosse, das Bedeutende - das
wird aber nicht in einem Tage geboren - das wird vielleicht nie geboren - doch
man soll dem Unmöglichen nachstreben - nur so kann was Neues entstehen. Ich
arbeite nicht - ich dichte. Und was ich mache, geht Euch garnichts an. Kümmert
Euch doch um andre Dinge. Für Euch ist ja doch nur der ein berühmter Mann, der
ein paar tiefe Gedanken in den Dreck ziehen und zu gewöhnlichen Gedanken machen
kann. Ihr seids wahrlich nicht, die die Entwicklung der Welt fördern. Ihr habt
nur immer an mir gezehrt und Euch mit meinen Witzen gebrüstet. Ihr habt nie
gewusst, was Ihr von mir halten solltet. Nennt mich doch unfruchtbar! Nennt mich
doch, wie Ihr wollt. Es ist schon zuviel, dass ich Euch Red und Antwort steh. Ihr
rennt dem Erreichbaren nach - das tut die Tarub auch - natürlich - Tarubs Brüder
seid Ihr - nicht lautere Brüder. Ganz Bagdad ist für mich Tarub - die ganze
Welt, die Ihr mit Euren stumpfen Sinnen sehen und begreifen könnt, ist für mich
nur Tarub. - Ich aber will in eine andre Welt, in die Ihr nie hinein könnt!«
    Da murren die lauteren Brüder, und man muss befürchten, dass es am Strande des
Tigris sehr - sehr ungemütlich wird.
    Zum Glück ergreift wieder der lustige Abu Hischam das Wort, streichelt
Tarubs Zopf und sagt:
    »Nun, liebe Tarub, sei nur nicht traurig, dass Du auch Tarub bist. Bagdads
berühmte Köchin zu sein, ist auch ein Verdienst. Mit dem grossen Dichter Safur
kannst Du Dich natürlich nicht vergleichen, der ist ja Bagdads berühmter
Dichter. Aber wenn ich zwischen Euch wählen sollte, so nähm ich doch die Köchin
lieber als den Dichter - bei der Köchin weiss ich doch immer, was ich habe. Wo
bliebe die Literatur, wenns keine Tarub gäbe? Freunde, seien wir nicht traurig,
dass wir von Safur Tarubs Brüder genannt wurden! Wir wollen gern den Namen Tarub
tragen. Die Tarubs werden die Entwicklung der Welt besser fördern als die
Safurs. Darum wollen wir zwei volle Becher auf Tarubs Wohl trinken!«
    Lachend geschiehts.
    Tarub ist gerührt.
    Die Stimmung der Gesellschaft wird wieder besser - doch da fängt der Kodama
wieder an, sagt der Tarub:
    »Du, weisst Du auch, dass Safur in Bagdad Deinen Namen tatsächlich als
Schimpfwort gebrauchte? Wenn er einen Tofaily beleidigen wollte, nannt er ihn
Tarub. Wo Andre Esel riefen, rief Safur Tarub!«
    »Sieh, sieh!« fällt da schnell der auch boshafte Abu Hanifa ein, »gehörst Du
ebenfalls zur Familie Tarub? Das hätt ich garnicht gedacht! Du verteidigst ja
die Tarub vortrefflich! Hetz nur schön! Du bist wohl Tarubs Grossmutter, nicht
wahr?«
    Nun legen sich die Andern ins Mittel und stellen die Ruhe notdürftig wieder
her.
    Abu Maschar schüttelt immer den Kopf, er versteht den Safur nicht mehr; den
hielt er für seinen Freund und muss nun bemerken, dass dieser Freund ihn nie
verstand. Der Prophet seufzt.
    Jakuby erzählt von dem Einfluss der Inder auf Battany - der kleidet sich
jetzt ganz und gar nach indischem Muster.
    Die Tarub weiss nicht recht, ob sie dem Safur oder dem Kodama zürnen soll;
des Letzteren Rede hat sie nicht ordentlich begriffen - - -
    Hamadany ist ausserordentlich liebenswürdig zur Tarub, hilft ihr die übrig
gebliebenen Teile der Antilopenschinken in die Küche tragen, sodass die Tarub
wieder lustig wird.
    Osman möchte gern noch ein bisschen auf dem Tigris herumfahren.
    Safur ist sofort bereit, erzählt aber einem plötzlichen Einfalle folgend mit
grosser Begeisterung von der alten, längst verfallenen Stadt Babylon - von der
dort befindlichen Beluspyramide und von den beiden Riesen Harut und Marut, die
in dieser Pyramide der Sage nach an den Beinen aufgehängt sein sollen.
    Diese Geschichte bringt die Gesellschaft auf andre Gedanken. Man wird
neugierig.
    Und als Safur den Vorschlag macht, auf der langen Barke gleich mal nach
Babylon zu fahren, willigen Alle ein - obwohl Babylon, mehrere Tagereisen
entfernt, garnicht so leicht zu erreichen ist.
    Tarub ist natürlich sehr traurig, dass sie zu Hause bleiben soll - doch sie
fügt sich.
    Man trinkt noch kräftig und steigt dann schwankend in die Barke, nimmt
Lebensmittel für einen Monat mit und segelt, wie die Sonne aufgeht, mit gutem
Winde durch den kürzlich wiederhergestellten Kanal dem Euphrat zu - nach
Babylon.
    Tarub sieht lange ihren sieben Gästen und ihrem Safur nach.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Da der Wind den acht lauteren Brüdern günstig ist, sind dieselben am zehnten
Tage bereits mitten in den Ruinen Babylons.
    Hamadany behauptet gleich, dass er, wär er als alter Babylonier zur Welt
gekommen, das Schicksal der alten Stadt hätte voraussagen können.
    Er prophezeite auch der jungen Stadt Bagdad den Untergang, denn Bagdad
verdanke ebenso wie Babylon nur »zufälligen Zeitumständen« und
Machtverhältnissen seine Entstehung und Bedeutung - beide Städte seien nicht wie
Byzanz durch ihre natürliche Lage sondern durch die Willkür kurzsichtiger
Machtaber gross geworden.
    Es war sehr lustig anzusehen, wie die arabischen Gelehrten in ihrer modernen
Bagdader Tracht zwischen den Ruinen herumkrochen. Der wie gewöhnlich sehr ruppig
gekleidete Abu Hischam schien der Gegend noch am besten angepasst zu sein - aber
die schwarzen Kaftane des Jakuby, Hamadany und Abu Hanifa wirkten unter den
Tempelsäulen, geflügelten Sphinxen, unter alten Urnen, Töpfen und Scherben sehr
fremdartig. Die braunen baumwollenen Kleider des dicken Osman nahmen sich ebenso
drollig aus wie Kodamas schwarze Sammetjacke. Selbst die Beduinengewänder des
Abu Maschar und des Safur schienen hier nicht herzugehören.
    Wie die drei weissen Turbane leuchteten!
    Wie lustig Jakubys violetter Turban von dem gelben des Kodama abstach!
    Safur sprach fast kein Wort und ging gewöhnlich seine eigenen Wege ... wären
ihm die Andern nicht immer in einiger Entfernung gefolgt, man hätte ihn
verloren.
    Er bestieg auch allein die Beluspyramide - die Andern warteten unten.
    Allmählich wurde jedoch Safurs sieben Freunden recht verdriesslich zu Mute.
    Des Dichters gereizte Stimmung übertrug sich.
    Man ass noch am Fusse der Pyramide bei Mondschein ein bescheidnes Abendbrot,
das vornehmlich aus Brot und Früchten bestand, bewunderte die Pyramide, deren
Spitze längst fort war und die dadurch einen klotzartigen Eindruck machte,
schlief unter den mitgebrachten Zelten so leidlich und rüstete am nächsten
Morgen zur Heimkehr.
    Nach längerem Suchen fand man die lange Barke wieder, schiffte sich ein und
segelte nach Hause.
    Indessen die Barke war schwerer als bisher.
    Es stellte sich nämlich heraus, dass Jeder eine ganze Masse Scherben, alte,
wunderlich geformte Eisenstücke, Öllämpchen, Alabasterfiguren, Tonziegel mit
babylonischer Schrift und so weiter in seinen Gewändern verborgen gehalten und
in die Barke mitgenommen hatte.
    Kodama hatte sogar einen alten Siegelring gefunden, der allgemeine
Bewunderung erregte.
    Die Folge dieses Sammeleifers war eine Überlastung des Kahnes.
    Auf der ganzen Rückreise mussten die Sklaven fortwährend das Wasser
ausschöpfen.
    Safur sprach zuweilen zu sich selbst und machte ein merkwürdiges Gesicht.
    Offenbar passte ihm die Gesellschaft nicht im mindesten, da Alle nur von den
gleichgültigsten alltäglichsten Dingen sprachen - Abu Maschar nicht ausgenommen.
    Des Dichters Gereizteit wurde so ungemütlich, dass Kodama am siebenten Tage
wütend ausrief:
    »Safur, wenn Dir unsre Gesellschaft unangenehm ist, so spring doch zum Kahn
hinaus und geh zu Fuss zu Deiner Tarub zurück. Das Ufer ist ja hier dicht in der
Nähe.«
    Und was geschah da?
    Safur tat, was ihm der dicke Kodama riet - er sprang wirklich raus aus dem
Kahn - drückte dabei leider so heftig mit dem rechten Fuss auf die Bordkante, dass
der Kahn Wasser schöpfte und - und - versank!
    Na - dies Geschrei!
    Die ganze Gesellschaft lag plötzlich im Wasser.
    Die Geschichte ist fast unbeschreiblich.
    Osman fährt, während er noch mit den Wellen kämpft, wutschnaubend auf den
dicken Kodama los, schreit: »Du naseweises Rindsvieh!« und stuckst den
Geographen so heftig ins Schilf, dass der mit dem Gesicht in den Morast fällt und
natürlich dabei Stirn und Wangen, Augen, Nase und Mund so beschmutzt, dass man
sich gar keine rechte Vorstellung davon machen kann.
    Alle sind pudelnass geworden.
    Ertrunken ist Keiner, da die Barke dicht am Ufer fuhr.
    Aber schmutzig sind Alle - brr! - sehr!
    Man mag sich garnicht gegenseitig ansehen.
    Und man schimpft natürlich auf den Safur - wie nur Wütende schimpfen können.
    Abu Hischam ist der Einzige, der lachen kann.
    Safur ist verschwunden.
    Dafür erscheinen ein paar Eremiten mit langen Stangen am Ufer.
    Wie die ollen Eremiten die nassen schmutzigen Brüder schauen, müssen sie so
lachen, dass ihnen die Tränen über die hohlen Wangen rollen.
    Die Schiffbrüchigen müssen sich das ruhig gefallen lassen.
    Der Kodama kriegt am meisten ab - er ist auch ganz kleinlaut.
    Von Safur aber sieht man keine Spur; der ist vollkommen verschwunden.
    Man beschliesst, Safur und Tarub nie wieder zu besuchen.
    Alle schwören sich das zu.
    Die Eremiten lachen sich krumm dabei.
    Die sieben lauteren Brüder reinigen wütend ihre Kleider - ihre schönen guten
Kleider.
    Die Barke wird mit Mühe gehoben.
    Unzählige Schmutzflecke gehn nicht raus aus den Kleidern - schändlich! -
gemein! -
    Die Wascherei nimmt gar kein Ende.
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
Seine Freunde ist also Bagdads berühmter Dichter los - die kommen nicht wieder.
    Jetzt hat er nur noch die Tarub, die sich natürlich nicht wenig wundert, als
Safur ihr mitteilt, dass er sich mit den »Andern« erzürnt habe und dass die
»Andern« schon nach Bagdad gefahren seien.
    Der Tarub wird so schwül, sie will Näheres wissen, erfährt aber nichts.
    Sie sagt dann kurz:
    »Das wird ja ein schönes Leben werden!«
    Und nach diesen Worten geht sie in ihre Küche und wirtschaftet wieder herum,
dass alles klirrt und klappert.
    Die Tarub muss immer arbeiten, sonst ist ihr nicht wohl.
    Safur aber - fängt jetzt an zu dichten.
    Das bereitet der Tarub natürlich eine grosse Freude.
    Sie bedauert allerdings, dass Safur seltner auf die Jagd geht, auch nicht
mehr angelt.
    Das macht aber nichts, denn Tarub angelt selbst.
    Es gibt fast täglich Fische zu Mittag.
    Leider schickt Battany nicht mehr Brot und Wein - das ist sehr peinlich!
    Es dauert drum nicht lange, und die Tarub ist wieder so wie in der langen
Strasse.
    Doch Safur geht jetzt einfach fort, wenn die Tarub laut zu reden oder gar zu
schimpfen beginnt.
    Die Tarub wird, so unglaubwürdig das auch klingen mag, schliesslich selber
schweigsam.
    Ein rührendes Zusammenleben!
    In der alten Lehmkate wirds immer stiller.
    Safur wird immer magrer. Doch er fängt sein Dschinnengedicht wirklich an -
auf prächtigem chinesischem Papier schreibt er die ersten Verse - - -
    Indessen - er zerreisst gern das, was er schrieb.
    Er fängt immer wieder noch mal an.
    Mit dem Dichten wills garnicht so recht gehen.
    Er kann nicht, er hat das Leben eines Schlemmers geführt - immer nur
genossen - nicht gelebt, um dichten zu können - - - sondern gelebt, um geniessen
zu können.
    Was Safur dichtete, waren immer nur Gelegenheitsscherze - mit denen er
blendete - Längeres, Grösseres hatte er nie fertig gebracht - demnach wollt es
jetzt mit dem Dschinnengedicht nicht vorwärtsgehen - wollte nicht.
    Die Tarub wird neugierig.
    Sie wundert sich, dass Safur immer seine Verse zerreisst - warum zerreisst er
sie denn?
    Als Safur mal fort ist, setzt sie einzelne Papierteile, die sie in einer
Ecke findet, wieder zusammen und liest:
»Ich sah Dich schon so lange nicht,
Wo bliebst Du nur?
Ich hört Dich auch so lange nicht.
Ach, Alles spricht,
Und die Königin der Wüste will da schweigen?
Nicht! Du sollst mir endlich Alles Alles zeigen -
Die ganze grosse Geisterwelt.
Ich sehne mich zu sehr!
Komm endlich zu mir her!«
Das war mit riesig grossen Buchstaben geschrieben - aus der Schrift leuchtete
Safurs Selbstbewusstsein wie eine grosse Sonne heraus.
    Die Tarub versteht die Verse nicht.
    Aber sie will wissen, wer die »Königin der Wüste« ist.
    Safur sieht so mürrisch und gereizt aus.
    Wie er wieder mal ein paar Verse zerreisst, sammelt die Tarub gleich nachher
mit grossem Eifer abermals die Papierteile, setzt sie zusammen und liest:
»Zum König Saiduk bist Du gegangen?
Zum König mit den schwarzen Wangen?
Wilde Dschinne, komm zu mir!«
Die Verse klären die Tarub nicht auf.
    Sie wird auch gereizt.
    Was will denn der Safur mit der Dschinne?
    Die Geschichte ist der grossen Köchin unbegreiflich.
    Safur bleibt oft tagelang fort -
    Oft fährt er im Kahn den Tigris hinauf - ganz allein.
    Zuweilen geht er auch auf die Jagd - bringt aber selten was mit.
    Die Tarub wird misstrauisch und eifersüchtig.
    Eines Tages findet sie wieder ein paar zerrissene Verse - die gingen so:
»Nun lach nicht mehr so schaurig!
Dein Lachen macht mich traurig!
Und sprich zu mir ein Wort!
Das Schweigen tötet die Liebe.
Du sollst mich aber lieben -
Ach, hörst Du mich denn nicht?«
Da regt sich das Weib in der Köchin -
    Sie wird eifersüchtig und schleicht ihrem Dichter nach - doch sie trifft
kein Weib - nur ein paar alte Eremiten.
    Die Eremiten forscht sie vorsichtig aus, hört jedoch nichts von ihnen.
    Safurs Augen sehen so scheu aus.
    Manchmal spricht er zu sich selbst ...
    Da findet die Tarub eines Morgens im Kahne abermals viel zerrissenes Papier,
und auf all dem Papier steht immer dasselbe - immer nur:
»Du bist die Nacht!
Du bist der Tod!«
Diese Worte beruhigen das Weib - denn dem wirds nun allmählich klar, dass die
Dschinne garnicht lebt, sonst könnt er sie doch nicht »Nacht« und »Tod« nennen.
    Doch was fehlt denn ihrem Dichter?
    Soll das der Anfang des grossen Gedichts sein?
    Richtig - jetzt fällt der Tarub ein, dass er ein »Dschinnengedicht« schreiben
will.
    Sie wird ganz ruhig.
    Auf einem nicht zerrissenen Papierstreifen steht:
»Und ewig bleibt sie still und stumm!
Ich dreh mich müd im Kreis herum,
Die Dschinne will mir nichts sagen.«
»Ha! Ha!« ruft da die Tarub und schmeisst den Streifen fort - dass die Dschinne
nichts sagt, kommt der Köchin so schrecklich natürlich vor - jetzt ist sie nicht
mehr eifersüchtig - ganz und gar nicht.
    Doch sie fühlt sich jetzt einsamer denn je.
    Die Einsamkeit ist ihr grässlich.
    Und sie sehnt sich nach Bagdad zurück.
    Mit dem Safur ist es ja nicht mehr zum Aushalten, sein Gesicht wird immer
hässlicher - diese krausen Stirnfalten! - diese dicke Unterlippe! -
    Manchmal allerdings ist der protte Bär recht in Sorge - Safur sieht so krank
aus.
    Indes - sie kann um Safurs Dichterei willen nicht ihr ganzes Leben so
hinfressen - das geht nicht!
    Und Safur mag die Tarub nicht mehr ansehen; ihn berührt das Körperliche an
ihr so unangenehm.
    Er ist sehr höflich zu ihr, wünscht aber innerlich, dass sie recht bald nach
Bagdad zurückkehren kann.
    Als Köchin ist sie ihm jetzt garnichts mehr.
    Er mag nur noch ungern was Besseres essen.
    Am liebsten isst er Brot und Früchte.
    In der Lehmkate wird nun alles so merkwürdig.
    Die Menschen da drinnen haben sich nichts mehr zu sagen - sie sind einander
fremd geworden.
    Zank gibts nicht mehr.
    Einer geht am Andern vorbei, als wär der nicht da.
    Eines Tages kriegt die Tarub aus Bagdad einen Brief vom Schneider Dschemil -
sie möcht doch zu ihm kommen und seine Köchin sein, sie solls gut haben - er,
der Schneider Dschemil, sei jetzt sehr reich und wolle öfters Festessen
veranstalten und so weiter.
    Der Brief kommt der berühmten Köchin nicht ungelegen; sie tut allerdings
anfangs so, als wolle sie nichts vom Dschemil wissen - aber wie Safur ihr ruhig
zuredet, gibt sie dem Boten, der ihr den Brief brachte, einen andern Brief mit,
in dem sie »Ja!« sagt.
    Und dann gehts ans Packen.
    dabei wird ihr allerdings ein bisschen eigentümlich - Safur ist ihr doch noch
nicht so ganz gleichgültig - durchaus nicht!
    Sie findet auch jetzt ein sauber geschriebenes Gedicht, das sie noch mal
heftig erregt - da steht geschrieben, und es ist nicht zerrissen:
    »Die Dschinne singt:
Ja, unter Deinen weissen Rosen
Will ich heut Abend mit Dir kosen.
Horch auf meinen knatternden Peitschenknall!
Oh! der donnert grausig durchs Weltenall!
Wirst ihn schon hören!
Ich will um Deine Liebe werben
Mit ganz besondrem Wüstenwitz.
Sieh! Die mich lieben, müssen sterben -
Und wen ich küsse, trifft der Blitz!«
Noch einmal ist die Tarub wieder ganz Liebe zu ihrem Safur - noch einmal - unter
den weissen Rosen.
    Und Safur?
    Der wird zuweilen so wehmütig.
    Er fühlt, dass die Tarub stets das schwere Bleigewicht war, das ihn, der
immer in eine andre Welt hinauffliegen wollte, an die Erde fesselte - die Tarub
war seine Sklavenkette.
    Aber wenn mal diese Sklavenkette abriss - was dann?
    Wirds zu seinem Heile sein?
    Wirklich?
    War die Sklavenkette nicht auch zu was gut?
    Den Dichter fröstelt, als berühre ihn eine Totenhand.
    Jetzt kann er fliegen - in das andre Land.
    Ist das aber nicht der Tod?
»Du bist die Nacht!
Du bist der Tod!«
Das murmelt leise der Dichter und fährt auf den Tigris hinaus - er will dichten.
    Und er dichtet:
»Meine Wüstenbraut!
Mein dunkles Weib!
Komm und küss mich tot!«
Und dann wirft der Dichter all sein Papier und sein ganzes Schreibzeug ins
Wasser - er will nicht mehr dichten - es wird ja doch nichts.
    Warum soll er auch dichten - warum?
    Er will seine Dschinne sehen - seine Dschinne!
    Es flüstert in der Luft.
    Safur horcht - und träumt und erschrickt zuletzt, als ihn die Tarub vom Ufer
aus anruft.
    Der Kahn, der die Tarub nach Bagdad bringen soll, ist angekommen.
    Safur küsst seine Tarub noch einmal so stürmisch - als wärs zum »letzten«
Mal.
    Und dann geht die Tarub fort - weinend.
    Die weissen Rosen duften so wunderbar.
    Safur steckt noch seiner Köchin ein paar weisse Rosen ins schwarze Haar und
streichelt ihren schwarzen Zopf.
    Der Abendhimmel ist gelb.
    Bagdads berühmte Köchin hebt sich prächtig vom Himmel ab - wie ein ehernes
Standbild,
    Safur liegt unten am Ufer und sieht seine Tarub da stehen - vor dem gelben
Himmel.
    Und als der Kahn vom Ufer abgestossen wird, fängt die Tarub furchtbar an zu
weinen.
    Safur weint auch.
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Ein leises Klingen geht durch die Luft.
    Safur fühlt sich so frei. Ihm ist, als würd er plötzlich emporgetragen
hinüber ins andre Reich.
    So als wenn er schwebe, ist ihm jetzt.
    Er hat das Gefühl, dass etwas Schweres von ihm genommen wurde, er fühlt sich
erleichtert - so frei - so frei - garnicht mehr irdisch.
    Eine wunderbare Seligkeit umfängt ihn.
    Wie froh ist er, dass die Tarub fort ist!
    Er sieht plötzlich seine Dschinne vor sich und sinkt auf die Kniee -
schliesst die Augen und fällt zurück.
    Wunderbar duften die weissen Rosen.
    Safur träumt von Wolken und von Huris.
    Plötzlich hört er knatternden Peitschenknall - einen furchtbaren Donner!
    Der Dichter will die Augen öffnen, kann aber nicht - er vermag nicht ein
Glied zu rühren.
    Und der Donner hört nicht auf.
    Seine Dschinne ist da - er fühlt es.
    Ein Pferd wiehert, und dann lacht wer.
    Ein hellblaues Licht blendet plötzlich des Dichters Augen. Er sieht hinein
und sieht seine Dschinne auf schwarzem Ross hoch aufspringen - ins blaue Licht
hinein.
    Die grauen Gewänder der Dschinne flattern und knallen; wieder donnerts!
    Und die Dschinne reitet in den Himmel hinein; sie dreht sich um, ihre
Peitsche saust knatternd durch die Luft.
    Ein Stier springt empor - ein wilder Stier - der sprengt auch in die blaue
Luft hinauf.
    Safur erhebt sich - ein Sturmwind erfasst ihn - und im nächsten Augenblick
sitzt er auf dem Stier, und nun gehts der Dschinne nach.
    Schwefelgelb wird die Luft.
    Auf grauen Wolken rasen - der Dschinne Ross und Safurs Stier.
    Ein Blitz zerreisst die gelbe Luft.
    Aus tausend Kehlen lacht es.
    Über die Wolken hin rast vor dem Stier ein unzählbares Reiterheer - König
Saiduk mit seinen Dschinnen.
    Und die Dschinne, die er verfolgte, stösst ihr Pferd in die Tiefe und schwebt
zum König und umhalst ihn - Safur schreit - und da fällt er kopfüber von seinem
Stier runter - in die Tiefe - sieht nichts mehr - - -
    Wie Safur erwacht, liegt er am Tigrisstrande, und der Vollmond leuchtet über
den Wassern, und die weissen Rosen duften - - - -
    In einigen Wochen wird Safur ein ganz Andrer. Seine Augen liegen hohl im
Kopf, und sein Leib ist abgemagert - wie ein Gespenst geht er am Strande auf die
Jagd. -
    Oft sieht er Hyänen.
    Unstet ist sein Blick, scheu - als hätt er ein Verbrechen begangen.
    Ans Essen denkt er nur selten.
    Wenn er aber angefangen hat zu essen - dann isst er mit furchtbarem
Heisshunger. Gewöhnlich schlingt er das ungekochte Fleisch wie ein wildes Tier
runter.
    Jetzt trinkt er mit Vorliebe - heisses Blut.
    Und er wird dann immer sehr wild.
    In jeder Nacht fiebert er.
    Und seine Fieberträume sind entsetzlich.
    Er verfolgt immer seine Dschinne.
    Auch die Tarub erscheint ihm, und sie ist sehr gut zu ihm, sagt immer:
    »Sieh, wenn Du mich nicht gehabt hättest, dann hättest Du doch nie die
Dschinne geliebt. Mir verdankst Du alles. Das Roh-Körperliche hat das Geistige
erzeugt - die Dschinne ist ja meine Tochter - weisst Du das nicht?«
    Und diese Rede hört er mehrere Male, und er wird dann immer sehr aufgebracht
und zankt sich mit der Tarub.
    Nachher jagt er wieder dem König Saiduk nach und prügelt sich mit ihm - der
aber würgt ihn immer - was furchtbar ist.
    Wenn dem tollen Dichter ein Eremit begegnet - so verbirgt der sich im
nächsten Gebüsch.
    Zuweilen sind des Dichters Fieberträume sanfter - besonders, wenn der Mond
nicht scheint. Dann träumt er wohl von prächtigen Gärten, in denen er von vielen
schönen Frauen ganz langsam umhergetragen wird.
    Von Riesensphinxen träumt er auch - deren Haupt ragt hoch in den Himmel bis
an die Sterne - und die Brüste der Sphinxe sind so gross wie Erdkugeln - oh -
noch grösser!
    Die ruhigen Träume werden jedoch immer seltener.
    Von den beiden Riesen - Harut und Marut - die in der Beluspyramide an den
Füssen aufgehängt sind, träumt dann auch mal der Dichter ...
    Wie er aber einmal erst von denen träumte, kann er sie nicht wieder
vergessen.
    Er glaubt immer, sie verfolgten ihn, sie gingen hinter ihm - mit den Köpfen
an die Erde stossend - und zwischen ihnen - seine Dschinne!
    Und diese Vorstellung lässt ihn nicht mehr los.
    Er will andre Geister zu Hilfe rufen.
    Er betet auf den Knieen zum König Saiduk.
    Nun will er unter allen Umständen in die überirdische Welt hinein - er muss -
er kann nicht mehr anders.
    Wenn er in der Lehmkate sitzt und brütet, ist ihm so, als wären Harut und
Marut draussen vor der Tür und würgten - seine Dschinne - seine Dschinne!
    »Mein Weib! Mein Weib!« schreit er dann und stürmt hinaus.
    Indessen da kommts ihm immer so vor, als wenn Harut und Marut blitzschnell
mit der Dschinne ins Haus hineinschlüpfen.
    Immer sind sie hinter der einen Wand, ob er nun vor der Kate oder mitten in
der Kate steht.
    Seine Blicke durchbohren die Wand.
    Er will hinter die Wand kommen - hinter die Wand - hinter die dumme Wand!
    Wie ein wildes Tier schreit er hin und wieder - dass es schaurig nachts über
die Wasser hallt.
    Alle seine Muskeln spannen sich an, er fühlt in sich übermenschliche
Riesenkräfte; er will Harut und Marut vernichten.
    Grässlich schreit er daher jeden Abend:
    »Harut! Marut! Kommt heraus! Harut! Marut! Ich erwürg Euch! Harut! Marut!«
    Wer auf dem Wasser vorbeirudert und das hört - schaudert zusammen.
    Niemand wagt dem Dichter zu nahen.
    Eines Abends, wie wieder der Vollmond über dem Tigris steht und sanft
leuchtet, schreit Safur lauter denn je.
    Er will durch die Wand durch - durch die dumme Wand - grade da will er
durch, wo eine rote Tontafel eingelegt ist, aus der wunderliche Figuren
herauskommen.
    Er will da durchaus durch.
    Noch einmal schreit er wie ein wildes Tier:
    »Harut! Marut! Jetzt komm ich! Mein Weib! Mein Weib! Harut! Marut! Jetzt!«
    Und mit fürchterlicher Kraft rennt er mit dem Kopf gegen die Lehmwand, dass
sein Haus erzittert und dass sein Schädel - birst.
    Mit gellendem Schrei bricht der Dichter zusammen.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Hyänen kommen langsam näher.
    Wunderbar duften die weissen Rosen.
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                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Die Sterne verblassen.
    Der Wind weht sanft über den Tigris.
    Es wird wieder Morgen.
    Die Christen feiern in Bagdad - Neujahr und schreiben das Jahr 897.
    Die christlichen Weinwirte sind sehr freigebig gewesen - gaben in der
letzten Nacht so manchen dicken Weinschlauch zum Besten.
    Man darf sich also nicht wundern, dass sich Bagdad an diesem christlichen
Neujahrsmorgen in recht gehobener Stimmung befindet.
    Abu Hischam, der mit Kodama fast die ganze Nacht Schach gespielt hat, kehrt
noch auf der Tigristerrasse ein - da lärmen die Tofailys.
    Abu Hanifa und Hamadany sind auch da.
    Die Tofailys zanken natürlich. Sie hassen sich, sie beneiden sich, sie
verleumden sich - wie gewöhnlich.
    Es ist bekanntgeworden, dass der verstorbene Safur das Wort »Tarub« zuletzt
als Schimpfwort gebrauchte, dass er das ganze ungebildete Volk »Tarub« nannte.
    Das hat sich sehr schnell herumgesprochen.
    Und nun gehört die Tarub wieder zu den »berühmtesten« Persönlichkeiten der
arabischen Literatur.
    Hamadany ist Tarubs Geliebter.
    Buchtury und Abu Hanifa machen sich ein Vergnügen daraus, Tarubs Vorzüge in
den Schatten zu stellen. -
    Abu Hanifa, der jetzt schon einen Ruf als Spötter geniesst, weist zunächst
mit höhnischem Gesicht auf die Tugenden der Tarub hin, preist ihre Gesundheit,
ihren echten Zopf, ihre starken Zähne, ihre Kenntnis der Gemüsearten, ihre
Sauberkeit, ihre Arbeitsamkeit, ihre Klatschsucht, ihre Grobheit, ihre einfachen
Sitten - und - und Abu Hanifa will sich totlachen.
    Schon möchte der Hamadany ärgerlich werden, da kommt jedoch der Abu Hischam
und nimmt die Tarub in Schutz:
    »Kinder«, erklärt er lachend mit dem Becher edlen Weins in der Hand,
»Kinder, was wär die Welt, wenn wir keine Tarubs hätten? Ihr seid ja sehr feine
Köpfe - sehr feine Köpfe - können aber Köpfe ohne Leiber leben? - seht Ihr? Da
habt Ihrs! die Tarubs sind die Leiber; die sind auch nötig - grade für Euch! Die
Tarub, die ich bekanntlich ebenfalls sehr liebe, ist für die Entwicklung der
arabischen Literatur garnicht so unwichtig gewesen. Wie oft hat uns Bagdads
berühmteste Köchin was Gutes gekocht! Kinder! ich glaube, es gäbe unter uns
keine Verfeinerung, wenns keine Tarub gäbe. Tarub lebt unter uns wien erzenes
Standbild. Ja - Tarub ist das einfache Volk - aber das bleibt und trotzt allen
Stürmen - ist das garnichts? Die feinen Köpfe gehen gewöhnlich entzwei, die
Tarubs gehen nicht so leicht entzwei - ist das nicht wahr?«
    »Ja!« schreien Alle und lachen - andre Tofailys stehen herum und hören zu.
Abu Hischam schwankt - fällt bald nach hinten, bald nach vorn, redet aber ruhig
weiter, wie ihn zwei Tofailys festalten.
    »Unsinn!« ruft er laut, »Unsinn ist die dumme Feinheit! Beim Barte des
Propheten - die Gesundheit ist doch auch was! Ich trinke auf Tarubs Gesundheit!«
    Mit Gejohle klirren die Becher zusammen.
    Abu Hanifa schreit heftig:
    »Nur die Kranken preisen die Gesundheit! Den Gesunden fällt das nicht ein!«
    Doch diese Bemerkung stört den lustigen Philosophen nicht im mindesten, er
spricht weiter:
    »Meine Freunde! Safur musste stets einem Idole nachjagen, das garnicht lebt -
also erzählte mir gestern der Prophet Abu Maschar - ich laufe einem Idole nach,
das wirklich auf der Erde da ist, dem wir alle nachlaufen sollten. Die Tarub ist
mein Idol - das bet ich an. Die Tarub ist das eherne Götzenbild, das wir alle
umtanzen sollen - sie ist was Festes - sie steht in unsrer Mitte. Da nun aber
Bagdads berühmte Köchin nicht hier ist - so lasst uns ihren Geliebten, den
Hamadany, umtanzen!«
    Der Philosoph konnte kaum ausreden.
    Eh er sichs versah, war Hamadany umringt, und - man tanzte um ihn rum.
    Das sah sehr drollig aus.
    Der Lärm schallte über den Tigris der aufgehenden Morgensonne entgegen.
    Wie sich die Aufregung ein bisschen gelegt hat, geht Hamadany fort - zu
seiner Tarub.
    »Heut Abend also bei Dschemil!« ruft er noch lachend den Andern zu.
    Der Schneider Dschemil ist jetzt auch berühmt - und wie!
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    Die Tarub weinte viel - das zog den Hamadany an - er wollte sie trösten -
und so kamen sie zusammen.
    Hamadany betrinkt sich garnicht mehr - um seine berühmte Köchin nicht an den
Safur zu erinnern.
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    Über den Karawanenplatz, der im Frühlicht so farbenfrisch aufleuchtet wie
ein Haufen bunter Edelsteine, reitet der Prinz Ali - mit grossem Gefolge - er
will auf den Sklavenmarkt.
    Die jungen Araber, die betrunken nach Hause wanken, begrüssen den Prinzen in
sehr eigenartiger Weise - sie stehen, während er vorbeireitet, auf einem Beine,
was ihnen natürlich nicht leichtfällt.
    Diese Begrüssungsart entspricht einem besonderen Wunsche des Prinzen.
    Den Fremden ist es jedoch verboten, den Prinzen auf einem Beine zu begrüssen.
    Der Ali hat noch immer die merkwürdigsten Einfälle.
    Es liegt in der Zeit eine gewisse Sucht nach auffälligen Geschichten. Jeder
will bemerkt und »berühmt« werden. dabei belacht zu werden - gilt nicht als
Schande - im Gegenteil!
    Der Prinz ärgert sich drum auch garnicht, als er auf dem Sklavenmarkte mit
einem Spottliede empfangen wird, das ihm hauptsächlich die Frauen gern zu hören
geben, da er seiner ungewöhnlichen Neigungen wegen ebenfalls »berühmt« ist.
    Das sehr harmlos klingende Spottlied geht also:
»Prinz Ali ist ein Mann!
Prinz Ali ist ein Mann,
Der wunderschön regieren kann,
Man seh ihn sich nur länger an!
Prinz Ali ist ein Mann!«
Diese nicht grade geistreichen Verse haben zum Ruhme des Prinzen sehr viel
beigetragen - er hört sie deshalb zuweilen mit grösstem Wohlgefallen.
    Sein Bruder, der Prinz Abdallah, der durch seine eigenen Gedichte berühmt
werden will, ist ordentlich neidisch auf dieses Spottlied - auf ihn hat man noch
keins gemacht.
    Die Zeit leidet an Ruhmsucht.
    Abu Hanifa sagt Jedem, dem was fehlt:
    »Mensch sei vergnügt! Wenn man nur berühmt ist - dann ist Alles gut!«
    Unzählige Araber murmeln ihm nach:
    »Wenn man nur berühmt ist!«
    Drollige Zeit!
    Von dem Chalifen hört man nicht mehr viel. Man weiss garnicht mehr, »wer«
eigentlich an der Regierung ist - fragt auch nicht danach.
    Sehr viele religiöse Sekten werden gegründet.
    Der nichtswürdige Dichter Al Rumy, ein Anführer der Tofailys, hat auch eine
neue Religion gegründet - deren Kultus sich um Wettlaufen, Faustkämpfe und
Ringkämpfe dreht.
    Al Rumy hält die Leibesübungen für die besten Erlösungsmittel und preist die
in sehr marktschreierischer Weise an - bei den Tofailys erzielt er einen
ungeheuren Erfolg.
    Die Tofailys verbesserten durch Al Rumys Religion die Aufnahmefähigkeit
ihres Magens.
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    Osman beschäftigt an die hundert Schreiber.
    Die lauteren Brüder schreiben ja nicht allzu viel - dafür schreiben aber die
Tofailys um so mehr - besonders Dschinnengedichte werden von den letzteren
geschrieben.
    Buchtury hat auch ein langes Gedicht geschrieben - in dem kommt eine
Dschinne vor, die so viel isst und danach so dick und schwer wird, dass sie
schliesslich ihrem Hengst das Rückgrat zerbricht - - -
    Abu Hanifa schreibt über die Omijaden.
    Kodama schreibt Vorreden zu den Werken der älteren arabischen Literatur.
    Der alte Suleiman ist so gut wie verschollen - er soll in Kufa leben. Er
verschwand, als sich die Sailóndula in den Tigris stürzte und - ertrank.
    Jakuby klettert in den Ruinen von Persepolis umher und gedenkt, nach
Nordchina zu pilgern - unermüdlich ist der alte Herr.
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    Die Sareppa hats Genick gebrochen.
    Die Abla ist krank.
    Said ist auch gestorben.
    Die arabische Literatur versammelt sich jetzt beim Schneider Dschemil.
    Es geht dort allerdings ein bisschen gemischt zu.
    Battany und Osman besuchen den Schneider nicht, die haben sich
zurückgezogen.
    Osman gibt zuweilen einem ganz erlesenen Kreise von Gelehrten ein
fürstliches Abendessen - mag jedoch die meisten lauteren Brüder nicht zu oft bei
sich sehen.
    Aus der »Gesellschaft der lauteren Brüder« ist jetzt wirklich ein
abgeschlossener Geheimbund geworden.
    Und zu diesem Geheimbunde gehören diejenigen, die einst den Bund gründeten,
zum grossen Teile nicht mehr.
    Die Inder und die Ägypter, die bei Al Battany ständig zu Gaste sind, haben
sich ganz und gar des Bundes bemächtigt.
    Die Bundesangelegenheiten werden sämtlich in den Gärten des reichen Al
Battany erörtert - Osman wird immer seltener zu Rate gezogen - an die andern
Araber denkt man garnicht.
    Bei den Indern hat sich beinahe eine Feindschaft gegen das Arabertum
ausgebildet, und öfters zog man in gehässigen Ausdrücken gegen den armen Safur
los, in dem man das Urbild des Arabers sehen wollte, der an seiner Genussgier zu
Grunde gehen musste.
    Als Osman den Toten mal in Schutz nahm, ihn besonders als Dichter sehr
herausstrich und schliesslich sagte:
    »Seine Tollheit war eine ganz ernste Tollheit - er hatte Vieles in sich, was
ihn sehr berühmt gemacht haben würde« - da ward der kühne Schreiber fast
garnicht mehr von Battany eingeladen.
    Dass Safur ein echter Araber vom Scheitel bis zur Zeh war - daran zweifelte
natürlich im Volk und unter den Tofailys kein Mensch - bei Battany wurde ihm das
aber zum Vorwurf gemacht - - - was glücklicherweise nicht allgemein bekannt
geworden ist - - - sonst wärs dem Battany noch schlecht ergangen - - -
    Safurs Einfluss auf die Tofailys war recht gross - die waren im Jahre 897
sämtlich grosse Feinschmecker geworden - und viele von ihnen schrieben
Dschinnengedichte ...
    Nicht immer das Beste kommt an die Oberfläche.
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    Die Sternwarte ist fast verödet.
    Abu Maschar steht zwar noch immer auf dem Mittelturm und rechnet - sonst ist
es aber ganz still - die Mongolen reiten unten nicht mehr herum - Battany hat
sich eine neue Sternwarte in seinem Garten erbaut.
    Der Prophet steht auf seinem Mittelturm wie ein Gespenst - auch an dem
christlichen Neujahrsmorgen.
    Wie das Spottlied auf den Ali vom nahen Sklavenmarkt herüberhallt, murmelt
der Prophet lächelnd:
    »Aha, Ali kommt!«
    Und der Prophet rechnet weiter.
    Später sagt er seufzend:
    »Ach! Ali kommt immer! Auch die Lächerlichkeit ist unsterblich. Und da
behaupten die Menschen noch, dass sich die Welt entwickle. Nein - die entwickelt
sich nicht. Die Welt wird nach tausend Jahren genauso klug und genauso dumm sein
- wie sies heute ist.«
    Und der Prophet achtet nicht drauf, dass die Sonne allmählich höher und höher
steigt und heisser wird -
    Der Prophet rechnet wieder - rechnet.
 
    