
        
                                Maria Janitschek
                              Die Amazonenschlacht
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Also das war ihr Zimmer. Sie streifte die Handschuhe ab und sah sich um. Das
eiserne Bett, der Schrank aus weichem gestrichenen Holz, die fleckige
Tischdecke, das in der Mitte eingesessene Sofa machten keinen besonders
freundlichen Eindruck. Aber das Ärgste, nein, das konnte sie nicht sehen.
    »Fräulein!«
    »Jawoll.«
    »Sagen Sie, müssen diese Öldrucke da hängen?«
    »Die Bilder? I Jott bewahre! Wenn die gnä Frau schönere hat, können wir die
da wechnehmen.«
    »Schönere? Ich führe keine Bilder bei mir. Ich habe ja ein möbliertes Zimmer
gemietet, aber diese grellen Gemälde schmerzen meine Augen.«
    »Wollen se fortnehmen. Nachdem, wenn die gnä Frau zum Essen jehn, denn et
wird Staub jeben. Die Bilder hängen schon manchet Jahr da. Den Herrn Mietern
haben se immer jefalln.«
    »Ich danke Ihnen. Wasser ist in der Kanne, nicht wahr?«
    Die junge Frau neigte sich über den Waschtisch.
    »Det will ick meenen, dat Wasser drinne is: wenn man von de Reise kommt, det
weiss ick schon. Habn Se sonst noch 'n Wunsch?«
    Das fahle Gesicht des Dienstmädchens sah mit impertinentem Lächeln auf die
junge Dame. »Sonst nischt, denn ziehe ick mir zurück.«
    Die Türe fiel ins Schloss.
    Draussen drehte die Magd die Visitenkarte der Dame zwischen den Fingern.
Hildegard Wallner. Also die soll an de Dhüre kommen? Na meintswejen. Een
besonderer Name is det nich. Un nich 'mal Frau steht druf. Nu, man weiss ja ooch
nich. - Sie heftete das Kärtchen mit vier kleinen Nägeln an die Korridortüre.
Während dessen tauchte Frau Hildegard ihr Gesicht in die Waschschüssel und
wunderte sich, dass man ihr warmes Wasser gebracht hatte. Nach einer Weile
steckte sie den Kopf durch die Tür.
    »Fräulein.«
    »Jawoll.«
    »Könnt ich nicht etwas kaltes Wasser haben?«
    »Habn Se ja schon.«
    »Wie? Ich meine ganz kaltes, von der Leitung.«
    »Haben Se ja schon, Frau Wallnerchen, haben Se ja schon. Bei uns is det det
kältste Wasser. Sonst müssen Se sich von'n Konditer Eis holen lassen.«
    Frau Hildegards Lippen verzogen sich leicht.
    »Danke.«
    Sie zog den Kopf wieder herein, trocknete sich das Gesicht, kämmte ihr
schönes dunkelbraunes Haar, und schlüpfte in ihr Kleid.
    Dann liess sie sich auf das Sofa nieder und stützte den Kopf in die Hand.
    Nun, so arg war es ja wohl nicht, wie es im ersten Augenblick erschien.
    Natürlich, sie war ihre Kleinstadt gewöhnt mit der schneeweissen Sauberkeit
und dem kalten Quellwasser. Dafür hatte sie ja jetzt ein anderes Gut
eingetauscht, ein Gut, nach dem sie lange geschmachtet: die Freiheit. Was lag an
all den Nebenumständen, die vielleicht jetzt ungünstiger als früher wurden?
    Sie würde nun sicher zufrieden werden, besonders wenn sie erst eine
Beschäftigung gefunden hatte. Wer, der jahrelang in einer unglücklichen Ehe
geseufzt, wird nicht den ersten Tag, da er sich frei weiss, einen glücklichen
nennen?
    Wenn man bloss denken, Einiges noch überlegen könnte; aber der Lärm, der von
der Strasse heraufdrang, war zu toll. Sie schloss das Fenster.
    Ob das immer und ewig so forttollte? oder ob heute ein besonderer Tag war,
Markttag, oder so etwas?
    Sie musste über sich selbst lachen. Hatte sie sich doch wieder in ihre
kleinstädtischen Verhältnisse zurückversetzt. Hier in der Millionenstadt war
vermutlich jeder Tag ein Markttag. Sie versank in Gedanken; dann trat sie zum
Fenster, um es zu öffnen. Die Luft hier war gar zu erstickend. Wonach roch es
nur eigentlich? Sie grübelte eine zeitlang; dann entschloss sie sich auszugehen -
irgendwohin zum Mittagessen. Es war ein Uhr, die Stunde in der sie auch zu Hause
gespeist hatten. Sie zog das Jaquet an, setzte das Hütchen auf, das sie
sorgfältig einer Pappschachtel entnommen hatte, und ging hinaus. Draussen im
Vorzimmer am Fenster sass das Mädchen und las. Es war ein Leihbiblioteksband,
über und über von Fettflecken bedeckt. Die Lesende liess ihn langsam in ihren
Schoss gleiten.
    »Juten Apptit, Se jehn woll frühstücken?«
    »Nein, ich gehe zum Mittagsbrod; wo kann man hier essen?«
    »Wo? In'n Franziskaner, jleich um de Ecke links. Eene Mark det Kuvert.«
    »So, das wäre nicht zu teuer; kann eine Dame auch allein hingehen?«
    »Det will ick meenen. Ick zum Beispiel dhus ooch. Freilein Schulze jiebt
mich Speisejeld, da jeh ick jedn Mittag los.«
    »Essen auch Sie beim Franziskaner?«
    »Nee, ick jeh zur Lachmuskel. Hintn im Hof is eene famose Stube; in de vorn
jelegene jeh ick nich, weils da dheurer is.«
    »Weshalb kochen Sie nicht zu Hause?«
    »I wo denken Se hin? Bei den weiten Weg, den Freilein Schulze int Jeschäft
hat. Un für mir alleene kochen, nee, det wär nischt.«
    Hildegard schüttelte den Kopf.
    »Die Türe da drüben führt wohl zu Fräulein Schulzes Zimmer?«
    »Ja det tut se.«
    »Und wo schlafen Sie?«
    »Hier uf 'm Sofa.«
    Das Vorzimmer war eng, aber anständig möbliert; Sofa, Tisch, und einige
Stühle bildeten seine Einrichtung. Am Fenster befand sich ein Nähtisch. In einer
Ecke stand ein Kleiderrechen, daneben ein Reisekorb.
    »Viel Licht haben Sie hier nicht.«
    Hildegard sah in den engen Schacht hinab, der den Hof vorstellte.
    »Brauch ick ooch nich; dafor jiebts Lampen.«
    Ob die Dienstmädchen hier alle so impertinent waren? Frau Wallner mass mit
leichtem Stirnrunzeln die Magd. Es schien ihr, als habe sie noch nie ein so
hässliches Gesicht gesehen. Um den breiten Mund gegen das Kinn hin befand sich
eine Menge kleiner Warzen und erinnerte an die Haut der Kröten. Die Nase glich
einem birnförmigen Fleischklumpen; die Augen stachen zwischen weisslich blonden
Wimpern klein und tückisch hervor. Unendlich spärliches semmelfarbenes Haar
umgab die niedere Stirn.
    Armes Geschöpf, dachte die schöne junge Frau; dann sagte sie mit
freundlicherer Stimme als vorher:
    »Wie soll ich Sie rufen? Fräulein, ist auf die Dauer doch zu langweilig.«
    »Find ick nich. Ick heesse Anna Niehm. Aber ick höret lieber, wenn Se mir
bloss Freilein rufen.«
    Hildegards Wangen röteten sich leicht; dann wandte sie sich zum Ausgang.
    »Richtig, der Schlüssel. Ich habe noch keinen Korridorschlüssel.«
    Die Magd erhob sich träg und langte von dem Bordbrett neben dem Sofa einen
Schlüssel herab.
    Hildegard ging vorsichtig die steile enge Wendeltreppe hinab. Unten blieb
sie einen Augenblick stehn, um sich das Haus näher zu betrachten. Es war ein
ganz schmaler, alter, spitz zulaufender Bau, vielleicht eines der ältesten
Häuser Berlins. Das höchst gelegene Fenster, dort bald unterm Giebel, war das
ihre.
    Als sie, noch von Konstanz aus, hier in einer Tageszeitung ihr
Wohnungsgesuch einrücken liess, hatte sie ein besseres Resultat ihres Suchens
erwartet. Sie hatte aus einem Wust angebotener möblierter Zimmer gerade dieses
hier gewählt, weil die Strasse, in der es sich befand, Unter den Linden hiess, und
sie sich unter dieser Strasse Herrliches vorstellte. Nun, vielleicht würde sie
sich auch hier einleben. Fräulein Schulze, die Wohnungsinhaberin kam immer erst
abends nach Hause. Sie war von neun Uhr morgens an in einem Geschäfte. Hildegard
würde heute Abend mit ihr sprechen. Hoffentlich war sie anmutiger als ihre
Dienerin.
    Das Mittagessen beim »Franziskaner« verlief überaus peinlich für Frau
Wallner. Man starrte sie an; sie errötete, geriet in Verlegenheit und gab so
Veranlassung, dass man sich über sie lustig machte und sie noch mehr anstarrte.
Nach dem Essen unternahm sie einen Spaziergang, verirrte sich natürlich, musste
in eine Droschke steigen, und kam schliesslich gegen Abend heim. Sie war todmüde
geworden, warf sich auf das Sofa und schlief ein. Ein starkes Klopfen an der
Tür erweckte sie. Eine Dame trat herein.
    »Verzeihen Sie, dass ich den Schlüssel als Klopfer benutzt habe. Aber wenn
man nicht mit etwas Derberem als dem Finger anpocht, hört mans hier innen
nicht.«
    Hildegard, noch ganz verschlafen, lächelte.
    »Fräulein Schulze, nichtwahr? O bitte setzen Sie sich.« Sie zog die Andere
neben sich auf das Sofa.
    »Na, ich wünschte bloss, dass es Ihnen bei mir gefällt. Ich habe immer
vornehme Mieter gehabt. Es ist sehr ruhig hier; ich bin den ganzen Tag nicht zu
Hause.«
    »Das tut mir leid,« meinte Hildegard, ihre Hausfrau von der Seite
betrachtend, »ich hätte Sie gerne um allerlei gefragt, mir Ihren Rat erbeten.«
    »Das können Sie ja, liebes Frauchen.« Das gutmütige, volle, stark gepuderte
Gesicht der Vermieterin verzog sich zu einem freundlichen Lächeln. »Ich komme
jeden Abend gegen elf Uhr nach Hause. Da können wir nachher immer noch ein
Weilchen plaudern.«
    »So spät erst« meinte Hildegard.
    Das Fräulein zupfte sich die leicht angegrauten blonden Löckchen in die
Stirn.
    »Das nennen Sie spät? Aber ich bitte Sie, das ist ja ganz zeitig. Um acht
Uhr schliessen wir das Geschäft, dann gehe ich mit Bekannten soupieren. Dann -
übrigens wie ists denn, haben Sie gar Niemand hier in Berlin?«
    Frau Wallner schüttelte den Kopf. »Keinen Menschen.«
    »Das ist traurig, aber - Sie werden mehr Bekanntschaften machen, als Ihnen
angenehm ist.«
    »Wieso?« fragte Hildegard etwas brüsk. »Ich bin hierhergekommen, um mir eine
Stellung zu suchen, nicht um mich zu unterhalten.«
    »Sie sind von Ihrem Mann geschieden, wie mir Ihr Brief andeutete.«
    »Getrennt.« Hildegards Wangen färbten sich purpurn. »Und ich wünschte
schnell irgend eine Beschäftigung zu finden?«
    »Hm.« Fräulein Schulze betrachtete die hübsche junge Frau. »Als was möchten
Sie denn angestellt werden?«
    »Als was? Ach, vielleicht als Sekretärin oder so. Ich weiss selbst nicht. Ich
spreche französisch und englisch.«
    »Verstehen Sie die Buchführung?«
    »Nein.«
    »In ein Geschäft möchten Sie nicht.«
    »In ein Geschäft? Nein.«
    Hildegards Augen drückten Befremden aus.
    »Na ich meinte nur -« Fräulein Schulze lächelte ein wenig. »Wenn man ein
einträgliches Auskommen sucht -«
    »Ich habe immer gehört und gelesen, dass in Geschäften angestellte Damen sehr
schlechte Bezahlung erhalten.«
    »Das trifft nicht überall zu. Ich beziehe zum Beispiel eine jährliche
Einnahme von zweitausend Mark. Das ist doch nicht übel, wie?«
    »Wahrhaftig?« rief Hildegard verwundert, »Zweitausend Mark, das ist eine
hübsche Summe. Haben Sie sehr viel zu leisten?«
    »Ach es geht. Die Schneiderinnen zu beaufsichtigen, einige unserer ältesten
Kunden bedienen, und so weiter.«
    »Ich möchte am liebsten studieren,« meinte Frau Wallner, »aber ich bin wohl
zu alt dazu; auch besitze ich zu wenig Mittel, um mich etliche Jahre über Wasser
halten zu können - und so lange dauerts wohl, bis man sich als Rechtsanwalt oder
Doctor medicinae Geld verdient.«
    »Ja freilich, freilich,« sagte das Fräulein, »so lange dauerts schon. Ich
habe auch einmal so hohe Träume gehabt, aber - na, man wird bescheidener.«
    Sie stand auf und drückte Hildegards Hand. »Für heute gute Nacht, Frau
Wallner. Ich lass Sie ausschlafen. Morgen Abend erzählen Sie mir mehr, wenn Sie
Lust haben.« Sie entfernte sich grüssend.
    Sie ist nicht hübsch aber sympatisch, dachte Hildegard.
    Da steckte die Andere den Kopf zur Tür herein. »Wie ists mit dem Frühstück?
Nehmen Sie es hier oder ausserhalb?«
    Hildegard dachte an das Gesicht der Magd. »Ausserhalb,« sagte sie.
    »Gute Nacht.«
    »Gute Nacht.«
 
                                       2
Als Hildegard sich zur Ruhe begeben und die Lampe auslöschen wollte, entdeckte
sie, dass überhaupt keine angezündet war. Und doch war das Zimmer in taghelles
Licht getaucht. Sie trat verwundert ans Fenster. Eine riesige elektrische
Bogenlampe, die unter demselben hing, klärte sie auf.
    Sie starrte in das blendende Licht. Die Augen taten ihr weh. Und da sollte
ein Mensch schlafen können? Zu Hause hatte ihr das Mädchen nie dunkel genug im
Schlafzimmer machen können. Schon wieder das Rückwärtsschweifen ... Hier wars
eben anders. Und die zwei Millionen Menschen schliefen doch, trotzdem sich an
den meisten Fenstern keine Laden, sondern nur dünne Stors befanden. Gut, wenns
die Andern konnten, wollte sies auch versuchen. Die »Andern« war ja immer ihr
Losungswort gewesen. Sie legte sich zu Bette. Bald aber erhob sie sich wieder.
Nicht die Helle trieb sie empor, der Lärm, der brausende dröhnende Strassenlärm.
Sie hatte ihr Fenster offenstehen lassen, weil die Luft in der Stube so schlecht
war. Sie schloss es nun und legte sich wieder hin. Aber die dünnen Glasscheiben
machten das donnernde Getöne von draussen nicht leiser. Das Klingeln der
Omnibusse, das Getute der Mail Coatch, das Rasseln der Wagenräder, die Stimmen
der tausendköpfigen Menge, die sich eng aneinandergepresst da unten vorüberschob,
und aus der der Eine den Andern zu überschreien suchte, klang nervenzerreissend
herauf. Hildegard drückte den Kopf ins Kissen. Sie wollte nicht hören, aber sie
hörte doch. Sie band ihr Taschentuch über die Ohren. Nun hörte sie schwächer,
aber umso beängstigender. Einige Töne klangen sogar vernehmbarer so, andere
erstickten zu einem dumpfen Sausen. Furcht ergriff sie. Es schien ihr, als
gehörten diese tausend und tausend Töne einem riesigen Ungeheuer an, das in
jedem Augenblick die dünnen Wände des Hauses eindrücken, zu ihr hereinbrechen
und sie zermalmen würde. Sie erhob sich und ging im Zimmer auf und nieder. Sie
suchte sich damit zu trösten, dass all dieser Lärm doch wohl gegen Mitternacht
aufhören müsste. Und dann sagte sie sich, dass sie heute übermüdet und besonders
gereizt sei.
    Morgen würde es ihr schon besser gelingen, ihre Nerven dem Getriebe der
Grossstadt anzupassen. Sie nahm einen Schluck Wasser aus der Karaffe, konnte es
aber nicht hinabschlingen. Es mochte wohl seine vierzehn Grad Wärme haben.
    Ach Gott, nein, das alles hatte sie sich anders gedacht - ganz anders. Und
sie war doch kein kleines verträumtes Mädchen mehr. Aber so, gerade so hätte der
Anfang nicht zu sein brauchen. Sie hatte sich unter einer Zimmervermieterin in
Berlin eine schöne alte Dame mit weissem Haar vorgestellt, die sie mit den Worten
empfangen würde: »Liebes Kind, ich will Sie chaperonnieren, seien Sie nur ruhig,
wir werden eine gute prächtige Stellung für Sie ausfindig machen; schlafen Sie
sich indessen aus. Sehen Sie, dies ist Ihr Zimmer.«
    Und die Dame geleitet sie in ein kleines niedliches Zimmerchen. Ein
Resedastock steht am Fenster und duftet. Die altmodischen Möbel sind mit weissen
Schutzdecken geziert. In der Ecke steht ein grüner Kachelofen. An den Wänden
hängen etliche gute alte Ölporträts, die Verwandte aus der Familie der braven
Zimmervermieterin vorstellen. Und da kommt auch schon ein Dienstmädchen im
sauberen weissen Häubchen, ein zierliches Kaffeebrett mit dem dampfenden Getränk
in den Händen. Und die sagt im lieben Badener Dialekt:
    »Lasse Sie sichs wohlschmecke, Madamche.«
    Ach Gott! Hildegard setzte sich auf den Bettrand und begann zu weinen. Das
Alles hatte sie ja besessen und weggeworfen, weil sie sich als Frau des
Fortschritts fühlte, der das eheliche Zusammenleben mit einem schlichten
Menschen viel zu wenig bot, um ihre geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Das
Weib muss sich selbständig machen, um beweisen zu können, dass es auch ohne Mann,
ja gerade ohne ihn, sich eine hervorragende Stellung auf dem Kampfplatze des
Lebens zu erringen vermag.
    So hatte sie es gelesen, Tag für Tag, in den hübschen blauen, grünen und
gelben Broschüren, die ihre »Genossinnen im Streite um ihr Menschenrecht« ihr
hatten zugehen lassen. Seit es ihr klar geworden war, dass sie Einhart nicht
liebte, war plötzlich der Durst nach »Bildung« in ihr erwacht. Sie begann zu
lesen; zuerst Romane, dann auch anderes. Schliesslich war sie kühn geworden und
hatte ein oder dem andern Autor, meist waren es weibliche, die sie
interessierten, geschrieben. Nach kurzem Briefwechsel wussten die Andern bereits,
dass sie eine Unglückliche, Unverstandene sei, eine jener Tausende, die unter dem
Sklavenjoch der Ehe schmachteten.
    Das war ja eine, wie sie sie brauchen konnten. Die Vertreterinnen der
männerverdammenden Richtung antworteten ihr und sandten Bücher, Broschüren und
Flugblätter aus ihrer Werkstatt an sie. Sie fühlte sich gehoben, beglückt.
    Nach den letzten trübseligen Monden ihrer Ehe, wo oft Wochen vorübergegangen
waren, ohne dass eines der Gatten zum andern sprach, hatte er sie endlich
freigegeben. Ihre Bekannten überhäuften sie mit Vorwürfen - Eltern hatte sie
nicht mehr - und bewiesen ihr klipp und klar, dass sie eine Närrin wäre, einen
braven edlen Mann zu verlassen, den sie überdies aus einem lebensfrohen Menschen
zu einem wortkargen Sonderling gemacht hätte.
    Sie gab scharfe Antworten: dass die andern eben dem alten, sie aber dem neuen
Geschlechte angehöre, das zu höhern Berufen geboren sei. Mitzuarbeiten am grossen
Befreiungswerke der Frau, das sei Pflicht jedes denkenden Weibes. So stolz hatte
sie gesprochen, und nun sass sie auf dem Bettrand und weinte, weils unruhig auf
der Strasse war. Sie griff nach der Uhr, es war beinahe zwölf, und streckte sich
wieder aus. Nun musste es doch jeden Augenblick still werden. Eine Genugtuung
hatte sie wirklich. Die elektrische Lampe vor dem Fenster verlöschte. Aber der
Lärm? Als sie wieder zur Uhr griff, war es vier. Und dem Lärm fiel es gar nicht
ein, zu verstummen. Es toste, krachte, schmetterte, pfiff fort. Dann endlich
begann es zu dämmern. Hildegard wälzte sich mit rotgeweinten Augen auf den
Kissen. Ihre Gehörorgane waren so gereizt, dass sie nicht wahrnahm, wie es jetzt
mählig stiller und stiller zu werden begann. Sie erwog im Geiste, wie sie
Fräulein Schulze sagen würde, sie vermöchte es keine zweite Nacht in diesem
Höllenspektakel auszuhalten, das Fräulein möge ihr - sie hatte leider schon die
Miete für einen Monat voraus bezahlt - die Hälfte derselben zurückgeben und sie
ziehen lassen, sie würde sich sofort um ein anderes Zimmer umsehen. Diesen
Vorsatz erwägend schloss sie die Lider.
    Als sie sie wieder aufschlug, stand die Sonne am Himmel. Hildegard setzte
sich verwundert im Bette auf. Hatte sie geschlafen? Nein, das konnte doch nicht
gut sein. Sie sprang auf. Sie musste ja Fräulein Schulze sprechen, und diese ging
schon um neun Uhr ins Geschäft. Es war gleich zehn. Mit einem Seufzer sank sie
aufs Sofa. Nun war die Andere natürlich längst fort, und sie würde noch eine
Nacht - nein, lieber wollte sie in einem Hotel schlafen. Aber ihr Geld! Sie
musste sehr sparen, um überhaupt auszukommen. Ihr Mann würde ihr monatlich
hundert Mark geben. Mehr konnte er nicht. Er verdiente nicht allzuviel.
    Sie wusch sich, kleidete sich an und überlegte, was am klügsten zu tun
wäre. Und da fiel ihr ein, sie könnte nach dem Geschäft gehen, wo Fräulein
Schulze Directrice war. Sie wollte ihr Vorstellungen machen. Ihre Toilette war
bald beendet.
    »Fräulein Schulze ist wohl schon lange fort« sagte sie ins Vorzimmer
tretend. Die Dienerin, die nähend am Fenster über ein rosa Kleid gebeugt sass,
verzog ihr Gesicht zu einem hämischen Grinsen. »Det will ick meenen. Hier in
Berlin werden die Jeschäfter schon vor zehn Uhr jeöffnet.« Frau Wallner runzelte
die Brauen und entfernte sich.
    Sie frühstückte in der ersten Konditorei, an der sie vorbeikam, und begab
sich nach der Jägerstrasse. Man rief Fräulein Schulze aus der
Schneiderinnenwerkstätte in den Laden herüber. Sie war nicht wenig verwundert,
ihre Mieterin zu sehen, und lachte hell auf bei deren Anliegen.
    »Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich Ihnen die Miete zurückzahle, liebe
Frau. Nee, das glauben Sie nicht. Aber -« die tränengefüllten Augen der jungen
Frau rührten sie - »ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Nehmen Sie mein
Zimmer, und ich gehe nach vorn. Einen Monat lang werden Sie's schon aushalten
können. Sind Sie's nicht, ists wer anders. Ich böte nicht Jedem diesen Vergleich
an, aber Sie dauern mich, weil Sie fremd sind, und weil die dreissig Mark
unnötiger Ausgabe Ihnen schwer fielen. Also. Hinten nach dem Hofe zu ists
totenstill, und die Herren Nerven werden sich schon zufrieden geben.«
    Hildegard lächelte schwach.
    »Also Sie meinen -«
    »Ja ich meine, so wirds gehen, versuchen wirs heute Abend; aber jetzt
entschuldigen Sie - ja, ja Fräulein Kohler, ich komme schon! - Sie sehen, man
ruft mich; adieu indessen.«
    Und zwischen einem Knäuel kaufender Kunden und herumstehender Ladendiener
wand sie sich geschickt hindurch und eilte wieder nach der Arbeitswerkstätte.
Hildegard verliess kleinlaut das Geschäft.
    So hatte sie's eigentlich nicht beabsichtigt; aber vielleicht war es besser
für ihre Kasse, als ein neues Zimmer zu mieten.
    Sie erkundigte sich nach den Museen und schlenderte dortin. Für etliche
Stunden vergass sie über die herrlichen Kunstschätze ihre persönlichen Sorgen.
Später ging sie in eine Restauration, ass, und durchflog mehrere Zeitungen. Da
fiel ihr eine Ankündigung auf.
    »Heute Abend, acht Uhr, im kleinen Konzertsaal, Leipzigerstrasse,
Frauenversammlung. Sprecherin Frau Eugenie Blatt, Fräulein Cornelie Speiler.
Präsidentin Frau von Werdern.«
    Frau Blatt! Ob das dieselbe war, mit der sie in Briefwechsel stand? Erst
neulich hatte sie geschrieben: Nur Mut! Unsere Sache wird siegen! Könnte ich Sie
doch sprechen. Wir vermögen nicht genug Soldaten unter unsere Fahne zu bekommen.
Gewiss, es konnte nur ein- und dieselbe Person sein. Auch jene hiess Eugenie und
war Pionier der Frauensache. Wäre das ein Wink des Schicksals? Sollte Hildegard
nicht gleich hineilen zu dieser Genossin und ihr die ganze hilflose Lage
mitteilen? Natürlich würde sie das tun. Aber heute nicht, morgen. Heute würde
Frau Eugenie viel zu tun, sich für den Abend vorzubereiten haben. Morgen.
Morgen. Gott sei Dank, der sie diese Notiz hatte finden lassen. Und dass diese
Frau gerade hier sprach. Sie wohnte für gewöhnlich in Frankfurt.
    Hildegards Augen begannen zu strahlen. Nun würde vielleicht doch noch ihre
Hoffnung, die grosse Hoffnung, die sie auf Berlin gesetzt hatte, sich erfüllen.
Sie hatte immer gedacht: die andern Frauen sitzen in Dresden, Zürich, Frankfurt,
Leipzig, du aber gehst gleich in die grösste Stadt, wo die meisten Chancen für
die »Sache« sind, und wirst da eine bedeutende Rolle spielen.
    Hildegard besah sich einige der schönsten Schaufenster in der Leipziger
Strasse, trat in eine der Konditoreien ein, und ging dann nach Hause. Zu ihrem
Erstaunen wars bereits sieben Uhr. Die Zeit verging hier märchenhaft schnell.
Das Warzengesicht war nicht zu Hause. Hildegard sah zum Fenster hinaus,
frisierte sich aus langer Weile, und ärgerte sich über den Verdruss, den sie über
Fräulein Niehms Abwesenheit empfand. Endlich klirrte draussen der Schlüssel im
Schloss. Aber nicht Anna, sondern Fräulein Schulze war die Ankommende.
    »Ei, da sind Sie ja schon« sagte sie freundlich, »ich dachte, Sie wären noch
nicht zu Hause. Ich bin Ihretwegen so früh gekommen. Es ist heute Donnerstag. An
diesem Abend hat Anna immer Ausgang. Die armen Mädels müssen auch ihr Vergnügen
haben. Sonntag Abend kann ich sie nicht recht entbehren. Da habe ich meist
Teebesuch; mein Bräutigam kommt, oder andere Bekannte.«
    »Wollen Sie nicht bei mir eintreten?« fragte Hildegard.
    »Ich denke, wir räumen zuerst um, nur das Bettzeug, das andere macht Anna
morgen. Ohne sie bringen wir doch nichts fertig.«
    Fräulein Schulze ging auf ihr Zimmer und erschien bald mit einem Arm voll
Wäsche bei Hildegard. Unter einigen Scherzen wurde das Wechseln der Betten
vollzogen.
    »So, nun kommen Sie in Ihr neues Zimmer; der Teekessel steht noch drüben,
wir wollen eine Tasse Tee trinken. Ich habe meinem Bräutigam heute
abgeschrieben, wegen der Umzieherei.«
    Die junge Frau sagte einige höfliche Worte und setzte sich neben ihre
Hausfrau, die den Docht unter der Teemaschine anzündete.
    Hildegard musste immerfort auf den dunklen, fast schwarzen Kattunvorhang
blicken, der das Zimmer in zwei Hälften schied. Dahinter stand das Bett und der
Nachttisch. Hier vorn in der Nähe des Fensters befanden sich etliche Sessel, das
Sofa, der Teekessel, eine Kommode, ein Kleiderschrank.
    »Gefällts Ihnen hier?« fragte Fräulein Schulze. »Ich müsste eigentlich für
dieses Zimmer viel mehr fordern als für das andere, denn eigentlich sind hier
zwei Apartements« setzte sie scherzend hinzu.
    »Aber die Aussicht« warf Hildegard ein, die ans Fenster getreten war.
    Sie wandte sich schauernd ab.
    »Sind Sie schwindlich?« Fräulein Schulze lachte.
    »Das ist ja schrecklich. Sind die Berliner Höfe alle so?«
    »Beinahe alle.«
    Ein enger Schacht, der so schmal war, dass man die Hand zum Fenster des
Vorzimmers strecken konnte, das gegenüber lag, zog sich drei Stockwerke tief
hinab. Modrige Feuchtigkeit bedeckte das viereckige Stück Asphaltboden dieses
hässlichen Abgrundes.
    »Die Fenster der übrigen Hinterzimmer sehen auch hinab« bemerkte Fräulein
Schulze.
    Deshalb war sie sofort mit dem Tausch zufrieden, dachte die junge Frau. Hier
rückwärts war ja kein Tropfen frischer Luft. Zögernd nahm sie die Tasse heissen
Tees, den das Fräulein ihr anbot. »Da sind auch einige Cakes.«
    Hildegard dankte. Ihr wurde übel in dieser Luft. Die Vermieterin schien
etwas gereizt zu werden.
    »Sind Sie eine Dame von grossen Ansprüchen,« sagte sie im Laufe des
Gesprächs, »was haben Sie eigentlich für Ihre dreissig Mark erwartet? Leute in
vornehmen Häusern vermieten keine Zimmer. Und zuvorkommender gegen Sie, als ich
bin, könnte ich auch nicht sein.«
    »Aber ich danke Ihnen ja auch herzlich.« Hildegard zwang sich zur Heiterkeit
und kämpfte die aufsteigenden Tränen nieder. Ich bin ja auch ganz zufrieden.
Blos das Ungewohnte, die grosse Stadt ....«
    »Na ja« meinte die Directrice und lehnte sich ins Sofa zurück, »das
entschuldigt Sie ja auch. Sonst könnte ich Sie nicht begreifen. Sie sind hier
bei anständigen Leuten. Meine Anna ist eine Perle, sie wird Sie aufs Beste
bedienen.«
    »Ist sie wirklich gut?« fragte Hildegard schüchtern. »Sie sieht« -
    Fräulein Schulze lachte. »Sie ist hässlich. Aber auf das Äussere darf man nie
gehn. Sehen Sie, mein Bräutigam ist auch kein Adonis, und doch ist er ein
vorzüglicher Mensch. Anna ist die Aufopferung selbst. Denken Sie, einmal als ich
schwer krank war, hat sie mich acht Wochen lang allein gepflegt. Sie ist
kolossal ehrlich. Das bisschen Hässlichkeit, na, das vergisst man in Anbetracht
ihrer sonstigen Eigenschaften. Früher schlief sie nicht hier. Aber seit ich so
elend war, bin ich froh, dass sie selbst gewünscht hat, hier nachts über zu
bleiben. Sie erspart sich Schlafgeld, und ich weiss, dass Jemand da ist, wenn ich
nach Hause komme.«
    Sie plauderten noch eine Weile, dann trennten sie sich mit einem
freundlichen Gutenacht.
    Hildegard kroch in das grosse Bett hinter dem dunklen Vorhang. Das Fenster
stand weit offen. »Lassen Sie's geöffnet, damit Luft hereinkommt« hatte Fräulein
Schulze gesagt.
    Hildegard horchte anfangs auf jedes Geräusch; sie hatte sich hier ebenso
wenig wie im Vorderzimmer einschliessen können; beide Türschlösser waren
schadhaft. Aber endlich versank sie in Schlummer. Hier rückwärts wars wirklich
ruhig, drückend ruhig. Das Geräusch der Stadt drang wie fernes Wogenrauschen
herein, einschläfernd, müde machend. - - - - -
    Hildegard wusste nicht, was vorgegangen war. Ihre Lider hatten sich plötzlich
geöffnet, und ein Schauern rann ihren Leib hinab. Sie starrte mühsam vor sich
hin ins Dunkel, ohne jedoch die schwarze Finsternis durchdringen zu können. Es
war etwas da, unfehlbar war etwas da, hier innen im Zimmer, ein Körper, etwas
Fremdes, etwas Atmendes .... Die junge Frau blickte angestrengt auf den
Vorhang; da teilte er sich, eine Hand glitt herein, strich über das
Nachtkästchen neben dem Bett und zog sich zögernd zurück.
    Hildegard vermochte sich nicht zu regen; die Sinne vergingen ihr.
    Als sie erwachte, war heller Tag.
    Sie blieb eine Zeitlang liegen und liess das Ereignis der Nacht an ihrem
Geiste vorüberziehen. Wie, wenn sie nur geträumt hätte! Wenn nur der Genuss des
starken Tees an dieser Hallucination schuld war. Oder ihr dummes Grauen vor dem
dunklen Bettvorhang! Wenn, wenn aber nicht? Wenn es keine Wahnvorstellung, kein
Traum war? An allen Gliedern zerschlagen, erhob sie sich und kleidete sich an.
Sie wusste noch nicht, was sie tun sollte. Ob sie sich Fräulein Schulze
mitteilen sollte oder nicht? Sie verliess das Zimmer, um zum Frühstück zu gehen.
    »Juten Morjen, Frau Wallner. Jut jeschlafen im neuen Bett? Heut is zeitijer
als jestern. Na is et da hinten ruhijer?« Das Dienstmädchen näherte sich ihr
freundlich.
    Hildegard wollte zuerst nicht antworten, dann bezwang sie sich. »Ja, ich
habe besser geschlafen.«
    »Na sehn Se woll. Nu wern Se immer so schlafen.«
    Die graugrünen, von hellen Wimpern beschatteten Augen folgten der jungen
Frau zum Ausgang.
 
                                       3
Hildegard hatte durch das Adressbuch die Wohnung von Frau von Werdern erfahren.
Dortin lenkte sie jetzt ihre Schritte. Die Dame wohnte in der Charlottenstrasse;
bald war ihr Haus erreicht. Mit Herzklopfen klingelte die junge Frau an einer
Tür des zweiten Stockwerks und gab ihre Karte dem öffnenden Mädchen. Gleich
darauf wurde sie in einen Salon geführt, in dem ihr eine ältere Dame
entgegentrat.
    Was ihr die Ehre verschaffe? Sie wies leicht auf einen der herumstehenden
Sessel und liess sich selbst nieder. Hildegard stotterte zuerst einige Phrasen,
dann sagte sie:
    »Es ist eigentlich kühn von mir, Sie, gnädige Frau, zu belästigen. Ich bin
fremd hier, kenne keinen Menschen, und wollte Sie bitten, mir gütigst die
Adresse von Frau Blatt mitzuteilen.«
    »Ah«, Frau von Werdern zuckte bedauernd die Schultern, »das tut mir leid.
Meine Freundin ist heute Morgen abgereist.«
    Hildegard erblasste. »Abgereist? Nach Frankfurt?«
    »Ja, nach Frankfurt. Sind Sie bekannt mit ihr?«
    »Wir schrieben einander ab und zu. Sie war so liebenswürdig, mir ihre
Schriften zuzuschicken, nachdem ich ihr einmal mitgeteilt hatte, wie sehr ich
mich für sie und die Richtung ihrer Tätigkeit interessiere.«
    »Das freut mich sehr. Je mehr Freunde wir uns gewinnen, um so sicherer wird
die Aussicht, unsere grosse Aufgabe zum Sieg zu führen. Es wäre an der Zeit.«
    »Ja, es wäre an der Zeit« bestätigte Hildegard. »Das Verhältnis, das die
Frau gezwungener Weise zur Gegenwart, zu all den neuen herrlichen Fortschritten
einnimmt, ist ein geradezu unerhörtes.«
    Frau von Werdern nickte zustimmend. Ihre grauen Augen blickten mit
erwachendem Interesse auf Hildegard.
    »Sie sprechen wohl aus - Erfahrung.«
    Die junge Frau errötete leicht.
    »Gewiss gnädige Frau. Ich habe ein Leben der Bequemlichkeit, der
Sorglosigkeit hinter mir gelassen, um mich ganz in den Dienst der grossen Aufgabe
zu stellen, die uns Frauen zugefallen ist.«
    »Ja es ist eine grosse Aufgabe, und wir werden siegen. Sie sind verheiratet?«
    »Ich war es.«
    »Hm, ich verstehe. Lebt Ihr Mann?«
    »Oja, er ist kaum älter als ich.«
    Frau von Werdern wollte offenbar nicht als neugierig erscheinen und lenkte
das Gespräch auf anderes. Was Frau Wallner eigentlich von Eugenie Blatt
gewünscht habe. Ob es nur ein Besuch sein sollte.
    »O, viel mehr« antwortete Hildegard. »Ich wollte Frau Blatt bitten - ich
habe, wie gesagt, alles hingegeben um der Sache willen - ich wollte sie bitten,
mir irgend eine Beschäftigung zu nennen, durch die ich mir die notwendigsten
Mittel zum Leben erwerben könnte. Ich möchte nämlich nicht gerne die
Unterstützung meines Mannes in Anspruch nehmen. Ich selbst bin vermögenslos.«
    »Was ist Ihr Mann?«
    »Maler.«
    »Ah, Künstler. Und über welche Kenntnisse verfügen Sie, wenn ich so fragen
darf?«
    »Ich spreche englisch und französisch, zeichne ein wenig -«
    »Hm, hm!« Frau von Werdern nickte gedankenvoll mit dem Kopfe. »Es ist ein so
starker Andrang; wir können kaum noch jemand beschäftigen. Damen aus den ersten
Kreisen stellen sich uns kostenlos zur Verfügung. Sie wohnen im Hotel?«
    »Nein, ich habe mir ein Zimmer für einen Monat gemietet. Aber ich würde es
sofort aufgeben - -«
    »Nein, nein, das hätte ja keinen Zweck« meinte Frau von Werdern. »Bleiben
Sie nur ruhig dort wohnen, bis Sie ein sicheres Unterkommen gefunden haben. Und
ganz in Stellung möchten Sie nicht, ich meine etwa als Gesellschafterin,
Hausrepräsentantin oder Ähnliches?«
    »Nein, nein, das möchte ich nicht.« Hildegards Stimme zitterte leicht. »Eine
solche Unterordnung unter fremden Willen wäre mir unmöglich. Ich bin an Freiheit
gewöhnt. Ich tat immer, was ich wollte.«
    Frau von Werdern lächelte ein wenig.
    »Was haben Sie sich eigentlich vorgestellt, als Sie hierher kamen?«
    »Vorgestellt? O gnädige Frau, nur das Schönste. Ich hoffte, ich würde eine
Stellung finden, die - ich habe übrigens über diesen Punkt wenig nachgegrübelt«
setzte sie in leichter Verlegenheit hinzu. »Eines Tages, als es mir zu
unerträglich zu Hause wurde, sagte ich einfach meinem Manne: Nun möchte ich
fort, und er antwortete: Tue, was Du nicht lassen kannst«.
    »Er gehört wohl zu den Murgerschen Künstlergestalten?«
    Hildegard lachte.
    »Im Gegenteil. Er ist ein sehr ernster Mensch, Pedant sogar. Was mich - aber
ich weiss nicht, ob es Sie interessiert, die Schicksale einer Ihnen fremden Frau
-«
    »O bitte sehr« wandte Frau von Werdern ein, »mich interessieren die
Schicksale eines jeden Menschen, und die natürlich ganz besonders, die Eine der
Unseren betreffen.«
    Hildegard verneigte sich leicht.
    »Auch habe ich zufällig noch eine Viertelstunde frei«, die Vorsteherin warf
einen Blick auf ihr Uhrarmband, »und wenn Sie mich Ihres Vertrauens -«
    »Nun, es ist nichts Spannendes, gnädige Frau, das ich Ihnen erzählen will.
Es ist ein, wie ich glaube, uralter Zwist. Künstler, insbesondere Maler, dürften
nie heiraten. Mein Mann beschäftigte sich viel mit Aktstudien und war stunden-
und tagelang mit seinen Modellen zusammen. Die erste Zeit schwieg ich und
duldete stumm. Dann ertrug ich es nicht länger. Ich machte ihm Vorstellungen. Er
lachte mich aus. Das gehöre zu seinem Beruf und so weiter. Was es mit unserer
Liebe zu tun hätte? Aber ich konnte nicht darüber hinwegkommen. Je reifer ich
wurde, desto verabscheuungswürdiger erschien mir diese Seite seiner
künstlerischen Tätigkeit. Ich verbot ihm einfach, Modelle zu empfangen. Er
bewies mir, dass dies ein unmögliches Verlangen wäre, erinnerte mich an den guten
Namen, den er sich bereits mit seinen Bildern erworben hätte, und ob ich durch
meine Launen seine ganze Zukunft vernichten wolle. Ich verschloss mir die Ohren
vor seinen Argumenten, ich wusste, was mir als Gattin zukam. Und nun« - Hildegard
hielt inne, und errötete stark, »nun kommt das Ärgste. Wissen Sie, was er mir
eines Tages sagte? Gut, sagte er, wenn ich die Anderen abschaffen soll, dann sei
Du mir Modell. Ich wollte damals in meiner begreiflichen Entrüstung sofort das
Haus verlassen; nur den Anstrengungen meiner Freunde gelang es, mich
zurückzuhalten. Aber von diesem Tage an war eine grosse Kälte über mein Herz
gekommen. Ein Mann der so etwas von seiner Frau fordern kann, ist kein
anständiger Mensch, sagte ich mir. Nachdem meine Empörung ihm genugsam die Augen
über die Frivolität seiner Forderung geöffnet hatte, redete er kein Wort mehr
von dieser Sache. Er verreiste für einige Zeit ins Hochgebirge. Als er wieder
zurückkam, kündigte er das Atelier, unsere hübsche, grosse Wohnung, und mietete
eine viel kleinere. Auf meine erstaunte Frage, was dies zu bedeuten habe, sagte
er mir kurz, er brauche kein Atelier mehr, er hätte die Malerei aufgegeben. Und
was wirst Du tun? fragte ich entrüstet - denn da wir nicht wohlhabend sind, war
es sein Verdienst, der unsere Lebensbedürfnisse deckte. Wenn er ihn aufgab?
    Ich werde Teetassen für eine Porzellanfabrik malen beruhigte er mich in
einem Ton, von dem ich nicht wusste, war er bitter oder höhnisch. Und richtig: er
begann auf Porzellan zu malen und fertigte Stoffmuster an, die eine Kattunfabrik
bei ihm bestellte. Wir zogen in die kleine Wohnung. Es begann ein ödes Leben.
Ich befand mich in den engen Verhältnissen gar nicht wohl und verschonte Einhart
nicht mit Vorwürfen. Was meinen Sie, was er mir entgegnete? Nichts. Er schwieg.
Kann es eine empörendere Antwort geben? Zuletzt schwieg auch ich, und wir
sprachen fast gar nicht mehr miteinander.
    In dieser Zeit kamen mir zufällig Bücher, die die Frauenfrage behandelten,
in die Hände.
    Ich verschlang sie. Ja, das wars.
    Die Frau muss den Launen des Mannes gegenüber sichergestellt werden. Es
müssen ihm darüber die Augen geöffnet werden, dass sie das Recht hat, von ihm
eine Behandlung zu fordern, wie er sie Seinesgleichen zuteil werden lässt. Ich
hatte meinen Boden gefunden. Ich schrieb an Eugenie Blatt, an Karoline Weigel,
und an viele andere, die an der Spitze dieser herrlichen Bewegung stehen. Auch
Ihren Namen, gnädige Frau, verfolgte ich mit Bewunderung. Eines Tages bemerkte
ich meinem Mann ruhig, dass ich mich nach neuen Verhältnissen sehne, und dass ich
nach Berlin reisen wolle, um dort an dem grossen Werke der Frauenbefreiung
mitzutun! Er schwieg lange; dann meinte er, ich möge tun, was ich für gut
hielte; nur eins solle ich ihm gestatten: mich die ersten Monate hindurch mit
dem notwendigsten Geld zu versehen. Anfänglich war ich geärgert über diese
merkwürdige Zumutung - unsere Scheidung ist noch nicht eingeleitet, wird es aber
bald - dann erklärte ich mich bereit, für die erste Zeit seine Unterstützung
anzunehmen.
    Und so bin ich hier.«
    »Hm, hm.« Frau von Werdern sah mit unverhohlenem Interesse in das schöne vom
Sprechen gerötete Gesicht der jungen Frau.
    »Unverstanden! Das ist eben die Tragik des Weibes!«
    »Sie haben das rechte Wort gefunden« rief Hildegard.
    Dann schwiegen beide.
    Frau von Werdern blickte auf ihre Uhr und erhob sich.
    »Entschuldigen Sie mich, ich muss fortgehen. Die feste Aussicht auf eine
Stellung kann ich Ihnen nicht geben, liebe Frau Wallner, aber was ich tun kann,
werde ich für Sie tun, des seien Sie versichert. Vor der Hand bleiben Sie ruhig
in der Wohnung, die Sie haben, verzagen Sie nicht, und lassen Sie ohne
Gewissensbisse Ihren Gatten Ihre Rechnungen bezahlen. Man muss die Schwäche
ausnützen, da man sie nicht bewundern kann, und Ihr Mann ist schwach, wie mir
aus allem hervorzugehen scheint. Haben Sie einen Erwerb gefunden, der Ihnen Geld
einbringt, gut, dann können Sie Herrn Wallner ja alles zurückerstatten.
Sonnabend Nachmittag empfange ich. Es wird mich freuen, Sie meinen bekannten
Damen vorstellen zu können.«
    Hildegard drückte ihr die Hand. »Vielen Dank, und wenn ich bitten darf,
meine Grüsse an Frau Blatt.«
    »Gerne.«
    Die beiden Frauen nickten einander zu, dann entfernte sich Hildegard.
    Sie lächelte froh, als sie die Treppen hinabstieg.
    Die Hoffnung, die sie zu verlassen gedroht hatte, fasste wieder festere
Wurzeln in ihr. Peinlich war's ja, noch Geld von Einhart annehmen zu sollen,
aber wenns nicht anders ging? Das einzig Tröstliche dabei war die komische
Seite, die seine Güte besass. Er unterstützte sie im Krieg gegen die Männer, also
gegen sich selbst. Er gab ihr die Mittel an die Hand, sich von ihm zu befreien.
Wie einfältig ist doch ein Mann, dachte sie; niemals würde sich eine Frau so
missbrauchen lassen. Und sie lächelte vor sich hin, trat in eine Restauration,
und bestellte sich ein Mittagessen. Plötzlich mitten in ihrem sonnigen Behagen
fiel ihr ihr Zimmer unter den Linden ein. Das schreckliche Zimmer! Ob alles nur
ein Traum war? O wenn sie doch mehr Geld besessen hätte! Sofort würde sie
ausziehen.
 
                                       4
Diese Nacht wars besser gegangen.
    Der dunkle Bettvorhang hatte sich nicht geregt. Einmal hatte sie wohl
vermeint, das leise Knarren einer Türe zu hören, aber das durfte in einem so
grossen Hause mit vielen Mietern nicht wundern.
    Am Morgen sah sie lange in den feuchten Schacht hinab, der den Hof
vorstellte. Die Fenster aller Korridore des Hauses mündeten hinein. Wenn nur die
hässlichen langen Leitern nicht in der einen Ecke gestanden hätten!
    Sie zog schauernd den Kopf zurück. Lieber nicht hinsehen. Sie konnte die
Vorstellung nicht loswerden, dass in diesem Hause etwas Unheimliches vorging. Als
sie das Fenster schloss, erblickte sie drüben ein fahles Gesicht. Gott bewahre
mich, dachte sie, diese Magd wird mich noch durch ihre Hässlichkeit verrückt
machen. Und schnell zog sie sich an und ging fort.
    Sie frühstückte und machte dann einen längeren Spaziergang. Jetzt, da sie
frischen Mut gefasst hatte, gefiel ihr die Stadt, gefielen ihr die Menschen
besser. Bloss das ewige Angestarrtwerden war ihr widerlich. Im Innern wunderte
sie sich über sich selbst. Wie kams eigentlich, dass sie, die stolzeste
Befürworterin der Frauenfreiheit, unter den Blicken wildfremder sie fixierender
Männer in Verlegenheit geriet? dass sie wie närrisch zu laufen begann, wenn es
ihr schien, als verfolgten sie die Schritte eines Bewunderers? Stand sie denn
nicht über all diesen Äusserungen einer braven Kleinbürgerin? Sie, die kühne
Verächterin des anderen Geschlechts? Indem sie sich diese Fragen vorlegte,
erkannte sie gemach, dass sie nichts weniger als selbstbewusst, mutig, sich selbst
genügend war. Im Gegenteil. Sie musste sich gestehen, dass sie eine grössere
Philisterin sei als die Frauen, die ruhig an ihrem häuslichen Herde walteten.
Die hatten nämlich ein breites unaufgeschrecktes Gewissen, und wenn sich ihnen
ein Galanter näherte, konnten sie ihm im Gefühl ihrer unantastbaren Würde ruhig
ins Gesicht lachen. Was aber hatte sie der Kühnheit der Männer entgegenzusetzen?
Ihre Persönlichkeit? Ihren Willen? Aber die liessen sie aus Angst vor der blossen
Zumutung eines Unrechts schmählich im Stiche. Wie kams nur, dass eine Frau allein
- Taten sich die Damen der Frauenbefreiung deshalb auch immer in Rudeln
zusammen, weil sie das Alleingehen, -Stehen, -Handeln fürchteten? Mit Vor- und
Nachtrab war es sicherer, für eine Idee zu kämpfen.
    Hildegard lief unter den Bäumen des Tiergartens dahin, als ihr diese
Gedanken kamen. Jetzt, wo sie keinen Haushalt zu versorgen hatte, und nicht mehr
das stumme Gesicht ihres Mannes vor sich sah, das so laut redete, wo keine
Freundinnen ihr die Zeit zu stehlen kamen, musste sie notwendigerweise auf
allerlei Ideen kommen, die ihr früher ferne gelegen hatten. Ihre hauptsächliche
Sehnsucht ging jetzt dahin, eine Gesinnungsgenossin zu finden, mit der sie
zusammen wohnen konnte, um des trübseligen Alleinstehens, all der
Verantwortlichkeiten entoben zu sein, die eine für sich gehende Frau auf sich
nimmt.
    Nun, es würde sich hoffentlich noch alles nach ihrem Wunsche fügen. War es
doch bisher auch so gewesen. Viel ruhiger, als die Tage vorher, ging sie diesen
Abend nach Hause. Sie wachte sogar noch, als Fräulein Schulze heimkam, und sagte
ihr guten Abend. Sie hatte das Bedürfnis, auf das viele Grübeln und Denken mit
einem Menschen ein paar Worte zu reden.
    »Das ist nett« sagte die Directrice und schüttelte ihr die Hand, »na, schon
etwas gefunden?«
    »Noch nicht, aber bald« meinte Hildegard.
    »Ja wenn Sie praktisch wären, aber - na. Sie sind jung und schön und mit der
Stellung ist es Ihnen wohl nicht so bitterer Ernst?«
    Hildegard fühlte heisses Rot ihre Wangen bedecken. Sie wollte ein
hochfahrendes Wort erwidern, besann sich aber. Weshalb hatte sie sich mit dieser
Dame in solche Vertraulichkeiten eingelassen, nun durfte sie darüber nicht
erzürnen.
    »Was meinen Sie denn, was ich tun sollte, wenn ich praktisch wäre?« fragte
sie mit leiser Ironie.
    Fräulein Schulze tupfte sich etwas Puder auf ihre rötliche Nase.
    »Vor allem würde ich mir an Ihrer Stelle ein Unterkommen in einem grossen
Konfektionshause suchen. Da sieht man und wird gesehen. Da macht man
Bekanntschaften, und niemand kann einen Stein auf einen werfen, denn man hat ja
eine Stellung. Na - wenn Sie mich nicht verstehn, tut's mir leid. Ich bin
praktisch. War's all meiner Lebtage. Ich bitte Sie, wer hilft denn einer Frau,
wenn sie alt ist? Keiner. Deshalb muss man, so lange man jung ist, zuschauen,
sich etwas zurückzulegen. Ich jedenfalls bin immer fürs Praktische.«
    Hildegard lächelte etwas gezwungen zu diesen ihr nicht ganz klaren
Auseinandersetzungen und zog sich bald zurück. Es ist ja wahr, dachte sie bei
sich, eine Frau, die sich allein ernährt, verdient alle Achtung, aber ob
Fräulein Schulze das wirklich tat? War sie wirklich so praktisch? Hildegard
wusste nicht recht was, aber etwas in dem grauen gutmütigen Gesichte ihrer
Hauswirtin liess sie nicht recht an deren praktischen Sinn glauben. Es lag
irgendwo in ihren Zügen ein Leichtsinn versteckt, ein über vieles Hinweggleiten,
das Hildegard nicht gefiel. Sie schlief gut, von dem frohen Gedanken eingewiegt,
dass in zwei Tagen Sonnabend war, an dem sie mit angenehmen Menschen
zusammenkommen würde.
 
                                       5
Obwohl Hildegard sehr sparsam lebte und unnötige Geldausgaben scheute, entdeckte
sie doch bald eine bedenkliche Ebbe in ihrer Börse. Das Essen in den
Restaurationen kostete viel, das oftmalige Pferdebahnfahren verschlang auch
täglich ein Sümmchen. Ein leises Angstgefühl beschlich sie. Was tun, wenn das
letzte Geldstück verausgabt war? Ihren Mann konnte sie doch nicht mitten im
Monat um Geld schreiben. War es ihr doch schon bitter genug, am Ersten wieder
seine Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Nun, Frau von Werdern musste um jeden
Preis Rat schaffen. Sie musste. War es doch auch ihre eigene Sache, die Hildegard
vertrat.
    Sonnabend Abend klingelte sie nicht ohne Herzklopfen bei der Vorsitzenden
an. Sie wurde in einen Salon geführt, in dem schon einige Damen anwesend waren.
Frau von Werdern nahm sie freundlich an der Hand und stellte sie ihren Bekannten
vor. Man war sehr liebenswürdig gegen sie. Einige Damen begannen gleichzeitig
ein Gespräch mit ihr, so dass sie bald links, bald rechts antworten musste und
schliesslich in Verwirrung geriet. Dann wurde Tee herumgereicht. Frau von
Werdern verlas einige Briefe von auswärtigen Gesinnungsgenossinnen, die mit
grossem Jubel von der Gesellschaft aufgenommen wurden. Man sprach von Frau X. und
Frau Y., die Hildegard unbekannt waren. Dann begann ein allgemeines
Durcheinanderreden. In Frau Wallner begann sich leise Ungeduld zu regen.
    Wozu war sie eigentlich hergekommen? Die Fragen, die man vorhin an sie
gerichtet hatte, waren nur Fragen der Neugierde gewesen. »Sie sind aus
Konstanz?« »Ist's schön in Konstanz?« »Gefällt es Ihnen in Berlin?« »Haben Sie
eine gute Wohnung gefunden?« und so weiter. Wirkliche Teilnahme hatte aus keiner
geklungen. Und gerade ihrer bedurfte Hildegard so sehr. Aber abgesehen davon,
auch ihre ganze Lage liess keine grosse Wartezeit zu. Frau von Werdern war von
einem Ring hastig auf sie einredender Frauen umgeben. Mit ihr war heute wohl
nicht zu reden. So wandte sich Hildegard mit einer beiläufigen Frage an die
neben ihr sitzende Dame.
    »Verzeihen Sie, gnädige Frau,« begann sie, »gibts hier nicht ein
Leseinstitut, in dem man für nicht zu hohen Entgelt Eintritt hätte?«
    Die Angeredete lächelte verbindlich.
    »Ich bin unverheiratet, Frau Walker -« Hildegard verbesserte sie - »meine
Name ist Kampfmann, Lehrerin an der Elisabetenschule. Ja, was Sie sagten wegen
des Lesekabinets - gewiss gibts das. In der Kronenstrasse 60, famos eingerichtet.
Man lässt sich vorher in die Schriftstellergenossenschaft aufnehmen -«
    »Aber ich bin ja keine Schriftstellerin.« -
    »Das tut nicht das geringste, - und geniesst da allerlei Vorteile. Zum
Beispiel steht Ihnen ein Rechtsanwalt unentgeltlich zur Verfügung, Sie dürfen
täglich nach Herzenslust hundert Zeitungen durchstöbern und last not least, man
macht eine Menge netter Bekanntschaften. Wir alle gehen da aus und ein.«
    »Es ist sehr verlockend, was Sie mir da erzählen, aber - wie teuer kommt -«
    »Ah bah, ein für alle mal fünfzig Mark und jährlich zwölf Lesegebühr; doch
wahrhaftig nicht zu viel für das Gebotene.«
    »Das nicht, aber -«
    Die Lehrerin mit den etwas männlichen Zügen und den starken, kohlschwarzen
Augenbrauen sah sie verständnisvoll an.
    »Mein Gott, ja, das kenne ich. Man ist manchmal ausgebeutelt. Jeder Pfennig
ist da zu viel. Connu, connu. Aber sagen Sie, besitzen Sie denn niemand, der für
Sie etwas tut, der für Sie sorgt?«
    Gott sei dank, dachte Hildegard, endlich ein menschliches Wesen, mit dem man
reden konnte. Die ehrlichen dunklen Augen Fräulein Kampfmanns veranlassten
Hildegard, offenherzig zu sein. Bald befanden sich die beiden in tiefem Gespräch
miteinander. Vertrauen fordert Vertrauen. Auf den Wangen des Fräuleins glühten
zwei rote Flecke auf.
    »Ich habe mich Ihnen als Lehrerin vorgestellt, aber ich bin nur äusserlich
Lehrerin. Mein Beruf ist die Kunst; das Zeichnen, das ich den Kindern beibringe,
ist mir nur Mittel zum Gelderwerb. Sehen Sie, ich bin mit grossen malerischen
Anlagen zur Welt gekommen. Aus mir hätte ein Genie werden können. Schon mit acht
Jahren porträtierte ich meine Eltern. Aber was glauben Sie? Meinen Sie, ich
hätte Aufnahme auf einer Akademie gefunden? Mit nichten. Abgewiesen hat man
mich. In München, in Dresden, in Berlin. Die Akademien wären nur für Männer da,
wurde mir geantwortet. Ich arbeitete hierauf in verschiedenen Ateliers, aber
selbstverständlich ohne es zu etwas rechtem zu bringen. Ich möchte Lenbach oder
Grützner ohne ihre Akademie-Lehrjahre sehen. Aber die Frau natürlich, für die
ist die Fortbildungsanstalt der männlichen Geniusse zu gut. Die kann ja auch
hinterm Ofen vermittels Inspirationen etwas lernen.«
    »Glauben Sie nicht,« wandte Hildegard ein, »dass ein wirklich starkes, grosses
Talent sich doch Bahn bricht, wenn es auch nur einer Frau angehört?«
    »Niemals, meine Liebe; wie sollte es auch, wenn ihm ununterbrochen
Hindernisse in den Weg gelegt werden. Beständige Entmutigung lähmt auch die
robusteste Kraft. Und sehen Sie, diese Unterdrückung, diese himmelschreiende
Ungerechtigkeit hat mich der Frauenbewegung zugeführt. Gebt Raum den Frauen,
öffnet ihnen die öffentlichen Bildungsanstalten! Zu Hauf werden sie kommen und
euch beweisen, dass das Weib gleich befähigt mit dem Manne ist.«
    »Fräulein Kampfmann macht wieder ihrem Namen Ehre.« Eine grosse schlanke Dame
neigte sich zu der erregten Sprecherin und legte ihr die Hand auf die Schulter.
    »Machen Sie unsere neue Genossin nur nicht gar zu kühn, sonst verknallt sie
ihr Pulver an unrechter Stelle.«
    Hildegard lachte. »Denken Sie denn anders als das Fräulein?«
    »In manchem ja, in manchem nein. Ich finde vor allem Fräulein Kampfmann zu
heftig. Durch Leidenschaft erreichen wir nichts. Unsere wirksamste Waffe ist die
Ironie. Die Männer von heute bieten ein so klägliches Bild, dass nichts besser zu
ihrer Änderung beitragen kann, als ihnen dies Bild vor Augen zu halten.«
    Hildegard betrachtete interessiert die hübsche noch junge Frau, der das
schwarzseidene, mit Perlen besetzte Kleid vortrefflich stand.
    »Sie haben leicht reden« sagte Fräulein Kampfmann über die Schulter. Die
schöne Frau machte eine abwehrende Handbewegung und trat zu einer Gruppe
plaudernder Damen.
    »Wer ist sie?« fragte Hildegard.
    »Melanie Langenwang? Vor allem eine schlaue Dame, mit viel Verstand - das
glaubte sie nämlich - und wenig Herz. Aber ihr grossartiger Verstand hat sie doch
sitzen lassen. Sie hat sich nämlich mit einem halb blödsinnigen Mann
verheiratet, in der Hoffnung, dass er nach der Hochzeit noch etwas blödsinniger
würde, und sie dann die Verwaltung seines beträchtlichen Vermögens in die Hände
bekäme. Aber sie hat sich schmählig getäuscht. Der Staat hat ihrem Mann einen
Vormund gegeben, und sie hat nur einen Teil ihrer Zinsen zur Disposition
bekommen. Seiter ist sie Anhängerin der Frauenemancipation geworden. Sie möchte
den Paragraphen im bürgerlichen Gesetzbuch, der von der Verwaltung des Vermögens
der Frau handelt, umgeändert wissen.«
    In diesem Augenblick entstand einiges Gedränge an der Tür. Mehrere Frauen
brachen auf und verabschiedeten sich in stürmischer Weise von Frau von Werdern.
Hildegard erhob sich. »Mein Gott, es ist spät geworden. Ihre interessante
Gesellschaft hat mich die Zeit vergessen lassen.«
    Auch Fräulein Kampfmann stand auf. »Ich habe noch fünfzig Hefte zu
korrigieren, kann auch mir nicht schaden, wenn ich gehe. Haben Sie denselben Weg
wie ich? Ich wohne Schiffbauerdamm.«
    »Ich unter den Linden.«
    »Also ein Stück gehen wir jedenfalls miteinander« sagte Fräulein Kampfmann,
der die neue Bekannte sehr zu gefallen schien. Elvira schwärmte für alles, was
schön und neu war. Und Frau Wallner erfreute sich dieser beiden Eigenschaften in
ihren Augen. Man verabschiedete sich von der Gastgeberin, die Hildegard
freundlich die Hand drückte.
    »Nur guten Mutes!«
    Hildegard sah ihr einen Augenblick lang bittend, fragend in die Augen. Aber
sie lächelte bloss verbindlich und sagte nichts als: »Auf Wiedersehen, wenn nicht
früher, so Sonnabend.«
    Das war ein schwacher Trost, oder eigentlich keiner. Hildegards Stirne
verdüsterte sich.
    »Fahren wir oder gehen wir?« fragte die Lehrerin unten.
    »Gehen wir.« Und dann fragte Hildegard: »Wo essen Sie immer?«
    »In der Pomona.«
    »Was ist das?«
    »Ein Restaurant, wo man sich für dreissig Pfennig satt essen kann.«
    »Wahrhaftig?« rief Hildegard in naivem Erstaunen, »gibt es so etwas? So
viel brauch ich ja beinah an Trinkgeld des Mittags.«
    »Nun, wenn Sies haben, warum denn nicht?« meinte Fräulein Kampfmann
gleichmütig.
    »Ich habs ja aber nicht.«
    »Dann, entschuldigen Sie, sind Sie recht unklug, so viel Geld
hinauszuwerfen.«
    »Ist das Fleisch denn auch frisch für diesen Preis?«
    »Fleisch? In der Pomona gibts kein Fleisch, nur Gemüse und Obst.«
    Hildegard blieb stehen. »Ist denn das gut, gesund, schmackhaft?«
    »Es ist schmackhaft und billig« sagte lachend die Lehrerin, »ich habs auch
nicht allzu reichlich, wissen Sie.«
    »In welcher Strasse liegt Ihr Restaurant?«
    »In der Doroteenstrasse.«
    »Wann essen Sie?«
    »Um ein Uhr.«
    »Ists Ihnen recht, wenn ich morgen Mittag an Ihren Tisch komme?«
    »Gewiss, sehr!« antwortete die Lehrerin freundlich. Dann trennten sie sich.
Fräulein Elvira stieg in einen vorüberfahrenden Dmnibus, während Hildegard die
paar Schritte nach Hause zu Fuss zurücklegte. Es war ihr merkwürdig zu Mut.
    Einerseits interessierte sie alles, was sie erlebte, andererseits gabs eine
Täuschung um die andere für sie. Sie hatte sich immer vorgestellt, die
Frauenrechtlerinnen hätten ideale Ziele im Auge. Sie hätten eine grosse »Idee«,
nach deren Verwirklichung sie strebten. Nun sah sie, dass jede von ihnen ihrem
eigenen kleinen Interesse nachlief. Wenn Fräulein Elvira mehr Talent besessen
und Aufnahme in eine Akademie gefunden hätte, würde sie sich da je für die
»Befreiung« der Frauen interessiert haben? Und wenn die schöne Frau Langenwang
Herrin über den Mammon ihres Gatten geworden wäre, würde ihr nicht das
bürgerliche Gesetzbuch mit seinen Paragraphen höchst gleichgültig sein? Also
lauter Privatinteressen, aus denen sich dieser heilige Krieg für die Rechte der
bedrückteren Hälfte der Menschheit zusammensetzte. Merkwürdig, wie anders das
alles in der Nähe aussah! Warum hatte Einhart nur immer geschwiegen, wenn sie
ihm von der Herrlichkeit dieser Frauenbewegung vordeklamierte? Sie hatte damals
in ihrer Gereizteit immer gemeint, er denke sich garnichts dabei, oder etwas
Dummes. Am Ende hatte er aber doch etwas dabei gedacht, und vielleicht etwas
nicht Dummes. - Herrgott, dass sie ihm jetzt um Geld kommen musste. Nun, wenn sie
vegetarisch lebte, würde sie viel weniger brauchen.
    Mit schwerem Herzen schlief sie ein. Ihr letzter Blick galt noch ängstlich
dem dunklen Vorhang, der sehr gleichgültig herabhing.
 
                                       6
In der Pomona gings lebhaft zu.
    Gäste kamen und entfernten sich, um neuen Platz zu machen. Die kleinen
Stuben, aus denen das Speisehaus bestand, waren dicht gefüllt. An einem Tisch im
letzten Zimmer entdeckte Hildegard ihre neue Bekannte. Die Lehrerin trat gleich
auf sie zu und stellte sie einer jungen Dame vor, die an demselben Tische ass.
    »Fräulein Glanegg« sagte Elvira, »studiert Naturheilmetode, um später eine
Anstalt zu eröffnen.«
    »O bis dahin hats noch lange Zeit« meinte das hübsche blonde Mädchen, das
sehr wohlgenährt und zufrieden aussah.
    »Kann ich die Speisekarte haben?« fragte Hildegard eine vorübereilende
Kellnerin.
    »Gleich« wurde geantwortet.
    Hildegard sah sich indessen um. Soviel Leute auch da waren, soviel Wünsche
und Begehren auch geäussert wurden, es geschah alles ohne Lärm, ohne Hast. Man
sprach halb flüsternd und ass dabei mit grossen Löffeln das Gemüse von den
Tellern, auf denen es serviert wurde. Als Hildegard nach etwa einer
Viertelstunde noch nicht bedient wurde, rief sie abermals das Mädchen. Nun
erhielt sie ihre bestellten Maccaroni.
    »Hier muss man Geduld haben« meinte Elvira, »die Mädels bedienen die Herren
zuerst, wir Frauen kommen später an die Reihe.«
    »Und lassen Sie sichs gefallen?«
    »Aber ich bitte Sie, was soll man denn machen?«
    »Kellner anstellen.«
    »Puh; lieber eine Stunde lang warten, als solch einen faden Gecken
herumschwänzeln sehen.«
    Hildegard lachte.
    »Sie haben es aber scharf auf die Männer abgesehen.«
    »Mag sein, aber nicht mit Unrecht.«
    »Und doch lassen Sie ihnen willig den Vortritt.«
    »Willig nicht, nur gezwungen. Es ist eben so im Leben, was kann man dagegen
machen?«
    »Aber dann wäre ja die ganze Frauenbewegung nur eine Komödie. Sie
beanspruchen doch gleiche Rechte.«
    Die Lehrerin wischte sich mit der Papierserviette die Lippen und lehnte sich
zurück.
    »Wir wollen doch nicht mit solchen Kleinigkeiten unsere Reform beginnen. Wir
wollen nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten reformieren. Räumt
man uns erst die gesellschaftliche Stellung des Mannes ein, dürfen wir ebenso im
Gerichtssaal, auf dem Kateder wirken wie er, dann ergibt sich alles andere von
selbst. Abwarten.«
    Hildegard bestellte sich noch einen Teller Paradiesäpfel. »Ich denke, wir
haben lange genug gewartet. Wenn die Frauen« setzte sie nachdenklich hinzu
»wirklich überzeugt von dem Recht ihrer Ansprüche wären, würden sie nicht viel
mutiger auftreten?«
    Das junge Mädchen am Tische nickte.
    »Das kann ich nicht leugnen. Wir sind sehr feig. Als der Arzt, unter dem ich
meine ersten Studien begann, mir eines Tages eine Liebeserklärung machte, blieb
ich aus Angst fort, statt ihn gehörig abzukanzeln.«
    »Na hören Sie, wenn Sie von Feigheit reden, wer ist dann mutig unter uns?«
    Fräulein Glanegg lachte, dass man ihre glänzenden Zahnreihen sah, und
entgegnete nichts. Elvira winkte der Kellnerin. Man bezahlte. Dann erhoben sich
die drei Damen. Vor dem Hause nahmen sie Abschied von einander. Fräulein Glanegg
stieg in einen Pferdebahnwagen, und Hildegard schloss sich Elvira an, um sie zu
ihrer Schule zu begleiten.
    »Ein hübsches Mädchen« sagte sie im Gehen.
    »Ja, nichtwahr?«
    »Verkehrt sie auch bei Frau von Werdern?«
    »Gott bewahre« rief Elvira, »die würde dort nicht geduldet werden. Unsere
Emanzipierten halten sehr auf die gesellschaftliche Sauberkeit, das muss man
ihnen lassen. Und Gott sei Dank! Denken Sie nur, was würde es unserer Sache für
Schaden bringen, wenn solche sogenannte interessante Existenzen sich
daranhingen.«
    »Spielen Sie auf dies junge Mädchen an?«
    Elvira blieb stehen und blickte Hildegard an.
    »Wissen Sie, ich für meinen Teil habe nichts gegen Fräulein Glanegg
einzuwenden, aber - doch hören Sie. Es bleibt natürlich unter uns. Sie lebt mit
einem zwanzig Jahre älteren Manne zusammen, der Vater von drei Kindern ist, und
dessen Frau sich in den dürftigsten Verhältnissen befindet.«
    »Weshalb trennt er sich nicht von der Gattin, um die Glanegg zu heiraten?«
    »Das ist ja eben das Unglaubliche an der Sache. Sie will nicht geheiratet
werden. Sie ist für die freie Liebe.«
    »Das ist stark« meinte Frau Wallner, »und zu seiner Frau zurückkehren mag er
auch nicht?«
    »I wo! Er liebt ja die Andere.«
    Hildegard schüttelte den Kopf. »So etwas begreife ich nicht. Es kommt mir
einfach verrückt vor.«
    In diesem Augenblick fuhr eine elegante Equipage vorüber, aus der eine Dame
Elvira gnädig zunickte. Die Lehrerin verneigte sich tief. »Frau von Kranbüchler,
Eine unserer Hauptstützen. Nächsten Sonnabend werden Sie sie wohl bei Frau von
Werdern treffen. Sie ist alle paar Abende da.«
    »Wer ist sie denn?«
    »Eine sehr reiche, von ihrem Manne geschiedene Frau. Die Frauenbewegung ist
ihr Schoosskind.«
    »Sie hat wohl keine andern Kinder?«
    »Doch, sogar deren drei. Aber diese verfügen über Gouvernanten,
Erzieherinnen, Bonnen, so dass die eigene Mutter wenig mehr für sie zu tun
findet.«
    »Und da widmet sie sich der Frauenbewegung?«
    »Jawohl.«
    »Aber dann ist es ihr ja blosser Zeitvertreib, nichts anderes.«
    Elvira zuckte die Schultern. »Möglich. Jedenfalls ist ihr Geld, mit dem sie
sehr freigebig umgeht, für unsere Sache gut zu gebrauchen.«
    Die beiden Frauen gingen eine zeitlang schweigend neben einander, dann
meinte Hildegard: »Diese Glanegg verlässt meine Vorstellung nicht; wissen Sie, im
weitern Sinne gehört sie doch auch zu den Emanzipierten. Nur diese ganze
Bewegung konnte ihr den Boden ebnen, auf dem sie jetzt geht.«
    »Das leugne ich nicht« meinte Fräulein Kampfmann, »aber sagen Sies nie im
Salon der Frau von Werdern. Der blosse Name der Glanegg macht ihr unwohl.«
    Hildegard schüttelte den Kopf. »Ich finde mich in all diesem nicht zurecht.«
Dann reichte sie Elviren die Hand hin. Sie waren vor der Schule angekommen.
    Frau Wallner setzte einsam ihren Weg fort. Sie spürte von Stunde zu Stunde
eine immer grössere Leere in sich wachsen. Etwas wie eine tiefe Beschämung
bemächtigte sich ihrer. Sie musste doch sehr naiv gewesen sein früher, - oder
nein, eigentlich grenzenlos hochmütig, oder noch etwas anderes: borniert. Sie
trat in eine Konditorei, die auf ihrem Wege lag, liess sich eine Tasse Chokolade
geben, und versank in Gedanken. Merkwürdig, früher hatte sie so wenig selbst
gedacht. Immer mit den Gedanken Anderer. Beim Lesen von Büchern, in der Kirche,
in der Gesellschaft ihrer Freundinnen. Alle möglichen Einflüsse hatten auf sie
gewirkt, nur ihr eigenes Selbst hatte sie nie aufgefordert, sein Bekenntnis zu
sagen. Wie wäre das auch möglich gewesen? Als braves Kind wurde sie erzogen zu
denken wie ihre Eltern, gute Kleinbürger, dachten. Dann kam sie zur Schule, wo
ziemlich beschränkte Lehrerinnen, die im Plappern fremder Sprachen das Heil
ihrer Schülerinnen sahen, ihre Erziehung leiteten. Dann geriet sie unter den
Einfluss ihrer Freundinnen, tadelloser Gesellschaftsgänse, die keinen Schritt vom
Wege taten, aber auch keine Ahnung besassen, was einen wirklichen Menschen
ausmacht. Die ganze Ödheit des jungen wohlerzogenen Mädchens schmückte sie. Die
Schablonenjungfrau, wie sie im Ballsaal und im Wohltätigkeitsbazar prangt, war
ihr Ideal, dem sie auch ähnlich wurde.
    Eines Tages kam ein junger warmherziger Schwabe in ihr elterliches Haus. Er
war Maler und hatte in Stuttgart sein Atelier. Er wollte sich um Studien zu
machen kurze Zeit in dem lieblichen Konstanz aufhalten. Ja damals! Hildegard
seufzte auf. Er verliebte sich in ihre blonden Haare, ihren rosenfarbenen Teint,
ihre blitzenden Zähne. Er warb um sie. Drei Monate später war Hochzeit. Einhart
war nicht dazu gekommen, die Seele seiner Erkorenen kennen zu lernen. Wann auch?
In so geordneten Verhältnissen werden keine Opfer gefordert noch gebracht. Aus
der guten Stube des elterlichen Hauses kam sie in die gute Stube ihres eigenen
Heims. Als die Eltern tot waren, Vermögen hatten sie nicht hinterlassen, mussten
sich die jungen Leutchen etwas einschränken. Aber Einhart verdiente viel. Er war
von Stuttgart nach Konstanz übergesiedelt, und alles ging flott. Da begannen
ihre Eifersuchtsanwandlungen, die ersten Schatten, die auf ihr Glück fielen. Er
in seiner warmen Güte rechnete mit ihnen. Er wollte ihr entgegenkommen und
stellte ihr die Zumutung, die die Philisterin in ihr so empört hatte. Jahre des
Zwistes begannen. Sie war beständig von Bitterkeit erfüllt. Sie mochte nicht,
dass er malte, wünschte aber doch auch wieder nicht, dass der Verdienst fortfiel,
den seine Kunst ihnen eintrug. Und als er in seiner Verzweiflung nach dem
letzten Mittel gegriffen hatte, sie nach beiden Seiten hin zufriedenzustellen,
denn er hing sehr an ihr, wandte sie sich erbost ganz von ihm ab. Er hatte kein
böses Wort, keinen Vorwurf für sie gehabt. »Tue, was du nicht lassen kannst«
war das Einzige gewesen, das sie ihm entrungen hatte. »Geh, wohin du magst.«
»Aber ich will von dir geschieden sein.« »Das geht nicht so schnell« hatte er
mit gepresster Stimme geantwortet. »Lass es dir einstweilen an der Trennung
genügen. Ich will indessen die notwendigen Schritte einleiten.« Und sie war von
ihm gegangen, mit seinem Geld in der Tasche, von einem letzten ruhigen Blick
seines Auges begleitet. -
    Sie bezahlte rasch und eilte hinaus. Sie musste Luft schöpfen. - - - - -
    Nach längerem planlosen Hinirren kehrte sie nach Hause zurück. Sie
entkleidete sich und begab sich zu Bette. Der dunkle Vorhang glitt lautlos
nieder. Heute flösste er ihr keinen Schrecken ein. Es war ihr alles gleichgültig,
was sie betraf. Sie wollte nur eins: sich anschauen. Dieser Hang zur Selbstschau
war ihr neu. Und indem sie einschlief, dachte sie: Wie seltsam! Für alles sorgen
unsere guten Eltern, nur für etwas nicht: sie bringen uns das Denken nicht bei.
Statt uns mit Spielzeug zu überhäufen, dessen Zweck es ist, uns zu »zerstreuen«,
sollten sie uns lieber in ein kahles Zimmer führen. »So Kind, nun bleibe eine
Weile in Deiner eigenen Gesellschaft.«
                                       7
Die nächsten Tage vergingen ohne ein neues Ereignis. Hildegard ass mit den beiden
Damen zu Mittag, ging spazieren und wartete vergeblich auf ein Wort von Frau von
Werdern.
    Sonnabend Abend ging sie zu ihr. Es waren wie jüngstin viele Damen
anwesend. Man sprach lebhaft vom kommenden Dienstag, an dem eine
Frauenversammlung stattfinden sollte. Die Vorsitzende sollte die Einleitung
sprechen; dann hatten sich nicht weniger als neun Damen zum Wort gemeldet. In
einem Augenblick als Frau von Werdern weniger umringt war, näherte Hildegard
sich ihr. »Haben Sie nichts für mich entdeckt, gnädige Frau?«
    »Tut mir leid, liebe Frau Wallner, Sie glauben gar nicht, wie sehr wir von
allen Seiten in Anspruch genommen werden.«
    »Ich würde mit der bescheidensten Stellung zufrieden sein.«
    »Aber viele Grüsse von Fräulein Blatt soll ich Ihnen bestellen. Wenns ihr
möglich ist, kommt sie Dienstag herüber.«
    Hildegard entgegnete nichts, sie musste gewaltsam ihre Tränen zurückdrängen.
Was nützten ihr alle Grüsse? Sie hatte noch einen Taler in ihrem Portemonnaie;
wenn der ausgegeben war? Später trat sie zu Elvira, die eben mit hochroten
Wangen einigen Damen etwas vordemonstriert hatte.
    »Sagen Sie, ist auch Frau von Kranbüchler da?«
    »Natürlich, dort steht sie ja, neben der Gräfin Mylling. Was wollen Sie denn
mit ihr?«
    »Ich möchte ihr vorgestellt werden. Sie sagten doch, dass sie einflussreich
sei. Vielleicht verschafft sie mir irgend eine Stellung als Sekretärin eines
Vereines oder ähnliches.«
    »Na, da sind Sie auch im rechten Moment gekommen. Eben vorhin habe ich
gehört, dass sie sehr aufgebracht sei und geäussert habe, gar nichts mehr mit
Vereinen und Unterstützungen zu tun haben zu wollen. Sie hatte nämlich eine
junge Dame, die ihr sehr empfohlen war, mit grossem Gehalt angestellt, ihr ein
Buch zu liefern.
    Darin sollten alle Arbeiten, Erfindungen, überhaupt alle bedeutenden Taten,
die von Frauen herrührten, auf welchem Gebiet auch immer, aufgezählt werden.
    Die junge Dame, achtzehn Jahr alt von ihrem Mann geschieden, arbeitete zwei
Jahre lang, liess sich den Gehalt gut bekommen, und kehrte schliesslich mit fast
unbeschriebenen Bogen zurück.
    Es wäre kein Material aufzufinden gewesen, behauptete sie. Frauen als grosse
Erfinderinnen gäbe es nicht. Frauen als Baumeisterinnen, als Ingenieure, als
Feldherrn, als Religionsstifter, als Weltumsegler, Astronomen, Philosophen,
überhaupt als Denker, gäbe es nicht. Sie habe die verschiedensten Biblioteken
in den verschiedensten Städten durchgestöbert. Hingegen brächte sie einige alte
Königinnen von Gottes Gnaden mit, bei denen sich allerdings leider nachweisen
liess, dass ihre besten Regierungsformen ihnen von ihren männlichen Beratern
eingeflösst waren. Sie können sich die Entrüstung Frau von Kranbüchlers und
unserer aller vorstellen.«
    »Aber ich versteh nicht« meinte Hildegard lächelnd, »hätte denn die junge
Dame selbst Erfinderin werden sollen?«
    »Nein, aber besser suchen hätt sie sollen. Ich bitte Sie. Denken Sie zum
Beispiel nur an die alte Wäscherin Jambe. Was wären die klassischen
Dramendichter ohne sie? oder Arachne, die das Sticken erfunden hat, und -«
    »Guten Abend.« Ein blondes Mädchen, hoch und lang wie der Arm eines
Ziehbrunnens in der Pussta, neigte sich zu Elvira. »Was macht die kleine Millern?
Hat sie die Diphteritis gut überstanden?«
    »Fräulein Frett - Frau Wallner« stellte Elvira vor. »Ja, die kleine Millern
hat die Diphteritis gut überstanden. Und wie gehts Ihrer Langenweile? Führen Sie
die noch in Gesellschaften spazieren?«
    »Ah, Sie sind aber bös, nein wirklich. Was soll die gnädige Frau von mir
denken?«
    »O, die denkt gar nichts« sagte Elvira burschikos; dann stiess sie Hildegard
leise an. »Wollen Sie uns nicht ein wenig Gesellschaft leisten, Fräulein Frett?«
    Die lange Dame liess sich zögernd nieder.
    »Ich sollte eigentlich Frau von Werdern begrüssen; ich fand noch nicht
Gelegenheit, sie diesen Abend zu sprechen. Ich komme geradeswegs von der
Gemäldeausstellung hierher.«
    »Ah« rief Elvira, »ich hatte noch keine Zeit hinzugehen; gibts etwas
Schönes dort?«
    »Schönes?« Fräulein Frett spitzte die Lippen und sah in ihren Schoss.
»Schönes grade nicht, aber Anzügliches.«
    Elvira wiegte den Kopf. Ei, ei, schau, schau, was Sie alles entdecken! Was
ist denn so Anzügliches dort?«
    »Ach Gott, so. Adam und Eva ....«
    »Na hören Sie mal, damals hats noch keine Wollwebereien gegeben.«
    »Badende Knaben - aber das Stärkste, nein!«
    »Na was denn?«
    »Eine junge, wenig bekleidete Mutter, die eine Missgeburt an die Brust
drückt.«
    »Eine Missgeburt! Pfui Däubchen, das muss ich sagen! So etwas gehört in
Präuschers Museum, aber nicht in eine Gemäldesammlung. Scheusslich! Was für eine
Monstrosität hat denn das Wurm?«
    »Ganz spitz zulaufende Ohren, und sag ich Ihnen, zwei Hörner, ja wahrhaftige
kleine Hörner. Wahrscheinlich will angedeutet werden, dass die Mutter sich in
einen Ziegenbock versehen hat.«
    »Aber nein« rief Hildegard in lautes Lachen ausbrechend, »das ist ja die
Nymphe mit dem Faun, die Sie da schildern.«
    Elvira rieb sich vor Vergnügen die Hände. »Natürlich, selbstverständlich,
ich bitt Sie, Fräulein Frett, wo wird man denn eine solche Abscheulichkeit an
die Wände eines Kunstinstituts hängen.«
    »Nein, wirklich - -« protestierte das Fräulein; aber Elvira liess sie nicht
zu Worte kommen.
    »Lehrerin der vierten Klasse einer als ausgezeichnet bekannten
Mädchenschule, bravo, bravo! Was sagen Sie zu dieser Seelenunschuld, Frau
Wallner?«
    Hildegard drückte das Taschentuch vor die Lippen. Fräulein Frett lächelte
geschmeichelt, dass man sich über sie so erregte. »Und es ist doch so« meinte sie
gelassen, »es ist eine Missgeburt und kein Faun. - Übrigens da sehe ich Frau
Lindhorst. Sie hat neulich die Adresse meiner Modistin wissen wollen und ich
konnte sie ihr nicht genau angeben. Adieu meine Damen.«
    »Ist sie nicht köstlich?« fragte Elvira. Hildegard kam sich vor wie in der
Nähschule vor zehn Jahren, wo sie ihre Freundinnen und Bekannten mit
durchhecheln half.
    Später brach man auf.
    »Dienstag Abend auf Wiedersehen« sagte Frau von Werdern, »es soll keine von
uns fehlen.«
    Als Hildegard zu Hause war, setzte sie sich an den Tisch, um an ihren Mann
zu schreiben. Aber die Bitte um Geld wollte ihr nicht aus der Feder. Sie schob
Briefbogen und Tinte zurück. Nein, lieber Zeitungsausträgerin werden, als das
Ansuchen an ihn stellen. Drei, vier Tage kam sie ja noch aus, wenn sie recht
sparte. Vielleicht war bis dortin etwas gefunden. Wenn sie sich früher in eine
solche Situation hätte hineindenken sollen! Wenn Einhart durch sein Verschulden
sie dahin gebracht hätte! Aber für seine Ideale erträgt man auch die Bürde des
Schwersten. Ideale?
 
                                       8
Der nächste Tag war ein Sonntag.
    Hildegard schlief lange, setzte sich dann ans Fenster und starrte in den
trüben Schacht hinab, aus dessen Tiefe ihr feuchter Modergeruch entgegendrang.
Zum Frühstück zu gehen, getraute sie sich nicht, ihrer spärlichen Geldmittel
wegen.
    Später verliess sie das Haus und begab sich auf Umwegen in die Pomona.
Fräulein Kampfmann war heute bei Bekannten zu Tisch gebeten und nicht anwesend.
Fräulein Glanegg hatte eine ältere, abschreckend hässliche Person neben sich
sitzen, mit der sie sich aufs angelegentlichste unterhielt.
    Hildegard entfernte sich, nachdem sie ihr einfaches Essen eingenommen hatte.
    Wieder ging sie planlos durch fremde Strassen mit fremden, drängenden,
hastigen Menschen. Das Herz war ihr überaus schwer. Dazu war die Luft von dickem
gelblichen Nebel angefüllt, der kein freies Aufatmen zuliess. Infolge des
Sonntags hatten alle Geschäfte ihre grauen Rollladen herabgelassen und die ganze
Stadt sah aus, als habe sie ein Trauergewand angelegt. Als Hildegard eine
zeitlang gegangen war, lenkte sie ihre Schritte nach Hause. Schlafen gehen, oder
denken, denken das blieb ja noch immer. Gott würde sie nicht wahnsinnig werden
lassen, Gott, ja! Hatte sie sich in den letzten Jahren jemals um ihn gekümmert?
Seit sie ihre Kinderschuhe ausgezogen hatte, war es ihr nicht mehr eingefallen,
sich religiösen Empfindungen hinzugeben. Es ist ja das Kennzeichen einer
gewissen Sorte von Frauen, mit Ironie über Dinge herzufallen, die sich ihrer
Urteilskraft entziehen. Wenn der greise Gelehrte, verführt durch die
überraschenden Ergebnisse seiner Forschung sich an der letzten Grenze des
Erkennens angekommen dünkt und die Wissenschaft zum Gott ausruft, so versteht
man seinen Irrtum aus seinem stolzen Freudenrausch heraus. Aber die Frau mit
ihrer Töchterschulbildung, die Frau, die dem einfachsten Satz der Philosophie
nicht mehr zu folgen vermag! Woher nimmt sie den Mut, wegwerfend zu sagen: Ich
glaube an keinen Gott, ich bin aus Uberzeugung über alle diese Dinge hinaus.
Ich! Mein Himmel, wie albern sind wir doch, wie grenzenlos töricht, wie
unglaublich einfältig, dachte Hildegard. Und dann stieg eine warme tiefe
Sehnsucht in ihr empor. Sie eilte die Treppe hinauf, schloss ihr Zimmer auf und
warf sich auf die Kniee! Wie so Tropfen für Tropfen der Selbsterkenntnis auf sie
träufelte! Wie von Stunde zu Stunde das Bild ihres Wesens klarer vor ihr
aufstieg. So sah die Frau des Fortschritts aus! Sie verachtet Gott, weil er ihr
zu hoch ist, sie lächelt über die Männer, weil sie ihr geistiges Übergewicht
nicht anerkennen mag, sie will selbst regieren, nicht weil sie etwa neue
Gesichtspunkte gefunden hat, sondern weil die Sehnsucht nach Abwechslung mächtig
in ihr geworden ist. Jetzt will sie einmal die Hosen tragen. Die Gegenwart soll
in ein Puppenteater umgewandelt werden. Hildegard lächelte; dann stiegen ihr
Tränen in die Augen. Ein altes Kindergebet, das sie zwanzig Jahre lang
vergessen gehabt hatte, war auf ihre Lippen getreten. Es war wundersam traurig
und beseligend zugleich, dass ihr alle diese Erkenntnis jetzt kam. Wenn es doch
nicht zu spät gewesen wäre! Aber es war zu spät. Jetzt gab es keine Rückkehr
mehr. Sie musste ihrem Irrtum die beste Seite abzugewinnen suchen, musste
ausharren, das Wort, dass die Frau selbständig sein kann, wahr machen. Nun, eine
oder die andere Stellung würde sich ja wohl für sie finden. Hatte sie doch schon
ihre Ansprüche bedeutend niederer geschraubt. Sie konnte sie noch niederer
schrauben. Wenn sie nur so lange, bis sie eine Beschäftigung fand, mit ihrem
Gelde auskam. Ihr Barvermögen bestand aus einer Mark. Morgen, übermorgen befand
sie sich in der peinlichsten Lage. Sie war es sich selbst schuldig, es nicht bis
zum Äussersten kommen zu lassen. Mit einer energischen Bewegung erhob sie sich,
trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann: »Bitte sende mir hundert Mark, aber
wenn möglich, sofort.«
    Dann steckte sie den Brief in ein Couvert, adressierte ihn und trug ihn
selbst auf die Post. Als sie von da zurückkehrte, fand sie Fräulein Schulze im
Vorzimmer. Sie hatte ein sehr blasses Gesicht und hielt ein nasses Taschentuch
an den Kopf gepresst. Hildegard sagte ihr ein paar teilnehmende Worte. »Ja«
erwiderte sie mit kläglicher Heiterkeit, »und das allerunangenehmste ist, ich
sollte heute Abend bei einer Unterhaltung sein, zu der auch mein Bräutigam
geladen ist. Abzuschreiben wäre zu spät. Gehen Sie selbst zu ihm« wandte sie
sich an die Magd, »und sagen Sie, wies um mich steht, und er möchte mich bei
Lechners entschuldigen.«
    Die Dienerin zögerte einen Augenblick. Dann grinste sie: »Muss ick jleich
wieder zurück sein?«
    Fräulein Schulze machte eine Handbewegung, die zu sagen schien: Mach, was du
willst, lass nur mich im Frieden. Als sie fort war, fragte Hildegard: »Leiden Sie
oft an Migräne?«
    »Nein, nicht oft, nur wenn ich unvorsichtig bin. Ich habe bei der Familie,
bei der ich heute Mittag zu Tisch geladen war, von einer Speise gegessen, die
ich sehr liebe, die mir aber immer schlecht bekommt. Nun muss ich büssen.«
    »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?« fragte Hildegard höflich.
    »Danke sehr, nein. Das beste in diesem Zustand ist die Ruhe. Absolute Ruhe
und Dunkelheit.«
    »Absolute Ruhe da vorne, das ist lustig« meinte Hildegard.
    »Ja, da ist eben nichts zu wollen.«
    »Wissen Sie« sagte die junge Frau, durch die Resignation ihrer Wirtin
gerührt, »schlafen Sie diese Nacht hinten, ich geh nach vorne. Dort haben Sies
ja wirklich still.«
    Nach einigem Hin- und Herreden und lebhaften Dankesäusserungen nahm Fräulein
Schulze das Anerbieten an. Im Nu waren die Betten umgetauscht; dann gingen die
beiden Frauen zur Ruhe, obwohl es noch früh an der Zeit war. Hildegard fühlte
sich totmüde und schlief trotz des Höllenlärms auf der Strasse und trotz der
blendenden Helle in der Stube bald ein. Sie wusste nicht wie viel Uhr es sein
mochte, als sie plötzlich die Augen aufschlug. Das Zimmer war finster, die Lampe
vor dem Fenster war ausgelöscht.
    Ein Etwas hatte sie erweckt. Was war es? Sie wagte sich nicht zu regen und
starrte entsetzt vor sich ins Dunkel. Was war es nur? Sie glaubte nicht an
Gespenster, und doch ..... Es war etwas anwesend, ein Zweites, etwas Hässliches.
Sie fühlte es, ohne es zu sehen. In diesem Augenblick glitt eine tastende Hand
neben ihr hin. Hildegard stiess einen Schrei aus, sprang aus dem Bette und warf
sich auf den schleichenden Feind.
    »Na nu, Se erdrücken mir ja, Hülfe, Hülfe!«
    »Sie sinds, Sie! .... Was suchten Sie hier?«
    »Na, na, vorerst wenn ick bitten darf, lassen Se mir jefälligst los, ick bin
keen Huhn nich, det man so mir nichts, dir nichts anpackt.«
    »Ich lasse Sie nicht los, bevor Sie -«
    »Um Gotteswillen, was geschieht hier?«
    Fräulein Schulze, eine brennende Kerze in der Hand, stürzte herein. »Was
geschieht, was ist los?«
    »De Frau ist doll -«
    »Fräulein Schulze, Sie haben da eine Gaunerin im Hause. Zum zweiten Mal hat
sie mir einen nächtlichen Besuch gemacht.« Und ohne eine Äusserung ihrer Wirtin
abzuwarten, die zappelnde Magd mit sich schleppend, trat sie in das andere
Schlafzimmer.
    »Leuchten Sie« herrschte sie die Zimmervermieterin an, und näherte sich dem
Nachtkästchen. »Aha, hier ist die Lösung des Geheimnisses. Da liegt Ihre Börse.
Liegt sie jeden Abend da?«
    Fräulein Schulze erblasste. »Jawohl.« »Det bitt ick mir aus« geiferte die
Dienerin, von Hildegard freigegeben. »Ick bin eene anständige -«
    »Schweigen Sie sofort« sagte Hildegard ruhig, »in der Nacht, als wir unsere
Schlafzimmer vertauscht hatten, ohne dass Sie davon wussten, erschienen Sie und
suchten die gewohnte Börse Ihres Fräuleins, um sie zu erleichtern. Diese Nacht,
als sich das Wechseln der Zimmer ohne Ihr Wissen wiederholte, erschienen Sie
abermals an meinem Nachtkästchen, um den gewohnten Diebstahl zu begehen.
Fräulein Schulze, ich fordere Sie auf, den Koffer dieser Person zu untersuchen.
Das Geld, das sie Ihnen gestohlen hat, wird wohl kaum darinnen zu finden sein,
hingegen wer weiss, was alles sonst.«
    Die Direktrice schlug die Hände zusammen.
    »Aber Anna, nein -«
    »Lassen Se mir zufrieden, ick jeh noch diese Nacht; mit eener Dollen -« sie
deutete auf Hildegard, »bleib ick nich unter eenem Dach.«
    »Fräulein Schulze« wiederholte Hildegard bestimmt, »Sie sind mir, Ihrer
Mieterin es schuldig, die Sachen dieser Betrügerin zu untersuchen. Wer weiss, was
sie auch mir entwendet hat.«
    Die noch immer vor Schrecken fast wortlose Vermieterin trat ins Vorzimmer an
den Korb der Magd, dessen Deckel nur lose geschlossen war.
    »Da wird nichts sein« sagte sie sich niederkauernd, »er ist ja nicht einmal
verschlossen.«
    »Bitte öffnen Sie nur« drängte Hildegard, »diese Person ist so frech, dass
ich ihr zutraue, ihre Diebstähle ganz offen auszuführen.«
    Hildegard hatte recht gehabt. Schon nach den ersten Kleidungsstücken, die
Fräulein Schulze heraushob, kamen verschiedene Wäschestücke, die ihr gehörten,
zum Vorschein. Die Diebin sah mit gekreuzten Armen und mit höhnischem Lächeln
zu. »Sachen, die ick für det Fräulein stopfen sollte.«
    »Aber es sind ja gerade Stücke, die noch ganz neu und gut sind, Anna.«
    »Reden Sie doch nicht,« rief Hildegard ungeduldig, »die Person ist als
Diebin entlarvt und muss der Polizei übergeben werden.«
    Fräulein Schulze brach in Tränen aus und stand auf. »Nein, nein, es kann ja
nicht sein, nicht wahr Anna? reden Sie doch.«
    »Fiel mir in« sagte die Magd wegwerfend, »ick jehe jleich, oder wolln Se mir
wirklich arretieren lassen, dann wart ick so lange.«
    »Ja, Sie werden so lange warten« rief Hildegard und sah sich nach Hut und
Mantel um.
    »Was wollen Sie tun?« Fräulein Schulze ergriff sie beim Arm.
    »Mag das Mädchen ziehen! Aufsehen in meinem Hause um keinen Preis! - Gehen
Sie, Anna, machen Sie schleunig.«
    Ein grinsendes Lächeln erschien auf dem Gesichte der Diebin.
    »Sehn Se woll. In Berlin is man mit'n Leuten höflicher, als in Ihrem
Provinzwinkel. Na, nu leuchten Se mer aber ooch hübsch hinunter.«
    Sie nahm etliche Kleidungsstücke vom Kleiderrechen herab, warf ihre Jacke um
und fasste den Korb.
    »Na wolln Se mer leuchten, oder nich? Wenn ick mir Hals und Beene uff der
Treppe breche, müssen Se mir Schadenersatz zahlen.«
    Hildegard stellte sich vor die Tür.
    »Sie lassen die Diebin doch nicht entwischen.«
    Fräulein Schulze langte den Haustorschlüssel herab. »Kommen Sie, Anna,
kommen Sie.«
    Dann gingen beide die Treppe hinab.
    »Sie haben ein schweres Unrecht begangen« sagte Hildegard, als das Fräulein
wieder heraufkam. »Solche Leute lässt man nicht laufen. Was nun, wenn sie in
einer anständigen Familie eintritt und ihr Diebshandwerk von neuem beginnt?«
    »Ach, was geht mich das an?«
    Fräulein Schulze sank kraftlos auf das Sopha, das der Magd als Lager gedient
hatte.
    »Hören Sie, das ist aber ein böser Standpunkt« meinte Hildegard erregt auf-
und niederschreitend. Dann trat sie vor ihre Wirtin hin. »Fräulein Schulze,
haben Sie denn nie gemerkt, dass Ihnen Geld fehlte?«
    Die Angeredete senkte die Augen und schwieg.
    »Das ist eine Bejahung!« rief Hildegard.
    »Meinetwegen, aber - konnte ich denn ahnen -« sie brach wieder in Tränen
aus; dann trocknete sie sich die Augen. »Sehen Sie, ich soupiere jeden Abend mit
meinem Bräutigam. Mein Gott, andere Freuden hat unsereins keine. Man geht einmal
in den Wintergarten, ins Apolloteater u.s.w. Da gibt man Geld aus. Nach Hause
zurückgekehrt, ist man nicht mehr so ganz nüchtern, auch hat man keine Lust, in
der Nacht alle Pfennige nachzurechnen. Im grossen Ganzen wusste ich ja, wie viel
ich monatlich verausgabte. Aber bei den täglichen Auslagen - Ich spürte wohl
oftmals das Fehlen einer kleinen Summe. Aber ich dachte immer, ich hätte das
Geld verloren, oder aber mein Bräutigam hätte vielleicht einige Silbermünzen aus
meiner Börse genommen. Auf diese Idee konnte ich doch nicht kommen. Abends legte
ich die Börse immer neben Schlüssel und Taschenuhr. Ich schlafe sehr fest, wenn
ich einmal eingeschlafen bin. Diese Nacht wachte ich wegen meiner Kopfschmerzen,
sonst hätte ich Sie wohl kaum sprechen hören.«
    »Und Sie wollen also die Gaunerin frei laufen lassen?«
    »Gewiss, ich habe mit der Polizei nicht gerne zu tun.«
    Sie sprachen noch eine zeitlang miteinander. Hildegard erzählte die
Einzelheiten ihrer beiden nächtlichen Wahrnehmungen, dann gingen beide auf ihr
Zimmer. Von Schlafen war keine Rede. Jede gab sich ihren besonderen Gedanken
hin.
    Könnt ich doch fort aus diesem entsetzlichen Hause, dachte Hildegard. Wer
weiss, was ich hier noch erlebe!
 
                                       9
Am nächsten Tage verliess sie später als gewöhnlich ihre Wohnung. Sie ging nach
dem Tiergarten und setzte sich dort auf eine Bank. Die Ereignisse der Nacht
traten lebhaft vor sie hin.
    Und da wollten die Frauen die Verwaltung ihres Vermögens, und desjenigen
ihrer Kinder selbst übernehmen? Bei dieser Unkenntnis der einfachsten
wirtschaftlichen Dinge? Bei diesem spielenden Leichtsinn, womit sie die
Geldfrage behandelten! Bei dieser gewissenlosen Gleichgültigkeit, mit der sie
die Schädigung ihres Besitzes hinnahmen. Hildegard fühlte sich nach den
Erfahrungen dieser Nacht noch gedemütigter als gestern. Der Kopf schmerzte ihr
von all dem Denken und Grübeln, von all der inneren Schau, die sich vor ihr
auftat. Sie hatte keine Lust, heute in der Pomona zu essen. Im Vorbeigehen
kaufte sie sich bei einer Obständlerin einige Äpfel und verspeiste sie.
    Dann begab sie sich nach ihrer Wohnung. Fräulein Schulze hatte ihr einen
Zettel hinterlassen, sie würde heute Abend eine Aufwärterin mitbringen; bis
dahin möchte Hildegard Geduld haben. Dieser war es ganz gleichgültig, ob das
Zimmer aufgeräumt wurde oder nicht. Ihre Gedanken schweiften anderswohin. Heute
Abend konnte Einhart ihren Brief haben. Wenn er ihr doch telegraphisch das Geld
schicken würde! -
    Der Hunger begann sie zu quälen. Aber ihre letzten zwanzig Pfennig wagte sie
nicht auszugeben, und so hungerte sie. Abends erschien eine ältere Person und
räumte auf. Fräulein Schulze liess die Betten wieder umwechseln. Nun aber zum
letzten Mal, meinte sie.
    Hildegard schlief die ganze Nacht nicht. Sie wagte das Fenster nicht zu
öffnen, aus Furcht vor den langen Leitern im Hofe und der entlassenen Magd. Bei
geschlossenem Fenster war aber dieser luftlose Raum unerträglich.
    Am andern Morgen stand sie zeitig auf. Obzwar sie sich vernünftiger Weise
sagen musste, dass heute unmöglich schon eine Antwort da sein konnte, wartete sie
doch fieberhaft auf das Erscheinen des Postboten. Er kam nicht.
    Hildegard trieb sich den ganzen Tag im Freien umher. Einen Augenblick lang
hatte sie den Gedanken, Frau von Werdern um ein Darlehen zu bitten, aber dann
verwarf sie ihn wieder. Morgen, morgen würde sicher Geld von ihrem Manne kommen.
Sie kannte ja seine Güte. Im Unglück verliess er sie nicht. -
 
                                       10
Abends war sie eine der Ersten, die im Saale der tagenden Frauen erschien.
    Eine Reihe von Stühlen stand auf dem Podium. Der Tisch war von Manuskripten
und Büchern bedeckt. Gegen acht Uhr fanden sich einige Damen ein, denen im
letzten Augenblick vor dem angesetzten Beginn der grosse Strom derer folgte, die
Interesse für ihre »Sache« hatten. Hildegard spähte nach Bekannten, konnte aber
die einzelnen Köpfe in dem grossen Gewühl des nicht sehr glänzend beleuchteten
Saals schwer erkennen. Die erste Bekannte, die sie entdeckte war Frau von
Werdern, die in einem langen schwarzen Seidenkleide das Podium bestieg. Ihr
folgten einige Damen, die Hildegard fremd waren. Während sie nach vorn blickte,
legte sich eine Hand auf ihre Schulter.
    »Gnädige Frau, hier ein Programm.« Fräulein Frett in ihrer blonden Länge
stand neben Hildegard und reichte ihr ein bedrucktes Blatt. »Ich werde heute
Abend als Laufbursche verwendet, wie Sie sehen, aber was tut man nicht aus
Liebe zur Sache!«
    Sie verschwand Programme austeilend im Gedränge. Hildegard überflog den
Zettel. Fünf Frauen und drei Fräulein sollten sprechen. Jetzt war es acht Uhr.
Bis zehn Uhr sollten die Vorträge beendet sein. Da ertönte das Klingelzeichen
der Vorsitzenden und gleichzeitig begann Frau von Werdern sich leicht
verneigend:
    »Meine verehrten Gesinnungsgenossinnen! ich habe das Vergnügen, Sie hier zu
begrüssen, und zwar eine zahlreiche Menge von Ihnen. Alle die hier versammelt
sind, sind - gehören - zählen, ich meine bilden unsere Freunde. Nichtwahr? Wir
alle wissen, dass unsere Lage ernst ist, dass kein Monat, ja was sage ich, keine
Woche, kein Tag verstreichen sollte, ohne dass wir, dass wir - dass wir, dass wir,
ich meine ohne dass wir Zeichen unserer Gesinnung, unserer Ansprüche, unseres
Wollens nach aussen hin geben. Zu diesem Zwecke hat sich auch heute wieder diese
Versammlung gebildet. Einige hochbegabte Frauen, die wir alle kennen und
verehren -« die Sprecherin wandte sich etwas zur Seite, wo die Rednerinnen sich
indessen eingefunden und Platz genommen hatten - »wollen ihre Ansichten über -
über - über den - das - über die unwürdige Stellung der Frau im neunzehnten
Jahrhundert äussern. Ich erteile Frau Samrosch das Wort.«
    Die Präsidentin verneigte sich, und eine andere Dame trat vor. Aber sie
konnte noch nicht beginnen. Der brausende Jubel, der der Rede der Vorsitzenden
folgte, übertönte minutenlang jedes Wort. Erst gemach legte sich das stürmische
Klatschen. Hildegard blickte etwas enttäuscht zu Frau von Werdern. Der stockende
Vortrag mit einer Winselstimme gesprochen, die Hildegard nie bei ihr vermutet
hätte - im Salon sprach sie leise - hatte ihr nicht gefallen. Frau Samrosch
besass ein besseres Organ; auch las sie ihre Rede brav vom Blatt ab, was das
peinliche Stocken verhinderte.
    Es kamen hochtönende Worte vor, wie: Gewaltsames Vorgehen, wenns friedlich
nicht ginge, sich das Ziel erstürmen, Angriff auf die »Unterdrücker« der einen
Hälfte der Menschheit, Krieg dem Vorurteil, mögen auch so und so viel alte
Traditionen zusammenkrachen dabei.
    Und all diese wilden leidenschaftlichen Tiraden wurden von einer sanften
hohen Sopranstimme vorgelesen. Hildegard lächelte. Es ist reizend, dachte sie.
    Knixend zog sich auch diese Rednerin zurück, der ebenfalls stürmischer
Beifall folgte.
    Fräulein Buturund trat vor. Wenn sie nur grösser wäre und nicht einen so
hübschen Lockenkopf hätte, dachte Hildegard. Der glaubt doch kein Mensch die
»Unterdrückung«. Aber da hatte sie sich in der Harmlosigkeit des blonden
Lockenkopfs geirrt.
    Mit mächtiger Bassstimme begann die Rednerin: »Dort rückwärts seh ich einige
Männer stehn -« sofort flogen mehrere hundert Köpfe zurück - »ja es ist das
Beste, verbergt euch!« Hildegard bedauerte die Männer, denen bei dieser
unerwarteten Anrede wohl die Kniee schlottern machten. »Verbergt euch! Wozu seid
ihr anwesend? Um Einheit von uns zu lernen? Um Mut von uns zu borgen? Etwa um
Einkehr in euch selbst zu halten?« Ein schmetterndes Lachen aus dem Munde eines
der Angegriffenen machte die Rednerin einen Augenblick stutzig; aber gleich
darauf fuhr sie weiter fort: »Die Physiologie lehrt uns, dass nicht die
Quantität, sondern die Qualität des Gehirns bei der Intelligenz eines Geschöpfes
den Ausschlag gibt. Meine Damen! Sie alle wissen, dass unser Gehirn viel
kompliziertere und feinere Windungen und Nerven hat, als das der Männer. Lassen
wir ihnen den Stolz auf ihre grössere Hutweite. Die Wasserköpfe sind die am
mächtigsten gebauten.« - »Bravo!« tönte es wieder von rückwärts. Die Rednerin
schleuderte einen verachtungsvollen Blick zurück; dann entwickelte sie weiter,
dass die Zeit der Umwälzungen auf allen Gebieten gekommen wäre - auch auf den
rein menschlichen. Die Frau hätte Jahrtausende lang geschwiegen und im Stillen
Kräfte gesammelt. Der Mann hätte sich inzwischen »ausgegeben«. Er befände sich
in der Rückbildung. Die Zeit der Herrschaft des Weibes sei angebrochen. Das sei
klar wie das Einmaleins. Fräulein Buturund sprach andertalb Stunden lang mit
unvermindeter Kraft. Als sie schloss, durchbrauste frenetischer Jubel den Saal.
Sie musste sich unzählige Male verbeugen und schien nicht übel Lust zu haben,
noch einmal von vorne zu beginnen. Nur das schnelle Hervortreten ihrer
»Nachrednerin«, einer älteren Dame, die die Redelustige herausfordernd mass,
hinderte sie daran.
    »Geehrte Gesellschaft« begann Frau Sanghausen, und dann noch dreimal:
»Geehrte Gesellschaft«, denn man jubelte noch immer fort, ohne auf sie zu hören.
»Es ist eine schöne Sache um den Mut, aber eine noch schönere um die - Klugheit.
Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: meine gefeierte Vorrednerin scheint
mir doch zu weit in ihren Auseinandersetzungen gegangen zu sein. Muss man denn
stürzen, um frisch zu bauen? Nein, nein, und abermals: nein! Wir leben in dem
Zeitalter des Friedens, wir verabscheuen den Krieg. Wir wollen kein Blut
vergiessen. Lassen wir den Männern ihre Daseinsberechtigung. Seien wir grossmütig!
Aber« - hier erhob die Rednerin ihre Stimme lauter, »nur unter der Bedingung,
dass sie auch uns anerkennen! Dass sie in uns Gleichwertige, Gleichberechtigte
erblicken. Wir wollen nicht auf sie herabsehen, aber wir wollen auch nicht
hinaufblicken zu ihnen.« (Minutenlanges Bravo.) »Schulter an Schulter wollten
wir mit ihnen gehen. Dann wird das goldene Zeitalter seine Auferstehung feiern
und aus dem letzten Rest der abgestreiften Sklavenkette wird sich ein Ring
gestalten, ein goldener Reifen: der Ehering des Friedens und der Gerechtigkeit.«
    »Das war die schönste Rede« rief später ein junges Mädchen hinter Hildegard
und wischte sich die Augen.
    Eine üppige Brünette trat vor und lächelte freundlich ins Publikum.
    »Meine Lieben, die ihr da versammelt seid, ich -« Hildegard suchte auf dem
Programm den Namen der Dame. Tinni Frossen: Uber einen unbeachteten
Gesichtspunkt. - »Ich« begann die Vortragende, »schliesse mich keiner meiner
Vorrednerinnen an. Nicht über den Männern, nicht unter den Männern, jenseits der
Männer ist mein Bekenntnis. Mögen sie von uns halten, was sie wollen, es schadet
uns nicht. Mögen sie uns nur Eins lassen: die Freiheit, zu tun, was wir wollen.
Keine Kontrolle unserer Taten, ihr Herren! Auch wir wollen unsere Klubhäuser,
unseren Sport, unsere kleinen Geheimnisse. Vor allem: wir wollen unserem eigenen
Geschmack folgen. Wir haben schon so vieles regeneriert, nun wollen wir an das
Allerwichtigste herantreten, an das, wovon unsere Gesundheit abhängt: an die
Toilette. Meine Damen, fort mit dem Korsett, fort mit dem langen Kleide. Das
Beinkleid sei unser Motto. Denken Sie, wie viel Geld, Zeit und - Staub werden
wir uns ersparen, wenn wir dem Männerschneider anstatt der launenhaften Modistin
unsere Treue schenken.« Die Rednerin entwarf nun mit lebendiger Phantasie ein
Bild von der Zukunftshose. - Nach Frau Frossen sprach noch eine Dame über
dasselbe Tema. Die andern Damen, die sich noch zum Wort meldeten, wurden von
Frau von Werdern für den nächsten Vortragsabend vertröstet. Für heute wäre es zu
spät. Die Vorsitzende dankte dann noch in etlichen gefühlvollen Worten den
lieben Gesinnungsgenossinnen für ihre Aufmerksamkeit und schloss die Versammlung.
    »War es nicht amüsant?« fragte Elvira Kampfmann, indem sie an Hildegard
herantrat.
    »Amüsant? Ja.«
    Die junge Frau, die mit ihrer Bekannten dem Ausgang zustrebte, betrachtete
die Gesichter der Anwesenden. Alle strahlten, alle waren gerötet.
    Eine freundliche Heiterkeit lag auf allen. Hildegard hörte zwei Worte um
sich schwirren: Hose oder Rock! Darüber unterhielt man sich lebhaft. Im Hausflur
war ein so grosses Gedränge, dass man nur schwer vorwärts konnte. Vor Hildegard
befanden sich zwei Damen.
    »Die kompleteste Narrenkomödie« sagte die Eine mit absichtlich lauter
Stimme. »Lauter Phrasen ohne Wert. Stroh, das schon hundertmal gedroschen worden
ist. Zuletzt sind sie natürlich auf die Kleider zu sprechen gekommen, wie kleine
puppenspielende Backfische.« Hildegard stiess Elivra an. »Wer ist die Dame?«
    Anstatt der Antwort sagte Fräulein Kampfmann laut: »Der Fehler ist, dass
Kreti und Pleti nicht hereingelassen werden dürften. Ich habe schon einmal
darum plädiert. Nun, es kommt hoffentlich auch bald dazu. Bei uns riechts weder
nach Knaster, noch nach Schweiss. Wie sollte sich der Bebel da wohl fühlen
können?«
    Die Umstehenden, die Elviras Bemerkung gehört hatten, brachen in schallendes
Gelächter aus. Draussen auf der Strasse sagte sie zu Hildegard:
    »Das waren zwei wütende Sozialdemokratinnen. Sie schleichen sich immer in
unsere Zusammenkünfte, um uns dann öffentlich lächerrlich zu machen. Und doch
sind sie die Lächerlichen. Sie haben sich von uns getrennt, weil wir ihnen zu
zahm waren. Aber was kommt bei ihren Versammlungen heraus? Dass Eine oder die
Andere einmal brummen muss, was sie auch mit besonderer Vorliebe tun, um den
Glorienschein modernen Märtyrertums zu erhalten. Das Schönste geschah neulich.
Etwa fünfhundert Frauen und etliche wenige Männer hatten sich versammelt. Frau
Lippmann hielt eine brennende Rede gegen die Menschenschinder: die Fabrikanten,
zu Gunsten der heiligen unterdrückten, im Schweiss ihres Angesichts ringenden
Arbeiter. Sie feierte die Helden vom Knaster und versprach ihnen bei einiger
Geduld das Himmelreich und die - Vergeltung. Sie sagte in rührenden Worten, dass
die andere Hälfte der Menschheit gemach ganz auf die Seite der Unterdrückten
träte. So könne man auch in dieser Versammlung Frauen aus den ersten und
allerersten Kreisen erblicken.
    Während die Lippmann so gefühlvoll redet, meldet sich einer der anwesenden
Männer zum Wort. Er springt aufs Podium und fällt über die Rednerin her. Hier im
Saal der sozialdemokratischen Frauenversammlung brüllt er: den Frauen müsse der
Kopf gewaschen werden, er, der Schneider Wachler sage das. Er hatte nämlich
alles Gesprochene missverstanden. Kanns eine bessere Illustration für den
fortschrittlichen Geist des edlen verkannten Standes geben?« Hildegard lächelte
schwach. Sie war totmüde. »Etwas Neues haben Sie mir da erzählt. Also die
Emanzipierten schon in zwei Lager geteilt. Ich dachte ein gemeinsames Ziel mache
einig.«
    Dann verabschiedete sie sich von ihrer Begleiterin, ging nach Hause und
begab sich zu Bette. Aber sie konnte keinen Schlaf finden. Sie hörte
ununterbrochen die hohen Stimmen der Rednerinnen im Ohre, das
Beifallsgeklatsche, das Gemurmel der sich ihre Bemerkungen zuraunenden Damen.
Und dann dachte sie: Wozu war eigentlich diese Versammlung? Es wurde sehr viel
geredet. Aber hat man etwas Gutes gefördert, einen neuen Gesichtspunkt gefunden?
Man hat geschimpft und getobt und immer das »Wir« ausgespielt. »Wir« wollen,
»Wir« können, »Wir« streben. Das war eine Lüge. Wer ist »Wir«? Etwa die Mehrzahl
der Frauen? Nein. »Wir« ist eine Handvoll anscheinend stärker mit Talenten
Begabter von ihnen, die sich besondere Anerkennung verschaffen wollen. Wenn es
aber nicht nur anscheinend Begabtere wären, wozu dann der ganze Aufwand von Pose
und Teatralik? Zu keiner Zeit, in keinem Lande, unter keinerlei
Lebensverhältnissen ist es wirklicher Begabung unmöglich gemacht worden, sich
durchzusetzen. Hildegard durchflog in Gedanken die Welt- und Kulturgeschichte.
Immer sah man, wie das starke Talent sich den Boden eroberte, den es zu seiner
Entwicklung bedurfte. Denn das starke Talent besitzt den Mut zur Einsamkeit, zum
Alleingehen. Das braucht weder Hinternoch Vordermänner. Es sagt nicht »Wir«
sondern: »Ich«.
    Würden sich einer wirklich gross veranlagten Malerin nicht die Türen aller
Akademien öffnen? Würden einer weiblichen Rechtsgelehrten, die nicht nur das
Gewerbsmässige ihres Berufes, den gedruckten Paragraphen in den gedruckten
Gesetzbüchern erfasst, sondern auch die Kunst des Denkens und geistigen
Besitzergreifens einer Idee versteht, die Pforten der Gerichtssäle verschlossen
bleiben? Mittelmässige Begabung ist kein Anlass, um den Frauen bevorzugte Plätze
in der Arena des Lebenskampfes einzuräumen, es gibt schon mittelmässige Männer
genug. Wozu also das Geschrei? Um des Geschreis willen. Hose oder Rock? Es lebe
die Abwechslung und der Männerschneider!
    Hildegard schlief ein.
 
                                       11
Am andern Morgen erwartete sie unruhig das Eintreffen des Briefboten. Er kam
nicht. Sie ging aus, kehrte wieder, ging nochmals aus, und fand noch immer keine
Nachricht von Hause. Quälender Hunger begann sich ihrer zu bemächtigen, aber
nochmehr bittere Angst. Nicht ihret- und ihrer Zukunft wegen. Um den Mann, den
sie in kühler Gleichgültigkeit verlassen hatte, weil ihr das Leben an seiner
Seite zu wenig interessant erschienen war. Wenn das Weib nur aufrichtig gegen
sich wäre, dachte sie, wie viele Trennungen, die unter hochtrabenden Gründen
eingeleitet werden, haben in dem einfachen Gelangweiltsein der Frau ihren wahren
Grund. Und wie sie jetzt an ihn dachte, der immer so schweigsam gewesen war, und
immer in heimlicher tätiger Liebe für sie geschafft und gewirkt hatte, zu
stolz, um sie in den Bestrebungen, die sie immer weiter von ihm entfernten, zu
hindern, zu einfältig und schlicht, um ihr das Ergebnis ihres törichten
Beginnens vorauszusagen, da fühlte sie ein tiefe, unaussprechliche Sehnsucht
nach ihm in sich erwachen.
    Sie rief sich sein Äusseres ins Gedächtnis, die schlichte Gestalt mit dem
hellbraunen Haar und den verschlossenen ernsten Zügen, die ein paar ruhiger
dunkelblauer Augen beherrschte. Sie hatte in spätern Jahren sein Angesicht banal
gefunden, weil keine grosse Lebendigkeit sein Mienenspiel wechseln liess, jetzt,
wo sie den Untergrund seines Wesens zu ahnen begann, erschien ihr dieses Gesicht
in seiner männlichen Ruhe sympatisch, ja liebenswert. Warum nur Trennung oder
Tod zum Erkennen des Zweiten nötig ist?
    Sie stieg unzählige Male an diesem Tag die Treppe hinab, um im Freien ihrer
Unruhe einigermassen Herr zu werden.
    Gegen Abend ging sie nach einem Leihamt und lieh sich Geld auf ihre Uhr.
Dann setzte sie sich in eine Konditorei und griff zu den Zeitungen. Ein Referat
über den gestrigen Frauenabend fesselte bald ihre Aufmerksamkeit.
    »Ein Flor reizender Damen« hiess es darin, »hatte sich versammelt. Die Palme
des Abends errang Fräulein Buturund, deren allerliebster Lockenkopf kaum die
ernsten Gedanken erraten lässt, die in ihm wohnen. Auch Frau Tini Grossens
junonische Gestalt fehlte nicht.« In kurzen Sätzen war das Hauptsächliche ihrer
Rede wiederholt. »Frau Sanghausen entzückte die Versammlung wie immer durch die
Musik ihres Organs. In der ersten Sitzreihe sah man die allerliebsten Fräulein
von Rotmüller. Auch Frau Baronin von Wallfred, bekannt durch die exklusive
Vornehmheit ihrer Toiletten, erblickten wir.«
    In diesem scherzhaften Plauderton gings weiter. Also so ernst nahm man die
Frauenrechtlerinnen! Man sprach von ihren hübschen Gesichtern und ihren
Toiletten. Hildegard griff zu einer andern Zeitung. Auch hier derselbe Ton in
der Erwähnung des Frauenabends. Die hübsche X. und die reizende Y. Auch ein
dritter Bericht lautete nicht anders. Hildegard fühlte Röte in ihre Wangen
steigen. So wenig Entusiasmus sie auch jetzt mehr der ganzen Frauenbewegung
entgegenbrachte, so fühlte sie als Weib sich doch über den überlegenen Ton
gekränkt, womit man ihre Mitschwestern abfertigte. Wie kleine Pensionsgänse,
dachte sie ärgerlich. Wo fiele es z.B. einem Berichterstatter ein, die Gesichter
und Anzüge der Herren im Reichstag zu schildern. »Der reizende Miquel stellte
den Antrag« oder: »Bamberger trug wieder einen seiner bekannten eleganten
Anzüge« oder: »von Kardorffs liebliches Organ schmeichelte sich in die Herzen
der Zuhörer«. Hildegard schob die Zeitungen weg, bezahlte und ging hinaus.
    Ein kühler Wind fegte durch die Strassen, der Herbst kündigte sein Nahen an.
    Ein von Stunde zu Stunde sich steigerndes Bangen bemächtigte sich der jungen
Frau; die Einsamkeit, die grosse Erweckerin, hatte sie in ihre Arme genommen. Das
meist ganz irrig angeschaute Ideal der unzufriedenen Frau aus dem geistigen
Mittelstande hatte sich bei näherer Betrachtung als grosse hübsche Wachspuppe
gezeigt. Es war kein Leben, keine Entwickelung in ihm. Die Männer bekriegten es
nicht einmal, sie begegneten ihm scherzhaft. Und die Frauen? Glaubten sie im
letzten Grunde das, von dem sie in so tönender Uberzeugung sprachen? War es
ihnen nicht eigentlich mehr um eine Abwechslung, eine »Zerstreuung« zu tun?
    Mehrere, deren Privatinteressen vielleicht durch einige Veränderungen z.B.
des Gesetzbuches gefördert worden wären, wünschten diese lebhaft. Aber aus rein
idealen Gründen, ohne Seitenblick auf die Förderung des eigenen Interesses,
stand wohl keine der Frauen in der Bewegung. So entpuppte sich ein Ideal
Hildegards. Und das andere: die Freiheit? Sie grübelte darüber nach. Was
bedeutet dieser Begriff für die Frau? Ist nicht die Liebe und das Opfer ihre
Freiheit? Ohne diese beiden zu leben, heisst für sie: Verbannung, Trostlosigkeit,
Öde. Manches Weib erkennt dies erst zu spät, wenn sein Irrtum die Wege zerstört
hat, die nach der Heimat ihres Glückes: dem Herzen des Mannes geführt haben.
Hildegard zitterte davor, dass vielleicht auch sie zu diesen Verspäteten gehöre.
Und dann fiel ihr ein, wie unschlau die meisten Männer seien. Weshalb schicken
sie nicht die unzufriedene Frau für ein Jahr oder länger fort? Weshalb
widerstreben sie den romanhaften Wünschen und Plänen der Gattin? Liessen sie sie
doch ziehen! Gäbe es ein besseres Mittel, sie schleunigst zurückkehren zu
machen? .... Der Mann kann nicht so viel reden wie die Frau, deshalb ist er ihr
gegenüber immer im Nachteil. Freilich, deshalb behält er sich auch, während das
Weib sich ausgibt. Diese Schweigsamkeit ist der Boden der Tat, aber wie viele
von den Frauen verstehen das Beste am Manne?
    Wach, von tausend Gedanken bewegt, verbrachte Hildegard die Nacht.
    Auch am nächsten Morgen kam kein Brief. Frau Wallner kannte ihren Gatten zu
genau, um nicht zu wissen, dass ihm alles Kleinliche fern lag. Aus Trotz schwieg
er nicht. Er benützte auch sein Übergewicht als der Verdienende nicht, um ihr zu
zeigen, wohin sie ohne seine Hülfe kam. Es musste ihm irgendetwas zugestossen
sein. Entweder war er schwer krank, oder - Sie schauerte. Unter Tränen flehte
sie zu Gott, dass er sie ihren Irrtum nicht so schwer büssen lasse. Nie hätte sie
geahnt, dass ihre Seele, während sie diesem Manne Kummer auf Kummer bereitete,
doch mit der seinen verwachsen war. Mechanisch trieb sie sich draussen herum.
Hätte sie die Mittel zur sofortigen Abreise besessen! So hiess es ausharren. Sie
ging nach der Pomona, wo ihr Fräulein Kampfmann mitteilte, dass für den nächsten
Monat eine Frauenversammlung anberaumt wäre, zu der auch das Ausland seine
berufensten Vertreterinnen senden wolle. Für die Dauer des Kongresses seien acht
Tage bestimmt. Es hätten sich hundertvierunddreissig Rednerinnen zum Wort
gemeldet. Hildegard hörte zerstreut zu und ging bald nach Hause. Die erwünschte
Nachricht war noch immer nicht eingetroffen. Auch der nächste Tag verstrich ohne
Erfolg. Nun verliess Hildegard das Haus nicht mehr. Der nagenden Verzweiflung
hingegeben, kauerte sie in einer Ecke des dunklen Hofzimmers und wartete und
wartete.
    Und noch zwei weitere Tage vergingen. Länger ertrug sie es nicht mehr. Sie
wollte sich Frau von Werdern zu Füssen werfen und sie beschwören, ihr das
notwendigste Geld vorzustrecken. Verweigerte sie es, so wollte sie an ihre
Freundinnen schreiben, oder an den Pfarrer ihrer Gemeinde. Scheiterte alles,
dann - dann würde sie sich einfach durchbetteln. Aller Stolz, alle Härte, alles
falsche Selbstbewusstsein war geschmolzen in der Glut ihrer reuigen Liebe.
    Eben als sie mit entschlossenem Gesichte sich erhob, um den Beginn ihrer
Kreuzwege zu machen, klingelte es, und der Postbote erschien. Zitternd spähte
sie nach den Schriftzügen auf dem Couvert. Sie waren von ihrem Gatten. Er lebte
also, er lebte. Sie öffnete den Brief. Achtlos schob sie die Geldnoten, die
zusammengefaltet zwischen den Blättern lagen, neben sich und las.
    »Meine liebe Hildegard!
    Wenn du diese Zeilen erhältst, bin ich schon aus aller Gefahr und der
Todesengel ist gnädig an unserm Hause vorübergezogen. Ich war sehr schwer
erkrankt und hatte nicht wenig Mühe gehabt, den Arzt von seinem Vorhaben
abzubringen, dich hierher zu rufen. Ich wollte dich nicht erschrecken und
störend in deine Pläne eingreifen. Um dich nichts von meinem Erkranktsein merken
zu lassen, durfte ich dir aber auch durch keine fremde Hand schreiben lassen.
Ich selbst konnte keinen Finger bewegen. So musstest du denn warten, meine arme
Hildegard.
    Möge dir die Verzögerung der Geldsendung keine unangenehmen Folgen gebracht
haben. Und knausere nicht allzusehr. Wenn deine Börse wieder frischer Füllung
bedarf, lasse es mich wissen. Sei herzlich gegrüsst!
                                                               Einhart Wallner.«
    Wieder und wieder las sie den Brief. Wenig Worte und ein ganzes volles Herz.
So war der Mann, der geschrieben hatte. Sein Stolz hatte den heissen Schrei
seiner Sehnsucht nach ihr verstummen gemacht. Aber seine Güte gegen sie war
offengeblieben. Jetzt, wo sie halb ertrunken war in dem Meer von Phrasen, die
sie angehört hatte, schien ihr die Wortkargheit die lauteste Beredsamkeit zu
besitzen. Jetzt begriff sie sein Schweigen bei all ihrem Beginnen. Es hatte ohne
Worte zu ihr gesprochen. Und nun verstand sie ihn. -
    Sie schob die Geldnoten in die Börse.
    Ihr Reisegeld! Dann packte sie ihre paar Habseligkeiten zusammen. Heute noch
zu ihm, jubelte es in ihr. Plötzlich ergriff sie ein Bangen. Wie wenn die
Besserung eine Scheinbesserung gewesen war und sie ihn schwer krank antraf? Wenn
er sie gar nicht erkannte? Wenn er tot war? Gab es nicht genug Fälle dieser Art,
wo nach einer anscheinenden Besserung plötzlich eine Wendung zum Schlimmsten
eingetreten war? Und dazu kannte sie nicht einmal die Natur seiner Krankheit.
Sie warf ihre Sachen flüchtig in den Reisekoffer, eilte hinab und winkte eine
Droschke herbei. Die wichtigsten Kommissionen wurden besorgt, zuletzt fuhr sie
vor das Geschäft, in dem Fräulein Schulze tätig war. Sie teilte ihr mit einigen
Worten den Sachverhalt mit und verabschiedete sich von ihr.
    Gegen Abend fuhr sie nach dem Bahnhof. Hier musste sie einige Stunden warten,
bis der Zug abging, der sie nach der Heimat brachte. Sie benützte die Zeit und
schrieb an ihre Bekannten hier einige Abschiedszeilen. Dann begann sie
ungeduldig im Wartesaal auf und nieder zu schreiten, die Augen fast unverwandt
auf die grosse Uhr über dem Eingang gerichtet. Endlich war es so weit. Die
dampfende Lokomotive setzte sich schnaubend an die Spitze des Zuges. Der
Schaffner forderte zum Einsteigen ein. Sie erhielt ein Coupé für sich allein.
Als der Zug aus der Bahnhofshalle glitt, schloss sie die Augen und drückte sich
still in eine Ecke. Aus dem Irrtum hatte sie Gott befreit, würde er sie nun auch
noch vor der herbsten Qual behüten? Würde sie die Erkenntnis nicht durch
schweres Leid bezahlen müssen. Sollte sies besser haben, als so viele Andere?
    Eigentlich wagte sies kaum zu hoffen. Und doch sagte sie sich wieder, erst
in der Stunde, da der Mensch erkennen gelernt hat, übernimmt er die
Verantwortung für sein Tun. Und sie war bisher wie eine Blinde hingegangen -
nur ganz von Instinkten geleitet: das echte Weib, das Weib des geistigen
Mittelstandes, in dem brave Eltern ängstlich jede Eigenart zu unterdrücken
suchen, bis es, um über die eigene Banalität hinwegzukommen, später der ersten
besten Verrückteit, zur Beute fällt, die gerade im Schwang ist.
 
                                       12
Als Hildegard nach langen, bangen Stunden endlich die Alpen, und von ihnen
umkränzt den Spiegel des saphirblauen Bodensees auftauchen sah, vermochte sie
ihrer Aufregung kaum mehr Herr zu bleiben. Sie warf einem Bahnhofbediensteten
ihren Gepäckschein hin, gab ihre Adresse an, und flog ihrer Wohnung zu.
Unterwegs wollte sie verschiedene ihr bekannte Leute auf der Strasse anhalten,
und die Frage an sie stellen, die ihr Herz bis zum Zerspringen beunruhigte. Lebt
Einhart noch, lebt er? Aber ihre zitternden Lippen vermögen kein Wort
hervorzubringen. Vor ihrem Hause schöpft sie tief Atem, stürmt die Treppen
hinauf, klingelt an, und eilt an der öffnenden Aufwärterin vorbei in sein
Zimmer.
    Da sitzt er mit blassen eingefallenen Wangen in seinem Bett zwischen
aufgesteckten Kissen. Sie fällt vor ihm nieder.
    Seine Augen öffnen sich weit, weit. Er sagt aber kein Wort, legt ihr nur
langsam die Hand auf den Kopf. So bleiben sie beide lange Zeit. Dann fasst sie
die schlanke, heisse Hand.
    »Magst du mich noch, Einhart?«
    Er antwortete nicht. Er sieht ihr ins Gesicht, in die schönen, vom Weinen
geröteten Augen, die alles Harte, Trotzige verloren haben.
    »Einhart, magst du mich noch?« wiederholt sie leiser.
    Da geht ein Lächeln über sein Gesicht.
    »Nein, ich mag dich nicht mehr.«
    Sie steht auf und legt die Arme um seinen Hals. Er lehnt den Kopf an sie.
    »Magst du mich? Jetzt?«
    »Jetzt mag ich dich, weil ich dich zu verstehen beginne. Warst du nicht
schlau? Sag ehrlich, als ich von dir ging, wussest du nicht genau, dass ich mich
in der Öde, die sie Freiheit nennen, nach dir besinnen würde?«
    »Nein, das ahnte ich nicht« versetzt er offen.
    Sie sinnt einen Augenblick darüber nach, wie in dem männlichsten Manne doch
das Kind mit all seiner jungen Naivität haften geblieben ist. Aber jetzt ruft
diese Wahrnehmung kein höhnendes Lächeln mehr auf ihre Lippen, es treibt ihr
Tränen in die Augen. Sie streichelt sein weiches braunes Haar, das an den
Schläfen schon spärlich zu werden beginnt. Er muss fürchterlich viel in sich
durchgelitten haben. Früher fand sie es nie der Mühe wert, sein Angesicht zu
studieren. Jetzt entdeckt sie alle die kleinen Züge und Schatten, die stumm
getragener Kummer ins Antlitz gräbt. Bitteres Weh ergreift sie. Am liebsten
möchte sie ihr Gesicht in seine Hände legen und sterben, um ihr eigenes
hässliches Bild nicht zu sehen, das ihr die Wundmale dieses Mannes da weisen.
    Aber sterben wäre feig. Neu aufbauen, neu aufbauen, was sie schon halb
zerstört hat, das ist das beste, was sie tun kann. Und Gott sei Dank, dass sie
es noch kann, und die Zerstörung, die sie angerichtet hat, keine vollständige
war.
    »Einhart« sagt sie, sich auf den Bettrand niederlassend, »nicht wahr, wenn
du wieder aufgestanden bist und dich gesund fühlst, beginnst du aufs neue zu
malen. Nicht Porzellanteller, und auch nicht Muster für Kleiderstoffe. Schöne
grosse Bilder in Öl, so wie du sie früher machtest.« .....
    Er blickt sie verwundert an.
    »Wir wollen gemeinschaftlich das schönste Mädchen suchen, das deine
Künstleraugen zu frohen Schöpfungen begeistert. Und dann ziehst du wieder am
frühen Morgen hinaus in den grünen Wald und bannst die Goldtropfen, die die
Sonne durch die Baumwipfel auf den Moosboden sickern lässt, auf deine Leinwand.
Und das schöne Mädchen steht mit einem schlanken Henkelkrug an der nahen Quelle
und lächelt dir zu. Ich indessen will zu Hause frische Blumen in dein Atelier
stellen und den Tisch mit duftigen Früchten und blitzendem Geschirr schmücken,
damit du, wenn du heimkommst, dich freust und mich lieb hast.«
    Er sieht sie immer verwunderter an.
    »Ich phantasiere nicht, Einhart, Gott ist mein Zeuge. Ich habe denken
gelernt, das ist alles.«
    »Aber du wolltest doch eine moderne Streiterin im Kampf für Frauenfreiheit
und Frauenrechte werden« meint er und lächelt schwach.
    Und da beginnt sie ihm zu erzählen. Sie entwickelt ihm das Bild des Zwistes,
des Phrasengeklingels, der Verworrenheit der Bestrebungen, das sie kennen
gelernt hat. Sie lässt vor seinen Ohren Fräulein Buturunds männermordende
Schwertiebe sausen und Frau Sanghausens Appell ertönen. Man hört die
Verwundeten aus der Winselstimme der Frau von Werdern klagen, und sieht Tücher
schwenken bei Tini Frossens herausforderndem Kampfruf. Einhart horcht und
lächelt.
    »Das ist ja die reine Amazonenschlacht, was du da schilderst.«
    »Mal sie!« ruft Hildegard. »Links den Chor der fliehenden Männer, rechts die
Schar der sie verfolgenden Amazonen. Sie sind bis an die Zähne bewaffnet mit
Federn, Linealen, Bleistiften, Pinseln.«
    »Und die Eine von ihnen, die am grimmigsten auf ihrem Pferde hinrast, trägt
die Züge meiner Hildegard.«
    »Nein, nein, die lass eine weisse Fahne vor einem der verfolgten Männer
senken.«
    »Ists wirklich so?« fragt er.
    Statt der Antwort legt sie die Lippen auf seine Stirn.
 
    